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Einführung in die

Literaturtheorie
Lehrperson: Doç. Dr. Cüneyt ARSLAN
Inhalt
 Was ist ein Text?
 Was ist Literatur?
 Was ist Literaturwissenschaft?
 Grundbegriffe der Literaturwissenschaft
 Gattungen (Lyrik, Epik, Dramatik)
 Stil und Rhetorik
 Epoche
 Autor

Auszug aus: Wolfram Seidler,


Lehrveranstaltungsmanuskript (Sommersemester
2011)
Inhalt
 Theoretische Ansätze, z.B.
 Hermeneutik
 Strukturalismus
 Rezeptionstheorie
 Psychoanalytische Literaturwissenschat
 ...
Mündlichkeit - Schriftlichkeit
 Schrift als Gedächtnisspeicher
 Abstraktion von der jeweiligen
Gesprächssituation
 Kommunikation auf Distanz
 Wissen ist jederzeit abrufbar
 Urheber immer abwesend – nicht
nachfragbar
 Interpretationsvielfalt
 Trennung von Sprechenden von ihrer Rede
Buchdruck und seine Folgen
 Beeinflussung von Denkstil, Wissensstand
etc.
 Standardisierung (Identität, Wiederholbarkeit)
 Individualisierung – Kombinierbarkeit von
Texten, Tabubruch
 Standardisierung ermöglicht erst Gefühl für
Individualität
 Massenhaftigkeit der Herstellung
 Schaffung von Öffentlichkeit
Was ist ein Text?
 Lat. „Gewebe“
 Schriftlich fixierte Sprache? (Literaturwissenschaft)
 Alle Äußerungen überhaupt, die einer
Mitteilungsabsicht dienen? (Kulturwissenschaft)
 Text als kommunikative Einheit?
 Definitionsversuch:
Ein Text ist eine in gewisser Weise abgegrenzte und in
gewissem Maße geschlossen rezipierbare, in einer
natürlichen oder künstlichen Sprache gefasste
mündliche, schriftliche oder in einem elektronischen
Medium gespeicherte Äußerung, die gegebene
Bedeutung mitteilt und/oder neue Bedeutung erzeugt.
Textedition

Sicherung der Textgrundlage


Entstehungsgeschichte des Textes,
Varianten der Überlieferung
Oder: autorisierte Fassung
3 Typen:
Historisch-kritische Ausgabe
Studienausgabe
Leseausgabe
Was ist ein Text? – Ein zweiter
Versuch?
„Text heißt Gewebe; aber während man
dieses Gewebe bisher immer als Produkt,
einen fertigen Schleier aufgefaßt hat,
hinter dem sich, mehr oder weniger
geborgen, der Sinn (die Wahrheit) aufhält,
betonen wir jetzt bei dem Gewebe die
generative Vorstellung, daß der Text durch
ein ständiges Flechten entsteht und sich
selbst bearbeitet.“ (Roland Barthes, Die
Lust am Text)
Textverständnis - Hermeneutik

Möglichkeit der Interpretation


Verstehen
Nichtverstehen
Missverstehen
Gegenargumente
Beispiel: Enzensberger
Worum geht es? In der Schule  Maßstab die einzig
richtige Interpretation?
Textverständnis - Hermeneutik
Aber:
Lektüre nicht durch den Text determiniert?
Faktoren unkontrollierbar?
Was geschieht beim Lesen,
Interpretieren?
Gemeinsames Verständnis, individuelle
Unterschiede
Unterschiedliche Lektüren – Spielräume
Damit beschäftigt sich die Hermeneutik
Textverständnis - Hermeneutik

Hermeneutik: Lehre vom Verstehen


Weitgehend automatisierter Vollzug des
Verstehens (von sprachlichen Zeichen – aber
auch anderem)
Interpretation
Regelwerke und Anleitungen
Theologische (Bibelauslegung), juristische
Hermeneutik (Gesetzeskommentare)
Theorie des Textverstehens (ab etwa 1800) 
philosophische Hermeneutik
Textverständnis - Hermeneutik
 F. Schleiermacher: „Kunst, die Rede eines
anderen (...) richtig zu verstehen“
 W. Dilthey: Hermeneutik als
Wissenschaftstheorie der
Geisteswissenschaften (Verstehen vs.
Erklären)
 S. Freud: Tiefenhermeneutik (Traumdeutung
...)
 M. Heidegger und H.G. Gadamer: Begriff des
Verstehens als universale Bestimmtheit des
Daseins
Hermeneutik literarisch
„weniger Wörter als Sachen“
Mehrdeutigkeiten, Unschärfen  poetische
Texte machen daraus eine Tugend
Auslegungsspielraum
Abhängig von Wissensstand und
Problembewusstsein, eigene Erfahrung
Verstärkung der Vieldeutigkeit
Gattungswahl
Intertextualität
Gebundene Sprache?
Denn der Geschichtsschreiber und der Dichter unterscheiden sich nicht
dadurch voneinander, daß sich der eine in Versen und der andere in Prosa
mitteilt – man könnte ja auch das Werk Herodots in Verse kleiden, und es
wäre in Versen um nichts weniger ein Geschichtswerk als ohne Verse –; sie
unterscheiden sich vielmehr dadurch, daß der eine das wirklich
Geschehene mitteilt, der andere, was geschehen könnte.

(Aristoteles: Poetik. Griechisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von


Manfred Fuhrmann. Stuttgart 1991, S. 29) – Hervorhebung w.s.
Fiktion
 Sachverhalt od. Geschehen ohne überprüfbare
Referenz (Wirklichkeitsbezug) – nicht wahr, nicht falsch
 „Der Mensch kann sich Dinge. Welche nicht wirklich
sind, vorstellen, als wenn sie wirklich wären“ (Hegel)
 Sprachphilosophisch: Rede, die „keinen Anspruch auf
Referenzialisierbarkeit oder auf Erfüllung erhebt“
(Gottfried Gabriel)
Was zählt zur literaturwissenschaftlichen Arbeit?

Literaturwissenschaft

Bibliographie Arbeit am Text


Arbeit an den
Kontexten
Edition Textkritik
Theoriebildung
Kommentar Textanalyse
Wissenschafts-
Interpretation geschichte
Literaturtheoretische
Ansätze

textorientiert autororientiert

Biographische Psychoanalytische
Philologie Rhetorik
Literaturwissenschaft Literaturwissenschaft

Formalismus,
New Criticism Phänomenologie
Strukturalismus

Semiotik,

Dekonstruktion

leserorientiert kontextorientiert

Marxistische
Rezeptionsästhetik Rezeptionsgeschichte Literaturgeschichte
Literaturwissenschaft

Feministische New Historicism,


Reader-Response-Criticism
Literaturwissenschaft Kulturwissenschaft

Vergleichende
Literaturwissenschaft
Methoden
 1972  1996
 Positivistische Methode  Formen ‚textimmannenter‘
 Geistesgeschichtliche M. Analyse
 Phänomenologische M.  Formalismus u. Strukturalismus
 Existenzielle M.  Dekonstruktion
 Morphologische M.  Dialogizität, Intertextualität,
 Soziologische M. Gedächtnis
 Statistische M.  Sozialgeschichtliche Zugänge
 Diskursanalyse,
Diskursgeschichte
 Psychologische Zugänge
 Feministische Zugänge –
‚Gender Studies‘
 Wirkungsästhetik
Theorien des Textverständnisses
 Interpretation?
 Hermeneutik
 Hermeneuein „aussagen, erklären, auslegen“
 Lebenspraktischer Vollzug des Verstehens
 Regelwerk(e) und anleitungen
 Theorie des Textverstehens
Namen
 Schleiermacher 1780-1834
 erweitert das Wirkungsfeld der Hermeneutik
auf alle Texte und Produkte des Geistes
 Dilthey 1833-1911
 : theoretische Fundierung der verstehenden in
Abgrenzung zu den rein erklärenden
Naturwissenschaften
 Heidegger 1889-1976
Namen
 Gadamer 1900-2002
 hebt die Bedeutung hervor, die der historische
Ort des Verstehenden für dessen Verstehen
besitzt
 Habermas 1929
Rhetorik

Redesituation Wirkungsweise

Politisch Gericht Festrede informieren unterhalten bewegen

Stilebene

hohe mittlere niedrige


Rhetorik
 Elemente der Rede
 Themenfindung (inventio)
 Gliederung (dispositio)
 Ausarbeitung (elocutio)
 Einprägung (memoria)
 Vortrag (pronunciatio)
 Rhetorische Mittel
 Tropen  Metapher
 Figuren Wortkombinationen innerhalb eines Satzes
(z.B. „veni, vidi, vici“)
Poetik
 Platon
 Politeia (Der Staat)
 Dichtung ist Lüge (keine Aussage über die Wriklichkeit)
 Aristoteles
 Peri poietikés (Über die Dichtkunst) – 335 v.Chr.
 Ziele, Verfahren und Wirkung der Kunst
 Definition verschiedener Künste (Gattungen - Gattungspoetik)
 Spezifische dichterische Techniken (z.B. Verwendung von
Versen etc.)
 Horaz
 Ars poetica (Über die Dichtkunst) – 20 v.Chr.
 Ästhetik
 prodesse et delectare
Aristoteles

 Kunst als mimesis


 Nachahmung
 Sprachliche Nachahmung: mythos = Erzählung, Handlung ... Fiktion =
Unterscheidung von wirklich und möglich  erfundene Handlung

 „Denn der Geschichtsschreiber und der Dichter unterscheiden


sich nicht dadurch voneinander, daß sich der eine in Versen
und der andere in Prosa mitteilt – man könnte ja auch das
Werk Herodots in Verse kleiden, und es wäre in Versen um
nichts weniger ein Geschichtswerk als ohne Verse –; sie
unterscheiden sich vielmehr dadurch, daß der eine das
wirklich Geschehene mitteilt, der andere, was geschehen
könnte. „
(Aristoteles: Poetik. Griechisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Manfred Fuhrmann.
Stuttgart 1991, S. 29) – Hervorhebung w.s.
Poetik
 Renaissance
 Rückgriff auf Antike
 Volkssprache
 Regelwerke
 Kriterien für die Erfüllung der Regelwerke
(normative Poetik)
 Opitz
 Gottsched
Gattungsdifferenz
 Inhaltliche Begründung aus der sozialen Hierarchie
 Tragödie: Hoher Stil
 Komödie: niederer Stil
 Ständeklausel:
 Die Ständeklausel ist ein dramenpoetisches Prinzip, das die dramatische
Produktion über mehr als zwei Jahrtausende beeinflusste. Sie geht auf
Aristoteles zurück, der in seiner Poetik die Tragödie für die Darstellung der
Konflikte und Probleme der "guten" Menschen reservierte, die "schlechteren
Menschen" jedoch auf die Komödie verwies, in der sie mit ihren
Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten dargestellt und verlacht werden
sollten. Opitz greift diese Scheidung dann 1624 in seinem Buch von der
Deutschen Poeterey auf und definiert den guten als den adeligen Menschen,
den schlechteren als den Bürger. Auch Gottsched hält mehr als hundert
Jahre später in seinem Versuch einer critischen Dichtkunst vor die
Deutschen an dieser Vorschrift fest. Erst mit Lessing findet ein Umdenken
statt. Er entwickelt das bürgerliche Trauerspiel, eine spezifisch
aufklärerische Form der Tragödie, in der die Bürger mit ihren Problemen
dramatisch präsentiert werden. Es ist kaum noch der Erwähnung wert, dass
die Ständeklausel im 20. Jahrhundert natürlich keine Rolle mehr spielt.
Poetik
 Naturformen der Dichtung (Goethe)
 „Es gibt nur drei echte Naturformen der Poesie: die klar
erzählende, die enthusiastisch aufgeregte und die persönlich
handelnde: Epos, Lyrik und Drama.“
 Romantik: Universalpoesie
 „Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie“
(F. Schlegel)
Literarische Gattungen: Epik

»Die Menge der Erzählungen ist unüberschaubar. Da ist zunächst eine erstaunliche
Vielfalt von Gattungen, die wieder auf verschiedene Substanzen verteilt ist, als ob dem
Menschen jedes Material geeignet erschiene, ihm seine Erzählungen anzuvertrauen:
Träger der Erzählung kann die gegliederte, mündliche oder geschriebene Sprache sein,
das stehende oder bewegte Bild, die Geste oder das geordnete Zusammenspiel all dieser
Substanzen; man findet sie im Mythos, in der Legende, der Fabel, dem Märchen, der
Novelle, dem Epos, der Geschichte, der Tragödie, dem Drama, der Komödie, der
Pantomime, dem gemalten Bild [...], der Glasmalerei, dem Film, den Comics, im Lokalteil
der Zeitungen und im Gespräch. Außerdem findet man die Erzählung in diesen nahezu
unendlichen Formen zu allen Zeiten, an allen Orten und in allen Gesellschaften; die
Erzählung beginnt mit der Geschichte der Menschheit; nirgends gibt und gab es jemals
ein Volk ohne Erzählung; alle Klassen, alle menschlichen Gruppen besitzen ihre
Erzählungen, und häufig werden diese Erzählungen von Menschen unterschiedlicher, ja
sogar entgegengesetzter Kultur gemeinsam geschätzt. Die Erzählung schert sich nicht um
gute oder schlechte Literatur: sie ist international, transhistorisch, transkulturell, und damit
einfach da, so wie das Leben.«
Roland Barthes, Einführung in die strukturale Erzählanalyse
Literarische Gattungen: Epik

Gemeinsamkeiten
Zeichenfolge (Text) – discours, discourse …
Ereignisfolge (Geschichte) – histoire, story …
Zeitdimension
Literarische Gattungen: Epik
 Fiktional oder faktual?
 Wer erzählt den Text?
 Zeitgerüst
 Wer spricht (außer dem Erzähler)?
 Verhältnis zu anderen Texten
Literarische Gattungen: Epik
 Erzähler: ist nicht der Autor!!
 Auktorial
 Personal
 Ich-Erzähler
 Zeit
 Erzählzeit – erzählte Zeit
 Erzähltempo
 Zeitgerüst
 Zeitordnung
Literarische Gattungen: Epik

Rede- oder Gedankenbericht


Erzähler
Personenbericht
Direkte / indirekte Rede
Erlebte Rede, innerer Monolog („stream-of-
consciousness“)
Literarische Gattungen: Epik
 Erzählform
 Er-Erzähler – Erzähler erzählt die Geschichte anderer Figuren
 Ich-Erzähler – erzählendes Ich ist auch handelnde Figur
 Erzählverhalten
 Auktorialer Erzähler – kommentiert, reflektiert, urteilt
 Personaler Erzähler – handelnde Figur, seine Weltsicht
 Neutraler Erzähler – außenstehender Beobachter
 Erzählhaltung
 Z.B. Ironie
 Erzählperspektive
 Innen- und Außensicht
 Erzählzeit – erzählte Zeit
Er-Ezähler Ich-Erzähler
Auktorialer Erzähler Allwissender Erzählendes Ich
Erzähler erzählt organisiert bzw.
Raum, Zeit Handlung beurteilt die
Elemente einer
 Klassischer Geschichte
fiktionaler Erzähler
Neutraler Erzähler Von außen Ich-Erzähler erzählt
beobachtend so, als ob er das
erinnerte Geschehen
von außen
beobachtet
Personaler Erzähler Aus dem Blickwinkel Erzählendes und
einer Person, selbst erlebendes Ich fallen
handelnde Figur zusammen
 Klassischer Ich-
Erzähler
Der Erzähler ist eine fiktive Gestalt aus deren Perspektive dem Leser
eine Handlung erzählt wird – nicht identisch mit dem Autor
Lyrik

Was ist ein Gedicht?


„Ich sag das ist ein gedicht“ (Ernst Jandl)
Reim
Vers
Segmentierung
wenn rechts was frei bleibt …
Lyrik
 grammatische Abweichung
 Kürze und Dichte des Textes
 Selbstreflexivität
 lyrisches Ich
Ist die Person, deren Gedanken und Gefühle in
dem jeweiligen Gedicht geschildert und
veranschaulicht werden.
 Wiederholungseffekte, bildlicher Ausdruck
(Metapher, Symbolik)
 Sangbarkeit (Nähe zur Musik)
Dramatik
Dramatik

Unmittelbarkeit des Dramas


Keine Erzählinstanz
Drama vs. Theater
Lesetext vs. Aufführung
Figur vs. Person
Dialog vs. Monolog
Haupttext vs. Nebentext
Dramatik
 3 Einheiten
Handlung, Zeit, Raum
 Handlung: keine Nebenhandlungen, die nicht mit der
Haupthandlung verknüpft sind
 Zeit: Deckung von Spielzeit und gespielter Zeit
 Ort: gleichbleibender Schauplatz
 Aufbau
Dreiaktschema --> Fünfaktschema
 Gliederungseinheiten
Akt, Szene, Auftritt
 Handlung
 Konflikt
Dramatik

Dramengattungen
Tragödie vs. Komödie
Ständeklausel, Fallhöhe
Tragikomödie
Zieldrama – analytisches Drama
Charakterdrama - Handlungsdrama
Geschlossene, offene Dramenform
Dramatik

Wirkungsdimensionen
Katharsis
Schrecken und Jammer (Aristoteles)
Furcht und Mitleid (Lessing)
Episches Theater (Brecht)