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Kapitel 20

Cimetidin
E. HENTSCHEL

1 Definitionen

Receptoren sind als hypothetische Orte an der Zelloberfläche aufzufassen,


deren Verbindung mit einem Agonisten (physiologischer Wirkstoff oder
Pharmakon) von einer spezifischen Leistung der Zelle gefolgt ist. Antago-
nisten besitzen ebenfalls eine Affinität zum Receptor, können aber die
spezifische Wirkung in der Zelle nicht hervorrufen. Sie konkurrieren mit
den Agonisten um die Bindung am Receptor und können diese, wenn sie
in höherer Konzentration vorhanden sind, vom Receptor verdrängen
(kompetitive und dosisabhängige Hemmung).
Für Histamin wurden bisher zwei verschiedene Receptoren festgestellt.
HcReceptoren vermitteln beispielsweise die Wirkung des Histamin im
Rahmen des allergischen Formenkreises und können durch die klassi-
schen Antihistaminica, die H1-Receptor-Antagonisten, blockiert werden.
Die Histaminreceptoren an den Belegzellen des Magens werden als H r
Receptoren bezeichnet. Histaminantagonismus als therapeutisches Prin-
zip beruht auf der Belegung dieser Histaminreceptoren durch Antagoni-
sten.

2 Grundlagen der Wirkung


2.1 Wirkungsprinzip (Abb. 1)

Histamin wird in den Mastzellen der Magenschleimhaut gebildet, gespei-


chert und sowohl durch vagale Stimuli als auch durch Gastrin freigesetzt.
Durch Reaktion mit den H 2 -Receptoren an der Parietalzelle, möglicher-
weise auch durch einen aktiven Transport von Histamin ins Zellinnere,
wird die Säureproduktion in Gang gesetzt. Cimetidin und die anderen Hi-
stamin-H 2 -Receptor-Antagonisten entfalten ihre sekretionshemmende

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A. L. Blum et al. (eds.), Ulcus-Therapie
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1982
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Receptor
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Freisetzung

Freisetzung

Membran Par ietalzelle

Abb.l. Einfaches Dreireceptorenmodell der Parietalzelle. Es wird eine starke und obligate
Interaktion zwischen Histamin- und Gastrinreceptor und eine schwächere, fakultative In-
teraktion zwischen Histarnin- und Acety1cholinreceptor angenommen. HrAntagonisten
blockieren den Histarninreceptor. Das Modell ist eine Übervereinfachung der mutmaßli-
chen Vorgänge

Wirkung durch kompetitive und dosisabhängige Verdrängung des Hista-


mins von diesen Receptoren.
Zusätzlich werden muscarinische Acetylcholinreceptoren und Gastrinre-
ceptoren an der Parietalzelle angenommen.
HrAntagonisten hemmen nicht nur die Histamin-, sondern auch die ga-
strin- und vagusstimulierte Säuresekretion [117, 168].
Somit werden alle drei klassischen sekretionsfördernden Prinzipien durch
H 2 -Antagonisten gehemmt. Die Hemmung der gastrinstimulierten Sekre-
tion ist ebenso ausgeprägt wie die Hemmung der histaminstimulierten.
Die hemmende Wirkung von H 2 -Antagonisten auf die cholinerge Stimu-
lation der Parietalzelle ist bei primären Agonisten muscarinischer Recep-
toren wie Betanechol wesentlich stärker als bei Carbachol, das auch die
nicotinischen Receptoren aktiviert [80, 112]. Cimetidin hat auch nur einen
relativ geringen Effekt auf die intraoperative Säuresekretion bei elektri-
scher Vagusreizung (vergl. Kap. 28), und die Kombination von HrAnt-
agonisten und Anticholinergica wirkt stärker als HrAntagonisten allein.
Die Tatsache, daß HrAntagonisten neben Histamin auch Gastrin und
Vagus in ihrer Wirkung hemmen, ist von praktischer Bedeutung und
theoretischem Interesse. Folgendes Modell wäre denkbar: Eine Aktivie-

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