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Stress & Stressbewältigung

Vorlesung
Medizinische Psychologie

Prof. Dr. Kati Thieme


Institut für Medizinische Psychologie | Philipps-Universität Marburg |
Ein wichtiges Thema in der Medizin?!

• Zentrales Konzept für das Zusammenspiel von


Körper & Psyche (Erleben & Verhalten)

• Entstehungs- und Verlaufsmodell für zahlreiche


Erkrankungen

• Große Verbreitung und Zunahme stressbedingter


Erkrankungen v.a. im Beruf
• Modelle zum Umgang (Coping) mit Stress helfen, den
Umgang mit Erkrankungen zu verstehen (Leben
mit Erkrankungen)
Prüfungsfrage 1

Eine Person leidet unter Stress, der auch eine stark erhöhte
Kortisolsekretion der Nebennierenrinde bewirkt.
Welche Veränderung ist bei dieser Person durch die stark
erhöhte Kortisolfreisetzung am wahrscheinlichsten zu
erwarten?

(A) Abnahme der Glucose-Konzentration im Blutplasma


(B) Abnahme des Blutdrucks (arterielle Hypotonie)
(C) Erhöhung der Skelettmuskelproteinsynthese
(D) Veränderung der Immunfunktion
(E) Verbesserung der Gedächtnisleistung
Prüfungsfrage 2

Menschen reagieren unterschiedlich auf Stress. Welche der nachfolgenden


Äusserungen sind entsprechend des Modells der individualspezifischen
Reaktionsweise nach Lacey & Lacey (1958) korrekt?

Select one or more:


a. Patienten mit Diabetes mellitus Typ II weisen meist eine sudomotorische
Stressreagibilität auf.
b. Patienten mit rheumatischen Schmerzen (z.B. Fibromyalgie, rheumatoide
Arthriitis) weisen häufig eine hypertone Stressreagibilität auf
c. Patienten mit chronischen Rückenschmerzen weisen meist eine muskuläre
Hyperreagibilität auf
d. Patienten mit Epilepsie weisen meist eine neuroendokrine Reagibilität auf
e. Patienten mit Hypertonie weisen meist eine hypertone Stressreagibilität auf.
Ist Stress Anspannung?

Stress ist der Versuch unseres Körpers,


sich an wechselnde Bedingungen anzupassen
Stress in der Alltagssprache

„Die macht sich


immer so ein
Stress“
„Der „Ich bin total
stresst mich“ gestresst“
Stress - Begriffsklärung
Stress-Reaktion
Biologisch
Erleben
Auslöser Kognition Reaktion
Stressoren Emotional
Verhalten • Wahrnehmung
Externale Anforderung • Bewertung
Internale Belastung • Bewältigung
Stress - Forschungstraditionen

SELYE (1936)
Allgemeines
Adaptations-
Syndrom
Kampf & Flucht (fight-flight)
Phasen des Allgemeinen
Adaptationssyndroms (nach Selye 1936)
Widerstand
Leistungsfähigkeit

• Alarmreaktion
– Sympathische Erregung, erhöhte Konzentration von Stresshormonen

• Widerstandsphase
– Erhöhung des Zuckerstoffwechsels, gesteigerte Empfindlichkeit der
Gefäßmuskulatur für Noradrenalin & Adrenalin, Dämpfung der Schilddrüsen &
Sexualfunktionen

• Erschöpfungsphase
– Zusammenbruch von Reproduktions- und Wachstumsfunktionen sowie
Infektabwehr, nur noch kurzzeitige Energiemobilisierung möglich,
Vergrößerung der Nebennieren, Bildung von Magengeschwüren ….
Psychobiologische Mechanismen
Sympathikus-Nebennierenmark-Achse

Hypothalamus
via. Hormone via. Nerven

Sympathikus

Neben-Nieren-Rinde

NN-Mark
Adrenalin & Noradrenalin  beide wirken
an vielen Organen funktionssteigernd
Psychoimmunologische Mechanismen
Einfluss von NOR auf T-Helfer und
T-Supressor Zellen

Ethan M Shevach. Suppressor T cells: Rebirth, function and homeostasis.


Current Biology 2000
Psychobiologische Mechanismen
Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse

Hypothalamus
via. Hormone via. Nerven

CRF (Corticotropin-Releasing-Faktor)
Hypophyse

ACTH
(adrenocorticotropes
Hormon)

Neben-Nieren-Rinde
ermöglicht
Glukokortikoide 
NN-Mark Anpassung an
v.a. Kortisol
Belastungssituation
Kortisol und Schmerz

Eine stressbedingte Kortisolreduktion


korreliert mit der Reduktion der Schmerzschwelle
r = 0.78

Thieme et al., 2018


Sind chronische Erkrankungen
Stress-Erkrankungen?

Konzept der autonomen Stress Reaktion (Lacey & Lacey 1958)


Die individuelle spezifische Reaktion weist darauf hin, dass ein
Mensch ein spezifisches körperliches Reaktionsmuster zeigt
(z.B. sympatisch oder parasympatisch) in Stress-Situationen.

Das Organ mit der stärksten Reaktion auf Stress hat das höchste
Risiko, eine Erkrankung zu entwickeln.

Findet man dieses Organ, kann man Rückschlüsse auf die Ursache
und Faktoren, die die Erkrankung aufrechterhaltend, ziehen.
Stressinduzierte
Muskelspannung

Flor et al..1994
Prüfungsfrage 1

Eine Person leidet unter Stress, der auch eine stark erhöhte
Kortisolsekretion der Nebennierenrinde bewirkt.
Welche Veränderung ist bei dieser Person durch die stark
erhöhte Kortisolfreisetzung am wahrscheinlichsten zu
erwarten?

(A) Abnahme der Glucose-Konzentration im Blutplasma


(B) Abnahme des Blutdrucks (arterielle Hypotonie)
(C) Erhöhung der Skelettmuskelproteinsynthese
(D) Veränderung der Immunfunktion
(E) Verbesserung der Gedächtnisleistung
Prüfungsfrage 2

Menschen reagieren unterschiedlich auf Stress. Welche der nachfolgenden


Äusserungen sind entsprechend des Modells der individualspezifischen
Reaktionsweise nach Lacey & Lacey (1958) korrekt?
Select one or more:
a. Patienten mit Diabetes mellitus Typ II weisen meis eine sudomotorische
Stressreagibilität auf.
b. Patienten mit rheumatischen Schmerzen (z.B. Fibromyalgie,
rheumatoide Arthriitis) weisen häufig eine hypertone Stressreagibilität auf
c. Patienten mit chronischen Rückenschmerzen weisen meist eine
muskuläre Hyperreagibilität auf
d. Patienten mit Epilepsie weisen meist eine neuroendokrine Reagibilität
auf
e. Patienten mit Hypertonie weisen meist eine hypertone
Stressreagibilität auf.
Warum erkranken nicht alle
Menschen gleichermaßen, wenn sie
Stress ausgesetzt sind?
Prüfungsfrage 3

Die Depression geht mit einem erhöhten Risiko für die


Entstehung der koronaren Herzkrankheit einher. Für dieses
Risiko wird eine Sympathikusaktivierung verantwortlich
gemacht.
Was kommt als Indikator einer Sympathikusaktivierung am
wenigsten in Betracht?

A) erhöhte Adrenalinausschüttung
B) erhöhte Cortisolsekretion
C) erhöhte Herzfrequenzvariabilität
D) erhöhte Herzfrequenz
E) erhöhter systolischer Blutdruck
Das Herz – Hirn - System
Der Baroreflex

Barorezeptor
Stimulation
Respondente Konditionierung
chronischer Schmerzen

Schmerz wird aufrechterhalten, weil neutrale Ereignisse (eine


bestimmte Körperhaltung, eine Bewegung) mit Schmerz verknüpft
werden. Nach einiger Zeit kann die Bewegung Angst und
Blutdruckanstieg auslösen. Bewegung wird vermieden und
Schmerz wird verstärkt

Behandlung:
Entspannung
Löschung der Angst
Vier Physiologische Reaktionsmuster bei FMS
EMG
SCL
HR
SBP
DBP
-0.8 -0.6 -0.4 -0.2 0 -1 0 1 2 3
Hypotones Reaktionsmuster Sudomotor Reaktionsmuster

EMG
SCL
HR
SBP
DBP

-0.5 0 0.5 1 -0.5 0 0.5 1 1.5


Hypertones Reaktionsmuster Muskuläres Reaktionsmuster
Thieme & Turk, 2006
Interaktion zwischen dem kardiovaskulärem
und dem Schmerzsystem

• Inverse Beziehung zwischen Ruhe-RR und


Schmerzsensitivität bei Tieren (Rosa et al.,
1994) und bei Menschen (Falcone et al., 1997)
• Inverse Beziehung zwischen
Barorezeptorstimulation (BRS) und akuter
Schmerzsensitivität
• Erhöhte BRS - Aktivierung von sowohl
deszendierender spinaler und supraspinaler
Schmerzhemmung
Psychosoziale Charakteristik von
Patienten mit hyperreaktivem
im Vergleich zu
hyporeaktivem Reaktionsmuster

Psychometrische Diagnostik: MPI, BSS, TPB

Patienten mit hyperreaktive RR zeigen


• Höhere Schmerzintensität (MPI) (F(3,116) = 15.42, p<0.001)
• Höhere Beeinträchtigung (MPI) (F(3,116) = 15.83, p<0.001)
• Geringere Aktivität (MPI) (F(3,116) = 8.41, p<0.005)
• Mehr Schmerzverhalten (TPB) (F(3,116) = 7.41, p<0.005)
Thieme et al., 2015
Verlust des antinozizeptiven
Effektes von Stress bei FM

✓ Gestörte inverse Beziehung zwischen Ruhe-RR und


Schmerzsensitivität bei Patienten mit chronischem
Schmerz (Maixner et al., 1997, Thieme et al., 2011)

✓ Beeinträchtigung der Beziehung zwischen Ruhe-


RR, Barorezeptoraktivierung, und
Schmerzwahrnehmung
Baroreflexsensitivität während Druckschmerzstimulation
bei Patienten mit chronischem Schmerz
und bei Gesunden

HC p < 0.001
Thieme et al., 2012
C1
[µV]
-18
FM
-16
-14
Mittlere evozierte Potentiale
-12
-10 bei Patienten und Gesunden
-8
-6 nach elektrischer Stimulation
-4
-2 mit 75% der Toleranzschwelle
0
2 im SP-Protokoll
4
6
390 ms
8
10
C1
12
14 -15.0 µV/m²
16
[µV]
18
0 100 200 300 400 [ms] 20.0
-18 µV/m²
-16 HC
-14
-12
-10
RR - Unterschiede -8

Zwischen Baseline und 2. Test -6


-4
-2
0
2
4
390 ms
6
8
10
12
14
16

p = 0.005 18
-50 0 50 100 150 200 250 300 350 400 450 [ms] -15.0 µV/m² 20.0 µV/m
• Rostraler Teil der Formatio Reticularis –
Kopf des autonomen NS
• Hypothalamus erhält Signale vom
Barorezeptor über die Formatio
Reticularis
• Lateral präfrontaler Kortex und
• Insulärer Kortex
Der Einfluss von
klassischer und operanter Konditionierung
auf körperliche Prozesse

Die Hemmung des Schmerzes wird durch den


sich erhöhenden Blutdruck zu 80% erklärt, der
durch die sich erhöhende BRS vermittelt wird
(Elbert, 1994).

Klassische und operante Konditionierung


beeinflussen die Baroreflexsensitivität (Rau
and Elbert, 2008).
Herzratenvariabilität
Prüfungsfrage 3

Die Depression geht mit einem erhöhten Risiko für die


Entstehung der koronaren Herzkrankheit einher. Für
dieses Risiko wird eine Sympathikusaktivierung
verantwortlich gemacht.
Was kommt als Indikator einer Sympathikusaktivierung
am wenigsten in Betracht?

A) erhöhte Adrenalinausschüttung
B) erhöhte Cortisolsekretion
C) erhöhte Herzfrequenzvariabilität
D) erhöhte Herzfrequenz
E) erhöhter systolischer Blutdruck