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VORLESUNG 3

DER SPRACHWANDEL UND SEINE BESCHREIBUNG

Inhalt

3.1. Zum Begriff “Sprachwandel” .............................................................. 1


3.2. Ursachen, Bedingungen und Faktoren des Sprachwandels ............... 1
3.3. Der Weg des Wortes “deutsch” .......................................................... 3
3.4. Arten des Sprachwandels .................................................................. 3
3.5. Verwendete Literatur ........................................................................ 19

Ich komme nun zum ersten Teil meiner Ausführungen, der sich mit dem
Spachwandel beschäftigt.
Was versteht man unter dem Sprachwandel?

3.1. Zum Begriff “Sprachwandel”


Untersuchungsgegenstand der historischen Linguistik ist Sprachw andel –
“Prozess der Veränderung von Sprachelementen und Sprachsys temen
in der Zeit“ (LS 2008, 670).
Zu den Typen von Veränderungen (Barbour 1998, 56–59), die eindeutig
außersprachlich (d. h. sozial und / oder politisch) bedingt sind, gehören
der Einfluss des Deutschen auf andere Sprachen
die Beeinflussung des Deutschen durch andere Sprachen
der Einfluss des Standards auf Nichstandard-Varietäten.

3.2. Ursachen, Bedingungen und Faktoren des Sprachwandels


Wie entsteht Sprachwandel?
Sprachwandel entsteht für gewöhnlich aus einem Zusammenspiel von Faktoren.
Peter von Polenz benennt als Faktoren für Sprachw andel (Polenz 2000, 28–
80):
1. Ökonomie (Streben nach Vereinfachung und Kürze): Veränderungen, die
enstehen, weil Sprecher oder Schreiber aus Gründen der Zeitersparnis und
Bequemlichkeit eine reduzierte Sprache verwenden.
2. Innovation (Streben nach Neuerungen): Veränderungen, die entstehen, weil
das gewohnte Inventar der Sprache für kreative und nonkonformistische Tätigkeiten
nicht hinreichend geeignet ist und entwicklungsbedürftig zu sein scheint.
3. Variation (Streben nach regionalen, sozialen, funktionalen, stilistischen
Alternativen).
4. Evolution (Einfluss gesellschaftlicher Kräfte, z. B. als nichtintendierte Folgen
intentionaler Handlungen; vgl. unsichtbare Hand): Sprachliche Veränderungen sind
nicht auf intentionale Handlungen einzelner zurückzuführen (evolutionärer, nicht
teleologischer Prozess).
Was sind nun die Ursachen für den Sprachwandel? Warum wandelt sich
Sprache?
Die Ursachen können innersprachlicher Art sein: Sehr alte
Entwicklungstendenzen wirken z. B. über Jahrhunderte weiter; oder eine sprachliche
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Veränderung zieht eine andere nach, so dass eine Kettenreaktion entsteht. Manche
phonologische, morphologische und syntaktische Veränderungen können hindurch
erklärt werden. Oft wirken andere Sprachen ein (z. B. Prestigesprache). Andererseits
spielen aber auch außersprachliche Ursachen eine Rolle: Da die Sprache eine soziale
Erscheinung ist, spiegeln sich politische, soziale, wirtschaftliche, technische und
geistesgeschichtliche Verhältnisse und Veränderungen in ihr wider. (Stedje 1989, 16).
In neueren Darstellungen wird eher und offener von Faktoren gesprochen, in
älteren meist von Ursachen und Bedingungen des Sprachwandels. Die von Hugo
Moser (1965) (Wolff 2009, 29) genannten Triebkräfte sind teils individual- und
gruppenpsychologischer Art, teils sozialer sowie ethischer und ästhetischer Art.
Hugo Moser hat ein relativ ausführliches Modell aufgestellt, das auf der
Unterscheidung von Triebkräften (als primären Ursachen) und Ausbreitungsbe-
dingungen (als sekundären Ursachen) des Sprachwandels beruht. Es wird auf
Abbildung unten übersichtlich zusammengefasst (Modell aus H. Moser 1965, 51ff;
zitiert nach Wolff 2009, 29).
Abb. 3.2.1
Triebkräfte und Ausbreitungsbedingungen des Sprachwandels
nach Hugo Moser

Haupt- Unterklassen Einzelaspekte / Beispiele


klassen
1.1. innermenschliche
1. primäre Ursachen: Triebkräfte

- physiologische Verhalten der Sprechwerkzeuge, z. B. beim


kombinatorischen Lautwandel (Umlaut,
Palatalisierung)
- psychologische Vereinfachungstrieb (bei Volksetymologien:
mhd. sintfluot > nhd. Sündflut)
Einordnungsbetrieb (bei Analogiebildungen:
Plural auf -er; Umlaut)
Spieltrieb (bei bestimmten Wortbildungen)
- geistige Bewusstseinsveränderungen (Bedeutungs-
wandel: Tugend, Minne)
1.2. innersprachliche
- Betonungs- Tonakzent (Tonhöhe) und Druckakzent
verhältnisse (bewirkt Abschleifung der Endungen)
2.1. psychologisch-soziologische
Ausbreitungsbedingu

- Nachahmungs- Einfluss der sozialen Stellung (Stellung der


trieb Hochsprache, Dichtersprache, Amtsdeutsch)
- Sprachregelung Einfluss der Oberschicht (bei Wortformen,
Rechtschreibung etc.)
2. sekundäre

2.2. geschichtlich-geographische
Ursachen:

- Besiedelung Einfluss der Bevölkerungsmischung


(Ostkolonisation)
ngen

- Verkehr Einfluss von Straßen und


Handelsverbindungen (z. B. bei Köln)
3.3. Der Weg des Wortes “deutsch”

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Das Wort “deutsch” entstand wahrscheinlich im 8. Jahrhundert als Bezeichnung
für die Sprache, die im östlichen Teil des Frankenreichs gesprochen wurde, abgeleitet
von einem alten Wort für “Volk” (*þeodisk ‘zum Volk gehörig’ vom germ. *þeudo-
‘Volk’).
Aber die Idee eines deutschen Volkes entwickelte sich erst in einem
jahrhundertelangen widersprüchlichen Prozess (s. Abb. 3.3.1. Der Name “deutsch”).
Der allererste Beleg stammt aus dem Jahre 786: in rechtssprachlichen Texten finden
wir lat. theodiscus (theod-isk →“deutsch-isch”‘zum Volk gehörig’).
Abb. 3.3.1
Der Name “deutsch”

786 theodiscus (= volkssprachlich)


842 “Straßburger Eide”: theudisca lingua
(rechtssprachlicher Terminus zur Abgrenzung von
lateinischer und romanischer Sprache)


1000 Notker d. Deutsche: in diutiscum als
Sprachbezeichnung


1090 “Annolied”: diutisch als Bezeichnung für Sprache,
Land und Leute
diutischi liute, diutischi man, in diutischemi
lant, diutischin sprechin

In der bekannten “Kaiserchronik” (Mitte 12. Jh.) hat sich das Wort schließlich als
Volksbegriff und zugleich als geographische Bezeichnung durchgesetzt (dûtisc volch, in
dûtiscem riche). Von “Teutschland” im nationalen Sinne wird aber erst in frühneuhoch-
deutscher Zeit, also im Spätmittelalter, gesprochen.

3.4. Arten des Sprachwandels


Ich möchte an dieser Stelle kurz auf Arten des Sprachwandels eingehen:
o phonetisch-phonologischer Wandel (Lautwandel) (Aussprache-
veränderungen);
o morphologischer Wandel (Wandel der Wortgestalt) (die Flexion ändert
sich);
o syntaktischer Wandel (der Satzbau wird anders);
o lexikalischer Wandel (Veränderungen im Wortbestand);
o semantischer Wandel (Bedeutungswandel);
o pragmatischer Wandel.
3
Sprachwandel vollzieht sich auf allen sprachlichen Ebenen (vgl. Stedje 1989, 16–
33; Fischer 1999, 121; Remberger 2013).
Wie sehr sich die deutsche Sprache seit den ersten schriftlichen Denkmälern im
8. Jh. verändert hat, bemerken wir, wenn wir einen Text aus dieser Zeit (z. B.
“Hildebrandlied”) lesen.

Lautw andel ist schwierig zu bestimmen, da wir keine Tonbandaufnahmen aus


den ältesten Sprachphasen zur Verfügung haben. Wir müssen uns also auf
(geschriebene) Texte und auf das, was uns die Schreibweise über die Laute verrät,
stützen.
Lautlicher Sprachwandel (engl. sound change) beginnt auf der phonetischen
Ebene (konkrete Realisierungen der Laute), kann aber zu Veränderungen auf
phonologischer Ebene (Veränderungen im System) führen:
- Veränderungen im Konsonantismus: Lautverschiebung;
- Veränderungen im Vokalismus: Umlaut, Monophthongierung und
Diphthongierung.

Schon wenn wir nun den althochdeutschen und den neuhochdeutschen Text
vergleichen, finden wir Beispiele für die wichtigsten Ausspracheveränderungen, die
das Deutsche im Laufe der Jahrhunderte erfahren hat.
dat sagetun mi usere liuti Das erzählten mir unsere Leute,
alte anti frote, dea érhina varun, alte und erfahrene, die vordem
dat hiltibrant hætti min fater, ih heittu waren,
hadubrant. dass mein Vater Hildebrand hieße,
forn her ostar gihueit, floh her otachres ich heiße Hadubrand.
nid, In der Vorzeit ging er nach Osten,
hina miti theotrihhe enti sinero degano floh er (vor) Odoakers Hass,
filu. dorthin mit Dietrich und vielen seiner
Degen (Krieger).
her furlaet in lante luttila sitten, Er ließ im Lande gering (elend; oder:
prut in bure barn unvahsan, die Kleine) sitzen,
arbeo laosa. […] die junge Frau im Hause und ein
wili mih dinu speru werpan. unerwachsenes Kind,
“Hildebrandlied” erblos. […] Du willst mich mit
deinem Speer (be)werfen.

dat › das
sitten › sitzen Lautverschiebung

arbi › Erbe Umlaut

prut › Braut
min › mein Diphthongierung
(Lautwandel, bei dem lange Vokale
zu “Zweilauten” werden, z. B.
neuhochdt. Diphthongierung: mhd.
mîn niuwez hûs > nhd. mein neues
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Haus”)

filu › viel Vokaldehnung

warun › waren Vokalschwächung


liuti › Leute

hina › hin Apokope

sagetun › sagten Synkope

Andere lautliche Veränderungen, die seither die deutsche Sprache betroffen


haben, sind vor allem:
Monophthongierung (Lautwandel, bei dem Diphthonge zu langen Vokalen
reduziert werden):
z. B. mhd. liebe guote brueder > nhd. liebe gute Brüder”.
Delabialisierung (Entrundung eines Vokals):
ö > e, ü > i, z. B. mhd. küssen > Kissen
Labialisierung (Rundung eines Vokals):
i > ü, e > ö, z. B. Sintflut > Sündflut, mhd. helle > Hölle
Auslautverhärtung (Auslautverschärfung: im Mhd. verloren auslautende,
stimmhafte Konsonanten ihren –b, -d, -g Stimmton (-p, -t, k)):
ahd. tag > mhd. der tac [tak] – des tages
ahd. līb > mhd. lîp (Leib) – Gen. lîbes
ahd. rad > mhd. rat (Rad) – Gen. rades
Assimilation (Angleichung): tump > dumm
Dissimilation (Unähnlichwerden): samenen > sammeln
Apokope (Wegfall von unbetontem e am Wortende):
schoene > schön
Synkope (Wegfall von unbetontem e im Wortinneren):
angest > Angst

Die Zw eite Lautverschiebung hat für die deutsche Sprache eine sehr hohe
Bedeutung, da hiermit oft der Beginn der deutschen Sprachgeschichte angesetzt wird.
Die zweite oder hochdeutsche Lautverschiebung führt durch Veränderungen im
Konsonantismus zur Ausgliederung des Deutschen bzw. seiner “hochdeutschen”
Dialekte aus den übrigen germanischen Sprachen.
Man nennt dieses Lautwandelereignis zweite Lautverschiebung im Unterschied
zur sog. ersten oder germanischen Lautverschiebung im 1. Jahrtausend v. Chr., die
ein gesamtgermanisches Phänomen ist, d. h. sämtliche germanischen Sprachen (im
Unterschied zu den romanischen, slawischen etc. Sprachen) erfasst hat. Es ist die
hochdeutsche Lautverschiebung, weil sie ursprünglich nur die oberdeutschen Dialekte
betraf, die historisch gesehen für die Ausbildung der heutigen Norm der deutschen
Standardsprache grundlegend waren.
Zeitlicher Befund: Sie umfasst eine ganze Reihe an Konsonanten und
erstreckt sich über einen Zeitraum von etwa vierhundert Jahren, der im 6. Jahrhundert

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(möglicherweise bereits im 5. Jahrhundert) beginnt und im 8. oder 9. Jahrhundert n.
Chr. endet.
Geografischer Befund: Das Lautwandelereignis fand statt im ober- oder
süddeutschen Raum, abgeschwächt im mitteldeutschen Raum, nicht jedoch im nieder-
oder norddeutschen Raum und im übrigen germanischen Sprachgebiet (vgl. Roelcke
2009, 23):
Niederdeutsch
tid, water, slapen, maken, dorp, dat, appel, pund
Mitteldeutsch (Hochdeutsch)
Westmitteldeutsch Ostmitteldeutsch
zeit, wasser, schlafen, machen, zeit, wasser, schlafen, machen, dorf, das,
dorp/dorf, dat, appel, pund appel, fund

Oberdeutsch (Hochdeutsch)
zeit, wasser, schlafen, machen, dorf, das, apfel, pfund,
(kind, knecht)
(chind) (kchnecht)
Linguistischer Befund (König 2011, 63): Diese Lautverschiebung betrifft eine
Reihe von Konsonanten des Germanischen, die im Verlaufe dieses Wandels in der
besagten Zeit und dem besagten Gebiet durch andere Konsonanten ersetzt worden
sind. Dazu gehören die durch die erste Lautverschiebung entstandenen germanischen
Tenues /p, t, k/ und germanischen Medien /b, d, g/. Man spricht daher von der Tenues-
und Medienverschiebung (Linke u.a. 1996, 383):
1) Tenuesverschiebung:
a) Die Verschiebung vom germ. p, t, k zur Affrikata pf, tz(z), kch(ch) vollzieht sich
im Anlaut, bei Geminata (pp, tt, kk) und nach Konsonant:
p → pf [pf]: germ. *appla → ahd. apful ‛Apfel’
t → tz [ts]: germ. *holta → ahd. holz ‛Holz’
k → kch [kx]: germ. *korna → abair. kchorn ‛Korn’
b) Die Verschiebung vom germ. p, t, k zum Doppelfrikativ ff, zz, ch erfolgt nur
nach Langvokal:
p → ff [f]: germ. *slëpan → ahd. slāfan ‛schlafen’
t → ss [s]: germ. *etan → ahd. ëssan ‛essen’
k → ch [x]: germ. *ik → ahd. ih ‛ich’
Abb. 3.4.1
Zweite (hochdeutsche) Lautverschiebung

Ausgangspunkt Ergebnis
Anlaut Inlaut Anlaut Inlaut
/p/ /p/ /pf/ /f/
plum open Pflaume offen
pound Pfund
pipe Pfeife
/pp/ oder K + /p/ /pf/
apple Apfel
stump stumpf

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/t/ /t/ /ts/ /s/
tongue eat Zunge essen
to water zu Wasser
/tt/ oder K + /t/ /ts/
sit sitzen
salt Salz
/k/ /k/ /kx/ oder /x/ /x/
can, können make (k)chöne machen
could kchalt (schweizerdt.)
/kk/ oder K + /k/ /kx/ oder /x/
acre, Acker A(k)cher
think, denken dän(k)che

2) Medienverschiebung:
b→p
d → t: as. dag → ahd. Tag
g→k
3) Wandel von þ zu d (8./9. Jh.): germ. brōþar, as. brōthar, ahd. bruoder ‛Bruder’.
Die Beispiele unten stellen jeweils eine englische und schwedische (den
unverschobenen germanischen Lautstand bewahrende) gegen eine hochdeutsche
(verschobene) Wortform:
Germ. Ahd. Nhd. Engl. Schwedisch
plōg- pfluoe Pflug plough plog
hatiz haz, hazzes Hass hate hat
sprekan sprëhhan sprechen speak spraka

Nicht nur die Konsonanten, sondern auch Vokale des Deutschen sind im frühen
Mittelalter von Veränderungen betroffen.
Der sogenannte i-Umlaut gehört – wie die zweite oder hochdeutsche
Lautverschiebung – zu den klassischen Gegenständen der Historiographie des
Deutschen. Der i-Umlaut wird in der Fachliteratur als eine sog. regressive Assimilation
beschrieben. Dies bedeutet, dass ein nachfolgendes i oder j einen vorangehenden
hinteren Vokal so beeinflusst hat, dass der hintere Vokal in einen vorderen
übergegangen ist.
Dies ist z. B. bei dem Verb setzen der Fall. Im Germanischen hieß dieses Verb
*satjan. Das j hat auf den hinteren Vokal a eingewirkt, so dass sich das a dem i lautlich
annähert: *satjan →setjan → ahd. sezzen (Roelcke 2009, 24).
Die zeitliche Differenz zwischen diesen und zahlreichen weiteren Fällen gibt
Anlass zu der Vermutung, dass es im Deutschen zwei Umlautbewegungen gab, den
sog. Primär- und Sekundärumlaut.
Bei den übrigen umlautfähigen Vokalen zeigt sich der Umlaut erst in
mittelhochdeutschen Texten. Es wird also
ā zu æ (ahd. māri → mhd. mære (Erzählung)),
o zu ö (ahd. mohti “möchte” → mhd. möhte),
ō zu œ (ahd. skōni “schön” → mhd. schœne),
u zu ü (ahd. kussen → mhd. küssen),
ū zu iu (ahd. hūti “Häute” → mhd. hiute),
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uo zu üe (ahd. gruoni → mhd. grüene),
ou zu öu (ahd. loufit → mhd. Löufet (er läuft)).
Neben den mittelalterlichen Mono- und Diphthongierungen zeigt die
deutsche Sprachgeschichte auch solche in der frühen Neuzeit. So besteht die
neuhochdeutsche Diphthongierung (vom 12. bis in das 16. Jahrhundert) in einer
Verschiebung der langen Vokale ī, ū und iu (gesprochen: ü) zu den entsprechenden
Doppelvokalen ai, au und oe (gesprochen eu) (Roelcke 2009, 24; König 2011, 147):
ī → ei (mîn > mein)
ū → au (lût > laut)
iu [y:] → eu (hiute > heute)
Z. B.: mhd. mîn níuwes hûs → nhd. mein neues Haus.

Vergleicht man z. B. die Lautform der Wörter in einem mittelalterlichen Lied mit
deren gegenwärtiger Lautung, so sieht man, dass dem Vokal [i:], der im 12. Jh. in den
Wörtern mîn, dîn, sîn, sluzzelîn u. a. gesprochen wurde, in der Gegenwartssprache
der Diphthong ei [æ] entspricht (Beispiel aus (Moskalskaja 2006, 7–8)):

Anonym Du bist mein


Dû bist mîn, ich bin dîn.

Dû bist mîn, ich bin dîn. Du bist mein, ich bin dein Dessen sollst
des solt dû gewis sîn. du sicher sein
dû bist beslozzen Du bist eingeschlossen in meinem
in mînem herzen, Herzen
verlorn ist daz sluzzelîn: Verloren ist das Schlüsselein
dû muost ouch immer darinne sîn. Du musst für immer darinnen sein

Man sieht ebenfalls, dass aus der Konsonantenverbindung sl ein schl [∫l] wurde
(13.–16. Jh.). Gleichzeitig entwickelten sich auch die Konsonantenverbindungen sn,
sm, sw, rs zu schn, schm, schw, rsch: snell > schnell, smerzen > schmerzen, swarz >
schwarz, herrsen > herrschen.
Die Vokalverdoppelung tritt zusammen mit einer Monophthongierung auf, bei der
die Doppelvokale ie, uo und üe zu den einfachen Langvokalen ī, ū und y (gesprochen
ü) übergehen. Diese Entwicklung reicht ebenfalls von mittelhochdeutscher Zeit bis ins
16. Jahrhundert:
ie → ī
uo → ū
üe → y
Die Merkhilfe heißt hier lieber müeder bruoder und ist entsprechend mit lieber
müder Bruder zu übersetzen (Roelcke 2009, 26).
Am Beispiel von germanisch brōpar, mittelhochdeutsch bruoder und
neuhochdeutsch Bruder zeigt sich dann auch, wie die mittelalterliche und die
neuzeitliche Di- bzw. Monophthongierung ineinanderspielen können (ebd., 26).
Die hier genannten Erscheinungen stellen nur eine Auswahl an Entwicklungen im
deutschen Konsonanten- und Vokalsystem dar.
Manchmal bewirkt ein Lautwandel also einen anderen. Er kann auch
lexikalischen, morphologischen und syntaktischen Wandel verursachen.
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Wenn wir uns den obenstehenden Textabschnitt aus dem Hildebrandlied genau
ansehen, finden wir auch Beispiele für Veränderungen in Morphologie:

sinero degano > seiner Degen deutlichere Endungen im Ahd.

arbeo laosa > erblos_ ahd. Endung – nhd. flexionslos

prut in bure > die Frau in dem Haus ahd. Endung – nhd. Artikel
barn > ein Kind

dinu speru werpan > mit deinem ahd. Endung – nhd. Präposition
Speer bewerfen

wili > du willst ahd. Endung – nhd. Endung +


Subjektspronomen

In der Morphologie ist zu differenzieren zwischen flexionsmorphologischen


Veränderungen und Veränderungen im Bereich der Wortbildung.
Einige Wandlungen in der Formenbildung mögen die Anfangszeilen aus dem
nachstehenden Gedicht aus dem 9. Jh., dem “Ludwigslied”, veranschaulichen
(Beispiel aus (Moskalskaja 2006, 8):
Einan kuning uueiz ih, Einen König weiß ich,
Heizsit her Hluduîg heißt er Ludwig,
Ther gerno gode thionôt: der eifrig Gott dient:
ih uuetz her imos lônôt. ich weiß, er ihm es
lohnt.
Die Verbalformen heizsit “heißt”, thionôt “dient”, lônôt “lohnt” zeigen eine
altertümliche Flexion: -i-t, -ô-t, die in der Gegenwartssprache zu -t vereinfacht wurde.
Die Verbindung zwischen den Elementarsätzen zur Parataxe bzw. zur Hypotaxe
ist sehr lose, meist konjunktionslos; auch die Wortstellung, insbesondere die
Spitzensztellung des Verbs im Satz Heizsit her Hluduîg, weicht von der heutigen ab.
Syntaktischer Wandel: In der Syntax bezieht sich Sprachwandel u. a. auf
Regularitäten der Wort- / Satzgliedstellung.
Anhand von Beispielen aus dem Hildebrandlied lassen sich auch Veränderungen
in der Syntax feststellen:

dat hiltibrant hætti min fater > dass andere Wortfolge


mein Vater Hildebrand hieße

Die Wortstellung war im Germanischen und auch noch in althochdeutscher Zeit


viel freier als heute. Die Endstellung des Verbs war zwar auch schon im ältesten
Deutsch möglich, wurde aber erst im Frühneuhochdeutschen allmählich in der
Schriftsprache vorherrschend und von den Grammatikern des 18. Jh. zur Norm
erhoben. Die lateinische Syntax hat die deutsche beeinflusst. Andere Fälle von
9
Lehnsyntax aus dieser Zeit sind die Partizipialkonstruktionen und das erweiterte
Attribut (Stedje 1989, 19).
Lexikalischer Wandel bezieht sich auf die Vergrößerung oder Verkleinerung
des Wortschatzes einer Sprache. Dazu gehören das Entstehen neuer Wörter,
Verschwinden der Wörter, Wiederbelebung untergegangener Wörter. Um einen
Wandel im Wortschatz festzustellen, muss man sicherlich kein Sprachwissenschaftler
sein: es geht um direkt wahrnehmbare Veränderungen.
Manche der ausgestorbenen Wörter wurden im Laufe der Zeit wieder neu belebt,
besonders durch die Dichter der Klassik und der Romantik. Ein Beispiel aus dem
Hildebrabdlied ist degen (Held, Krieger). Nach dem 15. Jh. wurde es nicht mehr
gebraucht, ist dann aber von den Dichtern des 18 Jh. wieder verwendet worden. Das
Wort Degen (Stichwaffe) ist dagegen ein spätmittelhochdeutsches Lehnwort aus dem
Französischen (frz. dague (langer Dolch)) (Stedje 1989, 21).
In dem oben zitierten Textabschnitt des Hildebrandliedes sind nur wenige Wörter
unverändert geblieben (alt, in). Einige Wörter existieren im heutigen Deutsch gar nicht
mehr: luttil (im 16. Jh. verschwunden, durch klein ersetzt), forn (früher; ist mit fern
verwandt), barn (mhd. häufiger kint). Manche Wörter haben außerdem heute eine
andere Bedeutung: nîd (Haß), aber Neid (Mißgunst).
Die meisten Wörter in den obenstehenden Zeilen des Hildebrandliedes sind
Erbwörter aus ältester Zeit: sagen, alt, mein, Vater, fliehen, mit, sein, viel, Land, sitzen
u. a. Das haben wir durch die vergleichende Sprachwissenschaft erfahren.
Seit althochdeutscher Zeit hat sich der deutsche Wortschatz jedoch stark
vergrößert, durch Entlehnung und Neubildung.
Ich möchte jetzt zu semantischem Wandel (oder: Bedeutungswandel)
(engl. semantic change) übergehen.
Dieser Terminus wird nicht einheitlich verwendet, was wohl auch mit der
Polysemie des gemeinsprachlichen Wortes „wandeln“, „Wandel“ zu erklären ist.
O. Behagel nennt jede in der Zeit veränderte Bedeutung „Bedeutungswandel“
(zit. nach (Heusinger 2004, 172)). Wir unterscheiden folgende Abarten des
Bedeutunswandels:
 Bedeutungserweiterung und -verengung
 Bedeutungsverschiebung
 Bedeutungsverschlechterung und -verbesserung.
Bedeutungserweiterung (engl. semantic extension) (semantische
Generalisierung (Hyponym > Hyperonym)) ist die Erweiterung des
Bedeutungsumfangs nach dem vollzogenen Bedeutungswandel: z. B. packen (16. Jh.
“Sachen gedrängt in Kiste u. ä. legen”, später “fassen, ergreifen”, “begreifen”).
o→O
E r w e i t e r u n g d e r B e d e u t u n g ist das Resultat der Entwicklung des
semantischen Umfangs des Wortes vom Einzelnen zum Allgemeinen, vom Konkreten
zum Abstrakten. Die Bedeutung des Wortes erweitert sich, und das Wort selbst
beginnt einen weiteren Begriff zu bezeichnen. Die zugrunde liegende sachliche
Bedeutung bleibt dabei unverändert (Iskos u. Lenkowa 1963, 142).
Zahlreiche Beispiele sind den Studienbüchern (Iskos u. Lenkowa 1963, 142-153;
Stedje 1989, 28–34] entnommen.
Das Substantiv Öl (ahd. ôli, mhd. öl vom lat. oleum) bezeichnete ursprünglich nur
das Olivenöl, jetzt aber auch verschiedene andere Ölarten.
10
Das Wort Gefährte (Gefährtin) ist genetisch mit dem Substantiv Fahrt und Verb
fahren verbunden und hat früher nur 'Reisegefährte (-in)’ bedeutet, jetzt wird es im
allgemeinen Sinne gebraucht: 'Begleiter’, 'Helfer’, 'Freund’, 'Gefährte für das Leben’.
Das Substantiv Ferien (aus lat. feriae) bezeichnete ursprünglich nur 'Fest- und
Feiertage bei den Gerichten’, erst allmählich hat sich die Bedeutung erweitert, und das
Wort gilt jetzt auch für 'Schulferien’, für 'Ferien in der Hochschule’, für 'den Urlaub’ im
allgemeinen.
Das Adjektiv fertig (mhd. vertec) ist genetisch mit dem Verb fahren und dem
Substantiv Fahrt verbunden, daher die ursprüngliche engere Bedeutung 'zur Fahrt
bereit’, jetzt aber bezeichnet das Wort 'bereit und beendet’ im allgemeinen Sinne.
Bedeutungsverengung (Spezialisierung (Hyperonym > Hyponym)) – ist die
Verringerung des Bedeutungsumfangs nach dem vollzogenen Bedeutungswandel:
z. B. fegen (mhd. allg. “reinigen”; vgl. Das Fegefeuer рел. чистилище).
O→o
Eine solche Bedeutungsverengung zeigt beispielsweise das Wort Hochzeit, das
als hôchgezît noch im Mittelhochdeutschen ein hohes kirchliches oder weltliches Fest
bezeichnet und im Neuhochdeutschen dann auf die engere Bedeutung
’Eheschließungsfeier’ eingeschränkt wird (Roelcke 2009, 60).
Verengung der Bedeutung entsteht als Ergebnis der semantischen Entwicklung
eines Wortes vom Allgemeinen zum Einzelnen, vom Abstrakten zum Konkreten. Die
Bedeutung des Wortes verengt sich, und das Wort beginnt infolgedessen einen en-
geren, einen Einzelbegriff auszudrücken. Die Verengung des Bedeutungsumfangs
führt auch die Begrenztheit des Gebrauchsgebiets des Wortes mit sich (Iskos u.
Lenkowa 1963, 141).
Das Wort Kunst ist genetisch mit dem Verb können (ahd. kunnan) verbunden
und bezeichnet ursprünglich jede Art des Könnens: Heilkunst, Lebenskunst,
Staatskunst, Kriegskunst, Kartenkünste, Toilettenkünste; jetzt aber wird Kunst meist
mit Einschränkung auf die für den ästhetischen Genuss arbeitende Tätigkeit gebraucht
— schöne Kunst (ebenda, 141).
Das Substantiv Gast (mhd. gast) bedeutete zuerst ‘Fremdling’ im allgemeinen,
jetzt aber nur ‘eingeladener Gast’. Die erste Bedeutung ist noch in solchen Wörtern
wie Gasthaus, Fahrgast, Kurgast geblieben (vgl. ukr. гiсть, russ. гостиница)
(ebenda, 141).
Mut bezeichnete in älterer Sprache die wechselnden Gemütszustände des
Menschen, was noch in eng. mood, dt. guten Mutes sein, erhalten ist. Die heutige
engere Bedeutung ‘Tapferkeit’ hat sich erst seit dem 16. Jh. durchgesetzt.
Miete (mhd. miete), ursprünglich mit der allgemeinen Bedeutung 'Lohn’, ist jetzt
auf die Zahlung für die Benutzung von Räumlichkeiten in einem Gebäude beschränkt
(ebenda, 141).
Erweiterung und Verengung der Bedeutung bereichern den Wortbestand der
deutschen Sprache hauptsächlich qualitativ, denn diese Art des Bedeutungswandels
schafft keine neuen Wörter, sondern verändert den semantischen Inhalt der schon in
dem deutschen Wortbestand existierenden Wörter (ebenda, 145).
Die Wörter mit erweiterter oder verengter Bedeutung können den Wortbestand
der deutschen Sprache manchmal auch quantitativ bereichern, indem sie als Basis für
die Bildung neuer Wörter und Wortverbindungen dienen. So entwickeln sich aus dem
Wort fertig das Verb verfertigen, das Substantiv Fertigkeit und die Wortverbindung mit
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etwas fertig werden. Vom Wort Ehe entstehen mehrere abgeleitete,
zusammengesetzte Wörter und Wortverbindungen: ehelich, ehelichen, Ehekontrakt,
Ehefrau, Ehemann, eine Ehe schließen u. a. (ebenda, 145).
Die Erweiterung und Verengung des semantischen Wortumfangs ist also ein
produktives Mittel der qualitativen und manchmal sogar der quantitativen Bereicherung
des Wortbestandes im Deutschen (ebenda, 144).
Bedeutungsverschiebung (Bedeutungsübertragung) – Ergebnis der
qualitativen Veränderung der Extension eines Lexems / Semems durch Metapher,
Metonymie, Synästesie u. ä.: z. B. Blatt (Papier).
O →▲
Vgl. auch Volksetymologie (semantische Umdeutung eines entlehnten oder
veralteten Wortes in Unkenntnis seiner Etymologie): das Wort Hängematte stammt von
dem karibischen hamáka (гамак) ab, und wurde dem Wort Hängematte phonetisch
angeglichen.
Auch der Maulwurf (кріт) heißt nicht so, weil er sein Maul zum Graben benutzt.
Das Tier macht das in Wirklichkeit mit Beinen. Maul ist eine volksetymologische
Umdeutung aus norddt. Molt- Erde, Erdhügel.
Der Wunsch Hals- und Beinbruch geht auf jiddisch hazlóche und bróche (hebr.
hazlachá ‘Glück’, b’rachá ‘Segen’ zurück).
Kopf bedeutet ursprünglich ‘Becher’ (vgl. noch heute cup im Englischen) und
wurde in mittelhochdeutscher Zeit sehr oft metaphorisch unter der Bedeutung
‘Hirnschale’ gebraucht:
Ahd. kopf ‘Becher’ (entlehnt aus Lateinisch cupa ‘Becher’)
Mhd. kopf ‘Trinkgefäß, Hirnschale’
Nhd. Kopf ‘Haupt (veraltet), Kopf’
Im Zuge dieser Entwicklung hat die neuhochdeutsche Verwendung von Kopf das
germanische Erbwort Haupt verdrängt. Haupt wird heute nur noch in gehobener
Sprache oder im übertragenen Sinn gebraucht, z. B. Haupt der Familie. Von dieser
Bedeutung ausgehend sind dann im Laufe der Zeit weitere metaphorische
Bedeutungen entstanden, wie im Falle von Noten-, Brücken- oder Briefkopf. Kopf hat
seinerseit zahlreiche neue Metaphern in der Umgangssprache evoziiert (Birne und
Rübe) (Roelcke 2009, 58).
Bedeutungsverschlechterung (Wertverminderung, Pejorisierung) ist ein
Prozess, demzufolge das Wort eine negative Bedeutung infolge einer
gesellschaftlichen Abwertung des Designats bekommt.
→ —
Ergebnis der konnotativen Abwertung eines Lexems, z.B. Abwertung von Knecht
(mhd. kneht). Das Wort berührt sich in der Bedeutung bis ins 16. Jahrhundert nahe mit
Knabe, Knappe ‘edler Knecht’, ‘Edelknecht’. Allmählich tritt die Beziehung zur
dienenden Stellung desselben in den Vordergrund, und der Gebrauch des Wortes
beschränkt sich auf niedrigere gesellschaftliche Stellungen.
Das althochdeutsche Adjektiv alawari trägt die neutrale Bedeutung ‘ganz wahr,
freundlich’, während mhd. alwoere bereits etwas negativ ’allzu gütig, dumm’ und
neuhochdeutsch albern dann sehr negativ ‘töricht, einfältig’ meint (Roelcke 2009, 60).
Gift bedeutete früher ‘jede beliebige Gabe’ (vgl. Mitgift), jetzt ‘jeder eine
schädliche Wirkung ausübende chemische Stoff’.
Das Verb stinken (mhd. stinken) bedeutete 'einen angenehmen oder
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unangenehmen Geruch von sich geben’ und sogar 'duften’. Dann hat das Wort seine
Bedeutung verschlimmert und sich jetzt auf üblen Geruch beschränkt.
Die Bedeutung eines Wortes ist vom moralischen, sozialen oder auch
stilistischen Gesichtspunkt aus schlechter geworden. Mit der Wertsteigerung der
Bedeutung verglichen, findet der Prozeß der Wertverminderung eine weit größere
Verbreitung. Es lassen sich viele Wörter aufweisen, die in der Entwicklung ihre
Bedeutung verschlimmert haben.
Bedeutungsver besserung (Wertsteigerung, Melioration) ist ein Prozess,
demzufolge das Wort (nach den Einschätzungen des Kommunizierenden) einen
besseren, positiven Status im Gebrauch der Sprachgemeinschaft bekommt.
→ +
Ergebnis der konnotativen Aufwertung eines Lexems, z. B. Aufwertung von
Bube:
13. Jh.: buobe = halbwüchsiger Diener im königlichen Gefolge, nichtadlig, in
niederen Diensten (Gegensatz zu knappe)
13. Jh.: buobe = auch ‘rechtlose, ehrlose Person’, dann auch als Schimpfwort
15./16. Jh.: buobe = grobes Schimpfwort für einen Mann, unabhängig vom Alter
15./16. Jh.: buobe = gleichzeitige Parallelentwicklung: ‘Lehrling, männl. Kinder
allgemein, ohne moralische Implikaturen’
ab 1600 in Süddtl. (Bsp. Basel) buob männliches Kind vs. knabe ‘Bursch,
heiratsfäh. jg. Mann’ (knabe als Bez. für das männl. Kind nur schriftsprachl.)
Unter der W e r t s t e i g e r u n g (Verbesserung) der Bedeutung verstehen wir
solch einen Prozeß, demzufolge das Wort eine neue, erhabene, bessere Bedeutung
bekommt.
So verschiebt sich die Bedeutung ‘Pferdeknecht’ des althochdeutschen Worts
marahscalc schrittweise über ’Stallmeister’, ‘Hofbeamter’ und ‘Offizier der Reiterei’
letztlich bis hin zur Bezeichnung des höchsten militärischen Rangs, des Marshalls
(Roelcke 2009, 60): Marshall, ahd. marahscalc, eigentlich ‘Pferdeknecht > Stallmeister
> Hofbeamter > oberster Befehlshaber der Reiterei > (seit dem 16./17. Jh.) höchster
militärischer Rang’.
Das Adjektiv höflich (mhd. hovelich) hatte die Bedeutung ‘höfisch’, also ‘am
Fürstenhof üblich’. Höfliches Benehmen bezeichnete daher eigentlich ‘das am Hofe als
schicklich geltende Benehmen’. Die Überreste dieser ursprünglichen Bedeutung finden
wir noch im folgenden Fall, wo höflich ‘das am Hofe Übliche’ bedeutet (Iskos u.
Lenkowa 1963, 151):
Schwarze Röcke, seidne Strümpfe,
Weiße, höfliche Manschetten (H. H e i n e ) .
Da aber alles, was sich bei Hofe geziemte, vom Standpunkt der herrschenden
Feudalklasse aus zum Muster wurde, bekam das Wort höflich eine in ihrem Wert
gesteigerte Bedeutung, nämlich 'das schöne (wohlerzogene) Benehmen’ der
Menschen überhaupt.
Das Wort Minister hat auch seine Bedeutung zusammen mit dem ihm zugrunde
liegenden Begriff verändert. Dieses Wort stammt von. lat. minus ‘klein’, bedeutete
ursprünglich ‘der Kleinere’, ‘der Geringere’, ‘Diener’, dann bezeichnete es die höchsten
Staatsbeamten: Diener des Staates, oberster Verwaltungsbeamter des Staates.

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Solche Veränderungen betreffen mitunter ganze Wortfelder (s. S. 93 “Die
Entwicklung des Wortfeldes Frau vom Althochdeutschen zum Neuhochdeutschen”
(König 2011, 112–113).

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Beschreiben Sie die Tabelle “Die Entwicklung der Wörter VIEL / WENIG vom
Althochdeutschen zum Neuhochdeutschen” (Слободцова 2001, 9)!

Lassen Sie mich kurz noch ein paar Worte zu pragmatischem Wandel
sagen. In der Pragmatik betrifft Sprachwandel vor allem Wandel der kommunikativen
Handlungskompetenz, Textsortenwandel, z. B. Veränderung der pronominalen Anrede
vom Althochdeutschen bis zur Gegenwart in fünf Schritten:
1. Schritt: Althochdeutsch, 9. Jahrhundert:
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 zunächst eingliedriges System: Du
 ab dem 9. Jh.: Hinzutreten der Höflichkeitsform: Ihr (Otfrid von
Weißenburg), Übernahme aus dem Lat. vos / vester.
2. Schritt: Ab Ende des 16. Jahrhunderts:
 dritte Form: Er / Sie (3. P. Sg.) als Steigerung der Höflichkeit.
 Vermeidung der direkten Anrede mit Du / Ihr.
Hat er gut geschlafen, der Herr?
Wird sie mich morgen empfangen, die gnädige Frau?
Bezug auf Anredetitel: der Herr ↔ er, die gn. Frau ↔ sie
3. Schritt: Ende des 17. Jahrhunderts:
 Hinzutreten des (heutigen) Sie (3. P. Pl.) als weitere Steigerung der er / sie-
Anrede. Verbflexion!
Haben Sie gut geschlafen?
4. Schritt: 18. Jahrhundert:
 nochmalige Erweiterung: Johann Christoph Gottsched (1762) unterscheidet
ein fünfgliedriges System: hinzu kommt: Dieselben
J. Ch. Gottsched: natürlich Du
althöflich Ihr
mittelhöflich Er / Sie
neuhöflich Sie
überhöflich Dieselben
5. Schritt: 19. und 20. Jahrhundert:
 Du / Sie schält sich als neues Zweiersystem heraus
 Er / sie und Dieselben werden aufgegeben
 Ihr ist regional / dialektal eingeschränkt
In unserem Zusammenhang ist vor allem die Feststellung von Bedeutung, dass
sich sprachliche Wandlungen sowohl auf allen Ebenen des Sprachsystems wie auch
im Sprachgebrauch (in der Art der Verwendung des Systems) vollziehen, wobei
zwischen Veränderungen auf verschiedenen Ebenen zum Teil enge Beziehungen
bestehen (s. Übersicht auf S. 97 (Schmidt 1996, 18; Wolff 2009, 19)).
Sprachwandel

Ebene Erklärung Anwendungsbeispiele


betrifft die tektonische Textform einer Erzählung, eines Berichts,
des Textes
Textemati
k = Ebene

Struktur eines Textes (als eines Liedes (etwa im Mittelhochdeutschen


der natürlichen oder im Neuhochdeutschen); z. B. den
Erscheinungsweise von Wandel in den Anrede- und Grußformeln
Sprache)
betrifft die lexikalische Wortschatzumfang; Wortschatzgliederung
Lexematik =

Wortschatz-

Struktur, die Lexik (vor (z. B. in einem Bericht)


Ebene der

einheiten

allem Bedeutungs-
beziehungen,
paradigmatische
Assoziationen)

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Syntagmatik betrifft die Verkettung Satzstrukturen; auch Satzlänge (z. B. im
= Ebene des

der Satzteile
und Verknüpfung von Barock oder im Funktionalstil der Presse
Satzes und Wörtern, die Regeln ihrer heute); der Wandel in der Stellung des
linearen Kombination unflektierten Adjektivs und der Wandel im
(syntagmatische Verhältnis von Rahmung und Reihung
Assoziationen)
betrifft Flexion Pluralbildungen (etwa Vergleich
Graph Phonemat Morphematik =

sten bedeutungs-

(Deklination und Althochdeutsch – Neuhochdeutsch);


ematik ik = Ebene Ebene der klein-

Konjugation) sowie Suffix-bildungen (z. B. in der Aufklärung


Wortbildung und heute); Komposita (z. B. Entwicklung
tragenden
Einheiten

(Komposition, Ableitung, vom Mittelhochdeutschen zum


Präfigierung); oft Neuhochdeutschen)
Morphemik genannt
betrifft Vorkommen und Konsonantenbestand und –veränderungen
der Laute

Funktion der Laute als (etwa im Althochdeutschen); Diphthongie-


der bedeutungs- rungen (vom Mittelhochdeutschen zum
unterscheidenden Neuhochdeutschen); vgl. z. B. den Wandel
Zeichen in der Aussprache des Graphems r
betrifft die Schrift Orthographie (z. B. im Barock Entwicklung
zeichen
Schrift-
Ebene

der Großschreibung); der Wandel in der


der

Schreibung des Phonems /f/


=

betrifft Mittel der


Orthoepie (Aussprachenormen, z. B.
Intonations-
Prosodie =

Redegliederung wie
Hochlautung); Sprechpausen (in der
Betonung, Akzent,Barockzeit z. B. angedeutet durch die
Intonation Virgel /); der Wandel im Wortakzent beim
ebene

Übergang vom Indogermanischen zum


Germanischen
Wir fassen die Sprachbeschreibungsebenen jedoch nicht als streng
hierarchische Ordnung auf und werden sie flexibel handhaben. Der Sprachwandel
kann, aber muss nicht zugleich auf allen Ebenen erkennbar oder nachweisbar sein.
Damit bin ich am Ende meiner Vorlesung. Vielen Dank fürs Zuhören oder
Mitlesen!

Grundbegriffe: Sprachwandel.

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3.5. Verwendete Literatur

1. Бублик, Василій. 2004. Історія німецької мови. Вінниця : Нова книга.


2. Левицький, Віктор, i Гайнц-Дітер Поль. 2010. Історія німецької мови
(німецькою мовою). Вінниця : Нова книга.
3. Слободцова, Ірина В. 2001. "Лексико-граматична група слів, яка виражає
поняття VIEL "багато"/WENIG "мало" в німецькій мові (діахронічне
дослідження)". Автореф. дис... канд. філол. наук, Одес. нац. ун-т ім.
І.І.Мечникова.
4. Barbour, Stephen, und Patrick Stevenson. 1998. Variation im Deutschen.
Soziolinguistische Perspektiven. Übers. aus dem Engl. von Konstanze Gebel.
Berlin, New York : de Gruyter.
5. “Deutsche lieben Deutsch.” Fachdienst Germanistik. Sprache und Literatur in der
Kritik deutschsprachiger Zeitungen 07/2009. 27. Jahrgang:5-6.
6. Fischer, Steven R. 1999. Eine kleine Geschichte der Sprache. Übers. aus d.
Engl. von Andreas Simon. Frankfurt, New York : campus Verlag.
7. Halytska, Olena. 2014. Deutsch als zweites Fach – Theoretische Grundlagen.
Band 1 : Der sprachgeschichtliche Hintergrund des Deutschen. Luz’k : Vegha-
Print.
8. Iskos A. Deutsche Lexikologie (für pädagogische Hochschulen und
Fremdsprachenfakultäten) / Iskos A., Lenkowa A. – 2. Aufl. – Leningrad :
Staatsverlag, 1963. – 276 S.
9. Keller, Rudi. 1990. Sprachwandel. Von der unsichtbaren Hand in der Sprache.
Tübingen : Niemeyer.
10. “Kiezdeutsch” Fachdienst Germanistik. Sprache und Literatur in der Kritik
deutschsprachiger Zeitungen. 07/2009. 27. Jahrgang:5.
11. König, Werner. 2011. dtv – Atlas Deutsche Sprache. München : Deutscher
Taschenbuch Verlag.
12. LS Hrsg. v. Hadumod Bußmann. 2008. Lexikon der Sprachwissenschaft.
Stuttgart : ALFRED KRÖNER Verlag.
13. Linke, Angelika, Nussbaumer, Markus, Portmann, Paul R. 1996.
Studienbuch Linguistik. Erg. um ein Kap. „Phonetik und Phonologie“ / von Urs
Willi. Tübingen : Niemeyer.
14. MLS Hrsg. v. Helmut Glück. 2010. Metzler Lexikon Sprache. Stuttgart,
Weimar : Verlag J. B. Metzler.
15. Moskalskaja, Olga I. 2006. Deutsche Sprachgeschichte.
Moskau : Akademia.
16. Polenz, Peter v. 2000. Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis
zur Gegenwart. Band I. Einführung, Grundbegriffe : 14. bis 16. Jahrhundert.
Berlin, New York : de Gruyter.
17. Remberger, Eva-Maria. 2013. Sprachwandel 1. Lehrveranstaltungen. Einfüh-
rung in die Linguistik. Zuletzt zugegriffen 2016. ling.-uni-
konstanz.de/pages/allgemein/introling/ Sprachwandel_1.pdf.
18. Roelcke, Thorsten. 2009. Geschichte der deutschen Sprache. München :
Verlag C. H. Beck.
19. Saussure, Ferdinand de. 2001. Grundfragen der allgemeinen Sprachwissen-
schaft. Hrsg. v. Charles Bally. Berlin, New York : de Gruyter. S. 94–96.
18
20. Schmidt, Wilhelm. 1996. Geschichte der deutschen Sprache. Erarb. unter
Leitung von Helmut Langner. Stuttgart, Leipzig : S. Hirzel / Wiss. Verl.-Ges.
21. Stedje, A. 1989. Deutsche Sprache gestern und heute : Einführung in
Sprachgeschichte und Sprachkunde. München : Fink.
22. Wolff, Gerhard. 2009. Deutsche Sprachgeschichte von den Anfängen bis zur
Gegenwart. Tübingen, Basel : A. Francke.

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