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T E C H N I S C H E U N I V E R S I T Ä T B R A U N S C H W E I G

VORLESUNG

FORM UND
KONSTRUKTION

SS 2015

INSTITUT FÜR BAUKONSTRUKTION UND HOLZBAU PROF. DR.-ING. MARTIN H. KESSEL


Vorlesung Form und Konstruktion 0

Prof. Dr.-Ing. M.-H. Kessel Institut für Baukonstruktion und Holzbau TU Braunschweig
Vorlesung Form und Konstruktion 1

Inhalt
Vorwort .............................................................................................................................................................................. 4
1 Einleitung .................................................................................................................................................................... 6
1.1 Die Entwurfsprozesse .......................................................................................................................................... 6
1.2 Entwurf der Form und Größe von Räumen und ihrer Hülle ................................................................................ 7
1.3 Entwurf der Konstruktion.................................................................................................................................... 7
1.4 Zur Kritik von Form und Konstruktion ............................................................................................................... 8
1.5 Zur Kritik an den Lehrinhalten .......................................................................................................................... 10
1.6 Verantwortlichkeiten ......................................................................................................................................... 12
2 Der moderne, rechnerunterstützte Planungsablauf von Bauwerken .......................................................................... 14
2.1 Der Einfluss von CAD auf den Planungsablauf ................................................................................................ 14
2.2 Planungsablauf für Bauwerke ........................................................................................................................... 16
2.2.1 Formentwurf .............................................................................................................................................. 16
2.2.2 Konstruktionsentwurf zur Formerhaltung ................................................................................................. 16
2.2.3 Statische Berechnung der Konstruktion .................................................................................................... 16
2.2.4 Leistungsbeschreibung, Ausschreibung, Baukosten, Vergabe - AVA ...................................................... 16
2.2.5 Realisierung und Abrechnung - AVA ....................................................................................................... 16
2.2.6 Unterhalt und umweltschonender Rückbau ............................................................................................... 16
2.2.7 Kirche Treviso ........................................................................................................................................... 19
2.2.8 Kindergarten Dänischenhagen .................................................................................................................. 20
2.2.9 Kindergarten Nordstemmen ...................................................................................................................... 22
3 Tragsysteme .............................................................................................................................................................. 26
3.1 Ebene Tragsysteme - Primärsysteme ................................................................................................................ 26
3.1.1 Übersicht der gebräuchlichen einfeldrigen Biegeträger ............................................................................ 31
3.1.2 Übersicht der gebräuchlichen Fachwerkskonstruktionen .......................................................................... 32
3.1.3 Beispiel – Dach eines Einkaufszentrums .................................................................................................. 33
3.1.4 Weitere Fachwerk- oder Binderformen ..................................................................................................... 34
3.1.5 Anpassung von Fachwerken an spezielle Entwurfsergebnisse .................................................................. 35
3.2 Parametrisierung ebener Tragsysteme ............................................................................................................... 35
3.3 Ausgesteifte ebene Tragsysteme - Sekundärsysteme ........................................................................................ 37
3.3.1 Anpassung von Tragsystemen an spezielle Entwurfsergebnisse ............................................................... 37
3.3.2 Räumliche Systeme - Sekundärsysteme .................................................................................................... 37
3.3.3 Parametrisierte Beschreibung des räumlichen Tragverhaltens .................................................................. 38
4 Optimierung der Konstruktion .................................................................................................................................. 41
4.1 Einwirkungen und Lagerungen ......................................................................................................................... 41
4.2 Einführendes Beispiel – Optimierung der Form eines Trägers ......................................................................... 42
4.3 Ein Gegenbeispiel ............................................................................................................................................. 44
4.4 Optimierung der Form aufgelöster ebener Stabstrukturen ................................................................................ 44
4.5 Michell-Kragträger ............................................................................................................................................ 47
4.6 Beispiel Brücke Martigny ................................................................................................................................. 49
4.7 Bahnsteigüberdachung Lehrter Bahnhof in Berlin ............................................................................................ 50
4.8 Optimale Platten und Trägerroste ..................................................................................................................... 51

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4.9 Beispiel Geschossdecke Wohnhaus in Ecoffey (CH)........................................................................................ 54


4.10 Decken in Fachwerkhäusern ............................................................................................................................. 55
4.11 Räumliche Stabstrukturen ................................................................................................................................. 57
4.11.1 Sporthalle Chateau d’Oex (CH) ................................................................................................................ 57
4.11.2 Sporthalle Savigny (CH) ........................................................................................................................... 63
4.12 Gekrümmte Stabstrukturen - Bogen .................................................................................................................. 67
4.12.1 Der gerade Einfeldträger ........................................................................................................................... 68
4.12.2 Der gekrümmte Einfeldträger .................................................................................................................... 68
4.12.3 Der kreisbogenförmige Zweigelenkbogen mit vertikaler Linienlast g aus Eigengewicht ......................... 69
4.12.4 Der kreisbogenförmige Zweigelenkbogen mit vertikaler Linienlast auf die Grundfläche bezogen .......... 70
4.12.5 Der kreisbogenförmige Dreigelenkbogen mit vertikaler Linienlast auf die Grundfläche bezogen ........... 71
4.12.6 Der kreisbogenförmige Zweigelenkbogen mit zentralsymmetrischer Linienlast ...................................... 72
4.12.7 Der kreisförmige Zweigelenkbogen mit einseitiger Linienlast auf die Grundfläche bezogen .................. 73
4.12.8 Zur Bedeutung der Stützbogenform .......................................................................................................... 73
4.12.9 Fuß- und Radwegbrücke Brieselang ......................................................................................................... 74
4.12.10 Fuß- und Radwegbrücke Ziegenwerder ................................................................................................ 77
4.12.11 Räumliches Tragverhalten im Vergleich ............................................................................................... 79
4.13 Stabwerkskuppeln ............................................................................................................................................. 83
4.13.1 Entwurfsvarianten ..................................................................................................................................... 83
4.13.2 Beispiel Projektentwurf Schwedler-Kuppel .............................................................................................. 84
4.13.3 Netzwerkkuppeln ...................................................................................................................................... 85
5 Die Interdependenz von Form und Konstruktion ...................................................................................................... 89
5.1 Salle communitaire Savigny – Gemeinde- und Tagungszentrum ..................................................................... 89
5.2 Lagerhalle Höver ............................................................................................................................................... 97
5.3 Lavesbrücke Derneburg .................................................................................................................................. 103
5.4 Glashütte Großbreitenbach .............................................................................................................................. 105
6 Der Einfluss der Statik auf Konstruktion und Form oder: Wenn die Statik die Form bestimmt ............................. 107
6.1 Graphische Statik – der Cremona-Plan ........................................................................................................... 107
6.2 Vom Ringträger zum Fachwerkträger ............................................................................................................. 107
6.3 Beispiel Ginkgo Bar ........................................................................................................................................ 109
6.4 Beispiel Geschossbau ...................................................................................................................................... 111
7 Die räumliche Durchdringung von Form und Konstruktion ................................................................................... 113
7.1 Räumliche Anordnung von Scheiben .............................................................................................................. 113
7.2 Beispiel............................................................................................................................................................ 114
7.3 Räumliche Anordnung von Stäben.................................................................................................................. 115
8 Robustheit nach DIN EN 1990 (EC0) ..................................................................................................................... 117
9 Multifunktionale Strukturen .................................................................................................................................... 120
9.1 Wandaufbau .................................................................................................................................................... 120
10 Wissensbasierte Tragwerksplanung .................................................................................................................... 121
10.1 Konventioneller Planungsablauf im Fertighausbau ......................................................................................... 121
10.2 Vereinfachte Netzstruktur zur Abbildung des Gebäudes in ESYFEB ............................................................ 122
10.3 Beschreibung der Klasse Wandelement .......................................................................................................... 124
10.4 Konstruktive Abhängigkeiten zwischen den Baugruppen ............................................................................... 124

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10.5 Sparrenplan und Kehlsparren .......................................................................................................................... 125


10.6 Konstruktion und Darstellung in CAD ............................................................................................................ 126
10.6.1 Eichenfachwerkknoten ............................................................................................................................ 127
10.6.2 Kopfbandanschluss mit Versatz .............................................................................................................. 127
10.6.3 Abbundhalle in Holzbauweise................................................................................................................. 128
10.6.4 Vom CAD-System automatisch erzeugte Systemachsen der Abbundhalle ............................................. 128
11 Modelle der Hausübungen vergangener Semester .............................................................................................. 129
11.1 Sommersemester 2000 .................................................................................................................................... 129
11.2 Sommersemester 2001 .................................................................................................................................... 130
11.3 Sommersemester 2002 .................................................................................................................................... 131
11.4 Sommersemester 2004 .................................................................................................................................... 132
11.5 Sommersemester 2005 .................................................................................................................................... 133
11.6 Sommersemester 2006 .................................................................................................................................... 134
11.7 Sommersemester 2007 .................................................................................................................................... 135
11.8 Sommersemester 2008 .................................................................................................................................... 136
11.9 Sommersemester 2009 .................................................................................................................................... 138
12 Literaturverzeichnis............................................................................................................................................. 139

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Vorwort
Die Vorlesung Form und Konstruktion ist Teil des Studienfachs Baukonstruktion und wird im 2. Studiensemester des
Studiengangs Bauingenieurwesen und des Studiengangs Wirtschaftsingenieurwesen Bau gelehrt.

Ziel der Vorlesung ist es, eine Übersicht über die Vielfalt von Konstruktionen zu geben, die Studierenden für das
Tragverhalten von Konstruktionen zu sensibilisieren und die statischen Abhängigkeiten von Form und Konstruktion
und die Anforderungen an Form und Konstruktion aufzuzeigen. Mit wenigen theoretischen Vorkenntnissen aus der
technischen Mechanik soll es der Bau von charakteristischen Modellen ermöglichen, das Tragverhalten von
Konstruktionen durch Anschauung zu begreifen und ein Gespür für das Tragverhalten zu entwickeln.

Die Vorlesung folgt Pestalozzis Postulat: Lernen mit Kopf, Herz und Hand! Die Vorlesung gibt den Studierenden die
Möglichkeit, Beanspruchungen von Bauteilen durch die Erzeugung großer Verformungen am Modell sichtbar zu
machen und dadurch abstrakte Lehrinhalte anschaulich zu begreifen. Die Vorlesung gibt also den Studierenden die
Möglichkeit, Tragverhalten visuell und durch eigenes Handanlegen haptisch zu erleben und gegebenenfalls kognitiv in
dem Sinne zu verarbeiten, dass die zugehörigen statischen Gesetzmäßigkeiten begriffen werden.

Fähigkeiten und Kenntnisse, die Ergebnisse eines Baustellenpraktikums sein sollten, können im Rahmen dieser
Vorlesung und der Hausübung nicht erworben werden.

Die in dem Vorlesungsskript verwendeten Projektbeispiele wurden, wenn nichts anderes erwähnt wird, vom Autor und
seinen Mitarbeitern in seinem Ingenieurbüro bearbeitet oder er hat daran als Prüfingenieur für Baustatik oder
Sachverständiger mitgewirkt.

Der Autor des vorliegenden Vorlesungsskriptes erhebt keinen Anspruch auf dessen Vollständigkeit. Voraussetzung
hierfür wäre die Kenntnis der Lehrinhalte, die dem Anspruch an Abgeschlossenheit genügen. Das Skript ist auch kein
Lehrbuch in dem Sinne, dass seine Inhalte als allgemein anerkannt gelten. Sie spiegeln vielmehr die subjektive
Meinung des Autors wider, wenngleich dieser stets bemüht war, seiner Verpflichtung als Hochschullehrer auf
Unabhängigkeit, Objektivität und neuesten Stand von Wissenschaft und Technik gerecht zu werden.

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1 Einleitung
Diese Vorlesung hat die Anforderungen an Form und Konstruktion von Bauwerken und seinen Teilen und ihre
gegenseitigen Beziehungen (Relationen) und Abhängigkeiten (Interdependenzen) zum Inhalt.

Werner Blaser in Sobek Ingenieurkunst S.19


Jede Architektur, als Bau-Kunst verstanden, wird von der
Ingenieur-Kunst begleitet. Aus der Wechselbeziehung
zwischen statischem Gerüst und architektonischer Gestalt
entsteht ein komplexes Ganzes.

1.1 Die Entwurfsprozesse


Die Form1 eines Bauwerks2 ist Ergebnis eines Entwurfsprozesses, dessen originäres Ziel es ist, das Bauwerk so zu
entwerfen und dann zu erschaffen, dass es dem Bauherrn zu einem von ihm festgelegten Zweck dauerhaft dienen kann.

(i) In der Regel ist zur Erfüllung des Zwecks (Gebrauchstauglichkeit) der Entwurf und die Erschaffung von Räumen
erforderlich. Diese Räume sind nicht grenzenlos, wie der euklidische Vektorraum oder gar der Weltraum, sondern
bewusst begrenzt, aber dennoch für den Zweck groß genug 3. Sie dienen z. B. zum Aufenthalt von Menschen (Wohnen,
Administration, Warenproduktion, Sport) oder zur Lagerung/Speicherung von Stoffen/Produkten (Silos, Behälter,
Parkhäuser, Schleusen). Die Räume werden durch die Bauwerkshülle begrenzt. Die Hülle ist insgesamt oder in Teilen
opak, transparent, perforiert (durchlöchert) oder auch nur imaginär, wie beim oben offenen Fußballstadion. Der Entwurf
der Räume und ihrer Hülle erfordert zuvorderst Fähigkeiten und Kenntnisse, über die Architekturschaffende verfügen.

(ii) Dem Entwurf folgt die Schaffung/Errichtung des Bauwerks. Hierzu wird u. a. die Bauwerkshülle aus einzelnen
Bausteinen (hier im übertragenen Sinne für Baustoffe, Bauelemente, Bauteile) zusammengefügt, indem die Bausteine
wie in Bild 1-1 räumlich montiert (z. B. geschichtet) werden und damit auf Grund ihrer Masse ein Potential der Lage
gegenüber der Geländeoberkante bzw. dem Baugrund gewinnen.

Nun liegt es in der Regel im öffentlichen Interesse, zumindest aber im Interesse des Bauherrn, dass jeder der Bausteine
in einer stabilen Lage gehalten wird, so dass von keinem eine Gefahr dadurch ausgeht, dass er abstürzt. Die stabile Lage
jedes Bausteins muss auch dann gewährleistet sein, wenn auf den Stein nicht nur die Erdgravitation, sondern auch
Nutzlasten, Wind, Schnee oder Erdbeben einwirken.

Um die Wahrscheinlichkeit des Absturzes irgendeines Bausteins des Bauwerks so gering wie wirtschaftlich vertretbar
zu halten (denken wir an die abgestürzten Stahlträger der Fassade des Berliner Hauptbahnhofs, Orkan Kyrill in 2007),
muss für alle Bausteine eine stabile räumliche Anordnung gefunden werden, die im Einklang mit der Form des
Bauwerks steht. Diese stabile räumliche Anordnung aller Bausteine bezeichnen wir als die Konstruktion. Sie stellt eine
technische Ordnung dar, die wissenschaftlich begründbar ist. Die Konstruktion umfasst u. U. auch Bauwerksteile, an
deren Form keine architektonischen Anforderungen bestehen (z. B. die Gründung). Der Entwurf der Konstruktion
erfordert zuvorderst Fähigkeiten und Kenntnisse, über die Tragwerksplaner verfügen.

1
Unter dem Begriff Form wird hier die gesamte Gestalt eines Bauwerks mit ihrer Wirkung nach innen und außen
subsumiert. Die Form beinhaltet also auch z. B. Fassaden und Dekorationen.
2
Der Begriff Bauwerk wird hier anstelle des in den Bauordnungen definierten Begriffs „bauliche Anlage“ verwendet.
Bauliche Anlagen sind definiert als mit dem Erdboden verbundene, aus Bauprodukten hergestellte Anlagen.
3
Die Raumgrößen werden häufig in Form von Lichtraumprofilen angegeben.

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Bild 1-1: Errichtung der Bauwerkshülle

(iii) Der Zweck von Bauwerken kann es auch sein, Räume oder Distanzen in einem Raum zu überwinden. Dabei geht es
in der Regel um den Verkehr/Transport von Menschen, Tieren oder Gütern. In diesem Fall besteht der Entwurfsprozess
nicht darin, Raum zu schaffen. Der Raum ist vielmehr mit seinen Abmessungen fest vorgegeben und erfordert zur
Überwindung den Entwurf und die Schaffung von Bauwerken in Form von Brücken, Tunneln 4, Straßen, Kanälen,
Schienen oder Rohrleitungen. Ihr Entwurf erfordert zuvorderst Fähigkeiten und Kenntnisse, über die Ingenieure
verfügen.

1.2 Entwurf der Form und Größe von Räumen und ihrer Hülle
Form und Größe von Räumen und ihrer Hülle ergeben sich zunächst aus den Nutzungsanforderungen, z. B. der zur
Erfüllung des Zwecks erforderlichen Nutzfläche oder Füllmenge, aus den Abmessungen von Produktionseinrichtungen,
aber auch aus der Minimierung des Energieverbrauchs der Gebäudetechnik (Beleuchtung, Klimatisierung) oder aus der
Nutzung durch Behinderte. Die Lage der Räume zueinander und im Verhältnis zu ihrer Umgebung ist meist Ausdruck
eines Strebens nach Ordnung. Der Entwurfsprozess erfordert bis dahin kreatives, schöpferisches Handeln im Umgang
mit Anforderungen, die in objektivierter Form in technischen Regeln beschrieben sind (z. B. in Verordnungen oder
Richtlinien u. a. in Form mathematischer Formeln), und deren Erfüllung damit vom Bauherrn oder von der
Allgemeinheit, wenn ein öffentliches Interesse besteht, verifizierbar ist.

Darüber hinaus kann sich Form, Größe und Anordnung der Räume und ihrer Hülle aus ästhetischen Anforderungen
ergeben. Dann rückt das Bauwerk in die Nähe einer Plastik oder Skulptur, es wird zum Kunstobjekt, und sein Entwurf
erfordert kreatives, künstlerisches Handeln z. B. im Umgang mit der Umgebung des Bauwerks, und künstlerisches
Handeln immer dann, wenn durch Form und Größe nicht nur eine spezifische Nutzung sicher gestellt, sondern eine
Wirkung auf den Betrachter erzielt werden soll, die über das originäre Ziel der Nutzung des Bauwerks hinausgeht.

Natürlich geht von jedem Bauwerk eine Wirkung auf seinen Betrachter aus, auch wenn dies im Entwurfsprozess
unbeachtet blieb, weil der Bauherr einer solchen Wirkung keine Bedeutung beimaß.

1.3 Entwurf der Konstruktion


Der Entwurf der Konstruktion erfordert kreatives, schöpferisches Handeln im Umgang mit den Einwirkungen,
Bauarten, Baustoffen und verfügbaren Bauprodukten, statischen Modellen einschließlich ihrer Rand- und
Übergangsbedingungen und Berechnungsmethoden. Der Entwurfsprozess wird durch das geometrische Modell (heute
CAD-Modell) und die statische Berechnung, die zusammen als eine Konstruktionsbeschreibung in objektivierter Form
bezeichnet werden können, überprüfbar dokumentiert. Der Entwurf wird durch eine Vielzahl von weiteren
Anforderungen, die über die zuvor erwähnten Nutzungsanforderungen hinausgehen und in objektivierter Form in
technischen Regeln beschrieben sind, eingeschränkt. Ihre Erfüllung wird vom Bauherrn und von der Allgemeinheit, da
in der Regel ein öffentliches Interesse besteht, überprüft.

4
Bei Tunneln ist das Überwinden des Raumes in dem Sinne zu verstehen, dass ein Erdraum durchdrungen wird.

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Der Konstruktionsentwurf stellt also eine Optimierungsaufgabe dar, die durch eine Fülle von Variablen
(Freiheitsgraden) und Restriktionen geprägt ist. Restriktionen können sein: Das Klima, ökologische, bauphysikalische,
statische Anforderungen, Anforderungen an Modulmaße, tektonische und klimatische Randbedingungen und
Montagebedingungen, Eigenschaften von Baustoffen und deren Verträglichkeit untereinander, Eigenschaften von
vorkonfektionierten und vorgefertigten Bauprodukten, z. B. Dachziegeln, Mauersteinen, Schaltafeln,
Verbindungsmitteln.

Der Konstruktionsentwurf lässt sich selbst im Zeitalter höchst leistungsfähiger Computer nur in seltenen Fällen als
mathematischer Optimierungsprozess abbilden, weil zu zeitaufwendig, und daher entsteht der Entwurf überwiegend
empirisch im Stil der alten Baumeister oder mit Hilfe des Entscheidungsprinzips von Versuch und Irrtum. Dass das
Entwurfsergebnis tatsächlich optimal im oben beschriebenen mathematischen Sinne ist, wird in der Regel nur
behauptet, unterstellt, erhofft, selten jedoch überprüft, weil es viel zu kostspielig wäre.

Die geschaffene Konstruktion dient der Formerhaltung und besitzt in dieser Funktion gleichzeitig eine eigene Form, wie
die Formvarianten in Bild 1-2 zeigen, die in vielen Fällen sichtbar bleibt, so dass auch von ihr eine Wirkung auf den
Betrachter ausgeht. Konstruktionsform und Bauwerksform stehen dann unvermeidbar in einer Beziehung, die jedoch
nicht frei gestaltet werden kann, da die stabile Lage aller Teile der Konstruktion und aller von ihr zu tragenden Teile des
Bauwerks insgesamt gewährleistet sein muss. Daraus ergeben sich z. B. Mindestabmessungen der einzelnen Bauteile
oder eine Mindestanzahl von Verbindungsmitteln.

Bild 1-2: Formvarianten der Konstruktion

1.4 Zur Kritik5 von Form und Konstruktion


Für den Ingenieur, dessen Denken und Handeln durch wissenschaftliche 6 Methoden geprägt ist, ist die Feststellung
wichtig, dass die Entwurfsergebnisse sowohl der Bauwerksform als auch der Konstruktion einzigartig, aber nicht einzig
sind.

Die geschaffenen Formen von Bauwerk und Konstruktion, z. B. in Bild 1-3 und Bild 1-4, lassen sich in ihrer
Einzigartigkeit nicht verifizieren oder falsifizieren, sondern nur subjektiv z. B. unter Berufung auf den Zeitgeist oder
einen bevorzugten Kunststil kritisieren. Vor diesem Hintergrund wäre eine Vielzahl anderer Formen ebenso möglich
und natürlich kritisierbar. Ansätze einer Evaluation von Entwurfsvarianten beschreiben Bergmeister et al. (2000) am
Beispiel einer Brückenplanung. Eine Auswahl der Entwurfsvarianten ist in Bild 1-8 dargestellt.

5
Bewertung, Begutachtung oder kritische Beurteilung eines wissenschaftlichen oder künstlerischen Werkes
6
Wissenschaft im Sinne von Schaffung rational begründeten Wissens

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Vorlesung Form und Konstruktion 9

a Form des Bauwerks b Form der Konstruktion


Bild 1-3: Form von Bauwerk und Konstruktion (Benson)

a Form des Bauwerks b Form der Konstruktion


Bild 1-4: Jahrtausendturm in Magdeburg

Bauwerksform und Konstruktion stehen nicht nur in einer ästhetischen Beziehung über ihre jeweiligen Formen, sondern
Form und Konstruktion stehen auch in einer statischen Beziehung. So entscheidet die Bauwerksform über die
Geometrie der Konstruktion, z. B. die Lage von Knotenpunkten eines Stabwerks oder die Krümmung eines Bogens. Die
Form der Bauwerkshülle entscheidet über Lage und Größe der Einwirkungen aus Wind und Schnee. Insofern bedingen
sich Bauwerksform und Konstruktion gegenseitig und die Kritik an dem einen hat u. U. ihre Berechtigung aus dem
anderen. Die Kritik an der Form einer Brücke und ihrer Teile kann ihre Berechtigung in dem der Konstruktion zu
Grunde liegenden statischen Modell haben. Die Kritik an der erdrückenden Form der Konstruktion kann ihre
Berechtigung in der Schneeansammlungen begünstigenden Bauwerksform haben, wie bei der Turnhalle in Bild 1-5.

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Vorlesung Form und Konstruktion 10

a Form des Bauwerks b Form der Konstruktion


Bild 1-5: Turnhalle in Savigny (CH)

Anders als die Bauwerksform, die der Architekt in Absprache mit dem Bauherrn in der Regel im Wesentlichen frei nach
seinen subjektiv festgelegten Anforderungen gestaltet, muss die Konstruktion neben den subjektiven Anforderungen an
die Form insbesondere objektive Anforderungen an die Tragfähigkeit, Gebrauchstauglichkeit und Dauerhaftigkeit
erfüllen. Trotz dieser objektiven Anforderungen, deren Erfüllung durch die Eigenschaften der Konstruktion
überwiegend anhand von Berechnungsergebnissen (Zahlen) überprüft (entweder bewiesen, nachgewiesen, verifiziert
oder zum Widerspruch geführt, also falsifiziert) werden kann, kann die Konstruktion selbst im Fall der Erfüllung aller
objektiven Anforderungen kritisiert werden, da es in der Regel eine Vielzahl anderer möglicher Konstruktionen gibt, die
die Anforderungen ebenso erfüllen. Hier sind nicht diejenigen anderen Konstruktionen gemeint, von denen nur
behauptet, aber nicht bewiesen wird, dass sie die Anforderungen erfüllen.

Neben den bereits erwähnten subjektiven und objektiven Anforderungen an beides, die Bauwerksform und die
Konstruktion, darf die Forderung des Bauherrn nach Wirtschaftlichkeit von beidem, im Sinne der Minimierung des
Kosten-Nutzen-Verhältnisses (einschließlich der Kosten für die Planung), nicht unerwähnt bleiben. Kritik an den
Baukosten ist schon deshalb zulässig, obwohl oder gerade weil in den seltensten Fällen die Baukosten alternativer
Bauwerksformen und/oder Konstruktionen bekannt sind. Anders als bei Serien- oder gar Massenprodukten, z. B. bei
Automobilen, lässt der Bauherr sein Bauwerk in der Regel ein einziges Mal als Unikat bauen (herstellen). Kein Bauherr
möchte die Planungskosten für die Ermittlung der Baukosten alternativer Lösungen oder gar für die Herstellung eines
Prototyps finanzieren.

1.5 Zur Kritik an den Lehrinhalten


Die Lehrinhalte der Vorlesung „Form und Konstruktion“ sind ebenso kritisierbar wie die Konstruktionen und
Konstruktionsformen selbst. Hierauf muss mit Blick auf die Studieninhalte von Mathematik, Mechanik und Statik
besonders hingewiesen werden. Bei Letzteren handelt es sich um Theorien, die den wissenschaftlichen Anforderungen
an die rationale Begründbarkeit jeder Aussage genügen. Die Richtigkeit jeder diese Wissenschaftsgebiete betreffenden
Aussage kann nicht nur, sondern muss bewiesen werden. In der Statik bedeutet dies, dass eine Auflagerreaktion oder
eine Schnittgröße nicht ungefähr, sondern exakt richtig ist, wobei „exakt“ mehr ist, als durch die Wortlänge eines
Prozessors beschrieben werden kann.

Im Streben der Ingenieure nach Ordnung und Wahrheit, nach der exakt bestimmten, optimierten Konstruktion, wird
ebenso wie im Streben der Menschen nach Ordnung und Wahrheit im Leben, nach dem Guten und Bösen, häufig nicht
beachtet, dass es solche Ordnung und Wahrheit nur in den Grenzen einer Theorie oder einer Weltanschauung gibt, die
jeweils auf Axiomen begründet ist. Als ein Beispiel möge das Axiom in der Philosophie Albert Schweizers dienen:
Alles, was dem Leben nützt, ist gut. Wer wollte dieses Axiom anzweifeln. Außerhalb Schweizers philosophischen
Gebäudes, im wahren Leben (in der Realität) führt es jedoch bei konsequenter Umsetzung im Handeln zu unauflösbaren
Widersprüchen, da die Ressourcen des Lebens, wie Energie, Nahrung und Lebensraum begrenzt sind.

Ein Axiom, das in der Theorie der Statik (der Baustatik) keines Beweises bedarf, ist die Existenz des statischen Systems
mit seinen Einwirkungen und Lagerungen. Gegenstand der Theorie und damit auch der Lehre der Baustatik ist also
nicht die Frage nach dem Ursprung des statischen Systems. Es ist einfach da! Und es ist nicht kritisierbar, aber
berechenbar, und zwar exakt berechenbar, was zu zeigen genau Gegenstand der Baustatik ist. Beim Verlassen des
theoretischen Gebäudes der Baustatik und dem Eintauchen und anschließenden Auftauchen in und aus dem wahren
Leben, der Ingenieurpraxis, dem Suchen nach dem statischen System der formerhaltenden Konstruktion stellt der
Ingenieur jedoch fest, dass es kein statisches System gibt, das das Tragverhalten seiner Konstruktion exakt beschreibt.

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Ebenso wie er im Leben vielleicht keine Weltanschauung findet, mit der er widerspruchsfrei sein Leben in der
Gesellschaft gestalten kann. Er muss sich vielmehr selbst auf die Suche nach einem statischen System machen und dann
bei genauer kritischer Betrachtung feststellen, dass er kein System finden kann, dass das Tragverhalten seiner
Konstruktion exakt beschreibt. Er findet aber eine Vielzahl statischer Modelle 7, die das Tragverhalten mehr oder
weniger gut beschreiben, und entscheidet sich „heureka“ rufend für das Beste!8 Die Modellfindung findet außerhalb der
Theorie der Statik statt, aber mit Kenntnis ihrer Methoden, da nur solche Tragmodelle möglich sind, die statisch
berechenbar und dadurch objektivierbar sind. Zur Modellfindung gehört auch die Modellierungen der Einwirkungen,
die sogenannten Lastannahmen.

a Traufdetail b Stabmodell
Bild 1-6: Entwicklung eines ebenen Stabmodells der Giebelwand eines Wohngebäudes in Kenntnis der Methoden der
Stabstatik

b Modell für Wind von links

a Traufdetail:
Sparren – Fußpfette - Deckenbalken c Modell für Wind von rechts
Bild 1-7: Modelle einer Fußpfette in Kenntnis der Methoden der Statik starrer Körper
Die Modellierung erfordert kreatives statisches Handeln des Ingenieurs, die Entwicklung (Entwurf) eines Tragmodells,
das das Tragverhalten möglichst zutreffend beschreibt, aber eben nicht exakt, wie auch von Duddeck (1983) gezeigt

7
Wesentliche Eigenschaft des Tragmodells im Unterschied zum Tragsystem ist die Vereinfachung des eigentlich
komplexen Tragverhaltens einer Konstruktion, die eine Berechnung mit Hilfe der Methoden der Baustatik erst möglich
macht.
8
Archimedes soll „heureka“ gerufen haben (ich habe es gefunden), als er das Gesetz vom statischen Auftrieb fand.

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wird. Die mit den statischen Methoden an dem Modell erzielten Berechnungsergebnisse sind Abschätzungen9,
bestenfalls Näherungen der wirklichen Beanspruchungen der Konstruktionsteile.

Zum kreativen Schaffen des Ingenieurs zählt also neben dem Entwurf der formerhaltenden Konstruktion die
Entwicklung des Tragmodells. Dabei besteht die Gefahr, dass der Ingenieur mit Blick auf den Planungsaufwand einem
individuellen Modellentwurf aus dem Wege geht und Formen und Konstruktionen so lange „verbiegt“, bis er dafür ein
ihm bekanntes, in der Theorie bereits gelöstes oder von seiner Statiksoftware lösbares statisches Modell gefunden hat.
Ein solches Handeln ist nicht kreativ, sondern lässt sich bestenfalls als reproduzierend bezeichnen. Nun kann natürlich
Grund hierfür Trägheit oder Inkompetenz des Ingenieurs sein. Häufig kann der Ingenieur aber gar nicht anders handeln,
weil ihm der Bauherr eine aufwendigere kreative Lösung nicht bezahlt. Ziel des Bauherrn ist natürlich nicht die
Anwendung komplexer statischer Methoden, sondern die Minimierung der Planungskosten bei gleichzeitiger
Minimierung der Baukosten und Maximierung der Nutzbarkeit des Bauwerks. Der Bauherr hat also kein Interesse an
einer aufwendigen Theorie, die im Vergleich zu einer Näherungslösung oder vielleicht sogar Daumenformel
übermäßige Planungskosten und Planungszeit verursacht, wenn sich dadurch die Baukosten nicht zumindest im
gleichen Umfang reduzieren.

Planungskosten + Herstellungskosten = Baukosten  Minimum!

1.6 Verantwortlichkeiten
Zusammenfassend und vereinfachend lässt sich sagen, dass

 die Architektin oder der Architekt für den Formentwurf und


 die Ingenieurin oder der Ingenieur für die Formerhaltung

verantwortlich sind. Allein wegen der Vielzahl von Konstruktionsmöglichkeiten erfordert der Entwurfsprozess von
Konstruktionen kreatives Handeln des Ingenieurs.

a b c d
1

Bild 1-8: Entwurfvarianten einer Brückenkonstruktion nach Bergmeister et al. (2000)10

9
Eine Abschätzung ist von einer Näherung deutlich zu unterscheiden. Um eine Näherung im mathematischen Sinne
handelt es sich erst dann, wenn eine Aussage über die Größe des Fehlers gemacht werden kann.
10
Weitere Ideen zu Brückenkonstruktionen nach Falter, Kahlow und Kurrer: Vom geometrischen Denken zum statisch-
konstruktiven Ansatz im Brückenentwurf (2001)

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Mathematik, Mechanik, Statik.

durch eine andere Brille betrachtet

– Form und Konstruktion

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2 Der moderne, rechnerunterstützte Planungsablauf von Bauwerken

2.1 Der Einfluss von CAD auf den Planungsablauf


Bis vor einigen Jahren waren die Möglichkeiten des CAD-Einsatzes durch die Leistungsfähigkeit existierender CAD-
Systeme sehr eng gesteckt. Der geringe Leistungsumfang sowie die häufig gegebene Beschränkung auf die
zweidimensionale Bearbeitung von Bauwerken gestatteten nur einen Einsatz von CAD zur reinen Zeichnungserstellung.
Für die als überwiegend reproduzierende Tätigkeit zu verstehende Zeichnungserstellung können als Ziele nur die
Verkürzung der erforderlichen Arbeitszeit und die Verbesserung der Zeichnungsqualität von Bedeutung sein.

Unbestritten ist, dass der Einsatz von CAD zu einer besseren Zeichnungsqualität und damit zu einer besseren
Verständigung zwischen den einzelnen Fachplanern führt. Es musste jedoch sehr schnell erkannt werden, dass das
eigentlich gewinnbringende Ziel, nämlich die Verkürzung der erforderlichen Arbeitszeit, nur in Ausnahmefällen und
nach einer erheblichen Einarbeitungszeit realisiert werden konnte. Bis heute konnten dank deutlich verbesserter
Arbeitsoberflächen die notwendigen Einarbeitungszeiten zum effizienten Einsatz eines CAD-Systems zwar verringert
werden, jedoch rechtfertigt die ausschließliche Forderung nach einer Beschleunigung der Zeichnungserstellung auch
heute nicht den Einsatz eines CAD-Systems.

Die Ziele, die mit Hilfe des Einsatzes von CAD in der Planung erreicht werden sollen, müssen anders definiert werden.
Dazu darf das CAD-System nicht mehr als ein rein geometrieverarbeitendes Werkzeug zur Reproduktion bereits
bekannter Daten verstanden werden. Das CAD-System muss vielmehr in der Lage sein, die Lösung von Entwurfs- und
Konstruktionsaufgaben effizient zu unterstützen. Das CAD-System muss darüber hinaus über eine gewisse "Intelligenz"
verfügen (Bild 2-1) um auch die kreativen Teile des Entwurfs- und Konstruktionsprozesses effizient unterstützen zu
können.

Bild 2-1: Zweiwertige Konstruktionsfunktion: f (g, P) → P1

Die häufig hohe Komplexität räumlicher Konstruktionen erfordert einen vergleichsweise großen Planungsaufwand.
Viele der notwendigen Detailplanungen werden auch heute noch erst im Zuge der Fertigung gelöst. Eine effiziente
Unterstützung der verschiedenen Fachplaner durch CAD-Daten in einer möglichst frühen Phase des Planungsprozesses
sollte zu einer Entlastung der Fertigung führen.

Zur Lösung räumlicher Knotenpunktdetails sind bei der konventionellen Bearbeitung immer wieder Modelle im
Maßstab 1:1, wie in Bild 2-2, notwendig, die einen erheblichen Kostenfaktor innerhalb der Planung darstellen. Der
Einsatz vollständiger 3D-CAD-Systeme sollte die Anfertigung aufwendiger Modelle überflüssig machen.

Durch die dreidimensionale Bearbeitung mit Hilfe von CAD wird ein immer konsistentes redundanzfreies
Gebäudemodell erzeugt. Dadurch kann die Minimierung von Planungsfehlern und eine Vergrößerung der
Planungsqualität erzielt werden. Auch Übertragungsfehler, wie sie bei der konventionellen Planung beispielsweise bei
der Übertragung der Grundrissdaten in den Schnitt möglich sind, können vollständig vermieden werden. Dies gilt
ebenso für Übertragungsfehler zwischen verschiedenen Fachplanern. Alle Fachplaner können beim Einsatz von CAD
auf der Grundlage desselben Gebäudemodells arbeiten.

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b Montagezustand

a Modell 1:1 in der Fertigungshalle c Realität


Bild 2-2: Knotenpunkt im Ingenieurholzbau
Unterschiedliche Detaillierungsstufen erfordern als Grundlage zunächst immer wieder ähnliche Zeichnungen wie
beispielsweise einen Grundriss. Während diese Grundlagen bislang neu gezeichnet werden mussten, können sie bei der
CAD-Bearbeitung auf Knopfdruck aus dem Gebäudemodell erzeugt werden.

Ein weiteres Ziel der CAD-Bearbeitung sollte das stärkere Zusammenwachsen der Bereiche Entwurf, Planung und
Fertigung sein. Dazu ist es notwendig, dass das CAD-System neben den geometrischen Daten auch eine Vielzahl von
Sachdaten, wie beispielsweise Materialkennwerte, Zuordnungen zu Baugruppen und Kennungen nach
Standardleistungsbuch verwalten kann. Durch die gemeinsame Verarbeitung graphischer und nicht-graphischer Daten
ist das CAD-System in der Lage, Daten für die statische Berechnung, Ausschreibung und Fertigung automatisch zu
generieren.

Die Ansammlung der verschiedensten Bauwerksdaten während der CAD-Bearbeitung ist auch im Hinblick auf die
Unterhaltungsphase von Bedeutung. Die Existenz nur eines kompletten Gebäudemodells macht alle relevanten Daten
jederzeit verfügbar. Diese können beispielsweise als aktuelle Grundlage für Umbauplanungen genutzt werden. Gleiches
gilt auch für kurzfristige Planungsänderungen. Mit Hilfe umfangreicher Editierfunktionen können die Änderungen sehr
schnell im Gebäudemodell realisiert werden, wobei die Konsistenz des Modells jederzeit gewährleistet ist.

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2.2 Planungsablauf für Bauwerke


Die folgenden Abschnitte des Planungsablaufs sind in Bild 2-3 in einem Flussdiagramm dargestellt.

2.2.1 Formentwurf
 Schaffung von begrenzten Räumen
 Überwinden von offenen Räumen
 Überwinden von Distanzen in offenen Räumen oder festen Medien

2.2.2 Konstruktionsentwurf zur Formerhaltung


 Entwurf der Formen der Bauteile und der Art ihrer Verbindungen
 Überprüfung der Ausführbarkeit (Herstellung, Transport, Montage, Wartung, Rückbau)

2.2.3 Statische Berechnung der Konstruktion


 S – Statisches Modell, Rechenmethoden
 B – Belastung (Einwirkungen), wenn erst jetzt die Einwirkungen in die Planung einbezogen werden, ist es
häufig zu spät, da die Form des Bauwerks nicht nur die Konstruktion, sondern auch die Einwirkungen
beeinflusst.
 S – Schnittgrößen und Auflagerreaktionen, Verformungen
 B – Bemessung, abschließende Festlegung der Form der Bauteile und ihrer Verbindungen

2.2.4 Leistungsbeschreibung, Ausschreibung, Baukosten, Vergabe - AVA

2.2.5 Realisierung und Abrechnung - AVA

2.2.6 Unterhalt und umweltschonender Rückbau

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Bild 2-3: Planungsablauf für Bauwerke

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Beispiele
Den folgenden Beispielen, die vor mehr als 10 Jahren noch ohne den Einsatz von 3D-CAD geplant wurden, ist
gemeinsam, dass die Formen der einzelnen Bauteile oder Bauteilabschnitte jede für sich mathematisch eindeutig, z. B.
in 2D-Schnittzeichnungen, beschreibbar sind. Das ist immer der Fall bei orthogonalen (rechteckigen) Strukturen,
Strukturen mit regelmäßigem Raster und ebenen oder einfach gekrümmten Flächen. Die Übergänge von einer Form zur
anderen (Verschneidungen) ergeben jedoch häufig komplexe räumliche Kurven (Kehlen, Grate), die sich mit
konventionellen Mitteln nur schwer zeichnerisch darstellen lassen. In diesen Fällen muss die Planung heute zwingend
mit 3D-CAD durchgeführt werden.

2.2.7 Kirche Treviso


 Dreiteiliges Dach aus Hyperparaboloidflächen
 Schiefwinkliger Grundriss, gekrümmte Glasfassade
 Wände aus Mauerwerk und Stahlbeton, Dachtragwerk aus Brettschichtholz

Bild 2-4 Bild 2-5

Bild 2-6 Bild 2-7

Bild 2-8

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2.2.8 Kindergarten Dänischenhagen


 Versetzte Pultdachflächen
 Schiefwinkliger Grundriss
 Wände aus Mauerwerk, Dachtragwerk aus Rundholz

Bild 2-9: Grundriss

Bild 2-10: Ansicht aus der Vogelperspektive

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Bild 2-11: Innenraumperspektive

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2.2.9 Kindergarten Nordstemmen


 Vielflächiges Dach aus versetzten ebenen Pultdachflächen und gekrümmten Dachflächen
 Schiefwinkliger Grundriss
 Wände aus Mauerwerk, Dachtragwerk aus Holz und gekrümmtem Brettschichtholz

Bild 2-12: Grundriss

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Bild 2-13: Ansicht von Nord-Ost

Bild 2-14: Ansicht von Süd-West

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Bild 2-15

Bild 2-16

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Was aus einem Bauherrenwunsch so alles werden kann…

Wunsch des Bauherren Vorschlag des Architekten

Vorschlag des Tragwerksplaners


Von der Baubehörde genehmigt

Von der Baufirma ausgeführt Nach der Sanierung

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3 Tragsysteme

3.1 Ebene Tragsysteme - Primärsysteme


Raumschaffende ebene Tragsysteme können nur Einwirkungen, die in ihrer Ebene wirken, Widerstand leisten. Bei der
Wahl der Tragsysteme sind stets die Randbedingungen der Herstellung, des Transports und der Montage zu beachten,
die die Geometrie (Form und Abmessungen) der Bauteile und Bauelemente einschränken.

Flach geneigte
Dächer Steildächer Rahmen Bogendächer Zeltdächer

Grundsysteme

unterspannt

als Fachwerke

gereiht

gedreht

Tabelle 3.1-1: Eigenständige Primärsysteme – materialisierte Darstellung der Konstruktion

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Abs. 1.5.1.6 des EC0: Ein Tragwerk ist die


planmäßige Anordnung miteinander verbundener
Tragwerk Bauteile, die so entworfen sind, dass sie ein
bestimmtes Maß an Tragfähigkeit und Steifigkeit
aufweisen.

Abs. 1.5.1.9 des EC0: Ein Tragsystem besteht aus


den tragenden Teilen eines Bauwerks und der Art
und Weise, in der diese Teile zusammenwirken.
Tragsystem Bauteile und Verbindungen sind 3D-Körper. Nach
Abs. 1.5.1.7 des EC0 ist ein Bauteil ein physisch
bestehend aus Bauteilen und Verbindungen unterscheidbarer Teil des Tragwerks, z. B. eine
Stütze, ein Träger, eine Deckenplatte, ein
Gründungspfahl.

Abs. 1.5.1.10 des EC0: Ein Tragwerksmodell ist die


Idealisierung des Tragsystems zum Zwecke der
Entwurf von statischen Modellvarianten Berechnung und Bemessung.

Physikalische Modelle Virtuelle Modelle

Wahl des Näherung 1: Elemente der Statik sind z. B. für Bauteile: 1-


dimensionale Stäbe und Seile, 2-dimensionale
Versuchsaufbaus, Die ausgewählten realen Bauteile und Verbindungen Scheiben und Platten, Schalen, Volumen.
Festlegung von werden eindeutig auf 1-3-dimensionale Elemente der
Prüfvorrichtung und Statik reduziert. Elemente der Statik sind z. B. für Verbindungen:
Lagerungen, Gelenke, Scharniere etc. mit 1-5
Prüfling, Definitionsmenge (x,z) → Bildmenge M(x) Freiheitsgraden oder fiktive Stäbe.
Prognose der M(x) = ∫(x,z)z dA : Beanspruchung des realen Bauteils an der Stelle
Prüfergebnisse Näherung 2: (x,z)

Die Lage jedes Elementes der Statik orientiert sich an der M: Schnittgröße des eindimensionalen Stabes an der
Lage des zugehörigen realen Bauteils oder der Stelle (x)
zugehörigen realen Verbindung: x: Koordinate der realen Schwerachse
Transformation x → x1 mit dem Ziel, ein geschlossenes x1: Koordinate der Stabachse des Modells
statisches System zu schaffen.

Nach Regel (9) in Abs. 3.5 des EC0 können die


Tragwerks- und Lastmodelle wirkliche
Auswahl eines Tragmodells aus den Modellvarianten physikalische Modelle oder virtuelle mathematische
Modelle sein.

Wahl des Rechenmodells

Analytische Abs. 1.5.6.1 des EC0: Eine statische Berechnung ist


Modellberechnung, eine Methode oder Rechenverfahren zur Ermittlung
Experimentelle Numerische der Schnittgrößen in jedem Punkt eines Tragwerks
Modellberechnung Verwendung der des Tragmodells.
Prüfung vollständigen Lösung oder
von daraus abgeleiteten
Näherungen

Prüfergebnisse: Rechenergebnisse: Rechenergebnisse:


Lagerkräfte, Lagerkräfte, Schnittgrößen,
Kräfte, Wege, Dehnungen Schnittgrößen, Verformungen
Verformungen

J: Flächenträgheitsmoment
Eindeutige Umrechnung der Schnittgrößen der statischen Elemente des Tragmodells in J(x) = ∫z² dA
Beanspruchungen der Bauteile und Verbindungen
Definitionsmenge M(x) → Bildmenge (x,z)
(x,z)=M(x)z/J(x)

Beanspruchungen sind u. a. Spannungen, Anschlusskräfte

Tabelle 3.1-2: Eineindeutige statische Modellbildung

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Flach geneigte
Dächer Steildächer Rahmen Bogendächer Zeltdächer

Grundsysteme

unterspannt

als Fachwerke

gereiht

gedreht

Tabelle 3.1-3: Eigenständige Primärsysteme – statische Modelle der Konstruktionen in Tabelle 3.1-1

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Ebenes Modell Gereiht

Abstützung auf
horizontale
Dachscheibe

Abstützung auf
geneigte
Dachscheibe

Abstützung auf
Längsträger
(Pfetten)

Tabelle 3.1-4: Nicht eigenständige Primärsysteme – materialisierte Darstellung der Konstruktion

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Ebenes Modell Gereiht

Abstützung
auf
horizontale
Dachscheibe

Abstützung
auf geneigte
Dachscheibe

Abstützung
auf
Längsträger
(Pfetten)

Tabelle 3.1-5: Nicht eigenständige Primärsysteme – statische Modelle der Konstruktionen in Tabelle 3.1-4

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3.1.1 Übersicht der gebräuchlichen einfeldrigen Biegeträger

Binder- Dach-
Be- Statisches Spannweite ℓ Binderhöhe
System-Skizze abstand neigung
zeichnung System (m) (m)
(m) (α)°

Kastenträger Kastenträger genagelt:


mit Platten- bis 20
bis 1,5 5 bis 7,5 -
stegen (Parallel- geleimt:
querschnitt) bis 40
Kastenträger
mit Platten-
genagelt:
stegen
bis 20
(Satteldachträge bis 1,5 5 bis 7,5 3 bis 8
geleimt:
r mit
bis 40
horizontalem
Untergurt)
Kastenträger
aus
bis 40 bis 1,5 5 bis 7,5 -
Brettschicht-
holz
Brettschicht- Einfeldträger 
träger parallel 10 bis 35 5 bis 7,5 3 bis 8
17
Einfeldträger  
satteldach- 10 bis 35 / 5 bis 7,5 max. 12
förmig 16 30

Einfeldträger  
geknicktes 10 bis 35 / 5 bis 7,5 8 bis 12
Satteldach 16 30

Einfeldträger  
Pultdach 10 bis 35 / 5 bis 7,5 -
18 25

Trägerrost in Trägerrost in
 
Brettschicht- Brettschicht- /
bauweise bauweise 18 25
bis 25 - -
der kürzeren
Stützweite

Tabelle 3.1-6

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3.1.2 Übersicht der gebräuchlichen Fachwerkskonstruktionen

Binder- Dach-
Be- Statisches Spannweite ℓ Binderhöhe
System-Skizze abstand neigung
zeichnung System (m) (m)
(m) (α)°

Fachwerk- Dreieck- 
träger förmiger Binder 7,5 bis 40 h 4 bis 10 12 bis 30
10


7,5 bis 20 h  4 bis 10 12 bis 30
m 10
Trapez-förmiger 
Binder 7,5 bis 30 h 4 bis 10 3 bis 8
12


7,5 bis 30 h  4 bis 10
m 12 3 bis 8

Parallelbinder  
7,5 bis 60 h bis 4 bis 10 -
12 15

 
7,5 bis 60 h bis 4 bis 10 -
12 15

 
7,5 bis 60 h bis 4 bis 10 -
12 15
Fachwerk- Dreigelenk- Kantholz-
Kantholz-
rahmen rahmen rahmen 15 bis
rahmen e=4 20
30
bis 6

12 weitge-
Rahmen mit
spannte
Stäben aus
Rahmen -
Brettschicht-
e=6 bis 10
holz 25 bis 50
Dreigelenk- 
rahmen 10 bis 20 e=4 bis 6 3 bis 8
einhüftig 12

Zweigelenk-
Kantholz-
rahmen Kantholz-
rahmen e=4
rahmen 15 bis 3 bis 8
bis 6
40

12 weitge-
Rahmen mit
spannte
Stäben aus -
Rahmen
Brettschicht-
e=6 bis 10
holz 25 bis 60

Tabelle 3.1-7

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3.1.3 Beispiel – Dach eines Einkaufszentrums

Bild 3-1: Übersichtsplan Binder

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3.1.4 Weitere Fachwerk- oder Binderformen

Pultdachträger „Unterspannter“ Träger

Satteldachträger Form A Trapezträger, symmetrisch

Satteldachträger Form B Trapezträger, unsymmetrisch

Asymmetrischer Satteldachträger Parallelgurtiger Träger

Studiobinder

Scherenträger

Tabelle 3.1-8

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3.1.5 Anpassung von Fachwerken an spezielle Entwurfsergebnisse

Asymmetrischer Satteldachträger mit verlängertem


Ober- und Untergurt – Übergang zum Rahmentragwerk

Asymmetrischer Satteldachträger mit Transportbahn


und Rohrdurchführung – Übergang zum
Rahmentragwerk

Gekürzter Satteldachträger mit Kragarm

Auflagerung des Ober- und Untergurtes

Tabelle 3.1-9

3.2 Parametrisierung ebener Tragsysteme


Das Tragverhalten von Tragsystemen mit gleichen Randbedingungen und Belastungen, aber unterschiedlicher
Geometrie lässt sich parametrisiert beschreiben. Parameter für das symmetrische Tragsystem in Bild 3-2 sind die
Spannweite L, die Neigung der Rahmenstütze ℓ, die Stützenhöhe h und die Firsthöhe. s.

a Abmessungen und Lagerung b Verlauf des Biegemoments M und seine Größe M T


an der Stelle T (Traufe)

Bild 3-2: Symmetrischer Rahmen mit 3 Gelenken als Primärsystem


Aus dem Tragsystem in Bild 3-2 lassen sich durch Änderung der Parameter die in Tabelle 3.2-1 aufgeführten Systeme
ableiten. Die Größen B und H der Auflagerreaktionen und die Größe M T des Biegemoments an der Stelle T sind bei
allen 4 Varianten von der lokalen Form der Rahmenstütze und des Rahmenriegels unabhängig, so dass die in Tabelle

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3.2-1 angegebenen Bestimmungsgleichungen auch für gebogene Systemteile Gültigkeit haben. Besondere Beachtung
verdient die horizontale Auflagerreaktion H, die für das Gleichgewicht aller 4 Varianten erforderlich ist, obwohl nur
vertikale Kräfte (Lasten) FF und FT auf die Systeme einwirken.

Auflagereaktionen B, H und
Variante Parameter System
Biegemoment MT
(i) L>0 B  FT  FF
ℓ>0
h>0 FT  FF  L  FT  L   
s>0 2 2 
H
s
M T  B  Hh

(ii) L>0 B  FT  FF
ℓ=0
L
h>0 FF
s>0 H 2 F L
F
s 2s
M T  Hh

(iii) L>0 B  FT  FF
ℓ=0
L
h=0 H  FF
s>0 2s
MT  0

(iv) L>0 B  FT  FF
ℓ=0
L
s=h H  FF
2s
L L
M T  Hh  FF h  FF
2h 2

Tabelle 3.2-1: Variantenbildung

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3.3 Ausgesteifte ebene Tragsysteme - Sekundärsysteme

3.3.1 Anpassung von Tragsystemen an spezielle Entwurfsergebnisse

Haupttragwerk im Freien Form der Dachlandschaft

Belichtung längs Belichtung quer Belichtung quer

Tabelle 3.3-1

3.3.2 Räumliche Systeme - Sekundärsysteme


Die einzelnen in der Regel sehr filigranen Primärsysteme besitzen für Einwirkungen in ihrer Ebene große
Tragfähigkeit und Steifigkeit, solange sie als perfekt ebene Systeme betrachtet werden. Durch äußere
horizontale Einwirkungen, wie z. B. Wind, und in Folge von Imperfektionen, wie material-, herstellungs-
und montagebedingte Abweichungen von dem in der Planung angenommenen Idealzustand, werden die
Primärsysteme jedoch immer auch senkrecht zur Binderebene belastet, für die sie allein keine Tragfähigkeit
und Steifigkeit besitzen. Erst durch das Zusammenwirken der Primärsysteme mit Latten, Pfetten, diagonalen
Rispenbändern, also Bauteilen, die die Primärsysteme untereinander verbinden, sogenannten
Verbandsstäben, entsteht ein räumliches Tragsystem, ein Sekundärsystem, das auch diese Lasten sicher in
die Unterkonstruktion weiterleiten kann.

Bild 3-3: Zwei Primärsysteme sind zu einem Sekundärsystem verbunden


Die im Grenzzustand der Tragfähigkeit zu berücksichtigenden Größen der Imperfektionen werden ebenso wie die
Größen der äußeren horizontalen Einwirkungen durch die Technischen Baubestimmungen vorgeschrieben, da von
Imperfektionen ebenso wie z. B. von Wind eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit ausgehen kann. Eine mögliche

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Imperfektion von Rahmen ist die in Bild 3-4 dargestellte Schrägstellung. Während die Wahrscheinlichkeit für das
Einwirken einer bestimmten Größe der Windlast wegen der in der Region, in der die Baubestimmungen gültig sind,
herrschenden klimatischen Bedingungen mit zunehmender Größe der Windlast abnimmt, wird die Wahrscheinlichkeit
für das Auftreten großer Imperfektionen dadurch gering gehalten, dass wiederum durch Technische Baubestimmungen
Baustoff-, Produkt- und Ausführungstoleranzen definiert und gefordert werden.

Bild 3-4: Geometrische Imperfektion in Form einer Schrägstellung φ s

Der Einfluss des senkrecht zur Rahmenebene wirkenden Windes und der Imperfektionen auf die Grenzzustände der
Tragfähigkeit kann nur durch die Berechnung der Beanspruchungen am räumlichen Sekundärsystem ermittelt werden,
das aus einem Teil der Primärsysteme und den verbindenden Bauteilen besteht. In Bild 3-5 sind beispielhaft die
Auflagerreaktionen eines Rahmentragwerks dargestellt, auf das eine Windlast F im First einwirkt.

Bild 3-5: Auflagereaktionen für senkrecht zur Rahmenebene wirkenden Wind

3.3.3 Parametrisierte Beschreibung des räumlichen Tragverhaltens


Für den Fall eines symmetrischen Rahmens sind in Bild 3-6 Gleichgewichtszustände herausgeschnittener Systemteile
des Rahmentragwerks mit den im Firstknoten horizontal wirkenden Schnittkräften O 1 und O2 dargestellt. Aus diesen
Gleichgewichtszuständen und den zugehörigen Kräfte- und Momentengleichgewichten lassen sich die in Tabelle 3.3-2
für das Grundsystem (i) angegebenen Bestimmungsgleichungen ableiten.

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b herausgeschnittenes hinteres c herausgeschnittener hinterer


a Symmetriehälfte des Rahmentragwerks mit Primärsystem Auflagerknoten
Schnittkräften O1 und O2
Bild 3-6: Gleichgewichtszustände herausgeschnittener Systemteile
Noch größere Beachtung als bei den Primärsystemen verdienen die horizontalen Auflagerreaktionen H1 und H2 bei den
Sekundärsystemen, die für das Gleichgewicht der Varianten (i) bis (iii) erforderlich sind, obwohl nur eine horizontale
Kraft F im First auf die Systeme einwirkt, die senkrecht zu H 1 und H2 gerichtet ist. Bemerkenswert ist auch, dass diese
horizontale Kraft F vertikale Auflagereaktionen B1 und B2 erzeugt.

Die vertikalen Auflagerreaktionen B1 und B2 lassen sich sehr einfach aus dem globalen Momentengleichgewicht um die
Achse 1-1 bestimmen. Die horizontalen Auflagerreaktionen H1 und H2 lassen sich nur schrittweise aus
Gleichgewichtsbetrachtungen an den 3 in Bild 3-6 dargestellten aus dem Gesamtsystem herausgeschnittenen
Teilsystemen bestimmen.

Die Systemvariante (iv)a wurde durch zwei weitere Varianten ergänzt, die sich nicht durch geänderte
Geometrieparameter unterscheiden, sondern durch Konstruktionsvarianten der biegesteifen Rahmenecke der
Primärsysteme. In der Systemvariante (iv)b wurde die biegesteife Rahmenecke in einen gelenkigen Knoten
umgewandelt und der dadurch entstandene Freiheitsgrad in Form einer Verdrehung durch eine Strebe zwischen
Auflager- und Firstknoten wieder unterdrückt. In der Systemvarianten (iv)c wurde zusätzlich eine horizontale Lagerung
(Festhaltung) auf jeweils einer Seite der beiden Primärsysteme gelöst, wodurch ein Freiheitsgrad in Form einer
Verschiebung entsteht, und dafür ein Horizontalstab von Auflagerknoten zu Auflagerknoten eingebaut, der die
gegenseitige Verschiebung der gegenüberliegenden Auflagerknoten wieder unterdrückt. Die beiden zusätzlichen Stäbe
werden gemäß Variante (iv) in Tabelle 3.2-1 durch eine Normalkraft der Größe H beansprucht. Infolge der
Horizontalkraft F bleiben sie unbeansprucht, da die horizontalen Auflagerreaktionen H 1 und H2 wie zuvor Null sind.
Auf diese Weise werden die Rahmen in System (iv)a in Fachwerke in System (iv)c verwandelt. An den
Auflagerreaktionen bzw. Knotenkräften infolge der Horizontalkraft F hat sich jedoch nichts geändert. Aus den
Rahmenriegeln in System (iv)a werden Fachwerkgurte (Obergurte) in System (iv)c. Die zusätzlichen Stäbe sind die
Untergurte der beiden Fachwerke.

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Variante Parameter System Auflagerreaktionen und Knotenkräfte


im First
(i) L>0 F s
ℓ>0 B1  B 2   ,
2 b
h>0
 h 2  L
s>0 H 1  H 2  1    F,
 s L 4b
 h 2  L
O1  O 2     F.
s L  4b

(ii) L>0 F s
ℓ=0 B1  B 2   ,
2 b
h>0 F L 1 sh
s>0 H1  H 2     ,
2 2 b s
F L 1 h
O1  O 2     .
2 2 b s

(iii) L>0 F s
h=0 B1  B 2   ,
2 b
s>0 F L 1
H1  H 2    ,
2 2 b
O1  O 2  0.

(iv)a L>0 F s
ℓ=0 B1  B 2   ,
2 b
h>0
H1  H 2  0,
s=h
F L 1
O1  O 2    .
2 2 b

(iv)b

(iv)c

Tabelle 3.3-2: Varianten von Sekundärsystemen

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4 Optimierung der Konstruktion


An die Form der Konstruktion wollen wir im Folgenden weniger ästhetische als vielmehr wirtschaftliche
Anforderungen stellen. Voraussetzung für eine wirtschaftliche Form ist natürlich immer, dass die Anforderungen an die
Tragfähigkeit, Gebrauchstauglichkeit und Dauerhaftigkeit der Konstruktion mindestens gerade erfüllt werden.

Wirtschaftliche Anforderungen münden fast immer in der Minimierung der Kosten. Der Entwurfsprozess der
Konstruktion ist insofern ein Optimierungsprozess mit der Zielfunktion Kosten und einer Vielzahl von Restriktionen.
Die wichtigsten Restriktionen ergeben sich aus den Anforderungen aller am Bau Beteiligten an die dauerhafte
Tragfähigkeit.

Wenn auch Baukonstruktionen grundsätzlich räumliche Strukturen sind, wird der Entwurfsprozess im Sinne eines
Optimierungsprozesses zunächst an ebenen Strukturen, unterschieden nach Strukturen die in ihrer Ebene und senkrecht
zu ihrer Ebene belastet werden, gezeigt, bevor die eigentlich räumlichen Strukturen behandelt werden.

4.1 Einwirkungen und Lagerungen


In der statischen Berechnung wird unterschieden:
zwischen den Einwirkungen, die als Aktionen bezeichnet werden,

 in Form von Kräften (Einzellasten, Linienlasten, Flächenlasten),


 manchmal auch in Form von Momenten,

und den Lagerungen

 in Form von Auflagern, die Kräften Widerstand leisten, und


 in Form von Einspannungen, die Momenten Widerstand leisten,

wobei diese Kräfte und Momente als Reaktionen bezeichnet werden.

Bild 4-1: Historisches Chalet in Grimentz (CH)


Wenn wir auch den Begriffsdefinitionen der Baubestimmungen folgend unter den Einwirkungen nur die Aktionen
verstehen, so können wir doch feststellen, dass nicht nur die Aktionen auf die Konstruktion bzw. gedanklich auf das
vom Ingenieur entworfene, zugehörige statische Modell einwirken, sondern auch die Reaktionen. Beide, die auf das
statische Modell einwirkenden (angreifenden) Aktionen und Reaktionen, müssen einen Gleichgewichtszustand bilden,
so dass sich die Konstruktion in Ruhe befindet. In dieser Ruhelage, in der sich offenbar auch das Chalet in Bild 4-1
(noch) befindet, kann die Konstruktion natürlich nicht zwischen Aktionen und Reaktionen unterscheiden, sondern
erkennt beide als Einwirkungen, da beide in ihrem Zusammenwirken Beanspruchungen der Konstruktion in Form von
Spannungen verursachen.

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Vorlesung Form und Konstruktion 42

4.2 Einführendes Beispiel – Optimierung der Form eines Trägers


Lage, Richtung und Größe der Aktionen und Reaktionen 11 ergeben sich aus den Anforderungen an das Bauwerk. Zur
Veranschaulichung ist in Bild 4-2 ein einfaches Beispiel einer Bauaufgabe und ihrer Lösung dargestellt.

a aus den Anforderungen an das Bauwerk b gewählte Konstruktion zur Lösung der Bauaufgabe,
abgeleitete Bauaufgabe Kräftegleichgewicht, aber kein Momentengleichgewicht

c Konstruktion vollständig im Gleichgewicht


Bild 4-2: Beliebige Form und Art der Konstruktion
Aus den Anforderungen an das Bauwerk ergibt sich, wie in Bild 4-2a zu sehen, dass im Punkt 1 eine Einwirkung von F
= 1 kN in vertikaler Richtung wirkt. Die Bauaufgabe besteht darin, diese Aktion durch eine Konstruktion zu dem im
Abstand ℓ vorhandenen Punkt 2 weiterzuleiten. Die in Bild 4-2b hierfür gewählte Konstruktion bewirkt zunächst eine
ebenfalls vertikal, aber entgegengesetzt gerichtete Auflagerkraft A, die mit F im Kräftegleichgewicht steht. Da F und A
ein Kräftepaar bilden, ist zur Herstellung des ebenfalls erforderlichen Momentengleichgewichts in Bild 4-2c zusätzlich
im Punkt 2 ein Einspannmoment M angetragen, das dem aus F und A bestehenden Kräftepaar entgegenwirkt. A und M
sind die Reaktionen. Form und Art der Konstruktion, die durch F, A und M ins Gleichgewicht gebracht wird, sind
zunächst beliebig bis auf

 die Gewährleistung von Tragfähigkeit, Gebrauchstauglichkeit und Dauerhaftigkeit


 die Einhaltung des Lichtraumprofils und
 die Erfüllung architektonischer Anforderungen.

Obwohl der Bauherr mit dem durch die Form vermittelten, vielleicht der Werbung dienenden Eindruck der
Konstruktion in Bild 4-2 zufrieden ist und aus Sicht des Ingenieurs alle Anforderungen erfüllt sind, wird er, sobald ihm
die Kosten für die Herstellung (Material-, Herstellungs-, Transport- und Montagekosten) und den Unterhalt der
Konstruktion bekannt gemacht worden sind, aus wirtschaftlichen Gründen wahrscheinlich doch als Konstruktion eher
den in Bild 4-3 dargestellten geraden Biegeträger mit konstantem Querschnitt wählen. Er leitet die Kraft F vom Punkt 1
zum Punkt 2 auf kürzestem Wege weiter. Damit ist die Form der Konstruktion bis auf die Querschnittsform, die auch
die Größe der seitlichen Ansichtsfläche bestimmt, festgelegt. In Bild 4-3 sind zwei Formvarianten dargestellt.

11
Siehe Vektoranalysis der Mathematik-Vorlesung

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Nehmen wir an, dass für die Wahl von Form und Abmessungen des Querschnitts der Nachweis der
Gebrauchstauglichkeit maßgebend ist. Voraussetzung dafür ist, dass das Verhältnis ℓ/h hinreichend groß ist.

a quadratische Querschnittsform b rechteckige Querschnittsform


Bild 4-3: Gerader Träger mit unterschiedlicher Querschnittsform
Die in Bild 4-3 dargestellte Konstruktion wird als Kragträger bezeichnet. Als Träger wird ein Bauteil bezeichnet, das
überwiegend durch ein Moment auf Biegung beansprucht wird. Der Kragträger hat ein freies Ende, die Kragarmspitze
(Punkt 1), und ist am anderen Ende (Punkt 2) eingespannt. Die Durchbiegung v der Kragarmspitze hat die Größe

1 F 3
v ,
3 EI

und die beiden Kragträger 1 und 2 in Bild 4-3 mit rechteckigem Querschnitt, aber unterschiedlicher Querschnittsform,
haben die gleiche Durchbiegung v und erfüllen damit die Gebrauchstauglichkeit gleichermaßen, wenn für die
Trägheitsmomente I2 = I1 gilt. Das ist z. B. der Fall für

b1
b2  , h 2  2h 1 ,
8

denn es gilt

b1
2h 1 3 b h 3
I2  8  1 1  I1 .
12 12

Die Frage ist nun, ob einer der Kragträger wirtschaftlicher ist als der andere. Wenn die Kosten der beiden
Konstruktionen durch das verbrauchte Material und damit durch die jeweiligen Bauteilvolumen V1 und V2 bestimmt
werden, folgt

b1 1
V1  b1h1  V2  2h1  V1 .12
8 4

Wenn die Kosten der beiden Konstruktionen im Wesentlichen durch die Größe ihrer Oberfläche A1 und A2 (Kosten für
Oberflächenbehandlung, Anstrich) bestimmt werden und der Querschnitt der Konstruktion 1 quadratisch ist (b 1 = h1=a),
folgt

b 
A1  2b1  h 1   4a  A 2  2 1  2h1   4,25a  1,0625A1 .
 8 

Im ersten Fall ist also die Konstruktion 2 und im zweiten Fall die Konstruktion 1 wirtschaftlicher.

12
Hinweis: Das Bauteilvolumen strebt bei festem Trägheitsmoment gegen Null, wenn b gegen Null strebt. Wegen der
Gefahr des Kippens ist b jedoch stets nach unten beschränkt.

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4.3 Ein Gegenbeispiel


Ein Gegenbeispiel zum Prinzip, Einwirkungen auf ein Bauwerk auf kürzestem Weg in den Baugrund zu leiten, ist das
Nicon-Hochhaus in Hannover. Das ganze Haus ist an den oberen Fachwerkträgern aufgehangen. Die Fachwerkträger
ruhen auf Stützen, deren Länge gleich der Gebäudehöhe ist.

Abriss (HAZ 27.März 2014)


Bild 4-4: Nicon-Hochhaus Hannover

4.4 Optimierung der Form aufgelöster ebener Stabstrukturen


Es ist bekannt, dass die Weiterleitung von Kräften durch Bauteile, die überwiegend auf Biegung beansprucht werden
wie zuvor der Kragträger ein relativ großes Konstruktionsvolumen13 erfordert. Ein Grund hierfür ist die begrenzte
Querschnittshöhe, die nur einen kleinen inneren Hebelarm des Kräftepaars aus resultierender Druck- und Zugspannung
bewirkt.

Ein deutlich geringeres Konstruktionsvolumen stellt sich ein, wenn die Konstruktion aus aufgelösten Stabstrukturen
besteht, wie in Bild 4-5 und Bild 4-6 dargestellt. Die einzelnen Bauteile werden dann nicht auf Biegung 14, sondern im
Wesentlichen auf Zug und Druck beansprucht. Dann entscheiden nicht die inneren Hebelarme eines einzelnen
Querschnitts über die Größe der Biegebeanspruchung, sondern die äußeren Hebelarme, die die Stäbe (Bauteile)
untereinander bilden. In Bild 4-5 und Bild 4-6 sind dies die Abstände der Punkte 2 und 3, die den Winkel  bestimmen.
Im Folgenden soll nun untersucht werden, wie dieser Winkel  das Konstruktionsvolumen beeinflußt.

13
Da die Konstruktion in Bild 4-3 nur aus einem Bauteil besteht, ist dort das Konstruktionsvolumen gleich dem
Bauteilvolumen.
14
Bis auf die Auswirkungen von Imperfektionen.

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Dazu bestimmen wir zunächst die Normalkräfte in den beiden Stäben 1 und 2 über das Kräftedreieck im Punkt 1.
Anschaulich machen wir uns zuvor klar, dass der Stab 1 in beiden Konstruktionen durch eine Zugkraft und der Stab 2
durch eine Druckkraft beansprucht wird.

F
N1 
tan 

F
N2 
sin 

1  


2 
cos 

Bild 4-5: Stabstruktur 1, ideales Fachwerk


F
N1 
sin 

F
N2 
tan 


1 
cos 

2  

Bild 4-6: Stabstruktur 2, ideales Fachwerk


Da die Stäbe 1 und 2 nur durch Normalkräfte beansprucht werden, ist es sinnvoll, für sie einen Kreis- oder
Quadratquerschnitt zu wählen. Wegen der einfacheren Berechnung werden hier Quadratquerschnitte mit b 1 = h1=a1 und
b2 = h2=a2 gewählt, so dass für die Querschnittsfläche gilt

A1  a 12 und A 2  a 2 2 .

Für die Wahl der Abmessungen der Querschnitte der beiden Konstruktionen ist der Nachweis der Tragfähigkeit
maßgebend. Voraussetzung dafür ist, dass der Winkel  hinreichend groß ( > 15°) ist. Für die Zugstäbe folgt dann aus
dem Zugspannungsnachweis

N1
1,
A 1  f t , 0, d

mit dem Bemessungswert ft,0,d der Zugfestigkeit von Holz parallel zur Faser die einfache Bestimmungsgleichung

N1
a1  .
f t , 0,d

Für die Druckstäbe ist der Tragfähigkeitsnachweis

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N2 N 2  v0  6
 1
A 2  f c,0,d 1   N   b 2 3  f m,d
  
Druck  Biegespannungen
spannungen aus Im perfektion

deutlich komplexer, da bei ihnen neben den reinen Druckspannungen aus der Normalkraft N 2 zusätzliche
Beanspruchungen aus einer Imperfektion v0 (Amplitude oder Stich einer möglichen Stabkrümmung) berücksichtigt
werden müssen. Mit

N2 N N   2  12
N   2 2 2  2 42 2 ,
N crit
  EI  2 E  b2  
Eulerkraft

2
der Imperfektion v0 
und der vereinfachenden Annahme f m,d  f c,0,d , dass der Bemessungswert der
400
Biegefestigkeit ungefähr gleich dem Bemessungswert der Druckfestigkeit parallel zur Faser des Holzes ist, ergibt sich
die Bestimmungsgleichung für a2

f c,0,d  1   N 
a 23   a 2  1   N   6  v 0  0 .
N2

Damit lässt sich das Konstruktionsvolumen

V  a 12   1  a 2 2   2

als Summe der beiden Bauteilvolumen berechnen. Seine Abhängigkeit von der Form der Konstruktion, hier dem
Winkel , ist für beide Konstruktionsvarianten in Bild 4-7 dargestellt.

Bild 4-7: Konstruktionsvolumen


Es zeigt sich, dass es für die beiden Konstruktionsvarianten jeweils ein eigenes Volumenminimum V1 und V2 gibt, also
jeweils einen optimalen Winkel 1 und 2. Der Winkel ist für die Konstruktion 2 doppelt so groß, und das zugehörige
Volumen ist nur halb so groß wie für die Konstruktion 1. Die Lage der Auflagerpunkte 2 und 3 hat also erheblichen
Einfluss auf die Form und die Wirtschaftlichkeit der Konstruktion.

Die mathematische Formulierung dieses Problems führt auf ein Optimierungsproblem mit der Zielfunktion

V()  a 12   1  a 2 2   2 ,

wobei a1, a2, ℓ1, und ℓ2 Funktionen in  sind. V wird dann extremal (hier für 0 <  < 90 minimal) für

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dV()
 0.
d

In Kosten ausgedrückt lautet die Zielfunktion mit dem Kostenansatz  in €/m³

K()  1  a 12   1   2  a 2 2   2 .

Die Wirtschaftlichkeit der Konstruktion ist jedoch nicht nur vom Volumen der Bauteile abhängig, sondern auch vom
Aufwand für die Verbindungen der einzelnen Bauteile untereinander und mit den Lagern. Für die Stabstrukturen 1 und
2 sind es die Kosten für die Herstellung von Verbindungen in 3 Knotenpunkten. Hierfür könnte die Kostenfunktion z. B.
mit dem Kostenansatz i in €/kN für jeden Knoten i in der Form

K()  1  a12   1   2  a 2 2   2   1 max( N1 , N 2 )   2 N1   3 N 2

geschrieben werden. Der Kostenansatz ist also proportional zur Größe der anzuschließenden Kraft. Bei
Kostenminimierungen dieser Art darf jedoch nie vergessen werden, dass in den Kostenansätzen i auch die Kosten für
die Herstellung der Lager berücksichtigt werden müssen. Dies gilt für Kraftlager, wobei Zuglager in der Regel teurer als
Drucklager (Kraftübertragung durch Kontakt) sind, und insbesondere für Momentlagerungen, also Einspannungen, wie
die in Bild 4-3.

4.5 Michell-Kragträger
Bereits 1904 beschäftigte sich Michell in einer sehr allgemeinen Form mit der wirtschaftlichen Optimierung von ebenen
Stabstrukturen und kommt dabei zu Lösungen, wie sie in Bild 4-8und Bild 4-9 wiedergegeben sind. Michell führte
dabei als zusätzliche Variablen oder freie Parameter die Lage von inneren Knoten ein. Zur Lösung solcher und
ähnlicher Probleme der Strukturoptimierung steht heute Software, z. B. das Optimierungssystem APEX, zur Verfügung.

a Lastfall 1 b Lastfall 2
11
11

8
8

10 9
2,50 10 9
0,50
0,50 0,16

5 6 7
5 6 7

3 4
2,50 3 4
0,50
0,50 0,16
y 2
y 2

1
x 1
x

c Verformungen Lastfall 1 d Verformungen Lastfall 2

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Vorlesung Form und Konstruktion 48

11 11
0,31C
8 8
0,34C
0,35C 0,51T 0,22T 0,12C
0,56T
10 9 0,08T 10 0,21C 9
2,50 0,5C 0,50
0,41C
0,50 0,87T 0,59T 0,16 0,38T
0,84C 0,02T 0,0C
0,2T
0,6T 0,56C
1,35T 5 0,0T 6 0,0T 7 5 0,15C 6 7

1,35C
0,6C
0,02T 0,0C
0,84T 0,2T
0,87C 0,59C 0,41C
3 4 3 0,21C 4
2,50 0,5T 0,50 0,38T
0,56C 0,08C 0,12C
0,50 0,16 0,34C
y 0,35T 2 y 0,22T 2
0,51C 0,31C
1 1
x x

e Normalkräfte Lastfall 1 f Normalkräfte Lastfall 2

Bild 4-8: Für Lastfall 1 optimierte Stabstruktur, Verformungen und Normalkräfte für Lastfall 1 und 2

Bild 4-9: Michell Truss (1904)


Die in Bild 4-8und Bild 4-9 dargestellten Stabstrukturen werden gerne zu den Konstruktionen gezählt, deren
„Kräftespiel“ nachvollziehbar ist, und von denen dadurch ein besonderer gestalterischer Reiz ausgeht.

Den Optimierungsmöglichkeiten mit dem Ziel einer Kostenminimierung sind enge Grenzen gesetzt, da die
mathematische Optimierung immer nur für einen bestimmten Lastfall durchgeführt werden kann und die Konstruktion
damit nur für diesen einen Lastfall optimal ist. Daher ist eine solche Optimierung nur dann sinnvoll, wenn die
Beanspruchungen aus einem bestimmten Lastfall bei weitem überwiegen, wenn also die Konstruktion z. B. sehr schwer
ist und daher die Beanspruchungen z. B. aus Wind und Schnee eher unbedeutend sind. Letzteres ist eher bei
Stahlbetonkonstruktionen als bei Stahl- oder Holzkonstruktionen der Fall.

Wegen des großen Aufwandes der mathematischen Optimierung für verschiedene konkurrierende Lastfälle wird daher
häufig auf Vorbilder in der Natur zurückgegriffen. Die Optimierung natürlicher Konstruktionen erfolgt durch natürliche
Anpassung an die Beanspruchungen, was als adaptives Wachstum bezeichnet wird. Siehe hierzu auch Mattheck (1990).

Da es im Bauwesen anders als z. B. im Maschinenbau in der Regel darum geht, die Kosten von Unikaten zu
minimieren, und wegen des üblichen Zeitdrucks, der sich nicht nur aus dem vom Bauherrn festgesetzten
Fertigstellungstermin, sondern auch aus dem vom Bauherrn begrenzten Ingenieurhonorar ergibt, wird in der
Ingenieurpraxis ein pragmatisches Vorgehen bevorzugt. Dabei wird die Form überwiegend aus Erfahrung gewählt. Teil
der Erfahrung sollte die Kenntnis der Form optimaler Strukturen sein.

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Vorlesung Form und Konstruktion 49

4.6 Beispiel Brücke Martigny


Die Form der Konstruktion der Fuß- und Radwegbrücke über die Dranse ergab sich im Wesentlichen aus der
Anforderung, dass die Brücke von einem Pionier-Bataillon der Schweizer Armee hergestellt und errichtet werden sollte.
Es waren also nur einfache Bearbeitungen der Holzbauteile möglich, und es standen für die Montage nur ein kleiner
Autokran und ein Schwimmponton zur Verfügung.

Bild 4-10: Statisches Modell, bestehend aus beidseitigen Kragarmen und dazwischen eingehängtem Einfeldträger

c Querschnitt der Hauptträger

b
Bild 4-11: Fuß- und Radwegbrücke über die Dranse in Martigny (CH)

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4.7 Bahnsteigüberdachung Lehrter Bahnhof in Berlin

Bild 4-12: Primärsystem der Bahnsteigüberdachung des Lehrter Bahnhofs in Berlin, Literatur von H. Schober (2002)

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4.8 Optimale Platten und Trägerroste


Platten sind ebene flächige Baukörper15 und Trägerroste sind ebene Stabstrukturen, auf die Kräfte ausschließlich normal
zu ihrer Ebene einwirken. Die Kräfte sind in der Regel über die Platte und den Trägerrost konstant in der Einheit kN/m²
verteilt, wenn sie, wie es überwiegend der Fall ist, für Decken, Flachdächer und Fahrbahnen von Brücken eingesetzt
werden.

Für diese Platten und Trägerroste hat Rozvany (1976) in Abhängigkeit der Lagerung ihrer Ränder Regeln aufgestellt,
die bei Stahlbetonplatten zu einem Minimum des Bewehrungsvolumens und bei Trägerrosten zu einem Minimum des
Bauteilvolumens führen.

Als Zielfunktion wählt Rozvany das Momentvolumen Vm, das er als ein Maß für das Bauteilvolumen und damit für die
Kosten ansetzt. Zur Erläuterung der Bestimmung des Momentvolumens V m ist in Bild 4-13a eine quadratische Platte in
der Draufsicht dargestellt, auf die die Flächenlast p in kN/m² einwirkt. Die Platte ist an zwei gegenüberliegenden
Rändern so gelagert, dass sie sich frei verdrehen kann (v’ = φ ≠ 0), aber vertikal nicht verschiebt (v = 0).

b Momentvolumen
a einachsig gespannte Platte

aus Statik ergibt sich für den Einfeldträger das


Biegemoment in Feldmitte in kNm:
p L2 kN 2
max M  m
8 m

c Einfeldträger als statisches Ersatzsystem


Bild 4-13: Bestimmung des Momentvolumens einer quadratischen Platte

Dann gilt für das Momentvolumen einer quadratischen Platte in kNm³

2 pL2 2 pL4 pL4


Vm  L   mit   83, 3 .
3 8 12 1000

Für diese und weitere Lagerungs- bzw. Randbedingungen sind in Bild 4-14 die zugehörigen Maßzahlen β des
Momentvolumens Vm angegeben.

15
Hier unterscheidet sich ausnahmsweise die fachsprachliche nicht von der umgangssprachlichen Bedeutung des
Begriffs Platte

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a einachsig gespannte Platte b auskragende Platte (Eckbalkon) c zweiachsig (kreuzweise) gespannte Platte

f links starr eingespannte Platte,


d rechts starr eingespannte e beidseitig starr eingespannte Platte,
vergleichbar dem Innenfeld einer vergleichbar dem rechten Randfeld einer
Platte, Kragplatte
einachsig über mehrere Felder einachsig über mehrere Felder
durchlaufenden Platte unter Volllast durchlaufenden Platte unter Volllast

Bild 4-14: Maßzahlen β für unterschiedlich gelagerte Platten, Rozvany (1976)


Diese Maßzahlen sind aber nur für die Kosten von Stahlbetonplatten (Decken) aussagekräftig, wobei für die Platten in
Bild 4-14d-f gegebenenfalls zusätzliche Kosten für die Herstellung der starren Einspannung und für die Platte in Bild
4-14b gegebenenfalls zusätzliche Kosten für die Verankerung der Ränder berücksichtigt werden müssen.

Die Maßzahlen β von Bild 4-14 können auch zur Abschätzung der Kosten für die in Bild 4-15 dargestellten,
unterschiedlich gelagerten Trägerroste verwendet werden. In den Maßzahlen sind jedoch nicht die Kosten für die in
Bild 4-15b im Feld erforderlichen Verbindungen der Träger untereinander enthalten.

a zweiseitig gelagerter (einachsig gespannter) Trägerrost b vierseitig gelagerter Trägerrost

c in den Ecken gelagerter Trägerrost


Bild 4-15: Layouts für Trägerroste, Rozvany (1976)

Bei Decken kommt es sehr häufig vor, dass der Raum unter der Decke vierseitig durch Wände geschlossen und die
Decke dennoch nur einachsig gespannt wird. Dann kommt es zur Verletzung der Kompatibilität der Verschiebungen v

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Vorlesung Form und Konstruktion 53

an den nicht unterstützten Rändern der Decke. Dieses Phänomen lässt sich sehr anschaulich an dem Träger eines
Trägerrostes beschreiben, der nahe der Wand liegt, die nicht als unterstützend wirkend (nicht tragend 16) angenommen
wurde. Der einachsig gespannte Träger wird sich unter seiner Belastung durchbiegen und dabei gegenüber der sehr
steifen Wand verschieben, was zu Rissen im Eckbereich von Wand und Decke führen kann. Bei Balkendecken wurde
früher zwischen Wand und benachbartem Träger der Balkenabstand eingehalten, um die Verschiebungsdifferenz über
den Dielenbelag auszugleichen. Dann wird aber die eigentlich als nicht tragend angenommene Wand doch belastet.

16
Auf besondere Regeln für nicht tragende Wände wird hingewiesen.

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4.9 Beispiel Geschossdecke Wohnhaus in Ecoffey (CH)


Das Layout der in Bild 4-16 und Bild 4-17 dargestellten Trägerroste entspricht nicht genau dem optimalen Layout von
Bild 4-15b. Die Trägerbreite wurde jedoch, wie in den Layouts von Rozvany vorausgesetzt, den Stützweiten der
einzelnen Träger angepasst. Dabei ist kritisch anzumerken, dass in der Praxis die Trägerbreiten nicht genau nach dem
rechnerischen Optimum gewählt werden können. Vielmehr sind die effektiven Breiten von den im Holzhandel
verfügbaren Brettdicken abhängig.

Bild 4-16: Zwei nebeneinander liegende, vierseitig gelagerte Trägerroste einer Geschossdecke

Bild 4-17: Eckdetail eines Trägerrostes


Das Eckdetail in Bild 4-17 lässt den großen Aufwand für die Herstellung der Verbindungen der Träger untereinander
erkennen. Der Aufwand war hier besonders groß, da die Träger aus Gründen der architektonischen Gestaltung an den
Rändern nicht einfach auf die Unterkonstruktion aufgelegt, sondern höhengleich mit Randträgern verbunden wurden.

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4.10 Decken in Fachwerkhäusern

Bild 4-18: Stichbalken bei einachsig gespannter Balkendecke und auskragendem Giebel

Bild 4-19: Eckdetail mit Stichbalken

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Heuristik: Lehre von der methodischen Gewinnung neuer Erkenntnisse mithilfe von Denkmodellen, Analogien und
Gedankenexperimenten. Die Logik lehrt die Erkenntnisse zu begründen.

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4.11 Räumliche Stabstrukturen


Einwirkungen und Lagerungen können sehr unterschiedliche Entwürfe der Form der Konstruktion und ihrer Teile
begründen, wie an einer sehr einfachen Bauaufgabe, der Errichtung einer zweifeldrigen Sporthalle, an den beiden in
Bild 4-20 dargestellten Projekten gezeigt werden soll. Der quadratische Grundriss der Sporthallen hat eine Seitenlänge
a = 28 m. Die Sporthallen lassen sich durch einen Vorhang in der Mitte teilen. Die Außenwände besitzen in die
Fundamentplatte eingespannte Stahlbetonstützen, um sowohl die ständigen Lasten und Schnee als auch Wind von Höhe
Traufe in den Baugrund abtragen zu können.

a Chateau d’Oex b Savigny


Bild 4-20: Außenansicht der Sporthallen

4.11.1 Sporthalle Chateau d’Oex (CH)


Für die Sporthalle in Chateau d’Oex hatte der Architekt als Dachform ein Satteldach entworfen. Diese Form hat
folgende Vorteile:

 Die Ableitung des Regen- und Schneewassers zur Traufe ist die wirtschaftlichste und wartungsfreundlichste
Art der Entwässerung eines Daches.

 Bei freistehenden Gebäuden sind auf einem Satteldach keine Schneeansammlungen möglich. Es müssen
zusätzlich zur Regelschneelast nur Verwehungs- und Abtaueinflüsse berücksichtigt werden.

 Wie in Bild 4-21 gezeigt wird, hat die Konstruktionshöhe h erheblichen Einfluss auf die Größe der
Beanspruchungen der Bauteile. Bei Konstruktionen, die wie hier ein Feld überspannen, hier die gesamte Breite
B oder Länge L mit B = L = a, sollte die Konstruktionshöhe in Hallenmitte am größten sein, weil dort das
Moment aus Einwirkung q und Auflagerkraft maximal ist.

Diese Form hat folgende Nachteile:

 Große Dachhöhe,

 Großes beheiztes Dachvolumen.

 Langweilige Form.

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Vorlesung Form und Konstruktion 58

a an die Beanspruchungen nicht angepasste Konstruktionsform


und nicht angepasste Bauteilform

c an die Beanspruchungen angepasste


Konstruktionsform und Bauteilform

b an die Beanspruchungen nicht angepasste Konstruktionsform


und angepasste Bauteilform

d statisches Modell der Dachkonstruktion e statisches Teilmodell der Dachkonstruktion

1 M1,max
2 M 2,max  M1,max T
qL 4 h
M1,max 
8

f Biegebeanspruchung g Zugbeanspruchung
M1,max h M1,max  6 bh 3 T
m   mit I  t 
z A
Iz 2 bh 2 12

Bild 4-21: Einfluss der Konstruktionshöhe auf die Beanspruchungen der Bauteile

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Vorlesung Form und Konstruktion 59

Die wirtschaftlichen Vorteile, die sich aus einer einfachen Entwässerung des Dachs und aus der Vermeidung von
Schneeansammlungen auf dem Dach ergeben, sind naheliegend. Es ist jedoch nicht sofort einzusehen, warum eine
große Konstruktionshöhe in Hallenmitte einen wirtschaftlichen Vorteil bringt. Zur Erläuterung wird in Bild 4-21
zunächst gezeigt, welchen Einfluss die Verteilung des Biegemoments M = M(x), das Beanspruchungen in Form von
Biegespannungen m verursacht, in einem einfeldrigen Träger auf die Konstruktions- und die Bauteilform, in diesem
speziellen Fall auf die Höhe, besitzt, wenn eine möglichst wirtschaftliche Konstruktionslösung angestrebt wird.

Wir hatten bereits kennen gelernt, dass sich das Bauteilvolumen und damit in der Regel auch die Kosten reduzieren
lassen, wenn möglichst schlanke Träger mit einem großen Verhältnis h/b wie in Bild 4-21a gewählt werden. Dieses
Volumen lässt sich durch die Anpassung der Höhe h, die in Bild 4-21b linear zur Feldmitte anwächst, an M(x), das
quadratisch anwächst, noch weiter reduzieren. Diese Anpassung der Bauteilform berücksichtigt zunächst nur die
Tragfähigkeit des Trägers durch Einhaltung der Bedingung

 m ,d
1.
f m ,d

Dabei darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass eine Reduktion des Volumens immer auch eine Reduktion
der Steifigkeit, hier der Biegesteifigkeit verursacht, was zu einer Vergrößerung der Durchbiegung

 L  L M( x ) M ( x )
v max  v x     dx
 2  x 0 EI z ( x )

führt. Wegen der Anforderungen an die Gebrauchstauglichkeit des Trägers ist jedoch die Durchbiegung ebenso begrenzt
wie die Biegespannungen m. Die Biegespannungen sind an jeder Stelle x (in jedem Querschnitt) des Trägers begrenzt,
während eine Begrenzung der Durchbiegung in der Regel nur an ihrer maximalen Stelle notwendig ist.

Des weiteren hatten wir bereits kennen gelernt, dass das Konstruktionsvolumen reduziert werden kann, wenn als
Konstruktion Stabstrukturen mit großen inneren Hebelarmen verwendet werden. Diese Erkenntnis wurde in Bild 4-21c
in eine Satteldachkonstruktion umgesetzt. Die einzelnen Bauteile werden nun wesentlich weniger auf Biegung, dafür
aber zusätzlich auf Druck oder nur auf Zug beansprucht. Die Größe der Zugkraft T ergibt sich aus dem am Einfeldträger
berechneten Biegemoment M1,max dividiert durch die Konstruktionshöhe h. Sie ließe sich auch durch Zeichnen des
Kraftdreiecks an einem der Auflager bestimmen.

Der mit dem Entwurf der Dachkonstruktion der Sporthalle beauftragte Ingenieur Martial Chabloz wählte eine in
doppelter Hinsicht optimierte Konstruktion. Zum einen eine ebene aufgelöste Stabstruktur (als Träger oder auch als
Binder bezeichnet) mit großen inneren Hebelarmen und zum anderen ordnete er diese ebenen Träger nach Art eines
Trägerrostes kreuzweise über einer quadratischen Öffnung an. Das Modell der Dachkonstruktion ist in Bild 4-22 zu
sehen.

Bild 4-22: Konstruktionsmodell im Maßstab 1:50


Vorbild der vom Ingenieur Chabloz gewählten Konstruktion war die in Bild 4-23 dargestellte Dachkonstruktion des
Baumeisters Grubenmann aus dem Jahr 1752. Die für die damalige Zeit einzigartige Konstruktion eines Kirchendachs
besitzt einen bogenförmigen Hauptträger, der über die Länge des Kirchenschiffs gespannt ist. Dieser Träger stützt in der
Firstebene die üblicherweise ausschließlich vorhandenen Gespärre, die als Nebenträger im Wesentlichen aus zwei
Sparren und einem Kehlbalken bestehen. Durch diese Stützung der Gespärre hebt Grubenmann den für

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Kehlriegeldächer charakteristischen Horizontalschub an den Auflagern auf und kann daher auf von Traufe zu Traufe
gespannte Zugstangen verzichten. Killer (1985) schreibt hierzu: „Schon Jakob Grubenmann hatte klar erkannt, dass die
damals im Barock üblichen gewölbten Decken architektonisch nur dann voll zur Wirkung kommen konnten, wenn
keine störenden Zugstangen vorhanden waren. Er erkannte aber auch, dass bei Wegfall der Zugstangen der Dachschub
ohne besondere Vorkehrungen unmittelbar auf die Längsmauern übertragen und diese nach außen drücken würde.“

Bild 4-23: Kirche in Grub (CH), Meister Jakob Grubenmann 1752


Grubenmann konzipierte also den bogenförmigen Hauptträger, um ein Gewölbe ohne Zugstangen schaffen zu können.
Nun sollte das Dach der Sporthalle in Chateau d’Oex kein Gewölbe bilden, dennoch hielt Chabloz die Konstruktion für
wirtschaftlich und ihre Form für schön genug, um sie zur Ausführung kommen zu lassen. Bild 4-24 zeigt den Transport
und die Monatge. Der Bogenträger aus Brettschichtholz wurde einschließlich seines Zugbands im Werk vorgefertigt
und dann auf die Giebelwände aufgesetzt. Anstelle der Gespärre der Kirche in Grub wurden hier dreieckförmige
Fachwerkträger (halbe Satteldach- oder Dreiecksbinder) als Nebenträger an den Bogenträger angehängt und auf die
Traufwände aufgelegt. Ein Horizontalschub würde sich hier auch ohne den Bogenträger nicht ausbilden, da dann die
Untergurte der Fachwerkträger, die dann über die ganze Gebäudebreite durchlaufen würden, die Aufgabe der
Zugstangen übernehmen würden.

a Transport des Bogenträgers b Montage des Bogenträgers

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c Einhängen eines Fachwerkträgers in den Bogenträger d Einhängen eines Fachwerkträgers in den Bogenträger von
von rechts betrachtet links betrachtet
Bild 4-24: Transport und Montage

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b Hallenmitte mit eingefahrener Trennwand (Vorhang)


a Giebelwandbereich
Bild 4-25: Innenansichten
Wir wollen nun die Maßzahlen β der Trägerroste nutzen, um das Momentenvolumen der Konstruktion abzuschätzen
und später mit dem Momentenvolumen der Sporthalle von Savigny zu vergleichen. Es muss betont werden, dass es sich
dabei nur um eine grobe Abschätzung, einen Indikator, handeln kann, da die Maßzahlen für ebene Trägerroste gelten,
während die Konstruktion hier räumlich ist.

a für die Fachwerkträger b für den Bogenträger


Bild 4-26: Zur Berechnung der Maßzahlen β
Zur Abschätzung des Momentenvolumens dienen die in Bild 4-26 dargestellten einachsig gespannten Trägerroste über
Teilflächen des Grundrisses. Die Fachwerkträger sind von einer Traufwand bis zum Bogenträger gespannt und leiten
die Flächenlast p jeweils zur Hälfte in die Traufwand und den Bogenträger. Der Bogenträger ist von Giebelwand zu
Giebelwand gespannt und wird durch die halbe Flächenlast p aus den Fachwerkträgern belastet. Damit ergibt sich für
das Momentenvolumen

4
a
p 
pa 3 a  1 1  pa
4
pa 4 pa 4
Vm  4  83    83
2
 83   4    0,75  83  62,5 .
  1000

  1000
 2  16 2  1000 1000 1000
Fachwerkträger Bogenträger

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4.11.2 Sporthalle Savigny (CH)


Für die Sporthalle in Savigny hatte der Architekt als Dachform eine Dachlandschaft bestehend aus vier Zeltdächern
entworfen.

Bild 4-27: Horizontalschnitte 30 cm unterhalb (linke Spalte) und 30 cm oberhalb (rechte Spalte) Unterkante
Dachkonstruktion, Blick nach oben (obere Zeile) und Blick nach unten (untere Zeile)

Diese Form hat folgende Vorteile:

 Geringe Dachhöhe, wie in Bild 4-28 zu erkennen ist.

 Geringes beheiztes Dachvolumen.

 Interessante Dachform, die im Einklang mit der vorhandenen Bebauung steht. (Keine Verunstaltung)

Diese Form hat folgende Nachteile:

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 Ein großer Teil des Regen- und Schneewassers muss von den inneren Kehlen zur Traufe geführt werden. Wie
in Bild 4-29 zu erkennen ist, ist die Entwässerung der Kehlen kostenintensiv und wartungsempfindlich.

 In den Tälern der Zeltdachlandschaft muss mit erheblichen Schneeansammlungen gerechnet werden, wie in
Bild 4-28 angedeutet ist.

 Aus der verschwindenden Konstruktionshöhe in Hallenmitte und der geringen maximalen Konstruktionshöhe
von h/2 < h in den Spitzen der Zeltdächer muss zunächst gefolgert werden, dass sich sehr große
Beanspruchungen der Bauteile und damit sehr hohe Kosten ergeben.

Bild 4-28: Geringe Gebäudehöhe, aber Schneesackbildung im Bereich der inneren Kehlen

Bild 4-29: Entwässerung der innen liegenden Kehlen der Zeltdachlandschaft


Der mit dem Entwurf der Dachkonstruktion der Sporthalle beauftragte Ingenieur wählte für jedes der vier Zeltdächer
eine Konstruktion, die im Wesentlichen der auskragenden Platte in Bild 4-14b entspricht. Er spannte die Konstruktion
also nicht von Außenwand zu Außenwand, was bei der verschwindenden Konstruktionshöhe in Hallenmitte auch keinen
Sinn gemacht hätte.

Die zu jedem Zeltdach gehörige Konstruktion besteht aus zwei Hauptträgern in Form von dreieckigen Fachwerkträgern,
die in Bild 4-30 aus dem Dach herausgeklappt dargestellt sind. Der Hauptträger 1 spannt diagonal von Außenwand zu
Außenwand als Einfeldträger mit einer Spannweite von a/2. Der Hauptträger 2 ist als Einfeldträger mit Kragarm auf

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der Außenwand und dem Hauptträger 1 gelagert und kragt bis zur Hallenmitte aus. Beide Hauptträger haben eine Länge
von a/2.

Bild 4-30: Trägerrost aus zwei dreieckigen Fachwerkträgern (Dreiecksbinder, Satteldachbinder)

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Zur Abschätzung des Momentenvolumens dient der in Bild 4-31 dargestellte auf zwei benachbarten Seiten gelagerte
Trägerrost über einem Viertel des Grundrisses. Er leitet die Flächenlast p zu den Außenwänden.

Bild 4-31: Zur Berechnung der Maßzahlen β


Damit ergibt sich für das Momentenvolumen
4
a
p 
250 pa 4 250 pa 4 pa 4
Vm  4  250    4
2
  62,5
1000 16 1000 4 1000 1000

Die Schätzwerte der Momentenvolumen der Sporthalle in Chateau d’Oex und der in Savigny sind also gleich, obwohl
die Konstruktionshöhen in Hallemitte extrem verschieden sind. Der Grund hierfür liegt darin, dass die Konstruktion in
Savigny dem Trägerrost in Bild 4-15b mit β = 52 sehr nahe kommt, während die Konstruktion in Chateau d’Oex nicht
viel besser ist als der einachsig gespannte Trägerrost in Bild 4-15a mit β = 83. Die wirtschaftlichen Nachteile der
Konstruktion in Savigny, die sich aus der Entwässerung und der Schneesackbildung ergeben, bleiben natürlich
bestehen.

b c
Bild 4-32: Sporthalle Savigny während der Montage

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4.12 Gekrümmte Stabstrukturen - Bogen17


Für Brücken eignen sich neben abgespannten Stabstrukturen besonders bogenförmige Stabstrukturen, wie sie als
Entwurf für die Brücke Brieselang in Bild 4-33 und nach der Fertigstellung der Brücke zum Ziegenwerder in Bild 4-34
zu sehen sind.

Bild 4-33: Fuß- und Radwegbrücke über die Havel in Brieselang

Bild 4-34: Fuß- und Radwegbrücke über die alte Oder zum Ziegenwerder in Frankfurt/Oder
Bevor über den Entwurfprozess der beiden Konstruktionen berichtet wird, soll zunächst das charakteristische
Tragverhalten des geraden und des gebogenen Trägers und schließlich des Bogens erläutert werden.

17
Süddeutsch: Bögen

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4.12.1 Der gerade Einfeldträger


Der gerade Einfeldträger wird in Bild 4-35 durch eine konstante Linienlast q belastet. Die zugehörigen
Auflagerreaktionen und Schnittgrößen sind dort vollständig angegeben. Nach linearer Stabtheorie verformt sich der
Träger ausschließlich in vertikaler y-Richtung (Durchbiegung uy).

Mz,max = 25 kNm

Qmax = 7,071 kN

V = 7,071 kN
ux = 0; uy = 131
Bild 4-35: Der gerade Einfeldträger

4.12.2 Der gekrümmte Einfeldträger


Durch die Kreisbogenform der Stabachse steht die Auflagerkraft V im Gleichgewicht mit der Resultierenden aus
Querkraft Q und Normalkraft N. Die Art der Krümmung, ob kreisförmig oder parabelförmig, hat keinen Einfluß auf die
Schnittgrößen in Bild 4-36.

7,07 7,07

Nmax = 4,80 kN

y
7,07 7,07
x
Mz,max = 25 kNm

V = 7,071 kN
y

7,07 7,07
x

Qmax = 5,19 kN

7,07 7,07
x

ux = 148; uy = 135
Bild 4-36: Der gekrümmte Einfeldträger

x
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Während das Biegemoment Mz und die Durchbiegung uy unverändert groß bleiben, ergibt sich infolge der Krümmung
eine erhebliche horizontale Verschiebung ux des rechten Auflagers. Nicht nur die Durchbiegung sondern auch die
horizontale Verschiebung muss die Anforderungen an die Gebrauchstauglichkeit erfüllen.

4.12.3 Der kreisbogenförmige Zweigelenkbogen mit vertikaler Linienlast g aus Eigengewicht


Das wesentlichste Charakteristikum des Bogens ist es, dass seine beiden Auflager in horizontaler Richtung gehalten
werden. Dadurch entsteht eine horizontale Auflagerkraft H (Horizontalschub)und eine Druckkraft N über die ganze
Bogenlänge, ein Druckbogen. Durch das aus der Krümmung resultierende Kräftepaar, bestehend aus H am Auflager
und N mit dem Hebelarm h(x), wird das Biegemoment Mz erheblich reduziert. Damit wird eine wesentlich geringere
Querschnittshöhe des Bogens und damit ein wesentlich geringeres Konstruktionsvolumen möglich.

7,94 7,94
7,07 7,07

Nmax = 10,63 kN

7,94 7,94
x
a 7,07 7,07

Mz,max = 0,5 kNm

V = 7,071 kN
H = 7,94 kN
y

7,94 7,94
x
7,07 7,07

Vmax = 0,72 kN

y
7,94 7,94
7,07 x 7,07

b ux < 0,2; uy = 0,7


Bild 4-37: Der kreisförmige Zweigelenkbogen mit vertikaler Linienlast aus Eigengewicht
Die in Bild 4-37 verwendete Symbolik bedeutet, dass in dem dort behandelten statischen System die Auflager nicht nur
einfach gelagert, sondern sogar starr gelagert werden. Eine starre Lagerung wird esy aber in der Realität nie geben, da
der Widerstand in horizontaler Richtung immer durch angrenzende Bauteile oder durch den Baugrund geleistet werden
x
muss. In dieser Funktion erleiden die Bauteile und/oder der Baugrund natürlich Formänderungen, so dass sich die
Auflager etwas in horizontaler Richtung verschieben werden. Sie sind also in Wirklichkeit nicht starr sondern nur steif
gelagert. Insofern ist das statische System in Bild 4-37 nur ein Modell der realen Konstruktion. Es beschreibt das reale
Tragverhalten nur mehr oder weniger gut in Abhängigkeit der realen Steifigkeit der horizontalen Lagerung. Je weicher
die Lagerung desto größer wird nicht nur die horizontale Verschiebung sondern insbesondere das Biegemoment Mz.
Der Bogen strebt dann in seinem Tragverhalten gegen das Tragverhalten des gekrümmten Trägers. Die Steifigkeit der
vertikalen Lagerung hat darauf keinen Einfluss.

Würde für die Form des Bogens in Bild 4-36 die Kettenlinie

x a  
x x
y  a  cosh     e a  e a 
 a  2  

gewählt, würde das Biegemoment Mz bei starrer Lagerung vollständig verschwinden. Eine solche Bogenform heißt
Stützbogenform.

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4.12.4 Der kreisbogenförmige Zweigelenkbogen mit vertikaler Linienlast auf die Grundfläche bezogen
Ist die vertikale Linienlast nicht auf die Bogenlänge (Eigengewicht) sondern auf die Grundfläche (Schnee) bezogen, wie
in Bild 4-38 dargestellt, ändern sich die Schnittgrößen nur unwesentlich gegenüber denen in Bild 4-37.

Die Schnittgrößen im Bogen ändern sich nicht, wenn die horizontalen Lagerungen in Bild 4-38b durch ein (starres)
Zugband ersetzt werden.

8,33 8,33
7,07 7,07

Nmax = 10,92 kN

8,33 8,33
x
7,07 7,07

Mz,max = 1 kNm

b y

8,33 8,33
x
V = 7,071 kN, H = 8,33 kN 7,07 7,07

Vmax = 0,89 kN

8,33 8,33
x
7,07 7,07

ux < 0,2; uy = 0,9

c
Bild 4-38: Der kreisförmige Zweigelenkbogen mit vertikaler Linienlast auf die Grundfläche bezogen
y
Die Stützbogenform für diesen Lastfall ist, wie in Bild 4-38c dargestellt, der Parabelbogen.
x

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4.12.5 Der kreisbogenförmige Dreigelenkbogen mit vertikaler Linienlast auf die Grundfläche bezogen
Wird aus Transport- und Montagegründen als Konstruktion ein Dreigelenkbogen gewählt, wie in Bild 4-39 dargestellt,
ändern sich die Schnittgrößen nur unwesentlich gegenüber denen in Bild 4-37 und Bild 4-38. Das Biegemoment Mz
wird etwas größer.

8,54 8,54
7,07 7,07

Nmax = 11,07 kN

8,54 8,54
x
7,07 7,07

Mz,max = 1,1 kNm

V = 7,071 kN
H = 8,54 kN
y

8,54 8,54
x
7,07 7,07

Vmax = 1,02 kN

8,54 8,54
x
7,07 7,07

ux < 0,4; uy = 2,0


Bild 4-39: Der kreisförmige Dreigelenkbogen mit vertikaler Linienlast auf die Grundfläche bezogen

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4.12.6 Der kreisbogenförmige Zweigelenkbogen mit zentralsymmetrischer Linienlast


Für die zentralsymmetrische (radial gerichtete) Linienlast in Bild 4-40 besitzt die Kreisbogenform die Stützbogenform.
Das Biegemoment Mz verschwindet.

7,08 7,08
7,07 7,07

N = Nmax = 10,0 kN = konst.

7,08 7,08
x
7,07 7,07

Mz,max = 0,1 kNm

V = 7,071 kN
H = 7,08 kN
y

7,08 7,08
x
7,07 7,07

Vmax = 0,40 kN

7,08 7,08
x
7,07 7,07

ux < 0,1; uy = 0,3


Bild 4-40: Der kreisförmige Zweigelenkbogen mit zentralsymmetrischer Linienlast

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4.12.7 Der kreisförmige Zweigelenkbogen mit einseitiger Linienlast auf die Grundfläche bezogen
Im Vergleich zu symmetrischen Linienlasten erzeugen unsymmetrische Lasten (hier einseitig, z. B. Schnee) bei Bogen
große Biegemomente Mz. Darüber hinaus erzeugen sie große Querkräfte Q in Querschnitten, die in der Symmetrieebene
liegen, wie in Bild 4-41 zu erkennen ist.

4,17 4,17
5,30 1,77

Nmax = 6,66 kN

4,17 4,17
x
5,30 1,77

Mz,max = 3,3 kNm

V1 + V2 = 5,30 + 1,77 = 7,071 kN


H = 4,17 kN
y

4,17 4,17
x
5,30 1,77

Vmax = 1,93 kN

4,17 4,17
x
5,30 1,77

ux = 3,3; uy = 4,5
Bild 4-41: Der kreisförmige Zweigelenkbogen mit einseitiger Linienlast auf die Grundfläche bezogen
Für diesen Lastfall gibt es natürlich keine symmetrische Stützbogenform.
y

x
4.12.8 Zur Bedeutung der Stützbogenform
Veränderliche Einwirkungen besitzen die inhärente Eigenschaft, dass ihr Betrag Werte zwischen Null und einem
Größtwert annehmen kann unabhängig vom Ort, z. B. feldweise veränderlich oder wandernde Lasten. Für veränderliche
Einwirkungen kann es daher nicht die „eine“ Stützbogenform geben, sondern nur für ständige Einwirkungen. Die Wahl
der Stützbogenform der ständigen Einwirkungen für die Form eines Bogens kann demnach nur dann die Kosten günstig
beeinflussen, wenn die Beanspruchungen aus ständigen Einwirkungen für die Querschnittswahl maßgebend sind, wenn
die Konstruktion also sehr schwer ist, z. B. Bauteile aus Stahlbeton. Für leichte Konstruktionen aus Stahl und Holz
spielt die Stützbogenform keine wesentliche Rolle.

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4.12.9 Fuß- und Radwegbrücke Brieselang


Bei der in Bild 4-42 dargestellten Holzbrücke handelt es sich um einen Entwurf, der nicht verwirklicht wurde. Die
Hauptträger bestehen aus zwei gekreuzten Bogen aus Brettschichtholz, die jeweils in einer vertikalen Ebene stehen. An
diese Bogen ist die Geh- und Fahrbahn einmal aufgehängt und einmal über Querträger aufgelegt. Die Geh- und
Fahrbahn ist aus Gründen der Dauerhaftigkeit überdacht.

Bild 4-42: Brückenentwurf


Der Grund für die gekreuzte Anordnung der Bogen ergibt sich aus ihrer Druckbeanspruchung. Die Kreuzung verursacht
Stabdreiecke, die bekanntlich anders als Vierecke nicht kinematisch sind. So bilden die beiden Bogen als Primärsysteme
ihr eigenes Sekundärsystem.

Bild 4-43: Statisches Modell, Draufsicht

Bild 4-44: Für den Lastfall Wind vereinfachtes statisches Modell

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Bild 4-45: Isometrie der Brücke Brieselang

Bild 4-46: Isometrie der Brücke Brieselang mit eingetragenen Stabachsen

Bild 4-47: Statisches Modell

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Bild 4-48: Vorderansicht zeigt das Lichtraumprofil

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4.12.10 Fuß- und Radwegbrücke Ziegenwerder


Die in Bild 4-42 dargestellte Holzbrücke besitzt zwei Bogen mit Zugbändern aus Brettschichtholz. Die Bogenebene ist
nach innen geneigt, so dass sich die Bogen in Feldmitte gegenseitig stützen. Die Zugbänder sind nicht gerade sondern
mit einem Stich senkrecht zur Bogenebene nach außen gekrümmt. Diese Vorkrümmung sorgt dafür, dass die zwischen
den Zugbändern angeordnete Geh- und Fahrbahn nach oben gekrümmt ist, wie in Bild 4-54 gut zu erkennen ist. Diese
Krümmung nach oben, die auch als Überhöhung bezeichnet wird, ist in der Regel nicht nur eine Anforderung an den
Entwurf von Brücken sondern allgemein von freigespannten Tragwerken. Sie vermittelt dem Benutzer und dem
Betrachter ein Gefühl von großer Steifigkeit und damit großer Sicherheit.

Bild 4-49: Ansicht

Bild 4-50: Draufsicht


Zur Gewährleistung der Dauerhaftigkeit sind alle direkt bewitterten Bauteile entweder durch Blechverwahrungen, wie
in Bild 4-52 zu sehen, oder durch eine Lärchenholzschalung, wie sie in Bild 4-53 montiert wird, abgedeckt.

Bild 4-51: Unverformtes und verformtes statisches Modell

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Bild 4-52: Vorderansicht zeigt die nach außen gekrümmten Bild 4-53: Montage der Lärchenholzschalung zur
Zugbänder und die dadurch nach oben gekrümmte Geh- und Abdeckung der direkt bewitterten Außenseite der
Fahrbahn Bogen

Bild 4-54: Vorderansicht mit den durch Blechverwahrungen abgedeckten Bogen

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4.12.11 Räumliches Tragverhalten im Vergleich


Die Druckbeanspruchung der Bogen kann entweder wie beim Dach in Bild 4-55a durch oben aufgelegte Bauteile oder
wie bei einer Brücke in Bild 4-55b durch die unten angehängte Geh- und Fahrbahn verursacht werden.

a Chateau d’Oex, oben aufgelegt b Ziegenwerderbrücke, unten angehängt


Bild 4-55: Art der Belastung der Bogen in der Seitenansicht
Für Brücken werden in Bild 4-56 Konstruktionsvarianten gezeigt, die sich in der Art der Anordnung der Bogen und
ihrer Zugbänder unterscheiden.

a Bogenebene lotrecht, b Bogenebene lotrecht, c Bogenebene geneigt, d Bogenebene geneigt,


Bogen parallel Bogen gekreuzt Zugbänder gerade Zugbänder gekrümmt
Bild 4-56: Konstruktionsvarianten für Bogenbrücken mit ihren Lichtraumprofilen
Bei hauptsächlich auf Druck beanspruchten Bauteilen entstehen durch Imperfektionen zusätzliche Beanspruchungen.
Dies sind in Bild 4-58a zusätzliche stabilisierende Kräfte infolge einer möglichen Schrägstellung der Bogen, die die
Bogen am Umkippen hindern, und in Bild 4-58b zusätzliche Biegemomente in den Bogen infolge einer möglichen
Vorkrümmung.

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Bild 4-57: Primärsystem: Ebener Bogen mit Krümmung a

Bogenebene lotrecht Bogenebene geneigt


Durch Schrägstellung  verursachtes seitliches Kippen Durch Schrägstellung  wird kein seitliches Kippen der
der Bogen Bogen verursacht
Bild 4-58: Schrägstellung  der Primärsysteme

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Bogenebene lotrecht Bogenebene geneigt


Bild 4-59: Durch Vorkrümmung e verursachtes seitliches Knicken der Primärsysteme
Die zusätzlichen Beanspruchungen aus den Imperfektionen und die Beanspruchungen z. B. aus Wind machen es
erforderlich, dass die Primärsysteme, hier die Bogen, miteinander durch Stäbe verbunden werden müssen. Dadurch
entstehen die in Bild 4-60 dargestellten räumlichen Tragsysteme, die Sekundärsysteme. Sie hindern die Primärsysteme
am Umkippen und begrenzen die zusätzlichen Biegemomente in den Primärsystemen, die in der Regel um die schwache
Querschnittsachse wirken.

Bild 4-60: Sekundärsystem: Gegen Kippen und Knicken ausgesteifte Bogen


Da die Berechnung der Beanspruchungen des Sekundärsystems am imperfekten statischen Modell sehr großen
Aufwand in der Eingabe des Modells und in der Auswertung der Ergebnisse verursacht, wird in Bild 4-61a und Bild
4-61b das perfekte statische Modell durch Ersatzlasten belastet, die im Sekundärsystem vergleichbare Beanspruchungen
verursachen und den Bemessungsnormen entnommen werden können. Diese Ersatzlasten sind keine eigentlichen
äußeren Einwirkungen.

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a Ersatzlasten Fv b Ersatzlasten Q = Q(Fv, e, v)


– keine äußeren Einwirkungen – keine äußeren Einwirkungen

d Wind als äußere Einwirkung


c Wind als äußere Einwirkung

Bild 4-61: Beanspruchungen der Sekundärsysteme mit perfekter Geometrie

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4.13 Stabwerkskuppeln

4.13.1 Entwurfsvarianten
Die Stabstruktur der Schwedler-Kuppel besteht aus Stäben, die den Meridianen folgen und als Rippen bezeichnet
werden, und aus Stäben, die den Breitenkreisen folgen und als Ringe bezeichnet werden.

Bild 4-62: Rippenkuppel

Bild 4-63: Schwedler-Stabwerkskuppel

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Bild 4-64: Ringnetz mit Übergangszone (Zonennetz)

Bild 4-65: Sektor-Ringnetz vermeidet die Übergangszone

4.13.2 Beispiel Projektentwurf Schwedler-Kuppel


Die Schwedler-Kuppel wurde in der Form eines Paraboloid mit einer Spannweite von 113m und einer Scheitelhöhe von
27m entworfen. Die Kuppel hat eine Oberfläche von 10.000 m². Die Stäbe müssen in 700 Knotenpunkten verbunden
werden. Die Stäbe sind aus Brettschichtholz und haben ein Materialvolumen von 1100 m³.

Bild 4-66: Verformungen der Kuppel unter Vollast, rotationssymmetrisch

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Bild 4-67: Verformungen der Kuppel unter unsymmetrischer Windlast

4.13.3 Netzwerkkuppeln
Netzwerkkuppeln haben gegenüber den üblichen Kuppeln mit radialer Rippenanordnung den Vorteil, dass Kräfte
gleichmäßiger im Tragwerk verteilt werden. Das räumliche Netz aus unbeweglichen Dreiecken nähert sich mit kleiner
werdenden Stablängen den gewünschten Eigenschaften der Membran an. Es gibt keine deutliche Trennung zwischen
Primär- und Sekundärtragwerk, alle Stäbe können sowohl lastabtragende wie aussteifende Funktionen übernehmen.

Neben der kinematischen Stabilität werden aus konstruktiven und wirtschaftlichen Gründen bestimmte Anforderungen
an die Netzstruktur gestellt:

- Stablängen nach Eindeckungsraster,


- Minimum verschiedener Knotendetails,
- Minimum verschiedener Stablängen,
- Homogene Ableitung der Kräfte.

Der für seine Kuppelbauten in den sechziger Jahren bekannt gewordene R.B. Fuller konstruierte seine geodätischen
Kuppeln auf Basis des Ikosaeders, indem er die Begrenzungsflächen „aufzeltete“. Bild 4-68 zeigt den Ikosaeder als
Basis mit zunächst einem fertigen Segment und dann im Endzustand.

Bild 4-68: Konstruktion auf Basis eines Ikosaeders

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Neuere Konstruktionen zeigen meist die Projektion eines Netzes auf flache Kugelkalotten. Ausführlich beschäftigt sich
Klimke (1986) mit der Netzgenerierung und verweist auf Spezialprogramme für diesen Zweck.

Bild 4-69: auf eine Kugelkalotte projiziertes Netz


Die folgenden Systeme entstehen durch drei unterschiedliche Projektionen eines dreiläufigen Rostes auf eine

Kugeloberfläche, wie dies in einem 3d-CAD_System wie cadwork möglich ist.

Durch die Wahl des ebenen Rasters aus gleichseitigen Dreiecken ergeben sich sechs gleiche Kuppelsegmente zwischen
den drei Hauptachsen, die sich im Pol der Kuppel schneiden. Jedes Segment ist in sich spiegelsymmetrisch, was bei der
Konstruktion des Knotendetails ausgenutzt werden kann.

Bei der senkrechten Projektion werden die Stäbe zum Kuppelrand länger. Die Winkel zwischen den Stäben bleiben in
der Projektionsebene gleich 60°. Bei dieser Konstruktion würden die Binder wie Gratsparren senkrecht zur Grundfläche
stehen.

Bild 4-70: Senkrechte Projektion


Die Projektion zum Mittelpunkt der Kugel zeigt die größten Stablängen um den Pol der Kugel. Vorteil der Konstruktion
ist, dass Haupt- wie Nebenachsen den gleichen Radius haben. Wenn man wegen einer großen Rasterweite mit
gekrümmt verleimten Bindern arbeiten will, ist dies die einzige Möglichkeit, alle Binder mit einem Radius auf dem
Pressbrett zu fertigen.

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Vorlesung Form und Konstruktion 87

Bild 4-71: Projektion zum Mittelpunkt


Betragen die Stablänge nur etwa 7 m, können gerade Bauteile verwendet werden, ohne dass die Kuppel sichtbar kantig
wird.

Um eine möglichst gleichmäßige Verteilung der Stablängen zu erreichen, wird das Netz auf einen Punkt außerhalb der
Kugel projiziert. Durch diese Projektion liegen nur noch die Knoten der Hauptachsen in der Kugeloberfläche, während
die Nebenachsen in den Segmenten einem flacheren Bogen folgen. Da die Abweichung relativ gering ist, ist diese
Modifikation der Kugelform nicht wahrnehmbar.

Bild 4-72: Projektion auf einen Punkt außerhalb der Kugel

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5 Die Interdependenz von Form und Konstruktion


Die tragende Konstruktion dient der Erhaltung der Form der Hülle. Die Form kann z. B. Ergebnis des architektonischen
Entwurfs sein. Die Form der Hülle bestimmt insofern die Form der Konstruktion. Eine Form lässt sich mit sehr
unterschiedlichen Konstruktionen erzielen, die sehr unterschiedliches Tragverhalten besitzen. Jede dieser
Konstruktionen besitzt eine eigene Konstruktionsform, die wiederum mit der Form der Hülle in Beziehung steht.

5.1 Salle communitaire Savigny – Gemeinde- und Tagungszentrum


Das Tagungszentrum Savigny wurde für 1000 Tagungsteilnehmer geplant. Die architektonische Entwurfsidee bestand
darin, die Gebäudeform (Hüllform) aus der Form des Gewindegangs einer Schraube abzuleiten. Die Punkte der
Schraubenlinie in Bild 5-1a sind definiert durch

x  r  cos t 
 
Px, y, z  : y  r  sin t 
z  c  t 
 

mit 0  t  2, der Kreisfläche A = r² als Grundfläche und der Ganghöhe 2c. Wahrscheinlich in dem Bewusstsein,
dass die Herstellung gekrümmter Hüllflächen sehr großen Aufwand und damit hohe Kosten verursacht, hat der
Architekt die Kreisform verfremdet und durch eine sechseckige Form ersetzt. Dadurch konnte er die Gewindeoberfläche
durch 6 ebene, gleichseitige Dreiecke unterschiedlicher Seitenlängen approximieren. Darüber hinaus verfremdete er die
Schraubenform dadurch, dass er den eigentlich horizontalen Radien (Kanten) der Dreiecke eine Neigung gab.

a Schraubenlinie b Spirale
Bild 5-1: Ausgangsgeometrien zum Entwurf der Gebäudeform
Die Seitenlängen folgen den Radien der logarithmischen Spirale in Bild 5-1b

r  a  e b mit a, b > 0 und 0  φ < .

Der architektonische Reiz der Form besteht unter anderem darin, dass durch die Ganghöhe ein Sprung in der
Dachfläche entsteht, der durch ein Lichtband (eine vertikale Glasfassade) geschlossen wurde, durch die der zentrale
Versammlungsraum durch Tageslicht beleuchtet wird.

Die Entwurfsidee entspringt also geometrischen Formen, die mathematisch beschreibbar sind. Bei kritischer
Betrachtung der mathematischen Beschreibung stellt sich die Frage, wem oder was nützt sie in diesem Fall. Jedenfalls
hat der Architekt die in seinen Ausführungsplänen dargestellte Geometrie nicht mit Hilfe der Funktionen von Schraube
und Spirale berechnet.

Bevor die Form in Ausführungsplänen präzisiert werden konnte, mußte erst die Konstruktion entworfen werden, durch
die die Hülle getragen wird. Dabei war zu beachten, dass der Zweck des Tagungszentrums die Schaffung eines
zentralen, stützenfreien Raumes war, der 1000 Tagungsteilnehmern Platz bieten sollte. Die Hüllform besitzt ein
Zentrum, die Schraubenachse. In dieses Zentrum laufen 6+1 Grate (Radien), die die 6 ebenen gleichseitigen
Dreiecksflächen voneinander trennen. Jeder Grat liegt also in zwei Ebenen gleichzeitig, so dass die Grate im Zentrum
nicht gestapelt sondern nur höhengleich miteinander verbunden werden können. Diese geometrische

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Vorlesung Form und Konstruktion 90

Übergangsbedingung steht jedoch im Widerspruch zur Geometrie einer Schraube, bei der jeder horizontale Radius eine
andere Höhe besitzt. Das gilt eigentlich auch hier für die geneigten Grate.

Zur Auflösung des Widerspruchs hat sich der Tragwerksplaner zunächst Gedanken über das Tragverhalten der
Konstruktion gemacht. Dabei ging es insbesondere um das räumliche Zusammenwirken der 6+1 Grate im Zentrum, da
keine wirtschaftliche Lösung zu erwarten war, wenn die Grate von der Umfassungswand des Versammlungsraums bis
zum Zentrum über eine Länge von bis zu 15 m auskragen würden. Das statische Modell für die Grate wäre dann ein
S
Einfeldträger mit Kragarm gewesen: Einfeldträger im Bereich der Versorgungsräume und Kragarm im Bereich des
Versammlungsraumes.
Def
All

Das schließlich vom Tragwerksplaner gewählte und in Bild 5-5 dargestellte statische Modell leitet sich aus dem
Tragmodell in Bild 5-2 ab. Es zeigt zwei für die Spannweite L zu kurze Träger der Länge  mit L/2<  < L.

a Statisches Modell

b Belastung
2
y 3
5
1 4
x

2
y 3
c Durchbiegungen 5
1 4
(Verformungen) x

2
y 3
d Momente 5
1 4
x

Load Case 1
e Querkräfte 2
y 3
5
1 4
x

Bild 5-2: Zwei Stäbe der Länge  > L/2 überspannen die Spannweite L > 
Dadurch, dass  > L/2 ist, überlappen sich die Träger um das Maß 2-L. Werden die Träger jeweils an ihren Enden mit
dem jeweils anderen Träger verbunden, entsteht ein inneres Kräftepaar, das jeden Träger für sich mit seiner Belastung
und Auflagerkraft ins Gleichgewicht bringt. Die inneren Kräfte und damit die Querkräfte im Überlappungsbereich
wachsen für   L/2 über alle Grenzen bis die Konstruktion für  = L/2 kinematisch wird. Werden die beiden Träger
gegeneinander geneigt, muss die eine Verbindung der beiden Stäbe über einen Pendelstab hergestellt werden. Es
entsteht ein Sprung in der Dachfläche und damit eine vertikale Hüllfläche, die als Glasfassade zur Beleuchtung des
Innenraums durch Tageslicht genutzt werden kann. Dieser Teil der Hüllfläche wird als Lichtband bezeichnet.

In Bild 5-3 wird das Tragprinzip auf einen ebenen Trägerrost aus 4 Trägern übertragen.

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Sections
20/100/GL28h

Default Colour
All loads

Vorlesung Form und Konstruktion 91

y x
y x

z
z

a Belastung b Durchbiegungen

Case 1 Static Case: Load Case 1 Defl.,Wy' ()

y x y x

z z

c Biegemomente d Querkräfte
Bild 5-3: Quadratischer Trägerrost der Seitenlänge L aus 4 Trägern der Länge  < L
Der quadratische Trägerrost in Bild 5-3 ist in Bild 5-4 als Tragmodell abgebildet. Das Modell unterscheidet sich von der
ase 1 My' (kN-m) Wirklichkeit dadurch, dass die
Static einzelnen
Case: Load Case 1Grate
Vz' (kN) gestapelt und nicht höhengleich miteinander verbunden sind. Dieser

Unterschied hat nur geometrische18, aber keine statische Bedeutung, wenn von dem Entwurf der Verbindung selbst
abgesehen wird.

a quasi ebener Trägerrost b Schraubenlinie mit Ganghöhe h folgend


Bild 5-4: Tragmodell eines quadratischen Trägerrostes

18
Die geometrische Bedeutung besteht darin, dass die durch die Modellstäbe aufgespannten Dreiecke nicht eben sind.

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Vorlesung Form und Konstruktion 92

a Draufsicht

b Seitenansicht

c Seitenansicht Zentrum
Bild 5-5: Statisches Modell zum Konstruktionsentwurf
Das Ersetzen der gekrümmten Schraubenfläche durch 6 ebene Dreiecke hatte zur Konsequenz, dass auch die
Konstruktion innerhalb jedes Dreiecks in der Form eines dreieckigen Rasters gewählt wurde. Natürlich hätte auch ein
viereckiges Raster gewählt werden können. An den Rändern wären dann aber doch Dreiecke verblieben, was hier als

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Vorlesung Form und Konstruktion 93

inkonsequent in der Formgestaltung der Konstruktion angesehen wurde. Für die Triangulierung sprach auch, dass eine
Vielzahl der Bauteile austauschbar und damit die Verwechselungsgefahr bei der Montage geringer war.

Bild 5-6: Triangulierung der Schraubenform und der von innen sichtbaren Teile der Dachflächen
Schließlich stand der Tragwerksplaner vor der Entscheidung, wie die Verbindung der Substruktur (Träger der inneren
Dreiecke) mit den Graten statisch sinnvoll und wirtschaftlich gestaltet werden kann. Zwei Alternativen standen zur
Auswahl: Einteilige Grate mit Rechteckquerschnitt und räumlich komplizierten Verbindungsteilen (schiefwinklige
Schnittwinkel), oder zweiteilge Grate mit 2 Rechteckquerschnitten in V-förmiger Anordnung, so dass die eine
Hauptachse jedes Gratteils senkrecht auf der angrenzenden Dachfläche steht, mit relativ einfachen Verbindungsteilen
(Schnittwinkel 60° und 90°). Der Tragwerksplaner vermutete, dass die V-förmige Anordnung günstiger sei, und brachte
sie zur Ausführung.

Gerhard Glück: Arbeitselefanten

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Vorlesung Form und Konstruktion 94

Bild 5-7: Lichtband

Bild 5-8: Innenansichten des Lichtbandes

Das in Bild 5-2 erläuterte Tragprinzip lässt sich verallgemeinern, indem nicht nur 2 sondern 3 und mehr Stäbe auf
dieselbe Art mit einander verbunden werden. Dadurch lassen sich mit kurzen Stäben große Spannweiten überbrücken.
Werden mehrere der in Bild 5-4 dargestellten aus 4 Stäben bestehenden Trägerroste aneinander gereiht, entsteht zum
Beispiel der Trägerrost in Bild 5-9.

Bild 5-9: Trägerrost entstanden durch Aneinderreihung eines Trägerrostes aus 4 Trägern

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Vorlesung Form und Konstruktion 95

Fritz Zollinger wählte 1904 für seine Bauart einen spitzen Winkel zwischen den sich kreuzenden Stabzügen. Er
verwendete für die Stäbe gleichartige, hochkant stehende Brett- oder Bohlenabschnitte, Lamellen genannt, wobei in der
Mitte einer Lamelle 2 andere Lamellen angeschlossen wurden. Für den Anschluss mit Hilfe eines Schraubenbolzens
wurden die Lamellen an den Enden abgeschrägt (Schmiege). e steuert die Krümmung.

a b

c d
Bild 5-10: Zollinger-Bauart
Bei der Kostenermittlung von Konstruktionen aus Trägerrosten der hier beschriebenen Art ist zu beachten, dass die
Kosten für die Vielzahl von Verbindungen der einzelnen Träger untereinander und für eine Vielzahl von
Montagetürmen berücksichtigt werden müssen.

Bild 5-11: Dachmontage in Handorf Bild 5-12: Konstruktion aus Segmentbögen

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Räumliche Raum, Form und


Vorstellung Konstruktion Funktionale
Zusammenhänge
herstellen
Messen

Mit Elementen der


Statisches Konstruktion
Gespür experimentieren

Statisch
modellieren Versuch und Irrtum

Mathematische
Statische Modelle Darstellungen
berechnen verwenden

Mathematisch Kommunizieren
argumentieren

Inhalte des Konstruktionsprozesses

Tribar oder Penrose-Dreieck


nach Roger Penrose (inspiriert von M. C. Escher)

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5.2 Lagerhalle Höver


Die Kohlelagerhalle in Höver dient als Puffer für die Versorgung einer Industrieanlage mit Brennstoff. Die Kohle wird
zentral von oben in die Halle eingeführt. Dadurch entsteht ein Schüttkegel. Die Entnahme der Kohle erfolgt zentral
unten. Von dort wird sie über ein Förderband der Brennkammer im Nachbargebäude zugeführt. Die Form des Gebäudes
wird hier ausschließlich durch die Nutzung bestimmt. Aus der Form des Schüttkegels ergibt sich das Lichtraumprofil,
für das eine kuppelartige Rundlagerhalle am Besten geeignet ist.

Bild 5-13: Rundlagerhalle (Planungsgesellschaft Natterer & Partner, München)

Den Grundriss der Kohlelagerhalle in Bild 5-13 bildet ein regelmäßiges 16-Eck mit einem Durchmesser von ca. 60 m.
Das Primär-Tragsystem besteht aus 16 radial angeordneten Rippen aus Brettschichtholz, die auf ca. 2 m hohen
Stahlbetonwiderlagern ruhen.

Bild 5-14: Seitenansicht der Stabachsen der 16 Rippen der Kuppel


Bevor die Form der Konstruktion in Ausführungsplänen präzisiert werden konnte, mußte erst die Art des
Zusammenwirkens der Konstruktionsteile (das Tragsystem) entschieden werden, durch die die Hülle getragen wird. Das
statische Modell entwickelte der Tragwerksplaner aus den in Bild 5-14 dargestellten Stabachsen der 16 Rippen. Das
Tragprinzip, das seinem Modell zu Grunde liegt, soll im Folgenden erläutert werden.

Das Zusammenwirken der Stabachsen in Bild 5-14 könnte derart geplant werden, dass jeweils 2 gegenüber liegende
Rippen einen Rahmen bilden, wie er in Bild 5-15 als Modell abgebildet ist. Dann werden die Rippen durch
Normalkräfte und insbesondere durch Biegemomente beansprucht. Die horizontale Auflagerreaktion nH in MN/m (pro

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Vorlesung Form und Konstruktion 98

laufenden Meter des Kuppelumfangs L) infolge der auf die Grundfläche der Kuppel bezogenen vertikalen Flächenlast
p in MN/m² ergibt sich aus dem Momentengleichgewicht am halben System

L pL L pL L pL L pL2
nH  h  nV     nH 
2 4 3 4 2 4 3 24h

a ebener Rahmen b 2 Rahmen räumlich angeordnet

d Verformngen
c Belastung

y y

x x

e Normalkräfte f Biegemomente
Bild 5-15: Jeweils 2 gegenüber liegende Rippen wirken als Dreigelenkrahmen
Da die Biegemomente große Rippenquerschnitte erfordern, kann es wirtschaftlich sein, das Zusammenwirken der
Konstruktionsteile durch ein Tragprinzip zu erzeugen, dass dem einer Schale entspricht. Eine ideale Schale wird nur
durch Membranspannungen, die in der Schalenfläche wirken, und nicht durch Biegespannungen beansprucht. Für eine
Konstruktion, die diese Tragwirkung ermöglicht, sollten also geringere Rippenquerschnitte und damit ein geringeres
Konstruktionsvolumen möglich sein.

Zur Veranschaulichung des Tragprinzips einer Schale kann das zuvor für den Rahmen genutzte Modell verwendet
werden, indem die Streben, die zuvor die biegesteife Rahmenecke erzeugten, gelöst werden. Dieser Zustand ist in Bild
5-16a dargestellt. Er zeigt Rahmen mit 5 Gelenken, die beweglich (kinematisch) sind und daher keinen Widerstand
leisten können.

a unbelastet b Rahmen leisten keinen Widerstand


Bild 5-16: Modell ohne biegesteife Rahmenecken - 5-Gelenk-Rahmen

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Vorlesung Form und Konstruktion 99

Im Modell in Bild 5-17 wurden die Rahmen durch Stäbe ergänzt, die die 4 Rahmenecken miteinander verbinden. Diese
Stäbe, die hier ein Quadrat bilden, bilden in der Kohlelagerhalle ein 16-Eck und werden verallgemeinernd als Ring
bezeichnet. Bei symmetrischer Belastung in Bild 5-17a wird der Ring auf Zug beansprucht und alle anderen Stäbe, die
Rippen, auf Druck. Es entstehen keine Biegemomente. Der angestrebte Zustand ist aber noch nicht vollständig erreicht,
da die Konstruktion bei unsymmetrischer Belastung, wie in Bild 5-17b gezeigt, keinen Widerstand leisten kann..

a symmetrische Belastung b unsymmetrische Belastung – Schale leistet keinen


Widerstand
Bild 5-17: Schalenmodell Sections
(No Section)

Erst wenn wie in Bild 5-18 weitere Stäbe eingefügt werden, die jede Rippenecke mit dem Fußpunkt jeder benachbarten
Default Colour
All loads

Rippe verbinden, besitzt das Modell ein Tragverhalten, das dem einer idealen Schale entspricht.

Bild 5-18: Ergänztes Schalenmodell


Load Case 1

Bei der Kohlelagerhalle hatte sich der Tragwerksplaner für das Tragprinzip der Schale entschieden. In Bild 5-19 sind
ein oberer und ein unterer Ring und die Diagonalen, die die Rippen in Höhe des Rings mit den Fußpunkten der
benachbarten Rippen verbinden, gut zu erkennen. Dem Tragprinzip der Schale folgend könnten die Rippen in Höhe
jedes Ringes ein Gelenk besitzen. Dann müßte die Montage so erfolgen, dass die Konstruktion unterhalb eines Ringes
solange durch Montagetürme gestützt wird, bis der Ring geschlossen ist. Da für jeden Ring eine Vielzahl von
Montagetürmen (hier 16 Türme) zu errichten sind, ist es wirtschaftlich, die Rippen im Bereich eines Ringes biegesteif
durchlaufen zu lassen, also möglichst wenig Gelenke zu wählen. Der Montageaufwand wächst also in dem Maße an,
wie das Stabtragwerk dem Schalentragverhalten angepasst wird. Andererseits sind die Längen der Rippen auch wegen
ihrer Krümmung durch die Transportmöglichkeiten begrenzt.

Durch den Transport bedingt, wurde hier neben dem First- und Fußgelenk in jeder Rippe in Höhe des oberen Ringes ein
Gelenk angeordnet. Damit bildet jedes der 8 Rippenpaare, als ebenes Tragwerk betrachtet, ein 5-Gelenk-System, dessen
räumliches Tragverhalten in Verbindung mit den beiden Ringen und den Diagonalen dem Schalentragverhalten sehr
nahe kommt.

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Vorlesung Form und Konstruktion 100

Bild 5-19: Konstruktion mit Ring und Diagonalen nach Art einer Schale
Zur Abschätzung der Normalkräfte in den Rippen und Ringen wird im Folgenden als statisches Modell anstelle eines
Stabmodells das in Bild 5-20 dargestellte rotationssymmetrische Schalenmodell verwendet.

: Meridianwinkel Auflagerneigung:
: Umfangswinkel y(h )  tg 
L
a=y(x): Breitenkreisradius 4h
Elliptisches:
𝑥 2 𝑦2 Membranbeanspruchungen:
+ −𝑧=0
𝑎2 𝑏 2 pL2 1
n 
16h cos 
Paraboloid:
pL2
n  cos 
16h
t0

Auflagerkräfte:
pL
nV 
4
pL2
nH 
16h

Scheitelgleichung der Parabel:


L2 L
y2  x ; y ( x )   tg( x ) ;
4h 4 hx
(x)  90  (x) ; cos   sin 

Bild 5-20: Rotationssymmetrisches Schalenmodell

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Vorlesung Form und Konstruktion 101

Der Membranspannungszustand der Schalen erinnert an den Bogen, der infolge einer gewählten Belastung dann
ausschließlich durch Normalkräfte beansprucht wird, wenn seine Form der Stützlinie dieser Belastung folgt. Dabei
wurde der Bogen immer als symmetrisch vorausgesetzt. Nun ist es naheliegend, auch bei Schalen die Existenz einer
solchen speziellen Stützform zu vermuten. Dies ist jedoch nur bei Tonnenschalen der Fall. Ihre Stützform ist identisch
der des Bogens. Bei Rotationsschalen und rotationssymmetrischer Belastung ist keine spezielle Stützform erforderlich,
um einen idealen Membranspannungszustand zu erzeugen.

Abschließend muss nun geklärt werden, wie die Membranspannungen n und n in Stabkräfte umgerechnet werden
können. Hierzu dient Bild 5-21. Die Rippen und die Ringe werden auf Druck beansprucht. Die Ersatzstablänge ef ist
für den Druckspannungsnachweis der Rippen von Bedeutung. Die Ersatzstablänge ef der Ringe ist gleich dem
Rippenabstand in Höhe des jeweiligen Rings.

Bild 5-21: Stabmodell einer rotationssymmetrischen Schale


Besonders hervorzuheben ist, dass die vertikale Auflagerreaktion n V des Paraboloid in Bild 5-20 zwar, wie zu erwarten,
gleich der des ebenen 3-Gelenkrahmens in Bild 5-15 ist. Der Horizontalschub nH des ebenen Rahmens ist jedoch um ein
Drittel kleiner als der der Schale. Bei bestimmten Gründungsverhältnissen ist es durchaus denkbar, dass dieser Effekt
die Wahl des Tragsystems mit beeinflusst, da die Kosten einer aufwändigeren Gründung die Kostenersparnis, die sich
für die Konstruktion aus der räumlichen Tragwirkung ergibt, unter Umständen wieder aufwiegen.

Wie bereits bei den Bogenkonstruktionen muss darauf hingewiesen werden, dass hier nur die Auswirkungen von
rotationssymmetrischen Belastungen behandelt wurden. Diese Belastungen sind nur bei großem Eigengewicht der
Konstruktion für die Wahl der Querschnittsform der Bauteile maßgebend. Bei leichten Stahl- oder Holzkonstruktionen
sind jedoch die unsymmetrischen Belastungen aus z. B. Schnee und Wind maßgebend. Ihre Auswirkungen auf
schalenartige Konstruktionen können hier noch nicht behandelt werden.

Durch Insolvenz eines der beteiligten Unternehmen wurde vom Bauherrn versucht, die Lagerhalle ohne Kenntnis des in
der statischen Berechnung zu Grunde gelegten Tragprinzips zu montieren. Aus Bild 5-22a lässt sich schließen, dass das
Montageunternehmen bei seinem Versuch davon ausging, dass jeweils 2 gegenüberliegende Rippenpaare einen
Dreigelenkrahmen bilden. In Wirklichkeit bilden sie jedoch wegen der beiden Gelenke in Höhe des oberen Ringes ein
5-Gelenksystem. Ohne Montagetürme unter den oberen Ringabschnitten bilden die beiden Rippenpaare eine
kinematische Kette.

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Vorlesung Form und Konstruktion 102

a b

c d

Bild 5-22: Montageversuch nach Fehlinterpretation des Tragprinzips

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Vorlesung Form und Konstruktion 103

5.3 Lavesbrücke Derneburg


Die Lavesbrücke im Schloßgarten von Derneburg in Bild 5-23 hat eine freie Spannweite von 9 m und ist ein Beispiel
dafür, dass sich die Form des Bauwerks ausschließlich aus der Form der Konstruktion ergibt. Das Tragprinzip der
Konstruktion hatte sich der Hofbaumeister des Königreichs Hannover, Georg Ludwig Friedrich Laves, in der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts zu eigen gemacht, wenngleich er nicht dessen Erfinder war. Das Tragprinzip könnte so
beschrieben werden, dass das Tragverhalten der Schale als 3D-Problem auf ein 2D-Problem des Balkens reduziert wird,
wie in Bild 5-25 dargestellt. Dieser Zusammenhang soll im Folgenden erläutert werden.

Bild 5-23: Fuß- und Ragwegbrücke über die Nette in Derneburg


Bei der Lavesbrücke in Bild 5-23 handelt es sich um eine Rekonstruktion einer von Laves geplanten und im Jahr 1835
gebauten Brücke, die 1946 durch ein Hochwasser zerstört wurde. Die neue Brücke steht nicht genau an ihrem
historischen Platz und wurde auf höhere Widerlager aufgesetzt, um dem heute möglichen Hochwasserstand Rechnung
zu tragen. Der Denkmalschutz legte großen Wert darauf deutlich zu machen, dass es sich bei der neuen Brücke nicht um
das Original handelt. Daher fehlen im Geländer die ursprünglich unterhalb des Handlaufs vorhandenen Ringe zwischen
den Vertikalstäben. Der Hauptteil der Brücke besteht aus zwei Haupträgern aus Stahl mit einer Spannweite von 9 m, die
sich gegenseitig abstützen.

Wegen ihrer Bogenform werden die Hauptträger auch als Linsenträger bezeichnet. Sie bestehen aus Ober- und
Untergurt, die durch die Füllstäbe (Vertikale und Diagonale) gespreizt erscheinen. Die Hauptträger sind also eine Art
Fachwerkträger. Die Spreizung war von Laves ausdrücklich gewollt, da er damit seine Idee des unterspannten Trägers
verwirklichte. Seine Idee, die damals nicht neu war, entsprang seinen Erfahrungen mit Holzbalken, deren Tragfähigkeit
(Bild 5-24a) er dadurch wesentlich vergrößern konnte, dass er sie in halber Höhe über die ganze Länge auftrennte (Bild
5-24b) und durch einen oder mehrere kurze Stäbe spreizte. Er vergrößerte also den inneren Hebelarm ohne dabei das
Konstruktionsvolumen wesentlich zu vergrößern.

a üblicher Balken b Lavesbalken


Bild 5-24: Tragprinzip des Lavesbalkens

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Vorlesung Form und Konstruktion 104

a Rahmentragwerk b Biegebalken

c Schalentragwerk d unterspannter Träger

Bild 5-25: Statisches Modell der Schale im Vergleich zum unterspannten Träger

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Vorlesung Form und Konstruktion 105

5.4 Glashütte Großbreitenbach


Die Industriehalle wird durch ein System von unterspannten Trägern mit einer maximalen Spannweite von 40 m
überspannt. Besonders wird auf den nach oben gekrümmten Obergurt hingewiesen.

Bild 5-26: Glashütte Großbreitenbach (Ingenieurbüro Dürr & Schwarz, Coburg)

Bild 5-27

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Vorlesung Form und Konstruktion 106

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Vorlesung Form und Konstruktion 107

6 Der Einfluss der Statik auf Konstruktion und Form oder: Wenn die Statik die Form
bestimmt
Zum kreativen Schaffen des Tragwerksplaners zählt also neben dem Entwurf der formerhaltenden Konstruktion die
Entwicklung des Tragmodells. Dabei besteht die Gefahr, dass der Tragwerksplaner mit Blick auf den Planungsaufwand
die Konstruktion und ihre Form so wählt, dass sie mit den ihm verfügbaren Rechenmethoden berechenbar ist. Zu den
Rechenmethoden zählen neben den aufwendigen analytischen Verfahren der Mechanik und Statik insbesondere die
numerischen Näherungsverfahren und Daumenformeln. Die beiden letzteren Verfahren stehen dem Ingenieur heute als
Software mit benutzerfreundlichem Pre- und Postprozessing zur Anwendung zur Verfügung.

Zu Beginn des Ingenieurwesens in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts standen nur zwei Näherungsverfahren zur
Verfügung. Das waren der Rechenschieber, der die Eigenschaften des Logarithmus nutzt, und graphische Verfahren.
Die Verfügbarkeit von Näherungsverfahren war also im Vergleich zum heutigen Ingenieuralltag sehr begrenzt.

6.1 Graphische Statik – der Cremona-Plan


Von der Vielzahl graphischer Verfahren zur Lösung geometrischer und statischer Aufgaben wird hier auf das von
Cremona entwickelte Verfahren, den sogenannten Cremona-Plan, kurz eingegangen: Zunächst ermittelt man in Bild 6-1
die Auflagerkräfte, indem man das Krafteck aus Lasten und Auflagerkräften zeichnet. Hierbei ist die Regel zu beachten,
dass die Kräfte in der Reihenfolge aneinanderzufügen sind, wie sie beim Umfahren des Fachwerks, z. B. im
Uhrzeigersinn, auftreten. Dann geht man von einem Knotenpunkt aus, in dem nicht mehr als 2 Stabkräfte unbekannt
sind, und ermittelt diese mit Hilfe des zugehörigen Kraftecks. Beim Zeichnen des Kraftecks ist zu beachten, dass man
die Kräfte wieder in der Reihenfolge aneinanderfügt, in der sie uns beim Umfahren des Knotenpunkts in demselben
Drehsinn wie zuvor begegnen. Der Cremona-Plan läßt sich jedoch nicht zu jedem ebenen Fachwerk zeichnen.

Bild 6-1: Cremona-Plan


Wenn nun dem Tragwerksplaner zur Bestimmung der Beanspruchungen von Stabwerken nur das Verfahren nach
Cremona bekannt ist oder ihm die Hilfsmittel für andere Verfahren fehlen, wird er als Konstruktion ebene Fachwerke
wählen und zwar so, dass sich dafür ein Cremona-Plan zeichnen lässt.

6.2 Vom Ringträger zum Fachwerkträger


Im Prinzip befanden sich die Tragwerksplaner in dieser Situation vom Beginn der ingenieurmäßigen Planung von
Bauwerken in der Mitte des 19. Jahrhunderts bis Ende des 20. Jahrhunderts. Dies führte dazu, dass Konstruktionen aus
Ringen, die im 18. Jahrhundert und Anfang des 19. Jahrhunderts sehr beliebt waren, ab Mitte des 19. Jahrhunderts nicht
mehr zur Anwendung kamen. Beispiele historischer und moderner Ringträger sind in Bild 6-2 dargestellt.

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Vorlesung Form und Konstruktion 108

a Versuchsträger am IBOIS, EPF Lausanne b Verbindung der Ringe

c Lavesbrücke in Hannover von 1837 d Detail

e Messestand der Keller AG auf der Swissbau 1984 f seitliche Ansicht der gekrümmten Ringträger
Bild 6-2: Beispiele für Ringträger
Für den Versuchsträger in Bild 6-2a ist das statische Modell in Bild 6-3 dargestellt. Die darin enthaltenen fiktiven Stäbe
sind in Wirklichkeit nicht vorhanden. Sie dienen zur Modellierung des Abstandes der Stabachsen der Gurte und der
Ringe.

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Vorlesung Form und Konstruktion 109

Bild 6-3: Statisches Modell der Symmetriehälfte eines Ringträgers

Der Übergang vom Fachwerkträger zum Ringträger ist in Bild 6-4 dargestellt.

a kinematisches Trägerfeld b schubsteifes Fachwerkfeld c schubsteifer Fachwerkrahmen

d schubsteifes Fachwerkfeld e Füllstäbe durch Ring ersetzt f schubsteifer Rahmen


Bild 6-4: Möglichkeiten der schubsteifen Konstruktion von Trägerfeldern und Rahmen

6.3 Beispiel Ginkgo Bar


Konstruktionen aus Ringen lassen sich heute sehr effizient mit der uns zur Verfügung stehenden Software für die
Geometriefindung (CAD) und die Strukturanalyse (FEM) planen. Ein Beispiel hierfür ist die Ginkgo Bar eines
Konferenzzentrums in Bernburg, die jedoch nicht zur Ausführung kam.

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Vorlesung Form und Konstruktion 110

Bild 6-5: Innenansicht der Gingko Bar

Bild 6-6: Ausführungsplan der Holzkonstruktion der Gingko Bar

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Bild 6-7: Für das statische Modell verwendetes Stabwerk der Holzkonstruktion der Gingko Bar
Ähnlich wie bei den Ringträgern kann es durchaus auch heute im Einzelfall vorkommen, dass der Tragwerksplaner
einem individuellen Modellentwurf aus dem Wege geht und Formen und Konstruktionen so lange „verbiegt“, bis er
dafür ein ihm bekanntes, in der Theorie bereits gelöstes oder von seiner Statiksoftware lösbares statisches Modell
gefunden hat. Ein solches Handeln ist nicht kreativ, sondern lässt sich bestenfalls als reproduzierend bezeichnen. Nun
kann natürlich der Grund hierfür Unkenntnis des Ingenieurs sein. Häufig kann der Tragwerksplaner aber gar nicht
anders handeln, weil ihm der Bauherr eine aufwendigere kreative Lösung nicht bezahlt.

6.4 Beispiel Geschossbau


Im Geschossbau besteht die tragende Konstruktion aus Wänden, Stützen, Unterzügen und Decken, wie in Bild 6-8 zu
erkennen ist. Wände und Decken sind flächige Bauteile (Flächenelemente, 2D-Elemente), die statisch als Platten
und/oder Scheiben wirken. Stützen und Unterzüge besitzen eine ausgezeichnete Richtung, die durch die Stabachse
ausgewiesen ist. Sie wirken statisch als Stäbe (1D-Elemente).

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Vorlesung Form und Konstruktion 112

Bild 6-8: Innenansicht eines Geschossbaus


In Bild 6-9 wird gezeigt, dass es zwei Möglichkeiten gibt, Decken über große Stützenabstände spannen zu können. Die
naheliegende (triviale) Möglichkeit ist die Unterstützung der Decke durch einen Unterzug. Dabei ist zu bedenken, dass
die erforderliche Höhe des Unterzugs das Lichtraumprofil im unteren Geschoß unter Umständen erheblich einschränkt.
Die komplexere Möglichkeit ergibt sich aus der Nutzung des räumlichen Zusammenwirkens von Wand- und
Deckenscheiben. Das Lichtraumprofil bleibt dabei völlig unberührt.

a Unterzug - eingeschränkter Durchgangshöhe b räumliches Zusammenwirken – volle Durchgangshöhe


Bild 6-9: Mögliche Konstruktionen im Geschossbau

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7 Die räumliche Durchdringung von Form und Konstruktion

7.1 Räumliche Anordnung von Scheiben

Bild 7-1 Bild 7-2

Bild 7-3 Bild 7-4

Bild 7-5 Bild 7-6

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7.2 Beispiel

Bild 7-7

Bild 7-8

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7.3 Räumliche Anordnung von Stäben

Bild 7-9 Bild 7-10

Bild 7-11 Bild 7-12

Bild 7-13

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Nach einem Entwurf von Timm Ulrichs19

19
Assoziationen: provokativ
Querdenken
Crash von Ideen

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8 Robustheit nach DIN EN 1990 (EC0)


Nach Prinzip (4) in 2.1 des EC0 ist ein Tragwerk so auszubilden und auszuführen, dass durch menschliches Versagen
keine Schadensfolgen entstehen, die in keinem Verhältnis zur Schadensursache stehen. In Anmerkung 1 zu diesem
Prinzip wird hingewiesen, dass die durch menschliches Versagen entstehenden Gefährdungen für jedes Projekt mit dem
Bauherrn und der zuständigen Behörde festzulegen sind. Gefährdungen sind nach 1.5.2.9 des EC0 außergewöhnliche
und schwer wiegende Ereignisse, die hier mit E bezeichnet werden.

Als menschliches Versagen kommen z. B. für den in Bild 8-1 dargestellten Fachwerkbinder in Nagelplattenbauart in
Betracht:

 Fehlerhafte statische Berechnung und Prüfung


 Übersehen des schwächsten Querschnitts eines Untergurtes bei der Holzsortierung,
 Fehlverklebung eines Keilzinkenstoßes in einem Untergurt,
 Fehlpressung eines Nagelplattenstoßes eines Untergurtes,
 Durchtrennen eines Untergurts für eine haustechnische Leitung.

Bild 8-1: Satteldachförmiger Fachwerkträger nach Eintritt eines lokalen Versagens im Zuggurt des mittleren
Trägerfeldes
Das außergewöhnliche Ereignis E kann z. B. im lokalen (spröden) Versagen eines Binders als Haupttragelement nach
1.5.10 des EC1-1-7 im Bezugszeitraum nach dem Aufsetzen auf die Ringbalken bestehen.

Nach Prinzip (5) ist die mögliche Schädigung – richtig müsste es heißen: … sind die Auswirkungen einer möglichen
Schädigung (als Folge menschlichen Versagens) – durch die angemessene Wahl einer oder mehrerer der folgenden
Maßnahmen zu begrenzen bzw. zu vermeiden:
 dass die Gefährdungen, denen das Tragwerk ausgesetzt sein kann, verhindert, ausgeschaltet oder gemindert
werden, z. B. durch Anprallschutz, Abtauen von Schnee, Überhöhung zur Vermeidung von
Wassersackbildung, Beschränkung der Besucherzahl,
 dass die Anfälligkeit gegen die hier betrachteten Gefährdungen gering bleibt, z. B. Bemessung für Anprall,
Explosion, … (Entwurfsziel: angemessene Sicherheit gegen lokales Versagen)
 dass das zufällige (durch die Schädigung eintretende) Versagen eines einzelnen Bauteils oder eines begrenzten
Teils des Tragwerks nicht zum Versagen des Gesamttragwerks führt, z. B. alternative Lastpfade, die ein
mehrfach redundantes Tragwerksmodell voraussetzen,
 dass, wenn möglich, Tragsysteme vermieden werden, die ohne Vorankündigung total versagen können,
 dass Tragelemente gekoppelt oder entkoppelt werden.

Bild 8-2: Schlecht: Versagen in einem Feld führt zum progressiven Kollaps

Bild 8-3: Gut: Versagen ist auf ein Feld begrenzt

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Kollapsmechanismus Das Dach- oder Deckentragwerk aus Holz Nachweise in der Nachweis der
und Maßnahme zur besteht aus einem oder mehreren Biegeträgern gewöhnlichen vereinbarten
Verbesserung der als Haupttragelementen und Nebenträgern Situation Begrenzung der
Robustheit Schadensfolgen
A Kollapsresistenz durch Die Biegeträger Versagt ein
alternativen Lastpfad werden als Biegeträger, wird er
Einfeldträger geplant nach Vereinbarung
und für MGQ von quer über L
nachgewiesen. durchlaufenden
Nebenträgern
gestützt. Sie werden
als alternativer
Lastpfad geplant.

Biegenachweis der
Nebenträger in der
außergewöhnlichen
Situation für MA.

B Partieller Kollaps mit oder Die Biegeträger Nachweis des


ohne Vorankündigung werden als vereinbarten
durch Entkopplung Einfeldträger geplant geometrischen
und für MGQ Umfangs des
nachgewiesen. Die Einsturzes A<Alim
Nebenträger als und der Entkopplung
Einfeldpfetten der der einzelnen
Länge L/5 können als Biegeträger von ihren
kinematische Kette Nachbarträgern
nicht stützend wirken R<Rlim zur
und erlauben durch Vermeidung von
Sollbruchstellen kein Kollapsprogression.
Einhängen.

C Totaler Kollaps mit oder Der Biegeträger als Wird das


ohne Vorankündigung, Haupttragelement Haupttragelement aus
Vermeidung durch wird als Einfeldträger Brettschichtholz
Konstruktionsregeln geplant und für MGQ gefertigt, sind
nachgewiesen. Die besonders vereinbarte
Nebenträger sind Konstruktionsregeln
Einfeldträger mit der zu beachten oder der
Stützweite L/2. Biegenachweis ist in
der
außergewöhnlichen
Situation für einen um
die vereinbarte
Anzahl m von
Brettlamellen
reduzierten
Querschnitt für MA zu
führen.
D Progressiver totaler Die Biegeträger Besonders vereinbarte
Kollaps mit oder ohne werden als Maßnahmen der
Vorankündigung, Einfeldträger geplant Überwachung von
Vermeidung durch und für MGQ Planung und
Überwachung und/oder nachgewiesen. Ausführung oder
Überbemessung Im Fall des Überbemessung in der
Versagens eines der 4 gewöhnlichen
Biegeträger oder Situation der
seiner Verbindungen Tragfähigkeit durch
entsteht eine vereinbarte
kinematische Kette. Begrenzung der
Durchbiegung.

Bild 8-4: Versagensarten von Tragwerken und Begrenzung der Schadensfolgen - Robustheitsnachweis

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Bild 8-5: Festsaal im Kulturzentrum Coerde

Bild 8-6: Draufsicht

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9 Multifunktionale Strukturen

Wände – Decken – Dächer

Bauphysikalische Anforderungen: Feuchte, Wärme, Schall, Brand


Beispiel Wandaufbau

9.1 Wandaufbau

Bild 9-1

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10 Wissensbasierte Tragwerksplanung

Die programmtechnische Umsetzung der Punkte 1-6 führt zur wissensbasierten Tragwerksplanung.

10.1 Konventioneller Planungsablauf im Fertighausbau

Bild 10-1: Die programmtechnische Umsetzung der Punkte 1-6 führt zur wissensbasierten Tragwerksplanung.

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10.2 Vereinfachte Netzstruktur zur Abbildung des Gebäudes in ESYFEB

Bild 10-2

Bild 10-3

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Bild 10-4

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10.3 Beschreibung der Klasse Wandelement

Klasse Wandelement
Inhalt der Slots
Attribute:
- Position im Gebäude
- Länge
- Höhe
- Rastermaß
- Querschnittsabmessungen und Material von Schwelle, Stielen, Rähm und Beplankung
- Materialdaten
- Anzahl und Position der Stiele
- Kosten
- Anschluss Schwelle, Rähm, Stiel an die Beplankung
- Dämmmaterial (Art, Dicke)
- Auflagerkräfte (Größe und Position)
- Auflagerausbildung (Klasse Anschluss)

Methoden:
- Vertikale Last [Parameter: Lastgröße Position]
- Horizontale Last [Parameter: Lastgröße, Position]

10.4 Konstruktive Abhängigkeiten zwischen den Baugruppen

Bild 10-5

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10.5 Sparrenplan und Kehlsparren

Bild 10-6

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10.6 Konstruktion und Darstellung in CAD

Bild 10-7: Vorgegebene Abmessungen


- Grundrissbreite B
- Dachneigung α
- Dachüberstand D
- Querschnittsabmessungen des Sparrens (h,b)

Bild 10-8: Konstruktionsschritte

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10.6.1 Eichenfachwerkknoten

Bild 10-9: Perspektivische Gesamtdarstellung Bild 10-10: Explosionsdarstellung


auf einem PC/XT

10.6.2 Kopfbandanschluss mit Versatz

Bild 10-11: Gesamtdarstellung Bild 10-12: Konstruktion mittels Hilfslinien

Bild10-13: Explosionsdarstellung

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10.6.3 Abbundhalle in Holzbauweise

Bild 10-14

10.6.4 Vom CAD-System automatisch erzeugte Systemachsen der Abbundhalle

Bild 10-15

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11 Modelle der Hausübungen vergangener Semester

11.1 Sommersemester 2000

Entwurf eines Schalentragwerks


Für eine Veranstaltungshalle ist die Dachkonstruktion als Schalentragwerk zu entwerfen. Gegeben ist der Grundriss als
regelmäßiges Achteck mit einer Seitenlänge von 25m und die Schale mit positiver gaußscher Krümmung (Kuppel).

Bild 11-1 Bild 11-2

Bild 11-3 Bild 11-4

Bild 11-5 Bild 11-6

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11.2 Sommersemester 2001

Entwurf eines Schalentragwerks


Für eine Veranstaltungshalle ist die Dachkonstruktion als Schalentragwerk zu entwerfen.
Der Grundriss der Halle besteht aus zwei Kreissektoren, es sollen zwei Kugelabschnitte für den Baukörper kombiniert
werden, so dass ein architektonisch interessantes Bauwerk und ein statisch sinnvolles Tragwerk entsteht.
Die Schale soll als Stabwerk in Brettstapelbauweise errichtet werden.

Bild 11-7 Bild 11-8

Bild 11-9 Bild 11-10

Bild 11-11 Bild 11-12

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Vorlesung Form und Konstruktion 131

11.3 Sommersemester 2002

Entwurf eines Schalentragwerks


Anhand der nebenstehenden Skizzen ist die Konstruktion einer Veranstaltungshalle zu entwerfen.
Der Entwurf der Halle soll sich an den vorgegebenen Skizzen orientieren. Die Dachflächen sind jedoch so zu gestalten,
dass keine Innenentwässerung erforderlich wird. Soweit es bei der Form der Dachflächen möglich ist, ist das Dach als
Schalentragwerk zu entwerfen, wobei die Schale als Stabwerk in Brettstapelbauweise errichtet werden soll.

Bild 11-13 Bild 11-14

Bild 11-15 Bild 11-16

Bild 11-17 Bild 11-18

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Vorlesung Form und Konstruktion 132

11.4 Sommersemester 2004

Entwurf eines Kindergartens


Ausgehend von der abstrakten Aufgabe - Umgang mit einem Raumvolumen - ist die Form und das Tragwerk eines
zweigeschossigen Kindergartens zu entwickeln und das Tragwerk und dessen Verhalten in den wesentlichen Teilen zu
beschreiben und darzustellen.

Bild 11-19 Bild 11-20

Bild 11-21 Bild 11-22

Bild 11-23 Bild 11-24

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Vorlesung Form und Konstruktion 133

11.5 Sommersemester 2005

Entwurf einer Halle


Ausgehend von der abstrakten Aufgabe - Konstruieren mit gefalteten ebenen Flächen - ist die Form und das Tragwerk
einer Halle als Faltwerk zu entwickeln und das Tragwerk und dessen Verhalten zu beschreiben und im Modell zu
demonstrieren.
Für die Modelle ist Fotokarton ( 300 g/m2) zu verwenden. Die Flächen sind mit Klebefilm zu verbinden.

Bild 11-25 Bild 11-26

Bild 11-27 Bild 11-28

Bild 11-29 Bild 11-30

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Vorlesung Form und Konstruktion 134

11.6 Sommersemester 2006

Entwurf des räumlichen Tragwerks einer Halle


Ausgehend von Beobachtungen und Prüfungen des Tragverhaltens einfacher ebener Stab- und Fachwerkmodelle ist das
Dachtragwerk für eine Halle inklusive der erforderlichen Aussteifungskonstruktion nach den untenstehenden Vorgaben
zu entwickeln und als Modell zu bauen. Die Modelle sollen dabei weniger die Architektur als vielmehr das
Tragverhalten und mögliche Versagensformen zeigen

Bild 11-31 Bild 11-32

Bild 11-33 Bild 11-34

Bild 11-35 Bild 11-36

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Vorlesung Form und Konstruktion 135

11.7 Sommersemester 2007

Entwicklung des Tragwerks einer Brücke


Ausgehend von Beobachtungen des Tragverhaltens einfacher ebener Stab- und Fachwerkmodelle im Teil 1 der
Hausübung ist in Teil 2 das Tragwerk einer Brücke zu entwickeln und das Tragverhalten an Modellen zu zeigen. Die
Modelle sollen dabei weniger die Architektur als vielmehr das Tragverhalten und mögliche Versagensformen zeigen.

Bild 11-37 Bild 11-38

Bild 11-39 Bild 11-40

Bild 11-41 Bild 11-42

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Vorlesung Form und Konstruktion 136

11.8 Sommersemester 2008

Entwickeln des Tragwerks für ein Ausstellungsgebäude


Nachdem in Teil 1 der Aufgabe Erfahrungen mit einfachen ebenen Tragwerken gesammelt wurden, soll im Teil 2 ein
komplizierteres räumliches Gebilde, das in einem Formentwurf vorliegt, erfasst werden und hierfür eine Tragstruktur
entwickelt werden.

1. Bau eines Architekturmodells aus Papier oder Karton


Das oder die Modelle sollen die räumliche Wirkung des Gebäudes von innen und von außen und die Möglichkeit der
Beleuchtung mit Tageslicht zeigen.

2. Entwicklung eines Konzeptes für das Tragwerk


Das Tragwerk soll möglichst aus flächigen Teilen - Scheiben, Platten, Schalen – bestehen. Der Innenraum sollte
möglichst frei gehalten werden. An den Rändern der Decken sind, wo erforderlich, Stützen oder Wände zulässig.

3. Bau eines Modells des Tragwerks und / oder von Tragwerksteilen


Das Modell soll das Tragverhalten der Konstruktion zeigen. Deshalb sind Materialien und Querschnitte zu verwenden,
die eine sicht- und spürbare Verformung zulassen. Flächige Bauteile können dazu durch Rippenkonstruktionen oder
durch Bekleben dünner Rippen mit Papier gebildet werden. An geeigneten Stellen sollten Bauteile ausbaubar sein, um
die daraus folgende Änderung des Verhaltens der Gesamtkonstruktion und die Notwendigkeit des Bauteils zu zeigen.
Oft ist es einfacher, an Stelle eines variablen Modells zusätzliche Anschauungsmodelle zu bauen.

Bild 11-43 Bild 11-44

Bild 11-45 Bild 11-46

Bild 11-47 Bild 11-48

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Vorlesung Form und Konstruktion 137

Bild 11-49 Bild 11-50

Bild 11-51 Bild 11-52

Bild 11-53 Bild 11-54

Bild 11-55

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Vorlesung Form und Konstruktion 138

11.9 Sommersemester 2009

Einfache Stabsysteme, ihre Lagerung und Verbindung

Aufbauend auf die im Teil 1 der Aufgabe gemachten Erfahrungen mit einfachen Stäben soll im Teil 2 das Verhalten
einfacher Tragwerke aus mehreren Stäben, der Einfluss der Art der Lagerung und Verbindung der Stäbe auf das
Tragverhalten oder die Möglichkeit von Verstärkungsmaßnahmen untersucht werden.

Ihre Aufgabe besteht darin, das Verhalten und die Konstruktion folgender Bauteile zu untersuchen und anschaulich
darzustellen:
1. Einfeldträger im Vergleich mit Durchlaufträgern, Gerberträgern und Koppelträgern
2. Biegesteifer Stoß (z. B. bei Teilersatz eines im Auflagerbereich zerstörten Holzbalkens oder als Verbindung Stütze-
Riegel bei Rahmenecken)
3. Verbindung von Hauptträgern mit ein- und beidseitig angeordneten Nebenträgern, Übergang zum Trägerrost
4. Schiefwinklige Anschlüsse Haupträger-Nebenträger
5. Auflagerausbildung bei gelenkiger Lagerung (Stahlbeton, Stahl, Holz) im Hochbau
6. Verstärkungen von Balken (Ergänzung des Querschnitts oben oder/und unten mit gleichem Material oder mit steifen
Deckschichten)
7. Verstärkungen von Balken (Ergänzung des Querschnitts einseitig und beidseitig mit gleichem oder mit steiferen
Werkstoffen)

Bild 11-56 Bild 11-57

Bild 11-58 Bild 11-59

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Vorlesung Form und Konstruktion 139

12 Literaturverzeichnis

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Blaser, W. (1999) Werner Sobek Art of Engineering Ingenieur-Kunst. Birkhäuser –


Verlag für Architektur Basel Boston Berlin

Brauner, H. (1986) Lehrbuch der Konstruktiven Geometrie.


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Cox, H. (1965) The Design of Structures of Least Weight. Pergamon Press, Oxford

Duddeck, H. (1983) Die Ingenieuraufgabe, die Realität in ein Berechnungsmodell zu


übersetzen. Bautechnik (60) 225 - 234

Entwicklungsgemeinschaft Holzbau (1983) Rauten-Lamellen-Konstruktionen. Deutsche Gesellschaft für


Holzforschung, München

Engel, Heino (1997) Tragsysteme. Structure Systems. 4. Aufl./2009 Heino Engel und
Hatje Cantz Verlag

Falter, H.; Kahlow, A.; Kurrer, K.-E. (2001) Vom geometrischen Denken zum statisch-konstruktiven Ansatz im
Brückenentwurf. Bautechnik 12/78 889-902

Führer, W. et al. (1995) Der Entwurf von Tragwerken. 2. Aufl. Verlagsgesellschaft Rudolf
Müller Köln

Heinle, E. und Schlaich, J. (1996) Kuppeln, aller Zeiten – aller Kulturen. DVA Stuttgart

Hossdorf, H. (2003) Heinz Hossdorf – Das Erlebnis Ingenieur zu sein. Birkhäuser –


Verlag für Architektur Basel Boston Berlin

Hubka, V. und Eder, W.E. (1992) Einführung in die Konstruktionswissenschaft. Springer-Verlag


Berlin

Killer, J. (1985) Die Werke der Baumeister Grubenmann. Birkhäuser Verlag, Basel

Klimke, H. (1986) Entwurfsoptimierung räumlicher Stabwerksstrukturen durch CAD-


Einsatz. Bauingenieur 61, 481-489

Mattheck, C. (1990) Engineering Components grow like trees. Materialwissenschaft und


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Michell, A.G. M. (1904) The Limits of Economy of Material in Frame-structures. Phil. Mag.
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Otto, F. (1986) Geschichte des Konstruierens. arcus 35 - 46

Pflüger, A. (1967) Elementare Schalenstatik. Springer-Verlag Berlin

Rozvany, G. I. N. (1976) Optimal design of flexural systems. Pergamon Press

Schober, H. (2002) Geometrie-Prinzipien für wirtschaftliche und effiziente


Schalentragwerke. Bautechnik 1/79 16-24

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