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Thietmar von Merseburg über kirchliche, politische und

ständische Fragen seiner Zeit


von Annerose Schneider

Thietmar ist, so oft gelegentlich auf ihn hingewiesen wurde, noch


kaum ausführlich und für sidi behandelt w o r d e n Z u m Teil m a g das
an der Zeit liegen, für die er unmittelbarer Z e u g e ist. Die vorangehende
Epodie Ottos des Großen gilt wohl als bedeutsamer; andererseits hätte
Thietmars Chronik erheblidi interessanter werden können, wenn er län-
ger geleibt hätte. A b e r das kann dadurch aufgewogen werden, daß man
von ihm über manche F r a g e n mehr erfährt als von andern Geschicht-
schreibern. E r s t T h i e t m a r sagt uns zum Beispiel Grundsätzliches über
das Verhältnis der Momente, die die deutsche Königswahl bestimmen*.
Manches, was auf den ersten Blick als abseitige Meinung eines Einzelnen
oder als widerspruchsvoll erscheinen möchte, bekommt Gewicht, wenn
man bedenkt: es sind Äußerungen eines Mannes, dessen Familie den

1 Vgl. das Literaturverzeichnis der neuesten Thietmarausgabe mit Über-


setzung von W . Τ r i 11 m i c h (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte
d. Mittelalters, hrsg. v. R. Buchner, Bd. 9), 1958. Zum folgenden vgl. Martin
L i n t z e l , Die politische Haltung Widukinds von Korvei, Sachsen u. Anhalt 14
(1938), S. Iff., audi in: Μ. L., Ausgewählte Schriften 2 (1961), S. 316 f.: „Die
mittelalterlichen Quellen werden naturgemäß in erster Linie auf ihren Gehalt
an Nachrichten über historische Tatsachen untersucht. Aber so unbestreitbar und
entscheidend ihre Bedeutung in dieser Richtung ist, so kommt ihnen daneben
doch nodi eine sozusagen unmittelbarere Bedeutung zu. Jede Quelle ist in dem,
was sie sagt, und unter Umständen auch in dem, was sie nicht sagt, ein Doku-
ment der geistigen Haltung ihres Verfassers, und während wir über ein
geschichtliches Faktum, von dem eine Quelle spricht, durch sie nur mittelbar
Aufsdiluß erhalten, redet sie über das, was ihr Verfasser denkt, direkt zu uns;
fragen wir eine Quelle nach einer historischen Erscheinung, von der sie be-
richtet, so bleiben wir von dieser Erscheinung stets getrennt und haben über
sie immer nur den Bericht der Quelle, der sich unter Umständen von den Tat-
sachen recht weit entfernen kann; fragen wir die Quelle nach den Gedanken
und Anschauungen ihres Verfassers, so haben wir das, was wir suchen, in ihr
selber vor uns . . . Man muß sich . . . damit abfinden, daß man über die An-
schauungen der meisten Staatsmänner Deutschlands im zehnten Jahrhundert
keine unmittelbare und darum auch keine sichere Auskunft bekommen kann. Die
Tatsache, daß wir diese Auskunft über die politische Haltung der Historiker
dagegen erhalten, ermöglicht es nun aber doch, gewissermaßen auf einem Um-
weg und durch eine Zwischenschaltung das, was an politischen Anschauungen
im 10. Jahrhundert lebendig war, oder wenigstens einen Teil davon, kennen zu
lernen. Selbstverständlich ist nicht jeder Geschichtschreiber für die Erkenntnisse,
um die es sich hier handelt, gleich wichtig . . . "
1 Vgl. M. L i n t z e l , Zu den deutschen Königswahlen der Ottonenzeit, ZRG

Germ. Abt. 66 (1948), S. 58 ff.

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Thietmar von Merseburg 35

politisch maßgebenden Kreisen angehörte', der Bischof an einem von


Heinrich II. bevorzugten Pfalzort war und dessen Amtskollegen die
kirchlich und kirdienpolitisch führenden Stellungen im Reith innehatten.
Den verschiedenen Fragen, auf die Thietmar hier antworten soll, ist
gemeinsam, daß man vielleicht von einem Bisdiof in der Zeit Hein-
richs II. gerade hierin zunächst eine andere Reaktion erwarten möchte.
Es bestätigt sich dabei zumeist, was schon ein flüditiger Blick in die
Chronik vermuten läßt: Thietmar reagiert als Sachse und als sächsischer
Aristokrat; der Bischof geht weniger vom Sakralen als vom Politischen
her an Fragen der Verfassung von Kirdie und Staat heran, doch darf
man ihm audi in diesen Bereichen zutrauen, daß er die Dinge durch-
denkt und verarbeitet. J e genauer man im einzelnen zusieht, um so
deutlidier zeigt sidi, wie wenig ein summarisdies Urteil Thietmar — und
damit seiner Zeit — gerecht wird.

1. T h i e t m a r s S t e l l u n g z u d e n K l o s t e r r e f o r m e n H e i n r i c h s II.

Hermann Schneider ordnete 1905 Thietmar den „ Geschiehtschreibern


unter direktem Einfluß der cluniazensisdien Frömmigkeitsbewegung" zu.
Nach K. Hallinger wird man Thietmar zwar nidit mehr als cluniazen-
sisch, aber doch als eine „in Gorzer Kreisen geformte Persönlichkeit"
ansprechen
Das Neue zeigt sich wohl besonders sinnfällig in seiner Haltung zum
Totengedäditnis und überhaupt zur Fürbitte und in den vielen Wunder-
und Visionsgesdiiditen. Auf der andern Seite hat W . Trillmidi be-
merkt 5, daß Thietmar mit den Reformen Heinrichs II., der sich dodi
indirekt stark an Gorze anlehnte, nicht einverstanden ist, und das ist
audi ganz unverkennbar: er erwähnt die Reform der größeren Klöster —
Fulda, Korvei, Memleben — mit deutlicher Mißbilligung (VI, 91; VII, 13;
VII, 31), und dem Bericht über den anscheinend auch Reformziele ver-
folgenden Eingriff im Kloster Bergen, dem er sich besonders verbunden
fühlt, schließt er eine grundsätzliche Stellungnahme gegen die Reform
an 6 . Er wendet sich dabei audi nicht etwa betont gegen die Initiatoren
der Reformen: dem König steht er nahe, er erwartet von ihm weitere

5 Vgl. dazu und zum folgenden Robert H o l t z m a n n s Einleitung (über


Thietmars Familie und sein Leben) zu seiner grundlegenden Ausgabe von
Thietmars Chronik, SS rer. Germ, nova series 9 (1935, Neudruck 1955).
1 Η. S c h n e i d e r , Das kausale Denken in deutschen Quellen zur Gesdiidite
u. Literatur d. 10., 11. u. 12. Jh. (1905), S. 26—37; Κ. Η a l l i n g e r , Gorze-
Kluny (1950), S. 620 Anm. 16.
5 W . Τ r i 11 m i c h , Thietmarausgabe, S. X X .

• VI, 20—21; vgl. dazu H a l l i n g e r , S. 298 f. Zum folgenden vgl. auch


unten S. 55 f.

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Förderung Merseburgs; Tagino (auf den die Maßnahmen in Bergen


zurückgehen) war Thietmar gewogen und er sdiätzt den Magdeburger
Metropoliten sehr — demgemäß verschweigt er wenigstens des Königs
Anteil und erwähnt Tagino am Rande ohne ausdrücklichen Tadel: er
wendet sich gegen die Sache selbst.
Thietmar geht in seiner Ablehnung der Reform nidit so weit wie
Widukind, der sich auf Gottes Langmut beruft und das Gleichnis vom
Unkraut unter dem Weizen zitiert 7 . Nach Thietmars Meinung ist das
Mönditum in Ordnung und ein Reformieren daher unnötig, wenn er auch
keineswegs einem lahmen laisser faire das Wort redet: er schildert
angelegentlich ein Eingreifen des heiligen Veit zugunsten der Ordnung
im Kloster Korvei; entlaufenen Klosterbrüdern kündigt er strenge Stra-
fen im Jenseits an und beklagt, wenn die irdischen Richter nicht genügend
durchgreifen können, und er empfiehlt auch sonst gelegentlich strenge
Kirchenzucht 8 .
Es sind die Reformen seiner Zeit, gegen die Thietmar sich wendet;
die alte Reformtradition ist ihm nicht fremd. K. Hallingers Unter-
suchungen geben Bestätigung und Begründung: Thietmars Lehrer Ricdag,
der spätere Abt von Bergen, kommt aus der früheren Reformwelle; er
stand wohl der Reform des Kölner Erzbisdiofs Brun nahe, die auch von
Gorze geprägt i s t E s kann in diesem Zusammenhang verwundern, daß
Thietmar deutlich eine Brun feindliche Tradition kennt und wiedergibt:
einmal die Erzählung von Bruns Plan, seinem Bruder Otto I. die Krone
zu entwenden (II, 23), und dann von einer Vision, die den Erzbischof
vom höchsten Richter ob inanern philosophiae executionem verklagt, aber
doch vom heiligen Paulus verteidigt werden Iäßt (II, 16). Im übrigen
erscheint er als strennuus dominus, als der Erzieher des jungen Ritters
Ansfried ad res militares (IV, 31) und als Bruder des Königs (I, 9) —
von seinen geistlichen Verdiensten ist nicht die Rede I0, obwohl Thiet-
mar Ruotgers Vita Brunonis kennt. Sehr nahe steht Thietmar offenbar
den Traditionen des Klosters Korvei, das von der eigentlichen Reform
bis 1014 nicht berührt zu sein scheint: von dem 983 gestorbenen Abt
Liudolf weiß er fünf Visionen und wunderbare Geschichten, und er

7
Widukind II, 37, hrsg. v. P. H i r s c h u. H.-E. L o h m a n n , SS rer. Germ,
in us. schol. (1935), S. 98.
8
Vgl. IV, 72; IV, 68; IV, 60; VIII, 2 f.
• Vgl. H a l l i n g e r , S. 112 f.
10
Nur IV, 15 notiert Thietmar, daß Brun das St. Pantaleonsstift in Köln hat
bauen lassen. Freilich begründet er sein Schweigen mit dem Vorhandensein der
Vita Brunonis (II, 23). — Die Überlieferung, der Th.folgt, verurteilt, wie wir sahen,
Bruns politischen Ehrgeiz. Daß Thietmar selbst an Bruns politischer Tätigkeit
Anstoß genommen haben könnte, ist nicht gut denkbar, er ist sonst gerade den
politisch hervortretenden Bischöfen gewogen.

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Thietmar von Merseburg 37

nennt ihn in omnibus bonis admodum memorandus". Die Beziehung


dieses frommen Mannes zur Reform war negativ: er hat vorausgesehen,
daß dadurch fast der ganze Konvent locum hunc pene vacuum non sponte
verlassen würde (VII. 13). Man könnte sich Ricdags Frömmigkeit ähnlich
vorstellen: die Erinnerung an die alten Vorbilder der Reform war wohl
verblaßt, und etwas selbstherrlich war man allenfalls bereit, sich himm-
lische Offenbarungen gefallen zu lassen, wie sie dem nachlässigen Abt
Gottschalk in Thietmars Erzählung durch den heiligen Veit zuteil wer-
den. Übrigens verraten gerade Liudolfs Visionen, daß auch im Korvei
des zehnten Jahrhunderts Gedanken der neuen Frömmigkeit Eingang
gefunden hatten. Andererseits zeiget die Fremdheit gegenüber der west-
lichen Mutter-Reformzentrale, wie sehr Magdeburg, in dessen Kreis
Thietmar ja gehört, inzwischen zum wesentlich unabhängigen östlichen
Zentrum geworden w a r B e z e i c h n e n d ist in diesem Zusammenhang
auch, daß Thietmar den von Heinrich II. verehrten Abt Ramwold von
St. Emmeram in Regensburg nicht einmal erwähnt.
Die Tradition, auf die Thietmar sich bei seiner Kritik an Taginos Ein-
griff im Johanneskloster zu Bergen beruft — er redet von den Gründern
in omni pietate modernos oppido precellentes und davon, daß alles nun
in peius verändert sei (VI, 20) — kommt indessen, seiner Erziehung
entsprechend, aus St. Maximin, also indirekt aus Gorze1®: der erste Abt,
den Otto I. in das damalige Moritzkloster holte, war Anno von St. Maxi-
min, und audi nach der Überführung der Mönche in das neue Johannis-
kloster kam der erste Abt von dort. Thietmar weiß von der Zucht, die
das Aufsichtsrecht des Erzbischofs sicherte — 968 wurde das Kloster dem
neuen Magdeburger Erzbistum zu eigen übertragen — lobend zu berich-
ten; übrigens kam auch Erzbischof Adalbert aus jener Reformzentrale.

11
Vgl. II, 18; III, 4; III, 9; VII, 13; IV, 70f.; das Zitat IV, 70. Thietmars
Bruder Brun wurde in Korvei erzogen. W. Τ r i 1 1 m i c h redet in der Einl. zu
s. Thietmarausgabe S. X I I in diesem Zusammenhang von „nicht näher faß-
baren Familienbeziehungen zu Korvei"; R. H o l t z m a n n setzt sich in seiner
Ausg. (Einl. S. X V ) kurz mit einigen Vermutungen auseinander.
18
R. W e n s k u s , Studien zur historisch-politischen Gedankenwelt Bruns
von Querfurt (Mitteldeutsche Forschungen 5, 1956), S. 180 betont auch für Brun,
Thietmars Magdeburger Mitschüler, die Bindung an die östliche Metropole, er
bringt die — ja audi bei Thietmar vorhandene (s. unten S. 40) — Abneigung
gegen Ottos III. Renovatio-Politik damit in Zusammenhang. W. weist audi
sonst mehrmals auf eine Ähnlichkeit der Anschauungen zwischen beiden hin,
so in der Merseburger Frage (S. 165), in der Hochwertung Ottos I. (S. 163 f.),
in der Ablehnung eschatologischer Spekulationen (S. 97), auch im Stilistischen:
beide pflegen die Reimprosa (S. 70) — in der Stellung zur Reform (W. vermutet
für Brun freundliche Beziehungen zu Reformkreisen, S. 132 ff.) haben verschie-
dener Lebensweg und -sdiicksal offenbar zu unterschiedlichen Auffassungen ge-
führt.
" Vgl. dafür und für das folgende Η a l l i n g e r , Gorze-Kluny, S. 76 f.

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T h i e t m a r stellt sich in zähem Konservativismus den Neuerungen 1 4


entgegen, die dodi auf der gleichen Grundlage erwachsen waren, die er
verteidigt. L a g e n deren Ziele trotzdem von seinen eigenen Idealen ab?
Hallinger gibt die Leitsätze des Programms w i e d e r " , das die Reform in
Fulda 1013 verwirklichen will. Audi nichtadligen und fremden Mönchen
soll die A u f n a h m e ermöglicht werden. Eis ist anscheinend nicht zu erken-
nen, ob in Bergen die frühe R e f o r m schon einen Schritt auf diesem W e g
getan hatte. T h i e t m a r hält es für nötig, Willigis von Mainz mit W u n d e r n
auszustatten, ehe er den niedrig Geborenen unter die Bischöfe einreiht
( I I I , 5). Ihm selbst und seinen Brüdern kam bei ihrer Unterbringung die
edle Geburt zustatten. T h i e t m a r sagt nicht ausdrücklich, daß er an jenen
Bestrebungen zugunsten der Niditadligen Anstoß nahm, er zeigt im
übrigen auch selbst Ansätze zu einer sozusagen demokratischen W e r -
t u n g 1 ' ; er gehört auch nidit zu denen, die Willigis' Einsetzung tadeln.
Immerhin könnte das eine Rolle gespielt haben, und ebenso die T e n d e n -
zen der Reform, die das Eigenkirdienwesen mindestens einschränkten:
ob instituta parentum observanda begeht Thietmar sogar eine Sünde
(VI, 43).
Einschneidender wirkten aber wohl die wirtschaftlichen Maßnahmen
Heinrichs II., und von ihnen ist bei Thietmar auch deutlich die Rede.
Es sieht so aus, als ob in Bergen trotz der Reformäbte so etwas wie das
alte Pfründnerwesen wieder eingerissen wäre: Thietmar redet davon,
daß man den Mönchen etwas entziehen wolle — es erbittert ihn, daß
das der Außenwelt und nicht den augmenta ecclesiarum zugute kommen
soll. Opportunität regni ist ihm hier keineswegs das erste G e b o t " , der
Vorteil der Kirche im allgemeinen geht ihm darüber: der Bischof, der die
W a h l f r e i h e i t der Magdeburger Kirche gegen den König vertritt und der
sich unermüdlich für die Rückerwerbung von verlorenem Merseburger
Besitz einsetzt, verurteilt die königlichen Eingriffe als eine Schmälerung
kirchlicher Rechte und kirchlichen Besitzes. Als Thietmar des Königs
Entscheidung für den erzbischöflichen Stuhl in Magdeburg ablehnt, weil
das alte Privilegium der Kirche Wahlfreiheit geschenkt hat, fällt das
W o r t von der libertas populi, die durch den W i l l e n des Herrschers hier

14 T h i e t m a r redet u. a. von der U m w a n d l u n g in eine Propstei. Hal linger


zeigt, d a ß davon in der späteren Z e i t nicht die Rede sein kann. An dem Sach-
lichen von T h i e t m a r s Kritik wird indessen deutlich, daß sich diese K r i t i k zum
geringsten T e i l auf die von ihm angenommene Umwandlung bezieht.
" H a l l i n g e r , S. 220fif.
' · V g l . unten S. 6 5 ff.
1 7 Elisabeth B a c h , Politische Begriffe und Gedanken sächsischer Geschicht-
schreiber der Ottonenzeit (Diss. M ü n s t e r 1948), S. 25 ff. sieht in diesem Begriff
so etwas wie den Schlüssel zu T h i e t m a r s politischer Persönlichkeit.

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Thietmar von Merseburg 39

zu Unrecht eingeschränkt werde (V, 41). Von einem ähnlichen Standpunkt


sieht er offenbar die Reform in Memleben: a libertate diu corroborata in
servitutem redactum estI8.
Eine antiepiskopale Tendenz findet Hallinger in der Gorzeschen Re-
formrichtung nicht. Daß es im Zusammenhang mit ihr zu Spannungen
zwischen Bisdiof und Kloster kommen konnte, zeigt jedoch die Klage der
Klosterbrüder von St. Emmeram vor dem König über Gebhard von
Regensburg, die Thietmar selbst angehört hat (VI, 41). Hallinger sieht
in der Klage den Widerstand der Möndie dagegen, daß der Bisdiof sidi
„an dem wachsenden Wohlstand seines Eigenklosters kräftig beteiligte" ".
Thietmar hält für möglich, daß der Bisdiof tumore elacionis inflatus
handelt, aber er billigt dem Amtsbruder, der sich um seine Kirche müht,
bezeichnenderweise audi die bona fides zu: Propicius illi (sit) Deus, ut,
si haec bona intentione faciat, in iuslificationibus Dei sine querela cur-
sum. huius peregrinationis incedat (VI, 41).
Was Thietmar den strengen Vorschriften der nova conversatio ent-
gegensetzt, wird sdion deutlich in dem, was er als Entschuldigung für den
Bischof gelten lassen mödite: bona intentio, amor spiritualis. So ist ihm
cor bonum das Entscheidende gegenüber der laudabilis conversatio in
habitu et in victu (VI, 21) M . Die mediocritas cibi potusque ist ihm
offenbar lieber als strengste Enthaltsamkeit; auch gegen vornehmes Ge-
wand hat er nichts einzuwenden. Mir scheint, daß E. Bach ihn etwas ver-
zeichnet, wenn sie so großes Gewidit auf sein Wissen legt, daß fragilis
naturae nos commortales sumus et omnia nutu suo pondera in terram
ferri non nescimus11 — dieses realistische Denken ist ihm nicht nur kein
Hemmnis, es macht ihn im Gegenteil frei dazu, zu fordern, was er für
wesentlich hält. Veritas nuda gehört dazu und das Vermögen, in offener
Kritik eine besondere Freundlichkeit des andern zu sehen — und dagegen
ein rechter Abscheu vor simulata equitas, die nicht equitas, sed duplex

18
VII, 31. Memleben wurde 1015 Hersfeld unterstellt. Zum libertas-Begritt
vgl. unten S. 59 Anm. 102.
" Thietmars Bericht ist nicht ganz klar und es ist nicht unmöglich, daß hier
auch neue reformerische Tendenzen des Bischofs im Spiel waren; ähnlich wie
in seiner Stellungnahme gegen den Eingriff in Bergen ist f ü r Thietmar auch
hier die Frage, ob es sich um erheuchelte oder wahre Gerechtigkeit handle. Vgl.
audi H a l l i n g e r , S. 140, wo von Reformtendenzen Gebhards in anderm Zu-
sammenhang die Rede ist. Die erwähnte Stelle VI, 41 deutet H a l l i n g e r nur,
wie oben gesagt. Daß diese Deutung jedenfalls zu Recht besteht, zeigen seine
Belege S. 620 Anm. 13.
i0
Ganz ähnliche Begründungen finden wir später bei Eckehard von St. Gallen
(Casus Sancti Galli), der den Gehalt der Benediktinerregel nachdrücklich über
die äußeren Vorschriften stellt (cap. 107) und sich auf die „vielen Wohnungen
im Hause des Vaters" verläßt (c. 100).
" VI, 21, dazu E. B a c h , Politische Begriffe . . . (s. oben Anm. 17), S. 26.

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iniquitas bedeute. Thietmars Polemik gegen die neue Reform setzt wohl
eine lange Tradition voraus, die es möglidi machte, die früheren Reform-
strömungen zu verarbeiten und zu vertiefen, so daß das noch mehr
äußerlich geformte Neue gegenüber dem erlebten Alten als innerlich
unwahres Schematisieren erscheinen konnte.

2. T h i e t m a r ü b e r R o m , K a i s e r t u m , Papsttum

Thietmars Zurückhaltung gegenüber der Idee der Renovatio Imperii


ist mehrfach aufgefallen". Das Bestreben Ottos III., antiquam Romano-
rum consuetudinem iam ex parte magna deletam suis cupiens renovare
temporibus, sei verschieden aufgenommen worden, erzählt er. Als ein-
ziges Beispiel erwähnt er, daß Otto allein am halbkreisförmigen Tisch
gespeist h a b e A u f f ä l l i g ist, wie wenig Thietmar davon weiß oder
erzählt, während er gesprächig wird, als er sich dem Aufstand gegen
Otto III. zuwendet". Wir erfahren, daß der Kaiser Rom pre ceteris
diligebat ac semper excolebat, und wie schlecht ihm Rom seine inef-
fabilis pietas vergilt; wir hören von der Verschwörung sächsischer
Großer, die sich offenbar gegen diese Politik gerichtet hat. Thietmar ist
von tiefem Mißtrauen gegenüber allem Römischen erfüllt: Roms Richter
sind käuflich (III, 13), insidiae herrschen dort und Giftmorde, und gegen-
über der beunruhigend fremden Natur des Landes preist Thietmar die
serenitates nostrae regionisK.
Beim Erzählen einer merkwürdigen Begebenheit, deren Schauplatz
Rom ist, nennt Thietmar die Stadt omnium caput urbium ob diversarum
qualitatem causarum (VII, 71). Welche causae sind es, die Thietmar
hier so angelegentlich im Dunkeln läßt? Bedeuten sie ihm wirklich
etwas?
Thietmar schätzt die sapientes (V, 41) der Antike hoch, das ver-
raten viele Zitate in der Chronik. Er nennt den Kaiser häufig Caesar, er
redet vom Imperium, von urbs Romulea und schwärmt von caesarea

" Vgl. P. E. S c h r a m m , Kaiser, Rom und R e n o v a t i o 2 (1929, Neudruck


1957), S. 6; Ε . Β a c h , Politische Begriffe . . . S. 2 5 ; R . W e η s k u s , Studien . . .
(s. oben Anm. 12) bes. S. 180; W . F r e u n d , Modernus und andere Zeitbegriffc
des Mittelalters (Neue Münstersdie B e i t r ä g e zur Geschichtsforschung 4, 1957),
S. 53 ff.
M I V , 47; „eine halbzerstörte E r i n n e r u n g " nennt im Anschluß daran
W . F r e u n d , S. 57 T h i e t m a r s Vorstellung von der Antike.
1 4 I V , 4 8 ; daß die Römer im Unrecht sind, versteht sich für ihn von selbst.

" V I I , 2. V g l . dazu J o h a n n a W e i s e r , D a s I t a l i e n b i l d in den Hauptwerken


der ottonisdien Gesdiiditsdireibung (Diss. H a l l e 1955), leider bisher nicht ge-
druckt. T h i e t m a r s Stellung zum Papsttum sieht W . etwas anders, auf die
I t a l i e n - und Kaiserpolitik geht sie sehr ausführlich ein.

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Thietmar von Merseburg 41

aula2β. D a s h a t a b e r n u r im Literarischen G e l t u n g ; w e n n altrömische


Sitten in das staatlich-politische L e b e n e i n d r i n g e n wie durch Otto III.,
so b e f r e m d e n sie m e h r als sie e h r f ü r c h t i g stimmen, u n d T h i e t m a r wertet
sie deutlidi a b als eine consuetudo iam ex parte magna deleta. F ü r H e i n -
rich II. u n d seine Politik liegen solche D i n g e f e r n u n d sind d a r u m unge-
fährlich: schmunzelnd e r z ä h l t T h i e t m a r n u n von den zwölf Senatoren,
die den P a p s t bei Heinrichs K a i s e r k r ö n u n g umgeben, quorum sex rast
barba, alii prolixa ( V I I , 1).
T h i e t m a r b e k l a g t e i n m a l die bösen Z u s t ä n d e in den W e s t l a n d e n , u n d
er b e g r e i f t nicht, w i e sich talis usus dort ausbreiten könne, d a dodi multa
sanctorum corpora d o r t r u h e n (IV, 14) — in R o m w u n d e r t ihn das nidit.
A n d e r s als bei B r u n von Q u e r f u r t 1 7 erscheint Rom bei ihm nicht einmal
als A p o s t e l s t a d t D i e E r z ä h l u n g von O t t o d e m G r o ß e n , der w ä h r e n d
des G e b e t s in d e r Peterskirche seinen Schwertträger h i n t e r sich wissen
wollte wegen d e r fides Romana suspecta (IV, 32), ist d a g e g e n g a n z nach
T h i e t m a r s Geschmack: selbst b e i m G e b e t ist m a n in R o m nidit sicher.
W i e f r e m d u n d mißtrauisch T h i e t m a r trotz aller gelegentlichen litera-
rischen A n e r k e n n u n g i h r e r G r ö ß e der S t a d t gegenübersteht, zeigt sich
schließlich a m deutlichsten d a r i n , d a ß er, statt die K r ö n u n g s s t a d t seiner
Kaiser zu preisen, die E r h ö h u n g seines Königs v i e l m e h r zu einem T r i u m p h
über Rom macht:
Ista dies puldiro signetur clara lapillo
Qua regt nostro se subdit Roma benigne *·.
D e m entspricht es, d a ß die R ö m e r bei d e r V e r l e i h u n g der K a i s e r w ü r d e
in T h i e t m a r s V o r s t e l l u n g keinen Platz h a b e n

26
VI, 101; VII, 71; VII, Vorrede. Zu Romulea urbs vgl. W e n s k u s , S. 102,
Anm. 59. Zu den Zitaten aus der Antike vgl. W. T r i l i m i c h (Einl. seiner
Thietmarausgabe, s. oben S. 34 Anm. 1), S. X X V I . Wie die Abneigung, die
Römer als Reichsvolk gelten zu lassen, die Auseinandersetzung mit dem Kaiser-
tum belastete und der Einführung des Titels Imperium Romanorum anfangs
entgegenstand, zeigt H. B e u m a n n , Das imperiale Königtum im 10. Jh., Die
Welt als Geschichte 10 (1950), S. 117—130. Bei Thietmar ist mit diesem Im-
perium (III, 20 u. 23; IV, 47) offenbar kein universales, sondern die Herrschaft
in Italien gemeint. Vgl. unten Anm. 38.
" Vgl. W e n s k u s , S. 101 ff.
28
Wenn man nidit als eine Andeutung in dieser Richtung auffassen will, daß
Roma depressa von Benedikt getröstet wird, VI, 101.
" Gedidit vor Budi VII. Wie einseitig oft die Ehrfurcht der ottonisdien und
salischen Zeit vor der Größe Roms betont wird, zeigt sich bei R. S t a n k a , Die
politische Philosophie des Mittelalters (1957), bes. S. 63. Gegenteilige Äußerungen
der Geschichtschreiber bei M. L i n t z e l , Die Kaiserpolitik Ottos des Großen
(1943), S. 95 ff., auch in: Ausgewählte Schriften 2 (1961), S. 197 ff.
so
Bruns Ablehnung der Erneuerung Roms findet W e n s k u s , Studien . . .
(s. oben S. 37 Anm. 12), S. 101 ff., bes. S. 118 f. u. S. 174 f., vor allem im Reichs-
volkgedanken begründet; nach Bruns Meinung beanspruchen die Römer zu
Unrecht, das Reidisvolk zu sein. Eine ähnliche Anschauung könnte auch hinter
Thietmars Ablehnung stehen. Vgl. dazu auch oben Anm. 26.

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42 Annerose Schneider

W i e steht es bei T h i e t m a r , einem Geschichtschreiber und geistlichen


H e r r n „in der Zeit des reinsten, einseitigsten H e r v o r t r e t e n s mönchisch-
geistlicher Gedanken"mit einer esdiatologischen Begründung des
Kaisertums? T h i e t m a r spielt einmal a u f das gleiche Pauluszitat (2. Thess.
2 , 3 ) an wie Adso in seiner Schrift über den Antichrist und wie G e r b e r t
in seiner A n k l a g e r e d e für das Konzil von St. B a s l e * 1 . Diese beiden
bringen das römisdie Kaisertum mit dem Pauluswort in Verbindung,
wenn audi in verschiedener W e i s e — A d s o sieht die K o n t i n u i t ä t des
Imperiums durch den Anspruch der fränkischen Könige g e w a h r t , G e r b e r t
bezweifelt sie trotz des römischen Kaisertums. B e i T h i e t m a r findet sich
nichts dergleichen: seine M a h n u n g , sich durch den A b f a l l der Abodriten
und W a g r i e r nicht zur E r w a r t u n g des J ü n g s t e n Gerichts h i n r e i ß e n zu
lassen, begründet er damit, daß j a zuvor die dissensioω und der execra-
bilis adventus des Antichrist kommen müßten, a b e r nicht mit dem H i n -
weis auf das Fortbestehen des römischen Reiches.
A n der geistlich-religiösen G r u n d l e g u n g des Kaisertums zweifelt T h i e t -
mar nicht. E h e er von der Kaiserkrönung spricht, rühmt er allein G o t t ,
de cuius hoc venit gratuito munere ( V I , 102). In den Versen, die den
A u f t a k t zu seinem Beridit geben, heißt es ähnlich:
Alque liquore sacro per/usus gaudet et almo
Fert grates Domino, qui se visitavit ab alto S4.
Erst zuletzt wird auch der Papst erwähnt, aber ohne D a n k oder L o b ; im
Gegenteil, auch er erscheint als der Beschenkte: wie G o t t dem Kaiser
eine höhere W ü r d e verleiht, so verschafft der K a i s e r dem Papst R u h e
und Frieden unter seiner H e r r s c h a f t 5 5 . G e w i ß : bei den K r ö n u n g e n

S1B. S c h m e i d l e r , Antiasketische Äußerungen aus Deutschland im 11.


und beginnenden 12. Jh., Festschrift W. Goetz (1927), S. 36.
J I Adso und Gerbert, zitiert u. besprochen bei C. E r d m a n n , Das ottonisdie

Reich als Imperium Romanum, DA 6 (1943), S. 426—433. Vgl. dazu Thietmar


VIII, 6 ed. R. Holtzmann, S. 500 f.
M So in der Dresdner Hs. fol. 179r, hier allerdings nicht von Thietmar selbst,

sondern wohl nach seinem Diktat geschrieben; doch hat er dieses Wort nicht
wie manches andere korrigiert. In der Brüsseler Hs. (nach einer Korveier Vor-
lage von c. 1160) steht statt dessen wie in der Vulgata (2. Thess. 2 , 3 ) discessio
mit dem Zusatz Romani imperii, der nidit von Thietmar selbst stammen dürfte.
Vgl. dazu E. B a c h , Politische Begriffe . . . (s. o. S. 38 Anm. 17), S. 22: „Die
Anschauung, daß das Romische Reich das Kommen des Antichrist aufhalte, ist
bei ihm nicht vorhanden." R. W e n s k u s meint freilich (S. 97), es scheine so,
als ob Thietmar den Bestand des Reiches als Zeichen dafür ansehe, daß die
Endzeit noch nicht gekommen sei. Doch läßt sich das aus dieser anscheinend
bewußt abstrakten und allgemeinen Formulierung (nodi dazu mit dissensio statt
discessio) nicht erschließen, zumal da Thietmar auch jede Berechnung des Welt-
endes ablehnt. Er steht vielmehr hierin Brun nahe, der „sich weigert, das End-
reich als ein römisches anzusehen" ( W e n s k u s , S. 100).
54 Gedicht vor Buch VII. Dazu paßt, daß die Kaiserwürde VI, 102 fast als
Lohn für Merseburgs Restitution erscheint.
» VII, 71; vgl. unten S. 44.

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Thietmar von Merseburg 43

Ottos I. (II, 13), Ottos I I I . M und Heinrichs II. (VII, 1) wird gesagt, daß
der Papst die Zeremonie vollzieht, und Thietmar gibt die Frage des
Papstes wieder, ob Heinrich ein treuer Beschützer der römischen Kirdie,
ihm und seinen Nachfolgern treu sein wolle und die Antwort des Königs,
eine devota professio (VII, 1), wie es sich in kirchlichen Dingen ziemt.
Aber das ist gewissermaßen das Vordergründige, Irdische des Vorgangs
und außerdem ohne jede Folge. Der Papst erscheint — wenn das auch
nicht deutlich gesagt wird — als Werkzeug Gottes: ihm gilt nicht einmal
Thietmars Dank, und wir sahen, daß auch er Grund hat, Gott zu danken,
da ihm Heinrichs Schutzherrschaft securitas verbürgt (VII, 71).
Was den Inhalt der amplior potestas ausmacht, die der Kaiser ge-
winnt, sagt Thietmar nicht. Er begründet Heinrichs Kaisertum an dieser
Stelle (VII, 71) konventionell: er ist dementia habundans; obwohl ein
Mensch, beseelt ihn doch zelus Dei für die heilige Kirche — im Gegen-
satz zu dem Crescentier, der gierig die Opfergaben vom Altar der
Apostel raube. Daß die potestas des Kaisers Rechte über den Papst ein-
schließt, kann man Thietmars Kritik an dem Crescentier entnehmen, der
einen Gegenpapst einsetzt: sibi Imperium tali presumpcione usurpavit37.
Etwas Konkretes weiß er von Otto I.: seine Sdiutzherrschaft über die
Kirche läßt ihn Süditalien erobern, das Romano specialiter serviat im-
perioM. Unbestimmter begründet er Heinrichs Romzug mit Italica
iniuria (VI, 3). Mehr läßt sich dazu nicht finden; das Kaisertum ist fast
inhaltsleer, und Thietmar hilft sich, indem er es einigermaßen unbe-
stimmt als Erhöhung und Steigerung des Königtums versteht: schon der
König ist Gottes Stellvertreter auf Erden. Wenn Thietmar in einer recht
leidenschaftlichen Klage über die Bedrängnis durch weltliche Herren den
König und Kaiser a n r u f t " , so wendet er sich damit an den mächtiger
und größer gewordenen K ö n i g " .

'* Hier übrigens ganz im Zusammenhang damit, daß Otto III. den Papst
gerade eingesetzt hat (IV, 27). Otto II. wird patre iubente Kaiser (II, 15).
37
IV, 30. Otto III. setzt einen Papst ein: IV, 27. Gegen Benedikts Absetzung:
II, 28.
58
III, 23. Das Imperium Romanum ist für Thietmar allenfalls Italien, vgl.
C. E r d m a n n , D A 6, S. 414, auch W e n s k u s , S. 123. Ottos Eroberungen in
Süditalien: II, 13, vgl. auch III, 20. Norditalien wird in diesem Zusammenhang
nie erwähnt, wenn man davon absieht, daß Langobardenzüge als Romzüge
getarnt werden.
»· VIII, 23. II, Vorrede und II, 45 vergleicht Thietmar Otto den Großen mit
Karl dem Großen; daß solche Vergleiche wenig besagen, zeigt M. L i n t z e l ,
Kaiserpolitik, S. 119 (Ausgewählte Schriften 2, 213). Übrigens geht Thietmar
keineswegs so weit wie Adalbold von Utrecht, bei dem Heinrich II. mit Karl
dem Großen verwandt ist. Außerdem berichtet Thietmar VII, 75 auch eine Karl
abträgliche Anekdote.
,0
Ebenso III, 17; III, 26. Thietmar steht hier gegen Hrotsvith zurück, bei
der die kaiserliche W ü r d e die königliche absorbiert, wie E r d m a n n , DA 6
(1943), S. 421 ff. gezeigt hat.

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44 Annerose Schneider

Als einzig f a ß b a r e r Inhalt des Imperiums — wenigstens außerhalb


Italiens — bleibt also der geistliche. U m s o bemerkenswerter ist es, d a ß
Thietmar auch diesen G e d a n k e n nicht nachdrücklidi ausschöpft 4 1 und
vor allem beim Einschalten von R o m und Papst eine Zurückhaltung zeigt,
die an W i d u k i n d s ablehnende H a l t u n g wenigstens von fern erinnert
Das wird besonders deutlich, wenn er nicht müde wird zu betonen, d a ß
der Papst den Kaiser braucht und sein E i n g r e i f e n e r s e h n t V o r Hein-
richs II. Kaiserkrönung erzählt er etwas spöttisch von des Gegenpapstes
Erscheinen im vollen apostolischen O r n a t und angelegentlich von des
Königs Versprechen, zu kommen, und von seinem G e b o t , bis dahin j e d e
Amtshandlung zu unterlassen ( V I , 101).
T h i e t m a r weiß recht wenig von den Päpsten, die er einmal sum-
marisch aufzählt; aber eines kann er von allen mit Nachdruck sagen:
ab omnibus hiis sacerdotibus summis adventus regis admodum desidera-
tur ( V I , 101). D a ß der König als Schutzherr der Päpste zum E i n g r e i f e n
verpflichtet wäre, oder d a ß diese zur B e k r ä f t i g u n g ihres Anspruchs etwa
den Apostelfürsten ins F e l d führen, ist nirgends auch nur angedeutet;
mehr als ein bescheidenes und bedürftiges desiderare billigt Thietmar
seinen Päpsten offenbar nicht zu.
G i l t T h i e t m a r s Zurückhaltung gegenüber dem P a p s t nur dem Kirchen-
fürsten im fernen, mißtrauisdi betrachteten R o m , der dem K ö n i g von
Gottes G n a d e n eine zwar hohe und willkommene, aber doch mit einem
fremden L a n d verbundene W ü r d e v e r l e i h t ? V e r e h r t T h i e t m a r , der die
W ü r d e n t r ä g e r und frommen G l i e d e r seiner Kirche mit E i f e r und W ä r m e
schildert und sich für kirchliche Rechte und D o g m e n immer wieder ein-
setzt, im Papst die Spitze der C h r i s t e n h e i t ? G i b t er ihm im Kirchen-
politischen die ihm theoretisdi zukommende S t e l l u n g ?
M a n möchte die F r a g e b e j a h e n , wenn m a n liest, wie sich T h i e t m a r
gegen die Verurteilung und V e r b a n n u n g B e n e d i k t s V . durch Otto den

41 Viel mehr tut er es beim Königtum, vgl. unten S. 48.


42 Karl Η a u c k zeigt in einer Untersuchung des Modus Ottinc, Geblüts-
heiligkeit, Liber floridus (Festschrift für P. Lehmann 1950), S. 231, daß der
Gedanke des romfreien Kaisertums in Thietmars Umwelt nicht unbekannt ge-
wesen sein kann: Heinrich II. läßt durch dieses Lied das ottonische Kaisertum
auf die Ledifeldsdiladit zurückführen. Vgl. auch R. W e η s k u s (s. oben S. 37,
Anm. 12), S. 119, der in Brun von Querfurt einen „extremen Vertreter eines
romfreien Kaisertums" findet. Über Widukinds Stellung zum Kaisertum vgl.
bes. M. L i n t z e l , Die politische Haltung Widukinds von Korvei, Sachsen und
Anhalt 14 (1938), S. 33 ff., audi in: Ausgewählte Schriften 2, 341 ff.;
Ε. E. S t e n g e l , Die Entstehungszeit der Res gestae Saxonicae und der Kaiser-
gedanke Widukinds von Korvei, Corona Quernea (1941), S. 147 ff., auch in
Stengeis Abhandlungen u. Unters, z. mittelalt. Geschichte (1960), S. 328 ff.;
H. B e u m a n n , Widukind von Korvei (1950), S. 228 ff. und 258 ff.
4 5 VI, 101 notiert Thietmar als Folge des königlichen Eingreifens, daß Hein-

rich advocatus satteii Petri meruit fieri.

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Thietmar von Merseburg 45

Großen verwahrt — quod utinam non fecisset!44 Er betont, daß den


Papst niilliis absque Deo iudicare potuit und daß er in Christo über dem
Kaiser stehe; die folgende Seuche im Heer führt er sogar auf Benedikts
Absetzung zurück. D a ß er den Papst iniuste, ut spero, accusatum nennt,
klingt an das Gnesener ut spero, legitime (IV, 45) an und verrät ebenso
wie dort einen Z w e i f e l — hier an der Ungerechtigkeit der Anklage; es
kann aber daran nicht viel ändern, daß Thietmar hier wirklich dem
Papsttum gibt, was ihm in der kirchlichen Theorie gebührt. Aber es ist
audi das einzige Mal, daß Thietmar den Papst so erhöht. W i e etwas
Selbstverständliches berichtet er, daß Otto III. seinen Vetter Bruno und
nach dessen T o d Gerbert zum Papst macht 45 ; auf Seiten des kaiserlichen
Papstes ist er g e g e n den römischen invasor Johannes (IV, 30); er ist
zufrieden damit, daß Heinrich II. an der Kurie sdiliditen und entschei-
den soll (VI, 101). U n d vor allem: die Päpste verschwinden im übrigen
fast völlig aus Thietmars Gesichtskreis. Er zählt sie summarisch auf vor
dem Bericht über Heinrichs Kaiserkrönung (VI, 100), erwähnt dabei
Gerbert-Silvesters astronomische Studien in Magdeburg, lobt Bene-
dikt VIII. als besonders guten Oberhirten und bemerkt, daß unter
Johannes Phasan (Johann X V I I I . ) sein Bistum Merseburg erneuert
wurde. Aber während er an anderer Stelle Heinrich II. preist und ihm
fast überschwenglidi dankt für diese Erneuerung, fällt hier kein Wort
des Dankes In Thangmars Vita Bernwards von Hildesheim, die doch

44
II, 28. Allerdings ist die Kritik am Kaiser hier nicht so sdiarf, wie es zu-
nächst aussieht: Thietmar spricht nur davon, daß Otto den Papst deponi con-
sensit; er nennt ihn Romanorum prepotens imperator augustus, damit er neben
dem valentior sibi in Christo domnus apostolicus bestehen kann. Man könnte
bei Thietmars Kritik audi an eine Benedikt-freundliche Tradition denken, vgl.
VI, 88, wo Benedikts Schüler Lievizo mit deutlicher Beziehung auf seine Treue
zum Papst gerühmt wird, vgl. audi IV, 62. Thietmars Haltung könnte mit
Benedikts Aufenthalt in Deutschland zusammenhängen.
45
IV, 27; VI, 100 (gratia imperatoris wird Gerbert Papst); das wird unter-
strichen durch Thietmars Kritik am Crescentier, der einen Gegenpapst einsetzt:
er maßt sich damit kaiserliche Rechte an. Vgl. oben Anm. 37.
" Dagegen will W e n s k u s (s. oben S. 37 Anm. 12), S. 166 f. u. 186 Bruns
Urteil über die Päpste u. a. in ihrem Verhältnis zu Merseburg begründet finden.
Audi Thietmar wird gewußt haben, daß Gregor V. die Wiedererrichtung Merse-
burgs zunächst angeregt hatte, er erwähnt ihn mehrfach freundlich (VI, 100 als
„Förderer unserer Kirche"; IV, 30 u. 43); desto mehr fällt auf, daß der gesprächige
Chronist diese Parteinahme für sein Bistum versdiweigt, während in der Er-
zählung von der Aufhebung des Bistums der König völlig hinter Rom und
seinen „ungerechten Richtern" zurücktritt. Thietmar färbt hier offensichtlich im
Interesse der völligen Wiederherstellung seines Bistums, die er vom König er-
hofft. Vgl. W. T r i l i m i c h , Einleitung zur Thietmarausgabe (oben S. 34,
Anm. 1), S. X I X f . , sowie R. H o l t z m a n n , Die Aufhebung und Wieder-
herstellung des Bistums Merseburg, Sachsen u. Anhalt 2 (1926), S. 40 ff.

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46 Annerose Schneider

kaum später geschrieben ist als Thietmars Chronik 4 7 , erscheinen Papst


und Kaiser fast dauernd sozusagen H a n d in H a n d , und der Papst wird
dabei stets zuerst genannt 4 8 . Bei Thietinar und übrigens auch bei B r u n "
findet sich nichts Entsprechendes. Für Thietinar ist der K ö n i g Gottes
Stellvertreter auf Erden (VI, 11; I, 26), der H e r r der Kirche; er setzt die
Bischöfe ein und an ihn wendet man sich um Schutz vor dem Übermut
der weltlichen H e r r e n 5 0 — vom Papst ist dabei nicht die Rede. T h i e t m a r
hat Bernward von Hildesheim persönlich gekannt (VI, 70), er erwähnt
ihn öfters, aber von seinem Kampf um Gandersheim sagt er nichts. H a t
er, der selbst noch unbefriedigte Ansprüche an Mitbischöfe hatte, sidi in
diese heiklen Dinge nicht einmischen wollen, oder hat ihn vielleicht gar
das mehrfache Mitreden und A n r u f e n des Papstes b e f r e m d e t ? 5 1 T h i e t m a r
berichtet einmal, daß der Schwager Heinrichs II., Bischof Thiedrich von
Metz, α rege increpatur, weil er ihn beim Papst iniuste verklagt habe
(VI, 60). Thietmar sagt nichts dagegen — was er doch in andern kirchen-
politischen Fragen keineswegs scheut, — und als er später erzählt
(VI, 87), der König habe zu Thiedrichs Verurteilung eine Synode ein-
berufen, fügt er befriedigt hinzu, die Bischöfe hätten ihm das Messe-
halten untersagt — vom Papst ist keine Rede, u n d Thietmar vermißt
ihn offenbar nicht. Der dominus papa (so nennt T h i e t m a r die Päpste
meist, einmal auch coepiscopus") hat bei T h i e t m a r eine ähnliche Funk-
tion wie ein Ehrenvorsitzender: d. h. er hat eigentlich keine; m a n zollt
ihm Hochaditung und Verehrung, aber er wird sozusagen kaum ge-
braucht, j a er stört sogar unter Umständen, wenn er sich einmischt, den
normalen Ablauf der Dinge.
H a t der Papst wenigstens einen Platz in Thietmars Frömmigkeit?
Thietmar rühmt die deutschen Bischöfe als fromme, o f t heiligenmäßige
Männer, um deren Fürbitte er wirbt und die dem Leser Vorbild sein
sollen; mit einem Papst tut er das nicht. W i r sahen, er kennt die Namen,

47
Seit 1015, vollendet nach 1022; vgl. W a t t e n b a c h - H o l t z m a n n 1
(1942), S. 61. — Thietmar schrieb zwischen 1012 und 1018.
48
Vgl. etwa cap. 18, 20, 21, 30, 34.
" Vgl. W e n s k u s , S. 121 ff.
50
Grundsätzlich gesteht Thietmar ihm das Recht zu, die Bischöfe einzusetzen:
I, 26. Im übrigen zeigen das viele Stellen der Chronik. Nur II, 22 handelt
Otto I. apostolica auctoritate. Anrufung des Königs gegen die Übergriffe der
Vasallen: VIII, 23.
51
Freilich muß man sich hier vor anachronistischen Fehlurteilen hüten, wie
überhaupt im Zusammenhang mit der Stellung des Papstes in dieser Zeit. Aber
die erwähnte Vita zeigt jedenfalls, daß man anders als Thietmar darüber den-
ken, dem Papst eine weit bedeutendere Stellung einräumen konnte.
" IV, 47. Zum dominus: J. O. P l a s s m a n n , Princeps und Populus (1954),
S. 107, er will bei Thietmar dominus mit 'herro' übersetzen, berücksichtigt aber
(S. 106 f.) nur die Benennungen der Könige.

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Thietmar von Merseburg 47

aber anscheinend nicht viel mehr Es ist etwas Besonderes, daß er ein-
mal weiß, daß Gregor der Große — den er als Schriftsteller kennt und
zitiert — die Angelsachsen dem christlichen Glauben gewonnen hat
(VII, 36). An eine besondere Heiligkeit des Papstes scheint er nicht zu
d e n k e n " . Die erwähnte Erzählung von Ottos I. Mißtrauen gegenüber
den R ö m e r n " wirft doch audi auf den Papst kein gutes Licht: in der
Gegenwart eines Gott sehr verbundenen oder gar heiligen Mannes hätten
solche Bedenken nicht aufkommen dürfen. Thietmar schildert einmal den
unglücklichen Kampf des Papstes Benedikt VIII. gegen die Sarazenen
(VII, 45), er beklagt das dreitägige Blutbad — aber nicht annähernd so
bewegt wie bei der Niederlage des Lütticher Bischofs Adalbold (VIII,
27 f.). Nicht durch Benedikts besondere Verdienste oder Gebete, sondern
gemitu piorurn placatus läßt sich Gott versöhnen. Und als der Papst als
Antwort auf eine Drohung des Feindes, der ihm mit einem Sack voll
Kastanien die Menge der feindlichen Krieger anzeigt, den Sack voll Hirse
zuriidcsdiickt mit dem Bemerken, so viele Krieger werde der Feind bei
neuem Angriff vorfinden, kann Thietmar sich trotz aller Freude an dem
grimmigen Scherz eines leisen Tadels nicht enthalten: Homo cogitat et
loquitur, Deus iudicat; quem, suppliciter fidelis quisque oret, ut talem
plagam misericorditer amoveat et necessariam optatae pacis securitatem
pius indulgeat.

3. T h i e t m a r ü b e r d a s Königtum

Das mittelalterliche Königtum hat in der Forschung der jüngsten Zeit


besondere Beachtung gefunden 6 *. Man hat sidi gefragt, inwieweit der
König seine Erhebung der eigenen Macht und der Erblichkeit der Krone

55
W e n n nicht, w i e bei Gerbert, sidi etwas in seiner Nähe (in Magdeburg)
abgespielt hat. Übrigens bemerkt er dabei noch, daß Gerbert iniuste das Bis-
tum Reims bekommen habe (VI, 100).
54
W e n n ein Papst Märtyrer ist wie Clemens I., so erscheint die Papstwürde
natürlidi als das Geringere: Christi martir et papa nennt er ihn (VII, 74).
" Vgl. oben S. 41.
56
Für die Königswahlforschung vgl. M. L i n t z e l (außer dem unten Anm. 70
zitierten Aufsatz): Miszellen zur Gesch. des 10. Jh. (1953), audi in: Ausgewählte
Schriften 2 (1961), S. 220 fiF.; Heinrich I. und die fränkische Königssalbung
(1955) auch ebd. S. 583 ff., und die dort zitierte Literatur, sowie W . S c h l e -
s i n g e r , Über germanisches Heerkönigtum, Mainauvorträge 1954 (hrsg. v.
Th. Mayer 1956), S. 105—141. Vgl. audi die Diskussion über die Anfänge des
Deutschen Reiches (dazu die gleichnamige Schrift von M. L i n t z e l , 1942; und
den von H. Kämpf 1956 hrsg. Sammelband: Die Entstehung des Deutschen
Reiches, W e g e der Forschung I). Zum Königtum allgemein: K. H a u c k ,
Geblütsheiligkeit, Liber floridus (Festschrift f. P. Lehmann 1950), S. 187 ff.;
H. B e u m a n n , D i e sakrale Legitimierung des Herrschers im Denken der
ottonisdien Zeit, Z R G Germ. Abt. 66 (1948), S. 1—45; ders., Die Historio-

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48 Annerose Schneider

oder der W a h l verdankt und ob ihm nadi altgermanisdien und christ-


lichen Begriffen ein besonderes „Heil" und eine Art Heiligkeit eignet.
Thietmars Auffassung müßte dabei um so mehr interessieren, als bei
ihm König und Königtum im politischen und kirchlidien Leben unüber-
sehbar im Vordergrund stehen. Schon im Aufbau der Chronik macht sich
das bemerkbar: Vitam moresque piorum Saxoniae regum zu schildern,
ist nach dem Gedidit, das die Chronik einleitet, ihr Hauptthema, und
nadi den Königen ist sie eingeteilt. Tatsächlich ist sie dann keineswegs
nur eine Geschichte der sächsischen K ö n i g e " , aber es ist dennoch be-
zeichnend, daß T h i e t m a r — durch Widukind angeregt zu dieser Ein-
teilung — sie stärker als sein Gewährsmann hervorhebt durch die
Gedichte vor den Büchern I, II, I I I , V , V I und V I I , die im wesentlichen
die Herrscher preisen. E r geht auch darin weiter als andere Geschichts-
schreiber des frühen Mittelalters, daß er nicht wie sie eine Rechtfertigung
für nötig hält, weil er (wenn auch mit erbaulichen Exkursen) Profan-
gesdiidite schreibt 5 8 . Z w a r kommt er auf dem Umweg über sein Bistum
Merseburg zu seinem Hauptthema, er hält dann aber eine Begründung
nicht für nötig, wo er die Geschichte der Könige, sondern wo er die T a t e n
frommer Männer beschreibt 5 '.
Für den ersten Blick erscheint das religiöse Moment bestimmend in
Thietmars Bild vom K ö n i g t u m M . Summa preordinacione wird Hein-
rich I I . zum König gewählt. Gegen Gott selbst stritt, wer sich gegen ihn
wandte (V, 2). Gegenüber dem Thronräuber Arduin ist er der von Gott
Gekrönte (VI, 6). Ohne Gott kann niemand recht herrschen ( V I I , Vor-
rede). Unsere Könige und Kaiser sind summi rectoris vice hac in pere-
grinatione prepositi, sie überragen alle Sterblichen benediccionis et coro-
nae gloria (I, 26). W i e v i e l T h i e t m a r vom geistlichen Segen hält, verrät
uns auch sein bedenkliches Kopfschütteln, als er vom Verzicht Heinrichs I.
auf die Salbung berichtet, und die angelegentliche Wiedergabe der für
Heinrich fatalen Vision des heiligen Udalrich (I, 8).

graphie des M i t t e l a l t e r s als Quelle für die Ideengeschidite des Königtums, H Z


180 (1955), S. 4 4 9 — 4 8 8 ; J . 0 . P l a ß m a n n , Princeps und Populus (1954);
P. E. S c h r a m m , Herrschaftszeichen und Staatssymbolik ( 1 9 5 4 — 5 6 ) ; audi die
M a i n a u v o r t r ä g e 1954 (s. o.), die „Das Königtum, seine geistigen und rechtlichen
G r u n d l a g e n " behandeln.
5 7 V g l . unten S . 64, A n m . 120.
58 H. B e u m a n n behandelt in dem oben zitierten Aufsatz von 1955 ζ. B .
E i n h a r d , W i d u k i n d , W i p o , die V i t a H e i n r i c i I V . unter diesem Gesichtspunkt.
5 * V I I I , 8; I V , 31. Andererseits ist ihm gerade die Schilderung der Frommen
sehr wichtig.
60 Vgl. dazu wie überhaupt zu unserer Fragestellung F. K e r n , Gottes-
gnadentum und Widerstandsrecht ( 1 9 1 4 ; neu hrsg. 1954).

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T h i e t m a r von Merseburg 49

Der göttliche Ursprung der Obrigkeit" ist auch das erste, was Thiet-
mar einfällt, wenn er in seiner Erzählung vom Aufstand des Markgrafen
Heinrich, seines Vetters, Recht und Unrecht gegeneinander abwägt: er
entscheidet gegen den aufständischen Markgrafen, obwohl er dessen
Beweggrund, den Bruch eines Versprechens durch den König, in gewis-
sem Sinn anerkennt (V, 32). Thietmar zitiert hier Paulus (Römer 13, 1/2),
und als er bei anderer Gelegenheit für unbedingte Loyalität gegenüber
dem Königtum eintritt, beruft er sich gar auf die Seligpreisung derer,
die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden (VI, 48). Wenn solche
Mahnungen dem König audi zugute kamen, so schmeichelt Thietmar ihm
damit doch nicht; er spricht hier offenbar seine Überzeugung aus. Dabei
ist aber der religiöse Gesichtspunkt nicht der einzige. Wenn er den
Mangel an „Königstreue" in den Westlanden verurteilt, sagt er selbst,
daß neben den religiösen auch politische Erwägungen ihn leiten (VI, 48).
Daß die politischen Erfahrungen gelegentlich stärker sind und die
Glaubenssätze korrigieren, zeigt seine Einstellung zu Arduins Tyrannis:
statt in ihr eine Zuchtrute Gottes zu sehen, verhöhnt er die Langobarden,
die ihn w ä h l t e n F a s t noch mehr hat er in kirdienpolitisdien Fragen
Anlaß, Macht und Rechte des Stellvertreters Gottes hervorzuheben*®,
aber gerade da wendet er sich manchmal selbst gegen den König· 4 und
fühlt sidi dann offenbar durdi sein Prinzip nidit gebunden.
Nicht immer wird die göttliche Gnade dem König so indirekt auf
menschlich-irdischem Weg zuteil wie etwa bei der Königswahl Hein-
richs II., der zwar summa preordinacione, aber dodi ganz deutlich durch
sein eignes Handeln und den Willen seiner Wähler König wird Zwei-
mal berichtet Thietmar von direktem Eingreifen Gottes zugunsten seines
Stellvertreters: er behütet ihn in einem einstürzenden Haus und vor
dem Pfeil eines Feindes (VI, 9 u. 14).
Vermittelt die göttliche Gnade, die den König erhoben hat, ihn zu
Gottes Stellvertreter bestellt und schützt, ein besonderes Heil? Eignet
dem zum König Gesalbten besondere Einsicht und K r a f t ? · 8 Gewiß: sein
Amt fordert Weisheit und Gerechtigkeit, aber beides ist ihm nidit ohne

" E. B a c h , Politische Begriffe . . . (s. oben S. 38, A n m . 17), S. 22 will hier-


aus ablesen, wie wenig T h i e t m a r sich an Augustin hält.
6 2 Etwas Ähnliches kann man in T h i e t m a r s Einstellung zum Gottesurteil be-
obachten: er b e j a h t es grundsätzlich, aber als sein politisches U r t e i l dem U n t e r -
legenen recht gibt, spricht er das ziemlich unbefangen aus und fühlt sich j e d e n -
falls durch den religiösen Gedanken nidit unbedingt gebunden ( I I I , 9).
» Vgl. etwa I, 26; V I I I , 23; V I , 48.
M V g l . unten S. 55 f.
M Vgl. unten S. 50 f.

· · In seinem Aufsatz „Geblütsheiligkeit" (vgl. oben A n m . 56) geht K . H a u c k


solchen Ansichten in den Quellen nach. V g l . zu dieser F r a g e auch Kap. 4
„Virtus . . . " , unten S. 6 0 f f .

4 Archiv für Kulturgeschichte 44/1

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50 Annerose Schneider

weiteres gegeben. Thietmar berichtet von einem Urteil, in dem der König
das hohe Ideal so wenig erreicht, daß das Volk murrt, der Gesalbte des
Herrn tue S ü n d e H i m m l i s c h e Mächte haben es auch nötig, Otto den
Großen mit drastischen Mitteln zu zwingen, die von Gott dazu be-
stimmten Bischöfe zu investieren (II, 24 u. 26 f.). Von Heinrich I. ist
sogar ein fataler Sündenfall zu berichten, und die Entschuldigung, jeder
Mensch sei proclivior ad labendum, ist nicht geeignet, die königliche
Würde zu retten* 8 , ebensowenig der anschließend erzählte Parallelfall
aus einem Magdeburger Bürgerhaus. Beide Vergehen haben Folgen: bei
dem Magdeburger wird ein an den Füßen mißgestaltetes Kind geboren,
das bald stirbt, den Nachkommen des Königssohnes Heinrich wird
dauernder Unfrieden prophezeit. Der König erscheint hier ganz betont
als sündiger Mensch. Dafür bietet die Chronik auch anderswo zahlreiche,
wenn auch nicht so drastische Beispiele. Durch eine Gebetsverbrüderung
sucht Heinrich II. die Last der eigenen Sünden zu erleichtern (VI, 18),
aus Furcht vor dem Tode gründet Otto I. ein Erzbistum (II, 20); Otto III.
quält sich über manche Missetat mit Reue und Gewissensnot (IV, 48). Da
hat dann auch der König den Bischöfen nichts voraus, so betont Thietmar
ihn anderwärts als den ihnen vorgesetzten Stellvertreter Gottes dar-
stellt". Otto I. bittet im Gegenteil den Bischof wegen des erwähnten
Wahlirrtums um Verzeihung (II, 24), Thietmar berichtet gern, daß Hein-
rich II. wegen der Gründung Bambergs um die Gunst der Synode wirbt
(VI, 31), und er nennt Tagino einmal den simpnista des Königs (VI, 38).
In seinem Nachruf auf Otto II. verzeiht Thietmar dem König ausdrück-
lich die Aufhebung des Bistums Merseburg (III, 25) und dabei kommt er
ihm noch dadurch entgegen, daß er auf seine eigene Fehlbarkeit hin-
weist; sowenig der Bischof mit dem Amt Unfehlbarkeit empfangen hat,
sowenig kann sie die Königswürde verleihen. Aber der König ist nicht
nur ein Sünder wie andere auch, er braucht sogar besondere Nachsicht:
in seinem Nekrolog auf den von ihm so hodi verehrten Otto den Großen
bittet Thietmar, der Leser möge zu Gott beten, daß er flagicia servi
peccatoris innumera, quae in tot sibi subditis rebus precaveri nequiverant,
gnädig verzeihe (II, 45).
Welche irdischen Kräfte das Königtum tragen, verrät uns vor allem
Thietmars Auffassung von der Erhebung zum König 7 0 . Zwar begründet
er auch hier gern überirdisch: summa preordinacione wird Heinrich König,

" VII, 8. Vgl. zum folgenden unten S. 56.


ω
I, 24 f. Vgl. audi unten S. 68.
ω
I, 26; vgl. oben S. 49.
70
Vgl. zum folgenden M. L i n t z e l , Zu den deutschen Königswahlen der
Ottonenzeit, ZRG Germ. Abt. 66 (1948), S. 46 ff., bes. S. 58 ff.

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Thietmar von Merseburg 51

a l l e Dinge müssen ihm nach Gottes W i l l e n zum Königtum helfen Aber


wir erfahren auch zur G e n ü g e , was T h i e t m a r unter diesen irdischen
D i n g e n versteht: Heinrich I. nimmt sein Königtum an als divinae pietatis
mwins, verdankt es zugleich aber dem universalis tantae caritatis affectus
(I, 8). Die W i l l e n s ä u ß e r u n g der G r o ß e n ist für T h i e t m a r immer wichtig.
Als Otto I. stirbt, notiert er, d a ß sein Sohn patre adhuc vivente electus
et unctus iterum conlaudatur a cunctis in dominum et regem11. I n seiner
Erzählung von den V o r g ä n g e n bei der W a h l Heinrichs I I . wird beson-
ders deutlich, wie er die A k z e n t e setzt: Heinridi bittet die G r o ß e n , er gibt
Versprechungen und wird von ihnen auf die Wahlentscheidung der melior
et maior pars populi verwiesen, und in Merseburg dankt er dann aus-
drücklich nächst G o t t vobis omnibus und betont, d a ß er nur auf Wunsch
und E i n l a d u n g der Sadisen gekommen sei 7 S . G a n z selbstverständlich
berichtet T h i e t m a r auch von den anderen Prätendenten und ihren A n -
hängern, und sie sind ihm audi in der Rückschau nicht etwa R e b e l l e n ;
Edcard von M e i ß e n widmet er einen Nachruf ( V , 7), der sich mit den
Totenklagen um seine Könige vergleidien läßt, obgleich Thietmars
F a m i l i e offenbar Heinrichs P a r t e i zuneigte 7 4 . In den Beratungen der
Fürsten taucht der Gedanke der E i g n u n g auf: sie meinen zunächst,
Heinricum non esse idoneum propter multas causarum qualitates
T h i e t m a r sagt dagegen, d a ß Heinrich gerade virtute sua (pietate divina
steht natürlich voran) K ö n i g geworden sei, Otto von K ä r n t e n läßt er beim
Verzicht auf die K r o n e ausdrücklich a u f Heinrichs E i g n u n g hinweisen
(V, 25). I m G e g e n s a t z zu den G e g n e r n versteht Heinrichs P a r t e i unter
der „Eignung" ihres K a n d i d a t e n offenbar sein Geblütsrecht. D a s meint

71 V, 2; vgl. auch I, 21, dazu auch M. L i n t z e l , Heinridi I. und die frän-


kische Königssalbung (1955), S. 21 f. = Ausgew. Sdir. 2, 591 ff. über die Rolle
von Salbung und Geblütsrecht in früher Zeit.
7 ! II, 44. Vgl. audi III, 24. Über die häufigen Erwähnungen der Großen,
die den König umgeben, und die Bedeutung des Gefolgsdiaftsgedankens für
ihre Verbindung zum König vgl. J . 0 . P l a ß m a n n , Princeps und Populus
(1954).
7 ' IV, 50; V, 16. Es fällt einem dabei die Wahlrede ein, die Widukind
Heinridi I. in den Mund legt: Heinrich dankt nächst Gott vestrae pietati.
M. L i n t z e l sieht darin die Anrede an die Versammlung, nicht, wie Η. Β e u -
m a n n , an Heriger. Vgl. Zu den deutschen Königswahlen der Ottonenzeit,
ZRG 66, S. 52.
7 4 Thietmars Oheim Liuthar setzt sich schon vor der Wahl für Heinridi ein,

vgl. weiter unten S. 52. Thietmar selbst ist Günstling des Erzbisdiofs Tagino,
eines alten Anhängers Heinrichs, VI, 38 f.; vgl. auch die Einleitung W. T r i l l -
m i c h s zu seiner Thietmarausgabe S. X V I I .
75 IV, 54. So nennt er auch Heinrich I. regni gubernaculo aptum (I, 8), Otto
dem Großen geben seine Taten ein Anrecht auf den Thron (Gedicht vor II),
seine indoles erleichtern den Großen die Wahl (I, 19). Zum weltlichen
Idoneitätsprinzip und seiner Tradition vgl. W . S c h l e s i n g e r , Mainau-
vorträge 1954 (s. o. Anm. 56), S. 133 ff.

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52 Annerose Schneider

Thietmars Oheim Liuthar, wenn er Eckard von Meißen entgegnet: mim


currui tno quartam deesse non sentis rotam? (IV, 52). Ähnlich betont der
Wahlaufruf von Werla das ius hereditarium (V, 3), und Thietmars Preis-
gedicht vor dem fünften Buch hebt das ebenfalls hervor. Thietmar sagt
an anderer Stelle (I, 19), wie er das meint: grundsätzlich ist der Ideal-
fall, daß man in der Sippe des alten Königs einen würdigen Thron-
kandidaten findet; wenn das nicht der Fall sei, solle man, omni odio
procid remoto, einen anderen wählen. Das Geblütsredit erleiditert nur
die Wahl, kann sie aber nidit ersetzen. Es ist für Thietmar ein Moment,
das im Gegensatz zu andern Kriterien etwas Allgemeingültiges hat und
die Stimmen der Wähler am leiditesten vereinigen kann. An eine Art
Erbheil, das die Wähler bindet, denkt Thietmar nidit; das zeigt sein
objektives Urteil über die Vorgänge um die W a h l Heinrichs II. und
über seine Mitprätendenten. Übrigens erscheint das Geblütsrecht gerade
für Heinrich nicht mehr allzu brauchbar, nachdem Thietmar so ange-
legentlich die Anekdote von Heinrichs I. Schuld erzählt hat: sie läuft
auf den Fluch der Zwietracht für die Nachkommen seines gleichnamigen
Sohnes hinaus, zu denen j a auch Thietmars König g e h ö r t " . Daß Thiet-
mar ausdrücklich bemerkt, daß unter Heinrich II. illa filex iniquitatis
verdorrt sei, zeigt, wie deutlich er sich der Beziehung bewußt ist. Er hätte
die Geschichte verschweigen können, wenn er in Heinrichs Herkunft
die entscheidende Grundlage seines Königtums gesehen h ä t t e " . So frei
man den verschiedenen Prätendenten gegenübersteht, so fest bindet der
Eid, den man dem König leistet: Heinrich der Zänker findet bei den
Großen keine Anerkennung, weil sie dem König Otto III. geschworen
haben (IV, 1 u. 4), und Thietmar verurteilt mit Nachdruck die Usurpa-
tionsgelüste des Vaters seines Königs 78 .
Der Bedeutung, die den Großen bei der Erhebung des Königs zukommt,
entspricht es, daß sie auch sonst etwas zu sagen haben. Thietmar berich-
tet von ihrem Anteil an des Königs Entscheidungen 79 , er urteilt selbst
über den König und nimmt nicht alles ohne weiteres hin, was ihm von
dort kommt.

' · Vgl. oben S. 50.


77
Auch wenn politisch gesehen der Wille des Designierenden entschieden hat,
erwähnt Thietmar ausdrücklich die Wahl: Magnum reginae Mathildis merorem
lenire cupientes wählen die Fürsten Otto I. in regem sibi et dominum, patris
sui decreto ac peticione (II, 1). Vgl. dazu audi P l a ß m a n n , Princeps und
Populus, S. 96 ff., der hinter dieser Formulierung gefolgsdiaftlidie Vorstellungen
findet.
78
III, 26. In einer Anekdote, die Thietmar wiedergibt, bindet den Erz-
bischof und Herzog Brun neben der Blutsverwandtschaft der geschworene Eid
an seinen Bruder Otto den Großen (II, 23). — Vgl. audi P l a ß m a n n , S. 49 f.
" Vgl. unten S. 54.

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Thietmar von Merseburg 53

Was verlangt Thietmar vom König, wie beurteilt er sein Amt? Rex
ist für ihn ein hoher Name 80 — nomine tantum rex nennt er den Lango-
bardenkönig Arduin (VII, 24) — und das Königsamt hat auch abgesehen
vom religiösen Nimbus eine bestimmte Prägung für ihn. Freilich ent-
spricht. was er vom König erwartet und an ihm rühmt, im allgemeinen
den herkömmlichen Idealen 8 1 . Der König ist pacis amicus (II, Vor-
rede), er ist oberster Vollstrecker der Gerechtigkeit (V, 44), der freno
sapientiae die schwankenden Gemüter festigt (VI, 59); er schlichtet und
versöhnt (VI, 98). Die Eignung Ottos von Kärnten zum Königtum be-
gründet Thietmar mit der consanguinitas, der aetas und der maturitas
virtutum (V, 25). Die Tugend der dementia eignet nächst Gott nur dem
König, benignitas wird am häufigsten gerade bei ihm gefunden 8S. Hein-
rich II. schafft allen Notleidenden Recht (V, 27). Audi der Ungarnkönig
vergibt seinen Feinden schnell, und es wird deutlich, daß Thietmar das
sowohl für ein Gebot der Frömmigkeit und Menschlichkeit wie der politi-
schen Klugheit hält (VIII, 4). Im Ganzen ist sapientia nach seiner
Meinung dem König wohl nötiger als heldische Tugenden, wenn er auch
auf diese natürlich nicht verzichten kann, wie die Anekdote zeigt, die
Karls des Großen peinliche Flucht vor den Sachsen glossiert 83 . Wenn er
an Heinrich I. rühmt, er habe verstanden, snos sapienter tractare, inimi-
cos autem collide viriliterque superare (I, 9; s. audi IV, 10), so zeigt sich,
wie sehr er auch politische Geschicklichkeit darunter versteht. Ähnlich
lobt er Heinrichs II. diplomatisches Geschick, als er die Liutizen zu Ver-
bündeten gewinnt (V, 31). Auch strategische Begabung hebt er hervor
(VII, 60). W e n n er berichtet, der König habe quamvis graviter tarnen
sapienter die Unglücksbotschaft einer verlorenen Schlacht vernommen
(V, 28), und wenn er die Zeit Ottos des Großen durch edles Maßhalten
ausgezeichnet findet (II, 44), so schmückt er den Herrscher mit Tugenden,
die ihm audi sonst auffallen und seine Anerkennung finden84. Erstaun-
lich wenig weiß Thietmar trotz der christlichen Begründung seines König-
tums von einer Verpflichtung des Königs, Mission zu treiben, wie sie sein

80
Zur Formel rex et dominus vgl. P I a ß m a n n , S. 85 u. 100 f.
81
Vgl. E. E w i g , Zum christlichen Königsgedanken im Frühmittelalter,
Mainauvorträge 1954, S. 7 ff., wo von solchen herkömmlichen Begriffen die
Rede ist.
82
Für dementia vgl. unten S. 63; benignitas des Königs: V, 27; VI, 31; VII,
Vorrede; VIII, 20; Gottes: I, 28. Für Bischöfe und als allgemeine Forderung
gebraucht: IV, 23; V, 43; VI, Vorrede; VI, 21; VI, 40.
83
VII, 75; auch I, 23. Zur sapientia bei Thietmar vgl. E. B a c h , Politische
Begriffe . . ., S. 23. Zum Ideal der sapientia in der antiken Dichtung und
seinem Weiterleben im Mittelalter (Topos sapientia et fortitude) vgl. E. R.
C u r t i u s , Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter (Ί954), S. 179ff.
84
Vgl. etwa VII, 58, wo es von seinem Bruder, Abt Siegfried, heißt, daß er
den Brand seines Klosters, quia emendare nequivit, honesta gravitate tulit.

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54 Annerose Schneider

Verwandter und Zeitgenosse Brun von Querfurt kennt. Von Heinrich I.


weiß er noch, daß er Normannen und Dänen mit den Waffen vom alten
Irrglauben abgebracht habe; Otto I. begnügt sich schon damit, einen
Dänenmissionar nachträglich zu erhöhen, ähnlich auch einen Vorgänger
Thietmars, der im Osten missioniert hatte, und sein eigener König Hein-
rich II. erntet nur die Frucht von Bruns Martyrium: der allmächtige Gott
hat Heinrich triumpho tanti presulis geehrt und ihm, so hofft Thietmar,
Heil gespendet". Im übrigen berührt Thietmar öfters solche Fragen: den
heidnischen Aberglauben als nichtig hinzustellen, ihm christliche Lehren
und Erfahrungen entgegenzusetzen, ist ihm sogar ein sehr wesentliches
Anliegen; aber man gewinnt den Eindruck, als handle es sich bei der
Mission in seinen Augen um ein freiwilliges, nicht gelenktes Bemühen
frommer Männer und Bischöfe. Dem entspricht, daß er eine auctoritas
des Königs und Kaisers über die Christenheit nicht kennt 8 ".
Bezeichnender ist, worin Thietmar den König tadelt. Erbittert ist er
über die Verbannung Jarimirs, der sich doch keiner infidelitas regis schul-
dig gemacht habe, und die Anerkennung des Usurpators Othelrich; er
sagt ingrimmig, daß den Feinden des Königs diese Maßnahme sehr lieb
gewesen sei: sie hätten ihn darum verspottet (VI, 83). Mit der neuen
Machtstellung Boleslavs von Polen ist Thietmar höchst unzufrieden:
„Gott verzeih es dem Kaiser" klagt er, daß er den früher Tributpflich-
tigen zum Herrn machte! (V, 10). Er ist unbedingt für den Einsatz der
Kräfte des Königs im Osten; er befürchtet einmal, Heinrich habe sich
eine Chance zum Krieg gegen Boleslav entgehen lassen (VII, 29), wäh-
rend er beim Krieg gegen Arduin zum Sprecher der friedensfreundlichen
Kreise wird und bedauert, daß der König ein Friedensangebot der
Langobarden unklug ausgeschlagen habe (VI, 93). Auch nebenbei und
im Fluß der Erzählung äußert er in mancher Frage der Ostpolitik eine
eigene Meinung, wie er ζ. B. mit dem Ausbau von Lebus nicht recht zu-
frieden ist, weil die Burg später durch zu geringe Besatzung verloren-
ging (VI, 59). Manchmal mildert es seine Kritik am König, daß er den
Anteil der Großen an den Entscheidungen bedenkt und sie gelegentlich
tadelt, etwa wegen der Freilassung Misekos, den der König zuvor aus
böhmischer H a f t befreit und übernommen hatte 8 7 . Den Inhalt der gött-

8S
Vgl. I, 17; II, 14; II, 36; VI, 95. (Bruns Missionsunternehmungen bezeichnet
Th. einmal als weite Reisen ob lucrum animae, VI, 94.) Vgl. dazu M. Z. J e d -
1 i c k i , Einleitung zu seiner lateinisch-polnischen Thietmarausgabe (Kronika
Thietmara ζ tekstu iacinskiego. 1953. Biblioteka tekstow historycznydi).
ββ
Obwohl er Otto I. zweimal mit Karl dem Großen vergleicht; dazu oben
Anm. 39.
87
VII, 10 ff. W i r wissen, daß in Sachsen gegen die Politik Heinrichs
opponiert wurde und hören audi in der Chronik mehrmals von Verbindungen

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Thietmar von Merseburg 55

liehen M a h n u n g , die ein L a n d m a n n dem König bringt und deren M i ß -


aditung T h i e t m a r ernst tadelt, e r f a h r e n wir nicht ( V I I , 15). V e r s t ä n d -
licherweise nimmt T h i e t m a r großen Anteil, als es um das Recht seines
Vetters W i r i n h a r geht: Caesar . . . populis iura dabat et, ut presentes
affirmabant, meis haec amicis denegabat ( V I I , 8). D e r Herrscher ist hier
selbst der A n g e k l a g t e , was durch die W i e d e r g a b e des Volksurteils, der
G e s a l b t e des H e r r n tue Sünde, noch unterstrichen wird. Es geht dabei
um den Besitz des G r a f e n Wirinhar, der bei einer E n t f ü h r u n g ums
Leben kam: Thietmar berichtet davon mit viel Sympathie und teilt
kaum des Kaisers strenge A u f f a s s u n g von W i r i n h a r s VergehenIn
einem andern F a l l tritt T h i e t m a r gegen seinen V e t t e r Heinrich, der sidi
allerdings gegen den K ö n i g selbst erhoben hatte, für das göttlidie Recht
der Obrigkeit ein, audi wenn ihm durch sie Unrecht geschehen sei
(V, 3 2 ) ; vielleicht benutzt er gern die Gelegenheit, seine Grundeinstel-
lung zu diesem Problem darzulegen, weil der V e t t e r im Bund mit
Boleslav die sädisischen Interessen, wie T h i e t m a r sie verstand, nicht eben
förderte. Schließlich sind es besonders kirchenpolitische F r a g e n , in denen
T h i e t m a r mit dem K ö n i g nicht einverstanden ist. D a ß man sich mit B a l -
deridi versöhnte, d e r der Kirche in W i d i m a n n einen treuen Beschützer
genommen hatte ( V I I I , 18), m a g T h i e t m a r audi wegen seiner Anteil-
nahme an W i d i m a n n getadelt haben. S e i n e Kritik an der Absetzung
des Papstes ist mehr ein E h r e n t r i b u t , den er der theoretischen Bedeutung
des Papsttums zolltM. W i r k l i c h e s Anliegen ist ihm seine Opposition
gegen die K l o s t e r r e f o r m e n , die dem S t a a t zufließen lassen, was den B r ü -
dern entzogen wird, statt d a ß das so G e w o n n e n e den augmenta eccle-
siarum diente" 0 . W a s der Kirchenbesitz für T h i e t m a r bedeutet, verrät
er uns in seinen häufigen K l a g e n über das, was seinem wiederhergestell-
ten Bistum nodi a n seinem alten Bestände fehlt, in seinen Bemühungen
darum und in den Korrekturversuchen seiner C h r o n i k * 1 ; audi die A u f -
zeichnungen und Anweisungen für den Nachfolger sprechen davon
( V I I I , 13 f.). N u r den Schein des Redits gesteht T h i e t m a r dem K ö n i g in
der R e f o r m a n g e l e g e n h e i t zu, er beschuldigt ihn der Neigung, sich über
die f r o m m e n V o r g ä n g e r zu erheben, was in den Augen der Zeitgenossen
eine h e r b e K r i t i k sein mußte. D i r e k t genannt wird der König allerdings

sächsischer Adliger mit Polen. Dagegen gehört Thietmar trotz der erwähnten
Kritik in Einzelheiten fest zu den Anhängern der königlichen Ostpolitik.
8 8 Vgl. unten S. 58. Ähnlich I I I , 9 zum Zweikampf Waldo-Gero.
β · Vgl. oben S. 45.

"> VI, 20 f.; vgl. oben S. 38.


" Vgl. den oben S. 45, Anm. 46, zitierten Aufsatz von R. H o l t z m a n n ,
S. 68 ff. Über Thietmars Auffassung vom Bischofsamt vgl. meine ungedruckte
Diss. Halle 1955.

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56 Annerose Schneider

nicht, Thietmars Kritik ist aber trotzdem unmißverständlidi und grund-


sätzlich". Daß Thietmar dem König mehrmals das Recht bestreitet,
einen Bischof einzusetzen, überrascht zunächst; an andrer Stelle tritt er
grundsätzlich und nachdrücklich für dieses Recht des Königs ein, um die
Herzöge auszuschalten (1,26). Der Schutz der Kirche nach außen, die
Aufrechterhaltung einer Ordnung, die ihr freie Entwicklung gewährt, ist
Pflicht des Königs — ihre Freiheit darf auch er nicht einschränken. Er
darf das Recht einiger Kirchen, ihre Bischöfe selbst zu wählen, nicht
ignorieren, und die Bischöfe haben Recht und Pflicht, in diesen Dingen
als Sachwalter ihrer Kirche aufzutreten. Thietmar tut das selbst aus-
drücklich, als Tagino von Magdeburg gestorben ist, vor den dort ver-
sammelten Mitbischöfen, und man merkt, wie er sich im Recht weiß und
sich seines Eintretens freut: Senior meus imperet, quod velit; vos autem,
quod accepistis a Deo et antecessoribus suis, videte non perdatis (VI, 62).
Bei keiner Magdeburger Wahl seiner Zeit vergißt er, auf diese alten
Rechte hinzuweisen, deren Verleihung durch Otto II. er mit Nachdruck
geschildert hat (III, 1). Audi sonst ist Thietmar nicht immer einverstan-
den mit des Königs diktatorischer Entscheidung in diesen Dingen, so
bei der Wahl des Erzbischofs Unwan von Bremen (VI, 89), und mit rech-
ter Genugtuung berichtet er von der rigorosen Art, mit der der Himmel
Otto den Großen zwingt, den von Gott bestimmten Erzbischof zu
wählen M.
So sehr Thietmar in einzelnen Fragen ausdrücklich anders denkt als
der König, seine grundsätzlich loyale Einstellung mildert jede Kritik.
Selbst von Otto II., dem er die Aufhebung Merseburgs übelnimmt, be-
richtet Thietmar neben vielem Beklagenswerten — darunter vor allem
dem Slawensturm — auch Gutes: er billigt den Feldzug in Frankreich,
er rechtfertigt ausdrücklich die Einsetzung Willigis' von Mainz, obgleich
der nicht aus edlem Geschlecht stammt, und er erzählt breit und mit
Genugtuung von Ottos Rettung aus den Händen der Feinde, wobei er
den getäuschten Griechen die Überlistung von Herzen gönnt; schließlich
verzeiht er ihm feierlich in seinem Nachruf auf den König und bittet:
pro beneficiis . . . centuplum largiatur (III, 25) und auch später wird
Otto II. noch einmal gerühmt: larga benignitas cunctis pleniter arri-
dens M.

M
VI, 20 f.; VI, 91; VII, 13; VII, 31.
»» II, 24; vgl. dazu oben S. 50.
M
VIII, 20; früher, III, 1, hat er diese Freigebigkeit getadelt; er denkt in
beiden Fällen wohl an sein Bistum und dessen Nutzen, vgl. dazu R. Η ο 11 ζ -
m a n n s Anm. zu III, 1 in seiner Thietmarausgabe. — Ober Ottos Regierungs-
zeit vgl. Buch III.

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Thietmar von Merseburg 57

Was Thietmars grundsätzlich positive Einstellung im Politischen be-


dingt, warum ihm das Königtum so besonders notwendig erscheint, sagen
uns deutlicher als seine einzelnen Forderungen die Gelegenheiten, die
ihn den Wunsch nach einem starken Königtum aussprechen lassen. Wenn
er die turbulenten Verhältnisse in Burgund und ihre Dauerhaftigkeit mit
dem [uror malignorum erklärt, die kein starkes Königtum wollen und
denen die Bischöfe manibus complicatis ausgeliefert sind (VII, 30), so
zeigt sich hier wie bei seinen Klagen über eigene Bedrängnis durch über-
mütige Vasallen sicut nobis nullus aut regnet aut imperet dominus
(VIII, 23), daß er wesentlich um der Kirche und ihres Schutzes willen
ein starkes Königtum verlangt 95.
Wie weit Thietmar mit seiner Forderung eines starken Königtums
geht, verrät die schon erwähnte Erklärung, die er seinem Bericht von den
Wirren in den „Westlanden" anschließt (VI, 48). Er stellt hier zur De-
batte, ob man diese Menschen iniusticiam dominorum suorutn pati nolen-
tes loben solle, und er verneint das entschieden: man solle sich vielmehr
vor der von Gott eingesetzten Obrigkeit beugen — esse sacius omnia
propter Deum pati". Er empfiehlt, in extraneas nationes ac non in
viscera zu streiten und erinnert an das Beispiel der Vorfahren; es ist wohl
der auswärtige Kampf im Osten, an den er hier denkt, und das spricht,
wie gesagt, wohl auch mit, wenn er den Aufstand seines sonst so ge-
schätzten Vetters, des Markgrafen Heinrich, verurteilt". Ganz all-
gemein lobt er Heinridi II., weil er jeden, der sich gegen ihn erhob, ge-
demütigt (humiliavit) und ihn gezwungen hat, dem König cervice flexa
honorem impendere (IV, 54).
Thietmar tadelt solche, quibus relaxato iustitiae freno velud infelici
vitulo per latum liberos currere placuit Er hat grundsätzlich einen
Sinn für Strenge — vielleicht redet hier der mit Fragen der Erziehung,
Leitung und Verantwortung vertraute Bischof. Ingrimmig bemerkt er,
daß in Italien manchen Heinrichs Gerechtigkeitsliebe mißfallen, Arduins
schlaffe Nachsicht behagt habe (VI, 7). Mollis et effeminatus schilt er den
König von Burgund (VII, 30). Als er polnische Sitten schildert, sind ihm

• s Dazu gehört audi, daß er vom König die Ginsetzung der Bischöfe erwartet
— dieser soll die Herzöge ausschalten, vgl. oben S. 56. Für den Königsdienst
der Bischöfe tritt er immer wieder ein.
96
Omnia pati — offenbar auch Unredit, vgl. V, 32. Für die Bedeutung der
politischen Erwägungen hierzu vgl. oben S. 49.
97
V, 32; vgl. audi VII, 63. II, 6 gebraucht er die Wendung potestati regiae
inimicos.
98
VII, 50. Zu dem Zitat vgl. C. E r d m a n n , D A 4 (1940), S. 383 f.
W. Τ r i 11 m i c h weist in seiner Thietmarausgabe an dieser Stelle trotzdem
auf die Ecbasis captivi hin; er bleibt bei der alten Datierung (vgl. Einl.
S. X X V I ) , begründet das aber nicht.

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58 Annerose Sdineider

die grausamen Strafen für alle möglichen Vergehen besonders wichtig,


sie wirken, meint er, sicherer als viele Anordnungen (VIII, 2). Von
Tyrannen und Willkürherrschern hält er natürlidi nichts M . Wie hoch
Thietmar von Strenge und Gerechtigkeitsliebe denkt, verrät er am deut-
lichsten damit, daß er sie sich selbst abspricht (in seinem Vermächtnis für
den Nachfolger). Strenge erscheint ihm als hohe und entsagungsvolle
menschliche Tugend; er bedauert seinen Nachfolger, der es sdiwer haben
wird, weil Thietmar selbst zu nachgiebig war und deshalb ungerechter-
weise gelobt werden würde 10°.
Danach könnte man vermuten, daß Thietmar von Fehden und Wider -
standsredit nichts wissen will und eine Art innere Kirdihofsruhe als
idealen Zustand des nach außen schlagkräftigen Staates sieht. Aber wir
hörten schon: Thietmar selbst widersetzt sich gelegentlich, und vor allem:
seine Erzählungen spredien nidit dafür. Wenn er beim Beridit vom Tod
Ottos II. sagt: Virtus sublata queritur, quam sepissime incolumem homo
fragilis et dubius persequitur (III, 26), so mißbilligt er offenbar solche
Widerstände gegen den König. Das tut er jedoch nidit, wenn er etwa
von Wirinhars Friedensbruch erzählt (VII, 4 ff.). Der Kaiser beklagt ihn
entrüstet, Thietmar aber beschreibt ihn mit fühlbarer Anteilnahme in
allen Phasen. Als kranker Gast wird Wirinhar verraten — trotz der
Freude des Kaisers darüber schmäht Thietmar den Verräter. Die Boten
des Kaisers kommen zu dem Kranken, und Thietmar legt ihm Worte in
den Mund, die in ihrer Kürze und edlen Unzweckmäßigkeit an den
Sagastil erinnern. Wirinhar sollte, wenn er genesen war, hingerichtet
werden. Er stirbt, und Thietmar sagt: Nullum hostibus lucrum, suis
autem invincibile dampnum relinquens. In seinem Bericht von der Fehde
zwischen Balderich und Wichmann zeigt Thietmar redite Genugtuung
darüber, daß der Bischof von Münster nach Wichmanns Tod sogleich
zum Rachezug aufbricht und er begrüßt das Eingreifen Herzog Bern-
hards als nefandi criminis ultor (VII, 48). Mit Vergnügen berichtet er
von den Streichen, die sich im Kampf Heinrichs II. gegen Hermann von
Schwaben die schwäbischen Ritter leisten und mit denen sie die könig-
lichen übertölpeln 101 . Als er nach Gisilers Tod den Widerstand der
Magdeburger Wähler gegen das königliche Wahldiktat begründet, legt

»· Vgl. ζ. Β. V, 24; VI, 99; VII, 36.


100 V I I I , 12; vgl. audi VI, 64. Daß nidit oder zum geringsten Teil liebe-
dienerische Verehrung des Herrscherhauses Thietmar ein starkes Königtum for-
dern läßt, ist wohl deutlich. Das ergibt sich schon daraus, daß er die Usur-
pationsgelüste des Vaters seines Königs nachdrücklich mißbilligt, vgl. dazu
unten S. 60. (Th. I I I , 26; IV, 1—8 u. 20.)
101 V, 21. Sein Ideal ist freilich eher ein Mann wie der königstreue Ritter

Ansfried. Vgl. E. B a c h , Politische Begriffe . . . (Diss. Münster 1948), S. 21.

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Thietmar von Merseburg 59

er dem künftigen Erzbischof Walterd ein Wort Lucans in den Mund:


Libertatem populi, quem regna cohercent, libertate dominantis perire
tantumque eins utnbram servari, si cunclis eiusdem velit obtemperare
preceptis10ä. Die Großen des Langobardenreiches trifft sein Spott, weil
sie sich selbst einen Tyrannen gewählt haben (V, 24). Wie er bei der
Wahl auf sie angewiesen ist, so muß sich der König auch danach um die
Gunst der Großen bewerben: Thietmar lobt Heinrich I., weil er so han-
d e l t , ut quasi amicum diligerent et ut dominum honorarent (1,5). Thiet-
mars Bericht über den Staat der Liutizen läßt erkennen, in welchem Ver-
hältnis für ihn Königsmacht und Redit der Untertanen stehen: er wun-
dert sich sehr darüber, daß es bei ihnen keinen einzelnen Gebieter gibt,
aber es befremdet ihn auch, daß sie bei ihren Beschlüssen keinen Wider-
spruch des einzelnen dulden (VI, 25).
Daß Thietmars Einstellung gegenüber den einzelnen Herrschern sich
nicht so grundlegend unterscheidet, wie man nach seinem Interesse für
Merseburgs Geschicke annehmen könnte, wurde schon angedeutet. Von
Heinrich I. weiß Thietmar wenig, obwohl er ihn übersdiwenglidi als
Gründer Merseburgs preist, erwähnt er audi mandies, was vom Stand-
punkt der Kirche bedenklich ist, wie die Ablehnung der Salbung, die
kirchlichen Einwände gegen seine erste Ehe, den Verstoß gegen die
kirchlichen Enthaltsamkeitsvorschriften in der Ehe mit Mathilde, frei-
lich auch seine Reue und Mathildes besondere Frömmigkeit. Politische
Ereignisse treten sehr zurück, selbst die Ungarnschlacht wird nur in einem
kleinen Satz erwähnt. Mehr als aus Widukind schöpft Thietmar hier
aus kirchlicher Überlieferung 10 ®. Otto der Große erscheint dagegen als
begnadeter, gottgewollter Herrscher, seine Macht, seine Kirchlichkeit
werden betont, und auf seine Epoche blickt Thietmar mit Wehmut als
auf die guten alten Zeiten zurück. Doch audi hier sind, verglichen mit
Widukind, die politischen Ereignisse erstaunlich kurz behandelt. Gleich
Thietmar sieht Brun von Querfurt in Otto dem Großen den Ideal-
kaiser 104 , wie auch sonst öfters wirkt hier Magdeburgische Tradition.
Für die Aufhebung Merseburgs unter Otto II. werden mehr Gisilers Ehr-
geiz und die bestochenen römischen Richter verantwortlich gemacht als

10i
V, 41. Thietmar kennt audi eine libertas des Herrschers, die durch
iniusta temeritas eingeschränkt und begrenzt wird (VIII, 34). Vgl. zu diesem
Freiheitsbegriff H. G r u n d m a n n , Freiheit als religiöses, politisches und persön-
liches Postulat im Mittelalter, HZ 183 (1957), S. 23 ff. Trotz der Anwendung
auf die kirchlichen Verhältnisse (V, 41) kann man vom Gedanken der libertas
ecclesiae hier nicht reden.
loa Vgl m. L i n t z e l , Heinrich I. und die fränkische Königssalbung (1955),
S. 54 = Ausgew. Sehr. 2, 611. Auch der Vorwurf, Heinrich habe sich während
seiner Regierungszeit unrechtmäßig bereichert, weist auf kirchliche Tradition.
104
Vgl. W e n s k u s , Studien . . . (1956), S. 163 f.

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60 Annerose Schneider

der Kaiser, für den freilich Thietmar ausdrücklich und feierlich die Ver-
zeihung des Himmels erbittet. In dem Gedicht, das dem Buch über Otto II.
vorangestellt ist, werden mit besonderem Nachdruck die Niederlagen die-
ser Jahre als Strafe für die Sünde an Merseburg angesehen, indessen
sdieint Brun in seiner Abneigung konsequenter zu sein 1 M . Es wurde
schon gesagt, daß Thietmar auch Gutes über Otto II. zu sagen hat und
sich über seine Errettung 983 freut. Zu den Kreisen um Otto III. scheint
Thietmar weder äußerlich noch innerlich Beziehung zu haben, sein Reno-
vatioprogramm befremdet ihn; trotzdem versucht er wohl, mit seinem
Nachruf dem großen Wollen des jungen Kaisers gerecht zu werden:
Alfa et 0 misereatur eo, tribuens pro parvis magna, pro temporalibus
sempiterna. Es ist vielleicht auch kein Zufall, daß Thietmar in diesem
Buch besonders viel zur Erbauung seiner Leser sagt und seine eigenen
Sünden schmerzlich beklagt 10 *. Bei Heinrich II. betont Thietmar, trotz
aller erwähnten Kritik, das kirchlich wohlgefällige Handeln, das Gottes-
gnadentum besonders stark. Er ist sein König, Merseburg ist unter ihm
restituiert worden — wir sahen, daß er ohne Rücksicht auf frühere
päpstliche Initiative allein dem König den Ruhm der Wiederherstellung
gönnt — und hat noch manches Gute von ihm zu erwarten 107 . Trotzdem
scheint mir Jedlickis Annahme, Thietmar schreibe nur, um die völlige
Wiederherstellung seines Bistums durch den König zu erlangen loe , nicht
bewiesen. Thietmar verhält sich ζ. B. anders als die vom Hof inspirierte
Überarbeitung der Mathildenvita: während sie die direkten Vorfahren
Heinrichs überall herausstreicht loe , tritt Thietmar ihnen gegenüber für
den rechtmäßigen König ein, für den Neffen und Bruder von Heinrichs
Vater und Großvater: er macht einen Unterschied zwischen Königtum
und Person des Königs, und es kommt ihm dabei auf das erstere an.

4. Virtus, dementia, f or tuna bei T h i e t m a r


In seinen Berichten aus dem Leben der Frommen und Heiligen hält
sich Thietmar sehr stark an das herkömmliche hagiographische Schema.
Ein solches Schema stand ihm für die Gestaltung politischer Verhältnisse
nicht zur Verfügung, wenn man nicht den augustinischen Kategorien diese

1 0 5 Vgl. ebd. S. 165. T h . sieht in Otto I I . nicht nur den Zerstörer, sondern
auch den Förderer der Merseburger Kirche, I I I , 1 u. V I I I , 20.
l o e Das läßt sich allerdings auch einfacher erklären. '
ιοί V g l dazu etwa die Captatio benevolentiae im Gedicht vor V , audi V I I I , 14
und V I , 59. Vgl. audi oben Anm. 46.
ιοβ V g l J e d l i c k i s Einleitung zu seiner oben (Anm. 85) zitierten T h i e t -
marausgabe.
>0* dazu M . L i n t z e l , D i e Mathildenviten und das W a h r h e i t s p r o b l e m
in der Oberlieferung der Ottonenzeit, Archiv f. Kulturgesdi. 38 (1956), S. 158 f.
— Ausgew. Sdir. 2, 411 f.

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Thietmar von Merseburg 61

Bedeutung zuerkennen will — indessen hat E. Bach gezeigt, daß Thiet-


mar ihnen gegenüber große Zurückhaltung ü b t n 0 . Für mehrere Ge-
schichtschreiber spielen Begriffe eine Rolle, die mit germanischen Vor-
stellungen beladen sind und diese teilweise christlich umdeuten und über-
f o r m e n " 1 . Läßt sich bei Thietmar etwas Ähnliches beobachten? W i e
gebraucht er z. B. virtus, einen Begriff, der nach Beumann eine zentrale
Funktion hat in der frühmittelalterlichen Gestaltung des Bildes vom
Königtum?
Gleich anfangs redet er von Heinrichs I. virtus et industria (1,3). In
omni virtute sua übernahm er die Herrschaft (I, 28). An Editha rühmt
Thietmar ihre innumera virtus (11,3). Ehe virtus Liudolfs floruit in
omnibus (11,4). Beim T o d Ottos II. klagt Thietmar: virtus sublata que-
ritur (111,26). Heinrich II. wird König pietate divina ac virtute sua
(IV, 54); consilio ac virtute kommt er zum Frieden mit den Feinden
(VI, 56). Als Zeichen suae virtutis et bonae operacionis errichtet Karl
der Große in Sachsen acht Bistümer (VII, 75). Im letzten Beispiel ist deut-
lich so etwas wie besondere Frömmigkeit gemeint. W e n n Thietmar Hein-
richs I. T o d post innumera virtutum insignia (1,18) notiert, beziehen sidi
die virtutes wohl auf den vorher berichteten Burgen- und Kirchenbau.
Im Lob, das er Theophanu spendet, der bene nata virtutibus ornanti
(IV, 16), und im Lob Heinrichs II.: scandit ardua virtutum, cretus de
stemmate regum (Vorrede vor V) könnte man virtutes mit „Tugenden"
wiedergeben U I .
Virtus wird keineswegs nur auf den König angewandt. Thietmar
rühmt die virtus des Märtyrers Arn von Würzburg (1,4), des Erzbisdiofs
Gero (1,25); er erklärt, daß omnes beati virtutibus suis cum Christo
vivunt (VI, 64); er erzählt von einem Priester, der praeter caeteras vir-
tutes suas eine besondere Methode hatte, die Heiligen für sich zu interes-
sieren ( V I I I , 11), Bisdiof Swidger, der sogar Wunder tun kann, divino
munere fultus polluit in diversis virtutibus ( V I I I , 25), und Thietmar be-
merkt, daß infirmitas virtutem omnigenam perficit ( V I I I , 26). In diesen
Beispielen ist virtus Attribut der Frommen, bedeutet besonderes religiöses
Verdienst, sogar gelegentlich Heiligkeit; einmal wird es für Christus
gebraucht (IV, 65). Aber audi in der Anwendung auf fromme Amts-
brüder Thietmars bedeutet es das nicht immer: den Erzbisdiof Walterd

1,0 Vgl. E. B a c h , Politische Begriffe (s. oben Anm. 17), S. 22.


111 Vgl. H. B e u m a n n , Die Historiographie des Mittelalters als Quelle für
die Ideengeschichte des Königtums, HZ 180 (1955), S. 449 ff.
112 F. M a u r e r , Tugend und Ehre, Wirkendes Wort 2 (1951/52), S. 72—80

findet für diese Zeit virtus und Tugend öfters in gleicher Bedeutung. Über
virtus als Mannestugend in antiker Dichtung vgl. E. R. C u r t i u s, Euro-
päische Literatur und lateinisches Mittelalter (M954), S. 189.

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62 Annerose Schneider

nennt Thietmar utraque pollens virtute u > , und seines Merseburger Vor-
gängers Fähigkeiten, die mehr auf gesellsdiaftlidiem Gebiet als im Hei-
ligsein liegen, werden auch mit virtus charakterisiert; Thietmar erzählt
von diesen Fähigkeiten und fährt dann fort: unde divina visitatione et
tali virtute sacerdotalis (!) gradum ascendit (VI, 36).
Häufiger noch gebraucht Thietmar virtus für Laien, audi hier ergibt
sich ein buntes Bild. Thietmar redet von den virtutes der früheren prin-
cipes von Merseburg, von denen er gar nichts weiß (1,2); virtutum
ornatus stirbt Herzog Arnulf (1,26); die virtus des Markgrafen Gero
will er darlegen (11,25); in der Rückschau auf Ottos I. Epoche erscheinen
ihm omnes quae leguntur virtutes his degentibus florentes zu seiner Zeit
zu verwelken (II, 44). Graf Liuthar übertrifft sein Alter virtutibus
(IV, 39); das Ziel der virtutes von Liuthars und Ekkehards Kindern ist
ihre Verbindung durch die Ehe (IV, 40). Am Grafen Dädi rühmt Thiet-
mar ähnlich wie am Erzbisdiof Walterd gemina cordis ac corporis virtus
(VI, 50), und die virtus des Heeres wiegt seine zahlenmäßige Unterlegen-
heit auf (VI, 58). Wenn er von den fructes virtutum spricht, die sein
Vater Graf Siegfried bei seinem Tod genießt (IV, 16), und den Grafen
Ansfried rühmt, er sei in virtutibus volatu eo ipso sublevatus durch den
Tod seiner Frau (IV, 35), so bezeichnet der Begriff wieder mehr religiöse
Verdienste.
Auch ganz abstrakt wird virtus angewendet: die facta — es geht um
Leben und Sterben des königstreuen und frommen Grafen Ansfried —
sollen in suis virtutibus erkannt werden (IV, 31). Ähnlich ist es in einem
Horazzitat, das er wiedergibt (virtus consilii expers mole ruit sua, V, 32).
Der ars gegenübergestellt hat es einmal den Sinn von „Wahrheit"
(VI, 48).
Virtus steht offenbar für mehrere und verschiedenartige Worte von
Thietmars Muttersprache1". Man kann audi sagen: es paßt durch seine
blasse und doch feierliche Unverbindlidikeit zu vielen Gelegenheiten
und kann für verschiedene Begriffe stehen. In dem oben zitierten Bei-
spiel von den principes Merseburgs merkt man deutlich, wie es Thiet-
mar aus der Verlegenheit hilft. Häufig bezeichnet es offenbar eine an-
geborene Tüchtigkeit, einen besonderen Adel " 5 , aber ebenso bei den

115 VI, 75; „nämlich des Körpers und des Geistes" erklärt R. Holtzmann
in seiner Thietmarausgabe und verweist (ebd. S. 4) auf ähnliche Stellen, an
denen Thietmar die „doppelte Natur des Menschen" (VII, 46) mit andern Aus-
drücken umschreibt.
l u In seinem Buch über Widukind von Korvei (1950), S. 126 stellt H. B e u -

m a n n fest, daß sich der virtui-Begriff bei Widukind „der Verdeutschung gänz-
lich entziehe", die „charismatische Bedeutung" (S. 135 u. 250) nimmt er aber aus.
1 , 5 „Tüchtigkeit, Tugend, Verdienst" notiert das Register von H o l t z -
m a n n s Thietmarausgabe für virtus (S. 630).

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Thietmar von Merseburg 63

Großen des Reichs und bei den heiligen und frommen Männern wie beim
König. Zweimal erscheint virtus als eine A r t menschlicher Ergänzung
zur göttlichen G n a d e : pietate divina ac virtute sua (IV, 54) wird Hein-
rich II. König — divina visitatione et tali virtute wird Wigbert Bischof
von Merseburg ( V I , 36). Für die Anwendung auf den König wird man
auch an Thietmars Erzählungen von der Erhebung Heinrichs II. denken,
in denen für die alte Vorstellung vom Königsheil so gut wie kein Raum
bleibt (s. o. S. 5 0 f.).
E i n e andere Funktion hat der eindeutig religiöse Begriff der demen-
tia. Seine Anwendung spiegelt wohl eher die Bedeutung wider, die
Thietmar dem Gottesgnadentum des Herrschers beimißt: dementia wird
nicht annähernd so oft wie virtus, stets nur für Gott und den König ge-
braucht (Gott: I, 1; V I , Vorrede; V I , 79; V I , 88; V I I , 47; V I I I , 16. König:
I V , 69; V, 16; V I , 54; V I , 79). Allerdings entspricht diese Anwendung
dem spätantiken Bedeutungsfeld von dementia11*. Übrigens braudien
wir den Begriff nicht zu verfolgen, um zu wissen, wie nachdrücklich in
Thietmars Augen Gottes Gnade den König gleichfalb zur dementia ver-
pflichtet. Ausführlich erzählt er, wie der Bischof von Freising dem
König die Barmherzigkeit Gottes gegenüber dem Schuldner im Gleichnis
vorhält, als er für den gefangenen Markgrafen Heinrich um Gnade
bittet
In der Diskussion um das mittelalterliche Weiterleben germanischer
Begriffe spielt fortuna eine Rolle. Die fortuna Heinrichs I., in der Beu-
mann bei Thietmars Gewährsmann Widukind so etwas wie das ger-
manische Königsheil sieht, hat bei Thietmar eine überwiegend literarische
und stilistische Funktion: er redet zwar auch davon, daß fortuna Hein-
rico cessit, aber nicht im Bericht von der Designation, sondern im Zu-
sammenhang mit Heinrichs wachsender Überlegenheit dem Gegner gegen-
über (1,7): der T o d von Konrads verschlagenem Parteigänger Hatto
bringt Heinrich Glück. V o n der Bedeutung bei Widukind ist kaum mehr
als eine blasse Erinnerung geblieben " 8 .

119 Vgl. Thesaurus Linguae Latinae 3, 1332. Daß magnanimitas nur einmal
und in negativer Bedeutung bei Thietmar erscheint (VI, 10), paßt dazu, daß bei
ihm christlich bestimmte Begriffe überwiegen.
117 VI, 13. C u r t i u s , Europäische Literatur . . . , S.520 erwähnt dementia im
Zusammenhang mit dem Preis der liberalitas (milte, bei Thietmar oft largitas):
„eine Herrschertugend antiker Herkunft, die aus sehr einleuchtenden Gründen
immer aktuell blieb. Vielleicht ist die verwandte Tugend der dementia damit
zusammengeflossen". Ganz deutlich gebraucht Thietmar dementia in diesem
Sinn in VI, 79. — Vgl. audi oben Anm. 82.
118 T r i 11 m i c h (in s. Thietmarausgabe, s. oben Anm. 1) übersetzt denn
auch: „das Schicksal, das bisher dem König Glück gebracht hatte, wandte
sich nun schnell Heinrich zu". Ich glaube, man muß hier mehr, als es P l a ß -
m a n n (s. oben Anm. 72), S. 79f. und dann auch S. 83 tut, daran denken,

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64 Annerose Schneider

Im Designationsbericht fehlt selbst das: wo W i d u k i n d fortuna atque


mores nennt, verweist Thietmar auf Heinrichs Eignung (I, 8).
Sowenig sich Augustins Begriffsschema bei T h i e t m a r nadiweisen läßt,
sowenig bestimmt offenbar germanische T r a d i t i o n seine Begriffs-
b i l d u n g 1 " . Thietmar ist Erzähler, seine Chronik ist nicht streng aufge-
baut 1 1 0 , er hat diktiert und offenbar nidit jedes W o r t gewogen. Die A n -
reden an den Leser, das Argumentieren und Erwägen von Für und
W i d e r — man erlebt sozusagen mehrmals mit, wie er sich ein Urteil
bildet — sind nicht nur Stil und Manier oder mindestens ein Stil, der
nicht äußerlich angenommen, sondern fast zur zweiten N a t u r geworden
zu sein scheint. D a ß der Seelsorger und Prediger T h i e t m a r vorgegebene
Begriffe und Maßstäbe verwendet und immer wieder nur mit anderm
Inhalt erfüllt dem Leser anbietet, bildet dazu keinen Widerspruch. Sein
religiöses Argumentieren und vor allem seine Selbstbekenntnisse ver-
raten, wie unmittelbar er gerade audi im Religiösen erleben und er-
zählen k a n n l l 1 . W i e er hier etwa meditiert über den Sinn der U n g a r n -
plage (II, 7) oder Erklärungen abgibt zum frühen Tod des Erzbisdiofs
W a l t e r d (VI, 76—79), so sieht und bespridit er, wie wir sahen, auch
politische Fragen. Hier redet der Bischof, der im politischen Leben steht
und weiß, welche Kräfte da den Ausschlag geben. Gewiß besteht ein
starkes Königtum für ihn nicht nur aus politischer Notwendigkeit, son-
dern ebenso summa preordinacione, und er sieht im König nicht nur den
primus inter pares, sondern auch den Sünder vor Gott, aber die religiösen

daß Thietmar gerade für diese frühe Zeit nicht jedes Wort wägt und seinen
Gewährsmann auch sonst gelegentlich verworren und mißverständlich exzerpiert
(vgl. dazu etwa W. T i e r s c h , Das Vergangenheitsbild in der Historiographie
der Ottonenzeit, Diss. Halle 1952, ungedruckt); man wird der Verwendung von
fortuna an dieser Stelle nicht zu viel Gewidit beimessen dürfen. — D i e W i d u -
kindhs., die sächsisches Glüdc und Hattos T o d in Beziehung bringt (Widu-
kind I, 22) soll Thietmar nach R. H o l t z m a n n (Thietmarausgabe, Einl.
S. X X X ) allerdings nicht benutzt haben. Widukinds Designationsbcridit: I, 25.
Zu fortuna atque mores vgl. Β e u m a η η , Widukind, S. 237 f. und seinen oben
Anm. 56 zitierten Aufsatz von 1948. — Fortuna kommt bei Thietmar nur
an dieser Stelle vor, infortunium im Sinn von Mißgesdiidc gebraucht er IV, 23;
VI, 80; VIII, 4.
"> Vgl. dazu P l a ß m a n n , S. 45 u. 48 ff., auch S. 151, der betont, daß
Thietmar, verglichen mit andern sächsischen Geschichtsschreibern, „seine eigene
Terminologie" habe.
120
Sie beginnt als eine Chronik des Bistums Merseburg, weitet sich aber
schon nach wenigen Kapiteln zur Reichsgeschichte aus, lange Partien hindurch
ist sie dann wieder eine Art Erbauungsbuch. Vgl. dazu die Einleitung von
W . T r i 11 m i c h zu seiner Thietmarausg. S. X X I I I f., auch die oben Anm. 118
zitierte Diss, von W . T i e r s c h .
1S1
Ein Beispiel dafür ist seine Auffassung von der Fürbitte der Ehefrau,
vgl. dazu meine Bemerkungen: Zum Bild von der Frau in der Chronistik des
früheren Mittelalters, Forschungen u. Fortschritte 35 (1961), S. 112—114.

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Thietmar von Merseburg 65

Gedanken geben wenigstens im allgemeinen nur die höhere, philosophi-


sche Einordnung des Geschehens und machen nicht blind für seine
irdischen, sozusagen vordergründigen Bedingtheiten.

ö. S t ä n d i s c h e u n d s o z i a l e U n t e r s c h i e d e b e i Thietmar
T h i e t m a r erzählt breiter als andere Chronisten, er berichtet mehr aus
dem Alltagsleben, man kann ihn auch nach Dingen fragen, die zu seiner
Zeit noch nicht an der Oberfläche des politischen Lebens wirken. Zur
Lösung einzelner Fragen über den A u f b a u der Gesellschaft im frühen
Mittelalter kann T h i e t m a r nicht viel beitragen, dodi läßt sich beobachten,
welche Stellung dieser Chronist, der dem Hochadel angehört und in den
konservativen Idealen der alten Feudalordnung lebt, andererseits aber in
alter Reformtradition steht, den sozial Benaditeiligten gibt, wie er über
edle Geburt denkt und welche Rolle ihre Vorrechte bei ihm spielen. W i e
wenig unsere Maßstäbe Thietmars Zeit angemessen sind, wird schon
darin deutlidi, d a ß f ü r einen Bischof des frühen Mittelalters zwei f ü r
uns so gegensätzliche Lebenshaltungen wie Adelsstolz und Demut ein-
ander keineswegs ausschlossen. Sind wir auf unser Denkschema ange-
wiesen, so ist es doch gut, sich vor Augen zu halten, d a ß wir im einzelnen
die ganze W a h r h e i t kaum treffen können (soweit das überhaupt jemals
möglich ist). Dabei kann uns indessen die Einsicht den Zugang erleich-
tern, d a ß — wie wir an Thietmar sehen — auch soldie oft f ü r absolut
verbindlich gehaltenen Zeitansdiauungen nidit von jedem in gleidier
Weise vertreten wurden.
In T h i e t m a r s Exkursen über Heilige und Bischöfe, die wie kompri-
mierte Viten wirken, taudit ein Hinweis auf die edle Geburt mehrmals
a u f " 1 , und etwa ebenso oft finden wir ihn in seinen Erzählungen von
weltlichen G r o ß e n 1 0 . Ebenso wie diese Betonung könnte die Versiche-
rung, d a ß die nobilitas durch mores geschmückt werde oder werden
solle nur konventionell bedingt sein. W e n n aber Thietmar klagt, d a ß
er seiner Sünden wegen u n t e r den Männern seines Standes stehe
(VIII, 24; IV, 75), so verrät das doch, wie sehr ihm beides auch persön-
liches Erleben geworden ist: die W ü r d e seines Standes bedeutet ihm
etwas und legt ihm auch eine Verantwortung auf. Freilich ist hier nicht
von seinem Geschlecht die Rede — an dessen Stelle tritt f ü r den Bischof

111
Vgl. VI, 36; VI, 94; VII, 25; auch VI, 44; VI, 65; VIII, 13.
Vgl. I, 10; II, 35 (Mutter Wilhelms von Mainz); IV, 31; IV, 39 f.; IV, 55;
Vorrede von V; VIII, 33.
II, 4; II, 37; III, 1; IV, 14; IV, 16; IV, 39 (Horaz-Zitat); VI, 75. II, 39
heißt es von der Kaisertoditer, sie habe honorem innatum virili patientia
geschmückt.

5 Archiv für Kulturgeschichte 44/1

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66 Annerose Schneider

die geistliche W ü r d e W i e viel ihm dennoch die adlige Sippe bedeutet,


wird spürbar, wenn er versichert, daß seine Urgroßväter genere claris-
simi gewesen seien (I, 10), oder wenn er seinen simonistischen Erwerb
der Walbecker Propstei damit zu entschuldigen sucht, daß er die Stiftung
der Väter habe bewahren wollen (VI, 43), auch wenn er dem kriegerischen
Vetter Wirinhar Anteilnahme und trotz seiner Verfehlung gegen den Kö-
nig ein gutes Andenken sichern will (VII, 4 ff.). Einmal hat er die Pflicht
gegen die Familie über kirchliches Gebot gesetzt: er hat in Walbeck, um
der Schwägerin ein würdiges Grab zu geben, die Gebeine des geistlichen
Vorgängers aus der Kirche entfernen lassen, was er aber bitter bereut " · .
Übrigens ist von einem Konflikt zwischen beiden Bindungen auch die
Rede, als Thietmars Mutter ihre dem geistlichen Stand bestimmten
Söhne als Geiseln für den Bruder zu den Seeräubern senden will; Thiet-
mar urteilt hier, wenn auch vorsichtig, im Sinn der Kirche (IV, 24).
Dagegen widerspricht die Haltung des frommen Erzbisdiofs Tagino
keineswegs den Geboten der Kirche: Thietmar charakterisiert ihn, den
er sehr schätzt und zu dessen Günstlingen er gehört, als einen Mann, der
Männer von geringer Herkunft nicht geliebt habe und nur solche aus
edlem Haus gern um sich sah (VI, 65). Schon aus solchen persönlichen
Bindungen ist es verständlich, daß die Tugenden, die Thietmar an seinen
Bischöfen rühmt, mehr adlige als christliche, mehr die eines Kirchen-
fürsten als eines Asketen sind. W i e er über Adel denkt, verrät er indirekt,
wenn er versichert, daß er nur angesehen durch seine Familie — propter
meos — gewesen sei (VIII, 13): in christlicher Demut und Selbstkritik
spricht er sich etwas ab, an dem sein Herz hängt. Daß es nach christlichen
Lehren nicht daran hängen sollte, sagt uns das Lob, das er dem Bischof
Eid von Meißen spendet: er stammt aus edlem Geschlecht, „reich an
Gütern", hält das alles aber paupertate spiritus für nichtig (VII, 25);
Thietmar steht ihm trotz aller Bewunderung fern. Doch audi die andere
Haltung Taginos, der nur Männer von edler Herkunft gern um sich hat,
geringe zwar nicht verachtet, sie sich aber fernhält, mag Thietmars An-
schauung nicht ganz entsprochen haben. Die beiden Bischöfe aus niederm
Stand, die er erwähnt, behandelt er nicht geringschätzig: er rühmt aus-
drücklich die besondere Frömmigkeit Thietmars von Osnabrück (VII, 67),
und von Willigis von Mainz werden zwei Wunder bei seiner Geburt
umständlich berichtet (III, 5), die die geringe Herkunft nicht nur aus-
gleichen, sondern Willigis und seine Familie noch besonders erhöhen;

1 2 5 Das andere tritt freilich, wie wir sehen werden, nicht erheblich dahinter
zurück.
" * V I , 45 f.; er klagt sidi ausdrücklich an und berichtet von dem Versuch der
Buße.

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Thietmar von Merseburg 67

T h i e t m a r billigt W i l l i g i s ' Einsetzung im Gegensatz zu manchen seiner


Standesgenossen lt7 . W e n n er in seinen nüchternen Anweisungen für den
N a c h f o l g e r empfiehlt, dieser solle die Reichen mit Achtung, die A r m e n
aber mit L i e b e b e h a n d e l n ( V I I I , 13), so sdieint auch das von der stolzen
Exklusivität eines Tagino einigermaßen fern. Man hätte sich auch
denken können, d a ß T h i e t m a r sich wegen der Unzulänglichkeit seines
Ä u ß e r n in eine distanzierte Exklusivität hätte flüchten können, tatsäch-
lich spricht er sich indessen über diese Unzulänglichkeit offen aus, wobei
ihn kaum konventionelle D e m u t leiten konnte. Etwas von dieser inneren
F r e i h e i t v e r r ä t auch die zumeist ungehemmte A r t seines Erzählens.
D a ß T h i e t m a r konventionellen Vorurteilen nicht blind unterworfen ist,
sich v i e l m e h r nach eigenen E r f a h r u n g e n selbst ein U r t e i l bildet, kann
m a n schließlich dem entnehmen, was er im einzelnen von seinen V e r -
w a n d t e n sagt. M i t seinem Oheim stand er schlecht, und er zieht daraus
sogar e i n m a l den Schluß, d a ß anscheinend im allgemeinen Oheime den
B r u d e r s k i n d e r n nicht freundlich gesinnt seien ( V I , 53). Mehrmals spielen
im politischen L e b e n seine V e r w a n d t e n eine Rolle, doch T h i e t m a r redet
dann mehr beiläufig von seiner Verbindung mit ihnen; ζ. B . nennt er
nicht seinen V e t t e r und Schulkameraden, den M ä r t y r e r Brun, sondern
dessen V a t e r seinen V e r w a n d t e n ( V I , 94). Den A u f s t a n d seines Vetters,
des M a r k g r a f e n Heinrich, gegen den König verurteilt er, obwohl er den
V e t t e r sehr schätzt ( V I I , 6 3 ) : libenter nepotem meum aliqua ex parte
defenderem ( V , 32). Andererseits ist er stolz auf seine bei Lenzen ge-
fallenen U r g r o ß v ä t e r , seines Großvaters Heinrich Erlebnisse interessie-
ren ihn sehr und nodi mehr seines Vetters W i r i n h a r Fehden; seinen
V a t e r schildert er in echter Verbundenheit als einen defensor patriae ac
homo veruslt8. V o n seinem confrater B e r n a r sagt T h i e t m a r , er sei n a h e
mit ihm verwandt, entscheidend sei aber, d a ß er ihm in Freundschaft
verbunden sei ( V I I I , 10). U n d L i u d g a r d ist, wie er berichtet, seine B a s e
und seines V e t t e r s F r a u gewesen, aber die Hauptsache sei, daß sie ihm
sehr n a h e gestanden habe (I, 13).

n7 Vgl dazu C u r t i u s (s. oben Anm. 112) S. 188 über den „Seelenadel"
in der antiken Dichtung. Für die Herkunft Thietmars von Osnabrück vgl. H.
S c h n i t g e r , Die deutschen Bischöfe aus den Königssippen von Otto I. bis
Heinrich V. (Diss. München 1938), S. 2; servus sancti Mauricii ist sicher im
übertragenen Sinn zu verstehen, wie es A. S c h u l t e , Der Adel und die deutsche
Kirdie im MA (1910), S. 71, Anm. 3 für möglich hält. Er nennt Thietmar in
diesem Zusammenhang „adelsstolz", was jedenfalls nicht ohne Einschränkungen
gilt.
iss Thietmars Urgroßväter: milites optimi et genere clarissimi, decns et
solamen patriae. I, 10. Sein Großvater: II, 28, vgl. auch III, 6; sein Vetter:
VII, 4 ff.; sein Vater: IV, 17 u. öfter.

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68 Annerose Schneider

In seiner Ansdiauung vom Königtum macht Thietmar gelegentlich


ernst mit der christlichen Überzeugung, daß vor Gott alle Mensdien
gleich sind "*, so sehr andererseits der Gedanke vom Gottesgnadentum
des Herrschers im Vordergrund steht. Zu dem Sündenfall Heinrichs I.
bringt er eine Parallele aus einem Magdeburger Bürgerhaus (I, 24 f.),
und Mathildes Gebete und gute Taten helfen Heinrich ebenso wie irgend-
einem Gefangenen die Seelenmessen seiner Frau (I, 21). Mit großer
Geste erteilt er den toten Herrsdiern Absolution (III, 25; audi II, 45);
er berichtet gern von ihren frommen Werken ad emendationem con-
dignam (I, 15), und angelegentlich gibt er den Inhalt der Predigt des
Bischofs Gottsdialk wieder, die auf ein seelsorgerliches Ermahnen des
Königs zur Barmherzigkeit hinausläuft, wobei freilich Gott selbst als
Vorbild des irdischen Herrsdiers genannt wird (VI, 13).
Der vulgus wird bei Thietmar meist abwertend genannt: nie ist er mit
seinen Herren zufrieden (IV, 48); servili presumpcione antmati empören
sich die plebeii in Pavia gegen Heinrich II. (VI, 7); Graf Widimann
kommt miserabiliter servili presumpcione ums Leben (VII, 47), und als
Thietmar das Benehmen des Langobarden Arduin gegenüber den
Bischöfen seines Landes als besonders niditswürdig und entehrend hin-
stellen will, sagt er, Arduin habe einen Bischof ut bubulcum zu Boden
geschleudert ,so . Häufig verraten die Formulierungen auch gerade den
s ä c h s i s c h e n Aristokraten: Merseburgs Besitz wurde bei der Auf-
hebung des Bistums so jämmerlich verteilt wie eine slawische Familie,
quae accusata venundando dispergitur (III, 16). Wenn Thietmar die Ver-
wüstungen des Krieges im Osten erwähnt, sind ihm der politische und
militärisdie Nutzen und Schaden, nicht etwa menschliche Erwägungen
maßgebend" 1 . Beklagt er einmal den Schaden, den die Bevölkerung
erlitt, so handelt es sidi um das Land eines deutschen Markgrafen
(VII, 16). Dem entspricht seine Erbitterung über jede Art der Abhängig-
keit seiner Landsleute von den Polen; sie erscheint ihm als sdimählidie
servitus, die den honor innatus und die libertas der Sachsen vernichten;
als tributarius, nicht als dominus will er Heinrichs politischen Gegner

" » Vgl. 111,5. H. S c h n e i d e r (s. oben S. 35 Anm. 4) wies darauf hin, daß
hier wie überhaupt in seiner Hinneigung zur Volksfrömmigkeit die demokrati-
sierenden Tendenzen der Reformströmungen gewirkt haben. — Eine christliche
Begründung der irdischen Hierarchie finden wir bei Thietmar nicht, nicht einmal
eine Betonung der Verschiedenheit sittlicher Forderungen an einzelne Stände.
lso γ , 24. Vgl. auch den Bericht vom Dänenkönig, dessen Grausamkeit
Thietmar damit erklärt, daß er, der einst gefangen war, nicht als empticius et
volens dominus (VII, 36) seines Volkes gelten will.
1 , 1 Vgl. V, 38; V I , 2; V I I , 19. Daß Thietmars Erzählung vom Bischof Swid-

ger, der den Tod seines Meiers mit ansehen muß, nicht besonderes Mitleid
mit dem Getöteten zugrunde liegt, ist deutlich zu merken: es ist Swidger, mit
dem sich Thietmar über die einem Bischof angetane Schmach empört ( V I I I , 24).

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Thietmar von Merseburg 69

sehen (V, 10). Er kennt aber auch hier Untersdiiede: die Mutter des
Königssohns Wilhelm von Mainz ist quamvis captiva et Sclavonica,
tarnen nobilis, und die grausamen Strafen, die er lobt, treffen wohl
kaum den polnischen A d e l (II, 35; VIII, 2 f.).
Vorurteile gegen die Juden verrät Thietmar nicht. Der Jude Caloni-
mus ist Otto II. auf der Flucht vor den Sarazenen behilflich (III, 21), und
der Bericht von Walterds Tod stellt die Juden den pauperes an die
Seite, für die zu sorgen christliches Gebot ist (VI, 73). In einer Urkunde,
die Thietmar wiedergibt, werden neben den Juden die mercatores ge-
nannt (III, 1; s. audi VI, 16).
Neben den abwertenden Äußerungen über Volk und servi und was
damit zusammenhängt stehen ziemlich unverbunden seine Mahnungen,
für die pauperes einzutreten, um sidi Verdienste für das Jenseits zu
erwerben. Er weiß von Otto II. und Otto III., daß sie sich besonders der
Armen annahmen (Gedicht vor III; IV, 53); er gibt die Beschlüsse der
Dortmunder Synode wieder, die solche Fürsorge unter die geforderten
guten Werke zählt (VI, 18), und er betont das mehrmals für Heilige und
Fromme, von denen er berichtet m . Die Königin Mathilde und ebenso
der fromme Ansfried tut noch mehr: non solum, pauperibus, verum etiam
avibus victum subministrans (I, 21). Eis entspricht ganz den konventionel-
len Forderungen, wenn Thietmar ausmalt, in welcher Weise der von ihm
so geschätzte Ansfried sich um die infirmiores bemüht und täglich selbst
für 72 Arme sorgt (IV, 36) oder wenn er den König als Schützer der
Bedrängten feiert (V, 2 7 ) M a n wird sich darum auch nicht darüber
wundern, daß die Armen für Thietmar mit der christlichen Forderung
nidit etwa eine natürliche, menschliche Ebenbürtigkeit erwerben: wir
sahen, wie die Mutter Willigis' von Mainz, eine paupercula, sich eine
pathetische Wunder-Rehabilitierung gefallen lassen muß, ehe ihr Sohn
von Thietmar unbedenklich den Edlen an die Seite gestellt wird (111,5).
Aber schließlich betont er, daß die Mutter prolem nobilioribus coequalem
vel etiam nonnullis meliorem gebar; als felix mater erscheint sie ihm und
biblische Vergleiche drängen sich auf — er weiß: Deus non est persona-
rum acceptor und schließt sich gewissermaßen dem himmlischen Urteil
a n m . Vielleicht steckt darüber hinaus in Thietmars Urteil quamvis
paupercula tarnen bona audi ein wenig von einer natürlichen Wertung,
die nicht ganz nur auf den Ausgleich durch himmlische Gnade wartet m .
1,1 ζ. Β. VI, 94 (Brun v. Querfurt); IV, 36 (Ansfried); VI, 45 (Th. selbst).
1M Damit sind natürlich Thietmars religiöse Anschauungen nicht erschöpfend
charakterisiert, vgl. dazu oben S. 64, audi Anm. 121.
134 Das war nicht allgemein fiblidi; wie wir sahen, wurde Willigis' Einsetzung

nicht allgemein gebilligt (III, 5).


Obwohl freilich gerade das tarnen bona dann durch die Wunder beglaubigt
wird.

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70 Annerose Schneider

Einige Male taucht das „Volk" als maßgebend oder auch handelnd auf
im politischen Geschehen: ob instantem tocius populi necessitatem läßt
der König eine Burg des Bayernherzogs niederreißen (V, 27); Heinrich
plündert im Kampf mit dem Schwabenherzog dessen curtes, läßt sich aber
schließlich clamore pauperum devictus zum Abziehen bewegen (V, 13),
und der Sdiwabenherzog selbst unterwirft sich dem König populum
propter se laborantem non amplius sustinens (V, 20). Sein offener Blick
für politisches Geschehen läßt Thietmar hier offensichtlich konventionelle
Einschätzungen vergessen "·.
Schließlich ist es auch eigenes Erleben, das Thietmar vielleicht mehr als
manche seiner Standesgenossen auf die Benachteiligten und Armen
weist. In seinem Vermächtnis für den Nachfolger gesteht er, er habe nur
seiner Verwandten wegen Ansehen genossen — hiis, quibus ignotus
eram, despectus apparui (VIII, 13), und die Schilderung seines Äußern
(IV, 75) läßt uns in diesem Urteil ehrliche Selbsteinschätzung, nicht nur
konventionelle Demut sehen. Thietmar hängt dem nicht nach und war
offenbar Persönlichkeit genug, damit fertig zu werden und es a b z u g l e i -
chen, aber dies Bewußtsein hat doch wohl auch sein Urteil vertieft; er
fährt fort mit der Mahnung: Divites tuos cum honore, pauperes autem
cum gratia trades et bona caritate. Antiquum affirmat proverbium, quod
hec cum magna semper incedant multitudine.
Thietmar war innerlich frei genug, um sich auf bestimmte Stützen
seines Selbstgefühls nicht festlegen zu müssen. Was ihm gelegentlich als
Ausgleich erschienen sein mag, läßt er uns ahnen, wenn er erzählt, wie
die Utrechter Bürger gegen die Ritter sich den Leichnam des frommen
Grafen Ansfried zu verschaffen wußten. W i e öfters bei ihm, ist Verstand
und List die Waffe der Schwächeren " 7 , und aus der Feststellung, mit der
er seine Erzählung hier abschließt, klingt rechte innere Befriedigung:
Sic nutu Domini forcior pars delusa est militum (IV, 37).

6. S c h l u ß
Thietmar steht selbst handelnd im politischen Leben, und er schreibt
sozusagen auch von dieser Warte aus: nicht Stil und literarische Ab-
sicht 1S8, sondern die Sache selbst steht für ihn im Vordergrund. Die Rück-

" · Hierhin gehört audi, daß Thietmar gelegentlich (freilich selten, vgl. E.
B a c h , Politische Begriffe . . ., Diss. Münster 1948, S. 29 f.) audi die andere
Seite und ihre Lage real zu sehen vermag: er verurteilt zwar die Führer, die
den König falsdi durch slawisches Land leiten, aber er versteht, daß sie ihren
Besitz schützen wollten — oder er denkt wenigstens daran (VI, 22).
" 7 Vgl. V, 37; III, 22; auch I, 24. Die Vorliebe f ü r dieses Motiv ist in der
Dichtung zu Hause, zu der Thietmar übrigens auch sonst Beziehungen hat.
158
Sie treten verhältnismäßig zurück, fehlen aber natürlich nicht ganz.

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Thietmar von Merseburg 71

sichten, die er n i m m t , die Beziehungen, die sein U r t e i l m i t b e s t i m m e n


könnten, kennen wir o f t nicht. D a s zeigt sidi besonders in der F r a g e der
R e f o r m — trotz der grundsätzlichen K l ä r u n g , die H a l l i n g e r s W e r k auf
diesem Feld gebracht hat. Ähnlich wie in diesen F r a g e n läßt sich auch im
Politischen T h i e t m a r s H a l t u n g nicht mit einem W o r t kennzeichnen. W e n n
E. B a c h ' " sie . e i n e subtile S t a a t s v e r g ö t z u n g " n e n n t , so kommt dabei, um
n u r eines zu e r w ä h n e n , der B i s c h o f T h i e t m a r zu kurz. A m inter-
essantesten erscheint mir bei E. Bach das Kapitel über T h i e t m a r s Z w i e -
spältigkeit D i e G e g e n ü b e r s t e l l u n g des reuigen S ü n d e r s T h i e t m a r u n d
des politisch d e n k e n d e n Bischofs sowie die Feststellung, d a ß T h i e t m a r
sidi des Inkonsequenten seiner christlichen H a l t u n g nicht b e w u ß t w i r d ,
sind a n r e g e n d u n d im G r u n d e treffend. E. Bach m i ß t T h i e t m a r a n B r u n
von Q u e r f u r t , der ihr als konsequenter Verfechter der christlichen G r u n d -
f o r d e r u n g e n erscheint 1 4 1 ; in T h i e t m a r s H a l t u n g sieht sie vor allem eine
Unzulänglichkeit des Menschen T h i e t m a r . M a n k a n n a b e r a u d i die a n d e r e
Seite s e h e n T h i e t m a r ist, soweit ich sehe, d e r erste Geschichtschreiber,
der seine C h r o n i k in gleicher W e i s e d e m christlichen u n d d e m politischen
A n l i e g e n w i d m e t b e i E i n h a r d u n d auch noch bei W i d u k i n d steht beides
noch u n v e r b u n d e n n e b e n e i n a n d e r 1 4 4 . D a s Besondere a n T h i e t m a r ist nidit
ein geschlossener G e d a n k e n a u f b a u seines W e r k e s , s o n d e r n die A r t , wie
er die D i n g e a n f a ß t , also auch wie er das Ü b e r l i e f e r t e u n d das E r l e b t e
e i n o r d n e t u n d k o m m e n t i e r t , wie er die christlichen F o r d e r u n g e n auslegt
u n d anbietet. S t a t t eines g r o ß e n Z u g e s findet sidi eine Fülle von Einzel-
zügen, die d e n vielseitig interessierten u n d gebildeten C h r o n i s t e n T h i e t -
m a r zwar nicht als konsequent-logischen, a b e r doch als selbständig
d e n k e n d e n , e m p f i n d e n d e n u n d u r t e i l e n d e n Zeitgenossen zeigen.

" · E. B a c h , Politische Begriffe (s. oben Anm. 17), S. 35.


"o Ebd. S. 36.
141
Vgl. dazu aber W e n s k u s (s. oben S. 37 Anm. 12), der am Vergleich mit
Bruns Gewährsmann Canaparius besonders die Züge des sächsischen Adligen
Brun aufdeckt.
148
Man kann an Thietmars Lebenskreis und -aufgabe erinnern: das Bischofs-
amt forderte beides, christlichen Glaubensernst und politisches Handeln im
Interesse des Bistums (vgl. die folgende Anm.). Für den Missionar Brun lagen
die Dinge bis zu einem gewissen Grade anders; s. W e n s k u s , bes. S. 143 ff.,
aber audi S. 200, wo W. selbst bei Brun einen Widerspruch zwischen Denken
und Handeln sieht.
u j Wenn in Ruotgers Vita Brunonis kirchliche und politische Fragen neben-
einander stehen, so ergibt sidi das aus der Schilderung des Staatsmannes und
Kirchenfürsten Brun.
144
Bei Einhard steht die Translatio SS Marcellini et Petri neben der Karls-
vita, bei Widukind stehen die Res gestae Saxonicae neben den Schilderungen der
Triumphe summi imperatoris militum (Wid. I, 1). Vgl. dazu M. L i n t z e l in
HZ 176 (1953), S. 116 = Ausgew. Sdir. 2, 350.

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