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Energiespeicher – Bedarf, Technologien, Integration

Michael Sterner
Ingo Stadler
(Hrsg.)

Energiespeicher –
Bedarf, Technologien,
Integration
2. korrigierte und ergänzte Auflage
Herausgeber
Michael Sterner Ingo Stadler
FENES OTH Regensburg CIRE TH Köln
Regensburg Köln
Deutschland Deutschland

Ergänzendes Material zu diesem Buch finden Sie auf http://www.springer.com/9783662488928.

ISBN 978-3-662-48892-8 ISBN 978-3-662-48893-5 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-662-48893-5

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V

Widmung
Wir möchten dieses Buch zwei Personen widmen,
die sowohl die Energiewende als auch die beiden Autoren maßgeblich geprägt haben
und leider viel zu früh von uns gegangen sind:

Hermann Scheer und Jürgen Schmid

Beide haben leidenschaftlich für die Energiewende gelebt und gekämpft,


uns mit Ihren Arbeiten inspiriert und ermutigt.
Hermann Scheer erkannte sehr früh die signifikante Bedeutung der Energiespeicher
für die Zukunft unserer Energieversorgung. Seine Idee einer internationalen
Speicherkonferenz tragen wir im wissenschaftlichen Beirat
der International Renewable Energy Storage Conference (IRES ) fort.
Jürgen Schmid war der technologische Visionär und skizzierte und gestaltete
die Energiezukunft durch seine Arbeiten auf inspirierende Weise.
Er begleitete unseren Weg als Doktorvater.

Wir tragen die Visionen von beiden weiter und formen sie in ein Stück Realität:
das Buch in Ihrer Hand.
VII

Vorwort für 2. Auflage

Energiespeicher – ein ganz heißes Thema. Nicht eine Woche vergeht, ohne dass wir in den
Nachrichten darüber hören und lesen. Den Energiespeichern gehört die Zukunft. Auch
wenn die Energiepolitik es noch als Randthema behandelt: Wissenschaft, Wirtschaft und
Gesellschaft sind so weit, Energiespeicher als ein Kernthema der Energiewende aufzugrei-
fen, anzugehen und umzusetzen – und zwar jetzt und nicht erst in 20 Jahren, wie es man-
cher in Politik und in den Ministerien gerne hätte, nachdem der priorisierte Netzausbau ab-
geschlossen ist.

Der vielfache Widerstand gegen neue Stromtrassen machen deutlich, dass eine Energiewen-
de nur mit einer breiten, transparenten und guten Kommunikation mit der Bevölkerung ge-
lingen kann, und zwar vorrangig auf dezentraler und regionaler Ebene. Denn nur so kann
die notwendige Beteiligung der Bürger erreicht werden und daraus Akzeptanz entstehen.
Hier gibt es seitens des VDE vielversprechende technische und ökonomische Überlegun-
gen wie den »zellularen Ansatz«, der zur Maxime hat, dass unsere günstigsten erneuer-
baren Quellen Wind und Sonne möglichst lokal genutzt und ausgeglichen werden sollen.
Aber auch das Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 weißt uns eindeutig den Weg in
eine post-fossile Energieversorgung auf, in der erneuerbarer Strom als Primärenergie zur
Dekarbonisierung aller Sektoren genutzt wird. In diesem Zusammenhang werden Energie-
speicher und Sektorenkopplung, die wir ausführlich und grundlegend bereits in der ersten
Auflage beschrieben haben, notwendig.

Aber auch aus makroökonomischer Perspektive gilt: Netze übernehmen den räumlichen,
Speicher den zeitlichen Ausgleich – wir brauchen Netze und Speicher für Strom, Gas, Wär-
me und Kraftstoffe. Vielfach sind die »Speicher« und »Entladegeräte« bereits verfügbar, wir
müssen vielerorts nur noch die passenden »Ladegeräte« für die vorhandene fossile Infra-
struktur bauen, um diese mit erneuerbarer Energie weiter zu nutzen. Die immer häufiger
werdenden Netzengpässe samt Kosten für ungenutzten Wind- und Solarstrom und Aus-
gleichsmaßnahmen in Milliardenhöhe zeigen uns eindeutig: es ist falsch, nur auf eine Maß-
nahme - den Stromnetzausbau - zu setzen. Es ist viel sinnvoller, Redundanzen zu schaffen
und neben dem Netzausbau auch das Thema Speicher voranzutreiben. Netze und Speicher
ergänzen sich also – sie sind zwei Seiten derselben Medaille und sollten politisch die gleiche
Priorität haben.

Auch die vielfach gescholtenen hohen Kosten für Speicher relativieren sich: Wenn regionale
Energiemärkte den Euro im Land halten, statt ihn milliardenfach als Bezahlung für fossile
gespeicherte Energie ins Ausland zu exportieren, ist dieses Geld, in erneuerbare Energien
als heimische Primärenergiequellen, in Netze und in Speicher als Infrastruktur investiert,
ein volkswirtschaftlich vollständig schlüssiges Geschäftsmodell: ein »Geschäftsmodell Ener-
giewende« mit einer guten Rendite bis 2050. Alle technischen Lösungen sind vorhanden,
eine ökologische Energiewende samt Speicher ist wirtschaftlich umsetzbar, die Gesellschaft
ist so weit – es fehlt nur noch an den energiepolitischen Rahmenbedingungen.

Das zu begreifen und die Weichen mit entsprechendem Weitblick über Quartalsberich-
te und Legislaturperioden hinaus zu stellen, ist unser Wunsch an die Entscheider nicht
nur in diesem Land. Das Buch soll den nötigen Diskurs dazu als sachliche Basis stärken.
VIII Vorwort für 2. Auflage

Gerade in unseren post-faktischen Zeiten ist dies eine essentielle Basis für den gesellschaft-
lichen Diskurs, der von Offenheit und Transparenz geprägt sein sollte und erst dadurch in
sachbasierten Entscheidungen münden kann. Es liegt glasklar auf der Hand: In Energiespei-
chern liegen große energie- und industriepolitische Chancen, da wir es perfekt beherrschen,
komplexe Systeme zu errichten und gut zu vermarkten – mit dem Effekt, dass Wertschöp-
fung, Arbeit und Wohlstand im eigenen Land bleiben und letztlich zur besseren Integration
erneuerbarer Energien global eingesetzt werden können. Wir haben keine Zweifel daran,
dass wir dies schaffen. Auch wenn wir uns gerade in einer Phase des Übergangs befinden
(was das Jahr 2016 deutlich gemacht hat), sind wir überzeugt, dass langfristig kein Weg an
der Energiewende samt Energiespeichern vorbei führt. Egal, um wieviele Jahre wir unser
fossiles Zeitalter politisch verlängern mögen: fossile Ressourcen sind endlich, ihre Nutzung
klimaschädlich und zerstörerisch. Daher ist der zeitliche Umstieg auf erneuerbare Energien
nur eine Frage von Generationen, nicht mehr von Jahrhunderten. Der entsprechende Be-
wusstseinswandel wird kommen - hoffentlich nicht leidvoll erzwungen, sondern in Frieden.

Wir haben uns sehr über die zahlreichen positiven Rückmeldungen aus Industrie und Wirt-
schaft, Wissenschaft, Gesellschaft und Politik gefreut, dass es für ein solches Buch höchste
Zeit war und es nun endlich ein gut strukturiertes, tiefgründiges, vor allem aber dennoch
übersichtliches und sprachlich leicht verständliches Werk gibt.

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an alle für dieses sehr positive Feedback. Es gab
uns neben zahlreichen Neuheiten den Schwung und Anlass, die zweite Auflage auf den Weg
zu bringen. Nun ist es so weit, und wir sind stolz, dass wir nicht nur ein Update samt Feh-
lerkorrekturen vorlegen können, sondern folgende zahlreiche Erweiterungen und Ergän-
zungen:
55 7 Kapitel 2 diente als Grundlage für Speicherdefinitionen bei Arbeitsgruppen von
BDEW, VDI, dena und VDE; die Rückmeldungen daraus sind eingeflossen und wir
haben das Kapitel um die Begriffe Power-to-X und Sektorenkopplung erweitert,
55 7 Kapitel  3 wurde um die umfassendste Studie zum Speicherbedarf der letzten Jahre
erweitert: die »Roadmap Speicher«. Darüber hinaus wurde die »Agora Speicherstu-
die« vervollständigt und die Betrachtungen eines netzgetriebenen Speicherbedarfs
erweitert,
55 in 7 Kapitel  4 kam die »Roadmap Wärme« hinzu und aus neuen Studien eine konkrete
Abschätzung des Wärmespeicherbedarfs bis 2050,
55 7 Kapitel  5 umfasst nun auch den Speicherbedarf des Chemiesektors, der dort über
Power-to-X den nicht-energetischen Verbrauch fossil gespeicherter Energie langfristig
ersetzen soll,
55 in 7 Kapitel 8 kamen der Wasserstoffspeicher LOHC hinzu, neue Aspekte von Power-to-
Liquid und Updates im Grundlagenteil,
55 in 7 Kapitel 9 haben wir die Lageenergiespeicher aktualisiert und ausgebaut,
55 7 Kapitel 11 wurde um aktuelle Zahlen und Potenziale zum Lastmanagement erweitert,
55 7 Kapitel 12 enthält neue Methoden zum immerwährend schwierigen Vergleich aller
Speicher und Zahlen zur zukünftigen Kostenentwicklung von Batterien und Power-to-
Gas,
55 7 Kapitel 13 greift aktuelle Trends der Batterieentwicklung anhand vieler neuer Projekt-
beispiele auf,
55 7 Kapitel 14 integriert ebenfalls zahlreiche neue Anwendungen von Wärmespeichern
und Power-to-Gas Anlagen,
IX
Vorwort für 2. Auflage

55 7 Kapitel 15 ist vollständig neu und gibt einen guten, kompakten Überblick über den
rechtlichen Rahmen für Energiespeicher in Deutschland.

Dieses Update wäre natürlich nicht ohne unsere Koautoren möglich gewesen, denen wir an
dieser Stelle ganz besonders für die fachlichen Beiträge danken möchten. Wir konnten ei-
nige hinzugewinnen – daher erscheint dieses Werk nun auch als Herausgeberwerk. Diese
Version wird ins Englische übersetzt, und eine portugiesische Auflage ist ebenfalls in Vor-
bereitung.

Herzlich danken möchten wir auch unseren Studierenden, welche v.  a. die erste Auflage
tatkräftig unterstützten: Andreas Hofrichter, Andreas Lösing, Benjamin Lehmann, Bettina
Vogl, Eric Dürselen, Florian Hüllen, Frank Strümpler, Henning Voss, Jens Fiedler, Leif Hen-
ning Möllmann, Lutz von Pidoll, Matthias Buchner, Moritz Falkenstein, Nicole Muggentha-
ler, Peter Gurka, Sebastian Zajac, Stefan Freundorfer, Thomas Estermann, Tristan Heiden
und unseren fachlichen Lektoren Dr. Alexander Krajete, Bernd Stürmer, Prof. Dr. Robert
Leinfelder, Wolfgang Köppel und Prof. Dr. Ralf Steudel.

Für die großartige Unterstützung bei Springer und das Lektorat bedanken wir uns bei Eva
Hestermann-Beyerle, Birgit Kollmar-Thoni und Tatjana Strasser. Ebenso danken wir allen
Firmen und Partnern, die uns ihr Bildmaterial und Wissen zur Verfügung gestellt haben.

Das Wichtigste zum Schluss: Nicht nur das Buch, auch unsere Familien sind gewachsen.

Unser Dank gilt daher ganz besonders unseren lieben Frauen Anne und Chrissi, die uns
abermals den Rücken freigehalten haben und uns in unserem Wirken und Schaffen bestär-
ken, und unseren Kinder Amalia, Elias, Enya und Kira, die mittlerweile sehr genau wissen,
was Biomasse ist.

Michael Sterner, Ingo Stadler


Regensburg, Köln
im Frühjahr 2017
XI

Vorwort der 1. Auflage


Liebe Leserin, lieber Leser,

»Erneuerbare Energien – gut und schön – aber es fehlen die Speicher! Ohne Speicher ma-
chen erneuerbare Energien keinen Sinn!« So oder so ähnlich haben Sie sicherlich die De-
batte um die Energiewende und erneuerbare Energien selbst erlebt. Wir können diesen Satz
nicht mehr hören. Wir haben kein Energiespeicherproblem, wir haben eher die Qual der
Wahl zwischen all den Flexibilitäts- und Speicheroptionen – wie man schon am Umfang
dieses Buches erkennen kann.

Wir möchten Ihnen mit diesem Buch zeigen, dass die Speicher, die wir zur Energiewen-
de brauchen, bereits vorhanden sind. Technologisch ist das Speicherproblem gelöst. Es gibt
ausreichende Kapazitäten in Deutschland, in Europa und weltweit.

Auch ist es falsch, dass die Notwendigkeit Energie zu speichern eine Besonderheit von er-
neuerbaren Energien darstellt. Alle Energieversorgungssysteme in allen Zeiten haben
immer auf Energiespeicherung beruht, lediglich die Perspektive und die verwendeten
Technologien ändern sich. Bis heute baut unsere Energieversorgung fast vollständig auf ge-
speicherter Energie auf. Während wir in dem Energiesystem, welches wir gerade versuchen
hinter uns zu lassen, vornehmlich Primärenergie speichern, speichern wir in einer erneuer-
baren Energieversorgung eher Strom und Endenergie. Zeit, dies einmal in einem Buch dar-
zustellen.

In einer Pause während der International Renewable Energy Storage Conference IRES im
Jahr 2011 sprachen wir – Michael Sterner von der Ostbayerischen Technischen Hochschu-
le Regensburg und Ingo Stadler von der Fachhochschule Köln – erstmalig über die Idee,
ein Buch zur Energiespeicherung zu schreiben. Wir beide haben bereits zuvor unabhängig
voneinander über ein solches Vorhaben nachgedacht, da es keine wirklich gute Literatur zu
diesem Thema gibt, geschweige denn ein Buch, das alle Speicherthemen und Technologien
vergleichend zusammenbringt. Aber die Zeit ist knapp und man hat ja immer etwas Wich-
tigeres zu tun. Aber zu zweit zieht man sich gegenseitig und der Weg durch die Kapitel geht
sich leichter.

Die besten Lehrbücher wurden übrigens nie geschrieben. Und sollten sie geschrieben wor-
den sein, wurden sie nicht veröffentlicht, da sie den Qualitäts-, Aktualitäts- und Vollstän-
digkeitsansprüchen der verhinderten Autoren nicht gerecht wurden.

Noch am selben Abend beschlossen wir, DAS aktuelle, allumfassende und hochwertige
Buch zum Thema Energiespeicher zu verfassen. Wir sind davon überzeugt, dass uns mit
diesem vorliegenden ein sehr gutes Buch zum Thema gelungen ist. Mit vielleicht etwas
fehlender Bescheidenheit möchten wir sogar sagen, dass uns derzeit kein besseres hierzu
bekannt ist. Dennoch sind wir noch weit von unserem eigentlichen Anspruch entfernt. Sie
mögen sagen, da fehlt aber noch dieses und jenes, und so manches hätte man noch ausführ-
licher, zumindest aber besser machen können und den einen oder anderen Fehler habe ich
bereits entdeckt. Ja, das geht uns Autoren genauso. Aber damit dies nicht eines der nie ver-
öffentlichten Bücher wird, haben wir an der Stelle erst mal einen vorläufigen Schlussstrich
XII Vorwort der 1. Auflage

gezogen. Manche Redundanz über die Kapitel hinweg ist so gewollt, da die Kapitel auch
als elektronisches Buch einzeln erhältlich sind. Und während Sie dieses Buch gerade lesen,
arbeiten wir bereits an der zweiten Auflage mit zusätzlichen Inhalten, sprachlichen Verbes-
serungen und neuen didaktischen Elementen und freuen uns auf Ihre Rückmeldungen und
konstruktiven Verbesserungsvorschläge. Für jeden gefundenen Fehler gibt es einen süßen
Finderlohn. Wenn Sie neue innovative Technologien haben, die in diesem Buch noch nicht
aufgeführt sind, schreiben Sie uns ebenfalls. Wir hoffen, dass Sie nach der Lektüre in Spei-
cherfragen »nicht mehr auf der Leitung stehen« wie manch andere Zeitgenossen, wie der
Karikaturist Gerhard Mester liebevoll am Ende dieses Buches illustriert hat.

Trotz erheblichen zeitlichen Aufwands von uns beiden in den vergangenen zwei Jahren,
wäre das Buch ohne die Mitarbeit zahlreicher Kompetenzträger und einer Vielzahl studenti-
scher Mitarbeiter nicht zustande gekommen. Auf der folgenden Seite wollen wir all denjeni-
gen danken, die wesentlichen Anteil am Gelingen dieses Buches haben. Besonders heraus-
stellen möchten wir an dieser Stelle den Einsatz unserer unermüdlichen Studierenden Franz
Bauer, Fabian Eckert, Jens Fiedler, Tristan Heiden und Martin Thema. Ohne sie wäre das
Buch nicht oder doch wesentlich später zustande gekommen.

Ein herzliches Dankeschön auch an Tatjana Strasser, die das Buch in wohl klingendes
Deutsch versetzt hat und Eva Hestermann-Beyerle und Birgit Kollmar für die hervorragen-
de Betreuung seitens des Springer-Verlages. Unsere Frauen mussten in der letzten Zeit viel
auf Ihre Männer verzichten, unsere Töchter auf Ihre Väter. Während Amalia noch zu jung
ist, um Ihren Unmut verbal Ausdruck zu verleihen, handelt es sich zum Bedauern von Enya
und Kira bei diesem Buch nicht um Pferdegeschichten. Wobei wir nicht unerwähnt lassen
möchten, dass die in 7 Kap.  8 erwähnten chemischen Energiespeicher durchaus aus den
Hinterlassenschaften von Pferden gewonnen werden können.

Ingo Stadler, Michael Sterner


Köln, Regensburg
im Sommer 2014
XIII

Autorenverzeichnis
Franz Bauer (FENES OTH Regensburg) Dr. Götz Langer (Hoppecke Batterien)
7 Kapitel 2.1, 2.2, 2.3, 2.4 7 Kapitel 7.2
7 Kapitel 8.1
7 Kapitel  9.3 Christian von Olshausen (sunfire GmbH)
7 Kapitel  8.1, 8.6, 8.7
Dr. Christopher Breuer (Westnetz GmbH) 7 Kapitel  14.2
7 Kapitel 3.5
Dr. Detlef Ohms (Hoppecke Batterien)
Dr. Marcus Budt (Fraunhofer UMSICHT) 7 Kapitel  7.1, 7.3
7 Kapitel 9.1
Andreas Palzer (Fraunhofer ISE)
Dr. Eduardo Cattaneo (Hoppecke Batte- 7 Kapitel 4.5
rien)
7 Kapitel 7.6 Dr. Bernhard Riegel (Hoppecke Batterien)
7 Kapitel 7.6
Fritz Crotogino (KBB Underground Techno-
logy) Dr. Niklas Rotering (Rotering Energy)
7 Kapitel 8.4 7 Kapitel 3.4

Tim Drees (IAEW RWTH Aachen) Prof. Dr. Ingo Stadler (CIRE TH Köln)
7 Kapitel  3.5 7 Kapitel 6.1, 6.2, 6.3
7 Kapitel  7.5, 7.6
Fabian Eckert (FENES OTH Regensburg) 7 Kapitel  9.2, 9.3, 9.4
7 Kapitel 3.2, 3.3, 3.6, 3.7 7 Kapitel  10.1, 10.2, 10.3, 10.4, 10.5, 10.6, 10.7
7 Kapitel  4.2, 4.3, 4.6, 4.7 7 Kapitel  11.1, 11.2, 11.3, 11.4
7 Kapitel  5.3, 5.5, 5.6 7 Kapitel  13.1
7 Kapitel  8.1, 8.3, 8.4, 8.5, 8.6, 4.7 7 Kapitel  14.1
7 Kapitel  11.4, 11.5, 11.6
7 Kapitel  13.1, 13.2, 13.3 Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner (FENES OTH
7 Kapitel  14.1, 14.2, 14.3 Regensburg)
7 Kapitel  1.1, 1.2, 1.3, 1.4
Norman Gerhardt (Fraunhofer IWES) 7 Kapitel  2.1, 2.2, 2.3, 2.4
7 Kapitel  4.6, 4.7 7 Kapitel  3.1, 3.2, 3.3, 3.4, 3.5, 3.6, 3.7
7 Kapitel  14.1 7 Kapitel  4.1, 4.2, 4.3, 4.4, 4.5, 4.6
7 Kapitel  5.1, 5.2, 5.3, 5.4, 5.5, 5.6
Dr. Andreas Hauer (ZAE Bayern) 7 Kapitel  8.1, 8.2, 8.3, 8.4, 8.5, 8.6, 8.7, 8.8, 8.9, 8.10
7 Kapitel 10.1, 10.2, 10.3, 10.4, 10.5, 10.6, 10.7 7 Kapitel  12.1, 12.2, 12.3, 12.4, 12.5, 12.6
7 Kapitel  13.1, 13.2, 13.3, 13.4
Prof. Dr. Hans-Martin Henning
(Fraunhofer ISE) 7 Kapitel  14.1, 14.2, 14.3
7 Kapitel 4.5, 4.6, 4.7
Dr. Daniel Teichmann (Hydrogenious
7 Kapitel  5.5 Technologies GmbH)
7 Kapitel  8.4
Dr. Matthias Herrmann (Hoppecke
Batterien)
7 Kapitel  7.4
XIV Autorenverzeichnis

Martin Thema (FENES OTH Regensburg)


7 Kapitel 3.6, 3.7
7 Kapitel  8.2, 8.3, 8.4, 8.5, 8.6
7 Kapitel  12.1, 12.2, 12.3, 12.4
7 Kapitel  13.1
7 Kapitel  14.2, 14.3

Henning Thomas (Becker Büttner Held)


7 Kapitel  15.1, 15.2, 15.3, 15.4, 15.5, 15.6, 15.7, 15.8

Tobias Trost (Fraunhofer IWES)


7 Kapitel  5.2, 5.4
7 Kapitel  14.2

Dr. Daniel Wolf (Home Power Solution


GmbH)
7 Kapitel  9.1

Abbildungen: Franz Bauer, Martin Thema 


XV

Inhaltsverzeichnis

Teil I Bedeutung und Einordnung von Speichern in der


Energieversorgung

1 Energiespeicher im Wandel der Zeit �������������������������������������������������������������������������������������   3


Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner (FENES OTH Regensburg)
1.1 100 % erneuerbare Energie vor der industriellen Revolution ����������������������������������������������   5
1.1.1
Photosynthese – Kernprozess der natürlichen Energiespeicherung ����������������������������������������   5
1.1.2
Holz, Torf, Energiepflanzen – Nutzung der gespeicherten Solarenergie ����������������������������������   10
1.2 Fossile Energie im fossilen Zeitalter ������������������������������������������������������������������������������������������������   15
1.2.1
Entstehung fossiler Energie ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   15
1.2.2
Nutzung und Emissionen fossiler Energie: Status quo ������������������������������������������������������������������   17
1.3 Übergang und Rückführung zum Zeitalter der erneuerbaren Energien ��������������������������   17
1.3.1
Klimawandel und Ressourcenknappheit – Treiber der globalen Energiewende ������������������   17
1.3.2
Das Zeitalter der erneuerbaren Energien als verbleibende Frage der Zeit – Szenarien zur
Wende ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   20
1.4 Zusammenfassung ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   23
Literatur ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   23

2 Definition und Klassifizierung von Energiespeichern ������������������������������������������������   25


Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner (FENES OTH Regensburg)
Franz Bauer (FENES OTH Regensburg): Abschnitte 2.1, 2.2, 2.3, 2.4
2.1 Definition und Anwendung ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������   26
2.2 Nutzen von Speichern ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   31
2.3 Klassifizierung von Speichern ������������������������������������������������������������������������������������������������������������   36
2.3.1 Physikalisch-energetische Klassifizierung �����������������������������������������������������������������������������������������   36
2.3.2 Definition und Berechnung der wichtigsten Größen ��������������������������������������������������������������������   38
2.3.3 Zeitliche Klassifizierung ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   44
2.3.4 Räumliche Klassifizierung ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   45
2.3.5 Ökonomische Klassifizierung ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������   46
2.4 Zusammenfassung ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   47
Literatur ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   49

Teil II Bedarf an Energiespeicherung

3 Speicherbedarf in der Stromversorgung ����������������������������������������������������������������������������   53


Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner (FENES OTH Regensburg)
Dr. Christopher Breuer (Westnetz GmbH): Abschnitt 3.6
Tim Drees (IAEW RWTH Aachen): Abschnitte 3.5, 3.6
Fabian Eckert (FENES OTH Regensburg), Abschnitte 3.2., 3.3, 3.6, 3.7
Andreas Maaz (IAEW RWTH Aachen): Abschnitt 3.5
Carsten Pape (Fraunhofer IWES): Abschnitt 3.5
Dr. Niklas Rotering (IAEW RWTH Aachen): Abschnitt 3.4
Martin Thema (FENES OTH Regensburg): Abschnitte 3.7, 3.8
XVI Inhaltsverzeichnis

3.1 Speicherbedarf und Überschüsse – Einflussfaktoren und Definitionen ��������������������������   56


3.1.1 Grundsätzliche Einflüsse auf den Speicherbedarf ��������������������������������������������������������������������������   56
3.1.2 Definition Speicherbedarf ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   57
3.1.3 Unterscheidung marktbasierter und netzbasierter Stromüberschuss ��������������������������������������   58
3.2 Langfristszenarien des Bundesumweltministeriums ��������������������������������������������������������������   59
3.2.1 Entwicklung des Primär-, End- und Nutzenergiebedarfs ��������������������������������������������������������������   59
3.2.2 Entwicklung des Strommix ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   62
3.2.3 Auswirkung von Mindesterzeugung und Import/Export auf den Speicherbedarf ��������������   65
3.2.4 Auswirkung von Lastmanagement auf den Speicherbedarf ������������������������������������������������������   67
3.2.5 Speichereinsatz bei erneuerbaren Anteilen von 40 %, 63 % und 85 % ��������������������������������������   69
3.2.6 Zusammenfassung ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   71
3.3 »100 % Strom aus erneuerbaren Quellen« laut Umweltbundesamt ����������������������������������   72
3.3.1 Annahmen zum Stromverbrauch in 2050 ������������������������������������������������������������������������������������������   72
3.3.2 Technisch-ökologische Potenziale von erneuerbaren Energien, Speichern und
Lastmanagement ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   74
3.3.3 Annahmen und Modellierung des Szenarios für 2050 ������������������������������������������������������������������   78
3.3.4 Ergebnisse zu Speicherbedarf und Versorgungssicherheit ����������������������������������������������������������   80
3.3.5 Zusammenfassung ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   88
3.4 VDE-ETG-Studie zum marktbasierten Speicherbedarf ������������������������������������������������������������   89
3.4.1 Methodik ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   90
3.4.2 Annahmen der Modellbildung und Eingangsdaten ����������������������������������������������������������������������   92
3.4.3 Szenarien-übergreifende Erkenntnisse ����������������������������������������������������������������������������������������������   94
3.4.4 Erkenntnisse aus dem 40 %-Szenario ��������������������������������������������������������������������������������������������������   96
3.4.5 Erkenntnisse aus dem 80 %-Szenario ��������������������������������������������������������������������������������������������������   97
3.4.6 Erkenntnisse aus dem 100 %-Szenario ������������������������������������������������������������������������������������������������  100
3.4.7 Zusammenfassung ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������  100
3.5 Studie »Roadmap Speicher« zum Speicherbedarf Deutschlands
im europäischen Kontext ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������  101
3.5.1 Methodisches Vorgehen �������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������  102
3.5.2 Szenario ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������  104
3.5.3 Mittelfristige Speichersimulation ��������������������������������������������������������������������������������������������������������  108
3.5.4 Langfristige Speichersimulation ����������������������������������������������������������������������������������������������������������  111
3.5.5 Wesentliche Erkenntnisse / Zusammenfassung ������������������������������������������������������������������������������  113
3.6 Untersuchungen zum netzbasierten Speicherbedarf ��������������������������������������������������������������  114
3.6.1 Methodisches Vorgehen zur Unterscheidung von markt- und
netzbasiertem Speicherbedarf ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������  114
3.6.2 Fallstudie Power-to-Gas in Deutschland im Jahr 2022 bei verzögertem Netzausbau ����������  114
3.6.3 Minimaler Speicherbedarf im europäischen Netzverbund ����������������������������������������������������������  117
3.6.4 Zusammenfassung ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������  118
3.7 Gegenüberstellung und Einordnung der Ergebnisse ��������������������������������������������������������������  119
3.7.1 Gegenüberstellung der Ergebnisse der drei Studien ��������������������������������������������������������������������  119
3.7.2 Einordnung der Ergebnisse im Vergleich zu weiteren Studien ��������������������������������������������������  119
3.8 Zusammenfassung ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������  135
Literatur ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������  138
XVII
Inhaltsverzeichnis

4 Speicherbedarf in der Wärmeversorgung ������������������������������������������������������������������������   141


Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner (FENES OTH Regensburg)
Fabian Eckert (FENES OTH Regensburg): Abschnitte 4.2, 4.4, 4.6, 4.7
Norman Gerhardt (Fraunhofer IWES): Abschnitte 4.4, 4.7, 4.8
Prof. Dr. Hans-Martin Henning (Fraunhofer ISE): Abschnitte 4.6, 4.7, 4.8
Andreas Palzer (Fraunhofer ISE): Abschnitt 4.6
4.1 Grundlagen und Ziele ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   143
4.2 Entwicklung des Wärmebedarfs ����������������������������������������������������������������������������������������������������   143
4.3 Entwicklung des Wärmemix �������������������������������������������������������������������������������������������������������������   144
4.3.1 Fossile Wärmebereitstellung ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������   144
4.3.2 Erneuerbare Wärmebereitstellung ����������������������������������������������������������������������������������������������������   144
4.4 Transformation des Wärmesektors ������������������������������������������������������������������������������������������������   145
4.4.1 Haushalte ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   146
4.4.2 Gewerbe, Handel und Dienstleistungen ������������������������������������������������������������������������������������������   147
4.4.3 Industrie ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   148
4.5 Paradigmenwechsel im Wärmesektor ������������������������������������������������������������������������������������������   149
4.5.1 Beispiel Wandel Erdöl – Erdgas – erneuerbare Energien ������������������������������������������������������������   150
4.5.2 Strom als Primärenergie ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   150
4.6 Speicherbedarf in einem Klimazielszenario für das Energiesystem
Deutschland im Jahr 2050 ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������   151
4.6.1 Szenariorahmen, Modell und Annahmen ����������������������������������������������������������������������������������������   151
4.6.2 Ergebnisse zum Speichereinsatz im Wärmebereich ��������������������������������������������������������������������   152
4.7 Überschüsse, Speicherbedarf und Speicherpotenziale ��������������������������������������������������������   155
4.7.1 Überschüsse im Wärmesektor ������������������������������������������������������������������������������������������������������������   155
4.7.2 Entwicklung des Speicherbedarfs ������������������������������������������������������������������������������������������������������   157
4.7.3 Speicherpotenziale ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   159
4.8 Zusammenfassung ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   165
Literatur ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   167

5 Speicherbedarf im Verkehrs- und Chemiesektor ��������������������������������������������������������   169


Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner (FENES OTH Regensburg)
Fabian Eckert (FENES OTH Regensburg): Abschnitte 5.3, 5.5, 5.6
Prof. Dr. Hans-Martin Henning (Fraunhofer ISE): Abschnitt 5.5
Tobias Trost (Fraunhofer IWES): Abschnitte 5.2, 5.4
5.1 Grundlagen und Ziele im Verkehrssektor ����������������������������������������������������������������������������������   171
5.1.1 Ausgangslage und Entwicklung der letzten Jahrzehnte ������������������������������������������������������������   171
5.1.2 Zielsetzungen im Verkehrssektor ������������������������������������������������������������������������������������������������������   171
5.2 Entwicklung des Mobilitätsbedarfs ����������������������������������������������������������������������������������������������   172
5.2.1 Entwicklung der Bevölkerung ������������������������������������������������������������������������������������������������������������   173
5.2.2 Entwicklung der Wirtschaftsleistung ������������������������������������������������������������������������������������������������   173
5.2.3 Bandbreite der Entwicklung des Bedarfs in Personen- und Güterverkehr ����������������������������   173
5.3 Entwicklung der Energie- und Kraftstoffversorgung ������������������������������������������������������������   173
5.3.1 Entwicklung im Personenverkehr ������������������������������������������������������������������������������������������������������   173
5.3.2 Entwicklung im Güterverkehr �������������������������������������������������������������������������������������������������������������   175
5.3.3 Entwicklung des Energiemix im Verkehrssektor ����������������������������������������������������������������������������   176
5.4 Paradigmenwechsel im Verkehrssektor ��������������������������������������������������������������������������������������   178
5.4.1 Elektrifizierung der Mobilität über Batterien und Stromkraftstoffe ����������������������������������������   179
5.4.2 Integration erneuerbarer Energien als Grundpfeiler der Mobilität ������������������������������������������   182
XVIII Inhaltsverzeichnis

5.5 Speicherbedarf im Verkehrssektor ������������������������������������������������������������������������������������������������   182


5.5.1 Heutiger Speicherbedarf ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   182
5.5.2 Speicherbedarf in einem zu 50 % erneuerbar versorgten Mobilitätssektor ��������������������������   183
5.5.3 Speicherbedarf in der Studie des Fraunhofer ISE ��������������������������������������������������������������������������   184
5.5.4 Speicherstudie für die Agora Energiewende ����������������������������������������������������������������������������������   185
5.6 Speicherbedarf in der chemischen Industrie ����������������������������������������������������������������������������   186
5.6.1 Rohstoffverbrauch heute und im Jahr 2050 ������������������������������������������������������������������������������������   187
5.6.2 Benötigte Power-to-X-Leistung für die chemische Industrie ����������������������������������������������������   188
5.7 Zusammenfassung ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   188
Literatur ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   191

Teil III Technologien der Energiespeicherung

6 Elektrische Energiespeicher ������������������������������������������������������������������������������������������������������   195


Prof. Dr. Ingo Stadler (CIRE TH Köln)
6.1 Kondensatoren – Supercaps ������������������������������������������������������������������������������������������������������������   197
6.1.1 Grundlagen eines Kondensators ��������������������������������������������������������������������������������������������������������   197
6.1.2 Vom Kondensator zum Doppelschichtkondensator ��������������������������������������������������������������������   200
6.1.3 Ladung und Entladung ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   203
6.1.4 Verluste, Wirkungsgrad und weitere Kennwerte ��������������������������������������������������������������������������   209
6.1.5 Lebensdauer ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   213
6.1.6 Anwendungsgebiete ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   216
6.2 Supraleitfähige elektromagnetische Energiespeicher ����������������������������������������������������������   217
6.2.1 Grundlagen der Supraleitung ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������   218
6.2.2 Supraleitfähiger elektromagnetischer Energiespeicher ��������������������������������������������������������������   219
6.3 Zusammenfassung ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   225
Literatur ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   227

7 Elektrochemische Energiespeicher ��������������������������������������������������������������������������������������   229


Prof. Dr. Ingo Stadler (CIRE TH Köln)
Dr. Bernhard Riegel (Hoppecke Batterien): Abschnitt 7.6
Dr. Detlef Ohms (Hoppecke Batterien): Abschnitte 7.1, 7.3
Dr. Eduardo Cattaneo (Hoppecke Batterien): Abschnitt 7.6
Dr. Götz Langer (Hoppecke Batterien): Abschnitt 7.2
Dr. Matthias Herrmann (Hoppecke Batterien): Abschnitt 7.4
7.1 Grundlagen ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   232
7.1.1 Physikalische Grundzusammenhänge ����������������������������������������������������������������������������������������������   232
7.1.2 Potenzialausbildung an Elektroden ��������������������������������������������������������������������������������������������������   233
7.1.3 Elektrodengleichgewicht ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   235
7.1.4 Nernst‘sche Gleichung ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   235
7.1.5 Elektrochemische Umsätze an Elektroden ��������������������������������������������������������������������������������������   237
7.1.6 Elektrochemische Zellen und Zellreaktionen ��������������������������������������������������������������������������������   237
7.1.7 Elektroden- und Zellpolarisation ��������������������������������������������������������������������������������������������������������   239
7.1.8 Nebenreaktionen ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   241
7.1.9 Energie- und Wirkungsgrad­betrachtungen ������������������������������������������������������������������������������������   241
7.1.10 Typen elektrochemischer Energiespeicher und -wandler ����������������������������������������������������������   242
7.1.11 Elektrolyte ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   243
7.1.12 Bauformen von Zellen ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   244
7.1.13 Kenngrößen von Energiespeichern ��������������������������������������������������������������������������������������������������   244
XIX
Inhaltsverzeichnis

7.2 Blei-Säure-Batterien ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   247


7.2.1 Aufbau ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   247
7.2.2 Grundreaktionen, Gleichgewicht, Zellenspannung ����������������������������������������������������������������������   249
7.2.3 Stoffmengenbilanz, Speicherfähigkeit ��������������������������������������������������������������������������������������������   250
7.2.4 Entladecharakteristik ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   250
7.2.5 Die Nebenreaktionen ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   254
7.2.6 Laden von Bleibatterien ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   257
7.2.7 Die verschlossene Bleibatterie ������������������������������������������������������������������������������������������������������������   259
7.2.8 Alterungsmechanismen ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   262
7.3 Nickel-Batterien ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   264
7.3.1 Nickel-Cadmium-Batterien ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   266
7.3.2 Nickel-Metall-Hydrid Batterien ������������������������������������������������������������������������������������������������������������   278
7.4 Lithium-Batterien ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   281
7.4.1 Funktionsprinzip, chemische Reaktionen und Aktivmaterialien ����������������������������������������������   283
7.4.2 Zellspannung ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   283
7.4.3 Elektrolyt und elektrochemisches Stabilitätsfenster ��������������������������������������������������������������������   287
7.4.4 Weitere Zellkomponenten ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   290
7.4.5 Leitfähigkeit der Elektrodenmaterialien ������������������������������������������������������������������������������������������   292
7.4.6 Bauformen und Anwendungsgebiete ����������������������������������������������������������������������������������������������   294
7.4.7 Betriebsweise und typische Leistungskenndaten ������������������������������������������������������������������������   299
7.5 Natrium-Schwefel-Batterien ������������������������������������������������������������������������������������������������������������   304
7.5.1 Die Elektroden ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   304
7.5.2 Der Elektrolyt/Separator ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   305
7.5.3 Das Heizsystem ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   306
7.5.4 Formen und Modulgrößen ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   307
7.5.5 Lade- und Entladevorgang ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   308
7.5.6 Zyklen, Kapazitäten und Lebensdauer ��������������������������������������������������������������������������������������������   311
7.5.7 Wirkungsgrad, Leistung und Energien ���������������������������������������������������������������������������������������������   312
7.5.8 Gefahren und Sicherheit ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   313
7.6 Redox-Flow-Batterien ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   315
7.6.1 Aufbau und Funktionsweise der Redox-Flow-Zelle ����������������������������������������������������������������������   315
7.6.2 Mögliche Materialpaarungen ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������   319
7.6.3 Lade- und Entladestrategien ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������   320
7.6.4 Energie-, Leistungsdichte und Wirkungsgrad ��������������������������������������������������������������������������������   322
7.6.5 Die Redox-Flow-Batterie im Vergleich ����������������������������������������������������������������������������������������������   323
7.6.6 Lebensdauer und lebensdauerverkürzende Mechanismen ������������������������������������������������������   323
7.6.7 Anwendungsbereiche von Redox-Flow-Batterien ������������������������������������������������������������������������   323
7.6.8 Recycling, Umwelt und Sicherheit ����������������������������������������������������������������������������������������������������   324
Literatur ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   325

8 Chemische Energiespeicher ������������������������������������������������������������������������������������������������������   327


Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner (FENES OTH Regensburg)
Franz Bauer (FENES OTH Regensburg): Abschnitt 8.1
Fritz Crotogino (KBB Underground Technology): Abschnitt 8.4
Fabian Eckert (FENES OTH Regensburg): Abschnitte 8.1, 8.3, 8.4, 8.5, 8.6, 8.7
Christian von Olshausen (sunfire GmbH): Abschnitte 8.1, 8.2, 8.6, 8.7
Dr.-Ing. Daniel Teichmann (Hydrogenious Technologies GmbH): Abschnitt 8.4
Martin Thema (FENES OTH Regensburg): Abschnitte 8.2, 8.3, 8.4, 8.5, 8.6
XX Inhaltsverzeichnis

8.1 Grundlagen ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   330


8.1.1 Das C-H-O-System als Basis der chemischen Energiespeicherung ������������������������������������������   330
8.1.2 Wasserstoff als Energieträger ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������   332
8.1.3 Wasserstoffherstellung ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   334
8.1.4 Thermodynamik der Wasserspaltung ����������������������������������������������������������������������������������������������   342
8.1.5 Elektrolytische Leitfähigkeit ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������   347
8.2 Einspeichertechnologie Wasserelektrolyse ��������������������������������������������������������������������������������   354
8.2.1 Überblick ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   354
8.2.2 Elektrolysezelle – Elektrolysearten ����������������������������������������������������������������������������������������������������   356
8.2.3 Elektrolyseblock – Stackdesign ����������������������������������������������������������������������������������������������������������   361
8.2.4 Elektrolyseur, Elektrolyse-Anlage und ihre Peripherie ����������������������������������������������������������������   361
8.2.5 Vergleich der einzelnen Elektrolysetechnologien ������������������������������������������������������������������������   364
8.2.6 Wirkungsgradsteigerung durch Abwärmenutzung ����������������������������������������������������������������������   364
8.3 Einspeichertechnologien Methanisierung und chemische Synthesen ��������������������������   370
8.3.1 Überblick und Methan als Energieträger ����������������������������������������������������������������������������������������   370
8.3.2 CO2-Quellen für Power-to-X ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������   372
8.3.3 Chemische Methanisierung ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������   374
8.3.4 Biologische Methanisierung ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������   382
8.3.5 Methanolsynthese ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   390
8.3.6 Fischer-Tropsch-Synthese ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   395
8.4 Speichermedien und Lagerung ������������������������������������������������������������������������������������������������������   402
8.4.1 Gasförmige Speichermedien ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������   402
8.4.2 Flüssige Speichermedien ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   416
8.4.3 Feste Speichermedien ���������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   427
8.5 Ausspeichertechnologien ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   431
8.5.1 Stromerzeugung durch Kraft-Wärme-Kopplung ��������������������������������������������������������������������������   431
8.5.2 Wärme- und Kälteversorgung von Gebäuden ��������������������������������������������������������������������������������   440
8.5.3 Mobilität und Verkehr ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   446
8.6 Das Speichersystem Power-to-Gas ������������������������������������������������������������������������������������������������   449
8.6.1 Anfänge von Power-to-Gas ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   449
8.6.2 Power-to-Gas-Wasserstoff ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   452
8.6.3 Power-to-Gas-Methan ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   455
8.6.4 Wirkungsgrade, Potenziale, CO2-Emissionen und Kosten ����������������������������������������������������������   462
8.6.5 Vor- und Nachteile von Wasserstoff vs. Methan ����������������������������������������������������������������������������   468
8.7 Das Speichersystem Power-to-Liquid ������������������������������������������������������������������������������������������   470
8.7.1 Power-to-Liquid zur Gewinnung von Fischer-Tropsch- Flüssigkraftstoffen ��������������������������   473
8.7.2 Power-to-Liquid zur Gewinnung von Methanol ����������������������������������������������������������������������������   473
8.7.3 Wirkungsgrade, Kosten und erste Märkte ����������������������������������������������������������������������������������������   475
8.8 Ocean Fuels als Weiterentwicklung von Power-to-Gas und Power-to-Liquid ��������������   476
8.8.1 Rohstoffe und Kraftstoffe vom Meer – eine Frage des Potenzials und der Akzeptanz ������   476
8.8.2 Option schwimmende Windplattformen ����������������������������������������������������������������������������������������   480
8.8.3 Option Segelenergie ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   482
8.9 CO2-minderndes Energiesystem mit Power-to-Gas,
Power-to-Liquid und Ocean Fuels �����������������������������������������������������������������������������������������������   485
8.10 Zusammenfassung ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   487
Literatur ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   489
XXI
Inhaltsverzeichnis

9 Mechanische Energiespeicher ������������������������������������������������������������������������������������������������   495


Prof. Dr. Ingo Stadler (CIRE TH Köln)
Franz Bauer (FENES OTH Regensburg): Abschnitt 9.3
Marcus Budt (Fraunhofer UMSICHT): Abschnitt 9.1
Prof. Eduard Heindl (Heindl Energy): Abschnitt 9.3
Dr. Daniel Wolf (Home Power Solution GmbH): Abschnitt 9.1
9.1 Gasförmige Medien ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   497
9.1.1 Druckluftspeicherkraftwerke ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������   497
9.1.2 Erneuerbare, emissionsfreie Druckluftspeicherprozesse ������������������������������������������������������������   506
9.1.3 Druckluftspeichervolumen ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   515
9.2 Flüssige Medien ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   520
9.2.1 Pumpspeicherwerke ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   520
9.2.2 Innovative Konzepte zur Speicherung potenzieller Energie in flüssigen Medien ��������������   525
9.3 Feste Medien ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   548
9.3.1 Schwungradspeicher ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   548
9.3.2 Lageenergiespeicher ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   562
9.4 Zusammenfassung ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   573
Literatur ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   573

10 Thermische Energiespeicher ����������������������������������������������������������������������������������������������������   579


Prof. Dr. Ingo Stadler (CIRE TH Köln)
Dr. Andreas Hauer (ZAE Bayern): Abschnitte 10.1, 10.2, 10.3, 10.4, 10.5, 10.6, 10.7
10.1 Unterscheidungsmerkmale thermischer Speicher ������������������������������������������������������������������   581
10.2 Speichertechnologien ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   582
10.2.1 Sensible Wärmespeicherung ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������   582
10.2.2 Latente Wärmespeicherung ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������   582
10.2.3 Thermochemische Wärmespeicherung ��������������������������������������������������������������������������������������������   583
10.3 Thermodynamische Grundlagen ����������������������������������������������������������������������������������������������������   583
10.3.1 Thermische Energie ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   583
10.3.2 Wärmeübertragung ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   584
10.3.3 Wärmedämmung ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   585
10.4 Sensible thermische Energiespeicher ������������������������������������������������������������������������������������������   586
10.4.1 Speichermaterialien �������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   587
10.4.2 Speicher mit festem Speichermedium ���������������������������������������������������������������������������������������������   589
10.4.3 Speicher mit flüssigem Speichermedium ����������������������������������������������������������������������������������������   592
10.4.4 Zusammenfassung ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   597
10.5 Latente thermische Energiespeicher ��������������������������������������������������������������������������������������������   598
10.5.1 Charakterisierung von Materialien zur Latentwärmespeicherung ������������������������������������������   601
10.5.2 Materialien zur Latentwärmespeicherung ��������������������������������������������������������������������������������������   602
10.5.3 Wärmeübertragungskonzepte ������������������������������������������������������������������������������������������������������������   607
10.5.4 Zusammenfassung ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   610
10.6 Thermochemische Energiespeicher ����������������������������������������������������������������������������������������������   610
10.6.1 Speichermaterialien thermochemischer Prozesse ������������������������������������������������������������������������   611
10.6.2 Bauformen ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   613
10.6.3 Zusammenfassung ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   615
10.7 Kosten ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   616
Literatur ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   617
XXII Inhaltsverzeichnis

11 Lastmanagement als Energiespeicher ������������������������������������������������������������������������������   619


Prof. Dr. Ingo Stadler (CIRE TH Köln)
Fabian Eckert (FENES OTH Regensburg): Abschnitte 11.4, 11.5, 11.6
11.1 Besonderheiten von Demand Response im
Vergleich zu anderen Energiespeichern ��������������������������������������������������������������������������������������   623
11.2 Demand Response in Haushalten und Querschnitttechnologien ������������������������������������   624
11.2.1 Speicherheizungen ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   624
11.2.2 Elektrische Warmwasserbereitung ����������������������������������������������������������������������������������������������������   626
11.2.3 Elektrische Kälteerzeugung �����������������������������������������������������������������������������������������������������������������   628
11.2.4 Heizungsumwälzpumpen ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   632
11.2.5 Lüftungsanlagen ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   633
11.2.6 Waschmaschinen, Wäschetrockner, Geschirrspülmaschinen ����������������������������������������������������   634
11.3 Demand Response in der Industrie ����������������������������������������������������������������������������������������������   635
11.4 Zusammenfassung deutscher und europäischer Demand Response-Potenziale ������   639
11.4.1 Demand Response-Potenziale in Deutschland ������������������������������������������������������������������������������   639
11.4.2 Demand Response-Potenziale in Europa ����������������������������������������������������������������������������������������   640
11.4.3 Vergleich einzelner DSM-Studien ������������������������������������������������������������������������������������������������������   640
11.5 Entwicklungen und Trends ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������   640
11.5.1 Einsatz von Lastabwurf in der Industrie ������������������������������������������������������������������������������������������   640
11.5.2 Entwicklung des technisch-ökonomischen Potenzials ����������������������������������������������������������������   641
11.5.3 Gesicherte Leistung und Integration von erneuerbarer Energie ����������������������������������������������   642
11.5.4 Potenzial zur Reduzierung von Netzausbau und Jahreshöchstlast �����������������������������������������   642
11.6 Zusammenfassung ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   643
Literatur ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   643

12 Vergleich der Speichersysteme ����������������������������������������������������������������������������������������������   645


Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner (FENES OTH Regensburg)
Martin Thema (FENES OTH Regensburg): Abschnitte 12.1, 12.2, 12.3, 12.4
12.1 Überblick über technische und ökonomische Parameter ����������������������������������������������������   648
12.2 Bestimmung der Anwendungsfelder durch Speicherkapazität
und Auspeicherdauer ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   648
12.2.1 Elektrische Energiespeicher – Kondensatoren und Spulen ��������������������������������������������������������   654
12.2.2 Elektrochemische Energiespeicher – Batterien ������������������������������������������������������������������������������   655
12.2.3 Mechanische Energiespeicher – Pumpspeicher, Druckluft und Schwungmassen ��������������   656
12.2.4 Thermische Energiespeicher – Wärmespeicher ����������������������������������������������������������������������������   656
12.2.5 Chemische Energiespeicher – Power-to-X ��������������������������������������������������������������������������������������   656
12.2.6 Lastmanagement ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   657
12.3 Kosten, Wirkungsgrad und Energiedichte im Vergleich ��������������������������������������������������������   658
12.3.1 Vergleich aller Speicher nach Kosten, Wirkungsgrad und Energiedichte ������������������������������   658
12.3.2 Kostenvergleich von Stromspeichern nach Zyklendauer ����������������������������������������������������������   661
12.4 Entwicklungsstand, Stärken und Schwächen ����������������������������������������������������������������������������   662
12.4.1 Technologischer Entwicklungsstand der Energiespeicher ��������������������������������������������������������   662
12.4.2 Stärken und Schwächen verschiedener Technologien ����������������������������������������������������������������   663
12.5 Kostensenkungspotenziale für Batterien und Power-to-X ��������������������������������������������������   663
12.5.1 Kostentrends und Kostenpotenziale von Lithium-Batterien ������������������������������������������������������   664
12.5.2 Kostensenkungspotenziale von Power-to-Gas ������������������������������������������������������������������������������   673
12.6 Perspektiven für Energiespeicher und gesellschaftliche Akzeptanz ��������������������������������  674
12.7 Zusammenfassung ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   678
Literatur ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   680
XXIII
Inhaltsverzeichnis

Teil IV Integration und Anwendung von Energiespeichern

13 Speicherintegration in einzelnen Energiesektoren ��������������������������������������������������   685


Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner (FENES OTH Regensburg)
Prof. Dr. Ingo Stadler (CIRE TH Köln)
Fabian Eckert (FENES OTH Regensburg): Abschnitte 13.1, 13.2, 13.3
Martin Thema (FENES OTH Regensburg): Abschnitt 13.1
13.1 Integration im Stromsektor ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������   687
13.1.1 Funktion und Nutzen von Speichern im Stromsektor ������������������������������������������������������������������   687
13.1.2 Pumpspeicherwerke und Speicherkraftwerke ������������������������������������������������������������������������������   694
13.1.3 Schwungradspeicher ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   706
13.1.4 Batteriekraftwerke ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   707
13.1.5 Dezentrale Batteriespeicher in Häusern und Quartieren ������������������������������������������������������������   710
13.1.6 Inselnetze mit erneuerbaren Energien und Speichern ����������������������������������������������������������������   718
13.1.7 Wärmespeicher in solarthermischen Kraftwerken ������������������������������������������������������������������������   733
13.2 Integration im Wärmesektor ������������������������������������������������������������������������������������������������������������   736
13.2.1 Wärmespeicher für Solarthermie ��������������������������������������������������������������������������������������������������������   736
13.2.2 Latent- und Sorptionsspeicher in Gebäuden und Haushalt ������������������������������������������������������   744
13.2.3 Holz als chemischer Speicher in Forst und Wald für die Wärmeversorgung ������������������������   747
13.3 Integration im Verkehrssektor ��������������������������������������������������������������������������������������������������������   752
13.3.1 Beimischung von Biokraftstoffen und Nutzung von Pflanzenöl ����������������������������������������������   752
13.3.2 Integration von Wasserstoff im Verkehr ��������������������������������������������������������������������������������������������   756
13.3.3 Integration von Schwungradspeichern im öffentlichen Nahverkehr ��������������������������������������   759
13.4 Zusammenfassung ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   762
Literatur ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   764

14 Speicherintegration zur Kopplung unterschiedlicher Energiesektoren ������   769


Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner (FENES OTH Regensburg)
Prof. Dr. Ingo Stadler (CIRE TH Köln)
Fabian Eckert (FENES OTH Regensburg): Abschnitte 14.1, 14.2, 14.3
Norman Gerhardt (Fraunhofer IWES): Abschnitt 14.1
Christian von Olshausen (sunfire GmbH): Abschnitt 14.2
Martin Thema (FENES OTH Regensburg): Abschnitte 14.2, 14.3
Tobias Trost (Fraunhofer IWES): Abschnitt 14.2
14.1 Kopplung von Strom- und Wärmesektor ������������������������������������������������������������������������������������   771
14.1.1 Flexibilisierung der Kraft-Wärme-Kopplung über Wärmespeicher und Wärmenetze ��������   771
14.1.2 Integration von Elektrowärmepumpen über Wärmespeicher und Wärmenetze �������������������  777
14.1.3 Integration von Power-to-Heat über Wärmespeicher und Wärmenetze ��������������������������������   780
14.1.4 Batteriespeicher vs. Lastverschiebung vs. Wärmespeicher – ein Beispiel ������������������������������   786
14.2 Kopplung von Strom- und Verkehrssektor ��������������������������������������������������������������������������������   788
14.2.1 Elektromobilität ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   788
14.2.2 Stromkraftstoffe ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   792
14.3 Kopplung von Strom- und Gassektor: Power-to-Gas ������������������������������������������������������������   798
14.3.1 Power-to-Gas im Kontext der Energieversorgung ������������������������������������������������������������������������   798
14.3.2 Entwicklung von Power-to-Gas in Deutschland und in den Nachbarländern ����������������������   801
14.4 Zusammenfassung ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   814
Literatur ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   817
XXIV Inhaltsverzeichnis

15 Rechtliche Rahmenbedingungen für Speicher in Deutschland ������������������������   819


Dr. Henning Thomas, LL.M. (Dong Energy)
15.1 Rechtsvorschriften für die Energiespeicherung ����������������������������������������������������������������������   821
15.1.1 Vorrang von EnWG, EEG und KWKG ��������������������������������������������������������������������������������������������������   821
15.2 Aktuelle Einordnung in das Energiewirtschaftsrecht ������������������������������������������������������������   821
15.2.1 Speicher im EnWG ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   821
15.2.2 Speicher im EEG ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   822
15.2.3 Zuordnung des Speichers zu Erzeugung und Vertrieb oder zum Netz ����������������������������������   823
15.3 Netzanschluss von Stromspeichern ����������������������������������������������������������������������������������������������   824
15.3.1 Anschluss nach dem EnWG ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   824
15.3.2 Anschluss nach dem EEG ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   824
15.4 Stromkostenbelastungen bei der Einspeicherung ������������������������������������������������������������������   825
15.4.1 Speicherung als Letztverbrauch von Strom ������������������������������������������������������������������������������������   825
15.4.2 Netznutzungsentgelte ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   826
15.4.3 EEG-Umlage ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   827
15.4.4 Stromsteuer ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   830
15.4.5 Übersicht für Pumpspeicher, Batterien und Power-to-Gas ��������������������������������������������������������   831
15.5 Teilnahme von Energiespeichern an den Energiemärkten ��������������������������������������������������   831
15.5.1 Vermarktungsmöglichkeiten im Energiewirtschaftsrecht ����������������������������������������������������������   833
15.5.2 Vermarktungsmöglichkeiten im EEG ������������������������������������������������������������������������������������������������   836
15.5.3 Förderprogramme ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   839
15.6 Sonderfall Power-to-Gas ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   839
15.6.1 Privilegierte Einspeisung in das Erdgasnetz ������������������������������������������������������������������������������������   840
15.6.2 Einsatz als Biokraftstoff ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   841
15.7 Genehmigung von Energiespeichern ������������������������������������������������������������������������������������������   841
15.7.1 Planerische Voraussetzungen ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������   841
15.7.2 Genehmigungserfordernisse ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������   841
15.8 Zusammenfassung ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   842
Literatur ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   844

Serviceteil

Epilog ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   846

Stichwortverzeichnis ����������������������������������������������������������������������������������������������������������������������    847


1 I

Teil I Bedeutung
und Einordnung von
Speichern in der
Energieversorgung

Kapitel 1 Energiespeicher im Wandel der Zeit  –  3


Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner (FENES OTH Regensburg)

Kapitel 2 Definition und Klassifizierung von


Energiespeichern  – 25
Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner (FENES OTH Regensburg)
Franz Bauer (FENES OTH Regensburg):
Abschnitte 2.1, 2.2, 2.3, 2.4
3 1

Energiespeicher im Wandel
der Zeit
Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner (FENES OTH Regensburg)

Übersicht
Seit Anbeginn der Zeit nutzt der Mensch Energiespeicher. Vor etwa 2 Mrd.
Jahren setzte die Photosynthese als erster Speicherprozess ein. Sie speichert
Solarenergie in Form organischer Verbindungen und speist damit sämtliches
Leben auf der Erde. Im Zusammenhang mit der Entdeckung des Feuers vor
ungefähr 1,5 Mio. Jahren wurde dieser »Energiespeicher« in Form von
Feuerholz vom Menschen erschlossen und genutzt. Erst in jüngster
Geschichte, seit der industriellen Revolution, greift der Mensch auf fossile
Energieträger zurück, die eine ältere Form der Biomasse darstellen. Langfristig
gilt es, den Speicherprozess der Biomasse nachhaltig zu nutzen, ihn technisch
nachzubilden und weitere Speichertechnologien zu erschließen.
In diesem Kapitel wird die Geschichte der Energiespeicher mit Blick auf
den Kohlenstoffkreislauf behandelt, angefangen bei dem natürlichen
Speicherprozess der Photosynthese, über die Speicherprodukte Biomasse,
Torf und fossile Energieträger bis hin zu den Speichertechnologien im
Zeitalter der erneuerbaren Energien. Darüber hinaus wird auch die
Bedeutung der Nutzung von Speichern herausgestellt. Der Fokus in diesem
Kapitel liegt auf biogener und fossiler Energiespeicherung. Auf die Geschichte
anderer Speichertechnologien wie Batterien, Pumpspeicher oder
Power-to-Gas wird zu Beginn der jeweiligen Technologiekapitel eingegangen.

1.1 100 % erneuerbare Energie vor der industriellen


Revolution – 5
1.1.1 Photosynthese – Kernprozess der natürlichen
Energiespeicherung – 5
1.1.2 Holz, Torf, Energiepflanzen – Nutzung der gespeicherten
Solarenergie – 10

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


M. Sterner, I. Stadler (Hrsg.), Energiespeicher – Bedarf, Technologien, Integration,
DOI 10.1007/978-3-662-48893-5_1
1.2 Fossile Energie im fossilen Zeitalter – 15
1.2.1 Entstehung fossiler Energie – 15
1.2.2 Nutzung und Emissionen fossiler Energie: Status quo – 17

1.3 Übergang und Rückführung zum Zeitalter der erneuerbaren


Energien – 17
1.3.1 Klimawandel und Ressourcenknappheit – Treiber der globalen
Energiewende – 17
1.3.2 Das Zeitalter der erneuerbaren Energien als verbleibende Frage der
Zeit – Szenarien zur Wende – 20

1.4 Zusammenfassung – 23

Literatur – 23
1.1 •  100 % erneuerbare Energie vor der industriellen Revolution
5 1
1.1 100 % erneuerbare Energie vor der Sonne über Pflanzen und Nutzung von Wasser
der industriellen Revolution (H2O) und Kohlenstoffdioxid (CO2) in chemische
Bindungsenergie umgewandelt und gespeichert.
zz Die Sonne als Motor erneuerbarer Energie Als Nebenprodukt entsteht Sauerstoff (O2), wel-
und Energiespeicherung cher für die Atmung der Lebewesen und die Ver-
Alle natürliche Energie geht – mit Ausnahme von brennung der gespeicherten biogenen und fossilen
Tiefengeothermie, Kern- und Gezeitenkraft – von Energie benötigt wird (s. . Abb. 1.1).
der Sonne aus. Vor der industriellen Revolution Der Kernprozess der Photosynthese erfolgt in
nutzte der Mensch Energie ausschließlich aus er- Chloroplasten und vollzieht sich im Wesentlichen
neuerbaren Quellen. Der wichtigste Energieträger in zwei Schritten (s. [5, 8, 21]):
war zu dieser Zeit die Biomasse, welche letztlich 1. Erzeugung eines Reduktionspotenzials durch
eine gespeicherte Form der Solarenergie ist. Einzel- die Spaltung von Wasser in Elektronen, Proto-
ne Nutzungsformen von Holz als Biomasse gehen nen und Sauerstoff mithilfe von Lichtreaktio-
sogar bis in die Steinzeit zurück. Holz wurde vor- nen in Pigmentmolekülen und
wiegend für die Wärmeversorgung zum Kochen 2. Aufnahme, Reduktion und Synthese von
und Heizen, aber auch als Lichtquelle und für nicht CO2 in Zucker und organische Kohlenstoff-
technische Anwendungen als Schutz gegen wilde verbindungen in den Dunkelreaktionen
Tiere eingesetzt. Neben Holz wurde seit etwa 2000 (Calvin-Zyklus).
Jahren auch Torf als Energieträger genutzt.
Die Solarenergie findet seit jeher auch Anwen- Die Photosynthese wird im Folgenden am Beispiel
dung in Trocknungsprozessen. Darüber hinaus Glukose veranschaulicht.
wurden andere erneuerbare Energiequellen er-
schlossen: die Nutzung der Windenergie und Was- zz Spaltung von Wasser
serkraft für mechanische Arbeiten, z. B. zum Zer- Zunächst wird Wasser, das die Pflanze dem Boden
kleinern, Sieben und Pumpen, oder für den Trans- und der Luft entnimmt, in Wasserstoff und Sauer-
port über die Weltmeere (Segelschiffe). Auch diese stoff gespalten (Gl. 1.1). Diese Lichtreaktionen zur
Energieformen beruhen indirekt auf der Solarener- Wasserspaltung laufen in zwei internen Photosys-
gie: Sie ist es letztlich, die den Wasserkreislauf an- temen ab. Im ersten Photosystem wird Energie zur
treibt, unterschiedliche Hoch- und Tiefdruckgebie- Spaltung von Wasser und für die CO2- Verarbei-
te in der Atmosphäre entstehen lässt und dadurch tung gewonnen. Im zweiten Photosystem wird mit
Windkraft erzeugt. Auch die oberflächennahe Geo- Lichtenergie Wasserstoff ionisiert. Es entstehen
thermie ist im Grunde gespeicherte Solarenergie. Wasserstoffionen (Protonen) und Elektronen. Das
Den größten Anteil der Energienutzung vor der in- Nebenprodukt ist Sauerstoff, welcher an die At-
dustriellen Revolution hatte jedoch die Solarener- mosphäre abgegeben wird. Dabei wird die Ener-
gie in gespeicherter Form als Biomasse. gie der Photonen durch Absorption – ähnlich der
Photovoltaik – dazu verwendet, Elektronen bzw.
Pigmentmoleküle (speziell Chromophoren) auf
1.1.1 Photosynthese – Kernprozess ein höheres Energieniveau anzuheben. Das von
der natürlichen der Pflanze absorbierte Licht (elektromagnetische
Energiespeicherung Strahlungsenergie Eph) treibt im Wesentlichen drei
Schritte an:
Alle organische Masse entsteht direkt oder indirekt 1. Übertragung der Elektronen und Protonen auf
durch Photosynthese und ist somit »gespeicherte den Zwischenträger NADP+,
Solarenergie«. Bei der oxygenen Photosynthese 2. dessen Reduktion zu NADPH (Elektronenträ-
wird die elektromagnetische Strahlungsenergie ger) und
6 M. Sterner und I. Stadler

. Abb. 1.1  Photosynthese: Der Speicherprozess der Natur für Solarenergie

3. Bereitstellung des für die Synthese von CO2 nenen Biomasse bis hin zu Kraftstoffen und Heizöl
notwendigen ATPs (Energieträger), über alle Wandlungsschritte erhalten, bis sie letzt-
endlich in Verbrennungsprozessen in Lungen, Mo-
 12 H 2 O + Eph → 24 (H ) + 6O2 . (1.1) toren oder Turbinen wieder freigesetzt wird. Dabei
gelangt auch das CO2 zurück in die Atmosphäre,
zz Aufnahme, Reduktion und Synthese von
CO2  6CO2 + 24( H ) → C6 H12 O6 + 6 H 2 O. (1.2)
Die Natur hört in ihrem Speicherprozess nicht bei
in Protonen und Elektronen zerlegtem Wasserstoff zz Brutto- und Nettogleichung
als chemischem Energieträger auf, sondern kom- Für die Gesamtreaktion ergibt sich somit:
biniert diesen in einem zweiten Schritt (Dunkelre­
aktionen) mit Kohlendioxid aus der Atmosphäre,  Bruttogleichung: 6CO + 12 H O + E
2 2 ph
um die solare Energie in fester chemischer Form
zu binden (Gl. 1.2). Im sogenannten Calvin-Zyklus → C6 H12 O6 + 6O2 + 6 H 2 O
wird zunächst CO2 aus der Luft in organischen Mo- (1.3)
lekülen (CO2-Akzeptor RuBP) innerhalb der Chlo-
roplasten fixiert. Das Additionsprodukt ist instabil  Nettogleichung: 6CO + 6 H O + E
2 2 ph
und zerfällt in zwei Zwischenprodukte, welche (1.4)
mithilfe der Elektronen des NADPH zu C3-­Zucker
→ C6 H12 O6 + 6O2 .
reduziert werden. Der verbleibende umgebaute
CO2-Akzeptor wird in der abschließenden Phase Je nach Pflanzenart entsteht ein Zucker mit drei
des Calvin-Zyklus mithilfe des Energieträgers ATP oder vier Kohlenstoffatomen, welcher der Energie-
regeneriert. Intern zirkulieren die Elektronen- und lieferant für alle weiteren Prozesse und für die Wei-
Energieträger NADPH und ATP zwischen Licht- terverarbeitung der Kohlenwasserstoffketten ist. So
und Dunkelreaktionen und halten dadurch den werden z. B. in der Glukose 2813 kJ/mol (0,78 kWh/
Zyklus aufrecht. mol) gespeichert.
Die gespeicherte Bindungsenergie in Form von Gleichung 1.4 kann weiter vereinfacht werden, in-
Kohlenstoffverbindungen bleibt von der so gewon- dem durch den Faktor 6 geteilt wird. Daraus kris-
1.1 •  100 % erneuerbare Energie vor der industriellen Revolution
7 1

. Abb. 1.2  Geschlossener Kreislauf von Photosynthese (Energiespeicherung) und Verbrennung (Energieverbrauch),
nach [3]

tallisiert sich die Kernreaktion heraus, welche auch Redoxprozesse und können mit den Grundlagen
im C-H-O-Diagramm Anwendung findet und den der Elektrochemie erklärt werden (s. 7 Abschn. 7.1).
Grundbaustein [CH2O] jeder biogenen und fossi-
len Energieform offenlegt (s. 7 Abschn. 8.1.1), zz Wirkungsgrad
Der Wirkungsgrad der Photosynthese berechnet
 sich aus dem Verhältnis von chemischer Bindungs-
Kerngleichung: CO2 + H 2 O + Eph
(1.5)
energie Echem und der jährlichen Globalstrahlung
→ [CH 2 O ] + O2 . HG, welche sich aus direkter, diffuser und reflek-
tierter Strahlung zusammensetzt und auf die Pflan-
Der Prozess der Photosynthese kehrt in der Natur zenoberfläche auftrifft (Gl. 1.3). Der Wirkungsgrad
genau die Prozesse der Zellatmung um, welche ana- kann auch über die jeweiligen Leistungsgrößen
log zur Energietechnik als Verbrennungsprozess Pchem und EG ermittelt werden. Die Bilanzgrenzen
gesehen werden können. In der Verbrennung wird ergeben sich entsprechend,
der Sauerstoff benötigt, der zuvor in der Photosyn-
these als Nebenprodukt freigesetzt wurde; das CO2  Pchem Echem
zykliert in ähnlicher Weise: Der Kreis schließt sich η= = ⋅ (1.6)
(s. . Abb. 1.2).
EG HG
In organischen Lebewesen wird jedoch nicht
alle gespeicherte Energie auch wieder »veratmet« Der photosynthetische Wirkungsgrad ist unter an-
oder »verbrannt«, da sonst kein Wachstum statt- derem abhängig davon, wie viel Strahlungsenergie
finden könnte. Beim Menschen ist z. B. ein durch- von der Pflanze absorbiert werden kann und um
schnittlicher Verbrauch von ca. 80 kcal/h zu mes- welchen Pflanzentyp bzw. um welches Stoffwech-
sen, was etwa 100 W Dauerleistung entspricht. Bei- selsystem es sich handelt.
de Prozesse – Photosynthese und Atmung – sind Die solare Globalstrahlung kann absorbiert,
reflektiert oder transmittiert werden. Die Absorp-
8 M. Sterner und I. Stadler

tion ergibt sich aus den physikalischen Fähigkeiten Der volumenspezifische kalorische Wert von Glu-
1 und Eigenschaften der Pflanze und erfolgt selektiv. kose ist 0,78 kWh/mol. Aus dem Quotienten dieser
Auch hier ergibt sich wieder eine Parallelität zur Werte ergibt sich ein theoretischer Wirkungsgrad
Nutzung von selektiven Absorbern in der Solar- von maximal 33 %. In der Regel werden 10 statt 8
thermie oder der Photovoltaik. Photonen benötigt, was die theoretische Effizienz
Ein Großteil des solaren Spektrums wird im auf 26 % verringert. Wird angenommen, dass nur
grünen Bereich reflektiert, was im menschlichen 50 % der Photonen aus dem Solarspektrum ver-
Auge zur Empfindung der Farbe Grün führt und arbeitet werden können, halbiert sich dieser Wert
uns die meisten Pflanzen als »grün« erscheinen nochmals auf 13 %.
lässt. Ein weiterer Teil wird transmittiert. Letztend- Ähnlich zu theoretischen Energiedichten bei elek-
lich kann bei idealer Ausrichtung der Pflanze zur trochemischen Energiespeichern fällt dieser Wert
Sonne nur ein Anteil von ca. 50 % der Pigmentmo- in der Praxis deutlich kleiner aus, weil eine Vielzahl
leküle absorbiert werden. Diese selektiven Absor- von physikalischen und elektrochemischen Effek-
ber werden bei Grünpflanzen als Chromophoren ten zusätzlich zu berücksichtigen ist.
(Farbträger) bezeichnet. Dabei handelt es sich um
lichtabsorbierende Farbstoffe wie Chlorophyll a/b, In der biologischen Umsetzung kann der theoreti-
Carotinoide oder Xanthophylle. Sie sind in ihrer sche Wirkungsgrad nicht erreicht werden: Prinzi-
Funktion vergleichbar mit der dotierten Schicht piell addieren sich zu den optischen Verlusten noch
einer Solarzelle und absorbieren rotes und blaues interne Verluste. Durch die Degradierung energie-
Licht. Ähnlich zum »Band Gap Engineering« der reicher Photonen des blauen Spektrums auf das
Halbleitertechnik werden kürzere, energieinten- wandelbare Niveau im roten Spektrum entstehen
sivere Wellenlängen auf rotes Licht »reduziert« große Abwärmeverluste. Zudem benötigt die Pflan-
(Eph ≤ 1,94 eV) und die überschüssige Energie ent- ze Energie für die Aufrechterhaltung des eigenen
weicht als Abwärme. Lebens. Welche Energieverluste an welcher Stelle
genau auftreten, ist in der Literatur nicht eindeutig
Beispiel beschrieben (s. [1, 3, 11, 17, 21]). Unterschiede zeigen
Theoretischer Wirkungsgrad auf molekularer sich vor allem bei den Annahmen zur Reflexion,
­Ebene als Rechenbeispiel Absorption und den Verlusten in photochemischen,
Zur Fixierung und Umwandlung von CO2 wird pro biochemischen und physiologischen Prozessen. Fest
Molekül die Ionisierungsenergie von mindestens steht allein der maximal erreichbare Wirkungsgrad
acht »roten« Photonen benötigt (s. [3, 11]). Bei einer von ca. 5 % Solarenergie, welche die Pflanze brutto in
angenommenen Wellenlänge im mittleren roten chemischer Form einspeichern kann (s. . Abb. 1.3).
Spektrum von 680 nm hat ein Photon (Strahlungs- Der Wert dieser Bruttoprimärproduktion liegt
quant) mit dem Planck‘schen Wirkungsquantum h je nach Pflanzenart bei 1–5 %. Davon abzuziehen
von 6,626 · 10-34 Js und der Vakuum-Lichtgeschwin- ist der Eigenverbrauch der Pflanze in der Atmung
digkeit c0 von 2,998 · 108 m/s eine Energie von von etwa 50 %, woraus sich die Nettoprimärpro-
duktion ergibt. Das bedeutet, dass schlussendlich
 c0 nur 0,5–2,5 % der eingestrahlten Energie in chemi-
E ph = h ⋅ f = h ⋅ sche Bindungsenergie umgesetzt werden kann. Im
λ (1.7)
−19 Meer wirkt der Mineralstoffgehalt begrenzend auf
= 2,92 ⋅10 J = 1,82 eV .
die Photosynthese: Bei Algen beträgt der Gesamt-
wirkungsgrad ohne technische Hilfsaggregate so-
Multipliziert mit der Avogadro-Konstante NA von gar nur 0,1 % (s. [24]).
6,022 · 1023/mol ergibt sich eine molare Energiedich- Trotz der Optimierung dieses Speicherprozes-
te von 176 kJ/mol (0,05 kWh/mol). Im Beispiel Glu- ses durch die Natur über Jahrmillionen ist dieser
kose werden 6 Kohlenstoffe gebunden, also min- Wirkungsgrad sehr klein und dennoch ist seine
destens 6 · 8 = 48 Photonen benötigt und damit ein technische Nachbildung (Photobiologie, Power-to-
Minimum an Photonenenergie von 2,4  kWh/mol. Gas, Power-to-Liquid) lohnenswert.
1.1 •  100 % erneuerbare Energie vor der industriellen Revolution
9 1
Dieser Wert liegt um den Faktor 6 unter dem idealen
Wirkungsgrad von ca. 2,5 %.

zz CO2 Fixierung abhängig von Pflanzentyp C3


oder C4
Durch Züchtung oder höhere Nährstoff- und
CO2-Zufuhr kann die Produktivität der Pflanze
und damit der Wirkungsgrad der Energiespeiche-
rung erhöht werden. In der CO2-Fixierung wird
anhand der Bindung von Kohlenstoffen im ersten
Schritt des Calvin-Zyklus zwischen C3- und C4-
Pflanzen unterschieden:

C3-Pflanzen – B
 indung von drei Kohlenstofatomen Beispie-
le: boreale Gräser, Reis, Weizen
C4-Pflanzen – Bindung von vier Kohlenstofatomen Beispie-
le: tropische Gräser, Mais, Zuckerrohr

C3-Pflanzen schließen an heißen Tagen ihre Re-


zeptoren, um einer Verdunstung vorzubeugen. Die
Pflanze wird inaktiv in der Energiespeicherung.
Als Nebeneffekt findet Atmung unter Energiever-
brauch, die sogenannte Lichtatmung, statt. C4-P-
flanzen sind eine evolutionäre Weiterentwicklung
der C3-Pflanzen. Sie können durch ihren mikro-
biologischen Aufbau mit einer minimalen Lichtat-
mung auskommen und bei höheren Temperaturen
. Abb. 1.3  Sankey-Diagramm des maximalen Wirkungs- und geringeren CO2-Konzentrationen arbeiten.
grads der Photosynthese – ein Beispiel nach [21] Dabei binden sie in kürzerer Zeit mehr Biomasse
als ihre Vorgänger; ihre Effizienz ist höher.
Beispiel Der Anstieg der CO2-Emissionen durch die Nut-
Realer Wirkungsgrad der Photosynthese auf glo- zung fossiler Energie begünstigt das Pflanzenwachs-
baler Ebene tum bis zu einem gewissen Maß. .  Abbildung  1.4
Verglichen mit den realen Zahlen an globaler Ein- verdeutlicht den Unterschied zwischen den beiden
strahlung mit einem spezifischen Mittelwert EG Pflanzenarten: Während sich das Wachstum von
= 167 W/m2 auf der globalen terrestrischen Fläche A C3-Pflanzen mit steigender CO2-Konzentration bis
von 150 · 1012 m2, wovon 100 · 1012 m2 mit Vegetati­on zur Sättigung bei etwa 1000 ppm erhöht, ist der Ein-
bedeckt sind, und einer Nettoprimärproduktion NPP fluss auf C4-Pflanzen kaum vorhanden. C3-­Pflanzen
von 2200 EJ/a (s. [2]) ergibt sich ein Wirkungsgrad von können bei höheren CO2-Konzentrationen in tro-
ckenen Gebieten mehr Wasser aufnehmen und
den Ertrag um etwa 10–20 % steigern. Ob sich
Echem NPP die CO2-Düngung der Atmosphäre durch fossile
η= =
HG EG · a · t Energie dauerhaft in höheren Erträgen widerspie-
(1.8)
2200 ⋅1018Ws / a m 2 gelt, ist bislang noch ungeklärt, da weitere Effekte
= = 0,42%· der Erderwärmung und Schadstoffemissionen auf
h s
167W⋅ 100 ⋅ 1012 m 2 · 8760 · 3600
a h
10 M. Sterner und I. Stadler

. Abb. 1.4  Abhängigkeit der Photosynthese von der CO2-Konzentration in der Umgebungsluft für die unterschiedlichen
Pflanzentypen. In Punkt 1 nimmt die Pflanze bei der Energiespeicherung so viel CO2 auf, wie sie bei der Energienutzung (At-
mung) wieder verbraucht. CO2-Konzentration heute (weltweiter monatlicher Mittelwert im Jahr 2015 erstmals über 400 ppm)

die komplexen Ökosysteme einwirken, die in den nerhalb von 25 Jahren nach Ende der Photosynthese
Betrachtungen bisher weitgehend unberücksichtigt würden alle Formen des höheren Lebens zugrunde
bleiben oder nur schwer kalkulierbar sind. gehen. Auf der Grundlage dieser Erkenntnis wird
auch das Aussterben der Dinosaurier und das Ende
zz Photosynthese als Energiespeicherung ist der Kreidezeit vor 65 Mio. Jahre begründet. Damals
Grundlage allen Lebens schlug ein Asteroid in Mexiko ein, infolgedessen der
Die Photosynthese ist der größte in der Natur ab- aufgewirbelte Staub die Atmosphäre trübte und die
laufende Energiespeicherprozess, von dem direkt Photosynthese stark hemmte (s. [5]).
oder indirekt die Ernährung der gesamten belebten Einige der ersten Lebewesen der Archaea-Stäm-
Welt abhängt. Die ersten Zelllebewesen auf unse- me konnten aus CO2 und H2 Methangas herstellen,
rem Planeten waren Organismen aus der Domä- eine Eigenschaft, die auch in der Energiespeiche-
ne Archaea, die in einer Atmosphäre ohne Sauer- rung von Wind- und Solarstrom über Power-to-
stoff lebten und vor etwa 3,5 Mrd. Jahren entstan- Gas angewandt wird (s. 7 Abschn. 8.3).
den. Sie hatten noch nicht die Eigenschaften der
Photosynthese, aber bereits die Komponenten für
Elektronentransport und Zellatmung. Aus diesen 1.1.2 Holz, Torf, Energiepflanzen –
Komponenten entwickelten sich etwas später die Nutzung der gespeicherten
anoxygene Photosynthese und vor ungefähr 2 Mrd. Solarenergie
Jahren mit der Bildung der Sauerstoffatmosphäre
die oxygene Photosynthese. In der biologischen Der Eintrag von Solarenergie über Pflanzen ist im-
Evolution folgten 1,5 Mrd. Jahre danach die ersten mens. Abzüglich des Eigenverbrauchs der Pflanzen
makroskopischen Lebewesen bis hin zu Dinosau- für ihre Atmung ergibt sich auf Land eine globale
riern vor etwa 235 Mio. Jahren und Menschen vor Nettoprimärproduktion von etwa 60  Gt Kohlen-
etwa 200.000 Jahren (s. [5, 8]). stoff pro Jahr ± 10 %, wovon ca. 60 % oberirdisch
Ein Versagen der natürlichen Photosynthese und 40 % unterirdisch in den Boden in Form von
führt zur Auslöschung des uns bekannten Lebens. In- z. B. Wurzeln eingetragen werden (s. . Abb. 1.5).
1.1 •  100 % erneuerbare Energie vor der industriellen Revolution
11 1

. Abb. 1.5  Globale terrestrische Nettoprimärproduktion (NPP) im Jahr 2000 bezogen auf die Fläche. Weltweit werden ca.
70 % der verfügbaren Wiesen, 50 % der Savannen, 45 % der borealen Wälder und 27 % der tropischen Wälder vom Menschen
genutzt bzw. wurden abgeholzt [2, 14]. 100 g C m−2 a−1 entspricht der Bindung von 1 t C ha−1 a−1 oder 3,7 t CO2 ha−1 a−1 [14]

. Tab. 1.1  Global gespeicherte und genutzte Solarenergie über Photosynthese in Form von Biomasse und fossiler
Energie auf der globalen mit Vegetation bedeckten Fläche von 100 · 1012 m2. Die globale Nettoprimärproduktion (NPP
in t C a−1) ist über einen Bruttobrennwert von 37 GJ/t auf Energie umgerechnet und mit einer Unsicherheit von min-
destens ± 10 % angegeben [2, 14]. Energie und Leistung der Solarstrahlung sind über die Solarkonstante ESC = 167 Wm2
und der Zeit t = 8760 h errechnet

Solarenergie Gespeicherte Biomas-


se, genutzt Energie

Art Energie Leistung Energie Leistung Wirkungsgrad Solar


in EJ in TW in EJ in TWd zu Biomasse

Solarenergie/NPP gesamta 526.651 16.700 2200 70 0,42 %

NPP oberirdischb 1300 41

NPP nutzbar 650 21

2012  bereits genutzte Solarenergie 1,3 0,36 225 7


bzw. NPPc

Globaler Primärenergiebedarf 500 16

a Die gesamte Erdoberfläche beträgt 510 · 1012 m2 (51 Mrd. ha), wovon 70,7 % Meeresoberfläche ist. Von der verbleiben-
den Landfläche von 150 · 1012 m2 sind ca. 100 · 1012 m2 mit Vegetation bedeckt. Die eingetragene Solarenergie wird auf
dieser Fläche exemplarisch berechnet, die vollständige auf der Landfläche eingestrahlte Energie bzw. Leistung ergibt
sich entsprechend über die Multiplikation mit dem Faktor 1,5.
b Oberirdischer Anteil der Pflanzen ohne Eintrag von Kohlenstoff in das Erdreich (z. B. Wurzelwerk)
c 2012 direkt genutzte Solarenergie in Form von Photovoltaik (100 GW installierte Leistung), solarthermische Kraft-

werke (2,6 GW) und Solarthermie (255 GW) nach dem Global Status Report 2013 des Renewable Energy Policy Networks;
NPP als Biomasse, welche für Lebensmittel, Futtermittel, stoffliche Verwertung in der Industrie und als Energieträger
genutzt wird.
d Umgerechnet über eine Grundlast von 8760 h
12 M. Sterner und I. Stadler

. Abb. 1.6  Landnutzungsänderung in der Geschichte – Wald als Energiespeicher wurde zurückgedrängt, nach [23]

Damit stehen etwa 1300 EJ ± 10 % gespeicherte Wälder in unseren Breitengraden für energetische
Energie in Form von Biomasse (34 Gt C a−1 ± 10 %) Zwecke und zur Erschließung neuer Flächen ge-
zur Verfügung, und zwar bei einer Annahme rodet. Diese Entwicklung ging mit der Entdeckung
eines Bruttobrennwerts von 37 GJ/t (s. .  Tab. 1.1). und Nutzung fossiler Energiequellen zurück.
Schätzungen gehen davon aus, dass maximal die Wälder sind die Hauptquellen für Holz und be-
Hälfte nachhaltig geerntet werden kann (s. [2]). decken heute etwa ein Viertel der globalen Land-
Vor der Nutzung als Bioenergie ist der Bedarf für fläche. Dieser Anteil betrug bis in das 19. Jahrhun-
Nahrung, Futter und Rohstoffen wie Industrieholz dert noch etwa das Doppelte von knapp 50 % und
abzuziehen. Laut [24] verbleibt ein nachhaltiges wurde vorwiegend durch die Technisierung in der
Bioenergiepotenzial von 80–170  EJ/a, was etwa Landwirtschaft und der dadurch zunehmenden
einem Viertel des derzeitigen Weltprimärenergie- Entwaldung zurückgedrängt (s. .  Abb.  1.6). Etwa
bedarfs von 500 EJ/a entspricht. ein Drittel der Waldfläche wird heute noch für die
Zur Speicherung an Land kommt die Speiche- Herstellung von Brennholz oder Industrierundholz
rung der Solarenergie in Form von Plankton und verwendet (s. [12]).
anderen Pflanzenarten im Meer hinzu. Dort wird 3,5 Mrd. Kubikmeter Rohholz werden jährlich
allerdings die meiste Biomasse direkt von Konsu- im Wald eingeschlagen, wovon 50 % als Brennholz
menten weiterverarbeitet. Die absolute Menge fällt (Festholz und Holzkohle) und 50 % als Industrie-
aufgrund der schlechteren Effizienz der Photosyn- rundholz für Sekundärprodukte wie Zellstoff für
these geringer aus als an Land, obwohl über 70 % Papier und Bücher (25 %) oder Bau- und Möbel-
der Erdoberfläche aus Ozeanen und Meeren be- holz (20 %) verwendet werden. Diese Nutzung va-
steht. riiert stark je nach Kontinent: Während in Nord-
Im Folgenden soll beispielhaft auf die Nutzung amerika und Europa ca. 80 % als Industrierundholz
der gespeicherten Biomasse (»Entladevorgänge« genutzt werden, überwiegt in Afrika und Asien die
des Speichers) eingegangen werden. Nutzung als Energiespeicher in Form von Brenn-
holz (s. . Abb. 1.7, [13]).
zz Holz – nachhaltige Nutzung Obwohl die Zahlen sehr hoch erscheinen, über-
Biomasse in Form von Lignozellulose (Holz) war steigt die jährlich nachwachsende Holzmasse die
von der Steinzeit bis zum Beginn der industriel- Entnahmemengen deutlich. Der 90 %ige Anteil von
len Revolution im 18. Jahrhundert der am stärksten Brennholz in Afrika entspricht etwa 1 % des Auf-
genutzte Primärenergieträger. Zwischen 1700 und wuchses (s. [13]). Durch steigende Energiepreise
1850 wurden noch etwa 180 Mio. Hektar temperate zeichnet sich eine verstärkte Nutzungskonkurrenz
1.1 •  100 % erneuerbare Energie vor der industriellen Revolution
13 1

. Abb. 1.7  Holzentnahme aus Wäldern für energetische und materielle Nutzung 2014, nach [13]

zwischen Brennholz und Industrierundholz ab, die Feuerholz als Energiespeicher für Kochen und
sich negativ auf andere Funktionen des Waldes und Heizen. Diese Nutzung ist zum einen sehr ineffi-
den Waldbestand (Entwaldung) auswirken kann. zient (Wirkungsgrade ca. 5 %), zum anderen aber
Energetisch speichern die Wälder der Erde auch gesundheitsschädlich (Kohlenstoffmonoxid).
bei der Annahme eines mittleren Heizwertes von Jährlich sterben etwa eine Million Menschen an den
2250  kWh pro Festmeter Holz als gleichteilige Folgen der Innenluftverschmutzung durch Feuer-
Mischung aus Hart- und Weichholz jährlich etwa holz. Zum anderen geht die Nutzung von Feuerholz
8100 TWh chemische Energie, was einer umgesetz- oder Holzkohle oft einher mit Abholzung und Ent-
ten Einspeicherleistung Solar-zu-Holz von 925 GW waldung von Regionen, was negative Auswirkun-
entspricht. gen auf das Mikroklima, die Wasser- und Boden-
Neben der Funktion als Energiespeicher ist qualität der jeweiligen Region hat und auch zum
Holz auch ein langfristiger CO2-Speicher: Über die globalen Klimawandel beiträgt (s. [24]). Auswege
stoffliche Nutzung von Holz in der Bauwirtschaft können die Erschließung anderer erneuerbarer
wird CO2 dauerhaft der Atmosphäre entzogen. Energien und die nachhaltige Nutzung der Biomas-
Bevor Biomasse als größter Primärenergieträ- se sein, z. B. durch verbesserte Holzöfen (improved
ger im 19. Jahrhundert durch Kohle abgelöst wurde, cooking stoves), begleitet von Maßnahmen der Be-
griffen viele Industriebereiche wie Teile der Stahl- wusstseinsbildung und der Wiederaufforstung.
industrie zunächst vermehrt auf Holz als Brenn-
stoff zurück. Ein Beispiel ist die Stadt Iserlohn (Iser zz Torf – altes Holz
= Eisen, Lohn = Wald), in der die Stahlindustrie Der Zerfall von Biomasse führt bei hohen Sauer-
durch die Nutzung von Holz aus dem Sauerland stoffanteilen zur Bildung von Humus und letzt-
einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte. lich von Erdboden. Torf dagegen ist abgestorbene
Auch heute ist die traditionelle Nutzung von organische Biomasse aus alten Pflanzenresten, wel­
Biomasse noch für 2,6  Mrd. Menschen in über che in feuchter Umgebung, in Mooren, entsteht.
60 Ländern die wichtigste Primärenergiequelle. Als eine Vorstufe von Braunkohle besitzt Torf einen
Zwei Drittel der Menschheit nutzt entsprechend ähnlichen Heizwert von 5,5–6 kWh/kg im trocke-
14 M. Sterner und I. Stadler

. Abb. 1.8  Globale Nutzung von Biokraftstoffen im Verkehr, nach [22]

nen Zustand und zeigt eine sehr aschereiche Ver- der Menschheit. Für diese Energiedienstleistungen
brennung. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde Torf in durch Tiere wurde damals etwa ein Drittel der land-
Form von Torfkohle in großem Maßstab als Brenn- wirtschaftlichen Nutzfläche verwendet. Heute wäre
stoff in Torfkraftwerken zur Strom- und Wärmever- es trotz Düngung und industrieller Agrarwirtschaft
sorgung verwendet. Heute werden in Deutschland nicht möglich, den Kraftstoffbedarf im Verkehrs-
Torfgebiete als Biotope geschützt und nur noch in sektor über Biomasse zu decken, da die Anzahl
wenigen Ländern als relevanter Energieträger ge- der Arbeits- und Transportmaschinen deutlich
nutzt, wie in Finnland, Irland und Estland (s. [19]). höher ist und deren Leistung nicht mehr nur ein
bis zwei Pferdestärken beträgt, sondern ein Viel-
zz Energiepflanzen für Transport und faches davon. Einfache Abschätzungen zeigen, dass
mechanische Arbeit von Tieren die Potenziale zur Deckung des Kraftstoffbedarfs
Ohne Energiespeicherung wäre unser Leben nicht in den Zug- und Arbeitsmaschinen der Land- und
möglich. Sogar der Antrieb unseres eigenen Kör- Forstwirtschaft ausreichen würden. Pflanzenöl als
pers basiert auf gespeicherter Solarenergie, die wir landwirtschaftlicher Kraftstoff hat in Deutschland
in Form von Essen täglich zu uns nehmen und derzeit jedoch nicht die Rahmenbedingungen für
über Verbrennungsprozesse im Körper durch Ein- einen wirtschaftlichen Einsatz.
atmung von O2 und Ausstoß von CO2 mit einer Energiepflanzen als Lieferanten für Biokraft-
Leistung von etwa 100 W permanent verwerten. stoffe können auch in Blockheizkraftwerken zur
Die gleichen Prozesse laufen bei den meisten Strom- und Wärmeerzeugung eingesetzt werden.
Tieren ab. Seit der Mensch Tiere domestiziert hat, Heute werden sie fast ausschließlich zur Kraftstoff-
nutzt er sie für Energiedienstleistungen. Für ein- versorgung in Form von Bioethanol in Otto-Moto-
fache mechanische Arbeiten wie den Antrieb von ren und Biodiesel in Dieselmotoren verwendet, wie
Brunnenpumpen und Mühlen wurden Tiere ge- die Entwicklung in . Abb. 1.8 aufzeigt. Der Anstieg
nauso eingesetzt wie für den Transport von Las- der frühen 2000er-Jahre wurde durch starke Preis-
ten. In Indien wird noch heute animal power als erhöhungen an den Rohstoffmärkten der Agrar-
eine Form erneuerbarer Energie bezeichnet. Pferde industrie und wechselnde politische Rahmenbe-
waren über Jahrhunderte das Haupttransportmittel dingungen gedämpft.
1.2 •  Fossile Energie im fossilen Zeitalter
15 1
Beispiel wie Kalk oder Dolomiten über Jahrmillionen durch
In Deutschland beträgt die mittlere solare Global- biochemische und geochemische Prozesse (s.
strahlung etwa 115 W/m2. 2011 wurden auf einer Flä- . Abb. 1.9):
che von 910.000  ha Rapspflanzen zur Herstellung 55 Stein-/Braunkohle: Abgestorbene organische
von Biodiesel (Ertrag: 2,6 Mio. t) und Rapsöl (Ertrag: Biomasse sammelte sich in Torfmooren an und
0,025 Mio. t) verwendet. Welche Flächeneffizienz in wurde über geologische Zeiträume hinweg
W/m2 erreicht die Ausbeute der Biokraftstoffe? Wel- unter Luftabschluss, Druck und Temperatur
cher Wirkungsgrad wird damit in der Speicherung zu Braunkohle. Aus dieser wiederum entstand
und Wandlung von Solarenergie in Biokraftstoffe Steinkohle, die älter und härter ist sowie eine
erzielt (s. [9])? höhere Energiedichte als Braunkohle aufweist.
Lösung: 55 Erdöl: Ähnlich wie die Kohle entstand Erdöl
über geologische Zeiträume durch Ablagerun-
Heizwert Biodiesel – 37,1 MJ/kg = 10,3 kWh/kg
gen von tierischer und pflanzlicher Biomasse
Heizwert Rapsöl – 37,6 MJ/kg = 10,4 kWh/kg
(Plankton etc.) in den Urmeeren. Es bildeten
Fläche Rapsanbau – 910.000 ha = 9.100.000.000 m²
sich Sedimentschichten am Erd- und Meeres-
Stunden pro Jahr – 8760 h
boden, die unter Druck und Temperaturein-
Energie Biodiesel –
wirkungen zu Erdöl und Erdgas gewandelt
kWh
EBio = 2, 6 ⋅ 109 kg ·10, 3 = 2, 7 ⋅ 1010 kWh wurden. Diese sind oft im Sedimentgestein
kg
gebunden und können dort unter Einsatz von
Energie Rapsöl – Chemikalien (Fracking) gelöst werden. Die
kWh
ERaps = 0, 025 ⋅ 109 kg ⋅ 10, 4 = 2, 6 ⋅ 108 kWh daraus allerdings entstehenden Probleme der
kg
Grundwasserverunreinigung und Folgeschä-
Energie Summe –
den sind aus heutiger Sicht nicht absehbar.
55 Erdgas: Erdgas entstand ähnlich wie Biogas
E = 2, 726 ⋅ 1010 kWh = 2, 726 ⋅ 1013 Wh
über Fermentationsprozesse aus organischer
Leistung – Biomasse oder als ein Nebenprodukt von Erdöl.
E
PBio =
8760 h
= 3,1 ⋅ 109 W Im Gegensatz zu ihrer Entstehung werden fossile
  Brennstoffe in kürzester Zeit verbraucht: Die Men-
Flächeneffizienz – ge, die die Natur an fossiler Energie wie Erdöl in
PBio W drei Millionen Jahren eingespeichert hat, wird heu-
= 0, 34 2
A m   te innerhalb eines Jahres verbraucht. Entsprechend
gehen die fossilen Ressourcen und Reserven zur
Wirkungsgrad –
Neige (Peak-Oil).
PBio 0, 34
η= = = 0, 0030 = 0, 30%
PSolar 115
zz Der Kohlenstoffkreislauf
In einem intakten Ökosystem existiert ein geschlos-
sener CO2- und O2-Kreislauf. Die Teilnehmer
1.2 Fossile Energie im fossilen Produzenten 1), Konsumenten 2) und Destruenten
Zeitalter 3) halten dabei ein Gleichgewicht der Stoffströme
aufrecht (s. . Abb. 1.10).
1.2.1 Entstehung fossiler Energie Die Produzenten (Pflanzen) wandeln mit Solar-
energie Kohlendioxid und Wasser in Biomasse um
Mit der Erfindung der Dampfmaschine im 18. Jahr- (s. 7 Abschn. 1.1.1). Die in der Biomasse gespeicherte
hundert und der damit einhergehenden indus­ Energie wird durch biologische Oxidation gewan-
triellen Revolution rückten fossile Energieträger delt und steht dann den Konsumenten (Menschen,
wie Erdöl, Kohle und Erdgas immer mehr in den Tieren oder Pflanzen) zur Verfügung. Die biologi-
Vordergrund. Sie entstanden analog zu Carbonaten sche Oxidation ist der inverse Vorgang zur Photo-
16 M. Sterner und I. Stadler

. Abb. 1.9  Entstehung fossiler Energieträger: Fossile Energieträger entstehen durch die Ansammlung abgestorbener Bio-
masse in Torfmooren. Über geologische Zeiträume wird diese unter Luftabschluss, Druck und Temperatureinfluss zu Braun-
und Steinkohle. Organische Ablagerungen aus den Urmeeren werden zu Erdöl und Erdgas

. Abb. 1.10  Der Kohlenstoffkreislauf: Durch die Nutzung fossiler Energieträger wird in kürzester Zeit CO2 freigesetzt,
welches über Jahrmillionen von der Natur eingespeichert wurde
1.3 •  Übergang und Rückführung zum Zeitalter der erneuerbaren Energien
17 1
synthese, bei dem organische Masse durch die Kon- stammen aus fossiler (79 %) und biogener Energie
sumenten unter Sauerstoffverbrauch biologisch (9 %) auf Basis der Photosynthese. Diese Anteile wer-
oxidiert (verbrannt) wird. Abgestorbene Biomas- den nach der Substitutionsmethode wiedergegeben,
se wird von den Destruenten (Bodenlebewesen) welche, anders als die gängige Wirkungsgradme-
aerob zersetzt. Dabei gelangt das CO2 wieder zu- thode, die Anteile erneuerbarer Energien aus Wind-
rück in die Atmosphäre. kraft, Solarenergie und Wasserkraft nicht verkleinert
Fossile Energie entstand unter Nutzung von darstellt. Entsprechend erscheinen in .  Abb. 1.11 die
atmosphärischem CO2. Bei der Verbrennung Wasserkraft (Stromproduktion 780  TWh) und die
fossiler Brennstoffe (Kohlenwasserstoffe) gelangt Atomenergie (2480 TWh) zu gleichen Teilen.
dieses CO2, das außerhalb des Kohlenstoffkreis- Nur ca. 8 % unseres Primärenergiebedarfs wer-
laufes lagerte, nach Jahrmillionen wieder in die den direkt aus der Umwelt in End- und Nutzenergie
Atmosphäre. Letztendlich ist damit der Kohlen- gewandelt. Dies verdeutlicht die elementare Rolle
stoffkreislauf wieder geschlossen. Was dem Klima von Energiespeichern. Mit zunehmender Erschlie-
zu schaffen macht, ist die extrem hohe Dosis an ßung der erneuerbaren Energiequellen werden
CO2, die in der sehr kurzen Zeit von wenigen Jahr- Energiespeicher diese wichtige Rolle beibehalten,
hunderten von den Ökosystemen nicht v­ ollständig die Art der Energiespeicherung wird sich jedoch
aufgenommen werden kann. Die Folge ist ein ändern.
­anthropogener Klimawandel (s. 7 Abschn. 1.3.1).
zz CO2-Emissionen des Energiesektors aus
zz CO2-Speicherung im Meer gespeicherter fossiler Energie
Ein Teil des sehr gut wasserlöslichen Kohlendioxids Die CO2-Emissionen aus der Nutzung fossiler
aus der Atmosphäre wird von den Ozeanen aufge- Energie sind in den vergangenen Dekaden stark
nommen. In ihnen ist im Vergleich zur Atmosphäre angestiegen (s. .  Abb.  1.12). Es handelt sich dabei
50-mal mehr Kohlendioxid gespeichert. Zwischen letztendlich um CO2, das bereits in der Atmosphäre
1800 und 1995 wurden etwa 120 Gt Kohlenstoff von war. Die Intensität der Dosis CO2 ist jedoch ext-
den Meeren absorbiert, was etwa der Hälfte aller rem hoch: In kürzester Zeit wird über Jahrmillio-
fossilen CO2-Emissionen entspricht (s.  [16]). Mit- nen gesammeltes CO2 freigesetzt, was den sich
tels Photosynthese wird ein Teil des Kohlenstoffs abzeichnenden extremen Klimawandel verursacht
von Algen, Phytoplankton, Korallen und anderen (s. 7 Abschn. 1.3.1).
Karbonaten gebunden, die dann als Sedimente
abgelagert werden und später Erdöl und Erdgas-
lagerstätten bilden. Der starke Anstieg der CO2- 1.3 Übergang und Rückführung zum
Emissionen hat eine überhöhte Versauerung der Zeitalter der erneuerbaren
Meere zufolge, die für diverse Meeresorganismen Energien
zunehmend zur Existenzbedrohung wird. Im Jahr
2011 enthielt Meerwasser CO2 in Form von 1 % ge- 1.3.1 Klimawandel und
löstem CO2, 8 % Karbonat (CO32−) und 91 % Hydro- Ressourcenknappheit – Treiber
gencarbonat (HCO3−). der globalen Energiewende

Klimawandel und Ressourcenknappheit drängen


1.2.2 Nutzung und Emissionen fossiler zur Energiewende – sie sind ihre eigentlichen
Energie: Status quo Treiber. Katastrophen bei der Nutzung von
Atomenergie können den Prozess in einigen Län-
zz Drei Viertel der globalen Primärenergie ist dern beschleunigen. Unabhängig davon ist in allen
gespeicherte Solarenergie Ländern die langfristige Gewährleistung der Ver-
Wenn atomare Bindungsenergie unberücksichtigt sorgungssicherheit mit Energie eine große Heraus-
und die Sonne als erneuerbare Energiequelle betrach- forderung.
tet wird, zeigt sich die Basis unserer heutigen Energie- Die Energiewende besteht im Kern aus zwei
versorgung: 88 % des globalen Primärenergiebedarfs Teilen:
18 M. Sterner und I. Stadler

. Abb. 1.11  Anteile globaler Primärenergie 2014 nach der Substitutionsmethode, nach [7, 22]

. Abb. 1.12 CO2-Emissionen aus fossiler Energienutzung in den Jahren 1750 bis 2014, nach [6]

1. Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energien zz Anthropogener Klimawandel als größte


und Herausforderung der Zukunft
2. Umsetzung von Maßnahmen der Energieeffi- Zwei Drittel aller Treibhausgasemissionen resultie-
zienz. ren aus der Nutzung gespeicherter fossiler Energie.
Diese durch erneuerbare, CO2-freie Energietechno-
logien zu ersetzen, um die Treibhausgasemissionen
1.3 •  Übergang und Rückführung zum Zeitalter der erneuerbaren Energien
19 1
einzudämmen, ist das Ziel nachhaltiger Energie- über dem Mittelwert der letzten Jahrtausende liegt
und Klimapolitik. An Potenzialen erneuerbarer (s. [18]). Folglich ist mit einer Zunahme der mitt-
Energie mangelt es nicht; die Herausforderung liegt leren Erdtemperatur und von Wetterextremen zu
im Ausgleich der wetterabhängigen Energiequellen rechnen. Beides zeichnet sich weltweit zunehmend
und die damit verbundene zeitliche und räumliche ab, nicht zuletzt auch in Deutschland mit der Zu-
Gewährleistung von Versorgungssicherheit. Mittel- nahme von Flutkatastrophen und Dürreperioden.
bis langfristig sind dazu Energiespeicher eine un- Europaweit lag die Jahresmitteltemperatur der Jahre
abdingbare Notwendigkeit. 2002, 2003, 2006, 2007 und 2010 über dem 510-jäh-
Die Korrelation von CO2 mit der Erderwär- rigen Mittelwert zwischen 1500 und 2010 (s. [4]).
mung ist vor über 120 Jahren physikalisch bewie- Auch die weltweit aufkommenden Flüchtlings-
sen und seither häufig verifiziert worden. Über die ströme haben unter anderem ihre Ursachen im Kli-
Analyse von eingeschlossener Luft in Eisbohrker- mawandel. Durch den klimabedingten Rückgang
nen kann die CO2-Konzentration zusammen mit von Süßwasserressourcen und Nahrungsmitteln
den Temperaturen über mehrere Hundertausende und die klimabedingte Zunahme von Sturm- und
von Jahren rückdatiert werden. Die Abweichungen Flutkatastrophen sind immer mehr Menschen zur
betrugen zwar nur ± 200 ppm (0,02 % der Luft), was Umsiedelung und zum Verlassen ihrer Lebensräu-
aber ausreichend war, um das Weltklima immer me gezwungen. Der Krise in und um Syrien ging
wieder zwischen Eis- und Warmzeit wechseln zu eine lange Dürreperiode voraus, welche die Bevöl­
lassen. kerung vom Land in die Stadt trieb. Der Nahe Osten
Aus . Abb. 1.13 wird offensichtlich, dass die heu- wurde mehrfach in der jüngsten Geschichte vom
tige CO2-Konzentration von fast 400 ppm deutlich Westen militärisch destabilisiert, vorwiegend um

. Abb. 1.13  Korrelation von Temperatur und CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre im Laufe der Jahrtausende, nach [20]
20 M. Sterner und I. Stadler

die Versorgungswege mit Öl und Gas – also fossiler es nahe, sich mit dem Ende des fossilen Zeitalters
1 gespeicherter Energie – zu erhalten. Es ist alarmie- auseinanderzusetzen und Konsequenzen daraus zu
rend zu sehen, dass Prognosen zur militärischen ziehen. Die Analysen zur Reichweite fossiler Ener-
Sicherung von Grenzen gegen Flüchtlingsströme gie variieren deutlich, aber über kurz oder lang ist
für 2050 bereits heute Realität werden (s. [23]). das Ende der fossilen Energienutzung erreicht und
Allen Lösungsansätzen ist gleich, dass neben der fossile Energiespeicher entleert.
einer Friedenspolitik der Entwaffnung vor allem Wird die Lösungssuche hinausgezögert, steigt
die Lebensräume vor Ort erhalten werden ­müssen, das Risiko eines abrupten Versorgungsengpasses,
was die Notwendigkeit einer globalen Energie- einhergehend mit Preissteigerungen und politi-
wende samt der Abkehr von fossilen Rohstoffen scher, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher In-
unterstreicht. Das bedeutet im Grunde auch eine stabilität.
Speicherwende: weg von der Nutzung fossiler ge-
speicherter Brennstoffe hin zur Nutzung von Spei-
chern für erneuerbare Energien und Reserven. 1.3.2 Das Zeitalter der erneuerbaren
Dadurch kann dem Klimawandel entgegengewirkt Energien als verbleibende Frage
und gleichzeitig die Versorgungssicherheit und Im- der Zeit – Szenarien zur Wende
portunabhängigkeit durch regionale Nutzung von
erneuerbaren Energien erhöht werden. Die Versorgungssicherheit mit Energie ist bei zur
Neige gehenden Ressourcen und Klimawandel ein
zz Ressourcenknappheit – drängender Fakt globales Problem, weshalb sich die Energiewende
unabhängig vom Klimawandel nicht nur auf Deutschland beschränkt. Verschie-
Zu diesen Fakten zum anthropogenen Klima- dene Studien bilden daher Szenarien zur zukünf-
wandel addieren sich die Effekte der knapper tigen Energieversorgung ab. An dieser Stelle wer-
werdenden Ressourcen. Der fossile Energiespei- den globale Szenarien aufgezeigt, Szenarien für
cher wird in Relation zu seiner Beladungsdauer in Deutschland finden sich in Teil II »Speicherbedarf«
kürzester Zeit extrem schnell entleert. Selbst neu (s. 7 Kap. 3, 4, 5).
gefundene fossile Energiespeicher wie Schiefergas
(Shale Gas) oder Schieferöl, die mittlerweile über zz Globale Szenarien der Rückführung in das
Einsatz entsprechender Chemikalien technisch Zeitalter der erneuerbaren Energien
erschlossen werden können, halten diesen Trend Der Sonderbericht über erneuerbare Energien
nicht auf, sondern verschieben ihn nur zeitlich des Weltklimarats von 2010 verdeutlicht, dass die
in geringem Umfang. In [26] wird der Scheitel- Potenziale für eine globale Energiewende vorhan-
wert der globalen fossilen, nuklearen Energie- den sind (s. [10]). Ein anderes Szenario der UNEP
versorgung auf das laufende Jahrzehnt datiert (s. kommt ebenfalls zu diesem Schluss.
. Abb. 1.14). . Abbildung 1.15 zeigt die Evolution der Primär­
In den Berichten der Internationalen Energie- energieversorgungsstrukturen in den Jahren 1850–
agentur (IEA) wird auf den Fakt »Peak Oil« da- 2000 und ein Szenario der UN von 2000–2100 in
durch hingewiesen, dass die Differenz zwischen Abhängigkeit von den Energieträgern Kohle, Öl
Bedarf und Angebot fossiler gespeicherter Energie und Gas, Atomenergie und erneuerbare Energien.
als beispielsweise »Fields, yet to be found«, also Zahlreiche andere Zukunftsszenarien sind eben­
­
»Erdölfelder, die noch gefunden werden müssen« falls möglich, wie in den laufend aktualisierten
bezeichnet wird (s. [15]). Hier wird davon aus- IPCC-Sachstandsberichten zum Klimawandel auf-
gegangen, dass immer wieder unvorhergesehene gezeigt wird.
Funde gemacht werden. Lange Zeit war Biomasse in Form von Feuer-
Auch wenn in letzter Zeit gerade die unkonven- holz die fast ausschließliche Primärenergiequelle
tionelle Förderung fossiler Energie wie z. B. Schie- des Menschen. Erst mit zunehmendem techni-
fergas, Schieferöl oder das sehr klimaschädliche schem Fortschritt kam die Nutzung von Windener-
Öl aus Teersanden stark vorangetrieben wird, liegt gie, Solarenergie und Wasserkraft (mechanische
1.3 •  Übergang und Rückführung zum Zeitalter der erneuerbaren Energien
21 1

. Abb. 1.14  Weltweite Förderung von Erdöl, Erdgas, Flüssiggas, Steinkohle, Braunkohle und Uran 1960–2030 (Quelle: EWG
LBST, 2014)

dern von den fossilen Energieträgern verdrängt


(s. . Abb. 1.16).
Jedoch hat jede fossile Quelle ein Fördermaxi-
mum. Mit Erreichen der weltweiten Förderabnah-
me von Erdöl geht die Entwicklung wieder hin zur
Nutzung oberirdisch auftretender Energieträger
wie Wind, Solarenergie, Wasser und Biomasse, wie
es vor dem fossilen Zeitalter schon einmal der Fall
war. Diese Tatsache ist elementar in der Kommu­
nikation der Energiewende. Da die Weltbevölke-
rung mittlerweile auf sieben Milliarden Menschen
angewachsen ist, wird auch die Energieeffizienz
zur grundlegenden Strategie jeder Energieversor-
gung.
Welche Energieressourcen vom Menschen ge-
. Abb. 1.15  Evolution der Primärenergieversorgungs-
nutzt werden, hängt von zahlreichen Einflussfak-
strukturen (Quelle: UNEP, 2000)
toren ab. So führt beispielsweise ein zunehmen-
des Einkommen in Entwicklungsländern zu einer
und elektrische Energie) ins Spiel. Mit Beginn der starken Zunahme des Verbrauchs flüssiger Brenn-
industriellen Revolution wurden die oberirdischen, stoffe und Elektrizität sowie zu einer Abnahme der
erneuerbaren Energieträger in den Industrielän- Nutzung von Feuerholz als Brennstoff.
22 M. Sterner und I. Stadler

. Abb. 1.16  Anfang und Ende des fossilen Zeitalters

. Abb. 1.17  Vision und Szenario zur globalen erneuerbaren Energieversorgung bis 2050, nach [25]

zz Bedeutung von Speichern trotz Rückgang Ähnlich ist es mit der Verwendung der Elektromo-
fossiler Energiespeicher bilität und der Wärmepumpen.
Ein weiteres Szenario aus [25] arbeitet die Rolle Der Speicherbedarf der Transformationsphase
von Energieeffizienz, Energieeinsparmaßnahmen bis 2050 offenbart sich in diesem Szenario durch die
und Energiespeichern heraus. Zu deutlichen Ein- Verwertung von Stromüberschüssen über Power-
sparungen führt die direkte Stromerzeugung aus to-Gas (»Gas aus Wind- und Solarenergie«), den
Wind, Solarenergie und Wasserkraft, welche keine Einsatz von Speichern in solarthermischen Kraft-
Abwärmeverluste hat und damit in der Darstellung werken und die Nutzung von Biomasse. Gerade der
nach der Wirkungsgradmethode (s. .  Abb.  1.17) Ersatz fossiler Kraftstoffe in der Mobilität ist eine
zu einem Sinken des Primärenergiebedarfs führt. große Herausforderung, wie aus dem langen Ver-
weilen von Erdöl im Szenario ersichtlich ist.
1.4 •  Zusammenfassung
23 1
1.4 Zusammenfassung auch die Nachahmung der Photosynthese
eine große Rolle in der Transformation der
55 Der Mensch hat in seiner Evolution immer Energiesysteme, insbesondere bei der Gewin-
Energiespeicher genutzt. Die natürliche nung von Wind- und Solarkraftstoffen für die
Photosynthese diente ihm dabei zur Spei- Mobilität.
cherung von Solarenergie. Sie besteht aus der
Wasserspaltung und der Reaktion von Wasser-
stoff und CO2 zu Biomasse und in der Folge Literatur
zu fossilen Brennstoffen. Ihr Wirkungsgrad ist
mit 0,5–2,5 % sehr gering. 1. Adler S, Munk K (2000) Biochemie, Zellbiologie, Öko-
logie, Evolution. In: Spektrum Lehrbuch, Munk K (Hrsg)
55 Ü ber Jahrtausende hinweg war die Energie-
Sav Biologie. Spektrum Akademischer, Heidelberg
versorgung zu 100 % erneuerbar, vorwiegend 2. Anton C (Hrsg) (2013) Bioenergie: Möglichkeiten und
basierend auf Holz als Energiespeicher und Grenzen. Stellungnahme, Halle (Saale)
Energieträger, aber auch als Tierfutter für 3. Barber J (2009) Photosynthetic energy conversion:
Transportaufgaben und mechanische Arbeiten. natural and artificial. Chem Soc Rev 38(1):185–196.
doi:10.1039/B802262N
55 S eit der industriellen Revolution greift der
4. Barriopedro D, Fischer EM, Luterbacher J et al (2011) The
Mensch auch auf sehr alte, über die Photosyn- hot summer of 2010: redrawing the temperature record
these »gespeicherte Solarenergie« in Form map of europe. Science 332(6026):220–224. doi:10.1126/
von fossilen Brennstoffen wie Erdöl, Erdgas science.1201224
und Kohle zurück. Ihre Nutzung stieg in den 5. Berg JM, Tymoczko JL, Stryer L et al (2013) Biochemie,
7. Aufl. Lehrbuch. Springer Spektrum, Berlin
vergangenen Jahrzehnten exponentiell an, was
6. Boden TA, Marland G, Andres RJ (2009) Global, regional,
zu einer schockartigen Freisetzung von fossi- and national fossil-fuel CO2 Emissions. Carbon Dioxide
lem CO2 führte, der für den anthropogenen Information Analysis Center, Oak Ridge National Labo-
Klimawandel verantwortlich ist. ratory U. S. Department of Energy, Oak Ridge
55 Heute dominieren fossile Brenn- und Kraft- 7. BP (2014) Statistical review of world energy. BP, London
8. Campbell NA, Kratochwil A, Lazar T et al (2009) Biologie,
stoffe die globale Primärenergieversorgung.
8., aktualisierte Aufl. [der engl. Orig.-Ausg., 3. Aufl. der
Die fossilen Speicherreserven und -ressour- dt. Übers.]. Pearson Studium – Biologie. Pearson Stu-
cen neigen sich dem Ende zu, weshalb andere dium, München
Energiespeicher und Energiequellen im Zuge 9. Deutschland; Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe
der Energiewende zu erschließen sind. (2012) Basisdaten Bioenergie Deutschland, August 2012.
nachwachsende-rohstoffe.de. Fachagentur Nachwach-
55 Die Energiewende besteht im Kern aus dem
sende Rohstoffe, Gülzow-Prüzen
Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energien 10. Edenhofer O, Pichs Madruga R, Sokona Y (2012) Renewa-
und der Umsetzung von Maßnahmen der ble energy sources and climate change mitigation. Spe-
Energieeffizienz. Desto mehr Wasserkraft, cial report of the Intergovernmental Panel on Climate
Wind- und Solarenergie erschlossen wird, Change. Cambridge University Press, New York
11. Edwards G, Walker D (1983) C3, C4. Mechanisms, and
desto weniger »fossile Energiespeicher« wer-
cellular and environmental regulation of photosynthe-
den benötigt. sis. Blackwell Scientific Publ, Oxford
55 E
ine Umstellung der Energieversorgung auf 12. FAO (2014) State of the world’s forests, 2014. Food and
ihre ursprüngliche Basis der erneuerbaren Agriculture Organization of the United Nations, Rome
Energien ist technisch möglich, ökologisch 13. FAOSTAT (2013) FAOSTAT forestry data. 7 http://faostat.
fao.org/site/630/default.aspx. Zugegriffen: 03. Sept. 13
notwendig und ökonomisch langfristig vor-
14. Haberl H, Erb KH, Krausmann F et al. (2007) Quantifiying
teilhaft. Die tragenden Säulen sind Wind- und and mapping the human appropriation of net primary
Solarenergie. Die dafür notwendigen Spei- production in earth’s terrestrial ecosystems. PNAS
chertechnologien und Integrationsmechanis- 104(31):12942–12947
men sind vorhanden und werden in den nach- 15. IEA (2012) World energy outlook 2012. OECD Publishing,
Paris
folgenden Kapiteln ausführlich beschrieben.
16. Mihajlovic-Wachter C (2008) Ökologie, Ethik. Zwei
55 Neben den klassischen Speichern wie Pump- wichtige Aspekte im Unterricht, 2., erw. Aufl. Fuchs,
speicher, Batterien oder Wärmespeicher spielt Rothenburg
24 M. Sterner und I. Stadler

17. Munk K (2009) Botanik (fit für den Bachelor) Taschen- 22. REN21 (2015) Renewables 2015–global status report.
1 lehrbuch Biologie. Thieme, Stuttgart
18. NOAA (2013) Trends in atmospheric carbon dioxide.
REN21 Sekretariat, Paris
23. WBGU (2008) Climate change as a security risk. Springer,
Recent global CO2. 7 http://www.esrl.noaa.gov/gmd/ Berlin
ccgg/trends/global.html. Zugegriffen: 20. Aug. 2013 24. WBGU (2009) Welt im Wandel: Zukunftsfähige Bioener-
19. Paappanen T, Leinonen A (2005) Fuel peat industry in gie und nachhaltige Landnutzung. Hauptgutachten
EU. European Peat and Growing Media Association, 2009. WBGU, Berlin
Brussels 25. WBGU (2011) Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für
20. Petit JR, Jouze J, Raynaud D et al. (1999) Climate and eine große Transformation. Zusammenfassung für Ent-
atmospheric history of the past 420,000 years from the scheidungsträger. WBGU, Berlin
Vostok ice core, Antarctica. Nature 1999(399):429–436 26. Zittel W (2013) Fossile und Nukleare Brennstoffe – die
21. Purves WK, Sadava D, Held A et al (Hrsg) (2011) Purves künftige Versorgungssituation. Fossil and Nuclear Fuels
biologie, 9. Aufl. Spektrum Akademischer, Heidelberg – the Supply Outlook, Berlin
25 2

Definition und Klassifizierung


von Energiespeichern
Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner (FENES OTH Regensburg)

Franz Bauer (FENES OTH Regensburg): Abschnitte 2.1, 2.2, 2.3, 2.4

Übersicht
Ohne Energiespeicher ist die Energieversorgung nahezu unmöglich. Sie sind
elementarer Baustein unseres Energiesystems. Oft diskutiert wird die Rolle,
die ein Speicher im Energiesystem spielt: Sind Energiespeicher Teil der Ener-
gienetze oder doch »Erzeuger« und »Verbraucher«? An welcher Stelle werden
die Kosten der Speicher verortet? Zur energiewirtschaftlichen Einordnung von
Speichern sind Definitionen hilfreich.
Wie Speicher und Energiespeicher definiert, ihr Nutzen erfasst und nach phy-
sikalischen, energetischen, zeitlichen, räumlichen und ökonomischen Krite-
rien klassifiziert werden kann, wird in diesem Kapitel behandelt.

2.1 Definition und Anwendung – 26

2.2 Nutzen von Speichern – 31

2.3 Klassifizierung von Speichern – 36


2.3.1 Physikalisch-energetische Klassifizierung – 36
2.3.2 Definition und Berechnung der wichtigsten Größen – 38
2.3.3 Zeitliche Klassifizierung – 44
2.3.4 Räumliche Klassifizierung – 45
2.3.5 Ökonomische Klassifizierung – 46

2.4 Zusammenfassung – 47

Literatur – 49

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


M. Sterner, I. Stadler (Hrsg.), Energiespeicher – Bedarf, Technologien, Integration,
DOI 10.1007/978-3-662-48893-5_2
26 M. Sterner und F. Bauer

2.1 Definition und Anwendung zz Begriffe »Ein- und Ausspeichern« vs. »Laden
und Entladen«
zz Definitionen Die drei Prozesse Einspeichern, Speichern, Ausspei-
2 Zur Beschreibung und Einordnung verschiedener chern werden bei elektrischen, elektrochemischen
Energiespeicher ist eine klare Terminologie not- und einigen mechanischen bzw. chemisch-stofflichen
wendig. Energiespeichern auch als »Laden«, »Speichern« und
»Entladen« bezeichnet. Sie sind im Zusammenhang
Definition mit Begriffen wie Selbstentladung, Entladetiefe und
Entladerate praktikabler und in der Umgangssprache
Eine Speichereinheit ist eine Einrichtung oder
gängiger, während sich in der Wissenschaft mehr die
Behältnis zur Bevorratung, Lagerung und Auf-
Begriffe Ein- und Ausspeichern etabliert haben.
bewahrung von Gütern oder Energieträgern.

zz Anwendung der Definition


Definition »Energiespeicher«
Die drei Prozesse können in einem Schritt inte­
Ein Energiespeicher ist eine energietechnische
griert werden oder separat angelegt sein.
Anlage zur Speicherung von Energie in Form von
Bei Batterien und Kondensatoren erfolgen die drei
innerer, potentieller oder kinetischer Energie.
Energiewandlungs- und -speicherprozesse in einem
Ein Energiespeicher umfasst die drei Prozesse
Bauteil: Die Elektroenergie wird elektrochemisch in
Einspeichern (Laden), Speichern (Halten) und
der Elektrode bzw. Aktivmasse und Doppelschicht
Ausspeichern (Entladen) in einem Zyklus. Diese
gewandelt und chemisch gespeichert. Zu einem Bat-
werden physikalisch in Form von Energiewand-
teriespeicher gehört neben den Batteriezellen bzw.
lern (Ein- und Ausspeichern), einer Speicher-
Batteriepacks („Speichereinheit“) auch eine entspre-
einheit (Halten) und Hilfsaggregaten realisiert,
chende Leistungselektronik („Energiewandler“) zur
weshalb die gesamte Anlage auch als Energie-
Ein- und Ausspeicherung und ein Batteriemanage-
speichersystem bezeichnet wird.
mentsystem („Hilfsaggregate“). Zusammen bildet das
System anlagentechnisch einen „Energiespeicher“.
Bei einem Pumpspeicherwerk erfolgt die Ein-
Definition speicherung von Elektroenergie durch eine elektro-
Ein Energieträger ist ein Stoff, der Energie ge- motorisch angetriebene Pumpe, die Wasser in das
speichert hat. Er befindet sich in der Speicher- Oberbecken befördert. Das Oberbecken stellt mit
einheit eines Energiespeichers. dem Unterbecken oder Unterwasser die Speicher-
einheit dar. Die gespeicherte potenzielle Energie
hängt von der Masse des Wassers und der Höhen-
. Abbildung 2.1 illustriert die Definition von Energie- differenz zwischen Ober- und Unterbecken ab. Bei
speichern, deren wichtigste Größen in s.  7Abschnitt der Ausspeicherung fließt das Wasser vom Oberbe-
2.3.2 beschrieben sind. Technisch betrachtet ist ein cken durch eine Turbine samt Generator, der Strom
(Energie)Speicher die Speichereinheit oder das reine generiert, ins Unterwasser. Pumpen und Turbinen
Behältnis selbst, in dem der Energieträger gespeichert stellen also die „Energiewandler“ dar, welche mit
ist. Zur Ein- und Ausspeicherung sind darüber hi- dem Ober- und Unterbecken und Hilfsaggregaten
naus Energiewandler und für den Betrieb erforder- einen „Energiespeicher“ bilden.
liche Hilfssysteme notwendig. Zusammen bilden Die einzelnen Prozesse sind nicht zwingend an
diese Einheiten ein „Energiespeichersystem“, welches ein Medium, ein Bauteil oder einen Ort gebunden.
vereinfacht als „Speicher“ bezeichnet wird. In diesem Power-to-Gas Energiespeicher bestehen beispiels-
Buch wird der Begriff „Energiespeicher“ durchgängig weise aus einem Gasspeicher („Speichereinheit“),
für die anlagentechnische Einheit aller drei Prozesse der räumlich woanders sein kann als die Einspei-
verwendet und nicht das längere Synonym „Energie- chertechnologien Elektrolyse und Methanisierung
speichersystem“. oder die Gasturbine für das Ausspeichern (beides
„Energiewandler“).
2.1 • Definition und Anwendung
27 2

. Abb. 2.1  Definition eines Energiespeichers als Dreiklang aus Einspeicherung (Laden), Speicherung und Ausspeicherung (Entla-
den) samt wichtigsten physikalischen Größen. Anlagentechnisch bilden diese drei Komponenten ein System, weshalb ein Energie-
speicher auch als „Energiespeichersystem“ bezeichnet wird. Umgangsprachlich werden Energiespeicher als „Speicher“ bezeichnet.

Die Effizienz oder der Wirkungsgrad eines beschriebene Definition von Sektorkopplung oder
Energiespeichers hängt primär davon ab, wie viele auch Sektorenkopplung entscheidend.
physikalische Umwandlungsschritte zwischen den Zu den primären Energiespeichern zählen vor allem
drei Prozessen stattfinden und wie lange die Spei- Energieträger wie fossile Brenn- und Kraftstoffe,
cherzeit ist (Verluste durch Wandlung, Selbstent- die in entsprechenden Speichereinheiten wie Erd-
ladung und Stand-By). öllager, Kohlehalden oder Erdgasspeichern gelagert
werden. Ihre Einspeicherung erfolgte einmalig über
zz Unterkategorien von Energiespeichern die Photosynthese zu Biomasse und die natürliche
Energiespeicher werden sowohl in primäre und se- Umformung zu fossiler Primärenergie über sehr lan-
kundäre Energiespeicher als auch in sektorale und ge Zeiträume. Die Ausspeicherung erfolgt einmalig
sektorenkoppelnde Energiespeicher unterschieden. über das Verbrennen der fossilen Energieträger in
In diesem Zusammenhang ist auch die im weiteren Kraftwerken, Heizungen und Fahrzeugen. Auch
Einwegbatterien zählen zu den primären Energie-
speichern. Sie werden Primärbatterien genannt.
Definition
Zu den sekundären Energiespeichern zählen alle
Primäre Energiespeicher sind Energiespei- »wiederaufladbaren« Energiespeicher wie Akku-
cher, die nur einmal geladen und entladen mulatoren (Sekundärbatterien), Pumpspeicher-
werden. werke, Druckluftspeicher, Kondensatoren, Spulen,
Schwungmassenspeicher oder Speichereinheiten
für (Kohlen)wasserstoffe wie Gasspeicher und
Definition Kraftstofftanks, welche über die Einspeicherung
Sekundäre Energiespeicher sind Energie- von erneuerbarer Energie über Photosynthese
speicher, die mehrfach geladen und entladen (Biomasse), Power-to-Gas oder Power-to-Liquids
werden können. (mehrfach) gefüllt und über entsprechende Aus-
speichertechnologien (mehrfach) entladen werden.
28 M. Sterner und F. Bauer

Definition (Spulen) (s.  7  Kap. 6) oder wandeln Elektroenergie


Sektorale Energiespeicher sind Energie- reversibel in eine beliebige andere physikalische
speicher, die rein in einem Energiesektor Energieform um. Nach dem Entladen des Speichers
2 eingesetzt werden. Das Ein- und Ausspeichern steht wieder Elektroenergie mit einem gewissen
erfolgt bidirektional im selben Sektor. Wirkungsgradverlust zur Verfügung (s. . Abb. 2.2).

Definition Beispiel Stromspeicher: Pumpspeicherwerk


(PSW oder auch Pumpspeicher bzw. Pumpspei-
Sektorenkoppelnde Energiespeicher sind cherkraftwerk)
Energiespeicher, die in einem oder mehreren Einspeichern: Elektroenergie wird durch das Pum-
Energiesektoren eingesetzt werden und uni- pen von Wasser in ein Oberbecken in mechanische
und/oder bidirektional arbeiten und dabei Lageenergie (potenzielle Energie) gewandelt.
zwei oder mehrere Sektoren miteinander Speichern: Die Potenzialdifferenz des Wassers zwi-
koppeln. Das Ein- und Ausspeichern erfolgt schen Ober- und Unterbecken stellt die gespei-
nicht zwangsläufig im selben Sektor. cherte Energie dar.
Ausspeichern: Die potenzielle Energie der Höhen-
Definition differenz von Wasser wird über eine Turbine in kine-
Die Sektorenkopplung oder Sektorkopplung tische Rotationsenergie und über den angekoppel-
verbindet die Sektoren Strom, Wärme, Verkehr ten Generator zurück in Elektroenergie gewandelt.
und den nicht-energetischen Verbrauch fossiler
Rohstoffe (v. a. Chemie) über Energiespeicher Wärmespeicher speichern Wärme über sensible,
und Energiewandler. Damit wird vorwiegend latente oder thermochemische Wärmespeicher
erneuerbarer Strom als Primärenergie zur De- (s.  7  Kap. 10). Analog zu Stromspeichern liegt die
karbonisierung der anderen Sektoren genutzt. gespeicherte Energie wieder als Wärme vor, abzüg-
lich der Wirkungsgradverluste (s. . Abb. 2.2).

Diese Unterteilung der Oberkategorie »Ener- Beispiel Wärmespeicher: Solarthermische Anlage


giespeicher« in sektorale und sektorenkoppelnde Einspeichern: In Solarkollektoren wird ein Wasser-
Energiespeicher ist für die Speicherdiskussion we- Glykol-Gemisch durch Solarenergie erwärmt. Über
sentlich und wird im Folgenden entsprechend aus- einen Wärmetauscher wird die Wärme der Flüssig-
führlich erörtert. Energiespeicher sind für die Sek- keit an Wasser im Speichertank abgegeben.
torenkopplung entscheidend, denn eine Sektoren Speichern: Die Wärme wird in der Temperaturdif-
kopplung ohne Energiespeicher ist nicht möglich. ferenz zwischen dem erwärmten Wasser und dem
Kaltwasser als sensible Wärme in Pufferspeichern
zz Sektorale Energiespeicher: Stromspeicher, (Warmwassertanks) gespeichert.
Wärmespeicher, Kraftstoffspeicher, Power-to- Ausspeichern: Die thermische Energie des Warmwas-
Chemicals, Power-to-X Gasspeicher sers wird über einen Wärmetauscher geführt. Dabei
Klassische Beispiele für sektorale Energiespeicher sind wird Brauchwasser oder Heizwasser erwärmt und als
Pumpspeicher (Stromsektor), Pufferspeicher (Wär- Endenergie in Form von Raumwärme, Prozesswärme
mesektor) und Kraftstofftanks (Verkehrssektor). Die (z. B. Brauereien) oder schlicht als Warmwasser genutzt.
Energiespeicher sind systemintegriert und entspre-
chend keine Letztverbraucher im jeweiligen Energie- Brenn- und Kraftstoffspeicher speichern chemische
sektor. Eine Ausnahme stellt ein Gasspeicher dar, der Energie über die Lagerung von Kohlenwasserstoffen
aus Sicht des Gassektors ein sektoraler Speicher ist, aber oder anderen Energieträgern (s. 7 Kap. 8). Der Spei-
letztlich über die Sektorenkopplung für alle drei Ener- cherprozess beschränkt sich auf ein Be- und Entladen
gieanwendungssektoren Strom, Wärme und Verkehr von Speichereinheiten wie z. B. Tanks über geeignete
plus industrielle Anwendungen zum Einsatz kommt. Technologien wie z. B. Pumpen (s. .  Abb. 2.2). Der
Stromspeicher speichern direkt Elektroenergie elek- eigentliche Einspeichervorgang für konventionelle
trostatisch (Kondensatoren) oder elektroma­gnetisch Brenn- und Kraftstoffe als Energieträger und pri-
2.1 • Definition und Anwendung
29 2

. Abb. 2.2  Definition von sektoralen Energiespeichern am Beispiel von Stromspeichern, Wärmespeichern, Kraftstoff-
speichern und Gasspeichern

märe Energiespeicher liegt in der Photosynthese zz Sektorenkoppelnde Energiespeicher: Power-


(s. 7 Abschn. 1.1.1), welche als sektorenübergreifender to-Gas, Power-to-Heat, Power-to-Liquid, Power-
Speicher begriffen werden kann. Im gleichen Zug ist to-Chemicals, Power-to-X Elektromobilität
auch Power-to-Gas zu nennen als Nachbildung der Klassische Beispiele für sektorenkoppelnde Energie-
Photosynthese und sekundärer Energiespeicher. Der speicher sind (Nacht-)Speicherheizungen, die im
Ausspeichervorgang findet meist in Verbrennungs- Lastmanagement Strom- und Wärmesektor uni-
einrichtungen unter Wandlung der chemischen direktional miteinander verknüpfen. Die moderne
Energie in thermische und mechanische Energie Variante davon wird »Power-to-Heat« genannt und
(Heiztherme, Verbrennungsmotor) statt. nutzt Wärmepumpen und Heizstäbe, um vorwie-
gend Wind- und Solarstrom, aber auch Rege­lenergie
Beispiel Kraftstoffspeicher: Kraftstofftank und (Graustrom) in Wärme zu wandeln. Aus Perspektive
Rohölnutzung im Verkehr des Stromsektors handelt es sich bei Power-to-Heat in
Einspeichern: Kraftstoff wird durch eine Pumpe in allen Fällen um Letztverbraucher, da die Rückverstro-
einen Kraftstofftank befördert. Zuvor wurde der mung aus niederkalorischer Wärme theoretisch über
Kraftstoff über die Photosynthese von Solarenergie z. B. ORC-Anlagen (Organic-Rankine-Cycle) möglich
gespeichert und als Biomasse oder Rohöl gefördert ist, aber derzeit nicht wirtschaftlich umgesetzt werden
und zu Kraftstoff aufbereitet. kann (s. . Abb. 2.3 und . Abb. 2.4). Die Rückverstro-
Speichern: Der Kraftstoff beinhaltet als Energieträ- mung von Wärme aus Power-to-Heat wird auch als
ger chemische Bindungsenergie und lagert im Tank. Power-to-Heat-to-Power (PtHtP) bezeichnet.
Ausspeichern: Über eine Einspritzanlage wird Ein Sonderfall ist auch die Technologie Power-
Kraftstoff aus dem Tank in den Verbrennungsraum to-Gas, bei der es sich im Wesentlichen um eine Ein-
eines Motors gebracht und dort in thermische bzw. speichertechnologie handelt, bestehend aus Wasser-
mechanische Energie gewandelt. elektrolyse (s. 7 Abschn. 8.2) und optionalen Synthe-
30 M. Sterner und F. Bauer

. Abb. 2.3  Definition von sektorenkoppelnden Energiespeichern bzw. der Sektorenkopplung am Beispiel von Power-
to-Heat, flexibler Kraft-Wärme-Kopplung (KWK), Wärmepumpen, Power-to-Gas, Elektromobilität, Power-to-Chemicals und
Power-to-Liquid. Alle Prozesse, die Strom als Primärenergie verwenden können auch als Power-to-X bezeichnet werden
(s. auch Kap. 5)

. Abb. 2.4  Beispiele für sektorenkoppelnde Energiespeicherung – Power-to-Heat (1): Verbindung von Strom- und
Wärmesektor über elektrisches Heizen mit Wärmepumpen, Heizstäben oder Speicheröfen; Power-to-Gas für Wärme (4):
Nutzung vorhandener Gasspeicher und Gasthermen zur Speicherung und Nutzung von Strom; Power-to-Gas für Kraftstof-
fe (5), Power-to-Liquid, Power-to-Fuel: Speicherung und Nutzung von Strom im Verkehrssektor als Stromkraftstoff
2.2 • Nutzen von Speichern
31 2
sen (7 Abschn. 8.3). Erst über die Verknüpfung mit Chemicals als Speicherprozess betrachtet werden,
der Gasinfrastruktur kann der Energieträger Gas wenn durch den Einsatz von erneuerbaren Energien
transportiert und gespeichert werden. Die Nutzung für diese Zwecke gespeicherte fossile Energie in Form
ist für alle Energiesektoren offen (s. . Abb. 2.3). von Erdgas, Erdöl oder Kohle für andere energetis­che
Analog zu Power-to-Heat kann Power-to-Gas Anwendungen freigesetzt wird (s. 7 Abschn. 8.6 und
durch die Verbrennung des Gases für Wärmezwe- 7 Abschn. 13.3). Auch diese Einheiten können für den
cke (BHKW, Gastherme etc.) eine Brücke zwischen Stromsektor positive und negative Regelleistung zur
Strom- und Wärmesektor schlagen (s. .  Abb.  2.3 Verfügung stellen oder im Lastmanagement eingesetzt
und . Abb. 2.4). werden. Damit können alle diese Technologien dem
Eine Kopplung zwischen Strom- und Verkehrs- Stromsystem zusätzliche Flexibilität zum Ausgleich von
sektor erfolgt über Elektromobilität (derzeit unidi- Schwankungen in Erzeugung und Verbrauch anbieten.
rektional, prinzipiell auch uni- sowie bidirektional In der Diskussion zum Letztverbraucherstatus
möglich) und Power-to-Gas, Power-to-Liquid oder gibt es in Deutschland die neue Perspektive einer
»Power-to-Fuel« über die Nutzung von Stromkraft- „Endenergieabgabe“, welche einheitlich über alle
stoffen (unidirektional). Entsprechend agiert Pow- Sektoren erfasst werden soll. Damit kann der Wech-
er-to-Gas für den Verkehr als Letztverbraucher aus sel der Energie von einem in den anderen Sektor
Sicht des Stromsektors, da es sich durch die fehlende finanziell erleichtert werden, ohne das Abgaben
Rückverstromung per Definition um kein vollständi- doppelt und dreifach anfallen. Gerade im Zuge von
ges Stromspeichersystem (Einspeichern, Speichern, Netzengpässen, welche Kompensationszahlungen
Ausspeichern) handelt (s. . Abb. 2.3 und . Abb. 2.4). in Milliardenhöhe für ungenutzten erneuerbaren
Power-to-Gas kann auch als Stromspeicher bi- Strom (Einspeisemanagement) und dessen nach-
direktional für den Stromsektor eingesetzt werden, träglicher Ausgleich (Redispatch) zur Folge haben,
wenn an die Einspeichereinheit Strom-zu-Gas nach bekommt diese Diskussion zunehmend an Fahrt.
Speicherung und optionalem Transport des Gases Ein paralleler Ausbau der Speicherinfrastruktur zur
eine Rückverstromung über Ausspeichertechnolo- Stromnetzinfrastruktur erscheint daher als sinnvoll.
gien wie Gasturbinen oder BHKW erfolgt. In die-
sem Fall ist Power-to-Gas kein Letztverbraucher für zz Kombinationen von Einspeichern, Speichern
den Stromsektor, da die gespeicherte Energie wie- und Ausspeichern
der dem Stromsektor zugeführt wird(s. . Abb. 2.2). .  Tabelle  2.1 konkretisiert die vielfältigen mögli-
chen Kombinationen von Einspeicher-, Speicher-
zz Sektorenkopplung, Power-to-X und Power- und Ausspeichereinheiten.
to-Chemicals
Die Verbindung aller Sektoren vom Stromsektor aus
wird mittlerweile als Sektorkopplung bezeichnet. Da 2.2 Nutzen von Speichern
immer mehrere Sektoren miteinander gekoppelt wer-
den, wird in diesem Werk der Begriff Sektorenkopp- Der physikalische Nutzen von Energiespeichern
lung verwendet. Dies ist eine Ableitung aus der De- besteht in der Bevorratung, Aufbewahrung und La-
finition von sektorenkoppelnden Energiespeichern. gerung von Energie, um einen zeitlichen Ausgleich
Power-to-X ist dafür ein Sammelbegriff, der Pow­ zwischen Angebot und Nachfrage zu schaffen.
er-to-Heat, Power-to-Gas, Power-to-Liquid und Pow­ Dabei stehen sie grundsätzlich hinsichtlich ihrer
er-to-Chemicals ineinander vereint (s.  7  Kap. 5). Die Funktion nicht in Konkurrenz zu Energienetzen,
vielfältigen Verbindungen sind in .  Abb. 2.3 darge- welche für den räumlichen Ausgleich zuständig sind.
stellt. Der Sektor des „nicht-energetischen Verbrauchs
fossiler Rohstoffe“ (z. B. zur Gewinnung von Kunst- Beispiel
stoffen, Düngemittel etc.), welcher in Energiebilanzen Ein Beispiel aus dem Stromsektor: Der Einsatz von
separat bilanziert wird, wird in der Abbildung verein- Stromspeichern wird oft argumentativ gegen den
facht als „Chemiesektor“ dargestellt. Ausbau von Stromnetzen verwendet. Dies ist nicht
Prinzipiell kann auch die Herstellung von Grund- darstellbar, da sie grundlegend unterschiedliche
stoffen für die chemische Industrie über Power-to- Funktionen erfüllen:
2
32

. Tab. 2.1  Beispiele verschiedener Energiespeichertechnologien und Kombinationen aus Speichereinheiten

Speicher- Speichertechno- Einspeichern Speichern Ausspeichern Funktion aus Sicht Funktion aus Funktion aus
klasse logie des Stromsektors Sicht des Wär- Sicht des Ver-
mesektors kehrssektors

Sektoral, Sektorenintegriert
M. Sterner und F. Bauer

elektrisch Kondensatoren direkt Elektrisches Feld direkt Stromspeicher, – Rekuperation,


Kurzzeit Kurzzeitstrom-
speicher

Spulen direkt Magnetfeld direkt Stromspeicher, – –


Kurzzeit

elektroche- Alle Batterien integr. el.-chem. Elektrode und integr. el.-chem. Stromspeicher, Kurz- – –
misch außer Redox Flow Wandlung Aktivmasse Wandlung und Langzeit

Redox-Flow-Bat- Pumpe, Zelle Tank, chem. Pumpe, Zelle Stromspeicher, Kurz- – –


terie Verbindungen und Langzeit

chemisch Kraftstoffspeicher Pumpe, Photo- Tank, Kraftstoff, Pumpe, Brenner, – Brennstoffspei- Kraftstoffspeicher
synthese Kaverne Motor cher

mechanisch Pumpspeicher Pumpe, Motor Oberbecken, Turbine, Generator Stromspeicher, Kurz- – –


Wasser und Langzeit

Druckluftspeicher Kompressor, Kaverne, Rohr, Turbine, Generator Stromspeicher, – –


Motor Wärmespeicher Kurzzeit

Lageenergiespei- Pumpe, Motor Bewegung von Turbine, Generator Stromspeicher, Kurz- – –


cher Granit, Gestein und Langzeit

Schwungmassen- Motor Rotationsenergie Generator Stromspeicher, – –


speicher Kurzzeit

Federenergie- mech. Arbeit Lageenergie Mech. Arbeit Stromspeicher, – Notbremse bei


speicher Kurzzeit Energieausfall im
Fahrzeug
. Tab. 2.1  Fortsetzung

Speicher- Speichertechno- Einspeichern Speichern Ausspeichern Funktion aus Sicht Funktion aus Funktion aus
klasse logie des Stromsektors Sicht des Wär- Sicht des Ver-
mesektors kehrssektors

Thermisch Warmwasser- Wärmetauscher Tank, Wasser Wärmetauscher – Wärmespeicher –


speicher
2.2 • Nutzen von Speichern

Latentwärme- Wärmetauscher Phasenwechsel- Wärmetauscher – Wärmespeicher –


speicher Materialien PCM)

Thermochemi- Chem. Energie- Zeolithe, Tanks Chem. Energie- – Wärmespeicher –


sche Speicher wandlung wandlung

Sektorenkoppelnd, Sektorenübergreifend, Intersektoral

elektroche- Batterien Elektro- Leistungselek- Elektrode Elektromobil, Lastmanagement – Energielieferant


misch mobilität tronik, integr. Hybrid
el.-chem.

Chemisch Power-to-Gas Elektrolyse, Me­ Gasnetz, Gas- GuD, Gasturbine Stromspeicher, – –


Strom thanisierung speicher Langzeit

Power-to-Gas Elektrolyse, Me­ Gasnetz, Gas- Gastherme Lastmanagement, Wärmelieferant –


Wärme thanisierung speicher Letztverbraucher

Power-to-Gas Elektrolyse, Me­ Gasnetz, Gas- Gasauto, KFZ Lastmanagement – Kraftstofflieferant


Mobilität thanisierung speicher

Kohlenwasser- Photosynthese Biomasse, fossile Verbrennungs- Stromspeicher Wärmelieferant Kraftstofflieferant


stoffe Energie, Gas- technik
speicher

thermisch Power-to-Heat Heizstab, Wär- Tank, Wasser, Wärmetauscher Lastmanagement Wärmelieferant –


mepumpe Wärmenetz
33

Sorptionswärme- Heizstab, Wär- Zeolithe, etc., Wärmetauscher Lastmanagement Wärmelieferant –


speicher mepumpe Tank

mechanisch Zugantrieb Motor Schwungmasse Lastmanagement – Antrieb


(kin. Energie)

Bremsenergie- Schwungmasse Generator Lastmanagement – Bremse


rückgewinnung (kin. Energie)
2
34 M. Sterner und F. Bauer

Stromnetz: räumlicher Ausgleich


Stromspeicher: zeitlicher Ausgleich Optimum weniger spezifische Emissionen aufwei-
Zwar kann die lokale Zwischenspeicherung von sen, verursacht ihre Mehreinspeisung doch wieder-
Strom am Ort der Stromerzeugung oder Ort des um unter dem Strich mehr Emissionen als ohne den
2 Stromverbrauchs Netzengpässe vermeiden helfen, Einsatz von Speichern oder anderen Flexibilitäten.
Der geopolitische Zweck eines Energiespeichers
wenn ihr Einsatz netzdienlich erfolgt und nicht
marktgetrieben. Stromspeicher ersetzen aber nicht ist die Gewährleistung der Versorgungssi­cherheit.
den räumlichen Ausgleich. Ganz grundlegend fußt die Energieversorgung
weitgehend auf biogener und fossil gespeicherter
Einzig Power-to-Gas spielt eine Sonderrolle: Durch Energie (s.  7  Kap.  1), weshalb zur Lagerung von
die Speicherung von Strom in Form von Gas in der Erdöl und Erdgas auch strategische Reserven in
Gasinfrastruktur kann Strom nicht nur zeitlich ver- großem Umfang in Deutschland angelegt wurden.
lagert, sondern auch über das Gasnetz transpor- Über eine strategische Energiereserve hinaus er-
tiert und somit räumlich verlagert werden. möglicht die Untergrundspeicherung von Erdgas
eine Entkopplung von gleichmäßigen Lieferströ-
Speicher können als Flexibilitätsoption Schwankun- men vorwiegend russischer und norwegischer Gas-
gen ausgleichen. Sie können Überschüsse aufnehmen importe von saisonal bedingten Bedarfsschwan­
und Defizite (auch Versorgungslücken, Unterschüsse) kungen (Winter/Sommer) sowie die Abdeckung von
decken. Letzteres spielt vor allem in der Strom- und kurzfristigen Verbrauchsspitzen z. B. für die Verstro-
Wärmeversorgung eine wichtige Rolle. Solarthermi- mung von Erdgas in Gaskraftwerken und BHKW.
sche Anlagen erzeugen nur selten dann Wärme, wenn Ein Beispiel ist der niedersächsische Speicher-
sie als Warmwasser oder Heizwärme auch gebraucht standort Etzel südwestlich von Wilhelmshaven
wird. Warmwasserspeicher nehmen die Überschüsse mit derzeit 62 unterirdischen Kavernen mit einem
auf und gleichen die Defizite zu einem späteren Zeit- geometrischen Volumen von 38  Mio.  m3 für die
punkt (abends, in der Nacht) aus, soweit die Speicher- Speicherung von Rohöl und Erdgas. Die Etzeler
größe reicht und die gespeicherte Energie bei gegebe- Kavernen haben eine Speicherkapazität von über
ner Selbstentladung gehalten werden kann. 10 Mio. m3 (10 Mrd. l oder 63 Mio. US-Barrel). Sie
Durch Energiespeicher ist es möglich, dem dienen der langfristigen Lagerung von Rohöl und
elektrischen Netz positive sowie negative Regel- sind Teil der strategischen Rohölreserve der Bun-
und Ausgleichsenergie (Reservemärkte und Er- desrepublik sowie weiterer europäischer Staaten.
zeugungsausgleich) zur Verfügung zu stellen. Dies Ferner dienen sie zur Deckung von Verbrauchs-
stellt den elektrischen Nutzen von Speichern dar. spitzen und Zwischenlagerung von Erdgasimpor-
Das Abregeln von Wind- und Photovoltaikanlagen ten. Derzeit können im Kavernenspeicher Etzel ca.
wird dadurch vermindert und die klimafreundliche 3,5  Mrd.  Nm3 Arbeitsgas in 39 Kavernen gespei-
Energie kann genutzt werden. chert werden, das entspricht rund 4 % des jährli-
Speicher werden aber nicht nur für erneuer- chen deutschen Gasverbrauchs (s. . Abb. 2.5).
bare Energie, sondern auch für die konventionelle Die in Deutschland für Kavernenspeicher ver-
Stromerzeugung eingesetzt. Pumpspeicher, Druck- wendeten Salzstöcke sind über 250  Mio. Jahre alt
luftkraftwerke und Speicheröfen dienten lange dazu, und eignen sich für diese Speicheraufgaben sehr
die »Stromüberschüsse« in der Nacht in die Last- gut (s. 7  Abschn.  8.4.1.3). Insgesamt könnten die
spitzen des Tages zu verlagern. Dadurch können deutschen Ölreserven als primäre Energiespeicher
Grundlastkraftwerke wie Atom- und Braunkohle- den nationalen Bedarf für 90  Tage überbrücken,
kraftwerke technisch einfacher und wirtschaftlicher ebenso kann 25 % des jährlichen deutschen Erd-
im Optimum betrieben werden und entsprechend gasverbrauchs (217 von ca. 900  TWh/a) in unter-
sogar geringere spezifische CO2-­Emissionen pro irdischen Erdgasspeichern gelagert werden.
kWh Strom erzielen. Der Nachteil in der höheren
Auslastung von Kraftwerken zur Grundlastdeckung zz Einordnung von Speichern in die
durch Speicher liegt in den höheren Mengen an ato- Energieversorgung
maren und klimaschädlichen Abfällen, die in die Energiespeicher lassen sich in der Energiewand-
Umwelt gelangen. Auch wenn die Kraftwerke im lungskette, angefangen von der Urenergie Sonne
2.2 • Nutzen von Speichern
35 2

. Abb. 2.5  Speicherstandort Etzel südwestlich von Wilhelmshaven mit 23 Rohölkavernen und 39 Gaskavernen als größ-
ter deutscher Speicherstandort für strategische Öl- und Gasreserven (Quelle: IVG Caverns GmbH)

. Abb. 2.6  Einordnung primärer und sekundärer Energiespeicher in die Energiewandlungskette

bis hin zur Nutzenergie, an jeder Schnittstelle der ren Einstrahlung auch Biomasseproduktion und
Kette als primäre und/oder sekundäre Energie- Wind- und Wasserkreisläufe antreibt.
speicher einordnen (s. .  Abb.  2.6). Die Sonne ist Es wird offensichtlich: Ohne Energiespeicher
letztlich ein funktionstüchtiger Fusionsreaktor würde die Energieversorgung nicht funktionie-
in ausreichender Entfernung, der neben der sola- ren, Energiespeicher sind elementare Bestandteile
unseres Energiesystems.
36 M. Sterner und F. Bauer

. Abb. 2.7  Klassifizierung von Energiespeichern unter physikalischen, energetischen, zeitlichen, räumlichen und öko-
nomischen Gesichtspunkten

2.3 Klassifizierung von Speichern Pumpspeicher oder kinetische Energiespeicher wie


Schwungräder unterteilt werden.
Neben der Definition und Kategorisierung von In elektrochemischen Energiespeichern wie
Energiespeichern schafft deren Klassifizierung Batterien oder Akkumulatoren wird die Energie
anhand verschiedener Eigenschaften einen guten in chemischer Form in den Elektrodenmaterialien
Überblick. In diesem Abschnitt wird die Vielzahl oder Ladungsträgern einer Redox-Flow-Batterie ge-
existierender Energiespeicher anhand ihrer Eigen- speichert. Daher sind sie eine Untergruppe der che-
schaften und ihren Einsatzgebieten klassifiziert, um mischen Energiespeicherung. Diese Untergruppe ist
die Speicher untereinander vergleichbar zu machen jedoch so groß, dass sie in diesem Werk neben den
(s. 7 Kap. 12). Hierbei gibt es verschiedene Möglich- vier Energieformen als separate Speicherklasse in
keiten der Einordnung (s. .  Abb.  2.7), von denen einem eigenen Kapitel (s. 7 Kap. 7) behandelt wird.
einige aufgegriffen und ausgeführt werden. Eine weitere Untergruppe ist die elektromag-
netische Energiespeicherung. Sie ist eine Form der
elektrischen Energiespeicherung in alternierenden
2.3.1 Physikalisch-energetische elektromagnetischen Feldern.
Klassifizierung Rein magnetische Energiespeicher gibt es nicht,
da es keine magnetischen Ladungen gibt. Der Ma-
Eine weit verbreitete Einordnung von Energiespei- gnetismus hat seine Ursache in bewegten elekt-
chern ist die Differenzierung anhand der physikali- rischen Ladungen und wirkt ebenso auf bewegte
schen Form der gespeicherten Energie. Grundsätz- elektrische Ladungen. Er tritt also ähnlich zur Re-
lich wird zwischen folgenden gespeicherten Ener- lativitätstheorie nur bei relativer Bewegung von La-
gieformen unterschieden: dungsträgern zueinander auf. In Elektromagneten
55 elektrische Energie, auch Elektroenergie oder sind diese bewegten Ladungen die bewegten Elek-
elektrostatische oder elektromagnetische tronen in einem stromdurchflossenen Leiter (Spu-
Energie le); in Permanentmagneten die atomaren Ring-
55 chemische Energie, auch Bindungsenergie ströme, die in der Umkreisung der Elektronen des
55 mechanische Energie, auch kinetische und Atomkerns entstehen, zusätzlich zur Eigenrotation
potenzielle Energie (Spin) der Elektronen (s. [4]). Umgangssprachlich
55 thermische Energie, auch kalorische Energie wird dennoch von magnetischen Energiespeichern
oder Wärme und Kälte. gesprochen, wobei immer elektromagnetische
Energiespeicher gemeint sind, die aufgrund ihrer
Aus diesen vier Energieformen lassen sich wichtige physikalischen Natur zur elektrischen Energiespei-
Untergruppen herausbilden. cherung gezählt werden (s. . Tab. 2.1).
So können beispielsweise die mechanischen Da diese physikalische Form der Klassifizie-
Energiespeicher in potenzielle Energiespeicher wie rung die häufigste ist und naheliegt, wird sie als
2.3 • Klassifizierung von Speichern
37 2
grundlegende Struktur für Teil III »Speichertech- Diese Speichertechnologien werden in 7 Kap. 7 be-
nologien« (s. 7 Kap. 6–12) verwendet. schrieben.

zz Elektrische Speicher (Elektromagnetische zz Chemische Speicher


Speicher, Elektrostatische Speicher) Chemische Speicher sind stoffliche Energieträger,
Elektromagnetische Energiespeicher wie Doppel- in denen gewandelte, verdichtete Primär- oder
schichtkondensatoren oder supraleitende Spulen Sekundärenergie vorhanden ist. Sie kommen als
nutzen elektrische und magnetische Felder, um primäre und sekundäre Energiespeicher zur An-
Energie (kurzfristig) zu speichern. Sie sind rein se- wendung. Die Energieträger können beispielswei-
kundäre Energiespeicher. se Kohlenwasserstoffe oder energietragende Stoffe
Elektrische Energie kann in Reinform nur elek­ sein. Die Energiespeicherung kann entweder in
trostatisch über Kondensatoren gespeichert werden. gasförmigen Medien (z.  B. Wasserstoff, Erdgas,
Im Aufbau von Speicherkondensatoren werden oft Windgas, Biogas), in flüssigen Medien wie Kraft-
zwei Schichten genutzt, weshalb von Doppelschicht- stoffen (z. B. Ethylen, Propylen, Methanol/Ethanol,
kondensatoren (sogenannte Supercaps) gesprochen Diesel, Kerosin) oder in festen Medien in Form von
wird. Unter Nutzung von Wechselstrom kann elek- Biomasse oder Kohle erfolgen.
trische Energie auch direkt in elektromagnetischen Die Ladevorgänge erfolgen in der Natur (Photo-
Feldern in Spulen bzw. Schwingkreisen gespeichert synthese) oder werden technologisch umgesetzt
werden. Um diese Felder auch ohne externe Ener- (Power-to-Gas, Power-to-Liquid). Die Lagerung
giezufuhr aufrechtzuhalten, ist ein sehr geringer In- bzw. Speicherung wird durch Tanks oder Kaver-
nenwiderstand notwendig, ideal gegen null. Daher nen realisiert. Die Entladung erfolgt meist durch
kommt bei elektromagnetischen Energiespeichern Verbrennungsprozesse und Wandlung der thermi-
die Supraleitung zum Einsatz, was sich auch in der schen in mechanische und/oder elektrische Ener-
Namensgebung (Supraleitender elektromagneti- gie. Über eine Brennstoffzelle kann eine Wandlung
scher Energiespeicher SMES) niederschlägt. auch direkt in elektrische Energie erfolgen (z.  B.
Der Speichertyp zur direkten Speicherung von Wasserstoff). Die Einzel- und Gesamtsysteme sind
Elektroenergie über elektrostatische und elektro- in 7 Kap. 8 dargestellt.
magnetische Technologien wird in diesem Buch
unter der Kategorie »Elektrische Speicher« geführt zz Mechanische Speicher
und in 7 Kap. 6 behandelt. Mechanische Speicher nutzen aus, dass ein gasför-
miges, flüssiges oder festes Medium aufgrund sei-
zz Elektrochemische Speicher ner Lage (Potenzial), Geschwindigkeit (Kinematik)
Zu den elektrochemischen Speichern – einer oder seines thermodynamischen Zustands (Druck)
Untergruppe der chemischen Speicher – zählen eine gewisse Energie aufweist. Sie zählen überwie-
Batterien und Akkumulatoren. Die gespeicherte gend zu den sekundären Energiespeichern. Hierzu
Energie befindet sich in chemischen Verbindun- zählen Druckluftspeicher (CAES), Pumpspeicher,
gen der Elektroden, die gleichzeitig als Ener- Schwungräder, Lageenergiespeicher und Federn,
giespeicher und Energiewandler fungieren. Zu welche näher in 7 Kap. 9 beschrieben werden.
unterscheiden sind Primärbatterien (nur einmal
zu entladen) und Sekundärbatterien (Akkumu- zz Thermische Speicher
latoren, wiederholtes Laden und Entladen mög- Thermische Energiespeicher speichern Wärme
lich), die sich wiederum in folgende Kategorien nach thermodynamischen Prinzipien und zählen
einteilen lassen: zu den sekundären Energiespeichern (s. 7 Kap. 10).
55 Niedertemperaturbatterien (z. B. Blei, Nickel, Anhand deren können folgende Technologien
Lithium) unterschieden werden:
55 Hochtemperaturbatterien (z. B. Schwefel-Na- 55 In sensiblen Wärmespeichern wird Wärme
trium) durch die Temperaturdifferenz eines Speicher-
55 Redox-Flow-Batterien (z. B. Vanadium) mediums vor und nach dem Ladevorgang
38 M. Sterner und F. Bauer

»fühlbar« gespeichert. Entscheidend für die wandeln). Im Folgenden werden diese Größen nach
gespeicherte Energiemenge sind neben dem Leistung, Energie und sonstige Größen gegliedert
Temperaturunterschied die Wärmekapazität und definiert.
2 und die Masse des Speichermediums. Sensible
z Leistungsgrößen
Wärmespeicher befinden sich in nahezu jedem
Haushalt und benötigen eine gute Wärme- Die Einspeicherleistung Pein (oder zugeführte Leis-
dämmung. tung Pzu bzw. Ladeleistung PLaden) eines Speicher-
55 In latenten Wärmespeichern oder Phasen- systems in Watt (W) ergibt sich aus der zugeführten
wechselmaterialien (Phase Change Materials bzw. einzuspeichernden Energie Eein pro Einspei-
PCM) ist die Wärme im Gegensatz zu den sen- cherdauer tein (s. Gl. 2.1). Analog zur Einspeicherung
siblen Wärmespeichern nicht »fühlbar« son- wird für die Ausspeicherung die Ausspeicherleistung
dern »verborgen« gespeichert. Das Ein- und Paus (oder abgeführte Leistung Pab bzw. Entladeleis-
Ausspeichern erfolgt durch eine Änderung des tung PEntladen) aus der entnommenen, ausgespei-
Aggregatszustands des Mediums unter Nut- cherten Energie pro Ausspeicherzeit taus errechnet
zung der jeweiligen Enthalpie. Latente Wärme- (s. Gl. 2.2). Ein- und Ausspeicherleistung können von
speicher werden z. B. in der Gebäudearchitek- unterschiedlicher Größe und Auslegung sein,
tur eingesetzt und können Wärme über lange
Zeit relativ verlustfrei speichern. dE E
55 Thermochemische Wärmespeicher nutzen den PLaden = Pein = ein = ein
( , 2.1)
dt tein E = const
Wärmeumsatz umkehrbarer chemischer Reak-
tionen. Durch eine endotherme Reaktion wird dE E
(
PEntladen = Paus = aus = aus . 2.2)
der Speicher geladen und nimmt Enthalpie dt taus E = const
auf. Diese wird bei der exothermen Entladung
wieder abgegeben. Über den gesamten Speicherzyklus können mehrere
Verlustleistungen auftreten (s. . Abb. 2.1). In der
Einspeicherung fällt über den Einspeicherwirkungs-
2.3.2 Definition und Berechnung der grad des jeweiligen Energiespeichers ηein die Einspei-
wichtigsten Größen cherverlustleistung PV,ein an (s. Gl. 2.3); analog dazu
in der Ausspeicherung über ηaus die Ausspeicherver-
zz Wichtigste physikalische und energetische lustleistung PV,aus (s. Gl. 2.7).
Kenngrößen von Energiespeichern Ferner definiert der Speicherwirkungsgrad ηsp
Die Speicherformen können über physikalische die Speicherverlustleistung PV,sp (s. Gl. 2.4), die sich
Größen miteinander verglichen werden. Anhand wiederum aus der Selbstentladungs- und Stand-
dieser Größen wird für jeden individuellen Zweck by-Verlustleistung zusammensetzt (s. Gl. 2.5 und
der passende Speicher ausgewählt. . Tabelle. 2.2 Gl. 2.6). Beide sind von der Dauer der Energiespeiche-
zeigt eine Auswahl der wichtigsten Kenngrößen. rung abhängig, welche als Speicherdauer tsp bezeich-
Weitere Größen sind Zyklenzahlen (Zyklenfestigkei- net wird und die Zeit des „Haltens“ der gespeicher-
ten) in Anzahl pro Tag, Woche oder Jahr, der Spei- ten Energie erfasst. Ohne dieses „Halten“ würde
cherfüllstand und Reaktionszeiten (Zugriffszeiten). ein Energiespeicher nur aus zwei Energiewandlern
Bei Batterien sind ferner die Entladetiefe (Depth bestehen und damit nicht die Funktion eines Energie-
of Discharge, DOD) und der Ladezustand (State of speichers – die zeitliche Verschiebung von Energie –
Charge, SOC) wichtige Größen. erfüllen. In aller Regel kann ein Energiespeicher die
Die Berechnung dieser Leistungs- und Ener- gespeicherte Energie nicht über die Speicherdauer tsp
giegrößen bildet den technischen Vergleichsmaß- konstant halten, da sich der Speicher durch interne
stab für Energiespeicher (s. [2]). Sie gliedern sich Prozesse oder äußeren Einwirkungen selbst entlädt.
entsprechend den drei Prozessen der Energiespei- Diese Verluste werden als Selbstentladungsverlust-
cherung: Einspeichern (Energie wandeln), Spei- leistung PV,SE definiert. Sie sind vor allem bei Kurz-
chern (Energie halten) und Ausspeichern (Energie zeitspeichern wie Batterien, Schwungrädern oder
2.3 • Klassifizierung von Speichern
39 2
. Tab. 2.2  Zusammenstellung der wichtigsten physikalischen Speicherkenngrößen

Kenngröße Einheit 1) Bedeutung

Leistungsgrößen
Leistung P W Leistung als Energie pro Zeit
Einspeicherleistung Pein (auch zuge- W Einspeicherleistung (Ladeleistung) als Energie/Arbeit/Wär-
führte Leistung Pzu) me pro Zeit
Ausspeicherleistung Paus (auch abge- W Ausspeicherleistung (Entladeleistung) als Energie/Arbeit/
führte Leistung Pab) Wärme pro Zeit
Einspeicherverlustleistung PV,ein W Verlustleistung, die durch die Energiewandlung in der Ein-
speicherung entsteht
Speicherverlustleistung PV,sp W Verlustleistung, die während des Speicherns (Halten) über tsp
durch die Selbstentladung und Stand-by entsteht
Stand-by-Verlustleistung PV,SB W Verlustleistung, die während des Speicherns (Halten) über tsp
durch den Bereitschaftszustand (Stand-by) entsteht
Selbstentladungsverlustleistung PV,SE W Verlustleistung, die während des Speicherns (Halten) über tsp
durch die Selbstentladung entsteht
Ausspeicherverlustleistung PV,aus W Verlustleistung, die durch die Energiewandlung in der Aus-
speicherung entsteht
Leistungsdichte p 2) W/kg, W/m3 nutzbare Leistung pro Masse bzw. Volumen
Leistungsgradient LG W/s leistungsbezogene Ein-/Ausspeichergeschwindigkeit (Lade-/
Entladegeschwindigkeit)
Energiegrößen
Energie E, Arbeit W Wh nutzbarer Energieinhalt des Speichers
(Energiemenge, Speicherkapazität)
Energiedichte e 2) Wh/kg, Wh/m3 nutzbare Energiemenge pro Masse bzw. Volumen
Gespeicherte Energie Esp,start Wh Gespeicherte Energie im Energiespeicher (Energieinhalt),
(Energieinhalt als Energie E, Arbeit W, für Maximalwerte (Speicherkapazität) Esp,max
Wärme Q, Maximalwert als „Speicher-
kapazität“)
Verbleibende Energie Esp,end Wh Verbleibende Energie im Energiespeicher nach der Speicher-
dauer tsp (gespeicherte Energie abzüglich Verluste durch
Selbstentladung und Stand-by)
Einzuspeichernde oder zugeführte Wh Einzuspeichernde oder zugeführte Energie in einen Energie-
Energie Eein (bzw. Ezu) speicher (Ladevorgang)
Speicherverlust EV,sp Wh Verlust, der während des Speicherns (Halten) über tsp durch
die Selbstentladung und Stand-by entsteht
Selbstentladeverlust EV,SE Wh Verlust, der während des Speicherns (Halten) über tsp durch
Selbstentladung entsteht
Stand-by-Verlust EV,SB Wh Verlust, der während des Speicherns (Halten) über tsp durch
Stand-by entsteht
Ausgespeicherte oder ausspeicher- Wh Ausgespeicherte oder ausspeicherbare Energie aus einen
bare Energie Eaus (Eab) Energiespeicher (Entladevorgang)
Zeitgrößen und Wirkungsgrad
Wirkungsgrad η 1 (%) Effizienz eines Energiewandlungs- oder -speicherprozesses
40 M. Sterner und F. Bauer

. Tab. 2.2  Fortsetzung

Kenngröße Einheit 1) Bedeutung

2 Einspeicherwirkungsgrad ηein 1 (%) Effizienz des Energiewandlungsprozesses der Einspei-


cherung
Speicherwirkungsgrad ηsp 1 (%) Effizienz des Speicherprozesses (gespeicherte Energie
halten)
Ausspeicherwirkungsgrad ηaus 1 (%) Effizienz des Energiewandlungsprozesses der Ausspeicherung
Gesamtwirkungsgrad ηges 1 (%) Effizienz des gesamten Energiespeicherprozesses eines Zyk-
eines Speicherzyklus mit der Spei- lus mit der Speicherdauer tsp
cherdauer tsp
Selbstentladungsrate SR 1 (%) / Tag, Anteil der während einer Zeitspanne durch Selbstentladung
1 (%) / Woche, verlorenen gespeicherten Energie
1 (%) / Monat
Einspeicherdauer tein s Dauer des Einspeichervorgangs (Ladevorgangs)
Speicherdauer tsp s Dauer des eigentlichen Speicherns bzw. Haltens der Energie
Ausspeicherdauer taus s Dauer des Ausspeichervorgangs (Entladevorgangs); auch
(E/P-Verhältnis, E/P-Ratio) E/P-Verhältnis (E/P-Ratio) genannt

1) Exemplarisch werden hier die Einheiten Watt, Wattstunde, Sekunden, Kilogramm und Kubikmeter verwendet, es kann

aber auch jede andere Energie-, Zeit-, Massen- und Volumeneinheit eingesetzt werden.
2) Volumetrische Größen eignen sich für Gase, gravimetrische Größen für Flüssigkeiten und Feststoffe.

Warmwasserspeichern von hoher Relevanz. Bei Spei- dEV , SB


cherdauern im Monats- bzw. Jahreszyklus können PV , SB = , (2.6)
dtsp
diese Verluste die Verluste der Ein- und Ausspei- Pein , Paus =0

cherung deutlich übersteigen. Langzeitspeicher wie


Gasspeicher haben tendenziell geringe Selbstentla- PV , aus = Psp , end − Paus . (2.7)
dungsverlustleistungen. Während der Speicherung
der Energie tritt zudem die Stand-by-Verlustleis- Der Leistungsgradient LG in %/min der Maximal-
tung PV,SB auf. Diese ergibt sich durch Hilfsaggregate leistung ist ein Maß für die leistungsbezogene Ein-
(z. B. Batteriemanagementsystem), welche zur und Ausspeichergeschwindigkeit eines Speichers
Bereitschaftshaltung eines Energiespeichers für die und wichtig für seinen dynamischen Einsatz zum
unmittelbare Be- und Entladung betrieben werden. Ausgleich von Schwankungen in Energieangebot
Hierzu zählt auch die Energiebereitstellung der Anla- und- nachfrage (s. Gl. 2.8),
genperipherie, um die ständige Verfügbarkeit des
Energiespeichers zu garantieren, dP (2.8)
LG = ; mit P = Pein oder Paus .
dt
PV , ein = Pein − Psp , start , (2.3)
z Energiegrößen
dEV , sp Der Speicherinhalt oder umgangssprachlich die Spei-
PV , sp = PV , SE + PV , SB =
(2.4) ,
dtsp cherkapazität Esp in Wattstunden (Wh) beschreibt
Pein , Paus =0
die Energiemenge, die ein Speicher aufnehmen
dEV , SE (Esp,start), abgeben (Esp,start) oder insgesamt fassen
PV , SE = , (2.5)
dtsp kann (Esp,max).
Pein , Paus =0
2.3 • Klassifizierung von Speichern
41 2
Der Begriff „Kapazität“ ist mehrfach belegt in tein

Physik, Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften: Eein = ∫ Pein (t )⋅ dt = Pein ⋅ tein P = const


=
1. für die Kapazität C eines Bauteils als Quotient t =0

aus Ladung Q und Spannung U („Kapazität (2.11)


E sp , start
eines Kondensators“). ,
ηein
2. für die Ladung Q einer Batteriezelle, eines
Batteriepacks oder einer Batterie EV , sp = EV , SE + EV , SB = Esp , start − Esp ,end =
3. für die Leistung P eines Kraftwerks („Kapazi-
PV , sp ⋅ tsp , (2.12)
tätsmarkt“, eng. („capacity market“)) Pein , Paus =0

4. für die Energie E, die aus einem Speicher zu


„gewinnen“ ist („Speicherkapazität“ eng. EV , SE = Esp , start − EV , SB = PV , SE ⋅ tsp , (2.13)
Pein , Paus =0
„storage capacity“)
EV , SB = Esp , start − EV , SE = PV , SB ⋅ tsp , (2.14)
Pein , Paus =0
Die erste Bezeichnung ist die physikalisch gültige. Da
sich aber auch für Energiespeicher der Begriff „Spei- taus

cherkapazität“ etabliert hat und international gängig Eaus = ∫ Paus (t )⋅ dt = Paus ⋅ taus =
P = const
(2.15)
ist, wird er in diesem Werk entsprechend verwendet. t =0

Ebenso wie die Leistungsgrößen können Ener- Esp , end ⋅ η aus ,


giegrößen innerhalb eines Speicherzyklus definiert
werden. Zu Beginn eines Speicherzyklus befindet sich Die Energiedichte e ist eine relative Energiegröße, die
die gespeicherte Energiemenge im Energiespeicher die gespeicherte Energiemenge Esp auf das Volumen
Esp,start (s. Gl. 2.9). Diese ist definiert über die zuge- oder die Masse des Energiespeichers bezieht. Sie wird
führte, einzuspeichernde Energie Eein oder Ezu mul- als volumetrische Energiedichte eV in Wh/m3 oder
tipliziert mit dem Einspeicherwirkungsgrad ηein. Eein als gravimetrische Energiedichte em in Wh/ angege-
ist aufgrund der Verluste bei der Energiewandlung ben (s. Gl. 2.16),
größer als Esp,start (s. Gl. 2.11). Am anderen Ende der
Speicherprozesses vor der Ausspeicherung befindet Esp Esp
em = , eV = . (2.16)
sich die gespeicherte Energiemenge Esp,end noch im m V
Energiespeicher (s Gl. 2.10). Die Differenz zur gespei-
cherten Energiemenge Esp,start resultiert zum einen Vergleich verschiedener Energiedichten
aus den Verlusten der Selbstentladung (EV,SE) sowie Beispielhaft werden die volumetrischen Energie-
den Stand-by-Verlusten (EV,SB) während des Spei- dichten der im Buch verwendeten physikalischen
cherns (zeitliche Verschiebung der Energie, Energie Speicherarten verglichen, nach [3] und [5].
„halten“). Diese Energieverluste während des Haltens Elektrische Speicher          (geringe Energiedichte)
werden zusammengefasst als Speicherverluste EV,sp (s. 55 Doppelschichtkondensator: 10 kWh/m³
Gl. 2.12). Darin sind nicht die Verluste des Ein- und 55 Supraleitende magnetische
Ausspeicherns enthalten. Über die Speicherdauer Δt Spule   : 3 kWh/m³
bzw. tsp ergeben sich so die Verlustleistungen zu den
Energieverlusten EV,SE (s. Gl. 2.13) und EV,SB (s. Gl. 2.14). Elektrochemische Speicher       (mittlere Energiedichte)
Am Ende eines Speicherzyklus treten bei der Aus- 55 Lithium-Ionen-Batterie:     300 kWh/m³
speicherung weitere Verluste auf, die sich aus dem Aus- 55 Bleibatterie:              70 kWh/m³
speicherwirkungsgrad des jeweiligen Energiespeichers
ηaus ergeben. Die ausspeicherbare oder ausgespeicherte Chemische Speicher          (hohe Energiedichte)
Eaus ist demnach kleiner als Esp,end (s. Gl. 2.15), 55 Wasserstoff:              400 kWh/m³(bei
                        300 K und 200 bar)
Esp , start = Eein ⋅ ηein , (2.9)
55 Methan:                 1200 kWh/m³ (bei
                        300 K und 200 bar)
Esp , end = Esp , start − EV , sp = Esp , start − 55 Benzin:                   10.000 kWh/m³
EV , SB − EV , SE ,
( 2.10)
42 M. Sterner und F. Bauer

Mechanische (sehr geringe Der Einspeicherwirkungsgrad ist das Verhältnis aus


Speicher Energiedichte) gespeicherter Energie zu zugeführter Energie (s. Gl.
55 Potenzielle Energie 1,5 kWh/m³ (bei 2.18). Der Einspeicherprozess kann aus mehreren Teil-
2 (z. B. Pumpspeichersee):       540 m Höhe) prozessen bestehen, deren einzelne Wirkungsgrade
55 Kinetische Energie 20 kWh/m³ (Stahl- sich zu einem Einspeicherwirkungsgrad multiplizieren,
(z. B. Schwungrad): rad bei 5000 U/min) Esp , start
55 „Druckenergie“ (z. B. 20 kWh/m³ (bei ηein =
( . 2.18)
Eein
CAES-Kraftwerk Huntorf ): 70 bar)
Der Speicherwirkungsgrad ηSp ergibt sich aus dem
Thermische (mittlere Verhältnis der nach der Speicherdauer tsp noch im
Speicher Energiedichte) Energiespeicher befindlichen Energie Esp,end und
55 Sensible Wärmespeicher 93 kWh/m³ (bei ΔT der anfänglich gespeicherten Energie Esp,start (s. Gl.
(z. B. Wasser): = 80 K) 2.20). Er ist nicht mit dem Gesamtwirkungsgrad ηges
55 Latente Wärmespeicher 627 kWh/m³ (bei eines Speicherzyklus zu verwechseln. Zudem kann
(z. B. Wasser – Dampf ): 1 bar und 273 K) der Speicherwirkungsgrad ηSp über die Selbstentla-
55 Thermochemische Speicher: 200–500 kWh/m³ dungsrate SR beschrieben werden, die das Verhält-
nis der Selbstentladeverluste EV,SE nach der Speicher-
dauer tsp zur gespeicherten Energie Esp,start darstellt (s.
z Wirkungsgrade und Zeitgrößen Gl. 2.19). Bei sensiblen Wärmespeichern erfolgt die
Der Wirkungsgrad η eines Systems oder einer Tech- Selbstentladung über den thermischen Widerstand
nologie ist als Nutzen zu Aufwand definiert (s. [7]). der Isolierung und den Temperaturgradienten zwi-
Der Nutzen eines Energiespeichers ist die „Lage- schen Speichermedium und Umgebung, bei Pump-
rung“ von Energie für den zeitlichen Ausgleich zwi- speichern durch Verdunstung des Oberwassers, bei
schen Angebot und Nachfrage, also das „Halten“ Batterien durch interne elektrochemische Vorgänge,
bzw. zeitliche Verschieben von Energie, welche am
tsp
Ende als ausgespeicherte Energie Eaus genutzt werden ( 2.19)
kann. Der Aufwand ist im Fall eines Energiespeichers SR =
P ⋅ dt EV , SE
=
∫ t =0
V , SE
=
die eingesetzte Energie Eein. Aufgrund der Untertei- Esp , start Esp , start
lung des Speicherprozesses in Einspeichern (Laden), PV , SE ⋅ tsp
Speichern (Halten) und Ausspeichern (Entladen) des ,
Energiespeichers werden die Wirkungsgrade von Esp , start
P = const
Energiespeicher unterschieden in
55 Einspeicherwirkungsgrad (oder Ladewir- Esp , end EV , sp
kungsgrad) ηein,
η sp = = 1− = 1− SR −
Esp , start Esp , start
55 Speicherwirkungsgrad ηSp und
55 Ausspeicherwirkungsgrad (oder Entladewir- (
EV , SB 2.20)
.
kungsgrad) ηaus, Esp , start

welche miteinander multipliziert den Gesamtwir- Gl. 2.21 gibt den Ausspeicherwirkungsgrad ηaus
kungsgrad ηges des Speichersystems ergeben (s. Gl. wieder: das Verhältnis aus ausgepeicherter Energie
2.17). Dieser ist definiert aus dem Verhältnis von Eaus zu der nach der Speicherdauer tsp im Speicher
ausgespeicherter Energie Eaus zu einzuspeichernder verbleibenden gespeicherten Energie Esp,end,
Energie Eein,
(
E E 2.21)
E (2.17) η aus = aus
= aus
.
η ges = ηein ⋅ η sp ⋅ η aus = aus . Esp , end η sp ⋅ Esp , start
Eein
2.3 • Klassifizierung von Speichern
43 2
Die Einspeicherdauer t ein (auch Ladedauer oder Regel werden Energiespeicher aber nicht immer
­ ufladedauer) in s, min oder h gibt an, wie lange
A vollständig ge- oder entladen in einem Zyklus,
der Einspeichervorgang dauert. Sie ergibt sich aus sondern nur teilzykliert. Diese Teilzyklen können
dem Quotient von zugeführter, einzuspeichernder kumuliert in entsprechende „äquivalente Volllast-
Energie Eein und der Einspeicherleistung Pein (s. Gl. zyklen“ umgerechnet werden. Anhand dieser Zahl
2.22), lassen sich Energiespeicher einerseits leichter unter-
Eein einander vergleichen. Andererseits hat die Zyklen-
tein =
( . 2.22) zahl direkten Einfluss auf die Lebensdauer eines
Pein
Energiespeichers.
Die Speicherdauer tsp ist die Dauer des eigentlichen Die Lebensdauer wird wiederum in eine kalen-
Speicherns bzw. Haltens der Energie im Energiespei- darische und eine zyklische Lebensdauer unterteilt.
cher. Sie wird in der Praxis gemessen und zur Bestim- Während die kalendarische Lebensdauer tkal die
mung der Verlustgrößen der Speicherung verwendet technische Lebensdauer eines Energiespeichers samt
(s. Gl. 2.23), Peripherie nach Jahren beschreibt, gibt die zyklische
EV , sp Lebensdauer zmax die maximale Anzahl von Zyklen
tsp =
( . 2.23) eines Energiespeichers wieder. Bei Batteriespeichern
PV , sp wird das Lebensende anhand eines Prozentsatzes
des maximalen Ladezustands bzw. Speicherinhalts
Die Entladedauer oder Ausspeicherdauer taus ist Esp,max festgelegt. Für lange Lebensdauern werden
die Zeit der Entladung eines Speichers. Analog zur Batterien nur in einem gewissen Ladebereich
Einspeicherzeit beschreibt sie den Quotienten von zy­kliert, da eine Vollzyklierung inklusive Tiefentla-
abgeführter, ausspeicherbarer Energie Eaus und der dung die Lebensdauer reduziert.
Ausspeicherleistung Paus. Sie wird auch als E/P-Ver-
hältnis (E/P-Ratio, „Energie zu Leistung“) oder W/P- Beispiel Pumpspeicherwerk Goldisthal
Verhältnis bezeichnet und fast ausschließlich auf die Der Pumpspeicher hat eine Speicherkapazität ESp
maximale Ausspeicherleistung (oder Entladeleis- von 9864 MWh aus der potenziellen Lageenergie des
tung) bezogen (s. Gl. 2.24), Speicherwassers zwischen Oberbecken und Unterbe-
cken, die sich aus dem Nutzinhalt des Oberbeckens
E
(
taus = aus . 2.24) von 12 Mio. m3 und der mittleren statischen Fallhöhe
Paus von 301,65 m ergibt. Die Pumpleistung (Einspeicher-
Die Ausspeicherdauer (Entladedauer) ist das wich- leistung) beträgt Pein = 4 · 257 MW = 1028 MW; die
tigste Maß zur zeitlichen Klassifizierung von Ener- Leistung der vier Turbinensätze (Ausspeicherleistung)
giespeichern, die sich an diesen Abschnitt anschließt. Paus = 4 · 269 MW = 1076 MW. Der Gesamtwirkungs-
Eine weitere wichtige Kenngröße ist die grad ηges wird mit 80 % angegeben (s. [1]).
­ yklenzahl z (Einsatzhäufigkeit). Diese beschreibt,
Z Wird nun der Pumpspeicher über eine Stunde mit
wie oft der Speicherinhalt Esp eines Energiespeichers einer konstanten Leistung von Pein = 100  MW bei
während eines Zeitintervalls (z. B. Tag, Jahr) abge- einem angenommenen Einspeicherwirkungsgrad
rufen wird (s. . Tab. 2.2). Häufig werden Volllast- ηein = 87 % geladen, wird eine Teilkapazität von 87
zyklen für Speicher angegeben, welche die Anzahl MWh benötigt und der energetische Speicherfüll-
der vollständigen Be- und Entladevorgänge eines stand entsprechend angehoben.
Energiespeichers (Esp,max) über einen bestimmten Wird die bei Pumpspeichern geringe Selbstentla-
Zeitraum widerspiegeln. Langzeitspeicher wie Gas- dung vernachlässigt, kann bei einem Ausspeicher-
speicher haben teilweise nur einen Vollzyklus pro wirkungsgrad ηaus = 92 % aus den gespeicherten
Jahr während Kurzzeitspeicher wie Kondensatoren 87 MWh potenzielle Energie 80 MWh elektrische
im gleichen Zeitraum mehrere Tausend Vollzyklen Energie gewandelt werden.
genutzt werden. Im Bereich der Spannungsqualität Aus den technischen Daten ergeben sich fol-
werden sie mehrmals pro Sekunde zykliert. In der gende Ein- und Ausspeicherdauern für das
44 M. Sterner und F. Bauer

Pumpspeicherwerk, wobei die Selbstentladung Kurzzeitspeichern zu unterscheiden ist, weshalb


durch Verdunstung vernachlässigt wird: dieser Begriff in diesem Buch nicht angewandt
Esp 9864 MWh wird. Kurzzeit- und Langzeitspeicher werden in
tein = = = 11 h,
2 Pein ⋅ ηein 1028MW ⋅ 0, 87
.  Abb.  2.8 in feinere Zeiteinheiten unterteilt und
klassifiziert.
Esp ⋅ η sp ⋅ ηaus 9864 MWh ⋅1⋅ 0, 92
taus = = = 8, 4 h. zz Kurzzeitspeicher (Sekunden, Minuten,
Paus 1076 MW
Stunden, Tage)
Kurzzeitspeicher speichern Energie von weni-
gen Nanosekunden bis hin zu einem ganzen Tag
2.3.3 Zeitliche Klassifizierung (taus  ≤ 24  h), wobei die meisten Kurzzeitspeicher
als Stunden- und Tagesspeicher ausgelegt sind. Sie
Für die Betrachtung, wie lange ein Speicher Ener- weisen im Stromsektor in der Regel ein Verhält-
gie liefern kann, ist eine Unterteilung in Bezug nis zwischen Energie und Leistung (E/P-Ratio)
auf die Ausspeicherdauer (Entladedauer) taus (E/P- von 1–10 h sowie hohe Zyklenzahlen und Zyklus-
Ratio) sinnvoll. Eine gängige Unterscheidung ist wirkungsgrade auf. Aufgrund dieser Eigenschaften
die Einteilung in Kurz- und Langzeitspeicher. Ge- werden sie vor allem zum Ausgleich von kurzfristi-
legentlich wird auch die Definition »Mittelzeit- gen Schwankungen im Stromnetz eingesetzt.
speicher« verwendet, der aber nicht deutlich von

. Abb. 2.8  Klassifizierung von Kurzzeitspeichern und Langzeitspeichern


2.3 • Klassifizierung von Speichern
45 2
Beispiel der zeitlichen Klassifizierung eine wichtige Rolle.
Kurzzeitspeicher werden in folgende Speicher Hiermit lassen sich Aussagen darüber treffen, wie
unterteilt: lange die kalendarische oder zyklische Lebens-
55 Sekundenspeicher: Schwungräder, supralei- dauer oder der Leistungsgradient LG des Ein- oder
tende elektromagnetische Energiespeicher, Ausspeicherns ist.
Doppelschichtkondensatoren sowie Batterien
55 Minutenspeicher: Batterien, sensible Wärme-
speicher 2.3.4 Räumliche Klassifizierung
55 Stundenspeicher: Batterien, Pumpspeicher,
Druckluftspeicher, sensible Wärmespeicher Eine weitere Möglichkeit der Klassifizierung ist die
55 Tagesspeicher: Batterien, Pumpspeicher, räumliche Klassifizierung, angelehnt an [6]. Unter-
Druckluftspeicher, sensible Wärmespeicher schieden wird einerseits zwischen zentralen und
dezentralen und andererseits zwischen ortsfesten
zz Langzeitspeicher (Wochen, Monate, Saison, und mobilen Speichersystemen.
Jahre)
Langzeitspeicher halten Energie über viele Tage zz Zentrale Speicher
und Wochen bis hin zu mehreren Monaten und Zentrale Speicher sind große, meist ortsfeste Einhei-
Jahren vor (taus  ≥ 24 h). Dadurch können saisonale ten wie Pumpspeicher oder Erdöl- und Gaskaver-
Schwankungen wie lang anhaltende Windflauten, nen. Sie sind an geologische und topologische Vor-
geringe Wassermengen in der Wasserkraft oder aussetzungen gebunden, was ein Nachteil sein kann.
längere dunkle Perioden in der Energieversorgung
ausgeglichen werden. Sie weisen in der Regel ein zz Dezentrale Speicher
großes Verhältnis zwischen Energie und Leistung Dezentrale Speichersysteme sind verteilte, klei-
auf, besitzen sehr hohe Speicherkapazitäten mit ne und modulare Speichereinheiten. Sie passen
geringen Speicherverlusten und haben geringe Zy­ gut zum dezentralen Charakter der erneuerba-
klenzahlen und Zykluswirkungsgrade. ren Energien. Beispiele sind Hausbatteriespeicher
an Photovoltaikanlagen oder Akkumulatoren an
Beispiel Funkstationen. Der Aufbau ist dabei nicht an be-
Langzeitspeicher werden in folgende Speicher stimmte Umgebungsvoraussetzungen gebunden,
unterteilt: jedoch bestehen bei wachsender Speichergröße
55 Wochenspeicher: Pumpspeicher, Kavernen- kaum wirtschaftliche Skaleneffekte. Dezentrale
und Porenspeicher, sensible Wärmespeicher Speicher können auch von einem Punkt aus ge-
55 Monatsspeicher: Speicherwasser, Kavernen- steuert werden, z. B. in einem virtuellen Kraftwerk.
und Porenspeicher, sensible Wärmespeicher
55 Jahresspeicher: Speicherwasser, Kavernen- zz Speicher mit Doppelnutzen
und Porenspeicher, sensible Wärmespeicher Einige Speicher können auch einen Doppelnutzen
erfüllen:
Bis auf wenige Pumpspeicher und Speicherwasser- 55 Batterien eines Elektroautos können zur
kraftanlagen in Norwegen und den Alpen kommen Stromversorgung eines Hauses dienen oder
ausschließlich Öl- und Gasspeicher in Form von Ka- nach ihrer Verwendung in der Mobilität im
vernen- und Porenspeicher als Langzeitspeicher stationären Bereich eingesetzt werden (Second
zum Einsatz. Über ihren klassischen Nutzen als stra- Life).
tegische Reserve können sie auch für erneuerbare 55 Warmwasserspeicher oder Fernwärmenetze
Energien über Power-to-Gas und Power-to-Liquid können mit einer elektrischen Heizung (Heiz-
verwendet werden. stab, Elektrowärmepumpe) nachgerüstet
werden, über die überschüssiger Wind- oder
Ähnlich wie die Speicherdauer spielen die Zyklen- Solarstrom gespeichert werden kann.
zahl sowie die Speicherdynamik und -stabilität bei
46 M. Sterner und F. Bauer

55 Neben ihrer originären Aufgabe wie dem Er-  k ges k ges (2.25)
zeugungsausgleich im Stromsektor oder der k0 = ; bzw ⋅ k0 = .
Paus Esp
Bereitstellung von Mobilität im Verkehrssektor
2 können viele Energiespeicher am Stromnetz Jede Speichertechnologie hat unterschiedliche
zusätzliche Funktionen wie Systemdienstleis- Kostenschwerpunkte: Während sich die Kapital-
tungen zu marginalen Kosten anbieten und kosten für Batteriekraftwerke hauptsächlich aus
über diese Doppelnutzung ihre Wirtschaftlich- der Kapazität (€/kWh) ergeben, liegt der Kosten-
keit verbessern. treiber bei Power-to-Gas in der Ein- und Ausspei-
chereinheit (€/kW) und die Speicherkapazität ist
zz Ortsfeste Speicher sehr günstig.
Ortsfeste Speicher sind an einen bestimmten Ort
gebunden. Dazu zählen vorwiegend zentrale Spei- zz Betriebskosten
cher wie Pumpspeicher, Kavernenspeicher, Aqui­ Als zweite wirtschaftliche Kennzahl sind die Be-
fere oder Lageenergiespeicher, aber auch dezentrale triebskosten (OPEX = Operational Expenditure) zu
Speicher wie kleine Druckluftspeicher. Zentrale, nennen, die zum Ausdruck bringen, welche Kos-
ortsfeste Speicher können oft nicht am Ort der Er- ten beim Betrieb des Speichers (z. B. Stromeinkauf,
zeugung aufgestellt werden. Durch den notwendi- Wartung, Versicherung) entstehen. Sie werden auf
gen Transport von Strom, Wärme oder Kraftstoffen die umgesetzte Energie angegeben (€/kWh) und
entstehen Übertragungsverluste, die nachteilig sind. können nach fixen Betriebskosten (Personal, War-
tung, Versicherung etc.) und variablen Betriebskos-
zz Mobile Speicher ten (Einkauf von Strom oder Brennstoff, Verschleiß
Mobile Speicher wie Batterien oder Kraftstofftanks etc.) differenziert werden.
können je nach Bedarf kurz- oder längerfristig an Die fixen Betriebskosten beziehen sich bei-
einem Ort positioniert werden. spielsweise auf Personalkosten zum Betrieb der
Anlage unabhängig davon, wie hoch ihre Auslas-
tung ist. Sie werden für gewöhnlich mit 1–5 % (grob
2.3.5 Ökonomische Klassifizierung 2 %) der Investitionskosten angenommen. Die va-
riablen Betriebskosten fallen nur für den Energie-
Ein Vergleich hinsichtlich der Kosten eines Ener- umsatz in einem Speicher an.
giespeichers ist aufgrund der unterschiedlichen
Einsatzgebiete, Einsatzschemas (Zyklenzahlen) zz Annuitätische Investitionskosten
und Entwicklungsstadien nur bedingt möglich. Die annuitätischen Investitionskosten sind ein ge-
bräuchlicher Preisindikator für Energiespeicher.
zz Kapitalkosten Sie können aus folgenden Parametern errechnet
Zur ökonomischen Klassifizierung lassen sich werden:
mehrere Kenngrößen heranziehen. Eine wichtige 55 Investitionskosten k0 für Ein- und Ausspei-
Größe stellen die spezifischen Investitionskosten k0 cherleistung in €/kW und Speicherkapazität in
(auch I0 bzw. CAPEX = Capital Expenditure) dar. €/kWh
Sie beschreiben die einmaligen Kosten, die für den 55 Nutzungsdauer tNutz in a
Bau und Inbetriebnahme des Speichers ­notwendig 55 Kapitalzinsen (kalkulatorische Zinsen) i in 1/a
sind und werden auf die installierte Leistung 55 Jährliche fixe Betriebskosten kfix in € kW− 1 a− 1
(€/kW) oder auf die installierte Speicherkapazität und € kWh− 1 a− 1, errechnet aus 1–5 % der In-
(€/kWh) bezogen (Gl. 2.25). vestitionskosten.
Auch eine Kombination aus beiden ist üblich,
wenn die Ein- und Ausspeicherleistung Pein und Die Nutzungsdauern variieren sehr stark zwischen
Paus unabhängig von der Speicherkapazität Eges aus- heute 3–10 Jahren bei Batteriesystemen und bis zu
gelegt wird. Die Gesamtinvestition kges zum An- 80 Jahren und mehr bei Pumpspeichern. Für Batte-
fangszeitpunkt umfasst beides, rien steht in Aussicht, dass sie mit entsprechender
2.4 • Zusammenfassung
47 2
Software in Batteriemanagementsystemen und ge-
nau definierten Anwendungen bis zu 20 Jahre Nut-
zungsdauern aufweisen können. Ein entsprechen-
des Projekt von Samsung und der Younicos AG ist
in 7 Abschn. 13.1 beschrieben. Übersteigen die jährlichen Erlöse an den Reserve-
Die Kapitalzinsen (auch kalkulatorische Zin- märkten diese annuitätischen Investitionskosten
sen) spiegeln den Stand der Konjunktur (Leitzins, zuzüglich der variablen Betriebskosten für z. B. den
Zinspolitik) und der Renditeerwartung der Inves- Stromeinkauf, ist die Investition in das Batterie-
toren wider. Werte zwischen 5–15 % sind üblich, je kraftwerk rentabel und wirtschaftlich sinnvoll.
nach Zinspolitik und Risikobewertung seitens der
Investoren, Banken und Unternehmer. In der Ener- Weiterführende ökonomische Betrachtungen sind
giewirtschaft sind 10 % ein gängiger Wert. sehr individuell je nach Anwendungszweck und
Aus den Kapitalzinsen und der Nutzungsdauer Markteinsatzgebiet der Energiespeicher. Daher
ergibt sich der Annuitätsfaktor a in 1/a (Gl. 2.26): werden sie an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt
 t Nutz 
und dafür teilweise in den einzelnen Kapiteln näher
 a  betrachtet.
i ⋅ (1 + i ) 
 a= . (2.26)
 t Nutz 
 
(1 + i ) a  −1 2.4 Zusammenfassung
Damit lassen sich sehr einfach die annuitätischen
Investitionskosten ka in € kW− 1 a− 1 berechnen 55 Ein Speicher ist eine Einrichtung zur Bevorra-
(Gl. 2.27): tung, Lagerung und Aufbewahrung von Gütern.
55 Ein Energiespeicher ist eine energietechni-
 ka = k0 ⋅ a + k fix . (2.27) sche Einrichtung, welche die drei folgenden
Prozesse beinhaltet: Einspeichern, Speichern
Übersteigen die jährlichen Einnahmen diese An- und Ausspeichern bzw. Laden, Speichern und
nuität, lohnt sich in der Regel die Investition. Entladen.
55 Ein Energieträger ist ein Stoff, der Energie
Beispiel Batteriekraftwerk gespeichert hat.
Ein großes Batteriekraftwerk soll zum Einsatz als 55 Ein primärer Energiespeicher wird nur ein-
Kurzzeitspeicher (taus <  1 h) in Reservemärkten malig geladen und entladen, während ein se-
(Regelenergie) mit einer Speicherkapazität von kundärer Energiespeicher mehrfach geladen
Eges = 10  MWh und einer Ausspeicherleistung von und entladen werden kann.
Paus = 10 MW für einen 110 kV-Netzknoten ausgelegt 55 Es wird zwischen sektoralen und sektoren-
werden. koppelnden Energiespeichern unterschieden:
Angenommen, die Lithiumionenzellen können für Während sektorale Energiespeicher rein in
k0 =  600 €/kWh und die dazugehörige Leistungs- einem der drei Energiesektoren Strom, Wärme
elektronik für k0 = 180 €/kW eingekauft werden. Die und Verkehr eingesetzt werden und bidirek-
Anlage soll auf 10 Jahre abgeschrieben werden, tional arbeiten, werden sektorenkoppelnde
und es wird ein Kapitalzins von 10 % erwartet. Als Energiespeicher für die Kopplung der Ener-
fixe Betriebskosten werden 2 % der Investitionskos- giesektoren verwendet und vorwiegend unidi-
ten angesetzt. Die Gesamtinvestition beträgt damit rektional aus dem Stromsektor in Wärme und
kges = (6 + 1,8) Mio. € = 7,8 Mio. €, die fixen Betriebskos- Mobilität betrieben. Beispiele dazu sind Pow-
ten kfix = 7,8 Mio. €· 0,02 / 10 MW = 15,6 € kW− 1 a− 1 und die er-to-Gas, Power-to-Heat, Power-to-Liquid,
spezifische Investition k0 = 7,8 Mio. €/10 MW = 780 €/kW. Power-to-Chemicals, Wärmepumpen und die
Daraus ergeben sich annuitätische Investitionskos- Elektromobilität.
ten nach (Gl. 2.27) zu 55 Die Sektor(en)kopplung ist die Verbindung
der Sektoren Strom, Wärme, Verkehr und Che-
48 M. Sterner und F. Bauer

mie unter Nutzung von Strom als Primärener- 55 Die Berechnung der physikalischen Leistungs-
gie zur Dekarbonisierung der anderen Sekto- und Energiegrößen bildet den technischen
ren. Sie wird auch als Power-to-X bezeichnet Vergleichsmaßstab für Energiespeicher. Spei-
2 und ist ohne Energiespeicher nicht möglich cherkapazität, Energiedichte, Ein- und Aus-
bzw. entspricht weitgehend der Definition von speicherleistung, Wirkungsgrade und Ausspei-
sektorenkoppelnden Energiespeichern. cherdauern sind die wichtigsten Größen.
55 Energiespeicher sind vorrangig für einen zeit- 55 Energiespeicher können ferner nach ihrer
lichen Ausgleich zwischen Energieangebot Ausspeicherdauer in Kurzzeitspeicher (bis zu
und Energienachfrage vorgesehen und stehen einem Tag) und Langzeitspeicher (bis zu meh-
prinzipiell nicht in Konkurrenz zu Energie- reren Jahren) unterschieden werden.
netzen, welche für den räumlichen Ausgleich 55 Die Investitionskosten der Speicher-, Ein-
zuständig sind. oder Ausspeichertechnologien werden ent-
55 Energiespeicher können unterschiedlich klas- weder leistungsbezogen in €/kW oder kapazi-
sifiziert werden. Die gängigste Art und Weise tätsbezogen in €/kWh angegeben. Als fixe
ist die physikalisch-energetische Einteilung Betriebskosten können 2 % der Investitions-
nach ihrem grundsätzlichen Funktionsprinzip: kosten angenommen werden, um die annuitä-
elektrisch (elektromagnetisch), elektroche- tischen Investitionskosten zu berechnen.
misch/chemisch, mechanisch, thermisch.

kk… und zum Abschluss des ersten Teils noch


eine Karikatur von Gerhard Mester:
Literatur
49 2
Literatur content/Publikationen/Projekt-Infos/2001/Projekt-
Info_02-2001/projekt_0201internetx.pdf
4. Neyer A (2013) Magnetismus. Grundlagen der Elektro-
1. Dünkel W (2006) Pumpspeicherwerk Goldisthal –
technik. Fakultät Elektrotechnik, TU Dortmund
1.060 MW-Kavernenkraftwerk. Bericht – Exkursion in das
5. Ortloff F (2011) Speicherung von regenerativ erzeugter
Pumpspeicherwerk Goldisthal/Thüringer Wald, Kassel
elektrischer Energie in der Erdgasinfrastruktur. gwf-Gas
2. Emele L (2011) Techno-Ökonomischer Vergleich von
Erdgas 04:200–210. 7  http://www.dvgw-innovation.de/
Erneuerbarem Methan mit anderen Stromspeichertech-
fileadmin/dvgw/angebote/forschung/innovation/pdf/
nologien. Master Thesis (Betreuer Sterner, M., Gerhardt,
speicherung.pdf. Zugegriffen 30. Sept. 2013
N.), Universität Kassel
6. Sauer D (2011) Energiespeichersysteme. Institut für
3. Feddeck P (2001) Thermochemische Speicher. Hg. v.
Stromrichtertechnik und Elektrische Antriebe (ISEA),
Fachinformationszentrum Karlsruhe. BINE. Eggenstein-
RWTH Aachen
Leopoldshafen. 7 http://www.bine.info/fileadmin/
7. VDI (2003) VDI Richtlinie 4661: Energiekerngrößen –
Definitionen, Begriffe, Methodik. Beuth, Berlin
51 II

Teil II Bedarf an
Energiespeicherung
Kapitel 3 Speicherbedarf in der Stromversorgung – 53
Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner (FENES OTH Regensburg)
Dr. Christopher Breuer (Westnetz GmbH): Abschnitt 3.6
Tim Drees (IAEW RWTH Aachen): Abschnitte 3.5, 3.6
Fabian Eckert (FENES OTH Regensburg),
Abschnitte 3.2., 3.3, 3.6, 3.7
Andreas Maaz (IAEW RWTH Aachen): Abschnitt 3.5
Carsten Pape (Fraunhofer IWES): Abschnitt 3.5
Dr. Niklas Rotering (IAEW RWTH Aachen): Abschnitt 3.4
Martin Thema (FENES OTH Regensburg): Abschnitte 3.7, 3.8

Kapitel 4 Speicherbedarf in der Wärmeversorgung – 141


Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner (FENES OTH Regensburg)
Fabian Eckert (FENES OTH Regensburg):
Abschnitte 4.2, 4.4, 4.6, 4.7
Norman Gerhardt (Fraunhofer IWES):
Abschnitte 4.4, 4.7, 4.8
Prof. Dr. Hans-Martin Henning (Fraunhofer ISE):
Abschnitte 4.6, 4.7, 4.8
Andreas Palzer (Fraunhofer ISE): Abschnitt 4.6

Kapitel 5 Speicherbedarf im Verkehrs- und Chemiesektor – 169


Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner (FENES OTH Regensburg)
Fabian Eckert (FENES OTH Regensburg):
Abschnitte 5.3, 5.5, 5.6
Prof. Dr. Hans-Martin Henning (Fraunhofer ISE):
Abschnitt 5.5
Tobias Trost (Fraunhofer IWES): Abschnitte 5.2, 5.4
53 3

Speicherbedarf in der
Stromversorgung
Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner (FENES OTH Regensburg)

Dr. Christopher Breuer (Westnetz GmbH): Abschnitt 3.6


Tim Drees (IAEW RWTH Aachen): Abschnitte 3.5, 3.6
Fabian Eckert (FENES OTH Regensburg), Abschnitte 3.2., 3.3, 3.6, 3.7
Andreas Maaz (IAEW RWTH Aachen): Abschnitt 3.5
Carsten Pape (Fraunhofer IWES): Abschnitt 3.5
Dr. Niklas Rotering (IAEW RWTH Aachen): Abschnitt 3.4
Martin Thema (FENES OTH Regensburg): Abschnitte 3.7, 3.8

Übersicht
Energiespeicher sind – gestern wie heute – ein entscheidender Faktor in der
Energieversorgung. Wie sich der Speicherbedarf in der Zukunft in den Be-
reichen Strom, Wärme und Mobilität entwickeln wird, ist Gegenstand der
folgenden drei Kapitel. Den Schwerpunkt bildet das vorliegende Kapitel, das
den Stromsektor zum Nukleus der Energieversorgung herausbilden und we-
sentliche Brücken zu den beiden anderen Sektoren Wärme und Mobilität und
darüber hinaus zur chemischen Industrie schlagen wird.
Nach heutigen Abschätzungen wird der Speicherbedarf beim Stromnetzausbau
nach Plan und der Nutzung von Flexibilitäten in Erzeugung und Verbrauch erst ab
einem Anteil von 60–80 % erneuerbarer Energien an der Stromversorgung rele-
vante Größenordnungen erreichen. Der Netzausbau hat großen Einfluss auf den
Speicherbedarf, ebenso die flexible Stromerzeugung in Kraftwerken und bei der
Kraft-Wärme-Kopplung sowie der flexible Verbrauch über das Lastmanagement.
Exemplarisch werden vier Studien zum Speicherbedarf und zur Rolle von Energie-
speichern im Kontext der Flexibilitäten ausführlich vorgestellt. An diesen Studien,
die außerdem durch laufende Arbeiten ergänzt werden, waren die Autoren und
Coautoren selbst beteiligt. In  7 Abschn. 3.7 werden die Ergebnisse studienüber-
greifend zusammengefasst und mit sieben weiteren Studien verglichen.

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


M. Sterner, I. Stadler (Hrsg.), Energiespeicher – Bedarf, Technologien, Integration,
DOI 10.1007/978-3-662-48893-5_3
3.1 Speicherbedarf und Überschüsse – Einflussfaktoren und
Definitionen – 56
3.1.1 Grundsätzliche Einflüsse auf den Speicherbedarf – 56
3.1.2 Definition Speicherbedarf – 57
3.1.3 Unterscheidung marktbasierter und netzbasierter Stromüber-
schuss – 58

3.2 Langfristszenarien des Bundesumweltministeriums – 59


3.2.1 Entwicklung des Primär-, End- und Nutzenergiebedarfs – 59
3.2.2 Entwicklung des Strommix – 62
3.2.3 Auswirkung von Mindesterzeugung und Import/Export auf den
Speicherbedarf – 65
3.2.4 Auswirkung von Lastmanagement auf den Speicherbedarf – 67
Speichereinsatz bei erneuerbaren Anteilen von 40 %, 63 % und
85 % – 69
3.2.6 Zusammenfassung – 71

3.3 »100 % Strom aus erneuerbaren Quellen« laut


Umweltbundesamt – 72
Annahmen zum Stromverbrauch in 2050 – 72
3.3.2 Technisch-ökologische Potenziale von erneuerbaren Energien,
Speichern und Lastmanagement – 74
Annahmen und Modellierung des Szenarios für 2050 – 78
3.3.4 Ergebnisse zu Speicherbedarf und Versorgungssicherheit – 80
3.3.5 Zusammenfassung – 88

3.4 VDE-ETG-Studie zum marktbasierten Speicherbedarf – 89


3.4.1 Methodik – 90
3.4.2 Annahmen der Modellbildung und Eingangsdaten – 92
3.4.3 Szenarien-übergreifende Erkenntnisse – 94
Erkenntnisse aus dem 40 %-Szenario – 96
Erkenntnisse aus dem 80 %-Szenario – 97
Erkenntnisse aus dem 100 %-Szenario – 100
3.4.7 Zusammenfassung – 100

3.5 Studie »Roadmap Speicher« zum Speicherbedarf


Deutschlands im europäischen Kontext – 101
3.5.1 Methodisches Vorgehen – 102
3.5.2 Szenario – 104
3.5.3 Mittelfristige Speichersimulation – 108
55 3
3.5.4 Langfristige Speichersimulation – 111
3.5.5 Wesentliche Erkenntnisse / Zusammenfassung – 113

3.6 Untersuchungen zum netzbasierten Speicherbedarf – 114


3.6.1 Methodisches Vorgehen zur Unterscheidung von markt- und
netzbasiertem Speicherbedarf – 114
3.6.2 Fallstudie Power-to-Gas in Deutschland im Jahr 2022 bei
verzögertem Netzausbau – 114
3.6.3 Minimaler Speicherbedarf im europäischen Netzverbund – 117
3.6.4 Zusammenfassung – 118

3.7 Gegenüberstellung und Einordnung der Ergebnisse – 119


3.7.1 Gegenüberstellung der Ergebnisse der drei Studien – 119
3.7.2 Einordnung der Ergebnisse im Vergleich zu weiteren Studien – 119

3.8 Zusammenfassung – 135

Literatur – 138
56 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

3.1 Speicherbedarf und Überschüsse Ausgleich, weshalb beide Technologien grundsätz-


– Einflussfaktoren und lich fast nicht gegeneinander ausgespielt werden
Definitionen können (s.  7  Kap. 2). Das Transportnetz stellt den
überregionalen Ausgleich von Angebot und Nach-
3.1.1 Grundsätzliche Einflüsse auf den frage innerhalb von Marktgebieten und übergrei-
Speicherbedarf fend zwischen Marktgebieten zu jedem Zeitpunkt
3 sicher. Der Ausgleich ergibt sich hierbei in Abhän-
zz Überschüsse vs. Flexibilitätsbedarf vs. gigkeit vom Zuschnitt der Marktgebiete.
Speicherbedarf
Mit dem Begriff Speicherbedarf werden vorwiegend zz Einflussfaktoren auf den Speicherbedarf
Stromüberschüsse in Verbindung gebracht, die aus Folgende Faktoren erhöhen die Stromüberschüsse
erneuerbaren Energien stammen. »Erneuerbare und steigern den Speicherbedarf
Energien sind schön und gut, aber ohne Speicher 55 Erzeugung
funktionieren sie nicht«, ist ein weit verbreiteter 55 hohe Geschwindigkeit des Ausbaus erneu-
Glaube. Dass erneuerbare Energien auch ohne erbarer Energien
einen Speicherausbau zu sehr hohen Anteilen in 55 hohe Anteile von fluktuierenden erneuer-
das Stromsystem integriert werden können, liegt an baren Energien wie Wind und PV
den zahlreichen Flexibilitätsoptionen, die – richtig 55 hohe Prognosefehler bei erneuerbaren
eingesetzt – den Speicherbedarf stark reduzieren. Energien und der Last
Da Energiespeicher zudem oft die teuerste Op- 55 Verbleib oder Erhöhung der Mindeststrom-
tion zum Ausgleich von Schwankungen sind, kom- erzeugung »Must-run« (Kraftwerke für Sys-
men sie erst bei sehr hohen Anteilen erneuerbarer temdienstleistungen und an Wärmeabneh-
Energien im Strommarkt voll zum Tragen. Sie sor- mer gebundene Kraft-Wärme-Kopplung)
gen im Stromsystem durch Ein- und Ausspeichern 55 unflexible thermische, konventionelle
(Laden und Entladen) für eine zeitliche Verschie- Kraftwerke
bung der Stromerzeugung und damit für den zeit- 55 Verteilung
lichen Ausgleich von Angebot und Nachfrage. 55 Verzögerungen im Netzausbau und im
Die Aufgabe der zeitlichen Verschiebung leis- Netzumbau auf Übertragungs- und Verteil­
ten die Speicher jedoch nicht exklusiv. Beispiels- netzebene
weise kann sie auch aus Kombinationen von Last- 55 keine Erweiterung der Kuppelstellen in das
management und Flexibilität der konventionellen europäische Ausland
Erzeugung erfüllt werden. Diese Flexibilitätsop- 55 Verbrauch
tionen haben einen signifikanten Einfluss auf den 55 starre Stromnachfrage
erforderlichen Speicherbedarf. Neben der Struk- 55 kein Lastmanagement in Leistungsmärkten
tur des konventionellen und erneuerbaren Erzeu- (vor allem Regelleistung)
gungsparks haben zudem Unsicherheiten bei deren
Einspeisung einen Einfluss auf den Speicherbedarf, Folgende Faktoren verringern die Stromüberschüs-
da z.  B. die Einspeisung aus Wind und PV stark se und mindern den Speicherbedarf
fluktuiert und durch die notwendigen Prognosen 55 Erzeugung
Unwägbarkeiten unterliegt. Energiespeicher kön- 55 Einsatz von flexiblen Kraftwerken und Er-
nen in diesem Zusammenhang den kurzfristigen zeugungsanlagen (Retrofit bestehender
Ausgleich von Prognosefehlern leisten, da sie zu- konventioneller Kraftwerke, Einsatz fle-
meist sehr flexibel eingesetzt werden können. xibler KWK, Zubau flexibler thermischer
Neben dem Erzeugungssystem hat auch das Kraftwerke, flexible Biogasanlagen, flexible
Stromnetz einen großen Einfluss auf die Höhe des Steuerung von Wind- und PV-Anlagen)
Speicherbedarfs: Analog zum zeitlichen Ausgleich 55 Verbesserung der Prognosegenauigkeit für
durch Speicher sorgt dieses für den räumlichen erneuerbare Energieanlagen und Last
3.1 •  Speicherbedarf und Überschüsse – Einflussfaktoren und Definitionen
57 3

. Abb. 3.1  Einflussfaktoren auf den Stromspeicherbedarf aus Stromerzeugung, Stromverbrauch und Stromtransport

55 Verringerung der Mindeststromerzeu- Definition Speicherbedarf


gung »Must-run« (Übernahme der Sys- Ein Stromspeicherbedarf im Erzeugungsaus-
temdienstleistungen durch erneuerbare gleich ergibt sich in Form von Überschüssen
Energieanlagen und Flexibilisierung der bei Überdeckung und Defiziten bei Unter-
bestehenden Kraft-Wärme-Kopplung an deckung von Residuallast nach Abwägung
Wärmenetzen) aller vorrangigen Ausgleichsmaßnahmen und
55 Verteilung Flexibilitätsoptionen.
55 Netzverstärkungen und Netzausbau auf
allen Ebenen, auch regionen- und grenz-
überschreitend zz Erläuterungen zur Definition
55 Erweiterung der Kuppelstellen in das euro- Ein wichtiger Begriff dabei ist die sogenannte Resi-
päische Ausland duallast oder Restlast.
55 Verbrauch
Definition Residuallast
55 Einsatz von flexiblen Verbrauchern (Last-
management) Die Residuallast ergibt sich aus dem Strombe-
55 Umsetzung von Lastmanagement in Leis- darf abzüglich der Einspeisung erneuerbarer
tungsmärkten (vor allem Regelleistung) Energien oder allgemein als »Verbrauch minus
der Einspeisung Erneuerbarer Energien«. Sie
Diese wesentlichen Einflüsse sind in .  Abb.  3.1 teilt sich bei einer rein erneuerbaren Strom-
grafisch aufbereitet. erzeugung in Überschüsse und Defizite auf.

3.1.2 Definition Speicherbedarf Zu den Ausgleichsmaßnahmen und Flexibilitätsop-


tionen zählen neben den Speichern insbesondere:
Aus diesen Betrachtungen lässt sich eine Definition 55 Maßnahmen im Bereich Übertragung und
für den Stromspeicherbedarf ableiten: Verteilung
58 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

55 Netzausbau im Übertragungs- und Verteil- Residuallast( bersch sse und Defizite)


netz zur Beseitigung von Netzengpässen 
= Verbrauch(Last) - erneueerbareEinspeisung
55 Netzumbau (z. B. Einbau eines regelbaren
Ortsnetztransformators) = Flexibilit tsbedarf
(3.1)
55 Verbesserung der Spannungshaltung (z. B.
Blindleistungsmanagement durch Wechsel-  Speicherbedarf = Flexibilit tsbedarf
3 richter) (3.2)
-vorrangigeFlexibilit tso
optionen
55 europäischer Ausgleich durch das Verbund-
netz über Kuppelstellen
55 Maßnahmen im Bereich Erzeugung 3.1.3 Unterscheidung marktbasierter
55 Flexibilisierung des thermischen Kraft- und netzbasierter
werksparks Stromüberschuss
55 Flexibilisierung der erneuerbaren Energie-
anlagen zz Energiemärkte vs. Leistungsmärkte
55 Flexibilisierung der KWK über Wärme- In der Stromversorgung wird grundsätzlich nach Er-
speicher zeugungsausgleich (»Energiemärkte«) und System-
55 Verbesserung der Prognosegüte von Wind- dienstleistungen (u.  a. »Leistungsmärkte«) unter-
und Photovoltaikanlagen schieden (s. 7 Abschn. 13.1).
55 Nutzung von Flexibilitäten im europäischen Innerhalb von Marktgebieten können Über-
Erzeugungs- und Kraftwerksverbund schüsse auftreten. Diese können sich zum einen
55 Übernahme von Systemdienstleistungen marktbasiert ergeben, d. h., Energie kann bilanziell
durch erneuerbare Energien zur Reduktion nicht mehr in den Markt integriert werden, oder
der Must-run-Kapazitäten zum anderen netzknotenscharf auftreten. Entspre-
55 Abregelung von erneuerbaren Energieanla- chend ist auch die Unterscheidung der Stromüber-
gen und Ausgleich durch thermische Kraft- schüsse durchzuführen:
werke bzw. Gasturbinen 55 Marktbasierte Überschüsse treten immer dann
55 Maßnahmen im Bereich Verbrauch auf, wenn die Erzeugung den Strombedarf
55 Flexibilisierung der Lasten durch Lastma- übersteigt. Ihre Folge sind »negative Strom-
nagement, insbesondere Industrie und neue preise«,
Entwicklungen (Elektromobilität, Wärme- 55 falls die Residuallast kleiner null wird und
pumpen, Klimatisierung etc.) das Angebot erneuerbarer Energien größer
55 Verbesserung der Prognosegüte der Last als die Last ist,
55 falls Kraftwerke zu falschen Zeitpunkten
Diese Maßnahmen gelten als vorrangig, wenn sie oder in ungeplanter Höhe einspeisen.
wirtschaftlich günstiger und/oder gesellschaftlich 55 Netzbasierte Überschüsse entstehen durch
vor Ort höhere Akzeptanz finden. In der Regel Überlastungen bzw. bei Engpässen im Trans-
führen viele der genannten Flexibilitätsoptionen portnetz, sodass Einspeisungen an einzelnen
zu geringeren Gesamtkosten der Stromversorgung Netzknoten nicht vom Transportnetz aufge­
als der Einsatz von Energiespeichern; gleichwohl n­ommen werden können. Dies ist der Fall,
sind technisch-wirtschaftliche Aspekte nur zwei wenn auf dem Markt ökonomisch Verträge
Dimensionen der Energiewende. abgeschlossen wurden, die physikalisch zu dem
Vereinfacht lassen sich Überschüsse und Defi- Zeitpunkt aufgrund von Netzrestriktionen nicht
zite, Flexibilitätsbedarf und Speicherbedarf in den umgesetzt werden können oder wenn durch
beiden Gleichungen (Gl.  3.1 und 3.2) in Zusam- Netzstörungen und Kraftwerksausfälle Engpässe
menhang bringen. entstehen. Die Folge ist das »Abregeln« – also
3.2 •  Langfristszenarien des Bundesumweltministeriums
59 3
Abschalten von Wind- und PV-Anlagen oder Überschüssen sind dagegen deutlich schwieriger.
das An- und Abfahren von Kraftwerken im Tendenzen werden in  7  Abschn.  3.6 aufgegriffen,
Zuge des Redispatch (Netzengpassmanagement). abschließend in 7 Abschn. 3.7 gegenübergestellt und
anhand von sechs weiteren Studien interpretiert.
Speicher können in diesem Zusammenhang für
einen bilanziellen Ausgleich sorgen, also Über-
schüsse aufnehmen, die sonst nicht in den Markt 3.2 Langfristszenarien des
integriert werden können. Zudem können sie einer Bundesumweltministeriums
Integration von erneuerbarer Energie in das Trans-
portnetz dienen, die aufgrund regionaler Engpäs- Das Bundesumweltministerium lässt seit mehreren
se im Transportnetz andernfalls abzuregeln wäre, Jahren Langfristszenarien zum Ausbau erneuer-
d. h. einen netzbasierten Speicherbedarf darstellen. barer Energien anfertigen. Darin wird untersucht,
Auch wenn häufig von negativen Strompreisen wie die klima- und energiepolitischen Ziele der
und einem Überangebot an erneuerbaren Energien Bundesregierung umgesetzt werden können. Die
die Rede ist, beläuft sich die abgeregelte Strommen- letzten Langfristszenarien wurden von einem Kon-
ge im Jahr 2011 auf ca. 0,4 TWh oder ca. 0,7 Promil- sortium aus dem Deutschen Zentrum für Luft- und
le des Bruttostromverbrauchs in Deutschland von Raumfahrt (DLR), dem Fraunhofer-Institut für
ca. 600 TWh (s. [9]). Die Tendenz dieser zum Be- Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES)
darf relativ kleinen Menge ist zwar von Jahr zu Jahr und dem Ingenieurbüro für Neue Energien (IfNE)
steigend und stark wetterabhängig, aber da es sich angefertigt. Sie erschienen 2012 unter dem Titel
weitgehend um netzbasierte Überschüsse handelt, »Langfristszenarien und Strategien für den Aus-
wird es nach einem Netzaus- und -umbau weniger bau der Erneuerbaren Energien in Deutschland bei
Stromüberschüsse geben. Im Vergleich zu Spei- Berücksichtigung der Entwicklung in Europa und
chern ist der Netzausbau die ökonomisch vorteil- global« (s. [28]).
haftere Variante. Gesellschaftliche Akzeptanz hin-
gegen finden Speicher häufig vor dem Netzausbau.
3.2.1 Entwicklung des Primär-, End-
zz Speicherbedarf in Deutschland im Laufe der und Nutzenergiebedarfs
Energiewende
Um den zukünftigen Speicherbedarf in Deutsch- zz Effizienzsprung durch direkte
land ermitteln zu können, ist es notwendig zu wis- Stromerzeugung aus Wind, Solar und
sen, wie sich einerseits der Stromverbrauch und Wasserkraft
andererseits die schwankende Einspeisung aus er- Durch den Einsatz von direkt erzeugtem Strom aus
neuerbaren Energien verhalten werden. Ferner ist Wind, Solar und Wasserkraft werden die Abwärme-
der Einfluss der genannten Faktoren und Flexibili- verluste der konventionellen, thermischen Kraft-
tätsoptionen entscheidend. Eine exakte Beantwor- werke vermieden, wodurch ein großer Effizienz-
tung der Frage des Speicherbedarfs im Laufe der gewinn erreicht wird. Proportional zum Einsatz
Energiewende ist aufgrund der vielen Variablen dieser drei Energiequellen sinken durch den Ersatz
und Unsicherheiten nicht möglich und extrem fossiler Brennstoffe die Treibhausgasemissionen.
stark von den getroffenen Annahmen abhängig. .  Abbildung  3.2 illustriert diesen Zusammenhang
Daher soll versucht werden, über eine Analyse nach der weit verbreiteten Wirkungsgradmethode
und Synthese verschiedener Studien zu diesem The- zur Berechnung von Primärenergie (s. [22]).
ma eine Tendenz und Aussage abzuleiten. In den
»Langfristszenarien des BMU«, der UBA-Studie zz Primärenergie und Endenergie über alle
und der VDE-ETG-Studie wurde allein der Erzeu- Sektoren
gungsausgleich abgebildet, wodurch lediglich Aus- Diese Einsparung von Primärenergie aufgrund
sagen zu marktbasierten Überschüssen getroffen der Substitution konventioneller Kraftwerke durch
werden konnten. Abschätzungen zu netzbasierten die direkte Stromerzeugung spiegelt sich auch in
60 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

3
. Abb. 3.2  Effizienzgewinn durch die direkte Stromerzeugung aus Wind, Photovoltaik und Wasserkraft, nach [40]

. Abb. 3.3  Entwicklung des Endenergieverbrauchs nach Sektoren und des Verbrauchs im Umwandlungsbereich (Sum-
me = Primärenergie), (NE: nicht energetischer Verbrauch, beispielsweise chemische Industrie – Kunststoff, Dünger etc.),
nach [28]

den Bilanzen wider: Der gesamte Endenergie- 55 Maßnahmen in der Energieeffizienz im Ver-
verbrauch der drei Sektoren Strom, Wärme und kehrssektor.
Verkehr sinkt im Basisszenario bis 2050 gegen-
über dem Vergleichsjahr von 2010 um nahezu die Der Stromsektor entwickelt sich damit zum
Hälfte von 14.044 PJ/a (3901 TWh/a) auf 7267 PJ/a Nukleus der Energieversorgung, wie .  Abb.  3.4
(2019  TWh/a) (s. .  Abb.  3.3). Weitere tragende verdeutlicht:
Effekte sind die Effizienzsteigerung im Wärme- 1. Stromsektor
und Verkehrssektor, auch in Verbindung mit dem 55 Die Effizienzsteigerungen durch Direkter-
Stromsektor: zeugung und der Ausbau der KWK führen
55 Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) zur starken Reduktion der Abwärmeverlus-
55 Ausbau von Wärmepumpen te und damit des Primärenergiebedarfs um
55 Maßnahmen in der Energieeffizienz im Wär- mehr als 50 %.
mesektor (vor allem Sanierung und Gebäude- 55 Der Strombedarf (Endenergie = Nutze­
standards) nergie, ca. 515 TWh) wird im Stromsektor
55 Ausbau der Elektromobilität reduziert (ca. 390 TWh), steigt aber ein-
3.2 •  Langfristszenarien des Bundesumweltministeriums
61 3

. Abb. 3.4  Der Stromsektor wird mit zunehmend erneuerbarer Energieversorgung (intersektoral) zum »Nukleus der
Energiewende«. Von hier aus wird erneuerbare Energie für alle Sektoren bereitgestellt. Ziele der Bundesregierung zu
Effizienz und Anteilen erneuerbarer Energien bis zum Jahr 2050 (rechts) im Vergleich zur Erzeugungssituation im Jahr 2013
(links). Die Kreisflächen verhalten sich proportional zur Energiemenge. Durch zunehmende Effizienz verkleinert sich das
Verhältnis von Primärenergieeinsatz zu Endenergiebedarf in allen Sektoren. Dadurch sinkt der Primärenergiebedarf (bei
steigenden erneuerbaren Anteilen) in allen Sektoren um knapp die Hälfte, obwohl der Endenergiebedarf nahezu konstant
bleibt. Die Sektorenkopplung wird zum wesentlichen Element einer zukünftigen Energieversorgung

schließlich des Strombedarfs für Wärme 2. Wärmesektor


(ca. 95 TWh) und Verkehr (ca. 150 TWh) 55 Die Effizienzsteigerungen durch Sanierung
auf 635 TWh an. und effizientere Gebäudestandards halbie-
55 Neue Brücken zum Wärmesektor (KWK, ren den Primär-, End- und Nutzenergiebe­
Wärmepumpen) und Verkehrssektor (Elek- darf.
tromobilität und Stromkraftstoffe) werden
etabliert.
62 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

55 Die Verbindung zum Stromsektor über ein Nutzungsgrad von 90 % und für 2050 ein Nut-
Wärmepumpen, Power-to-Heat und KWK zungsgrad von 95 % eingerechnet ist. Im Verkehrs-
werden essenziell. sektor ist die Nutzenergie die mechanische Energie
3. Verkehrssektor an der Achse der Fahrzeuge. Durch die Verbren-
55 Das Transportaufkommen im Personen- nungsmotoren treten hohe Wirkungsgradverluste
verkehr bleibt nahezu konstant, im Güter- auf. Fahrzeuge mit konventionellen Antrieben auf
3 verkehr steigt es an. Gleichzeitig führt der Basis von Verbrennungsmotoren für Diesel, Ben-
Einsatz von Elektromobilität zu großen Effi- zin, Erdgas und Biokraftstoffe werden für 2010 mit
zienzsteigerungen, weshalb in Summe der einem Nutzungsgrad von 20 % angesetzt und für
Primärenergiebedarf analog zu Strom und 2050 mit 30 %. Der Nutzungsgrad von Brennstoff-
Wärme halbiert werden kann, der Endener- zellenfahrzeugen mit Wasserstoff als Kraftstoff in
giebedarf fällt und der Nutzenergiebedarf 2050 beträgt 60 %.
etwa gleich bleibt. Die Entwicklungen des Wärmesektors in den
55 Die Verbindung zum Stromsektor über BMU-Langfristszenarien werden in 7 Kap. 4 näher
Elektromobilität und Stromkraftstoffe do- betrachtet, die des Verkehrssektors in 7 Kap. 5.
miniert die zukünftige Mobilität.

3.2.2 Entwicklung des Strommix


zz Wichtige Erläuterungen zur Darstellung von
Primär-, End- und Nutzenergie zz Strombedarf
Die Primärenergieberechnung (PE) erfolgt nach Der Strombedarf bleibt trotz aller zukünftigen Effi-
der Wirkungsgradmethode mit dem Vorteil, dass zienzsteigerung elektrischer Geräte nach leichtem
Strom aus Wind, Solar und Wasserkraft als 100 %ige Rückgang nahezu konstant (s. .  Abb. 3.5): Die Ef-
Primärenergie ohne Verluste gewertet wird, aber fizienzgewinne werden durch einen erhöhten Elek-
eine prozentuale, vergleichende Darstellung unter trifizierungsgrad aller Bereiche und die Kopplung
den Energieformen verzerrt wiedergibt. Eine Ab- von Strom- und Wärmesektor und Strom- und Ver-
hilfe schafft die Substitutionsmethode, welche die kehrssektor kompensiert.
durch Wind, Solar und Wasserkraft ersetzte fossile
Primärenergie einrechnet und einen prozentualen zz Heutiger Strommix
Vergleich richtig darstellt. Aus .  Abb.  3.5 lässt sich folgender Strommix in
Die Endenergie (EE) unterscheidet die exerge- Deutschland für das Jahr 2010 ablesen:
tische Wertigkeit der unterschiedlichen Energie- 55 ca. 378 TWh (61 %) fossile, gespeicherte
formen (Strom, Brennstoff, Kraftstoff) nicht. Da Energie,
chemische und thermische Energie eine grundle- 55 ca. 141 TWh (23 %) nukleare, gespeicherte
gend andere Form als mechanische und elektrische Energie und
Energie sind und methodenbasiert in der Endener- 55 ca. 105 TWh (17 %) erneuerbare Energien.
gie 1:1 direkt miteinander verglichen werden, wird
auch die neutralere Nutzenergie dargestellt. In der 83 % der insgesamt 622  TWh Bruttostrom-
Nutzenergie sind zumindest Strom- und Verkehrs- erzeugung in Deutschland werden fossil und nuk-
sektor weitgehend direkt vergleichbar. lear gedeckt. Der heutige Bruttowert umfasst neben
Die Nutzenergie (NE) dient als Zielenergie zur der vertikalen Netzlast auch den Eigenverbrauch der
Erfüllung der Energiedienstleistung Strom, Wärme Kraftwerke, jedoch nicht die Stromerzeugung der
bzw. Kälte und Fortbewegung (mechanische Ener- Bahn und die industrielle Eigenversorgung wie die
gie). Im Stromsektor entspricht die Endenergie der KWK in der energieintensiven Industrie.
Nutzenergie. Im Wärmesektor treten thermische Im Jahr 2013 lag der Anteil erneuerbarer Ener-
Verluste zwischen Endenergie und Nutzenergie auf gien bereits bei ca. 25 % und damit bei einem Vier-
(z. B. in der Verbrennung von Brennstoffen und bei tel des deutschen Strombedarfs (s. [2]).
der Übertragung von Wärme), weshalb für 2010
3.2 •  Langfristszenarien des Bundesumweltministeriums
63 3

. Abb. 3.5  Zusammensetzung der Bruttostromerzeugung. Die rote Linie zeigt den Gesamtwert an. 2022 findet der finale
Atomausstieg in Deutschland statt, weshalb die Mittelung zwischen 2020 und 2025 die Werte verzerrt darstellt (GT = Gas-
turbine, Kond. = Kondensationskraftwerke), nach [28]

Der Primärenergieverbrauch des Stromsektors als das heute der Fall ist. Entsprechend sinken die
beträgt rückgerechnet über die Wirkungsgradme- CO2-Emissionen des Stromsektors, bis er 2050 na-
thode der Strombereitstellung ca. 1430 TWh. In der hezu emissionsfrei ist. In dieser langfristigen Pers-
Wirkungsgradmethode wird für fossile Kraftwerke pektive decken erneuerbare Energien 489 TWh der
mit dem jeweiligen Wirkungsgrad (im Mittel ca. Bruttostromerzeugung von 574 TWh, also gut 85 %
38 (2010) – 61 % (2050)) und für die Kernkraft mit ab.
einem fiktiven Wirkungsgrad von 33 % auf den Pri-
märenergieverbrauch rückgerechnet. Bei direkt er- zz Installierte Leistung vs. Bruttostromanteile
zeugtem Strom aus Wind, Sonne und Wasserkraft, Im Zuge des Ausbaus der direkten Stromerzeugung
denen kein Heizwert zugrunde gelegt werden kann, aus Windenergie, Solarenergie und Wasserkraft
wird von der Endenergie mit einem Wirkungsgrad werden immer weniger gespeicherte fossile Ener-
von 100 % auf die Primärenergie geschlossen, d. h., gieträger benötigt. Entsprechend rückgängig ist die
1 kWh Endenergie entspricht 1 kWh Primärenergie. Auslastung der fossilen Kraftwerke. Sie konnten als
»Ausspeichertechnologie« wegen des Energiespei-
zz Strommix in der Zukunft chers Kohle und Erdgas konstant und nach Bedarf
Zukünftig werden überwiegend Wind- und Solar- betrieben werden. Daher war ihr energetischer Bei-
energie tragende Rollen in der Stromerzeugung trag zum Bruttostrom in Relation zur installierten
übernehmen (.  Abb. 3.5). Bis 2020 ermöglicht der Leistung stets sehr hoch. Anders ist es bei Wind-
Zubau erneuerbarer Energien sowohl die Kompen- und Solarenergie: Ihre mittleren Auslastungen lie-
sation des Kernenergiestroms als auch den Rück- gen bei 1800–3000 Volllaststunden (h) für Wind
gang der fossilen Stromerzeugung. Fossile Brenn- an Land, bei etwa 3500–4000 h für Wind auf See
stoffe werden im Szenario deutlich stärker über die und bei etwa 700–1100 h für Photovoltaik. Um die
KWK zur Strom- und Wärmeerzeugung eingesetzt, gleiche Energiemenge wie fossile Kraftwerke be-
64 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

. Abb. 3.6  Installierte Leistung im Kraftwerkspark vs. Energie als Bruttostromerzeugung (rote Linie); Wind wird ener-
getisch zur tragenden Säule, die installierten Leistungen von Wind und Photovoltaik sind gegen Mitte des Jahrhunderts
gleichauf. Die Kapazität des Kraftwerksparks in Deutschland (Flächen) wird von heute ca. 150 GW auf etwa 225 GW in 2050
ansteigen, bei annähernd gleichbleibendem Stromverbrauch von ca. 600 TWh/a (rote Linie), nach [28]

reitzustellen, wird eine entsprechende Mehr- oder Auflösung von bis zu 7 · 7  km besitzen. Dadurch
Überinstallation an Leistungskapazität bei Wind können Aussagen zu Stromüberschüssen und zum
und Solar notwendig. Bedarf an Flexibilitätsoptionen wie Speicher abge-
Dies zeigt sich deutlich in . Abb. 3.6: Durch den leitet werden.
Rückgang der fossilen Kraftwerke auf Basis fossiler .  Abbildung  3.7 zeigt die Momentaufnahme
Energiespeicher und den Ausbau von Wind und einer Simulation der Einspeisung aus schwanken-
Solar mit meteorologisch bedingten geringen Voll- der Wind- und Solarenergie für einen Anteil er-
laststunden wird eine höhere installierte Leistung neuerbarer Energien von ca. 40 %, woraus sich eine
notwendig bei annähernd gleichem Strombedarf. Residuallast ergibt. Diese ist maßgeblich für den
Im Vergleich von . Abb. 3.5 und 3.6 zeigt sich eben- wirtschaftlichen und technischen Einsatz konven-
falls der deutliche Unterschied der Volllaststunden tioneller Kraftwerke und Speicher.
anhand der installierten Leistungen im Gegensatz Die reine Betrachtung der Residuallast (Last
zu den erzeugten Strommengen. minus Einspeisung) führt zu folgenden Aussagen:
1. Die rückläufige Auslastung stellt konventionel-
zz Dynamische Simulation zur Bestimmung der le Kraftwerke vor folgende Herausforderun-
Stromüberschüsse und des Speicherbedarfs gen:
Diese Jahreswerte für installierte Leistungen und 55 Die technischen Anforderungen an geringe
Energiemengen geben noch keinen Aufschluss Mindestbetriebszeiten und Wartungszeiten
über die Situation im Stromnetz und Stromhan- und hohe Leistungsgradienten für kurze
del, welche wesentlich für den Speicherbedarf ist. An- und Abfahrzeiten steigen.
Dafür wurden in der Studie Modelle zur Simula- 55 Gleichzeitig steigt der Druck auf die Be-
tion der Einspeisung erneuerbarer Energien und triebswirtschaft der Kraftwerke, da ein-
des Stromverbrauchs entwickelt, die eine zeitliche gesetztes Kapital nicht in vollem Umfang
Auflösung von einer Stunde und eine räumliche
3.2 •  Langfristszenarien des Bundesumweltministeriums
65 3

. Abb. 3.7  Fluktuierende Einspeisung aus Wind und Photovoltaik für ein Szenario mit ca. 40 % erneuerbaren Energien
(im Szenario 2011 A etwa für das Jahr 2020 prognostiziert). Oben links wird die Windgeschwindigkeit über Deutschland
prognostiziert, rechts daneben die solare Globalstrahlung. Die Daten stammen vom deutschen Wetterdienst (DWD).
Unten links werden der Strombedarf als Last und die aus den Wetterdaten resultierenden Einspeisungen aus Wind und PV
simuliert, woraus sich die Residuallast ergibt. Rechts wird die aggregierte Einspeisung von Wind- und Solarstrom auf die
jeweilig zugeordneten nächsten 110 kV-Netzknoten dargestellt, nach [28]

genutzt werden kann und dennoch De- 55 Möglichkeiten des Lastmanagements (Elektro-
ckungsbeiträge zu erwirtschaften sind. mobilität, Wärmepumpen, Klimatisierung und
2. Die Fluktuationen im Stromnetz nehmen Haushalte)
deutlich zu: 55 Stromtransport im Netzregionenmodell – in
55 Lastschwankungen im GW-Bereich werden der Studie noch nicht angewandt (daher fußen
zur Normalität und erhöhen die Anforde- die Ergebnisse auf einem idealen Netzausbau)
rungen an den Netzbetrieb. 55 Einsatz von Kraftwerken (Kondensationskraft-
55 Trotz starkem Ausbau erneuerbarer Energi­ werke, KWK, Biomasse, Speicherwasserkraft)
en sinkt die maximal benötigte Kraftwerks- 55 Einsatz von Energiespeichern (Pumpspeicher,
leistung zur Deckung der Jahreshöchstlast Power-to-Gas etc.)
(technische Versorgungssicherheit) kaum.
55 Es entsteht ein Bedarf an Flexibilitäten wie Daraus werden die in 7 Abschn. 3.2 und in 7 Kap. 4
Energiespeicher zum Ausgleich der erneu- und 5 gewonnenen Erkenntnisse abgeleitet.
erbaren Einspeisung.

In die verwendete Kraftwerkseinsatzmodellierung 3.2.3 Auswirkung von


fließen folgende Parameter ein: Mindesterzeugung und Import/
55 auf Regionen bezogene Einspeisung aus nicht Export auf den Speicherbedarf
regelbaren erneuerbaren Energien (z. B. Wind,
PV) und entsprechende Prognosen zz Auswirkung der Mindesterzeugung des
55 auf Regionen bezogene nicht regelbare Last Kraftwerksparks – Must-run
inklusive Prognose Bei idealem Netzausbau kann nach dem Szenario
bereits 2020 an wenigen Tagen und Wochenenden
66 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

. Tab. 3.1  Bedarf an technischer Mindesterzeugung im konventionellen Kraftwerkspark, nach [17]

Aspekt Kriterium für Mindesterzeugung/ Resultierende Mindestwirkleistungs-


Funktion erzeugung in GW

(n−1)-Sicherheit (Ausfallabsiche- Sicherung von Flexibilitätspotenzial 3  GW aus marktbasiert stillstehen-


rung) Erzeugungsverlagerung um bis zu den Kraftwerken

3 7 GW

Kurzschlussleistung Ausreichende Kurzschlussleistungen (–) (bei Bezug aus dem europäischen


an Netzknoten und -zweigen Verbund)

Spannungshaltung Blindleistungsbereitstellung bei 4–8 GW


Starkwind und Schwachlast

Blindleistungsbereitstellung bei 16–20 GW


Schwachwind und Starklast

Regelung der Systembilanz Sicherstellung der Systembilanz bei 8–25 GW


gefährdeten und gestörten Betriebs-
zuständen

. Abb. 3.8  Effekt von Must-run-Kapazitäten und Import/Export auf Stromüberschüsse bei idealem Netzausbau in
Deutschland anhand einer Jahresdauerlinie für 2020 (40 % erneuerbarer Anteil), 2030 (63 % erneuerbarer Anteil) und 2050
(85 % erneuerbarer Anteil), nach [28]

im Frühling oder Sommer die Last in Deutsch- Zu diesen Zahlenwerten, die nicht einfach ad-
land durch erneuerbare Energien gedeckt bzw. diert werden können, kommt noch die Mindester­
überdeckt werden. Entscheidend für die Höhe zeugung in KWK-Anlagen hinzu. Der heutige re-
der Stromüberschüsse ist die technische Mindest- sultierende Must-run-Bedarf ist in dieser Größen-
erzeugung von konventionellen Kraftwerken zur ordnung für ein System mit stark schwankenden
Gewährleistung der Systemstabilität und zur Be- erneuerbaren Energien ein Hindernis. Bleibt der
reitstellung von Wärme über Wärmenetze (engl. Bedarf in dieser Höhe und verzögert sich der Netz-
»Must-run-Units«). ausbau, ist bei einem weiteren Ausbau erneuerbarer
Der heutige Bedarf an technischer Mindester- Energien auf 40 % bis 2020 mit erheblichen Strom­
zeugung im konventionellen Kraftwerkspark wird überschüssen zu rechnen, wie in .  Abb.  3.8 beim
in einer Studie der FGH (s. [17]) in . Tab. 3.1 quan- Durchziehen einer Linie bei 20  GW oder  30  GW
tifiziert. klar wird.
3.2 •  Langfristszenarien des Bundesumweltministeriums
67 3
Diese »grauen« Stromüberschüsse erfordern Nutzung des Potenzials notwendig und auch der
wiederum Ausgleichsmaßnahmen wie Energie- Datenschutz ist zu beachten. In Industrie oder Ge-
speicher. Sie werden als »grau« bezeichnet, da der werbe sind die erforderlichen Leistungsmessun-
erneuerbare Strom im Prinzip noch integriert wer- gen und Spitzenlastbeschränkungen bereits heute
den könnte und die Stromquelle fossil dominiert gängig. In Haushalten finden Standardlastprofile
ist. Der tatsächliche Bedarf an Mindesterzeugung Anwendung, die erst ab einer Anzahl von 100–150
wird jedoch voraussichtlich im Zuge der Flexibi- Haushalten Geltung haben. Daher kann noch kein
lisierung der KWK und der Übernahme von Sys- bedarfsgerechtes Lastmanagement bei einzelnen
temdienstleistungen durch erneuerbare Energiean­ Haushalten durchgeführt werden.
lagen sinken. Laut der Dena-Netzstudie II (s. [13]) können
die Haushalte sowohl den höchsten negativen als
zz Effekt von Import und Export auch den höchsten positiven Beitrag zum Lastaus-
Ein Import oder Export von Strom über die inter- gleich leisten. Im Privathaushalt sind dies vor allem
nationalen AC- und DC-Kuppelstellen wirkt ent- Speicheröfen, Elektrowärmepumpen, Kühl- und
lastend auf die Schwankungen der Einspeisung und Gefriergeräte, Waschmaschinen und Trockner.
damit reduzierend auf Stromüberschüsse und Spei- Zusammen erreichen diese ein technisches Poten-
cherbedarf. Für das Jahr 2030 werden Transferka- zial von über 30 GW, um kurzfristig überschüssi-
pazitäten in der Höhe von 11,7 GW AC-Leitungen ge Energie aufzunehmen (negativer Beitrag), und
und 13,8 GW HGÜ-Leitungen abgebildet, im Jahr ein Potenzial von über 10  GW »Bereitstellung«
2050 kommen weitere 17,6 GW bipolare DC-Ver- von Energie (positiver Beitrag). Der positive Bei-
bindungen hinzu. trag wird über die zeitliche Verschiebung des Ver-
Dennoch gleichen Importe und Exporte die brauchs auf lastärmere oder erzeugungsstärkere
starken Fluktuationen bei sehr hohen Anteilen Stunden durch kurzfristiges Abschalten erreicht.
­erneuerbarer Energien nicht zur Gänze aus, wie im .  Abbildung 3.9 stellt das technische Lastmanage-
Abschnitt zu 2050 in . Abb. 3.8 deutlich wird. mentpotenzial für 2015 auf Basis der Dena-Netz-
studie II ohne Beachtung wirtschaftlicher Rahmen-
bedingungen dar.
3.2.4 Auswirkung von
Lastmanagement auf den zz Ökonomisches Lastmanagementpotenzial
Speicherbedarf Das wirtschaftliche Potenzial aller drei Sektoren ist
weitaus niedriger, da in Industrie und Gewerbe teil-
zz Technisches Lastmanagementpotenzial weise hohe Investitionen nötig sind oder im Haus-
Die heute starre Stromnachfrage der V ­ erbrau­cher halt Komforteinbußen hinzunehmen wären.
kann über ein Lastmanagement (engl. »Demand- Daher geht die Dena-Netzstudie II für das
Side-Management, DSM«) flexibilisiert werden. Jahr 2020 von einem wirtschaftlichen Potenzial
Jede Kilowattstunde, die zeitlich v­ erschoben »ver- von 3,3 GW in der Industrie und 0,8 GW im Ge-
braucht« wird, kann eine Teilfunktion eines Ener- werbe aus, vor allem zum Einsatz im Regelleis-
giespeichers als Ausspeichereinheit erfüllen. Der tungsmarkt. Für Haushalte wird ein wirtschaftli-
Einsatz des Lastmanagements in der Funktion ches Potenzial von ca. 1,5  GW bis 2020 gesehen
eines Energiespeichers ist in  7  Kap.  11 ausführlich (s. [13]).
beschrieben. Alle Potenziale werden aufgrund der Effizienz-
Zur Umsetzung des Lastmanagements in Bi- steigerung langfristig zurückgehen. Neue Ver-
lanzkreisen und Leistungs- und Energiemärkten braucher wie Elektroautos, Wärmepumpen oder
ist eine intelligente Steuerung der Verbraucher Elektrolyseure für Stromkraftstoffe bergen jedoch
samt Preissignalen und Prognosen notwendig. Die weiteres Potenzial für das Lastmanagement. Ihre
Steuerung wird über IT und Kommunikationstech- Einbindung erfordert ein obligatorisches Lastma-
nologien realisiert (engl. »Smart Grid« und »Smart nagement, da sie bei gleichzeitigem Bezug von Last
Meter«). Ferner sind rechtliche Anpassungen zur
68 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

. Abb. 3.9  Technisches Lastmanagementpotenzial im Jahr 2015 auf Basis der Dena-Netzstudie II, nach [13, 28]

. Abb. 3.10  Effekt des Lastmanagements auf Stromüberschüsse bei idealem Netzausbau in Deutschland anhand einer
Jahresdauerlinie für 2020 (40 % erneuerbarer Anteil), 2030 (63 % erneuerbarer Anteil) und 2050 (85 % erneuerbarer Anteil),
nach [28]

zu ungünstigen Zeiten zu einer Verschlechterung Speichern und wirkt sich mindernd auf den
der Netzstabilität beitragen. Speicherbedarf aus. .  Abbildung 3.10 zeigt verglei-
chend den Beitrag des Lastmanagements in den Jah-
zz Zusammenhang von Lastmanagement und ren 2020, 2030 und 2050.
Speicherbedarf Im Jahr 2020 werden vor allem Speicheröfen
In der Simulation der Energieversorgung erweist oder Warmwasserbereiter in Haushalten (DSM-
sich das Lastmanagement als Konkurrenz zu Haushalt) genutzt. Wird das beschriebene und
3.2 •  Langfristszenarien des Bundesumweltministeriums
69 3

. Abb. 3.11  Kraftwerks- und Speichereinsatz im Szenariojahr 2020 bei einem erneuerbaren Anteil von 40 % [28]

modellierte Potenzial ausgeschöpft, werden die heute installierte Pumpspeicherleistung in der


anfallenden Stromüberschüsse nach Import/ deutschen Regelzone (PSW Deutschland, PSW
Export und bei geringen Must-run-Kapazitäten Vianden Luxemburg und PSW Illwerke Öster-
fast vollständig vom Lastmanagement aufge- reich) und der Druckluftspeicher Huntorf abge-
nommen. bildet. Für 2020 wird die konservative Annahme
2030 und 2050 schließen Elektrofahrzeuge, getroffen, dass keine neuen Pumpspeicherpro-
Wärmepumpen und intelligente Verbraucher im jekte realisiert werden können. Die Stromver-
Lastmanagement auf, und nicht alle Überschüs- sorgung kann auf Basis dieser Maßnahmen und
se können integriert werden. des Netzausbaus den erneuerbaren Anteil von
40 % stabil integrieren.
Der Speichereinsatz beläuft sich vorwiegend
3.2.5 Speichereinsatz bei auf Kurzzeitspeicher – konkret die existieren-
erneuerbaren Anteilen von 40 %, den Pumpspeicher, die neben dem Erzeugungs-
63 % und 85 % ausgleich auch vorrangig in den Reservemärk-
ten für Regelleistung eingesetzt werden. Der
zz Speichereinsatz 2020: 40 % erneuerbarer Pumpstrom beträgt 3,7  TWh/a und ist rein
Anteil am Strommix »grau«, d. h., der erneuerbare Anteil am Strom-
. Abbildung 3.11 zeigt den simulierten Einsatz des mix des Speichers ist null. Ein Bedarf an Lang-
deutschen Kraftwerksparks im Jahre 2020 nach zeitspeichern ist im Szenario unter den Modell­
Einsatz der beschriebenen Maßnahmen des Im- annahmen nicht zu sehen. Bei idealem Netz-
ports/Exports, des Lastmanagements und zu- ausbau und voller Kraftwerksflexibilität besteht
sätzlich der Speicher. Als Speicher werden die quasi kein Bedarf für zusätzliche Speicher.
70 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

. Abb. 3.12  Kraftwerks- und Speichereinsatz im Szenariojahr 2030 bei einem erneuerbaren Anteil von 63 %, nach [28]

zz Speichereinsatz 2030: 63 % erneuerbarer werden. Darüber hinaus fallen bei 63 % erneuerba-
Anteil am Strommix ren Energien am Strommix nur sehr geringe Über-
Mit einem weiteren Ausbau der erneuerbaren Ener- schüsse für Power-to-Heat und Langzeitspeicher
gien nach 2020 und den damit verbundenen, deutli- wie Power-to-Gas bei idealem Netzausbau und den
cheren Auswirkungen der Fluktuationen werden hohe anderen Rahmenbedingungen des Szenarios an.
Ansprüche an den konventionellen Kraftwerkspark
und die Flexibilisierung der KWK gestellt. Entspre- zz Speichereinsatz 2050: 85 % erneuerbarer
chend wichtig wird der Ausbau der Wärmespeicher Anteil am Strommix
für KWK-Anlagen. In . Abb. 3.12 ist exemplarisch der 2050 kommen Langzeitspeicher wie Power-to-Gas
Lastverlauf über zwei Wochen dargestellt. mit vollem Umfang zum Einsatz und werden es-
Neben den Wärmespeichern kommen auch senziell zur Erreichung der Klimaschutzziele und
verstärkt Pumpspeicher mit einem Pumpstrom der Ziele zum Ausbau erneuerbarer Energien
von 5,9 TWh/a zum Einsatz. Für 2030 wird ange- (s. . Abb. 3.13). Bei einem erneuerbaren Anteil von
nommen, dass die heute bekannten geplanten Neu- 85 % und idealem Netzausbau erreichen Langzeit-
bauprojekte von Pumpspeichern realisiert werden speicher wirtschaftlich akzeptable Auslastungen.
können. Der Pumpstrom ist zu 31 % erneuerbar Auch Kurzzeitspeicher kommen auf hohe Auslas-
und dient damit zu einem Drittel direkt der Inte­ tungen. Der Pumpstrom ist bei einem erneuerba-
gration erneuerbarer Energien. Indirekt unterstützt ren Anteil von 85 % zu 87 % erneuerbar und liegt
er diese durch die Reduktion der Must-run-Units mit 8  TWh nochmals deutlich über den Werten
bzw. die höhere Auslastung der KWK und damit von 2020 und 2030. Auch Power-to-Heat wird in
die Schaffung von mehr Flexibilität im System. diesem hochprozentigen Szenario im GW-Maßstab
Die Überschüsse können fast vollständig über zur Deckung der Wärmenachfrage in Zeiten hoher
Wärmespeicher und Kurzzeitspeicher integriert wetterbedingter Stromüberschüsse eingesetzt.
3.2 •  Langfristszenarien des Bundesumweltministeriums
71 3

. Abb. 3.13  Kraftwerks- und Speichereinsatz im Szenariojahr 2050 bei einem erneuerbaren Anteil von 85 %, nach [28]

zz Speicherbedarf durch Regelleistung 3.2.6 Zusammenfassung


Ein weiterer Indikator für den Speicherbedarf ist
der Bedarf an Regelleistung. Sie wird zur kurzfris- Unter den wesentlichen Annahmen (idealer Netz-
tigen Systemstabilisierung bei Kraftwerksausfällen ausbau in Deutschland, Flexibilität der KWK, AC-
und Prognoseabweichungen benötigt und ist ein und DC-Kuppelstellen in die benachbarten euro-
Teil der Systemdienstleistungen. Die Simulationen päischen Regelzonen, nur Übertragungsnetzebene)
kommen zum Schluss, dass der Bedarf bis 2020 und können folgende Aussagen zu Überschüssen und
2030 für die Sekundärleistung von heute ± 2  GW Speicherbedarf aus den BMU-Langfristszenarien
auf ± 2,2 GW nur leicht ansteigt. Ähnliches gilt für zusammengefasst werden:
die Minutenreserve, die zwar vor allem im positi-
ven Bereich von ca. 2 auf 4 GW bis 2020 zunimmt, Fazit
im Anschluss aber auf gleichem Niveau bleibt. Der 55 Bereits 2020 kann an wenigen Tagen im Frühling
Primärregelleistungsmarkt ist mit ± 600 MW sehr und Sommer die Last in Deutschland durch er-
überschaubar und wird kein Treiber für den Spei- neuerbare Energien gedeckt bzw. überdeckt wer­
cherbedarf sein. den. Entscheidend für die Höhe der Stromüber-
Insgesamt ist der Regelleistungsbedarf eng ver- schüsse sind die Mindesterzeugungseinheiten
woben mit der Prognosegüte für Wind, PV und für Systemdienstleistungen und die gekoppelte
Last, die in Zukunft immer weiter verbessert wird. Wärmeversorgung (Must-run-Einheiten).
Ein Speicherbedarf für erneuerbare Energiesysteme 55 Bleibt es beim Must-run-Bedarf in der heutigen
existiert demnach in der Höhe des Ersatzes konven- Höhe und verzögert sich der Netzausbau, ist bei
tioneller Kraftwerksleistung für die Bereitstellung einem weiteren Ausbau erneuerbarer Energien
von Systemdienstleistungen wie Regelleistung, aber auf 40 % bis 2020 mit erheblichen Stromüber-
nicht weitgehend darüber hinaus (s. [28]). schüssen zu rechnen. Der tatsächliche Bedarf
72 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

an Mindesterzeugung wird jedoch voraussicht- Umweltbundesamt für Mensch und Natur (UBA)
lich im Zuge der Flexibilisierung der KWK und in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer IWES
der Übernahme von Systemdienstleistungen Kassel in einer Studie untersucht, ob eine Vollver-
durch erneuerbare Energieanlagen sinken. sorgung mit erneuerbaren Energien im Jahr 2050
55 Aus der Regelleistung ergibt sich ein begrenzter möglich ist (s. [43]). Diese Studie wird nachfolgend
Speicherbedarf in der Höhe des Ersatzes konven- hinsichtlich Stromüberschüsse und Speicherbedarf
3 tioneller Kraftwerksleistung für die Bereitstellung beleuchtet.
von Systemdienstleistungen. Der wesentlichste
Einfluss liegt in der Verbesserung der Prognose-
güte für Wind, Photovoltaik und Last. 3.3.1 Annahmen zum Stromverbrauch
55 Stromimport und -export wirken entlastend in 2050
auf die Schwankungen aus Wind und Solar und
damit reduzierend auf Stromüberschüsse und Rahmenbedingungen und
3.3.1.1 
Speicherbedarf. Übersicht
55 Lastmanagement wirkt sich mindernd auf den
Speicherbedarf aus. zz Demografische und wirtschaftliche
55 Bei einem erneuerbaren Anteil von 40 % (2020) Rahmenbedingungen
kommen nur Kurzzeitspeicher in Form von Die Studie geht davon aus, dass sich die Lebensbe-
Pumpspeichern zum Einsatz. Der Anteil er- dingungen in Deutschland 2050 im Vergleich zu
neuerbarer Energien am Pumpstrom ist null. Es heute nicht grundlegend ändern werden und dass
besteht kein Bedarf für zusätzliche Speicher. die Bundesrepublik ein hochentwickeltes Indus-
55 Bei einem erneuerbaren Anteil von 63 % (2030) trieland mit entsprechender Wirtschaftsstruktur
werden zusätzliche Kurzzeitspeicher benötigt. und Mobilitätsansprüchen bleibt. Im Nutzungs-
Die geplanten Neubauprojekte von Pumpspei- verhalten wird keine Änderung zu heute unter-
chern können den Bedarf decken. Ihr erneuer- stellt.
barer Anteil am Pumpstrom beträgt 31 %. Wär- Für die Bevölkerungsentwicklung wird eine
mespeicher werden in zunehmendem Umfang Verringerung der Einwohnerzahl von heute ca.
zur Flexibilisierung der KWK gebraucht. Power- 82 Mio. auf rund 72 Mio. im Jahr 2050 vorausge-
to-Heat und Power-to-Gas kommen nur in sehr setzt. Dabei wird eine ähnliche Geburtenrate wie
geringem Umfang zum Einsatz. heute, ein leichter Anstieg der Lebenserwartung
55 Zur Umsetzung der Klimaschutzziele im Strom­ und eine ähnliche Zuwanderung wie gegenwärtig
sektor durch einen Ausbau erneuerbarer Energien angenommen.
auf einen Anteil von 85 % (2050) werden sowohl In der wirtschaftlichen Entwicklung wird bis
Kurz- als auch Langzeitspeicher benötigt. Lang- 2050 von einem jährlichen BIP-Wachstum von
zeitspeicher wie Power-to-Gas kommen in vollem 0,7 % im Schnitt ausgegangen. Diese Entwick-
Umfang zum Einsatz. Der Strommix in Pump- lung beschreibt die Fortführung der bisherigen
speichern ist zu 87 % erneuerbar. Wärmespeicher Trends, in denen der Anteil des Dienstleistungs-
und Power-to-Heat sind elementar in der Wär­ sektors weiter steigt.
meversorgung und bieten eine Flexibilität für das Darüber hinaus wird von einem Einsatz der
­Stromsystem, die stark genutzt wird. besten, heute am Markt verfügbaren Technolo-
gien und von keinen deutlichen Verbesserungen
bis 2050 ausgegangen, was einer konservativen
3.3 »100 % Strom aus erneuerbaren Annahme entspricht. Optimistisch hingegen
Quellen« laut Umweltbundesamt wird vorausgesetzt, dass alle Effizienzpotenziale
bis 2050 erschlossen sind.
Um die Realisierbarkeit der Ziele der Bundesre- Als Grundlage zur Analyse der Lastdeckung
gierung in Energiewende und Klimaschutz durch und des Speicherbedarfs wird der Energiever-
erneuerbare Energien zu untersuchen, hat das brauch von Haushalten, Gewerbe, Handel und
3.3 •  »100 % Strom aus erneuerbaren Quellen« laut Umweltbundesamt
73 3
Dienstleistungen (GHD), Industrie und Strom für . Tab. 3.2  Annahmen zum Stromverbrauch im
den Verkehr in 2050 betrachtet. Als Referenzjahr Jahr 2050 inklusive der ohmschen Leitungsverluste
für die Eingangsdaten dienen 2005 und 2008. und Verluste im Umwandlungsbereich, nach [43]

Endenergieverbrauch Strom 468 TWh


zz Angenommener Stromverbrauch in 2050
Haushalte 105 TWh
.  Tabelle  3.2 fasst die Annahmen zum Stromver-
brauch in 2050 zusammen. Trotz Elektrifizierung Gewerbe, Handel, Dienstleistungen 90 TWh
von Wärme und Verkehr liegt der Gesamtstrom- Industrie 201 TWh
verbrauch niedriger als der heutige Wert von etwa
Verkehr 72 TWh
600 TWh/a.
Die Gesamt-Endenergie für Strom, Wärme Verbrauch im Umwandlungsbereich 8 TWh

und Verkehr wird im Szenario von 2005 bis 2050 Nettostromverbrauch 476 TWh
um über 50 % reduziert. Neben dieser deutlichen Leitungsverluste 30 TWh
Abnahme des Endenergieverbrauchs in allen Sek-
Gesamtstromverbrauch 506 TWh
toren ist zu sehen, dass eine Substitution fossiler
Brennstoffe durch den Energieträger Strom in allen
Sektoren erfolgt. Beträgt der Anteil des Stromes am
Endenergiebedarf 2005 knapp 27 %, steigt der An- Der Warmwasserverbrauch bleibt auch 2050
teil auf über 50 % im Jahr 2050. Strom wird damit auf dem heutigen Stand, da von keiner Ände-
auch in diesem Szenario analog zu  7  Abschn. 3.2.1 rung des Nutzungsverhaltens ausgegangen wird.
zum Nukleus der Energieversorgung. Einsparungen werden nur in der Speicherung
und in der Verteilung angesetzt. Ebenso wie
3.3.1.2 Herleitung der Einsparpotenziale bei der Raumwärme wird der Energiebedarf
und sektorielle Entwicklung hauptsächlich über Elektrowärmepumpen und
solarthermische Anlagen gedeckt. Es verbleibt
zz Stromverbrauch privater Haushalte ein geringer Strombedarf von 5,6  TWh für die
Beim Stromverbrauch der privaten Haushalte wer- Warmwasseraufbereitung.
den ambitionierte Effizienzziele angesetzt. So soll In der Studie wird vorausgesetzt, dass alle
Strom den gesamten Bedarf an Brennstoffen er- peripheren Geräte für die Raumwärme- und
setzen und dennoch der Endenergieverbrauch von Warmwassergewinnung und -verteilung auf
760 TWh in 2005 auf 105 TWh in 2050 sinken. dem Stand der Technik sind. Für ein angeneh-
Haushalte benötigen Wärme (Raumwärme und mes Raumklima sorgen Lüftungen mit Wärme-
Warmwasser) und Strom (Beleuchtung und elektri- rückgewinnung, die die hohen Energieverluste
sche Anwendungen). durch Fensterlüften vermeiden. Deren Strombe-
Für die Raumwärme wird von einer deutlichen darf ist gegenüber der eingesparten Energie ver-
Reduzierung des durchschnittlichen spezifischen nachlässigbar. Ein weiterer wichtiger Punkt sind
Nutzenergiebedarfs von rund 26 kWh m−2a−1 ausge- Heizungsumwälzpumpen und Solarpumpen.
gangen. Der heutige Wert liegt bei 144 kWh m−2a−1. Durch erhebliche Effizienzsteigerungen fällt ihr
Erreicht wird dieses Ziel durch eine vollständige Verbrauch von 8,5 TWh/a auf 3,6 TWh/a.
Sanierung des Gebäudebestands durch eine Anhe- Durch den Einsatz von Leuchtmitteln der
bung der jährlichen Sanierungsrate auf 3,3 % und höchsten Effizienzstufe lässt sich der Strombe­
die Fortschreibung der anspruchsvollen Neubau­ darf für Beleuchtung von 12  TWh (2005) auf
standards. Der verbleibende Bedarf an Heizwärme 2 TWh minimieren. Der Strombedarf von elek-
von 101  TWh wird durch Solarwärme (5 %) und trischen Haushaltsgeräten und von Informa-
Elektrowärmepumpen (95 %, d.  h. 31  TWh Strom tions- und Kommunikationsgeräten lässt sich
plus 65 TWh Umweltwärme) mit einer Arbeitszahl durch Effizienzsteigerung wie den Ersatz von
von 3,1 größtenteils elektrisch gedeckt.
74 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

Gasherden durch Elektroherde und die Vermei­ 3.3.2 Technisch-ökologische


dung von Stand-By-Verlusten ebenfalls verklei- Potenziale von erneuerbaren
nern. Im Szenario werden Einsparungen von Energien, Speichern und
25 % auf 63,5 TWh/a umgesetzt. Lastmanagement

zz Stromverbrauch in Industrie und Gewerbe, Potenziale erneuerbarer Energien


3.3.2.1 
3 Handel und Dienstleistungen Die Annahmen zum Ausbau der erneuerbaren
In der Industrie kann zwischen dem Energiebe- Energien sind für den Speicherbedarf von entschei-
darf für Prozesswärme, mechanische Energie und dender Bedeutung. An dieser Stelle werden die
Raumwärme unterschieden werden, wobei der grundlegenden technisch-ökologischen Potenziale
Energiebedarf für Prozesswärme den größten An- erneuerbaren Energien in Deutschland beleuchtet:
teil ausmacht. Diese lässt sich in Zukunft durch Windenergie und Photovoltaik sind als tragende
Konzepte wie Wärmerückgewinnung um rund Säulen identifiziert.
42 % pro Jahr auf 50  TWh minimieren. Der ver-
bleibende Energiebedarf für Prozesswärme wird zz Photovoltaik
durch Strom, KWK mit Biogas oder andere Ener- Die relevanten Faktoren für das PV-Potenzial sind
giequellen gedeckt. Sowohl der mechanische Ener- Wirkungsgrad und verfügbare Fläche. In der Stu-
giebedarf als auch die Beleuchtung kann mithilfe die wird ein konservativer mittlerer Wirkungs-
von effizienteren, bedarfsorientierten Anlagen und grad von 19 % angesetzt. Bei der Fläche werden als
Maschinen auf ein Drittel reduziert werden. Für die Potenzial alle Dachflächen, Fassadenflächen und
Raumwärme wird auch hier fast ausschließlich auf Lärmschutzwände verwendet. Konversionsflächen
elektrische Wärmepumpen gesetzt. bleiben unberücksichtigt. Daraus folgt eine nutz-
Zusammengefasst ergibt sich trotz einer Pro- bare Fläche von 1620  km², auf der eine Leistung
duktionssteigerung um gut ein Drittel eine Redu- von 275  GW installiert werden kann, die bei 900
zierung von 674  TWh/a (2005) auf 498  TWh/a Volllaststunden einen Jahresertrag von 248  TWh
(2050) für den gesamten Endenergieverbrauch. erzielt.
Erneuerbarer Strom kann dabei einen Anteil von
41 % decken. zz Onshore Windenergie
Im Sektor Gewerbe, Handel und Dienstleistun- Wie für die Photovoltaik sind auch für die Wind-
gen kann von einer Einsparung im Endenergie- kraft die Anlagentechnik (vor allem Rotor-Genera­
bedarf von etwa 60 % ausgegangen werden. Trotz tor-Verhältnis, Nabenhöhe) und die nutzbare Flä-
neuem Strombedarf für Kälte durch Lüftung und che richtungsweisend. In der Studie wird etwa 1 %
Klimatisierung fällt der Energiebedarf durch Ef- der Gesamtfläche Deutschlands als technisch-öko-
fizienzsteigerungen in Beleuchtung, Raum- und logisches Potenzial ausgewiesen, da zu diesem Zeit-
Prozesswärme und mechanischer Energie von punkt keine anderen Untersuchungen vorlagen. In
406  TWh/a auf ca. 171  TWh/a, wobei über 60 % der UBA-Studie wurde eine Leistungsdichte von
davon aus dem Stromsektor stammen. ca. 16,6  MW/km2 angenommen, woraus sich ein
konservatives Onshore-Windkraftpotenzial von
zz Verkehr 60  GW ergibt. Durch höhere und effektivere An-
Heute werden ca. 22 TWh Strom im Verkehrssek­ lagen sind bis 2050 Volllaststunden für Wind an
tor fast ausschließlich für den Schienenverkehr Land im Schnitt von 3000  h/a realisierbar, was
verwendet. Durch den Ausbau der Elektromobili- einem Energieertrag von 180 TWh/a entspricht.
tät wird seine Bedeutung für den Straßenverkehr Eine neuere Studie des Fraunhofer IWES für
in Zukunft deutlich steigen. Das begründet die An- den Bundesverband Windenergie weist auf 2 % der
nahme, dass die Hälfte aller Personenkilometer im Landesfläche ein technisch-nachhaltiges Potenzial
Jahre 2050 elektrisch absolviert und dafür ein zu- für Wind an Land von 198  GW bei 2000  h/a mit
sätzlicher Strombedarf von 50 TWh angesetzt wird. einem Ertrag von 390 TWh/a aus (s. [8]).
3.3 •  »100 % Strom aus erneuerbaren Quellen« laut Umweltbundesamt
75 3
. Tab. 3.3  Technisch-ökologisches Potenzial der erneuerbaren Energien 2050 und Vergleich zu 2013 nach den
konservativen Schätzungen des Umweltbundesamtes, nach [6, 43]

Jahr 2013 Jahr 2050 (100 %-Szenario)

Installierte Leistung Energie Technisch-ökologisches Technisch-ökologisches


in GW in TWh Leistungspotenzial in GW Energiepotenzial in TWh

Photovoltaik 36 31 275 248

Wind an Land 34 51 60 180

Wind auf See 0,9 0,9 45 180

Wasserkraft 5,6 21 6 24

Tiefengeothermie 24 0,08 6,4 50

Biomasse aus 3,3 9,7 nach Bedarf über Gasver- 23


Abfall stromung

Summe 103,8 113,7 392 705

zz Offshore-Windenergie nerer Leistungen gesehen. Somit werden für 2050


Auf hoher See weht der Wind häufiger, stärker und eine installierte Leistung von 6 GW und ein Ertrag
konstanter. Das ist der entscheidende Vorteil der von 24  TWh als technisch-ökologisches Potenzial
Offshore-Windenergie gegenüber der Onshore- angesetzt.
Windenergie. Begrenzende Faktoren sind die An-
bindung an Land und die Wartung auf dem Meer. zz Tiefengeothermie
Da auch hier belastbare Studien fehlten, wurde auf Die tiefe Geothermie spielt aus heutiger Sicht
Basis der Langfristszenarien (s.  7  Abschn. 3.2) eine nur eine marginale Rolle in der Stromversorgung
Abschätzung zur installierbaren Leistung inklusi- Deutschlands (s. .  Tab.  3.3). Ihre gesamte Strom-
ve steigenden Wassertiefen von 45  GW getroffen, erzeugung lag 2013 bei 24 GWh, was einen Anteil
welche bei 4000 h/a auf ein Energiepotenzial von von 0,007 % am Gesamtstromverbrauch darstellt (s.
180 TWh/a kommt. Damit liegt der angenommene [43]). Die Vorteile solcher Anlagen liegen in der
Stromertrag auf See gleichauf wie an Land. gekoppelten Strom- und Wärmebereitstellung und
Eine aktuelle Studie des IWES für die Stif- ihrer Grundlastfähigkeit aufgrund der hohen Aus-
tung Offshore bestätigt ein Energiepotenzial von lastung von mehr als 7500 Volllaststunden. Wird
258 TWh/a bei einer Auslastung von 4778 h/a und die Wärmenutzung unberücksichtigt gelassen,
einer installierten Leistung von 54 GW auf allen aus kann ein großes Potenzial von 312 TWh/a identifi-
heutiger Sicht nutzbaren Flächen in der Nord- und ziert werden. Zu den weiteren Restriktionen zählen
Ostsee (s. [33]). die Flächenerschließung unter ökologischen Ge-
sichtspunkten und Aspekten der Raumordnung,
zz Wasserkraft womit sich für 2050 ein technisch-ökologisches
Die Wasserkraft ist mit 5,6 GW und ca. 24 TWh/a Potenzial von ca. 50 TWh/a bei einer installierten
in Deutschland bis auf die Kleinwasserkraft weit- elektrischen Leistung von 6,4 GW ergibt. Darin ist
gehend erschlossen (Stand 2011) (s. [6]). Es wird der Eigenverbrauch der Kraftwerke von ca. 25 % be-
nicht damit gerechnet, dass naturbelassene Flüsse rücksichtigt.
für den Ausbau weiterer großer Wasserkraftwer-
ke dienen werden. Das einzige Potenzial zur Er- zz Biogene Rest- und Abfallstoffe
höhung der Leistung und des Ertrages wird in der Die Analyse der Biomasse konzentriert sich aus-
Modernisierung und Erweiterung bestehender An- schließlich auf Biomasse aus Abfällen, da die Strom-
lagen und im Neubau von Wasserkraftanlagen klei- gewinnung aus Energiepflanzen in Konkurrenz zur
76 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

. Tab. 3.4  Kapazitäten aller Kavernen- und Porenspeicher in Deutschland 2050, nach [43]

Max. nutzbares Kavernenspeicher Porenspeicher Summe Summe


Arbeitsgas Vn in Mio. m³ Vn in Mio. m³ Vn in Mio. m³ Eth in TWh

Wasserstoff 36.800 0 36.800 110,4

Methan 36.800 13.600 51.400 514,0


3
Nahrungsmittelproduktion steht, nicht zwangs- Deutschland sind heute Pumpspeicher mit einer
läufig treibhausneutral ist und weitere negative Ausspeicherleistung von 6,6  GW und einer Spei-
Auswirkungen auf die Umwelt wie Monokulturen cherkapazität von 40 GWh installiert. In der Studie
haben kann. Die Biomassepotenziale des Wal- wird eine Erhöhung der Kapazitäten um 0,33 GW
des durch Naturverjüngung und nachwachsendes durch Repowering (Modernisierung bestehender
Holz werden in der UBA-Studie zur Stromerzeu- Anlagen) und um 1,645  GW durch den Neubau
gung nicht berücksichtigt und sind der stofflichen von PSW (Atdorf, Einöden und Blautal) ausgegan-
Nutzung vorbehalten. Bei der Verarbeitung von gen. Das Potenzial weiterer Standorte oder neuer
Lebens- und Futtermitteln sowie anderen indust- Konzepte wie die Umsetzung von Pumpspeichern
riellen Prozessen fallen Rest- und Abfallstoffe an. in Bergwerken bleibt aufgrund der ungewissen
Diese können als Abfallbiomasse mit einem ther- Machbarkeit und ökologischen Folgen der Nut-
mischen Potenzial von 202 TWh/a energetisch ge- zung unberücksichtigt. Insgesamt erhöht sich da-
nutzt werden. Dazu trägt Biogas etwa 40  TWh/a mit die angenommene Turbinenleistung von heute
bei, welches eingespeist und verteilt über die Gas- 6,6 GW auf 8,6 GW und die Speicherkapazität um
infrastruktur bei einem Gas-und-Dampf-Kraft- ca. 15 GWh auf ca. 55 GWh.
werkswirkungsgrad von 57 % ein Strompotenzial
von 23 TWh/a hat. zz Kavernen- und Porenspeicher
Funktionsweise, Vor- und Nachteile sowie Anwen-
zz Zusammenfassung dungen von Power-to-Gas und Gasspeichern sind
. Tabelle 3.3 zeigt vergleichend die heute installier- ausführlich in  7  Kap.  8 und  7  Abschn.  14.3 darge-
te Leistung und Energieerträge mit den ermittelten stellt. Kavernenspeicher eignen sich für W­ asserstoff
technisch-ökologischen Potenzialen der erneuer- und Methan, Porenspeicher hingegen nur für Met­
baren Energien. Die erneuerbaren Energien haben han.
das Potenzial, den Strombedarf in Deutschland si- .  Tabelle  3.4 zeigt die angenommenen Spei-
cher zu decken. cherkapazitäten für Wasserstoff und Methan (Erd-
gas, Windgas). Die Potenziale der Porenspeicher
3.3.2.2 Potenziale der Speicher entsprechen den heute vorhandenen Gasspeichern
Ähnlich zur VDE-ETG-Studie (s.  7  Abschn.  3.4) mit einer Speicherkapazität von 217 TWh. Mit wei-
werden in der UBA-Studie ausschließlich Pumpspei- teren Potenzialen wird nicht gerechnet.
cherwerke (PSW) als Kurzzeitspeicher betrachtet, Kavernenspeicher sind heute mit einem Ar­
die die Schwankungen der Stromerzeugung im Ta- beitsgasvolumen von Vn = 7816 Mio. m³ in Betrieb,
gesbereich abdecken. Als Langzeitspeicher werden und weitere 7366 Mio. m³ sind bereits heute in Bau
chemische Speichersysteme mit über Power-to-Gas und Planung. Werden technische und ökologische
hergestelltem Wasserstoff oder Methan betrachtet. Restriktionen berücksichtigt, wird ein weiteres Po­
tenzial für 400 weitere Kavernenspeicher bis 2050
zz Pumpspeicherwerke gesehen, was einer Verdopplung des Arbeitsvolu-
Funktionsweise, Vor- und Nachteile und Anwen- mens auf 36,8 Mrd. m3 entspricht. Genaue Betrach-
dungen von Pumpspeicherwerken sind ausführ- tungen zu Gasspeichern und deren Potenziale und
lich in  7  Kap.  9 und  7  Abschn.  13.1 dargestellt. In Funktionsweise sind in 7 Abschn. 8.4 zu finden.
3.3 •  »100 % Strom aus erneuerbaren Quellen« laut Umweltbundesamt
77 3
Damit stünden zur Energiespeicherung für chern gedeckt wird (s.  7  Abschn. 3.3.1.2). Über diese
­ asserstoff Speicherkapazitäten von 110  TWh
W Pufferspeicher ist eine sehr große »virtuelle« Spei­
als Wasserstoff genutzt und 514  TWh als Methan cherkapazität von 44 TWh/a in Form von Wärmespei­
­genutzt zur Verfügung. Diese Speicherkapazitäten chern verfügbar, die zu einem großen Teil für das
übersteigen bei Weitem den zukünftigen Speicher- Lastmanagement zwischen Strom- und Wärmesek­
bedarf. Das heutige und zukünftige Potential von tor zur Verfügung stehen kann. Da die Wärmepum-
Gasspeichern ist separat in 7 Abschn. 8.4 hergeleitet. pen im Leistungsbereich von 2 bis 200  kW durch
die solarthermischen Anlagen unterstützt werden,
3.3.2.3 Potenziale des liegt deren Lastmanagementpotenzial vorwiegend
Lastmanagements in der Zeit zwischen November und Februar.
Das Lastmanagement kann als virtueller Speicher
angesehen werden, der die gleichen Aufgaben über zz Klimatisierung
eine zeitliche Verschiebung der Nachfrage erfüllt Da Klimatisierung nur erforderlich ist, wenn die
und somit zur Dämpfung der Fluktuationen in er- Sonne am stärksten scheint, kann diese hervorra-
neuerbar-dominierten Energiesystemen beitragen gend in das Lastmanagement in Korrelation mit
kann (s. 7 Kap. 11). Diese Dienstleistungen sind fast PV integriert werden. Dabei kommen thermische
durchgängig kostengünstiger als »reine Energie- Speicher wie Latentwärmespeicher (PCM) oder
speicher« und daher im Sinne der Kostenminimie- Eisspeicher zum Einsatz (s.  7  Kap. 10). Vom Ener-
rung des Gesamtsystems prioritär im Einsatz. giebedarf (28  TWh/a) kann ein großer Anteil für
Es gibt dazu große Potenziale im Bereich Indus- den Ausgleich der Einspeiseschwankungen ver-
trie, GHD und Haushalte (s. [23, 38, 46]: wendet werden.
55 Industrie
55 Chlor-Alkali-Elektrolyse zz Elektromobilität
55 Papierherstellung Fahrzeuge werden den Großteil eines Tages nicht
55 Zementherstellung gebraucht (»Stehzeug«). Plug-in-Hybride oder
55 Kälteversorgung reine Elektrofahrzeuge sind zu einem gewissen
­
55 Gewerbe, Handel, Dienstleistungen Grad flexibel im Ladezeitpunkt, weshalb sie sich
55 Kühlhäuser, Lebensmittelgeschäfte gut zur Aufnahme von Überschüssen eignen
55 Kälteversorgung und Klimatisierung (»Grid-to-Vehicle«). Der entgegengesetzte Weg
55 Warmwasserbereitstellung (»Vehicle-to-Grid« – das Elektromobil als voll-
55 Speicheröfen wertiger Stromspeicher mit bidirektionalem An-
55 Haushalte schluss) wird nicht betrachtet, da bisher kein Fahr-
55 Waschen/Trocknen/Spülen zeughersteller diesen Weg geht und die Akkumu-
55 Kühlen und Gefrieren latoren eine geringere Lebensdauer hätten. In der
55 Elektrowärmepumpen Studie wird davon ausgegangen, dass der komplette
55 Warmwasserbereitstellung Strombedarf der Elektromobile (50  TWh/a) über
55 Speicheröfen das Lastmanagement eingebunden wird.
55 Klimatisierung
In der UBA-Studie werden die größten Potenziale zz Industrie
in Zukunft bei den elektrischen Wärmepumpen, Der Stromverbrauch der industriellen Prozesse in der
der Klimatisierung, den Elektrofahrzeugen und bei chemischen Industrie (Chlor), der Steine-Erden-In-
energieintensiven Verbrauchern in der Industrie dustrie (Zement), der Stahlherstellung und für Pro-
gesehen. zesswärme oder Drucklufterzeugung wird mit rund
50  TWh/a angesetzt. Vom technischen Potenzial
zz Wärmepumpen für die Bereitstellung von positiver Minutenreserve
In dieser Studie wird davon ausgegangen, dass der (3 GW) wird die Hälfte (1,5 GW) im Szenario ausge-
Wärmebedarf in Deutschland in allen Bereichen
­ schöpft. Weitere Potenziale werden nicht einbezogen,
hauptsächlich durch Wärmepumpen mit Pufferspei- was einer konservativen Annahme entspricht.
78 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

zz Sonstige das Lastmanagement aufgenommen. Erst danach


Ein weiterer Ansatz ist die Verwendung von Kühl- kommen Speicher zum Einsatz: vorrangig Pump-
und Gefriergeräten im Handel oder von Wasch- speicher aufgrund der höheren Effizienz und nach
maschinen, Geschirrspülern und Trocknern im Ausschöpfung ihres Kurzzeitspeicherpotenzials die
Haushaltsbereich. In der UBA-Studie werden diese Langzeitspeicher Power-to-Gas samt Gasspeichern.
Potenziale nicht berücksichtigt. Sowohl Kurzzeit- als auch Langzeitspeicher in Ver-
3 bindung mit Gasturbinen oder GuD-Kraftwerken
dienen als Spitzenlast- und Reservekraftwerke.
3.3.3 Annahmen und Modellierung Methan oder Wasserstoff können zudem noch als
des Szenarios für 2050 Stromkraftstoffe im Verkehr oder als Energieträger
für die Industrie dienen. Dadurch bleibt nur ein
Das Szenario »Regionenverbund«
3.3.3.1  sehr geringer Teil des Stromes unberücksichtigt.
In der Simulation zukünftiger Stromversorgung . Tabelle 3.5 zeigt den Grad des genutzten tech-
werden verschiedene Szenarien angedacht. Mög- nisch-ökologischen Potenzials an erneuerbaren
lich wäre ein Zusammenschluss Europas zu einem Energien und Energiespeichern im Szenario »Re-
einzigen großen Stromnetz, in dem alle erschließ- gionenverbund«.
baren Potenziale von erneuerbaren Energien und
der Speicher als Verbund verwendet werden. Alter- zz Wärme- und Kälteerzeugung
nativ kann die deutsche Stromversorgung auf Basis Da der Wärmebedarf aufgrund von Effizienzmaß-
dezentraler Inselnetze betrachtet werden, wobei nahmen stark gesunken ist, wird fast der gesamte
der Ausgleich zwischen Erzeugern und Verbrau- Wärmebedarf über Wärmepumpen kombiniert mit
chern so weit wie möglich lokal erfolgt. solarthermischen Anlagen gedeckt. Regional ver-
Ein Mittelweg ist der sogenannte »Regionen- teilt gibt es noch Konzepte mit Abwärmenutzung
verbund«, bei dem die Regionen in Deutschland aus KWK, Geothermiekraftwerken oder saisonalen
möglichst gut vernetzt werden und die einzelnen solarthermischen Speichern. Prozesswärme wird
Regionen ihre Stromnachfrage durch den gegen- über Gas aus Power-to-Gas oder Abwärme gedeckt.
seitigen Austausch erneuerbarer Energien decken Im Zuge des Klimawandels ist mit einem stei-
können. In diesem Szenario wird nur ein kleiner genden Bedarf an Klimatisierung zu rechnen.
Stromanteil importiert. Die Versorgungssicherheit Durch geeignete Konzepte (Sonnenschutz, ener-
wird durch die Zusammenarbeit innerhalb der Re- giesparende Kühl- und Lüftungstechniken und
gionen garantiert. Klimatisierung) als Lastmanagement kann dieser
steigende Bedarf gedeckt werden.
zz Stromerzeugung und Speicherung
Im Szenario »Regionenverbund« wird der Großteil zz Verkehr
der in  7  Abschn.  3.3.2 vorgestellten Potenziale er- Im Szenario ist die Hälfe aller Pkw elektrisch be-
neuerbarer Energien genutzt und mit den Speicher- trieben. Dadurch steigt einerseits der Strombedarf;
potenzialen zusammengeführt. In der Photovoltaik andererseits verringern sich gleichzeitig CO2-
wird jedoch nur die Hälfte des Potenzials eingesetzt. Emmissionen und Kraftstoffbedarf. Der Strombe-
Ferner wird Biogas aus Abfallbiomasse nur zur darf des Schienenverkehrs nimmt ebenfalls zu.
Spitzenlastdeckung und als Reserve verwendet. Da-
durch wird das Biomassepotenzial nicht im Strom- zz Energieverteilung
sektor ausgeschöpft, sondern dient in dem Szenario Das deutsche Stromnetz ist in ein europaweites
vorwiegend der Substitution von fossilen Energie- Übertragungsnetz eingebunden. In das vorhan-
trägern in Verkehr und Industrie. Das beschriebene dene Erdgasnetz wird nur noch Wasserstoff oder
Speicherpotenzial wird voll ausgeschöpft. Methan aus Power-to-Gas oder Biogas aus Abfall-
Die anfallenden Überschüsse werden zunächst biomasse eingespeist, welche auch in Poren- oder
durch den Stromtransport zwischen den Regionen Kavernenspeicher für den saisonalen Ausgleich
ausgetauscht und im Anschluss nach Bedarf über zwischengespeichert werden können.
3.3 •  »100 % Strom aus erneuerbaren Quellen« laut Umweltbundesamt
79 3
. Tab. 3.5  Übersicht der Potenzialausschöpfung von erneuerbaren Energien und Energiespeichern im Szenario
»Regionenverbund«, nach [43]

Technisch-ökologisches Potenzial 2050 Szenario »Regionenverbund«

Leistung in GW Energieertrag in Leistung in GW Energieertrag in


TWh TWh

Photovoltaik 275 248 120 104

Wind an Land 60 180 60 170

Wind auf See 45 180 45 177

Wasserkraft 5,2 24 5,2 22

tiefe Geothermie 6,4 50 6,4 50

Biomasse aus nach Bedarf 23 23,3 11


Abfall

Kurzzeitspeicher 8,6 0,055 (Speicher­ 8,6 0,055 (Speicher­


kapazität) kapazität)

Langzeitspeicher nach Bedarf 514 (Methan) 44 nach Bedarf


110,4 (H2) (Speicher-
kapazität)

3.3.3.2 Modellbildung und Simulation Die Basislast entspricht dem Gesamtbedarf mit
des Szenarios Verlusten abzüglich der Lasten von Elektromobili-
tät, Wärmepumpen und Klimatisierung, da diese
zz Ansatz des Modells im Lastmanagement eingesetzt werden. Sie wird
Energiebilanzen werden meist ausschließlich auf demnach aus historischen Lastprofilen ermittelt.
jährlicher Basis erstellt und diskutiert. Jährliche Ein Teil des Wärmebedarfs und der Ladung von
Werte geben jedoch keinen Aufschluss über die Dy- Elektrofahrzeugen ist aber unabhängig von der
namik und Stabilität eines Systems. Um eine Aus- gegenwärtigen Einspeisesituation im Stromnetz
sage dazu zu machen, ist eine zeitlich und räum- und zu jedem Zeitpunkt vorzuhalten. Diese Must-
lich hochauflösende Simulation erforderlich. Die run-Anteile der Elektrofahrzeuge und Wärme-
Simulation erfolgt mit den Wetter- und Lastdaten pumpen sind in der Basislast berücksichtigt. Die
der Jahre 2006–2009, um auch Wetterextreme zu Residuallast bildet sich aus der Basislast abzüglich
untersuchen, die über die Jahre verteilt auftreten. der Einspeisung von Wind, PV, Wasserkraft und
Damit können allgemeingültigere Aussagen getrof- Geothermie. Diese kann je nach Situation größer
fen werden. Im Januar 2007 ereignete sich beispiels- null (Last > Einspeisung erneuerbarer Energien)
weise der Sturm Kyrill über Deutschland. Die zeit- oder kleiner null (Last < Einspeisung erneuerbarer
liche Auflösung erfolgt in stündlichen Werten, die Energien) sein.
räumliche Auflösung für Wind, PV und Wärme- Das Lastmanagement mit Elektromobilen,
pumpen auf 14 · 14 km2. In der Simulation können Elektrowärmepumpen und elektrischer Klima-
die erneuerbare Stromerzeugung, das Verhalten der tisierung erfolgt vorwiegend in der Zeit, in der
Speicher und der Last sowie das Lastmanagement- die residuale Last kleiner null ist. Die Anpassung
potenzial der Verbraucher nachvollzogen werden. der steuerbaren Verbraucher erfolgt so, dass die
Gesamtlast bestmöglich der Stromerzeugung
zz Aufbau des Modells und Methodik folgt. Im Anschluss kommen die Pumpspeicher
. Abbildung  3.14 zeigt den Aufbau und die Funk- als Kurzzeitspeicher und Power-to-Gas als Lang-
tionsweise des verwendeten SimEE-Modells, wel- zeitspeicher zum Einsatz. Gas aus biogenem Abfall
ches in MATLAB abgebildet ist.
80 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

. Abb. 3.14  Aufbau des SimEE-Modells des Fraunhofer IWES Kassel für die UBA-Studie, nach [43]

und Power-to-Gas wird über Gasturbinen und 3.3.4 Ergebnisse zu Speicherbedarf


GuD-Kraftwerke zur Deckung der verbleibenden und Versorgungssicherheit
Defizite verwendet.
Ein geringer Teil an erneuerbaren Stromim- Einspeiseverhalten
3.3.4.1 
porten aus dem europäischen Netzverbund bleibt. erneuerbarer Energien über
Ganz geringe Mengen an Überschussstrom werden verschiedene Jahre
abgeregelt, da sich die dafür zu installierende Ka- Die Einspeisung aus erneuerbaren Energien ist
pazität an Power-to-Gas daraus weder energetisch wetterabhängig und schwankt daher auch saisonal
noch wirtschaftlich rechnet. und über mehrere Jahre. .  Abbildung  3.15 veran-
3.3 •  »100 % Strom aus erneuerbaren Quellen« laut Umweltbundesamt
81 3

. Abb. 3.15  Monatliche durchschnittliche Einspeisung erneuerbarer Energien auf Basis der Wetterjahre von 2006–2009,
nach [43]

schaulicht diese Schwankungen anhand der durch- Wind an Land


schnittlichen monatlichen Einspeisung auf Basis 55 Im stündlichen Mittel werden maximal ca.
der Wetterdaten der Jahre 2006–2009 für das Sze- 52 GW von 60 GW installierter Leistung
nario. Trotz der teilweise erheblichen Schwankun- (87 %) erreicht, im Monatsmittel maximal ca.
gen der einzelnen Quellen liegt die Gesamteinspei- 40 GW, im Jahresdurchschnitt ca. 20 GW.
sung um ca. 50–60  GW im monatlichen Mittel. 55 Von Jahr zu Jahr schwanken die monatlichen
Wind-und Solarenergie ergänzen sich saisonal sehr Erträge stark.
gut: Witterungsbedingt speist im Sommer mehr 55 Die jährliche Stromerzeugung schwankt deut-
Photovoltaik ein, im Winter hingegen mehr Wind- lich, zeigt aber tendenziell einen ähnlichen
kraft. Letzteres passt gut mit dem erhöhten Strom- Jahresverlauf: Im Winter ist mehr Windkraft
verbrauch in dieser Jahreszeit zusammen. vorhanden als im Sommer.
Andere Studien zeigen ebenfalls diesen Effekt
und identifizieren ein ideales »Mischungsverhält- Wind auf See
nis« der installierten Leistungen von Windkraft zu 55 Im stündlichen Mittel werden maximal ca.
PV im Verhältnis von etwa 60:40. In dieser Kombi- 42 GW von 45 GW installierter Leistung
nation sind die Ausgleichseffekte am größten und (93 %) erreicht, im Monatsmittel maximal ca.
bei idealem Netz die Schwankungen in Deutsch- 35 GW, im Jahresdurchschnitt ca. 20 GW.
land und Europa minimal (s. [19, 21, 31]. 55 Die Winter-Sommer-Tendenz von Wind an
Die Ergebnisse im Einzelnen: Land zeigt sich auch bei Wind auf See, hinge­
Photovoltaik gen ist der Energieertrag von Wind an Land
55 Im stündlichen Mittel werden maximal ca. ähnlich hoch, trotz 25 % kleinerer installierter
80 GW von 120 GW installierter Leistung Leistung.
(67 %) erreicht, im Monatsmittel maximal ca. 55 Die jährlichen Schwankungen sind nicht
25 GW, im Jahresdurchschnitt ca. 20 GW. so sehr ausgeprägt wie bei Wind an Land
55 Die jährliche Stromerzeugung ist trotz der und Photovoltaik: Wind auf See gilt als die
starken monatlichen Schwankungen in etwa »konstanteste« Quelle unter den drei Energie-
gleich groß. quellen.
82 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

. Abb. 3.16  Einspeisung erneuerbarer Energien und Stromnachfrage (rote Linie) mit Lastmanagement (gestrichelte rote
Linie) für den Dezember 2050 mit Wetterdaten des Jahres 2007. Mehrwöchige Windflauten verdeutlichen den Bedarf an
Langzeitspeichern und saisonalem Ausgleich, nach [43]

Wasserkraft Beispielhaft wird in .  Abb. 3.16 ein Dezember


55 Im täglichen Mittel werden maximal ca. mit zweiwöchiger Windflaute, also mit schwacher
3,2 GW von 5,2 GW installierter Leistung Einspeisung gezeigt und im Vergleich dazu ein
(62 %) erreicht, im Jahresdurchschnitt ca. sonnenreicher August in . Abb. 3.17. Es wird deut-
2,2 GW und als durchgehende Leistung mit ca. lich, dass erneuerbare Energien in 2050 zwar einen
1,5 GW. Großteil der Zeit die Stromnachfrage mithilfe des
55 Anders als oft erwartet speist die Wasserkraft Lastmanagements decken können, aber dass es
nicht kontinuierlich über das Jahr ein, sondern auch Zeiten gibt, in denen ein Einsatz von Ener-
schwankt von Tag zu Tag und Saison zu Saison giespeichern notwendig ist. Die Überschüsse der
aufgrund von beispielsweise Schneeschmelzen ersten Dezembertage werden über Langzeitspei-
im Frühjahr und im Frühsommer. cher für die 14-tägige Windflaute benötigt. Durch
Lastmanagement kann im August der Strombedarf
Tiefengeothermie sehr gut an die Mittagsspitzen der Photovoltaik an-
55 Für die geothermische Stromerzeugung wird gepasst werden.
eine konstante Stromerzeugung von 5,8 GW Deutlich werden dabei auch die extremen Ein-
errechnet. speisespitzen aus Photovoltaik und die noch ex­
55 Vorteilhaft ist die wetterunabhängig und plan- tremeren Gradienten beim Zusammentreffen von
bare Stromlieferung, nachteilig sind die hohen hoher Wind- und PV-Einspeisung, wie z. B. am 14.
Kosten, die jedoch in der Studie nicht betrach- und 15. August des Beispieljahres.
tet werden.
3.3.4.2. Auswertung der Residuallast als
Neben dieser stochastischen Auswertung ist eine Indikator für Überschüsse und
detailliertere Simulation mit Lastmanagement Defizite
und Speichereinsatz in stündlicher Auflösung not- Die residuale Last ist die Differenz zwischen erneu-
wendig, da erst daraus ersichtlich wird, wie und in erbarer Einspeisung und Last (s. Definition Spei-
welchem Umfang Überschüsse und Defizite auszu- cherbedarf in  7  Abschn.  3.2). In der UBA-Studie
gleichen sind. wird zwischen drei Residuallasten unterschieden:
3.3 •  »100 % Strom aus erneuerbaren Quellen« laut Umweltbundesamt
83 3

. Abb. 3.17  Einspeisung erneuerbarer Energien und Stromnachfrage (rote Linie) mit Lastmanagement (gestrichelte rote
Linie) für den August 2050 mit Wetterdaten des Jahres 2007. Tägliche Einspeisespitzen aus Photovoltaik unterstreichen den
Bedarf an Kurzzeitspeichern und täglichem Ausgleich, nach [43]

1. Differenz aus Basislast und erneuerbarer zu, kann fast die Hälfte der Überschüsse integriert
Einspeisung ohne Flexibilitätsoptionen und (ca. 65  TWh von 150  TWh) und der Verlauf der
Biomasseverstromung (residuale Basislast) Defizite (Unterschüsse) stark geglättet werden (s.
in . Abb. 3.18. Die Basislast umfasst die Ge- .  Abb. 3.19). Dieses Ergebnis unterstreicht die Be-
samtlast abzüglich des flexiblen Einsatzes von deutung des Lastmanagements (s.  7  Kap. 11) in der
Klimatisierung, Elektromobilität und Wär­ Funktion als Energiespeicher.
mepumpen im Lastmanagement.
2. Differenz der Gesamtlast und erneuerbarer 3.3.4.3. Speichereinsatz in einer zu 100 %
Einspeisung mit den über das Lastmanage- erneuerbaren Stromversorgung
ment eingebundenen Stromverbrauchern Im Lastmanagement werden große Kapazitäten an
ohne Pumpspeicher (residuale Gesamtlast) in Wärmespeichern benötigt und eingesetzt. Daher
. Abb. 3.19. wird im Folgenden auf die reine Stromspeicherung
3. Residuale Gesamtlast mit Lastmanagement über Pumpspeicher als Kurzzeitspeicher und Pow-
und Pumpspeicherwerken in . Abb. 3.20. er-to-Gas als Langzeitspeicher eingegangen.

Die Abbildungen zeigen diese unterschiedlichen zz Einsatz von Pumpspeichern als


Residuallasten am Beispiel des Wetterjahres 2009. Kurzzeitspeicher
. Abbildung 3.18 zeigt die extreme Auslenkung Das in 7  Abschn.  3.3.2.2 identifizierte Potenzial
des Systems zwischen stündlichen Überschüssen an Pumpspeichern in der deutschen Regelzone
(blau) bis zu 105  GW und Defiziten von bis zu kommt in .  Abb. 3.20 vollständig zum Einsatz. Im
50  GW. Ohne Lastmanagement und den Einsatz Vergleich zu .  Abb.  3.19 wird die glättende Wir-
von Speichern entstehen ca. 150 TWh Stromüber- kung der Kurzzeitspeicher ersichtlich: Die maxi-
schüsse im 100 %-Szenario des Umweltbundes- malen Defizite werden um ca. 1 GW auf 57,3 GW
amts. gesenkt und die maximalen Überschüsse um ca.
Kommen die neuen flexiblen Verbraucher 3 GW auf 60,7 GW verringert. Gleichzeitig ist ihre
(Wärmepumpen, Klimatisierung, Elektromobili- ausgleichende Wirkung auf die residuale Gesamt-
tät) eingebunden über das Lastmanagement hin- last aufgrund der geringen Speicherkapazitäten be-
grenzt.
84 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

. Abb. 3.18  Residuale Basislast – ohne den Einsatz von Lastmanagement (Wärmepumpen, Klimatisierung, Elektromobi-
lität) und Pumpspeichern, nach [43]

. Abb. 3.19  Residuale Gesamtlast mit dem Einsatz von Lastmanagement (Wärmepumpen, Klimatisierung, Elektromobi-
lität) – ohne Pumpspeicher, nach [43]
3.3 •  »100 % Strom aus erneuerbaren Quellen« laut Umweltbundesamt
85 3

. Abb. 3.20  Einsatz von Pumpspeichern anhand der residualen Gesamtlast inklusive Einsatz von Lastmanagement
(Wärmepumpen, Klimatisierung, Elektromobilität), nach [43]

Die Pumpspeicher haben eine Ein- und Aus- lyse und 30,4  GW Rückverstromung über GuD-
speicherleistung von 8,6  GW und speichern im Kraftwerke) im Bereich von 42 %. Die Last kann
Mittel 8,0 TWh ein und 6,0 TWh aus, woraus sich dadurch zu 100 % gedeckt werden, wobei Strom-
jährliche Volllaststunden von ca. 910 h bzw. 700 h importe (6,9 GW) von weniger als 5 % der Strom-
und Verluste von 2,0 TWh ergeben. nachfrage 2050 berücksichtigt werden. Weiterhin
wird zur Spitzenlastdeckung die flexible Biogasver-
zz Einsatz von Power-to-Gas als stromung (17,5  GW Gasturbinen als Reserve und
Langzeitspeicher 2,5 GW flexible KWK) herangezogen.
Nur ein Bruchteil des Potenzials an Langzeitspei- In der Variante Methan (Power-to-Gas) liegt
chern (Gasspeicher) aus  7  Abschn.  3.3.2.2 wird in der Gesamtwirkungsgrad mit 35 % aufgrund der
einem 100 %ig erneuerbaren Stromsystem benö- zusätzlichen Methanisierung unterhalb dem des
tigt. In der UBA-Studie wird bei Langzeitspeichern reinen Wasserstoffsystems. Dem steht der deutlich
zwischen erneuerbarem Wasserstoff und erneuer- geringere technische und finanzielle Aufwand für
barem Methan unterschieden, wobei in beiden Va- eine Wasserstoffinfrastruktur gegenüber, da keine
rianten 99 % der Überschüsse gespeichert werden. Anpassung des heute bestehenden Erdgasnetzes
Durch die Abregelung von 1 % der überschüssigen und der Gaskraftwerke nötig ist. Die zusätzlichen
Energie kann die Elektrolyseleistung auf 64 % der Verluste werden durch Stromimporte (9,3 GW) in
maximalen Überschussleistung ausgelegt werden Höhe von 6 % des Stromverbrauches von 2050 aus-
(44 GW). Das mögliche weitere Prozent der Ener- geglichen. Analog zur Variante Wasserstoff werden
giespeicherung wäre mit einem unverhältnismäßig neben dem Ausspeichern von erneuerbarem Gas
hohen technischen und finanziellen Speicherauf- zum einen die Importe und zum anderen Biogas
wand verbunden. flexibel in der KWK und als Spitzenlastreserve zur
In der Variante Wasserstof liegt der Gesamt­ Deckung der Defizite eingesetzt (s. . Abb. 3.21).
wirkungsgrad von Power-to-Gas (44 GW Elektro-
86 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

. Abb. 3.21  Einsatz von Power-to-Gas als Langzeitspeicher und Deckung der verbleibenden Defizite über geringe er-
neuerbare Importe und flexible Biogasanlagen über die betrachteten Wetterjahre 2006–2009, nach [43]

. Abb. 3.22  Füllstand des Gasspeichers über die betrachteten Wetterjahre 2006–2009, nach [43]

.  Abbildung  3.22 zeigt den Füllstandsverlauf heutigen Gasspeicherkapazität von 217  TWh (ca.
des benötigten Gasspeichervolumens energetisch 35 %) und dem technisch-ökologischen Potenzial
in TWh. Wird die Simulation mit einem zu 40 TWh von 514 TWh (ca. 15 %). Zudem werden in Zukunft
gefüllten Speicher begonnen, wird der Speicher durch den starken Rückgang des Wärmebedarfs
nicht komplett entleert. Die maximal nötige Spei- und damit des Gasabsatzes in den Gasspeichern
cherkapazität mit etwa 75 TWh liegt weit unter der Kapazitäten frei. Das Speicherminimum beträgt
3.3 •  »100 % Strom aus erneuerbaren Quellen« laut Umweltbundesamt
87 3

. Abb. 3.23  Jahresdauerlinie der verbleibenden Residuallast in der Variante Erneuerbares Methan von Power-to-Gas
und GuD-Anlagen, Biogas und Stromimporten, nach [43]

10 TWh. Deutlich erkennbar ist der saisonale Cha- gen als auch Anlagen an schlechten Standorten den
rakter des Langzeitspeichers: Vor allem über die Schnitt der Volllaststunden auf nur ca. 870 h senken.
Sommermonate wird Energie für den Winter ein- Geothermie (6,4  GW) und Laufwasserkraft
gespeichert. (5,2  GW) haben zwar die geringste Leistung, aber
Im UBA-Szenario kommen Power-to-Gas-An- aufgrund ihrer hohen Volllast von fast 8000 h bzw.
lagen mit einer Einspeicherleistung von Pein = 44 GW 4300 h erreichen sie knapp die Hälfte bzw. ein Viertel
und GuD-Kraftwerke mit einer Ausspeicherleistung des Ertrages der Photovoltaik. Biogas aus Abfallbio-
von Paus = 28 GW zum Einsatz. Die Auslastung der masse ist für die Versorgungssicherheit von Bedeu-
Power-to-Gas-Anlagen ausgedrückt als Einspei- tung und wird neben der KWK zur Deckung von
cherdauer beträgt ca. 2060 h (24 %) und die Aus- Spitzenlasten über Reservekraftwerke eingesetzt. Ihre
speicherdauer der GuD-Kraftwerke ca. 1230  h Auslastung ist mit ca. 500 h entsprechend gering.
(13 %), wie aus der Jahresdauerlinie in .  Abb. 3.23 Insgesamt wird durch die erneuerbaren Ener-
ersichtlich wird. gien mit einer installierten Gesamtleistung von
ca. 260  GW im Mittel ein jährlicher Ertrag von
zz Auswertung der Energiebilanzen 534 TWh erzielt. Hinzu kommen das Entladen der
.  Abbildung  3.24 zeigt die Stromerzeugung und Speicher (Pumpspeicher 6,0 TWh und GuD-Kraft-
den Stromverbrauch im Mittel für die zugrunde werke (Power-to-Gas) 38 TWh) und der Stromim-
gelegten installierten Leistungen, ausgelastet über port von 23 TWh.
die vier Wetterjahre 2006–2009. Dem stehen sowohl der Stromverbrauch
Den größten Anteil der Erzeugung übernimmt (557 TWh), die Verluste in den Speichern (Pump-
die Windenergie. Dabei spielt die Windkraft auf See speicher 2  TWh und Power-to-Gas 59  TWh) als
aufgrund der höheren Volllaststunden (ca. 4000  h) auch Netzverluste (30  TWh) und die geringen,
trotz einer geringeren Leistung (45 GW) die gleiche nicht genutzten Überschüsse von 1  TWh gegen-
Rolle wie die Windkraft an Land (60 GW). Photovol- über.
taik gibt trotz einer installierten Leistung von 120 GW
einen geringeren Beitrag, da sowohl Fassadenanla-
88 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

. Abb. 3.24  Energiebilanzen für Erzeugung und Verbrauch im UBA-Szenario – Variante Erneuerbares Methan, nach [43]

zz Ergebnisse zur Versorgungssicherheit – der Gradienten würde sich durch einen verstärkten
gesicherte Leistung Ausbau von PV-Anlagen mit Ost-/West-Ausrich-
In der UBA-Studie wird gezeigt, dass deutschland- tung einstellen. Für den Ausgleich sind flexible und
weit stets ausreichend gesicherte Leistung bereitge- schnell anfahrbare Anlagen notwendig: Dies sind
stellt werden kann. Gerade die Speicher tragen hier für positive Gradienten der Residuallast Gasturbi-
dazu bei, in Zeiten lang anhaltender Windflauten nenkraftwerke und für die negativen Gradienten
mit geringer Solareinstrahlung die Stromversor- Power-to-Gas-Anlagen (Elektrolyseure). Beide kön-
gung zu sichern. nen innerhalb kürzester Zeit hoch- bzw. abgefahren
werden und den notwendigen Ausgleich schaffen.
zz Ausgleich der Leistungsgradienten
Leistungsgradienten beschreiben die Zu- bzw. Ab- zz Regelleistungsbereitstellung
nahme der Einspeiseleistung pro Zeit. Da diese Nicht planbare Leistungsgradienten von Verbrauch
Leistungsgradienten mit der installierten Leistung und Erzeugung werden durch die Regelleistung
von Windkraft und Photovoltaik stark zunehmen, abgefangen. Dafür kommen Pumpspeicher, GuD-
wird die Bedeutung der Regelleistung und gesi- Kraftwerke, Gasturbinen, Power-to-Gas-Anlagen
cherten Leistung von Speicher- und Reservekraft- und regelbare Lasten über das Lastmanagement
werken immer wichtiger. samt Wärmespeichern infrage. Aus technischer
Die in der Simulation aufgetretenen höchsten Sicht kann durch diese Anlagen jederzeit genügend
positiven Gradienten der Residuallast (Zunahme positive und negative Regelleistung bereitgestellt
der Residuallast aufgrund von Einspeiserückgang) werden, da ausreichend Kraftwerkskapazitäten vor-
lagen alle in der Zeit zwischen 15 und 17  Uhr im handen sind. Damit ist die technische Versorgungs-
Bereich 17–24 GW pro Stunde. Diese sind auf die sicherheit und Netzstabilität auch in einem Szena-
Photovoltaik und den Rückgang der Sonnenhöhe rio mit 100 % erneuerbaren Energien wie in dem
zurückzuführen und daher leicht in die Planung in- Szenario »Regionenverbund« stets gewährleistet.
tegrierbar. Ähnliches spielt sich auch in den Mor-
genstunden ab, in denen die höchsten negativen
Gradienten der Residuallast auftreten, die ähnliche 3.3.5 Zusammenfassung
Dimensionen haben wie die positiven.
Die Höhe dieser Gradienten lässt sich leicht vor- Fazit
hersagen, da sie dem natürlichen Sonnengang nach- 55 Eine Vollversorgung mit erneuerbaren Ener-
empfunden werden können. Eine Abschwächung gien in allen drei Energiesektoren Strom, Wär-
3.4 •  VDE-ETG-Studie zum marktbasierten Speicherbedarf
89 3
me und Verkehr ist 2050 sowohl technisch als 55 Das technisch-ökologische Potenzial an
auch ökologisch umsetzbar. Pumpspeichern (Kurzzeitspeichern) wird mit
55 Das technische Potenzial für Wind an Land 0,055 TWh voll ausgeschöpft. Es ermöglicht eine
(ca. 390 TWh), Wind auf See (ca. 260 TWh) und Lastglättung, ist aber bei Weitem nicht ausrei-
Photovoltaik (ca. 250 TWh) ergibt zusammen chend, um den Speicherbedarf in einer Strom-
ein Potenzial von ca. 900 TWh und ist damit in versorgung mit 100 % erneuerbaren Energien
der Lage, den Strombedarf und darüber hinaus zu decken.
auch den Energiebedarf an Wärme und Indivi- 55 Nur 15 % des technisch-ökologischen Potenzials
dualmobilität zu decken. an Langzeitspeichern (Gasspeichern) wird in
55 Der Wärmebedarf kann durch verstärkte Maß- der Variante Erneuerbares Methan in einem
nahmen in der Energieeffizienz und der Ver- Stromsystem aus 100 % erneuerbaren Energien
knüpfung des Stromsektors mit dem Wärme- benötigt: 75 von 514 TWh. Wird eine reine Was-
sektor vollständig elektrisch gedeckt werden. serstoffwirtschaft betrachtet, ist ein Aufbau
55 Trotz massiver Überinstallation aus Wind und von 110 TWh Kavernenspeichern notwendig,
PV (zusammen 225 GW) wird ein verbleibender die mit maximal 85 TWh auch zu ca. 80 % aus-
thermischer Kraftwerkspark als Reserve (Back­ gelastet werden.
up) in der Größenordnung von zwei Dritteln 55 Durch die Abregelung von 1 % der überschüs-
der Jahreshöchstlast (ca. 60 GW) benötigt. sigen Energie kann die Power-to-Gas-Leistung
55 Die Versorgungssicherheit, die die deutsche auf 64 % der maximalen Überschussleistung
Stromversorgung heute auszeichnet, kann ausgelegt werden. Das mögliche weitere Pro-
auch bei einer vollständig auf erneuerbaren zent der Energiespeicherung wäre mit einem
Energien basierenden Stromversorgung jeder- unverhältnismäßig hohen technischen und
zeit gewährleistet werden. Durch Speicher- und finanziellen Speicheraufwand verbunden.
Reservekraftwerke ist ausreichend gesicherte 55 Ein europaweiter Stromverbund bietet ein
Leistung und Regel- und Reserveenergie vor- weiteres Kostenoptimierungspotenzial und
handen. eine weitere Möglichkeit zur Flexibilisierung des
55 Wind- und Solarenergie ergänzen sich in der Systems.
Einspeisung saisonal sehr gut. Ihr ideales Mi-
schungsverhältnis beträgt 60:40. Dabei glei-
chen sich die Schwankungen gegenseitig am 3.4 VDE-ETG-Studie zum
besten aus. marktbasierten Speicherbedarf
55 Für ein funktionierendes System werden Infra-
strukturmaßnahmen für Lastmanagement Bislang wurden in  7  Abschn. 3.2 und 3.3 zwei Stu-
(»Smart-Meter« und »Smart-Grid«) sowie der dien betrachtet, die entweder keine Speicherkosten
Ausbau der Stromnetze vorausgesetzt. berücksichtigen oder einen vollständigen Netzaus-
55 Die weitreichendste und effektivste Maß- bau innerhalb Deutschlands annehmen. Nun folgt
nahme ist die Integration des Wärmesektors: die Analyse einer Studie, die sowohl Kosten als
Große Potenziale des Lastmanagements auch Netzrestriktionen abbildet.
werden über Wärmepumpen samt Wärmespei- Die Energietechnische Gesellschaft (ETG) im
chern (44 TWh) und Klimatisierung (28 TWh) VDE hat 2012 die interdisziplinär erarbeitete Stu-
umgesetzt. Hinzu kommt das gesteuerte Laden die »Energiespeicher für die Energiewende« ver-
der Elektromobile unter Nutzung von Batterien öffentlicht (s. [45]). Die Untersuchung analysiert
(50 TWh). Damit spielt bei einer Stromver- in einem Referenzszenario und drei zukünftigen
sorgung aus 100 % erneuerbaren Energien das Szenarien, die jeweils unterschiedliche Durchdrin-
Lastmanagement eine maßgebliche Rolle: Fast gungen des elektrischen Energiesystems mit erneu-
die Hälfte der Überschüsse können darüber erbaren Energien repräsentieren, welche Auswir-
integriert (ca. 65 TWh von 150 TWh) und der Ver- kungen Speicher auf das elektrische Energiesystem
lauf der Defizite stark geglättet werden. haben.
90 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

. Abb. 3.25  Installierte Kraftwerkskapazitäten aus der VDE-ETG-Studie, Fußnote 1: gegebenenfalls weiterer Zubau von
Erdgaskraftwerken zur Gewährleistung der gesicherten Leistung zugelassen, nach [45]

Als Referenz dient das Jahr 2010 (erneuerba- Die Studie widmet sich daher der Frage, welcher
rer Anteil 17 % mit erneuerbaren Kapazitäten von Speicherungsbedarf zur Bilanzierung zukünftiger,
Anfang 2010); betrachtet wird das langfristige Aus- von erneuerbaren Energien dominierter Stromsys-
bauziel erneuerbarer Energien von 80 % (80 %-Sze- teme unter Berücksichtigung der Flexibilitäten des
nario, Jahr 2050), aber auch das kurzfristige Aus- bleibenden thermischen Kraftwerksparks und der
bauziel erneuerbarer Energien von 40 % (40 %-Sze- Bereitschaft zur Flexibilisierung der Einspeisung
nario, Jahr 2020–2025) sowie ein über das »Ener- aus erneuerbaren Energien erforderlich ist.
giekonzept 2050« hinausgehender Ausblick auf ein
mögliches Ausbauziel erneuerbarer Energien von
100 % (100 %-Szenario). Einen Überblick über die 3.4.1 Methodik
installierten Erzeugungskapazitäten je Szenario lie-
fert . Abb. 3.25. .  Abbildung  3.26 gibt einen Überblick über die
Derartig hohe Anteile volatiler Erzeugung Methodik der VDE-ETG-Studie. Ausgangsbasis ist
stellen das deutsche Stromsystem vor große tech- jeweils ein Szenario, das die Kraftwerkskapazitäten
nische Herausforderungen, die von der Systemsta- und den Verbrauch definiert. Hieraus ergibt sich
bilität, der Versorgungssicherheit, dem Ausbau der u. a. die Residuallast. Varianten, die jeweils unter-
Übertragungs- und Verteilungsnetze bis hin zum schiedliche Pfade eines möglichen Speicherzubaus
zentralen Punkt des Ausgleichs von Erzeugung und abbilden, lassen durch ihren Vergleich Erkenntnis-
Verbrauch, der sogenannten Bilanzierung, reichen. se über Nutzen von Energiespeichern zu.
Eine derartige Bilanzierung erfordert Flexibilitäten In einer vorgehenden VDE-ETG-Studie »Ener-
im Stromversorgungssystem, die grundsätzlich von giespeicher im Stromversorgungssystem mit ho-
Energiespeichern, flexiblen thermischen Kraft- hem Anteil erneuerbarer Energieträger« (s. [44])
werken, flexiblen Verbrauchern (Lastmanagement aus dem Jahr 2009, die die Basis für die hier be-
oder Demand Side Management) und regelfähigen schriebene VDE-ETG-Studie darstellt, werden die
erneuerbaren Energieanlagen bereitgestellt werden Speichertechnologien nach demselben Prinzip wie
können. in 7 Kap. 2 in zwei Speicherklassen eingeteilt:
3.4 •  VDE-ETG-Studie zum marktbasierten Speicherbedarf
91 3

. Abb. 3.26  Übersicht über die Methodik der VDE-ETG-Studie, nach [45]

55 Kurzzeitspeicher mit hohem Zykluswirkungs- Kurzzeitspeichern bereitgestellt. Der Umfang


grad (≥ 75 %), aber geringem Speichervolu- dieses Zubaus orientiert sich an dem tatsäch-
men, wie z. B. Pumpspeicherwerke, Druck- lich betrieblich nutzbaren Potenzial (Vollzu-
luftspeicher, Batterien und Lastmanagement bau).
(Wärmespeicher) 55 Variante C: Die Flexibilitäten werden durch
55 Langzeitspeicher mit bislang geringem Zyk­ thermische Kraftwerke und einen Vollzubau
luswirkungsgrad (≤ 40 %), aber großem Spei- von Langzeitspeichern bereitgestellt.
chervolumen, wie chemische Speicherung als 55 Variante D: Die Flexibilitäten werden durch
Wasserstoff oder Methan (Power-to-Gas). thermische Kraftwerke und einen Vollzubau
von Kurz- und Langzeitspeichern bereitge-
Aus diesem Grund abstrahiert die hier ­betrachtete stellt.
VDE-ETG-Studie »Energiespeicher für die Ener- 55 Variante E: Die Flexibilitäten werden durch
giewende« die Technologie der Speicher und unter- thermische Kraftwerke und einen Speicher-
sucht den Speicherungsbedarf für das Stromsys­ park aus Kurz- und Langzeitspeichern mit
tem getrennt für die Speicherklassen Kurzzeit- und gegenüber Variante D halbierter Einspeicher-
Langzeitspeicher, für die repräsentative Werte bei leistung bereitgestellt.
Zykluswirkungsgrad und Speichervolumen ange-
setzt werden. Im Rahmen der Studie wurden die Der Speicherzubau erfolgt in den Varianten stets
folgenden Varianten untersucht: zusätzlich zum bereits bestehenden Pumpspei-
55 Variante A: Die Flexibilitäten zur Bilanzierung cherpark im Jahre 2010 in Deutschland, der eine
werden durch thermische Kraftwerke und gesamte Pumpleistung von 7,2  GW, eine gesamte
eine Abregelung der erneuerbaren Erzeugung Turbinenleistung von 8,2  GW und ein gesamtes
bereitgestellt. Es werden über die derzeit be- Speichervolumen von 48 GWh besitzt.
stehenden Speicher keine weiteren Speicher Den zentralen Teil der Analyse stellt die Jahres-
zugebaut. betriebssimulation des Kraftwerks- und Speicher-
55 Variante B: Die Flexibilitäten werden durch parks dar, welche auf ein etabliertes Verfahren der
thermische Kraftwerke und einen Zubau von RWTH Aachen zurückgreift. Dieses liefert für eine
92 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

gegebene Ganglinie die Residuallast, den kostenmi- 3.4.2.1 Allgemeine Annahmen


nimalen Speicher- und Kraftwerkseinsatz für jede 55 Der zukünftige Speicherungsbedarf wird im
Stunde eines zugrunde gelegten Jahres. Wesentli- Wesentlichen durch dessen Bilanzierungsfunk-
che zusätzliche Ergebnisse dieses Analyseschrittes tion bestimmt. Weitere Speicherfunktionen
sind genutzte Speichervolumen, abgeregelte erneu- wie Regelleistung, Spannungsqualität, Eng-
erbare Erzeugung, Primärenergieverbräuche und passmanagement, Spannungshaltung, Netz-
3 CO2-Emissionen. stabilität und Versorgungsqualität bis hin zum
Die Ganglinie der erneuerbaren Einspeisung Inselnetzbetrieb sind Zusatzfunktionen bzw.
wird anhand eines erprobten Modells des Fraun- bezüglich des Bedarfs an Leistung und Ener-
hofer IWES Kassel auf Basis der zukünftig erwar- gie von nachrangiger Bedeutung und bleiben
teten installierten erneuerbaren Energieanlagen daher an dieser Stelle unberücksichtigt. Sie
nach dem in 7 Abschn. 3.2 betrachteten Vorjahr der werden in 7 Abschn. 13.1 aufgegriffen.
»BMU-Langfristszenarien 2010«, deren geografi- 55 Für Kurzzeitspeicher ist ein Zykluswir-
scher Verteilung und hochauflösender Wetterdaten kungsgrad von 80 % und eine E/P-Ratio von
aus dem COSMO-EU-Modell des Deutschen Wet- 5 Wh/W charakteristisch; Langzeitspeicher
terdienstes (DWD) abgeleitet. werden mit einem Zykluswirkungsgrad von
Die Kostenanalyse wertet die Ergebnisse der 40 %, aber unbegrenztem Speichervolumen
Jahresbetriebssimulation aus und berechnet hier- modelliert.
aus die Investitions- und Betriebskosten der Spei- 55 Der zukünftige Speicher- und Kraftwerksein-
cher und Kraftwerke sowie die gesamten Stromge- satz zum Zwecke der (energiewirtschaftlichen)
stehungskosten. Der Kostenanalyse des Kurz- und Bilanzierung wird über das Prinzip der heute
Langzeitspeicherparks liegt ein detaillierteres Spei- funktionierenden Strommärkte gesteuert, die
chermodell der RWTH Aachen zugrunde, welches zu kostenminimalen variablen Stromgeste-
eine nutzungsabhängige Lebensdauer und bei der hungskosten führen.
realen Dimensionierung zusätzlich die zulässigen 55 Die Studie betrachtet nur das Stromver-
Ausspeicherdauern berücksichtigt. sorgungssystem. Kopplungen mit anderen
Analog zum Vorgehen zur Bestimmung des Energiesystemen wie Mobilität, Wärme oder
Speicherausbaubedarfs wurde für die Varianten A, Erdgasversorgung werden über die Betrach-
D und E in allen Szenarien ein zunehmender Netz- tung der Kurz- und Langzeitspeicher, der
ausbau des deutschen Übertragungsnetzes betrach- KWK-Anlagen und des bedarfsabhängigen
tet. Der zunehmende Ausbau wurde durch fünf Verbrauchs von Elektrowärmepumpen, Elek-
verschiedene Netzmodelle abgebildet. Da dieser tromobile und Klimatisierung hinaus nicht
Bereich gegenwärtig Untersuchungsgegenstand ist berücksichtigt.
(s.  7  Abschn. 3.6) und teilweise neue Erkenntnisse
vorliegen, wird auf eine Darstellung der Ergebnis- 3.4.2.2 Annahmen zur Ermittlung der
se dieses Teils der VDE-ETG-Studie im Folgenden Residuallast
verzichtet. 55 Entsprechend der betrachteten Bilanzierungs-
funktion werden für die Studie Ganglinien mit
einer Auflösung von einer Stunde betrachtet.
3.4.2 Annahmen der Modellbildung 55 Die Jahresganglinien haben vollständig zu
und Eingangsdaten sein, um einerseits jährliche Zyklen der wet-
terabhängigen Energiequellen Wind- und
Jede Studie, so auch die VDE-ETG-Studie »Ener- Solarenergie zu erfassen und anderseits ausle-
giespeicher für die Energiewende«, trifft Annah- gungsrelevante Situationen wie z. B. länger an-
men und nutzt Eingangsdaten, deren Kenntnis für dauernde Windflauten oder Extremwettersitu-
die Interpretation und Einordnung der Ergebnisse ationen wie Stürme einzuschließen. Der Studie
wichtig sind. Diese werden im Folgenden erläutert. liegt das Wetterjahr 2007 zugrunde, das beide
Extreme beinhaltet. Die Berücksichtigung
3.4 •  VDE-ETG-Studie zum marktbasierten Speicherbedarf
93 3
anderer Wetterjahre kann unter Umständen zu 3.4.2.3 Annahmen der Jahresbetriebs-
etwas anderen Ergebnissen führen. simulation
55 Als Eingangsgrößen der zu erwartenden in- 55 Das elektrische Netz wird bei der Ermittlung
stallierten Erzeugungsleistung und Last wird des Speicherungsbedarfs in der Jahresbe-
auf das Datengerüst der »Langfristszenarien triebssimulation zunächst als »Kupferplatte«
2010« zurückgegriffen, welches fast jährlich betrachtet (Punktmodell). Die Studie geht
aktualisiert wird und als anerkannte Grundla- davon aus, dass die Erfordernisse des elektri-
ge für die energiewirtschaftliche Entwicklung schen Netzes weder zum Zwangseinsatz von
des Stromsektors dient. Kraftwerken oder Speichern führen, noch den
55 Erzeugung und Last wurden insoweit ab- Kraftwerks- oder Speichereinsatz behindern.
weichend von den »Langfristszenarien 2010« Folglich werden ein ausreichender Netzaus-
modifiziert, als kein Import erneuerbarer bau, dessen Umfang für das Übertragungsnetz
Energien aus dem europäischen Stromverbund im Rahmen der Netzanalysen bestimmt wird,
stattfindet und kein groß-technischer Ein- sowie technische Alternativen im Netz bei der
satz von Elektrolyse für die Herstellung eines Bereitstellung von Systemdienstleistungen mit
chemischen Kraftstoffes wie Wasserstoff oder Ausnahme der Reserveleistung unterstellt.
Methan als Erdgas-Substitut aus Wind- bzw. 55 Die Studie geht von einer national bestimm-
Solarstrom erfolgt. ten Versorgungssicherheit aus. Dies bedeutet,
55 Da der deutsche Speicherungsbedarf getrieben dass immer hinreichend viele Kraftwerke zur
durch den deutschen Ausbau erneuerbarer Verfügung stehen, um jederzeit die Last der
Energien im Fokus dieser Studie steht, wird als Verbraucher und die Reserveanforderungen
System »nur Deutschland« betrachtet, d. h., der Übertragungsnetzbetreiber in Deutschland
es werden weder Importe noch Exporte von decken zu können. Der Kraftwerkspark wird
Strom zur Bilanzierung des deutschen Systems damit nur teilweise zum Eingangsparameter.
unterstellt. Zum Teil ist er auch Ergebnis dieser Studie.
55 KWK-Anlagen (Biomasse und fossil) werden 55 Neben den Kraftwerken der »BMU-Lang-
in der Jahresbetriebssimulation eingeschränkt fristszenarien 2010« sind gegebenenfalls zu-
flexibel eingesetzt. Sie werden als wärmege- sätzliche Kraftwerke zur Sicherstellung der
führt modelliert, können jedoch – unter der Versorgungssicherheit erforderlich. In dieser
Annahme bestehender Zusatzfeuerung – eine Studie wird unterstellt, dass die in den »BMU-
etwaige Stromproduktion herunterfahren. Langfristszenarien 2010« erwarteten sowie
Eine Steigerung der Stromproduktion über die zur Ausspeicherung der Langzeitspeicher
den Wärmebedarf hinaus ist nicht möglich. benötigten Gaskraftwerke als GuD-Anlagen
55 Die Ganglinie der Last mit Ausnahme von realisiert sind und alle Gaskraftwerke, die
Netzverlusten, Elektromobilen, Klimatisierung darüber hinaus zur Gewährleistung der Ver-
und Wärmepumpen orientiert sich an der von sorgungssicherheit erforderlich sind, als Gas-
ENTSO-E veröffentlichten Lastganglinie des turbinen ausgeführt werden.
Jahres 2007. Die Ganglinie der Elektromobile, 55 Die Höhe der von Kraftwerken und Speichern
der Klimatisierung und der Elektrowärme- den Übertragungsnetzbetreibern bereitzu-
pumpen wurde auf Basis von Wärmebedarfs- stellenden Reserveleistung, die daher nicht
zeitreihen und Mobilitätsnutzung rein nutzer- für Bilanzierungsfunktionen zur Verfügung
basiert abgebildet. steht und entsprechend bei der Bestimmung
55 Das 100 %-Szenario wurde vereinfacht aus dem des Speicherungsbedarfs berücksichtigt wer-
80 %-Szenario abgeleitet, indem der Strombe­ den muss, wird mithilfe eines praxisüblichen
darf konstant gehalten und die erneuerbare probabilistischen Verfahrens ermittelt, welches
Erzeugung auf 100 % der Last hochskaliert Prognosefehler der erneuerbaren Einspeisung
wurde. ebenso wie Kraftwerksausfälle einrechnet.
94 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

3.4.2.4 Annahmen der Kostenanalyse und Verbrauchsseite erfordern. In allen untersuch-


55 Die in der Jahresbetriebssimulation unterstell- ten Varianten konnte dieser Flexibilitätsbedarf stets
ten Brennstoffpreise orientieren sich an den durch den verbleibenden Kraftwerkspark, durch
»BMU- Langfristszenarien 2010«. Abregelung der erneuerbaren Einspeisung oder
55 Die Ermittlung der Annuitäten von Inves- durch Kurz- und Langzeitspeicher befriedigt wer-
titionskosten basiert einheitlich auf einem den.
3 Kalkulationszinssatz von 9 % und einer Ab- Bislang wurde die Stromversorgung weitge-
schreibung über die Nutzungsdauer des Kraft- hend auf gespeicherter fossiler Energie aufgebaut.
werks, der erneuerbaren Energieanlage bzw. Schwankungen gab es vorwiegend auf der Nachfra-
des Speichers. geseite. Im Zuge des Ausbaus erneuerbarer Ener-
55 Die in der Kostenanalyse unterstellten Inves- gien wird auch die Angebotsseite Schwankungen
titionskosten von Kraftwerken und erneuer- aufzeigen. Entsprechend nimmt mit zunehmen-
baren Energieanlagen orientieren sich an den dem Ausbau von erneuerbaren Energien der Be-
»BMU-Langfristszenarien 2010«, gegebenen- darf an Flexibilität im elektrischen Energiesystem
falls ergänzt um Erfahrungswerte aus vergan- zu. Dieser Bedarf kann durch eine statistische Aus-
genen Energiewirtschaftsstudien der RWTH wertung der Residuallast ermittelt und durch ver-
Aachen. schiedene Optionen gedeckt werden.
55 Die in der Kostenanalyse unterstellten Inves- .  Abbildung  3.27 zeigt die Entwicklung der
titions- und Betriebskosten von Speichern Ganglinie für Last, die Erzeugung aus erneuerba-
orientieren sich an der VDE-ETG-Studie ren Energien (mit Ausnahme der Biomasse) sowie
»Energiespeicher im Stromversorgungssystem als Saldo hiervon die Residuallast für das 100 %-Sze­
mit hohem Anteil erneuerbarer Energieträ- nario. Drei grundlegende Tendenzen werden er-
ger«, gegebenenfalls ergänzt um eigene Erfah- sichtlich: Mit wachsendem erneuerbarem Anteil
rungswerte der RWTH Aachen und der OTH steigt die Volatilität, sinkt der Mittelwert und steigt
Regensburg. die Anzahl der Stunden mit Erzeugungsüberschuss
55 Die Kostenanalyse unterstellt einen Speicher- in der Residuallast.
mix, dessen Gesamtwirkungsgrad in etwa Im 100 %-Szenario ruft die notwendige leis-
den pauschal angenommenen Werten der tungsmäßige Überinstallation erneuerbarer Ener-
Kurzzeit- und Langzeitspeicher entspricht. gien Erzeugungsüberschüsse von bis zu 80  GW
Als Kurzzeitspeicher wird ein Mix aus Last- hervor, während die maximale Residuallast gegen-
management, Pumpspeicher, Druckluftspei- über 2010 nur um bis zu ca. 10  GW oder 12,5 %
cher und verschiedenen Batterietechnologien reduziert wird. Die Leistungsbandbreite wächst
betrachtet. Als Kosten für Langzeitspeicher deutlich.
werden chemische Speicher auf Basis von Der Flexibilitätsbedarf liegt sowohl im Kurz-
Wasserstoff angesetzt, die aber ohne Kostenbe- zeitbereich (< 1  Tag) als auch im Langzeitbereich
trachtung notwendiger Modifikationen an der (> 1  Tag) vor. In allen untersuchten Varianten (A
Gasinfrastruktur grundsätzlich unwesentlich bis E) der Studie konnte dieser Flexibilitätsbedarf
von denen auf Basis von Methan abweichen. im Kurzzeit- und Langzeitbereich stets durch einen
flexiblen Einsatz von fossilen Kraftwerken und
KWK-Anlagen, durch Einsatz der Kurzzeit- und
3.4.3 Szenarien-übergreifende Langzeitspeicher oder durch Abregeln der erneu-
Erkenntnisse erbaren Energien befriedigt werden.

Anlagen im Stromversorgungs-
3.4.3.1  3.4.3.2 Auslegung der Speicher auf
system flexibilisieren Leistungsspitzen vermeiden
Der zukünftige Zubau an erneuerbaren Energiean- Ein Abregeln der seltenen, aber großen Leistungs-
lagen wird in steigendem Maße eine erhöhte Flexibi­ spitzen der erneuerbaren Energien ist grund-
lität im Stromversorgungssystem auf Erzeugungs- sätzlich wirtschaftlicher als eine Auslegung der
3.4 •  VDE-ETG-Studie zum marktbasierten Speicherbedarf
95 3

. Abb. 3.27  Residuallast im 100 %-Szenario, nach [45]

Einspeicherleistungen der Speicher auf diese gro- tische Investitionskosten von ca. 5,1 Mrd. € nötig (s.
ßen Leistungswerte. Das optimale Verhältnis aus .  Tab. 3.6). Reduziert man die Speicherleistungen
Erzeugungskapazität, Speicherung und Abregelung beispielhaft auf je etwa die Hälfte der ursprüng-
ist Gegenstand zukünftiger Forschung. lichen Einspeicherleistung, müssen ca. 400  GWh
Aufgrund der begrenzten Volllaststunden- (ca. 1  ‰ des Gesamtjahresstromverbrauchs) er-
zahlen der erneuerbaren Energien erfolgt in den neuerbare Energien aus Windenergie- und PV-An-
»BMU-Langfristszenarien 2010« eine Installation lagen pro Jahr abgeregelt werden.
von Windenergie- und Photovoltaikanlagen, de- Dem stehen jedoch um 2,1  Mrd.  €/a vermin-
ren Leistung zusammengenommen bereits im derte Investitionen in den Speicherpark gegenüber.
40 %-Szenario oberhalb der Höchstlast von ca. Zudem ist der Energiedurchsatz in den Langzeit-
80 GW liegt und 98 GW beträgt. Im 80 %-Szena- speichern trotz verminderter Leistung nicht signi-
rio sind in Summe 144 GW und im 100 %-Szenario fikant geringer. Dies führt zu erheblich geringeren
sogar 191 GW an Photovoltaik- und Windenergie- Energiedurchsatzkosten und damit zu einer höhe-
anlagen installiert. Analysen der auftretenden Re- ren Wirtschaftlichkeit.
siduallast zeigen, dass große Leistungsspitzen aus Aus diesen Betrachtungen kann abgeleitet wer-
erneuerbaren Energien aber relativ selten auftreten den, dass eine Auslegung der Speicher auf Erzeu-
(s. . Abb. 3.27). Im 80 %-Szenario ergeben sich ma- gungsspitzen erneuerbarer Energien nicht sinnvoll
ximale Überschüsse von ca. 50 GW und maximale ist. Das optimale Verhältnis aus Erzeugungskapazi-
Defizite von ca. 70 GW. tät, Speicherung und Abregelung sowie zwischen
Erfolgt eine Dimensionierung des Speicher- Ein- und Ausspeicherungsleistung muss in weite-
parks mit dem Ziel, keine Abregelung von erneuer- ren Untersuchungen gefunden werden.
baren Energien vorzunehmen, sind dafür annuitä-
96 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

. Tab. 3.6  Vergleich verschiedener Varianten für das 80 %-Szenario; Abregeln ohne Betrachtung von Netzeng-
pässen und Netzbetrieb, nach [45]

Reduzierter Speicherpark (Variante Speicher für volle erneuerbare


E) Energien- Nutzung (Variante D)

Kurzzeitspeicher 14 GW/14 GW/70 GWh 28 GW/26 GW/140 GWh


3 (Ein-/Ausspeicherleistung/Spei-
cherkapazität)

Langzeitspeicher 18 GW/18 GW/7 TWh 36  GW/29  GW/8 TWh


(Ein-/Ausspeicherleistung/Spei-
cherkapazität)

Abgeregelte erneuerbare Energie- 0,4 TWh/a 0 TWh/a


menge aus Windenergie- und
PV-Anlagen

Annuitätische Investitionskosten 3 Mrd. €/a 5,1 Mrd. €/a


der Speicher

3.4.4 Erkenntnisse aus dem ante A, bei der dem Stromversorgungssystem die
40 %-Szenario notwendige Flexibilität zur Bilanzierung von Er-
zeugung und Verbrauch durch eine geringfügi-
Thermische Kraftwerke und
3.4.4.1  ge Abregelung der erneuerbaren Erzeugung aus
erneuerbares Wind und PV um ca. 260 GWh/a (ca. 1 Promille
Einspeisemanagement sind der erneuerbaren Erzeugung) bzw. aus Biomasse
kosteneffizient um ca. 530  GWh/a, durch thermische Kraftwer-
Kurz- und Langzeitspeicher sind bei einem Anteil ke sowie durch Abregelung der wärmegeführten,
von 40 % erneuerbarer Energien noch nicht zwin- fossil befeuerten KWK-Anlagen bereitgestellt
gend für eine stabile Stromversorgung erforderlich. wird.
Der Einsatz des verbleibenden thermischen Kraft- Die hier aufgeführten Energiemengen der er-
werksparks sowie eine geringfügige Abregelung der neuerbaren Erzeugung aus Wind, PV und Biomas-
Einspeisung erneuerbarer Energien sind eine güns- se beinhalten nur Abregelungen, die zur Bilanzie-
tige Form zur Bereitstellung der erforderlichen Fle- rung von Erzeugung und Verbrauch erforderlich
xibilität. sind. Durch unzureichenden Übertragungs- oder
Bei einem erneuerbaren Anteil von 40 % erhö- Verteilnetzausbau bedingte Abregelungen sind in
hen Speicherzubauten die Stromgestehungskosten diesen Zahlen nicht erfasst.
(s. .  Abb.  3.28). Darüber hinaus dienen Speicher
unter den getroffenen Annahmen weniger der In- 3.4.4.2 Speicher nur in geringem
tegration der erneuerbaren Erzeugung, sondern Umfang für erneuerbaren Strom
vorwiegend der Kraftwerkseinsatzoptimierung der benötigt
thermischen Kraftwerke und damit einer »Verste- Werden 40 % des Bruttostromverbrauchs durch er-
tigung« der Einspeisung aus fossilen Kraftwerken neuerbare Energien gedeckt, kommt es unter den
mit allen Konsequenzen (s.  7  Abschn. 3.4.4.2). Die getroffenen Annahmen nur in etwa 44 von 8760
Investitionskosten der Speicherzubauten überstei- Stunden eines Jahres zu negativen Residuallasten,
gen dabei aber die Reduktion der variablen Strom- d. h. zu einer Überschusssituation, in der die erneu-
gestehungskosten, welche im Wesentlichen Brenn- erbare Erzeugung den Verbrauch übersteigt. Aus
stoffkosten sind, unter den getroffenen Annahmen diesem Grund dienen Speicher in näherer Zukunft
geringfügig. vorwiegend der Einsatzoptimierung thermischer
Unter den untersuchten Varianten zeigen sich Kraftwerke und weniger der Speicherung von er-
die geringsten Stromgestehungskosten bei Vari­ neuerbarem Strom.
3.4 •  VDE-ETG-Studie zum marktbasierten Speicherbedarf
97 3

. Abb. 3.28  40 %-Szenario: Stromgestehungskosten in verschiedenen Varianten, nach [45]

Im 40 %-Szenario beträgt die gesamte Erzeu- betriebssimulation von Kraftwerks- und Spei-
gungsüberschussenergie unter den ­ getroffenen cherpark für die untersuchten Speicherzubauva-
Annahmen in Summe lediglich 0,26 TWh/a. Dies rianten (Varianten B bis E). In dieser Abbildung
entspricht etwa nur 1 Promille der gesamten er- können positive Werte als Mehrerzeugungen
neuerbaren Erzeugung und verdeutlicht, dass und Einspeicherung, negative Werte als Minder-
der Speicherbedarf bei Umsetzung des geplanten erzeugungen und Ausspeicherung interpretiert
Netzausbaus sehr klein ist. Die höchste negative werden. Der Speichereinsatz bewirkt demnach im
Residuallast ist mit einem Betrag von 9,8 GW für 40 %-Szenario vorwiegend eine Verdrängung von
eine Stunde aber vergleichsweise hoch. Bei diesen Erdgas- und Steinkohlekraftwerken zugunsten
Analysen wurde unterstellt, dass KWK-Anlagen einer Verstetigung der günstigeren Braunkohle-
bei Erzeugungsüberschüssen abgeschaltet werden kraftwerke.
können.
Entsprechend den Annahmen besteht im
40 %-Szenario kaum Bedarf zur Speicherung von 3.4.5 Erkenntnisse aus dem
erneuerbarem Strom. Vielmehr werden – wie heu- 80 %-Szenario
te – Speicher bei einem erneuerbaren Anteil von
40 % vorwiegend zur Einsatzoptimierung von Kurz- und Langzeitspeicher im
3.4.5.1 
thermischen Kraftwerken genutzt, indem sie die Einsatz für den Klimaschutz
Residuallast glätten, um verstärkt in den Erzeu- Aus Sicht des Klimaschutzes sind Kurz- und Lang-
gungskosten günstigere Kraftwerke, sogenannte zeitspeicher bei einem erneuerbaren Anteil von
Grundlastkraftwerke, einsetzen zu können. Die 40 % unter den getroffenen Annahmen nicht erfor-
Ausspeicherleistung (Entladeleistung) der Speicher derlich. Der Einsatz von Speichern führt im regulä-
wird in dem Szenario nicht zwingend benötigt, weil ren Strommarkt erst bei einem erneuerbaren Anteil
die gesicherte Leistung durch den konventionellen von 80 % zu einer rund 10 %igen Reduzierung des
Kraftwerkspark ausreichend hoch ist. CO2-Ausstoßes zusätzlich zu einer bereits erfolgten
.  Abbildung  3.29 beschreibt die Veränderun- Gesamtemissionsreduktion im Stromversorgungs-
gen der erzeugten Energiemengen gemäß Jahres- system von minus 85 % im Bezug zu 1990.
98 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

. Abb. 3.29  40 %-Szenario: Verschiebung der Stromerzeugung infolge des Speicherzubaus, nach [45]

. Abb. 3.30  80 %-Szenario: Emissionen, nach [45]

Bei einem erneuerbaren Anteil von 40 % wer- Die energiewirtschaftliche Optimierung der
den Kurz- und Langzeitspeicher nur selten zur thermischen Kraftwerke mit Speichern führt daher
Einspeicherung von erneuerbarem Strom, sondern zu bis zu 1,8 % höheren CO2-Emissionen als in der
vorwiegend zur Einsatzoptimierung der thermi- Variante A ohne Speicherzubau (s. Varianten B bis
schen Kraftwerke genutzt. Die Folge sind einerseits E in . Abb. 3.30 bei einem erneuerbaren Anteil von
eine erhöhte Stromproduktion aus fossilen, thermi- 40 %). Bei einem erneuerbaren Anteil von 80 % (s.
schen Kraftwerken zur Deckung der Speicherver- .  Abb. 3.30) reduzieren die Speicher den CO2-Aus­
luste (Zykluswirkungsgrad 40 % bei Langzeitspei- stoß um bis zu 10 % – und zwar zusätzlich zur er-
chern und 80 % bei Kurzzeitspeichern) sowie eine heblichen Reduktion, die durch den Ausbau erneu-
Verdrängung von Erdgas- und Steinkohlestrom erbarer Energien bedingt ist. Die Ursache ist darin
­zugunsten von Braunkohlestrom. begründet, dass bei einem erneuerbaren Anteil von
3.4 •  VDE-ETG-Studie zum marktbasierten Speicherbedarf
99 3

. Abb. 3.31  80 %-Szenario: Verschiebung der Stromerzeugung infolge des Speicherzubaus, nach [45]

80 % die Speicher in erheblichem Maße erneuer­ nutzung der erneuerbaren Erzeugung unter Ein-
baren Strom einspeichern und bei der Ausspeiche- speicherung aller Leistungsspitzen (Variante D) als
rung fossilen Erdgasstrom ersetzen (s. . Abb. 3.31). nicht sinnvoll erscheint. Es wird vielmehr empfoh-
len, eine Kombination aus Speicherung und Ab-
3.4.5.2 Kombination aus Kurz- und regelung von erneuerbaren Energieanlagen einzu-
Langzeitspeicherung sowie setzen (Variante E). Bei der hier vorgenommenen
Abregelung empfehlenswert Halbierung der theoretisch benötigten Speicher-
Bei einem Anteil erneuerbarer Energien von 80 % leistungen der Kurz- und Langzeitspeicher würden
werden unter den getroffenen Annahmen zusätz- unter den getroffenen Annahmen weniger als 1 %
lich zu den heute vorhandenen Speichern etwa der erneuerbaren Erzeugung abgeregelt werden
14  GW bzw. 70  GWh (5  h) an Kurzzeitspeichern müssen.
und ca. 18 GW bzw. 7,5 TWh (17 Tage) an Langzeit­ Der Zubau an Kurzzeitspeichern in Variante E
speichern benötigt. Dieser vergleichsweise hohe mit einer Leistung von 14 GW und einer Kapazität
Zubaubedarf ergibt sich insbesondere aus der von 70 GWh entspricht etwa der doppelten heute
Betrachtung Deutschlands als Inselsystem ohne vorhandenen Kapazität an Pumpspeicherwerken.
grenzüberschreitende Flüsse. Bei einer Betrach- Für die Kostenberechnung der Kurzzeitspeiche-
tung Deutschlands im europäischen Verbundsys- rung wurde ein Speicherpark bestehend aus Bat-
tem wären vermutlich deutlich geringe Kapazitäten teriespeichern (hierbei insbesondere Blei-Säure-,
ausreichend. Lithium-Ionen- und Natrium-Schwefel-Batterien),
Die »BMU-Langfristszenarien 2010« gehen für Druckluftspeichern, neuen Pumpspeicherwerken
das 80 %-Szenario von konkreten Ausbauzielen und Lastmanagement angenommen.
für erneuerbare Energien aus. Mithilfe dieses Er- Die Langzeitspeicher mit einer Leistung von
zeugungsparks würden aber ohne Speicherzubau 18  GW haben eine Ausspeicherdauer von etwa
(Variante A) ca. 30 TWh oder ca. 7 % der erneuer- 17  Tagen, wodurch nur sehr große Speicherkapa­
baren Erzeugung abgeregelt, sodass die Variante A zitäten infrage kommen und die energiebezogenen
das Ziel eines erneuerbaren Anteils von 80 % am Speicherkosten für eine günstige Lösung gering
Bruttostromverbrauch nicht erfüllt und nur ein er- sein müssen. Es kommen deswegen in Deutschland
neuerbarer Anteil von 73 % erreicht wird. nur Speichersysteme auf Basis von Power-to-Gas
Die Berechnungen zeigen, dass eine Dimen- in Betracht. Die beiden Energieträger Wasserstoff
sionierung der Speicherleistung zur vollen Aus-
100 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

. Tab. 3.7  Vergleich zwischen 80 %- und 100 %-Szenario, nach [45]

Szenario 80 % Szenario 100 %


(Variante E) (Variante D)

Kurzzeitspeicher 14 GW/14 GW/70 GWh 36 GW/35 GW/184 GWh


(Ein-/Ausspeicherleistung/Speicherkapazität)
3 Langzeitspeicher 18 GW/18 GW/7 TWh 68 GW/42 GW/26 TWh
(Ein-/Ausspeicherleistung/Speicherkapazität)

Annuitätische Investitionskosten der Speicher 3 Mrd. €/a 12 Mrd. €/a

und Methangas sind dafür geeignet und können erneuerbarer Energien um 63 % von 17 % im Jahre
in eigenen Kavernen (vorwiegend Wasserstoff) 2010 auf 80 %.
oder im bestehenden Gasnetz und in Gasspeichern Die installierten Speicherleistungen und -kapa-
(vorwiegend Methangas) gespeichert werden. Zur zitäten sind in . Tab. 3.7 dargestellt.
Rückverstromung des Wasserstoff- oder Methan- Bei einem weiteren Ausbau der erneuerbaren
gases sind Gaskraftwerke, dezentrale KWK-An- Energien um 20 % zu einer erneuerbaren Vollver-
lagen oder Brennstoffzellensysteme notwendig. sorgung ist auch der Speicherpark entsprechend
Der Energieumsatz in den Langzeitspeichern (ca. zu erweitern. Die Kurzzeitspeicherleistung und
16 TWh/a) ist im Vergleich zum heutigen Gasver- -kapazität ist dann 2,5-mal und die Langzeitspei-
brauch in Deutschland (ca. 850  TWh/a) sehr ge- cherleistung und -kapazität 3,5-mal höher als im
ring und bewegt sich in einem Bereich von unter 80 %-Szenario.
2 %. Für die Kostenberechnung werden Speicher Die Kosten der Energiespeicherung spielen nun
auf Basis von Wasserstoff angesetzt, die aber ohne eine entscheidende Rolle, sie machen ca. 25 % der
Kostenbetrachtung notwendiger Modifikationen Stromgestehungskosten aus. Dabei sind die Kosten
an der Gasinfrastruktur grundsätzlich unwesent- der Ausspeichereinheiten der Langzeitspeicher in
lich von denen auf Basis von Methangas abweichen. den Kosten des Kraftwerksparks enthalten. Ausge-
Unter Berücksichtigung von Kostensenkungs- nommen sind notwendige Modifikationen an der
potenzialen der Speichertechnologien können für Gasinfrastruktur für die Langzeitspeicherung für
den Speicherpark annuitätische Investitionskosten den Fall einer Wasserstoffwirtschaft und die Kosten
von ca. 3  Mrd.  € abgeschätzt werden. Dabei ent- für die Methanisierung im Falle von Power-to-Gas.
fallen ca. 75 % der Kosten auf die Langzeitspeicher.
Die Kosten der Ausspeichereinheiten der Lang-
zeitspeicher (z. B. Gaskraftwerke, Brennstoffzellen 3.4.7 Zusammenfassung
oder KWK) sind nicht in den Speicherkosten, son-
dern in den Kosten des Kraftwerksparks enthalten. Fazit
55 Die interdisziplinär erarbeitete VDE-ETG-Studie
trifft einige Annahmen, die die Robustheit der
3.4.6 Erkenntnisse aus dem Ergebnisse in einigen Punkten einschränken. Zu
100 %-Szenario den kritischen Annahmen zählen insbesondere
die Vernachlässigung der europäischen Nach-
Wird der Anteil erneuerbarer Energien ausgehend barn des deutschen Energiesystems, die Annah-
von 80 % auf 100 % erhöht, ist eine Verdreifachung me einer vollen Flexibilisierung der KWK sowie
des Speicherparks an Kurz- und Langzeitspeichern die Vernachlässigung von Netzrestriktionen.
notwendig. Die Stromgestehungskosten steigen da- Trotz dieser Vereinfachungen lassen sich einige
bei um ca. 19 %. Die letzte Steigerung des Anteils relevante Folgerungen herleiten.
um 20 % ist teurer als die Steigerung des Anteils
3.5 • Studie »Roadmap Speicher« zum Speicherbedarf Deutschlands …
101 3
55 Die Flexibilisierung der erneuerbaren Ener- tigung eines weiträumigen Ausgleichs –, auf der
gien in zukünftigen Energiesystemen wird anderen Seite sind sie ab einem gewissen Zeit-
erforderlich werden. Die Möglichkeit, bei Über- punkt essenziell zum Erreichen der Ausbauzie-
schüssen, die nur für extrem kurze Zeiträume le erneuerbarer Energien und den Klimaschutz.
auftreten, Anlagen abregeln zu können, ist für 55 Es zeichnet sich ab, dass sich in Szenarien mit
einen sicheren und wirtschaftlichen Betrieb von einem erneuerbaren Anteil in der Größenord-
Erzeugungssystemen mit hohem Anteil erneu- nung von 80 % zusätzliche Speicher rechnen
erbarer Energien von wesentlicher Bedeutung. werden. Eine Kombination aus Kurz- und Lang­
Die absolut abgeregelten Mengen betragen zeitspeichern erscheint grundsätzlich sinnvoll.
im 40 %-Szenario knapp 1 Promille der erneu­ Im 80 %-Szenario ergeben sich ein Bedarf von
erbaren Stromproduktion. Eine Auslegung der 14 GW bzw. 70 GWh (5 h) zusätzlicher Kurz­
Speicher auf Erzeugungsspitzen ist technisch zeitspeicher und ein neuer Bedarf von ca. 18 GW
und wirtschaftlich nicht sinnvoll. bzw. 7,5 TWh (17 Tage) an Langzeitspeichern.
55 Kurzfristig (bis zu einem erneuerbaren Anteil Dieses Ergebnis ist jedoch im Lichte der Annah-
von rund 40 %) scheint eine Flexibilisierung des men zu betrachten: Der Speicherbedarf dürfte
thermischen Kraftwerksparks die attraktivste bei der Berücksichtigung des europäischen
Flexibilitätsoption zu sein. Dieses Ergebnis ist ­Verbundsystems deutlich geringer ausfallen.
belastbar, da bei einer Gesamtbetrachtung des 55 Eine Steigerung des erneuerbaren Anteils auf
europäischen Energiesystems durch Ausgleich- 100 % ist technisch möglich, stellt aber eine He-
effekte mit einem geringeren Speicherungs- rausforderung dar. Das deutsche Erzeugungs-
bedarf zu rechnen ist. Schon die Ergebnisse system wird sehr volatil: Es treten Erzeugungs-
für Deutschland als Inselsystem zeigen, dass überschüsse im stündlichen Mittel von bis zu
zusätzliche Speicher ihre Kapitalkosten nicht 81 GW auf, während die maximale Residuallast
decken können, wenn KWK-Anlagen flexibel nur geringfügig auf etwa 67 GW reduziert wird.
eingesetzt werden. Die Kosten für die in der 55 Durch die Erhöhung des erneuerbaren Anteils
Studie beschriebene Flexibilisierung sind ver- von 80 % auf 100 % verdreifacht sich der Spei-
nachlässigbar im Vergleich zu den Kosten für cherungsbedarf. Die Stromgestehungskosten
Speicher, da nur wenig zusätzliche Hardware steigen um ca. 19 % im Vergleich zum 80 %-Sze-
erforderlich ist. nario. Die Kosten der Energiespeicherung
55 Zusätzliche Kurz- und Langzeitspeicher sind machen von den Stromgestehungskosten ca.
bei einem erneuerbaren Anteil von 40 % und 25 % aus. In Deutschland wäre eine Langzeit-
einer den Annahmen entsprechenden Flexi- speicherung von Energiemengen in der Grö-
bilisierung des thermischen Kraftwerksparks ßenordnung von 30 TWh erforderlich. Bei einer
noch nicht erforderlich. Sie dienen weniger europäischen Betrachtung kann durch über-
der Integration erneuerbarer Energien als der regionale Ausgleichseffekte ein erneuerbarer
Kraftwerkseinsatzoptimierung: Die Strom- Anteil von 100 % leichter erreicht werden.
erzeugung aus Gas- und Steinkohlekraftwerken
wird zugunsten von kostengünstiger aber CO2-
-intensiver Braunkohleverstromung verdrängt. 3.5 Studie »Roadmap Speicher« zum
Der Speichereinsatz führt daher zu einer Erhö- Speicherbedarf Deutschlands im
hung der CO2-Emissionen um 1,8 %. europäischen Kontext
55 Das 80 %-Szenario wird ohne zusätzliche Spei­
cher zu einem 73 %-Szenario. Die CO2-Emissio­ In den zuvor vorgestellten Studien zum Speicher-
nen des Stromsektors liegen ohne den Einsatz bedarf in den  7  Abschn. 3.2 bis 3.4 liegt der Fokus
von Energiespeichern 10 % über einem System auf Deutschland, weshalb Ausgleichseffekte im
mit Energiespeichern. Auf der einen Seite sind europäischen Stromerzeugungs- und Stromüber-
also hohe erneuerbare Anteile auch ohne tragungssystem als Flexibilität nicht berücksichtigt
S
­ peicher möglich – vor allem unter Berücksich- werden.
102 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

Ergänzend hierzu stellt das Projekt »Roadmap Kontext der bislang beschriebenen Studien – vor-
Speicher« eine Untersuchung des Speicherbedarfs gestellt.
dar, bei der dieser Aspekt zusätzlich zu weiteren
Flexibilitätsoptionen berücksichtigt wird. Das Pro­
jekt wurde als BMWi-gefördertes Verbundvorha- 3.5.1 Methodisches Vorgehen
ben von einem Konsortium bestehend aus dem
3 Fraunhofer-Institut für Windenergie und Ener­ Die Modellierungsarbeiten im Rahmen des Pro-
giesystemtechnik (IWES), dem Institut für Elek­ jekts erfolgen durch sequenzielle Anwendung ver-
trische Anlagen und Energiewirtschaft (IAEW) der schiedener Teilmodelle. Es wird eine energiewirt-
RWTH Aachen und der Stiftung Umweltenergie­ schaftliche Simulation des europäischen Strom-
recht im Zeitraum 2011 bis 2014 durchgeführt (s. versorgungssystems unter Berücksichtigung der
[32]). Schnittstellen zu den Sektoren Wärme und Verkehr
Durch eine umfassende Modellierung der Er- durchgeführt. Zielfunktion der Optimierungen ist
zeugungs- und Nachfragesituation für die Mehr- die Deckung der Stromnachfrage zu minimalen
heit der Länder im Verbund der ENTSO-E wird gesamtwirtschaftlichen Kosten unter Berücksichti-
der Stromaustausch zwischen den Marktgebieten gung von Randbedingungen, die das europäische
mithilfe einer europaweiten Simulation der Einsät- Stromversorgungssystem abbilden.
ze von Erzeugungsanlagen, Speichern und Lastma- Während die Modellierungen des Stromsys-
nagement ermittelt. Netzrestriktionen werden für tems für den mittelfristigen Zeithorizont szena-
den mittelfristigen Zeithorizont detailliert anhand rienbasiert erfolgen, besteht bei der Betrachtung
eines nachgeschalteten AC-Leistungsflusses ab- für den langfristigen Zeithorizont die Möglichkeit,
gebildet, während für die langfristige Betrachtung modellintern Kapazitäten von thermischen Kraft-
lediglich die begrenzten Austauschkapazitäten werken, Kurz- und Langzeitspeichern sowie Über-
zwischen den Marktgebieten in der Kraftwerksein- tragungskapazitäten auszubauen. Auch hierbei
satzplanung berücksichtigt werden. Netzengpässe stellt die Deckung der Stromnachfrage zu minima-
innerhalb der Marktgebiete werden bei der lang- len gesamtwirtschaftlichen Kosten die Zielfunktion
fristigen Betrachtung jedoch nicht gezeigt, da ein dar, wobei der Kapazitätsausbau anhand annuitäti-
ausreichender Netzausbau bis zu diesem Zeitpunkt scher Investitionskosten bei den Lastdeckungskos-
innerhalb der Marktgebiete angenommen wird. ten eingepreist wird. Nachfolgend wird die Abfolge
Die energiewirtschaftlichen Analysen für den der einzelnen Schritte kurz skizziert.
mittelfristigen Zeithorizont mit erneuerbaren An-
teilen von 26 und 37 % in Europa bzw. 45–50 % und 3.5.1.1 Zeitreihen erneuerbarer
69 % in Deutschland werden überwiegend durch Energien
das IAEW durchgeführt, während die Analyse des Durch die umfassende Modellierung auf Basis
langfristigen Speicherbedarfs mit erneuerbaren historischer Wetterdaten werden Fluktuationen,
Anteilen von 82 % in Europa und 88 % in Deutsch- Gradienten und Glättungseffekte von Wind- und
land durch das IWES erfolgt. Parallel zu den ener- Solarenergie realitätsnah abgebildet. Die Modellie-
giewirtschaftlichen Analysen erfolgt eine rechts- rung der Stromerzeugung durch erneuerbare Ener-
wissenschaftliche Untersuchung und Bewertung gien erfolgt für das gesamte Betrachtungsgebiet zu-
des Speicherrechts durch die Stiftung Umweltener- nächst für ein Raster mit 7 km Maschenweite. Auf
gierecht, für deren Ergebnisse auf [32] verwiesen Basis von Informationen über Bestandsanlagen,
wird. einer Zubaumodellierung unter Berücksichtigung
Im Folgenden wird zunächst kurz das metho- der erneuerbaren Ressourcen sowie geeigneter Flä-
dische Vorgehen im Rahmen der Studie vorgestellt. chen erfolgt im Modell ein Ersatz alter bzw. Zubau
Danach werden die Szenarien und sich daraus zusätzlicher erneuerbarer Energieanlagen. Dabei
ableitende Ergebnisse präsentiert. Abschließend werden detailliert technologische Entwicklun-
werden die wesentlichen Erkenntnisse – auch im gen wie die Erhöhung des Systemwirkungsgrads
3.5 • Studie »Roadmap Speicher« zum Speicherbedarf Deutschlands …
103 3
(Photovoltaik) oder zunehmende Nabenhöhen bei in Europa durchgeführt. Im ersten Schritt dieser
einer geringeren rotorspezifischen Nennleistung gesamtwirtschaftlichen Speichersimulation (s. [14])
(Windenergie) berücksichtigt. wird eine ganzheitliche Marktsimulation des euro-
Historische Wetterdaten des Jahres 2011 aus päischen Stromerzeugungssystems ausgeführt.
dem COSMO-EU-Modell des Deutschen Wetter- Hierzu wird der kostenminimale, d. h. gesamtwirt-
dienstes (s. [3]) sowie Strahlungsdaten des Meteo- schaftlich optimale Kraftwerkseinsatz zur Nach-
sat-Satelliten (s. [5, 36]) dienen als Eingangsdaten fragedeckung und Regelleistungsvorhaltung unter
für die physikalischen Modelle der erneuerbaren Berücksichtigung der technischen Restriktionen
Energieanlagen. Hieraus werden stündlich aufge- in der Stromerzeugung und -übertragung ermit-
löste Zeitreihen der Stromerzeugung der verschie- telt (s. [25]). Im Rahmen dieser Marktsimulationen
denen Technologien je Wettermodellfläche gene- werden die bestehenden Speicher und zusätzliche
riert. Anschließend werden diese unter Berück- Speicherprojekte abgebildet. Aus den dabei ermit-
sichtigung der regionalisierten Stromnachfrage zu telten Kosteneinsparungen ergibt sich der Nutzen
Residuallastzeitreihen je Höchstspannungsnetz- der untersuchten Speicherprojekte für den Strom-
knoten als Eingangsdaten für Lastflusssimulatio- markt.
nen im Übertragungsnetz aggregiert. Eine weite- Da an den europäischen Strommärkten lediglich
re Aggregation aller innerhalb eines Marktgebiets begrenzte Übertragungskapazitäten berücksichtigt
liegender Zeitreihen liefert die für die vorgelagerte werden und innerhalb von Marktgebieten eine Eng-
Kraftwerkseinsatz- bzw. Ausbauplanung erforder- passfreiheit gilt, kann die resultierende Last-/Ein-
lichen Eingangsdaten. speisesituation zu Überlastungen im Übertragungs-
Im realen Ablauf stehen für die Planung des netz führen. Diesen Leitungsüberlastungen wird
Kraftwerkseinsatzes nur ungenaue, prognostizierte anschließend im Netzbetrieb durch Anpassung von
Daten der erneuerbaren Einspeisung und Strom- Kraftwerkseinsätzen im sogenannten Redispatch be-
nachfrage zur Verfügung. Dies hat einen subop- gegnet. Dieses Vorgehen wird in einer Netzbetriebs-
timalen Kraftwerkseinsatz zur Folge, und die Ab- simulation nachgebildet, in der zunächst auf Basis
weichung zwischen prognostizierter und tatsäch- der marktbasiert vorgegebenen Kraftwerkseinsätze
licher residualer Last ist über Intraday-Handel oder stündliche Leistungsflüsse im Grundlastfall sowie
Regelleistung auszugleichen. Die Abbildung dieser in Ausfallsituationen bestimmt werden. Das dazu
Zusammenhänge im Modell erfolgte durch Be- verwendete Netzmodell des europäischen Übertra-
rücksichtigung künstlicher Prognosezeitreihen der gungsnetzes basiert auf öffentlichen, frei zugängli-
Einspeisung durch Windenergie und Photovoltaik chen Daten.
sowie der Stromnachfrage für alle Szenariojahre. Anschließend wird das Vorgehen der Netzbe-
Des Weiteren wird für die Bewirtschaftung der treiber im Netzbetrieb simuliert, um Leitungsüber-
Langzeitspeicher eine Langfristprognose der Resi- lastungen zu beheben. Als Redispatch-Maßnahme
duallast berücksichtigt. Hierfür wird eine Statistik stehen hierbei die Anpassung von Einsätzen der
auf Basis langjähriger Zeitreihen der erneuerbaren konventionellen, thermischen Kraftwerke und der
Einspeisung und der Last unter Berücksichtigung Speicher zur Verfügung. Die Optimierung des
von Wochen- und Feiertagen im Falle der Last ge- Lastflusses erfolgt unter der Zielfunktion, Leitungs-
neriert. überlastungen, die Anzahl der Eingriffe und die Re-
dispatch-Kosten zu minimieren (s. [15]). Auf diese
3.5.1.2 Gesamtwirtschaftliche Weise ergibt sich eine zulässige Netznutzungssitua-
Speichersimulation im tion je betrachteter Stunde.
mittelfristigen Zeitbereich Durch die mehrstufige Simulation kann damit
Um im mittelfristigen Zeitbereich den Speicher- der Gesamtnutzen technologieabhängiger Strom-
bedarf in Deutschland zu ermitteln, wird zur Be- speicherprojekte aus Markt- und Netzsicht berech-
rücksichtigung der Einflüsse auf das Marktgesche- net werden. Dieser ergibt sich aus der Reduktion
hen und den Netzbetrieb eine mehrstufige Simu- der Stromerzeugungskosten und der notwendi-
lation des elektrischen Stromversorgungssystems gen Redispatch-Kosten. Weiter ist eine Reduk-
104 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

tion der Abregelung von erneuerbaren Energie- 3.5.2 Szenario


anlagen möglich, was als Kostensenkung für das
Stromversorgungssystem den Speichern zuge- Für eine belastbare Abschätzung des Speicherbe­
rechnet wird. Diesem Gesamtnutzen der Speicher darfs ist es erforderlich, Ausgleichseffekte zu
werden die notwendigen Investitions- und Be- berücksichtigen, die sich aus der europäischen
­
triebskosten gegenübergestellt, sodass der gesamt- Vernetzung des Stromversorgungssystems erge-
3 wirtschaftlich sinnvolle Speicherausbau ermittelt ben. Die Simulationen im Rahmen des Projekts
werden kann. »Roadmap Speicher« bilden den größten Teil
des Verbundnetzes der ENTSO-E entsprechend
3.5.1.3 Europäischer Kraftwerkseinsatz .  Abb.  3.32 ab, wenngleich die Analyse des Spei-
und optimierte europäische cherbedarfs in Deutschland im Mittelpunkt der
Ausbauplanung im langfristigen Untersuchungen steht.
Zeitbereich In Anlehnung an die Langfristszenarien 2010
Bei der Analyse des langfristigen Speicherbedarfs und 2011 (s. 7 Abschn. 3.2 und [26, 27]) wird die er-
wird im Vergleich zu den bisher betrachteten Stu- neuerbare Erzeugung durch solarthermische Kraft-
dien im Rahmen einer fortlaufenden Optimierung werke in Nordafrika im Modell berücksichtigt. Der
von Kraftwerkseinsatz und Ausbau erneuerbarer Fokus der Untersuchungen liegt auf dem Strom-
Energien ermittelt, wie eine kostenminimale De- sektor, jedoch werden auch wie in  7  Abschn.  3.3
ckung der stündlichen Stromnachfrage möglich die sektorenkoppelnden Stromanwendungen wie
ist. Dabei werden bestehende erneuerbare Ener- Elektromobilität, elektrische Wärmepumpen bzw.
gieanlagen einschließlich Speicherwasserkraft be- Klimatisierung bei den Modellierungen abgebildet.
rücksichtigt. Die geschlossene Optimierung für ein
ganzes Kalenderjahr ergibt die benötigten Kapazi- 3.5.2.1 Annahmen
täten an thermischen Kraftwerken, Speichern und Das Erzeugungssystem basiert für Deutschland
Übertragungsleistung zwischen Marktgebieten. und Europa grundsätzlich auf den Langfristszena-
rien 2011 (s. [27]). Diese sind bestimmt durch eine
3.5.1.4 Detailbetrachtung Deutschland Umstrukturierung der Erzeugungssysteme, dabei
Das in der europäischen Ausbauplanung identi- werden erneuerbare Energien und Erzeugung aus
fizierte, optimierte Stromerzeugungssystem wird Erdgas zugebaut und Kohle abgebaut. Da sich in
anschließend einer Detailbetrachtung für Deutsch- den letzten Jahren eine schnelle Entwicklung vor
land unterzogen, um zusätzliche Aspekte wie Re- allem im Bereich erneuerbarer Energien gezeigt
gelleistungsbedarf, Prognosefehler und Flexibilität hat, werden einige Annahmen durch neue Infor-
der Kraftwerke zu berücksichtigen. Hierfür werden mationen ergänzt bzw. ersetzt.
die ermittelten Kapazitäten der Ausbauplanung in-
klusive zusätzlicher Speicher, Speicherfüllstände zz Stromnachfrage und Ausbau erneuerbarer
der saisonalen Speicher sowie die Import- und Ex- Energien
portzeitreihen aus der vorgelagerten europäischen Die Annahmen zur Entwicklung der Stromnachfra-
Ausbauplanung übernommen. In dem Verfahren ge in Deutschland basieren auf dem Energiekonzept
werden zusätzliche Stromspeicher schrittweise zu- der Bundesregierung (s. [12]), welches von einer Re-
gebaut mit dem Ziel, die Stromgestehungskosten duktion der Stromverbrauchs um 25 % bis 2050 (10 %
zu senken. Der auf diese Weise ermittelte kosten- bis 2020, 15 % bis 2030) gegenüber 2008 ausgeht. Des
optimale Speicherausbau wird abschließend als Weiteren werden neue Verbraucher betrachtet, die
»Speicherbedarf« einer gesamtwirtschaftlichen eine effiziente Kopplung der Energiesektoren ermög-
Optimierung des Gesamtsystems interpretiert. lichen und einen wichtigen Beitrag zur Integration
erneuerbarer Energien leisten können: elektrische
Wärmepumpen, Klimatisierung und Elektromobili-
tät. . Abbildung 3.33 und . Tab. 3.8 zeigen die Ent-
3.5 • Studie »Roadmap Speicher« zum Speicherbedarf Deutschlands …
105 3

. Abb. 3.32  Betrachtungsbereich mit Einbindung von Nordafrika, nach [32]

wicklung des Stromverbrauchs und den Bedarf der ischen Anteil erneuerbarer Energien von 37 % zwei
genannten Verbraucher. verschiedene Sensitivitäten untersucht: einmal mit
Es werden speziell die Jahre mit verschiedenen geringer Flexibilität im System (Flex−) und einmal
Annahmen simuliert, in denen der erneuerbare mit hoher Flexibilität (Flex+).
Anteil am deutschen Stromverbrauch bei 45–50 %, Dabei werden folgende Annahmen zugrunde
69 und 88 % liegt. Durch Neuerungen in den na- gelegt:
tionalen Aktionsplänen der EU und den teilweise 55 Bei hoher Flexibilität werden die Mindestleis-
unvorhergesehenen Zubau der erneuerbaren Ener- tungen und -zeiten konventioneller Kraftwerke
gien werden die Langfristszenarien 2011 des BMU reduziert,
(s.  7  Abschn. 3.2 und [27]) zum Teil an die neuen 55 Biogasanlagen werden zunehmend durch Gas-
Gegebenheiten angepasst. speicher sowie zusätzliche Leistung flexibel
eingesetzt und
zz Kraftwerkspark 55 KWK-Anlagen werden vermehrt mit Wär­me­
Ein wichtiger Baustein zum Gelingen der Ener- speichern ausgestattet, eine größere Power-to-
giewende ist eine Flexibilisierung des Kraftwerks- Heat-Leistung wird unterstellt, und Szenarien
parks. Es werden für das Jahr mit einem europä­
106 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

. Abb. 3.33  Entwicklung des Stromverbrauchs (Flex+) inklusive neuer Verbraucher: Klimatisierung, elektrische Wärme-
pumpen und Elektromobilität, nach [32]

. Tab. 3.8  Entwicklung des Basisstromverbrauchs und des Bedarfs neuer Verbraucher zwischen 2020 und 2050

TWh/Jahr 2020 2030 2030 2050


Flex– Flex+

Basisstromverbrauch 524 473 473 427

Elektromobile 1 0 10 26

Elektr. Wärmepumpen 7 11 11 30

Klimatisierung 2 4 4 10

∑ Neue Verbraucher 10 15 25 66

mit hoher und geringerer Flexibilität werden zz Lastmanagement


untersucht. Das Lastmanagement besitzt ein großes Potenzial
zur Glättung der Residuallast, welches im Strom-
zz Speicherkosten markt gewinnbringend eingesetzt werden kann
Die Wirtschaftlichkeit und damit der ökonomisch (s. 7 Kap. 11). Zudem hat das Lastmanagement hohe
begründete Bedarf an Stromspeichern hängen stark Anschlussleistungen, die in Zukunft durch die Zu-
von den Investitionskosten sowie den technischen nahme von Elektromobilität, elektrischen Wärme-
Parametern wie Wirkungsgrad und Zyklenfestig- pumpen und Klimatisierung weiter steigen werden
keit ab. Es wird zwischen Kosten für Speicherleis- und somit den Kraftwerkseinsatz erleichtern. Ab
tung und Speicherkapazität unterschieden. Für die dem mittelfristigen Szenario sind Nachtspeicher-
Modellrechnungen werden Annahmen in Anleh- heizungen und elektrische Trinkwassererwärmung
nung an [18] getroffen. rückläufig. Für die Elektromobilität wird mittelfris-
.  Abbildung  3.34 zeigt exemplarisch die Kos- tig mit einer reduzierten Teilnahme von nur 20 %
tenannahmen für 6 h- bzw. 200 h-Speicher der be- des Fahrzeugparks am Lastmanagement und erst
trachteten Technologien. langfristig mit hoher Flexibilität (60 %) gerechnet.
3.5 • Studie »Roadmap Speicher« zum Speicherbedarf Deutschlands …
107 3

. Abb. 3.34  Investitionskosten von Kurz- und Langzeitspeichern für die Jahre 2012, 2020, 2030 und 2050 im Vergleich,
nach [32]

Die elektrischen Wärmepumpen können über die Im Szenario mit einem Anteil von 26 % erneu-
Einbindung von Wärmespeichern flexibel einge- erbaren Energien in Europa sind alle Maßnahmen
setzt werden (s. 7 Abschn. 14.1). des deutschen Netzentwicklungsplans 2013 (s. [1])
Trotz der hohen Anschlussleistung im 82 %- sowie des Zehnjahresplans (TYNDP) für Europa
Szenario von 108 GW an Anwendungen zum Last- aus dem Jahr 2012 (s. [16]) umgesetzt. Für das mit-
management können aufgrund technischer sowie telfristige Szenario (in etwa 2030) mit einem euro-
tageszeitlicher und saisonaler Restriktionen nur päischen Anteil an erneuerbaren Energien von 37 %
maximal 26,7  GW abgerufen werden. Das große werden sowohl ein verzögerter (Variante Netz−) als
vorhandene theoretische Potenzial ist also in der auch ein vollständiger Netzausbau (Variante Netz+)
Realität nur bedingt technisch und wirtschaftlich mit allen Maßnahmen des Netzentwicklungsplans
zu jeder Zeit zuverlässig einsetzbar. und TYNDP untersucht. Der vollständige Netzaus-
In Zukunft wird ebenso Power-to-Heat (PtH) bau dient als Grundlage für das Langfristszenario
einen erheblichen Einfluss auf den Speicherbedarf und beinhaltet bei Bedarf zusätzlich eine Optimie-
haben. Daher ist anzunehmen, dass KWK-Anlagen rung der Übertragungsleistungen. Wie auch in den
mit Wärmespeicher und zusätzlich einem Elektro- vorhergehenden Studien ist diese Grundlage ent-
denkessel ausgestattet werden. Langfristig wird von scheidend für den Speicherbedarf.
einem zusätzlichen Potenzial der Flexibilisierung Eine ausführlichere Beschreibung der Annah-
durch PtH von 14 GW ausgegangen. men sind in 7 Kap. 4.2 des Abschlussberichtes der
Studie »Roadmap Speicher« zu finden (s. [32]).
zz Annahmen zum Netzausbau
Das Modell für das europäische Übertragungsnetz 3.5.2.2 Szenarienüberblick
bildet alle bestehenden Leitungen für das Jahr 2010 Innerhalb der Studie »Roadmap Speicher« wer-
ab und wird für die betrachteten Szenarien anhand den die Einflüsse verschiedener Maßnahmen auf
der Netzentwicklungspläne ausgebaut. den Speicherbedarf mittelfristig und langfristig
108 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

. Abb. 3.35  Überblick über die verschiedenen Szenarien zu den jeweiligen betrachteten Zeiträumen und Sensitivitä-
ten, nach [32]

untersucht. Dabei werden verschiedene Sensitivi- A und B sind an die BMU-Langfristszenarien aus
tätsrechnungen durchgeführt, in denen Effekte wie [27] angelehnt.
ein verzögerter Ausbau von Windenergieanlagen Aufgrund der stark fallenden Preise für Photo-
bis 2020 und ein verzögerter Netzausbau bis 2030 voltaik und Windkraft erscheint der Ausbau ande-
eingehender dargestellt sind. Außerdem werden rer Technologien wie solarthermischer Kraftwerke,
die Einflüsse von Lastmanagement, flexibler KWK Bioenergie und Geothermie aus wirtschaftlichen
und flexibler Kraftwerke in verschiedenen Kons- Gründen beschränkt. .  Abbildung  3.35 zeigt eine
tellationen untersucht. Für den Bereich um 2020 Übersicht der untersuchten Szenarien und den
wird mit einem Anteil erneuerbarer Energien in ­Einfluss verschiedener Maßnahmen. Weitere unter-
Deutschland von 45–50 % und der EU von 26 % so- suchte Sensitivitäten sind ein unterschiedlicher Mix
wie im Bereich um 2030 mit 69 % in Deutschland aus erneuerbaren Energien, CO2-Zertifikatekosten,
und 37 % in Europa gerechnet. Netzausbau und alternative Flexibilitätsoptionen.
Für die langfristige Betrachtung werden drei
unterschiedliche Szenarien A, B und C untersucht,
wobei nach aktuellen Entwicklungen das Szenario 3.5.3 Mittelfristige Speichersimulation
C als am wahrscheinlichsten eingestuft wird, da
vor allem die Entwicklung der solarthermischen Um den gesamtwirtschaftlichen Nutzen zusätzlicher
Kraftwerke in Europa hinter den Erwartungen ge- Stromspeicher und den daraus abgeleiteten Spei-
blieben ist. Daher wird dieses Szenario genauer cherbedarf darzustellen, werden zunächst die Er-
betrachtet, und aus Szenario A und B werden nur zeugungssituation und die sich daraus ergebenden
die wichtigsten Erkenntnisse dargestellt. Szenario Auswirkungen auf das Übertragungsnetz analysiert.
3.5 • Studie »Roadmap Speicher« zum Speicherbedarf Deutschlands …
109 3
3.5.3.1 Ergebnisse zur ten, wird die Netzsicherheit der Übertragungsauf-
Erzeugungssituation gabe simulativ überprüft. Die Ergebnisse der Netz-
Zunächst wird für den mittelfristigen Zeitbereich betriebssimulationen zeigen, dass die angenomme-
das Szenario mit einem erneuerbaren Anteil von ne Netzinfrastruktur unter Berücksichtigung der
45–50 % in Deutschland und 26 % in Europa be- Netzausbauprojekte nach den Netzentwicklungs-
trachtet. Dabei zeigen sich in Deutschland leichte plänen grundsätzlich der geänderten Netznut-
Unterschiede in der Stromerzeugung, die aus dem zungssituation in zukünftigen Erzeugungsszena-
verstärkten Ausbau der Onshore- Windenergie- rien gewachsen ist.
kapazitäten und einer sinkenden Stromerzeugung Bei einem erneuerbaren Anteil von 45–50 %
aus Erdgas und Steinkohle herrühren (Szenario in Deutschland sind durch den Ausbau der Nord-
Wind+). Diese Mehrerzeugung wird vorrangig in Süd-Verbindungen mittels drei HGÜ-Leitungen
das benachbarte Ausland exportiert. nur geringe Eingriffe in die am Strommarkt er-
Wird ein weitergehender Ausbau der erneuer- mittelte Erzeugung notwendig. Daraus ergibt sich
baren Energien bis zu einem erneuerbaren Anteil nur ein geringer Redispatch-Aufwand in Höhe
von 68–70 % in Deutschland und 37 % in Europa von knapp 60  Mio.  €/a. Grundsätzlich gilt es, in
angenommen, ergeben sich größere Auswirkungen diesem Szenario keine systematischen, sondern
auf die Stromerzeugung. Den größten Anteil erneu- zumeist lokale Engpässe im Übertragungsnetz zu
erbarer Einspeisungen weisen On- und Offshore- beheben. Unter der Voraussetzung, dass die geplan-
Windenergieanlagen auf. Die verbleibende Nach- ten HGÜ-Leitungen umgesetzt werden, erscheint
frage wird durch thermische Kraftwerke auf Basis daher bei einem erneuerbaren Anteil von 45–50 %
von Braun- und Steinkohle sowie Erdgas gedeckt. in Deutschland ein rein netzbedingter Ausbau von
Bei einem beschleunigten Netzausbau in Form Stromspeichern nicht notwendig.
von höheren Übertragungskapazitäten zum Aus- Im Szenario mit einem erneuerbaren Anteil
land (Szenario Netz+) kommt es zu einer leichten von 69 % in Deutschland verändert sich die Netz-
Steigerung der Erzeugung in Deutschland. Zu grö- nutzungssituation zunehmend, da neben einem
ßeren Veränderungen in der Erzeugungsstruktur verstärkten Ausbau der Windenergieanlagen der
führen vor allem die Szenarien mit erhöhter Flexibi- thermische Kraftwerkspark zurückgebaut wird.
lität (Flex+), da als Flexibilitätsoptionen sowohl die Die Ergebnisse zeigen für diesen Zeitbereich, dass
Nachfrageseite als auch die Erzeugungsseite flexibler das grundsätzliche Niveau der notwendigen Maß-
eingesetzt werden. Dies wird jedoch flankiert von nahmen und Kosten ansteigt. Bei verzögertem
einem geringeren Einsatz bereits bewährter flexib- Netzausbau (Netz−) treten vor allem an den Netz-
ler Kraftwerkstechnologien und Stromspeicher wie anschlusspunkten der Windenergieanlagen im
z. B. Pumpspeicher. Daher ist für diese Szenarien mit deutschen Küstenbereich sowie entlang der Nord-
einer höheren Flexibilität ein geringerer Bedarf an Süd-Trassen Engpasssituationen auf.
neuen Stromspeichern im Strommarkt zu vermuten. Im Vergleich wird deutlich, dass der bis 2030
Da insbesondere bei einem erneuerbaren Anteil geplante Netzausbau sich positiv auf die Re­
von 68–70 % in Deutschland die größten Anteile dispatch-Kosten und -Menge auswirkt und mit
bei On- und Offshore-Windenergieanlagen liegen einer Kostenreduktion von 30 % im Szenario Flex+
und diese vorwiegend im Norden Deutschlands Netz+ einhergeht.
konzentriert sind, ergibt sich in vielen Situationen
eine stark Nord-Süd-gerichtete Transportaufga- 3.5.3.3 Ergebnisse zum zusätzlichen
be für das Übertragungsnetz bzw. entsprechende Speicherbedarf
Netzengpässe (s. 7 Abschn. 3.4). Um den Bedarf an Speichern im Energiever-
sorgungssystem zu ermitteln, wird für typische
3.5.3.2 Ergebnisse zur Engpasssituation Speicherprojekte der gesamtwirtschaftliche Nut-
im Übertragungsnetz zen berechnet. Hierzu wird ein Zubau von einem
Um auch bei steigenden Anteilen erneuerbarer Pumpspeicher mit 300  MW und einer Power-to-
Energien einen sicheren Netzbetrieb zu gewährleis­ Gas-Anlage mit 1,2  GW angenommen. Mithilfe
110 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

einer erneuten Marktsimulation werden die Einsät- Kosteneinsparungen. Das Potenzial zusätzlicher
ze des Stromerzeugungssystems für die Szenarien Speicher wird jedoch auch im Netzbetrieb durch
unter Berücksichtigung der zusätzlichen Speicher- die Umsetzung alternativer Flexibilitätsoptionen
projekte ermittelt. Es ergeben sich für die beiden beeinflusst. So können geringere Einsparungen
kurzfristigeren Szenarien mit geringerem erneuer- durch zusätzliche Power-to-Gas-Anlagen im Sze-
barem Anteil geringe Einsparungen, die bei einem nario mit beschleunigtem Netzausbau und viel
3 zusätzlichen Pumpspeicher in der Größenordnung Flexibilität (Flex+ Netz+) erreicht werden. Weiter-
von unter 1 Mio. €/(GW·a) liegen. hin wird durch die Power-to-Gas-Anlagen eine
Für die Szenarien mit einem erneuerbaren An- bessere Integration der erneuerbaren Energien in
teil von 37 % in Europa zeigen sich aufgrund des das Stromsystem erreicht, sodass die erforderliche
niedrigen Wirkungsgrades sehr geringe Einsparun- Abregelung von erneuerbaren Energien reduziert
gen durch die zusätzlichen Power-to-Gas-Anlagen. werden kann.
Im Vergleich hierzu können die Einsparungen
durch Pumpspeicher bestenfalls bis zu 4  Mio.  €/ 3.5.3.4 Kosten-/Nutzen-Bilanzierung
(GW·a) erreichen, die jedoch im Verhältnis zu den Zur Bewertung der gesamtwirtschaftlichen Poten-
Systemgesamtkosten immer noch sehr gering sind. ziale dieser zusätzlichen Speicherkapazitäten wer-
Wird das Szenario mit höherer Flexibilität (Flex+) den die erreichten Einsparungen den notwendigen
betrachtet, fallen die möglichen Einsparungen bei Investitions- und Betriebskosten gegenübergestellt
zusätzlichen Speicherkapazitäten noch geringer (s. .  Abb.  3.36). Hierbei wird zusätzlich berück-
aus. Zusammenfassend deuten die Ergebnisse dar- sichtigt, dass mehr erneuerbare Energien integriert
auf hin, dass durch den Zubau von Stromspeichern werden konnten.
im europäischen Stromerzeugungssystem nur ge- Der Vergleich zeigt, dass keine der untersuch-
ringe Einsparungen der Erzeugungskosten erreicht ten Speichervarianten unter den getroffenen An-
werden können. nahmen gesamtwirtschaftlich vorteilhaft ist. Dies
Weitere Kosteneinsparungen und damit ge- ist auf der einen Seite durch geringe Einsparungen
samtwirtschaftliche Potenziale können sich für am Strommarkt zu begründen, da ein geringer Be-
Stromspeicher im Netzbetrieb einstellen, da ihre darf an weiterer Flexibilität aus Speichern besteht.
Integration in den Netzbetrieb durch eine der Als Flexibilitätsoptionen werden bereits der Aus-
Übertragungsaufgabe entgegengerichtete Fahrwei- gleich im europäischen Erzeugungssystem, der
se netzentlastend wirken kann. Dabei ist bei Spei- vorrangige Einsatz von Lastmanagement sowie fle-
chern zwischen einer zeitlichen und räumlichen xible KWK-Anlagen genutzt.
Entkopplung der Einspeisung zu unterscheiden. Auf der anderen Seite ist die Netzinfrastruktur
Pumpspeicher können hierbei lediglich eine zeit- bei den unterstellten Ausbauprojekten den An-
liche Entkopplung im Bereich weniger Stunden er- forderungen bei den betrachteten erneuerbaren
reichen und sind zudem meist im Süden hinter den Stromanteilen in großen Teilen gewachsen, sodass
vorliegenden Engpässen gelegen. Weiterhin zeigt Stromspeicher wie Power-to-Gas lediglich im Be-
sich im Netzbetrieb, dass die größten Potenziale reich der räumlichen Entkopplung Vorteile b ­ ringen
für Speicher an Standorten gegeben sind, an denen können. Insgesamt kann selbst bei höheren erneu-
in relativ vielen Stunden die erneuerbare Einspei- erbaren Anteilen von 37 % in Europa hierdurch
sung abgeregelt wird. Daher erscheint ein Zubau für die Stromspeicher kein gesamtwirtschaftlicher
von Power-to-Gas-Anlagen grundsätzlich sinnvoll, Nutzen erreicht werden, der die Kosten überwiegt.
da über die vorhandene Gasinfrastruktur sowohl Weiterhin ist zu beachten, dass es sich bei den
eine zeitliche als auch eine räumliche Entkopplung Restriktionen im Übertragungsnetz lediglich um
durch eine Einbeziehung des Gasnetzes möglich ist temporäre Engpässe handelt. In der Folge können
(s. [14]). zusätzliche Stromspeicher nach der Inbetriebnah-
Bei einer Berücksichtigung von Power-to-Gas- me weiterer Verstärkungsmaßnahmen im Strom-
Anlagen im Netzbetrieb zeigen sich eine netz- netz nicht mehr wirtschaftlich sein.
entlastende Wirkung und daraus resultierende
3.5 • Studie »Roadmap Speicher« zum Speicherbedarf Deutschlands …
111 3

. Abb. 3.36  Wirtschaftlichkeit verschiedener Varianten des Speicherzubaus, nach [32]

3.5.4 Langfristige Speichersimulation Erst wenn nur 50 % des angenommenen Last-
management-Potenzials neuer Verbraucher wie
Für die langfristige Speichersimulation wird ein Wärmepumpen, Elektromobilität und Klimatisie-
erneuerbarer Anteil von 88 % in Deutschland und rung flexibel eingesetzt werden, steigt der Bedarf an
82 % in Europa angesetzt. Kurzzeitspeichern an. Bei einer starren Einbindung
dieser Verbraucher steigt dieser sogar signifikant.
3.5.4.1 Ergebnisse der europaweiten In Szenario C mit hohem PV-Zubau ergibt
Ausbauoptimierung sich in Deutschland ein Stromspeicherbedarf von
Im langfristigen Szenario werden folgende Sensi- minimal 5,5  GW und maximal 19,2  GW bei un-
tivitäten eingesetzt: Lastmanagement, Netzausbau, flexiblem Stromverbrauch. Europaweit ergeben
Gasturbinen und GuD-Kraftwerke, Batterien mit sich trotz Ausnutzung der Potenziale im Last-
unterschiedlichen Kapazitäten und Power-to-Gas. management notwendige Speicherleistungen von
Es zeigt sich, dass ein Netzausbau und grenz- 66 GW und im unflexiblen Szenario von 130 GW.
überschreitende Kuppelstellen über den euro- Diese große Bandbreite zeigt eindrucksvoll, was
päischen Netzentwicklungsplan TYNDP hinaus auch aus dem Vergleich der verschiedenen Studien
keinen signifikanten Einfluss mehr auf den Spei- in 7 Abschn. 3.7 hervorgeht: Der Speicherbedarf ist
cherbedarf hat. Dies belegen auch die Ergebnisse stark abhängig von den umgesetzten Maßnahmen
in 7 Abschn. 3.8 und Abb. 3.37. zur Flexibilisierung des Stromsystems. Vor allem
Eine weitere wichtige Erkenntnis ist, dass durch das Lastmanagement spielt hier eine bedeutende
eine umfassende Erschließung der Potenziale im Rolle.
Lastmanagement ausreichend Flexibilität im Netz . Abbildung 3.37 zeigt die installierte Speicher-
vorhanden ist, dass kein (Szenario B) bzw. geringe- leistung aller betrachteten Länder mit umfassenden
rer (Szenario C; 5,5 GW) Zubau von flexiblen Kurz- und ohne den Einsatz der Potenziale des Lastma-
zeitspeichern, vor allem Batterien, notwendig ist. nagements.
112 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

. Abb. 3.37  Zubau von Stromspeichern des Szenarios C in Europa als installierte Leistung in GW mit und ohne Last-
management nach Ausspeicherdauern der exemplarischen Kurzzeitspeicher, nach [32]

Aber auch der Mix der erneuerbaren Energien 3.5.4.2 Ergebnisse der
nimmt Einfluss auf den Bedarf. Grundlastfähige Detailbetrachtung Deutschland
erneuerbare Energien wie geothermische oder so- Für Deutschland wird im Detail untersucht, wie
larthermische Kraftwerke mit Speicher oder Bio- sich als Sensitivität Prognosefehler, Regelleistungs-
gasanlagen senken den Bedarf an Stromspeichern bedarf und Restriktionen im Kraftwerkspark auf
deutlich. Da aber Strom aus Photovoltaik und den wirtschaftlich getriebenen Speicherbedarf aus-
Windkraftanlagen heute und in Zukunft deutlich wirken.
geringere Stromgestehungskosten aufweisen als Dazu werden zusätzlich zum ermittelten
die grundlastfähigen erneuerbaren Energien (mit Speicherbedarf im europäischen Kontext noch
Ausnahme der potenzialseitig begrenzten Wasser- schrittweise unter den geänderten Bedingun-
kraft), sind die dadurch erzielbaren Kosteneinspa- gen Stromspeicher zugebaut und die Kosten des
rungen höher als die zusätzlichen Speicherkosten. Gesamtsystems verglichen. Hierzu werden die
Die ungenutzten Überschüsse aus erneuerba- Kosteneinsparungen durch vermiedenen Zubau
ren Energien sind in allen betrachteten Szenarien von Gasturbinen und eingesparte Brennstoffe den
kleiner als 1,3 % der deutschen Stromerzeugung aus Kosten des Speicherzubaus gegenübergestellt.
erneuerbaren Energien, d.  h. kleiner als 6,1  TWh Bisher ist im Szenario B unter anderem auf-
von ca. 456  TWh. In Europa sind ungenutzte grund des umfassenden Lastmanagements in der
Stromüberschüsse vor allem in Ländern zu finden, europäischen Betrachtung kein zusätzlicher Be-
die am Rand des Verbundnetzes liegen, z. B. Italien, darf an Stromspeichern notwendig. Unter den ge-
Spanien und Großbritannien. änderten Sensitivitäten erreicht bereits ein Zubau
3.5 • Studie »Roadmap Speicher« zum Speicherbedarf Deutschlands …
113 3
von 0,5 GW Batteriespeichern starke Kostenabnah- 55 Wird die Photovoltaik progressiv ausgebaut,
men durch vermiedene Brennstoffkosten aufgrund ergibt sich in einem Szenario ein Stromspei-
günstigerer Primärregelleistungsvorhaltung. Der cherbedarf von minimal 5,5 GW und maximal
Zubau dieser Kurzzeitspeicher erreicht bei 2  GW 19,2 GW bei unflexiblem Stromverbrauch.
sein Kostenoptimum mit Einsparungen von rund Europaweit zeigen sich trotz Ausnutzung der
700 Mio. €/a, welche 6,5 % der Gesamtsystemkos- Potenziale im Lastmanagement notwendige
ten darstellen. Speicherleistungen von 66 GW und im unfle-
Im Szenario C, in dem bereits aus der Simula- xiblen Szenario von 130 GW. Diese große Band-
tion im europäischen Kontext ein Speicherbedarf breite belegt, dass der Speicherbedarf stark
unter der Annahme eines voll flexiblen Stromsys- abhängig von den umgesetzten Maßnahmen
tems von 5,5 GW identifiziert wird, sind die Kos- zur Flexibilisierung des Stromsystems ist, vor
teneinsparungen durch den Einsatz von Speichern allem dem Lastmanagement.
für Regelleistung gering. Dennoch ergibt sich, dass 55 Je früher alternative Flexibilitätsoptionen
ein weiterer Zubau von 3  GW Speicherleistung voll einsetzbar sind, desto später entsteht ein
etwas kostensenkend wirkt. Daraus resultiert ein zusätzlicher Bedarf an Stromspeichern. Da-
wirtschaftliches Optimum der Speicherleistung gegen führt eine unzureichende Umsetzung
von 8,5 GW. der Maßnahmen zu einem erhöhten Bedarf an
Speichern für den Stromhandel, für die Auf-
lösung von Netzengpässen und für die Integra­
3.5.5 Wesentliche Erkenntnisse / tion erneuerbarer Energien.
Zusammenfassung 55 Durch den langfristig sehr hohen Anteil aus
Windkraft und Photovoltaik erhöht sich der
Fazit Speicherbedarf. Aufgrund der Einbindung des
55 Ein zentrales Ergebnis der Studie »Roadmap europäischen Stromsystems sowie der hohen
Speicher« ist, dass in einem zukünftigen Strom- Flexibilität im System sind die Überschüsse aus er-
system Flexibilitätsoptionen eine entscheiden- neuerbaren Energien in allen betrachteten Szena-
de Rolle spielen werden. Sie haben direkten rien und Sensitivitäten mit 0,2 − 1,3 % sehr gering.
Einfluss auf die Integration erneuerbarer Ener- 55 Durch den Zubau von Stromspeichern im
gien und reduzieren den Bedarf an Stromspei- europäischen Stromerzeugungssystem kön-
chern. Daher ist der Ausbau der erneuerbaren nen unter den getroffenen Annahmen zu den
Energien zum Erreichen der mittelfristigen Ziele alternativen Flexibilitätsoptionen nur geringe
bei entsprechender Umsetzung des Strom- Einsparungen der Erzeugungskosten erreicht
netzausbaus nicht auf den Einsatz von zusätz- werden.
lichen Stromspeichern angewiesen. 55 Wird der Ausbau des Übertragungsnetzes ver-
55 Der Zeitpunkt und der Umfang des Bedarfs zögert, können die Ziele der Energiewende nur
zusätzlicher Stromspeicher sind stark von mit erhöhten gesamtwirtschaftlichen Kosten
folgenden Faktoren geprägt: Ausbau erneu- erreicht werden. Der europäische Stromnetz­
erbarer Energien, Flexibilisierung der KWK, ausbau, der mittelfristig angenommen wird,
Netzaus- und -umbau sowie Einbindung von erweist sich auch bei höheren erneuerbaren
Lastmanagementmaßnahmen. Anteilen als weitestgehend ausreichend. Lang-
55 Werden neue Verbraucher wie Wärmepumpen, fristig wird in der optimierten Ausbauplanung
Elektromobilität oder Klimatisierung nicht zum nur noch ein geringer Zubau des europäischen
Lastmanagement eingesetzt, werden mehr Übertragungsnetzes gesehen.
Kurzzeitspeicher mit Speicherdauern von 2–4 h 55 Power-to-Gas kann unter den getroffenen
benötigt. Wird gänzlich auf ein Lastmanage- Annahmen bis zu sehr hohen erneuerbaren
ment verzichtet, sind Kurzzeitspeicher mit Anteilen nicht wirtschaftlich eingesetzt wer-
Speicherdauern von 4–6 h erforderlich. den. Dennoch ist der Zubau von Power-to-Gas
114 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

grundsätzlich sinnvoll, da über die vorhande- Überschüsse können marktbasiert entstehen,


ne Gasinfrastruktur sowohl ein zeitlicher als wenn vorhandene Energie bilanziell nicht mehr
auch ein räumlicher Ausgleich erneuerbarer im Markt integriert werden kann. Sie können aber
Einspeisung möglich ist. Bei einer Berück- auch an Netzknoten durch Engpässe im Übertra-
sichtigung von Power-to-Gas-Anlagen im gungsnetz auftreten. Für beide Fälle können Spei-
Netzbetrieb ergeben sich eine netzentlastende cher eingesetzt werden, um überschüssige Ener-
3 Wirkung samt vermiedener Abregelung er- gie am Markt einzuspeichern oder Engpässe im
neuerbarer Energien und daraus resultierende Stromnetz zu lösen. Letzteres stellt einen netzba-
Kosteneinsparungen. sierten Speicherbedarf dar, woraus sich ergänzend
55 Bei einem Szenario von über 90 % erneuer- zu  7  Abschn. 3.5 die Fragestellung ergibt, wie hoch
baren Energien sind Langzeitspeicher not- der zukünftige, netzseitige Bedarf für Power-to-Gas -
wendig. Hier stellt Power-to-Gas die derzeit Anlagen unter Beachtung von regionalen Engpäs-
einzige Alternative zum Ausgleich saisonaler sen sein wird.
Schwankungen dar. Außerdem können durch
die Nutzung des Gasnetzes fossile Energieträ-
ger in den Sektoren chemische Industrie, Ver- 3.6.1 Methodisches Vorgehen zur
kehr und Wärme substituiert werden. Unterscheidung von markt- und
55 Neben dem Erzeugungsausgleich resultiert aus netzbasiertem Speicherbedarf
den erhöhten Anforderungen im Stromsystem
ein zusätzlicher Speicherbedarf. Dessen Ursa- Das methodische Vorgehen entspricht dem Vor­gehen
che sind ein Regelleistungsbedarf aufgrund in der Roadmap-Speicher-Studie (s. 7 Abschn. 3.5).
von Prognosefehlern der erneuerbaren Ein- Zur Abschätzung des netzbasierten Speicherbe-
speisung sowie der Wegfall von thermischen darfs, beispielsweise durch einen stark verzögerten
Kraftwerken zur Bereitstellung von System- Netzausbau, wird durch ein Modell des europäi-
dienstleistungen. Vor allem Kurzzeitspeicher schen Übertragungsnetzes, basierend auf den vorab
eignen sich hier als wirtschaftliche Alternative. ermittelten Einsätzen der Erzeugungsanlagen und
55 Eine Kostendegression von Stromspeichern ist Speicher, der sich ergebende Lastfluss im normalen
eine wichtige Voraussetzung für deren zukünf- und im gestörten Betrieb simuliert und Verletzun-
tige Wirtschaftlichkeit. Zudem sind politische gen der Netzsicherheit identifiziert.
Maßnahmen zur Integration der Speicher- Anschließend wird der erforderliche Redispatch
technologien notwendig. Ein künftiger Rechts- (s. [24]) simuliert, wobei Speicher neben thermi-
rahmen sollte technologieneutral und flexibel schen Kraftwerken und EE-Anlagen ebenfalls flexi-
gestaltet werden, um Planungssicherheit für bel berücksichtigt werden. Auf diese Weise können
Energiespeicher ausreichend zu gewährleisten. sie beispielsweise die erforderliche Abregelung von
erneuerbaren Einspeisungen reduzieren.

3.6 Untersuchungen zum


netzbasierten Speicherbedarf 3.6.2 Fallstudie Power-to-Gas in
Deutschland im Jahr 2022 bei
Die vier vorgestellten Studien in 7 Abschn. 3.2, 3.3, 3.4, verzögertem Netzausbau
3.5 konnten wesentliche Schritte zur Ermittlung des
Speicherbedarfs und somit die zentralen Wirkungs- Im Folgenden wird das in 7 Abschn. 3.6.1 dargestell-
zusammenhänge aufzeigen. Nachdem darin im We- te methodische Vorgehen in einer exemplarischen
sentlichen die markt- und netzbasierten Potenziale Fallstudie angewendet. Hierzu wird das Potenzial
für Energiespeicher dargestellt wurden, wird im Fol- für Anlagen basierend auf der Power-to-Gas (PtG)-
genden der netz- und systemseitige Speicherbedarf Technologie im Stromerzeugungs- und Stromüber-
bei einem deutlich verzögerten Netzausbau exem­ tragungssystem untersucht sowie insbesondere
plarisch anhand einer Fallstudie untersucht. geeignete Standorte für Power-to-Gas-Anlagen er-
mittelt (s. [10]).
3.6 •  Untersuchungen zum netzbasierten Speicherbedarf
115 3

. Abb. 3.38  Installierte Leistungen und resultierende Stromerzeugung in Deutschland in den drei untersuchten Szena-
rien, nach [11]

zz Untersuchte zukünftige Szenarien gieanlagen wie Windkraftanlagen beobachten.


In der Fallstudie wurden insgesamt drei verschie- Diese Abschaltungen können in Situationen not-
dene Entwicklungen des zukünftigen Erzeugungs- wendig sein, in denen die Einspeisung aus erneu-
systems für das Jahr 2022 herangezogen, um den erbaren Energien die Last deutlich übersteigt und
Einfluss von Power-to-Gas-Anlagen auf das Strom- kein weiterer Export der Energie in das Ausland
erzeugungssystem zu untersuchen. Alle Szenarien möglich ist und die Energie somit nicht in den
der erneuerbaren Energien basieren auf den Natio- Markt integriert werden kann. Wie .  Abb.  3.39
nal Renewable Action Plans (NREAP) der Europäi- zeigt, werden im Szenario  »61 % EE« marktseitig
schen Union (EU), wobei die installierten Leistun- lediglich 2,9  TWh/a Erzeugung aus erneuerbaren
gen in Deutschland gemäß des Szenariorahmens Energieanlagen abgeschaltet.
der Übertragungsnetzbetreiber dem Netzentwick-
lungsplan NEP 2011 angepasst wurden. zz Marktbasierte Potenziale der Power-to-Gas-
Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Anlagen
deutschen Stromerzeugung variiert hierbei zwi- Aufgrund eines angenommenen Wirkungsgrades
schen 44 % in Szenario »44 % EE«, 52 % in Szenario von 60 % und einem dem Szenario zugrunde lie-
»52 % EE« und 61 % in Szenario »61 % EE«. .  Ab- genden zukünftigen Gaspreises von 31,6 €/MWh
bildung 3.38 zeigt die installierten Leistungen sowie (3,2  ct/kWh) können Power-to-Gas-Anlagen
die resultierende Stromerzeugung. Im Rahmen der Wasserstoff wirtschaftlich bei einem Strompreis
Untersuchungen wurde eine installierte Gesamt- am Spotmarkt unter 19  €/MWh (1,9  ct/kWh)
leistung der Power-to-Gas-Anlagen von 4 GW an- produzieren. Während die Anlagen in Szena-
genommen. rio »44 % EE« lediglich in 55 h/a aufgrund nied-
Obgleich die erneuerbaren Energien vor allem riger Spotmarktpreise eingesetzt werden, steigt
in Szenario »61 % EE« eine sehr hohe Durchdrin- der Einsatz in Szenario  »52 % EE« auf 363  h/a
gung erreichen, lässt sich nur eine geringfügige und in Szenario »61 % EE« aufgrund der teilweise
marktseitige Abschaltung von erneuerbaren Ener- sehr niedrigen Marktpreise sogar auf 1016 h/a (s.
.  Abb.  3.40). Allgemein werden die Anlagen zu
116 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

3
. Abb. 3.39  Abschaltung von Windenergie aufgrund
von Marktpreisen und Netzengpässen, nach [11]

. Abb. 3.41  Netzseitiger Einsatz (a) und Verteilung (b)


der Power-to-Gas (PtG)-Anlagen. Auf der linken Seite ist
der resultierende Redispatch der Power-to-Gas-Anlagen
aufgrund von Netzengpässen für Szenario» 61 % EE« dar-
gestellt. Grüne Kreise stehen hierbei für eine Abschaltung
(Reduktion der Nachfrage von Power-to-Gas-Anlagen am
Standort) und rote Kreise für eine Zuschaltung von Pow-
. Abb. 3.40  Marktseitige Volllaststunden der Power- er-to-Gas-Anlagen (Zunahme der Nachfrage), nach [11]
to-Gas-Anlagen, nach [11]

Zeiten geringer Spotmarktpreise eingesetzt, d. h. Förderung von Power-to-Gas-Anlagen entwickelt


zumeist in Zeiten niedriger oder sogar negativer würden.
Residuallasten. Abschaltungen von Power-to-Gas-Anlagen, d. h.
preisbasierte Einsatzzeiten, werden aufgrund von
zz Deutliche Netzengpässe durch langsamen Netzengpässen reduziert, finden hierbei im Sü-
Ausbau den, in der Mitte und im Westen von Deutschland
Basierend auf den marktseitig ermittelten Kraft- statt.
werkseinsätzen wurden für alle drei Szenarien Power-to-Gas-Anlagen im Norden und Osten
stündliche Netzbetriebssimulationen ­durchgeführt, von Deutschland werden hingegen oftmals zuge-
wobei ein entsprechend der Szenarioannahmen schaltet, um Engpässe im Übertragungsnetz und
verzögerter Netzausbau unterstellt wurde. Die Er- teilweise Abschaltungen von Windkraftanlagen zu
gebnisse zeigen zum Teil deutliche Engpässe im vermeiden (s. . Abb. 3.41).
Übertragungsnetz (z.  B. Nord-Süd- und Ost-Süd-
Leitungen). zz Bedeutung des Standorts für
Zur Identifikation vorteilhafter Positionen Anlagenbewertung
wurden die Power-to-Gas-Anlagen entsprechend Basierend auf der gleichmäßigen Anlagenver-
der angenommenen installierten Leistung von teilung und der ermittelten standortspezifischen
4 GW zunächst gleichförmig im deutschen Über- Anlagenauslastung wurden im nächsten Schritt
tragungsnetz auf alle Standorte verteilt und der in Standorte ermittelt, an denen eine besonders
der Methodik beschriebene engpassbasierte Ein- häufige netzseitige Zuschaltung erfolgt. Im Rah-
satz der Anlagen bestimmt. Solch eine Verteilung men der Untersuchungen wurden acht besonders
könnte sich auch in Realität einstellen, falls ledig- vorteilhafte Positionen ermittelt, von denen drei
lich standortunabhängige Anreizinstrumente zur im südlichen Ostdeutschland und fünf in Nord-
3.6 •  Untersuchungen zum netzbasierten Speicherbedarf
117 3
deutschland liegen (s. . Abb. 3.35). An jedem die-
ser Standorte wurden nun konzentriert Anlagen
mit einer Leistung von jeweils 500 MW positio­
niert. Die Bewertung der Power-to-Gas-Anlagen
an diesen vorteilhaften Standorten durch eine
erneute Netzbetriebssimulation zeigt, dass durch
eine optimale Positionierung von Power-to-Gas-
Anlagen Engpässe im Übertragungsnetz effizient
behoben und in großem Umfang Abschaltungen
von Einspeisungen erneuerbarer Anlagen ver-
mieden werden können. Im Norden Deutsch-
lands resultieren die Stromüberschüsse eindeutig
aus Windenergie, im südlichen Ostdeutschland
aus den gleichzeitig hohen Einspeisungen aus
Windenergieanlagen und Braunkohlekraftwer-
ken, die aufgrund der niedrigen, aber immer
. Abb. 3.42  Potenzielle Volllaststunden der Anlagen in
noch kostendeckenden Großhandelspreise am verschiedenen Regionen für verschiedene Verteilungen
Netz sind. der Anlagen; der marktbasierte Einsatz ist deutschland-
weit aufgrund desselben Strompreises am Spotmarkt
zz Hohe Auslastung im Norden, niedrige im gleich, während Power-to-Gas-Anlagen in Bayern und
Nordrhein-Westfalen im Betrieb zusätzliche Netzeng-
Süden
pässe verursachen und daher netzbasiert abgeschaltet
Um den Einfluss der Positionierung zu bewerten, werden. Im Norden und Osten Deutschlands hingegen
wurde die mittlere Volllaststundenzahl der Power- werden Power-to-Gas-Anlagen zur Behebung von Netz­
to-Gas-Anlagen für unterschiedliche deutsche engpässen zugeschaltet, nach [11]
Bundesländer in Szenario  »61 % EE« ermittelt (s.
.  Abb. 3.42). Der marktbasierte Einsatz ist für alle
Anlagen identisch und unabhängig vom gewähl- Schleswig-Holstein Volllaststunden von 2000 bis
ten Standort, da alle Anlagen beim gleichen Spot- 2500  h/a. Damit können die Power-to-Gas-Anla-
marktpreis zugeschaltet werden. gen an diesen vorteilhaften Standorten optimal im
Im Fall einer gleichverteilten Positionierung Netzbetrieb eingesetzt werden und somit Engpässe
wird der Einsatz von Power-to-Gas-Anlagen in reduzieren.
Bayern und Nordrhein-Westfalen durch vor- Es ist jedoch zu betonen, dass der sich ergeben­
handene Netzengpässe reduziert. Diese Power- de Einsatz von Power-to-Gas-Anlagen aufgrund
to-Gas-Anlagen werden hierbei zur Vermeidung von Netzengpässen stark vom erwarteten Netz­
von Leitungsüberlastungen abgeschaltet. Dies ausbau abhängt, da dieser lokale Netzengpässe
führt zu einer mittleren Auslastung der Anlagen beheben und die engpassbasierten Potenziale für
von unter 300 h/a in Bayern, was ein sehr geringer Power-to-Gas-Anlagen somit regional stark redu-
Wert ist. zieren könnte.
Während Anlagen im Süden aufgrund ihres
Standortes niedrigere Einsatzzeiten erreichen,
werden Power-to-Gas-Anlagen im Norden und 3.6.3 Minimaler Speicherbedarf im
Osten von Deutschland aufgrund von Engpässen europäischen Netzverbund
im Übertragungsnetz viele Stunden des Jahres zu-
sätzlich zugeschaltet, was zu einem höheren mittle- Das dargestellte Fallbeispiel zeigt, dass es verschie-
ren Anlageneinsatz führt. Dieser Effekt wird durch dene Gründe für einen Bedarf an Kurz- und Lang-
eine gezielte Positionierung an vorteilhaften Stand- zeitspeichern geben kann. Dabei ist in allen Fällen
orten verstärkt. Bei einer optimalen Verteilung er- jedoch eine europäische, systemische Sichtweise
reichen Anlagen in Sachsen-Anhalt, Sachsen und auf die Speicher und einen möglichen zukünftigen
118 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

Bedarf anzustreben, d. h., es sind sowohl die Ein- könnte. Es können jedoch nicht alle Stromüber-
flüsse durch die Strommärkte als auch das Über- schüsse wirtschaftlich aufgenommen werden,
tragungsnetz zu berücksichtigen. weshalb kurzzeitige Abschaltungen von Wind­
Eine zusätzliche Integration des europäischen energieanlagen erforderlich werden können.
Binnenmarktes und ein Ausbau von sowohl 55 Der Standort von Power-to-Gas-Anlagen hat
regionalen als auch europaweiten Übertra- einen hohen Einfluss auf die gesamtwirtschaft-
3 gungskapazitäten weisen dabei zumeist deut- lichen Vorzüge der Technologie. Während
liche gesamtwirtschaftliche Vorteile gegenüber Anlagen an vorteilhaften Standorten Überlas-
dem kostenintensiveren Aufbau von überdimen- tungen im Übertragungsnetz sowie Eingriffe in
sionierten Erzeugungs- und Speicherkapazitä- den Kraftwerkseinsatz (Redispatch) reduzieren
ten auf. Obgleich ein gewisser nationaler Selbst- können, erhöhen sich die Kosten für den stabi-
versorgungsgrad bzw. ein teilweiser regionaler len Betrieb des Übertragungsnetzes durch An-
Ausgleich von Last und Erzeugung dabei aus lagen an schlecht geeigneten Standorten (z. B.
geopolitischen Gründen gewünscht sein könnte, in Bayern oder Nordrhein-Westfalen) deutlich.
stellen auf Grundlage der bisherigen Studien und Als Folge wird der Einsatz letzterer Anlagen im
Untersuchungen der Netzausbau und der über- Netzbetrieb reduziert und somit die Wirtschaft-
regionale Ausgleich aktuell die ökonomischste lichkeit beeinträchtigt.
Alternative dar. 55 Die Volllaststunden von Power-to-Gas-An-
lagen zur Produktion von erneuerbarem Gas
variieren stark für die untersuchten Szenarien
3.6.4 Zusammenfassung und die unterschiedlichen Standorte. Während
an schlecht geeigneten Standorten und in
Fazit Szenarien mit einem geringen Anteil von erneu-
55 Der Einfluss der Einspeisung aus Windenergie- erbaren Energien keine hohen Volllaststunden
und PV-Anlagen auf den Speicherbedarf hängt erreicht werden, werden in den untersuchten
signifikant mit ihrer Prognosegüte zusammen. Szenarien mit einem hohen Anteil erneuerbarer
Darüber hinaus ist ein wesentlicher Faktor der Energien an sehr gut geeigneten Standorten
Ausbau des Transportnetzes zur Lösung von bis zu 2500 h/a erzielt.
Engpässen, weshalb in marktbasierten und 55 Die meisten Stromüberschüsse sind heute
engpassbasierten Speicherbedarf zu unter- netzbasiert. Nach dem Ausbau der Stromnetze
scheiden ist. und der Beseitigung der Engpässe ist bis zu
55 Im Rahmen einer Fallstudie werden das Poten- einem erneuerbaren Anteil von 50 % nur noch
zial von Power-to-Gas-Anlagen für ein Szenario ein geringer marktbasierter Speicherbedarf
im Jahr 2022 bei deutlich verzögertem Netz- vorhanden.
ausbau untersucht und vorteilhafte Anlagen- 55 Erst ab einem erneuerbaren Anteil von ca.
standorte identifiziert. 60–80 % sind nennenswerte Potenziale für den
55 Die Potenziale von Power-to-Gas sind stark ab- Betrieb von Power-to-Gas-Anlagen zu erwarten.
hängig vom Anteil der erneuerbaren Energien 55 Die Speicherung von erneuerbaren Energien
im Stromerzeugungssystem. Während sich kurz- über Power-to-Gas hat den Vorteil, dass die
bis mittelfristig kaum signifikante marktbasierte Energie nicht nur gespeichert, sondern über
Potenziale für die Technologie ergeben, steigen das Gasnetz auch transportiert werden kann.
die erforderlichen Stromüberschüsse ab einem Power-to-Gas-Anlagen können jedoch mittel-
Anteil von ca. 60 % der erneuerbaren Energien fristig aufgrund des Wirkungsgrades und der
an der deutschen Stromerzeugung deutlich an. Wirtschaftlichkeit einen breiten Stromnetz-
55 Power-to-Gas-Anlagen können mit über- ausbau aus gesamtwirtschaftlicher Sicht nicht
schüssigem Strom betrieben werden (z. B. vermeiden oder ersetzen, sondern lediglich
aus Windkraftanlagen), welcher ohne die ergänzen.
Power-to-Gas-Anlagen nicht genutzt werden
3.7 •  Gegenüberstellung und Einordnung der Ergebnisse
119 3
55 Dem Aufbau einer nationalen Versorgungs- Studie (s. 7 Abschn. 3.3) auf und zieht zur Szenario-
sicherheit über Erzeugungs- und Speicherein- bildung neben dem Netzentwicklungsplan (NEP)
heiten stehen der kostengünstigere Ausbau von (Basis für 2022 und 2023) und anderen Quellen die
europaweiten Übertragungskapazitäten und BMU-Langfristszenarien (2050) (s.  7  Abschn.  3.2)
die Nutzung von Synergien im europäischen als Grundlage heran. Es werden drei Szenariova-
Binnenmarkt gegenüber. rianten betrachtet:
4. Umsetzung der energie- und klimapolitischen
Ziele der Bundesregierung (nur 2022 A)
3.7 Gegenüberstellung und 5. Höherer Zubau erneuerbarer Energien und
Einordnung der Ergebnisse Gaskraftwerke – Leitszenario im NEP (2022 B
und 2023 B)
3.7.1 Gegenüberstellung der 6. Noch höherer Ausbau erneuerbarer Energien
Ergebnisse der drei Studien und Gaskraftwerke

Die ersten drei ausführlich untersuchten Studien Die Methodik wird erweitert durch eine detail-
weichen in ihrer Fragestellung und hinsichtlich der liertere Auswertung der Residuallast, durch die
Modellierungsannahmen voneinander ab. Daher getrennte Betrachtung von Kurzzeitspeichern in
können sie nur in eingeschränktem Maße verglei- Batterien (2 h) und Pumpspeichern (8 h) und die
chend gegenübergestellt werden. . Tabelle 3.9 stellt Unterscheidung in flexible und unflexible Biomas-
Kernfragen, Annahmen und Ergebnisse der drei se- und Mindesterzeugungskraftwerke.
Studien in übersichtlicher Form dar.
zz Ergebnisse
Entsprechend der Methodik und den Annahmen
3.7.2 Einordnung der Ergebnisse im sind die wesentlichen Ergebnisse der VDE-ETG-
Vergleich zu weiteren Studien Studie und der UBA-Studie weitgehend deckungs-
gleich:
Neben den bereits dargestellten Untersuchungen 55 Die Stromüberschüsse sind gering bei Annah-
(BMU-Langfristszenarien, UBA-100 %-Studie und me von flexibler Biomasseverstromung und
VDE-ETG-Studie) gibt es weiterführende Arbei- keiner Mindeststromerzeugung (Must-run),
ten, die teilweise auf diesen Studien aufbauen und weitgehender Kraftwerksflexibilität und einer
mit ähnlichen Methoden zu ähnlichen Ergebnissen Übernahme der Systemdienstleistungen durch
kommen. erneuerbare Energieanlagen (gleiche Annah-
men und Ergebnisse in der VDE-ETG-Studie).
3.7.2.1 DIW-Studie »Stromspeicher als Im Szenariojahr 2032 ergeben sich nur in 471 h
zentrales Element der Überschüsse.
Integration von Strom aus 55 Ein unflexibles System (starre Biomassever-
erneuerbaren Energien« stromung und 20 GW Must-run-Leistung)
führt zu deutlich mehr Überschüssen als ein
zz Hintergrund, Methodik und Annahmen flexibles. Im Szenario B 2032 ergeben sich für
Die Studie »Stromspeicher als zentrales Ele- ein flexibles System 4,4 TWh Überschüsse, was
ment der Integration von Strom aus erneuerba- 2 % der maximalen Stromerzeugung aus Wind
ren Energien (StoRES – Storage for Renewable und PV entspricht; für ein unflexibles System
Energy Sources)« wird vom Deutschen Institut gelten 18 % dieser Bezugsgröße.
für Wirtschaftsforschung DIW Berlin im Auf- 55 In der Berechnung der Überschüsse werden
trag des BMU für die Jahre 2022, 2023 und 2050 der Einfluss von unflexiblen Kraftwerken und
durchgeführt (s. [34]). Sie baut methodisch und Netzrestriktionen und die einfache Hochska­
hinsichtlich der Annahmen weitgehend auf der lierung von einzelnen Wind- und PV-Zeit-
VDE-ETG-Studie (s.  7  Abschn. 3.4) und der UBA- reihen sowie ihre räumlichen Verteilung, Im-
120 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

höhere annuitätische
. Tab. 3.9  Investitionskosten
Gegenüberstellung alsStudien
der betrachteten bei

BMU- Langfristszenarien UBA-100 %-Studie VDE-ETG-Studie

Kernfrage Klimaschutz durch er- Technische Umsetzung der Speicherbedarf bei hohen er-
neuerbare Energien Energiewende neuerbaren Anteilen

3 Ausführende Institute DLR, Fraunhofer IWES,


IfNE
UBA, Fraunhofer IWES IAEW (RWTH Aachen), ISEA
(RWTH Aachen), Fraunhofer
IWES, ESEM (TU Karlsruhe),
FENES (OTH Regensburg) und
andere

Annahmen

Netzausbau in Vollständig (Kupfer- Vollständig (Kupferplatte)


Deutschland platte)

Import/Export (40 %) Net Transfer Ca- H2-Szenario: 5 % des Strom- Fokus auf deutschen Speicher-
pacities von 2011, (63 %) bedarf bedarf, d. h., es werden weder
11,7 GW AC, 13,8 GW DC CH4-Szenario: 6 % des Importe noch Exporte von
(85 %) 11,7 GW AC, Strombedarf Strom zur Bilanzierung des
31,4 GW DC deutschen Systems unterstellt

Flexibilität Kraftwerke Standard Flexible Biogasanlagen: KWK wärmegeführt, über


und KWK Gasturbinen-KWK 2,5 GW Zusatzfeuerung Stromreduzie-
und Biogas-Reservekraft- rung möglich
werke GuD 17,5 GW

Must-run (Mindest- keine keine keine


erzeugung)

Lastmanagement (40 %): HH 1,1 GW, WP (100 %): Industrie 1,5 GW; Nicht berücksichtigt


2,7 GW, KL 2,5 TWh/a, vollständig flexibel: WP
EM 20 % aller Fahrzeuge 44 TWh/a, KL 28 TWh/a, EM
(63 %): HH 1,25 GW, WP 50 TWh/a
4,7 GW, KL 5 TWh/a, EM
40 % aller Fahrzeuge
(85 %): HH 1,3 GW, WP
7,3 GW, KL 10 TWh/a, EM
60 % aller Fahrzeuge

Überschüsse und Speicherbedarf

Erneuerbarer Anteil 3,7 TWh (Pumpstrom) – Überschüsse 0,26 TWh


40 % (ca. 2020)

Erneuerbarer Anteil 5,9 TWh (Pumpstrom) – –


63 % (ca. 2030)

Erneuerbarer Anteil 8,0 TWh (Pumpstrom) – Überschüsse 30 TWh


80–85 % (ca. 2050)

Erneuerbarer Anteil – 8,0 TWh (Pumpstrom) –


100 % (ca. 2050) 90,5 TWh (Power-to-Gas)
1,2 TWh (ungenutzte Über-
schüsse)

Einsatz Kurzzeitspeicher

Erneuerbarer Anteil PSW ca. 8,7 GW – 7,2 GW @ 48 GWh (Variante A)


40 % (ca. 2020) Druckluft 0,32 GW
Wärmespeicher
3.7 •  Gegenüberstellung und Einordnung der Ergebnisse
121 3

. Tab. 3.9  Fortsetzung

BMU- Langfristszenarien UBA-100 %-Studie VDE-ETG-Studie

Erneuerbarer Anteil PSW ca. 12,2 GW – –


63 % (ca. 2030) Druckluft 0,32 GW
Wärmespeicher

Erneuerbarer Anteil PSW ca. 12,2 GW – 14  + 7,2 GW @ 70 + 48 GWh


80–85 % (ca. 2050) Druckluft 0,32 GW Kapazität (Variante E)
Wärmespeicher

Erneuerbarer Anteil – PSW 8,6 GW @ 55 GWh Ka- 36  GW @ 184 GWh Kapazität


100 % (ca. 2050) pazität, Einspeicherstrom: (Variante D)
8,0 TWh, Ausspeicherstrom:
6,0 TWh
Wärmespeicher

Einsatz Langzeitspeicher

Erneuerbarer Anteil keine – keine


40 % (ca. 2020)

Erneuerbarer Anteil keine Angabe – –


63 % (ca. 2030)

Erneuerbarer Anteil keine Angabe – 18  GW @ 7 TWh Kapazität


80–85 % (ca. 2050) (Variante E)

Erneuerbarer Anteil keine Angabe Power-to-Gas 68  GW @ 26 TWh Kapazität


100 % (ca. 2050) Variante H2: 44 GW @ (Variante D)
85 TWh, Einspeicherstrom:
90,5 TWh, Ausspeicher-
strom: 38,1 TWh Variante
CH4: 44 GW @ 75 TWh, Ein-
speicherstrom: 90,5 TWh,
Ausspeicherstrom: 31,6 TWh
Wärmespeicher

Legende: HH = Haushalte, WP = Wärmepumpe, KL = Klimatisierung, EM = Elektromobilität

und Export und weitere Flexibilitätsoptionen zu ermöglichen. Bei einer Abregelung von 1 %
wie Power-to-Heat überschätzt. der Überschüsse im Szenariojahr 2032 kann
55 Die Gradienten nehmen mit zunehmender die notwendige Einspeicherleistung von 74 auf
erneuerbarer Einspeisung zu (analog UBA- 38 GW (unflexibles System) und von 41 GW
Studie). auf null im flexiblen System reduziert werden
55 Bei uneingeschränkter Abregelung wird (analog VDE-ETG- und UBA-Studie).
praktisch kein Speicherzubau notwendig. 55 Bei einer realistischen zugelassenen Abrege-
Stattdessen werden aber erhebliche Mengen lung von 1 % erneuerbarer Erzeugung ergibt
an erneuerbaren Energien nicht genutzt: sich erst im Jahr 2050 ein Zubau an Tages- und
im Szenario 2032 B allein 15 % der jährlichen Saisonspeicher, im unflexiblen System bereits
­Stro­merzeugung aus Wind und PV. ab dem Jahr 2022 (s. . Tab. 3.10).
55 Die Auslegung des Systems auf die vollständige 55 Stundenspeicher (Lithium-Ionen-Batteriespei-
Integration aller Überschüsse ist technisch und cher mit einer Ausspeicherdauer von 2 h) kön-
wirtschaftlich ineffizient: Die Auslastung ist nen sich im System nicht behaupten, da viele
zu gering, um einen wirtschaftlichen Betrieb Überschüsse länger als 2 h dauern und etwas
122 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

. Tab. 3.10  Zubau von Stromspeichern in GW (Mittelwerte für alle Simulationen) für verschiedene Szenarien bei
Annahme einer realistisch zugelassenen Abregelung von 1 % der Überschüsse für Batteriespeicher, Pumpspeicher
und Power-to-Gas. In den dargestellten Zahlen der DIW Untersuchungen wurde der Speicherbedarf für System-
dienstleistungen oder für Wärmespeicher zur Flexibilisierung von KWK und thermischer Stromerzeugung nicht
berücksichtigt, nach [34])

Szenariojahr 2022  A (Ziele 2022  B (NEP 2022  C (Progres- 2032  B (NEP 2050 (BMU
3 Bundesregie- Leitszenario) siver EE-Ausbau) Leitszenario) Langfristszena-
rung) rien)

Flexibles System (Keine Mindeststromerzeugung (Must-run), flexible Biomasseverstromung über u. a. Wärmespeicher
und Biogasspeicher)

Batteriespeicher als 2 h 0 0 0 0 0
Stundenspeicher

Pumpspeicher als 8 h 0 0 0 1 9
Tagesspeicher

Power-to-Gas als 500 h 0 0 0 0 7


Monatsspeicher

Unflexibles System (Keine Mindeststromerzeugung (Must-run), flexible Biomasseverstromung über u. a. Wärmespeicher
und Biogasspeicher)

Batteriespeicher als 0 0 0 0 0
2 h Stundenspeicher

Pumpspeicher als 8 h 4 12 19 24 21


Tagesspeicher

Power-to-Gas als 500 h 0 0 7 14 40


Monatsspeicher

Pumpspeichern (8 h) angenommen wurden. 3.7.2.2 NOW-Studie »Integration von


55 Langzeitspeicher in Form von Monatsspei- Wind-Wasserstoff-Systemen in
chern (500 h) wie Power-to-Gas werden im das Energiesystem«
flexiblen System erst im Jahr 2050 benötigt, im
unflexiblen System bei hohen erneuerbaren zz Hintergrund, Methodik und Annahmen
Zubauraten bereits ab 2020. Im Auftrag der Nationalen Organisation Wasser-
55 Import und Export sowie die Reduktion der stoff- und Brennstoffzellentechnologie (NOW) er-
Mindeststromerzeugung und Flexibilisierung stellte ein Konsortium aus PLANET GbR, FH Lü-
von konventionellen und biomassebasierten beck, Fraunhofer ISI, IEU der FH Stralsund und
Kraftwerken (z. B. Biogasspeicher) sowie der KBB Underground Technologies GmbH eine um-
KWK über Wärmespeicher reduzieren den fassende Studie zur Integration von Power-to-Gas
Speicherbedarf im Stromsektor enorm (de- in das Energiesystem [42].
ckungsgleich mit BMU- Langfristszenarien Die Studie konzentriert sich auf Wasserstoff
und VDE-ETG-Studie). als Teil von Power-to-Gas (s.  7  Kap. 8) und auf die
55 Auswertungen und Aussagen zum zukünftigen Frage der technischen und wirtschaftlichen Um-
Speicherbedarf können nicht anhand einzel- setzung von Power-to-Gas-Wasserstoffsystemen
ner Wetterjahre abgeleitet werden, sondern im Jahr 2030. Darin kommt der Frage nach dem
brauchen für eine gewisse Robustheit die Be- Speicherbedarf eine zentrale Bedeutung zu.
rücksichtigung mehrerer Jahre (analog zur Als Überschüsse werden in der Modellie-
UBA-Studie). rung vereinfachend nur Windüberschüsse in zwei
Zonen innerhalb Deutschlands mit beschränktem
3.7 •  Gegenüberstellung und Einordnung der Ergebnisse
123 3
. Tab. 3.11  Windüberschüsse in TWh/a der NOW-Studie zu zwei Zonen in Norddeutschland in den Szenario­
jahren 2020 und 2030, nach [42]

Nordwest-Zone Nordost-Zone

Szenario Netzausbau Moderat Ambitioniert Moderat Ambitioniert

2020 25  % Dena II 0 0 0 0

12,5 % Dena II 0,5 0,9 0 0

2030 50  % Dena II 0,002 3,8 0 0

25  % Dena II 8,1 26,5 0 0

Netzausbau (Nordost-Zone, Nordwest-Zone) be- Annahme werden die bisher aufgetretenen


trachtet. Die Verwertung des Wasserstoffs wird als Verzögerungen im Netzausbau angegeben.
Kraftstoff in der Mobilität und als Brennstoff für 55 Bei den Net Transfer Capacities (NTC) – also
die Rückverstromung definiert über den Aufbau dem Im- und Export in die Nachbarländer
einer entsprechenden Infrastruktur. Dazu wer- Deutschlands – findet kein Zubau gegenüber
den in der Studie alle notwendigen Technologien 2011 statt.
wie die Speicherung von Wasserstoff in Kavernen
(7  Abschn. 8.4) beleuchtet und eine Systemanalyse zz Ergebnisse
samt Schlussfolgerungen vollzogen. Das moderate Entsprechend diesen Annahmen stellen sich fol-
Szenario basiert dabei hinsichtlich der Strommen- gende Ergebnisse für das moderate und für das
gen und installierten Leistung für 2030 auf den ambitionierte Szenario ein:
Energieszenarien 2011 des BMWi (s. [35]) und das 55 Für 2020 ergibt sich in keiner Zone ein Über-
ambitionierte Szenario auf den BMU- Langfrist- schuss an Windenergie bei angenommenem
szenarien 2012 aus  7  Abschn. 3.2. Nahezu 50 % der Netzausbau (25 % des in der Dena Netzstudie
installierten Windleistung wird in den zwei Zonen II prognostizierten Netzausbaus). Erst wenn
erbracht. diese 25 % des Netzausbaus nochmals auf
Der Strommarkt wird mit dem Fraunhofer 12,5 % halbiert werden, zeigen sich Windüber-
ISI-Modell PowerACE, das Stromnetz stark verein- schüsse zwischen 0,5 TWh/a (moderat) und
facht als Kupferplatte in zwei Zonen in Anlehnung 0,9 TWh/a (ambitioniert).
an die Regionen der Dena-Netzstudie II (s. [13]) 55 Für 2030 ergeben sich aus der höheren er-
abgebildet: neuerbaren Einspeisung und der geringeren
55 Nordwest-Zone: Nordsee, Schleswig-Holstein, Last 0,002 TWh/a Windüberschüsse in der
Hamburg, Bremen und im nordwestlichen Teil Nord-West-Zone im moderaten Szenario und
von Niedersachsen 3,8 TWh/a im ambitionierten Szenario für
55 Nordost-Zone: Ostsee, Mecklenburg-Vorpom- einen 50 %igen Netzausbau in Deutschland
mern, Brandenburg und Berlin nach Dena II und 8,1 TWh/a (moderat) und
26,5 TWh/a (ambitioniert) für den Fall der
Die wichtigsten und für die Ergebnisse maßgebli- Umsetzung eines Viertels des Netzausbaus.
chen Annahmen zum Netzausbau lauten: In der Nord-Ost-Zone ergeben sich keine
55 Innerhalb der Zonen gibt es keine Restriktionen nennenswerten Windüberschüsse, da 90 %
(»Kupferplatte«), zwischen den beiden Zonen be- der installierten Offshore-Windleistung in der
steht eine Übertragungskapazität von 3 GW. Nordsee angesetzt ist.
55 Die Übertragungsleistungen in die benachbar-
ten Zonen ist beschränkt: Bis 2020 wird nur . Tabelle 3.11 fasst diese Ergebnisse zusammen.
ein Viertel und bis 2030 nur die Hälfte des in Der wesentliche Unterschied zu den in den
der Dena-Netzstudie II ausgewiesenen Netz- 7 Abschn. 3.2 bis 7 Abschn. 3.4 betrachteten Studien
ausbaus umgesetzt. Als Begründung für diese sind die fundamental anderen Annahmen zum
124 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

Netzausbau in Deutschland. Wird dieser im Zuge weshalb einige Ergebnisse der beiden Studien de-
der Energiewende – wie in der NOW-Studie unter- ckungsgleich sind.
stellt – massiv verzögert oder nicht realisiert, er- Eine wesentliche Annahme für das Ergebnis
geben sich deutliche Überschüsse im Stromsystem zum Speicherbedarf ist der Netzausbau innerhalb
bereits in der 2020er Dekade. der Regionen und über die Länder hinweg. Das
Einschränkend ist in der Interpretation dieser DLR-Modell REMix erfasst in der Studie die er-
3 Ergebnisse zu betrachten, dass neben dem Netz- neuerbare Einspeisung in jedem Land gebündelt in
ausbau keine weitere Flexibilität in der NOW-Stu- einem Punkt (Punktmodell – nationale »Kupfer-
die abgebildet wurde. Unter realistischen Annah- platte«) und variiert lediglich die Übertragungska-
men zu den Flexibilitätsoptionen der thermischen pazitäten zwischen den Ländern, dafür unter Ein-
Kraftwerke, der KWK, des Lastmanagements, des beziehung der Leitungsverluste. Die Szenarien sind
Im- und Exports an europäische Nachbarn und des geprägt von einer sehr hohen installierten Wind-
Einsatzes von Kurzzeitspeichern fallen die Über- Offshore-Leistung und sehr hohen Übertragungs-
schussmengen entsprechend geringer aus. kapazitäten nach Dänemark und Norwegen.
Die Frage der Energiequelle für die Herstellung Es werden drei Speichertechnologien im Jahr
von Wasserstoff wird damit nicht abschließend ge- 2050 betrachtet:
klärt. Mögliche Optionen zur Lösung dieser Her- 55 Pumpspeicher (Wirkungsgrad 80 %, Inves-
ausforderung sind in  7  Kap.  8 bzw.  7  Abschn.  8.8 titionskosten 1600 €/kW, Speicherkapazität
aufgezeigt. 0,05 TWh, kein Zubau in Deutschland, dafür
Umrüstung der Speicherwasserkraft in Norwe-
3.7.2.3 SRU-Sondergutachten »Wege gen zu Pumpspeichern),
zur 100 % erneuerbaren 55 Druckluftspeicher (Wirkungsgrad 80 %, In-
Stromversorgung« vestitionskosten 280 €/kW, technisches Poten-
zial der Speicherkapazität 3,5 TWh, davon
zz Hintergrund, Methodik und Annahmen 1,5 TWh genutzt)
Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) 55 Power-to-Gas (Wasserstoff) (Wirkungsgrad
hat 2011 eine Studie zur Stromwende veröffentlicht, 49 %, Investitionskosten 1500 €/kW).
in der die technische Machbarkeit und die Kosten
einer rein erneuerbaren Stromversorgung dar- Andere Flexibilitätsoptionen wie die Integration
gestellt wurden (s. [37]). Ferner wurde die Frage des Wärmesektors über Power-to-Heat oder Wär-
beantwortet, ob Brückentechnologien erforderlich mepumpen werden nicht betrachtet.
sind und welche Maßnahmen zur Gestaltung einer
klimafreundlichen Stromversorgung zu treffen zz Ergebnisse zum Speicherbedarf
sind. Grundsätzlich konnte gezeigt werden, dass in
Dabei wurden vier Szenarien mit jeweils einem Deutschland und Europa das Potenzial erneuerba-
Stromverbrauch von 500 TWh und 700 TWh ent- rer Energien für eine Vollversorgung ausreicht, zu
wickelt: jeder Stunde über die Einbindung entsprechender
7. Selbstversorgung – nationale Autarkie Transport- und Speicherkapazitäten technisch ver-
8. Netto-Selbstversorgung mit einem Austausch sorgungssicher und der Verbund mit Skandinavien
nach Dänemark und Norwegen und Europa kostengünstiger ist als eine national-
9. Maximal 15 % Nettoimport aus Dänemark und autarke Stromversorgung. Weitere Kostensen-
Norwegen kungspotenziale liegen in der Reduktion des Strom-
10. Maximal 15 % Nettoimport aus Europa und verbrauchs, also der Energieeffizienz (s. . Tab. 3.12).
Nordafrika (in Anlehnung an Desertec) Der Einsatz von Pumpspeichern ist durch
die Vorhaltung von 6  von 7  GW angenommener
Diese Zielszenarien wurden vom DLR in stünd- Pumpspeicherleistung für Systemdienstleistungen
licher Auflösung berechnet, die auch die BMU- stark begrenzt, weshalb der Einsatz von Druckluft-
Langfristszenarien federführend simuliert haben, speichern sehr stark ausgebaut wird, was an den
3.7 •  Gegenüberstellung und Einordnung der Ergebnisse
125 3

. Tab. 3.12  Die Ergebnisse zum Speicherbedarf (Überschüsse, Speichereinsatz) der vier SRU-Szenarien zur rein er-
neuerbaren Stromversorgung in Deutschland für einen Stromverbrauch von 500 TWh (Varianten A) (DK = Dänemark,
NO = Norwegen, VLh = Volllaststunden), auf 2 bis 3 Stellen gerundete Werte, nach [37]

Nationale Selbstversorgung Max. 15 % Max. 15 % Net-


Autarkie mit 15 % Austausch Nettoimport toimport aus
nach DK und NO aus DK und Europa und
NO Nordafrika a

Installierte fluktuierende Leistungen in GW

PV 86 41 – –

Wind an Land 33 40 25 28

Wind auf See 73 73 73 73

Übertragungsleistung P in andere Länder in GW bzw. »Netzlänge« l in GW km

Dänemark P 0 42 47 53

Norwegen P 0 46 50 116

»Netzlänge« l im Verbund Deutschland 0 53.195 58.701 103.745


– Dänemark – Norwegen

»Netzlänge« l in andere Länder (Euro- 0 0 0 848.247


pa und Nordafrika)

Überschüsse in Deutschland und Speicherverluste

Abgeregelte Überschüsse nach Im- 53 0,2 0,5 0,1


und Export und Speichereinsatz b
in TWh

Max. Leistung der Überschüsse in GW 181 101 45 71

Speicherverluste in TWh 17 1,6 2,0 4,7

Speichereinsatz – Pumpspeicher in Deutschland

Einspeicherleistung in GW 0,5 1,2 0,5 0,8

Eingespeicherte Energie in TWh 1,2 1,0 1,1 1,5

Auslastung (Einspeichern) in VLh 2400 830 2200 1880

Ausspeicherleistung in GW 0,5 1,2 0,5 0,8

Ausgespeicherte Energie in TWh 1,0 0,8 0,9 1,2

Auslastung (Ausspeichern) in VLh 2000 670 1800 1500

Speichereinsatz – Druckluftspeicher in Deutschland

Einspeicherleistung in GW 32 18 19 21

Eingespeicherte Energie in TWh 51 5,7 7,0 16

Auslastung (Einspeichern) in VLh 1600 320 370 760

Ausspeicherleistung in GW 32 18 19 21

Ausgespeicherte Energie in TWh 34 4,3 5,2 12

Auslastung (Ausspeichern) in VLh 1060 240 275 570


126 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

. Tab. 3.12  Fortsetzung

Nationale Selbstversorgung Max. 15 % Max. 15 % Net-


Autarkie mit 15 % Austausch Nettoimport toimport aus
nach DK und NO aus DK und Europa und
NO Nordafrika a

3 Speichereinsatz – Power-to-Gas (Wasserstoff ) in Deutschland

Einspeicherleistung in GW 0 0 0 0

Ausspeicherleistung in GW 0 0 0 0

aDieSimulation erfolgte nur auf Basis jeder zweiten Stunde, weshalb die Ergebnisse zu den anderen einstündlichen
Werten abweichen können, ferner sind in der Studie in Tabellen und Text unterschiedliche Werte angegeben.
bÜberschüsse in Deutschland (»Kupferplatte«) mit Anbindung an das Ausland nach dem Einsatz von Speichern, die

abgeregelt werden.

günstigen Annahmen des DLR zu Kosten und Wir- geringe Mengen quasi »keinen Speicherbedarf« in
kungsgraden für Druckluftspeicher liegt. Im Ver- Deutschland gibt und die Anbindung an das Aus-
gleich zu den anderen Studien spielen die Druck- land unter den vom SRU getroffenen Annahmen
luftspeicher nur in der SRU-Studie eine Rolle und kosteneffizienter ist.
übernehmen die Funktion der ­Kurzzeitspeicherung, Der Preis dafür ist der Umbau und die Aus-
die in den anderen Studien vorwiegend durch Bat- weitung der Speicherwasserkraft in Norwegen
teriespeicher erfüllt wird. (84 TWh Speicherkapazität mit einem maximalen
Batteriespeicher wurden in der SRU-Studie Füllstand von 80 TWh und einem minimalen Füll-
nicht berücksichtigt, da ihr »Gesamtpotenzial zur stand von 14 TWh) und Schweden (34 TWh Spei-
langfristigen Energiespeicherung mit den benötig- cherkapazität) im zweistelligen Gigawattbereich zu
ten großen Speicherkapazitäten« gegenüber den Pumpspeichern und der Ausbau der Stromnetze in
anderen Speichern als »eher gering eingeschätzt« diesen Ländern.
wurde.
Analog dazu übernimmt die Rolle der Langzeit- 3.7.2.4 Fraunhofer IWES-Studie
speicherung im SRU-Szenario die skandinavische »Geschäftsmodell Energiewende«
Wasserkraft und das europäisch-nordafrikanische
Verbundnetz, was in anderen Studien durch Power- zz Hintergrund, Methodik und Annahmen
to-Gas geleistet wird. Begünstigt wird dieser Ein- Aufbauend auf den BMU-Langfristszenarien, der
satz durch die fast doppelte installierte Offshore- UBA-Studie, der BMU-Roadmap Speicher und an-
Windleistung im Vergleich zur Onshore-Windleis- deren Arbeiten entwickelte das Fraunhofer Insti-
tung, was sich von den anderen Studien ebenfalls tut für Windenergie und Energiesystemtechnik in
unterscheidet, da dort eher die kostengünstigere Kassel die Studie » Geschäftsmodell Energiewende
Onshore-Windkraft zum Einsatz kommt. So wur- – Eine Antwort auf das ‚Die-Kosten-der-Energie-
de die in der Studie von 2011 angenommene On­ wende‘-Argument« (s. [19]). Darin wird die Ener-
shore-Windkraftleistung in Szenario 1.a von 33 GW giewende bis in das Jahr 2050 fortgeschrieben und
für das Jahr 2050 bereits im Jahr 2013 überschritten auf die Bereiche Wärme und Verkehr ausgedehnt.
bzw. in Szenario 1.b mit 25 GW auf dem Stand von Die Investitionen für Technologien wie Wind und
2010 eingefroren. PV werden mit den eingesparten Brennstoffkosten
Die wesentliche Erkenntnis aus der SRU-Stu- für fossile und nukleare Energieanlagen gegenge-
die bezüglich des Speicherbedarfs ist, dass es bei rechnet. Dadurch kann gezeigt werden, dass selbst
Einbindung der skandinavischen Lauf- und Spei- unter konservativen Annahmen (keine steigenden
cherwasserkraft über extrem hohe Übertragungs- Brennstoffkosten und CO2-Schadenskosten) durch
leistungen im zweistelligen Gigawattbereich bis auf die Investition in die Energiewende eine inflations-
3.7 •  Gegenüberstellung und Einordnung der Ergebnisse
127 3
. Tab. 3.13  Bedarf an Energiespeichern, Auslastung und Investitionskosten im Jahr 2050 in der Fraunhofer IWES-
Studie »Geschäftsmodell Energiewende«; Pumpspeicher sind nicht aufgeführt, nach [19]

Technologie Installierte Speicher­ Auslastung in Investitions- Investitionskos-


Leistung kapazität Volllaststunden kosten 2011 in ten 2050 in €/kW
2050 in GW 2050 in GWh €/kW

Batterieparks (8 h) 10 80 ca. 1000 1934 435

Power-to-Gas 78 Keine Angabe ca. 3000 2000 750

Power-to-Heat 23 Keine Angabe ca. 5000 100 100

bereinigte Rendite von 2,3 % erzielt werden kann, die (180  GW Onshore-Wind, 50  GW Offshore-Wind
sich unter der Annahme der realen Preissteigerun- und 200 GW PV im kostenoptimalen Mix) ergibt.
gen nach NEP 2014 (s. [7]) oder dem BMU-Klima- Die Leistung der benötigten Kurzzeitspeicher wird
schutzszenario 2050 (s. [29]) auf 4,0 bis 6,7 % erhöht. in dieser Studie über Batterieparks abgebildet, die
Neben der sachlichen Widerlegung des vor- in der Größenordnung der zusätzlichen Leistung
herrschenden Arguments »Die Energiewende ist in anderen Studien entspricht. Ähnliches gilt für
teuer« wird auch der sektorenübergreifende Spei­ Power-to-Heat.
cherbedarf im Transformationsszenario errech- Diese Ergebnisse decken sich weitgehend mit
net: Ausgehend von einer erneuerbaren Vollver­ der UBA-Studie, in der der Speicherbedarf und die
sorgung über 915  TWh Wind- und PV-Strom und installierten Speicherleistungen wegen der noch
85 TWh anderen erneuerbaren Energien (s.  7  Ab­ deutlich ambitionierteren Energieeffizienzziele
schn. 3.3.2.1, UBA-Studie zu Potenzialen erneuerba- kleiner ausfallen.
rer Energien in Deutschland) werden 315 TWh im
klassischen Stromsektor, 330 TWh im Wärmesek- 3.7.2.5 Fraunhofer ISE-Studie
tor (75 % des Wärmebedarfs durch Wärmepumpen »Energiesystem Deutschland
gedeckt, zusätzlich Power-to-Heat) und 120  TWh 2050«
im Verkehrssektor für elektrische Antriebe (Elek-
tromobile und Oberleitungs-Lkw) eingesetzt. zz Hintergrund, Methodik und Annahmen
Ein Speicherbedarf von 235 TWh Strom ergibt Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesys-
sich für die sektorenkoppelnde Technologie Po­ teme (ISE) in Freiburg hat ein ähnliches Modell
wer-to-Gas, um den Bedarf für Stromkraftstoffe, zum Fraunhofer IWES zur Simulation und Nach-
Gaswärme und Sicherung der Stromversorgung bildung des Gesamtsystems entwickelt. In der
über Gaskraftwerke zu decken. Studie »Energiesystem Deutschland 2050« wird
neben dem Bedarf an Stromspeichern ebenfalls der
zz Ergebnisse zum Speicherbedarf Speicherbedarf im Wärmesektor analysiert. Da-
Neben den klassischen Pumpspeichern mit einer rüber hinausgehend wir der Verkehrssektor über
Auslastung von ca. 1000 Volllaststunden, die in fest definierte Anteile verschiedener Energieträger
dieser Studien nicht über die bestehenden hinaus (Strom, Stromkraftstoffe, fossile Energie) und der
erweitert wurden, ergibt sich folgender Bedarf an Industriesektor mit der notwendigen Energie zur
Energiespeichern (s. . Tab. 3.13): Bereitstellung von Prozesswärme im Modell be-
Es ergibt sich eine sehr hohe Power-to-Gas- rücksichtigt (s. [21, 30, 31]).
Einspeicherleistung von 78  GW, die sich einer- Zielgröße ist stets die Minimierung der Ge-
seits über den zusätzlichen Strombedarf aus dem samtkosten bei gleichzeitiger Erreichung der Kli-
Wärme- und Verkehrssektor und andererseits aus maschutzziele. Strom- und Wärmesektor werden
der dafür notwendigen hohen Gesamtleistung von sehr detailliert abgebildet. Diese Arbeiten sind ein-
430  GW fluktuierender erneuerbarer Leistung gehend in  7  Kap. 4 und 5 hinsichtlich der Modell-
128 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

. Tab. 3.14  Drei Variationen in den 100 %-Szenarien für die Sektoren Strom und Wärme. Die installierte Wasser-
kraftleistung ist mit 5 GW in allen Variationen gleich, ebenfalls die verfügbare Bioenergie mit 50 TWh. Import und
fossiler Anteil sind auf null gesetzt. Der Strombedarf liegt in allen Varianten konstant bei 500 TWh, nach [21, 30, 31]

RetrofitMax Medium REMax

PV-Leistung in GW 182 205 262


3 Wind an Land in GW 170 170 200

Wind auf See in GW 75 85 85

Gebäudesanierungsgrad als Reduktion minus 40 % minus 50 % minus 68,2 %


des Wärmebedarfs vs. 2010

annahmen und der Ergebnisse zum Speicherbedarf Bei den Ergebnissen zu Batterien und Pow­
im Wärmesektor beschrieben. er-to-Gas kommt die Studie zu ähnlichen Schlüs-
Ein Betrachtungspunkt ist ein Klimaschutzsze- sen wie die Fraunhofer IWES-Studie »Geschäfts-
nario mit dem Ziel der CO2-Reduktion um 80 - 85 % modell Energiewende« mit dem Unterschied,
im Vergleich zu 1990 im Modell REMod-D mit dass die Rückverstromung von erneuerbarem Gas
einer installierten erneuerbaren Gesamtleistung vorwiegend über dezentrale KWK erfolgt und als
von 452  GW, bestehend aus 150 Onshore-Wind, Ausspeichertechnologie auch Gaswärmepumpen
38 GW Offshore-Wind, 259 GW PV, 5 GW Wasser- bzw. Gasbrennwertkessel eingesetzt und 416 TWh
kraft und einer flexiblen Leistung von Biomasse mit für Brennstoff-basierte Prozesse in Industrie und
einem Energiepotenzial von 335 TWh. Im fossilen Gewerbe vorgehalten werden. Die Mehrkosten der
Mix bleiben 7 GW Steinkohle- und 3 GW Braun- Gaswärmepumpen gegenüber den Gasbrennwert-
kohlekraftwerke und 215 TWh Erdgas erhalten. kesseln sind bei Gebäuden mit hohen Vorlauftem-
Drei weitere Betrachtungspunkte ergeben sich peraturen und geringem Wärmebedarf nicht im-
aus vorgegangenen Untersuchungen des Modells mer tragbar. Daher werden im Klimaschutzszena-
REMod-D, in dem zu diesem Zeitpunkt lediglich rio anstatt Gaswärmepumpen Gasbrennwertkessel
die Sektoren Strom und Wärme betrachtet wurden. eingesetzt, da alle für Wärmepumpen geeigneten
Aus Rechnungen dieser vorherigen Modellvariante Gebäude bereits mit elektrischen Wärmepumpen
ergeben sich drei unterschiedlichen 100 %-Szena- versorgt werden.
rien ohne Import mit Variationen im Gebäude­ Auffallend ist, dass die Gasspeicherkapazitäten
sanierungsgrad und in den installierten erneuerba- und Ausspeicherleistungen für Power-to-Gas vom
ren Leistungen, in denen die CO2-Emissionen im Klimaschutzszenario für alle Energiesektoren auf
Vergleich zu 1990 vollständig reduziert werden (s. das 100 %-Szenario für Strom und Wärme noch-
. Tab. 3.14). mals deutlich ansteigen. Je nach Sanierungstiefe
und Nutzung von Gaswärmepumpen variiert auch
zz Ergebnisse zum Speicherbedarf im der Bedarf an zentralen Wärmespeichern. Da der
Stromsektor Wärmebedarf jedoch weitgehend konstant ist, ent-
Als Energiespeicher kommen Batterieparks, Pump- scheidet sich der Wärmespeicherbedarf an der Ge-
speicher (konstant, kein Zubau), Power-to-Gas bäudesanierungsrate.
(Elektrolyse und Methanisierung zur Methanher-
stellung, kein Wasserstoff) und zentrale und dezen- 3.7.2.6 BMU-Studie »Flexibilitäts- und
trale Wärmespeicher – teilweise in Wärmenetzen – Speicheroptionen«
zum Einsatz. Die Ergebnisse für Speicher mit einer
Verbindung zum Stromsektor sind in .  Tab.  3.15 zz Hintergrund, Methodik und Annahmen
und 7 Abb. 4.8 zusammengefasst. Die Auswirkungen verschiedener Flexibilitätsoptio-
nen auf den Speicherbedarf werden in einer weiteren
3.7 •  Gegenüberstellung und Einordnung der Ergebnisse
129 3
. Tab. 3.15  Speicherbedarf im Klimaschutzszenario für alle Sektoren (Strom, Wärme, Verkehr und Industrie) und
drei Szenarien zur 100 %igen Reduktion der CO2-Emissionen im Strom- und Wärmesektor des Fraunhofer ISE Frei-
burg. An Mikro-KWK, Elektro- und Gaswärmepumpen sind kleine Pufferspeicher (Wärmespeicher) angeschlossen,
nach [21, 30,31]

Klimaschutz- Szenarien zur 100 %igen Reduktion der CO2-


szenario (85 % Emissionen im Strom- und Wärmesektor
CO2-Reduktion)
Szenario RetrofitMax Medium REMax

Kurzzeitspeicher

Batteriespeicher in TWh 0,078 0,068 0,055 0,052

Pumpspeicher in TWh 0,060 0,060 0,060 0,060

Langzeitspeicher

Einspeichereinheit Power-to-Gas (Elektrolyse- 61 48 64 87


leistung und Methanisierung) in GW

Gasspeicherkapazität in TWh 12 66 62 78

Ausspeichereinheit GuD-Kraftwerke und Gas- 39 68 71 74


turbinen in GW

Ausspeichereinheit zentrale KWK in GW 25 17 13 13

Ausspeichereinheit Mikro-KWK in GW 0 0,03 0,04 0,05

Ausspeichereinheit Gaswärmepumpe 29 0 48 103


(100 %-Szenarien) bzw. Gasbrennwertkessel
(Klimaschutzszenario) in GW (thermische
Leistung)

Zentraler Wärmespeicher in Mio. m3 25 91 68 49

Studie des BMU »Systematischer Vergleich von Flexi- 55 Der Bedarf an Backup-Kraftwerken sinkt
bilitäts- und Speicheroptionen im deutschen Strom- selbst in einem 100 %-Szenario nur auf 65 GW
system zur Integration von Erneuerbaren Energien ab (analog zur VDE-ETG-Studie).
und Analyse entsprechender Rahmenbedingungen 55 Die echten Überschüsse aus erneuerbaren
(Flexibilitätsoptionen)« und vom Öko-Institut und Energien (keine systembedingten Überschüsse
der Firma energynautics untersucht (s. [4]). durch Must-run o. Ä.) sind im 40 %-Szena-
Darin wird ein steigender erneuerbarer Anteil rio verschwindend gering und erst ab einem
von 40–100 % in den Szenariojahren 2020, 2030 erneuerbaren Anteil von 60 % relevant und
und 2050 über ein Strommarktmodell (PowerFlex) exponentiell steigend (analog zu den BMU-
und ein europäisches Netzmodell abgebildet. Als Langfristszenarien).
Ergebnis sollen Flexibilitäts- und Speicheroptionen 55 Beim erneuerbaren Anteil von 60 % treten
hinsichtlich ihrer Kosten und Potenziale zur Treib- Stromüberschüsse (ohne Einsatz von Flexi-
hausgassenkung und zur Integrationsfähigkeit er- bilitäten) von ca. 6 TWh und Defizite von ca.
neuerbarer Energien bewertet werden. 5 TWh auf.
55 Im 100 %-Szenario entstehen Stromüberschüs-
zz Ergebnisse zum Flexibilitätsbedarf und zu se (ohne Einsatz von Flexibilitäten) in der
Stromüberschüssen Größenordnung von 80 TWh und Defizite von
Erste Ergebnisse der Studie über eine Auswertung ca. 75 TWh.
der Residuallasten sind zum Flexibilitäts- und Spei-
cherbedarf vorhanden:
130 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

3.7.2.7 Agora-Studie »Stromspeicher in Die Stromspeicher werden in zwei Klassen als Kurz-
der Energiewende« zeit- und Langzeitspeicher technologieneutral nach
den Definitionen aus  7  Kap.  2 abgebildet. Für die
zz Hintergrund, Methodik und Annahmen Klasse der Kurzzeitspeicher werden Batteriekraft-
Die Agora-Studie »Stromspeicher für die Energie- werke auf Basis der Lithium-Ionen-Technologie
wende« [41] untersucht für die Jahre 2023, 2033 verwendet und für die Langzeitspeicher Power-to-
3 und für einen Zeitpunkt mit einem erneuerbaren Gas in der Kombination aus Wasserstoff und Me-
Stromanteil von 90 % (ca. das Jahr 2050), wie viele than. Die angenommenen technischen und wirt-
zusätzliche Stromspeicher bei einem bestehenden schaftlichen Parameter decken sich mit  7  Kap.   12
funktionierenden Stromsystem die Systemgesamt- und sind in der Studie hinterlegt.
kosten senken können. Die installierte Leistung neuer Stromspeicher
Sie wurde federführend durch FENES OTH Re- wird für beide Klassen für die jeweiligen Zeitpunk-
gensburg zusammen mit IAEW und ISEA RWTH te variiert: Kurzzeitspeicher in einer Bandbreite
Aachen und ef.Ruhr (TU Dortmund) für den Think von 0–36 GW, Langzeitspeicher von 0–16 GW.
Tank Agora Energiewende erstellt. Darin werden Die verwendeten Modelle sind weitgehend
die verbleibenden Schwachstellen anderer Studien identisch mit den Modellen der VDE-ETG-Stu-
zum Speicherbedarf wie zum Speicherbedarf durch die (s.  7  Abschn.  3.4) und der Roadmap-Speicher
Systemdienstleistungen, zum Speicherbedarf im (s.  7 Abschn.  3.5). Details zu Investitions- und Brenn-
Verteilernetz und zum Speicherbedarf im Kontext stoffkosten, den installierten Leistungen erneuer-
aller Energiesektoren und Flexibilitätsoptionen auf- barer Energien und konventioneller Kraftwerke in
gegriffen. Europa sowie weitere Annahmen können [41] ent-
Hierfür werden folgende Annahmen getroffen: nommen werden.
55 Anteil erneuerbarer Energien: Die wesentlichen Erkenntnisse aus der Studie
55 2023: 43 % in Deutschland, 23 % in Europa, werden im Folgenden dargestellt und illustriert:
55 2033: 60 % in Deutschland, 40 % in Europa,
55 langfristig: 90 % in Deutschland, 60 % in zz Generelle Prämisse
Europa, Zunächst ist festzuhalten, dass durch die gesetz-
55 Netzausbau und Marktgebiete: ten Gaskraftwerke und vorgegebenen alternativen
55 gleichbleibende Marktgebiete, ­Flexibilitätsoptionen keine Optimierung des Zu-
55 vollständiger Netzausbau innerhalb der baus von Flexibilitätsoptionen inklusive Strom-
Marktgebiete, speicher stattfindet. Diese Einschränkung in der
55 Variation der Kuppelstellen zwischen den Methodik mindert den ökonomisch getriebenen
Marktgebieten für 2023/2033, Bedarf an neuen Stromspeichern in allen Szenarien
55 Alternative Flexibilitätsoptionen: deutlich.
55 Variation von Lastmanagement und flexible
Kraftwerke für 2023/2033, zz Erkenntnisse zum mittelfristigen
55 keine gesonderte Betrachtung von vielen Stromspeicherbedarf auf Übertragungs­
neuen Stromverbrauchern wie Elektromo- netzebene für den Zeitbereich 2023 bis 2033
bilität, Wärmepumpen, Klimatisierung oder 55 Aus Sicht des Strommarktes zeigt sich mittelfris-
Power-to-X für Verkehr und Chemie, tig kein zwingender Bedarf für zusätzliche Spei-
55 Kraftwerkspark, Strombedarf und bestehende cher, solange das europäische Übertragungsnetz
Pumpspeicher: nur stockend ausgebaut und andere Flexibili-
55 Basis Netzentwicklungsplan 2012 und tätsoptionen innerhalb der europäischen Markt-
Zehnjahresplan (TYNDP) für Europa, gebiete nur verzögert aktiviert werden.
55 vorhandene Pumpspeicher bleiben erhal- 55 In den 2030er-Jahren kann ein geringer Aus-
ten, bau an Langzeitspeichern (ca. 3 GW) gesamt-
55 gesetzte und abbezahlte Gaskraftwerke, wirtschaftlich sinnvoll werden, wenn das
welche die Jahreshöchstlast sichern. europäische Übertragungsnetz nur zögerlich
3.7 •  Gegenüberstellung und Einordnung der Ergebnisse
131 3

. Abb. 3.43  Mehrkosten und Einsparungen des Zubaus neuer Stromspeicher in verschiedenen Varianten von Kurz- und
Langzeitspeichern (K und L) des Szenarios 43 %/22 % unflexibel für das Jahr 2023 in Mio. €/a, nach [41]

ausgebaut, andere Flexibilitätsoptionen verzö- er-to-Gas mit bis zu 3  GW unter den getroffenen
gert aktiviert und Speicherkosten sich günstig Prämissen zur Kostenreduktion. Andere Speicher-
entwickeln werden. kombinationen stehen ebenfalls an der Grenze zur
55 Zusätzliche Stromspeicher verstetigen den Wirtschaftlichkeit (s. . Abb. 3.44).
Grundlastanteil in der Residuallast, welcher In den anderen Fällen prägen die Investitions-
bei den unterstellten Emissionszertifikatsprei- kosten der Stromspeicher die Kosten so stark, dass
sen (27–45 €/t CO2) die Stromerzeugung aus sie für den reinen Erzeugungsausgleich Mehrkos-
(Braun-)Kohlekraftwerken zu entsprechenden ten für das Stromsystem verursachen.
Lasten der Erzeugung aus Gaskraftwerken leicht Aus heutiger Sicht reichen die vorhandenen
erhöhen kann. In den betrachteten Szenarien Flexibilitätsoptionen im Stromsystem bis Anfang
integrieren Stromspeicher, die am Strommarkt der 2020er-Jahre aus, um die Integration erneu­
agieren, mittelfristig nur sehr geringe zusätzli- erbarer Energien effizient zu vollziehen. Auch für
che Mengen an erneuerbarer Stromerzeugung. das Jahr 2033 sind die erneuerbaren Überschüsse
bei vollständigem Netzausbau in den Marktge-
Grundlage dieser Erkenntnisse sind die Simula- bieten noch relativ gering: 1,6 % des erneuerbaren
tionen der mittelfristigen Szenarien von 2023 und Stroms im unflexiblen Szenario und 0,3 % im fle-
2033 in zwei Varianten: einmal in der vollen Er- xiblen Szenario.
schließung weiterer grenzüberschreitender Kup- Mehr vorhandene Flexibilitäten glätten die Re-
pelstellen und neuer Lastmanagementpotenziale, siduallast und führen zu einer besseren Auslastung
wie sie in  7  Abschn.  3.5 ausgewiesen sind (Szena- der Grundlastkraftwerke und zu einem sinkenden
rio flexibel). Im Szenario unflexibel wird von einer Bedarf an Spitzenlastkraftwerken. Durch den
10-jährigen Verzögerung der Erschließung dieser ­Kostenvorteil von Kohlekraftwerken, die trotz des
Flexibilitätsoptionen ausgegangen, z. B. aus realen Anstiegs des Preises für CO2-Emissionszertifikate
Gründen der gesellschaftlichen Akzeptanz. (2023 27 €/t und 2033 45 €/t) in der Merit Order
. Abbildung 3.43 zeigt, dass in keinem der Sze- weiterhin vor den CO2-ärmeren Gaskraftwerken
nariovarianten der Einsatz von neuen Stromspei- stehen, verdrängen Flexibilitätsoptionen allein
chern zu einer Reduktion der Systemgesamtkosten zum Erzeugungsausgleich keinen CO2-intensiven
in Deutschland führt. Strom aus dem deutschen Strommix.
Erst im unflexiblen Szenario für das Jahr 2033
führt ein Einsatz von Langzeitspeichern wie Pow-
132 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

. Abb. 3.44  Mehrkosten und Einsparungen des Zubaus neuer Stromspeicher in verschiedenen Varianten von Kurz- und
Langzeitspeichern (K und L) des Szenarios 60 %/40 % unflexibel für das Jahr 2033 in Mio. €/a, nach [41]

zz Erkenntnisse zum langfristigen Stromspei­ Leistungen stecken und die dafür notwendigen
cherbedarf auf Übertragungsnetzebene Speicherinstallationen durch die geringen Betriebs-
(90 %/60 %) zeiten nicht wirtschaftlich wären.
55 Stromspeicher senken langfristig die System- Neue Stromspeicher wirken sich zudem vorteil-
gesamtkosten immer dann, wenn sich die haft auf die gesicherte Leistung aus: Sie ersetzen die
Speicherkosten günstig entwickeln, selbst in gesicherte Leistung des konventionellen Kraftwerk-
dem unterstellten System mit vielen anderen parks und damit in Kombination mit erneuerbarer
Flexibilitäten und den entsprechenden erneu- Erzeugung die Kraftwerke selbst. Durch die grö-
erbaren Anteilen. ßere Integration erneuerbarer Energien und den
55 Kurzzeitspeicher sind der Konkurrenz anderer damit verbundenen geringeren Brennstoffeinsatz
Flexibilitätsoptionen stärker ausgesetzt als sind hohe Kosteneinsparungen durch neue Strom-
Langzeitspeicher. Diese können langfristig die speicher möglich.
Systemkosten reduzieren, selbst bei ungünsti- Vor allem der Einsatz von Langzeitspeichern wie
ger Entwicklung der Speicherkosten. Power-to-Gas stellt eine »No-Regret«-Option dar:
Selbst unter den konservativen Annahmen wirken
Für die langfristige Betrachtung mit sehr hohen sich die angesetzten 8 GW kostensenkend aus. Zu-
erneuerbaren Stromanteilen in Deutschland und dem können sie die Abregelung von erneuerbaren
Europa wirkt sich jede der betrachteten Speicherva- Energien von 7,2 auf 5 % reduzieren und 11,5 TWh
rianten systemkostensenkend aus (s. . Abb. 3.45). erneuerbaren Strom zusätzlich integrieren.
Die höchsten Einsparungen werden bei einer Bei einem reinen Einsatz von Kurzzeitspei-
installierten Leistung von 16 GW bei Langzeitspei- chern mit 7  GW kann hingegen die Abregelung
chern und von 7 GW bei Kurzzeitspeichern erzielt. erneuerbarer Überschüsse nur auf 6,2 % begrenzt
Außerdem können die in diesen Szenarien sehr werden. Die Kurzzeitspeicher stehen mit den alter-
großen erneuerbaren Überschüsse fast vollstän- nativen Flexibilitätsoptionen im starken Wettbe-
dig integriert werden: Es verbleiben lediglich 3 % werb um kurzzeitige Überschüsse, da diese tenden-
ungenützt. Das Auffangen dieser Überschüsse mit ziell geringere Investitionskosten aufweisen. Aus
zusätzlichen Stromspeichern wäre sehr teuer, da diesem Grund sind vor allem die Varianten mit
hinter diesen geringen Energiemengen sehr hohe einem höheren Anteil an Langzeitspeichern auf-
3.7 •  Gegenüberstellung und Einordnung der Ergebnisse
133 3

. Abb. 3.45  Mehrkosten und Einsparungen des Zubaus neuer Stromspeicher in verschiedenen Varianten von Kurz- und
Langzeitspeichern (K und L) des Szenarios 90 %/60 % unflexibel für einen langfristigen Betrachtungshorizont (z. B. für das
Jahr 2050) in Mio. €/a, nach [41]

grund des saisonalen Verlagerungspotenzials und Anhand eines exemplarischen Netzes werden
der Möglichkeit der Aufnahme großer Überschuss- die Kosteneffekte eines netzdienlichen Einsatzes
mengen kostengünstiger. von Batteriespeichern mit folgenden Flexibilitäts-
optionen verglichen:
zz Erkenntnisse zum Stromspeicherbedarf auf 55 konventioneller Netzausbau,
Verteilnetzebene 55 Anpassung der technischen Anschlussricht-
55 Auf der Niederspannungsebene des Verteil- linien (Verzicht auf das 2 %- und 3 %-Span-
netzes kann ein Speichereinsatz in einzelnen nungskriterium) und
Fällen Netzausbau vermeiden bzw. verzögern 55 Einsatz von regelbaren Ortsnetztransformato-
und damit Kosten einsparen. ren (RONT).
55 Nur bei netzdienlichem Einsatz können Spei-
cher Netzausbau vermeiden. Bei einem durch Der Verzicht auf den konventionellen Netzausbau
die Strommärkte bestimmten Einsatz können und reinen Einsatz von Batteriespeichern ist in
sie in speziellen Situationen sogar Netzausbau keinem der betrachteten Szenarien wirtschaftlich.
im Verteilnetz verursachen. Einerseits sind die vorhandenen Netzkapazitäten
meist noch für einige Jahre ausreichend, um die
In der Verteilnetzebene werden ausschließlich Bat- erneuerbaren Überschüsse zu integrieren. An-
teriespeicher mit einer netzdienlichen Fahrweise dererseits werden durch den Netzausbau zusätz-
betrachtet, und es wird der Frage nachgegangen, liche Betriebsreserven geschaffen, die für einen
welche Speicherkapazität zur Minimierung der weiteren erneuerbaren Ausbau genutzt werden
Netzausbau- und Netzumbaukosten erforderlich können.
ist. Der Fokus liegt auf dem Nieder- und Mittel- Durch den Zubau von regelbaren Ortsnetztrans-
spannungsnetz, da in höheren Spannungsebenen formatoren (RONT) können vor allem in Regionen
die Speicherkapazität der Batteriespeicher sehr mit einer hohen erneuerbaren Zubauleistung die
groß sein müsste und damit gegenüber Netzaus- Betriebsreserven der bestehenden Netze voll aus-
und -umbau kaum wettbewerbsfähig wäre.
134 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

geschöpft werden. Die Anpassung der technischen sowie international etablieren. Neu errichtete
Anschlussrichtlinien hätte einen ähnlichen Effekt. und in der Förderung auslaufende bestehende
Daher ist der Bedarf an Batteriespeichern im Photovoltaikanlagen sowie Elektromobilität
Niederspannungsnetz eher als gering einzuschät- sind hierbei die entscheidenden Märkte.
zen. In der Substitution des Netzausbaus durch 55 Der nicht zu elektrifizierende Teil der Mo-
Batteriespeicher ergibt sich ein Richtwert für den bilität und der chemischen Industrie ist der
3 Speicherbedarf von 700 MW bei einer benötigten Leitmarkt für Power-to-X in Form von Strom-
Speicherkapazität von 2100 MWh. kraftstoffen und stromgenerierten Grund-
Im Einzelfall ist ein gezielter Einsatz von Bat- stoffen, da dort wenige Alternativen auf Basis
teriespeichern auf der Niederspannungsebene eine erneuerbarer Energien vorhanden sind und
kosteneffiziente Option im Maßnahmenkatalog die Erlöse für die gespeicherte Energie in die-
einer Netzverstärkung. Das gilt vor allem beim sen Märkten höher sind als im Strommarkt.
gleichzeitigen Auftreten von Spannungsproblemen 55 Die Märkte für Energiespeicher außerhalb des
und Überlastungen der Betriebsmittel. Stromsektors führen zu einem Anstieg des
Wichtig ist dabei, Speicher netzdienlich einzu- Strombedarfs und zu einer höheren verfüg-
setzen. »Netzdienlich« bedeutet eine Verstetigung baren Flexibilität im Stromerzeugungssystem.
der Netzbelastung durch den Einsatz von Ener- Diese Speichersysteme können über ihren
giespeichern. Werden Batteriespeicher markt­ eigentlichen Nutzen hinaus zusätzlich Dienst-
orientiert eingesetzt, z. B. als Hausbatteriespeicher leistungen am Strommarkt zu geringen margi-
zur Eigenverbrauchsmaximierung oder am Strom- nalen Kosten anbieten.
markt, können sie sogar einen höheren Netzaus-
baubedarf im Verteilnetz verursachen: wenn sie zu zz Ausgewählte Handlungsempfehlungen und
Zeiten von Strommangel einspeichern oder zu Zei- Ausblick
ten von Stromüberschüssen ausspeichern. 55 Mit erneuerbaren Anteilen an der Stromerzeu-
Zur Vermeidung dieser kritischen Netzsituatio- gung über 90 % in Deutschland und über 60 %
nen und eines zusätzlichen Netzausbaus ist ein dy- in Europa werden mehr Energiespeicher zur
namischer Betrieb zwischen netz- und marktdien- Dekarbonisierung in allen Märkten und Sek-
lichem Modus empfehlenswert (s. 7 Abschn. 13.1). toren erforderlich. Um zu diesem Zeitpunkt
Speicher am Markt zur Verfügung zu haben,
zz Erkenntnisse zum Stromspeicherbedarf für sind in den Jahren zuvor eine Technologie-
Systemdienstleistungen und Marktentwicklung sowie eine Kommer-
55 Batteriespeicher sind technisch besonders gut zur zialisierung zur Kostendegression notwendig.
Bereitstellung von Primärregelleistung geeignet. Für die Finanzierung von entsprechenden
Bei zukünftig sinkenden Batteriepreisen kann Programmen können auch weiterhin Einnah-
eine Primärregelleistungserbringung durch Bat- men aus einem Handel mit CO2-Zertifikaten
teriespeicher gesamtwirtschaftlich sinnvoll sein. verwendet werden. Um den Nutzen der Ener-
55 Energiespeicher können zusätzlich System- giespeicher vollständig realisieren zu können,
dienstleistungen anbieten und damit ihre ist eine begleitende Forschung und Entwick-
Wirtschaftlichkeit verbessern. lung zu ihrer Integration sowie ihre Normung
55 Stromspeicher können konventionelle Kraft- und Standardisierung notwendig.
werke ersetzen und zur gesicherten Leistung 55 Wie bei allen Flexibilitätsoptionen ist es auch
beitragen. bei Energiespeichern sinnvoll, dass es durch die-
se Anwendungen nicht zu einer Erhöhung der
zz Erkenntnisse zu Märkten für Batteriespeicher CO2-Emissionen durch verstärkte Nutzung von
und Power-to-Gas außerhalb des Strom aus fossilen Kraftwerken kommt. Dies ist
Strommarkts besonders für Elektromobilität und Stromkraft-
55 Batteriespeicher in dezentralen Anwendun- stoffe elementar, die zur CO2-Minderung im
gen werden sich unabhängig vom Strommarkt Verkehrssektor beitragen können.
entwickeln und langfristig in Deutschland
3.8 •  Zusammenfassung
135 3

. Abb. 3.46  Abschätzung der Stromüberschüsse (Flexibilitäts- und Speicherbedarf ) bis 2050, Quelle: nach [39], Daten-
basis aus [4, 10, 11, 19, 20, 26, 30–32, 34, 37, 41–43, 45]

55 Die Entwicklung und Umsetzung von Flexibi- 3.8 Zusammenfassung


litätsoptionen wird nicht rein nach wirtschaft-
lichen Kriterien erfolgen. Ein breites Spektrum Zum Abschluss dieses Kapitels werden die Ergeb-
an Flexibilitätsoptionen kann den Ausfall von nisse der betrachteten Studien zu den Stromüber-
kostengünstigen Optionen aufgrund fehlender schüssen zusammengeführt und die Erkenntnisse
gesellschaftlicher Akzeptanz kompensieren. als Fazit verdichtet. .  Abbildung 3.46 fasst die Er-
gebnisse anschaulich zusammen.
Die Ergebnisse zeigen, dass der Paradigmenwech-
sel hin zu einer erneuerbaren Energieversorgung Speicherbedarf – allgemein
möglich ist und von Energiespeichern unterstützt 55 Der Speicherbedarf ergibt sich aus den Über-
werden kann. Für eine Vollendung der Energiewen- schüssen bei Überdeckung und aus den Defi-
de sind Energiespeicher unabdingbar, um fossile ziten bei Unterdeckung von Residuallast (Ver-
Kraftwerke zu ersetzen und die Versorgungssicher- brauch minus erneuerbare Einspeisung) nach
heit weiterhin zu garantieren. Ausgehend von ho- Abwägung aller vorrangigen Flexibilitätsoptio-
hen erneuerbaren Stromanteilen reduziert der Ein- nen. Der Flexibilitätsbedarf ist damit größer als
satz neuer Stromspeicher die Systemgesamtkosten, der Speicherbedarf.
indem fossile Rohstoffe eingespart und erneuerbare 55 Die Flexibilitäten Netzausbau in Deutschland,
Überschüsse integriert werden. Im- und Export, flexible Kraftwerke, KWK und
Lastmanagement haben den größten Einfluss
auf den Speicherbedarf.
136 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

55 Die Aufgabe des Stromnetzes ist der räumliche einspeisung wie Nord- und Ostdeutschland,
Ausgleich von Überschüssen und Defiziten. Für an denen auch hohe Volllaststunden erzielt
einen zeitlichen Ausgleich sorgen Speicher. werden können. In anderen Regionen kann
Daher ist eine Konkurrenz von Speichern und ein marktbasierter Speichereinsatz sogar zu-
Stromnetz weitgehend ausgeschlossen. sätzliche Netzengpässe verursachen. Die Folge
55 Die meisten Überschüsse sind heute netzba- sind netzbedingte Abschaltungen der Energie-
3 siert. Nach dem Ausbau der Stromnetze und speicher mit negativen Konsequenzen für ihre
der Beseitigung der Übertragungsengpässe Wirtschaftlichkeit.
sind sie kaum noch vorhanden. Ein neuer, 55 Zusätzlich handelt es sich bei Restriktionen
marktbasierter Speicherbedarf ergibt sich im Übertragungsnetz um temporäre Eng-
bei Netzausbau und Flexibilisierung von Kraft- pässe, die durch Verstärkungsmaßnahmen im
werken und KWK erst ab einem erneuerbaren Stromnetz aufgelöst werden können. Dies geht
Anteil von 60–80 %, bei weitreichendem Aus- ebenfalls zulasten der Wirtschaftlichkeit von
bau der Kuppelstellen für den Im- und Export in Stromspeichern.
Europa erst ab 80–95 % erneuerbarer Energien 55 Im Verteilnetz kann ein Speichereinsatz in
am Stromverbrauch. einzelnen Fällen Netzausbau vermeiden bzw.
55 Um zu diesem Zeitpunkt Speicher am Markt zur verzögern und damit Kosten einsparen. Voraus-
Verfügung zu haben, sind in den Jahren zuvor setzung ist ein netzdienlicher Speichereinsatz.
eine Technologie- und Marktentwicklung 55 Aussagen zum zukünftigen Speicherbedarf
sowie eine Kommerzialisierung der Speicher können nicht anhand einzelner Wetterjahre
notwendig. abgeleitet werden, sondern benötigen für eine
55 Werden die skandinavischen Wasserkraftka­ gewisse Robustheit die Berücksichtigung
pazitäten für Deutschland erschlossen, verrin­ mehrerer Jahre.
gert sich der Speicherbedarf in Deutschland
Speicherbedarf – ca. 40 % erneuerbarer Anteil
drastisch. Dafür sind jedoch der Umbau der
55 Bereits ab einem Anteil von 40 % können er-
Speicherwasserkraft zu Pumpspeichern, der
neuerbare Energien bei voller Kraftwerksflexi-
Ausbau der Übertragungskapazitäten und
bilität und Netzausbau zeitweise den Strom-
ein Netzausbau innerhalb von Skandinavien
bedarf in Deutschland zu 100 % decken. Bleibt
notwendig.
ein größerer Sockel an Mindesterzeugung und
55 Speicher können unabhängig vom Strommarkt
wärmegeführter, starrer fossiler und biogener
Systemdienstleistungen anbieten und an den
KWK (Must-run) in einem unflexiblen System
Regelleistungsmärkten teilnehmen, um sich
erhalten, ergeben sich erhebliche Überschüs-
dort zu refinanzieren.
se. Wird Deutschland im europäischen Kontext
55 Der Speicherbedarf für Systemdienstleistun-
betrachtet, fallen die Überschüsse geringer
gen ist dabei durch die Marktgröße sehr be-
aus.
schränkt und wird durch die Verbesserung der
55 Kurzfristig sind die Flexibilisierung des thermi-
Prognose von Wind, Solarstrahlung und Last
schen Kraftwerksparks samt KWK, der europa-
sowie durch die Teilnahme erneuerbarer Ener-
weite Netzausbau und das Lastmanagement
gien an Regelleistungs- und Reservemärkten
ökonomisch die attraktivsten Flexibilitätsop-
weiter reduziert.
tionen. Werden sie umgesetzt, ist kein zusätz-
55 Wärmespeicher werden in zunehmendem Um-
licher Speicherbedarf bei einem erneuerbaren
fang für die Flexibilisierung der KWK und der
Anteil von 40 % zu erwarten.
Speicherung von Strom im Wärmesektor über
55 Zusätzliche Speicher dienen zu diesem Zeit-
Power-to-Heat und Elektrowärmepumpen be-
punkt weniger der Integration erneuerbarer
nötigt.
Energien als vielmehr der Einsatzoptimierung
55 Für Speicher von netzbasierten Überschüssen
fossiler Kraftwerke mit der Konsequenz stei-
ist der Standort entscheidend: Vorteilhafte
gender CO2-Emissionen.
Standorte sind Regionen mit hoher Wind-
3.8 •  Zusammenfassung
137 3
55 Im Verteilnetz kann ein Speichereinsatz in 55 Die heute vorhandene Gasspeicherkapazität
speziellen Fällen Netzausbau vermeiden und reicht in allen Studien für den Langzeitspei-
damit Kosten einsparen. cherbedarf über Power-to-Gas bei Weitem aus
und wird maximal zu 30–40 % genutzt.
Speicherbedarf – ca. 60 % erneuerbarer Anteil
55 Erste signifikante marktbasierte Stromüber- Speichereinsatz in der Transformation der
schüsse, welche durch Kurzzeitspeicher Energiesysteme
integriert werden können, treten bei einem 55 Strom wird zur Primärenergie und für die Sek-
geplanten Netzausbau zwischen 40 und 60 %, toren Wärme und Verkehr verstärkt eine Rolle
für Langzeitspeicher zwischen 60 und 80 % als Energiequelle spielen.
erneuerbarer Energien auf. In inflexiblen Sys- 55 Eine Flexibilisierung des Stromsystems ist zur
temen mit starren Kraftwerken und KWK ohne Integration erneuerbarer Energien notwendig.
Netzausbau treten die Überschüsse bereits ab 55 Der Strommix entscheidet über den ökologi-
30–40 % auf. schen Nutzen eines Speichers, die Rahmenbe-
55 Speicher integrieren ab diesen Anteilen auch dingungen und der Einsatzbereich über seinen
signifikante Mengen an erneuerbaren Ener- ökonomischen.
gien und führen zur Verstetigung von Grau- 55 Solange die CO2-intensive Braunkohleverstro-
strom und damit zu höheren CO2-Emissionen mung mit geringen Kosten im Stromsystem
des Gesamtsystems. erhalten bleibt und geringe Anteile erneuerba-
rer Einspeisungen vorliegen, verstetigen zu-
Speicherbedarf – ca. 80 % erneuerbarer Anteil
sätzliche Flexibilitätsoptionen wie Netzausbau,
55 Ab einem erneuerbaren Anteil von 80 % wer-
Lastmanagement und Speicher ihren Einsatz,
den sowohl Kurz- als auch Langzeitspeicher
was zu höheren CO2-Emissionen führt.
zum Vermeiden von massiver erneuerbarer
55 Die Residuallast (Verbrauch – erneuerbare Er-
Abregelung und damit zum Erreichen der
zeugung) wird mit zunehmenden erneuerbaren
Klimaschutzziele notwendig. Ihr Einsatz ist im
Anteilen immer volatiler, die Gradienten steiler
einstelligen GW-Bereich wirtschaftlich.
und die Überschüsse größer.
55 Kurz- und Langzeitspeicher mindern durch
55 Die erste, kostengünstigste und effizienteste
Aufnahme erneuerbarer Energien und die Re-
Maßnahme zur Integration von Speichern
duktion des Einsatzes fossiler Brennstoffe die
ist die Integration des Wärmesektors in den
CO2-Emissionen im Stromsektor.
Stromsektor über Lastmanagement, Power-
Speicherbedarf – 100 % erneuerbarer Anteil to-Heat, Wärmepumpen, Wärmenetze und
55 Energiespeicher sind in einer Vollversorgung Wärmespeicher.
von elementarer Bedeutung für die Versor- 55 Kurzzeitspeicher werden aufgrund höherer
gungssicherheit. Effizienz und geringerer Kosten vor Lang-
55 Zwischen 80 und 100 % erhöht sich der Spei- zeitspeichern eingesetzt, sind aber anders als
cherbedarf um den Faktor 2–4. Vor allem Lang- Langzeitspeicher in ihrer Kapazität meist stark
zeitspeicher werden verstärkt ausgebaut. Die begrenzt. Unter den Kurzzeitspeichern setzen
Energiespeicherung hat einen Anteil an den sich bei weiterer Kostendegression Batterie-
Stromgestehungskosten von ca. 20–30 %. parks mit einer Ausspeicherdauer von 1–4 h in
55 Trotz massiver Überinstallationen von Wind und Abgrenzung zu Pumpspeichern mit Ausspei-
PV verringert sich der Bedarf an Backup- cherdauern von 6–8 h durch.
Leistung (Ausspeicherleistung der Langzeit- 55 Eine geringfügige Abregelung erneuerbarer
speicher: Gaskraftwerke) im Vergleich zu heute Energien (z. B. 1 %) ist technisch-ökonomisch
kaum (60–70 GW oder ca. 80 % der Jahres- sinnvoll, da die auszulegende Speicherleistung
höchstlast). Dieser Wert ist unter Berücksichti- um 30–40 % reduziert werden kann und damit
gung der Nicht-Verfügbarkeiten von Kraftwer- große Kosten einspart. Bei uneingeschränkter
ken und Anlagen noch etwas höher. Abregelung entsteht zwar kein Speicherbedarf,
138 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

gleichzeitig können die angestrebten erneuer- 4. Bauknecht D, Koch M, Tröster E et al (2013) Systemischer
baren Anteile und damit gesetzte Klimaschutz- Vergleich von Flexibilitäts- und Speicheroptionen im
deutschen Energiesystem zur Integration der erneuer-
ziele nicht eingehalten werden. Daher ist eine
baren Energien und Analyse entsprechender Rah-
Kombination von geringfügiger Abregelung menbedingungen. Vortrag zur Fachtagung »Aktuelle
und Energiespeicherung empfehlenswert. Vorhaben zum Klimaschutz und zur Umsetzung der
55 Die Energiespeicherung über Power-to-Gas hat Energiewende« am 13. und 14. Juni 2013 in Berlin, Öko-
3 den Vorteil, dass die Energie nicht nur gespei- Institut e. V., energynautics, Berlin
5. Blanc P, Gschwind B, Lefèvre M, Wald L (2011) The Helio­
chert, sondern über das Gasnetz auch trans-
Clim project: Surface solar irradiance data for climate
portiert werden kann. Damit ergänzen sie den applications. Remote Sens
Ausbau des Stromnetzes. 6. BMU (2014) Erneuerbare Energien in Zahlen. Nationale
55 Der Aufrechterhaltung einer nationalen Ver- und internationale Entwicklung, [Stand: Oktober 2014].
sorgungssicherheit über Erzeugungs- und Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Re-
aktorsicherheit, Berlin
Speichereinheiten stehen der kostengünstige-
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re Ausbau von europaweiten Übertragungska- NEP/O-NEP 2014, Bundesnetzagentur, Bonn
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europäischen Binnenmarkt gegenüber. der Windenergienutzung an Land, Fraunhofer IWES,
55 Eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien Kassel
9. Bömer J, Döring M, Beestermöller C (2013) Abschätzung
ist technisch, ökologisch und ökonomisch
der Bedeutung des Einspeisemanagements Abschät-
möglich und sinnvoll. Die nachhaltigen erneuer- zung der Bedeutung des Einspeisemanagements nach
baren Potenziale reichen dafür aus. Wind und PV § 11 EEG und § 13 Abs.2 EnWG Download Abschätzung
werden zu den tragenden Säulen und gleichen der Bedeutung des Einspeisemanagements nach § 11
sich im Leistungsverhältnis von 60:40 in ihren EEG § 13 Abs.2 EnWG. Auswirkungen auf die Windener-
gieerzeugung in den Jahren 2010 und 2011, Berlin
Schwankungen am besten aus.
10. Breuer C, Drees T, Echternacht D et al (2011) Identifica-
55 Durch die Kopplung des Stromsektors mit tion of Potentials and Locations for Power-to-Gas in
Wärme, Kälte, Verkehr und chemischer Indus- Germany. 6th International Renewable Energy Storage
trie kann sektorenübergreifend die Primärener- Conference Eurosolar, IAEW RWTH Aachen, Berlin
gie Wind und PV in allen physikalischen Formen 11. Breuer C, Drees T, Echternacht D et al (2012) Standorte
und Potenziale für Power-to-Gas. e/m/w Zeitschrift für
gespeichert werden. In diesem Fall ergeben
Energie, Markt, Wettbewerb 2012(4)
sich höhere installierte Leistungen für Wind, PV 12. Das Energiekonzept der Bundesregierung 2010 und die
und Power-to-Gas. Der Wärmespeicherbedarf Energiewende 2011
aus dem Stromsektor heraus entscheidet sich 13. DENA (2011) dena-Netzstudie II, Berlin
an der Gebäudesanierungsrate und dem Ein- 14. Drees T, Pape C, Breuer C, Gerhardt N, Sterner M, Moser
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Energy Technol. doi:10.1002/ente.201300083 ger, Energietechnische Gesellschaft im VDE. VDE-ETG,
Frankfurt am Main
140 M. Sterner, C. Breuer, T. Drees, F. Eckert, A. Maaz, C. Pape, N. Rotering und M. Thema

45. VDE ETG (2012) Energiespeicher für die Energiewende;


Gesamttext. Energietechnische Gesellschaft im VDE.
VDE-ETG, Frankfurt am Main
46. VDE ETG (2012) Demand Side Integration. Lastverschie-
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stein der Energiewende; Gesamttext. Energietechnische
Gesellschaft im VDE. VDE-ETG, Frankfurt am Main
3
141 4

Speicherbedarf in der
Wärmeversorgung
Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner (FENES OTH Regensburg)

Fabian Eckert (FENES OTH Regensburg): Abschnitte 4.2, 4.4, 4.6, 4.7
Norman Gerhardt (Fraunhofer IWES): Abschnitte 4.4, 4.7, 4.8
Prof. Dr. Hans-Martin Henning (Fraunhofer ISE): Abschnitte 4.6, 4.7, 4.8
Andreas Palzer (Fraunhofer ISE): Abschnitt 4.6

Übersicht
Im Gegensatz zum Stromsektor steht der Speicherbedarf in der Wärme- und
Kälteversorgung deutlich weniger im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit.
Das liegt daran, dass dieser Speicherbedarf meist bereits gedeckt ist und sich
in Zukunft nicht in dem Maße verändern wird wie im Stromsektor, wo eine
deutliche Verschiebung von der Primärenergiespeicherung hin zu Strom- und
Endenergiespeichern abzusehen ist.
Beiden Sektoren gemeinsam ist ein ausgeprägter Speicherbedarf. Fast
jeder Haushalt hat einen Wärmepuffer, so auch erneuerbare Heizsysteme
wie Pelletheizungen, Erdwärme- oder Solarwärmeanlagen. Einige Haushalte
mit Flüssiggas- oder Ölheizungen verfügen sogar über zwei Speicher: einen
Kraftstoffspeicher und ein Wärmepuffer. Ausnahmen sind die Heizsysteme
mit vorgelagertem Speicher wie ein Fernwärmenetz oder ein Gasspeicher. In
Zukunft wird die gegenseitige Integration von Strom- und Wärmesektor über
die Kraft-Wärme-Kopplung, Wärmepumpen, Power-to-Heat und Power-
to-Gas eine große Rolle bei der Nutzung erneuerbarer Energien spielen und
einen Paradigmenwechsel anstoßen.
Die Entwicklung der Wärmeversorgung in Deutschland und der damit ver-
bundene Bedarf an Wärmespeichern werden exemplarisch anhand verschie-
dener Studien dargestellt. Eine Abschätzung zu Überschüssen und Speicher-
potenzialen runden das Kapitel ab. Der Kältebedarf wird an dieser Stelle als
»Prozesskälte« unter »Prozesswärme« und »Raumkälte« über »Raumwärme«
mitgeführt und ist vorwiegend im Strombedarf integriert.

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


M. Sterner, I. Stadler (Hrsg.), Energiespeicher – Bedarf, Technologien, Integration,
DOI 10.1007/978-3-662-48893-5_4
4.1 Grundlagen und Ziele – 143

4.2 Entwicklung des Wärmebedarfs – 143

4.3 Entwicklung des Wärmemix – 144


4.3.1 Fossile Wärmebereitstellung – 144
4.3.2 Erneuerbare Wärmebereitstellung – 144

4.4 Transformation des Wärmesektors – 145


4.4.1 Haushalte – 146
4.4.2 Gewerbe, Handel und Dienstleistungen – 147
4.4.3 Industrie – 148

4.5 Paradigmenwechsel im Wärmesektor – 149


4.5.1 Beispiel Wandel Erdöl – Erdgas – erneuerbare Energien – 150
4.5.2 Strom als Primärenergie – 150

Speicherbedarf in einem Klimazielszenario für das


Energiesystem Deutschland im Jahr 2050 – 151
4.6.1 Szenariorahmen, Modell und Annahmen – 151
4.6.2 Ergebnisse zum Speichereinsatz im Wärmebereich – 152

4.7 Überschüsse, Speicherbedarf und Speicherpotenziale – 155


4.7.1 Überschüsse im Wärmesektor – 155
4.7.2 Entwicklung des Speicherbedarfs – 157
4.7.3 Speicherpotenziale – 159

4.8 Zusammenfassung – 165

Literatur – 167
4.2 • Entwicklung des Wärmebedarfs
143 4
4.1 Grundlagen und Ziele 55 bis zum Jahr 2050 der Gebäudebestand klima-
neutral sein.
zz Grundlagen der Betrachtungen
Zur Betrachtung des Beitrags, den erneuerba-
re Energien in der Wärmeversorgung und beim 4.2 Entwicklung des Wärmebedarfs
Speicherbedarf leisten, wird analog zu 7 Kap. 3 auf
die Langfristszenarien des Bundesumweltministe- In Deutschland betrug der Wärme- und Kältebe-
riums (s. [7]) und auf ein Energieszenario für alle darf im Jahr 2010 etwa 1430 TWh, was im Vergleich
Sektoren des Fraunhofer ISE zurückgegriffen. Letz- zum Strom- und Verkehrssektor den größten sek-
teres stellt in stündlicher Auflösung und unter Be- toralen Bedarf darstellt (s. 7 Abschn. 3.2).
rücksichtigung der Klimaschutzvorgaben ein mög- Die Wärmenachfrage lässt sich grundsätzlich in
liches Zielsystem dar (s. [5, 8, 9]. Darüber hinaus drei verschiedene Anwendungsgebiete unterteilen:
werden weitere Studien zur Analyse hinzugezogen, 55 Raumwärme
u. a. des Fraunhofer IWES. 55 Warmwasser
Zunächst werden die Langfristszenarien in 55 Prozesswärme.
den  7  Abschn.  4.1 bis  7  Abschn.  4.3 behandelt. In
der Studie werden unterschiedliche Szenarien Im Bereich der Raumwärme ist durch Effizienz-
im Hinblick auf die Ziele der Bundesregierung maßnahmen mit dem stärksten Rückgang des Wär-
untersucht. Die vorgestellten Ergebnisse stammen mebedarfs zu rechnen: Zum einen wird der mittlere
aus dem Szenario  2011  A. Hierin spiegelt sich der Energiebedarf in Neubauten unter 40 kWh m−2 a−1
Transformationsprozess der Energieversorgung in und damit deutlich unter dem heutigen Durch-
Deutschland mit einer Reduktion der Treibhaus- schnitt von etwa 150  kWh  m−2  a−1 liegen. Zum
gasemission gegenüber 1990 um 80 % bis 2050. anderen führt eine bessere Dämmung zur konse-
quenten weiteren Senkung des Wärmebedarfs im
zz Ziele im Wärmesektor Gebäudebestand.
Für den Wärmesektor hat die Bundesregierung fol- Der Warmwasserbedarf kann hingegen nur zu
gende wesentliche und prägende Ziele beschlossen: etwa 25 % gesenkt werden, da sich die Nutzenergie
55 Reduktion des Wärmebedarfs bis 2020 um für die Warmwassernutzung auch in Zukunft nicht
20 % gegenüber 2008 ändern wird. Die Effizienzgewinne kommen hier
55 Reduktion des Primärenergiebedarfs von Ge- aus einer effizienteren Erzeugung und Verteilung.
bäuden bis 2050 um 80 % gegenüber 2008 In der Prozesswärme verhält es sich ähnlich: Die
55 Steigerung des Anteils erneuerbarer Energien Nutzenergie bleibt auf ähnlichem Niveau wie heute,
am Endenergieverbrauch des Wärmesektors weshalb die Reduktion des Endenergiebedarfs auf
auf 14 % bis 2020 30 % beschränkt bleibt. In diesem Bereich sind be-
55 Steigerung des Anteils erneuerbarer Energien reits viele Effizienzmaßnahmen ausgeschöpft, wes-
am Bruttoendenergieverbrauch auf 18 % bis halb dort kein Rückgang wie bei der Raumwärme
2020, 30 % bis 2030, 45 % bis 2040 und 60 % zu erwarten ist (s. . Abb. 4.1).
bis 2050. Sektoral ist damit bis 2050 das größte Einspar­
potenzial an Wärme in Gewerbe, Handel und
Zusätzlich soll Dienstleistungen zu erwarten:
55 die Kraft-Wärme-Kopplung verstärkt gefördert 55 Gewerbe/ Handel/ Dienstleistung: minus 67 %
werden, 55 Haushalte: minus 47 %
55 der Wärmebedarf in Neubauten durch die 55 Industrie: minus 27 %
schrittweise Umsetzung eines Niedrigstener-
giegebäudestandards reduziert werden, Insgesamt kann damit der Wärmebedarf in
55 in Altbauten durch die Umsetzung eines Sa- Deutschland um 45 % auf rund 780 TWh in 2050
nierungsfahrplans die Sanierungsrate von 1 % gesenkt werden.
auf 2 % pro Jahr gesteigert werden und
144 M. Sterner, F. Eckert, N. Gerhardt, H.-M. Henning und A. Palzer

. Abb. 4.1  Entwicklung des Wärmebedarfs (Endenergie) von 2005 bis 2050 in den Sektoren Haushalte, Industrie und
GHD (Gewerbe, Handel und Dienstleistung), nach [7]

4.3 Entwicklung des Wärmemix Der Anteil von direkten Erdöl- und Kohle-
heizungen verschwindet nahezu, wobei der relativ
4.3.1 Fossile Wärmebereitstellung CO2-arme fossile Energieträger Erdgas auch in Zu-
kunft verwendet wird. Die Gasinfrastruktur ist mit
Basiert die Wärmeversorgung heute fast aus- erneuerbaren Energien kompatibel und damit zu-
schließlich auf fossilen Energieträgern, ändert sich kunftsfähig: Kurzfristig kann Biogas über die glei-
dies im Szenario hin zu einem Mix aus fossilen und chen Wege und Technologien genutzt und langfris-
erneuerbaren Energien (s. . Abb. 4.2). tig fossiles Gas auch über Power-to-Gas erneuerbar
Der fossile Anteil im Wärmemix bleibt auch erzeugt werden.
zukünftig hoch, da die Nah- und Fernwärmever-
sorgung durch die Kraft-Wärme-Kopplung wei-
terhin vorwiegend auf fossilen Energieträgern be- 4.3.2 Erneuerbare
ruht und die Prozesswärme nicht gänzlich durch Wärmebereitstellung
erneuerbare Energien gedeckt werden kann. Die
technisch möglichen Temperaturniveaus von So- Der absolute Anteil erneuerbarer Energien an der
larthermie, Erdwärme und KWK-Abwärme rei- Wärmebereitstellung verdreifacht sich von heute
chen dafür oft nicht aus, in einigen Fällen ist die mit 136 TWh/a auf 366 TWh/a im Jahre 2050. Der
direkte Wärmebereitstellung über erneuerbaren relative Anteil steigt aufgrund des geringeren ge-
Strom möglich, mit dem auch höchste Tempera- samten Endenergiebedarfs von rund 780 TWh um
turniveaus abgedeckt werden können. Da aber die das Fünffache von heute ca. 11 % auf ca. 50 % an.
Industrie weiterhin auf hohe Temperaturen an- Die Biomasse ist analog zu vielen anderen
gewiesen ist, bleibt der Verbrauch von Erdgas für Ländern nach wie vor die größte genutzte erneu-
die Prozesswärmebereitstellung bis 2050 in einer erbare Energiequelle. Die nachwachsenden Roh-
ähnlichen Größenordnung wie heute. Langfris- stoffe spielen vor allem in der individuellen Hei-
tig kann dafür erneuerbares Methan als Erdgas- zung und in Energiekommunen eine große Rolle.
Substitut aus Power-to-Gas-Anlagen zum Einsatz Vorwiegend Holzheizungen (Pellet, Hackschnit-
kommen. zel, Stückholz) sind tragend in der erneuerbaren
4.4 • Transformation des Wärmesektors
145 4

. Abb. 4.2  Endenergie für Wärme inklusive strombasierter Wärmebereitstellung (Wärmepumpen, Nachtspeicherhei-
zungen), nach [7]

Wärmeversorgung und haben durch eine verbes- technische oder preisliche Entwicklungen schwer
sere Waldnutzung und Waldpflege vor allem durch vorherzusagen sind, kann sich der Anteil von Solar-
Naturverjüngung noch ein deutliches Steigerungs- kollektoren, Wärmepumpen und biomassebasier-
potenzial (s.  7  Abschn. 13.2). Daneben soll zukünf- ten KWK-Anlagen anders ausbilden als prognos-
tig der Beitrag von Biogas und biogenen Abfällen tiziert.
in der KWK erhöht werden. Im Szenario wurde Ein weiterer Faktor, der ab 2020 berücksichtigt
ein starker Ausbau an Solarkollektoren unterstellt, werden muss, ist der Ersatz von ineffizienten Alt­
welcher mittlerweile von der Photovoltaik überholt anlagen, was vor allem kleine Biomasseheizungen
wird. Solarthermie und Photovoltaik ergänzen sich betrifft. Bis dahin spielen primär der Einbau von
prinzipiell in der Wärmeversorgung. Während für neuen Anlagen bei Neubauten auf Basis erneuer­
die primäre Wärmebereitstellung solarthermische barer Energien und der Ersatz von fossilen Brenn-
Anlagen in Verbindung mit Wärmespeichern das stoffen die tragende Rolle bei der D
­ ekarbonisierung
Gros des Wärmebedarfs decken können, können des Wärmesektors.
als Ergänzung Stromüberschüsse aus Photovoltaik-
anlagen über Heizstäbe und Elektrowärmepumpen
auch Wärme in die vorhandenen Wärmespeicher 4.4 Transformation des
eintragen. Eine Brücke vom Strom- in den Wärme- Wärmesektors
sektor zeichnet sich also vielfach ab, vor allem beim
Einsatz von KWK und Wärmepumpen, die an Be- Das Zusammenspiel von Bedarfsreduktion (s. 7 Ab-
deutung gewinnen werden. schn.  4.2) und zunehmendem erneuerbarem An-
Bis 2030 dominieren in der Wärmeversorgung teil im Wärmemix (s. 7  Abschn.  4.3) ermöglicht
noch Einzelanlagen bis ein ausreichender Ausbau die vollständige Transformation des Wärmesektors
an Nah- oder Fernwärmenetzen zur Nutzung aller in den Sektoren Haushalte, Gewerbe, Handel und
Formen erneuerbarer Wärmebereitstellung erfolgt Dienstleistungen (GHD) sowie in der Industrie.
ist. Diese netzgebundenen Anlagen sollten lang- Die Dekarbonisierung des Wärmesektors wird
fristig die Anzahl der Einzelanlagen überholen, wie bis 2050 ausführlich in der Studie »Interaktion EE-
es auch in der Stromversorgung üblich ist. Da aber Strom, Wärme und Verkehr« [13] als Roadmap für
146 M. Sterner, F. Eckert, N. Gerhardt, H.-M. Henning und A. Palzer

. Abb. 4.3  Transformation des Wärmebedarfs des Haushaltssektors bis 2050, Phasen und Meilensteine, nach [13]

jeden Sektor skizziert und jeweils in drei Phasen (s.  7  Abschn.  4.2). Durch eine großflächige Sanie-
unterteilt: rung des Gebäudebestandes, hohe Anforderungen
55 Phase I: Reduktion der Systemtemperaturen an Neubauten und die vermehrte Nutzung von
(2012–2025), Umweltwärme über Wärmepumpen kann der Pri-
märenergiebedarf bis 2050 um ca. 70 % reduziert
55 Phase II: Flexibilisierung und
werden.
Wärmepumpenausbau (2025–2035),
Die Wärmetransformation bietet große Spei-
55 Phase III: Nutzung von Power-to-Heat und cherpotenziale für fluktuierende Strommengen.
Sektorenkopplung (2035–2050). Für die Haushalte kann sie in fünf Meilensteinen
erfolgen (s. . Abb. 4.3).
Für jede dieser Phasen werden aus Simulationser-
gebnissen sektorenweise die für die Klimaschutz- zz Reduktion der Systemtemperaturen (2012–
und Energieziele zu erreichenden Maßnahmen 2025)
und Meilensteine identifiziert und für die jeweili- Die erste Phase »Reduktion der Systemtemperatu-
gen Sektoren kurz skizziert. ren« beinhaltet zwei Meilensteine:
Die Annahmen zur Entwicklung des Wär- 1. In Fernwärmenetzen und Gebäuden erfolgt
mebedarfs und des Wärmemix sind sehr ähnlich eine Reduktion der Systemtemperaturen.
zu  7  Abschn. 4.2 und 7  Abschn 4.3. Details zur Si- Neben der energetischen Sanierung beflügelt
mulationsmethodik sind [13] zu entnehmen. Das die Verbreitung von Niedertemperaturheizsys-
Novum dieser Studie, die unter der Federführung temen wie z. B. Fußboden- und Wandheizun-
des Fraunhofer IWES Kassel entstand, ist der kos­ gen den Einsatz von dezentralen Elektrowär-
tenoptimierte Zubau an erneuerbaren Energien und mepumpen, die durch eine niedrige System-
Wärmetechnologien. Dieser ist auf das Jahr genau temperatur gekennzeichnet sind. Direkte Elek-
beschrieben. troheizungen wie Nachtspeicheröfen sind eher
ungeeignet und entsprechend rückzubauen.
2. Eine Reduktion der Systemtemperaturen im-
4.4.1 Haushalte pliziert die Verbreitung und Steigerung der
Jahresarbeitszahl von Wärmepumpen. Im
2012 lag der Primärenergiebedarf für Wärme Neubau ist ein reiner Einsatz von Elektro-
in deutschen Haushalten bei 553  TWh. Die Ein- wärmepumpen empfehlenswert, da Strom zur
sparpotenziale sind in diesem Bereich sehr hoch
4.4 • Transformation des Wärmesektors
147 4
Primärenergie wird (s. 7 Abschn. 4.5.2). Für 2,5 als auch mit Heizstäben in der Fernwärme
Bestandsgebäude wird ein Wechsel zunächst eingesetzt. Damit geht anteilig die Auslastung
von Ölkesseln und später auch von Gasther- von KWK-Anlagen zurück.
men zu Wärmepumpen gesehen. In ländlich
geprägten Häusern oder bei Altbauten wird zz Gesamtbilanz
die holzartige Biomasse zum Energieträger Nach der Transformation erfolgt 2050 in diesem
erster Wahl. Szenario die Versorgung mit Raumwärme in Haus-
halten zu drei Vierteln objektgebunden und zu
einem Viertel netzgebunden (s.  .  Abb.  4.3). Als
zz Flexibilisierung und Wärmepumpen-Ausbau Hauptenergieerzeuger dienen dezentrale Elektro-
(2025–2035) wärmepumpen, welche 53 % des Wärmebedarfs de-
Die zweite Phase »Flexibilisierung und Wärme- cken. Biomasse in Form von fester Biomasse (Holz)
pumpen-Ausbau« steht im Zeichen der Flexibili- und gasförmiger Biomasse (Biogas) dient in länd-
sierung des Stromsystems, indem Wärmespeicher lichen Regionen sowie im Altbau als Hauptenergie-
eine günstige Flexibilitätsoption darstellen. In die- träger im Wärmebereich (22 %). Weitere 24 % der
ser Phase werden folgende Meilensteine bestimmt: Wärme werden netzgebunden durch Fernwärme
3. Durch den Ausbau erneuerbarer Energien sind mit KWK, Elektrowärmepumpen, Solarthermie so-
2025–2035 zunehmend Flexibilitätsoptionen wie durch eine Kombination von KWK und Elek­
zu erschließen. Darunter fallen auch Wärme- troboilern bereitgestellt.
speicher wie beispielsweise Warmwasserspei- In der Energiebilanz resultiert der in 7 Ab-
cher. Aber auch der Einsatz der Gebäudehülle schn. 4.5.2 skizzierte Paradigmenwechsel in folgender
als Wärmespeicher spielt eine wichtige Rolle. Kuriosität: Der Primärenergiebedarf liegt unter dem
Effiziente Gebäude bieten so ein Speicherver- Endenergiebedarf für Raumwärme. Das ergibt sich
mögen im Bereich von einem Tag bis hin zu aus der Betrachtung von Wind-, Solar- und Wasser-
einer Woche. kraftstrom als 100 % Primärenergie in der Wirkungs-
4. Als vierter Meilenstein steht die Reduzierung gradmethode (s. 7 Abschn. 1.2.2) und der Nutzung der
der Systemtemperatur in den Fernwärmenet- Umweltwärme aus Geothermie, Wasser, Eisspeicher
zen auf unter 80 °C im Fokus. Dadurch können sowie Luft, die nicht als Primärenergie gewertet wird.
die derzeit dominanten fossilen Energieträger Der Strombedarf der dezentralen Elektrowärmepum-
Erdgas und Steinkohle durch zentrale große pen hat einen Anteil von 26 % des Primärenergiebe-
Elektrowärmepumpen, Solarthermie-Anlagen darfs der Haushalte, obwohl er über 50 % des gesam-
sowie Groß-KWK jeweils primär auf Basis ten Wärmebedarfs deckt.
erneuerbarer Energien ersetzt werden. Für die
Wärmepumpen sind neue Wärmequellen wie
Abwasser, Sole, Abwärme aus Rechenzentren 4.4.2 Gewerbe, Handel und
oder Gewerbegebieten etc. zu erschließen. Dienstleistungen

zz Nutzung von Power-to-Heat und Die drei Transformationsphasen der Haushalte las-
Sektorenkopplung (2035–2050) sen sich auch auf die Nichtwohngebäude des GHD-
Die eingeläutete Kopplung der Energiesektoren Sektors übertragen. Darin werden ebenfalls fünf
(s.  7  Kap. 14) dominiert die dritte und letzte Phase Meilensteine identifiziert, die eine Reduktion des
der Wärmetransformation im Haushaltssektor. Primärenergiebedarfs von 236  TWh um 74 % auf
5. Vor allem im Bereich ab 2035 bis 2050 neh­ ca. 60 TWh bis 2050 ermöglichen (s. . Abb. 4.4):
men die Stromüberschüsse durch Wind- und 1. Niedertemperaturheizsysteme und damit
Solarstrom stark zu. Durch die günstige Mög- Wärmepumpen stehen vor allem im Gebäude-
lichkeit der Speicherung im Wärmesektor wird bestand im Fokus und verdrängen vermehrt
vermehrt Power-to-Heat sowohl mit Wärme- Öl- und Gaskessel in Bürogebäuden und Ge-
pumpen mit einer Jahresarbeitszahl größer bäuden des Einzelhandels.
148 M. Sterner, F. Eckert, N. Gerhardt, H.-M. Henning und A. Palzer

. Abb. 4.4  Transformation des Wärmebedarfs im Gewerbe-, Handel- und Dienstleistungssektor bis 2050, Phasen und
Meilensteine, nach [13]

2. Durch die Senkung der Vorlauftemperatur auf KWK und 9 % über Fernwärme bereitgestellt. Die
unter 60 °C steigt die Effizienz der Wärme- Wärmeversorgung erfolgt zu 86 % objektgebun-
pumpen. Es sollen vorwiegend Sole-Wasser- den und zu 14 % netzgebunden über Insel- und
Wärmepumpen mit Jahresarbeitszahlen > 4 Wärmenetze.
eingesetzt werden.
3. Eine weitere wichtige Rolle übernimmt die
KWK, die in dezentraler Form als Mini- 4.4.3 Industrie
BHKW sehr flexibel verschiedenste Wärme-
profile in diesem Sektor abdecken kann. Der Industriesektor unterscheidet sich stark von
4. Diese BHKW werden stromorientiert gefahren den anderen beiden Sektoren, da dort Raumwär-
(s. 7 Abschn. 14.1) und mit einem ausreichend me eine untergeordnete Rolle spielt und vor al-
großen Wärmespeicher ausgestattet, um wär- lem höhere Temperaturen für die Prozesswärme
meentkoppelt betrieben zu werden. Des Weite- benötigt werden. Dennoch hat dieser Sektor mit
ren werden Überschüsse aus Windstrom in der ca. 530  TWh/a Primärenergiebedarf erheblichen
Heizperiode über flexible Wärmepumpen mit Einfluss auf das Erreichen der Klimaschutzziele.
Wärmespeicher sowie BHKW mit Heizstäben Der Primärenergiebedarf kann über die folgen-
integriert. Die Nutzung holzartiger Biomasse den Maßnahmen in drei Phasen um 34 % auf ca.
verschiebt sich dagegen in den Haushaltssektor 350 TWh gesenkt werden (s. . Abb. 4.5).
zur Versorgung älterer Gebäude und in den
Bereich der Industrie für Prozesswärme. zz Effizienzsteigerung
5. Analog zu den Haushalten nimmt auch im In der ersten Phase spielt die Effizienzsteigerung
GHD-Sektor in der letzten Phase die Bedeu- durch einen Technologiewechsel die wichtigste
tung von Power-to-Heat in Form von Heiz- Rolle.
stäben gegenüber Wärmepumpen zu. In der 1. Wärmepumpen werden für Prozesswärme im
Fernwärmeversorgung setzen sich Kombina- niedrigen Temperaturbereich sowie für Raum-
tionen aus KWK und Wärmepumpen durch. wärme eingesetzt. Des Weiteren wird die di-
rekte Verbrennung fossiler Brennstoffe durch
Im Jahr 2050 werden 57 % des Endenergiebe- eine gekoppelte Nutzung von KWK ersetzt.
darfs über dezentrale Wärmepumpen, 21 % über Dadurch sinkt der Bedarf an Kohle und Erdöl.
4.5 • Paradigmenwechsel im Wärmesektor
149 4

. Abb. 4.5  Transformation des Wärmebedarfs im Industriesektor bis 2050, Phasen und Meilensteine, nach [13]

zz Rückgang gespeicherter fossiler Ab 2025 kann auf die Nutzung von Kohle für Indus-
Energieträger triewärme verzichtet werden. Auch Erdgas kann
Der zweite Meilenstein wird in zwei Schritten in zum Teil substituiert werden, verliert aber bis 2050
Phase zwei und drei umgesetzt. dennoch nicht an Bedeutung und deckt ein Viertel
2. Zunächst wird rein aus wirtschaftlichen Über- des Endenergiebedarfs. Holzartige Biomasse wird
legungen die direkte Nutzung von Strom in auf einen Anteil von 15 % verdoppelt. Hauptener-
Elektrodenkesseln in Temperaturbereichen gieträger in der Industrie wird erneuerbarer Strom.
bis 500 °C forciert. Ab 2035 werden vermehrt
Überschüsse aus erneuerbarem Strom inte-
griert, was mit PtH-Anlagen realisiert wird. 4.5 Paradigmenwechsel im
Dadurch können auch im oberen Temperatur- Wärmesektor
bereich der Prozesswärme gespeicherte fossile
Energieträger, allen voran Erdgas, ersetzt Im Wärmesektor kommt es wie auch im Stromsek-
werden. tor zu einem Paradigmenwechsel. Der Verbrauch
von fossilen Wärmeträgern wird bis 2050 stark
zz Starke Nutzung von Power-to-Heat abnehmen und im Gegenzug wird der Anteil an
Die dritte Phase ist analog den beiden anderen Sek- erneuerbaren Energien stark zunehmen. Dies be-
toren stark durch die Fluktuationen der erneuer- ruht zum einen darauf, dass die Effizienz sowohl in
baren Energien und durch die Sektorenkopplung privaten Haushalten durch Maßnahmen der ener-
geprägt. getischen Gebäudesanierung als auch in der Indus-
3. Die direkte Stromnutzung für Prozess- trie durch einen effizienteren Einsatz für Prozesse
wärme über Power-to-Heat wird im hohen steigen wird. Zum anderen wird ein großer Teil der
­Temperaturbereich ausgebaut. Warmwasser fossilen Brennstoffe durch erneuerbare Energien
wird durch Wärmepumpen erzeugt, Dampf ersetzt, seien es dezentrale Anlagen wie Solaranla-
über große KWK-Kraftwerke. Die direkte gen, Biomasseheizungen und Wärmepumpen oder
Nutzung von Strom in gekoppelten PtH-KWK netzgebundene Anlagen, insbesondere Biomasse-,
bzw. Wärmepumpen-KWK geht mit dem Geothermie- oder Solarthermieanlagen.
Rückgang von Groß-KWK einher.
150 M. Sterner, F. Eckert, N. Gerhardt, H.-M. Henning und A. Palzer

. Abb. 4.6  Strukturwandel in der Wärmeversorgung am Beispiel der Viessmann-Gruppe, nach [10]

4.5.1 Beispiel Wandel Erdöl – Erdgas 55 Elektroheizung: Strom wird für Prozesswärme
– erneuerbare Energien genutzt
55 Speicheröfen: Strom wird für Raumwärme
Beispielhaft für den Wechsel der Wärmeenergie- genutzt
träger ist die Entwicklung von Kohle, Erdöl und 55 Kraft-Wärme-Kopplung: Fossile Brennstoffe
Erdgas im letzten Jahrhundert. Wurde Anfang des werden effizienter in der gekoppelten Strom-
20.  Jahrhunderts vor allem im urbanen Bereich und Wärmebereitstellung genutzt,
zunächst die Biomasse durch Kohle ersetzt, folgte
später aufgrund der günstigen Verfügbarkeit Erd- kommen weitere neue Kopplungen hinzu:
öl, welches dann in den 1960er- und 1970er-Jahren 55 Elektrowärmepumpen: Strom wird zur effizi-
wiederum von Erdgas verdrängt wurde. Unter- enten Bereitstellung von Umweltwärme aus
nehmen der Heizungsbranche sind diesen Verän- der Luft, dem Erdboden oder aus Flüssigkeiten
derungen gefolgt und stellen sich auch auf einen wie Wasser in Kombination mit Wärme- und
zukünftigen Strukturwandel ein (s. . Abb. 4.6). Kältespeichern genutzt
In der Vergangenheit wurden immer nur ein- 55 Power-to-Heat: Über elektrische Widerstands-
zelne Energieträger zur Wärmeversorgung ver- heizungen oder Elektrowärmepumpen wird
wendet: zunächst Holz, dann Kohle, gefolgt von Öl überschüssiger Strom in Wärmenetzen und
und Gas. Heute und in Zukunft zeigt sich ein viel Wärmespeichern genutzt
breiteres Spektrum an Energieträgern: neben den 55 Power-to-Gas: Strom wird in Form von Gas
genannten noch Solarthermie, Geothermie, Biogas, im Wärmesektor (vorwiegend Prozesswärme),
Windgas, Solargas und alle Möglichkeiten der di- in Gaswärmepumpen und in der KWK ein-
rekten und indirekten Nutzung von erneuerbarem gesetzt.
Strom über Power-to-Heat.
Diese umfangreiche Verschmelzung der Sektoren
Strom und Wärme hat deutliche Auswirkungen auf
4.5.2 Strom als Primärenergie den Speicherbedarf im Stromsektor (s.  7  Kap.  3),
birgt enorme Potenziale zur Integration erneu-
Weiter wird sich der Paradigmenwechsel des erbarer Energien (s.  7  Abschn.  14.1) und ist eine
Stromsystems »Erneuerbarer Strom wird zur Pri- volkswirtschaftlich sehr nahe liegende Option zur
märenergie« auch in Form der Kopplung zwischen Gestaltung der Energieversorgung (s.  7  Kap.  10
Strom- und Wärmesektor und auf die Nutzung und  7  Kap. 11). In den weiteren Abschnitten dieses
entsprechender Speicher auswirken. Neben den Kapitels wird auf diese Paradigmenwechsel näher
bereits etablierten Kopplungen
4.6 • Speicherbedarf in einem Klimazielszenario für das Energiesystem Deutschland …
151 4
eingegangen. Zudem werden eine »Roadmap Wär- Wetterdaten untersucht und daraus der Speicher-
mewende« für alle Wärmesektoren und der entste- bedarf für Strom und Wärme abgeleitet (s. [15–18]).
hende Speicherbedarf ausgewiesen.
Definition
4.6.1 Szenariorahmen, Modell und
Power-to-Heat: Als Power-to-Heat (PtH) wird Annahmen
ein Energiewandler bezeichnet, der Strom
direkt oder indirekt in Wärme wandelt. Dieser Das Modell REMod-D nimmt eine auf Kosten ba­
Energiewandler kann mit einem anderen sierende Systemoptimierung des gesamten deut-
Wärmeerzeuger auf Basis eines chemischen schen Energiesystems mit besonderer Betrachtung
Energieträgers (Gas, Holz etc.) zu einem des Strom- und Wärmesystems für das Jahr 2050
­Hybridsystem kombiniert werden. vor, in dem als Ziel einerseits die Absenkung der
Dabei kann grundsätzlich zwischen der direk- gesamten energiebedingten CO2-Emissionen um
ten Nutzung über elektrische Widerstandshei- 85 % bezogen auf 1990 erfolgt und andererseits die
zungen (Heizstäbe, Boiler, Elektroheizkessel) Gesamtkosten für alle Komponenten minimiert
­
und der indirekten Nutzung durch Elektro- werden. Das Modell umfasst folgende Komponen-
wärmepumpen (Warmwasser-Wärmepumpen, ten, deren Größe innerhalb der Optimierung er­
Heizungs-/Kälte-Wärmepumpen, Großwärme- mittelt wird.
pumpen) unterschieden werden.
Beide Nutzungsarten eröffnen in Kombination zz Erzeugung
mit einem Wärmespeicher Potenziale, über- 55 Erneuerbare Quellen
schüssigen erneuerbaren Strom zu speichern 55 Photovoltaik
und über die Sektorenkopplung aus dem 55 Wind an Land
Wärmesektor heraus eine kostengünstige 55 Wind auf See
Flexibilität für den Stromsektor anzubieten. 55 Wasserkraft (nicht Gegenstand der Opti-
mierung, da Potenzial sehr begrenzt)
55 Biogas
4.6 Speicherbedarf in einem 55 Solarthermie
Klimazielszenario für das 55 Restbestand konventioneller Dampfkraft-
Energiesystem Deutschland im werke (Braun- und Steinkohle) (nicht
Jahr 2050 Gegenstand der Optimierung, sondern
Restbestand fix vorgegeben auf Basis der
Neben den Studien zum Speicherbedarf in einem »Sterbelinie« der Kraftwerke)
rein erneuerbaren Stromsektor (s. 7  Kap. 3) gibt es 55 Ausspeicherung aus Gasspeichern
die Studie »Energiesystem Deutschland 2050« des 55 Gas- und Dampfkraftwerke
Fraunhofer ISE, in der neben dem Speicherbedarf 55 zentrale Heizkraftwerke
im Stromsektor auch der Speicherbedarf im Wär- 55 dezentrale Blockheizkraftwerke (BHWK)
mesektor quantifiziert wird und in der sich der 55 Gas-Wärmepumpen
Paradigmenwechsel »Sektorenkopplung Strom- 55 Gas-Brennwertkessel
Wärme« vollumfänglich umsetzt (s. [16]).
In den fortlaufend weiterentwickelten Untersu- zz Speicher
chungen werden Kosten und Größenordnung der 55 Batteriespeicher
installierten erneuerbaren Energietechnologien 55 Gasspeicher (Wasserstoff, natürliches und
ähnlich der UBA-Studie und der VDE-Speicher- synthetisches Methan)
studie aus  7  Kap.  3 für ein deutsches Energiesys- 55 Pumpspeicher (nicht Gegenstand der Opti-
tem mit einem dominierenden Anteil erneuerbarer mierung, sondern fix vorgegeben, da Potenzial
Energien im stündlichen Zeitraster anhand realer in Deutschland begrenzt)
55 zentrale Wärmespeicher
55 dezentrale Wärmespeicher
152 M. Sterner, F. Eckert, N. Gerhardt, H.-M. Henning und A. Palzer

zz Verbrauch und Photovoltaik so hoch, dass die Überschüsse für


55 Strom einen Betrieb von Power-to-Gas zur Gewinnung
55 Niedertemperaturwärme (Raumwärme, von erneuerbarem Gas ausreichen (s.  7  Kap.  8).
Warmwasser) Ferner werden Stromüberschüsse mithilfe von
55 Brennstoffe für Prozesse in Gewerbe und In- Lastmanagement über Power-to-Heat in den Wär-
dustrie mespeichern gespeichert.
55 Verkehr Die ermittelten jährlichen Gesamtkosten
für dieses Energiesystem liegen im Bereich von
4 Anders als bei den Studien zum Stromsektor fließen 200  Mrd.  € und liegen damit auf dem gleichen
in die ISE-Studie auch alle relevanten Parameter Niveau wie die Kosten des heutigen, auf fossilen
zum Wärmesektor ein wie der Umfang der energe- Energieträgern basierenden Energiesystems mit
tischen Sanierung des Gebäudebestands oder Ka- ca. 220 Mrd. €. .  Abb. 4.7 zeigt die Ergebnisse der
pazitäten von Wärmespeichern. In der Studie wur- Simulation des Klimazielszenarios für Erzeugung,
den verschiedene Varianten gerechnet, wovon hier Speichereinsatz und Verbrauch.
ein System dargestellt wird, mit dem die deutschen Für den Speicherbedarf im Wärmesektor kann
Klimaschutzziele erreicht werden, jedoch immer demnach zwischen großen zentralen Wärmespei-
noch fossile Energieträger in kleinem Umfang Ver- chern, kleineren dezentralen Wärmespeichern und
wendung finden. Der Heizwärmeverbrauch des Gasspeichern für Methan unterschieden werden.
Gebäudebestands wird dabei durch Maßnahmen
der energetischen Gebäudesanierung auf ca. 50 % zz Zentrale Wärmespeicher
des heutigen Wertes gesenkt. Für zentrale Wärmespeicher wird eine Speicher-
Die installierte Leistung erneuerbarer Ener- kapazität von 641  GWh benötigt. Das Laden der
gieanlagen erreicht bei Windenergieanlagen ca. zentralen Wärmespeicher erfolgt mit 15 TWh/a aus
168  GW an Land und 33  GW auf See und erfor- Stromüberschüssen über Power-to-Heat und mit
dert eine installierte Leistung von PV-Anlagen von 43 TWh/a aus zentralen KWK, Groß-Wärmepum-
166 GW. pen an Wärmenetzen oder zentralen Solarthermie-
Als weiteres Ergebnis dominieren elektrische anlagen. 45 TWh/a dienen über das Entladen der
Wärmepumpen als Versorgungstechnik zur Be- Speicher der Deckung der Wärmelast, der Rest sind
reitstellung von Niedertemperaturwärme. Dieses Speicher- und Netzverluste.
Ergebnis erklärt sich daraus, dass Wärmepum-
pen einerseits eines der effizientesten Systeme zur zz Dezentrale Wärmespeicher
Wärmebereitstellung sind und dass sie zudem Elektrowärmepumpen und gasbefeuerte Anlagen
negative Regelleistung vorhalten, d. h. Stromüber- plus kleinere Solarthermieanlagen in Verbindung
schüsse zeitlich flexibel aufnehmen können und mit dezentralen Speichern dienen bei Gebäuden,
sich daher sehr gut zur Verknüpfung der beiden die nicht über Wärmenetze versorgt werden, der
Sektoren Strom und Wärme eignen. Dies gilt umso Deckung der Wärmelast. Die Speicherung der
mehr, wenn Wärmepumpen in Verbindung mit Wärme ist hier essenziell, da die Elektrowärme-
Wärmespeichern gefahren werden und dadurch pumpe erneuerbare Stromüberschüsse ausgleicht
ein stromorientierter Betrieb ermöglicht wird und deshalb nicht bedarfsorientiert gefahren wird,
(s. 7 Abschn. 14.1). sondern soweit möglich angebotsorientiert – also
stromorientiert.
Solarthermische Anlagen benötigen von Grund
4.6.2 Ergebnisse zum Speichereinsatz auf einen Wärmespeicher. Gaswärmepumpen oder
im Wärmebereich Gasbrennwertkessel dagegen, die entweder mit
Biogas, Windgas oder Solargas gespeist werden,
In dem ausgewählten Klimazielszenario mit einer können bedarfsgerecht eingesetzt werden und spei-
Gesamtreduktion energiebedingter CO2-­Emission­ sen deshalb nicht in dezentrale Wärmespeicher ein.
en um 85 % bezogen auf den Referenzwert im Jahr Analog zu zentralen Wärmespeichern nehmen
1990 sind die installierten Leistungen aus Wind auch dezentrale Wärmespeicher über Power-to-
4.6 • Speicherbedarf in einem Klimazielszenario für das Energiesystem Deutschland …
153 4

. Abb. 4.7  Ergebnisse aus dem Klimazielszenario für das Energiesystem Deutschland in 2050. Neben Batterie- und
Pumpspeichern werden Gasspeicher für erneuerbares Methan benötigt. Wärmespeicher sind essenziell zur Erreichung der
Klimaschutzziele. Sie werden über flexible KWK, Wärmepumpen, Solarthermie und Power-to-Heat (Elektroheizer) geladen,
nach [16]

Heat Stromüberschüsse auf. Insgesamt ergibt sich für Methan aus Power-to-Gas-Anlagen berechnet.
so eine Einspeicherung in dezentrale Wärmespei­ Diese Gasspeicher werden sowohl für den Strom-
cher von 20 TWh/a, welche in der Ausspeicherung als auch für den Wärmesektor benötigt und mit
16 TWh/a der Wärmelast decken. Die restliche Ener- Windgas und Solargas gefüllt.
gie wird von den jeweiligen Heizungstechnologien In Summe werden pro Jahr 32 TWh aus Power-
und anteilig von Solarenergie direkt bereitgestellt. to-Gas-Anlagen eingespeist, und hierfür wird eine
Speicherkapazität von 12 TWh benötigt, was 4,2 %
zz Gasspeicher – Methanspeicher der heute verfügbaren Gasspeicherkapazität von
Die dritte Speicherart, die in der Studie im Wär- 280 TWh darstellt. Die Entladung dieser Speicher
mesektor Anwendung findet, sind Methanspeicher. erfolgt über die bereits existierende Gasinfrastruk-
Neben der bereits heute schon existierenden Gas- tur, sodass das Gas sowohl im Stromsektor als auch
infrastruktur wird im Modell eine Speichergröße im Wärmesektor Verwendung findet.
154 M. Sterner, F. Eckert, N. Gerhardt, H.-M. Henning und A. Palzer

. Abb. 4.8  Entwicklung verschiedener Speichertechnologien bis zum Jahr 2050 nach einem Klimazielszenario. Der
größte Speicherbedarf entsteht bei Wärmespeichern für die Kurzzeitspeicherung, gefolgt von stationären Batteriespei-
chern, Power-to-Gas (Wasserstoff, Methan) und Power-to-Liquid. Dies zeigt die bedeutende Rolle, die Wärmespeicher in
der Energiewende spielen, nach [14]

zz Abhängigkeit des Bedarfs an Power-to-Gas und zz Notwendigkeit von Power-to-Gas bei nationaler


Gasspeichern von CO2-Zielen Betrachtung ab 85 % CO2-Emissionsreduktions­
Ein weiteres wichtiges Ergebnis ist, dass der Bedarf zielen
an Windgas und Solargas, die im System die Bei Reduktionswerten von 85 % und darüber ist
Funktion eines Langzeitspeichers übernehmen,
­ – zumindest bei einer rein nationalen Betrach-
stark vom Zielwert der energiebedingten CO2-­ tung – die Wandlung von Wind- und Solarstrom
Emissionen abhängt. in synthetische Energieträger über Power-to-Gas
Bei einer Reduktion der CO2-Emissionen auf ­unabdingbar, um zu jedem Zeitpunkt den Bedarf
80 % des Referenzwertes (1990) sind nur in gerin- in allen Verbrauchssektoren zu decken.
gem Umfang synthetischen Brennstoffe für den Entsprechend steigt die notwendige installierte
Strom- und Wärmesektor notwendig, allerdings Einspeicherleistung für Power-to-Gas mit zuneh-
werden synthetische Brennstoffe für den motori- mendem Bedarf an synthetischen Brennstoffen
sierten Individualverkehr benötigt. überproportional an, da diese Wandlungsketten
Zusammen mit Biomasse und noch vorhande- mit vergleichsweise niedrigen Wirkungsgraden ge-
nen fossilen Energieträgern stehen dem Energie- koppelt sind (s. . Abb. 4.8).
system jedoch noch ausreichend Brennstoffe zur
Verfügung, um Strom und Wärme komplementär zz Tabellarischer Überblick zum Speicherbedarf
zu fluktuierenden erneuerbaren Energien bereitzu- im Wärmesektor
stellen. Dies ändert sich bei höheren Zielwerten der .  Tab. 4.1 zeigt eine Übersicht zu den Ergebnissen
Absenkung energiebedingter CO2-Emissionen. des 85 %-Szenarios im Hinblick auf den Speicher-
bedarf und Speichereinsatz. Darin sind die Spei-
cherkapazitäten enthalten, welche bei einem Sys-
tem, das hauptsächlich auf erneuerbaren Energien
4.7 • Überschüsse, Speicherbedarf und Speicherpotenziale
155 4

. Tab. 4.1  Übersicht über Speicherbedarf und Speichereinsatz im Wärmesektor bei einem Energiesystem basie-
rend auf einer 85 %igen Reduktion der CO2-Emissionen in Deutschland (PtH: Power-to-Heat; PtG: Power-to-Gas),
nach [15–18]

Zentrale Dezentrale Gasspeicher (H2 und


Wärmespeicher Wärmespeicher CH4)

Speicherkapazität 25  Mio. m³ Wasser Ca. 8 Mio. 800 l-Einheiten 12 TWh

Einspeicherung Gesamt 58 TWh/a 20 TWh/a 154 (H2) und 32 (CH4)


TWh/a

Stromüberschüsse 15  TWh/a (PtH) 6  TWh/a (PtH) 186  TWh/a (PtG)

Zentrale KWK + Wärmepumpen und 43 TWh/a - -


zentrale Solarthermie

Dezentrale Elektrowärmepumpen mit - 4 TWh/a -


Solarthermie

Dezentrale Solarthermie bei - 10 TWh/a -


Gas-Wärmepumpenanlagen

Biomasse - - 335 TWh/a

Ausspeicherung (nur Wärmesektor) 45 TWh/a 16 TWh/a 167  TWh/a (inkl.


fossiles Gas)

Gaswärmepumpen - - 83 TWh/a

KWK - - 84 TWh/a

basiert, benötigt werden sowie die ein- und ausge- den Faktor 15 höher als die von Batteriespeichern
speicherten Energiemengen pro Jahr. oder Power-to-Gas.

zz Entwicklung des Bedarfs an Wärmespeichern


.  Abb. 4.8 zeigt die Entwicklung von Wärmespei- 4.7 Überschüsse, Speicherbedarf
chern im Vergleich zu anderen Energiespeichern und Speicherpotenziale
wie Batteriespeicher, Power-to-Gas (Wasserstoff,
Methan) und Power-to-Liquid. 4.7.1 Überschüsse im Wärmesektor
Die Entwicklung zeigt, dass vor allem Wär-
mespeicher im Einsatz als Kurzzeitspeicher einen Die Frage der Überschüsse stellt sich im Stromsek-
signifikanten Beitrag zu einer erfolgreichen, kos- tor anders als im Wärmesektor. Während Strom-
tengünstigen Energiewende leisten. Kurzfristig überschüsse aus Photovoltaik und Wind offen-
sind diese ebenso wie stationäre Batteriespeicher sichtlich anfallen und als Herausforderung erkannt
als Kurzzeitspeicher gefragt. Erst mittelfristig wird werden, wird im Wärmesektor anders damit um-
Power-to-Gas Wasserstoff wichtig. In der letzten gegangen. Der Energieträger für Wärme ist meist
Phase der Transformation ab 2040 wird zusätzlich bereits gespeicherte Solarenergie in Form von Öl,
Power-to-Gas Methan in großem Stil benötigt. Po- Kohle, Gas oder Biomasse.
wer-to-Liquid hat einen wachsenden, aber relativ
konstanten Bedarf im Bereich der Langstrecken- zz Überschüsse aus Solarenergie
mobilität (Flugverkehr, Schifffahrt etc.) (s.7 Kap. 5). Erneuerbare Überschüsse entstehen derzeit fast
Insgesamt spielen aber die Wärmespeicher mit nur in der Solarthermie, und zwar zu Zeiten, in
die wichtigste Rolle unter den Energiespeichern: denen der Wärmespeicher bereits voll ist. An die-
Ihre Speicherkapazität ist im Szenariojahr 2050 um sen Tagen mit hoher Solareinstrahlung und wenig
156 M. Sterner, F. Eckert, N. Gerhardt, H.-M. Henning und A. Palzer

Wärmebedarf – also vorwiegend im Sommer – einspeisen. Pilotprojekte werden derzeit mit mo-
kommt der Solarkreislauf in der Solaranlage nach bilen Latentwärmespeichern umgesetzt, welche die
Füllen des Speichers zum Erliegen. In der Folge Biogaswärme mit Lkw zu Wärmesenken transpor-
erhöht sich die Temperatur der wärmetragenden tieren (s. [2]).
Flüssigkeit im Kollektor stark auf etwa 200 °C, so- Analog zu Biogasanlagen können sich Anla-
dass diese verdampft. Die damit einhergehende gen verhalten, die konventionelles Gas verstromen
Volumenausdehnung des Mediums führt zu einer oder Festbrennstoffe wie Holz oder Kohle nutzen.
Druckerhöhung, die durch ein Membran-Druck- Im Bereich der industriellen KWK gibt es teilweise
4 ausdehnungsgefäß (MAG) aufgefangen wird, was aufgrund des Anreizes zur Stromeigenerzeugung
die Solaranlage vor Schäden bewahrt. Nachdem reine »stromgeführte« KWK, welche Wärme ent-
die Solareinstrahlung zurückgegangen ist, sinken weder zeitweise wegkühlen oder in ein Wärmenetz
die Temperaturen im Kollektor, das Gas konden- einspeisen. Als Maßnahme der Energieeffizienz,
siert und Druck und Temperatur in der Anlage sin- die bereits etabliert ist, wird teilweise diese KWK-
ken. Auf diese Art und Weise werden Schäden zwar Abwärme oder generell industrielle Prozessabwär-
vermieden, aber die Überschüsse nicht gespeichert me bei geeignetem Temperaturniveau wieder zur
oder genutzt. Abhilfe würde der Einsatz eines grö- Stromerzeugung eingesetzt.
ßeren Wärmespeichers, eines Eisspeichers, der die
Wärme über die Erstarrungs- und Schmelzwärme zz Verwertung von Überschüssen aus Kern- und
im Phasenübergang von Wasser speichert, oder die Kohlekraftwerken
Einspeisung der Wärme in ein Wärmenetz schaf- Die Kraft-Wärme-Kopplung zur Nutzung der ver-
fen, welches auch die Funktion eines Puffers über- fügbaren Abwärme aus Kernkraftwerken wurde nie
nehmen kann (s. 7 Kap. 10). realisiert, da einerseits die anfallenden Wärmemen-
gen sehr groß sind und andererseits örtlich dort an-
zz Überschüsse aus stromgeführter KWK und fallen, wo kein entsprechender Wärmebedarf vor-
Biogasaufbereitung handen ist. Fernwärmenetze an Kernkraftwerken
Die Mehrzahl der Biogasanlagen wandelt das er- wurden ebenfalls aus verschiedenen Gründen wie
zeugte Gas vor Ort in Strom um. Dabei fällt Abwär- mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz nicht um-
me an, die oft nicht genutzt, sondern an die Umwelt gesetzt.
abgegeben wird. Der Hauptgrund ist der fehlende Stattdessen wurde zur besseren Auslastung der
Wärmebedarf vor Ort, d. h. eine fehlende Wärme- Kernkraftwerke eine frühe Form der Kopplung von
senke. Wenngleich im Winter der Bedarf gegeben Strom- und Wärmesektor bereits umfangreich in
ist, fehlt im Sommer die Verwendung für die Wär- den 1960er- – 1980er-Jahren in Form von Nacht-
me. Saisonale Wärmespeicher können im Prinzip speicherheizungen praktiziert. Die Auslastung der
diese zeitliche Bedarfslücke schließen (s. 7 Kap. 10). Kraftwerke und Netze in der Nacht konnte da-
Alternativ dazu kann die Energie über Energienet- durch deutlich gesteigert werden. .  Abb. 4.9 zeigt
ze verteilt werden: entweder über die Einspeisung die Entwicklung des normierten Stromverbrauchs
und Verteilung der Wärme in Wärmenetze oder über einen Tag. In Frankreich wurde sehr ähnlich
über die Aufbereitung von Biogas und seine Ein- verfahren mit dem Ergebnis einer sehr stark strom-
speisung und Verteilung über das Gasnetz, das basierten Wärmeversorgung; in Belgien wurden zu
die zusätzliche Option der Gasspeicherung bie- diesem Zweck die Autobahnen nachts beleuchtet.
tet. Die Rückverstromung erfolgt im letzteren Fall Ziel war in allen Fällen die Integration der
idealerweise in dezentralen Blockheizkraftwerken »Stromüberschüsse« aus der fossilen und nuk-
(BHKW) unter Nutzung der Wärme. learen Stromwirtschaft. Aus diesem Grund haftet
Ein weiterer Weg zur Lösung des Problems Nachtspeicherheizungen noch eine negative Kon-
einer fehlenden Wärmesenke vor Ort ist die Um- notation an. Technisch gesehen bieten vorhandene
setzung von Mikrogasleitungen für Rohbiogas Nachtspeicheröfen mit einer installierten Leistung
mit Satelliten-BHKW, die dann in mehreren Kilo- von etwa 35 GW in Haushalten und GHD das größ-
metern Entfernung der Biogasanlagen Wärme in te Potenzial für Lastmanagement in Deutschland
eine größere Wärmesenke oder ein Wärmenetz (s. 7 Abschn. 3.1 und 7 Kap. 11).
4.7 • Überschüsse, Speicherbedarf und Speicherpotenziale
157 4

. Abb. 4.9  Entwicklung des normierten Tageslastprofils in Deutschland von 1960–1996

4.7.2 Entwicklung des zz Speicherbedarf für die Strom-Wärme-


Speicherbedarfs Kopplung: KWK
Wenn die KWK-Wärme räumlich nicht mit dem
zz Speicherbedarf für Erdöl, Kohle und Gas Wärmebedarf zusammenfällt, werden Wärmenetze
Mit dem Rückgang von Erdöl- und Kohleheizun- benötigt; wenn sie nicht gleichzeitig auftritt, sind
gen sinkt auch der Bedarf an Brennstoffspeichern Wärmespeicher erforderlich.
in der Wärmeversorgung. .  Tab. 4.2 zeigt die vor­ Die Wärmenetze an sich stellen bereits einen ge-
aussichtliche Entwicklung der jeweiligen Wärme- wissen Puffer dar, welcher aber auch aufgrund der
träger von 2010 bis zum Jahre 2050 (nach [7]). Den Temperaturwechsel mit erhöhten Kosten für den
größten Rückgang verzeichnen Erdöl und Kohle, Erhalt der Wärmenetze verbunden ist. Deswegen
aber auch bei Erdgas findet eine klare Reduzierung wird diese Pufferkapazität von 1–2 h nur teilweise
statt. Entsprechend wird der Markt für Ölspeicher und sehr individuell von Stadtwerken genutzt.
und Kohlelager kleiner. Die Gasspeicher behalten Wärmespeicher für KWK werden besonders
eine wichtige Rolle, da sie von Bedeutung für die im Zuge der Flexibilisierung der KWK mehr
KWK und kompatibel mit erneuerbarem Gas (Bio- denn je benötigt, da sich dadurch der bisher
gas, Windgas, Solargas) sind. übliche wärmegeführte Betrieb weitgehend auf
158 M. Sterner, F. Eckert, N. Gerhardt, H.-M. Henning und A. Palzer

. Tab. 4.2  Entwicklung des Bedarfs an fossiler Energie und KWK im Wärmesektor, nach [7]

TWh 2010 2020 2030 2050

Gase (Industrie-/Prozessgas) 583 504 385 81

Erdöl 277 132 74 13

Kohle 107 69 49 14

KWK 106 127 99 70

4 Industrielle KWK 68 64 52 30

einen stromgeführt-wärmeentkoppelten ­umstellen Wärmespeichers entweder für Power-to-Heat oder


lässt. Für den Einsatz kommen sensible und la- als KWK-Anlage sinnvoll sein. Für Prozesswärme
tente Wärmespeicher infrage. Limitiert wird die im Hochtemperaturbereich werden derzeit keine
Speicherkapazität oft vom verfügbaren Standort Speicher für KWK oder Power-to-Heat eingesetzt.
und von der Wirtschaftlichkeit. Die Auslegung des Sie sind heute zusätzlich zur bestehen thermischen
Speichers ist ebenso standortabhängig und indi- Trägheit der Heizsysteme technisch nicht notwen-
viduell (s. [4, 11]). Besonders zum Tragen kommt dig, können aber zukünftig eine wichtige Rolle
ein Wärmespeicher erst bei einer sehr hohen Aus- spielen (s. 7 Kap. 11 und 7 Abschn. 14.1).
legung der KWK-Wärmeleistung bezogen auf die Für den Einsatz von Power-to-Heat im Haus-
Jahreshöchstlast im Wärmenetz. In diesem Fall ist haltsbereich ist in den bestehenden Pufferspei-
eine größere Flexibilität vorhanden, auch große chern bereits eine meist ausreichende Speicherka-
Speicherpotenziale auszuschöpfen. Aufgrund die- pazität vorhanden. Auch wenn Power-to-Heat an
ser Unsicherheiten in technischer Auslegung und dieser Stelle keinen zusätzlichen Speicherbedarf
individueller Wirtschaftlichkeit ist es abseits der verursacht, können Wärmespeicher dennoch in
generellen Entwicklung der KWK schwer, einen Kombination mit einer relativ kostengünstigen
speziellen KWK-Speicherbedarf zu prognostizie- Überdimensionierung der Power-to-Heat-Leistung
ren (s. . Tab. 4.2). langfristig zur Integration von Einspeisespitzen
von Wind und PV und zur Verbesserung des Zu-
zz Speicherbedarf für die Strom-Wärme- sammenspiels zwischen Power-to-Heat und Power-
Kopplung: Power-to-Heat und to-Gas genutzt werden. Konkrete Zahlen für Ein-
Elektrowärmepumpen speicherleistungen im GW-Bereich und Einspei-
Für den Einsatz von Strom ist entsprechend seinen cherdauern (ca.  1–6  h) von Wärmespeichern für
Anwendungen zu differenzieren. Power-to-Heat sind in .  Abb. 4.14 und .  Abb. 4.15
Power-to-Heat (z. B. Heizstab, Elektroheizkes- dargestellt.
sel, Widerstandsheizungen, große Wärmepumpen) Für monovalente elektrische Wärmepumpen
ist als ein elektrischer Wärmeerzeuger in einem führt ein Wärmespeicher aufgrund des notwen-
bivalenten oder hybriden System zu definieren. digen Wärmetauschers zu Effizienzeinbußen im
Damit ist Power-to-Heat von monovalenten Gegensatz zur ausschließlichen Nutzung der Fuß­
elektrischen Wärmeerzeugern wie Nachtspeicher- bodenheizung oder der Gebäudemasse. Um diese
heizungen oder dezentrale elektrische Wärme- Flexibilitätsoption dennoch zu nutzen, wäre auf-
pumpen zu trennen. Power-to-Heat stellt zwar grund der Leistungszahl (Coefficient of performance
eine wichtige Flexibilitätsmaßnahme für KWK COP, s.  7  Abschn. 8.5) ein sehr großer Speicher im
dar. Eine Kombination mit einem Speicher kann Verhältnis zur verschiebbaren Strommenge not-
aber auch zu einer zusätzlichen Verringerung der wendig. Eine konkrete Dimensionierung ist indi­
KWK-Auslastung führen und damit in Konkur- viduell wirtschaftlich zu prüfen. Im Bereich der
renz zu KWK stehen. Je nach Wirtschaftlichkeit Eigenstromerzeugung mit Photovoltaik besteht
­
des Gesamtsystems kann hier die Auslegung eines
4.7 • Überschüsse, Speicherbedarf und Speicherpotenziale
159 4

. Abb. 4.10  Globaler jährlicher Zubau an Solarkollektoren von 2000–2010, nach [11]

anderseits ein Anreiz, die Temperatur des Wär­ Wärmenetzen orientieren. Hier ist gerade für die
mespeichers deutlich zu erhöhen, wodurch der Solarthermie ein großer saisonaler Speicher es-
Speicherwirkungsgrad wegen des höheren Tem­
­ senziell (s.  7  Kap.  10). Anders als in Asien, wo
peraturgefälles sinkt, der Eigenstromanteil aber er- viele neue Systeme installiert werden, bestehen
höht werden kann. Die Anpassung des rechtlichen in Deutschland aber hohe Unsicherheiten zur zu-
Rahmens zum Eigenstromverbrauch kann hier Än­ künftigen Marktentwicklung.
derungen herbeiführen. Im Bereich der Nachtspei- Bis 2050 könnte der Markt für Solaranlagen
cherheizungen ist die thermische Speicherkapazität nach einem Szenario der IEA um den Faktor  10
in den Anlagen vorhanden und im Vergleich zur wachsen (s.  .  Abb.  4.11). Neben Solarenergie für
Wärmepumpe aufgrund des Wirkungsgrades von Raumwärme und Warmwasser kämen Anwendun-
100 % auch in der entsprechenden Größe für die gen für niederkalorische Prozesswärme und Kälte
elektrische Last wirksam. (Solar Cooling, z. B. über Eisspeicher) immer mehr
zum Tragen (s. [6]). Der Speicherbedarf würde für
zz Speicherbedarf für Solaranlagen alle Segmente bis auf die Prozesswärme ähnlich
Der Bedarf an Wärmespeichern für Solaran­ zum Ausbau der Solaranlagen anwachsen.
lagen ist nur schwer zu quantifizieren. Ein An-
haltspunkt ist der Ausbau der Solarthermie:
Während in Deutschland die jährlichen Zubau- 4.7.3 Speicherpotenziale
raten in den letzten Jahren rückläufig waren, liegt
vor allem in Asien ein großer Wachstumsmarkt Anders als bei Strom, der leicht transportiert und
(s.  .  Abb.  4.10). Der solarthermische Zubau in verteilt werden kann, ist im Wärmesektor die Be-
Deutschland wird im Bereich der Warmwasser- reitstellung der Wärme bereits heute meist mit
erzeugung zu einem geringen und im Bereich einem Speicher oder zumindest mit der thermi-
der Heizungsunterstützung zu einem größeren schen Masse des Heizsystems und der Wärmever-
Mehrbedarf an Wärmespeichern führen. Hohe teilung gekoppelt und lokal begrenzt, da die Er-
Erwartungen liegen zukünftig in den netzgekop- zeugung und der Verbrauch viel träger sind als bei
pelten Systemen, die sich stark an den dänischen Strom und Transport und Verteilung von Wärme
160 M. Sterner, F. Eckert, N. Gerhardt, H.-M. Henning und A. Palzer

. Abb. 4.11  Roadmap-Vision der IEA zum Ausbau von Solaranlagen bzw. Wärmespeichern, nach [6]

aufgrund der Wärmeverluste eingeschränkt wird. Beispiel


Im Folgenden werden Speicherpotenziale für die Ein Beispiel ist der Fernwärmespeicher des Groß-
Versorgung des Wärmesektors mit erneuerbarer kraftwerks Mannheim. Hierbei handelt es sich um
Energie betrachtet. einen Wassertank aus Stahl mit folgenden Parame-
tern:
zz Potenziale sensibler Wärmespeicher 55 Höhe 36 m,
Sensible Wärmespeicher in Einzelgebäuden wer- 55 Durchmesser 40 m,
den heute überwiegend in Verbindung mit Heiz- 55 Speichervolumen 43.000 m3, aufheizbar bis
kesseln verwendet. Hier haben sie in erster Linie 98 °C,
die Funktion, ein zu häufiges Takten des Brenners 55 Speicherkapazität 1500 MWh,
zu unterbinden. Dieses Speichervolumen spielt 55 Ein- und Ausspeicherleistung 250 MW.
allerdings als Zwischenspeicher für erneuerbare
Energien bis auf Power-to-Heat mit PV praktisch Dieser Speicher dient der Flexibilisierung der
keine Rolle. Ansonsten werden sensible Wärme- Stromerzeugung bei gleichzeitiger Wärmenutzung
speicher vor allem in Verbindung mit thermischen in Verbindung mit dem Fernwärmenetz im Rhein-
Solaranlagen verwendet. Typische Speicher für Neckar-Raum.
Einfamilienhäuser reichen von rund 200 l für reine
Warmwasseranlagen bis zu Speichern mit 1–2  m3 Bei sehr großen Speichervolumen sind drucklose
Wasservolumen für solarthermische Anlagen für Wärmespeicher (< 100 °C) wirtschaftlich im Vor-
Warmwasser und Heizungsunterstützung. Der- teil. Dem steht ein höherer Aufwand für die hy­
artige Speicher könnten zukünftig eine wachsende draulische Einbindung in die deutschen Wärmenet-
Rolle insbesondere in Kombination mit Wärme- ze mit Temperaturen von bis zu 130 °C gegenüber.
pumpen spielen, da dadurch ein stromgeführter Druckbehaftete Speicher (> 100 °C, kaskadenartige
Betrieb von Wärmepumpen möglich wäre. Kopplung von Metallzylindern) ermöglichen mehr
Große Wärmespeicher in Wärmenetzen sind in technische Freiheitsgrade, sind aber wesentlich
Deutschland noch nicht die Regel; allerdings gibt teurer und dadurch im Gesamtvolumen begrenzt.
es im Zuge der Förderung des KWK-Gesetzes von
2012 einen starken Anreiz in Deutschland, Fern-
wärmenetze mit Speichern zu erweitern.
4.7 • Überschüsse, Speicherbedarf und Speicherpotenziale
161 4
Beispiel ­Laden des Speichers und die Erstarrungswärme für
In Dänemark – mit Temperaturen der ­Wärmenetze das Entladen genutzt werden. Als Ein- und Aus-
deutlich unter 100 °C – findet derzeit ein starker Zu- speichertechnologie werden Wärmetauscher in
bau von großen Wärmespeichern mit Wassermen- Kombination mit Wärmepumpen und Solarkollek-
gen von einigen Tausend m³ bis über 100.000  m3 toren genutzt.
Speichervolumen statt. Teilweise werden diese Thermochemische Speicher könnten ebenfalls
auch als tiefe Teiche ausgelegt. Diese Speicher sind eine Rolle für die Langzeitwärmespeicherung in
an Wärmenetze gekoppelt und ermöglichen die Gebäuden – z. B. in Verbindung mit solarthermi-
flexible Einspeicherung – je nach Stromtarif – von schen Anlagen – spielen, wenn es gelingt, kosten-
Wärme aus KWK-Anlagen, Wärme von elektrischen günstige Systeme zu entwickeln. Um eine Wirt-
Groß-Wärmepumpen, die mit kostengünstigen schaftlichkeit bei großen Investitionskosten und
Stromüberschüssen aus Windenergie betrieben geringen Zyklenzahlen zu gewährleisten, ist noch
werden, oder Wärme aus solarthermischen Groß- weitere Forschungs- und Entwicklungstätigkeit er-
anlagen. forderlich.

Im weiter gefassten Sinne, stellt auch die Ge- zz Potenziale über Power-to-Gas, Gasspeicher
bäudemasse einen sensiblen Wärmespeicher dar und KWK oder Gaswärmepumpen
(s.  7  Kap.  11). Durch die Erhöhung der Tempera­ Die heute größte genutzte Speicherkapazität für
tur um 1–2 °C kann dieses Potenzial unter vertret- Wärme hängt mit dem Hauptenergieträger für
baren Verlusten und Komfortansprüchen genutzt Wärme zusammen: die Erdgasspeicher. Sowohl
werden. Gerade für dezentrale Anwendungen wie Kavernen- als auch Porenspeicher können Biogas,
elektrische Wärmepumpen oder Mini- und Mikro- Windgas oder Solargas aufnehmen und haben das
BHKW stellt dies ein interessantes wirtschaftliches Vermögen, etwa ein Sechstel des jährlichen Wär-
Potenzial dar. mebedarfs in Deutschland zu speichern: 217 TWh
chemisch gespeicherte Energie vs. 1430  TWh
zz Potenziale latenter und thermochemischer thermischer Wärmebedarf (s.  7  Abschn.  3.3 und
Wärmespeicher 7  Abschn. 8.4). Die Entladung der Gasspeicher er-
Latentwärmespeicher sind dadurch gekenn- folgt über KWK oder Gaswärmepumpen.
zeichnet, dass Wärme bei konstanter Temperatur
ein- und ausgespeichert werden kann. Bei ther- zz Potenziale über Power-to-Heat in
mochemischen Wärmespeichern kann Wärme Abhängigkeit von der Durchdringung mit
weitgehend verlustfrei auch über lange Zeiträume Elektrowärmepumpen
gespeichert werden. Beide Speichertechnologien In der Verbindung von Strom- und Wärmesektor
kommen bislang jedoch im Wesentlichen in Spe- kann Power-to-Heat eine große Rolle spielen, wes-
zialanwendungen zum Einsatz und spielen keine halb zeitlich hochaufgelöste Wärmelastgänge für
wesentliche Rolle für die Speicherung großer Ener- die quantitative Abschätzung der Speicherpoten-
giemengen im Energiesystem (s. 7 Kap. 10). ziale wichtig sind. In .  Abb.  4.12 sind prognosti-
Latentwärmespeicher in Form von in der Ge- zierte Wärmelastgänge für das Jahr 2050 aus Unter-
bäudemasse integrierten P­ hasenwechselmaterialien suchungen des Fraunhofer IWES in Kassel darge-
(phase change materials PCM) haben ein zu- stellt. Dabei wird auf die BMU- Langfristszenarien
künftiges Potenzial in der Klimatisierung von 2012 (s.  [7]) in Hinblick auf die Entwicklung des
­Räumen. In Verbindung mit Klimaanlagen ­können Wärmebedarfs zurückgegriffen (s. 7 Abschn. 3.2).
sie über das Lastmanagement eine Speicher­ Die Nutzung von Power-to-Heat als bivalentes
funktion für schwankende Strommengen dar­ Element eines Hybrid-Systems erschließt für Wär-
stellen, ohne Einschränkungen im Nutzungs- mespeicher die Möglichkeit der Integration erneu-
komfort zu verursachen. Eine andere Ausführung erbarer Stromüberschüsse. Diese durch die Spei-
von Latentwärmespeichern sind Eisspeicher, cherung von Strom und Wärme bivalente Art der
in denen die Schmelzkälte für das thermische Energiespeicherung hat Vorteile, da diese Anlagen
162 M. Sterner, F. Eckert, N. Gerhardt, H.-M. Henning und A. Palzer

. Abb. 4.12  Wärmelastgänge über alle Sektoren im Jahr 2050 nach den BMU-Langfristszenarien 2012, nach [3]

kurzfristig sowohl negative als auch positive Aus- prognostiziert (s.  [1]). Das konservative Szenario
gleichsleistung liefern können. Power-to-Heat-An- geht von einem Modernisierungsstau im Bereich
lagen tragen zur positiven Regelleistung bei, indem der Gebäudesanierung und Heizungserneuerung
sie bei geringer erneuerbarer Stromeinspeisung mit entsprechend hohen Wärmelasten aus. Das op-
vom Netz gehen und den Strom bei Strommangel timistische Szenario sieht hingegen eine Beschleu-
zur Verfügung stellen. Alternativ fahren KWK-An- nigung der Heizungsmodernisierung und eine
lagen hoch, stellen über die Stromeinspeisung die Steigerung der Sanierungsraten vor. Beide Ent-
Regelleistung bereit und speichern die Wärme im wicklungen wurden durch das Fraunhofer IWES
bivalent genutzten Wärmespeicher. bis 2050 fortgeschrieben, sodass im optimistischen
Theoretisch ergibt sich aus den betrachteten Szenario ca. 50 % des Wärmebedarfs im Bereich
Wärmelastgängen in .  Abb.  4.12 ein sehr großes Warmwasser und Heizung für Haushalte und Ge-
Leistungspotenzial für Power-to-Heat von ca. werbe durch dezentrale elektrische Wärmepumpen
200  GW im Winter bis ca. 50  GW im Sommer. gedeckt werden. Im Vergleich dazu sind es im kon-
Aufgrund der geringen Investitionskosten von ca. servativen Szenario nur ca. 12 %. Zuzüglich werden
100 €/kW ist Power-to-Heat besonders gut für den im optimistischen Szenario große Wärmepumpen
Einsatz hoher Leistungsspitzen von relativ wenigen in Fernwärmenetzen statt Elektroheizkessel einge-
Stunden im Jahr geeignet. Allerdings ist Power-to- setzt. Im Sommer stellt die Solarthermie eine Sensi-
Heat nur in bivalenten Heizsystemen sinnvoll, da tivität für Prozesswärme < 100 °C, Raumwärme und
im Niedertemperaturbereich deutlich effizientere Trinkwarmwasser dar, die das Potenzial für Power-
Alternativen wie Elektrowärmepumpen zur Verfü- to-Heat weiter reduzieren könnte. Die weiteren
gung stehen, die mit zunehmenden erneuerbaren Betrachtungen beziehen sich auf das optimistische
Anteilen am Strommix eine größere Rolle spielen Szenario.
werden. . Abbildung. 4.13 zeigt die erneuerbaren Strom-
In der Branchenprognose für 2011 des Bundes- überschüsse aus den in  7  Kap. 3 vorgestellten Stu-
verbands für Wärmepumpen wurde die Entwick- dien (BMU-Langfristszenarien 2010, Szenario er-
lung des Wärmepumpenmarktes bis 2030 in einem neuerbare Vollversorgung Strom, Wärme und Ver-
konservativen und einem optimistischen Szenario kehr und UBA-Studie mit 100 % Wärmepumpen
4.7 • Überschüsse, Speicherbedarf und Speicherpotenziale
163 4

. Abb. 4.13  Wärmelast und Power-to-Heat-Leistung im optimistischen Szenario für 2050 im Vergleich mit den Strom-
überschüssen aus den BMU-Langfristszenarien 2010 und der UBA-Studie, nach [3]

. Abb. 4.14  Wärmelast und Power-to-Heat-Leistung im konservativen Szenario für 2050 im Vergleich mit den Strom-
überschüssen aus den BMU-Langfristszenarien 2010 und der UBA-Studie, nach [3]

und annähernd Passivhausstandard) und die Wär- die stündlichen Wärmelastgänge deutlich über-
melast des optimistischen Szenarios für 2050. In schreitet. Zum einen wird die Wärmehöchstlast
diesen Untersuchungen des Fraunhofer IWES steht nicht gleichzeitig an allen Orten in Deutschland
bei einem relativ geringen Anteil von Wärmepum- abgerufen und zum anderen sind im konservativen
pen im Jahre 2050 im Wärmesektor ein Leistungs- Szenario noch viele Heizungssysteme enthalten, die
potenzial für Power-to-Heat von 169 GW im Winter die Möglichkeit zur Integration großer Power-to-
zur Verfügung (inkl. Wärmepumpen), die mit der Heat-Leistungen haben(. Abb. 4.13).
Auslegung der dezentralen Heizstäbe in Pufferspei- Die gleiche Darstellung von Stromüberschüs-
chern auf die Wärmehöchstlast zur Gewährleistung sen, Wärmelast und Power-to-Heat-Leistung ist für
der Versorgungssicherheit begründet ist und daher das konservative Szenario in .  Abb. 4.14 zu sehen.
164 M. Sterner, F. Eckert, N. Gerhardt, H.-M. Henning und A. Palzer

. Abb. 4.15  Wärmelast, Einspeicherleistung für Wärmespeicher, Power-to-Heat-Leistung und maximale Einspeicher-
dauer im optimistischen Szenario für den typischen Wärmeschwachlastfall (Sommernacht) in 2050. Darin sind folgende
Parameter enthalten: die direkte potenzielle Wärmelastdeckung durch Power-to-Heat ohne Speicherung (blaue Balken,
12 h Mittelwert), die notwendige Einspeicherleistung des Wärmespeichers für Power-to-Heat (rote Balken, 12 h Mittelwert),
die installierte Einspeicherleistung von Power-to-Heat (grüne Punkte) und die maximale Einspeicherdauer des Wärme-
speichers durch Power-to-Heat bezogen auf die roten Balken (orange Punkte). Wird die Wärmelast durch Solarthermie
gedeckt, erscheinen die Balken in grau, nach [3]

Bei einem hohen Anteil von Wärmepumpen (auch bivalentes Heizelement, unabhängig von der instal-
in der Fernwärme) und einer entsprechend hohen lierten Heizungsleistung. Unter der Annahme re-
Auslastung der Pufferspeicher beträgt das Leis- präsentativer Speichergrößen für die einzelnen An-
tungspotenzial von Power-to-Heat dagegen 86 GW wendungsbereiche im Jahr 2050 könnten mit dieser
(inkl. Wärmepumpen)(s. [3]). Leistung 184 GWh oder 0,18 TWh Strom bzw. nach
Power-to-Heat hat das Potenzial, bis auf wenige Abzug der solarthermischen Einspeicherung im-
Ausnahmen alle Stromüberschüsse zu integrieren. merhin noch 69 GWh oder 0,07 TWh gespeichert
Die Schöpfung dieses Potenzials ist von den Rand- werden. Bei dieser Auslegung von Power-to-Heat
bedingungen Strommarktdesign, alternative erneu- wird bereits ein großer Teil der Energie ohne einen
erbare Wärmequellen wie elektrische Wärmepum- Bedarf zur Speicherung direkt in Wärme umgesetzt
pen und Solarthermie und von der Entwicklung und über das Lastmanagement systemdienlich ein-
der Gebäudesanierung abhängig. Wärmespeicher gesetzt.
werden hierbei sehr wichtig für die Aufnahme von Im Sommer ist die größte Last bei der Prozess-
Stromüberschüssen über die Kombination von Po- wärme und dem Warmwasser anzusetzen, wohin-
wer-to-Heat als Element einer bivalenten Heizung. gegen im Winter zusätzlich Niedertemperaturwär-
.  Abbildung  4.15 und .  Abb.  4.16 zeigen den me für Raumwärme hinzukommt. Als Minimum
Beitrag von Power-to-Heat als bivalentes Heizele- ergibt sich im Sommer für den Schwachlastfall in
ment in Kombination mit verschiedenen Wärme- der Nacht (Mittelwert über 12 h) eine Einspeicher-
technologien und dezentralen Wärmepumpen in leistung von 25 GW bzw. 20 GW unter Abzug der
den unterschiedlichen Wärmesektoren im opti- Solarthermie, bei dem direkt Stromüberschüsse im
mistischen Szenario für den typischen Wärme- Wärmesektor integriert und genutzt werden. Für
schwachlastfall (Sommernacht) und Wärmestark- den Starklastfall am Tag ergibt sich als Maximum
lastfall (Wintertag). im Winter ein Einspeicherpotenzial von 82  GW.
Wird ein hoher Grad an solarthermischen An- Die möglichen verschiedenen Einspeicherdau-
lagen in Deutschland berücksichtigt, liegt das Po- ern sind sehr anwendungs- und lastfallspezifisch
wer-to-Heat-Potenzial bei 38 GW im Sommer als (s. [3]).
4.8 • Zusammenfassung
165 4

. Abb. 4.16  Wärmelast, Einspeicherleistung für Wärmespeicher, Power-to-Heat-Leistung und maximale Einspeicher-
dauer im optimistischen Szenario für den typischen Wärmestarklastfall (Wintertag) in 2050. Darin sind folgende Para­
meter enthalten: die direkte potenzielle Wärmelastdeckung durch Power-to-Heat ohne Speicherung (blaue Balken, 12 h
Mittelwert), die notwendige Einspeicherleistung des Wärmespeichers für Power-to-Heat (rote Balken, 12 h Mittelwert), die
installierte Einspeicherleistung von Power-to-Heat (grüne Punkte) und die maximale Einspeicherdauer des Wärmespei­
chers durch Power-to-Heat bezogen auf die roten Balken (orange Punkte). Wird die Wärmelast durch Solarthermie g
­ edeckt,
erscheinen die Balken in grau, nach [3]

4.8 Zusammenfassung 55 Den sektorenkoppelnden Energiespeichern


wie Power-to-Heat und Elektrowärmepumpen
55 Der Bedarf an Niedertemperaturwärme samt Wärmespeichern kommt daher zukünf-
(Raumwärme, Warmwasser) wird zukünftig tig eine tragende Rolle zu.
deutlich abnehmen. Hier spielt die energe- 55 Über Wärmespeicher federt der Wärmesektor
tische Sanierung des Gebäudebestands die kostengünstig große Schwankungen des er-
wichtigste Rolle, aber auch die Umsetzung neuerbar geprägten Stromsektors ab.
von Energieeffizienzmaßnahmen in Gewerbe, 55 Wegbereitend dafür ist die Reduktion der
Handel und Dienstleistungen weist erhebliche Systemtemperaturen über anspruchsvolle
Potenziale auf. Effizienzstandards und Technologiewechsel,
55 Der verbleibende Wärmebedarf wird zu- die eine strombasierte Wärmeversorgung
nehmend erneuerbar gedeckt werden, wobei ermöglichen.
elektrische Wärmepumpen (Umweltwärme) 55 Die Kraft-Wärme-Kopplung bleibt in allen
deutlich an Bedeutung gewinnen werden und Sektoren eine wichtige Technologie, welche im
zusammen mit Solarthermie, Geothermie und stromorientierten Betrieb über Wärmenetze
Biomasse sowie Power-to-Gas in Kopplung und Wärmespeicher wärmeentkoppelt in
von Strom-, Gas- und Wärmesektor über hybrider Kombination mit Spitzenlastkesseln
KWK und Gaswärmepumpen die Hauptsäulen und Elektroheizungen eine hohe Flexibilität
bilden. Es ist zu erwarten, dass trotz starker erreicht.
Reduktion des Wärmebedarfs der Speicher- 55 Warmwasser wird in allen Sektoren zuneh-
bedarf im Wärmesektor insgesamt zunimmt, mend über Elektrowärmepumpen bereitge-
da der steigende Anteil erneuerbarer Energien stellt, idealerweise über eine Kombination mit
einen wachsenden zeitlichen Ausgleich er- PV-Anlagen.
fordert. 55 Der Primärenergiebedarf des Haushaltssek-
55 In allen drei Sektoren Haushalte, GHD und tors liegt unter dem Endenergiebedarf für
Industrie wird Strom im Laufe der Transfor- Raumwärme, da vermehrt Wärmepumpen
mation zum Hauptenergieträger der Wärme- zum Einsatz kommen und die dadurch gewon-
bereitstellung.
166 M. Sterner, F. Eckert, N. Gerhardt, H.-M. Henning und A. Palzer

nene Umweltwärme nicht als Primärenergie 55 Erneuerbare Strompotenziale für Prozess-


gerechnet wird. wärme
55 Die Nutzung holzartiger Biomasse verschiebt –– Strombasierte Hochtemperatur-Pro-
sich aus dem GHD-Sektor in den Haushalts- zesswärme wird zunehmend durch
sektor zur Versorgung älterer Gebäude und in erneuerbaren Strom gedeckt.
den Industriebereich für Prozesswärme. –– Für flexible Prozesswärmeanwendun-
55 Durch die direkte Stromnutzung werden auch gen ergeben sich Chancen in der Be-
im oberen Temperaturbereich der Prozess- reitstellung von Regelleistung.
4 wärme gespeicherte fossile Energieträger –– Power-to-Gas erschließt für Prozess-
durch erneuerbare Energien ersetzt. wärme den Zugang zu erneuerbaren
55 Ab 2025 ist ein Ausstieg aus der Kohlenut- Energien in Kombination mit Power-
zung für Industriewärme möglich, fossiles to-Heat.
und erneuerbares Gas behalten dennoch lang- 55 Nutzung der Potenziale von Power-to-Gas
fristig auch eine tragende Bedeutung. –– Mehr als die Hälfte der deutschen
55 Der Paradigmenwechsel im Wärmesektor Haushalte verfügen über einen Gas-
vollzieht sich vor allem in den vielfältigen anschluss, worüber eine erneuerbare
Möglichkeiten der Wärmebereitstellung, die Wärmeversorgung ohne große Um-
nicht mehr nur auf Öl oder Gas beschränkt baumaßnahmen vor Ort und auch in
ist. Prägend werden sich die Kopplung und Mietswohnungen möglich wird.
Konvergenz von Strom- und Wärmesektor –– Erneuerbares Gas kann in Gaswärme-
auswirken, die mit folgenden Veränderungen pumpen, KWK und Gaskesseln für
einhergehen: Hochtemperatur-Prozesswärme ein-
55 Flexibilisierung der KWK, darin gesetzt werden.
–– Umstellung des wärmegeführten –– Erneuerbares Gas kann effizient in
Betriebs auf einen stromgeführten-­ bivalenten und hybriden Anwendun-
wärmeentkoppelten Betrieb gen genutzt werden, wie z. B. Gas-
–– Ausbau und Nutzung von zentralen wärmepumpe, KWK oder Gaskessel
und dezentralen Wärmespeichern für in Kombination mit einem einfachen
diesen Zweck Heizstab, einer großen Elektrowärme-
55 Aktivierung der Potenziale von Power-to- pumpe oder einem Elektroheizkessel.
Heat und Elektrowärmepumpen als Flexi- 55 Hinsichtlich des Speicherbedarfs können
bilitätsoption über verschiedene Trends abgeleitet werden:
–– dezentrale Elektrowärmepumpen in –– Trotz abnehmenden Wärmebedarfs
Wärmepuffern von Haushalten wird der Bedarf an Wärmespeichern
–– zentrale Elektrowärmepumpen für aufgrund der Nutzung erneuerbarer
Wärmenetze und Wärmespeicher Energien und stromgeführter-wärme-
–– kurzfristig: zentrale Elektroheizer entkoppelter KWK zunehmen.
(elektrische Widerstandsheizungen) –– Gleichzeitig gewinnt die Integration
in Wärmenetzen des Wärmesektors über seine Kopp-
–– dauerhaft: zentrale Elektroheizer in lung und Konvergenz mit dem Strom-
der Industrie für Hochtemperatur-­ sektor an Bedeutung.
Prozesswärme –– Im gleichen Zug werden Wärmespei-
–– dezentrale Elektroheizer in Wärme- cher aus Sicht des Stromsektors sehr
speichern von Haushalten in Verbin- wichtig, da sie der thermischen Erzeu-
dung mit Photovoltaik gung im Stromsektor mehr Flexibili-
55 Ausbau der Wärmenetze zur Nutzung von tät verleihen können.
zentraler KWK und großen Wärmepumpen –– Der zusätzliche Energiebedarf im
Sommer für Kühlung und Klimati­
Literatur
167 4
sierung kann einen neuen Bedarf an der Entwicklung in Europa und global. Schlussbericht
BMU – FKZ 03MAP146. Deutsches Zentrum für Luft-
Kältespeichern schaffen, die idealer-
und Raumfahrt; Fraunhofer-Institut für Windenergie
weise als Kombination von Wärme- und Energiesystemtechnik; Ingenieurbüro für neue
und Kältespeicher ausgeführt werden Energien. Bundesmin. für Umwelt Naturschutz und Re-
wie z. B. in Form von Eisspeichern. aktorsicherheit, Berlin
–– Überschüsse aus Solarthermie und 8. Palzer A, Henning H (2013) A future German energy
system with a dominating contribution from renewable
KWK können über Wärmenetze und
energies: a holistic model based on hourly simulation.
Wärmespeicher genutzt werden. Energy Technol. doi:10.1002/ente.201300083
–– Die Speicherpotenziale für den 9. Palzer A, Henning H (2014) A comprehensive model
Wärmesektor in Form von Wärme- |for the German electricity and heat sector in a future
und Gasspeichern sind sehr groß energy system with a dominant contribution from
renewable energy technologies – Part II: results. Renew
und können über die verschiedenen
Sustain Energy Rev 30(0):1019–1034. doi:10.1016/j.
Einspeichertechnologien wie KWK, rser.2013.11.032
Power-to-Heat und Power-to-Gas er- 10. Reuter M (2013) Power-to-Gas: Biological methanization;
schlossen werden. first at a municipal sewage plant. 8. International Renew­
–– Wärmespeicher besitzen in der Ener- able Energy Storage Conference – Session Power-to-Gas,
Berlin
giewende mit die wichtigste Funktion
11. Schulz W, Brandstätt C (2013) Flexibilitätsreserven auf
unter den Energiespeichern. Ihre be- dem Wärmemarkt. Studie für den Bundesverband Er-
nötigte Speicherkapazität übersteigt neuerbare Energie e. V. (BEE) und dem Energieeffizienz-
den Speicherbedarf an Strom- und verband für Wärme, Kälte und KWK e. V. (AGFW), Fraun-
Kraftstoffspeichern in den anderen hofer-Institut für Fertigungstechnik und Angewandte
Materialforschung IFAM, Bochum
Energiesektoren bei Weitem.
12. Weiss W, Mauthner F (2012) Solar Heat Worldwide – Mar-
kets and Contributions to the Energy Supply 2010. Solar
Heating and Cooling Programme, AEE INTEC, Gleisdorf,
Literatur Österreich
13. Gerhardt N, Sandau F, Scholz A, Hahn H, Schumacher P,
1. BWP (2013) BWP-Branchenstudie 2013. Szenarien und S Christina, Bergk F, Kämper C, Knörr W, Kräck J, Lamb-
politische Handlungsempfehlungen. Daten zum recht U (2015) Interaktion EE-Strom, Wärme und Verkehr.
Wärmepumpenmarkt bis 2012 und Prognosen bis 2030. Analyse der Interak+6tion zwischen den Sektoren
Bundesverband Wärmepumpe e. V., Berlin Strom, Wärme/Kälte und Verkehr in Deutschland in Hin-
2. Deckert M, Binder S, Hornung A (2013) Mobiler Latent- blick auf steigende Anteile fluktuierender Erneuerbarer
wärmespeicher auf dem Prüfstand – Wärme nimmt Energien im Strombereich unter Berücksichtigung der
Fahrt auf. BWK VDI-Springer-Verlag 65(9):34–37 europäischen Entwicklung. Ableitung von optimalen
3. Gerhardt N (2013) Potentialanalyse für Power-to-Heat. strukturellen Entwicklungspfaden für den Verkehrs- und
3. VDI-Fachkonferenz Energiespeicher für die Energie- Wärmesektor, Kassel
wende 2013, Mainz 14. Hans-Martin Henning AP (2015) System- und Kostenent-
4. Gores S, Harthan R, Hermann H et al (2013) Perspektiven wicklung einer Klimaschutzkompatiblen Transformation
der Kraft-Wärme-Kopplung im Rahmen der Energie- des deutschen Energiesystems bis 2050. Sektor- und
wende. BMU Studie, Öko-Institut e. V., Berlin Energieträgerübergreifende, modellbasierte Unter-
5. Henning H, Palzer A (2014) A comprehensive model suchung zur schrittweisen Reduktion energiebedingter
for the German electricity and heat sector in a future CO2- Emissionen durch Energieeffizienz und den Einsatz
energy system with a dominant contribution from Erneuerbarer Energien von heute bis zum Jahr 2050,
renewable energy technologies – Part I methodology. Freiburg
Renew Sustain Energy Rev 30:1003–1018. doi:10.1016/j. 15. Henning H, Palzer A (2014) A comprehensive model
rser.2013.09.012 for the German electricity and heat sector in a future
6. IEA (2013) Technology roadmap: solar heating and energy system with a dominant contribution from
cooling 2050. IEA – International Energy Agency, Paris renewable energy technologies – Part I Methodolo-
7. Nitsch J, Pregger T, Sterner M et al (2012) Langfrist- gy. Renewable Sustainable Energy Rev 30:1003–1018.
szenarien und Strategien für den Ausbau der erneuer- doi:10.1016/j.rser.2013.09.012
baren Energien in Deutschland bei Berücksichtigung
168 M. Sterner, F. Eckert, N. Gerhardt, H.-M. Henning und A. Palzer

16. Henning H, Palzer A (2015) Was kostet die Energiewen-


de? Sektor- und Energieträgerübergreifende, modell-
basierte Untersuchung zur System- und Kostenentwick-
lung einer klimaschutzkompatiblen Transformation des
deutschen Energiesystems bis 2050
17. Palzer A, Henning H (2013) A Future German Energy
System with a Dominating Contribution from
­Renewable Energies: A Holistic Model Based on
Hourly Simulation. Energy Technology. doi:10.1002/
ente.201300083
4 18. Palzer A, Henning H (2014) A comprehensive model for
the German electricity and heat sector in a uture energy
system with a dominant contribution from renew­
able energy technologies – Part II: results. Renewable
Sustainable Energy Rev 30(0):1019–1034. doi:10.1016/j.
rser.2013.11.032
169 5

Speicherbedarf im Verkehrs-
und Chemiesektor
Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner (FENES OTH Regensburg)

Fabian Eckert (FENES OTH Regensburg): Abschnitte 5.3, 5.5, 5.6


Prof. Dr. Hans-Martin Henning (Fraunhofer ISE): Abschnitt 5.5
Tobias Trost (Fraunhofer IWES): Abschnitte 5.2, 5.4

Übersicht
Im Verkehrssektor steht die Energiewende noch am Anfang: Der erneuer-
bare Anteil an Kraftstoffen beträgt 5 % und beschränkt sich neben geringen
Anteilen am elektrischen Schienenverkehr fast ausschließlich auf Biokraftstof-
fe. Dabei verbraucht der Verkehrssektor, also der Straßen-, Luft-, Schiffs- und
Schienenverkehr, etwa 30 % der Endenergie Deutschlands, und die Abhängig-
keit vom Energieträger Erdöl ist mit über 90 % noch sehr hoch. Damit verbun-
den liegt der Anteil der Klimagas-Emissionen dieses Sektors bei 20 %.
Der dadurch notwendige Strukturwandel in der Mobilität ist eng verknüpft
mit der Frage der Antriebsenergie und damit der Energiespeicherung. Mit
Ausnahme von Fahrzeugen, die direkt wind- und solarbetrieben sind, ist Mobi-
lität ohne Speicherung nicht möglich: Kraftstofftanks in Automobilen, Tank-
stellen und Flugzeugen sind allgegenwärtig.
Im Mittelpunkt der Betrachtungen zum Speicherbedarf im Verkehrssektor
steht die Frage, wie diese Speicher mit erneuerbaren Energien über Bio- und
Stromkraftstoffe genutzt werden können bzw. welchen Speicherumfang neue
Antriebstechnologien wie die Elektromobilität benötigen. Zuvor wird ein Blick
auf den Bedarf an Mobilität heute und in Zukunft geworfen.
Im Chemiesektor ist die Situation dem Verkehrssektor sehr ähnlich: Es herrscht
eine massive Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen, und die Dekarbonisie-
rung ist zum Erreichen ambitionierter Klimaziele unausweichlich. Der dadurch
bedingte Strukturwandel zur Wandlung und Einspeicherung erneuerbaren
Stroms als Primärenergie über Power-to-X führt zu einem Bedarf an Speicher-
kapazitäten. Erste Abschätzungen dazu runden dieses Kapitel ab.

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


M. Sterner, I. Stadler (Hrsg.), Energiespeicher – Bedarf, Technologien, Integration,
DOI 10.1007/978-3-662-48893-5_5
5.1 Grundlagen und Ziele im Verkehrssektor – 171
5.1.1 Ausgangslage und Entwicklung der letzten Jahrzehnte – 171
5.1.2 Zielsetzungen im Verkehrssektor – 171

5.2 Entwicklung des Mobilitätsbedarfs – 172


5.2.1 Entwicklung der Bevölkerung – 173
5.2.2 Entwicklung der Wirtschaftsleistung – 173
5.2.3 Bandbreite der Entwicklung des Bedarfs in
Personen- und Güterverkehr – 173

5.3 Entwicklung der Energie- und Kraftstoffversorgung – 173


5.3.1 Entwicklung im Personenverkehr – 173
5.3.2 Entwicklung im Güterverkehr – 175
5.3.3 Entwicklung des Energiemix im Verkehrssektor – 176

5.4 Paradigmenwechsel im Verkehrssektor – 178


5.4.1 Elektrifizierung der Mobilität über Batterien und
Stromkraftstoffe – 179
5.4.2 Integration erneuerbarer Energien als Grundpfeiler
der Mobilität – 182

5.5 Speicherbedarf im Verkehrssektor – 182


5.5.1 Heutiger Speicherbedarf – 182
5.5.2 Speicherbedarf in einem zu 50 % erneuerbar versorgten
Mobilitätssektor – 183
5.5.3 Speicherbedarf in der Studie des Fraunhofer ISE – 184
5.5.4 Speicherstudie für die Agora Energiewende – 185

5.6 Speicherbedarf in der chemischen Industrie – 186


5.6.1 Rohstoffverbrauch heute und im Jahr 2050 – 187
5.6.2 Benötigte Power-to-X-Leistung für die chemische Industrie – 188

5.7 Zusammenfassung – 188

Literatur – 191
5.1 •  Grundlagen und Ziele im Verkehrssektor
171 5
5.1 Grundlagen und Ziele im 5.1.2 Zielsetzungen im Verkehrssektor
Verkehrssektor
Die Bundesregierung hat sich in ihrem Energie-
5.1.1 Ausgangslage und Entwicklung konzept entsprechend ehrgeizige Energie- und
der letzten Jahrzehnte Klimaschutzziele für den Verkehrssektor gesetzt
wie z. B. die Reduktion des Endenergieverbrauchs
Der Verkehrssektor wird durch die Energiewende um 10 % bis 2020 und um 40 % bis 2050 gegenüber
ebenso vom Strukturwandel erfasst wie die beiden dem Basisjahr 2005. Darüber hinaus soll der »Na-
anderen Sektoren Strom und Wärme. Die Abhän- tionale Entwicklungsplan Elektromobilität« umge-
gigkeit vom Energieträger Erdöl ist im Verkehrs- setzt werden und die Anzahl der Elektromobile in
sektor am stärksten ausgeprägt. Die Mobilität ist Deutschland auf 1 Mio. in 2020 und 6 Mio. in 2030
in ihrem Wesen – bis auf die geringen Leistungen anwachsen (s. [3]).
des Verkehrs über elektrische Oberleitungen – Flankiert werden diese Pläne durch Ziele der
nicht ohne mobile und stationäre Energiespeicher Europäischen Kommission, die eine Senkung der
denkbar. Treibhausgasemissionen im Verkehrssektor gegen-
Mineralölbasierte Kraftstoffe sind seit Jahr- über 1990 um 60 % bis 2050 vorsehen (s. [4]), sowie
zehnten die Energiebasis des Verkehrssektors und durch freiwillige Selbstverpflichtungen einzelner
hatten 2013 einen Anteil von über 90 % an dessen Branchenverbände. Die internationale Luftfahrt-
Endenergieverbrauch (s. .  Abb.  5.1). Das stetige industrie IATA strebt beispielsweise ein CO2-neu­
Wachstum des Verkehrssektors wird durch Effi- trales Wachstum ab dem Jahr 2020 an (s. [6]). Die
zienzsteigerungen in den Antriebstechnologien freiwilligen Selbstverpflichtungen sind allerdings
kompensiert, sodass der Endenergieverbrauch umstritten und haben sich in der Vergangen-
weitgehend konstant blieb (Suffizienz). Während es heit – vor allem in der Automobilindustrie – als
in den letzten Dekaden einen deutlichen Wechsel nicht immer wirksam erwiesen.
von Benzin zu Diesel gab, kamen ab den 2000er- Daher wurden auf EU-Ebene Ziele gesetzt, die
Jahren Biokraftstoffe und Erdgas in geringen Men- ab 2021 den durchschnittlichen CO2-Ausstoß der
gen hinzu. Neben Benzin- und Dieselkraftstoffen Fahrzeugmodelle der Automobilhersteller auf 95 g
haben insbesondere Kraftstoffe für den Luftver- CO2-Äquivalent pro km limitieren. Darüber hin-
kehr einen signifikanten Anteil. Biokraftstoffe aus sind in der EU-Kommission Quotenziele für
deckten 2013 etwa 4 % (30,5  TWh) des Endener- Biokraftstoffe von ca. 5 % und für Stromkraftstoffe
gieverbrauchs. Der ausgewiesene Stromanteil von (Power-to-Gas, Power-to-Liquid) von 2,5 % vorge-
2 % (12 TWh) wird heute vorrangig im Bereich des sehen (s. [5]).
Schienenverkehrs eingesetzt.
Diese Zahlen verdeutlichen die großen Heraus-
Definition
forderungen einer nachhaltigen Energieversorgung
und -nutzung, vor denen der Verkehrssektor steht. Stromkraftstoffe sind chemische Energie-
Insbesondere der motorisierte Individualverkehr, träger auf der Basis von elektrischer Energie,
auf den 2010 etwa 56 % des Endenergieverbrauchs die über die Elektrolyse von Wasser und einer
des Verkehrssektors entfielen, steht vor einem optionalen Synthese (Power-to-Gas, Power-to-
strukturellen Wandel (s. [8]). Vor diesem Hinter- Liquid) hergestellt werden und in der Mobilität
grund werden der Einsatz von alternativen Kraft- eingesetzt werden. Beispiele sind Wasserstoff,
stoffen und Antriebskonzepten zur CO2-Reduktion Methan (Windgas), Methanol und Fischer-
und Maßnahmen hierzu national und international Tropsch-Kraftstoffe (Winddiesel, Windkerosin).
diskutiert und beschlossen.
172 M. Sterner, F. Eckert, H.-M. Henning und T. Trost

5
. Abb. 5.1  Endenergieverbrauch des Verkehrssektors in Deutschland nach Energieträgern zwischen 1990 und 2013 in
TWh, nach [1]

Neben diesen übergeordneten Zielen hinsichtlich 55 Infrastruktur


Flottenverbrauch, Kraftstoffmix und Antriebstech- 55 Die Verkehrsabläufe sollen optimiert wer-
nologien plant die Bundesregierung ferner die Um- den.
setzung einer nachhaltigen Mobilitäts- und Kraft- 55 Die Infrastruktur für alternative Kraftstoffe
stoffstrategie auf Basis des etablierten Leitmotivs wie Wasserstoff soll initiiert werden.
»weg vom Öl«, die folgende wesentliche Punkte zu
Energieträgern (Energieversorgung), Infrastruktur Zur Umsetzung der Ziele werden Maßnahmen in
(Transport und Speicherung) und Antriebskonzep- allen Mobilitätsbereichen erforderlich sein, die sich
ten (Energieeffizienz) umfasst (s. [2]): in folgende Kategorien einteilen lassen:
55 Klimaziele und Energieträger 55 Personenverkehr
55 Straßenpersonenverkehr und Schienenver- 55 Güterverkehr
kehr werden eng mit den Klimazielen und
erneuerbaren Energien verbunden. und
55 Für Verkehrsträger mit hoher Erdölabhän- 55 Straßenverkehr
gigkeit und dem Bedarf an Energieträgern 55 Schienenverkehr
mit hoher Energiedichte (Flug, Schifffahrt, 55 Schiffsverkehr
Gütertransport, Arbeitsmaschinen) sollen 55 Luftverkehr
tragfähige Zukunftskonzepte erarbeitet
werden, die vor allem auf Biokraftstoffe und Jeder Bereich und die Kombination der Bereiche
Stromkraftstoffe zurückgreifen (Biokerosin, stellen individuelle Anforderungen an Energieträ-
Power-to-Liquid, erneuerbares LNG). ger, Infrastruktur, Antriebstechnologien und damit
55 Die Energiebasis des Verkehrs soll mit an Energiespeicher.
alternativen Kraftstoffen diversifiziert und
verbreitert werden, um die Abhängigkeit
von wenigen fossilen Energieträgern zu 5.2 Entwicklung des
reduzieren. Mobilitätsbedarfs
55 Antriebskonzepte
55 Innovative Antriebstechnologien sollen Die Frage des Speicherbedarfs ist eng verknüpft
etabliert werden. mit dem Mobilitätsbedarf. Laut der Studie »Zu-
55 Die Effizienz von Verbrennungsmotoren kunft der Mobilität« des Instituts für Mobilitätsfor-
soll gesteigert werden. schung (ifmo) hängt dieser von zwei wesentlichen
Faktoren ab, nämlich von der demografischen
5.3 •  Entwicklung der Energie- und Kraftstoffversorgung
173 5
Entwicklung und von der Entwicklung der Wirt- 5.2.3 Bandbreite der Entwicklung des
schaftsleistung (s. [7]). Bedarfs in Personen- und
Güterverkehr

5.2.1 Entwicklung der Bevölkerung Neben der IFMO-Studie gibt es eine Vielzahl wei-
terer Forschungsergebnisse, in denen die Entwick-
Der demografische Wandel zeigt sich in allen Le- lung von Personen- und Güterverkehr prognosti-
bensbereichen und wirkt sich damit auch auf die ziert wurde (s. .  Tab. 5.1). Bei einem direkten Ver-
Mobilität aus. Eine zunehmende Urbanisierung gleich der einzelnen Studienergebnisse zeigt sich
führt zu einem geringeren Mobilitätsbedarf der Be- eine ganz ähnliche Tendenz in der Abschätzung
völkerung auf dem Land und stellt höhere Anfor­ der zukünftigen Verkehrsleistung. Insgesamt ist ein
derungen an die urbane Logistik und Infrastruktur. signifikanter Anstieg der Güterverkehrsleistung in
Die Intermodalität, also das Wechseln verschiede- den kommenden Jahrzehnten zu erwarten, wohin-
ner Verkehrsträger, wird immer häufiger genutzt gegen die Personenverkehrsleistung weitestgehend
werden (s. [11]). Neben der Konzentration der Be- konstant bleibt.
völkerung in Ballungsräumen steigt der Anteil an
Älteren, die andere Mobilitätsbedürfnisse haben als
junge Menschen. Unter jungen Leuten ist ein ge- 5.3 Entwicklung der Energie- und
wisser Mentalitätswechsel zu beobachten: Das Auto Kraftstoffversorgung
als Statussymbol verliert zunehmend an Stellenwert
gegenüber anderen Lifestyle-Attributen wie Mo- Analog zu den vorhergehenden Kapiteln zum Spei-
biltelefonen. Damit einhergehend sinkt auch der cherbedarf im Strom- und Wärmesektor werden
Bedarf an individuellen Fahrzeugen, und andere die Betrachtungen zum Personen- und Güterver-
Konzepte wie Carsharing gewinnen an Popularität. kehr aus den BMU-Langfristszenarien verwendet.
Auch das Umweltbewusstsein und die ihm zugrun- Neben diesen DLR-, IWES- und IfnE-Studien
de liegenden Ansprüche an die Mobilität sind in den gibt es weitere wesentliche Studien zur Mobilität,
letzten Jahren gestiegen. Insgesamt gehen die meis- die in .  Tab.  5.1 aufgeführt sind: Einige Studien
ten Betrachtungen von einem weitgehend konstan- gehen seitens der Energieversorgung eher kon-
ten Mobilitätsbedarf im Personenverkehr aus. servativ von einer weiterhin starken Dominanz
konventioneller Energieträger aus; andere Studien
sehen wiederum einen progressiven Wandel des
5.2.2 Entwicklung der Verkehrssektors vor allem auf Basis der Elektro-
Wirtschaftsleistung mobilität. Die hier gewählten BMU-Langfristsze-
narien stellen einen Mittelweg dar (s. [10]).
Die Wirtschaftsleistung als indirektes Maß für die
erzeugten und verbrauchten Güter in der nationalen
und globalen Volkswirtschaft ist eng verknüpft mit 5.3.1 Entwicklung im Personenverkehr
dem Gütertransport. Daneben wirkt sie sich auch
direkt auf die Einkommensentwicklung und damit . Abbildung 5.2 zeigt die Entwicklungen der Fahr-
auf den Personenverkehr aus. Der Zusammenhang leistung im Personenverkehr und den Energiemix
zwischen Wirtschafts- und Verkehrsleistung zeigt in Deutschland von 2005 bis 2050. Die Fahrleistung
sich jedoch im Güterverkehr am stärksten, weshalb im Personenverkehr steigt tendenziell an, bleibt
sich ein starkes Wirtschaftswachstum sehr deutlich aber durch den demografischen Wandel über den
in einem erhöhten Gütertransportaufkommen wi- betrachteten Zeitraum nahezu konstant.
derspiegelt. Von diesem Trend wird in den meisten Beim Energiemix ist ein deutlicher Rückgang
Szenarien und Untersuchungen ausgegangen. der fossilen Kraftstoffe zu sehen. Erneuerbarer
Strom und erneuerbare Kraftstoffe ersetzen sie
174 M. Sterner, F. Eckert, H.-M. Henning und T. Trost

. Tab. 5.1  Prognosen der zukünftigen Personen- und Güterverkehrsleistungsentwicklung, nach [7, 9, 10, 12, 17]

Studie 2010 2020 2030 2050

Personenverkehrsleistung in Mrd. Personenkilometern

DLR, IWES, IFNE (2012): BMU- Langfristszenarien 2011 1129 1153 1147 1053

WWF Deutschland (2009): Modell Deutschland Klimaschutz bis 2050 – 1093a 1111 1104 1023
Referenzszenario

WWF Deutschland (2009): Modell Deutschland Klimaschutz bis 2050 – 1090a 1101 1087 998
Innovationsszenario

5 Prognos AG, EWI, GWS (2010): Energieszenarien für ein Energiekonzept der
Bundesregierung – Referenzszenario
1106a 1123 1115 1046

Prognos AG, EWI, GWS (2010): Energieszenarien für ein Energiekonzept der 1104a 1112 1098 1019
Bundesregierung – Zielszenarien

Öko-Institut, DLR, ISI (2012): Renewbility II – Basisszenario 1178a 1281a 1385 –

Öko-Institut, DLR, ISI (2012): Renewbility II – Klimaschutzszenario 1137a 1160a 1183 –

IFMO (2010): Zukunft der Mobilität. Szenarien für das Jahr 2030 – Globale 1120a 1143a 1166a –
Dynamik

IFMO (2010): Zukunft der Mobilität. Szenarien für das Jahr 2030 – Gereifter 1115a 1082a 1050a –
Fortschritt

Güterverkehrsleistung in Mrd. Tonnenkilometern

DLR, IWES, IFNE (2012): BMU- Langfristszenarien 2011 624 798 888 912

WWF Deutschland (2009): Modell Deutschland Klimaschutz bis 2050 – 634a 775 869 1033
Referenzszenario

WWF Deutschland (2009): Modell Deutschland Klimaschutz bis 2050 – 635a 779 876 1047
Innovationsszenario

Prognos AG, EWI, GWS (2010): Energieszenarien für ein Energiekonzept der 675a 777 876 1053
Bundesregierung – Referenzszenario

Prognos AG, EWI, GWS (2010): Energieszenarien für ein Energiekonzept der 675a 781 882 1067
Bundesregierung – Zielszenarien

Öko-Institut, DLR, ISI (2012): Renewbility II – Basisszenario 648a 819a 990 –

Öko-Institut, DLR, ISI (2012): Renewbility II – Klimaschutzszenario 654a 837a 1021 –

IFMO (2010): Zukunft der Mobilität. Szenarien für das Jahr 2030 – Globale 595a 725a 884a –
Dynamik

IFMO (2010): Zukunft der Mobilität. Szenarien für das Jahr 2030 – Gereifter 588a 643a 704a –
Fortschritt

aAus Studie errechnete Werte

zunehmend. Der Paradigmenwechsel »Strom wird Stromkraftstoffe auch in den Langstreckensegmen-


zur Primärenergie« vollzieht sich auch im Perso- ten wie dem Flugverkehr oder in der Nutzung in
nenverkehr: Während heute nur der Schienenver- Arbeitsmaschinen durchsetzen wird.
kehr elektrisch betrieben wird, wird in Zukunft Die Anzahl der elektrisch angetriebenen Fahr-
über die Hybridisierung eine Elektrifizierung des zeuge steigt ausgehend von den Zielen für 2020
Verkehrs erwartet, der sich schlussendlich über (1  Mio.) und 2030 (6  Mio.) im Szenario auf etwa
5.3 •  Entwicklung der Energie- und Kraftstoffversorgung
175 5

. Abb. 5.2  Entwicklung der Fahrleistung im Personenverkehr nach Sparten und Energiequellen

16 Mio. im Jahr 2040 und etwa 22 Mio. im Jahr 2050. . Tab. 5.1 belegen. In den BMU-Langfristszenarien
Für den letzteren Zeitpunkt wurde die Fahrleistung wird zudem vom Suffizienz-Effekt ausgegangen:
der Pkw-Hybride zu 80 % und der der Bus-Hybride das starke Wachstum im Bedarf wird mittelfristig
zu 60 % erneuerbar elektrisch angenommen. durch Effizienzsteigerungen beschränkt, sodass
Stromkraftstoffe wie Wasserstoff, Power-to-Gas bis 2030 eine Steigerung um 58 % und bis 2050 um
oder Power-to-Liquid gewinnen ab 2030 an Bedeu- 62 % prognostiziert wird (s. [10]).
tung und übersteigen langfristig den Beitrag von . Abbildung  5.3 illustriert diese Entwicklungs-
Biokraftstoffen, da sie über ein größeres Potenzial prognose der Fahrleistung im Güterverkehr in
verfügen und weniger in Konkurrenz zu anderen Deutschland von 2005 bis 2050. Die größten Zu-
Landnutzungsformen stehen. Biokraftstoffe sind wächse werden im Lkw-Verkehr deutlich. Diese
dennoch ein wichtiges Bindeglied, da sie bis 2030 die können zwischen 2040 und 2050 nur durch die Hy-
einzige erneuerbare Kraftstoffoption mit einer hohen bridisierung und Nutzung effizienterer Fahrzeuge
Energiedichte und einem relevanten Potenzial bei reduziert werden bzw. durch die Verlagerung des
ausreichender technischen Reife darstellen und vor Gütertransports von der Straße auf die Schiene. Dies
allem für den Luftverkehr, den nicht-elektrifizierten führt zu einer größeren Bedeutung des Schienenver-
Schienenverkehr und für Busse und Arbeitsmaschi- kehrs, der 2010 zu 90 % elektrisch war und nach dem
nen genutzt werden können. Eine Umstellung des Szenario in 2050 zu 96 % elektrisch sein wird. Die
Flugkraftstoffs erfordert jedoch eine globale Anpas- Hybridisierung der Lkw wurde für 2050 mit 30 %
sung der Infrastruktur und Kraftstoffversorgung, da und der Leichtnutzfahrzeuge mit 50 % unterstellt.
Flugzeuge nur begrenzt national eingesetzt werden. Anders als beim Personenverkehr ist der Gü-
terverkehr über Jahrzehnte auf fossile Kraftstoffe
als Hauptenergieträger angewiesen. Im Schiffs-
5.3.2 Entwicklung im Güterverkehr verkehr kann zwar von einem Schwenk von Ma-
rinedieselöl zu LNG ausgegangen werden, aber
Die Verkehrsleistung im Güterverkehr wird weiter- auch dort bleibt die Abhängigkeit bestehen. Einzig
hin stark steigen, wie die zahlreichen Szenarien in dem Schienenverkehr steht über die weitgehende
176 M. Sterner, F. Eckert, H.-M. Henning und T. Trost

. Abb. 5.3  Entwicklung der Fahrleistung im Güterverkehr nach Sparten und Energiequellen

Elektrifizierung der Weg offen, auf einfache Weise Kraftstoffe aufgrund von Effizienzsteigerungen
erneuerbare Energien über den »Kraftstoff« Strom oder Substitution stark rückläufig sind.
zu integrieren. Ähnliche Ansätze gibt es im Lkw-
Verkehr über Oberleitungen, wozu wiederum die zz Elektromobilität
Starkstromelektrifizierung der Straßeninfrastruk- Für die Substitution von fossilen Kraftstoffen
tur notwendig wäre. Für den Großteil des Güter- kommen verschiedene Möglichkeiten infrage. Die
transports bleibt schließlich der Weg zur Klima- größten Effizienzgewinne werden zweifelsohne
neutralität nur über Biokraftstoffe und Stromkraft- aus der Elektromobilität stammen, da ein Elek­
stoffe offen. troantrieb mit einer Effizienz von 70–80 % einem
konventionellen Verbrennungsantrieb mit 20–30 %
Wirkungsgrad um den Faktor 3–4 überlegen ist
5.3.3 Entwicklung des Energiemix im und entsprechend weniger Endenergie benötigt (s.
Verkehrssektor .  Abb.  5.4). Dieser Effizienzsprung ist aber mög-
lich, wenn direkt erzeugter erneuerbarer Strom aus
zz Fossile Energieträger Wind-, Solar- oder Wasserkraftanlagen verwen-
Die Einführung von erneuerbaren Energien im det wird. Der Einsatz von fossilem Strom ist nicht
Kraftstoffbereich wird im Vergleich aller drei Ener- zielführend, da der geringe Wirkungsgrad der kon-
giesektoren am schwierigsten sein, da dieser Sektor ventionellen Stromerzeugung den Effizienzsprung
stark durch Brennstoffe mit hoher Energiedichte ge- der Elektromobilität annulliert.
prägt ist. Die Abhängigkeit von fossilen Kraftstoffen Der starke Rückgang des Endenergieverbrauchs
bleibt demnach für lange Zeit bestehen und kann in .  Abb. 5.5 von 40 % in 2050 gegenüber 2010 ist
lediglich über Anstrengungen in der Energieeffi- vorwiegend mit der erneuerbaren Elektromobilität
zienz auf Antriebs- und Verbrauchseite, Intermoda- zu begründen. Der heute schon relevante Anteil an
lität und Verkehrsoptimierung verringert werden. Strom in der Mobilität liegt im Schienenverkehr be-
In . Abb. 5.5 ist zu erkennen, dass Benzin langfristig gründet.
an Bedeutung verliert und auch die anderen fossilen
5.3 •  Entwicklung der Energie- und Kraftstoffversorgung
177 5

. Abb. 5.4  Effizienzgewinn durch Elektromobilität, nach [14]

. Abb. 5.5  Entwicklung des Endenergieverbrauchs im Verkehr in den BMU-Leitszenarien, nach [10]

zz Biokraftstoffe und Stromkraftstoffe Die Einführung von E10 in der individuellen


Im Langstreckenbereich des Individualverkehrs Mobilität scheiterte vorwiegend an mangelnder
und für Arbeitsmaschinen sowie für den Flug-, Akzeptanz (Tank – Teller-Diskussion). Neben dem
Schiffs- und Güterverkehr werden als Ergänzung Aspekt der Flächenverfügbarkeit ist die Frage der
zur Elektromobilität Kraftstoffe mit hoher Energie- Klimawirkung von Biokraftstoffen wissenschaft-
dichte benötigt. Biokraftstoffe können über kon- lich noch nicht vollständig geklärt. Vor allem die
ventionelle Motoren genutzt werden und sind da- direkten und indirekten Landnutzungsänderungen
mit leicht zu integrieren. Sie leisten einen wichtigen durch den Anbau von Energiepflanzen beeinflussen
Beitrag, sind aber in ihrem nachhaltigen Potenzial die Klimawirksamkeit von Biokraftstoffen massiv.
begrenzt. Während ihr Potenzial für den Ersatz Da das Potenzial an Biokraftstoffen begrenzt ist
fossiler Kraftstoffe in der Landwirtschaft ausrei- und Elektromobile aufgrund ihrer bedingt niedri-
chend wäre, ist es hingegen nicht groß genug, um gen Reichweite und der geringen Energiedichte von
beträchtliche Teile des deutschen bzw. globalen Batterien nicht für alle Zwecke eingesetzt werden
Kraftstoffbedarfs zu decken (s. [16]). können, werden Stromkraftstoffe für den Verkehr
178 M. Sterner, F. Eckert, H.-M. Henning und T. Trost

in Zukunft sehr wichtig werden. Die Technologi­ menge von etwa 600 TWh mit einer schwankenden
en zur Herstellung dieser Stromkraftstoffe wie Po­ Leistung zwischen ca. 40 und 80 GW verbraucht. Im
wer-to-Gas und Power-to-Liquid werden damit Verkehr sind die Größenordnungen ähnlich: Wird
essenziell, um die Ziele der CO2-Reduzierung zu der jährliche Kraftstoffverbrauch von etwa 700 TWh
erreichen. über einen angenommenen Grundlastbedarf von
Im betrachteten Szenario wird Wasserstoff als 8760  h über das ganze Jahr verteilt umgerech-
Stromkraftstoff abgebildet. Um Wasserstoff zu nutzen, net, ergibt sich eine permanente Leistung von ca.
sind neue Infrastrukturen und entsprechende An- 80 GW.
triebstechnologien sowie Elektrolyseure notwendig, Welche Leistung kontrolliert ein Autofahrer
die heute noch nicht vorhanden sind. Daher ist erst ab beim Tanken?
2030 von einem flächendeckenden Einsatz auszuge- Ein einfacher Vergleich zwischen einer Zapfsäule
5 hen. Alternativ kann Wasserstoff zu einem Gassubs- und einem Dieselgenerator verdeutlicht die hohe
titut oder zu flüssigen Kraftstoffen weiterverarbeitet Energiedichte der kompakten fossilen Kraftstoffe
und in der bestehenden Infrastruktur und Antriebs- im täglichen Gebrauch:
technologie genutzt werden (s. 7 Abschn. 8.3). An einer herkömmlichen Tankstelle fördert eine
Zapfsäule etwa 0,5 l Kraftstoff pro Sekunde. Benzin
zz Gesamtanteil erneuerbarer Energien hat einen Heizwert von etwa 9 kWh/l, Diesel etwa
Der Anteil an erneuerbaren Energien im Verkehr 10 kWh/l. Folgende Rechnung liefert die Antwort:
steigt von heute 5,4 % bis 2020 auf 14 % (90 TWh/a). Benzin:
Ab 2030 ist ein Viertel des Energiemix erneuerbar, l kWh 3600 s
und ab 2050 wird knapp die Hälfte des Endener- PBenzin = 0,5 · 9 = 16,2 MW ,
s l h
gieverbrauchs im Verkehrssektor mit erneuerbaren
Diesel:
Energien gedeckt (210 TWh/a).
l kWh 3600s
Im Jahr 2050 können 70 % des Individualver- PDiesel = 0,5 · 10 = 18 MW .
s l h
kehrs auf Basis erneuerbarer Energien abgewickelt
werden: Elektromobile sind mit 50 % die tragende Damit kontrolliert der tankende Autofahrer einen
Säule. Bio- und Stromkraftstoffe entlasten den Be- Leistungsfluss von 16–18 MW (s. . Abb. 5.6).
darf an fossilen Kraftstoffen für die Langstrecken- Mit diesem Energiefluss könnte ein Diesel-BHWK
mobilität. Um diesen Klimaschutz und Systemwan- mit einer elektrischen Leistung von 6–7  MW und
del zu bewerkstelligen, werden aus dem Stromsek- einer thermischen Leistung von 8–9  MW arbeiten
tor jährlich etwa 44  TWh für Elektromobile und und damit 12.000–14.000 Haushalte bei einem Leis-
87 TWh für Stromkraftstoffe benötigt, was zu einem tungsmittelwert von 0,5  kW mit Strom und 1600–
Mehrbedarf an installierter erneuerbarer Leistung 1800 Haushalte bei einem mittleren Bedarf von
von 50 GW führt, der vorwiegend über Windener- 5 kW mit Wärme versorgen.
gie gedeckt wird. Dieser zusätzliche Bedarf ist aus
dem Stromsektor bereitzustellen und als Speicher-
bedarf des Verkehrssektors zu deklarieren. 5.4 Paradigmenwechsel im
Diese Zahlen erscheinen sehr groß, werden Verkehrssektor
aber bei Betrachtung des heutigen Kraftstoffver-
brauchs relativiert: Wie groß der permanente Analog zum Wärmesektor vollzieht sich derzeit ein
Kraftstoffverbrauch an Deutschlands Tankstellen wesentlicher Paradigmenwechsel in der Mobilität:
heute im Vergleich zum Brennstoffverbrauch im die Verknüpfung von Strom- und Verkehrssektor,
Strom- und Wärmesektor ist, offenbart folgendes ausgedrückt als »Hybridisierung« und »Elektrifi-
Rechenbeispiel. zierung« der Mobilität über neue Antriebskonzep-
te, Energiespeicher und Stromkraftstoffe. Darüber
Beispiel hinaus wird die Integration erneuerbarer Energien
Welche Leistung liegt permanent an d
­ eutschen ein wesentlicher Bestandteil der Mobilität.
Tankstellen an? Als eines der wichtigsten Segmente im Ver-
Im deutschen Stromsystem wird jährlich eine Strom- kehrssektor hat zukünftig insbesondere der moto-
5.4 •  Paradigmenwechsel im Verkehrssektor
179 5

. Abb. 5.6  Betankung eines Pkw vs. Strom- und Wärmeerzeugung mit der gleichen Energiemenge. Der Leistungs-
fluss einer Zapfsäule beträgt energetisch zwischen 16 und 18 MW und entspricht damit einem BHKW der 6–7 MW-Klasse
­(Quelle: © Kzenon, fotolia und © Petair, fotolia).

risierte Individualverkehr einen signifikanten Bei- der Schienenverkehr als größter Stromverbraucher
trag für eine nachhaltige Mobilitätsentwicklung zu Deutschlands zu einer wichtigen Säule in der Integ-
leisten. Der deutsche Fahrzeugmarkt ist heute fast ration erneuerbarer Energien. Über eine intelligen-
ausschließlich durch konventionelle Fahrzeuge mit te Kopplung mit dem regionalen Nahverkehr und
Verbrennungsmotoren geprägt. Neben dem primä- Carsharing-Angeboten ist eine nachhaltige Lang-
ren Einsatz von Otto- und Dieselkraftstoffen kom- streckenmobilität im Personenverkehr auf Basis er-
men ebenfalls Bio- und Stromkraftstoffe vor allem neuerbarer Energien möglich. Der Gütertransport
durch Beimischung, Autogas (LPG – Liquified Pe- über die Schiene ist sehr effizient und sollte daher
troleum Gas) sowie Erdgas (CNG – Compressed ausgebaut werden. Wie in 7 Abschn.  5.3.2 aufge-
Natural Gas) zum Einsatz. Die entscheidende Rolle zeigt, nimmt der Güterverkehr stetig zu. Daher ist
in punkto Klimaschutz und Energieeffizienz spielt die Verzahnung mit dem Lkw- und Schiffsverkehr
jedoch die Elektromobilität. enorm wichtig in der Energiewende. Der Güter-
verkehr auf den Straßen kann so effektiv entlastet,
die Gesamteffizienz gesteigert und die fossile Ab-
5.4.1 Elektrifizierung der Mobilität hängigkeit gelöst werden. Voraussetzung ist der
über Batterien und Ausbau und nicht der Rückbau der bestehenden
Stromkraftstoffe Schienenkapazitäten und ihre hohe Auslastung
über intelligente Logistikkonzepte (s. [11]).
Die Verknüpfung von Strom- und Verkehrssektor Der Lkw-Verkehr ist fast ausschließlich auf fossi-
wird in 7 Abschn.  14.2 anhand von Beispielen be- le und biogene Kraftstoffe angewiesen. Neue Studien
schrieben und umfasst folgende Punkte. zeigen das Potenzial der Elektrifizierung des Lkw-
Güterverkehrs über Oberleitungs-Lkw. Im Zuge der
zz Strom als Primärenergie – Elektrifizierung Energiewende werden weitläufige Stromtrassen not-
von Antrieben und Infrastruktur wendig, die in die Autobahninfrastruktur integriert
Bisher ist nur der Schienenverkehr weitgehend werden können. Dabei schlägt der VDE vor, einen
elektrifiziert, er besitzt jedoch noch weiteres Poten- Kanal neben der Autobahn zu führen, in dem Strom-
zial hierzu. Durch eine fast vollständige Elektri- leitungen eingebracht werden können. So kann ein
fizierung der Bahn mit erneuerbarem Strom wird Teil der Autobahn über Oberleitungen oder indukti-
ve Ladeeinheiten elektrifiziert werden (s. [15]).
180 M. Sterner, F. Eckert, H.-M. Henning und T. Trost

. Abb. 5.7  Elektrifizierung des Antriebsstrangs im Übergang von Verbrennungsmotor und Elektromotor am Beispiel
des Pkw, nach [13]

Dieser Ansatz stellt auch eine Lösung für das Standzeiten schaltet sich der Verbrennungs-
Reichweitenproblem der Elektromobilität von Pkw motor ab und das Fahrzeug wird rein elekt-
dar. Reine Elektrofahrzeuge haben nach dem heu- risch aus der Batterie betrieben. Eine optionale
tigen Stand der Technik nur eine Reichweite von Bremsenergierückgewinnung kann die Batterie
80–500 km, die in der begrenzten Batteriekapazi- beim Bremsen laden.
tät begründet ist. Zudem verursachen die Batteri­ 55 Mild-Hybrid: Das Fahrzeug verfügt über einen
en den größten Kostenblock in Batteriefahrzeugen Elektroantrieb zur Beschleunigung, der den
(Battery Electric Vehicle BEV). Allerdings besitzen Verbrennungsantrieb ergänzt. Meist werden
sie auch große Vorteile gegenüber konventionellen beide Antriebsstränge parallel ausgelegt.
Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren: 55 Full-Hybrid: Der Vollhybrid kann sowohl rein
55 Die Effizienz ist mit erneuerbarem Strom um elektrisch als auch rein verbrennungstech-
Faktor 3–4 größer. nisch angetrieben werden, weshalb er auch als
55 Das Batteriefahrzeug verursacht weniger Fein- paralleler Hybrid bezeichnet wird. Vorrangig
staub und Lärm. kommt jedoch der Verbrennungsmotor zum
55 Im Gegensatz zur mobilen Nutzung von Einsatz. Bremsenergie und Verbrennungs-
Kraftstoff sind über eine Verstromung für das motor speisen dabei die Batterie, sodass das
Batteriefahrzeug die Abwärmenutzung und Fahrzeug energetisch zwar effizienter als ein
CO2-Abtrennung im stationären Fall prinzi- konventionelles Fahrzeug ist, jedoch seine
piell möglich. Energie nach wie vor fast vollständig aus dem
55 Ein Batteriefahrzeug eröffnet die Option zur getankten Kraftstoff und damit meist aus fossi-
Stromspeicherung über das uni- und bidirek- ler Energie bezieht.
tionale Laden und Entladen. 55 Plug-in-Hybrid: Erst ab dem Plug-in-Hybrid
ergibt sich eine Kopplung zwischen Strom-
Zukünftig ist eine stärkere Diversifizierung der und Verkehrssektor, indem die Batterie des
Antriebskonzepte im Straßenverkehr zu erwarten, Automobils auch von extern über einen
wobei sich die Elektrifizierung und Hybridisierung Stecker geladen werden kann. Die meisten
des Antriebsstrangs schrittweise vollziehen wird, Fahrstrecken sind Kurzstecken, die mit dem
wie . Abb. 5.7 verdeutlicht: Plug-in-Hybrid rein elektrisch gefahren wer-
55 Micro-Hybrid: Bereits heute ist die Start-Stopp- den können. Die Flexibilität für lange Strecken
Automatik in vielen Modellen integriert. Bei bleibt durch ein Nachladen der Batterie mittels
5.4 •  Paradigmenwechsel im Verkehrssektor
181 5
Verbrennungsmotor erhalten, weshalb dieser direkt vor Ort an den Tankstellen über dezentrale
Fahrzeugtyp beide Bedürfnisse vereint: emis- Elektrolyseure in Wasserstoff gewandelt, gespeichert
sionsfreie Kurzstrecken bei nicht eingeschränk- und getankt. Neben dem technischen Aufwand der
ter Langstreckenmobilität. Der Hybrid kann Wasserstoffmobilität ist der finanzielle Aufwand im-
als paralleler oder serieller Hybrid ausgeführt mens, weshalb sie bisher nicht zum Durchbruch ge-
werden und ist dem Vollhybrid sehr ähnlich. kommen ist und andere Stromkraftstoffe wie Wind-
55 Elektrofahrzeug mit Range Extender: Der gas und Power-to-Liquid eine reelle Option sind.
Übergang zwischen Plug-in-Hybrid und Elek-
trofahrzeug mit Range Extender ist fließend. zz Stromkraftstoffe
Das Elektrofahrzeug mit Range Extender wird Neben Wasserstoff als effizientestem Stromkraft-
meist als serieller Hybrid ausgeführt. Dabei stoff für die Mobilität werden auch andere gas-
handelt es sich um ein Batteriefahrzeug, das förmige und flüssige Kraftstoffe aus erneuerbarem
rein elektrisch fährt und bei Bedarf über einen Strom entscheidend werden. Den Nachteil einer
kleinen Verbrennungsmotor samt Generator fehlenden Wasserstoffinfrastruktur und nicht ver-
die Batterie nachlädt. fügbaren Brennstoffzellenfahrzeugen kann eine
55 Batteriefahrzeug: Das »reine Elektromobil« Gasmobilität auf Basis von erneuerbarem Gas aus-
verfügt über keinen Verbrennungsmotor und gleichen. Bei der Herstellung von erneuerbarem
ist ausschließlich elektrisch angetrieben. Die Methan mittels Power-to-Gas und anschließender
Reichweite des Fahrzeugs ist durch die Batte- Verteilung kann auf die bestehenden Transport-
riekapazität begrenzt. Das Betanken des Fahr- und Speicherkapazitäten des Erdgasnetzes zurück-
zeugs erfolgt rein elektrisch über eine Ladeein- gegriffen werden. Zudem existieren heute bereits
heit oder über den Austausch der Batterien. über 900 Erdgastankstellen in Deutschland. Der
55 Brennstoffzellenfahrzeug und Stromkraft- Stromkraftstoff Windgas in Form von Methan hat
stoffe: Das Fahrzeug wird durch die kalte Ver- die gleichen Eigenschaften wie Erdgas und ist daher
brennung von Wasserstoff und Sauerstoff zu vollständig kompatibel mit der Erdgasinfrastruktur
Wasser und elektrischer Energie ebenfalls nur inklusive Tankstellen und ausgereifter, kostengüns-
elektrisch angetrieben. Der Wasserstoff wird tiger Fahrzeugtechnologie (s. 7 Abschn.  8.3). Zu-
zuvor aus Strom über die Wasserelektrolyse er- dem ist die volumetrische Energiedichte von Me-
zeugt, verteilt und in Wasserstofftanks in gas- than um den Faktor 3 größer als von Wasserstoff,
förmiger oder flüssiger Form gespeichert. was den Platzbedarf der Speicher reduziert. Neben
der Gasmobilität im Straßenverkehr für Pkw und
Für Plug-in-Hybride, Elektrofahrzeuge mit Range Lkw wird Gas als CO2-armer Energieträger mit ho-
Extender und Batteriefahrzeuge wird eine Ladeinf- her Energiedichte in Form von LNG attraktiv für
rastruktur benötigt, welche in 7 Abschn. 14.2 erläu- den Schiffsverkehr, um Emissionsgrenzen in Hä-
tert ist. Eine große Herausforderung sind in diesem fen einzuhalten. Die notwendigen LNG-Terminals
Zusammenhang die hohen Investitionskosten für sind ebenfalls Stand der Technik.
den Aufbau, aber auch die Kosten während des Be- Auch flüssige Stromkraftstoffe aus Wind- und
triebs der Ladeinfrastruktur. Solarenergie tragen zukünftig wesentlich zur
Für die Verteilung von Wasserstoff und den Ein- Kopplung von Strom- und Verkehrssektor bei.
satz in Brennstoffzellenfahrzeugen steht analog zur Strom als Primärenergie für Diesel und Kerosin
Elektromobilität derzeit ebenfalls keine flächende- wird den Weg für erneuerbaren Strom im Luftver-
ckende Versorgungsinfrastruktur zur Verfügung. kehr ebnen und Arbeitsmaschinen wie Baufahr-
Eine Wasserstoffinfrastruktur kann entweder zentral zeugen und land- und forstwirtschaftlichen Fahr-
oder dezentral ausgeführt werden. Im zentralen Fall zeugen dienen. Beim Einsatz von Power-to-Liquid
wird Strom zentral in Wasserstoff gewandelt, gespei- im Verkehrssektor kann vollumfänglich auf das
chert und anschließend mittels Pipeline oder Lkw bestehende Tankstellennetz und die Distributions-
zu den Tankstellen transportiert. Im dezentralen wege zurückgegriffen werden, sodass nur geringe
Fall wird Strom statt Wasserstoff transportiert und Anpassungen notwendig sind.
182 M. Sterner, F. Eckert, H.-M. Henning und T. Trost

. Abb. 5.8  Matrix Fahrzeug – alternative Energie

5.4.2 Integration erneuerbarer Thema ist noch weitgehend eine Forschungsfrage.


Energien als Grundpfeiler der Gleichwohl kann eine gewisse Entwicklung des
Mobilität Speicherbedarfs im Verkehrssektor im Folgenden
aufgezeigt und für ein rein erneuerbares Energie-
Neben dem wesentlichen Baustein »Elektrifizie- system berechnet werden.
rung der Mobilität« zeichnet sich auch die zukünf-
tig wichtiger werdende Rolle von Biokraftstoffen
ab, die Elektromobilität und Stromkraftstoffe er- 5.5.1 Heutiger Speicherbedarf
gänzen.
Grundsätzlich eignen sich verschiedene erneu- Seit geraumer Zeit besteht ein enormer Speicher-
erbare Optionen für die unterschiedlichen Fahr- bedarf in der Mobilität in Form fossiler Kraftstoffe,
zeugkonzepte, welche in der Matrix .  Abb. 5.8 of- wozu auch die Beimischung von Biokraftstoffen
fengelegt sind und Tendenzen abbilden, die sich in zählt. Während Bio- und Stromkraftstoffe ähnliche
Zukunft je nach Entwicklung von Technologie und Speicher nutzen, entsteht ein neuer Speicherbedarf
Markt ändern können. in der Elektromobilität.

zz Fossile Kraftstoffe
5.5 Speicherbedarf im Die monatliche Nachfrage nach Otto- oder Diesel-
Verkehrssektor kraftstoffen ist über das Jahr gesehen nahezu kons-
tant. Ein saisonaler Ausgleich wie im Wärme- oder
Der zukünftige Speicherbedarf im Verkehrssek- Stromsektor ist im Verkehrssektor bisher nicht not-
tor ist ähnlich wie der Wärmesektor schwierig zu wendig. Der Verbrauch wird dadurch gut planbar,
erfassen. Es gibt dazu nur wenige Studien, und das was die Auslegung der Bevorratungskapazitäten
5.5 •  Speicherbedarf im Verkehrssektor
183 5
einfach macht und die Produktion der Kraftstoffe überschüssen oder eigenen Stromkraftstoffanlagen
konstant dem Verbrauch folgen lässt. Kraftstoffe in und Strom für die direkte Elektrotraktion.
Raffinerien und Pipelineterminals werden vor dem
Verbrauch meist nur kurz in konventionellen La- zz Speicherbedarf für konventionelle
gern zwischengespeichert. Sie bestehen aus oberir- Kraftstoffe
dischen Speichern wie Tanklager aus Stahl oder aus Die fossilen Kraftstoffe werden auch in Zukunft in
unterirdischen Kavernen und Aquiferen, wie sie in der gleichen Form wie heute gespeichert. Die benö-
7 Abschn. 8.4.2 ausführlich beschrieben werden. tigte Lagerkapazität geht jedoch mit der Bedeutung
Nach der Raffinerie werden weitere Energie- fossiler Kraftstoffe anteilig zurück.
speicher zur Nutzung der Kraftstoffe benötigt:
55 in Tanklastern und Tankzügen zur Verteilung zz Speicherbedarf für Biokraftstoffe
an die Tankstellen für den Straßen-, Schienen-, Die Produktion von Biokraftstoffen ist stark von der
Schiffs- und Luftverkehr, Erntezeit der verwendeten Biomasse abhängig und
55 in den mobilen Tanks der Straßen- und Schie- erfordert je nach Verarbeitungsschritt unterschied-
nenfahrzeuge, Arbeitsmaschinen, Schiffe und liche Lagerkapazitäten und Lagertechnologien. Bei
Flugzeuge. zuckerhaltigen Energiepflanzen zur Ethanolher-
stellung kann zudem die Lagerung schnell zu Subs-
zz Biokraftstoffe tanzverlust führten, da biologische Vorgänge, wie
Raps wird in Deutschland meist ab Juli geerntet z.  B. Respiration, einen Trockenmasseverlust för-
und kann entweder als Ölsaat, als Öl oder nach dern. Für Biogas als Kraftstoff können vorhandene
der Umesterung als Biodiesel gelagert werden Gasspeicher genutzt werden. Werden Biokraftstoffe
(s. 7 Abschn. 4.3.2.3). 2010 lag die Produktion von wie Biomass-to-Liquid (BTL) in Raffinerieprozes-
Biodiesel bei etwa 26,4 TWh. Bei einem Heizwert se integriert, kann die bestehende Mineralölinfra-
von 10,3  kWh/m3, einer Dichte von 880  kg/m3 struktur für die Speicherung verwendet werden.
und der Lagerung als Biodiesel wird ein Speicher-
volumen von etwa 2,91  Mio.  m3 benötigt, um die zz Speicherbedarf für Stromkraftstoffe
Jahresproduktion zu bevorraten. Für Rapsöl gelten Der Bedarf an Gasspeichern für Wasserstoff oder
ähnliche Volumen. Zur Lagerung der reinen Ölsaat Methan aus Power-to-Gas ergibt sich aus Über-
sind bei einem guten Flächenertrag von 2,8  t pro schüssen im Stromnetz und resultiert in einem
Hektar und Jahr Speicherkapazitäten für 6,51 Mio. t Bedarf an Langzeitspeichern wie Kavernen- oder
Ölsaat notwendig. Porenspeicher (s. 7  Kap.  3). Darüber hinaus wird
Für Bioethanol lässt sich eine solche Berech- die Erdgasinfrastruktur auch für Kraftstoffe aus
nung für Deutschland nur schwer durchführen, reinen Stromkraftstoffanlagen für Windkraftstoffe
da hierfür mehrere Pflanzen mit unterschiedlichen oder Solarkraftstoffe benötigt. Wird Wasserstoff di-
Erntezeitpunkten und Hektarerträgen eingesetzt rekt in Raffinerieprozesse eingebunden (z. B. durch
werden und ein Großteil an Bioethanol importiert Hydrocracken), entsteht kein zusätzlicher Spei-
wird. cherbedarf über die vorhandene Infrastruktur hin-
aus, da der fossile Pfad zur Integration genutzt wird.

5.5.2 Speicherbedarf in einem zu 50 % zz Speicherbedarf für Stromantriebe


erneuerbar versorgten Ähnlich dem Speicherbedarf für Stromkraftstof-
Mobilitätssektor fe ist der Speicherbedarf für Elektromobilität eng
mit dem Stromsektor verbunden. Kurzfristig kön-
Nach dem Basisszenario in [10] kann 2050 etwa die nen die Batterien der Elektromobile dem Lastma-
Hälfte der Verkehrsleistung erneuerbar bereitge- nagement dienen, langfristig auch als Speicher mit
stellt werden. .  Tab. 5.2 schlüsselt die Entwicklung geringer Kapazität für das Stromnetz. Die Elekt-
der vier Energieträger auf. Diese sind fossile Kraft- romobilität ist in den Betrachtungen bis 2050 im
stoffe, Biokraftstoffe, Stromkraftstoffe aus Strom- Stromsektor integriert und dort im Speicherbedarf
184 M. Sterner, F. Eckert, H.-M. Henning und T. Trost

. Tab. 5.2  Entwicklung des Endenergieverbrauchs des Verkehrssektors in Deutschland von 2010 bis 2050, nach [10]

2010 2050

Endenergie Anteil Endenergie Anteil


in TWh/a in TWh/a

Fossile Kraftstoffe (Benzin, Diesel, Kerosin, 685 93 % 212 50 %


Gase)

Biokraftstoffe (Bioethanol, Biodiesel und 36 4,9 % 83 20 %


BTL)

Stromkraftstoffe (Wasserstoff, Windgas, 0 0 % 67 16 %


5 Winddiesel)

Strom (Elektromobilität) 16 1,6 % konventionell, 60 14  % (rein


0,5 % erneuerbar erneuerbar)

verankert. Die absoluten Mengen sind jedoch ge- damit im Modell in etwa 152 TWh. Sie wird auf die
ring, wie das folgende Rechenbeispiel verdeutlicht. verwendeten Antriebstechnologien über folgende
Annahmen verteilt:
Beispiel 55 Fossile Kraftstoffe: 62,5 % der Kilometerleistung
Speicherkapazität einer vollständigen Elektri- wird nach wie vor durch konventionelle Ver-
fizierung aller Kraftfahrzeuge in Deutschland brennungsmotoren über fossile Kraftstoffe
In Deutschland gibt es derzeit ca. 42 Mio. Fahrzeu- gedeckt, was im Wesentlichen dem Schwerlast-
ge. Würden alle Fahrzeuge durch Batteriefahrzeuge und dem Luftverkehr entspricht.
mit einer Speicherkapazität von 20 kWh, wovon für 55 Batteriefahrzeuge: 15 % wird durch Fahrzeuge
die reine Stromspeicherung 50 % zugelassen wer- mit Batterie und Elektromotor gedeckt, was im
den, ausgestattet, entstünde daraus nur etwa die Wesentlichen dem urbanen Kurzstreckenver-
10-fache Speicherkapazität der heute existierenden kehr entspricht.
Pumpspeicher in Deutschland: 55 Stromkraftstoffe: 22,5 % werden durch Fahr-
zeuge gedeckt, die Brennstoffzellen und
kWh
W42 Mio.E­mobile = 42·10 6 Fahrzeuge · 10 Elektromotoren auf Basis von Wasserstoff
Fahrzeug verwenden.
= 420 GWh.
Es resultieren die in 7  Abb. 4.7 gezeigten Energie-
mengen:
5.5.3 Speicherbedarf in der Studie des Die Batteriefahrzeuge decken 15 % der Trakti­
Fraunhofer ISE onsenergie, also 24 von 152  TWh. Mit einem an-
genommenen Gesamtwirkungsgrad von 75 % für
In 7 Abschn.  4.6 sind Ergebnisse einer Studie des Laden, Entladen und Elektroantrieb ergeben sich
Fraunhofer ISE dargestellt, in der ein zukünftiges, 51  TWh als notwendige Strommenge zur Ladung
überwiegend erneuerbares Energiesystem betrach- dieser Fahrzeuge. Bei einem Ladezyklus pro Tag
tet wird. Darin wird auch der Verkehrssektor in im Mittel korrespondiert dies mit einer Speicher-
sehr vereinfachter Form modelliert. Die Kilometer- kapazität von rund 140  GWh. Wird der heutige
leistung aller Kraftfahrzeuge sowie im Luftverkehr Fahrzeugbestand von 42  Mio. Kraftfahrzeugen
wird gegenüber heute nicht verändert. Diese Trak- zugrunde gelegt, ergibt sich für die 12,6 Mio. Bat-
tionsenergie, die rein exergetisch für die Bewegung teriefahrzeuge eine mittlere Speicherkapazität von
der Fahrzeuge benötigt wird, beträgt heute und 11 kWh pro Fahrzeug.
5.5 •  Speicherbedarf im Verkehrssektor
185 5
Die 22,5 % Traktionsenergie von ca. 34  TWh, . Tab. 5.3  Annahmen zu Power-to-X (repräsen-
welche über Stromkraftstoffe erbracht werden, grei- tativ für Power-to-Gas) der untersuchten Referenz-
fen auf 157 TWh Wasserstoff aus Wind- und Solar- jahre 2023, 2033 und für das Jahr mit 90 %igem
EE-Anteil (2050)
energie in Stromkraftstoffanlagen zurück, wovon
55 34 TWh/a für den Antrieb von Brennstoffzel- 2023 2033 90 %
lenfahrzeugen verwendet, EE
55 66 TWh/a in flüssige Kraftstoffe gewandelt Wirkungs- Wasser- 65–70 70–75 78–84
werden, grad in % stoff
55 8 TWh/a dem Erdgasnetz beigemischt werden Methan 58–60 68–70 77–79
und
Volllaststunden VLS 4000 5000 6000
55 der Rest Speicherverluste sind.
in h

Die Größe des notwendigen Wasserstoffspeichers


zum Ausgleich des Bedarfs an Wasserstoff für Fahr- Zur Ermittlung des Speicherbedarfs in Deutsch-
zeuge und das Angebot an Strom aus erneuerbaren land sind neben der Kenntnis der Verbräuche der
Energien beträgt rund 20 TWh. einzelnen Energiesektoren auch die technischen
Parameter von Power-to-X und die dazugehörige
zeitliche Entwicklung von Interesse. Des Weiteren
5.5.4 Speicherstudie für die Agora spielt ebenfalls das Potenzial erneuerbarer Ener-
Energiewende gien eine tragende Rolle, welches in  7  Kap. 3 näher
­betrachtet wird.
7  Abschnitt 3.7.2.7 enthält die Ergebnisse der Spei- Definition
cherstudie für »Agora Energiewende« von FENES,
Power-to-X beschreibt die Wandlung von
IAEW, ISEA und ef. Ruhr zum Stromspeicherbe-
Strom als Primärenergie und Rohstoff in einen
darf. In derselben Studie wird auch der Speicherbe-
Energieträger, also in Wärme, Kälte, Produkt,
darf für den Verkehrssektor und die chemische In-
Kraft- oder Rohstoff. Es ist ein Sammelbegriff
dustrie auf Basis einer klimabedingten vollständi­
für Power-to-Gas, Power-to-Liquid, Power-to-
gen Dekarbonisierung dieser Sektoren abgeschätzt.
Fuel, Power-to-Chemicals, Power-to-Product
und auch Power-to-Heat.
5.5.4.1 Annahmen zur Entwicklung von
Power-to-X
Die Zahlenbasis der Abschätzung ist eine Studie
des deutschen Umweltbundesamtes zur Dekarbo- Die Wirkungsgradbandbreiten in .  Tab. 5.3 folgen
nisierung Deutschlands, in der die Ziele der Bun- den unterschiedlichen Drücken der Speicherung
desregierung bis 2050 auf 90–95 % Treibhausgas- von Wasserstoff und Methan je nach Energiedienst-
minderung erhöht werden (s. [20]). Darauf aufbau- leistungen (s.  7  Abschn.  8.6.4.2). Die Wirkungs-
end werden in [19] zwei Szenarien dargestellt: gradverbesserungen ergeben sich vor allem durch
1. Progressiv: Als obere Bandbreite wird von die Verwendung der ­ Hochtemperaturelektrolyse
einer progressiven Entwicklung und starken (s. 7 Abschn. 8.2.2.3), die derzeit noch im Forschungs‑
Marktdurchdringung der Technologie Power- und Entwicklungsstadium ist. Außerdem werden
to-X aufgrund ihrer Notwendigkeit zur viele Verbesserungen durch neue Materialien und
­Erreichung der Klimaschutzziele ausgegangen. durch eine bessere Kenntnis der ablaufenden Re-
2. Konservativ: Für die untere Bandbreite der aktionen und Prozesse erwartet.
Entwicklungstendenz wird ein Beibehalten der Die Annahmen zur Anlagenauslastung ergeben
Ziele der Bundesregierung angesetzt, in der sich aus der Nutzung von erneuerbarem Strom, der
Power-to-X eine Option neben anderen Flexi- immer höhere Anteile der Stromversorgung decken
bilitätsoptionen ist. wird (s. 7 Kap. 3). Zudem werden heute noch nicht
erschlossene erneuerbare Energiequellen mitein-
bezogen (s. 7 Abschn. 8.8).
186 M. Sterner, F. Eckert, H.-M. Henning und T. Trost

. Abb. 5.9  Endenergiebedarf des Verkehrssektors von 2010 bis 2050 in TWh/a; Biokraftstoffe und fossile Kraftstoffe
werden bei einer Dekarbonisierung des Sektors durch Stromkraftstoffe ersetzt, nach [20]

5.5.4.2 Energiebedarf eines somit die benötigte Power-to-X-Leistung für den


dekarbonisierten Verkehrssektor in einer Bandbreite ermitteln.
Verkehrssektors Für die Obergrenze der Bandbreite werden die
Auch in der Speicherstudie für Agora Energie- maximalen Werte aus . Abb. 5.9 verwendet. ­Zudem
wende wird von einem Paradigmenwechsel im wird von einer frühzeitigen Technologieentwick-
Verkehrssektor hin zu Elektromobilität und Strom- lung von Power-to-X ausgegangen, damit der enor-
kraftstoffen ausgegangen (s.  7  Abschn.  5.4). Wäh- me Bedarf bis 2033 durch einen entsprechenden
rend in den Szenarien der BMU-Leitstudie 2011 Einsatz auch gedeckt werden kann. Ebenso wird
in  7  Abschn. 5.5.2 der Energiebedarf des Verkehrs- zusätzlich zu den Annahmen in [20] die Hälfte der
sektors nur zu 50 % erneuerbar gedeckt ist, wird Biokraftstoffe durch Stromkraftstoffe substituiert,
in dieser Studie und [20] eine 100 %ige Deckung da die expansive Nutzung von Biokraftstoffen an
durch erneuerbare Energien angenommen. die Grenzen des nachhaltigen Biomassepotenzials
Dafür werden fossile Kraftstoffe und Biokraft- stößt (s. 7 Kap. 3).
stoffe bis 2050 durch Stromkraftstoffe aus Power- Als Untergrenze der Bandbreite wird für die Re-
to-X substituiert (s. . Abb. 5.9). Aufgrund des hohen ferenzjahre ein konservativer Wert bestimmt, der
Nutzungsgrades erneuerbarer Energien in der Elek­ sich aus einer prozentualen Abstufung der Ober-
tromobilität fällt der Endenergiebedarf im Jahr 2050 grenze zu 3 % (2023), 15 % (2033) und 30 % (2050)
gegenüber den vorangegangenen Jahren erheblich ergibt. .  Abb. 5.10 zeigt die mögliche Entwicklung
geringer aus. Separat davon wird der Endenergiebe- der PtX-Leistung bis 2050 mit linearer Interpola-
darf für Schiffe einbezogen, der in der Agora-Spei- tion der Zwischenjahre.
cherstudie allerdings unberücksichtigt ist und den
Speicher- bzw. Energiebedarf weiter erhöhen würde.
5.6 Speicherbedarf in der
5.5.4.3 Notwendige chemischen Industrie
Power-to-X-Leistung für den
Verkehrssektor Neben der notwendigen Dekarbonisierung von
Aus den Annahmen zu den technischen Parame­ Strom-, Wärme- und Verkehrssektor gilt es auch,
tern von Power-to-X (s.  7  Abschn. 5.5.4.1) und dem den nichtenergetischen Verbrauch von fossilen
Endenergiebedarf im Verkehrssektor (s.  7  Ab­ Rohstoffen in der chemischen Industrie durch er-
schn.  5.5.4.2) lässt sich der Speicherbedarf und neuerbare Grundstoffe zu ersetzen. Da erneuerbare
5.6 •  Speicherbedarf in der chemischen Industrie
187 5

. Abb. 5.10  Bandbreite einer möglichen Entwicklung der Power-to-X-Leistung für den Verkehrssektor von 2015 bis 2050,
nach [19]

Energien aus Wind- und Solaranlagen in Form von (s. [20]). Zusätzlich wurden nachwachsende Roh-
Strom am günstigsten bereitgestellt werden kön- stoffe in Höhe von 2,7 Mio. t verbraucht. Der Ener-
nen, stellt die Wandlung von Strom zu chemischen giegehalt aller stofflich genutzten Rohstoffe betrug
Grundstoffen mittels Power-to-X eine wirkungs- daraus abgeleitet 237 TWh.
volle Möglichkeit dar. Verbunden damit ergibt sich Von den genannten fossilen Rohstoffen kön-
ein zusätzlicher Speicherbedarf. nen Erdölderivate und Erdgas durch erneuerbares
Aktuell ist der Bedarf an fossilen Rohstoffen im Methan, Wasserstoff oder Methanol über Power-
Chemiesektor gegenüber den Energiesektoren re- to-Gas bzw. Power-to-Liquid unter Nutzung und
lativ gering. In den Energiesektoren sind aber im Erzeugung von Synthesegas aus H2 und CO2 ersetzt
Vergleich zum Chemiesektor deutlich größere Ef- werden. Durch ein Syntheseverfahren wird dieses
fizienzpotenziale vorhanden. Zudem können ein- zu höheren Kohlewasserstoffen umgewandelt (Al-
zelne Energiedienstleistungen über erneuerbaren kene, Paraffine, Polymere), welche wiederum als
Strom gedeckt werden, wie z.  B. Elektromobilität Basis für verschiedenste chemische Grundstoffe
oder elektrische Wärmepumpen, weshalb es dort eingesetzt werden. Der Wind- und Solarenergie
zu einer starken Abnahme des Primärenergiebe- werden so die vielfältigsten Einsatzgebiete wie z. B.
darfs kommt (s. 7 Abschn. 3.2.1). bei der Herstellung von Alkoholen, Kunststoffen,
Für den nichtenergetischen Verbrauch fossiler Schmierstoffen sowie in der Kosmetik und Medizin
Rohstoffe wird bis 2050 ein Wachstum von 30 % erschlossen. Eine weitere Möglichkeit der Synthese
(0,7 %/a) angesetzt, da zwar einerseits die Produktion aus Wasserstoff und Stickstoff besteht in der Her-
ressourceneffizienter, andererseits aber die s­ teigende stellung von Düngemitteln, die vor dem Haber-
Wirtschaftsleistung in Deutschland auch zu diesem Bosch-Verfahren unter anderem auch über strom-
Wachstum führen wird (s. [20]). basierte Lichtbogenprozesse gewonnen wurden
(s. 7 Abschn. 8.1).
Ein Teil der eingesetzten Kohle kann durch
5.6.1 Rohstoffverbrauch heute und im nachwachsende Rohstoffe ersetzt werden, vor­
Jahr 2050 wiegend holzartige Biomasse. .  Tab. 5.4 zeigt den
nichtenergetischen Verbrauch der chemischen In-
2009 lag der Verbrauch von Erdgas, Erdöl und Koh- dustrie in einem treibhausgasneutralen Deutsch-
le für stoffliche Zwecke bei 18,4 Mio. t, was 4 % des land nach [20].
gesamten Bedarfs an fossilen Rohstoffen entspricht
188 M. Sterner, F. Eckert, H.-M. Henning und T. Trost

. Tab. 5.4  Nichtenergetischer Verbrauch von 350 TWh Strom entspricht etwa der Hälfte des
erneuerbaren Rohstoffen in einem treibhaus- deutschen Bruttostromverbrauchs. Die Art der
gasneutralen Deutschland durch die chemische Bereitstellung dieser enormen Energiemengen ist
Industrie im Jahr 2050, nach [20]
noch eine weitgehend offene Frage. Angesichts des
Energieträger Menge in Mio. t fortschreitenden Klimawandels ist die Notwendig-
Nachwachsende Rohstoffe 3,6
keit der Dekarbonisierung allerdings eindeutig
(s.  7  Kap.  1). Hier sind neue Ansätze zu schaffen,
Erneuerbare Methan 18,3
wie sie beispielsweise in 7 Abschn. 8.8 beschrieben
Rohstoffe
Holzkohle 0,1 sind: Nutzung von abgelegener Wasserkraft und
Gesamt 22 Geothermie bzw. Nutzung der Windenergie auf
dem Meer.
5 Zusammen mit den Ergebnissen zum Speicherbe-
darf im Strom- und Verkehrssektor (s. 7 Abschn. 3.7.2.7
5.6.2 Benötigte Power-to-X-Leistung und 7 Abschn. 5.5.4.3) ergibt sich für die Referenzjahre
für die chemische Industrie ein Bedarf an Power-to-X in Deutschland wie in
.  Tab.  5.5 dargestellt. Notwendige Maßnahmen zur
Aus den Stoffmengen in .  Tab.  5.4 wird der Be- Entwicklung dieser Technologie sind in  7 Kap. 8, 12,
darf an erneuerbaren Rohstoffen im Chemiesektor 13 und 14 skizziert.
und somit die benötigte Speicherleistung für
Power-to-X abgeleitet. Der Energiebedarf beträgt
282  TWh bzw. 96 % des Gesamtbedarfs, der über 5.7 Zusammenfassung
erneuerbares Methan (Power-to-Gas) gedeckt
wird. Die restlichen 4 % sind nachwachsende Roh- Für die Umsetzung der ehrgeizigen Bestrebungen
stoffe und damit weitgehend klimaneutral. im Verkehrssektor sowie der sektorenübergrei-
Für die Zwischenjahre 2023 und 2033 wird in fenden klima- und energiepolitischen Ziele steht
[19] ein lineares Wachstum von 2009 (237 TWh) bis eine Vielzahl von Technologien und Energieträ-
2050 (282 TWh) angenommen. Analog zum Spei- gern zur Auswahl. Verkehrsträgerübergreifend
cherbedarf im Verkehrssektor (s.  7  Abschn.  5.5.4) ist die Effizienzsteigerung der Antriebstechno-
wird die Bandbreite des Speicherbedarfs über eine logien sehr wichtig, um bis 2050 40 % weniger
progressive und konservative Entwicklung aufge- Endenergie als 2005 zu benötigen. Der durch-
spannt: Für 2023 werden 0,5–5 % aller chemischen schnittliche CO2-Ausstoß der Pkw-Neuzulassun-
Rohstoffe erneuerbar erzeugt, für 2033 5–30 % und gen kann bis 2021 nur dann auf 95  g reduziert
für 2050 30–96 %. werden, wenn eine zunehmende Elektrifizierung
Der elektrische Energiebedarf für die Erzeugung des Antriebsstrangs erfolgt. Im Luft- und Schiffs-
der genannten Anteile erneuerbarer Rohstoffe ergibt verkehr sind nationale Alleingänge aufgrund
sich aus den Wirkungsgraden von Power-to-X für der langlebigen internationalen Kraftstoffinfra-
die einzelnen Referenzjahre (s. 7 Abschn. 5.5.4.1). struktur und technischen Anforderungen nicht
Der Bedarf an erneuerbarem Strom zur Dekar- möglich. Im Einzelnen sind folgende Entwick-
bonisierung lässt sich für das Jahr 2050 auf etwa lungen zu erwarten:
350 TWh/a beziffern, wenn ein durchschnittlicher
PtX-Wirkungsgrad von 80 % angesetzt und die Mobilitätsbedarf
Verwertung von Wasserstoff als Ausgangsstoff vie- 55 Die Personenverkehrsleistung bleibt annä-
ler chemischer Produkte zugrunde gelegt wird. hernd konstant und ist vorwiegend im demo-
Mit den Volllaststunden kann die entspre- grafischen Wandel begründet.
chende Leistung bestimmt werden. Daraus kann 55 Die Güterverkehrsleistung steigt deutlich an
auf das Entwicklungspotenzial von Power-to-X in und ist stark an die Wirtschaftsentwicklung
der chemischen Industrie geschlossen werden (s. gekoppelt; Effizienzsteigerungen werden
. Abb. 5.11). durch den Mehrbedarf überdeckt.
5.7 •  Zusammenfassung
189 5

. Abb. 5.11  Bandbreite der Entwicklung von Power-to-X in der chemischen Industrie, nach [19, 20]

. Tab. 5.5  Bandbreite der notwendigen installierten Leistung von Power-to-X in den Sektoren Strom, Verkehr
und Chemie für die Referenzjahre 2023, 2033 und 2050, nach [19]

Installierte Leistung von Power-to-X in GW

2023 2033 2050

Min Max Min Max Min Max

Stromsektor 0 0 0 0 0 8

Verkehrssektor 0,8 12 8 57 22 75

Chemiesektor 1 5 4 22 18 58

Summe 1,8 17 12 79 40 141

Energiemix 55 Biokraftstoffe sind wichtig im Bereich der


55 Zukünftig ist eine stärkere Diversifizierung Arbeitsmaschinen, der L­ angstreckenmobilität
der Antriebskonzepte im Straßenverkehr zu und der Luftfahrt; aber ihr Potenzial ist zu
erwarten, wobei sich die Elektrifizierung des gering, um den gesamten Kraftstoffbedarf zu
Antriebsstrangs schrittweise vollziehen wird. decken.
55 Die Energieträgerbasis, die heute zu überwie- 55 Stromkraftstoffe werden zur Erreichung der
genden Teilen auf fossilen Kraftstoffen beruht, Klimaziele elementar und sind vor allem für
wird sukzessive erweitert, was zu einer ver- den Güterverkehr, Arbeitsmaschinen, Schiffs-
stärkten Integration und Verzahnung zwi- und Luftverkehr von zentraler Bedeutung.
schen Strom- und Verkehrssektor führen wird. 55 Die Einführung von erneuerbaren Energien
55 Der fossile Energieverbrauch geht deutlich im Kraftstoffbereich ist im Vergleich mit den
zurück, vor allem von Benzin; Kerosin für beiden anderen Energiesektoren die größte
Luftfahrt und Diesel für den Güterverkehr Herausforderung.
und Arbeitsmaschinen bleibt weitgehend
erhalten. Paradigmenwechsel
55 Die Elektromobilität auf Basis erneuerbarer 55 Strom wird zur Primärenergie, auch im Ver-
Energien bringt die deutlichsten Effizienzge- kehrssektor.
winne. 55 Die Elektrifizierung der Mobilität erfolgt über
die Hybridisierung und über Stromkraftstoffe.
190 M. Sterner, F. Eckert, H.-M. Henning und T. Trost

55 Die Hybridisierung des Antriebsstrangs Stromsektor. Diese Flexibilität kann dort den
zeichnet den Weg vom Micro-Hybriden bis zusätzlichen Kurzzeitspeicherbedarf senken.
zum vollelektrischen Automobil vor und be- 55 Zum Ersatz von fossilen Kraftstoffen in Seg-
schränkt sich nicht nur auf Pkw, sondern auch menten mit hohen Anforderungen an die
auf Lkw und Busse über Oberleitungen sowie Energiedichte werden Stromkraftstoffe benö-
den Ausbau des elektrischen Schienenver- tigt. Eine 40 %ige Deckung der Verkehrsleis-
kehrs. tung resultiert in einem sehr großen zusätz-
55 Biokraftstoffe reichen trotz der zweiten und lichen Strombedarf von ca. 150 TWh.
dritten Generation nicht aus, um den Kraft- 55 Der Beitrag der direkten und indirekten Nut-
stoffbedarf vollständig zu decken, und sind zung von elektrischer Energie als Kraftstoff
daher gezielt einzusetzen. zum Klimaschutz wird maßgeblich durch die
5 55 Stromkraftstoffe überwinden die Potenzial- zunehmende Stromerzeugung aus erneuerba-
grenzen von Biokraftstoffen und stellen eine ren Energien im Stromsektor beeinflusst.
weitere Form der Elektrifizierung des Ver- 55 Bei einer vollständigen Dekarbonisierung
kehrssektors dar. des Verkehrssektors bis 2050 entsteht ein
55 Für Elektromobilität und Wasserstoff werden ­zusätzlicher erneuerbarer Strombedarf für
neue Infrastrukturen für Transport und Ver- Stromkraftstoffe, der je nach Stromquelle in
teilung benötigt. einer zusätzlichen Power-to-X-Leistung von
55 Für jede Art des Antriebes gibt es erneuerba- 22-75 GW resultiert
re Alternativen und Konzepte.
Speicherbedarf im Chemiesektor
Speicherbedarf im Verkehrssektor 55 Die Dekarbonisierung der chemischen Indus-
55 Der konventionelle Speicherbedarf sinkt trie wird eine Umstellung von fossilen auf
mit dem Rückgang der fossilen Energieträger, erneuerbare Rohstoffe erfordern.
indem immer mehr Energie direkt aus der 55 Derzeit liegt der nichtenergetische ­Verbrauch
Umgebung über die »solare«, erneuerbare fossiler Rohstoffe für stoffliche Zwecke bei
Mobilität in den Verkehr gebracht wird und etwa 4 % des gesamten Aufkommens fossiler
die Antriebsstränge elektrifiziert werden. Brenn- und Rohstoffe.
55 Für Biokraftstoffe werden Lagerkapazitäten 55 Das nachhaltige Potenzial an Biomasse ist
notwendig, sofern der Kraftstoff nicht direkt in als Rohstoffbasis für die chemische Industrie
die Mineralölinfrastruktur integriert wird. nicht ausreichend.
55 Elektromobile können einen Großteil der Trak- 55 Die Wandlung von günstiger und flächeneffi-
tionsenergie effizient über erneuerbaren Strom zienter Wind- und Solarenergie in c­ hemische
leisten. Werden 30 % der Verkehrsleistung über Grundstoffe über Power-to-X wird im Zuge der
Batteriefahrzeuge erbracht, beträgt die benötigte Dekarbonisierung notwendig.
Strommenge je nach Auslegung ca. 60 TWh 55 Bei weiterem Wachstum der chemischen
und damit etwa 10 % des heutigen Bruttostrom- Industrie von 0,7 %/a kann der Strombedarf
verbrauchs. Der Stromverbrauch steigt also für Power-to-X auf bis zu 350 TWh bei einer
durch die Einführung der Elektromobilität nicht installierten Leistung von ca. 60 GW steigen.
massiv an. Bei einem täglichen Ladezyklus ent- Das entspricht etwa der Hälfte des deutschen
steht ein neuer Speicherbedarf von ca. 150 GWh Stromverbrauchs.
Batteriespeicherkapazität für Elektrofahrzeuge. 55 Die Bereitstellung der zusätzlichen Strommen-
55 Die Ladung der Elektromobile ist quasi zwin- gen für Power-to-X ist eine Herausforderung,
gend auf die erneuerbare Energieversorgung für die es erste Lösungsansätze gibt.
abzustimmen, um zusätzliche Netzbelastungen 55 Power-to-X bzw. Power-to-Gas ist nicht nur
und Netzausbau zu vermeiden. Falls Elektro- eine reine Stromspeichertechnologie, auch in
mobile im Lastmanagement eingebunden sind, den Bereichen Verkehr und Chemie wird sie be-
bieten sie mittel- bis langfristig in der Summe nötigt. Aus diesen Gründen erscheint eine Ein-
eine brauchbare Systemflexibilität für den führung der Technologie mehr als geboten.
Literatur
191 5
k und zum Abschluss dieses Teils noch eine
k…
Karikatur von Gerhard Mester:

Literatur 7. ifmo (2010) Zukunft der Mobilität. Szenarien für das Jahr
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bilität - Strategie des Volkswagenkonzerns. Seminarrei-
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durch erneuerbare Energien – der Primärenergiebeitrag
von erneuerbaren Energien. Brennstoff Wärme Kraft –
Springer VDI Verlag 06/2008 (60)
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Potenziale und Perspektiven einer Kombination von
Infrastrukturen. Gesamttext. VDE-Studie, VDE – Verband
der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e. V.,
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16. WBGU (2009) Welt im Wandel: Zukunftsfähige Bio­
energie und nachhaltige Landnutzung. H ­ auptgutachten
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17. Zimmer W (2013) RENEWBILITY II Szenario für einen
anspruchsvollen Klimaschutzbeitrag des Verkehrs.
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Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Nachhal-
tige Mobilität und Immissionsschutz. Öko-Institut e. V.,
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Stromsektor 2013: Erzeugung, Verbrauch, Erneuerbare
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19. Sterner M, Thema M, Eckert F, Moser A, Schäfer A,
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DU, Leuthold M, Stöcker P (2014) Stromspeicher in der
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de/publikationen/treibhausgasneutrales-deutschland-
im-jahr-2050-0
193 III

Teil III Technologien der


Energiespeicherung
Kapitel 6 Elektrische Energiespeicher – 195
Prof. Dr. Ingo Stadler (CIRE TH Köln)

Kapitel 7 Elektrochemische Energiespeicher – 229


Prof. Dr. Ingo Stadler (CIRE TH Köln)
Dr. Bernhard Riegel (Hoppecke Batterien): Abschnitt 7.6
Dr. Detlef Ohms (Hoppecke Batterien): Abschnitte 7.1, 7.3
Dr. Eduardo Cattaneo (Hoppecke Batterien): Abschnitt 7.6
Dr. Götz Langer (Hoppecke Batterien): Abschnitt 7.2
Dr. Matthias Herrmann (Hoppecke Batterien): Abschnitt 7.4

Kapitel 8 Chemische Energiespeicher – 327


Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner (FENES OTH Regensburg)
Franz Bauer (FENES OTH Regensburg): Abschnitt 8.1
Fritz Crotogino (KBB Underground Technology):
Abschnitt 8.4
Fabian Eckert (FENES OTH Regensburg):
Abschnitte 8.1, 8.3, 8.4, 8.5, 8.6, 8.7
Christian von Olshausen (sunfire GmbH):
Abschnitte 8.1, 8.2, 8.6, 8.7
Dr.-Ing. Daniel Teichmann (Hydrogenious Technologies
GmbH): Abschnitt 8.4
Martin Thema (FENES OTH Regensburg):
Abschnitte 8.2, 8.3, 8.4, 8.5, 8.6

Kapitel 9 Mechanische Energiespeicher – 495


Prof. Dr. Ingo Stadler (CIRE TH Köln)
Franz Bauer (FENES OTH Regensburg) Abschnitt 9.3
Marcus Budt (Fraunhofer UMSICHT): Abschnitt 9.1
Prof. Eduard Heindl (Heindl Energy): Abschnitt 8.3
Dr. Daniel Wolf (Heliocentris): Abschnitt 9.1
Kapitel 10 Thermische Energiespeicher – 579
Prof. Dr. Ingo Stadler (CIRE TH Köln)
Dr. Andreas Hauer (ZAE Bayern):
Abschnitte 10.1, 10.2, 10.3, 10.4, 10.5, 10.6, 10.7

Kapitel 11 Lastmanagement als Energiespeicher – 619


Prof. Dr. Ingo Stadler (CIRE TH Köln)
Fabian Eckert (FENES OTH Regensburg):
Abschnitte 11.4, 11.5, 11.6

Kapitel 12 Vergleich der Speichersysteme – 645


Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner (FENES OTH Regensburg)
Martin Thema (FENES OTH Regensburg):
Abschnitte 12.1, 12.2, 12.3, 12.4
195 6

Elektrische Energiespeicher
Prof. Dr. Ingo Stadler (CIRE TH Köln)

Übersicht
Die Technologien der Energiespeicherung zeichnen sich durch eine sehr
große Vielfalt aus. Sie bilden den dritten Teil dieses Buches und betreffen die
Grundlagen der Physik, der Chemie, des Maschinenbaus und der Elektro-
technik. Die Anfänge der Energiespeicherung liegen eher in der Biologie,
heute als »chemische Energiespeicherung« bezeichnet. Solarenergie war in
Form von chemischen Bindungen in Kohlenwasserstoffen gespeichert, die bei
ihrer Verbrennung Energie freigeben. Das fossile Potenzial chemischer Ener-
giespeicher geht jedoch zur Neige und das nachhaltige Potenzial an Biomasse
ist begrenzt (s. 7 Kap. 1 und 2).
Für die Vollendung der Energiewende wird Strom ein bedeutender Primär-
energieträger werden. Die tragenden Säulen werden Wind- und Solarenergie
sein. Dies geht deutlich aus den Szenarien zur Ermittlung des Speicherbedarfs
hervor (7 Kap. 3–5). Da diese Quellen am ökonomischsten über die Strom-
erzeugung zu nutzen sind, ist ihre direkte Speicherung in Form von elektri-
scher Energie naheliegend.
Im vorliegenden Kapitel  wird auf die direkte elektrische Energiespeicherung in
Kondensatoren und in Spulen eingegangen. Für beide Fälle werden die physi-
kalischen und elektrotechnischen Grundlagen erörtert, Kennwerte abgeleitet
und ihre Funktionsweisen und Einsatzgebiete beschrieben.

6.1 Kondensatoren – Supercaps – 197


6.1.1 Grundlagen eines Kondensators – 197
6.1.2 Vom Kondensator zum Doppelschichtkondensator – 200
6.1.3 Ladung und Entladung – 203
6.1.4 Verluste, Wirkungsgrad und weitere Kennwerte – 209
6.1.5 Lebensdauer – 213
6.1.6 Anwendungsgebiete – 216

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


M. Sterner, I. Stadler (Hrsg.), Energiespeicher – Bedarf, Technologien, Integration,
DOI 10.1007/978-3-662-48893-5_6
6.2 Supraleitfähige elektromagnetische Energiespeicher – 217
6.2.1 Grundlagen der Supraleitung – 218
6.2.2 Supraleitfähiger elektromagnetischer Energiespeicher – 219

6.3 Zusammenfassung – 225

Literatur – 227
6.1 •  Kondensatoren – Supercaps
197 6
6.1 Kondensatoren – Supercaps welche als kleinste mögliche Ladungsmenge be-
zeichnet wird. Ein + oder – gibt hierbei die Polari-
Die Energiespeicherung in einem Kondensator be- tät bzw. das Vorzeichen an. Das C in Gl. 6.1 ist die
ruht auf der Aufrechterhaltung eines elektrischen Einheit der Ladung, benannt nach dem Physiker
Feldes, in dem Energie gespeichert wird. In die- Coulomb:
sem Abschnitt werden die Grundlagen des elektri-
 1C = [ As ] = 1Coulomb. (6.2)
schen Feldes einschließlich der feldbeschreibenden
Grundgrößen behandelt. Hierauf folgt eine Be- Die Kraftwirkung der Ladungen steigt mit zuneh-
schreibung des Kondensators im Allgemeinen, im mender Anzahl der Ladungen, ist also proportional
Anschluss werden die Besonderheiten des Doppel- zur Ladungsmenge. Die Kraftwirkung verringert
schichtkondensators betrachtet. sich jedoch mit größer werdendem Abstand der
Ladungen. Das elektrische Feld wird dementspre-
chend wie folgt definiert:
6.1.1 Grundlagen eines Kondensators 
  F  VAs   V  (6.3)
E= = = .
zz Das elektrische Feld Q  m ⋅ C   m 
Der französische Physiker Charles Augustin de
Coulomb (1736–1806) beschäftigte sich mit der Die in Gl.  6.3 enthaltene Einheit Volt [V] ist die
Kraftwirkung von Ladungen. Er stellte fest, dass elektrische Spannung U:
sich elektrische Ladungen gleichen Vorzeichens
 J 
abstoßen und ungleiche Ladungen anziehen. La- U =  . (6.4)
dungen üben somit eine Kraftwirkung aufeinander C 
aus. Um diese Kraftwirkung zu veranschaulichen, Sie gibt die Energie pro Ladung an und kennzeich­
wurden Kraftlinien eingeführt. Diese geben den net somit die mögliche Verschiebearbeit pro La-
Betrag und die Richtung der Kraft im Raum an. dung. Dementsprechend kann sie als Ursachenwir-
Zusammengefasst ergeben sie das elektrische Feld kung des Stromes angesehen werden.
E (s. . Abb. 6.1).
Hierbei ist zu beachten, dass die Feldlinien auf zz Materialabhängigkeit – das Dielektrikum
positiven Ladungen beginnen und auf negativen Die Ausbreitung elektrischer Felder und die mit
Ladungen enden. Das e kennzeichnet hierbei die ihnen verbundene Kraftwirkung pro Ladung sind
Elementarladung materialabhängig. Eine besondere Bedeutung ha-
ben in diesem Zusammenhang die »Nichtleiter«,
 e = 1, 602 ⋅10−19 C , (6.1) also Materialien mit einem sehr hohen Widerstand,
auch Dielektrika genannt. Sie haben die Eigen-
schaft, elektrische Felder zu schwächen. Dies ge-
schieht durch die Bildung von Dipolen. Ein Dipol
bezeichnet zwei Ladungen, die sich zwar verschie-
ben bzw. ausrichten lassen, ansonsten aber ortsfest
sind. Das heißt, sie sind nicht frei beweglich und es
kommt kein Stromfluss zustande. Wirkt ein äuße-
res elektrisches Feld auf die Dipole ein, so richten
diese sich aus und erzeugen dadurch ein »Gegen-
feld«, welches dem ursprünglichen äußeren Feld
entgegenwirkt (s. . Abb. 6.2).
Diese Feldbeeinflussung durch die Dielektrika
wird in einer Größe berücksichtigt, die als Permitti-
vität ε (lat. permittere – erlauben, durchlassen) be-
. Abb. 6.1  Das elektrische Feld E zwischen zwei
Ladungen
198 I. Stadler

. Abb. 6.2  a Dipole im Raum, b Einwirkung eines äußeren E-Feldes, c ausgerichtete Dipole, welche das äußere elektri-
sche Feld schwächen

6
zeichnet wird. Die Permittivität setzt sich aus zwei Diese gibt das Verhältnis zwischen der Ladung Q
Faktoren zusammen: und der Spannung U an. Die Kapazität dient unter
anderem der Charakterisierung von Kondensato-
 As
ε = ε 0 ⋅ ε r = 8,854 ⋅10−12 ⋅εr . (6.5) ren, den Bauteilen zur Speicherung elektrischer
Vm Ladungen. Hierbei sei angemerkt, dass die Kapazi-
Hierbei ist ε0 die absolute Permittivität, bezogen auf tät nicht an Kondensatoren gebunden ist, sie tritt
das Vakuum. Sie gibt gewissermaßen die Durch- z. B. auch bei Freileitungen und Kabeln auf, überall
lässigkeit des Vakuums für elektrische Felder an. wo unterschiedliche Potenziale durch ein Dielektri-
Der Faktor εr ist eine dimensionslose Größe. Das kum getrennt sind.
bedeutet, die Durchlässigkeit von Materialien für
elektrische Felder ist stets ein Vielfaches derjenigen zz Der Kondensator
des Vakuums. εr ist die relative Permittivität und Der Kondensator lässt sich als eine Anordnung aus
nimmt Werte größer oder gleich 1 an. Einige Werte zwei gegenüberliegenden Elektroden beschreiben,
für εr sind in . Abb. 6.3 dargestellt. welche durch ein Dielektrikum getrennt sind. Die
Die Permittivität ist mit dem elektrischen Feld Erklärung der physikalischen Zusammenhänge er-
über die elektrische Flussdichte folgen hier am Beispiel des Plattenkondensators (s.
. Abb. 6.4).
 Q  As 
D= = (6.6) Zunächst wird die Ladung Q über die elektri-
A  m 2  sche Flussdichte D bestimmt:
verknüpft. Die Flussdichte D gibt die Ladungsver-
schiebung auf einer bestimmten Fläche im Raum  Q = ∫ Dda = D ⋅ A. (6.9)
an, welche von den Ladungen des »Ursprungsfel- A

des« verursacht wurde. Den gesamten Zusammen- Dann wird die Spannung U über das elektrische
hang gibt Gl. 6.7 wieder: Feld E bestimmt:
 D = ε 0 ε r E = ε E. (6.7)
 d

U = ∫ Edx = E ⋅ d . (6.10)
0
zz Die Kapazität C
Die Ladungsspeicherung wird durch die ­Kapazität Wenn die Randeinflüsse vernachlässigt werden
(engl. capacity – das Fassungsvermögen) ausge- können (A > > d), handelt es sich beim Plattenkon-
drückt: densator um eine homogene Anordnung. Somit
ergeben sich für Gl.  6.9 und 6.10 lineare Zusam-
 Q  As 
C= = = 1 Farad . (6.8) menhänge. Beide Gleichungen in Gl. 6.8 eingesetzt
U  V  ergibt
6.1 •  Kondensatoren – Supercaps
199 6

. Abb. 6.3  Werte der relativen Permittivität ausgewählter Materialien

<