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Diskussions¬

forum DM-M 4,80


Februar 1990

Aus dem Inhalt:

Texte aus der DDR:


- Interview mit Thomas Rudolph
- SPD; Bericht vom Parteitag
- Leipziger Chronik (Teil 4)
- Unabhängige Gewerkschaften

Polen: Erklärung der Wroclawer PPS-RD


N

Revolution in Rumänien
UdSSR: Streikkomitee der Stadt Workuta

Urteilsspnich des Internationalen Tribunals


von Lima, September 1989

Ost-West-Literatur: Daud Haider


Inhalt »Ost-West-Diskusaionsforum« Nr. 10 Interview mit einem Beschäftigten
in einer Brikettfabrik.
DDR: Chaos - Eine Lösung gibt es Osteuropa:
nur durch die Demokratie.. .
Polen: Erklärung des Wrodawer Regionalen Arbeiter’
Hat die Regierung Modiow ein Konzept?
komitees der PPS-RD (zur Nominierung des
Ja, den Ausverkauf der DDR. Ministerpräsidenten Mazowiecki), 13. 9. '89.28
Interview mit Thomas Rudolph. 5
Rumänien: Der Sturz der Ceausescu-Clique -
Presseerklärung oppositioneller Gruppen zur
Die Revolution der Rate.33
Montagsdemonstration.8 Berichte und Dokumente aus Rumänien.31
DDR: SPD
UdSSR:
Bericht von der SPD'Deleglerterüconferexrz. . ..9
BeschiuB zur Koalitionsfrage / Appell des Streikkomitees der Stadt Workuta
Erklärung zur deutschen Frage. 9 an die Arbeiter der Sowjetunion.32
Interview mit Eveline Heineinann, SPD.10 Resolution der Beratung der Vertreter der nationalen
demokratischen Bewegungen der UdSSR.33
DDR: Geschichte
Aufruf des litauischen Verbandes für gegenseitige Hilfe
Auszüge aus der Rede der Rostockerin Käthe Wolthemath'
andie Völker des Baltikums.34
Kiogmann auf der SFD-Delegiertenkonferenz zur
Zwangsvereiiügungl946 (FR, 23.1. '90).11 Der Urteilsspruch des Internationalen Tribunals
DDR: Berichte und Diskussion gegendieVerschuldungüiLima, September 1989 ... 35
Heinz Geelhaar: Warum die politischen Monopole ln
Osteuropa wie die Fliegen sterben oder: 08t"West«Lltefatur Nn 5_
Die Zeit ist reif (. 13
Gründungserklärung von »Demokratie jetztn.14 Gedichte von Daud Haider. Bangladesh (jetzt Berlin):

Bericht zur 1. Gesamtdeutschen Arbeiter’ und In unserer Familie.38


Jugendkonferenz am 17.12. in Berlin.16 Das Land, das mein Land ist .38
Aus einem Interview mit einem Kollegen vom »Arbeitskreis Mein Land.39
für Arbeitnehmeipolitik und Demokratie « in Leipzig ..17 Feuer der Hölle.39
Leipziger Chronik (Teil 4).18 Tief in mir. 39
Die Blinden und die Stummen.39
DDR: Unabhängige Gewerkschaften.21
Tief ist die Leere. 39
Dokumente: Aufruf der »Initiative für
Der hungrige Stein.40
unabhän0ge Gewerkschaften^ .21
Vorwärts. 40
Auszug aus einem Flugblatt aus Leipzig.23
Hans Biaselmann, SDP Lichtenberg; Der Zerstörer. 40
Zu Fragen der Gewerkschaften und der Betriebsräte . . 24

Impressum
Herausgeber: Ost-West-Gesellschaft e.V.. Stemstr. 50,4000 Düsseldorf
Redaktion, M itarbeHer u nd Förderer. Mitarbeiter der »Initiative Frieden und
Annette Bahner: Köln Menschenrechte«, Leipzig
Carla BoulbouUä; Düsseldorf Hiniich Olsen; Schwäbisch-Gmünd
Reinhard Büttner; Begensburg Pelikan; Rom, vormala CSSR
Carsten Hahn; Berlin (West), vormale Jena Bernhard Peters; Heidelberg, vormals Halle
Max von Heckei; München Lothar Ratei; Piankfuit
Dr Dietrich Hoß; Frankfurt Zhigrüew Sadlak; München, vormals Polen
Karl-Heinz Gerhold; München Schmidt ;MüiK*en
Dorothea Goldhacnmer; Bremen >,
Hans-Georg Grothe:Keferrod-Buxgbracht.vonnals DDR Torsten Sielaff; Oberhausen, yormüs Wittenberg
Frithjof Heller; Heidelberg, vormals Greifswald WoUgang So^tag|BerUn (West), vormals Leipzig
UweKahle^erg; Ber^{Wes^ vormals Weimar Wiesbaden,Normals Halle
TomislavK^enec; Jugoslawien Ulrich Thöne; Berlin (West)
JorgKnaa^; Berta (West) vormals A^lda
Gotthard Kiupp’Boulboullä; Düsseldorf
Für unvailangt eingasandt« Manuskript« kann keine Gewähr übernommen werden. Nachdruck (mit QueUenangahe] ist erwünscht;
bitte Belegexemplar zusenden. . .
Beim Minister für KxUturder DDR wurde am 5.12.1989 eine Zulassung des «Ost-Wesrt-Dlskussionsfonim« zur Posizeitungsvermebs-
Uste der Deutschen Post in dei DDR beanuagt.

Preis pro Exemplar: 4.80 DM / 4,80 M Ban kverblndungen:


AbOprels: Abholer jährlich: 20,- DM / 20.- M (6 Nr.) Für MaterieUien; Postgiro Köln, 2463 85 — 509
Postabo 26,60 DM / 26,60 M Für Spenden: Postgiro Essen, 4105 54 — 436
ab 10 Exemplare: 1 Freiexemplar V.i.S.d.P.: GoUhardKrupp’Boulboullö, Stemstr. SO;
ab 20 Exemplare: 4 Freiexemplare 4000 Düsseldorf
DDR
Chaos- Eine Lösung gibt es nur durch die Demokratie
Hans Modrow, Ministerpräsident derSED-Regierung. Modrow hat jetzt in seiner Rede den Konsens mit der
hat am Montag, den 29. 1. ’90. vor der Volkskammer Opposition betont. Auf diesen Konsens zwischen Regie¬
einen Bericht zur Lage der DDR abgegeben. In diesem rung und Opposition will er die weitere Arbeit seiner
Bericht begründet er die Vorverlegung der Wahlen auf Regierung stützen. Er umschreibt die Grundlagen des
den 18. März. Ziel dieses Vorschlags ist es, „die Situation Konsens so:
in unserem Land zu bessern, zu beruhigen, zu stabilisie¬ 1. die Volkskammerwahlen werden auf den 18.3. vor¬
ren". Die derzeitige Regierungskoalition unter Führung
verlegt;
der SED „erweist sich... zunehmend als zerbrechlich“. 2. am 6. Mai folgen die Wahlen zu den Volksvertretun¬
Den Grund dafür sieht er darin, daß die „ökonomischen
gen;
und sozialen Spannungen“ zu genommen haben, 3. diejetzt zu bildende Regierung der „Nationalen Ver¬
Modrow geht auf die zunehmenden Streiks für „Erhö¬ antwortung“ soll diese Wahlen vorbereiten. Dazu ent¬
hung der Löhne und Gehälter, nach Verlängerung des sendet jede Gruppe/Partei des «Runden Tischs« einen
Urlaubs, nach Erhöhung der Renten und nach weiteren Vertreter als Minister ohne Geschäftsbereich in den
sozialen Verbesserungen' ein, Ein Nachgeben und eine
Ministenat;
Erfüllung der Forderungen würde, so Modrow, „die Exi¬ 4. die Regierung wird einen Vertreter im Range eines
stenz der DDR gefährden Diese Streiks seien es, die die Ministers an den Runden Tisch entsenden.
Wirtschaft zerrütten und zu weiteren sozialen Spannun¬
gen führen- Kann das dem Volkswillen entsprechen? Wird es nicht
Auf der politischen Ebene beschreibt Modrow den all¬ vielmehr als Manöver auf ge faßt werden, um auf diesem
gemeinen Zerfall der politischen Institutionen. Örtliche Weg die SED-Regierung noch einmal zu retten? Sie kon¬
Volksvertretungen sind nicht mehr beschlußfähig oder zentriert weiter alle Machtpositionen in Verwaltungen
lösen sich auf. Es findet eine Demontage der Volksver¬ und Betrieben in ihrer Hand. Welche Funktion soEen die
tretungen statt. Das führt „auch zur Unsicherheit im Vertreter der SPD. des »Demokratischen Aufbruchs«,
gesamten Staatsapparat“. der »Vereinigten Linken«, der »Initiative Frieden und
Nicht zuletzt warnt Modrow davor, daß die „Rechts¬ Menschenrechte«.,, in der Regierung erhalten? Sie wer¬
staatlichkeit und Rechtsordnung“ zunehmend in Frag© den für alle Entscheidungen mitverantwortlich gemacht
gesteLt werden. Diese gesamte Situation wird unter der werden, haben aber keine Macht. Die könnte ihnen nur
Bevölkerung zu weiterer Unsicherheit, einer der zentra¬ die demokratische Willensbildung und Entscheidung
len Ursachen für die nicht abreißende Ausreisewell©, des Volkes geben.
führen. Nein, eine solche Form der Regierungsbeteiligung
Modrows Analyse der Situation wirft Fragen auf. wird keinen Schritt hin zur Verwirklichung der Demokra¬
Zu den zentralen Forderungen der Demonstrationen tie und der Herausbüdung stabiler Verhältnisse sein; die
und auch der Streiks gehört der Ruf nach „Schluß mit der SED-Regierung unter Modrow muß zurüoktreten. Die
SED und der SED-Regierung. Enteignet die SED." Das Ausreisewelle dokumentiert dies genauso wie die Rufe
Volk ist auf di© Straß© gegangen, um die SED-Herrschaft auf den Demonstrationen nach ..Deutschland, einig
zu beenden. Es geht um die SED als der politischen Orga¬ Vaterland. “
nisation einer Bürokratie, die das ganze Land ins Verder¬ Die Regierung Modrow sucht ihrerseits einen Ausweg
ben gestürzt hat, und die sich schamlos auf Kosten des aus der Krise in der Zusammenarbeit mit der Bundesre¬
Volkes bereichert hat. Doch genau diese SED ist noch in gierung unter Helmut Kohl und den Untemehmerver-
der Regierung, beherrscht weiter den Staatsapparat und bänden, so wie umgekehrt die Re0erung Kohl auf
stellt die Leitungen in den Betrieben. Justiz, Staatsan¬ Modrow und die Bürokratie setzt. Die ersten gemeinsa¬
waltschaft und Verwaltungen, alles ist noch in der Hand men wirtschaftlichen Vereinbarungen und die Anforde¬
der SED. Das heißt aber auch, daß der Auflösungsprozeß rungen der Regierung Kohl und der Unternehmer wer¬
des Staatsapparates untrennbar verbunden ist mit dem den nicht, wie es die Streikenden fordern, zum Ausbau
Auflösungsprozeß der SED selbst. Nicht die streikenden der sozialen Sicherheit, Lohnerhöhungen usw. führen,
Arbeiter führen die Destabilisierung herbei. Quelle der sondern in den sozialen Abstieg - in Ost wie in West. Die
Destabilisierung und der allgemeinen Verunsicherung SED erweist sich für Kohl, Krupp, Thyssen... heute als
ist die SED, die unter allen Umständen an der Macht fest- der beste Venragspaitner ln der Organisierung des Aus¬
halten will. verkaufs der DDR-Wirtschaft und Produktion. Ein Schei¬
Ist eine andere Lösung im Interesse der Bevölkerung tern der Bürokratie wäre auch ihr Scheitern. Deshalb
und der Demokratie vorstellbar als die der Säuberung muß man davon sprechen, daß sich die Forderungen der
des gesamten politischen Lebens von der Bürokratie? Bevölkerung, der Arbeiter in den Betrieben sowohl
Das aber müßte mit dem sofortigen Rücktritt der Regie¬ gegen Modrow wie auch gegen Kohl richten.
rung beginnen. Das Volk ist nicht bereit, sie länger zu Wer die Demokratie wirkbch will, d.h. die Henschaft
dulden. Die Verwirklichung der Demokratie, das Recht des Volkes, der muß dem Volk das Recht geben zu ent¬
des Volkes, selbst über seine gesellschaftliche, politi¬ scheiden, wie und ob die DDR als eigener Staat weiter¬
sche und wirtschaftliche Ordnung zu entscheiden, ist existieren soll; der muß dem Volk das Recht geben, über
unvereinbar mit der weiteren Herrschaft der SED. die nationale Frage, über seine staatliche und wirt¬
Ändert das Angebot von Modrow an die Vertreter des schaftliche Ordnung zu entscheiden; der muß freie Wah-,
«Runden Tischs«, sich an der Regierung zu beteiligen, len in ganz Deutschland ermöglichen. Wenn dieser Weg
grundsätzlich etwas, oder wird damit nicht nur eine rücht beschritten wird, wird es nur zu einem noch größe¬
Scheinlegitimation für das weitere Überleben der SED- ren Chaos kommen.
Herrschaft hergestellt? Oskar Lafontaine hat auf dem Parteitag in Berlin die
3
soziale Frage gegen die nationale gerichtet. Er hat auf und West sich vereint, gegen den Handschlag von Büro¬
das soziale Problem hingewiesen, daß Tag für Tag kraten und Unternehmern. Die Einheit, die in dieser Wei¬
lOOOde Übersiedler kommen. Aber was sind die Ursache se von der Arbeiterbewegung her heranwächst, wird
für diese Entwicklung? Es ist die politische Weiterherr- sich auf der Grundlage der Interessen des Volkes ver¬
Schaft der SED, die zur Verunsicherung führt. Gleichsei¬ wirklichen. Es gibt keinen Gegensatz zwischen sozialer
tig treibt die Angst vor weiterer sozialer Verarmung vie¬ und nationaler Frage, wie ihn Lafontaine provozieren
le Menschen in Richtung Westen. Die Arbeiter in der will.
DDR wollen, daß mit den Privilegien, der Korruption, der Das gibt den Organisationen der Arbeiterbewegung
heimlichen privaten Aneignung des Volkseigentums eine neue Verantwortung; die Einheit der arbeitenden
durch die SED Schluß ist. Sie wollen der Bürokratie die Bevölkerung auf der Basis ihrer gemeinsamen Interes¬
Kontrolle über die Wirtschaft entziehen. Sie wollen einen sen zu schaffen und gemeinsam zu diskutieren, wie eine
guten Lohn, für den man auch etwas kaufen kann, und sinnvolle, von den gesellschaftlichen Bedürfnissen her
eine Garantie der Arbeitsplätze. Das sind Forderungen, bestimmte Produktion und eine ausreichende Versor¬
für die die Arbeiter auch hier im Westen stehen. gung der Bevölkerung in ganz Deutschland, die demo¬
Die Unternehmer, die mit dem Kapital winken, werden kratische Kontrolle über die Handels- und Wirtschafts¬
ihnen das nicht bringen. Das Kapital folgt seinen Profit* beziehungen, gesichert werden kann. Es geht heute um
Interessen und sieht in der DDR das Tenaln eines Billig* die Perspektive für ein Deutschland, welches befreit ist
lohnlande8. in dem es sich bezahlt macht zu investieren. von der Herrschaft der Bürokratie, aber auch von dem
Sie können ihre Geschäfte jetzt bestens mit dem SED* Profitstreben des großen Geldes, welches auf Grund der
Staat abwickein. Nein, das kann keine Lösung für die Zerstörung durch Spekulation Massenarbeitslosigkeit
Bevölkerung bringen. Das Beispiel Polens zeigt, daß der und Armut bringt. Die Revolution, die von der DDR aus¬
„Segen“ des Kapitals dem 'Volk bittersten Hunger gegangen ist. eröffnet die historische Chance für di©
gebracht hat — ebenso in Ungarn und Jugoslawien. Verwirklichung eines freiheitlichen, demokratischen
Bereichert haben sich nur die Bürokraten — sie wurden und sozial fortschrittlichen Deutschlands.
zu den neuen Unternehmern. Gotthard Krupp-Bouboulle,
Es geht darum, daß die arbeitende Bevölkerung in Ost 31.1. *90

Hat die Regierung Modrow ein Konzept?


Ja, den Ausverkauf der DDR!
„ Was passiert, wenn zum jetiigen Zeitpunkt Mindest¬ von neuen Atomkraftwerken. Sie trifft Grundsatzent¬
umtausch und Visumpflicht für alle Bundesbürger ent¬ scheidungen, zu denen sie als Übergangsregiemng mit¬
fallen?". fragte in diesen Tagen ein Plakat der »Autono¬ nichten befugt ist. Sie macht das in einer Geschwindig¬
men Aktion Prenzlauer Berg«. Arbeit in der DDR lohne keit, die jede künftige Volksvertretung vor vollendete
sich nicht mehr, denn selbst die ärmsten Bundesbürger Tatsachen stellt.
seien beim Umtausch ihrer Währung den genauso hart Auf dem Sonderparteitag der SED warf am Samstag
arbeitenden DDR-Bürgern überlegen. Gewarnt vhrd der für Wirtschaftsfragen zuständige Nowakowski der
auch vor westdeutschen Neonazis, die sich dank der Modiow-Regierung genau das. den plan- und konzeptlo-
neuen Regierung ungehindert auf dem Gebiet der DDR sen Ausverkauf der DDR und den Import fremden Kapi¬
bewegen und zum Zünder für Explosionen werden tals vor, Di© Wirtschaftsministerin der Modrow-Regie-
könnten.Wenn die Regierung weiterhin mit so leichter rung, Prof, Christa Luft (SED), verteidigte sich folgender¬
ffand Verträge unterschreiben kann, dann brauchen wir maßen:
am 6. Mai 1990 nicht mehr zu wählen, weil es nichts „Wir sehen die Wirtschaftsreform natürlich nicht als
mehr zu wählen gibt," ein Ziel, sondern wir sehen sie als ein Mittel. Die Gestal¬
Es ist aUerdings auffallend, daß die Regierung tung der Wirtschaft in diesem Lande, mit der wir dieses
Modrow bisher kaum etwas über flankierende Maßnah¬ Land zu einer attraktiven Heimat für 36 Millionen Men¬
men za der neuen Grenz Öffnung verlauten ließ. Dienst¬ schen machen können, und vielleicht auch für welche,
leistungen, Kneipen, Theater, Kinos und vieles andere, die uns verlassen haben, daß sie jetzt zurückkommen. -
soviel ist sicher, werden von DDR-Bürgern in Zukunft zu einer Heimat zu machen, daß sie freiwillig gern hier
kaum noch besucht werden können. Welcher Westberli¬ bleiben, daß sie entsprechend ihrer Leistung ihre
ner wird noch für teure Westmark zum Friseur in West¬ Bedürfnisse befriedigen können, ihre sozialen und ihre
berlin gehen, wenn er das gleiche für wenige Pfennige ökologischen Bedürfnisse gleichermaßen; und daß sie
einige hundert Meter weiter haben kann. Die Arroganz bitteschön auch ein Eigentümerbewußtsein und ein
von DDR-KeUnern wird sich noch verstärken: Es gibt Eigentüznerverhalten entwickeln. Dieses Verhalten muß
schließlich genügend Gäste, und die besseren geben natürlich zuerst in unseren volkseigenen Betrieben
auch schon mal eine Westmark als Trinkgeld. Ganz beginnen, indem die Werktätigen dort Einfluß gewinnen
abgesehen von der Frage, ob die ewig angespannte auf die Gestaltung effektiver Produktionsstrukturen,
Warendecke der DDR diesen Ansturm von BRD-Bürgern indem sie auch Einfluß bekommen darauf, wer sie leitet.
nach Schuhen, Werkzeugen, Textilien, allem, was nicht indem sie auch Einfluß bekommen auf die Arbeits- und
verzollt wird, aushalten kann. Lebensbedingungen, usw. Aber dieses Eigentümerbe-
Aber die von niemand legitimierte Regierung Modrow wußtsein, dieses Eigentümerverhalten, diese Bindung
(auch die Volkskammer ist nicht legitimiert!) trifft auch an die Heimat zu erreichen, — ich persönlich sehe dafür
weittragendere Entscheidungen. Sie segnet Vereinbar¬ auch solche Möglichkeiten wie die Ermöglichung des
ungen zwischen Ost- und Westunternehmem über Kaufs von Grundstücken, von Eigenheimen, von Eigen¬
Beteiligung von Westkapital ab, die bis dato keinerlei tumswohnungen bitteschön, (Applaus) — alles muß
gesetzliche Grundlage haben. Sie trifft mit Siemens Ver¬ durch die Volkskammer noch hindurch. Und dies kann,
einbarungen über Nachrüstung von alten und den Bau dies kann — ich unterstreiche das dick—bis zum Erwerb
4
DDR - Interview

von AJrtien gehen, aber auch dies JDedaif ja noch des Kon¬ schlossen, zu 8 Jahren Haft verurteilt und dann in die
sens in unserer Gesellschaft. Ich niui3 eine Bemerkung BRD abgeschoben, mit seinen Überlegungen nur höhni¬
dazu machen, Diese Regierung maß sich Gedanken sches Gelächter und Unverständnis erntete: „Auch
machen, wie wir den Kaufüberhang in unserem Lande Hans Modrow will das Hase-Igel-Spiel fortsetzen, dieses
sinnvoll binden. Denn, was wir nicht wollen, ist eine Autorennen Trabi-Wirtschaft gegen Meicedes-Wrt-
Abwertung unserer Wähmng, die die vielen kleinen Spa¬ schäft, bei dem unsere Wirtschaft auf der Strecke blei¬
rer doch vor allen Dingen betreffen würde f" (Applaus). ben muß."
- Frau Luft sprach beredt vom Einfluß der Werktätigen So sehr sich die SED gewendet hat, Nachdenklichkeit
in den Betrieben und auf deren Leitung. Wurde nicht über die Sackgasse der Industriegesellschaft kann man
genau das bisher von Partei und Regierung erfolgreich von ihr nicht erwarten. Noch weniger leider von den
verhindert? anderen Alt- und Neu-Parteien, soweit sie lücht ohne¬
- Flau Luft möchte bei den Bürgern der DDR „Eigen¬ hin, wie der »Demokratische Aufbruch«, soweit verstrit-
tumsverhalten" entwickeln. Das soll aber nicht gesche¬ ten sind, daß ihre Spaltung vorgebucht ist. Langsam
hen, indem die Arbeiter ihre Betriebe seu^st überneh¬ geht auch die Hoffnung verloren, daß sie wenigstens im
men. sondern über Ankauf von Grundstücken. Eigen¬ Interesse ihrer Selbstprofilierung den Runden Tisch nut¬
tumswohnungen und — Aktien. Preisfrage: Welche Leu¬ zen, um den unzeitigen Tatendrang der Regierung
te werden das Geld haben, um Aktien und anderes zu Modrow 2u bremsen und wenigstens Grundsatzent¬
kaufen? Arbeiter oder Angehörige der Führungs¬ scheidungen wie z.B. die über ein neues energiepoliti¬
schicht? sches Konzept bis zu einer Volksentscheidung zurückzu¬
- In einem Punkt möchten wir Frau Luft zustimmen: stellen.
Ein neues Vereinigungsrecht. ein neues Mediengesetz,
ein neues Zivilrecht, ein neues Arbeitsrecht, ein neues Möglichkeiten zu einer kompetenten Entscheidung
Strafrecht und nicht zuletzt eine neue Verfassung, „alles wird die Bevölkerung auf lokaler Ebene haben. Hier wer¬
muß durch die Volkskammer noch hindurch". Und nicht den Parteienvertreter keine Sprechblasen erzeugen kön¬
zuletzt muß eine wirkliche Volksvertretung geschaffen nen, hier sind konkret© Antworten gefragt- Es wird Auf¬
weiden. gabe der Ökologiegruppen und anderen Basisgruppen,
Glaubt Frau Luft im Emst, daß es den „volkseigenen der Bürgerkomitees und anderen Bürgeriiütiativen, der
Betrieben" nach ihrem Konzept ad hoc und auf Dauer Betriebsräte vor Ort sein, die realen Probleme des Lan¬
möglich sein wird, gegen internationale kapitalistische des zu benennen und einen wirklichen ökologischen und
Konzerne anzustinken, die Herr Modrow ins Land lassen sozialen Umbau der Industnegesellschaft anzuregen.
will und die doch zu einem wesentlichen Teil auf den Bü- Deshalb bleibt, selbst abgesehen von der Wahlfäl¬
liglöhnen der 3. Welt basieren? Und wie soUdas mit der schung, der nächste logische Teimin eine Wiederholung
Ökologie Zusammengehen, wenn doch internationale der Kommunal wählen, und zwar vor den Volkskammer¬
Konzerne dadurch überlegen sind, daß sie die Lösung wahlen, selbstverständlich nach einem neuen Wahlge¬
ihrer ökologischen Problem© den Regierungen und setz. Eine verfassunggebende Versammlung kann dann
Gesellschaften überlassen, bzw. in die Dritte Welt ver¬ aus den Vertretern von Kreisen, Bezirken bzw. Ländern
schieben. zusammengesetzt werden. Eine Demokratie sollte von
Leider löste das Phantasiekonzept von Frau Luft leb¬ unten nach oben aufgebaut werden, nicht umgekehrt.
haften Beifall der Delegierten des SED-Parteitages aus, - rJ. - (Quelle: teJegraph 10/89)
während Rudolph Bahro, 1978 aus der Partei ausge¬

Interview mit Thomas Rudolph


Thomas Rudolph ist einer der drei Sprecher der »Initiative tet werden müssen, weil die Stadt nicht mehr in der Lage
Frieden und Menschenrechte« in der DDR, einer der Pres- ist, den Müll abzutransportieren, und ähnliche Fragen.
seprecher des Bürgerkomitees Leipzig und einer der Darüber hinaus ging es um die Frage der allmontaglichen
stimmberechtigten Mitglieder am »Runden Tisch« in Leip- Demonstrationen. Außer der »Initiative Frieden und Men¬
schenrechte« hielten es alle für sinnvoll, einen Beschluß
zig.
Frage: Gestern, am 2.1., war zum ersten Mal der »Runde darüber zu fassen, daß die montäglichen Kundgebungen
Tisch« in Leipzig. Was ist als Ergebnis festzuhalten? vor den Demonstrationen entfallen sollen. Wir als »Initiati¬
Antwort: Eigentlich hat es überhaupt kein Ergebnis ve Frieden und Menschenrechte« bedauern das sehr, weil
gezeigt, zumindest nicht im positiven Sinne. Das eigentlich gerade die Demonstrationen in Leipzig das eigentliche
wichtige Thema, nämlich der Termin für die Kommunal- Rückgrat der Büigerbewegung in der DDR sind.
wahlen und die Überlegungen zur Strukiurrefonn - zur Frage: Wer sitzt denn am Runden Tisch, und hat der Run¬
Wiederherstellung des Landes Sachsen wurde über¬ de Tisch überhaupt die Legitimation, die montäglichen
haupt nicht behandelt. Vielen am Runden Tisch erschienen Kundgebungen außer Kraft zu setzen?
andere Fragen, darunter u.a. auch die. wie der Rat des Antwort: An dem Runden Tisch sitzen die sieben DDR-
Bezirkes die Lebensfunktionen Leipzigs aufrechterhält, als weit operierenden oppositionellen Gruppierungen, die fünf
wichtiger. Und darüber sind vrir zu detalUienen Informatio¬ etablierten Parteien, der FDGB, der VdgB, der DFD und eine
nen gekommen, etwa wieviel Raketen über Sylvester Brän¬ unabhängig© Frauenbewegung. Außer einer dieser Grup¬
de verursacht haben, wie viele Verkehrsunfälle es gab, und pierungen ist zu Beginn der Demonstrationen keine der
- das ist bestimmt eine wichtige Sache, aber man muß sich anderen 15 in Erscheinung getreten. Und da die Demon¬
überlegen, ob das vom »Runden Tisch« jetzt behandelt strationen überhaupt der Ausdruck des Wülens der Bevöl¬
werden muß - vheviel Mülldeponien zusätzlich eingerich¬ kerung in Leipzig sind, die Zustände endlich in Richtung auf
5
»Ost'West-Diskussionsfomm« Ni. 10 Februar 1990

Demokratie zu verändern, detüce ich nicht, daß der Kunde Grundabstimmung der politischen Gruppierungen her zu-
Tisch ein Gremium ist, das über die Fortführung oder den stellen.
Bestand der Montagsdemonstrationen zu entscheiden Auf Grund von Einzel- oder Interessenaktivitäten ver¬
irgendeine Legitimation hat. sucht es, direkt ln die bestehenden Entscheidungsabläufe
Frage: Der Runde Tisch scheint keiner demokratischen einzugreifen. Der alte Apparat besteht weiter, und es gibt
RonticUe zu unterliegen. Wer hat ihn einbemfen? Wie ist er hier den großen Streitpunkt, ob die alten Gesetze nicht
eigentlich entstanden? mehr gelten und ob es sich hier um einen rechts freien Raum
Antwort: Der Runde Tisch hat keine Legitimation von der handelt, oder ob noch die alten Gesetze weiter gelten. Da
gesamten Bevölkerung. Er ist entstanden auf Grund des gehen die Meinungen sowohl in der Opposition als auch in
Willens sämtlicher politischen Kräfte ln der DDR. Diese der Exekutive und Legislative völlig auseinander. Das stellt
haben sich an einen Tisch gesetzt, um über die zwischen¬ ein gewisses Problem dar. Aber auf Grund des Zulaufes,
zeitliche Ubergangsphaze bis zu freien und geheimen Wah¬ den das Bürgerkomitee hat, weil es ein ziemlich hohes
len wichtige Entscheidungen zu fällen. Die Vertreter des Ansehen gerade in der Bevölkerung Leipzigs genießt, hat
Runden Tisches sind nur durch ihre jeweiligen Organisatio¬ das Bürgerkomitee einen viel wichtigeren Stand im Leben
nen, Parteien und Gruppierungen legitimiert. der Stadt, als beispielweise der Runde Tisch. Es kann auch
Frage: Aber der Runde Tisch greift doch jetzt direkt in das handgreifliche Erfolge für die Bevölkerung nach weisen.
politische Geschehen ein. Ist da nicht das Problem gege¬ Frage: Hat das Bürgerkomitee sozusagen Exekutive und
ben, daß sozusagen Zustände wie vorher wieder einrelBen, Legislative in einer Hand vereinigt?
wo die SED ohne jede Legitimation die politischen Ent¬ Antwort: Nein, das kann man so nicht sagen. Es versucht
scheidungen gefällt hat? in die Verwaltungsreform und Umstrukturierung der
Antwort: Ich bedauere, daß sich gestern abend manche GeseUschaft, die jetzt von allen politischen Kräften ange¬
politischen Kräfte, die weder im September noch im Okto¬ stiebt, aber auf Oiund der Bürokratie noch verschleppt
ber an den politischen Veränderungen gearbeitet haben, tvird, fördernd einzugreifen oder diese gerade erst anzu-
jetzt das Recht herausnehmen, über die Demonstrationen, regen. Ich denke da z.B. an die Frage der Vernichtimg von
die Demonstrationen der Mehrheit der Bevölkerung sind, Akten. Das betrifft gar nicht so sehr die Staatssicherheit.
zu entscheiden. In Bezug auf die Demonstrationen sollte die Als es im Dezember darum ging, die Bezirks Verwaltung zu
Bevölkerung insofern Einfluß nehmen, als sie das selbst wie kontrollieren, da war da nicht mehr so viel zu holen. Das
im September macht: Wenn sie es für nötig hält, für ganz betrifft vor allen Dingen alle Bezirksleitungen der SED, wo
bestimmte Ziele zu demonstrieren, dann'sollte sie das tun — vshchtige Akten — auch wichtige Wirtschaftsdaten — ver¬
ohne irgendeine Partei oder Gruppierung zu befragen. Und nichtet werden, die sowohl für eine zukünftige Landes- als
die »Initiative Frieden und Menschenrechte« wird das auch DDR-Regierung von Bedeutung wären.
Selbstbestimmungsrecht der Einzelnen und der Interes¬ Frage: Das Bürgerkomitee schafft sich doch aber sozu¬
sengruppen unterstützen. Es gebt nicht darum, daß Partei¬ sagen seine eigenen Gesetze und setzt diese gleichzeitig
en oder Gruppierungen für die Bevölkerung Politik machen. um?
Es geht zum einen dämm, daß die Bevölkerung die Kultur Antwort: Das Bürgerkomitee versucht der Regierung der
des politischen Streites ausüben kann, und zum anderen, DDR auf Grund seiner Experten klarzumachen, daß wir eine
daß sie sich aktiv in die Entscheidungsprozesse, die sie gesellschaftliche Situation ün Lande haben, die es notwen¬
betreffen, einmischt. dig macht, daß sämtliche gesellschaftlichen Kräfte und Ein¬
Frage: Eine organisierte Einflußnahme der Bevölkerung zelpersonen sofort in die Entscheidungen eingreifen. Und
auf die Entscheidungen des Kunden Tisches ist also nicht damit dieses nicht im Chaos endet, hat es den Vorschlag
vorgesehen? unterbreitet - und die Regierung hat ihn akzeptiert daß
Antwort: Die politischen Parteien und Gruppierungen die Bürgerkomitees in Abstimmung mit einem Beauftrag¬
gehen davon aus, daß sie gemeinsam die wichtigsten Inter¬ ten der Regierung. Befugnisse übernehmen. Das heißt ganz
essen der Bevölkerungsschichten repräsentieren. Insofern konkret, die Bürgerkomitees haben über jede ihrer Aufga¬
schließt dieses Modell aus, daß die Bevölkemng auf einem ben, die sie gerne durchführen wollen, auch an den kommu¬
direkten Weg Einfluß auf die Entscheidungen des Runden nalen Verwaltungen vorbei, vorher hart mit dem jeweiligen
Tisches nehmen kann. Es besteht aber die Möglichkeit, daß Vertreter des Ministerrates bzw. des Ministerpräsidenten
jeder sich m Gemeinschaft zu einer Interessengruppe darüber zu verhandeln.
zusammenschließt, die am Runden Tisch des Bezirkes ein Frage: Also das Bürgerkomitee spricht sämtliche seiner
Rede-, Antrags- und Vorschlagsrecht hat. Maßnahmen mit einem Vertreter der Regierung Modrow
Frage: So wie ich gehört habe, gibt es neben dem Runden ab?
Tisch noch eine weitere Institution ln Leipzig, die heute Antwort: Prinzipiell ja. Es gibt also Aufgaben, die das Bür-
direkt politisch in die Entscheidungen eingreift. Das Ist das gerkonutee durchfühn, die prinzipiell mit der Regierung
Bürgerkomitee. Wie ist das entstanden, wie setzt es sich Modrow einmal abgesprochen worden sind und als Exeku¬
zusammen, und über welche Legitimation verfügt dieses tivaufgaben dem Bürgerkomitee von der Regierung über¬
Büigerkomitee? Welche Möglichkeiten hat die Bevölke¬ antwortet worden sind. Es gibt auch spezielle Fälle, die von
rung, sich mit Anliegen an dieses Bürgerkomitee zu wen¬ Mal zu Mal abgespiochen werden müssen. Das Bürgerko¬
den? mitee hat Ausweise bekommen, um sich aus weisen zu kön¬
Antwort; Das Bürgerkomitee, was es heute in Leipzig nen.
gibt, geht aus seinen Initiativmitgliedem hervor. Das heißt, Frage: Also die Staatsanwaltschaft muß handeln, wenn
es haben sich Leute auf Grund zweier Problemfelder es das Bürgerkomitee verlangt?
zusammengefunden, nämlich des Problems der Korruption Antwort: Wenn für beide Seiten ausreichende Gründe
und des Amtsmißbrauches, und auf Grund des Problems vorliegen, kann das Bürgerkomitee der Staatsanwaltschaft
der Weiterarbeit des Staatssicherheitsdienstes. Die Mit¬ z.B. sagen, daß bestimmte Räume versiegelt werden sollen,
arbeiter dieses Bürgerkomitees bedürfen keiner parteipoli¬ um bestimmte Kontrollen durchzuführen. Ich muß hierzu
tischen Legitimation. Jeder Bürger kann mitarbeiten. Er sagen, daß im großen und ganzen das auch ganz problemlos
muß nur angeben, in welchem thematischen Bereich er mit¬ funktioniert, nur in einzelnen Fällen hat sich die Staatsan¬
arbeiten will. Insofern unterscheidet sich das Bürgerkoml- waltschaft quer gestellt. Dann ist es zu harten Auseinan¬
lee vom Runden Tisch. dersetzungen gekommen. Es ist natürlich auch die Frage
gestellt worden, wie auch schon am Runden Tisch, ob das
Frage: Welche Aktivitäten macht das Bürgerkomitee? nicht nur alles Scheinspielereien sind, um die Bevölkerung
Antwort: Das Bürgerkomitee versucht die Umstrukturie¬ zu beruhigen.
rung ln Richtung Demokratie zu unterstützen, anzuregen Frage: Hast Du em Beispiel dafür, wo sich die Staatsan¬
und zu kontrollieren. D.h. also, es versucht nicht — im waltschaft geweigert hat?
Gegensatz zum Runden Tisch — einen Grundkonsens, eine Antwort! Die Staatsanwaltschaft hat sich z.B. geweigert.

6
DDR - Interview

im Hotel Merkur Mitte Dezember Räume zu durchsuchen tiert© Bürgerkomitees, di© unabhängig voneinander ge¬
bzw. sogar zu versiegeln. Auf Grund der Erkenntnisse des arbeitet haben. Zur Korruption und Amtsmißbrauch, zur Bil¬
Bürgerkomitees gab es den Verdacht eines illegalen Kunst* dung von Betriebsräten, zum Gesundheitswesen und zur
handeis, der über eine holländische Zweigfiima im Auftrag Staatssicherheit. Da hat es verschiedene Aufrufe gegeben,
eines ziemlich hohen Parteigenossen der Jetzt sich nennen* di© teilweise auch von der mit Lizenzgenehmigimg ausge¬
den SED-PDS abgewickelt wurde. Das Bürgerkomitee hat statteten Kegionalpresse abgedruckt worden sind. Sie fan¬
Hinweise, daß die beauftragten Staatsanwälte auf Grund den eine große Resonanz ln der Bevölkerung.
von Verbindungen mit der Bezirksleitung die Versiegelung Frage: Wie arbeiten die Bürgerkomitees?
der Räume und die Kontrolle aus ganz bestimmten Interes¬ Antwort: Diese Bürgerkomitees haben jetzt vereinbart,
sen nicht vorgenommen haben. ein zentrales Bürgerkomitee zu bilden, wo alle einzelnen
Frage: Wie war der Fall bei dem StaSi-Gebäude? Bürgerkomitees, die es vorher gab, als thematisch mehr
Antwort: Wie die Vertreter des »Demokratische Auf* oder weniger selbständige Ausschüsse Weiterarbeiten.
bruchs« und des »Neuen Forums<( in das Staatssicherheits- Dies© sind offen für jeden Bürger, der dort mitarbeiten will.
gebäude gekommen sind, bleibt für uns im Dunkeln. An Frage: Wie groß sind diese Bürgerkomitees?
dem Abend, wo das geschah, wurde Vertretern der »Initia¬ Antwort: Das kann man kaum sagen, um die 100 insge¬
tive Frieden und Menschenrechte« der Zugang verweigert. samt. Und jeder dieser Ausschüsse hat dann noch seine
Die Initiative wurde dann einen Tag später hinzugezogen. Gesprachskreise.
Wir haben don die Erfahrung gemacht, daß die Staatsan¬ Frage: Sind die Betriebe auch durch das Bürgerkomitee
waltschaft ün Prinzip so schnell wie sie konnte reagiert hat. erfaßt?
Allerdings haben wir auch die Erfahrung gemacht, daß die Antwort: Ja, die Betriebe sind teilweise auch erfaßt, die
eigenen Siegel des Bürge rkomitees von unbekannten Per¬ Leipziger Verkehrsbetriebe, die Kixow-Werke... Hier han¬
sonen aufgebrochen worden sind. In dem Altbau des StaSi- delt es sich vorrangig um Betriebsräte, aber es werden auch
Gebäudes befand sich so gut wie nichts mehr, außer etwas die Fragen der Arbeitsbedingungen diskutiert. Es ist z.B.
Schulungsmaterial. Das heißt ganz konkret, daß die ent¬ so, daß in den Leipziger Veikehrbetrieben die Arbeiter
scheidenden Dokumente schon vorher vernichtet oder ver¬ arbeitsgesetzbuchwidrig Doppelschichten und verlängerte
bracht waren. Insgesamt muß man aber sagen, daß die Schichten fahren müssen, oder auch sogenannte Kurz¬
Arbeit ün ßezlrksgebäude der Staatssicherheit schon einen wechsel haben, woraufhin es auch zu Unfällen im Dezem¬
politischen Erfolg darstellte, weil die Räumlichkeiten nicht ber gekommen ist. Um diese Probleme rankt sich die Mit¬
mehr für die Tätigkeiten der ehemaligen StaSl nach innen, arbeit von Leuten direkt aus den Betrieben, von Betriebs-
d.h. gegen die Bevölkerung, benutzt werden können. Für gmpperi-
Überwachungs* und Abhörtätigkeiten mußte sich die Frage: Das heißt, die Betriebsräte sind nicht durch das
Staatssicherheit neue Räume suchen. So ist sie zumindest Bürgerkonüte© zusammen gefaßt, sondern es ist sehr unter¬
Stark behindert worden in ihrer Arbeit, Das ist ein politi¬ schiedlich - von Betrieb zu Betrieb—, ob sie am Bürgerkomi¬
scher Erfolg. tee beteiligt sind?
Frage: Aber sie existiert weiter? Antwort: Ja, allerdings ist es so. daß das Bürgerkomitee
Antwort: Die Staatssicherheit existert weiter, und ich die Entstehung von Betriebsräten fördert. Wir haben die
weiß von Freunden aus dem Bürgerkomitee und auch von Erfahrung gemacht, daß diejenigen, die gute Erfahrungen
Mitarbeitern der »Initiative Frieden und Menschenrechten mit Betriebsräten gemacht haben, diese an andere Betriebe
in Leipzig, daß sie teilweise wieder beschattet weiden. weltergeben und auch helfen, die Hindernisse, die die
Frage: Die Grundstruktur der Staatssicherheit ist also Betriebsleitungen der Wahl von Betriebsräten in den Weg
weiter existent? legen, auszuräumen. Es gibt so eine Art Nachbarschaftshil¬
Antwort: Ob die Grund Struktur so noch weiter existiert, fe, dem Nachbaischaftskombinat wud geholfen.
weiß ich nicht. Aber uns liegen Erkenntnisse vor, daß Teile Frage: Gibt es einen Zusammenschluß der Betriebsräte?
der Staatssicherheit auch die Arbeit nach innen weiter Antwort: Es gibt nur insofern einen Zusammenschluß der
durchführen. Betriebsräte, daß Vertreter der Betriebsräte in dem Aus¬
Frage: Ich habe hier von Leuten gehört, daß sich unter schuß des Bürgerkomitees sind. Die tauschen sich dort über
dem sichtbaren Staatssicherheitsgebäude noch weitere 5 ihre verschiedenen Verfassungen, die verschiedenen Pro¬
Stockwerke befinden, die bisher noch nicht untersucht wor¬ bleme aus. Es ist aber nicht insoweit spezialisiert, daß es
den sind. Stimmen diese Gerüchte? eich auf Wlrtschaftsbeieiche aufteilt.
Antwort: Es gibtglaubwürdige Aussagen von Leuten, die Frage: Bestrebungen zu einer unabhängigen Gewerk¬
beobachtet haben, daß mehrere Stockwerke unter der Erde schaft gibt es hier in Leipzig nicht?
gebaut wurden. Das ist allerdings nicht unter dem Neubau, Antwort: Bestrebungen zu einer unabhängigen Gewerk¬
sondern unter dem Hofgebäude. Der Eingang könnte even¬ schaft gibt es auch in Leipzig, allerdings haben wir die
tuell von der Beztrksbehörde der deutschen Volkspolizei Erfahrung gemacht, daß die Leute speziell an ihren Interes¬
ausgehen. Das Bürgerkomitee, das in der Staatssicherheit sen arbeiten wollen, und mit einem allgemeinen Begriff,
tätig war. kann nur so viel sagen, daß es von der letzten und wie ..unabhängige Gewerkschaften'', der für sie vor Ort
der vorletzten Kellersohle des Neubaus keinen Zugang zu nicht faßbar ist, nicht so gut umgehen körmen. So daß ich
weiteren Etagen gibt. Und es ist ja auch heute üblich, daß den Eindruck habe, daß das langsam von unten wächst. Das
nicht von der letzten oder vorletzten Kellersohle die Zugän¬ Ist auch notwendig, wenn man bedenkt, daß jetzt Betrieb¬
ge zu geheimen Kellern ausgehen, sondern häufig von steile geschlossen werden sollen, Umsetzungsvertrag©
anderen Objekten oder Räumen aus. Das läßt sich bei der gemacht werden. Die Leute in den Betrieben merken, daß
Welt Verzweigtheit im einzelnen nicht nach weisen und sie, gerade was Doppelschichten und kurze Wechsel anbe-
weder positiv noch negativ beantworten. langt. I^ge machen, die selbst von unserem Arbeitsge¬
Klar ist es, daß das große Kanalsystem, dessen Beginn ln setzbuch her nicht zulässig sind.
der Neuzeit angelegt worden ist, in Leipzig für niemanden Frage: Eine abschließende Frage; Warum fanden die
mehr nachvollziehbar ist. Es sollte mal eine U-Bahn gebaut freien Wahlen nicht sofort statt?
weiden, und da gibt es eine Menge Schächte. Es hat sich Antwort: Eine schwierige Frage, allerdings habe ich auch
auch ein Maurer gemeldet, der im November einen dieser noch heute den Eindruck, daß viele die Wahlen zu einem
Zugänge zugemauert hat. Die deutsche Volkspolizei hat möglichst späten Zeitpunkt woDen, weil sie meinen, für den
sich bis heute geweigert, diesen Zugang zu sichern oder Wahlkampf noch Zelt zu brauchen. Ich — und das ist meine
aufzumachen. ganz persönliche Meinung - denke, daß die DDR. daß die
Frage: Worauf stützt sich das Bürgerkomitae? Länder und daß die Kommunen so schnell wie möglich ©in©
Antwort: Es hat Ende November. Anfang Dezember ver¬ durch das Volk legitimierte Regierung brauchen, und ich
schiedene Aufrufe von Initiativgründungen von Bürgerko- hoffe, daß die Termine möglichst noch im Aprü und Mai
mltees gegeben. Das waren damals noch thematisch orien¬ sind. Das Problem ist, daß die Forderung nach freien Wah-

7
»Ost-West-Diskussionsforum« Nr. 10 Februar 1990

len da war, bevor Parteien gegründet wurden. Es ist klar,


daß die SED daran interessiert war. daß die Wahlen spät Presseerklärung oppositioneller
stattfinden, weil die Partei in einem desolaten Zustand ist.
Frage: Was sind Deiner Meinung nach die ganz zentralen Gruppen zur Montagsdemonstration
nächsten Aufgaben? Entgegen den Absprachen am Runden Tisch des Bezirks
Antwort: Ich denke, die gesamte Wirtschalts- und Ver¬ vom 2.1. *90. künftig zur traditionellen Montag sdemonstra-
waltungsbürokrat ie, die verantwortlich ist für den Zustand tion auf eine Kundgebung zu verzichten, haben eich die
dieses Landes, neben einer gewissen Trägheit der Bevölke¬ oppositionellen Gruppen Initiative für Frieden und Men¬
rung, die es sicher auch gegeben hat, muß schleunigst aus¬ schenrechte, Neues Forum, SDP entschieden, so schnell wie
gewechselt weiden. Die Staatsanwälte, die jahrzehntelang möglich wieder Ansprachen auf dem Kail-Marx-Platz zu
ihren Deal mit der Staatssicherheit gemacht haben, müssen organisieren und selbst zu gestalten.
entlassen werden — und das gleiche trifft auf die Richter- Der Grund für diese gewandelte Entscheidung ist die
Kampagne der SED, vor aUem im »Neuen Deutschland« und
Schaft zu. die nicht Recht gesprochen hat. Das trifft auch auf
in der »Aktuellen Kamera«, die oppositionellen Gruppen
die Ent Scheidungsprozesse verschleppenden Verwal¬
durch eine nachteilige Berichterstattung zu verunglimpfen
tungsorgane der Stadtbezirke, der Räte der Städte, der Räte und sich selbst unangemessen breit und einseitig in den
der Kreise, der Räte der Bezirke usw. zu. Erst wenn das pas¬
Vordergrund zu schieben. Wir waren der Ansicht, daß die
siert ist, gibt es eine annähernde Garantie, daß Dinge, die ln Demonstration am Montag nicht der geeignete Ort für den
Arbeit oder angedacht sind für den Aufbau von Demokratie, Wahlkampf ist, die SED zwingt uns aber durch ihr Vorgehen
wirklich umsetzbar und für den Einzelnen an der Basis zum Handeln.
spürbar werden. Wir appellieren an dieser Stelle noch einmal emdiinglich
Frage: Warum ist das noch nicht geschehen? Der Wille an alle, den zu erwartenden Wahlkampf ausschließlich mit
der Bevölkerung war doch da? friedlichen, gewaltfreien Mitteln zu fuhren. Angriffe gegen
Antwort: Alle Veränderungen sind von oben durchge¬ Minderheiten auf der Demonstration halten wir für sehr
führt worden, oderauf Grund des Druckes der Bevölkerung. bedenklich und dem gemeinsamen Ziel einer demokrati¬
Der Organisationsgrad der Bevölkerung hat noch nicht aus¬ schen. pluralistischen Gesellschaft für abträglich, Wii wer¬
gereicht, um sich gegen die Bürokratie durchzusetzen, d.h. den unser Ziel, das Machtmonopol der SED zu brechen, nur
sie zu entmachten. erreichen, wenn die Montagsdemonstration ihren aus¬
schließlich friedlichen Charakter behält und alle Panik*
Frage: Das heißt doch, daß im Zentrum die Frage nach der
mache der SED gegen eine rechte Gefahr, die die Restaura¬
Organisierung der Bevölkerung steht?
tion des Sicherheitsapparates rechtfertigen soll, ins Leere
Antwort: So ist es. das denke ich auch.
greift.

Protestdemonstration vor dem Stasi-Gebäude in Leipzig:

8
DDR - SPD

Bericht von der SPD-Delegiertenkonferenz

Wir fordern unsere Hand aus dem Parteiabzeichen zurück


Oi€s war das erste Motto der Delegiertenkonferenz der Soziafde- bürgerlichen Kräften blieb in der Diskussion kontrovers und wurde
mokraten in der DDR vom 12. bis 14.1.19S0 in der Kongreßhalle am nicht entschieden.
Alexanderpidti in Berlin , unter tosendem Beifall von der alten
Rostocker Genossin Kate Waltemath am ersten Tag den Delegierten Beschluß zur Koalitionsfrage
zugerufen. angenommen von der Delegiertenkonferenz der SPD am 111. IddO
Dieser Ruf symbolisiert den Willen der Delegierten, nicht nur aus der
Umklammerung der SED auszubrechen sondern auch ihre Macht io Wir bekräftigen unsere Absicht gemeinsam mit der demokrati¬
den Wahlen zu brechen. Hatte der Vorstand noch kurz vor der schen Opposition im Wahlkampf dafür einzutrelen, daß die SED
Konferenz vorgeschlagen, ein Wahlbündnis der sechs neuen durch den Willen des Wählers entmachtet wird.
politischen Gruppierungen SDP. Neues Forum, Demokratischer ,Wir wollen mit den anderen demokratischen oppositionellen
Aufbruch, Demokratie jetzt, initiative frieden und Menschenrechte Gruppen und Organisationen in engem Kontakt bleiben und gegen
und Vereinigte Linke zu bilden, um die Kraft zu haben, die SED in den sie keinen Wahlkampf führen. Das ist auch wichtig für die Arbeit
Wahlen zu schlagen, so sind die Delegierten einen anderen Weg ge¬ am runden Tisch.
gangen. Sie schlossen eine Listenverbindung mit anderen Parteien Eine klare Bündnisaussage kann erst durch den ersten Parteitag
und Gruppierungen grundsätzlich auS; wenn sie auch keinen oder nach ihm erfolgen.
Wahlkampf gegen die neu entstandenen demokratischen Gruppen Eine gemeinsame Liste kommt für uns nicht in Frage!
fuhren wollen, mit denen sie aus der Zeit der Illegalität verbunden Als Koalitionsaussage ist jetzt definitiv nur eine möglich: Keine
sind. Eine Koalitionsaussage wurde nicht getroffen außer der Koalition mit der SED.
Selbstverständlichkeit, daß eine Koalition mit der SED grundsätzlich
ausgeschlossen ist Die Frage nach einer eventuellen Koalition mit

Wir Sozialdemckraten bekennen uns zur Einheit der deutschen Nation


So beginnt die deutschlandpolitische Erklärung. Während die Erklärung des Vorstands vorderKoiferenz weitergeht mit der Aussage
Sie muß von beiden deutschen Staaten gestaltet werden,
vi/urde die Konferenz hier viel konkreter. In der einstimmig beschlossenen Erklärung heißt es nach dem ersten Satr
Ziel unserer Politik ist ein geeintes Deutschland. Eine sozialdemokratisch geführte Regierung der DDR wird die notwendi¬
gen Schritte auf dem Weg zur deutschen Einheit in Abstimmung mit der Regierung der Bundesrepublik Deutschland gehen.
Was sofort möglich ist, soll sofort geschehen.
SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands (ohne Zusatz)
Unbestrittener Höhepunkt der Konferenz war zweifellos die werde, wenn westliches Kapital In den Kombinaten investiert wird.
Abstimmung überden Namen der Partei. Der Wunsch nach einem Er trat fOr ein nicht naher bezelchnetes Arbeitsbeschaffungspro-
einheitlichen Namen der deutschen Sozialdemokratie spielte in den gramm und für die Bildung einer Arbeitslosenversicherung ein. Der
meisten Bosisgruppen von Anfang an eine große Rolle. Die Kollegen letzte Vorschiog bedeutet jedoch, daß die Arbeitslosigkeit eine
aus den Betrieben, die Bürger aus den Stadtvierteln strömten beim Dauereinrichtung wird. Hierzu gab es auf der Konferenz auch andere
ersten Nachlassen der Repression in ihre sozialdemokratische Stimmen. Es wurde von der Partei eine konsequente
Partei, die für sie die Partei Bebels aber auch die Partei Willy Brandts Arbeitnehmerpolitik verlangt, die Unterstützung von starken und un¬
ist. Die Vertauschung der Buchstaben im Namen, SDP, wurde als so abhängigen Gewerkschaften zur Kontrolle der Verhandlungen mit
störend empfunden, daß etliche Basisgruppen sich von Anfang an westdeutschen Unternehmen und zur Sicherung der Interessen der
SPD nannten, üm die Frage zu klären, wurde eine Vorabstimmung Kollegen.
Ober den Namen anläßlich der Delegiertenwahl organisiert. Oie Die Konferenz hat eine politische Perspektive zur Brechung der
überwältigende Mehrheit der Mitglieder in den Basisgruppen votierte Macht der SED gegeben • der Parteitag vom 22. bis 28. Februar in
für SPD, weil sie den Gedanken an eine Trennung oder gar Spaltung Leipzig muß diese Perspektive in die Betriebe tragen und ein
der deutschen Sozialdemokratie nicht ertragen konnte - hatte doch Wahlprogramm verabschieden, daß die Arbeiterinteressen vertritt
der von den Besatzungstruppen 1945 erzwungene getrennte Aufbau und die Perspektive der Einheit Deutschlands durch das Programm
der SPD in den Zonen es den Stalinisten erleichtert sich den Ostteil für eine Arbeiterregierung in ganz Deutschland konkretisiert.
der Partei, damals mehr als 500000 Genossen, einzuverleiben. Horst Uebelgünn
Die Delegiertenkonferenz beschloß gegen nur 6 Stimmen, bei 24
Enthaltungen den einheitlichen Namen SPD - Sozialdemokratische
:ErkIärung zur deutschen Frage
Partei Deutschlands. Markus Meckel vom Vorstand und einer der
angenommen von der Delegiertenkonferenz am 14.1.1990 in Berlin
Gründerväter beantragte, dem Namen den Zusatz DDR. wenn auch in
Klammern, hinzuzufügen, was jedoch mit Zurufen "ohne Zusatz* zu-
ruckgewiesen wurde. Wir Sozialdemokraten bekennen uns zur Einheit der deutschen
Als erater nach dieser Abstimmung sprach Egon Bahr, der zuvor Nation. Ziel unserer Politik ist ein geeintes Deutschland. Eine
schon mit minutenlangem Beifall, der in stehende Ovationen über¬ sozialdemokratisch geführte Regierung der DDR wird die
ging, begrüßt wurde. Er kennzeichnete diese Abstimmung als eine notwendigen Schritte auf dem Weg zur deutschen Einheit in
historische Abstimmung nicht nur für die Geschichte der Partei son¬ Abstimmung mit der Regierung der Bundesrepublik
dern auch für Deutschland gehen. Was sofort möglich ist. soll sofort ge¬
die Geschichte Deutschlands. Er schlug außerdem eine schehen. Eine sozialdemokratische Regierung wird einen
Konföderation der beiden SPDs vor und sicherte - wie die anderen
Wirtschafts* und und Währungsverbund als vorrangige
Vertreter der SPD aus Westdeutschland Umfangreiche Hilfe zu. Dies
ist im beginnenden Wahlkampf bitter nötig, hat doch die SPD bis Aufgabe in Angriff nehmen. Alle Schritte des deutschen
heute nicht einmal eine Wochenzeitung oder ein Informationsblatt Einigungsprozesses müssen in den gesamteuropäischen
für Mitglieder, während die SED nach wie vor den Zeitungsmarkt Einigungsprozeß eingeordnet sein. Denn wir wollen die deut¬
Ostdeutschlands beherrscht sche Einheit nur mit der Zustimmung aller unserer Nachbara
Ihre Grenzen sind für uns unantastbar. Wir erstreben eine eu¬
Doch es gab auch ungelöste Probleme: ropäische Sicherheits* und Friedensordrtung. Wir sehen dabei
Maikus Meckel sagte in seiner großen programmatischen Rede am für uns die besondere Verantwortung, den Demokratisie-
letzten Tag, daß die Sozialdemokratie nichts verheimlichen wolle und rungsprozeß und die wirtschaftliche Erneuerung in Osteuropa
vertrat die Auffassung, daß es in jedem Fall Arbeitslosigkeit geben zu fördern
9
»Ost-West-Diskussionsforumtf Nr, 10 Februar 1990

Interview mit Eveline Heinemann


(Hinweis der Redaktion: Eveline Helremann ist Vorsitzende des SPD-Krelses Berlin*Lichtenberg>

Frage: Die SPD hat einen Vertreter in die Frage: Es ist an2unehmen, daß die SPD die
Regierung Modrow entsandt was ist Deine Wahlen am 18. März gewinnen und die
Position dazu? Regierung stellen wird. Welche Aufgaben
E.H.: Wir hatten auf der Landes-delegiertenkonfe- hältst Du für vorrangig für eine SPD-
renz eigentlich uns deutlich abgegrenzt und gesagt, Regierung in der DDR?
Eintritt in die SED-Regre-rung erst unter den E.H.: Ich bin erstmal der Meinung, daß eindeutig
Umständen, daß eindeutig die Verantwon-lichkeit gesetzliche Veränderungen in Kraft treten müssen,
geklärt wird und nur unter der Bedingung, daß die daß der Werktätige sein Recht auf Arbeit haben
SED Konkurs in weitestem Sinne anmeldet. Ich bin muß. Daß das irgendwo verankert wird, daß in die¬
also der persönlichen Meinung, daß ein Eintritt jetzt sem Zusammenhang auch die Gewerkschaft oder,
unter den noch nicht geklärten Bedingungen falsch wenn wir sie anders nennen wollen, die Betriebs¬
ist. Oie SED hat die wichtigsten Ministerposten räte wichtige Funktionen einnehmen, damit wir die
nach wie vor besetzt und nach wie vor stellen sich soziale Stellung, die unsere Leute haben, in irgend¬
ln weitestem Sinne bezeichnende Skandale heraus, einer Form halten können. Ich bin aber auch der
siehe auch jetzt die ehemalige Finanzmlnisterin. Meinung, daß man zielstrebig auf die Einheit der
Damit schwindet das restljche Vertrauen. Bevor Nation hinarbeiten muß aber daß das nicht eine
nicht eine eindeutige Abgrenzung ist, die bis in die Sache über Nacht sein kann sondern vertraglich
mittlere und untere Ebene geht, wo ja der vorher unter bestimmten Bedingungen abgestimmt
Mechanismus SED immer noch wunderbar funktio¬ werden kann, damit die Leute auch sehen, es geht
niert, sollte man nicht in der jetzigen Phase in die aufwärts.
Regierung mit einsteigen. Die Schuldfrage steht Frage: Wie soll die Ausgestaltung der Einheit
nachher: Auch du warst beteiligt. Deutschlands durch eine SPD-Regierung in der
Die Notlage, die zur Zeit in der DDR-Wirtschaft DDR aussehen?
herrscht, müßte auch mit ganz eindeutigen Worten E.H.: Ich würde denken, es bedarf auch in dieser
von unserer Regierung formuliert werden. Richtung eindeutiger vertraglicher Grundlagen, die
Entweder wir legen komplett die Arbeit nieder und jeder von seiner Seite aus einbringt, und die man
besetzen neu oder aber wir führen das, was wir an¬ gemeinsam, also wenn beide Staaten diese Einheit
gefangen haben, die übertragene Verantwortung, auch tatsächlich wollen, dann abstimmt, was ist
mindestens wie ursprünglich avisiert, bis zum 6. gewährleistet, was ist das Positive aus der
Mai zu Ende. Auch mit der jetzt vorgezogenen Bundesrepublik und muß oder kann übernommen
Variante der Wahlen ist nach meiner Meinung kein werden und welche Dinge sind in der DDR, speziell
guter Treffer gelandet. Alle anderen Gruppen, wel¬ in der sozialen Seite, positiv und müssen unbedingt
che sich noch immer fächerartig entfalten, haben erhalten bleiben. Für mich persönlich steht auch die
nicht die Möglichkeit, sich in Irgendeiner Form ein¬ Frage des Grund und Bodens, das ja mit das
zubringen, weil die Zeit einfach nicht ausreicht- Einzige, was hier noch nicht zur Diskussion stand.
Auch die SPD hat zwar eine grobe Formulierung Es gibt ja diverse Grundstücke, die in Treuhand¬
ihres Programmes und hat auch Arbeitsgruppen schaft sind, da betrifft es viele Leute, die wissen
gebildet, die sich mit bestimmten Ressorts be¬ wollen, wenn wir die Einheit haben, was passiert
schäftigen aber um einen echten Wahlkampf führen damit. Ist das alles jetzt an die ursprünglichen
zu können, müssen wir jetzt tagtäglich die gesamte Besitzer abzutreten?
zur Verfügung stehende Freizeit einsetzen, damit
Dann ist für mich auch interessant, wie können wir
wir auch tatsächlich bürgernah sind, wissen, was
so schnell wie möglich unsere Währung konvertier¬
will unser Volk und wie sieht die SPD da eine
bar machen? Welche Varianten gibt es da? Ist eine
Möglichkeit, rauszukommen- Jetzt ln den drei Abwertung unseres Geldes vorausrusehen? 40
Wochen bis zu den Wahlen haben wir sowieso keine
Jahre lang haben wir unter den Bedingungen ge¬
Chance, etwas zu verändern und nach den Wahlen lebt. daß unsere Währung nicht konvertierbar war.
stehen wir vor gewaltigen Aufgaben, die wir wo¬
Wir wollen natürlich jetzt auch ein bißchen an den
möglich auf uns allein gestellt, falls wir die Wahlen
Lebensstandard ran. Der westliche Bürger muß also
gewinnen, auch nicht lösen könnert. Wir brauchen
einen Schritt zurücktreten, damit sein Nachbar ein
da sicherlich Unterstützung von der SPD anlei¬
wenig vorankommt und von der Seite sehe Ich da
tungsmäßig ohne eine Umklammerung von der
euch noch Probleme auf uns zukommen.
westlichen Seite oder aus dem Potential der DDR-
Bürger, die sich bis dahin nicht politisch engagiert Frage: Wen siehst Du hauptsächlich als
haben, damit das Vertrauen, das uns jetzt als Ansprechpartner der SPD unter den Kräften
Vorschuß entgegengebracht wird, auch In irgendei¬ der Bundesrepublik im Hinblick auf die
ner Form gerechtfertigt ist. Vereinheitlichung des Landes?
Die Form der angestrebten Linie der Einheit E.H.: Ich würde Schmidt sehen, ich würde eventuell
Deutschlands sehe ich unter der Bedingung, daß auch Vogel sehen, SPD, nicht so sehr Lafontaine,
unsere Wirtschaft jetzt völlig am Boden ist, und daß weil er mir doch etwas sehr kritisch erscheint und
wir soziale Bedingungen, die wir hätten irgenwann ich als Berlinerin stehe natürlich auf Willy Brandt!
noch stellen können, jetzt als Anliegen des DDR- Frage: Welche Position siehst Du bei
Volkes gar nicht mehr einbringen können in Form Lafontaine kritisch?
einer Wiedervereinigung oder Einheit Deutschlands E.H.: Er blockt jetzt erst mal die Übersiedlerei ab,
und unsere Position wird In dieser Richtung, je län¬ was ja rum einen richtig ist, unser Volk rennt ja
ger die Regierung nicht voll handlungsfähig ist, im¬ weg und wir müssen es irgendwo aufhalten, aber
mer kritischer. ich bin der Meinung, indem ich soziale Abstriche
10
mache, damit halte ich den Prozeß auch nicht auf.
DDR - Geschichte

Auszüge aus der Rede der Rostockerin


Käthe Woltemath-Krogmann auf der Berliner Delegiertenkonferenz
der SPD in der DDR zur Zwangsvereinigung 1946 (fr, 23.1.1990)
10. Dezember 1953 von der Kripo, verhaf¬ Ich habe nichts gestanden, was ich
Die Sozialdemokraten der Stadt und
tet nicht zu verantworten hatte. Standhaft zu
des Kreises Rostock haben mich beauf-
Mir wurden sofort zwölf Jahre Zucht¬ bleiben, war nicht leicht leb habe es g^
traft Euch allen die herzlichsten Grüße,
haus angedroht Wegen Bildung einer Wi¬ schafft So konnte man kein Geständnis
verbunden mit futen Wünschen für das
derstandsgruppe Naumann, Kontakte von mir benutzen, um mich für zwölf
erfolfreiche Gelingen dieser Delegierten¬
zum Berliner Ostbüro. Hetze usw. Der In¬ Jahre wie angedrobt ~ verschwinden
konferenz zu überbHngen. Das tue ich
haftierungsgrund für meinen Mann war. zu lassen.
voller Freude, denn wem das Herz so voll
Ist dem fließt der Mund über. er habe sein Vermögen nach West-Berlin Von allen Beschuldigungen blieb Übrig:
verschoben mit dem Ziet die DDR zu vtr- Hetze gegen leitende Fiktion are. Es wa¬
Fast 30 Jahre durfte ich nicht zu den
lassea Ich will hier nur sagen, nichts von ren al^r Wahrheiten, die ich auch den
Menschen gehen, jedenfalls nicht mit po*
dem allen hatten wir getan. Aber aus den Betreffenden selbst gesagt hatte, wie
litischen Absichten, denn ich wurde als
U* Haftanstalten wurde niemand als Un¬ Selbstmordversuche von betrogenen Ehe¬
Feind der SED und der DDR beim
schuldiger entlassen. frauen, Ausschluß von alten verdienten
Staatssicherheitsdienst geführt ( « , »]

1946 fanden wir uns zunächst mit der


Vereinigung ab. Wir trösteten uns damit,
daß wir ja so viele waren und die KPD
viel weniger Mitglieder eingebraebt hätte Auf der Berliner Delegiertenkonfe¬
und so würden wir unsere sozialdemo¬ renz der Sozialdemokraten In der
kratischen Impulse schon ausstrahlen DDR hielt die knapp siebzigjährige
können. Zunächst wurden ja .ille Leitun¬ Rostockerin Käthe Woltemath-Krog¬
gen und Institutionen paritausch besetzt
Das dauerte ca. nur ein Jahr, dann waren mann eine Rede, bei der den Zuhö¬
fast überall die Sozialdemokraten schon rern die Tränen in den Augen stan¬
aus de n Leitungsgr etnien herausge¬ den. Sie erzählte ihre eigene Ge¬
bracht und Albert Schultz war in Ro¬ schichte und malte dabei gleichzeitig
stock bis 1949 auch der letzte Oberbür¬
germeister aus der früheren SPD. wenn die Geschichte ihrer Partei In der
ich mich recht erinnere. ( . ^ ^) DDR ^ insbesondere seit der
„Zwangsvereinigung*.

Am 5. Dezember 1958 wurde ich vom


Staatssicherheitsdienst mein Mann am

Die Zwangsvereinigung von SPD und KPD in der SBZ


-Dokumentation-
Die politische Bedeutung der „Zwangsvereinigung“ Schon im Juni 1945 waren überraschend durch die
Die „Zwangsvereinigung*' muß vor allem als Zerschla¬ sowjetische Besatzungsmacht die SPP und die KFD als
gung der freien unabhängigen Organisierung der Arbei¬ getrennte Parteien zugelassen worden, Die Angebote der
terbewegung in der SBZ, sowie als der „erste große SPD, sofort eine einheitliche Arbeiterpartei zu bilden,
Schritt zur Spaltung Deutschlands “ charakterisiert wer¬ lehnte die KPD ab. Im Herbst 1945 schwenkte dann die
den. KPD auf den neuen Kurs der Vereinigung mit der SPD ein.
Als am 21. und 22. April 1946 507 EPD-Delegierte und Das war eine Reaktion auf die Tatsache, daß die SPD eine
548 SPD-Delegierte in Berlin im Admiral spalast aiaf der breite Massenbasis behaupten konnte, während die KPD
Frledrichstiaße zum „Vereinigungsparteitag*' zusam¬ vor allem durch die Übergriffe der sowjetischen Besat¬
mentrafen, repräsentierten sie ca. 600 000 KPD-Mitglie- zungsmacht auf die Bevölkerung zunehmend diskredi¬
der und 681 000 SPD-Mitglieder in der Sowjetischen tiert war.
B e satzungs zone. Die im April 1946 erfolgte Zwangsvereinigung und die
Ulbricht sprach von einer „Neugebuit der deutschen Spaltung Deutschland führten schließlich zu einer noch
Arbeiterbewegung". Doch wie die Dokximente zeigen, tieferen Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung als
mußte diese Vereinigung gegen den Widerstand der vor 1933 {*).
Sozialdemokraten erzwungen werden; dieser Akt wurde Diese Dokumentation ist zu beziehen Uber:
begleitet von der Verfolgung und Verhaftungen Tausen¬ Ost-West-Gesellscheft e.V., Stemstr. 50; 4000 Düssel¬
der Sozialdemokraten und der Liquidierung der sozialde¬ dorf, und kostet 4,- OM / 4,- M.
mokratischen Organisation in der SBZ.
Damit wurde die Hoffnung vieler Sozialdemokraten
und Kommunisten, die gemeinsam im Widerstand
(*) Die OppositionsgruppederSPD brachte Flugblätter heraus,
gekämpft hatten oder gemeinsam in den KZs eingeker¬
in denen hieß es: ».Haltet feet an den einmal gefaßten EntachJüs*
kert waren, 1945 mit dem Aufbau einer einheitlichen sen. Sie heißen nach wie vor: Keine VerscJimeizung ohne Partei¬
Arbeiterpartei endlich die Spaltung der deutschen Arbei¬ tag im Reichsrehmen! Keine Zerreißur^g DeutechJandsf Keine
terbewegung überwinden zu können, zerschlagen. Zeireißung der SPVf"

11
Oet-West-Diskussionsforum« Nr. 10 Februar 1990

Mitgliedern unter lügenhaften Beschuldi* ter eine große Mitgliederversammlung Dokument welches so erschüttert wie
gungen usw. Dafür bekam ich 15 Monate durch. Die Mitglieder der Hostocker SPD dieses. Und zugleich ist es auch die härte¬
Gefängnis. Willi Jesse. inzwischen Landessekretär in ste Anklage gegen die SED und ihren ge-
Aus dem Zuchthaus Bützow wurde ich Mecklenburg-Vorpommern. Albert waltätigen Machtapparat Als dieser
1960 als Invalide entlassen. Mein Prozeö Schultz, Alfred Starosson, Heini Beese u. Brief aus Bautzen in Hamburg eintraf,
wurde drei Tage lang als Schauprozed a. hatten nächtelang nach einer vorsichti¬ natürlich auf Umwegen, waren IS QOO
durchgeführt 200 Karten waren verteilt gen aber dennoch klaren Formulierung Menschen im Laufe der vorausgegange¬
worden. Oie Bevölkerung hatte nicht für die ablehnende Resolution gesucht nen Jahre dort schon an Hunger, Tuber¬
Ruhe gegeben und verlangte den ÖffentU* Die mir noch heute in vollem Wortlaut kulose, Kälte und Prügel verstörten.
chen Prozeß. Mit den vorgenaimten lü« vorliegende Resolution wurde am 6. Ja¬ Einer der wenigen, die diese Hölle über¬
gen haften Beschuldifungen wurde ich nuar 1946 im Stadttheater Rostock ein¬ lebt haben, war Heini Beese. Sechs Jahre,
schon einen Monat nach meiner Verhaf¬ stimmig angenommen. Warum vorsichtig davon 30 Monate in Einzelhaft hat er
tung aus der SED ausgeschlossen, ob¬ formuliert? Weil sowjetisch« Offiziere an dort zu gebracht Diese Schicksale mögen
gleich der Prozeß später ergab, daß ich zu dieser Großversammlung teilnahmen. für viele stehen.
unrecht in diesem Umfang beschuldigt Trotzig und fest klang zum Schluß un¬ Dies allein genügt schon, all das andere
worden war. ^ j ser Lied „Brüder in eins nun die Hände** Schreckliche an weiteren Verbrechen
durch das Theater. Die Hände fanden und Vergehen, das in letzter Zeit aufge¬
Laßt mich nun aus der Rostocker Sicht I sich, hielten fest und wollten nicht loslas- deckt wurde noch dazu genommen, um
zu Buch sprechen. Nach 44 Jahren ist es (sen. Doch wie bald wurden sie für lange sich voller Abscheu von der SED abzu¬
das erste Mal. daß sich Sozialdemokraten wenden. Ich selber und mein Mann ha¬
in der DDR mit ihren trotz Terror und Zeit bis in diese unsere Tage hinein ge¬ ben Ja die Haftbedingungen beim Staats¬
löst Jetzt noch einmal das Aufbegehren
Zwangsvereinigung nicht erkalteten Her¬ sicherheitsdienst und in den Voltzugsan¬
zen ganz wieder einbringen können in wagen, noch einmal am 16. 3. 1946 die stalten, aber auch ihre Arbeitsmethoden,
die Verantwortung um das .weitere große Mitgliederversammlung, noch ein¬ persönlich kennengelernt Ich weiß also,
Schicksal unseres Volkes hier in diesem, mal die Resolution. Jetzt gehörte noch wovon ich rede.
unserem Land. Heute aber sind es über¬ mehr Mut zu diesem Tun. Die ersten Ver¬ Deshalb fordere ich in Ubereinstixxi-
wiegend die Töchter und Söhne sowie die haftungen wurden bekannt mung mit unseren Mitgliedern in Ro¬
Enkelkinder der Sozialdemokraten von Rostock versuchte, ein Zeichen zu set¬
stock von Herrn Gysi, also von der
vor 1933, als unserer Partei schon einmal zen, wollte Zeit schaffen für düe Urab¬ SED-PDS, aus dem Parteiabzeichen der
das Ijebenslicht ausgeblasen und ihren stimmung in allen vier Besatzungszonen, SED unsere Hand, die Hand der Sozial¬
Mitgliedern Verhaftung und Tod angetan für Berlin Flagge zeigen, aber wo blieb demokraten, zurück. Wir sind nicht mehr
wurde. der Zentralausschuß, die Urabstimmung,
ein Teil der Einheitspartei, davon haben
1945 war es kaum faßbar und zugleich wo blieb Otto Grotewohl? Die Partei lebte wir uns freigemacht 44 Jahre hat man
erschütternd, wie viele Menschen in die zwischen Hoffen und Bangen, alle Ent¬ unsere Hand festgehalten, damit wir
wiedergegründete SPD in der damaligen scheidungen auf höherer Ebene blieben nicht existieren konnten. Nun ist es ge¬
sowjeUschen Besatzungszone bereits in aus. Jetzt ging es im Zeitraffertempo. Der nug!
den ersten Wochen eintraten. Es lagen Druck wurde verstärkt In vielen Orten Wir lassen uns nicht mehr und auch
zwölf Jahre Naziterror und Parteiverbot des Landkreises berief der Ortskomman¬ nicht wieder umarmen. Die Umarmungen
mit unendlichen Opfern und der Zusam¬ dant der Roten Armee die Versammlun¬ der Kommunisten sind für so viele von
menbruch des Hitlerstaates mit dem En¬ gen ein. Die Abstimmung wurde hier vor¬ uns tödlich gewesen.
de des sechs Jahre dauernden völkermor¬ ab getroffen, wie konnte sie anders als Herr Gysi, warum suchen Sie für Ihre
denden Krieges hinter unserem Volk. Der mit Ja ausfallen. Partei nicht einen anderen Namen? Sie
Mitglieder Zustrom zur SPD hielt unver¬ Wieder folgten Verhaftungen. Anfang bezeichnen sich doch bei jeder Gelegen¬
mindert an. Von uns erwartete man. daß April 1946 tagte in einem kleinen Kino ln heit als Kommunisten. Warum nennen
wir eine gerechte soziale und dexnokrati* Schwerin die Landesdelegiertenkonfe¬ Sie sich dann nicht auch so? Sic geben
sehe Republik mit allen gutwilligen Men¬ renz der SPD. Sie wurde von Willi Jesse vor, sozialdemokratische Traditionen zu
schen zusammen errichten würden. Das geleitet, der jetzt Landessekretär war. bewahren, welche denn? Wir haben nicht
alles beobachtete die sich ebenfalls wie¬ Hermann Lüdemann durfte nicht mehr gemordet, octrogen und unser Volk bis
der formierende KPD mit Besorgnis. Sie politisch tätig sein. an den Ruin gebracht Sie haben kein
sah ihre Felle wegschwimmen. So würde Die KPD hatte am gleichen Tage in Recht jetzt auch noch unsere Wurzel, die
es mit der geplanten Machtübernahme Schwerin ihre Delegiertenkonferenz. Mit ist seit Gründung der SPD 1875 inzwi¬
nichts werden. Also mußte die SPD weg, ihren wenigen Delegierten tagte sie im schen IIS Jahre alt für sieh zu verein¬
sie war hinderlich, sie stand im Wege. großen Staatstheater. Aber das alles war nahmen. Das konnten Sie ja schon im¬
Tapfer haben sich die Sozialdemokraten schon ohne Bedeutung. Der Zentralaus¬ mer gut in jeder Beziehung — das Ver¬
zunächst noch den vorsichtig geäußerten schuß in Berlin war umgefallen, die einnahmen. Aber jetzt ist damit Schluß.
Wünschen und Empfehlungen zum Zu¬ Schlacht um das Überleben der SPD war Wir werden Sie daran hindern, noch
sammenschluß mit der KPD zur Wehr ge¬ verloren. Mit Gesang und Fahnen, in einmal unser Volk und unser Land unter
setzt Auch die SPD sah die Notwendig¬ einer filmreifen Inszenierung marschier¬ Ihre Knute zu bringen. Das haben Sie
keit dieses Zusammenschlusses ein, woll¬ te die KPD in das Kino, also bei der doch vor ^ oder?
te jedoch eine einheitliche Entscheidung SPD-Delegiertenkonferenz, ein. Warum drängt es mit dem Verfas¬
in den vier Besatzungszonen herbeige¬ Die Vereinigung wurde durchgeführt sungsschutz so? Warum werden die
führt haben. Die SPD-Mitglieder sahen in Wieder „Brüder in eins nun die Hände**, Kampfgruppen erst im Juni aiifgelöst?
Rostock prophetisch voraus, daß der in nur die KPD sang. Trinen in den A\igen Sollen die alten Machtinstrumente in ih¬
der sowjetischen Besatzungszone allein die SPD-Mitglieder, sie sorgten sich um ren Startlöchern bereit stehen bis zum 6.
durchge^hrte Zusammenschluß das En¬ ihre Partei und deren Mitglieder. Sie Mai? Wofür sollen sie dann dienen?
de der Sozialdemokratie in diesem Teil weinten, auch vor Wut und Ohnmächtig- Aber dieses Mal werden wir die Pläne
Deutschlands bedeuten würde. keit Die KPD jubelte. Willi Jesse machte der SED durchkreuzen. Das wird unseren
Das Verhältnis der Mitgliederzahl war den Fehler, es nicht zu tua Damit war ganzen Einsatz erfordern. (♦..)
auf 1;3 angewachsen, d. h., ein Kommu¬ sein Schicksal besiegelt Zweieinhalb Mo¬ Jawohl, so Ist es! Darum treten wir aa
nist, drei Sozialdemokraten. Nach Willen nate später wurde er auf offener Straße Aber warum nicht unter dem alten ehrli¬
der KPD mußte jetzt vereinigt werden. in Rostock weggefangen und kam nach chen Namen Sozialdemokratische Partei
Die KPD nahm die Unterstützung der so¬ acht Jahren als gebrochener, todkranker in der DDR, also SPD. Warum die andere
wjetischen Besatzungsmacht ohne Ge¬ Mann aus Sibirien zurück. Abkürzung SDP, die niemandem geläufig
wissensbisse ihren Klassen brüdern in Heini Beese wurde später, wie auch Al¬ ist und nur zu Irritationen führt Die Mit¬
der SPD gegenüber in Anspruch. bert Schultz und viele, viele andere in glieder in Rostock fordern, das sofort zu
Es wurde mit Schuldzuweisungen gear¬ den Jahren 1947 und später, verhaftet ändern. Wir sind die SPD, die saubere
beitet. indem man die Sozialdemokraten Sie befanden sich, wenn nicht in Sibirien, ehrwürdige, traditionsreiche Partei der
beschuldig, den Machtantritt Hitlers dann in Bautzen. Unter welchen qualvol¬ Sozialdemokraten in Deutschland. Diesen
mit herbeigeführt zu haben, weil sie sich len Bedingungen sie dort gelebt gelitten Namen wollen wir hüten als ein Ver¬
Ende der Zwanziger. Anfang der Dreißi¬ haben und gestorben sind, ist dem Brief mächtnis all derer, die dafür lebten und
ger Jahre der Vereinigung widersetzt zu entnehmen, der im Auftrag von 6000 starben. Nehmen wir das Banner, das un¬
hatten. Jetzt müsse sie diesen schbmmen Gefangenen aus Bautzen im Mai 1950 an sere Vorväter und zum Teil wir ja noch
Fehler wieder gutmachen, denn die Zu¬ die SPD in der Bundesrepublik gerichtet selbst 1946 zum zweiten Mal innerhalb
kunft Deutschlands erfordere das. wurde. Herbert Wehner hat ihn im Mai von 57 Jahren niederlegen mußten, nun
Die Zeit drängte. Am 6. Januar 1946 1950 in Hamburg auf dem dortigen Par¬ stolz wieder auf und halten es in den
führte die SPD in Rostock im Stadtthea- teitag verlesen. Es gibt wohl kaum ein Wind. (...)

12
DDR - Berichte und Diskussion

Warum die politischen Monopole


in Osteuropa wie die Fliegen sterben oder:
Die Zeit ist reif!
In den letzten osteuropäischen poli¬ Im Gegensatz zum ökonomischen herrschende Gruppe an der Führung
tischen Monopolen zeigen sich ernste Monopol in der Marktwirtschaft, das der Partei — manchmal auch nur der
Risse, aus denen lang Verborgenes seinen Lebensraum in der Wirtschaft Führer — sind das einzige wu-kliche
und immer wieder unter den Tisch Ge¬ hat und sich immer vrteder auf dem Rechtssubjekt des Staates.
kehrtes empoisteigt. Korruption, Markt beweisen muß, und das in die Ziele des politischen Monopols in
MachtraiJlbrauch, Mißwirtschaft, Pri- Politik geht, um gute marktvshrtschaft- den verschiedenen Bereichen weiden
vilegientum, Fiinktionärsfilz, Geset¬ liehe Ergebnisse zu erreichen, exi¬ auf Kosten aller Menschen erreicht.
zesbrüche — das alles wird deutlich stiert das politische Monopol in der Häufig kostet es viel Blut des Volkes.
und steht im krassen Widerspruch zu Sphäre der Politik. Es wirkt ober den Es gibt keine freien Wahlen, keine
dem Büd, daß noch vor kurzem voniln- Machtapparat und über die Ideologie Möglichkeit, sich der Tyrannen zu ent¬
formationsmonopol der kleinen Par¬ bzw. eine Art leligiösei Ideologie. ledigen.
teiadelsschicht verbreitet wurde. Die Ein politisches Monopol existiert
heile Welt stürzt zusammen. Der Par¬ auf der Basis der Monopolisierung Die Degenerationsphase
teiadel hat jedes Vertrauen bei der Be¬ - der Macht
Die realen Umgestaltungsziele wur¬
völkerung eingebüßt. Er verliert seine - der Informationen
den erreicht. Unrealistische werden
in den Verfassungen der kommunisti¬ - des Rechtes
weiterhin als Mythos kolportiert. Man
schen Lander festgeschriebenen Vor¬ - der Ökonomie
hat jeden Tag das Gefühl, die Medien
herrschaft sprivUe gien. - der Kultur und aller anderen Berei¬
schon mal gesehen zu haben. Sie
Woran liegt das? Der vor einigen che des gesellschaftlichen Lebens.
etrotzen von Erfolgen, die im krassen
Jahren angeblich im November beim Das politische Monopol ist immer Gegensatz zum täglich Erlebbaren
Schwimmen in der Ostsee ertrunkene eine Art geschlossener GeseUschaft, stehen. Die mittelalterliche Struktur
DDR-Professor Dr. Lothar Kühne bil¬
in der keine neuen gesellschaftlichen der GeseUschaft hemmt die Entwick¬
ligte einer Partei nur dann die Füh¬ Kräfte entstehen können. Sie werden lung der Produktivkräfte. So ist die
rungsrolle zu, wenn sie mit den histo¬ unterdrückt. Das politische Monopol DDR zwar in der Lage gewesen, eine
rischen Erfordernissen überein¬ ist nach innen nicht wirklich dialogfä¬ Reihe von Basisinnovationen durchzu¬
stimme. Das ist nicht mehr der Fall.
hig, denn jeder Dialog würde nur zur setzen, die sehr aufwendig waren,
Die Ursachen dafür liegen in dem Sy¬ Einschränkung seiner absoluten doch die Folgeinnovationen, die das
stem des politischen Monopols selbst.
Macht beitragen. Nach außen kann Geld bringen, konnte sie nicht ausrei¬
das politische Monopol entsprechend chend Umsetzen.
Was ist ein dem internationalen Kräfteverhältnis Der Grund Uegt im mangelnden In¬
politisches Monopol? dialogfähig sein. Es sichert dadurch teresse der Betriebe, die Folgeinnova¬
günstige innere Bedingungen. tionen durchzusetzen. Die Ursache
Ein politisches Monopol ist eine auf
Der Lebenszyklus der politischen dafür liegt darin, daß die Betriebe
einer Ideologie beruhende Organisa¬
Monopole besteht im wesentlichen in nicht einmal wirklich über ihre eigene
tion, die mit einer militärisch organi¬
drei Phasen: Reproduktion bestimmen können. Mit
sierten Partei, dem Militär selbst oder
der kriegswirtschaftlichen Organisa¬
in der Historie mit Hilfe der Kirche und
ihrer Religion, in einer tiefen Gssell- Die Aufbauperiode tion der Produktion lassen sich be¬
stimmte Schwerpunkte erreichen,
schaftskrise die Macht ergreift. Seine Das politische Monopol übernimmt
doch die Entwicklung einer organisch
objektive Funktion - unabhängig von die politische Macht nach einer tief¬
abgestimmten Volkswirtschaft ist da¬
der Ideologie - ist es, die Abwärtsent¬ greifenden gesellschaftlichen Krise
mit nicht möglich.
wicklung einer Gesellschaft abzufan¬ (Weltwirtschaftskrise, Krieg oder
gen, die Gesellschaft zu stabilisieren nach der Herrschaft eines anderen po¬
und den Weg zu einer Höherentwick¬ litischen Monopols). Es setzt in allen Die Lebensdauer
lung freizumachen. Das politische Mo¬ Bereichen seine Ziele fest. z.B. soziali¬ Politische Monopole haben eine un¬
nopol ist immer das Zurückspringen stische Umgestaltung der Landwirt¬ terschiedliche Lebensdauer. Sie hängt
einer Gesellschaft auf ein energiear¬ schaft, Schaffung einer sozialistischen ab vom Entwicklungsstand der Pro¬
meres Niveau, ist in unserer Zeit das Volkswirtschaft, sozialistischer Rea¬ duktivkräfte. Je höhet der Entwick¬
Zuriickspringen von der Marktwirt¬ lismus, sozialistisches Menschenbild, lungsstand ist und je schneller sich die
schaft auf mittelalterliche Strukturen, sozialistische Moral u.a.m. Es setzt Produktivkräfte entwickeln können,
die immer mit außerökonomischem sein MachtmonopoL in allen Bereichen desto eher stirbt das politische Mono¬
Zwang verbunden sind. der Gesellschaft durch, getreu dem pol. Sein Tod sind rechtlich selbststän¬
ln diesen Herrschaftsformen domi¬ Motto: „Die Partei, die Partei, die hat dige und unabhängige Wirtschafts¬
niert das Privilegiensystem das Lei¬ immer recht. “ einheiten in allen Sphären der Produk¬
stungsprinzip. wird die Staatsbürger¬ tion und eine breite politische Gegen¬
schaft zu einer Form der modernen
Die Reifephase bewegung. In der Tendenz nimmt die
Leibeigenschaft. Wer aus diesem Sy¬ Lebensdauer politischer Monopole in
stem fliehen will, der wird einge¬ Das politische Leben wurde gleich¬
entwickelten Staaten immer weiter
sperrt, getötet oder verkauft. Die ab¬ gestaltet. Die Wirtschaft wurde
ab.
solute Macht einer kleinen Parteia¬ kriegswirtschaftlich umgestaltet und
delsschicht basiert auf der rechtlichen autark orientiert- Der außerökonomi¬
sche Zwang dominiert das politische
Das Feindbild
Unselbstständigkeit und Abhängig¬
keit der Wirtschaftseinheiten von der Leben, was auf das gesamte gesell¬ Wichtige Voraussetzung für ein po¬
obersten Zentrale. Erst die rechtliche schaftliche Leben ausstiahlt. Die litisches Monopol ist ein ausreichen¬
Selbstständigkeit und Unabhängig¬ Menschen werden zu auswechselba¬ des Feindbild. Auf dieser Basis ist eine
keit der Produzenten schafft die Vor¬ ren Schräubchen im Getriebe des poli¬ kriegswirtschaftliche Organisation
aussetzungen für Demokratie. tischen Monopols. Die kleine, absolut der gesamten Gesellschaft möglich.

13
Ost-West-DiskussionsfonimH Nr. 10 Februar 1990

Aus dem Feindbild wird das Wertesy¬ zu effektiveren Vergesellschaftungs¬ geführt hat, die dem völligen Ausver¬
stem dieser GeseUschaftsfotm we¬ formen möglich. kauf gleichkommt und aus dem die
sentlich mit geprägt. Mit dem Schwin¬ DDR als Staat nicht mehr herauskom¬
men kann. Ein Zusammenschluß mit
den des Feindbildes verändert sich Die Gefahren
das Wertesystem der Menschen, was der Bundesrepublik Deutschland auf
Mit dem niedrigeren Lohnniveau, der Grundlage einer Föderation
zu ernsten Krisen in den politischen
das die Investitionen anlockt, sind die würde sich günstig auf die Überwin¬
Monopolen führt.
Gefahren für Arbeitsplätze in den Ka- dung der katastrophalen wirtschaftli¬
pitalejcportländem verbunden. In der chen Situation auswirken. Sie würde
Die Chance DDR kann ein Ausverkauf einsetzen. den schmerzhaften und schweren
Die Chance zur Überwindung des Doch dieser Ausverkauf hat bereits Weg der DDR zu einem entwickelten
politischen Monopols und des Über¬ stattgefunden. Mehr als 80 % der Land, zu einer Demokratie ohne SED
gangs zu einer marktwirtschaftlichen Spareinlagen, die mehr als 150 Milliar¬ erleichtern.
Demokratie ist da. Erforderlich ist eine den Ostmark ausmachen oder mehr Ein Sonntags Spaziergang erwartet
rasche Umgestaltung der Gesell¬ als einen JahreseinzelhandeUumsatz. dabei aber keinen der DDR-Bürger, Sie
schaft. Neben einer Demokratisie¬ gehören nur etwa 20 Prozent der Be¬ dürfen auslöffeln, was die kleine SED-
rung, neben der Errichtung eines völkerung. Die Staats Verschuldung im Adelsschicht verbrochen hat. Sie müs¬
Rechtsstaates, ist es ertorderlich, die Inland ist ebenfalls enorm und soll um sen den Weg von einem politischen
Hegemonie der kommunistischen Par¬ die 131 Milliarden Ostmark liegen. Monopol zu einer Demokratie schaf¬
teien aus zu schalten und ihr die Basis In den Beziehungen zum Ausland fen, vom Mittelalter in die moderne
ihres ungerechtfertigten Einflusses soll es auch nicht besser aussehen. In Zeit. Das setzt voraus, daß sie Unter¬
auf die Wirtschaft zu nehmen. Als diesem Jahr wird die DDR erstmals ih¬ stützung bekommen, um eine Wirt¬
Übergangsphasen zu einer Marktwirt¬ ren Schuldendienst nicht zahlen kön¬ schaft zu schaffen, die letztlich eine
schaft sind direkte Investitionen aus¬ nen, und füT die 90er Jahre wird sie da¬ Marktwirtschaft ist. Es ist eine Art
ländischen Kapitals aufgrund des für das lOfache ihrer bisherigen Ex¬ Marshall'Plan notwendig, der einen
niedrigen DDR-Lohnniveaus möglich porterlöse aufwenden müssen. Wenn Rückfall in ein neues politisches Mo¬
und in den Industrien mit völlig ver¬ die SED behauptet, sie wolle den Aus¬ nopol unmöglich macht.
alteter Produktions Struktur notwen¬ verkauf der DDR abwenden, so muJl
Heinz Geelhaar
dig. ln anderen Bereichen ist eine man ihr entgegenhalten, daß sie den
volkskapltalistis che Übergangsform Ausverkauf bereits bis an eine Grenze

Gründungserklärung von »Demokratie jetzt«


Liebe Freunde, Mitbürgerinnen, braucht, deren Wohlstand die übrige Welt bezahlen
Mitbürger und Mitbetroffene! muß.
Entgegen allen Schönfärbereien sind die politischen,
Unser Land lebt in innerem Unfrieden. Menschen rei¬ ökonomischen und Ökologischen Krisenzeichen des
ben sich wund an den Verhältnissen, andere resignie¬ Staats Sozialismus auch „iit den Farben der DDR'*
ren. Ein großer Verlust an Zustimmung zu dem, was in unübersehbar. Nichts aber deutet darauf hin, daß die
der DDR geschichtlich gewachsen ist, geht durch das SED-Führung zum Umdenken bereit ist. Es scheint, als
Land. Viele vermögen ihr Hiersein kaum noch zu beja¬ spekuliere sie auf ein Scheitern der Reformen in der
hen. Viele verlassen das Land, weil Anpassung ihre Sowjetunion. Es kommt aber darauf an, die demokrati¬
Grenzen hat. sche Umgestaltung mitzuvollziehen.
Vor wenigen Jahren noch galt der „real existierende" Die politische Krise des staatssozialistischen Systems
Staats Sozialismus als der einzig mögliche. Seine Kenn¬ der DDR wurde besonders deutlich durch die Kommu¬
zeichen sind das Machtmonopol einer zentralistischen nal wählen am 7. Mai 1989. Die Doktrin von der „mora¬
Staatspartei, die staatliche Verfügung über die Produk¬ lisch* politischen Einheit von Partei, Staat und Volk“, di©
tionsmittel, die staatliche Durchdringung und Uniformi- das von Wahlen unabhängige Machtmonopol rechtferti-
sierung der Gesellschaft und die Entmündigung der Bür¬ gen soll, konnte nur noch durch eine Wahlfälschung vor
gerinnen und Bürger. Trotz seiner unbestreitbaren Lei¬ dem Gegenbeweis geschützt werden. 10 bis 20 Prozent
stungen für soziale Sicherheit und Gerechtigkeit ist es der Bevölkerung der großen Städte haben den Kandida¬
heute offenkundig, daß die Ära des Staats Sozialismus zu
ten der Nationalen Front offen ihre Zustimmung verwei¬
Ende geht. Er bedarf einer friedlichen und demokrati¬ gert. Zweifellos wäre diese Zahl bei geheimen Wahlen
schen Erneuerung. noch erheblich höher ausgefallen.
Eingeleitet und gefördert durch di© Initiative Gorbat¬
So viele Menschen werden durch die Nationale Front
schows wird in der Sowjetunion, Ungarn und Polen der nicht mehr vertreten. Sie haben keine politische Vertre¬
Weg der demokratischen Umgestaltung beschritten. tung in der GeseUschaft. Der Wunsch vieler Bürgerinnen
Enorme ökonomische, soziale, ökologische und auch und Bürger nach einer Demokratisierung des Verhältnis¬
ethnische Probleme stellen sich in den Weg und können
ses von Staat und Gesellschaft kann in der DDR noch
die Umgestaltung zum Scheitern bringen, mit unheilvol¬ immer nicht öffentlich zur Sprache gebracht werden.
len Konsequenzen für die ganze Welt. Was die sozialisti¬
Deshalb rufen wir auf zu einer Bürgerbewegung »Demo¬
sche Arbeiterbewegung an sozialer Gerechtigkeit und
kratie jetzt«.
solidarischer Gesellschaftlichkeit angestrebt hat. steht
auf dem Spiel. Der Sozialismus muß nun seine eigentli¬
che. demokratische Gestalt finden, wenn er nicht Wir wenden uns an alle, die von der Not unseres Lan¬
geschichtlich verlorengehen soll. Er darf nicht verloren¬ des betroffen sind. Wir laden alle Initiativgruppen mit
gehen. weil die bedrohte Menschheit auf der Suche nach ähnlichen Anliegen zum Zusammengehen ein. Insbe¬
überlebensfähigen Formen menschlichen Zusammenle¬ sondere hoffen wir auf ein Bündnis von Christen und kri¬
bens Alternativen zur westlichen Konsumgesellschaft tischen Marxisten. Laßt uns gemeinsam nachdenken

14
DDR ‘ Berichte und Diskussion

Als einen ersten unfertigen, unvollständigen und ver¬


über unseie Zukunft, über eine solidarische Gesell¬
besserungsbedürftigen Gesprächsbeitrag fugen wir
schaft, in der
- soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenwürde „Thesen für eine demokratische Umgestaltung in der
DDR“ bei. Schreiben Sie uns Ihre Meinung und Ihre Kri¬
für alle gewahrt sind,
- der gesellschaftliche Konsens im Öffentlichen Dialog tik. Wir bitten Sie um Vorschläge zur Veränderungr
gesucht und durch den gerechten Ausgleich verschiede¬ Erweiterung und Vertiefung. Schreiben Sie uns auch,
wenn Sie diesen Aufruf unterstützen wollen, und lassen
ner Interessen verwirklicht wird;
- die verantwortliche und schöpferische Arbeit der Sie uns bitte wissen, wenn Sie uns organisatorisch stüt¬

Büigeriiinen und Bürger einen lebendigen Pluralismus zen wollen. Schreiben Sie bitte an eine der folgenden
unseres Gemeinwesens schafft; Adressen. Lassen Sie uns Zusammengehen und gemein¬
- RechtsstaatLchkeit und Rechtssicherheit den inne¬ sam die Hoffnung wieder aufrichten in unserem Land!

ren Frieden sichern; Wolfgang Apfeld, 1035 Berlin,


• Ökonomie und Ökologie in Einklang gebracht wer¬ Bänschstr. 37. Tel. 588 82 38
den; Dr. Michael Bartoszek, 1034 Berlin, Bersarinstr. 87,
- Wohlstand nicht mehr auf Kosten der armen Länder Tel. 588 80 12
gemehrt wird; Stephan Bickhardt, 1055 Berlin, Dimitroffstr. 86
- LebenserfüUung in Gemeinschaftlichkeit und schöp¬ Dr. Hans-Jürgen Fischbeck. 1055 Berlin, Bötzowstr. 22
ferisches Tun für das Gemeinwohl mehr als bisher Reiner Flügge, 1054 Berlin, Christinenstr. 36.
gesucht und gefunden werden kann. Tel. 281 89 32
AUe, die sich beteiligen wollen, laden wir ein zu einem Martin König, 1321 Briest, Kleine Str. 3, Tel. Passow428
Reinhard Lampe, 1951 Dorf Zechlin, Dorfstr. 29,
Dialog über Grundsätze und Konzepte einer demokrati¬
schen Umgestaltung unseres Landes. Im Januar oder Tel. 00 362 93/469
Ludwig Mehlhom, 1058 Berlin, Wörther Str. 35
Februar 1990 wollen wir zu einem Vertretertreffen derer,
die sich beteiligen, einladen. Es sollte ein Grundsatzpro¬ Ulrike Poppe. 1055 Berlin, Rykestr. 28, Tel. 245 8180
gramm beschließen sowie Sprecherinnen und Sprecher Di. Wolfgang UTlmaim, 1040 Berlin. Tieckstr. 17,
wählen, die dieses Programm in den dringend erforderli¬ Tel. 28140 72
chen Dialog aller gesellschaftlichen Kräfte einbringen Dr. Gerhard Weigt, 1185 Berlin, Gotenstr, 5/128-01
KoniadWeiß, 1100 Berlin, Kreuzstr. 18b, Tel. 432 41 20
können.
- Bitte abschreihen und weitergeben. -
Wir hoffen auch auf die Möglichkeit, eine eigene Liste
von Kandidaten für die bevorstehenden Volkskammer¬
wahlen aufstellen zu können.

Thesen für eine demokratische Umgestaltung in der DDR


Das Ziel unserer Vorschläge ist es, den inneren Frie¬ Nationalen Volksarmee und die Einführung eines sozia¬
den unseres Landes zu gevsrinnen und damit auch dem len Friedensdienstes als Alternative zum Wehrdienst.
äußeren Frieden zu dienen. Wir wollen eine solidarische
Gesellschaft mitgestalten und alle Lebensbereiche 1. Vom Obrigkeitsstaat zur Republik
demokratisieren. Zugleich müssen wir ein neues, part¬
Die Unterordnung des Staates unter die Polltbürokra-
nerschaftliches Verhältnis zu unserer natürlichen Mit¬
tie der Partei und deren institutionalisiert© Ämterpatro-
welt finden. Wir wollen, daß die sozialistische Revolu¬
nag© müssen ein End© haben. Die strikte Trennung von
tion, die in der Verstaatlichung stehengeblieben ist, wei¬
Legislative (Volksvertretung) und Exekutive (Räte) ist
tergeführt und dadurch zukunftsfähig gemacht wird.
notwendig, damit eine wirksame Kontrolle der Räte
Statt eines vormundschaftlichen, von der Partei
durch die Volksvertretungen erfolgen kann. Das Wahl¬
beherrschter! Staates, der sich ohne gesellschaftlichen
recht muß so refonnlert werden, daß Wahifreiheit und
Auftrag zum Direktor und Lehrmeister des Volkes erho¬
Wahlgeheimnis gewährleistet sind. Es muß möglich
ben hat. wollen wir einen Staat, der sich auf den Grund¬
sein, über verschiedene politische Programme und zwi¬
konsens der Gesellschaft gründet, der Gesellschaft
schen den Vertretern zu entscheiden. Wir schlagen vor,
gegenüber rechenschaftspflichtig ist und so zur öffentli¬
UN-Beobachter zu den nächsten Volkskammerwahlen
chen Angelegenheit (res publica) mündiger Bürgerinnen
einzuladen.
und Bürger wird. Soziale Errungenschaften, die sich als
— Der Staat sollte sich aus Funktionen zurückziehen,
solche bewährt haben, dürfen durch ein Reformpro¬
die Sache der Gesellschaft sind:
gramm nicht aufs Spiel gesetzt werden.
— Die Medien gehören in die Hände von nichtkommer¬
Als Deutsche haben wir eine besondere Verantwor¬
ziellen Körperschaften Öffentlichen Rechts, damit sie zu
tung. Sie gebietet, daß das Verhältnis der deutschen
Instrumenten freier und öffentlicher Meinungsäußerung
Staaten beiderseits von ideologischen Vorurteilen
werden können. Alle gesellschaftlichen Gruppen müs¬
befreit und in Geist und Praxis ehrlicher und gleichbe¬
sen Zugang zu Presse, Funk und Fernsehen haben.
rechtigter Nachbarschaft gestaltet wird. Wir laden die
— Die Schulen, Hochschulen und Ausbildungseinrich¬
Deutschen in der Bundesrepublik ein, auf eine Umge¬
tungen dürfen nicht länger Instrument ideologischer
staltung ihrer Gesellschaft hinzuwirken, die eine neue
Ausrichtung und der Indoktrination im Sinne einer Partei
Einheit des deutschen Volkes in der Hausgemeinschaft
bleiben, auch wenn sie die Regierung stellt. Die Schule
der europäischen Völker ermöglichen könnte. Beide
und die bisherige Kinder- und Jugendorganisation soll¬
deutsche Staaten sollten um der Einheit willen aufeinan¬
ten entflochten werden. Neue Kinder- und Jugendorga¬
der zu reformieren.
nisationen müssen möglich sein. Eltern sollten das
Die Geschichte auferlegt uns Deutschen eine beson¬
Recht erhalten, über Lehrpläne und -methoden mitzube-
dere Friedenspflicht. Wir sollten ihr entsprechen durch
stimmen.
eine Reduzierung der Verteidigungspotentiale der
15
»Ost-West-Diskussionsforum« Nr. 10 Februar 1990

— Parteien und Organisationen sollten von staatlicher kräften, eine echte Rechenschaftspflicht der Leitung
Ausrichtung und Aufsicht gelöst werden. Die volle Frei¬ gegenüber der Belegschaft und eine Gewinnbeteiligung
heit zur Bildung gesellschaftlicher Vereinigungen muß der Belegschaft.
gewährleistet sein. Wir befürworten ©in© Stärkung und Unabhängigkeit
— Die Gewerkschaften müssen unabhängige Interes- der bestehenden landwirtschaftlichen, handwerklichen
senvertreterinnen der Werktätigen werden und das und Handelsgenossenschaften sowie die Neubildung
Streikrecht erhalten. von Produktions- und Handelsgenossenschaften.
— Wissenschaft, Kunst und Kultur müssen bei Selbst¬ Wir befürworten die Zulassung privater Kooperativen
verwaltung ihrer Institutionen gemäß der Verfassung sowie die Ermöglichung privater Wirtschafts- und
die Möglichkeit erhalten, sich frei und ohne ideologische Eigentumsformen, sofern eine angemessene Mitbestim¬
Gängelung zu entfalten. Rechtsvorschriften und Richt- mung der Beschäftigten gewährleistet Ist.
Lnien. die entsprechende verfassungsmäßige Rechte
ein schränken, müssen außer Kraft gesetzt werden. 3. Von der Ausbeutung der Umwelt zu
Eine Rechtsieform sollte tvillkürlich au siegbare Straf¬ einem Zusammenleben mit der Natur
tatbestände beseitigen und die Unabhän0gkeit von
Grundvoraussetzung ist die Offenlegung der relevan¬
Richtern und Verteidigern gewährleisten. Der Strafvoll¬
ten Umweltdaten und der Verschmutzungs- und Res¬
zug sollte so reformiert werden, daß eine öffentliche
sourcenprobleme unseres Landes.
Kontrolle und ein wirksames Beschwerderecht gewähr¬
Wir brauchen eine lückenlose und landesweite Über¬
leistet weiden.
wachung der Schadstoffkonzentrationen in Wasser, Luft
Eine Verfassiingsgerichtsbarkeit sollte eingeführt
und Boden.
und die Verwaltungsgerichtsbarkeit voll verwirklicht
Die Praxis einer „kostenlosen“ Entsorgung durch Ver¬
werden.
dünnung von Schadstoffen muß so schnell wie möglich
Die Reisefreiheit und das Auswanderungsrecht soll¬
beendet werden. Di© Entsorgung muß in vollem Umfang
ten gemäß der Wiener KSZE-Beschlüsse verwirklicht
in die Kostenrechnung der Betriebe eingehen. Es sollte
werden.
eine Umwelthaftpflicht eingeführt werden. Die Beweis¬
last für die Schadlosigkeit der Produktion sollte durch
2. Von der Verstaatlichung zurVergesell- eine entsprechende Preis- und Steuerpolitik herbeige¬
schaftung der Produktionsmittel führt werden. Eine strenge staatliche ümweltverträg-
lichkeitsprüfung und Kontrolle von Produktion und Pro¬
Wir befürworten ein Ende der politbürokratischen
dukten ist erforderlich.
Kormnandowirtschaft. Der bestehende Staatsplandiri-
gismus sollte durch eine staatliche Rahmenplanung
abgelöst werden. Nur solche staatlichen Aufsicht s- und Die Nutzung, Erschließung und Erforschung emeuer-
Lenkungskomponenten sollten bestehenbleiben, die für bater Energiequellen sollte in jeder Hinsicht gefördert
die Bindung jeglicher Wirtschaftstätigkeit an das werden.
Gemeinwohl erforderlich sind (Umwelt- und Sozialver¬ Eine öffentliche Diskussion der Umvreltprobleme,
träglichkeit). besonders des Energieproblems, der Risiken der Kern¬
Betriebe und Vereinigungen von Betrieben sollten energie, des Treibhauseffektes und des Wachstums ist
Ökonomisch selbständig werden und ihr Angebot und notwendig.
ihre Preise am Markt orientieren, damit aus dem beste¬ Ein Wandel der gesellschaftlichen Zielbestimmung
henden Nachfrage- ein Angebots Wettbewerb wird. und der leitenden Werte ist nötig, damit wir auch zu
Wir befürworten eine gewerkschaftliche Mitbestim¬ einem Wandel des Lebensstils zu mehr Gemeinschaft¬
mung in den Betrieben, die Wählbarkeit von Leitungs¬ lichkeit und Lebensqualität kommen.

Bericht zur 1. Gesamtdeutschen Arbeiter- und


Jugendkonferenz am 17.12. in Berlin
Auf dieser Korrierenz trafen sich etwa 200 Kolleginnen gemeinsam zu vertreten. Daher haben wir den »Arbeits¬
und Kollegen, darunter Mitglieder der SPD aus Ost und kreis für Arbeitnehmerpolitik und Demokratie« aJs
West, vom »Neuen Forum«, von »Demokratie jetzt«, und gemeinsame Vereinigung gegründet.
Gewerkschaftsmitglieder. Die InKiative für diese Konfe¬ Wir teilen die Befürchtungen vieler Kollegen/innen in
renz war ausgegangen von der »Vereinigung der Ost und West, daß die Unternehmer und ihre politischen
Arbeitskreise für Arbeitnehmerpolitik« (VAA) in ganz Vertreter, wie z.B. Herr Kohl, versuchen werden, die
Deutschland. DDR als BilliglohnJand zu mißbrauchen. Sie werden ver¬
In den Arbeitskreisen für Arbeitnehmerpolitik und suchen, uns in Ost und West gegeneinander auszuspie¬
Demokratie haben sich Kräfte verschiedener politischer len.
Herkunft, u.a. auch Mitglieder der SPD, und Gewerk¬ Wir sind der AuHassung. daß diese Versuche erst
schaftskollegen zusammengeschlossen. dann ein Ende haben, wenn sich die Lebensbedingun-
In dem Aufruf zur Konferenz heißt es u.a«: gen in beiden Teilen Deutschlands angeglichen haben.
Diese Nivellierung darf keine Verschlechterung werden,
„Wir haben in der Diskussion feetgesteJIt, daß wir
sondern die Veränderung der Rechte der Arbeitnehme¬
Arbeitnehmerfimen aus beiden Teilen der Stadt keine
rinnen in Richtung Verbesserung ist unser Ziel
gegensätzlichen, sondern gem&insAme Interessen
haben. Nach der Öffnung der Grenze sind wir jetzt sogar Notwendig ist die solidarische und demokratische Dis¬
in der Lage, unsere gemeinsamen Interessen auch kussion der Arbeitnehmerinnen und Jugendlichen aus

16
DDH * Berichte und Diskussion

Ost und West. Nur in einer solchen Diskussion derKoUe- 2.) Die Frage nach dem Aufbau unabhängiger Gewerk¬
gen/innen und ihrer Organisationen können Lösungen schaften in der DDR.
für die großen Probleme gefunden weiden, die 40 Jahre
Teiiunghinteriassen haben. (...) Die Konferenz beschloß, den Entwurf für eine »Charta
Wir treten ein für eine Gesamtber/iner Konfereni der zur Verteidigung der Interessen der arbeitenden Bevöl¬
Arbeitnehmerinnen und Jugend und ail der von ihnen kerung und Jugend und der Demokratie in ganz
frei aufgebauten Organisationen. Sie zu organisieren, ist Deutschland« zur freien und breitesten Diskussion vor¬
in erster Linie die Verantwortung von SPD und Gewerk¬ zulegen. Sie soll in Verbindung mit der Gründimg neuer
schaften. Arbeitskreise in ganz Deutschland mit gemeinsamen
Diese Konferenz hat die Aufgabe, ein wirkiich demo¬ Aktionen und einer Tournee in Ost- und Westdeutsch¬
kratisch iegitimiertes Aktionsprogramm zum Schutz der land eine 2. gesamtdeutsche Konferenz am 18. Februar
Arbeitnehmerinnen, ihrer Familien und der Jugend in in Berlin vorbereiten.
beiden Teilen der Stadt zu entwickeln und zu beschlie¬
Im Anschluß an die Konferenz begab sich eine Delega¬
ßen. (...)••
tion zum SPD-Parteitag, um einen öffentlichen Antrag,
Auf der Konferenz selbst gab es lebhafte Diskussio¬ der von ca. 3 000 Unterschriften unterstützt wurde, zu
nen, die sich vor allem auf zwei Fragen konzentrierten: überreichen. Die Delegation wurde von Frau Engelen-
Kefer, Mitglied des SPD-Parteivorstands, empfangen.
1.) Die Verantwortung der SPD und der DGB-Gewerk-
schäften in dieser historischen Situation. Es wurde allge¬
mein die Position vertreten, daß diese Organisationen
der Arbeiterbewegung es in der Hand hätten, die Arbeit¬ Die Dokumente der Konferenz und der Bericht der
nehmer aus Ost und West zu vereinen im gemeinsamen Delegation sind In einer DOKUMENTATION zusam-
Kampf gegen das gemneinsame Geschäft der Konzerne mengefaBt, die über Ellen Engstfeld, postlagernd,
und der Bürokratie, für das die Vertragsgemeinschaft 5000 Köln 60, bestellt werden kann (28 S. - Spenden¬
der Regierung Kohl mit der SED-Regierung den Rahmen preis 4,50 DM-Mark).
schafft.

Aus einem Interview mit einem Kollegen vom »Arbeitskreis für


Arbeitnehmerpolitik und Demokratie» in Leipzig
Frage: Auf der Konferenz in Berlin nen Vertrauensleut esprecherrat zu ist*', wird deutlich, auf was die Unter¬
wurde der Beschluß gefaßt, eine ge¬ gründen. nehmer hoffen: Sie sehen in Leipzig
samtdeutsche Unterschriftensamm¬ Am nächsten Mittwoch findet im jetzt ein großes Feld, um Gewinne und
lung zu machen unter dem Titel „ Weg Energiekombinat Leipzig eine Ver¬ Profit zu machen. Das heißt die glei¬
mit Kohl — Weg mit Modrow - Für eine sammlung statt, wo Kollegen aus die¬ chen. die hier die Mieten nach oben
gesam td ©utsche SPD -Regieru r g , sem Betriebsteil und aus anderen Be¬ treiben, die spekulieren mit Wohn-
d.h. für eine Regierung, die die Inter¬ triebsteilen des Energiekombinates raum usw. usf-, stürzen sich jetzt auf
essen der arbeitenden Bevölkerung in auf dieses Flugblatt hin sich treffen, Eure Stadt.
Ost und West vertritt. Gibt es jetzt und wir versuchen dort schon erste Frank: Da ist genau der Ansatz¬
dazu Eifahiungen in Leipzig? Schritte zur Gründung eines unabhän¬ punkt für ©in© Zusanunenarbeit zwi¬
Frank! Wir haben bei den Montags¬ gigen Betriebsrats zu machen... schen Leipzig und Köln, daß wir zu¬
demonstrationen diese ünterschiif- Frage: Neben Eurem Kampf für die sammen dagegen vergehen können,
teiisammlung verteilt bzw. auch Un¬ Gründung von unabhängigen Be¬ daß z.B. Spekulanten bei uns Grund¬
terschriften gesammelt, und es hat triebsräten und unabhängigen Ge¬ stücke und Wohnungen aufkaufen,
Anklang gefunden. Es wurde auch werkschaften habt Ihr Schwerpunkte um damit zu spekulieren; daß Mieten
heftig darüber diskutiert, aber ein An¬ wie Wohnungspotitik und Gesund¬ in die Höhe getrieben weiden.
klang war da. Nach Diskussionen heitswesen. Welche Forderungen Frage: Dir könntet ja z.B. auch Klä¬
wurde meistens festgestellt, daß es habt Dir z-B. zur Wohnungsfrage auf¬ rung darüber verlangen, wer jetzt ei-
diese Forderungen sind, die wichtig gestellt? genihch die Verhandlungen mit der
sind ln der Zukunft, um ein soziales Frank: Etwa die Forderung, daß sich IHK führt, also welche Personen in
Ab sinken zu verhindern. in den einzelnen Stadtteilen unabhän¬ Leipzig den Ausverkauf heute bereits
Frage: Welche Schwerpunkte hat gige Komitees bilden sollen, die dar¬ organisieren.
jetzt der Arbeitskreis in Leipzig in Vor¬ über entscheiden, was mit den Woh¬ Frank: Ganz genau. Darüber könnte
bereitung der 2. Gesamtdeutschen nungen passiert; die darüber ent¬ man in Leipzig entscheiden, wer mit
Arbeiter- und Jugendkonferenz? scheiden, ob es überhaupt Mieterhö¬ der IHK spricht, wer zuläßt oder wer
Frankl Unser erster großer Schwer¬ hungen gibt, denn es kann nicht sein, nicht zuläßt, daß Grundstücke und
punkt war eigentlich, mit den KoUe*' daß eine Regierung, die nicht legiti¬ Häuser verkauft werden für Spekula¬
gen in Leipzig zu reden. Also mit allen miert ist, darüber entscheidet, ob es tion.
Kollegen aus Leipziger Betrieben, die höhere Mieteix gibt oder andere Äxten Frage: Das ganze passiert ja hinter
erreichbar sind, über unabhängige von Subventionsabbau betrieben wer¬ dem Rücken der Leute.
Gewerkschaften und Betriebsräte zu den. Frank: Das passiert hinter dem Rük-
sprechen und diese auch aufzufor¬ Frage: Durch einen Artikel im »Köl¬ ken der Bevölkerung- Über diesen Ar¬
dern. sie zu gründen. ner Stadt-Anzeiger« wurde bekannt, tikel z.B. ist in Leipzig nichts bekannt.
Frage: Gab es Ergebnisse dieser daß die Industrie- und Handelskam¬ Oa sehe ich eben die Notwendigkeit
Diskussion? mer (IHK, örtliche üritemehmerver- der Zusammenarbeit zwischen den
Frank: Erstes Ergebnis dieser Dis¬ einigung) eine „Partnerschaft“ zu Arbeitskreis en.
kussionist, daß wir ein Flugblatt erar¬ Leipzig aufbauen will. Eine KoUegin An diesem ganz konkreten Beispiel
beitet haben, worin wir den Kollegen vom Arbeitskreis berichtete, daß der der Zusammenarbeit zwischen den
Vorschlägen, innerhalb der Beleg¬ AK hier gegen dieses Projekt kämpfen Arbeitskreisen können wir auch unse¬
schaften darüber zu diskutieren, Ver¬ will. An der Überschrift dieses Arti¬ ren Kollegen genau erklären, daß wir
trauensleute zu wählen und daraus ei¬ kels, „Erlaubt ist, wae nicht verboten eine Arbeiterschaft sind und daß es

17
»Ost-West-Diskussionsforum« Nr. 10 Februar 1990

nicht zwei, eine in Ost und eine in Frage: Ihr seid also nicht dafür, daß SPD-Wähler sich für Forderungen des
West, gibt. Wir sind eine Arbeiter¬ in irgendeiner Form ein runder Tisch Arbeitskreises einsetzen würden. D.h.
schaft, und wir haben dieselben Inter¬ oder eine Übergangs-Stadtverordne¬ ganz konkret, daß das, was die SPD-
essen und Anspruch auf die selben tenversammlung gebildet wird. Führung anstrebt, noch lange nicht
Rechte. Frank; Da sind wir absolut dagegen, unbedingt die Meinung der Basis ist.
Frage: Bei uns wurde jetzt bekannt, weil es sich ja gezeigt hat, daß mit Frage: Was meinst Du damit, „was
daß der Rat in Leipzig, die Stadtver¬ dem runden Tisch nichts zu lösen ist. die SPD-Führunganstrebt" ?
ordnetenversammlung, vor kurzem weil er gar keine Verantwortung hat, Frank: Die SPD-Führung in Leipzig
zurückgetreten ist und damit die Kon¬ keine Regieningsverantwortung in z.B. orientiert sich auf eine soziale
sequenzen gezogen hat aus dei Fäl¬ der Stadt. Bei Versuchen, ihn in die Re¬
Marktwirtschaft. Das kann ja wohl
schung der Kommunalwahl im Mai gierung 2u ziehen, wird er dann ge¬
nicht die Aufgabe einer SPD sem, die
dieses Jahres. Habt Ihr darüber im Ar¬ spalten. Deswegen sind wir für eine
vorwiegend von Arbeitnehmern ge¬
beitskreis diskutiert? direkte Wahl von Bürgern und Werk¬ wählt wird.
Frank: Ja, der Stadtrat ist ja nicht tätigen, die wirklich von unten her in Ein sozialdemokratischer Genosse
nur wegen der gefälschten Wahl zu¬ den einzelnen Komitees gewählt wor¬
aus Köln hat auf einer Veranstaltung
rückgetreten, sondern auch wegen den sind.
der SPD in Leipzig gesprochen und hat
der Mißwirtschaft, die in den letzten Frage: Ihr habt auch schon Diskus¬ die Forderungen der Kollegen an der
Jahren betrieben wurde. Und sie sind sionen gehabt mit sozialdemokrati¬ Basis nochmal genauer umschrieben
auch jetzt nicht mehr in der Lage ge¬ schen Kollegen und einem sozialde¬ und benannt. Er hat dafür auch großen
wesen, dieses Regierungsbündnis mokratischen Verantwortlichen in
Beifall erhalten, was uns zeigt, daß wir
aufrecht zu erhalten. Wir haben dar¬ Leipzig.
auf jeden Fall in der richtigen Rich¬
über diskutiert und sehen hierin die Frank: Ja, die Leute waren da, zum
tung arbeiten.
Möglichkeit, in der Stadt jetzt endlich einen aus Westdeutschland, zum an¬
dazu zu kommen, daß die Komitees, deren aber auch bei einer Großveran¬
die wir anstreben, sich bilden und sich staltung im Bmno-Plache-Stadion in
bei einer Wahl für einen unabhängi¬ Leipzig. Dabei kam heraus, daß die
gen Stadtrat zur Wahl stellen. Mehrheit der SPD-Basis und auch die

Leipziger Chronik (Teil 4)


Unter dem Titel »Die Mücke« legten die Leipziger nik vor, die die Entwicklung eines Jahres verfolgte.
Arbeitsgruppen »Arbeitskreis Menschenrecht« und Somit kann der Leser die Entwicklung seit Februar
Arbeitskreis Gerechtigkeit« im März 1989 eine im 1983 nachlesen. In dieser Ausgabe ist der Zeitraum 4.
)»Ost-West-Diskussionsforum« veröffentlichte Chro- 6.1989 bis 4. 9.1939 zusammengefaßt.

4.6. 18.00 Uhr andauerte. Acht Aktivisten Wege zu einem Zigarettenladen zuge¬
900 Personen versammeln sich In wurden bereits bis Sonntagmittag zu- führt); waren doch sowohl Pleiße-
der Paul*Gerhardt-Kirche zu einem geführt; zum Teil, weil sie den Haus¬ marsch als auch Straßenjnusikfest
Umweltgottasdienst. Anschließeud arrest durchbrachen, aber auch, weil vom Politbüro untersagt worden. Die
setzen sich 500 Personen zum 2. Plei¬ die Sicherheitskräfte sichtlich nervös SED-Bezirksleitung wollte nicht schon
ßemarsch in Bewegung; nach weni¬ waren (so hatte der Mitarbeiter des wieder eine Rüge für schlechte politi¬
gen Metern greifen Bereitschaftspoli¬ AK Gerechtigkeit, Thomas Rudolph, sche Arbeit oder Nichteinhaltung von
zei, Staatssicherheit in Zivil und keinen Hausarrest, wurde aber 100 m Ruhe und Ordnung erhalten, wie in
Kampfgruppen in Zivil ein und zer¬ von aeiner Wohnung entfernt auf dem der Woche zuvor. Auch personelle
sprengen den Zug. Einige kehren um.
andere versuchen, in zwei 150 Perso¬
nen großen Gruppen den Marsch wei¬
ter durchzuführen. Von der einen
Jugendliche protestieren in Leipzig gegen AkCenverhrennung

Gruppe werden nach 500 Metern


etwa 50 vorläufig festgenommen. Die
zweite Gruppe bleibt zusammen und
kommt - ungeplant—bis zum Bezirks-
gebaude der SED; dort riegelt die Poli¬
zei erneut alles ab und versucht, einen
Kessel zu bilden. Daraufhin begeben
sich einige auf die Treppen des SED-
Bezirksgebäudes in einen Sitzstreik.
Nochmals gibt es vorläufige Festnah¬
men.
Etwa 40 Personen (vorrangig Mitar¬
beiter der »Frauen für den Frieden«
und der AG Friedens dienst und des
Jugendkonverites Leipzig) erreichen
dann fast unbehindert die Kef. Kirche,
wo ein weiterer Umweltgottesdienst
mit mehrstündigem Informationspro¬
gramm stattfindet. Insgesamt wurden
74 Personen vorläufig festgenommen.
Bereits seit Sonnabend standen
Mitarbeiter verschiedener Gruppen
unter Hausarrest, der bis Sonntag

18
DDR * Leip2i9er Chronik

Konsequenzen in der Bezirksleitung 18.6. veranstaltungen (sprich Wahlver¬


standen wohl erstmals zur Debatte. Der AK Solidarische Kirche und der sammlungen) verantwortlich waren,
AK Gerechtigkeit gestalten in der welche Herr Otto im 3. Abschnitt der
. .
56 Markuskirchgemeinde eine Andacht 2. Spalte empfiehlt.
Zum Ftiedensgebet» welches Pfar* Übrigens hatte Herr Magiiius be¬
mit Informationsmaterial über die Vor¬
rer Kaden zusammen mit der AG Um¬
gänge in China. reits staatlichen Stellen angekündigt,
weltschutz hielt, waren so viele ge* daß er Herr Urban wegen dessen
Die Proteste hielten schon seit Wo¬
kommen wie noch nie (1250). Auch der Schreiben auf suchen werde, was die
chen an Viele Gruppen hatten Sam*
Landes bis chof und OKR Auerbach Staatlichen Stellen sich verbaten. Ob
meleingaben und Petitionen verfaßt,
waren anwesend. Dies war wohl der mit Erfolg, ist noch nicht bekannt
Studenten trugen chinesische Flag¬
Grund dafür, warum die Polizei nicht
gen mit Trauerflor an den Jacken. Al¬
sichtbar schon vor jeglicher Demon¬ 24./25. e.
lein die LVZ soll bis zu diesem Tag 150
stration mit Polizeiketten die Strafen Im Rosental findet das 9. Rosental¬
Unteischrifen in Sachen China bekom*
abspeiTte. fest statt. Zur großen Jugendveran¬
men haben
staltung mit 4 Bands am Sonnabend¬
10. 6. 44 Theologie Studenten des Theolo¬
abend saßen jedoch nur etwa 100 Ju¬
Straßenmusikfestival. Erneut Haus¬ gischen Seminars hatten bereits eine
gendliche verstreut auf der großen
arrest und vorläufige Zuführungen. Petition an den sächsischen Landesbi*
Wiese und lauschtem dem teuren
Insgesamt wurden mindestens 114 schof gesandt, damit er sich für eine
Rock, der auch hier im Auftrag der FD J
Personen vorläufig festgenoixunen. SteUungnahme des Ökumenischen
organisiert war. Verglichen mit dem
Volker Dom aus Eüenburg wurde Rates der Kirche ein setzt.
Straßenmusikfest und seiner Besu¬
nach § 214 zu 6 Wochen Freiheitsent¬ Einige Mitarbeiter von Leipziger
cherzahl (Schätzungen bewegen sich
zug verurteilt. Stadtbezirksleitungen der SED wur¬
zwischen 1 500 und 2 500 Personen)
(Zum Straßenmusürfest siehe auch den auf Grund ihrer Proteste Ihrer Po¬
vom 10. Juni bleibt zu konstatieren:
Umweltbiätter Mai t$$9 und das Son¬ sten entbunden und in niedrigere Po¬
Die SED hat es immer schwerer, „ihrer
derheft der >iHaiteste2ietf, weiches der sitionen gesetzt. Die Parteiaustritte
Jugend" attraktive Alternativen anzu-
Friedens- und Umweitkreis beim öku- nahmen wieder sprunghaft zu. Vom 1.
bieten. Und sie soUte auch nicht anbie¬
memechen Jugendzentnim in Qued¬ Januar bis 15. Juni traten 998 Perso¬
ten und vorschreiben, sondern endlich
linburg herausgab.) nen aus, und 695 wurden aus der Par¬
Kreativität und Selbstbewußtsein zu¬
tei herausgeschmissen (Zahl für die
11.6. Bezirke).
lassen,
Unter Beteiligung von Mitarbeitern 26.6.
^es AK Gerechtigkeit wird ln Börln ein 19. 6.
Gottesdienst mit Informationstag zu¬ Vor 1 100 Personen hält die Nikolai¬ Leipziger Friedens gebet in der Ni¬
sammen mit 700 Menschen der umlie¬ kirchgemeinde und das christliche kolaikirche:
genden Orte und 100 Atomkraftgege- Umwelt Seminar Rötha das montägli¬ Gekommen waren 1 000 Personen:
nem aus der DDR durchgeführt. Zuvor che Friedensgebet. alle waren sie aufgebracht über den
waren 100 Personen in einer unterbro¬ Bereits vor dem Friedensgebet Artikel in der LVZ.
chenen Fahrradkette von Wurzen wurde der Theologiestudent Mike Ablauf; Pfarrer Führer verliest einen
nach Böiln gefahren. Dletel zugeführt, weil er eine der oben Protestbrief von 30 Personen an die
Börln erlebte das größte Sicher¬ beschriebenen Fahnen zu China trug. chinesische Botschaft, um gegen die
heitsaufgebot seit den Napoleoni- Nach dem Friedensgebet bildeten Todesstrafen in China zu protestieren.
sehen Kriegen und der Völkerschlacht etwa 100 zumeist Antragsteller einen Planer Führer ruft die Gottesdienst¬
bei Leipzig. Vier Personen wurden Schweigemarsch, der nach wenigen besucher dazu auf, die im Zusammen¬
ohne ersichtlichen Grund, wohl wie¬ Metern gestoppt wurde. Es gab 30 hang mit den Ereignissen uro die Niko-
derum aus Nervosität, zugeführt vorläufige Festnahmen (siehe Mittei¬ laikirchs stehenden Repressionen ge¬
(siehe »Forum für Kirche und Men¬ lung der AG zur Situation der Men¬ gen Gottes dienstbesucher dem Kir¬
schenrechte» Nr. 1, S. 8). schenrechte vom 26.6.). chenvorstand von St. Nikolai mitzutei-
len. damit dieser selbige an das Lan¬
12.6. 21.6. de sküchenamt weiterleiten kann.
Der Fhedenskreis Grünau/Llnde- Eine DDR-weite Erklärung von 25
Pfarrer Führer teilt mit, daß der Kir¬
nau gestaltet vor 1 000 Personen in Friedens- und Menschenrechts grup¬
chenvorstand St. Nikolai Herrn Rudolf
der Nikolaikirche das montägliche pen zu den Vergangen in China wird
Otto zu einem Gespräch einlädt, weQ
Fhedensgebet. Nach dem Friedenege- verfaßt. Sie wird am 22. 6. veröffent¬
die Zeitungen eine QegendarsteBung
bet setzt sich ein Zug von 200 Antrag¬ licht (siehe »Ost-West-Diskussions-
sicher nicht abdrucken werden. Wei¬
stellern in Bewegung- 25 Personen forum« Nr. 8/9, S. 57).
ter erklärt er: „Dieser Artikel dient
werden vorläufig festgenommen. nicht dem Frieden in unserer Stadt.
24.6.
Erstmals tauchen 16/17jährige bart¬ In der »Leipziger Volkszeitung« be¬ Wir bedauern diese Entgleisung."
lose Jünglinge (wohl Mitglieder der Thema des von einer Friedens¬
faßt sich ein Herr Rudolf Otto in emem
OST) als Provokateure auf. gruppe gehaltenen Gebetes war „Frei
Zwelspaltei unter dem Titel „Was
17.6. treibt Frau A.K. ins Stadtzentrum?" denken", welches anhand eines Gala¬
Die Leipziger Bereitschaftspolizei mit den Demonstrationen seit Januar tertextes ausgeführt wurde. Viel Platz
hatte auf Grund der Einsätze ihr Sprit- 1989 ln Leipzig. Interessant erscheint, in den Ausführungen des Predigers
kontingent bereits bis November ver¬ daß am Beginn der zweiten Spalte nahm dabet die Gründung des Frei¬
fahren, und die 15 Monate Dienenden „solche! Gruppen wie in Leipzig" (of¬ denkerverbandes ein.
fragten immer öfter, was denn die Eiri- fensichtlich unterschieden von denen Püibitte wurde für freies Denken
sätze gegen friedliche Demonstranten in der ersten Spalte / 2. Absatz) ge¬ und freien Glauben; die Einsicht der
sollten. Dies war wohl der Grund da¬ meint sind. Gemeint sind damit wohl Sicherheitsorgane, daß Meinungsäu¬
für, warum an diesem Tag die Halle¬ vor allem der AK Gerechtigkeit, die ßerung keine Provokation Ist; ein
sche BereltschaftspoUzei bei der ver¬ AG Menschenrechte, die AG Umwelt¬ Ende der Repression in Südafrika und
muteten Demonstration am Alten Ra¬ schutz, der Jugendkonvent und die IG China; sowie dafür gehalten, daß Frei¬
thaus zum Einsatz kam. Einige we¬ Leben, wobei der Verfasser des Arti¬ heit kein Privileg der Herrschenden
nige Antragsteller hatten sich auch kels geflissentlich vergaß, daß es ge¬ ist.
auf dem Markt versammelt. Sie stan¬ rade sie waren, die für die „Lehr¬ Außerdem wurde eine MitteOung
den jedoch vereinzelt und bildeten stunde produktiver, verantwortungs¬ der Arbeitsgruppe zur Situation der
keinen Demonstrationszug. bewußter Einmischung" in die Wahl¬ Menschenrechte bekannt, die besagt,

19
»Ost-West-Diskussionsforum« Nr. 10 Februar 1990

daß es mellt nur Ordaungsstrafen, das Plakat, sondern auch Demoteil- aktivsten kiichennahen und kirchli¬
eondem auch Strafbefehle nach den nehmerirmen in die Straßenbahn ge¬ chen Friedens-, Menschenrechts- und
Demonstrationen vom 12. und 19 Juni zogen wurden, setzte man sich auf die Umweltgruppen waren auch promi¬
gab. Straßenbahnschienen und blockierte, nente Gäste, so Erhard Eppler, Paul
begleitet von Sprechchören „Stasi Österreicher, Hester Minnema (Inter¬
6. 7.
raus" die Weiterfahrt der Bahn. Als nationale Helsinki-Föderation für
Aus Anlaß des Leipziger Kirchenta¬
klar war, daß niemand ln die Bahn ge* Menschenrechte) gekommen, um sich
ges verfassen die AG Menschen*
zerrt wurde, lief man weiter, ohne Pia* über geeeUschaftliches Engagement
rechte und der AK Gerechtigkeit einen
kat — aber verknüpft durch das regen¬ in der DDR zu informieren bzw. Vor¬
Offenen Brief an die BevöLkerung dr
bogenfarbige Bäzidemetz. träge zu halten.
DDK über die jüngsten Repressionen
Am Peters st ein weg, neben dem Po¬
in Leipzig (siehe »Ost-West-Diskus* 4.9.
lizeipräsidium, zeigte sich dann die er¬
sionforum« Nr. 8/9, S. 16).
ste Polizeikette. Mit dem Gummiknüp¬ Nach dem Friedens gebet einen Tag
9.7. - Kirchentag in Leipzig pel an der Seite harrten die Polizisten nach der Eröffnung der Leipziger
Während des Kirchentages erlebte der Demonstranten, die doch „nur** Herbstmesse versammeln sich etwa
dann auch die Frauen- und die Sozial¬ Demokratie wollten. Der Zug entging 800 Bürger Leipzigs auf dem Nikolai¬
arbeit die Ab* und Ausgrenzungs¬ der Auseinandersetzung, indem et kirchhof zu der nun schon traditionel¬
praktiken des Kirchentagsausschus- einfach in eine Nebenstraße einbog. len Messedemo. Mitarbeiterinnen ei¬
ses. Doch auch an deren Ende zeigte sich ner Leipziger Menscheniechtsgiuppe
Die schönfärbende und brisante nach einiger Zeit eine Polizeikette, die halten Plakate hoch, mit denen sie
Themen verdrängende Abschlußver¬ die Demonstrantinnen wiederum zu „ VersammJungsfreiheit — Vereini¬
anstaltung veranlaßte dann einige einer Wegesänderung zwang. Ver¬ gungsfreiheit", „Für ein offenes Land
junge Mitarbeiterinnen kirchlicher zweifelt suchte man nach einer Lö¬ mit freien Menschen“, „Reisefreiheit
Gruppen, ein deutliches Zeichen für sung und war mehr als beglückt, als statt Massenflucht“, „Gegen den
die bis dahin wenig beachteten The¬ sich Rettung in Form det Petrikirche Strom — freies Reisen für alle", „Reise¬
men zu setzen: 2 Plakate mit der Auf¬ zeigte. Mit einem „Kyrie Eleison*' zo¬ freiheit — Grundfreiheit für jeden Bür¬
schrift: „Nicht nochmal Wahlbetrug'' gen die Hunderte in die Kirche und ger in der DDR auch in den nichtsozia-
und „Demokratie ln chinesischer und verärgerten damit manchen Ausstel¬ iistischen Westen. Mehr Demokratie-
deutscher Schrift. lungsbesucher. Im Kircheninneren Reformen “ fordern. Nach wenigen Mi¬
Es schlossen sich sofort viele Kir¬ zog wieder etwas Ruhe in die erregten nuten werden ihnen die Plakate von
chen tag st eilnehineiinnen an eine Menschen, und so konnte man das Ge¬ Sicherheit5kräften in Zivil entrissen.
bunt gemischte Gruppe von einigen schehene reflektierten. Besonders er* Unter den Augen der Kameras der
hundert Leuten zwischen 15 und 70 freulich, daß auch die älteren Men¬ Weltöffentlichkeit geht die Polizei
Jahren. schen bis zum Schluß geblieben wa¬ nicht brutal wie vor dem Sommer ge¬
Nach langen Diskussionen mit den ren. Ein deutliches Zeichen, daß sie gen die Demonstranten vor. Etwa 200
Kirchentagsorganisatorlnnen einigte mit dem Ablauf einverstanden waren. Personen zogen danach noch Rich¬
man sich darauf, daß die Gruppe wäh¬ Sicher kormten an diesem Tag so man¬ tung Hauptbahnhof, um „Freie Fahrt
rend dar Veranstaltung nicht über den che Ängste vor den „staatsfeindlichen bis Gießen“ zu fordern. Erst am
Platz laufen, sondern sich an einem Gruppen" abgebaut werden. Hauptbahnhof kam es zu gewalttäti¬
Ort aufhalten würde. Nach dem Ende In dem abschließenden Fürbittge¬ gen Übergriffen von Seiten uniformier¬
des Gottesdienstes zog dann die bet wurde auch die Angst vor dem ter und ziviler Sicherheitskräfte, nach¬
Menge, inzwischen durch regenbo¬ Bau eines Atomkraftwerkes in Börln dem kein Journalist mehr anwesend
genfarbige Bänder, die an alle Teil¬ bei Leipzig laut. war.
nehmerinnen ausgeteilt wurden, mit¬ (Siehe zu-dem Komplex Repressio¬ Am Abend versammeln sich mnd
einander verknüpft, zur Tribüne, nen in Leipzig im Zusammenhang mit 500 Menschen in der Reformierten Kir¬
mußte dort aber erleben, daß kirchli¬ den Friedensgebeten die Mitteilun¬ che, um einen Vortrag Friedrich Schor-
che Ordnungstruppen sie brutal am gen der AG zur Situation der Men¬ lemmeis ober „Thesen zur gesell¬
Besteigen der Treppe hinderten. Er¬ schenrechte.) schaftlichen Erneuerung" zu hören.
folglos wandten eie sich ab und zogen
8.-9, Juli
mit ihrem großen Plakat, das durch die Wie bereits bei den Berliner Semina¬
großen chinesischen Schriftzeichen Die Arbeitsgruppe Menschenrechte ren „Wenn Abgrenzung zum Prinzip
erheblich Aufsehen erregte, in Rich¬ und der Arbeitskreis Gerechtigkeit wird" am 13, August und dem Men¬
tung Ausgang. gestalten in der Lukasldrche einen schenrechts seminar am 26./27. Au¬
Ursprünglich war geplant, das Pla¬ von insgesamt etwa 2 500 Personen gust aus Anlaß das 200. Jahrestages
kat nur auf dem Kirchentagsgelände besuchten „Statt-Kirchentag“, nach¬ der Französischen Revolution wird
2u tragen — zu groß war die Angst vor dem die Kirchentagsleitung den deutlich, daß die Gründung oppositio¬
sinnlosen Zusammenstößen mit der „Markt der Möglichkeiten" aus dem neller Parteien und Vereinigungen
Polizei, deren Ergebnis doch nur viele offiziellen Kirchentagsprogramm ge¬ kurz bevorsteht- -l.m.*
Zuführungen und damit verbundene strichen hatte. Die sächsische Kii-
Sanktionen gewesen wären. chenleitung unterstützte indirekt ge¬
Doch nun entschlossen sich die gen den Vorbereitungsausschuß des
Menschen zu konsequentem Handeln Kirchentages den „Statt-Kirchentag"
- mit der „Demokratie“ zogen sie in und betrachtete ihn als genuinen Be¬
Richtung Innenstadt. Von einem er¬ standteil des offiziellen.
sten Polizeihubachrauber ließen die Stände, Vorträge. Diekuseionen und
ca. 1 000 Menschen sich nicht stören. Ausstellungen über Menschenrechts¬
Singend gelangten sie bis zur näch¬ fragen, nSolidamoäc« in Polen, alter¬
sten großen Straße, an der es durh native Kunst und Kultur, den konziüa-
eine Straßenbahn zu einigen Kompli¬ ren Prozeß und die Ereignisse der letz¬
kationen kommen sollte. ten Monate {China, Kommunalwahl
Denn aue der haltenden Straßen¬ etc.) boten ausreichend inhaltliches
bahn sprang plötzlich ein Tripp von Profil, welches sich wohltuend von
Stasi-Männern, die den Plakatträgem den Gegenkirchentagen („Kirchentag
die „Demokratie'* entrissen. Da die von Unten") 1988 in Halle und 1987 in
Menschen vermuteten, daß nicht nur Berlin abhob. Neben Vertretern der

20
DDR - Unabhängige Gewerkscha ften

Unabhängige Gewerkschaften
Im folgenden will ich versuchen, ei¬ DDR wahmimmt, nicht ihr Vertrauen chen". Dieser Initiative geht es
nen ersten Überblick über die Ent¬ genießt und sich stattdessen als um ©ine Arbeite Vertretung, die
wicklung in den Betrieben zu geben. Bündnispartner der SED begreift, ha¬ unabhängig von Partei, Staat und Be¬
Ein umfassender Überblick ist zur Zeit ben wir... beschlossen, aus dem FDG6 triebsleitung ein Micsprache- und Ent¬
kaum möglich. auszutreten und die unabhängige Be- scheidungsrecht bei allen betriebli¬
triebsgewerkschaft iReformt zu grün¬ chen Angelegenheiten wie Einstel¬
Später als bei den neuen Parteien den.Diese Betriebsgewsrkschaft ist lungen, Kündigungen, Urlaubsan-
und politischen Organisationen kam „allein ihren Mitgliedern verpflichtet spnjchen, Arbeitsorganisation, Ar-
es zur Gründung von »unabhängigen und wird sich nicht den Beschlüssen beitS“ und Lebensbedingungen, Ge-
Gewerkschaften« in einzelnen Betrie- von Parteien und Organisationen un¬ sundheits- und Arbeitsschutz, vor al¬
hen und zur Bildung von Initiativen für terordnen“. Sie fordert u.a. das Streik¬ lem auch bei der Verteilung der be¬
unabhängige Gewerkschaften, sowie recht, die Eigenständigkeit der Be¬ trieblichen Fonds einschließlich der
zur Wahl von Betriebsräten. Die Be¬ triebe, Abschaffung der Privilegien Bildung und Verwendung der Ge¬
legschaften hatten bei der Revolution einzelner Personen und ganzer gesell- winnabführung der Betriebe, hat,
und den Demonstrationen im Oktober schaftlichei Gruppen, und die Aufhe* — um eine Öffentliche Kontrolle über
und November einen großen Anteil. bung jeglicher Reisebeschränkung für alle wirtschaftlichen und technischen
Es ist dem Eingreifen der großen Leip¬ alle Bürger. Angelegenheiten des Betriebes, der
ziger Belegschaften zu verdanken, staatlichen Leitungstätigkeit und der
daß die SED die „chinesische Lösung" »Initiative für unabhängige Gewerkschaft,
nicht wagte. Das folgende Interview — um eine direkte und geheime Wahl
Gewerkschaften«
gibt einen Einblick in di© Probleme in der staatlichen Leiter aller Ebenen un¬
den Betrieben und auch in die SchiAhe- Parallel dazu büdete sich ln Berlin ter mehreren Kandidaten,
rigkeiten ün Kampf für die Auflösung ein Kontaktbüro »Initiative für unab¬ — um Einstellung und beruflich©
des FDGB, die Beschlagnahme des hängige Gewerkschaften«. Es rief zur Aufstiegschance für alle Werktätigen
Vermögens und für den Aufbau unab¬ Bildung von unabhängigen Gewerk¬ nach fachlichen Gesichtspunkten,
hängiger Gewerkschaften. schaften auf (siehe Auszüge aus dem ohne Berücksichtigung ihrer Zugehö¬
Aufruf nebenan^ Dieser Aufruf wurde rigkeit zu einer Partei oder Massenor¬
»Unabhängige Betriebs¬ auf der Protestdemonstration am 4, ganisation.

gewerkschaft Reform« November ln Berlin verteilt. In einem — um die Aufnahme der Tarifver¬
späteren Flugblatt ist festgehalten, handlungen durch zu wählende Kom¬
Am 17.10. wurde die »Unabhängige „daß der FDGB als gewerkschaftliche missionen zur umgehenden Neuge¬
Betliebsgewerkschaft Reform« des Interessenvertretung versagt hat und staltung der Rahmenkoßektiweiträge
VEB GRW Teltow gegründet, ln ihrem daß gerade in der heutigen Zeit sich und BGtriebskollGktiwertzäga, ein¬
Gründungsaufruf heißt es: -In der Ge¬ ahzeichnende Veränderungen im schließlich einer Urabstimmung über
wißheit, daß der Freie Deutsche Ge- Steuerrech l, Arbeitsrecht, Entloh¬ die Annahme der Verträge unter der
werkschaftsbund nicht die Interessen nung usw. eine echte, unabhängige Belegschaft,
der Mehrheit der Werktätigen in der Gewerkschaft nötiger denn ;e ma¬ — um ein Recht auf Versammlungs-
__ X _ __

Aufruf der »Initiative für unabhängige Gewerkschaften«


Kolleginnen und Kollegen! Wir dürfen uns nicht mehr organisieren lassen, auch
Was hat der FDGB in 40 Jahren für uns getan? nicht von „neuen Männern", wir müssen uns selbst oiga-
Hat er die Frage der Arbeitszeitverkürzung als ständige nisieien.
Forderung an die Betriebsleitungen gerichtet? Die nächsten Jahre werden für uns kein Zuckerschlek-
Warum hat er nicht die 40-Stunden-Woche mit uns ken.
erkämpft? Die Daumenschrauben sollen angezogen werden.
Hat er dafür gesorgt, daß unsere Löhne der schleichen¬ Die Preise werden steigen, die Löhne kaum. Wenn Sub¬
den Inflation angepaßt werden? ventionen Wegfällen, trifft das vor allem uns.
Warum sind nicht ständige Tarifverhandlungen über Der Staat fordert Leistung, bald wird er mit Entlassun¬
Lohnerhöhungen geführt worden? gen drohen Wir sollen die Karre aus dem Dreck ziehen.
Wo stehen die Funktionäre des FDGB, wenn in unseren Wenn der Lebensstandard für die meisten von uns nicht
Betrieben neue Normen eingeführt werden? Auf unserer erhebbch sinken soll, brauchen wir eigene Interessenver¬
Seite? tretungen.
Verhindern sie die Normen, bevor klar ist. daß wir auch # Beruft Vollversammlungen ein und fordert Rechen¬
entsprechend bezahlt werden? schaft von der Betriebsgewerkschaftsleitung.
Wie kann der FDGB als unser angeblicher Interessen- # Ernennt Kollegen aus Euren eigenen Reihen zu Spre¬
venreier es zulassen, daß wir im Durchschnitt 10 Tage chern.
weniger Urlaub haben als unsere Kollegen im Westen? # Laßt diese KoUegen Eure Forderungen an die Betriebs¬
Hat der FDGB sich für die Herabsetzung des Rentenal¬ leitungen stellen.
ters stark gemacht? # Stellt Euch hinter diese Kollegen, wenn sie Schwierig¬
Haben wir schon einmal erlebt, daß die Betriebsgewerk¬ keiten bekommen.
schaftsleitung den staatlichen Plan in unserem Interesse # Macht die Ergebnisse sofort öffentlich, das schützt vor
nicht akzeptiert? Repressalien.
Haben wir überhaupt schon einmal erlebt, daß die # Sucht den Kontakt zu Kollegen in anderen Betrieben.
Gewerkschaft etwas gegen den Staat und die Partei für
uns durchsetzt?
Gründet unabhängige Gewerkschaften!
40 Jahre ohne eigene Interessenvertretung sind genug I Kontaktbüro »Initiative für unabhängige Gewerkschaften«

21
»Ost-West-Diskussionsforum» Nr. 10 Februar 1990

freiheit in den Betrieben, dürfen nicht länger hinter verschlos¬ Der FDGB hat zwar - nach eigenen
um die sofortige Ausweisung der senen Türen geregelt werden. Die Er¬ Angaben - 900 000 Mitglieder bis
hauptamtlichenFunktionäre von SED, fahrungen in Polen und Ungarn zei¬ Ende November verloren, d.h. fast
FDJ und DSF aus den Betrieben, Öff¬ gen. daß sogenannte Joint-ventures 10 %. Die Beiträge werden weit weni¬
nung und BereitsteUung von Betriebs- (...) nicht unbedingt Vorteile für die ger abgerechnet. Er hat ca. 1/4 seiner
räumen für alle Parteien, Massenorga¬ Belegschaften brmgen." Einnahmen verloren. Er verfügt aber
nisationen und Oppositionsgruppen über ein eigenes Vermögen von über
4,2 Milliarden Mark. Man fragt eich,
nach ArbeitsschJun forderen auBerbe- Betriebsräte
triebiiche Aktivitäten, mit welchem Recht? Ei verfügt z.B.
Daneben bilden sich eine Vielzahl auch weiterhin noch übet das Recht,
— um die sofortige Abschaffung von
von Betriebsräten, die sehr unter¬ die Ferienplätze zu verteilen und orga-
Privilegien aller Leitungskader,
schiedliche Aufgaben übernehmen. lüsiert noch die Sozialversicherung.
— um die Ausarbeitung eines Streüc-
Das Ausmaß dieser Bewegung und Der FDGB wendet sich natürlich
rechcs,
der unterschiedlichen Aufgaben, die sehr scharf gegen die Bildung neuer
— um die Binföhmg der 40-Stunden-
sie übernehmen, ist kaum nachzu- Gewerkschaften und Betriebsräte. In
Woche,
zeichnen. Allein in Karl-Marx-Stadt einer schon bösartig zu nennenden
— um die Erhöhung der Mindest-
gibt es in etwa 40 großen und mittle¬ Kampagne versucht er, die neu gebil¬
rente und die Herabsetzung des Ren¬
ren Betrieben Initiativgruppen für Be¬ deten Strukturen zu diskreditieren. So
tenalt ers,
triebsräte (»TAZ«, 24. 1. *90). Auch berichtet er in seiner Zeitung »Tri¬
— um die Übernahme der Betriebs¬
Thomas Rudolph weist in seinem In¬ büne« vom 27.12. '89 in einem Artikel
zeitung in die Hände der Gewerk¬
terview für diese Ausgabe des »>Ost- über den oben genannten „Piovisoii-
schaft.
West-Diskus Sions fomm« auf die Be¬ schen Betriebsrat * irr Teltow unter
— um die völlige Offenlegung der
deutung der Betriebsräte für die Stadt dem Titel: „Ein Provisorium will sich
Verwendung von Gewerkschaftsgel-
Leipzig hin. auf Eis legen." Sie werfen den Irütiato-
dem, einschiieBlich Soli-Beitxäge,
Es gibt bei den verschiedenen Be¬ ren der unabhängigen Gewerkschaft
keine Abführung von Geidem an den
triebsratsgründungen des öfteren die »Reform« und des Provisorischen Be¬
alten Gewerkschaftsapparat bis zur
Tendenz, nach westlichem Vorbild, triebsrats vor, die Gewerkschaften
endgültigen Xlärung der Verwen¬
sozusagen im Rahmen eines bis heute spalten zu wollen.
dungszwecke!
in der DDK nicht existierenden Be¬ Das ist die Hauptposition des FDGB.
— um die schnelle Kontakts ufnahme
triebsverfassungsgesetzes zu han¬ So heißt es in der Erklärung des FDGB
zu anderen Gewerkschaften und Be¬
deln. Es gibt in den verschiedenen zum Jahieswechsel: „Beherrschen¬
trieben innerhalb und auBerhalb unse¬
Statuten von Betriebsräten immer des Thema wird die Bewahrung der
res Landes. Solidarität muß seinl"
wieder den Hinweis, nicht nur für das Einheit in unserem Gewerkschafts-
In einem weiteren Rugblatt defi¬ Wohl der Werktätigen, sondern für bund in all ihrer Vielfalt und Wider¬
niert sie «Erste Schritte«. Dazu wird das Wohl des gesamten Betriebes sprüchlichkeit sein“ (»Tribüne«, 29-
vorgeschlagen, sich „in kleinen Grup¬ handeln zu wollen. So heißt es in dem 12. '89). Der Betriebsrat wird als Kon¬
pen'* zusammenzuschließen, „Abtei- am 4, 12. veröffentlichten Programm kurrenz zur Betriebsgewerkschafts¬
lungs- und BerriebsbeJegschaftsver- des Provisorischen Betriebsrats des leitung gesehen. Und als solches wird
Sammlungen*" einzuberufen, neue VEB GRW Teltow u a., daß er „an der er vom FDGB abgelehnt.
Vertrauensleute zu wählen. „Für di© Umgestaltung des Betriebes und Or¬
Verhandlungen mit dem alten Ge- ganisation einer marktgerechten Pro¬ Der FDGB gibt vor. sich selbst zu re¬
werkschaftsapparat und den Be¬ duktion “ mit wirken will. Ausdrücklich formieren. Die Rolle der Einzelgewerk¬
triebsleitungen bezüglich eventuell will er die „Betriebsleitung bei ihren schaften soll im Gegensatz zum Ge¬
einzugehender Kompromisse halten Bemühungen, zu unserem Vorteil mit samtverband gestärkt werden. Auch
wir folgenden Grundsatz für notwen¬ westlichen Firmen zusammen zu ar¬ fordert er inzwischen das Streikrecht,
dig; beiten *'. unterstütz en. obwohl et praktisch gegen die zuneh¬
Die Gewerkschaft muß für die Werk¬ Daß dies nicht überaU so gesehen mende Streikbewegung Anfang Ja¬
tätigen da sein, und nicht die Werktä¬ wird, wird in einem Interview mit dem nuar polemisiert: So lautet die Über¬
tigen für die Gewerkschaft oder gar Betriebsratsmitglied der >il. Chemnit¬ schrift eines Artikels über die Streiks
für einen schmarotzenden Apparat)" zer Maschinenfabrik u, Lothar Leh¬ in Gera: „Spontane Streiks in der Re¬
Im Dezember erschien ein erstes mann, deutlich. Er führt auf die Frage publik: Jeder macht, was er xvfll — Ist
Info der »Initiative für unabhängige nach der Rolle des bundesdeutschen das der Weg? — Produktionsausfaü
Gewerkschaften«. In diesem Info wird B etii ebsverfas sungsge setzes au s: und mangelnde Versorgung - Scha-
u.a. gefordert; „Wir haben uns den Text von der IG denfürvieJe" (»Tribüne ir, 17. 1. '90).
Freigabe der Betriebswandzei- Metall besorgt. Ich meine, wir brau¬
tungen für die freie Meinungsäuße¬ chen das Rad ja nicht neu zu erfinden. Inzwischen liegt auch der Entwurf
rung (...) sowie die Übernahme der in Da es bei uns andere Eigentumsver¬ für eine neue Satzung des FDGB (»Tri¬
SED-Hand befindlichen Betriebszei¬ hältnisse gibt, müssen wir natürlich büne«, 5. I. 1990) vor. Dort heißt es
tung durch Gewerkschaftsvertreter ein anderes Gesetz ausarbeiten. ** zwar, daß der FDGB die „persönlichen
(...). (»TAZ«. 24. 1.’90.) und kollektiven Interessen seiner Mit¬
— keine Einflußnahme der staatli¬ Unter den Bedingungen der neuen glieder und der anderen Werktätigen
chen Leitungen auf die gewerkschaft¬ Eigentumsverhältnisse werden natür¬ vertritt. Aber ihre Durchsetzung wird
lichen Beschlüsse, lich auch die Aufgaben von Betriebs¬ an das „Prinzip des Interessenaus¬
- mehr Einfluß der Gewerkschaften räten neu zu bestimmen sein. Wird es gleichs" gebunden. Wer entscheidet
auf den staatlichen Plan. Offenlegung nicht die Aufgabe der Betriebsräte zu Gunsten welcher Interessen und
der Daten über betriebliche Gewinne sein, die Produktion zu koz^t^oU^eren unter wessen Kontrolle? Auch das
und in di© Hand zu nehmen, und so der Streikrecht wird nur als „äußerstes
- direkte Wahl der Leitungen (..), Mißwirtschaft der Bürokratie ein Ende Mittel zur Durchsetzung" der Forde¬
- Garantie der Vollbeschäftigung, zu setzen? Müssen sie nicht beginnen, rungen bejaht.
—materielle soziale Sicherung. *' die existierenden Betriebsleitungen Ei selber definiert sich als unabhän¬
Des weiteren fordert die Initiative, zu kontrollieren? gig von Staat, Wirtschaft, allen Par¬
daß über den Verkauf von „Betrieben teien, Organisationen und Bewegun¬
oder BetriebsteiJen an westliche Un¬
DerFDGB gen. Man darf aber nicht übersehen,
ternehmer" die „Belegschaften zu Das Problem bei allen diesen Initia¬ daß z.B. der FDGB aus dem »Runden
entscheiden" haben. „Solche Fragen tiven scheint der FDGB selbst zu sein. Tisch<c rausgeflogen ist, weü sein Ver-

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DDR • Unabhängige Gewerkschaften

Alliierten, diese Bewegung einzudäm¬ Der FDGB ist also mit zwei Geburts¬
treter Mitglied der SED ist («Tribüne«,
men, Am 1. April 1946 legalisierte der fehlern entstanden:
28. 12.1989).
Alliierte Kontrollrat per Dekret die Be¬ - einmal ist er als Organisation ent¬
triebsräte. Aber den Betriebsräten standen im Rahmen der Zwangsver¬
Der FDGB stand schon immer einigung und damit der Teilung der
wurde nur noch ein „Mitbestim-
gegen die unabhängige mungsrecht“ zugestanden. deutschen Arbeiterbewegung;
gewerkschaftliche Organisie¬ Gleichzeitig bildeten kommunisti¬ — zum anderen ist er aus der Auflö¬
sung der Organe der Arbeiter—der Be¬
rung der Kollegen sche, sozialdemokratisch© und christ¬
lich© Gruppen eine Gewerkschafts- triebsräte - hervorgegangen.
Der FDGB ist 40 Jahre lang willfähri¬ Der ni. FDGB-Kongreß 1950 er¬
kommission und vereinigten so in den
ger Gefährte der SED gewesen und kannte dann schließlich die führend©
ersten Nachkriegsmonaten die alte
hat in diesen Jahren immer wieder di© Rolle der SED an. Der FDGB erwies
deut s che G ewerkschaftsbewegung.
Politik der SED gegen die Kollegen sich als staatliche Zwangsoiganisa-
Im Prozeß der Zwangs Vereinigung
durchgesetzt. Er hat seine Macht tion-
von SPD und KPD wurde auch der neu¬
durch die Zerschlagung der unabhän¬
gegründete FDGB zu einem reinen Or¬
gigen Betriebsräte 1948 erhalten. Als
gan der SED. So veränderte sich der Fragen an die westdeutschen
die Faschisten vertrieben waren, ha¬
Vorstand des FDGB in Berlin wie folgt: Gewerkschaften
ben die Arbeiter die Fabriken selbst
Vorher: KPD: 14, SPD: 13. CDU: 3
wieder in Gang gesetzt- Um sich zu or¬ Es ist verständlich, daß die Entwick¬
Nachher; SED: 24, SPD: 3. CDU: 3
ganisieren, wählten sie Betriebsräte, lung in der DDR auch zu neuen Frage¬
()j B erliner G ewerksch aftsge-
die die Produktion übernahmen. Wie stellungen in den Gewerkschaften in
schichte von 1945 bis 1950«, Berlin,
groß das Selbstbewußtsein jener Be¬ der Bundesrepublik führte. So wollen
1971, S- 61.)
triebsrat© war, zeigt ©in Zitat aus dem die Unternehmer die Entwicklung in
Februar 1946. Auf dem ersten Ge¬ Die Betriebsräte dagegen blieben
der DDR nutzen, um von den west¬
werkschaftskongreß erklärte ein Dele¬ weiterhin ein Organ der Arbeiter
deutschen Gewerkschaften er¬
gierter von den Rostocker Werften: selbst. Ab Sommer 1946 versuchte die
kämpfte soziale Errungenschaften
„Nichts kann im Betrieb geschehen, SED, diese Betriebsräte systematisch
und Rechte anzugreifen. Die DDR als
ohne daß der Betriebsrat seine Zu¬ unter ihr© KontroU© zu bekommen. Da
Billiglohnland in Europa hätte unüber¬
stimmung gegeben hätte, sei es was das nicht gelang (bei den Betriebs¬
sehbare Konsequenzen für die Ent¬
die Produktion angeht, sei es was dj'e ratswahlen im Juli 1947 waren ca,
wicklung in Westdeutschland; Pro¬
Arbeit angeht- Die Betriebsleitung 40 % der gewählten Betriebsräte par¬
duktionsverlagerungen und weitere
kann weder mit einem Abnehmer aus teilos), beschnitten sie ab 1947 ihre
st eigende Arbe it slo senza hlen werden
dem zivilen Sektor, noch mit einem Rechte und ersetzten sie nach und
die Folge sein.
Vertreter der russischen Armee Ge¬ nach bis 1948 durch die Betriebsge¬
werkschaftsleitungen. Die Arbeiter Wie kann nun ein zweifellos drin¬
spräche führen, ohne daß ein Delegier¬
reagierten aui die Auflösung der Be¬ gend erforderliches gemeinsames ge¬
ter des Betriebsrats daran teilnimmt. “
triebsräte mit reiner Opposition. Bei werkschaftliches Handeln der Kolle¬
(Protokoll des 1- FDGB-Kongreß, Ber-
den Wahlen zur BGL z.B. in Leuna wa¬ gen in Ost und West gegen di© Unter¬
bn 1946, S. 149.}
ten 25 % der Stimmen ungültig- nehmerstrategie verwirklicht wer-
Schon sehr schnell versuchten die

Auszug aus einem Flugblatt aus Leipzig


Die Kollegen verlassen den FDGB - aus gutem Grund! gesamten Belegschaft unter der Verantwortung und Lei¬
Üje Werktätigen wollen eine unabhängige Interessenver¬ tung'der gewählten Vertrauensleute und der von ihnen
tretung, eme unabhängig© Gewerkschaft! Unabhängig gewählten Leitung zur
von SED-PDS. Parteien, Staat und Kirche. Unabhängige — Diskussion und Beschlußfassung über das Aktions¬
Gewerkschaften, das heißt: programm der Belegschaft-
- Demokratie! Alle Entscheidungen müssen demokra¬ - Verpflichtung der gewählten Vertrauensleute und
tisch von unten von den Kollegen getroffen werden. der unter ihnen gewählten Leitung der Vertrauensleute
- Eine Gewerkschaft, di© demokratisch aufgebaut ist und des Betriebsrates auf dieses Programm.
und in der alle Entscheidungen von den unabhängigen - Kontrolle der Betriebsleitung: diese muß der Demo¬
Interessen und dem Willen der Kollegen selbst ausgehen. kratie unterworfen werden. Wahl einer Betriebsleitung
Diskussion und Entscheidungen über die Forderungen auf einer weiteren Belegschafts Versammlung; die neuge¬
wählte Betriebsleitung wird der KontroD© der Vertrau¬
und die Aktionen selbst.
- Vollständige demokratisch© Kontrolle der Basis über ens! euteleitung / des Betriebsrates unterstellt.
die Verwaltung und Verwendung der Mitgliedsbeiträge. - Aushändigung des gesamten Vermögens, der Räume
Eine solche unabhängige Gewerkschaft verlangt die des technischen Apparates der bisherigen FDGB/SED an
Wahl aller Organe durch die Kollegen. Dazu folgender die demokratisch gewählte gewerkschaftliche Interes¬
senvertretung der Belegschaft — an die Vertrauensleute-
Vorschlag:
leitung / Betriebsrat.
1. ) Organisierung und Abteilungsversammlungen in
der Größenordnung von 155 Kollegen zur Erfassung der — Mitteilung über die Organisierung und die Ergebnis¬
Probleme und Mißstände und zur Aufstellurrg der Forde¬ se der AbteilungsVersammlungen und die Vorbereitun¬
rungen der Kollegen - Wahl eines gewerkschaftlichen gen der Belegschaftsversammiungen an alle örtlichen
Vertrauensmannes, der das Mandat erhält für die Vertre¬ und regionalen Betriebe des gleichen Kombinates und
tung der beschlossenen Forderungen und gegebenen¬ des gleichen Industriegewerkschafts zweig, mit der Auf¬
falls jederzeit durch die Kollegen abg©wählt werden forderung an di© dortigen Kollegen, ebenso vorzugehen.
kann. Entsendung von Delegationen zu diesen Betrieben.

2. ) Veröffentlichung der Diskussionseigebmsse und — Kontaktaufnähme mit den entsprechenden Betrieben


der Beschlüsse der ge samten Abteilung© Versammlungen und den unabhängigen DGB-Gewerkschaften in West¬
in einer unabhängigen gewerkschaftlichen Betriebszei¬ deutschland für die solidarische Zusammenarbeit und zur
tung, unter der Verantwortung der gewählten Vertrau¬ Kontrolle aller Beziehungen zwischen diesen Betrieben in
ensleute- Einberufung durch Vollversammlungen der West und Ost.

23
»Ost^West-Diskussionsforum« Nr. 10 Februar 1990

den? Der DGB erklärt seinerseits, mit ein „Beratungsbüro“ in Leipzig für Be¬ bau eigener unabhängiger gewerk¬
dem FDGB ein „breit gefächertes Ko~ triebsräte eröffnen. schaftlicher Organisationen zu hel¬
opera tionsabkommen “ ab schlieJ^e n Doch der FDGB ist nicht die Kampf¬ fen?
zu wollen. Steinkühler von der west¬ organisation, wie sie die Kollegen zur Kail Pitz, Mitarbeiter in der Wirt¬
deutschen IG Metall erklärt, daI3 die Verteidigung ihrer Interessen brau¬ schaftsabteilung der westdeutschen
IG “Metall „ ih rer Sch westerorgan isa- chen. Er ist auch weiterhin ein Arm IG Metall, zeigt weitergehende Per¬
tion in der DDR mit Rat und Tat zur derselben SED in den Betrieben, die spektiven auf: „Eine vereinte Arbei¬
Seite stehe. 33 Betriebspartnerschaf* heute mit den Unternehmern die Ver¬ terbewegung in der BRD und in der
ten sind schon angebahnt, sowie ge¬ träge für die Bildung von »Joint-ven- DDR, die solidarisch an einem Strang
meinsame Schulungen und „Trai¬ tures<( abschließen. Was ist von Leu¬ zieht, ist nicht schwächer, sondern
nee'‘-Programme für DDR-Funktio- ten wie dem neuen IG-Metall-Vorsit- stärker im Gesamtsystem."
näre. zenden der DDR zu halten, die schon ln den letzten Tagen haben in der
Etwas anders geht die OTV an die heute erklären, daß ihre angestrebten DDR die Streiks zugenommen, und in
Sache heran. Die ÖTV-Vorsitzende Reformen dazu führen werden, daß es diesen Streiks entstehen Streikkomi¬
Wulf-Mathies schreibt in einem Rund¬ „Leute geben (wird), die durch das tees. Es bilden sich unabhängige Be¬
schreiben, daß die ÖTVzu allen „Kräf¬ Netz der Sozialpolitik durchfallen wer¬ triebsräte der Kollegen, es gibt An¬
ten" Beziehungen aufbauen will, „die den“? sätze für unabhängige Gewerkschaf¬
Kristallisationspunkte für eine freie Wie können der DGB oder auch die ten. Mit ihnen müssen sich die DGB-
und unabhängige Gewerkschaftsbe¬ IG Metall sich in dieser Situation mit Gewerkschaften verbinden und sie in
wegung sein könnten". Die IG Chemie dem FDGB als „Schwesteroiganisa- ihren Kampf aktiv unterstützen, wenn
hält eme Zusammenarbeit mit dem tion'' verbinden, statt den Kollegen in es zu einer solchen einheitlichen Ge¬
Haupt verstand der FDGB-IG-Chemie der DDR—im Respekt vor deren demo¬ werkschaftsbewegung kommen soll.
für selbstverständlich, will aber auch kratischen Entscheidung — beim Auf¬ • g.k.b. -

Zu Fragen der Gewerkschaften und der Betriebsräte


Noch weiß niemand, wie die Wirtschaft der DDR 5. Das Vermögen des FDGB ist nach der Mitglieder zahl
zukünftig organisiert sein wird. Doch soviel ist gewiß, der der Branchengewerkschaften aufzuteilen.
private Anteil und das Mitspracherecht der Unternehmer 6. Die FDGB‘Ferienheime sind an private Pächter zu
bzw. der Betriebsleiter wird steigen. Auch in einer „ sozia¬ vergeben, wobei sich die Gewerkschaften das Options¬
listischenMarktwirtschaft, in der alle Eigentumsformen recht Vorbehalten. Die Pächter verpflichten sich, vonan-
zulässig sind und ausländisches Kapital eine Rolle spielt, gig Gewerkschaftsmitglieder und Ihre Angehörigen auf-
wird ein Arbeitsmarkt entstehen, und Auseinanderset¬ zunehmen. Die Gewerkschaft zahlt zu den Urlaubskosten
zungen zwischen der Betriebsleitung und der Beleg¬ einen rxaoh sozialen Gesichtspunkten bestimmten Anteil.
schaft werden nicht ausbleiben.
7. Neben den Gewerkschaften wählen die Werktätigen
Deshalb brauchen wir starke und unabhängige
eines Betriebes ihre Betriebsräte als direkte Interessen-
Gewerkschaften. Unabhängig ln dem Sinne, daß sie nicht
vertzeter in geheimer Wahl (nach Belegschaftsversamm¬
abhängig von einer Partei werden und damit von dieser
Partei manipuliert werden können. Andererseits müssen lung) für 4 Jahre. Die Betriebsräte sind Mitglieder des Lei¬
tung sgremium der jeweiligen Institution.
sie die Interessen der ln ihnen orgarüsierten Werktätigen
und darüber hinaus aller Werktätigen vertreten. 8« Die Betriebsräte sind gegenüber der Belegschaft
Deshalb schlage ich vor: rechenschaftspflichtig und jederzeit durch die Beleg¬
1. Die Gründung von BcanchengewetkschafteA mit vol¬ schafts Vollversammlung abwählbai.
ler Tarifautonomie, d.h. mit dem Recht der vertraglichen
9. Die Betriebsräte haben das Vetorecht bei elementa¬
Vereinbarung von Löhnen und Gehältern, der Arbeitsbe¬ ren Entscheidungen über das Schicksal der Werktätigen,
dingungen, des Urlaubs und der Arbeitszeit. z.B. bei Lohnkürzungen, Entlassungen, Betriebsstille¬
2. Diese Branchengewerkschaften sollen in einem
gungen, bei angeordneten Verstößen gegen den Arbeits¬
Dachverband zusammengeschlossen werden, der die
schutz.
Aufgabe hat, gewerkechaftliche Aktionen bzw. Forde¬
rungen zu koordinieren. Dieser Dach verband könnte 10. Die Betriebsräte müssen den Jahresplan des Betrie¬
Rechtsnachfolger des FDGB sein. Möglicherweise sollte bes mit der Belegschaft diskutieren. Hierzu gehört eine
die Sozialversicherung unter der Kontrolle des Dachver¬ schriftliche Vorlage durch den betrieblichen Leiter. Die
bandes stehen. Werktätigen müssen dann die Möglichkeit haben, sich
3. Die Gewerkschaften sind die Organisationen in den eine unabhängige Meinung zu bilden, die von den
Betrieben, die die Interessen der Werktätigen wahmeh- Betriebsräten zusammengefaßt wird und mit dem Leiter
men. Part eien haben nur insofern Einfluß, als ihre Mitglie¬ unter Hinzuziehung der Gewerkschafts Vertrauensleute
der gleichzeitig Mitglieder der Gewerkschaften sind. zu einer betrieblichen Vereinbarung beschlossen wird.
Gewerkschaftsfunktionäre dürfen nicht gleichzeitig Par¬ Die Rechte der Gewerkschaften und der Betriebsräte
teifunktionäre oder betriebliche Leiter sein. und weiter© Bedingungen, wie Notdienst bei Streiks. Gül¬
4. Zur Durchsetzung tariflicher Forderungen muß als tigkeit der Tarifverträge, genaue Bedingungen der Wahl
letztes Mittel auch das Streikrecht gewährleistet werden. von Betriebsräten und Festlegung weiterer Rechte, z.B.
Streiks sind nur dann zulässig, wenn mindestens 2/3 der einklagbare Rechenschaftspflicht von Direktoren der
Mitglieder bei der Urabstimmung für den Streik sind, ln Betriebe u.a., müssen durch ein — von der zukünftigen
Einzelbetrieben sind nur Kurzstreiks (max. 1 Tag) ztiläs* Volkskammer zu beschließendes — Betriebsverfassungs¬
sig, die auch von 2/3 der Gewerkschaftsmitglieder des zu gesetz geregelt werden und laufend an die Entwicklung
bestreikenden Betriebes beschlossen werden müssen. unserer Wirtschaft angepaßt werden.
Dies ist notwendig, um auf Mißstände in Einzelbetrieben Dr. Hans Braselmann
reagieren zu können, wenn kein Gesamtbrancheninter- (SDP Lichtenbeig/Basisgruppe Karls hörst/
esse besteht. Frie drichsfelde)

24
DDR - Unabhängige Gewerkschaften

Interview mit einem Beschäftigen in einer Brikettfabrik


Das folgende Interview wurde im Dezember 1989 mit che Gesetze verstoßen wurde. Sie „versuchen" dich immer
einem Arbeiter aus den Bitterfelder Kraftwerken und Brl« wieder zu überreden, die Anlage so lange wie möglich zu
kettfabriken gemacht. fahren. Es gibt einige Kesselwärter, die sich strikt weigern
- aber das tun die wenigsten.
Frage: Wie sehen die Arbeitsbedingungen bei Euch aus? Seit September '89 lauft es ein kleines bißchen anders,
Antwort: Gearbeitet wird bei uns in rollenden Wochen, 40 weil nun gesagt wird, wir müssen die Kraftwerke unbe¬
Stunden die Woche, d.h. es wird rund um die Uhr gearbei¬ dingt in Schwung bringen. Außerdem sagen die Kollegen
tet, auch sonnabends und sonntags. Es besteht ein fester öfter, daß die Anlage stülgelegt werden müsse. Auch die
Tumusplan zum Abfeiern, d.h. einmal 4 Tage Arbeit und 2 DGL gibt diesen Kollegen völlig recht, weil sie niemanden
Tage frei, einmal 5 Tage arbeiten und 1 Tag frei. In dem Sinn fragen müssen, wenn eine Anlage aus Sicherheitsgründen
von „großfrei”, wie andere Kombinate es machen, d.h. 7 stillgelegt werden muß.
bzw. 9 Tage arbeiten und dann eine Woche frei, arbeiten Ich muß dazu sagen, das eigentliche Finalprodukt, d.h.
wir nicht. Wir arbeiten nach dem festen Turnus 4/2 und 5/1. das Brikett, war für die DDR maßgebend. Das kann ich ver¬
Das ist das ganze Jahr festgeschrieben. Es gibt direkt einen kaufen, alles andere kann ich nicht verkaufen. Strom kann
Dienstplan, wonach sich jeder zu richten hat. ich zwar in die RGW-Leitung einspeisen, aber das war nicht
Ich gehe nur auf die Schichtarbeiter ein. Wir haben über- interessant für die DDR. Der schwarze Stein brachte das
wachungspflichtige Anlagen. Diese Anlagen dürfen nicht Geld bzw. die Devisen. Wenn also z.B. Export gefahren wur¬
verlassen werden, ohne daß ein anderer Kollege diese de, nannte der normale Arbeiter diese Produktion dann
Arbeit übernimmt. Auf Grund der permanenten Unterbe¬ „Bananenbriketts'* - denn es wird den Leuten immer
setzung, die wir zur Zeit haben, können die Leute fast nie gesagt, wenn viel exportiert wird, dann kommen auch die
zum Essen gehen. Ihre gewerkschaftliche Pause von 20 Südfrüchte in die DDR.
Minuten können sie nicht nehmen, um zu essen. Es wird Wenn, um auf die Standards zuruekzukommen. die Pro¬
also Essen geholt, ln katastrophalen Zuständen, d.h. mit duktion laufen muß, bist Du gezwungen, ständig gegen das
einer Art Schüssel. Bis sie hinten angekommen sind, ist es Gesetz zu verstoßen. Es existieren Besetzungspläne,
kalt. wonach die Geräte zu besetzen sind. Dann gibt es Ausnah¬
mepläne. Wenn ich also nicht genügend Leute habe, dann
Frage: Was sind das für Anlagen, an denen Ihr arbeitet? muß ich bestimmte Gerate stillegen. Dann aber kann der
Antwort: Wir fahren Anlagen mit einem Druck von 5,1 Plan nicht mehr erfüllt werden. Wenn also wegen Krankheit
Megapascal. 1,6 Megapascal, 1,5 Megapascal. Es ist ein rei¬ z.B. jemand ausfällt, dann geht der Zirkus los. Der Dispat¬
nes Gegendnickkraftwerk, Es heißt Gegendruckkraftwerk, cher muß Leute suchen, damit die Anlagen weiter in
weil die Brikettfabriken nachgeschaltet sind. Es wird also Betrieb sind. Dazu muß man sagen, daß ungefähr seit 11/2
Gegendruck erzeugt, um Pressen anzutreiben, Frisch- Jahren niemand mehr bereit ist, an seinem freien Tag zu
dampf erzeugt, um Apparate und Trockner in Betrieb zu arbeiten, wegen der Entlohnung. Es sind so Sachen
erhalten. Das ganze Dampfnetz geht durch Turbinen, es gemacht worden, daß Leute, die an ihrem freien Tag arbei¬
wird also Strom erzeugt. In der DDR ist es momentan bis auf ten, einen freien Tag bekommen. Nach der Ausreiseweüe
wenige Ausnahmen so, daß eigentlich Energie ein Abfall¬ ist das gar nicht mehr möglich. Nun sollen die Leute zwi¬
produkt ist, obwohl praktisch permanenter Energiemangel schen 10 und 20 Mark zusätzlich erhalten, je nachdem, wie
herrscht. Das ist für uns sehr schwierig, weil wir eigentlich dringend sie gebraucht weiden. Aber das Geld spielt keine
mit sämtlichen Kennziffern in der Energie hängen — das Rolle mehr in der DDR. Wae nützen die 10 oder 15 Mark,
spielt für den Lohn eine große Rolle. Die Kraftwerke haben wenn Du dir dafür nichts kaufen kannst. Als staatlicher Lei¬
die Kennziffer Elektroenergieerzeugung, die Einhaltung ter bist Du sovrieso gezwungen, arbeiten zu gehen, ohne
der Spitzenzeiten, die festgelegt sind (in den Frühstunden - zusätzliches Geld zu bekommen.
in den Mittagsstunden...). Dann werden die Turbinen voll
Frage: Wieviel wird im Betrieb verdient?
ausgefahren.
Antwort: Die Entlohnung des Facharbeiters, das sind
Frage: ArbeitsSicherheit, wie sieht es damit aus?
Leute mit Mittlerer Reife, liegt zwischen 1 000 und 1 200
Antwort: Unser Werk besteht seit 70 Jahren, und so sieht Mark. Das ist ganz gut im Vergleich zur restlichen Bevölke¬
eigentlich unsere Arbeits Sicherheit aus. Die staatlichen rung in der DDR. loi Vergleich zur BRD, wo ein Arbeiter im
Leiter sind gezwungen, nach DGLs, das sind vorgeschrie¬ gleichen Beruf um die 4 000,- verdient, ist es verschwin¬
bene Standards für den Arbeitsschutz, zu handeln und zu dend wenig. In den Brikettfabriken haben wir sehr viele
arbeiten. Das ist aber gar nicht möglich. Wenn voU nach der angelernte Kräfte.
DGL gearbeitet würde, dann liefe gar nichts. Seit 25 Jahren Es gab bis vor einigen Jahren eine besondere Versorgung
gab es z.B. in allen Kesselanlagen der DDR keine Investitio¬ für die Bergbaugebiete. Das einzige, was es jetzt noch gibt,
nen mehl, da—so wurde zumindest gesagt - die Stähle, die ist eine kleine Bevorzugung bei der Beschaffung von PfCWs
wir brauchen, für die Rüstung, d.h. für die Volksarmee -das nennt sich ..Prämienwagen“- Aber der normale Arbei¬
gebraucht werden. ter hat davon fast nie etwas, weil die staatlichen Leiter die
Die Anlagen sind zum Teil so weit abgeschrieben und unter sich aufteilen und es viel zu wenige gibt. Das sind in
veraltet, daß sie eigentlich nicht mehr laufen dürften. Die einem Betriebstefl ein bis zwei Wagen. Prämienwagen
Technische Überwachung, die eigentlich eine Stillegung heißt nicht, daß man ihn nicht bezahlen muß, sondern daß
dieser veralteten Maschinen veranlassen müßte, läßt sich man nicht 15 oder 17 Jahre warten muß.
immer wieder auf Kompromisse ein. So hatte der Kombi¬
Frage: Wieviel Beschäftigte habt Ihr, rvie hat sich der
nats direktoi schon vor Monaten erklärt, daß z.B. im Septem¬
Betrieb entvrickelt?
ber *89 eine Geneialxepatatut durchzuführen sei, bis dahin
sollten wir die alte Anlage noch betreiben. Eigentlich muß* Antwort: In unserem Bereich sind 4 300 Beschäftigte, im
te die Anlage sofort stillgelegt werden, weil der Mensch ganzen Kombinat sind es ca. 8 500. Früher waren wir ein
gefährdet ist. Das wird nicht so gehandhabt. Man sagt sich, selbständiges Kombinat, davor ein einzelnes Werk. Mit der
vielleicht kommen wir die Tage noch über die Runden. Man Zusammenfassung der Betriebe wurde es schlechter. Die
sagt, so schlimm ist es nun auch nicht. Gleichzeitig werden ganze Bestellung läuft über das Kombinat. Das sind sehr
immer wieder Rundschreiben verschickt, insbesondere langvrierige Prozesse, so daß man sagen kann, das Bestellte
nach Havarien, wo genau aufgeschlüsseit wird, gegen wel¬ kommt nie dort an, wo es hin soll. Es wird unterwegs

25
»Osi-West-Diskussionsfomm« Nr. 10 Februar 1990

irgendvvie immer abgefangen. Man mußte zwar schon geworden. Aber die Pläne und der Arbeitsablauf haben sich
immer ein Jahr im voraus bestellen, aber nun kann man gar nicht geändert. Die Plandiskussion für das Jahr 1990 ist
nicht mehr beeinflussen, daß Du das Bestellte irgendwann auch schon gelaufen, und zwar vorher. Es gibt keine Mög¬
kriegst. Der MI Leiter (Mechanische Instandhaltung) muß lichkeit, das zu korrigieren, Auch der Betriebskollektivver¬
den Leiter mit der Bestellung beauftragen. Aber er hat kei* trag ist abgeschlossen. Das gilt ebenfalls für die Küche. Die
nerlei Handhabe, in den Prozeß einzugreifen. Wir haben seit Beschwerden häufen sich, aber der Zuschuß des Betriebes
zwei Jahren z.B. neue Leuchten, nun sind aber die Ersatz- ist einfach zu niedrig.
teile nicht mehr zu erhalten, so daß eine Reihe von Arbeits¬
Frage: Wie hat das Forum in Eurem Betrieb ausgesehen?
plätzen im Dunkeln sind. Es sind gar keine Glühlampen
Wer hat es einberufen?
mehr da. Wir mußten also selber etwas neues erfinden.
Auch der Leiter hat wenig Einfluß auf die ganze Sache. Antwort: Es wurden alle Leute durch die BGL und GO-
Ich sehe das so: Bei uns gibt es zu viele Fachdirektoren, die SeKretäre aufgerufen. Diese standen auf der Versammlung
eigentlich nicht vom Fach sind. Das sind eingesetzte Leute. selbst im Hintergrund. Die Versammlung hat ein Genosse
Als ich vor 29 Jahren anfing, gab es einen Direktor, der hatte aus dem Kulturhaus geleitet. Dazu wurden verschiedene
einen Stellvertreter, und dabei blieb es. Dann gab es noch Leiter als Präsidium geladen. Ein großer Teil ist nicht
die einzelnen Werksleiter und Betriebsstellenleiter. Heute erschienen, so z.B. der Betriebsdirektor. Es sollte eine Art
ist es so, daß der Direktor vier Stellvertreter hat und die Meinungsforschung getrieben werden. Schon vorher wur¬
Stellvertreter wieder Stellvertreter haben, und dann kom¬ den sozusagen kleine Spione vorausgeschickt, um die Mei¬
men die Fachdirektoren. Die Fachdirektoren sind auch nung in den Kollektiven auszuspähen. Die Kollegen wurden
bestrebt, so viel wie möglich zu verdienen, und da geht die über ihre staatlichen Leiter aus gehorcht, sowie über den
Schlamperei schon los. Es wird keine reelle Abrechnung APO und AGL ausgeforscht. Ich konnte einige fachliche
betrieben, denn die Fachdirektoren erhalten eine leistungs¬ Sachen über den Produktionsablauf anbringen. Sie sagten
orientierte Gehaltspramie, die sehr hoch ist. Deshalb wer¬ daraufhin, das wäre ja ganz interessant. Nun ist es ja nicht
den falsche Zahlen gemeldet. so, daß bei uns diskutiert wird. In den Oewerkschaftsgrup-
penvereammlungen kommen die Probleme zur Sprache,
Frage: Was hat sich mit der Wende geändert?
aber sie werden nicht zur Kenntnis genommen, bzw. weder
Antwort: Genau das mit den falschen Zahlen ist bei einem die Verantwortlichen von der BGL noch von der Partei sind
der ersten Poren, die wir nach der Wende in unserem da. Die Probleme werden auf einem Mitteilungsblatt auf ge¬
Betrieb abgehaiten haben, zur Sprache gekommen. Der listet, das aber dann irgendwo in der Versenkung ver¬
Betriebsdiiektci hatte eine Untergebene aufgefoidert, fal¬ schwindet. Daran hätten sie eigentlich merken müssen,
sche Zahlen zu melden. Er hatte nicht daran gedacht, daß was so läuft, denn der Kumpel hat eine gute Vorstellung
das die Tochter eines Volkskammerahgeordneten ist. Sie und weiß auch ganz genau, wie es laufen müßte. Aber das
verweigerte die Weitermeldung der Zahlen, die total frisiert wird nicht zur Kenntnis genommen.
waren. Erforderte sie daraufhin auf. die Partei zu verlassen, Das ganze Forum wurde auf Band mit ge schnitten, was
was sie auch getan hat. Sie hat das an die große Glocke nicht erlaubt ist. Dagegen standen die ersten Kollegen auf
gehängt. Dem Direktor ist aber eigentlich nichts passiert. und protestierten. Das Band vsruide danach vernichtet, und
Vor dem ersten Forum in unserem Betrieb wurden die die Vernichtung wurde kontioUiert. Es lief wie schon immer
APO’Sekretäre und die GO-Sekietäre vollkommen eüige- unter Leitung der SED. Dagegen haben Kollegen aus den
spart, also entlassen. Sie wurden nicht umbesetzt, zumin¬ untersten Schichten protestiert, Sie haben direkt bestimmt,
dest nicht bei uns. Sie mußten sich eine andere Arbeit wie die Versammlung abzulaufen hat. Sie haben küpp und
suchen. Der von uns arbeitet letzt Inder Fabrik als Arbeiter, klar gesagt, jetzt bestimmen wk mal hier, wie das läuft.
auf der niedrigsten Stufe. Das ist die kleine Rache des Doch es sollte so laufen, daß Sachen zwar angespzochen,
Betriebsleiters dort. Dieser da dachte so: Jahrelang hast Du aber keine Fragen beantwortet werden. So wurde z.B.
nichts gemacht, und ich denke nicht daran, Dich jetzt wie¬ angefragt, wieso der 1. Sekretär seinen 50. Geburtstag -
der an eine Stelle zu setzen, wo Du wieder nichts machst. von der Partei bezahlt -ün Gästehaus des Betriebes gefei¬
Aber das Gros der Leitung ist noch da. Es sind zwar Köpfe ert hatte. Er grinste nur wie so ein Honigkuchenpferd. Die
gefallen, es sind viele zurückgetreten, wie z.B. der Partei¬ Leute haben dann verlangt, daß er Rede und Antwort ste¬
sekretär der zentralen Parteileitung, der auch viel Dreck am he. Die Antwort war - und das fand ich furchtbar: „Es ist
Stecken hat, sowie andere, die sich viele Sachen unter den schon ein paar Jahre her, und den sechzigsten Geburtstag
Nagel gerissen haben. Die Gewerkschaft ist zum Teil umbe¬ feiere ich zu Hause.“ Die Leute haben getobt. Nun ging es
nannt und umgestaltet worden. Doch das Gros ist noch da. darum, daß der Mann, der 800 Meter vom Werk wohnt,
Der Betriebsdirektor ist noch da, die Stellvertreter sind da jeden Tag mt dem Auto geholt und wieder zurückgebracht
und haben immer noch das Sagen. Es hat sich seit Oktober wird- Seine Antwort: -Seit gestern Jaufich-*' Es blieb ihm
in diesen Bergbaubetrieben eigentlich noch nichts getan, auch nichts anderes übrig, well ich weiß, daß die Kollegen
weil sie auf irgendeinen Fingerzeig von oben warten, vrie es ihn nicht mehr ins Auto ein steigen ließen. Er mußte also zu
eigentlich j et zt weitergehen soll. Fuß laufen.
Nun muß ich auch dazu sagen, daß diese Betriebe schwie¬ Das Forum ist nicht von der staatlichen Leitung aus ge¬
rig 2u leiten sind, weil sie immer abhängig von der Regie¬ gangen. Es ist eine Eigeninitiative des BGL-Vorsitzenden
rung sind. Man könnte eigentlich sagen, daß man den und des GO-Leiters gewesen. Die staatliche Leitung hat
Laden von heute auf morgen dicht machen könnte. erst später nachgezogen, wobei der Direktor auch nicht hin¬
So wurde auf dem ersten Forum verlangt, die Pläne voll¬ gegangen ist.
ständig zu ändern, weil wir nach vollkommen falschen Plä¬ Ich wurde zum Forum von meiner Schicht delegiert,
nen arbeiten. Dem wurde nicht entsprochen. Die staatliche wobei man den Zeitpunkt des Forums ungünstig gelegt
Leitung hat die November- und Dezember-Pläne geändert, hat. Der Großteil der Kollegen mußte vorher schon mit den
aber das nutzt nichts, weil der staatliche Plan welterläuft. Bussen und Zügen wegfahren. Sie hatten gar keine andere
Den Staatsplan erreichen wir nicht, und das ist auch die Möglichkeit. Das hat man bestimmt bewußt gemacht. Der
Angst der Kollegen. Denn Du erreichst damit ja auch keine Saal war trotzdem voll. Ich habe gestaunt. Die Leute woll¬
Planerfüllung und so auch nicht die Auszahlung der Jahres¬ ten eigentlich wissen, wie es weitergehen soll. Es wareine
endprämie. Die Jahresendprämie muß erwirtschaftet wer¬ Ohnmacht da. Es wurde von niemandem gezeigt, wie geht
den. Wir haben seit 5 Jahren schon eingefrorene Jahresend¬ es eigentlich weiter. Keiner hat mehr was gesagt. Alles
prämien, d.h. die 800 Mark-Grenze darf nicht überschritten wurde in der Vergangenheit nur über die Partei gemacht.
weiden. Wir gehen von der Erfüllung 1982 aus. Das war Jede Generalreparatur wurde unter Führung der Partei
eins der schlechtesten Jahre. Die Prämie vsrird dann auf die durehgeführt. Deswegen ist es auch schief ge gangen. Die
einzelnen Lohngruppen aufgeteilt. Nichtgenossen haben es auch darauf angelegt. So kam es ln
Nach der Wende sind die Arbeiter selbstbewußter den letzten zwei, drei Jahren zu gravierenden Vorfällen,

26
DDR - Unabhängige Gewerkschaften

denn diese sagten, was sollen wir uns Gedanken machen, Es ist so. daß wir bestimmen, wie jetzt gearbeitet wird
es macht ja sowieso die Partei. und wie der Betrieb läuft. Früher kam von oben der Plan,
Beschlossen wurde auf der Versammlung nichts. Es wur* und nach diesem Plan wurde verfahren — heute geben sie
den Sachen angesprochen. Zum Beispiel, daß der Sozialisti¬ gar nichts mehr heraus. Heute halt man sich im Hinter¬
sche Wettbewerb nicht weiteigeführt werden soll, weil es grund und sagt, die wissen das von ganz alleine. Es läuft
kein sozialistischer Wettbewerb ist» weil dieser ganze jetzt ruhiger und besser, weil der Arbeiter alleine entschei¬
Wettbewerb manipuliert worden ist. Das Neuererwesen den kann. Der staatliche Leiter gibt nichts mehr vor. Er war
hat sich dadurch ausgezeichnet» daß wir das Fahrrad noch derjenige, der aus Unwissenheit das Chaos organisiert hat.
einmal erfunden haben. Das, was schon einmal war» kann Frage: Warum wird die Betriebsleitung nicht ersetzt?
man neu erfinden und dadurch viel Geld verdienen Das
wurde auch abgeschafft. Antwort: Es ist niemand gekommen, der sich berufen
fühlt, es zu machen- Es ist kein Anstoß gekommen, wie bei
Frage: Welche Beschlüsse gab es noch? anderen Revolutionen. Es hat niemand gesagt, jetzt krem¬
Antwort: Die sanitäre Emhchtung ist katastrophal. Eine peln wir das alles um, jetzt übernimmt der Arbeiter die
Toilette für 100 Kollegen. Es kam als Antwort: Macht doch Macht- Das vriid auch durch das Parteibuchschraeißen noch
einen Neuerervorschlag. Wie soll ich die Toilette neu erfin¬ schwieriger. Die sagen ja jet2:t, wir gehören zu Euch, und
den? wir wollten es schon immer anders. Dadurch ist die ganze
Die .»Straße der Besten“ wurde sofort abgeschaft. Alles, Sache etwas verwonen. Auf der Ebene der staatlichen Lei¬
was AnstoB erregen konnte» wurde ahgeschafft. Die SED tung hat sich noch gar nichts geändert, obwohl man viel
hat versucht, die Sachen abzubauen, die ganz gravierend davon spricht.
im Vordergrund standen. Die Versammlung ist ja auch nicht von den KoUegen ein¬
So wurde auch das Parteistudium abgeschafft. Das ist ja berufen worden, Von der Gewerkschaft vmide ein Aus¬
kein Fachstudium, sondern eben ein Parteistudium, und die hang gemacht, auf dem gefragt wurde, woran die Kollegen
Absolventen kommen dann in den Betrieb und richten viel interessiert seien. Daß der FDGB bleibt, war die Grundvor¬
Schaden an. Wir lächeln darüber, daß alle leitenden Posten aussetzung. Das ist schon einmal idiotisch. Es wurde nicht
von der SED besetzt wurden. Ein Ingenieur, der vondei Par¬ gefragt, ob wilden FDGB weiter behalten wollen. Es wurde
tei im Kraftwerk eingesetzt wurde, konnte sich gar nicht stattdessen nur gefragt, auf welcher Ebene etwas verän¬
wohl fühlen, weil er keine Ahnung von der Arbeit hatte. Er dert werden soU. Während wir noch diskutiert haben,
war also auf das fachliche Wissen der Kollegen angewie¬ haben sie schon längst entschieden. Das hat uns natürlich
sen. Das war im übrigen auch unsere einzige Überlebens¬ sehr verärgert. 70 % der Arbeiter haben eine klare und
chance. Wir hatten das Fachwissen. andere Vorstellung, wie es laufen soll.
Aber nur ein Beispiel. Bei Generalreparaturen wurde eine Frage: Wann findet die Versammlung statt, wo diese
Konzeption, d.h. ein Ablaufplan entworfen. Diese Sachen 70 % miteinander diskutieren?
wurden von diesen Leuten entworfen, die gar keine
Ahnung hatten. Wenn sie clever waren, haben sie einfach Antwort: Wer beruft diese Versammlung derm ein? Im
Moment gibt es eigentlich die staatlichen Leiter nicht mehr.
die alten Protokolle herausgezogen und diese abgeschrie¬
ben. Das ist dadurch auf gef allen, weil dann plötzlich im Das merkt man schon bei der Schichtübergabe. Sie müssen
Ablauf plan Maschinen standen, die schon seit langem nicht dazu kommen, halten sich aber völlig zurück. Jetzt auf ein¬
mal sagen sie Ihr wißt das doch besser als wir “ Hätten sie
mehl existierten.
Weil der Betrieb so alt ist, laufen eine ganze Reihe von uns das doch vor zwanzig Jahren so entscheiden lasseni
Anlagen nicht mehr. Wer durchschaut schon noch die vie¬ Frage: Wozu sind die staatlichen Leiter denn noch da?
len Umschaltmöglichkeiten. Das kennen nur die Kollegen, Antwort: Die Planstelle ist eben noch da. Die Revolution
die 35 Jahre ln dieser Anlage leben. Das ist unser großer ist nicht so weit, daß wir Jetzt sagen: Jetzt besetzen wir die
Vorteil. Wir zeigen den Leitern das auch nicht. Den techno¬ Betriebsbüios. Der Deutsche ist eben sehr kultiviert und
logischen Ablauf beherrschen wii — nicht sie. diszipliniert.
Bei Generalreparaturen kommt dann der Direktor und Z.B. habe ich vor einigen Jahren unseren Leuten grund¬
sagt, „wir haben festgelegt...", und dann antworten wir: sätzlich verboten, irgendeinem staatlichen Leiter irgendet¬
„Wenn Ihr das festgeJegt habt, dann seht mal zu...", oder was zu zeigen. Nicht weil ich das Wissen für mich behalten
wir sagen ihm; „Leg doch mal Dein Parteibuch auf die woUte, sondern weil sie uns, die Schichten, immer gegen¬
Maschine, vielleicht geht es dann weiter...“ Dann ver¬ einander ausgespielt haben. Aber das wollte die staatliche
schwinden sie ganz schnell. Der Kollege macht ja, wenn er Leitung so. Der Arbeiter durfte nicht alleine entscheiden.
seinen Triumph gehabt hat, seine Arbeit. Die Entscheidung wurde immer nach oben getragen - vom
Es ist nun so, daß nach der Wende bei uns alle Leiter ihr Meister zum Schichtleiter usw. Bis nach ganz oben, und da
Parteibuch geschmissen haben. Das finden wir nicht gut. wurde dann meistexxa fehl entschieden. Am Schluß vsmrde
Eigentlich müßten diese Leute zur Verantwortung gezogen es nur deshalb mehr oder weniger richtig gemacht, weil die
werden für das. was sie uns in den ganzen Jahren einge- Entscheidung auf dem Weg nach unten korrigiert tvuide.
brockt haben. Jetzt müßten sie eigentbch mal die Arbeiter Aber die oben waren immer der Annahme, sie haben richtig
werden, und wir müßten mal den Betrieb leiten. entschieden.

27
»Ost'West-Diskussionsfoninm Nr. 10 Februar 1990

Polen

Erklärung des Wroclawer Regionalen Arbeiterkomitees


der PPS-RD (Polnische Sozialistische Partei-Demokratische Revolution)
Die Nommierung von Tadeusz Mazowieckl für das Amt schalt, zum Subjekt der Geschichte zu werden, bildet, kön¬
des Ministerpräsidenten der Volksrepublik Polen ist Aus¬ nen nicht durch Gesetze beschränkt werden.
druck der sich vertiefenden Krise des Herrschaftssystems - Die Sicherung völliger Presse- und Informationsfreiheit
der Nomenklatura. Dieses Ergebnis der sozialen Emanzipa* durch die Abschaffung der Zensur und eine Beendigung der
tion hat ihren Ursprung in der Entstehung von »Solidar- mateheHen und gesetzlichen Garantien für Monopolstel¬
noSö«' einer von der Bürokratie unabhängigen Arbeiterbe* lungen auf diesem Gebiet, und besonders Aufteilung der
wegung — ixn August 1980. Acht Jahre der Versuche des materiellen Mittel, über die RSW »>Prasa‘Ksiazka-Ruch« ver¬
Regimes von General Jaruzelski, die selbstorganisierte fügt, auf alle politischen, gesellschaftlichen und kulturellen
Gesellschaft anzugreifen und zu zerschlagen, haben zu Gruppen. Die Unterstellung von Radio und Fernsehen unter
ihrem totalen Scheitern geführt. die Kontrolle repräsentativer Körperschaften auf den ent¬
Die Bildung der Regierung Mazowiecki bedeutet jedoch sprechenden Ebenen und die Garantie des Zugangs zu
nicht. daJ! die Gesellschaft die Macht übernommen hat. Die* ihnen für alle politischen und gesellschaftlichen Gruppen.
se Regierung basiert auf „36 % Demokratie“ und auf einer
Garantie dafür, daß die Grundlagen des Systems nicht in II. Unterordnung der Wirtschaft unter die
Frage gestellt werden, trotz der Tatsache, daß die Wähler¬
gesellschaftlichen Bedürfnisse
schaft sich am 4. Juni 1989 eindeutig für die Abschaffung
der Nomenklatura ausgesprochen hat. Die wichtigsten Das Ziel der Wirtschaftspolitik an der Schwelle zum 21.
Herrschaft s Strukturen - das Amt des Präsidenten der Jahrhunderts muß es sein, annehmbare Lebens Verhältnis¬
Republik, das Innen- und das Verteidigungsministerium se zu sichern, d.h. zumindest das Recht auf gesunde und
und die Nationalbank - sind nicht nur jedweder Kontrolle ausreichende Ernährung. Wohnung, Gesundheitsfürsorge,
durch die Gesellschaft, sondern auch der des Ministerpräsi¬ für jede(n) zugängliche soziale Dienstleistungen (z.B. Kin¬
denten entzogen. Indem sie solche Bedingungen akzeptier¬ derkrippen) sowie Ausbildung und Kultur für alle Mitglie¬
ten. haben die führenden Oppositionsgruppen. die vom der der Gesellschaft.
neuen Ministerpräsidenten repräsentiert werden, aus dem Eine unerläßliche Voraussetzung zur Verwirklichung die¬
Druck der Streiks und dem Bankrott der PVAP (Polnische ser Ziele ist die Unterstellung der Wirtschaft unter die Kon¬
Vereinigte Arbeiterpartei) nicht das Beste herausgeholt. trolle der Produzenten. Nur ein solches Modell des gesell¬
Nichtsdestoweniger eröffnet die Bildung dieser Regierung schaftlichen Lebens kann jedem Menschen die Möglichkeit
die Möglichkeit, Bestrebungen der Gesellschaft zu verwirk¬ garantieren, seine Bestrebuiigen zu verwirklichen, und die
lichen: Grundlage für die Emanzipation der Gesellschaft bilden.
Bis zum letzten Augenblick hat die Regierung von Miec-
I. Beseitigung aller Überreste zyslaw Rakowski, - indem sie den Weg ihrer Vorgänger
beschritt und vollendete Tatsachen schuf die polnische
des totalitären Regimes Wirtschaft entschlossen ln die entgegengesetzte Richtung
- Abschaffung der Mechanismen der Herrschaft des geführt. Sie erweiterte die Möglichkeiten für die private
Staates über die Gesellschaft und in erster Linie die Auflö¬ Aneignung seitens der Nomenklatura und für die Entwick¬
sung der SB (politische Polizei), der ZOMO (Anti-Aufruhr- lung spekulativ-korrupten Kapitals, und schuf die Voraus¬
Einheiten der Polizei), und der ORMO (Hilfspolizei), sowie setzungen für den Verkauf der nationalen Produktionsmit¬
eine Revision des Strafrechts mit dem Ziel der Sicherung tel an das ausländische Kapital. Zusätzlich erlaubte sie
demokratischer Freiheiten. Dies beinhaltet auch die einen unbegrenzten Anstieg der Preise für Koneumgüter
Abschaffung des privilegierten Status der PVAP und aller mittels der Einführung marktwirtschaftlicher Mechanis¬
mit ihr verbundenen Gruppen wie der SD (Demokratische men in einer Situation gravierender Nahningsmitteiknap-
Partei), der ZSL (Vereinigte Bauernpartei), der ZSMP (Ver¬ pheit. Nachdem sie dies getan hatte, führte sie den Prozeß
einigung der Polnischen Sozialistischen Jugend), der ZSP der Kombination der gesamten bürokratischen Wirtschaft
(Vereinigung Polnischer Studenten) usw. sowie die Garan¬ mit Marktmechnismen weiter und verschlechterte so die
tie, daß jeder, der leitende Funktionen, in der Verwaltung materielle Lage der Mehrheit der Gesellschaft.
wie in der Wirtschaft, aus übt, gewählt werden muß; Tadeusz Mazowleckis Regierung muß radikal mit der
schließlich die Unterordnung der territorialen Verwaltung Politik ihrer Vorgängerin brechen.
unter die in heier, gleicher, direkter und Verhältniswahl
gewählten Strukturen der Selbstverwaltung. III. Plan, Selbstverwaltung und
Markt miteinander verbinden
- Die Garantie der Freiheit politischer und gesellschaftli¬
cher Tätigkeit; d.h. das uneingeschränkte Recht zu streiken Es ist notwendig zu verstehen, daß das Schicksal der
und Gewerkschaften zu bilden, auch in der Polizei und in Wirtschaft in erster Linie in den Händen der Arbeiterinnen
der Armee (einschließlich für Wehrpflichtige); in Überein¬ und Arbeiter selbst liegt. Nur die Selbstorganisation und
stimmung mit der 2. der 21 Forderungen des überbetrlebb- Initiative der Arbeiterinnen und Arbeiter kann den Wider¬
chen Streikkomitees von Danzig 1980, „ Garantie der Sicher¬ stand des alten Partei- und Staatsapparats brechen und zu
heit für die Streikenden uird die Persoiren. die sie unterstüt¬ einer Situation führen, in der die neue Regierung wirt¬
zen", und in Übereinetmmiung mit der 7. dieser Forderun¬ schaftliche Veränderungen zum Wohle der Mehrheit durch¬
gen. ..Bezahlung der Streiktage an aüe Streikenden gemäß setzen kann.
den Regelungen für bezahlten Urlaub". In der eisten These des auf dem 1. Landesdelegierten-
Die Aktivitäten politischer Parteien, die die Basis der Kongrefl 1981 verabschiedeten Programms von »SoUdar-
modernen Demokratie und die Bedingung für die Gesell¬ nosÖK heißt es;

28
0steuropa: Polen

„Wir fordern die Durchführung einer selbstverwaJteten Initiative zur Schaffung von Arbeiterkommissionen für den
und demokratisch an Reform auf allen Ebenen der Verwal¬ Markt und für die Lebensmittelversorgung mit einer Ko-
tung, einer neuen gesellschaftJich-wirtschaftüchen Ord* ordinatio ns zentrale ergreifen. Diese Kommissionen sollen
nung, die Plan, Selbstverwaltung und Markt miteinander mit den Gliederungen der Individualbauem Zusammen¬
verbindet arbeiten.
Organisatorische Grundeinheit der Wirtschaft muß das Tadeusz Mazowieckis Regierung sollte solchen Kommis¬
gesellschaftliche Unternehmen sein, über das die Beleg¬ sionen das Recht einräumen, alle Läden, die Konsumgüter
schaft, repräsentiert durch den Arbeiterrat, verfügt und das verkaufen, zu kontrollieren, einschließlich derjenigen, die
operativ vom DiieirtoT geleitet wird, der nach einer entspre¬ unter der Kontrolle des Innen- und Verteidigungsmirüste-
chenden Ausschreibung durch den Rat berufen und durch riums stehen.
ihn auch entlassen wird Die Reform sollte die Planung - Neubewertung der Arbeit
vergesellschaften. Frühere Regierungen haben den Prozeß der Anbindung
Die Verwirklichung einer solchen Reform erfordert die der Preise des inneren Marktes an das Weltmarktniveau
Errichtung einer gesellschaftlichen Kontrolle über die Pro¬ eingeleitet. Der Anteil der Arbeitskraft an den gesamten
duktion, die von den Selhstverwaltungsräten der Arbeiter. Produktionskosten ist drastisch reduziert worden. Tadeusz
Landarbeiter und Handwerker ausgeübt wird, die national Mazowieckis Regierung muß, in Übereinstimmung mit
und regional in Selbstverwaltungskammem organisiert
»Solidamoäö<i, eine radikale Lohnreform durchführen und
sind. Die Bedingungen für eine solche Kontrolle sind die fol¬ vor allem den Anteil der Löhne an den Gesamtkosten auf
genden: das durchschnittliche Weltniveau anheben.
- Die Garantie gleicher Ha ndfungsmög lieh ketten für
- Sicherung des Rechts auf Arbeit
Selbetvenvaltungsräte, Gewerkschaften und andere Arbei¬ These 9 des 1981 veiabschiedeten »Solidarnosö«-Pro¬
tervertretungen unter allen Eigentumsformen, und die Ver¬ gramms stallt© fest: „Wir erklären uns für das allgemeine
einheitlichung des gesetzlichen Rahmens in bezug auf Pro¬ Recht auf Arbeit und gegen Arbeitslosigkeit... In Betrieben,
duktion, Arbeitsplätze, Handel, Löhne und Arbeitsbedin¬ in denen Einschränkungen vorgesehen sind, soll die
gungen. Betriebskommission diese Veränderungen innerhalb der
-Die Veränderung derBezi^ungen der Arbeit im Betrieb Betriebe untersuchen, damit die betroffenen Arbeiter die
im Sinne der Befreiung der Arbeit, Insbesondere durch die Möglichkeit haben, einen anderen Arbeitsplatz zu suchen
radikale Einschränkung der Anzahl der Aufseher und des oder eine Arbeit mit verkürzter Arbeitezeit ohne Lohn Verlu¬
Verwaltungspersonals und durch die Garantie, daß diese ste anzunehmen. Wie die Gewerkschaften in Westeuropa
gewählt werden. fordern wir eine 35-Stunden-Woche,''
- Kündigung der Schulden
- Offenlegung der Bücher. Die Arbeiterkontrolle über
Der neue Ministerpräsident stellte in seiner Rede vordem
Produktionsmittel und -ziele bildet eine unerläßliche Etap¬
Parlament richtig fest; „Die Wirtschaft ist von den Aus¬
pe auf dem Weg zu einer Gesellschaft, die die vollständige
landsschulden erdrosselt worden. ” Seit 1971 wurden 49
Verantwortung für die Wirtschaftsverwaltung übernimmt.
Milliarden Dollar Anleihen aufgenommen, 44 Milliarden
Die Bestandsaufnahme über die Produktion und die Verbin¬
Dollar wurden zurückgezahlt, doch es bleibt auch so eine
dungen ihrer Zusammenarbeit durch die Selbstverwal¬
Verschuldung von 39 Milliarden Dollar übrig.
tungsräte und -kammern (Berichte über den Zustand der
Die Gesellschaft kann die Verantwortung für von der
Betriebe und der gesamten Wirtschaft) würde eine nationa¬
Nomenklatura gemachte Schulden und die durch ihre Herr¬
le demokratische Diskussion über die Prinzipien einer zen¬ schaft verursachte Verschwendung nicht übernehmen.
tralisierten Zuteilung des ökonomischen Überschusses in
- Die Wiedergewinnung wirtschaftlicher
einer Weise erlauben, daß die Befriedigung der von der
und politischer Souveränität
Gesellschaft zum Ausdruck gebrachten Bedürfnisse in
1. ) Die Ablehnung der Bedingungen des IWF, deren
zanehmendem Maße garantiert wird. Auch wenn auf die
Durchsetzung gewiß zu einer drastischen Reduzierung des
Anwendung von Marktmechanismen in der Verteilung
Lebensstandards und der Unterordnung der polnischen
nicht verzichtet werden kann - in dem Maße, wie die wirt¬
Wirtschaftspolitik unter das ausländische Kapital führen
schaftliche Entwicklung die völlige Befriedigung der Bedür-
würde,
russe nach verschiedenen Produkten nicht sicherst eilen
2. ) Di© Revision der militärischen und wirtschaftlichen
kann —, muß di© Anwendung von Marktmechanismen unter
Verträge/Abkommen, die für Polen aufgrund seiner Mit¬
Bedingungen ernster Knappheit den Entscheidungen einer
gliedschaft im Warschauer Pakt und im RGW gelten.
Gesellschaft unterworfen sein, die sich ihrer Bedürfnisse
bewußt ist. V. Die selbstverwaltete Republik
In Übereinstimmung mit dem 1981 verabschiedeten Pro¬
IV. Selbstverteidigung der Arbeiterinnen und gramm von »Solidainosc<< wollen wir „eine wirkliche Verge¬
Arbeiterangesichts der Auswirkungen der Krise sellschaftung des VerwaJtungs- und Wirtschaftssystems.

Die Schwere der Wirtschaftskrise erfordert, daß die Deshalb streben wir ein selbst verwaltetes Polen an."

AibeiterkoUektive sofortige Aktionen zur Selbstverteidi¬ - Freie Wahlen für eine Konstituierende Versammlung
gung durchführen. Das Grundgesetz muß Ausdruck der bewußten und
freien Entscheidung durch die Gesellschaft sein. Die neue
* Arbeiterkontrolle über die Preise
Die regionalen Strukturen von »Solidainosc« müssen ins¬ Regierung muß eine freie, gleiche, direkte, geheim© und
besondere in Zusammenarbeit mit den gewerkschaftlichen Verhältniswahl für die Konstituierende Versammlung orga¬
Kommissionen im Handels- und Dienstleistungssektor nisieren und insbesondere garantieren, daß alle Kandida¬
sicher Stehen, daß die Steigerung der Lebenshaltungsko¬ ten dieselben materiellen Bedingungen für ihren Wahl¬
sten jede Woche berechnet und veröffentlicht wird. Es muß kampf genießen.
gefordert werden, daß auf dieser Grundlage ein wöchentll- - Die Frage der Macht
chei Prämienausgleich für die Lebe ns Verteuerung gezahlt Der Weg zu einer selbstverwalteten Republik beinhaltet
wird. Die Regierung muß Maßnahmen ergreifen, die die die völlige Abschaffung der Macht der Nomenklatura. Diese
Preiserhöhungen stoppen, Aufgabe kann nur durch die selbstorganisierte Arbeiterbe¬
- Gesellschaftliche Kontrolle über die Nahrungsmittel¬ wegung erfüllt weiden, bestärkt durch ihre Erfahrungen
ve rteilung unter dem Kriegsrecht und in den Untergrundaktivitäten,
Entsprechend These 7 des 1981 verabschiedeten uSoli- ün Kampf um die betriebliche, regionale und staatliche
damosö<(-Programms müssen ün Falle ernster Nahrungs- Macht.
mitteUmappheit die Basiastrukturen von nSoIidarnosc« die Wroclaw, 13.9.1989
29
»Ost-Wesl-Diskussionsforum« Nr. 10 Februar 1990

Rumänien
Der Sturz der Ceausescu-Clique -
Die Revolution der Räte
Oer Sturz der Ceausescu-Diktatur durch die rumänische Revolution bildete das Ende eines Jahres,
das in die Geschichte als ein Jahr der Revolutionen eingehen wird. Zum besseren Verständnis folgt
hier zunächst ein historischer Abriß, und dann wollen wir einige erste Dokumente dieser Revolution
wiedergeben.

1944-1989: Eine Epoche tor'* gehörten. Von 1952 bis 1956 über¬ der Zugang zum rumänischen Markt
zog eine Repressions- und Säube¬ geebnet.
europäischer Geschichte
rungswelle das Land. 1974 schlossen die neun Staaten der
1944, als PaTtisa'nengruppen' und Die ungarische Revolution von 1956 EWG mit Rumänien ein Abkommen
Betriebskonütees Rumänien überzo- fand in den Demonstrationen von Bu¬ über bevorzugte Handelsbeziehun¬
gen, näherte sich die KP RumänieTis karest. Jassy. Cluj (Klausenburg) und gen ab (niedrigere Zölle I), und die
den Liberalen um TatarescUt den Ver¬ Temesvar ihr Echo. USA gaben Rumänien den Status des
tretern der Armee und der Monarchie, bevorzugtesten Handelspartners.
um sich in einer geheimen Sitzung „Öffnung^* zum Westen...
vom 13./14. Juni 1944 auf die Macht¬ ...und Repression gegen
Am 22. März 1965 wurde Georghiu-
übernahme von König Michael 1. zu Dej an der Spitze der Partei durch Ce- die Arbeiter
einigen. Am 20. August drang die Rote ausescu abgelöst. 1977 zwangen die 36 000 streiken¬
Armee in das Land ein. Am 23.6. brach ln der Außenpolitik verschaffte ei den Bergarbeiter des Schil-Tals Ce-
der Aufstand los; die mit den Nazis sich einen bestimmten Spielraum ausescu, persönlich zu Verhandlun¬
verbündete Regierung wurde verhaf¬ ggenüber dem Kreml. Er unterhielt gen zu erscheinen. Danach tvurden
tet, Michael I. zum König proklamiert. gute Beziehungen zu Mao Tsetung, die Streikenden mit Unterdrückungs¬
empfing General De Gaulle (während maßnahmen verfolgt, wie auch 1979
Gegen die Revolution...
des französischen Generalstreiks die Mitglieder der unabhängigen Ge¬
Bewaffnete Gruppen von Arbeitern 1968 I). Nixon und Golda Meir. werkschaft SLOMR.
und die reguläre Armee übernahmen Rumänien ist das einzige Land Ost¬ 1982 begann Ceausescu eine Politik
den größten Teil des Landes. Die europas, das nach dem „Sechs-Tage- der beschleunigten Rückzahlung der
Truppen der Sowjet-Armee zogen am Krieg“ die diplomatischen Beziehun¬ Auslandsschulden und ließ — gleich¬
31. August in das befreite Bukarest gen zu Israel aufrechterhält und... die zeitig mit Sparmaßnahmen — ein Ge¬
ein. Die KP schlug die Bildung einer Intervention der Warschauer-Pakt- setz verabschieden, das die Löhne an
Nationalen Demokratischen Front vor. Staaten in die CSSR 1968 verurteilt. die Produktivität koppelte und den
Daraus wurde nach Intervention der 1971 trat Rumänien dem GATT staatlich garantierten Mindestlohn
USA und Gioßbritanniens der Block (Welthandels- und Zollabkommen) aufhob (1983). In den Folgemonaten
Demokratischer Parteien. bei, 1972 dem Internationalen Wäh¬ kam es zu Streiks. 1983 wurde mit der
Nach großen Demonstrationen, die rungsfonds (IWF). In der Zwischenzeit Anwendung des Gesetzes über die
in zahlreichen Städten gewaltsam un¬ wurde die Bildung „gemischter Ge¬ ,.Umstrukturierung“ des ländlichen
terdrückt wurden, wurde die erste sellschaften“ erlaubt, d.h. dem Kapital Raumes, d.h. dem Programm der Dorf-
Agrarreform erzwungen sowie Ge¬
setze über Löhne und Preise. Im Au¬
gust 1945 weigerte sich König Michael
I., die Entscheidungen der neuen Re¬
gierung ZU verkünden.
Der Block der Demokratischen Par¬
teien erhielt bei den Parlamentswah-
len 79,86 % der Stimmen- Am 30- De¬
zember 1947 wurde die Volksrepublik
Rumänien ausgerufen.

...Etablierung des
stalinistischen
Staatsapparates
Im Februar 1948 fand - nach be¬
kanntem Muster — ein „Vereini-
gungs“-Parteitag der KP und der so¬
zialdemokratischen Partei statt. Die
wichtigsten Betriebe wurden am 11.
Jum 1948 verstaatlicht. Am 30. Au¬
gust wurde die »Securitate« geschaf¬
fen, am 23. Januar 1949 die »VoUtsmi-
liz«.
Ein Programm der Zwangskollekti¬ Diktator Ceausescu mit seiner „blutigen Helena“ In Pelzmänteln. - Am Tag seines
vierung führte dazu, daß 1960 32 % Sturzes durch das Volk hatte Ceausescu 2 Mitgliedskarten in seiner Tasche: eine von
der Äcker zum „sozialistischen Sek¬ der KP Rumänien, die andere vom IWF, dessen bester Schüler er war.
30
Osteuropa: Humänien

Zerstörung, der langanhaitende Wi¬ demonstrierten 20 000 Arbeiter einer „Macht es wie in BrasovI “ an die Mau¬
derstand der Landbevölkerung und Fabrik „für Brot un(J Freiheit, gegen ern gemalt. Flugblätter wurden in 94
der nationalen Minderheiten hervor- Ceausescu"'. Das Regime antwortete Städten verteilt, Streiks brachen in
gerufen. mit Unterdrückung. Die Antwort dar¬ mehreren Industriezentren aus. es
auf war ein Aufstand. Es gab Tote, kam zu „Zwischenfällen** in Bukarest.
1987: Streiks in Verletzte und mindestens 400 Verhaf¬ Der Stein war ins Rollen gekom¬
Brasov (Kronstadt) tungen. men... das Ergebnis war der 16. De¬
Im Oktober 1967 kam es zu ersten In Cluj und Temesvar fanden De¬ zember 1989 in Temesvar.
Streiks in Brasov. Am 15. November monstrationen statt; in Craiova wurde

Berichte und Dokumente aus Rumänien


Kommunique des Rates des Komi¬ Authentische Berichte aus den Be¬ sich eine freie Gewerkschaft gebildet
tees der nationalen Rettung des Be¬ trieben: habe. Daraufhin haben wir uns ge¬
zirks Arad und aller seiner Betriebe sagt, daB wir uns darum kümmern
„ Unser Betriebskomitee hat sich auf
und Institutionen, 27. Dezember 1969: müssen und eine freie Gewerkschaft
den Barrikaden in der Nacht des 20.
„ Wii fordern; dsJi in allen Betrieben brauchen, denn in den Betrieben wird
Dezember gegründet. Jede Fabrik war
und Institutionen Belegschaftsvoü- nichts mehr wie vorher sein. Wir brau¬
an ihrem Platz. Dann sind wir in den
versammJungeo für jede Produktions- chen Gewerkschaften."
Betrieb zurückgekehrt. Wir haben uns
einheit und Abteilung durchgefuhrt In der Zeitung von Temesvar konnte
den Arbeitern vorgestellt und gesagt:
werden und dort öffentlich die lokalen man Im Dezember lesen;
>Hjer ist euer Komitee. Hier die Liste
Komitees der nationalen Rettung ge¬ „Gestern haben wir eine Versamm¬
der provisorischen Mitglieder. Seid ihr
wählt werden. lung der Betriebsdelegierten der Stadt
einverstanden oder nicht?r Wir sind
Da/7 diese Komitees der Abteilun¬ (fast 150 waren anwesend! durchge¬
mit der Liste in alle Abteilungen ge¬
gen und Produktionseinheiten 3-5 Per¬ führt. Ungefähr 20 GroiTbetriebe und
gangen. Einige sind gew^t worden,
sonen umfassen, deren Kompetenz 50 weitere von Temesvar waren ver¬
andere nicht. Es gab Änderungen.
und moralische Unbestechlichkeit be¬ treten. Im Laufe dieser Versammlung
Jetzt gibt es Delegierte aus jedem Be¬
kannt ist. In ihnen können Mitglieder haben wir die Zusammensetzung des
reich des Betriebs im Verhältnis 1-3
der Kommunistischen Pertei vertreten Komitees verändert. Das Komitee
Delegierte je nach Belegschafts¬
sein, unter der Bedingung, daß sie zählt 37 Mitglieder, mit Vertretern al¬
stärke. Die alte Werksdirektion hat
keine politische Leitungsfunktion aus¬ ler Gesellschaftsschichten. Also 3 für
sich kampflos der Kontrolle unseres
geübt haben. die Industrie, 4 für die Landwinschafr,
Komitees unterstellt.
Daß die derart gegründeten Komi¬ andere für Jugend. Kulturschaffende.
Wir haben die Spezialisten dabehal¬
tees üi öffentlicher Abstimmung die Zwei Plätze waren für die KP Vorbehal¬
ten. Das Komitee kontroiiiert die Di¬
Abteilungsleiter und Leiter der Pro¬ ten, aber niemand wollte sie einneh¬
rektion, die nichts ohne uns entschei¬
duktion wälilen. ' men, also wurden sie anders verge¬
den kann. Es gibt eine Verständigung
DaJ3 in jedem Betrieb, in jeder Insti¬ ben.
zwischen der Direktion und dem Ko¬
tution, die gewählten Komitees zu ei¬ Dia gesamte alte Verwaltung der
mitee. Das Komitee hat auch die Hilfe
ner Vollversammlung zusammer2tre¬ Stadt ist völlig aufgelöst. Es gab ein
für die Opfer der Kampfe und für die
ten, um das Exekutivkomitee des Be¬ oder zwei KomiteemitgLeder von der
Kinder übernommen. Wir helfen bei
triebs oder der Produktionseinheit zu alten Verwaltung, sie wurden gestern
der Kontrolle der Errichtung eines
wählen. Das Exekutivkomitee soll fol- abgelöst, Weil Delegierte sagten:
freien Rumäniens."
gendemaßen z u sammengesetzt >Wa8 machen die hier? Sie gehörten
sein: ein Vorsitzender, zwei Stellver¬ Ein anderer Betrieb: zum alten Regime...< Sie wurden des¬
treter und weitere Mitglieder. Diese „Die offizielle Gewerkschaft ver¬ halb nicht iviederg© wählt.
Exekutivkomitees sind dem Mandat schwand. sobald unser Betriebskomi¬ Von einem Stedtkomitee kommt
ihrer Wähler und dem Gesetz ver¬ tee gegründet war. Sie stand nicht auf folgender Beitrag:
pflichtet und verantwortlich für alles, Seiten der Arbeiter. Heute uinfa/7t un¬
„Im Stadtkomitee waren bei je zwei
was ihre Organisation und ihre Hand¬ ser Komitee 32 Mitglieder. Aus Buka¬
Delegierten pro Betrieb 120-150 Per¬
lungen betriift. rest erreichte uns eine Neuigkeit, dai7
sonen bei der gestrigen VoiJversamm-
iung anwesend. Alle Berufsgruppen
waren vertreten; Arzte, Professoren,
Kulturschaffende, politische Gefan¬
gene, Jugendliche. Soldaten, Studen¬
ten...
Wenn ein Betrieb nicht im Stadtko-
mitee vertreten wäre, wie sollte er die
Wünsche der Arbeiter zu Gehör brin¬
gen?
Selbst die Betriebskomitees, die
nicht in das Stadtkomitee gewählt
worden sind, haben das Hecht auf
Teilnahme an seinen Tagungen.
Das Exekutivkomitee der Kommu¬
nal Verwaltung ist provisorisch. Wir
sind nicht vezpriichtet, Beschlüsse
dieses Stadtkomitees durchzuführen,
wenn sie nicht gut sind. Mit den An¬
weisungen von oben, dem Konunaii-
dieren, ist es vorbei.

(Foto linke:) Überall bewaffnete Kon¬


trollpunkte der revolutionären Arbei¬
ter, Bauern und Jugend.
»Ost-West-Diskussionsforum« Nr. 10 Februar 1990

Appell des Streikkomitees der Stadt Workuta UdSSR


an die Arbeiter der Sowjetunion
Am 2. November brach erneut ein die Streikenden bestrafen. Sie neuen Drohungen und
Bergarbeiterstreik in Workuta startete eine nationale Veraprechungen.
(Nord Sibirien) in 12 von 13 Zechen Verleumdungskampagne, wobei sie
aus, d.h. mit der überwäitrgenden „Ihr müBt aufpassen, rticM ein
ihnen erfundene Forderungen
Mehrheit der 34 000 Bergarbeiter der Instrument in den Händen po/ltischer
unterschob wie etwa „kostenlose
Extremisten zu werden. Das war der
Stadt. Diese Bewegung kennzeichnet Mahlzeiten", und verschwieg dafür
wesentliche Inhalt der Botschaft
offenkundig in mehrerer Hinsicht eine die wirklichen Forderungen.
neue, entscheidende Etappe in der Ryschkows. Erwies Immer
Die Regierung versucht mit allen
eindringlicher auf die schwierige
politischen Situation, und darüber Mitteln die streikenden Bergarbeiter
Wirischaftslagehin. Doch wer Ist
sind eich die Bergarbeiter von zu isofteren, doch schließlich mußte
Workuta völlig Im klaren, ihr Streik dafür verantwortlich? Sicherlich nicht
Ministerpräsident Ryschkowelne
die Bergarbeiter.
verfolgt vier Ziele: Delegation des Streikkomitees und
* die tatsächliche Erfüllung der im von den Bergarbeitern der anderen Am 3 November verfaßten die
Juli auf gestellten Forderungen, die Regionen empfangen. Die fast Bergarbeiter von Workuta einen
von der Regierung Im wesentlichen zweistündige Diskussion endete mit Aufruf an alle Arbeiter der UdSSR:
auch akzeptiert worden waren, ohne
daß sie jedoch bisher ihre ^^Die Praxis der ökonomischen Streiks hat gezeigt: Wenn nicht ent*
Versprechen ein gehalten hat: scheidend das herrschende totalitäre System der Bürokratie zerschla¬
- Verurteilung und Ablehnung des
gen wird, hat die Aufstellung von ökonomischen Forderungen keinen
Gesetzes über die „Lösung von
Arbeitskonflikten**, d.h. des Sinn. Deshalb erklären dre Bergarbeiter, daß sie sich im Zustand der Vor¬
Antistreikgesetzes (abgedruckt in bereitung auf den politischen Streik befinden, und stellen die folgenden
der»RPrdwda«vom 16. Oktober): Forderungen auf:
abgesehen von verschiedenen
Einschränkungen verbietet der Text I. ' Die Statutea dei Arbeiterkomitees Verbot der Ämterhäufung als Gene¬
schlicht und einfach den Streik in als permanente Organe der sozialen ralsekretär der KPdSU und Vorsitzen¬
verschiedenen Industriezweigen, Verteidigung der Arbeiterinteiessen der des Obersten Sowjets (3).
darunter die Zechen und das müssen ratifiziert weiden, einschließ*
3.) Im Pressegesetz muß jedem Bür¬
Transportwesen; lieh ihres Rechts, ihre eigenen Druck-
ger der UdSSR das Recht auf freie Mei¬
-Anerkennung des Existenzrechts Schriften zu produzieren. Sofortige In¬
nungsäußerung und Veröffentlich¬
unabhängiger Gewerkschaften; die angriffnahme einer radikalen Reform
ung sfreiheit nach eigener Wahl im
1 300 Kumpel einer der 13 Zechen der Struktur der existierenden Ge-
Rehmen des Gesetzes garantiert wer¬
Workutas haben einstimmig (bei 1 Werkschaften von oben bis unten. Ra¬
den.
Enthaltung) beschlossen, aus der tifizierung des Rechts aller Kategorien
offiziellen Gewerkschaft auszutreten, der Arbeiter, sich in unabhängigen IIL- Wir sind der Meinung, daß das
die Komplizin der Verwaltung und des Gewerkschaften ihrer Wahl zusam¬ verabschiedete Gesetz über den Aus¬
Apparates ist; menzuschließen. , nahmezustand und das Gesetz über
die Lösung von Arbeitskonflilrten in
II. - Zur Unterstützung der wichtigen
ihrem jetzigen Wortlaut darauf abzie¬
Zu dieser Entscheidung erklärte Rolle, den der Rügel in der KPdSU len, die Arbeiter ihres Rechts zu be¬
Terjoschin, Sprecher des Streik* spielt, der füx die Umgestaltung inner¬
rauben. auf das letzte Mittel zur Ver¬
Komitees in Workuta: »Das ist ein halb des Prozesses der wirtschaftli¬
teidigung ihrer Interessen zu ruckzu¬
historisches Ereignis. Für die so¬ chen und politischen Demokratisie¬
greifen: den Streik, und die Arbeiter¬
wjetischen Arbeiter bedeutet es rung einsteht, fordern wir, daß die fol¬
bewegung vom Demokratisierungs¬
nicht weniger ai$ der Fall der Ber* genden Fragen auf die Tagesordnung
prozeß fernzuhalten und ihn damit in
finer Mauer." der Sitzung des Obersten Sowjets ge¬ der Praxis zu liguidieren.
setzt werden:
IV-- (...) Garantie einer wirklichen In¬
1. ) Streichung des Artikels 6 der
- Forderung nach Streichung des formation über die Arbeite- und Le-
Verfassung der UdSSR (1). Anerken¬
Artikels 6 der Verfassung der UdSSR, bensbedlngungen der Bergarbeiter
nung des Rechts aller Bürger, sich in
der die Führungsrolle der und über unsere politischen und Öko¬
Vereinigungen, Gruppen und politi¬
Stalinistisehen Einheitspartei nomischen Forderungen.
schen Parteien auf einer gewaltfreien
proklamiert, und Abschaffung des
Aktionsplattform zusammenzuschlie¬ V. - Die Arbeiterbewegung bekräf¬
vom Apparat sich sei bst verschafften
ßen. Die KPdSU muß durch ihre Säube¬ tigt, daß die politische und ökonomi¬
Privilegs, dieführenden Politiker
rung von ihren stalino-bürokratischen sche Freiheit ein natürliches Men¬
seiner Wahl in den Kongreß der
Elementen in der Realität beweisen, schenrecht ist, das jeder Mensch von
Volksdeputierten zu entsenden.
daß eie ein Recht auf Führung des Lan¬ Geburt an hat, und die gesetzlichen
Entsprechend diesen vier
des hat. indem sie dem Willen des Vol¬ Regelungen, die wir in den vorigen
Forderungen verlangen sie die
kes freien Ausdruck verschafft. Punkten gefordert haben, sind nichts
Absetzung des Zechendirektors, dem
als die Verwirklichung dieses Rechts.
die absolute Mehrheit der Kumpel in 2. ) Direktwahl des Vorsitzenden des
einer Abstimmung ihr absolutes Obersten Sowjets der UdSSR, sowie VI. - Wir wenden uns an die Bevölke¬
Mißtrauen ausgesprochen hat, der der Vorsitzenden der Obersten So¬ rung der Sowjetunion, an alle Arbei¬
aber weiter das Vertrauen des wjets der Umons-und Autonomen Re¬ ter, an alle demokratischen Kräfte,
Apparates der Bürokratie, dessen publiken, der Vorsitzenden der So¬ und rufen sie auf, diese Forderungen
Mitglied er Ist, genießt. wjets der Städte, Regionen. Territo¬ zu unterstützen, zu vervollständigen
Die Regierung ließ den Streik durch rien, Dörfer usw. Streichung der Er¬ und weiterzuentwickeln in Versamm¬
die lokalen Behörden für illegal nennung von Volksdeputierten durch lungen und Kundgebungen.
erklären und kündigte an, sie werde die sozialen Organisationen (2). (...)
32
Sowjetunion

Kollegen, Zusammenhalt der Arbeiter und die union demonstrieren, die es nicht zu-
die Bergarbeiter von Woikuta am Einheit für ihre Forderungen unsere lassen werden, daß der Streik von den
Polaxkreie wenden sich an Euch mit einzige Waffe gegen die Bürokraten, Bürokraten zerredet und zum Spielball
der Bitte, unsere politischen Forde¬ die Funktionäre und das gesamte ad¬ gemacht wird!
rungen 2u unterstützen. In Workuta ministrative System, das über unseren Das Streikkomitee der
(Polarkreis), wo Zehntausende von Köpfen schwebt und bereit ist, auf uns
Stadt Workuta,
Häftlingen an Frost und Hunger ge¬ emzuschlagen, um weiter leben und
3. November 1989
storben sind, mit Flüchen auf Stalin kommandieren zu können wie bisher.
und das von ihm hervorgebrachte Re¬ Durch Versammlungen, Kundgebun¬
gime auf den Lippen, ist eine Arbeiter¬ gen, Telegramme an den Obersten So¬
bewegung entstanden mit dem Ziel, wjet, an Gorbatschow und Ryschkow (1} Der Artikel 6 definiert die FührungsioUe
dieses System des administrativen mit der Forderung, daß die Forderun¬ der Kommunistischen Panei der Sowjet¬
union, KPdSU-
Kommandierens zu zerstören. Diese gen der Bergarbeiter des Polarkreises
(2) Die KPdSU hat sich bei de n let zte n Wah¬
Männer sind also nicht umsonst in den erfüllt werden, könnt Dir Eure wirk¬
len zum Kongreß der Volksdeputierten
stalinistischen Lagern umgekommenl same Unterstützung zum Ausdruck eine Ipestimmte Zahl von Sitzen reserviert,
Und auch, damit sich diese Vergan¬ bringen und die Stärke und den Zu¬ die sie mit ihren eigenen Leuten belegte.
genheit nicht wiederholt, bildet der sammenhalt der Arbeiter der Sowjet¬ (3) M. Gorbatschow übt beide Ämter aus.

Resolution der Beratung der Vertreter der


nationalen demokratischen Bewegungen der UdSSR
Die Entwicklung der politischen Si¬ Bjelorussischen SSR vom 30. März schiedenen Protest gegen den Erlaß
tuation der UdSSR in den vergange¬ 1989, das eine Bestrafung für die Ver¬ des Präsidiums des Obersten Sowjets
nen Jahren hat gezeigt, daß der uni- breitung unabhängiger Informationen der UdSSR vom 8. April 1989 und be¬
täie Sowjetstaat sich im Zustand einer und die offene Verwendung einer na¬ trachtet diesen Erlaß als den drakoni¬
Dauerkrise am Rand der Katastrophe tionalen Symbolik versieht. Wir soli¬ schen Versuch, die Herrschaft des
befindet. Um so stärker bemüht sich darisieren uns mit dem Kampf der bje¬ Paneiapparates zu retten und als eine
die Staatsmacht auch weiterhin, lorussischen Vereinigten Konfödera¬ Weise der Unterdrückung der Gedan¬
durch Zwang und Betrug die verrotte¬ tion und der Volksfront Bjelorußland ken-, Rede- und Pressefreiheit. Wir
ten Fundamente des letzten kolonia¬ »Adrasidenne« (Wiedergeburt) und fordern, daß die Regierungen der Re¬
len Imperiums zu retten und grundle¬ ermahnen dazu, vom 5. bis 9. Mai Mee¬ publiken diesen Erlaß nicht anerken-
gende demokratische Lösungen zu tings und Demonstrationen zur Unter¬ nen.
vermelden. Für diesen Zustand ist stützung dieses Kampfes abzuhaiten.
6. Es ist eine Situation entstanden,
konkret verantwortlich die durch ZK
3. Die Beratung bekräftigt ihren Be¬ daß die Regierung der UdSSR, obwohl
und Politbüro geleitete KPdSU, aber
schluß, die berechtigten Forderungen sie noch nicht einmal alle früheren po¬
auch ihre Organisationen in der Pro¬
der Krimtatacen nach einer Rückkehr litischen Gefangenen freigelaseenhat
vinz.
in ihre historische Heimat und die — schon gar nicht zu reden von ihrer
Die Beratung der Vertreter analy¬
Wiedererrichtung der autonomen Rehabilitierung - schon wieder be¬
sierte die gegenwärtige politische Si¬
Krim-SSR zu unterstützen. Die Bera¬ gonnen hat, Vertreter der neuen un¬
tuation und resümierte:
tung hat ihre Aufmerksamkeit darauf abhängigen Bewegungen Repressio¬
1. Die Beratung konstatiert mit gro¬ gelenkt, daß die Obrigkeit der UdSSR nen zu unterwerfen, darunter Mitglie¬
ßem Zorn, daß der staatliche Terror in bis auf den heutigen Tag nicht von der der des Karab ach-Komitees, des
Grusiaren am 9. April dieses Jahres Genozidpolitik gegen die Krimtataren Krunk-Komitees, Patrioten Grusi-
ein Genozid ist. eine Verletzung der Abstand genommen hat und immer lüens, Aserbaidschans und anderer
Menschenrechte und des Rechts der noch auf der Ebene der örtlichen Ver¬ Länder. Wir fordern die unverzügliche
nationalen Souveränität, ein Barba¬ waltungen verschiedenste Hinder- Freilassung der Inhaftierten und die
rentum am Ende des 20. Jahrhunderts msse schafft, um Tataren an der Rück¬ völlige Wiederherstellung ihrer Bür¬
von einer Obrigkeit, die behauptet, kehr in ihre Heimat zu hindern. Die Be¬ gerrechte.
auf dem Weg der Schaffung eines ge¬ ratung wendet sich an den Kongreß
7. Die Beratung unterstützt die For¬
rechten. ja sogar humanistischen der Volksdeputierten und verlangt,
derung der Völker {Letten, Litauer,
Staates zu sein. Gewalt gegen wehr¬ daß alle staatlichen Exekutivorgane
Esten, Westukrainer. Westbjelorus-
lose Frauen und Kinder konnte nicht jegliche Beschränkungen aufheben,
sen. Moldauer u.a.). die Opfer des ver*
ohne direkte Anordnung aus Moskau die die Kiimtataren an der Rückkehr in
brecherischen Vertrags des Jahres
angewandt werden. Wir fordern» un^ ihre Heimat hindern, und ein Gesetz
1939 zwischen zwei imperialistischen
verzüglich die Namen der für diese Er¬ zu erlassen zur Wiedererrichtung der
Staaten, des sogenannten Molotow*
eignisse verantwortlichen Menschen Krim-ASSR, und das Volk mit allen dar¬
Rihentrop‘Paktes wurden, diesen Ver¬
zu veröffentlichen und diese Men¬ aus folgenden Konsequenzen zu reh¬
trag für nichtig zu erklären. Die Bera¬
schen offen zu verurteilen. abilitieren
tung fordert von der Regierung der
2, Die Beratung unterstützt den 4. Der unitäre Staat hat nicht sein UdSSR, letzteren Vertrag als ungültig
Kampf des bjeloruss(sehen Volkes für Wesen verändert, sondern agiert auf zu erklären mit allen aus diesem Akt
die Wiedergeburt seiner National- die alten autoritären Weisen, deren entstehenden Folgen: Den Abzug so¬
spräche und -kultur und für die Rechte Ziel die Einschüchterung der Völker in wjetischer Militäreinheiten aus dem
seines Volkes auf einen Volksent¬ ihrem Kampf für die Selbstbestim¬ 1939-1949 okkupierten Territorium
scheid. Wir sind sehr beunruhigt dar¬ mung und nationale Unabhängigkeit und die Wiederherstellung der unab¬
über, daß die Staatsmacht der BSSR ist, sowie das Säen zwischennationa¬ hängigen Staaten Lettland, Litauen
mit Gewalt versucht, die Bewegung ler Zwietracht nach dem Prinzip „teile und Estland.
der nationalen Wiedergeburt zurück¬ und herrsche". Wir verlangen von der 8. Gemäß der Genfer Konvention
zudrängen und sogar ähnliche Eigen¬ Führung der UdSSR reale Garantien von 1949 ist die Einberufung von Bür¬
mächtigkeiten rechtfertigt. Wir verur¬ für eine freie Tätigkeit für die Realisie¬ gern eines okkupierten Landes in die
teilen entschieden das Gesetz des rung der Rechte der Völker. Okkupatio ns Streitkräfte verboten. Die
Präsidiums des Obersten Sowjet der 5. Die Beratung äußert einen ent¬ Beratung protestiert gegen den MiJi-
33
■ Ost-West “DiskussionsforumK Nr. 10 Februar 1990

tärdienst vön Bürgern unterdrückter die kritische Situation weiter ver¬ Ein Ausweg kann nur die Verwirkli¬
Völker in den Streitkräften des Impe¬ schärfen und es neue Anlässe öffentli¬ chung der politischen Rechte, die An¬
riums. cher Unzufriedenheit der verschiede¬ erkennung einer gleichberechtigten
nen Völker geben wird. Solchen Ge- Partnerschaft aller demokratischen
9. Die Beratung ist zu dem Schluß
schichtsabläufen kann sich auch die Bewegungen, ein Mehrparteiensy¬
gekommen, daß die Lage der UdSSR
Staatsmacht des Imperiums nicht stem und der freie Ausdruck des Rech¬
sich jetzt sehr verschärft hat. Solch
mehr widersetzen. Die Bewahrung tes der Völker auf Selbstbestimmung
eine Destabilisierung gefällt keiner
des gegenwärtigen Zustandes löst sein.
Gruppe von Einwohnern und beson¬
nicht die Lebensprobleme der Völker.
ders keiner von all den verechiedenen
demokratischen Bewegungen der vie¬
Namens der nationalen demokratischen Bewegungen Unterzeichneten:
len Völker. Schließlich gefällt solch ein
Zustand auch nicht dem imperialisti¬
Volksfront Aserbaidschans — Zardust Alrzada
schen Staat selbst. Deshalb unterstüt¬
Nationale Selbstbestünmungsveremigung Armeniens—Vaidan Arutjunjan
zen wir neue Formen von Bürgerbe*
Ilja Cacavadze-GeSeilschaft - Tamai Ccheidze
wegungen, z.B. die Tätigkeit der un¬
Vereinigte Konföderation Bjelorußlands - Sjarzuk Njachames
abhängigen Organisationen Estlands
Nationale Unabhängigkeit sparte! Grusiniens — Georgrj Drzincaiadze
und Lettlands, die sich bemühen,
Gesellschaft des hl. Dja des Gerechten - Vaza Adamija
wirklich demokratische Kongresse
Nationaldemokratische Partei Grusiniens - Georgij Achalaja
(Versammlungen) von Volksvertre¬
Nationale Gerechtlgkeitsunion Grusiniens - Irakeg Melasvüi
tern zu schaffen. Solche Vertretungen
Volksbewegung der Krimtataren - Abduresit Dzepparov
des Volkswillens können nämlich auf
Nationale Unabhängigkeitsbewegung Lettlands — Einais Crlinskis
friedbche, aber radikale Welse die Pro¬
Helsinki 86 — Riga — Anka Bergmanie
bleme zwischen Staat und Volk grund¬
Litauischer Nationaler Jugendverband „Junglitauen“ — Stasys Buskevidus
legend lösen und den Weg frei ma¬
Christlich-Demokratische Partei Litauens -Alfredas Macrjanskas
chen für Verhandlungen für neue freie
Litauis che Freiheitsliga - Antanas Te rle ckas
Beziehungen, deren Ergebnis für
Demokratische Partei Litauens - Povilas Peceliunas
beide Seiten nützlich sein wird. Das
Litauische Helsinkigruppe - Viktoras Petkus
ebnet den Weg zu einer Selbstbestim¬
Ukrainische Helsinkigruppe — Levko Lukjanenko
mung aller Volker und zu unabhängi¬
Ukrainski cas - Ivan Maker
gen Nationalstaaten. Die Beratung ist
Christlich-Demokratische Front der Ukraine - Vasilij Sicko
sich sicher, daß, wenn die Regierung
Nationale Unabhängigkeitspartei Estlands - Lagle Parek
der UdS SR aus dem vorg elegt en Mate¬
rial keine Schlußfolgerung zieht, sich Estland, Loodi 30. April-1. Mai 1989

Aufruf des litauischen Verbandes für gegenseitige Hiife


an die Völker des Baltikums
Unser grundlegendes Ziel besteht darin, zu erreichen, Katastrophe geführt hat, gezwungen ist, die entwickelten
daß in unserer Gesellschaft die Prinzipien der sozialen Länder um Unterstützung zu bitten, und als in der UNO und
Gerechtigkeit und einer allgemeinen Sozialfürsorge ver¬ in der Londoner Gildenhalle M. Gorbatschow das Recht der
wirklicht werden, so daß jeder Bürger Litauens einen Lohn Völker auf freie Wahlen verkündete. Solch eine Möglichkeit
oder eine Rente erhalt, die nicht unter dem Existenzminl- der Wahlfreiheit haben die Völker des Baltikums erst in dem
mum liegt, sowie, daß Kranke und Invaliden zusätzliche Moment, wo sie nicht beschränkt werden durch Verord*
Kompensationen erhalten, die notwendig sind, um die Aus¬ nungen über ein Referendum, neue Verfassungen oder
gaben für Heilung und Betreuung zu bestreiten. andere drakonische Bestimmungen wie das Gesetz über
Der litauische Verband für gegenseitige Hilfe hat, um die Demonstrationen.
sein grundlegendes Ziel zu verwirklichen, die ökonomische Der litauische Verband für gegenseitige Hilfe lädt Litau¬
Situation der Einwohner Litauens analysiert und die Folge¬ er, Letten und Esten ein.
rung gezogen, daß die absolute Mehrheit der Einwohner Vfir fordern, daß die Regierung der UdSSR die Folgen des
Litauens in Armut lebt, und ein nicht geringer Teil an der Molotow-Ribbantrop-Paktes liquidiert - aus den Staaten
Hungergrenze. In einer besonders schwierigen materiellen des Baltikums die Besatzungstruppen abzieht, keine Hin¬
Lage befinden sich kinderreiche Familien, Rentner und dernisse schafft, daß die Völker Litauens, Lettlands und
Invaliden. Ähnlich ist die Lage in Lettland, Estland. Estlands selbst ihre politisch-soziale Ordnung bestimmen,
Bei den vorhandenen Bedingungen, gekennzeichnet daß die verursachten materiellen und moralischen Schäden
durch das Fehlen sowohl einer ökonomischen wie der politi¬ ersetzt werden.
schen Selbständigkeit als auch das Fehlen von Perspekti¬ Wir fordern, daß die Regierungen der UdSSR, BRD und
ven. eine volle Selbständigkeit im Rahmen der UdSSR zu DDR den Molotow-Ribbentrop-Pakt für vom Moment seiner
erreichen, sowie ohne Garantien für solch eine Selbständig¬ Unterzeichnung an als juristisch ungültig erklären.
keit. ist das etwas Irreales, ist eine allgemeine soziale V\ßr bitten den UNO-Generalsekretär, auf die Tagesord¬
Gerechtigkeit eine Utopie. Nur freie und unabhängige Vol¬ nung der nächsten Sitzung der Vollversammlung die Frage
ker können die Idee einer sozialen Gerechtigkeit und einer der Entkolonialisierung der Staaten des Baltikums zu set¬
allseitigen Fürsorge verwirklichen. zen und UNO-Kommissionen zu gründen für die Durchfüh¬
Die Völker des Baltikums sind nur auf friedlichem Wege rung von Wahlen in Litauen, Lettland und Estland und für
imstande, die Unabhängigkeit zu erreichen — durch die die Festlegung von Reparationen.
Abhaltung allgemeiner freier Wahlen der Völker Litauens, Der litauische Verband für gegenseitige Hilfe ist der
Lettlands und Estlands, bei denen das Wahlrecht den Zuge¬ Ansicht, daß jegliche Form der Äußerung des Willens der
reisten nicht gewährt wird und bei denen UNO-Beobachter Völker Rechtskraft besitzt!
beteiligt sind. Die Völker des Baltikums hatten in der durch Briefe, die Ihre Willensäußerung ausdiücken, legen Sie
die 1940 ungerechtfertigt erweise vollzogene Okkupation bitte unserem Sekretariat vor:
und Inkorporierung in die UdSSR entstandene Lage bis jetzt 233000 Kaunas, S. Heries 12-3/LSPS Republiksekretariat
keine Freiheit der Wahl und keine Möglichkeit einer h'elen Kaunas, 26. April 1989
Entscheidung. Solch eine Möglichkeit gibt es erst jetzt, wo (Quelle: «Musu rupintojelis — Unser Schmerzensmann
die Obrigkeit der UdSSR, die das Land in eine ökonomische Nr. 7, Organ des litauischen Verbandes gegenseitiger Hilfe)
34
Internationales Tribunal von Lima

Der Urteilsspruch
des Internationalen Tribunals gegen die Verschuldung
in Lima, 22.-24. September 1989
Das Internationale Tribunal gegen die (Senegal) über die Konsequenzen der fentlichen Einrichtungen.
Verschuldung Verschuldung für die Lebensbedin- Damit wird eindeutig di© Verant¬
# das gegründet wurde zur Untersu¬ gungen der Völker; wortung derer festgestellt, die die
chung der Pläne des Internationalen Schuldenpolitik anwenden: der Inter¬
# Nach Anhörung der Aussagen von
Währungsfonds, der Weltbank und nationale Währungsfonds, die Welt¬
35 Zeugen aus Afrika, Lateinamerika.
der Europäischen Wirtschaftsgemein¬ bank, die Europäische Wirtschaftsge¬
Europa und der Karibik:
schaft und zur Urteilsfindung über die meinschaft und die Regierungen, die
Verantwortlichen für die Konsequen¬ # Nachdem die Abwesenheit von eich zu ihren Komplizen machen.
zen der Auslandsschulden für di© Völ¬ Vertretern des IWF, der Weltbank und
Es entspricht den Tatsachen, sie als
ker: der EG festgestellt wurde, obwohl sie voll und ganz und bewußt verantwort¬
innerhalb der üblichen Fristen und in
# das in Lima (Peru) am 22., 23. und lich zu erklären für alle Konsequenzen
Übereinstimmung mit den Rechts¬
24. September 1989 unter dem Vorsitz der Schuldenpolitik; besonders sind
prinzipien, die weltweit als Garantie
von Hälio Bicudo (Brasilien), Yves De- sie voll und ganz verantwortlich für
der Rechte der Verteidigung aner¬
chezelles Frankreich), Ricardo Letts Elend, Hunger und Tod, welch© die
kannt werden, zur Teilnahme an der
(Peru), Segundo Melendez (Vene¬ Experten des Internationalen Wäh¬
Arbeit des Internationalen Tribunals
zuela), Omar Menouer (Algerien), rungsfonds in der ganzen Welt ver¬
eingeladen worden waren;
Ralph Schoenman (USA) tagte. breiten.
# ln Erwägung der offiziellen Zahlen,
# Auf der Grundlage des dtirch den # In Erwägung der dem Tribunal vor¬
Dokumente und Erklärungen der Ver¬
Auftruf zum Tribunal gegebenen Auf¬ gelegten Tatsachen und Zahlen stellt
antwortlichen von IWF, Weltbank und
trags, der von politischen, gewerk¬ sich heraus, daß die angeblichen
EG, die voigelegt wurden, sowie der
schaftlichen, demokratischen Organi¬ „Schulden" (1 300 Milliarden Dollar),
mündlichen Berichte und Zeugenaus¬
sationen und Menschenrechtsoiganl- die den unterdrückten Ländern ange¬
sagen. stellt das Tribunal fest, daß seit
satlonen aus Amerika, Afrika, Asien, rechnet werden, im allgemeinen be¬
1980 gegen die Völker Afrikas, Asiens,
der Karibik und Europa unterschrie¬ reits über die Schuldensumme hinaus
Lateinamerika und der Karibik eine
ben wurde, und der Mandate der in¬ durch die schon geleisteten Zahlun¬
Politik der wirtschaftlichen „Anpas¬
ternationalen Konferenzen von Cara¬ gen beglichen sind.
sung* durchgeführt wurde, deren er¬
cas (Venezuela) vom 24.-26. April klärte Ziele die Senkung des Konsums • In Erwägung der ausführlichen, de¬
1987, der lateinamerikanischen Ge- des Volkes, der Kaufkraft und der Ab¬ taillierten und eingehenden Informa¬
Werkschaftskonferenz von Campinas koppelung der Löhne vom Preisan¬ tionen über die Bedingungen der Ent¬
(Brasilien) am 18719. Mai 1987. der stieg sind, sowie der Subventions¬ stehung der Auslandsschulden Ist das
Europäischen Konferenz von Berlin stopp für den öffentlichen Dienst und Tribunal in der Lage zu bekräftigen:
am 1./2. Oktober 1988, und gestützt seine allgemeine Infragestellung, der a) Im Gegensatz zu den Behauptun¬
auf die Arbeit der Gewerkschafts Kon¬ millionenfache Abbau von Arbeits¬
gen des IWF haben die Schulden nicht
ferenz von Havannna (Kuba) gegen plätzen, die Anwendung von Flexibili¬
ihren Ursprung im ,Überkonsum" der
die Auslandsschulden im Jahre 1985; sierung und Deregulienmg der Ar¬
Völker der sog. Dritten Welt- Die
# Vor einer internationdten Jury von beitsbedingungen. Infragestellung
Schulden haben ihren Ursprung in der
16 Geschworenen, bestehend aus Ju¬ der eigentlichen Grundlagen der pro¬ ständigen Suche des internationalen
risten, Wirtschaftswissenschaftlern, duktiven Wirtschaft und der nationa¬
Finanzkapitals nach guten Ptofitbe-
Akademikern, politischen Verant¬ len Souveränität, und allgemeine Stei¬
dingungen, besonders nach rentablen
wortlichen, Verantwortlichen von Ge¬ gerung der Ausbeutungsrate, ln kei¬
Investitionen für die Euro- und Petro¬
werkschaften und Baueinorganisatio- ner Weise können die Verantwortli¬
dollar, die Ende der 60er Jahre ange¬
nen, die von repräsentativen Delega¬ chen dieser Instanzen sich auf guten häuft vsoirdeti.
tionen oder von beim Internationalen Glauben oder Unwissenheit berufen,
denn dem Tribunal liegen vorange¬ b) Das Kapital, dessen Rückzahlung
Tribunal anwesenden Organisationen
hende Absichtserklärungen dieser In¬ heute gefordert wird, ist niemals den
bestimmt wurden, die frei und nach
stitutionen vor, die keinen Zweifel of¬ Völkern zugute gekommen, Die „ge¬
bestem Wissen und Gewissen urtei¬
fen lassen. liehenen" Summen, die teilweise in
len;
bloße Finanzkreisläufe investiert wor¬
# In Erwägung der ausdrücklichen
# Nach Anhörung der Anklageakte, den sind, die dann in schweizer oder
Prinzipienerklärungen der IWF-Ver-
die von politischen, gewerkschaftli¬ ameiikanischen Banken endeten, hat¬
antwortlichen stellt das Tribunal fest,
chen. demokratischen, Bauern- und ten als einziges spürbares Resultat die
daß die „Anpassungsplane** des IWF
Menschenrechtsorganisationen Perus Vergrößerung des Kapitals der Gro߬
weit davon entfernt sind, die Übel zu
erstellt und von Herrn Cesar Pa$sa- banken und internationalen Großkon¬
beseitigen, und stattdessen in allen
lacqua vorgetiagen wurde, zerne und die Bereicherung der winzi¬
Ländern, wo sie durchgesetzt wur¬
gen Schicht von „nationalen" Oligar¬
# Nach Anhörung der Untersu¬ den, zu den Ergebnissen führten:
chien. die sich den Großkonzemen
chungsberichte, die vorgetcagen wur¬ — beispielloses Anheizen der Infla¬
verkauft haben, was zur Folge hat.
den: von Heim Daniel Gluckstein tion,
daß das Elend und die Ausplünderung
(Frankreich) über die Konsequenzen — ständiges Ansteigen des Export-
der Völker immer schlimmer wurden.
der Verschuldung für die Weltwirt¬ anteüs, der für den Schuldendienst
schaft: von Herrn Yehude Simon verwendet werden muß, c) Deshalb können diese Schulden
(Peru) über die Konsequenzen der — ständiges Sinken des Pro-Kopf- in keiner Weise als die der Völker an¬
Verschuldung für die Menschen¬ Einkommens, gesehen werden, die weder um die
rechte, die demokratischen Rechte — ständiges Sinken der produktiven Kredite gebeten noch sie vertraglich
und Freiheiten und die Souveränität Investitionen, eingegangen sind und von denen sie
der Völker; von Herrn Alloune Sow — allgemeine Zerschlagung der öf¬ keinen Nutzen hatten.

35
»Ost-West‘Diskus8ionsforamw Mr. 10 Febniar 1990

Die Schulden Wirtschaft hat ein An¬ weit in den Rechtsstaaten anerkannt
# in Erwägung, daß infolge des stän¬
wachsen der kapitalistischen Profite werden;
digen Wachstums der Auslandsschul¬
ln allen großen Industriemächten er¬
den hauptsächlich wegen höherer # Einstimmig den Schlußfolgerungen
möglicht. Auf der anderen Seite hat
Zinsen, die die kreditgebenden Ban¬ der vor gelegten Berichte zugestimmt,
das Tribunal festgestellt, daß dielWF-
ken auferlegen, diese Länder durch¬
Pläne und die sie umsetsenden EG- # Pestgestellt, daß die spekulativen
schnittlich mehr als 40 % des Wertes
Pläne in allen kapitalistischen Län¬ Fehlfunktionen des internationalen
ihrer Exporte dafür aus geben, eine
dern Europas und Nordamerikas (und Währungssystems, das von den Fi¬
Hypothek, die die Gegenwart und Zu¬
auch in anderen Formeik in den osteu¬ nanz- Ünd Bankinstitutionen der ün-
kunft von Millionen Menschen belastet;
ropäischen Ländern — Polen, Jugosla¬ perlallstlschen Lander manipuliert
wien —, dort, wo es dem IWF gelungen # In Erwägung, daß man durch den wild, dl© Hauptveraniwortung für die
ist, einsudxuigen) zur Vergrößerung Zwang zur Schuldenrückzahlung die Entstehung der Auslandsschulden
des Elends, zu Entlassungen, zu nie Völker der Welt opfert, weil der Anteil der Länder Asiens, Afrikas. Lateln-
dagewesenen Angriffen auf die Völ- der Unterernährten, Arbeitslosen so¬ amerikas, der Karibik (Antillen, Haiti)
kerund Arbeiter dieser Länder führen. wie Analphabeten zunimmt und und Osteuropas ((Polen, Jugoslawien)
In allen Ländern, wo die IWF- und EG- Krankheiten um sich greifen, weil die trägt.
PLäne duohgefuhhrt werden, haben Ausgaben für das Gesundheitswesen
# Festgestellt, daß die Arbeitsweise
sie die gleichen Konsequenzen. drastisch gekürzt werden, weil die
des Internationalen Währungsfonds,
Ausgaben für die Ernährung, Bildung,
DasTiibunal stelltfest, daß die For¬ der Weltbank und der Europäischen
für produktive Investitionen und Woh¬
derung nach Annullierung der Schtrl- Wirtschaftsgemeinschaft in keiner
nungen gekürzt werden;
den und all ihrer unheilvollen Konse¬ Weise den sog. Entwicklungsländern
quenzen die Arbeiter und Völker der # In Erwägung, daß unter dem Vor¬ hilft, ihre Auslandsschulden zurück-
ganzen Weit eint. wand der Bekämpfung des Drogen¬ zuzahlen, sondern im Gegenteil in
handels Verträge abgeschlossen wer¬ Wahrheit dazu fuhrt, sie ständig zu er¬
# In Erwägung der ihm vorgelegten
den, die die Souveränität der Völker neuern und die schwere Last durch
Zahlen und Dokumente stellt das Tri¬
verletzen, weil sie die Anwesenheit das Spiel der spekulativen Mechanis¬
bunal fest, daß die Schuldenwirtschaft
von US-Militärberatem und US-Trup- men der Verschlechterung der Han¬
eng verbunden ist mit der Auswei¬
pen legalisieren wollen, — die also zu¬ delsbedingungen („terms of trade")
tung der Börsenspekulation, dar Kü-
sätzliche Pläne in der Anti-Aufstands- und der künstlichen Manipulationen
stungsvrirtschaft. der Wirtschaft der
Strategie darstellen, wie sie in den An- der Zinsraten zu verewigen,
„Waschanlagen" für Drogendollar, die
denländern Lateinamerikas vorange¬
von den Großbanken der USA, Euro¬ # Featgestellt, daß die Auslands¬
trieben werden:
pas und Japans betrieben wird, d.h. schulden der sog, Enttvicklungslän-
eine Wirtschaft des Todes und der # In Erwägung, daß in zahllosen ar¬ der bereits über die Gesamtsumme
Zerstömng der Produktivkräfte und men Ländern die herrschenden Klas¬ des gebehenen Kapitals und der anfal¬
Reichtümer der Menschheit. sen, die die Regierungen kontrollie¬ lenden Zinsen hinaus zurückgezahlt
ren, gegen den allgemeinen Protest worden sind, und erklärt, daß die
# In Erwägung des Baker- und des der Arbeiter und gesamter Völker in Schulden mithin als getilgt betrachtet
Brady-Plans stellt das Tribunal fest, bedeutendem Maße die Haushalte für werden müssen.
daß die von IWF, Weltbank und EG dio Unterdrückung und den inneren
vorgeschlagenen „Lösungen" in kei¬ Krieg aufgestockt haben, wobei sie # Das Tribunal kommt zu dem ür*
ner Weise bestrebt sind, diese Politik demokratische Errungenschaften und teilsspruch, 'daß der Internationale
zu ändern, sondern sie nur noch ver¬ gewerkschaftliche Freiheiten abge¬ Währungsfonds, die Weltbank und die
schärfen. Mit ihren Maßnahmen der schafft oder eingeschränkt haben; Europäische Wirtschaftsgemein¬
„Umschuldung", durch die Organisie¬ schaft schuldig sind an der Ver¬
# In Erwägung, daß die politischen
rung des „Rückkaufs" durch Ausgabe schlechterung des Lebensstandards
Verfassungen der Staaten ständig von
von Obligationen, indem die Abtre¬ der Völker, der anhaltenden Verar¬
den gleichen angegriffen werden, die
tung großer Teile des Territoriums mung breiter Schichten der Bevölke¬
auf ihrer Grundlage regieren, was
und der nationalen Reichtümer im rung in den sog. Entwicklungslän¬
Ständige Verletzungen der Men¬
Austausch gegen die lächerliche dern, die von Hunger, Elend, Arbeits¬
schenrechte durch Institutionalisie¬
„Streichung" eines winzigen Teile der losigkeit. Krankheit und Analphabe¬
rung der Folter, durch Verschleppun¬
Schulden erzwungen wird, und indem tentum getroffen werden.
gen und Massenhiniichtungen von
zu neuer Kreditaufnahme für die Rück¬ Tausenden Bürgern in Asien. Afrika % Es erklärt feierbch, daß die Schul¬
zahlung der alten Zinsen gezwungen
und Amerika ermöglicht; den nicht die der Völker sind und daß
wird, beweisen IWF, Weltbank und
# In Erwägung, daß die Souveränität die Pobtik der Schuldenzahlung, wie
EG eindeutig ihre Absicht, jeden Tag
sie von den bestehenden Regierungen
mehr die Schulden als Hauptinstru¬ der Völker ständig verletzt wird durch
in den sog. „verschuldeten" Ländern
ment zur Versklavung der Völker ein¬ Militärbündnisse, weltweite Organis¬
betrieben wird, die sich den Direkti¬
zusetzen. men und Verträge, die vom Imperialis¬
ven von IWF, Weltbank und EG in
mus aufgebaut und kontrolliert wer¬
Asien, Afrika, Lateinamerika, in der
# In Erwägung, daß infolge der An¬ den;
Karibik (Haiti, Antillen) und in Osteu¬
passungspolitik von IWF und Welt¬ # In Erwägung, daß alle voigelegten ropa (Polen, Jugoslawien) unterwer¬
bank die Regierungen der armen und Dokumente und Berichte fest stellen, fen, in Anwendung der Direktiven,
abhängigen Länder als ihre Komplizen daß auf allen Gebieten die IWF- und wie sie vom Baker- und Brady-Plan
die Militarisierung der Gesellschaft EG-PIäne zur Ausbreitung von Hun¬ empfohlen werden, eine Aggression
vorantreiben, was in bestimmten Fäl¬ gersnöten und Epidemien, zum An¬ gegen die betreffenden Völker und
len bis zur Durchführung wahrer steigen der Kindersterblichkeit und eine unerträgliche Verletzung ihrer
.Kriege nach irmen" geht, um den Pro¬ zur aUgemeinen Infragestellung der Souveränität darstellen.
test der Arbeiter und den Volks auf- Infrastruktur im Gesundheitswesen
stand zu ersticken {deshalb hat der u nd im Kinderschut z führen; # Kommt zu dem ürteilsspruch, daß
Imperialismus die Doktrin der nationa¬ Internationaler Währungsfonds, Welt¬
len Sicherheit eingeführt, wie sie sich Aus all diesen Gründen hat das In¬ bank und Europäische Wirtschaftsge¬
in „Konflikten niedriger Intensität" ternationale Tribunal nach eingehen¬ meinschaft mit Komplizen Schaft der
und in der Strategie der Aufstandsbe¬ der Beratung in Übereinstimmung mit jeweiligen Bourgeoisien und herr¬
kämpfung äußert); den gesetzlichen Regeln, wie siewelt- schenden Oligarchien in den sog.

36
Internationales Tribunal von Lima

„verschuldeten'* Ländern schuldig die Auslandsschulden ein Instrument # Verkündet folglich die völlige, so¬
sind: der Verletzungen der Men¬ der Ausbeutung und Unterdrückung fortige und bedingungslose Annullie¬
schenrechte und der demokratischen der Völker durch das internationale Fi¬ rung der Auslandsschulden der Län¬
Rechte und Freiheiten der Volksmas¬ nanzkapital dar st eilen, das vermittels der Asiens, Afrikas, Lateinamerikas,
sen, die militärischer und polizeilicher der Agenturen des Imperialismus — der Karibik (Haiti, Antillen), Osteuro¬
Unterdrückung durch antidemokrati¬ IWF, Weltbank und EG — handelt- pas (Polen, Jugoslawien), und be¬
sche Systeme ausgesetzt werden, trachtet den Kampf ihrer Völker gegen
# Kommt zu dem ürteilsspruch, dail
welche sich gegen den Willen der Völ¬ die Rückzahlung der Auslandsschul¬
die Verantwortlichen des Intematio*
ker an der Macht halten können dank den und gegen die IWF-Pläne als legi¬
nalen Währungsfonds, der Weltbank
der Unterstützung der Kräfte des in¬ tim.
und der Europäischen Wirtschaftsge¬
ternationalen Imperialismus und der
meinschaft vorsätzlich, bewußt und in # Miedergelegt in Lima,
Inneren Reaktion.
voller Absicht ihre Politik der Verskla¬ 24. September 1969
• Kommt zu dem Urteilsspruch, daB vung der Völker und Plünderung ihrer
Wirtschaften durchführen.

Das »Ost-West-Diskussionsforum« hat in Nr. 8/9 Beiträge zum Internationalen Tribunal von Andrzej
Gwiazda (Polen), Tom Sello und Uwe Bastian (DDR) veröffentlicht.
Weitere Beiträge und Dokumente sind in dem folgenden »Weißbuch« (s. Anzeige unten) enthalten:
Inhalt__ Tom Sello, Uwe Bastian (BerlmA)DR): Adresse an
das Internationale Tribunal.34
Aitfruf(31.5.1989).2
Interview mH einem jugoslawischen Oppositionellen:
Zum Geleit.3 „Wir Osteuropäer brauchen den gemeinsamen
Anklageschrift der peruanischer Organisationen, Rahmen... mit der Arbeiterbewegung Im Westen und
Mitglieder des Förderkomitees von Lima.4 den unterdrückten Völkern".35

Resolution über die Permanente Delegation ' 22.-23.-^ Internathiiiafes


." September 1989 Trlhiin:il
Anklageakte zur Weltwirtschaft von Daniel Glucksteln, 11 * * ImUIMM
MPPT Frankreich.10 tMm^irWUf ^
- über die

t:;—^ Veranfwortfkhen
Anklageakte; Menschenrechte, demokratische j* ä i j
Prefherten, Souveränität der Volker-von Yehude Simon, fur diG AUSlSUraS**
Mitglied des Präsidiums der Nationalen Volks- ___ s. ■ a a «
Versammlung Peru.18 Khuldeil, WefdW CHg
Anklageakte: Die Lebenä>edingungen der Völker- A I* I CT VÜlittr
von Alloune Sow, (Generalsekretär der UDT Senegal, /A Wt ^ ^
Delegierter Afrikas im Namen der Organisatoren CldHriBMflfcCII
verschiedener LäniJer...24 ' ' i
Resolutionen:
-zum Generalstreik in ganz Lateinamerika.27 »•StT
-dereuropäischen Delegationen.27 j fef
- Für eine Internationale Untersuchungskommission X
zurUnterdrückungjn(;)hina.28

Forum: Erklärung zu Nicaragua.29 *^ /{\ \ \ fl'

Forum über Selbstverteidigung.29 ^ I 1 M

Resolution zum öffentlichen Dienst.29 i | jfl


Für die Rettung von J. R. (3arcia Gomez I j ^Jjjr

Für ein lateinamerikanisches Stahl arbeitertreffe n . . 30 ^


Gegen Fe lern zu „500 Jahre Entdeckung | G| 8 ^ j M

Forum: Initiativen und Aktionen für die fk. ^


Durchführung der Beschlüsse.31 y'fjW ^

Liste der Grußbotsc^iatten an das Tribunal y'

Auszug aus der (SruCadresse von 4 /f** f) ffjl' ^ jT


YueWu (Peking).32 ' irr
A. Gwiazda (Polen): Die polnische Gesellschaft hat
mit den Verpflichtungen durch die Auslandsschulden
nichts zu tun . 33

36 S. Großformat - 7,50 DM-M Spendenpreis / Bestellungen an: Elisabeth Vilmar, Rolandswerther Str 5,
D*5000 Köln 41 / Konto: PQA Köln, Stichwort »Lima«, Nr. 33 03 45 - 504
37
Daud Haider
Daud Haider ist der produktivste, meistgelesenste und desh. 1979 zog diese Regierung Daud Haiders Paß ein.
umstrittenste Dichter in Bangladesh. Er wurde 1952 in Indien verweigerte ihm die Einbürgerung und wollte ihn nach
Doharpara (Bangladesh) geboren und studierte Vergleichen¬ Bangladesh abschieben.
de Literaturwissenschaft. Nach dem Studium wurde er litera¬ 1985 wurde Haider durch die indische Regierung das Ulti¬
rischer Herausgeber des »Sambad«, einer großen Tageszei¬ matum gestellt, das Land binnen sieben Tagen zu verlassen.
tung in Bangladesh- Gleichzeitig veröffentlichte er Gedicht* Daraufhin richteten 2 000 im amerikanischen PEN organi¬
bände- sierte Schriftsteller einen Protestbrief an R. Gandhi, in dem
1974 schrieb er ein langes Gedicht, das sich kritisch mit den sie ihn zur Einbürgerung Daud Haiders aufforderten. Der
politischen und sozialen Verhältnissen in seinem Heimatland Erfolg war ein Hinauszögern der Entscheidung.
auseinandersetzt. Das Gedicht wurde verboten und sein Gunter Grass, der von den Schwierigkeiten Daud Haiders
Autor zu sechs Monaten Haft verurteilt. Daud Haider sieht Kenntnis hatte, traf diesen 1989 in Kalkutta und bot ihm an,
im Kommunismus eine Chance für sein Land, in dem 80 % sich bei der Regierung der Bundesrepublik um politisches
der Bevölkerung am Rande des Existenzminimums leben, Asyl für ihn zu verwenden. Daud Haider nahm das Angebot
lehnt diesen Weg aber ab für Europa, da die Bedingungen an. Auf Einladung der Akademie der Künste traf Haider am
gänzlich verschiedene sind. Zu diesen Bedingungen zählt er 6. Juli 1987 in Berlin ein, wo er seitdem lebt.
vor allem die soziale Absicherung, aber auch die Alternative Daud Haiders Werk umfaßt Romane, Erzählungen,
direkt vor der Tür, die in erster Linie durch Unterdrückung Essays und vor allem mehr als zehn Gedichtbände, von
der Bevölkerung von sich reden macht, denen drei in englischer Übersetzung vorliegen. „Döwd HaU
Aus dem Gefängnis schrieb Daud Haider an den damali¬ ders Gedichte sind gekennzeichnet von direktem Erleben, von
gen Präsidenten von Bangladesh, Sheikh Mujibur Rahman, anhaltender Betroffenheit, vom Verlust der Heimat. So sehr
von dem er wußte, daß er ein Leser seiner Gedichte war. Er sich seine Gedichte auf sein Land, auf Bengalen beziehen, so
bat ihn, seine Freilassung zu bewirken. Daraufhin besuchte grenzüberschreitend spricht er doch ein weltweites Thema an:
der Sekretär des Präsidenten Haider im Gefängnis und unter¬ Entwurzelung, Vertreibung, erzwungene Ortlosigkeii.“
breitete das Angebot, sofort in ein kommunistisches l-and (Günter Grass, Brief an Julia Hobsbawn.) Beeindruckt und
auszureisen. Daud Haider lehnte ab. beeinflußt sieht sich Haider vor allem durch T.S. Eliot, Höl¬
Nach Ablauf der Haftzeit wurde er aus Bangladesh ausge¬ derlin und Rilke sowie den indischen Dichter Bishnu De. In
wiesen. Er ging zunächst nach Neu Delhi, später nach Kal¬ seinen Gedichten benutzt er herkömmliche und moderne
kutta. Nach der Ermordung des Präsidenten Sheikh Mujibur bengalische Metren. Umgangssprache und Elemente von
Rahman durch die CIA im Jahre 1975 schrieb Haider in Kal¬ Kindcrliedern sind in seinen Gedichten ebenso zu finden wie
kuttas Zeitungen gegen die Militärregierung von Bangla- poetisches Pathos. - fws •

In unserer Familie Das Land, das mein Land ist

Weder war noch gibt es etwas Das Land, das mein Land ist,
Wesentliches über unser Familienleben zu erzählen: ist in den Händen Bewaffneter,
Der gewöhnliche Haushalt der Städter, sein Boden eine zerquetschte rote Blüte.
kaputtes Geschirr, Spannungen, Ärger und
Verirrungen, Über das Land, das meines ist,
ein paar unbedeutende kleine Geschichten verteilen sich Wachtposten. IhrTrampeln
machen unser Familienleben aus. dröhnt durch das Dunkel der Nacht.

Und doch gibt es noch eine andere kleine Geschichte - Von Paraden erleuchtet, erheitert vom Tod
wir machten den Exodus mit aus Ost-Bengalen ist das Land, das meines ist, mein eigenes Land.
anno 1947,
• und seither sind wir Flüchtlinge in Calcutta. Zerrissen von Blitz und Donner ist das Herz
des Himmels, der mein eigener Himmel ist, mein
In unserer Familie haben wir ein schreiendes Baby, Himmel. Die Luft
ein kleiner Junge, wir werden ihn hinausschicken schmeckt nach Schüssen.
in die Sundarbans, einen Wald, wo er von selbst lernen
wird, Von Paraden erleuchtet, errötet in Tod
wie Vögel und Natur zusammen leben. ist das Land, das meines ist, mein eigenes Land.

(Translated by: Tadeus Pfeifer)


In unserer Familie gibt es nichts außer
die sich selbst fressende städtische Zivilisation-

(Translated by: Tadeus Pfeifer) 38


Mein Land Die Blinden und die Stummen

Wirst du mit uns kommen? Wirst du die Manche lieben den Ruß
Quitten verlassen, die im Dorf wachsen, die Pfefferfelder, von der Quelle bis zur Mündung,
die tanzenden Wasser des Russes? und andere schreien
Deine Dorfgespielen, Jungen und Mädchen? „Genug, Devi! Warum diese Sintfluten?
Wirst du mit uns Weggehen? Ein Leben lang haben wir uns vor dir niedergeworfen.
Streck deine Arme aus, beide,
Wir werden unseren Schmerz den Vögeln an vertrauen, und gebiete Einhalt dieser Flut.“
wenn du mit uns kommst und die Bäume bitten,
die in Gold zu kleiden. Hunger und Durst Ich liebe die Erde, die meine Vorfahren liebten.
werden uns nichts anhaben, wenn du milkommst. Die Zeit ist gekommen, neues Lichi auf die
Von denen, die das Land pflügen, werden wir lernen, fruchtbaren Felder der Morgenröte zu bringen.
die Herzen den Menschen zu gewinnen in dem „Bauer, Feldarbeiter,
Land, in das wir gehen. Wo immer wir einem laß hell leuchten, was gut ist.“
Fluß begegnen, werden wir laut rufen
Salzlos, in Wasser getaucht, ist
„Komm, laßt uns unsere Angst ab waschen, unser Zögern.“ der Reis, den wir essen, ein Rest.
Wir werden lernen, den Wert jeder Blume, Schweißnaß sind wir im Sommer,
jedes Schmetterlings zu erkennen. triefend im Regen, und während der Dürre
jammern wir über die Trockenheit.
Wirst du mit uns kommen? Oder wirst du Hört niemand den schrillen Protest
fragen wie Rebus alter Herr, „Haben die Füße unserer heiseren Stimmen?
der Bauern, staubig und mit Spuren
von Getreide, jemals die Strahn jener fernen Der Mensch, nach dem Bild der Gottheit gemacht,
Stadt berührt, von der ihr so viel redet?“ ist auf die Straßen getreten.
Die Blinden werden sehen, die Stummen singen,
(Translatedby: Juliane Molitor) auch wenn die Tage ohne Mitleid dahingehen.

Blitze zucken über das Land,


Feuer der Hölle
erleuchten die Erde und die steinernen
Landeplätze am Fluß;
ln einem Land, wo blinde Menschenleben,
Blutsamen haben wir gesät. ^
verschwindet selbst das blendende Licht einer
lodernden Sonne unbemerkt.
„Wohin gehst du, Devi?
Die Ahnen sind bloß dunkler Widerschein im Spiegel,
Wie weit? Im Bild der Gottheit
Dessen langer Schatten sich über das Land legt.
ist der Mensch auf die Straßen getreten.
Deine Schönheit, die Linien deines Gesichts,
Die Blinden werden sehen, die Stummen singen.“
bekannt und unbekannt, ein Teil nur oder voll,
bleibt eingefaßt in trüben Spiegeln. Der Tag ist dunkel (Translated by: Juliane Molitor)
und dunkel die Nacht. Nichts in der Gegenwart
ist zu sehen. In jedem Haus, wohin du auch schaust,
leuchtet das Feuer der Hölle. Tief ist die Leere

(TransUted by Tadeus Pfeifer) Bist du zum Bahnhof unterwegs?


Gehst du wirklich so heimlich weg?
Der Himmel ist bewölkt. Es donnerte.
Tief in mir
Die Sturmlaterne in deiner Hand flackert.
Mußt du gehen? Dein Gehen führt dich in kein
Tief in mir weinte jemand.
Zuhause. Geschlossen sind heute die Türen zur
Tief in mir lauschte jemand.
Wohnstattdes Friedens.
Tief in mir suchte jemand nach mir.
Regen, das Grollen eines plötzlichen Gewitters, hat das
Tief in mir rief jemand nach mir.
Frühlingsfest zerpflückt.
Tief in mir sagte jemand:
Warst du an der Zusammenkunft gestern?
„Du bist es, den ich rufe,
Wem galt sie?
Ich suche das Du, dasich bin.“
Einer Gottheit? Oder einem Menschen? - Der Regen
trommelte den ganzen Morgen.
Tief in mir bohrte jemand.
Hast du jemals Natur für dich selbst gesehen, in der
Tief in mir verbrannte mich jemand.
Welt?
Tief in mir weinte jemand um mich.
Tief in mir suchte ich mich selbst.
Mußt du gehen? Wie weit? Wohin? - Irgendwo spielt
(Translatedby: Juliane MoUtor) eine Röte.
Und jemand weint. Tief ist die Leere,
die den Raum füllt zwischen Quelle und Meer.

(Translated by: Tadeus Pfeifer)


Der hungrige Stein Der Zerstörer

Nicht nur der Mensch, auch der Stein hat Hunger; Ich habe nichts mitgebracht außer mir selbst-
losch den Durst ihm mit Wasser. als Selbst - ein menschliches Wesen; Augen
ln der Dürre sprang die Erde in Stücke, zwei dahinfließende Ströme,
die Baume sind ohne Laub, meine Zehen
im Wald keine Vögel, fünf Kontinente die Fläche meiner Hand
ein ewiges Klagen spaltet den Himmel. das schüchterne Auftauchen Bengalens.
In Stadt und Land schnappen hungrige Tage nach LufL
Ich habe nichts mitgebracht außer mir selbst.
Ich verstehe die herzzeneißende Sprache der Steine, Meine Augen sehen dich, Hände
verblaßt und matt vor Haß; greifen nach dem Mond, Füße
im fahlen Dunkel sucht auch gründen Städte, Lippen
die Schlange nach Mitleid, Herzlichkeit und Schutz. wischen Küsse ab, Ohren
» hören Weinen, ein Holzfäller
Ist die Sprache grausam, die stetig fällt Bäume; von Bäumen
schwingt im Arom der Erinnerung? Holz aus Holz
Ein Lied überreicht mir die Einladung Stühle; vr>ni
eines Sturms. eine Türzum Hinausgehen, jemand
Ich sehe die leuchtenden Inschriften in der lichten ist Zusehen, ein Fenster zum Verbrennen
Finsternis, in jeder Pore des Äthers. Holz für den Scheiterhaufen, Brennmaterial;
Natur und Stein schreien traurig. wenn es sein muß,
dann ich,
(Translatcd by: Tadcus Pfeifer) nur ich.

Ich habe nichts mitgebracht. So oft wie du, im Raum,


über den Vaikuntha gehen wolltest, zu dir,
haben sich meine Äste ausgebreitet
Spalten gebildet
weite
Ebenen
Vorwärts zahllose Wiesen
zu mir getrennt von mir
Den Sonnenuntergang im Rücken, kehrten wir zurück, ' Flußläufe.
wie Soldaten zurückkehren aus dem gewonnenen Krieg,
fegten beiseite das Dunkel der Nacht, fielen ein ins Ich habe nichts micgebracht. Stille in Klage wandelnd
dämmernde, fruchtbare Land. picken zwei Vögel auf dem Vorplatz
Das Blut blühte in der Brust, und am Morgen spannten Liebe und Vorbehalt zu mir
wir die Kampfbogen. getrennt von mir.
Es ist niemals angenehm, überrumpelt zu werden, und
wirwollten den Tod unterwerfen Im heutigen Bengalen fallen Minarette aus Metall
in einem Bengalen, bemuttert von Flüssen, getrennt von schrillen Stimmen Flüsse und Boote und
denn in unserer Erinnerung, da war durch Krieg und durch Farbe
Krieg in den Bergen und im weiten Flachland Krieg. durch Feuer und durch Flöte
^ während
Wir drängen vorwärts, stürmen die Finsternis. Meinem Städte brennen
Land habe ich mich zu mir selbst gebracht
werde ich zurückgeben seine unerreichte Pracht des wie ich selbst
Lebens. nicht anders als ein Zerstörer.

(Translaled by: Tadeus Pfeifer) (Translated by; Juliane Moliior)

Impressum der Literaturbeifage


Herausgeber; Ost'West'GeseUschaft e.V., Stemstr. 50,4000 Düsseldorf
Verantwortlich für die Zusammenstellung: Frank Wolfgang Sonntag

Die »Ost'West-Literatur« erscheint als Beilage des nOst-West-Diskussionsforum^t. Für unverlangt eingesandte Manuskripte
kann keine Gewähr übernommen werden. Kachdiuck (mit

V.l.S.d.P.: Gotthard Krupp-BoulbouUö, Stemsti. 50.4000 Düsseldorf


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