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Literatur.

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H a n s - D i e t r i c h K a h l , Zum Geist der deutschen Slawenmission


des Hochmittelalters, Zeitschrift für Ostforschung 2, 1953,
S. 1—14 (I).
— Compellere intrare. Die Wendenpolitik Bruns von Querfurt im
Lichte hochmittelalterlichen Missions- und Völkerrechts. Zeit-
schrift für Ostforschung 4, 1955, S. 161—193; 360—401 (II).
•— Das altschonische Recht als Quelle zur Missionsgeschichte des
dänisch-schwedischen Raums, in: Die Welt als Geschichte 17,
1957, S. 26—48 (III).
— Zum Ergebnis des Wendenkreuzzugs von 1147. Zugleich ein
Beitrag zur Geschichte des sächsischen Frühchristentums,
Wichmann Jahrbuch XI. u. XII. Jahrg., 1957/58, S. 99—120
(IV).
Der F o r t s c h r i t t unserer geschichtlichen E r k e n n t n i s wird nicht allein durch
die A u f f i n d u n g neuer und die Heranziehung bislang u n b e a c h t e t geblichener
Quellen b e w i r k t , sondern mindestens ebensoselir durch neue Fragestellungen
und Gesichtspunkte. Das Neue a n ihnen, f ü r sich allein genommen, be-
g r ü n d e t freilich noch nicht i h r e n E r k e n n t n i s w e r t , und a m allerwenigsten
k a n n ein solcher durch aktuelle Gegenwartsbezogenheit g a r a n t i e r t werden.
Weiter k ö n n e n wir nur k o m m e n , wenn es uns gelingt, unsere Fragestellungen
progressiv dem Gegenstande anzupassen. Nicht die A k t u a l i t ä t , sondern die
A d ä q u a n z unserer Forschungsgesichtspunkte ist entscheidend. Solche Über-
legungen drängen sich beim S t u d i u m der Arbeiten von K. u n m i t t e l b a r a u f .
Soweit sie die deutsche Slawenmission betreffen, t r i t t ein so gearteter F o r t -
s c h r i t t sogar in doppelter Hinsicht ans L i c h t : Die slawischen Gegner der
Karolinger und des hochmittelalterlichen Reiches gehören zu einem großen
Teil zu den Vorfahren der D e u t s c h e n von h e u t e , das Hineinwachsen sla-
wischer Völkerschaften in den deutschen \ r olkskörper „stellt neben der
Christianisierung, die zugleich das antike E r b e brachte, wohl den wichtigsten
E i n s c h n i t t dar, der das D e u t s c h t u m als solches vom alten G e r m a n e n t u m
t r e n n t " (I A n m . 4). Als historischer Sachverhalt eher trivial als neu, h a t
diese G r u n d t a t s a c h e der deutschen Geschichte bei der B e h a n d l u n g der
deutschen Ostpolitik des Mittelalters nicht immer die gebührende Berück-
sichtigung g e f u n d e n . Das gleiche gilt f ü r den missionsgeschichtlichen Aspekt,
von dem K. sich in allen seinen Arbeiten leiten l ä ß t . Hier h a t bereits C a r l
E r d m a n n s Buch über die E n t s t e h u n g des Kreuzzugsgedankens (1935), a n
das K. immer wieder a n k n ü p f t , b a h n b r e c h e n d gewirkt. W e n n irgendwo dio
u n m i t t e l b a r e Relevanz geistesgeschichtlicher Analysen f ü r das Verständnis
der Aktionen d e m o n s t r i e r t werden k a n n , so auf diesem Felde.
Die Auseinandersetzung der sächsischen und slawischen Vorfahren des
h e u t i g e n D e u t s c h t u m s im F r ü h - und H o c h m i t t e l a l t e r k a n n nur auf dem
H i n t e r g r u n d der zeitgenössischen Missionsideen verständlich werden. I m

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Mittelpunkt steht die Frage, inwieweit staatliche Zwangsmaßnahmen zur


Erreichung des Missionszieles mit den Auffassungen der Kirche zu verein-
baren waren. Vom negativen, auf bloße Ausrottung des Heidentums ge-
richteten Missionsziel ist dabei das positive zu unterscheiden, das in der Taufe
der Bekehrten seine Erfüllung findet. Nur für dieses, nicht auch für jenes
hat Augustin Zwangsmittel abgelehnt. Hielt er an der Freiwilligkeit der
Taufe unbedingt fest, so hat er doch Zwangsmaßnahmen des Staates für
erlaubt, ja geboten erachtet, die gegen den heidnischen Kult gerichtet waren
und dem christlichen Bekehrungswerk den Boden bereiten halfen. Von dieser
negativen oder indirekten Gewaltmission ist also die positive oder direkte
zu unterscheiden. Von einer direkten Gewaltmission zeugt die Capitulatio
de partibus Saxoniae Karls d. Gr., gegen die Alkuin mit Erfolg protestiert
hat. Die Losung „Taufe oder Tod" Bernhards von Clairvaux kommt dem
zumindest sehr nahe. Doch aus ihr spricht bereits der Geist der Kreuzzüge,
und beim Wendenkreuzzug von 1147, dem sie galt, ist diese Parole jeden-
falls nicht aufgegriffen worden. Die übrigen Zeugnisse lassen erkennen,
daß an der Front gegen die Elbslawen allenfalls der indirekte Missionskrieg
praktiziert worden ist.
Eine Ausnahme, ja einen Anachronismus scheint hier lediglich Brun von
Querfurt mit seinem berühmten Brief an Heinrich II. zu bilden. Sein Protest
gegen das antipolnische Liutizenbündnis Heinrichs gipfelt in der Forderung
„compellere intrare", und der nähere Textzusammenhang zeigt einwandfrei,
daß Brun gegen die Liutizen direkte staatliche Zwangsmaßnahmen emp-
fiehlt. Dies steht nicht nur im Widerspruch zur sonstigen Haltung der
Sachsen von Widukind von Korvei bis zu Helmold von Bosau, sondern auch
zu Bruns eigener Auffassung und Praxis auf seinen übrigen östlichen Missions-
feldern. Die Auflösung dieses Widerspruches h a t Κ. (II) im Gespräch mit
It. W e n s k u s gefunden, der inzwischen selbst eine Monographie über Brun
von Querfurt vorgelegt hat (R. W e n s k u s , Studien zur historisch-politischen
Gedankenwelt Bruns von Querfurt, Mitteldeutsche Forschungen 5, 1956).
Die Lösung ist ebenso einfach wie überzeugend: Das biblische ,,compelle
intrare" (Lc. 14, 23) ist von Augustin („coge intrare") auf eine „von der
Kirche veranlaßte Exekution weltlich-christlicher Obrigkeit gegen Men-
schen, die nach dem Anspruch dieser Kirche ihrer Botmäßigkeit unter-
standen, sich solchem Anspruch aber zu widersetzen wagten als Ketzer, Schis-
matiker, unbußfertige Gebannte (Pönitenzverweigerer) und ähnliches mehr"
(II S. 179) bezogen worden. Der innerkirchlichen Disziplinargewalt unter-
standen aber auch die erst 983 vom Christenglauben abgefallenen Liutizen,
unter denen sich zu Bruns Tagen eine große Zahl einstmals Getaufter be-
funden haben muß. Als Aufforderung zu einer Apostatenexekution verliert
somit Bruns vielbeachteter Imperativ den anachronistischen Charakter, den
man ihm bislang beigelegt hat. Als Brun seinen Appell an Heinrich II.
richtete, lebten allerdings unter den Liutizen getaufte Apostaten und un-
getaufte Heiden in buntem Gemisch. Auf diesen Unterschied scheint Brun
mit der Wendung „in custotiendo christianisme et in convertendo paganis-

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mo" („beim Bewahren der Christenheit vor Fehltritten und bei der Be-
kehrung der Heidenschaft") Rücksicht zu nehmen. Mit Sicherheit ist freilich
die Möglichkeit nicht auszuschließen, daß Brun mit der Apostatenexekution
einen direkten Missionskrieg gegen die ungetauften Liutizen verbunden
wissen wollte. Ein solches Abweichen von Bruns sonstigen Grundsätzen wäre
dann darauf zurückzuführen, daß das Liutizenland als einstige „terra
christiani nominis" einem unverlierbaren Anspruch der Kirche unterlag.
Das von K. hier angedeutete Problem eines quasi territorialen Prinzips
gegenüber dem personalen bei kirchlichen Rekuperationsansprüchen, das sich
ja auch bei dem Begriff der „terra saneta" stellt, verdient über den von K.
behandelten Fragenkreis hinaus allgemeine Beachtung. Aus der Wendung
„sacrum christianismum facere de populo pagano" hat man mit K. (II S. 372)
sicher zu folgern, daß der „populus" der Liutizen erhalten bleiben soll. An-
statt jedoch „populus" wie in altrömischer Zeit als „den Staat im Ganzen
ausmachendes Volk" zu deuten, liegt es wohl näher, in dem „populus
paganus" eine bloße Kontrafaktur zu dem geläufigen „populus christianus"
zu sehen. „ P a g a n u s " kann, wie II S. 182ff. belegt wird, im Mittelalter den
ins Heidentum Zurückgefallenen, den Apostaten bezeichnen. Dies muß auch
für Brun vorausgesetzt werden, wenn man mit K. die eben zitierte Wendung
speziell auf die liutizischen Apostaten beziehen will. Die Wendungen „con-
vertere paganismum" und „laborare, ut baptizetur paganus" meinen jedoch
die ungetauften Liutizen (II S. 382). Brun selbst hat offenbar in seinen
Formulierungen und Begriffen die scharfe Unterscheidung zwischen Apo-
staten und ungetauften Heiden, die K. erschlossen hat, nicht mit aller
Schärfe zum Ausdruck bringen wollen. Fürchtete er, durch eine deutlichere
Explikation der verworrenen missionspolitischen Lage im Liutizenlandc die
Wirkung seines Appells herabzumindern? Wollte man diese von K. nicht
aufgeworfene Frage derart beantworten, so müßte man allerdings weiter
folgern, daß Brun einen unterschiedslosen Einsatz der staatlichen Macht
gegen alle Liutizen als geringeres Übel im Vergleich zu den herrschenden
Zuständen vorzog. In jedem Falle enthält Bruns Imperativ eine für seine
Zeit ungewöhnliche Härte. K. möchte hierin den Einfluß der westlichen
Kirchenreformbewegung erblicken, der durch Abbo von Fleury vermittelt
sein könnte (II S. 399). Abbo und Brun weilten 997 gleichzeitig in Rom.
R. W e n s k u s , der in seinem genannten Buch S. 151ff. K. in der Deutung
des „compellere intrare" zustimmt, erhebt gegen die (auch vom Rez.,
H J b . 72, 1953, S. 114, erwogene) Abhängigkeit Bruns von westlichen
Reformströmungen einleuchtende Bedenken (S. 149). Über die Liutizen vgl.
auch jüngst W. B r ü s k e , Untersuchungen z. Gesch. d. Lutizenbundes
(Mitteldeutsche Forschungen 3), 1955.

K.s Betrachtungsweise bewährt sich auch bei einer Analyse unserer


Quellen über den Wendenkreuzzug von 1147 (IV). Entgegen der herrschen-
den Lehre kommt K. zu dem Ergebnis, daß dieser Kreuzzug „in weitem
Umfang das Ziel erreicht hat, das ihm gesteckt war", sich in seinem prinzip-
widrigen Begleiterscheinungen nicht einmal vom 1. Kreuzzug unterscheidet,

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und daß sich im negativen Urteil bei der Mehrzahl unserer Quellen man-
nigfaltige Enttäuschungen niedergeschlagen haben, die auf ungerecht-
fertigten oder übertriebenen Erwartungen beruhten.
Das mittelalterliche Recht von Jutland, Seeland und Schonen spricht
ungetauften Kindern die Erbfähigkeit ab. Diese Bestimmung deutet K. (III)
als „ K ü m m e r f o r m " eines ehemals sehr viel umfassenderen Rechtszustandes.
Dieser läßt sich in Andeutungen des altschonischen Rechts gerade noch
fassen. In der lateinischen Fassung des Erzbischofs Andreas von Lund
(1202—22) heißt es schon allgemeiner, daß derjenige nicht erben könne, der
niemals im Taufsakrament wiedergeboren sei, „als wenn er gar nicht geboren
wäre". Nach der altdänischen Bearbeitung nimmt das ungetaufte Kind kein
Erbe, „darum daß ein Hügelmann nicht erben kann". Schon K. M a u r e r hat
im „Hügelmann" denjenigen gesehen, „der nach heidnischem Brauche in
den Hügel gelegt und nicht nach christlicher Sitte auf dem Kirchhofe be-
graben wird" (zit. v. K., I I I S. 30). Der Satz vom erbunfähigen und damit
ursprünglich wohl überhaupt rechtsunfähigen Hügelmann ist aus doppeltem
Grunde bis in das Missionszeitalter hinaufzurücken: wegen der Kenning
„Hügelmann", die eine Kenntnis der heidnischen Bestattungssitte voraus-
setzt, ebenso wie wegen des vorausgesetzten Zusammenlebens von Heiden
und Christen. Anders als im westnordischen Bereich, wo Heiden und Christen
scharf voneinander getrennt lebten, müßten demnach auf dem Boden des
Dänenreiches Angehölige beider Religionen nebeneinander gelebt haben,
wenn auch in getrennten Rechtskreisen. Für ein solches Nebeneinander im
Dänenreich des 11. Jh.s sprechen auch historiographische Nachrichten
(III S. 39f.). Den Unterschied gegenüber der westnordischen Praxis möchte
K. darauf zurückführen, daß dort der rigorose Geist des Alten Testamentes,
bei den Dänen jedoch kanonisches Rechtsdenken stärker zur Geltung gelangt
ist. Vielleicht stehen hier auch zwei verfassungsgeschichtliche Prinzipien
einander gegenüber, von denen oben schon die Rede war: ein „territoriales"
im Westen einem „personalem" des Ostens. Für die Datierung der im
Hügelmann-Satz enthaltenen Ordnung kommt K. nach Ausscheidung der
nicht in Betracht kommenden Epochen auf den Zeitraum von 995/96 bis
1042.

Die Forschung hat in letzter Zeit für das Frühmittelalter „das Prinzip
der Kongruenz von politischer und religiöser Ordnung" (Th. S c h l e i f e r ,
Winfrid-Bonifatius, 1954, S. 99; vgl. auch S. 44 u. ö.; K a h l I I I S. 32) be-
tont. Ihm korrespondieren die Mission über die politische Oberschicht oder
über das Königtum, der kollektive Glaubenswechsel der ganzen „gens", das
Landes- oder Staatskirchentum. Dieses Bild wird durch die Beobachtungen
K.s für die östlichen und nördlichen Randzonen der christlichen Welt des
Früh- und Hochmittelalters modifiziert. So münden diese missionsgeschicht-
lichen Untersuchungen in verfassungsgeschichtliche Fragen von grundsätz-
licher Bedeutung ein.

Bonn. Helmut Beumann.

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