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Odin oder Christus?

Loyalitäts- und Orientierungskonflikte in der frühmittel-


alterlichen Christianisierungsepoche 1

von Lutz Ε. v. Padberg

I. P r o b l e m h o r i z o n t u n d n e u e Forschungs-
konstellation

Im Jahre 627 brach für den heidnischen Oberpriester Coifi eine Welt
zusammen. Denn sein König Edwin von Northumbrien schien sich dem
neuen, aus dem Süden kommenden Christenglauben zuzuwenden. Diese
Entwicklung stürzte Coifi in einen dramatischen Loyalitätskonflikt
zwischen seinem Götterfürsten Odin und dem Christengott. Coifi rea-
gierte auf diese Herausforderung flexibel. Als er erkannte, daß der
Religionswechsel unausweichlich war, stellte er sich an die Spitze der
neuen Bewegimg. Energisch förderte er die Entschlußkraft des schein-
bar noch wankelmütigen Königs und sorgte durch die eigenhändige
Zerstörung seines Zentralheiligtums für einen Eklat. In der Folgezeit
wurde Northumbrien christianisiert2.

1
Der Text gibt meine am 15. Dezember 1993 an der Universität-GHS Paderborn
gehaltene Antrittsvorlesung wieder. Sie wurde für den Druck leicht überarbeitet und mit
den nötigen Nachweisen versehen, die Vortragsform jedoch beibehalten. Für anregende
Kritik danke ich nachdrücklich Karl Hauck. Die Themaformel profitiert von den Aufsät-
zen von O. G s c h w a n t l e r , Christus, Thor und die Midgardschlange, in: Festschrift für
Otto Höfler zum 65. Geburtstag, hg. von H. Birkhan - O. Gschwantler, Band 1, Wien
1968, S. 145-168 und B. G l a d i g o w , Chrestai theois. Orientierungs- und Loyalitätskon-
flikte in der griechischen Religion, in: Loyalitätskonflikte in der Religionsgeschichte,
Festschrift für Carsten Colpe, hg. von C. Elsas - H. G. Kippenberg, Würzburg 1990, S.
237-251.
2
Venerabiiis Bedae historiae ecclesiastica gentis Anglorum, übersetzt von G.
Spitzbart (= Texte zur Forschung 34), Darmstadt 1982, II 9-14, S. 160-187; dazu neben
den bekannten Standardwerken von F. M. Stenton, Angelo-Saxon England (• The Oxford

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250 Lutz Ε. v. Padberg

Diese in erstaunlicher Breite von Beda geschilderten Ereignisse in


England lenken die Aufmerksamkeit auf die zentrale Phase im Werden
Alteuropas: den Wechsel vom Regionalismus der Stammesreligionen
zum Universalismus des Christentums3. Die Distanz zu dieser Über-
gangsepoche wächst in unserer Zeit, die religiöse Phänomene meist nur
retrospektiv vom Standpunkt der Aufklärung her zu betrachten ver-
mag4. Für viele ist es schwer vorstellbar, daß Religiosität, die heute
allein als privat gilt, damals bei Heiden wie bei Christen alle Lebens-
bereiche geprägt hat. Deshalb nimmt in unserer sich multikulturell
verstehenden Gesellschaft der Abstand zu dem Mittelalterlichen des
Mittelalters zu und das Schlagwort vom .finsteren Mittelalter' hat
weiterhin Bestand5. Zwar funktionieren manche unter der Führung von
Umberto Eco und anderen diese Epoche zum schaudererregenden Spek-
takel um oder mißbrauchen sie als Zielobjekt für Aussteigerträume des
technisierten Zeitalters6. Aber dem können wir uns nicht anschließen,

History of England 2), 3. Auflage, Oxford 1971 (1. Auflage 1943), S. 78ff., 113ff. und H.
Mayr-Harting, The Coming of Christianity to Anglo-Saxon England, 3. Auflage, London
1991 (1. Auflage 1972), S. 66ff. die letzte Zusammenfassung des Forschungsstandes durch
N. Brooks, The Church in Northumbria. Introduction, in: The Making of England, Anglo-
Saxon Art and Culture AD 600-900, hg. von L. Webster - J. Backhouse, 2. Auflage, London
1992 (1. Auflage 1991), S. 108-110 und D. P. Kirby, Bede's Historia Ecclesiastica Gentis
Anglorum: Its Contemporary Setting, Jarrow Lecture 1992; Nachdruck in: Bede and his
World. The Jarrow Lectures 1958-1993, hg. von M. Lapidge, Cambridge 1994, S. 903-926.
3
Dazu K. H a u c k , Von einer spätantiken Randkultur zum karolingischen Europa,
in: Frühmittelalterliche Studien 1, 1967, S. 3-93 und H. V o l l r a t h , Christliches Abend-
land und archaische Stammeskultur. Zu einer Standortbestimmung des früheren Mittel-
alters (=Bertha-Benz-Vorlesung 4), Ladenburg 1990.
4
Vgl. H. L ü b b e , Religion nach der Aufklärung, Graz - Wien - Köln 1986, S.
107ff., 257ff.
5
Formulierung nach H. F u h r m a n n , Über das Mittelalterliche am Mittelalter, in:
Ders., Einladung ins Mittelalter, 4. Auflage, München 1989 (1. Auflage 1987), S. 15-38,
281-283; vgl. H.-D. Kahl, Was bedeutet: „Mittelalter"?, in: Saeculum40,1989, S. 15-38
und A. B ü h l e r , Imago Mundi. Bilder aus der Vorstellungswelt des Mittelalters, in:
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 41, 1990, S. 457-488. Zu dem bekannten
Topos K. A r n o l d , Das .finstere' Mittelalter. Zur Genese und Phänomenologie eines
Fehlurteils, in: Saeculum 32, 1981, S. 287-300.
6
Das Nachdenken über das Mittelalter ist durch U. Ecos Π nome della rosa, Mailand
1980, zweifelsohne erheblich gefördert worden, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven
und in ungleicher Qualität. Zu Eco siehe . . . . einefinstereund fast unglaubliche Geschichte"?
Mediävistische Notizen zu Umberto Ecos Mönchsroman ,Der Name der Rose', hg. von M.
Kerner, Darmstadt 1987 und L. E. v. Padberg, Geschichte und Geschichten. Zur Rezep-
tion wissenschaftlicher Forschung im historischen Roman am Beispiel des Werkes von
Umberto Eco, in: Christlicher Glaube und Literatur 4: Wissenschaft und Literatur, hg. von
C. P. Thiede, Wuppertal 1990, S. 24-69. Zur .Benutzung' des Mittelalters O. G. Oexle, Das

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Odin oder Christus? 251

schon weil ein solch vorschnelles „Sich-Duzen mit der Vergangenheit"7


diese für die eigenen Bedürfnisse instrumentalisiert und so den Men-
schen der damaligen Gegenwart unrecht tut.
Aber wie erreichen wir diese Menschen in ihrem Denken und Han-
deln? Durch Quellen, gewiß, aber diese sind mehrfach gefiltert infolge
unserer Wahrnehmungsmöglichkeiten wie auch der ihrer Autoren
selbst8. Wer die Grenzen der Aussagebereitschaft überwinden will, muß
versuchen, „zum Leben zu erwecken, was in den Quellen begraben ist"9.
In glücklicher Symbiose mit der Mentalitätsgeschichte hat insbesondere
die historische Anthropologie der Forschung hier neue Wege gewie-
sen 10 . Daraus ergeben sich neue Fragestellungen, die uns davor bewah-
ren, den Deutungsmustern der mittelalterlichen Autoren auf den Leim
zu gehen.
Das läßt sich an der Coifi-Episode schnell zeigen. Der Religions-
wechsel erwuchs offensichtlich aus der Konfrontation unterschiedlicher

Bild der Moderne vom Mittelalter und die moderne Mittelalterforschung, in: Frühmittel-
alterliche Studien 24, 1990, S. 1-22; Ders., Das Mittelalter und das Unbehagen an der
Moderne. Mittelalterbeschwörungen in der Weimarer Republik und danach, in: Span-
nungen und Widersprüche. Gedenkschrift für Frantiäek Graus, hg. von S. Burghartz
u. a., Sigmaringen 1992, S. 125-153; Die Deutschen und ihr Mittelalter. Themen und
Funktionen moderner Geschichtsbilder vom Mittelalter, hg. von G. A l t h o f f , Darmstadt
1992 und P. v. M o o s , Gefahren des Mittelalterbegriffs. Diagnostische und präventive
Aspekte, in: Modernes Mittelalter. Neue Bilder einer populären Epoche, hg. von J.
H e i n z l e , Frankfurt-Leipzig 1994, S. 33-63.
7
H. A. O b e r m a n , Reformation: Epoche oder Episode, in: Archiv für Reforma-
tionsgeschichte 68, 1977, S. 56-111, hier S. 61.
8
Zu diesem Problemfeld O. G. Oexle, Deutungsschemata der sozialen Wirklichkeit
im frühen und hohen Mittelalter. Ein Beitrag zur Geschichte des Wissens, in: Mentalitäten
im Mittelalter. Methodische und inhaltliche Probleme, hg. von F. Graus (=Vorträge und
Forschungen 35), Sigmaringen 1985, S. 65-117, bes. S. 67ff. sowie exemplarisch G.
A l t h o f f , Demonstration und Inszenierung. Spielregeln der Kommunikation in mittelal-
terlicher Öffentlichkeit, in: Frühmittelalterliche Studien 27, 1983, S. 27-50.
9
J. Le G o f f , Geschichte und Gedächtnis (= Historische Studien 6), Frankfurt -
New York - Paris 1992 (zuerst 1977-1981), S. 159.
10
Die Literatur zu diesen Forschungsansätzen läßt sich kaum noch überblicken. Vgl.
einführend, jeweils mit weiteren Literaturhinweisen, den Sammelband Mentalitäten im
Mittelalter, 1985 (wie Anm. 8); A. R i e k s , Französische Sozial- und Mentalitätsgeschich-
te. Ein Forschungsbericht (-Münsteraner Theologische Abhandlungen 2), Altenberge
1989; J. E h l e r s , Zwanzig Jahre Mittelalterforschung in Frankreich (1969-1989). Bilanz
und Perspektiven, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 41, 1990, S. 489-498;
Le Goff (wie Anm. 9), S. 250ff.; Europäische Mentalitätsgeschichte. Hauptthemen in
Einzeldarstellungen, hg. von P. Dinzelbacher (=Kröners Taschenausgabe469), Stuttgart
1993 und Alles Gewordene hat Geschichte. Die Schule der Annales in ihren Texten 1929-
1992, hg. von M. Middell - S. Sammler (= Reclam-Bibliothek 1479), Leipzig 1994.

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252 Lutz Ε. v. Padberg

Kulturen in einem .religionsgeographisch zweigeteilten Europa' 11 . Im


Nordwesten prallten die auf mündlicher Überlieferung basierende Ge-
dächtniskultur regionaler Kultzentren und die absolute Geltung bean-
spruchende Buchreligion des Christentums aufeinander12. Das konnte
nicht problemlos vonstatten gehen. Daraus entstehen neue Fragen: In
welchem Zustand befand sich das nordgermanische Heidentum13? War
das religiöse Leben auch individuell geprägt oder allein von kollektiven
kultischen Verpflichtungen bestimmt? Wie erlebten und bewältigten die
Menschen die Loyalitäts- und Orientierungskonflikte, in die sie durch
die Missionare geraten waren? Was geschah mit den vom Glaubens-
wechsel am meisten betroffenen heidnischen Priestern? Solche Fragen
betreffen auch die andere Seite: Wie stellten sich die Christen auf die
ihnen fremdartige Welt der Heiden ein? Traten sie drohend und postu-
lierend oder einladend und überzeugend auf? In welche Konflikte
wurden sie gestürzt?
Verläßt man sich bei der Suche nach Antworten auf die erste Ebene
der Quellenaussagen, so muß man sich mit nur dürftigen Angaben
zufrieden geben. Bedas Bericht von der Bekehrung Edwins stellt eine
der wenigen Ausnahmen dar. Symptomatisch ist vielmehr, daß die
Durchmusterung der einschlägigen Überlieferung des 8. und 9. Jahrhun-
derts nur eine Handvoll Belege für die Erwähnung von Priestern des
Heidentums ergibt14. Und auch der Glaubenswechsel von Königen, von
ihren Völkern ganz zu schweigen, wird meist nur als Ergebnis mitge-

11
Formulierung nach Κ. H a u c k, Die religionsgeographische Zweiteilung des früh-
mittelalterlichen Europas im Spiegel der Bilder meiner Gottheiten, in: Fornvännen 82,
1987, S. 161-183.
12
Zu den Begriffen J. A s s m a n n , Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung
und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1992, S. 48ff.; Le G o f f (wie
Anm. 9), S. 87ff. und am Beispiel der Schriftlichkeit H. K e l l e r , Vom .heiligen Buch'
zur ,Buchführung'. Lebensfunktionen der Schrift im Mittelalter, in: Frühmittelalterliche
Studien 26, 1992, S. 1-31.
13
Dieser Begriff ist hier als Entsprechungsbegriff zu .Christentum* zu benutzen,
seine inhaltliche Füllung ergibt sich dementsprechend aus dem theologischen Hinter-
grund, der ihn hervorgebracht hat; vgl. zu den damit verbundenen Problemen H.-W.
G e n s i c h e n , Glaube für die Welt. Theologische Aspekte der Mission, Gütersloh 1971,
S. 107 sowie unten nach Anm. 29.
14
Zu den Quellennachweisen siehe unten Abschnitt ΙΠ. und IV. Treffend ist die
Formulierung von J.-C. S c h m i t t , Heidenspaß und Höllenangst. Aberglaube im Mittel-
alter, Frankfurt - New York - Paris 1993, S. 41: .Im allgemeinen . . . erscheinen die
Heiden nur als eine amorphe Masse"; siehe dort S. 4Iff.

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Odin oder Christus? 253

teilt15. Erstaunen muß das nicht, denn allein dieses Faktum interessierte
die Autoren, nicht der dahin führende Prozeß. Schließlich schrieben hier
Leute der Kirche für Ihresgleichen. Sie hatten dabei die Mehrung des
Ruhmes ihres Glaubenshelden oder ihres Bistums im Sinn, nicht aber
die Konfliktsituation der zu Bekehrenden16. Darüber hinaus wird der
Zugang zu dieser Übergangsepoche erschwert durch den Umstand, daß
die heidnische Welt des Nordens weitgehend schriftlos war, wir also bei
ihrer Erfassung auf die Sachüberlieferung sowie überwiegend spätere
Aufzeichnungen angewiesen sind17.
Diese Konstellation hat auch zu manchen Fehleinschätzungen der
Forschimg geführt. So sind sowohl das germanische Sakralkönigtum als
auch die Existenz von dessen Priestern in Frage gestellt worden18.

15
Vgl. A. A n g e n e n d t , Kaiserherrschaft und Königstaufe. Kaiser, Könige und
Päpste als geistliche Patrone in der abendländischen Missionsgeschichte ( - Arbeiten zur
Frühmittelalterforschung 15), Berlin - New York 1984 und L. Ε. ν. P a d b e r g , Königtum
und Bekenntnis. Überlegungen zum Glaubens Wechsel in angelsächsischen Herrscherfa-
milien des Frühmittelalters, in: Op twee gedachten. Status confessionis en het spreken
van de kerk getoetst aan het spreken van God, Utrecht 1991, S. 32-51.
16
Siehe allgemein F. J. S c h m a l e , Funktion und Formen mittelalterlicher Ge-
schichtsschreibung. Eine Einführung, Darmstadt 1985, S. 124ff.; H.-W. G o e t z , Die
Gegenwart der Vergangenheit im frühmittelalterlichen GeschichtsbewuBtsein, in: Histo-
rische Zeitschrift 255, 1992, S. 61-97 sowie exemplarisch L. E. v. P a d b e r g , Ge-
schichtsschreibung und kulturelles Gedächtnis. Formen der Vergangenheitswahmeh-
mung in der hochmittelalterlichen Historiographie am Beispiel von Thietmar von Merse-
burg, Adam von Bremen und Helmold von Bosau, in: Zeitschrift für Kirchengeschichte
105, 1994, S. 156-177.
17
Ausführlich zu dieser Quellenproblematik K. H a u c k , Zur Ikonologie der Gold-
brakteaten, XXV: Text und Bild in einer oralen Kultur. Antworten auf die zeugniskriti-
sche Frage nach der Erreichbarkeit mündlicher Überlieferungen im frühen Mittelalter, in:
Frühmittelalterliche Studie 17, 1983, S. 510-599 und Ders., Zur Ikonologie der Gold-
brakteaten, XLIV: Frühmittelalterliche Bildüberlieferung und der organisierte Kult, in:
Der historische Horizont der Götterbild-Amulette aus der Übergangsepoche von der
Spätantike zum Frühmittelalter, hg. von K. H a u c k ( - Abhandlung der Akademie der
Wissenschaften in Göttingen, Philologisch-Historische Klasse, 3. Folge, 200), Göttingen
1992, S. 433-574, bes. S. 435ff.
18
Die benutzten Begriffe sind allesamt zu problematisieren, ohne hier jedoch die
Diskussion referieren zu können. Der lange Zeit mit unbefangener Selbstverständlichkeit
verwendete Begriff,Germanen* wird kontrovers erörtert; vgl. mit weiteren Literaturhin-
weisen R. H a c h m a n n , Der Begriff des Germanischen, in: Jahrbuch für Internationale
Germanistik 7,1975, S. 112-144; G. T e i l e n b a c h , Zur Geschichte des mittelalterlichen
Germanenbegriffs, in: ebd., S. 145-165 sowie die beiden Sammelbände Germanenpro-
bleme in heutiger Sicht, hg. von H. Beck ( - Ergänzungsbände zum Reallexikon der
Germanischen Altertumskunde 1), Berlin - New York 1986 und Germanische Reli-
gionsgeschichte. Quellen und Quellenprobleme, hg. von H. B e c k - D. E l i m e r s - K.
S c h i e r (= ebd. 5), ebd. 1992. Zur heftig diskutierten Frage des Sakralkönigtums siehe

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Weithin in den Bahnen der Aussagen frühmittelalterlicher kirchlicher


Autoren bleibend, hat die Geschichtswissenschaft generell der unterge-
gangenen nordgermanischen Religion der Mitte des ersten Jahrtausends
wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Die religiöse Existenz dieser Men-
schen wurde unter Sammelbegriffen wie .Frömmigkeit' und .gentile
Religiosität' nicht eigentlich erkannt19. Will man jedoch den Glaubens-
wechsel in seinen Formen und Folgen adäquat erfassen, ist gerade die
Kenntnis der religiösen Inanspruchnahme der Menschen durch den
Polytheismus mit seinen Benutzungsregeln und seinem Zeichenvorrat
unverzichtbar.
Sich diesem Thema zu nähern ist angesichts der angedeuteten Quellen-
lage freilich voller Zugangsschwierigkeiten, aufgrund der neuen For-
schungskonstellation indes doch möglich. Noch vor knapp 40 Jahren
meinte Jan de Vries, die Germanen hätten bis zur Christianisierung ihre
„Kultur ungestört bewahrt" und deshalb sei ein „Einblick in das innerste
Wesen der germanischen Religion"20 möglich. Nachdem die Archäologie
gerade in den letzten Jahren ständig neues Material zutage gefördert hat
und die religionsgeschichtliche Forschung zu neuen Einsichten gekommen
ist, muß diese Sicht als überholt gelten21. Dagegen ist man heute überzeugt,

ablehnend P. R. Mathé, Studien zum früh- und hochmittelalterlichen Königtum. Eine


problemgeschichtliche Untersuchung über Königtum, Adel und Herrscherethik, Zürich
1977 und zustimmend G. S t e i n s l a n d , Die mythologische Grundlage für die nordische
Königsideologie, in: Germanische Religionsgeschichte, 1992 (wie oben), S. 736-751.
Seine Existenz ebenso wie die seiner Priester dürften für den nordgermanischen Raum,
auf den wir uns hier allein beziehen, nach den jüngsten archäologischen Entdeckungen
als gesichert gelten; dazu H a u c k (wie Anm. 17, 1992), S. 558ff. ; H. T h r a n e , Das
Reichtumszentrum Gudme in der Völkerwanderungszeit Fünens, in: Der historische
Horizont der Götterbild-Amulette, 1992 (wie Anm. 17), S. 299-380 und M. A x b o e ,
Goldbrakteaten und Dänenkönige, in: Iconologia sacra. Mythos, Bildkunst und Dichtung
in der Religions- und Sozialgeschichte Alteuropas. Festschrift für Karl Hauck zum 75.
Geburtstag, hg. von H. Keller - N. Staubach (=Arbeiten zur Frühmittelalterforschung 23),
Berlin - New York 1994, S. 144-155; in diesem Sinne auch die Zusammenfassung des
Forschungsstandes durch N. S t a u b a c h , Königtum III. Mittelalter und Neuzeit, in:
Theologische Realenzyklopädie 19, Berlin - New York 1990, S. 333-345, hier S. 333f.
19
Vgl. G l a d i g o w (wie Anm. 1), S. 237.
20
J. de V r i e s , Altgennanische Religionsgeschichte (= Grundriß der Germanischen
Philologie 12/1 und 2), 2. Auflage, Berlin 1956 und 1957, Band 1, S. 23.
21
Siehe exemplarisch M. W a t t , Die Goldblechfiguren (.goldgubber") aus Sorte
Muid, in: Der historische Horizont der Götterbild-Amulette, 1992 (wie Anm. 17), S.
195-227; T h r a n e (wie Anm. 18), S. 299ff. und B. G l a d i g o w , Mögliche Gegenstände
und notwendige Quellen einer Religionsgeschichte, in: Germanische Religionsgeschich-
te, 1992 (wie Anm. 18), S. 3-26.

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Odin oder Christus? 255

daß die Religionen der Randkulturen bastardisiert sind. Für diese Ge-
samtsituation ist der Begriff ,Mischkultur' eingeführt worden22. Bezo-
gen auf die Franken hat dies jüngst Reinhard Wenskus erhellt, indem er
,Materialen zum Synkretismus in ihrer vorchristlichen politischen Theolo-
gie' 23 zusammengetragen hat. Deshalb ist hier die Beschränkung auf die
Zone möglich, in der das nordgermanische Heidentum stark war. Dabei
können wir von Karl Haucks Studien zum dortigen Polytheismus profitie-
ren, die auch meine Themaformel rechtfertigen. Denn Wodan-Odin wird
nicht nur von Beda, unserem Hauptzeugen, als Spitzenahn der englischen
Königsgeschlechter genannt, sondern seine Verehrung durch die Verbrei-
tung der religiösen Kleinkunst über die See von Südskandinavien nach
England bezeugt24. Diese „pagane Expansion"25 trifft nun auf die christ-

11
R. K a i s e r , Das römische Erbe und das Merowingerreich (= Enzyklopädie deut-
scher Geschichte 26), München 1993, S. 16 nach H. W. Β ö h m e, Germanische Grabfunde
des 4. bis 5. Jahrhunderts zwischen unterer Elbe und Loire. Studien zur Chronologie und
Bevölkerungsgeschichte (» Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte 19), Mün-
chen 1974.
23
R. W e n s k u s , Religion abâtardie. Materialien zum Synkretismus in der vorchrist-
lichen politischen Theologie der Franken, in: Iconologia sacra, 1994 (wie Anm. 18), S.
179-248.
24
Vgl. K. H a u c k , Zur Ikonologie der Goldbrakteaten, XLVII: Der religions- und
sozialgeschichtliche Quellenwert der völkerwanderungszeitlichen Goldbrakteaten, in:
Germanische Religionsgeschichte, 1992 (wie Anm. 18), S. 229-269, bes. S. 252ff. sowie
die in Anm. 11 und 17 genannten Arbeiten. Die Kombination der Forschungsergebnisse
für den skandinavischen Raum mit den angelsächsischen Reichen stellt kein methodisches
Problem dar, sie läßt sich neben der ethnischen Verwandschaft durch Herrschergenealo-
gien und die Analyse der archäologischen Funde belegen; dazu aus der Fülle der Literatur
N. Á b e r g , The Anglo-Saxons in England during the Early Centuries after the Invasion,
Uppsala 1926, Nachdruck Hildesheim - New York 1975; E. T. L e e d s , Denmark and
Early England, in: The Antiquaries Journal 26,1946, S. 22-37; S. C h a d w i c k H a w k e s ,
Anglo-Saxon Kent c 425-725, in: Archaeology in Kent to AD 1500, hg. von P. E. Leach
( - CBA Research Report 48), London 1982, S. 64-78 und zuletzt C. Β e h r , Das kentische
Königtum im frühen 6. Jahrhundert, in: Iconologia sacra, 1994 (wie Anm. 18), S.
156-165. Nach Beda (wie Anm. 2), 115, S. 6 0 . . .pater Uoden, de cuius stripe multarum
prouinciarum regium genus originem duxit steht die Königsgottheit Wodan-Odin an der
Spitze nahezu aller angelsächsischer Herrschergenealogien; dazu D. N. Dum vil le,
Kingship, Genealogies and Regnal Lists, in: Early Medieval Kingship, hg. von P. H.
Sawyer - I. N. Wood, Leeds 1977, Nachdruck 1979, S. 72-104, bes. S. 77ff.; 89ff.; J. M.
W a l l a c e - H a d r i l l , Early Germanie Kingship in England and on the Continent ( - The
Ford Lectures 1970), Oxford 1971, S. 27f., 44f. und N. B r o o k s , The Creation and Early
Structure of the Kingdom of Kent, in: The Origins of Anglo-Saxon Kingdoms, hg. von
S. Bassett, London - New York 1989, S. 55-74, bes. S. 59f.
25
Κ. H a u c k , Der Missionsauftrag Christi und das Kaisertum Ludwigs des From-
men, in: Charlemagne's Heir. New Perspektives on the Reign of Louis the Pious (814-
840), hg. von P. Godman - R. Collins, Oxford 1990, S. 275-296, hier S. 280.

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liehe Expansion nach Norden und Osten. Daraus ergibt sich gleichsam
zwangsläufig unser Thema: die vielfältigen Loyalitäts- und Orientie-
rungskonflikte in der Bekehrungsgeschichte Nordeuropas, soweit sie in
der erzählenden Überlieferung des 8. bis 11. Jahrhunderts erkennbar
werden.

II. G r u n d l e g e n d e g r u p p e n s p e z i f i s c h e
Voraussetzungen

Auch wenn die Quellen hierzu nur beschränkt das Wort nehmen, so
muß es diese Konflikte in erheblichem Ausmaß gegeben haben. Das
erhellen zwei Aspekte, die zugleich als Grundlage unserer Analyse
angedeutet werden müssen: die Lebendigkeit des heidnischen Poly-
theismus im Norden und die generelle Einschätzung des Heidentums
durch die christlichen Missionare.
1. Für die Lebendigkeit des Heidentums bis in die Zeit Papst Gregors
VII. spricht die reiche Überlieferung an religiöser Kleinkunst, in der
sich die Religions- und Sozialgeschichte der Gedächtniskultur des Nor-
dens spiegelt26. Ihre Erforschung in den letzten Jahren hat erwiesen,
daß es eine politisch relevante heilige Überlieferang gab, deren gemein-
schaftsstiftende und -erhaltende Kulte an regionale Herrschaftszentren
gebunden waren. Dieser organisierte Kult gehört in ein historisches
Umfeld, das von einer durch Götternähe charakterisierten Aristokratie
geprägt war. In einem Prozeß gegenseitiger Legitimierung propagierte
diese in der Kombination von Herrschaftssitz und Heiligtum eine Göt-
terwelt, in der Wodan-Odin zumindest in Südskandinavien und England

26
Ihr Variantenreichtum, der die Bildkonventionen der spätantiken Reichskunst zu
eigenhändigen Zeugnissen umzudeuten wußte, kann hier nicht behandelt werden; siehe
exemplarisch H. Thrane, Das Gudme-Problem und die Gudme-Untersuchung, in: Früh-
mittelalterliche Studien 21, 1987, S. 1-48; M. A x b o e - A. K r o m a n n , DN ODINN PF
AUC? Germanic ,Imperial Portraits* on Scandinavian Gold Bracteates, in: Ancient
Portraiture. Image and Message (= Acta Hyperborea. Danish Studies in Classical Ar-
chaeology 4), Kopenhagen 1992, S. 271-305, bes. S. 287ff. und H a u c k (wie Anm. 24),
S. 229ff.
27
Zur Zusammenfassung und Weiterführung der einschlägigen Forschungsergeb-
nisse L. H e d e a g e r , Denmaks jernalder. Meilern stamme og stat, Arhus 1990 (englische
Ausgabe: Iron Age Sociétés. From Tribe to State in Northern Europe, Oxford 1992), bes.
S. 204ff.; C. F a b e c h , Society and Landscape. From Collective Manifestations to Cere-
monies of a New Ruling class, in: Iconologia sacra, 1994 (wie Anm. 18), S. 132-143;

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Odin oder Christus? 257

die Führungsrolle innehatte27. Die Kontrolle der heiligen Tradition


oblag den Opfer-Herren und ihren „priesterlichen Spezialisten"28. Der
Reichtum dieser Gedächtniskultur macht es wahrscheinlich, daß na-
mentlich die Träger des polytheistischen Kultes durch das Auftreten der
Missionare in Konflikte gestürzt wurden.
2. Die kirchlichen Glaubensboten hatten für diese ihnen fremde Welt
kein Verständnis, sondern nur ablehnende Distanz. Den heidnischen
Glauben sahen sie als Teufelswerk an, die Heiden als von Dämonen
beherrschte beklagenswerte Menschen, die selbstgeformte Götzen an-
beteten 29 . Im Sprachgebrauch der Missionare war daher der Begriff
.Heide' eine „theologische Urteilskategorie. Diese findet ihren Ansatz-
punkt ausschließlich im religiösen Selbstverständnis der sie verwenden-
den Gemeinschaft, nicht aber bei spezifischen Gegebenheiten der so
bezeichneten Gruppe, deren innere Differenzierungen demgegenüber
als unwesentlich erscheinen müssen"30. Den Missionaren kam es dem-
zufolge in eschatologischer Perspektive allein darauf an, durch das
planvolle Hinaustragen der christlichen Botschaft bis an die Enden der
damals bekannten Welt die plenitudo gentium (Rm 11, 25) dem Heil
zuzuführen und so die Voraussetzungen für die ersehnte Wiederkunft
Christi zu schaffen. Innerhalb dieses Deutungsmusters war für ein auch
nur ansatzweises Eingehen auf die heidnische Glaubenswelt kein Platz,
zumal im Prinzip von vornherein Gewißheit über die endgültigen Sieger
in diesem Kampf zwischen Licht und Finsternis bestand 31 .

M. A x b o e , Guld og guder i folkvandringstiden. Brakteaterne som kilde til politisk/reli-


giase forhold, in: Samfundsorganisation og regional variation. Norden i romersk jernalder
og folkevandringstid, hg. von C. Fabech - J. Ringtved (= Jysk Arkaeologisk Selskabs
Skrifter 27), Arhus 1991, S. 1-16; Hauck (wie Anm. 24), S. 231ff., 252ff. und Axboe
(wie Anm. 18), S. 144.
28
K. Hauck, Zur Ikonologie der Goldbrakteaten, LII: Die bremische Überlieferung
zur Götter-Dreiheit Altuppsalas und die bornholmischen Goldfolien aus Sorte Muid, in:
Frühmittelalterliche Studien 27,1993, S. 409-479, hier S. 412.
29
Dazu ausführlich mit Quellendiskussion L. Ε. ν. Padberg, Christen und Heiden.
Zur Sicht des Heidentums in ausgewählter angelsächsischer und fränkischer Überliefe-
rung des 7. und 8. Jahrhunderts, in: Iconologia sacra, 1994 (wie Anm. 18), S. 291-312.
30
K. S c h ä f e r d i e k , Christentum der Bekehrungszeit, I. A: Kirchliche Vorausset-
zungen der Germanenbekehrung, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 4,
Berlin - New York 1982, S. 501-510, hier S. 503; vgl. H.-D. Kahl, Die ersten Jahrhun-
derte des missionsgeschichtlichen Mittelalters. Bausteine für eine Phänomenologie bis
ca. 1050, in: Kirchengeschichte als Missionsgeschichte, Band 2/1 : Die Kirche des füheren
Mittelalters, hg. von K. Schäferdiek, München 1978, S. 11-76, hier S. 14.
31
Siehe v. Padberg (wie Anm. 29), S. 303ff.

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258 Lutz Ε. v. Padberg

Damit haben wir einen Teil des Koordinatensystems angesprochen,


in dem jenes Drama Alteuropas spielt, das - vordergründig - mit dem
Untergang der polytheistischen Kultur des Nordens und dem Sieg der
aus dem Süden kommenden Buchreligion endete und die „religionsgeo-
graphische Zweiteilung Europas"32 aufhob. Dabei dürfte deutlich ge-
worden sein, daß in der vielbehandelten frühmittelalterlichen Missions-
geschichte durchaus noch neue Einsichten gewonnen werden können33.
Dazu gehört der zunächst überraschend anmutende Ansatz, vertiefte
Informationen über die Christianisierung dadurch zu bekommen, daß
man die Religions- und Sozialgeschichte des Heidentums intensiver
untersucht. Das wollen wir nun exemplarisch tun, indem wir Loyalitäts-
und Orientierungskonflikte in der Bekehrungszeit betrachten.

III. K o n f l i k t v a r i a n t e n und Lösungsmodelle

Da Religion nicht gelehrt, sondern im Lebenskontext gelernt wird 34 ,


ereignen sich solche Konflikte in einem breiten Feld zwischen kollek-
tiver und individueller Praxis. Betroffen davon sind vom König bzw.
Stammesfürsten über seine Ratgeber und die Priester bis zum Volk alle,
und dementsprechend weit gefächert sind die Konfliktmöglichkeiten.
Zu den häufig auftauchenden Varianten gehören die folgenden:
1. Ein heidnischer König möchte eine Christin aus dem Nachbarland
zur Ehefrau nehmen. Deren Familie macht ihre Einwilligung in die
Eheschließung von der Voraussetzung abhängig, sie müsse Priester
ihrer Kirche mitnehmen dürfen. So kam etwa nach Bedas Bericht die
Heirat zwischen dem kentischen König Aethelberht und der fränkischen
Königstochter Bertha um 562/563 (?) nur unter der Bedingung zustande,
„daß sie die Erlaubnis bekomme, ihren Glauben und ihre Religion mit
dem Bischof Namens Liudhard, den sie ihr als Glaubensbeistand mit-
gegeben hatten, ungehindert auszuüben", ut ritum fidei ac religionis

32
Nach H a u c k (wie Anm. 11).
33
Dazu ausführlich L. E. v. P a d b e r g , Mission und Christianisierung. Formen und
Folgen bei Angelsachsen und Franken im 7. und 8. Jahrhundert, Stuttgart 1995, bes.
S. 350ff.
34
Vgl. G l a d i g o w (wie Anm. 1), S. 237.

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Odin oder Christus? 259

suae cum episcopo... inuiolatum seruare licentiam haberef35. Genauso


reagierte später nach seinem Übertritt zum Christentum das kentische
Herrscherhaus. Als nämlich der heidnische König Edwin von Northum-
bien 625 um die Hand Aethelburhs, der Tochter Aethelberhts von Kent,
anhielt, wurde ihm bedeutet, das sei nicht erlaubt, damit der himmlische
König nicht durch die Gemeinschaft einer christlichen Jungfrau mit
einem heidnischen König entehrt werde36. Erst als Edwin versprach,
nichts gegen den christlichen Glauben zu unternehmen und ihr erlaubte,
„daß sie Glauben und Verehrung ihrer Religion mit allen, die mit ihr
kämen, Männern und Frauen, Priestern und Dienern, in christlicher
Weise ausübe", utfidem cultumque suae religionis cum... sacerdotibus
seu ministris, more Christiane seruaret, kam die Hochzeit zustande37.
Solche Ehekonstellationen hatten demnach konkret zur Folge, daß an
dem Herrschaftssitz, der meist mit einem Kultzentrum verbunden war,
eine christliche Enklave eingerichtet wurde. Heidnischer Opferdienst
und die Feier der heiligen Eucharistie traten dadurch mit ihren gegen-
sätzlichen „Benutzungsregeln"38 in unmittelbarer Nachbarschaft in ein
Konkurrenzverhältnis, was nicht ohne lebhafte Konflikte abgehen
konnte. Man muß sich konkret vergegenwärtigen, was ein solches
Nebeneinander von Altären etwa für die Loyalität der Ratgeber dem
Herrscherpaar gegenüber bedeutete. Für die Christen entstand so der

35
Beda (wie Anm. 2), I 25, S. 80; vgl. M a y r - H a r t i n g (wie Anm. 2), S. 266ff.;
W a l l a c e - H a d r i l l (wie Anm. 24), S. 21ff.; K. H a r r i s o n , The Framework of Anglo-
Saxon History to a. d. 900, Cambridge 1976, S. 121ff. ; J. M. W a l l e c e - H a d r i l l . B e d e ' s
Ecclesiastical History of the English People: A Historical Commentary (= Oxford Me-
dieval Texts), Oxford 1988, S. 34; B r o o k s (wie Anm. 24), S. 62f.; v. P a d b e r g (wie
Anm. 33), S. 56ff. und zur Herkunft Berthas E. E w i n g , Studien zur merowingischen
Dynastie, in: Frühmittelalterliche Studien 8, 1974, S. 15-59, hier S. 29. Die chronologi-
schen Angaben folgen in der Regel F. M. P o w i c k e und E. B. F r y d e , Handbook of
British Chronology, 2. Auflage, London 1961 (1. Auflage 1939). - Die im folgenden
diskutierten Quellen sind, wenn auch unter anderen Fragestellungen, in der Forschung
vielfach erörtert worden, wir beschränken uns deshalb auf wenige Nachweise.
36
Beda (wie Anm. 2), Π 9, S. 160:... non esse licitum Christianam uirginempagano
in coniugem dari, ne fides et sacramenta caelestis regis consortio profanarentur regis,
qui ueri Dei cultus esset prorsus ignarus. Vgl. Ν. Κ. C h a d w i c k , The Conversion of
Northumbria. A Comparison of Sources, in: Celt and Saxon. Studies in the Early British
Border, hg. von Ν. K. Chadwick u. a., Cambridge 1963, S. 138-166, hier S. 139f. sowie
die Angaben in Anm. 2.
37
Beda (wie Anm. 2), II9, S. 160.
38
Nach G l a d i g o w (wie Anm. 1), S. 238.

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260 Lutz Ε. v. Padberg

Eindruck eines offenen religiösen .Marktes', was für die Heiden


schlicht die .Assozierung' eines weiteren Gottes bedeutete39. Wenn die
kirchlichen Autoren von solchen Konstellationen überhaupt berichten,
dann nur zur Vorbereitung ihrer Darstellung vom Sieg des Christen-
tums. Ein Eingehen auf die dadurch provozierten Konflikte lag nicht in
ihrem Blickfeld.
2. Die Söhne eines zum Christentum bekehrten Königs haben den
Glaubenswechsel ihres Vaters nicht mit vollzogen. Nach Bedas In-
formationen galt das beispielsweise in Kent Anfang des 7. Jahrhun-
derts für König Aethelberhts Sohn Eadbald sowie in Essex für die
drei Söhne König Saberhts, die es seinen tadelnden Worten gemäß
allesamt vorzogen, Heiden zu bleiben 40 . Vor allem für die herrscher-
lichen Ratgeber führte das zu einem bedrohlichen Loyalitätskonflikt,
mußten sie doch bei einem Regierungsantritt der Söhne mit einer
erneuten Veränderung der religiösen Orientierung rechnen. Wenn
die Söhne am Hof ihres Vaters verblieben und von diesem nicht zur
Annahme des Christentums gedrängt wurden, werden sie auch die
Möglichkeit zur Ausübung ihres Kultes gehabt haben. Das aber
bedeutet in der Praxis eine .Wahlmöglichkeit4 zwischen Göttern und
ihrer Formenwelt 41 . In den von Beda berichteten Fällen müssen sich
die Anhänger des alten Glaubens einschließlich ihrer Priester wäh-
rend der Regierungszeit des christlichen Königs in abwartender
Stellung befunden haben, denn nach dem Herrschaftswechsel kam es
meist zu einer scheinbar bruchlosen Wiederaufnahme des polythei-
stischen Kultes. Daß Beda davon erzählt, hat seinen guten Grund,

39
Begriffe nach G l a d i g o w (wie Anm. 1), S. 251 und W a l l a c e - H a d r i l l (wie
Anm. 24), S. 28 mit Anm. 33; vgl. W e n s k u s (wie Anm. 23), S. 181f.
40
Zu Eadbald (616-640) bemerkt Beda (wie Anm. 2), II 5, S. 150:... magno tenellis
ibi adhuc ecclesiae crementis detrimento fuit. Zu den 616/617 an die Herrschaft gekom-
menen Söhnen Saberhts (Seaxred, Saeweard, NN) heißt es ebd. : . . . qui ubi regna
perennia petens tres suos filios, qui pagani perdurauerant, regni temporalis heredes
reliquit, coeperunt Uli mox idolatriae, quam uiuente eo aliquantulum intermisisse uide-
bantur, palam seruire, subiectisque populis idola colendi liberam dare licentiam. Zur
kontroversen Diskussion um die nichtgetauften Königssöhne A n g e n e n d t (wie Anm.
15), S. 178ff. und v. P a d b e r g (wie Anm. 15), S. 34ff.
41
Siehe G l a d i g o w (wie Anm. 1), S.251. Mit dem nachreformatorischen Toleranz-
begriff läßt sich dieses Verhaltensmuster hier wie in den folgenden Beispielen freilich
nicht vergleichen; dazu K. S c h r e i n e r - G. B e s i e r , Toleranz, in: Geschichtliche
Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland 6,
Stuttgart 1990, S. 445-605, bes. S. 446ff„ 452ff.

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Odin oder Christus? 261

führten solche Irrwege doch gemäß seiner Geschichtstheologie regel-


mäßig zum Eingreifen Gottes in die Geschicke des betreffenden Volkes
und so zum endgültigen Sieg des Christentums42.
3. Ein König läßt sich mit seinem Volk von den Missionaren davon
überzeugen, daß der Christengott der mächtigere sei und vollzieht den
Glaubenswechsel. Wenn sich dann aber durch eine kriegerische Niederlage
oder eine grassierende Seuche ein scheinbares Versagen dieses neuen
Gottes einstellt, kommt es zu einem erheblichen Orientierungskonflikt:
Sollten die alten Götter vielleicht doch nützlicher gewesen sein? Weil sich
offenbar die Effizienz des Christengottes als schwach erwies, ist man dann
bereit, die Konkurrenz der Götter wieder aufleben zu lassen und zu den
traditionellen Kulten zurückzukehren. Die polytheistische Bereitschaft zur
Ein- und Ausgliederung effizienter Vorstellungen wurde gleichsam als
Benutzungsmöglichkeit auch nach der Hinwendung zum Christentum er-
halten und im Konfliktfall prompt zu dessen Lösung benutzt43.
Mit kaum gezügelter Mißbilligung berichtet Beda von einem solchen
Fall zur Zeit des Königs Sighere von Essex. Als das Land nach 664 von
der Pest heimgesucht wurde, fiel Sighere mit seinem Volk von Gott ab,
relictis Christianae fidel sacramentis, ad apostasiam conuersus est.
Aus Liebe zum irdischen Leben und weil sie an das jenseitige nicht
glaubten, wie Beda kritisch bemerkt, stellten sie die Tempel wieder her
und führten den heidnischen Opferdienst erneut ein, als ob sie sich damit
vor der Sterblichkeit verteidigen könnten, coeperunt fana, quae dere-
licta erant, restaurare, et adorare simulacra, quasi per haec possent a
mortalitate defendi44.
Das gleiche Verhaltensmuster läßt sich während der Wirren in Däne-
mark Mitte des 9. Jahrhunderts beobachten. In der Auseinandersetzung
zwischen dem Normannenjarl Guttorm und dem Dänenkönig Horik I. kamen
diese und der größte Teil der Führung des Landes um. Horik Π., der wie

42
Zu Eadbald: Beda (wie Anm. 2), II 6, S. 152-155 und ΙΠ 8, S. 228f.; zu Saberhts
Söhnen ebd. Π 5, S. 150-153; III 22, S. 268-273 und ΙΠ 30, S. 308f.; dazu ν. P a d b e r g
(wie Anm. 15), S. 36ff.
43
Vgl. G l a d i g o w (wie Anm. 1), S. 239: .Explizit konnten solche Konkurrenzen
vor allem dann werden, wenn ökonomische Interessen von Institutionen auf dem Spiel
standen und .Leistungen* verifiziert oder falsifiziert werden können." Ferner S. 247f. und
D e r s . (wie Anm. 21), S. 19ff.
44
Beda (wie Anm. 2), III 30, S. 308f.; die Übersetzung von Spitzbart ist an dieser
Stelle nicht exakt.

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262 Lutz Ε. v. Padberg

sein Vorgänger wohl dem Christentum zuneigte, ohne jedoch getauft


worden zu sein, wurde nach Rimberts Bericht von den überlebenden
Großen gedrängt, das aufkeimende Christentum ausrotten zu lassen.
Denn das über Dänemark gekommene Unglück sei allein auf den Zorn
der Götter über die Verehrung des neuen, unbekannten Gottes zurück-
zuführen, diceníes, deos suos sibi iratos esse, et quod ideo tanta eos mala
invenerint, quia alterius et ignoti dei apudse culturam receperint45. Horik
Π. fügte sich zunächst und verbot 854 die christliche Kultübung.
Es versteht sich von selbst, daß die kirchlichen Autoren eher von
solchen Fällen zu berichten wissen, in denen das Versagen der germa-
nischen Götter zu Orientierungskonflikten führte, deren Lösung die
Christianisierung darstellte46.
4. Wenn ein König in seinem Land die christliche Predigt zuläßt, ohne
zum Glaubenswechsel zu drängen, so mußte auch das zu Orientierungs-
konflikten führen. Als Lösung konnten Anhänger des alten Glaubens
einen verstärkten Konkurrenzkampf der Götter anbieten, unter Umstän-
den die Zuwahl Christi in den heidnischen Pantheon47. In der Form einer
Götterbotschaft wurde dann sogar ein im Volk beliebter verstorbener
König als neuer Gott eingeführt, um gewissermaßen deren Leistungs-
fähigkeit zu steigern. Von einer solchen Reaktionsform weiß Rimbert
aus dem schwedischen Birka zu berichten. Dort trat 852 während der
Ankunft Ansgars ein heidnischer Priester auf, um den drohenden christ-
lichen Einfluß zurückzudrängen. Als Botschaft der Götter, an deren
Versammlung er angeblich teilgenommen hatte, verkündete er deren

45
Vita Anskarii auctore Rimberti, hg. von G. Wait ζ (= Monumenta Germaniae
histórica, Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum 55), Hannover 1884,
Nachdruck 1988; hier zitiert nach: Quellen des 9. und 11. Jahrhunderts der Hamburgi-
schen Kirche und des Reiches, neu übertragen von W. T r i l l m i c h (=Ausgewählte
Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausga-
be 11), 6. Auflage, Darmstadt 1990 (1. Auflage 1961), S. 3-133, hier c. 31, S. lOOf.
Danach Magistri Adam Bremensis Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum, hg. von
B. S c h m e i d l e r (= Monumenta Germaniae histórica, Scriptores rerum Germanicarum
in usum scholarum 2), Hannover 1917, Nachdruck 1977; hier zitiert nach: Quellen des 9.
und 11. Jahrhunderts (wie oben), S. 135-499, hier I 28 (30), S. 200-203. Dazu E.
H o f f m a n n , Schleswig und Holstein zur Zeit des Beginns der christlichen Mission, in:
Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte, Band 1: Anfange und Ausbau, Teil I (=
Schriften des Vereins für Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte 1,26), Neumünster
1977, S. 15-61, hier S. 30f.
46
Ein Beispiel dafür bietet Rimberts Bericht vom Verhalten des christlichen Vorste-
hers von Birka, Hergeir; Vita Anskarii (wie Anm. 45), c. 19, S. 56-65.
47
Vita Anskarii (wie Anm. 45), c. 19, S. 60-63.

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Odin oder Christus? 263

Aufforderung, die unterlassenen Opfer, sacrifìcio, wieder zu vollziehen


und den Kult des fremden Gottes, alterius dei culturam, nicht aufzuneh-
men. Wenn den Schweden aber die Zahl der Götter nicht genüge, sollten
sie doch ihren verstorbenen König Erik zum Gott erheben, si etiam
plures deos habere desideratis, et nos vobis non sujficimus, Ericum
quondam regem vestrum nos unanimes in collegium nostrum ascisci-
mus, ut sit unus de numero deorum. So geschah es in der Tat, und sie
errichteten Erik einen Tempel und brachten ihm Gelübde und Opfer dar,
ipsi tanquam deo vota et sacrificio offere coeperunt48.
So wurde in der Konfliktsituation an die religiöse Kompetenz der
Gläubigen appelliert. Ihnen wurde zugetraut, sich für den .richtigen',
also nützlicheren Gott entscheiden zu können49. Dahinter steckte bei
den Heiden das Mißverständnis, Christus sei als ein weiterer Gott
einfach in ihre alte Formenwelt integrierbar. Deutlicher läßt sich wohl
nicht markieren, wie die Menschen in dieser Mischkultur zwischen den
religiösen Möglichkeiten hin- und hergerissen waren.
Schon diese hier nur skizzierten Varianten zeigen, daß die Realität
des Glaubenswechsels weitaus differenzierter gewesen ist, als die Quel-
len dies vermuten lassen.

IV. E i n i g e Fallbeispiele

In dieser Konfliktsituation nun kam man teilweise zu überraschenden


Lösungen, wie die folgenden Einzelbeispiele zeigen werden. Sie gehen
stets von Königen aus, ein Umstand, der sich zwangsläufig aus der
germanischen Herrschaftsstruktur ergibt. Die Missionare hatten sich
dem angepaßt und sich immer zuerst an die Herrscher gewandt50.
Mustern wir also einige Fälle genauer:
1. König Raedwald von Ostanglien wurde vor 616 am Hofe Aethel-
berhts von Kent getauft. Unklar ist, ob ihn dazu die Überzeugungskraft
der kentischen Missionare bewog oder ob Aethelberht die Weitergabe

48
Vita Anskarii (wie Anm. 45), c. 26, S. 86-89. Vgl. auchH. M a y r - H a r t i n g , Der
Westen: Das Zeitalter der Bekehrung (700-1050), in: Geschichte des Christentums, hg.
von J . McManners, Frankfurt - New York 1993, S. 101-131, hier S. 105f.
49
Siehe G l a d i g o w (wie Anm. 1),S.251: .Eine Wahl zwischen den Göttern gehört
zur Kompetenz, mit der Religion umgehen zu können."
50
Siehe S c h ä f e r d i e k (wie Anm. 30), S. 505.

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264 Lutz Ε. v. Padberg

des Bretwalda-Amtes51 an den Ostanglier an dessen Bekenntnis zum


Christentum geknüpft hatte. Jedenfalls kehrte Raedwald vermutlich
ohne jeglichen kirchlichen Beistand in seine Residenz Rendlesham
zurück. Dort aber kam es zu einer erstaunlichen Entwicklung. Nach
Bedas Bericht stieß Raedwalds Bekehrimg auf den geballten Wider-
stand seiner Gemahlin und falscher Lehrer, womit sowohl Ratgeber als
auch heidnische Priester gemeint sein können. Sie waren der Überzeu-
gung, daß das Herrscheramt an die alten Götter binde. Raedwald löste
diesen Loyalitätskonflikt auf überraschende Weise: Nach Bedas Worten
schien er „sowohl Christus als auch den Göttern zu dienen", Christo
seruire uideretur et diis, und hatte zu diesem Zweck „im gleichen
Heiligtum sowohl einen Altar für das Opfer Christi als auch einen
kleinen Altar für die Opferungen an die Teufel", in eodem fano et altare
haberet ad sacrificium Christi et arulam ad uictimas daemoniorumS2.
Raedwald stand in der Spannimg zwischen seiner von Priestern, Ober-
schicht und Volk verlangten archaischen Königsrolle und seinem neuen
Wissen um den individuellen Anspruch des christlichen Heils. Um
diesen Konflikt zu lösen, experimentierte er, darin noch ganz in den
Bahnen des Polytheismus denkend, „mit einer Kontaminationsform des
heidnischen und des christlichen Kultes" und versuchte „eine große
Koalitation der Religionen"53.
Dieser praktische Polytheismus repräsentiert den Haupttypus der
Mischkultur in der Übergangsepoche. Aus politisch-kultischer Rück-
sichtnahme konnte Raedwald auf seine Funktion als heidnischer Opfer-
Herr nicht verzichten, wollte aber auch die Möglichkeiten des neuen

51
Zu diesem oft diskutierten Begriff sei hier nur verwiesen auf H. V o l l r a t h - R e i -
c he lt, Königsgedanke und Königtum bei den Angelsachsen bis zur Mitte des 9. Jahrhun-
derts ( - Kölner Historische Abhandlungen 19), Köln - Wien 1971, S. 79-122; A n g e -
n e n d t (wie Anm. 15), S. 181ff.; P. W o r m a l d , Bede, the Bretwaldas and the Origin of
the Gens Anglorum, in: Ideal and Reality in Frankish and Anglo-Saxon Society. Studies
Presented to John Michael Wallace-Hadrill, hg. von P. Wormald - D. Bullough - R.
Collins, Oxford 1983, S. 99-129 und S. F a n n i n g , Bede, Imperium and the Bretwaldas,
in: Speculum 66, 1991, S. 1-26.
52
Beda (wie Anm. 2), II 15, S. 188f.; dazu Stenton (wie Anm. 2), S. 112f.;
M a y r - H a r t i n g (wie Anm. 2), S. 65f.; D. W h i t e l o c k , The Pre-Viking Age Church in
East Anglia, in: Anglo-Saxon England 1, 1972, S. 1-22; K. H a u c k , Zum ersten Band
der Sutton-Hoo-Edition, in: Frühmittelalterliche Studien 12, 1978, S. 438-456, hier S.
445ff.; A n g e n e n d t (wie Anm. 15), S. 180, 182f.; W a l l a c e - H a d r i l l (wie Anm. 35),
S. 75ff. und v. P a d b e r g (wie Anm. 33), S. 252ff.
53
H a u c k (wie Anm. 52), S. 446.

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Odin oder Christus? 265

Glaubens nicht gleich wieder abtun. Das veranlaßte ihn zur Götteraddi-
tion, also zur polytheistischen Koalition von Odin und Christus. Raed-
wald vollzog keine Konversion im Sinne der Kirche, sondern einen
.henotheistischen Wechsel des Kultus', bei dem die „.anderen' Götter
und die Verpflichtungen ihnen gegenüber bestehen" blieben54. Die
ostanglische Machtelite konnte die dadurch entstandene „gemischte
Kultversion"55 als Eingliederungsprozeß akzeptierten.
Es gehört zu den Glücksfällen der Forschung, daß Bedas Schilderung
durch die Archäologie bestätigt werden konnte. Denn die größte Ent-
deckung der englischen Archäologen, das in unmittelbarer Nachbar-
schaft zur ostanglischen Königspfalz Rendlesham gelegene Schiffsgrab
1 von Sutton Hoo, konnte als Grablege der Wuffinga-Dynastie erwiesen
werden. Vielleicht ist dort sogar Raedwald selbst bestattet worden56.
Unter den Beigaben sind Stücke, die exakt des Königs Konflikt spie-
geln: Auf der einen Seite heidnisch-religiöse Helmbilder, auf der ande-
ren das Königsschwert mit einer an Konstantins Verwendung des christ-
lichen Triumphzeichens erinnernden Kreuzsignierung57. Außerdem

54
G l a d i g o w (wie Anm. 1), S. 248.
33
H a u c k (wie Anm. 52), S. 446; vgl. A n g e n e n d t (wie Anm. 15), S. 180 und v.
P a d b e r g (wie Anm. 15), S. 39; ferner K. S c h ä f e r d i e k , Die Grundlegung der angel-
sächsischen Kirche im Spannungsfeld insular-keltischen und kontinental-römischen
Christentums, in: Kirchengeschichte als Missionsgeschichte, 1978 (wie Anm. 30), S.
149-191, hier S. 162 unter Verwendung des nicht ganz passenden Begriffes .Synkretis-
mus*; zur erforderlichen Differenzierung von Polytheismus und Synkretismus W. Bur-
k e r t , Griechische Religion, in: Theologische Realenzyklopädie 14, Berlin - New York
1985, S. 235-253, hier S. 248f.
56
Zur Lage K. H a u c k , Zum zweiten Band der Sutton Hoo-Edition, in: Frühmittel-
alterliche Studien 16, 1982, S. 319-362, Lagekarte S. 360, Fig. 32; Übersichtsinforma-
tionen bei R. B r u c e - M i t f o r d , The Sutton Hoo Ship-Burial, Band 1: Excavations,
Background, the Ship, Dating and Inventory, London 1975, S. lOOff., 137ff., 230ff. und
T. C a p e l l e , Archälogie der Angelsachsen. Eigenständigkeit und kontinentale Bindung
vom 5. bis 9. Jahrhundert, Darmstadt 1990, S. 91ff.; zur Identifizierung des Toten H.
V i e r c k , Redwalds Asche: Zum Grabbrauch in Sutton Hoo, Suffolk, in: Offa 29, 1972,
S. 20-49 und der Sammelband The Age of Sutton Hoo. The seventh Century in North-
western Europe, hg. von M. Carver, Woodbridge 1992.
37
Zu den Helmbildern mit der vielfältigen Wiedergabe der Waffentanz-Epiphanie,
in der die heidnische Religion die Zwillingsgötter als Nothelfer verehrte, R . B r u c e - M i t -
f ord, The Sutton Hoo Ship-Burial, Band 2: Arms, Armour and Regalia, London 1978, S.
138-231, bes. S. 141ff. mit Fig. 103-107, S. 186ff. mit Fig. 140, die Übersicht S. 216f.
Fig. 163f. und Taf. 8f.; H a u c k (wie Anm. 52), S. 450ff. mit Fig. 3 und D e r s . (wie Anm.
56), S. 342ff. mit Fig. 24f. Zu dem Königsschwert B r u c e - M i l f o r d (wie Anm. 56), S.
196ff. mit Fig. 127,130f. und Taf. GII; Ders. (wie oben), S. 273 undHauck (wie Anm.
52), S. 448ff. mit Fig. lf.

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266 Lutz Ε. v. Padberg

fand man zwei silberne Löffel mit der Inschrift,Saulos' und .Paulos',
möglicherweise ein Taufgeschenk Aethelberhts. Es sollte Raedwald an
seine Bekehrung gemahnen58. Aus Sicht der Kirche verharrte er zwi-
schen Saulus und Paulus, aus Sicht des Heidentums setzte er einen
religiösen Mischprozeß in Gang. Übrigens hatte König Aethelberht von
Kent vor seiner Bekehrung nichts anderes getan. Nur war er so umsich-
tig, die zwei Altäre Odins und Christi in räumlicher Distanz errichten
zu lassen 59 . Deshalb schonte ihn die später von Beda benutzte Canter-
bury-Tradition, anders als der aus der Ferne schreibende Gregor, der
entgegen dem sonst üblichen römischen Liberalismus energischere
Schritte von Aethelberht forderte60. Raedwald dagegen beging nach

58
R. B r u c e - M i t f o r d , The Sutton Hoo Ship-Burial, Band 3: Late Roman and
Byzantine Silver, Hanging-Bowls, Drinkings Vessels, Cauldrons and other Containers,
Textiles, the Lyre, Pottery Bottle and other Items, London 1983, S. 125-146 mit Fig.
102-106, bes. S. 133 Fig. 106; vgl. R. E. K a s k e , The Silver Spoons from Sutton Hoo,
in: Speculum 42,1967, S. 670-672 und D. A. S h e r l o c k , Saul, Paul and the Silver Spoons
from Sutton Hoo, in: Speculum 47, 1972, S. 91-95.
39
Dieses bislang zu wenig beachtete Detail ergibt sich aus Bedas (wie Anm. 2)
Bericht, I 26, S. 82, über Berthas kirchliches Leben im heidnischen Kent und über die
Kultausübung der aus Rom gekommenen Missionare unter der Führung Augustins in der
Nähe von Canterbury vor der Taufe Aethelberhts. Denn die östlich der Stadt gelegene,
noch aus der römischen Zeit stammende Kirche, ecclesia in honorem sancii Martini
antiquitus facta, dum adhuc Romani Brittaniam incolerent, die Bertha seit ihrer Ankunft
in Kent zur Feier der Eucharistie diente, wurde vom König auch Augustin zugewiesen:
In hac ergo et ipsi primo conuenire, psallere, orare, missas facere, praedicare et
baptizare coeperunt, donec, rege ad fldem conuerso, maiorem praedicandi per omnia, et
eccelesias fabricandi uel restaurandi licentiam acciperent. Zur Diskussion um das
angebliche Martinspatrozinium dieser Kirche S c h ä f e r d i e k (wie Anm. 55), S. 152 und
F. P r i n z , Zum fränkischen und irischen Anteil an der Bekehrung der Angelsachsen, in:
Zeitschrift für Kirchengeschichte 95, 1984, S. 315-336, hier S. 316 Anm. 14. Die von
Beda hier nicht mitgeteilte Verehrung des Götterfürsten Wodan-Odin und der germani-
schen Götter überhaupt ist durch die Ortsnamenforschung und archäologische Funde für
Kent gut bezeugt, durchaus auch die Kombination von Kultorten mit königlichen Zentren.
Erinnert sei nur an die Orte Finglesham, Eastry, Woodnesborough, Thunoresblaew und
Wye; dazu M. G e l l i n g , Further Thoughts on Pagan Place-Names, in: Otium et Negoti-
um. Studies in Onomatology and Library Science Presented to Olof von Feilitzen (= Acta
Bibliothecae Regiae Stockholmiensis 16), Stockholm 1973, S. 109-128; A. E v e r i t t ,
Continuity and Colonization. The Evolution of Kentish Settlement, Leicester 1986 sowie
zuletzt Behr (wie Anm. 24), S. 156ff. und D. Wilson, Anglo-Saxon Paganism, Lon-
don-New York 1992, bes. S. 5ff., 165ff., 173ff.
60
Die lediglich in der Akzentsetzung unterschiedliche, im Kern aber einer einheit-
lichen Missionskonzeption entstammende Haltung Roms wird deutlich in den Missions-
instruktionen, die Papst Gregor der Große am 22. Juni 601 an König Aethelberht und am
18. Juli 601 an Abt Mellitus gesandt hat, sie sind aufgenommen von Beda (wie Anm.
2),132, S. 114-119 und I 30, S. 110-113. Gregors Mahnung an Aethelberht, (S. 116):

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Odin oder Christus? 267

christlichem Verständnis das Sakrileg, diese Distanz aufzuheben und


mußte sich deshalb schrille Kritik von Beda gefallen lassen.
2. Der Glaubenswechsel des eingangs schon erwähnten Königs Ed-
win von Northumbrien zog sich seit 625 über drei Jahre hin, beginnend
mit seiner Heirat Aethelburhs. Sie war bereits Christin und hatte sich
deshalb ausbedungen, Bischof Paulinus mit an den Königshof bringen
zu dürfen. Edwin hatte dem nicht nur stattgegeben, sondern auch eine
wohlwollende Prüfung des neuen Glaubens im Verein mit seinen Rat-
gebern zugesagt61. Der danach einsetzende Wandlungsprozeß ist ein
geradezu klassisches Beispiel für die in der Mischkultur möglichen
Loyalitäts- und Orientierungskonflikte. Ihr konkreter Ausdruck ist die
von Edwin mit Bischof Paulinus, seinen Ratgebern und seinem Ober-
priester Coifi immer wieder diskutierte Frage, quae religio seruanda62.
Gerade des Königs Zögern verdeutlicht, in welchem Zwiespalt er sich
befand und wie ernst er seine Funktion als Opfer-Herr nahm63.

Christianam fidem in populis tibi subditis extendere festina; zelum rectitudinis tuae in
eorum conuersione multiplica; idolorum cultus insequere; fanorum aedificia euerte;
subditorum mores ex magna uitae munditia exhortando, terrendo, blandiendo, corrigen-
do et boni operis exempta monstrando aedificia, ut ilium retributorem inuenias in caelo,
cuius nomen atque cognitionem dilataueris in terra, läBt erkennen, daß auch nach des
Königs Taufe Heidentum und Christentum mit den jeweiligen Kultorten in Kent neben-
einander bestanden. Die Diskussion der Gregorbriefe mit ausführlichen Nachweisen L.
Ε. v. P a d b e r g , Konfrontation oder Akkommodation. Zu den Missionsinstruktionen
Papst Gregors des Großen und ihrer Wirkungsgeschichte im früheren Mittelalter, in:
Martyria. Festschrift zum 60. Geburtstag von Peter Beyerhaus am 1. 2. 1989, hg. von J.
Kniffka, Wuppertal - Zürich 1989, S. 93-115.
61
Siehe oben nach Anm. 35. Die religiöse Entscheidungskompetenz Edwins deutet
Beda (wie Anm. 2), II 9, S. 160 so an: Neque abnegauit se etiam eandem subiturum esse
religionem, si tarnen examinata a prudentibus sanctior ac Deo dignior posset inueniri.
Die Datierung der Ereignisse ist in der Forschung umstritten, vor allem hinsichtlich
Bedas Festlegung II 14, S. 184, der Taufe Edwins auf den 12. April 627. D. P. K i r b y ,
Bede and Northumbrian Chronology, in: English Historical Review 78,1963, S. 514-527,
meinte S. 518, sie auf den 6. April 628 verlegen zu sollen; die deutsche Forschung hat
sich ihm weitgehend angeschlossen, so etwa S c h ä f e r d i e k (wie Anm. 55), S. 165 und
A n g e n e n d t (wie Anm. 15) S. 178. Die englische Forschung, der wir folgen, neigt in
jüngster Zeit eher dazu, Bedas chronologischen Angaben zu vertrauen, so S. W o o d ,
Bede's Northumbrian Dates again, in: English Historical Review 98, 1983, S. 280-296,
hier S. 290f. D. P. K i r b y , the Earliest English Kings, London 1991, S. 78f. läßt die
Entscheidung neuerdings offen.
62
Beda (wie Anm. 2), II 9, S. 164 und II 12, S. 180.
63
Ähnlich reagierte Athelberht von Kent auf die erste Predigt des Augustin in Thanet
in einer von Beda rekonstruierten Rede, I 15, S. 80: Pulchra sunt quidem uerba et
promissa, quae adfertis; sed quia noua sunt et incerta, non his possum adsensum tribuere,
relictis eis, quae tanto tempore cum omni Anglorum gente seruaui.

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268 Lutz Ε. v. Padberg

Beda unterstreicht die Konfliktsituation, indem er einen Mordanschlag


auf Edwin und die Geburt seiner Tochter Eanflaed am gleichen Ostertage
parallel setzt. Die Heiden bedrohten einander, während die Christin durch
Gottes Gnade neues Leben schenkte. Noch dankte Edwin seinen Göttern
für die Tochter, während der dabei anwesende Paulinus Gott außerdem
auch für die Bewahrung der Mutter pries. Das ließ Edwin in seiner Loyalität
den Göttern gegenüber wanken, er versprach im Falle eines Sieges über
seine Widersacher das Christentum anzunehmen und erlaubte als Unter-
pfand dafür die Taufe Eanflaeds64. Aber selbst nach der göttlichen Sieg-
hilfe vermochte er den Konflikt nicht sofort zu lösen. Er ließ sich von
Paulinus im Glauben unterrichten und beriet sich mit seinen Weisen, zu
denen auch der Oberpriester Coifi gehört haben wird, ,was ihrer Meinung
nach in dieser Angelegenheit zu tun sei', verum primo diligentius ex
tempore et ab ipso uenerabili uiro Paulino rationem fidei ediscere et cum
suis primatibus, quos sapientiores nouerat, curauit conferre, quid de his
agendum arbitrarentur65.
Den endgültigen Religionswechsel führte dann die dramatische
Stammesversammlung des Jahres 627 herbei. Nach Bedas Bericht muß
Edwin zu diesem Zeitpunkt bereits entschieden gewesen sein, zumal er
persönlich auf den Opferdienst schon seit längerem verzichtet hatte, nec
idolis ultra seruiuit66. Welche Loyalitätskonflikte in dieser Zeit seine
Ratgeber und Priester bedrängten, läßt sich nur ahnen, denn Beda teilt

64
Beda (wie Anm. 2), II 9, S. 162-164. Zur Reaktion des Königs auf das Verhalten
des Bischofs schreibt Beda S. 162: Cuius uerbis delectatus rex promisit se abrenuntiatis
idolis Cristo seruiturum, si uitam sibi et uictoriam donaret pugnanti aduersus regem . .
. Vgl. W a l l a c e - H a d r i l l (wie Anm. 35), S. 65ff. und v. P a d b e r g (wie Anm. 29), S.
305.
65
Beda (wie Anm. 2), II 9, S. 164f. Ernstes Erwägen wird man Edwin in diesem
EntscheidungsprozeB kaum absprechen dürfen, deshalb kann man ihm mit seinen Ratge-
bern nicht mit T. H. O h l g r e n , The Pagan Iconography of Christian Ideas. Tree-lore in
Anglo-Viking England, in: Mediaevistik 1, 1988, S. 145-173, S. 165 die distanzierte
Rolle eines Schiedsrichters zuweisen.
66
Beda (wie Anm. 2), II 9, S. 164; vgl. Stenton (wie Anm. 2), S. 113ff.; J.
G o d f r e y , The Church in Anglo-Saxon England, Cambridge 1962, S. 94ff.; C h a d w i c k
(wie Anm. 36), S. 156ff.; Hauck (wie Anm. 3), S. 58f.; C. E. S t a n c l i f f e , Kings and
Conversion. Some Comparisons between the Roman Mission to England and Patrick's to
Ireland, in: Frühmittelalterliche Studien 14, 1980, S. 59-94, S. 71f.; I. W o o d , Pagans
and Holy Men, 600-800, in: Irland und die Christenheit. Bibelstudien und Mission, hg.
von P. Ni Chatháin - M. Richter (=Veröffentlichungen des Europa Zentrums Tübingen,
kulturwissenschaftliche Reihe), Stuttgart 1987, S. 347-361, S. 360 und v. P a d b e r g (wie
Anm. 29), S. 305ff.

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Odin oder Christus? 269

sie nicht mit. Nun aber forderte Edwin kraft seiner religiösen Kompe-
tenz eine Entscheidung, und jeder Ratgeber mußte sich erklären, habito
enim cum sapientibus Consilio, sciscitabatur singillatim ab omnibus,
qualis sibi doctrina haec eatenus inaudita et nouus diuinitatis, qui
praedicabatur, cultus uideretur61.
Bedas Wiedergabe der freilich von ihm rekonstruierten Reden 68
zeigt, in welch prekärer Situation sich vor allem Edwins Oberpriester
Coifi befunden haben muß. In seiner Ansprache prangerte er die Macht-
losigkeit der alten Götter an. Treu habe er ihnen auch in der Zeit der
Konkurrenz mit dem Christentum mehr als jeder andere gedient, nullus
enim tuorum studiosius quam ego culturae deorum nostrorum se subdi-
dit, dennoch habe er nicht ihre Hilfe erfahren, was sich an seiner
mangelnden Unterstützimg durch den König gezeigt habe. Wenn aber
die Götter trotz eifrigsten Opferdienstes nicht zu helfen vermöchten,
dann habe sich der neue Glaube als besser und stärker erwiesen und man
sollte sich beeilen, ihn zu übernehmen, si autem dii aliquid ualerent,
me potius iuuare uellent, qui Ulis inpensius seruire curaui. Vnde restât
ut, si ea, quae nunc nobis noua praedicantur meliora esse et fortiora
habita examinatione perspexeris, absque ullo cunctamine suscipere illa
festinemusfi9. Nicht nur aus Nützlichkeitserwägungen, sondern wohl
auch aus innerer Überzeugung plädierte Coifi schließlich für den Wan-
del. Nach der Lösung des Konfliktes wollte er in einer Art „Muster-Con-
versio" 70 seine Loyalität dem neuen Gott gegenüber deutlich unter
Beweis stellen. Er drängte auf praktischen Vollzug des Erkannten und
schlug die Zerstörung der jetzt nutzlosen heidnischen Tempel vor, vnde

67
Beda (wie Anm. 2), II 13, S. 184; dazu P. H u n t e r B l a i r , Northumbria in the
Days of Bede, London 1977, S. 63ff.; S t a n c l i f f e (wie Anm. 66), S. 71; J. D a v i d s e ,
Beda Venerabilis' interpretatie van de historische werkelijheid, Amsterdam o. J. [1976],
S. 79ff. und D. K. F r y , The Art of Bede. Edwin's Council, in: Saints, Scholars and Heroes.
Studies in Medieval Culture in Honour of Charles W. Jones 1, hg. von M. H. King - W.
M. Stevens, Collegeville, Mass. 1979, S. 191-207.
68
Dieser quellenkritische Aspekt ist freilich zu beachten, so etwa, wenn Beda (wie
Anm. 2), II 13, S. 182 unten Coifi von eo cultu ueritatem sprechen läBt, der uitae salutis
et beatitudini aeternae zu geben vermöge. Da das Heidentum bei Beda aber mit Ausnah-
me der Priesterbekehrung Coifis weithin einer damnatio memoriae verfällt, ist bei seiner
Benutzung der northumbrischen Tradition mit einem hohen Authentizitätsgrad zu rechnen.
69
Beda (wie Anm. 2), II 13, S. 180-183.
70
K. H a u c k , Zur Ikonologie der Goldbrakteaten, XIX: Gemeinschaftstiftende
Kulte der Seegermanen. Mit 4 Anhängen von L. Ε. ν. P a d b e r g , in: Frühmittelalterliche
Studien 14, 1980, S. 463-617, hier S. 567.

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270 Lutz Ε. v. Padberg

suggero, rex, ut templa et altaría, quae sine fructu utilitatis sacrauimus,


ocius anathemati et igni contradamus71. Durch die Lossagung von dem
alten Opferdienst und ein Bekenntnis zum Christentum beendete Edwin
die Orientierungskonflikte, von denen Beda wohl nur wegen dieses Aus-
ganges so ausführlich berichtet. Dann folgte er Coifis Anregung und
ordnete die Vernichtung des östlich von York gelegenen northumbrischen
Zentralheiligtums Godmunddingaham an. In einem bewußt inszenierten
Akt bewies Coifi dort durch die „Anwendung eines heidnischen Exorzis-
mus wie das Schleudern des Todes- und Fluch-Speeres gegen die eigenen
Götter und ihren Kultort"72 deren Machtlosigkeit und signalisierte so
auch dem Volk, das ihn für wahnsinnig hielt, den Anbruch eines neuen
Zeitalters73.
Diese Schilderung der Bekehrung eines heidnischen Priesters ist in
der Überlieferung ziemlich einzigartig, zumal sie einen Loyalitätskon-
flikt erkennbar hervortreten läßt. Das gilt in gleicher Weise für Edwin
und seine Ratgeber, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß Beda
die verschiedenen Reden nach dem ihm vorliegenden Quellenmaterial
rekonstruiert haben dürfte. Deutlich wird gleichwohl die religiöse Kom-
petenz des Königs, der nicht den heidnischen Pantheon erweiterte,
sondern die Entscheidung zwischen den Göttern relativ lange offenhielt.
Er war selbst Coifi gegenüber stets der Herr des Verfahrens und repräsen-
tierte in seiner Funktion als religiös-politischer Herrscher die göttliche
Gegenwart vor und nach dem Glaubenswechsel. Diese politische Aristo-
kratenreligiosität entstammte dem Polytheismus, und es gehörte zu den
Konflikten des jungen Christentums, ihr einen neuen Sinngehalt zu geben.
3. Ein weiterer Fall führt in das Reich des Friesenherzogs Radbod,
der sich zu Beginn des 8. Jahrhunderts nicht zuletzt aus Gründen der

71
Beda (wie Anm. 2), II 13, S. 182.
72
H a u c k (wie Anm. 70), S. 567 zu Beda (wie Anm. 2), II 13, S. 184. Der von
magisch-liturgischen Formeln begleitete Speerwurf diente in der heidnischen Religion
vor allem dafür, sich die Macht der Götter im Kampf zu sichern, eine Vorstellung, die
nach Ausweis der entsprechenden Bildformeln auf dem Helm von Sutton Hoo den
Angelsachsen bestens vertraut war; siehe zum Vergleichsmaterial H a u c k (wie Anm. 3),
S. 58f. mit Anm. 173 und D ers (wie Anm. 56), S. 342ff. mit Fig. 24-27 und Taf. XLVIIIf.
Abb. 121-124. Die Kultstätte konnte archäologisch noch nicht verifiziert werden; vgl. E.
E k w a l l , The Concise Oxford Dictionary of English Place-Names, 3. Auflage, Oxford
1947, S. 191 und W a l l a c e - H a d r i l l (wie Anm. 35), S. 72f.
73
Zur Reaktion des Volkes Beda (wie Anm. 2), II 13, S. 184: Quod aspiciens uulgus
aestimabat eum insanire.

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Odin oder Christus? 271

politischen Selbständigkeit hartnäckig allen von dem benachbarten


Merowingerreich ausgehenden Missionsversuchen widersetzte74. Alt-
fried berichtet davon in der Vita Liudgeri. Seiner Schilderung der
Lebensumstände von dessen Großvater Wurssing legt er den Kontrast
zwischen heidnischer Ungerechtigkeit und christlicher Gerechtigkeit
zugrunde. Weil Wurssing schon als Heide gewissermaßen im Vorgriff
auf seine kommende Bekehrung ,ein Helfer der Armen, ein Verteidiger
der Unterdrückten und ein gerechter Richter4 war, erat tarnen adiutor
pauperum ac defensor oppressorum in iudicioque iustus, geriet er in
einen Loyalitätskonflikt seinem Landesherren Radbod gegenüber, der
nach Altfrids antithetischer Darstellung genau diese Verhaltensweisen
nicht zeigte75. Der drohenden Ermordung entzog Wurssing sich durch
das Exil bei dem neustrischen Maiordomus Grimoald, dort empfing er
auch die Taufe. Nach Altfrids heilsgeschichtlicher Sicht war damit das
heidnische Friesland ohne einen Gerechten und somit dem Untergang
preisgegeben, das christliche Frankreich aber mußte weiter erblühen,
caepitque regnum eius [i. e. Radbodus] deficere, regnum quoque Fran-
corum augmentando proficere76. Diesen Gegensatz von Verfall und
Aufstieg erkannte auch der inzwischen todkranke Radbod. Das brachte
ihn in einen Orientierungskonflikt zwischen dem Verlust der Zuwen-
dung der eigenen Götter und der offensichtlich größeren Macht des
Christengottes. Um dessen Segen teilhaftig zu werden, bot Radbod
seinem Widersacher Wurssing die Rückkehr in die Heimat an, ohne
jedoch selbst wie Raedwald einen synkretistischen Prozeß in Gang zu
setzen77. Tendenziell verletzte er damit die Loyalität seinen Göttern

74
Aus der umfangreichen Literatur zur politischen Situation siehe W. H. Fritze, Zur
Entstehungsgeschichte des Bistums Utrecht. Franken und Friesen 690-734, in: Rheinische
Vierteljahrsblätter 35, 1971, S. 107-151; A. Angenendt, Willibrord im Dienste der Karo-
linger, in: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 175, 1973, S. 63-113, S.
67ff.; R. S c h i e f f e r , Die Karolinger (= Urban-Taschenbücher 411), Stuttgart u. a. 1992, S.
30f., 37,41 und J. Fried, Der Weg in die Geschichte. Die Ursprünge Deutschlands bis 1024
(= Propyläen Geschichte Deutschlands 1), Berlin 1994, S. 202,221f.
75
Vita Liudgeri auctore Altfrido, in: Die Vitae Sancti Liudgeri, hg. von W. Die-
kamp (=Die Geschichtsquellen des Bisthums Münster 4), Münster 1881, S. 3-53, hier
c. 2, S. 6f.; vgl. zur Konzeption Altfrids L. E. v. P a d b e r g , Heilige und Familie. Studien
zur Bedeutung familiengebundener Aspekte in den Viten des Verwandten- und Schülerkrei-
ses um Willibrord, Bonifatius und Liudger (= Masch, -sehr. Diss.), Münster 1981, S. 73ff.
76
Vita Liudgeri (wie Anm. 75), c. 3, S. 8.
77
Ebd.; vgl. den Sammelband Willibrord, zijn wereld en zijn werk, hg. von P. Bange
- A. G. Weiler (= Middeleeuwse Studie 6), Nijmegen 1990.

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272 Lutz Ε. v. Padberg

gegenüber, gewiß auch aus politischem Kalkül, was Altfrid aber nicht
erwähnt. Nach dessen Deutungsmuster war der Ausgang des Konflikts
klar: Radbods Reich wurde nach seinem Tod in Karl Martells Herr-
schaftsgebiet eingegliedert und Wurssing sorgte im Verein mit Willi-
brord für die Christianisierung Frieslands78.
In welchen Loyalitätskonflikt das Missionsangebot Heiden führen konn-
te, zeigt ein legendärer Bericht über den Versuch der Bekehrung Radbods
aus der dem frühen 9. Jahrhundert entstammenden Vita Vulframni. Kon-
kreter Ausdruck des Orientierungswechsels war die Taufe. Dieser entschei-
dende Akt verlangte die Lossagung von den alten Göttern. Das beinhaltete
natürlich auch die Trennung von den heidnischen Vorfahren, die sich nach
Lehre der Kirche in der Hölle befanden. Da archaische Kulturen auf der
ungebrochenen Segenskontinuität der Genealogie der götternahen Aristro-
kratie aufbauten, bedeutete die Taufe für einen heidnischen Herrscher einen
ungeheueren Loyalitätskonflikt der eigenen Sippe gegenüber. Genau dies
schildert die Vita Vulframni „in pittoresker Weise"79: Radbod hatte schon
einen Fuß in das Taufbecken gesetzt, als er von Bischof Wulfram auf
Nachfrage erfuhr, daß seine Vorfahren sich in der höllischen Verdammnis
befänden80. Daraufhin verweigerte er die Taufe, pedem a fonte retraxit,
und sagte, „er könne nicht die Gemeinschaft seiner ihm vorangegangenen

78
Vita Liudgeri (wie Anm. 75), c. 4, S. 9: Dedit igitur Carolus memorato Wrssingo
beneficium in confino Fresonum et direxit eum adpatriam suam causa fidei roborandae.
Dazu K. S c h m i d , Die .Liudgeriden'. Erscheinung und Problematik einer Adelsfamilie,
in: Geschichtsschreibung und geistiges Leben im Mittelalter. Festschrift Heinz Löwe, hg.
von K. Hauck - H. Mordek, Köln - Wien 1978, S. 71-101, Nachdruck in: Ders.,
Gebetsdenken und adliges Selbstverständnis im Mittelalter. Ausgewählte Beiträge. Fest-
gabe zu seinem sechzigsten Geburtstag, Sigmaringen 1983, S. 305-335, S. 31 Off.; K.
H a u c k , Apostolischer Geist im genus sacerdotale der Liudgeriden. Die ,{Canonisation*
Liudgers und Altfrids Bischofsgrablege in Essen-Werden (= Beiträge und Miszellen, hg.
vom Institut für kirchenrechtliche Forschungen des Bistums Essen) Essen 1986, S. 9, auch
in: Sprache und Recht. Beiträge zur Kulturgeschichte des Mittelalters. Festschrift für Ruth
Schmidt-Wiegand zum 60. Geburtstag 2, hg. von K. Hauck u. a., Berlin - New York 1986,
S. 191-219; H. H a l b e r t s m a , Herinneringen aan St. Willibrord in Friesland, in: Willi-
brord. Apostel der Niederlande. Gründer der Abtei Echternach. Gedenkgabe zum 1250.
Todestag des angelsächsischen Missionars, hg. von G. Kiesel - J. Schröder, Luxembourg
1989, S. 42-68, S. 53ff. und ν. P a d b e r g (wie Anm. 29), S. 304.
79
A n g e n e n d t (wie Anm. 15), S. 71.
80
Vita Vulframni episcopi Senonici, hg. W. L e v i s o n ( - Monumenta Germaniae
histórica, Scriptores rerum Merovingicarum 5: Passiones vitaeque sanctorum aevi Mero-
vingici 3), Hannover 1910, Nachdruck 1979, S. 661-673, hier c. 9, S. 668: Nam praede-
cessores tui príncipes gentis Fresionum, qui sine baptismis sacramento recesserunt,
certum est dampnationis suscepisse sententiam.

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Odin oder Christus? 273

Friesenfürsten entbehren und mit einer kleinen Schar armer Leute in


jenem Himmelreich sitzen", non se carer e posse consortio praedeces-
sorum suorum principum Fresionum et cum parvo pauperum numero
residere in ilio caelesti regno91. Diese Szene ist zweifelsohne ein Echo
auf tatsächliche Missionserfahrungen in der Übergangsepoche. Sie
zeigt den Konflikt zwischen den kollektiven Verpflichtungen der
archaischen Gedächtniskultur und dem individuellen Anspruch des
Christentums. Ihn aufzulösen war eine der großen Herausforderungen
der Missionare in jener Zeit.
4. Über die Christianisierung Schwedens vermittelt wertvolle Nach-
richten die 1080/81 abgeschlossene Hamburgische Bischofsgeschichte
des Adam von Bremen82. Sie dokumentiert manche aus der Begegnung
mit den christlichen Missionaren entstandene Konfliktfälle, von denen
zwei kurz erwähnt seien.
Um 1013 wollte der christliche König Olof Eriksson Skötkonung
(Schoßkönig) das heidnische Zentralheiligtum in Altuppsala zerstören,
magno laboravit studio, ut templum, quod in medio Sueoniae situm est,
Ubsola destrueretur*3. Dieser Plan scheiterte am Widerstand der Hei-
81
Vita Vulframni (wie Antn. 80), c. 9, S. 668; Übersetzung nach W. B e r s c h i n ,
Biographie und Epochenstil im lateinischen Mittelalter, Band 3: Karolingische Biogra-
phie 750-920 n. Chr. (» Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des
Mittelalters 10), Stuttgart 1991, S. 129; vgl. H. H a t t e n h a u e r , Das Recht der Heiligen
( - Schriften zur Rechtsgeschichte 12), Berlin 1976. S. 126ff.
82
Einführend mit Verweis auf die ältere Literatur F.-J. S c h m a l e , Adam von
Bremen, in: Lexikon des Mittelalters 1, München - Zürich 1977, Sp. 107; W. L a m m e r s ,
Das Hochmittelalter bis zur Schlacht von Bomhöved ( - Geschichte Schleswig-Holsteins
4, 1), Neumünster 1981, S. 191ff. und G. T h e u e r k a u f , Die Hamburgische Kirchenge-
schichte Adams von Bremen. Über Gesellschaftsformen und Weltbilder im 11. Jahrhun-
dert, in: Historiographie medievalis. Studien zur Geschichtsschreibung und Quellenkunde
des Mittelalters. Festschrift für Franz-Josef Schmale zum 65. Geburtstag, hg. von D. Burg
- H.-W. Goetz, Darmstadt 1988, S. 118-137. Adams Werk gehört zu jenen Zeugnissen
des 11. Jahrhunderts, die sich durch die Öffnung für neue Horizonte als Repräsentanten
eines neuen Zeitalters erweisen; dazu H. K e l l e r , Zwischen regionaler Begrenzung und
universalem Horizont. Deutschland im Imperium der Salier und Staufer 1024 bis 1250 (•
Propyläen Geschichte Deutschlands 2), Frankfurt u. a. 1986, Studienausgabe 1990, S. 37,
221 und T. S t r u v e , Die Wende des 11. Jahrhunderts. Symptome eines Epochenwandels
im Spiegel der Geschichtsschreibung, in: Historisches Jahrbuch 112, 1992, S. 324-365
sowie anderer Perspektive P. B r o w n , Die Gesellschaft und das Übernatürliche: Ein
mittelalterlicher Wandel, in: Daedalus 104, 1975, S. 133-151; Nachdruck in: Ders., Die
Gesellschaft und das Übernatürliche. Vier Studien zum frühen Christentum ( - Kleine
kulturwissenschaftliche Bibliothek 40), Berlin 1993, S. 66-85, 105-109.
83
Adam (wie Anm. 45), Π 58, S. 298; vgl. zum folgenden H a u c k (wie Anm. 28),
5. 409ff., 464ff. und v. P a d b e r g (wie Anm. 16), S. 161ff.

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274 Lutz Ε. v. Padberg

den, die offensichtlich die dazu erforderliche Macht besaßen. Gelöst


wurde der Konflikt durch Zugeständnisse beider Seiten: Erstens betonte
man vertraglich die Freiwilligkeit des Glaubens, in die auch der König
nicht eingreifen durfte, nemini de populo vim recedendi a cultura
deorum inferret, nisi qui sponte cuperetad Christum converti**. Für den
Polytheismus war diese Konkurrenz denkbar, dem christlichen Allein-
vertretungsanspruch lief sie zuwider. Daraus ergab sich zweitens die
bewußte räumliche Distanz zwischen den konkurrierenden Kultstätten.
Olaf mußte also auf die sonst häufiger begegnende Umwandlung des
Heidentempels in eine christliche Kirche verzichten und errichtete
daraufhin in deutlicher Entfernung zu Altuppsala das Bistum Skara85.
Durch diese Maßnahme wurde zur Vermeidung von Konflikten die
religiöse Frage offengehalten.
Das Zentralheiligtum von Altuppsala mit seiner berühmten Drei-
Thron-Anlage und den für die Götter Donar-Thor, Wodan-Odin und
Frico-Freyr zuständigen Opferpriestern blieb eine Herausforderung für
die Christen, die die Bevölkerung ständig in Orientierungskonflikte
stürzen mußte86. Deshalb zielte auch die Ernennung des Bremer Dekans
Adalward des Jüngeren im Jahre 1064 zum Bischof von Sigtuna unter
anderem darauf, im Verein mit Bischof Egino von Schonen Altuppsala
,als Mittelpunkt des barbarischen Irrglaubens' zu zerstören, ut destrue-

84
Adam (wie Anm. 45), II 58, S. 298.
85
Vgl. A.-S. G r ä s l u n d , Den tidiga missionen i arkeologisk belysning - problem
och synpunkter, in: Tor 20, 1985, S. 291-313; J. Ros, Förkristen tro, in: Makt och
människor i kungens Sigtuna. Sigtunautgrävningen 1988-1990, Sigtuna 1990, S. 133-138
und M. R o s l u n d , Tidig kristen tro, in: ebd., S. 139-145 nach H a u c k (wie Anm. 28),
S. 410. Siehe auch W. G ö b e l l , Die Christianisierung des Nordens und die Geschichte
der nordischen Kirchen bis zur Errichtung des Erzbistums Lund, in: Schleswig-Holstei-
nische Kirchengeschichte, 1977 (wie Anm. 45), S. 63-104.
86
Adam (wie Anm. 45) schildert das Kult- und Herrschaftszentrum IV 26-30, S.
470-474, die Thronanlage IV 26, S. 470. Dazu K. H a u c k , Zur Ikonologie der Goldbrak-
teaten, XXX: Varianten des göttlichen Erscheinungsbildes im kultischen Vollzug erhellt
mit einer ikonographischen Formenkunde des heidnischen Altares, in: Frühmittelalterli-
che Studien 18,1984, S. 266-313,hier S. 281f. Anm. 107; Ders. (wie Anm. 28), S. 417ff.,
42Iff., 441ff.; D e r s . , Zur Ikonologie der Goldbrakteaten, LIII: Altuppsalas Polytheis-
mus exemplarisch erhellt mit Bildzeugnissen des 5.-7. Jahrhunderts, in: Studien zum
Altgermanischen. Festschrift für Heinrich Beck, hg. von H. Uecker ( - Ergänzungsbände
zum Reallexikon der Germanischen Atertumskunde 11), Berlin - New York 1994, S.
197-302 sowie zur Gesamtsituation mit Verweis auf die skandinavische Literatur M.
M ü l l e r - W i l l e , Oferplätze der Wikingerzeit, in: Frühmittelalterliche Studien 18,1984,
S. 187-221, hier S. 215f. mit Fig. 24 (Lageplan).

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Odin oder Christus? 275

retur illa domus, quae caput est supersticionis barbaricae. Das brachte
den ,sehr frommen' schwedischen König Stenkil, einen bewährten
Förderer der christlichen Mission, in einen Loyalitätskonflikt zwischen
seinem Glauben und dem heidnischen Bevölkerungsanteil. Besonnen
brachte Stenkil die Bischöfe von dem geplanten Gewaltstreich ab,
indem er ihnen erklärte, die Zerstörung werde zu einem empfindlichen
Rückschlag der Mission führen, submovit eos a tali cepto, asserens et
illos statim morte dampnandos et se depellendum a regno, qui malefac-
tores in patriam duxerit, etfacile omnes adpaganismum relapsuros, qui
nunc credunt87. Die Bischöfe mußten sich dem fügen und ihre Missions-
tätigkeit in andere Gebiete Schwedens verlegen.
In beiden Fällen gelang es den Heiden und ihren Priestern, ihr
Zentralheiligtum zu behaupten und die christlichen Missionare abzu-
drängen. Das damit verbundene Zugeständnis der freien Religionswahl
fiel ihnen gewiß leichter als den Vertretern der Kirche.

V. E r g e b n i s s e und Folgerungen

Unser Ausgangspunkt war die Frage nach dem Phänomen ,Glaubens-


wechsel', das entscheidend zur „Fundamentierung und Konstituierung
Europas" 88 gehört. Ich habe versucht, sein Verständnis durch die Dis-
kussion einiger Loyalitäts- und Orientierungskonflikte zu fördern. Aus
diesen Beobachtungen lassen sich abschließend einige Schlüsse ziehen.

1. Das Geschichtsbild der kirchlichen Autoren erwächst „aus schon


geformten Vergangenheitsbildern" und unterliegt deshalb bestimmten
Standortfixierungen89. Dazu gehört die formelhafte Dämonisierung der
heidnischen Religion. Betrachtet man diese Quellen einmal aus anderer
Perspektive und nimmt die Ergebnisse der archäologischen Forschung

87
Adam (wie Anm. 45), IV 30 (29), S. 474; zur weiteren Schilderung Adams v.
P a d b e r g (wie Anm. 16), S. 164f.
88
Kahl (wie Anm. 30), S. 20.
89
F.-J. S c h m a l e , Mentalität und Berichtshorizont, Absicht und Situation hochmit-
telalterlicher Geschichtsschreiber, in: Historische Zeitschrift 226, 1978, S. 1-16, hier S.
7; vgl. T h e u e r k a u f (wie Anm. 82), S. 123; Goetz (wie Anm. 16), S. 61ff. und v.
P a d b e r g (wie Anm. 16), S. 174f.

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276 Lutz Ε. v. Padberg

hinzu, so ermöglichen sie durchaus ein tiefergehendes Verständnis der


nordgermanischen Gedächtniskultur90.
2. Die dadurch erreichbar werdenden verschiedenen Aspekte der
Religions- und Sozialgeschichte des Heidentums belegen, daß dieses
bis in die Zeit des Investiturstreites hinein durchaus lebendig war 91 . Um
den Gaubenswechsel besser zu verstehen, ist deshalb das Aufeinander-
treffen von Heidentum und Christentum als grundlegende kulturelle
Konfrontation zu betrachten. Entscheidend bei dieser Konkurrenz war
nicht das weltbild-klärende Dogma, sondern die lebenspraktische Effi-
zienz des segensstiftenden Ritus92. Gegenüber den bekannten Verhal-
tensweisen der Missionare sind deshalb die Anwendungsregeln des
Polytheismus stärker herauszuarbeiten. Freilich müssen dabei die Hei-
den wie Christen gemeinsamen religiösen Strukturverwandschaften be-
achtet werden.
3. Zu den Ergebnissen der Analyse der Konfliktfälle gehört die
Offenheit des Polytheismus zur assoziativen Verbindung mit neuen
Vorstellungskomplexen. In dieser politisch relevanten Religiosität be-
saßen vor allem die Könige religiöse Kompetenz. Weil ihr Glaube nicht
von einer fixierten Lehre in Gestalt einer Dogmatik eingeengt war 93 ,
versuchten sie die Kontinuität durch Götter-Zuwahl zu bewahren. Auf-
grund einer ganz anderen Vorstellung von Religion hieß ihr Programm
daher ,Odin und Christus'. Diese teilweise bis zur offenen Wahl rei-
chende Möglichkeit, in synkretistischen Prozessen der eigenen religiö-

90
So sehr methodisch gesehen das Problem der Lückenhaftigkeit der Überlieferung
auch bestehen bleiben wird, ermöglicht doch gerade der interdisziplinäre Ansatz neue
Zugangsmöglichkeiten; vgl. A s s m a n n (wie Anm. 12), S. 48ff., 130ff. und A. Ass-
m a n n , Zur Metaphorik der Erinnerung, in: Mnemosyne. Formen und Funktionen der
kulturellen Erinnerung, hg. A. Assmann - D. Harth (= Fischer Wissenschaft 10724),
Frankfurt 1991, S. 13-35.
91
Deshalb ist es berechtigt, mit Hauck (wie Anm. 28), S. 464 von »dem Hineinra-
gen von sakralen Fest-, Riten- und Wort-Traditionen des Polytheismus in seiner Endzeit
in Aufzeichnungen des christlichen Schreibzeitalters insbesondere seit der karolingischen
Missionsepoche bis ins 12. Jahrhundert" zu sprechen, wofür die Einsichten von F a b e c h
(wie Anm. 27), S. 132ff. grundlegend sind. Der Einwand von F r i e d (wie Anm. 74), S.
68, Bedas und Adams Nachrichten über die nordgermanische Kultgemeinschaft seien
„alles andere als zuverlässig", erweist sich vor diesem Hintergrund als unzutreffend.
92
Siehe A. A n g e n e n d t , Das Frühmittelalter. Die abendländische Christenheit von
400 bis 900, Stuttgart u. a. 1990, S. 421ff. und v. P a d b e r g (wie Anm. 29), S. 303ff.
93
So E. Dammann, Konstanten in Stammesreligionen, in: Saeculum 25, 1974, S. 1.

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Odin oder Christus? 277

sen Formenwelt neue Motive einzugliedern94, wird von den Deutungs-


mustern der kirchlichen Quellen weithin verdeckt. In ihrem Interesse
lag es zu zeigen, wie die Missionare gegen Odin die alleinige Alterna-
tive Christus verkündigten. Die verlangte Diskontinuität unterstrichen
diese durch massiven Exorzismus vor der Taufe95.
4. Die Religionskonkurrenz hat in der Christianisierungsepoche zu
erheblichen Konflikten geführt, die manchmal auch in kämpferischen
Auseinandersetzungen endeten. Vielerorts dürfte es aber über längere
Zeit ein angespanntes Nebeneinander der Religionen gegeben haben.
Diese Situation führte nicht zu einseitigen Assimilationsprozessen,
sondern im Gegenteil zu der typischen Erscheinungsweise einer Misch-
kultur. Augenfälliges Beispiel dafür sind jene bekannten Gußformen,
mit denen je nach Bedarf heidnische Thorshämmer oder christliche
Kreuze hergestellt werden konnten96. Die immer noch konfliktträchtige
endgültige Entscheidung war damit freilich nicht aufgehoben, sondern
nur aufgeschoben.
5. Daraus ergibt sich schließlich, daß der Begriff .Übergangsepoche4
viel wörtlicher zu verstehen ist als vielfach gedacht, ragen doch ältere,
wegen ihrer Schriftlosigkeit bislang als verloren geltende Überliefe-
rungsgeschichten in jüngere Phasen hinein97. In dieser Mischkultur

94
W e n s k u s (wie Anm. 23), S. 181f.; vgl. Gladigow (wie Anm. 1), S. 247f., 250f.
95
Insofern war die Taufe aus Sicht der Christen für die Heiden mehr als ein Wechsel
der religiösen Vorstellungen, ihr Ziel war es, „die Menschen dem Teufel zu entreißen";
so A n g e n e n d t (wie Anm. 92), S. 427. Nach frühmittelalterlichem Taufverständnis
gehörten deshalb abrenuntiatio diaboli und confessio Dei unauflösbar zusammen, .ohne
Loslösung vom Teufel scheint die Eingliederung in Christus nicht möglich", so A n g e -
n e n d t (wie Anm. 15), S. 53; vgl. S. 45f. und v. P a d b e r g (wie Anm. 33), S. 179ff.
96
Dazu A.-S. G r ä s l u n d , Thorshämmer, Kreuze und andere Amulettanhänger, in:
Wikinger, Waräger, Normannen. Die Skandinavier und Europa 800-1200, Redaktion E.
Roesdahl ( - ΧΧΠ. Kunstausstellung des Europarates), Berlin 1992, S. 190-191 mit Abb.
3 sowie im Katalogteil S. 279 Nr. 195.
97
Methodisch ist in diesem Zusammenhang zu beachten, daB auch die schriftlichen
Quellen des früheren Mittelalters typische Merkmale von Mündlichkeit erkennen lassen;
vgl. H. V o l l r a t h , Das Mittelalter in der Typik oraler Gesellschaften, in: Historische
Zeitschrift 233,1981, S. 571-594; Dies, (wie Anm. 3), S. 18ff. ; K e l l e r (wie Anm. 12),
S. Iff.; A l t h o f f (wie Anm. 8), S. 48ff.; H. U. G u m b r e c h t , Schriftlichkeit in mündlicher
Kultur, in: Schrift und Gedächtnis. Beiträge zur Archäologie der literarischen Kommuni-
kation, hg. von A. und J. Assman - C. Hardmeier (^Archäologie der literarischen
Kommunikation 1), 2. Auflage, München 1993 (1. Auflage 1983), S. 158-174; v.
P a d b e r g (wie Anm. 16), S. 156ff. und H a u c k (wie Anm. 28), S. 464ff. sowie H.
Wenzel, Hören und Sehen, Schrift und Bild. Kultur und Gedächtnis im Mittelalter,
München 1995, S. 37ff., 48ff.

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wurde die Formenwelt von Heidentum und Christentum verändert.


Übrigens ergaben sich daraus auch für die Missionare zahlreiche Kon-
fliktfälle, die eigens zu betrachten wären 98 . Hier ging es allein um ein
vertieftes Verständnis für das polytheistische Heidentum, durch das die
geschichtsmächtige Leistung der christlichen Missionare erst vollstän-
dig ermeßbar wird.

Erst wenn mann all diese Aspekte zusammensieht, ergibt sich gleich-
sam die Innenschau der Christianisierungsepoche mit ihren vielfältigen
religions- und sozialgeschichtlichen Bedingtheiten und Veränderungen.
Sie ist dann nicht der geradlinige Prozeß, von dem retrospektiv die
Deutungsmuster der kirchlichen Autoren ausgingen, sondern das kon-
fliktreiche Aufeinanderprallen konkurrierender „Realisationen des Hei-
ligen" 99 . Der sich daraus ergebende geschichtliche Wandel Alteuropas
ist das „Ergebnis einer Wechselwirkung von auf freier Entscheidimg
beruhenden Ereignissen und sich dem Zugriff des einzelnen entziehen-
den Strukturen"100. Diesem Prozeß ist mit .einfachen' Lösungen kaum
beizukommen, dazu bedarf es differenzierter Analysen. Sie sollten uns
vor allzu schneller Beurteilung des frühmittelalterlichen Menschen
bewahren und uns vielmehr dazu anhalten, ihm forschend im Lebens-
kontext seiner geschichtlichen Umwelt zu begegnen. Als Annäherung
läßt sich so vielleicht ein heute weithin verlorener historischer Horizont
unserer Vergangenheit wiedergewinnen.

98
Auf sie sei an dieser Stelle wenigstens hingewiesen. Als beispielsweise die
römischen Missionare um Augustin 597 auf Thanet erstmals mit König Aethelberht
zusammentrafen, geschah dies in Form einer Bittprozession unter Litaneigesang; Beda
(wie Anm. 2), I 25, S. 80 und 82. Ihr Ziel dabei war es, sich mit dem Lobgesang der
himmlichen Chöre vor dem Thron Gottes zu verbinden und so vor dämonischen Angriffen
geschützt zu sein. Sie waren sich also der eigenen Bedrohung in heidnischer Umgebung
bewußt. Zu untersuchen wäre ferner, in welcher Weise die Begegnung mit dem Polytheis-
mus das missionarische Vorgehen beeinflußt hat. Darüber hinaus müßten die Konflikt-
felder analysiert werden, die sich für die Missionare nach der Bekehrung der Heiden bei
der Einübung der neuen religiösen Benutzungsregeln sowie beim Aufbau einer kirchli-
chen Organisationsstruktur ergaben; siehe dazu v. P a d b e r g (wie Anm. 33), S. 107ff.,
190ff., 358ff.
99
G. L a n c z k o w s k i , Einführung in die Religionsphänomenologie, Darmstadt
1978, S. 37.
100
K a i s e r (wie Anm. 22), S. 5.

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