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Predigt über Mt 25,1-13. Ingmar Vázquez García sj.

Liebe Schwerstern und Brüder,

in diesen letzten Sonntagen des liturgischen Jahreskreises vor Advent sind die Texte des
Mathäusevangeliums voll Bilder des Endes, des Weltendes. Sie laden uns ein, wachsam und
vorbereitet zu sein. Niemand weiß den Tag oder die Stunden, wenn der Richter ankommen wird.
Diejenigen, die wach sein werden, werden belohnt. Die anderen werden bestraft. Alles ist genau
getrennt: Gutes und Böses, Gerechtes und Ungerechtes, Kluges und Dummes. Aber diese Spannung
vor dem Ende beunruhigt die Zuhörer dieser Erzählungen, beunruhigt mich. Man muss jetzt eine
Entscheidung für oder gegen Gott und seinen Gesalbten treffen. Jeder von uns ist zur Umkehr
gerufen. Wir müssen uns immer wieder anstrengen, bessere Personen, bessere Christen zu sein. Als
Jesus dies erzählte, war er angespannt, denn er wusste, dass sein Leben zu Ende kam. Ich glaube,
die Bilder des Endes hatten ihren Ursprung im Druck, den Jesus immer größer empfand.
Wir haben unsererseits immer wieder unsere Lebensweise ändern müssen. In diesen letzten Wochen
und Monaten sind wir gezwungen worden, unsere Arbeitsformen zu ändern, unsere
Bewegungsfreiheit einzuschränken. Man spricht von neuer Normalität, aber wir spüren, wie
anormal alles geworden ist. Und diese Spannung kann uns auch reizbarer, empfindlicher, ja zorniger
machen. Ich persönlich male mehr als sonst alles schwarz-weiß, mir fehlt oft die Geduld
differenzierter in meinen Urteilen vorzugehen. Jeden Tag bekommen wir neue Vorschriften, neue
Regeln. Mir fällt oft schwer, nicht sauer darüber zu sein.
Deshalb möchte ich mit euch ein paar Gedanken teilen, um zu versuchen, dieses Gleichnis Jesu
anders zu lesen.
Beim Hören dieses Gleichnisses spüre ich ein Unbehagen. Und der Grund dafür sind störende
Elemente, die ich da finde.
Ja, es geht um zehn Mädchen, fünf kluge und fünf dumme. Die zehn sind zur Hochzeit eingeladen.
Die zehn sind draußen, auf den Bräutigam zu warten. Die zehn schliefen ein, weil die Ankunft des
Bräutigams sich verzögert hatte. Der einzige Unterschied unter ihnen besteht darin, dass fünf Öl
mitgenommen haben, während die anderen es vergessen haben. In der Geschichte bekommen die
klugen Mädchen ihre verdiente Belohnung. Wir sind irgendwie mit dem Ende der Geschichte
zufrieden: jede bekam das, was sie verdient hatte. Dies wirkt mir, wie ein Hollywood-Film. Wir
wissen von Anfang an, wer unsere Sympathie haben muss. Und die dummen Mädchen, sie hätten es
besser wissen müssen. Ich muss dennoch sagen, mich stört, dass die klugen Mädchen, der Bitte der
anderen nicht nachgegeben haben. Selbstverständlich kann man nicht anstelle anderer vorbereitet
sein: ich kann nicht anstelle eines anderen lieben, oder mich anstelle eines anderen für meine

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Brüder und Schwestern einsetzen, einfach gesagt, ich kann das Leben eines anderen Menschen
nicht leben. Dieses Gleichnis ist eine Mahnung, meine eigene Verantwortung auf mich zu nehmen,
mein eigenes Leben in Griff zu haben. Die dummen Mädchen haben diese Prüfung nicht
bestanden. Aber mich stört, dass sie um Hilfe gebeten haben und keine bekommen haben. Hätten
die klugen mehr Solidarität gegenüber den törichten erweisen müssen? Nicht einfach zu
beantworten: vielleicht wollten die klugen den anderen eine Lektion erteilen. Man könnte über diese
Pädagogik diskutieren: sie könnte erfolgreich gewesen sein, wenn nur nicht um etwas so sehr
Entscheidendes gegangen wäre. Man kann nicht anstelle eines anderen Menschen lieben, aber wenn
man darum gebeten wird, dann kann man den anderen zu lieben lehren. Man kann immer einem
anderen Menschen durch Beispiel oder andere Mittel Verantwortung zu übernehmen lehren, sein
oder ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen zu lehren.
Mich stört umso mehr der Bräutigam. Alle haben auf ihn lange gewartet. Er hat sich Zeit
genommen. Und dann nimmt er die Braut und den Hochzeitszug mit sich und alle treten in das
Hochzeitsmahl zusammen. Es nicht so schwierig, sich das Glück des Festes vorzustellen. Dies war
die Lieblingsmetapher Jesu über das Himmelsreich. Das Himmelsreich ist einem Hochzeitsmahl
ähnlich. Jesus gibt niemals eine Definition des Himmelsreichs. Aber das Mahl, das Glück des
Zusammenseins, ist ein geeignetes Bild des Zusammenlebens mit Gott und mit unseren
Mitmenschen, ein Bild des Gottesreichs: Freude ohne Unterlass. Alle sind eingeladen, aber nicht
immer sind alle gut vorbereitet, diese Einladung anzunehmen. Manchmal gibt es einen, der sich
nicht angemessen für das Fest angekleidet hat. Und jetzt begegnen wir diesen fünf dummen
Mädchen, die ihr Chance verpasst haben. Sie versuchen ihren Irrtum zu korrigieren, aber sie
kommen zu spät zum Fest. Und wir hören diese schicksalhaften Worte des Bräutigams: „Ich kenne
euch nicht“. Die fünf Mädchen haben sich die Mühe gegeben, das Öl für ihre Lampen zu finden,
aber sie konnten den Hochzeitszug nicht begleiten. Sie sind gescheitert.
Trotz alledem hätte ich mir mehr Barmherzigkeit vom Bräutigam gewünscht. Könnte der Bräutigam
nicht ausnahmsweise die Tür öffnen?
Der griechische Schriftteller Nikos Kazantzakis, hat in seinem Roman, Die letzte Versuchung, das
Ende des Gleichnisses neu erzählt:
»›Was würdest du tun, wenn du der Bräutigam wärest, Nathanael?‹, fragte Jesus und richtete seine
großen dunklen Augen auf ihn. Nathanael schwieg. Er sah noch nicht ganz klar, was er tun sollte.
Teils wollte er sie fortjagen, das Tor war ja verschlossen, so gebot es das Gesetz, teils taten sie ihm
Leid, und er wollte ihnen öffnen …
›Ich würde öffnen …‹, sagte er leise, damit der Dorfälteste ihn nicht hören sollte. Er konnte seinem
Blick nicht widerstehen.

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›Recht getan, Nathanael‹, sagte Jesus froh und streckte seine Hand aus, als ob er ihn segnete. ›In
dieser Stunde bist du lebendigen Leibes ins Paradies eingegangen‹. Das gleiche tat auch der
Bräutigam. Er rief den Dienern zu: ›Öffnet das Tor, dies ist eine Hochzeit, alle sollen essen und
trinken und fröhlich sein! Laßt die gedankenlosen Jungfrauen hereinkommen und sich die Füße
waschen, denn sie sind weit gelaufen‹«.

Eine solche Barmherzigkeit wünsche ich mir für diese dummen Mädchen.
Die Geschichte endet mit der Aufforderung Jesu, wachsam zu sein. Aber die zehn Mädchen in der
Geschichte sind nicht wach geblieben. Alle zehn sind wegen der Verspätung des Bräutigams
eingeschlafen. Alle zehn sind nicht wachsam geblieben, angesichts der Ankunft Christi. Dies ist
einzigartig unter allen den Gleichnissen, die Jesus in den Evangelien erzählt. In anderen
Gleichnissen Jesu könnte der Diener, der nicht wacht, von seinem Herrn bestraft oder sogar aus dem
Haushalt ausgestoßen werden. Aber das Wachen erschöpft. Diese Mädchen schliefen ein und
dennoch durften einige von deren, die Hälfte, zur Hochzeit kommen. Man ist also nicht immer
gefordert, die ganze Zeit, ohne Unterlass wachsam zu bleiben. Das gibt mir Hoffnung, dass die
Gemeinde des Matthäus dies verstanden hatte. Der Herr, der Bräutigam kommt nicht so schnell wie
erwartet, dann ist uns mehr Zeit gegeben, um nicht immer angestrengt zu sein.
Liebe Schwestern und Brüder, wir wünschen uns, klug zu sein, unsere Pflichte wahrzunehmen,
unsere Chancen zu ergreifen. Oft sind wir in der Lage, dies zu machen. Aber nicht immer. Wer kann
beanspruchen, den klugen Jungfrauen ähnlicher als den törichten zu sein? Wir wollen darüber
hinaus glücklich sein. Wir wollen, dass unsere Angehörige und Freunde fröhlich leben können. Wir
sind eingeladen zur Hochzeit des Lebens. Aber oft kommt das nicht so früh wie erwartet. Wir
bereiten uns darauf vor, mit ihm in das Mahl zu gehen. Aber ich hoffe auch, dass die, die zu spät
ankommen, die Stimme des Bräutigams hören werden: Öffnet das Tor, dies ist eine Hochzeit, alle
sollen essen und trinken und fröhlich sein!