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Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg

der Universität Stuttgart, Bd. 8


Herausgegeben von
Klaus-Michael Mallmann
Klaus-Michael Mallmann / Martin Cüppers

Halbmond und Hakenkreuz


Das Dritte Reich, die Araber
und Palästina
Titelphoto: Adolf Hitler und der Mufti von Jerusalem, Amin el-Husseini, bei
ihrem ersten Zusammentreffen am 28. November 1941 in der Berliner Reichs­
kanzlei, akg-images.

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ISBN-13: 978-3-534-19729-3
ISBN-10: 3-534-19729-1
Inhaltsverzeichnis

Einleitung 7
1. Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas .... 11
2. Braune Affinitäten: Sympathien für das Dritte Reich im Nahen und
Mittleren Osten 41
3. Jüdische Auswanderung oder proarabische Parteinahme:
Die schleichende Prioritätenverschiebung auf deutscher Seite 57
4. Militärisches Eingreifen: Vormarsch in der Cyrenaika und Bomben
im Irak 69
5. Deutsche Planungen für die Zeit nach „Barbarossa“:
Das Mittelmeer als nächste Arena 89
6. Bündnispartner der Achse: Der Mufti in Berlin 105
7. Rommel vor Kairo: Der Weg scheint frei 121
8. „Exekutivmaßnahmen gegenüber der Zivilbevölkerung in eigener
Verantwortung“: Das Einsatzkommando bei der Panzerarmee
Afrika 137
9. Vor dem deutschen Einmarsch: Der arabische Resonanzboden 149
10. Der bedrohte Jischuw: Jüdische Reaktionen in Palästina 165
11. Die Niederlage vor El Alamein und das Scheitern der Option
Kaukasus: Die Wende im Weltkrieg 183
12. Die Zweite Front: Die alliierte Landung in Nordafrika und das
Einsatzkommando Tunis 199
13. Muslime für das Dritte Reich: Der islamische Sektor von
Wehrmacht, Sicherheitspolizei und Waffen-SS 221
14. Fallschirmspringer und Agenten: Deutsche Infiltrationsversuche
in der letzten Kriegsphase 237

Epilog 243
6 Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis 259

Abbildungs- und Kartenverzeichnis 262

Quellen und Literatur 263


Archivalische Quellen 263
Gedruckte Quellen und Literatur 265

Personenregister 281

Ortsregister 285
Einleitung

Seit einigen Jahren erleben wir weltweit zwei fundamental gegenläufige Ent­
wicklungen, die gleichzeitig eine Nivellierung wie Potenzierung der Unter­
schiede implementieren. Einerseits findet eine Globalisierung der Kommuni­
kations-, Handels-, Produktions- und tendenziell auch Tarifbeziehungen statt,
die die Gesellschaften und Wirtschaften der jeweiligen Nationalstaaten grund­
legend umgestaltet. Andererseits befinden wir uns spätestens seit dem 11. Sep­
tember 2001 mitten in einem Zusammenstoß der Kulturen, in einem militanter
werdenden Aufeinandertreffen von gewachsenen westlichen Werten und sich
fundamentalistisch radikalisierenden Teilen des Islam. Asymmetrischer Krieg,
Ahmadinedschads Drohungen mit der Bombe in erster Linie gegen Israel, aber
auch gegen die Vereinigten Staaten und Europa, der Wahlsieg der terroristi­
schen Hamas in den palästinensischen Autonomiegebieten und jüngst der in
weiten Teilen der muslimischen Welt auf die Straßen getragene Karikaturen­
streif lauten die aktuellen Stichworte dazu, die bei der derzeitigen rasanten
Entwicklung schnell durch neue ergänzt werden dürften.1
Das vorliegende Buch bietet in diesem Konflikt keinerlei Prognostik, son­
dern will mit Blick auf dessen Vergangenheitsstruktur in Palästina die histori­
sche Dimension seiner Entstehung an einem der wichtigsten Schauplätze ver­
folgen und analysieren. Zugleich unternimmt dieser Band eine Zeitreise zurück
in die spezifisch deutsche Historie und untersucht das Verhältnis des Dritten
Reiches zur arabisch-islamischen Welt. Der gemeinsame Haß auf den Jischuw
(hebräisch für bewohntes Land), die jüdische Minderheit im britischen Man­
datsgebiet Palästina, sorgte dabei für ein sich steigerndes Maß an Affinität und
bewirkte eine Paradigmenverschiebung der deutschen Außenpolitik, die Ende
der 1930er Jahre ihre Schwerpunktsetzung von der Forcierung jüdischer Aus­
wanderung hin zur direkten Unterstützung arabischer Nationalisten verlagerte.
Den sich in gemeinsamen Gefährdungsvorstellungen, Bewährungsideen und
Errungenschaftsbegriffen verdichtenden ideologischen Übereinstimmungen
folgten schon vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges Waffenlieferungen und
Finanzspritzen. Mit der Landung des Deutschen Afrikakorps in Libyen im Fe­
bruar 1941 begann die Phase direkter Intervention im arabischen Raum. Damit

1 Grundlegend Lewis, Wut; zum Iran Küntzel, Spaltung.


8 Einleitung

waren auf Seiten der Nationalsozialisten weitreichende strategische Planungen


zur Eroberung des gesamten Orients verbunden.
Sie mündeten in einer Fülle gemeinsamer deutsch-arabischer Handlungs­
stränge zur Vertreibung der Briten von ihrer Landbrücke nach Indien und zur
Beseitigung der in der Balfour-Deklaration versprochenen jüdisch-nationalen
Heimstätte in Palästina. Ihren Gipfelpunkt fanden sie im Sommer 1942, als die
begonnene Judenvernichtung in Europa unter tatkräftiger Mithilfe von ara­
bischen Kollaborateuren vor Ort auch auf den Jischuw ausgedehnt werden soll­
te. Das dazu erforderliche deutsche Personal wartete nur noch auf einen
Marschbefehl, der allerdings infolge der verlorenen Schlacht von El Alamein
nicht mehr erteilt werden konnte. Mit der militärischen Niederlage in Ägypten
war das Zusammenspiel mit den Arabern allerdings noch längst nicht beendet.
Es folgten nach der Landung der Achsenmächte in Tunesien im Herbst 1942
Aufstandspläne zur Revolutionierung der Staaten des Maghreb, mittels ara­
bischer Agenten lancierte Infiltrationsversuche des Nahen und Mittleren
Ostens und umfassende Rekrutierungen von Muslimen für Wehrmacht und
SS. Einzelne arabische Exilanten besaßen Kenntnis von der Ermordung der
europäischen Juden und setzten sich persönlich noch angesichts der drohenden
Niederlage für eine partielle Ausweitung der Vernichtung ein.
Bislang existiert keine Gesamtstudie, die für die Jahre zwischen 1933 und
1945 die Entwicklung der deutsch-arabischen Beziehungen nachzeichnet, ihre
weltanschaulichen Schnittmengen kritisch reflektiert und gemeinsame Hand­
lungsstränge von deutscher und arabischer Seite darstellt. In aller Regel schlie­
ßen die vorliegenden Untersuchungen mit dem Kriegsbeginn 1939 oder späte­
stens mit dem achsenfreundlichen Putsch im Irak im Frühjahr 1941 ab und
blenden so die entscheidende Phase 1941/42 mit der drohenden Besetzung des
Nahen und Mittleren Ostens aus. Zudem tendieren etliche Autoren in eine
weitgehend unkritische Richtung, indem sie die Verbindung zwischen ara­
bischen Nationalisten und Nationalsozialisten verharmlosen, antisemitische
Propaganda und Tat in der islamischen Welt als Ausdruck kultureller Verschie­
denheit abtun und diesbezüglich vor „eurozentrierter“ Sicht warnen. Eine
wichtige Ausnahme bildet Matthias Küntzels Untersuchung „Djihad und Ju­
denhaß“. Wenngleich ohne Auswertung archivalischer Quellen verfaßt, gelingt
es ihm dort, ideologische Überschneidungen des Nationalsozialismus mit dem
politischen Islam überzeugend zu thematisieren.2 Ausdrücklich verwiesen sei
auch auf Klaus Gensickes beeindruckende Biographie über Haj Amin el-Hus­
seini, den Mufti von Jerusalem und treuen Parteigänger Hitlers.3 Das die Juden
Palästinas existentiell bedrohende Einsatzkommando der Sicherheitspolizei

2 Ders„ Djihad.
3 Gensicke.
Einleitung 9

und des SD bei der Panzerarmee Afrika wurde bis vor kurzem von der histori­
schen Forschung gänzlich übersehen.4 Helmut Krausnick, der bis heute als
maßgeblicher Experte der Einsatzgruppen gilt,5 war bereits am 1. Januar 1932
als Student der NSDAP beigetreten6 und 1942 dafür trotz aller Kriegsengpässe
mit einer zweiten Auflage seiner Dissertation belohnt worden.7 Daß gerade er
zu jener Entdeckung nicht unbedingt willens war, liegt aufgrund seines politi­
schen Vorlebens nahe.
Ausdrücklich sei an dieser Stelle betont, daß es den Autoren des Buches
keinesfalls darum geht, den Islam als eine der Weltreligionen zu diskreditieren
oder die Araber insgesamt unter den Generalverdacht einer Kollaboration mit
dem Nationalsozialismus zu stellen. Fraglos hat der Islam auch in der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts reformorientierte Strömungen hervorgebracht, ha­
ben innerhalb der arabischen Welt politische Kräfte existiert, die ein zivilisier­
tes Staatswesen anstrebten und sehr wohl von der Notwendigkeit einer Ver­
ständigung mit den Juden Palästinas oder dem Okzident überzeugt waren.
Wenn derartige Erscheinungen in diesem Buch keinen vorrangigen Raum ein­
nehmen können, so ist das dem Umstand geschuldet, daß sie gegenüber ihren
eher dem Nationalsozialismus zugewandten politischen Gegnern – dem eigent­
lichen Untersuchungsgegenstand – nicht die Wirkungsmacht entfalten konn­
ten, die ohne Zweifel eigentlich wünschenswert gewesen wäre. Die vorliegende
Studie ist darum analytisch den Axiomen der Aufklärung verpflichtet, deren
universalistisches Prinzip dem Anspruch nach ja gerade darauf abzielt, Tren­
nungen nach Ethnien, Nationen oder Konfessionen zu überwinden, da sie sym­
bolisch von einer Menschheit ausgeht, um Toleranz, Vielfalt und den Schutz
von Minderheiten zu erreichen. Es geht darum, wie Immanuel Kant es 1785 in
seinem Werk „Vom ewigen Frieden“ forderte, ein Weltbürgerrecht mit zu ge­
stalten, bei dem „niemand an einem Orte der Erde zu sein mehr Recht hat als
der andere“. Die Ringparabel in Lessings „Nathan der Weise“, die eine Ver­
söhnung dreier großer Religionen verspricht, bleibt in diesem Sinne eine Uto­
pie auch für das 21. Jahrhundert.
Wir haben vielen zu danken, die sich um dieses Buch verdient gemacht ha­
ben: Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft in Darmstadt erklärte sich sofort
bereit, den Band in ihr Programm aufzunehmen, und ihr Lektor Daniel Zim­
mermann betreute dessen Entstehung wieder einmal mustergültig. In allen von
uns frequentierten Archiven fanden wir offene Ohren und bereitwillige Hilfe.

4 Erstmals Mallmann/Cüppers.
5 Krausnick, Hitlers.
6 BAB, NSDAP-Zentralkartei 3200/L 0083, Mitgliedskarte Helmut Krausnick; vgl.

Berg, S. 405.
7 Krausnick, Holsteins.
10 Einleitung

Bedanken möchten wir uns aber auch bei etlichen Kollegen, die uns mit
Ratschlägen, Kritik und Kopien versorgten: Dr. Andrej Angrick (Berlin),
Dr. Jochen Böhler (Warschau), Dr. Jürgen Matthäus (Washington D.C.),
Prof. Dr. Dan Michman (Ramat-Gan/Jerusalem), Dr. des. Jacek Młynarczyk
(Warschau), Prof. Dr. Wolfram Pyta (Stuttgart) und Stephen Tyas (St. Albans).
Prof. Dr. Manfred Rommel (Stuttgart) gab uns bereitwillig Auskunft über sei­
nen Vater, den einstigen Oberkommandierenden der Panzerarmee Afrika. Ein
ganz besonderer Dank geht jedoch an Heidrun Baur (Ludwigsburg). Monate­
lang beschaffte sie wahre Berge an Literatur, erfaßte die Texte, las Korrektur,
erstellte die Register und tat damit weit mehr, als man von einer Sekretärin
unserer Forschungsstelle erwarten könnte.
Widmen aber möchten wir dieses Buch zwei großen jüdischen Historikern,
die beide in diesem Jahr einen ,runden‘ Geburtstag feiern und beide mit dem
Geschehen, das wir hier analysieren, lebensgeschichtlich eng verbunden sind:
Dr. Arnold Paucker, Direktor des Leo Baeck Institute London von 1959 bis
2001, und Prof. Dr. Yehuda Bauer, Emeritus für Holocauststudien an der He­
bräischen Universität Jerusalem und Direktor des International Institute for
Holocaust Research an der Gedenkstätte Yad Vashem von 1996 bis 2000. Beide
teilten uns freundlicherweise persönliche Impressionen aus dem Palästina der
Jahre 1941/42 mit. Paucker, geboren 1921 in Berlin, und Bauer, geboren 1926 in
Prag, kamen in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre auf der Flucht vor den
Nationalsozialisten nach Palästina. Beide wußten um die fundamentale Ge­
fährdung des Jischuw im Falle eines deutschen Einmarschs, und beide handel­
ten dementsprechend: Paucker meldete sich 1941 freiwillig zur britischen Ar­
mee und gehörte in Ägypten und Italien bis zum Kriegsende zu den Royal
Engineers. Bauer, 1942 mit 16 Jahren Angehöriger der Haganah, war darauf
vorbereitet, sich beim Erscheinen deutscher Truppen in Palästina auf die Kar­
mel-Berge bei Haifa zurückzuziehen, um dort bewaffneten Widerstand zu lei­
sten. Arnold Paucker beging im Januar dieses Jahres seinen 85. Geburtstag,
Yehuda Bauer wurde im April 80 Jahre alt. Wir gratulieren beiden von ganzem
Herzen und wünschen ihnen noch ein langes Leben.
1. Djihad: Der arabische Kampf
gegen die Juden Palästinas

Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges war Palästina eine abgelegene osma­
nische Provinz.1 Um die Jahrhundertwende war das Land weder übervölkert
noch intensiv genutzt, sondern eher schwach besiedelt; Schätzungen gehen von
400.000 Einwohnern aus. Die große Mehrheit von ihnen waren ethnische Ara­
ber. Majoritär handelte es sich um sunnitische Muslime; gerade in den Städten
lebte aber auch eine Minderheit von Christen arabischer Elerkunft. Konzen­
triert auf Jerusalem, Hebron, Tiberias und Safed existierte daneben eine meist
seit Jahrhunderten ansässige kleine jüdische Bevölkerung hauptsächlich se­
phardischer Herkunft. Für diesen alten Jischuw – 1870 gerade 25.000 Menschen
– galt die Ansiedlung im Heiligen Land als religiöses Gebot; Zionismus als
Motiv war ihm fremd.2
Juden aschkenasischer Provenienz kamen verstärkt dann in der Ersten Ali­
jah (Aufstieg) seit 1881 nach Palästina, als die Ermordung des Zaren Alexan­
der II. und die ihr folgenden Pogrome und Restriktionen zu einer Massenaus­
wanderung von Juden aus dem russischen Kaiserreich führten. Der weitaus
größte Teil dieses Stromes führte allerdings in die Vereinigten Staaten; nur
etwa 70.000 kamen bis 1914 von Osteuropa nach Palästina. Während die ersten
von ihnen Flüchtlinge auf der Suche nach einer neuen Diaspora waren, unter­
schieden sich die Zuwanderer der Zweiten Alijah seit 1905 wesentlich davon.3
Sie waren in der Hauptsache Anhänger eines sozialistisch geprägten Zionis­
mus, die das Zarenreich nach der gescheiterten russischen Revolution von 1905
verließen, um das Land ihrer Vorväter durch eigener Hände Arbeit zu rekulti­
vieren. Dieser neue Jischuw betrachtete sich als Teil eines nationalen Auf­
bruchs, begeisterte sich für die Schaffung einer klassenlosen Gesellschaft in
einem eigenen jüdischen Land, in dem es per se weder Antisemitismus noch
Pogrome gab. Obwohl Theodor Herzl, der Vordenker des Zionismus, kaum
einen Gedanken an die anwesende arabische Bevölkerung verschwendet hatte,
besaß das Projekt mit dem westlichen Kolonialismus in Afrika und Asien kei­
nerlei Gemeinsamkeit. Denn Kolonien erwarb man üblicherweise, um Boden­

1 Porath, Emergence, S. 1 ff.; vgl. Gerber.


2 Krämer, Geschichte, S. 154 ff.
3 Brenner, S. 55 ff.
12 Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas

schätze abzubauen und die Einheimischen auszubeuten. Palästina hingegen


war für die zuwandernden Juden ökonomisch eher ein Verlustgeschäft. Es be­
inhaltete Bewässerung und Urbarmachung, Knochenarbeit und jahrelanges
Warten auf Rendite, Verzicht auf relativen Wohlstand und Urbanität. Nur da­
durch, so glaubten die jüdischen Pioniere, könnten sie sich vom Ghetto und
seiner Mentalität befreien und den historischen Anspruch auf Erez Israel auch
in einen moralischen verwandeln.4
Der Erste Weltkrieg machte Palästina zum Schauplatz militärischer Ausein­
andersetzungen zwischen britischen und osmanisch-deutschen Truppen. Das
anglo-ägyptische Expeditionskorps unter General Sir Edmund Allenby erober­
te 1917 unter hohen Verlusten für beide Seiten von Ägypten aus den Sinai, den
Negev und den Gazastreifen; am 16. November nahm es Jaffa ein, am 9. De­
zember Jerusalem. Das nördliche Palästina aber blieb bis zum Spätsommer
1918 in osmanischer Hand. Erst am 23. September dieses Jahres fiel Haifa, am
1. Oktober Damaskus. Der britisch-osmanische Waffenstillstand von Mudros
am 30. Oktober beendete den Krieg in der Levante, ließ Palästina aber in einer
höchst ungeklärten Situation zurück.5 Denn die Briten hatten während des
Krieges nach drei Seiten hin Versprechungen gemacht, die sämtlich recht vage
waren. Um die Araber auf ihre Seite zu ziehen und sie in den Aufstand gegen
den Sultan zu treiben, hatte Sir Henry MacMahon, der High Commissioner in
Ägypten, Hussein, dem Sherifen von Mekka, ein großarabisches Reich in Aus­
sicht gestellt; ob jedoch auch Palästina darin enthalten sein sollte, wird in dem
Briefwechsel mit keinem Wort erwähnt.6 Im Sykes-Picot-Abkommen vom
9. Mai 1916 hatten sich Großbritannien und Frankreich aber auch auf eine Ab­
grenzung ihrer beiderseitigen Interessen in der Region für die Zeit nach dem
Krieg verständigt und sich auf eine Aufteilung der vom „kranken Mann am
Bosporus“ zu beerbenden Gebiete geeinigt. Demnach sollte Frankreich den
Bereich südlich von Anatolien zwischen Mossul und Akko kontrollieren, das
Empire das sich südlich anschließende Terrain von Amman bis Bagdad erhal­
ten, während für Palästina eine internationale Kontrolle vorgesehen war.7
Folgenreicher noch war jene Erklärung, die Außenminister Lord Arthur
Balfour am 2. November 1917 gegenüber Lord James Rothschild abgab. Darin
versicherte er, die Regierung „views with favour the establishment in Palestine
of a national home for the Jewish people, and will use their best endeavours to
facilitate the achievement of this object, it being clearly understood that noth­
ing shall be done which may prejudice the civil and religious rights of existing

4 Laqueur, S. 227 ff., 287 ff.


5 Fromkin, S. 305 ff.
6 Ebd., S. 173 ff., 218 ff.; Cohen, Origins, S. 14 ff.; vgl. Antonius.
7 Fromkin, S. 188 ff.
Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas 13

non-Jewish communities in Palestine or the rights and political status enjoyed


by Jews in any other country“.8 Diese Geste guten Willens, die die jüdischen
Gemeinden in aller Welt zugunsten Londons mobilisieren sollte, bedeutete ge­
wiß einen diplomatischen Durchbruch für den Zionismus, war aber alles ande­
re als eindeutig. „Palestine“ konnte das ganze Land, aber auch nur einen klei­
nen Teil davon bedeuten. „National home“ war kein völkerrechtlich definierter
Begriff und changierte irgendwo zwischen Staatsbildung und Niederlassungs­
recht. Und „views with favour“ implizierte keinerlei vertragliche Garantie von
Seiten des Empire.9 Gleichwohl entschied die Konferenz von San Remo am
25. April 1920, die Balfour-Deklaration in den zu Sevres geschlossenen Frie­
densvertrag mit der Türkei aufzunehmen und Großbritannien das Mandat für
Palästina zu übertragen. Artikel 2 des damals verabschiedeten Vertrages, der
vom Völkerbund am 24. Juli 1922 sanktioniert wurde, stellte das vom britischen
Außenminister gegebene Versprechen, eine nationale Heimstätte für die Juden
zu schaffen, erstmals auf eine internationale völkerrechtliche Grundlage. Die
Problematik der Dehnbarkeit seiner Formulierungen sollte sich aber bald
schon erweisen.10
Noch unter Militärverwaltung kam es in Palästina zu mehreren antijüdischen
Übergriffen durch Araber. Ende 1919 griffen Beduinen jüdische Siedler in Ga­
liläa an. Im März 1920 gab es erneut acht Tote bei einem Überfall auf Tel Chai.
Unter ihnen war Joseph Trumpeldor, ein Zahnarzt und ehemaliger zaristischer
Offizier, der neben Wladimir Jabotinsky der Führer der Jüdischen Legion ge­
wesen war, die auf britischer Seite 1917/18 in Palästina gekämpft hatte. Er galt
als Inbegriff des zionistischen Pioniers und avancierte seitdem zum nationalen
Mythos.11 Weitaus größere Ausmaße nahm die muslimische Gewalt am 4. April
dieses Jahres in Jerusalem an. An jenem Tag fielen drei religiöse Feste zusam­
men: das jüdische Pessah, das christliche Ostern und das muslimische Nebi
Musa. Die in die Stadt zur Prozession strömenden Araber wurden von Red­
nern zum Zusammenschluß mit Syrien aufgefordert, wo Feisal, der Sohn des
Sherifen Hussein, gerade ein unabhängiges Königreich proklamiert hatte.12
Und die Muslime riefen: „Palästina ist unser Land, die Juden sind unsere Hun­
de!“ Als die Pilger das jüdische Viertel durchquerten, kam es zu wüsten Aus­
schreitungen und Plünderungen. Die Gewalttätigkeiten, die sich bis zum
8. April fortsetzten, kosteten auf jüdischer Seite fünf Tote, 216 Verletzte und

8 The Times v. 9.11.1917; vgl. Hyamson, S. 26 ff.; Fromkin, S. 276 ff.; Cohen, Origins,

S.41 ff.
9 Brenner, S. 88.
10 Fromkin, S. 403 ff.
11 Ebd., S. 446; Brenner, S. 69 f.; vgl. Porath, Emergence, S. 31 ff.
12 Kedourie, England, S. 142 ff.; Porath, Search, S. 4 ff.
14 Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas

18 Schwerverletzte.13 Wer darin eine „nationale Demonstration für Unabhän­


gigkeit und Freiheit“ erblickt,14 – so ein deutscher Arabist – verschließt die
Augen vor antisemitischer Gewalt und glorifiziert den Terrorismus. Laut
Oberst Richard Meinertzhagen, einem britischen Nachrichtenoffizier jüdischer
Herkunft, hatten leitende Funktionäre der Militärverwaltung die Araber ei­
gens zu den Übergriffen ermuntert, um den Zionismus zu diskreditieren.15 Da­
für spricht, daß Jerusalem während jener Tage von britischen Truppen entblößt
war und die Menge skandierte: „Die Regierung ist auf unserer Seite.“16
Auch die anschließend verhängten Strafen waren milde. Musa Kazem el-
Husseini, bisheriger Bürgermeister von Jerusalem und einer der Agitatoren
bei Nebi Musa, wurde abgesetzt und durch Ragheb Nashashibi ersetzt. Haj
Muhammad Amin el-Husseini, ein weiterer Hetzer, der vorsorglich nach Sy­
rien geflohen war, erhielt in Abwesenheit zehn Jahre Haft. Absitzen brauchte
er davon keinen einzigen Tag. Denn es gehörte zur Tragik der Entwicklung,
daß ausgerechnet Sir Herbert Samuel, ein Liberaler jüdischer Herkunft, da­
mals an die Spitze der neu errichteten zivilen Mandatsverwaltung trat und sei­
nen Frieden mit den Arabern zu machen gedachte.17 Dabei verfiel er auf die
Idee, die Husseinis und die Nashashibis, die beiden mächtigsten Familien des
Landes, die ihre Herkunft beide vom Propheten ableiteten, nach dem Prinzip
,Divide et impera‘ gegeneinander auszuspielen und so zu neutralisieren. Da ein
Nashashibi nunmehr Bürgermeister von Jerusalem war, sollte ein Husseini zur
Ausbalancierung der Machtverhältnisse das höchste geistliche Amt bekleiden.
Die Wahl von Samuel fiel ausgerechnet auf Amin el-Husseini, den er für einen
„moderaten Mann“ hielt.18 Im September 1920 begnadigte er ihn und erlaubte
ihm die Rückkehr. Bei den Wahlen zum Mufti (Entscheider) von Jerusalem am
12. April 1921 wurde el-Husseini zwar nur Vierter hinter einer Reihe angese­
hener Gelehrter aus gleichfalls guter Familie, doch Samuel stieß das Votum um
und sprach bereits am 8. Mai dessen Ernennung aus. Damit hatte nunmehr
dieser Mann die entscheidende Machtposition erreicht, von der er über Jahr­
zehnte hinweg wie kein anderer den arabischen Kampf gegen die Juden Palä­
stinas radikalisieren und ideologisch aufladen sollte.19 „Able, ambitious, ruth­
less, humorless, and incorruptible, he was of the authentic stuff of which
dictators are made“, beurteilte ihn ein britischer Historiker.20

13 Lesch, S. 201 ff.; Wasserstein, S. 60 ff.; Krämer, Geschichte, S. 245 ff.; Segev, S. 142 ff.
14 Hollstein, S. 128.
15 Meinertzhagen, S. 56, 79 ff.
16 Fromkin, S. 447.
17 Caplan, S. 2 ff.; Wasserstein, S. 73 ff.
18 Bentwich/Bentwich, S. 191 f.
19 Porath, Al-Hājj, S. 130 ff.; ders., Emergence, S. 184 ff.; Jbara, S. 41 ff.
20 Marlowe, S. 5.
Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas 15

Der 1893, 1895 oder 1896 geborene Amin el-Husseini hatte 1912/13 für kurze
Zeit an der Al-Azhar-Universität in Kairo studiert und war bereits dort an der
Gründung einer antizionistischen Vereinigung palästinensischer Studenten be­
teiligt. Danach trat er als Offizier in die osmanische Armee ein, schloß sich
jedoch 1916 einer arabischen Geheimgesellschaft an, die für die Autonomie
eintrat. 1917 desertierte er während eines Krankenurlaubs in Jerusalem, trat
zu den Aufständischen unter dem Sherifen Hussein über und zog mit Allenby
wieder in seine Heimatstadt ein.21 Trotz seiner eher dürftigen theologischen
Ausbildung war el-Husseini als Mufti aufgrund des britischen Votums nunmehr
oberster islamischer Rechtsgelehrter in Palästina. Er war damit die einzige und
letzte Autorität, die den Koran und vor allem die in der Sunnah zusammenge­
faßten mündlichen Überlieferungen auszulegen vermochte. Das Instrument
der Fatwa, sein auch die Scharia-Gerichtshöfe bindendes Gutachten, machte
ihn zur letzten Instanz der privaten und öffentlichen Rechtskontrolle.22 Zudem
verschaffte ihm der Vorsitz im Obersten Muslimischen Rat, der im Dezember
1921 wiederum mit britischer Schützenhilfe geschaffen wurde, um die religiö­
sen Stiftungen, den Waqf, zu beaufsichtigen, erhebliche Finanz- und Macht­
mittel sowie ein ausgefächertes Patronagenetz.23
Unterdessen kam es in Palästina zu einer neuen Revolte der Araber, „die
gegen die Ernennung eines Juden zum Hochkommissar aufbegehrten“.24 Aus­
gangspunkt war Jaffa, wo der Mob am 1. Mai 1921 jüdische Läden und Einrich­
tungen angriff; sein Ziel war insbesondere ein Einwandererheim, das sowohl
Männer wie Frauen beherbergte und daher als Sündenpfuhl betrachtet wurde.
Die arabischen Polizisten sahen zu, als man selbst Kinder tötete und manch
einem Opfer den Schädel spaltete. Zu den Ermordeten zählte auch der be­
kannte jüdische Schriftsteller Joseph Chaim Brenner. Nachdem der Aufruhr
in Jaffa infolge des verhängten Ausnahmezustandes am 3. Mai abgeklungen
war, flammte er vier Tage später in den ländlichen Gebieten auf, wo er aller­
dings überall auf bewaffnete Gegenwehr stieß. Bis zum 7. Mai wurden 47 Juden
und 48 Araber getötet. Wichtigstes Resultat der Unruhen war die Unabhängig­
keit von Tel Aviv. Der bisherigen Vorstadt von Jaffa wurde die Autonomie
gewährt, und Tausende jüdischer Einwohner von Jaffa flohen nunmehr dort­
hin.25 Am 2. November 1921 zogen arabische Gewalttäter aus Anlaß des Jah­
restages der Balfour-Deklaration plündernd durch das jüdische Viertel in der

21 Zur Person früh, aber mit vielen Fehlern im Detail Wiesenthal, S. 3 ff.; vgl. Schecht­

man, S. 15 ff.; Jbara, S. 13 ff.; Elpeleg, S. 1 ff.; verharmlosend Zimmer-Winkel; Mattar, The
Mufti of Jerusalem, S. 6 ff.; vgl. Green, S. 12.
22 Krämer, Geschichte, S. 259 ff.
23 Kupferschmidt, S. 17 ff.; Porath, Al-Hājj, S. 137 ff.; ders., Emergence, S. 194 ff.
24 Schmitz-Kairo, S. 153.
25 Wasserstein, S. l00 ff.; Lesch, S. 204 ff.; Segev, S. 188 f.
16 Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas

Jerusalemer Altstadt; fünf Juden und drei Araber kamen dabei ums Leben,
letztere durch Sprengsätze, die zur Selbstverteidigung benutzt wurden.26
Trotz dieser überbordenden arabischen Gewalt fiel es der britischen Regie­
rung schwer, die Verantwortlichen zu erkennen. Sir Winston Churchill, der da­
malige Kolonialminister, bekam bei seinem Besuch in Palästina am 28. März
1921 von Musa el-Husseini zu hören, daß die Juden den Untergang des Zaren­
reiches und die Niederlage Deutschlands und Österreichs verschuldet hätten.27
Und einige britische Zeitungen äußerten bereits zunehmend Sympathie für die
Araber und sorgten sich um die Kosten des Empire bei seinem neuen Engage­
ment in Palästina. Aus beiden Elementen bildete sich seitdem ein Muster briti­
schen Verhaltens heraus, das bis Ende der 1930er Jahre Gültigkeit behalten
sollte. In einem Memorandum vom 1. Juli 1922 machte Churchill klar, daß das
United Kingdom nicht im Sinn habe, Palästina „so jüdisch werden zu lassen wie
England englisch“ ist. Weitere Einwanderung sei zwar erlaubt, aber nicht über
das für die Wirtschaft des Landes verträgliche Maß hinaus. Zudem wurde Trans­
jordanien abgetrennt und mit einem Einwanderungsstop für Juden belegt.28
Damit begann sich eine arabische Erpressungsspirale zu etablieren. Nach
jedem Ausbruch von Gewalt wurde eine britische Untersuchungskommission
eingesetzt, die dessen Gründe erhellen sollte. Die Ursache war laut jeweiligem
Abschlußbericht immer dieselbe. Demnach befürchteten die Araber, von den
Juden vertrieben zu werden. Um Unruhen zu verhindern, empfahlen die Kom­
missionen stets das gleiche Mittel in unterschiedlicher Dossierung: Einschrän­
kung jüdischer Einwanderung. Die Angegriffenen waren damit die Schuldigen,
und die Araber realisierten, daß sie mit Attacken auf jüdische Menschen das
Empire zu Restriktionen zwingen konnten. Jede Drosselung der Einwan­
derung ermutigte damit die arabische Gewaltbereitschaft. Die für jene Seite
völlig unannehmbare Balfour-Deklaration und das auf ihr aufbauende Mandat
wurden aufgrund dieses circulus vitiosus auch in Großbritannien zunehmend
angefeindet. Parallel dazu bildete sich eine Verweigerungsstrategie der Araber
heraus. Da sie die Mandatsmacht ablehnten, boykottierten sie auch die von ihr
vorgeschlagenen Selbstverwaltungsorgane und die dazu auf Landesebene vor­
gesehenen Wahlen.29 Zudem bedingte die arabische Eigenwahrnehmung als
doppeltes Opfer von Kolonialismus und Zionismus eine bis in die Gegenwart
wirksame Perspektive der Selbstviktimisierung, die jeglichen Zweifel am ein­
geschlagenen Kurs verhinderte. Damit erschien lediglich der Weg der Gewalt
eine Perspektive zu bieten. Diese Konstellation implizierte für die Zukunft

26 Ebd., S. 204.
27 Wasserstein, S. 96 f.
28 Stewart, Relations, S. 25 f.; Caplan, S. 21 ff.
29 Krämer, Geschichte, S. 236, 252; vgl. Porath, Emergence, S. 123 ff.
Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas 17

eindeutig eher die Gefahr weiterer Eskalation als die Chance eines Abbaus der
Spannungen.
Gleichwohl setzte sich die jüdische Einwanderung ungebrochen fort. Die
1919 beginnende Dritte Alijah mit ihren 35.000 Migranten bis 1923 wurde we­
sentlich durch die Pogrome in der Ukraine 1919/20 ausgelöst und war noch
stark von der zionistischen Arbeiterbewegung geprägt. Eine Zählung von 1922
ergab in Palästina eine Gesamtbevölkerung von 752.048 Menschen; davon wa­
ren 589.177 Muslime und 83.790 Juden. Die 1924 einsetzende Vierte Alijah be­
saß dann eine deutlich veränderte soziale Zusammensetzung, da die Zuwan­
derer nunmehr dominant aus Polen kamen und die städtischen Mittelschichten
in Palästina entscheidend stärkten. Denn die Vorzeichen hatten sich zwischen­
zeitlich erheblich verändert. Die Vereinigten Staaten, die bisher das Gros der
jüdischen Flüchtlinge aus Ost- und Ostmitteleuropa aufgenommen hatten,
führten 1921 und 1924 beträchtliche Gesetzeshürden für die Immigration ein,
und die Sowjetunion – bisher Ursprungsland der meisten sozialistisch orientier­
ten Einwanderer – erschwerte die Auswanderung. 1932 betrug die Gesamt­
bevölkerung in Palästina 1.052.872 Menschen; darunter befanden sich 771.174
Muslime und 180.793 Juden.30 Die arabische Furcht, von einer jüdischen Welle
überrollt zu werden, war angesichts dieser Zahlen völlig unbegründet, da deren
Bevölkerung mit ihren viel höheren Geburtenraten schneller als die jüdische
wuchs. Doch ausschlaggebend sind nicht die Tatsachen, sondern Wahrneh­
mung und Deutung der Fakten.
Zwar gestaltete sich das jüdisch-arabische Verhältnis im Palästina der 1920er
Jahre keineswegs harmonisch, wurde aber bis zum Ende des Jahrzehnts nicht
von weiteren schweren Zusammenstößen überschattet. Erst 1929 spitzte sich
der latente Konflikt erheblich zu und ideologisierte sich in neuer Art und Wei­
se. Die Eskalation entzündete sich am Streit um die Klagemauer, dem 28 Meter
langen Teilstück, das vom Umfassungsring des herodianischen Tempels übrig
geblieben ist. Die Juden, die diesen letzten Rest des Zweiten Tempels als ihr
Heiligtum betrachteten, hatten dort seit dem Mittelalter gebetet. Aber auch
die Muslime hielten die Mauer für eine verehrenswürdige Stätte. Für sie war
sie Teil des „heiligen Bezirks“ (Haram ash-Sharif) mit Al-Aqsa-Moschee und
Felsendom, wo der Prophet Mohammed nach islamischer Überlieferung sein
Pferd Buraq angebunden hatte, bevor er seine nächtliche Himmelfahrt unter­
nahm. Die dem Waqf und damit dem Mufti unterstehende Klagemauer war für
die Juden ihre heiligste Gebetsstätte überhaupt; für die Muslime galt der Ha­
ram nach Mekka und Medina als drittwichtigster Ort. Eine symbolträchtigere
Reibungsfläche ließ sich kaum finden.31

30 Stewart, Relations, S. 20; Brenner, S. 64 f.


31 Wasserstein, S. 222 f.; Kolinsky, Law, S. 31 ff.
18 Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas

Der Konflikt eskalierte an Statusfragen. Bereits am 24. September 1928,


dem jüdischen Versöhnungsfest (Jom Kippur), kam es an der Klagemauer zu
ersten Zusammenstößen, als Gläubige dort eine tragbare Trennwand zwischen
Männern und Frauen installierten und Stühle für ältere Menschen aufstellten.
Da die Muslime dies als Verletzung des Status quo ansahen, schritt die britische
Polizei ein und entfernte die Neuerungen unter dem Protest der Betenden.32 In
der Folgezeit streute der Mufti gezielt das Gerücht, die Zionisten planten die
Zerstörung der Moscheen und den Wiederaufbau ihres Tempels. Am 16. Au­
gust 1929, dem Geburtstag des Propheten, wurden die Muslime während des
Freitagsgebets zur Verteidigung der heiligen Stätten aufgerufen. Mit Parolen
wie „Gott ist groß“, „Die Mauer ist unser“ und „Bringt die Juden um“ strömten
anschließend 2000 Gläubige von den Moscheen des Haram zur Klagemauer,
verprügelten dort betende Juden und verbrannten Thorarollen.33 Genau eine
Woche später, am 23. August, eskalierten die arabischen Ausschreitungen.
Tausende von Bauern aus der Umgebung, bewaffnet mit Knüppeln und Mes­
sern, begaben sich nach Jerusalem und griffen Einwohner in den jüdischen
Vierteln Mea Schearim und Jemin Mosche an. Rasch erfaßte die Gewaltwelle
die gesamte Stadt bis hinein in die Vororte.34
Doch dies war nur der Auftakt. Noch am selben Nachmittag erreichte das
Gerücht, Juden metzelten Araber in Jerusalem nieder, auch Hebron. Tags dar­
auf ereignete sich dort ein regelrechtes Massaker. 67 Juden wurden getötet,
darunter ein Dutzend Frauen und drei Kinder unter fünf Jahren. In Jerusalem
setzten sich die Gewalttätigkeiten unterdessen fort und griffen dann auf das
ganze Land über. Sechs Kibbuzim wurden völlig zerstört; Araber versuchten
sogar, Tel Aviv zu überfallen und ermordeten am 30. August 20 Juden in Safed.
In antijüdischen Massakern dieser Art „Unruhen“ zu sehen, „die sich gegen die
zionistische Machtpolitik in Palästina richteten“,35 stellt die Tatsachen völlig
auf den Kopf. Als die Gewalt infolge britischer Polizeimaßnahmen nach einer
Woche schließlich abebbte, waren 133 Juden und 116 Araber ums Leben ge­
kommen, 339 Juden und 232 Araber verletzt. Alle Juden waren Opfer ara­
bischer Aggression geworden, während die meisten Araber aufgrund des briti­
schen Eingreifens verletzt oder getötet wurden.36 Trotz aller bisherigen
Gewaltausbrüche besaßen die Ereignisse des August 1929 eine neue Qualität.

32
Elpeleg, S. 16 ff.; Krämer, Geschichte, S. 268 f.
33
Ebd., S. 270; Segev, S. 339; Lesch, S. 209 f.
34 Segev, S. 343 ff.
35 Hollstein, S. 111.
36 Segev, S. 346 ff.; Porath, Emergence, S. 258 ff.; Lesch, S. 210 f.; Krämer, Geschichte,

S. 271; verharmlosend Mattar, The Mufti of Jerusalem, S. 33 ff.; ders., Role, S. 104 ff.; vgl.
Friedman, S. 462 f.
Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas 19

Sie markierten eine Wende in den Beziehungen zwischen Arabern und Juden
in Palästina, die auch die gesamten 1930er und 1940er Jahre überschatten soll­
te. Die Vorstellung eines friedlichen Mit- und Nebeneinander, die bisher die
Hoffnung vieler Juden und Araber gebildet hatte, erwies sich nunmehr als Illu­
sion. Zurück blieben die Einsicht in einen Antagonismus, ein sich verhärtender
Selbstbehauptungswille und ein sich zunehmend verfestigendes Denken in mi­
litärischen Kategorien. Es war bezeichnend, daß die jüdische Vereinigung
„Brith Schalom“, die eine Verständigung zwischen den Ethnien und ein bi­
nationales Gemeinwesen anstrebte – zu ihren Gründern hatte 1925 u. a. Martin
Buber gehört 1933 sanft entschlief, da ihr auf arabischer Seite die Partner für
einen Dialog fehlten.37
Die Briten, deren Polizei sich als unfähig erwiesen hatte, die jüdische Min­
derheit zu schützen, begannen mit einer Reorganisation des Sicherheitsappa­
rates,38 schickten aber auch eine Untersuchungskommission unter Sir Walter
Shaw ins Land. Deren Bericht von März 1930 gab den Arabern zwar die Ver­
antwortung an den Massakern, bezeichnete jedoch die jüdische Immigration
wiederum als den entscheidenden Faktor für die Instabilität der Region. Auf
dieser Basis legte Kolonialminister Lord Passfield am 20. Oktober 1930 ein
Weißbuch vor, das die britische Politik in Palästina neu bestimmen sollte. Er
sprach sich für eine deutlich restriktivere Kontrolle der Einwanderung aus und
definierte die Kriterien für die Aufnahmefähigkeit des Landes neu. Die Quo­
ten sollten sich nicht mehr, wie bisher, hauptsächlich am Zustand der jüdischen
Wirtschaft orientieren; vielmehr sollte Immigration nur noch in dem Maße
erlaubt sein, wie Araber dadurch nicht vom Arbeitsmarkt verdrängt würden.
Dadurch war der schwarze Peter voll der jüdischen Seite zugeschoben worden.
Zionistische Proteste brachten das Passfield-Weißbuch schließlich zu Fall. In
einem offenen Brief zog Premierminister Ramsay MacDonald es im Februar
1931 zurück.39
Obwohl der Mufti nicht als Verantwortlicher der Pogrome verurteilt wurde,
notierte Sir John Chancellor, der High Commissioner von Palästina, damals
vorausschauend: „The worst thing that happened to this country was the grant
of extraordinary powers to the President of the Supreme Moslem Council from
which Haj Amin derived his strength.“40 In der Tat hatte sich el-Husseini vor
der Shaw-Kommission auf die „Protokolle der Weisen von Zion“ berufen, um
ein jüdisches Komplott in Palästina zu beweisen, und erklärt: „Das House of

37 Brenner, S. 87; Segev, S. 446 ff.


38 Kolinsky, Reorganization, S. 155-179.
39 The Times v. 14.2.1931; Kolinsky, Law, S. 71 ff., 141 ff.; Porath, Movement, S. 3 ff.,
27 ff.
40 Kisch, S. 203.
20 Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas

Commons ist nichts anderes als ein Rat der Weisen von Zion, von dem wir
keine Gerechtigkeit zu erwarten haben!“41 Damit war das wohl zählebigste
Dokument des modernen Antisemitismus, eine Fiktion der zaristischen Ge­
heimpolizei von 1903, die die jüdische Weltverschwörung belegen sollte, auch
in Palästina diskursfähig geworden, wo es spätestens seit 1921 kursierte.42 Nach
1917 waren die „Protokolle“ zum Bestseller der antisemitischen Internationale
avanciert und in Hitlers „Mein Kampf“ ausdrücklich emphatisch gelobt wor­
den: „Denn wenn dieses Buch erst einmal Gemeingut eines Volkes geworden
sein wird, darf die jüdische Gefahr auch schon als gebrochen gelten.“43
Neben der fundamentalen Ideologisierung seines Antisemitismus, die ihn
gewissermaßen auf ,höchstes‘ europäisches Niveau katapultierte, bewirkte der
Mufti spätestens 1929 eine Islamisierung des Konflikts. Indem er sich selber als
Verteidiger der heiligen Stätten und als Vorkämpfer der arabischen Nation
profilierte, lancierte er sich ins Rampenlicht der islamischen Aufmerksamkeit.
Zugleich schöpfte er damit die religiöse Motivierung der Feilachen-Bevölke­
rung ab, die bisher weder durch die jüdische Einwanderung beeinträchtigt,
noch seiner Familie direkt loyalitätspflichtig gewesen war.44 Arabischer Natio­
nalismus, Antisemitismus und Islamismus gingen seitdem eine kaum noch zu
separierende Symbiose ein. Zudem gewann der Mufti 1929 einen neuen Ver­
bündeten, mit dem er wohl kaum gerechnet haben dürfte. Am 16. Oktober
dieses Jahres beschloß das Sekretariat des Exekutivkomitees der Kommunisti­
schen Internationale eine Resolution über die „Aufstandsbewegung in Ara-
bistan“. Darin interpretierte es die Massaker als Bestätigung für den neuen
Ultralinkskurs der Komintern, kritisierte die kleine, jüdisch dominierte Kom­
munistische Partei Palästinas, sie habe „nicht gemerkt, daß der religiöse natio­
nale Konflikt in eine allgemein nationale, antiimperialistische Bauernaktion
umschlägt“, und forderte eine Arabisierung der Sektion „von oben bis un­
ten“.45 Am 26. Oktober 1930 beklagte das Exekutivkomitee in einem offenen
Brief die mangelnde Umsetzung dieser Weisung und ernannte ein erstmals
arabisch dominiertes Zentralkomitee. Der 7. Parteitag der palästinensischen
Kommunistischen Partei, der sich als „Parteitag der Arabisierung“ feierte, fand
wegweisende Worte: „In Palästina, als einem Kolonialland, spielt die jüdische
nationale Minderheit, die sich unter zionistischem Einfluß befindet, die Rolle
einer imperialistischen Agentur zur Unterdrückung der arabischen nationalen

41 Jorda, Araber-Aufstand, S. 194; vgl. Cooper, Palestinian, S. 9; Wasserstein, S. 234;

Cohen, Year, S. 20; Krämer, Geschichte, S. 273.


42 Wild, Rezeption, S. 519; vgl. Wistrich, S. 281 f.
43 Hitler, S. 337; vgl. Cohn; Sammons.
44 Schechtman, S. 39 ff.; Elpeleg, S. 26 ff.; Jbara, S. 90 ff., 103 ff.
45 Flores, S. 267 f.
Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas 21

Befreiungsbewegung.“46 Damit hatte el-Husseini unverhofft einen treuen Part­


ner gefunden, die Sowjetunion eine Sprachregelung für viele Jahrzehnte.
Am 13. Oktober 1933 brach ein arabischer Generalstreik aus, der sich gegen
die Einwanderung richtete. Dabei wurden in Haifa auch Juden und jüdische
Einrichtungen angegriffen. Gewalttätige Demonstrationen, bei denen auf ara­
bischer Seite erstmals in größerem Umfang Feuerwaffen und Dynamit zum
Einsatz kamen, stießen diesmal auf den entschiedenen Widerstand der Polizei;
insgesamt wurden 27 Araber erschossen, die die Briten attackiert hatten.47 Im
Januar 1935 verlas el-Husseini in der Al-Aqsa-Moschee eine Fatwa, die an­
schließend gedruckt im ganzen Land verteilt wurde. Darin erklärte er Palästina
zum „anvertrauten Gut“ der Muslime und verurteilte jeden als Verräter und
Ungläubigen, der Boden in „diesem heiligen islamischen Land“ an Juden ver­
äußere. Gestützt auf den Koran drohte er ihnen mit gesellschaftlichem Boykott
und der Verweigerung eines muslimischen Begräbnisses. Kurz danach folgte
die Gründung einer Vereinigung islamischer Religions- und Rechtsgelehrter,
der „Zentralen Gesellschaft zur Förderung des Guten und Verhinderung des
Verwerflichen“, die die Landverkäufe zu beobachten hatte, sich aber auch un­
moralischem Verhalten wie unziemlicher Bekleidung, unerlaubtem Beisam­
mensein von Männern und Frauen sowie anstößigen Szenen in Literatur, Film
und Theater widmen sollte.48 Die weitere Islamisierung der arabischen Natio­
nalbewegung schritt damit voran.
Der Machtantritt der Nationalsozialisten in Deutschland 1933, aber auch
zunehmender Antisemitismus in anderen europäischen Ländern setzten die
Fünfte Alijah in Gang. 1933 betrug die Zahl der jüdischen Einwanderer 30.327,
1934 42.359 und 1935 gar 61.854. 1937 lebten 1.401.794 Menschen in Palästina,
darunter 883.446 Muslime und 395.836 Juden, die damit etwa ein knappes Drit­
tel der Gesamteinwohnerschaft stellten. Innerhalb von drei Jahren – zwischen
1933 und 1935 – hatte sich die jüdische Bevölkerung somit fast verdoppelt und
vor allem zum Ausbau der drei Städte Tel Aviv, Jerusalem und Haifa beigetra­
gen, doch sie lebte nach wie vor verteilt auf miteinander nicht verbundene
Enklaven in allen Winkeln des Mandatsgebietes. Infolge britischer Restriktio­
nen gingen die Einwandererzahlen in den Folgejahren jedoch stark zurück;
1936 kamen 29.727 Juden ins Land, 1937 waren es lediglich 10.536, 1938 noch
12.868 und 1939 16.405.49 Gerade als seit Mitte der 1930er Jahre ein sicherer
Zufluchtshafen für die Juden besonders wichtig gewesen wäre, schlossen sich
die Türen in Palästina und anderswo also immer mehr. Die Welt war geteilt,

46 Ebd., S. 270.
47 Kolinsky, Law, S. 172 ff.; Lesch, S. 214 f.; Krämer, Geschichte, S. 297 f.
48 Ebd., S. 295; Kolinsky, Law, S. 185.
49 Stewart, Relations, S. 20 f.; Krämer, Geschichte, S. 280 f.
22 Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas

wie Dr. Chaim Weizmann, der Präsident der Zionistischen Organisation, klag­
te – geteilt in Länder, in denen Juden nicht leben konnten, und in Länder, in die
sie nicht einreisen durften.50 Erstmals stieg seit 1933 der Anteil von Immigran­
ten aus dem deutschsprachigen Raum steil an. Während er bis dahin nur etwa
2,5 Prozent der jährlichen Zuwanderung ausgemacht hatte, betrug er 1933 be­
reits 17 Prozent und stieg bis 1938 auf 52 Prozent.51 Im Gegensatz zu den Juden
aus Osteuropa bildete deren vorrangiges Motiv für die Emigration in aller Re­
gel nicht zionistischer Idealismus, sondern die handfeste Bedrohung durch die
Nationalsozialisten. Bei der Ankunft in Palästina wurden sie daher häufig mit
der ironischen Frage konfrontiert: „Kommen Sie aus Überzeugung oder aus
Deutschland?“52
Wie die Einwanderungsrestriktionen belegen, sahen auch die Briten die jü­
dische Immigration zunehmend kritischer. Viele Angehörige der Mandats­
verwaltung erblickten in der Balfour-Deklaration, die in London als Basis
britischer Präsenz in Palästina galt, ohnehin das größte Hindernis für die Er­
richtung einer normalen Kolonialverwaltung. Etliche galten als proarabisch,
einige sogar als antisemitisch; mehrheitlich waren sie mit Gewißheit antizio­
nistisch.53 Der Wiener Franz Schattenfroh, Autor des antisemitischen Bestsel­
lers „Wille und Rasse“ und Palästinareisender in der zweiten Hälfte der 1930er
Jahre, notierte jedenfalls, daß die „britischen Polizisten, die zu großen Teilen
Mosley-Anhänger sind und zum Beispiel vor der Hakenkreuzfahne der deut­
schen Konsulate gern mit erhobener Hand die Ehrenbezeigung leisten, ob sie
nun vorübergehen oder im Auto vorbeifahren. Überhaupt werden viele eng­
lische Offiziere und Beamte, die in ihrer Heimat von einer Judenfrage so gut
wie nichts wußten, in Palästina überzeugte Antisemiten.“54
Für viele Araber Palästinas galt dies angesichts der Vorgeschichte und der
zunächst ansteigenden Zuwanderungswelle erst recht. Seit den frühen 1930er
Jahren zeichnete sich dort ein politischer Formierungsprozeß ab, der in
Parteienbildungen mündete und somit landesweite Netzwerke schuf, die über
die traditionellen Familien- und Klientelstrukturen hinausreichten. Am 4. Au­
gust 1932 wurde zunächst die panarabisch orientierte „Unabhängigkeitspartei“
(Istiqlal) von Auni Abd el-Hadi gegründet, die zu einer Strategie der Nicht­
zusammenarbeit und der Steuerverweigerung gegenüber der Mandatsverwal­
tung aufrief. Im Dezember 1934 folgte die „Nationale Verteidigungspartei“ der
Nashashibis, die für eine Kooperation mit den Briten eintrat. Der Mufti ant­

50 Wasserstein, S. 237.
51 Melka, Axis, S. 46.
52 Brenner, S. 106.
53 Krämer, Geschichte, S. 187.
54 Schattenfroh, S. 55.
Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas 23

wortete im März 1935 mit der Bildung der „Partei des Arabischen Staatenbun­
des“, die alle jüdischen Rechte in Palästina negierte. Einen engen Verbündeten
fand sie in der im Juni dieses Jahres gegründeten „Reformpartei“ unter Dr.
Hussein al-Khalidi. Die Formierung der relativ moderaten Partei „Nationaler
Block“ im Oktober 1935 schloß diesen Parteienbildungsprozeß ab. Trotz aller
Unterschiede im Detail waren sie sich allesamt einig in ihrer Forderung nach
einem arabischen Staat und ihrer Feindschaft gegen den Zionismus.55
Parallel dazu erfolgte eine Radikalisierung der Jugendorganisationen. So
entwickelten sich der „Verein Muslimischer Junger Männer“ und die ara­
bischen Pfadfinder zu ausgesprochen militanten Verbänden.56 Und das Motto
von „al-Futuwwa“, der im Februar 1936 gegründeten Jugendsektion der Partei
des Mufti, lautete: „Freiheit ist mein Recht, Unabhängigkeit mein Ziel, der
Arabismus mein Grundsatz, Palästina mein Land allein.“57 Umgekehrt hieß
das: kein Existenzrecht für Juden. Zu den neuen Kräften gehörten auch diverse
Geheimgesellschaften auf arabischer Seite, die den Djihad als „heiligen Krieg“
propagierten und praktizierten. So trat in Galiläa seit Oktober 1929 die isla­
mische Gruppe „Grüne Hand“ auf, die jüdische Siedlungen angriff, bis sie 1931
von den Briten liquidiert wurde. Im August dieses Jahres bildete sich die Orga­
nisation „Heiliger Krieg“ unter der Führung von Abd el-Qadir el-Husseini,
eines engen Verwandten des Mufti, die Ende 1934 im Untergrund 400 Jugend­
liche militärisch trainierte. Andere Gruppen, wie die „Jungen Rebellen“, ope­
rierten 1935 im Raum von Nablus und Tulkarm. Sie entstanden gewöhnlich auf
Initiative von örtlichen Führern der Istiqlal-Partei oder des „Vereins Musli­
mischer Junger Männer“. Unklar bleibt, wieweit der Mufti diese Banden be­
reits damals zumindest im geheimen unterstützte.58
Überaus relevant für diese Prozesse der ideologischen Aufladung und Radi­
kalisierung der Handlungsmuster war auch das Treiben des islamischen Fun­
damentalisten Izz al-Din al-Qassam – bis heute der Namenspatron jener Kom­
mandos der Hamas, die Selbstmordattentate auf Israelis verüben. Als Imam in
Haifa war er 1928 an der Gründung des „Vereins Muslimischer Junger Män­
ner“ beteiligt, erklärte den Djihad zur individuellen Pflicht jedes Gläubigen
und verkündete das Ideal des Märtyrers (Shahid), der sich für die Sache des
Islam opfert und dafür im Paradies entschädigt wird. Idealer Ausgangspunkt
der Agitation und der daraus resultierenden Rekrutierung von Mitstreitern
war seine Moschee, deren Innenraum von den Briten gemieden wurde. Im No­

55 Schiller, S. 95 ff.; Elpeleg, S. 34 ff.; Krämer, Geschichte, S. 299 ff.; Porath, Movement,

S. 62 ff.
56 Kolinsky, Law, S. 170 f.
57 Krämer, Geschichte, S. 301.
58 Ebd., S. 302 f.; Elpeleg, S. 37 ff.; Porath, Movement, S. 118 ff.
24 Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas

vember 1935 entschied al-Qassam, daß die Zeit reif für einen Aufstand sei, und
ging mit einem Teil seiner Gruppe in die Berge. Nachdem sie in Nordsamaria
einen jüdischen Polizisten ermordet hatten, wurden sie von einer britischen
Patrouille gestellt und erschossen. Al-Qassams Beisetzung wurde zum Tri­
umphzug, sein Grab zum Wallfahrtsort.59 Daß ein Terrorist dieses Schlages
auch nach dem 11. September 2001 in der wissenschaftlichen westlichen Lite­
ratur noch als „Märtyrer“ bezeichnet wird, der „für seinen Glauben und die
palästinensische Sache“ Zeugnis abgab,60 kann nur mit einer Mischung aus
Blindheit und unkritischer Verliebtheit jener Autoren in ihren Gegenstand er­
klärt werden. Und auch die Charakterisierung „a deeply religious shaykh and a
man of integrity, social concern, and eloquence“ geht meilenweit an der Reali­
tät vorbei.61 Denn indem al-Qassam das Konzept des Djihad, das bisher als
„gottgefällige Anstrengung“ relativ begriffsoffen gewesen war, auf den Krieg
gegen die ,Ungläubigen‘ reduzierte und diese militante Interpretation zur ver­
bindlichen Auslegung des Koran erklärte, verschloß er die Toleranzpotentiale
einer großen Weltreligion und öffnete sie zur spirituellen Bemäntelung jed­
weder Gewalt. Etliche der übrig gebliebenen Qassamiten sollten in dem bald
darauf ausbrechenden arabischen Aufstand konsequenterweise eine wesent­
liche Rolle spielen.62
Der Zeitpunkt des Beginns dieser eigentlich ersten Intifada war mit Bedacht
gewählt. Großbritanniens demonstrative Schwäche in der Abessinienkrise und
bald darauf auch in Spanien, der Aufstieg Japans und Deutschlands sowie die
sich formierende Achse Berlin-Rom führten die Verletzlichkeit des Empire vor
Augen und deuteten auf eine Kräfteverschiebung auch im Nahen und Mitt­
leren Osten hin.63 Daß zudem mit Deutschland erstmals ein westlicher Staat
die Juden für vogelfrei erklärt hatte, machte deren Schutzlosigkeit bewußt und
setzte zusätzliche Motivationen frei.64 Der eigentliche Anlaß des Aufstandes
war geradezu beliebig: Am 15. April 1936 erschossen Araber zwei jüdische
Siedler. Zur Vergeltung starben in der folgenden Nacht zwei Araber von jüdi­
scher Hand. Zwischenfälle dieser Art hatten sich bereits dutzendfach ereignet,
ohne daß sie zu flächendeckenden Unruhen geführt hätten. Diesmal aber un­
terschied sich die Reaktion. Am 19. des Monats wurden neun Juden von Ara­
bern in Jaffa getötet,65 und am 25. wurde Sir Arthur Wauchope, Chancellors

59
Schleifer, S. 61 ff.; Lachman, S. 59 ff.; Nafi, Shaykh, S. 185 ff.; Segev, S. 301 ff.
60
Krämer, Geschichte, S. 302, 307.
61 Mattar, The Mufti of Jerusalem and the Politics, S. 234.
62 Lachman, S. 78 ff.
63 DGK Jerusalem an AA v. 12.2.1936, PAAA, R 78338; vgl. Wirsing, S. 152; Sheffer,

Principles, S. Ulf.; Pratt, S. 12 ff.


64 O’Brien, S. 129.
65 Cohen, Palestine, S. 10.
Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas 25

Nachfolger als High Commissioner, von der Nachricht überrascht, daß sich alle
sechs arabischen Parteien zu einem Obersten Arabischen Komitee unter dem
Vorsitz des Mufti zusammengeschlossen und den Generalstreik verkündet hät­
ten. Der neue Verbund forderte ein Ende der jüdischen Einwanderung, das
Verbot der Landverkäufe an Juden und die Bildung einer arabischen Regie­
rung.66 Die außerhalb dieses islamischen Konsenses stehenden Kommunisten
erklärten sofort ihre bedingungslose Unterstützung.67
Daß angeblich „die Angst vor einer massiven Aufrüstung der Juden, der sie
selbst nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hatten“, die majoritären Araber
zu diesem Schritt bewegt habe,68 wurde in der Folgezeit eindrucksvoll wider­
legt. Auch die Meldung eines deutschen V-Mannes von Ende 1935, wonach nur
noch „peripherische Metzeleien an entlegenen Stützpunkten der jüdischen Ko­
lonisation, die weder für die Haganah [die jüdische Verteidigungsorganisation]
noch für das Militär in hinreichend schnellem Maße erreichbar sind“, für die
Araber möglich seien,69 sollte durch den Aufstand selbst bald überholt werden.
Denn der Generalstreik schlug sofort in eine landesweite bewaffnete Revolte
mit zunächst antijüdischer, dann zunehmend auch antibritischer Stoßrichtung
um. Die muslimischen Funktionäre riefen die Bevölkerung im Namen des Is­
lam auf, sich den Rebellen anzuschließen und zum Aufstand überzugehen.
Heckenschützen schossen von strategischen Punkten auf Patrouillen, Passan­
ten und Fahrzeuge. Britische Polizeistationen wurden gestürmt, Telephon- und
Telegraphenleitungen gekappt, Straßen und Eisenbahngleise durch Minen zer­
stört. Die Araber griffen jüdische Siedlungen an, verwüsteten deren Felder und
Plantagen, fällten Frucht- und Obstbäume und schlachteten das Vieh ab.70 Ver­
stärkung erhielten die bäuerlichen Banden bald schon durch Guerillas aus
Syrien und dem Irak, die unter dem Rebellenführer Fauzi el-Kawukschi in Pa­
lästina aktiv wurden.71 Djihad und Paramilitarisierung wurden nunmehr end­
gültig zum Signum des palästinensischen Nationalismus.72
Als der Generalstreik am 12. Oktober 1936 durch Vermittlung der ara­
bischen Regierungen abgebrochen wurde,73 hatte er 306 Tote und 1.322 Ver­
wundete gefordert. Auf die Zivilbevölkerung entfielen 277 Tote: 187 Muslime,

66 Schiller, S. 106 f.; Porath, Movement, S. 162 ff.; Kalkas, S. 241 ff.
67 Flores, S. 281 ff.; Jorda, Araber-Aufstand, S. 203.
68 Krämer, Geschichte, S. 308.
69 Aufklärungs-Ausschuß Hamburg-Bremen an AA v. 28.11.1935, PAAA, R 78338.
70 Hurewitz, S. 67 ff.; O’Brien, S. 131 ff.; Porath, Movement, S. 166 ff.; Krämer, Ge­

schichte, S. 316 ff.


71 DG Bagdad an AA v. 17.12.1936, PAAA, R 102806; Jorda, Fauzi, S. 261 ff.; Arnon­

Ohanna, S. 234 ff.; Swedenburg, Role, S. 190 ff.


72 Schiller, S. 111 ff.
73 Rose, S. 213 ff.; Cohen, Palestine, S. 18 ff., 25 ff.; Sheffer, Involvement, S. 63 ff.
26 Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas

Abb. 1. Abtranport eines von arabischen Terroristen erschossenen Passanten, Tel Aviv
1936.

80 Juden und 10 Christen; Militär und Polizei hatten 29 Tote zu beklagen.74


Obwohl Mitte Oktober wieder relative Ruhe in Palästina einkehrte, schien
ein Wiederaufleben der Revolte jederzeit möglich. Eine Entwaffnung der Re­
bellen erfolgte nicht, der Einfluß des Obersten Arabischen Komitees wurde
nicht geschmälert, die Position des Mufti blieb unangetastet.75 „Der Waffen­
schmuggel über die Landgrenzen ist sehr rege und dürfte zu einer reichlichen
Versorgung der Bevölkerung führen“, berichtete der deutsche Generalkonsul
Dr. Walter Doehle Anfang 1937. „Die Lage in Palästina läßt sich dahingehend
charakterisieren, daß in der Zeit seit Abblasen des Streiks die Terrorakte
(Überfälle auf den Landstraßen und auf Siedlungen) zu keinem Zeitpunkt ganz
aufgehört haben, daß nur bei einem Vergleich mit dem Höhepunkte des Auf­
ruhrs in den Sommermonaten, wo es sich um regelrechte Gefechte handelte,
ein Nachlassen zu verzeichnen ist, man aber in der ganzen Zeit von einer Si­

74 Ber. Auslandsdienst/AA v. 19.1.1937, PAAA, R 104786.


75 Schechtman, S. 51.
Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas 27

cherheit im Lande nie sprechen konnte.“76 „Ein bewaffneter Waffenstillstand


war die beste Beschreibungsform der Situation“, ironisierte General Sir John
Dill, der Oberkommandierende der britischen Truppen in Palästina, die Lage
gegenüber dem Kriegsministerium.77
Es hatte sich herausgestellt, daß die ,Friedensorganisation‘ der Mandats­
macht, zu der die aus Briten, Arabern und Juden bestehende Palestine Police
Force, die Transjordan Frontier Force sowie zwei Infanteriebataillone zählten,
bereits damit überlastet gewesen war, Demonstrationen und Ausschreitungen
in den Städten zu verhindern. Und jedermann war klar, daß sich die arabische
Polizei, die in den dominant arabisch besiedelten Landesteilen das Rückgrat
der Sicherheitsorgane stellte, als unzuverlässig erwiesen hatte, weil die Beam­
ten den Repressalien der Rebellen ausgeliefert waren und als Kollaborateure
und Verräter‘ bevorzugte Attentatsziele darstellten.78 Zugleich hatte sich al-
Qassams Schatten düster über das Land gelegt. Der antijüdische Kampf war
zur religiösen Pflicht verklärt und darüber hinaus der Palästinakonflikt in einen
panislamischen und panarabischen Kontext gestellt worden.79 Darüber hinaus
stand nunmehr die offene Vernichtungsdrohung gegen den Jischuw im Raum:
„Solange die Juden ein Nationales Heim in Palästina errichten wollen, ist hier
ein friedliches Leben unmöglich“, hatte das Oberste Arabische Komitee er­
klärt. „Wenn einmal die Engländer die Hand von diesem Lande wegnehmen,
werfen und jagen wir sämtliche Juden in einem Anstürme ins Meer hinein!“80
Am 8. August 1936 bestellten die Briten wieder einmal eine Untersuchungs­
kommission unter dem Vorsitz von Lord William Robert Peel, die jedoch we­
gen der anhaltenden Unruhen erst drei Monate später ihre Reise nach Palästi­
na antreten konnte. Auch ihr gegenüber nahm der Mufti kein Blatt vor den
Mund: „Geben Sie uns die Selbständigkeit, und wir werden schon selbst mit
den Juden fertig werden!“81 Als er gefragt wurde, ob man diese eingliedern
oder assimilieren könne, antwortete er schlicht mit einem „Nein“. Sollten die
Juden dann also ausgewiesen oder „irgendwie entfernt“ werden, lautete die
nächste Frage. „Das müssen wir alles der Zukunft überlassen**, meinte da der
Mufti, und el-Hadi, der Führer der Istiqlal-Partei, antwortete vielsagend: „Dies
ist keine Frage, die hier entschieden werden kann.“ Und er zögerte auch nicht,
das Dritte Reich als Kronzeugen heranzuziehen: Wenn 60 Millionen Deutsche
die Anwesenheit von 600.000 Juden nicht ertragen könnten, wie könne man da

76 DGK Jerusalem an AA v. 17.2.1937, PAAA, R 104791.


77 Schiller, S. 137.
78 Ebd., S. 123.
79 Küntzel, Djihad, S. 40.
80 Jorda, Araber-Aufstand, S. 196 f.
81 Ebd., S. 296; vgl. Jbara, S. 154 ff.; Schechtman, S. 51 ff.
28 Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas

von den Arabern erwarten, daß sie sich mit der Anwesenheit von 400.000 Juden
in einem viel kleineren Land abfinden sollten?82
Diesen letztlich in Andeutungen zum Massenmord gipfelnden Lösungs­
varianten des Konflikts wollte sich die Kommission eingedenk der Balfour-De­
klaration nicht anschließen. Statt dessen machte sie in ihrem am 7. Juli 1937
veröffentlichten Bericht einen geradezu revolutionären Vorschlag. Sie erkann­
te sowohl Juden wie Araber als „nationale Gemeinschaften“ an, deren Gegen­
satz sich jedoch als unüberbrückbar erwiesen habe. Da eine Einigung in abseh­
barer Zeit höchst unwahrscheinlich sei, stelle das Festhalten an einem
„palästinensischen Staatsbürgertum“ eine „verderbliche Illusion“ dar: „Weder
Araber noch Juden haben irgendein Gefühl von Verpflichtung für einen ein­
heitlichen Staat.“83 Eine Kantonisierung nach Schweizer Muster gehe darum
nicht weit genug. Frieden sei nur möglich bei einer Teilung Palästinas und der
Bildung zweier unabhängiger Staaten, eines jüdischen und eines arabischen.
Die Kommission schlug darum die Aufspaltung des Landes in drei Zonen vor:
einen jüdischen Staat mit der Küstenebene von Tel Aviv bis Akko sowie Gali­
läa, ein britisches Restmandatsgebiet mit den heiligen Stätten in Jerusalem und
Bethlehem sowie einem schmalen Korridor zum Mittelmeer und schließlich
einen arabischen Staat mit Restpalästina und Transjordanien. „Dadurch be­
kommt keine Partei, was sie will“, schloß die Kommission, „aber jede bekommt
das, was sie vor allem anstrebt, nämlich Freiheit und Sicherheit.“84
Der Peel-Plan bedeutete zwar eine radikale Abkehr von den fragwürdigen
bisherigen Mustern der Konfliktaustragung, doch er fand nur wenige Freunde.
Vor dem Oberhaus brachte der erste High Commissioner in Palästina, nun­
mehr Viscount Herbert Samuel, jene Argumente gegen ihn vor, die auch von
vielen anderen britischen Politikern geteilt wurden: In dem geplanten jüdi­
schen Staat würden neben 258.000 Juden 225.000 Araber leben; umgekehrt gä­
be es eine Fülle jüdischer Enklaven im künftig arabischen Teil des Landes.
Einen Bevölkerungstausch – wie gut zehn Jahre zuvor zwischen Griechenland
und der Türkei – schloß Samuel wegen seiner Härten kategorisch aus. Der
Peel-Plan, so prophezeite er pointiert, würde in einem Land von der Größe
von Wales de facto ein Saargebiet, einen polnischen Korridor und ein halbes
Dutzend Danzigs und Memels schaffen.85 Auf dem 20. Zionistenkongreß Mitte
August 1937 in Zürich kritisierte Weizmann die Beschränktheit des jüdischen
Territoriums. Er erklärte aber auch, daß die Juden nur eine Wahl hätten: „Ent­

82
Laqueur, S. 536 f.
83
Krämer, Geschichte, S. 327.
84 O’Brien, S. 142; vgl. Hurewitz, S. 72 ff.; Porath, Movement, S. 220 ff.; Krämer, Ge­

schichte, S. 325 ff.


85 Laqueur, S. 539.
Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas 29

weder eine Minderheit im ganzen Palästina oder eine kompakte jüdische


Mehrheit in einem Teil Palästinas zu werden“.86 Signalisierte dies eher zähne­
knirschende Zustimmung, so lehnten das Oberste Arabische Komitee und der
Mufti den Teilungsplan umgehend „auf das schärfste“ ab. Sie kritisierten ins­
besondere, „daß die Auffassung der britischen Regierung ein großer Fehler ist,
nämlich, daß die Araber und Juden zwei streitende Parteien sind, die beide
gleiche Rechte haben“.87 Darüber hinaus besaß el-Husseini einen ganz persön­
lichen Grund für die schroffe Abweisung der Vorschläge. Eine Vereinigung
von Restpalästina mit Transjordanien hätte das Ende seiner politischen Macht
und den Triumph seines Feindes, des Emirs Abdallah in Amman, bedeutet.
Unmittelbar nach Bekanntwerden des Peel-Planes flammte der Araberauf­
stand in Palästina wieder auf. Am 26. September 1937 wurde mit Lewis An­
drews, dem District Commissioner von Galiläa, erstmals ein höherer britischer
Beamter ermordet. Diese Provokation beantwortete das United Kingdom mit
einer erheblichen Verschärfung der Gangart. In der Nacht zum 1. Oktober ver­
haftete die Polizei mit Ausnahme des Mufti sämtliche Mitglieder des Obersten
Arabischen Komitees, deportierte sie auf die Seychellen und löste das Komitee
samt aller Untergliederungen auf. Zudem wurde el-Husseini, der sich schon
seit Juli auf dem Gelände des Haram ash-Sharif versteckt hielt, seiner Position
als Präsident des Obersten Muslimischen Rates und des Waqf enthoben; in den
Haram indes wagten die Briten nicht einzudringen. Am 12. Oktober floh er als
Beduine verkleidet aus Jerusalem in den Libanon und baute im Beiruter Exil
neue Kommandostrukturen auf,88 während die dortige französische Mandats­
macht erklärte, der Palästinakonflikt „n’est pas notre affaire“.89 „Es wird je­
doch befürchtet, daß nach Verhaftung der bisherigen anerkannten Führer, die
teilweise einen mäßigenden Einfluß auf die radikalen Elemente auszuüben ver­
suchten, die Leitung der nationalarabischen Bewegung an lokale Terrororgani­
sationen übergehen wird, die den Kampf gegen Juden und Engländer mit den
Mitteln des individuellen Terrors durchzuführen entschlossen sind“, prophe­
zeite der stellvertretende deutsche Generalkonsul Herbert Dittmann damals.
„Daß derartige, über wenige, aber zu allem entschlossene Mitglieder verfügen­
de Organisationen bestehen, kann kaum in Zweifel gezogen werden.“90
Kurz zuvor fand vom 8. bis 10. September im syrischen Bludan eine panara­
bische Konferenz statt, die die Wiederaufnahme der Gewalt befürwortete, ent­
sprechende Waffenkäufe im Ausland organisierte91 und zugleich eine offene

86 DGK Zürich an DG Bern v. 19.8.1937, PAAA, R 104788.


87 Memorandum des Obersten Arabischen Komitees v. 23.7.1937, ebd., R 104789.
88 Elpeleg, S. 47 ff.; Jbara, S. 163 ff.
89 Laurens, S. 68.
90 DGK Jerusalem an AA v. 5.10.1937, PAAA, R 104788.
91 Dto. DGK Beirut v. 16.10.1937, ebd., R 104789; Kedourie, Bludan, S. 107 ff.
30 Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas

Abb. 2. Der Philosoph Martin Buber besteigt in Tel Aviv einen gepanzerten Autobus für
eine Fahrt ins Landesinnere, 1937.

Drohung aussprach: Großbritannien müsse wählen zwischen seiner Freund­


schaft zu den Arabern und der zu den Juden. Es müsse den Teilungsplan zu­
rückziehen, „or we shall be at liberty to side with other European Powers
whose politics are inimical to Great Britain“.92 Diese Erpressung, die ein Jahr
später auf einer weiteren Konferenz in Kairo wiederholt wurde,93 sollte ihre
Wirkung in London nicht verfehlen. Zunächst aber wurden die Briten mit einer
seit dem 14. Oktober rapide ansteigenden Gewaltwelle in Palästina konfron­
tiert, die das Vorjahr noch in den Schatten stellte.94 „Oft verschwinden ganze
englische Patrouillen spurlos“, beobachtete Franz Schattenfroh. „Fast auf allen
Straßenzügen Palästinas begegnet man immer wieder verkohlten Resten von
Autobussen und Kraftwagen aller Art, die durch Schüsse in die Reifen ange­

92
Marlowe, S. 145 f.
93
Ebd., S. 151 f.
94 DGK Jerusalem an AA v. 22.10.1937, PAAA, R 104789; vgl. Krämer, Geschichte,

S. 332 ff.; Hurewitz, S. 81 ff.; Nevo, Activity, S. 178 ff.; Kolinsky, Collapse, S. 153 ff.; Lesch,
S. 221 ff.; Porath, Movement, S. 233 ff.
Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas 31

halten und sodann mit Mann und Maus verbrannt oder auch durch Bomben
gesprengt worden waren.“95 Über die Methoden der „arabischen Freischärler“,
wußte Schattenfroh, der diesbezüglich anscheinend intime Kenntnisse besaß,
ebenfalls Details zu berichten: „Von diesen Hauptquartieren und den Unter­
führungen aus werden dann auch alle Überfälle, in letzter Zeit vor allem auf
jüdische Hilfspolizisten, organisiert, und es ist bemerkenswert, daß seit drei
Jahren auch nicht einer der Attentäter auf frischer Tat ertappt werden konnte.
Dabei werden solche Überfälle durchweg am hellichten Tage und mitten im
Trubel des Verkehrs durchgeführt. Meist kommt der Täter ganz harmlos daher;
ihm folgt eine verschleierte Frau oder ein Bub, die ihm im letzten Augenblick
die Waffe reichen, um sie nach Abschuß wieder an sich zu nehmen und zu
verschwinden. Bei der nun folgenden Durchsuchung des ganzen Viertels kann
so bei keinem männlichen Araber eine Waffe gefunden werden.“96 Vor Leibes­
visitationen arabischer Frauen scheuten die Briten zurück, und Kinder konnten
sowieso überall durchschlüpfen.97
„Die Politik der harten Hand hat keine Erfolge gezeigt“, berichtete Doehle
Ende 1937. Obwohl die Briten das Kriegsrecht verhängten und Häuser spreng­
ten, aus denen geschossen worden war, entwickelten sich die Unruhen „wieder
zu Bandenkämpfen“, und der Generalkonsul prognostizierte: „In der ara­
bischen Bevölkerung ist durch das scharfe Vorgehen der Mandatsregierung
ein Fanatismus und Haß hochgezüchtet, der noch schwere Folgen haben dürf­
te.“98 Insgesamt forderte das zweite Jahr des Aufstandes 97 Tote: 32 jüdische
Zivilisten, 21 Angehörige der Mandatsmacht und der Sicherheitsorgane sowie
44 arabische Zivilisten, deren Tod mehrheitlich aus Terroraktionen der Gue­
rillas resultierte.99 Zugleich aber begann das United Kingdom vom Peel-Plan
abzurücken. In den acht Monaten bis Ende März 1938 wurde die Einwan­
derungsquote auf 8.000 beschränkt. „Die nach England zurückkehrenden Be­
amten machen keinen Hehl daraus, daß sie bei Weiterverfolgung der bisheri­
gen Politik keinerlei Lust für eine weitere Mitarbeit im Lande haben, die sie
der Gefahr aussetzt, ihr Leben für eine projüdische Lösung aufs Spiel zu set­
zen“, beobachtete Berlins Vertreter in Jerusalem. Weiter berichtete er: „Aus
den Zeitungsmeldungen aus England kann man den Eindruck gewinnen, daß
die projüdische Agitation in Parlament und Presse dazu geführt hat, daß sich
jetzt auch mehr Stimmen zu Gunsten der arabischen Seite und der Durchfüh­
rung einer wirklichen Kolonialpolitik bemerkbar machen.“100

95 Schattenfroh, S. 53 f.
96 Ebd., S. 61, 64.
97 Krämer, Geschichte, S. 334.
98 DGK Jerusalem an AA v. 29.12.1937, PAAA, R 104789.
99 Schiller, S. 163.
100 DGK Jerusalem an AA v. 29.12.1937, PAAA, R 104789.
32 Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas

Doehle lag mit seiner Voraussage völlig richtig. Noch im Dezember 1937
warf Premierminister Neville Chamberlain seine Autorität zugunsten der Poli­
tik des Außenministeriums in die Waagschale. Damit erhielt die neue Kommis­
sion unter Sir John Woodhead, die im Januar 1938 damit beauftragt wurde, vor
Ort die Peel’schen Teilungspläne zu überprüfen, die Option mit auf den Weg,
diese gegebenenfalls gänzlich zu verwerfen. Das Gremium, das sich von Ende
April bis Juli in Palästina aufhielt, wurde von den Arabern vollständig boykot­
tiert, war sich der Bedeutung seiner Mission jedoch bewußt. In ihrem am 9. No­
vember vorgelegten Bericht konzedierte die Woodhead-Kommission die Un­
möglichkeit der Ausarbeitung eines realistischen Teilungsplanes angesichts der
arabischen Opposition: Die beiden vorgeschlagenen Staatsgebilde seien zu
klein, um wirtschaftlich überleben zu können. Ein jüdischer Staat, der nur we­
nige Araber inkludieren, zugleich jedoch groß genug sein würde, weiteren Ein­
wanderern Platz zu bieten, könne nicht geschaffen werden. Bevölkerungstrans­
fers würden die Lage nur noch weiter verkomplizieren. Damit hielt die
britische Regierung eine vernichtende Kritik des Peel-Planes in Händen.101 In
dieser Hinsicht bereits ausreichend vorbereitet, veröffentlichte sie noch im sel­
ben Monat ein Weißbuch, in dem eine auf dem Teilungsprinzip basierende
Lösung des Palästinakonflikts verworfen und damit eine Position eingenom­
men wurde, die bis 1947 Gültigkeit behalten sollte. Während die Regierung
Chamberlain den Peel-Plan als „impracticable“ ablehnte, erklärte sie gleich­
zeitig, daß der Friede nur durch eine Verständigung zwischen Juden und Ara­
bern hergestellt werden könne.102
Diese Einsicht von Ende 1938 war um so erstaunlicher, weil gerade das lau­
fende Jahr den Gipfelpunkt des blutigen Terrors gebracht hatte. Damals wur­
den 206 jüdische Zivilisten getötet, 175 Angehörige der Mandatsmacht und der
Sicherheitsorgane sowie 454 arabische Zivilisten.103 Die Briten notierten zu­
sätzlich zu diesen 835 Ermordeten den Tod von 1.138 bewaffneten arabischen
Guerillas.104 „Mit Ausnahme einzelner Städte, wie Jerusalem, Haifa, Tel Aviv,
sind die Aufständischen heute Herren im Lande“, berichtete Dittmann Mitte
September 1938 nach Berlin. „Den zunächst zahlenmäßig nicht sehr starken
aufständischen Arabern ist es gelungen, mehr oder weniger das gesamte ara­
bische Volk Palästinas auf ihre Seite zu ziehen. Die Mittel, die angewandt wur­
den, um dieses Ziel zu erreichen, waren entsprechend dem orientalischen Cha­
rakter und Fanatismus der Aufständischen oft recht grausam, denn es wurde
nicht nur mit der Waffe der Propaganda, sondern in weitem Umfange mit

101 Cohen, Palestine, S. 41 ff.; ders., Direction, S. 244 ff.


102 Laqueur, S. 544.
103 Schiller, S. 163.
104 The Times v. 2.1.1939; Stewart, Relations, S. 90.
Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas 33

schärfstem persönlichen Terror gearbeitet, der vor Fememorden nicht zurück­


schreckte. Rücksichten auf Alter, Gelehrsamkeit und frühere Verdienste wur­
den nicht genommen. Jeder, der sich nicht rückhaltlos auf die Seite der Kämp­
fer für die Freiheit Palästinas stellte, sondern im Verdacht stand, den
Engländern in die Hände zu arbeiten, sei er Beamter im Dienst der Mandats­
regierung, sei er mohammedanischer Geistlicher oder ein einfacher Fellach,
verfiel dem Femespruch der Aufständischen und wurde ermordet.“ So fand
man etwa bei Jaffa zwei tote Araber, „von denen einem das Herz aus dem
Leibe gerissen und dem zweiten die Kehle durchgeschnitten und die Zunge
durch die Kehle gezogen war“. Beiden waren Plakate angeheftet mit der In­
schrift: „So behandeln wir die Verräter an der nationalen Sache.“ Zudem seien
Scharia-Gerichte im Untergrund gebildet worden, die über „Straftaten“ in den
eigenen Reihen und „über das Schicksal von entführten jüdischen Geiseln ent­
scheiden“. Die Konsequenzen lagen für Dittmann klar auf der Hand: „Diese
Mittel haben aber ihren Zweck nicht verfehlt. Die Aufständischen können heu­
te mit Recht behaupten, daß sie nicht fanatische Einzelgänger, sondern Träger
einer Volksbewegung sind.“ Und mehr noch: „Die Araber fühlen und erleben
an sich zum ersten Mal, daß es einem geeinten, fanatischen Volk möglich ist,
auch den bisher für unverletzlich gehaltenen Engländern ihren Willen auf­
zuzwingen.“105
„Bei den Arabern ist eine gewisse Enttäuschung darüber bemerkbar, daß die
Verständigung in München den europäischen Konflikt, auf den sie seit Jahren
hofften, friedlich gelöst hat“, kommentierte Doehle einen Monat später die
Reaktion auf die Konferenz zur vorläufigen Entspannung der Sudetenkrise im
Oktober 1938,106 attestierte jedoch gleichzeitig eine „weitere Verschärfung der
Lage“ im Nahen Osten: „Die Aktivität der Aufständischen hat dazu geführt,
daß die Mandatsregierung die größte Zahl von Polizeistationen, Verwaltungs­
stellen und Gerichten im aufständischen Gebiet aufgehoben hat. Ohne Über­
treibung kann man behaupten, daß zurzeit die Aufständischen den größten Teil
Palästinas beherrschen und sie auch auf die sich im englischen Herrschafts­
gebiet befindlichen Araber volle Gewalt ausüb[en]. [...] Man spricht von einer
Tag- und einer Nachtregierung, wobei aber festzustellen ist, daß die sogenannte
arabische Nachtregierung den größten Teil Palästinas auch bei Tag beherrscht
und sie selbst in Jerusalem bei Tag Strafmaßnahmen durchführt und durch ihre
Beauftragten Verdächtige aus der Stadt herausholt.“107 Der deutsche Konsul in
Haifa berichtete einen Monat später, daß „landfremde arabische Banden [...]
bis vor kurzem abends die hiesigen jüdischen Siedlungen überfielen, brand­

105 DGK Jerusalem an AA v. 14.9.1938, PAAA, R 104790.


106 Dto. v. 11.10.1938, ebd.
107 Dto. v. 20.10.1938, ebd., R 104789; vgl. Lesch, S. 222 ff.
34 Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas

Abb. 3. Die Frau eines von arabischen Terroristen ermordeten jüdischen Hilfspolizisten
vor der Bahre ihres Mannes, 1938.

schätzten und dabei auch Frauen und Kinder niedermachten“. Er erwähnte


auch, daß „seit etwa 10 Tagen in Haifa regelmäßig täglich einzelne jüdische
Arbeiter auf ihren Arbeitsstätten und auf der Straße niedergeschossen worden
[sind], ohne daß ein Täter hätte ergriffen werden können“.108 Während dieser
Zeit verheerten die Araber ständig bebautes jüdisches Land; Schätzungen be­
liefen sich auf 200.000 zerstörte Bäume.109
Trotz ihrer hohen Opfer waren die Juden Palästinas nicht die einzigen Ziele
des arabischen Aufstandes. Denn diese suchte man auch in den eigenen Rei­
hen. Während zwischen 1936 und 1939 insgesamt 547 Juden durch den ara­
bischen Terror getötet wurden, fielen diesem gleichzeitig 494 Araber zum
Opfer – also eine annähernd gleichgroße Zahl.110 Kompromißbereitschaft ge­
genüber Juden und Briten, Parteigängerschaft mit den verbreitet als zu mode­

108 DK Haifa an AA v. 23.11.1938, PAAA, R 104790.


109 Sykes, Kreuzwege, S. 199.
110 Bowden, S. 147; Kolinsky, Collapse, S. 162.
Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas 35

rat abgelehnten Nashashibis, prowestliche Einstellungen, Blutrache oder


schlicht Geldgier bildeten dafür die Motivation. „Insbesondere hat die ara­
bische Geschäftswelt in Haifa unter dem Terror der Aufständischen gelitten“,
schilderte Dr. Wilhelm Melchers, der dortige deutsche Konsul, beispielhaft die
Situation im Norden. „Arabische Kaufleute, an deren Patriotismus nicht zu
zweifeln ist, haben Droh- und Erpressungsbriefe von den Aufständischen er­
halten, die sie teilweise zu Zahlungen veranlaßten, die über ihre Kräfte gingen.
Wehe dem, der nicht zahlt oder rechtzeitig flieht; insbesondere sind diejenigen
gefährdet, die als Gläubiger größere Ausstände haben. Sie haben in Mengen
Haifa verlassen und sind nach Syrien, Ägypten und Cypern geflüchtet. Alte
Fehden und Familienzwistigkeiten werden unter politischem Mäntelchen wie­
der aufgewärmt und durch Angeberei vor die in den Bergen tagenden Gerichte
der Aufständischen gezerrt. Die Verklagten werden dorthin zitiert oder ent­
führt und sind froh, wenn sie mit Geldbußen oder Beiträgen für die Aufstän­
dischen davon kommen. Die Zeit hat günstige Gelegenheit zur Erledigung von
Blutrache-Aktionen unter politischer Verbrämung geboten.“111 Doehle in Jeru­
salem sah das ganz ähnlich: „In Palästina dürfte es kaum einen angesehenen
Araber geben, der nicht schon von Beauftragten des arabischen Hauptquar­
tiers vernommen worden ist und je nach dem Ausfall der Untersuchung einen
Freibrief erhalten oder eine Verurteilung bezw. Verweisung des Landes erfah­
ren hat.“112 Ergänzend berichtete die „New York Times“ zeitgleich: „More
than 90 % of the casualties of the last few days have been inflicted by Arab
terrorists on Arabs.“113
Auch die deutschen Palästinareisenden jener Jahre bemerkten den innerara­
bischen Terror und kommentierten ihn begeistert als notwendige Begradigung
der eigenen Reihen. „Des weiteren bestehen arabische Gerichte, die ziemlich
ungeniert arbeiten und in allen Dingen des nationalen Kampfes und der natio­
nalen Ehre Recht sprechen.“ Beispielsweise gab die Führung der Rebellen „die
Losung aus, daß von der arabischen Bevölkerung, ganz besonders dringende
Fälle ausgenommen, überhaupt keine Pässe bei der englischen Behörde bean­
tragt werden dürfen. Wer sich an diese Losung nicht hielt, wurde gerichtet und
nicht selten am hellichten Tag und mitten auf der Straße erschossen“, hielt
Franz Schattenfroh fest.114 Und der Mufti-Biograph Kurt Fischer-Weth
schwärmte: „Ein Beamter sitzt trübsinnig im Dunkel der Felsenhöhle, die als
Gefängnis benutzt wird. Er hat wichtige Kenntnisse von amtlichen Vorgängen
nicht rechtzeitig an die Aufständischen weitergeleitet, weil er um seinen Posten

111 DK Haifa an AA v. 23.11.1938, PAAA, R 104790; Beispiele bei Schechtman, S. 73 ff.


112 DGK Jerusalem an AA v. 20.10.1938, PAAA, R 104789.
113 NYT v. 15.10.1938.
114 Schattenfroh, S. 63 f.
36 Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas

fürchtete. [...] Jetzt fürchtet er nicht um seinen Posten, sondern um seinen Kopf
... Ein Ladeninhaber sitzt in der hintersten Ecke der Höhle und rechnet, wäh­
rend ihm die Schweißtropfen auf der Stirn stehen. Er hätte früher rechnen
müssen. Als die Sammler der revolutionären Armee kamen, speiste er sie mit
Redensarten ab.“115 Da lebte wohl der alte SA-Mann im Autor wieder auf und
führte die Feder.
Durch den massiven, nach innen gerichteten Terror wurde eine Entwicklung
hin zur bürgerlichen Gesellschaft im arabischen Teil Palästinas jäh unterbro­
chen. Die arabische Sphäre entledigte sich des Rechtsstaats, koppelte sich vom
juristischen System der britischen Mandatsverwaltung ab und urteilte nach ei­
genem Gutdünken mit den Mitteln entgrenzter, schrankenloser Gewalt. Die
Aufständischen zwangen der Gesellschaft ihren Willen auf, ersetzten Gesetze
durch Willkür und schufen rechtsfreie Räume in den von ihnen ,befreiten‘ Zo­
nen. Die letzten Reste von Pluralität und Meinungsstreit verkamen und mach­
ten Erpressung und Einschüchterung, Zensur und Gesinnungsterror Platz.
Eine Überwachungs- und Denunziationsgesellschaft etablierte sich, die Jagd
machte auf die ,Feinde der Revolution‘ und ,unislamische‘ Abweichler. Politik,
Religion, persönliche Feindschaften, Clanfehden und ganz gewöhnliche Krimi­
nalität mischten sich zu einer bunt schillernden Melange.116 Während Rechts­
sicherheit, Menschenrechte und Individualität somit de facto abgeschafft wur­
den, triumphierte der Mufti im Exil. Der Aufstand gegen Juden und Briten bot
ihm immerhin auch die Gelegenheit, mit all seinen Widersachern im eigenen
Lager aufzuräumen, jene Palästinenser auszuschalten, die eine Zweistaatenlö­
sung befürworteten, die nicht auf Juden schießen, sondern mit ihnen verhan­
deln wollten.117 Arabische Intellektuelle aus Haifa baten el-Husseini damals
um eine Fatwa gegen die Morde, doch der lehnte rundweg ab.118
Wie tief der Gleichschaltungsterror griff, demonstriert die im August 1938
gewaltsam erzwungene neue Kleiderordnung für die arabische Bevölkerung.
„Es wurde plötzlich die Parole ausgegeben, daß jeder, der sich zur nationalen
Sache Palästinas bekenne, die gleiche Kopfbedeckung wie die Aufständischen
- Kaffieh und Agal (Kopftuch und doppelte Kordel) – tragen müsse“, berich­
tete Dittmann im September dieses Jahres. „Diesem Gebot hat sich die gesam­
te arabische Bevölkerung Palästinas – Mohammedaner wie Christen, Effendis
wie Fellachen – gebeugt, so daß heute die jahrhundertealte Kopfbedeckung der
städtischen Araber, der Tarbusch, ausnahmslos verschwunden ist und die Städ­

115 Fischer-Weth, S. 84 f.; ähnlich Jorda, Araber-Aufstand, S. 217, 302; Wirsing, S. 155.
116 Arnon-Ohanna, S. 244 ff.
117 Küntzel, Djihad, S. 152 f.
118 Elpeleg, S. 50.
Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas 37

te Palästinas ein äußerlich ganz verändertes Bild bieten.“119 Auch diese Anord­
nung wurde terroristisch durchgesetzt, wie Fischer-Weth süffisant festhielt: „In
einer baumbestandenen Straße der Altstadt von Jerusalem findet sie die Poli­
zei: zwei Araber, mit dem Gesicht auf dem Boden liegend, offenbar durch
Schüsse in den Rücken niedergestreckt, die Einschußstelle aber sorgfältig mit
jener bekannten Kopfbedeckung verdeckt, die man in Europa ,Fez‘, im Orient
jedoch ,Tarbusch‘ nennt. Einer der beiden Toten ist ein namhafter Rechts­
anwalt, der andere ein wohlhabender Hausbesitzer. Die Kugeln, an denen sie
verblutet sind, stammen weder aus jüdischen, noch aus britischen Schußwaffen
... Die beiden sind Araber, die von Arabern erschossen worden sind. Sie hatten
das Verbrechen begangen, die letzten Anweisungen des Generals der Freischa­
ren unbeachtet zu lassen, die wenige Tage zuvor an allen Ecken Jerusalems zu
lesen waren.“120
Parallel dazu erzwangen die Aufständischen von den Araberinnen – selbst
von den Christinnen unter ihnen – den Verzicht auf westliche Kleidung und die
Verschleierung ihrer Gesichter.121 Frauen, die sich weigerten, wurden als Hu­
ren beschimpft, und man riß ihnen die Hüte vom Kopf.122 Zugleich erinnerte sie
einer der wichtigsten Führer der Terroristen an die zu erwartenden Strafen,
falls sie auf ihrem „verwegenen Leichtsinn“ beharrten.123 Als der deutsche Pa­
lästinareisende Leopold von Mildenstein damals durchs Land fuhr, bot sich
ihm ein wenig schmeichelhaftes Bild: „Mir gegenüber sitzen einige Araberin­
nen. Die ganz alten sind nicht mehr verschleiert, obwohl man es gerade bei
ihnen begrüßen würde. Die anderen sind oft ein einziger Stoffballen.“124 Die
Durchsetzung des Schleierzwangs wird in der westlichen Forschungsliteratur
noch 2002 emphatisch verklärt. Gegen „Frauen der Jerusalemer Aristokratie“,
die „als Damen der Gesellschaft“ gern „europäisch gewandet und das Gesicht
frei“ spazierengingen, wird in geradezu islamistisch anmutender Argumenta­
tion eingewandt: „Gegen diese Zeichen der Verwestlichung (die jüdischen Pio­
nierinnen zeigten sich nach konservativem Empfinden halb nackt in der Öf­
fentlichkeit), gegen den Verfall der Sitten, für Moral und Anstand und in
diesem Zusammenhang auch für den Schleier sprachen sich islamische Gelehr­
te und Aktivisten vom Mufti und der Gesellschaft zur Förderung des Guten
und Verhinderung des Verwerflichen‘ bis zu Izz al-Din al-Qassam aus.“125 So

119 DGK Jerusalem an AA v. 14.9.1938, PAAA, R 104790; ähnlich Jorda, Araber-Auf­

stand, S. 405.
120 Fischer-Weth, S. 82 f.; ähnlich Schattenfroh, S. 64.
121 Swedenburg, Memories, S. 181 ff.; Segev, S. 402f.; Schechtman, S. 47f.
122 The Times v. 5.9.1938.
123 Swedenburg, Memories, S. 182.
124 Mildenstein, Land, S. 54.
125 Krämer, Geschichte, S. 338.
38 Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas

scheint das nicht unerhebliche Faktum, daß die Aufklärung im Islam bisher
schlicht nicht stattfand, bei manchen Arabisten keine Rolle zu spielen.
Zeitgleich zu dieser gewalttätig erzwungenen Unterwerfung unter das isla­
mistische Diktat vergrößerten sich die Risse im britisch-jüdischen Verhältnis.
Je näher der Krieg in Europa rückte, um so mehr wuchs in London die Neigung
zu einer Appeasement-Politik gegenüber den arabischen Staaten. Im Konflikt­
fall glaubte man deren Unterstützung oder zumindest deren wohlwollende
Neutralität zu benötigen, und man wußte natürlich, daß das britische Vorgehen
gegen den Araberaufstand in Palästina dafür das Haupthindernis bildete. Um
gute Beziehungen zu den Juden brauchte man sich hingegen nicht zu sorgen.
Ihrer war man sich sicher, denn im Kriegsfall blieb ihnen ja nur die britische
Seite. Die Option eines Bündnisses mit dem Dritten Reich stand ihnen nicht
offen, wohl aber den Arabern. Folglich minimierte sich hier die Rücksichtnah­
me, während sie gegenüber der arabischen Welt wuchs.126 Natürlich wußte man
in London um deren braune Affinitäten. Doch gerade dies förderte ein Ent­
gegenkommen und hemmte es keineswegs. Denn man kannte auch allzu gut
die strategische Grundsituation: Die Araber saßen genau auf der zentralen
Landbrücke nach Indien, dem Herz des Empire, oder aber am Mittelmeer,
dem kürzesten Seeweg dorthin. Genau an dieser Sollbruchstelle mußte ein Zu­
sammenstoß vermieden werden. Die Furcht um die Verteidigungsfähigkeit des
Empire im Falle eines neuen Weltkrieges wurde zum alles dominierenden Mo­
tiv.127
Als am 7. Februar 1939 im Londoner St. James Palace ein letzter britisch-ara­
bisch-jüdischer Verständigungsversuch zum Palästinakonflikt gestartet wurde,
war dies kaum mehr als Kosmetik. Alle Beteiligten wußten, daß der Teilungs­
plan längst vom Tisch war. Und sie ahnten, daß das in der Balfour-Deklaration
gemachte Versprechen ebenso zur Disposition stand wie eine künftige jüdische
Einwanderung. Es begann jene Politik, die Chamberlain am 20. April vor dem
Palästinaausschuß des Kabinetts folgendermaßen auf den Nenner bringen soll­
te: „Wenn wir schon eine Seite kränken müssen, dann lieber die Juden als die
Araber.“128 Selbst der deutsche Botschafter in London zeigte sich diesbezüglich
bei Beginn der Konferenz sehr sicher: „Das Wesentliche ist, daß alle Anzeichen
darauf hindeuten, daß das Palästinaproblem mit Unterstützung der Engländer
seine Lösung in arabischem Sinne finden wird.“129 Die Araber lehnten direkte
Verhandlungen mit den Juden ab, und keine der beiden Seiten zeigte sich an

126 Bethell, S. 37 ff.; O’Brien, S. 137 ff.; Segev, S. 476 ff.; Kedourie, Great Britain, S. 93-
170.
127 Cohen, Strategy, S. 157 ff.; Omissi, S. 14 ff.
128 Segev, S. 478; vgl. Zweig, Palestine, S. 206 ff.
129 DG London an AA v. 16.2.1939, PAAA, R 99387.
Djihad: Der arabische Kampf gegen die Juden Palästinas 39

einem binationalen Staat interessiert. Am 15. März bot die britische Regierung
den Parteien eine Reihe von endgültigen Vorschlägen an; beide jedoch wiesen
diese zurück. Am selben Tag marschierte die Wehrmacht in Rest-Tschechien
ein. Zwei Tage später ging die Konferenz ohne Ergebnis zu Ende.130
Am 17. Mai 1939 veröffentlichte His Majesty’s Government das Weißbuch
von Kolonialminister Malcolm MacDonald, dem Sohn des ehemaligen Pre­
mierministers, das den Palästinakonflikt ultimativ schlichten sollte und wäh­
rend des gesamten Zweiten Weltkrieges offiziell gültig blieb. Diese einseitige
Erklärung der britischen Regierung brachte für die Araber den günstigsten
Vorschlag seit Beginn des Mandats. Weder eine Teilung noch ein unabhängiger
jüdischer Staat waren mehr vorgesehen. Der Aufbau des „national home for
the Jewish people“ wurde für abgeschlossen erklärt. Binnen von zehn Jahren
sollte ein palästinensischer Staat mit arabischer Mehrheit seine Souveränität
erhalten. In den kommenden fünf Jahren durften nur noch 75 000 Juden ein­
wandern. Danach sollte eine weitere Immigration nur noch mit arabischer Zu­
stimmung möglich sein. Zudem wurde jüdischer Landerwerb in den dicht be­
siedelten arabischen Gebieten verboten. Die Regierung beabsichtige nicht, so
der Kernsatz des Weißbuchs, „Palästina gegen den Willen der arabischen Be­
völkerung des Landes in einen jüdischen Staat zu verwandeln“.131 Als das Un­
terhaus am 23. Mai darüber debattierte, erklärte Churchill sein Bedauern, „daß
sowohl die Balfour-Erklärung wie auch die Bedingungen, unter denen England
das Mandat erhalten habe, durch die Regierungsvorschläge verletzt würden“,
und verweigerte darum seine Zustimmung.132 Unterdessen jubelten die Araber
in Palästina, und erstmals brannte der Union Jack in Tel Aviv, da man das
Weißbuch dort als Kapitulation vor dem arabischen Nationalismus sowie als
Belohnung für den dreijährigen Aufstand ansah.133 Gleichwohl schrieb Weiz­
mann am 29. August, am Vorabend des Weltkrieges, an Chamberlain: „Die
Juden stehen Großbritannien bei und werden an der Seite der Demokratien
kämpfen.“134

130 Bethell, S. 61 ff.; O’Brien, S. 149 ff.; Laqueur, S. 544 ff.; Porath, Movement, S. 281 ff.
131 Hurewitz, S. 98 ff.; Cohen, Palestine, S. 66 ff.; Sykes, Kreuzwege, S. 213 ff.
132 DNB v. 23.5.1939, PAAA, R 99387.
133 Hurewitz, S. 108.
134 Weizmann, S. 253; zur deutschen Reaktion Longerich, S. 151, 154, 387.
2. Braune Affinitäten: Sympathien für das Dritte Reich
im Nahen und Mittleren Osten

Da man sich im Nahen Osten gleichfalls als Opfer der Pariser Vorortverträge
nach dem Ersten Weltkrieg wahrnahm, bewunderte man die Art und Weise,
wie Deutschland nach 1933 die „Fesseln von Versailles“ abwarf und eine Re­
naissance staatlicher Macht zelebrierte. Die wachsende Distanz zu den west­
lichen Demokratien und den von ihnen importierten Werten – Parlamentaris­
mus und Rechtstaatlichkeit, universalistische Menschenrechte und säkulare
Staatsverfassung, Meinungsfreiheit und Pluralismus – bereiteten im Orient
den Boden für Autoritarismus und eine mystische Verherrlichung der Nation
beziehungsweise des Volkes. Der offen propagierte Antisemitismus des Drit­
ten Reiches und die auf Konfrontation mit den Mandatarmächten steuernde
deutsche und italienische Politik bildeten zusätzliche Anziehungspunkte, die
die Achsenmächte als potentielle Verbündete für den arabischen Nationalis­
mus erscheinen ließen. Daß Deutschland – im Gegensatz zu Großbritannien,
Frankreich und Italien – nie Kolonialmacht im Nahen und Mittleren Osten
gewesen war, brachte ihm weitere Pluspunkte ein. Diese Perzeption beförderte
nicht nur den Aufstieg islamistisch-fundamentalistischer Bewegungen, sondern
auch die Bildung einer Vielzahl paramilitärischer und nach dem Führerprinzip
organisierter Parteien, die sich an den europäischen Modellen ausrichteten.1
Insbesondere die Person Hitlers besaß ein hohes Prestige in der arabischen
und darüber hinaus in der gesamten islamischen Welt. Seit seiner Machteinset­
zung erreichten ihn von dort Lobhudeleien wie diese: „Gott erhalte Sie. Täglich
bringe ich meine Gebete für Sie zu Gott. Die Nachricht über die Vaterlands­
liebe Ihrer Hoheit verbreitet die besten Gerüche in der ganzen Welt“, schrieb
ein Scheich aus Palästina. „Zu jeder Zeit bin ich bereit[,] Ihrer Regierung zu
dienen mit 100 reitenden Soldaten. Ich warte auf den Wink Ihrer Hoheit. [...]
Mögen Sie immer bleiben mein Herr.“2 Und aus Jerusalem erhielt er folgendes
Telegramm: „Die arabische Jugend Palästinas bittet höflichst den einzigen
Führer Deutschlands[,] den Verkauf der deutschen Schnellerschule samt ihren
Ländereien an die Juden zu verhindern, damit dieser Verkauf nicht zur Ver­

1 Vgl. Steppat, S. 271 ff.; Marston, S. 19 ff.


2 Rahal Scheiban an Hitler v. 18.7.1933, BAB, R 43 11/1420.
42 Sympathien für das Dritte Reich im Nahen und Mittleren Osten

judung des Heil[i]gen Landes beiträgt.“3 Eine irakische Zeitung vermerkte un­
ter der Überschrift: „Der einzig da stehende Mensch in Deutschland“:
„Deutschland muß stolz sein auf seinen Führer, und der Irak entbietet
Deutschland seine aufrichtigsten Glückwünsche und bewundert die deutsche
Nation und ihren Führer.“4 „Ist dieser Mann nicht von Gott berufen? Um das
deutsche Volk aus der Falle, die die Juden und ihre verschiedenen Organisatio­
nen, die diese im Namen der Menschlichkeit gegründet, zu retten. Diese jüdi­
schen Organisationen, nach außen scheinbaren Segen bringend, verfolgen in
Wahrheit vernichtende Ziele“, befand ein Dr. Zeki Kiram und fragte sich,
wann auch Arabien erwachen werde: „Jetzt sage ich, Arabien wird erwachen
an dem Tage, an dem Gott Arabien einen treuen, an seine Tat glaubenden
Mann schickt, der das Volk ruft, wie Hitler das deutsche Volk gerufen hat.“5
In diesem antisemitisch unterfütterten Führerkult zeichneten sich schon früh
mögliche Allianzen zwischen Islam und Nationalsozialismus, zwischen ara­
bischem Nationalismus und dem „neuen Deutschland“ ab.
Die Popularität Hitlers nahm nicht ab, sondern gewann noch an Intensität, je
näher der Weltkrieg an den Nahen und Mittleren Osten heranrückte. So er­
schienen seit 1938 Artikel in verschiedenen arabischen Zeitungen, in denen er
mit dem Propheten Mohammed gleichgesetzt wurde.6 „Seit Monaten ist die
Gesandtschaft von den verschiedensten Seiten darauf hingewiesen worden,
daß im ganzen Lande Geistliche auftreten, die zu den Gläubigen von alten
geheimnisvollen Weissagungen und Träumen sprechen, die dahin gedeutet
werden, daß in der Gestalt Adolf Hitlers der zwölfte Imam von Gott auf die
Welt gesandt worden ist“, berichtete Botschafter und SS-Brigadeführer Erwin
Ettel Anfang 1941 aus Teheran. „So ist völlig ohne Zutun der Gesandtschaft
eine mehr und mehr um sich greifende Propaganda entstanden, die in dem
Führer und damit in Deutschland den Retter aus aller Not erblickt. [...] Ein
Teheraner Bildverleger hat in seinem Verlage Bilder des Führers wie auch
Ali’s, des ersten Imams[,] hergestellt. Monatelang hingen diese großen Bilder
rechts und links an der Tür zu seinem Geschäft. Jeder Eingeweihte verstand
diese Nebeneinanderstellung. Es bedeutet: Ali ist der erste, Adolf Hitler der
letzte Imam.“ Die Vorteile dieser Sichtweise lagen für Ettel klar auf der Hand:
„Ein Weg, um diese Entwicklung zu fördern, wäre das klare Herausarbeiten
des Kampfes Mohammeds gegen die Juden in alter und den des Führers in
jüngster Zeit. Verbindet man hiermit eine Gleichsetzung von Briten und Juden,
so wird eine außerordentlich wirksame antienglische Propaganda in das schii­

3 Notiz AA v. 27.7.1935, ebd.


4 DG Bagdad an RMVP v. 25.8.1934, ebd.
5 Kiram, S. 60.
6 Höpp, Koran, S. 444.
Sympathien für das Dritte Reich im Nahen und Mittleren Osten 43

tische iranische Volk getragen.“7 Nationalsozialistischer Antisemitismus ließ


sich so in die Geschichte zurückverlängern, religiös legitimieren und hand­
lungsorientierend für die Gegenwart nutzen.
Als das Deutsche Reich 1940 Frankreich bezwungen hatte, wurde bei Mas­
sendemonstrationen in Damaskus, Homs und Aleppo ein neues Lied gesun­
gen, in dem es hieß: „Nie mehr Monsieur, nie mehr Mister/im Himmel Allah,
auf Erden Hitler.“8 Und ein Jahr später reimte man dort: „Pourquoi t’enfuir
quand l’Allemand approche?/Français à la religion de chien./Qui t’a dit de
partir en guerre?/Dieu est au ciel, Hitler est sur la terre.“9 Im Jemen wurde
damals nur italienischer Rundfunk gehört,10 und König Ibn Saud von Saudi-
Arabien ließ Hitler mitteilen: „Für Deutschlands Führer habe er die größte
Hochachtung und Bewunderung.“11 Ägyptens König Faruk sandte ihm im
Frühjahr 1941 die Botschaft: „Er sei von starker Bewunderung für Führer
und Hochachtung vor dem deutschen Volk erfüllt, dessen Sieg über England
er sehnlichst herbeiwünsche. Er sei mit seinem Volk in dem Wunsch vereint,
deutsche Truppen möglichst bald siegreich in Ägypten als Befreier von uner­
träglichem brutalen englischen Joch zu sehen.“12 Zu dieser Zeit waren in den
Schaufenstern von Bagdad Hitler-Bilder ausgestellt,13 und der französische
Arzt Schrumpf-Pierron in Kairo, der der deutschen Abwehr zuarbeitete, mel­
dete: „In der islamischen Welt wird dem Führer eine übernatürliche Kraft bei­
gemessen. Man ist überzeugt, er hätte einen ,Djinn‘, d.h. einen dienstbaren
Geist, der ihm sagt[,] wie und wann er handeln soll. Außerdem ist er der Pro­
phet gegen die Juden.“14
Doch obwohl Hitler einen überragenden Exportartikel des Dritten Reiches
in die arabische Welt darstellte, war eine Übersetzung seines Hauptwerkes
„Mein Kampf“ problematisch, da es eine dezidiert antiarabische Passage ent­
hielt. Hitler hatte dort dem „heiligen Krieg“ der Muslime eine höhnische Ab­
sage erteilt, das Bündnis mit einer „Koalition von Krüppeln“ abgelehnt und
ganz im imperialistischen Kolonialstil festgehalten: „Als völkischer Mann, der
den Wert des Menschentums nach rassischen Grundlagen abschätzt, darf ich
schon aus der Erkenntnis der rassischen Minderwertigkeit dieser sogenannten

7 DG Teheran an AA v. 2.2.1941, PAAA, R 60690; zur Person: Döscher, S. 168; Bajohr,

S. 242 ff.; ähnlich Sonderber. über Iran v. 11.6.1941, BAB, NS 19/2414.


8 Aglion, S. 217.
9 Collet, S. 169 f.
10 Stark, S. 31.
11 Anlage zum Ber. DG Djidda v. 18.2.1939, ADAP, Ser. D, Bd. 5, S. 679.
12 DG Teheran an AA v. 15.4.1941, ebd., Bd. 12/1, S. 466.
13 Kohlhaas, S. 53.
14 Schrumpf-Pierron/Kairo an von Papen v. 12.5.1941, BA-MA, RH 2/1765; Buchheit,

S. 234.
44 Sympathien für das Dritte Reich im Nahen und Mittleren Osten

unterdrückten Nationen‘ nicht das Schicksal des eigenen Volkes mit dem ihren
verketten.“15 Zwar erschien eine vollständige, nach dem Original übertragene
arabische Ausgabe von „Mein Kampf“ erst 1960 in Beirut,16 doch mehrere Teil­
übersetzungen, die wohlweislich auf die inkriminierten Zeilen verzichteten,
kursierten schon in der Vorkriegszeit in Ägypten und Marokko, im Irak und
im Libanon.17 Eine von deutscher Seite in Angriff genommene Übertragung
ins Arabische kam jedoch nicht mehr zustande, obwohl Hitler 1936 sein Ein­
verständnis erklärt hatte, „daß von einer Übersetzung derjenigen Stellen abzu­
sehen sei, die in Anbetracht der heutigen politischen Lage und im Hinblick auf
das Empfinden der arabischen Völker für eine Übersetzung nicht geeignet
erschein[en]“.18 Auch der Terminus „Antisemitismus“, vor dessen Gebrauch
Nahostexperten schon früh warnten, da auch die Araber Semiten seien,19
machte nicht wirklich Probleme; man erklärte schlicht, daß er sich ausschließ­
lich gegen Juden richte.20 Gegenüber Rosenberg, dem Leiter des gleichnami­
gen Amtes zur Überwachung der weltanschaulichen Schulung und Erziehung
der NSDAP, insistierte der Mufti aber trotzdem noch so lange auf einer Äch­
tung des Begriffs, bis dieser schließlich zusagte, eine entsprechende Anweisung
an die Presse zu geben, um so tunlichst den Eindruck zu vermeiden, daß von
deutscher Seite „die Araber mit den Juden in einen Topf“ geworfen würden.21
Doch wichtiger als derlei Irritationen war in der arabischen Welt allemal Hit­
lers symbolischer Wert als Vorkämpfer gegen Juden, Briten und Franzosen.
Bereits im Sommer 1933 wurde ein ägyptischer Journalist von ihm empfan­
gen, und dieser revanchierte sich mit einer Artikelserie, „die erheblich dazu
beigetragen hat, das Mißtrauen, das von jüdischer Seite zwischen Ägypten
und Deutschland zu säen versucht worden war, wieder zu zerstreuen“.22 Im
folgenden Jahr erschien in Kairo die erste Hitler-Biographie, die 1935 bereits
unter den Intellektuellen von Fes kursierte; sie schilderte die Beherrschung
Deutschlands durch die Juden, gegen die es nur das Mittel ihrer Vernichtung

15
Hitler, S. 747.
16
Wild, Kampf, S. 207.
17 DG Bagdad an AA v. 29.3.1934, PAAA, R 121232; dto. an Eher-Verlag/Munchen v.

17.7.1934, ebd.; RMVP an AA v. 10.12.1937, ebd., R 104800; Vernier, S. 74 ff.; Wild, Socia­
lism, S. 147-163; Simon, S. 36.
18 RMVP an AA v. 12.11.1936, PAAA, R 121232; Wild, Socialism, S. 163-170.
19 DG Bagdad an RMVP v. 17.5.1934, PAAA, R 121232; Schrumpf-Pierron/Kairo an

von Papen v. 12.5.1941, BA-MA, RH 2/1765.


20 GroB/Rassenpolitisches Amt der NSDAP an al-Gailani v. 17.10.1942, in: Weltkampf:

Die Judenfrage in Geschichte und Gegenwart 3(1944), S. 168; als Faks. bei Hopp, Shadow,
S. 231.
21 Hagemeyer/AR an AR v. 17.5.1943, abgedr. in Poliakov/Wulf, S. 369.
22 DG Bulkeley an AA v. 5.10.1933, BAB, R 43 11/1423.
Sympathien für das Dritte Reich im Nahen und Mittleren Osten 45

gebe.23 1937 betätigte sich ein hoher ägyptischer Polizeioffizier als „Lobredner
der deutschen Polizei“ und warb in Vorträgen dafür, „die Organisation der
ägyptischen Polizei dem deutschen Vorbilde möglichst ähnlich zu gestalten“.24
Zu diesem Zeitpunkt wuchs die Keimzelle des modernen Islamismus, die ägyp­
tische Moslembruderschaft, gerade zu einer Massenorganisation heran. Die
1928 von dem Prediger Hassan al-Banna, einem Freund des Mufti, gegründete
Bewegung hatte noch 1936 800 Mitglieder gezählt; zwei Jahre später waren es
bereits 200.000.25 Motor dieses Aufstiegs war die Mobilisierung für den ara­
bischen Aufstand in Palästina, in der die judenfeindlichen Passagen des Ko­
ran26 mit den antisemitischen Kampfformen des Dritten Reiches verwoben
wurden und Judenhaß seine Umformung in den Djihad erlebte.27 Boykottkam­
pagnen und gewalttätige Demonstrationen mit der Parole „Juden raus aus
Ägypten und Palästina“ waren die Folge.28 Als im Oktober 1938 in Kairo eine
islamische Parlamentarierkonferenz „zur Verteidigung Palästinas“ stattfand,
verteilte man antisemitische Traktate, darunter arabische Versionen von „Mein
Kampf“ und der „Protokolle der Weisen von Zion“.29
Während die Moslembruderschaft eine antiwestliche Vereinigung war, die
die Rückkehr zum Urislam forderte, den säkularen Staat und die parlamenta­
rische Demokratie bekämpfte und in Koran und Sunna die Quelle aller Gesetz­
lichkeit erblickte,30 war die von Ahmad Hussain 1933 gegründete Bewegung
„Junges Ägypten“ zunächst eine ultranationalistische Jugend- und Studenten­
partei. Faschistengruß und Uniformierung, Fackelzüge und Führerkult sowie
eine wachsende Neigung zu Straßenkämpfen wiesen auf die – trotz aller anti­
westlichen Ausrichtung – europäischen Vorbilder hin.31 1936 nahm Hussain mit
einer Delegation seiner paramilitärischen „Grünhemden“ am Nürnberger
Reichsparteitag teil.32 Im Zuge der Palästinakampagne ab 1936 wandte sich
auch „Junges Ägypten“ dem muslimischen Fundamentalismus zu und änderte
im März 1940 den Namen in „Islamisch-Nationalistische Partei“.33 Am rabi­

23 Cao-Van-Hoa, S. 15,19; Baida, Bild, S. 22.


24 AA an RK v. 20.7.1937, BAB, R 43 11/1424.
25 Awaisi, S. 98; vgl. Lia, S. 151 ff.
26 Vgl. Lewis, Meer, S. 137 ff.; ders., Antisemitism, S. 60 ff.; ders., Juden, S. 13 ff., 140 ff.;

Bouman, S. 93 ff.; Kiefer, S. 27 ff.; Rabinovich, Antisemitism, S. 255 ff.; Nordbruch,


S. 244 ff.; Gessler, S. 49 ff.
27 Küntzel, Djihad, S. 22.
28 Krämer, Jews, S. 139-154; Lia, S. 235-247; Awaisi, S. 34-89; Mayer, S. 41-82; vgl. Jan­

kowski, Gouvernment, S. 428 ff.; ders., Responses, S. 1-38.


29 Krämer, Jews, S. 146 f.
30 Mitchell, S. 14, 203, 225, 254 ff.
31 Jankowski, Egypt’s, S. 9 ff.; Erlich, S. 105 ff.
32 Schröder, Deutschland, S. 58.
33 Jankowski, Egypt’s, S. 41, 72 ff.; Porath, Search, S. 189.
46 Sympathien für das Dritte Reich im Nahen und Mittleren Osten

aten Antisemitismus änderte dies nichts. Die Juden seien das Geheimnis des
religiösen und moralischen Verfalls, erklärte Hussain 1939; man tue recht da­
ran zu sagen: „Suche hinter jeder Perversion den Juden.“34
Ausgesprochen säkular und totalitär waren hingegen die 1932 von Antun
Saadeh in Damaskus gegründete „Syrische Nationalsozialistische Partei“ und
die 1936 ebenfalls nach dem Führerprinzip strukturierten „Phalanges Libanai-
ses“. Sie postulierten eine völkische Überlegenheit und lehnten sich auch in
ihren äußeren Formen – einer hakenkreuzartigen Fahne und dem Gruß mit
erhobener Hand – an die NSDAP an.35 Da man dort Palästina nach wie vor
als Südsyrien ansah, unterstützte man den Araberaufstand vehement durch
Geld, Waffenschmuggel und die Entsendung von Banden.36 Auch in Transjor­
danien, unter dem haschemitischen Emir Abdallah eigentlich das moderateste
Land der Region,37 schlug der Antisemitismus hohe Wellen. „Ich möchte kei­
nem Juden raten, sich bis nach Kerak vorzuwagen, denn er käme kaum lebend
aus dem Ort“, berichtete der deutsche Generalkonsul in Jerusalem nach einem
Ausflug dorthin Ende 1933.38 Und der britische Repräsentant in Amman muß­
te im Februar 1941 erkennen: „There has been a certain amount of pro-Nazi
talk.“39 In Saudi-Arabien wiederum erklärte Ibn Saud 1939, daß der Mufti „sein
persönlicher Freund“ sei, bot sein Land als Zwischenstation für deutsche Waf­
fenlieferungen nach Palästina an und gestand offen seine braunen Affinitäten:
„Alle Araber und Mohammedaner in den verschiedensten Gegenden der Welt
hätten eine große Achtung für Deutschland, die noch gesteigert worden sei
durch den Kampf, den Deutschland gegen das Judentum, den Erzfeind der
Araber, führe.“40 Antisemitismus erwies sich auch dort als stärkstes Bindeglied
zwischen dem Dritten Reich und dem Nahen und Mittleren Osten.
Im Irak gesellte sich gleichfalls die Palästinafrage als natürliche Mitgift zum
politischen Arabismus. Bereits im Februar 1928 hatten 40.000 Iraker in Bagdad
gegen den Besuch des britischen Politikers Sir Alfred Mond protestiert, der an
der Formulierung der Balfour-Deklaration mitgewirkt hatte. Bei dieser ersten
antizionistischen Massendemonstration in der arabisch-muslimischen Welt wa­
ren jüdische Läden geplündert und angezündet worden.41 1936 wurden in den
Straßen der irakischen Hauptstadt mehrere Juden ermordet,42 und ein Jahr

34 Shamir, Influence, S. 207.


35 Yamak, S. 53 ff., 76 ff., 101 ff., 124 ff.; Mendel/Müller, S. 2 ff., 10 ff.
36 DGK Beirut an AA v. 7.8.1937, PAAA, R 104787; Khoury, S. 535 ff.
37 Shlaim, S. 39 ff., 54 ff.
38 DGK Jerusalem an AA v. 20.12.1933, PAAA, R 97229.
39 Dieterich, Jahreszeiten, S. 79.
40 Anlage zum Ber. DG Djidda v. 18.2.1939, ADAP, Ser. D, Bd. 5, S. 680.
41 Sluglett, S. 159 f.
42 Haim, S. 192; Simon, S. 64.
Sympathien für das Dritte Reich im Nahen und Mittleren Osten 47

später kam es beim Bekanntwerden des Teilungsplanes erneut zu Massenpro­


testen mit antijüdischen Übergriffen. „Wir opfern uns für Palästina“, und „Die
Juden sind die Makler des Imperialismus“ lauteten dabei die Schlachtrufe.43
1939 forderte Dr. Sami Shawkat, der Generaldirektor des irakischen Erzie­
hungsministeriums, in seinem Buch „Dies sind unsere Ziele“ die Vernichtung
der einheimischen Juden als Voraussetzung der nationalen Wiedergeburt.44 Im
selben Jahr lynchte in Mossul der Mob den dortigen britischen Konsul auf of­
fener Straße, unmittelbar nachdem der Tod von König Ghazi bekanntgewor­
den war. Dieser hatte unter dem Einfluß von Alkohol die Kontrolle über sei­
nen Wagen verloren; quasi automatisch interpretierte man dies als Aktion des
britischen Geheimdienstes.45 Und als Hitler in seiner Reichstagsrede am
20. Februar 1938 ausrief: „Ich rate den Mitgliedern des englischen Unterhau­
ses, sich zu kümmern und zu fragen nach den Urteilen der Militärgerichte in
Palästina und nicht nach den Urteilen, die deutsche Gerichte erlassen“, erhielt
er dort „begeisternde[n] Widerhall“.46
1937 stattete der HJ-Führer Baldur von Schirach dem Irak einen Besuch ab,
betonte die Ähnlichkeit zwischen der panarabischen Renaissance und dem
deutschen rassischen Erwachen und lud eine einheimische Jugenddelegation
zum nächsten NSDAP-Parteitag ein.47 In der Tat kamen 30 Irakis im September
1938 nach Nürnberg, wurden von Hitler empfangen und verbrachten danach
einen zweiwöchigen Deutschlandurlaub als Gäste der Hitlerjugend.48 Der Be­
such sollte nicht folgenlos bleiben. Im Jahr darauf rief Sami Shawkat die „Fu-
tuwwah“ als Staatsjugendorganisation nach dem Muster der HJ ins Leben. Ihr
mußten alle Schüler der Oberstufenklassen höherer Schulen zwangsweise bei­
treten. Die Mitglieder wurden nach deutschem Vorbild uniformiert, soldati­
scher Disziplin und paramilitärischer Ausbildung unterworfen.49 Parallel dazu
entwickelte sich der hauptstädtische Muthanna-Klub, dem Shawkat und seine
Brüder Saib und Naji – beide waren Minister in der Regierung – als prominente
Mitglieder angehörten, zum intellektuellen Mittelpunkt eines radikalen Pan­
arabismus und NS-freundlicher Einstellungen.50 Auch im nordirakischen Kur­
distan, bereits damals in Opposition zur Bagdader Zentralgewalt, war die Stim­
mungslage nicht viel anders. Ein späterer Leutnant der deutschen Abwehr, der
das Gebiet 1935/36 bereiste, sah damals große Bilder Hitlers in den Teehäusern

43 DG Bagdad an AA v. 17.7.1937, PAAA, R 104787.


44 Wild, Socialism, S. 137.
45 Simon, S. 38 f.
46 DG Bagdad an AA v. 3.3.1938, PAAA, R 104785.
47 Vernier, S. 92f.; Watt, S. 195-204.
48 Khadduri, Iraq, S. 173.
49 Simon, S. 80 ff.
50 Khadduri, Iraq, S. 166 f.
48 Sympathien für das Dritte Reich im Nahen und Mittleren Osten

und berichtete über die Einstellung der Kurden: „Sie erzählten begeistert von
dem freiheitsliebenden Deutschland und von ihrem Nationalhelden, dem Füh­
rer, von dem sie jedoch nicht viel mehr wußten, als daß er Deutschland wieder
groß machen werde und die gleichen Feinde habe, wie sie selbst: Engländer und
Juden. Diese Tatsachen genügte [n] den Kurden, um ihnen Deutschland sehr
nahe zu bringen.“51 Mit Antisemitismus und braunem Antiimperialismus ge­
wann das Dritte Reich offenbar auch dort die Herzen der Muslime.
Im französisch dominierten Nordafrika fanden Hitler und NS-Deutschland
ebenfalls neue Freunde. „Vive le chancelier Hitler. A bas la France“, war 1934
an marokkanischen Hauswänden zu lesen,52 und im August dieses Jahres kam
es im algerischen Constantine zu einem Pogrom gegen die einheimischen Ju­
den, bei dem 23 von ihnen getötet wurden.53 „In jedem Gespräch mit Arabern
bekunden diese ihre Freude über den Antisemitismus“, berichtete ein deut­
scher Hauptmann 1939 nach einer Reise durch Nordafrika. Auch die französi­
schen Kolonialoffiziere zeigten dort „volles Verständnis für den Nationalsozia­
lismus“ und besäßen eine „auffallend starke antisemitische Einstellung“.54 Im
Oktober des Jahres zirkulierten Flugblätter in Marokko, die den gerade begon­
nenen Weltkrieg kommentierten: „Wißt ihr nicht, daß es niemand mehr gibt in
Paris, dem Nest der Juden, der die deutschen Flugzeuge zerstören könnte? [...]
Was diesen feigen Franzosen geschieht, wird auch ihresgleichen passieren, den
englischen Juden. Was sie in Palästina mit unseren muslimischen Brüdern ge­
tan haben, die sie einschüchtern und zur Unterwerfung unter die jüdische
Diktatur zwingen, ist der Beweis dafür.“55 In Spanisch-Marokko gab man dem
Hitler-Gruß eine islamische Legitimierung, indem man den rechten Arm aus­
streckte und dazu rief: „Gott ist der Größte.“56 Nach der Niederlage Frank­
reichs wurden Hakenkreuze auf die Mauern der Medinen gepinselt, und man
sang in Casablanca: „Auf den Deutschen ruht meine Hoffnung.“57 Ähnliches
galt für Tunesien: „Araber in Tunis äußerst deutschfreundlich“, berichtete ein
deutscher Major im Mai 1941. „Todfeindschaft Araber-Juden. Nacht 19./20.5.
in Gabes Pogrom mit mindestens 7 toten Juden.“58
Daß das muslimische Palästina sich in diesen Kontext lückenlos einfügte, ist

51
Lt. Müller/Ausl/Abw II v. 5.12.1942, Unternehmen „Mammut“, BA-MA, RW 5/271.
52
Baida, Bild, S. 22.
53 Abitbol, S. 18.
54 Hptm. von Xylander/GenStdH v. 10.3.1939, Ber. über Reise durch Tunesien u. Al­

gerien 19.1.-18.2., BA-MA, RW 5/413; ähnlich RFSS an Hitler v. 21.1.1943, Gen. Wey­
gand, BAB, NS 19/2289.
55 Baida, Wahrnehmung, S. 195.
56 Harras, S. 206.
57 Baida, Wahrnehmung, S. 196.
58 Maj. Hofweber an DAK v. 21.5.1941, BA-MA, RH 23/109.
Sympathien für das Dritte Reich im Nahen und Mittleren Osten 49

wenig erstaunlich. „Was aber die Haltung der Araber in Palästina [...] zu diesen
Wahlen angeht [...], so haben wir zwar kein Wahlrecht“, kommentierte eine
dortige Zeitung die deutschen Präsidentschaftswahlen 1932, „aber einen
Wunsch und eine Hoffnung; und vielleicht, weil die Juden unsere Gegner
sind [...], dann bleibt unser Wunsch und unsere Hoffnung selbstverständlich
Hitler, [...] nach der Regel: Der Feind meines Feindes ist mein Freund.“59 Vor­
behaltlos stellte man sich hinter die antisemitischen Zwangsmaßnahmen des
Dritten Reiches: „Der Jude [... ist] ein internationaler Kommunist“, schrieb
ein anderes Blatt. „In meinen Augen hat Deutschland recht, wenn es solche
Leute aus seinem Vaterland vertreibt, weil sie eine Gefahr für alle Länder, in
denen sie leben, darstellen.“60 Dabei übersah man geflissentlich, daß genau
dadurch die Zahl der Juden in Palästina anstieg, NS-Deutschland die „Ver­
judung“ des Landes also sogar forcierte und durch das noch zu behandelnde
Haavara-Abkommen ausdrücklich förderte. Doch über diesen Aspekt des
deutschen Antisemitismus schwieg man sich hartnäckig aus.61 „Wer hat das
größte Genie, die Juden oder Hitler?“ fragte die Zeitung „Alam Arabi“ und
redete sich die Fakten schön: „Wenn jetzt große jüdische Kapitalisten Deutsch­
land verlassen, so müssen sie also für ihre Millionen deutsche Waren kaufen
und nach Palästina einführen. Dadurch wird der deutsche Verdienst und der
jüdische Verlust ein doppelter.“62 Diese Konstellation offenbarte, daß der kur­
sierende Antisemitismus mitunter noch größer war als der Antizionismus.
Bereits am 31. März 1933 klopfte der Mufti bei dem deutschen Generalkon­
sul Heinrich Wolff in Jerusalem an und versicherte ihm, daß die Moslems „neu­
es Regime Deutschlands begrüßen und Ausbreitung faschistischer antidemo­
kratischer Staatsführung auf andere Länder erhoffen“. Ein deutscher Boykott,
„um Juden in ihrem Wohlstand zu treffen“, werde „in der ganzen mohammeda­
nischen Welt mit Begeisterung“ Unterstützung finden.63 Bereits drei Monate
später konnte Wolff von der „beabsichtigte[n] Gründung einer Nationalsozia­
listischen Arabischen Partei“ berichten.64 Beim arabischen Proteststreik gegen
die jüdische Einwanderung im Oktober 1933 war auf Flugblättern und an den
Mauern häufig das Hakenkreuz zu sehen.65 „Efforts to organise Nazi Associa­
tions have been revived“, berichtete die britische Polizei im Sommer 193466 und

59 Abbasi, S. 168 f.
60 Ebd., S. 171.
61 Ebd., S. 175.
62 AA an RK v. 12.11.1934, BAB, R 43 11/1420.
63 DGK Jerusalem an AA v. 31.3.1933, PAAA, R 78325.
64 Dto. v. 27.6.1933, ebd.
65 Jorda, Araber-Aufstand, S. 3.
66 Criminal Investigation Department Jerusalem, Periodical Appreciation Summary

Nr. 9 v. 15.6.1934, NAK, FO 371/17878.


50 Sympathien für das Dritte Reich im Nahen und Mittleren Osten

beobachtete im Herbst des Jahres eine anhaltende NS-Propaganda in der ara­


bischen Presse.67 In der palästinensischen Literatur wurden die Juden als geld­
gierig, verschlagen und skrupellos beschrieben, als Feiglinge, „neue Shylocks“
und „Söhne des klingenden Goldes“.68 Und es fand sich dort Lyrik wie diese:
„Tretet den Juden auf die Köpfe,/um Buraq und Haram zu befreien./Ihr jungen
Männer, schließt die Reihen,/greift sie zu Tausenden an./O Gott, wie schön ist
der Tod/zur Befreiung von Haram und Buraq.“69
Hitler habe der Welt die Augen geöffnet, heißt es im Tagebuch von Khalil
as-Sakakini, eines christlichen Lehrers arabischer Nationalität in Jerusalem.
Bevor er an die Macht gekommen sei, hätten die Menschen die Juden und
ihren grenzenlosen Einfluß gefürchtet. Hitler habe der Welt jedoch gezeigt,
daß diese gar nicht scharf schießen könnten. Die Deutschen hätten ihnen als
erste die Stirn geboten und keine Angst vor den Juden gehabt. Hitler habe sie
in ihre Schranken gewiesen, so der verschwörungstheoretisch versierte as-Sa­
kakini, und Mussolini habe durch die Besetzung Äthiopiens den Briten einen
Dämpfer versetzt. Als in Jerusalem die Nachricht eintraf, die Bewohner des
Saargebietes hätten am 13. Januar 1935 mehrheitlich für die Wiedervereini­
gung mit Deutschland gestimmt, feierte as-Sakakini diese Neuigkeit zusammen
mit dem Sieg der Husseinis bei den Kommunalwahlen in Jerusalem. Für ihn
gehörten beide Triumphe zusammen.70
Der „gottgläubige Freiheitskämpfer“ Hanaf Hassan schrieb dem deutschen
Konsul in Haifa, „welcher Vertreter Hitlers des Großen ist“: „Gott beschütze
ihn und alle Deutschen. [...] Alle Araber vergessen nicht die Freundschaft der
Deutschen in der ganzen Welt für die Hilfe, die sie ihnen angedeihen ließen zu
Gunsten der Araber in Palästina. Das Land Palästina gehört nicht nur uns
Arabern[,] sondern auch den Deutschen mit, und ich hoffe von Ihnen, Herr
Konsul, daß Sie uns helfen, das heilige Land von den Juden zu befreien und
hoffe, daß wir alle Brüder sind, so Gott will.“71 Auch unter den Schülern einer
privaten höheren Schule in Bir Zeit bei Ramallah genoß das Dritte Reich be­
trächtliche Sympathien. Als deren Englischlehrerin ihnen einen Roman von
Benjamin Disraeli zu lesen gab, rebellierte die Klasse. „Aber er ist Jude“, em­
pörten sich die Schüler. Die Lehrerin versuchte nun, die Diskussion auf die
Frage zu lenken, was einen Mann bedeutend mache. Sie schlug vor, dies sei
jemand, der den Geist seiner Zeit beeinflusse, und forderte die Klasse auf, eine

67 Dto. Nr. 13 v. 20.9.1934, ebd.


68 Altoma, S. 64 ff.; Osta, S. 21 ff., S. 221 ff.
69 Wild, Judentum, S. 278.
70 Segev, S. 450 f.
71 Abschrift (undat.), PAAA, R 104790.
Sympathien für das Dritte Reich im Nahen und Mittleren Osten 51

Liste bedeutender Männer aufzustellen. Die meisten Schüler nannten an erster


Stelle Adolf Hitler.72
Die muslimischen Palästinenser, so der deutsche Konsul in Jaffa, Timotheus
Wurst, Ende März 1936, seien „aufs tiefste beeindruckt durch faschistische, vor
allem nationalsozialistische Lehren und Anschauungen. Der Nationalsozialis­
mus mit seinen judenfeindlichen Ansichten hat bei den Arabern Palästinas, die
sich in einem verzweifelten und fast aussichtslosen Abwehrkampf gegen den
Zionismus befinden, verwandte Saiten aufklingen lassen. Faschismus und Na­
tionalsozialismus sind auch bei den Arabern vielfach zu Maßstäben geworden,
an denen alle übrigen politischen Systeme und Lehren gemessen werden, und
Adolf Hitler ist zweifelsohne in den Augen vieler Araber der bedeutendste
Mann des 20. Jahrhunderts schlechthin. So groß ist die Volkstümlichkeit unse­
res Führers, daß es wohl kaum einen Araber gibt, und sei es der einfachste
Fellache, der den Namen Hitler nicht kennt.“ Neben den Pfadfindern habe sich
vor allem die Istiqlal-Partei „in weitestem Maße die nationalsozialistischen
Thesen zu eigen gemacht. Das Istiqlalorgan ,Die Verteidigung‘ ist ausgespro­
chen nationalsozialistisch eingestellt.“73 Ein Jahr später druckte der „Völkische
Beobachter“ ein Interview mit deren Vorsitzendem Auni Abd el-Hadi ab. Dort
bekannte dieser stolz, er habe während seiner Internierung durch die Briten
die englische Übersetzung von „Mein Kampf“ gründlich durchgearbeitet.74
Es muß nicht unbedingt verwundern, daß der arabische Aufstand ab 1936
derartige Einstellungen nicht revidierte, sondern vertiefte. Vielfach zeigten
die Rebellen das Hakenkreuz als Kampfansage an Juden und Briten,75 und zu
Mohammeds Geburtstag im Mai 1937 wurden in Palästina – ebenso wie an
zahlreichen anderen Orten der arabischen Welt76 – deutsche und italienische
Flaggen sowie Bilder von Hitler und Mussolini gezeigt.77 „Ausschlaggebend für
die bei den Arabern Deutschland gegenüber jetzt bestehenden Sympathien ist
aber die Bewunderung, welche unser Führer genießt“, berichtete Dr. Doehle,
Wolffs Nachfolger als Generalkonsul in Jerusalem, im selben Jahr. „Gerade die
Unruhezeiten boten mir öfter Gelegenheit festzustellen, wie weit diese Sym­
pathie verbreitet ist. Wenn man sich bei einer bedrohlichen Haltung einer ara­
bischen Volksmenge als Deutscher zu erkennen gab, war dies im allgemeinen
schon ein Freibrief für ungehindertes Passieren. Wenn man sich aber durch den
deutschen Gruß ,Heil Hitler‘ auswies, schlug die Haltung der Araber meist in

72 Segev, S. 451 f.
73 DK Jaffa an AA v. 1.3.1936, PAAA, R 78338.
74 VB v. 23.1.1937.
75 Jorda, Araber-Aufstand, S. 156,187 f., 257.
76 NYT v. 23.5.1937.
77 DGK Jerusalem an AA v. 4.6.1937, BAB, R 43 II/1421a.
52 Sympathien für das Dritte Reich im Nahen und Mittleren Osten

Begeisterung um und der Deutsche kam zu Ovationen, bei denen die Araber
den deutschen Gruß stürmisch erwiderten. Die Begeisterung für unseren Füh­
rer und das neue Deutschland ist wohl deshalb so weit verbreitet, weil die pa­
lästinensischen Araber in ihrem Kampf um ihre Existenz einen arabischen
,Führer‘ ersehnen und weil sie sich im Kampf gegen die Juden in einer Front
mit den Deutschen fühlen.“78
Wer mit dem Hakenkreuzstander durch arabisches Gebiet fuhr, hatte nichts
zu befürchten und erntete stürmischen Beifall. So konnte etwa Werner von
Hentig, 1937 bis 1939 Leiter des für den Nahen und Mittleren Osten zuständi­
gen Referates Pol VII im Auswärtigen Amt, „ungefährdet das ganze Land un­
ter dem Schutz der deutschen Flagge besuchen“.79 Die etwa 2500 Palästina­
deutschen – fast durchweg Angehörige der pietistischen Tempelgesellschaft,
die ab 1868 sieben geschlossene Siedlungen gegründet hatten80 und ein hohes
Maß an Affinität zum Dritten Reich aufwiesen81 – trugen deswegen Haken­
kreuzabzeichen und -wimpel als „das von den Aufständischen ausdrücklich
geforderte Erkennungszeichen der Deutschen“ mit sich, um „unbelästigt im
Lande herumfahren [zu] können“.82 Während ansonsten fünf Prozent aller im
Ausland lebenden nichtjüdischen Staatsbürger der NSDAP angehörten, belief
sich deren Anteil in Palästina immerhin auf 17 Prozent.83 Franz Schattenfroh
schilderte das Verhältnis zwischen Arabern und deutschen Kolonisten denn
auch als „ausgezeichnet“: „Wenn ein Deutscher zum Beispiel in einem jüdi­
schen Autobus fahren muß, weil es auf bestimmten Strecken kein anderes Ver­
kehrsmittel gibt, und dieser Autobus wird von Arabern angehalten, so kann der
Deutsche, wenn er imstande ist, sich als solcher zu legitimieren, gehen, wohin
er will, die anderen aber werden erschossen.“84 Gerieten nichtdeutsche Euro­
päer in diese brenzlige Lage, so konnte auch sie die arabische Begeisterung für
das Dritte Reich retten: „In seiner äußersten Not schrie der junge Schwede:
,Ich bin ein Deutscher! Heil Hitler!‘“, berichtete der deutsche Palästinareisen­
de Iwo Jorda. „Das wirkte. Der Anführer der Rotte trat zurück, erhob die
Hand zum Gruß, entschuldigte sich und führte ihn zum Mukhtar, wo er ver­
bunden und gelabt wurde.“85 Obwohl die Palästinadeutschen offiziell zur Neu­
tralität verpflichtet wurden,86 wußte man 1937 selbst im SD-Judenreferat in

78 Dto. v. 22.3.1937, PAAA, R 104791.


79 Hentig, S. 329; ähnlich Jorda, Araber-Aufstand, S. 148.
80 Vgl. Carmel.
81 Balke, S. 79 ff.; Schmidt, S. 461 ff.
82 DGK Jerusalem an AA v. 14.9.1938, PAAA, R 104790.
83 McKale, Swastika, S. 120.
84 Schattenfroh, S. 65 f.; ähnlich Kossak-Raytenau, S. 37.
85 Jorda, Araber-Aufstand, S. 139.
86 DGK Jerusalem an AA v. 7.7.1936, PAAA, R 104785; vgl. Balke, S. 216 ff.
Sympathien für das Dritte Reich im Nahen und Mittleren Osten 53

Berlin, daß „eine anti-jüdische Beeinflussung arabischer Volkskreise in Palästi­


na durch Angehörige der Auslandsorganisation der NSDAP [...] in den ver­
gangenen Jahren häufig bemerkbar war“.87
Mehrfach erklärte auch Hitler damals seine Sympathie für die Muslime des
Landes. „Daß die arabische Phantasie auf der Tatsache, daß der Führer für die
Palästinafrage Interesse zeigt, Hoffnungen auf eine deutsche Intervention auf­
baut, ist bei der verzweifelten Lage der Araber in ihrem Kampf gegen Juden
und Engländer erklärlich“, befand Doehle 1938.88 In der Tat wandten sich be­
reits im Sommer 1936 Aufständische an den Generalkonsul und verlangten
Waffen und Geld aus Deutschland.89 Im Dezember des Jahres ließ der Mufti
bei Dr. Fritz Grobba, dem deutschen Botschafter in Bagdad, in dieser Sache
nachfragen: „Deutschland werde sich den unauslöschlichen Dank aller Araber
erwerben, wenn es ihnen in ihrer jetzigen Notlage beistände und ihnen zum
Siege verhelfe.“90 Im Januar 1937 erschienen Mitglieder des Obersten Ara­
bischen Komitees bei Grobba, der zu deren Haltung notierte: „Einzige Groß­
macht, die an arabische[m] Sieg über Juden Palästinas interessiert sei und zu
der Araber volles Vertrauen hätten, sei Deutschland. Oberster arabischer Rat
rechnet daher auf deutsche Hilfe.“91 Im Juli wiederholte das Komitee seine
Bitte bei dem Repräsentanten des Dritten Reiches in der irakischen Haupt­
stadt.92 Parallel dazu nahm el-Husseini geheime Kontakte zum italienischen
Konsul in Jerusalem auf.93
Kurz vor seinem Abtauchen nach dem erneuten Aufflammen des Aufstandes
im Sommer 1937 besuchte der Mufti wiederum Doehle und teilte ihm mit, daß
er „einen Vertrauensmann inkognito nach Deutschland“ schicken wolle.94 Im
September versuchte das Oberste Arabische Komitee sein Glück beim deut­
schen Generalkonsul Seiler in Beirut, der sich voll auf dessen Seite stellte, um
den Teilungsplan zu Fall zu bringen: „Das einzige Mittel hierzu schien und
scheint mir in dem Versuch der Araber zu liegen, durch Terror die Juden ein­
zuschüchtern und gleichzeitig auf die Engländer einen Druck auszuüben.“95 Im

87 Memorandum, Zum Judenproblem (undat./Jan. 1937), BAB, R 58/956; ebenso

Schmidt, S. 467.
88 DGK Jerusalem an AA v. 28.10.1938, PAAA, R 104790.
89 Dto. v. 7.7.1936, ebd., R 104785.
90 Dto. DG Bagdad v. 17.12.1936, ebd., R 102806; zur Person: Grobba; Nicosia, Grob­

ba, S. 206 ff.; Flacker, S. 18 ff.; Schwanitz, Geist, S. 127 ff.


91 DG Bagdad an AA v. 6.1.1937, PAAA, R 104785.
92 Dto. v. 17.7.1937, ebd., R 104787.
93 Nafi, Arabs, S. 4.
94 DGK Jerusalem an AA v. 15.7.1937, PAAA, R 104787; vgl. dto. v. 10.8.1937, ebd.,

R 104785.
95 Dto. DGK Beirut v. 22.9.1937, ebd., R 104788.
54 Sympathien für das Dritte Reich im Nahen und Mittleren Osten

November tauchte dann Dr. Said Abd al-Imam, Gründer des Arabischen Klubs
von Damaskus und radikaler Panarabist, als Vertrauensmann des Mufti in Ber­
lin auf96 und überbrachte delikate Vorschläge: Gegen eine ideelle und materiel­
le Unterstützung der „arabischen Freiheitsbewegung“ versprach er die „Vor­
bereitung einer sympathiereichen Atmosphäre für Deutschland[,] die sich
auch im Falle eines Krieges bemerkbar macht; Verbreitung der Nationalsozia­
listischen [sic] in der arabisch-islamischen Welt“ sowie die „Bekämpfung und
Verhinderung der Gründung eines jüdischen Staates in Palästina mit allen Mit­
teln“.97 Kurz vor Weihnachten 1938 wandte sich der Führer der Aufstandsbewe­
gung im palästinensischen Nordbezirk direkt „an Adolf Hitler, den großen Füh­
rer Deutschlands, der seiner Nation unvergängliche Ehre und Ruhm geschaffen
hat“: „Ich möchte Sie, großer deutscher Führer, nicht mit den Juden bekannt
machen. Sie kennen sie und ihre Geschichte und haben sie gekannt, ehe wir sie
kennen lernten. [...] Empfangen Sie die Grüße dessen, der sein Vorbild in Mo­
hammed, dem Führer und Leiter[,] und seine Richtschnur in den Lehren und
Gesetzen des Heiligen Korans sieht. Der Diener des Vaterlandes und der Reli­
gion[,] der Glaubenskämpfer gez. Joseph Said Abu Durra.“98
Noch im November teilte der Mufti Seiler erneut mit, „daß die Aufstän­
dischen in Palästina dringend Waffen bräuchten“.99 Im Frühjahr 1939 hielt sich
der erwähnte Führer der Istiqlal-Partei, el-Hadi, als Gast des Reichsleiters Ro­
senberg in Deutschland auf und wurde am 1. April im Auswärtigen Amt emp­
fangen. „Die Palästina-Araber seien nach wie vor zum opferreichen Klein­
kampf gegen die Engländer in Palästina genötigt, da sie nur auf diesem Wege
allmählich zu ihrem Recht kommen könnten“, bekannte er und erwähnte zum
Schluß zweimal, „er denke immer über eine deutsche Unterstützung nach“.100
Nach dem Scheitern der Londoner Konferenz erlebte Konsul Melchers in Haifa
arabischen „Jubel und Feierstimmung“ und hörte „überall“ den Ruf „Es lebe
der Mufti“. Nachdem jedoch bei diesen vermeintlichen Unabhängigkeitsfeiern
mehrere Juden arabischen Bomben und Kugeln zum Opfer gefallen waren und
der Irgun, die revisionistische jüdische Widerstandsorganisation, daraufhin
zwei Sprengsätze im Bahnhof und im Basar hochgehen ließ, die 29 Araber tö­
teten, erstürmten Demonstranten das Konsulat und wünschten, so Melchers,
„mich zu veranlassen, die Deutsche Regierung um Hilfe zu bitten“.101
Wie gezeigt, waren es gerade die diktatorischen Züge und die Aggressivität,

96 Al-Imam an RMVP v. 24.11.1937, ebd., R 104800; Geiger/NSDAP Damaskus an

RMVP v. 1.12.1937, ebd.; vgl. Rabinovich, Germany, S. 196.


97 RMVP an AA v. 14.12.1937, Anlage 3, PAAA, R 104800.
98 DGK Jerusalem an AA v. 23.12.1938, ebd., R 104785.
99 Dto. DGK Beirut v. 29.11.1938, ebd., BA 61148.
100 Notiz Woermann/AA v. 1.4.1939, ebd., R 29899.
101 DK Haifa an AA v. 3.3.1939, ebd., R 104790.
Sympathien für das Dritte Reich im Nahen und Mittleren Osten 55

der Führerkult und insbesondere der Judenhaß, die dem Dritten Reich in Tei­
len der arabischen und darüber hinaus der islamischen Welt Popularität ver­
schafften. Es waren gerade die abschreckendsten Charakteristika, die das
„neue Deutschland“ dort zum Vorbild werden ließen, Maßstäbe setzten und
in die Zukunft ausstrahlten. Oder anders formuliert: Nicht trotz, sondern we­
gen ihres virulenten Antisemitismus wuchsen Hitler und den Deutschen Sym­
pathien bei den Muslimen des Nahen und Mittleren Ostens zu. Es ist darum
gründlich verfehlt, von einer „ideological and Strategic incompatibility“ zwi­
schen arabischem Nationalismus und Nationalsozialismus zu sprechen.102 Mehr
noch: Muslime aus allen Ländern der Großregion und nicht zuletzt aus Palästi­
na suchten beharrlich das Bündnis mit NS-Deutschland, obwohl man dort noch
lange das Ausspielen der arabischen Karte vermied. Jedenfalls zeichnete sich
im Nahen und Mittleren Osten schon vor Kriegsbeginn ein gewaltiger auto­
chthoner Resonanzboden für die Nationalsozialisten ab.
Die These, daß „das politische, soziale und nicht zuletzt militärische Wider­
standspotential der palästinensischen Gesellschaft [... 1939] auf Jahre hinaus
zerstört“ gewesen sei,103 daß „die Araber weitgehend entwaffnet und die Zio­
nisten besser gerüstet denn je“ waren, daß das Land gar „bei Kriegsausbruch
[...] befriedet“ war,104 geht darum erheblich an der Realität vorbei. Abgesehen
davon, daß keinerlei systematische Entwaffnung der Rebellen erfolgte, ließ
sich dort eine ideologische Aufheizung ohnegleichen attestieren, hatte sich im
muslimischen Teil Palästinas ein eliminatorischer Antisemitismus eingenistet,
der dem deutschen Judenhaß nicht nachstand, ihn in seiner praktischen Umset­
zung sogar noch insoweit antizipierte, wie man kräftemäßig bereits dazu in der
Lage war. Nicht zuletzt aufgrund der noch zu behandelnden deutschen Waffen­
lieferungen flammte die Aufstandsbewegung ab Herbst 1939 erneut auf.105 Im
Sommer des folgenden Jahres meldete das Deutsche Nachrichtenbüro: „Nach
einwandfreien Schätzungen wurden 20% jüdische Apfelsinenpflanzungen
vollkommen zerstört und 40% aller Bewässerungsanlagen. Verlust, welcher
sich hieraus für neue Ernte ergibt, auf 33 % geschätzt. Erregung in arabischen
Kreisen gegen jüdische Einwanderung ständig i[m] Wachsen.“106 Einer Schät­
zung des Nachrichtendienstes der Jewish Agency zufolge unterstützten damals
rund 60 Prozent der Nichtjuden des Landes die Nationalsozialisten.107 Zudem
kehrten damals viele der einstigen Aktivisten aus dem Exil zurück.108 Und im

102 Nicosia, Nationalism, S. 351.


103 Baumgarten, S. 36.
104 Krämer, Geschichte, S. 344 f.
105 Seifert, S. 80 f.; Jorda, Araber-Aufstand, S. 438 f., 441.
106 Meld. DNB v. 25.7.1940, PAAA, R 99388.
107 Segev, S. 505.
108 Khalaf, S. 80.
56 Sympathien für das Dritte Reich im Nahen und Mittleren Osten

Mai 1941 „sahen die Araber an den Küsten Palästinas kleine Gruppen briti­
scher Soldaten in Fischerkähnen waffenlos und im Zustande vollkommener
Erschöpfung landen: die Flüchtlinge aus Griechenland und dann die von Kreta.
Hoffnungsvoll sahen sie mit eigenen Augen, wie schwer die stolze Macht Groß­
britanniens getroffen war.“109 Nunmehr wartete man erst recht auf die Ankunft
der Deutschen.

109 Jorda, Araber-Aufstand, S. 433.


3. Jüdische Auswanderung oder proarabische
Parteinahme: Die schleichende Prioritäten­
verschiebung auf deutscher Seite

Die Außenpolitik des Dritten Reiches war nach 1933 zunächst von Leitgedan­
ken geprägt, die keinesfalls im arabischen Interesse lagen. Da war zum einen
der Wunsch nach ungehinderter Aufrüstung. Dieser implizierte, jedem ernst­
haften Konflikt mit Großbritannien aus dem Weg zu gehen und eher ein Bünd­
nis mit der Großmacht zu suchen. Und da war zum zweiten die Absicht, mög­
lichst viele deutsche Juden möglichst schnell ,loszuwerden‘. Auch dies
beinhaltete, daß ein beträchtlicher Teil dieser Vertriebenen Palästina als neue
Heimat ansteuern, den Jischuw also verstärken werde. Diese ureigensten Inter­
essen des NS-Regimes nahmen keine Rücksicht auf arabische Wünsche und
verhinderten einen unmittelbaren Schulterschluß. Gleichwohl blieb dieses an­
fängliche Mißverhältnis keineswegs konstant; vielmehr ist eine schleichende
Prioritätenverschiebung auf deutscher Seite festzustellen. Denn die ursprüng­
lich verschmähte Liebe sollte sich spätestens 1941 in eine völlige Harmonie der
Interessen verwandeln.
Das am 25. August 1933 vereinbarte Haavara-(Transfer-)Abkommen zwi­
schen der Anglo-Palestine Bank und dem Reichswirtschaftsministerium war
der Versuch zweier höchst ungleicher Partner, aus ihren jeweiligen Problemen
wechselseitigen Nutzen zu ziehen. Das Dritte Reich sah sich damals vor einer
weltweit anlaufenden Boykottkampagne mit möglichen ruinösen Folgen für
die Außenhandelsbilanz. Die Juden Palästinas waren damit konfrontiert, daß
die britischen Mandatsbehörden jährlich nur eine bestimmte Zahl von Einwan­
derern zuließ, die nach der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Landes
festgesetzt wurde; lediglich Juden, die ein Vermögen von mindestens 1.000
Pfund Sterling mitbrachten, stand darüber hinaus der Zugang offen. Um dieses
Vorzeigegeld – auch „Kapitalistenzertifikat“ genannt – aufzubringen, wurde
folgendes System vereinbart: Die Auswanderer überschrieben ihr liquides Ver­
mögen in Deutschland einer Treuhandstelle. Diese wiederum stellte ihnen die
für dieses Zertifikat erforderlichen Devisen zur Verfügung. Den Vermögens­
rest verwendete man zur Finanzierung des Exports deutscher Waren nach Pa­
lästina. Nach der Ankunft im Land erhielten die Emigranten dann nach Abzug
von Reichsfluchtsteuer sowie weiteren Veräußerungsverlusten eine Teilkom­
pensation ihres Guthabens. Das Dritte Reich zog daraus den Vorteil, daß Juden
58 Jüdische Auswanderung oder proarabische Parteinahme

zum Verlassen Deutschlands bewegt und deutsche Waren ins Ausland verkauft
werden konnten. Die jüdische Seite konnte für sich festhalten, jüdisches Kapi­
tal gerettet zu haben, ohne daß die Deutschen dafür einen Gegenwert in Form
von Devisen erhalten hatten. Auf der Basis dieses Abkommens verließen in der
Folgezeit etwa 20.000 wohlhabende Juden – 37 Prozent aller deutschen Juden,
die nach Palästina auswanderten – ihre bisherige Heimat mit einem Teil ihres
Vermögens.1
Der Araberaufstand ließ Zweifel am Nutzen des Vertrages entstehen. „Wir
haben wenig getan, um die Sympathie, welche die Araber für das neue Deutsch­
land hegen, zu stärken und zu erhalten und haben die Gefahr außer Acht gelas­
sen, daß die Araber durch unsere Mithilfe an dem Aufbau des jüdischen Natio­
nalheims und der jüdischen Wirtschaft zu unseren Gegnern werden können“,
warnte Generalkonsul Doehle bereits im März 1937.2 Diese Sorge sollte sich
zwar als unbegründet erweisen; sie demonstriert jedoch, daß die Araber inzwi­
schen eine Rolle im deutschen Kalkül spielten. Als im Sommer dieses Jahres die
ersten Nachrichten über den Teilungsplan der Peel-Kommission durchsicker­
ten, schrillten in Berlin jedoch die Alarmglocken. Außenminister von Neurath
stellte das Haavara-Abkommen zur Disposition und gab folgende Sprachrege­
lung aus: „1) Bildung eines Judenstaates oder jüdisch geleiteten Staatsgebildes
unter britischer Mandatshoheit liegt nicht im deutschen Interesse, da ein Palä­
stina-Staat das Weltjudentum nicht absorbieren, sondern zusätzliche völker­
rechtliche Machtbasis für internationales Judentum schaffen würde wie Vati­
kan-Staat für politischen Katholizismus oder Moskau für Komintern. 2) Es
besteht daher ein deutsches Interesse an Stärkung des Arabertums als Gegen­
gewicht gegen etwaigen solchen Machtzuwachs des Judentums.“3 Das bedeute­
te zwar noch keine materielle Unterstützung, wies aber in die künftige Rich­
tung. Zugleich begann man sich verstärkt mit dem Nahen und Mittleren Osten
zu beschäftigen.4
Während das Reichswirtschaftsministerium und das Nahostreferat des Aus­
wärtigen Amtes am Haavara-Abkommen festhielten, setzte die NSDAP-Aus­
landsorganisation ihren längst begonnenen Kampf dagegen fort, da es – so das
neue Argument – „die Errichtung eines jüdischen Nationalstaates mit Hilfe

1 Detailliert Feilchenfeld/Michaelis/Pinner, S. 18 ff.; vgl. Barkai, S. 245 ff.; Yisraeli, The

Third Reich and the Transfer Agreement, S. 129 ff.; Black, S. 120 ff.; Nicosia, Hitler,
S. 73 ff.; Bauer, Freikauf, S. 15 ff.; Kolinsky, Law, S. 195 ff.; Wistrich, S. 285 ff., 292 ff.; aus
der Beteiligtenperspektive Marcus, S. 179 ff.
2 DGK Jerusalem an AA v. 22.3.1937, PAAA, R 104791.
3 RAM an DG London, DG Bagdad u. DGK Jerusalem v. 1.6.1937, ebd., R 29899; vgl.

Nicosia, Hitler, S. 177 ff.


4 Rabl, Osten, S. 293-302; ders., Nah-Ost-Nachtrag, S. 402 ff.; Björkman, Erfolge,

S. 350-356; vgl. Longerich, S. 102, 363 f.


Jüdische Auswanderung oder proarabische Parteinahme 59

von deutschem Kapital erleichtert“.5 Das Referat Deutschland im Auswärtigen


Amt teilte diesen Standpunkt und sprach sich für eine „Förderung des eigenen
jüdischen Auswanderungsdranges [...] durch eine Verschärfung der innenpoli­
tischen Judengesetzgebung“ aus.6 Erst als Hitler persönlich Anfang 1938 ent­
schied, „daß die Judenauswanderung aus Deutschland weiterhin mit allen Mit­
teln gefördert werden soll“ und auch Palästina Zielland bleibe,7 war der Streit
beendet. Daß jedoch Grobba in Bagdad und Doehle in Jerusalem im Juni 1937
die Weisung erhielten, „das deutsche Interesse für die arabischen nationalen
Bestrebungen deutlicher als bisher zu bekunden“, unterstreicht das wachsende
Gewicht, das der Arabischen Sache‘ nunmehr aus der Sicht des Dritten Reiches
zukam.8
Das Interesse des SD-Hauptamtes an Palästina war gleichfalls geprägt von
der Perspektive als wichtiges Auswanderungsziel für deutsche Juden, dessen
Bedeutung sich aus der restriktiven Immigrationspolitik der meisten Staaten
Europas und Nordamerikas ableitete. Die vom SD anvisierte totale Vertrei­
bung implizierte die Duldung der in Deutschland tätigen zionistischen Organi­
sationen, welche im Gegensatz zu den assimilatorisch ausgerichteten jüdischen
Gruppierungen ihre Arbeit weitestgehend ungehindert fortsetzen konnten.9
Denn die Kehrseite der durch die Nürnberger Gesetze forcierten Segregation
bildete die „Förderung der zionistischen Abwanderung der Juden aus Deutsch­
land mit allen Mitteln“.10 Selbst als 1937 angesichts des britischen Teilungspla­
nes innerhalb von Ministerien und NSDAP erbittert über das Haavara-Abkom­
men gestritten wurde, machte das SD-Judenreferat folgenden Vorschlag: „Auf
die Reichsvertretung der Juden in Deutschland wird ein Druck dahingehend
ausgeübt, daß sie die aus Deutschland auswandernden Juden verpflichten [sic],
ausschließlich nach Palästina, nicht aber in irgendein anderes Land zu gehen.
Eine solche Maßnahme liegt durchaus im deutschen Interesse und wird bereits
durch Maßnahmen des Gestapa vorbereitet.“11
Auch als Anfang 1939 das von Eichmann in Wien entwickelte Konzept der
forcierten Vertreibung durch die Gründung der „Reichszentrale für die jüdi­
sche Auswanderung“ auf das Altreich ausgedehnt wurde, blieb Palästina als
Zielland deutscher Juden im Blick. In ihrer ersten Arbeitsbesprechung am

5 Aufz. Chef NSDAP-AO v. 5.6.1937, PAAA, R 27266.


6 Dto. von Bülow-Schwante/AA v. 11.6.1937, ebd., R 29899.
7 Dto. Clodius/AA v. 27.1.1938, ADAP, Ser. D, Bd. 5, S. 660; vgl. Nicosia, Hitler,

S. 217 ff.
8 Aufz. von Bülow-Schwante/AA v. 22.6.1937, PAAA, R 99387.
9 RMVP an AA v. 4.10.1938, ebd., R 104785.
10 Verm. Wisliceny/SDHA v. 7.4.1937, Judenfrage, BAB, R 58/991; vgl. Wildt, Juden­

politik, S. 12 ff., 40 ff.


11 Ber. SDHA II 112 v. 17.6.1937, Feivel Polkes, BAB, R 58/954.
60 Jüdische Auswanderung oder proarabische Parteinahme

11. Februar 1939 gab Heydrich sogar die illegale Auswanderung dorthin frei:
„Er führte aus, daß an sich zwar grundsätzlich gegen jede illegale Auswan­
derung Stellung genommen werden müßte. Bei Palästina lägen die Dinge je­
doch so, daß dorthin bereits z. Zt. aus vielen anderen europäischen Ländern,
die selbst nur Durchgangsländer wären, illegale Transporte gingen und unter
diesen Umständen auch von Deutschland, allerdings ohne jede amtliche Betei­
ligung, diese Gelegenheit wahrgenommen werden könnte.“12 Diese Linie wur­
de von Gestapo und SD auch während der ersten beiden Kriegsjahre weiter­
verfolgt.13
In Palästina selbst war für das SD-Judenreferat Dr. Franz Reichert, der Ver­
treter des Deutschen Nachrichtenbüros in Jerusalem, tätig.14 Er lieferte Berich­
te über die allgemeine Lage im Land nach Berlin und stand spätestens seit 1937
auch in nachrichtendienstlicher Verbindung zum Mufti von Jerusalem.15 Als
Ende September des Jahres Herbert Hagen und Adolf Eichmann vom Juden­
referat zu einer Nahostreise aufbrachen, um die Lage vor Ort zu inspizieren,
sollte dieser ihnen den Kontakt zu el-Husseini herstellen. „Dr. Reichert wird
ein Zusammentreffen mit dem Emir Abdulah [sic] und dem Mufti von Jerusa­
lem sowie mit anderen arabischen Politikern verschaffen“, meldete Eichmann
im Vorfeld.16 Die geplante Aussprache fand jedoch nicht statt, da die beiden
SD-Emissäre wegen der am 15. Oktober erneut ausgebrochenen Unruhen in
Palästina kein Visum erhielten. Eichmann und Hagen konnten jedoch berich­
ten, daß der „gewöhnliche Araber [...] schon beim Hören des Namens Hitler
aufhorcht und sich in Freudenausbrüchen ergeht“. Außerdem konnten sie vol­
ler Sympathie mitteilen, „daß alle arabisch-regierten Länder über Syrien Gel­
der nach Palästina fließen lassen und auch Waffen hinüberschmuggeln, um den
Sieg der dortigen Araber über Juden und Engländer zu ermöglichen“.17 Auch
im SD-Judenreferat nahm also die proarabische Parteinahme zu.
Die außenpolitische Option Hitlers, der zufolge der Wunsch nach Verständi­
gung oder gar einem Bündnis mit Großbritannien einen roten Faden bis Ende
der 1930er Jahre bildete, hemmte zunächst ebenfalls deutsches Engagement in

12
CdS an AA v. 14.2.1939, ADAP, Ser. D, Bd. 5, S. 788.
13
Kimche, Roads, S. 15 ff.; Avriel, S. 28 ff.; Ball-Kaduri, S. 387 ff.; Ofer, S. 98 ff.; Bauer,
Freikauf, S. 75 ff.
14 SDHA II 112 v. 15.1.1938, Tät.Ber. 1.7.-31.12.1937, BAB, R 58/991; vgl. Balke,

S. 196 ff.
15 SDHA II 112 an II 1 v. 3.5. u. 9.8.1938, BAB, R 58/563; Erkl. Dieter Wisliceny v.

26.7.1946, YVA, TR 3/129.


16 SDHA II 112 an II 1 v. 2.9.1937, BAB, R 58/623; für den DDR-Journalisten Polkehn,

S. 73, stellt dies eine zionistische Erfindung dar: „The inventor of this story seems to be the
well-known Zionist Simon Wiesenthal.“
17 SDHA II 112 v. 4.11.1937, Palästinareise-Ber., BAB, R 58/954.
Jüdische Auswanderung oder proarabische Parteinahme 61

Palästina. Demnach fiel dem Empire eine Schlüsselrolle zu, da es für Hitler den
Platz eines natürlichen Partners einnahm, während Frankreich als ewiger Tod­
feind und Italien als gegebener Bundesgenosse galten.18 Das Dritte Reich zeigte
sich bereit, die Rolle des United Kingdom als führende maritime Macht zu
respektieren und verkündete sogar eine Revision der den Interessen Großbri­
tanniens diametral entgegengesetzten wilhelminischen Weltpolitik. Höhepunkt
dieser von 1933 bis 1937 währenden Phase des Strebens nach einer Allianz mit
dem Königreich war das deutsch-britische Flottenabkommen vom 18. Juni
1935. Im Gegenzug erwartete das Dritte Reich allerdings stets die Anerken­
nung einer deutschen Vormachtrolle auf dem Kontinent. Dabei blieb es auch
während der sukzessiven Annäherung zwischen Deutschland und Italien.19
Wünsche nach deutschen Waffenlieferungen für den Araberaufstand in Pa­
lästina wurden deshalb anfangs kühl abgelehnt. „Ich erklärte ihm, daß wir mit
England in guten Beziehungen zu leben wünschten und daher trotz aller Sym­
pathien für die Araber einen gegen England gerichteten Aufstand nicht unter­
stützen könnten“, beschied Grobba im Dezember 1936 Fauzi el-Kawukschi,
den Abgesandten des Mufti. „Er erwiderte, daß der Aufstand ja letzten Endes
nicht gegen die Engländer gerichtet sei, mit denen die Araber immer befreun­
det gewesen seien, sondern gegen die Juden in Palästina, unter denen sich viele
Kommunisten befänden.“ Doch auch diese Argumentation verfing nicht. „Ich
entgegnete ihm, daß die Kämpfe doch gegen die Engländer geführt werden
sollten, und daß wir da nicht mittun könnten“, bekam er vom deutschen Bot­
schafter in Bagdad zu hören.20 Auf die Offerte des Mufti im Sommer 1937
reagierte man in Berlin gleichfalls reserviert. Vom „Entschluß, das Arabertum
mit Geld und Waffen zu unterstützen“, so Legationsrat Schumburg aus dem
Referat Deutschland des Auswärtigen Amtes, sei „mit Rücksicht auf die Ent­
wicklung des deutsch-englischen Verhältnisses [...] abzusehen“.21 Und Vize­
konsul Dittmann in Jerusalem ließ el-Husseini ungerührt mitteilen, daß der
Besuch seines Vertrauensmannes „in Berlin verfrüht erscheint“.22
Allerdings muß spätestens 1938 ein radikaler Wandel dieser Haltung erfolgt
sein. Denn eine auf den 18. Juni 1939 datierte „Vortragsnotiz f. Admiral C.“ -
also für Wilhelm Canaris, den Chef des Amtes Ausland/Abwehr – formulierte
unzweideutig: „Der Groß-Mufti hat mir durch seinen Verbindungsmann zu uns
seinen aufrichtigen Dank für die ihm bisher geleistete Unterstützung ausspre­

18Hildebrand, S. 79.
19Petersen, S. 461-492; Michaelis, S. 50 ff.
20 DG Bagdad an AA v. 17.12.1936, PAAA, R 102806; vgl. Nicosia, Hitler, S. 165 ff.
21 Aufz. Schumburg/AA v. 7.8.1937, ADAP, Ser. D, Bd. 5, S. 642; ähnlich dto. Pol VII/

AA v. 7.8.1937, ebd., S. 642-645.


22 DGK Jerusalem an AA v. 10.8.1937, ebd., S. 645.
62 Jüdische Auswanderung oder proarabische Parteinahme

chen lassen. Nur durch die ihm von uns gewährten Geldmittel war es ihm mög­
lich, den Aufstand in Palästina durchzuführen.“ Der Autor – aus dem unge­
zeichneten Text geht hervor, daß es sich um Oberst Hans Piekenbrock, den
Leiter der für militärische Auslandsspionage zuständigen Amtsgruppe I der
Abwehr, gehandelt haben muß – befand, die Rebellion sei im Niedergang be­
griffen und eine weitere Unterstützung des Mufti „deshalb unangebracht“. Er
schlußfolgerte aber: „Es muß jedoch gewährleistet werden, daß der Aufstand
im Bedarfsfall jederzeit wieder in Gang gebracht werden kann. Ich beabsichti­
ge deshalb, die Verbindung zum Groß-Mufti weiter zu halten.“ Und er teilte
mit, daß „für die Opfer des Aufstandes Mittel zur Verfügung gestellt“ wür­
den.23 Zu diesem Zeitpunkt war also die dem Oberkommando der Wehrmacht
direkt unterstehende Abwehr längst auf arabischer Seite in Palästina engagiert
und positionierte sich terroristisch in einem potentiellen Feindland des kom­
menden Weltkriegs.
Wann dieser Wandel von der Nichtintervention zur aktiven Einmischung
stattfand, läßt sich nicht exakt datieren, sondern lediglich plausibilisiert ablei­
ten. Die deutschen Quellen bleiben hierüber unklar, und auch der Mufti sprach
diesbezüglich in Rätseln: „Ich war wohl der erste, der die direkten Beziehun­
gen zu Deutschland gesucht hat, und die Zusammenarbeit mit Deutschland
schon lange Jahre vor dem Kriege zustande brachte.“24 Sicher ist, daß deutsche
Waffen im arabischen Aufstand in Palästina eingesetzt wurden,25 doch bleibt
dabei unklar, ob es sich um solche aus dem Ersten Weltkrieg oder welche mo­
dernen Datums handelte. Die Briten stellten nur relativ wenig Kriegsgerät aus
Deutschland sicher,26 was aber gleichfalls kaum einen Rückschluß auf Zeit­
punkt und Umfang der Lieferungen erlaubt. Sicher ist aber auch, daß Canaris
1938 zusammen mit Major Helmuth Groscurth, dem damaligen Leiter von Ab­
wehr II, den Mufti in Bagdad kennenlernte und ihm seitdem freundschaftlich
verbunden blieb.27 Der Admiral – in traditioneller Marinefeindschaft seit dem
Ersten Weltkrieg negativ auf England fixiert – wird darin eine Chance zur Aus­
wetzung alter Scharten gesehen haben. Den Kontakt dürfte sein alter Intimus
und V-Mann Grobba – ohnehin ein vehementer Fürsprecher einer proara­
bischen Parteinahme – zustande gebracht haben.28
Den einzigen genauen Hinweis auf den Zeitpunkt liefert das Tagebuch von
Groscurth: „Gespräch mit Gesandten Grobba aus Bagdad. Arabische Bewe­

23 Vortragsnotiz OKW/Ausl/Abw I v. 18.6.1939, IfZ, Nbg. Dok„ PS-792.


24 Aufz. Mufti (undat./Dez. 1943), PAAA, R 101101.
25 Jorda, Araber-Aufstand, S. 206.
26 The Times v. 28.11.1938 u. 23.2.1939; Stewart, Relations, S. 97; Melka, Axis, S. 36 f.
27 Abshagen, S. 316; Reile, S. 174.
28 Kohlhaas, S. 21; DG Bagdad an AA v. 2.5.1939, ADAP, Ser. D, Bd. 6, S. 334.
Jüdische Auswanderung oder proarabische Parteinahme 63

gung soll sofort aktiviert werden“, heißt es dort unter dem 29. August 1938.29
Interpretiert man das als Anweisung aus Berlin und nicht als Wunsch aus dem
Irak, dann würde dies bedeuten, daß die Entscheidung zu finanzieller Unter­
stützung und wohl auch zu Waffenlieferungen während der krisenhaften Zu­
spitzung des deutsch-britischen Verhältnisses nach dem Anschluß Österreichs
getroffen worden sein muß. Wie die berühmte Hoßbach-Niederschrift über
Hitlers Ausführungen am 5. November 1937 festhält,30 hatte dieser damals be­
schlossen, sein Expansionsprogramm – „Eroberung neuen Lebensraumes im
Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung“ – nunmehr ohne England
anzustreben, da ein Bündnis mit dem Königreich unter seinen Bedingungen
nicht realisierbar sei. Zwar wollte Hitler seine Absichten möglichst nicht im
Konflikt mit Britannien in die Tat umsetzen, doch glaubte er seinen bisherigen
Erfahrungen entnehmen zu können, daß sich die Regierung in der Downing
Street letztlich nicht zu aktivem Widerstand gegen den Aggressor entschließen
werde. Das britische Verhalten in der Abessinienkrise 1935/36, beim Rhein­
landeinmarsch 1936, im Spanischen Bürgerkrieg seit 1936 und bald darauf auch
bei der Annexion Österreichs 1938 schien ihm darin recht zu geben. Die bis­
herige Zielsetzung ,Freundschaft und Partnerschaft mit England‘ wurde nun­
mehr durch die Losung ,Möglichst keine Gegnerschaft‘ abgelöst.31 Als Hitler
seit Frühjahr 1938 Kurs auf die Zerschlagung der Tschechoslowakei nahm und
er wiederum auf britische Opposition gegen seine Hegemonialpläne stieß,
nutzte er den Araberaufstand in Palästina, um mögliche Einmischungsver­
suche in sein anstehendes Projekt zu unterbinden.
In einer Geheimkonferenz mit der militärischen Führung am 14. Juli 1938,
an der unter anderem Göring, Keitel, Goebbels und Himmler teilnahmen, er­
klärte er, den Zeitpunkt zum Losschlagen gegen Prag so wählen zu wollen, daß
Großbritannien dann stark in Palästina beschäftigt sei und deshalb kein Inter­
esse daran habe, auch noch in Mitteleuropa in Konflikte verwickelt zu wer­
den.32 Der anwesende Keitel dürfte diesen Gedanken als Weisung verstanden
haben, die er dem unmittelbar untergebenen Canaris weitergab. Dieser wieder­
um beauftragte damit den dafür zuständigen Amtsgruppenleiter II, Groscurth.
Seitdem kamen Waffenlieferungen der Abwehr auf dem Seeweg in den Liba­
non und wurden von dort mit Hilfe arabischer Fischerboote an die Küste Palä­
stinas transportiert, um den Konflikt dort anzuheizen.33 1939, als der militäri­

29 Groscurth, S. 106; vgl. Longerich, S. 114 f., 138, 143, 371 f., 381, 384..
30 Abgedr. in Wendt, S. 191-202.
31 Vgl. Henke, S. 99 ff.
32 Ebd., S. 158; Neubert, S. 119 f.; Nicosia, Nationalism, S. 363 f.; sie stützen sich auf eine

Information Brauchitschs bei Colvin, S. 220.


33 Kiernan, S. 71 ff.; Schiller, S. 176; Faks. britischer Meld, bei Dekel, S. 231 ff.
64 Jüdische Auswanderung oder proarabische Parteinahme

sche Zusammenstoß mit Großbritannien immer wahrscheinlicher wurde, ver­


schwanden wohl die letzten Bedenken, und als der Weltkrieg erst einmal Rea­
lität war, gab es erst recht keine mehr. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit
und der Reichweite, wann er auch auf Palästina ausgreifen werde. Im August
1939, als Hauptmann Wilhelm Kohlhaas zur Abwehr II in Berlin einberufen
wurde, stand das Thema längst auf der Agenda: „Die vielen Phantastereien,
die auf Israel und Jerusalem zielten, konnte man durch den Hinweis auf die
damalige Unerreichbarkeit des Orients für einen Lufteinsatz abdrehen“, erin­
nerte er sich später.34
Die schleichende Prioritätenverschiebung kam nunmehr auch in deutscher
Rundfunkpropaganda in den Nahen und Mittleren Osten zum Ausdruck. Die
Italiener hatten bereits im März 1934 in Vorbereitung auf den Krieg in Abes­
sinien damit begonnen, von Radio Bari aus arabische Programme auszustrah­
len, während sich das Dritte Reich aus Rücksicht auf die britischen Interessen
damit noch zurückhielt.35 Obwohl es 1935 lediglich 10.000 Radiogebührenzah­
ler in Palästina gab, war das öffentliche Abspielen von Nachrichten und Musik
in arabischen Kaffeehäusern äußerst populär.36 Radio Bari stand dort bald
schon hoch im Kurs; 1937 schätzte die britische Mandatsverwaltung, daß
60 Prozent aller Besitzer von Rundfunkgeräten in Palästina dessen Sendungen
regelmäßig hörten, und stellte besorgt fest: „There is little doubt that the Bari
broadcast enjoys wide publicity.“37 Außer Zweifel steht dabei, daß der Sender
diese Beliebtheit dem rüden antibritischen Tonfall verdankte, zu dem er seit
Beginn des Araberaufstandes übergegangen war.38
Im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges zog das Dritte Reich am 25. April 1939
nach. An diesem Tag ging in Zeesen südlich von Berlin der damals leistungs­
stärkste Kurzwellensender der Welt mit seinem arabischen Programm erstmals
auf Sendung.39 Es bestand aus Musik, Lesungen aus dem Koran, Nachrichten
und „Talks“ zum Tagesgeschehen, portraitierte Deutschland als mächtigen
Gegner der Feinde Arabiens und zog über Juden, Briten und Franzosen her.40
Für Araber, die mit Zionisten auch nur verhandeln wollten, hatte man lediglich
Spott übrig. So wurde Emir Abdallah von Transjordanien regelmäßig als „Rab­

34
Kohlhaas, S. 13.
35
MacDonald, S. 195; Michaelis, S. 50; Barbour, S. 58, u. Arsenian, S. 419, geben dafür
fälschlicherweise den September 1935 an; vgl. Baker, S. 98 ff.; Melka, Axis, S. 7 ff.
36 Report from Palestine v. 12.11.1935, NAK, FO 371/18958.
37 Dto. v. 26.8.1937, ebd., FO 395/547.
38 MacDonald, S. 197 ff.
39 Schwipps, S. 58; Steppat, S. 269; zur Ablehnung durch das AA 1938 Neubert,

S. 113 ff.; Barbour, S. 63, Arsenian, S. 419, MacDonald, S. 204, Melka, Axis, S. 226, geben
fälschlicherweise 1938 als Sendebeginn an.
40 Baker, S. 102 ff.
Jüdische Auswanderung oder proarabische Parteinahme 65

bi Abdallah“ verhöhnt.41 Franz Schattenfroh war auf seiner Palästinareise kurz


vor Kriegsbeginn von der Wirkung der Sendungen derart beeindruckt, daß er
die Hoffnung aussprach, daß die dortigen Araber „inzwischen nicht zuletzt
auch durch die deutsche Rundfunkpropaganda, die die Araber mit großer Auf­
merksamkeit und vielem Beifall in sich aufnehmen, doch einiges dazugelernt
haben“.42
Die Literatur der deutschen Palästinareisenden reflektierte gleichfalls die
Prioritätenverschiebung hin zur vehementen proarabischen Parteinahme. „Die
Ereignisse des Jahres 1939 beweisen eindeutig, daß das Weltjudentum in Palä­
stina zu einer Entscheidung drängt, daß es bereit ist, sich mit blutigem Terror
und mit der Waffe in der Hand das zu holen, was es durch zwanzigjährige Ver­
handlungen bisher nicht erreicht hat“, resümierte Heinrich Hest im selben Jahr
und schlußfolgerte daraus: „Die englische Kolonialpolitik ist dadurch im Na­
hen Osten zum Handlanger des Weltjudentums herabgesunken.“43 Gleichzeitig
attestierte er den Arabern, daß sie „das natürlichste Recht der Menschen, das
Selbstverteidigungsrecht, für sich in Anspruch“ nähmen.44 Er kannte auch den
künftigen Gewinner dieses Konflikts: „Je rücksichtsloser das Judentum [...] die
physische Existenz dieser Araber zu vernichten suchte, um so stärker wurden
die Lebenskraft und der Widerstandswille des Arabertums.“45
Hermann Erich Seifert prognostizierte in seinem im Februar 1940 abge­
schlossenen Buch: „Je mehr das Weltjudentum in Palästina droht, je mehr die
beiden Demokratien [Großbritannien und Frankreich] die Maske ihrer bruta­
len Gewaltherrschaft fallen lassen, um so deutlicher wird, in welch starkem
Maße das Arabertum zum entscheidenden Freiheitskampf bereit ist. Der Be­
weis für die Kraft zum Kämpfen ist in den einzelnen Ländern längst erbracht
worden. Heute wartet die arabische Welt den günstigsten Augenblick ab, dann
aber wird vom ganzen britischen Empire der Nahe Osten zuerst hochfliegen.“46
Hier war keinerlei Rücksichtnahme auf das United Kingdom mehr zu verneh­
men. Großbritannien wurde als Lakai des Judentums eingestuft, der Aufstand
der arabischen Welt gegen Briten und Juden vorausgesagt. Auch Kurt Fischer-
Weth, der Biograph des Mufti, wußte, daß die arabische Welt „seines Winkes
gewärtig ist, um im gegebenen Augenblick den Kampf wiederaufzunehmen,
der einem lebendigen und revolutionären Volk durch die Geschichte vor­
geschrieben wird“.47 Er sagte voraus, daß im Falle eines Krieges „die Araber

41 Barbour, S. 65.
42 Schattenfroh, S. 69.
43 Hest, S. 5f.
44 Ebd., S. 48.
45 Ebd., S. 72.
46 Seifert, S. 90 f.
47 Fischer-Weth, S. 94 f.
66 Jüdische Auswanderung oder proarabische Parteinahme

Palästinas Gewehr bei Fuß stehen, bis die Gelegenheit kommt, auf die sie war­
ten“.48 Die Prognosen waren eindeutig.
„Schneller als der gutmütige Deutsche hat der Araber die Gefahr, die ihm
vom Juden droht, erkannt, und fest entschlossen tritt er ihr mit aller Kraft und
Leidenschaft entgegen. Er bekämpft den Juden, wo und wie er kann, und be­
sonders hier in Haifa steht der Kampf nie still“, beschrieb Karl Kossak-Rayte­
nau, der 1938 als Sonderberichterstatter des NS-Blattes „Der Angriff“ Palästi­
na bereiste, die Situation in der Hafenstadt und glorifizierte die dortigen
Muslime geradezu als Vorbilder in Sachen gewalttätiger Antisemitismus: „Alle
Augenblicke knallt es am Karmel und besonders gerne beschießen die Araber
die Autobusse, die von Haifa auf den Karmel fahren und fast nur von Juden
benützt werden.“49 Er wußte auch um die Vorbildfunktion des Dritten Reiches:
„Wir Araber“, ließ er einen Führer der Aufständischen sagen, „verfolgen den
Aufstieg Deutschlands mit großem Interesse und heißen Herzen, denn
Deutschland befand sich vor einigen Jahren, ehe Adolf Hitler die Macht über­
nahm, in einer ähnlichen Lage wie wir Araber in Palästina.“50 Und er vergaß
nicht, die Feindbilder zu parallelisieren: „Die Juden wollen uns vernichten. Sie
sind, wie überall, auch hier Parasiten, und der Engländer unterstützt sie“, fuhr
der Aufständische fort und ließ seine Rede mit islamistischer Führersehnsucht
ausklingen: „Der Araber wurde wach! Lange schlief er, lange hat Allah seine
Hand von ihm genommen, weil viele von uns Allah vergaßen! Er aber hat uns
in seiner Güte und Barmherzigkeit erweckt und er, der den Weg weiß, wird
auch uns den Führer senden, der uns in die Freiheit führt! Preis und Lob dem
Barmherzigsten aller Barmherzigen! Es gibt keinen Gott außer Gott und Mo­
hammed ist sein Prophet!“51
Am deutlichsten wird die geschilderte Akzentverschiebung bei Leopold Itz
Edler von Mildenstein, da dieser Palästina gleich zweimal besuchte und dar­
über eine Reportage und zwei Bücher mit deutlich differierenden Sichtweisen
publizierte.52 Im Sommer 1934 bereiste er das Land zum ersten Mal als Journa­
list für Goebbels’ „Angriff“ und veröffentlichte dort anschließend eine zwölf­
teilige Artikelfolge unter dem Titel „Ein Nazi fährt nach Palästina“.53 Die Serie
bildete auch die Grundlage seines 1938 erschienenen Buches „Rings um das
brennende Land am Jordan“. Trotz aller antisemitischen Sichtweisen und dem
Willen, Europa von den Juden zu ,befreiend‘ sah er das zionistische Projekt im

48 Ebd., S. 85.
49 Kossak-Raytenau, S. 18.
50 Ebd., S. 54.
51 Ebd., S. 56f.
52 Vgl. Kaiser, S. 407-423; Wistrich, S. 288 f.; Balke, S. 208.
53 Der Angriff v. 26.9.-9.10.1934.
Jüdische Auswanderung oder proarabische Parteinahme 67

wesentlichen positiv, interpretierte die jüdische Siedlungsarbeit als eine aus der
Wiederverwurzelung im Boden resultierende ,Gesundung‘ und betrachtete Pa­
lästina als Zielland für die Auswanderung gerade auch deutscher Juden. Er
warnte aber auch: „Palästina hat sich im Laufe der letzten Jahre zu einem poli­
tischen Vulkan entwickelt, von dem man nur eins sicher weiß; daß der nächste
Ausbruch immer genau so sicher kommen wird, wie der vorhergegangene, die
einzige Frage ist das Wann.“54 Mildensteins Artikelfolge fand einen prominen­
ten Leser: Reinhard Heydrich. Dieser beauftragte den Autor, im SD-Hauptamt
das Judenreferat zu leiten. Mildenstein war dort von März 1935 bis Juli 1936
führend tätig und strebte eine „Lösung der Judenfrage“ durch Auswanderung
an, die durch bewußt herbeigeführte Dissimilation forciert werden sollte.55 Die
Behauptung, daß „der Untersturmführer ebensowenig Antisemit [war] wie
sein unbeholfener Adlatus Adolf Eichmann“,56 wird man deswegen nicht unbe­
dingt teilen müssen.
Im Frühsommer 1939 unternahm Mildenstein, mittlerweile in der Auslands­
presseabteilung des Reichspropagandaministeriums aktiv, eine zweite Reise
nach Palästina und verarbeitete sie in seinem 1941 veröffentlichten Buch „Na­
her Osten – Vom Straßenrand erlebt“. Dort positionierte er sich vorbehaltlos
auf der Seite der Araber und erwartete deren Sieg im Kampf gegen Juden und
Briten. Die derzeitige Ruhe sei nur trügerisch, so Mildenstein, „Engländer,
Juden und Araber, alle drei wissen das und meiden einander. Kein Araber wird
ohne Zwang den jüdischen Stadtteil betreten, kein Jude oder Engländer die
arabische Altstadt. Man haßt und boykottiert sich stillschweigend, die geballte
Faust in der Tasche – und wartet auf den Tag der Auseinandersetzung.“57 Ab­
sichtsvoll endet der Palästinateil des Buches mit einem Gespräch des Autors
mit einem arabischen Ingenieur im Deutschen Restaurant von Jaffa: „Wir wis­
sen heute, daß wir erst zwei Dinge erreichen müssen, ehe wir von neuem los­
schlagen: Wir müssen der tatkräftigen Hilfe der anderen arabischen Staaten
diesmal sicher sein, und wir müssen die Verräter und die käuflichen Subjekte
in unseren eigenen Reihen vorher vernichtet haben“, ließ Mildenstein ihn dort
sagen und mit der Prophezeiung schließen: „Der Anstoß wird von außen kom­
men müssen, aber er wird uns bereit finden, das Werk hier zu vollenden.“58
Welcher Leser wird 1941, als das Buch erschien, da nicht an Hitlers Wehrmacht
gedacht haben, als Rommels Afrikakorps bereits in der Cyrenaika stand? Und

54 Mildenstein, Land, S. 63.


55 Drobisch, S. 240; Wildt, Judenpolitik, S. 19 f„ 29, 49, 80 f.
56 Höhne, S. 302.
57 Mildenstein, Osten, S. 115.
58 Ebd., S. 119 f.
68 Jüdische Auswanderung oder proarabische Parteinahme

manch einer wird damals auch in dem zu vollendenden Werk sofort die Juden­
vernichtung erkannt haben.
Zwar förderte man die illegale jüdische Auswanderung aus dem deutschen
Machtbereich nach Palästina noch bis ins Jahr 1941 hinein, doch die Prioritäten
verschoben sich um so deutlicher, je näher der Weltkrieg rückte. Die Rück­
sichtnahme auf Großbritannien schwand zusehends, gleichzeitig wuchs die Par­
teinahme für die Araber gewissermaßen täglich. Das Dritte Reich sah in den
Juden Palästinas erbitterte Feinde im kommenden Waffengang, während man
die arabische Welt immer mehr als Aktivposten einschätzte. Man unterstützte
sie daher mit Waffen, lieferte propagandistische Munition, teilte ihre Perspek­
tiven auf das internationale Geschehen und goutierte das Prestige, das
Deutschland und sein Hitler in diesem Teil der Welt genossen. Schließlich sah
man im Mufti von Jerusalem zunehmend den zentralen Partner im Nahen und
Mittleren Osten, dessen Leben und Wirken man in geradezu hagiographischen
Schriften verherrlichte.59 Angesichts dieser eindeutigen Verschiebung der
deutschen Parameter in allen Beziehungssektoren geht es keineswegs an, zu
behaupten: „Die Sache der Araber in Palästina, die höchstens in den Jahren
1938 und 1939 für kurze Zeit als ein geeignetes Mittel angesehen wurde, die
Vorgänge in Europa zu beeinflussen, war nicht Teil der Interessen des natio­
nalsozialistischen Deutschland.“60 Und es ist noch abwegiger, wenn derselbe
Autor – tendenziell im Widerspruch zu sich selbst – einige Seiten weiter zu
konstatieren glaubt: „Das Hitler-Regime schenkte in den Jahren 1938 und 1939
dem arabischen Faktor weiterhin keine Beachtung.“61 Das genaue Gegenteil
war der Fall. Umgekehrt fehlen alle Belege für eine behauptete „wachsende
Feindschaft gegen Deutschland in der arabischen Welt auf Grund der Rolle,
die Deutschland bei der illegalen jüdischen Einwanderung nach Palästina
spielte“.62 Vielmehr war es ein Prozeß stetig zunehmender Übereinstimmung,
eine gemeinsame Frontstellung, die im Kriegsfall zum Schulterschluß werden
sollte.

59 Björkman, Mufti, S. 307 ff.; Fischer-Weth, S. 47 ff.; Hartmann, S. 430 ff.; Klingmüller,

S. 413 ff.; Hüber, Hadsch, S. 139 ff.


60 Nicosia, Hitler, S. 286.
61 Ebd., S. 296; ähnlich Yisraeli, The Third Reich and Palestine, S. 343.
62 Nicosia, Hitler, S. 286.
4. Militärisches Eingreifen:
Vormarsch in der Cyrenaika und Bomben im Irak

Zur Basis der sich seit Oktober 1936 abzeichnenden Achse Berlin-Rom zählte
von Anfang an die deutsche Anerkennung des Mittelmeers als italienisches
Mare nostro im Stile der antik-imperialen Vorstellungen Mussolinis.1 Dieser
sah Italien als Gefangenen im Mittelmeer, dem das Empire und Frankreich
den freien Zugang zu den Ozeanen vorenthielten. Mussolini leitete aus dieser
Interpretation für sein Land die Vision ab, die „Riegel des italienischen Ge­
fängnisses“ – gemeint waren Gibraltar, Korsika, Tunesien, Malta, Zypern und
Suez – aufzubrechen und die seestrategische Überlegenheit Großbritanniens in
diesem Binnengewässer zu beenden.2 Der Abschluß des „Stahlpaktes“ mit
Deutschland am 22. Mai 1939, der eine gegenseitige Beistandsverpflichtung
im Kriegsfall vorsah, sollte dafür die Bündnisgrundlage schaffen. Damit er­
kannte das Deutsche Reich zwar einen italienischen Anspruch auf den Nahen
und Mittleren Osten als künftige Einflußgebiete an, doch diese Akzeptanz war
vorläufig. Angesichts der wachsenden militärischen Schwäche Italiens sollte sie
zunehmend zurücktreten.
Erst Italiens verspäteter Kriegseintritt am 10. Juli 1940 machte das Mittel­
meer zum Schauplatz militärischer Auseinandersetzungen. Doch Mussolini,
gierig fixiert auf einen Teil der französischen Beute, versäumte es, diesen
Schritt zu einem Überraschungsschlag gegen die mediterranen Bastionen des
Empire zu nutzen. So aber waren die Niederlage Frankreichs und speziell der
fluchtartige Rückzug der Briten bei Dünkirchen zwar aufmunternde Signale an
die arabische Welt, von einem schnellen Kollaps des United Kingdom konnte
indes keine Rede sein. Die Briten hielten nach wie vor die Ein- und Ausgänge
zum Mittelmeer – Gibraltar und den Suezkanal – besetzt, und sie kontrollierten
über Malta und Zypern die Durchfahrten im mittleren und östlichen Teil.3
Wenn auch das Empire gewaltsam vom Kontinent vertrieben und nunmehr als
alleiniger Kriegsgegner der Achse übriggeblieben war, igelte es sich keineswegs
defensiv ein. Während die Luftschlacht über England tobte,4 das Dritte Reich

1 Bessis, S. 330.
2 Deakin, S. 23; Michaelis, S. 55 f.
3 Hillgruber, Hitlers, S. 126 ff.
4 Keegan, S. 135 ff.
70 Vormarsch in der Cyrenaika und Bomben im Irak

die Insel durch die Beherrschung der Kanal- und Atlantikküste marine- und
luftstrategisch in Schach halten konnte, Mitte September dann jedoch die ge­
plante Invasion aufgeben mußte,5 nutzten die britischen Luft- und Seestreit­
kräfte im Mittelmeer alle sich bietenden Chancen. Ihr größter Schlag gelang
ihnen in der Nacht vom 11. zum 12. November 1940, als 20 Torpedobomber
des Flugzeugträgers „Illustrious“ große Teile der italienischen Kriegsflotte im
Hafen von Tarent versenkten und Großbritannien damit die mediterrane See­
herrschaft sicherten, die Italien künftig aus eigener Kraft nicht mehr gefährden
konnte.6
Zu diesem Zeitpunkt war die deutsche Wehrmacht überhaupt noch nicht auf
dem neuen Kriegsschauplatz vertreten. Hitler, der sich schon Ende Juli 1940
entschlossen hatte, seinen Angriff auf die Sowjetunion für das Frühjahr 1941
vorzubereiten, war damals durch seine Intentionen und die gegebene Situation
blockiert. Der Wunsch nach einer Invasion Englands, die Rücksicht auf die
Pläne Mussolinis, auf Spanien, Frankreich und die Türkei, die er auf seine Seite
ziehen beziehungsweise neutralisieren wollte, die Erkenntnis seiner schwachen
Seestreitkräfte und erst recht der geplante Ostkrieg schlossen im zweiten Halb­
jahr 1940 ein Eingreifen im Mittelmeer aus.7 Hitler favorisierte daher die Kon­
zeption einer Politik der getrennten Räume, wonach Deutschland seine kon­
tinentalen Hegemonialziele nördlich der Alpen anstreben solle, während sich
Italien südlich davon in eigenständiger Kriegführung um die Wiedererrichtung
seines „Römischen Mittelmeerreiches“ zu bemühen habe.8 Dies traf sich mit
Mussolinis Vorstellung eines Parallelkrieges, den er im mediterranen Raum
unter ängstlicher Wahrung seiner Selbständigkeit gegenüber dem Achsenpart­
ner zu führen beabsichtigte.9
Libyen diente als Ausgangsbasis für die vom „Duce“ gegen den Widerstand
des Comando Supremo durchgesetzte italienische Offensive gegen Ägypten,
die am 13. September 1940 begann, jedoch bereits drei Tage später nach der
Einnahme von Sidi Barrani und einem Geländegewinn von 90 Kilometern wie­
der eingestellt wurde. Am 28. Oktober ließ Mussolini seine Truppen über die
albanische Grenze in Griechenland einfallen. Einen Tag später landeten briti­
sche Verbände auf Kreta und Anfang November im Raum Athen. Als die Grie­
chen zum Gegenangriff übergingen und die italienischen Soldaten auf alba­
nisches Gebiet zurückdrängten, entschloß sich Mussolini Anfang Dezember

5
Vgl. Klee.
6
Schröder, Deutschland, S. 29; Reuth, Entscheidung, S. 25.
7 Dessouki, S. 33 ff.
8 Aufz. Woermann/AA v. 21.7.1940, ADAP, Ser. D, Bd. 10, S. 215 f.; Runderlaß AA v.

20.8.1940, ebd.,S. 425 f.


9 Gruchmann, Chancen, S. 461 f.
Vormarsch in der Cyrenaika und Bomben im Irak 71

zu einem Hilferuf in Berlin, um die drohende Niederlage abzuwenden. Damit


gab Italien seine bisherige Parallelkriegführung faktisch auf. Am 8. Dezember
traten die Briten zudem an der libysch-ägyptischen Grenze zur Gegenoffensive
an und bedrohten bald schon Bardia und Tobruk.10
Durch diese schnellen Rückschläge an allen Fronten stand Italien vor einem
militärischen Desaster. Überdies waren nunmehr die für das Dritte Reich le­
bensnotwendigen Erdölfelder Rumäniens in die Reichweite der Royal Air For­
ce gerückt. Um beide Gefahren abzuwenden, gab auch Hitler jetzt seine Politik
der getrennten Räume auf und entschloß sich zu einer nachhaltigen Berei­
nigung‘ der europäischen Südflanke als Voraussetzung des auf den Frühsom­
mer 1941 verschobenen Unternehmens „Barbarossa“.11 Bereits in der Weisung
Nr. 18 vom 12. November 1940 ordnete er an, eine Panzerdivision für den Ein­
satz in Nordafrika bereit zu halten, Vorbereitungen für Luftangriffe auf Alex­
andria und den Suezkanal zu treffen sowie einen Vorstoß deutscher Heeresver­
bände von Bulgarien nach Griechenland zu planen.12 Am 10. Dezember befahl
er die Verlegung des X. Fliegerkorps von Norwegen nach Sizilien. Dessen
wichtigste Aufgabe sei „die Bekämpfung der englischen Flotte vor allem im
Hafen von Alexandrien sowie des feindlichen Schiffsverkehrs durch den Suez­
kanal und durch die Enge zwischen Sizilien und der nordafrikanischen Kü­
ste“.13 Und am 11. Januar 1941 wies er die „Mithilfe deutscher Kräfte bei den
Kämpfen im Mittelmeerraum“ an: „Tripolitanien muß behauptet, die Gefahr
eines Zusammenbruchs der Albanischen Front beseitigt werden.“14 Damit wa­
ren die mediterranen Anrainerstaaten perspektivisch zum Terrain deutscher
Kriegführung geworden.
Trotz dieser eingeleiteten Stützungsmaßnahmen für den Achsenpartner
nahm die italienische Niederlage zunächst ihren Lauf. Bardia und Tobruk fie­
len im Januar 1941; Benghasi, die Hauptstadt der Cyrenaika, wurde am 6. Fe­
bruar besetzt. Mitte des Monats hatten die Briten Marschall Grazianis Armee
größtenteils zerschlagen und 130.000 Kriegsgefangene gemacht. Erst als deren
Offensive infolge der neuen Schwerpunktbildung im griechisch-ägäischen
Raum bei El Agheila an der Südostecke der Großen Syrte auslief und erste
Erfolge des seit 10. Januar eingreifenden X. Fliegerkorps sichtbar wurden, min­
derte sich der britische Druck in Nordafrika. Die Gefahr, auch Tripolitanien zu

10 Reuth, Entscheidung, S. 23 ff.


11 Aufz. Schmidt/Büro RAM v. 19.11.1940, Unterredung Hitler-Ciano am 18.11.,
ADAP, Ser. D, Bd. 11/2, S. 509 ff.; vgl. Hillgruber, Hitlers, S. 339 ff.
12 OKW/WFSt/Abt.L v. 12.11.1940, Weisung Nr. 18, ADAP, Ser. D, Bd. 11/1, S. 444 ff.
13 Dto. v. 10.12.1940, Einsatz deutscher Fliegerverbände v. Italien aus, ebd., Bd. 11/2,

S. 697; vgl. Gundelach, Bd. 1, S. 92 ff.


14 OKW/WFSt/Abt.L v. 11.1.1941, Weisung Nr. 22, ADAP, Ser. D, Bd. 11/2, S. 894.
72 Vormarsch in der Cyrenaika und Bomben im Irak
Vormarsch in der Cyrenaika und Bomben im Irak 73

verlieren, war damit gebannt.15 Unter dem Schutz deutscher Flugzeuge und
abgeschirmt durch die italienische Marine erreichten zwischen Anfang Februar
und Ende März 15 deutsche Schiffsstaffeln Tripolis und überführten 25.000
Mann, Fahrzeuge und Nachschub.16 Zudem griffen die Kampf- und Jagd­
geschwader der Luftwaffe Malta und britische Geleitzüge an, attackierten den
Hafen von Alexandria und begannen von den Inseln des Dodekanes aus mit
der Verminung des Suezkanals.17
Damit lag nunmehr auch Palästina in der Reichweite der Achse. Bereits 1940
starteten mehrfach italienische Bomber in Rhodos und griffen die Küstenstäd­
te an; seit 1941 beteiligte sich auch die deutsche Luftwaffe daran. Hauptziele
waren Tel Aviv, Jaffa, vor allem aber Haifa, wo die Ölpipeline aus dem Irak
endete und große Raffinerien standen. Hunderte von Juden, aber auch Araber
kamen dabei uns Leben.18 Gleichwohl wurde das Bombardement „mit großer
Genugtuung“ von letzteren beobachtet, die „vom gegenüberliegenden Akko
aus und von den Bergen von Ras en Nakura aus in Scharen frohlockend dieses
Schauspiel betrachteten und Freudentänze aufführten“, wie Iwo Jorda schilder­
te. „Die dabei von den italienischen Fliegern abgeworfenen Flugzettel hätten
sie nicht erst über die Bedeutung dieses Angriffes aufzuklären brauchen.“19
Angesichts dieser Ausweitung des Krieges auf den Orient veröffentlichte die
Reichsregierung am 4. Dezember 1940 im Rundfunk eine mit Italien abge­
stimmte Erklärung, in der sie „die volle Sympathie Deutschlands“ für „den
Kampf der arabischen Länder zur Erlangung ihrer Unabhängigkeit“ bekunde­
te.20 Dies klang zwar reichlich allgemein und schwieg sich über künftige Ziele
aus, fand aber „in der ganzen arabischen Welt lebhaften Widerhall“, wie Dr.
Wilhelm Melchers, Hentigs Nachfolger als Leiter des Nahostreferats Pol VII
seit Ende 1939, festhielt.21
Mit dem Ende des italienischen Parallelkrieges war das militärische Vor­
gehen des Achsenpartners zwar in den weiten Rahmen der deutschen Gesamt­
strategie eingefügt, zugleich aber wurde auch der bislang sakrosankte italie­
nische Vorrang im Nahen und Mittleren Osten zunehmend in Frage gestellt.22

15 Reuth, Entscheidung, S. 41 ff.


16 Materialreich dazu BA-MA, N 316/v.36.
17 Gundelach, Bd. 1, S. 102 ff.
18 Ebd., S. 253, 267; OKW/Ausl/Abw I v. 7.12.1940, Ber. aus Palästina, BA-MA, RL 2 II/

486; Ber. LFSt/Ic v. 11.6., 12.6. u. 8.7.1941, ebd.; OKW/ Ausl/Abw I v. 26.3.1941, Naher
Osten, britische Maßnahmen in Ägypten u. Palästina, ebd., RH 2/1784; Ritter an A A v.
9.6.1941, PAAA, R 29885; vgl. Segev, S. 489, 492.
19 Jorda, Araber-Aufstand, S. 438.
20 Rundfunkerklärung v. 4.12.1940, PAAA, R 27326.
21 Aufz. Melchers/AA v. 11.12.1940, ADAP, Ser. D, Bd. 11/2, S. 706.
22 Hirszowicz, Germany, S. 57 ff.; Melka, Axis, S. 204 ff.
74 Vormarsch in der Cyrenaika und Bomben im Irak

„Die Hegemonie Italiens im Mittelmeer, d. h. die absolute Beherrschung des


Seeweges [durch den Suezkanal] zu unseren wiederzugewinnenden mittelafri­
kanischen Besitzungen wie zu den Ölvorkommen im Nahen Orient, läßt es
imperativ erscheinen, daß das Reich wenigstens eine von dieser maritimen
Route unabhängige Landverbindung nach dem Persischen Golf für sich sicher­
stellt“, hatte Franz von Papen, der deutsche Botschafter in Ankara, bereits im
Oktober 1940 gefordert.23 Noch deutlicher wurde Oberstleutnant von Loßberg
vom Wehrmachtführungsstab im Januar 1941: „Der deutsche Entschluß, den
Italienern auch bezüglich ihrer politischen Arbeit im Mittelmeerraum Freiheit
zu lassen, hat sich in den arabischen Ländern nicht bewährt. Die Italiener ha­
ben kein Interesse an selbständigen arabischen Staaten, da sie später selbst
dort die Hauptrolle spielen wollen. Wertvolle Beziehungen nach Arabien hin­
ein sind in den letzten Monaten abgerissen bezw. schlechter geworden.“ Aus
dieser Defizitanalyse leitete Loßberg zwei wesentliche Konsequenzen für die
Zukunft ab: „1.) Es ist höchste Zeit, daß wir die politische Arbeit im Mittleren
Orient künftig von Deutschland aus steuern und hier schnell und energisch
handeln. 2.) Hierzu gehört, daß wir als Kriegsziel der Achse die Selbständigkeit
der Araber anerkennen. Wir sind insofern gut daran, als wir den Arabern keine
nur ,erträgliche‘ Regelung der Judenfrage in Palästina zu versprechen brau­
chen, sondern mit gutem Gewissen den Arabern auf diesem Gebiet jede Kon­
zession machen können.“24 Im Klartext hieß das: Nur die Absage an italie­
nische Kolonialgelüste und das Versprechen arabischer Autonomie garantiere
eine radikale „Lösung der Judenfrage“ in diesem Raum.
Noch im selben Monat kontaktierte Loßberg in dieser Frage das Nahostre­
ferat des Auswärtigen Amtes, argumentierte gegen die „politische Vorhand“
der Italiener und spielte die aktuellen militärischen Kräfteverhältnisse gegen
sie aus: „Heute nach den verschiedenen Niederlagen Italiens sei eine weitere
Rücksichtnahme wohl kaum noch angängig, weil bewiesen sei, daß die Italiener
in den in Frage kommenden Gebieten tatsächlich nicht mehr das Gesetz des
Handelns in den Händen hätten.“ Angesichts drohender weiterer Verluste set­
ze sich im Oberkommando der Wehrmacht „die Auffassung durch, daß wir die
Dinge im Vorderen Orient nicht treiben lassen dürfen, sondern unsere Krieg­
führung aktivieren müßten, insbesondere auch um noch Schlimmeres z.B.
einen Verlust von Nordafrika zu verhüten“.25 Ribbentrop entschied zwar An­
fang Februar 1941, daß in dieser Frage „auf italienische Empfindlichkeiten star­
ke Rücksicht“ zu nehmen sei, zugleich billigte er jedoch ein Schlupfloch für
eigenständiges deutsches Vorgehen: „Mit Rücksicht darauf, daß die Italiener

23 DG Ankara an AA v. 3.10.1940, ADAP, Ser. D, Bd. 11/1, S. 207.


24 OKW/WFSt/Abt. L an OKW/Ausl/Abw v. 7.1.1941, PAAA, BA 61179.
25 Aufz. Melchers/AA v. 16.1.1941, ebd.
Vormarsch in der Cyrenaika und Bomben im Irak 75

die arabische Frage bisher haben hängen lassen, können wir unsererseits in
geeigneten Fällen die Initiative ergreifen, sollen die Italiener aber immer recht­
zeitig beteiligen und ihnen nach außen den Vortritt lassen“, hielt Unterstaats­
sekretär Dr. Ernst Woermann, der Leiter der Politischen Abteilung, fest.26 Da­
mit war die „politische Vorhand“ Italiens faktisch vom Tisch, da sie nunmehr
mit ministerieller Genehmigung jederzeit unterlaufen werden konnte, wenn es
relevant erschien. Sie fungierte seitdem nur noch als Paravent, hinter dem die
Konflikte aller Beteiligten mehr oder minder offen ausgetragen wurden.
Am 21. Januar 1941 befahl Hitler den Beginn des Unternehmens „Sonnen­
blume“ zur Stützung der Italiener in Nordafrika.27 Dazu wurde die 5. leichte
Division von Neapel aus im Seetransport nach Tripolis überführt.28 Dieser
Sperrverband, der im Mai noch durch die 15. Panzerdivision verstärkt wurde,29
erhielt die Bezeichnung Deutsches Afrikakorps.30 Es war dem italienischen
Oberbefehlshaber in Libyen taktisch unmittelbar unterstellt und durfte nur
geschlossen eingesetzt werden.31 Die Führung des Korps übernahm am 12. Fe­
bruar Generalleutnant Erwin Rommel, der sich als Kommandeur der 7. Pan­
zerdivision im Frankreichfeldzug einen großen Namen gemacht hatte, wegen
seines unorthodoxen und riskanten Vorgehens aber auch in die Kritik geraten
war.32 Hitler allerdings, dem Rommel seit dessen Zeit als Kommandeur des
Führerhauptquartiers im Polenfeldzug bestens bekannt war, schätzte ihn über
alle Maßen. „General Rommel ist der verwegenste Panzerwaffen-General, den
wir in der deutschen Armee besitzen“, schrieb er am 5. Februar an Mussolini.33
In der Tat reiften in Rommel bald schon große Pläne. Bereits am 8. März infor­
mierte er das Oberkommando des Heeres, daß es zweckmäßig sei, noch vor
Beginn des Sommers zu einer Offensive anzutreten, um zunächst die Cyrenai­
ka zurückzugewinnen und dann nach Ägypten vorzustoßen.34
Obwohl die vorhandenen Transportkapazitäten bald schon knapp wurden
und es Engpässe in der Treibstoffversorgung gab, sich also früh abzeichnete,
daß die logistische ,Decke‘ für weitreichende Operationen sehr dünn war, gin­
gen das Deutsche Afrikakorps und die Rommel gleichfalls unterstellten italie­
nischen Divisionen Ariete und Brescia am 31. März zum Angriff über. Am
4. April nahmen sie Benghasi, am 8. Derna, umgingen Tobruk und schlossen

26 Dto. Woermann/AA v. 4.2.1941, ADAP, Ser. D, Bd. 12/1, S. 16.


27 Weisung OKW/WFSt/Abt.L v. 21.1.1941, ebd., Bd. 11/2, S. 963 f.
28 OKH/GenStdH/Op.Abt. v. 10.2.1941, „Sonnenblume“, BA-MA, RH 2/457.
29 Dto. an Bfh. DAK v. 21.3.1941, ebd.
30 OKW/WFSt/Abt.L v. 19.2.1941, „Sonnenblume“, ebd.
31 Dto. v. 5.2.1941, Verhalten dt. Truppen auf it. Kriegsschauplätzen, ebd., RH 2/459.
32 Vgl. Reuth, Rommel, S. 55 ff.; Fraser, Rommel, S. 119 ff.; Rutherford, S. 38 ff.
33 Hitler an Mussolini v. 5.2.1941, ADAP, Ser. D, Bd. 12/1, S. 25.
34 Von Rintelen an OKH v. 8.3.1941, BA-MA, RH 2/459.
76 Vormarsch in der Cyrenaika und Bomben im Irak

Abb. 4. Erwin Rommel wird bei seiner Ankunft in Tripolis von italienischen Offizieren
begrüßt. Zu seiner Rechten der italienische Oberbefehlshaber in Nordafrika, General
Italo Gariboldi, Februar 1941.

die Festung mit ihrem wichtigen Hafen am 11. April ein. Am selben Tag er­
oberten Rommels schnelle Verbände Bardia, am 13. April Sollum, zwei Tage
später den Halfayapaß und standen damit jenseits der ägyptischen Grenze.
Innerhalb von zwei Wochen war so die Cyrenaika zurückgewonnen und Gra­
zianis Gebietsverlust wieder kompensiert. Bis auf Tobruk verloren die Briten
somit in kürzester Zeit alles, was sie den Italienern im Winter zuvor abgenom­
men hatten.35
Parallel dazu überrannten deutsche Divisionen den Balkan. Am 6. April
griff das Dritte Reich Jugoslawien und Griechenland an. Belgrad kapitulierte
am 17. des Monats, Athen folgte am 21. April. Durch diese deutsche Aushilfs­
strategie hatte sich die Lage im östlichen Mittelmeer für die Achsenmächte
wieder stabilisiert. Lediglich Kreta, das von Hitler als britischer Flugzeugträger
gegen das rumänische Öl von Ploesti angesehen wurde, lag noch unbesetzt im

35 Reuth, Entscheidung, S. 54 ff.; Kühn, S. 13 ff.; Lucas, Panzer, S. 45 ff.; Heckmann,

S. 58 ff.
Vormarsch in der Cyrenaika und Bomben im Irak 77

deutsch-italienischen Machtbereich. Der vergebliche Versuch des britischen


Oberkommandos Mittelost, im April 1941 sowohl den Vormarsch Rommels in
der Cyrenaika zu stoppen als auch die Stellung in Griechenland zu halten,
überforderte dessen Kräfte. Das 58000 Mann starke britische Expeditions­
korps mußte überstürzt und unter Zurücklassung der schweren Ausrüstung
seine griechischen Positionen räumen und bescherte dem Empire besonders
im Nahen und Mittleren Osten damit einen gewaltigen Macht- und Prestige­
verlust.
Dieser steigerte sich noch, als das Unternehmen „Merkur“ – die am 25. April
befohlene Eroberung Kretas36 – am 1. Juni zur vollständigen Besetzung der
Insel führte. Dieser Sieg kostete zwar erhebliche deutsche Verluste, doch er
bewies, daß die Luftherrschaft über einen Raum die Seeherrschaft zu erschüt­
tern vermochte.37 Seitdem kontrollierten die Luftwaffen der Achsenmächte
unbestritten das Ionische und Ägäische Meer und bedrohten die Levante und
die Stützpunkte der Mediterranean Fleet. Zudem war nunmehr ein zweiter
Nachschubweg von Griechenland nach Benghasi und Derna gewonnen.38 In
diesen Tagen hatte Churchill, wie er wenig später in einer Geheimsitzung des
Unterhauses ausführte,39 den Verlust von Ägypten, Palästina, Malta und Zy­
pern, also das Ende britischer Mittelmeerherrschaft vor Augen. Daß das Dritte
Reich diese Chance nicht ergreifen würde, konnte er zu diesem Zeitpunkt noch
nicht vorhersehen. Denn neben dem anstehenden Feldzug gegen die Sowjet­
union waren für die deutsche Land- und Luftkriegsführung wirklich entschei­
dende Operationen nicht mehr realisierbar, wie bereits der im April 1941 im
Irak ausbrechende antibritische Aufstand andeuten sollte.40
Unmittelbar bei Kriegsbeginn hatte Amin el-Husseini, der frühere Mufti von
Jerusalem, das Zweistromland als nächsten Ort seines Exils ausgesucht. Da er
eine Festnahme durch die französische Mandatsmacht befürchtete, war er am
14. Oktober 1939 in Beirut untergetaucht und zwei Tage später in Bagdad auf­
gekreuzt, wo er wie ein Staatsgast empfangen wurde.41 Obwohl die Briten dar­
auf drängten, daß er vollkommen isoliert werde und keinerlei politische Akti­
vitäten ausüben dürfe, war der im Irak als arabischer Nationalheld verehrte
el-Husseini bald schon Mittelpunkt eines einflußreichen Kreises oppositionel­
ler Offiziere und Politiker. Als einheimischer Kopf der sich formierenden Junta
kristallisierte sich Rashid Ali al-Gailani heraus, ein 1894 geborener Jurist aus

36 OKW/WFSt/Abt.L v. 25.4.1941, Weisung Nr. 28, abgedr. in Hubatsch, S. 115 ff.


37 Hillgruber, Hitlers, S. 465 ff.
38 Tätigkeit des X. deutschen Fliegerkorps in Italien Jan.-22.5.1941, BA-MA, RL 7/

689; vgl. Gundelach, Bd. 1, S. 254 ff.


39 Eade, S. 58 f.
40 Vgl. Gruchmann, Chancen, S. 472 ff.
41 Nevo, Amin, S. 7; Mattar, Amin, S. 270 ff.
78 Vormarsch in der Cyrenaika und Bomben im Irak

einflußreicher Familie, der bereits mehrfach irakischer Minister und 1940 sogar
Ministerpräsident war. 1936 hatte er mehrere Wochen in Berlin verbracht und
schwärmte seitdem für das Dritte Reich.42 Einigkeit herrschte in der gemein­
samen Sympathie für die Achse, in der Ablehnung der von den Briten gefor­
derten irakischen Kriegserklärung an Deutschland, im Haß auf das Empire und
in einem radikalen Panarabismus.43
Als nach dem deutschen Sieg im Westen 1940 selbst der eigentlich probriti­
sche Ministerpräsident Nuri as-Said zeitweise mit der Achse flirtete,44 klopften
auch der Mufti und al-Gailani laut an die deutsche Tür.45 Ihr Ansprechpartner
war Hitlers früherer Vizekanzler Franz von Papen, der seit April 1939 das Drit­
te Reich in Ankara vertrat und seitdem als erste Anlaufstelle für arabische
Nationalisten aus dem ganzen Nahen und Mittleren Osten galt.46 Ihn suchte
am 5. Juli 1940 Naji Shawkat, der irakische Justizminister, auf und übergab
ihm ein Schreiben des Mufti, in dem dieser zum Sieg über Frankreich gratulier­
te und um deutsche Unterstützung für die ,arabische Sache‘ warb. „Die ara­
bische nationale Regierung werde den Kampf auch in Palästina wiederaufneh­
men“, versprach Shawkat außerdem.47 Am 6. August erschien Osman Kemal
Haddad, der Privatsekretär des Mufti, bei Papen und erklärte, daß er sich im
Auftrag der irakischen Junta zu Vorverhandlungen nach Berlin und Rom be­
geben werde. Einmal an der Regierung, werde sie den „Kampf der Achsen­
mächte gegen England auf allen Gebieten [...] unterstützen, insbesondere
durch eine neue Revolte in Palästina“.48 Seitdem diente die deutsche Botschaft
in Ankara als diplomatisch abgeschirmter Briefkasten für die Korrespondenz
Haddads mit dem Mufti und dem von ihm in Bagdad gegründeten „Komitee
für die Zusammenarbeit zwischen den arabischen Ländern“, dem maßgebliche
Notabein aus dem Irak, Syrien, Saudi-Arabien und Palästina angehörten.49
Am 26. August konferierte Haddad in dessen Auftrag in Berlin mit Grobba,
der nach seiner Rückkehr aus Bagdad nunmehr als Nahostexperte im Auswär­
tigen Amt fungierte. Er verlangte eine gemeinsame deutsch-italienische Unab­
hängigkeitserklärung für die arabischen Staaten sowie die Anerkennung ihres
Rechtes, die „Judenfrage im nationalen und völkischen Interesse nach deutsch­
italienischem Vorbild zu lösen“. Er stellte dafür einen Geheimvertrag der künf­

42
Hüber, El-Gailani, S. 153 ff.; Hamdi, S. 45 ff.
43
Khadduri, Iraq, S. 162 ff.
44 Ders., General, S. 329 ff.
45 Vgl. Melka, Axis, S. 114 ff.
46 Roth, S. 107 ff.; vgl. Papen, S. 499 ff.
47 DG Ankara an AA v. 6.7.1940, ADAP, Ser. D, Bd. 10, S. 118; Mufti an von Papen v.

21.6.1940, ebd., S. 119; vgl. Nafi, Arabism, S. 366 ff.


48 DG Ankara an AA v. 6.8.1940, ADAP, Ser. D, Bd. 10, S. 341.
49 Roth, S. Ulf.
Vormarsch in der Cyrenaika und Bomben im Irak 79

tigen irakischen Regierung in Aussicht und versprach „Organisation Aufstands


großen Ausmaßes in Palästina-Transjordanien gegen England mit Zentrum in
Syrien, mit Waffen aus französischen Beutebeständen und mit finanzieller Un­
terstützung durch Achsenmächte“.50 Auf der Basis dieser Übereinkunft einig­
ten sich Staatssekretär von Weizsäcker und Haddad am 18. Oktober über die
bereits erwähnte deutsch-italienische Erklärung.51 Parallel dazu suchte Shaw-
kat erneut Papen auf und erklärte die Bereitschaft zur „sofortigen Entfesselung
neuer Unruhen [in] Palästina. [...] Alles sei dafür vorbereitet.“52 Auch Bot­
schafter Hans von Mackensen in Rom zeigte sich nunmehr entschlossen, den
Mufti finanziell zu unterstützen, um es ihm zu „ermöglichen, Attentate, Unter­
brechung der Verbindungslinien der Ölleitungen usw. zum Schaden der Eng­
länder, so wie er es beabsichtigt, wieder aufzunehmen“.53
Mitte Februar 1941 kam Haddad erneut nach Berlin und überbrachte einen
persönlichen Brief des Mufti an Hitler.54 Dieser schilderte darin seinen Kampf
gegen das „perfide Albion“ und die Juden, „jene gefährlichen Feinde, deren
geheime Waffen die Finanz, die Korruption und die Intrige sind“. „Die beson­
ders warme Sympathie der arabischen Völker für Deutschland und für die Ach­
se ist nachgerade eine vollendete Tatsache“, erklärte er und versprach: „Von
gewissen materiellen Hemmungen befreit, sind die arabischen Völker überall
bereit, gegen den gemeinsamen Feind nach Kräften aufzutreten und sich be­
geistert zusammen mit der Achse zur Leistung ihres Anteils an der wohlver­
dienten Besiegung der englisch-jüdischen Koalition zu erheben.“55 Damit lag
ein offizielles Bündnisangebot auf dem Tisch. Woermann sagte Haddad am
26. Februar „leichter Hand“ finanzielle Unterstützung zu.56 Hitler billigte am
23. März den von Weizsäcker ausgearbeiteten Antwortentwurf,57 in dem es
heißt: „Deutschland erkennt daher die volle Unabhängigkeit der arabischen
Staaten, oder wo sie noch nicht erreicht ist, den Anspruch darauf an, sie zu
erringen.“58 Einen Tag später konferierte Woermann mit Canaris und der Spit­
ze der Abwehr: „Es bestand Einigkeit darüber, daß der politische Hauptweg

50 Aufz. Grobba/AA v. 27.8.1940, ADAP, Ser. D, Bd. 10, S. 459 ff.; AA an DG Rom v.

9.9.1940, ebd.,Bd. 11/1, S 38 f.


51 Aufz. Grobba/AA v. 18.10.1940, ebd., S. 272 ff.
52 AA an DG Rom v. 12.9.1940, ebd., S. 57.
53 DG Rom an AA v. 14.9.1940, ebd., S. 67; vgl. Khadduri, Iraq, S. 179 ff.; Gensicke,

S. 59 ff.; Höpp, Alī, S. 572 ff.


54 Aufz. Grobba/AA v. 18.2.1941, PAAA, BA 61123.
55 Mufti an Hitler v. 20.1.1941, ebd., R 27326.
56 Aufz. Woermann/AA v. 26.2.1941, ebd., BA 61123.
57 Notiz Büro RAM v. 23.3.1941, ebd.
58 StS./AA an Mufti v. 11.3.1941, ebd., R 27326; vgl. Hirszowicz, Reich, S. 126 ff.
80 Vormarsch in der Cyrenaika und Bomben im Irak

zur arabischen Welt über den Großmufti und seinen Sekretär gehen solle.“59
Damit war der Teufelspakt geschlossen.
Seit dieser Legalisierung der Koalition sind die dokumentarischen Spuren
des deutschen Waffenschmuggels in den Orient weitaus deutlicher. So schickte
die Abwehr Mitte April 1941 15.000 Karabiner, 200 leichte Maschinengewehre
und 300 Maschinenpistolen nach Palästina.60 Am 11. Mai verlautete aus Bag­
dad: „Muftis Bedarf sehr dringlich, da in nächster Zeit große Unternehmung
Palästina beabsichtigt.“61 Drei Tage später startete ein Motorsegler mit Waffen
in Saloniki Richtung Syrien. Am 15. Mai gingen 400 leichte Maschinengewehre
per Lufttransport ab Athen in den Irak; vier Tage später folgten Panzerbüchsen
und Munition.62 Am 21. Mai brachten italienische Flugzeuge 60 leichte Maschi­
nengewehre für das „Palästinaunternehmen“ des Mufti nach Mossul.63 Außer­
dem erhielt dieser bis zum 24. Mai Barmittel in Höhe von 35.000 Dollar vom
Auswärtigen Amt ausbezahlt.64 Am 27. und 28. Mai schickte die Abwehr 20 Ei­
senbahnwaggons Richtung Palästina auf die Reise; sie enthielten unter ande­
rem. 15. 000 Karabiner, 300 Maschinenpistolen und Munition.65 Am 1. Juni ver­
sprach das Auswärtige Amt dem Mufti „weitere finanzielle Unterstützung“.66
Wenig später nahm erneut ein deutsches „Waffenschiff“ von Saloniki aus Kurs
auf Palästina.67 Allein diese Meldungen eines Zeitraums von knapp zwei Mo­
naten im Frühjahr 1941 belegen, welch erheblichen Stellenwert der Nahe und
Mittlere Osten mittlerweile im Kalkül des Dritten Reiches einnahm.
„Wenn durch eine großarabische Bewegung im Hinterland, durch Geld, Waf­
fen und Unterstützung von deutscher Seite die politischen und militärischen
Voraussetzungen gegeben sind, genügt ein Funke, um den arabischen Aufstand
in Palästina losbrechen zu lassen“, urteilte der Nahostwaffenhändler Hans
Steffen Anfang April 1941 und prognostizierte: „Nach meinen Informationen
ist die Stimmung im Irak reif zum Losschlagen. Sie wartet nur auf das Signal
von deutscher Seite.“ Er warnte aber auch: Die Erhebung „darf nur in genauer
Übereinstimmung mit den deutschen Operationen erfolgen – nicht früher und
nicht später. Isoliert läuft sie Gefahr, vorzeitig niedergeschlagen zu werden.“68
Genau dies jedoch passierte im Irak. Als deutsche Truppen die Cyrenaika zu­

59 Aufz. Woermann/AA v. 26.3.1941, PAAA, BA 61123.


60 Dto. Davidsen/AAv. 19.4.1941, ebd., BA 61148.
61 Gehrcke [= Grobba] an AA v. 11.5.1941, ebd., R 29884.
62 KTB OKW/Ausl/Abw II v. 14., 15. u. 19.5.1941, BA-MA, RW 5/498.
63 Gehrcke [= Grobba] an AA v. 21.5.1941, PAAA, R 29884.
64 Aufz. Melchers/AAv. 24.5.1941, ebd.
65 KTB OKW/Ausl/Abw II v. 29.5.1941, BA-MA, RW 5/498.
66 AA an DG Teheran v. 1.6.1941, PAAA, R 29885.
67 Gehrcke [= Grobba] an AA v. 3.6.1941, ebd.
68 Hans Steffen v. Anfang April 1941, Die Lage in Arabien, BA-MA, RH 2/1764.
Vormarsch in der Cyrenaika und Bomben im Irak 81

rückeroberten, die Briten aus Griechenland vertrieben und somit an allen


Fronten am Mittelmeer siegreich vorwärts marschierten, sah die Junta um den
Mufti den richtigen Moment für einen Staatsstreich gekommen, aus dem sich
ein bewaffneter Konflikt mit Großbritannien entwickeln sollte. El-Husseini je­
denfalls sprach später offen davon, daß er „einer der Hauptfaktoren dieses
Krieges, ja der Urheber desselben gewesen“ sei.69
In der Nacht vom 1. auf den 2. April 1941 stürzten irakische Offiziere die
Regierung in Bagdad. Sie setzten einen Nachfolger für den geflohenen Regen­
ten Abdul Illah, den Vormund des minderjährigen Thronfolgers Feisal II., ein
und beriefen al-Gailani zum neuen Ministerpräsidenten.70 Da parallel dazu die
deutsche Balkanoffensive der Wehrmacht die südosteuropäische Ausgangs­
basis für Operationen im Orient schuf, wurde die geostrategische Lage des
Empire im Mittelmeer nunmehr prekär. Denn durch die neue irakische Regie­
rung erschien die Ölzufuhr gefährdet, und es drohte die Gefahr, daß sie zum
Türöffner des Dritten Reiches für den Nahen und Mittleren Osten werden
könne. Die Briten besaßen im Irak lediglich das militärische Durchmarsch­
recht und unterhielten eine Fliegerschule auf dem Luftwaffenstützpunkt Hab­
baniya westlich von Bagdad. Dieser wurde jetzt kriegsmäßig befestigt; außer­
dem wurden Truppen aus Indien Richtung Irak eingeschifft. Als die Soldaten
am 18. April in Basra landeten, eskalierte der Konflikt. Am 30. April besetzten
irakische Truppen ihrerseits die Höhenzüge um Habbaniya und schlossen den
Stützpunkt ein.71
In Berlin und Rom, wo seit dem 18. April ein Hilferuf al-Gailanis vorlag,
wurde man von diesem Vorpreschen völlig überrascht. „Das unmittelbare Ein­
greifen deutscher Luftwaffenverbände im Irak kommt nicht in Frage, da dies
die Reichweite der Luftwaffe überschreitet“, notierte Ribbentrop am 21. April
für Hitler. „Möglich erscheinen jedoch Waffentransporte nach dem Irak, die in
einzelnen Ju-Flugzeugen zur Durchführung gebracht werden könnten, jedoch
nur auf dem Wege über Syrien.“72 Dies aber, das wußte der Reichsaußenmini­
ster, setzte die Zustimmung Frankreichs voraus, das zwar besiegt, dort aber
nach wie vor Mandatsmacht war. Zudem engte die bereits angelaufene Lan­
dung auf Kreta die deutschen Spielräume im Südosten empfindlich ein. Chur­
chill setzte sich durch gegen den britischen Oberbefehlshaber Mittelost, Sir
Archibald Wavell, der Verhandlungen mit dem Irak vorgeschlagen hatte,73
und erteilte am Abend des 1. Mai den Angriffsbefehl.74 Der Premierminister

69 Aufz. Mufti (undat./Dez. 1943), PAAA, R 101101.


70 Khadduri, Iraq, S. 212 ff.; Schröder, Deutschland, S. 74 ff.
71 Ebd., S. 78 ff.; ders., Irak, S. 41 ff.; Stewart, Relations, S. 241 ff.
72 Aufz. RAM v. 21.4.1941, ADAP, Ser. D, Bd. 12/2, S. 494; vgl. Melka, Axis, S. 220 ff.
73 Connell, S. 436 f.
74 Melka, Axis, S. 253 f.
82 Vormarsch in der Cyrenaika und Bomben im Irak

persönlich gab dem Kommandeur von Habbaniya den aufmunternden Rat: „If
you have to strike, strike hard.“75 Am nächsten Tag griffen die britischen Flug­
zeuge irakische Stellungen an, während sich die Truppen von Basra aus Rich­
tung Bagdad in Marsch setzten und gleichzeitig auch ein transjordanischer Ver­
band den Weg dorthin aufnahm.76 Mit wenigen Einsätzen schaltete die Royal
Air Force die kleine irakische Luftwaffe aus und sprengte den Belagerungsring;
am 6. Mai zogen sich al-Gailanis Truppen aus der Umgebung von Habbaniya
zurück.
Während gleichzeitig deutsche Soldaten gerade das griechische Festland ein­
genommen hatten, die Briten jedoch weiterhin Kreta hielten, kam diese plötz­
liche Wendung Berlin keineswegs gelegen. Ribbentrop entsandte Grobba, der
„auch seit Ausbruch des Krieges ständig im geheimen dorthin gearbeitet“ hat,
am 3. Mai als deutschen Verbindungsmann nach Bagdad und hoffte: „Von un­
serer Zentrale Irak soll dann die ganze arabische Welt gegen England in Auf­
ruhr gebracht werden.“77 Am selben Tag forderte Hitler, „daß bezüglich einer
militärischen Unterstützung alles gemacht werden soll, was möglich ist“.78 Den
Weg dazu eröffnete am 5. Mai Admiral François Darlan, der sich für die fran­
zösische Regierung bereit erklärte, die stockierten Waffenbestände in Syrien
sowie syrische Flugplätze für Zwischenlandungen deutscher Flugzeuge zur
Verfügung zu stellen.79 Am 11. Mai traf Rudolf Rahn als Beauftragter des
Deutschen Reiches in Beirut ein und setzte in Zusammenarbeit mit General
Henri Fernand Dentz, dem Befehlshaber der französischen Armee in Syrien,
Waffen- und Munitionstransporte für den Irak in Marsch.80 Zwei Tage zuvor
hatte der Mufti über Radio zum Djihad gegen Großbritannien aufgerufen und
alle Muslime zur Hilfe im „heiligen Krieg“ aufgefordert.81
Am 11. Mai kam Grobba in den Irak und wurde von der Bevölkerung von
Mossul begeistert als „Befreier und Retter“ beklatscht.82 Auch der ihn beglei­
tende Abwehr-Hauptmann Kohlhaas konnte erfreut berichten, „daß der Name
des Führers auch dem geringsten Araber bekannt ist“.83 Darum forderte Grob­

75
Grobba, S. 228.
76
DG Ankara an AA v. 2.5.1941, ADAP, Ser. D., Bd. 12/2, S. 570 f.
77 Aufz. RAM v. 3.5.1941, ebd., S. 573.
78 Dto. Hewel/Stab RAM v. 3.5.1941, ebd., S. 574; vgl. Hirszowicz, Reich, S. 114 ff.,

144 ff.
79 DG Paris an AA v. 5.5.1941, ADAP, Ser.D, Bd. 12/2, S. 618 ff.; KTB Halder, Bd. 2,

S. 399; Prot. über die dt.-frz. militärischen Verhandlungen am 21.5.1941, BA-MA, RW 34/
10; vgl. Jäckel, S. 161 ff.
80 Rahn an AA v. 11.5.1941, PAAA, R 29884; Rahn, S. 152ff.
81 Khadduri, Iraq, S. 224; Schechtman, S. HO; Elpeleg, S. 61.
82 Vortrag Grobba/AA v. 11.5.1942, Die Auseinandersetzung mit der englischen Politik

im vorderen und mittleren Orient, BAB, NS 19/3847; Grobba, S. 236.


83 Ber. Hptm. Kohlhaas v. 16.6.1941, Kämpfe im Irak, BA-MA, RH 24-68/2.
Vormarsch in der Cyrenaika und Bomben im Irak 83

ba als Erkennungszeichen: „Mitführung Hakenkreuzes in irgendeiner Form


zweckmäßig“.84 Am selben Tag traf auch das Luftwaffen-Sonderkommando
Junck mit je 12 Zerstörern und Bombern in Mossul ein. Den Tiefflug über
Bagdad am 12. Mai bejubelten die Iraker auf Straßen und Dächern. Beim orts­
üblichen Freudenfeuer erhielt allerdings Major Axel von Blomberg, der Staf­
felführer und Sohn des ehemaligen Kriegsministers, einen tödlichen Kopf­
schuß.85 Zwar begannen die Maschinen sofort mit Angriffen auf britische
Ziele im Irak, doch sie mußten bald schon empfindliche Verluste einstecken.
Fehlende Tropenausrüstung wie Zusatzkühler, spezielle Bereifung und Sand­
filter, ausbleibender Nachschub, mangelhafte Abstimmung mit der irakischen
Armee und das völlige Fehlen einer Luftabwehr ließen den Einsatz der deut­
schen Luftwaffe scheitern. Am 27. Mai waren gerade noch zwei Maschinen
flugfähig, die sich zwei Tage später nach Syrien absetzten.86 Auch Grobba und
sein Gefolge flohen am 31. Mai dorthin.
Als sich britische Truppen Bagdad näherten, machten sich auch al-Gailani
und der Mufti am 29. Mai aus dem Staub und überschritten die iranische Gren­
ze.87 Zwei Tage später wurde ein Waffenstillstand ausgehandelt, doch die Sol­
daten des United Kingdom verweilten noch vor der Hauptstadt, um die Rück­
kehr des Regenten abzuwarten. Das Scheitern des Putsches brachte
unterdessen die Stimmung in Bagdad zum Siedepunkt. Al-Gailani hatte vor
seiner Flucht Waffen an die „Futuwwa“-Jugend ausgeben lassen,88 und die eng­
lische Journalistin Freya Stark bekam den Satz zu hören: „Werden Sie Musli-
min, und wir werden uns um Sie kümmern, während wir die anderen töten.“89
Besonders gegen die örtlichen Juden richtete sich die Wut des Mobs. Bereits
während des britischen Vormarschs waren sie der Spionage verdächtigt sowie
teilweise verprügelt und arretiert worden.90 „Es fehle nicht an ängstlichen Pes­
simisten, Freunden des Nuri Said und Juden, die versteckt und offen daran
arbeiteten, die Anstrengungen des Mufti und Gailanis, der wie ein Löwe kämp­
fe, zu sabotieren“, teilte auch el-Husseini kurz vor seiner Flucht dem italie­
nischen Botschafter mit.91 Als die Juden Bagdads am 1. Juni den zurückkehren­
den Regenten begrüßen wollten, war dies das Signal zu einem Pogrom, an dem

84 Gehrcke [= Grobba] an AA v. 17.5.1941, PAAA, R 29884.


85 KTB Sonderkdo. Junck v. 12.5.1941, BA-MA, N 475; Grobba, S. 241.
86 Gehrcke [= Grobba] an AA v. 27.5.1941, PAAA, R 29884; vgl. Aufz. Kramarz/AA v.

16.5.1941, Stand der militärischen Unterstützung für den Irak, ADAP, Ser. D, Bd. 12/2,
S. 694 ff.; Gundelach, Bd. 1, S. 241 ff.; Schröder, Deutschland, S. 107 ff.; ders., Irak, S. 73 ff.
87 Gehrcke [= Grobba] an AA v. 30.5.1941, PAAA, R 29884.
88 Schröder, Irak, S. 57.
89 Stark, S. 169.
90 Kedourie, Sack, S. 307; Cohen, Farhüd, S. 8.
91 DG Rom an AA v. 27.5.1941, ADAP, Ser. D, Bd. 12/2, S. 741.
84 Vormarsch in der Cyrenaika und Bomben im Irak

sich in erster Linie irakische Soldaten, Polizisten und Jugendliche beteiligten.


Nach offiziellen Zahlen wurden an diesem und am nächsten Tag 110 Juden -
darunter 28 Frauen – getötet und 204 verletzt. 586 jüdische Geschäfte und 911
Wohnungen wurden geplündert und verwüstet.92 Noch am 9. Juni meldete die
italienische Gesandtschaft in der irakischen Hauptstadt: „In Bagdad werden
nach wie vor Juden angegriffen und geplündert.“93 Das Pogrom war ein Vor­
geschmack darauf, was vielerorts zu erwarten gewesen wäre, wenn deutsche
Soldaten die arabische Halbinsel erreicht hätten.
Trotz des Debakels im Irak blieb die gesamte Region weiterhin im deutschen
Blickfeld, zumal die Eroberung Kretas vor dem siegreichen Abschluß stand
und Rommels Truppen ihren Fuß nach Ägypten gesetzt hatten. Um das an­
fängliche Kompetenzchaos bei der Hilfsaktion für die irakischen Putschisten
künftig zu vermeiden, erließ Hitler am 23. Mai die Weisung Nr. 30 „Mittlerer
Orient“. „Die arabische Freiheitsbewegung ist im Mittleren Orient unser na­
türlicher Bundesgenosse gegen England“, wurde dort festgestellt und die Ent­
sendung einer Militärmission unter dem Decknamen „Sonderstab F“ zur Un­
terstützung des Irak beschlossen.94 Unterstellt wurde sie dem General der
Flieger Hellmuth Felmy, der im Ersten Weltkrieg Kommandeur der Flieger­
abteilung 300 an der Sinaifront gewesen war und der zudem Grobba zum
Schwager hatte.95 Geplant als übergeordnete Kommandostelle für den gesam­
ten Vorderen Orient, umfaßte sie Ende Mai rund 40 Offiziere, Unteroffiziere
und Mannschaften.96 Auch zu al-Gailani und dem Mufti, die am 2. Juni in Te­
heran eintrafen,97 riß der Kontakt nicht ab. Bereits tags zuvor teilte von Weiz­
säcker Botschafter Ettel mit, daß „uns besonders daran gelegen [ist], daß auch
der Großmufti davon überzeugt wird, daß wir ihn und den arabischen Frei­
heitskampf weiter unterstützen“. Beiden wurde auch zukünftig finanzielle Un­
terstützung zugesagt.98 In Berlin war man hoch erfreut, schon am 5. Juni von
Ettel zu hören: „Großmufti und Gailani sind von unerschütterlichem Glauben
an Führer und Deutschlands Endsieg, in welchem sie auch Sieg arabischen
Freiheitskampfes erblicken, erfüllt.“99
Doch auch die Briten waren nicht untätig. Da sie die Waffenlieferungen aus
französischen Beständen in den Irak und die Zwischenlandungen deutscher

92
Cohen, Farhüd, S. 10 ff.; Rejwan, S. 126 ff.
93
Übers. Ber. DG Bagdad v. 9.6.1941, PAAA, R 29885.
94 OKW/WFSt/Abt. L v. 23.5.1941, Weisung Nr. 30, abgedr. in Hubatsch, S. 120 ff.
95 Grobba, S. 234.
96 OKW/Ausl/Abw v. 24.5.1941, Militärmission Irak, BA-MA, RH 24-68/2; vgl. KTB

dto. II v. 24.5.1941, ebd., RW 5/498.


97 DG Teheran an AA v. 3.6.1941, PAAA, R 29885.
98 StS./AA an DG Teheran v. 1.6.1941, ebd.
99 DG Teheran an AA v. 5.6.1941, ebd.
Vormarsch in der Cyrenaika und Bomben im Irak 85

Flugzeuge in Syrien als aktive Parteinahme Vichy-Frankreichs für das Dritte


Reich werteten, begann unmittelbar nach der Besetzung des Irak ein Feldzug
gegen das französische Mandatsgebiet.100 Am 8. Juni griffen britische Truppen
Syrien an und eroberten am 21. des Monats Damaskus. Am selben Tag wurde
der zögerliche Wavell durch Sir Claude Auchinleck, den bisherigen Ober­
befehlshaber in Indien, ersetzt.101 Während Rahn und Major Meyer-Ricks, der
Ia-Offizier des „Sonderstabes F“, ihre Hauptaufgabe darin sahen, den Wider­
stand arabischer Freischärler zu organisieren, verlor die französische Armee
bei ihrer erbitterten Gegenwehr 9000 Tote und Verwundete.102 Am 9. Juli wur­
de Beirut eingenommen, drei Tage später retteten sich die deutschen Stäbe auf
türkisches Gebiet und am 14. des Monats wurde ein Waffenstillstand verein­
bart.103 Damit entfiel auf deutscher Seite die „gewisse Zurückhaltung“ gegen­
über Frankreich. „In der propagandistischen Behandlung der arabischen Fra­
ge“ solle künftig, so Ribbentrop, der „Wunsch der Araber nach Erlangung der
uneingeschränkten Freiheit nachdrücklichst“ unterstützt werden.104
Während die Briten den Irak pazifizierten, Syrien sowie den Libanon besetz­
ten und die Lage im östlichen Mittelmeerraum somit zu ihren Gunsten wende­
ten, hatte Rommel mehrfach versucht, Tobruk zu nehmen. Doch die Angriffe
verliefen verlustreich und erfolglos. Als sich dann die deutsche Kriegführung
vollends auf den Ostfeldzug zu konzentrieren begann, gestaltete sich die Nach­
schublage bald schon katastrophal. Außer dem Deutschen Afrikakorps ver­
blieben nur noch das von Sizilien nach Griechenland verlegte X. Fliegerkorps
und die schwachen Marineeinheiten des Admirals Südost im Mittelmeer. Zu­
gleich gewann Malta nach dem deutschen Balkanfeldzug erhöhte Bedeutung
für die Briten. Als stark befestigter Stützpunkt der Royal Air Force und als
Basis für U-Boote und leichte Seestreitkräfte störte es nachhaltig die lebens­
wichtige Nachschubverbindung der Achse nach Tripolis. Durch die Verstär­
kung seiner Luftverteidigung und die Zuführung neuer Flugzeuge und Schiffe
wurde Malta nunmehr auch für die italienische Luftwaffe unbezwingbar; mari­
tim galt dies schon längst.105
Rommel, der erst im Mai 1941 von Hitlers Ostkriegsplänen erfuhr, steckte
damit in einem mehrfachen, sich wechselseitig verstärkenden Dilemma: Wegen

100 Melka, Axis, S. 325 ff.


101 Connell, S. 458 ff.
102 Sonderstab F v. 4.7.1941, Ber. über 26.6.-4.7., BA-MA, RH 24-68/2; Aufz. Rahn/

AA v. 30.7.1941, Ber. über die dt. Mission in Syrien 9.5.-11.7., ADAP, Ser. D, Bd. 13/1,
S. 198 ff.; vgl. Hirszowicz, Reich, S. 184 ff.
103 Welck/AA an AA v. 14.7.1941, PAAA, R 29925; vgl. Warner, S. 122 ff.; Schröder,

Deutschland, S. 150 ff.; Roshwald, S. 62 ff.


104 RAM an AA v. 20.7.1941, ADAP, Ser. D, Bd. 13/1, S. 158.
105 Reuth, Entscheidung, S. 60 ff.; Gundelach, Bd. 1, S. 279 ff.
86 Vormarsch in der Cyrenaika und Bomben im Irak

„Barbarossa“ war mit zusätzlichen Truppen kaum zu rechnen,106 Geleitzüge


wurden von den Briten immer systematischer abgefangen und versenkt, und
für das Wenige, was ihn überhaupt erreichte, erwiesen sich die rückwärtigen
Nachschubverbindungen als überdehnt.107 Zwar kamen nach der Eroberung
Kretas nunmehr auch Benghasi, Derna und Bardia als zusätzliche Häfen hinzu,
die außerhalb der Reichweite der britischen Luftstreitkräfte von Malta lagen,
doch diese besaßen nur eine geringe Kapazität.108 Bis Ende Oktober wurden
zwar noch 15 deutsche U-Boote ins Mittelmeer verlegt, denen bald spektaku­
läre Erfolge gegen die Royal Navy gelangen, doch blieben diese wirkungslos
gegen die britischen U-Boote und die Royal Air Force, die beiden wirksamsten
Gegner des deutsch-italienischen Nachschubs. Im September überstiegen die
Verluste der Achse mit neun Schiffen alles, was bisher im Mittelmeer zu ver­
zeichnen gewesen war.109
Obwohl sich also der schnelle Vormarsch nach Tobruk und Sollum als Pyr­
rhussieg zu erweisen begann, plante der zum General der Panzertruppen beför­
derte Rommel im Sommer 1941 einen weiteren Angriff Richtung Ägypten.
Ausgeführt werden sollte er von der am 15. August gebildeten Panzergruppe
Afrika, der außer dem Deutschen Afrikakorps auch das italienische XXI. In­
fanteriekorps unterstellt wurde.110 In der hypertrophen Atmosphäre des begin­
nenden Ostfeldzuges forderte das Oberkommando des Heeres Rommel allen
Ernstes dazu auf, „einen Operationsentwurf für die Wiederaufnahme der Of­
fensive nach erfolgter Wegnahme von Tobruk vorzulegen“.111 Noch im August
war dieser in der Tat der Meinung, erfolgreich bis zum Suezkanal vorstoßen zu
können.112 Und auch die Operationsabteilung des Oberkommandos hielt dies
bei einer Verbesserung der Seetransportlage, einer Verstärkung der deutschen
Luftstreitkräfte und rechtzeitiger Bevorratung noch Anfang September für
möglich.113 Rommel beurteilte die Lage im Nahen Osten ebenfalls als „eine
außerordentlich günstige“, da „die Masse der engl. Kräfte“ mit Blick auf die

106
Warlimont, S. 142 ff.
107
DAK/Ia an OKH v. 25.7.1941, BA-MA, RH 2/599.
108 Betrachtung über die strategische Lage im östlichen Mittelmeer nach Besetzung

Griechenlands und Kretas (undat./Juni 1941), ebd., RM 7/234; Gesprächsnotiz Göring-Pri­


colo v. 2.10.1941, ebd., RL 7/691; vgl. Reuth, Entscheidung, S. 70 ff., 108 ff.
109 Chef Ski an Hitler v. 23.9.1941, BA-MA, RM 7/234; vgl. Reuth, Entscheidung,

S. 101 ff.
110 KTB DAK/Ia v. 15.8.1941, BA-MA, RH 19 VIII/6.
111 OKH/GenStdH/Op.Abt. an DAK v. 28.6.1941, ebd., RH 2/460; vgl. Reuth, Entschei­

dung, S. 88 ff.
112 OKH/GenStdH/Op.Abt. v. 13.8.1941, Notiz zum Vorschlag des DAK für die Fort­

führung der Offensive gegen Ägypten, BA-MA, RH 2/599; vgl. Heckmann, S. 124 ff.
113 OKH/GenStdH/Op.Abt. v. 2.9.1941, Stellungnahme zum Vorschlag des DAK über

die Fortführung der Offensive, BA-MA, RH 2/599.


Vormarsch in der Cyrenaika und Bomben im Irak 87

deutsche Gefahr aus dem Kaukasus „zur Zeit im Mittleren Osten gebunden“
sei.114 Erst im Spätherbst wurden die Einschätzungen nüchterner, blieben aber
von allzu optimistischen Momenten untermischt. Die britische Wehrmacht ha­
be derzeit im Orient „Handlungsfreiheit“, stellte die Abteilung Fremde Heere
West jetzt fest, meinte aber: „Für einen Angriff größeren Maßstabes in der
Cyrenaica sind noch immer keine Anzeichen vorhanden.“115
Allerdings empfing Rommels Truppe in dieser Zeit durchaus positive Signa­
le von der gegnerischen Seite. Bereits im April boten sich sistierte indische
Soldaten in britischen Diensten „zur sofortigen Verwendung im Deutschen
Afrikakorps an“ und wurden daraufhin von den übrigen Kriegsgefangenen ab­
getrennt.116 Parallel erfuhr man, „daß deutscher Vorstoß bei Tobruk und Ereig­
nisse im Irak beginnen, Einfluß auf ägyptische Meinung auszuüben. Stellung
der Englandfreunde werde schwächer.“117 Anwar el-Sadat, der spätere Staats­
präsident und damalige Offizier, schilderte die Lage so: „Die Ägypter zeigten
unverhohlen ihre Schadenfreude. Sie demonstrierten auf den Straßen mit
Sprechchören. [...] Sie sahen in der Niederlage der Engländer den einzigen
Weg, den Feind aus dem Land zu bekommen.“118 Konstantin von Neurath, der
seit Mai als Verbindungsoffizier des Auswärtigen Amtes beim Afrikakorps
fungierte und sich dort auch der eigens zugeteilten Propagandakompanie be­
diente,119 schürte die Stimmung durch Flugblätter zur „Rassenfrage“.
„Deutschland ward seiner unzähligen Juden überdrüssig, die wie Maden in
seinem Fleisch saßen als Professoren, Advokaten, Künstler, Ärzte und nicht
zuletzt Industrielle und Kaufleute. Seit 1933 hat der Führer das Haus aus­
gekehrt“, pries er den Antisemitismus des Dritten Reiches und erläuterte den
zugrundeliegenden ,,Rassengedanke[n]“: „Er erkennt jedes Volk als gott­
gewollt an, es sei denn das korrumpierte, schmarotzende Jüdische.“ Den Ara­
bern aber versprach Neurath im Namen Deutschlands: „Vielmehr wird es an
Eurem Kampf gegen Engländer und Juden Anteil nehmen mit warmer Sym­
pathie und, so Gott will! – bald mit mehr.“120
Doch dazu kam es 1941 nicht mehr. Am 18. November traten die Briten in

114 Kdo. PzGr Afrika/Ia an OB It. Wehrm. in Nordafrika v. 6.9.1941, ebd., RH 19 VIII/
7.
115 OKH/GenStdH/Abt. FHW v. 7.11.1941, Feindlagebeurteilung Mittlerer Osten, ebd.,

RH 2/1521.
116 Fernschr. LFSt/Ic v. 14.4.1941, ebd., RW 4/v.657; OKH/GenStdH/Abt. FHW an

OKW v. 28.4.1941, ebd.


117 DG Budapest an AA v. 10.4.1941, PAAA, R 29533.
118 Sadat, Gerechtigkeit, S. 43.
119 Schnellbrief AA v. 18.4.1941, PAAA, R 60747; AA an von Neurath v. 30.5.1941,

ebd.
120 VAA PzGr Afrika an AA v. 17.11.1941, ebd.
88 Vormarsch in der Cyrenaika und Bomben im Irak

Nordafrika zum Unternehmen „Crusader“ an, der Offensive gegen Rommel.


Dieser war am 8. Dezember gezwungen, die Belagerung Tobruks aufzugeben
und seine Verteidigungslinie an der Sollumfront zu räumen. Am 12. Januar
1942 stand das Gros der deutsch-italienischen Verbände nach vierwöchigem
Rückzug wieder in den Ausgangsstellungen an der Großen Syrte, von wo man
im März 1941 nach Osten aufgebrochen war. Das Pendel hatte voll zurück­
geschlagen; Rommels Griff nach Ägypten war fürs erste gescheitert.121

121 Reuth, Entscheidung, S. 118 ff.; Gundelach, Bd. 1, S. 318 ff.


5. Deutsche Planungen für die Zeit nach „Barbarossa“
Das Mittelmeer als nächste Arena

Das Unternehmen „Barbarossa“, der am 22. Juni 1941 beginnende Angriff auf
die Sowjetunion, bildete zwar eine zeitliche Barriere vor einem verstärkten
deutschen Eingreifen im Nahen und Mittleren Osten, doch im Denken der
braunen Strategen sollte es sich dabei nur um eine kurze Verzögerung handeln.
Bekanntlich glaubte man daran, daß der Ostfeldzug noch im Herbst 1941 sieg­
reich beendet werden könne und dann alle Kampfkraft für das Mittelmeer als
nächste Arena freiwerden würde. Die Insel England einzunehmen, hatte sich
als nicht realisierbar erwiesen, doch in seinen zentralen Überseeverbindungen
hielt man das Empire nach wie vor für verwundbar. Nach der Zerschmetterung
der Sowjetunion sollten darum dort alle Möglichkeiten genutzt werden, um
Großbritannien niederzuringen und damit die Hegemonie in Europa zu ze­
mentieren.1 Der Nahe und Mittlere Osten wären dem Deutschen Reich als
sichere Beute in den Schoß gefallen, über die man sich dann mit den ge­
schwächten Italienern wohl nicht allzu lange gestritten hätte. Auch Palästina
wäre dann Bestandteil des deutschen Machtbereichs geworden, und es gibt
keinerlei Grund zu der Annahme, daß man dort anders mit den Juden umge­
gangen wäre als in der Sowjetunion. Hitler nahm auch hier kein Blatt vor den
Mund: „Es ist gut, wenn uns der Schrecken vorangeht, daß wir das Judentum
ausrotten. Der Versuch, einen Judenstaat zu gründen, wird ein Fehlschlag
sein“, verkündete er am 25. Oktober 1941 in Gegenwart von Himmler und
Heydrich.2
Die Planungen für die umstrittene Südostflanke waren vor Beginn des Ost­
feldzuges abgeschlossen. Am 11. Juni 1941 legte der Wehrmachtführungsstab
die Weisung Nr. 32 vor, die die „Vorbereitungen für die Zeit nach Barbarossa“
skizzierte. Darin ging man davon aus, daß die Masse des deutschen Heeres und
der Luftwaffe „nach der Zerschlagung der sowjetrussischen Wehrmacht“ be­
reits im Spätherbst wieder für neue Aufgaben zur Verfügung stehen werde.
Neben der Sicherung und Ausbeutung des „neugewonnene[n] Ostraum[es]“,
die voraussichtlich mit 60 Divisionen und einer einzigen Luftflotte zu bewälti­
gen seien, bilde dann „die Fortsetzung des Kampfes gegen die britische Positi­

1 Hillgruber, Hitlers, S. 377 ff.


2 Jochmann, S. 106; Dienstkalender Himmlers, S. 246.
90 Deutsche Planungen für die Zeit nach „Barbarossa“

on im Mittelmeer und in Vorderasien“ das Zentrum aller militärischen An­


strengungen. Im November sei anzustreben, „den Hauptangriff gegen den Su­
ez-Kanal mit deutschen und italienischen Verbänden von der Cyrenaika aus zu
führen“. Zudem werde „ein deutscher Druck in Richtung des Suez-Kanals
auch von Osten her ins Auge zu fassen sein“. Dazu seien „motorisierte Expe­
ditionskorps“ in Bulgarien und Kaukasien aufzustellen, „um sich später den
Weg durch die Türkei und Syrien nach Palästina und durch den Iran nach Basra
zu bahnen“. Explizit kam man auch auf die „Ausnutzung der arabischen Frei­
heitsbewegung“ zu sprechen, die man eindeutig als Fünfte Kolonne des Dritten
Reiches ansah: „Die Lage der Engländer im Mittleren Orient wird bei größe­
ren deutschen Operationen umso schwieriger sein, je mehr Kräfte durch Un­
ruhe-Herde oder Aufstandsbewegungen zeitgerecht gebunden werden.“ Zur
Zentralstelle für alle arabischen Fragen wurde der „Sonderstab F“ bestimmt,
dem „die besten Sachkenner und Agenten beizugeben“ seien.3
Im Juli und August 1941 arbeiteten die verschiedenen Führungsabteilungen
im Oberkommando des Heeres fieberhaft an den damit verbundenen Proble­
men. Man stellte umfangreiche Zeit- und Nachschubberechnungen an, fragte
nach den Schwerpunkten der drei geplanten Angriffsgruppen, erörterte die
beste Lösung für eine Durchquerung Anatoliens, erwog Kräfteansatz und Zeit­
bedarf der verschiedenen Optionen, studierte Gelände- und Verkehrsverhält­
nisse, diskutierte die klimatischen Bedingungen, beurteilte die Feindlage, spe­
kulierte über die voraussichtliche Kampfführung des Gegners und ließ selbst
die Frage der Dauer einer Umstellung auf Tropendienstfähigkeit für deutsche
Divisionen nicht unberücksichtigt.4 Während das Unternehmen „Barbarossa“
erfolgreich anrollte, war man in den Stäben bereits mit dem nächsten Projekt
beschäftigt. Daß die große Zangenbewegung in Nahost „eine Chimäre [war],
an die Hitler kaum einen Gedanken verschwendete“,5 wird man bei näherer
Betrachtung wohl nicht behaupten können.
Im Juli 1941 errichtete der dem Chef des Oberkommandos der Wehrmacht
unmittelbar unterstehende „Sonderstab F“ sein Hauptquartier am Kap Sunion
nahe bei Athen auf der Südspitze der Halbinsel Attika; parallel dazu wurde sein
Chef, General Felmy, zum Militärbefehlshaber Süd-Griechenland ernannt.
„Sonderstab F hält und sucht im Rahmen des Möglichen Verbindung mit eng­
landfeindlichen Kräften im Mittleren Orient und unterstützt sie mit dem Ziel,
spätere deutsche Operationen durch zeitgerechtes Losschlagen zu unterstüt­
zen“, heißt es in der Dienstanweisung. Zudem wurde er autorisiert, Waffenlie­

3 OKW/WFSt/Abt.L v. 11.6.1941, Weisung Nr. 32, BA-MA, RH 2/1520; vgl. leicht kor­

rigierte Fassung v. 30.6.1941, BA-MA, RW 4/v.538; vgl. Hirszowicz, Reich, S. 197 ff.
4 BA-MA, RH 2/630-633.
5 Schröder, Irak, S. 11.
Deutsche Planungen für die Zeit nach „Barbarossa“ 91

ferungen in diesen Raum zu organisieren sowie Führer und – zusammen mit


Abwehr II – Saboteure „für englandfeindliche Bewegungen“ auszubilden. Das
Oberkommando des Heeres erhielt außerdem den Befehl, für den „Sonderstab
F“ einen „mit Hilfswaffen reichlich ausgestatteten und motorisierten“ Sonder­
verband in der Stärke eines Bataillons aufzustellen.6 Überdies wurde Oskar
Ritter von Niedermayer, ein Nahostveteran des Ersten Weltkrieges und bislang
Professor an der Berliner Universität, als Oberst reaktiviert und als Berater
nach Kap Sunion geschickt; Niedermayer, Felmy und Grobba waren gemein­
sam 1917/18 Offiziere bei der Heeresgruppe F in Palästina gewesen.7 Schließlich
überstellte man noch den einstigen Bandenführer Fauzi el-Kawukschi, der ge­
gen die Briten im Irak und in Syrien gekämpft hatte und schwer verwundet
ausgeflogen worden war, nach seiner Genesung zum „Sonderstab F“.8
Die Truppe, die sich aus tropenfähigen, „besonders ausgesuchten deutschen
Mannschaften und Angehörigen der östlichen Länder, die durchweg Moham­
medaner sind“, zusammensetzte, sollte von 125 Mann Mitte Juli 1941 auf 2300
Mitte September aufgestockt werden.9 Dies geschah vor allem durch die Zu­
führung des neuen Sonderverbandes 288, der in Potsdam als „Rahmen- und
Kerntruppe für einen Einsatz im arabischen Raum“ ausgebildet und ausgerü­
stet wurde und, so die Planung, „aufgelöst in einzelne kleinere Truppen zusam­
men mit arabischen Stammesleuten und Freiwilligen operieren soll“.10 Da die­
ser Sonderverband jedoch Ende November mehrheitlich nach Libyen zu
Rommels Panzerarmee überstellt wurde,11 wies der „Sonderstab F“ wieder
den recht bescheidenen Umfang von 257 Mann auf und beschränkte sich auf
die Ausbildung künftiger „Korsettstangen aufständischer Stämme“.12 Doch
auch deren Zahl blieb zunächst minimal, da die Türkei arabischen Nationali­
sten, die an al-Gailanis Putsch im Irak teilgenommen hatten, keine Transitvisa
erteilte oder sie an der Ausreise nach Deutschland hinderte.13 Mitte September

6 OKW/WFSt/Abt. L v. 21.6.1941, Dienstanweisung für Sonderstab F, BA-MA, RW 4/

v.538.
7 Seidt, S. 43 ff., 307, 316 ff.
8 Moellhausen/AA an AA v. 26.6.1941, PAAA, R 29925; vgl. Vortragsnotiz OKW/Ausl/

Abw v. 25.7.1941, Denkschrift Fauzi el-Kawukschi über die Kriegführung gegen die Briten
im irak.-syr. Raum, BA-MA, RW 4/v.252; Höpp, Zwischenspiel, S. 26.
9 Sonderstab F an AOK 12 v. 8.7.1941, BA-MA, RH 24-68/2; OKW/WFSt/Abt. L v.

20.6.1941, Sonderstab F, ebd., RW 34/10.


10 Sonderstab F v. 21.7.1941, Bef. für Aufgaben und Gliederung, ebd., RH 24-68/2;

OKW/WFSt/Abt. L v. 21.9.1941, Dienstanweisung für Sonderstab F, PAAA, BA 61179;


Grobba an AA v. 23.9.1941, ebd.
11 Bef. Sonderstab F v. 25.11.1941, BA-MA, RH 24-68/4.
12 Sonderstab F an OKW/WFSt/Abt. L v. 3.12.1941, ebd.; Von der Orientarmee zur

Balkanfeuerwehr (undat./1976), ebd., RH 24-68/51.


13 DG Ankara an AA v. 12.7.1941, PAAA, R 29925; Tillmann, S. 314.
92 Deutsche Planungen für die Zeit nach „Barbarossa“

1941 befanden sich lediglich 27 Araber in Kap Sunion, die in der sogenannten
Deutsch-Arabischen Lehrabteilung des „Sonderstabes F“ militärisch ausgebil­
det wurden.14
Auch den Palästinadeutschen im deutschen Heer kam in diesem Zusammen­
hang eine besondere Bedeutung zu. 232 Wehrpflichtigen unter ihnen war un­
mittelbar vor Kriegsausbruch die Flucht geglückt.15 Dabei dürfte es sich fast
ausschließlich um HJ-Mitglieder gehandelt haben, da deren Landesgruppe Pa­
lästina die männlichen Jugendlichen zu annähernd 100 Prozent erfaßt hatte.16
Da es sich um ein zwar kleines, aber hoch ideologisiertes und zudem meist
Arabisch sprechendes Segment handelte, war es wohl kein Zufall, daß sich die
jungen Palästinadeutschen nach der Grundausbildung 1940 in beträchtlichem
Maße im „Lehr-Regiment Brandenburg z.b.V. 800“ wiederfanden.17 Hinter
diesem harmlos klingenden Namen verbarg sich eine noch im Aufbau befind­
liche Einheit, die der für Sabotage zuständigen Amtsgruppe II des Amtes Aus-
land/Abwehr unterstand und für Kommandoeinsätze hinter den feindlichen
Linien konzipiert war.18 Palästinadeutsche „Brandenburger“ sollten nach
einem Planspiel der Abwehr bereits 1940 den Suezkanal sprengen.19 Sie nah­
men an der Intervention im Irak teil,20 stellten drei Kompanien des erwähnten
Sonderverbandes 28821 und wurden als Ausbilder bei der Deutsch-Arabischen
Lehrabteilung eingesetzt.22 Gleichzeitig zapfte auch die Abwehr den im
deutsch beherrschten Europa verfügbaren muslimischen Pool an. So wurden
bereits im Mai 1941 24 irakische Studenten von Abwehr II rekrutiert.23 Und es
gelang auch in der Folgezeit, „zahlreiche V-Leute und Agenten arabischer Na­
tionalität an[zu]werben, die nach ihrer Ausbildung in Deutschland, insbeson­
dere auf der Kampfschule Quenzsee der Brandenburger, in ihrer Heimat her­
vorragende Leistungen vollbrachten“.24
Neben diesen militärischen Planungen und Vorbereitungen stand die Türkei
im Blickpunkt und damit die Frage, ob man das Land auf die Seite der Achse

14
Grobba an AA v. 23.9.1941, PAAA, BA 61179.
15Aufz. Hentig/AA v. 30.9.1939, ebd., R 29533; AA an NSDAP-Reichsleitung v.
30.7.1942, ebd., R 98813; Schwarz/NSDAP Palästina an Wolff v. 18.3.1941, BAB, NS 19/
186; Balke, S. 126 ff.
16 Vgl.ebd.,S.84 f.,93 ff.
17 Brockdorff, S. 59; Kohlhaas, S. 15; Spaeter, S. 250.
18 Abshagen, S. 235 ff.; Leverkuehn, S. 25 ff.; Buchheit, S. 307 ff.
19 Ebd., S. 317 f.
20 Grobba, S. 234; Kohlhaas, S. 26.
21 Grobba an AA v. 23.9.1941, PAAA, BA 61179.
22 Hellmuth Felmy/Walter Warlimont, German Exploitation of Arab Nationalist Mo­

vements in World War II (undat.), NARA, Foreign Military Studies, P-207.


23 KTB OKW/Ausl/Abw II v. 16.5.1941, BA-MA, RW 5/498.
24 Brockdorff, S. 400.
Deutsche Planungen für die Zeit nach „Barbarossa“ 93

ziehen könne oder ob man es niederkämpfen müsse, um den Durchzug zu er­


zwingen. Zwar wurde am 18. Juni 1941 ein bilateraler Freundschaftsvertrag un­
terzeichnet,25 und man hörte in Berlin mit Freude, daß in der Türkei beim
Überfall auf die Sowjetunion ein „Freudentaumel“ ausgebrochen sei.26 Doch
allein das Faktum, daß Großbritannien, mit dem die Türkei als Antwort auf
den Hitler-Stalin-Pakt am 19. Oktober 1939 gleichfalls einen Freundschaftsver­
trag abgeschlossen hatte,27 unmittelbarer Anrainerstaat an der Südgrenze war,
begrenzte die türkische Bewegungsfreiheit und schwächte die von deutscher
Seite erhofften Auswirkungen des soeben ausgehandelten Abkommens. Daher
lockte man in Berlin verstärkt mit Kriegsbeute aus der Konkursmasse der So­
wjetunion. Dabei dachte man an eine panturanische Lösung, wie sie Hitler am
17. März 1941 umrissen hatte: „Kaukasien soll später an die Türkei abgegeben,
aber von uns ausgenützt werden.“28 Dieser Gedanke einer großtürkischen Ex­
pansion nach Osten wurde in der Folgezeit auch auf die muslimischen Turkvöl­
ker der Sowjetunion ausgeweitet,29 doch als Köder für den erhofften Kriegs­
eintritt der Türkei taugte er nicht. Denn das Ausspielen der panturanischen
Karte hätte den deutschen Sieg über die Sowjetunion vorausgesetzt, und den
wollte man in Ankara erst einmal abwarten.
Zum Zeitpunkt der Weisung Nr. 32 liefen die Nahostvorbereitungen der NS-
Geheimdienste bereits auf vollen Touren. Schon am 6. Februar 1941 hatte Ca­
naris gegenüber Grobba den Wunsch geäußert, das Auswärtige Amt möge der
Abwehr einen Auftrag für ihre vorgesehenen Aktivitäten im arabischen Raum
erteilen.30 „Aus Gründen der Geheimhaltung“ wäre es, so Canaris, „nicht rat­
sam [...], daß die Abwehr von allen ihren Maßnahmen die Italiener verständi­
ge“.31 Am 7. März brachte Woermann eine umfangreiche „Aufzeichnung zur
arabischen Frage“ zu Papier. Demnach sollten die Araber „durch Vollziehung
von Sabotageakten und Aufstandsbewegungen“ von Nutzen sein. „Der Groß­
mufti ist mit seinen Leuten in dieser Hinsicht schon tätig und hat in Palästina
gewisse beschränkte Erfolge erzielt. Die weitere Organisation in dieser Hin­
sicht wäre in erster Linie Sache der Abwehr. Diese hat sich dem Wunsch des
Herrn Reichsaußenministers entsprechend, in diesem Raum bisher große Zu­
rückhaltung auferlegt, und zwar besonders mit Rücksicht auf Italien. Eine wei­

25 Dt.-turk. Freundschaftsvertrag v. 18.6.1941, ADAP, Ser. D., Bd. 12/2, S. 876; vgl.

Krecker, S. 153 ff.


26 DG Ankara an AA v. 22.6.1941, ADAP, Ser. D, Bd. 12/2, S. 901.
27 Krecker, S. 51 ff.; vgl. Weber.
28 KTB Halder, Bd. 2, S. 320.
29 Aufz. StS./AA v. 10.9.1941, ADAP, Ser. D, Bd. 13/1, S. 386 f.; dto. RAM v. 13.11.1941,

ebd., Bd. 13/2, S. 636 f.; vgl. Krecker, S. 205 ff.; Glasneck/Kircheisen, S. 99 ff.; Kunz, S. 19 ff.
30 Von Rintelen an AA v. 21.3.1941, ADAP, Ser. D, Bd. 12/1, S. 267.
31 Tillmann, S. 199.
94 Deutsche Planungen für die Zeit nach „Barbarossa“

tere Auflockerung in dieser Hinsicht, auch was die Verbesserung des Nachrich­
tendienstes betrifft, ist im Sinne der Bekämpfung Englands erforderlich“, hielt
Woermann fest und präzisierte: „Sabotageakte könnten in Ägypten, Transjor­
danien, Palästina und gegen die englischen Einrichtungen im Irak durchgeführt
werden. Eine Aufstandsbewegung würde zurzeit nur einen Sinn in Palästina
und Transjordanien haben.“32
Am 24. März konferierte er darüber mit Canaris, Kapitän Bürkner, dem Lei­
ter der Abteilung Ausland, sowie den Obersten Piekenbrock und Lahousen,
den Leitern der Amtsgruppen I und II der Abwehr. Demnach sollte sofort der
„Ausbau des geheimen Meldedienstes im gesamten vorderen Orient“ erfolgen.
In Palästina seien Sabotageaktionen „gegen Kraftwerke, Pumpstationen der
Ölleitung, Fabrikanlagen, Wasser- und Elektrizitätsversorgung“ zu unterneh­
men. „Eine Entfachung von Aufständen in Palästina und Transjordanien wird
automatisch durch Waffenlieferungen erfolgen, für die sich, sobald Thrazien
(Saloniki) in deutscher Hand ist, bessere Möglichkeiten ergeben.“33 Am
9. April billigte Ribbentrop diese Absprache und verlangte „eine sofortige
und schnelle Aktivierung unserer gesamten Betätigung in dem erwähnten Rau­
me“.34 Die Rücksichtnahme auf Italien, die das Dritte Reich bislang auf ein
größeres Engagement in der arabischen Welt verzichten ließ, gehörte damit
endgültig der Vergangenheit an.35 Grobba bekam vom Minister, als er ihn dar­
auf ansprach, bald schon zu hören: „Das ist nur vorläufig.“36
Zwar existierte im Amt Ausland/Abwehr seit Sommer 1940 ein Orientreferat
unter Major Franz Seubert bei I H West,37 und es gab natürlich Nachrichten­
verbindungen und V-Leute. Eine sogenannte Kriegsorganisation, also eine ge­
heimdienstliche Infrastruktur in den Ländern selbst, fehlte jedoch. Dies wurde
im Sommer 1941 beschleunigt nachgeholt. Im Juli wurde eine Leitstelle der
Abwehr für den Nahen und Mittleren Osten unter Oberstleutnant Meyer-Zer­
matt in Ankara eingerichtet. Parallel dazu übernahm Hauptmann Paul Lever-
kuehn deren Nebenstelle in Istanbul, die sich bald schon zur eigentlichen
Nachrichtendrehscheibe entwickeln sollte. Meyer-Zermatt wurde bei der deut­
schen Botschaft in Ankara, Leverkuehn beim Generalkonsul in Istanbul ‚ein­
gebaut‘. Canaris und Piekenbrock kamen bereits Anfang August zur Inspek­
tion.38 Auch in Tetuan und Tanger in Spanisch-Marokko errichtete das Amt

32
Woermann/AA v. 7.3.1941, Aufz. zur arab. Frage, ADAP, Ser. D, Bd. 12/1, S. 195.
33
Aktennotiz OKW/Ausl/Abw v. 25.3.1941, Geplante Maßnahmen des Amtes Ausl/
Abw im vord. Orient, IfZ, Nbg. Dok., NG-089.
34 Aufz. Woermann/AA v. 9.4.1941, ADAP, Ser. D, Bd. 12/2, S. 413 f.
35 Vgl. Gensicke, S. 67 ff.
36 Grobba, S. 214.
37 Seubert, S. 2; Buchheit, S. 233 f.
38 Materialreich dazu PAAA, R 101832, 101881, 101883; Paul Leverkuehn, Orient 1940-
Deutsche Planungen für die Zeit nach „Barbarossa“ 95

Stützpunkte zur Diversion der Araber- und Berberstämme durch Beauftragte


von Abwehr II.39 In Beirut übernahm man Hauptmann Rudolf Roser, der sich
dort bereits seit September 1940 als Beauftragter der deutsch-französischen
Waffenstillstandskommission aufhielt. Bedeutsam waren dessen vielfältige
Verbindungen, die nicht zuletzt auch Palästina betrafen.40 Bald schon gelang
es auch, Funk-V-Leute in Beirut, Damaskus und Alexandria einzusetzen41 und
arabische Saboteure des „Sonderstabes F“ in den Nahen und Mittleren Osten
zu schleusen.42
Eine Aufstellung der für den geheimen Meldedienst zuständigen Abwehr­
gruppe I von Ende Juli 1941 listete 34 bestehende Nachrichtenverbindungen
im „Nahen Orient“ auf; 22 weitere waren in Vorbereitung, 24 geplant. Neun
von ihnen besaßen spezielle Beziehungen nach Palästina. Ein „deutscher Ge­
lehrter“ in Teheran war darunter, eine „internationale Artistin und Hoteldie­
bin“ mit norwegischem Paß, aber auch ein „indischer Maharadscha“, der als
„absoluter Englandhasser“ charakterisiert wurde. Deutsche befanden sich ein­
deutig in der Minderheit. Es gab Bulgaren, Dänen, Schweizer und Griechen,
aber auch einen englischen Kriegsgefangenen, der „sich freiwillig zur Mitarbeit
bereit erklärt“ habe, weil er ein „fanatischer Gegner des Churchill-Regimes“
sei. Da dieser zuvor in der Chiffrierabteilung des britischen Hauptquartiers in
Kairo gearbeitet hatte, sollte er „unter glaubhafter Erzählung einer langwieri­
gen Flucht aus Kreta“ mit dem Fallschirm über Ägypten abgesetzt werden, um
erneut seinen alten Posten antreten zu können. Als Meldewege dienten tote
Briefkästen und Anlaufstellen, eigene Funkgeräte und diplomatische Kurier­
post. Geführt wurden die Agenten von verschiedenen Abwehrstellen im In­
land, im besetzten Europa und im befreundeten Ausland.43 Hinzu kam das
Nachrichtennetz des Mufti, das anfangs ausschließlich der Abwehr zuarbeitete
und „von Marokko bis Nordindien“ reichte.44 „Sehr leistungsfähige Abwehr-
Funkstellen, zunächst bei Athen, dann bei der KO [Kriegsorganisation] Bulga­
rien und später bei der Ast [Abwehrstelle] Wien konnten bis zum letzten
Kriegstag die Verbindung mit den unentdeckt gebliebenen Agentenfunkstellen
aufrechterhalten“ und erhielten von dort Nachrichten über Schiffs- und Trup­

1944, BAK, N 1146/13; NAK, WO 208/4558; Leverkuehn, S. 161; Reile, S. 344; Buchheit,
S. 279 f.
39 Leverkuehn, S. 104; Storch de Gracia, S. 7.
40 Leverkuehn, S. 162 ff.; Schröder, Deutschland, S. 52.
41 Buchheit, S. 238.
42 Sonderstab F an OKW/Ausl/Abw v. 5.12.1941, BA-MA, RH 24-68/4.
43 OKW/Ausl/Abw I v. 28.7.1941, Charakteristik der Verbindungen im Nahen Orient,

ebd., RH 24-68/2.
44 Seubert, S. 3; vgl. Buchheit, S. 234.
96 Deutsche Planungen für die Zeit nach „Barbarossa“

penbewegungen sowie über die Stimmung im Lande, erinnerte sich Seubert


später.45
Zeitlich parallel richtete auch der SD-Auslandsnachrichtendienst im Amt VI
des Reichssicherheitshauptamtes verstärkt sein Augenmerk auf den Nahen und
Mittleren Osten. Bislang war er unter seinem Amtschef, Brigadeführer Heinz
Jost, relativ unbedeutend gewesen, doch dessen Nachfolger, Standartenführer
Walter Schellenberg, der am 2. Juli 1941 faktisch die Geschäfte übernahm,
machte die Effektivierung und den Ausbau des Amtes VI unverzüglich zur
Hauptaufgabe.46 Angesichts von „Barbarossa“ lag das wichtigste Arbeitsfeld
der für die Sowjetunion, den Nahen und Fernen Osten zuständigen Gruppe VI
C unter dem 1908 geborenen Sturmbannführer Dr. Heinz Gräfe zwar auf dem
neuen Kriegsschauplatz im Osten, doch auch der Orient kam nun vermehrt in
den Blick.47 Hauptsturmführer Dr. Erich Hengeihaupt, Jahrgang 1911, über­
nahm die drei Rußlandreferate VI C 1-3.48 Die Referate VI C 4-11 Fernost
und Indien erhielt Hauptsturmführer Peter Weirauch. Er wurde 1908 geboren,
hatte der völkischen Jugendbewegung seit 1924 angehört und war NSDAP und
SS 1933 beigetreten.49 Die Leitung des für die Türkei, den Iran und Afghanistan
zuständigen Referates VI C 12 bekam Hauptsturmführer Kurt Schuback, Jahr­
gang 1913. Dieser hatte sein Studium 1934 abgebrochen, um hauptamtlicher
HJ-Referent auf dem Gebiet der Grenz- und Auslandsarbeit zu werden und
war 1938 zum SD-Oberabschnitt Königsberg übergewechselt. Dort war er „an
den Vorarbeiten für den Einsatz in Polen [...] maßgeblich und stärkstens betei­
ligt“, hatte dabei einem SD-Kommando angehört und war seit Anfang 1940
vom Amt VI als „Nachrichtenkopf für den politischen Nachrichtendienst in
Riga“ eingesetzt.50 Als Schubacks Stellvertreter fungierte Obersturmführer
Heinz Tunnat, gleichfalls 1913 geboren; er war 1934 der SS beigetreten, Kom­
missar bei der Kripo-Leitstelle Hannover geworden und gehörte 1941 als An­
wärter des leitenden Dienstes zum Einsatzkommando 9 in Weißrußland, war
also ein Experte in Sachen Judenmord.51

45
Seubert, S. 7.
46
GVP RSHA, Stand 1.1.1941, BAB, R 58/840; ebd., SSO Walter Schellenberg; Schel­
lenberg, S. 182ff.; vgl. Kahn, S. 255 ff.; Browder, S. 418 ff.; Querg, S. 165 ff., 206, 223 ff.;
Wildt, Generation, S. 391.
47 BAB, SSO Dr. Heinz Gräfe; vgl. Wildt, Generation, S. 152 ff.
48 BAB, SSO Dr. Erich Hengeihaupt; vgl. Mallmann, Krieg, S. 332.
49 Stammkarte, Lebenslauf, BAB, SSO Peter Weirauch; Lebenslauf, ebd., RuSHA dess.
50 Stammkarte, Lebenslauf, Beurteilung, ebd., SSO Kurt Schuback; Heiratsgesuch,

ebd., RuSHA dess.


51 Stammkarte, Lebenslauf, Beförderungsvorschlag, ebd., SSO Heinz Tunnat; Lebens­

lauf, ebd., RuSHA dess.; BAL, B 162/2402; Urteil LG Berlin v. 22.6.1962, ebd., B 162/
14138.
Deutsche Planungen für die Zeit nach „Barbarossa“ 97

Das für Syrien, Transjordanien, den Irak, Palästina und Ägypten zuständige
Arabienreferat VI C 13 – damals noch VI D 5 – übernahm 1940 Hauptsturm­
führer Herbert Hagen, seit Ende 1937 Chef des Judenreferats im SD-Haupt­
amt, der wohl aufgrund seiner Vergangenheit als Nahostexperte geschätzt wur­
de. Hagen war ebenfalls Jahrgang 1913, trat 1933 der SS bei und gehörte 1938/
39 den Einsatzkommandos für Wien und Prag an.52 Im Januar 1941 löste ihn
Obersturmführer Hans-Joachim Weise ab, der 1911 geboren wurde und nach
Mittlerer Reife und einer Ausbildung als Textiltechniker schon 1928 in die
NSDAP eingetreten war. Der Träger des Goldenen Parteiabzeichens wechselte
bereits im Dezember 1930 von der SA zur SS und trug zentral zu deren Aufbau
auf der sogenannten Rauhen Alb in Württemberg bei. Im nationalsozialisti­
schen Deutschland fand er nach vorübergehender Tätigkeit als Hilfspolizist
ab 1934 eine Anstellung als Telephonist bei der NSDAP-Gauleitung Thürin­
gen. Anfang 1938 wechselte er dann zum SD-Hauptamt nach Berlin. Nach
einem Praktikum im dortigen Judenreferat gehörte er im März 1939 zum Ein­
satzkommando Prag und absolvierte im Herbst 1940 einen Lehrgang für den
Kolonialdienst von Sicherheitspolizei und SD an der Führerschule in Berlin-
Charlottenburg.53 Im Sommer 1941 wurde Weise von Sturmbannführer Wil­
helm Beisner, gleichfalls Jahrgang 1911, als Referatsleiter abgelöst, blieb je­
doch dessen Stellvertreter und übernahm Ende des Jahres die Funktion eines
Verbindungsoffiziers des Reichssicherheitshauptamtes zu dem gerade im deut­
schen Exil angekommenen Mufti.
Beisner war bereits als Schüler im August 1930 der SA beigetreten, wurde
einen Monat später auch Parteimitglied und wechselte im November 1932 zur
SS. Nach einem Volkswirtschaftsstudium arbeitete er drei Jahre als Referent
für die Länder des Südostens im Außenpolitischen Amt der NSDAP-Reichs­
leitung. Auf eine kurze militärische Ausbildung bei der bewaffneten SS folgte
ein Einsatz beim deutschen Selbstschutz in Polen ab Oktober 1939. Im August
1940 wurde Beisner hauptamtlich ins Amt VI übernommen und mit dem Auf­
bau eines Nachrichtennetzes auf dem Balkan betraut. Im April 1941 leitete er
dann das Kommando Agram (Zagreb) der Einsatzgruppe Jugoslawien.54 Drit­
ter Mann im Arabienreferat wurde Eugen Faber, ein Palästinadeutscher, der

52 Dienstlaufbahn, Lebenslauf, CdS an RFSS v. 15.10.1941, BAB, SSO Herbert Hagen;

Lebenslauf, ebd., RuSHA dess.; Vern. dess. v. 19.11.1962, BAL, B 162/1327, Bl. 1263 ff.;
dto. v. 13.11.1964, ebd., B 162/16704.
53 Stammkarte, BAB, SSO Hans-Joachim Weise; Lebenslauf, ebd, RuSHA dess.;

SDHAII112 an 11 v. 16.5.1939, ebd., R 58/954; Lebenslauf, BA-ZA, ZR 358; Vern. dess.


v. 12.1.1965, BAL, B 162/16704; generell zu den Lehrgängen für den Kolonialdienst
PAAA, R 99229.
54 Stammkarte, Lebenslauf, BAB, SSO Wilhelm Beisner; Lebenslauf, ebd., RuSHA

dess.; RSHA IV Gst v. 16.5.1941, Einsatz der Sicherheitspolizei und des SD im ehern.
98 Deutsche Planungen für die Zeit nach „Barbarossa“

dort im Frühjahr 1933 eine nationalsozialistisch ausgerichtete Jugendgruppe


gegründet hatte, diese 1934 in die HJ überführte und seitdem als deren Landes­
leiter fungierte. 1939 entkam Faber rechtzeitig nach Deutschland und wurde
nach seiner Ausbildung als „Brandenburger“ zum Amt VI überstellt.55 Unterm
Strich war es eine Gruppe von recht jungen Männern um die 30 Jahre, die sich
damals in den Führungspositionen der Gruppe VI C versammelte. Im Gegen­
satz zu ihrem Lebensalter hatten sie jedoch bereits eine beträchtliche politische
Vergangenheit – annähernd zehn Jahre oder knapp darüber – in NSDAP, HJ
und SS aufzuweisen. Befehle brauchten diese Männer nicht mehr: Ideologisch
steuerten sie sich längst selbst.
Analog zur Abwehr machte auch VI C die Türkei zur Nachrichtendrehschei­
be. Der Österreicher Ludwig Moyzisch übernahm dort, getarnt als Gehilfe des
Handelsattaches in Ankara, Ende 1940 die Geschäfte.56 Er wurde zwar im fol­
genden Herbst vom britischen Geheimdienst als „actually head of the Gestapo
in Turkey“ erkannt,57 gleichwohl gelang es ihm, ein türkisch-arabisch betriebe­
nes Nachrichtennetz für den Vorderen Orient aufzuziehen.58 Seine rechte
Hand wurde im Dezember 1941 der Palästinadeutsche Waldemar Fast, Jahr­
gang 1911, der 1934 in Jerusalem der NSDAP beigetreten war, als Reisebüro­
kaufmann fließend Arabisch sprach und sich auf arabischer Seite im dortigen
Aufstand engagiert hatte. Unter Spionageverdacht stehend, schaffte er es, Pa­
lästina kurz vor Kriegsausbruch zu verlassen, im Dezember 1939 beim Reichs­
sicherheitshauptamt unterzukommen und 1941 zum Untersturmführer zu
avancieren.59 Daneben waren drei weitere deutsche Mitarbeiter in Istanbul tä­
tig. Gleichfalls analog zur Abwehr unterhielt auch VI C für Nordafrika eine
vierköpfige Dependance, die im deutschen Generalkonsulat Tanger ,einge­
baut‘ wurde.60
In den Iran streckten Abwehr und VI C ebenfalls ihre Fühler aus. Bereits im
Oktober 1940 entsandte der SD zwei Untersturmführer nach Teheran, um dort,
getarnt als deutsche Kaufleute, einen politischen Nachrichtenapparat auf­
zubauen.61 Dabei handelte es sich um den Münchner Franz Mayr, Jahrgang

Jugoslawien, ebd., R 58/241; Fernsprechverz. RSHA Mai 1942, ebd., R 58/927; Vern. dess.
v. 4.11.1960, BAL, B 162/Vorl. AR 1650/67, Bl. 6 ff.
55 Balke, S. 93 f., 130, 132, 213, 222, 238.
56 Liste der Polizeiattaches v. 16.10.1943, YVA, TR 3/542; Moyzisch, S. 17, 100 f., 105,

gibt vor, lediglich „Attache an der Deutschen Botschaft“ gewesen zu sein.


57 M.1.3 v. 30.9.1941, Axis Fifth Column Activity in Turkey, NAK, WO 208/4558.
58 CdS VI C 12 an RFSS v. 20.1.1943, BAB, NS 19/2236; Schellenberg, S. 310 f.
59 Stammkarte, Lebenslauf, BAB, SSO Waldemar Fast; Lebenslauf, ebd., RuSHA dess.;

Beurteilung, ebd., SSO Kurt Schuback; Balke, S. 213, 236, 261.


60 Liste der Polizeiattaches v. 16.10.1943, YVA, TR 3/542; Storch de Gracia, S. 7.
61 RFSS, Einsatz v. SS-Führern im Iran (undat./Mai 1943), BAB, NS 19/2235.
Deutsche Planungen für die Zeit nach „Barbarossa“ 99

1908,62 und den Wiener Roman Gamotha, geboren 1917. Letzterer war schon
als 15-jähriger der HJ beigetreten und 1936 im zweiten Semester von der Uni­
versität wegen Betätigung für die NSDAP „für alle Zeiten“ relegiert worden,
nachdem er bereits 10 Monate Haft, unter anderem wegen Beteiligung an
Sprengstoffanschlägen, verbüßt hatte.63 Im Frühjahr 1941 begab sich auch Ma­
jor Dr. Julius Berthold Schulze-Holthus in den Iran, um als angeblicher Kon­
sulatssekretär im nordpersischen Täbris für Abwehr I Luft Erkundungen in der
nahen Sowjetunion zu betreiben; zwei weitere Agenten der Abwehr schickte
man in den Südiran.64 Im Juli wurde zudem Major Strojil, getarnt als Gehilfe
des deutschen Militärattaches, als II-Bearbeiter der Kriegsorganisation Orient
- also als Sabotageexperte – nach Teheran entsandt.65 Als britische und sowje­
tische Truppen am 25. August 1941 von Norden und Süden in den Iran einrück­
ten und dessen Streitkräfte bereits zwei Tage später das Feuer einstellten,66
entzogen sich Schulze-Holthus, Mayr und Gamotha erfolgreich der Internie­
rung. Während Gamotha in den Nordiran auswich,67 tauchten die beiden ande­
ren in Teheran unter und wurden dort von den Netzwerken achsenfreundlicher
Armee- und Polizeioffiziere aufgefangen.68
Auch die deutsche Rundfunkpropaganda in den Nahen und Mittleren Osten
wurde damals deutlich aggressiver und steigerte ihre antisemitische Hetze. „Es
muß den Arabern vergegenwärtigt werden, daß große Teile von Syrien, Trans­
jordanien und dem Irak, von Palästina ganz zu schweigen, den Juden preisgege­
ben werden; daß England die Juden auf diese Weise auf Kosten der Araber für
ihre Hilfe bei einem evtl, englischen Sieg bezahlen wird; daß unser Land ein
Tauschobjekt für jüdische Spionage, jüdischen Verrat und jüdische Sabota­
geakte sein wird“, postulierte Fauzi el-Kawukschi in einem offiziellen Posi­
tionspapier der Abwehr zur Propaganda im Juli 1941,69 und Grobba schloß sich
dem im Namen des Auswärtigen Amtes sofort an.70 Die Alliierten wurden in
den Sendungen als jüdisch kontrolliert oder als „vereinte jüdische Nationen“
verhöhnt. Geschickt vermischt mit Koranzitaten und arabischer Musik atta­
ckierte man die Juden als die größten Antipoden des Islam: Der Jude sei der

62 Stammkarte, ebd., SSO Franz Mayr.


63 Stammkarte, Verm. Heimkehrer-Überprüfungsstelle München, ebd., SSO Roman
Gamotha.
64 Madani, S. 261 ff.; Hirschfeld, S. 256 f.
65 KTB OKW/Ausl/Abw II v. 3.7.1941, BA-MA, RW 5/498.
66 Stewart, Sunrise, S. 109 ff.; Jaschinski, S. 168 ff.
67 RFSS, Auszeichnung des SS-Hstuf. Gamotha mit dem EK I. Klasse (undat./Mai

1943), BAB, NS 19/2235.


68 Schulze-Holthus, Iran, S. 121 ff.; Schröder, Deutschland, S. 256 f.
69 OKW/Ausl/Abw v. 25.7.1941, Die Prop., PAAA, R 29885.
70 Aufz. Grobba/AA v. 7.8.1941, Prop, gegen England im Vord. Orient, ebd.
100 Deutsche Planungen für die Zeit nach „Barbarossa*

Feind, und ihn zu töten erfreue Allah.71 Der Hauptinhalt der deutschen Rund­
funkmeldungen habe aus Antisemitismus bestanden, gaben die deutschen Ge­
neräle Felmy und Warlimont nach 1945 der Historical Division der U.S.Army
zu Protokoll, denn: „The only real political rallying point among the Arabs was
their common hatred of the Jews.“72
Koordiniert wurden die Inhalte in Abstimmung zwischen Auswärtigem Amt,
der für die Auslandspropaganda zuständigen Abteilung Wehrmachtpropagan­
da IV des Oberkommandos der Wehrmacht und dem Reichspropagandami-
nisterium.73 Dabei spielten einerseits Grobba und andererseits Mildenstein,
der mittlerweile im Goebbels-Ministerium als Orientexperte arbeitete, die ent­
scheidenden Rollen. Die Umsetzung erfolgte in den iranischen, arabischen,
indischen und türkischen Sektionen des Reichsrundfunks, denen neben deut­
schen Redakteuren jeweils Stäbe von 10 bis 15 einheimischen Sprechern und
Übersetzern angehörten.74 Seit dem 24. Oktober 1941 strahlte auch Radio
Athen täglich zwei arabische Sendungen aus, die unmittelbar vom „Sonderstab
F“ produziert wurden.75 Dabei griff man auch auf die Araber der Lehrabtei­
lung im nahen Kap Sunion zurück, von denen Gesänge auf Schallplatte auf­
genommen und abgespielt wurden.76
„Unsere Politik im Vorderen Orient muß [...] in erster Linie den Bedürfnis­
sen der Kriegführung folgen und in den Dienst der Niederringung Englands
gestellt werden“, hielt Woermann am 6. November 1941 fest. „Dabei werden
die dauernde Ausschaltung Englands aus dem vorderasiatischen Raum und die
dauernde Sicherung deutschen Einflusses auf die dortigen Erdölvorkommen
die Hauptziele sein.“ Von Italien war hier mit keinem Wort mehr die Rede.
Der Unterstaatssekretär brachte auch Ribbentrops Entscheidung zu Papier,
„daß die Rücksicht auf Frankreich jetzt fortfallen kann“. Das Dritte Reich
betrieb nunmehr eigene Großmachtpolitik im Nahen und Mittleren Osten.
Woermann empfahl einen baldigen Empfang des Mufti durch Hitler, da „uns
[mit ihm] eine der führenden Persönlichkeiten der arabischen Welt zur Ver­
fügung“ steht. Er riet auch zum Abschluß eines Vertrages mit dem ebenfalls
bald eintreffenden al-Gailani und zur „Gründung eines arabischen Führerrats
in Berlin“. Schließlich mahnte er an, daß man die Unterschiede zur Kriegfüh­
rung in der Sowjetunion im Auge behalten werde: „Vor Beginn der Operatio­
nen wird das Auswärtige Amt seinen Einfluß bei der Wehrmacht dahin aus­

71 Arsenian, S. 420 f.; weitere Beispiele bei Schnabel, S. 258 ff.


72 Hellmuth Felmy/Walter Warlimont, German Exploitation of Arab Nationalist Mo­
vements in World War II (undat.), NARA, Foreign Military Studies, P-207.
73 Ritter/AA an AA v. 26.5.1941, PAAA, BA 61179; Trentow/Kranhold, S. 34 f.
74 Vern. Irmtraud Kaiser v. 30.8.1945, NAK, FO 371/46781.
75 Tät.Ber. Offz. WPr Sonderstab F für 26.10.-15.12.1941, BA-MA, RW 4/v.l84.
76 Dto. für März 1942, ebd.
Deutsche Planungen für die Zeit nach „Barbarossa“ 101

üben müssen, daß der Krieg auf dem Gebiete befreundeter Völker geführt
wird, also völlig andere Voraussetzungen vorliegen als z. B. auf dem russischen
Kriegsschauplatz.“77
Woermann modifizierte und variierte hier im Grunde ein deutsches Konzept
aus dem Ersten Weltkrieg: einen Djihad „made in Germany“. Am 14. Novem­
ber 1914 hatte der Sheikh ul-Islam im Auftrag des Sultans und auf Wunsch der
Deutschen eine Fatwa in der großen Moschee Mehmed des Eroberers verlesen,
die den „heiligen Krieg“ der Muslime im Rücken des Feindes verkündete,
ihnen im Todesfall den Status eines Märtyrers verhieß sowie besondere Ver­
günstigungen im Paradies versprach.78 Der Nahostexperte Max von Oppen­
heim, Kopf der Berliner „Nachrichtenstelle für den Orient“, war der Erfinder
dieses Schachzuges gewesen, der gegen Briten, Franzosen und Russen zielte.
Zwar war das Sultan-Kalifat in der Türkei zwischenzeitlich abgeschafft worden,
doch gleichwohl ließen sich derartige muslimische Traditionsbestände immer
noch instrumentalisieren. Der mittlerweile 80-jährige Oppenheim übersandte
darum am 25. Juli 1940 seine „Denkschrift zur Revolutionierung des Vorderen
Orients“ an das Auswärtige Amt, in der er forderte: „In Palästina ist der Kampf
gegen die Engländer und Juden mit voller Kraft wieder aufzunehmen. [...] In
Palästina sollte eine Regierung unter dem Mufti eingesetzt werden.“ Und Op­
penheim – obwohl selbst jüdischer Herkunft – befand auch: „Von den Juden
sollten in Palästina nur diejenigen, die vor dem Weltkrieg dort waren, belassen
werden.“79 Für den bevorstehenden Holocaust fehlte seinem deutsch-konser­
vativen Kopf die Phantasie.80
„Die Anwesenheit des Groß-Muftis in Deutschland sei ein Faktor, dessen
Bedeutung nicht überschätzt werden könne. Es sei dies ein Glücksfall, der voll
und ganz ausgeschöpft werden müsse“, riet auch der frühere deutsche Bot­
schafter in Kairo, Eberhard von Stohrer, und wies auf wichtige Parallelen hin:
„Nationalsozialistische Auffassungen begegnen sich in vielen islamischen
Grundsätzen. Im Islam nimmt der Führer schon durch seinen Kampf gegen
das Judentum eine hervorragende Stellung ein.“81 Der ehemalige Kairoer
Agent Schrumpf-Pierron, mittlerweile Oberkriegsrat bei der Abwehr in Berlin,
sah das ganz ähnlich: „Die Struktur des Islams hat übrigens vieles mit dem
Nationalsozialismus gemein: oben Autorität, unten ,Demokratie‘.“ Und er
kannte die wahren Bundesgenossen. Die Lösung der „Judenfrage“ in Palästina
sei „ein Machtproblem, das nur der Nationalsozialismus in rücksichtsloser Wei­

77 Aufz. Woermann/AA v. 6.11.1941, Fragen des Vord. Orients, PAAA, BA 61179.


78 Vgl. McKale, War.
79 Zit. nach: Schwanitz, Oppenheim, S. 57.
80 Vgl. ders., Djihad, S. 18 ff.; ders., Paschas, S. 28 ff.
81 Von Stohrer an StS./AA v. 18.11.1941, PAAA, R 29533.
102 Deutsche Planungen für die Zeit nach „Barbarossa“

se lösen kann, aber bei dem es sich vor allen Dingen nach den Wünschen der
Araber und Syrier richten muß. Italien darf dabei nicht [h]ineinreden.“82
„Während dieser Bericht in Druck ging, ist der Krieg, von dem Engländer
und Juden schon auf meiner Reise immer sprachen und den sie überall emsig
vorbereitet haben, Wirklichkeit geworden“, ließ Franz Schattenfroh seinen Pa­
lästinareport ausklingen und schlußfolgerte für das Land: „Dann wird es Zeit
sein, Giftkeime, die seit ungezählten Jahrhunderten unsere Erde ankränkelten,
gefährdeten und in ständiger Unruhe erhielten, endgültig zu beseitigen, dann
wird die Zeit nahe sein, die Judenfrage zu lösen in unserem Sinne. Und erst
dann, wenn dies geschehen ist, wird wieder Ruhe werden in dieser Welt!“83
Und ein Dr. Karl Wuck, gleichfalls Wiener, schrieb im Sommer 1941 an das
Auswärtige Amt: „In Vorderasien und in ganz Europa wird nicht eher Ruhe
werden und die Völker werden nicht eher von den Ruhestörern frei sein, als bis
die Juden aus ihrem Zions-Staat Palästina ausgeräuchert werden. [...] Es ge­
nügt nicht, in Europa, Ägypten und anderen Gebieten alle paar Jahrhunderte
einmal die Juden auszumerzen, denn sie kommen immer wieder. [...] Wie jetzt
die Tschechen isoliert sind, die Polen, Slo[w]enen, die Serben, mögen auch die
Juden in ihrem Zionsstaat eingekapselt und isoliert und da mit Stumpf und
Stiel beseitigt werden.“84 Fauzi el-Kawukschi wiederum teilte einem alten
Kampfgefährten in Syrien im September 1941 mit: „Ich werde mit arabischen
und deutschen Truppen kommen, um Euch zu helfen.“85 Auch die ideologi­
schen Weichen für eine eigenständige deutsche Nahostpolitik waren damit ge­
stellt.86
Die Intensität der nationalsozialistischen Kriegsplanungen unterstreichen
umfangreiche Karten und ein Textheft, die Mitte Oktober 1941 beim General­
stab des Heeres fertiggestellt waren – Materialien, die die Militärs über die Be­
dingungen in dem zu erobernden Raum in Kenntnis setzen sollten. Gerade das
Begleitheft informierte mit zahlreichen Photos und ausführlichem Text über die
klimatischen, geographischen, demographischen und wirtschaftlichen Verhält­
nisse in Palästina und Transjordanien. Die damit ausgestatteten Offiziere erfuh­
ren beispielsweise, daß die Küste sich eher „landungsfeindlich“ darstelle, die
Straßen gut ausgebaut seien und die „Längsverbindungen in nordsüdlicher
Richtung“ eine Invasion begünstigten. Die jüdische Bevölkerungsminderheit
war von den Strategen ebenfalls schon in ihre Kriegsplanungen einbezogen

82 Schrumpf-Pierron an von Papen v. 8.7.1941, BA-MA, RH 2/1765.


83 Schattenfroh, S. 96 f.
84 Dr. Karl Wuck/Wien an AA v. 28.6.1941, PAAA, R 99388.
85 Brief v. 4.9.1941, BA-MA, RH 24-68/3.
86 Ein „lack of systematic and coherent conception of the Middle East“, wie Shamir,

East, S. 174, meint, wird man angesichts dieser umfangreichen Planungen u. Vorbereitun­
gen wohl kaum unterstellen können.
Deutsche Planungen für die Zeit nach „Barbarossa“ 103

worden; so dachte man auf deutscher Seite daran, sich im großen Stil deren
Wohnraum anzueignen: „Unterbringung der Truppe nur in neueren europäi­
schen Siedlungen möglich, in arabischen Wohnstätten wegen ,Engräumigkeit‘
und den Gesundheitsgefahren nicht ratsam.“ Konfliktpotential mit der musli­
mischen Bevölkerungsmehrheit befürchteten die Militärs jedoch keineswegs,
denn ein verbindendes Element konnte immerhin ausdrücklich festgehalten
werden: „Wer das Judentum bekämpft, kann immer mit den Sympathien der
arabischen Bevölkerung rechnen.“87
Hitler glaubte Ende Oktober 1941, „daß der Feldzug im Osten nicht nur
gewonnen, sondern als solcher im wesentlichen endgültig entschieden ist“ und
ordnete an, daß das X. Fliegerkorps erneut von Sizilien aus den Geleitschutz
aller Seetransporte nach Nordafrika sowie die Niederhaltung Maltas zu über­
nehmen habe.88 Zudem wurde Generalfeldmarschall Albert Kesselring als neu­
er Oberbefehlshaber Süd mit der Koordinierung dieser Aufgaben betraut und
erhielt zur Verstärkung das bisher im Osten eingesetzte II. Fliegerkorps.89
Zwei Tage zuvor definierte Hitler gegenüber dem italienischen Außenminister
Graf Ciano die neuen Kriegsziele: „An und für sich wäre natürlich die Erobe­
rung Kaukasiens nicht kriegsentscheidend, aber einer Inbesitznahme Irans, des
Irak, Syriens und Palästinas könnte man wohl einen solchen Charakter zu­
schreiben.“90 Damit schien die mit der Weisung Nr. 32 vorbereitete „Zeit nach
Barbarossa“ angebrochen zu sein.
Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Zwei fast zeitgleiche Vorgänge
schufen eine grundlegend veränderte Situation. Die sowjetische Gegenoffensi­
ve vor Moskau am 5./6. Dezember 1941 zwang die Wehrmacht erstmals zum
Rückzug.91 Damit war Hitlers „Weltblitzkriegsplan“92 endgültig gescheitert,
die „Zeit nach Barbarossa“ in unabsehbare Ferne gerückt; das Deutsche Reich
drohte analog zum Ersten Weltkrieg in einen Zweifronten-Abnutzungskrieg zu
geraten. Zugleich aber eröffnete der japanische Angriff auf Pearl Harbor am
7. Dezember einen zusätzlichen Kriegsschauplatz.93 Und als die Japaner bereits
am 10. Dezember das nagelneue britische Schlachtschiff „Prince of Wales“ und
den Kreuzer „Repulse“ vor Malaya versenkten und schon am 15. Februar 1942

87 GenStdH, Abt. für Kriegskarten und Vermessungswesen, Textheft v. 15.10.1941.


88 Hitler an Mussolini v. 29.10.1941, ADAP, Ser. D, Bd. 13/2, S. 580, 584.
89 OKW/WFSt/Abt.L v. 2.12.1941, Weisung Nr. 38, ebd., S. 763 f.; vgl. Gundelach, Bd. 1,

S. 329 ff.
90 Aufz. Schmidt/Büro RAM v. 30.11.1941, Unterredung Hitler-Ciano am 29.11.,

ADAP, Ser. D, Bd. 13/3, S. 735.


91 Grundlegend Reinhardt.
92 Reuth, Entscheidung, S. 128.
93 Keegan, S. 364 ff.
104 Deutsche Planungen für die Zeit nach „Barbarossa“

Singapur nahmen,94 wurde deutlich, daß damit die Karten völlig neu gemischt
waren und die bisherigen Konstellationen nur noch sehr bedingt galten. Ange­
sichts dieser dramatischen Wende zum Weltkrieg, die Hitler am 11. Dezember
1941 durch die deutsche Kriegserklärung an die Vereinigen Staaten nachvoll­
zog, fiel es wenig ins Gewicht, daß britische Truppen am 8. Dezember endgül­
tig die Festung Tobruk entsetzten und damit deren achtmonatige Belagerung
beendeten. Denn den Beteiligten war klar, daß der Krieg in Fernost bald schon
einen großen Teil des für Afrika bestimmten britischen Truppen- und Material­
nachschubs abziehen würde. Hitler konnte darauf setzen, daß der Kriegseintritt
Japans die anglo-amerikanischen Kräfte auf zwei Ozeane zersplittern und die
Gefahr einer Zweiten Front in Europa wenigstens vorerst bannen werde. Der
am 8. Dezember erfolgte Befehl an das Ostheer, Offensivaktionen einzustellen
und zur Verteidigung überzugehen, um „dadurch die Voraussetzungen für die
Wiederaufnahme größerer Angriffsoperationen im Jahre 1942 zu schaffen“,
war darum kein Eingeständnis einer Niederlage.95 Die Konzeption von „Bar­
barossa“ war zwar gescheitert, doch 1942 sollte die größte Kraftentfaltung des
Dritten Reiches bringen.

94 Ebd., S. 374,378.
95 OKW/WFSt/Abt. L v. 8.12.1941, Weisung Nr. 39, ADAP, Ser. D, Bd. 13/2, S. 801.
6. Bündnispartner der Achse: Der Mufti in Berlin

Nach ihrer Flucht aus dem Irak trafen el-Husseini und al-Gailani am 1. Juni
1941 in Teheran ein.1 Die persische Hauptstadt sollte sich für die beiden Ara­
ber jedoch schon bald als ein nur vorläufiger Aufenthaltsort erweisen. Deren
Lage wurde nämlich äußerst prekär, als britische und sowjetische Truppen seit
dem 25. August den Iran besetzten und den Schah zur Abdankung zwangen.
Während es al-Gailani gelang, eine türkische Einreisegenehmigung ausgestellt
zu bekommen und Richtung Bosporus abzureisen, saß der Mufti vorerst in
Teheran fest. Von Verhaftung durch die Briten bedroht, flüchtete er sich in
die japanische Botschaft.2 Oberst Lahousen von der Abwehr konnte am 3. Sep­
tember erleichtert feststellen, daß der Mufti dort „in Sicherheit“ sei.3 Da dieses
Asyl in den Augen el-Husseinis jedoch kein Dauerzustand werden sollte, faßte
er nach seiner Flucht aus Jerusalem, Beirut und Bagdad nun zum vierten Mal
ein Entkommen aus dem britischen Machtbereich ins Auge. In Frauenkleidern
gelang ihm mit Hilfe des italienischen Legationsrates Mellini die Flucht nach
Istanbul, von wo er per Flugzeug um den 10. Oktober nach Rom gebracht wur­
de.4 Dort traf er am 27. des Monats erstmals mit dem „Duce“ zusammen. Beide
scheinen sich gut verstanden zu haben – wohl nicht zuletzt deshalb, weil sich
Mussolini während der Unterredung ausgesprochen feindselig gegenüber den
Juden und der Idee eines jüdischen Staates in Palästina äußerte. Der Mufti
seinerseits machte auf den „Duce“ einen „intelligenten Eindruck“.5
Eine Woche später reiste el-Husseini nach Deutschland weiter. Er kam am
6. November in Berlin an, wo er im Beisein von Pressevertretern unter ande­

1 Gehrcke [= Grobba] an AA v. 30.5.1941, PAAA, R 29884; Gensicke, S. 71.


2 Grobba, S. 249; Schechtman, S. 116 f.
3 KTB OKW/Ausl/Abw II v. 3.9.1941, BA-MA, RW 5/498.
4 DG Rom an AA v. 13.10.1941, ADAP, Ser. D, Bd. 13/2, S. 524; Grobba, S. 249; Gen­

sicke, S. 74 f.
5 Frankfurter Zeitung v. 28.10.1942; Gensicke, S. 75; Lewis, Meer, S. 180; vgl. Carpi,

Mufti, S. 104 ff.; anläßlich einer Besprechung bei Staatssekretär von Weizsäcker versuchte
der türkische Botschafter in Erfahrung zu bringen, ob der Mufti über die Türkei nach
Italien gereist sei; der Diplomat sagte, daß er „Hemmungen verspürt, den Großmufti
anders als privat und in Zivil zu begegnen“, gerne würde er ihn aber stärker kontrollieren,
Notiz StS./AA v. 15.11.41, PAAA, R 29835.
106 Bündnispartner der Achse: Der Mufti in Berlin

rem von Grobba empfangen wurde.6 Al-Gailani traf wenig später, am 21. des
Monats, ebenfalls in der Reichshauptstadt ein. Vorher hatte er nach seiner
Flucht aus Teheran vorübergehend in Istanbul festgesessen, weil die türkische
Regierung ihm die Ausreisegenehmigung verwehrte. In dieser Situation kam
ihm offenbar Reichspressechef Paul Schmidt zu Hilfe; mit einem deutschen
Flugzeug wurde al-Gailani kurzerhand nach Berlin ausgeflogen.7 Dort wurde
dem Iraker allerdings nicht ganz die gleiche Aufmerksamkeit zuteil. Zwar hat­
te er Anfang Dezember ein Treffen mit Ribbentrop, aber auf eine Besprechung
mit Hitler mußte er bis in den Juli 1942 warten.8 El-Husseini dagegen konnte
nach seiner Ankunft umgehend von Weizsäcker aufsuchen; drei Wochen später
hatte er einen Termin beim Reichsaußenminister.9
Am 28. November 1941 wurde der Mufti auch von Hitler empfangen. Die­
sem ersten Zusammentreffen der beiden radikalen Antisemiten wohnten au­
ßerdem Ribbentrop und Grobba, ein Protokollant sowie zwei deutsche Über­
setzer bei.10 Der Auftakt der Zusammenkunft soll nach Angaben eines der
Dolmetscher von einigen Verhaltensauffälligkeiten Hitlers geprägt gewesen
sein. Schon bei der Begrüßung habe dieser es vermieden, die ausgestreckte
Hand des Mufti anzunehmen. Außerdem weigerte sich der „Führer“, mit sei­
nem Gast gemäß arabischer Tradition Kaffee zu trinken.11 Auf vorsichtige Hin­
weise eines Dolmetschers bezüglich der arabischen Gepflogenheiten schnauzte
Hitler, er lasse es nicht zu, „daß überhaupt jemand im Hauptquartier Kaffee
trinke“, ließ seinen sichtlich verblüfften Gast kurzerhand stehen und ver­
schwand wutschnaubend für einige Minuten aus dem Besprechungsraum. Nach
seiner Rückkehr um Höflichkeit bemüht, ließ er el-Husseini schließlich durch
einen SS-Mann ein Glas Limonade bringen.12
Nach dem wunderlichen Auftakt erlaubte sich Hitler im folgenden Gespräch
keine weiteren Irritationen seines Gastes. Der Mufti bedankte sich seinerseits
für die Ehre des Empfangs und versicherte Hitler der Bewunderung durch die
gesamte arabische Welt. Die Menschen dort blickten, so el-Husseini, „voll Ver­
trauen auf den Führer, der einen Kampf gegen die gleichen drei Gegner führe,
die auch die Feinde der Araber seien, nämlich die Engländer, die Juden und die
Bolschewisten. Die Araber seien bereit, an diesem Kampf auf Seiten Deutsch­
lands teilzunehmen, und zwar nicht nur negativ, z. B. durch Sabotagehandlun­

6 DAZ v. 6.12.1942; Aufz. Grobba/AA v. 6.11.1941, ADAP, Ser. D, Bd. 13/2, S. 611 f.
7 Grobba, S. 249; Gensicke, S. 91 f.; Dieterich, Kailānī, S. 48.
8 Aufz. Grobba/AA v. 2.12.1941, PAAA, BA 61123; Gensicke, S. 92.
9 Ebd., S. 77-84; Aufz. Loesch/AAv. 28.11.1941, ADAP, Ser. D, Bd. 13/2., S. 714-718.
10 Zu dem Treffen Carpi, Mufti, S. 109;
11 Schechtman, S. 123; Gensicke, S. 86.
12 Zit. nach ebd., S. 86, Anm. 34; vgl. Schechtman, S. 123.
Bündnispartner der Achse: Der Mufti in Berlin 107

gen oder Hervorrufung von Unruhen, sondern auch positiv durch die Aufstel­
lung einer Arabischen Legion, die an der Seite der deutschen Truppen kämp­
fen solle.“13 Im Anschluß an diese Offerte schlug el-Husseini den Bogen zu
seinem eigentlichen Anliegen. Er kam auf die Wünsche der Araber Palästinas,
Syriens sowie des Irak nach Unabhängigkeit und Einheit zu sprechen und ar­
gumentierte, zum gegenwärtigen Zeitpunkt werde eine öffentliche Erklärung
Deutschlands dazu die positivsten Auswirkungen haben. Sie würde die Araber
ermutigen und aufrütteln und seine geheimen Vorbereitungen für einen Auf­
stand in der arabischen Welt im Falle des Erscheinens der Achsenmächte er­
leichtern. Bedenken seines deutschen Gesprächspartners hinsichtlich einer ne­
gativen Reaktion der Türkei und Frankreichs auf eine solche Erklärung
versuchte er von vornherein auszuräumen.14
Hitler versicherte dem Mufti darauf sein grundsätzliches Einverständnis und
kam dann umgehend auf das Thema zu sprechen, das ihm selbst wie seinem
arabischen Gast ganz besonders am Herzen lag. Er unterstrich, daß Deutsch­
land „für einen kompromißlosen Kampf gegen die Juden“ eintrete; dazu „ge­
höre selbstverständlich auch der Kampf gegen die jüdische Heimstätte in Palä­
stina, die nichts anderes sei als ein staatlicher Mittelpunkt für den destruktiven
Einfluß der jüdischen Interessen“. Dann kam er auf die aktuelle Lage zu spre­
chen. Mit den Worten, „Deutschland sei entschlossen, Zug um Zug eine euro­
päische Nation nach der anderen zur Lösung des Judenproblems aufzufordern
und sich im gegebenen Augenblick mit einem gleichen Appell auch an außer­
europäische Völker zu wenden“, vermittelte Hitler dem Mufti erste Einblicke
in die auf dem Kontinent gerade angelaufene Judenvernichtung. Dazu ergänzte
er, Deutschland würde momentan „in einem Kampf auf Leben und Tod gegen
zwei Machtpositionen des Judentums“, gegen Großbritannien und die Sowjet­
union, stehen.15 Den im gleichen weltanschaulichen Kampf mit dem Judentum
stehenden Arabern würde das Reich „selbstverständlich [...] positive und
praktische Hilfe zukommen lassen, denn platonische Zusicherungen seien in
einem Kampf um Sein oder Nichtsein, wo das Judentum die britischen Macht­
mittel für seine Zwecke einsetzen könne, zwecklos“.
Die vom Mufti gewünschte Erklärung sei aber in der gegenwärtigen militä­
rischen Situation kontraproduktiv. Bald würden deutsche Armeen jedoch am
Südrand des Kaukasus stehen; dann wäre auch für die arabische Welt die Be­
freiung gekommen. Als einziges Ziel in der Region habe Deutschland dann

13 Aufz. Grobba/AA v. 1.12.1941, PAAA, BA 61123; von dem Treffen existiert noch

eine weitere Mitschrift, die sich in Details von der Darstellung Grobbas unterscheidet,
vgl. dto. Schmidt/Büro RAM v. 30.11.1941, ADAP, Ser. D., Bd. 13/2, S. 718-721.
14 Ebd., S. 719; vgl. dto. Grobba/AA v. 2.1.1942, PAAA, BA 61123.
15 Dto. Schmidt/Büro RAM v. 30.11.1941, ADAP, Ser. D., Bd. 13/2, S. 720.
108 Bündnispartner der Achse: Der Mufti in Berlin

lediglich „die Vernichtung des im arabischen Raum unter der Protektion der
britischen Macht lebenden Judentums“.16 Damit konnte Hitler nur den Jischuw
und die jüdischen Gemeinden der angrenzenden Länder meinen. „Absolut be­
ruhigt und zufriedengestellt“ reagierte der Mufti auf solche Zusicherungen.
Trotzdem fragte er nochmals an, ob nicht zumindest eine geheime Stellung­
nahme in der gewünschten Form möglich sei. Als Hitler entgegnete, er habe
eine solche doch gerade abgegeben, bedankte sich el-Husseini erneut, ver­
sicherte ein weiteres Mal sein Vertrauen und verabschiedete sich.17
In der Folge richtete sich der Mufti in Berlin ein und zog einen umfangrei­
chen Mitarbeiterstab zusammen. Die Deutschen stellten ihm eine monatliche
Summe von 75.000 Reichsmark zur Verfügung; darüber hinaus erhielt er wei­
tere üppige Zuwendungen.18 An der grundsätzlichen Position Deutschlands wie
Italiens gegenüber den Wünschen nach einer offiziellen Garantie der Unabhän­
gigkeit Arabiens sollte sich in den folgenden Jahren nichts mehr ändern.19
Trotzdem gab es nach dem persönlichen Zusammentreffen zwischen Hitler
und el-Husseini kontinuierliche und variationsreich vorgebrachte Versuche
arabischer Nationalistenführer, den Achsenmächten die erwünschte Unabhän­
gigkeitserklärung für die Länder des Nahen und Mittleren Ostens abzuringen.
Schon im Januar 1942 signalisierte el-Husseini dem Auswärtigen Amt seinen
Wunsch, möglichst noch vor seiner für Anfang Februar an visierten Italienreise
eine Zusage der Reichsregierung bezüglich der Zukunft der arabischen Länder
zu erhalten. Über die Schwierigkeiten der Abgabe einer öffentlichen Erklärung
im Bilde, wünschte er vorsorglich nur mehr einen „geheimzuhaltenden Brief“,
von dessen Inhalt Frankreich sowie die Türkei keine Kenntnis erlangen soll­
ten.20 Eine vergleichbare Geheimerklärung hatte al-Gailani bezüglich des Irak
von Ribbentrop schon Mitte Dezember 1941 erhalten; der Mufti war deshalb
eifersüchtig darauf bedacht, mindestens etwas Adäquates für den von ihm be­
anspruchten Machtbereich zu bekommen. Hinsichtlich seiner Person wollte er
von Deutschland zusätzlich eine Anerkennung als Sprecher oder gar Führer
der arabischen Länder erreichen. In diesem Zusammenhang argumentierte el-
Husseini, er sei immerhin der Anführer der Aufstände in Palästina und Syrien
sowie nicht zuletzt „der erste Freund Deutschlands“ gewesen.21

16 Ebd., S. 720 f.; abweichend schrieb Grobba in diesem Zusammenhang: „Deutschland

habe dort keine anderen Interessen als die Vernichtung der das Judentum protegierenden
Macht“, dto. Gobba/AA v. 1.12.1941, PAAA, BA 61123.
17 Dto. Schmidt/Büro RAM v. 30.11.1941, ADAP, Ser. D., Bd. 13/2, S. 720 f.
18 Cooper, Palestinian, S. 18.
19 Gensicke, S. 95-98; Höpp, Alī, S. 569-581.
20 Aufz. Grobba/AA v. 27.1.1942, ADAP, Ser. E, Bd. 1, S. 310 f.; Tillmann, S. 334.
21 Woermann/AA an DG Rom v. 20.12.1941, ADAP, Ser. E, Bd. 1, S. 66 f.; Grobba,

S. 260 f.
Bündnispartner der Achse: Der Mufti in Berlin 109

Abb. 5. Hitler empfängt al-Gailani, Deutsche Propagandapostkarte 1942.

Solche Wünsche blieben unerfüllt. Weil Deutschland für einen Vormarsch in


den arabischen Raum Anfang 1942 noch immer einen Durchmarsch durch die
Türkei anstrebte, hatten diplomatische Avancen in diese Richtung eindeutige
Priorität. Sowohl der Mufti als auch al-Gailani sollten von deutscher Seite vor­
erst ohne substantielle Zugeständnisse vertröstet werden, um sie „bei der
Stange zu halten und um bei einem militärischen Einmarsch eine zur Zusam­
menarbeit bereite Bevölkerung vorzufinden“.22 Nachdem beide in einem ge­
meinsamen Brief an Weizsäcker am 28. April nochmals „die Souveränität und
die Unabhängigkeit der gegenwärtig unter englischer Unterdrückung leiden­
den arabischen Länder“ sowie die „Beseitigung der jüdisch-nationalen Heim­
stätte in Palästina“ erbeten hatten, akzeptierten sie schließlich den von der
Achse vorgeschlagenen Wortlaut.23 Diese Version, deren Inhalt mit dem not­
gedrungenen Einverständnis der arabischen Seite geheimgehalten werden
sollte, wurde im Stil eines offiziellen Antwortschreibens am 3. Mai vom italie­
nischen und knapp zwei Wochen später vom deutschen Außenminister unter­

22 Aufz. Woermann/AAv. 12.3.1942, ADAP, Ser. E, Bd. 2, S. 61; Gensicke, S. 97.


23 Mufti u. al-Gailani an RAM v. 28.4.1942, PAAA, R 27828.
110 Bündnispartner der Achse: Der Mufti in Berlin

zeichnet und dem Mufti sowie al-Gailani ausgehändigt. Beide ließen der deut­
schen Führung trotz des enttäuschenden Ergebnisses noch ihren „lebhaften
Dank für die verständnisvolle Förderung ihrer politischen Ziele“ übermit­
teln.24 El-Kawukschi dagegen kommentierte die magere Ausbeute frustriert
mit den Worten, die Schriftstücke seien „lediglich ein Symbol für Dokumente
und kein Vertrag“.25
Formell gab die Reichsregierung erst am 2. November 1944, als schon längst
keine deutschen Truppen mehr in Afrika oder am Kaukasus standen und der
Krieg für die Nationalsozialisten militärisch verloren war, eine Erklärung über
die „Anerkennung der Selbständigkeit der arabischen Länder und der För­
derung ihrer Einheit“ ab. Darin stand nun ohne praktischen Wert, worauf der
Mufti so lange gedrängt hatte.26 Bei seinen zahlreichen Versuchen zur Erlan­
gung einer Unabhängigkeitserklärung der Achse wird el-Husseini verschiede­
ne, sich ergänzende Motive gehabt haben. Eine solche Note hätte erstens im
Fall ihrer Veröffentlichung die kollaborationswilligen Teile der arabischen
Welt noch eindeutiger auf die Seite der Achse gezogen. Zweitens war in seinem
Bemühen aber auch die Skepsis abzulesen, die ihn angesichts der Perspektive
einer deutsch-italienischen Eroberung des arabischen Raumes hinsichtlich der
Achsenpläne beschlichen haben wird. Zwar wußte der Mufti, daß Hitler für
den dortigen Raum keine Gebietsansprüche erhob, die Italiener den Groß­
raum aber sehr wohl als ihre eigene Interessenssphäre betrachteten. Den be­
fürchteten italienischen Kolonien beispielsweise in Palästina oder im Libanon
wollte er deshalb durch eine eindeutig formulierte Erklärung möglichst früh
vorgreifen. Der machtbewußte el-Husseini versuchte drittens durch eine ihm
selbst garantierte Unabhängigkeit der arabischen Länder potentielle Konkur­
renten an der Spitze eines arabischen Großreichs von vornherein auszustechen.
Seinen eigenen Machtanspruch auf das von ihm anvisierte ,Großsyrische
Reich‘ hätte er mit einer veröffentlichten Achsenerklärung sowohl gegenüber
Deutschland und Italien, als auch gegenüber der arabischen Welt zweifellos
nachdrücklich unterstrichen.27
Trotz ihrer vielfältigen gemeinsamen Initiativen zur Erlangung einer von der
Achse garantierten Unabhängigkeit bildete das Duo el-Husseini-al-Gailani
beileibe kein einvernehmlich zusammenarbeitendes Team gleicher Interessen
im Dienste der arabischen Sache. Vielmehr war deren Verhältnis schon bald

24 RAM an Mufti v. 28.4.1942, ebd., BA 61124; ders. an al-Gailani v. 28.4.1942, ebd.; It.

AM an Mufti v. 28.4.1942, ebd., R 27828; ders. an al-Gailani v. 28.4.1942, ebd.; Aufz. StS./
AA v. 15.5.1942, ebd., BA 61124.
25 Zit. nach: Höpp, Alī, S. 582.
26 Schröder, Deutschland, S. 204.
27 Zu eindimensional Höpp, Alī, S. 582 f.; Tillmann, S. 352.
Bündnispartner der Achse: Der Mufti in Berlin 111

nach ihrer Ankunft in Deutschland von zunehmender Rivalität gekennzeich­


net. Der Konflikt spitzte sich im Frühjahr 1942 während des erfolgreichen Vor­
stoßes der Panzerarmee Afrika Richtung Ägypten entscheidend zu. Die Grün­
de für den Streit lagen in dem profanen Interesse begründet, jeweils die eigene
Person als unumschränkten Führer eines erhofften arabischen Großreichs
durchsetzen zu können. Dabei trachteten beide eifersüchtig danach, den ande­
ren als unliebsame Konkurrenz auszuschalten.
Nach ersten Intrigen brachte el-Husseini im Juni 1942 einen neuen Sachver­
halt ins Spiel. In einer Unterredung mit Ettel behauptete er, Präsident einer
geheimen Organisation zu sein, die den Namen „Arabische Nation“ trage.
Der Geheimbund sei seinerzeit von Scherif Hussein von Mekka, dem Führer
des Aufstandes gegen die Türken im Ersten Weltkrieg, gegründet worden. Die­
ser Organisation käme die eigentliche Führungsrolle im Unabhängigkeitsstre­
ben der Araber zu, und sie verfüge über Mitglieder und Vertrauenspersonen in
allen arabischen Ländern. Al-Gailani, so der Mufti weiter, sei ebenfalls bei­
getreten und überhaupt erst aufgrund dieser faktischen Anerkennung seiner
Position zum irakischen Ministerpräsidenten bestimmt worden. Gegenüber
Ettel signalisierte el-Husseini schließlich, daß er beabsichtige, sich von den
Deutschen jene Führungsrolle anerkennen zu lassen; damit wäre faktisch des­
sen Plan aufgegangen, sich als unbestrittener Führer der arabischen Welt
durchzusetzen.28
Al-Gailani widersprach kategorisch der Existenz einer derartigen Organisa­
tion und wertete den Sachverhalt als freie Erfindung des Mufti. Er betonte, nur
sich selbst und dem irakischen König verpflichtet zu sein.29 El-Husseini gelang
es mit seinen Behauptungen immerhin, den ungeliebten Grobba als Betreuer
des Auswärtigen Amtes loszuwerden. An dessen Stelle wurde Ettel am 29. Juni
1942 mit dieser Aufgabe betraut; Grobba fungierte fortan nur mehr als Kon­
taktperson zu al-Gailani.30 Der eigentliche Konflikt zwischen den Exilarabern
war damit jedoch keineswegs entschärft. Währenddessen zeigte sich die deut­
sche Seite bemüht, beide Parteien miteinander zu versöhnen. Angesichts des
Ausmaßes der Eifersüchteleien machte sich jedoch zunehmende Ratlosigkeit
breit. Gesandtschaftsrat Granow sandte aus Rom lediglich noch die Empfeh­
lung, beide Politiker strikt gleich zu behandeln, um weitere Irritationen zu ver­
meiden. Sie sollten zudem ihre Reisen und Besuche möglichst getrennt vonein­
ander unternehmen. Für den Fall, daß sich eine Begegnung trotzdem nicht
vermeiden ließe, müßten sich beide in der Gewährung des Vorrangs abwech­

28 Aufz. Ettel/AA v. 26.6.1942, PAAA, R 27324; Gensicke, S. 100 f.


29 Aufz. Woermann/AA v. 12.9.1942, PAAA, R 27324.
30 Ettel/AA an RAM v. 22.9.1942, ebd.; Bajohr, S. 246.
112 Bündnispartner der Achse: Der Mufti in Berlin

sein.31 Das Oberkommando der Wehrmacht bat unter dem Eindruck des eska­
lierenden Konflikts außerdem darum, wenigstens Aufbauarbeit und Ausbil­
dung der muslimischen Freiwilligen bei der Deutsch-Arabischen Lehrabteilung
aus den Streitigkeiten herauszuhalten. Wegen der zunehmend unhaltbaren Si­
tuation wurde seitens der Militärs Ende August sogar die Auflösung der Ara­
bertruppe erwogen.32
Zunehmend wuchs sich das Zerwürfnis auch zu einem offenen Schlag­
abtausch mit Ettel beziehungsweise Grobba aus. So eskalierte die Aversion
des Mufti gegen Grobba weiter und kulminierte im November 1942 in der Aus­
sage: „Dr. Grobba bekämpft mich mit der gleichen Methode, mit welcher mich
früher die Freimaurer bekämpft haben. Es ist wirklich schmerzlich und unfair,
daß, während Engländer und Juden in einem heftigen Kampf gegen mich ste­
hen, ich mit der gleichen Heftigkeit von einem deutschen Beamten wie dem
Gesandten Grobba bekämpft werde.“33 Auch gegen seinen irakischen Gegen­
spieler startete el-Husseini im Herbst neue Attacken. Über einen Neffen ließ
er in den arabischen Exilkreisen in Berlin und Paris den Text des von al-Gailani
ausgehandelten deutsch-irakischen Militärabkommens verbreiten und kolpor­
tierte, der frühere Ministerpräsident liefere auf diese Weise arabische Inter­
essen leichtfertig den Achsenmächten aus.34 Mit Hilfe derartiger Intrigen be­
hielt er letztlich die Oberhand. Der Höhepunkt der Auseinandersetzung war
im November 1942 während der Vorbereitungen für die Eröffnung des „Isla­
mischen Zentralinstituts“ erreicht. In der Frage des Vorrangs bei den Eröff­
nungsfeierlichkeiten mußte al-Gailani zurückstecken; kurz darauf wurde
Grobba von seiner bisherigen Tätigkeit abberufen und zum Archivdienst nach
Paris faktisch strafversetzt.35 Damit hatte sich letztlich die Seite durchgesetzt,
die nicht von ungefähr auch von den Nationalsozialisten favorisiert wurde.
Nicht nur im Reichssicherheitshauptamt war die Ansicht vertreten, „daß der
Großmufti nach jeder Richtung hin Gailani überrage“. Faktisch bot dessen

31 DG Rom an AA v. 8.5.1942, ADAP, Ser. E, Bd. 2, S. 328 ff.


32 Telegr. OKW/WFSt. v. 23.8.1942, PAAA, BA 61125; Ritter/AA an Grobba/AA v.
25.8.1942, ebd.; OKW/WFSt an AA v. 23.8.1942, ebd., R 27828.
33 DG Rom an AA v. 5.11.1942, ebd., R 27325; vgl. Aufz. Ettel/AA v. 3.9.1942, ebd.

R 27324.
34 Fernschr. Gen.kdo. zbV. v. 22.10.1942, ebd., BA 61124; dto. v. 28.10.1942, ebd.; Aufz.

Grobba/AA v. 21.11.1942, ebd.; Verm. Chef OKW/AusVAbw II v. 1.12.1942, ebd.; Aufz.


Ettel/AA v. 12.12.1942, ebd., R 27325; gegenüber Woermann drohte al-Gailani im No­
vember mit seiner Abreise aus Deutschland, da der Streit für ihn „unerträgliche Formen“
angenommen habe u. er nicht länger gewillt sei, dies seiner „persönlichen Würde“ zuzu­
muten, Aufz. Woermann/AA v. 12.11.1942, ebd., BA 61124.
35 Übers. Aufz. al-Gailani v. 21.12.1942, ebd., R 27324; Aufz. Tismer/AA v. 29.12.1942,

ebd.; dto. Woermann/AA v. 30.12.1942, ebd.; Höpp, Muslime, S. 22ff.; Bajohr, S. 245 f.;
Grobba, S. 310 f.; Schwanitz, Geist, S. 139.
Bündnispartner der Achse: Der Mufti in Berlin 113

Politik den Deutschen auch bedeutend mehr ideologische Anknüpfungspunk­


te. Al-Gailani dagegen verfolgte zu sehr seine eigenen Interessen; als hinder­
lich wirkte sich wohl ebenfalls dessen Distanziertheit gegenüber dem italie­
nischen Bündnispartner aus.36
Seit seiner Ankunft in Berlin verlor sich der Mufti jedoch beileibe nicht nur
in Konkurrenzkämpfen und Intrigen. Schon allein seine persönliche Geschich­
te in Palästina und sein bereits Jahrzehnte währender Kampf gegen den Ji­
schuw und die englische Ordnungsmacht prädestinierten ihn im deutschen Exil
für eine herausragende Rolle als Kollaborateur der Achse. Seit seiner Flucht
1937 war er keinesfalls von den aktuellen Entwicklungen im Nahen Osten iso­
liert; vielmehr wurde er ständig durch Verbindungsleute über die Lage in Pa­
lästina auf dem laufenden gehalten. Der Einfluß seines dort dominierenden
Familienclans, deren Mitglieder vor Ort gewissermaßen als Stellvertreter fun­
gierten, garantierten dem Mufti seit seiner Flucht eine ungebrochen machtvol­
le Basis und hielten nicht zuletzt die für ihn entscheidende Option offen, eines
Tages in Palästina selbst wieder die Macht übernehmen zu können. Von seinem
Exil in Berlin und Rom aus arbeitete er auf dieses Ziel beständig hin.
El-Husseinis Wirken in Europa durchzog als wesentliches Kontinuum die
permanente Propagierung von Antisemitismus. Ungezählte Besprechungspro­
tokolle, Reden, Denkschriften, Briefe und sonstige Äußerungen zeugen davon,
daß sein Haß auf die Juden der entscheidende Motor war, der ihn antrieb. Bei
seinem Bemühen, im Anschluß an die Unterredung bei Hitler doch noch eine
Unabhängigkeitsgarantie der Achse zu erlangen, gehörte seine Forderung nach
einer „Beseitigung der jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina“ stets zu den
Kernpunkten.37 Ausführlicher äußerte er sich im März 1942 in einem von dem
Araber Sanki geführten Interview. Befragt zu den jüdischen Absichten im Na­
hen Osten antwortete er: „Die Bestrebungen der Juden kennen keine Grenzen.
Die Juden benutzen Palästina als Basis für ihre teuflischen Absichten auf die
restlichen arabischen Länder: Ägypten, Syrien, Transjordanien und den Irak.
Tatsächlich möchten die Juden ihre Herrschaft auf den ganzen Nahen Osten
ausdehnen. Ihre Taktik zur Erreichung ihres Zieles ist die, diese Länder erst
wirtschaftlich zu erobern, indem sie sie in eine akute Krisis stürzen, und damit
ihnen die Luft abzuschneiden, um sie so leichter unter die jüdische Kontrolle zu
bringen.“38
Während einer Unterredung mit Ettel betonte der Mufti Ende Juni, daß „die
arabischen Interessen mit den deutschen völlig gleichlaufend seien“. Neben der

36 Aufz. Ettel/AA v. 3.9.1942, PAAA, R 27324; DG Rom an AA v. 7.8.1942, ebd.; Hir­

sowicz, Germany, S. 74.


37 Mufti an RAM (undat./März 1942), PAAA, BA 61123.
38 Interview mit Mufti (undat./März 1942), zit. nach: Höpp, Mufti-Papiere, S. 36.
114 Bündnispartner der Achse: Der Mufti in Berlin

Einigkeit gegen England und den Kommunismus herrsche Übereinstimmung


insbesondere in der Gegnerschaft gegen das Judentum. „Deutschland“, so der
Mufti, „sei das einzige Land in der Welt, das sich nicht darauf beschränke, den
Kampf gegen die Juden im eigenen Land zu führen, sondern das kompromißlos
dem Weltjudentum den Kampf angesagt habe. In diesem Kampf Deutschlands
gegen das Weltjudentum fühlten sich die Araber mit Deutschland auf das eng­
ste verbunden.“39 Ganz ähnlich betonte er in einer Denkschrift im Herbst 1942:
„Eine Anzahl starker Bande verbindet die deutsche und die arabische Nation.
Deutschland ist die einzige Macht, die versucht, das jüdische Problem vollstän­
dig zu lösen, und die dabei ist, die Macht Großbritanniens und des Kommunis­
mus zu zerstören. Dies sind Fragen von vitaler Wichtigkeit für die Araber; jede
dieser Bande genügt, um die beiden Nationen auf das Stärkste miteinander zu
verbinden.“40
Anläßlich der Eröffnung des „Islamischen Zentralinstituts“ in Berlin hielt
el-Husseini am 18. Dezember 1942 eine Rede, die beispielhaft dessen immer
wiederkehrende Argumentationsmuster beinhaltet. Einerseits argumentierte
er islamisch-fundamentalistisch, indem er betonte: „Zu den erbittertsten Fein­
den der Muslime, die ihnen seit altersher Feindseligkeit bekundet und allent­
halben andauernd mit Tücke und List begegneten, gehören die Juden und ihre
Helfershelfer.“ Doch der Mufti trat nicht nur als religiöser Eiferer auf. Zur
Verbreitung von Judenhaß griff er genauso auf die zentralen antisemitischen
Stereotype der nationalsozialistischen Ideologie zurück, wie eine andere Pas­
sage derselben Rede zeigt: „In England sowohl wie in Amerika herrscht nur
der jüdische Einfluß, es ist derselbe jüdische Einfluß, der hinter dem gottlosen
Kommunismus steht, welcher allen Religionen und Grundsätzen abhold ist; er
ist es, der die Völker auch in diesem zermürbenden Kriege aufeinander gehetzt
hat, deren tragisches Schicksal allein den Juden zugute kommt. Die einge­
fleischten Feinde der Muslime sind die Juden und ihre verbündeten Engländer,
Amerikaner und Bolschewisten.“41
Sowohl die islamistische als auch die rassenideologische Seite seines Anti­
semitismus präsentierte el-Husseini auch am 21. April 1943 anläßlich eines Be­
suchs beim „Welt-Dienst“, dem selbsternannten „Internationalen Institut zur
Aufklärung über die Judenfrage“ in Frankfurt am Main. Im Anschluß an die
Begrüßungsansprache des Direktors hielt er selbst eine Rede, in der er in aller
Ausführlichkeit auf seine zentralen Bekenntnisse zu sprechen kam. Er behaup­
tete, Juden seien die ersten gewesen, die den Muslimen „vor 1350 Jahren“ Wi­

39 Aufz. Ettel/AA v. 26.6.1942, PAAA, R 27324.


40 Übers. Denkschr. Mufti (undat./Okt. 1942), ebd., BA 61124.
41 Rede Mufti anläßlich der Eröffnung des Islamischen Zentralinstituts v. 18.12.1942,

ebd., R 27327.
Bündnispartner der Achse: Der Mufti in Berlin 115

derstand entgegengebracht hätten. Anschließend vermittelte er seinen Zu­


hörern einen vertiefenden Einblick in seinen Glauben und stellte in diesem
Zusammenhang die Bedeutung des Koran heraus, des Buches, „das den jüdi­
schen Charakter so gut schildert“. El-Husseini führte aus, daß der Koran alle
Eigenschaften der Juden aufzähle; außerdem „belastete er sie mit dem ewigen
Fluch und verurteilte sie dazu, es nie zu etwas Gutem zu bringen, da sie den
göttlichen Fluch auf sich tragen. Dieser göttliche Fluch drückt sich in dem nie­
derträchtigen Charakter der Juden und ihrer Zuneigung zum Bösen aus.“
Erstaunlich schnell wechselte er dann zu rassenideologischen Argumenta­
tionsmustern über. So gab er unter anderem im „Stürmer“-Stil zum Besten:
„Die Juden kann man mit krankheitstragenden Insekten vergleichen. Wenn
diese weit weg sind, könnte man vermeinen, es handele sich um friedliche Tie­
re, wird man jedoch von ihnen gestochen und von der Krankheit befallen, dann
können nur noch radikale Mittel helfen.“ Nicht zuletzt bemühte er dann noch
ein auch in jüngster Zeit im Mittleren Osten wieder in Mode gekommenes
Argumentationsmuster. „Es wäre vernünftig“, eiferte er, „den Völkern, die
die Juden verteidigen, die Juden als Geschenk in ihr Land zu schicken. Dann
würden sie sehr schnell in unseren Reihen kämpfen.“ Abschließend vergaß
Husseini nicht, explizit die Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen und Ara­
bern zu betonen: „Auch ist Deutschland das einzige Land, das sich endlich
entschlossen hat, die jüdische Frage aus der Welt zu schaffen. Dies interessiert
natürlich die arabische Welt in erster Linie. [...] Bis jetzt hat jeder diese Gefahr
für sich bekämpft – jetzt bekämpfen wir sie gemeinsam. So werden wir auch
unser Ziel gemeinsam erreichen.“42
Selbst nachdem mit der Niederlage der Achse in Nordafrika im Mai 1943 die
Aussicht auf eine ,Befreiung‘ der arabischen Länder endgültig gegen null ten­
dierte, beendete el-Husseini keineswegs seine judenfeindlichen Hetzreden.
Zum Jahrestag der Balfour-Deklaration organisierte er am 2. November 1943
im Berliner „Haus der Flieger“ eine Protestkundgebung.43 Seine aus diesem
Anlaß gehaltene Rede war wieder voller antisemitischer Stereotypen und Het­
ze gegen den Jischuw. Offenbar informiert über die Vernichtung der europäi­
schen Juden, sagte er: „Deutschland kämpft auch gegen den gemeinsamen
Feind, der die Araber und Mohammedaner in ihren verschiedenen Ländern
unterdrückte. Es hat die Juden genau erkannt und sich entschlossen, für die
jüdische Gefahr eine endgültige Lösung zu finden, die ihr Unheil in der Welt
beilegen wird.“ Den Abschluß der Rede bildete ein Aufruf zum kompromiß­
losen Kampf. „Fürchtet Euch nicht vor Euren Feinden und ihrer Propaganda“,

42 Übers. Rede Mufti anläßlich des Besuchs beim „Welt-Dienst“ v. 21.4.1943,

USHMM, RG 71.005.D7, Box 248.


43 RFSS an Mufti v. 31.10.1943, BAB, NS 19/2637.
116 Bündnispartner der Achse: Der Mufti in Berlin

rief er aus, „und denkt daran, daß ihr niemals in der Geschichte mit den Juden
zusammengestoßen seid, ohne daß sie nicht die Verlierenden waren. Gott hat
bestimmt, daß es für die Juden keine feste Ordnung geben werde und kein
Staat für sie entstehen soll. Vielleicht seid ihr dazu beauftragt. Ich habe nicht
den geringsten Zweifel daran, daß wir den Sieg gegen sie trotz der starken Hilfe
der grausamen Alliierten erlangen werden.“44
Während der Kriegsendphase hielt el-Husseini anläßlich des islamischen
Neujahrsfestes am 17. Dezember 1944 dann noch eine in die gesamte arabische
Welt ausgestrahlte Rundfunkrede, in der feststellte: „Wir wollen uns nicht mit
weniger begnügen als die freien Nationen, die eine echte Unabhängigkeit er­
kämpft haben, eine Unabhängigkeit, die keinem Ausländer Zugang erlaubt
und keinem Juden Platz läßt, in der das ganze arabische Vaterland allein für
sein arabisches Volk zur Verfügung steht.“45 Wilhelm Melchers, der frühere
deutsche Konsul in Haifa und seit Herbst 1943 für das Auswärtige Amt vor­
übergehend mit der Betreuung der wichtigsten exilierten Araber befaßt, äu­
ßerte sich noch 1947 in aller Deutlichkeit zum radikalen Antisemitismus el-
Husseinis. Gegenüber amerikanischen Vernehmungsoffizieren betonte er, der
Mufti sei „ein ausgemachter Feind der Juden und machte kein [en] Hehl daraus,
daß er sie am liebsten alle umgebracht sähe“.46
Wie einige der zitierten Haßtiraden verdeutlichen, zielte dessen Antisemitis­
mus auch längst nicht nur auf die Juden Palästinas. Gerade weil er genau über
den jeweils aktuellen Stand der Shoah informiert war, ergriff er überall dort,
wo diese in Europa an Dynamik zu verlieren drohte, die Initiative und mahnte
deren Vollendung an. Dabei hatte er insbesondere die mit dem Dritten Reich
verbündeten Regime in Ungarn, Rumänien und Bulgarien im Auge, die seiner
Meinung nach nicht konsequent genug gegen die Flucht ihrer Juden nach Palä­
stina einschritten. Immer wenn er Anzeichen dafür bemerkte, wurde er aktiv
und nutzte seinen Zugang zu höchsten Regierungsstellen. Auch hierin identi­
fizierte er die ,arabische Sache‘ mit der Judenvernichtung.47
Ende 1942 verhandelte Dieter Wisliceny, der deutsche „Judenberater“ bei
der slowakischen Regierung, mit der Preßburger Vertretung des Joint über
die Emigrationsmöglichkeiten jüdischer Kinder aus der Slowakei, Polen und
Ungarn nach Palästina. Dabei war ein Austausch gegen deutsche Zivilinter­
nierte unter Einschaltung des Roten Kreuzes in Aussicht genommen. „Da wur­
de ich von Eichmann nach Berlin berufen, der mir eröffnete, daß der Groß­
mufti von der geplanten Aktion durch seinen Nachrichtendienst in Palästina

44 Rede Mufti v. 2.11.1943, PAAA, R 27327.


45 Rundfunkansprache dess. v. 17.12.1944, zit. nach: Höpp, Mufti-Papiere, S. 233.
46 Affidavit Wilhelm Melchers v. 6.8.1947, USHMM, RG 71.000.D7, Box 248.
47 Zusammenfassend Schechtman, S. 154 ff.; Gensicke, S. 149 ff., 159 ff.; Ofer, S. 189 ff.
Bündnispartner der Achse: Der Mufti in Berlin 117

Kenntnis bekommen habe“, erklärte Wisliceny 1946. „Er habe daraufhin bei
Himmler schärfstens protestiert mit der Begründung, daß diese jüdischen Kin­
der in einigen Jahren ja erwachsen wären und eine Stärkung des jüdischen Ele­
ments in Palästina bildeten. Himmler habe daraufhin die ganze Aktion ver­
boten und auch für künftige Fälle ein Verbot erlassen, daß noch irgend ein
Jude aus den von Deutschland beherrschten Gebieten nach Palästina ausreisen
dürfe.“48 Endre Steiner, der von jüdischer Seite die Verhandlungen mit Wisli­
ceny geführt hatte, bestätigte diesen Sachverhalt im selben Jahr: „Er [Wislice­
ny] erklärte, der Mufti stünde in engster Verbindung und Mitarbeit mit Eich­
mann und es könne daher, um vor dem Mufti nicht desavoui[e]rt zu werden,
von einer deutschen Stelle das Endziel Palästina nicht akzeptiert werden.“ Der
Mufti sei – so Wisliceny – „ein unerbittlicher Erzfeind der Juden und sei auch
seit jeher der Vorkämpfer des Gedankens der Ausrottung der Juden“.49
Eine derartige Lösung wurde seitdem zur Richtschnur, sobald sich ein ver­
gleichbares ,Problem‘ erneut abzeichnete. Im Dezember 1942 berichtete der
deutsche Botschafter in Bukarest, daß der rumänische Staatschef die Auswan­
derung von 75.000-80.000 Juden nach Palästina gegen Zahlung einer Kopfprä­
mie erlaubt habe.50 Proteste seitens des Auswärtigen Amtes waren die Folge:
Dieser Schritt stelle „innerhalb der von der deutschen Regierung verfolgten
Grundlinien einer europäischen Lösung der Judenfrage eine untragbare Teil­
lösung dar“. Zudem sei er „eine schwere Belastung des Vertrauensverhältnis­
ses zu unseren politischen Freunden im Vorderen Orient“, da „wir 80.000 in­
nerlich auf der Seite unserer Kriegsgegner stehende Juden diesen unmittelbar
in die Hände spielen würden“.51 Auch hier dürfte der Mufti interveniert haben.
Zumindest aber diente er als Argument für den Primat der Vernichtung. Als im
Februar 1943 bekannt wurde, daß Großbritannien Bulgarien angeboten habe,
5.000 jüdische Kinder nach Palästina zu übernehmen, reagierte Unterstaats­
sekretär Luther ähnlich: Da „diese 5.000 Juden unter englischem Einfluß zu
5.000 Propagandisten gegen unsere antisemitischen Maßnahmen erzogen wür­
den“, riet er „dringendst“ ab. „Auch vertrüge sich eine derartige Maßnahme
nicht mit unserer Politik gegenüber den arabischen Völkern.“52
In diesem Fall läßt sich auch wieder ein direktes Eingreifen des Mufti nach­
weisen.53 „Die jüdische Gefahr für die gesamte Welt, und insbesondere für die
von Juden bewohnten Länder, ist den meisten Völkern eine Tatsache geworden

48 Erkl. Dieter Wisliceny v. 26.7.1946, YVA, TR 3/129.


49 Affidavit Endre Steiner v. 6.2.1946, ebd., TR 3/281.
50 DG Bukarest an AA v. 12.12.1942, ADAP, Ser. E, Bd. 4, S. 492.
51 Luther/AA an DG Bukarest v. 9.1.1943, ebd., Bd. 5, S. 52 f.; ähnlich dto. v. 23.1.1943,

ebd., S. 134 f.
52 Ders. an DG Sofia v. 15.2.1943, PAAA, R 100878.
53 Verm. Hencke/AA v. 12.5.1943, ebd., R 104791.
118 Bündnispartner der Achse: Der Mufti in Berlin

und veranlaßte sie zu Selbstschutzmaßnahmen. Die Achsenmächte und ihre


Verbündeten zählen zu den Ersten, die erkannt haben, daß man diesen feindli­
chen Elementen und ihrer Zersetzungstätigkeit durch Spionage, Schwächung
der Moral, Verbreitung kommunistischer Ideen und Lähmung des Wirtschafts­
lebens Einhalt zu gewähren eine nationale Lebensnotwendigkeit geworden
ist“, erklärte er dem bulgarischen Außenminister und erläuterte ihm, daß dies
zu einem „Wutausbruch des Weltjudentums“ geführt habe: „England, Amerika
und Rußland stehen heute im Einsatz für die Juden.“ Er empfahl, „sie dorthin
zu schicken, wo sie unter starker Kontrolle stehen, z. B. nach Polen. Damit ent­
geht man ihrer Gefahr und vollbringt eine gute, dankbare Tat dem arabischen
Volke gegenüber.“54 Nicht Palästina, sondern Polen als Ort der Vernichtung
war demnach seine Perspektive für das europäische Judentum. Wenige Tage
später intervenierte el-Husseini auch bei Ribbentrop: „Das befreundete ara­
bische Volk hat sich durch die Interessengemeinschaft in diesem Verteidi­
gungskampf gegen den Kommunismus und gegen die Angelsachsen ohne jedes
Zögern an die Seite der Achsenmächte gestellt und erwartet von seinen Freun­
den[,] den Achsenmächten und ihren Verbündeten[,J die Lösung des Welt­
judenproblems.“55 Die Juden seien Agenten der Engländer sowie des Kom­
munismus und Feinde der Araber.56 Gerade als die Shoah ihren Gipfelpunkt
erreichte, warf el-Husseini damit das arabische Gewicht in die Waagschale, um
die Intensität der Judenvernichtung beizubehalten.
Wie die Initiativen des Mufti zum strikten Vollzug der Shoah in Südosteuro­
pa belegen, unterhielt er neben seinen vielfältigen Kontakten zum Auswärtigen
Amt und zur Wehrmacht ebenfalls beste Beziehungen zur SS. Mit Himmler
verband ihn ein herzliches Verhältnis; beide trafen sich mehrmals persönlich.
Zu dessen 43. Geburtstag ließ el-Husseini dem Jubilar im Oktober 1943 ein
Geschenk zukommen, dessen Anschreiben er mit den Worten schloß: „Möge
das kommende Jahr unsere Zusammenarbeit noch enger gestalten und unsere
gemeinsamen Ziele noch näher bringen.“57 Himmler dankte dem Gratulanten
wenig später „in aufrichtiger Verbundenheit und in der Kameradschaft unseres
gemeinsamen Kampfes“.58 Zum Jahrestag der „unseligen Balfour-Deklara­
tion“ telegraphierte er dem arabischen Exilanten seine „herzlichsten Grüße
und Wünsche für die glückliche Durchführung Ihres Kampfes bis zum sicheren
Endsieg“.59

54 Mufti an bulgarischen AM v. 6.5.1943, YVA, TR 3/1309.


55 Ders. an RAM v. 13.5.1943, PAAA, R 100878.
56 Dto. v. 10.6.1943, YVA, TR 3/1311; gleichlautender Brief an it. AM abgedr. in Carpi,

Negotiations, S. 122 ff.


57 Mufti an RFSS v. 6.10.1943, BAB, NS 19/2637.
58 RFSS an Mufti v. 18.10.1943, ebd.
59 Dto. v. 2.11.1943, ebd.
Bündnispartner der Achse: Der Mufti in Berlin 119

Abb. 6. Himmler begrüßt den Mufti, Berlin 1942.

1944 ließ er den Mufti zu einer geplanten internationalen Antisemitenkon­


ferenz nach Krakau einladen, auf der dieser als berufener Fachmann einen
Beitrag aus arabischer Sicht halten sollte. Wegen des schnellen Vormarschs
der Roten Armee fand die Veranstaltung allerdings nicht mehr statt.60 Nicht
zuletzt bewies sich das Interesse der SS an el-Husseini immerhin auch in dem
Umstand, daß ihm unmittelbar nach seiner Ankunft in Europa ein eigener
Verbindungsoffizier zur Seite gestellt wurde. Die Funktion bekleidete seit No­

60 Cooper, Policy, S. 71; ders., Palestinian, S. 27.


120 Bündnispartner der Achse: Der Mufti in Berlin

vember 1941 mit SS-Obersturmführer Weise ein Mann aus dem Auslandsnach­
richtendienst des Reichssicherheitshauptamtes. Nach eigener Aussage war
Weise „während dieser Tätigkeit für die Sicherheit seiner Eminenz verantwort­
lich und begleitete ihn auf all seinen Besuchen und Reisen in Deutschland und
Italien“. Er war dafür mit Unterbrechungen bis Anfang 1944 beim Mufti tätig.61
Himmlers Affinität zum islamischen Antisemitismus und Antiimperialismus
blieb jedoch nicht nur auf die Person el-Husseinis beschränkt. Als er von Bei­
spielen für die fanatische Bewunderung Hitlers in den arabischen Ländern hör­
te, gab er dem Reichssicherheitshauptamt am 14. Mai 1943 die groteske Anwei­
sung, den Koran systematisch nach Textpassagen zu durchsuchen, die als
Belege dafür interpretierbar seien, daß Hitler „bereits vorausgesagt und beauf­
tragt sei, das Werk des Propheten zu vollenden“.62 Der ebenfalls eingeschaltete
Berger vom SS-Hauptamt mußte in der Sache Monate später bedauernd be­
richten, die Recherche seiner „Schriftgelehrten“ habe keine aussichtsreichen
Ergebnisse erbracht.63 Kaltenbrunner dagegen gab sich kenntnisreicher. Er do­
zierte im September von geeigneten Koranstellen, die die „Wiederkehr des
,Lichtes des Propheten‘“ thematisierten, „die eine Beziehung auf den Führer
zulassen“.64 Außerdem sei unter den Muslimen der Glaube an den „Mahdi“
überaus populär; er würde „am Ende der Zeiten erscheinen, um dem Glauben
aufzuhelfen und die Gerechtigkeit zum Siege zu führen“.65 Anfang Dezember
stellte der Chef des Reichssicherheitshauptamtes dann aber klar, der „Führer“
könne „weder als Prophet noch als Mahdi ausgegeben werden“. Jedoch eigne
sich die Person Hitlers „als der im Koran vorhergesagte wiedergekehrte Isa
(Jesus), der nach Art des Ritters Georg den am Ende der Welt erscheinenden
Riesen und Judenkönig Dadjdjâl besiegt“.66

61 Vern. Hans-Joachim Weise v. 12.1.1965, BAL, B 162/16704.


62 RFSS an RSHA v. 14.5.1943, BAB, NS 19/3544; Höpp, Koran, S. 443.
63 Chef SSHA an Chef Pers. Stab RFSS v. 10.10.1943, BAB, NS 19/3544.
64 CdS an RFSS v. 3.9.1943, ebd.
65 Dto. v. 13.9.1943, ebd.
66 Dto. v. 6.12.1943, ebd.
7. Rommel vor Kairo: Der Weg scheint frei

Nach den militärischen Operationen des Vorjahres hatte Rommel infolge


der britischen Gegenoffensive Anfang Januar 1942 den Rückzug bis in die
Marsa el Brega-Stellung befohlen, wo die Achsentruppen sich vorerst auf
eine dauerhafte Verteidigung einstellen sollten.1 Die Voraussetzungen für
ein Halten der Front schienen günstig. Zum einen boten sich dort geographi­
sche Voraussetzungen, die eine Verteidigung aussichtsreich erscheinen lie­
ßen; zum anderen waren nunmehr die Nachschublinien der 8. britischen Ar­
mee derart überdehnt, daß deren Offensive wesentlich an Stoßkraft verloren
hatte. Am 5. Januar erreichte außerdem ein Geleitzug mit umfangreichen
Nachschubgütern unbeschadet Tripolis. Auf der anderen Seite ersetzten neu­
eingetroffene, unerfahrene Panzertruppen gerade die altgediente 7. Panzerdi­
vision der Briten. Damit schien Rommel für kurze Zeit über eine größere
Zahl an gepanzerten Fahrzeugen verfügen zu können.2 Die genauen Lage­
einschätzungen lieferte unwissentlich eine Quelle aus erster Hand. Major
Bonner F. Fellers, der Militärattache der Vereinigten Staaten in Kairo, ver­
sorgte das Pentagon laufend mit Berichten und präzisen Beurteilungen über
die britischen Truppen in Nordafrika. Im Spätsommer 1941 konnte dessen
Funkcode von den Italienern entschlüsselt werden; die Achsentruppen waren
seitdem mit üppigem Nachrichtenmaterial über Zustand und Pläne des Fein­
des ausgestattet.3
Auf dieser Grundlage beschloß die Führung des Deutschen Afrikakorps am
13. Januar 1942, mit einer auf absolutem Überraschungsmoment beruhenden
Offensive wieder die Initiative zu ergreifen. Unter schärfster Geheimhaltung
traten Deutsche und Italiener am 21. Januar zum Angriff an. Vom folgenden
Tag an führten die bislang als Panzergruppe Afrika bezeichneten Wehrmachts­
verbände offiziell den Titel Panzerarmee Afrika. Was anfangs eher als Ent­
lastungsangriff geplant war, entwickelte sich zu einer umfassenden deutsch-ita­
lienischen Offensive, in deren Verlauf am 25. Januar Msus und vier Tage später
Benghasi, ein wichtiger Nachschubhafen, zurückerobert wurden. Bis zum
6. Februar war die erneute Eroberung der Cyrenaika weitgehend abgeschlos­

1 DRZW, Bd. 6, S. 569 f.; Gundelach, Bd. 1, S. 347; Reuth, Entscheidung, S. 135.
2 Fraser, Rommel, S. 266 f.; DRZW, Bd. 6, S. 573 ff.
3 Piekalkiewicz, S. 78 f.; Fraser, Rommel, S. 266 f.
122 Rommel vor Kairo: Der Weg scheint frei

sen; die Briten waren gezwungen, sich auf die Gazala-Stellung zurückzuzie­
hen.4
Rommel befahl seinen Truppen nun zur Verteidigung überzugehen. Die 8.
britische Armee hatte vorerst kein bedrohliches Offensivpotential mehr auf­
zuweisen; aber auch die Panzerarmee Afrika bedurfte dringend einer Auffri­
schung. Der deutsche General selbst verließ am 16. Februar den Kriegsschau­
platz. Er flog zuerst nach Rom, dann weiter zu Hitlers Hauptquartier. Dort
überreichte ihm dieser persönlich die Schwerter zum Ritterkreuz. Mit seinem
„Führer“ besprach Rommel ausführlich die Lage in Afrika. Seinen alten
Traum, mit dem Afrikakorps den Suezkanal zu erobern, wird er in diesem Zu­
sammenhang sicherlich thematisiert haben und mit Hitler, der gleichzeitig auf
die Zangenbewegung des Ostheeres über den Kaukasus hinarbeitete, wird er
sich in dieser Hinsicht weitgehend einig gewesen sein. Im Anschluß an die
Unterredungen machte der von der nationalsozialistischen Propaganda frene­
tisch gefeierte Wehrmachtsgeneral erst einmal Urlaub.5
Währenddessen war auf der anderen Seite General Auchinleck, der Ober­
befehlshaber der britischen Streitkräfte im Nahen Osten, damit beschäftigt,
die Moral seiner Männer wieder zu stärken. Immerhin waren die Briten trotz
eigener Offensivpläne gerade gezwungen worden, die Cyrenaika erneut zu
räumen. Auchinleck verfaßte am 30. März 1942 ein Rundschreiben an sämt­
liche Kommandeure, in dem er dazu aufrief, ihren Soldaten neuen Mut zu
machen und dem Nimbus Rommels entschieden entgegenzuwirken. Denn, so
der Commander-in-Chief, es bestände „die akute Gefahr“, daß dieser „ein
Schreckgespenst für unsere Truppen wird, und zwar nur deshalb, weil sie soviel
über ihn reden“. Wie der britische Oberbefehlshaber betonte, sei Rommel
aber keinesfalls ein „Übermensch“. Um den Mythos zu bekämpfen, empfahl
er eine andere Sprachregelung. Vom Gegner solle künftig nicht mehr in der
Person Rommels, sondern statt dessen einfach von „den Deutschen“ oder
„vom Feind“ gesprochen werden. Am Ende des Schriftstücks fand sich mit
dem launischen Zusatz „PS Ich bin nicht eifersüchtig auf Rommel“ dann je­
doch ein Beleg dafür, daß selbst das Nervenkostüm des britischen Ober­
befehlshabers von den Erfolgen seines Gegners nicht ganz unangetastet ge­
blieben war.6
Nachdem Rommel am 19. März wieder nach Afrika zurückgekehrt war,
machte er sich an die Planung einer neuen Offensive gegen die Briten, die in
etwa zwei Monaten anlaufen und den Plänen des Gegners ein weiteres Mal

4 DRZW, Bd. 6, S. 576-586; Reuth, Entscheidung, S. 135 f.; Gundelach, Bd. 1, S. 348;
Schröder, Deutschland, S. 186.
5 Fraser, Rommel, S. 271.
6 Rundschr. brit. OB Mittelost v. 30.3.1942, PAAA, R 60748.
Rommel vor Kairo: Der Weg scheint frei 123

zuvorkommen sollte. Zielpunkt des Angriffs sollte die nicht weit von der ägyp­
tischen Grenze entfernte Festung Tobruk sein. Auf dem Weg dorthin war ein
weiterer Verteidigungsgürtel der Briten zu überwinden. Die stark ausgebauten
und nach Einschätzung der Deutschen mit etwa 500.000 Minen bewehrten Stel­
lungen reichten vom Küstenort Gazala über gut 60 Kilometer in südlicher
Richtung bis zu der von einer freifranzösischen Garnison gehaltenen Wüsten­
festung Bir Hacheim.7 Für die Offensive standen Rommel seine nur unwesent­
lich verstärkten Kräfte zur Verfügung. Immerhin war aber Ende November
1941 das II. Fliegerkorps von der Ostfront nach Sizilien verlegt worden. Dessen
Einsätzen gegen den stark befestigten britischen Luft- und Seestützpunkt auf
Malta war es zu verdanken, daß die Panzerarmee Afrika während der folgen­
den Monate von einer deutlich verbesserten Nachschubsituation und einer an­
nähernd ausgewogenen Luftlage profitieren konnte.8 Erst für den Juni war
dann mit dem Luftlandeunternehmen „Herkules“ die endgültige Ausschaltung
Maltas vorgesehen.9 Eine deutliche Verstärkung der Panzerarmee Afrika hatte
das Oberkommando des Heeres erst für den Fall zugesagt, daß das Ostheer
weitere strategische Fortschritte erzielen würde und damit die Option Kauka­
sus in unmittelbare Nähe rücken könnte. Bis dahin mußte sich Rommel wei­
terhin mit der Tatsache abfinden, faktisch auf einem Nebenkriegsschauplatz zu
operieren.10
In dieser frühen Phase des Vormarschs der Achsentruppen erreichten Mel­
dungen über eine in Ägypten weitverbreitete englandfeindliche Stimmung die
Panzerarmee Afrika. Solchen Berichten zufolge waren bei Protesten gegen die
Briten in ägyptischen Städten zahlreiche Hochrufe auf Rommel skandiert wor­
den. Die Deutschen regten erfreut an, die Atmosphäre durch eine Intensivie­
rung der Propaganda weiter anzuheizen.11 Stimmungsmache wurde in diesem
Frühling des Jahres 1942 offenbar auch gegen andere Zielgruppen betrieben.
Der in Vertretung Neuraths als Verbindungsoffizier Afrika des Auswärtigen
Amtes fungierende Hans Winkler verfaßte am 10. April einen Bericht, in dem
er ein klassisch-antisemitisches Stereotyp bediente. Eigens stellte er darin her­
aus, Juden würden in den Städten Libyens möglicherweise mit Funkgeräten für
die Briten tätig sein, indem sie kontinuierlich Lagemeldungen absetzten. In
diesem Zusammenhang kam der Verbindungsoffizier zudem auf die Verach­

7 Gundelach, Bd. 1, S. 367; DRZW, Bd. 6, S. 595-598.


8 Ebd., S. 588-593; Reuth, Entscheidung, S. 139 f., 152-155; Gundelach, Bd. 1, S. 352-
358.
9 Aufz. Schmidt/AA v. 2.5.1942, ADAP, Ser. E, Bd. 2, S. 315 f.; Reuth, Entscheidung,
S. 141 ff., 160-163; DRZW, Bd. 6, S. 592 ff.
10 Fraser, Rommel, S. 272 ff.
11 PzAA an OKH v. 8.4.1942, PAAA, R 60747; Schröder, Deutschland, S. 187 f.
124 Rommel vor Kairo: Der Weg scheint frei

tung zu sprechen, die die Araber seiner Beobachtung nach gegenüber den Ju­
den des Landes ausdrückten.12
Nachdem dann genügend Nachschubgüter Afrika erreicht hatten, trat Rom­
mel mit seiner Panzerarmee am 26. Mai zur Offensive gegen die Gazala-Stel­
lung an. In einem Scheinangriff attackierte hauptsächlich italienische Infante­
rie das Zentrum der britischen Befestigungslinien im Norden. Gleichzeitig
umging das Gros der motorisierten Einheiten unter der Führung Rommels in
einer weit ausholenden Bewegung die Front südlich von Bir Hacheim, um die
Briten hinter ihren eigenen Linien zur Schlacht zu zwingen.13 Der Plan ging
größtenteils auf. Trotz einer drohenden Umschließung der Panzerverbände
und zwischenzeitlich kritischem Munitionsmangel konnte die Armee im An­
schluß an eine Umgehung der Front im Süden die Briten im Verlauf tagelanger
Kämpfe aus deren Positionen zurückdrängen. Am 1. Juni fiel Sidi Muftah, neun
Tage später eroberten die Achsentruppen nach schweren Kämpfen Bir Ha­
cheim; ein großer Teil der französischen Garnison unter dem Befehl des Ge­
nerals Pierre Koenig konnte jedoch noch aus der Festung entkommen.14 Mit
der Verfolgung britischer Kräfte Richtung El Adem seit dem 10. Juni und de­
ren Vertreibung aus dem Raum um Acroma fünf Tage später war die gesamte
Gazala-Stellung zusammengebrochen; der Hauptteil der 8. britischen Armee
mußte bis an die ägyptische Grenze zurückgenommen werden. Dazwischen lag
nun nurmehr das stark befestigte Tobruk, dessen Erstürmung Rommel im Jahr
zuvor nicht gelungen war.15
Die motorisierten Achsenkräfte waren am 17. Juni in Verfolgung der Briten
schon weit über Tobruk hinaus nach Osten vorgestoßen, hatten deren 7. Pan­
zerdivision östlich von Gambut zurückgedrängt und die dortigen Flugplätze
der Royal Air Force eingenommen. Das britische Oberkommando war des­
halb der Meinung, Rommel würde wie im Vorjahr Tobruk einschließen, bela­
gern und gleichzeitig versuchen, nach Ägypten vorzustoßen.16 Gemäß dem
Angriffsbefehl vollführte die Panzerarmee Afrika am 19. Juni jedoch eine
Kehrtwendung und stellten sich für eine frontale Offensive auf Tobruk aus
südöstlicher Richtung auf. Der eigentliche Angriff erfolgte am nächsten Tag
nach massiven Luftangriffen. Schon am Abend waren große Teile der Festung
erobert; am nächsten Morgen kapitulierten auch die letzten, im Westteil To­
bruks noch ausharrenden Kräfte der aus Südafrikanern bestehenden Garni­
son. Der Panzerarmee fielen 33 000 Kriegsgefangene, 30 unbeschädigte Panzer

12 Aufz. VAAPzAA v. 10.4.1942, PAAA, R 60770.


13 Gundelach, Bd. 1, S. 368; DRZW, Bd. 6, S. 600-604.
14 Ebd., S. 604-620; Fraser, Rommel, S. 288-301; Reuth, Entscheidung, S. 188 f..
15 DRZW, Bd. 6, S. 621 f.
16 Ebd., S. 626.
Rommel vor Kairo: Der Weg scheint frei 125

und große Mengen an Treibstoff, Munition und Verpflegung in die Hände.17


Wie Churchill schrieb, war diese Niederlage für ihn eine der bittersten des ge­
samten Krieges.18 Als ihn die Hiobsbotschaft erreichte, besprach sich der briti­
sche Premier in Washington gerade mit Roosevelt: „Ich versuchte gar nicht erst,
mein Entsetzen vor dem Präsidenten zu verbergen. Der Augenblick war zu
bitter. Niederlage ist eines, Schande ein anderes.“19 Besorgt fragte der Ame­
rikaner, ob und wie er helfen könne. Als Churchill um Panzer bat, setzte Roo­
sevelt umgehend 300 Shermans für Nordafrika in Marsch. Nachdem ein deut­
sches U-Boot diesen Transport im Atlantik versenkt hatte, wurde auf einem
Schnelldampfer die gleiche Menge erneut auf die Reise geschickt. Diese Panzer
verstärken dann im Spätsommer die britischen Linien an der ägyptischen Front
entscheidend.20
Letztlich hatte die Offensive ein weiteres Mal gezeigt, daß die Briten mit
ihrer vergleichsweise antiquierten Gefechtsausbildung nicht in der Lage waren,
ihre Panzerverbände in einem wirkungsvollen Zusammenspiel mit den ande­
ren Waffengattungen gemäß den Erfordernissen moderner Bewegungskriege
einzusetzen. Nicht zuletzt deshalb gelang es der Panzerarmee Afrika immer
wieder, die eigenen Angriffe zum Erfolg zu führen.21 Mit Tobruk hatten die
Achsenmächte nunmehr einen weiteren Tiefseehafen zur Verfügung. Zwar
war dessen Entladekapazität bedeutend kleiner als die von Tripolis oder Ben­
gasi; ein deutlich näher an der Front gelegener Hafen bot jedoch den unbe­
streitbaren Vorteil einer Verkürzung der kraftstoffintensiven und verschleiß­
trächtigen Versorgungswege über Land. Andererseits gelang es der Achse nie,
nach der Einnahme von Tobruk eine sichere Schiffsroute dorthin zu gewähr­
leisten. Die prekäre Nachschubfrage blieb somit weiterhin eines der drängend­
sten Probleme der Panzerarmee Afrika.22
Schon am Tag nach der Einnahme Tobruks meldete der umgehend von Hit­
ler zum Feldmarschall beförderte Rommel dem Oberkommando des Heeres
das mit der Eroberung der Festung realisierte Erreichen der ersten Zielsetzung
des Feldzugs. Im Anschluß führte er aus, die Stimmung der eigenen Truppe, die
günstige Versorgungslage sowie die derzeitige Schwäche der Briten erlaubten
„die Verfolgung bis in die Tiefe des ägyptischen Raumes“. Deshalb bat er, bei
Mussolini die Aufhebung der bislang geltenden Bewegungsbegrenzung zu er­

17 Fernschr. OKH/GenStdH/Op.Abt. v. 20.6.1942, BA-MA, RH 2/615; PzAA/Ia an

OKH/GenStdH/Op.Abt. v. 21.6.1942, ebd., RH 2/623; Reuth, Entscheidung, S. 191;


DRZW, Bd. 6, S. 628 f.; Kirk, S. 216; Gundelach, Bd. 1, S. 371 f.
18 Churchill, S. 648.
19 Ebd.
20 Kirk, S. 224; Gundelach, Bd. 1, S. 372.
21 Reuth, Rommel, S. 62.
22 Fraser, Rommel, S. 320 f.
126 Rommel vor Kairo: Der Weg scheint frei

wirken und sämtliche unterstellten Truppen für eine umgehende Fortsetzung


der Offensive freizugeben.23 Hitler genehmigte die Pläne seines Generalfeld­
marschalls, und auch die Italiener befürworteten den Einmarsch nach Ägyp­
ten, während die ursprünglich als Voraussetzung für eine Fortführung der Of­
fensive geplante Ausschaltung des mittlerweile wieder deutlich erstarkten
britischen Stützpunkts Malta durch eine deutsche Landeoperation stillschwei­
gend ad acta gelegt wurde.24
Im Zuge des kaum für möglich gehaltenen Vormarschs rückten plötzlich
Fragen ins Blickfeld, die offenbar vor kurzem noch weitgehend unrealistisch
erschienen waren. Schon in Ägypten stehend, telegraphierte Neurath am
25. Juni ans Auswärtige Amt nach Berlin, daß Rommel den „sofortigen Einsatz
aktiver Propaganda in Ägypten“ erbäte.25 Am folgenden Tag ließ sich der Ver­
bindungsoffizier nach entsprechender Anfrage von Weizsäcker über die
deutsch-ägyptischen Beziehungen aufklären. Der Staatssekretär betonte, zwi­
schen beiden Ländern herrsche kein Kriegszustand; König Faruk sei „durch
und durch“ deutschfreundlich und feindlich gegenüber England eingestellt. In
anderen Kreisen der Gesellschaft, aber auch in der weitgehend von den Briten
entwaffneten Armee existierten ebenfalls große Sympathien für Deutschland.
Wenn, so Weizsäcker, nach einer Sprachregelung vorgegangen werde, die be­
tone, daß die Achsentruppen als Freunde kämen, um Ägypten zu befreien, sei
kaum mit Widerstand von dieser Seite zu rechnen. Von Teilen der Bevölkerung
dürfte der Einmarsch sogar begrüßt werden.26
Derweil ging die deutsch-italienische Offensive weiter. Die Panzerarmee er­
reichte am 26. Juni eine neue Verteidigungsstellung der Briten um die 350 Kilo­
meter östlich von Tobruk gelegene Küstenfestung Marsa Matruh, dem letzten
Hafen vor Alexandria. Am Tag zuvor hatte Auchinleck persönlich General
Ritchie als Oberbefehlshaber der 8. Armee abgelöst – ein deutlicher Beleg für
die dramatische Situation der Briten. Doch auch der neue Commander-in-
Chief konnte den Einbruch von Rommels Verbänden in die Festung nicht ver­
hindern. Marsa Matruh fiel am 29. Juni. Immerhin 8000 Gefangene gerieten in
die Hände der Achse; ein Großteil der britischen Festungsbesatzung konnte
sich aber noch rechtzeitig nach Osten absetzen. Teilweise unmittelbar vor, ne­
ben oder sogar hinter der weiter vorwärtsstürmenden Panzerarmee versuchten
jene Truppenteile, noch einmal die weiter ostwärts gelegenen eigenen Rück­
zugslinien zu erreichen.27

23 Funkspr. OB PzAA v. 22.6.1942, BA-MA, RH 2/462; Reuth, Entscheidung, S. 192 f.


24 Ebd., S. 197-200; Fraser, Rommel, S. 314 f.; Gundelach, Bd. 1, S. 382 ff.
25 VAAPzAA an AA v. 25.6.1942, PAAA, R 29537.
26 Dto. v. 24.6.1942, ebd., R 29533; StS./AA an VAA/PzAA v. 26.6.1942, ebd.
27 PzAA/Ia an OKH/GenStdH/Op.Abt. v. 29.6.1942, BA-MA, RH 2/623; DRZW,

Bd. 6, S. 639 ff.; Fraser, Rommel, S. 314 f.; Gundelach, Bd. 1, S. 386-389; Kirk, S. 217.
Rommel vor Kairo: Der Weg scheint frei 127

Nachdem die Meldungen über die Erstürmung Marsa Matruhs das Auswär­
tige Amt erreicht hatten, ordnete Ribbentrop noch am selben Abend eine ver­
stärkte Propaganda nach Ägypten an und gab dazu gleich entsprechende Leit­
linien bekannt. Demnach habe England „Ägypten seine Freiheit geraubt und
weigert sich trotz vieler Versprechen aus dem Lande herauszugehen. Es hat
Ägypten zum Kriegsschauplatz gemacht und versucht, das ägyptische Volk in
den Krieg hineinzuziehen und für seine imperialistischen Pläne zu opfern.“
Dagegen kämpften die „siegreichen Soldaten Rommels [...] für die Befreiung
Ägyptens vom englischen Joch. Sie haben keine feindlichen Absichten gegen­
über dem ägyptischen Volk, sondern kommen als Freunde. Sie haben nur einen
einzigen Gegner: die Engländer und ihre Hilfsvölker.“ An die Ägypter gerich­
tet, wünschte der Reichsaußenminister einen Aufruf des Tenors, daß Deutsche
und Ägypter sich im gemeinsamen Ziel der Vertreibung der Briten begegnen
würden. „Haltet Euch für diesen Tag bereit, erleichtert Generaloberst Rommel
seinen Sieg und erschwert den Briten ihren Krieg.“ Abschließend sei zu beto­
nen: „Die Achsenmächte sind die Freunde der ganzen arabischen Welt, sie
werden im Irak, in Syrien, in Palästina ebenso als Befreier erwartet und be­
grüßt werden, wie in Ägypten.“28
Nach dem Fall Marsa Matruhs erreichte die Panzerarmee Afrika tags darauf
die vermeintlich letzte britische Verteidigungsstellung westlich des Nils. Be­
nannt war die Abwehrlinie nach einer dort gelegenen kleinen Bahnstation,
die dadurch weltberühmt werden sollte: El Alamein.29 Deutsche und italie­
nische Truppen waren damit kaum mehr 100 Kilometer von Alexandria ent­
fernt. Der neuerliche Angriff der Panzerarmee wurde umgehend für den Mor­
gen des 1. Juli festgesetzt.30 Obwohl die Soldaten nach einem Vormarsch von
500 Kilometern in nur zehn Tagen völlig erschöpft waren, das Deutsche Afri­
kakorps am 30. Juni nur noch über 52 einsatzbereite Panzer verfügte und die
Royal Air Force zuletzt ernste Probleme bereitet hatte, herrschte Optimismus,
daß der erneute Durchbruch gelingen werde.31 Rommel setzte die deutsche
Wehrmachtsführung noch am 1. Juli über die Fortschritte in Ägypten in Kennt­
nis. Er schlug vor, umgehend nach Alexandria vorzustoßen, die dortigen briti­
schen Kräfte einzuschließen und anschließend Kairo und den Suezkanal zu

28 Telegr. Schmieden/AA v. 29.5.1942, PAAA, R 29533.


29 Schröder, Deutschland, S. 193; Gundelach, Bd. 1, S. 388 f.; Waldschmidt, S. 111; zur
geographischen Lage u. den britischen Kräften an der El Alamein-Stellung DRZW, Bd. 6,
S. 648-651; Auchinleck ließ zwischen El Alamein u. dem Nildelta eine zweite Verteidi­
gungslinie vorbereiten, ebd., S. 652.
30 PzAA/Ia an OKH/GenStdH/Op.Abt. v. 1.7.1942, BA-MA, RH 2/623.
31 DRZW, Bd. 6, S. 639, 655.
128 Rommel vor Kairo: Der Weg scheint frei

erreichen.32 Am gleichen Tag entzifferten britische Abhörspezialisten einen


Funkspruch der Panzerarmee, die darin vom Oberkommando des Heeres be­
schleunigt 10.000 Karten des Nildeltas anforderte.33
Am frühen Morgen des 1. Juli begann der Angriff auf die britischen Stellun­
gen bei El Alamein. Trotz zwischenzeitlich anderslautender Meldungen konn­
ten Deutsche und Italiener bis zum Abend allerdings keinen Durchbruch er­
zwingen. Rommels sonst so erfolgreiche Finten und Scheinangriffe versagten
aufgrund der überlegenen britischen Feindaufklärung. Weitere Offensivver­
suche an den beiden darauffolgenden Tagen hatten das gleiche Ergebnis.34
Am Vormittag des 4. Juli meldete Rommel, daß er den weiteren Angriff vor­
läufig eingestellt habe und zur Verteidigung übergehen müsse, bis seine Ver­
bände neu geordnet seien und ausreichend Verstärkung sowie weiterer Nach­
schub eingetroffen wäre. Der Oberbefehlshaber der Panzerarmee rechnete mit
einer Unterbrechung von etwa zwei Wochen; danach sollte die Offensive wie­
der aufgenommen werden.35 Das Vordringen von Deutschen und Italienern in
Ägypten war damit gestoppt; auf deren Seite ging man aber weiterhin fest von
einer erfolgreichen Fortführung der Offensive aus. Neue Angriffe der Panzer­
armee auf die britischen Stellungen am 10. und 13. Juli verliefen jedoch ohne
Erfolg. In den folgenden Tagen mußten sich die Achsentruppen sogar selbst
den Vorstößen britischer Verbände erwehren; erschöpft stellten dann beide
Seiten Ende Juli ihre Kampfhandlungen erst einmal ein. Mit einem Unent­
schieden ging damit die erste Schlacht von El Alamein zu Ende. Immerhin
hatten die Briten nach einem sechs Monate währenden Rückzug über mehr
als 1000 Kilometer aus dem Inneren Libyens bis nach Ägypten ihre Stellungen
erstmals wieder behauptet.36
Auf Seiten der Achsentruppen wurde der alle Erwartungen übertreffende
Vormarsch der Panzerarmee von einer massiven Propagandaoffensive beglei­
tet. Auf Ägypten, aber auch auf Palästina, den Libanon und Syrien gingen ne­
ben deutschen und italienischen Bomben ungezählte Tonnen an Flugblättern,
Propagandapostkarten und Aufrufen nieder. Allein bis zum 25. Juni, dem Tag
des Überschreitens der libysch-ägyptischen Grenze, waren 1.100.000 Propagan­

32 Dt.Gen.bHQu.lt.Wehrm. an OKH/GenStdH/Op.Abt. v. 1.7.1942, BA-MA, RH


2/462.
33 Piekalkiewicz, S. 148.
34 PzAA/Ia an OKH/GenStdH/Op.Abt. v. 1.7.1942, BA-MA, RH 19 VIII/23; DRZW,

Bd. 6, S. 655-659.
35 Dt.Gen.b.HQu.It.Wehrm. an OKH/GenStdH/Op.Abt. v. 4.7.1942, BA-MA, RH 2/

462; dto. PzAA/Ia an OKH/GenStdH/Op.Abt. v. 4.7.1942, ebd., RH 2/624; Gundelach,


Bd. 1, S. 391.
36 Lagebeurteilung OB PzAA v. 21.7.1942, ebd., RH 19 VIII/23; Fraser, Rommel,

S. 316 ff.; Gundelach, Bd. 1, S. 391-396.


Rommel vor Kairo: Der Weg scheint frei 129

daflugblätter fertiggestellt, die umgehend nach Afrika transportiert wurden,


um über Städten in Ägypten abgeworfen zu werden.37 Einige Tage später mel­
dete Neurath dem Auswärtigen Amt, am 3. Juli seien Flugblätter „in rauhen
Mengen“ in Umlauf gebracht worden, die hoffentlich Wirkung zeigen wür­
den.38 Aus Deutschland gingen am 12. Juli erneut 760.000 Propagandaflugblät­
ter auf den Weg; darunter befanden sich unter anderem 200.000 Aufrufe des
Mufti sowie von al-Gailani.39 Genau einen Monat später lieferte Generalkonsul
Wüster von der Informationsabteilung des Auswärtigen Amtes seinen Vor­
gesetzten eine Aufstellung über den Inhalt verschiedener Flugzettel ab, die je­
weils gezielt in den Ländern des Nahen Ostens zur Verteilung kommen sollten.
Allein die Gesamtzahl dieser aktuellen Propagandaproduktion belief sich auf
weitere 1,3 Millionen Exemplare.40 Darunter befand sich unter anderem ein für
Ägypten und Syrien gedachtes Flugblatt „Aufruf an die Arabische Jugend“, das
dazu gedacht war, junge Araber vom Dienst in der britischen Armee abzubrin­
gen. England brauche Armeen, heißt es darin, „um seine Politik der Okkupa­
tion, der Kolonisation und der Tyrannei zu verteidigen, unter gemeinsamer
Flagge mit den Bolschewiken und den Juden; es will Euch in das Gemetzel
hineinstürzen, damit ihr verblutet und die Blüte Eurer Jugend opfert“.41
In einer Auflage von 300.000 Exemplaren war ein Flugblatt mit dem Titel
„Ägypten den Ägyptern“ hergestellt worden, das erst nach dem Fall von El
Alamein zur Verteilung kommen sollte. Der Inhalt des Zettels stellte einen
eindeutigen Aufruf zum Aufstand gegen die Engländer dar. Unter anderem
heißt es: „Jetzt ist es Zeit! Verlaßt die Reihen der Engländer. Weigert Euch
ihnen zu dienen. Jagt sie aus Euren Städten. Vernichtet ihre Waffen.“ Und
weiter: „Begrüßt die Soldaten der Achse als Freunde. Schützt sie in der Gefahr,
so wie sie Euch schützen werden. Helft ihnen mit allen Euren Kräften, damit
helft Ihr Euch selbst. Damit erringt Ihr für Ägypten die politische Freiheit und
Unabhängigkeit. Die Regierungen der Achsenmächte haben feierlich erklärt,
daß sie die Unabhängigkeit und Souveränität Ägyptens achten und sicherstel­
len werden.“42
In einer Auflage von 100.000 Exemplaren wurden außerdem Postkarten mit
dem Titel „Grenzen des neuen zionistischen Königreichs“ abgeworfen. Sie
zeigten eine Karikatur von Chaim Weizmann zusammen mit Churchill und
Roosevelt vor einer Landkarte stehend, auf der die Grenzen eines zukünftigen

37 Wüster/AA an VAAPzAA v. 25.6.1942, PAAA, R 60748.


38 VAAPzAA an AA v. 4.7.1942, ebd.
39 Wüster/AA an VAAPzAA v. 13.7.1942, ebd.
40 Dto. an AA v. 12.8.1942, ebd., R 60650
41 Übers. Flugblatt (undat./August 1942), ebd.
42 Dto. (undat./August 1942), ebd.
130 Rommel vor Kairo: Der Weg scheint frei

Abb. 7. Roosevelt, Churchill und Weizmann verteilen die arabischen Länder an die Juden,
Deutsche Propagandapostkarte 1942.

zionistischen Staates eingezeichnet waren. Das darin liegende Gebiet umfaßte


neben Palästina das gesamte Transjordanien und Syrien sowie weite Teile des
Irak und Saudi-Arabiens.43 Die Botschaft der Zeichnung war eindeutig: Nur an
der Seite Deutschlands würden die Araber der Gefahr einer Überantwortung
ihrer Länder an die Juden durch Engländer und Amerikaner entgegenwirken
können. Passend zur Karikatur lagen speziell für Syrien 296.000 Flugblätter mit
dem Titel „Das neue jüdische Königreich“ bereit. Auch dieser Text propagierte
die ‚jüdische Gefahr‘. So heißt es in dessen deutscher Übersetzung, „ame­
rikanisch-englisch-jüdische Statistiker“ hätten berechnet, daß „man in diesem
neuen Königreich noch 17 Millionen Juden aus aller Welt unterbringen könne.
Daß in diesen Gebieten bereits Millionen von Arabern wohnen, die das Land
von ihren Vätern und Vorvätern geerbt haben, wen schiet [sic] das? Die Be­
wohner des Landes wird man mit den bekannten jüdischen Mitteln später aus
dem Land vertreiben!“ Mit Hinweis auf die aktuelle Entwicklung an der afri­
kanischen Front heißt es weiter: „Und England wird dieses Mal mit Gottes
Hilfe nicht siegen! Denn schon rüttelt Marschall Rommel an der Spitze der

43 Propagandapostkarte (undat./August 1942), ebd.


Rommel vor Kairo: Der Weg scheint frei 131

tapferen Truppen der Achse an den letzten Toren der englischen Macht! Ara­
ber! Helft Euren Freunden bei der Erreichung ihres Zieles: die Vernichtung
der englisch-jüdisch-amerikanischen Zwangsherrschaft.“44
Die Besetzung Ägyptens und den Vorstoß über den Suezkanal vor Augen,
begannen Deutsche und Italiener noch während der Kämpfe bei El Alamein
und trotz der hochtrabenden propagandistischen Zusicherungen einer ‚Befrei­
ung’ aus der Unterdrückung durch England mit der Verteilung der Kriegsbeu­
te. Dabei traten die unterschiedlichen Vorstellungen bezüglich der Zukunft des
Landes deutlich zu Tage. Schon während des Vormarschs der Panzerarmee
hatte Hitler das Auswärtige Amt angewiesen, den Schutz des ägyptischen Kö­
nigs zu gewährleisten; das Vorhaben wurde vor den Italienern geheimgehalten.
Auch die Existenz deutscher Kontakte zu ägyptischen Offizieren wurden dem
Bündnispartner vorenthalten.45 Hinsichtlich der zukünftigen Okkupationsver­
waltung schlug Mussolini Rommel als Oberbefehlshaber der Besatzungsarmee
vor; für den zivilen Sektor stellte er sich die Einsetzung eines sogenannten
Delegato Politico vor, unter dem ein deutscher Verbindungsstab den Kontakt
zu Rommel halten solle. Für dieses Amt wurde der frühere Botschafter in Kai­
ro, Mazzolini, ausersehen, der schon am 3. Juli nach Nordafrika abflog.46 Von
Hitler wurde dies für gut befunden.47
Am 4. Juli ergänzte der „Duce“ seine Vorschläge in Bezug auf das zukünftige
Auftreten der Achsenmächte gegenüber Ägypten. Er wies darauf hin, daß das
eroberte Land nun keinesfalls ausgeplündert werden dürfe, da es sich schließ­
lich nicht um ein feindliches, sondern um ein neutrales Land handeln würde.
Daher müsse auch die Regierung bestehen bleiben; lediglich die britischen Ver­
waltungsorgane vor Ort seien zu ersetzen. Mit einem deutlichen Verweis auf
die deutschen Ausplünderungspraktiken auf den bisherigen Kriegsschauplät­
zen forderte Mussolini außerdem, es dürfe „in keiner Weise zu Massenkäufen
oder Warenansammlungen kommen, welche zu einer Verarmung der Wirt­
schaft des Landes führen würden“. Dazu schlug er die Einführung eines pro­
visorischen Zahlungssystems für Ägypten vor, das unter italienischer Aufsicht
stehen sollte; Beschlagnahmungen und „Einkäufe“, abgesehen vom eigentli­
chen militärischen Bedarf, sollten untersagt bleiben.48 Zehn Tage später unter­

44 Übers. Flugblatt (undat./August 1942), ebd.


45 Hirszowicz, Germany, S. 81
46 DG Rom an AA v. 2.7.1942, PAAA, R 27772; Tillmann, S. 384; Hirszowicz, Germa­

ny, S. 82.
47 Jodl wies allerdings darauf hin, daß es eine Okkupationsarmee „im technischen Sin­

ne“ voraussichtlich nicht geben werde; vielmehr sei in Ägypten auch weiterhin eine Ope­
rationsarmee erforderlich, da die Briten von Westen u. Süden noch lange versuchen wür­
den, das Land wieder zu erobern, Aufz. Ritter/AA v. 3.7.1942, PAAA, R 27772.
48 Dto. Woermann/AA v. 4.7.1942, ebd.
132 Rommel vor Kairo: Der Weg scheint frei

strich er mit einem augenscheinlich mißtrauischen Seitenblick auf Deutschland


nochmals, daß ausgeschlossen werden müsse, „aus Ägypten ein zweites Grie­
chenland zu machen“.49
Daß das Mißtrauen des „Duce“ durchaus berechtigt war, zeigte sich an der
Reaktion der Deutschen. Zwar versicherte Ribbentrop den Verbündeten sei­
ner „grundsätzlichen Auffassung, daß Italien in Ägypten das politische Primat
habe“; faktisch wird diese Formel jedoch nur zur allgemeinen Beruhigung ge­
dacht gewesen sein.50 Dem für wirtschaftliche Fragen zuständigen deutschen
Verhandlungsführer in Rom ließ der Reichsaußenminister mitteilen, daß die
von den Italienern vorgeschlagene deutsch-italienische Wirtschaftskommission
„nicht in Frage kommt“. Andere Problemfelder sollten, so bestimmte Ribben­
trop, besser von Rommel direkt in Ägypten gelöst werden, da er dort als Ober­
befehlshaber über die erforderlichen Kompetenzen verfügen könne.51 Bei wei­
teren Verhandlungen ergab sich ein ganz ähnliches Bild. Nachdem Italien
vorgeschlagen hatte, die in der besetzten Sowjetunion anfallende Kriegsbeute
solle generell an Deutschland gehen, während die in Ägypten Italien zufallen
solle, bestimmte der über den Vorschlag informierte Hitler eingedenk der tra­
genden Rolle der Deutschen an der nordafrikanischen Front, „die Beute solle
allgemein dem zukommen, der sie gemacht habe“. In ähnlichem Tenor regte
das Auswärtige Am an, es solle „unabhängig von der Frage der späteren Ver­
teilung der Beute die Sicherstellung von Werten durch die zuerst erscheinen­
den Truppen“ geschehen.52 Trotz der formalen Anerkennung des „politischen
Primats“ der Italiener wahrte die deutsche Seite mit einer solchen Haltung also
die Option, Ägypten bei Bedarf auch hinsichtlich der Fortführung der militäri­
schen Offensive wirtschaftlich ausplündern zu können. Die italienische Seite
zeigte sich angesichts der generellen Haltung der Deutschen jedenfalls deutlich
verstimmt.53
Jenseits von Verhandlungen über die Aufteilung der erwarteten Beute be­
stärkte nicht zuletzt die Reaktion des Feindes auf den Vormarsch der Panzer­
armee Afrika die Siegeszuversicht von Deutschen und Italienern. Auchinleck
plante nach dem selbst auf britischer Seite als wahrscheinlich angenommenen
Fall von El Alamein bereits den Rückzug über den Nil. Die Sprengung der
dortigen Staudämme sollte der geschlagenen Armee die nötige Rückende­
ckung verschaffen, um sich über den Suezkanal nach Palästina zurückziehen zu
können.54 Eine Vielzahl von Nachrichten und Gerüchten über die prekäre La­

49 DG Rom an AA v. 15.7.1942, ebd., R 29533.


50 RAM an DG Rom v. 6.7.1942, ADAP, Ser. E, Bd. 3, S. 105.
51 Ber. Dt.Gen.b.HQu.It.Wehrm. v. 8.7.1942, PAAA, R 29537.
52 Woermann/AA an AA v. 9.7.1942, ebd., R 29533.
53 Hirszowicz, Germany, S. 85.
54 Schröder, Deutschland, S. 194.
Rommel vor Kairo: Der Weg scheint frei 133

ge der Briten und die Stimmung unter der ägyptischen Bevölkerung erreichte
auch die deutsche Seite. Bereits am 30. Juni, einen Tag nach der Erstürmung
Marsa Matruhs, wurde bekannt, daß die Royal Navy am Vortag damit begon­
nen hatte, ihre Kriegsschiffe aus Alexandria Richtung Suez abzuziehen. Aus
Kairo verdichteten sich Meldungen, die Räumung der Stadt sei in vollem Gan­
ge.55 Währenddessen verhöhnten dort Einheimische in Erwartung der Deut­
schen öffentlich die verunsicherten Briten. Deren Militärbehörden verbrann­
ten am berühmt gewordenen „Ash Wednesday“ offenbar in Vorbereitung eines
bevorstehenden Abzugs bereits umfangreiches Aktenmaterial.56
In einem Bericht zur Lage in Ägypten vom 24. Juli gab Ettel Angaben eines
gerade vor Ort gewesenen und für zuverlässig gehaltenen Gewährsmanns wie­
der, wonach durch den Vormarsch Rommels die „Nervosität der Engländer
und der Juden außerordentlich gewachsen“ sei. Als Beleg erwähnte auch der
Diplomat die Aktenvernichtung in Kairo; zudem seien britische Frauen und
Kinder „beschleunigt“ abtransportiert worden. „In ganz Ägypten“, so Ettel
weiter, „macht sich ein Auszug der Juden bemerkbar. Sie verkaufen ihren Be­
sitz, wobei sie als Zahlung Gold oder USA Dollar annehmen. Die Folge hier­
von ist ein erhebliches Ansteigen des Goldpreises. Da der Export von Gold aus
Ägypten verboten ist, versuchen die Juden in raffiniertester Weise das Gold
aus dem Land zu schmuggeln.“ Als „beste und wirksamste Propaganda“, stände
laut Ettel nun an, „mit allen Mitteln den Haß der Ägypter gegen die Englän­
der, Amerikaner und Juden [zu] schüren.“57
Auch ein Bericht Schellenbergs an Unterstaatssekretär Luther im Auswärti­
gen Amt von Ende Juli enthielt zahlreiche Hinweise auf die allgemeine Beun­
ruhigung in Ägypten angesichts der aktuellen Lage an der Front. Demnach
schätzte der Chef des SD-Auslandsnachrichtendienstes die Armee aufgrund
seiner Informationen als „unbedingt königstreu“ ein. Nicht zuletzt befänden
sich die Streikräfte auch „in scharfem Gegensatz“ zur Regierungspartei. In
jüngster Zeit hätten die Engländer den ägyptischen Streitkräften die vorher
übertragene Bewachung der Nilstaudämme wieder entzogen und bereiteten
momentan deren Sprengung am Delta vor. Aus den vorhandenen Berichten
ging laut Schellenberg hervor, daß in englischen Militärkreisen „ernstlich“ mit
einem Verlust Ägyptens gerechnet werde. Mittlerweile habe bei den Briten
eine „Stimmung tiefer Hoffnungslosigkeit und schwärzestem Pessimismus
Platz gegriffen“. Beleg für diese Gesamtsituation sei nicht zuletzt die Tatsache,

55 DG Ankara an A A v. 30.6.1942, PAAA, R 27772; Presseabt./AA, SPN v. 2.7.1942,


ebd.
56 Eppler, Rommel, S. 196.
57 Ber. Ettel/AA v. 24.7.1942, PAAA, R 27323.
134 Rommel vor Kairo: Der Weg scheint frei

daß „Juden und achsenfeindliche Literaten“ das Land bereits verlassen wür­
den. Damit seien gegenwärtig „wie noch nie vorher die psychologischen Vor­
aussetzungen für einen Aufstand der ägyptischen Bevölkerung gegen die eng­
lischen Besatzungstruppen gegeben“.58
In einem ähnlichen Bericht gab ein Informant der Abwehr Anfang August
ein ergänzendes Bild zur Lage ab. Demnach sei die Bevölkerung in Ägypten zu
95 Prozent „achsenfreundlich und schroff antienglisch“. Seit der Erklärung der
Achsenmächte zur Unabhängigkeit habe „sogar die Animosität gegen die Ita­
liener abgenommen“. Wegen des Vormarschs der Panzerarmee Afrika habe
eine Fluchtbewegung eingesetzt: „Als Rommel in Ägypten einmarschierte,
verließen die führenden Gaullisten sowie die reichen Juden und Griechen
fluchtartig Kairo (in Alexandria gibt es schon längst keine Juden mehr und
keine reichen Griechen) und begaben sich teils nach dem Libanon, teils nach
Kapstadt; es wurden fantastische Preise für einen Flugplatz nach Kapstadt be­
zahlt; für ein Sonderflugzeug bot der führende Jude Salvator Cicurell 25.000
Pfund an. Der Gaullistenführer Baron de Vaux reiste bis Kantara im Klosett.“
In Bezug auf die weitere Entwicklung herrsche in Kairo allgemein die Annah­
me, „daß beim nächsten Vorstoß Rommels die englische Armee Ägypten räu­
men“ müsse. Sowohl das Nildelta und der Suezkanal als auch Palästina und
Syrien würden dann von Rommels Armee besetzt werden.59 Die jüdische Ge­
meinde Ägyptens fertigte in diesen Tagen Listen prominenter Zionisten und
Antifaschisten an, deren beschleunigte Evakuierung die Briten bereits zuge­
sagt hatten. Tatsächlich wurde ein Teil der Menschen von der Armee vorsichts­
halber nach Palästina gebracht. Nach ersten antisemitischen Übergriffen ver­
suchte der ägyptische Premierminister die Situation persönlich zu beruhigen,
indem er betonte, die Juden hätten nichts zu befürchten; es würde keine Akte
von Diskriminierung gegen sie geben.60
Auf Seiten der Achse traf man angesichts solcher Meldungen bereits Vor­
bereitungen für eine triumphale Siegesfeier. Mussolini plante, auf einem wei­
ßen Pferd an der Spitze der Panzerarmee in Kairo Einzug zu halten. Dazu war
er am 29. Juli mit besagtem Reittier in Libyen eingeflogen und hatte in der
Nähe von Derna Quartier bezogen. Von dort aus wollte er die ihm von seinen
Militärs zugesicherte Besetzung der Hauptstadt und die Eroberung Restägyp­
tens abwarten, um dann gleich seine Parade in Kairo realisieren zu können.61
Zur Erinnerung an seinen gedachten Triumphzug ließ er in Italien im Vorfeld

58 CdS/VI C 13 an AA v. 31.7.1942, ebd., R 27332.


59 Zusfg. Ber. „Cuno I“ v. 6.8.1942, BA-MA, RH 2/1764.
60 Krämer, Jews, S. 157.
61 Carpi, Mufti, S. 115.; DRZW, Bd. 6, S. 665 f.
Rommel vor Kairo: Der Weg scheint frei 135

bereits Gedenkmedaillen prägen, die dann später an verdiente Militärs verlie­


hen werden sollten.62
Wie die vorgestellten Propagandaerzeugnisse, die Gespräche um die Besat­
zungsverwaltung und die Planung von Siegesfeiern dokumentieren, schien die
Besetzung ganz Ägyptens nur mehr eine Formsache zu sein. Die Eroberung
Kairos, das Übersetzen über den Nil und das Erreichen des Suezkanals waren
dieser Tage in greifbare Nähe gerückt. Immerhin entsprach der Weg nach Pa­
lästina nun lediglich noch der Entfernung, die Deutsche und Italiener in den
zehn Tagen seit der Einnahme Tobruks bis nach El Alamein zurückgelegt hat­
ten. Von den deutschen Militärs wurde der weitere Vormarsch als weitgehend
unproblematisch eingeschätzt. In Palästina und Syrien vermutete der General­
stab des Heeres nur mehr schwache Besatzungstruppen der Briten, die „für
einen ernsthaften Einsatz kaum geeignet sein dürften“.63 Neurath bestellte an­
gesichts der strategischen Lage in Berlin diverse Bücher über Palästina und den
Islam, mit denen er sich offenbar schon auf die Situation während des weiteren
Vormarschs in den Nahen Osten vorbereiten wollte.64
In der allgemeinen deutschen Wahrnehmung schien die seit 1941 geplante
Zangenoperation gegen den arabischen Raum nun Wirklichkeit zu werden.
Während die Panzerarmee Afrika vor dem Sprung über den Suezkanal stand,
hatte Hitler an der Ostfront die entscheidenden Befehle für die Sommeroffen­
sive nach Südrußland gegeben. Unter dem Oberbefehl von Generaloberst
Hoth zielte die 4. Panzerarmee auf Woronesch und sollte bei ihrem Vorstoß
die Rote Armee westlich des Don einkesseln und vernichten. Kaum zwei
Monate später hatten deutsche Truppen im Kaukasus die ersten Paßhöhen er­
kämpft und erreichten am 21. August den Gipfel des Elbrus.65 Ribbentrop un­
terstrich die Erwartungen angesichts der strategischen Lage am 9. Juli anläß­
lich einer Unterredung mit dem japanischen Botschafter Oshima: „Wenn es uns
jedoch gelänge“, sagte der Außenminister, „Rußland als Hauptbundesgenos­
sen für England und USA auszuschalten und über den Kaukasus nach Süden
vorzudringen, während Rommel auf der anderen Seite über Ägypten in den
vorderen Orient vorstieße, so wäre der Krieg gewonnen. In den letzten vier
Wochen seien wir auf jeden Fall diesem Ziel viel näher gekommen, als es die
deutsche Führung bei allem Optimismus sich erhofft hätte.“66

62 Piekalkiewicz, S. 138.
63 Lagebild OKH/GenStdH/Abt. FHW v. 10.5.1942, BA-MA, RH 2/1521; dto. v.
13.7.1942, ebd., RH 2/1588.
64 AA/Ref. Inf./IVc v. 18.8.1942, PAAA, R 60748.
65 Fraser, Rommel, S. 314; Stewart, Sunrise, S. 221; DRZW, Bd. 6, S. 677; auch Roo­

sevelt, S. 7, deutet an, daß der Nahe Osten durch das Vordringen Rommels für die Briten
fast verlorengegangen wäre.
66 Aufz. Gottfriedsen/AA v. 10.7.1942, ADAP, Ser. E, Bd. 3, S. 129 f.
8. „Exekutivmaßnahmen gegenüber der Zivil­
bevölkerung in eigener Verantwortung“:
Das Einsatzkommando bei der Panzerarmee Afrika

Während die Weltöffentlichkeit im Sommer 1942 auf die Eroberung Ägyptens


und den Übergang von Rommels Divisionen über den Suezkanal zu warten
schien, waren von deutscher Seite im geheimen längst die Vorbereitungen für
die dortige Verwendung eines Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei und
des SD abgeschlossen worden. Angesichts der Siege von Tobruk und Marsa
Matruh sowie des alle Erwartungen übertreffenden weiteren Vormarschs wur­
de noch im Juni entschieden, der Panzerarmee Afrika für die bevorstehenden
Operationen eine derartige SS-Einheit beizuordnen. Seitens des Reichssicher­
heitshauptamtes hatte man bei Rommels bisherigem Weg durch die libysche
Wüste noch auf die Entsendung eigener Kommandos verzichtet. Das zu erwar­
tende ,Gegnerpotential‘ bei Erreichen der ägyptischen Hauptstadt und dem
weiteren Ausgreifen in den Nahen Osten schien nun aber, ähnlich wie im Vor­
feld des Überfalls auf Polen 1939 oder des Angriffs auf die Sowjetunion 1941
einen solchen Schritt dringend erforderlich zu machen.
Die relevanten Entscheidungsabläufe bei der Bildung des Kommandos las­
sen sich in der weiteren Folge genau rekonstruieren: Am späten Vormittag des
1. Juli 1942 referierte Schellenberg bei Himmler über „Einsatz in Ägypten“.1
Noch am selben Nachmittag hielt der Reichsführer-SS einen einstündigen Vor­
trag bei Hitler in der Wolfsschanze.2 Dabei muß auch über das Einsatzkom­
mando entschieden worden sein, denn Obergruppenführer Karl Wolff, der
Chef des Persönlichen Stabes Reichsführer-SS, wandte sich umgehend an das
Oberkommando der Wehrmacht. Schon am 4. Juli konnte er Himmler hinsicht­
lich „Einsatzkommando Ägypten“ melden: „Befehl von Seiten der Wehrmacht
erfolgt morgen.“3 Letztlich erging dieser jedoch erst am 13. Juli. Aufgrund der
Kommunikation zwischen SS und Wehrmachtsführung wurde in der entschei­
denden Passage der Einsatzrichtlinien festgehalten: „Mit Zustimmung des
Reichsführers SS und Chefs der Deutschen Polizei wird der Einsatz des SS-

1 Dienstkalender Himmlers, S. 473; zur Person Browder, S. 418-430; zum Amt VI

Kahn, S. 251 ff.; Querg; Wildt, Generation, S. 391-410; Mallmann, Krieg, S. 324-346.
2 Terminkalender RFSS v. 1.7.1942, BAB, NS 19/1447.
3 Dienstkalender Himmlers, S. 477.
138 Das Einsatzkommando bei der Panzerarmee Afrika

Kommandos bei der Panzer Armee Afrika folgendermaßen geregelt: 1) Das


SS-Einsatzkdo. erhält seine fachlichen Weisungen vom Chef des S.P. [der Si­
cherheitspolizei] und S.D. und führt seine Aufgaben in eigener Verantwortlich­
keit durch. Es ist berechtigt, im Rahmen seines Auftrages in eigener Verant­
wortung gegenüber der Zivilbevölkerung Exekutivmaßnahmen zu treffen.“4
Die gesamte Vereinbarung entsprach inhaltlich jenem Text, der seit dem Vor­
jahr die Grundlage für den Massenmord der Einsatzgruppen in der Sowjet­
union bildete. Zentrale Passagen waren, weil sie sich offenbar in der Praxis
,bewährt‘ hatten, einfach wortwörtlich übernommen worden.5
Nur eine Woche später, am 20. Juli, flog SS-Obersturmbannführer Walther
Rauff nach Tobruk, um „von Generalfeldmarschall Rommel die notwendigen
Instruktionen für den Einsatz“ seines Kommandos zu empfangen.6 Die Ver­
wendung der Einheit stand damit unmittelbar bevor. Höchstwahrscheinlich
wird der SS-Führer an diesem Tag jedoch nicht persönlich mit dem prominen­
ten Oberbefehlshaber der Panzerarmee Afrika gesprochen haben. Rommel
führte seine Truppen fast 500 Kilometer östlich von Tobruk gerade in die ent­
scheidende Endphase der ersten Schlacht von El Alamein; dabei wird jeglicher
Transportraum viel dringender für den Nachschub als für die weitere Her­
anführung des Obersturmbannführers benötigt worden sein. Rauff wird sein
Kommando anläßlich jener Visite in Tobruk wohl statt dessen offiziell einem
der Stabsoffiziere der Panzerarmee unterstellt haben.7 Die Aussage „Dis­
gusted with the idea, the ,Desert Fox‘ apparently refused to discuss the matter
and sent Rauff on his way“ kann daher kaum Plausibilität für sich beanspru­
chen; sie basiert zudem auf einer höchst zweifelhaften Nachkriegsaussage.8 Die
Truppe des Reichssicherheitshauptamtes wurde darauf am 29. Juli von Berlin
nach Athen überführt und stand dort seitdem auf Abruf zum Transfer nach
Afrika bereit. Deren Stärke lag bei sieben SS-Führern und 17 Unterführern
und Mannschaften; sie sollten zunächst in Ägypten und nach dessen Eroberung

4 OKW/WFSt/Qu.I an Dt.Gen.b.HQu.It.Wehrm. v. 13.7.1942, BA-MA, RW 5/690.


5 OKH/GenStdH/Gen.Qu. v. 28.4.1941, Regelung des Einsatzes der Sicherheitspolizei
und des SD im Verbände des Heeres, ebd., RH 22/155.
6 Ordensvorschlag HöSSPF Italien v. 25.2.1945, BAB, R 70 Italien/19; Summary brit.

Geheimdienst v. 23.10.1942, NARA, RG 226, entry 11.9A, box 25, folder 637.
7 In den la-, Ic- oder O.Qu.-Unterlagen der PzAA im BA-MA existiert allerdings kei­

nerlei Gesprächsnotiz dazu; eine Erklärung dafür dürfte in der unzweifelhaften Vorran­
gigkeit der Berichterstattung über die Kampfführung bei El Alamein liegen, angesichts
der eine Notiz über Rauffs Erscheinen in den Hintergrund rücken mußte; davon abge­
sehen sind aber auch wichtige Ic- u. O.Qu.-Akten der PzAA jener Tage verschollen, in
denen sehr wohl Hinweise auf das betreffende Gespräch gestanden haben mögen.
8 Breitman/Goda/Brown, S. 154.
Das Einsatzkommando bei der Panzerarmee Afrika 139

Abb. 8. SS-Obersturmbannführer Walther Rauff.

im angrenzenden Palästina zum Einsatz kommen und dort zweifellos in erster


Linie beim Massenmord an der jüdischen Bevölkerung aktiv werden.9
Anhand verschiedener Quellen läßt sich die Besetzung des gesamten Füh­
rerkorps dieses Kommandos exakt nachweisen. Der Befehlshaber, Walther
Rauff, wurde am 19. Juni 1906 im anhaltinischen Cöthen als Sohn eines Bank­
prokuristen geboren. In Magdeburg, wohin die Familie ein Jahr später zog,
besuchte er die Schule und legte 1924 das Abitur ab. Von den Eltern wurde er
nach eigener Aussage „in nationalem und soldatischem Sinne erzogen“. Diese
Vorprägung mag den späteren SS-Führer 1924 zum Eintritt in die Kriegsmari­
ne bewegt haben. Dort brachte es Rauff bis zum Kapitänleutnant und Kom­
mandanten eines Minensuchbootes, ehe er Ende 1937 wegen „Ehebruch“ auf
eigenen Wunsch aus der Marine ausschied. Einige Monate zuvor war er in die

9 Dt.Gen.b.HQu.It.Wehrm. an OKW/WFSt/Qu.I v. 14.9.1942, BAB, NS 19/3695.


140 Das Einsatzkommando bei der Panzerarmee Afrika

NSDAP eingetreten; im Januar 1938 folgte der Beitritt zur SS. Im April dieses
Jahres wurde Rauff ins SD-Hauptamt übernommen und war dort anfangs als
Referent für Mobilmachungsangelegenheiten tätig, wobei er zu prüfen hatte,
wer vom hauptamtlichen Personal im Kriegsfall unabkömmlich war.10
In dieser Funktion nahm Rauff nach dem deutschen Angriff auf Polen im
September 1939 an den Amtschefbesprechungen von Sicherheitspolizei und
SD unter der Leitung Heydrichs teil und fertigte im Anschluß die Protokolle
an. Über den in Polen seit Kriegsbeginn stattfindenden Massenmord war der
SS-Führer damit bestens informiert.11 Nach einem freiwilligen Intermezzo bei
der Marine 1940/41 als Kommandeur einer Minensuchflottille an der Kanalkü­
ste kehrte Rauff auf Anforderung Heydrichs wieder ins Reichssicherheits­
hauptamt zurück und wurde dort Leiter der Gruppen II D und VI F, die jeweils
für technische Angelegenheiten zuständig waren. Darüber hinaus folgte der
Obersturmbannführer seinem Dienstherrn nach Prag, als dieser zum stellver­
tretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren ernannt wurde. Rauff
hatte dort die Organisation des technischen Nachrichtenwesens der neuen
Dienststelle zu leiten. Welch großen Respekt er gegenüber seinem Chef emp­
fand, zeigt der Umstand, daß er sich mit „Kameraden“ in Prag nach eigener
Aussage darauf verständigte, Heydrich beim gemeinsamen Doppelkopf-Spiel
stets gewinnen zu lassen, weil dieser „nicht verlieren konnte“.12
Besonders durch seine Tätigkeit als Gruppenleiter II D avancierte Rauff zu
einem der zentral Verantwortlichen für die Massenvernichtung der Juden.
Denn er war zuständig für die technische Ausrüstung der Einsatzgruppen in
der Sowjetunion, beispielsweise mit Fahrzeugen oder Munition.13 Im Septem­
ber 1941 gab er Friedrich Pradel, dem Verantwortlichen für das Transportwe­
sen seiner Abteilung, dann die Anweisung, Kastenwagen so umzubauen, daß in
den geschlossenen Aufbauten Menschen durch die Einleitung von Fahrzeug­
abgasen getötet werden könnten. Bald darauf war ein erster Lkw entsprechend
konstruiert; Probevergasungen an sowjetischen Kriegsgefangenen aus dem
Konzentrationslager Sachsenhausen verliefen ,erfolgversprechend’. Damit
war die Entscheidung für den Bau weiterer Modelle gefallen. Bis in den Som­
mer 1942 wurden ungefähr 20 Gaswagen konstruiert, die in der Sowjetunion
sowie in Serbien beim Judenmord verwendet wurden.14 Im chilenischen Exil 30

10 Stammkarte, Lebenslauf, Personalber., ebd., SSO Walther Rauff; Vern. dess. v.

28.6.1972, BAL, B 162/3637, Bl. 76 f., 83 f.; knappe Würdigung in EdH, Bd. 3, S. 1195.
11 Vgl. die von Rauff abgezeichneten Besprechungsprotokolle, BAB, R 58/825; zu den

Massenverbrechen in Polen Mallmann/Musial.


12 Stammkarte, Lebenslauf, Personalber., BAB, SSO Walther Rauff; Vern. dess. v.

28.6.1972, BAL, B 162/3637, Bl. 77 f.


13 Ebd., Bl. 80-85.
14 Kogon/Langbein/Rückerl, S. 82-86; Beer, S. 403-417.
Das Einsatzkommando bei der Panzerarmee Afrika 141

Jahre später zu seiner Verantwortung für die Entwicklung der Mordgeräte be­
fragt, hatte Rauff noch immer eine Begründung parat, die mit ausschlaggebend
für seine damalige Initiative zur Rationalisierung des Massenmordes gewesen
sein dürfte: „Ob ich damals Bedenken gegen den Einsatz der Gaswagen hatte,
kann ich nicht sagen. Für mich stand damals im Vordergrund, daß die Erschie­
ßungen für die Männer, die damit befaßt waren, eine erhebliche Belastung
darstellten und daß diese Belastung durch den Einsatz der Gaswagen entfiel.“15
Offenbar waren es gerade seine Entscheidungskompetenz und die Vertrautheit
mit dem Prozeß der rationalisierten Vernichtung der Juden, die den findigen
Obersturmbannführer auch für den neuen Posten als Chef einer mobilen To­
desschwadron für den Nahen Osten prädestinierten.
Die übrigen Führungskader des Kommandos kamen aus ganz unterschiedli­
chen Teilbereichen des Reichssicherheitshauptamtes. So verpflichtete man als
Nahostexperten Sturmbannführer Beisner, den Leiter des Arabienreferates VI
C 13.16 Mit Obersturmführer Hans-Joachim Weise kam ein weiterer SS-Führer
zu Rauffs Truppe, der dem Themenkomplex Arabien schon vorher eng verbun­
den war. Zuletzt als Verbindungsoffizier des Reichssicherheitshauptamtes bei
el-Husseini tätig, erhielt er anfangs den Auftrag, für Rommels Panzerarmee ein
Einsatzkommando aufzustellen. Nach seiner eigenen Aussage kam die Anwei­
sung dazu von Sturmbannführer Dr. Heinz Gräfe, Gruppenleiter VI C im
Reichssicherheitshauptamt und damit dem Verantwortlichen für die Sowjet­
union, den Nahen und Fernen Osten. Kurze Zeit später mußte der designierte
Kommandoführer dann allerdings erfahren, daß die Befehlsgewalt letztlich
dem ranghöheren Rauff übertragen worden war. Weises Hauptaufgabe sollte
nunmehr in der Verbindungsaufnahme zu arabischen Kollaborateuren beste­
hen, die er verbindlich und in großer Zahl für die deutschen Interessen gewin­
nen sollte.17
Für den nachrichtendienstlichen Bereich innerhalb des Kommandos war
Sturmbannführer Franz Hoth zuständig. Er wurde im Oktober 1909 in Stettin
geboren und absolvierte dort eine kaufmännische Lehre, bevor er Mitarbeiter
einer Schiffsmaklerfirma in Brunsbüttelkoog wurde. Dort begann Hoth auch,
sich eifrig für die nationalsozialistische Sache zu betätigen; unter anderem war
er Mitbegründer der dortigen NSDAP-Ortsgruppe. Offiziell war der junge Ak­
tivist seit Dezember 1931 Parteimitglied. In die SA trat er im selben Jahr ein; im
April 1933 erfolgte sein Übertritt zur SS. Angeblich war es gerade sein Enga­
gement für die ,Bewegung‘, das ihn in Schwierigkeiten mit seinem Arbeitgeber

15 Vern. Walther Rauff v. 28.6.1972, BAL, B 162/3637, Bl. 87.


16 Dto. Wilhelm Beisner v. 4.11.1960, ebd., B 162/Vorl. AR 1650/67, Bl. 6 ff.; Verm.
Vern. dess. v. 5.9.1961, ebd., Bl. 17 f.
17 Vern. Hans-Joachim Weise v. 12.1.1965, ebd., B 162/16704.
142 Das Einsatzkommando bei der Panzerarmee Afrika

brachte. Unter allerlei Vorwänden will Hoth nach eigenen Angaben deswegen
noch im August 1933 entlassen worden sein. Nachdem er vorübergehend in
einer Fischkonservenfabrik in Kiel gearbeitet hatte, eröffnete sich ihm eine
neue Lebensperspektive, als er im Mai 1934 eine berufliche Tätigkeit im SD-
Hauptamt beginnen konnte.18 Anfangs als Referent in Berlin, seit April 1938
dann als Abteilungsleiter im Oberabschnitt Donau und seit März 1940 als Füh­
rer des SD-Abschnitts Bremen beschäftigt, wurde in Beurteilungen wiederholt
Hoths „besonders ausgeprägte soldatische Führernatur“, die nationalsozialisti­
sche Einstellung und sein organisatorisches Talent hervorgehoben.19 Wie die
meisten seiner Kollegen im Kommando Rauff absolvierte auch er 1941 einen
Kolonialkurs an der Führerschule der Sicherheitspolizei in Berlin-Charlotten­
burg, dem sich im selben Jahr ein Lehrgang an der italienischen Kolonialpoli­
zeischule in Tivoli anschloß. Nach dieser Ausbildung kam Hoth im Juli 1942
wohl nicht zuletzt auch wegen seiner Freundschaft mit Rauff zu dessen Ein­
heit.20
Als Führer der Exekutive war Obersturmführer Herbert Werth ausgewählt
worden. 1909 in Wolawapowska in der Provinz Posen geboren, studierte er
nach dem Abitur Rechts- und Staatswissenschaften in Berlin und Königsberg.
Bereits während dieser Zeit schloß sich Werth der NS-Bewegung an. Seit 1931
war er im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund aktiv; im August
1932 trat er in die NSDAP ein, im Oktober des folgenden Jahres in die SS. Nach
dem Studium begann er im Juni 1937 eine Tätigkeit als juristischer Berater der
Deutschen Arbeitsfront in Königsberg und wechselte ein Jahr später als Kom­
missaranwärter zur Stapo-Stelle Alienstein. Nach bestandener Prüfung wurde
Werth als Kriminalkommissar ins Amt IV des Reichssicherheitshauptamtes,
die Zentrale der Gestapo, versetzt, wo er bis zu seiner Kommandierung nach
Athen tätig war.21
Obersturmführer Kurt Loba war dafür vorgesehen, den administrativen Be­
reich abzudecken. In Stahnsdorf bei Berlin 1913 geboren, begann er 1930 ein
Arbeitsverhältnis bei der Polizeiverwaltung in Großbeeren und wechselte sie­
ben Jahre später in das Geheime Staatspolizeiamt nach Berlin. Der SS und der
NSDAP trat er 1933 wenige Wochen nach der Machtübertragung an Hitler bei.
Nachdem er im Frühjahr 1938 in die Abteilung II des SD-Hauptamtes versetzt
worden war, betätigte er sich dort und im späteren Reichssicherheitshauptamt

18 Stammkarte, Dienstlaufbahn, Lebenslauf, Personalber., BAB, SSO Franz Hoth; Le­

benslauf, ebd., RuSHA dess.; Ber. Vern. dess. v. 15.3.1946, BAL, B 162/Vorl. AR 1201/62.
19 Personalber., BAB, SSO dess.
20 Ber. Vern. dess. v. 15.3.1946, BAL, B 162/Vorl. AR 1201/62.
21 Lebenslauf, BAB, RuSHA Herbert Werth; Stammkarte, Beförderungsvorschlag,

ebd., SSO dess.


Das Einsatzkommando bei der Panzerarmee Afrika 143

als Verwaltungsführer. Nach seiner Bewerbung für den Kolonialdienst und


einem anschließenden Lehrgang an der Führerschule in Berlin-Charlottenburg
im Herbst 1940 forderte ihn deren Leiter für die Organisierung weiterer Kurse
und die Betreuung der Teilnehmer an. Von dort aus wurde der Verwaltungs­
fachmann Loba dem Kommando Rauff zugeteilt.22
Der siebte und letzte SS-Führer der Einheit, Untersturmführer Waldemar
Menge, war für das Nachrichtenwesen zuständig. Im August 1916 im thüringi­
schen Kirchheilingen geboren, wurde er nach kaufmännischer Lehre und
einem zweieinhalbjährigen Dienst in der Reichswehr im Oktober 1936 als Fun­
ker im SD-Hauptamt eingestellt. Gleichzeitig erfolgte sein Beitritt zur SS.
Nachdem Menge während des Krieges gegen Polen als Funker im Führer­
hauptquartier gearbeitet hatte, war er zwischen November 1939 und April 1940
Leiter der Funkstelle des Kommandeurs der Sicherheitspolizei in Warschau.
Anschließend wurde er in gleicher Funktion ins norwegische Tromsö versetzt,
bevor der Funkspezialist 1942 zu Rauff abgeordnet wurde.23 Auch Menge zeig­
te sich vom nationalsozialistischen Vernichtungsfeldzug gegen die Juden
höchst überzeugt. Im Anschluß an seine Kommandierung zum Einsatzkom­
mando Rauff als Nachrichtenführer ins weißrussische Minsk versetzt, zeigte
er sich angewidert vom Verhalten der SS-Helferin Lore K., die es gewagt hatte,
einen jüdischen Arzt im Bereich der Minsker Dienststelle zu grüßen. Im Zuge
einer Massenerschießung, bei der auch Menge anwesend war, wurde der Arzt
wenig später mit mehreren tausend Minsker Juden getötet. Der Untersturm­
führer äußerte im Anschluß an die Mordaktion gegenüber der SS-Helferin tri­
umphierend, jetzt könne sie den Mann nicht mehr grüßen. Bei gleicher Gele­
genheit berichtete er über einen anderen SS-Führer der Dienststelle, den
während der Erschießung offenbar einen Schwächeanfall ereilt hatte: „Der
Schlappschwanz ist zusammengeklappt, die feige Memme.“24
Gemeinsam war sämtlichen für das Einsatzkommando bestimmten SS-Füh­
rern die Herkunft aus derselben Alterskohorte. Abgesehen von Rauff, Hoth
und Werth wiesen alle anderen ein Geburtsjahr zwischen 1911 und 1916 auf,
waren also zum Zeitpunkt ihrer Abordnung nach Athen erst Ende 20 oder
Anfang 30 Jahre alt. Selbst der Kommandeur war gerade eben 36 geworden,
Hoth und Werth 32. Damit lag das Durchschnittsalter des Führerkorps eindeu­
tig unter dem der Einsatzgruppen in der Sowjetunion und unterschied sich

22 Stammkarte, ebd., SSO Kurt Loba; Lebenslauf, ebd., RuSHA dess.; Vern. dess. v.

27.10.1964, BAL, B 162/16690; dto. v. 1.12.1970, ebd., B 162/16660; Bewerbung dess. um


Verwendung in der Sicherheitspolizei und im SD für die Kolonien, BA-ZA, ZR 649/8.
23 Stammkarte, BAB, SSO Waldemar Menge; Lebenslauf, ebd., RuSHA dess.; Vern,

dess. v. 14.12.1961, BAL, B 162/1325, Bl. 429.


24 Dto. Lore Laura K. v. 17.8.1961, ebd., B 162/1683, Bl. 2025 f.
144 Das Einsatzkommando bei der Panzerarmee Afrika

noch deutlicher von der Altersstruktur der Führer der Einsatzgruppen in Po­
len.25 Abgesehen von ihrer relativen Jugendlichkeit fällt bei diesen SS-Offizie­
ren zudem ihre frühe Verankerung im Nationalsozialismus auf. Mit Beisner,
Weise, Hoth und Werth traten vier der sieben SS-Führer deutlich vor der
Machtübertragung an Hitler der NSDAP, SS oder SA bei und galten damit als
„alte Kämpfer“. Den absoluten Rekord in dieser Beziehung hielt Weise, der
sich bereits im Alter von 17 Jahren der Partei angeschlossen hatte. Bei den drei
übrigen SS-Führern, die erst nach dem Januar 1933 eine Mitgliedschaft in der
NSDAP oder einer ihrer Untergliederungen erwarben, fehlte es davor eben­
falls nicht an ideologischer Nähe zum Nationalsozialismus. Vielmehr dürfte
bei Rauff, Loba und Menge in erster Linie ihr Dienst in der Reichswehr bzw.
bei der Polizei der Hauptgrund für den offiziell erst später vollzogenen Beitritt
gewesen sein. Von Loba und Menge, den beiden jüngsten SS-Führern im Ein­
satzkommando, wurde dieser zudem noch im durchaus jugendlichen Alter von
jeweils 20 Jahren vollzogen.
Drei Männer des Führerkorps hatten zudem bereits vor ihrer Abordnung
nach Athen Erfahrungen im mobilen sicherheitspolizeilichen Zugriff gesam­
melt. Beisner hatte im April 1941 das Kommando Agram der Einsatzgruppe
Jugoslawien geleitet.26 Weise gehörte im März 1939 zum Personal eines der vier
Einsatzkommandos der Einsatzgruppe I, die anläßlich der endgültigen Zer­
schlagung der Tschechoslowakei in Prag einmarschierte.27 Mindestens ebenso
aktiv hatte sich Hoth gezeigt. Bereits beim Einmarsch ins Sudetenland im Sep­
tember 1938 und wenige Monate später bei der Besetzung der übrigen tsche­
chischen Landesteile war er Führer eines SD-Trupps gewesen. Ab September
1939 fungierte Hoth dann in Polen als Chef des SD-Kommandos der Einsatz­
gruppe I unter Bruno Streckenbach; anschließend leitete er für kurze Zeit die
für SD-Angelegenheiten zuständige Gruppe II beim Befehlshaber der Sicher­
heitspolizei und des SD im Generalgouvernement.28 Schließlich fällt auf, daß
sich mit Hoth, Weise, Loba und Werth mindestens vier SS-Führer des Kom­
mandos bereits 1940 bei der Sicherheitspolizei um einen Auslandseinsatz in
den Kolonien beworben hatten. Den im Rahmen dieser Zusatzausbildung
stattfindenden sechswöchigen Lehrgang an der Berliner Führerschule im Janu­
ar und Februar 1941 sowie den anschließenden Führerlehrgang an der italie­

25 Vgl. Mallmann, Türöffner, S. 437-463; ders., Menschenjagd, S. 291-316.


26 Vern. Wilhelm Beisner v. 4.11.1960, BAL, B 162/Vorl. AR 1650/67, Bl. 7; Rundbrief
RSHA IV Gst v. 16.5.1941, Einsatz der Sicherheitspolizei und des SD im ehern. Jugosla­
wien, BAB, R 58/241.
27 Lebenslauf Hans-Joachim Weise v. 24.7.1940, BA-ZA, ZR 358; Vern. dess. v.

12.1.1965, BAL, B 162/16704; zu den EK vgl. Mallmann, Menschenjagd, S. 294.


28 Lebenslauf, BA-ZA, ZR 559/13; Vern. Georg Schraepel v. 17.4.1964, BAL, B 162/

3622, Bl. 227.


Das Einsatzkommando bei der Panzerarmee Afrika 145

nischen Kolonialpolizeischule in Tivoli absolvierten Hoth und Weise sogar ge­


meinsam.29
Durch archivalische Zufallsfunde lassen sich neben der Charakterisierung
des Offizierskorps auch einige Aussagen zu den Mannschaften des Komman­
dos treffen. Friedrich Pohl, 1906 in Oberschlesien geboren, bewarb sich nach
der Mittleren Reife, einer abgebrochenen Lehre als technischer Zeichner und
fünfjähriger Arbeit im Bergbau 1927 für den Polizeidienst. Von 1928 bis 1936
war er bei der Bereitschaftspolizei zuerst in Beuthen und anschließend in Ber­
lin tätig. In der Hauptstadt gehörte Pohl im Juni 1932 zu den Mitgründern der
damals noch illegalen Nationalsozialistischen Beamten-Arbeitsgemeinschaft-
Fachschaft Schutzpolizei. Seit 1936 war er ins Gestapa abgeordnet und danach
ins Reichssicherheitshauptamt, wo er bis November 1941 im Innendienst be­
schäftigt war. Für eine Verwendung im Bereich Spionageabwehr kam er dann
zur Dienststelle des Kommandeurs der Sicherheitspolizei nach Warschau und
ab Januar 1942 zum Befehlshaber der Sicherheitspolizei nach Krakau. Die
nächste Versetzung im Juli sollte Pohl eigentlich über die Zwischenstation
Athen in den Nahen Osten bringen.30 Beinahe wäre auch Hauptscharführer
Christoph Schölling von der Stapo-Stelle Münster zum Kommando Rauff ge­
kommen. Bereits mit Marschbefehl dorthin versehen, hatte er die Aufgabe, als
Fahrdienstleiter eine Anzahl von Wagen für das Kommando von Italien aus
nach Afrika zu überführen. Der Konvoi konnte jedoch wegen der schwierigen
Transportlage nicht eingeschifft werden. Schölling erhielt darauf den Befehl,
die Fahrzeuge zurück nach Berlin zu begleiten.31 Ebenfalls aus der Reichs­
hauptstadt kamen vier weitere Mitglieder der Truppe: „Die dem Kommando
Ägypten zugeteilten Angehörigen der Staatspolizeileitstelle Berlin – KOA.
[Kriminaloberassistent] Hausding, KOA. Grunert, Krim.Angestellter Pillasch
und Krim.Angestellter Däumer – sind am 29.7.1942 in Marsch gesetzt wor­
den“, heißt es in einem Mitteilungsblatt jener Dienststelle.32
Abgesehen von Beisner und Weise bestanden Führer, Mannschaften und
Unterführer nicht aus ausgewiesenen Experten für die Erfordernisse im Nahen
Osten. Vielmehr wurden die Männer abhängig vom allgemeinen Bedarf des
mobilen Kommandos aus dem Personal des Reichssicherheitshauptamtes und

29 Bewerbung Franz Hoth um Verwendung in der Sicherheitspolizei und im SD für die

Kolonien, BA-ZA, ZR 559/13; dto. Hans-Joachim Weise, ebd., ZR 358; dto. Kurt Loba,
ebd., ZR 649/8; dto. Herbert Werth, ebd., ZR 735/10; zu dem ab dem 1.3.1941 abgehalte­
nen Lehrgang in Tivoli vgl. CdS/I B 1 an AA v. 28.1.1941, PAAA, R 99229.
30 Lebenslauf, BAB, RuSHA Friedrich Pohl; Vern. dess. v. 9.8.1967, BAL, B 162/8432,

Bl. 124ff.; dto. v. 14.7.1976, ebd., B 162/4409, Bl. 3074 ff.


31 Dto. Christoph Schölling v. 18.7.1984, ebd., B 162/Vorl. AR 209/80, Bl. 69.
32 Mitteilungsblatt für die Staatspolizeileitstelle Berlin Nr. 33 v. 14.8.1942, ebd., B 162/

Vorl. Dok.Slg. Verseh. Ct (0.179).


146 Das Einsatzkommando bei der Panzerarmee Afrika

seiner regionalen Dependancen abgestellt. Offiziell galt die Verwendung der in


Athen abmarschbereit liegenden Einheit als „Geheime Kommandosache“ und
unterlag damit umfangreichen Geheimhaltungsbemühungen. Die Truppe be­
saß aber immerhin einen derart öffentlichen Status, daß ihr bereits die vom
Heeresfeldpostmeister vergebene Feldpostnummer 02039 zugewiesen worden
war.33 Auf den ersten Blick kann deren Gesamtstärke von gerade einmal 24
Mann angesichts der Hauptaufgabe der Vernichtung des Jischuw in Palästina
durchaus erstaunen. Allerdings belegt die weitere Geschichte dieser Einheit,
daß sie während ihres Monate später erfolgten Einsatzes auf dem tunesischen
Kriegsschauplatz schon nach kurzer Zeit auf mehr als das Vierfache ihrer ur­
sprünglichen Stärke vergrößert wurde.34 Entsprechendes wäre auch bei der
Verwendung im Nahen Osten zu erwarten gewesen. Die ursprüngliche Beset­
zung des Kommandos Rauff wird folglich eher dem Charakter eines Vorkom­
mandos entsprochen haben, dessen wesentliche Verstärkung bereits vor Be­
ginn der eigentlichen Einsatzaufgaben ins Auge gefaßt worden sein dürfte.
Darüber hinaus zeigt das Beispiel der Einsatzgruppen im europäischen
Osten, daß der dort von den Deutschen in Gang gesetzte Massenmord vielfach
sehr bald ganz maßgeblich von einheimischen Kollaborateuren unterstützt wur­
de und fortan lediglich unter deutscher Anleitung reibungslos weiter realisiert
werden konnte.35 So ging ein wesentlicher Teil der bis Anfang Dezember 1941
vom Einsatzkommando 3 der Einsatzgruppe A ermordeten 137.346 litauischen
Juden auf das Konto des „Rollkommandos“ unter SS-Obersturmführer Joa­
chim Hamann. Eine solche Bilanz wäre allein durch dessen nur acht bis zehn
Mann zählende deutsche Truppe unmöglich zu realisieren gewesen. Hamann
stand aber umfangreiches Personal der litauischen Polizei zur Verfügung, das
wichtige Zuarbeiten leistete und sich häufig auch an den Erschießungen betei­
ligte.36 Dem Einsatzkommando 2 stellte sich mit Victor Arajs in Riga ein letti­
scher Nationalist und Antisemit zur Verfügung, dessen einheimische Hilfspoli­
zeitruppe schon bald die Ermordung eines großen Teils der lettischen Juden
übernahm.37 Nicht anders verhielt es sich mit den Kommandos der Einsatz­
gruppe D, die auf dem Weg bis an den Rand des Kaukasus Tausende einhei­
mischer Kollaborateure anwarben, die dann oft genug auch beim Judenmord
mitwirkten.38 Schließlich stand auch den Einsatzgruppen B und C in ihren rie­

33 Kannapin, S. 43.
34 KTB Pz.AOK 5/Ic v. 11.1.1943, BA-MA, RH 21-5/27; CdS/II C 1 an Chef RK v.
22.4.1943, BAB, R 58/860.
35 Zur einheimischen Kollaboration bei der Entfesselung von Pogromen in Kauen, Ri­

ga u. Lemberg Mallmann/Rieß/Pyta, S. 61-69, 79-84, 89-96.


36 Stang, S. 469-479; Scheffler, S. 35-38.
37 Ebd., S. 39.
38 Angrick, S. 468-484.
Das Einsatzkommando bei der Panzerarmee Afrika 147

sigen Einsatzgebieten laufend zusätzliches einheimisches Personal zu Ver­


fügung, das sich bei der Implementierung des Massenmordes als unentbehrlich
erwies.39
Die Kollaboration bei der Judenvernichtung hätte wohl nicht nur im deutsch
besetzten Europa reibungslos funktioniert. Wie sich schon seit langem in zahl­
reichen Stimmungsberichten andeutete, bot sich analog im Nahen Osten eine
unübersehbare und teilweise bereits wohlorganisierte Zahl von Arabern aus
der dortigen Bevölkerung als willige Helfershelfer der Deutschen an. Das
zentrale Betätigungsfeld von Rauffs Einsatzkommando, die Realisierung der
Shoah in Palästina, wäre mit Hilfe jener Kollaborateure unmittelbar nach Er­
scheinen der Panzerarmee Afrika schnell in die Tat umgesetzt worden.

39 Cüppers, Wegbereiter, S. 172 f., 198 ff.; Pohl, Einsatzgruppe, S. 72-80; ders., Hilfskräf­

te, S. 206-224.
9. Vor dem deutschen Einmarsch:
Der arabische Resonanzboden

Im Exil in Deutschland lebten mit el-Husseini, al-Gailani, el-Kawukschi und


deren jeweiligen Anhängern einflußreiche Kreise, die in der arabischen Welt
weiterhin großes Ansehen und Autorität besaßen. Deren gemeinsames Ziel
einer Vertreibung der Briten, der Errichtung eigener arabischer Großreiche
und der damit verbundenen Vernichtung des jüdischen Lebens in Palästina
schien im Sommer 1942 Wirklichkeit werden zu können. Folgerichtig verstärk­
ten sich während dieser entscheidenden Phase die exilarabischen Avancen an
die Achse, um die eigene Ausgangsituation zu verbessern und bei der dann
beginnenden ,Befreiung‘ Arabiens von Anfang an mit dabei sein zu können.
Seit Anfang Juli 1941 lebte im Berliner Exil auch Fauzi el-Kawukschi, der
sich in der deutschen Hauptstadt nach den gescheiterten antibritischen Revol­
ten im Irak und in Syrien erst einmal einen luxuriösen Lebenswandel gönnte,
um sich von den langen Jahren der Entbehrung im Untergrundkampf zu erho­
len. Ende Juli 1941 verfaßte er eine an General Felmy gerichtete Denkschrift
zu den Notwendigkeiten einer zukünftigen deutsch-arabischen Intervention im
Irak, mit der er beabsichtigte, sich als Bündnispartner der Deutschen weiter im
Gespräch zu halten. Neben ausschweifenden Erörterungen zur Geographie
und zur Kriegführung in der Wüste ließ er darin auch seinem Judenhaß freien
Lauf. Im Zusammenhang mit den von ihm als sinnvoll erachteten Propagan­
dainhalten hielt der Bandenführer besonders die „Darlegung der Rolle der
Juden und ihrer Intriguen [sic]“ für wichtig.1
Von verschiedenster Seite häufte sich dann im Sommer 1942 angesichts der
hoffnungsvollen militärischen Lage der Ruf nach Freiheit und Unabhängigkeit
für die arabischen Länder. Bei der Deutschen Botschaft in Genf meldete sich
der frühere ägyptische Minister Mourad Sid Ahmed Pascha, dem aufgrund
seiner achsenfreundlichen Haltung bislang eine Rückkehr in sein Heimatland
verwehrt gewesen war. In der festen Überzeugung der ,Befreiung‘ Ägyptens
durch Deutsche und Italiener bot er seine Mithilfe an und signalisierte die
Bereitschaft, für weitere Besprechungen nach Berlin zu reisen.2 Zu gleicher
Zeit trugen in Istanbul namhafte arabische Nationalisten, die sich im dortigen

1 Denkschr. el-Kawukschi (undat./Juli 1941), BA-MA, RW 4/v.252.


2 DK Genf an AA v. 1.7.1942, PAAA, BA 61124.
150 Vor dem deutschen Einmarsch: Der arabische Resonanzboden

Exil zusammengefunden hatten, Gesandtschaftsrat Granow den Wunsch nach


vollständiger Unabhängigkeit insbesondere des Irak, Syriens, des Libanon,
Transjordaniens, Palästinas und der arabischen Emirate vor. Im Rahmen einer
öffentlichen Erklärung sollte eine derartige Zusicherung durch die Achsen­
mächte garantiert werden. El-Husseini und al-Gailani wurden darüber hinaus
von den Nationalistenführern „gebeten“, sich für den sofortigen Einsatz des
„Arabischen Freiheitskorps“ bei der Panzerarmee Afrika in Ägypten und der
daran anschließenden arabischen Region einzusetzen, „damit Arabern Gele­
genheit gegeben wird, Befreiung ihrer Länder von englischem Joch mit eigenem
Blut zu erkämpfen“.3 Die Betonung dieses Willens, über Ägypten hinaus für
„Befreiung“ und für die Vertreibung der Briten zu kämpfen, implizierte natür­
lich auch deren Bereitschaft zur Beseitigung jüdischen Lebens in Palästina.
Der Appell an den Mufti und al-Gailani wegen des Einsatzes der arabischen
Freiwilligen war durchaus an die richtigen Adressaten gerichtet. Tatsächlich
sollte eines der wichtigen Tätigkeitsfelder der beiden in der Rekrutierung von
Arabern für die Deutsch-Arabische Lehrabteilung bestehen. Die im Rahmen
des „Sonderstabes F“ aufgestellte Truppe war einerseits als veritables Pro­
pagandainstrument der Achse für eine Förderung arabischer Kollaboration ge­
dacht und sollte andererseits später einmal ganz praktisch den Stamm für zu­
künftige arabische Armeen von deutschen Gnaden bilden. Ähnlich wie das
Kommando Rauff wartete der Verband arabischer Kollaborateure im Sommer
1942 auf dem griechischen Festland bei Kap Sunion auf seinen Einsatz.4 Hin­
sichtlich dessen propagandistischer Wirkung bei Erreichen arabischen Territo­
riums existierten sowohl auf deutscher wie auf arabischer Seite reichlich hoch­
gesteckte Erwartungen. Noch im Januar 1942 hatten der Mufti und al-Gailani
im Rahmen einer Unterredung mit General Felmy vorgerechnet, in welchem
Umfang eine bewaffnete arabische Kollaboration bei Erscheinen der Achsen­
truppen ausfallen würde. Nach den Aufzeichnungen Grobbas von dem Treffen
setzten beide detailliert auseinander, „daß nahezu die gesamte irakische Ar­
mee in einer Stärke von etwa 3 Divisionen sich den deutschen Truppen beim
Betreten des arabischen Raumes anschließen wird, daß aus dem Raume Groß­
syriens Freiwillige in Kopfzahl von weiteren ein bis zwei Divisionen sich mel­
den und daß Stammesleute in Zahl von vielleicht mehreren Zehntausend sich
zur Zusammenarbeit mit den deutschen Truppen bereiterklären werden“.5

3 Granow/AA an AA v. 1.7.1942, ebd., R 27332; dto. v. 4.7.1942, ebd.; Übers. Erkl. arab.

Nationalistenführer (undat./2. Juli 1942), ebd.; zur Reaktion des Mufti Aufz. Woermann/
AAv. 18.7.1942, ebd.
4 Dienstanweisung OKW/WFSt/Abt.L v. 21.6.1941, BA-MA, RW 4/v.538; Ber. Kdr.

Sonderstab F v. 15.8.1942, PAAA, R 27325; Tillmann, S. 354 ff.


5 Aufz. Grobba/AA v. 5.1.1942, BA-MA, RW 4/v.691.
Vor dem deutschen Einmarsch: Der arabische Resonanzboden 151

Die Realität stellte sich indessen deutlich bescheidener dar. Schon die Auf­
stellung der arabischen Kollaborationseinheiten im Verband des „Sondersta­
bes F“ blieb weit hinter den phantastischen Kalkulationen zurück. Anfang
März 1942 mußten die Militärs dem Auswärtigen Amt berichten, die Ausbil­
dung der Araber entwickle keineswegs die erhoffte Ausstrahlungskraft. Viel­
mehr hätten Freiwillige zuletzt vermehrt um Entlassung gebeten, um in
Deutschland studieren zu können. Daher wurde seitens der Wehrmacht drin­
gend geraten, die bislang mit deutscher finanzieller Hilfe bestehenden Studien­
möglichkeiten schleunigst zu beschneiden. Außerdem müsse unbedingt stärker
auf al-Gailani und den Mufti eingewirkt werden, um die Araber zukünftig bes­
ser „bei der Stange zu halten“.6
Nach über einem halben Jahr ihrer Existenz wies die Deutsch-Arabische
Lehrabteilung im August 1942 eine Stärke von lediglich 243 Arabern auf.
24 Männer kamen aus dem Irak, 112 waren Syrer oder Palästinenser und 107
entstammten nordwestafrikanischen Ländern.7 Angesichts dieses Ergebnisses
beklagte sich Felmy darüber, daß sich al-Gailani kaum an der Rekrutierung
von Arabern beteilige; vielmehr verlange der frühere irakische Ministerprä­
sident als Vorbedingung für eigene Initiativen ein Militärabkommen mit der
Achse. Sowohl al-Gailani als auch der Mufti forderten außerdem von vornher­
ein eine ausschließlich arabische Truppe mit rein arabischem Offizierskorps -
ein Ansinnen, das vom Oberkommando der Wehrmacht strikt abgelehnt wur­
de. Im Gegensatz zu seinem Gegenspieler ließ der Mufti aber immerhin seine
Mithilfe bei der Aufstellung der Truppe erkennen. Letztlich vermochte er
jedoch auch nur einen recht bescheidenden Beitrag zur Vergrößerung des Ver­
bandes zu leisten. Immerhin konnte aber durch seine Initiative und in Zusam­
menarbeit mit dem Oberkommando der Wehrmacht eine Kompanie ehemali­
ger arabischer Kriegsgefangener aufgestellt werden, die über einen längeren
Zeitraum den einzigen Verband von Muslimen innerhalb des „Sonderstabes
F“ bildete.8 Angesichts dieser geringen Erfolge machte Felmy auf die Gefahr
aufmerksam, daß Deutschland dadurch ein Ansehensverlust in der arabischen
Welt drohen könnte. Außerdem warnte der General vor einem generellen
Scheitern der arabischen Freiwilligentruppe, das durch den Konflikt zwischen
dem Mufti und al-Gailani ausgelöst werden könnte.9
Die auch im Zusammenhang mit der Deutsch-Arabischen Lehrabteilung
von Seiten der Wehrmacht geäußerte Kritik am zögerlichen Engagement al-
Gailanis unterstrich einmal mehr, daß der Mufti unter den arabischen Exilan­

6 OKW/Abw/Abt. Ausl an AA v. 6.3.1942, PAAA, BA 61123.


7 Stellungnahme Kdr. Sonderstab F (undat./Mitte August 1942), ebd., BA 61124.
8 Ber. dess. v. 15.8.1942, ebd.
9 Ebd.; Stellungnahme dess. (undat./Mitte August 1942), ebd.
152 Vor dem deutschen Einmarsch: Der arabische Resonanzboden

ten nach wie vor die wichtigste Persönlichkeit darstellte. Unermüdlich versuch­
te er sich an einer Festigung des deutsch-arabischen Bündnisses, das als uner­
läßlichen Kernpunkt die ‚Beseitigung‘ des Jischuw vorsah. Dabei beließ er es
aber auch in seinem deutschen Exil nicht allein bei antisemitischen Hetztira­
den, sondern verfolgte weiterhin ganz praktisch die Vision der Vernichtung des
Judentums und der gleichzeitigen Schaffung eines panarabischen Reiches un­
ter seiner Führung, gipfelnd in einem neu zu errichtenden Kalifat. Eifrig darum
bemüht, seine angestrebte Machtposition in der arabischen Welt von den Ach­
senmächten anerkennen zu lassen und sie gegenüber möglicher Konkurrenz
abzusichern, erzielte der Mufti zumindest in Deutschland ansehnliche Erfolge.
Nachdem Grobba den Palästinenser schon im Februar 1942 als Staatschef eines
zukünftigen Großssyrien vorgeschlagen hatte, während al-Gailani als Regie­
rungschef im Irak vorgesehen war, scheint dann spätestens im Mai auch Rib­
bentrop den Anspruch el-Husseinis auf eine Führungsrolle in Palästina und
Syrien weitgehend anerkannt zu haben.10
Schon kurz vor der Wiederaufnahme der erfolgreichen Offensive Rommels
Richtung Ägypten meldete sich der Mufti über Radio Bari zu Wort und rief in
einer Sendung vom 10. Mai die arabische Welt erneut zum Djihad gegen den
Westen auf.11 Neben derartigen Aktivitäten für einen militärischen Sieg der
Achse leitete el-Husseini offenbar aber auch ganz konkrete Schritte zur Ver­
nichtung der Juden Palästinas ein. In diesem Zusammenhang ist eine direkte
Kommunikation des Mufti mit dem Judenreferat des Reichssicherheitshaupt­
amtes nachweisbar. Kurze Zeit nach seinem ersten Zusammentreffen mit
Himmler stattete el-Husseini dem Referatsleiter IV B 4, Obersturmbannführer
Adolf Eichmann, einen Besuch ab. Bei dieser Gelegenheit – der Besuch muß
Ende 1941 oder Anfang 1942 stattgefunden haben – vermittelte Eichmann sei­
nem höchst beeindruckten Zuhörer anhand zahlreicher Statistiken und Karten
einen intensiven Einblick in den Stand der „Lösung der europäischen Juden­
frage“ durch das Dritte Reich. Der Mufti seinerseits teilte ihm mit, er habe
bereits eine Zusage Himmlers erhalten, daß nach dem Sieg der Achsenmächte
einer der Judenberater aus Eichmanns Referat mit ihm nach Jerusalem kom­
men solle, um die dort virulenten Fragen praktisch anzugehen. Eichmann, der
vom Mufti offenbar sehr eingenommen war, traf ihn in der Folge noch mehrere
Male.12 Grundsätzliche, die „Judenfrage“ in Palästina betreffende Fragen
scheinen jedoch schon beim ersten Zusammentreffen der beiden geklärt wor­

10 Aufz. Grobba/AA v. 7.2.1942, ebd., R 27332; dto. v. 30.5.1942, ebd., BA 61124.


11 Schechtman, S. 126.
12 Vern. Dieter Wisliceny v. 26.7.1946, YVA, TR 3/129; zu Wisliceny Michman, Täter­

aussagen; Arendt, S. 37, hingegen gibt Eichmanns Schutzbehauptung wieder, er sei dem
Mufti lediglich einmal bei einem offiziellen Empfang vorgestellt worden.
Vor dem deutschen Einmarsch: Der arabische Resonanzboden 153

den zu sein. Denn in der Folge wandte sich el-Husseini bezüglich praktischer
Präzisierungen direkt an Eichmanns zuständigen Mitarbeiter. Mindestens eine
Unterredung des Mufti mit Sturmbannführer Friedrich Suhr, dem Leiter von
IV B 4 b („Judenangelegenheiten“), wurde für die erste Hälfte des Jahres 1942
von dessen Sekretärin bezeugt.13
Im selben Jahr nahmen Mitarbeiter el-Husseinis und al-Gailanis auf deren
Veranlassung zudem an Schulungskursen des SD teil. Nach Angaben Weises
besichtigten drei Begleiter des einstigen irakischen Ministerpräsidenten und
ein Vertrauter des Mufti in diesem Zusammenhang im Juli auch das Konzen­
trationslager Sachsenhausen bei Berlin.14 Ursprünglich hatte sogar al-Gailani
den Wunsch geäußert, an der Besichtigung persönlich teilzunehmen, da er
„prüfen wolle, ob er Einrichtungen eines solchen Konzentrationslagers als Mu­
ster für entsprechende Anlagen im Irak verwenden könne“.15 Während letzt­
lich weder al-Gailani noch der Mufti an der Visite teilnahmen, zeigten sich
deren Vertraute bei der zweistündigen Führung durch den Lagerkommandan­
ten äußerst interessiert. Wie Weise, der bald darauf mit dem Einsatzkommando
Rauff nach Athen abgereist sein muß, feststellte, hätten die Araber an den
Juden in Sachsenhausen ganz besonderes Interesse gezeigt.16
Um Kontakte mit dem weitgespannten Imperium der SS waren aber längst
nicht nur die arabischen Exilanten um el-Husseini und al-Gailani bemüht.
Selbst indische Nationalistenkreise bewiesen in dieser Beziehung ein gesteiger­
tes Interesse. Einer ihrer Anführer, Subhas Chandra Bose, lebte seit dem Früh­
jahr 1941 ebenfalls im Berliner Exil. Für Himmlers SS-Apparat hegte er offen­
bar große Bewunderung. So bat Bose diesen bei einem Treffen im Juli 1942 um
eine „besondere SS-Ausbildung“ für eine Anzahl von Indern aus der in
Deutschland aufgestellten „Indischen Legion“.17 Dem Wunsch wurde bald ent­
sprochen. Seit Februar des Folgejahres wurden indische Soldaten im Rahmen
eines Lehrgangs beim Reichssicherheitshauptamt geschult. Um Effizienz be­
müht, hatte Himmler dazu eigens noch die Anweisung gegeben, „die Leute
weniger SS-mäßig aus[zu]bilden als polizeilich“.18
Ende Juni 1942 muß dann die Einnahme Tobruks sowohl für das Reichs­
sicherheitshauptamt als auch für el-Husseini als Startsignal für die Konkretisie­

13 Vern. Margaretha Reichert v. 17.10.1967, BAL, B 162/4172, Bl. 296; vgl. Ernennungs­

vorschlag RMI v. 8.4.1944, BA-ZA, ZR 37; Ordensvorschlag HSSPF Frankreich v.


21.10.1944, BAB, SSO Friedrich Suhr; Lozowick, S. 121 f.
14 Aufz. Grobba/AA v. 17.7.1942, PAAA, R 100702.
15 Dto. v. 26.6.1942, ebd.
16 Dto. v. 17.7.1942, ebd.
17 Von Trott zu Solz/AA an Pers. Stab RFSS v. 21.8.1942, BAB, NS 19/103; Keppler/AA

an RFSS v. 16.2.1943, BAB, NS 19/3769; Kuhlmann, S. 262.


18 RFSS an Keppler/AA v. 24.2.1943, BAB, NS 19/3769.
154 Vor dem deutschen Einmarsch: Der arabische Resonanzboden

rung des Vernichtungsvorhabens gegen jüdisches Leben im Nahen Osten ge­


wirkt haben. Während in Berlin das Einsatzkommando für die Panzerarmee
Afrika aufgestellt und vorerst in Wartestellung nach Athen entsandt wurde,
intensivierte der Mufti seine Aktivitäten zur ,Befreiung‘ Palästinas. Er bot an,
nach Ägypten zu reisen und vor Ort propagandistisch tätig zu sein, um die
arabische Kollaboration voranzutreiben.19 In diesem Zusammenhang forderte
er auch die Entsendung der Deutsch-Arabischen Lehrabteilung nach Ägyp­
ten.20 Gegenüber Ettel regte el-Husseini am 27. Juni außerdem an, seitens der
Achse nunmehr eine öffentliche Erklärung zu verfassen, in der Ägypten die
Unabhängigkeit versprochen wird. Nach seiner Ansicht würde ein derartiges
Signal „im ägyptischen Volk den stärksten Widerhall finden und zum offenen
Widerstand gegen die Engländer führen“.21 Diese Anregung des Mufti wurde
umgehend in die Tat umgesetzt. Deutsche und Italiener verbreiteten schon am
3. Juli einen derartigen Text. Darin hieß es: „In dem Augenblick, in dem ihre
Streitkräfte auf ägyptischem Territorium siegreich vorwärtsdringen, bekräfti­
gen die Achsenmächte feierlich ihre feste Absicht, die Unabhängigkeit Ägyp­
tens und die Souveränität Ägyptens zu achten und sicherzustellen. Die Streit­
kräfte der Achse betreten Ägypten nicht als Feindesland, sondern mit dem
Ziel, die Engländer aus dem ägyptischen Territorium zu vertreiben und die
militärischen Operationen gegen England fortzusetzen, die den Nahen Orient
von der britischen Herrschaft befreien sollen.“22
Flankierend zu dieser Erklärung verkündete der Mufti in einer am 6. Juli an
die deutsche Presse verteilten Stellungnahme, welche Begeisterung die
deutsch-italienischen Siege in Ägypten auf arabischer Seite hervorriefen, „weil
sie im Kampf gegen die gemeinsamen Feinde, England und das Judentum so­
wie die Gefahr des Bolschewismus errungen wurden“. Die Erfolge Rommels
hätten, so der Mufti, große Auswirkungen auf den Kriegsausgang, „denn der
Verlust des Niltals und des Suezkanals sowie der Zusammenbruch der Seevor­
herrschaft im Mittelmeer und im Roten Meer bringt Englands Niederlage in
diesem Krieg näher und bedeutet den Anfang vom Ende des britischen Em­
pire“. Darüber hinaus versuchte el-Husseini der Nähe zwischen der Achse und
der arabischen Welt in der gemeinsamen Auseinandersetzung gegen die „ver­
einigte Macht Englands und des Judentums“ Ausdruck zu verleihen: „Die ara­
bische Nation, welche ebenso wie die Achsenmächte unter dem Gewaltfrieden
von Versailles gelitten hat, und welche die Bewunderung der Achsenmächte

19 Entw. Mufti an Duce v. 13.9.1942, PAAA, R 27324.


20 Aufz. Ettel/AA v. 22.8.1942, ebd.; Denkschr. Mufti an Chef OKW v. 30.8.1942, ebd.,
R 27828.
21 Aufz. Ettel/AA v. 27.6.1942, ebd., R 27326.
22 Erklärung Reichsregierung und it. Regierung v. 3.7.1942, ebd., BA 61124.
Vor dem deutschen Einmarsch: Der arabische Resonanzboden 155

während ihres Kampfes um die Freiheit gewonnen hat, sieht in den in Ägypten
vordringenden Achsenstreitkräften Verbündete, die ihr helfen, ihre Ketten ab­
zuwerfen und sich von ihren Feinden zu befreien. Ich bin gewiß, daß Ägypten
und alle übrigen arabischen Länder im Nahen Orient ihr nationales Ziel völ­
liger Freiheit und Souveränität erreichen.“23
Schon vorher hatte el-Husseini eine konkrete Intervention in Ägypten ange­
boten. Ettel notierte über dessen Vorschläge am 27. Juni: „Im Laufe des Ge­
sprächs mit dem Großmufti am 27.6. regte er an, ob es nicht nunmehr an der
Zeit sei, ägyptische Nationalisten auf dem Wege über die Front in Ägypten
durch die englischen Linien nach dem Innern des Landes zu schleusen mit
dem Auftrage, englandfeindliche Propaganda und auch Sabotageakte durch­
zuführen. Der Großmufti glaubt, geeignete Leute hierfür an der Hand zu
haben.“24 Seine Taktik, um die britische Position im Nahen Osten zu destabili­
sieren und die Region auf den deutschen Einmarsch vorzubereiten, umriß el-
Husseini selbst folgendermaßen: „Aufstellung von bandenartigen arabischen
Kräften und ihre Ausrüstung, die nach Ägypten und den anderen arabischen
Ländern in Marsch gesetzt werden, um den Feind durch Zerstörung von Stra­
ßen, Brücken und überhaupt von Verbindungsmöglichkeiten [zu] stören und
im Innern des Landes Aufstände [zu] entfalten. [...] Die Aufstellung von ara­
bischen regulären militärischen Einheiten, die Schulter an Schulter mit den
Achsentruppen zusammenwirken. Diese Einheiten werden eine moralische gu­
te Wirkung in den arabischen Ländern hervorrufen und werden die Freiwil­
ligen in der britischen Armee an sich reißen. [...] Die Verschickung von Waffen
und Munition nach Ägypten hinter der [sic] Feindeslinien und dann nach Palä­
stina, Syrien und dem Irak zur Vorbereitung von Aufständen und zur Störung
des Feindes.“25
Die praktische Umsetzung solcher Pläne zur Entfachung bewaffneter Revol­
ten in der arabischen Welt beim Herannahen der Achsentruppen erschien zum
damaligen Zeitpunkt vollkommen realistisch. Allein die zahlreichen Berichte
von Reisenden, Informanten und V-Männern über die dortige Stimmungslage
vermitteln ein vielsagendes Bild über die breite Zustimmung zum nationalso­
zialistischen Deutschland und seinem „Führer“. So reichte ein wissenschaftli­
cher Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes und Kenner der arabischen Welt im
Herbst 1942 eine Expertise ein, in der er in Bezug auf das Verhältnis der Ara­
ber zum Dritten Reich hervorhob: „Oft werden zwischen deutscher und ara­
bischer Geschichte Parallelen gezogen und die deutsche Einigung als Vorbild

23 Presseerkl. Mufti v. 6.7.1942, ebd., R 27332.


24 Aufz. Ettel/AA v. 27.6.1942, ebd., R 27326.
25 Dto. v. 29.8.1942, ebd., R 27325; vgl. KTB Ausl/Abw II v. 13.7.1942, BA-MA, RW 5/
498.
156 Vor dem deutschen Einmarsch: Der arabische Resonanzboden

für eine erhoffte arabische Einigung herangezogen. In deutsche Versprechun­


gen wird unbedingtes Zutrauen gesetzt, und die verschiedentlich von deut­
schen führenden Männern einschließlich des Führers selbst geäußerten Anteil­
nahmen an der gegenwärtigen Geschichte des arabischen Volkes haben die
Sympathie dem deutschen Volke gegenüber sehr vermehrt.“ Zu konkreten Ge­
meinsamkeiten schrieb er außerdem: „Der Kampf gegen den Zionismus und
damit gegen das Judentum ist ein Unternehmen, das von jedem Araber gebil­
ligt und je nach Veranlagung unterstützt wird. Im Judentum sieht man den
Erbfeind.“26
Der als zuverlässig eingestufte V-Mann „Alexander“ teilte im Juni 1942 mit,
in Syrien sei die per Flugzeug abgeworfene Flugblattpropaganda weit wir­
kungsvoller als die Bombardierungen durch die Achse. Solche Flugzettel wür­
den „eifrigst gesammelt“ und wie „Reliquien“ aufbewahrt. Die Menschen im
Land wünschten ausdrücklich Flugblätter, die von el-Husseini persönlich Ge­
schriebenes enthielten, „da die Worte des Mufti bei der Bevölkerung einen
stärkeren Widerhall haben“.27 Im darauffolgenden Monat berichtete der deut­
sche Vizekonsul im türkischen Iskenderun zur Lage in Syrien: „Die Empfäng­
lichkeit der Araber für die Propaganda der Achse nimmt ständig zu.“28 Ent­
sprechend listete ein deutsches militärisches Handbuch bezüglich des
politischen Lebens in Syrien fast ausschließlich pro-deutsche Parteien und
Fraktionen auf, die sich einem Erscheinen der Wehrmacht keinesfalls widerset­
zen, sondern vielmehr kollaborieren würden.29 Bezüglich des Irak fertigte der
britische Geheimdienst im gleichen Jahr eine Lageeinschätzung an, die zu dem
Schluß kam, allein 95 Prozent der dortigen Bevölkerung seien ebenfalls ein­
deutig positiv gegenüber Deutschland eingestellt.30
Unbestreitbar existierte auf arabischer Seite als Reaktion auf die erfolgrei­
che Offensive Rommels seit Frühjahr 1942 die konkrete Erwartung, daß die
Deutschen in naher Zukunft in der Region einmarschieren würden. Damit wa­
ren weitere Hoffnungen verbunden. In zahlreichen Ländern der arabischen
Welt kam es zu Sympathiebekundungen gegenüber dem Nationalsozialismus,
und viele adaptierten dort dessen Symbolik. Ein Informant, der das Land noch
im April bereist hatte, berichtete aus Ägypten, dort habe ein völliger Stim­
mungswechsel zugunsten der Deutschen stattgefunden. Die Mehrheit der Be­
völkerung sei nunmehr zum ersten Mal eindeutig achsenfreundlich orientiert;
demonstrativ würden sich die Menschen auf den Straßen mit den Worten „Heil

26 Aufz. Steffen/AA v. 6.11.1942, PAAA, BA 61124.


27 Wiedergabe Ber. V-Mann „Alexander“ v. 19.6.1942, BA-MA, RH 2/1789.
28 Ber. DVK Syrien v. 24.7.1942, ebd., RH 2/1790.
29 Kimche, Pillars, S. 36.
30 Simon, S. 34.
Vor dem deutschen Einmarsch: Der arabische Resonanzboden 157

Rommel“ grüßen. Aus den Hauptstädten Syriens und des Libanon meldete die
gleiche Quelle, dort seien nachts Maueranschläge mit der Aufschrift „Hitler,
der Nachfolger Alis“ aufgetaucht.31
Über die Atmosphäre im dortigen öffentlichen Leben berichtete ein
V-Mann Mitte August ausführlicher: „Die deutschfreundliche Stimmung unter
den muslimischen Arabern besteht nach wie vor. Allgemein wird der Wunsch
ausgesprochen, die Deutschen möchten kommen und das Land von den Besat­
zungsmächten und von seiner Not befreien. Um in der Öffentlichkeit von Hit­
ler sprechen zu können, bedienen sich die Araber einer Reihe von Pseudony­
men; der neueste Deckname für Hitler ist ,Haddsch Numur‘* – ,der Tiger‘.
Siegeswünsche auf Hitler dienen häufig als Begrüßungsformel.“32 Wie sicher
man sich mitunter bereits der ,Befreiung‘ durch die Achse war, zeigt ein Bei­
spiel aus einem Beiruter Gerichtssaal. Als dort ein arabischer Anwalt seine
Verteidigungsrede auf Französisch hielt und darauf der Antrag gestellt wurde,
diese in Arabisch zu wiederholen, regte der Vorsitzende Richter an, die Sache
einfach auf sich beruhen zu lassen. Die bemerkenswerte Begründung des Man­
nes lautete, „in 3 Monaten werde der Anwalt von selbst nur mehr arabisch
plädieren“.33
In Palästina schien die Begeisterung für den Nationalsozialismus und die
Freude über das Vordringen Rommels ebenfalls ungebrochen. Verbreitet grüß­
te man sich auf den Straßen mit einem „Heil Hitler“,34 und in einem Bericht
Schellenbergs zur dortigen Lage heißt es: „Die außergewöhnlich deutsch­
freundliche Stimmung der Araber ist im wesentlichen darauf zurückzuführen,
daß man hofft, ,daß Hitler kommen möge*, um die Juden zu vertreiben. Der
Generalfeldmarschall Rommel ist zu einer legendären Persönlichkeit gewor­
den. So kommt es, daß alle Araber heute den Einmarsch der Deutschen erseh­
nen und immer wieder fragen, wann die Deutschen denn kämen und geradezu
unglücklich darüber sind, daß sie keine Waffen haben.“ Des weiteren konnte
der Chef des SD-Auslandsgeheimdienstes hinsichtlich der Wirkung der deut­
schen Radiopropaganda berichten: „Die Araber glauben fest an einen deut­
schen Sieg. Der deutsche Kurzwellensender wird zwar nur von wenigen gehört,
das Gehörte aber – in orientalischer Weise übertrieben und so ausgeschmückt,
daß der Text kaum noch wiederzuerkennen ist – spricht sich schnell unter den
Arabern herum.“35
Wie derartige Beispiele zeigen, bestand das wesentliche Bindeglied zwischen

31 Ber. Zweigstelle Vichy v. 27.4.1942, PAAA, R 29533.


32 Ber. V-Mann „Antonius“ v. 13.8.1942, BA-MA, RH 2/1790.
33 Presse-Nachrichtendienst DG Istanbul v. 28.7.1942, ebd.
34 Arnoni, S. 3.
35 CdS/VI C 13 an AA v. 21.12.1942, BAB, NS 19/186.
158 Vor dem deutschen Einmarsch: Der arabische Resonanzboden

Nationalsozialismus und der arabischen Sache, abgesehen von der weitverbrei-


teten Begeisterung für die Person Hitlers, im Antisemitismus. Dazu berichtete
ein V-Mann im Sommer 1942: „England stehe im Nahen Osten am Vorabend
einer Niederlage, die sich von Khartum bis zum Irak erstrecken wird. Die Eng­
länder haben es fertiggebracht, sich im ganzen Nahen Osten verhaßt zu ma­
chen, besonders wegen ihres Bündnisses mit den Juden.“36 Und Ettel, nach
seiner Ausweisung aus dem Iran Nahostexperte im Auswärtigen Amt, notierte
im selben Jahr: „Die arabische Frage ist unlöslich mit der Judenfrage verbun­
den. Die Juden sind der Todfeind der Araber, wie sie auch der Todfeind der
Deutschen sind. Wer sich in Deutschland mit arabischer Politik befaßt, muß ein
überzeugter und kompromißloser Feind der Juden sein.“37 Speziell vermerkte
er zur Situation im Iran, auch dort habe eine antijüdisch ausgerichtete Pro­
paganda beste Erfolgsaussichten. Dazu notierte Goebbels noch am 10. Mai
1943 in seinem Tagebuch, Hitler habe sich zufrieden mit der antisemitischen
Hetze gezeigt, die mitunter 70 bis 80 Prozent der deutschen Rundfunksendun­
gen ins Ausland ausmache.38
In verschiedenen arabischen Ländern verstärkten sich gerade während des
deutschen Vordringens im Verlauf des Frühjahrs und Sommers 1942 die Anzei­
chen für beständig zunehmende Ressentiments gegenüber den Juden. Die
deutsche Seite mußte in diesem Zusammenhang längst nicht mehr nur darauf
hoffen, daß die eigene antisemitische Propaganda mit dem Herannahen der
Wehrmacht an die antijüdischen Einstellungen im arabischen Raum andocken
würde und damit Gemeinsamkeiten herzustellen seien, die dann praktisch ge­
gen die Juden und gegen die militärische Position Englands gerichtet werden
könnten. Vielmehr existierten während jener Wochen und Monate bereits
deutliche Anzeichen für eine viel weitergehende, sich immer konkreter ab­
zeichnende eigenständige Aufstandsbewegung, die im Begriff war, den gesam­
ten Nahen und Mittleren Ostens zu erfassen.
Zur Situation in Ägypten wies ein Informant des Auswärtigen Amtes im Juli
darauf hin, daß die als achsenfreundlich geltenden Streitkräfte vorsichtshalber
von den Engländern entwaffnet worden seien. Allerdings sei damit die Gefahr
noch längst nicht gebannt, denn: „Auch die waffenlose ägyptische Armee be­
deute für die Engländer eine Bedrohung, die ihnen sehr unangenehm sei. Die
Engländer wüßten, daß sich die ägyptischen Soldaten im gegebenen Augen­
blick an einem Kampf gegen sie beteiligen würden, besonders dann, wenn
man ihnen Waffen gibt.“39 Daß eine derartige Einschätzung eine durchaus rea­

36 Wiedergabe Ber. V-Mann „Cuno I“ v. 6.8.1942, BA-MA, RH 2/1764.


37 Notiz Ettel/AA (undat./Ende 1942), PAAA, R 27325.
38 Fröhlich, S. 261.
39 Ettel/AA an AA v. 2.7.1942, PAAA, R 27323.
Vor dem deutschen Einmarsch: Der arabische Resonanzboden 159

le Grundlage hatte, zeigt das Beispiel zweier Piloten der ägyptischen Luftwaffe,
die Anfang Juli versuchten, die deutschen Linien zu erreichen. Beauftragt von
höchsten Stellen und mit Wissen des Königs startete Ahmad Sayudi Hussain
am 6. Juli mit zahlreichen Dokumenten, geheimem Kartenmaterial und dem
Entwurf für ein deutsch-ägyptisches Abkommen per Flugzeug in Richtung
von Rommels Hauptquartier. Nachdem aber die Maschine von den ahnungs­
losen Deutschen über der Front abgeschossen worden war, der Pilot ums Le­
ben kam und sämtliches Geheimmaterial vernichtet wurde, startete am folgen­
den Tag ein zweites Flugzeug mit dem Unteroffizier Muhammad Raduan am
Steuer. Unversehrt erreichte der Pilot diesmal die deutschen Linien, schwieg
sich allerdings über seinen wahren Auftrag aus, als er erfuhr, daß sein Vorgän­
ger abgeschossen worden war und mit dem Nachrichtenmaterial verbrannte.
Raduan, der in der Folge mit den Deutschen zusammenarbeitete, bestätigte
lediglich – wie sein abgeschossener Fliegerkollege – einer ägyptischen Geheim­
organisation angehört zu haben.40
Um die Kontakte nach Ägypten zu intensivieren und den Einmarsch der
Achsentruppen vorzubereiten, hatte die deutsche Abwehr ohne Wissen des
italienischen Bündnispartners bereits im Vorjahr mehrere Geheimdienstope­
rationen in Gang gesetzt. Nachdem unter dem Decknamen „Condor“ im Juli
1941 der Versuch gescheitert war, zwei deutsche Agenten mit dem Flugzeug in
Ägypten einzuschleusen, plante die Abwehr in der Folge, ihre Spione auf dem
Landweg bis nach Kairo zu schicken41 Das Vorhaben wurde unter dem Deck­
namen „Salam“ vorbereitet und konnte Anfang 1942 konkret in Angriff ge­
nommen werden. Dazu wurden zwei Funker des Regiments „Brandenburg“,
Hans Eppler und Hans-Gerd Sandstede, ausgewählt; beide verfügten über her­
vorragende Arabisch- und Englischkenntnisse. Sie hatten den Auftrag, in Kairo
Kontakt zu deutschfreundlichen Kreisen, insbesondere zum ehemaligen ägyp­
tischen Generalstabschef Aziz Ali el-Misri und den nationalistischen „Freien
Offizieren“ aufzunehmen.42 Offenbar sogar mit einem Empfehlungsschreiben
des Mufti versehen,43 erreichten Eppler und Sandstede Ende Mai nach einer
abenteuerlichen Fahrt über mehr als 2000 Kilometer Kairo. Zwar gelang auch
die Kontaktaufnahme mit den Ägyptern; eine Funkverbindung mit der Ab­

40 Sonnleithner/AA an VAAPzAA v. 28.7.1942, ebd., R 29537; dto. v. 29.7.1942, ebd.;

Aufz. Richter/AAv. 22.7.1942, ebd., R 60748; Schröder, Deutschland, S. 197 f.


41 Zum Unternehmen „Condor“ Faligot/Kauffer, S. 93 ff.; Schröder, Deutschland,

S. 182 f.
42 Buchheit, S. 236ff.; Schröder, Deutschland, S. 190f.; Brockdorff, S. 172-179; Eppler,

Geheimagent.
43 Ebd., S. 172f.
160 Vor dem deutschen Einmarsch: Der arabische Resonanzboden

wehr kam jedoch nie zustande, und am 23. Juli wurden beide Agenten von den
Briten verhaftet.44
Besonders der erwähnte el-Misri spielte eine Schlüsselrolle im Kreis der is­
lamistischen, nationalistischen und englandfeindlichen Kräfte Ägyptens. Als
junger Offizier hatte er sich im Widerstand gegen das osmanische Reich politi­
siert; nach dessen Ende gelang ihm eine Karriere in der ägyptischen Armee, die
er ab 1939 als Generalstabschef anführte. Selbst als er im folgenden Jahr auf
britischen Druck hin in den Ruhestand geschickt wurde, unterhielt el-Misri
weiterhin sowohl beste Beziehungen zu den Deutschen, als auch zur nationali­
stischen Bewegung „Junges Ägypten“ sowie zur Moslembruderschaft, mit des­
sen Führer al-Banna er persönlich befreundet war.45 Großen Einfluß übte er
außerdem auf die „Freien Offiziere“, einen nationalistischen Geheimbund
ägyptischer Militärs aus. Diese hatten im Zuge des deutsch-italienischen Vor-
marschs in Nordafrika und des Staatsstreichs im Irak eigene Putschpläne gegen
die Briten ausgearbeitet, die auf Initiative el-Misris 1941 jedoch noch einmal
aufgeschoben wurden.46 Mit Gamal Abdel Nasser und Anwar el-Sadat gehör­
ten dem Zirkel zwei Männer an, die als spätere Staatspräsidenten die Nach­
kriegsgeschichte des Landes entscheidend prägen sollten. Von dem einen, Nas­
ser, ist unter anderem bekannt, daß er ein begeisterter Leser und Fürsprecher
der „Protokolle der Weisen von Zion“ war.47 Der andere, Sadat, brachte das
Verhältnis ägyptischer Militärs zum Nationalsozialismus wohl durchaus zutref­
fend auf den Punkt, als er nach dem Krieg in aller Kürze feststellte: „We acted
in complete harmony with them.“48
Die für Ägypten geltende Ausgangssituation von konkreten Hilfestellungen,
Putschplänen und der breiten Bereitschaft, die Ankunft der Deutschen und die
Vertreibung der Briten zu unterstützen, bestand in vergleichbarem Ausmaß
auch in anderen Regionen des Nahen und Mittleren Ostens. Da diese Länder
im Gegensatz zu Teilen Ägyptens jedoch nie von den Achsenmächten besetzt
werden konnten, fehlte bislang ein konzentrierter Blick darauf, wie die ara­
bischen Gesellschaften dort auf das Herannahen von Rommels Panzerarmee
reagierten. Die vorhandenen Quellen enthalten jedoch zahlreiche Belege da­
für, daß in Palästina, Syrien, dem Libanon, im Irak oder im Iran ein Kräfte­
potential existierte, das schon lange vor dem Erscheinen der Achsentruppen
Aufstandspläne entworfen hatte und bereits ganz praktisch mit Terroraktionen
begann.

44 Buchheit, S. 236 ff.; Schröder, Deutschland, S. 190 f.; Brockdorff, S. 172-179.


45 Schröder, Deutschland, S. 60 ff.; Tibi, S. 172; Dessouki, S. 86; Faligot/Kauffer, S. 91 f.
46 Tibi. S. 173; Arnoni, S. 5.
47 Schröder, Deutschland, S. 61 f.; Arnoni, S. 11.
48 Sadat, Revolt, S. 38; Schröder, Deutschland, S. 61 f.
Vor dem deutschen Einmarsch: Der arabische Resonanzboden 161

In einem Bericht von Ende Juni 1942 betonte ein Informant der deutschen
Abwehr die zunehmende Möglichkeit, daß sich die Araber Iraks, Syriens und
Palästinas vereint gegen die britische Herrschaft erheben könnten.49 Zwei Wo­
chen später meldete die gleiche Quelle, in Syrien, Palästina und Transjordanien
hätten Einheimische ein sogenanntes anti-englisches Komitee gebildet. Die
Mitglieder dieser Widerstandsbewegung seien über die militärische Lage sowie
die Infrastruktur der Briten inklusive der wichtigen Brücken, Verbindungsstra­
ßen, der Flugplätze und Militärlager bestens unterrichtet. Nun warte die ara­
bische Bevölkerung nur noch auf den günstigsten Moment, um sich dort gegen
die Besatzungsmacht zu erheben. Sämtliche diesbezüglichen Vorbereitungen
seien bereits getroffen.50 Nachdem aus dem Libanon und Syrien alliierte Trup­
pen an die Front in Ägypten abgezogen worden waren, setzten in beiden Län­
dern im Juni antibritische Proteste ein, und es kam zu Zusammenstößen mit
den verbliebenen Armeeverbänden. Die Proteste scheinen nach verschiedenen
Berichten teilweise von Frauen angeführt worden zu sein, die dafür täglich eine
Bezahlung erhielten. Geschürt wurden die Unruhen von einer syrischen Ge­
heimgruppierung, die von den Achsenmächten angeblich mit Nachrichten und
Flugblättern versorgt wurde. Insgesamt trug das Wirken dieser Organisation
immerhin dazu bei, daß die Stimmung im Land sehr angespannt war und die
Unzufriedenheit täglich zunahm.51
Aus dem syrischen Aleppo drangen im Juli Nachrichten über die Existenz
von Widerstandsgruppen. Ebenfalls ermutigt durch den Abzug britischer und
französischer Truppen wartete die Organisation auf eine günstige Gelegenheit,
um mit Terroraktionen gegen britische Militäreinrichtungen vorgehen zu kön­
nen.52 Zu gleicher Zeit häuften sich aus dem ganzen Land die Meldungen über
Aktivitäten arabischer Terrorgruppen, die Brücken sprengten und Eisenbahn­
züge sowie Kraftfahrzeuge angriffen. Anfang August hatte die Gewalt eine
derartige Intensität erreicht, daß sich die Briten gezwungen sahen, zu deren
Bekämpfung eigens ein motorisiertes Bataillon sowie ein Panzerbataillon in
Marsch zu setzen.53 Doch noch Wochen später trieben sowohl im Norden als
auch in südlichen Landesteilen bewaffnete Banden ihr Unwesen. Sie verübten
weitere Anschläge auf Bahnlinien oder sabotierten britische Militäreinrichtun­
gen. In der zweiten Septemberhälfte verdichteten sich zudem Hinweise auf
einen Aufstand in der Region um das syrische Palmyra, in dessen Verlauf die

49 Auszug Ber. „Pollux“ v. 30.6.1942, BA-MA, RH 2/1790.


50 Dto.v. 14.7.1942, ebd.
51 Dto. v. 1.7.1942, ebd.; dto. v. 2.7.1942, ebd., RH 2/1789; Ber. dess. v. 10.7.1942, ebd.,

RH 2/1790.
52 Ber. „Kastor“ v. 23.7.1942, ebd.
53 Auszug Ber. OKW/Ausl/Abw Abt. I v. 6.8.1942, ebd.
162 Vor dem deutschen Einmarsch: Der arabische Resonanzboden

Pipeline Mossul-Haifa unterbrochen und die britische Armee in heftige Ge­


fechte verwickelt wurde. Wenige Tage später hieß es, die Ölleitung sei mitt­
lerweile sogar an mehreren Stellen gesprengt und die dortige Aufstandsbewe­
gung wäre weiter am Anwachsen.54
Im Irak häuften sich im Sommer 1942 ebenfalls die Hinweise auf antibriti­
sche Umtriebe und ein aktives Aufstandspotential. Schon Mitte Mai hatte ein
deutscher Informant berichtet, dort seien Banden unter Führung irakischer
Intellektueller gebildet worden. Sie seien an der Grenze zu Syrien und Trans­
jordanien tätig und griffen in erster Linie Transportkolonnen an.55 Am 6. Juli
wurde dann außerdem ein Anschlag auf die irakisch-syrische Eisenbahn ver­
übt, und wenige Tage später kam es zu Angriffen auf die Pipeline zwischen
Mossul und Haifa, die dabei an mehreren Stellen beschädigt wurde.56 Es folg­
ten im August Angriffe arabischer Nationalisten auf der gerade fertiggestellten
Straße Damaskus-Bagdad, bei denen auch Tote zu verzeichnen waren. So wur­
den schon drei Tage nach der Einweihung der Strecke bei Angriffen von Ter­
roristen zwei Engländer getötet.57
Der Vormarsch Rommels und die mögliche Niederlage der Briten wurden
auch in Palästina sehr genau verfolgt. Wie in den anderen arabischen Ländern
kam es dort ebenfalls zu Unruhen. So begannen sich Fellachen im Juli offenbar
angesichts der militärischen Erfolge der Deutschen plötzlich zu weigern, wie
bisher die von der Mandatsmacht vorgeschriebene Menge Brotgetreide an
ihre jüdischen Aufkäufer abzugeben. Mit der darauf herbeigerufenen Polizei
kam es in zahlreichen Dörfern zu bewaffneten Auseinandersetzungen, die
mehrere Tote zur Folge hatten.58 Auch in Gaza diskutierten im Sommer 1942
die Mitglieder der lokalen Organisationsstruktur radikaler Araber über den
angemessenen Zeitpunkt, um gegen die Briten loszuschlagen. Die Gruppe ge­
hörte zur Gefolgschaft der el-Husseinis. Der örtliche Anführer Abdul al-Qud-
wa, ein Angeheirateter dieser dominierenden Familie und damit ein entfernter
Verwandter des Mufti, plädierte dafür, abzuwarten und appellierte an die Ge­
duld seiner Mitkämpfer. Majid Halaby, ein junger Radikaler mit jahrelanger
terroristischer Praxis besonders gegen die Juden Palästinas und erst seit dem
Frühjahr 1940 in Gaza ansässig, vertrat eine gegenteilige Ansicht. In Opposi­
tion zu al-Qudwa rief er zum sofortigen Losschlagen gegen Briten und den
Jischuw auf. Es kam zum Bruch; Al-Qudwa verwies Halaby seines Hauses

54 Ber. „Pollux“ v. 8.9.1942, ebd.; Auszug Ber. OKW/Ausl/Abw v. 21.9.1942, ebd.;

Meld. Abwehrstelle Rumänien v. 25.9.1942, ebd.


55 Auszug Meld. „Pollux“ v. 18.5.1942, ebd., RH 2/1789.
56 Auszug Ber. OKW/Ausl/Abw v. 21.7.1942, ebd., RH 2/1790.
57 Meld. „Pollux“ v. 6.8.1942, ebd.
58 Donauzeitung v. 25.8.1942.
Vor dem deutschen Einmarsch: Der arabische Resonanzboden 163

und stieß ihn aus der örtlichen Extremistengruppe. Dieser berief mit einigen
Gefolgsleuten daraufhin seine eigenen Treffen ein. Von Anfang an gehörte zu
dessen radikaler Fraktion in Gaza auch der junge Rahman al-Qudwa, der Sohn
Abduls, der mit 14 Jahren wegen dieser Frage den Bruch mit seinem Vater
vollzogen hatte. Rahman wohnte fortan bei dem radikalen Halaby und ver­
innerlichte begeistert dessen krude Gewaltphantasien gegen Juden und Briten.
Maßgeblich geprägt von diesem arabischen Terroristen und den Kriegsjahren
in Palästina, errang Rahman größere Popularität erst in späteren Jahren unter
seinem Kampfnamen, der ihm noch von Halaby verliehen worden war: Jassir
Arafat.59
Wie aufgeheizt die Stimmung in Palästina angesichts der Erwartung der
Deutschen war, zeigt ein Informantenbericht von Juli 1942, wonach Teile der
bislang in Palästina stationierten 9. britischen Armee trotz der zugespitzten
militärischen Lage an der ägyptischen Front eigens dort zurückgeblieben seien,
um die jüdische Bevölkerung vor Übergriffen der Araber zu schützen.60 Der­
artige Schutzmaßnahmen der Mandatsmacht müssen während jener Monate
tatsächlich dringend erforderlich gewesen sein, denn im Verlauf des deutschen
Vormarschs waren Tausende arabische Soldaten der britischen Armee deser­
tiert. Noch bis ins Jahr 1943 flohen allein 8000 Araber, davon 7000 aus Palästi­
na, mit ihren Waffen und tauchten in den Untergrund ab, um sich nach dem
sehnlichst erwarteten Einmarsch Rommels dessen Truppen anschließen zu
können.61 „Der Gegensatz zwischen Arabern und Juden in Palästina ist nach
wie vor sehr groß“, konstatierte Schellenberg im August 1942 hinsichtlich der
konkreten Auswirkungen des arabischen Gewaltpotentials. „So verschwinden
z. B. vor Einbruch der Dunkelheit alle Juden aus den öffentlichen Lokalen und
von den Straßen, so daß bei Dunkelheit auf der Straße das Bild rein arabisch
ist.“62
Für den Nahen und Mittleren Osten ergibt sich damit ein Gesamtbild, das
seitens der Araber von vielfältigen und unübersehbaren Anzeichen für eine
Aufstandsbewegung gegen die Briten zeugt. Mit dem Auftauchen der Achsen­
truppen in den jeweiligen Ländern hätte sich das Potential gemäß der Konzep­
tion des Einsatzkommandos Rauff sicherlich nicht mehr nur gegen die britische

59 Kiernan, S. 101 ff.; der junge Arafat lebte mit Halaby bis 1944 im Untergrund; dann

wurde Halaby von Anhängern des Mufti in Jerusalem ermordet, vgl. ebd., S. 108-112.
60 Auszug Ber. V-Mann „Cuno“ v. 31.7.1942, BA-MA, RH 2/1785; selbst noch im

Herbst des folgenden Jahres schien die Situation weitgehend unverändert; nach einer
Meld, des Mil.Att. der DG Ankara mußten die Briten in Palästina Truppenteile zum
Polizeidienst abordnen, da „die Araber die Judenfrage nunmehr zu einer Lösung bringen
wollen“, DG Ankara an AA v. 30.11.1943, ebd., RH 2/1791.
61 Hurewitz, S. 119; Bethell, S. 148.
62 CdS/VI C 13 an AA v. 26.8.1942, PAAA, R 101022.
164 Vor dem deutschen Einmarsch: Der arabische Resonanzboden

Ordnungsmacht, sondern zunehmend ebenso gegen die jüdische Minderheit


gerichtet. Die Situation im Nahen Osten während des Sommers 1942 erinnert
damit durchaus an die des Vorjahres in Osteuropa. Es existiert daher keine
Begründung, warum das antisemitische Potential litauischer, lettischer oder
ukrainischer Nationalisten größer gewesen sein soll, als das von Arabern in
Erwartung der deutschen Wehrmacht.63 Das Wissen um die Pogrome und Mas­
saker des Sommers 1941 in der westlichen Sowjetunion läßt erahnen, welcher
Vernichtungswille auf arabischer Seite besonders in Palästina spätestens mit
dem Überschreiten des Suezkanals durch die Achsentruppen freigesetzt wor­
den wäre.

63 Mallmann/Rieß/Pyta, S. 61-69, 79-84, 89-96.


10. Der bedrohte Jischuw:
Jüdische Reaktionen in Palästina

Die tödliche Bedrohung, die im Sommer 1942 aus dem rasanten Vormarsch
Rommels auf der einen und der offenen Feindseligkeit der Araber auf der
anderen Seite erwuchs, wurde innerhalb des Jischuw genau registriert. Eine
gespannte Atmosphäre erfaßte die jüdischen Gemeinden; die Reaktionen der
Menschen fielen jedoch ganz unterschiedlich aus. Manche versuchten, sich an­
gesichts des Herannahens der Deutschen in christlichen Klöstern zu verstek-
ken; andere besorgten sich vorsorglich Zyanid, weil sie den Freitod einem Le­
ben unter nationalsozialistischer Besatzung vorzogen.1 Auch der damals
21-jährige Arnold Paucker, der zu der Zeit gerade als Freiwilliger in der briti­
schen Armee diente, erinnerte sich, wie die bislang relativ unbesorgte Stim­
mung unter den Juden Palästinas während jener Sommermonate schwand und
der Vormarsch Rommels sehr ernst genommen wurde.2 Ein für die Deutschen
arbeitender V-Mann berichtete darüber hinaus, daß nach der Einnahme To­
bruks bis September 1942 allein aus Ägypten 15.000 Emigranten in Jerusalem
eingetroffen seien. Nach dessen Angaben herrschte dort eine gedrückte und
besorgte Stimmung.3 Bereits im August sprach ein weiterer für die Nationalso­
zialisten arbeitender Informant von zahlreichen jüdischen Flüchtlinge aus
Ägypten, die infolge der Offensive der Panzerarmee Zuflucht in Palästina ge­
sucht hätten.4 In dieser höchst gefährdeten Situation, in der die Truppen Rom­
mels nur mehr wenige Tagesmärsche entfernt standen und mit den Arabern
eine größtenteils feindliche und zur Kollaboration bereite Bevölkerung auf
das Erscheinen der Deutschen wartete, tauchten über Nacht an jüdischen Häu­
sern geheimnisvolle Kalkzeichen auf. Nachdem sich das anfangs niemand er­
klären konnte, stellte sich mit der Zeit heraus, daß Araber damit in der sicheren
Erwartung der Ankunft Rommels und eines daraus resultierenden Macht­
wechsels bereits Besitzansprüche an den Immobilien anmeldeten.5
Übergriffe, alltägliche Gewalt und existentielle Bedrohung stellten für die

1 Segev, S. 492; Hyamson, S. 153.


2 Brief Arnold Paucker v. 30.5.2005 an die Autoren.
3 Ber. V-Mann „Milton“ v. 22.9.1942, BA-MA, RH 2/1784; Krämer, Jews, S. 156 f.
4 Ber. „Pollux“ v. 7.8.1942, BA-MA, RL 2 11/486.
5 Koestler, S. 80.
166 Der bedrohte Jischuw: Jüdische Reaktionen in Palästina

Juden Palästinas im Sommer 1942 längst keine neue Erfahrung mehr dar. Viel­
mehr gehörte der Anspruch auf Selbstverteidigung seit langem zur kollektiven
Identität des Jischuw. Die Notwendigkeit dazu wurde durch das Pogrom von
1920 in Jerusalem nachdrücklich unterstrichen. Als Konsequenz aus den Ereig­
nissen wurde am 12. Juni aufgrund der Initiative des Schriftstellers Wladimir
Jabotinsky die Haganah, die „Hebräische Verteidigungsorganisation in Palästi­
na“, gegründet, die bis zur Staatsgründung 28 Jahre später die zentrale bewaff­
nete Struktur des Jischuw bilden sollte. Von der Mandatsmacht offiziell nicht
anerkannt, verstand sich die Organisation in diesen frühen Jahren keineswegs
als Ausdruck einer eigenen Exekutive oder gar als Aktivposten gegen die Man­
datsmacht. Vielmehr sollte eine Bewaffnung verschiedener Angehöriger des
Jischuw im Falle arabischer Übergriffe rein defensiv die Zeit für sämtliche un­
bewaffneten Bürger bis zum Eintreffen der britischer Ordnungskräfte über­
brücken helfen.6 Als im April 1936 dann aber der arabische Aufstand ausbrach,
zeigte sich anfangs auch die Haganah angesichts der Dimension und Organi­
siertheit der arabischen Gewalt weitgehend unvorbereitet. Die darauf einset­
zende Selbstkritik förderte die Einsicht in die Notwendigkeit einer effizienten
Selbstbewaffnung und in die Bereitschaft, in künftigen Konflikten auf bewaff­
nete Auseinandersetzungen besser vorbereitet zu sein.7 David Ben Gurion, ab
1935 Vorsitzender der Jewish Agency und der Zionistischen Exekutive und
damit einer der wichtigsten Vertreter des Jischuw, erkannte darüber hinaus
schon früh die ideologischen Überschneidungen zwischen Nationalsozialisten
und Teilen der arabischen Welt. Bereits im November 1936 warnte er vor
einem Einmarsch Hitlers in Palästina und damit vor einer wesentlich verschärf­
ten Bedrohungslage. Diese Option bezeichnete er als „größte Katastrophe, die
die Welt jemals erlebt hat“.8
Aufgrund der Erfahrung des arabischen Aufstands strukturierte sich die Ha­
ganah umfassend um. Im Herbst 1939 wurde ein Generalstab geschaffen, der
die regionalen Führungsebenen ersetzte und damit den Vorteil bot, die Orga­
nisation nach den jeweiligen Erfordernissen künftig zentral leiten zu können.9
Schon im April 1937 verfügte sie über insgesamt 17.000 Männer und 4.000 Frau­
en; gleichzeitig lagerten in den Depots etwa 10.000 Pistolen, 4.500 Gewehre und
230 leichte Maschinengewehre.10 Neben den organisatorischen Neuerungen
bewirkte der Aufstand aber auch eine grundsätzliche strategische Umorientie­
rung. Auf vielfaches Drängen seitens der Haganah gab die zionistische Füh­

6 Bauer, Cooperation, S. 182 f.


7 Aronson, Hitler, S. 19; Pail, S. 204.
8 Zit. nach: Segev, S. 433.
9 Pail, S. 194.
10 Bauer, Cooperation, S. 183.
Der bedrohte Jischuw: Jüdische Reaktionen in Palästina 167

rung ihre bisherige Politik der „Hawlagah“, der Zurückhaltung und maßvollen
Selbstbeherrschung, auf und eröffnete die Möglichkeit zu einem offensiveren
Vorgehen gegen den arabischen Terror.11 Die ausschließliche Selbstverteidi­
gung, das traditionelle Bild des Kibbuznik auf dem Wachturm, wurde damit
erstmals abgelöst. Nun zeigte sich die Haganah bereit, vom eigenen Terrain
aus ,über den Zaun zu gehen‘ und zurückzuschlagen.
Der wichtigste oppositionelle Flügel zur dominierenden Haganah war schon
früher zu einer militanteren Gegenwehr übergegangen. Aus Kritik an ihrer
defensiven Haltung hatte sich 1931 ein Kreis von Offizieren von dieser abge­
spalten und sich im April 1937 schließlich den Namen Irgun Zwai Leumi, „Na­
tionale Militärorganisation“, gegeben. Seit dem Vorjahr wurde die kurz Irgun
oder nach den Anfangsbuchstaben des hebräischen Namens Etzel genannte
Organisation von Jabotinsky angeführt.12 Politisch stand sie der Revisionisti­
schen Partei nahe, die ebenjener 1925 in Abgrenzung zur Politik der Zionisti­
schen Organisation unter Chaim Weizmann gegründet hatte. Diese rechts­
gerichtete Strömung innerhalb des Zionismus nannte sich revisionistisch, weil
sie sich unter anderem für eine Wiedereinbeziehung des 1922 von den Briten
abgetrennten Transjordanien in die zukünftige jüdische Heimstätte einsetzte.13
Im August 1937 beendete der Irgun seine bisherige Zurückhaltung und ging
dazu über, den arabischen Terror mit Vergeltungsaktionen zu beantworten.
Als die Briten dann einen ihrer Kämpfer hinrichteten, reagierte die Organisa­
tion mit einer Ausweitung der Angriffe auf die Araber. Die Anschläge vertief­
ten die Gräben zwischen den Revisionisten und der Jewish Agency, die den
Kurs des Irgun entschieden verurteilte.14
Letztlich erwies sich für den Jischuw auch der während des Auf Stands offen­
bar gewordene Personalmangel der Briten als positiv. Die Mandatsmacht ent­
schied im Mai 1936, eine jüdische Supernumerary Police aufzustellen, um die
Kontrolle über das Land weiterhin ohne massive Truppenverstärkungen auf­
rechterhalten zu können. Schnell gewann diese neu geschaffene Hilfspolizei an
Bedeutung. Waren dort im Juni 1936 1.300 und im Oktober 3.000 Juden organi­
siert, wies die Truppe im Juli 1939 bereits eine Stärke von 22.000 Mann auf.
Zwar wurden die Männer von britischen Offizieren ausgebildet und geführt,
faktisch standen die gesamten Kräfte aber unter Kontrolle der Haganah und
stellten deren legale Basis zur Organisierung der jüdischen Selbstverteidigung
in Palästina dar.15

11 Schiller, S. 166; Katz, S. 13 f., 47 f.


12 Bauer, Cooperation, S. 184; Katz, S. 13-17; Morris, S. 120.
13 Ebd., 108; Katz, S. 4 f.
14 Bethell, S. 39 f.; Morris, S. 147.
15 Pail, S. 197; Bauer, Diplomacy, S. 11; Cohen, Strategy, S. 174 ff.
168 Der bedrohte Jischuw: Jüdische Reaktionen in Palästina

Abb. 9. Jüdische Hilfspolizei in Palästina, 1937.

Neben dieser Hilfspolizei wurde von dem britischen Offizier Orde Wingate
eine Spezialeinheit aufgestellt, die bald begann, gezielt gegen die arabischen
Terroristen vorzugehen. Wingate, anfangs wie viele andere Briten ein Sym­
pathisant des idealisierten arabischen Unabhängigkeitsstrebens, wurde im
Zuge der Binnensicht, die er vor Ort in Palästina gewann, zum überzeugten
Zionisten. Im Mai 1938 schuf er die Special Night Squads, eine mobile Sonder­
einheit von nicht mehr als 200 Männern, der hauptsächlich palästinensische
Der bedrohte Jischuw: Jüdische Reaktionen in Palästina 169

Juden und nur zu einem geringeren Teil auch Briten angehörten.16 Wingates
Spezialformation brach sowohl mit der bisherigen britischen Defensivhaltung
gegenüber dem arabischen Terror als auch mit dem zionistischen Konzept der
„Hawlagah“ und stellte sich dynamisch auf die Erscheinungsweise des Auf­
stands ein. Die Truppe operierte nachts und war so in der Lage, feindliche
Kommandos direkt aufzuspüren; in der Folge von Terroraktionen wurden zu­
dem häufig Vergeltungsschläge direkt in jenen arabischen Dörfern unternom­
men, von denen der Terror ausgegangen war. Mit dieser neuen Strategie waren
die Night Squads überaus erfolgreich; trotzdem wurde die Einheit im Sommer
1939 als eine Konsequenz der neuen Politik des Weißbuchs und damit aus poli­
tischen Gründen aufgelöst. Wingate selbst wurde nach Birma versetzt und kam
dort während des Krieges ums Leben.17
Die Veröffentlichung des Weißbuchs im Frühjahr 1939 beendete abrupt die
Hoffnung, den arabischen Aufstand militärisch zerschlagen zu können. Für den
Jischuw bedeutete dessen Erscheinen eine bittere Enttäuschung.18 Die düste­
ren Aussichten angesichts der desillusionierenden britischen Politik und des
bedrohlichen Handelns der Deutschen versuchte Weizmann, der Präsident
der World Zionist Organization, zum Abschluß des 21. Zionistenkongresses in
Genf am 24. August in Worte zu fassen, als er sagte: „Mit schwerem Herzen
nehme ich Abschied [...], überall um uns herrscht Dunkel, und wir können
nicht durch die Wolken blicken“.19 Eine Woche später begann mit dem deut­
schen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Aufgrund des Kriegsausbruchs
in Europa kursierte unter den Juden in Palästina im September 1939 die Be­
fürchtung vor Luftangriffen mit Giftgas. Darüber hinaus reagierte man unter
anderem mit verstärkten Nahrungsmittelkäufen und einem Run auf die Ban­
ken.20 Die Haltung des Jischuw gegenüber den Briten war für die nächsten
Jahre von einer Haltung bestimmt, die Ben Gurion in einer vielzitierten Formel
1939 folgendermaßen ausdrückte: „Wir werden in diesem Krieg zusammen mit
Großbritannien kämpfen, als ob es kein Weißbuch gäbe, und wir werden das
Weißbuch bekämpfen, als ob es keinen Krieg gäbe.“21 Faktisch trat der Kampf
gegen das White Paper und damit die direkte Opposition gegen die Briten
gerade wegen der Kriegsereignisse für die nächsten Jahre allerdings deutlich

16 Bowden, S. 166 f.; Bethell, S. 35; Pail, S. 192, 201 f.; Beckman, S. 9 f.; ausführlich Sykes,

Wingate.
17 Ders., Kreuzwege, S. 199 ff.; Schiller, S. 159 ff.
18 Pail, S. 196; Zweig, Palestine, S. 212 ff.; ders., Britain, S. 44 ff.
19 Zit. nach: Bethell, S. 72.
20 Hyamson, S. 147.
21 Zit. nach: Sykes, Kreuzwege, S. 222; vgl. Cohen, Origins, S. 96; ders., White Paper,

S. 728; Ball-Kaduri, S. 404-415.


170 Der bedrohte Jischuw: Jüdische Reaktionen in Palästina

in den Hintergrund; auch der Irgun sollte diese grundsätzliche Position zumin­
dest bis 1944 teilen.
Dagegen war die Haltung des Empire von der Befürchtung bestimmt, die
Araber durch eine judenfreundliche Politik möglicherweise zu verärgern. Die
Mandatsmacht unternahm sogar Versuche, die Haganah, die in den vergange­
nen Jahren unschätzbare Dienste bei der Stabilisierung Palästinas geleistet hat­
te, zu entwaffnen. So nahm die britische Polizei Anfang Oktober 1939 in einem
illegalen Trainingscamp 43 ihrer Mitglieder fest. Unter ihnen befand sich auch
der spätere israelische Verteidigungsminister Moshe Dayan. Die Männer wur­
den am 30. des Monats zu hohen Haftstrafen verurteilt. Das war ein deutliches
Signal an den Jischuw, daß die bisherige Politik der Selbstbewaffnung fortan
nicht mehr akzeptiert werden würde.22 In den nächsten Monaten folgten wei­
tere Verhaftungen.23 Daneben versuchten die Briten das Land gegen jede wei­
tere jüdische Einwanderung abzuschotten. Selbst als die Massenvernichtung
durch die Deutschen in Europa bekannt wurde, änderte die Mandatsverwal­
tung die restriktiven Einwanderungsbestimmungen nicht. Begründet wurde
das grausame Verhalten mit einem angeblichen Schutz vor deutschen Spionen,
die als jüdische Flüchtlinge getarnt versuchen könnten, in Palästina einzusi­
ckern. Die britische Haltung wirkte sich nicht zuletzt auch gegen die Gemeinde
der deutschstämmigen Juden im Land aus. So bestand gegen die „Jekkes“ seit
Kriegsbeginn der Generalverdacht, von der Gestapo oder der Abwehr infil­
triert zu sein. Sie waren daher unter anderem von bestimmten Posten bei der
britischen Armee ausgeschlossen und mußten hinnehmen, bei Beförderungen
benachteiligt zu werden.24
Mit der Alijah Beth, der „illegalen“ Einwanderung, wie sie von den Briten
bezeichnet wurde, versuchten vor allem die Revisionisten auch nach 1939 auf
die geänderten Einreisebestimmungen der Mandatsmacht zu reagieren und zur
Rettung der bedrohten Juden in Europa beizutragen. Flüchtlinge brachen mit
oft kaum seetüchtigen Schiffen nach Palästina auf und trafen dort auf den er­
bitterten Widerstand der Briten. Vor der Küste patrouillierten Kriegsschiffe,
die die rettende Landung zu verhindern versuchten. Gefaßte Einwanderer
wurden anfangs noch in Palästina interniert; ab 1940 brachte man die Men­
schen zur Abschreckung in Internierungslager nach Mauritius.25 Die widrigen
Umstände sowohl im Bestimmungsland als auch in Europa führten dann dazu,
daß die Alijah Beth im Verlauf des ersten Kriegsjahres beständig reduziert und

22 Cohen, Strategy, S. 180 f.; Zweig, Britain, S. 158 f.; Dayan, S. 39-44.
23 Zweig, Britain, S. 159.
24 Gelber, S. 326.
25 Pail, S. 195; Hyamson, S. 149 f.; Zweig, Britain, S. 51-88; EDH, Bd. 1, S. 24-30.
Der bedrohte Jischuw: Jüdische Reaktionen in Palästina 171

erst 1944 wieder verstärkt aufgenommen wurde. Trotzdem versuchten während


der Kriegsjahre weitere Schiffe die Küste Palästinas zu erreichen.
Zwei Schiffsnamen stehen symbolisch für solche verzweifelten Versuche.
Die „Patria“ sollte im Dezember 1940 Passagiere von drei Flüchtlingsschiffen,
die die Briten im Vormonat in Haifa aufgebracht hatten, aufnehmen und nach
Mauritius bringen. Mit einer an Bord geschmuggelten Bombe versuchte die
Haganah das Schiff zu beschädigen und ein Auslaufen zu verhindern. Fataler­
weise war die Sprengkraft falsch berechnet worden; nach der Explosion sank
die „Patria“ und riß 252 Menschen in den Tod.26 Die „Struma“, ein ehemaliger
Viehtransporter, lief im Dezember 1941 aus dem rumänischen Hafen Constan-
za in Richtung Palästina aus. An Bord befanden sich 769 Juden, denen es bis­
lang gelungen war, den Verfolgungen durch Deutsche und die rumänischen
Landsleute zu entkommen. In Istanbul legte das kaum mehr seetüchtige Schiff
einen Zwischenstop ein, damit sich die Passagiere Einwanderervisa besorgen
könnten. Als diese dort jedoch nicht zu erlangen waren, wurde die „Struma“
nach wochenlangem Warten Ende Februar zwangsweise aus dem Hafen ge­
schleppt und auf hoher See ohne Treibstoff und Verpflegung ihrem Schicksal
überlassen. Wenig später sank das Schiff – möglicherweise aufgrund eines irr­
tümlich durch ein sowjetisches U-Boot abgefeuerten Torpedos. Von den Pas­
sagieren überlebte nur ein einziger.27 Trotz des gefährlichen Weges und der
unerbittlichen Haltung der Briten gelang es während des Krieges etwa 20.000
„illegalen“ Einwanderern, Palästina zu erreichen.28
Das Land selbst erlebte nach einer anfänglichen Wirtschaftskrise im Herbst
1939 einen raschen wirtschaftlichen Aufschwung; innerhalb des Jischuw
herrschte schon bald wieder Vollbeschäftigung. Die Kriegsproduktion im Auf­
trag der Alliierten belief sich 1941 auf einen Umfang von 14.000.000 Dollar. Im
Folgejahr stieg die Produktion auf 32.400.000 Dollar; das entsprach einem An­
teil von 40 Prozent an der Gesamtproduktion des Landes. In der Histadruth,
der jüdischen Gewerkschaftsorganisation, waren mittlerweile 75 Prozent der
Arbeiter organisiert. Der Verband hatte insgesamt 126.000 Mitglieder und war
gleichzeitig der größte Industrieproduzent des Landes.29 Der Beitrag der Juden
Palästinas zum Sieg über das nationalsozialistische Deutschland und das faschi­
stische Italien beschränkte sich aber nicht nur auf die Kriegsproduktion. Ledig­
lich vier Monate nach dem deutschen Überfall auf Polen konnte die Jewish
Agency eine Liste mit Namen von 134.000 palästinensischen Juden überrei­
chen, die sich zum Dienst in der britischen Armee bereiterklärt hatten. Damit

26 Sykes, Kreuzwege, S. 244 f.; Hyamson, S. 150; Zweig, Britain, S. 73 ff.


27 Ebd., S. 118-134; Sykes, Kreuzwege, S. 246 ff.; Hyamson, S. 153 f.
28 Segev, S. 500.
29 Hyamson, S. 152; Hurewitz, S. 132 f.; Schiller, S. 170 f.; Epstein, S. 21-26.
172 Der bedrohte Jischuw: Jüdische Reaktionen in Palästina

Abb. 10. Die „Parita“ lief am 21. August 1939 mit 850 jüdischen Flüchtlingen aus Europa
vor Tel Aviv absichtlich auf eine Sandbank. Die Einwanderer wurden von Angehörigen
der Haganah an Land gebracht, dann aber von den Briten festgenommen und in einem
Lager bei Haifa interniert.

meldeten sich innerhalb kürzester Zeit jeder zweite jüdische Mann und 20.000
Frauen des Jischuw zum Kriegsdienst.30
Spätestens nach der Niederlage Frankreichs und den deutschen Invasions­
vorbereitungen gegen England waren sich die Juden Palästinas der Gefahr
eines deutschen Angriffs im Nahen Osten bewußt. Mit der Landung des Afri­
kakorps und der einsetzenden Offensive, in deren Verlauf die Achsenmächte
im April 1941 an der ägyptischen Grenze standen, hatte sich die Bedrohungs­
lage wesentlich verschärft.31 Im Jischuw führte das zu Diskussionen über eine
Bündelung der Kräfte. Als Ergebnis der Beratungen wurde die Haganah laut
einer Erklärung des Nationalkommandos vom 15. Mai zur alleinigen Verteidi­
gungsorganisation bestimmt. Vier Tage später wurden die „Plugot ha-Mahoz“,
die Striking Units oder kurz Palmach genannt, als professionalisierte und an
verschiedenen Orten des Landes stationierte Spezialeinheiten für besondere

30 Segev, S. 490.
31 Dayan, S. 49; Bauer, Diplomacy, S. 124 ff.
Der bedrohte Jischuw: Jüdische Reaktionen in Palästina 173

Kommandoaufgaben gegründet.32 Kommandeur des Palmach wurde Itzak Sa­


deh, einer der wichtigsten Haganah-Verantwortlichen, der während des ara­
bischen Aufstands schon Kommandos der Special Night Squads geführt hatte.
Viele der ersten Angehörigen der neuen Truppe hatten früher ebenfalls schon
Wingates Spezialeinheit angehört.33 Der Palmach wurde eigens gegründet, um
herausgehoben aus den vielfältigen Aufgaben der Haganah ganz praktisch den
Kern einer zukünftigen jüdischen Armee zu bilden; schon die ersten Angehö­
rigen waren nicht mehr wie bei der Haganah ,Feierabendsoldaten‘, sondern
sollten von Beginn an faktisch kaserniert sein und nur noch zur Tarnung zivile
Tätigkeiten ausüben. Die Anfänge in der Praxis waren allerdings von vielen
Widrigkeiten geprägt. Noch ein halbes Jahr nach seiner Gründung verfügte
der Palmach über lediglich 460 Frauen und Männer, die überdies nur über ein
völlig ungenügendes Budget verfügen konnten und schon allein deshalb kaum
ausgebildet waren.34
Unmittelbar nach der organisatorischen Neustrukturierung des jüdischen
Selbstverteidigungspotentials folgten jedoch schon die ersten Einsätze für das
United Kingdom. Weil die Briten eine Landung deutscher Flugzeuge in Syrien
und die Ausnutzung dortiger sowie libanesischer Treibstoffvorräte befürchte­
ten, wurde ein Sabotagekommando in Marsch gesetzt, das die Raffinerien bei
Tripolis zerstören sollte. Das Kommando bestand aus 23 Mitgliedern der Haga­
nah, die von Tsvi Spector angeführt wurden. Für den Auftrag, der auf dem
Seeweg ausgeführt werden sollte, stand die „Sea Lion“, ein Schiff der britischen
Palästinabehörde, zur Verfügung; ursprünglich war es zur Jagd auf illegale jü­
dische Einwanderer gedacht. Nach sehr knapp bemessener Vorbereitung gin­
gen die Männer des jüdischen Geheimkommandos am 18. Mai an Bord und
stachen Richtung Libanon in See. Seitdem existieren weder von dem Schiff
noch von den Kommandoangehörigen gesicherte Nachrichten. Hinweise spre­
chen dafür, daß einige Männer eine Explosion an Bord oder Kämpfe an Land
überlebt haben und erst später in Haft hingerichtet wurden.35
Nachdem kurze Zeit später im Zusammenhang mit der Intervention im Irak
deutsche Flugzeuge in Syrien gelandet waren, entschloß sich Großbritannien
zur Invasion. Kurz vor Beginn der Militäroperation der Commonwealthtrup­
pen und zweier freifranzösischer Regimenter wurden zusätzlich noch 33 Juden
aus Palästina, mit einer Ausnahme alles Palmach-Angehörige, als Kundschafter
und ortskundige Führer auf die Truppen verteilt. Schon vor Beginn des An­
griffs am 8. Juni 1941 hatten einzelne jüdische Erkundungstrupps jenseits der

32 Ebd., S. 145 f.; Hurewitz, S. 128.


33 Bauer, Diplomacy, S. 139-148.
34 Ebd., S. 162 ff.
35 Ebd., S. 155 f.; Roshwald, S. 66; Sykes, Kreuzwege, S. 237 f.
174 Der bedrohte Jischuw: Jüdische Reaktionen in Palästina

Grenze sichere Straßenverbindungen ausfindig gemacht. Bei Gefechten, die


dann während der ersten Tage der Invasion mit den Vichy-Truppen stattfan­
den, wurde Moshe Dayan schwer verletzt und verlor ein Auge.36 Unterdessen
waren auf dem Kriegsschauplatz in Griechenland etwa 100 Juden aus Palästina
gefallen und bis zu 1700 als britische Kriegsgefangene in die Hände der Deut­
schen geraten.37 Einer von ihnen war Jizchak Persky, der Vater des späteren
israelischen Ministerpräsidenten Shimon Peres. Er unternahm mehrere Flucht­
versuche, lebte untergetaucht ein Jahr in Griechenland, geriet erneut in deut­
sche Gefangenschaft, bis es ihm beim dritten Anlauf gelang, die alliierten Li­
nien zu erreichen.38
Während dieser Jahre war aber auch Palästina selbst bereits ganz real zum
Kriegsschauplatz geworden. Deutsche und italienische Bomber flogen in den
Jahren 1940 bis 1942 zahlreiche Angriffe unter anderem auf die Städte Haifa
und Tel Aviv.39 Bei einer Bombardierung Haifas im Juni 1941 gab es unter
anderem Opfer in einem jüdischen Altersheim.40 Weitere Luftangriffe im Juli
des Folgejahres hinterließen sowohl im dortigen Hafen als auch am Flughafen,
dem Bahnhof und den Raffinerien schwere Zerstörungen.41 Ein deutscher In­
formant, der sich im Juli und August 1942 im Mandatsgebiet aufhielt, zählte
allein während dieser Zeit 25 Angriffe.42 Aufgrund solcher Erfahrungen wur­
den in der Folgezeit in den Städten Palästinas zahlreiche Schutzräume gebaut;
zudem stellte man innerhalb des Jischuw ein hauptsächlich aus jungen Frauen
bestehendes eigenes Luftschutzkorps auf.43
Während der Krieg auf diese Weise im öffentlichen Bewußtsein immer näher
rückte, fanden Diskussionen über die angemessene Reaktion auf die national­
sozialistische Bedrohung statt. Breiten Raum nahm dabei die Auseinanderset­
zung um Prioritäten ein. Eine Seite vertrat die Ansicht, alle verfügbaren Kräfte
sollten freiwillig der britischen Armee beitreten, um an der Seite der Alliierten
effektiv den Nationalsozialismus bekämpfen zu können. Die Gegenseite argu­
mentierte, der Jischuw müsse sich auf seine eigenen Selbstverteidigungskräfte
konzentrieren und diese intensiv ausbauen. Die Juden Palästinas dürften des­
halb nicht in Rahmen der britischen Armee an weit entfernten Kriegsschau­

36 Bauer, Diplomacy, S. 157-162; Sykes, Kreuzwege, S. 238; Dayan, S. 51-58.


37 Hyamson, S. 153; Hurewitz, S. 127.
38 Peres, S. 63-66.
39 OKW/Ausl/Abw I an LFSt/Ic v. 7.12.1940, BA-MA, RL 2 11/486; Ber. LFSt/Ic v.

12.6.1941 über Angriff auf Haifa, ebd.; dto. v. 8.7.1941, ebd.


40 Segev, S. 492; Ber. LFSt/Ic v. 11.6.1941, BA-MA, RL 2 11/486.
41 Ber. „Pollux“ v. 7.8.1942, ebd.
42 Ber. „Milton“ (undat./Sept. 1942), ebd., RH 2/1784.
43 Ber. „Theobald“ v. 4.7.1942, ebd., RL 2 11/486.
Der bedrohte Jischuw: Jüdische Reaktionen in Palästina 175

plätzen kämpfen, sondern müßten in den Reihen der Haganah vor Ort zur
Verteidigung der Heimat antreten.44
Herausragende Bedeutung im Rahmen des Versuchs, einen Beitrag zu den
alliierten Kriegsanstrengungen zu leisten, hatten die vielen Initiativen zur Auf­
stellung von speziellen jüdischen Kampfverbänden innerhalb der britischen
Armee. Schon seit Kriegsbeginn versuchte Weizmann bei der Mandatsmacht
die Einwilligung zur Aufstellung solcher Einheiten mit eigenen Hoheitsabzei­
chen zu erreichen. Sein Ziel war es, anfangs eine Division mit etwa 10.000
Mann durchzusetzen. Während Chamberlain die Forderung ablehnte, stimmte
der britische Generalstabschef schon im Dezember 1939 der Aufstellung einer
jüdischen Division grundsätzlich zu; seinerzeit führte das zu euphorischen Re­
aktionen der Zionisten. Jene Zusage des britischen Militärs zog vorerst jedoch
keine weiteren Konsequenzen nach sich. Auch Churchill, seit Mai 1940 Pre­
mierminister, gab zwar im Oktober des Jahres seine prinzipielle Zustimmung
zu einer rein jüdischen Truppe; in der Folge wurden konkrete Maßnahmen zu
deren Realisierung aber immer wieder aufgeschoben.45
Die britische Haltung war vielmehr weiterhin von einem angesichts der Rea­
lität reichlich absurd anmutenden Bemühen bestimmt, die Araber nicht noch
weiter gegen sich aufzubringen. So setzten die Militärs durch, daß trotz der
überwältigenden Zahl jüdischer Freiwilliger im ersten Kriegsjahr nur eine glei­
che Anzahl jüdischer und arabischer Rekruten in nichtkämpfenden Einheiten
dienen durfte. Die Stärke der Verbände wurde somit allein durch die Zahl ara­
bischer Freiwilliger bestimmt, die deutlich geringer als die der Juden war. Wäh­
rend des gesamten Krieges meldeten sich nach Angaben des britischen War
Secretary lediglich 9041 palästinensische Araber zum Dienst in der britischen
Armee. Zum Vergleich belief sich die Zahl auf jüdischer Seite schon in den
Wochen nach Kriegsbeginn auf das Fünfzehnfache.46 Angesichts der deutschen
Siege in Westeuropa begannen die Briten 1940 allmählich von diesem Procede­
re abzurücken. Mit den „Palestine Buffs“ wurde im September eine gemischte
jüdisch-arabische Kampfeinheit gebildet. Deren Mannschaftsstärke mußte al­
lerdings immer noch ausgeglichen zwischen Juden und Arabern verteilt sein.47
Nach den alarmierenden militärischen Erfolgen der Achse in Jugoslawien,
Griechenland und Nordafrika willigten die Briten dann im Mai 1941 in die
jüdische Forderung ein, diese Quote aufzuheben. Nunmehr wurden die jüdi­
schen Kampfeinheiten in Kompanien organisiert, durften jedoch noch immer
nicht zu Bataillonen oder Regimentern mit entsprechenden Stäben und einer

44 Bauer, Diplomacy, S. 174 ff.; Segev, S. 494.


45 Laqueur, S. 561; Hurewitz, S. 129.
46 Peters, S. 352; Melka, Axis, S. 135.
47 Hurewitz, S. 128.
176 Der bedrohte Jischuw: Jüdische Reaktionen in Palästina

ungleich größeren operativen Bedeutung zusammengefaßt werden. Erst im


Sommer 1942, während der unmittelbaren Bedrohung Palästinas, fällten die
britischen Militärs dann die Entscheidung, aus den „Buffs“ spezielle jüdische
Infanteriebataillone zu separieren und daneben getrennte arabische Einheiten
zu bilden.48
Nachdem die Bestrebungen des Jischuw zur Durchsetzung eigener Kampf­
verbände von England so äußerst hinhaltend bedacht worden waren, begannen
sich die palästinensischen Juden nach anderen Bündnispartnern umzusehen.
Jenseits des Atlantik entwickelte sich eine Kampagne zugunsten der jüdischen
Armee sehr erfolgreich. Nach Meldungen des Deutschen Nachrichtenbüros
erschienen 1942 in den USA wiederholt ganzseitige Anzeigen, die in dieser
Sache warben. Nachdem es anfangs noch verbreitet Kritik an dem Projekt ge­
geben habe, sei die Zustimmung infolge der für die Alliierten ungünstigen
Wendung in Libyen deutlich gewachsen. Unter anderem sei ein von 200 pro­
minenten amerikanischen Staatsbürgern unterzeichneter Aufruf veröffentlicht
worden, der sich für die Schaffung von vier bis fünf jüdischen Divisionen aus­
sprach. Schon wenig später erschienen in den Vereinigten Staaten in gleicher
Sache erneut ganzseitige Werbeanzeigen. Darin wurde die vielsagende Frage
erhoben, „wie lange es sich die Demokratien noch leisten könnten, Niederlage
um Niederlage zu erleiden“.49
Am 2. Juli 1942, zu Beginn der ersten Schlacht von El Alamein, als Rommels
weiterer Vormarsch noch wahrscheinlich erschien, schrieb Louis Levinthal, der
Präsident der Zionistischen Organisation von Amerika, einen eindringlichen
Brief an Churchill. Darin machte er den britischen Premier auf die Gefahr der
Vernichtung des palästinensischen Judentums im Zuge des bedrohlichen Vor­
dringens der Deutschen aufmerksam. Er verwies auf den seit langem formulier­
ten Willen der Juden zur Selbstverteidigung und betonte die „Verantwortung
der Briten vor der Geschichte“, ihnen das Recht darauf nicht zu verwehren.50
Fast zur gleichen Zeit bekräftigte Chaim Weizmann in einem Brief an Lord
Halifax, den britischen Botschafter in Washington, den Wunsch des Jischuw,
im Kampf gegen die vordringenden Achsenmächten und bei der Verteidigung
Palästinas eine bedeutendere Rolle zu spielen. Nach seiner Argumentation sei
der beste Weg dazu die Aufstellung einer jüdischen Streitmacht. In diesem Mi­
litärverband sollten die bisherigen Einheiten aufgehen und durch eine umfas­
sende Rekrutierung ergänzt werden.51
Im Anschluß an die Einnahme Tobruks erließ der jüdische Nationalrat nach

48 Sykes, Kreuzwege, S. 251 f.; Bauer, Diplomacy, S. 142; Hurewitz, S. 128.


49 DNB v. 11.2.1942, PAAA, R 99342; DNB v. 21.2.1942, ebd.
50 Levinthal an Churchill v. 2.7.1942, zit. nach: Nicosia, Archives, S. 378 f.
51 Weizmann an Halifax v. 20.6.1942, ebd., S. 378.
Der bedrohte Jischuw: Jüdische Reaktionen in Palästina 177

Informationen der Deutschen einen Aufruf, nach dem alle Männer zwischen 17
und 45 Jahren in Palästina aufgefordert wurden, sich zum Dienst in der briti­
schen Armee zu melden. In dem Text heißt es: „Dies ist gebieterische Notwen­
digkeit, um den Feind vor unseren Toren zurückzuschlagen.“52 Gershon
Agronsky, der Herausgeber der „Palestine Post“, kommentierte die Nachricht
mit den Worten, dies sei die Antwort Palästinas auf die Bedrohung durch Rom­
mel.53 Wenige Tage später sprach sich der Zionistische Rat in Jerusalem dafür
aus, daß „eine so große Zahl von Juden wie nur möglich bewaffnet und zur
Verteidigung Palästinas ausgebildet werden“ soll.54 Derartige Appelle werden
angesichts der alarmierenden Nachrichten von der ägyptischen Front ihre Wir­
kung bei den Briten nicht verfehlt haben. Zumindest berichtete der deutsche
Militärattache in Ankara Anfang Juli nach Deutschland, die Engländer hätten
„die jüdischen Heimwehren in den letzten Tagen mit beträchtlichen Waffen­
beständen versorgt“.55
Die Selbstbewaffnung der palästinensischen Juden stieß auf jüdischer Seite
allerdings nicht nur auf uneingeschränkte Gegenliebe. So berichtete ein deut­
scher Informant im Juni, die Aufrufe innerhalb des Jischuw zum freiwilligen
Dienst bei der britischen Polizei hätten sich als nicht so erfolgreich erwiesen,
wie ursprünglich angenommen. Statt der erwarteten mindestens 80.000 Mel­
dungen hätten sich in Wirklichkeit nur 16.000 Personen für einen Dienst bei
der Miliz und insgesamt 6.000 für die Polizei gemeldet.56 Über die Stimmung
unter den Juden berichtete ein V-Mann der Deutschen: „Sofort nach meiner
Ankunft anfangs Juli 1942 in Tel Aviv bemerkte ich folgenden eigenartigen
Umstand: auf den Straßen in der Nähe von Cafe- und Kinoausgängen standen
freiwillig diensttuende Posten. Sie bestanden meistens aus 3-4 jungen Mädel in
englischer Uniform und 6 Jünglingen der jüdischen Brigade. Sie hielten alle
Passanten und Leute, die aus dem Kino kamen, an, verlangten von ihnen, eben­
so wie von den jungen Leuten in den Cafe’s, die Vorzeigung von Dokumenten
und machten ihnen klar, daß es ihre Pflicht sei, das Vaterland zu verteidigen
und nicht herumzubummeln. Nach einer ausweichenden oder ablehnenden
Antwort, verlangten die Mädel ganz energisch den Eintritt der Angehaltenen
zur Wehrmacht und wenn die Leute sich wehrten, wurden sie öffentlich ver­
prügelt, dann in bereitgestellte Fahrzeuge verladen und zur Einberufungs-Stel­

52 Meld. Sonderdienst Seehaus v. 23.6.1942, PAAA, R 99342; entsprechend berichtete

der Informant „Pollux“ einige Tage später, die palästinensischen Juden seien in einem
dringenden Rundfunkappell aufgerufen worden, sich möglichst zahlreich für die briti­
schen Freiwilligenverbände zu melden, Ber. dess. v. 8.7.1942, BA-MA, RH 2/1788.
53 Meld. Presseabt. AA/SPN v. 25.6.1942, PAAA, R 99342.
54 Dto. I-Dienst v. 9.7.1942, ebd.
55 Auszug Ber. DG Ankara (undat./Juli 1942), BA-MA, RH 2/1785.
56 Ber. „Pollux“ v. 18.6.1942, ebd.
178 Der bedrohte Jischuw: Jüdische Reaktionen in Palästina

le gebracht. Das Ergebnis dieser Unternehmen war, daß sich die jungen Leute
nicht mehr auf den Straßen, in Cafe’s und Kinos zeigten, sondern sich zu Hause
aufhielten.“57
Aus deutscher Sicht schienen sich bei den Rekrutierungsbemühungen einige
Wochen nach dem Halt Rommels vor El Alamein dann deutliche Erfolge ein­
zustellen. Ein Informant meldete Anfang September, alle palästinensischen
Juden zwischen 18 und 40 Jahren würden zum Dienst in der britischen Armee
mobilisiert werden. Insgesamt sollten 100.000 für den Armeedienst und weitere
36.000 Juden für eine Verwendung bei der Palästina-Polizei aufgerufen werden.
„Die ganze Arabische Legion in Palästina ist an die ägyptische Front geschickt
worden, um sie von den jüdischen Truppen fernzuhalten“, wußte der V-Mann
außerdem bezüglich der muslimischen Soldaten zu berichten.58 Gegen Ende
des Jahres dienten dann 18.800 palästinensische Juden in der britischen Armee.
1.600 von ihnen kämpften bei der Royal Air Force und 400 bei der Marine.
Daneben existierte noch die von den Briten geführte jüdische Polizei. Ange­
sichts der Invasionsgefahr erfuhren die Polizisten seit Mai 1942 unter militäri­
schem Kommando eine zunehmend an Verteidigungsaufgaben orientierte mi­
litärische Ausbildung; diese paramilitärische Truppe umfaßte im August des
Jahres etwa 24.000 Personen. Damit waren insgesamt ungefähr 43.000 Juden in
der Armee oder den palästinensischen Polizeiverbänden ausgebildet worden.59
Schließlich führten die Initiativen zur Schaffung jüdischer Militärverbände
nach einer entsprechenden Entscheidung des britischen Kriegskabinetts im
September 1944 zur Gründung der Jewish Brigade Group. In den folgenden
Wochen wurde dieser Militärverband in Ägypten aufgestellt; als offizielle Fah­
ne und als Uniformabzeichen trugen die Soldaten den Davidstern.60 Noch im
Oktober des Jahres wurde die Brigade nach Italien verlegt und nahm dort seit
März 1945 an den Kämpfen gegen die Deutschen, unter anderem gegen deren
4. Fallschirmjägerdivision teil. Anschließend wurde der Verband als Besat­
zungstruppe in dem an der Grenze zu Österreich und Jugoslawien gelegenen
norditalienischen Tarvisio eingesetzt.61 Von dort und seit Juli von neuen Statio­
nierungsorten in Belgien und den Niederlanden aus gelang es den Soldaten,
illegal Zehntausende jüdischer Flüchtlinge zu sammeln und erst einmal zu ver­
sorgen. Ein großer Teil waren Überlebende aus den deutschen Konzentrations­
lagern. Danach organisierten die Brigadeangehörigen Schiffe, die die Men­

57 Ber. „Milton“ v. 22.9.1942, ebd., RH 2/1784.


58 Ber. „Pollux“ v. 4.9.1942, ebd.; mit den im Bericht erwähnten polnischen Armeeein­
heiten kam im Mai 1942 auch Menachem Begin, der spätere israelische Ministerpräsident,
nach Palästina, Eckman/Hirschler, S. 68.
59 Hurewitz, S. 127; Epstein, S. 9-13.
60 Blum, S. 18; Beckman, S. 48 ff.; EDH, Bd. 2, S. 671.
61 Beckman, S. 72-98; Blum, S. 21.
Der bedrohte Jischuw: Jüdische Reaktionen in Palästina 179

schen schließlich nach Palästina brachten. Für zukünftige Konflikte wurden


daneben aus den zahlreichen Militärdepots der Alliierten große Mengen an
Waffen entwendet und nach Palästina geschmuggelt.62
In der äußerst kritischen Situation während des Herannahens der Achsen­
truppen im Sommer 1942 wären sämtliche Pläne zur Gewährleistung einer aus­
reichenden Bewaffnung und militärischen Ausbildung des Jischuw jedoch
kaum mehr umsetzbar gewesen. Trotzdem gab es konkrete Vorbereitungen,
die einen Umgang mit dem Schreckensszenario ermöglichen sollten.63 Briti­
sche Militärstrategen hatten schon im Vorjahr die Möglichkeit einer Invasion
Palästinas durch die Achse in Betracht gezogen; allerdings wurde die Gefahr
einer Offensive von Norden her als ungleich größer eingestuft. Für diesen Fall
erstellte die Armee Verteidigungspläne, die vorsahen, den deutschen Vor­
marsch möglichst schon im Libanongebirge, und damit außerhalb Palästinas,
zu stoppen. Ergänzend wurden im Sommer 1941 Defensivstellungen in Syrien
und in Palästina selbst errichtet; alle diese Anlagen wiesen gemäß der Lageein­
schätzungen nach Norden. Die Briten hielten selbst nach monatelanger Kriegs­
führung in Nordafrika, in deren Verlauf sie angesichts der Beweglichkeit von
Rommels Panzerverbänden manche bittere Niederlage erleben mußten, einen
Vormarsch durch die Sinaiwüste für schlicht nicht realisierbar. So existierten
im südlichen Palästina zwar befestigte Stellungen; diese waren aber nur als
Rückzugslinien im Fall eines erfolgreichen deutschen Vormarschs von Norden
her errichtet worden.64
Daraus ergab sich im Sommer 1942 die groteske Situation, daß die britischen
Stellungen in Palästina im Fall einer geglückten Invasion der Panzerarmee
Afrika von hinten hätten aufgerollt werden können. Auch noch im Mai und
Juni verlegten die Briten Nachschublager von dort nach Ägypten in die Nähe
von El Alamein, um sie vor dem vermeintlich über den Kaukasus vordringen­
den deutschen Ostheer in Sicherheit zu bringen. Aus dem gleichen Grund be­
schäftigte General Wilson, der Oberbefehlshaber der in Palästina stationierten
9. Armee, sich und seine Männer selbst nach dem Fall von Marsa Matruh Ende
Juni noch mit dem Ausbau von Befestigungen in den nördlichen Landesteilen.
Erst am 4. Juli bekam er dann die Anweisung, sich auch auf die Möglichkeit
eines feindlichen Vormarschs aus südlicher Richtung über den Suezkanal vor­
zubereiten.65
Auf Seiten des Jischuw existierte seit Frühjahr 1941 ein Verteidigungskon­
zept, das den Kampf gegen die Nationalsozialisten im Land vorsah. Dieser

62 Ebd., S. 222-226, 235-257, 264-270; Beckman, S. 110-116, 133-148.


63 Kimche, Pillars, S. 36 f.
64 Bauer, Diplomacy, S. 183 f.
65 Ebd., S. 184, 402, Anm 10.
180 Der bedrohte Jischuw: Jüdische Reaktionen in Palästina

sogenannte Plan A gründete auf den Erfahrungen während des arabischen


Aufstands der 1930er Jahre und zielte auf der Basis regionaler Kommandoein­
heiten auf die Verteidigung ganz Palästinas.66 Darüber hinaus wurde in Zusam­
menarbeit zwischen der Mandatsmacht und der Jewish Agency das sogenannte
Palestine Post-Occupation Scheme, der „Plan für Palästina nach einer Besat­
zung“, ausgearbeitet. Als Teil dessen war vorgesehen, nach dem britischen
Rückzug und der Besetzung des Landes im Untergrund eine Widerstands­
bewegung weiterzuführen, die Aufgaben wie das Sammeln von Nachrichten
oder die Organisierung von Sabotage garantieren sollte. Von der britischen
Special Operations Executive waren für derartige Aufgaben schon etwa 100
Mitglieder des Palmach ausgebildet worden.67 Außerdem wurde unter dem
Kommando Dayans ein Netz von Funkstationen aufgebaut. Über das ganze
Land verteilt, waren sie zur Nachrichtengewinnung und zur Kommunikation
der Widerstandszellen gedacht.68
Überhaupt hatten Rommels Siege im Frühjahr 1942 auf Seiten des United
Kingdom eine ungleich positivere Haltung gegenüber dem Palmach zur Kon­
sequenz. Schon seit April genossen über 600 Angehörige aus dessen Reihen im
Kibbuz Mishmar Haemek eine umfassend professionelle militärische Ausbil­
dung durch die britische Armee, die durch Sonderschulungen der militärischen
Abwehr ergänzt wurde.69 Der Palmach machte Haifa während dieser Zeit sogar
zum Sitz seines halboffiziellen Stabes, der der Mandatsmacht sehr wohl be­
kannt war. Durch die Rekrutierungs- und Ausbildungsanstrengungen dieser
Frühlingsmonate war die Gesamtstärke des Palmach auf fast das Doppelte an­
gestiegen. Die Einheiten verfügten Mitte Juni über 840 Angehörige; darunter
befanden sich 90 Frauen. Die Bewaffnung der Truppe wies dagegen noch alar­
mierende Mängel auf. Als die militärische Führung des Jischuw am 4. und
5. Juli zur Abwehr Rommels eine Kompanie des Palmach in den Süden von
Tel Aviv und eine zweite weiter ins Landesinnere verlegte, waren diese Ein­
heiten mit kaum mehr als Holzstöcken ,bewaffnet‘; Gewehre aus Magazinen
der Haganah trafen erst Tage später ein.70
Die Haganah selbst war darüber hinaus damit beschäftigt, ein Konzept aus­
zuarbeiten, das im Falle der Besetzung Palästinas die Evakuierung des Jischuw
vorsah. Es war geplant, im Ernstfall noch möglichst viele Zivilisten von Haifa
aus einzuschiffen. Gleichzeitig sollten Bewaffnete selbst nach dem Rückzug
der Briten im Karmel-Gebirge und in den Bergen im Norden des Landes aus­

66 Ebd., S. 144.
67 Black/Morris, S. 70.
68 Ebd.; Dayan, S. 60f.
69 Bauer, Cooperation, S. 198; Bethell, S. 104 f.
70 Bauer, Diplomacy, S. 188 ff.
Der bedrohte Jischuw: Jüdische Reaktionen in Palästina 181

harren und möglichst lange Widerstand gegen die Okkupanten und ihre Kol­
laborateure leisten.71 Auch der damals 16-jährige Yehuda Bauer und sein Va­
ter, beide Mitglieder der Haganah, waren darauf vorbereitet, „mit Rucksack
und Gewehr auf den Karmel [zu] gehen, falls die Deutschen angekommen wä­
ren“. In diesem Zusammenhang sagte der Vater dem jungen Yehuda, daß „er
lebendig nicht in deutsche Hände fallen wird“.72 Die Haganah konnte für sol­
che verzweifelten Planungen immerhin auf ein nicht ganz unerhebliches, ille­
gales Waffenarsenal zurückgreifen. Nach einem britischen Bericht verfügte die
Organisation im Juni 1942 über 162 Maschinengewehre, 4545 leichte Maschi­
nengewehre und sonstige automatische Waffen, 18.000 Gewehre und 16.000 Pi­
stolen. Nach der gleichen Quelle konnte sie auf 30.000 Kämpfer zählen, die zu
etwa 50 bis 70 Prozent bewaffnet waren. Hinzu kamen außerdem noch etwa
4.000 Angehörige und Sympathisanten des Irgun.73
Das Plan Nord genannte Verteidigungskonzept für die Region um Haifa
inklusive des Karmel kalkulierte mit einer jüdischen Streitkraft in der Größen­
ordnung von 36 Regimentern. Die Einheiten sollten in befestigten Stellungen
in diesem Raum konzentriert werden und mit Unterstützung der britischen
Marine und Luftwaffe den Angriff der Achsenmächte abwehren. Die Briten,
denen der Plan vorgestellt wurde, zeigten sich gegenüber dem Vorhaben je­
doch ausgesprochen skeptisch. Während der sozialistische Hashomer Hatzair
den Plan Nord unterstützte, teilten führende Repräsentanten des Jischuw die
britische Haltung. Gegen die Verteidigungsstrategie wurde schließlich noch
der Gegenvorschlag formuliert, Palästina im Falle eines britischen Rückzugs
mit den bewaffneten Kräften des Jischuw ebenfalls zwischenzeitlich zu verlas­
sen, um das Land an der Seite der Briten zu gegebener Zeit wieder befreien zu
können.74 So wurden Konzepte entwickelt und wieder verworfen, und es exi­
stierten verschiedenste, sich ausschließende Meinungen. Nicht zuletzt äußerte
jemand auf einer Sitzung der Exekutive der Jewish Agency die Hoffung, daß
die Deutschen den Juden Palästinas im Fall einer Besetzung des Landes ein
Leben in verschiedenen Ghettos erlauben würden.75 Im Ergebnis weisen sämt­
liche Verteidigungspläne und Spekulationen darauf hin, daß der Jischuw kaum
in der Lage gewesen wäre, schnell genug eine Massenevakuierung zu organi­
sieren und der Panzerarmee Afrika sowie den sich verbrüdernden Arabern den
nötigen Widerstand entgegenzustellen. Im größeren Maßstab zwar, aber in der
Sache durchaus gleichzusetzen mit dem bewaffneten jüdischen Widerstand in

71 Ebd., S. 191 f.; Bethell, S. 140 ff.


72 Brief Yehuda Bauer v. 11.10.2005 an die Autoren.
73 Zweig, Use, S. 290, Anm. 45.
74 Bauer, Diplomacy, S. 191-194.
75 Ebd., S. 213.
182 Der bedrohte Jischuw: Jüdische Reaktionen in Palästina

Europa, hätte es in Palästina einen verzweifelten Kampf gegen die Achse und
ihre arabischen Verbündeten gegeben. An dessen Ende hätte aber unzweifel­
haft die völlige Vernichtung des Jischuw gestanden; davor wurden die Juden
Palästinas nur durch die militärische Entwicklung an der nordafrikanischen
Front bewahrt.76

76 Brief Yehuda Bauer v. 11.10.2005 an die Autoren; dto. Arnold Paucker v. 30.5. und

7.7.2005.
11. Die Niederlage vor El Alamein und das Scheitern
der Option Kaukasus: Die Wende im Weltkrieg

Nach der Einstellung der Kampfhandlungen bei der Panzerarmee Afrika Ende
Juli 1942 plante Rommel vier Wochen später den Beginn einer neuen Offensi­
ve. Für Ende August mußte er mit einer Verstärkung der gegnerischen Front
durch zwei neue britische Divisionen rechnen. Außerdem waren für Anfang
September auf dem Seeweg um das Kap der Guten Hoffnung weitere umfang­
reiche Waffenlieferungen zu erwarten, die der 8. Armee nach dem Fall von
Tobruk durch die Amerikaner zugesagt worden waren.1 Nach den Plänen des
Generalfeldmarschalls sollte die Offensive der Panzerarmee vor dem Eintref­
fen dieser Verstärkungen erfolgen. Bis dahin rechnete man noch mit einer ge­
ringen Überlegenheit bei der Zahl eigener Panzer; dieses Verhältnis würde sich
danach schnell zugunsten der Briten verschieben.2 Auf deutscher Seite
herrschte durchaus Zuversicht, daß die Besetzung Ägyptens und der Vorstoß
zum Suezkanal noch gelingen werde. Mussolini dagegen, der in Derna auf die
Eroberung Kairos gewartet hatte, war schon am 20. Juli tief enttäuscht wieder
nach Italien zurückgekehrt. Vier Tage später äußerte er gegenüber seinem Au­
ßenminister, die Italiener müßten sich nunmehr zwischen Deutschen und Eng­
ländern entscheiden.3
Die Ausgangsbedingungen für die Panzerarmee Afrika hatten sich seit den
Erfolgen des Juni 1942 tiefgreifend verändert. Aus für die Achse unerfindli­
chen Gründen stand seit dem 29. Juni, dem Tag der Erstürmung von Marsa
Matruh, eine wichtige Quelle der eigenen Feindaufklärung nicht mehr zur Ver­
fügung. Seit diesem Tag sendete der amerikanische Militärattache in Kairo
keine jener Funksprüche mehr, deren Entschlüsselung seit 1941 unschätzbare
Erkenntnisse über die Briten erbracht hatten.4 Darüber hinaus wurde bei
einem Angriff der australischen 26. Infanteriebrigade am frühen Morgen des
10. Juli die in vorgeschobener Stellung an der El Alamein-Front liegende
3. Kompanie der Nachrichtenabteilung 56 unter Hauptmann Seebohm in

1 Lagebeurteilung PzAA/Ia v. 15.8.1942, BA-MA, RH 2/1588.


2 Dto.; Fernschr. Dt.Gen.b.HQu.It.Wehrm. v. 16.8.1942, ebd., RH 2/463; DRZW, Bd. 6,
S. 672 f.
3 Ebd., S. 666.
4 Piekalkiewicz, S. 143.
184 Die Niederlage vor El Alamein

schwere Kämpfe verwickelt. Die Australier machten viele Gefangene und er­
beuteten die kompletten Kompanieunterlagen. Die Auswertung des Materials,
darunter erbeutete britische Funkcodes, offenbarte, wie effizient die Deut­
schen den feindlichen Nachrichtenverkehr abgehört hatten. Das wiederum
zeigte den Briten die zwingende Notwendigkeit auf, die eigenen Geheimhal­
tungsbemühungen wesentlich zu verstärken. Rommel war seitdem in weit ge­
ringerem Maße über die gegnerischen Absichten im Bilde.5
Auch ein Vergleich des militärischen Potentials fiel für die Achsenseite zu­
nehmend negativ aus. Neben einer faktischen Überlegenheit an alliierten Pan­
zern, von der Rommel allerdings nichts zu ahnen schien, mußten Deutsche und
Italiener zusätzlich eine zunehmende Dominanz der Royal Air Force verzeich­
nen.6 Als weiterer Faktor kam dem Nachschub entscheidende Bedeutung zu.
Auf diesem Feld war innerhalb weniger Wochen eine alarmierende Ver­
schlechterung der in der Regel sowieso schon angespannten Lage eingetreten.
Während die Versorgungsgüter, die in libyschen Häfen für Rommels Truppen
gelöscht wurden, im Juli noch 91.491 Tonnen betragen hatten, fiel die Gesamt­
menge im August um fast die Hälfte auf 51.655 Tonnen. Im gleichen Zeitraum
erhöhte sich der Umfang des durch britische Angriffe versenkten Schiffsraums
von 6.339 Bruttoregistertonnen im Juli auf 50562 im Folgemonat. Allein 42
Prozent der Tonnageverluste erzielten Royal Navy und Air Force durch die
von eigenen Abhörspezialisten dechiffrierten „Ultra“-Funksprüche der Ach­
se.7 Im unmittelbaren Vorfeld der deutschen Offensive wurde den britischen
Luft- und Marine verbänden befohlen, die „Ultra“-Ergebnisse gezielt zum An­
griff auf italienische Versorgungsschiffe zu nutzen. Tatsächlich gelang dadurch
eine fast völlige Unterbrechung des Nachschubs für die Panzerarmee Afrika.8
Eine derart ungünstige Nachschublage, gepaart mit den zahlreichen zusätzli­
chen Schwierigkeiten langer Versorgungswege mit Lastwagenkolonnen über
Land, mußte im Hinblick auf die geplante Offensive unabsehbar negative Aus­
wirkungen haben. Erschwerend kam hinzu, daß die Briten auf der anderen
Seite nicht mit derartigen Problemen zu kämpfen hatten, sondern vielmehr
auf eine gesicherte Versorgung mit kurzen Wegen bauen konnten.
Auf deren Seite wurde im August noch die höchste Führungsebene aus­
gewechselt. Auf seinem Weg zu Stalin nach Moskau landete Churchill am
3. August in Kairo. Dort fällte er in den folgenden Tagen hinsichtlich der Trup­
penführung weitreichende Entscheidungen. Auchinleck, der glücklose bisheri­
ge Oberbefehlshaber Mittelost, dem laut Churchill trotz aller soldatischen Tu­

5 Ebd., S. 158.
6 Fraser, Rommel, S. 326ff.; DRZW, Bd. 6, S. 673; Gundelach, Bd. 1, S. 399-408.
7 Ebd., S. 409-412; DRZW, Bd. 6, S. 753 ff.
8 Ebd., S. 684.
Die Niederlage vor El Alamein 185

genden der „Killerinstinkt“ fehlte, wurde abberufen. Das neue Kommando


über Ägypten, Palästina und Syrien erhielt General Sir Harold Alexander.
Als neuen Oberbefehlshaber der 8. britischen Armee bestimmte der Premier­
minister General William Gott. Nachdem dieser tags darauf jedoch bei einem
Flugzeugabschuß ums Leben kam, wurde am 7. August Generalleutnant Ber­
nard Montgomery zu dessen Nachfolger ernannt. Er traf sechs Tage später in
seinem neuen Hauptquartier in Ägypten ein und äußerte, gerade in seine zu­
künftige Aufgabe eingeführt, im Kreis von Offizieren voller Überzeugung, daß
er Rommel besiegen werde.9
Trotz zahlreicher Bedenken entschloß sich der deutsche Armeeoberbefehls­
haber in Absprache mit Kesselring Ende August zum Angriff, der noch einmal
die Chance eröffnen sollte, durch die Eroberung Ägyptens mit dem gleichzeitig
im Kaukasus vordringenden Ostheer im arabischen Raum zusammenzutreffen.
Der Offensivplan sah vor, zur Täuschung im Norden hauptsächlich von italie­
nischen Verbänden Stoßunternehmen vortragen zu lassen, um dann im Süden
mit dem Gros der Panzerverbände die englischen Minensperren zu überwin­
den und in den Rücken der Verteidigungslinie durchzustoßen. Weil die Briten
nunmehr aber in der Lage waren, die deutschen Nachrichtenverbindungen
durch „Ultra“ zu dechiffrieren, mißlang das Überraschungsmoment völlig, das
Rommel so oft zum Sieg verholten hatte.10
In der Nacht des 30. August eröffnete der deutsch-italienische Angriff die
zweite Schlacht von El Alamein. Die dann im Tagesverlauf auf den Höhenrük-
ken von Alam Haifa geführte Panzeroffensive blieb abends wegen Treibstoff­
mangels und der pausenlosen britischen Luftangriffe an deren Rand liegen.11
Wegen des fehlenden Betriebsstoffs für seine motorisierten Verbände sah sich
Rommel am nächsten Tag gezwungen, vorerst zur Verteidigung überzugehen.
In den folgenden Stunden erfuhr er, daß mehrere in Aussicht gestellte Tanker
von den Briten angegriffen worden waren und ihre Bestimmungsorte nicht
mehr erreichen würden. Damit war die Entscheidung gefallen. Nachschubpro­
bleme, die britische Luftüberlegenheit sowie die vorher nicht erkannte Über­
macht an gegnerischen Panzern zwangen den Generalfeldmarschall am 3. Sep­
tember, den Befehl zur Einstellung der Offensive zu geben.12 Noch am selben
Tag telegraphierte Neurath die Nachricht vom Mißerfolg an seine Vorgesetz­

9 Keegan, S. 486; Piekalkiewicz, S. 166; Waldschmidt, S. 113 f.; Kirk, S. 221.


10 DRZW, Bd. 6, S. 678 ff.; Gundelach, Bd. 1, S. 417 f.
11 KTB Kampfstaffel OB PzAA v. 30. u. 31.8.1942, BA-MA, RH 19 VIII/3; Fraser,

Rommel, S. 327 ff.; Waldschmidt, S. 114; DRZW, Bd. 6, S. 682 ff.; vgl. Telegr. VAAPzAA
v. 1.9.1942, PAAA, R 29537.
12 Fernschr. Dt.Gen.b.HQu.It.Wehrm. v. 5. u. 7.9.1942, BA-MA, RH 2/463; KTB

Kampfstaffel OB PzAA v. 2. u. 3.9.1942, ebd., RH 19 VIII/3; DRZW, Bd. 6, S. 684 ff.;


Gundelach, Bd. 1, S. 419 ff.; Fraser, Rommel, S. 330 f.
186 Die Niederlage vor El Alamein

Abb. 11. Winston Churchill vor Soldaten der britischen 8. Armee an der ägyptischen
Front, August 1942.

ten im Auswärtigen Amt.13 Damit war die letzte Chance zur Eroberung Ägyp­
tens und zum weiteren Ausgreifen in den arabischen Raum vertan. Rommel
wußte bereits, daß sich eine neue Offensivmöglichkeit angesichts der zuneh­
menden britischen Überlegenheit nicht mehr einstellen würde.
Auch im Reichssicherheitshauptamt realisierte man die veränderte strategi­
sche Lage. Bislang hatte das für einen Einsatz im Nahen Osten aufgestellte
SS-Kommando noch immer abmarschbereit in Athen gelegen. Als sich dann
aber in den Tagen nach dem Ausgang der zweiten Schlacht von El Alamein
zeigte, daß an eine Wiederaufnahme der Offensive nicht mehr zu denken war,
müssen die Pläne für einen Einsatz der Sicherheitspolizei und des SD in Ägyp­
ten und Palästina aufgegeben worden sein. Nachdem die Wehrmacht bei der SS
Mitte September um Rückführung des Einsatzkommandos nachgesucht hatte
und auch Himmlers diesbezügliche Einwilligung um den 18. des Monats vorlag,
erhielt Rauffs Truppe in den Tagen danach den Befehl zum Abzug aus Athen.

13 Telegr. VAAPzAA v. 3.9.1942, PAAA, R 29537.


Die Niederlage vor El Alamein 187

Das Kommando kehrte nach Berlin zurück, blieb dort anscheinend aber weiter
geschlossen beisammen.14
Während der Stagnation an der nordafrikanischen Front war der Mufti nicht
untätig geblieben. Verstimmt über die noch zu behandelnde Verlegung der
Deutsch-Arabischen Lehrabteilung an die Kaukasusfront, die ohne sein Wissen
erfolgte, hatte er seine Kontakte zu den Italienern intensiviert. Dort konnte er
immerhin erreichen, als alleiniger arabischer Führer anerkannt zu werden. Als
konkretes Projekt war in Absprache mit dem Comando Supremo der Aufbau
eines in Nordafrika gelegenen arabischen Zentrums für die Zusammenarbeit
mit den Achsenmächten vorgesehen. Von dort sollten über Radiosendungen,
Flugblätter und lokal agierende Vertrauensleute einerseits umfangreiche Pro­
pagandaaktivitäten entwickelt werden. Auf der anderen Seite plante der Mufti
von diesem Zentrum aus die Entwicklung geheimdienstlicher Aktivitäten und
die Organisierung von allerlei Sabotageunternehmen in arabischen Ländern.
Zudem hatte el-Husseini bei den Italienern die Zusage erreicht, die bisher dort
aufgestellte arabische Legion und etwaige zukünftige arabische Freiwilligen­
einheiten unter seiner Verantwortung zu einem regulären Truppenverband
mit arabischen Hoheitszeichen ausbauen zu können.15
Britische Spezialkräfte waren währenddessen mit den Planungen für ein be­
sonderes Kommandounternehmen beschäftigt. Durch die Einschleusung einer
Einheit der Long Range Desert Group in Tobruk und die Landung mehrerer
Schiffe im dortigen Hafen sollte das Hauptquartier Rommels angegriffen und
zerstört sowie der Feldmarschall selbst wenn möglich entführt werden. Mitte
September wurde das Kommando auf dem Landweg in Marsch gesetzt. An
dem Unternehmen nahmen auch mehrere Juden teil, einige davon Emigranten
aus Deutschland, die aufgrund ihrer Sprachkenntnisse und des Wissens um
spezifische Umgangsformen für den Auftrag prädestiniert schienen. Durch
einen unglücklichen Zufall – einer der in deutscher Uniform auftretenden Ju­
den wurde vor Ort von einem Wehrmachtssoldaten erkannt – wurde das Un­
ternehmen entdeckt. Kurz darauf mißlang der Landungsversuch der britischen
Schiffe im alarmierten Hafen. Die jüdischen Kommandoangehörigen wurden
bei den Kämpfen getötet oder gerieten in deutsche Kriegsgefangenschaft.16
In der zweiten Oktoberhälfte waren die umfassenden Vorbereitungen Mont­
gomerys für eine Offensive seiner 8. Armee abgeschlossen. Vom amerikani­
schen Verbündeten waren allein 318 Sherman-Panzer und zahlreiche Selbst­

14 Dt.Gen.b.HQu.It.Wehrm. an OKW/WFSt/Qu.I v. 14.9.1942, BAB, NS 19/3695;

OKW/WFSt/Qu.I/III an HStb.Übs. v. 19.9.1942, BAB, NS 19/2500; Vern. Friedrich Pohl


v. 14.7.1976, BAL, B 162/4409, Bl. 3075.
15 Übers. Aufz. Comando Supremo v. 10.9.1942, PAAA, BA 61125.
16 Brockdorff, S. 193-199.
188 Die Niederlage vor El Alamein

fahrlafetten in Afrika eingetroffen, in deren Gebrauch die Briten sogleich ein­


gewiesen wurden. Der Oberbefehlshaber plante, mit seinem sorgsam vorberei­
teten Angriff das Gros der Feindverbände noch innerhalb ihrer Verteidigungs­
linien zum Kampf zu stellen und zu vernichten. Wichtigster Trumpf bei der
Ausarbeitung seiner Strategie war die Gewißheit, daß die Briten auf eine gesi­
cherte materielle und personelle Überlegenheit setzen konnten. Allein an Sol­
daten übertraf die Armee den Personalbestand der Deutschen und Italiener
um das Dreifache.17
Am Abend des 23. Oktober begann die auf deutscher Seite seit längerem
erwartete dritte Schlacht von El Alamein mit einem großangelegten britischen
Artillerieangriff von fünfeinhalbstündiger Dauer. Der Hauptstoß von Montgo­
merys Verbänden erfolgte am gleichen Abend völlig unerwartet für die Ach­
sentruppen nordwestlich von El Alamein im Nordabschnitt der Front. Rom­
mel, der sich zur Wiederherstellung seiner angegriffenen Gesundheit seit dem
22. September in Deutschland aufhielt, erhielt noch am 24. Oktober einen An­
ruf Hitlers, der ihn über die britische Offensive informierte. Über den Ernst der
Lage in Kenntnis gesetzt, flog der Generalfeldmarschall am folgenden Tag aus
Deutschland ab und traf abends bei der Panzerarmee in Afrika ein.18 Dort
erwies sich die Lage als äußerst kritisch. Britischen und australischen Verbän­
den war es bereits gelungen, die Minengürtel zu überwinden; sie standen damit
unmittelbar vor den Verteidigungsstellungen der Achsenstreitkräfte.
Unter dem Decknamen „Supercharge“ begann dann in der Nacht vom 1. auf
den 2. November ein Großangriff der 8. Armee, um im nördlichen Front­
abschnitt einen Durchbruch zu erzwingen.19 Tatsächlich gelang den Briten der
Einbruch in die feindlichen Linien, der bis zum Abend des 2. November von
der Panzerarmee nur provisorisch geschlossen werden konnte.20 Für den näch­
sten Tag rechnete Rommel daher mit dem Schlimmsten und ließ bei Hitler
andeuten, daß unter Umständen eine Zurücknahme der Front geboten sein
würde. Die Reaktion aus dem Führerhauptquartier kam prompt. Im Stil seiner
Durchhaltebefehle verbot Hitler jegliches Zurückweichen, versprach großspu­
rig Verstärkungen, von denen beide Seiten wußten, daß sie nicht existierten
und schloß an Rommel gerichtet mit den Worten: „Ihrer Truppe können Sie
keinen anderen Weg zeigen als den zum Siege oder zum Tode.“21
Aufgrund dieser Weisung setzte die Panzerarmee Afrika die immer aus­

17 DRZW, Bd. 6, S. 695-698.


18 KTB Kampfstaffel OB PzAA v. 24.10.1942, BA-MA, RH 19 VIII/3; Fraser, Rommel,
S. 339-343; Keegan, S. 488; Gundelach, Bd. 1, S. 440.
19 Ebd., S. 443; DRZW, Bd. 6, S. 702 ff.; Fraser, Rommel, S. 352.
20 KTB Kampfstaffel OB PzAA v. 2.11.1942, BA-MA, RH 19 VIII/3.
21 Zit. nach: DRZW, Bd. 6, S. 706; vgl. KTB Kampfstaffel OB PzAA v. 4.11.1942, BA-

MA, RH 19 VIII/3; Gundelach, Bd. 1, S. 444; Waldschmidt, S, 119.


Die Niederlage vor El Alamein 189

sichtsloser erscheinende Verteidigung fort. Den Briten gelang aber schon am


4. November der erneute Durchbruch in einem von italienischen Truppen ge­
haltenen Frontabschnitt; die Division Ariete wurde im Verlauf der Kämpfe
völlig aufgerieben. Nach weiteren Frontdurchbrüchen drohte eine großräumi­
ge Umschließung der gesamten Panzerarmee. Rommel gab deshalb am Nach­
mittag den Befehl an alle Verbände, sich mit Einbruch der Dunkelheit vom
Feind zu lösen und sich Richtung Westen zurückzuziehen. Eine Antwort Hit­
lers auf seine Ankündigung dieses Vorhabens wartete der Oberbefehlshaber
erst gar nicht ab.22
Anfangs glaubte er noch, seine Truppen in der Fuka-Stellung zwischen El
Alamein und Marsa Matruh stabilisieren zu können. Als sich die 8. Armee am
5. November mit einer südlich angesetzten Umgehungsbewegung aber erneut
anschickte, die Panzerarmee einzuschließen, gab Rommel den Befehl zum
Rückzug bis nach Marsa Matruh. Dabei geriet fast das gesamte X. italienische
Armeekorps mit seinen Divisionen Brescia, Folgore und Pavia in britische
Kriegsgefangenschaft. Im weiteren Verlauf wurde auch das XXI. Armeekorps
der Italiener mit den Divisionen Trenta und Bologna weitgehend aufgerieben.
In den Stellungen bei Marsa Matruh angekommen, drohte schnell eine neue
Umfassungsbewegung, und so befahl die Armeeführung den Rückzug nach
Sidi Barrani, dann nach Sollum. Im Verlauf des weiteren Ausweichens nach
Westen standen die Briten am 12. November wieder in Tobruk. Am 20. No­
vember zogen sich die geschlagenen Achsentruppen bis nach Benghasi zurück.
Nach einem vorübergehenden Halt in der Verteidigungsstellung bei Buerat
zwischen dem 26. Dezember und dem 16. Januar erreichte die Panzerarmee
Afrika am 22. Januar Tripolis und stand damit wieder am Ausgangspunkt des
Unternehmens, das knapp zwei Jahre zuvor mit der Landung des Deutschen
Afrikakorps begonnen hatte.23
In der Folgezeit wurden die Achsentruppen von Montgomerys Armee weiter
Richtung Westen getrieben. Tripolis wurde am 23. Januar geräumt; die letzten
Achsentruppen überschritten am 2. Februar die libysch-tunesische Grenze. Bis
zum 15. Februar waren dann alle Reste der Panzerarmee Afrika in der neu
errichteten Mareth-Stellung in Tunesien angekommen.24 Insgesamt verlor
Rommel seit der Niederlage vor El Alamein auf seinem über 3.000 Kilometer
langen Weg nach Westen unter den britischen Angriffen etwa 40.000 seiner

22 KTB Kampfstaffel OB PzAA v. 4.11.1942, BA-MA, RH 19 VIII/3; Keegan, S. 489 f.;

Kirk, S. 225 ff.; Theil, S. 71; Gundelach, Bd. 1, S. 445; vgl. VAAPzAA an S1S./AA v.
5.10.1942, PAAA, R 29857.
23 KTB Kampfstaffel OB PzAA v. 5.11.-31.12.1942, BA-MA, RH 19 VIII/3; DRZW,

Bd. 6, S. 725-736; Fraser, Rommel, S. 358-371.


24 Ebd., S. 371-374; DRZW, Bd. 6, S. 736 f.
190 Die Niederlage vor El Alamein

100.000 Männer. Die meisten der in Kriegsgefangenschaft geratenen oder ge­


fallenen Soldaten waren Italiener, die aufgrund fehlender Motorisierung mit
den Rückzugsbewegungen nicht Schritt halten konnten. Außerdem verfügte
die Panzerarmee Afrika am Ende noch über gerade einmal 80 einsatzbereite
Panzer.25
Für die alliierte Seite hatte sich letztlich als Glücksfall herausgestellt, daß
Hitler wegen seiner Konzentration auf den Ostkrieg die afrikanische Front zu
keiner Zeit zum Schwerpunkt ausreichender Versorgung mit Truppen und
Kriegsgerät gemacht hatte. Gerade die Nachschubfrage wurde damit zum ent­
scheidenden Faktor. Schon 1941 und besonders während der Schlachten vor El
Alamein gelang es der Achse nicht, den Nachschubweg nach Afrika ausrei­
chend zu sichern und die benötigten Mengen an Kriegsmaterial und Treibstoff
zu liefern. Bis Januar 1943 verloren Deutsche und Italiener allein auf diesen
Versorgungsrouten 1.345.000 Bruttoregistertonnen an Schiffsraum. Weitere
1.195.000 Bruttoregistertonnen wurden beschädigt. Allein jene Dimension ent­
sprach der Gesamttonnage der italienischen Handelsschiffahrt bei Kriegsein­
tritt.26
Die Niederlage der Achsenmächte vor El Alamein hatte schließlich auch
Konsequenzen für das deutsch-arabische Verhältnis. Viele Muslime des Nahen
Ostens sahen sich in ihrer Hoffnung enttäuscht, daß die Armee Rommels ihre
Länder befreien werde. Der weitverbreiteten deutschfreundlichen Einstellung
tat das jedoch keinen Abbruch. Als die Briten nach dem Scheitern der Offen­
sive der Panzerarmee Afrika vor El Alamein deutsche Kriegsgefangene zum
Zeichen ihres Sieges über den Kairoer Opernplatz führten, erschollen nach wie
vor Hochrufe auf Rommel. Die Gefangenen wurden darauf eilig über Seiten­
straßen abgeführt.27 In Palästina machte sich unter den dortigen Fraktionen
zwar keine grundsätzliche Änderung der Positionen, wohl aber allgemeine
Rat- und Orientierungslosigkeit breit. In den verbleibenden Kriegsjahren von
1942 bis 1945 zeigte sich niemand fähig, ein alternatives, neues politisches Pro­
gramm zu entwerfen. Nicht zuletzt blieben auch alle Versuche zur Schaffung
von Parteien oder Bündnissen jenseits des vom Mufti aus dem Exil kontrollier­
ten Machtblocks der Husseinis erfolglos; alle derartigen Initiativen wurden von
dessen Parteigängern und seiner Familie unerbittlich verhindert.28
Auf dem östlichen Kriegsschauplatz war am 28. Juni 1942 unter dem Deck­
namen „Blau I“ die Offensive zum Don angelaufen.29 Die im Südabschnitt zum

25 Keegan, S. 491.
26 Theil, S. 66.
27 Aufz. Prüfer/AA v. 17.6.1943, PAAA, BA 61179.
28 Kiernan, S. 106; Khalaf, S. 90 f.
29 DRZW, Bd. 6, S. 868 f.
Die Niederlage vor El Alamein 191

Angriff angetretenen Truppen der Heeresgruppe Süd kamen in den folgenden


Wochen schnell voran. Im weiteren Verlauf wurden die Angriffsverbände in
eine nördliche Heeresgruppe B unter Generaloberst von Weichs und der im
Süden operierenden Heeresgruppe A unter Feldmarschall List gegliedert. Ob­
wohl es den beiden Heeresgruppen nicht wie ursprünglich geplant gelang,
durch eine Zangenbewegung in Richtung auf Stalingrad größere Teile der Ro­
ten Armee einzuschließen, befahl Hitler am 23. Juli in seiner Weisung Nr. 45
eine Aufteilung der Offensive. Nunmehr sollte Weichs mit der Heeresgruppe B
allein nach Stalingrad vorstoßen, das wichtige Industriezentrum an der Wolga
einnehmen und entlang des Stromes Astrachan sowie das Kaspische Meer er­
reichen. Gleichzeitig hatte Lists Heeresgruppe A die Aufgabe, in Richtung
Kaukasus vorzudringen, die Ostküste des Schwarzen Meeres und die Ölfelder
von Grosny einzunehmen und anschließend in südöstlicher Richtung entlang
des Kaspischen Meeres auch die Ölquellen von Baku zu besetzen.30
Beide Offensivbewegungen begannen ausgesprochen erfolgreich. Die zur
Heeresgruppe B gehörende 6. Armee erreichte in der zweiten Augusthälfte
die Wolga bei Stalingrad und drang ab Anfang September in das Stadtgebiet
vor.31 Währenddessen erreichten die 1. und 4. Panzerarmee der Heeresgruppe
A den Kaukasus. Am 18. August hatte die Wehrmacht drei der wichtigsten
Pässe besetzt und drei Tage später mit dem Elbrus den höchsten Berg des Kau­
kasus erreicht, wo Gebirgsjäger auf dem Gipfel die Reichskriegsflagge hißten.
Die Sowjets erklärten daraufhin am 24. August den Notstand im Transkauka­
sus. Mit der Besetzung Mozdoks durch die Deutschen war dann am 25. August
der Gipfelpunkt des Vormarschs erreicht.32
Der Übergang über den Kaukasus und ein Erreichen des arabischen Raumes
schien nun tatsächlich bevorzustehen. In einer Besprechung zwischen Ribben­
trop, Felmy und Grobba wurde die Situation bereits am 14. Mai vorweggenom­
men. In Absprache zwischen Auswärtigem Amt und Wehrmacht wurden bei
dieser Gelegenheit die Eckpunkte deutscher Propaganda anläßlich des erwar­
teten Vormarschs nach Arabien festgelegt. Den beiden arabischen Exilanten in
Deutschland sollte in dem Zusammenhang große Bedeutung zukommen; dazu
notierte Grobba: „Den Höhepunkt der propagandistischen Betätigung des
Großmufti und Gailanis soll ein Aufruf beider an das arabische Volk zum Auf­
stand gegen die Engländer bilden. Der Zeitpunkt soll von uns bestimmt wer­
den, voraussichtlich nach der Einnahme von Tiflis. Beide wollen sich dann
dorthin begeben. Es soll die irakische Regierung dort ausgerufen werden. Die­
ser Aufruf wird das arabische Volk zum Aufstand bewegen [...]. Wenn eine

30 Ebd., S. 881-892; Gruchmann, Weltkrieg, S. 198.


31 Ebd., S. 199; DRZW, Bd. 6, S. 962-971.
32 Stewart, Sunrise, S. 221.
192 Die Niederlage vor El Alamein

siegreiche deutsche Armee in der Nähe der Grenzen der arabischen Länder
erscheint, ist nicht daran zu zweifeln, daß das arabische Volk sich gegen Eng­
land erheben wird.“
In diesen Plänen waren die Araber der Deutsch-Arabischen Lehrabteilung
als „Rahmen der neuaufzustellenden irakisch-arabischen Armee“ vorgesehen.
Auch im nördlichen Bereich der erhofften Zangenbewegung, mit dem Erschei­
nen auf arabischem Gebiet jenseits des Kaukasus, kalkulierten die Deutschen
mit einer großen Zahl an Kollaborateuren, die sich dem Kampf anschließen
würden: „Es ist damit zu rechnen, daß der größte Teil der irakischen Armee,
vor dem irakisch-englischen Kampf vier Divisionen, sich Gailani und dem
Großmufti anschließen wird und daß ihnen auch zahlreiche Freiwillige aus Sy­
rien und Palästina zuströmen werden.“33 Noch im August wurde die Deutsch-
Arabische Lehrabteilung im Zuge des rasanten Vormarschs der Wehrmacht
zusammen mit dem „Sonderstab F“ aus Griechenland nach Stalino verlegt.
Nach der Überquerung des Kaukasus und der Einnahme von Tiflis war die
Truppe dann dafür vorgesehen, über den westlichen Iran in den Irak einzumar­
schieren, um dort die vereinbarte propagandistische Speerspitze für eine Zu­
sammenarbeit der Araber mit der Achse gegen England zu bilden.34
Über deren Einsatz kam es allerdings zum handfesten Konflikt zwischen dem
Oberkommando der Wehrmacht und el-Husseini, der von der Verlegung der
Truppe an den Rand des Kaukasus gar nicht vorab informiert worden war und
erbost für eine sofortige Verwendung in Ägypten plädierte.35 Wie konkret die
Heranziehung der Kollaborateure während dieser Zeit für die Wehrmachtsfüh­
rung erschienen sein muß, belegt auch das mit al-Gailani Mitte September ab­
geschlossene Militärabkommen. In diesem Vertragswerk, in dem sich beide
Seiten zur ,Befreiung‘ des Irak und Großsyriens von den Briten verpflichteten,
wurde die Funktion der Araber innerhalb der Lehrabteilung als Kern einer
zukünftigen arabischen Armee ausdrücklich schriftlich festgehalten. Während
sich die deutsche Seite zur Ausbildung und Ausrüstung der Araber verpflichte­
te, erkannte al-Gailani den Oberbefehl des Bündnispartners an. Konkret sagte
Felmy für die deutsche Seite zu, irakisches und großsyrisches Territorium „spä­
testens sechs Monate nach Beendigung des Krieges“ zu verlassen und danach
dort lediglich noch eine Militärmission zu unterhalten.36

33 Aufz. Grobba/AA v. 30.5.1942, PAAA, R 27332; mit ähnlichem Inhalt Ettel/AA an

RAM v. 31.5.1942, ebd.


34 Aufz. Grobba v. 3.9.1942, ebd., BA 61124.
35 Dto. v. 8.9.1942, ebd., R 27828; gegenüber Keitel argumentierte der Mufti, die Prä­

senz der Freiwilligen in Ägypten habe den Vorteil, daß die palästinensischen und syri­
schen Araber dort „fast sofort in ihrem eigenen Land“ seien, Denkschrift Mufti v.
29.8.1942, ebd.
36 Entw. Dt.-Irak. Militärabkommen (undat./Sept. 1942), ebd., BA 61125; Aufz. Grobba
Die Niederlage vor El Alamein 193

Letztlich trat das Militärabkommen allerdings nie in Kraft. El-Husseini, ver­


stimmt über die Verlegung seiner arabischen Freiwilligen an die Ostfront und
eifersüchtig darauf bedacht, gegenüber al-Gailani nicht ins Hintertreffen zu
geraten, verweigerte dem Vertragswerk anläßlich einer Unterredung mit Ca­
naris und Felmy Mitte September in Rom seine Zustimmung.37 Der militäri­
sche Einsatz der Araber jenseits des Kaukasus kam ebenfalls nicht zustande.
Die mittlerweile 800 Mann zählenden vier muslimischen Kompanien warteten
in einem Lager mehrere hundert Kilometer hinter der Front auf die Überque­
rung des Gebirgszuges, während die übrigen 5200 deutschen Soldaten der
Lehrabteilung regulär an der Front verwendet wurden. Dabei mußte die Trup­
pe erhebliche Verluste hinnehmen.38
Im Falle eines Vorrückens über den Kaukasus hätten die mit dem deutschen
Heer vorrückenden Kommandos der Einsatzgruppe D ohne Zweifel umge­
hend damit begonnen, auch die in jenen Regionen lebenden Juden zu erfassen
und anschließend zu ermorden. Erste Hinweise auf den bevorstehenden Mas­
senmord lassen sich aus Berichten des „Reichsinstituts für die Geschichte des
neuen Deutschlands“ herauslesen. So widmete sich ein Rapport der Abstam­
mung kaukasischer und georgischer Angehöriger „mosaischen Bekenntnisses“,
deren Zahl mit etwa 60.000 bis 70.000 Personen angegeben wurde. Bezüglich
dieser Volksgruppe hoben die Institutsmitarbeiter hervor, daß der Talmud bei
den Menschen unbekannt sei.39 Ein weiterer Bericht von Oktober 1942 handel­
te von iranischen und afghanischen Juden, deren Zahl ebenfalls mit 60.000 bis
70.000 Personen angegeben wurde. Im Gegensatz zu den Erstgenannten kann­
ten und befolgten die Juden in Afghanistan und Persien den Talmud aber sehr
wohl.40 Als direkte Reaktion auf jene Erkenntnisse betonte ein Spezialist vom
„Institut zur Erforschung d[er] Judenfrage“, es sei „immer zu argwöhnen, daß
es sich bei der Bezeichnung der erwähnten Anhänger des mosaischen Bekennt­
nisses als Iraner, Georgier, Afghanen usw. um geschickte jüdische Tarnungen
handelt, wie es auch in Europa üblich war“.41 Häufig genug waren es gerade
solche Klassifizierungen und pseudowissenschaftlichen Erörterungen von Ju­
denspezialisten4 in Form der genannten Beispiele, die die Ouvertüre zur Ver­

v. 19.12.1942, ebd.; Hitler hatte im Sept, gleichfalls betont, deutsche Truppen würden
nicht dauerhaft arabisches Territorium besetzt halten, vgl. Notiz Hewel/AA v. 12.9.1942,
ebd., R 27324.
37 Aufz. Ritter/AA v. 27.3.1943, ebd., BA 61125; Verm. Chef OKW/Ausl/Abw v.

15.9.1942, ebd.; Aufz. Grobba v. 19.12.1942, ebd.


38 Dto. Schnurre/AA v. 20.11.1942, ebd.
39 Ber. Reichsinstitut f. Geschichte d. neuen Deutschlands v. 23.10.1942, ebd., R 27330.
40 Dto. v. 23.10.1942, ebd.
41 Institut zur Erforschung der Judenfrage an AA v. 27.10.1942, ebd.
194 Die Niederlage vor El Alamein

nichtung bildeten, nach denen dann die Mordkommandos oder Deportations­


experten vor Ort ihre Opfer aussuchen konnten.42
Während die Wehrmacht noch zum Sprung über den Kaukasus ansetzte, war
die achsenfreundliche Stimmung im angrenzenden Iran nach wie vor groß. Der
japanische Militärattache in Teheran erklärte, die iranische Armee habe „volle
Bereitschaft mit deutschen Befreiern zusammenzuarbeiten“,43 und die Abwehr
setzte im Februar und Mai 1942 persische V-Leute dorthin in Marsch, um diese
Unterstützung auszuloten.44 Ein iranischer Diplomat berichtete, „daß minde­
stens 90 % deutschfreundlich ist. In Teheran sieht man an allen Wänden Ha­
kenkreuze. [...] Kleine Kinder laufen hinter den britischen Offizieren her, ru­
fen ,Mister, Mister‘, strecken die flache Hand offen nach oben aus, blasen
darauf und sagen ,Singapore‘.“ Auch der deutsche Rundfunk werde dort „eifrig
abgehört“.45 Dabei setzte man auf die „Verehrung des Führers“, „der in weiten
Kreisen als der nach der schiitischen Lehre wiederkehrende zwölfte Imam ver­
ehrt wird“ und dessen Bilder „auch in den armseligsten Wohnungen immer
wieder“ anzutreffen seien.46 Zugleich betrieb der deutsche Rundfunk auch dort
antisemitische Hetze: „Neben der Propaganda gegen Briten und Sowjets hat
auch die anti-jüdische Propaganda im iranischen Volk gute Erfolgsaussichten“,
befand der einstige Teheraner Botschafter Ettel. „Die große Masse des ira­
nischen Volkes verachtet die Juden, in denen sie Parasiten am Volkskörper
erblicken. Deutschlands Kampf gegen das Weltjudentum richtet sich daher
auch gegen die Juden im Iran, die das arische iranische Volk unter ihre Knute
zwingen wollen.“47 Unschwer läßt sich hier die propagandistische Vorbereitung
von Pogromen nach dem deutschen Einmarsch erkennen.
Auch die verbliebenen Agenten von Abwehr und SD bereiteten die Invsion
auf ihre Weise vor. Gamotha blieb bis Herbst 1942 im Nordiran und baute dort
ein Sabotagenetz auf, mit dem er Anschläge auf die sowjetischen Nachschub­
linien verübte. Dann flüchtete er zu Fuß in die Türkei und kehrte nach mehr­
monatiger Internierung im März 1943 nach Deutschland zurück.48 Im Oktober
dieses Jahres übernahm er als Hauptsturmführer die Leitung des Iranreferates
im Amt VI und damit die Vorbereitung weiterer Agenteneinsätze.49 Mayr blieb

42 Angrick, S. 326-330; Kunz, S. 187-204.


43 DG Tokio an AA v. 21.5.1942, PAAA, R 27329.
44 Aufz. Ettel/AA v. 11.8.1942, ebd.
45 DK Genf an AAv. 13.8.1942, ebd.
46 AA/Pol VII, Richtlinien für die Prop. nach Iran v. 11.8.1942, ebd.
47 Ettel/AA, Richtlinien für die dt. Prop. nach dem Iran v. 24.8.1942, ebd.
48 RFSS, Einsatz von SS-Führern im Iran (undat./Mai 1943), BAB, NS 19/2235; Vern.

Irmtraud Kaiser v. 30.8.1945, NAK, FO 371/46781.


49 Lebenslauf, BAB, RuSHA Roman Gamotha; RSHA VI an Adj. RFSS v. 29.10.1943,

ebd., SSO dess.


Die Niederlage vor El Alamein 195

in Teheran, kultivierte seine Kontakte zu iranischen Offizieren und stand im


Funkkontakt mit Berlin.50 Am 29. März 1943 wurden weitere sechs deutsche
Agenten – vier Angehörige des SD und zwei von der Abwehr – südlich der
Hauptstadt mit Fallschirmen abgesetzt und nahmen Verbindung mit Mayr
auf.51 Am 15. August fielen alle jedoch dem britischen Geheimdienst bei einer
Verhaftungswelle gegen die persische Opposition in die Hände.52
Schulze-Holthus wiederum akzeptierte im Frühsommer 1942 das Angebot
von Nasr Khan, dem Oberhaupt des Ghashghai-Stammes, als militärischer Be­
rater an der Vorbereitung eines Aufstandes der südpersischen Stämme mit­
zuwirken und begab sich in deren Gebiet. Noch im selben Jahr ließ der Khan
provisorische Feldflugplätze für den erwarteten deutschen Einmarsch anle­
gen53 und begann einen Kleinkrieg gegen die Zentralgewalt und die Briten.54
Er erhielt dafür vom Reichsaußenminister eine Unterstützung von 250.000
Reichsmark bewilligt, von denen 1943 100.000 Reichsmark ausbezahlt wur­
den.55 Auch Schulze-Holthus bekam Verstärkung aus Deutschland. Im Juli
1943 landete ein vierköpfiges Kommando mit dem Fallschirm im Ghashghai-
Gebiet – drei Angehörige des SD und ein iranischer Dolmetscher. Es führte ein
Funkgerät sowie Sprengstoff mit sich und war speziell zur Sabotage der südper­
sischen Ölquellen abgestellt worden.56 Sein Chef war Hauptsturmführer Mar­
tin Kurmis, Jahrgang 1912, vor „Barbarossa“ Litauenexperte beim SD-Ab­
schnitt Memel. 1941 hatte er zum Einsatzkommando 3 gehört und dann als
Leiter IV beim Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD in Kauen
(Kaunas/Kowno) fungiert, war somit tief in die Vernichtung der litauischen
Juden verstrickt. 1942 hatte er im Rahmen des Unternehmens „Zeppelin“
Agenteneinsätze im Nordkaukasus und vor Leningrad geleitet.57 Sein Motto
lautete: „Unser Gewissen ist der Reichsführer SS.“58
Allerdings hatte sich die Situation zwischenzeitlich deutlich verschlechtert:
„Nach Meldungen unserer Teheraner Stelle wäre im vergangenen Jahr in Ver­
bindung mit den deutschen Offensivbewegungen im Osten die Erregung eines

50 CdS VI C 12 an AA v. 24.7.1943, Faks. in: Schnabel, S. 411 f.; Schulze-Holthus, Iran,

S. 194, 206, 225, 236 f., 239, 294 f.; Madani, S. 463.
51 OKW/Ausl/Abw II an OKW/WFSt v. 7.5.1943, BA-MA, RW 4/v. 691.
52 Schröder, Deutschland, S. 258 f.
53 Schulze-Holthus, Iran, S. 195,198, 202.
54 Vgl. Madani, S. 456 ff.
55 Aufz. Ettel/AA v. 21.10.1943, PAAA, R 101101.
56 Schulze-Holthus, Iran, S. 274 ff.
57 Lebenslauf, BAB, RuSHA Martin Kurmis; „Zeppelin“-Hauptkdo. Süd an RSHA VI

C/Z v. 30.10.1942, NAK, HW 19/235; Fernschr. RSHA VI C/Z v. 3.12.1942, BA-ZA, ZR


920/44; Vern. Heinrich S. v. 18.10.1959, BAL, B 162/2509, Bl. 4235 ff.
58 Schulze-Holthus, Iran, S. 291.
196 Die Niederlage vor El Alamein

größeren Aufstandes möglich gewesen“, berichtete Kaltenbrunner nunmehr.


„Jetzt sei die Lage bedeutend ungünstiger. Die Stämme hielten sich bewußt
zurück und wollten nur im Zusammenhang mit neuen deutschen Operationen
aktiv werden.“59 Als zudem noch zwei Brüder des Khans – beide im Dienst der
deutschen Abwehr stehend – auf der Reise von Berlin in den Iran von briti­
schen Agenten nach Kairo entführt und dort inhaftiert wurden, einigte sich der
Ghashghai-Fürst mit der Teheraner Regierung und tauschte die Deutschen ge­
gen seine Brüder aus. Im März 1944 wurden Schulze-Holthus, Kurmis und ihre
Begleiter den Briten übergeben.60 Noch im Teheraner Lazarett packte Kurmis
den Posten, der an seinem Bett Wache hielt, stürzte sich mit ihm kopfüber in
den Hof hinab und riß so beide in den Tod.61
Der Weg in den Nahen und Mittleren Osten blieb dem Dritten Reich ver­
sperrt. Wie vor El Alamein gingen die weitreichenden strategischen Visionen
für die Deutschen auch im Osten nicht auf. In Stalingrad hatten die Kämpfe im
Laufe des September 1942 kontinuierlich zugenommen. Die gegen die Wolga
gedrückten Verteidiger leisteten erbitterten Widerstand. Eine am 19. Novem­
ber einsetzende sowjetische Gegenoffensive durchbrach dann im Norden und
Süden von Stalingrad die Front und schloß drei Tage später die 6. Armee mit
ihren etwa 250.000 Soldaten in der Stadt ein.62 In ähnlich aussichtsloser Situati­
on wie zwei Wochen zuvor bei El Alamein untersagte Hitler auch Generalfeld­
marschall Paulus einen Ausbruchsversuch. Statt dessen stellte er in Aussicht,
die Soldaten aus der Luft zu versorgen und nach der Heranführung stärkerer
Kräfte zu entsetzen. Der unter Generaloberst Hoth am 12. Dezember begon­
nene Versuch der Aufsprengung des Kessels mißlang.63 Vier Tage später über­
schritt die Rote Armee nordwestlich von Stalingrad den Don, durchbrach die
von Italienern gehaltene Front und drang Richtung Rostow vor. Damit drohte
auch der im Kaukasus stehenden Heeresgruppe A das komplette Abschneiden
von der Front. Die Wehrmachtsverbände waren deshalb gezwungen, sich aus
dem Kaukasus abzusetzen. Mit der 17. Armee sammelte sich ein Teil der Hee­
resgruppe am Ostufer des Asowschen und des Schwarzen Meeres in einem
Brückenkopf gegenüber der Halbinsel Kertsch, von dem aus im folgenden Jahr
eine neue Offensive begonnen werden sollte.64
Dieser Angriff fand jedoch nie statt. Mit einem zeitlichen Verzug von weni­
gen Wochen wurden die Wehrmachtsverbände im Herbst 1942 sowohl auf dem

59 CdS an RAM v. 2.6.1943, ADAP, Ser. E, Bd. 6, S. 127 f.


60 Aufz. Ettel/AA v. 16.10.1943, PAAA, R101101; Madani, S.470 ff.; Schröder,
Deutschland, S. 259.
61 Schulze-Holthus, Iran, S. 355.
62 DRZW, Bd. 6, S. 1018-1023; Gruchmann, Weltkrieg, S. 200 f.
63 Ebd., S. 201 f.; DRZW, Bd. 6, S. 1035-1053.
64 Gruchmann, Weltkrieg, S. 246 ff.; DRZW, Bd. 6, S. 1064-1068.
Die Niederlage vor El Alamein 197

afrikanischen Kriegsschauplatz als auch im Osten durch die einsetzenden Ge­


genoffensiven der überlegenen alliierten Armeen gezwungen, ihre aussichts­
reichen strategischen Positionen aufzugeben und den Rückmarsch anzutreten.
Die von Hitler 1941 geplante Zangenbewegung gegen die britische Stellung im
arabischen Raum war damit endgültig gescheitert. Die völlig veränderten Aus­
gangsbedingungen zum Jahreswechsel 1942/43 zeigten sich dann nicht zuletzt
auch im Folgejahr in der Kriegserklärung des Irak an die Achsenmächte. Als
Reaktion darauf schlug der Mufti vor, die bisher im geheimen von der deut­
schen Regierung an ihn und al-Gailani zugesicherten Erklärungen bezüglich
der Freiheit und Unabhängigkeit Arabiens nunmehr propagandistisch zu ver­
öffentlichen. Das Ansinnen wurde von deutscher Seite abgelehnt. Statt dessen
sollten beide arabischen Kollaborateure ihre deutschlandfreundliche Pro­
paganda intensivieren.65
Die fast zeitgleich erfolgten Niederlagen an der nordafrikanischen Front und
im Osten stellten die entscheidende Wende im Zweiten Weltkrieg dar. Danach
sollte es der Wehrmacht zu keinem Zeitpunkt mehr gelingen, die strategische
Initiative in größerem Umfang noch einmal an sich zu reißen. Obwohl das
Ende 1942 noch längst nicht absehbar war, ging das Heft des Handelns nun
zunehmend auf die Alliierten über, die die Achse zwangen, ihre bis zum Som­
mer eroberten Positionen Stück für Stück wieder aufzugeben. Zudem zeigten
sich das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien immer
weniger in der Lage, die bisherigen Verluste auszugleichen. Das Kriegspoten­
tial der Achse trat nun im Vergleich zu den zunehmend überlegenen Rüstungs­
industrien der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten immer weiter ins Hin­
tertreffen.66 Ein neuer Kriegsschauplatz in Tunesien sollte die Gesamtsituation
nur noch zementieren.

65 Mufti an RAM v. 28.1.1943, PAAA, BA 61125; Aufz. Prüfer/AA v. 10.2.1943, ebd.


66 Overy, S. 31,241-161.
12. Die Zweite Front: Die alliierte Landung in
Nordafrika und das Einsatzkommando Tunis

In drei getrennten Küstenstreifen in der Nähe von Casablanca in Marokko


sowie bei den algerischen Städten Oran und Algier gingen am 8. November
1942 insgesamt etwa 63 000 amerikanische und britische Soldaten an Land. Es
war der Beginn der alliierten Operation „Torch“.1 Alarmierende deutsche Sie­
ge im Nahen Osten und in der Sowjetunion vor Augen, hatten Briten und Ame­
rikaner im Juli 1942 eine Landung im westlichen Nordafrika ins Auge gefaßt.
Die eigentlich favorisierte und von Stalin vehement geforderte Invasion an der
französischen Kanalküste mußte angesichts des Kräfteverhältnisses zwischen
Alliierten und der Achse noch aufgeschoben werden und sollte frühestens im
Folgejahr realisiert werden. Zum Oberbefehlshaber wurde am 14. August
Dwight D. Eisenhower bestimmt; die Wahl fiel unter anderem auf ihn, weil
man hoffte, durch einen amerikanischen Kommandeur die französische Ge­
genwehr minimieren zu können.2 Am Landungstag kam es an den verschiede­
nen Küstenabschnitten trotzdem zu teilweise ernstem Widerstand französi­
scher Truppen, die ganz unterschiedlich auf das Erscheinen der Alliierten
reagierten. Rein zufällig hielt sich wegen seines erkrankten Sohnes gleichzeitig
auch Admiral Darlan, seit April 1942 Oberbefehlshaber der französischen Ar­
mee, in Algerien auf. Direkte Verhandlungen der Amerikaner mit dem Admi­
ral konnten die Franzosen am 10. November schließlich zum Einstellen aller
Kampfhandlungen bewegen.3
Mit ihrer Landungsoperation hatten sich Amerikaner und Briten eine aus­
sichtsreiche Position für ein zukünftiges Erreichen Kontinentaleuropas aus
südlicher Richtung erkämpft. Vor allem das italienische Festland mußte seit­
dem als unmittelbar bedroht gelten. Hitler befahl am 9. November als Reak­
tion auf die alliierte Landung umgehend einen Brückenkopf in Tunesien zu
errichten.4 Außerdem ordnete er die bereits lange vorbereitete Besetzung
Restfrankreichs an. Versicherungen Petains und seines Ministerpräsidenten

1 Keegan, S. 492 f.; Carpi, Mussolini, S. 229.


2 Overy, S. 136 ff.
3 DRZW, Bd.6, S.715ff.; Keegan, S.493f.; vgl. Presseabt. AA, SPN v. 18.11.1942,

PAAA, R 29866; Fernschr. OKH/GenStdH/Abt. FHW v. 17.11.1942, BA-MA, RH 2/464.


4 Hirszowicz, Reich, S. 270; Carpi, Mussolini, S. 229 f.
200 Die zweite Front: Die alliierte Landung in Nordafrika

Laval, Oberbefehlshaber Darlan habe ganz und gar eigenmächtig gehandelt


und es sei keineswegs ein französischer Seitenwechsel vollzogen worden, fan­
den bei den Deutschen kein Gehör. Die Wehrmacht rückte am Morgen des
11. November in Südfrankreich ein; drei Tage später war die Besetzung im Zu­
sammenspiel mit Italien ohne Kampfhandlungen beendet.5
In Tunesien trafen erste deutsche Flugzeuge noch am 9. November ein. Auf­
grund eines entsprechenden Befehls aus Vichy übergaben die Franzosen wider­
standslos die Städte Tunis und Biserta und zogen sich Richtung Algerien zu­
rück.6 Mit der Ankunft von drei deutschen Divisionen seit dem 16. November
verstärkte die Wehrmacht den neuerrichteten Brückenkopf. Die Truppen ope­
rierten ab Anfang Dezember unter der reichlich übertriebenen Bezeichnung
5. Panzerarmee; den Oberbefehl hatte anfangs noch General Nehring, der frü­
here Kommandeur des Deutschen Afrikakorps, und seit dem 8. Dezember Ge­
neraloberst Hans-Jürgen von Arnim inne.7 Dessen Qualitäten wurden in einer
Beurteilung Walter Models, des Oberbefehlshabers der 9. Armee, gewürdigt;
knapp formuliert stand darin unter anderem: „Lebt und führt im Sinne der
nationalsozialistischen Weltanschauung.“8 Als höchster ziviler Vertreter
Deutschlands und Kontaktperson zur offiziell weiterbestehenden Exekutive
unter dem französischen Generalrepräsentanten Admiral Jean-Pierre Esteva
sowie zum Bey von Tunis fungierte der Diplomat Rudolf Rahn. Erst einige
Tage nach der Wehrmacht trafen auch italienische Truppen im Brückenkopf
ein.9 Von arabischer Seite wurden besonders die Deutschen begeistert empfan­
gen. Rahn berichtete Anfang Dezember aus Tunis, daß Transporte kriegs­
gefangener Briten auf den Straßen mit Hochrufen auf Deutschland begleitet
würden.10 Und noch Ende Januar 1943 wurde von Arabern häufig Klage dar­
über geführt, daß Angehörige durch französische Polizisten festgenommen
worden seien, weil sie angesichts deutscher Truppen „Heil Hitler“ geschrieen
hätten.11
Trotzdem war die Stellung der Achsentruppen im tunesischen Brückenkopf
während der ersten Wochen keineswegs gesichert. Nachdem es schon am

5 Hitler an Petain v. 11.11.1942, PAAA, R 29866; DRZW, Bd. 6, S. 741-745; Keegan,

S. 494.
6 Rahn/AA an AA v. 21.11.1942, PAAA, R 27766; Hirszowicz, Reich, S. 270; Gunde-

lach, Bd. 1, S. 456.


7 Carpi, Mussolini, S. 230; Hirszowicz, Reich, S. 281.
8 Zit. nach: Neitzel, S. 429; die Briten hielten von Arnim zudem für extrem antise­

mitisch u. antibolschewistisch, vgl. ebd.


9 Rahn/AA an AA v. 15.11.1942, PAAA, R 27766; Greiselis, S. 160; Carpi, Mussolini,

S. 230; Hirszowicz, Reich, S. 281.


10 Rahn/AA an AA v. 2.12.1942, PAAA, BA 61134.
11 Tät.Ber. Feldgend.Kp. 613 Tunis v. 31.1.1943, BA-MA, RH 21-5/18.
Die zweite Front: Die alliierte Landung in Nordafrika 201

17. November zu ersten Gefechten mit britischen Kräften gekommen war,


rückten alliierte Verbände seit dem 25. November auf Tunis vor. Im Verlauf
schwerer Kämpfe stießen amerikanische Panzer bis auf Djedeida, 25 Kilometer
nordwestlich der Hauptstadt, vor. Vorübergehend hielt man auf deutsch-italie­
nischer Seite die gesamte eigene Stellung für unmittelbar bedroht; der sich
gerade zu Gesprächen in Tunis aufhaltende Abgesandte des Mufti mußte den
Brückenkopf überstürzt wieder verlassen.12 Nehring befahl angesichts der La­
ge eine von Kesselring heftig kritisierte Zurücknahme der Front; das war auch
der Grund, warum der bisherige Oberbefehlshaber abgelöst und durch Arnim
ersetzt wurde. In den folgenden Tagen gelang dann eine erneute Ausweitung
des Brückenkopfes, bis am 13. Dezember eine Hauptkampflinie erreicht war,
die für die folgenden Wochen Bestand haben sollte. Die Front erstreckte sich
nun von der Mittelmeerküste 30 Kilometer westlich von Biserta über Pont du
Fahs bis nach Gabés im Süden.13
Die anfänglich für den Dezember geplante alliierte Offensive auf Tunis wur­
de von Eisenhower am 24. des Monats zugunsten der Unterstützung von Mont­
gomerys Angriff auf die Reste von Rommels Panzerarmee bei Buerat aufgege­
ben. Doch dem Generalfeldmarschall gelang ein erneuter Rückzug bis nach
Mareth in Tunesien, der Mitte Februar abgeschlossen war. Die ihm verbliebe­
nen Truppen hatten sich damit faktisch mit den Verbänden Arnims vereinigt.14
Am 9. Februar erhielten beide deutschen Armeeoberbefehlshaber von Kessel­
ring den Befehl, in einer aufeinander abgestimmten Offensive Eisenhowers
alliierte Truppen im Westen anzugreifen. Im Verlauf dieses Unternehmens
wurde aus den Panzerarmeen am 23. Februar die Heeresgruppe Afrika gebil­
det und Rommel vorübergehend der Oberbefehl übertragen.15 Der Vorstoß
selbst verlief anfangs erfolgreich. Mit dem Übergang deutscher und italie­
nischer Panzer am 20. Februar über den Kasserinepaß und dem Erreichen von
Thala am folgenden Tag drohte sogar ein Aufrollen der gesamten alliierten
Front in Westafrika. Wegen neuer Nachschubprobleme und dem sich zuneh­
mend verstärkenden Feindwiderstand mußte Rommel jedoch einsehen, daß er
dieses Ziel nicht mehr erreichen werde. Am 22. Februar befahl er die Einstel­
lung der Offensive und die Zurücknahme seiner Truppen auf die Mareth-Linie,
um einem nunmehr drohenden Angriff Montgomerys im Süden nicht völlig
unvorbereitet ausgesetzt zu sein.16
Wie im gesamten europäischen Machtbereich hatten die Deutschen wäh­

12 Rahn/AA an AA v. 25.11.1942, PAAA, R 27766; dto. v. 26.11.1942, ebd.; Greiselis,

S. 135; DRZW, Bd. 6, S. 723 f.; Gundelach, Bd. 1, S. 463.


13 Ebd., Bd. 2, S. 519; DRZW, Bd. 6, S. 724 f.
14 Ebd., S. 725, 734-737.
15 Gundelach, Bd. 2, S. 536 f.; Fraser, Rommel, S. 376 f.
16 Ebd., S. 382 f.; Gundelach, Bd. 2, S. 536 ff.; Keegan, S. 496 f.
202 Die zweite Front: Die alliierte Landung in Nordafrika

renddessen längst damit begonnen, in Tunesien die Besatzungsverwaltung zu


organisieren. Dazu gehörte auch ein Kommando der Sicherheitspolizei und des
SD. Es war genau jene Truppe unter SS-Obersturmbannführer Rauff, die im
September aus Athen abgezogen worden war, weil sich die Hoffnungen auf
eine Eroberung Ägyptens nicht erfüllt hatten. Nun kam die Formation in exakt
derselben Stärke von sieben Führern sowie 17 Unterführern und Mannschafts­
dienstgraden in Tunesien zum Einsatz. Auch die für Rauffs Truppe geltenden
Einsatzrichtlinien waren, wie der Wehrmachtführungsstab ausdrücklich beton­
te, dieselben wie im Juli geblieben.17 Vor Ort wurden dem Kommando noch
mindestens drei weitere SS-Führer zugewiesen. Es waren Obersturmführer
Theo Saevecke, Sturmbannführer Georg Best und Untersturmführer Heinrich
Harder.
Saevecke befand sich zum Zeitpunkt seiner Versetzung schon ein halbes Jahr
in Afrika. 1911 in Hamburg geboren, verließ er 1930 als Unterprimaner das
Gymnasium. Zu den Gründen seines Ausscheidens teilte er neun Jahre später
dem Rasse- und Siedlungshauptamt mit, die Einrichtung habe „unter jüdischer
und marxistischer Leitung“ gestanden. Im Anschluß an eine vierjährige Tätig­
keit als Seemann begann Saevecke dann eine Ausbildung bei der Lübecker
Kriminalpolizei, besuchte 1937 die Führerschule der Sicherheitspolizei und be­
stand die Prüfung zum Kriminalkommissar. Zu dieser Zeit war der junge Mann
der nationalsozialistischen Bewegung bereits etliche Jahre eng verbunden.
Schon als 15-jähriger war er in der Schilljugend des Freikorps Roßbach aktiv
und wechselte mit 17 in die Lübecker Ortsgruppe der SA; wenig später besaß
der junge Aktivist auch das NSDAP-Parteibuch.18 Nach dem deutschen Angriff
auf Polen wurde Saevecke im September 1939 zur Einsatzgruppe VI abgeord­
net und fungierte anschließend als Leiter des Mordkommissariats in Posen.
Von dort betrieb er im Juni 1940 seine freiwillige Meldung zum sicherheitspoli­
zeilichen Kolonialdienst, die ihn knapp zwei Jahre später als Verbindungsoffi­
zier der Sicherheitspolizei und des SD zur italienischen Polizei nach Libyen
bringen sollte. In dieser Funktion erlebte Saevecke den Vormarsch und an­
schließenden Rückzug von Rommels Panzerarmee mit, bis er Ende 1942 zu
Rauffs Einsatzkommando nach Tunis versetzt wurde.19
Best, 1907 im rheinhessischen Armsheim geboren, landete nicht ganz so früh
wie Saevecke bei der ,Bewegung‘. Er trat der NSDAP am 1. Juni 1931 bei;

17 OKW/WFSt/HStb.Übs. an Dt.Gen.b.HQu.It.Wehrm. v. 26.11.1942, BA-MA, RW 5/

690; vgl. Dienstkalender Himmlers, S. 617.


18 Lebenslauf v. 25.8.1939, BAB, RuSHA Theo Saevecke; dto. v. 25.6.1940, BA-ZA,

ZR 213.
19 Beurteilung Kripo-Leitstelle Posen v. 4.7.1940, ebd; Ordensvorschlag v. 22.3.1944,

BAB, R 70 Italien/20; Vern. Theo Saevecke v. 6.10.1965, BAL, B 162/3174, Bl. 3056 f.
Die zweite Front: Die alliierte Landung in Nordafrika 203

gleichzeitig erwarb er die Mitgliedschaft in der SS. Beruflich orientierte er sich


nach einer Ausbildung zum Maschinenbauingenieur im November 1933 um
und wurde als Verwaltungsangestellter bei der Gestapo Mainz eingestellt. Seit
1939 war Best in Rauffs Gruppe VI F des Reichssicherheitshauptamtes tätig;
seine Versetzung zum Einsatzkommando dürfte auf eine Initiative seines Chefs
zurückgegangen sein.20 Heinrich Harder, der dritte zusätzlich nach Tunesien
kommandierte SS-Führer, wurde 1914 in Frankfurt am Main geboren, schloß
sich schon im jugendlichen Alter von 16 Jahren der HJ an und wechselte dann
17-jährig Ende 1931 zur SS über. Harder lebte nach einer Ausbildung in seiner
Geburtsstadt und anschließender mehrjähriger Berufspraxis als kaufmän­
nischer Angestellter in Berlin.21
Neben der Verstärkung des Führerkorps wurde auch das gesamte übrige
Personaltableau des SS-Einsatzkommandos noch im Januar 1943 vergrößert.
Damit reagierte die Berliner Zentrale nach Ablauf der ersten Einsatzwochen
auf den offenbar angesichts der vielfältigen Aufgaben gestiegenen Mann­
schaftsbedarf und genehmigte eine Erhöhung der Gesamtstärke von Rauffs
Truppe auf 100 Mann. Diese Besetzung scheint dann bis zur Abberufung des
Kommandos aus Nordafrika aufrechterhalten worden zu sein.22 Als Verstär­
kung wurden beispielsweise 16 ehemalige Angehörige der französischen Frem­
denlegion mit deutscher Nationalität dem Einsatzkommando zugeteilt, die
„bei Aktivistengroßeinsätzen in der Zeit der hellen Mondnächte“ verwendet
werden sollten.23
Juden lebten in Tunesien schon seit 2.000 Jahren. Mitte der 1930er Jahre zählte
deren Gemeinde etwa 85.000 Personen; davon besaßen 5000 die italienische
Staatsangehörigkeit. Die tunesischen Juden lebten inmitten einer Bevölke­
rungsmehrheit von 2.330.000 Muslimen hauptsächlich in den größeren Städten;
allein die Gemeinde von Tunis umfaßte mehr als die Hälfte aller im Land leben­
den Juden.24 Antisemitische Umtriebe und Übergriffe fanden dort bereits lange
vor der deutschen Landung statt. Innerhalb der ersten Monate nach dem Aus­
bruch des Zweiten Weltkriegs kam es seitens der muslimischen Bevölkerung zu
wiederholten Übergriffen, in deren Verlauf in mehreren Städten Geschäfte und

20 Stammkarte, BAB, SSO Georg Best; Lebenslauf v. 1.12.1934, ebd., RuSHA dess.;

Vern. dess. v. 29.10.1964, BAL, B 162/16674; Abitbol, S. 132, irrt in der Annahme, Georg
Best wäre der Bruder von Dr. Werner Best, des zeitweiligen „Reichsbevollmächtigten“ in
Dänemark, gewesen; zu dessen Herkunft Herbert, S. 42; Petrick, S. 60 f.
21 Stammkarte, BAB, SSO Heinrich Harder; Lebenslauf v. 23.6.1935, ebd., RuSHA

dess.
22 CdS/II C 1 an Chef RK v. 22.4.1943, ebd., R 58/860; KTB Pz.AOK 5/Ic v. 11.1.1943,

BA-MA, RH 21-5/27.
23 RSHA VI an Adj. RFSS v. 7.1.1943, BAB, NS 19/3787.
24 Carpi, Mussolini, S. 198; Mejcher, S. 634 f.; EDH, Bd. 3, S. 1438.
204 Die zweite Front: Die alliierte Landung in Nordafrika

Wohnhäuser beschädigt und Menschen traktiert wurden. Vichy führte im


Maghreb außerdem eine ganze Reihe antisemitischer Sondergesetze ein. Weil
der christlich orientierte Esteva deren Umsetzung verhinderte, blieben die tu­
nesischen Juden davon jedoch weitgehend verschont.25 Eine solche, nicht res­
sentimentgeladene Haltung vertraten jedoch längst nicht alle Franzosen. Noch
im April 1943 vermeldete der Abwehroffizier der Achsentruppen, in Tunesien
aktive französische Jugendverbände seien derart radikal politisiert, daß sie „un­
ter stärkstem Risiko auch heute den Gedanken der europäischen Solidarität
gegen Angelsachsen, Juden und Bolschewiken offen vertreten“.26
Nachdem das SS-Einsatzkommando um den 24. November in Tunesien ein­
getroffen war, ging es bereits wenig später gegen die einheimischen Juden vor.27
Bereits tags zuvor waren führende Gemeindemitglieder von deutscher Seite
festgenommen, nach Intervention des französischen Generalrepräsentanten
aber wieder freigelassen worden. In seinen Memoiren behauptete Rahn, dies
gegenüber Rauff persönlich durchgesetzt zu haben. Da das Einsatzkommando
während der Festnahmeaktion aber wohl noch gar nicht in Tunis eingetroffen
war, wird die Verantwortung für die Aktion viel eher bei der Zivilverwaltung
und damit direkt bei Rahn selbst gelegen haben.28 Die Glaubwürdigkeit des
Diplomaten als ,Judenretter‘ sinkt weiter, wenn dessen eigene Berichte an das
Auswärtige Amt in Erinnerung gerufen werden. Bereits am 22. November hat­
te er Rundfunksendungen in arabischer Sprache erbeten, die eine „antijüdische
Tendenz“ haben sollten.29 Am 13. Januar 1943 kam er dann auf die „engste
Zusammenarbeit“ mit Rauff zu sprechen; außerdem mangelte es ihm auch wei­
terhin nicht an Eigeninitiative. So meldete Rahn eine Woche später, er habe
sämtliche im jüdischen Besitz befindlichen Radioapparate beschlagnahmen
lassen, weil ihre Besitzer mit Hilfe der Geräte als Zwischenträger alliierter Pro­
paganda fungieren würden.30
Am Vormittag des 6. Dezember fand dann bei Nehring eine Besprechung
statt, an der auch Rahn und Rauff teilnahmen. Die Vertreter von Wehrmacht,
Sicherheitspolizei und Auswärtigem Amt einigten sich dabei auf einen groß­
angelegten Einsatz jüdischer Zwangsarbeiter zum Ausbau der Frontlinien.31 Im

25 Ebd., S. 1438 f.; Metzger, S. 641; Mejcher, S. 635; zur Reaktion der nordafrikanischen

Juden Abitbol, S. 38 f.
26 Ber. HGr Afrika/Ic v. 19.4.1943, BA-MA, RH 2/600.
27 KTB Pz.AOK 5/Ic v. 24.11.1942, ebd., RH 21-5/25.
28 Abitbol, S. 127; Rahn, S. 203 f.; OKW/WFSt/HStb.Übs. an Dt.Gen.b.HQu.It.Wehrm.

v. 26.11.1942, BA-MA, RW 5/690; auch Greiselis, S. 178, vermutet, die Festnahmeaktion


sei „im ersten Diensteifer“ des EK vonstatten gegangen.
29 Rahn/AA an AA v. 22.11.1942, PAAA, R 27766.
30 Dto. v. 13.1.1943, ebd.; dto. v. 20.1.1943, ebd.
31 KTB Pz.AOK 5/Ic v. 6.12.1942, BA-MA, RH 21-5/25.
Die zweite Front: Die alliierte Landung in Nordafrika 205

Anschluß wurden mit dem Gemeinderatsvorsitzenden Moishe Borgel und dem


Oberrabbiner Haim Beilaiche die beiden führenden jüdischen Repräsentanten
in Tunis zu Rauff gerufen. Dieser setzte sie von einer Anordnung Nehrings in
Kenntnis, wonach der Gemeinderat abgesetzt sei und alle Juden Zwangsarbeit
für die Achse zu leisten hätten. Rauff befahl, umgehend einen neunköpfigen
Judenrat zu bilden, der die deutschen Anordnungen umzusetzen habe. Außer­
dem forderte der Obersturmbannführer die sofortige Erstellung einer Liste
von 2.000 arbeitsfähigen Personen. Bei Nichtbefolgung drohte er mit der sofor­
tigen Verhaftung von 10.000 Juden. Schließlich befahl Rauff noch, daß die jü­
dischen Zwangsarbeiter auf dem Rücken einen gelben Stern zu tragen hätten,
damit sie jederzeit erkannt und im Fluchtfall erschossen werden könnten.32
Nachdem dem zwischenzeitlich verständigten Esteva eine Verlängerung des
deutschen Ultimatums um 24 Stunden gelungen war, forderte Rauff für den
kommenden Morgen die Bereitstellung der 2000 jüdischen Arbeitskräfte. An­
gesichts der Kürze der Zeit sah sich der Judenrat außerstande, die Anordnung
zu erfüllen; einem in aller Eile noch veröffentlichten Aufruf waren am 9. De­
zember nur 128 Juden gefolgt. Nachdem sich Rauff von dem Ergebnis über­
zeugt hatte, drohte er wutentbrannt, alle Anwesenden zu erschießen und eilte
anschließend mit seinen Männern in die Hauptsynagoge, wo er alle Betenden
verhaften ließ. In anderen Gemeindeeinrichtungen kam es zu zahlreichen wei­
teren Festnahmen. Alle Inhaftierten wurden von der SS in das 65 Kilometer
südlich von Tunis gelegene Lager Cheylus transportiert. Auf dem Weg dorthin
ermordete ein Deutscher des Begleitkommandos einen behinderten Jungen.33
Rauff ließ Borgel inzwischen erneut einbestellen, beschimpfte den Herbei­
gerufenen und eröffnete ihm, er habe bereits in Polen und der besetzten So­
wjetunion zahlreiche Juden ermorden lassen; gleiches würde er auch in Tune­
sien tun. Angehörige des SS-Einsatzkommandos erschienen danach im
jüdischen Gemeindehaus, nahmen alle dort Anwesenden fest und forderten
eine Liste mit 100 Personen, die als Geiseln den Vollzug der deutschen Forde­
rungen sicherstellen sollten. Der gerade konstituierte Judenrat sah angesichts
von Rauffs repressivem Vorgehen keine andere Möglichkeit, als einen Aufruf
zu veröffentlichen, nach dem alle Männer im Alter von 18 bis 27 Jahren zum
Arbeitseinsatz zu erscheinen hätten.34 Rahn ließ infolgedessen noch am 9. De­
zember nach Berlin telegraphieren: „Jüdischer Arbeitsdienst läuft an.“35

32 Carpi, Mussolini, S. 234; Abitbol, S. 129 f.


33 Ebd., S. 130f.; EDH, Bd. 3, S. 1440.
34 Abitbol, S. 131 f.; Carpi, Mussolini, S. 234.
35 Rahn/AA an AA v. 9.12.1942, PAAA, BA 61134; in den von it. Truppen besetzten

Gebieten lehnte der Achsenpartner eine Intervention des EK ab u. bestand selbst auf der
Internierung sämtlicher Juden, OKW/WFSt/Qu.IV an AA v. 4.12.1942, ebd.
206 Die zweite Front: Die alliierte Landung in Nordafrika

Neben dem wiederholt intervenierenden Esteva erwies sich auch der italie­
nische Bündnispartner von vornherein als äußerst störend für den Vollzug der
antijüdischen Maßnahmen. Rahns Meldung über den Beginn der Zwangsarbeit
enthielt deshalb die wichtige Einschränkung, daß das italienische Generalkon­
sulat gegen die Einbeziehung von Juden der eigenen Staatsangehörigkeit ent­
schiedenen Einspruch erhoben habe.36 Schon Anfang September hatte der
Achsenpartner gegen die Anwendung französischer antisemitischer Sonder­
gesetze auf die in Tunesien lebenden italienischen Juden protestiert und die
Initiative mit deren wichtigem ökonomischen Beitrag begründet, der im Falle
der geplanten ,Arisierung‘ zum Schaden Italiens wegfallen würde.37 Angesichts
einer solchen Haltung des Bündnispartners sah sich die deutsche Seite gezwun­
gen, auf eine Verwendung der italienischen Juden bei der Zwangsarbeit zu ver­
zichten und sie generell von den Sondermaßnahmen auszunehmen.38
Die ablehnende Einstellung zahlreicher Italiener gegenüber der deutschen
Judenpolitik und die ebenfalls zu verzeichnende Opposition des französischen
Generalrepräsentanten waren wohl mitentscheidende Gründe dafür, daß das
SS-Einsatzkommando in Tunesien keinen Massenmord organisierte. Daneben
existierten dort ungleich schlechtere Voraussetzungen für dessen Vollzug als
etwa im deutsch besetzten europäischen Osten. Der eng begrenzte Raum im
nordafrikanischen Brückenkopf und die Nähe der alliierten Truppen barg für
die Deutschen die Gefahr, daß die Judenvernichtung schnell aufgedeckt wer­
den könnte. Als Alternative zur Ermordung vor Ort hätte sich für Rauff noch
die direkte Deportation der tunesischen Juden in die im besetzten Polen errich­
teten Vernichtungslager angeboten. Aber auch diese Option war wegen der
knappen Transportkapazitäten und der von den Alliierten schon weitgehend
kontrollierten Flug- und Schiffahrtswege von vornherein kein gangbarer Aus­
weg.
Bei günstigeren Voraussetzungen im Brückenkopf und weniger Rücksicht­
nahme auf den italienischen Verbündeten wäre Rauff aber zweifellos auch in
Tunesien zum Massenmord bereit gewesen; das legt zumindest seine bisherige
Biographie mehr als nahe. Ein Urteil Rahns, der „die außerordentlich energi­
sche und erfolgreiche Tätigkeit von Obersturmbannführer Rauff“ ausdrück­
lich lobte, zeigt darüber hinaus, daß dieser seiner wahren Überzeugung in Tu­
nesien wohl wider Willen nur sehr eingeschränkt nachgehen durfte.39 Statt mit
ihrer Vernichtung war das SS-Einsatzkommando während seiner Präsenz in

36 Rahn/AA an AA v. 9.12.1942, ebd..


37 IB Berlin an AA v. 2.9.1942, ebd., R 29837.
38 Aufz. Woermann/AA v. 24.11.1942, ebd., R 29948; dto. v. 25.11.1942, ebd.; ders. an

Schnurre/AA v. 4.12.1942, ebd.; Carpi, Mussolini, S. 234; Abitbol, S. 128; Greiselis, S. 178.
39 DG Italien an HöSSPF Italien v. 15.4.1944, BAB, R 70 Italien/19.
Die zweite Front: Die alliierte Landung in Nordafrika 207

Nordafrika somit hauptsächlich damit beschäftigt, die Juden zu registrieren,


auszuplündern, zu terrorisieren und umfassend zur Zwangsarbeit für die Ach­
senmächte heranzuziehen. Auch wenn der Massenmord an den tunesischen
Juden unterblieb, errichteten Rauff und die übrige deutsche Besatzungshier­
archie in den gut fünf Monaten ihrer Anwesenheit ein wahres Schreckens­
regime.40
Nach dem Anlaufen des Zwangsarbeitseinsatzes übergab der Obersturm­
bannführer die direkte Aufsicht über den Vollzug der Maßnahmen an seine
Mitarbeiter. Für Tunis hielten Saevecke und Pohl seit dem 10. Dezember den
Kontakt zur dortigen jüdischen Gemeinde; beide erteilten zweimal am Tag
konkrete Anweisungen. Außerhalb der Hauptstadt hielt Best die Verbindung
zur Gemeinde in Sfax. Für die in Sousse lebenden Juden war er ebenfalls zu­
ständig; dort tauchte allerdings auch öfters Saevecke auf.41 Der Umfang des
Zwangsarbeitssystems wurde in der Folgezeit beständig erweitert. Nachdem
im Dezember die Jahrgänge 1912 bis 1915 herangezogen worden waren, folgten
kontinuierliche Neuaushebungen, bis die Deutschen am 21. April 1943 schließ­
lich noch die Altersjahrgänge 1900 bis 1908 zum Einsatz preßten.42 Allein für
die in der Hauptstadt ausgehobenen Männer existierten zuletzt über 30 Ar­
beitslager, in denen teilweise katastrophale Bedingungen herrschten. Nur in
den auf italienischer Seite betriebenen Lagern scheinen bessere Zustände exi­
stiert zu haben.43 Die in anderen tunesischen Städten durch das Einsatzkom­
mando organisierten Zwangsarbeitsmaßnahmen unterschieden sich teilweise
erheblich von den für Tunis geltenden Bedingungen. Während in Sousse jeden
Morgen alle jüdischen Männer zwischen 18 und 50 Jahren zu Reparaturarbei­
ten im dortigen Hafen erscheinen mußten, waren in Sfax 100 Juden für den Bau
von Luftschutzbunkern und das Entladen von Militärtransporten eingeteilt.
Dort war sogar noch der Bau eines Konzentrationslagers geplant, das nur we­
gen der sich immer deutlicher abzeichnenden militärischen Niederlage nicht
mehr realisiert wurde.44
Neben der Zwangsarbeit startete die Besatzungsmacht in Tunesien vielfäl­
tige Initiativen zur Ausplünderung der jüdischen Gemeinden. Mit der Be­
gründung, „internationales Judentum“ sei für die alliierten Bombenangriffe
auf tunesische Städte verantwortlich, wurde ihnen noch im Dezember eine

40 OKW/WFSt/Qu.IV an RFSS v. 8.12.1942, BAB, NS 19/1775; OK HGr Afrika/Ic an

OKH/GenStdH/Op.Abt. v. 19.4.1943, BA-MA, RH 2/600; Ordensvorschlag HöSSPF Ita­


lien v. 25.2.1945, BAB, R 70 Italien/19; vgl. Hilberg, S. 685 ff.
41 Abitbol, S. 132 f.
42 Ebd., S. 137; Carpi, Mussolini, S. 235.
43 Abitbol, S. 138 ff.; Carpi, Mussolini, S. 237; eine Karte mit den Standorten der

Zwangsarbeitslager in ebd., S. 196.


44 EDH, Bd. 3, S. 1440; Abitbol, S. 138.
208 Die zweite Front: Die alliierte Landung in Nordafrika

Zwangsabgabe von 20 Millionen Francs zur Behebung der entstandenen Schä­


den auferlegt.45 Im April 1943 summierte sich der erpreßte Betrag dann sogar
auf mindestens 50 Millionen Francs.46 Von der traditionsreichen jüdischen Ge­
meinde auf der Insel Djerba wurde am 13. Februar eine Summe von 10 Millio­
nen Francs gefordert. Als sich die Menschen außerstande sahen, die Geldmittel
aufzubringen, wurde die Forderung alternativ auf 50 Kilogramm Gold fest­
gelegt. Schließlich gelang es, insgesamt 43 Kilogramm einzusammeln, die den
Deutschen dann ausgehändigt wurden.47 Derartige von offizieller Seite in Gang
gesetzte Zwangsmaßnahmen waren insgesamt kaum von den zahlreichen zu­
sätzlichen privaten Plünderungszügen zu unterscheiden.
Angesichts des kontinuierlichen alliierten Vormarschs wuchs bei den tunesi­
schen Juden spätestens im März die Hoffnung auf einen baldigen Sieg über die
Achsenmächte. Flucht und Untertauchen erschienen nun als erfolgverspre­
chende Handlungsoptionen, um nicht noch im Zuge der Zwangsarbeit das Le­
ben zu riskieren oder von den Deutschen in letzter Minute in ein ungewisses
Schicksal deportiert zu werden. Die Zahl jüdischer Zwangsarbeiter in der ita­
lienischen Zone fiel deshalb Ende März von 930 auf 160 Arbeitskräfte. Im
deutschen Machtbereich belief sie sich Ende April ebenfalls nur mehr auf 1556
Personen.48 Wegen der Flucht zahlreicher Juden und des angesichts der prekä­
ren militärischen Lage eher noch gestiegenen Arbeitskräftebedarfs dehnten
die Achsenmächte den bislang nur für die jüdischen Gemeinden geltenden Ar­
beitszwang seit dem 12. April dann noch auf die gesamte tunesische Zivilbevöl­
kerung aus.49
Bis zuletzt scheint die Reaktion der muslimischen Bevölkerungsmehrheit
Tunesiens auf die Behandlung der Juden von weitgehender Gleichgültigkeit
geprägt gewesen zu sein. Gesten der Unterstützung und aktive Hilfsmaßnah­
men für die entrechtete, ausgeplünderte und zur Zwangsarbeit herangezogene
Minderheit stellten absolute Ausnahmeerscheinungen dar.50 Andere zeigten
auch unverkennbar ihren Haß auf die Juden. So kam es seitens arabischer Pas­
santen zu öffentlich vorgetragenen Beleidigungen und physischen Angriffen
gegen Einzelne; derartige antisemitische Ausbrüche scheinen jedoch kein Mas­
senphänomen gewesen zu sein.51 Das Einsatzkommando Tunis meldete An­

45 Rahn/AA an AA v. 22.12.1942, PAAA, R 27766; Metzger, S. 642.


46 Rahn/AA an AA v. 6.4.1943, PAAA, R 27767; Greiselis, S. 178.
47 Abitbol, S. 142.
48 Ebd., S. 141; Carpi, Mussoloni, S. 235, 238; Mitte April bezifferte die Wehrmacht die

jüdischen Zwangsarbeiter noch auf 7000 Personen, Ber. HGr Afrika/Ic v. 19.4.1943, BA-
MA, RH 2/600.
49 Rahn/AA an AA v. 12.4.1943, PAAA, R 27767; Abitbol, S. 147; Greiselis, S. 175 f.
50 Satloff, S. 33.
51 Abitbol, S. 147.
Die zweite Front: Die alliierte Landung in Nordafrika 209

fang Dezember aber immerhin über die von den Alliierten besetzten Gebiete,
„daß die eingeborene Bevölkerung in Nordafrika durch die Freilassung der
Kommunisten und Juden in starker Erregung sei und aus diesem Grunde nach
Ansicht sachverständiger Kreise eine jetzt einsetzende Intensivierung der
Rundfunkpropaganda in arabischer Sprache von allergrößter Wirkung [sei],
speziell, wenn diese den Gegensatz Araber-Juden noch stärker herausstreichen
würde“.52
Auf muslimischer Seite war Amin el-Husseini wohl der erste, der versuchte,
in Tunesien und den angrenzenden nordafrikanischen Ländern die Kollabora­
tion mit der Achse zu fördern. Schon am Tag nach der alliierten Landung bot er
zur Mobilisierung der Araber eine Ansprache im Rundfunk an, die zwei Tage
später von den Sendern in Bari und Zeesen ausgestrahlt wurde.53 Am 18. No­
vember verfaßte er außerdem eine Denkschrift, in der er vor der Stärke der
alliierten Propaganda und einem Rückgang der Sympathien für die Achse in
den Maghreb-Staaten warnte. Als Eckpfeiler einer aussichtsreichen Politik von
Deutschen und Italienern schlug er die Aufstellung einer „makrebinischen Be­
freiungsarmee“ vor, die aus Kriegsgefangenen und nordafrikanischen Arbei­
tern gebildet werden solle. Im übrigen argumentierte der Mufti gemäß seiner
hinlänglich bekannten Strategie, es müßten „mit allen Mitteln“ Aufstände in
den von Briten und Amerikanern gehaltenen Gebieten entfacht werden. Um
eine günstige Wende für die Achsenseite zu erreichen und sich selbst eine neue
Machtbasis zu verschaffen, kam el-Husseini auf eine weitere seiner alten For­
derungen zurück. Er regte an, dem Maghreb öffentlich Freiheit und Unabhän­
gigkeit zu versprechen und dies durch ein geeignetes Vertragswerk zu garan­
tieren. Die auf solche Weise auf die Achsenseite gezogenen Araber würden,
kündigte der Mufti optimistisch an, für Deutschland und Italien „mindestens
eine halbe Million tapfere, in den dortigen Gegenden kriegserfahrene Soldaten
liefern“. Hinsichtlich der grundsätzlichen Motive der Araber stellte er schließ­
lich noch fest: „Wenn die Makrebinier Sympathien gegen die Achse hegen,
dann nur, weil diese Mächte ehemalige Feinde Frankreichs waren und die Ju­
den, die Drahtzieher der Anglo-Amerikaner, bekämpfen.“54 Aus Tunis unter­
stützte Rahn derartige Pläne; über die damit verbundenen Konsequenzen gab
sich der Diplomat keinen Illusionen hin: „Folgen der Bewaffnung von Arabern
wie Ausplünderung französischer Siedler oder Judenpogrome wären in Kauf zu
nehmen“, stellte er gegenüber dem Auswärtigen Amt Anfang Dezember fest.55
Parallel zu seiner Denkschrift schlug el-Husseini vor, gegen die britisch-ame­

52 Amtschef RSHA VI an AA v. 3.12.1942, PAAA, R 101101.


53 Greiselis, S. 134.
54 Denkschr. Mufti v. 18.11.1942, PAAA, BA 61124.
55 Rahn/AA an AA v. 5.12.1942, ebd., R 27766.
210 Die zweite Front: Die alliierte Landung in Nordafrika

rikanische Landung einen Aufruf an die Araber Nordafrikas zu richten, der vor
einer Zusammenarbeit mit den Alliierten warnen sollte. Der Text, den er als
Vorlage gleich mitlieferte, war wiederum ausschließlich antisemitisch aus­
gerichtet und widmete sich der angeblichen jüdischen Machtposition in den
Vereinigten Staaten. „Seitdem der jüdische Einfluß nach dem Weltkrieg in
Amerika zugenommen hat“, heißt es darin, „ist dieses Land ein beträchtliches
Hindernis auf dem Weg zur Freiheit der Araber geworden. – Amerika hat stets
politisch und finanziell die zionistische Bewegung gefördert, um Palästina zu
einem jüdischen Staat zu machen.“ Im folgenden zeigte sich der Mufti bemüht,
Argumente für eine feindliche Haltung der nordafrikanischen Araber gegen
die Alliierten zu sammeln. Dazu ist in dem Traktat zu lesen: „Die Nordafri­
kaner wissen sehr wohl, welches Unglück die Juden über sie gebracht haben.
Sie wissen, daß die Juden die Vorkämpfer des Imperialismus waren, der Nord­
afrika seit so langer Zeit mißhandelt hat. Sie wissen, in welchem Umfang die
Juden den Imperialisten als Spione und Helfershelfer dienten, wie sie sich die
Kraftquellen der nordafrikanischen Gebiete aneigneten, ihren Reichtum aus­
sogen und sie in jeder Weise korruptierten [sic].“56
Nicht zuletzt angesichts der prekären militärischen Lage zeigte sich das
Oberkommando der Wehrmacht von den Vorschlägen el-Husseinis äußerst an­
getan und erklärte, „außerordentlichen Wert“ auf eine Kollaboration der Ara­
ber und die Entfachung von Aufstandsbewegungen gegen die Alliierten in
Nordafrika zu legen. Das Auswärtige Amt wurde entsprechend der Vorschläge
prompt gebeten, die politischen Grundlagen für eine arabische Kollaboration
zu schaffen und insbesondere Fragen hinsichtlich einer Unabhängigkeitserklä­
rung der Achse zu prüfen.57 Welche erhebliche Wertschätzung die Person des
Mufti in den Augen der Wehrmacht noch immer besaß, offenbarte sich auch
anläßlich einer am 8. Dezember in Berlin stattgefundenen Unterredung zwi­
schen el-Husseini und Canaris. Im Anschluß betonte letzterer, in Tunesien sei
durch die Einbeziehung des Mufti „bereits eine aktive Unterstützung in allen
Abwehr-Angelegenheiten durch die eingeborene Bevölkerung erreicht“ wor­
den.58
Vergleichbar mit seinen zahlreichen früheren Versuchen einer Einflußnah­
me auf die Politik der Achsenmächte im Nahen Osten sah el-Husseini in der
deutsch-italienischen Intervention in Tunesien wohl zweifellos eine neue
Chance für die Forcierung eines arabischen Nationalismus und der Schaffung
eines Großreichs unter seiner Führung, das an der Seite des Dritten Reiches

56 DG Rom an AAv. 19.11.1942, ebd., R 29866.


57 OKW/Ausl/Abw an AA v. 3.12.1942, ebd., R 29867; Aufz. Woermann/AA v.
8.12.1942, ebd., BA 61124; vgl. Longerich, S. 259, 416 f..
58 Chef OKW/Ausl/Abw an Chef OKW v. 9.12.1942, PAAA, R 29867.
Die zweite Front: Die alliierte Landung in Nordafrika 211

gegen die Alliierten durchgesetzt werden sollte. Mehrmals wiederholte er dazu


noch seine Forderung der Veröffentlichung einer Unabhängigkeitserklärung
für den Maghreb.59 Mussolini, der von den Plänen des Mufti natürlich ebenfalls
erfahren hatte, lehnte eine Abgabe von Unabhängigkeitserklärungen mit Ver­
weis auf die Verletzung französischer Interessen und nicht zuletzt auch im Hin­
blick auf die eigenen Absichten in Nordafrika rundweg ab. Sowohl aus Rück­
sicht auf den italienischen Bündnispartner als auch auf Frankreich wiesen im
Dezember schließlich auch die Deutschen sämtliche entsprechenden Wünsche
zurück und bemühten sich, Italien seines Vorrangs in der Region zu ver­
sichern.60 El-Husseini versuchte dagegen noch Anfang März 1943 erneut, die
Achsenmächte zu einer Garantie der Unabhängigkeit für die arabischen Län­
der zu bewegen. In seinem diesbezüglichen Vorschlag durfte natürlich nicht
der entsprechende Passus zu Palästina fehlen. Dazu hatte er formuliert: „Die
Achsenmächte sind bereit, die jüdisch nationale Heimstätte in Palästina zu
beseitigen, die gegen die Interessen der arabischen und islamischen Welt ge­
richtet ist.“61
Ähnlich wie auch während Rommels Vormarsch in Ägypten bot der Mufti
schon im November 1942 zusätzlich an, persönlich nach Nordafrika zu reisen,
um dort seinen Einfluß auf arabische Kreise im Sinne der Achse auszunutzen.62
Hitler entschied letztlich aber, ihm die Fahrt nach Tunesien zu untersagen, um
die ohnehin schon mißtrauischen Italiener nicht noch weiter mit einer fragwür­
digen Politik in der von ihnen beanspruchten Interessensphäre zu irritieren.63
In Zusammenarbeit mit el-Husseini und anderen arabischen Exilanten in
Deutschland wurden jedoch umfangreiche Propagandaaktivitäten entwickelt,
deren Erzeugnisse in den Ländern des Maghreb große Verbreitung fanden.
Zum Ansehen der Deutschen im Maghreb hielt schon allein ein Merkblatt
zum Verhalten von Wehrmachtsangehörigen gegenüber der nordafrikanischen
Bevölkerung fest: „Der Araber schätzt und achtet den Deutschen! Er sieht im
deutschen Soldaten den besten Soldaten der Welt.“64

59 Mufti an RAM v. 28.1.1943, ebd„ BA 61125; Prüfer/AA an RAM v. 10.2.1943, ebd.;

Entw. Mufti (undat./März 1943), ebd.; zu dessen Motiven der Schaffung eines arabischen
Großreichs Amtschef RSHA VI an AA v. 20.10.1942, ebd., R 27332.
60 DG Rom an AA v. 11.12.1942, ebd., BA 61134; Greiselis, S. 138ff.
61 Entw. Mufti (undat./März 1943), PAAA, BA 61125.
62 Chef Ausl./Abw an Chef OKW v. 9.12.1942, ebd., R 29867; als el-Husseini erneut

merken mußte, daß seine Initiativen für eine von der Achse garantierte Unabhängigkeit
arabischer Länder von Deutschland u. Italien wieder nicht gewährt werden würde, bot er
sogar an, ohne Vorbedingungen nach Nordafrika zu reisen, Aufz. StS./AA v. 10.12.1942,
ebd., BA 61124; ders. an RAM v. 12.12.1942, ebd.
63 Carpi, Mufti, S. 127.
64 Entw. Merkblatt (undat./Jan. 1943), BA-MA, RH 21-5/27.
212 Die zweite Front: Die alliierte Landung in Nordafrika

Weil aber das positive Deutschlandbild allein für eine aussichtsreiche Pro­
paganda kaum ausgereicht hätte, bediente man sich der bekannten antiwest­
lichen Ressentiments und griff in erster Linie auch wieder auf den Antisemi­
tismus zurück. „Hört o Ihr edlen Araber!“, war in einem für die arabische
Bevölkerung bestimmten Aufruf formuliert worden. „Befreit Euch von den
Engländern, den Amerikanern und den Juden! Verteidigt Euere Familien, Eu­
er Gut und Eueren Glauben! Denn die Engländer, Amerikaner, Juden und ihre
Verbündeten sind die größten Feinde des Arabertums und des Islam!“65 In
einem Anfang Dezember vom Auswärtigem Amt über Flugblätter und den
Rundfunk zur Verbreitung in Marokko gedachten Text heißt es unter anderem:
„Was wollen die Amerikaner? Sie wollen den Juden helfen. Die Amerikaner
sind Feinde Deutschlands, weil dieses die jüdische Gefahr für euch und alle
Völker beseitigen will. [...] Marokkaner! Wenn ihr für Amerika arbeitet, so
arbeitet ihr für die Juden und versklavt euch selbst immer mehr. [...] Ihr wißt,
daß ihr in Adolf Hitler und seinen Soldaten mächtige Freunde habt [...].
Nehmt euch Waffen, wo ihr sie findet. Fügt dem Feind Schaden zu, wo ihr
könnt. Treibt Sabotage!“66 Derartige Aufrufe blieben nicht folgenlos. Ein über
Tunesien abgeschossener amerikanischer Pilot gab bei seiner Vernehmung An­
fang Januar 1943 an, bei den eigenen Nachschubkolonnen seien öfters zer­
schnittene Reifen und angebohrte Benzinfässer festgestellt worden. Hinsicht­
lich der Haltung der muslimischen Bevölkerung sagte der Gefangene aus, daß
sich die Alliierten in Afrika mit zunehmender Kriegsdauer vor ein „nicht er­
wartetes Araberproblem gestellt“ sähen.67
Das deutsche Generalkonsulat in Tanger, über das der zitierte Sabotageauf­
ruf verteilt werden sollte, zeigte sich auch sonst derart umtriebig, daß sich die
spanische Protektoratsmacht deswegen des britischen Protests erwehren muß­
te. Wiederholt war offenbar die zum Personal der deutschen Vertretung gehö­
rende SS in der Stadt durch äußerst provokantes Auftreten aufgefallen und
hatte umfangreiche propagandistische Aktivitäten entwickelt. Großbritannien
forderte deshalb von Spanien im August 1943 die umgehende Schließung des
Generalkonsulats, der die Franco-Diktatur im Mai des folgenden Jahres tat­
sächlich nachkam.68 Noch Ende Dezember 1942 hatte Rieth, ein Mitarbeiter
jener deutschen diplomatischen Vertretung, seinen Vorgesetzten im Auswärti­
gen Amt zur Förderung der achsenfreundlichen Haltung in Marokko eine Pro­
pagandaoffensive vorgeschlagen. Deren zentrale Inhalte formulierte er gleich
selbst. Als besonders aussichtsreich erschien dem Diplomaten dabei die Popu­

65 Übers. Flugblatt (undat./Jan. 1943), ebd.


66 Prop.aufruf (undat./Dez. 1942), PAAA, R 29867; vgl. Longerich, S. 206, 404.
67 Rahn/AA an AA v. 20.1.1943, PAAA, R 27766.
68 Storch de Gracia, S. 7 f.
Die zweite Front: Die alliierte Landung in Nordafrika 213

Abb. 12. Ein Araber liest ein Buch über Adolf Hitler, Tunis
10. April 1943.

larisierung folgender Gedankengänge: „An dem heldenhaften Widerstand Eu­


rer arabischen Brüder in Palästina ist der mit grausamen Mitteln unternomme­
ne Versuch Englands gescheitert, dieses Land völlig den Juden auszuliefern.
Nun hat Roosevelt den jüdischen Führern versprochen, aus Marokko eine jü­
dische Heimstätte zu machen. Die amerikanischen Soldaten sind Euere Fein­
de! Hinter jedem von ihnen steht ein Jude, der bleibt, wenn der Soldat zurück­
geht. Marokkaner! Zeigt Euch Euerer Brüder in Palästina würdig!“69 Eine fast

69 DGK Tanger an AA v. 30.12.1942, PAAA, R 60650.


214 Die zweite Front: Die alliierte Landung in Nordafrika

gleichlautende Propaganda kam noch im selben Monat auch in Französisch-


Marokko zur Verteilung. In den dort massenhaft in Umlauf gebrachten Flug­
blättern heißt es: „Denkt daran, daß hinter jedem USA-Soldaten ein Jude
steht, der in Amerika darauf wartet, nach Marokko zu kommen, um Euch Euer
Land wegzunehmen und Euch noch schlimmer auszuplündern, als selbst die
Franzosen es taten.“70
Ausgiebig bedienten sich die Deutschen bei ihrer Propagandaoffensive auch
wieder des Koran sowie einer muslimischen Symbolik. Ein Flugblatt, dessen
Text von einer Fatme-Hand umrahmt war, zitierte eine Sure aus dem moham­
medanischen Glaubensbuch, um dann in ähnlicher Diktion fortzufahren: „‚Ge­
wiß wirst Du finden, daß die stärkste Feindschaft gegen die Gläubigen unter
allen Menschen die Juden und die Heiden haben.‘ (Sura 5,85) Die Juden und
Wucherer, sie nehmen den Gläubigen, was sie besitzen, und dafür sollen sie
bestraft werden. Die in Maghreb eingefallenen Amerikaner und Engländer
sind die Freunde der Juden; Roosevelt und Churchill fressen aus der Hand der
Juden. Wer gegen die Juden ist, muß auch gegen die Amerikaner und Englän­
der sein.“71 Durch die Verbreitung solcher Propagandainhalte hofften die
Deutschen in der Region auf den Ausbruch von Revolten gegen Amerikaner
und Briten und setzten dabei auch ganz gezielt darauf, Antisemitismus zu schü­
ren und die Araber zu Übergriffen gegen die jüdische Minderheit anzusta­
cheln. In deutschen Anweisungen für eine „Flüsterpropaganda“ in Marokko
heißt es zu einer derartigen Strategie ganz konkret: „2.) Ein weiterer Ansatz­
punkt für einen Ausbruch von Feindseligkeiten zwischen Bevölkerung und
amerikanischer Besatzung bildet das jüdische Element. Die eingeborene Be­
völkerung ist zu antijüdischen Ausschreitungen zu ermuntern: da die Amerika­
ner dann zwangsläufig den Schutz der Juden übernehmen müssen, wird auf
diesem Wege der gewünschte amerikanische Zusammenstoß mit den Ein­
geborenen herbeigeführt. [...] Sprachregelung zu 2: Anzettelung von Demon­
strationen, Zusammenstößen und Pogromen gegen Juden. Aufforderung zur
Plünderung der jüdischen Geschäfte, Verweigerung von Zinszahlung und
Rückzahlung von Darlehen. Wiederherstellung der Mellah (Ghettos) und des
Zwangs zum Tragen der jüdischen Tracht usw. Nogues als Protektor der Ju­
den.“72
Es gehört nicht viel Phantasie dazu sich vorzustellen, daß die deutschen Be­
mühungen durchaus Früchte trugen und im Maghreb prompt ihre Wirkung
entfalteten. So berichtete der bereits zitierte Rieth dem Auswärtigen Amt

70 Dto. v. 19.12.1942, ebd., R 60660.


71 Übers. Prop.postkarte (undat.), BA-MA, RH 21-5/26.
72 Von Schmieden/AA v. 29.11.1942, Sprachregelung f. Flüsterprop. nach Marokko,

PAAA, R 29867; vgl. Longerich, S. 261.


Die zweite Front: Die alliierte Landung in Nordafrika 215

Ende November 1942 zur Lage in Marokko: „Aufgrund der in letzter Zeit wie­
derholt vorgekommenen Zwischenfälle haben die amerikanischen Besatzungs­
behörden in Casablanca die militärische Absperrung des Judenviertels, der so­
genannten Mellah, angeordnet. Die Maßnahme gilt vorerst für die Dauer von
zwei Wochen. Man hofft, auf diese Weise neuen Ausschreitungen der marokka­
nischen Bevölkerung gegen das Judentum vorzubeugen.“ Nicht zuletzt wegen
dieser antijüdischen Krawalle sei von den Amerikanern vor Ort außerdem ein
striktes Waffenverbot verhängt worden.73
Eine der arabischen Fraktionen, die die Deutschen für die Achsenseite zu
gewinnen hoffte, war die tunesische Neo-Destour-Partei, eine 1934 gegründete
nationalistische Strömung. Deren Führer, die ihre Organisation nach dem ara­
bischen Wort für Verfassung benannt hatten, befanden sich in der Mehrzahl in
französischer Gefangenschaft. Nachdem die ersten Neo-Desturianer in Tune­
sien auf deutsche Initiative aus französischer Haft entlassen worden waren und
auf den Straßen mit großer Begeisterung empfangen wurden, erhob die Menge
die Forderung nach Befreiung der noch in Frankreich einsitzenden Parteifüh­
rer.74 Auch auf deutscher Seite fand die Forderung Fürsprecher. Moellhausen,
der Stellvertreter Rahns, argumentierte, die Araber könnten durch die Freilas­
sung der in Marseille Inhaftierten zu aktivem Handeln „gegen Juden und An­
gelsachsen“ bewegt werden, ohne daß eigens Zusicherungen über die Unab­
hängigkeit abgegeben werden müßten.75 Und Woermann spekulierte für den
Fall ihrer Ankunft in Tunesien auf die Entfachung eines Aufstands „in beschei­
denen Grenzen“; im Ergebnis sei dadurch mit „kleinen Sabotageakten“, dem
„Anschluß kleinerer Trupps“ an deutsche Verbände im Sinne eines „Guerilla­
krieges“ sowie mit einer zunehmenden Verweigerung der Unterstützung der
Alliierten zu rechnen.76
Unter den in Marseille gefangengehaltenen Neo-Destourianern befand sich
der Parteiführer Habib Bourguiba, der spätere tunesische Staatspräsident.
Dessen Freilassung sowie die von sechs seiner Parteifreunde setzte das Aus­
wärtige Amt Anfang Dezember durch.77 Am 18. Dezember erschien Klaus
Barbie, der Gestapo-Chef von Lyon, persönlich in der Zelle Bourguibas, ließ
ihn nach Chalon-sur-Saône verschleppen und lieferte ihn im Januar 1943
schließlich den Italienern aus.78 Von dort konnte Bourguiba mit weiteren Par­
teifreunden erst am 7. April in sein Heimatland zurückkehren, wo er schnell

73 DGK Tanger an AA v. 24.11.1942, PAAA, R 29866.


74 Rahn/AA an AA v. 1.12.1942, ebd., R 27766; dto. v. 2.12.1942, ebd„ BA 61134.
75 Aufz. Moellhausen/AA v. 8.12.1942, ebd.
76 Dto. Woermann/AA v. 14.12.1942, ebd.
77 Schröder, Deutschland, S. 213; Greiselis, S. 143; Carpi, Mufti, S. 129.
78 Greiselis, S. 143 f.; Faligot/Kauffer, S. 99; zu Kontakten Bourguibas zum ital. Faschis­

mus ebd., S. 100.


216 Die zweite Front: Die alliierte Landung in Nordafrika

untertauchte, um einem erneuten Zugriff durch die Achse zu entgehen. Im


Unterschied zu vielen anderen Neo-Destourianern war er einer der wenigen
arabischen Führungspersonen, die nicht auf Gedeih und Verderb gemeinsame
Sache mit der Achse machten und deren Erfolgsaussichten auch eher skeptisch
beurteilten.79
Neben proarabischer Propaganda, der Freilassung von Nationalisten und
den Versuchen, in den Maghreb-Staaten Aufstände gegen die Alliierten aus­
zulösen, glaubte die deutsche Führung nicht zuletzt durch den Fronteinsatz der
eigenen arabischen Freiwilligenverbände in Tunesien einen weiteren Trumpf in
der Hand zu halten, um vor Ort ein tragfähiges Bündnis mit kollaborationswil­
ligen Kräften zu etablieren. Nachdem el-Husseini bereits am 23. November
deren Einsatz gefordert hatte, existierten beim Oberkommando der Wehr­
macht spätestens seit Anfang Dezember Überlegungen, die Deutsch-Ara­
bische Lehrabteilung vom östlichen Kriegsschauplatz über Italien nach Tunis
zu verlegen und dort als Kern für eine noch aufzustellende, umfangreichere
Freiwilligentruppe nordafrikanischer Muslime zu verwenden.80 Als die italie­
nische Regierung von den deutschen Plänen erfuhr, fragte sie umgehend miß­
trauisch an, inwieweit der Einsatz der Arabertruppe in Tunesien propagan­
distisch ausgeschlachtet werden solle.81 Als dann noch in Tunis ein Iraker in
deutscher Uniform, offenbar ein Angehöriger des Regiments „Brandenburg“,
auf eigene Faust vor begeistertem arabischen Publikum eine flammende natio­
nalistische Rede hielt und die tunesische Flagge schwenkte, führte das auf Sei­
ten der um ihre Interessensphäre besorgten Italiener umgehend zu deutlich
geäußerten Beschwerden. Der Bündnispartner führte an, daß sowohl die Mili­
tärs als auch das Außenministerium von den Deutschen in Tunesien zu wenig
an Entscheidungsprozessen beteiligt würden. Die deutsche Seite sah sich da­
durch veranlaßt, den italienischen Vorrang in Nordafrika nochmals ausdrück­
lich anzuerkennen.82
Vorbereitungen für einen Einsatz der arabischen Freiwilligen wurden dessen
ungeachtet weiter vorangetrieben. Ende Dezember befand sich der Verband
auf dem Weg an die nordafrikanische Front, und am 17. Januar 1943 meldete
das Oberkommando der 5. Panzerarmee aus Tunesien, die Deutsch-Arabische
Lehrabteilung befinde sich bereits vor Ort.83 Seit Ende März hatte die Einheit
aufgrund eines Befehls des Oberkommandos der Wehrmacht formal dann aber

79 DG Rom an AA v. 20.1.1943, PAAA, R 27766; dto. v. 6.4.1943, ebd., R 27768; Rahn/

AA an AA v. 1.2.1943, ebd.; Greiselis, S. 147 f.; Metzger, S. 650 f.


80 Aufz. Grobba/AA v. 4.12.1942, PAAA, BA 61125; Tillmann, S. 429.
81 IB Berlin an AA v. 24.12.1942, PAAA, BA 61125.
82 Rahn/AA an AA v. 10.12.1942, ebd., BA 61134; dto. v. 13.12.1942, ebd., R 27766;

Verm. RAM v. 14.12.1942, ebd.


83 Grote/AA an Rahn/AA v. 12.12.1942, ebd., R 27767; Aufz. Woermann/AA v.
Die zweite Front: Die alliierte Landung in Nordafrika 217

nurmehr die Aufgabe, als Ersatztruppenteil für neugebildete arabische Freiwil­


ligenverbände zu fungieren, die von den Deutschen im tunesischen Brücken­
kopf seit Wochen mit weitgesteckten Hoffnungen formiert wurden.84 Nach
dürftigem Beginn hatten sich bis Februar immerhin mehr als 2.000 Araber
zum Dienst zur Verfügung gestellt. Für sie wurden die drei Bataillone „Tune­
sien“, „Algerien“ und „Marokko“ gebildet, von denen jedoch nur „Algerien“
eingeschränkte Einsatzbereitschaft erreichte.85 Deren Frontverwendung seit
Anfang April blieb zur allgemeinen Enttäuschung dann aber weit hinter den
Erwartungen zurück. Schon gleich zu Beginn lief eine erhebliche Zahl von
Arabern zum Feind über. Die übrigen Männer der arabischen Kompanien
kämpften nach dem Urteil eines deutschen Stabsoffiziers bei ihrem Frontein­
satz ausgesprochen schlecht. Die ernüchternden Erkenntnisse führten schließ­
lich dazu, daß die Freiwilligenkompanien in Nordafrika nur mehr als Arbeits­
soldaten eingesetzt wurden.86
Die negativen Erfahrungen mit den Araberverbänden gehörten für die Ach­
sentruppen allerdings nur zu den kleineren Problemfeldern. Mit Beginn des
Frühjahrs wurde die militärische Lage auf dem tunesischen Kriegsschauplatz
für sie zunehmend prekär. Am 23. Februar war Rommel noch zum Ober­
befehlshaber der gerade aus dem Zusammenschluß beider Panzerarmeen ge­
bildeten Heeresgruppe Afrika ernannt worden.87 Nach der erfolgreichen, dann
aber abgebrochenen Offensive Ende Februar in Westtunesien befahl dieser
einen Angriff im Süden, um dort der Bedrohung durch Montgomerys 8. Armee
zu begegnen. Das unter dem Decknamen „Capri“ firmierende Unternehmen
endete in einer Niederlage. Die schwachen Achsentruppen trafen am Morgen
des 6. März bei Medenine auf die befestigten Stellungen der weit überlegenen
Briten, die den Feind abwehrten; Rommel verlor ein Drittel seiner verbliebe­
nen 150 Panzer.88 Die Tage des Generalfeldmarschalls auf dem afrikanischen
Kontinent waren nunmehr gezählt. Er flog am 9. März zu Besprechungen in
Hitlers Hauptquartier, wo ihn dieser zwei Tage später von der Führung der
Heeresgruppe abberief. Bereits am 4. März äußerte Hitler, daß er den tunesi­
schen Kriegsschauplatz für verloren halte. Trotz des Desasters von Stalingrad
wenige Wochen zuvor konnte er sich aber auch in diesem Fall nicht zu einem
organisierten Rückzug entschließen, der noch die Soldaten und das Kriegs­

24.12.1942, ebd., BA 61125; dto. Prüfer/AA v. 12.1.1943, ebd.; OKW/WFSt an OKH/


GenStdH/Op.Abt. v. 17.1.1943, BA-MA, RH 2/602.
84 Bef. Chef OKW v. 29.3.1943, ebd., RH 2/597; vgl. Aufz. Ritter/AA v. 14.12.1942,

PAAA, R 27827.
85 Greiselis, S. 152 f.
86 Aufz. Schnurre/AA v. 26.6.1943, PAAA, R 27332; Greiselis, S. 153; Tillmann, S. 445.
87 Keegan, S. 497.
88 Gundelach, Bd. 2, S. 540-544; Fraser, Rommel, S. 385 ff.
218 Die zweite Front: Die alliierte Landung in Nordafrika

gerät gerettet hätte. Das Schicksal der Heeresgruppe Afrika war damit be­
siegelt.89
Die 8. Armee unter Montgomery startete am 20. März im Süden eine neue
Offensive, in deren Verlauf am 7. April die Vereinigung mit den Truppen Ei­
senhowers gelang. Es folgte am 6. Mai ein großangelegter Angriff der Alliier­
ten, in dessen Verlauf die deutsch-italienische Front durchbrochen werden
konnte; in den folgenden Tagen fielen Tunis und Biserta. Die Überreste der
Heeresgruppe Afrika zogen sich noch auf die Landzunge des Kap Bon zurück,
wo in aussichtsloser Lage am 13. Mai die Kapitulation der letzten Kräfte er­
folgte. Weil aufgrund von Hitlers Haltebefehl und der absoluten alliierten Luft-
und Seeherrschaft eine großangelegte Evakuierung auch in der letzten Phase
nicht mehr organisiert werden konnte, gingen über 250.000 Soldaten in Kriegs­
gefangenschaft. Unter ihnen befanden sich auch die beiden Oberbefehlshaber
der Achsentruppen, Arnim und Messe.90 Die militärische Präsenz von Deut­
schen und Italienern in Afrika war damit beendet.
Zuvor hatte im Zuge des alliierten Vormarschs in Tunesien auch Rauffs SS-
Einsatzkommando im Frühjahr 1943 zunehmend sein eigentliches Betätigungs­
feld verloren; erste Vorbereitungen zu dessen Evakuierung wurden getroffen.
Wegen der chaotischen Lage in dem sich rasch verengenden Kessel konnte die
SS dann nicht einmal mehr den ursprünglichen Plan verwirklichen, die führen­
den Repräsentanten der jüdischen Gemeinde von Tunis nach Deutschland zu
deportieren. Borgel war schon vorher von einem führenden muslimischen
Würdenträger in Tunis vor der geplanten Aktion gewarnt worden. Dieser ge­
währte ihm gleichzeitig Zuflucht in seinem Haus.91 Die Rettung von etwa 20 jü­
dischen und nichtjüdischen Widerstandskämpfern gelang jedoch nicht. Sie wur­
den in Konzentrationslager nach Deutschland verschleppt und dort teilweise
ermordet.92
Am 9. Mai, vier Tage vor der endgültigen Kapitulation der Achsentruppen,
wurde Rauff mit seinem gesamten Personal aus Tunis ausgeflogen und nach
Neapel gebracht. Von dort kam das Kommando für einige Wochen zum sicher­
heitspolizeilichen Einsatz nach Korsika.93 Anfang September 1943 wurde
Rauff dann dem Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD Italien unter­
stellt, wo er als Kommandeur der Gruppe Oberitalien-West unter anderem für
die „Partisanenbekämpfung“ verantwortlich war.94 Mit Saevecke brachte es

89 Ebd., S. 387 ff.; Keegan, S. 498 f.; Gundelach, Bd. 2, S. 544 f.


90 Ebd., S. 548-554, 577-584; Hirszowicz, Reich, S. 305; Keegan, S. 498 f.
91 Abitbol, S. 148; Satloff, S. 33.
92 Abitbol, S. 146.
93 Rauff an HGr Afrika/Ic v. 11.5.1943, NAK, HW 19/271.
94 Ordensvorschlag HoSSPF Italien v. 25.2.1945, BAB, R 70 Italien/19; Vern. Kurt Lo­
Die zweite Front: Die alliierte Landung in Nordafrika 219

außerdem einer seiner Untergebenen in Italien noch zum Chef der Sicherheits­
polizei in Mailand. Anfang August 1944 zündete dort der Untergrund eine
Bombe an einem deutschen Militärlastwagen. Durch den Anschlag wurden
zwar keine deutschen Soldaten verletzt oder getötet, wohl aber kamen sechs
italienische Zivilisten um. Zur ,Vergeltung‘ ließ Saevecke am 10. August auf
der Mailänder Piazzale Loreto 15 italienische Geiseln erschießen.95

ba v. 27.10.1964, BAL, B 162/16690; zu den Methoden der dortigen „Partisanenbekämp­


fung“ Gentile, S. 188-195.
95 Schenk, S. 269.
13. Muslime für das Dritte Reich: Der islamische Sektor
von Wehrmacht, Sicherheitspolizei und Waffen-SS

Noch bevor der Mufti nach Berlin kam, begann die deutsche Wehrmacht mit
dem Aufbau eines islamischen Sektors in ihren Reihen. Sie gehorchte damit der
personellen Not, die durch das Unternehmen „Barbarossa“ entstanden war. Bis
Ende November 1941 hatten die Deutschen bereits einen Verlust von 743.112
toten, verletzten oder vermißten Soldaten zu verzeichnen; das entsprach 23,12
Prozent des gesamten Ostheeres.1 Während angesichts dieses Aderlasses einzel­
ne Heeresformationen längst damit begonnen hatten, einheimische Hilfswillige
in die rückwärtigen Dienste, partiell auch in die Frontverbände einzugliedern,
genehmigte der Generalquartiermeister am 15. November die Aufstellung je
einer Hundertschaft aus „Kriegsgefangenen turkestanischer und kaukasischer
Volkszugehörigkeit“ im rückwärtigen Heeresgebiet Süd.2 Dem Mangel an Si­
cherungskräften, der „zur Ausnutzung aller dem Sowjetsystem feindlich gesinn­
ten landeseigenen Elemente der besetzten Ostgebiete“ zwinge, war auch ge­
schuldet, daß am 9. Januar 1942 darüber hinaus die Aufstellung je einer
Hundertschaft aus „zuverlässigen entlassenen Kriegsgefangenen und Landes­
einwohnern“ bei jeder Armee befohlen wurde.3 Damit war der Aufbau der Ost­
legionen eingeleitet.
Am 13. Januar 1942 beauftragte der Chef der Heeresrüstung und Befehls­
haber des Ersatzheeres in territorialer Zuständigkeit den Militärbefehlshaber
im Generalgouvernement mit der Aufstellung je einer Turkestanischen und
Kaukasisch-Mohammedanischen Legion.4 Als weitere islamische Einheiten
kamen bis August 1942 eine Nordkaukasische und eine Wolgatatarische Le­
gion dazu. Der Aufstellungsstab der Ostlegionen auf dem Truppenübungsplatz
Rembertow, ab Sommer 1942 in Radom bildete ihr Führungsorgan. Die am
24. April ergangenen „Bestimmungen für die Aufstellung der Ostlegionen“,
an deren Spitze in jedem Fall deutsche Kommandeure standen, definierten
diese Formationen als „Verbände freiwilliger Kämpfer für die Befreiung ihrer

1 KTB Halder, Bd. 3, S. 318.


2 OKH/Gen.Qu. an Berück Süd v. 15.11.1941, BA-MA, RH 22/198.
3 OKH/Org.Abt. (II) an HGr v. 9.1.1942, ebd., RH 19 III/492.
4 OKH/Chef HRüst u. BdE v. 13.1.1942, Aufstellung der turkestanischen und kauka­

sisch-mohammedanischen Legion, ebd., RH 12-21/7.


222 Muslime für das Dritte Reich

Heimat vom Bolschewismus und für die Freiheit ihres Glaubens“.5 Auch die
landsmannschaftlichen Abzeichen, die die Legionäre auf dem rechten Ober­
arm ihrer deutschen Felduniformen trugen, wiesen auf die islamischen Wurzeln
hin; es handelte sich um den Halbmond, eine Moschee und gekreuzte Krumm­
säbel.6 „Der Einsatz der Legionen mit der Waffe soll nicht nur deutsches Blut
sparen“, befand das Oberkommando der Heeresgruppe Süd, „sondern auch als
politisches Kampfmittel die gegnerische Widerstandskraft zersetzen und min­
dern“.7
Auf der Krim ging die 11. Armee sogar noch einen Schritt weiter. Da die
dortigen Tataren, die einzige muslimische Population der Halbinsel, die 20 Pro­
zent der Gesamtbevölkerung stellte, sich sofort und geschlossen auf die deut­
sche Seite geschlagen hatten, konnten sie seit Anfang 1942 „auf Grund freiwil­
liger Meldung in die Verbände der 11. Armee eingegliedert“, also integraler
Wehrmachtsbestandteil werden.8 Bis Ende Januar hatten sich bereits 3.000 von
ihnen zur Verfügung gestellt.9 Im März 1942 kämpften gar 20.000 Freiwillige in
den Reihen der 11. Armee. Damit stand jeder zehnte Krimtatar unter deut­
schen Waffen.10 Daß ein derartiges Engagement keineswegs mit ideologiefrei­
em Soldatentum verwechselt werden darf, belegen die parallel dazu erarbeite­
ten Direktiven über ihre Schulung: „Folgende Themen werden behandelt:
a) Der Bolschewismus, der Unterdrücker der nationalen und persönlichen
Freiheit. Die Rolle des Judentums im Bolschewismus“.11
Im Generalgouvernement und im ukrainischen Mirgorod, wo im Frühjahr
1942 mit der 162. Infanteriedivision noch ein zweiter Aufstellungs- und Ausbil­
dungsstab entstand, wurden in drei Wellen bis ins Jahr 1943 78 verstärkte In­
fanteriebataillone der Ostlegionen gebildet und an die Front geschickt; 54 von
ihnen waren islamisch.12 Daneben bildete man eine große Anzahl von Bau-
und Nachschubeinheiten, Tragtierkolonnen und dergleichen mehr, denen man
körperlich nicht voll kriegsverwendungsfähige Legionäre zuwies; auf sie dürf­
ten ähnliche Proportionen zutreffen. Die Gesamtzahl der auf diese Weise re­

5 Dto. v. 24.4.1942, Bestimmungen für die Aufstellung der Ostlegionen, ebd., RH 19 V/


108.
6 Hoffmann, Ostlegionen, S. 25-39.
7 Bef. OK HGr Süd v. 19.5.1942, BA-MA, RH 19 V/108.
8 Bef. AOK 11/OQu/Qu 2 v. 6.1.1942, ebd., RH 20-11/407; vgl. Oldenburg, S. 119 ff.;

Kunz, S. 207 ff., 237 f.


9 AOK 11/IV Wi, Ber. für 1.12.1941-31.1.1942, BA-MA, RH 20-11/415.
10 Sonderführer Siefers an OKH/GenQu v. 20.3.1942, Aufstellung von Tataren- u. Kau­

kasierformationen im Bereich des AOK 11, ebd., RH 19 V/108.


11 AOK 11/Ic v. 18.2.1942, Propagandistische Schulung der freiwilligen Tataren, ebd.,

RH 20-11/457.
12 Hoffmann, Kaukasien, S. 51, 55.
Muslime für das Dritte Reich 223

krutierten Ostlegionäre betrug mindestens 150.000 bis 170.000 Mann;13 etwa


zwei Drittel von ihnen werden Muslime gewesen sein. Die Wehrmacht hono­
rierte deren Engagement mit der Bestellung von Mullahs bis hinunter auf Ba­
taillonsebene und durch die Einhaltung islamischer Speise- und Begräbnisvor­
schriften.14 Da die Ostlegionen allmählich auf den gesamten europäischen
Operationsbereich des Heeres verteilt wurden, entstand zunehmend der Be­
darf für eine einheitliche Führungsspitze. Das Oberkommando des Heeres er­
nannte deshalb 1943 mit Ernst Köstring einen General der Osttruppen – mit
Wirkung vom 1. Januar 1944 General der Freiwilligenverbände -,15 der im Sep­
tember 1944 immerhin 160.000 Soldaten befehligte, diese schließlich auch an
den Brennpunkten der französischen und italienischen Invasionsfronten ein­
setzte und als letzte Einheit ein Ostmuselmanisches Regiment aufstellte.16 Drei
Turk-Bataillone kämpften bis zum letzten Mann in Stalingrad, etliche im Kau­
kasus, sechs Bataillone 1945 noch vor Berlin.17
Auch Sicherheitspolizei und SD schnitten sich ihr Stück aus dem islamischen
Kuchen. Nachdem der Ic-Offizier der 11. Armee am 2. Januar 1942 Otto Oh­
lendorfs Einsatzgruppe D mit der Rekrutierung der Krimtataren beauftragt
hatte, fand bereits am folgenden Tag die „erste offizielle Sitzung des Tataren­
komitees Simferopol anläßlich des Beginnes der Werbung der Tataren der
Krim für einen gemeinsamen Kampf gegen den Bolschewismus“ statt. Dabei
erklärte der Mullah der Gemeinde, „daß ihre Religion und ihr Glaube ihnen
gebiete, an diesem für sie heiligen Kampf zusammen mit den Deutschen teil­
zunehmen“, und der Vorsitzende des Komitees bekannte: „Es ist für uns eine
Ehre, unter dem Führer Adolf Hitler, des größten Mannes des deutschen Vol­
kes, kämpfen zu dürfen.“ Daraufhin erhoben sich die versammelten Tataren
und sprachen ihrem Mullah nach: „1. Gebot: Für Erreichung eines schnellen
Sieges und des gemeinsamen Zieles, sowie für ein langes Leben des Führers
Adolf Hitler.“ Von den bis Mitte Februar angeworbenen 9255 Männern zweig­
te die Einsatzgruppe 1632 Freiwillige für sich ab und organisierte sie in 14 über
die Halbinsel verteilten Tatarenselbstschutzkompanien. Sie seien „eindeutig
gegen den Bolschewismus, gegen Juden und Zigeuner eingestellt“ und gingen
„dabei oft bis zur bewußten Denunzierung“, lobte Ohlendorf18 und befand be­

13 Ebd., S. 56.
14 Ders., Ostlegionen, S. 136 ff.
15 Ebd., S. 52; vgl. Teske.
16 Verm. von Mende/RMbO v. 18.9.1944, Besprechung mit Dr. Oltzsche/SSHA am

13.9., BAB, R 6/143.


17 Hoffmann, Kaukasien, S. 156ff.; Krecker, S. 220 f.
18 EG D, Die Rekrutierung der Krimtataren, Stand 15.2.1942, BA-MA, RH 20-11/433;

vgl. EG D an AOK 11 v. 26.2.1942, Bezeichnung u. Standorte der Tatarenselbstschutzkp.,


ebd., RH 20-11/344; AOK 11/Qu 2 v. 31.1.1942, Beiträge für KTB, ebd., RH 20-11/407;
224 Muslime für das Dritte Reich

reits zwei Monate später, daß sie sich in der Partisanenbekämpfung „bestens
bewährt“ hätten.19
Der SD-Auslandsnachrichtendienst schöpfte den islamischen Resonanzbo­
den in der Sowjetunion gleichfalls auf seine Weise ab: Im Verlauf des Anfang
1942 initiierten Unternehmens „Zeppelin“ rekrutierte die Gruppe VI C
Kriegsgefangene und Überläufer aus der Roten Armee, bildete sie in Vor-
und Hauptlagern aus und setzte die so gewonnenen „Aktivisten“ dann entwe­
der per Fallschirm hinter der Front ab oder schleuste sie durch Lücken in der
Hauptkampflinie ins Hinterland. Dort oszillierten ihre Aufgaben zwischen Sa­
botage und Subversion, Erkundung und Propaganda.20 Speziell für die mus­
limischen „Turkestaner“ war zur Vorbereitung auf ihren Einsatz östlich der
Wolga beziehungsweise in Westkasachstan ein Vorlager in Legionowo bei War­
schau21 und ein Hauptlager in Oswitz bei Breslau22 eingerichtet worden. Von
dort aus unternahm man 1942 auch einen Besuch der Moschee in Berlin-Wil­
mersdorf.23
In West- und Mitteleuropa vermochten Sicherheitspolizei und SD ebenfalls,
Muslime für sich einzuspannen. So war ab Sommer 1944 eine aus Arabern und
Marokkanern bestehende Einheit unter Hauptsturmführer Helmut Retzek,
dem früheren stellvertretenden Kommandeur der Sicherheitspolizei und des
SD in Bordeaux und Toulouse, im südfranzösischen Plaine-Tal zur Bekämp­
fung der Resistance eingesetzt.24 Im Herbst zog sie sich nach Baccarat in den
Vogesen zurück, wo sie ihre letzten Morde beging.25 Das Amt Mil – die 1944
dem Amt VI des Reichssicherheitshauptamtes angegliederte ehemalige Ab­
wehr – unterhielt noch im Februar 1945 mehrere „Schulungslager arabischer
V-Leute aus Marokko, Algier, Tunis, Palästina, Irak, Iran“, in denen Erken­
nungs-, Melde- und Funkdienst, aber auch Sabotage und Insurrektion unter­
richtet wurde. Die Überprüfung erfolgte durch Vertraute des Mufti, die Aus­
bildung durch Palästinadeutsche.26 „Eine Steigerung der Leistungen beim

AOK 11/IV Wi, Ber. für 1.-31.3.1942, ebd., RH 20-11/415; Angrick, S. 467 ff.; Hoffmann,
Ostlegionen, S. 39 ff.
19 EG D an AOK 11 v. 16.4.1942, BA-MA, RH 20-11/488.
20 Mallmann, Krieg, S. 325 ff.; Angrick, S. 477 ff.
21 MiG/Ia v. 18.4.1942, Unternehmen Zeppelin, BA-MA, RH 53-23/36; RSHA VI C/Z

an VI A 4 (undat./August 1942), BA-ZA, ZR 920/1.


22 Hauptlager Breslau-Oswitz an RSHA VI C/Z v. 15.4.1943, ebd.
23 Querg, S. 272 f.
24 BAL, B 162/Vorl. AR 3606/65; BAL, B 162/Vorl. AR 3617/65.
25 BdS Frankreich an RSHA I v. 27.10.1944, BAB, R 70 Frankreich/1; Erich W. an Staw

Köln v. 12.7.1971, BAL, B 162/8433, Bl. 235 ff.


26 Ber. Kommando-Melde-Gebiet Stuttgart v. 26.2.1945, Ausbildungslager für Unter­

führer Pfedelbach Krs. Öhringen, BAB, R 58/116.


Muslime für das Dritte Reich 225

V-Mann-Einsatz von Arabern mit Mitteln der Schulung ist leicht dadurch zu
erzielen, daß man die Araber in polit. und geistiger Hinsicht in eine bestimmte
Richtung lenkt, in der seine [sic] und unsere Interessen parallel laufen“, resü­
mierte man dazu im Stuttgarter Ausbildungslager für Unterführer. „Das fällt
gerade bei der Konstellation der Feindmächte nicht schwer, da die Araber ab
Ovo geschworene] Gegner der Juden, Franzosen und z.T. auch der Engländer
sind.“27
Für die Waffen-SS wurden im Februar 1943 die entscheidenden Vorausset­
zungen für die Aufstellung islamischer Verbände geschaffen. Hitler befahl am
10. dieses Monats die Aufstellung einer SS-Division bosnischer Muslime in
Kroatien unter Aufsicht der bereits bestehenden volksdeutschen SS-Division
„Prinz Eugen“.28 In Kroatien, das von Ante Pavelics Marionettenregierung ge­
führt wurde, wie auch in Serbien tobte seit der Besetzung des Landes durch die
Deutschen im April 1941 ein erbitterter Partisanenkrieg, der umfangreiche
Truppen band. Es lag daher in deutschem Interesse, sich nach Kollaborateuren
umzusehen, die gewillt waren, gegen die kommunistischen Partisanen Titos
und gegen die nationalistischen, königstreuen serbischen Tschetniks aktiv zu
werden. Drei Tage nach dem Führerbefehl beauftragte Himmler den Komman­
deur der SS-Division „Prinz Eugen“, Gruppenführer Artur Phleps, mit der Auf­
stellung einer solchen Division. Zwar signalisierte das kroatische Marionetten­
regime nach Verhandlungen formell sein Einverständnis, faktisch torpedierte
aber besonders die faschistische Ustascha in der Folge die Aufstellungspläne
der SS. In deren Augen galt es zu verhindern, daß das Selbstbewußtsein der
verachteten Muslime durch die Aufstellung einer eigenen Division auf Seiten
der Deutschen gestärkt würde.29
Bei der Frage einer Bewaffnung von Mohammedanern trat schnell wieder
der Mufti auf den Plan. Er gab vor, sich schon seit „längerer Zeit“ mit der Lage
seiner Glaubensbrüder auf dem Balkan zu beschäftigen und machte sich umge­
hend zu deren Fürsprecher bei den Deutschen.30 Ende März 1943 flog el-Hus­
seini im Flugzeug Kurt Dalueges, des Chefs der Ordnungspolizei, zu einem
offiziellen Besuch nach Kroatien und Bosnien.31 Begleitet wurde er auf der
zweiwöchigen Reise unter anderem von mehreren SS-Offizieren aus dem

27 Dto., Unternehmen Conrad, ebd.


28 RFSS an Kdr. 7. SS-Div. v. 13.2.1943, ebd., NS 19/2601; Bef. SSFHA v. 30.4.1943,
ebd., NS 19/3523; zur 7. SS-Div. „Prinz Eugen“ Casagrande.
29 Schnurre/AA an SS-Ostubaf. Riedweg/SSHA v. 20.2.1943, PAAA, R 100998; Chef

SS-HA an RFSS v. 9.3.1943, BAB, NS 19/3523; DG Zagreb an AA v. 23.3.1943, PAAA,


R 100998; dto. v. 8.7.1943, ebd., R 100997; Klietmann, S. 187.
30 Aufz. Mufti (undat./April 1943), PAAA, R 100998; zur Initiative des Mufti bei der

Aufstellung der SS-Div. „Handschar“ vgl. Faligot/Kauffer, S. 144 f.


31 Chef SSHA an RFSS v. 27.3.1943, BAB, NS 19/2255.
226 Muslime für das Dritte Reich

Reichssicherheitshauptamt und dem SS-Hauptamt. Der Mufti traf sich in den


Städten Agram, Banja Luka und Sarajewo mit Vertretern der kroatischen Re­
gierung, hohen geistlichen und lokalen Würdenträgern sowie den Repräsen­
tanten der deutschen sowie italienischen Besatzungsbehörden. Jedoch schien
eines der Hauptmotive der Reise, die Kommunikation mit der kroatischen Re­
gierung, gleich zu Beginn zu scheitern, weil sich Pavelic gegenüber el-Husseini
gänzlich unkooperativ zeigte. Erst die telephonische Intervention Bergers
beim kroatischen Gesandten in Berlin stellte für den Mufti eine Situation her,
durch die die Haltung Pavelics „ins Gegenteil verkehrt“ wurde.32 El-Husseini
seinerseits vermied zwar gegenüber den kroatischen Offiziellen jegliche Unab­
hängigkeitsforderungen bezüglich der bosnischen Muslime, doch sahen sich die
dortigen Autonomieanhänger nach dessen Abreise deutlich gestärkt.33 Wie der
Chef des SS-Hauptamtes in einem Bericht an Himmler betonte, habe der Be­
such letztlich „in jeder Form auch politisch außerordentlich gut und positiv
gewirkt und dürfte ganz wesentlich zu einer Beruhigung in diesem Raum bei­
tragen.“ Außerdem hob er hervor, der Besuch habe gezeigt, daß der Mufti „ein
ungeheures Ansehen in der mohammedanischen Welt“ besitze.34
Als Voraussetzung zur Schaffung einer muslimischen SS-Division mußte die
selbsternannte nationalsozialistische Militärelite allerdings erst noch ihre ras­
sischen Auslesekriterien weiter aufweichen. Künftig sollte nicht mehr das Ide­
albild des nordischen Ariers die zentrale Klammer innerhalb der strikt anti­
klerikalen Waffen-SS bilden; statt dessen sollten ,fremdrassige‘ Männer, noch
dazu gläubige Mohammedaner, Bestandteil der bewaffneten SS werden. Dazu
bestimmte Himmler die Muslime des Balkan kurzerhand zu den „rassisch wert­
vollen Völkern Europas“. Ihren Platz an der Seite der Arier hätten sie jedoch
erst noch zu erringen. Nun sei es an ihnen, so Himmler, „durch ihren Einsatz an
der Neuordnung Europas mitzukämpfen und mitzuarbeiten, um hierdurch ihre
zukünftige Lebensberechtigung im Rahmen eines nationalsozialistischen Eu­
ropas zu beweisen“.35
Um den Weg der künftigen SS-Soldaten als treue Parteigänger des National­
sozialismus zu ebnen, sollten einige religiöse und kulturelle Eigenheiten ge­
wahrt bleiben. So wurden für die Division eigens Planstellen für etliche Imame
geschaffen, die für die Moral der Männer als unverzichtbar angesehen wur­
den.36 Darüber hinaus kümmerte sich Himmler persönlich um eine Kopfbede­
ckung für die mohammedanischen Rekruten, die von Zwangsarbeitern angefer­

32 Dto.v. 19.4.1943, ebd.


33 DG Zagreb an AA v. 28.4.1943, PAAA, R 100998.
34 Chef SSHA an RFSS v. 19.4.1943, BAB, NS 19/2255.
35 Bef. RFSS v. 10.11.1943, IfZ, Nbg. Dok., NO-3577.
36 Chef Pers. Stab RFSS an Wagner/AA v. 13.5.1943, PAAA, R 100998.
Muslime für das Dritte Reich 227

tigt werden mußten. Nach ersten Entwürfen verlangte er Änderungen, da die


„Feze“ in Form und Farbe zu sehr denen der Marokkaner glichen und deshalb
„umgefärbt und etwas abgeschnitten werden“ müßten.37 Beim Mufti ließ er
zudem anfragen, was „der Islam seinen Soldaten bezüglich der Verpflegung“
vorschreibe. Als dieser um eine Ernährung ohne Alkohol und Schweinefleisch
bat, wurde in der Nähe von Graz ein Kochlehrgang eingerichtet.38 Himmler
gewährte den Muslimen dann extra noch das „unverbrüchliche Sonderrecht“,
auf Schwein und Alkoholika verzichten zu dürfen. Seine SS-Führer verpflich­
tete er zur strikten Wahrung dieser Regelung. Als Begründung führte er aus,
die Mohammedaner seien „aus Haß gegen den gemeinsamen jüdisch-englisch­
bolschewistischen Feind und aus Verehrung und Treue zu dem von ihnen allen
verehrten Führer Adolf Hitler“ an die Seite Deutschlands getreten, weshalb
ihnen jeglicher Respekt entgegengebracht werden müsse. Entschieden verbat
er sich „jedes sonst im Kameradenkreis beliebte Witzeln oder ,Auf-den-Arm-
nehmen‘ der mohammedanischen Freiwilligen“.39
Zwar bestand unter den bosnischen Muslimen eine „große Bereitschaft“ für
den Dienst in der Waffen-SS, doch blieben die Freiwilligenmeldungen selbst
nach dem Besuch des Mufti in Kroatien hinter den Erwartungen zurück.40 Ver­
antwortlich dafür waren nicht zuletzt die rüden Werbemethoden der Deut­
schen; außerdem stellte sich heraus, daß das Projekt weiterhin von kroatischen
Stellen torpediert wurde.41 Phleps meldete nach Berlin, die kroatische Regie­
rung würde „alle möglichen Mittel anwenden, um die Aufstellung zu verhin­
dern oder zumindest empfindlich zu verzögern“.42 Auch das ursprüngliche Vor­
haben, eine rein muslimische Division aufzustellen, ließ sich in der Praxis nicht
realisieren. In die Freiwilligentruppe wurde deshalb ein größeres Kontingent
von etwa 15 Prozent katholischer Rekruten eingegliedert.43 Die Schwierigkei­
ten vor Ort führten schließlich dazu, daß sämtliche Soldaten mit dem Divi­
sionsstab unter SS-Oberführer Karl-Gustav Sauberzweig, einer Charakterisie­
rung Himmlers zufolge ein „totaler Nationalsozialist“, nach Südfrankreich in
den Raum von Le Puy verlegt wurden. Dort wurde die Division in den folgen­

37 RFSS an Chef WVHA v. 26.11.1943, BAB, NS 19/2601.


38 RFSS an Chef SSHA v. 22.7.1943, ebd.; Chef SSHA an RFSS v. 26.7.1943, ebd.
39 Bef. RFSS v. 6.8.1943, ebd., NS 19/3285.
40 Chef SSHA an AA v. 2.4.1943, PAAA, R 100998; Bev.AA.b.Mil.befh.Serb. an AA v.

18.5.1943, ebd.
41 RFSS an Beauftr. RFSS in Kroatien v. 1.7.1943, BAB, NS 19/3523; DG Zagreb an

AA v. 8.7.1943, PAAA, R 100997.


42 Kdr. 7. SS-Div. an Chef SS-FHA v. 19.4.1943, BAB, NS 19/2601.
43 Ritter/AA an AA v. 21.2.1943, PAAA, R 100998; DG Zagreb an AA v. 5.5.1943,

ebd.; dto. v. 29.5.1943, ebd.


228 Muslime für das Dritte Reich

den Monaten aufgestellt und ausgebildet.44 Der Ortswechsel brachte jedoch


bald neue Probleme mit sich. Im Sommer 1943 setzte in Bosnien eine groß­
angelegte Offensive der Tito-Partisanen ein; bald befanden sich dort etwa
210.000 Menschen auf der Flucht. Die sich derweil in Frankreich in der Ausbil­
dung befindlichen Männer zeigten sich über das Schicksal ihrer Angehörigen
beunruhigt – besonders, weil ihnen ursprünglich versichert worden war, in der
Heimat Dienst leisten zu können. So brach dann in der Nacht des 16. Septem­
ber eine offene Meuterei aus. Etwa 1.000 Bosnier töteten einige Vorgesetzte.
Dann wurde die Revolte schnell niedergeschlagen; 15 muslimische SS-Männer
kamen dabei ums Leben. Abgesehen von einzelnen Todesurteilen wurden die
Meuterer insgesamt aber relativ milde bestraft.45
Im Anschluß wurde die Division zur weiteren Ausbildung auf den schlesi­
schen Truppenübungsplatz Neuhammer verlegt.46 Anfang 1944 war deren For­
mierung dann soweit abgeschlossen, daß ein Einsatz in Jugoslawien ins Auge
gefaßt werden konnte. Auf deutscher wie muslimischer Seite waren damit hohe
Erwartungen verbunden; bei deren Ankunft im Februar organisierten die
Deutschen eine regelrechte Propagandatournee durch bosnische Städte.47 In
dem Zusammenhang wurden Flugblattaktionen gestartet, um die Bevölkerung
vom Erscheinen der Soldaten in Kenntnis zu setzen. „Eine neue Zeit bricht an.
Wir kommen!“, heißt es in einem Entwurf.48 In einer weiteren Version wurde
verkündet: „Wir bringen unserer Heimat den Landfrieden. Wir kommen als
tapfere, freie, stolze SS-Männer, verbunden mit unseren deutschen Kamera­
den.“49 Nach der Werbung weiterer Rekruten kam die muslimische SS-Truppe
im März im nördlichen Bosnien gegen die Partisanen Titos zum Einsatz.50 Im
Mai erhielt der Verband dann noch seine eigentliche Bezeichnung. Nach dem
Begriff für den arabischen Krummsäbel verlieh Hitler der 13. SS-Division den
Namen „Handschar“.51
Da es den Deutschen in Jugoslawien aber trotz der Aufstellung der ersten
muslimischen SS-Division nicht gelang, der Partisanen Herr zu werden, be­

44 Bef. Chef SSFHA v. 2.7.1943, BAB, NS 19/3523; RFSS an PK v. 2.11.1943, ebd., NS

19/2252; Stein, S. 163 f.; Klietmann, S. 187 f.


45 Chef SSHA an RFSS v. 25.9.1943, BAB, NS 19/2601; Gensicke, S. 190 f.
46 Kdr. 13. SS-Div. an Chef SSHA v. 30.9.1943, BAB, NS 19/2601; Aufz. Reichel/AAv.

7.10.1943, PAAA, R 100998; Chef SSHA an Reiche/AA v. 11.10.1943, ebd.


47 DG Belgrad an AA v. 31.1.1944, ebd., R 100984; Rundschr. Kdr. 13. SS-Div. v.

25.2.1944, BAB, NS 19/2601.


48 Flugblattentw. 13. SS-Div. (undat./Frühjahr 1944), ebd.
49 Dto. (undat./Frühjahr 1944), ebd.
50 DG Zagreb an AA v. 22.2.1944, PAAA, R 100984; Rundschr. Kdr. 13. SS-Div. v.

27.3.1944, BAB, NS 19/2601; Stein, S. 164.


51 Führerbef. v. 15.5.1944, BAB, NS 19/2601.
Muslime für das Dritte Reich 229

stand bald das Interesse an weiteren Kollaborationstruppen. In diesem Zusam­


menhang rückten auch die albanischen Mohammedaner verstärkt ins Blick­
feld, von denen mehrere tausend Männer sich bereits für einen Dienst in der
13. SS-Division gemeldet hatten. Um die weitere Anwerbung für die Waffen-
SS zu beschleunigen, lancierte Berger im Oktober 1943 das Gerücht, daß briti­
sche Agenten „mit sehr viel Gold“ im Land unterwegs seien, um die Männer
ihrerseits für die Sache des Feindes zu gewinnen.52 Nachdem dann Hitler im
Februar eine entsprechende Genehmigung erteilt hatte, gab Himmler am
17. April 1944 den offiziellen Befehl zur Aufstellung der 21. Waffen-Gebirgs-
division der SS „Skanderbeg“.53 In den folgenden Monaten wurde der Verband
im Kosovo aus den albanischen Rekruten der Division „Handschar“, alba­
nischen Kriegsgefangenen und den diensttauglichen Männern der Werbungs­
aktionen gebildet. Allein die vom Albanischen Nationalkomitee mobilisierten
Freiwilligen und anschließende Musterungen in der Region erbrachten 6.500
Männer.54 Zum Kampfwert der Albaner äußerte Himmler, sie hätten sich bis­
her „bei ihrem Einsatz sehr gut bewährt“, so daß man zukünftig „von ihnen
soldatisch noch großen Nutzen erwarten könne“.55 In Wirklichkeit waren mit
der Bildung der Division „Skanderbeg“ jedoch von vornherein große Schwie­
rigkeiten verbunden. Neben der unzureichenden Ausrüstung und Bewaffnung
fehlte es an deutschem Rahmenpersonal zur Ausbildung der Rekruten.56 Das
einzige einsatzbereite Bataillon wurde währenddessen im Sommer und Herbst
bereits im Kampf gegen Partisanen eingesetzt.57
Seit Oktober 1943 gab es schließlich noch Initiativen zur Aufstellung einer
dritten muslimischen SS-Division. Nach Rücksprache mit dem Amt VI des
Reichssicherheitshauptamtes bat Berger Himmler um die Erlaubnis zur Auf­
stellung einer SS-Division aus „Turkvölkern“, womit sich die Waffen-SS bezüg­
lich der Rekruten in ein offenes Konkurrenzverhältnis zur Wehrmacht begab.58
Den Kern der Truppe sollte das Turk-Bataillon 450 der Wehrmacht bilden, das
von Sturmbannführer Andreas Mayer-Mader, einem in die Waffen-SS über­

52 Chef SSHA an Reichel/AA v. 11.10.1943, PAAA, R 100984.


53 Bef. Chef OKW v. 12.2.1944, ebd.; DG Tirana an AA v. 5.3.1944, ebd.; Klietmann,
S. 229.
54 Chef SSHA an Reichel/AA v. 5.2.1944, PAAA, R 100984; Bef. Chef OKW v.

12.2.1944, ebd.; DG Belgrad an AA v. 5.3.1944, ebd.; Chef SS-HA an RFSS v. 13.4.1944,


BAB, NS 19/2071; Klietmann, S. 229.
55 Wagner/AA an RAM v. 14.4.1944, PAAA, R 100679.
56 Klietmann, S. 229.
57 Ber. Kdr. 21. SS-Div. v. 7.7.1944, BAB, NS 19/2071.
58 Chef SSHA an RFSS v. 15.10.1943, ebd., NS 31/43; dto. v. 25.1.1944, ebd., NS 19/297.
230 Muslime für das Dritte Reich

nommenen Wehrmachtsoffizier, befehligt wurde.59 Als Aufstellungsort der Di­


vision wurde eines der Zentren der Partisanentätigkeit in Osteuropa ins Auge
gefaßt, weil die Rekruten dort schon während der Ausbildung die nötige
Kampfpraxis erhalten könnten. Berger plädierte für Minsk und sprach von sei­
nem Projekt als „politische Angelegenheit von allergrößter Bedeutung und
Tragweite“, durch die ein weiterer Teil der mohammedanischen Welt für den
Nationalsozialismus gewonnen werde. Außerdem könne auf diese Weise dem
Mufti demonstriert werden, „daß wir es mit der Freundschaft mit der moham­
medanischen Welt ernst meinen“. Wenn auch, wie Berger anmerkte, die Trup­
pe „aus wilden Völkerschaften“ zusammengesetzt sei, könne nicht zuletzt auch
die kontinuierlich expandierende Waffen-SS auf diese Weise noch um eine wei­
tere Division verstärkt werden.60 Am 2. Mai 1944 erteilte Himmler dann den
formalen Befehl zur Aufstellung einer „ostmuselmanischen“ Division der Waf­
fen-SS.61
Schnell wurde auch el-Husseini in die Vorbereitungen involviert. Am
14. Dezember 1943 empfing er im Beisein Mayer-Maders Offiziere der projek­
tierten Truppe. Bei dieser Gelegenheit machte er sich zum Fürsprecher des
neuen SS-Verbandes. Im Anschluß an das Gespräch suchte der Mufti um einen
Termin bei Berger nach und unterbreitete ihm die Wünsche der Turkmenen.
So sollten die Muslime in Fragen der geistlichen Betreuung durch Imame oder
hinsichtlich der spezifischen Ernährung die gleiche Behandlung erfahren wie
die Männer der bosnischen Division. Darüber hinaus dachte der Mufti schon
an eine weitere Verstärkung der Truppe und regte dazu die Zuweisung aller
noch bei der Wehrmacht dienenden Angehörigen der „Turkvölker“ zur SS
an.62 Welchen Einfluß el-Husseini auch in diesem Fall auf die zukünftigen mus­
limischen Offiziere ausübte, veranschaulicht der Vermerk eines Führers aus
dem SS-Hauptamt über das Treffen. Zur Reaktion auf dessen Darlegungen
notierte er: „Erst nach den Ausführungen seiner Eminenz erkannten die turk­
menischen Offiziere die Bedeutung des Einsatzes des gesamten Islam, wäh­
rend sie vorher nur von dem engeren Gesichtskreis ihres bisherigen Einsatzes
nicht an den ordentlichen Aufbau einer Division dachten, sondern lediglich an
eine legionähnliche Kampfeinheit.“63
Zur Ausbildung der Geistlichen für die mohammedanischen SS-Divisionen
wurde unter der Regie des Mufti im April 1944 eigens ein „Imamen-Institut“

59 RFSS an Gen. Zeitzler v. 8.11.1943, ebd.; Mayer-Mader an Chef SSHA v. 20.1.1944,

ebd.; Hoffmann, Kaukasien, S. 138 f., 145 ff.


60 Chef SSHA an RFSS v. 15.10.1943, BAB, NS 31/43.
61 RFSS an Chef SSHA und SSFHA v. 2.5.1944, ebd., NS 19/2839.
62 Verm. SSHA A I v. 15.12.1943, ebd., NS 31/44; Mufti an Chef SSHA v. 15.12.1943,

ebd.
63 Verm. SSHA A I v. 15.12.1943, ebd.
Muslime für das Dritte Reich 231

eröffnet. Das Haus, ein kleines Hotel im sächsischen Guben, war el-Husseini
vom SS-Hauptamt überantwortet worden.64 In der Eröffnungsrede, die der
Mufti am 21. April in Anwesenheit Bergers hielt, drückte er seine Freude über
die Schaffung dieser Einrichtung aus, die Beleg für die „Erfolge der Zusam­
menarbeit zwischen den Moslimen [sic] und dem Großdeutschen Reich“ sei
und auf „gemeinsamen Interessen und Zielen basiert“. Die späteren Imame
rief er dazu auf, „Eure Kameraden, genau wie Euch selbst in den islamischen
Vorzügen und Tugenden zu führen, die zur Besserung der Menschheit bei­
getragen haben, wie es auch die Geschichte zeigt“.65 In der Praxis arbeiteten
die Imame eng mit den weltanschaulichen Schulungsoffizieren aus Deutsch­
land zusammen. Das Konzept der muslimischen Waffen-SS schien bald auf­
zugehen. Divisionskommandeur Sauberzweig konnte im April 1944 über seine
13. SS-Division berichten, die Rekruten nähmen „nur zu gern [...] nationalso­
zialistische Lehren“ an. Euphorisch sah sich der Brigadeführer in seiner Arbeit
schon soweit, „daß die Muselmanen, SS-Männer der Division und Zivilisten,
beginnen, in unserem Führer die Sendung eines 2. Propheten zu sehen“.66
Die Inhalte der weltanschaulichen Schulung seiner Division bestätigten das
positive Urteil des Kommandeurs. Während eines Ende März abgehaltenen
viertägigen politischen Kurzlehrgangs wurden vor den Männern Vorträge mit
vielsagenden Titeln wie „Nationalsozialismus und Islam“, „Das Leben unseres
Führers“ oder „Der Sinn dieses Krieges“ abgehalten.67 Zum Abschluß stand
dann noch eine schriftliche Arbeit auf dem Programm, in der insgesamt 20
Fragen zu beantworten waren. Auf die 6. Frage nach den Erkenntnissen Hitlers
in Wien antwortete etwa der SS-Sturmmann Stefan Windisch: „In Wien lernt
der Führer den Arbeiter und die Arbeit auf einer Seite kennen, und auf der
anderen Seite die marxistische Idee. Da beginnt er erst die Juden zu hassen.“68
Die Frage nach den Gründen für den gemeinsamen Kampf von Nationalsozia­
lismus und Islam beantwortete der Rottenführer Josip Vukelic folgenderma­
ßen: „Sie haben die gemeinsamen Feinde: den Bolschewismus, das Judentum,
die Angloamerikaner, die Freimaurer und den politischen Katholizismus.“69
Aufgrund solcher vielversprechenden Ergebnisse vereinbarte der Mufti mit
dem SS-Hauptamt, auf Versuche einer Synthetisierung von Nationalsozialis­
mus und Islam getrost zu verzichten. Statt dessen konnte als Grundlage der

64 RFSS an Chef SSHA v. 24.11.1943, ebd., NS 19/2601; Antwort v. 22.4.1944, ebd., NS

19/2637.
65 Abschrift Rede Mufti v. 21.4.1944, ebd.
66 Kdr. 13. SS-Div. an Chef SSHA v. 16.4.1944, ebd., NS 19/2601.
67 Dienstplan 13. SS-Div./Abt. VI v. 29.3.1944, ebd.
68 Prüfungsfragen 13. SS-Div./Abt. VI v. 1.4.1944, ebd.; schriftl. Prüfung Stefan Win­

disch v. 1.4.1944, ebd.


69 Übers, schriftl. Prüfung Josip Vukelic v. 5.4.1944, ebd.
232 Muslime für das Dritte Reich

Abb. 13. Der Mufti bei einem Besuch von bosnischen Freiwilligen der Waffen-SS, 1943/44.

weltanschaulichen Erziehung für die mohammedanische Waffen-SS festgehal­


ten werden: „Der Nationalsozialismus wird als völkisch bedingte deutsche
Weltanschauung und der Islam als völkisch bedingte arabische Weltanschau­
ung [...] den Muselmanen vermittelt.“ Die gemeinsamen Feinde, bei denen an
erster Stelle das „Judentum“, dann der „Anglo-Amerikanismus“ und erst an
dritter Stelle der „Kommunismus“ genannt wurde, seien dabei gesondert her­
auszustellen.70
Trotz des betriebenen Aufwands und der zahlreichen Sonderregelungen er­
wies sich der praktische Wert der muslimischen SS-Verbände jedoch als be­
scheiden. Sauberzweig ließ in dem seiner Division zugewiesenen Einsatzraum
eine „Landfriedensordnung“ verkünden, die mit ihren vielfältigen Bestimmun­
gen die Autorität der kroatischen Zentralgewalt faktisch außer Kraft setzte
und wütende Proteste nicht nur von dieser, sondern auch von deutscher Seite
zur Folge hatte.71 Selbst Berger mußte schließlich einräumen, daß dadurch
„sehr viel böses Blut gemacht“ wurde.72 Im Verlauf ihrer Einsätze verübten alle
muslimischen SS-Verbände zahlreiche Kriegsverbrechen. So berichtete die Di­

70 Ber. SSHA A I v. 19.5.1943, ebd.


71 Kdr. 13. SS-Div. v. 9.3.1944, Richtlinien für die Sicherung des Landfriedens in Bos­
nien, ebd., NS 19/2145.
72 Chef SSHA an RFSS v. 4.8.1944, ebd., NS 19/1492.
Muslime für das Dritte Reich 233

vision „Skanderbeg“ im Juli 1944, in ihrem Einsatzgebiet umfassend „gegen die


Juden“ durchgegriffen zu haben. Allein zwischen dem 28. Mai und dem 5. Juli
seien „insgesamt 510 Juden, Kommunisten und Bandenhelfer und politisch
Verdächtige unter Sicherungsverwahrung im divisionseigenen Anhaltelager“
inhaftiert worden. Durch „Sühnemaßnahmen für Sabotagefälle sowie die
durchgeführten Verhaftungen“ sei nicht zuletzt „durch das tatkräftige Zupak-
ken das Ansehen der deutschen Wehrmacht gestärkt“ worden.73
Zum Auftreten der Division „Handschar“ gab Hermann Fegelein, Himmlers
Verbindungsoffizier im Hauptquartier Hitlers und selbst ein zehntausend­
facher Massenmörder, seinem „Führer“ im April 1944 während einer Lagebe­
sprechung einen vielsagenden Einblick. Er beschrieb, angesichts des Vor­
gehens der Moslems würden „die anderen mit allen Sachen abhauen, wenn sie
dazwischenfahren. Sie bringen sie nur mit dem Messer um. Es ist ein Mann
dabeigewesen, der verwundet war. Er hat sich seinen Arm abbinden lassen
und hat mit der linken Hand noch 17 Gegner erledigt. Es kommen auch Fälle
vor, wo sie dem Gegner das Herz herausschneiden.“ Hitler zeigte sich nach der
Schilderung solcher Details allerdings gänzlich unbeeindruckt. Mit einem „Das
ist Wurst!“ ging er zur Tagesordnung über.74
Die Erfahrungen mit der Division „Handschar“ verliefen für die deutsche
Seite auch längst nicht so zufriedenstellend, wie Fegelein das in seinem Vortrag
glauben machen wollte. Zwar befand sich die Truppe bis Ende September 1944
in der Region im Einsatz; Wünsche der Wehrmacht, die Division zur Verhin­
derung eines drohenden Zusammenschlusses von Roter Armee und Tito-Par-
tisanen an die jugoslawisch-ungarische Grenze zu verlegen, konnten von
Himmler aber nicht erfüllt werden.75 Es zeigte sich, daß die Muslime, auf die
Verteidigung ihrer Heimat fixiert, auf keinem anderen Kriegsschauplatz ein­
setzbar waren. Aber auch in der zunehmend kritischen Kriegssituation in Jugo­
slawien offenbarten sich unverkennbare Zersetzungserscheinungen. Immer
seltener zeigten sich die Männer von einem Sieg des Nationalsozialismus über­
zeugt. Anfang Oktober waren schon 2.000 SS-Männer zu Tito übergelaufen;
weitere 740 folgten bis Ende des Monats.76 Himmler entschied deshalb, die
13. SS-Waffen-Gebirgsdivision „Handschar“ aufzulösen. Teile der Ausrüstung
wurden anderweitig verwendet, während das vornehmlich deutsche Führungs­
personal noch als Kampfgruppe Hanke bei den Abwehrkämpfen in Ungarn

73 Ber. Kdr. 21. SS-Div. v. 7.7.1944, ebd., NS 19/2071.


74 Heiber, S. 560 (Mittagslage v. 6.4.1944); zur Person Fegeleins u. den von ihm began­
genen Massenverbrechen in Ostmittel- u. Osteuropa Cüppers, Wegbereiter.
75 Stein, S. 163 f.; Klietmann, S. 187 f.
76 Chef SSHA an RFSS v. 17.8.1944, BAB, NS 19/2148; Vortragsnotiz von Thadden/AA

v. 5.10.1944, PAAA, R 100998; DG Zagreb an AA v. 28.10.1944, ebd.


234 Muslime für das Dritte Reich

eingesetzt wurde.77 Auch die Einsätze der Division „Skanderbeg“ verliefen


nicht wie erhofft. Anstatt, wie sich das der Mufti vorgestellt hatte, treu und
aufopferungswillig an der Seite der Deutschen zu kämpfen, suchten die Alba­
ner scharenweise das Weite. Allein bis zum 1. Oktober 1944 waren 3.500 Musli­
me aus dem Verband desertiert. Aufgrund solcher alarmierenden Meldungen
wurde die muslimisch-albanische SS-Division noch im selben Monat aufgelöst.
Das deutsche Stammpersonal kämpfte in den folgenden Monaten ebenfalls bei
den Abwehrschlachten in Ungarn.78
Die Vorbereitungen für die Aufstellung der Turk-Division der Waffen-SS
gerieten während der Kriegsendphase gleichfalls ins Stocken. Der bisher als
Kommandeur des projektierten Verbandes fungierende Mayer-Mader wurde
abgelöst, da, wie Berger argumentierte, für den Posten „ein die osttürkisch-isla­
mische Welt kennender Offizier“ prädestiniert sei. Die Wahl fiel auf Harun
el-Raschid, einen zum Islam konvertierten Deutschen und ehemaligen Oberst
im türkischen Generalstab. Seine Kenntnisse hatte er bereits auf einem nicht
unbedeutenden Posten unter Beweis stellen können. Als Nachfolger Weises
arbeitete el-Raschid 1944 in der Funktion eines Verbindungsoffiziers des
Reichssicherheitshauptamtes zum Mufti.79 Ab dem 20. Oktober beauftragte
ihn Himmler dann mit der Aufstellung des osttürkischen Verbandes der Waf­
fen-SS.80 Tatsächlich kam es jedoch nie zur Bildung dieser Division. In Ponia­
towa bei Lublin wurde im Sommer 1944 zwar noch aus den beiden Turk-Ba­
taillonen 450 und 1/94 sowie aus weiterem Personal der Wehrmacht das
„1. Ostmuselmanische Regiment“ aufgestellt. Wenig später war der Verband
zusammen mit dem berüchtigten Sonderregiment Dirlewanger an der Nieder­
schlagung des Warschauer Aufstands beteiligt. Im Herbst des Jahres war dann
noch geplant, aus der muslimischen Einheit eine Division zu bilden; die kon­
krete Umsetzung konnte im Chaos der letzten Kriegsmonate aber nicht mehr
realisiert werden.81 Einen ähnlichen Verlauf nahmen schließlich auch die Pla­
nungen um die Bildung der insgesamt vierten, hauptsächlich aus Muslimen
bestehenden Division der Waffen-SS. Die 23. Waffengebirgsdivision der SS
„Kama“ war im Juni 1944 aus mohammedanischen Freiwilligen und einzelnen
Einheiten von „Handschar“ aufgestellt worden. Nach Massendesertionen wur­
de der Verband allerdings schon im Oktober wieder aufgelöst.82

77 Dto. v. 27.10.1944, ebd.; dto. v. 28.10.1944, ebd.; Wagner/AA an AA v. 7.12.1944,

ebd.; Stein, S. 165.


78 Klietmann, S. 229.
79 Chef SSHA an RFSS v. 14.7.1944, BAB, NS 19/2838; ebd., SSO Harun el-Raschid;

Hoffmann, Kaukasien, S. 153.


80 Bef. RFSS v. 20.10.1944, BAB, NS 19/3537.
81 Chef SSHA an SSFHA v. 10.8.1944, ebd., NS 31/43; Klietmann, S. 381 f.
82 Ebd., S. 243 f.
Muslime für das Dritte Reich 235

Andere hochtrabende Pläne für den deutsch-muslimischen Waffengang ge­


gen die Alliierten blieben ebenfalls Makulatur. Nachdem Churchill am
28. September 1944 im Unterhaus bekannt gegeben hatte, innerhalb der briti­
schen Armee werde eine eigene jüdische Brigade gebildet werden, schlug der
Mufti prompt die Schaffung einer „arabisch-islamischen Armee“ in Deutsch­
land vor. Die Armee sollte nach den Vorstellungen el-Husseinis „aus frei­
willigen Arabern und Muslimen aufgestellt und mit den bereits bestehenden
arabisch-islamischen Einheiten vereinigt werden“.83 Der Erfolg solcher hoch­
trabenden Projekte tendierte in der Realität gegen Null. Auf eine entsprechen­
de Rückfrage aus dem Auswärtigen Amt mußte die SS einräumen, daß für die
Aufstellung der „Arabisch-Islamischen Armee“ gerade einmal 300 Araber in
Frage kämen. Darüber hinaus sei nach Aussagen des Chefs des SS-Hauptamtes
zwar „noch mit einer größeren Anzahl zu rechnen“; diese Männer traten dann
aber nie in Erscheinung.84 Somit gingen die Träume des Mufti von einer ara­
bischen Armee in der Kriegsendphase unter.

83 Pers. Referent RFSS an AA v. 18.10.1944, BAB, NS 19/2637; Schechtman, S. 136;

Cooper, Policy, S. 70.


84 Pers. Referent RFSS an AA v. 23.10.1944, BAB, NS 19/2637.
14. Fallschirmspringer und Agenten: Deutsche
Infiltrationsversuche in der letzten Kriegsphase

Auch nachdem die deutschen Niederlagen von El Alamein, Stalingrad und


Tunis den Zugriff des Dritten Reiches auf den Nahen und Mittleren Osten
abgewendet hatten, blieb die Region das Ziel von Infiltrationsversuchen.
Buchstäblich bis zum Kriegsende setzten der Mufti und die deutschen Kom­
mandobehörden auf Sabotage und Subversion, suchten sie gegnerische Kräfte
zu binden und das feindliche Wehrwirtschaftspotential zu schwächen. Ihr Ziel
und ihre Hoffnung war nach wie vor der Djihad, der arabische Aufstand gegen
Briten und Juden. Mit dem Aufruf „Wir werden einen unabhängigen Staat bil­
den, in dem nicht ein einziger Jude oder dessen Helfershelfer Platz finden
wird“ schloß der Mufti eine Rundfunkansprache im Frühjahr 19441 und antizi­
pierte damit die arabische Parole von 1948: „Treibt sie ins Meer!“2 Der heilige
Krieg blieb darum Maxime bis 1945 – und darüber hinaus.
Während al-Gailanis Stern immer mehr sank, sonnte sich el-Husseini in der
Gunst der braunen Machthaber. „Der Führer hat die Unterstützung des Groß­
muftis durch Dr. Goebbels nach jeder Seite hin gebilligt, ihm eine Art Gene­
ralvollmacht erteilt, alles zu tun, um den Einfluß des Großmuftis zu stärken“,
meldete Berger im Frühjahr 1944 dem Reichsführer-SS.3 Doch bei aller Wert­
schätzung ließ sich nicht jeder Wunsch erfüllen, da die deutschen Potenzen
dazu nicht ausreichten. Als der Mufti etwa die Einrichtung eines Geheimsen­
ders „für die gesamte moham[m]edanische Welt“ forderte,4 mußte man ihm
mitteilen, daß das Projekt „bei dem heutigen Stand der technischen Möglich­
keiten“ nicht realisierbar sei.5 Auch die Luftwaffe, der zunehmend Flugzeuge
fehlten und deren Treibstofflage sich immer katastrophaler gestaltete, sah sich
mehrfach von ihm überfordert. „Ein Luftangriff auf Tel Aviv, die Zitadelle des
palästinensischen Judentums und der Emigration, ist im Laufe des letzten hal­
ben Jahres wiederholt von arabischer Seite, insbesondere auch vom Großmufti,

1 Ausarbeitung AA/Inland II, Palästina – Machtprobe zwischen England und Juda. Die

Auseinandersetzung um das brit. Palästina-Weißbuch (undat./1944), PAAA, R 99389.


2 Vgl. Lewis, Meer, S. 232 ff.
3 Chef SSHA an Pers. Stab RFSS v. 27.5.1944, BAB, NS 19/2181.
4 Dto. an RFSS v. 4.12.1943, ebd., NS 19/1896.
5 Aufz. AA v. 20.3.1944, PAAA, R 101101.
238 Deutsche Infiltrationsversuche in der letzten Kriegsphase

vorgeschlagen worden“, hielt der Luftwaffenführungsstab im Herbst 1943 fest.


Obwohl Göring persönlich am 17. Juli des Jahres den Plan abgelehnt hatte, gab
sich el-Husseini damit nicht zufrieden und schlug die Bombardierung jüdischer
Ziele am 2. November, dem Jahrestag der Balfour-Deklaration, vor.6 Als er
erneut einen Luftschlag für den 1. April 1944 forderte, wies man darauf hin,
daß der Mufti „bereits wiederholt Bombenangriffe gegen Tel Aviv und Jerusa­
lem in Vorschlag gebracht [hat], um das palästinensische Judentum zu treffen
und mit diesen Angriffen in der arabischen Welt eine propagandistische Wir­
kung zu erzielen. Diesen Anregungen ist unsererseits bisher niemals entspro­
chen worden.“7 Auch antisemitische Allmachtsphantasien stießen in der letz­
ten Kriegsphase an ihre Grenzen.
Erfolgreicher hingegen war der Mufti bei der Aufrechterhaltung seines
Nachrichtendienstes: Als sich die türkische Regierung nach der Kriegswende
sukzessive von der Achse abwandte und im Sommer 1943 alle Araber auswies,
die im Verdacht standen für das Dritte Reich tätig zu sein, war – wie Ettel fest­
stellte – „der bisherige wirkungsvolle Informationsdienst des Großmufti von
und nach den Ländern des arabischen Raumes unwirksam geworden“. Doch
noch im Herbst desselben Jahres schickte el-Husseini seinen Mitarbeiter Dr.
Mustafa al-Wakil, den früheren Vizepräsidenten der Partei „Junges Ägypten“,8
mit deutschem Diplomatenpaß nach Istanbul, um den Aufbau eines neuen
Nachrichtennetzes einzuleiten, das dem Arabienreferat des Amtes VI zuarbei­
tete.9 Dessen Leitung hatte im Sommer 1943 vertretungsweise der Indienrefe­
rent Obersturmführer Otto Heyer übernommen, der als Angehöriger des Jahr­
gangs 1912 gleichfalls zu den jungen SD-Mitarbeitern zählte. Heyer kam vom
SD-Abschnitt Bielefeld und war als Anwärter für den leitenden Dienst 1941
dem Einsatzkommando 6 in der Ukraine zugeteilt gewesen, besaß also Erfah­
rung in Sachen Judenmord. 1942 hatte er im Rahmen des Unternehmens „Zep­
pelin“ Agenteneinsätze im Transkaukasus geleitet. Im Dezember 1944 sollte er
dann Leiter VI beim Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD in Preß­
burg (Bratislava) werden.10 Auch unter Heyer wurden nach eigener Aussage
V-Leute nach Syrien und Ägypten, dem Irak und dem Libanon entsandt. Dabei

6 Vortragsnotiz LFSt/Ic v. 29.10.1943, Telefonanruf Olt. Zetsche bzgl. Luftangriffe im

palästinensischen Raum, BA-MA, RL 2 II/496.


7 Dto. v. 30.3.1944, Anregung des Großmufti zu einem Bombenangriff auf Tel Aviv am

1. April, ebd.
8 Vgl. Jankowski, Egypt’s, S. 27 f., 82, 84 ff.
9 Aufz. Ettel/AA v. 10.12.1943, IfZ, Nbg. Dok., NG-2997; vgl. Meld. V-Mann „Aladin“

v. 20.10.1943, PAAA, BA 61125.


10 Stammkarte, BAB, SSO Otto Heyer; Lebensläufe, ebd., RuSHA dess.; Vern. dess. v.

30.4.1947 u. 10.5.1948, BAL, B 162/16685; dto. v. 15.10.1973, ebd., B 162/Vorl. AR-Z 131/
70, Bl. 321 ff.
Deutsche Infiltrationsversuche in der letzten Kriegsphase 239

diente in aller Regel die Athener Dependance des Amtes VI unter Obersturm­
führer Eylitz als ,Absprungbasis‘. Die Agenten nahmen entweder den Land­
weg über Anatolien oder fuhren auf kleinen Schiffen die türkische Küste ent­
lang. Dabei handelte es sich in aller Regel nicht um Deutsche.11
Sicher ist auch, daß 1943/44 noch mehrere gemischte deutsch-arabische
Kommandos mit dem Fallschirm über dem Nahen und Mittleren Osten ab­
sprangen, um im Auftrag von Abwehr und Amt VI Sabotageakte zu begehen
und Waffen für den Djihad einzuschmuggeln. Schellenberg bezeugte dies in
Nürnberg,12 und auch Berger meldete Himmler im Frühjahr 1944 „einen neuen
Plan betreffend den Einsatz seiner Männer in Sabotage-Fällen in Nordafrika
und Palästina44, den der Mufti Schellenberg vorgeschlagen habe.13 Schulze-Hol­
thus kolportierte in seinem Bericht über den Einsatz im Iran folgenden Satz
von Kurmis: „So’ne Kommandos wie wir sind jetzt überall abgesprungen ... im
Irak, Palästina und Syrien ... ein ganz neues, großartiges Orientprogramm ...
der Reichsführer SS und Kaltenbrunner steuern die Sache persönlich.“14 Auch
in einem britischen Spezial-Internierungslager für deutsche Fallschirmspringer
will er sich mit Angehörigen von Kommandos unterhalten haben, „die Ab­
wehr II von Flugplätzen auf griechischen Inseln aus in Palästina und in einem
Kurdengebiet abgeworfen hatte“.15 Sicher ist auch, daß die 1. Staffel des Ver­
suchsverbandes des Oberbefehlshabers der Luftwaffe unter Major Edmund
Gartenfeld – im Februar 1944 umbenannt in Kampfgeschwader 200 – für der­
artige Transporte zuständig war.16
Zahl, Zeitpunkt und Erfolg dieser Einsätze lassen sich jedoch kaum eindeu­
tig benennen. Die genauesten Informationen existieren über ein Kommando
des Amtes VI, das am 16. Oktober 1944 im Jordantal von den Briten fest­
genommen wurde.17 Die fünf Fallschirmspringer waren von el-Husseini persön­
lich instruiert worden, der beim Abschied den Islam mit dem Nationalsozialis­
mus verglichen und ihnen versichert hatte, daß sein Kampf in Palästina
Deutschland helfen werde. Er hoffe, daß sich jetzt alle arabischen Nationen

11 Extract from Middle East Security Summary Nr. 203 v. 11.10.1944, NAK, KV 2/400;

S.I.M.E. Report Nr. 1 v. 14.10. u. Nr. 2 v. 24.10.1944, ebd., KV 2/162; Vern. Otto Heyer v.
10.5.1948, BAL, B 162/16685.
12 Kempner, S. 299.
13 Chef SSHA an RFSS v. 22.4.1944, BAB, NS 19/2637.
14 Schulze-Holthus, Iran, S. 278.
15 Ders., Fälschung, S. 23.
16 RML u. OBdL v. 21.2.1944, Umgliederung des Versuchsverbandes des OBdL u.

Aufstellung des Kampfgeschwaders 200, BA-MA, RL 2 III/58; Gellermann, S. 11 f., 33 ff.,


212 ff.
17 Meld. Presseabt. AA v. 21.10.1944, PAAA, R 101101.
240 Deutsche Infiltrationsversuche in der letzten Kriegsphase

zum Krieg gegen die Juden vereinigten.18 Nach ihrem Start in Athen sprangen
sie in der Nacht zum 6. Oktober bei Jericho ab. Daß sie etliche ihrer verstreu­
ten Frachtfallschirme nicht mehr auffinden konnten, wurde ihnen zum Ver­
hängnis. Denn drei Tage später entdeckte die britische Polizei die abgeworfene
Luftfracht und setzte sich auf die Spur des Kommandos. Zwar versuchten die
Festgenommenen ihren Auftrag zu verschleiern, doch ihre Ausrüstung ließ kei­
ne Zweifel aufkommen. Maschinenpistolen, Dynamit, ein Funkgerät, ein Ver­
vielfältigungsapparat und ein deutsch-arabisches Wörterbuch waren darin ent­
halten.
Ebenso signifikant war die Zusammensetzung des Kommandos: Sein Führer
war Oberleutnant Kurt Wieland, Jahrgang 1917, ein Palästinadeutscher aus Sa-
rona. Er hatte 1938 die Nachfolge Eugen Fabers als Landesleiter der palästi­
nensischen HJ angetreten,19 war 1940 Angehöriger des Baulehrregiments
„Brandenburg“ geworden, hatte ein Jahr später Grobba in den Irak begleitet20
und gehörte seitdem zum „Sonderstab F“. Als Funker war Oberleutnant Wer­
ner Frank vorgesehen, ein 1917 in Haifa geborener Palästinadeutscher, der der
dortigen HJ 1934 beigetreten und 1940 „Brandenburger“ geworden war.21
Auch Oberfeldwebel Friedrich Deininger, dem die Flucht gelang und der ei­
gentlich als Waffeninstrukteur fungieren sollte, kam aus Palästina. Er sprach
gut arabisch und war gleichfalls über „Brandenburg“ zum „Sonderstab F“ ge­
langt.22 Abdul Latif hingegen, der vierte Kommandoangehörige, stammte aus
Jerusalem, gehörte zum Umfeld des Mufti und hatte in Berlin dessen Radio­
sendungen redigiert. Er sollte den Kontakt mit dem arabischen Untergrund in
Palästina herstellen und sagte aus, daß el-Husseini ihm auf die Frage, warum
gleich drei Deutsche mitfliegen sollten, geantwortet habe: Um sicher zu stellen,
daß die Waffen korrekt, d. h. gegen die Juden, angewendet werden. Dem fünf­
ten Teilnehmer wiederum, Hassan Salama, gelang es ebenfalls unterzutauchen;
er war im arabischen Aufstand Bandenführer in der Gegend von Nablus gewe­
sen.23 Insgesamt war es eine veritable Mischung aus deutschem und arabischem
Radikalismus, die den Briten hier in die Hände gefallen war.
Gut belegt ist auch das von Abwehr II geplante Unternehmen „Mammut“,
das den deutschen Einmarsch in den Iran flankieren und, gestützt auf die Kur­
denstämme im Nordirak, zur Besetzung der Ölfelder und Raffinerien von Kir­

18 Chef SSHA an RFSS v. 28.9.1944, BAB, NS 19/1503; S.I.M.E. Report Nr. 1 v.

30.10.1944, Vern. Kurt Wieland, NAK, KV 2/400; dto. v. 31.10.1944, Vern. Werner Frank,
ebd.
19 Balke, S. 238.
20 Schröder, Irak, S. 70.
21 S.I.M.E. Report Nr. 1 v. 31.10.1944, Vern. Werner Frank, NAK, KV 2/400.
22 Ebd.; dto. v. 30.10.1944, Vern. Kurt Wieland, ebd.
23 Dto. v. 23.10. u. 3.11.1944, Vern. Abdul Latif, ebd.
Deutsche Infiltrationsversuche in der letzten Kriegsphase 241

kuk führen sollte.24 Obwohl Hitler bereits in der Nacht vom 27728. Dezember
1942 den Rückzug der Heeresgruppe A aus dem Kaukasus befohlen hatte, lie­
fen die Einsatzvorbereitungen weiter.25 Das Kommando – drei Deutsche und
ein Kurde – startete jedoch erst am 16. Juni 1943 von der Krim. Einen Monat
später erreichte die Nachricht, daß alle bei Erbil in der Nähe des Absprungor­
tes aufgegriffen worden waren, Berlin.26 Am 27. November 1944 startete in
Wien eine Ju 290 der l./KG 200 und setzte nach Zwischenlandung in Rhodos
fünf Iraker im Auftrag des Mufti im Raum Mossul ab; ihr weiteres Schicksal ist
unbekannt.27 Belegbar ist auch der Einsatz arabischer Subversanten per Fall­
schirm in Algerien und Tunesien im Juni, Juli und Oktober 194428 sowie der
Absprung von Agenten zur Sprengung von Eisenbahnlinien in Marokko.29 Zu­
dem scheinen weitere Kommandos nach Palästina entsandt worden zu sein.30
Obwohl El Alamein zweifellos einen Schock in der arabischen Welt bewirk­
te, implizierte der Rückzug der Achse dennoch keinen Verzicht auf die lang
gehegten Träume. In Palästina begann 1943 eine Reorganisation des Unter­
grundes.31 Agentenmeldungen „bezeichnen die Lage dort als ernst und alar­
mierend“, befand die deutsche Botschaft in der Türkei im März 1944. „In ara­
bischen Traktaten, die im Lande verteilt wurden, würden die Juden und die
Amerikaner beschimpft und die Araber aufgefordert, gegen die Juden die Waf­
fen zu ergreifen und Tel Aviv mit Feuer und Schwert zu zerstören.“32 Das
Amt VI berichtete kurze Zeit später von „dauernden Störungen der Erdöllei­
tungen in Syrien, Transjordanien und Palästina“ und stellte fest: „Die ständigen
Unruhen in Palästina haben die englischen Behörden veranlaßt, die britischen
Truppen zu verstärken, zumal man mit einer Verschärfung des arabisch-jüdi­
schen Konflikts rechnet.“33 Auch in Nordafrika war trotz der amerikanisch-bri­
tischen Landung keineswegs Ruhe eingekehrt. „Gegenüber den Amerikanern
ist trotz des gerngesehenen Dollars unter den Muselmanen höherer Klasse eine
Reserve festzustellen, die in der zunehmenden Verjudung des Landes ihre Ur­

24 Lt. Müller/Ausl/Abw II v. 5.12.1942, Unternehmen „Mammut“, BA-MA, RW 5/271.


25 Bef. Ausl/Abw II v. 14.1.1943, ebd.
26 KTB dto. v. 22.7.1943, ebd., RW 5/498.
27 Gellermann, S. 92 ff.
28 Tgb. Gen. Koller v. 27.6.1944, BA-MA, RL 2 1/24; Gellermann, S. 30f., 75 f., 84 ff.
29 Vierteljahresber. III/44 Amt Mil D u. Frontaufklärungstruppen II v. 19.12.1944, BA-

MA, RW 49/145; Gellermann, S. 96.


30 S.I.M.E. Report Nr. 1 v. 3.11.1944, Vern. Abdul Latif, NAK, KV 2/400; Dekel,

S. 239f.; Cooper, Palestinian, S. 20.


31 Kiernan, S. 106 ff.
32 DG Istanbul v. 25.3.1944, PAAA, R 99432.
33 Wochenber. Naher Osten 1.-7.7.1944, BAB, R 58/1129.
242 Deutsche Infiltrationsversuche in der letzten Kriegsphase

sache hat“, berichtete Amt VI im Herbst 1943 über Marokko.34 Das deutsche
Konsulat in Tanger konstatierte ein halbes Jahr später, daß „wiederholt sowohl
Vertreter nationalistischer Gruppen wie auch Angehörige bedeutender Stäm­
me bei hier eingebauter Dienststelle vorstellig geworden [seien] mit der Bitte
um Lieferung von Waffen“.35 Gemeint waren die Dependancen von Abwehr
und Amt VI in Tanger. Auch Rauff rühmte sich noch im Januar 1945, daß die
„von uns aufgezogene[n] Gegnergruppen noch heute zum Nachteil des Geg­
ners in Nordafrika tätig sind“.36
Es war symptomatisch, daß der ägyptische Ministerpräsident Ahmed Maher
von einem nationalistischen Fanatiker erschossen wurde, als er am 26. Februar
1945 im Kairoer Parlament Deutschland und Japan den Krieg erklärte.37 Und
es wies geradewegs in die Zukunft, als am 2. November dieses Jahres Protest­
demonstrationen gegen die Balfour-Deklaration in Kairo und Alexandria in
antijüdische Pogrome umschlugen, als Geschäfte geplündert und Synagogen
in Brand gesetzt wurden und fünf Menschen starben.38 Dies waren die Vor­
boten jenes erzwungenen Exodus von 500.000 sephardischen Juden aus der
arabischen Welt nach der Gründung des Staates Israel.

34 CdS VI B 2 an AA v. 15.10.1943, PAAA, R 101023.


35 DGK Tanger an AA v. 7.3.1944, ebd.
36 Rauff an Wenner v. 20.1.1945, BAL, B 162/Vorl. Dok.Slg. Versch. XVI.
37 Lageber. Naher Osten 3.-10.3.1945, BAB, R 58/1129.
38 Krämer, Jews, S. 162 f.
Epilog

Mit dem Sieg der Alliierten über das Dritte Reich waren sämtliche Pläne für
eine ,Befreiung‘ Arabiens durch die Deutschen sowie die Ermordung der dor­
tigen Juden endgültig hinfällig geworden. Die Protagonisten solcher Projekte
versuchten spätestens seit Mai 1945, die eigene Person vor einer drohenden
Verfolgung durch die Siegermächte in Sicherheit zu bringen.
Rauff war bis in den Dezember 1948 Kriegsgefangener im italienischen Ri­
mini. Mit Hilfe der katholischen Kirche gelang ihm noch im selben Jahr die
Flucht nach Syrien; bald darauf setzte er sich nach Südamerika ab. Sein guter
nachrichtendienstlicher Ruf bescherte ihm in Argentinien eine Beschäftigung
als Kontaktperson der „Organisation Gehlen“ und später des Bundesnachrich­
tendienstes. Erst 1962 soll die Verbindung von deutscher Seite gekappt worden
sein. Zu dieser Zeit nahm die westdeutsche Justiz Ermittlungen gegen den Ver­
antwortlichen für den Einsatz der Gaswagen auf.1 Rauff siedelte dann nach
Chile über, wo er sich im Süden des Landes, in Punta Arenas, niederließ und
als erfolgreicher Industrieller zu Wohlstand kam. 66-jährig wurde der einstige
SS-Offizier im Zusammenhang mit den in Westdeutschland geführten Ermitt­
lungen gegen Bruno Streckenbach mit seinem ausdrücklichen Einverständnis
vernommen. Rauff wußte nur zu gut, daß ihm in seinem Gastland seitens der
deutschen Justiz kein Unheil drohte, denn ein erstes Auslieferungsersuchen der
Bundesrepublik war im Februar 1963 vom Obersten Gerichtshof Chiles abge­
lehnt worden.2
So traf er sich am 28. Juni 1972 in den Räumen der Deutschen Botschaft in
Santiago mit dem Untersuchungsrichter und einem Staatsanwalt des Land­
gerichts Hamburg, um noch einmal über alte Zeiten plaudern zu können und
bei dieser Gelegenheit die Bedeutung der eigenen einstigen Stellung zu beto­
nen. Während er dabei seine Verantwortung für den Einsatz der Gaswagen
minimierte und sein SS-Einsatzkommando Afrika nur sehr verklausuliert an­
deutete, gab er Details seiner Binnensicht aus dem Reichssicherheitshauptamt
wieder, berichtete von Intrigen und charakterisierte auch Heydrich ausführ­
lich. Nicht unerwähnt ließ er, daß dieser „ein sehr charmanter und liebenswür­

1 Banach, S. 258; Schenk, S. 348, Anm. 750.


2 Farias, S. 300 f.
244 Epilog

diger Gastgeber sein konnte“.3 Nach seinen Einlassungen gegenüber der deut­
schen Justiz lebte Rauff weiter ungestört; eine Initiative Simon Wiesenthals
vom August dieses Jahres, den sozialistischen Staatspräsidenten Salvador Al­
lende zu einer Auslieferung zu bewegen, scheiterte an dessen formaler Ableh­
nung.4 Im September 1973 wurde der Massenmörder Zeuge des Militärput­
sches der Generäle um Augusto Pinochet gegen Allende; diese Wendung
Chiles zur Diktatur dürfte ihm nicht unsympathisch gewesen sein. Als Beleg
dafür kann immerhin sein Umzug in die Hauptstadt gewertet werden, der bald
darauf erfolgte. Als Besitzer einer Konservenfabrik lebte er auch dort unter
äußerst komfortablen Verhältnissen; im Mai 1984 soll er schließlich an Krebs
gestorben sein.5
Auch die meisten der früheren Führerdienstgrade aus Rauffs Einsatzkom­
mando überlebten den Weltkrieg. Der Nahostspezialist Beisner hielt sich nach
amerikanischen Angaben aus dem Jahr 1952 mit anderen einstigen SS-Män­
nern unter dem falschen Familiennamen „Jäger“ in Kairo auf. In Ägypten soll
er auch noch Jahre später algerische Freiwillige für den Kampf gegen Frank­
reich ausgebildet haben. Offenbar war Beisner außerdem in einen umfangrei­
chen Waffenhandel mit der algerischen „Front de Liberation Nationale“ invol­
viert. Im Oktober 1960 explodierte dann in München ein Sprengsatz unter
einem Auto, der dessen Fahrer schwer verletzte. Wie sich herausstellte, war
das gemeinte Ziel Beisner. Die Urheber des Anschlags schienen aus den Krei­
sen der „Main Rouge“ zu stammen, der gegen die algerische Unabhängigkeits­
bewegung gerichteten französischen Terrororganisation.6 Einige Tage später
wurde der frühere Sturmbannführer im Krankenhaus vom Bayrischen Landes­
kriminalamt vernommen, konnte nach der Genesung aber wieder seiner Wege
gehen.7
Weise ließ sich nach der deutschen Niederlage in Bergisch-Gladbach nieder,
wo er als Verwaltungsangestellter tätig war. Bei einer Zeugenvernehmung 1965
erzählte er recht ausführlich von seiner Kommandierung zu Rauffs Einsatz­
kommando – wohlwissend, daß seine Beteiligung an einem zwar konkret vor­
bereiteten, letztlich aber nicht realisierten Massenmord keine für ihn nachtei­
ligen Auswirkungen haben würde.8 Der Verwaltungsfachmann Loba erhielt in
der Kriegsendphase im Februar 1945 eine Kommandierung zur Waffen-SS und
kam zum Kommandostab Reichsführer-SS nach Salzburg. Nach einer weiteren

3 Vern. Walther Rauff v. 28.6.1972, BAL, B 162/3637, Bl. 76-91.


4 Farias, S. 291-299.
5 Ebd., S. 314.
6 Verm. Bayr. LKA v. 5.9.1961, BAL, B 162/Vorl. AR 1650/67, Bl. 17 f.; FAZ v.

21.10.1960; Faligot/Kauffer, S. 195 f., 205-208.


7 Vern. Wilhelm Beisner v. 4.11.1960, BAL, B 162/Vorl. AR 1650/67, Bl. 6-9.
8 Dto. Hans-Joachim Weise v. 12.1.1965, ebd., B 162/16704.
Epilog 245

Versetzung geriet er Anfang Mai in britische Kriegsgefangenschaft, aus der er


im Oktober 1948 in ein neues Leben im Nachkriegsdeutschland entlassen wur­
de. Er ließ sich in Düsseldorf nieder und brachte es gemäß seiner früheren
administrativen Stärke bis zum Büroleiter. Einmal wurde Loba im Oktober
1964 vom Nordrhein-westfälischen Landeskriminalamt zu seiner früheren Tä­
tigkeit als SS-Führer vernommen; dann konnte er weiter ungestört seiner
Nachkriegsexistenz nachgehen.9 Menge kehrte ebenfalls wohlbehalten aus
dem Krieg zurück und baute sich anschließend ein neues Leben als Angestell­
ter in Frankfurt am Main auf.10 Soviel Glück war Hoth nach dem Ende des
Nationalsozialismus nicht beschieden. Nach seiner Rückkehr aus Tunis war er
vorübergehend beim Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD in Paris
tätig. Kaltenbrunner beauftragte ihn dann Anfang November 1943 mit der
kommissarischen Führung der Dienstgeschäfte des Kommandeurs der Sicher­
heitspolizei und des SD in Nancy.11 Wegen seiner dortigen Machenschaften
verurteilte ihn ein französisches Militärgericht in Metz am 19. Februar 1949
zum Tode. Wenige Monate später, am 28. Juli, wurde Hoth hingerichtet.12
Auch Best blieb von der alliierten Justiz nicht unangetastet. Nach seinen
Einsätzen unter Rauff in Tunesien und anschließend auf Korsika wurde er nach
Paris versetzt und war ab Ende 1944 „Wehrwolf“-Kommandeur beim Höheren
SS- und Polizeiführer in Wiesbaden.13 Damit war er dafür zuständig, den natio­
nalsozialistischen Terror für die Zeit nach der absehbaren Niederlage zu orga­
nisieren sowie die Gegner des untergehenden Systems weiterhin erbittert zu
bekämpfen. Wie etliche seiner SS-Kameraden strauchelte Best nach dem
8. Mai über Verbrechen der Kriegsendphase im Zusammenhang mit der Flie­
gerlynchjustiz.14 Wegen der Weitergabe eines diesbezüglichen Befehls wurde
er im März 1947 von einem amerikanischen Militärgericht in Dachau zu 15
Jahren Zuchthaus verurteilt. In Landsberg am Lech verbüßte er davon immer­
hin sieben Jahre, bis er Ende März 1954 vorzeitig entlassen wurde. Anschlie­
ßend ließ sich der einstige SS-Sturmbannführer in Mainz, der Geburtsstadt
seiner Frau, nieder und arbeitete in seinem erlernten Beruf als Maschineninge­
nieur.15 Harder, der wie Best und Saevecke erst in Tunis zu Rauffs Einsatzkom­
mando gestoßen war, erlebte das Kriegsende dagegen nicht. Er fiel bei Kämp­
fen in Italien.16

9 Dto. Kurt Loba v. 27.10.1964, ebd., B 162/16690.


10 Dto. Waldemar Menge v. 14.12.1961, ebd., B 162/1325, Bl. 429.
11 CdS an SSPHA v. 8.11.1943, BAB, SSO Franz Hoth.
12 BAL, Zentralkartei, Karteikarte dess.
13 Dto. Georg Best.
14 Vgl. dazu Mallmann, Volksjustiz.
15 Vern. Georg Best v. 29.10.1964, BAL, B 162/16674.
16 Dto. Waldemar Menge v. 14.12.1961, ebd., B 162/1325, Bl. 431.
246 Epilog

Saevecke baute sich nach 1945 eine bemerkenswerte Existenz auf. Im April
wurde er von den Alliierten gefangengenommen und befand sich dann für drei
Jahre im ehemaligen Konzentrationslager Dachau in Internierungshaft. Nach
seiner Entlassung ging er nach Berlin und begann dort, befähigt durch seine
frühere Profession, eine Tätigkeit für den amerikanischen Geheimdienst. Im
Dezember 1951 erfolgte Saeveckes Aufnahme in das gerade gegründete Bun­
deskriminalamt, wo er bald wieder im Ermittlungsdienst tätig wurde.17 Anfang
April führte der einstige SS-Hauptsturmführer im Frankfurter Polizeipräsidi­
um eine pikante Vernehmung: Im Zusammenhang mit dem versuchten Spreng­
stoffanschlag auf Bundeskanzler Konrad Adenauer18 hatten die deutschen Er­
mittler den Tip bekommen, daß der in Frankfurt am Main lebende Jude
Samuel B. den mutmaßlichen Bombenkurier beherbergt haben solle. Schnell
entschied man sich dort für einen Zugriff, durchsuchte am frühen Morgen des
6. April ohne Ergebnis die betreffende Wohnung; anschließend wurden die
Eheleute getrennt befragt.19 Saevecke vernahm den aus dem ehemaligen Ost­
polen stammenden B., der beim Einmarsch der Deutschen 1941 den Vernich­
tungsmaßnahmen entkommen konnte, sich den Partisanen anschloß und die
Shoah schließlich überlebte. Als „Displaced Person“ kam B. 1946 nach Darm­
stadt; vier Jahre später zog er nach Frankfurt um, wo er eine Textilgroßhand­
lung betrieb. Ohne Wissen von einem früheren SS-Offizier vernommen, beteu­
erte er seine Unschuld. Saevecke seinerseits, der nach Angaben des Deutschen
Generalkonsuls in Mailand von dortigen Bürgern als „kalter, grausamer und
brutaler Verfolgertyp“ bezeichnet wurde, konnte bei dem Verdächtigen keine
belastenden Indizien feststellen, weshalb er B. wieder laufen ließ.20
Im Bundeskriminalamt legte Saevecke in den folgenden Jahren noch eine
ansehnliche Karriere hin. Schon im August 1952 wurde er zum Kriminalkom­
missar und vier Jahre später zum Kriminalrat befördert. Ein 1954 wegen seiner
Funktion im Nationalsozialismus eingeleitetes Disziplinarverfahren verlief im
Sande.21 Immerhin brachte er es noch bis zum stellvertretenden Leiter der Si­
cherungsgruppe Bonn. In dieser Funktion führte Saevecke in Vertretung seines
wegen einer Dienstreise im Ausland weilenden Chefs seit dem 27. Oktober
1962 die Aktion gegen das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, die sich zu
einem der großen Skandale im Nachkriegsdeutschland ausweitete.22 Nach Ent­
hüllungen über seine SS-Vergangenheit befaßte sich sogar der Bundestag in

17 Schenk, S. 269.
18 Dazu ausführlich Sietz.
19 Ebd., S. 64.
20 Zit. nach: Wagner, S. 178; Sietz, S. 58 f., 64 ff.
21 Wagner, S. 179.
22 Schenk, S. 261 ff.; Wagner, S. 178.
Epilog 247

seiner Sitzung am 6. März 1963 mit der Person Saeveckes.23 Ein zweites gegen
ihn geführtes Disziplinarverfahren wegen der Geiselerschießung 1944 in Mai­
land und wegen der Verschleppung von Juden in Tunesien und Italien wurde
wie im ersten Fall aus angeblichem Mangel an Beweisen eingestellt. In Italien
fanden dagegen weitere Ermittlungen wegen dessen Verbrechen statt. Sie
mündeten 1999 in einen Prozeß, in dem ein Turiner Militärgericht den Ange­
klagten in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilte. Den ehemaligen SS-
Offizier muß das nicht weiter berührt haben. Nach deutschem Recht vor einer
Auslieferung sicher, war er schon 1971 regulär in Rente gegangen. Saevecke
verbrachte seitdem einen ruhigen Lebensabend und verstarb hochbetagt im
Jahr 2000.24
Ettel, der überzeugte Antisemit und radikale Parteigänger des Mufti im Aus­
wärtigen Amt, bekam von Ribbentrop nach langem Drängen Ende 1943 end­
lich die Erlaubnis, sich an der Front ,bewähren‘ zu dürfen. Umgehend meldete
er sich zur Waffen-SS, wo er zu seinem Bedauern jedoch nie zu Kampfeinsätzen
kommandiert wurde, sondern als Ausbilder in diversen Schulen für Panzer­
truppen tätig war. Der SS-Brigadeführer überlebte den Krieg, umging irgend­
wie Internierung und Entnazifizierung und wurde unter dem falschen Namen
„Ernst Krüger“ 1950 als Redakteur im Ressort Außenpolitik bei der Wochen­
zeitung „Die Zeit“ eingestellt. Dort entwickelte er sich zum Intimfeind der
Politikredakteurin Marion Gräfin Dönhoff, die nicht zuletzt wegen Ettel/Krü-
ger – von dessen früherer Identität sie gar nichts wußte – im August 1954 die
Redaktion vorerst verließ.25
In seiner journalistischen Tätigkeit widmete sich Ettel unverdrossen den al­
ten ideologischen Feindbildern. Einen Artikel über den Protest der Knesset
gegen den Deutschlandvertrag überschrieb er mit „Unverträgliches Israel“,
und Menachem Begin versah er grundsätzlich mit dem Kommentar „Chef der
jüdischen Terroristengruppe Irgun Zwai Leumi“. Dagegen kamen NS-Täter
bei Ettel nur als „sogenannte Kriegsverbrecher“ vor.26 Mitte der 1950er Jahre
begann sich dann aber das Klima innerhalb der „Zeit“ zu wandeln; der Ver­
leger Gerd Bucerius und Gräfin Donhöff konnten sich mit einer deutlich libe­
raleren Blattrichtung durchsetzen und Ettel/Krüger mußte die Redaktion ver­
lassen. Er ließ sich daraufhin in den Ruhestand versetzen und erreichte schnell,
daß ihm als ehemaliger Diplomat Versorgungsbezüge eines Gesandtschafts­
rates I. Klasse ausbezahlt wurden. Auch auf dem Altenteil bekannte er sich

23 Schenk, S. 264.
24 Ebd., S. 269 f.
25 Bajohr, S. 241, 246 f.
26 Ebd., S. 248 f.
248 Epilog

im Freundeskreis zu seiner nationalsozialistischen Gesinnung und wählte noch


bei den Bundestagswahlen 1965 eine rechtsradikale Splitterpartei.27
Ettels ehemaliger Konkurrent Grobba wurde im Juni 1944 in den einstweili­
gen Ruhestand versetzt, versuchte aber weiterhin Einfluß auf die Arabien­
politik des Auswärtigen Amtes zu nehmen. In den letzten Monaten für einen
Arbeitseinsatz im „totalen Krieg“ freigegeben, arbeitete er dann für die säch­
sische Landesregierung in Dresden. Gleich nach Kriegsende fand Grobba eine
Anstellung als Jurist im südthüringischen Meiningen. In der sowjetischen Be­
satzungszone wurde er wohl eher unbegründet unter Spionageverdacht fest­
genommen, anfangs in Dresden inhaftiert, dann nach Moskau gebracht, ver­
hört und zu langjähriger Lagerhaft verurteilt. Nach Ablauf von zehn Jahren
entließen ihn die sowjetischen Behörden, und er konnte nach Deutschland zu­
rückkehren. Für die Amerikaner verfaßte er im Anschluß Kommentare zur
nationalsozialistischen Arabienpolitik; 1967 erschienen seine politischen Me­
moiren.28
Der Mufti kehrte nach seinem mehrjährigen Exil in Deutschland und Italien
wieder in die arabische Welt zurück. Noch im März 1945 hatte er gegenüber
seinen deutschen Betreuern den Wunsch geäußert, wieder einmal Berlin zu
besuchen, was ihm jedoch wegen der massiven Bombardierungen der Stadt
ausgeredet wurde. Statt dessen übersiedelte er mit seinem Gefolge aus dem
überbelegten Kurort Bad Elster nach Bad Gastein.29 Am 7. Mai floh er dann
über die Grenze nach Bern, wo man ihn allerdings schnell an Frankreich aus­
lieferte. So landete er vorerst in französischem Gewahrsam in Paris. Aus je­
weils unterschiedlichen Motiven zeigte jedoch keine der alliierten Siegermäch­
te ein gesteigertes Interesse, el-Husseini als Kriegsverbrecher anzuklagen und
damit einen Konflikt mit der arabischen Welt zu riskieren. So verstrich die Zeit,
und der Mufti lebte mit Dienern und persönlichem Fahrer in einer Villa unter
„Hausarrest“.30
Während in Europa noch über die Zukunft el-Husseinis nachgedacht wurde,
schritten dessen Gefolgsleute in Palästina im November 1945 zur Neugründung
des seinerzeit von den Briten aufgelösten Obersten Arabischen Komitees; das
Präsidentenamt wurde extra für ihn freigehalten. Bald bekam dieser dann die
Gelegenheit, sein Amt auch anzutreten. Nachdem sich nämlich auf Seiten der
Alliierten niemand nachdrücklich für eine justitielle Ahndung seiner vielfälti­
gen Verbrechen verwendet hatte, nahm der Mufti sein Schicksal wieder selbst
in die Hand und flog am 29. Mai 1946 mit falschen Papieren nach Kairo aus, wo

27 Ebd.,S.251 f.
28 Schwanitz, Geist, S. 139-145; vgl. Grobba.
29 Notiz von Dörnberg/AA v. 3.3.1945, PAAA, BA 61199.
30 Gensicke, S. 151 f.; Faligot/Kauffer, S. 146; Schechtman, S. 167.
Epilog 249

ihm schnell Asyl gewährt wurde. Die Rückkehr in den Nahen Osten bewies,
daß seine Rolle als Wortführer der ‚palästinensischen Sache’ noch immer völlig
unbestritten war. Er wurde von der im März 1945 gegründeten Arabischen
Liga unterstützt und führte die Geschäfte des Obersten Arabischen Komitees
von Kairo aus.31 Zweifellos wird der Umstand, daß el-Husseini trotz seiner
engen Kollaboration mit den Nationalsozialisten und seiner weiterhin kompro­
mißlosen antisemitischen Haltung innerhalb der arabischen Elite weiterhin als
legitimer Vertreter der Palästinenser galt, mit dazu beigetragen haben, die zu­
mindest vorübergehend noch virulente Chance auf einen Ausgleich zwischen
Juden und palästinensischen Arabern als unrealistisch erscheinen zu lassen.32
El-Husseini selbst ließ zu keiner Zeit Distanz zum Nationalsozialismus er­
kennen. Zwar schrieb er noch im Exil während der Kriegsendphase 1944 auf,
daß er nie nach Deutschland gegangen wäre, wenn 1941 ein anderes arabisches
Land bereit gewesen wäre, ihn aufzunehmen,33 doch drückt jene Notiz eher die
Enttäuschung über das allgemeine Scheitern der gemeinsamen Projekte als
eine plötzliche Distanz zum Verbündeten auf. In den Nahen Osten zurückge­
kehrt, widmete er sich jedenfalls sogleich wieder seinem Hauptanliegen, dem
Kampf gegen die Juden. Schnell vertrat er auch in der Nachkriegssituation im
Nahen Osten die Haltung, die Araber „sollten gemeinsam über die Juden her­
fallen und sie vernichten“.34 In Palästina rief er Tausende von Freiwilligen zu­
sammen, die nach dem absehbaren Abzug der Briten genau jene Vorstellung in
die Tat umsetzen sollten. Unermüdlich baute er neue internationale Achsen
auf, die ihm bei der Verwirklichung seiner Ziele helfen sollten. Auf einer mos­
lemischen Weltkonferenz 1951 führte el-Husseini den Vorsitz; vier Jahre später
nahm er auch an der 1. afroasiatischen Konferenz im indonesischen Bandung
teil.35 Auch unter den Palästinensern blieb er äußerst populär; so säumten bei
seinem Besuch in Jerusalem im März 1967 Tausende die Straßen.36 Schließlich
verschloß er sich auch nicht der Frage einer würdigen Nachfolge. Schon 1952
bestärkte er seinen entfernten Verwandten Jassir Arafat, sich zum Vorsitzen­
den des Palästinensischen Studentenverbandes wählen zu lassen, und damit
eine aussichtsreiche politische Karriere zu beginnen. Beide trafen und bespra­
chen sich noch Ende der 1960er Jahre regelmäßig; dabei scheint der Mufti den
Eindruck gewonnen zu haben, daß Arafat der geeignete Führer für eine zu­
künftige palästinensische Nation sei.37 El-Husseini starb am 4. Juli 1974 in Bei­

31 Schiller, S. 173; Gensicke, S. 253 ff.; Küntzel, Zeesen, S. 286.


32 Morrison, S. 157 ff.
33 Carpi, Mufti, S. 101.
34 Zit. nach: Gensicke, S. 254.
35 Lewis, Meer, S. 191.
36 Jbara, S. 192.
37 Küntzel, Djihad, S. 114 f.
250 Epilog

rut. Zu seinem Begräbnis im Libanon kamen Zehntausende von Anhängern


und machten das Ereignis getreu der Generallinie seines Lebenswerkes zu
einer antijüdischen Massendemonstration.38
Auf gleichem Wege wie der Mufti verließ al-Gailani Anfang Mai 1945
Deutschland und überquerte die Grenze zur Schweiz. Über die Zwischenstati­
on Belgien kam er dann nach Frankreich, wo er bis Mitte Juli blieb. Mit fal­
schen Papieren ausgestattet, gelang ihm dann auf einem französischen Schiff
die Ausreise nach Beirut, von wo er nach Damaskus reiste und nach kurzem
Aufenthalt Ende September schließlich in der saudischen Hauptstadt Riad ein­
traf. König Ibn Saud gewährte al-Gailani Asyl; eine Rückkehr in den Irak kam
nicht in Frage, weil ihm vom dortigen Regenten Abdul Illah Zeit seines Lebens
weder der Putsch noch der Aufstand gegen die Briten verziehen wurde. Selbst
als die irakische Monarchie im Juli 1958 durch einen Umsturz beseitigt wurde
und sich damit sogar die Möglichkeit zur Heimkehr geboten hätte, ging der
frühere Ministerpräsident nicht in sein Geburtsland zurück. Statt dessen ver­
brachte er seinen Lebensabend auf der arabischen Halbinsel, ohne noch einmal
politisch in Richtung Bagdad in Erscheinung zu treten.39
Im Gegensatz zu den meisten seiner arabischen Gesinnungsfreunde floh der
Syrer el-Kawukschi im Frühjahr 1945 nicht vor den siegreichen Alliierten, son­
dern blieb mit seiner Familie einfach in seinem Domizil im Ostteil der Reichs­
hauptstadt wohnen. Erst im Mai 1946 wurde er von den Sowjets verhaftet und
vorübergehend im Lager Biesdorf interniert, wo der einstige Terroristenkom­
mandeur mehrmals von Offizieren vernommen wurde. Nach einer zwischen­
zeitlichen Überstellung in eine andere Haftanstalt kam el-Kawukschi Anfang
1947 wieder frei; er erhielt allerdings von den sowjetischen Behörden die Auf­
lage, den Ostsektor der Stadt nicht zu verlassen. Mit französischer Hilfe gelang­
te er dann aber in den Besitz falscher Personalpapiere, die ihm, seiner Frau und
dem Adjutanten Anfang Februar die Flucht nach Paris ermöglichten. Noch im
selben Monat reiste er von dort nach Beirut aus.40 Im Jahr darauf bot sich ihm
noch einmal die Gelegenheit, an seiner Vision eines judenfreien Palästina tat­
kräftig mitzuwirken. Im Vorfeld des arabischen Angriffs auf das sich in abseh­
barer Zeit gründende Israel übertrugen ihm die Führer der Arabischen Liga
das Kommando über die „Errettungsarmee“, einen speziell für den Kampf ge­
gen die Juden gebildeten Freiwilligenverband. El-Kawukschi übernahm den
Befehl und fiel mit seiner Truppe im Verband der übrigen Armeen nur Stunden
nach der Staatsproklamation im Mai 1948 in Israel ein. Nach seiner anfäng­
lichen Offensive in Richtung auf das mittlere Galiläa operierte er gegen die

38 Jbara, S. 192.
39 Khadduri, Irak, S. 242.
40 Höpp, Zwischenspiel, S. 37 f.
Epilog 251

neugeschaffene israelische Verteidigungsarmee weitgehend glücklos, wurde


von deren Truppen im Verlauf des Krieges geschlagen und dann endgültig
vom Territorium des jüdischen Staates vertrieben. Seine Karriere im Kampf
gegen die Briten, den Jischuw und zuletzt gegen Israel hatte damit ihren Zenit
überschritten.41
Nach 1945 war die Affinität zum Nationalsozialismus in der arabischen Welt
weitgehend ungebrochen. Plädoyers für ein Umdenken existierten kaum; gera­
de Fakten wie die fehlende Strafverfolgung des Mufti schienen doch eindeutig
auf die eigene ,Schuldlosigkeit‘ hinzudeuten und die Berechtigung des gemein­
samen Anliegens zu unterstreichen. Die Staatsgründung Israels 1948 und die
nicht für möglich gehaltene Niederlage der eigenen Armeen befeuerten den
Judenhaß weiter und radikalisierten die gesamte arabische Welt. Historische
Reminiszenzen an den Nationalsozialismus zeigten dabei die Kontinuität des
Denkens auf. Eine in Damaskus erscheinende Zeitung der Moslembrüder
brachte das nach wie vor enge Verhältnis zum deutschen „Führer“ auf den
Punkt, als darin 1956 zu lesen war: „Man darf nicht vergessen, daß Hitler, an­
ders als in Europa, in der arabischen Welt hohe Achtung genießt. Sein Name
erweckt in den Herzen unserer Bewegung Sympathie und Begeisterung.“42
Schon 1953 kamen Gerüchte auf, daß Hitler möglicherweise doch noch lebe
und in Brasilien untergetaucht sei. Sadat schrieb darauf in einem fiktiven Brief
an den Bewunderten ganz unverblümt: „Ich gratuliere Ihnen von ganzem Her­
zen, denn obwohl Sie allem Anschein nach besiegt worden sind, waren Sie doch
der wahre Sieger.“43
Die jordanische „Jerusalem Times“ veröffentlichte am 24. April 1961, kurz
vor Eröffnung des Prozesses gegen Adolf Eichmann in Jerusalem, einen offe­
nen Brief an den Angeklagten. Der Mitorganisator der Vernichtung der euro­
päischen Juden habe „der Menschheit einen wirklichen Segen“ erwiesen, heißt
es darin. „Dieser Prozeß“, so wurde weiter angekündigt, „wird eines Tages mit
der Liquidierung der verbliebenen sechs Millionen [...] seinen Abschluß fin­
den“.44 Auch in einem in der Beiruter Presse im Juni 1974 wiedergegebenen
Gespräch zwischen dem libanesischen Politiker Kamal Dschumblat und dem
syrischen Präsidenten Hafiz al-Assad waren insbesondere bezüglich der natio­
nalsozialistischen Judenverfolgung bemerkenswerte Aussagen zu lesen. Nach­
dem von syrischer Seite betont worden war, daß sich die Araber „in positivem
Sinne“ an Hitler erinnerten, pflichtete Dschumblat eifrig bei: „Zumindest hät­
te er uns vor den Zionisten bewahrt. Wir dürfen keine starke Position gegen

41 Ebd., S. 38; O’Brien, S. 184 f.; Jbara, S. 192.


42 Zit. nach: Wistrich, S. 315.
43 Zit. nach: Lewis, Meer, S. 193.
44 Zit. nach: Wistrich, S. 334; vgl. Küntzel, Zeesen, S. 285.
252 Epilog

den Nationalsozialismus beziehen [...]. Der Nationalsozialismus sollte ein we­


nig wiederbelebt werden [...]. Aus einigen Studien geht hervor, daß die Zahl
der von den Nazis getöteten Juden kraß übertrieben sei. Es gibt enorm große
Gruppen, denen es gelang, aus Deutschland zu entkommen.“45
Nun ließen sich noch unzählige derartige Belege für den in der arabischen
Welt grassierenden Antisemitismus sowie die ebenfalls fortlebende Affinität
zum Nationalsozialismus und seinem Projekt der Judenvernichtung finden.
Weitreichende Konsequenzen hatte diese nach 1945 weiterbestehende Haltung
insbesondere auch für die alteingesessenen jüdischen Gemeinden in den ara­
bischen Ländern. Jahre nach der deutschen Niederlage im Weltkrieg kam es an
zahlreichen Orten zu antijüdischen Ausschreitungen; für die dortigen Juden
brach eine Lebensperspektive zusammen. Zwischen Ende der 1940er und An­
fang der 1950er Jahre erfolgten darum Massenauswanderungen, vor allem nach
Israel. Von den einst 300.000 Juden Marokkos blieben nur 18.000 im Land; von
den 55.000 jemenitischen Juden waren es gerade 1000. Von 135.000 algerischen,
125.000 irakischen und 75.000 ägyptischen Juden setzten jeweils nur wenige
Hundert die Existenz in ihren Heimatländern fort.46
Nachdem es Israel gelungen war, sich erfolgreich des Vernichtungswillens
seiner Nachbarn zu erwehren, setzte von arabischer Seite zunehmend die Ten­
denz ein, den jüdischen Staat direkt mit dem Nationalsozialismus zu analogi­
sieren. Im Libanonkrieg von 1982 führte das beispielsweise zu der im Juni in
der ägyptischen Zeitung „Al-Ahram“ geäußerten Ansicht, das Vorgehen der
israelischen Armee entspreche der Ermordung der europäischen Juden in den
Gaskammern der deutschen Vernichtungslager.47 Selbst ein noch relativ jun­
ges, radikal antizionistisches Regime wie die Islamische Revolutionäre Repu­
blik des Iran bediente sich bald solcher Rhetorik. Für den Staatsgründer, Aya­
tollah Khomeini, war seit jeher „der Zionismus ein Feind der Menschheit“.48 Je
nach Bedarf wurde zur Propagierung von Judenhaß aber auch tiefer in die
antisemitische Kiste gegriffen. So kulminierte eine Artikelserie der von der
Presseabteilung der Iranischen Botschaft in London herausgegebenen Zeit­
schrift „Imam“ 1984 in der Feststellung: „Die Ergebnisse der Politik Israels
und der westlichen Staaten, insbesondere der USA, [...] beweisen, daß die
Protokolle der Weisen von Zion von den jüdisch beeinflußten westlichen Re­
gierungen Wort für Wort befolgt werden.“49
Mittlerweile kursieren eben jene „Protokolle der Weisen von Zion“ in der

45 Zit nach: ebd., S. 194.


46 Lewis, Juden, S. 170.
47 Rabinovich, S. 253.
48 Wistrich, S. 321.
49 Zit. nach: ebd.
Epilog 253

muslimischen Welt in mindestens neun Übersetzungen und können, gemessen


an den sonst üblichen Buchverkaufszahlen, geradezu Massenauflagen vorwei­
sen. Von diversen arabischen Führern wurde das Machwerk in der Vergangen­
heit gern zitiert oder weiterempfohlen und selbst im Jahr 2002 strahlte das
staatliche ägyptische Fernsehen zur besten Sendezeit eine 41-teilige Serie aus,
für die dieser antisemitische Klassiker das Drehbuch bildete.50 Derartige Zu­
sammenhänge scheinen im Westen und besonders in Deutschland nicht gerade
bevorzugt zum Allgemeingut öffentlichen Bewußtseins zu gehören. Viel lieber
wurden in den vergangenen Jahrzehnten die beliebig austauschbaren Reise­
erzählungen aus Casablanca, Kairo, Damaskus oder Bagdad, bei denen als
Deutsche erkannte Touristen begeistert mit „Heil Hitler“ begrüßt wurden, in
die Kategorie abseitiger Schrulligkeit eingeordnet, statt solche Äußerungen als
politisches Bekenntnis ernst zu nehmen. Für die Zukunft werden nicht Ver­
drängung oder Verniedlichung, sondern nur die Einsicht in die Erkenntnis,
daß sich die arabische Welt nach dem Zweiten Weltkrieg als eine Region dar­
stellt, in der radikaler Antisemitismus wie nirgendwo sonst Verbreitung findet,
hilfreiche Ansätze zur wirkungsvollen Bekämpfung dieses Phänomens bieten
können.
Gerade innerhalb der Geschichts- und Islamwissenschaften fand die Nähe
zwischen Nationalsozialismus und der arabischen Welt bis in die jüngste Ver­
gangenheit eine aber nur sehr zweifelhafte Beachtung. Läßt eine Bemerkung
wie die, in Palästina habe es von „arabischer Seite tatsächlich zustimmende,
nach vereinzelten Berichten auch manchmal begeisterte Reaktionen auf Hitler
und den Nationalsozialismus“ gegeben,51 eher noch auf eine wenig vertiefte
Quellenkenntnis schließen, weisen andere Darstellungen doch in eine weit be­
denklichere Richtung. Während die Zeugnisse über den radikalen Antisemitis­
mus des Mufti, dessen offensichtliche Bewunderung für das Dritte Reich und
seine bis zuletzt ungebrochene Bereitschaft zur Zusammenarbeit äußerst zahl­
reich und gut zugänglich sind, hat eine Betonung dieser prägenden Eigenschaf­
ten seines Verhältnisses zum nationalsozialistischen Deutschland bis heute ab­
soluten Seltenheitswert.52
Eine davon bewußt abweichende und deutlich häufiger geäußerte Haltung
besagt dagegen, der Mufti habe Kontakte zum Nationalsozialismus nur aus
„Opportunismus“ geknüpft,53 und selbst in ausführlicheren Monographien,

50 Lewis, Antisemitism, S. 57 f.; Wistrich, S. 316-321; Die Welt v. 11.10.2005.


51 Wildangel, S. 124.
52 Positiv hervorgehoben seien nochmals Gensicke; Küntzel, Djihad; Lewis, Meer;

Wanner; Wiesenthal; Wistrich; bezeichnend ist der Vorwurf von Höpp, Gefangene, S. 15,
Gensicke wolle mit der „Anhäufung von Faktenbergen [...] nur Vor-Urteile bestätigen“.
53 Mattar, Hajj, S. 107.
254 Epilog

die sich mit dessen Person beschäftigten, wird kaum ein Wort über seine höchst
aktive Kollaboration mit den Deutschen verwendet.54 Im Gegenzug werden
Kollegen, die den engen Zusammenhang zwischen dem Mufti und den Natio­
nalsozialisten nicht unterschlagen, attackiert. Bei einem Autor heißt es bei­
spielsweise, „Zionisten“ hätten dessen Beziehungen zum Nationalsozialismus
„übertrieben“.55 Oder es wurde kurzerhand behauptet, dessen Propagandaauf­
rufe seien in der arabischen Welt weitgehend erfolg- und folgenlos geblieben.56
Dafür wurde in wissenschaftlichen Veröffentlichungen seine „ausgeprägte
Führungsfähigkeit“, seine „Ehrlichkeit“ und das „Freisein von jeglicher Kor­
ruption“ gelobt und bezüglich seines Exils in Deutschland betont, el-Husseini
sei „nicht verblendet durch Deutschlands Rassenlehre“ gewesen; diese „paßte
auch nicht zu seiner Überzeugung als Muslim und gläubigen Menschen“.57 Be­
züglich seines Andenkens in den palästinensischen Autonomiegebieten merkte
derselbe Autor noch bedauernd an, daß es für ihn keine Trauertage gebe und
keine Flüchtlingslager oder Straßen nach ihm benannt seien.58
Für eine Historiographin der palästinensischen Nationalbewegung scheint es
vollkommen verwerflich gewesen zu sein, daß die britische Mandatsmacht den
„charismatische[n] und einflußreiche[n] Führer“ angesichts seines Wirkens im
arabischen Aufstand überhaupt zur Flucht nötigte; weitere Schuldige waren
dann schnell ausgemacht: „Der Mufti wurde zum Erzfeind britischer Politik
im Nahen Osten stilisiert, und Großbritannien startete, gemeinsam mit der zio­
nistischen Bewegung und ab 1948 mit Israel sowie schließlich auch mit Emir
Abdallah, eine gezielte Diffamierungs- und Delegitimierungskampagne gegen
ihn, gekoppelt mit einer Delegitimierung palästinensischer nationalistischer
Ziele bzw. der Palästinenser generell als Nation.“ Erschüttert und vor allem
fern der Realität schreibt die Autorin über den von ihr zum Opfer gewendeten
Täter: „Hajj Amin wurde zu einer Art ,Paria-Politiker‘.“59
Wenig aussagekräftig und insbesondere am Kern der Problematik vorbeifüh­
rend ist es nicht zuletzt, die Politik al-Gailanis dahingehend zu interpretieren,
daß sie „in erster Linie pragmatischer Natur“ gewesen sei und den Versuch
einer „Neutralitätspolitik“ zwischen den Machtblöcken darstellte. Auch die
Behauptung, der irakische Politiker habe das Dilemma seiner Verstrickung
mit dem Nationalsozialismus nicht erkannt, hält ihm zwar viel zugute, läßt aber
sein tatsächliches Handeln, das er selbst in vollem Bewußtsein verfolgt haben

54 Mattar, Hajj, widmet in seiner Studie über den Mufti von immerhin 160 Seiten gera­

de sechs der Zeit seines Exils in Deutschland während der Jahre 1941-1945.
55 Ebd., S. 99.
56 Ders., Politics, S. 237.
57 Dayyeh, S. 35, 41.
58 Ebd., S. 46.
59 Baumgarten, S. 36.
Epilog 255

wird, weitgehend außer Acht.60 Eine Charakterisierung des ersten Djihadisten


al-Qassam als „einen bemerkenswerten Vertreter der islamischen Reformbe­
wegung der Salafiyya“ erscheint ebensowenig hilfreich61 wie an gleicher Stelle
dessen abschließende Würdigung: „In seinem Aktivismus, der im Märtyrerakt
gipfelte, lag das Neue, Faszinierende, auch Überraschende, das weit über reli­
giöse Kreise hinaus Bewunderung und Nachahmung weckte“.62
Bezüglich der mitunter dann doch nicht zu leugnenden Kollaborationswillig­
keit der Araber wird geäußert, das Verhältnis sei rein opportunistisch bedingt
gewesen und habe – gegen die Kolonialmacht England und die Zionisten ge­
richtet – der einfachen Logik eines ,Der Feind meines Feindes ist mein Freund‘
gehorcht. Dabei wird dann behauptet, die Araber hätten sich um den wahren
Charakter des Nationalsozialismus gar nicht gekümmert,63 oder es wird etwas
anders formuliert als Generalexkulpation nahegelegt: „Nur sehr wenige Ara­
ber scheinen damals genauer hingesehen zu haben.“64 Allein auch schon der
Titel einer Veröffentlichung „Araber im Zweiten Weltkrieg – Kollaboration
oder Patriotismus?“ läßt durchaus Rückschlüsse auf die Gedankenwelt seines
Autors zu.65 Im Text wird prompt der „Eurozentrismus“ als Ursache weit­
gehend ungerechtfertigter Kritik an der arabischen Haltung festgestellt und
dagegen vordergründig weise, aber faktisch nur inhaltsleer eingewandt, daß ja
das „Leben reichhaltiger und komplizierter“ sei.66 Bemängelt wird weiter, das
Untersuchungsfeld sei bedauerlicherweise zu einem „Kampfthema“ verkom­
men, das hauptsächlich noch „für gegenseitige Kollaborationsvorwürfe“ be­
nutzt werde.67 Als Ausweg schlägt der Autor einen „nüchternen Blick“ vor,68
dessen Anwendung angesichts der zitierten Paradigmatik jedoch meilenweit
am Kern der Sache vorbeigehen dürfte.
Werden aber einmal Belege für die offene Bewunderung des Nationalsozia­
lismus im Nahen und Mittleren Osten historiographisch zweifelsfrei dar­

60 Dieterich, Kailānī, S. 73 ff.


61 Krämer, Geschichte, S. 303.
62 Ebd., S. 307.
63 Steppat, S. 271; außerdem Aries, S. 49: „Wie bewältigt ein vierzigjähriger geistlicher

Gelehrter ein solches Leben 1937? Er ging den Weg Wallensteins in den allgemeinen
Krieg. Er suchte Verbündete und fand sie dort, wo man gegen die kämpfte, die auch ihm
Feinde waren. So half al-Husseini den Nationalsozialisten wohl mit der Leidenschaft der
Verzweiflung bis in den Haß.“
64 Höpp, Ah, S. 571.
65 Ders., Araber, S. 86.
66 Ebd., S. 86 f.; ähnlich nichtssagend kommt folgende Forderung in ders., Gefangene,

S. 14, daher: „Der Mufti und sein Umfeld müssen in vielfältigere historische, politische,
soziale und kulturelle Zusammenhänge gestellt werden.“
67 Ders., Araber, S. 88.
68 Ebd., S. 92.
256 Epilog

gestellt, besagt ein umgehend eingewandtes Argument gleich entschuldigend,


das Bekenntnis zum Nationalsozialismus habe nur dem Wunsch nach nationa­
ler Befreiung entsprochen.69 Auch eine solche Argumentation greift zweifellos
zu kurz. Davon abgesehen widmeten sich Forscher erfreulicherweise anderen
Erscheinungen des deutsch-arabischen Verhältnisses. Gerade Arbeiten über
die Geschichte arabischer Kolonialsoldaten, über Araber in deutschen Kriegs­
gefangenenlagern oder sogar als Häftlinge von Konzentrationslagern zeigen in
ihrer Gesamtheit jedoch deutlich auf, daß solche Realitäten im Vergleich zur
faktischen Zusammenarbeit und der Kollaborationswilligkeit von Teilen der
arabischen Welt mit den Deutschen doch eher Randerscheinungen waren.70
Das bedrohliche Potential an Judenhaß in jener Region wird dagegen kaum
wahrgenommen oder oft genug mißinterpretiert. Ein konstruiertes Argument
zur Verharmlosung der muslimischen Affinität zum Dritten Reich stellt schon
der bloße Verweis dar, die rassistische Komponente in der nationalsozialisti­
schen Ideologie habe eine Schranke zwischen Deutschen und Arabern gebil­
det.71 In diesem Zusammenhang fehlen dann aber die Belege, die offenbaren
könnten, wie weit denn die NS-Rassenideologie in der arabischen Welt wirk­
lich als störend empfunden wurde und etwa das gemeinsame deutsch-arabische
Projekt der „Beseitigung der jüdischen Heimstätte in Palästina“ tatsächlich
behindert hat. Reichlich fragwürdig erscheinen auch solche Deutungsversuche,
die auf dürrer Quellengrundlage behaupten, der muslimische Antisemitismus
sei „in allen wesentlichen Aspekten ein Import aus Europa“.72 Schließlich wer­
den Ursache und Wirkung geradezu klassisch auf den Kopf gestellt, wenn Hi­
storiker argumentieren, der in der palästinensischen Nationalbewegung auf­
keimende Antisemitismus sei „zweifelsohne ein Reflex auf die systematische
Verdrängungspolitik“ der Zionisten gewesen.73
Auf manches gefaßt sein kann der Leser dann schon, wenn ein in Deutsch­
land vielgelesenes und -beachtetes Buch zur „Sozialgeschichte des Palästina-
Konflikts“ mit dem wirklich bösartigen Satz beginnt: „Die Juden, die wie kaum
ein anderes Volk in den Jahrtausenden ihrer Geschichte leiden mußten, lassen
heute im Nahen Osten andere leiden.“ Frei nach der oft geäußerten dumpfen
Unterstellung, Israel betreibe eine Politik, die einzig darauf ausgerichtet sei,
von der Shoah zu profitieren, fügt der Autor an, die damaligen Verbrechen
der Deutschen haben „den Juden im Nahen Osten ,carte blanche‘ einge­
bracht“.74 Virtuos gelingt es ihm außerdem, von arabischen „Protesten“, „Un­

69 Harras, S. 207.
70 Vgl. Höpp, Diskurs.
71 Kiefer, S. 83.
72 Holz, S. 15.
73 Kiefer, S. 70; in diese Richtung auch Holz, S. 81.
74 Hollstein, S. 9.
Epilog 257

ruhen“ und „Streiks“ der Jahre 1921, 1929 und 1937 zu schreiben, ohne auch nur
ein einziges Wort über den arabischen Terror und dessen Opfer zu verlieren.75
Bei einer solchen Darstellungsweise kann die jüdische Staatsgründung folge­
richtig nur als „Unrecht“ eingeordnet werden: „Als der Nationalsozialismus
politisch bereits untergegangen war, fand er indirekt ein weiteres Opfer: Die
Araber büßten für die Verbrechen des deutschen Faschismus an den Juden.“76
Abgesetzt von solchen Boshaftigkeiten hat die vorliegende Studie auf­
gezeigt, daß Deutsche während des Nationalsozialismus weit konkreter als bis­
her angenommen versucht haben, die Juden Palästinas physisch zu vernichten
und eine Staatsgründung des Jischuw für alle Zeiten unmöglich zu machen.
Ausführlich konnte auch dokumentiert werden, daß diesem Unterfangen von
arabischer Seite weitreichende und aktive Unterstützung zuteil geworden wä­
re. Was sich allein aufgrund dieser Erkenntnis seitens der Autoren zu betonen
lohnt, ist das uneingeschränkte Beharren auf der Verteidigung der Existenz des
Staates Israel. Wiederholt hat die Studie einen weiteren Zusammenhang her­
vorgehoben, der sich in den Jahrzehnten seit Ende des Zweiten Weltkriegs
auch im Nahen Osten immer wieder bewiesen hat: Jegliche Aussicht auf Ver­
ständigung bricht dann ab, wenn Prinzipien des zivilisatorischen Miteinanders
aufgegeben und statt dessen irrationale Denkweisen zur Grundlage des Han­
delns erhoben werden, deren Kern darauf abzielt, menschliche Individuen oder
gesellschaftliche Gruppen mit der Zuschreibung angeblich ihnen anhaftender
Eigenschaften zu stigmatisieren. Sowohl das nationalsozialistische Deutsch­
land als auch Teile der arabischen Welt haben sich gemeinsam in einem Kampf
gegen das ,imperialistische‘ England gesehen; die Juden wurden als dessen
Triebfeder und Helfershelfer denunziert. Da auf rationaler Grundlage über
solche wahnhaften Gedankenwelten nicht mehr zu verhandeln war, deutete
sich schon allein dadurch der Abstieg in die Katastrophe an.
Es führt nun völlig an der Sache vorbei, in einem derartigen Zusammenhang
als faktische Absolution der arabischen Seite den Hinweis auf andersartige
kulturelle Umgangsformen einzuführen. Ein solcher Einwand bedeutet nichts
anderes, als Individuen und ihr Tun auf diverse eherne Kulturkreise zu redu­
zieren und damit zu entschuldigen sowie den Subjekten von vornherein fak­
tisch jegliche Reflexion menschlichen Handelns zu verwehren. Die Kritik an
solcherlei leichtfertigen Zuschreibungen gar noch mit dem Vorwurf „eurozen­
tristischen“ Denkens zu kontern, kommt einem katastrophalen Denkverbot
gleich. Zweifellos muß es in dieser Sache gerade nicht um Eurozentrismus,
sondern um Universalismus gehen, der in diesem Fall, für die Formulierung

75 Ebd.,S. 110 f„ 128 f.


76 Ebd., S. 126.
258 Epilog

eines Urteils über die Kollaboration von Arabern mit dem nationalsozialisti­
schen Deutschland, von unverzichtbarer Bedeutung ist.77
Abendländisches Denken wäre ohne die Errungenschaften der Aufklärung
undenkbar. Diese haben es immerhin vermocht, daß dem Menschen jenseits
konfessioneller, ständischer oder geschlechtlicher Schranken ein universeller
Wert beigemessen wurde, der heute die entscheidende zivilisatorische Grund­
lage moderner Gesellschaften bildet. Für jedes Individuum muß es geradezu
existentiell sein, auf eine Garantie jener Universalität vertrauen zu können.
Ein Kennzeichen dieser Ausgangsbedingung muß aber auch das Bewußtsein
darüber bilden, daß eine solche zivilisatorische Basis für manche Gemeinwesen
noch gar nicht existiert oder Nationen wie die Deutschen sie historisch sogar
freiwillig wieder aufgegeben haben. Auf den konkreten Untersuchungsgegen­
stand bezogen, darf das aber wiederum keinesfalls dazu führen, Verständnis für
die arabischen Gesellschaften anzumelden, die auf dem besten Wege waren,
zwar ihre nationale Unabhängigkeit zu erlangen, sich aber anschickten, dies
gerade im Bündnis mit dem Nationalsozialismus und unter der Begehung von
Massenverbrechen zu realisieren. Gerade wegen der angesprochenen Univer­
salität menschlichen Daseins ist niemand aus einer derartigen Verantwortung
zu entlassen.
Wenn Wissenschaft nicht mehr zwischen dem durchaus berechtigten Inter­
esse nach staatlicher Unabhängigkeit und dem Rückgriff auf ressentimentgela­
dene Ideologeme wie dem Antiimperialismus, dem Antizionismus oder dem
Antisemitismus zu unterscheiden weiß, besteht die Gefahr, die Differenzie­
rung zwischen aufgeklärtem Denken und der Option auf einen Weg in die Bar­
barei zu verlieren. Im Bewußtsein um die Existenz der Menschheitsverbrechen
des 20. Jahrhunderts sollte aber gerade diese Fähigkeit zur Unterscheidung um
jeden Preis verteidigt werden.

77 Vgl. Groß/Konitzer; Welzer, S. 16 f.; 48 ff.


Abkürzungsverzeichnis

AA Auswärtiges Amt Militärbefehlshaber Ser­


AAS Asian and African Stu­ bien
dies Bfh. Befehlshaber
Abgedr. Abgedruckt Bl. Blatt
Abt. Abteilung BPK Bildarchiv Preußischer
ADAP Akten zur Deutschen Kulturbesitz Berlin
Auswärtigen Politik Brit. Britisch(en/er/es)
Adj. Adjutantur BStU Der Beauftragte für die
AM Außenminister(ium) Unterlagen des Staats­
Anm. Anmerkung sicherheitsdienstes der
AO Auslandsorganisation ehemaligen DDR Berlin
AOK Armeeoberkommando CdS Chef der Sicherheitspoli­
AR Amt Rosenberg zei und des SD
Arab. Arabisch(e/er/es) DAK Deutsches Afrikakorps
ASQ Arab Studies Quarterly DAZ Deutsche Allgemeine
Aufz. Aufzeichung Zeitung
Ausl/Abw Amt Ausland/Abwehr Denkschr. Denkschrift
BAB Bundesarchiv Berlin Ders. Derselbe
BAK Bundesarchiv Koblenz Dess. Desselben
BAL Bundesarchiv-Außenstel­ Dez. Dezember
le Ludwigsburg DG Deutsche Gesandtschaft
BA-MA Bundesarchiv-Militärar­ DGK Deutsches Generalkon­
chiv Freiburg/B. sulat
BA-ZA Bundesarchiv-Zwischen­ Dies. Dieselbe(n)
archiv Dahlwitz-Hoppe- Div. Division
garten DK Deutsches Konsulat
Bd. Band DNB Deutsches Nachrichten­
BDC Berlin Document Center büro
Bde. Bände Dok. Dokument(e)
BdE Befehlshaber des Ersatz­ DRZW Das Deutsche Reich und
heeres der Zweite Weltkrieg
BdO Befehlshaber der Ord­ Dt. Deutsch(e/er/es)
nungspolizei Dt.Gen.b.HQu. Deutscher General beim
BdS Befehlshaber der Sicher­ It.Wehrm. Hauptquartier der Italie­
heitspolizei und des SD nischen Wehrmacht
Beauftr. Beauftragter Dto. Dito/gesagt
Ber. Bericht DVK Deutscher Vizekonsul
Bev.AA.b.Mil. Bevollmächtigter des Ebd. Ebenda
befh.Serb. Auswärtigen Amts beim EdH Enzyklopädie des Holo-
caust
260 Abkürzungsverzeichnis

Ehern. Ehemalig(e/en/er/es) JMH Journal of Modern


Entw. Entwurf History
Erkl. Erklärung Kap. Kapitel
Faks. Faksimile Kdo. Kommando
Feldgend. Feldgendarmerie Kdr. Kommandeur
Fernschr. Fernschreiben Kp. Kompanie
FHW Abteilung Fremde Heere KTB Kriegstagebuch
West KZ Konzentrationslager
Frz. Französisch(e/er/es) LBIYB Leo Baeck Institute Year
Funkspr. Funkspruch Book
GB Großbritannien Lt. Leutnant
Gen. General LFSt Luftwaffenführungsstab
Gen.Qu. Generalquartiermeister Maj. Major
GenStdH Generalstab des Heeres MEJ The Middle East Journal
Gestapa Geheimes Staatspolizei­ Meld. Meldung
amt MES Middle Eastern Studies
Gestapo Geheime Staatspolizei MGM Militärgeschichtliche
GVP Geschäftsverteilungsplan Mitteilungen
H. Heft MiG Militärbefehlshaber im
HGr Heeresgruppe Generalgouvernement
Hrsg. Herausgeber/heraus- Mil.Att. Militärattache
gegeben Ms. Manuskript
HRüst Heeresrüstung NAK The National Archives
HöSSPF Höchster SS- und Poli­ Kew
zeiführer NARA United States National
Hptm. Hauptmann Archives and Records
HSSPF Höherer SS- und Polizei­ Administration College
führer Park/Maryland
HStb.Übs. Heimatstab Übersee Nbg. Dok. Nürnberger Dokument
Hstuf. Hauptsturmführer NI. Nachlaß
Ia Erster Generalstabsoffi­ NSDAP N ationalsozialistische
zier (Taktische Führung) Deutsche Arbeiterpartei
IB Italienische Botschaft NYT The New York Times
Ic Dritter Generalstabsoffi­ O. Ordner
zier (Feindnachrichten/ OB Oberbefehlshaber
Abwehr) OBdL Oberbefehlshaber der
IfZ Institut für Zeitgeschich­ Luftwaffe
te München OK Oberkommando
IG Italienische Gesandt­ OKH Oberkommando des
schaft Heeres
IJMES International Journal of Okt. Oktober
Middle East Studies OKW Oberkommando der
Irak. Irakisch(e/er/es) Wehrmacht
It. Italien(isch/e/er/es) Olt. Oberleutnant
Jan. Januar Op.Abt. Operationsabteilung
JCH Journal of Contamporary O.Qu. Oberquartiermeister
History Org.Abt. Organisationsabteilung
Jg- Jahrgang Ostubaf. Obersturmbannführer
Abkürzungsverzeichnis 261

PAAA Politisches Archiv des SSHA SS-Hauptamt


Auswärtigen Amtes Ber­ SSO SS-Offiziers-Akte
lin SSPHA SS-Personalhauptamt
Pers. Stab Persönlicher Stab Staw Staatsanwalt(schaft)
PK Parteikanzlei StS. Staatssekretär
Prop. Propaganda Stubaf. Sturmbannführer
Prot. Protokoll Syr. Syrisch(e/er/es)
PzAA Panzerarmee Afrika SZ Studies in Zionism
PzGr Panzergruppe Tät.Ber. Tätigkeitsbericht
Qu. Quartiermeister Tgb. Tagebuch
RAM Reichsaußenminister Türk. Türkisch(e/er/es)
RFSS Reichsführer-SS U. Und
RK Reichskanzlei Übers. Übersetzung
RMI Reichsminister(ium) des Undat. undatiert
Inneren USHMM United States Holocaust
RML Reichsminister(ium) für Memorial Museum Wa­
Luftfahrt shington D.C.
RMVP Reichsminister(ium) für VAA Verbindungsoffizier Aus­
Volksaufklärung und wärtiges Amt beim Ar­
Propaganda meeoberkommando
RSHA Reichssicherheitshaupt­ VB Völkischer Beobachter
amt Verf. Verfasser
Rundschr. Rundschreiben Verm. Vermerk
RuSHA Rasse- und Siedlungs­ Vern. Vernehmung
hauptamts-Akte Versch. Verschiedene(s)
Schriftl. Schriftlich(e) VfZ Vierteljahrshefte für
SD Sicherheitsdienst Reichs­ Zeitgeschichte
führer-SS Vgi. Vergleiche
SDHA SD-Hauptamt Vord. Vordere(n/r/s)
Sept. September WFSt Wehrmachtführungsstab
Ser. Serie WI Die Welt des Islam
SG Sozial. Geschichte WPr Wehrmachtpropaganda
Sic Siehe so im Original WVHA Wirtschaftsverwaltungs­
S.I.M.E. Special Intelligence hauptamt
Middle East YVA Yad Vashem Archives
Ski Seekriegsleitung Jerusalem
sig. Sammlung YVS Yad Vashem Studies
Sp. Spalte ZfP Zeitschrift für Politik
SPN Sonderdienst Politischer Zit. Zitiert/Zitat
Nachrichten Zus. Zusammen
SSFHA SS-Führungshauptamt Zusfg. Zusammenfassung
Abbildungs- und Kartenverzeichnis

Abb. 1: BPK, Nr. 30021776, Photo Walter Zadek, 1936 ....................................


Abb. 2: BPK, Nr. 30021784, Photo Walter Zadek, 1937 ..........................
Abb. 3: BPK, Nr. 30021775, Photo Walter Zadek, 1938 ....................................
Karte: Nordafrika und der Nahe Osten...............................................................
Abb. 4: BPK, Nr. 30021701, Photo 2/1941............................................................
Abb. 5: PAAA, R 60650, Propagandapostkarte 1942 ..............................
Abb. 6: BPK, Nr. 10002921, Photo 1942 ...............................................................
Abb. 7: PAAA, R 60650, Propagandapostkarte 1942 ........................................
Abb. 8: BAB, SSO Walther Rauff..........................................................................
Abb. 9: BPK, Nr. 30021785, Photo 1937 ...............................................................
Abb. 10: BPK, Nr. 30021773, Photo Walter Zadek, 21.8.1939 ..........................
Abb. 11: BPK, Nr. 30021692, Photo 8/1942 .................................................
Abb. 12: BPK, Nr. 30021705, Photo 10.4.1943 ....................................................
Abb. 13: BPK, Nr. 30021686, Photo 1943/44 .......................................................
Quellen und Literatur

Archivalische Quellen

Bundesarchiv Berlin
NS 19 Persönlicher Stab Reichsführer-SS
NS 31 SS-Hauptamt
R6 Ministerium für die besetzten Ostgebiete
R43 II Reichskanzlei
R58 Reichssicherheitshauptamt
R 70 Frankreich SS- und Polizeidienststellen in Frankreich
R 70 Italien SS- und Polizeidienststellen in Italien
RuSHA Rasse- und Siedlungshauptamts-Akten
SSO SS-Offiziers-Akten
3200 NSDAP-Zentralkartei

Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg/B.
RH 2 Chef des Generalstabes des Heeres
RH 12-21 Feldzeuginspektion
RH 19 III Heeresgruppe C, Nord, Kurland
RH 19 V Heeresgruppe A, Südukraine, Süd, Ostmark
RH 19 VIII Panzerarmee Afrika
RH 20-11 11. Armee
RH 21-5 5. Panzerarmee
RH 22 Befehlshaber rückwärtige Heeresgebiete
RH 23 Kommandanten rückwärtige Armeegebiete
RH 24-68 Sonderstab Felmy
RH 24-200 Deutsches Afrikakorps
RH 53-23 Militärbefehlshaber im Generalgouvernement
RL2I Chef des Generalstabes der Luftwaffe
RL2II Luftwaffenführungsstab
RL2III Generalquartiermeister der Luftwaffe
RL7 Truppenführungsstäbe Gesamtluftwaffe
RM7 Seekriegsleitung
RW4 OKW, Wehrmachtführungsstab
RW5 OKW, Amt Ausland/Abwehr
RW34 OKW, Deutsche Waffenstillstandskommission
RW49 OKW, Dienststellen und Einheiten der Abwehr
N316 Nachlaß Eberhard Weichold
N475 Nachlaß Werner Junck
264 Quellen und Literatur

Bundesarchiv Koblenz
N 1146 Nachlaß Paul Leverkuehn

Bundesarchiv-Außenstelle Ludwigsburg
B162 Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung von
NS-Verbrechen. Da momentan eine Umwidmung der ursprünglichen
Aktenzeichen in Archivsignaturen erfolgt, kann eine einheitliche
Benennung nicht erfolgen.

Bundesarchiv-Zwischenarchiv Dahlwitz-Hoppegarten
ZR Dokumente zu RSHA und SD

Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes Berlin


BA 61123-68998 Akten des Auswärtigen Amtes, Dauerleihgabe aus dem Bundesarchiv
Berlin
R 27185 Dienststelle Ribbentrop
R 27266 Chef Auslandsorganisation
R 27322-27333 Handakten Ettel
R 27772-27828 Handakten Ritter
R 28877 Büro Reichsaußenminister
R 29533-29857 Büro Staatssekretär
R 29866-29948 Büro Unterstaatssekretär
R 60601-67674 Kulturabteilung
R78325-78338 Abteilung III
R 98813 Abteilung Inland I-D
R 99342-100134 Abteilung Inland II-A/B
R 100702-101101 Abteilung Inland II geheim
R102806-102974 Abteilung Pol. II
R 104776-104791 Abteilung Pol. VII
R 105187-105192 Abteilung Pol. XIII

Institut für Zeitgeschichte München


Nbg.Dok. Nürnberger Dokumente

The National Archives Kew


FO 371
HW 19
KV 2
WO 208

United States National Archives and Records Administration College Park/Maryland


Foreign Military Studies
RG 226 Records of the Office of Strategic Services

United States Holocaust Memorial Museum Washington D. C.


RG 71.005.D7 Nachlaß Robert Kempner
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Yad Vashem Archives Jerusalem


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Personenregister

(Das Register bezieht sich nur auf den Text)

Abdallah von Transjordanien 29, 46, 64 f., Chancellor, Sir John 19, 24
254 Churchill, Sir Winston 16, 39, 77, 81, 95, 125,
Abdul Illah 81, 250 129, 130, 175 f., 184, 186, 214, 235
Adenauer, Konrad 246, 278 Ciano, Graf Galeazzo 103
Agronsky, Gershon 177 Cicurell, Salvator 134
Alexander II. 11
Alexander, Sir Harold 156, 185 Däumer 145
Ali (Imam) 42, 157 Daluege, Kurt 225
Allenby, Sir Edmund 12 Darlan, François 82, 199 f.
Allende, Salvador 244 Dayan, Moshe 170, 174, 180
Andrews, Lewis 29 Deininger, Friedrich 240
Arafat, Jassir 163, 249 Dentz, Henri Fernand 82
Arajs, Viktor 146 Dill, Sir John 27
Arnim, Hans-Jürgen von 200 Dirlewanger, Dr. Oskar 234
Auchinleck, Sir Claude 85 Disraeli, Benjamin 50
Dittmann, Herbert 29, 32 f., 36, 61
Balfour, Lord Arthur 12 Doehle, Dr. Walter 26, 31 ff., 35, 51, 53, 59
Banna, Hassan al- 45, 160 Dönhoff, Marion Gräfin 247
Barbie, Klaus 215 Dschumblat, Kamal 251
Bauer, Yehuda 181 Durra, Joseph Said Abu 54
Begin, Menachem 247
Beisner, Wilhelm 97, 141, 144 f., 244 Eichmann, Adolf 59f., 67, 116 f., 152 f., 251
Beilaiche, Haim 205 Eisenhower, Dwight D. 199, 201, 218
Ben Gurion, David 166, 169 Eppler, Hans 159
Berger, Gottlob 120, 226, 229-232, 234, 237, Esteva, Jean-Pierre 200, 204 ff.
239 Ettel, Erwin 42, 84, 111 ff., 133, 154 f., 158,
Best, Georg 202f., 207, 245 194, 238, 247 f.
Blomberg, Axel von 83 Eylitz 239
Borgel, Moishe 205, 218
Bose, Subhas Chandra 153 Faber, Eugen 97 f., 240
Bourguiba, Habib 215 Faruk I. 43, 126
Brenner, Joseph Chaim 15 Fast, Waldemar 98
Buber, Martin 19, 30 Fegelein, Hermann 233
Bucerius, Gerd 247 Feisal II. 13, 81
Bürkner, Leopold 94 Fellers, Bonner F. 121
Felmy, Hellmuth 84, 90f., 100, 149ff., 191 ff.
Canaris, Wilhelm 61 ff., 79, 93 f., 193, 210 Fischer-Weth, Kurt 35, 37, 65
Chamberlain, Neville 32, 38f., 175 Frank, Werner 240
282 Personenregister

Gailani, Rashid Ali al- 77 f., 81-84, 91, 100, Husseini, Musa Kazem el-14, 16
105 f., 108-113, 129, 149, 150-153, 191 ff.,
197, 237, 250, 254 Ibn Saud 43, 46, 250
Gamotha, Roman 99, 194 Imam, Dr. Said abd al- 23, 54
Gartenfeld, Edmund 239
Gehlen, Reinhard 243 Jabotinsky, Wladimir 13, 166 f.
Ghazi 147 Jorda, Iwo 52, 73
Goebbels, Dr. Josef 63, 66, 100, 158, 237 Jost, Heinz 96
Göring, Hermann 63, 238 Junck, Werner 83
Gott, William 185
Gräfe, Dr. Heinz 96, 141 Kaltenbrunner, Ernst 120, 196, 239, 245
Granow, Dr. Hans-Ulrich 111, 150 Kawukschi, Fauzi el- 25, 61, 91, 99, 102, 110,
Graziani, Rodolfo 71, 76 149, 250
Grobba, Dr. Fritz 53, 59, 61 f., 78, 82ff., 91, Keitel, Wilhelm 63
93f., 99f., 106, Ulf., 152, 191, 240, 248 Kesselring, Albert 103, 185, 201
Groscurth, Helmuth 62 f. Khalidi, Dr. Hussein al- 23
Grunert 145 Khomeini (Ayatollah) 252
Kiram, Dr. Zeki 42
Haddad, Osman Kemal 78 f. Koenig, Pierre 124
Hadi, Auni Abd el- 22, 27, 51, 54 Kohlhaas, Wilhelm 64, 82
Hagen, Herbert 60, 97 Kossak-Raytenau, Karl 66
Halaby, Majid 162 f. Köstring, Ernst 223
Halifax, Lord 176 Kurmis, Martin 195 f., 239
Hamann, Joachim 146 Lahousen, Erwin 94, 105
Harder, Heinrich 202 f., 245
Hassan, Hanaf 50 Latif, Abdul 240
Hausding 145 Laval, Pierre 200
Hengeihaupt, Dr. Erich 96 Leverkuehn, Paul 94
Hentig, Werner von 52, 73 Levinthal, Louis 176
Herzl, Theodor 11 List, Wilhelm 191
Hest, Heinrich 65 Loba, Kurt 142f., 144, 244f.
Heydrich, Reinhard 60, 67, 89, 140, 243 Loßberg, Bernhard von 74
Heyer, Otto 238 Luther, Martin 117, 133
Hitler, Adolf 8, 20, 41-44, 47-55, 59 ff., 63,
66ff., 70f., 75f., 78 f., 81 f., 84f., 89f., 93, Mackensen, Hans von 79
100, 103 f., 106-110, 113, 120, 122, 125 f., Maher, Ahmed 242
131 f., 135, 137, 142, 144, 157 f., 166, 188- Mayer-Mader, Andreas 229 f., 234
191, 196 f., 199 f., 211 ff., 217 f., 223, 225, Mayr, Franz 98 f., 194 f.
227 ff., 231, 233, 241, 251, 253 Mazzolini, Serafino 131
Hoßbach, Friedrich 63 McDonald, Malcolm 39
Hoth, Franz 135, 141, 142, 143-145, 196, 245 McDonald, Ramsay 19
Hussain, Ahmad 45 f., 159 McMahon, Sir Henry 12
Husseini, Abd El-Qadir el- 23 Meinertzhagen, Richard 14
Husseini, Haj Amin Muhammad el-14 f., Melchers, Dr. Wilhelm 35, 54, 73, 116
19, 21, 29, 36, 50, 53, 60f., 77, 81, 83, 105- Mellini, Alberto 105
108, 110-116, 118 ff., 141, 149f., 152-156, Menge, Waldemar 143 f., 245
162, 187, 190, 192f., 209 ff., 216, 225 f., Messe, Giovanni 218
230f., 235, 237-240, 248f., 254 Meyer-Ricks, Hermann 85
Personenregister 283

Meyer-Zermatt 94 Raduan, Muhammad 159


Mildenstein, Itz Edler Leopold von 37, 66 f., Rahn, Rudolf 82, 85, 200, 204 ff., 209, 215
100 Raschid, Harun el- 234
Misri, Aziz Ali el-159 f. Rauff, Walther 138, 139-147, 150, 153, 163,
Model, Walter 200 186, 202-207, 218, 242-245
Moellhausen, Eitel Friedrich 215 Reichert, Dr. Franz 60
Mohammed (Prophet)17, 42, 51, 54, 66 Retzek, Helmut 224
Mond, Sir Alfred 46 Ribbentrop, Joachim von 74, 81 f., 85, 94,
Montgomery, Bernard 185, 187 ff., 201, 217 f. 100, 106, 108, 118, 127, 132, 135, 152, 191,
Moyzisch, Ludwig 98 247
Mourad Sid Ahmed Pascha 149 Rieth, Kurt 212, 214
Mussolini, Benito 50f., 69 f., 75, 105, 125, Ritchie, Neil 126
131, 134, 183, 211 Rommel, Erwin 67, 75 ff., 84-88, 91, 121-
128, 130-135, 137 f., 141, 152, 154, 156 f.,
Nashashibi, Ragheb 14, 22, 35 159 f., 162 f, 165, 176-180, 183-190, 201 f.,
Nasr Khan 195 211, 217
Nasser, Gamal Abdel 160 Roosevelt, Franklin D. 125, 129f., 213f.
Nehring, Walter 200f., 204f. Rosenberg, Alfred 44, 54
Neurath, Konstantin Freiherr von (RAM) Roser, Rudolf 95
58 Rothschild, Lord James 12
Neurath, Konstantin Freiherr von (VAA
PzAA) 87, 123, 126, 129, 135, 185 Saadeh, Antun 46
Niedermayer, Oskar Ritter von 91 Sadat, Anwar el- 87, 160, 251
Nogues, Charles 214 Sadeh, Itzak 173
Saevecke, Theo 202, 207, 218f., 245 ff.
Ohlendorf, Otto 223 Said, Nuri as- 78, 83
Oppenheim, Max von 101 Sakakini, Khalil as- 50
Oshima, Hiroshi 135 Salama, Hassan 240
Samuel, Sir Herbert 14, 28
Papen, Franz von 74, 78 f. Sandstede, Hans-Gerd 159
Passfield, Lord 19 Sanki, H. N. 113
Paucker, Arnold 165 Sauberzweig, Karl-Gustav 227, 231 f.
Paulus, Friedrich 196 Schattenfroh, Franz 22, 30f., 35, 52, 65, 102
Pavelic, Ante 225 Schellenberg, Walter 96, 133, 137, 157, 163,
Peel, Lord William Robert 27 239
Peres, Shimon 174 Schirach, Baldur von 47
Persky, Jizchak 174 Schmidt, Paul 106
Petain, Philippe 199 Schölling, Christoph 145
Phleps, Artur 225, 227 Schrumpf-Pierron 43, 101
Piekenbrock, Hans 62, 94 Schuback, Kurt 96
Pillasch 145 Schulze-Holthus, Dr. Julius Berthold 99,
Pinochet, Augusto 244 195 f., 239
Pohl, Friedrich 145, 207 Schumburg 61
Pradel, Friedrich 140 Seebohm, Alfred 183
Seifert, Hermann Erich 65
Qassam, Izz al-Din al- 23 f. 27, 37, 255 Seiler 53 f.
Qudwa, Abdul al-162 Seubert, Franz 94, 96
Qudwa, Rahman al-163 Shaw, Sir Walter 19
284 Personenregister

Shawkat, Dr. Sami 47 Weichs, Maximilian Freiherr von 191


Shawkat, Naji 47, 78 f. Weirauch, Peter 96
Shawkat, Saib 47 Weise, Hans-Joachim 97, 120, 141, 144 f., 153,
Spector, Tsvi 173 234, 244
Stalin, Josef 93, 184, 199 Weizmann, Dr. Chaim 22, 28, 39, 129f., 167,
Stark, Freya 83 169, 175 f.
Steffen, Hans 80 Weizsäcker, Ernst Freiherr von 79, 84, 106,
Steiner, Endre 117 109, 126
Stohrer, Eberhard von 101 Werth, Herbert 142 ff.
Streckenbach, Bruno 144, 243 Wieland, Kurt 240
Strojil 99 Wiesenthal, Simon 244
Suhr, Friedrich 153 Wilson, Sir Henry Maitland 179
Windisch, Stefan 231
Tito, Josip Broz 225, 228, 233 Wingate, Orde 168f., 173
Trumpeldor, Joseph 13 Winkler, Hans 123
Tunnat, Heinz 96 Wisliceny, Dieter 116 f.
Woermann, Dr. Ernst 75, 79, 93 f., 100 f.,
Vaux, Baron de 134 215
Vukelic, Josip 231 Wolff, Heinrich 49, 51
Wolff, Karl 137
Wakil, Dr. Mustafa al- 238 Woodhead, Sir John 32
Warlimont, Walter 100 Wuck, Dr. Karl 102
Wauchope, Sir Arthur 24 Wurst, Timotheus 51
Wavell, Sir Archibald 81, 85 Wüster 129
Ortsregister

(Das Register bezieht sich nur auf den Text)

Acroma 124 Bir Zeit 50


Agram (Zagreb) 97, 144, 226 Biserta 200 f.
Akko 12, 28, 73 Bludan 29
Aleppo 43, 161 Bonn 246
Alexandria 71, 73, 95, 126 f., 133 f., 242 Bordeaux 224
Algier 199, 224 Bremen 142
Alienstein 142 Breslau 224
Amman 12, 29, 46 Brunsbüttelkoog 141
Ankara 74, 78, 93f., 98, 177 Buerat 189, 201
Armsheim 202 Bukarest 117
Athen 70, 76, 80, 90, 95, 100, 138, 142-146,
153 f., 186 f., 202, 239f. Casablanca 48, 199, 215, 253
Chalon-sur-Saone 215
Baccarat 224 Cheylus 205
Bad Elster 248 Constantine 48
Bad Gastein 248 Constanza 171
Bagdad 12, 43, 46 f., 53, 59, 61 f„ 77 f., 80-84,
105, 162, 250, 253 Dachau 245 f.
Baku 191 Damaskus 12, 43, 46, 54, 85, 95, 162, 250f.,
Banja Luka 226 253
Bardia 71, 76, 86 Danzig 28
Bari 64, 152, 209 Darmstadt 246
Basra 81 f., 90 Derna 75, 77, 86, 134, 183
Beirut 29, 44, 53, 77, 82, 85, 95, 105, 157, Djedeida 201
250 f. Djerba 208
Benghasi 71, 75, 77, 86, 121, 189 Dresden 248
Bergisch Gladbach 244 Dünkirchen 69
Berlin 23f., 31 f., 53f., 58, 60f., 63f„ 69, 71, Düsseldorf 245
78 f., 81 f., 84, 91, 93, 97, 100 f., 105-120,
126, 135, 138, 142-145, 149, 153 f., 187, El Adem 124
195 f., 203, 205, 210, 221, 223 f., 226 f., El Agheila 71
240 f., 246, 248 El Alamein 127 ff., 131 f., 135, 138, 176, 178 f.
Bern 248 183-197, 237, 241
Bethlehem 28 Erbil 241
Beuthen 145 Fes 44
Bielefeld 238
Biesdorf 250 Frankfurt am Main 114, 203, 245 f.
Bir Hacheim 123 f.
286 Ortsregister

Gabes 48, 201 Magdeburg 139


Gambut 124 Mailand 219, 246 f.
Gaza 12, 162 f. Mainz 203, 245
Genf 149, 169 Marsa Matruh 126 f., 133, 137, 179, 183, 189
Gibraltar 69 Marseille 215
Graz 227 Medenine 217
Grosny 191 Medina 17
Großbeeren 142 Meiningen 248
Guben 231 Mekka 12, 17, 111
Memel 28, 195
Habbaniya 81 f. Metz 245
Haifa 12, 21, 23, 32-36, 50, 54, 66, 73, 116, Minsk 143, 230
162, 171 f., 174, 180f., 240 Mirgorod 222
Hamburg 202, 243 Mishmar Haemek 180
Hannover 96 Moskau 58, 103, 184, 248
Hebron 11, 18 Mossul 12, 47, 80, 82f., 162, 241
Homs 43 Mozdok 191
Msus 121
Iskenderun 156 Mudros 12
Istanbul 94, 98, 105 f., 149, 171, 238 München 33, 244
Münster 145
Jaffa 12, 15, 24, 33, 51, 67, 73
Jericho 240 Nablus 23, 240
Jerusalem 11-16, 18, 21, 28 f., 31 ff., 35, 37, Nancy 245
41, 46, 49ff., 59ff., 64, 68, 77, 98, 105, 152, Neapel 75, 218
165 f., 177, 238, 240, 249, 251 Neuhammer 228
Nürnberg 45, 47, 59, 239
Kairo 15, 30, 43 ff., 95, 101, 121-135, 159,
183 f., 190, 196, 242, 244, 248f., 253 Oran 199
Kantara 134 Oswitz 224
Kapstadt 134
Kauen (Kaunas/Kowno) 195 Palmyra 161
Kerak 46 Paris 41, 48, 112, 245, 248, 250
Khartum 158 Pearl Harbor 103
Kiel 142 Ploesti 76
Kirchheilingen 143 Poniatowa 234
Kirkuk 240 f. Pont du Fahs 201
Königsberg 96, 142 Posen 142, 202
Krakau 119, 145 Potsdam 91
Prag 63, 97, 140, 144
Landsberg am Lech 245 Preßburg (Bratislava) 116, 238
Le Puy 227 Punta Arenas 243
Legionowo 224
Leningrad 195 Radom 221
London 13, 22, 30, 38, 54, 252 Ramallah 50
Lübeck 202 Rembertow 221
Lublin 234 Riad 250
Riga 96, 146
Ortsregister 287

Rimini 243 Tarvisio 178


Rom 24, 69, 78 f., 81, 105, 111, 113, 122, 132, Teheran 42, 84, 95, 98f., 105 f., 194 ff.
193 Tel Aviv 15, 18, 21, 26, 28, 30, 32, 39, 73, 172,
Rostow 196 174, 177, 180, 237 f., 241
Tel Chai 13
Sachsenhausen 140, 153 Tetuan 94
Safed 11, 18 Thala 201
Saloniki 80, 94 Tiberias 11
Salzburg 244 Tiflis 191 f.
San Remo 13 Tivoli 142, 145
Santiago 243 Tobruk 71, 75 f., 85-88, 104, 123-126, 135,
Sarajewo 226 137 f., 153, 165, 176, 183, 187, 189
Sarona 240 Toulouse 224
Sevres 13 Tripolis 73, 75 f., 85, 121, 125, 173, 189
Sfax 207 Tromsö 143
Sidi Barrani 70, 189 Tulkarm 23
Sidi Muftah 124 Tunis 48, 199-205, 207 ff., 213, 216, 218, 224,
Simferopol 223 237, 245
Singapur 104 Turin 247
Sollum 76, 86, 189
Scusse 207 Versailles 41, 154
Stahnsdorf 142 Vichy 85, 174, 200, 204
Stalingrad 191, 196, 217, 223, 237
Stalino 192 Warschau 143, 145, 224, 234
Stettin 141 Washington 125, 176
Stuttgart 225 Wien 22, 59, 95, 97, 99, 102, 231, 241
Suez 69, 71, 73 f„ 86, 90, 92, 122, 127, 131- Wiesbaden 245
135, 137, 154, 164, 179, 183 Wolawapowska 142
Woronesch 135
Täbris 99
Tanger 94, 98, 212, 242 Zeesen 64, 209
Tarent 70 Zürich 28