TRANSKULTURELLE PERSÖNLICHKEIT JULIA KRISTEVA Julia Kristeva wird am 24. Juni 1941 im bulgarischen Sliven geboren.

Sliven, an den Ausläufern des Balkangebirges gelegen, gilt als das drittgrößte Textilzentrum des Landes und die Stadt der 100 Wojwoden, der Freiheitskämpfer gegen die osmanische Herrschaft. Bulgarien wird in den Jahren Kristevas Kindheit durch einen Sturz der Monarchie kommunistisch und orientiert sich politisch an der UdSSR. In einer Periode der Säuberung der kommunistischen Partei, des Polizeiterrors und einer Umsiedlungspolitik wächst Julia Kristeva auf. Das Land wird drastisch modernisiert. Durch Zwangsindustrialisierung und die Kollektivierung der Landwirtschaft wird die bulgarische Bevölkerung mobilisiert. Die Arbeitslosenrate ist hoch und es herrscht Mangelwirtschaft. Bis Anfang der 60er Jahre, nach Säuberungsaktionen im Kultursektor, ist die politische Lage unter dem autokratischen Regimes Todor Živkows stabilisiert. 1991 verfasst sie den kulturpessimistischen Roman Le vieil homme et les loup, in welchem sie darüber spekuliert, ob die neoliberal verfasste Gesellschaft überleben kann. Die Handlung, eine Wolfsmeute fällt in eine Stadt ein, steht für Vergiftung und Korruption und symbolisiert den Einbruch des Totalitarismus mit dem Einmarsch der Roten Armee, aber zugleich auch das alltägliche Böse und Barbarische. Die Bewohner verwandeln sich in Wölfe, so instabil ist ihre von Opportunismus und Banalität geprägte Identität unter dem „Diktat des unterhaltungsgierigen und gleichzeitig abgestumpften Menschen“ (Angerer 2007: 121). Zentral ist der Tod einer Vaterfigur, der gewaltsam im Krankenhaus der fiktiven Santa Barbara1 stirbt und sinnbildlich „für den Tod einer Autorität und das Ende einer Epoche“ (Ebd.) steht, deren historische Bedeutung brüchig geworden ist und die Frage nach neuen Gesetzen aufwirft. Der Tod des eigenen Vaters initiiert die Geschichte: Der Körper des Vaters, in einem bulgarischen Krankenhaus in der spätsozialistischen Epoche ermordet, wird gegen seine religiöse Überzeugung eingeäschert. Die Behörden verhindern die Aufklärung des Falls. Die Romanfigur und eine Weitere verkörpern „Integrität und Revolte in einem barbarischen Regime, das ihnen durch Repression aller Art ihre eigene Selbstverwirklichung verbietet, es jedoch nicht zuwege bringt, daß sie ihr Töchter nicht außerhalb des Landes in Sicherheit

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Die Stadt Santa Barbara, „deren Beschreibung sowohl auf Paris, San Francisco, aber auch auf eine osteuropäische Stadt [zutreffen] könnte, wo sich die Gesellschaft mit einer kommunistischen Vergangenheit und einem aufkommenden Neoliberalismus konfrontiert und aufgerieben sieht.“ (Angerer 2007: 120)

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bringen und sie nicht weiterhin ihren ungern gesehenen Leidenschaften, so der Religion und dem Kirchengesang nachgehen.“ (Ebd.) Seit ihrer Kindheit lernt Kristeva die französische Sprache bei christlichen Nonnen, in der Alliance Français und später durch ein Romanistikstudium an der Universität Sofia. Sie beschäftigt sich mit Marxismustheorien, den russischen Formalisten, so auch Mikhail Bakhtin (Soziologe) und der Philosophie Hegels, die ihr später zu akademischer Anerkennung in Westeuropa und als Basis, eine kritische Position zum französischen Strukturalismus zu erweben, verhelfen. Ein Doktorantenstipendium mit im Rahmen eines bulgarisch-französischen Austauschprogramms ermöglicht ihr die Ausreise nach Paris 1965. Seit 1967 veröffentlicht Kristeva in französischer Sprache. Roland Barthes, der ihr Lehrer wird und mit dem sie bis zu dessen Tod durch ein freundschaftliches und akademisches Verhältnis verbunden ist, schreibt: "Kristeva changes the order of things: she always destroys the latest preconception, the one we thought we could be comforted by, the one of which we could be proud: what she desplaces is the already-said, that is to say , the insistence of the signified: what she suvbverts is the authority of monologic science and of filiation." (La Quinzaine Litteraire 19) Kristeva schreibt zu ihrer Ankunft über die Mischung aus Neugier und Ablehnung, auf die sie trifft, eine Reaktion auf ihre Begabung, den Gruppenkonsens und die Affirmation zu hinterfragen: “From the time of my arrival, I found, in this milieu, a distrustful and cold hospitality, that was nevertheless effective and dependable. A hospitality which has, moreover, never failed. Whatever the xenophobia, the antifeminism or the antisemitism of some, I maintain that French cultural life as I have come to know it has always been marked by a reserved but generous curiosity, one that is reticent but, everything considered, receptive to the nomad, the outlandish, the implant and the exogamous of all kinds.” (http://www.crescentmoon.org.uk/cresmokris, Stand: 6. Dezember 2007) Dabei bewegt sie sich in einem intellektuellen Kreis, der nicht den Durchschnitt der französischen Gesellschaft repräsentiert, jedoch über die Schnittmenge Strukturalismus und Avantgarde ein genuin französisches akademisches Phänomen darstellen mag und
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nimmt die Position der „Anderen“ als Fremde und als Frau in einer männlich dominierten Wissenschaftswelt ein. Sie heiratet 1967 den französischen Schriftsteller Philippe Sollers, der zum Kern der intellektuellen Unruhen im Paris der sechziger Jahre zusammen mit Jacques Lacan, Louis Althusser, Roland Barthes und Michel Foucault gehört. Zusammen haben sie zwei Kinder. Sollers ist Begründer der literaturkritischen Zeitschrift Tel Quel, deren Autorenkreis sie sich angeschlossen hat. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Politik der Sprache. Grundlage ihrer Forschung ist die Auseinandersetzung mit dem französischen Strukturalismus und mit den empirischen und subjektiven Kategorien des Humanismus. Kristeva arbeitet bewusst interdisziplinär, denn die Linguistik mit ihren festen Regeln stellt für sie eine Manifestation der bestehenden symbolischen Ordnung dar. Die wissenschaftliche Arbeit trägt zum Diskurs bei und muss politisch und ethisch verantwortlich behandelt werden. Die wissenschaftliche Methode der Linguistik widerspricht in ihrer Gleichförmigkeit der Heterogenität der Sprache, die an das Subjekt und an die Geschichte gebunden ist. Die Sprache beinhaltet neben ihrer Systematik auch Rede und Diskurs, die ihre gesellschaftliche Relevanz mitbestimmen, eine „heterogene destruktive Kausalität“ (Moi 1985: 152) Tel Quel ist die institutionalisierte kommunistisch beeinflusste, avantgardistische Form der Revolte, wie sie die europäische Studentenbewegung praktiziert. Ziel der Bewegung ist es, die Revolution, also den Umsturz der bürgerlichen Ordnung in Frankreich, der durch die frühe Surrealismusbewegung der 30er Jahre begonnen wurde, zu beenden, ohne jene Rigorosität, mit der das bulgarische Regime beispielsweise vorging. „(…) weil sich meine Kindheit und Jugend in einem totalitären Land abspielten, und ich sehr rasch das größte Misstrauen gegenüber totalisierenden Latenzen gewisser Befreiungsbewegungen innerhalb unserer Demokratien, bis hin zum Feminismus, empfunden habe?“ (Festrede Hannah Arendt-Preis) Ihre Mitarbeit zeitigt ein ambivalentes oder sogar dialektisches Verhältnis zur französischen Gesellschaft. Die eigene Erfahrung der kommunistischen Totalität zurücklassend, vielleicht negierend, absorbiert sie nicht automatisch die Werte der Exilgesellschaft, sondern nutzt das Wissen und die Erfahrungen zur konkreten Kritik an ihr.
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1990 blickt sie im autobiographischen Schlüsselroman Les Samouraïs auf „die intellektuellen und erotischen Abenteuer einer Gruppe französischer Intellektueller von 1965 bis Ende der Achtziger Jahre“ (Angerer 2007: 19) zurück und bilanziert den Nutzen der Avantgarde für die zeitgenössische Literatur. Das Interesse am Kommunismus gipfelt in einer Forschungsreise nach China 1974 mit Roland Barthes, Philippe Sollers und daraus zufolge die Veröffentlichung von Die Chinesin. Die Rolle der Frau in China 1979, das erste Buch, das ins Englische übersetzt wurde. Ein Jahr zuvor wird ihr der Lehrstuhl für Linguistik an der Pariser Universität übertragen. Kristeva beschäftigt sich maßgeblich mit der Entwicklung einer semiotischen Theorie beruhend auf dem Prozesscharakter von Zeichen. Demnach beruhe Sprache nicht nur auf ihren Gesetzmäßigkeiten, der Symbolik und seinem Inhalt, sondern funktioniert in einem Spannungsverhältnis von Form, Inhalt und nicht-verbalen Codes wie zum Beispiel Rhythmus und Melodik. Der Anteil der semiotischen Elemente als die Stabilität bestehender repräsentativer Systeme angreifend und der symbolischen, welche die Systeme vertreten, variiert gemäß der gesellschaftlichen Funktion der Sprache. Das semiotische Moment, als Ausdruck menschlicher Triebkräfte, ist stärker in (zeitgenössischer) Poesie und Lyrik vertreten, wirkt subversiv und bietet Möglichkeiten eines Umgangs mit Syntax und Form, die sich auf Politik und konstitutives Zusammenleben übertragen lassen: „in order to change the conception of ourselves we need to change language“ (Murray: 170). Nach Kristeva ist der Künstler als soziopolitisches Produkt eine Reaktion auf die Wiederkehr verdrängter unbewusster Triebelemente auf der persönlichen und auch gesellschaftlichen Ebene. Kreativität ist Revolte, denn sie bricht mit sozialen Konventionen und der Art der sprachlichen Repräsentation, die unser Handeln und Denken bestimmt. (Ebd.)

„This fascination with the sub- or pre-verbal is something that, looking back, Kristeva now associates with the liturgy of the Orthodox Church: „All my childhood was bathed in this,“ she says.“ (Why is a great critic ashamed of being fashionable? By John Sutherland ; 14. März 2006,The Guardian, Stand: 5.12. 2007) 4

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Auch der Text ist ein soziopolitisches Produkt und befindet sich in dynamischer Kommunikation mit anderen Texten und in gegenseitiger Abhängigkeit zu allen literarischen Produkten. Mit dem Konzept der Intertextualität (Prinzip der Dialogizität/ Polyphonie) erlangt Julia Kristeva eine internationale Bekanntheit. „Das literaturwissenschaftliche Fachgebiet, das sich seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts mit solchen Fragen textueller Transpositions- bzw. Transformationsprozesse beschäftigt, trägt den Namen Intertextualitätsforschung. Geprägt wurde der Begriff von der bulgarisch-französischen Psychoanalytikerin und Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Julia Kristeva in ihrem Aufsatz „Bakhtine, le mot, le dialogue et le roman“ (1967), in dem sie Michail Bachtins Dialogizitäts-Modell auf den textuellen Status von Literatur im Ganzen übertrug. Bei Kristeva heißt es programmatisch: „Jeder Text baut sich als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes. An die Stelle des Begriffs der Intersubjektivität tritt der Begriff der Intertextualität, und die poetische Sprache lässt sich zumindest als eine doppelte lesen.““ (http://de.wikipedia.org/wiki/Intertextualit%C3%A4tstheorie)

Ihre Forschungen auf dem Gebiet der Philosophie, Linguistik, Semiotik, Literaturtheorie, Psychoanalyse führen zur Formulierung neuer Methoden des kritischen Diskurses, um Logik und Realität auf diese Weise reflektieren zu können. Ein drittes Konzept neben Semiotik und Intertextualität, das für Kristeva wegweisend ist, ist jenes der Abjektion, der Frage nach der Faszination des Abstoßenden und Abschreckenden. Aufbauend auf dem Konzept des Semiotischen und Symbolischen, das sich analog auf Unbewusstes und Bewusstes, Verdrängtes und gesetzmäßig Geschaffenes übertragen lässt, erforscht Kristeva kulturelle Phänomene wie Ekel und Alterität, als sozusagen unerwünschte Triebprodukte und als literarische Auseinandersetzungen mit der Überschreitung von Tabu und Verbot. Themen werden Melancholie und Depression in künstlerischen Manifestierungen als auch die Beziehung von Psychoanalyse und Glauben. Die Revolte tritt hinter die Analyse: Die Freudsche und Lacansche Psychoanalyse, werden zu einem Hauptdiskurs, der dabei entscheidende Einflüsse auf Kristevas Arbeit ausübt. Sie lässt sich bis 1979 in Psychoanalyse ausbilden und arbeitet neben ihrer Lehrtätigkeit praktisch als Psychotherapeutin. “Kristeva has stated that her interest in psychoanalyis arose partly from being exiled from Bulgaria. Being an exile helped Kristeva see both her own country and her adopted country
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more clearly. Her experience of displacement was an ingredient in her idea of the 'cosmopolitan' individual, the 'intellectual dissident'.” (http://www.crescentmoon.org.uk/cresmokris, Stand: 6. Dezember 2007) „Die Ethik der Psychoanalyse impliziert eine Politik: Es würde sich um einen Kosmopolitismus neuer Art handeln, der, quer zu den Regierungen, den Ökonomien und den Märkten, an einer Menschheit arbeitet, deren Solidarität in dem Bewußtsein ihres Unbewußten gründet – einem Unbewußten, das begehrend, zerstörerisch, ängstlich, leer, unmöglich ist.“ (Kristeva 1990: 209) Unter dem Einfluss der praktischen Psychoanalyse erstellt Kristeva „eine zunehmende pessimistische Diagnose der menschliche Psyche in der modernen Gesellschaft“ (Angerer 2007: 14) Das Werk Etrangers à nous-mêmes entsteht 1988 vor dem Hintergrund der Fremdenfeindlichkeit in Frankreich. Die abendländische Kulturgeschichte des oder der Fremden, ihre Rolle und Position in Konstrukten wie Nationalismus ebenso Aspekte lebensweltlicher Erfahrung wie Glück, Verlust und Schweigen, wie sie der Fremde und der, der mit dem Fremden in Berührung kommt, erlebt, werden examiniert und daraus resultierende Probleme für eine Gesellschaft, die sich sogenannten fremden Einflüssen nicht verschließen kann. „Ausschlaggebend dabei ist, daß die von unserer Gesellschaft vorgeschlagene Absorption des Fremden sich für das moderne Individuum als unannehmbar erweist; dieses ist nicht nur eifersüchtig auf seine nationale und ethische, sondern auch auf seine wesentlich subjektive, irreduzible Different bedacht. Der Nationalismus, Abkömmling der bürgerlichen Revolution, ist das zunächst romantische, dann totalitäre Symptom des 19. und 20. Jahrhunderts geworden. Aber auch wenn der Nationalismus sich univeralistischen Tendenzen (…) widersetzt und dazu tendiert, den Fremden einzukreisen, sogar zu verfolgen, so führt er doch nicht minder zu dem partikularistischen und intransigenten Individualismus des modernen Menschen. Aber vielleicht ist es gerade die Subversion dieses modernen Individuums, der Moment, in dem der Staatsbürger als Individuum aufhört, sich als einheitlich zu betrachten und zu glorifizieren, und statt dessen seine Inkohärenzen und seine Abgründe, kurz: seien „Fremdheit“, entdeckt, von wo aus die Frage sich neu stellt: Nicht mehr nach Aufnahme des Fremden in ein System, das ihn auslöscht, sondern nach Zusammenleben dieser Fremden, von denen wir erkennen, daß wir alle es sind.“ (Kristeva 1990:12)
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„(…) mein Unbehagen, mit dem anderen – meiner Fremdheit, seiner Fremdheit – zu leben, beruht auf einer gestörten Logik, die jenes seltsame Bündel von Trieb und Sprache, von Natur und Symbol, welches das immer bereits durch den anderen geformte Unbewußte ist, lenkt. Es gilt, die Übertragung aufzulösen – die Hauptdynamik der Alterität, der Liebe wie des Hasses gegenüber dem anderen, der für unsere Psyche konstitutiven Fremdheit -, damit ich mich ausgehend von dem anderen mit meiner eigenen Alterität-Fremdheit aussöhne, damit ich mit ihr spiele und von ihr lebe. (…) Wie könnte man einen Fremden tolerieren, wenn man sich nicht selbst als Fremden erfährt?“ (Ebd.: 198) Wobei das Fremde sich als etwas längst Vertrautes erweist, dass verdrängt wurde und nun verfremdet nicht mehr als Eigenes erkannt und meist ängstlich antizipiert wird. „Um die Autorität dessen, was uns (ver)bindet mit der Unberechenbarkeit jedes Einzelnen von uns ebenso zu versöhnen wie die Pluralität der Welt mit dem auf das Urteilen hin ausgelegten Leben des Geistes. (…) Möchte ich dies gern glauben, weil ich, auf meine Weise auch „ein Mädchen aus der Fremde“ bin (…)? Dass ich, auf meine Weise, die Fremdheit und die Melancholie der globalisierten Welt, aber auch die von ihr hervorgerufene Freude erlebe?“ (Festrede Hannah Arendt-Preis)

An der Columbia State Univerity in New York unterhält sie eine Gastprofessur, und hat den Chair of Literary Semiology mit Umberto Eco und Tzvetan Todorov inne, der 1939 in Sofia geboren und seit 1965 in Paris, mit Kristeva die Theorien der Russischen Formalisten in Tel Quel einführte.

1997 erhält Julia Kristeva den französischen Preis Chevalière de la légion d'honneur , 2004 den internationalen Holberg Preis und 2006 den Hannah Arendt-Preis.

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Kristeva denkt transkulturell, ihre Heimat ist das Unstete und Dynamische – die Verbindung oder Erlösung der Ideen aus ihrem Zusammenhang in einen neuen. Ihre Heimat ist das Denken, eine Handlung die vielleicht überpolitisch ist: sie emigriert aus Bulgarien und findet Anwendung für das spezielle Wissen, das sie sich unter dem gegebenen politischen Einfluss erworben hat. Sie schließt sich einer linken intellektuellen Bewegung an, ohne mit dem Kommunismus in bulgarischer Ausprägung einverstanden zu sein. Sie wird integriert, aber bewahrt sich die Distanz, die sie zur Kritik benötigt. Sie erforscht nach zwanzig Jahren in Paris das Phänomen des Fremden und spürt dessen Ursachen in der Geschichte nach, sie thematisiert die orthodoxe Kirche als ein prägender Einfluss ihrer Kindheit in Detektivgeschichten. Sie lehrt in den Vereinigten Staaten und genießt als französische feministische Theoretikerin weltweit Anerkennung – es scheint, als habe sie sich die Liebe zu den Menschen so sehr bewahrt, dass sie keinen Respekt vor ihren Produkten haben muss. Immer an einer Grenze bewegend, gewillt, sie zu überschreiten, tritt Kristeva für einen Dialog ein. Für Kristevas Werk ist die Bewegung kennzeichnend. Mit einer Akribie, die vor bestehenden Gesetzmäßigkeiten nicht anhält, deren Autorität hinterfragt und denen nicht blind gehorcht wird, denkt sie weiter, fragt weiter. Kristeva stellt die Identitäten zur Disposition, die zu einem bestimmten Denken und Handeln zwingen. Sie lässt sich nicht unter dem Diktat einer Umwelt und eines Umfeldes zu Entscheidungen zwingen, aber sie ist dem Menschen und der Geschichte treu. Sie ist dem Menschen da treu, wo sie erforscht, was seine Beweggründe sind, welches die Motive, sich das (Zusammen-)leben so oder so zu gestalten, welches die Gemeinsamkeiten sind. Sie wendet psychoanalytische Konzepte und Methoden dort an, wo es vielleicht unangenehm wird, wo wir mit etwas in Berührung kommen, was nicht klare Grenzen und Formen hat, wo wir uns erwischt fühlen, weil wir uns anders und sonders dünken. Kristeva forscht nach Verständigung – von der Idee einer Interpendenz in der Sprache und in den literarischen Produkten schlussfolgert sie auf gegenseitige Abhängigkeitsbeziehungen der Individuen über Grenzen, Rollen- und Identitätsmodelle hinaus.

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Literatur: Eva Angerer (2007): Die Literaturtheorie Julia Kristevas. Von Tel Quel zur Psychoanalyse, Wien Julia Kristeva (1990): Fremde sind wir uns selbst, Frankfurt am Main Toril Moi (1985): Sexual/ Textual Politics: Feminist Literary Theory, darin: Marginality and subversion: Julia Kristeva, London, S. 149 – 166 Chris Murray (2003): Key writers on Art. The twentieth century, London/ New York La Quinzaine Litteraire 19 http://www.crescentmoon.org.uk/cresmokris (Stand: 6. Dezember 2007) Julia Kristeva: Festrede Hannah Arendt-Preis, http://images.zeit.de/online/2006/52/Kristeva_Arendt-Preisrede1.pdf John Sutherland (2006): Why is a great critic ashamed of being fashionable?, The Guardian (Stand: 5. Dezember 2007) http://de.wikipedia.org/wiki/Intertextualit%C3%A4tstheorie (Stand: 6. Dezember 2007)

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