Sie sind auf Seite 1von 6

336 Weimarer RepubliK und Literatur im Exil Romane über „kleine 337

sprachlich erfinderisch; der „poeta militans", wie er sich selbst nannte, erlag nur zeigen Spuren des politischen Drucks, dem der Autor ausgesetzt war. Die
selten der Schablone. Seine Gedichte trug er oft auf politischen Versammlungen qualvollen Erfahrungen aus der Nazizeit brachte er in seine letzten Romane ein
vor. Die Einheit von literarischem und politischem Wirken kennzeichnete auch (z. E. Jeder stirbt für sich allein, 1947; Der Alpdruck, 1947).
seine rege antifaschistische Aktivität in der Emigration. - Der zweiten der beiden Der Sprache nach der deutschen Literatur zuzurechnen sind die frühen Romane
genannten Tendenzen neigte JOACHIM RINGELNATZ zu (mit richtigem Namen des rätselhaften B. TRAVEN, eines Schriftstellers von Weltruf, dessen Identität
Hans Bötticher, 1883-1934), der schon vor dem Ersten Weltkrieg als Kabarettist noch immer nicht völlig geklärt und daher Gegenstand von allerlei Mutmaßun-
und Dichter von sich reden gemacht hatte. Eine Bohemenatur, trieb er sich in gen ist. Vor 1933 hat er seine Romane in Deutschland veröffentlicht. Einer
seiner Jugend u. a. als Matrose und Schauspieler in der Welt herum. In der Hypothese zufolge ist Traven mit dem Publizisten R. Marut (Richard Maurhut)
Dichtung gelang ihm eine eigentümliche Synthese aus Großstadtchanson voll identisch, dessen Spuren sich nach der Zerschlagung der bayerischen Räterepublik
exzentrischen Humors und intimem, einfühlsamem, von leichter Hand wie verloren. Erwiesen ist jedenfalls, daß der Autor viele Jahre in Mexiko verbracht
unbekümmert hingestreutem Lyrismus. Mit seinem Hang zur Groteske spielte hat, wo er das Leben der Bauern, Tagelöhner und Goldgräber kennenlernte. Laut
dieser Dichter in geradezu kindlicher Neugier mit der Sprache, indem er die Aussage der mit der Wahrnehmung seiner Interessen Betrauten starb er 1969.
Wörter um- und verdrehte, um so vielleicht in alogischer Willkür und Sinnlosig- Beträchtliches Aufsehen erregte er bereits mit seiner ersten Arbeit (Das Toten-
keit einen verborgenen poetischen Sinn aufzuspüren. Das Leben, kunterbunt und" schiff, 1926), einem Roman vom abenteuerlichen Schicksal arbeitsloser Matrosen
unbeständig, wird durch die Augen eines betrunkenen Seemanns gesehen, der und Vagabunden. Den Hauptanteil seines Werkes machen die Romane aus, die am
saftig und drastisch von den Ereignissen auf fernen Meeren, in Häfen und Leitfaden einer lebhaften Fabel ihren Stoff aus den zeitgenössischen Verhältnissen
Bordellen schwadroniert (Sammlung Kuttel Daddeldu, 1920); es wird im Vor- in Mexiko schöpfen und Episoden aus dem Leben von Plantagenarbeitern (Die
übergehen, beim Vagabundieren durch mancherlei Städte erlebt (Reisebriefe eines Baumwollpflücker, 1926), Abenteurern auf Goldsuche (Der Schatz der Sierra
Artisten, 1927) und manchmal auch aus der Vogelperspektive betrachtet (Flug- Madre, 1927) und Einheimischen schildern, die ihren Besitz gegen das Vordringen
zeuggedanken, 1929). Satirische Gedichte mit einer Spitze gegen die „germani- des amerikanischen Kapitals verteidigen (Die weiße Rose, 1929). Gesellschaftskri-
sche" Ideologie enthält die Sammlung Turngedichte (1920). Den Zauber einer tische Erkenntnisse sind auch das Herzstück der übrigen Werke. Eine weitere
scheinbar naiven Parataxe, die frappierende und erfrischende Beobachtungen aus Konstante von Travens Prosa ist die dokumentarisch untermauerte, mit Erzähl-
dem Alltagsleben aneinanderreiht, weisen auch die späten Gedichte dreier Jahre mustern des Abenteuerromans versetzte Fiktion.
auf (1932). Die neurealistische Prosa ist nun allerdings nicht das einzige Kennzeichen der
Im Bereich der Prosa genießt unter den literarischen Weggenossen der gesell- Literatur in der Zwischenkriegszeit. Das Nebeneinander unterschiedlicher Stil-
schaftskritischen Richtung HANS FALLADA (mit richtigem Namen Rudolf Ditzen, konzeptionen und Auffassungen von der Funktion der Literatur, eine besonders
1893-1947) die größte Popularität. In seinem - nicht immer erfolgreichen - um die Jahrhundertwende auffällige Erscheinung, zeichnet auch das literarische
Bemühen, Sentimentalität zu vermeiden, zeigt er mit viel Mitgefühl und Humor Leben der zwanziger Jahre aus. Ein Blick auf diese pluralistische Situation läßt
das Alltagsleben des „kleinen Mannes", seinen Überlebenskampf in der kapitali- erkennen, daß die großen Schriftsteller einer Epoche nicht immer Vertreter
stischen Gesellschaft. Von der Reportageliteratur übernahm Fallada die gedrängte dominanter Strömungen zu sein brauchen. Zu gewissen Zeiten entziehen sich
Erzählweise und das hastige Tempo; neben der dialogischen, „szenischen" Dar- solche Autoren den aus den Haupttendenzen der Epoche abgeleiteten Merkmals-
bietung kennt er aber auch die humoristische Reflexion. Charakteristisch ist das rastern. Das Werk Thomas Manns ist ein überzeugendes Beispiel. „Unzeitgemäß-
Erzählen im Präsens: auch die Zeitform des Verbs wird in den Versuch einge- heit" kann die Folge starker Traditionsbindung sein, einer Haltung, wie sie in den
spannt, den Erzählvorgang von der überkommenen Suggestivität der klassischen Werken konservativer Schriftsteller der ersten Jahrhunderthälfte durchschlägt
Vergangenheitsform freizuhalten, die Fiktionalität einschließt; das Präsens sugge- (Werner Bergengruen, Reinhold Schneider, Hans Carossa, Ernst Wiechert u. a.).
riert demgegenüber die „Authentizität" der Ereignisse. Anders als die Schriftstel- Die literarischen Leistungen dieser Schriftsteller, die namentlich als Erzähler
ler, bei denen das individuelle Schicksal ganz im kollektiven Geschehen untergeht, bekannt wurden, sind unterschiedlich in Orientierung und Wert. Die Tradition
baut Fallada die Fabel auf den Erlebnissen liebevoll geschilderter Personen auf. klassischer Novellistik, vorwiegend in der Art der großen russischen Erzähler des
Obwohl er den größten Erfolg mit seinem Roman Kleiner Mann, was «»n? (1932) 19. Jahrhunderts, pflegte mit hoher Sprachkultur WERNER BERGENGRUEN (1892-
erzielte, der vom anhaltenden Mißgeschick eines kaufmännischen Angestellten 1964). Strukturell sind für seine zahlreichen Erzählbände (z. B. Das Buch Roden-
und seiner Familie zur Zeit der Wirtschaftskrise erzählt, ist doch ein anderer stein, 1927, Der tolle Mönch, 1930, Der Tod von Reval, 1939, Die Flamme im
Roman ungleich wichtiger: Bauern, Bonzen und Bomben (1930), ein breites Säulenholz, 1953) und Romane (z. B. Der Großtyrann und das Gericht, 1935) oft
episches Gemälde von den politischen Konflikten in der Provinz, eines der besten abenteuerhafte Begebenheiten und „Wunder" bezeichnend, thematisch eine me-
Werke über die Verhältnisse in der Weimarer Republik. Die Texte, die im taphysische Sicht und eine betont christliche Ethik. Nicht selten ist freilich
Anschluß an den Roman Wer einmal aus dem Blechnapf frißt (l 934) herauskamen, . augenzwinkender Humor. Strenger in der religiösen Tendenz war REINHOLD
338 Weimarer Republik und Literatur im Exil Musils Ironie 339

SCHNEIDER (1903-1958), dessen Schriften vor allem der Problematik des Glau-
bens und der politischen Macht gelten. Seine metaphysische Geschichtsdeutung
(etwa im Roman Las Casas vor Karl V., 1938) war zur Zeit der NS-Diktatur eine
Form des Widerstandes. Schneider, Wiechert und verwandte Autoren wurden
später als Gruppe begriffen: als Vertreter der „Inneren Emigration". 3 r.
Ein ernsthafteres Problem literaturgeschichtlicher Synthese ist das Schaffen
derjenigen Autoren, bei denen die Zeittendenzen in sehr komplizierter Weise
ihren Niederschlag finden, stets mittelbar und auf Umwegen oder doch in einem
Medium, das von aktuellen Merkmalen augenscheinlich frei ist. Ein solcher Autor
ist der österreichische Erzähler ROBERT MUSIL (1880-1942). Ein allseitig gebilde-
ter Intellektueller, Maschinenbauingenieur und Doktor der Philosophie (auf-
grund einer Dissertation über Ernst Mach), ist Musil schon frühzeitig Skeptiker,
der Identifizierung mit dem Milieu abgeneigt, ein introvertierter Beobachter des
Lebens. Seine geistige Entwicklung ist in erster Linie durch sein Interesse für die
Wissenschaft, die Philosophie, die Essayistik gekennzeichnet. In frühen Auf-
zeichnungen finden Nietzsche und Dostoevskij Erwähnung. Im Jahre 1906
veröffentlichte Musil seinen ersten Roman, der trotz des zeitgenössischen und in Robert Musil (1880-1942), Der Mann ohne
gewissem Maße sogar autobiographischen Stoffs „unzeitgemäß", man könnte Eigenschaften (Erstes Buch): Titelseite der
sagen: verfrüht, wirkte. Ein Dutzend Jahre später, in der Hochphase des Expres- Erstausgabe von 1930. Die künstlerische
Gestaltung des Einhandes ist ein charakteri-
sionismus, schenkten die jungen Schriftsteller ihrem Vorgänger kaum Beachtung. stisches Beispiel für konstruktivistische Lö-
Die Verwirrungen des Zöglings Törleß leugnen weder die Tradition des psycholo- sungen in der Buchausstattung Ende der
gischen Romans noch die der naturalistischen Detailauslotung. Aber der Schwer- zwanziger Jahre.
punkt des Werkes liegt nicht im Zerfasern der Ursachen psychopathologischer
Symptome im Verhalten der Zöglinge eines österreichischen Internates. Diese
Prosa interessiert sich weit mehr für die Technik des psychischen Drucks, die Ironiker Musil hat in den Mittelpunkt seiner Bilanz der sterbenden Epoche die
Methoden, in denen der Sadismus einiger Zöglinge zutage tritt. Törleß, verwirrter Figur des skeptischen Intellektuellen Ulrich gestellt, des „Mannes ohne Eigen-
und passiver Augenzeuge nächtlicher Geschehnisse im Dachgeschoß der Lehran- schaften", d. h. eines Mannes ohne eigentliche Festlegung, eines scharfsinnigen
stalt, lernt Dinge kennen, die der Autor des Romans später, als Offizier im Krieg, Analytikers, dessen kritisches Bewußtsein jedwede Erscheinung von verschiede-
in weit größeren Ausmaßen antreffen und diagnostizieren sollte. Auf dem Wege nen Standpunkten aus zerpflückt und dabei von ständigem Zweifel an der
zu seinem Hauptwerk hat Musil - gewissenhaft und rascher Arbeit abgeneigt - Wirkungskraft der Gedanken wie auch der Tatsächlichkeit alles Wirklichen
wenig veröffentlicht. In den Novellen Drei Frauen (1924) und den beiden ergriffen ist. Das Gerüst des Geschehens ist „gespenstisch unwirklich": in den
dramatischen Werken (Die Schwärmer, 1921, und Vinzenz und die Freundin Kreisen der Hofbürokratie, der Industriellen und anderer Vertreter der „Gesell-
bedeutender Männer, 1924) sah er eher Schreibstudien. schaft" erörtert man ein Programm für einen der Jahrestage der Monarchie, doch
Um die Mitte der zwanziger Jahre machte er sich an die Arbeit zu seinem dies Vorhaben bleibt in einer Phase endloser Mutmaßungen, Intrigen und Ränke
Lebenswerk, dem Roman Der Mann ohne Eigenschaften (I 1930, II 1933, III stecken. Ulrich, Sekretär eines Ausschusses, ist Zeuge der Ohnmacht und Hohl-
postum in der Schweiz 1943), der trotz aller Anstrengungen des Autors unvollen- heit einer Gesellschaft, der er auch selbst angehört, ohne daß er sich indes mit dem
det geblieben ist. Zu einer Zeit, da eine an der Reportage geschulte Prosa die Bemühen ihrer Repräsentanten identifizierte, die Anzeichen des Verfalls mit einer
Losung des Tages war, mußte Musils epische Retrospektive einem Teil der Kritik ideologischen Fassade zu verbrämen. Auch Ulrichs Privatleben, so seine erotische
wiederum unzeitgemäß erscheinen. Schon zu Lebzeiten war der Autor, der 1938 Zuneigung zu seiner Schwester, steht im Schatten der Unfähigkeit, inhaltsleere
ins Schweizer Exil gegangen war, nahezu vergessen. Erst die Nachkriegsausgaben Konventionen zu verwerfen und die Vision eines harmonischen und sinnerfüllten
haben die Erkenntnis gefördert, daß Der Mann ohne Eigenschaften einer der Lebens zu verwirklichen, dem Ulrich in seinen träumerischen „Überlegungen im
bedeutendsten Romane unseres Jahrhunderts, ein umfassendes Panorama der Konjunktiv" nachhängt. Musils sprachliche Virtuosität besticht ebenso wie der
spätbürgerlichen Kultur ist. Schauplatz der in der Hauptsache geringfügigen gedankliche Reichtum seiner Prosa; die Ironie der satirischen Kapitel wirkt
Ereignisse ist der Staat „Kakanien" (d. h. die k. u. k. Monarchie, das kaiserlich- ebenso intensiv wie der verhaltene Lyrismus der intimen Passagen. Wie einige
königliche Österreich-Ungarn) im letzten Jahr vor Ausbruch des Krieges. Der Romane Thomas Manns verläßt auch Musils Werk mit seiner Fülle essayistischer
....* ;:•.,
340 Weimarer Republik und Literatur im Exil IV Kunst und Ethik bei Broch 341

Jahre 1918 ab und zeigt die moralische Desintegration der bürgerlichen Gesell-
schaft. In den dritten Roman arbeitete Broch als Stück um Stück aufgenommenen
Parallelstrang zum erzählerischen Faden einen essayistischen Kommentar ein, der
auch als integrale Abhandlung gelesen werden kann: den philosophischen Text
vom „Zerfall der Werte", der den Entwicklungsgang des neuzeitlichen Bürger-
tums beurteilt. Die Atomisierung der menschlichen Tätigkeiten und den Verlust
der Bindung an ein umfassendes moralisches Weltbild faßte er allerdings in
idealistischer Weise auf, indem er geistige Phänomene als gänzlich autonome
Phasen geschichtlicher Prozesse kennzeichnete. Deutlich spürbar ist daher in
diesem Roman ein Gegensatz zwischen der philosophischen und der erzähleri-
schen Ebene, die weitaus weniger abstrakt ist.
Oze Manuskriptseite des Romans Hauptwerk der späten Schaffensperiode ist der Roman Der Tod des Vergil
Der Mann ohne Eigenschaften
(1945), der in den Jahren der Emigration in den Vereinigten Staaten entstand.
enthält den Entwurf zum
47. Kapitel - „Wandel unter Einige Kritiker haben dieses Werk mit James Joyces Ulysses verglichen (einem
4tl
>' -v™-/^ " 'i i- •»•lt-v^-*;- —/ Roman, den Broch außerordentlich schätzte), doch bleibt dieser Vergleich auf die
-•<.»<•-A. •< »«»Ft—i—••••'-vf»-1—^ ^ .",yr.v Menschen " - am Schluß des drit-
ten Buches. Dieses Lebenswerk Ebene einzelner Analogien beschränkt. Der Roman vom letzten Tag im Leben des
von Musil entfaltet ein umfassen- römischen Dichters, von den Augenblicken, da sein Bewußtsein bereits im
des Panorama der spätbürgerli- Schatten des Todes liegt, ist nach dem Verständnis des Autors ein „lyrischer
chen Kultur und gilt als einer der Kommentar" zu einem Thema, das zu vielen Zeiten aktuell sein kann. Vergib
bedeutendsten Romane unseres gewaltiger innerer Monolog, der die schwellende rhythmische Prosa dieses Ro-
Jahrhunderts. mans strukturiert, umfaßt alle Schichten des allmählich erlöschenden Bewußt-
seins, einen Schwall von Erinnerungen, Asssoziationen, Gedanken. Im Mittel-
Erwägungen das „Erzählen" im engeren Sinne und verschmelzt das Narrative mit punkt steht die Frage: Soll, so wie es der Kaiser will, das Lebens werk, das große
kritischer Reflexion. Epos erhalten bleiben? Brochs Vergil gibt tiefem Zweifel am „artistischen Spiel"
Auf dem Wege zum „philosophischen Roman" begleitete ihn sein Landsmann der Kunst Ausdruck und vertritt die Überzeugung, daß keine menschliche
HERMANN BROCH (1886-1951). Auch der Lebenslauf gibt hier zum Vergleich Tätigkeit der moralischen Verantwortung vor dem Leben ausweichen darf.
Anlaß: Broch studierte in Wien Mathematik und Philosophie und erwarb sich eine Brochs These vom Übergang der Kunst in begrifflich definierte Erkenntnis (bei
breitgefächerte Bildung; seinen bürgerlichen Beruf in der Industrie gab er um der diesem Autor eine gedankliche Konstante, die auf die Tradition der Hegeischen
Literatur willen auf, stellte aber als freier Schriftsteller die Beschäftigung mit Ästhetik verweist) zeigt, daß Der Tod des Virgil kein historischer Roman in
wissenschaftlichen Studien, z. B. der Psychologie, nicht ein. Gegen Ende seines einem gewohnten Sinne, sondern vielmehr eine Synthese von psychologischer
Lebens wandte er sich Wissenschaft und Philosophie sogar immer stärker zu und Prosa und Parabel ist. Ausgangspunkte der Parabel waren Brochs politische
trieb Forschungen auf dem Gebiet der kollektiven Psychologie. Aus dieser Erfahrungen: in der Zeit der faschistischen Überfälle hatte die Problematik der
späteren Phase stammt eine Reihe ästhetischer, erkenntnistheoretischer und Verantwortung, die auch in das künstlerische Schaffen hereinreicht, besondere
kulturgeschichtlicher Esssays (postum veröffentlicht in den Bänden Dichten und Aktualität gewonnen. Brechts Frage, ob in einer Zeit der Gewalt ein Gespräch
Erkennen, 1955, und Erkennen und Handeln, 1955). Für Broch war Literatur über die Schönheiten der Natur erlaubt sei, Adornos Gedanke, daß es barbarisch
stets untrennbar mit intellektueller Erkenntnis verbunden, das literarische Werk sei, Gedichte zu schreiben, ohne an die Todeslager zu denken, all das sind
bot ihm spezifische Möglichkeiten, seine Erfahrungen einem Gestaltungsprinzip Formulierungen derselben Problematik, erwachsen aus derselben geschichtlichen
zu unterziehen, wonach der Gedanke den Erzählvorgang durchdringen sollte. Ein Epoche. Die Erfahrungen mit dem Faschismus schlugen sich auch in dem
solches Werk ist Brochs erste reife Leistung, die Trilogie Die Schlafwandler (193l/ „Roman" (eigentlich einem Zyklus von Erzählungen) Die Schuldlosen (1949)
32), bestehend aus den Romanen Pasenow oder die Romantik, Esch oder die nieder, einem Prosawerk über Menschen, die wegen ihrer Gleichgültigkeit den
Anarchie, Huguenau oder die Sachlichkeit). Der Autor hat hier die stilistische politischen Erscheinungen gegenüber zu Mitschuldigen werden. Auch das letzte
Organisation der einzelnen Romane jeweils auf die literarischen Strömungen der Werk, der Roman Der Versucher (1953), spielt auf Ereignisse aus der jüngsten
Zeit, in der die Handlung verläuft, abgestimmt und rückt so vom traditionellen Geschichte an: in der primitiv-archaischen Ideologie, die. ein Blender den Bauern
Erzählen bis zu den modernen Versuchen vor. Mit einer Reihe charakteristischer einer Gebirgsgegend einflüstern will, ist die Parallele zum Faschismus unschwer
Figuren und Episoden steckt er den Zeitraum vom späten 19. Jahrhundert bis zum zu erkennen. Der Mythos von der natürlichen Güte indes, der das Gegengewicht
342 Weimarer Repumik und Literatur im Exil Literatur und Philosophie bei Benjamin 343

zu Bedrohung und Gewalt schafft, ist ebenfalls irrational und wirkt sentimental.
Im übrigen hat der Autor die Endredaktion des Werkes nicht mehr abschließen
können.
In Wien lebte in den zwanziger und dreißiger Jahren auch FRANZ WEKFEL, eine
vollkommen gegensätzliche Künstlernatur. Nach einer expressionistischen Phase
(die im Kapitel über den Expressionismus erwähnt wurde) entschloß sich dieser
Autor zu einer Erzählprosa traditionellen Zuschnitts. Ohne den Hang zur
Erprobung neuer Ausdrucksmöglichkeiten, aber geschickt in der Darstellung
einer lebhaften Handlung und einprägsamer Gestalten, bereitete Werfel seinen
Lesern weder Überraschungen noch Enttäuschungen. Besonderen Erfolg erzielte
er mit dem „Roman der Oper" Verdi (1924), einer psychologisch durchleuchteten
Episode aus dem letzten Lebensabschnitt des Komponisten, einer Zeit der
Zweifel, die durch die Begegnung mit Wagners Kunst geweckt worden waren. Zu
Werfels besten Texten sind die weniger bekannten Erzählungen Der Tod des
Kleinbürgers (1927) und Das Trauerhaus (1927) zu rechnen, in denen sein sonst
selten anzutreffender Sinn für Humor zur Geltung gelangt. Die späteren, im Wert
unterschiedlichen Werke zeigen, daß es ihm nicht immer gelang, Sentimentalität
oder oberflächlichen Effekt zu vermeiden. Wertvoll sind der kürzere psychologi-
sche Roman Der Abituriententag (1928) sowie die breitangelegten Romane
Barbara oder Die Frömmigkeit (1929) und Die vierzig Tage des Musa Dagh Walter Benjamin (1892-1940): Die
Pbotographie stammt aus den zwanzi-
(1933). Im Mittelpunkt der Thematik steht die moralische Standhaftigkeit von
ger Jahren.
Menschen, die sich der Gewalt widersetzen. In der Emigration entstand die
Romanlegende Das Lied von Bemadette (l 941), ein Zeugnis von Werfels Neigung die dramatische Durchführung ist nicht immer ganz überzeugend. Die Frucht
zur Glaubensrnetaphysik, sowie der Roman Stern der Ungeborenen (1946), eine anthropologischer Studien (die sich auch in den Dramen widergespiegelt haben)
negative Utopie von einer fernen Zukunft, der „astromentalen" Epoche der ist die umfangreiche philosophische und soziologische Abhandlung Masse und
Menschheit, in der die Perfektion der Technik furchtbar und lächerlich zugleich Macht (1960), die die Entwicklung des menschlichen Verhaltens in frühen Kultu-
ist. ren und den Einfluß archaischer Erscheinungen in jüngeren Epochen untersucht.
Broch, Musil, aber auch Karl Kraus steht ELIAS CANETTI nahe (geb. 1905 in Canettis analytischer Scharfsinn und essayistischer Glanz treten gleichermaßen in
Bulgarien, spanisch-jüdischer Herkunft). Er spricht von Kind an mehrere Spra- den Tagebuchaufzeichnungen zutage, knappen Essays und Aphorismen, die
chen, entschied sich aber in seinem literarischen Schaffen ganz für das Deutsche. gesammelt in den Bänden Aufzeichnungen (1965) und Alle vergeudete Verehrung
Canetti studierte in Wien, lebt aber seit 1938 im Ausland. In Wien entstand sein (1970) erschienen sind.
bedeutendstes Erzählwerk, der Roman Die Blendung (1935), der erst in neuerer Literatur und Philosophie sind untrennbare Kategorien im Schaffen WALTER
Zeit die verdiente Anerkennung gefunden hat. In sehr verhaltener psychologi- BENJAMINS (1892-1940) und ERNST BLOCKS (1885-1977), die Zeitgenossen zweier
scher Prosa erzählt der Autor von einem launenhaften Intellektuellen, der in der Epochen sind: der Zwischenkriegszeit, in der auch Bloch einen beträchtlichen Teil
Welt seiner Bücher lebt und die „Wirklichkeit" in Gestalt seiner Hauswirtin und seines Werkes schuf, und der Nachkriegszeit die erst die wahren Dimensionen
späteren Frau kennenlernt. Die sinnlose Ehe, ein ständiger Kampf zwischen den ihrer Gedanken offengelegt hat. Literaturkritik und Essayistik der zwanziger und
genannten, durch eine tiefe Kluft voneinander getrennten Personen, endet mit frühen dreißiger Jahre sind heute ohne ihre Beiträge unvorstellbar. Benjamin, der
dem grotesken Tod des geplagten Sonderlings. Der Roman ist eine suggestive vor seiner Emigration im Jahre 1933 überwiegend in Berlin lebte und dort als
Darstellung der Entfremdung und der gestörten menschlichen Beziehungen. Das Übersetzer und Publizist tätig war, brachte nur einen geringen Teil seiner
verkrüppelte Bewußtsein des Idealisten und der rücksichtslose Egoismus des Arbeiten zur Veröffentlichung. In Buchform erschienen seine Studie Ursprung
Pragmatikers sind nur verschiedene Symptome desselben Zustandes. Canettis des deutschen Trauerspiels (1928) und eine Sammlung aphoristischer Aufzeich-
dramatische Werke (Die Hochzeit, 1932; Komödie der Eitelkeit, 1934, 1950 nungen und kurzer Essays mit dem Titel Einbahnstraße (1928). Die Studie über
veröffentlicht; Die Befristeten, 1956) sind Modelle absurder Zustände, die sich aus die allegorischen Merkmale des Barockdramas, eher eine philosophische als eine
sinnlosen Konventionen, ideologischer Verblendung und Lebenslügen ergeben. literaturgeschichtliche Arbeit, ist einer der bleibenden Texte im Rahmen der
Aufmerksamkeit beanspruchen in erster Linie die gedanklichen Konstruktionen; deutschen kulturwissenschaftlichen „Geistesgeschichte", vergleichbar mit Lu-
344 Weimarer Republik und Literatur im Exil Bloch und Adorno 345

käcs' Schrift Die Theorie des Romans (1916, 1920). Die Aufzeichnungen aus der und der Mensch in ihr ständig „auf dem Wege" zur Verwirklichung seiner Träume
Einbahnstraße, die im Grunde viele Bahnen kennt, sind charakteristisch für sei, lehnte sich Bloch an Marx an und machte sich die materialistische Dialektik als
Benjamins Weise zu denken und Gedanken zu prägen: seine Stärke liegt in der adäquate kritische Einsicht in geschichtliche Prozesse und vor allem auch in
glänzend formulierten Zusammenfassung begrifflicher Prozesse, im kritischen ideologische Systeme zu eigen. Als Kritiker der aktuellen politischen Ereignisse
Funken, im kondensierten Essay. Als ein universeller Geist tritt Benjamin an ganz im Schatten des Faschismus ist Bloch ein sarkastischer Analytiker der bürgerli-
verschiedenartige Erscheinungen der modernen Kultur heran, dringt mit seinem chen Gesellschaft (Erbschaft dieser Zeit, 1935, im Exil). Die in diesem Band
Erkenntnisvermögen bis tief unter die Schicht der Konvention und enthüllt neue, publizierten Artikel über Kunst sind Beispiele seiner ganz eigentümlichen Essayi-
überraschende Aspekte. Mit dieser seiner Prosa setzt er eine Tradtition fort, die stik. Das gilt auch für die Texte, die im Band Literarische Aufsätze (1965),
von Lichtenberg und, später, Nietzsche bis zu Karl Kraus führt. Seine zweite Betrachtungen zur Kultur des 19. und 20. Jahrhunderts, zusammengefaßt sind.
Schaffensphase ist gekennzeichnet durch den Einfluß von Marx' Werken, durch Blochs bereits im Exil begonnenes Hauptwerk ist eine gewaltige philosophische
den freundschaftlichen Verkehr mit Brecht und Ernst Bloch sowie durch die Rhapsodie auf sein zentrales Thema, die Geschichte der menschlichen Hoffnung:
Mitarbeit an der Zeitschrift des Frankfurter Kreises, der Vertreter der Kritischen Das Prinzip-Hoffnung (3 Bde., 1954,1955,1959). Dies auch in seiner suggestiven,
Theorie („Zeitschrift für Sozialforschung"). Der Briefwechsel mit Horkheimer ästhetisch ausdrucksvollen Prosa außergewöhnliche Werk ist eine einzigartige
und mit Adorno, der ihm nahe stand (und der 1955 die erste Ausgabe ausgewählter Geschichte der Kultur und menschlichen Phantasie, wie sie sich in Mythen, Kunst
Werke veranstaltete), zeigt allerdings, daß auch beträchtliche Unterschiede in und wissenschaftlichem Denken von den uralten Weissagungen an bis zu den
manchen Ansichten bestanden haben. Benjamins politische Position kam später schöpferischen Vorstellungen unserer Tage ausspricht. Besondere Hervorhebung
derjenigen Brechts näher. In der Emigration veröffentlichte er 1936 seine bekann- verdienen die originellen Deutungen großer literarischer Werke unter dem Aspekt
teste Abhandlung, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzier- von Hoffnung und Antizipation.
barkeit, den Entwurf einer Ästhetik, welche die Fragen der Machart und der Der Essayistik und Literaturkritik gehören auch einige Texte von THEODOR W.
Rezeption unter dem Gesichtspunkt der Besonderheiten von künstlerischem ADORNO (Wiesengrund-Adorno, 1903-1969) an, einem der Hauptvertreter der
Material und Produktionsverhältnissen betrachtet. Die Abhandlung verfolgt die „Frankfurter Schule" der Philosophie und Soziologie. Sein Einfluß auf die
Dialektik der Entwicklung vom künstlerischen Werk, dem die unwiederholbare gegenwärtige Ästhetik und Literaturtheorie läßt sich in vielen Arbeiten jüngerer
„Aura" des Originals anhaftet, bis zu den neuen Bedingungen in der Epoche von Autoren erkennen. Einen starken Impuls gab er vor allem mit der Forderung, eine
Photographie und Film. Eine Fülle von Anregungen für eine dialektische Soziolo- kritische Theorie der Kunst habe von einer soziologischen Erforschung der
gie der Kunst enthalten auch die Essays, etwa über Brecht und Leskov, namentlich Formen, d. h. der kunstspezifischen Gestaltungssysteme auszugehen. Seine Auf-
aber die Fragmente einer breitangelegten Studie über Baudelaire und die Kulturge- fassungen erläuterte er in zahlreichen musikwissenschaftlichen Abhandlungen
schichte der Stadt Paris im 19. Jahrhundert (Über einige Motive bei Baudelaire, und literaturkritischen Essays. (Die Texte zur Literatur sind in vier Bänden unter
1939, die nachgelassenen aphoristischen Notizen Zentralpark, 1955 u. a.). Benja- dem Titel Noten zur Literatur zusammengefaßt, 1958, 1961, 1965, 1974). Viele
mins eigentümliche Verarbeitung Marxscher (und auch Brechtscher) Impulse hat von Adornos Texten entstanden im Entwurf bereits in den dreißiger Jahren, in der
besonders im deutschen Sprachraum in den letzten Jahren eine sehr produktive Emigration. Der Einfluß von Benjamins und in gewissem Grade auch Kraus'
Aktualität erlangt. Der Vergleich mit Lukäcs' späten Arbeiten zeigt die ganze Essayistik zeigt sich in der Notizen- und Aphorismensammlung Minima Moralia
Bandbreite von Möglichkeiten, die der Ästhetik und der Literaturgeschichte (erst 1951 veröffentlicht), die in gedrängter Form sein Denken repräsentiert. Diese
geboten werden, wenn sie die Marxsche Kritik an Produktion und Ideologie in der „Reflexionen aus dem beschädigten Leben", wie der Untertitel lautet, sind eine
bürgerlichen Gesellschaft sinnvoll anwenden. scharfsinnige Analyse der alltäglichen, kaum merklichen Anzeichen von Entfrem-
Ernst Bloch ist Benjamin in mancherlei Hinsicht verwandt. Die frühen Arbei- dung in den menschlichen Gewohnheiten. Gegen den ideologischen Mißbrauch
ten im Zeichen des Expressionismus (z. B. Geist der Utopie, 1918, 1923) mühen von Hegels Gedanken, daß das Ganze das Wahre sei, richtete Adorno seine
sich um eine Aussöhnung von begrifflichem Verstehen und ekstatischer Vision. Formulierung, daß gerade das Ganze, die Totalität - das Unwahre sei. Seine
Der utopische Blick in die Zukunft ist der Kern sämtlicher Texte Blochs: die Überzeugung, wonach die Philosophie lediglich eine Kritik des von ihr angetrof-
bisherige Geschichte der Menschheit ist nur ein Vorspiel voller Ahnung und fenen gesellschaftlichen Zustandes sein kann, begründete er in seinem philosophi-
Hoffnung, wie sie sich seit Urzeiten in den menschlichen Visionen einer Welt schen Hauptwerk, Negative Dialektik (1966).
offenbaren, die eines Tages die glückbringende „Heimat" aller Menschen sein Während der Naziherrschaft hat es in Deutschland und Österreich kein erwäh-
könnte. Die Kunst ist für Bloch einer der Horte menschlicher Hoffnung, ein nenswertes literarisches Leben gegeben. 1933 gingen die Werke nahezu aller
Schaffen, das jene Freiheit offenbart, in der „Leben" erst seinen vollen Sinn finden repräsentativen Autoren der Zeit auf den Scheiterhaufen in Flammen auf. Im
wird. Literarischer Ausdruck einer solchen Anthropologie ist das Parabelbuch selben Jahr geschah etwas in der Geschichte aller Literaturen nie Dagewesenes:
Spuren (1930). In der Auffassung, daß die Geschichte „auf die Zukunft hin offen" einige Hundert Literaten verließen teils freiwillig, teils erzwungenermaßen ein
346 Weimarer Republik und Literatur im Exil 347
Nachkriegsjahrzehnte

Land, das zum Schauplatz der Gewalt geworden war. Unter ihnen sind auch die einige Romane, unter denen Mephisto (1936) und Der Vulkan (1939, über das
hervorragendsten Schriftsteller der Zeit: die Brüder Mann, Brecht, Musil, Broch, Leben der Emigranten) auch als Beiträge zur Kulturgeschichte dieser Zeit Interes-
Werfel (nach der Annexion Österreichs), Toller, Anna Seghers, Feuchtwanger, se verdienen.
Kaiser, Döblin, Becher, Leonhard Frank, Arnold Zweig, Zuckmayer, Roth,
Remarque. Einige, darunter Kästner, blieben im Land und waren mehr oder
minder zum Schweigen verurteilt. Die eigentliche Kontinuität der deutschen
Literatur verbürgte so die literarische Tätigkeit im Exil. Unterschiedliche Motive
konnten eine antifaschistische Haltung bedingen, so daß sich unter den Flüchtlin- 17. Nachkriegsjahrzehnte
gen nicht nur Vertreter der politischen Linken, sondern auch viele Schriftsteller
aus den Kreisen des liberalen Bürgertums (z. B. Thomas Mann) befanden. Ihre Die umwälzenden politischen Ereignisse des Jahres 1945 schufen die Bedingungen
Antwort auf die politischen Verfolgungen oder die auf allen Gebieten öffentlicher für die kulturelle Erneuerung in Deutschland und Österreich. Der Zusammen-
Tätigkeit gegen Juden gerichtete rassische Diskriminierung war weitgehend ein- bruch des Naziregimes bedeutete die Befreiung vom Terror, der zwölf Jahre
hellig. Ernst Toller brachte diese Einhelligkeit in der Verurteilung der Nazibarba- hindurch jedeMreie Wort erstickt hatte. Parallel zur Erneuerung unterbrochener
rei zum Ausdruck, die er im Mai 1933 in seiner berühmten Rede auf dem- politischer Traditionen begann sich auch die Literatur allmählich von dem Zu-
Dubrovniker Kongreß des Pen-Clubs aussprach. stand zu erholen, in den sie hineingeraten war, als die Scheiterhaufen der Diktatur
Die literarische Tätigkeit im Exil gehört zum Werk der Autoren, die in diesem die Zeit bestimmtenXDie jungen Literaten der ersten Nachkriegsjahre hielten die
Kapitel vorgestellt worden sind. Man muß jedoch die allgemeinen Bedingungen geschichtliche Zäsur für so tief, daß sie eine Zeitlang den Kritikern Recht gaben,
des literarischen Lebens in der Fremde berücksichtigen. Vom größeren Teil ihrer die behaupteten, der gegenwärtige Augenblick sei für die Literatur eine Anfangs-
Leserschaft abgeschnitten, fanden sich die Schriftsteller in einer gänzlich unge- situation im Sinne einer „Stunde Null" der Entwicklung. Das war allerdings ein
wöhnlichen, unnormalen Lage. Die Isolation traf besonders die weniger bekann- Irrtum. Heute ist offensichtlich, daß die Nachkriegsliteratur undenkbar ist ohne
ten Autoren, denen keine Mittel aus fremdsprachigen Übersetzungen ihrer Arbei- die literarischen Faktoren, die eine Stilkontinuität im europäischen bzw. weltwei-
ten zuflössen. Die freie deutsche Literatur wäre regelrecht verstummt, hätten ten Kontext verbürgten. Die Kontinuität wurde durch die deutsche Exilliteratur
nicht Verleger und kulturelle Einrichtungen im Ausland (in der Tschechoslowa- wiederhergestellt, die die Werte der deutschen Kultur außerhalb Deutschlands
kei, den Niederlanden, der Sowjetunion, Frankreich, der Schweiz, den Vereinig- bewahrt hatte und jetzt ihren natürlichen sprachlichen Boden wiederfand. Die
ten Staaten, Mexiko und anderswo) durch die Veröffentlichung von Büchern und deutschen Leser lernten die in der EmigVation geschaffenen Werke kennen, Werke
Zeitschriften der vertriebenen Autoren Hilfe geleistet. Besonderen Verdienst von Thomas und Heinrich Mann, Brechf}%Döblin, Broch, Anna Seghers, Feucht-
erwarben sich die Verlagsunternehmen Querido und Allert de Lange (Amster- wanger, Remarque und vielen anderen;\ahlreiche Autoren kehrten in ihre
dam), Malik (Prag, ab 1938 London) und Oprecht (Zürich), in denen die meisten Heimat zurück — aus England, der Sowjetunion, Schweden, den USA und
in diesem Kapitel erwähnten Werke erschienen. Selbstverständlich fiel ein großer Lateinamerika. Ein weiterer Stützpfeiler der Kontinuität waren die Schriftsteller
Anteil am literarischen Leben der Emigration den Zeitschriften, Sammelbänden, der „Inneren Emigration", Literaten, die unter jem Nationalsozialismus nieder-
politischen Kundgebungen und weiteren zeitweiligen Publikationen der verschie- gehalten worden waren oder nicht hatten veröffentlichen können; unter ihnen
denen Gruppen und Vereinigungen freier deutscher Schriftsteller zu. Die Zeit- waren so gegensätzliche Autoren wie z. B. Kästner^ind (nach 1936) Benn. Die
schriften waren in erster Linie Kampforgane, sie kündeten von politischer Tätig- junge Generation begann sich durchgängig für die im „Dritten Reich" verschwie-
keit und literarischer Arbeit, die sich manchmal den sehr ungünstigen Bedingun- gene oder verfolgte modernistische Tradition der deutsc&en Literatur zu interes-
gen im Exil anpassen mußte. Unter den überwiegend literarisch orientierten sieren, für die Literatur der ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Unter den
Zeitschriften fanden die meiste Resonanz: „Neue deutsche Blätter" (Prag 1933- Autoren der vergangenen expressionistischen Epoche war Franz Kafka die größte
1935, Redaktionsmitglieder A. Seghers und W. Herzfelde), „Die Sammlung" Entdeckung. Seine Werke gingen erst fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tode in
(Amsterdam 1933-1935, Redaktion: Klaus Mann), „Internationale Literatur" den bleibenden Besitz der literarischen Kultur im deutschen Sprachraum ein -
(Moskau 1931-1945), Redaktionsmitglied J. R. Becher), „Das Wort" (Moskau nachdem ein Teil der Texte in englischer und französischer Übersetzung bereits
1936-1939, Herausgeber Brecht, Feuchtwanger und Bredel), schließlich „Maß seinen Platz in der Weltliteratur gefunden hatte. Es ist zu betonen, daß Kafka in
und Wert" (Zürich 1937-1940, mit Thomas Mann in der Redaktion). Eine Fülle diesen Nachkriegsjahren nicht als „Klassiker", als kanonisierter Schriftsteller
Stoff zur Geschichte dieser ungewöhnlichen Epoche der deutschen Literatur rezipiert wurde, dem eine angemessene Ehrerbietung gebührt, sondern eter als
enthalten die Bücher Unterfemden Himmeln von F. C. Weiskopf (1947) und£)er unmittelbarer Zeitgenosse und Augenzeuge der gespenstischen Ruinenfeldeis die
Wendepunkt (1952), die Autobiographie KLAUS MANNS (1906-1949). Der Autor vielen wie metaphysische Landschaften vorkamen. So wurde seine grotesk-
des Wendepunkts, ein Sohn Thomas Manns, veröffentlichte in der Emigration visionäre, beklemmend-aktuelle Prosa Teil der Gegenwartsliteratur und zugleicr