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S

Bernd Wieser

Vergleichendes Verfassungsrecht

Springers KurzlehrbuÈcher
der Rechtswissenschaft

SpringerWienNewYork
ao. Univ.-Prof. DDr. Bernd Wieser
È sterreichisches, EuropaÈisches und Vergleichendes O
Institut fuÈr O È ffentliches Recht,
Politikwissenschaft und Verwaltungslehre, Karl-Franzens-UniversitaÈt Graz,
OÈ sterreich

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# 2005 Springer-Verlag/Wien
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ISSN 0723-5097
ISBN-10 3-211-27753-6 SpringerWienNewYork
ISBN-13 987-3-211-27753-9 SpringerWienNewYork
Vorwort

Die Rechtsvergleichung im Verfassungsrecht hat im deutschen Sprachraum eine lange


Tradition. Nichtsdestoweniger ist sie bis heute in Forschung und Lehre uÈber den
Rang einer Korollarwissenschaft nicht hinausgekommen. Sie steht zum einen gegen-
uÈber einer immer ausgefeilteren dogmatischen BeschaÈftigung mit dem nationalen Ver-
fassungsrecht und dessen theoretischer U È berhoÈhung durch die intensiv gepflogene
Disziplin der Allgemeinen Staatslehre zuruÈck. Zum anderen wird Rechtsvergleichung
oftmals schlicht mit Privatrechtsvergleichung gleichgesetzt; motiviert wird diese (uÈber-
zogene) Identifikation zumeist mit der ± auch von Vertretern des oÈffentlichen Rechts
nicht ganz abzustreitenden ± bisherigen Vorreiterrolle des Privatrechts in der rechts-
vergleichenden Forschung und Lehre. Das Abseitsstehen der Rechtsvergleichung im
Verfassungsrecht ± bzw nach der hier zugrunde gelegten Terminologie: des Verglei-
chenden Verfassungsrechts ± haÈngt zu einem guten Teil auch damit zusammen, dass
es schwierig ist, sich einen konzisen Einblick in das Fach zu verschaffen. Zwar gibt
es eine Reihe von uÈber die Jahrzehnte und alle moÈglichen Publikationsorgane ver-
streuten Abhandlungen uÈber die Methodik sowie eine Vielzahl von Einzelunter-
suchungen in Aufsatz- und monographischer Form. Eine einfuÈhrende zusammenfas-
sende Darstellung in deutscher Sprache fehlt indes. Ein solcher Leitfaden wird hiemit
vorgelegt.
Als erstes Lehrbuch des Vergleichenden Verfassungsrechts im deutschen Sprach-
raum traÈgt dieses Werk tastenden und suchenden Charakter. Es inventarisiert zum
Teil Bestehendes, in vielem muss es neue Wege einschlagen. Ob diese tragfaÈhig sind,
wird erst die Zukunft weisen. Als erstmaliger Versuch einer zusammenfassenden Dar-
stellung kann und will das Werk keine unumstoÈûlichen Wahrheiten aufstellen. Es soll
aber jedenfalls eine Lanze fuÈr das Fach brechen und mithelfen, den Boden fuÈr eine
intensivere Auseinandersetzung aufzubereiten. In diesem Sinn wendet sich das vorlie-
gende Buch zunaÈchst an ± schon uÈber Grundkenntnisse des nationalen Verfassungs-
rechts verfuÈgende ± Studierende der Rechtswissenschaften. Als Lehrunterlage fuÈr Vor-
lesungen und Seminare uÈber Vergleichendes Verfassungsrecht, wie sie etwa der Ver-
fasser bereits ein Jahrzehnt haÈlt, soll es in knapper, lesbarer Form die erforderlichen
Kenntnisse und Einsichten vermitteln. DaruÈber hinaus richtet sich das Buch an alle
Interessierten, die uÈber den Tellerrand des nationalen Verfassungsrechts hinaus-
schauen wollen. Rechtsvergleichung ± allgemein und im Bereich des Verfassungs-
rechts ± erweitert den juristischen Blick, sie beseitigt Vorurteile und foÈrdert die Rechts-
entwicklung. Sie bietet MoÈglichkeiten, die weder das Studium des Rechts eines einzel-
nen Landes noch eine rein begriffsmaÈûige allgemeine Rechtslehre zu gewaÈhren ver-
mag. Wenn dieses Buch dem Gegenstand neue Freunde erwirbt, hat es einen Gutteil
seines Zwecks erfuÈllt.
Untersuchungsgegenstand des vorliegenden Werks ist der demokratische europaÈ-
ische Verfassungsstaat der Gegenwart. Darunter werden hier nicht bloû die Verfassun-
gen Westeuropas verstanden. Die Darstellung schlieût die Behandlung der neuen Ver-
VI . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorwort

fassungen in den ost- und ostmitteleuropaÈischen Staaten mit ein, mehr noch: sie legt
sogar einen Schwerpunkt darauf. Mit der Transformation der vormals staatssozialisti-
schen LaÈnder in pluralistisch-rechtsstaatliche Demokratien nach ¹westeuropaÈischem
Musterª scheint im Nachklang zur Osterweiterung der EuropaÈischen Union das groûe
Wort des einheitlichen europaÈischen Verfassungsraums demokratischer PraÈgung weit-
gehend wahr geworden zu sein. Aus diesem Rahmen ± und damit auch aus der vorlie-
genden Untersuchung ± faÈllt im Grunde nur mehr die Verfassung Weiûrusslands, die ±
jedenfalls nach der Revision 1996 ± bedauerlicherweise nicht (mehr) dem demokrati-
schen Verfassungstypus zugerechnet werden kann; auch die verfassungsrechtliche
Sondersituation in Bosnien-Herzegowina laÈsst es angeraten erscheinen, von einer Dar-
stellung derzeit noch Abstand zu nehmen. Aus GruÈnden der U È bersichtlichkeit und der
Konzentration auf das Wesentliche werden ferner die Verfassungen der Kleinstaaten
Andorra, Island, Liechtenstein, Luxemburg, Malta, Monaco, San Marino und Vatikan
ausgeschieden. Auf der anderen Seite kann bei einer vergleichenden Analyse demo-
kratischer Verfassungen uÈber eine auûereuropaÈische Verfassung nicht hinweggesehen
werden: jene der USA. Sie stand 1787 mit an der Wiege des modernen Verfassungs-
staates uÈberhaupt, in ihrer modellpraÈgenden Kraft war sie Geburtshelferin fuÈr eine
Vielzahl anderer Verfassungen. Behandelt werden somit in diesem Buch die Verfas-
sungen bzw Verfassungsordnungen folgender 35 Staaten: Albanien, Belgien, Bulga-
rien, DaÈnemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Groûbri-
tannien, Irland, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Makedonien, Moldawien, Monte-
negro, Niederlande, Norwegen, O È sterreich, Polen, Portugal, RumaÈnien, Russland,
Schweden, Schweiz, Serbien, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, Ukraine,
Ungarn, USA. Ausgewertet werden hiebei nur die geltenden Verfassungen; fruÈhere
Verfassungen werden nur soweit behandelt, als deren Kenntnis fuÈr das VerstaÈndnis
der jeweils geltenden Verfassung unerlaÈsslich ist.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Einer EinfuÈhrung in die Grundlagen, insbe-
sondere in die Methodik des Vergleichenden Verfassungsrechts, folgt ein Abschnitt
¹Makrovergleichungª. Unter diesem Schlagwort sollen jene PhaÈnomene beschrieben
werden, die einer Verfassung bzw einer Verfassungsordnung gesamthaft anhaften,
wie zB die Art der Erlassung einer Verfassung oder die Gesamtklassifikation von Ver-
fassungen nach bestimmten formellen oder inhaltlichen Merkmalen. Im dritten
Abschnitt ¹Mikrovergleichungª sollen einzelne Verfassungsinstitutionen vergleichend
dargestellt werden. Dem ¹Experimentalcharakterª des Buches entsprechend, ist derzeit
exemplarisch erst das Kapitel uÈber die Verfassungsgerichtsbarkeit ausgefuÈhrt. Eine
weitere Entfaltung dieses Abschnittes in allfaÈlligen Neuauflagen soll von den mit der
gewaÈhlten Technik der Stoffvermittlung gewonnenen Erfahrungen abhaÈngig gemacht
werden.
Die vergleichende Darstellung des positiven Verfassungsrechts der behandelten
Staaten geht von folgender Perspektive aus: Jede dieser Verfassungsordnungen steht
vor der Aufgabe, Antworten auf grundsaÈtzlich aÈhnliche verfassungspolitische Frage-
stellungen zu finden (zB: Sollen grundlegende Werte der Verfassungsordnung beson-
ders geschuÈtzt werden, und wenn ja, welche und in welcher Weise? Soll das Parlament
eine zweite Kammer aufweisen, und wenn ja, welche Interessen sollen darin repraÈsen-
tiert werden und welche Funktion soll diese Kammer erfuÈllen? Wie soll die Verfas-
sungsmaÈûigkeit von Gesetzen sichergestellt werden?). Die in den Verfassungen der
einzelnen Staaten hiezu gefundenen LoÈsungen sind selten vollkommen identisch,
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VII

umgekehrt ist der Fundus an praktikablen Modellen bzw der ¹Vorrat von LoÈsungenª
(Zitelmann) zur BewaÈltigung eines bestimmten verfassungspolitischen Problems
doch ein begrenzter.
Gerade um den Aufweis des Kanons von unterschiedlichen Modellen zur Gestal-
tung verfassungsrechtlich relevanter Fragen geht es in diesem Buch. Ausgehend vom
positiven Rechtsmaterial wurde versucht, die Vielzahl der nationalen Regelungen zu
einer bestimmten Frage in induktiv-vergleichender Weise zu systematisieren und in
Kategorien zu buÈndeln. Aufgabe war es also, aus der Mannigfaltigkeit von Varianten,
die alle ihr individuelles Profil haben, die jeweils grundlegenden WesenszuÈge heraus-
zuarbeiten und danach die Gesamtheit der einschlaÈgigen Regelungen in Modelle zu
¹vertypenª. Dieses Verfahren wurde fuÈr einzelne verfassungsrechtliche Fragestellun-
gen, daruÈber hinaus noch weiter abstrahierend zum Zweck der Gesamtklassifikation
von Verfassungen und sogar von Verfassungsrechtskreisen angewandt. Dabei liegt es
auf der Hand, dass, wie bei jeder Typenbildung, vieles vergroÈbernd und vereinfa-
chend dargestellt werden muss; anderes wiederum ist eine Gewichtungsfrage. ¹End-
guÈltige Wahrheitenª koÈnnen daher nicht angeboten werden, sowohl bei der Bildung
und Abgrenzung eines Typus als auch der Zuordnung einer nationalen Regelung zu
einem bestimmten Modell mag man immer wieder durchaus verschiedener Meinung
sein.
Hinzuweisen ist weiters darauf, dass es bei der Illustrierung der einzelnen Rechts-
phaÈnomene mit konkretem Verfassungsmaterial schon aus RaumgruÈnden nicht darum
gehen kann, einen luÈckenlosen Nachweis aller hier behandelten Verfassungen zu fuÈh-
ren. Ein Beispiel: Wenn vom Verfahren der VerfassungsaÈnderung die Rede ist und
dabei eine Typologie der einzelnen hiebei eingesetzten Rechtstechniken entwickelt
wird, darf nicht die minutioÈse Darstellung des VerfassungsaÈnderungsverfahrens in
allen 35 in die Untersuchung einbezogenen Staaten erwartet werden. Die Belege sind
vielmehr exemplarische. Dabei wird eine breite und ausgewogene Streuung ange-
strebt. Es wurde insbesondere vermieden, eine bestimmte Verfassungsordnung ±
etwa die dem Verfasser besonders vertraute oÈsterreichische ± in den Vordergrund zu
stellen oder gar zum prototypischen Maûstab fuÈr die uÈbrigen Verfassungen zu stilisie-
ren.
Der Verfasser ist sich bewusst, dass ihm mit ziemlicher Sicherheit Fehler und IrrtuÈ-
mer unterlaufen sind. Die MaterialfuÈlle, die sehr unterschiedliche Informationslage,
die Sprachbarrieren, die Schnelllebigkeit auch des Verfassungsrechts und die
beschraÈnkte ArbeitskapazitaÈt einer Einzelperson moÈgen als GruÈnde hiefuÈr genannt
sein; sie sind aber keine Entschuldigungen. Hinweise auf Fehler, aber auch sonstige
Kritik und VerbesserungsvorschlaÈge ± auch und vor allem aus dem Kreis der Studie-
renden ± sind willkommen; sie moÈgen gerichtet werden an bernd.wieser@uni-graz.at.
Der Verfasser dankt allen, die ihm mit Rat und Tat zur Seite gestanden sind; beson-
derer Dank gebuÈhrt Frau Petra Nerat fuÈr die rasche und akkurate Besorgung der
Schreibarbeiten.

Graz, im Juni 2005 Bernd Wieser


Inhaltsverzeichnis

AbkuÈrzungsverzeichnis ................................................................................ XIII

1. Abschnitt: Grundlagen
1. Kapitel: Quellen zum Vergleichenden Verfassungsrecht ...................... 1
I. PrimaÈrquellen ................................................................................... 1
A. Die Verfassungen (authentische Texte) ............................................ 1
B. UÈ bersetzungen von Verfassungen ................................................... 3
II. SekundaÈrquellen ............................................................................... 4
A. Vergleichende Literatur .................................................................. 4
1. LehrbuÈcher, Gesamtdarstellungen, Fallsammlungen ....................... 4
2. Monographien, AufsaÈtze ............................................................. 7
3. Zeitschriften .............................................................................. 7
B. Nationalrechtliche Literatur ............................................................ 8
C. Judikatur ...................................................................................... 8

2. Kapitel: Kurze Geschichte des Vergleichenden Verfassungsrechts ....... 9


I. Die Entwicklung bis Anfang des 19. Jahrhunderts ................................ 9
II. Die Entwicklung von Anfang des 19. Jahrhunderts bis 1945 .................. 10
III. Die Entwicklung nach 1945 ............................................................... 12

3. Kapitel: Wesen und Funktionen des Vergleichenden Verfassungsrechts 15


I. Zur Rechtsvergleichung allgemein ...................................................... 15
A. Nationale und uÈbernationale Rechtswissenschaft .............................. 16
B. Die Rechtsvergleichung als Grundlagenfach .................................... 17
C. Das funktionelle Prinzip in der Rechtsvergleichung .......................... 20
D. Die Auswahl des Vergleichsobjekts ................................................. 20
E. Die Rechtsquellen ......................................................................... 22
È bernationale Systematik und Begrifflichkeit ...................................
F. U 22
G. Auslandsrechtskunde und Rechtsvergleichung ................................. 23
H. Makrovergleichung und Mikrovergleichung ..................................... 25
II. Das Vergleichende Verfassungsrecht ................................................... 26
A. GegenstaÈndliche Besonderheiten .................................................... 27
B. Zwecke ........................................................................................ 29
1. Wissenschaftliche Erkenntnis ...................................................... 29
2. Juristische Ausbildung und berufliche Qualifikation ...................... 31
3. FoÈrderung staatlicher Verfassungsgesetzgebung ............................ 32
4. Auslegungshilfe fuÈr nationale Verfassungsgerichte ......................... 33
5. Erkenntnisquelle im europaÈischen Gemeinschaftsrecht und im
VoÈlkerrecht ............................................................................... 37
X . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhaltsverzeichnis

6. Rechtsvereinheitlichung? ............................................................. 37
C. Methoden .................................................................................... 38
1. GrundsaÈtzliches ......................................................................... 38
2. Die institutionell-funktionelle und die problembezogen-
funktionelle Methode ................................................................. 39
3. Die methodischen Schritte im Einzelnen ...................................... 42
4. Kapitel: VerhaÈltnis des Vergleichenden Verfassungsrechts zu
verwandten Wissenschaftsdisziplinen .................................................. 44
I. Vergleichende Regierungslehre / Comparative Government .................. 44
II. Verfassungslehre ............................................................................... 44
III. Allgemeine Staatslehre ....................................................................... 45
IV. Rechtssoziologie ............................................................................... 46
V. Rechts- und Staatsphilosophie ............................................................ 46
VI. (Vergleichende) Verfassungsgeschichte ............................................... 47
VII. Verfassungspolitik ............................................................................. 47
VIII.Vergleichendes Verwaltungsrecht ........................................................ 48

2. Abschnitt: Makrovergleichung
5. Kapitel: Die Verfassung ........................................................................ 49
I. Verfassungsbegriff ............................................................................. 49
II. Verfassung im formellen und im materiellen Sinn ................................. 50
Exkurs: Die Verfassung Groûbritanniens ............................................. 51
III. Verfassungsinhalte ............................................................................ 53
IV. VerfassungsverstaÈndnis und Verfassungsinterpretation .......................... 54
V. Verfassungsrecht und Verfassungswirklichkeit ...................................... 55
VI. RelativitaÈt der nationalen Verfassungshoheit ........................................ 56
6. Kapitel: Die Verfassungserlassung ........................................................ 58
I. Entstehungsbedingungen von Verfassungen ........................................ 58
II. Die verfassunggebenden Organe ........................................................ 61
III. Die Ausarbeitung einer Verfassung ..................................................... 66
7. Kapitel: Verfassungskodifikation und Verfassungszersplitterung ........ 70
I. Der systematische Aufbau der Verfassungsurkunde .............................. 70
A. PraÈambeln .................................................................................... 70
B. Die Verfassungsurkunde ................................................................ 71
II. Modelle der Verfassungskodifikation ................................................... 74
A. Die vollstaÈndige Verfassungskodifikation ......................................... 74
B. Zentrale Verfassungsurkunde und begrenzter Kreis von Neben-
verfassungsgesetzen ...................................................................... 76
C. Die vollstaÈndige Verfassungszersplitterung ...................................... 79
8. Kapitel: Hierarchische Schichtung innerhalb von Verfassungen ......... 81
Inhaltsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XI

9. Kapitel: Die VerfassungsaÈnderung ....................................................... 85


I. Allgemeines .................................................................................... 85
II. UnabaÈnderliches Verfassungsrecht ..................................................... 86
III. Techniken der VerfassungsaÈnderung .................................................. 90
A. Vorbemerkung ............................................................................. 90
B. Die Initiative zur VerfassungsaÈnderung ........................................... 90
C. Die Beschlussfassungserfordernisse ............................................... 91
D. HaÈufigkeit von VerfassungsaÈnderungen .......................................... 96
IV. Der Verfassungswandel .................................................................... 97
10. Kapitel: Die Klassifikation von Verfassungen ...................................... 98
I. Geschriebene und ungeschriebene Verfassungen; Texteinheit und
Textmehrheit ................................................................................... 98
II. Starre und nachgiebige Verfassungen ................................................. 98
III. Rahmenhafte und ¹technischeª Verfassungen ...................................... 99
IV. ¹AÈ ltereª und ¹juÈngereª Verfassungen .................................................. 100
V. OriginaÈre und abgeleitete Verfassungen ............................................. 101
VI. Ideologisch-programmatische und utilitaÈre Verfassungen ..................... 102
VII. Konfessionelle und saÈkulare Verfassungen ......................................... 103
VIII.Normative, nominalistische und semantische Verfassungen .................. 103
11. Kapitel: Die Verfassungsrechtskreise .................................................. 105
I. Allgemeines: Die Lehre von den Rechtskreisen ................................... 105
II. Verfassungsrechtskreise: Versuch einer Einteilung ............................... 108
A. Vorbemerkungen: Terminologie und geographischer Rahmen .......... 108
B. Die ungeeigneten Klassifikationskriterien ....................................... 109
C. Das zentrale Klassifikationskriterium: Die Verfassungsgerichtsbarkeit 112

3. Abschnitt: Mikrovergleichung
12. Kapitel: Die Verfassungsgerichtsbarkeit .............................................. 117
I. Strukturtypen der Verfassungsgerichtsbarkeit ...................................... 118
A. GrundsaÈtzliches ........................................................................... 118
B. Staaten ohne Verfassungsgerichtsbarkeit ......................................... 120
C. Staaten mit diffuser Normenkontrolle ............................................. 121
D. Die Entwicklung der konzentrierten Normenkontrolle ..................... 124
II. Organisation der Verfassungsgerichte ................................................. 127
A. Anzahl der Verfassungsrichter ....................................................... 127
B. Bestellmodus ............................................................................... 127
C. Amtsdauer der Verfassungsrichter .................................................. 130
D. Qualifikationsvoraussetzungen ...................................................... 131
E. Rechtsstellung der Verfassungsrichter ............................................. 132
III. Kompetenzen der Verfassungsgerichte ............................................... 133
A. Normenkontrolle ......................................................................... 133
1. PruÈfungszeitpunkt ..................................................................... 133
XII . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhaltsverzeichnis

2. PruÈfobjekte und PruÈfmaûstab ..................................................... 136


3. Anfechtungslegitimation ............................................................ 138
4. Entscheidungswirkungen ........................................................... 140
B. Die Individualverfassungsbeschwerde ............................................ 141
C. Kompetenzgerichtsbarkeit ............................................................ 142
D. Wahlgerichtsbarkeit ...................................................................... 143
E. Staatsgerichtsbarkeit ..................................................................... 144
F. Entscheidung uÈber Parteiverbot ..................................................... 145
G. Sonstige Kompetenzen ................................................................. 146
Sachverzeichnis .............................................................................................. 147
Abku
È rzungsverzeichnis

aaO am angefuÈhrten Ort


ABl Amtsblatt (der EuropaÈischen Gemeinschaften)
Abs Absatz
aF alte Fassung
al alii (andere)
alb albanische(r, s)
Anm Anmerkung
AoÈR Archiv des oÈffentlichen Rechts
arg argumento (folgt aus)
Art Artikel
Aufl Auflage

BayVBl Bayrische VerwaltungsblaÈtter


Bd Band
BGBl Bundesgesetzblatt
belg belgische(r, s)
brit britische(r, s)
bulg bulgarische(r, s)
BV Bundesverfassung (schweiz)
BVerfG Bundesverfassungsgericht (dt)
B-VG Bundes-Verfassungsgesetz (oÈst)
bzw beziehungsweise

ca circa

daÈn daÈnische(r, s)
ders derselbe
dgl dergleichen
dh das heiût
dies dieselbe(n)
dJ des Jahres
DO ÈV Die OÈ ffentliche Verwaltung
dt deutsche(r, s)

EECR East European Constitutional Review


EG EuropaÈische Gemeinschaft
EGMR EuropaÈischer Gerichtshof fuÈr Menschenrechte
EGV EG-Vertrag (Vertrag zur GruÈndung der EuropaÈischen Gemeinschaft)
EMRK EuropaÈische Menschenrechtskonvention
Erk Erkenntnis
XIV . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . AbkuÈrzungsverzeichnis

est estnische(r, s)
etc et cetera
EU EuropaÈische Union
EuGH EuropaÈischer Gerichtshof
EuGRZ EuropaÈische Grundrechte-Zeitschrift
EWR EuropaÈischer Wirtschaftsraum
EZO ÈR EuropaÈische Zeitschrift des oÈffentlichen Rechts

f und der (die) folgende


ff und die folgenden
finn finnische(r, s)
FN Fuûnote
fr franzoÈsische(r, s)
FS Festschrift

gem gemaÈû
GG Grundgesetz (dt)
gr griechische(r, s)
GS GedaÈchtnisschrift

hA herrschende Ansicht
hL herrschende Lehre
hM herrschende Meinung
Hrsg Herausgeber
hrsg herausgegeben
idF in der Fassung
idgF in der geltenden Fassung
idR in der Regel
ie id est (das ist)
ieS im engeren Sinne
IJCL International journal of constitutional law
insb insbesondere
ir irische(r, s)
iS im Sinne
iSd im Sinne der (des)
iSv im Sinne von (vom)
it italienische(r, s)
iVm in Verbindung mit
iwS im weiteren Sinne

JA Juristische ArbeitsblaÈtter
JBl Juristische BlaÈtter
JCLECE Journal of Constitutional Law in Eastern and Central Europe
JOR Jahrbuch fuÈr Ostrecht
ÈR
JO Jahrbuch des O È ffentlichen Rechts
Jud Judikatur
JuS Juristische Schulung
JZ Juristenzeitung
AbkuÈrzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XV

Kap Kapitel
kroat kroatische(r, s)

leg cit legis citatae (der zitierten Vorschrift)


lett lettische(r, s)
lit litauische(r, s); litera (Buchstabe)
Lit Literatur
lt laut

mak makedonische(r, s)
maW mit anderen Worten
mN mit Nachweisen
mold moldawische(r, s)
mont montenegrinische(r, s)
mwH mit weiteren Hinweisen
mwN mit weiteren Nachweisen

nied niederlaÈndische(r, s)
NJW Neue Juristische Wochenschrift
norw norwegische(r, s)
Nov Novelle
Nr Nummer

oaÈ oder aÈhnliche(r, s)


OE Osteuropa
OER Osteuropa-Recht
OÈ JZ OÈ sterreichische Juristen-Zeitung
oÈst oÈsterreichische(r, s)

Pkt Punkt
poln polnische(r, s)
port portugiesische(r, s)

RabelsZ Rabels Zeitschrift fuÈr auslaÈndisches und internationales Privatrecht


RCEEL Review of Central and Eastern European Law
RDP Revue du droit publique et de la science politique
RIDC Revue internationale de droit compareÂ
RL Richtlinie
ROW Recht in Ost und West
Rsp Rechtsprechung
rum rumaÈnische(r, s)
russ russische(r, s)
Rz Randzahl

s siehe
schw schwedische(r, s)
schweiz schweizerische(r, s)
serb serbische(r, s)
XVI . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . AbkuÈrzungsverzeichnis

slowak slowakische(r, s)
slowen slowenische(r, s)
sog sogenannte(r, s)
sp spanische(r, s)
Sp Spalte
StW Stichwort

tschech tschechische(r, s)

ua und andere(r, s); unter anderem(n)


uaÈ und aÈhnliche(r, s)
UAbs Unterabsatz
udgl und dergleichen
ukr ukrainische(r, s)
ung ungarische(r, s)
usw und so weiter
uU unter UmstaÈnden
uzw und zwar

va vor allem
Vf Verfassung
vgl vergleiche
VRU È È bersee
Verfassung und Recht in U
vs versus (gegen)

WGO Die wichtigsten Gesetzgebungsakte in den LaÈndern Ost- und


SuÈdosteuropas ± Monatshefte fuÈr osteuropaÈisches Recht
WiRO Wirtschaft und Recht in Osteuropa

Z Zahl, Ziffer
ZaoÈRV Zeitschrift fuÈr auslaÈndisches oÈffentliches Recht und VoÈlkerrecht
zB zum Beispiel
ZfRV Zeitschrift fuÈr Rechtsvergleichung
zit zitiert
ZOÈR È sterreichische) Zeitschrift fuÈr oÈffentliches Recht
(O
ZParl Zeitschrift fuÈr Parlamentsfragen
ZRph Zeitschrift fuÈr Rechtsphilosophie
ZVglRWiss Zeitschrift fuÈr Vergleichende Rechtswissenschaft
1. Abschnitt: Grundlagen

1. Kapitel: Quellen zum Vergleichenden Verfassungsrecht


I. PrimaÈrquellen

A. Die Verfassungen (authentische Texte)

Ausgangspunkt jeglicher vergleichender BeschaÈftigung mit fremden Verfassungen sind


die Verfassungstexte. Die Verfassungen Europas und die Vf-USA stammen aus sehr
unterschiedlichen Epochen. In der Regel wurden sie ± ebenso wie ihre AÈ nderungen ±
in den jeweiligen nationalen GesetzblaÈttern kundgemacht. FuÈr die in diesem Buch
betrachteten Staaten sind in alphabetischer Reihenfolge folgende Verfassungen zu
nennen (das Datum verweist, je nach nationaler Bezeichnungstradition, auf die Verab-
schiedung oder ± seltener ± auf die Kundmachung oder das Inkrafttreten): 1
± Gesetz uÈber die Verfassung der Republik Albanien vom 22. November 1998 (fortan
alb Vf);
± Die koordinierte Verfassung Belgiens vom 17. Februar 1994 (belg Vf);
± Verfassung der Republik Bulgarien vom 12. Juli 1991 (bulg Vf);
± Verfassung des KoÈnigreiches DaÈnemark vom 5. Juni 1953 (daÈn Vf);
± Grundgesetz fuÈr die Bundesrepublik Deutschland vom 23. Mai 1949 (dt GG);
± Verfassung der Republik Estland vom 28. Juni 1992 (est Vf);
± Finnlands Grundgesetz vom 11. Juni 1999 (finn Vf);
± Verfassung der Republik Frankreich vom 4. Oktober 1958 (fr Vf);
± Verfassung der Republik Griechenland vom 9. Juni 1975 (gr Vf);
± Verfassung der Republik Irland vom 1. Juli 1937 (ir Vf);
± Verfassung der Republik Italien vom 22. Dezember 1947 (it Vf);
± Verfassung der Republik Kroatien vom 22. Dezember 1990 (kroat Vf);
± Verfassung der Republik Lettland vom 15. Februar 1922 ± wieder vollstaÈndig
anwendbar seit 6. Juli 1993 (lett Vf);
± Verfassung der Republik Litauen vom 25. Oktober 1992 (lit Vf);
± Verfassung der Republik Makedonien vom 17. November 1991 (mak Vf);
± Verfassung der Republik Moldawien vom 29. Juli 1994 (mold Vf);
± Verfassung der Republik Montenegro vom 12. Oktober 1992 (mont Vf);
± Verfassung des KoÈnigreiches der Niederlande vom 17. Februar 1983 (nied Vf);
± Verfassung des KoÈnigreiches Norwegen vom 17. Mai 1814 (norw Vf);
± Bundesverfassungs-Gesetz der Republik O È sterreich vom 1. Oktober 1920 (oÈst
B-VG);

1 Kundmachungsnachweise bezuÈglich der ost- und ostmitteleuropaÈischen Verfassungen fin-


den sich bei Roggemann (Hrsg), Die Verfassungen Mittel- und Osteuropas, Berlin 1999, 73 ff.
2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Kapitel: Quellen zum Vergleichenden Verfassungsrecht

± Verfassung der Republik Polen vom 2. April 1997 (poln Vf);


± Verfassung der Republik Portugal vom 2. April 1976 (port Vf);
± Verfassung von RumaÈnien vom 21. November 1991 (rum Vf);
± Verfassung der Russischen FoÈderation vom 12. Dezember 1993 (russ Vf);
± Verfassung des KoÈnigreiches Schweden vom 1. Januar 1975 (schw Vf);
± Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999
(schweiz BV);
± Verfassung der Republik Serbien vom 28. September 1990 (serb Vf);
± Verfassung der Slowakischen Republik vom 16. September 1992 (slowak Vf);
± Verfassung der Republik Slowenien vom 23. Dezember 1991 (slowen Vf);
± Verfassung des KoÈnigreiches Spanien vom 29. Dezember 1978 (sp Vf);
± Verfassung der Tschechischen Republik vom 16. Dezember 1992 (tschech Vf);
± Verfassung der Ukraine vom 28. Juni 1996 (ukr Vf);
± Verfassung der Republik Ungarn vom 20. August 1949 ± Neubekanntmachung vom
24. August 1990 (ung Vf);
± Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika vom 17. September 1787 (Vf-
USA).
Das Vereinigte KoÈnigreich von Groûbritannien und Nordirland besitzt keine zen-
trale Verfassungsurkunde (s dazu 5. Kap, Exkurs).
In allen LaÈndern sind Textausgaben der Verfassung in der jeweils geltenden Fas-
sung verfuÈgbar. In gesammelter, zumeist auch in aktueller Form finden sich die origi-
nalsprachlichen Verfassungstexte bei:
± Flanz (Hrsg), Constitutions of the Countries of the World, New York 1971 ff (Lose-
blatt).

Ein leichterer Zugriff ist heute uÈber das Internet moÈglich. So sind zahlreiche origi-
nalsprachliche Verfassungstexte (allerdings nicht immer in der aktuellen Fassung) uÈber
die Adressen http://confinder.richmond.edu/, http://www.uni-trier.de/~ievr/constitu
tions/worldconstitutions.htm oder http://www.constitution.org/cons/natlcons.htm
zentral abrufbar. Ein Zugriff zu einem originalsprachlichen (und aktuellen) Verfas-
sungstext ist nahezu flaÈchendeckend auch uÈber die Parlamentshomepage bzw die
Regierungshomepage des jeweiligen Landes moÈglich; ein zentraler Einstieg in die Par-
lamentshomepages eroÈffnet sich uÈber die Adresse http://www.ipu.org/english/parl
web.htm, in die Regierungshomepages uÈber die Adresse http://www.gksoft.com/
govt/en/.
Hinzuweisen ist darauf, dass es in zahlreichen Staaten neben der zentralen Verfas-
sungsurkunde noch Nebenverfassungsgesetze gibt (dazu 7. Kap, II.B.). Diese sind
in den jeweiligen nationalen Gesetzesausgaben mitabgedruckt, teilweise sind sie
auch uÈber die oben genannten Internet-Adressen verfuÈgbar. Bei einer vertieften
BeschaÈftigung mit der Verfassungsordnung eines bestimmten Staates wird man ferner
nicht umhinkommen, auch Ausfu È hrungsvorschriften zur Verfassung ± wie etwa
parlamentarische GeschaÈftsordnungen oder Gesetze uÈber das Verfassungsgericht ± in
die Betrachtung miteinzubeziehen. Derartige Rechtsquellen sind jedenfalls in den
lokalen Gesetzesausgaben nachlesbar, im Internet kann sich ein Zugang uÈber ein-
schlaÈgige Homepages (etwa des Parlaments ± s oben ± oder des Verfassungsgerichts)
oder uÈber Rechtsdatenbanken ergeben.
I. PrimaÈrquellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3

B. UÈbersetzungen von Verfassungen

Eine intensivere Auseinandersetzung mit der Verfassungsordnung eines bestimmten


Staates sollte auf Kenntnissen der jeweiligen Landessprache aufbauen. Mindestens
bei sprachlich ¹entlegenerenª Verfassungsordnungen wird dies nicht immer der Fall
sein koÈnnen. Je mehr Verfassungen in eine Analyse einbezogen werden, desto schwie-
riger wird es fuÈr einen Bearbeiter, mit den Sprachkenntnissen mithalten zu koÈnnen.
Eine Untersuchung (wie die vorliegende), die als Vergleichsbasis etwa gar alle
(wesentlichen) Verfassungen Europas gewaÈhlt hat, wird ± jedenfalls wenn sie von
einer Einzelperson durchgefuÈhrt wird ± die reine Lehre des Arbeitens an den authenti-
schen Texten weitgehend unberuÈcksichtigt lassen muÈssen. Den Verfassungsrechtler,
der portugiesisch gleichermaûen wie finnisch, ukrainisch wie ungarisch, und daruÈber
hinaus noch zwei Dutzend weitere Sprachen beherrscht, gibt es naÈmlich nicht.
Man wird daher bei der rechtsvergleichenden Arbeit haÈufig auf U È bersetzungen
zuruÈckgreifen muÈssen. U È bersetzungen fremder Verfassungen in die deutsche Sprache
finden sich verstreut in den einschlaÈgigen wissenschaftlichen Zeitschriften (s unten
II.A.3.), vereinzelt auch in Buchform. Im Internet ist auf den unter A. erwaÈhnten
Homepages in aller Regel auch eine U È bersetzung der Verfassung in eine breiter
zugaÈngliche, meist in die englische Sprache aufgenommen. U È ber die Adresse http://
www.oefre.unibe.ch/law/icl/index.html sind zahlreiche Verfassungen auf englisch
abrufbar, http://www.verfassungen.de bietet U È bersetzungen in die deutsche Sprache.
È bersetzung geachtet wer-
In allen FaÈllen muss allerdings genau auf die AktualitaÈt der U
den.
Ungeachtet der MoÈglichkeiten des Internet sind bei der taÈglichen Arbeit Samm-
lungen von uÈbersetzten Verfassungstexten in gedruckter Form aÈuûerst hilfreich. An
solchen Verfassungssammlungen sind in deutscher Sprache zu nennen:
± Kimmel/Kimmel (Hrsg), Verfassungen der EU-Mitgliedstaaten5, MuÈnchen 2000;
± Roggemann (Hrsg), Die Verfassungen Mittel- und Osteuropas, Berlin 1999.
Mit diesen beiden (relativ) aktuellen, handlichen und preiswerten BaÈnden, die
auch jeweils einen vergleichenden Einleitungsteil aufweisen, werden nahezu alle Ver-
fassungen Europas abgedeckt. 2
Hingewiesen sei ferner auf die vierbaÈndige Ausgabe von:
± Brunner (Hrsg), Verfassungs- und Verwaltungsrecht der Staaten Osteuropas ± VSO,
Berlin 1995 ff (Loseblatt).
Dieses Werk enthaÈlt auch Nebenverfassungsgesetze und AusfuÈhrungsgesetze zu
den Verfassungen in deutscher U È bersetzung. Allerdings wurden die Nachlieferungen
1999 eingestellt, sodass es teilweise nicht mehr auf aktuellem Stand ist.

2 Die in diesen beiden BaÈnden aufgenommenen VerfassungsuÈbersetzungen werden grund-


saÈtzlich auch dem vorliegenden Buch zugrunde gelegt; nur bei einer offenkundigen SchwaÈche
einer U È bersetzung ± und selbstredend dann, wenn der Text durch Verfassungsnovellierungen
uÈberholt ist ± wird von dieser abgewichen. BezuÈglich der norw Vf wird auf die deutsche U È ber-
setzung in http://odin.dep.no/odin/tysk/om_odin/spm/032005-990123/index-dok000-b-n-
a.html, hinsichtlich der Vf-USA hilfsweise auf die UÈ bersetzung in http://www.aktivepolitik.de/
verfassung.htm zuruÈckgegriffen.
4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Kapitel: Quellen zum Vergleichenden Verfassungsrecht

In englischer Sprache ist zunaÈchst das monumentale, 20baÈndige Werk


± Flanz (Hrsg), Constitutions of the Countries of the World, New York 1971 ff (Lose-
blatt),
zu erwaÈhnen. Der besondere Wert dieser Sammlung liegt neben ihrer umfassenden
Anlage vor allem darin, dass sie durch laufende ErgaÈnzungslieferungen auf einem rela-
tiv neuen Stand gehalten wird. Neben einer englischen U È bersetzung ist ± wie schon
unter A. erwaÈhnt ± jeweils auch der originalsprachliche Verfassungstext aufgenom-
men.
Genannt seien ferner:
± Constitutions of Europe. Texts Collected by the Council of Europe Venice Commis-
sion, Leiden/Boston 2004;
± The International Institute for Democracy (Hrsg), The rebirth of democracy. 12 con-
stitutions of central and eastern Europe2, Strassburg 1996.
In franzoÈsischer Sprache ist hinzuweisen auf:
± DelpeÂreÂe/Verdussen/Biver, Recueil des constitutions europeÂennes, BruÈssel 1994;
± Grewe/Oberdorff, Les constitutions des Etats de l'Union europeÂenne, Paris 1999;
± Lesage (Hrsg), Constitutions d'Europe centrale, orientale et balte, Paris 1995.
Auf italienisch liegen vor:
± Costituzioni straniere contemporanee I ± Le costituzioni di dieci stati di ¹democra-
zia stabilizzataª6, Mailand 1994, II ± Le costituzioni di sette stati di recente ristruttu-
razione6, Mailand 1996;
± Palici di Suni Prat/Cassella/Comba (Hrsg), Le costituzioni dei paesi dell'Unione
Europea2, Mailand 2001.
An spanischsprachigen Sammlungen ist hinzuweisen auf:
± Cascajo Castro, Constituciones extranjeras contemporaÂneas3, Madrid 1994;
± Rubio Llorente/Daranas PelaÂez (Hrsg), Constituciones de los estados de la UnioÂn
Europea, Barcelona 1997.
In tschechischer Sprache sind erschienen:
± KlokocÏka/WagnerovaÂ, UÂstavy staÂtuÊ Evropske unie I2, Prag 2004;
± PavlõÂcÏek ua, Transformace uÂstavnõÂch systeÂmuÊ zemõÂ strÏednõÂ a vychodnõÂ Evropy III,
Prag 2001.
Eine russischsprachige Sammlung ist:
± Maklakov (Hrsg), Konstitucii zarubezÏnych gosudarstv. UcÏebnoe posobie4, Moskau
2003.

II. SekundaÈrquellen

A. Vergleichende Literatur

1. LehrbuÈcher, Gesamtdarstellungen, Fallsammlungen

FuÈr den deutschen Sprachraum kann, wie schon im Vorwort erwaÈhnt, auf dem
Gebiet des Vergleichenden Verfassungsrechts auûer dem vorliegenden auf kein wei-
II. SekundaÈrquellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5

teres Lehrbuch stricto sensu verwiesen werden. 3 Zu nennen sind aber die Skripten
von:
± HaÈfelin/Haller, AuslaÈndisches und vergleichendes Verfassungsrecht, ZuÈrich 2002;
È hlinger, Vergleichendes Verfassungsrecht, Wien 1986.
± O
Mehrere dutzend rechtsvergleichend gearbeitete AufsaÈtze des gegenwaÈrtig wohl
bedeutendsten Verfassungsvergleichers deutscher Sprache, Peter HaÈberle, sind in einer
Reihe umfangreicher SammelbaÈnde zusammengestellt, die derart ± jeder fuÈr sich und
alle zusammen ± ein groû angelegtes System des Vergleichenden Verfassungsrechts
bilden. Zu diesen Werken gehoÈren:
± HaÈberle, Rechtsvergleichung im Kraftfeld des Verfassungsstaates, Berlin 1992;
± HaÈberle, EuropaÈische Rechtskultur, Baden-Baden 1994;
± HaÈberle, EuropaÈische Verfassungslehre in Einzelstudien, Baden-Baden 1999.
Monographisch gearbeitet sind die umfangreichen BaÈnde:
± HaÈberle, Verfassungslehre als Kulturwissenschaft2, Berlin 1998;
± HaÈberle, EuropaÈische Verfassungslehre2, Baden-Baden 2004.
Die englischsprachigen ± vorwiegend amerikanischen ± Gesamtdarstellungen sind
stark fallorientiert; uÈber weite Strecken enthalten sie AuszuÈge aus Urteilen von (Verfas-
sungs-)Gerichten verschiedener Staaten. Zu nennen sind:
± Cappelletti/Cohen, Comparative Constitutional Law. Cases and Materials, Indiana-
polis/New York/Charlottesville 1979;
± Dorsen/Rosenfeld/SajoÂ/Baer, Comparative Constitutionalism. Cases and Materials,
St. Paul 2003;
± Finer/Bogdanor/Rudden, Comparing Constitutions, Oxford 1995;
± Jackson/Tushnet, Comparative Constitutional Law, New York 1999.
Eine vergleichende Darstellung von 18 westeuropaÈischen Verfassungen in franzoÈsi-
scher Sprache haben vorgelegt:
± Grewe/Ruiz Fabri, Droits constitutionnels europeÂens, Paris 1995.
Der franzoÈsischen Ausbildungstradition entsprechend, enthalten zudem zahlreiche
LehrbuÈcher des Verfassungsrechts einen (teils umfangreichen) verfassungsverglei-
chenden Abschnitt.
In italienischer Sprache liegen folgende Werke vor:
± Biscaretti di Ruffia, Introduzione al diritto costituzionale comparato6, Mailand
1988;
± de Vergottini, Diritto costituzionale comparato6, Padua 2004;
± Morbidelli, Lezioni di diritto pubblico comparato. Costituzioni e costituzionalismo,
Bologna 2001;
± Morbidelli/Pegoraro/Reposo/Volpi, Diritto costituzionale italiano e comparato2,
Bologna 1997;
± Morbidelli/Pegoraro/Reposo/Volpi, Diritto pubblico comparato, Turin 2004;
± Pegoraro/Reposo/Fusaro, Diritto comparato pubblico e costituzionale2, Turin 2003.

3 Allerdings sind anders benannte Werke der Sache nach stark verfassungsvergleichend aus-
gerichtet. Dies gilt namentlich fuÈr Loewenstein, Verfassungslehre2, TuÈbingen 1969; Koja, Allge-
meine Staatslehre, Wien 1993; Haller/KoÈlz, Allgemeines Staatsrecht2, Basel/Genf/MuÈnchen 1999.
6 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Kapitel: Quellen zum Vergleichenden Verfassungsrecht

Reichhaltig ist auch das spanischsprachige Schrifttum:


± Garcia-Pelayo, Derecho constitucional comparado, Madrid 1999;
± Lopez Garrido/Masso Garrote/Pegoraro, Nuevo derecho constitucional comparado,
Valencia 2000;
± SaÂnchez Agesta, Curso de derecho constitucional comparado7, Madrid 1988;
± Tenorio SaÂnchez, IntroduccioÂn al derecho constitucional comparado2, Madrid
1998.
Ein einschlaÈgiges Werk in portugiesischer Sprache ist:
± Dantas, Direito constitucional comparado. IntroducËaÄo ± Teoria e metodologia, Rio
de Janeiro 2000.
Auf niederlaÈndisch liegen vor:
± Koopmans, Vergelijkend publiekrecht2, Deventer 1986;
± Prakke/Kortmann (Hrsg), Het staatsrecht van de landen van de Europese unie6,
Deventer 2004 (von dieser Ausgabe gibt es auch eine englische U È bersetzung:
Prakke/Kortmann [Hrsg], Constitutional law of 15 EU member states, Deventer
2004).
In rumaÈnischer Sprache sind zu nennen:
± Duculescu/Calinoiu, Drept constitutional comparat, Bukarest 2002;
± Ionescu, Sisteme constitutionale contemporane, Bukarest 1994.
Auf tschechisch liegt vor:
± BlahozÏ/BalasÏ/KlõÂma, SrovnaÂvacõÂ uÂstavnõÂ praÂvo2, Prag 2003.
Ausgesprochen umfangreich ist die einschlaÈgige russischsprachige Literatur:
± Alebastrova, Konstitucionnoe pravo zarubezÏnych stran. UcÏebnoe posobie, Moskau
2001;
± Aranovskij, Gosudarstvennoe pravo zarubezÏnych stran. UcÏebnik dlja vuzov4, Mos-
kau 2001;
± Baglaj/Lejbo/Entin (Hrsg), Konstitucionnoe pravo zarubezÏnych stran. UcÏebnik dlja
vuzov2, Moskau 2005;
Ï irkin, Konstitucionnoe pravo zarubezÏnych stran. UcÏebnik3, Moskau 2004;
± C
Ï irkin, Konstitucionnoe pravo zarubezÏnych stran. Praktikum, Moskau 2000;
± C
Ï irkin, Osnovy sravnitel'nogo gosudarstvovedenija. UcÏebnyj kurs, Moskau 1997;
± C
Ï udakov, Konstitucionnoe (gosudarstvennoe) pravo zarubezÏnych stran. Kurs lek-
± C
cij, Minsk2 2001;
± Engibarjan/Tadevosjan, Konstitucionnoe pravo. UcÏebnik dlja vuzov, Moskau 2000;
± KovacÏev (Hrsg), Konstitucii gosudarstv VostocÏnoj Evropy. UcÏebnoe i spravocÏnoe
posobie, Moskau 1996;
± KuncevicÏ, Sravnitel'noe konstitucionnoe pravo. UcÏebnoe posobie, Minsk 1998;
± LucÏin/VasievicÏa/Prudnikova (Hrsg), Konstitucionnoe pravo zarubezÏnych stran.
UcÏebnik dlja vuzov, Moskau 2001;
± Maklakov (Hrsg), Inostrannoe konstitucionnoe pravo, Moskau 1996;
± MisÏin, Konstitucionnoe pravo zarubezÏnych stran. UcÏebnik11, Moskau 2004;
± Rossijskaja Akademija Nauk. Institut Gosudarstva i Prava (Hrsg), Sravnitel'noe kon-
stitucionnoe pravo2, Moskau 2002;
II. SekundaÈrquellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

Ï ast'
± StrasÏun (Hrsg), Konstitucionnoe (gosudarstvennoe) pravo zarubezÏnych stran. C
obsÏcÏaja. UcÏebnik3, Moskau 1999;
± Timofeeva, Konstitucionnoe pravo zarubezÏnych stran. Kurs lekcij, Moskau 2004.

2. Monographien, AufsaÈtze

Die verfassungsvergleichenden Monographien und AufsaÈtze sind unuÈberschaubar.


Von einer Auflistung soll an dieser Stelle daher abgesehen werden. 4 Die genannten
Quellen ± mit Schwerpunkt auf der juÈngeren Literatur (ab ca 1960) ± werden jedoch
im thematischen Zusammenhang in den jeder KapiteluÈberschrift nachgestellten Litera-
turverzeichnissen nachgewiesen. Dabei wurde versucht, das deutschsprachige Schrift-
tum moÈglichst umfaÈnglich zu erfassen; hinsichtlich der englisch- und franzoÈsischspra-
chigen Literatur beschraÈnken sich die Belege auf grundlegende Arbeiten. Andersspra-
chiges Schrifttum wurde wegen der zumeist gegebenen Sprachbarrieren und des
damit eingeschraÈnkten Interessentenkreises ausgeblendet. Es erschlieût sich aber
zum Teil im Wege des Schneeballsystems uÈber die in diesem Buch nachgewiesenen
Spezialarbeiten, jedenfalls findet es sich jeweils in den unter 1. angefuÈhrten fremdspra-
chigen LehrbuÈchern des Vergleichenden Verfassungsrechts.
Rein auslandsrechtskundliche, also ausschlieûlich die Rechtsordnung oder
bestimmte (Verfassungs-)Institutionen eines fremden Landes analysierende Arbeiten
(zum Begriff noch 3. Kap, I.G.) wurden in die Literaturverzeichnisse des vorliegenden
Buches nicht aufgenommen; 5 teilweise werden einschlaÈgige deutsch- sowie auch eng-
lisch- oder franzoÈsischsprachige Abhandlungen aber in den ± der Lehrbuchkonzeption
entsprechend: nur sparsam eingesetzten ± Fuûnoten nachgewiesen.

3. Zeitschriften

Verfassungsvergleichende (und auslandsrechtskundliche) AufsaÈtze sowie UÈ bersetzun-


gen fremder Verfassungen finden sich vorwiegend in folgenden Zeitschriften:
± East European Constitutional Review (EECR);
± EuropaÈische Grundrechte-Zeitschrift (EuGRZ);
± È R);
EuropaÈische Zeitschrift des oÈffentlichen Rechts (EZO
± International journal of constitutional law (IJCL);
± Jahrbuch fuÈr Ostrecht (JOR);
± Jahrbuch des O È ffentlichen Rechts (JOÈ R);
± Journal of Constitutional Law in Eastern und Central Europe (JCLECE);
± Osteuropa-Recht (OER);
± Recht in Ost und West (ROW; 1999 eingestellt);
± Review of Central and Eastern European Law (RCEEL);
± Revue internationale de droit compare (RIDC);

4 Hinsichtlich der ost- und ostmitteleuropaÈischen Verfassungen s allerdings die einschlaÈgige


Literaturliste bei Roggemann (Hrsg), Verfassungen 295 ff.
5 Hinsichtlich der ost- und ostmitteleuropaÈischen Verfassungen s allerdings die nach LaÈn-
dern gegliederte Literaturliste bei Roggemann (Hrsg), Verfassungen 300 ff; ferner HaÈberle, JO ÈR
1995, 127 ff.
8 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Kapitel: Quellen zum Vergleichenden Verfassungsrecht

± Die wichtigsten Gesetzgebungsakte in den LaÈndern Ost- und SuÈdosteuropas ±


Monatshefte fuÈr osteuropaÈisches Recht (WGO);
± Zeitschrift fuÈr auslaÈndisches oÈffentliches Recht und VoÈlkerrecht (ZaoÈRV).
In einzelnen Zeitschriften ± JOR, OER, Wirtschaft und Recht in Osteuropa (WiRO),
aÈhnlich EECR, Revue du droit publique et de la science politique (RDP) ± finden sich
fortlaufende Chroniken der Rechtsentwicklung, in denen auch A È nderungen der Ver-
fassung eines Staates kurz dargestellt werden.

B. Nationalrechtliche Literatur

Eine vertiefte BeschaÈftigung mit fremdem Verfassungsrecht kommt ohne Auseinander-


setzung mit dem einschlaÈgigen nationalrechtlichen Schrifttum nicht aus. Dieses ist frei-
lich ± selbst in juÈngeren und kleineren Rechtsordnungen ± mittlerweile in der Regel
kaum mehr uÈberschaubar. FuÈr einen ersten Einstieg in die jeweils behandelte Proble-
matik empfiehlt sich ein Blick in das entsprechende Kapitel eines (umfangreicheren)
Lehrbuchs oder Systems des betreffenden nationalen Verfassungsrechts. 6 Dort findet
sich in aller Regel auch ein Verzeichnis der einschlaÈgigen Spezialliteratur bzw wird
auf solches Schrifttum in den Belegen hingewiesen.

C. Judikatur

Wer sich mit einer fremden Verfassungsordnung intensiver auseinandersetzt, kommt


ferner nicht umhin, sich auch mit der einschlaÈgigen Judikatur des jeweiligen Verfas-
sungsgerichts (so vorhanden) bekannt zu machen. In LaÈndern mit einer stark ausge-
bauten Verfassungsgerichtsbarkeit (mittlerweile die Mehrzahl der europaÈischen Staa-
ten) ist Verfassungsrecht in vielen Bereichen (etwa den Grundrechten) das, ¹was das
Verfassungsgericht daraus machtª. Die Judikatur der nationalen Verfassungsgerichte
ist in aller Regel in amtlichen Sammlungen zusammengestellt, zum Teil ist sie uÈber
Datenbanken zugaÈnglich. Vereinzelt finden sich Sammlungen ausgewaÈhlter Judikatur
in UÈ bersetzungen. Hinzuweisen ist diesbezuÈglich auf folgende Werke:
± Brunner/Garlicki, Verfassungsgerichtsbarkeit in Polen, Baden-Baden 1999;
± Brunner/SoÂlyom, Verfassungsgerichtsbarkeit in Ungarn, Baden-Baden 1995;
± Brunner/Hofmann/HollaÈnder, Verfassungsgerichtsbarkeit in der Tschechischen
Republik, Baden-Baden 2001;
± Kutter/SchroÈder, Die Rechtsprechung des russischen Verfassungsgerichts 1995±
1999, Berlin 2000;
± SoÂlyom/Brunner, Constitutional Judiciary in a New Democracy. The Hungarian
Constitutional Court, Ann Arbor 2000;
± The Constitutional Court of the Czech Republic, Selected Decisions I (1993±2001),
Prag 2002, Selected Decisions II (2001±2002), Prag 2003, Selected Decisions III
(2002±2003), Prag 2004, Selected Decisions IV (2003±2004), Prag 2005.

6 Eine Auflistung von LehrbuÈchern fuÈr die hier betrachteten 35 Verfassungsordnungen muss
aus RaumgruÈnden entfallen; fuÈr eine Reihe westeuropaÈischer LaÈnder findet sich aber eine ent-
sprechende UÈ bersicht bei Haller/KoÈlz, Staatsrecht XVI ff.
2. Kapitel: Kurze Geschichte des Vergleichenden Verfassungsrechts
Literatur: Stolleis, NationalitaÈt und InternationalitaÈt: Rechtsvergleichung im oÈffentlichen
Recht des 19. Jahrhunderts, Stuttgart 1998; Wieser/Kante, Vergleichendes Verfassungs-
und Verwaltungsrecht in O È sterreich von 1848 bis 1918 ± Eine Bibliographie, ZO ÈR
2002, 251.

I. Die Entwicklung bis Anfang des 19. Jahrhunderts

Nach einem vielzitierten Diktum ist die Vergleichung im oÈffentlichen Recht aÈlter als
das Bewusstsein ihrer Methode. 1 In diesem Sinn wird als Ahnherr traditionell Aristote-
les (384±322 vor Christus) genannt, der gemeinsam mit seinen SchuÈlern die Verfassun-
gen der griechischen Stadtstaaten des 5. und 4. Jahrhunderts vor Christus miteinander
verglich. Von diesen 158 Verfassungsbeschreibungen ist allerdings nur der ¹Staat der
Athenerª erhalten geblieben. Die Ergebnisse des Gesamtwerkes bildeten aber offen-
sichtlich die Basis fuÈr die im VI. Buch der ¹Politikª enthaltene empirische Staatsfor-
menlehre von Aristoteles und koÈnnen daher auf diese Weise in etwa ruÈckerschlossen
werden.
Der Beginn der modernen Rechtsvergleichung (allgemein und im oÈffentlichen
Recht) wird gerne mit Montesquieu (1689±1755) belegt. In seinem 1748 erschienenen
Hauptwerk ¹De l'esprit des loisª (Vom Geist der Gesetze) untersuchte er unter Verar-
beitung eines riesigen Rechtsmaterials ± von der Antike bis zur Gegenwart, aus ganz
Europa und anderen Kontinenten ± die Verschiedenheit der Gesetze im juristisch-nor-
mativen Sinn in den einzelnen LaÈndern. Diese Unterschiedlichkeit erklaÈrte er aus der
Verschiedenheit der realen Bedingungen, unter denen die positiven Gesetze entste-
hen. Die Realfaktoren, die Montesquieu hiebei untersuchte, waren die politischen
Institutionen, Umweltbedingungen sowie soziale, kulturelle und wirtschaftliche Gege-
benheiten.
In Deutschland begruÈndete Gottfried Achenwall (1719±1772) mit seinem 1749 in
1. Aufl erschienenen ¹Abriû der neuesten Staatswissenschaft der vornehmsten europaÈ-
ischen Reiche und Republikenª die staatswissenschaftliche Disziplin der ¹Statistikª, in
deren Rahmen man Tatsachen politischer, geografischer, klimatischer, wirtschaftlicher
und voÈlkerkundlicher Art zwecks Beurteilung eines Staatswesens und namentlich sei-
ner Regierungsweise erkundete. 2 Der OÈ konom und Staatstheoretiker Johann Heinrich
Gottlieb von Justi (1717±1771) legte im Jahre 1762 eine explizite ¹Vergleichung der
europaÈischen mit den asiatischen und anderen vermeintlich barbarischen Regierun-
genª vor, in der er die Maûstabsfunktion der europaÈischen Zivilisation deutlich relati-
vierte.
Die Ende des 18. Jahrhunderts in Europa und Amerika einsetzende Verfassungs-
bewegung machte die (geschriebene) ¹Verfassungª zum politischen SchluÈsseldoku-

1 Kaiser, Vergleichung im oÈffentlichen Recht ± Einleitung, ZaoÈRV 1964, 391. Vgl zum Pro-
blem fuÈr die Rechtsvergleichung allgemein Constantinesco, Rechtsvergleichung I ± EinfuÈhrung
in die Rechtsvergleichung, KoÈln ua 1971, 69 f, der (aaO, 73 ff) einen breiten, das oÈffentliche
Recht allerdings nur am Rande streifenden Abriss ihrer Geschichte gibt.
2 Dazu Brunner, Vergleichende Regierungslehre I, Paderborn ua 1979, 27 f, mN von Nach-
folgewerken.
10 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Kapitel: Kurze Geschichte des Vergleichenden Verfassungsrechts

ment des modernen Nationalstaats und bewirkte derart auch eine merkliche Intensi-
vierung sowie Neuorientierung der komparatistischen Methode. Beriefen sich bereits
die VaÈter der amerikanischen Bundesverfassung von 1787 bei deren Ausarbeitung
maûgeblich auf Montesquieu, so lagen allen in den nachfolgenden Jahrzehnten ent-
standenen europaÈischen Verfassungen vergleichende Betrachtungen zugrunde, hin-
gen alle Texte voneinander ab. Das gleiche gilt fuÈr die zweite Welle europaÈischer Ver-
fassungen nach der franzoÈsischen Julirevolution von 1830 sowie fuÈr die dritte Welle
um 1848/1849. Das Dokumentationswesen war zu dieser Zeit bereits so weit ent-
wickelt, dass man VerfassungsentwuÈrfe, parlamentarische Debatten und aÈhnliche
Materialien rasch und vollstaÈndig nachlesen ± und eben ¹vergleichenª ± konnte. 3 Als
Hilfestellung wurden die einzelnen Verfassungen in mehrbaÈndigen Sammelwerken
zusammengestellt bzw analysiert. Nach dem fruÈhen Werk von de la Croix (¹Constitu-
tions des principaux Etats de l'Europe et des Etats-Unis de l'AmeÂrique; 5 BaÈnde,
1791±1793) haben sich Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts mehrere Textsammlun-
gen in franzoÈsischer bzw deutscher Sprache, so etwa von Karl Ludwig Heinrich PoÈlitz
(1772±1838), etabliert. 4

II. Die Entwicklung von Anfang des 19. Jahrhunderts bis 1945

Die besondere staatsrechtliche Situation Deutschlands ± genauer des Deutschen


Bundes von 1815 bis 1866 ± hat dort zur BegruÈndung eines spezifischen Zweigs der
Komparatistik, naÈmlich jenem der innerstaatlichen Verfassungsvergleichung, gefuÈhrt.
Da es einen Nationalstaat nicht gab, man aber doch aus politischen GruÈnden (gleich-
sam als Surrogat fuÈr die real nicht erreichbare Einheit) sowie fuÈr die Juristenausbildung
an einem ¹gemeinen deutschen Staatsrechtª festhalten wollte, schuf man es durch
Vergleichung. Das in den fuÈhrenden und jeweils mehrfach aufgelegten LehrbuÈchern
von Johann Ludwig Klu È ber (1762±1837), Heinrich ZoÈpfl (1807±1877) und Heinrich
Albert ZachariaÈ (1806±1875) dargebotene ¹gemeine deutsche Staatsrechtª war eine
aus dem Staatsrecht aller deutschen Einzelstaaten gebildete Quersumme, ein ± in der
Ausbildung das positive Recht freilich zuruÈckdraÈngendes ± ¹Schreibtischproduktª. 5
Daneben wurde im 19. Jahrhundert auch Rechtsvergleichung auf dem Gebiet des
Verfassungsrechts uÈber den Deutschen Bund hinaus betrieben. Robert von Mohl
(1799±1875) veroÈffentlichte 1824 ein Werk uÈber ¹Das Bundesstaatsrecht der Vereinig-
ten Staaten von Nordamerikaª. Aus dieser Zeit stammt auch das groûe, wenngleich
eklektisch gearbeitete staatswissenschaftliche Werk ¹Vierzig BuÈcher vom Staateª
(5 BaÈnde, 1820±1832, 2. Aufl 7 BaÈnde, 1839±1843) von Carl Salomo ZachariaÈ (1769±
1843), der auch als MitbegruÈnder und -herausgeber des ersten rechtsvergleichenden
Periodikums ¹Kritische Zeitschrift fuÈr Rechtswissenschaft und Gesetzgebung des Aus-
landesª (1829±1856) in Erscheinung getreten ist. Von Rudolf von Gneist (1816±1895)
liegt die Darstellung ¹Das heutige englische Verfassungs- und Verwaltungsrechtª
(2 BaÈnde, 1857 und 1860) vor. In diesem Werk entwickelte der Autor aus dem fremden

3 Stolleis, 19.
4 Nachweise bei Mu È nch, EinfuÈhrung in die Verfassungsvergleichung, ZaoÈRV 1973, 126 (129
FN 17).
5 NaÈher ± jeweils mN ± Stolleis, 20 f; Starck, Rechtsvergleichung im oÈffentlichen Recht, JZ
1997, 1021 f.
II. Die Entwicklung von Anfang des 19. Jahrhunderts bis 1945 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11

Rechtsmaterial heraus eigenstaÈndige ReformvorschlaÈge, warnte zugleich aber vor


einer leichtfertigen Rezeption fremden Rechts, das nicht stuÈckweise in ein anderes
historisches und soziales Milieu verpflanzt werden koÈnne.
Mit der Nationalstaatsbildung in Deutschland 1871 verlagerte sich der Schwer-
punkt des wissenschaftlichen Interesses zwar teilweise auf die BeschaÈftigung mit dem
eigenen positiven Verfassungsrecht, welche einen Teil der KraÈfte absorbierte. Die Ver-
gleichung mit fremden Verfassungen erlosch deswegen aber nicht. Stellvertretend fuÈr
im Zeitraum bis zum ersten Weltkrieg entstandene einschlaÈgige Werke sei hier die
Schrift ¹Englisches Staatsrechtª (2 BaÈnde, 1905 und 1906) aus der Feder von Julius Hat-
schek (1872±1926) genannt; Georg Jellinek (1851±1911) schuf eine Reihe von Spezial-
monographien mit rechtsvergleichendem Einschlag. 6 Einen wesentlichen Anschub
erhielt das Vergleichende Verfassungsrecht durch die GruÈndung des ¹Jahrbuchs des
oÈffentlichen Rechts der Gegenwartª durch Georg Jellinek, Paul Laband (1838±1918)
und Robert Piloty (1863±1926) im Jahr 1907, das fortan regelmaÈûig uÈber die Entwick-
lung des Verfassungsrechts in allen ¹Kulturstaatenª berichtete.
Einen weiteren Schnittpunkt stellt die Allgemeine Staatslehre dar, die sich um die
Jahrhundertwende in Deutschland als Spezialdisziplin ± in unterschiedlichen
methodologischen Richtungen ± herausentwickelte. Deren rechtsdogmatische, dh die
juristisch-institutionellen Aspekte des Staates in den Vordergrund ruÈckende StroÈmung
verarbeitete ein umfangreiches Material aus auslaÈndischen Verfassungsrechten. FuÈr
diese Richtung stehen die einschlaÈgigen Werke von Hermann Rehm (1862±1917),
Conrad Bornhak (1861±1944), Julius Hatschek ± hier sogar im Titel erkenntlich: ¹All-
gemeines Staatsrecht auf rechtsvergleichender Grundlageª (3 BaÈnde, 1909) ± und ins-
besondere von Georg Jellinek, dessen ¹Allgemeine Staatslehreª erstmals im Jahr 1900
erschien.
Schlieûlich verdient in diesem Zusammenhang ErwaÈhnung, dass die BeschaÈftigung
mit dem Verwaltungsrecht ± welches erst in der zweiten HaÈlfte des 19. Jahrhunderts in
den Rang einer wissenschaftlichen Disziplin aufgestiegen ist ± zu dieser Zeit sehr stark
komparatistisch orientiert war. Insbesondere das franzoÈsische und das englische Ver-
waltungsrecht haben die Arbeiten der maûgeblichen Verwaltungsrechtler ± Robert
von Mohl, Lorenz von Stein (1815±1890), Rudolf von Gneist, Otto Mayer (1846±1924),
Julius Hatschek ± entscheidend beeinflusst.
Im monarchischen Alt-O È sterreich war die Rechtsvergleichung im Verfassungs-
recht (wie ebenso im Verwaltungsrecht) in der zweiten HaÈlfte des 19. Jahrhunderts
sowie in der Zeit bis zum ersten Weltkrieg (aber nicht mehr im republikanischen
OÈ sterreich danach) gewissermaûen die ¹natuÈrlicheª Methode. Fast alle groûen PersoÈn-
lichkeiten unter den oÈsterreichischen Rechtsgelehrten im oÈffentlichen Recht betrieben,
wenngleich ohne groÈûere methodische Reflexion, Komparatistik. Die rechtsverglei-
chende TaÈtigkeit umfasste alle wesentlichen Bereiche des Verfassungsrechts (wie des
Verwaltungsrechts), das Hauptinteresse galt hiebei dem Vergleich mit den anderen
groûen europaÈischen ¹Kulturstaatenª Deutschland, England und Frankreich. 7
In institutioneller Hinsicht waren im deutschen Sprachraum die verfassungsver-
gleichenden BemuÈhungen je einzelner herausragender Gelehrter weder durch die

6 Nachweise bei Mu È nch, ZaoÈRV 1973, 137 FN 58.


7 S naÈher die Bibliographie von Wieser/Kante, ZO È R 2002, 251 ff.
12 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Kapitel: Kurze Geschichte des Vergleichenden Verfassungsrechts

GruÈndung einschlaÈgiger LehrstuÈhle an den UniversitaÈten noch durch die Schaffung


spezieller Forschungsinstitute begleitet; demgegenuÈber wurde in Paris 1895 ein Lehr-
stuhl fuÈr Vergleichendes Verfassungsrecht eingerichtet. Eine eher untergeordnete
Bedeutung scheint die Disziplin in der 1893 gegruÈndeten (und bald wieder in der Ver-
senkung verschwundenen) ¹Gesellschaft fuÈr vergleichende Rechts- und Staatswissen-
schaftª sowie in der 1894 errichteten ¹Internationalen Vereinigung fuÈr vergleichende
Rechtswissenschaft und Volkswirtschaftslehreª gehabt zu haben. 8 Keine Rolle spielte
das Vergleichende Verfassungsrecht ferner am ersten Internationalen Rechtsverglei-
chungskongress, der im Jahre 1900 in Paris abgehalten wurde und eine groûe Zahl
bedeutender Gelehrter aus allen LaÈndern der Erde zusammenfuÈhrte; im ± reichhalti-
gen ± Tagungsprogramm kam es nicht vor.
Als bedeutendstes ¹institutionelles Ereignisª im Deutschland der Zwischenkriegs-
zeit ist die 1924 erfolgte GruÈndung des Kaiser-Wilhelm-Institutes fuÈr auslaÈndisches
oÈffentliches Recht und VoÈlkerrecht in Berlin zu nennen, dessen Leitung Viktor Bruns
(1884±1943) uÈbertragen wurde. Das heute unter dem Namen Max-Planck-Institut fuÈr
auslaÈndisches oÈffentliches Recht und VoÈlkerrecht fortbestehende, seit 1949 in Heidel-
berg ansaÈssige Institut mit seiner umfangreichen, verfassungsrechtliche Literatur aus
allen Staaten der Welt vereinigenden Bibliothek ist eine der weltweit bedeutendsten
Forschungseinrichtungen ihrer Art. Seit 1929 gibt das Institut (mit einer kriegsbeding-
ten Unterbrechung) die ¹Zeitschrift fuÈr auslaÈndisches oÈffentliches Recht und VoÈlker-
rechtª heraus.

III. Die Entwicklung nach 1945

Nach 1945 hat im deutschen Sprachraum mit dem allgemeinen Anwachsen und der
Ausdifferenzierung der wissenschaftlichen Literatur im oÈffentlichen Recht auch das
Vergleichende Verfassungsrecht seinen gleichsam ¹selbstverstaÈndlichenª, wenngleich
nicht herausgehobenen Platz gefunden. Nachdem die Praxis der Rechtsvergleichung
im oÈffentlichen Recht lange einer fundierten grundlagentheoretischen Durchdringung
entbehren musste, erschienen ab Beginn der sechziger Jahre des abgelaufenen Jahr-
hunderts ± also bemerkenswert spaÈt ± erstmals Arbeiten uÈber die Methode des Ver-
gleichs im oÈffentlichen Recht in deutscher Sprache. 9 Damit wurde freilich der RuÈck-
stand zur weit aÈlteren und profunderen Methodendiskussion in der Privatrechtsver-
gleichung nur verringert, nicht aber aufgeholt.
Ein zweites Spezifikum der insbesondere deutschsprachigen Verfassungsverglei-
chung nach 1945 lag in der politischen Situation Europas, namentlich in der Ost-
West-Teilung, begruÈndet. Ein Gutteil der verfassungsvergleichenden BemuÈhungen
entfiel auf die Beschreibung, ErklaÈrung und Wertung der Verfassungsordnungen im
sowjetisch-kommunistischen Herrschaftsbereich Ost- und Ostmitteleuropas. Der
Systemvergleich zwischen den liberal-rechtsstaatlichen Demokratien Westeuropas
und dem in den osteuropaÈischen LaÈndern eingerichteten sozialistischen Staats- und
Verfassungsmodell ruÈckte ganz in den Vordergrund und verband die daran Beteiligten
zu einem eigenen Wissenschaftszweig, der sog Ostrechtsforschung. Stellvertretend

8 S dazu allgemein Wadle, Einhundert Jahre Rechtsvergleichende Gesellschaften in Deutsch-


land, Baden-Baden 1994, 26 ff und 66 ff.
9 S hiezu die Belege im Literaturverzeichnis zum 3. Kap, II.
III. Die Entwicklung nach 1945 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13

fuÈr die FuÈlle an Publikationen zu diesem Thema sei das bereits 1955 erschienene
¹Handbuch der Sowjetverfassungª aus der Feder von Reinhart Maurach genannt, das
die sog Stalin-Verfassung von 1936 ¹aus westlicher Sichtª kommentarmaÈûig darstellte.
Einen ± die sog Breschnew-Verfassung von 1977 zum Inhalt habenden ± Nachfolger
fand dieses Werk in einem 1983 von Martin Fincke herausgegebenen, aÈhnlich konzi-
pierten und auch den gleichen Namen tragenden zweibaÈndigen Kompendium, an
dem nahezu die gesamte deutschsprachige Ostrechtsforschung mitwirkte. Auch
¹umgekehrtª wurde im deutschen Sprachraum Verfassungsvergleichung betrieben:
Das von Menzel/Lieberam/Meister in (Ost-)Berlin herausgegebene, in reiûerisch-klas-
senkaÈmpferischem Stil geschriebene ¹Staatsrecht buÈrgerlicher Staatenª (2. Aufl 1986)
verkoÈrperte die offizielle Sicht der damaligen DDR auf die ¹kapitalistischenª Verfas-
sungsordnungen des westlichen Teiles der Welt.
Mit dem Fall des Kommunismus in Osteuropa ab 1989 und der dadurch ausge-
loÈsten UÈ berwindung der sozialistischen Verfassungsordnungen kam auch der Ost-
rechtsforschung gleichsam uÈber Nacht ihr langjaÈhriges Forschungsobjekt abhanden.
An seine Stelle trat die Beschreibung und ErklaÈrung des (nicht immer linearen und
auch noch nicht abgeschlossenen) Prozesses der Umwandlung der LaÈnder Ost- und
Ostmitteleuropas in demokratische Verfassungsstaaten ¹westlichenª Zuschnitts. 10 Wie
weit eine solche Transformationsanalyse noch einen eigenen Zweig Ostrechtsfor-
schung rechtfertigt, ist strittig. Mittelfristig, dh mit der vollstaÈndigen demokratischen
¹Normalisierungª in den genannten Staaten wird die Ostrechtsforschung wohl in der
¹allgemeinenª Rechtsvergleichung im Verfassungsrecht aufgehen.
Die damit eroÈffnete Perspektive eines gemeineuropaÈischen Verfassungsrechts
± sie liegt auch diesem Buch zugrunde ± ist in den letzten Jahren besonders intensiv
vom gegenwaÈrtig fuÈhrenden Verfassungsvergleicher des deutschen Sprachraums, Peter
HaÈberle, entwickelt worden. Schon zuvor hatte HaÈberle ± neben unzaÈhligen Einzelun-
tersuchungen ± mit der sog Textstufenanalyse, der Qualifikation der Rechtsverglei-
chung als fuÈnfter Auslegungsmethode und der Einbettung des Vergleichenden Verfas-
sungsrechts in einen umfassenden kulturwissenschaftlichen Ansatz methodische
Grundlagen erarbeitet, 11 die den rechtsvergleichenden Diskurs im oÈffentlichen Recht
bis heute und wohl auch zukuÈnftig nachhaltig praÈgen.
In institutioneller Hinsicht waren diese Entwicklungen im deutschen Sprach-
raum nicht durch die GruÈndung auûeruniversitaÈrer ForschungsstaÈtten begleitet, sodass
das schon genannte Max-Planck-Institut fuÈr auslaÈndisches oÈffentliches Recht und VoÈl-
kerrecht in Heidelberg seine diesbezuÈgliche Monopolstellung beibehalten hat. Auch
sind an den UniversitaÈten die LehrstuÈhle fuÈr Rechtsvergleichung uÈberwiegend solche
des Privatrechts. Immerhin haben sich in den letzten Jahren die Institute und Lehr-
stuÈhle, die in ihre Bezeichnung die Pflege des auslaÈndischen bzw vergleichenden
oÈffentlichen Rechts aufgenommen haben, vermehrt; als Beispiele sei auf einschlaÈgige
Einrichtungen an den rechtswissenschaftlichen FakultaÈten der UniversitaÈten Bayreuth,
Berlin, DuÈsseldorf, Frankfurt a.M., Frankfurt a.O., Graz, Greifswald, Mainz, Speyer und
ZuÈrich verwiesen. Auch sind die an den jeweiligen UniversitaÈten eingerichteten Insti-

10 Zu den grundlagentheoretischen Fragen s etwa die vom Herausgeber verfasste EinfuÈh-


rung in Roggemann (Hrsg), Die Verfassungen Mittel- und Osteuropas, Berlin 1999, 41 ff.
11 Zu den genannten Figuren noch naÈher 3. Kap, II., passim; Nachweis der zentralen Werke
HaÈberles in 1. Kap, II.A.1.
14 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Kapitel: Kurze Geschichte des Vergleichenden Verfassungsrechts

tute bzw Abteilungen fuÈr Ostrecht bzw Osteuropa in KoÈln, Berlin und Hamburg stark
verfassungsvergleichend ausgerichtet.
Unter den einschlaÈgigen wissenschaftlichen Vereinigungen ragt die 1950
gegruÈndete ¹Gesellschaft fuÈr Rechtsvergleichungª mit ihrer Fachgruppe fuÈr verglei-
chendes oÈffentliches Recht hervor. Die Gesellschaft veranstaltet im Zweijahresrhyth-
mus groû angelegte wissenschaftliche Kongresse. Einen fruÈhen HoÈhepunkt stellte hie-
bei die 1963 in Wien abgehaltene Veranstaltung dar, bei der die Fachgruppe sich mit
der Methodik der Vergleichung im oÈffentlichen Recht befasste und damit den (spaÈten)
Anstoû fuÈr eine breitere Diskussion uÈber dieses grundlegende Thema gab. 12 Auf inter-
nationaler Ebene ist die ein weltweites Netz von Verfassungsjuristen umspannende
¹International Association of Constitutional Lawª zu nennen, die gleichfalls regelmaÈûig
mit internationalen Tagungen hervortritt. Im europaÈischen Rahmen besteht sei 2003
die ¹Societas Iuris Publici Europaei (SIPE)ª.
Im Ausbildungsbetrieb an den UniversitaÈten steht im deutschen Sprachraum die
Rechtsvergleichung im Verfassungsrecht sowohl gegenuÈber der Privatrechtsverglei-
chung als auch gegenuÈber den anderen oÈffentlich-rechtlichen Disziplinen ± insbeson-
dere dem dogmatisch betriebenen nationalen Verfassungsrecht, aber auch der Allge-
meinen Staatslehre ± noch zuruÈck. Verfassungsvergleichende Lehrveranstaltungen in
Vorlesungs- oder Seminarform werden angeboten unter anderem an den UniversitaÈten
Berlin, DuÈsseldorf, Frankfurt a.O., Gieûen, Graz, KoÈln, Leipzig, Mainz, Speyer und
ZuÈrich.

12 Die Einleitung von Kaiser und die Berichte von Strebel, Bernhardt und Zemanek sind
veroÈffentlicht in ZaoÈRV 1964, 391 ff; s auch schon bei und in FN 9.
3. Kapitel: Wesen und Funktionen des Vergleichenden Verfassungs-
rechts

I. Zur Rechtsvergleichung allgemein

Literatur: Ancel, ReÂflexions sur la recherche et sur la meÂthode comparatives, in: FS


Rheinstein I, TuÈbingen 1969, 211; Ancel, Utilite et meÂthodes du droit compareÂ,
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stantinesco, KoÈln ua 1983, 99; Brand, Grundfragen der Rechtsvergleichung ± Ein
Leitfaden fuÈr die WahlfachpruÈfung, JuS 2003, 1082; Coing, Aufgaben der Rechtsver-
gleichung in unserer Zeit, NJW 1981, 2601; Constantinesco, Rechtsvergleichung I ±
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1983; David/Grasmann, EinfuÈhrung in die groûen Rechtssysteme der Gegenwart2,
MuÈnchen 1988, 1, 31; de Cruz, A Modern Approach to Comparative Law, Deventer
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Ziele und Methoden der Rechtsvergleichung, in: derselbe, BeitraÈge zur Rechtsverglei-
chung, TuÈbingen 1976, 54; Zweigert/KoÈtz, EinfuÈhrung in die Rechtsvergleichung3,
TuÈbingen 1996, 1, 31; Zweigert/Puttfarken (Hrsg), Rechtsvergleichung, Darmstadt
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16 . . . . . . . . . . . . . . 3. Kapitel: Wesen und Funktionen des Vergleichenden Verfassungsrechts

A. Nationale und u
È bernationale Rechtswissenschaft

Die meisten Wissenschaftsdisziplinen sind aus der Natur ihres Gegenstandes heraus
ubiquitaÈr ¹guÈltigeª und darum universell betriebene Wissenschaften. Die Probleme
der Medizin, der Physik, der Chemie, der Biologie, der Mathematik und vieler anderer
FaÈcher sind dieselben uÈberall auf der Welt und unabhaÈngig von dem Land, in dem sie
erforscht werden. Es gibt eine Medizin, eine Physik, eine Chemie, usw. Daher kann
sich der deutsche Physiker ± die Beherrschung einer gemeinsamen Sprache (dh prak-
tisch: des Englischen) vorausgesetzt ± mit seinem japanischen Kollegen uÈber Fragen
seines Fachs ebenso problemlos verstaÈndigen wie der amerikanische Mediziner mit
seinem portugiesischen Kollegen, der russische Chemiker mit seinem griechischen
Kollegen, usw.
Andere Wissenschaftsdisziplinen sind demgegenuÈber in der einen oder anderen
Weise gegenstaÈndlich begrenzt. Dies gilt namentlich fuÈr die Theologie und die Philolo-
gie. Die Bibelexegese ist ein anderer Forschungsgegenstand als die Auslegung des
Korans, die Strukturen der polnischen Sprache haben nichts mit denen der chinesi-
schen gemein. Ein christlicher Theologe hat nichts mit der Theologie des Islam zu
tun, ein Slavist hat keinen Zugang zu den Fragen der Sinologie. Wollen der christliche
Theologe mit dem islamischen Theologen, der Slavist mit dem Sinologen uÈber ihr je
eigenes Fach ein GespraÈch fuÈhren, so sprechen sie aneinander vorbei.
È hnlich verhaÈlt es sich mit der Jurisprudenz. FuÈr den Juristen ist der Gegenstand
A
seiner TaÈtigkeit verschieden von Land zu Land. Der oÈsterreichische Jurist beschaÈftigt
sich uÈblicherweise nur mit dem oÈsterreichischen Recht, der italienische Jurist ist in
der Regel nur mit dem italienischen Recht konfrontiert, usw; dem schweizerischen
Juristen ist beispielsweise das albanische Rechtssystem wohl ausnahmslos vollkom-
men fremd. Rechtswissenschaft wird also, wenn sie sich mit geltendem Recht befasst,
heute im Wesentlichen als eine nationale Wissenschaft betrieben. Mit dem Verlust
der noch weit uÈber das Mittelalter hinaus bestehenden, auf dem roÈmischen Recht
beruhenden Rechtseinheit in Kontinentaleuropa haben sich soviele Rechtswissen-
schaften herausentwickelt als es nationale Rechtsordnungen gibt. Schon Rudolf von
Jhering (1818±1892) hat seinerzeit die nationale Begrenztheit einer jeden Rechtswis-
senschaft in folgende vielzitierte, aber doch zu defaÈtistische Worte gefasst: ¹Die for-
melle Einheit der Wissenschaft, wie sie einst durch die Gemeinsamkeit eines und des-
selben Gesetzbuches fuÈr den groÈûten Theil Europas gegeben war, jenes Zusammenar-
beiten der Jurisprudenz der verschiedensten LaÈnder an demselben Stoff und derselben
Aufgabe ist mit der formellen Gemeinschaft des Rechts fuÈr immer dahin; die Wissen-
schaft ist zur Landesjurisprudenz degradirt, die wissenschaftlichen GraÈnzen fallen in
der Jurisprudenz mit den politischen zusammen. Eine demuÈthigende, unwuÈrdige
Form fuÈr eine Wissenschaft!ª 1
NaÈhere Betrachtung zeigt freilich, dass die Jurisprudenz nicht gaÈnzlich national
verengt ist und es auch nie war. Ein Teil der juristischen FaÈcher ist naÈmlich schon per
se ¹internationalª, was namentlich auf das VoÈlkerrecht und das Europarecht zutrifft.
Gerade letzteres uÈberlagert die nationalen Rechtsordnungen in einem immer weiter
zunehmenden Ausmaû. In immer mehr Bereichen ist der nationale Jurist ± uzw nicht

1 Jhering, Geist des roÈmischen Rechts auf den verschiedenen Stufen seiner Entwicklung I2,
Leipzig 1866, 14 f.
I. Zur Rechtsvergleichung allgemein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17

nur in den aktuellen MitgliedslaÈndern der EU, sondern praktisch gesehen in ganz
Europa ± genoÈtigt, sich mit dem europaÈischen Gemeinschaftsrecht auseinanderzuset-
zen. Der belgische Jurist sollte sich hiebei uÈber Fragen der Auslegung einer bestimm-
ten gemeinschaftsrechtlichen Richtlinie problemlos mit seinem spanischen Kollegen
verstaÈndigen koÈnnen; auch der bulgarische Jurist sollte an einem solchen GespraÈch
ohne weiteres teilhaben koÈnnen.
Die nationale Abschottung des Rechts und der Rechtswissenschaft wird zudem seit
jeher durch die verbindende Kraft der sog GrundlagenfaÈcher aufgebrochen. Die
juristische Methodenlehre, die Rechtsphilosophie und die Rechtssoziologie moÈgen
ihr Anschauungsmaterial aus nationalen Rechtsordnungen beziehen, ihre Erkenntnisse
transzendieren aber diese Einzelrechtsordnungen, so sie nicht uÈberhaupt den
Anspruch auf AllgemeinguÈltigkeit erheben. Neben diesen gleichsam allgemeinen
(weil das Recht als solches analysierenden) GrundlagenfaÈchern existieren ferner
bereichsspezifische GrundlagenfaÈcher. FuÈr das oÈffentliche Recht seien die Allgemeine
Staatslehre, die Verfassungslehre und die Verwaltungslehre genannt. Alle diese Diszi-
plinen liefern Ergebnisse, die nicht auf eine bestimmte Rechtsordnung fokussiert
sind, sondern die nationalen Rechte uÈbergreifen.

B. Die Rechtsvergleichung als Grundlagenfach

Als Grundlagenfach versteht sich auch die Rechtsvergleichung. Sie erhebt sich ± derge-
stalt die nationale Aufspaltung des Rechts uÈberwindend ± uÈber die positiven Normen
einer bestimmten Rechtsordnung und strebt anstelle dogmatischer Feininterpretation
nach einer Veranschaulichung der groûen Linien des Rechts. 2 Indem sie sich der Erfor-
schung der Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der rechtlichen Regelung eines
bestimmten sozialen PhaÈnomens in verschiedenen Rechtsordnungen verschreibt,
sucht sie die grundlegenden Strukturen und Funktionen des Rechts aufzudecken,
maW: das ¹Wesenª des Rechts als solches zu ergruÈnden. In ihrem BemuÈhen nach
Zusammenfassung und Zusammenschau trifft sich die Rechtsvergleichung im U È brigen
mit den aus aÈhnlichen Motiven entwickelten Disziplinen der Vergleichenden Religi-
onswissenschaft und der Vergleichenden Sprachwissenschaft. 3
Rechtsvergleichung ± jedenfalls im traditionellen, engeren Sinn (der auch hier
zugrunde gelegt wird) ± vergleicht verschiedene nationale Rechtsordnungen
bzw bezieht ihr Forschungsobjekt aus verschiedenen nationalen Rechtsordnungen,
sie ist u
È berstaatlich und dergestalt systemgrenzenu È berschreitend. In einem wei-
teren Sinn koÈnnte man unter Rechtsvergleichung auch die vergleichende Unter-
suchung verschiedener Institutionen oder Regeln innerhalb ein und derselben natio-
nalen Rechtsordnung ± so etwa, um ein Beispiel aus dem oÈffentlichen Recht zu neh-
men, eine vergleichende Darstellung von gliedstaatlichen Verfassungsordnungen 4 ±
subsumieren. MoÈgen hierbei in manchem aÈhnliche Methoden anwendbar sein, so
ergibt doch der Systemzusammenhang zwischen derselben Rechtsordnung angehoÈ-

2 UÈ berspitzt ist allerdings die pointierte Ansicht von Zweigert/KoÈtz, 3, man koÈnne in der Tat
zweifeln, ob die bloûe Interpretation geltender Gesetze mit den uÈblichen Methoden der Juris-
prudenz den Charakter einer Wissenschaft beanspruchen koÈnne.
3 Dazu Rheinstein, 17 f.
4 ZB Koja, Das Verfassungsrecht der oÈsterreichischen BundeslaÈnder2, Wien/New York 1988.
18 . . . . . . . . . . . . . . 3. Kapitel: Wesen und Funktionen des Vergleichenden Verfassungsrechts

renden Institutionen bzw Teilrechtsordnungen Komponenten, die der Rechtsverglei-


chung im eigentlichen Sinn an sich fremd sind. 5 Im gewaÈhlten Beispiel etwa stellt
der von der Zentralverfassung den Gliedstaatsverfassungen in mehr oder weniger gro-
ûem Maûe vorgegebene Harmonisierungszwang eine derartige Komponente dar. Vor
allem aber ist die groûe Perspektive bei einem Vergleich (von Rechtsinstituten) zweier
oder mehrerer nationaler Rechtsordnungen eine andere: Das Interesse richtet sich hier
nicht nur auf die zu vergleichenden Elemente fuÈr sich genommen, sondern auch und
insb auf das fremde Rechtsdenken, wie es in der Art und Weise der Auffassung und
LoÈsung des gleichen Rechtsproblems zum Ausdruck kommt. 6
Nicht Gegenstand der Rechtsvergleichung ist ferner die intertemporale, dh die zeitli-
chen Abwandlungen untersuchende Vergleichung der Rechtsordnung bzw von Rechts-
instituten ein und desselben Staates. 7 Rechtsvergleichung befasst sich grundsaÈtzlich nur
mit der Vergleichung mehrerer nationaler, uzw im Regelfall ausschlieûlich geltender
Rechtsordnungen. Bei einer solchen staatenuÈbergreifenden Betrachtung von Rechts-
ordnungen ist allerdings der RuÈckgriff auf vergangene Rechte insofern zulaÈssig und
sogar geboten, als der geltende Rechtsbestand ohne Untersuchung der vormaligen
Rechtslage in dem betreffenden Land vielfach unerklaÈrlich sein wird. Auch kann die
Ausbreitung eines bestimmten, zunaÈchst in einem Land ¹erfundenenª Rechtsinstituts
(zB des sog konstruktiven Misstrauensvotums ± einer deutschen Innovation) in anderen
Rechtsordnungen ± also die Rezeptionsgeschichte (bzw die Erarbeitung eines Rezep-
tionsatlas) ± zum Forschungsgegenstand der Rechtsvergleichung gemacht werden. 8
Einen Grenzfall stellt die Vergleichung (von Rechtsinstituten) einer geltenden
nationalen Rechtsordnung mit (Rechtsinstituten) einer anderen, nicht mehr geltenden
Rechtsordnung dar. Solche Untersuchungen sind methodologisch moÈglich, sie koÈnnen
wertvolle Erkenntnisse und AufschluÈsse fuÈr das geltende Recht liefern; ihre DurchfuÈh-
rung kann daher als Rechtsvergleichung im eigentlichen Sinn bezeichnet werden. Die
± fuÈr sich gesehen, gleichfalls einen gewissen Erkenntniswert aufweisende ± Gegen-
uÈberstellung verschiedener vergangener Rechtsordnungen (bzw einzelner ihrer
Rechtsinstitute) ist hingegen in den Bezirk der vergleichenden Rechtsgeschichte einzu-
ordnen. 9

5 So treffend Strebel, Vergleichung und vergleichende Methode im oÈffentlichen Recht,


ZaoÈRV 1964, 405 (406); noch schaÈrfer Constantinesco II, 107 f; aM hingegen Sommermann, Die
Bedeutung der Rechtsvergleichung fuÈr die Fortentwicklung des Staats- und Verwaltungsrechts
in Europa, DO È V 1999, 1017; ders, Funktionen und Methoden der Grundrechtsvergleichung, in:
Merten/Papier (Hrsg), Handbuch der Grundrechte in Deutschland und Europa I ± Entwicklung
und Grundlagen, Heidelberg 2004, 631 (Rz 2 f); Starck, Rechtsvergleichung im oÈffentlichen
Recht, JZ 1997, 1021 (1026).
6 Constantinesco II, 108.
7 Strebel, ZaoÈRV 1964, 406; Constantinesco II, 54 f und 108; anders Schnitzer, 22; Sommer-
mann, in: Handbuch, Rz 3.
8 So auch Strebel, ZaoÈRV 1964, 406 f; Starck, JZ 1997, 1026. S zB HaÈberle, Theorieelemente
eines allgemeinen juristischen Rezeptionsmodells, in: ders, EuropaÈische Rechtskultur, Baden-
Baden 1994, 175 ff; ders, Die EntwicklungslaÈnder im Prozeû der Textstufendifferenzierung des
Verfassungsstaates, VRU È 1990, 225 ff (ebenso in: ders, Rechtsvergleichung im Kraftfeld des Ver-
fassungsstaates, Berlin 1992, 791 ff).
9 Weitergehend Schnitzer, 22; moÈglicherweise auch Constantinesco II, 55 ff; vgl ferner Som-
mermann, in: Handbuch, Rz 3.
I. Zur Rechtsvergleichung allgemein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19

Rechtsvergleichung in dem so umschriebenen Sinn kann grundsaÈtzlich hinsichtlich


jeder traditionellen Rechtsdisziplin betrieben werden. Dem entsprechend gibt es
Privatrechtsvergleichung, Strafrechtsvergleichung, Arbeitsrechtsvergleichung, Sozial-
rechtsvergleichung, Steuerrechtsvergleichung, Insolvenzrechtsvergleichung, Verfah-
rensrechtsvergleichung (Zivil- oder Strafverfahren), usw. Freilich weist jede der
genannten Disziplinien ± neben einem je unterschiedlichen Entwicklungsstand ± von
ihrem Gegenstand her inhaltliche Besonderheiten auf. So ist die fraglos fuÈhrende Stel-
lung der Privatrechtsvergleichung innerhalb der rechtsvergleichenden Disziplinen
wohl zu einem Gutteil auf ihre ausgepraÈgte Anwendungsorientiertheit zuruÈckzufuÈh-
ren. Bei (im modernen Wirtschaftsleben sehr haÈufigen) grenzuÈberschreitenden Sach-
verhalten kann kraft des nationalen Kollisionsrechts (¹Internationalen Privatrechtsª) ±
es regelt, welches von mehreren beruÈhrten staatlichen Privatrechtsordnungen fuÈr die
Beurteilung des Falles heranzuziehen ist ± ein nationaler Richter verhalten sein, aus-
laÈndisches Privatrecht anzuwenden. 10 Der Bedarf nach einer ausgebauten Methodik
in diesem Bereich ist damit evident. Das oÈffentliche Recht, namentlich das Verfas-
sungsrecht, weist wiederum andere Besonderheiten auf, auf die noch einzugehen
sein wird (s unten II.A.). Allen Unterarten der Rechtsvergleichung insgesamt koÈnnen
freilich gewisse gemeinsame GrundzuÈge, insbesondere gemeinsame Ziele und Metho-
den entnommen werden, die im Rahmen einer Allgemeinen Rechtsvergleichung
erarbeitet und dargestellt werden koÈnnen. TatsaÈchlich wurden bislang aber die metho-
dischen Besinnungen ± wie es ein O È ffentlichrechtler mit Blickrichtung auf die Privat-
rechtsvergleichung seinerzeit ausgedruÈckt hat ± zumeist ¹von der Schwester aus ihrer
Sicht fuÈr die ganze Familie angestelltª. 11
Rechtsvergleichung ist also jedenfalls eine besondere Erkenntnismethode auf
dem Gebiet des Rechts, sie stellt einen methodischen ¹Mehrwertª jeder traditionellen
juristischen Einzeldisziplin (wie Privatrecht, Verfassungsrecht, usw) dar. Nach hier ver-
tretener Auffassung ist Rechtsvergleichung aber zugleich auch ein eigenes Fach; 12 zu
verstehen ist dieses freilich nicht im Sinne eines herkoÈmmlichen materiellen Rechtsge-
bietes, sondern als eine mit eigenem Erkenntnisinstrumentarium operierende, dem
¹Wesenª des Rechts nachspuÈrende Grundlagendisziplin, insofern vergleichbar etwa
den (seit langem anerkannten) FaÈchern Rechtsphilosophie oder Rechtssoziologie.
Die Unterscheidung zwischen Methode und Fach, also autonomer Wissenschaft, ist
hiebei darin zu sehen, dass erstere eine geordnete und systematische Schrittfolge zu
neuen Erkenntnissen darstellt. Die rechtsvergleichende Methode liefert eine FuÈlle
von ± im Einzelfall durchaus wertvollen, in Summe aber nur sporadischen und unge-
ordneten ± Ergebnissen. Der Sprung von einer bloûen AnhaÈufung von Wissen zu einer
eigenen Wissenschaft wird erst dadurch vollzogen, dass die durch die vergleichende
Methode gewonnenen Erkenntnisse geordnet, gruppiert, klassifiziert und in den
Gesamtzusammenhang eingefuÈgt werden. Darin ist die Aufgabe der vergleichenden
Rechtswissenschaft zu sehen. Sie versucht derart, aus der Summe der Teile zu einem

10 S naÈher etwa MaÈnhardt/Posch, 1 ff.


11 Bernhardt, Eigenheiten und Ziele der Rechtsvergleichung im oÈffentlichen Recht, ZaoÈRV
1964, 431.
12 Die Frage ist traditionell strittig; aM ± nur Methode ± etwa Strebel, ZaoÈRV 1964, 406;
MuÈ nch, EinfuÈhrung in die Verfassungsvergleichung, ZaoÈRV 1973, 126; aÈhnlich wie hier aber
wohl MaÈnhardt/Posch, 120 f und 125; ferner Schnitzer, 111 f, mN aÈlterer Auffassungen, sowie
insb Constantinesco I, 217 ff, der eine umfassende Darstellung uÈber den Meinungsstand gibt.
20 . . . . . . . . . . . . . . 3. Kapitel: Wesen und Funktionen des Vergleichenden Verfassungsrechts

VerstaÈndnis des Ganzen zu gelangen. Dieses Ganze ist auf der ersten Ebene die jeweils
betrachtete(n) Rechtsordnung(en), genauer: deren grundlegende Strukturen bzw
determinierende Elemente. Auf der zweiten Ebene ist es der Rechtskreis, zu dem die
typologisch miteinander verwandten Rechtsordnungen verbunden werden koÈnnen
(vgl 11. Kap). Rechtsvergleichung ist also deswegen ± nicht nur Methode, sondern
auch ± autonome Wissenschaft, weil sie einen Gegenstand und einen eigenen Anwen-
dungsbereich aufweist, die nicht Gegenstand und Anwendungsbereich irgendeiner
anderen Disziplin sind (s auch zur Abgrenzung von anderen Wissenschaftsdisziplinen
4. Kap). 13

C. Das funktionelle Prinzip in der Rechtsvergleichung

Rechtsvergleichung beschaÈftigt sich nach einem bekannten Diktum des Privatrechts-


vergleichers Ernst Rabel (1874±1955) mit den Fragen der A È hnlichkeiten, Verschieden-
heiten und der gegenseitigen Beeinflussungen von Rechtssystemen. 14 Dabei geht es
allerdings nicht um einen abstrakten Vergleich von Rechtsnormen. Ausgangspunkt
jeder rechtsvergleichenden Arbeit ist vielmehr ein konkretes Sachproblem. Im Sinne
einer funktionellen Betrachtungsweise ist zu fragen, welche LoÈsungen verschie-
dene Rechtsordnungen fuÈr ein und dasselbe Sachproblem gefunden haben. Man fragt
deshalb nicht einfach etwa: Welche (Abstimmungs-)Regeln kennt das Recht eines
È nderung seiner Verfassung? Man sollte vielmehr fragen: Wel-
fremden Staates fuÈr die A
che Mechanismen setzt das auslaÈndische Recht ein, um die StabilitaÈt der Verfassungs-
ordnung zu sichern? Schon dieses Beispiel zeigt freilich, dass im Einzelnen tiefer
gebohrt werden kann und muss. Nur andeutungsweise: Die StabilitaÈt einer Verfas-
sungsordnung ist als Ziel im Prinzip zwar unumstritten, hinsichtlich ihres Ausmaûes
aber doch nur ein relativer Wert. Je nach (von den jeweiligen Verfassungserlassern)
gewuÈnschter VerfassungsstabilitaÈt wird auch das verwendete rechtstechnische Instru-
mentarium unterschiedlich sein muÈssen. Wiederum eine andere Frage ist es, ob ±
Rechtsvergleichung soll durchaus auch werten und ¹guteª und ¹schlechteª LoÈsungen
ausfiltern ± eine bestimmte Technik der VerfassungsaÈnderung in einem konkreten
Land die ihr zugedachten Funktionen auch tatsaÈchlich erfuÈllt. All dies zeigt, dass
Rechtsvergleichung ohne Bedachtnahme auf den politischen, historischen und sozio-
logischen Hintergrund einer bestimmten rechtlichen Regelung nicht auskommen
kann bzw ohne Kenntnis dieser faktischen UmstaÈnde nur an der OberflaÈche eines
realen Problems verharren kann.

D. Die Auswahl des Vergleichsobjekts

Aus dem funktionalen Ansatz der Rechtsvergleichung sind mehrere grundlegende


Schlussfolgerungen fuÈr ein methodisch sachgerechtes Vorgehen abzuleiten. Eine erste
diesbezuÈgliche Klippe betrifft bereits die ± dem eigentlichen Vergleichsprozess vorge-
lagerte ± Frage der Auswahl der zu vergleichenden Rechtsordnungen. Hier ist es aner-

13 Vgl Constantinesco I, 254 ff; ferner ders III, 30 ff.


14 Rabel, Rechtsvergleichung und internationale Rechtsprechung, RabelsZ 1927, 5 (7). Zu
den Schwierigkeiten und der Vielfalt von Versuchen einer exakten Definition Constantinesco I,
204 ff.
I. Zur Rechtsvergleichung allgemein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21

kannt, dass es hinsichtlich der Anzahl der zu vergleichenden Rechtsordnungen keine


durch Logik oder Methodologie bestimmten festen Obergrenzen gibt; man kann so
viele Rechtsordnungen miteinander vergleichen, wie man will bzw genauer: von sei-
ner juristischen Kompetenz bewaÈltigen kann (zur Problematik der Sprachbeherr-
schung s unten E.). Allerdings wird traditionell auch darauf hingewiesen, dass man
nur das vergleichen sollte, was in einem spezifischen Sinn vergleichbar ist. Verschie-
dene Rechtsordnungen seien nur insoweit vergleichbar, als sie dasselbe Sachproblem
loÈsen bzw dasselbe RechtsbeduÈrfnis befriedigen. 15
Hiezu ist zunaÈchst zu sagen, dass in Wirklichkeit alle modernen Rechtsordnungen
miteinander vergleichbar sind, was auch immer die Unterschiede in der Kultur, der
Religion, der politischen und ideologischen Struktur oder der wirtschaftlichen und
sozialen Entwicklung des betreffenden Staates sein moÈgen. Keiner dieser Unter-
schiede reicht aus, um die Vergleichbarkeit methodologisch a priori unmoÈglich zu
machen. 16 Dennoch kann dem oben wiedergegebenen Postulat grundsaÈtzlich zuge-
stimmt werden. Im allgemeinen ist in der Tat die Vergleichung innerhalb verwand-
ter (Rechts-)Ordnungen am fruchtbarsten. Freilich sollte die Frage des Verwandt-
schaftsgrades grundsaÈtzlich nicht zu eng gesehen werden. Man wird es genuÈgen las-
sen muÈssen, dass die zu vergleichenden Rechtsordnungen auf aÈhnlichen politischen,
wirtschaftlichen und kulturellen Grundlagen aufbauen und von den gleichen grundle-
genden Zielvorstellungen getragen sind. Auch ist die denkbare Vergleichsbasis von
der Weite des gespannten Untersuchungsrahmens abhaÈngig. Sollen ganze Verfas-
sungsordnungen als solche ins Blickfeld genommen werden, so lassen sich alle jene
Verfassungsordnungen gut vergleichen, die einem bestimmten Verfassungstypus zuor-
denbar sind. So liegen diesem Buch die Verfassungen jener hoÈher- bzw hochent-
wickelten Industrie- und Dienstleistungsstaaten des europaÈischen Kontinents
zugrunde, die an den Leitgedanken des politischen Pluralismus, der Gewaltenteilung,
der Rechtsstaatlichkeit und des Schutzes der Menschenrechte ausgerichtet sind.
Anders werden die Dinge bei einem engeren Untersuchungsgegenstand liegen. So
kann etwa ± auch innerhalb des demokratisch-rechtsstaatlichen Verfassungstypus ±
der rechtliche Schutz ethnischer Minderheiten in einem Staat, in dem nur wenige sol-
che MinderheitsangehoÈrige leben, nicht mit Aussicht auf groûen wissenschaftlichen
Ertrag mit Staaten verglichen werden, in denen ein erheblicher Prozentsatz der BevoÈl-
kerung eine geschlossene MinoritaÈt darstellt.
Es sollte ferner nicht geleugnet werden, dass auch der Vergleich strukturell unter-
schiedlicher Rechtssysteme bzw aÈuûerlich aÈhnlicher Institutionen in verschiedenen
Rechtssystemen wertvolle Einsichten vermitteln kann. Freilich wird hier der System-
vergleich im Regelfall zu einer VerschaÈrfung, vor allem aber zu einer PraÈzisierung
der Kontraste fuÈhren. So war es zwar seinerzeit sicherlich jedem Verfassungsrechtler
von Rang mehr oder weniger bewusst, dass ein Parlament in einem sozialistischen
Staat andere Funktionen erfuÈllt als in einer ¹westlichenª Demokratie. Die unterschied-
liche Funktionalisierung einzelner Rechtsinstitute bzw des Rechts uÈberhaupt in jenen
LaÈndern genau herauszuarbeiten und dergestalt zugleich die VorzuÈge, aber denkbarer-

15 Vgl zB (Herbert) KruÈ ger, Stand und SelbstverstaÈndnis der Verfassungsvergleichung heute,
VRUÈ 1972, 5 (20).
16 Constantinesco II, 128; SzaboÂ, Comparative Constitutional Law: Its Possibility and Limits,
È R 1971, 133 (143).
ZO
22 . . . . . . . . . . . . . . 3. Kapitel: Wesen und Funktionen des Vergleichenden Verfassungsrechts

weise auch die SchwaÈchen des eigenen Rechts in schaÈrferen Konturen erscheinen zu
lassen, ist allerdings ein Verdienst der ± vergleichend arbeitenden ± Ostrechtsfor-
schung (zu dieser schon 2. Kap, III.).

E. Die Rechtsquellen

Rechtsvergleichung in einem funktionellen Sinn setzt ferner EinfuÈhlen und Einarbei-


tung in fremde Rechtskulturen voraus. Das gilt namentlich fuÈr die Frage, was alles als
¹Rechtsquelleª heranzuziehen ist. Rechtsquelle im Sinne rechtsvergleichender For-
schung ist alles, was das Rechtsleben der herangezogenen Ordnung gestaltet
oder mitgestaltet. Der Vergleicher muss sich also derselben Quellen bedienen wie
der Jurist der auslaÈndischen Rechtsordnung, und er muss ihnen auch denselben Wert
und dasselbe Gewicht beimessen wie jener. 17 Zu studieren sind in diesem Rahmen
somit das (geschriebene) Verfassungsrecht und einfaches Gesetzesrecht, autonome
ParlamentsbeschluÈsse und voÈlkerrechtliche VertraÈge, die verfassungsgerichtliche und
die verwaltungsgerichtliche Judikatur, das Verfassungsgewohnheitsrecht, Gesetzesma-
terialien sowie die nationale wissenschaftliche Literatur. Dass damit ein groûer und
wohl nicht immer vollstaÈndig einloÈsbarer Anspruch an das juristische VerstaÈndnis ±
und die Sprachkenntnisse ± gestellt wird, ist augenscheinlich. Die Tiefe der Durchfor-
schung einer auslaÈndischen Rechtsordnung wird allerdings auch von der konkreten
Themenstellung abhaÈngen. Sollen im Rahmen eines Lehrbuchkapitels (lediglich)
Umfang und Systematisierung von Grundrechten in einer groÈûeren Anzahl von Staaten
dargestellt werden, werden bereits die (originalsprachlichen oder in eine breiter
zugaÈngliche Sprache uÈbersetzten) Verfassungstexte weitreichende Auskunft geben
koÈnnen. Ein monographischer Vergleich der AuspraÈgung des Gleichheitssatzes in
mehreren LaÈndern wird demgegenuÈber ohne detaillierte Auswertung der jeweiligen
verfassungsgerichtlichen Judikatur ± und damit einhergehend ohne volle Sprach-
kenntnisse ± nicht auskommen koÈnnen.

F. UÈbernationale Systematik und Begrifflichkeit

Rechtsvergleichung beschaÈftigt sich, wie schon beschrieben (s oben B.), mit verschie-
denen nationalen Rechtsordnungen und uÈberschreitet insofern Systemgrenzen. Sie
kennt hiebei nicht a priori uÈberlegene und unterlegene Rechtsordnungen, sondern
ist diesbezuÈglich vom Grundsatz der ParitaÈt beherrscht. Rechtsvergleichung ist eine
uÈbernationale Wissenschaft, nicht eine AuspraÈgung einer nationalen Rechtswissen-
schaft. Eine vergleichende Analyse darf daher nicht von der Systematik und Dogmatik
einer bestimmten Rechtsordnung ausgehen und alle anderen Rechtsordnungen gleich-
sam durch diese nationale Brille betrachten. Ein methodisch sachgerechtes Vorgehen
kommt vielmehr nicht umhin, eine eigene ± eben uÈbernationale ± Systematik und
eigene Systembegriffe zu entwickeln.
Aus der Sicht des einzelnen Rechtsvergleichers bedeutet dies, dass er zunaÈchst aus
dem ihm vertrauten Rechtssystem heraustreten und gegenuÈber allen verglichenen
Rechtsordnungen die Rolle eines externen Beobachters einnehmen muss. Dies ist
insofern nicht ganz einfach, als der Wissenschafter in aller Regel nur in seiner Heimat-

17 So treffend Zweigert/KoÈtz, 34; ferner Ebert, 150 ff.


I. Zur Rechtsvergleichung allgemein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23

rechtsordnung ausgebildet worden ist und durch deren Systematik und Methodik eine
besondere PraÈgung erfahren haben wird. 18 Sodann muss er, ausgehend von dem sei-
ner Untersuchung zugrunde liegenden sozialen PhaÈnomen bzw RegelungsbeduÈrfnis,
ein System entwickeln, das die verschiedenen rechtlichen LoÈsungen in einen sachlich
begruÈndbaren Zusammenhang bringt, in dem sie vergleichbar und aneinander mess-
bar werden; es ist also ein Vergleichsmaûstab der zu ordnenden PhaÈnomene, ein
tertium comparationis, festzusetzen. Dieses System, das eben nicht apriorisch fest-
liegt, sondern nur induktiv durch fortwaÈhrendes Experimentieren und Vergleichen
ermittelt werden kann, wird dabei elastischer und weitmaschiger angelegt sein muÈs-
sen als nationale Ordnungsvorstellungen. 19 Ein Beispiel: Die Sicherung der StabilitaÈt
einer Verfassungsordnung darf nicht etwa auf die Frage von parlamentarischen
Abstimmungsquoren reduziert werden. Durch vergleichendes Sammeln von ganz
unterschiedlichen Regelungen, die der untersuchten Funktion dienen, wird man eine
Vielfalt von Rechtstechniken entdecken, die sich wieder in Kategorien gruppieren
und aneinander messen lassen.
Die Bildung eines eigenen Systems geht ± es wurde schon erwaÈhnt ± Hand in
Hand mit der Bildung und Verwendung einer eigenen Begrifflichkeit, die sich gleich-
falls von nationalen Begriffen loÈsen muss. Man darf insbesondere nicht AusdruÈcke
aus den verglichenen Rechtsordnungen unbesehen uÈbernehmen und einfach schema-
tisch gegenuÈberstellen. 20 Ein simples Beispiel: WaÈhrend in Deutschland und O È ster-
reich der ¹Bundesratª die zweite Parlamentskammer (uzw naÈherhin die ¹LaÈnderkam-
merª) darstellt, bezeichnet der gleiche Begriff in der Schweiz die Regierung. U È ber
den ¹Bundesratª in Deutschland, O È sterreich und der Schweiz vergleichend zu raÈson-
nieren, waÈre daher gaÈnzlich verfehlt. Man muss also eine Metasprache finden, dh
autonome Begriffe der Rechtsvergleichung bilden, die sich auf die Regelung von
Lebenssachverhalten beziehen. Die Schwierigkeiten einer solchen Begriffsbildung
duÈrfen allgemein nicht unterschaÈtzt werden. Im Bereich des Vergleichenden Verfas-
sungsrechts ist ein entsprechender Begriffsapparat allerdings bereits von der Allgemei-
nen Staatslehre entwickelt worden; der Verfassungsvergleicher wird auf diesen Fundus
zumeist mit Erfolg zuruÈckgreifen koÈnnen. 21 Im angefuÈhrten Beispiel etwa bieten sich
zwanglos die (oben auch schon verwendeten) Begriffe der ¹zweiten Parlamentskam-
merª oder ± bei enger gespanntem Untersuchungsrahmen ± der ¹LaÈnderkammerª an
(in der Schweiz uÈbt diese Funktion uÈbrigens der ¹StaÈnderatª aus).

G. Auslandsrechtskunde und Rechtsvergleichung

Rechtsvergleichung ist nach dem Gesagten von spezifischen Erkenntnisinteressen


geleitet und stellt einen spezifischen methodischen Anspruch. Nicht jede BeschaÈfti-
gung mit auslaÈndischen Rechten ist darum schon Rechtsvergleichung; nicht jede wis-
senschaftliche Arbeit, die in irgendeiner Weise ± sei es zufaÈllig oder willkuÈrlich, sei es

18 Vgl Sommermann, DO È V 1999, 1017 f; Ebert, 148.


19 Vgl naÈher ± mit Beispielen aus der Privatrechtsvergleichung ± Zweigert/KoÈtz, 43 ff.
20 Vgl Starck, JZ 1997, 1026 f, der ein bekanntes Beispiel aus dem Vergleichenden Verwal-
tungsrecht ± der deutsche Begriff des ¹Verwaltungsaktesª ist enger definiert als der franzoÈsische
¹acte administratifª ± bringt.
21 Vgl Starck, JZ 1997, 1027.
24 . . . . . . . . . . . . . . 3. Kapitel: Wesen und Funktionen des Vergleichenden Verfassungsrechts

systematisch und gezielt ± auslaÈndisches Recht beruÈcksichtigt, darf daher schon mit
dem Etikett einer ¹rechtsvergleichenden Studieª versehen werden. HaÈufig sind wissen-
schaftliche Arbeiten einer historischen und/oder dogmatischen Analyse (eines Teilpro-
blems) einer bestimmten fremden Rechtsordnung gewidmet; mitunter wird auch eine
beziehungslose Aneinanderreihung der Untersuchung verschiedener Rechte (bzw ein
und derselben Frage in verschiedenen Rechten) unternommen. Derartige Darstellun-
gen sind Auslandsrechtskunde, nicht Rechtsvergleichung. 22 Auslandsrechtskund-
liche Arbeiten verfolgen freilich legitime Zwecke, sie koÈnnen von unschaÈtzbarem
Wert sein. Ihr primaÈres Ziel ist die Verschaffung von Kenntnissen von Teilbereichen
einer fremden Rechtsordnung insbesondere zum Zweck der Befriedigung praktischer
BeduÈrfnisse.
Die systematische Aufbereitung fremden Rechts ist ferner eine unentbehrliche Vor-
aussetzung fuÈr Rechtsvergleichung im eigentlichen Sinn. David/Grasmann fassen das
VerhaÈltnis der beiden Disziplinen in folgendes plastisches Bild: ¹Rechtsvergleichung
ist ein GebaÈude mit mehreren Stockwerken. Auslandsrechtskunde bildet das Erd-
geschoû, die Vergleichung wird in den Stockwerken besorgt. Auch zur Rechtsverglei-
chung fuÈhrt der Eingang durch das Erdgeschoû; man versuche nicht, mit der Leiter
sogleich in die Bel Etage einzusteigen.ª 23 Auslandsrechtskunde liefert also das ±
beschreibend aufbereitete ± Material; erst die GegenuÈberstellung der Regelung ein
und desselben Sachproblems in zwei oder mehreren Rechtsordnungen, durch die
UÈ bereinstimmungen und Verschiedenheiten und deren Verursachung festgestellt wer-
den, ist Rechtsvergleichung. In den unuÈberbietbar knappen und praÈzisen Worten
Rheinsteins: ¹Auslandsrechtskunde ist normbezogen-deskriptiv, Rechtsvergleichung
dagegen problembezogen-funktional.ª 24
Auslandsrechtskundliche und rechtsvergleichende Arbeiten werden aÈuûerlich (dh
in einem Sammelband) haÈufig in der Weise verbunden, dass das untersuchte Thema
aus der Sicht der einzelnen Rechtsordnungen in LaÈnderberichten referierend dargestellt
und diesen LaÈnderberichten als eigentlicher Kern der Untersuchung eine vertiefte Ver-
gleichung voran- oder nachgestellt wird. 25 Diese Vorgangsweise hat mehrere Vorteile,
aber auch Gefahren. Sie ermoÈglicht zunaÈchst die Aufteilung des Stoffes auf mehrere
Bearbeiter, insbesondere die Einbeziehung von nationalen Berichterstattern, die ihr
Recht naturgemaÈû besser kennen und darum exaktere Darstellungen zu liefern vermoÈ-
gen als jeder auslaÈndische Wissenschafter. Vertiefte Untersuchungen eines bestimmten
Rechtsgebietes in einer Vielzahl von LaÈndern sind ± da die KraÈfte einer Einzelperson
uÈbersteigend ± anders wohl nicht bewaÈltigbar. Die (moÈglichst uÈbersichtliche) PraÈsenta-
tion des Rechtsmaterials in LaÈnderberichten gewaÈhrleistet zudem aus Sicht des Lesers
eine bessere Nachvollziehbarkeit der in den vergleichenden Teilen ± die auf die natio-
nalen Rechte meist nur mehr summarisch eingehen koÈnnen ± gezogenen SchluÈsse.

22 Anders allerdings Braga, in: GS Constantinesco 100 f; Konijnenbelt, Discours de la


meÂthode en droit public compareÂ, in: Boele-Woelki ua (Hrsg), Comparability and Evaluation,
Dordrecht/Boston/London 1994, 121 (124).
23 David/Grasmann, 2.
24 Rheinstein, 28.
25 S zB Hofmann/Marko/Merli/Wiederin (Hrsg), Rechtsstaatlichkeit in Europa, Heidelberg
1996; dies (Hrsg), Information, Medien und Demokratie. Ein europaÈischer Rechtsvergleich,
Wien 1997; Hofmann/HollaÈnder/Merli/Wiederin (Hrsg), Armut und Verfassung. Sozialstaatlich-
keit im europaÈischen Vergleich, Wien 1998.
I. Zur Rechtsvergleichung allgemein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25

Freilich setzt ein derart arbeitsteiliges Vorgehen eine gewisse Einheitlichkeit der LaÈn-
derberichte voraus. Diese muss daher durch ein allen Berichten bzw Berichterstattern
vorgegebenes gemeinsames Gliederungsschema bzw einen Fragenkatalog hergestellt
werden. Die Gliederung muss ± und hier ist groûe Sachkunde vonnoÈten ± den Stoff
so in Problemfelder zerlegen, dass zu jeder Teilfrage nach funktional vergleichbaren
nationalen LoÈsungen gesucht wird. Sie darf also nicht an nationalen Systemvorstellun-
gen haften bleiben, andererseits sich aber auch nicht in einer Beliebigkeit der Frage-
stellung verlieren. Empfehlenswert ist, dass bereits der Fragenkatalog unter Beteiligung
von Vertretern der zu vergleichenden Rechtsordnungen ausgearbeitet wird.
Es ist aber auch zulaÈssig, eine vergleichende Untersuchung ohne Voranstellung
bzw Nachstellung von LaÈnderberichten so aufzubauen, dass Punkt fuÈr Punkt verglei-
chend uÈber die LaÈnder berichtet wird. Dies ist eine besonders kondensierte Form der
Vergleichung, die dem Bearbeiter die alleinige Last der Ermittlung der in den Vergleich
einbezogenen Rechtsgrundlagen aufbuÈrdet und dem Leser einen Einstieg in die Mate-
rie auf erhoÈhtem Abstraktionsniveau abverlangt.

H. Makrovergleichung und Mikrovergleichung

Rechtsvergleichung kann als Mikrovergleichung und als Makrovergleichung betrieben


werden. Makrovergleichung beschaÈftigt sich nach einer prominenten Ansicht mit
Rechtssystemen und Rechtskreisen (zu diesem Begriff s 11. Kap, I.) im Ganzen, zB
mit Vergleichungen zwischen dem anglo-amerikanischen und dem kontinental-euro-
paÈischen Recht oder innerhalb des letzteren zwischen deutschem und franzoÈsischem
Recht. 26 Dass mit einer solchen Begriffsbildung (¹Systemvergleichungª) eine gewaltige
und jedenfalls fuÈr eine Einzelperson praktisch kaum bewaÈltigbare Spannbreite des
Untersuchungsrahmens angelegt wird, ist augenscheinlich.
Andere, ebenso prominente Lehrmeinungen verstehen Makrovergleichung in
einem nicht derartig allumfassenden Sinn. Danach werden im Rahmen der Makrover-
gleichung nicht konkrete Einzelprobleme und ihre LoÈsungen, sondern Geist und Stil
verschiedener Rechtsordnungen und die in ihnen gebraÈuchlichen Denkmethoden
und Verfahrensweisen miteinander verglichen. Hierher gehoÈrt zB die vergleichende
Darstellung der Gesetzgebungstechniken, der Kodifikationsstile und der Methoden
der Gesetzesauslegung, der Tragweite von PraÈjudizien, der Bedeutung der Doktrin
fuÈr die Rechtsfortbildung, der verschiedenen Urteilsstile, der Formen der Konflikt-
loÈsung insb vor den staatlichen Gerichten oder auch der Aufgaben und Funktionen
bestimmter im Rechtsleben taÈtiger Personen. 27
Auf das Vergleichende Verfassungsrecht ist letztere, von Privatrechtsvergleichern
mit primaÈrem Blick auf ihre Wissenschaft aufgestellte Umschreibung indes nur bedingt
anwendbar. Unter Makrovergleichung soll hier eine vergleichende Untersuchung
jener PhaÈnomene verstanden werden, die einer Verfassung bzw Verfassungs-
ordnung gesamthaft anhaften, wie zB die Art der Erlassung einer Verfassung, die
Rechtsquellen des Verfassungsrechts oder dessen normenhierarchische Schichtung (s
im Einzelnen den 2. Abschnitt dieses Buches).

26 So Rheinstein, 31 und 33; ferner Ebert, 21 und 23.


27 Zweigert/KoÈtz, 4; wohl auch MaÈnhardt/Posch, 126.
26 . . . . . . . . . . . . . . 3. Kapitel: Wesen und Funktionen des Vergleichenden Verfassungsrechts

Mikrovergleichung beschaÈftigt sich demgegenuÈber mit einzelnen Rechtsinstitu-


ten oder Rechtsproblemen, also mit der Frage, welche rechtlichen LoÈsungen fuÈr ein
spezielles, relativ eng umgrenztes Sachproblem in verschiedenen Rechtsordnungen
gefunden worden sind; man spricht mitunter auch von ¹Institutionenvergleichungª. 28
Zu warnen ist allerdings davor, ein zu kleines und isoliertes Untersuchungsobjekt zu
waÈhlen. Je kleiner das Objekt der Vergleichung, umso weniger foÈrdert die Mikrover-
gleichung zutage und umso groÈûer ist die Gefahr zu falschen SchluÈssen zu gelangen.
Um die eigentlichen WesenszuÈge zu zeigen, sollte man daher ein groÈûeres Beobach-
tungsfeld waÈhlen, am besten einen ganzen Komplex von Problemen, die ein zusam-
menhaÈngendes Ganzes bilden. 29 Im Bereich des Verfassungsrechts als lohnendes
Objekt der Mikrovergleichung zu nennen waÈre zB die Untersuchung von Wesen und
Funktionen der Verfassungsgerichtsbarkeit oder der Zusammensetzung und der Auf-
gaben einer zweiten Parlamentskammer.
Zutreffend wird in der Literatur betont, dass die Grenzen zwischen Makro- und
Mikrovergleichung flieûend sind und dass vielfach die eine Form vergleichender
Arbeit ohne die andere nicht auskommt. 30 Insbesondere kann ein einzelnes Rechts-
problem typischerweise nicht isoliert von der uÈbrigen Rechtsordnung gesehen wer-
den. Die Funktion eines Rechtsinstituts kann nur verstehen, wer die rechtssystemati-
schen ZusammenhaÈnge, die gelaÈufigen Interpretationstechniken, uÈberhaupt die
¹Ambianceª einer Rechtsordnung kennt; mikro- und makrovergleichende Fragestel-
lungen gehen also vielfach ineinander uÈber.
Schon aus diesem Grund abzulehnen ist die Ansicht, dass man sich wegen des
(zuruÈckgebliebenen) Standes der Rechtsvergleichung im oÈffentlichen Recht in diesem
Bereich derzeit noch auf Mikrovergleichung beschraÈnken muÈsse. 31 Es besteht aber
auch keine Veranlassung, aus prinzipiellen GruÈnden vor einer Totalvergleichung gan-
zer Verfassungsordnungen zuruÈckzuschrecken. 32 Das methodische Instrumentarium
hiefuÈr ist ausreichend entwickelt bzw im Zuge einer solchen Arbeit verfeinerbar, der
Umfang eines derartigen Vorhabens ist zwar gewaltig, haÈlt sich aber noch in uÈber-
schaubarerem Rahmen als etwa der Systemvergleich ganzer Privatrechtsordnungen.

II. Das Vergleichende Verfassungsrecht

Literatur: Banaszak, Die Bedeutung der rechtsvergleichenden Forschung fuÈr das Ver-
fassungsrecht, in: FS AÂdaÂm, PeÂcs 2005, 23; Bernhardt, Eigenheiten und Ziele der
Rechtsvergleichung im oÈffentlichen Recht, ZaoÈRV 1964, 431; Dorsen/Rosenfeld/SajoÂ/

28 Vgl ± mit Beispielen aus dem Privatrecht ± Zweigert/KoÈtz, 4 f; MaÈnhardt/Posch, 126 f.


29 Vgl ± mit Beispielen uÈberwiegend aus dem Privatrecht ± Constantinesco II, 103 f.
30 Vgl Zweigert/KoÈtz, 5.
31 So aber (Hartmut) Kru È ger, Eigenart, Methode und Funktion der Rechtsvergleichung im
oÈffentlichen Recht, in: FS Kriele, MuÈnchen 1997, 1393 (1405), der allerdings im Rheinstein'schen
Sinn (s oben bei und in FN 26) unter Makrovergleichung den Totalvergleich ganzer Teilrechts-
ordnungen versteht; aÈhnlich fruÈher auch schon Bernhardt, ZaoÈRV 1964, 436; wie hier hingegen
Starck, JZ 1997, 1026 FN 78.
32 Vgl hiezu ansatzweise die studentische Seminararbeiten vereinigenden SammelbaÈnde von
Stolz/Wieser (Hrsg), Verfassungsvergleichung in Mitteleuropa, OlmuÈtz 2000; dies (Hrsg), Verfas-
sungsvergleichung in Europa, OlmuÈtz 2003; ferner Stalev, Verfassungssysteme im Umbruch. Eine
rechtsvergleichende Untersuchung zu Bulgarien, RumaÈnien und Slowenien, Baden-Baden 1999.
II. Das Vergleichende Verfassungsrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27

Baer, Comparative Constitutionalism. Cases and Materials, St. Paul 2003, 1; Eberle,
Comparative Public Law: A Time That Has Arrived, in: FS Groûfeld, Heidelberg 1999,
175; Gamper, Die Regionen mit Gesetzgebungshoheit. Eine rechtsvergleichende Unter-
suchung zu FoÈderalismus und Regionalismus in Europa, Frankfurt ua 2004, 4; HaÈberle,
Textstufen als Entwicklungswege des Verfassungsstaates, in: FS Partsch, Berlin 1989,
555 (ebenso in: ders, Rechtsvergleichung im Kraftfeld des Verfassungsstaates, Berlin
1992, 3); HaÈberle, Grundrechtsgeltung und Grundrechtsinterpretation im Verfassungs-
staat. Zugleich zur Rechtsvergleichung als ¹fuÈnfterª Auslegungsmethode, JZ 1989, 913
(ebenso in: ders, Rechtsvergleichung im Kraftfeld des Verfassungsstaates, Berlin 1992,
27); HaÈberle, Die EntwicklungslaÈnder im Prozeû der Textstufendifferenzierung des Ver-
fassungsstaates, VRU È 1990, 225 (ebenso in: ders, Rechtsvergleichung im Kraftfeld des
Verfassungsstaates, Berlin 1992, 791); HaÈberle, GemeineuropaÈisches Verfassungsrecht,
EuGRZ 1991, 261 (ebenso in: ders, Rechtsvergleichung im Kraftfeld des Verfassungs-
staates, Berlin 1992, 71); HaÈberle, Die Entwicklungsstufe des heutigen Verfassungsstaa-
tes, Rechtstheorie 1991, 431 (ebenso in: ders, Rechtsvergleichung im Kraftfeld des Ver-
fassungsstaates, Berlin 1992, 105); Haller, Verfassungsvergleichung als Impuls fuÈr die
Verfassungsgebung, in: FS Fleiner, Freiburg 2003, 311; Heller, Rechtsvergleichung und
Verfassungsrecht, in: FS Schwind, Wien 1993, 147; Jackson/Tushnet, Comparative Con-
stitutional Law, New York 1999, 144, 181; Jackson/Tushnet (Hrsg), Defining the Field
of Comparative Constitutional Law, Westport (Connecticut)/London 2002 (darin die
BeitraÈge von Jackson/Tushnet, Weinrib, Takahashi, Kommers, Schneiderman); Kaiser,
Vergleichung im oÈffentlichen Recht ± Einleitung, ZaoÈRV 1964, 391; Konijnenbelt, Dis-
cours de la meÂthode en droit public compareÂ, in: Boele-Woelki ua (Hrsg), Comparabi-
lity and Evaluation, Dordrecht/Boston/London 1994, 121; (Hartmut) KruÈger, Eigenart,
Methode und Funktion der Rechtsvergleichung im oÈffentlichen Recht, in: FS Kriele,
MuÈnchen 1997, 1393; (Herbert) Kru È ger, Stand und SelbstverstaÈndnis der Verfassungs-
vergleichung heute, VRU È 1972, 5; MoÈssner, Rechtsvergleichung und Verfassungsrecht-
sprechung, AoÈR 1974, 193; Mu È nch, EinfuÈhrung in die Verfassungsvergleichung, ZaoÈRV
1973, 126; Schwarze, EuropaÈisches Verwaltungsrecht I, Baden-Baden 1988, 74; Som-
mermann, Die Bedeutung der Rechtsvergleichung fuÈr die Fortentwicklung des Staats-
und Verwaltungsrechts in Europa, DO È V 1999, 1017; Sommermann, Funktionen und
Methoden der Grundrechtsvergleichung, in: Merten/Papier (Hrsg), Handbuch der
Grundrechte in Deutschland und Europa I ± Entwicklung und Grundlagen, Heidelberg
2004, 631; Starck, Rechtsvergleichung im oÈffentlichen Recht, JZ 1997, 1021; Strebel, Ver-
gleichung und vergleichende Methode im oÈffentlichen Recht, ZaoÈRV 1964, 405; SzaboÂ,
Comparative Constitutional Law: Its Possibility and Limits, ZO È R 1971, 133; Teitel, Com-
parative Constitutional Law in a Global Age, Harvard Law Review 2003/2004, 2570;
Trantas, Die Anwendung der Rechtsvergleichung bei der Untersuchung des oÈffentli-
chen Rechts, Dresden/MuÈnchen 1998; Tushnet, The Possibilities of Comparative Con-
stitutional Law, The Yale Law Journal 1999, 1225; Venter, Constitutional Comparison,
Cape Town/Cambridge (MA)/Dordrecht 2000, 15, 256; Wahl, Verfassungsvergleichung
als Kulturvergleichung, in: FS Quaritsch, Berlin 2000, 163; Wieser, Vom Wesen und
Wert der Verfassungsrechtsvergleichung, juridikum 2004, 117.

A. GegenstaÈndliche Besonderheiten

Das Vergleichende Verfassungsrecht ist durch den ¹politischen Charakterª seines


Gegenstandes gekennzeichnet. WaÈhrend die Privatrechtsvergleichung sich mit Prinzi-
28 . . . . . . . . . . . . . . 3. Kapitel: Wesen und Funktionen des Vergleichenden Verfassungsrechts

pien und Rechtsinstituten beschaÈftigt, die einen angemessenen Ausgleich der einander
widerstreitenden individuellen, insb wirtschaftlichen Interessen gewaÈhrleisten wollen,
untersucht das Vergleichende Verfassungsrecht die politische Ordnung des Gemein-
wesens, dh das grundlegende VerhaÈltnis zwischen BuÈrger und Staat und die Organisa-
tion und Arbeitsweise der Staatsorgane. Sie beschaÈftigt sich also mit dem PhaÈnomen
der rechtlichen Verfasstheit der oÈffentlichen Gewalt. Diese ist Ausdruck einer
bestimmten Konzeption politischer Herrschaft, ihr liegt eine bestimmte ¹politische
Philosophieª zugrunde. Der Blick des Verfassungsrechtsvergleichers hat sich also not-
wendigerweise auch auf die politischen, ideologischen, historischen und kulturellen
HintergruÈnde der jeweils behandelten Verfassungsordnungen in ihrer Gesamtheit zu
richten; es ist das historisch gewachsene StaatsverstaÈndnis als solches hinreichend zu
wuÈrdigen.
Vergleichsobjekt des Verfassungsrechtsvergleichers ist also nicht der nackte Nor-
menbestand des untersuchten Staates, sondern auch eine Reihe auûerrechtlicher Fak-
toren. Zutreffend ist in der Literatur wiederholt betont worden, dass aus dem abstrak-
ten, von allen politischen, historischen und gesellschaftlichen EinfluÈssen isolierten
Normenbestand die StaatsindividualitaÈten nicht wirklichkeitsgetreu erfasst werden
koÈnnen. 33 Die in diesem Zusammenhang auftauchende Kardinalsfrage ist freilich
jene, in welchem Ausmaû in der Praxis der Vergleichung von Verfassungsordnungen
auûerrechtliche Strukturelemente den rechtlichen Befund uÈberlagern koÈnnen bzw
duÈrfen. Ungeachtet der Gefahren starrer Abgrenzungsregeln muss es hier Leitlinie
sein, dass Kernobjekt des Vergleichenden Verfassungsrechts stets das Recht zu sein
hat; alle anderen Komponenten haben eine untergeordnete, insb erklaÈrende Funktion
einzunehmen. 34 Das Vergleichende Verfassungsrecht fragt nach den verfassungsrecht-
lichen Strukturen der verglichenen Staaten und darf hiebei die politische und gesell-
schaftliche Umwelt der Rechtsvorschriften nicht uÈbersehen; sie bemuÈht sich aber nicht
um eine allumfassende ErklaÈrung (aller Faktoren) des politischen Prozesses. 35 An
einem konkreten Beispiel 36 festgemacht: Es waÈre unbefriedigend bzw unvollstaÈndig,
wollte man die amerikanische PraÈsidentschaft, das Wahlsystem, die Formen der Staats-
willensbildung und das VerhaÈltnis zwischen Senat und RepraÈsentantenhaus in den
USA im Rahmen einer rechtsvergleichenden Studie ohne entsprechende BeruÈcksichti-
gung der Auswirkungen des real existierenden Zweiparteiensystems darstellen; letzte-
res muÈsste zu diesem Zweck eben mindestens in seinen Grundstrukturen wissen-
schaftlich erfasst werden. Nicht mehr Gegenstand des Vergleichenden Verfassungs-
rechts ist jedoch die BeruÈcksichtigung etwa der verkehrs- und nachrichtentechnischen
Gegebenheiten und der MoÈglichkeiten der Willensbeeinflussung von Tagespresse bis
Fernsehen. Letzteres ist Aufgabe der Vergleichenden Regierungslehre als Zweig der
Politikwissenschaft (dazu noch hier 4. Kap, I.).

33 Strebel, ZaoÈRV 1964, 409 ff; (Hartmut) Kru


È ger, in: FS Kriele 1399.
34 Gegenteilig Strebel, ZaoÈRV 1964, 411, der an anderer Stelle (413) von einem Gesamtbild
spricht, in dem ¹die Bereiche des Rechtlichen und Faktischen nicht mehr besonders gegeneinan-
der abgegrenzt werden, wo vielmehr ihre Verschmelzung vor Augen gefuÈhrt wirdª; vgl ferner
(Hartmut) Kru È ger, in: FS Kriele 1400 f.
35 Vgl Bernhardt, ZaoÈRV 1964, 435; ferner SzaboÂ, ZO È R 1971, 148.
36 Das Beispiel stammt von Strebel, ZaoÈRV 1964, 417 f, wurde aber zur Kennzeichnung der
hier zugrunde gelegten methodischen Position modifiziert bzw ¹geteiltª.
II. Das Vergleichende Verfassungsrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29

Als weitere Besonderheit des Untersuchungsgegenstandes des Vergleichenden Ver-


fassungsrechts ist hervorzuheben, dass Verfassungen ± entsprechend ihrer Funktion
als auf laÈngere Dauer angelegte rechtliche Grundordnung des Staates ± eine gro È ûere
Anzahl unbestimmter, konkretisierungsbedu È rftiger Begriffe als andere Gesetze
enthalten; insb deren Grundrechtskapitel zeichnen sich durch auûerordentlich lapi-
dare, lakonische Formulierungen aus. Eine enorme Bedeutung gewinnt darum die
Kenntnis der verfassungsgerichtlichen Judikatur des betreffenden Staates. In den USA
wird die dominierende Rolle des Supreme Court fuÈr die Entwicklung des Verfassungs-
rechts haÈufig mit einem vielzitierten Ausspruch des Richters Charles E. Hughes zusam-
mengefasst: ¹We are under a Constitution, but the Constitution is what the judges say it
isª; 37 diese Behauptung hat auch fuÈr manche andere LaÈnder mit starker Verfassungs-
gerichtsbarkeit einen wahren Kern. In den LaÈndern ohne (ausgebaute) Verfassungs-
gerichtsbarkeit koÈnnen wissenschaftliche Literatur und Verfassungspraxis die Judikatur
oft nur unzureichend als Erkenntnisquelle des Verfassungsrechtsvergleichers substitu-
ieren.

B. Zwecke

1. Wissenschaftliche Erkenntnis

Verfassungsrechtsvergleichende Arbeiten koÈnnen wie rechtsvergleichende Studien


generell verschiedene Zwecke verfolgen. Sie koÈnnen zunaÈchst der von praktischen
Zwecksetzungen freien wissenschaftlichen Erkenntnis ± pathetisch formuliert: der
Suche nach ¹Wahrheitª ± dienen. Durch das Studium auslaÈndischen Verfassungsrechts
werden Eigenheiten, insb auch Vor- und Nachteile der eigenen Verfassungsordnung
im Vergleich zu anderen sichtbar. Verfassungsrechtsvergleichung dient hier zur
Gewinnung von Einsichten in das eigene Recht, zu denen man aller Wahrschein-
lichkeit nach nicht gelangt waÈre, wenn man das eigene Verfassungsrecht nur aus sich
heraus betrachtet haÈtte. Auch der beste Verfassungsrechtler wird naÈmlich, solange er
in seinem eigenen Rechtssystem befangen ist, nicht in der Lage sein, alle jene recht-
lichen LoÈsungen fuÈr ein konkretes verfassungspolitisches Problem in der Struktur
oder gar im Detail zu erahnen, die das positive Recht aller Verfassungsstaaten uÈber
Jahrhunderte hinweg hervorgebracht hat. Er wird in vielen FaÈllen die RelativitaÈt seines
eigenen Rechts gar nicht erkennen und wird geneigt sein, einer bestimmten Regelung
SelbstverstaÈndlichkeit oder Grundsatzcharakter zuzuschreiben, wo sie vielleicht ± ver-
gleichend betrachtet ± lediglich zufaÈllig oder von der internationalen Rechtsentwick-
lung uÈberholt ist.
Verfassungsrechtsvergleichung fuÈhrt damit zum einen zu einem besseren VerstaÈnd-
nis der heimischen Rechtsordnung, schafft aber zum anderen auch eine die nationale
Introvertiertheit aufbrechende, wohltuende Distanz zum eigenen Recht. Sie hebt
ins Bewusstsein, dass die Rechtsinstitute und Methoden des eigenen Rechts nicht die
einzig moÈglichen LoÈsungen fuÈr soziale Probleme sind. Eine blinde GlaÈubigkeit an die
UÈ berlegenheit des eigenen Rechts (¹Rechtschauvinismusª, ¹juristisches Kirchtumsden-
kenª) wird damit hintangehalten, das eigene Verfassungsrecht wird nicht mehr in einer
Weise wahrgenommen, als ob es das logisch zwingende und ideale Recht ± gleichsam

37 Vgl Brugger, EinfuÈhrung in das oÈffentliche Recht der USA2, MuÈnchen 2001, 7 f.
30 . . . . . . . . . . . . . . 3. Kapitel: Wesen und Funktionen des Vergleichenden Verfassungsrechts

die beste oder gar einzig denkbare LoÈsung fuÈr das konkrete verfassungspolitische Pro-
blem ± waÈre. Umgekehrt kann aber eine im internationalen Vergleich als besonders
gut gelungen erkannte nationale LoÈsung zu einer wertvollen StaÈrkung der einheimi-
schen RechtsuÈberzeugung fuÈhren. 38
Indem die Verfassungsrechtsvergleichung einen Einblick in die VielfaÈltigkeit der
rechtlichen Formen und GestaltungsmoÈglichkeiten gibt, wie es ein einzelnes Recht
niemals bieten kann, erweitert sie den allgemeinen juristischen Horizont, bereichert
die individuellen Rechtskenntnisse und steigert die geistige FlexibilitaÈt. Sie fuÈhrt
zugleich allerdings auch vor Augen, dass der Kreis (¹weltweite Vorratª) an praktika-
blen LoÈsungen fuÈr ein bestimmtes Sachproblem doch ein begrenzter ist. In der O È ff-
nung dieses juristischen Erfahrungsschatzes ± also der Lieferung eines Anschau-
ungsmaterials an rechtlich erprobten Lo È sungen ± liegt ein weiterer Wert der
Anwendung der rechtsvergleichenden Methode. 39
Verfassungsrechtsvergleichende Studien und Forschungsergebnisse koÈnnen ferner
auch unmittelbar auf die nationale Rechtsdogmatik und Rechtslehre einwirken,
indem sie Lehren und Theorien in vielfaÈltiger Weise befruchten und weiterentwickeln.
Dogmatische Figuren und GrundsaÈtze einer nationalen Rechtsordnung koÈnnen auf
den rechtsvergleichenden PruÈfstand ihrer RichtigkeitsgewaÈhr gestellt werden; sie koÈn-
nen ± mit aus der Rechtsvergleichung gewonnenen Einsichten konfrontiert ± bestaÈtigt,
mit zusaÈtzlichen Argumenten untermauert oder aber in Frage gestellt oder gar zu Fall
gebracht werden. Mitunter macht sich die Lehre Theorien fremder Rechtsordnungen
zu eigen, um sie in eigene nationale RechtsloÈsungen umzusetzen. 40 So haben zahl-
reiche europaÈische Staaten in Bezug auf die ZulaÈssigkeit von GrundrechtseinschraÈn-
kungen die sog VerhaÈltnismaÈûigkeitstheorie (ferner die sog Wesensgehaltstheorie) ±
maûgeblich eine ¹Erfindungª der deutschen Judikatur und Lehre ± als dogmatisches
¹Lehngutª inkorporiert.
Die durch die Verfassungsrechtsvergleichung gewonnenen Erkenntnisse bilden
zudem wichtige Materialien, auf denen andere juristische Grundlagendiszipli-
nen aufbauen. Dies gilt namentlich fuÈr die Rechtssoziologie und die Rechtsphiloso-
phie, aber auch fuÈr die Allgemeine Staatslehre und die Verfassungslehre (vgl hiezu
auch noch 4. Kap). Es ist wohl uÈberspitzt, aber nicht ohne wahren Kern, wenn
Constantinesco ± bezogen ua auf die Rechtssoziologie und die Rechtsphilosophie ±
behauptet, diese Disziplinen waÈren ohne die Rechtsvergleichung ¹auf einen abstrak-
ten Streit um Worte beschraÈnkt, der deduktiv und spekulativ und ohne Beziehung
zur Rechtswirklichkeit waÈreª. 41
Immer wieder wurde in der Literatur der Wert der Rechtsvergleichung fuÈr die
Erkenntnis der Grundstrukturen des Rechts betont. Die vergleichende Methode
ermoÈglicht es, Rechtsprinzipien zu erkennen, die einer Vielzahl von Rechtsordnungen
gemeinsam sind, und dergestalt eine Art Universaltypologie der Rechtsinstitutionen zu

38 Vgl zu alledem insb Constantinesco, Rechtsvergleichung II ± Die rechtsvergleichende


Methode, KoÈln ua 1972, 335 ff.
39 Vgl Sommermann, DO È V 1999, 1020.
40 Vgl Ebert, Rechtsvergleichung, Bern 1978, 179; Constantinesco, Rechtsvergleichung II,
338 und 378 ff.
41 Constantinesco, Rechtsvergleichung II, 337.
II. Das Vergleichende Verfassungsrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31

entwickeln. 42 FuÈr das Vergleichende Verfassungsrecht hat HaÈberle diesen Gedanken


im geographischen Rahmen Europas in den Begriff des ¹gemeineuropaÈischen
Verfassungsrechtsª gefasst. 43 Darunter ist ein ± eben im Wege der Verfassungsrechts-
vergleichung zu identifizierendes ± Ensemble von einzelnen Verfassungsprinzipien zu
verstehen, die den verschiedenen nationalen Verfassungsstaaten gemeinsam sind.
Diese gemeineuropaÈischen Verfassungsprinzipien beinhalten mehr als bloû aÈuûerlich
und zufaÈllig parallele oder aÈhnliche Rechtsgedanken. Sie meinen den einzelnen Ver-
fassungsstaaten in der Tiefe ihrer Rechtskultur Gemeinsames, das aus dem europaÈ-
ischen ¹Wurzelbodenª erwaÈchst, der von der Einheit Europas in der geschichtlichen
Dimension ausgeht. 44
Verfassungen sind schlieûlich nicht nur ein juristisches Regelwerk, sondern auch
¹Ausdruck eines kulturellen Entwicklungszustandes, Mittel der kulturellen Selbst-
darstellung des Volkes, Spiegel seines kulturellen Erbes und Fundament seiner Hoff-
nungenª. 45 Das Vergleichende Verfassungsrecht ermoÈglicht es ± quasi als ¹unjuristi-
schesª Nebenprodukt ± in die kulturellen Tiefenschichten fremder Staaten ein-
zudringen. Angesichts des Umstandes, dass die VoÈlker sich untereinander und die
Verfassungen der anderen nur mangelhaft kennen und dies in mancher Hinsicht zu
MissverstaÈndnissen im Zusammenleben fuÈhrt, kann Verfassungsrechtsvergleichung im
besten Fall ± freilich ist dies ein hehres Ziel ± ein besseres VerstaÈndnis der VoÈlker
untereinander sowie die internationale Zusammenarbeit foÈrdern. 46
Die zuletzt angesprochene Zielsetzung zeigt, dass das Vergleichende Verfassungs-
recht neben dem reinen Erkenntnisgewinn regelmaÈûig auch mehr oder weniger prak-
tische Zwecke verfolgt. Auch scheinbar ausschlieûlich der Grundlagenforschung
gewidmete Arbeiten dienen haÈufig ± wenn auch mittelbar und oft verdeckt ± prakti-
schen Zielen. Eine starre begriffliche Abgrenzung zwischen ¹reinerª, ¹theoretischerª,
¹beschreibenderª oder ¹dogmatischerª Verfassungsrechtsvergleichung einerseits und
¹praktischerª, ¹angewandterª oder rechtspolitischen Zwecken dienender Verfassungs-
rechtsvergleichung andererseits sollte daher wegen der unvermeidlichen Unsicher-
heiten der Grenzziehung vermieden werden. 47 Unter diesem Vorbehalt ist es aller-
dings dennoch nuÈtzlich, die praktischen Anwendungsbereiche des Vergleichenden
Verfassungsrechts herauszuheben und nach den einzelnen Zielsetzungen gesondert
darzustellen; dies soll im Folgenden geschehen.

2. Juristische Ausbildung und berufliche Qualifikation

Das Vergleichende Verfassungsrecht vermittelt in der universitaÈren Juristenausbildung


jene Werte und FaÈhigkeiten, die ± gleichsam auf die andere Seite gewendet ± der

42 S hiezu naÈher Constantinesco, Rechtsvergleichung II, 341 ff.


43 S schon zuvor zu einem ¹allgemeinen Verfassungsrechtª als Art allgemeiner Theorie des
demokratisch-liberalen Verfassungsrechts Kaiser, ZaoÈRV 1964, 399.
44 Vgl HaÈberle, EuGRZ 1991, 262 (= Rechtsvergleichung 74 f).
45 So die schoÈne Formulierung von HaÈberle, Rechtstheorie 1991, 438 f (= Rechtsverglei-
chung 112 f).
46 Vgl Constantinesco, Rechtsvergleichung II, 368 ff.
47 Vgl insb Ebert, Rechtsvergleichung 173; auch Starck, JZ 1997, 1023; Sommermann, DOÈV
1999, 1019.
32 . . . . . . . . . . . . . . 3. Kapitel: Wesen und Funktionen des Vergleichenden Verfassungsrechts

rechtsvergleichend taÈtige Wissenschafter sich im Selbststudium erarbeitet. Indem der


Studierende mit fremden Verfassungsordnungen konfrontiert wird, erkennt er die Viel-
falt von LoÈsungsmoÈglichkeiten fuÈr ein bestimmtes verfassungspolitisches Problem und
damit die RelativitaÈt seines eigenen Verfassungsrechts sowie seiner nationalen Verfas-
sungsdogmatik. Er gewinnt ein vertieftes VerstaÈndnis des heimischen Rechts und Ein-
sichten in die MoÈglichkeiten von dessen Verbesserung, aber auch Achtung vor der
eigenstaÈndigen Rechtskultur fremder VoÈlker und Einblick in die historische, politische,
wirtschaftliche und soziologische Bedingtheit von Rechtsnormen. Das Vergleichende
Verfassungsrecht foÈrdert ± wie die Rechtsvergleichung generell ± das weitraÈumige
und dynamische Rechtsdenken, den an den Lebenssachverhalten geschulten Wirklich-
keitssinn, den Durchblick durch die Rechtsstrukturen und das kritische Denk- und
UrteilsvermoÈgen. 48 Es ist evident, dass ein derart geschulter Absolvent eines rechtswis-
senschaftlichen Studiums in einer Welt, in der der internationale Rechtsverkehr stetig
zunimmt, im Vergleich zu einem StudienabgaÈnger, der ausbildungsbedingt im klein-
raÈumigen nationalen Rechtsdenken verhaftet geblieben ist, uÈber eine erho È hte juristi-
sche Qualifikation verfuÈgt; diese verschafft ihm auch ein breiteres Spektrum an
beruflichen Einsatzmo È glichkeiten, insb im internationalen Bereich.
Das Vergleichende Verfassungsrecht kann in vielerlei Berufen fo È rderlich sein.
Unmittelbar einsichtig ist dies etwa fuÈr Mitarbeiter des auswaÈrtigen Dienstes. FuÈr den
Diplomaten wird es unerlaÈsslich sein zu wissen, wie in seinem Gaststaat das Zusam-
menspiel der obersten Staatsorgane beschaffen ist; er wird gegenuÈber seinem nationa-
len Verfassungsrecht moÈglicherweise ¹umlernenª muÈssen. A È hnlich liegen die Dinge
bezuÈglich Mitarbeitern internationaler Organisationen. Hilfreich ist einschlaÈgiges Wis-
sen uÈber den Staatsorganismus fremder LaÈnder ferner im journalistischen Metier, insb
in der Auslandsberichterstattung. Aber auch im Ausland taÈtige Wirtschaftstreibende
und deren juristische Berater tun gut daran, sich Grundkenntnisse des Verfassungs-
rechts des Gaststaates zu verschaffen, um etwa den Gesetzgebungsprozess und die
verfassungsrechtlichen Determinanten der Wirtschaftsgesetzgebung in dem betreffen-
den Land besser verstehen zu koÈnnen.

3. FoÈrderung staatlicher Verfassungsgesetzgebung

Die Verfassungsrechtsvergleichung erfuÈllt im Prozess der Neuerlassung einer staat-


lichen Verfassung eine ganz wesentliche praktisch-rechtspolitische Funktion. Indem
sich die Autoren einer neuen Verfassung an den Konzepten auslaÈndischer Verfas-
sungsordnungen orientieren, koÈnnen sie sich aus dem Vorrat an schon verallgemei-
nerten oder doch verallgemeinerungsfaÈhigen Verfassungsprinzipien und -instituten ±
dem ius commune constitutionale 49 ± bedienen und dergestalt aus einem Fundus
schoÈpfen, der ihnen bei einer rein national-introvertierten Sichtweise nicht zur Ver-
fuÈgung stuÈnde. Die Vorteile der vergleichenden Betrachtungsweise wurden bei der
Erlassung der geltenden europaÈischen Staatsverfassungen 50 durchwegs genutzt:

48 Vgl Ebert, Rechtsvergleichung 199 ff.


49 So HaÈberle, EuGRZ 1991, 271 (= Rechtsvergleichung 95).
50 Nach Kaiser, ZaoÈRV 1964, 400, sind gar ¹alle seit der franzoÈsischen Revolution beschlos-
senen demokratischen Verfassungen in aller Welt . . . Zeugnisse verfassungsrechtlicher Verglei-
chungª.
II. Das Vergleichende Verfassungsrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33

Immer standen auslaÈndische Verfassungstexte als modellhafte Vorbilder Pate; stets


kam es auch zur Rezeption auslaÈndischer Verfassungsinstitutionen, die freilich an die
jeweiligen nationalen Besonderheiten in politischer, gesellschaftlicher und geschicht-
licher Hinsicht angepasst werden mussten (s hiezu naÈher mit Beispielen 6. Kap, III.).
Aber auch abseits des ¹Kraftaktesª der NeuschoÈpfung einer Verfassung leistet das
Vergleichende Verfassungsrecht fuÈr die Weiterentwicklung und Verbesserung des
eigenen Verfassungsrechts gute Dienste. Auf Grund vergleichender Untersuchun-
gen auslaÈndischer Verfassungsordnungen profitiert der nationale Verfassungsgesetz-
geber von anderen Rechtsanschauungen und Erfahrungen, um das eigene Recht zu
verbessern und zu reformieren. Der Vorteil der rechtsvergleichenden Umschau liegt
zum einen in der Aufdeckung des Fundus andersartiger LoÈsungsmoÈglichkeiten fuÈr
ein bestimmtes verfassungspolitisches Problem. Zum anderen wird dergestalt aber
auch in Erfahrung gebracht, ob und inwieweit sich eine bestimmte auslaÈndische
LoÈsung oder Konstruktion in ihrer praktischen Anwendung in der betreffenden
Rechtsordnung bewaÈhrt hat. 51
Wenn sich also die Funktionsweise eines bestimmten Verfassungsinstituts als unzu-
laÈnglich erweist oder sich ein RegelungsbeduÈrfnis fuÈr eine bestimmte verfassungspoli-
tische Frage unabweislich ergibt, stehen dem Verfassungsreformgesetzgeber, der auf
die Ergebnisse der Verfassungsrechtsvergleichung zuruÈckgreifen kann, auslaÈndische
LoÈsungen, uzw ¹bewaÈhrteª und ¹nicht bewaÈhrteª, zur VerfuÈgung. Er wird typischer-
weise die ¹nicht bewaÈhrtenª auslaÈndischen LoÈsungen fuÈr die Entscheidung seines
Rechtsproblems ausscheiden. Er koÈnnte sich aber auch fragen, aus welchen GruÈnden
die betreffende LoÈsung sich in der auslaÈndischen Rechtsordnung nicht bewaÈhrt hat
und ob jene LoÈsung ± da die Voraussetzungen der eigenen Rechtsordnung wesentlich
andere sind ± nicht doch fuÈr die BewaÈltigung seines verfassungspolitischen Problems
in Betracht kaÈme. Umgekehrt darf er eine ¹bewaÈhrteª auslaÈndische LoÈsung nicht unbe-
sehen in das nationale Recht rezipieren, sondern hat stets darauf Acht zu geben, ob sie
sich in das rechtstechnische Umfeld einfuÈgt und auch mit den geschichtlichen, ideolo-
gischen und wirtschaftlichen Bedingtheiten der nationalen Verfassungsordnung uÈber-
einstimmt; andernfalls laÈuft sie Gefahr, ein FremdkoÈrper zu bleiben, der letzten Endes
abgestoûen wird. In jedem Fall operiert ein dergestalt agierender Verfassungsreform-
gesetzgeber in einer viel reichhaltigeren Erfahrungswelt als derjenige Gesetzgeber,
der auf die Nutzung der Verfassungsrechtsvergleichung verzichtet und so im Wesent-
lichen auf die Auswertung der nationalen Verfassungstradition und die Anspannung
seiner Phantasie beschraÈnkt ist.

4. Auslegungshilfe fuÈr nationale Verfassungsgerichte

Rechtsvergleichung in Form der Heranziehung auslaÈndischer Rechtsnormen, Literatur


und Rechtsprechung kann eine Auslegungshilfe fuÈr die innerstaatlichen rechtsanwen-
denden Organe darstellen. Wenn die klassischen Auslegungsregeln bei der Ver-
fassungsinterpretation keine eindeutige oder brauchbare LoÈsung ergeben, koÈnnen
entsprechende ProblemloÈsungen in verwandten Verfassungsordnungen Orientie-
rungshilfe leisten. Insb bietet sich fuÈr nationale Verfassungsgerichte ein Ru
È ckgriff

51 Vgl Constantinesco, Rechtsvergleichung II, 371 f; Ebert, Rechtsvergleichung 174 f; Rhein-


stein, EinfuÈhrung in die Rechtsvergleichung2, MuÈnchen 1987, 13, 27.
34 . . . . . . . . . . . . . . 3. Kapitel: Wesen und Funktionen des Vergleichenden Verfassungsrechts

auf die Rechtsprechung auslaÈndischer Verfassungsgerichte zu strukturell ver-


gleichbaren Rechtsfragen an. Die auslaÈndische Judikatur kann diesfalls als Argumenta-
tions- und Interpretationshilfe herangezogen werden, um eine argumentativ moÈglichst
umfassend abgesicherte Entscheidung zu erzielen. 52
HaÈberle spricht in diesem Sinn von der (Grund-)Rechtsvergleichung als ¹fu È nfterª
Auslegungsmethode 53, welche zu den vier ¹klassischenª Auslegungsmethoden
grammatikalische, systematische, historische und teleologische Interpretation hinzu-
trete. Die Rechtsvergleichung ± auch als besondere Form der teleologischen Interpre-
tation deutbar 54 ± sei den anerkannten Interpretationsmethoden auch nicht zwingend
nachzureihen, ihr Rang innerhalb des Methodenkanons koÈnne vielmehr offen bleiben.
FuÈr die Etablierung der Rechtsvergleichung in der Verfassungsinterpretation, insb der
Grundrechtsinterpretation, sprechen nach HaÈberle mehrere GruÈnde. Zum einen sei
zu uÈberlegen, ob Art 1 des schweizerischen Zivilgesetzbuches von 1911 55 in der Sache
sich nicht auf die Verfassungsinterpretation uÈbertragen lasse. Ferner finde auch der
EuGH ± bestaÈrkt durch die Lehre ± die ¹allgemeinen RechtsgrundsaÈtzeª des europaÈ-
ischen Gemeinschaftsrechts im Wege ¹wertender Rechtsvergleichungª (dazu noch
hier gleich anschlieûend 5.). Schlieûlich ordneten bereits einige neuere Verfassungen,
wie etwa Art 10 Abs 2 sp Vf 56, im Grunde die Anwendung der rechtsvergleichenden
Methode bei der Interpretation von Verfassungsbestimmungen ausdruÈcklich an. 57
Ist demnach die Heranziehung fremden Verfassungsrechts sowie auslaÈndischer
Literatur und Judikatur bei der Auslegung des nationalen Verfassungsrechts mittler-
weile im Grunde anerkannt, so herrscht doch Unsicherheit daruÈber, unter welchen
Voraussetzungen dies zulaÈssig ist. Folgende Leitlinien lassen sich herauskristallisie-
ren: Dort wo eine Rechtsnorm eindeutig ist, scheidet der RuÈckgriff auf die verglei-
chende Methode jedenfalls aus. Verfassungsrechtsvergleichung darf nie dazu dienen,
bestehendes Verfassungsrecht beiseite zu schieben, um vermeintlich besseren auslaÈn-
dischen LoÈsungen zum Durchbruch zu verhelfen. 58 Stets setzt der Einsatz des Verglei-

52 Vgl Sommermann, DO È V 1999, 1020, 1025 f; Starck, JZ 1997, 1024; eingehend MoÈssner,
AoÈR 1974, 193 ff; Aubin, Die rechtsvergleichende Konkretisierung von KontrollmaûstaÈben des
Verfassungsrechts und des Kollisionsrechts in der deutschen Rechtsprechung, in: von Caemme-
rer/Zweigert (Hrsg), Deutsche Landesreferate zum VII. Internationalen Kongreû fuÈr Rechtsver-
gleichung in Uppsala 1966, Berlin/TuÈbingen 1967, 99 ff; skeptisch allerdings Bernhardt, ZaoÈRV
1964, 443; Vorbehalte auch bei Trantas, 51 ff.
53 Vgl auch schon fruÈh die grundlegende Abhandlung von Zweigert, Rechtsvergleichung als
universale Interpretationsmethode, RabelsZ 1949/1950, 5 ff.
54 Vgl auch Starck, JZ 1997, 1024.
55 Der zweite und dritte Absatz dieser Bestimmung lauten: ¹Kann dem Gesetze keine Vor-
schrift entnommen werden, so soll der Richter nach Gewohnheitsrecht und, wo auch ein solches
fehlt, nach der Regel entscheiden, die er als Gesetzgeber aufstellen wuÈrde. Er folgt dabei
bewaÈhrter Lehre und U È berlieferung.ª
56 Dieser lautet: ¹Die Normen, die sich auf die in der Verfassung anerkannten Grundrechte
und Grundfreiheiten beziehen, sind in U È bereinstimmung mit der Allgemeinen ErklaÈrung der
Menschenrechte und den von Spanien ratifizierten internationalen VertraÈgen und Abkommen
uÈber diese Materien auszulegen.ª A È hnlich Art 16 Abs 2 port Vf; Art 20 Abs 1 rum Vf.
57 S zum Ganzen HaÈberle, JZ 1989, 916 ff (= Rechtsvergleichung 36 ff).
58 Vgl Zweigert/KoÈtz, EinfuÈhrung in die Rechtsvergleichung3, TuÈbingen 1996, 16; Schwarze,
79; MoÈssner, AoÈR 1974, 203 f mit FN 45, 213.
II. Das Vergleichende Verfassungsrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35

chenden Verfassungsrechts als unterstuÈtzendes Mittel der Rechtsfindung eine unklare


Auslegungssituation voraus. Die vergleichende Methode kann der Rechtsprechung
also dann ± und erst dann ± von Nutzen sein, wenn sie unter mehreren moÈglichen
(vertretbaren) Auslegungen die Wahl hat und Argumente fuÈr oder gegen die gegebe-
nen MoÈglichkeiten sucht. 59 Sie erweitert diesbezuÈglich insb das Feld der teleologi-
schen Argumente. Durch die Analyse insb auslaÈndischer verfassungsgerichtlicher Judi-
katur eroÈffnet sich dem rechtsanwendenden Organ ein Reservoir von Argumenten, die
diesem andernfalls auch bei Anspannung aller juristischen Phantasie wahrscheinlich
nicht selbst einfallen wuÈrden.
Das so definierte Einsatzgebiet des Vergleichenden Verfassungsrechts darf in
gegenstaÈndlicher Hinsicht nicht unterschaÈtzt werden. Verfassungen enthalten in
einem uÈberdurchschnittlichen Ausmaû wertausfuÈllungsbeduÈrftige Begriffe, die sich als
Einfallspforte rechtsvergleichender U È berlegungen geradezu anbieten. Zu denken ist
dabei etwa zunaÈchst an die zumeist lapidaren Grundrechtsformulierungen. Der
Schutzbereich eines Grundrechts ist meist nur mit wenigen plakativen Begriffen umris-
sen (Wann liegt eine ¹Versammlungª vor? Was ist der genaue Inhalt des verfassungs-
rechtlichen Begriffs ¹Eigentumª?). Die Auslotung der Schranken noch zulaÈssiger Grund-
rechtseinschraÈnkungen durch den einfachen Gesetzgeber ± Stichwort: VerhaÈltnismaÈûig-
keitspruÈfung ± setzt differenzierte AbwaÈgungsuÈberlegungen voraus. Ebenso kann die
Frage, ob zB eine bestimmte gesetzgeberische Ungleichbehandlung von Mann und
Frau auf dem PruÈfstand des verfassungsrechtlichen Gleichheitssatzes Bestand haben
kann, ohne die Vornahme von Wertungen nicht entschieden werden. In allen diesen
Situationen ist es angezeigt, auslaÈndische verfassungsgerichtliche Judikatur daraufhin
zu durchforsten, ob und wie vergleichbare FaÈlle entschieden worden sind. A È hnlich lie-
gen die Dinge bei den sog Staatszielbestimmungen. Die denkbaren juristischen Aus-
strahlungswirkungen einer Staatszielbestimmung ¹Umweltschutzª sind sicher derart
vielfaÈltig, dass sie bei einer rein national-introvertierten Sichtweise gar nicht alle
erkannt werden koÈnnen. Hinzuweisen ist ferner auf die Auslegung der in einer Verfas-
sung ausdruÈcklich normierten oder ihr zumindest inhaÈrenten allgemeinen Prinzi-
pien. Dass solche VerfassungsgrundsaÈtze wie das ¹Rechtsstaatsprinzipª oder das
¹Demokratieprinzipª fuÈr sich genommen denkbar konturenlos sind, ist augenschein-
lich. Rechtsvergleichung kann im Prozess der Aufhellung und Konkretisierung derarti-
ger GrundsaÈtze zusaÈtzliche (moÈgliche) Perspektiven und Inhalte beitragen.
Es versteht sich in allen FaÈllen von selbst, dass die mit Hilfe der Verfassungsrechts-
vergleichung gewonnenen Einsichten und Argumente stets darauf uÈberpruÈft werden
muÈssen, ob sie sich in das eigene VerfassungsgebaÈude einfu È gen; mit der nationa-
len Verfassungsordnung inkompatible Argumente duÈrfen nicht verwertet werden.
Objekt einer vergleichenden Betrachtungsweise im Prozess der Rechtsfindung
koÈnnen daher von vornherein nur solche Verfassungsordnungen sein, die auf aÈhn-
lichen politischen, ideologischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen aufbauen,
sich also zB innerhalb des Typus des demokratischen Verfassungsstaates europaÈisch-
nordamerikanischer PraÈgung bewegen. Multilaterale Vergleiche, die sich bis zum Auf-
finden eines internationalen ¹Regelungsstandardsª einer bestimmten Frage verdichten
koÈnnen, werden dabei grundsaÈtzlich aussagekraÈftiger sein als ein bloû bilateraler Ver-
gleichshorizont, dem tendenziell ein gewisses Moment der ¹ZufaÈlligkeitª anhaftet.

59 Vgl MoÈssner, AoÈR 1974, 203 f, 212 f.


36 . . . . . . . . . . . . . . 3. Kapitel: Wesen und Funktionen des Vergleichenden Verfassungsrechts

Die Praxis der nationalen Verfassungsgerichte ist unterschiedlich. Sie wirk-


lichkeitsgetreu zu erfassen, ist allerdings insofern schwierig, als Verfassungsgerichte
nicht selten auf auslaÈndisches Verfassungsrecht oder Entscheidungen anderer Verfas-
sungsgerichte zuruÈckgreifen, ohne diese Vorgangsweise durch Zitate offenzulegen.
Man erfaÈhrt diesen Umstand durch interne GespraÈche oder genaue Analyse der Ent-
scheidungen. So wird berichtet, dass der franzoÈsische Conseil Constitutionnel offen-
sichtlich Anleihen bei der Rechtsprechung des deutschen BVerfG zur Wissenschafts-
freiheit und zum Rundfunkrecht gemacht habe. EinfluÈsse der deutschen Judikatur
seien auch im Hinblick auf die griechische, portugiesische und spanische Verfassungs-
rechtsprechung ersichtlich. 60
Stillschweigende und ausdruÈckliche Anlehnungen an auslaÈndisches Recht und
fremde Judikatur koÈnnen in der Rechtsprechung eines Verfassungsgerichts auch
nebeneinander bestehen. So hat etwa das oben erwaÈhnte spanische Verfassungs-
gericht die Frage, ob die in der sp Vf verankerte Vereinigungsfreiheit auch die negative
Variante, dh die Freiheit von Beitrittszwang, umfasst, unter ausdruÈcklichem Hinweis
auf die deutsche und die italienische Verfassungsrechtsprechung beantwortet. 61
Eine relativ weitreichende Praxis, auslaÈndische Verfassungstexte und Verfassungs-
judikatur unter ausdruÈcklicher Kenntlichmachung zur Konkretisierung des eigenen
Verfassungsrechts heranzuziehen, hat das deutsche BVerfG entwickelt. 62 Es hat bei-
spielsweise zur BestaÈtigung seines weiten VerstaÈndnisses des Begriffs der Wohnung
iSd Art 13 dt GG auslaÈndische Rechtsprechung und Literatur (aus der Schweiz, aus
OÈ sterreich, Italien und den USA) herangezogen. Rechtsvergleichende Betrachtungen
hat es etwa auch bei der Frage der ZulaÈssigkeit der lebenslangen Freiheitsstrafe und
hinsichtlich der verfassungsrechtlichen Grenzen bei der U È bertragung von Hoheits-
rechten angestellt. 63 Dazu in Kontrast steht die Rechtsprechung des oÈsterreichischen
Verfassungsgerichtshofs, der sich ausdruÈcklicher Bezugnahmen auf fremdes Verfas-
sungsrecht bzw auslaÈndische Judikatur fast peinlich enthaÈlt 64 ± freilich mit Ausnahme
der Rechtsprechung des EGMR, die teilweise sogar woÈrtlich auf die verfassungs-
gerichtliche Auslegung der (in O È sterreich im Verfassungsrang stehenden) EMRK
umgemuÈnzt wird. 65 Weniger BeruÈhrungsaÈngste haben demgegenuÈber etwa das unga-
rische, das slowakische und das tschechische Verfassungsgericht. 66

60 Starck, JZ 1997, 1024 mwN.


61 Sommermann, DO È V 1999, 1025 mN.
62 MoÈssner, AoÈR 1974, 194, zaÈhlt bis 1974 24 derartige Entscheidungen des BVerfG; eine Ein-
zelanalyse dieser aÈlteren Judikatur bietet er aaO, 228 ff. Nach Sommermann, in: Handbuch, Rz
86 f, ist die Anwendung der Verfassungsvergleichung in der juÈngeren Zeit jedoch zuruÈckgegan-
gen.
63 Sommermann, DO È V 1999, 1025 mN. Weitere Judikaturnachweise bei HaÈberle, VRU È 1990,
247 f (= Rechtsvergleichung 813 f).
64 Vgl auch Heller, in: FS Schwind 149.
65 Zur Anerkennung der Rechtsprechung des EGMR als Auslegungshilfe fuÈr die Be-
stimmung von Inhalt und Reichweite von Grundrechten des dt GG in der Judikatur des deut-
schen BVerfG s die Nachweise bei HaÈberle, EuGRZ 1991, 265 FN 39 (= Rechtsvergleichung 82
FN 39).
66 S naÈher Wieser, Rechtsvergleichung in der Praxis (ost)mitteleuropaÈischer Verfassungsge-
richte, in: FS AÂdaÂm, PeÂcs 2005, 240 (243 ff). Vgl auch Hartwig, Die Legitimation des Staates durch
Verfassungsrezeption in Mittel- und Osteuropa, ZaoÈRV 1999, 919 (929 ff).
II. Das Vergleichende Verfassungsrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37

5. Erkenntnisquelle im europaÈischen Gemeinschaftsrecht und im VoÈlkerrecht

Das Vergleichende Verfassungsrecht spielt ferner im uÈbernationalen Recht in verschie-


denen ZusammenhaÈngen eine nicht unbedeutende Rolle. Hervorstechend ist seine
Funktion als Erkenntnisquelle im europaÈischen Gemeinschaftsrecht. Der EuGH
zaÈhlt die sog allgemeinen RechtsgrundsaÈtze, die den Rechtsordnungen der Mitglied-
staaten gemeinsam sind, zum ungeschriebenen primaÈren Gemeinschaftsrecht. Zu
jenen gehoÈren insb auch die Grund- und Menschenrechte der Unionsbu È rger
gegenuÈber der Gemeinschaftsgewalt. Der EuGH bedient sich zur Gewinnung dieser
GrundsaÈtze zum einen des Seitenblicks auf internationale Menschenrechtsabkommen,
an denen die Mitgliedstaaten beteiligt sind, va die EMRK. Zum anderen hat er die
Grund- und Menschenrechte der UnionsbuÈrger aus den gemeinsamen Verfassungs-
u
È berlieferungen der Mitgliedstaaten herausdestilliert, wobei er hier im Sinne der
¹wertenden Rechtsvergleichungª pruÈft, ob sich die allfaÈllige Grundrechtsposition in
die Struktur und die Ziele der Gemeinschaften einfuÈgt. 67 Es ist nur mehr eine vertrag-
liche BestaÈtigung dieser ± bereits 1969 einsetzenden ± Judikatur, wenn Art 6 Abs 2
EUV idF des Vertrages von Maastricht die EU zur Achtung der Grundrechte verpflich-
tet, wie sie in der EMRK gewaÈhrleistet sind und wie sie sich aus den gemeinsamen Ver-
fassungsuÈberlieferungen der Mitgliedstaaten als allgemeine GrundsaÈtze des Gemein-
schaftsrechts ergeben. Dass Verfassungsrechtsvergleichung als Aufgabe und Erkennt-
nismethode in einem internationalen Vertrag positivrechtlich vorgegeben wird, ist frei-
lich allemal bemerkenswert.
Im Rahmen des Vo È lkerrechts kann Verfassungsrechtsvergleichung nuÈtzliche Ein-
sichten etwa bei der Ausarbeitung vo È lkerrechtlicher VertraÈge zur Gru È ndung
internationaler Organisationen liefern. Wenngleich es offensichtlich ist, dass in
diesem Bereich das Vergleichende Verfassungsrecht nicht den einzigen Maûstaû
liefern wird, kann das rechtsvergleichende Erfahrungsreservoir doch einen maûgeb-
lichen Beitrag zur Errichtung einer funktionsfaÈhigen internationalen Organisation
beisteuern. Rechtsvergleichung kann zudem aufzeigen, welche Werte ± insb Verfas-
sungswerte ± der in Frage kommenden nationalen Rechtsordnungen in einer Staaten-
gemeinschaft konsensfaÈhig sind. 68

6. Rechtsvereinheitlichung?

Anders als im Privatrecht 69 ist die (echte) uÈbernationale Rechtsvereinheitlichung ±


gemeint die Erarbeitung von ¹Einheitsgesetzenª (lois uniformes) im Wege rechtsver-
gleichender Studien ± kein erstrebenswertes Ziel des Vergleichenden Verfassungs-
rechts. Verfassungen bauen auf unterschiedlichen historischen, politischen, soziologi-
schen, ja auch geographischen Voraussetzungen auf; unterschiedliche Traditionen
und Lebenshaltungen formen ihre Gestalt, ihren Stil und Inhalt. Als Dokument natio-

67 Vgl zB Oppermann, Europarecht2, MuÈnchen 1999, Rz 489 ff, sowie Schweitzer/Hummer,


Europarecht5, Neuwied ua 1996, Rz 792 ff, beide mN der Jud.
68 Vgl Zemanek, Was kann die Vergleichung staatlichen oÈffentlichen Rechts fuÈr das Recht
der internationalen Organisationen leisten?, ZaoÈRV 1964, 453 (462 f); Ress, Die Bedeutung der
Rechtsvergleichung fuÈr das Recht internationaler Organisationen, ZaoÈRV 1976, 227 (233 f); skep-
tisch zu letztgenanntem Punkt aber Constantinesco, Rechtsvergleichung II, 386 f.
69 Dazu zB Zweigert/KoÈtz, Rechtsvergleichung 23 ff.
38 . . . . . . . . . . . . . . 3. Kapitel: Wesen und Funktionen des Vergleichenden Verfassungsrechts

naler Integration besitzt jede notwendig ihren eigenen unverwechselbaren Charakter


und entzieht sich somit notwendig Vereinheitlichungsbestrebungen. 70
Rechtsvergleichung darf sich also nicht in den Dienst der uniformen Einebnung
und Gleichschaltung von nationalem Verfassungsrecht in Form der Erarbeitung von
¹Verfassungstextschablonenª (sei es fuÈr bestimmte Teile einer Verfassung, sei es gar
fuÈr ganze Verfassungen) stellen. Nicht ausgeschlossen sind damit freilich die schon
unter 3. eroÈrterten Prozesse der Rezeption von Verfassungsmodellen bzw -institutio-
nen im Zuge der Neuerlassung einer nationalstaatlichen Verfassung. Derartige Aus-
tauschverhaÈltnisse koÈnnen im Ergebnis zu einer weitgehenden inhaltlichen Homoge-
nitaÈt von Verfassungsordnungen (oder bestimmter Teile) fuÈhren, die aber nicht den
Charakter einer (gar groûflaÈchigen) TextidentitaÈt annehmen darf und stets Raum fuÈr
das nationale Besondere lassen muss.

C. Methoden

1. GrundsaÈtzliches

Die Frage nach der Methode bzw der Methodik in der Rechtsvergleichung generell
bzw der Verfassungsrechtsvergleichung speziell ist traditionell strittig. Es herrscht
zunaÈchst schon keine einhellige Auffassung daruÈber, ob es nur eine rechtsverglei-
chende Methode gibt oder ob ± in AbhaÈngigkeit vom konkreten Ziel und Zweck einer
rechtsvergleichenden Arbeit ± die Methoden zu variieren haben. 71 Unklarheit besteht
auch in der Hinsicht, ob in Bezug auf die einzelnen Sachgebiete der Rechtsver-
gleichung von einer MethodenidentitaÈt auszugehen ist, ob also zB die Privatrechtsver-
gleichung und die Verfassungsrechtsvergleichung dieselbe(n) Methode(n) anzuwen-
den haben oder nicht. 72 Die relative Armut an methodischen Besinnungen im Verglei-
chenden Verfassungsrecht hat zudem nicht verhindert, dass sich im grundlagentheore-
tischen Schrifttum ± meist noch dazu ohne Bezugnahme aufeinander ± ein buntes
Gemisch an methodischen ZugaÈngen und dazugehoÈriger Terminologie gebildet hat.
Dieses soll im Folgenden ± bevor der Versuch eines neuen Schemas gewagt wird ±
als Bestandsaufnahme des gegenwaÈrtigen Standes der Methodik des Vergleichenden
Verfassungsrechts in aller KuÈrze vorgestellt werden.
Soweit von einer Methodenvielfalt ausgegangen wird, wird typischerweise gleich
ein ganzer Kanon an Methoden postuliert. So unterscheidet Roggemann fuÈr die Verfas-
sungsvergleichung ± neben der Auslandsrechtskunde ± die kontrastierende Verglei-
chung, die historische Vergleichung, die systematische Vergleichung, die funktionale
Vergleichung und die rechtspolitische Vergleichung. 73 Trantas untergliedert ± neben
wiederum der Auslandsrechtskunde bzw deskriptiven Methode ± in die historische

70 Vgl MoÈssner, AoÈR 1974, 205 f; HaÈberle, EuGRZ 1991, 270, 271 (= Rechtsvergleichung 93 f,
97); auch (Herbert) Kru È 1972, 27 f; Bernhardt, ZaoÈRV 1964, 450; nicht anders wohl fer-
È ger, VRU
ner Schwarze, 86 f.
71 S hiezu den U È berblick uÈber den Meinungsstand bei Constantinesco, Rechtsvergleichung
II, 60 ff.
72 Bejahend MoÈssner, AoÈR 1974, 242, und Schwarze, 85, allerdings beide mit der Relativie-
rung, dass auf die Besonderheiten des Verfassungsrechts Bedacht zu nehmen sei. Vgl ferner in
diesem Sinn Constantinesco, Rechtsvergleichung II, 65 und 67 f.
73 Roggemann (Hrsg), Die Verfassungen Mittel- und Osteuropas, Berlin 1999, 63 ff.
II. Das Vergleichende Verfassungsrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39

Methode, die begrifflich-dogmatische Methode, die typologische Methode, die recht-


lich-funktionale Methode und die sozial-funktionale Methode. 74 Beide Autoren heben
allerdings hervor, dass nur eine Methodenvielfalt den Erfolg der rechtsvergleichenden
Arbeit sicherstellen koÈnne 75 bzw die differenten methodischen Vergleichsschritte
zumeist dem jeweiligen Erkenntnisinteresse der Bearbeiter entsprechend in unter-
schiedlicher Weise miteinander verbunden wuÈrden 76. Sommermann differenziert ± in
einer Art Stufenschema ± zwischen einem rechtspositivistisch-textualistischen oder
schlicht textbezogenen Ansatz, einem kontextualistischen Ansatz im engeren Sinn,
einem kontextualistischen Ansatz im weiteren Sinn und der funktionellen oder funk-
tionalistischen Methode. 77
Unter den Vertretern der Methodeneinheit bzw einer je einzigen, bestimmten
Methode nimmt HaÈberle eine eigenstaÈndige, markante Position ein. Das von ihm ent-
wickelte Textstufenparadigma soll die ¹gestufte Evolutionª von Verfassungstexten
zum Ausdruck bringen. Innovationen, die in der eigenen oder einer fremden Verfas-
sungsordnung von Wissenschaft und Praxis gleichsam ¹ungeschriebenª ¹unterhalbª
der Textebene oder gar ¹praeter constitutionemª herausentwickelt werden, koÈnnten
im Zuge einer nationalen Verfassunggebung oder -aÈnderung in den Text der Verfas-
sung eingehen. So gesehen bildeten neueste Verfassungstexte oft juÈngere Verfassungs-
wirklichkeit mit ab. Derartige EntwicklungszusammenhaÈnge bzw Rezeptionswellen
aufzudecken, sei Aufgabe einer komparatistisch ± und geschichtlich ± arbeitenden
Verfassungslehre, wobei Verfassungsvergleichung iS einer ¹Kulturwissenschaftª zum
juristischen Text immer auch die kulturellen Kontexte hinzuzunehmen habe. 78 Mehr-
heitlich wird von den Vertretern des Vergleichenden Verfassungsrechts indes der von
der Privatrechtsvergleichung entwickelten 79 funktionellen bzw funktionalisti-
schen Methode das Wort geredet. 80 Diese macht nicht Rechtsnormen, sondern ein
konkretes Sachproblem zum Ausgangspunkt jeder rechtsvergleichenden Arbeit. Mit
Hilfe der funktionellen Methode wird zu klaÈren versucht, welche LoÈsungen verschie-
dene Rechtsordnungen fuÈr dieses eine Sachproblem gefunden haben.

2. Die institutionell-funktionelle und die problembezogen-funktionelle Methode


Ausgangspunkt der im Folgenden zu entwickelnden Methodik ist die Einsicht, dass
eine simple Begriffs- bzw Normenvergleichung idR wenig aussagekraÈftig ist, 81 son-

74 Trantas, 41 ff.
75 Trantas, 47.
76 Roggemann (Hrsg), Verfassungen 65.
77 Sommermann, DO È V 1999, 1021 ff; vgl auch ders, in: Handbuch, Rz 65 ff.
78 Vgl naÈher HaÈberle, in: FS Partsch, 555 ff (= Rechtsvergleichung 3 ff); ders, VRU È 1990,
225 ff (= Rechtsvergleichung 791 ff).
79 Vgl nur Ebert, Rechtsvergleichung 26 ff; Zweigert/KoÈtz, Rechtsvergleichung 33 ff; Rhein-
stein, Rechtsvergleichung 25 ff; MaÈnhardt/Posch, Internationales Privatrecht ± Privatrechtsver-
gleichung ± Einheitsprivatrecht2, Wien/New York 1999, 127 f.
80 Vgl besonders deutlich Schwarze, 80 ff; Marko, Autonomie und Integration. Rechtsinsti-
tute des NationalitaÈtenrechts im funktionalen Vergleich, Wien/KoÈln/Graz 1995, 31 ff; Starck, JZ
1997, 1027 und 1028 f; s ferner Mu È nch, ZaoÈRV 1973, 139 f; Strebel, ZaoÈRV 1964, 419 f; Bernhardt,
ZaoÈRV 1964, 436 f.
81 Vgl nur MaÈnhardt/Posch, Privatrecht 128; Ebert, Rechtsvergleichung 23 f; Sommermann,
DO È V 1999, 1021 f.
40 . . . . . . . . . . . . . . 3. Kapitel: Wesen und Funktionen des Vergleichenden Verfassungsrechts

dern das Prinzip der FunktionalitaÈt, wie soeben beschrieben, der Rechtsverglei-
chung im Verfassungsrecht zugrunde zu legen ist. NaÈhere Betrachtung zeigt allerdings,
dass eine vollstaÈndige LosloÈ sung von institutionellen Kategorien und eine aus-
schlieûliche Orientierung an Sachproblemen nicht zweckmaÈûig erscheint. 82 Gerade
das Verfassungsrecht hat einen Kanon festgefuÈgter, im Rahmen des demokratisch-libe-
ralen Verfassungstypus von Land zu Land stets wiederkehrender Institutionen heraus-
gebracht, deren die gesamte Staatsordnung strukturierende und determinierende
Funktion nicht uÈbersehen werden kann. Es erschiene willkuÈrlich, derartige Institutio-
nen wie Parlament, Grundrechte, Verfassungsgerichtsbarkeit oder auch Ombuds-
manneinrichtungen nicht mehr in ihrer Einheit und Systematik begreifen zu duÈrfen
und dergestalt als Objekt einer vergleichenden Betrachtung ausscheiden zu muÈssen.
Freilich geht es bei der vergleichenden Untersuchung solcher Institutionen nicht um
ein Zusammenstellen von Normen, sondern um das Begreifen ihrer Funktionen. 83
Mit anderen Worten: Objekt einer rechtsvergleichenden Analyse im Verfassungs-
recht kann ein bestimmtes Rechtsinstitut sein; dieser Begriff ist zum einen im staats-
organisatorischen Sinn zu verstehen, umfasst aber auch solche Kategorien wie etwa
Grundrechte oder Staatszielbestimmungen. Untersucht werden dessen Funktionen
oder eine bestimmte Funktion. Der Untersuchungsrahmen ist weit gespannt; er darf
sich nicht auf eine bestimmte Rechtsnorm verengen, sondern hat diese in ihrem
systematischen Zusammenhang mit der Gesamtrechtsordnung zu betrachten. Der
politische, historische und soziologische Hintergrund einer Rechtsnorm ist aufzu-
decken, soweit er zur besseren ErklaÈrung ihrer Funktion beitragen kann (s hiezu
schon oben A.); freilich ist die IntensitaÈt der Einbeziehung auûerrechtlicher Faktoren
in die Untersuchung von der angepeilten Tiefe der Durchforschung abhaÈngig. Der sol-
cherart skizzierte methodische Zugang soll hier als institutionell-funktionelle
Methode im Vergleichenden Verfassungsrecht bezeichnet werden. Sie soll von der
problembezogen-funktionellen Methode abgegrenzt werden, bei der ein konkre-
tes Sachproblem den Ausgangspunkt der Untersuchung bildet und gefragt wird, wel-
che LoÈsungen verschiedene Rechtsordnungen fuÈr dieses eine Sachproblem gefunden
haben. Beide methodischen AnsaÈtze stehen nicht schroff gegenuÈber, sondern ergaÈn-
zen einander. 84
Das Gemeinte soll an einer Reihe von Beispielen verdeutlicht werden: In einem
institutionell-funktionellen Sinn koÈnnte das Thema Verfassungsgerichtsbarkeit in meh-
reren ausgesuchten LaÈndern zum Ausgangspunkt einer rechtsvergleichenden Unter-
suchung gemacht werden. Es koÈnnten hiebei etwa die Kompetenzen der behandelten
Verfassungsgerichte in ihrer Gesamtheit auf den vergleichenden PruÈfstand gestellt
werden, um Aufschluss uÈber das Gesamtkonzept und die Stellung der Verfassungs-
gerichtsbarkeit im jeweiligen Staatsorganismus zu gewinnen. Es koÈnnte auch nur
eine bestimmte verfassungsgerichtliche Funktion in den Vordergrund der Betrachtung

82 AM Strebel, ZaoÈRV 1964, 419 (vgl jedoch auch 421, 428); wie dieser wohl auch ± wenn-
gleich terminologisch unklar ± Bernhardt, ZaoÈRV 1964, 436 f (vgl jedoch auch 437).
83 Vgl schon Mu È nch, ZaoÈRV 1973, 139: ¹daû nicht eigentlich die Institutionen zu verglei-
chen sich lohnt, sondern deren Funktionenª.
84 Der hier herausgearbeitete Dualismus scheint auch den AusfuÈhrungen von Mu È nch,
ZaoÈRV 1973, 139 f, zugrunde zu liegen; s ferner Haller/KoÈlz, Allgemeines Staatsrecht2, Basel/
Genf/MuÈnchen 1999, 27.
II. Das Vergleichende Verfassungsrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41

geruÈckt werden; zB koÈnnte gefragt werden, ob die Verfassungsgerichtsbarkeit der


untersuchten LaÈnder auch die sog Wahlgerichtsbarkeit, dh die U È berpruÈfung der Ord-
nungsgemaÈûheit insb von Parlamentswahlen, inkludiert. Bei bejahender Antwort
waÈre diese Funktion eben im Einzelnen darzustellen; in diesem wie auch im gegen-
teiligen Fall koÈnnen aus dem jeweiligen Ergebnis RuÈckschluÈsse auf das Konzept der
Verfassungsgerichtsbarkeit im jeweiligen Land gezogen werden. Der Fall der Fehl-
anzeige darf allerdings nicht zu der Annahme verleiten, dass es eine Art Wahlgerichts-
barkeit in dem betreffenden Staat uÈberhaupt nicht gibt, da zunaÈchst das Bestehen
funktionaler AÈ quivalente uÈberpruÈft werden muÈsste (s gleich unten).
Ein problembezogen-funktioneller Zugang muÈsste die Frage anders stellen, uzw in
etwa wie folgt: Wie sichern die betrachteten Rechtsordnungen die U È berpruÈfung der
OrdnungsgemaÈûheit von Parlamentswahlen durch unabhaÈngige Instanzen? Damit
wird der Untersuchungsrahmen nicht von vornherein auf das Thema Verfassungsge-
richtsbarkeit festgelegt. Das Ergebnis obiger Frage koÈnnte lauten: durch das Verfas-
sungsgericht, durch das Verwaltungsgericht / die Verwaltungsgerichte, durch ordent-
liche Gerichte bzw das Oberste Gericht, durch eine unabhaÈngige SpezialbehoÈrde,
durch auûerrechtliche Mechanismen, gar nicht. Nachdem fuÈr jedes Land die jeweilige
LoÈsung festgestellt und beschrieben worden ist, gilt es sodann, die (wohl vor allem
historischen) GruÈnde fuÈr die jeweilige LoÈsung aufzudecken sowie deren EffektivitaÈt
einer vergleichenden Bewertung zu unterziehen.
Die beiden soeben dargestellten methodischen ZugaÈnge koÈnnen auch fuÈr alle
anderen typischen Kompetenzen von Verfassungsgerichten ± wie insb natuÈrlich die
Normenkontrolle, ferner den Rechtsschutz des Einzelnen gegen Grundrechtsver-
letzungen 85, aber etwa auch das Verbot politischer Parteien ± durchgespielt werden.
Andere Beispiele, kurz angedeutet: In einem institutionell-funktionellen Sinn koÈnnte
gefragt werden, welche MoÈglichkeiten der Mitwirkung an der Erlassung von Gesetzen
des Zentralstaates die Gliedstaaten repraÈsentierende zweite Parlamentskammern
haben. An den so ermittelten Ergebnissen kann man die ¹StaÈrkeª bzw ¹SchwaÈcheª
der jeweiligen zweiten Kammer ablesen bzw sie koÈnnen Anregungen fuÈr eine Verbes-
serung des Status ¹schwacherª zweiter Kammern liefern. Der problembezogen-funk-
tionelle Ansatz muÈsste danach fragen, welche MoÈglichkeiten Gliedstaaten in einem
Bundesstaat uÈberhaupt haben an der Erzeugung von Gesetzen des Zentralstaates
mitzuwirken ± das koÈnnen auch andere Mechanismen sein als die Einschaltung einer
LaÈnderkammer auf Zentralstaatsebene (zB ¹paktierteª Gesetzgebung von Zentralstaat
und Gliedstaaten). Oder: In einem institutionell-funktionellen Zugang koÈnnte der
Schutzbereich eines bestimmten Grundrechts, zB des Gleichheitssatzes, in mehreren
LaÈndern vergleichend ausgelotet werden. Problembezogen-funktionell waÈre die
Frage, wie bestimmte Rechtspositionen verfassungsrechtlich abgesichert sind. Stellt
man diese Frage etwa in Bezug auf den sog Vertrauensschutz (¹Schutz wohlerworbe-
È sterreich),
ner Rechteª), wird man sehen, dass dieser aus dem Gleichheitssatz (wie in O
gleichermaûen aber auch aus dem Rechtsstaatsprinzip (wie in Deutschland) abgeleitet
werden kann.
Letztgenanntes Beispiel deutet an, dass der problembezogen-funktionelle Ansatz
noch in eine weitere Spielart abgewandelt werden kann. Ausgangspunkt einer ver-

È V 1999, 1023.
85 S hiezu instruktiv Sommermann, DO
42 . . . . . . . . . . . . . . 3. Kapitel: Wesen und Funktionen des Vergleichenden Verfassungsrechts

gleichenden Analyse kann nicht nur ein bestimmtes Sachproblem iS einer staats-
rechtlichen Systementscheidung, sondern auch ein konkreter Rechtsfall sein, wie
er einem Gericht ± im hier gegebenen Zusammenhang insb: einem Verfassungsge-
richt ± vorliegen koÈnnte. Bei diesem ¹factual approachª waÈre zum einen in einem
weiten Sinn an die gesetzliche Regelung bestimmter Lebensbereiche zu denken,
die ± von einem Verfassungsgericht ± auf ihre Vereinbarkeit mit der Verfassung,
insb den Grundrechten, zu pruÈfen waÈre. Beispiele waÈren etwa solche gesetzlichen
Vorschriften wie die Bindung der AusuÈbung eines bestimmten Berufes an einen
BefaÈhigungsnachweis oder an eine BedarfspruÈfung, das ungleiche Pensionsalter
Mann ± Frau, die Einkommenssteuerprogression, die Straffreistellung des Schwan-
gerschaftsabbruchs (¹FristenloÈsungª), bestimmte polizeiliche Ermittlungsmethoden
(¹Lauschangriffª, ¹Rasterfahndungª), das Kopftuchverbot an Schulen bzw in oÈffentli-
chen GebaÈuden oder das Verbot der SchaÈchtung. Zum anderen koÈnnten RechtsfaÈlle
im engeren Sinn, also die Anwendung von Rechtsvorschriften auf konkrete, aÈuûere
Lebenssachverhalte, auf den verfassungsrechtlichen, wiederum insb grundrechtli-
chen, PruÈfstand gestellt werden. Zu denken waÈre zB an die behoÈrdliche Untersa-
gung einer zum Zweck der Propagierung nationalsozialistischen/faschistischen/stali-
nistischen/anarchistischen Gedankenguts veranstalteten Versammlung oder an die
medienrechtliche Verurteilung eines Journalisten wegen einer Beleidigung eines
Politikers in einem Zeitungsartikel. In beiden hier genannten Unterformen koÈnnte
nach der verfassungsrechtlichen Beurteilung der betreffenden gesetzlichen Regelung
bzw des Falles in verschiedenen LaÈndern gefragt werden. Ein und dieselbe gesetzli-
che Regelung bzw ein konkreter Fall iSv BehoÈrdenverhalten koÈnnte demnach,
gemessen an der Verfassungsordnung des einen Landes, als verfassungskonform,
gemessen an der Verfassungsordnung eines anderen Landes, aber als verfassungs-
widrig aufgewiesen werden. Freilich ist darauf hinzuweisen, dass ein derartiger
methodischer Zugang im bisherigen verfassungsvergleichenden Schrifttum noch
wenig gepflogen wurde.

3. Die methodischen Schritte im Einzelnen

Der eigentliche Prozess der Vergleichung wird im grundlagentheoretischen Schrifttum


haÈufig in ein Stufen- bzw Phasenschema eingeteilt. Weder uÈber die Anzahl der zu
durchlaufenden Stufen noch uÈber die auf jeder Stufe zu setzenden methodischen
Schritte herrscht Einigkeit. So wird uÈberwiegend ein Dreistufenmodell (mit unter-
schiedlichen Inhalten) propagiert, 86 verschiedentlich wird von einem Vierstufen-
schema ausgegangen. 87 Mitunter wird auch bezweifelt, ob eine Stufenlehre die
Methode der Rechtsvergleichung wirklich wiedergibt. 88
Der Beschreibung der Methodik im Vergleichenden Verfassungsrecht soll im
Weiteren grundsaÈtzlich jenes Dreiphasenmodell zugrunde gelegt werden, das Con-
stantinesco Anfang der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts fuÈr die Rechtsvergleichung
allgemein entwickelt hat. Danach besteht die rechtsvergleichende Methode darin, eine
vergleichende Untersuchung durch drei aufeinanderfolgende Stadien hindurch zu

86 S hiezu den kurzen U È berblick bei MoÈssner, AoÈR 1974, 224 f.


87 So Trantas, 47 f, der das Vierstufenschema als ¹klassische Vorstellungª ausweist.
88 So von MoÈssner, AoÈR 1974, 225.
II. Das Vergleichende Verfassungsrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43

fuÈhren, naÈmlich: feststellen, verstehen, vergleichen. 89 Zu betonen ist, dass diese


drei Phasen zwar grundsaÈtzlich hintereinander durchlaufen werden sollen, nicht aber
hermetisch voneinander abgeschlossen sind. Sie haÈngen ganz im Gegenteil voneinan-
der ab und ergaÈnzen sich, weil die eine sich auf die andere bezieht. 90 Der Blick wird
vielmehr also stets ¹hin und her zu wandern habenª. Nicht gesagt soll damit ferner
sein, dass die drei Phasen sich auch aÈuûerlich ± etwa in der Kapitelgliederung ± in
rechtsvergleichenden Arbeiten niederzuschlagen haben.
In der ersten Phase (dem ¹Feststellenª) geht es darum, diejenigen Rechtsnormen
der verglichenen Rechtsordnungen, in der sich die Funktion eines bestimmten Rechts-
instituts manifestiert bzw die ein konkretes Sachproblem loÈsen, zu ermitteln und zu
beschreiben. Dies muss mit den Methoden der verglichenen Rechtsordnungen er-
folgen, es sind alle in Betracht kommenden Rechtsquellen unter Beachtung ihrer Hier-
archie anzuwenden, das Rechtsmaterial ist moÈglichst in seiner Originalsprache zu
erfassen. Die einschlaÈgigen Rechtsvorschriften sind nicht isoliert, sondern im systema-
tischen Zusammenhang mit der Gesamtrechtsordnung zu untersuchen. 91
In der zweiten Phase (dem ¹Verstehenª) ist der Einfluss auûerrechtlicher Faktoren
auf die Entstehung, Struktur und Funktion der untersuchten Rechtsnormen aufzu-
decken. Es ist danach zu fragen, aus welchen GruÈnden die betreffende Rechtsvor-
schrift seinerzeit erlassen worden ist bzw auf welche VorlaÈufervorschriften sie sich
allenfalls stuÈtzen kann. Die Rechtsvorschrift ist in den Gesamtzusammenhang ihres
sozialen, moralischen, religioÈsen, historischen, politischen, wirtschaftlichen und ideo-
logischen Milieus einzugliedern und aus diesem zu erklaÈren.
Die dritte Phase (das ¹Vergleichenª) ± und erst diese ± greift uÈber die rein aus-
landrechtskundliche Betrachtung des Rechtsmaterials hinaus. In ihrem Rahmen wer-
den die zu vergleichenden Rechtsvorschriften zueinander in Beziehung gesetzt, um
È hnlichkeiten und Unterschiede und die GruÈnde hiefuÈr festzuhalten. Es ist also
ihre A
kontrastierend herauszuarbeiten, welche Funktionen ein und dasselbe Rechtsinstitut
in verschiedenen Rechtsordnungen erfuÈllt bzw welche LoÈsungen die einzelnen
Rechtsordnungen fuÈr die BewaÈltigung eines bestimmten Sachproblems gefunden
haben. Auf dieser Stufe ist auch eine Bewertung vorzunehmen, ob und inwieweit die
einzelnen Rechtskonstruktionen das ihnen zugrunde liegende Sachproblem einer
befriedigenden LoÈsung zufuÈhren; es sind also ¹bessereª und ¹schlechtereª LoÈsungen
auszufiltern, wobei die Antwort auf diese Frage sich freilich nicht aus einem einzigen,
abstrakten und absolut guÈltigen Maûstab ergibt, sondern von der jeweils gewaÈhlten
Perspektive abhaÈngig ist.

89 Vgl Constantinesco, Rechtsvergleichung II, 137. Der Autor entwickelt (aaO, 137 ff) seine
Theorie sehr einlaÈsslich auf nahezu 200 Seiten, im Rahmen derer er fuÈr jede Phase eine Reihe
von methodologischen Regeln und GrundsaÈtzen herausarbeitet; auf diese AusfuÈhrungen sei
hier ergaÈnzend verwiesen.
90 Constantinesco, Rechtsvergleichung II, 139, 238, 278 f. Damit sollte die Kritik von MoÈssner,
AoÈR 1974, 225, an der Praxisgerechtheit eines Stufenmodells zumindest weitgehend entkraÈftet
sein. Vgl zum Dreiphasenmodell vorsichtig positiv auch Sommermann, in: Handbuch, Rz 62 ff.
91 Nach Constantinesco, Rechtsvergleichung II, 138, 149, 232 f, soll die RuÈckgliederung
einer Rechtsvorschrift in die Gesamtrechtsordnung erst in der zweiten Phase erfolgen, was aller-
dings unzweckmaÈûig erscheint. In diesem Punkt wird also hier von der Constantinesco'schen
Systematik abgewichen.
4. Kapitel: VerhaÈltnis des Vergleichenden Verfassungsrechts zu ver-
wandten Wissenschaftsdisziplinen
Literatur: Adamovich/Funk/Holzinger, O È sterreichisches Staatsrecht I ± Grundlagen,
Wien/New York 1997, Rz 02.001; David/Grasmann, EinfuÈhrung in die groûen Rechts-
systeme der Gegenwart2, MuÈnchen 1988, 18; Doehring, Allgemeine Staatslehre, Hei-
delberg 1991, Rz 8; Haller/KoÈlz, Allgemeines Staatsrecht2, Basel/Genf/MuÈnchen 1999,
25; Pernthaler, Allgemeine Staatslehre und Verfassungslehre2, Wien/New York 1996,
19; Schnitzer, Vergleichende Rechtslehre I2, Basel 1961, 22.

I. Vergleichende Regierungslehre / Comparative Government

Die Vergleichende Regierungslehre (Comparative Government) etablierte sich in den


fuÈnfziger Jahren des 20. Jahrhunderts als Zweig der Politikwissenschaft. Ihr Gegen-
stand sind die Regierungssysteme der Welt, die sie beschreibt, miteinander vergleicht
und theoretisch erklaÈrt. Als ¹Regierungssystemª wird das politische System begriffen,
welches die staatliche Ordnung, aber auch auûerstaatliche Erscheinungen (zB die poli-
tischen Parteien, die InteressenverbaÈnde, die sog oÈffentliche Meinung) umfasst. Inner-
halb des Regierungssystems lassen sich drei Typen von konstitutiven Elementen unter-
scheiden: faktische (die realen Subjekte des politischen Handelns), normative (die
staatliche Verfassung) und ideologische (die Wertvorstellungen innerhalb eines
Gemeinwesens). Diese Elemente bilden einen Wirkungszusammenhang, indem sie
gegenseitig aufeinander einwirken und sich dabei veraÈndern. Aus diesem Umstand
heraus kann das Regierungssystem nicht mit einer einzigen Methode erforscht werden,
sondern es bedarf einer nach dem wirklichen Gewicht der einzelnen Elemente in dem
zu untersuchenden Regierungssystem abgestuften Kombination von Methoden. 1
Gemeinsam ist der Vergleichenden Regierungslehre und dem Vergleichenden Ver-
fassungsrecht der komparative Zugang, wobei beide Disziplinen ihrem Vorgehen das
funktionelle Prinzip zugrunde legen. Unterschiedlich sind ihr Objekt und die Kombi-
nation der Methoden: Die Vergleichende Regierungslehre versucht als Integrationswis-
senschaft alle Faktoren des politischen Systems in ihrer Gesamtheit zu erfassen, das
Vergleichende Verfassungsrecht fokussiert seinen Blickwinkel auf das System staatli-
cher Rechtsnormen. FuÈr die Vergleichende Regierungslehre gilt das Prinzip der ParitaÈt
der Methoden; juristische, soziologische, historische, philosophische und psychologi-
sche Methoden sind prinzipiell gleichwertig. Das Vergleichende Verfassungsrecht ist
hingegen eine juristische Disziplin; andere Methoden haben nur soweit unterstuÈtzend
hinzuzutreten, als sie der ErklaÈrung von Funktion und Wirkungsweise der Rechtsnor-
men dienen.

II. Verfassungslehre

Der wissenschaftstheoretische Standort der Verfassungslehre ist umstritten. Die Frage


nach ihrer EigenstaÈndigkeit, ihrem Gegenstand, ihren Methoden und Forschungs-
interessen wird nicht einheitlich beantwortet. 2 FruÈher als Teil der Allgemeinen Staats-

1 Vgl instruktiv Brunner, Vergleichende Regierungslehre I, Paderborn ua 1979, 15 ff.


2 S hiezu die UÈ bersicht bei Pernthaler, 27 f.
III. Allgemeine Staatslehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45

lehre angesehen, hat sich die Verfassungslehre schon seit laÈngerem als selbststaÈndige
Disziplin etabliert. Ihr Hauptthema ist die Theorie des Verfassungsrechts und der
Verfassung. Im Einzelnen befasst sich die Verfassungslehre mit den Entstehungsbedin-
gungen, den typischen Inhalten und Eigenschaften, den ideellen und materiellen
Grundlagen, den Institutionen und Funktionen des Verfassungsrechts und mit dem
VerhaÈltnis von juristischer und realer Verfassung. 3 Von der Allgemeinen Staatslehre
unterscheidet sie sich durch die U È berwindung der fuÈr jene Disziplin typischen Fixie-
rung auf ¹Staatª und ¹Staatlichkeitª.
Die Verbindungen zwischen Verfassungslehre und Vergleichendem Verfassungs-
recht sind enge und mannigfaltige. Verfassungslehre ± sofern sie nicht als Verfassungs-
lehre eines bestimmten Staates betrieben wird ± kann ohne den Vergleich der recht-
lichen Institutionen verschiedener Staaten nicht auskommen. Die Verfassungsrechts-
vergleichung liefert also das ± schon systematisierend aufbereitete ± Rechtsmaterial,
auf dessen Basis die Verfassungslehre zur Theoriebildung uÈbergeht. Das VerhaÈltnis
der beiden Disziplinen zueinander kann man vielleicht in jenes Bild setzen, wonach
die Verfassungslehre den Faden auf jenem Abstraktionsniveau der Beschreibung und
Systematisierung der Rechtserscheinungen aufnimmt, auf dem das Vergleichende Ver-
fassungsrecht innehaÈlt, und diesen zu Oberbegriffen, Typen, PhaÈnomengruppen und
GesetzmaÈûigkeiten weiterspinnt, dergestalt also zu Einsichten auf hoÈherer Abstrakti-
onsebene gelangt.

III. Allgemeine Staatslehre

Die Probleme der wissenschaftlichen Standortbestimmung der Allgemeinen Staats-


lehre gleichen denen der Verfassungslehre. Da wie dort gibt es unterschiedliche Auf-
fassungen uÈber den Gegenstand, die Methoden, die Erkenntnisinteressen und die
fachliche EigenstaÈndigkeit. Die Allgemeine Staatslehre ist die aÈltere der beiden Diszi-
plinen. Ihr Gegenstand ist der Staat aus verschiedenen Perspektiven. Die Allgemeine
Staatslehre befasst sich hauptsaÈchlich mit dem Begriff und den Merkmalen des Staates,
seiner Entstehung und seinem Untergang, den Staatsformen, den Staatsideen, den
Zwecken und den typischen Einrichtungen (Institutionen) des Staates. Zu den zentra-
len Themen der Allgemeinen Staatslehre gehoÈrt auch das VerhaÈltnis von Staat und
Recht. 4 Sie setzt sich also auch mit Materien mehr philosophisch-theoretischer Natur
auseinander, die aus einer bloûen Verfassungslehre bewusst ausgeklammert werden.
Dementsprechend beschraÈnkt sie sich auch nicht auf das juristische Erkenntnisinstru-
mentarium, sondern kombiniert dieses etwa mit Methoden der Geschichtswissen-
schaft, der OÈ konomie, der Systemtheorie oder der Institutionenlehre.
È hnlich wie im VerhaÈltnis zur Verfassungslehre liefert das Vergleichende Verfas-
A
sungsrecht wertvolle Einsichten in die rechtlichen Grundstrukturen von Staaten
bzw ¹des Staatesª, auf die die Allgemeine Staatslehre zuruÈckgreifen kann. Da das
Recht im Rahmen der Allgemeinen Staatslehre nur eines der Erkenntnisobjekte ist,
muss der im Wege der Verfassungsrechtsvergleichung erzielte Zugewinn an ver-
wertbarem Wissen relativ geringer ausfallen. Der Einbau dieses Wissens in eine
¹Theorie vom Staatª bleibt der Allgemeinen Staatslehre vorbehalten, die staatsphilo-

3 Adamovich/Funk/Holzinger, Rz 02.006.
4 Adamovich/Funk/Holzinger, Rz 02.010.
46 . 4. Kapitel: VerhaÈltnis des Vergl. Verfassungsrechts zu verwandten Wissenschaftsdisziplinen

sophisch uÈberhoÈhte Gesamtschau ist nicht mehr Sache des Vergleichenden Verfas-
sungsrechts.

IV. Rechtssoziologie

Die Rechtssoziologie befasst sich mit der Aufdeckung der Wirkungszusammen-


haÈnge zwischen Recht und Gesellschaft. Sie will Regelhaftigkeiten aufzeigen,
nach denen sich beurteilen laÈsst, ob und unter welchen Voraussetzungen das Recht
menschliches Verhalten zu steuern vermag und wie das Recht seinerseits auf sozialen
Wandel, also auf politische, oÈkonomische, psychologische oder demographische Ver-
aÈnderungen reagiert. 5 Sie analysiert also zum einen die gesellschaftlichen Wirkungen
des Rechts, zum anderen erforscht sie dessen gesellschaftliche Rahmenbedingungen.
Diese doppelte Beziehung des Rechts zur Gesellschaft versucht sie in allgemeinen
Gesetzen zu erfassen.
Gemeinsam sind der Rechtssoziologie und dem Vergleichenden Verfassungsrecht
die international vergleichende Vorgangsweise sowie die funktionale Methode. Im
UÈ brigen kann das VerhaÈltnis der beiden Disziplinen als das zweier aufeinander bezo-
gener Wissenschaftszweige begriffen werden, von denen jeweils der eine fuÈr den
anderen Hilfsfunktion hat, je nachdem, von welcher Perspektive man das VerhaÈltnis
sieht. 6 Da die Verfassungsrechtsvergleichung die gesellschaftliche Funktion von
Rechtsnormen zum Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen nimmt, ist es evident, dass
sie aus rechtssoziologischen Untersuchungen viel fuÈr das VerstaÈndnis eines Rechts-
systems gewinnen kann. Umgekehrt traÈgt Verfassungsrechtsvergleichung ± ist doch
das Recht ein entscheidender Spiegel einer jeden Gesellschaftsordnung und dergestalt
das Studium des Rechts ein bedeutender SchluÈssel zum VerstaÈndnis der Gesellschaft
und der menschlichen Natur ± viel zum Durchblicken von Gesellschaftsordnungen
im allgemeinen bei. Anders als die empirisch arbeitende Rechtssoziologie bleibt das
Vergleichende Verfassungsrecht grundsaÈtzlich eine normative Disziplin, deren
Erkenntnisinteresse nicht primaÈr das Sein, sondern die Frage nach dem Sollen ist.

V. Rechts- und Staatsphilosophie

Die Rechtsphilosophie untersucht den Grund der Verbindlichkeit des Rechts bzw
seiner einzelnen Vorschriften und Einrichtungen, die ZusammenhaÈnge des Rechts mit
der Moral und mit dem ¹Wesen des Menschenª, seine BegruÈndung in der ¹Natur der
Sacheª, die verschiedenen Formen der Gerechtigkeit und ihrer Konkretisierung sowie
È bereinstimmung des positiven Rechts mit diesen Wertvorstellungen. 7 Die Staats-
die U
philosophie fragt nach den grundlegenden Zwecken und Funktionen sowie der
idealen Ausgestaltung des Staates. Einen wesentlichen Teilbereich der Staatsphiloso-
phie bildet die Staatsethik, welche das Richtige oder Wertvolle am Staat, seinen Ziel-
setzungen und Handlungen nach einem ¹vorª oder ¹hinterª dem Staat liegenden Wert-
ordnungsmaûstab misst. Die Rechtsethik zeigt die Notwendigkeit und Verbindlich-

5 Zweigert/KoÈtz, EinfuÈhrung in die Rechtsvergleichung3, TuÈbingen 1996, 10.


6 Vgl MaÈnhardt/Posch, Internationales Privatrecht ± Privatrechtsvergleichung ± Einheitspri-
vatrecht2, Wien/New York 1999, 134 f.
7 Pernthaler, 19.
VII. Verfassungspolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47

keit moralischer Wertvorstellungen in einer Gesellschaft auf und erlaÈutert die Zusam-
menhaÈnge dieses ethischen Normensystems mit dem positiven Recht. 8
Rechts- und Staatsphilosophie haben mit dem Vergleichenden Verfassungsrecht als
Teilbereich der Rechtsvergleichung die Suche nach allgemeinen GrundsaÈtzen gemein,
die hinter den positiven Regelungen des menschlichen Verhaltens in der Gesellschaft
stehen. Der Fragenkreis des Philosophen geht dabei mit der Suche nach Sinn,
Ursprung und Wesen des Rechts uÈber den des Rechtsvergleichers hinaus. Der Haupt-
unterschied liegt aber im methodischen Vorgehen. Die Rechtsvergleichung stellt
gesatztes Recht und die Rechtswirklichkeit fest, sie gelangt zu ihren Einsichten aus
der Untersuchung einer Vielfalt von Einzelrechtsordnungen und arbeitet insofern
gleichsam empirisch-induktiv. Die Rechtsphilosophie ist eher a-priorisch-deduktiv;
sie setzt bei rationell-abstrakten Sollensvorstellungen (dem Rechtsideal) an und ver-
sucht diese durch Ausdrucksformen der Rechtswirklichkeit zu belegen. Hiebei muss
sie sich, will sie sich nicht in reiner Spekulation verlieren, wiederum der Ergebnisse
der Rechtsvergleichung bedienen. 9

VI. (Vergleichende) Verfassungsgeschichte

Die Verfassungsgeschichte als Teilbereich der Rechtsgeschichte befasst sich mit der
Entwicklung des Verfassungsrechts (Verfassungsrechtsgeschichte) und der Verfas-
sungswirklichkeit (Geschichte der Realverfassung). Sie untersucht also das Entstehen
und die Entwicklung der normativen und der realen Verfassung. 10
Die Verfassungsgeschichte weist engste BezuÈge zur Verfassungsrechtsverglei-
chung auf. 11 Die Vergleichung von Verfassungen kann der geschichtlichen Perspek-
tive nicht entraten. HaÈufig geben nur fruÈhere Rechtsentwicklungen den SchluÈssel
zur ErklaÈrung der gegenwaÈrtigen Verfassungsstrukturen, die Kenntnis der histori-
schen Dimension bildet daher eine notwendige Voraussetzung fuÈr das VerstaÈndnis
des geltenden Verfassungsrechts. Insofern erfuÈllt die Verfassungsgeschichte die
Funktion einer Hilfswissenschaft fuÈr das Vergleichende Verfassungsrecht. Die Verfas-
sungsgeschichte muss sich aber nicht auf die lineare Untersuchung der Entwicklung
einer bestimmten Verfassungsordnung und ihre kausale ErklaÈrung beschraÈnken. Sie
kann zum Gegenstand ihrer Forschung auch den Vergleich vergangener Verfas-
sungsordnungen, ihrer Entwicklung und wechselseitigen Beeinflussung machen.
Insofern arbeitet sie selbst vergleichend, wird sie zur Vergleichenden Verfassungsge-
schichte.

VII. Verfassungspolitik

Die Verfassungspolitik entwirft Konzepte und Strategien fuÈr kuÈnftige Entwicklungen


und AÈ nderungen des bestehenden Verfassungsrechts und der Realverfassung. Auf
der Basis der Kenntnis und ErklaÈrung des Bestehenden sucht sie nach MoÈglichkeiten

8 Pernthaler, 20.
9 Vgl naÈher David/Grasmann, 23 f.
10 Adamovich/Funk/Holzinger, Rz 02.005.
11 Zweigert/KoÈtz, Rechtsvergleichung 8, bezeichnen Rechtsgeschichte und Rechtsverglei-
chung als ¹Holz vom gleichen Stammª; sie seien ¹Zwillingsschwesternª.
48 . 4. Kapitel: VerhaÈltnis des Vergl. Verfassungsrechts zu verwandten Wissenschaftsdisziplinen

der Reform. Dazu benoÈtigt sie Leitbilder fuÈr die kuÈnftige Gestalt der Verfassungsord-
nung, zB eine Vorstellung uÈber den Ausbau der direkten Demokratie. 12
Im VerhaÈltnis zur Verfassungspolitik hat das Vergleichende Verfassungsrecht eine
Zuliefererfunktion. Die Frage, welche rechtliche Regelung bestimmte vorgegebene
Zielvorstellungen unter den bestehenden sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen
bestmoÈglich erfuÈllt, laÈsst sich nur auf Grundlage eines Vergleichs einschlaÈgiger
Normen verschiedener Rechtssysteme befriedigend beantworten. Die Verfassungs-
rechtsvergleichung kann diesbezuÈglich ihre Erkenntnisse uÈber den Inhalt und das
Funktionieren auslaÈndischer Rechtsvorschriften anbieten, sie kann ¹bessereª und
¹schlechtereª LoÈsungen ausfiltern. Die Verwirklichung einer bestimmten, allenfalls
aus einer fremden Rechtsordnung uÈbernommenen und an das einheimische Recht
angepassten LoÈsung den politischen Akteuren vorzuschlagen, ist nicht mehr ihre
Sache, sondern Aufgabe der Verfassungspolitik.

VIII. Vergleichendes Verwaltungsrecht

Das Vergleichende Verwaltungsrecht befasst sich mit der vergleichenden Gegen-


u
È berstellung der Verwaltungsrechtsordnungen mehrerer Staaten oder einzelner
ihrer Institutionen und der ErklaÈrung der hiebei festgestellten Unterschiede und
Gemeinsamkeiten. 13 Es ist also ebenso wie das Vergleichende Verfassungsrecht ein
Teilgebiet der Rechtsvergleichung und teilt sich mit jenem weitgehend die Methodik.
Dies umso mehr, als zwischen beiden Disziplinen mannigfaltige gegenstaÈndliche
BeruÈhrungspunkte und U È berschneidungen bestehen. Verfassungsrecht und Verwal-
tungsrecht koÈnnen funktional als Recht der AusuÈbung oÈffentlicher Gewalt begriffen
werden, wenngleich das Verwaltungsrecht in manchen Bereichen das ¹unpolitischereª
Rechtsgebiet sein mag. Ebenso wie nationales Verwaltungsrecht durch nationales
Verfassungsrecht eng vorgepraÈgt ist und ohne dieses nicht sinnvoll untersucht werden
kann, koÈnnen auch in vergleichender Perspektive die zentralen Materien des Ver-
waltungsrechts nur vor dem Hintergrund des Verfassungsrechts und der Grundrechte,
die das betreffende Rechtssystem gewaÈhrleistet, verstanden werden. Dies spricht
dafuÈr, Forschungen im Bereich des Vergleichenden Verwaltungsrechts je nach Sach-
materie mehr oder weniger eng mit Erkenntnissen des Vergleichenden Verfassungs-
rechts zu verknuÈpfen, wenngleich dadurch ± ebensowenig wie bei den nationalen
Disziplinen Verfassungsrechtslehre und Verwaltungsrechtslehre ± die EigenstaÈndigkeit
der beiden Rechtsdisziplinen nicht aufgehoben wird. 14

12 Adamovich/Funk/Holzinger, Rz 02.007.
13 Eine kurze EinfuÈhrung in Geschichte und Anwendungsbereich bietet Schwarze, EuropaÈ-
isches Verwaltungsrecht I, Baden-Baden 1988, 87 ff.
14 Vgl hiezu auch ± offensichtlich fuÈr eine staÈrkere Verschmelzung plaÈdierend ± Trantas,
Die Anwendung der Rechtsvergleichung bei der Untersuchung des oÈffentlichen Rechts, Dres-
den/MuÈnchen 1998, 71; Mu È nch, EinfuÈhrung in die Verfassungsvergleichung, ZaoÈRV 1973, 126
(150).
2. Abschnitt: Makrovergleichung

5. Kapitel: Die Verfassung


Literatur: Adamovich, StW ¹Verfassungª, in: Klose/Mantl/Zsifkovits (Hrsg), Katholisches
Soziallexikon2, Innsbruck ua 1980, Sp 3180; Adamovich/Funk/Holzinger, O È sterreichi-
sches Staatsrecht I ± Grundlagen, Wien/New York 1997, Rz 01.001, 03.015; BoÈcken-
foÈrde, Geschichtliche Entwicklung und Bedeutungswandel der Verfassung, JA 1984,
325; HaÈfelin/Haller, Schweizerisches Bundesstaatsrecht5, ZuÈrich 2001, Rz 15, 75; Her-
zog, Allgemeine Staatslehre, Frankfurt am Main 1971, 308; Koja, Allgemeine Staats-
lehre, Wien 1993, 105; Loewenstein, Verfassungslehre2, TuÈbingen 1969, 127; Maunz/
Zippelius, Deutsches Staatsrecht30, MuÈnchen 1998, 28, 44.

I. Verfassungsbegriff

Der Begriff Verfassung ist vieldeutig und schillernd. Verfassung kann als Zustand
begriffen werden ± man spricht etwa von gesundheitlicher Verfassung ±, meist
bezeichnet Verfassung aber die Organisation bzw das Funktionieren (die ¹Verfasst-
heitª) eines bestimmten Verbandes. Im hier gemeinten Zusammenhang hat Verfassung
einen Staat als Bezugspunkt, Verfassung wird als Verfassung eines Staates verstanden.
Auch diese Eingrenzung ist jedoch noch keine abschlieûende, da folgende weitere
Untergliederung beachtet werden muss:
Verfassung kann zunaÈchst als Inbegriff der grundlegenden Regeln uÈber die Aus-
uÈbung der politischen Macht in einem Staat begriffen werden (sozio-politischer Ver-
fassungsbegriff). In diesem Sinn besitzt naturgemaÈû jeder Staat eine Verfassung. Der
sozio-politische Verfassungsbegriff erfasst dergestalt das politische System eines Staa-
tes und einer Gesellschaft. Dieses wird zum einen durch rechtliche Normen bestimmt;
es umfasst aber auch auûerrechtliche Normen, vor allem solche des politischen Pro-
zesses, sowie eine FuÈlle von faktischen Gegebenheiten, die eine Beziehung zu den
Normen des Rechts und des politischen Geschehens haben.
Verfassung kann aber auch ± in einem engeren (und hier grundgelegten) Sinn ± als
rechtliche Grundordnung der staatlichen Gemeinschaft, die die fundamentalen Fragen
des Zusammenlebens der Menschen im Staatsverband zum Gegenstand hat, verstan-
den und charakterisiert werden (juristischer Verfassungsbegriff). Auch in diesem
VerstaÈndnis besitzt heutzutage jeder Staat eine Verfassung. Die ersten Verfassungen
± iSv Verfassungsdokumenten ± sind im europaÈisch-amerikanischen Kulturkreis im
Kampf gegen den monarchischen Absolutismus entstanden. Durch Verfassungsgesetz
sollte die bislang ausschlieûlich vom Monarchen verkoÈrperte einheitliche Staatsgewalt
auf verschiedene Organe aufgeteilt und zugleich ± durch Grundrechte ± gegenuÈber
einer staatsfreien gesellschaftlichen SphaÈre begrenzt werden. Die Forderung nach
50 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5. Kapitel: Die Verfassung

einer Verfassung in diesem Sinne war ein Kampfruf der buÈrgerlichen Revolution des
18. und 19. Jahrhunderts. In Nordamerika fand dieses Postulat mit der Verfassung
von Virginia von 1776 und der Vf-USA von 1787 ihre Verwirklichung. In Europa
nahm die Entwicklung geschriebener Verfassungen mit der polnischen sowie der fran-
zoÈsischen Verfassung jeweils von 1791 ihren Anfang. Mittlerweile haben alle europaÈ-
ischen Staaten eine Verfassung iS eines zentralen Verfassungsdokuments, daneben
aber auch noch ± von Land zu Land unterschiedlich ± teilweise weitere Verfassungsge-
setze und Verfassungsbestimmungen (s naÈher 7. Kap, II.). Einzig Groûbritannien ver-
zichtet bis heute auf eine zentrale Verfassungsurkunde. Das britische Verfassungsrecht
ist auch nur zum Teil geschriebenes Recht; es besteht in einer aÈuûerlich schwer
durchschaubaren Gemengelage verschiedener Rechtsquellen, von denen das (einfa-
che) Gesetzesrecht (statute law), das Richterrecht (case law) und die sog Konventio-
nalregeln (constitutional conventions) die zentralen Elemente bilden (s naÈher unten
Exkurs).
Der Verfassungsstaat der Gegenwart verfuÈgt also idR uÈber eine geschriebene und
(mindestens weitgehend) kodifizierte Verfassung, die sich in ihrem Inhalt, in ihrer
aÈuûeren Form und in der Art ihrer A È nderung von den anderen Teilen der Rechtsord-
nung unterscheidet. In der hierarchischen Ordnung des Rechts nimmt die Verfassung
den obersten Rang ein. Alle anderen Rechtsnormen, insb auch die Gesetze, sind an
die Verfassung rechtlich gebunden, duÈrfen dieser daher inhaltlich nicht wider-
sprechen. Da die Verfassung die Erzeugungsbedingungen fuÈr das unterrangige Recht
statuiert, ist sie ferner auch der Geltungsgrund allen u È brigen Rechts, dieses leitet
sich also von jener ab.

II. Verfassung im formellen und im materiellen Sinn

Die Verfassung ± bzw Verfassungsrecht ± im formellen Sinn umfasst die Gesamtheit


der Rechtsnormen, die in der besonderen Form der Erzeugung von Verfassungsrecht
erlassen worden und in einer besonderen Verfassungsurkunde zusammengefasst
oder sonst als Verfassungsrecht bezeichnet sind. Es wird bei diesem Verfassungsbegriff
ausschlieûlich auf bestimmte aÈuûere Merkmale, im Besonderen auf die Form der
Erlassung der Rechtsnormen abgestellt; der Inhalt der Rechtsnormen ist hier nicht
maûgeblich. Daraus ergibt sich, dass die Verfassung im formellen Sinn von Staat zu
Staat einen ganz unterschiedlichen Inhalt haben kann. Gewisse Staaten haben uÈber-
haupt keine Verfassung im formellen Sinn, so zB Groûbritannien. Das Abstellen auf
ausschlieûlich aÈuûere Merkmale hat weiters zur Konsequenz, dass Bestand und
Umfang des Verfassungsrechts im formellen Sinn relativ leicht feststellbar und ein-
grenzbar sind.
Der Begriff der Verfassung ± bzw des Verfassungsrechts ± im materiellen Sinn ist
schwieriger zu bestimmen als der formelle Verfassungsbegriff. Unter Verfassung im
materiellen Sinn fallen alle jene Rechtsnormen, die die grundlegenden Regeln uÈber
die Organisation des Staates und sein VerhaÈltnis zu den BuÈrgern betreffen; was als
grundlegend anzusehen ist, ist allerdings nicht scharf abgrenzbar, sondern variiert
nach Zeit und Ort je nachdem, was in einer Rechtsgemeinschaft zu einem gegebenen
Zeitpunkt als grundlegend und wesentlich angesehen wird. Es muss also eine typisie-
rende Betrachtung Platz greifen: Die Verfassung im materiellen Sinn kann demnach als
Gesamtheit jener Regelungen, die auf Grund ihrer Wichtigkeit fuÈr das Staatsganze typi-
Exkurs: Die Verfassung Groûbritanniens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51

scherweise GegenstaÈnde der Normierung durch Verfassungsrecht (im formellen Sinn)


bilden bzw die wegen ihrer inhaltlichen Tragweite verdienen, in die (formelle) Verfas-
sung aufgenommen zu werden, definiert werden. Es wird bei diesem Verfassungs-
begriff ausschlieûlich auf den Inhalt einer Rechtsnorm abgestellt; die aÈuûeren Merk-
male, insb die Erzeugungsweise, der konkreten Rechtsnorm sind hier irrelevant. Eine
einigermaûen fassbare Abgrenzung des Begriffs der Verfassung im materiellen Sinn
kann nur im Wege der Rechtsvergleichung erreicht werden. Verfassungsrecht im mate-
riellen Sinn sind demnach diejenigen Regelungen, die zu einem gegebenen Zeitpunkt
im Rahmen eines bestimmten Verfassungstypus ± zB des demokratisch-rechtsstaat-
lichen Verfassungsstaates europaÈisch-nordamerikanischer PraÈgung ± in der uÈberwie-
genden Zahl der Vergleichsstaaten Bestandteil der formellen Verfassung sind.
Im VerhaÈltnis von formeller zu materieller Verfassung gilt zunaÈchst Folgen-
des: WaÈhrend das materielle Verfassungsrecht einen staatenuÈbergreifenden Standard
bildet, bestimmt sich der Begriff der Verfassung im formellen Sinn im Einzelnen fuÈr
jedes Land je und je unterschiedlich. Im Rahmen der Verfassungsordnung eines
bestimmten Staates decken sich die beiden Normenkreise der Verfassung im formellen
und der Verfassung im materiellen Sinn weitgehend, in der Regel aber nicht vollstaÈn-
dig. Zum einen klammern Verfassungen haÈufig wesentliche Fragen des materiellen
Verfassungsrechts aus und uÈberlassen sie damit der Regelung durch den einfachen
È sterreich die
Gesetzgeber (Verfassungsrecht im nur materiellen Sinn). So ist etwa in O
Festlegung der Anzahl der Parlamentsabgeordneten (Abgeordneten zum Nationalrat)
eine Angelegenheit der einfachgesetzlichen Wahlordnung. Zum anderen enthalten
Verfassungen aus verschiedenen GruÈnden auch hoÈchst unbedeutende, ¹kleinlicheª
Einzelregelungen (Verfassungsrecht im nur formellen Sinn). Das oÈst B-VG enthaÈlt
etwa ungewoÈhnlich genaue, kasuistische Bestimmungen uÈber die SchulbehoÈrden,
die PolizeibehoÈrden und die bewaffnete Macht, von vielen anderen, bis ins Skurrile
gehenden Detailregelungen in verfassungsrechtlichen Nebengesetzen und Nebenbe-
stimmungen (wie etwa einer Verfassungspflicht zum Sparen elektrischer Energie!)
ganz zu schweigen.

Exkurs: Die Verfassung Groûbritanniens

Groûbritannien hat keine formelle Verfassung. Die britische Verfassung kann nur
im materiellen Sinn begriffen werden, ist aber auch in diesem VerstaÈndnis nur in
groben Umrissen aÈuûerlich abgrenzbar. Das britische Verfassungsrecht verteilt sich
entstehungsgeschichtlich auf nicht weniger als acht Jahrhunderte (!), es flieût aus
unterschiedlichen Rechtsquellen. Die Verfassung Groûbritanniens besteht nur zum
Teil aus vom Parlament gesatztem und insofern ¹geschriebenemª Recht. Groûe Teile
der Verfassung sind ungeschrieben, sie werden durch die Verfassungspraxis oder
durch richterliche Entscheidungen gebildet. Insgesamt koÈnnen bei einer aus Anschau-
lichkeitsgruÈnden vergroÈbernden Betrachtung folgende Rechtsquellen unterschieden
werden:
Eine erste Verfassungsschicht bilden die sog Verfassungskonventionalregeln
(constitutional conventions), die nicht mit Gewohnheitsrecht im kontinentaleuropaÈi-
schen Sinn gleichgesetzt werden koÈnnen. Bei ihnen handelt es sich um Verhaltens-
und Verfahrensregeln fuÈr den politischen Prozess, die nicht geschrieben und nicht
gerichtlich einklagbar sind, die aber als bindend betrachtet werden. Die Achtung der
52 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5. Kapitel: Die Verfassung

Verfassungskonventionalregeln durch die maûgeblichen Staatsorgane hat pragmati-


sche GruÈnde; sie werden ± auch ohne rechtliche SanktionsmoÈglichkeit ± deshalb ein-
gehalten, weil es andernfalls zu schwerwiegenden FunktionsstoÈrungen des politischen
Prozesses kaÈme. Geltungsgrund einer Konventionalregel ist also ihre ZweckmaÈûigkeit
und NuÈtzlichkeit. Sie gilt solange, als sie geeignet ist, den politischen Prozess in ratio-
nale, sachangemessene Bahnen zu lenken; verliert sie ± etwa wegen A È nderung des
politischen Umfeldes ± ihre Zweckdienlichkeit, wird sie aufgegeben, geaÈndert oder
durch eine neue Konventionalregel ersetzt. Konventionalregeln koÈnnen dabei von
einem Tag auf den anderen geaÈndert oder neu gebildet werden, wobei es ruÈck-
blickend schwer zu beurteilen sein kann, welche ± seinerzeit moÈglicherweise als poli-
tisch belanglos wahrgenommene ± konkrete Handlung welches Staatsorgans den PraÈ-
zedenzfall gebildet, dh die nachfolgende Kette gleichfoÈrmigen Verhaltens ausgeloÈst
hat. Wesentliche Prinzipien der britischen Verfassungsordnung beruhen auf solchen
Verfassungskonventionalregeln. Nur beispielsweise seien genannt: die Ernennung
des FuÈhrers der Mehrheitspartei zum Premierminister, seine ZugehoÈrigkeit zum Unter-
haus, die parlamentarische Verantwortlichkeit der Minister, der RuÈcktritt der Regierung
nach der Annahme eines Misstrauensvotums im Unterhaus, die AufloÈsung des Unter-
hauses durch den Monarchen auf Antrag des Premierministers. 1
Als ± wenngleich im RuÈckgang begriffene ± Rechtsquelle des Verfassungsrechts gilt
ferner das Richterrecht (case law). Als PraÈjudizienrecht haben viele Gerichtsentschei-
dungen verfassungsrechtliche Bedeutung, insb wenn es sich um die Abgrenzung der
Rechte des BuÈrgers gegenuÈber den StaatsbehoÈrden handelt. Mit dem generellen Vor-
dringen des Gesetzesrechts hat sich die GerichtstaÈtigkeit mehr und mehr auf die
¹reineª Gesetzesauslegung beschraÈnkt und hat deren eigentlich rechtsschoÈpferische
Funktion abgenommen.
Die bedeutendste und umfangreichste, eindeutig im Vordringen befindliche
Schicht des britischen Verfassungsrechts ist heute das Gesetzesrecht (statute law).
Dieses besteht zum einen aus den Parlamentsgesetzen (Acts of Parliament), wobei
deren Erlassung nicht an erschwerte Erzeugungsbedingungen geknuÈpft ist; (materiel-
les) Verfassungsrecht kann also mit einfacher Parlamentsmehrheit erzeugt werden.
Durch Parlamentsgesetz laÈsst sich die Verfassung umfassend gestalten; insb koÈnnen
durch dieses bestehende ungeschriebene, (bloû) in Konventionalregeln oder Richter-
recht festgehaltene Verfassungsnormen in Gesetzesform umgegossen oder aber auch
aufgehoben oder in jede Richtung abgeaÈndert werden. Zum (verfassungsrangigen)
Gesetzesrecht gehoÈrt zum anderen aber auch die sog delegierte Gesetzgebung (dele-
gated legislation). Diese wird von Staatsorganen erlassen, die hierzu durch Parla-
mentsgesetz ermaÈchtigt sind. Das britische Gesetzesrecht ist auûerordentlich zer-
splittert, die heute noch guÈltigen Gesetzgebungsakte gehen teilweise weit in die Ver-
gangenheit zuruÈck. Nur beispielsweise seien folgende Gesetzgebungsakte genannt:
die Magna Charta Libertatum (1215), die Petition of Rights (1627), die Habeas-Cor-
pus-Akte (1679), die Bill of Rights (1689), der Act of Settlement (1701), die Parlaments-
gesetze von 1911 und 1949, das Gesetz zum Oberhaus von 1999, der Human Rights
Act (1998).

1 S naÈher ± immer noch lesenswert ± Loewenstein, Staatsrecht und Staatspraxis von Groûbri-
tannien I ± Parlament, Regierung, Parteien, Berlin/Heidelberg/New York 1967, 52 ff.
III. Verfassungsinhalte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53

III. Verfassungsinhalte

Ein Vergleich zwischen verschiedenen Verfassungen zeigt, dass diese immer wieder-
kehrende A È hnlichkeiten und Gemeinsamkeiten aufweisen. Diese typischen Inhalte
von Verfassungen koÈnnen in folgende drei Gruppen eingeteilt werden: Der aÈuûerlich
umfangreichste Teil einer Verfassung regelt das sog Staatsorganisationsrecht. Dazu
gehoÈren Bestimmungen uÈber die Staatsform (zB Republik oder Monarchie), uÈber die
Regierungsform (zB parlamentarisches oder praÈsidentielles Regierungssystem) und
uÈber die Struktur des Staatsverbandes (zB Einheitsstaat oder Bundesstaat). Eine grund-
legende Regelung erfahren die Organisation, die Bestellungsweise, die Aufgaben, die
Willensbildung und die Verantwortlichkeit der staatlichen Organe; normiert werden
ferner Organisation, Wirkungsbereich, Verfahrensweise und gegenseitiges VerhaÈltnis
der einzelnen Staatsfunktionen (Gesetzgebung, Verwaltung einschlieûlich Regierung,
Gerichtsbarkeit). Ein zweiter Bereich behandelt die fundamentalen Rechte des Einzel-
nen und damit der Gesellschaft insgesamt gegenuÈber dem Staat, kurz: die Grund-
rechte (allenfalls auch die Grundpflichten). Schlieûlich enthaÈlt eine Verfassung auch
mehr oder minder ausfuÈhrliche Aussagen daruÈber, von welchen Werten und von wel-
chen Zielvorstellungen das gesamte Handeln des Staates gepraÈgt sein soll (Staats-
ziele).
Die grundlegenden Verfassungsinhalte stehen im Dienst der ErfuÈllung verschiede-
ner Verfassungsfunktionen. Eine Verfassung soll zunaÈchst TraÈger und Form der
AusuÈbung der staatlichen Macht festlegen, diese aber auch an generelle Rechtsnormen
È bermacht des
binden und dergestalt rechtlich beschraÈnken; auf diese Weise soll eine U
Staates und damit verbunden eine GefaÈhrdung der Freiheit der Rechtsunterworfenen
verhindert werden. Die Verfassung hat ferner die Aufgabe, die Rechte und Freiheiten
der im Staat lebenden Menschen zu gewaÈhrleisten, soweit es sich um grundsaÈtzliche
Belange handelt. Indem sie den Rechtsetzungs- und Rechtsverwirklichungsprozess
normiert, ist sie weiters die Grundlage der staatlichen Rechtsordnung; alles uÈbrige
Recht leitet sich von ihr ab. Schlieûlich konstituiert eine Verfassung auch eine mate-
riale Grundordnung; sie beschraÈnkt sich nicht auf das rein Organisatorische, sondern
trifft in den verschiedenen Bereichen der staatlichen und sozialen Ordnung inhaltliche
Grundentscheidungen. 2
Geben die typischen Inhalte von Verfassungen einen gleichsam generellen Bau-
plan vor, in den sich die wie auch immer naÈher ausgestalteten Einzelbestimmungen
einfuÈgen, stechen in manchen Verfassungen Regelungen ins Auge, die man in dieser
Deutlichkeit bzw Apodiktik zunaÈchst nicht erwarten wuÈrde. Derartige Vorschriften
tragen zumeist Antwortcharakter, dh sie reflektieren eine bestimmte historische
Problemlage zur Zeit ihrer Erlassung in der Weise, dass sie sich in nachgerade demon-
strativer Weise gegenuÈber dem vorangegangenen Verfassungsmodell bzw den vorma-
ligen faktischen HerrschaftsverhaÈltnissen abgrenzen.
Dies trifft vor allem auf die Reformstaaten Ost- und Ostmitteleuropas zu, deren
Verfassungen sich insofern als postsozialistische ¹Gegenverfassungenª darstellen.
Wenn Art 5 Abs 2 und 3 lit Vf expressis verbis stipuliert, dass die Rechte der Staats-
gewalt durch die Verfassung begrenzt sind und die Einrichtungen der Staatsgewalt
den Menschen dienen, so wird darin die Abkehr von einem Herrschaftssystem deut-

2 Vgl HaÈfelin/Haller, Rz 21.


54 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5. Kapitel: Die Verfassung

lich, das den U È bergriffen der Staatsmacht keine Schranken auferlegte. Bezeichnend
auch Art 11 Abs 2 bulg Vf, wonach keine politische Partei oder Ideologie zu einer
staatlichen erklaÈrt oder dazu bestimmt werden darf. AusdruÈckliche Vorschriften gegen
eine Machtusurpation durch wen auch immer enthalten zB Art 3 Abs 4 russ Vf, Art 1
Abs 3 bulg Vf, § 2 Abs 3 ung Vf oder Art 5 Abs 4 ukr Vf. Bestimmungen, die die
Mitgliedschaft in einer politischen Partei expressis verbis fuÈr unvereinbar mit der Aus-
uÈbung eines Richteramtes erklaÈren (wie etwa Art 100 Abs 3 mak Vf, Art 178 Abs 3 poln
Vf, § 50 Abs 3 ung Vf), sind Folge und Gegenreaktion auf eine jahrzehntelang gepflo-
gene Einparteiherrschaft in der Justiz. Auf dieser Linie liegt auch das in Art 114 Abs 1
lit Vf ausgesprochene Verbot der Einmischung in die richterliche TaÈtigkeit. Gegen
das im sozialistischen System herrschende ¹Geheimrechtª richten sich Vorschriften,
die nicht kundgemachten Rechtsvorschriften die GuÈltigkeit absprechen (vgl Art 88
Abs 1 poln Vf, Art 7 Abs 2 lit Vf). Antwortcharakter weist auch das demonstrative
Bekenntnis zur Marktwirtschaft in Art 20 poln Vf und Art 49 Abs 1 kroat Vf auf. Dass
in Art 137 Abs 1 slowen Vf die SelbststaÈndigkeit und UnabhaÈngigkeit der Rechtsan-
waltschaft garantiert wird, ist gleichfalls Ausdruck einer Abkehr von sozialistischen
VerhaÈltnissen.
Freilich weisen auch westeuropaÈische Verfassungen derartige Regelungen auf.
Durch die traurige Geschichte veranlasst, stellen Art 1 Abs 1 dt GG, Art 2 Abs 1 gr Vf,
Art 1 port Vf und Art 10 Abs 1 sp Vf den Schutz der unantastbaren WuÈrde des Men-
schen als hoÈchste Aufgabe des Staates besonders heraus. Art 7 Abs 2 gr Vf, Art 25
Abs 2 port Vf und Art 15 sp Vf formulieren eigens, sicher auf Grund der noch frischen
Erfahrungen unter den autoritaÈren Regimes in diesen Staaten, das Verbot der Folter.
Als Antwort auf die Regierungskrisen in der Weimarer Republik laÈsst Art 67 dt GG
nur mehr ein konstruktives Misstrauensvotum gegen den Bundeskanzler zu, das nur
bei gleichzeitiger Wahl eines Nachfolgers moÈglich ist. Eine demonstrative Note traÈgt
auch die ± 1968 erfolgte ± Aufnahme des sog Widerstandsrechts gemaÈû Art 20 Abs 4
dt GG, das den BuÈrgern ein Recht zum Widerstand gegen den Versuch die demo-
kratische Grundordnung zu beseitigen, zubilligt, wenn andere Abhilfe nicht moÈglich
ist.

IV. VerfassungsverstaÈndnis und Verfassungsinterpretation


Eine Verfassung ist Teil der Rechtsordnung eines Staates, ihre Bestimmungen sind ver-
bindliche Normen. Dieser Tatsache eingedenk, dominiert in den Staaten mit demokra-
tisch-gewaltenteilenden Verfassungen weithin ein juristisches Verfassungsver-
staÈndnis. Verfassungen werden als Rechtstexte begriffen, deren Inhalt mit dem Instru-
mentarium der juristischen Auslegung ermittelt werden muss. An der Sinnermittlung
von Verfassungen beteiligen sich ± abgesehen von der Verfassungsrechtswissenschaft
und ihrer Lehre ± alle Verfassungsakteure; im Besonderen sind die StaatsoberhaÈupter
(StaatspraÈsidenten bzw Monarchen), die Regierungen, die Parlamente, aber auch
Kontrollorgane wie etwa OmbudsmaÈnner oder RechnungshoÈfe in der taÈglichen Praxis
mit Fragen der Verfassungsauslegung konfrontiert. In Staaten mit spezialisierter Ver-
fassungsgerichtsbarkeit nehmen die Verfassungsgerichte eine herausragende
Stellung ein; ihre Judikatur kann, kommt den Entscheidungen der Verfassungs-
gerichte doch eine fuÈr alle anderen Organe verbindliche Wirkung zu, den Stil der Aus-
legung der Verfassung insgesamt entscheidend steuern und in bestimmte Richtungen
lenken.
V. Verfassungsrecht und Verfassungswirklichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55

HerkoÈmmlich stehen im Mittelpunkt der Interpretation von Verfassungsrecht


jene Auslegungsmethoden, die auch fuÈr die Interpretation oÈffentlich-rechtlicher bzw
von Rechtsnormen uÈberhaupt als maûgeblich anerkannt werden. Dies schlieût beson-
dere Techniken der Verfassungsauslegung freilich nicht aus. Allgemein ist die Wahl der
Auslegungsmethode (bzw die Kombination von Auslegungsmethoden) sehr stark von
Inhalt und sprachlicher Gestaltung des konkreten Verfassungstextes abhaÈngig. Ver-
groÈbernd gesprochen sind ¹technischeª, detailverliebte Verfassungen ± wie etwas das
oÈst B-VG, die port Vf und die poln Vf ± eher einer Wortlaut- und systematischen Inter-
pretation zugaÈnglich, waÈhrend Verfassungen, die sich weitgehend auf rahmenhafte
Regelungen zuruÈckziehen (Musterbeispiel: die Vf-USA), staÈrker im Wege einer telelo-
gischen Interpretation konkrete Schlussfolgerungen abgewonnen werden muÈssen.
Wird bei juÈngeren Verfassungen eher eine statisch-entstehungszeitgeschichtliche
Interpretation im Vordergrund stehen koÈnnen, sind bei aÈlteren Verfassungen den aktu-
ellen gesellschaftlichen Problemstellungen adaÈquate Auslegungsergebnisse tenden-
ziell eher im Wege einer schoÈpferisch-rechtsfortbildenden Interpretation erzielbar.
Nicht uÈbersehen werden darf auch, dass Verfassungstexte legistisch nicht gleichfoÈrmig
durchgebildet sind. Neben mehr oder weniger genau formulierten Regelungen uÈber
staatsorganisatorische Belange stehen GrundrechtsverbuÈrgungen, Staatszielbestim-
mungen und Programmnormen, die uÈblicherweise generalklauselartig knapp textiert
sind. Kann daher bei jenen Bestimmungen eine eher ¹formaleª, dem Wortlaut verhaf-
tete Interpretation Platz greifen, ist bei letztgenannten Normen eine staÈrker ¹mate-
rialeª, wertorientierte Auslegung praktisch unausweichlich. Insgesamt erweist sich Ver-
fassungsinterpretation als ein komplexer Vorgang, bei dem es kein ¹Patentrezeptª gibt,
sondern nationale Traditionen und Konventionen eine bestimmende und je unter-
schiedliche Rolle spielen.

V. Verfassungsrecht und Verfassungswirklichkeit

¹Verfassungswirklichkeitª bezeichnet die RealitaÈt des politischen Prozesses. Sie ist


mit der geschriebenen Verfassung nie identisch, sondern wird auch durch Faktoren
gestaltet, deren EinflussmoÈglichkeiten im Text der Verfassung nicht hinreichend oder
uÈberhaupt nicht zum Ausdruck kommen. So werden die Aufgaben der politischen
Parteien, wenn uÈberhaupt, verfassungsrechtlich meist nur verniedlichend als bloûe
¹Mitwirkungª an der politischen Willensbildung oaÈ (vgl zB Art 21 Abs 1 dt GG, Art 4
Abs 1 fr Vf, Art 6 sp Vf) umschrieben. Das Wirken der InteressenverbaÈnde bleibt gar
zumeist in der Verfassung voÈllig ungeregelt. Ihre TaÈtigkeit ist aber deshalb in der Regel
nicht verfassungswidrig. Das Auseinandertreten von Verfassungsrecht und Verfas-
sungswirklichkeit ist nur ein Unterfall der in allen Rechtssystemen zu beobachtenden
mehr oder weniger weitgehenden Diskrepanz zwischen Rechtsnorm und Rechtswirk-
lichkeit uÈberhaupt. Dieser Mangel an Kongruenz ist, insb auch bei verfassungsverglei-
chenden Untersuchungen, ein stets mitzubedenkendes PhaÈnomen, dem sich auch
kein konsolidierter demokratischer Rechtsstaat gaÈnzlich entziehen kann.
Besondere AktualitaÈt gewinnt die Frage nach dem VerhaÈltnis von Verfassungsnorm
und Verfassungswirklichkeit in U È bergangszeiten intensiven Verfassungswandels,
wie er im Verlauf der gegenwaÈrtigen Systemtransformation in den Reformstaaten Ost-
und Ostmitteleuropas (immer noch) stattfindet. Eine solche Transformation zu demo-
kratisch-rechtsstaatlichen Verfassungssystemen kann durch Faktoren wie eine lange
56 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5. Kapitel: Die Verfassung

(sozialistische) Vorherrschaft des Rechtsnihilismus und bloû schwach ausgebildete


(vorsozialistische) demokratische Rechtstraditionen erheblich erschwert sein. Unter
solchen gravierend negativen Entwicklungsbedingungen fallen in einer Reihe von
LaÈndern die realen Erfolge der Verfassungsreformen gering, die Diskrepanzen zwi-
schen Verfassungsrecht und Verfassungswirklichkeit besonders groû aus. Als Beispiele
fuÈr derartige VerfassungsrealitaÈten seien Russland und die Ukraine, aber etwa auch
Serbien und Moldawien genannt.

VI. RelativitaÈt der nationalen Verfassungshoheit

Eine ± auch vergleichende ± Betrachtung der Verfassungen Europas kann nicht an


dem Umstand vorbeischauen, dass die althergebrachte Vorstellung einer nach auûen
geschlossenen nationalen Verfassungshoheit schon lange nicht mehr aufrechterhalten
werden kann. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist diese einem dramatischen Abbaupro-
zess unterworfen, der ± gleichsam umgekehrt gesehen ± zur Herausentwicklung eines
hochkomplexen Verbundes von nationalen (Partial-)Verfassungen und euro-
paÈischen Teilverfassungen gefuÈhrt hat. NaÈherhin bestehen heute drei sich wechsel-
seitig beeinflussende Ebenen des Verfassungsrechts in Europa: die nationale Verfas-
sungsebene, die Ebene des uÈbernationalen europaÈischen Menschenrechtsschutzes
und die Ebene des europaÈischen Gemeinschaftsrechts.
Der europaÈische Menschenrechtsschutz als uÈbernationale Leitidee ist eine der
Reaktionen auf den zweiten Weltkrieg. Sie fand ihre Institutionalisierung in der
EMRK (einer ¹Magna Charta Europasª 3), die heute zusammen mit ihren Zusatzpro-
tokollen als die eine europaÈische ¹uÈberstaatliche Teilverfassungª gelten kann. Die
EMRK richtet in Gestalt des EGMR ein in dieser Form vormals nicht gekanntes System
des regionalen Individualrechtsschutzes ein. Die Urteile des EGMR haben voÈlkerrecht-
lich verbindliche Wirkung, sie verpflichten die verurteilten Staaten zu deren Umset-
zung bzw bringen die Staaten dazu, ihre Rechtsordnung schon vorbeugend an die
Anforderungen der EMRK anzupassen. Auf diesem Weg traÈgt die EMRK erheblich
dazu bei einen einheitlichen europaÈischen Grundrechtsstandard zu etablieren,
dem sich keine nationale Rechtsordnung ± ungeachtet dessen, dass die EMRK selbst
innerstaatlich nahezu durchgehend nicht den Rang von formellem Verfassungsrecht
genieût (Ausnahme: O È sterreich) ± entziehen kann.
Die UÈ bertragung staatlicher Hoheitsrechte auf die EuropaÈischen Gemein-
schaften ± auch diese urspruÈnglich eine Reaktion auf den zweiten Weltkrieg ± hat
einen Prozess supranationaler Integration eingeleitet, der in einem noch deutlicheren
Maûe als die thematisch beschraÈnkte EMRK samt ihren Zusatzprotokollen zum Abbau
der nationalen Verfassungshoheit und zur Entstehung einer europaÈischen uÈberstaat-
lichen Teilverfassung beitraÈgt. Die EuropaÈischen Gemeinschaften sind heutzutage
rechtlich befaÈhigt in nahezu allen Lebensbereichen Recht zu setzen. Nach der Judi-
katur des EuGH genieûen primaÈres wie sekundaÈres Gemeinschaftsrecht autonome
Geltung und Vorrang vor allem nationalen Recht, auch gegenu È ber (formellem)
Verfassungsrecht. Soweit dem Gemeinschaftsrecht unmittelbare Anwendbarkeit

3 HaÈberle, Verfassungsvergleichung und Verfassunggebung ± der Beitrag der Rechtswissen-


schaft zum Entstehungsvorgang der europaÈischen Verfassung(en), in: ders, EuropaÈische Verfas-
sungslehre in Einzelstudien, Baden-Baden 1999, 39 (42).
VI. RelativitaÈt der nationalen Verfassungshoheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57

zukommt, verdraÈngt es nationales Recht; das nationale Recht ± auch Verfassungsrecht


± bleibt also in casu unangewendet. In den Mitgliedstaaten der EuropaÈischen Union
hat damit das nationale Verfassungsrecht seine Stellung als ranghoÈchstes Recht im Stu-
fenbau der Rechtsordnung und Geltungsgrundlage allen uÈbrigen, auf dem Territorium
des betreffenden Staates geltenden Rechts insofern verloren. Dieser ± dramatische ±
Umstand wird uÈberdies, da die nationalen Verfassungen das beschriebene Wechselver-
haÈltnis mit dem europaÈischen Gemeinschaftsrecht nicht hinreichend reflektieren, im
Text der Verfassung weithin nicht sichtbar. 4

4 S hiezu exemplarisch die Tabelle der durch Gemeinschaftsrecht ¹stillschweigendª uÈber-


lagerten und partiell verdraÈngten Bestimmungen des dt GG bei Bauer, EuropaÈisierung des Ver-
fassungsrechts, JBl 2000, 750 (757 f).
6. Kapitel: Die Verfassungserlassung
Literatur: Brunner, Verfassunggebung in Osteuropa, OER 1995, 258; HaÈberle, Die ver-
fassunggebende Gewalt des Volkes im Verfassungsstaat ± eine vergleichende Text-
stufenanalyse, AoÈR 1987, 54 (ebenso in: ders, Rechtsvergleichung im Kraftfeld des Ver-
fassungsstaates, Berlin 1992, 139); HaÈberle, Verfassungsvergleichung und Verfassung-
gebung ± der Beitrag der Rechtswissenschaft zum Entstehungsvorgang der europaÈ-
ischen Verfassung(en), in: ders, EuropaÈische Verfassungslehre in Einzelstudien,
Baden-Baden 1999, 39; Hartwig, Die Legitimation des Staates durch Verfassungsrezep-
tion in Mittel- und Osteuropa, ZaoÈRV 1999, 919; Herzog, Allgemeine Staatslehre,
Frankfurt am Main 1971, 312.

I. Entstehungsbedingungen von Verfassungen

Die geltenden Verfassungen Europas und die Vf-USA stammen aus den unterschied-
lichsten historischen Epochen, ihre Entstehung ist aufs Engste mit der Geschichte des
jeweiligen Staates verknuÈpft. Stellt man sich allgemein die Frage nach dem Anstoû
fuÈr die Neuerlassung einer Verfassung, so lassen sich zwei geschichtliche Grund-
situationen voneinander unterscheiden: die staatlich-politische KontinuitaÈt und die
staatlich-politische DiskontinuitaÈt (nicht zu verwechseln bzw gleichzusetzen mit der
rechtlichen KontinuitaÈt bzw DiskontinuitaÈt, dh inwiefern sich die Geltung einer neu
geschaffenen Verfassung auf die fruÈhere, bis dahin geltende zuruÈckfuÈhren laÈsst; dazu
noch unten II.).
In der ersten Gruppe geht es um VorgaÈnge einer zwar mehr oder weniger umfas-
senden Umgestaltung der bestehenden Verfassungsordnung eines Staates, die sich
aber alles in allem doch eindeutig nur als Modifikation einer schon laÈnger bestehen-
den demokratischen Grundordnung des betreffenden Landes darstellt. Andersherum
formuliert: Zur Technik der Erlassung einer neuen Verfassung wird fernab jeglicher
revolutionaÈrer UmbruÈche auch dann gegriffen, wenn eine bestehende Verfassung
nicht mehr im Wege von Partialrevisionen an zwischenzeitig eingetretene VeraÈnderun-
gen der politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Situation des betreffenden Staates
angepasst werden kann.
Die FaÈlle der zweiten Gruppe sind demgegenuÈber dadurch gekennzeichnet, dass
Staaten nach ± gewaltsamer oder friedlicher ± U È berwindung totalitaÈrer oder autoritaÈrer
Regimes vor die Notwendigkeit eines voÈlligen konstitutionellen Neubeginns gestellt
sind. Eine solche ergibt sich zwangslaÈufig auch im Zusammenhang mit der GruÈndung
eines selbststaÈndigen Staates, sei es durch Zusammenschluss mehrerer Staaten, durch
Abspaltung (Sezession) eines Staates von einem anderen oder durch den Zerfall eines
Staates in mehrere unabhaÈngige Nachfolgestaaten (sog dismembratio).
Nicht in eine der beiden Kategorien faÈllt der Sonderfall Groûbritannien, auf den
daher vorab hingewiesen werden soll. Groûbritannien besitzt keine zentrale Ver-
fassungsurkunde; folglich ist die Verfassunggebung auch nicht auf eine bestimmte
historisch-politische Konstellation zu fixieren. Die britische ¹Verfassungª ist im Laufe
der Jahrhunderte gewachsen, vom Mittelalter (Magna Charta Libertatum 1215) bis zur
Gegenwart. A È ltere Bestandteile wurden dabei neu ausgelegt oder auch umgedeutet,
juÈngere sind hinzugefuÈgt worden, vor allem in Form von Verfassungskonventionen
und Gesetzesrecht.
I. Entstehungsbedingungen von Verfassungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59

Die FaÈlle der Erlassung einer neuen Verfassung in Zeiten staatlich-politischer


KontinuitaÈt sind seltener. In Westeuropa haben sich in den letzten Jahrzehnten eine
Reihe von Staaten neue Verfassungen gegeben, die durchwegs auf aÈlteren, teilweise
aus dem 19. Jahrhundert stammenden Verfassungstexten aufbauen und auch partiell
noch deren Problemlagen reflektieren. Dies trifft etwa in beachtlichem Maû auf die
neu gefassten Verfassungen DaÈnemarks (1953), Schwedens (1975) und der Nieder-
lande (1983) zu. StaÈrker umgestaltet wurde die belg Vf (1994), die nunmehr einen
ausgepraÈgt foÈderalistischen Staatsaufbau vorsieht. JuÈngste Produkte der Verfassungs-
erneuerung ± beide wurden 1999 beschlossen ± sind die finn Vf und die schweiz BV.
Letztere etwa sollte insb den durch eine Vielzahl von Novellen unuÈbersichtlich ge-
wordenen und mit minderwichtigen Detailregelungen uÈberhaÈuften Text der Bundes-
verfassung 1874 ¹entruÈmpelnª und das so entschlackte Verfassungsrecht in eine
moderne, auch einen eigenen Grundrechtskatalog aufweisende Systemik bringen;
die offizielle schweizerische Terminologie hat fuÈr diesen, einzelne Innovationen frei-
lich nicht ausschlieûenden Prozess die plastische Formel des ¹NachfuÈhrensª des Ver-
fassungsrechts gepraÈgt.
Eine besondere Entwicklung im Rahmen einer demokratischen Verfassungskonti-
nuitaÈt (wenngleich in einer durch den Algerienkrieg verursachten Staatskrise) hat
Frankreich genommen. Das durch die dominierende Stellung des Parlaments und das
Vielparteiensystem unter der Verfassung der ¹Vierten Republikª (1946±1958) (mit)be-
dingte instabile Regierungssystem erfuhr 1958 mit dem Beschluss der bis heute
guÈltigen Verfassung der ¹FuÈnften Republikª einen tiefgreifenden Verfassungswandel.
Die fr Vf von 1958 bemuÈht sich besonders energisch und konsequent um eine ZuruÈck-
daÈmmung des ineffizienten Parlamentarismus und eine Stabilisierung und StaÈrkung
der Exekutive.
Unter den FaÈllen einer in Zeiten staatlich-politischer DiskontinuitaÈt angenom-
menen Verfassung seien zunaÈchst jene der (erstmaligen) Staatswerdung genannt.
Die heutigen Vereinigten Staaten von Amerika haben ihren Ursprung in den engli-
schen Kolonien, die ab Ende des 16. Jahrhunderts an der OstkuÈste von Nordamerika
gegruÈndet wurden. Die sich allmaÈhlich entwickelnden Spannungen zwischen den
Kolonien und dem Mutterland kulminierten in der UnabhaÈngigkeitserklaÈrung vom
4. Juli 1776 sowie im UnabhaÈngigkeitskrieg. Dieser dauerte bis 1783 und endete mit
dem Pariser Vertrag, in dem England die Vereinigten Staaten anerkannte. Im Mai 1787
trafen sich Vertreter von zwoÈlf der dreizehn Staaten in Philadelphia, um uÈber eine
Revision der 1781 in Kraft getretenen sog KonfoÈderationsartikel ± sie bauten einen
losen Staatenbund auf ± zu beraten. Das Ergebnis ihrer Beratungen war ± entgegen
dem ausdruÈcklichen Auftrag ± keine Revision der KonfoÈderationsartikel, sondern der
Entwurf einer, in der Folge verabschiedeten neuen Verfassung, die einen Bundesstaat
gruÈnden sollte. 1
Norwegen war bis 1814 Teil der daÈnischen Monarchie, wurde aber im Frieden von
Kiel (1814) Schweden zugeschlagen. Als Ausdruck des Widerstands gegen den ver-
traglich vereinbarten Herrscherwechsel fand sich jedoch im FruÈhjahr 1814 in Eidsvoll
nahe dem heutigen Oslo eine verfassunggebende Versammlung ein, die in wenigen
Wochen eine fuÈr ganz Norwegen guÈltige Verfassung ausarbeitete. Diese Verfassung

1 NaÈher zB Brugger, EinfuÈhrung in das oÈffentliche Recht der USA2, MuÈnchen 2001, 1 ff.
60 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6. Kapitel: Die Verfassungserlassung

konnte trotz des auf kriegerischem Weg erzwungenen Eintritts in eine Personalunion
mit Schweden beibehalten werden, was die volle innere SouveraÈnitaÈt Norwegens
garantierte. 2
Nach dem Zerfall der oÈsterreichisch-ungarischen Monarchie im Gefolge des ersten
Weltkriegs fand sich O È sterreich Ende 1918 als stark verkleinerter Staat wieder. Die am
16. Februar 1919 gewaÈhlte Konstituierende Nationalversammlung konnte ihre eigent-
liche Aufgabe, die Ausarbeitung und Verabschiedung einer neuen Verfassung fuÈr
È sterreich, erst nach Abschluss des Friedensvertrages von St. Germain am
¹Restª-O
10. September 1919 voll in Angriff nehmen und mit der Erlassung des B-VG am
1. Oktober 1920 abschlieûen. Nach 1945 verzichtete O È sterreich im Unterschied zu
Deutschland auf die Ausarbeitung einer neuen Verfassung und setzte die parlamenta-
risch-demokratische Verfassung von 1920 in der Fassung der Umgestaltung 1929 wie-
der in Kraft.
Unter den Verfassungen jener schon zuvor souveraÈnen Staaten, die nach einem
Bruch mit einem totalitaÈren bzw autoritaÈren Regime erlassen worden sind, koÈn-
nen geschichtlich drei Phasen der Verfassungserlassung unterschieden werden. Einen
ersten Einschnitt markiert das Ende des zweiten Weltkriegs, das mit der militaÈrischen
Niederlage Deutschlands und Italiens auch deren totalitaÈre Regimes hinwegfegte und
die Basis fuÈr einen demokratischen Neubeginn in diesen Staaten schuf. Das dt GG
von 1949 und die it Vf aus 1947 wurden bewusst als Gegenmodell zur nationalsozia-
listischen bzw faschistischen Vergangenheit konzipiert. Insbesondere das ± unter
dem Einfluss der westlichen BesatzungsmaÈchte zustandegekommene ± dt GG errichtet
eine staatsrechtliche Ordnung, die vom Leitgedanken des Schutzes der Menschen-
wuÈrde durchdrungen ist und effektive Garantien der umfassend formulierten Grund-
rechte verbuÈrgt. Das dt GG weist noch die Besonderheit auf, dass es zunaÈchst nur fuÈr
die westdeutschen LaÈnder galt. Obwohl inhaltlich von Anfang an eine Vollverfassung
darstellend, wurde es daher urspruÈnglich lediglich als U È bergangsverfassung ange-
sehen, was sich einerseits im ± minder klingenden ± Namen ¹Grundgesetzª (statt ¹Ver-
fassungª), andererseits im Verzicht auf eine unmittelbar demokratische Legitimation
der neuen Verfassung (dazu noch unten II.) manifestieren sollte. Seit der Vollendung
der deutschen Einheit (1990) ± rechtstechnisch: der Unterstellung der ostdeutschen
LaÈnder unter das GG ± ist jeglicher Anschein eines Provisorialcharakters des dt GG
wohl endguÈltig uÈberwunden.
Die suÈdeuropaÈischen LaÈnder Spanien, Portugal und Griechenland konnten ihre
jeweiligen autoritaÈren Regimes (die jahrzehntelange Franco-Diktatur in Spanien, das
nicht minder lange autoritaÈre Regime unter Salazar und Caetano in Portugal, die
MilitaÈrdiktatur der Obristen in Griechenland) demgegenuÈber erst Mitte der 70er Jahre
des vorigen Jahrhunderts abschuÈtteln. Mit der Erlassung neuer Verfassungen (Grie-
chenland 1975, Portugal 1976, Spanien 1978) setzten die drei LaÈnder voll entwickelte
parlamentarische Demokratien durch.
Die dritte Welle der Erlassung demokratischer Verfassungen in Europa wurde
schlieûlich durch den Zusammenbruch der (real)sozialistischen Regimes in den
Staaten Ost- und Ostmitteleuropas ab 1989 ausgeloÈst. Hiebei kommt als zweites

È R 1989,
2 NaÈher von Unruh, Die Eigenart der Verfassung des KoÈnigreichs Norwegen, JO
277 ff.
II. Die verfassunggebenden Organe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61

Moment der Verfassunggebung der mit dem Niedergang der kommunistischen Ideolo-
gie synchron einhergehende Zerfall der Sowjetunion, Jugoslawiens und der Tsche-
choslowakei in selbststaÈndige Nachfolgestaaten hinzu. Innerhalb der Gruppe der post-
sozialistischen Staaten kann im Rahmen eines Kontinuums von knapp 10 Jahren nach
dem naÈheren Zeitpunkt der Erlassung einer neuen, demokratischen Verfassung unter-
schieden werden. Beispiele fuÈr fruÈhe Verfassunggebungen sind etwa Serbien und
Kroatien (beide Ende 1990), aber auch Bulgarien und RumaÈnien (Mitte bzw Ende
1991). In diesen FaÈllen sollte der Akt der Verfassunggebung die Funktion eines Motors
bzw Katalysators des demokratischen Umgestaltungsprozesses erfuÈllen (alle genann-
ten Beispiele zeigen freilich deutlich, dass eine neue Verfassungsurkunde allein kein
Garant fuÈr eine einwandfrei demokratische Entwicklung eines Staatswesens sein
kann). Am anderen Ende des zeitlichen Spektrums stehen die Verfassungen Polens
(Anfang 1997) und Albaniens (Ende 1998), die den Abschluss des politischen Um-
È bergangszeit Ver-
gestaltungsprozesses markieren; in beiden LaÈndern mussten fuÈr die U
fassungstransitorien ± in Polen etwa die sog ¹Kleine Verfassungª aus 1992 ± geschaffen
werden. Freilich erfolgte auch in den meisten anderen LaÈndern die AbloÈsung der vor-
maligen sozialistischen Verfassungsordnung nicht mit einem Schlag, sondern wurde
durch Partialrevisionen der bestehenden Verfassung, die die groÈbsten ideologiebe-
dingten Abweichungen von einem westlich-demokratischen Staatsmodell korrigierten
bzw austilgten, vorbereitet.
Hingewiesen sei noch auf folgende Besonderheiten: In Lettland wurde in der
Weise an vorsozialistische Verfassungstraditionen angeknuÈpft und zugleich die natio-
nalstaatliche KontinuitaÈt symbolisiert, dass die lettische Verfassung von 1922 wieder
in Kraft gesetzt wurde; freilich bedingte diese Form der Verfassunggebung eine Reihe
nachfolgender Anpassungen an die modernen politischen und gesellschaftlichen Ver-
haÈltnisse. In Ungarn wurde formell keine neue Verfassung verabschiedet. Der sehr
fruÈh ± im Oktober 1989 ± erfolgten demokratischen Totalrevision der sozialistischen
Verfassung von 1949/1972 folgte allerdings noch eine Reihe kleinerer Verfassungs-
novellen. Weiûrussland verabschiedete zwar Anfang 1994 eine (noch) als demokra-
tisch zu bezeichnende Verfassung, mit der Ende 1996 vorgenommenen tiefgreifenden
Revision war jedoch ein RuÈckfall in autoritaÈre Staatsstrukturen verbunden.

II. Die verfassunggebenden Organe

Die historisch-politischen Entstehungsbedingungen einer Verfassung spiegeln sich


einerseits naturgemaÈû in deren Inhalt wider, sie haben daruÈber hinaus aber auch einen
nicht unerheblichen Einfluss auf den rechtstechnischen Vorgang der Verfassung-
gebung. Vorweg koÈnnen in rechtlicher Hinsicht zwei Grundsituationen des U È bergangs
einer Verfassungsordnung zu einer neuen unterschieden werden: die FaÈlle der (ver-
fassungs-)rechtlichen KontinuitaÈt und jene der (verfassungs-)rechtlichen Dis-
kontinuitaÈt. Im ersten Fall wird die neue Verfassung in dem hiefuÈr in der vormaligen
Verfassung vorgesehenen Verfahren angenommen, im zweiten Fall kann der Akt der
Verfassunggebung nicht auf eine rechtliche Grundlage in der fruÈheren Verfassungsord-
nung zuruÈckgefuÈhrt werden.
Bei (erstmaliger) Staatswerdung ist eine rechtskontinuierliche AnknuÈpfung der
Verfassung des betreffenden Staates an das vormalige Verfassungssystem praktisch
ausgeschlossen. Theoretisch ist dies freilich nicht zwingend, zumal die Verfassung
62 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6. Kapitel: Die Verfassungserlassung

eines Staates fuÈr FaÈlle einer zukuÈnftigen dismembratio in mehrere Nachfolgestaaten


oder der Sezession von Teilstaaten deren verfassungsmaÈûige VerselbststaÈndigung
prozedural vorzeichnen koÈnnte. Stellt sich fuÈr einen Staat die Notwendigkeit der Erlas-
sung einer neuen Verfassung nach U È berwindung eines totalitaÈren oder autoritaÈren
Regimes, spricht auf den ersten Blick ± ist doch die Verfassung eines solchen Systems
wesensmaÈûig nicht auf einen demokratischen Wandel angelegt ± gleichfalls alles fuÈr
eine rechtsdiskontinuierliche Vorgangsweise. Insbesondere bei einem gewaltfreien
È bergang zu einer demokratischen Staatsordnung kommt es aber auch ± uzw gar
U
nicht selten ± vor, dass das ¹gewoÈhnlicheª Parlament des betreffenden Staates unter
Anwendung der Vorschriften der alten Verfassung uÈber die VerfassungsaÈnderung
oder rechtskontinuierlich geschaffener Regeln uÈber die Verfassunggebung eine neue
Verfassung verabschiedet. Die Neuerlassung einer Verfassung in Zeiten staatlich-politi-
scher KontinuitaÈt ± inhaltlich also die ¹Runderneuerungª einer uÈberkommenen Verfas-
sungsordnung ± schlieûlich geht regelmaÈûig mit verfassungsrechtlicher KontinuitaÈt im
hier gemeinten Sinn einher.
In Bezug auf Revisionen einer Verfassungsordnung muss die Kompetenz zur
Annahme einer neuen Verfassung, die sog verfassunggebende Gewalt (nach einer
von Abbe SieyeÁs waÈhrend der franzoÈsischen Revolution entwickelten Unterscheidung
auch ¹pouvoir constituantª genannt), von der ZustaÈndigkeit zur bloûen A È nderung
einer bestehenden Verfassung, der verfassungsgesetzgebenden bzw verfassungsaÈn-
dernden Gewalt (¹pouvoir constitueª), auseinandergehalten werden (zu letzterer s
9. Kap). Die verfassunggebende Gewalt kann entweder einer verfassunggebenden
Versammlung (Konstituante), dem ¹gewoÈhnlichenª Parlament oder einem obersten
Exekutivorgan uÈbertragen sein.
Eine verfassunggebende Versammlung ist ein eigens gewaÈhlter VertretungskoÈr-
per, der speziell zur Ausarbeitung und Annahme einer Verfassung gebildet wird. Die
verfassunggebende Versammlung kann entweder im Wege allgemeiner und direk-
ter Volkswahl oder in einer anderen, bloû indirekt demokratisch legitimierten
Weise formiert werden. Neben dem Kreationsmodus kann innerhalb des Typus ver-
fassunggebende Versammlung ferner nach dem Kompetenzumfang unterschieden
werden. Danach kann der verfassunggebenden Versammlung entweder die abschlie-
ûende Kompetenz zur Annahme einer neuen Verfassung zukommen oder aber der
von ihr gefasste Verfassungsannahmebeschluss bedarf einer nachtraÈglichen BestaÈti-
gung von anderer Seite, sei es des Volkes (Verfassungsreferendum) oder sonstiger
staatlicher Organe (zB Ratifizierung durch die Gliedstaaten). Hingewiesen sei auf den
Umstand, dass eine verfassunggebende Versammlung in manchen FaÈllen zusaÈtzlich
auch die Funktion eines ¹gewoÈhnlichenª Parlaments ausuÈbt, sodass die Grenzen zwi-
schen der Verfassungserlassung durch eine verfassunggebende Versammlung und der
parlamentarischen Verfassunggebung mitunter verschwimmen.
Letzteres war etwa in OÈ sterreich bei der am 16. Februar 1919 in allgemeinen Wah-
len bestellten Konstituierenden Nationalversammlung gegeben. Das oÈst B-VG wurde
von dieser nach rund eineinhalbjaÈhrigen Vorbereitungsarbeiten am 1. Oktober 1920
verabschiedet; eine Volksabstimmung fand nicht statt (einer der GruÈnde hiefuÈr lag
darin, dass das B-VG urspruÈnglich nur als Provisorium bis zur allgemein angestrebten
Vereinigung mit dem Deutschen Reich gedacht war). Gleichzeitig mit einem Referen-
dum uÈber den neuen institutionellen Aufbau des Staates, das eine Mehrheit fuÈr die
Republik und die Abkehr von der Monarchie brachte, wurden in Italien am 2. und
II. Die verfassunggebenden Organe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63

3. Juni 1946 allgemeine Wahlen zu einer Verfassunggebenden Versammlung abgehal-


ten. Diese verabschiedete ± ohne Verfassungsreferendum ± die neue Verfassung am
27. Dezember 1947. Auch die port Vf vom 2. April 1976 beruht allein auf dem
Beschluss einer volksgewaÈhlten Verfassunggebenden Nationalversammlung, ebenso
basiert die unter ganz anderen Voraussetzungen angenommene norw Vf von 1814
auf dem Willen einer volksgewaÈhlten Konstituante, der Reichsversammlung in Eids-
voll.
In Bulgarien beschloss die noch aus kommunistischer Zeit stammende National-
versammlung im April 1990, anlaÈsslich der ersten freien Wahlen im Juni 1990 eine
sog Groûe Nationalversammlung einzuberufen, die neben ihrem Spezialauftrag zur
Verfassunggebung auch die uÈblichen Funktionen einer gesetzgebenden KoÈrperschaft
zu erfuÈllen hatte. Entgegen der urspruÈnglichen Intention wurde die am 12. Juli 1991
von der Groûen Nationalversammlung angenommene Verfassung keiner Volksabstim-
mung unterzogen. 3 A È hnlich wie in Bulgarien war auch die im Mai 1990 direkt demo-
kratisch gewaÈhlte Verfassunggebende Versammlung in RumaÈnien der Sache nach ein
Parlament, das anlaÈsslich seiner Wahl zugleich den Auftrag zur Verfassunggebung
erhielt und (anders als in Bulgarien) nach ErfuÈllung dieser Aufgabe noch eine Zeit
lang in seiner Eigenschaft als ¹normalesª Parlament taÈtig blieb. Im Unterschied zu Bul-
garien wurde die am 21. November 1991 von der Verfassunggebenden Versammlung
gebilligte Verfassung erst durch ein Verfassungsreferendum endguÈltig bestaÈtigt. 4
Nicht durch unmittelbare Volkswahl legitimiert waren die Staatenvertreter, die 1787
in Philadelphia den Entwurf einer Verfassung der USA ausarbeiteten. Auch wurde uÈber
diesen kein Verfassungsreferendum abgehalten; der Entwurf wurde vielmehr den
Gliedstaaten zur Ratifizierung vorgelegt, diese erfolgte durch die sog Verfassungskon-
vente der Gliedstaaten. Ein in seinen Grundstrukturen sehr aÈhnliches Verfahren wurde
uÈber eineinhalb Jahrhunderte spaÈter bei der Errichtung der Bundesrepublik Deutsch-
land angewandt. Der mit der Verfassunggebung beauftragte Parlamentarische Rat war
nicht direkt gewaÈhlt, sondern setzte sich aus von den Landtagen der westdeutschen
LaÈnder gewaÈhlten Vertretern zusammen. Die Ratifikation erfolgte nicht durch ein Refe-
rendum, sondern durch die ± allerdings demokratisch gewaÈhlten ± Landtage. Nur erin-
nert sei, dass das dt GG seinerzeit auch der Genehmigung durch die Besatzungs-
maÈchte bedurfte.
In aÈhnlicher Weise wie bei der Verfassungserlassung durch eine eigens gebildete
verfassunggebende Versammlung kann innerhalb der parlamentarischen Verfas-
sunggebung ± welcher Weg insbesondere in den Staaten Ost- und Ostmitteleuropas
nach dem Zusammenbruch des Kommunismus fast durchwegs beschritten wurde ±
differenziert werden. Die Verfassungen, die von den ¹gewoÈhnlichenª Parlamenten ver-
abschiedet worden sind, koÈnnen zunaÈchst unter dem Gesichtspunkt der demokrati-
schen LegitimitaÈt in zwei Gruppen eingeteilt werden. In die erste Gruppe gehoÈren
die FaÈlle, in denen als Verfassunggeber die noch unter dem kommunistischen Regime
in undemokratischer Weise bestellten Parlamente aufgetreten sind; diesen Ver-
fassungen mangelt es insofern (s aber auch noch weiter unten) an demokratischer
Legitimation. Die zweite Gruppe bilden jene FaÈlle, in denen der parlamentarische Ver-

3 Vgl Brunner, OER 1995, 270.


4 Brunner, OER 1995, 271.
64 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6. Kapitel: Die Verfassungserlassung

fassunggeber ± und damit die Verfassung selbst ± durch freie Wahlen demokratisch
legitimiert gewesen ist. Wiederum kann zusaÈtzlich danach differenziert werden, ob
dem parlamentarischen Verfassunggeber die alleinige Kompetenz zur Verfassungs-
erlassung zukam oder die neue Verfassung noch einer Sanktionierung durch eine
Volksabstimmung bedurfte.
Die serb Vf vom 28. September 1990 wurde noch vom nach dem jugoslawisch-
sozialistischen Delegationssystem im Jahre 1986 bestellten und von Kommunisten
beherrschten Parlament verabschiedet. In Ungarn begnuÈgte sich das Parlament, seiner
fragwuÈrdigen demokratischen LegitimitaÈt eingedenk, am 23. Oktober 1989 mit einer
demokratischen Totalrevision der uÈberkommenen sozialistischen Verfassung; dieser ±
(lediglich) inhaltlich als Akt der Verfassunggebung zu begreifende ± Vorgang hat ein
Provisorium geschaffen, das sich offenkundig in einen dauerhaften Zustand verwan-
delt hat.
In die Gruppe derjenigen Staaten, deren Verfassungen von durch freie Wahlen
demokratisch legitimierten Parlamenten abschlieûend angenommen worden sind,
gehoÈren zB Kroatien, Slowenien, Makedonien, Montenegro und die Ukraine. In
Tschechien und der Slowakei wurden die neuen Verfassungen, nachdem aufgrund
der veraÈnderten politischen Lage nach den zweiten freien Wahlen die Arbeiten an
einer neuen Bundesverfassung der Tschechoslowakei Mitte 1992 eingestellt worden
waren, von den noch gliedstaatlichen Parlamenten erlassen. 5 In Lettland nahm das
frei gewaÈhlte lettische Parlament von der Verabschiedung einer gaÈnzlich neuen Verfas-
sung bewusst Abstand, sondern fasste in seiner Sitzung vom 7. Juli 1993 den
Beschluss, die Vorkriegsverfassung von 1922 vollstaÈndig wieder in Kraft zu setzen.
Die beiden anderen baltischen Staaten Estland und Litauen erlieûen demgegen-
uÈber neue Verfassungen, die zudem erst nach einer abschlieûenden BestaÈtigung durch
das Volk in Kraft treten konnten. Besonders in Estland ging dem ein konfliktreicher
Prozess voraus, zumal dort Anfang 1990 zwei Volksvertretungen gewaÈhlt wurden, die
beide die verfassunggebende Gewalt fuÈr sich reklamierten. Die Verfassung wurde
schlieûlich durch eine aus Vertretern beider Volksvertretungen bestehende ¹Verfas-
sungsversammlungª ausgearbeitet, vom ¹offiziellenª Obersten Rat gebilligt und
schlieûlich am 28. Juni 1992 durch Referendum verabschiedet. 6 Nicht minder heftig
verlief das Verfahren der Verfassunggebung in Albanien. Nachdem der Versuch des
damaligen StaatspraÈsidenten, eine neue Verfassung am Parlament vorbei durch Refe-
rendum annehmen zu lassen, Ende 1994 uÈberraschend am WaÈhlervotum gescheitert
war, konnten gezielte Arbeiten an einer neuen Verfassung erst Mitte 1997 wieder auf-
genommen werden. Die vom Parlament am 21. Oktober 1998 verabschiedete Verfas-
sung wurde in der Volksabstimmung vom 22. November 1998 zwar mit groûer Mehr-
heit der Abstimmenden, aber unter weitgehendem Boykott der Gegner der Verfassung
angenommen. 7
Vereinzelt wird die verfassunggebende Gewalt einem obersten Exekutivorgan,
sei es der Regierung oder dem StaatspraÈsidenten, uÈbertragen bzw zieht es diese an

5 Dazu zB Brunner, OER 1995, 269.


6 NaÈher Brunner, OER 1995, 272 ff.
7 NaÈher Schmidt-Neke, Die Verfassung der Republik Albanien vom 28. November 1998, JOR
1999, 267 ff.
II. Die verfassunggebenden Organe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65

sich. Die einseitige Verabschiedung der Verfassung durch ein solches Organ (sog
¹oktroyierteª Verfassung) kommt im europaÈischen Verfassungskontext des vorigen
Jahrhunderts allerdings nicht mehr vor, vielmehr ist in derartigen Konstellationen die
endguÈltige Annahme der neuen Verfassung an eine Volksabstimmung gebunden.
In Frankreich wurde, nachdem die Verfassung der Vierten Republik aus 1946 ihre
IneffektivitaÈt zur GenuÈge bewiesen hatte, durch ein verfassungsaÈnderndes Gesetz
vom 3. Juni 1958 die Regierung unter General de Gaulle ± unter Vorgabe bestimmter
inhaltlicher Leitlinien ± zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung ermaÈchtigt. Der in
sehr kurzer Zeit erstellte und von der Regierung approbierte Entwurf wurde in der
Volksabstimmung vom 28. September 1958 mit groûer Mehrheit angenommen. 8
Wesentlich dramatischer verlief der Prozess der Verfassunggebung in Russland, wo
der zwischen PraÈsident El'cin und dem noch zu Sowjetzeiten gewaÈhlten Kongress
der Volksdeputierten sich zuspitzende Verfassungskonflikt ± beide hatten Verfassungs-
entwuÈrfe ausarbeiten lassen ± letztlich mit Waffengewalt geloÈst wurde, aus dem der
StaatspraÈsident als Sieger hervorging. FuÈr den 12. Dezember 1993 wurde von El'cin
ein Verfassungsreferendum angesetzt, bei dem der von ihm vorgelegte Verfassungsent-
wurf ± dieser stuÈtzte sich weitgehend auf die Vorarbeiten der von ihm kurz zuvor ein-
berufenen sog Verfassungsberatung ± mit relativ knapper Mehrheit gebilligt wurde. 9
Die eroÈrterten MoÈglichkeiten der Erlassung einer neuen Verfassung koÈnnen in fol-
gende tabellarische Form gebracht werden (wobei ± wie nochmals erinnert werden
soll ± nicht jedes KaÈstchen auch mit konkreten Beispielen aktueller europaÈischer Ver-
fassunggebung belegt werden kann):
Verfassunggebende ¹Gewo
È hnlichesª Oberstes
Versammlung Parlament Exekutivorgan
direkt indirekt demokratisch nicht (Regierung,
demokratisch demokratisch legitimiert demokratisch Staats-
legitimiert legitimiert (¹neuª) legitimiert (¹altª) praÈsident)

Ohne Volksabstimmung È sterreich


zB O zB Slowenien zB Serbien

Mit Volksabstimmung zB RumaÈnien zB Litauen zB Frankreich

Anderes Organ beteiligt zB USA

Das Verfahren der Verfassungserlassung kann, wie sich aus dem Vorstehenden
ergibt, unterschiedliche Grade demokratischer LegitimitaÈt aufweisen. So verleiht
es einer Verfassung vordergruÈndig hoÈhere demokratische Weihen, wenn bei ihrer Ver-
abschiedung dem Volk das abschlieûende Wort eingeraÈumt worden ist. Freilich muss
hier vor einer vereinfachten Schematisierung gewarnt werden. Die Abhaltung einer
Volksabstimmung uÈber eine neue Verfassung muss immer vor dem Hintergrund der
konkreten historisch-politischen UmstaÈnde betrachtet werden. So ist etwa zu fragen,
inwieweit eine freie Willensbildung bei umfassender und neutraler Information uÈber
die Inhalte der neuen Verfassung uÈberhaupt moÈglich war oder ob es sich um eine
mehr oder weniger ¹gelenkteª Abstimmung unter nicht voll demokratischen VerhaÈlt-
nissen gehandelt hat. Das Verfassungsreferendum in Russland Ende 1993 darf unter

8 NaÈher zB Grote, Das Regierungssystem der V. franzoÈsischen Republik, Baden-Baden 1995,


41 ff.
9 NaÈher zB Brunner, OER 1995, 274 ff.
66 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6. Kapitel: Die Verfassungserlassung

diesem Blickwinkel sicherlich nicht mit dem Volksentscheid in der Schweiz 1999 auf
eine Stufe gestellt werden. Insbesondere bei Vorlage des Verfassungsprojektes durch
die Regierung oder den StaatspraÈsidenten besteht ferner die Gefahr, dass sich das Ver-
fassungsreferendum faktisch zu einem Plebiszit uÈber die Regierung bzw den PraÈsiden-
ten (bzw deren Politik) wandelt; die Verfassungserlassung in Frankreich 1958 und
(wiederum) jene in Russland 1993 geben hiefuÈr beredte Beispiele ab.
Vor allem aber darf das rechtstechnische Procedere bei der Verfassunggebung fuÈr
die LegitimitaÈt einer Verfassung insgesamt nicht uÈberschaÈtzt werden. Es ist keineswegs
so, dass eine mit dem ¹urªdemokratischen Siegel einer Volksabstimmung versehene
Verfassung allein deswegen fuÈr alle zukuÈnftigen Zeiten eine hoÈhere LegitimitaÈt besitzt.
In demokratischer Sicht kommt es nicht nur auf den formalen Entstehungsakt, son-
dern auch und vor allem auf die Akzeptanz des Volkes an. Entscheidend ist auf
Dauer, ob eine Verfassung von der ganz uÈberwiegenden Mehrheit der BuÈrger getragen
wird und demgemaÈû die Rolle des Integrationsfaktors an der Schnittstelle von Staat
und Gesellschaft erfuÈllt. Insofern koÈnnen nicht gut ¹funktionierendeª Verfassungen
LegitimitaÈt einbuÈûen, es kann einer Verfassung aber auch LegitimitaÈt zuwachsen,
sodass eine urspruÈngliche demokratische LegitimitaÈtsschwaÈche mehr als ausgeglichen
werden kann. Musterbeispiel fuÈr letzteren Fall ist unter den juÈngeren Verfassungen
sicherlich das dt GG, mit Abstrichen wohl auch die ung Vf, wohl nicht hingegen die
serb Vf; das Gesagte gilt aber gleichermaûen etwa fuÈr die Vf-USA und die norw Vf,
die eine bereits jahrhundertelange staatsrechtliche StabilitaÈt sichern konnten. Umge-
kehrt sieht sich etwa die seinerzeit demokratisch einwandfrei zustandegekommene it
Vf in juÈngerer Zeit starken Zweifeln an ihrer FunktionalitaÈt ausgesetzt.

III. Die Ausarbeitung einer Verfassung

Der vorhin beschriebene Vorgang der Verabschiedung einer neuen Verfassung mar-
kiert lediglich den Endpunkt eines je nach den politischen Rahmenbedingungen eines
Landes mehr oder minder komplexen Entwicklungsprozesses, der in der Ausarbeitung
eines konsensfaÈhigen Verfassungsentwurfes besteht. Dieser Prozess ± auf neudeutsch
mitunter ¹constitution makingª oder ¹constitutional engineeringª genannt ± verlaÈuft
selten linear, bringt uÈber das ¹Endproduktª einer neuen Verfassung idR noch eine
Reihe von nicht mehrheitsfaÈhigen VorentwuÈrfen bzw von AlternativentwuÈrfen (mit-
unter gar einen ¹Kriegª der VerfassungsentwuÈrfe) hervor 10 und kann demgemaÈû von
sehr unterschiedlicher Dauer sein. Auf den verfassunggebenden Versammlungen von
Philadelphia 1787 bzw in Eidsvoll 1814 nahm die Erstellung eines genehmigungsfaÈhi-
gen Verfassungstextes nur wenige Wochen bzw Monate in Anspruch. DemgegenuÈber
zog sich die ± nicht durch einen revolutionaÈren Impetus veranlasste ± Totalrevision
der schweiz BV und der finn Vf uÈber einen Zeitraum von 30 Jahren.
Weitgehende U È bereinstimmung herrscht hingegen dahin, dass die Detailarbeit am
Text der zukuÈnftigen Verfassung nicht vom jeweiligen verfassunggebenden Organ
selbst geleistet wird, sondern damit eine von diesem eingesetzte Verfassungskom-

10 Vgl die groû angelegte Serie von HaÈberle, Dokumentation von VerfassungsentwuÈrfen
È R 1995, 105;
und Verfassungen ehemals sozialistischer Staaten in (SuÈd)Osteuropa und Asien, JO
1996, 313; 1997, 177; 1998, 123; ferner zB Traut (Hrsg), VerfassungsentwuÈrfe der Russischen
FoÈderation, Baden-Baden 1994.
III. Die Ausarbeitung einer Verfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67

mission betraut wird. Der Sinn dieser Auslagerung besteht darin, dass einem unter
Ausschluss der O È ffentlichkeit tagenden, kleineren Gremium guÈnstigere Bedingungen
fuÈr eine sachliche Arbeit und die Erzielung der unumgaÈnglichen politischen Kompro-
misse gegeben sind. U È blicherweise werden den Verfassungsberatungen politisch
ungebundene nationale Verfassungsexperten, insbesondere Rechtsprofessoren, beige-
zogen. In juÈngerer Zeit, ganz konkret und insb bei der Ausarbeitung der neuen Verfas-
sungen Ost- und Ostmitteleuropas ab 1989 wurden zwecks Leistung juristischer ¹Ent-
wicklungshilfeª in breiterem Umfang auslaÈndische ± westeuropaÈische oder US-ame-
rikanische ± Berater in die Verfassungsarbeiten integriert. 11
Steht am Beginn der Verfassungsberatungen ± bildlich gesprochen ± ein leeres
Blatt Papier, stellt sich die Frage, auf welchem Gedankengut die zukuÈnftige Verfas-
sung des betreffenden Staates aufbauen soll. Eine Quelle ist selbstredend die natio-
nale Verfassungstradition, allerdings in durchaus unterschiedlichem Ausmaû. Bei
einer ¹Runderneuerungª einer Verfassungsordnung im Wege der Neuerlassung der
Verfassung ± s nochmals das schweiz und das finn Beispiel ± steht diese naturge-
maÈû im Vordergrund. Ganz anders stellt sich die Situation dar, wenn ein Land
nach U È berwindung eines totalitaÈren oder autoritaÈren Systems nach einem demokra-
tischen Neuanfang sucht. Teilweise kommt es hier zu einer WiederanknuÈpfung an
mitunter uÈber Jahrzehnte verschuÈttete vortotalitaÈre Verfassungsordnungen; so konnte
eine Reihe ostmitteleuropaÈischer Staaten ± freilich nicht ohne gewichtige Adaptie-
rungen ± auf Verfassungsinstitute einer zumindest halbdemokratischen Verfassungs-
ordnung der Zwischenkriegszeit und der unmittelbaren Nachkriegszeit zuruÈckgrei-
fen. In anderen LaÈndern ± Musterbeispiel Russland, in dem das zaristische System
nahtlos in eine uÈber 70jaÈhrige kommunistische Diktatur uÈbergegangen ist ± fehlte
es hingegen an demokratischen AnknuÈpfungspunkten an fruÈhere Verfassungsord-
nungen fast gaÈnzlich, sodass nach anderen Verfassungsvorbildern gesucht werden
musste.
Einen weiteren, zumeist quantitativ und qualitativ nur geringen Teil einer Verfas-
sung stellen originaÈre Neuscho È pfungen dar, also von den Verfassungskodifikatoren
¹erfundeneª Regelungen, die nicht dem weltweiten Fundus an LoÈsungen fuÈr ein
bestimmtes verfassungspolitisches Problem entnommen sind, sondern jenen berei-
chern. Sehr haÈufig handelt es sich dabei um Vorschriften mit ¹Antwortcharakterª, dh
um Bestimmungen, die eine spezifische historische Problemlage zu meistern ver-
suchen (s dazu schon 5. Kap, III.). Dass eine gesamte Verfassung als von auslaÈndi-
schen Vorbildern unabhaÈngige komplette Neuentwicklung einzustufen ist, ist ganz
selten; uneingeschraÈnkt unter diesen Verfassungstypus faÈllt nur die Vf-USA von 1787,
vertretbarerweise kann aÈhnliches auch fuÈr die fr Vf von 1958 behauptet werden (s
auch noch 10. Kap, V.).
Damit ist bereits angedeutet, dass eine weitere Quelle der Inspiration bei der
Ausarbeitung einer neuen Verfassung in der vergleichenden Heranziehung aus-
laÈndischer Verfassungen liegt. Es gibt ± vielleicht mit der Ausnahme Frankreichs
± keine geltende europaÈische Verfassung, die auschlieûlich aus der nationalen
Verfassungstradition heraus entwickelt worden ist. Vielmehr ist es durchwegs so,
dass sich die SchoÈpfer einer neuen Verfassung in der Regel an einer ganzen Reihe

11 Vgl HaÈberle (1999), 50 f; Hartwig, ZaoÈRV 1999, 923 f.


68 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6. Kapitel: Die Verfassungserlassung

auslaÈndischer Verfassungen orientieren, dass ihnen ± gegenstaÈndlich gesprochen ±


mehrere auslaÈndische Verfassungstexte als modellhafte Vorbilder konkret vorliegen.
Freilich kann es nicht darum gehen, zur LoÈsung einer bestimmten verfassungspoliti-
schen Frage einfach eine auslaÈndische Verfassungsinstitution unbesehen zu uÈber-
nehmen und ± quasi ¹unbehauenª ± in das uÈbrige VerfassungsgefuÈge zu inkorporie-
ren. Stets bedarf es einer sorgfaÈltigen AbwaÈgung, inwieweit eine fremde Verfas-
sungsinstitution vor dem Hintergrund der nationalen gesellschaftlichen, politischen
und geschichtlichen Situation uÈberhaupt zur BewaÈltigung eines konkreten verfas-
sungspolitischen Problems geeignet ist. Sodann gilt es, das rezipierte Modell den
nationalen Erfordernissen anzupassen, allenfalls auch weiterzuentwickeln (s schon
3. Kap, II.B.3.).
Insgesamt gesehen, besteht ¹constitution makingª also nicht darin, jedesmal das
Rad (der Verfassung) neu zu erfinden. Die Aufgabe von VerfassungsschoÈpfern ist viel-
mehr, aus bewaÈhrtem nationalen Verfassungsgut und auslaÈndischem Verfassungsmate-
rial im Verein mit eigenstaÈndig vorgenommenen Adaptierungen und Innovationen ein
in sich kohaÈrentes mixtum compositum zu bilden. Die Geschichte des demokrati-
schen Verfassungsstaates kann uÈberhaupt ± wie HaÈberle dies formuliert hat ± als ¹Pro-
zeû des Vergleichens in fruchtbaren Rezeptions- und ProduktionsvorgaÈngenª begriffen
werden. 12
Wenige Beispiele moÈgen zur Illustrierung der beschriebenen RezeptionsvorgaÈnge
genuÈgen: Bereits die SchoÈpfer der norw Vf von 1814 knuÈpften bei der Gestaltung ihres
Werkes aÈuûerlich und inhaltlich an auslaÈndische Verfassungsvorbilder, insbesondere
an die Vf-USA, an. Von dieser uÈbernahmen sie vor allem das dort erstmals durchge-
bildete Prinzip der Gewaltenteilung. 13 Klassisch geworden ist die Aussage von Hans
Kelsen, der 1919 mit der Ausarbeitung eines Entwurfes fuÈr das nachmalige oÈst B-VG
betraut worden ist: ¹Richtschnur war mir dabei, alles Brauchbare aus der bisherigen
Verfassung beizubehalten, die KontinuitaÈt der verfassungsrechtlichen Institutionen
moÈglichst zu wahren, das bundesstaatliche Prinzip in das schon Bestehende und
BewaÈhrte gleichsam einzubauen und mich dabei ± soweit dies mit RuÈcksicht auf die
Verschiedenheit der historisch-politischen Voraussetzung tunlich war ± an die schwei-
zerische [BV von 1874], aber mehr noch an die neue deutsche Reichsverfassung [von
1919] anzulehnen.ª 14
Von der Ausarbeitung des dt GG wird berichtet, dass die amerikanische MilitaÈr-
regierung dem Parlamentarischen Rat eine Sammlung bundesstaatlicher Verfassun-
gen als ¹Anregungª zur VerfuÈgung gestellt hat. 15 Das dt GG ist dann seinerseits ±
freilich nicht allein, sondern stets im Verbund mit anderen Verfassungen ± ¹Leitver-
fassungª mit enormer Ausstrahlungswirkung auf die Verfassunggebung vor allem
jener Staaten geworden, die selbst eine Diktatur zu uÈberwinden hatten: die suÈdeu-
ropaÈischen Staaten Griechenland, Portugal und Spanien in den 70er Jahren des vor-

12 HaÈberle (1999), 46.


13 von Unruh, JO È R 1989, 279 und 281 f.
14 Kelsen, O È sterreichisches Staatsrecht, TuÈbingen 1923, 161.
15 Mu È nch, EinfuÈhrung in die Verfassungsvergleichung, ZaoÈRV 1973, 126 (134). Dazu auch
Wilms, Der Einfluss europaÈisch-amerikanischer Verfassungsideen auf die Entstehung des Grund-
gesetzes, ZRph 2002, 106 ff.
III. Die Ausarbeitung einer Verfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69

igen Jahrhunderts und die Reformstaaten Ost- und Ostmitteleuropas in den 90er
Jahren. 16
Bei der Erstellung des Textes der rum Vf, welche in weiterer Folge in einem unge-
woÈhnlichen, bis zur partiellen Wortlautgleichheit gehenden Ausmaû zum Vorbild fuÈr
die knapp drei Jahre spaÈter erlassene mold Vf geworden ist, wurden ± neben der eige-
nen historischen Verfassung von 1923 ± angeblich alle demokratischen Verfassungen
der Welt konsultiert. Insbesondere wurde die rum Vf von 1991 ± der allgemeinen
rumaÈnischen Rechtstradition einer engen Orientierung am franzoÈsischen Recht fol-
gend ± durch die fr Vf von 1958 beeinflusst, was sich unter anderem in der Stellung
des StaatspraÈsidenten, der EinfuÈhrung des Instituts der ¹Organgesetzeª (dazu 7. Kap,
II.B.) und der Zusammensetzung und den Aufgaben des Verfassungsgerichts zeigt.
Anderes ± wie ein Teil der Grundrechtsformulierungen ± ist wiederum dem dt GG ent-
lehnt. 17 Ganz aÈhnlich wurden im Prozess der Verfassungsausarbeitung in Russland
mehrere auslaÈndische Vorbilder amalgamiert. Auch hier weist die Stellung des Staats-
praÈsidenten eine enge Verwandtschaft zu jener des franzoÈsischen Pendants auf, 18 die
Ausgestaltung des Verfassungsgerichts ist demgegenuÈber primaÈr ¹deutschª ausgerich-
tet. In dem prozedural aÈuûerst erschwerten VerfassungsaÈnderungsverfahren schlaÈgt
hingegen geradezu handgreiflich das Vorbild der Vf-USA durch (s dazu 9. Kap, III.C.).
Gerade am Beispiel Russlands ± es gilt aber generell auch bei den anderen moder-
nen Verfassungen Ost- und Ostmitteleuropas ± sei noch auf ein weiteres Rezeptions-
phaÈnomen hingewiesen: Der Grundrechtsteil dieser Verfassungen weist in Systematik
und sprachlicher Gestaltung ± dies kann bis zur woÈrtlichen U È bernahme von Bestim-
mungen gehen ± starke AffinitaÈten zu internationalen Menschenrechtsdokumen-
ten, insbesondere der EMRK und den sog Weltpakten (vor allem dem UN-Pakt uÈber
buÈrgerliche und politische Rechte), auf. Die genannten voÈlkerrechtlichen VertraÈge
sind in den letzten Jahrzehnten unverzichtbares Gemeingut jeglicher verfassungskodi-
fikatorischer Arbeit geworden. Sie geben einen internationalen Grundrechtsstandard
vor, den eine neu zu schaffende nationale Verfassung nicht mehr unterschreiten darf.

16 S nur Sommermann, Die Bedeutung der Rechtsvergleichung fuÈr die Fortentwicklung des
Staats- und Verwaltungsrechts in Europa, DO È V 1999, 1017 (1024), mwN. Ferner Battis/Mahren-
holz/Tsatsos (Hrsg), Das Grundgesetz im internationalen Wirkungszusammenhang der Verfas-
sungen, Berlin 1990; Stern, 50 Jahre deutsches Grundgesetz und die europaÈische Verfassungs-
entwicklung, Speyer 1999, 18 ff.
17 S instruktiv Leonhardt, RumaÈnien. Die neue Verfassung von 1991, JOR 1992, 217 (222 ff).
18 S plastisch von Steinsdorff, Die Verfassungsgenese der Zweiten Russischen und der FuÈnf-
ten FranzoÈsischen Republik im Vergleich, ZParl 1995, 486 ff.
7. Kapitel: Verfassungskodifikation und Verfassungszersplitterung
Literatur: HaÈberle, PraÈambeln im Text und Kontext von Verfassungen, in: FS Broer-
mann, Berlin 1982, 211 (ebenso in: ders, Rechtsvergleichung im Kraftfeld des Verfas-
È ber Inkorporationsgebote und andere Stra-
sungsstaates, Berlin 1992, 176); Wiederin, U
tegien zur Sicherung der Einheit der Verfassung. Rechtsvergleichende Beobachtungen
und VorschlaÈge de constitutione ferenda, ZO È R 2004, 175.

I. Der systematische Aufbau der Verfassungsurkunde

A. PraÈambeln

Verfassungsurkunden werden haÈufig, aber nicht immer, mit einer PraÈambel einge-
leitet. Keinen Vorspruch weisen unter den westeuropaÈischen Verfassungen die Ver-
fassungsurkunden Belgiens, DaÈnemarks, Finnlands, Italiens, der Niederlande, Nor-
wegens, O È sterreichs und Schwedens, wohl aber jene Deutschlands, Frankreichs,
Griechenlands, Irlands, Portugals, der Schweiz und Spaniens auf. Den ost- und ostmit-
teleuropaÈischen Verfassungen sind demgegenuÈber durchgaÈngig PraÈambeln vorange-
stellt.
Eine PraÈambel ist Teil der Verfassung, aber doch auch wieder von den nachfolgen-
den, ¹normativenª Regelungen des eigentlichen Verfassungstextes zu unterscheiden.
Typischerweise enthaÈlt eine PraÈambel ± mehr oder weniger ± Aussagen uÈber die histo-
rischen und politischen UmstaÈnde der Verfassunggebung, uÈber das SelbstverstaÈndnis
des Verfassunggebers, uÈber wesentliche Ziele des neu verfassten Staates und schlieû-
lich uÈber den territorialen und personellen Geltungsbereich der Verfassung. Die
Deklarationen eines Vorspruchs koÈnnen demnach entstehungs- und/oder
zukunftsbezogen sein.
Eine PraÈambel kann sprachlich in einer Spannweite von nuÈchtern-feststellend bis
schwuÈlstig-pathetisch angelegt und aÈuûerlich von sehr unterschiedlicher LaÈnge
sein. AÈ uûerst knapp und sachlich ausgefallen sind etwa die PraÈambeln der lett Vf
(¹Das Volk Lettlands hat sich durch die frei gewaÈhlte Verfassungsversammlung die fol-
gende Verfassung des Staates gegeben:ª) und die rum Vf (¹Die Verfassunggebende
Versammlung verabschiedet die Verfassung von RumaÈnienª), die lediglich dem Nach-
weis der demokratischen Legitimation des Verfassunggebers ± im Fall RumaÈniens nicht
einmal deutlich erkennbar ± dienen. Aus einem aÈhnlichen Satz besteht die PraÈambel
der gr Vf, die aber noch ± ebenso wie etwa die schweiz Vf und die ir Vf ± durch eine
Anrufung Gottes (sog invocatio dei) angereichert ist (¹Im Namen der Heiligen,
Wesensgleichen und Unteilbaren Dreifaltigkeit ...ª). Klassisch ist die Formulierung
der PraÈambel der Vf-USA, die die Berufung auf den demokratischen Ursprung der Ver-
fassung (s dazu aber auch 6. Kap, II.) mit den grundlegenden Zielsetzungen des
neuen Staatswesens verbindet: ¹Wir, das Volk der Vereinigten Staaten [We the People
of the United States, ...], von der Absicht geleitet, unseren Bund zu vervollkommnen,
Gerechtigkeit zu verwirklichen, die Ruhe im Innern zu sichern, fuÈr die Landesverteidi-
gung zu sorgen, die allgemeine Wohlfahrt zu foÈrdern und das GluÈck der Freiheit uns
selbst und unseren Nachkommen zu bewahren, setzen diese Verfassung fuÈr die Verei-
nigten Staaten von Amerika in Geltung.ª A È uûerst umfangreich ± und entsprechend
umstritten ± sind die PraÈambel der poln Vf und mehr noch jene der kroat Vf, welch
I. Der systematische Aufbau der Verfassungsurkunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71

letztere insbesondere einen breiten historischen Abriss ± zuruÈckgehend bis zur GruÈn-
dung der kroatischen FuÈrstentuÈrmer im 7. Jahrhundert (!) ± mit sicherlich hinterfrag-
barem Geschichtsbild darbietet.
Unterschiedlich zu bewerten ist die rechtliche Bedeutung, naÈherhin die Bin-
dungswirkung einer PraÈambel. Soweit eine PraÈambel dokumentierende historische
Feststellungen und Selbstvergewisserungen des Verfassunggebers enthaÈlt, kommt
eine rechtliche Verbindlichkeit solcher Aussagen weniger in Betracht als bei der Postu-
lierung von Staatszielen und Staatswerten, die auch im Hauptteil der Verfassung ste-
hen koÈnnten. Die Frage muss jeweils im Einzelfall im Auslegungsweg entschieden
werden. So hat etwa das deutsche BVerfG aus der bis 1990 geltenden Stammfassung
der PraÈambel des dt GG (¹... Das gesamte Deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier
Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.ª) iVm weiteren
Vorschriften des GG schon fruÈh das sog Wiedervereinigungsgebot abgeleitet, dh die
Verpflichtung der Staatsorgane, alles zu tun, was die Wiedervereinigung foÈrdert, und
alles zu unterlassen, was sie erschweren koÈnnte. Die PraÈambel der fr Vf von 1958
nimmt ausdruÈcklich auf die ErklaÈrung der Menschen- und BuÈrgerrechte von 1789
sowie die einen Grundrechtskatalog enthaltende PraÈambel der fr Vf von 1946 Bezug
(waÈhrend der eigentliche Verfassungstext keinen Grundrechtsteil enthaÈlt). Der Rechts-
charakter der PraÈambel der fr Vf von 1958 war lange Zeit umstritten; der franzoÈsische
Verfassungsrat hat ihr ± und den darin verwiesenen Grundrechtsdokumenten ± in
einer grundlegenden Entscheidung aus 1971 die gleiche juristische Verbindlichkeit
wie den Verfassungsartikeln zuerkannt und auf diese Weise die Grundrechte uÈber-
haupt erst justiziabel gemacht (dazu auch noch II.B.).

B. Die Verfassungsurkunde

Die Verfassungsurkunden selbst ± zumindest jene juÈngeren Datums ± weisen einen in


ihren gliederungsmaÈûigen Grundstrukturen im Wesentlichen gleichfo È rmigen Auf-
bau auf; fuÈr die aus den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts stammenden Verfassun-
gen der ost- und ostmitteleuropaÈischen Staaten kann man ± wenngleich im Einzelnen
vom Textaufbau her keine einer anderen voÈllig gleicht ± fast von schablonenhaften
¹Reiûbrettverfassungenª sprechen. 1 Generell gilt, dass in der Kapitelabfolge eine
zumindest symbolhafte Wertigkeit der jeweils erfassten RegelungsgegenstaÈnde
zum Ausdruck kommt. So ist es nur natuÈrlich, dass die meisten Verfassungen mit
einem (kurzen) Abschnitt uÈber die grundlegenden Bestimmungen bzw Prinzi-
pien der Verfassungsordnung eingeleitet werden. Daran schlieût sich in aller Regel
± noch vor dem Staatsorganisationsrecht ± ein (mehr oder weniger ausgedehnter)
Abschnitt uÈber die Grundrechte an, der noch ± entsprechend der vom Verfassung-
geber getroffenen Klassifikation von Grundrechten ± weiter unterteilt sein kann. In
der prominenten Platzierung des Grundrechtekapitels zeigt sich eben sinnfaÈllig die
inhaltliche PrioritaÈt des grundrechtlichen Schutzes des Einzelnen gegenuÈber dem Staat
vor den uÈbrigen Verfassungsfunktionen.

1 S hiezu die uÈbersichtliche Zusammenstellung der (teils offiziellen, teils inoffiziellen) Glie-
derungsverzeichnisse bei Roggemann (Hrsg), Die Verfassungen Mittel- und Osteuropas, Berlin
1999, 20 ff (ferner 82 ff).
72 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7. Kapitel: Verfassungskodifikation und Verfassungszersplitterung

Den groÈûten Raum insgesamt nehmen dann anschlieûend jene Regelungen ein,
die dem Aufbau der Staatsgewalt gewidmet sind. Innerhalb des Staatsorganisations-
rechts weist die kapitelmaÈûige Gliederung von Verfassung zu Verfassung eine hoÈhere
Varianz auf. Als roter Faden kann dienen, dass die drei traditionellen Staatsfunktionen
typischerweise in der auch eine gewisse Rangfolge ausdruÈckenden Reihenfolge Legis-
lative ± Exekutive ± Judikative normiert werden (eine derartige auch aÈuûerlich scharfe
Trennung findet sich im U È brigen erstmals und bis heute in den ersten drei Abschnitten
der Vf-USA). Innerhalb des Regelungskomplexes Exekutive werden Rechtsstellung
und Funktionen des Staatsoberhauptes (StaatspraÈsidenten) aÈuûerlich vor der Rechts-
stellung und den Funktionen der Staatsregierung geregelt. Dem (zentralen) Verwal-
tungsaufbau kann ein eigener Abschnitt (bzw Unterabschnitt) gewidmet sein, die Vor-
schriften uÈber die lokale Selbstverwaltung sind hingegen uÈblicherweise in einem eige-
nen Abschnitt gegen Ende der Verfassungsurkunde zusammengefasst. Im Rahmen des
Regelungskomplexes Judikative kann zum Abschnitt uÈber die (ordentliche) Gerichts-
barkeit noch ein solcher uÈber die Staatsanwaltschaft hinzutreten; die Verfassungs-
gerichtsbarkeit ist meist in einen eigenen Abschnitt am Ende der Verfassung ausge-
gliedert. Weitere Abschnitte bzw Unterabschnitte uÈber spezielle Verfassungsorgane
(Rechnungshof bzw Kontrollkammer, Nationalbank, Beauftragter fuÈr BuÈrgerrechte
bzw Ombudsmann, Hoher Rat der Justiz) koÈnnen an verschiedenen Stellen eingefuÈgt
sein.
In bundesstaatlichen Verfassungen findet sich naturgemaÈû ± meist sogar an vorde-
rer Stelle ± ein das VerhaÈltnis von Zentralstaat und Gliedstaaten behandelnder eigener
Abschnitt, auch kann in anderen Staaten ein eigener Abschnitt (Unterabschnitt) uÈber
die territoriale Gliederung ausgewiesen sein. Manche juÈngeren Verfassungen raÈumen
den Grundlagen und Rahmenbedingungen privatwirtschaftlicher Wirtschafts- und
Eigentumsordnung bereits im Textaufbau einen hohen Stellenwert ein, indem sie ±
zum Teil sogar vor dem Staatsorganisationsrecht ± einen eigenen Abschnitt uÈber die
Wirtschafts- und Sozialordnung ausbilden; andere Verfassungen weisen (gegen Text-
ende) einen finanzverfassungsrechtlichen bzw haushaltsrechtlichen Abschnitt auf.
HaÈufiger anzutreffen sind auch eigene Abschnitte uÈber das Notstandsverfassungsrecht,
uÈber die Landesverteidigung sowie uÈber die voÈlkerrechtlichen Beziehungen. Der
Abschnitt uÈber das Verfahren der VerfassungsaÈnderung ist zumeist ganz an das Ende
der Verfassung gestellt, unmittelbar vor den Schluss- und U È bergangsbestimmungen,
die nahezu durchwegs den formellen Abschluss der Verfassungsurkunde bilden.
Zur Illustrierung des AusgefuÈhrten sollen die Gliederungen der bulg Vf und der
mak Vf dienen:
bulg Vf:
Kapitel 1. Grundprinzipien
Kapitel 2. Die Grundrechte und -pflichten der BuÈrger
Kapitel 3. Die Nationalversammlung
Kapitel 4. Der PraÈsident der Republik
Kapitel 5. Der Ministerrat
Kapitel 6. Die Justiz
Kapitel 7. È rtliche Selbstverwaltung und O
O È rtliche Verwaltung
Kapitel 8. Das Verfassungsgericht
I. Der systematische Aufbau der Verfassungsurkunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73

Kapitel 9. È nderung und ErgaÈnzung der Verfassung. Annahme einer neuen Verfas-
A
sung
Kapitel 10. Wappen, Siegel, Flagge, Hymne und Hauptstadt
È bergangs- und Schlussvorschriften
U
mak Vf:
Kapitel I. Allgemeine Bestimmungen
Kapitel II. Grundfreiheiten und -rechte des Menschen und BuÈrgers
1. BuÈrgerliche und politische Freiheiten und Rechte
2. Wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte
3. Garantien fuÈr die Grundfreiheiten und -rechte
4. Grundlagen der Wirtschaftsbeziehungen
Kapitel III. Organisation der Staatsgewalt
1. Das Parlament der Republik Makedonien
2. Der PraÈsident der Republik Makedonien
3. Die Regierung der Republik Makedonien
4. Die Gerichtsbarkeit
5. Die Staatsanwaltschaft
Kapitel IV. Verfassungsgericht der Republik Makedonien
Kapitel V. Lokale Selbstverwaltung
Kapitel VI. Internationale Beziehungen
Kapitel VII. Verteidigung der Republik, Kriegs- und Ausnahmezustand
È nderung der Verfassung
Kapitel VIII. A
Kapitel IX. U È bergangs- und Schlussbestimmungen

Unter den hier betrachteten Verfassungen koÈnnen folgende grundlegende


Abweichungen vom skizzierten Standardaufbau von Verfassungsurkunden hervorge-
hoben werden: Das oÈst B-VG und die tschech Vf weisen kein eigenes Grundrechteka-
pitel auf, sondern rezipieren einen auûerhalb der zentralen Verfassungsurkunde gele-
genen Grundrechtekatalog (Art 149 Abs 1 oÈst B-VG, Art 3 tschech Vf); in O È sterreich
erklaÈrt sich diese Technik durch die fehlende Einigung der verfassunggebenden KraÈfte
uÈber ein neues Grundrechtesystem bei der Verabschiedung des B-VG im Jahre 1920, in
Tschechien lieû im Jahre 1992 der Zeitdruck bei der Erstellung der Verfassung die Aus-
arbeitung eines neuen Grundrechtekatalogs nicht zu. In der lett Vf von 1922 ± sie
wurde 1993 wieder in Geltung gesetzt ± wurde erst 1998 ein eigener Grundrechteab-
schnitt an das Ende der Verfassungsurkunde angehaÈngt; in der daÈn Vf und in der ir
Vf ± beide reflektieren in diesem Punkt offenkundig doch schon ihr Alter ± ist der
Grundrechtekatalog in einen der letzten Abschnitte verbannt.
Das dt GG weist (ebenso wie die nied Vf) keinen eigenen Abschnitt uÈber die
Grundlagen der Verfassungsordnung auf, sondern beginnt gleich ± vor dem histori-
schen Hintergrund besonders sinnfaÈllig ± mit den Grundrechten. Die belg Vf wird
ganz unkonventionell ± ein Tribut an die mit der neuen Verfassung vorgenommene
foÈderale Umgestaltung ± mit einem kurzen Abschnitt uÈber den bundesstaatlichen
Staatsaufbau (Titel I ± Das foÈderale Belgien, seine Zusammensetzung und sein Staats-
gebiet) eingeleitet.
74 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7. Kapitel: Verfassungskodifikation und Verfassungszersplitterung

In Verfassungen mit monarchischer Staatsform werden innerhalb des Regelungs-


komplexes der Staatsorganisation mitunter (so in der daÈn Vf, der sp Vf und der nied
Vf, nicht jedoch in der schw Vf und der belg Vf) die Vorschriften uÈber den Monarchen
jenen uÈber die gesetzgebenden Organe vorangestellt. A È hnlich und signifikanterweise
ist in der russ Vf, aber auch der gr Vf , der ir Vf und der port Vf der Abschnitt uÈber
Rechtsstellung und Funktionen des StaatspraÈsidenten jenem uÈber die Legislative vor-
gereiht.
In Ungarn ± das sich bis heute keine formell neue Verfassung gegeben, sondern
den Weg der Partialerneuerung eingeschlagen hat (dazu 6. Kap, I. und II.) ± ist eine
demokratische Verfassungsordnung in die uÈberkommene formale HuÈlse der vormali-
gen sozialistischen Verfassung eingegossen worden; demgemaÈû liegt die Systematik
der ungarischen Vf quer zur heute gaÈngigen Struktur von Verfassungsurkunden. Weit-
gehend originaÈr und darum schwer in das Standardschema einzupassen ist schlieûlich
der Aufbau der fr Vf, der sich insbesondere durch eine starke Betonung der Exekutive,
hier wiederum des StaatspraÈsidenten, das Fehlen eines eigenen Grundrechtekatalogs
(dazu schon A.) und die Reflexion der kolonialen Vergangenheit hervorhebt:
Titel I ± Die SouveraÈnitaÈt
[ein aus lediglich vier Artikeln bestehender Grundlagenabschnitt]
Titel II ± Der PraÈsident der Republik
Titel III ± Die Regierung
Titel IV ± Das Parlament
Titel V ± Die Beziehungen zwischen Parlament und Regierung
Titel VI ± Internationale VertraÈge und Abkommen
Titel VII ± Der Verfassungsrat
Titel VIII ± Die ordentliche Gerichtsbarkeit
Titel IX ± Der Hohe Gerichtshof
Titel X ± Die strafrechtliche Verantwortlichkeit der Mitglieder der Regierung
Titel XI ± Der Wirtschafts- und Sozialrat
Titel XII ± Die GebietskoÈrperschaften
Titel XIII ± UÈ bergangsbestimmungen fuÈr Neukaledonien
Titel XIV ± Die Assoziierungsabkommen
Titel XV ± Die EuropaÈischen Gemeinschaften und die EuropaÈische Union
Titel XVI ± VerfassungsaÈnderung
Titel XVII ± UÈ bergangsbestimmungen [aufgehoben]

II. Modelle der Verfassungskodifikation

A. Die vollstaÈndige Verfassungskodifikation

Das Verfassungsrecht eines Staates muss sich nicht in der (zentralen) Verfassungsur-
kunde erschoÈpfen, sondern kann auf verschiedene Verfassungstexte verteilt sein.
Gleichwohl ist in einer Vielzahl von Staaten das gesamte (formelle) Verfassungs-
recht in einer einzigen Urkunde zusammengefasst. Dieses Modell einer vollstaÈn-
digen Verfassungskodifikation hat den nicht nur verfassungsaÈsthetischen, sondern ins-
besondere praktischen Vorteil der U È bersichtlichkeit des Verfassungsrechts fuÈr
II. Modelle der Verfassungskodifikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75

sich: Alle Rechtsvorschriften mit Verfassungsrang sind in einem einzigen Dokument


enthalten und darob ohne weiteres zu erkennen; der Einzelne und jedes rechtsanwen-
dende Organ koÈnnen sich jederzeit unschwer einen vollstaÈndigen U È berblick uÈber das
gesamte Verfassungsrecht verschaffen. Das Modell der vollstaÈndigen Verfassungskodi-
fikation sichert ferner tendenziell eine hoÈhere inhaltliche KohaÈrenz des Verfassungs-
rechts als bei dessen Aufteilung auf verschiedene Rechtsquellen. Damit zusammen-
haÈngend verschafft es schlieûlich die Sicherheit, dass einer Verfassungsvorschrift, so
wie sie in der Verfassungsurkunde erscheint, eine generelle, dh insbesondere nicht
durch eine stillschweigende VerfassungsaÈnderung oder punktuelle Verfassungsdurch-
brechung eingeengte Geltung zukommt (dazu noch gleich unten).
In seiner vollendetsten Form findet sich das Prinzip der Einheit von Verfassungs-
recht und Verfassungsurkunde in Deutschland. Nicht nur, dass das gesamte deutsche
formelle Verfassungsrecht (des Bundes) in einer einzigen Rechtsquelle ± dem dt GG ±
enthalten ist, ist das Konzentrationsprinzip zudem durch das in Art 79 Abs 1 GG veran-
kerte Inkorporationsgebot bzw TextaÈnderungsgebot verfassungsrechtlich speziell
abgesichert. Danach kann das GG (mit einer punktuellen, nie praktisch gewordenen
Ausnahme) nur durch ein Gesetz geaÈndert werden, das den Wortlaut des Grundgeset-
zes ausdruÈcklich aÈndert oder ergaÈnzt. Eine VerfassungsaÈnderung muss sich danach
also im Text des dt GG ± sei es durch Weglassen, HinzufuÈgen oder Umstellen von
Worten, SaÈtzen, AbsaÈtzen oder ganzen Artikeln ± selbst niederschlagen; Nebenverfas-
sungsrecht wird damit ausgeschlossen.
Das Inkorporationsgebot des Art 79 Abs 1 dt GG traÈgt Antwortcharakter (zum
Begriff schon 5. Kap, III.). Es richtet sich historisch gegen die stillschweigenden Ver-
fassungsaÈnderungen und Verfassungsdurchbrechungen der Weimarer Zeit. Unter der
Weimarer Reichsverfassung von 1919 wurden naÈmlich in gehaÈuftem Maû aus GruÈnden
der politischen OpportunitaÈt auf dem Weg der Gesetzgebung mit verfassungsaÈndern-
den Mehrheiten Vorschriften beschlossen, die ± ohne im Verfassungstext selbst zu
erscheinen ± den Inhalt der Verfassung aÈnderten (stillschweigende VerfassungsaÈnde-
rung) oder ± gleichfalls ohne VerfassungstextaÈnderung ± fuÈr den Einzelfall von einer
im UÈ brigen fortbestehenden verfassungsrechtlichen Vorschrift Abweichendes normier-
ten (Verfassungsdurchbrechung). Durch die Aufnahme des Inkorporationsgebots in
das dt GG sollte einer solchen, zu einer AushoÈhlung der Verfassungsurkunde und
einer Devastierung der Verfassungsordnung fuÈhrenden Praxis fuÈr die Zukunft ein
Riegel vorgeschoben werden.
Dem Modell der vollstaÈndigen Verfassungskodifikation folgen ferner ±
wenngleich ohne ausdruÈcklichem Inkorporationsgebot in der Verfassungsurkunde ±
unter anderem die Verfassungen der Schweiz, Belgiens, Polens, Albaniens, Bulgariens,
Ungarns und der Ukraine. Gleichfalls hiezu zu zaÈhlen ist die Vf-USA. Zwar erfolgt
deren Revision in der Form von Zusatzartikeln (amendments), die nicht an der ge-
aÈnderten Textstelle der Verfassung selbst kenntlich gemacht werden. Doch werden
die Zusatzartikel gleichsam an die Vf-USA angehaÈngt (vgl noch 9. Kap, I.), was auch
aÈuûerlich sinnfaÈllig in der ZaÈhlung der amendments zum Ausdruck kommt, so dass
in dieser Weise von einer Zusammenfassung des gesamten formellen Verfassungs-
rechts in einer einheitlichen Verfassungsurkunde gesprochen werden kann.
Auch in der neuen finn Vf ist alles Verfassungsrecht in einer Urkunde zusammen-
gefasst, doch ermaÈchtigt ± eine uÈberkommene finnische Besonderheit ± § 73 finn Vf
76 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7. Kapitel: Verfassungskodifikation und Verfassungszersplitterung

zur Erlassung verfassungsdurchbrechender Ausnahmegesetze (fuÈr die die gleichen


prozedualen Anforderungen gelten wie fuÈr formelle VerfassungsaÈnderungen).

B. Zentrale Verfassungsurkunde und begrenzter Kreis von Nebenverfassungsgesetzen

In einer nicht unerheblichen Zahl von Staaten erschoÈpft sich das formelle Verfassungs-
recht nicht in der zentralen Verfassungsurkunde, sondern existiert daneben ein mehr
oder weniger groûer, jedenfalls begrenzter Kreis von Sondergesetzen im Verfassungs-
rang. Solche Nebenverfassungsgesetze koÈnnen entweder aÈuûerlich unverbunden
neben der zentralen Verfassungsurkunde stehen. Diese kann aber auch bestimmten
(vorgefundenen) Gesetzen ausdruÈcklich den Rang von Verfassungsgesetzen verleihen
bzw die Weitergeltung vormaliger Sonderverfassungsgesetze anordnen. Drittens kann
das zentrale Verfassungsdokument auch ausdruÈcklich zur Erzeugung von (¹extrakon-
stitutionellemª) Sonderverfassungsrecht auf bestimmten Gebieten ermaÈchtigen. Inner-
halb einer bestimmten Verfassungsordnung kann es auch zu Kombinationen dieser
verschiedenen AuspraÈgungen von Sonderverfassungsgesetzen kommen. Nebenverfas-
sungsgesetzen kommt in der Regel der gleiche Rang wie der zentralen Verfassungs-
urkunde zu, sie koÈnnen aber auch normenhierarchisch unterhalb dieser (aber ober-
halb der ¹gewoÈhnlichenª Gesetze) positioniert sein.
Die GruÈ nde fuÈ r die Verteilung des Verfassungsrechts auf mehrere Rechts-
quellen sind unterschiedliche. Historische ZufaÈlligkeiten bzw Traditionen (zB Tren-
nung von Verfassung und Thronfolgegesetz) spielen die eine Rolle. Bei der Rezeption
von Gesetzen als Verfassungsgesetze spielt meist der Gesichtspunkt einer vereinfach-
ten Rechtssetzungstechnik herein; das uÈbernommene Gesetz muss nicht in die
Systematik der zentralen Verfassungsurkunde eingebaut werden, was etwa zudem ins-
besondere bei ¹sperrigenª Materien (zB Festlegung der Staatsgrenze) den Verfassungs-
text von uÈbertriebener Kasuistik freihaÈlt. In aÈhnlicher Weise dient die ausdruÈckliche
ErmaÈchtigung zur Erlassung von Sonderverfassungsgesetzen vor allem der Entlastung
des zentralen Verfassungsdokuments von minderwichtigen Detailregelungen (denen
aber gleichwohl nach den Vorstellungen des Verfassunggebers ein uÈbergesetzlicher
Rang zukommen soll). Ein weiterer Grund kann aber auch darin bestehen, dass im
Prozess der Verfassunggebung lediglich ein Kompromiss auf eine rahmenhafte Nor-
mierung einer bestimmten Verfassungsinstitution moÈglich war, die volle Entfaltung
des Regelungsgegenstandes damit einer zukuÈnftigen Normierung vorbehalten bleiben
musste.
Die Technik der Etikettierung als Verfassungsgesetze hat den Vorteil, dass einzelne
Materien eben wegen ihrer allgemeinen Wichtigkeit aus der Routine der ordentlichen
Gesetzgebung herausgenommen und mit einer erhoÈhten Bestandsgarantie versehen,
dh der WillkuÈr der jeweiligen einfachen Parlamentsmehrheit entzogen werden. Klar
È bersichtlichkeit einer Verfassungsordnung (und moÈglicher-
ist aber auch, dass die U
weise auch deren KohaÈrenz) durch die verschiedenen Formen einer ¹Auslagerungª
von Verfassungsrecht leidet, wenngleich in den diesem Dekonzentrationsmodell fol-
genden Staaten insgesamt die Anzahl der Verfassungsrechtsquellen in aller Regel
noch in uÈberschaubarem Rahmen bleibt.
Im Konkreten ergeben sich verschiedene AuspraÈgungen. Das schwedische for-
melle Verfassungsrecht etwa verteilt sich gemaÈû Kap 1, § 3 schw Vf auf vier getrennte
II. Modelle der Verfassungskodifikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77

Gesetze: die schw Vf von 1975, das Thronfolgegesetz von 1810, das Pressegesetz von
1949 und das Grundgesetz uÈber die Freiheit der MeinungsaÈuûerung von 1991. Auch
in DaÈnemark ist das Thronfolgegesetz von 1953 neben der daÈn Vf aus dem selben
Jahr Teil der Verfassungsordnung.
Die it Vf ist von einem Kranz von Sonderverfassungsgesetzen umsaÈumt, deren
Erzeugungsverfahren in Art 138 it Vf geregelt wird. Vorgesehen ist die Erlassung von
Verfassungsgesetzen etwa hinsichtlich bestimmter Verfahrensfragen und institutionel-
ler Garantien der Verfassungsgerichtsbarkeit (vgl Art 137 Abs 1 it Vf), der Gesetzes-
initiativberechtigung von Organen und KoÈrperschaften (vgl Art 71 Abs 1 it Vf) oder
der strafrechtlichen Verantwortlichkeit von Regierungsmitgliedern (vgl Art 96 it Vf);
Praxis und Lehre sehen allerdings die in der it Vf normierten FaÈlle der Erlassung von
Nebenverfassungsgesetzen nicht als abschlieûend an. 2
Die kroat Vf verankert an zwei Stellen (Art 131 Abs 1 und 2 sowie Art 147) eine
Befugnis des Parlaments zur Verabschiedung von Sonderverfassungsgesetzen; auf
diesen beruhen das Verfassungsgesetz uÈber das Verfassungsgericht sowie das Verfas-
sungsgesetz zur DurchfuÈhrung der Verfassung. Daneben hat sich in Kroatien in der
Praxis ± aÈhnlich wie in Italien ± die Erlassung von Nebenverfassungsgesetzen auch
ohne ausdruÈckliche ErmaÈchtigung in der zentralen Verfassungsurkunde eingebuÈrgert.
Solche Sonderverfassungsgesetze sind das Verfassungsgesetz uÈber die Menschen-
rechte und die Rechte der ethnischen und nationalen Minderheiten sowie das Verfas-
sungsgesetz uÈber die Zusammenarbeit der Republik Kroatien mit dem Internationalen
Strafgerichtshof.
AusdruÈcklich ordnet Art 108 Abs 1 russ Vf an, dass (gesonderte) Bundesverfas-
sungsgesetze zu den Fragen angenommen werden, die in der russ Vf vorgesehen
sind; das Verfahren der Erlassung eines solchen Sonderverfassungsgesetzes wird in
Art 108 Abs 2 russ Vf geregelt. Auf derartigen, uÈber den gesamten Verfassungstext ver-
streuten ErmaÈchtigungsnormen (insgesamt gibt es deren rund ein Dutzend) basieren
unter anderem folgende Sonderverfassungsgesetze: uÈber das Referendum (vgl Art 84
lit c russ Vf); uÈber den Menschenrechtsbeauftragten (vgl Art 103 Abs 1 lit e russ Vf);
uÈber die Regierung (vgl Art 114 Abs 2 russ Vf); uÈber das Verfassungsgericht (vgl Art
128 Abs 3 russ Vf). Strittig, aber wohl zu verneinen ist, ob auch uÈber andere, dh nicht
ausdruÈcklich auf den Weg der Sonderverfassungsgesetzgebung verwiesene Gegen-
staÈnde Verfassungsgesetze erlassen werden duÈrfen. 3
Ein komplexes System der Rezeption und Delegation von Nebenverfas-
sungsrecht richtet Art 112 Abs 1 tschech Vf auf. Danach bilden folgende Rechtsquel-
len die Verfassungsordnung der Tschechischen Republik: die tschech Vf von 1992; die
± (auch bzw schon) durch Art 3 tschech Vf inkorporierte ± (fruÈher erlassene) Charta
der Grundrechte und Grundfreiheiten; die aufgrund der Verfassung beschlossenen
Verfassungsgesetze (das sind das in Art 100 Abs 3 tschech Vf verwiesene Verfassungs-

2 Cervati, Formen und Grenzen der VerfassungsaÈnderung in Italien, in: FS Koja, Wien/New
York 1998, 23 (24); s auch hier 9. Kap, III.C.
3 S naÈher Wieser, AusgewaÈhlte Fragen zur Hierarchie verfassungsrechtlicher Normen im
System der Verfassung der Russischen FoÈderation, OER 1998, 97 (105 ff); zum ± zwischen der
Verfassung und den ¹gewoÈhnlichenª Gesetzen angesiedelten ± Rang der Sonderverfassungsge-
setze s 8. Kap.
78 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7. Kapitel: Verfassungskodifikation und Verfassungszersplitterung

gesetz uÈber die territoriale Selbstverwaltung aus dem Jahr 1999 und das in Art 2 Abs 2
tschech Vf delegierte, noch ausstaÈndige Verfassungsgesetz uÈber das Referendum); die
Verfassungsgesetze, welche die Staatsgrenze regeln, uzw einerlei, ob sie von der
Nationalversammlung der (Ersten) Tschechoslowakischen Republik, der FoÈderalver-
sammlung der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik oder vom Tschechi-
schen Nationalrat erlassen wurden (dazu auch Art 11 tschech Vf); und endlich die
vom Tschechischen Nationalrat nach dem 6. Juni 1992 angenommenen Verfassungsge-
setze (das sind zwei Verfassungsgesetze uÈber Maûnahmen im Zusammenhang mit
dem Untergang der Tschechoslowakischen FoÈderativen Republik). Andere vormalige
Verfassungsgesetze wurden aufgehoben oder nur im Rang von einfachen Gesetzen
uÈbernommen (Art 112 Abs 2 und 3 tschech Vf). 4
Eine ausdifferenzierte, auf komplizierten Verweisungstechniken beruhende
Struktur weist auch die Verfassungsordnung Frankreichs (¹bloc de constitution-
naliteª) auf. Beginnend mit einer grundlegenden Entscheidung vom 16. Juli 1971 hat
der franzoÈsische Verfassungsrat (Conseil Constitutionnel) einen einigermaûen klar
abgegrenzten Kreis von Rechtsnormen bestimmt, die zusaÈtzlich zum Text der fr Vf
von 1958 in Verfassungsrang stehen. In der genannten historischen Entscheidung hat
der Verfassungsrat zunaÈchst die PraÈambel der fr Vf von 1958 zum Bestandteil der Ver-
fassung mit gleicher normativer Wirkung wie der eigentliche Text erklaÈrt (die Frage
war vordem strittig). Da die PraÈambel auf die ErklaÈrung der Menschen- und BuÈrger-
rechte von 1789 und die PraÈambel der franzoÈsischen Verfassung von 1946 ausdruÈck-
lich Bezug nimmt, wurde in der erwaÈhnten Entscheidung der Verfassungsrang in
einem zweiten gedanklichen Schritt auch auf diese Rechtsquellen erstreckt. Vom Ver-
fassungsrat wurden ferner auch ¹die von den Gesetzen der Republik anerkannten
grundlegenden Prinzipienª, auf die die PraÈambel der Verfassung von 1946 verweist,
als Bestandteil der Verfassungsordnung deklariert. Bei diesen Prinzipien handelt es
sich um GrundsaÈtze, die ± nach dem Ermessen des Verfassungsrates ± aus einfach-
gesetzlichen Bestimmungen herausgefiltert und als solche gekennzeichnet werden.
In den Verfassungsrang gehoben wird dabei aber nicht das einfache Gesetz, sondern
der aus diesem entwickelte Rechtsgrundsatz. Damit nicht genug: Der Verfassungsrat
hat sich in einer Reihe von (allerdings vorwiegend aÈlteren) Entscheidungen auf ¹allge-
meine RechtsgrundsaÈtzeª von Verfassungsrang berufen, die sich im Unterschied zu
den ¹von den Gesetzen der Republik anerkannten grundlegenden Prinzipienª nicht
auf einen konkreten Gesetzestext zuruÈckfuÈhren lassen. 5
Eine weitere, traditionelle Besonderheit des franzo È sischen Verfassungsrechts
sind die sog ¹lois organiquesª (Organgesetze bzw verfassungsausfuÈhrende Gesetze,
vereinzelt auch verfassungsergaÈnzende Gesetze genannt). Dabei handelt es sich um
eine eigene Gruppe von durch die Verfassung so bezeichneten Gesetzen, die in einem
speziellen, gegenuÈber der Erlassung einfacher Gesetze erschwerten Verfahren erzeugt
werden (vgl Art 46 fr Vf). In der Normenhierarchie sind die Organgesetze auf der Stufe
zwischen der Verfassung und den einfachen Gesetzen einzuordnen, sie stehen selbst

4 S naÈher Slapnicka, Die Verfassungsordnung der Tschechischen Republik, OER 1994, 28


(40 ff).
5 Eingehend Starke, Die verfassungsgerichtliche Normenkontrolle durch den Conseil consti-
tutionnel, Frankfurt ua 2000, 51 ff; Bauer, Verfassungsgerichtlicher Grundrechtsschutz in Frank-
reich, Baden-Baden 1998, 100 ff.
II. Modelle der Verfassungskodifikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79

jedoch nicht im Verfassungsrang. Sie enthalten ausgestaltende Regelungen zu einzel-


nen Verfassungsbestimmungen, insbesondere betreffend die Stellung und Funktions-
weise von hoÈchsten staatlichen Organen (darum Organgesetze), und erfuÈllen derart
eine verfassungstextentlastende Funktion. Die Erlassung eines Organgesetzes ist an
eine ausdruÈckliche ErmaÈchtigung in der Verfassung gebunden. So sind beispielsweise
gem Art 63 fr Vf die Organisation und die Arbeitsweise des Verfassungsrates sowie
das von ihm anzuwendende Verfahren durch Organgesetz zu regeln; nach Art 64
Abs 3 fr Vf bestimmt ein Organgesetz die Rechtsstellung der Richter und StaatsanwaÈlte;
die naÈheren Vorschriften uÈber die Wahl des StaatspraÈsidenten sind gem Art 6 Abs 2 fr
Vf dieser Gesetzesform vorbehalten; nach Art 25 fr Vf bestimmt ein Organgesetz unter
anderem die Amtsdauer jeder Parlamentskammer, die Zahl ihrer Mitglieder, deren
DiaÈten, die WaÈhlbarkeitsbedingungen, die Regelung der NichtwaÈhlbarkeit sowie der
InkompatibilitaÈten. Insgesamt sieht die fr Vf an rund zwanzig Stellen die Erlassung
von Organgesetzen vor. 6
Das Institut der Organgesetze nach franzoÈsischem Muster findet sich auch in
Spanien, Portugal, RumaÈnien und Moldawien (welche LaÈnder im U È brigen eine einheit-
liche Verfassungsurkunde besitzen). Gleich wie in der fr Vf sind in der sp Vf die
ErmaÈchtigungen zur Erlassung von Organgesetzen (zum Erzeugungsmodus s Art 81
Abs 2) quer uÈber den Verfassungstext verstreut; in der port Vf sind sie hingegen in
der Vorschrift des Art 166 Abs 2 systematisch zusammengestellt. A È hnlich enthaÈlt die
rum Vf (Art 73 Abs 3) einen ± allerdings nicht abschlieûenden, sondern auf weitere
VerfassungsermaÈchtigungen verweisenden ± Katalog von durch Organgesetzen zu
regelnden Materien. Danach werden in dieser Rechtsform (zur Erzeugungsweise s Art
76 Abs 1) geregelt das Wahlsystem, die Organisation, die Arbeitsweise und die Finan-
zierung der politischen Parteien, die Organisation und DurchfuÈhrung einer Volks-
abstimmung, die Organisation der Regierung und des Obersten Landesverteidigungs-
rates, und vieles andere mehr. Parallel hiezu findet sich auch in Art 72 Abs 3 mold Vf
ein (lediglich) demonstrativer Katalog von Organgesetzen (zur Erzeugungsweise s
Art 74 Abs 1); Art 72 Abs 3 lit r mold Vf ermaÈchtigt jedoch das Parlament zudem,
nach seinem Ermessen auch in anderen, nicht durch eine ausdruÈckliche Verfassungs-
vorschrift delegierten Bereichen Organgesetze zu erlassen. Der Funktion, nicht der
Bezeichnung nach sind den Organgesetzen in Ungarn die sog ¹Zweidrittelgesetzeª
vergleichbar. Danach muÈssen bestimmte, in der ung Vf genau bezeichnete Gesetzes-
materien mit dieser parlamentarischen Mehrheit beschlossen werden.

C. Die vollstaÈndige Verfassungszersplitterung

In OÈ sterreich ist das formelle Verfassungsrecht (des Bundes) durch eine extreme
Zersplitterung der Rechtsquellen gekennzeichnet und daher sehr unuÈbersichtlich
sowie inhaltlich inhomogen. Die Wurzel dieses Problems ist bereits im positiven
Verfassungsrecht angelegt. Zwar existiert in Gestalt des oÈst B-VG ein als zentrale Ver-
fassungsurkunde anzusprechendes Dokument, doch ermaÈchtigt dessen Art 44 Abs 1
ohne jegliche BeschraÈnkung auf irgendwie abgegrenzte Materien zur Erlassung von
Sonderverfassungsgesetzen sowie ± und hier liegt der (erste) Quantensprung ± von

6 S naÈher Grote, Das Regierungssystem der V. franzoÈsischen Republik, Baden-Baden 1995,


166 ff.
80 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7. Kapitel: Verfassungskodifikation und Verfassungszersplitterung

einzelnen Verfassungsbestimmungen in einfachen Bundesgesetzen (!). Nach Art 50


Abs 3 oÈst B-VG koÈnnen ferner ebenso unbegrenzt voÈlkerrechtliche VertraÈge im Verfas-
sungsrang abgeschlossen werden. A È hnlich wie einfache Gesetze koÈnnen nach der
genannten Bestimmung auch voÈlkerrechtliche VertraÈge, die nicht als Ganzes verfas-
sungsrangig sind, einzelne verfassungsaÈndernde Bestimmungen enthalten. Schlieûlich
koÈnnen gemaÈû Art 15a Abs 1 B-VG auch sog GliedstaatsvertraÈge ± das sind Verein-
barungen des Bundes und der LaÈnder (Gliedstaaten) uÈber Angelegenheiten ihres
jeweiligen Wirkungsbereichs ± ganz oder teilweise verfassungsrangig sein.
Als Folge dieser ungewoÈhnlichen Rechtstechnik ist das oÈst B-VG ± welches im
È brigen in Art 149 Abs 1 zudem eine Reihe aÈlterer Gesetze als Verfassungsgesetze rezi-
U
piert ± bereits durch einen Kranz von rund 60 Sonderverfassungsgesetzen (zB das
Finanz-Verfassungsgesetz, das Verfassungsgesetz uÈber die NeutralitaÈt O È sterreichs,
aber auch zahlreiche Verfassungsgesetze uÈber die Festlegung von Staats- und Landes-
grenzen) umsaÈumt. DaruÈber hinaus sind mehrere hundert Verfassungsbestimmungen
auf weit uÈber hundert einfache Gesetze verstreut (darunter finden sich etwa wichtige
grundrechtliche Garantien wie die Parteienfreiheit und das Grundrecht auf Daten-
schutz, zumeist handelt es sich aber um verfassungsdurchbrechende Regelungen).
Rund ein halbes Dutzend voÈlkerrechtlicher VertraÈge im Verfassungsrang (darunter ins-
besondere die EMRK samt Zusatzprotokollen), weiters verfassungsrangige Bestim-
mungen in solchen VertraÈgen in aÈhnlicher Menge und Verteilung wie bei den inner-
staatlichen Gesetzen sowie schlieûlich Verfassungsbestimmungen in drei Gliedstaats-
vertraÈgen komplettieren die oÈsterreichische Verfassungsrechtsordnung (wobei zwi-
schen dem B-VG selbst und dem Nebenverfassungsrecht kein Rangunterschied
besteht). 7
Im Ergebnis kann man auch fuÈr Groûbritannien von einer vollstaÈndigen Zer-
splitterung der Verfassungsrechtsquellen sprechen. Freilich beruht diese auf gaÈnzlich
anderen staatstheoretischen Grundlagen, uzw insbesondere auf dem Umstand, dass
nur ein Teil des britischen Verfassungsrechts geschriebenes Recht ist und dieser
zudem in Ermangelung einer formalrechtlichen Unterscheidung zwischen einfachen
Gesetzen und Verfassungsgesetzen ebenso wenig eindeutig identifizierbar ist wie die
ungeschriebenen Teile (s naÈher 5. Kap, Exkurs).

7 Eine vollstaÈndige Textsammlung findet sich in dem von Martin redigierten Bd I von Kori-
nek/Holoubek (Hrsg), O È sterreichisches Bundesverfassungsrecht. Textsammlung und Kommen-
tar, Wien/New York 1999 ff (Loseblatt). Zu einer Systematisierung unter de constitutione
ferenda-Gesichtspunkten ± Einbau des Nebenverfassungsrechts in das B-VG ± s Novak/Wieser,
Zur Neukodifikation des oÈsterreichischen Bundesverfassungsrechts, Wien 1994; Walter, U È berle-
gungen zu einer Neukodifikation des oÈsterreichischen Bundesverfassungsrechts, Wien 1994.
8. Kapitel: Hierarchische Schichtung innerhalb von Verfassungen
Verfassungsurkunden vermitteln, zumal wenn sie in Gestalt einer geschlossenen Kodi-
fikation auftreten, den Eindruck, dass es sich bei dem Verfassungsrecht des betreffen-
den Staates um eine homogene, in sich nicht weiter gegliederte Rechtsschicht handelt.
NaÈhere Betrachtung zeigt jedoch, dass Verfassungen oftmals in der einen oder ande-
ren Weise bestimmte hoÈhere Prinzipien herausheben und damit ihren monolithischen
Charakter abstreifen. So sind nach Art 3 kroat Vf die hoÈchsten Werte der verfassungs-
maÈûigen Ordnung der Republik Kroatien (sowie Grundlage der Interpretation der Ver-
fassung) Freiheit, Gleichheit, nationale Gleichberechtigung und Gleichberechtigung
der Geschlechter, Friedensstiftung, soziale Gerechtigkeit, die Achtung der Menschen-
rechte, die Unverletzlichkeit des Eigentums, die Erhaltung der Natur und der Umwelt
des Menschen, die Rechtsstaatlichkeit und das demokratische Mehrparteiensystem.
An diese AufzaÈhlung sind allerdings keine normenhierarchischen Konsequenzen
geknuÈpft. 1
In nicht wenigen Verfassungen ist jedoch kraft positivrechtlicher Anordnung inner-
halb des Verfassungsrechts zwischen zwei oder mehr rangmaÈûig verschiedenen
Schichten von Verfassungsnormen zu differenzieren. Eine solche Form einer
normenhierarchischen HoÈherstellung bestimmter Verfassungsvorschriften liegt etwa
bei sog unabaÈnderlichem Verfassungsrecht vor. Jene Verfassungsnormen, die kraft
positivrechtlicher Anordnung vom verfassungsaÈndernden Gesetzgeber nicht geaÈndert
werden koÈnnen, bilden eine im Vergleich zu den revisiblen Verfassungsvorschriften
hoÈherrangige (Verfassungs-)Rechtsschicht (s eingehender zum unabaÈnderlichen Ver-
fassungsrecht 9. Kap, II.).
Eine Hierarchisierung von Verfassungsrecht kann sich ferner insbesondere daraus
ergeben, dass fu È nderung von Verfassungsvorschriften bzw die Schaffung
È r die A
neuen Verfassungsrechts je verschiedene Verfahren ± ein gleichsam ¹normalesª
und ein gegenuÈber diesem prozedural erschwertes ± vorgesehen sind. Die prozedu-
rale Erschwernis kann beispielsweise darin bestehen, dass eine VerfassungsaÈnderung
nach Beschlussfassung im Parlament (mit erhoÈhten Quoren) noch zusaÈtzlich einer
obligatorischen Volksabstimmung zu unterziehen ist; eine andere Technik besteht
darin, eine VerfassungsaÈnderung einer eigens fuÈr diesen Zweck zu bildenden verfas-
sunggebenden Versammlung vorzubehalten (s dazu naÈher 9. Kap, III.C.). Jene Verfas-
sungsvorschriften, deren A È nderung dem erschwerten Verfahren unterworfen ist, ste-
hen im Stufenbau der Rechtsordnung nach der derogatorischen Kraft auf einer
hoÈheren Rangstufe. Sie koÈnnen auch kurz als ¹hoÈherrangigesª Verfassungsrecht
bezeichnet und vom ¹niederrangigenª Verfassungsrecht abgegrenzt werden. Diese
Terminologie soll in den folgenden AusfuÈhrungen ± sowie insbesondere auch in jenen
des 9. Kap ± verwendet werden.
Der Kreis der fuÈr erschwert abaÈnderbar und damit hoÈherrangig erklaÈrten Verfas-
sungsnormen, die Anzahl der Verfassungsschichten sowie weitere rechtliche Konse-

1 Stolz, Auf den Spuren einer mitteleuropaÈischen Verfassungstradition, in: Marko/Ablei-


tinger/BroÈstl/HollaÈnder (Hrsg), Revolution und Recht. Systemtransformation und Verfassungs-
entwicklung in der Tschechischen und Slowakischen Republik, Frankfurt ua 2000, 293
(296).
82 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8. Kapitel: Hierarchische Schichtung innerhalb von Verfassungen

quenzen variieren von Verfassung zu Verfassung. Eine sehr deutlich ausgepraÈgte


und klar abgegrenzte normenhierarchische Schichtung weist etwa die russ Vf
auf. Nach Art 136 russ Vf koÈnnen die Kap 3 bis 8 der Verfassung ± sie regeln im
Wesentlichen das Staatsorganisationsrecht ± durch das Bundesparlament mit erhoÈhten
Quoren sowie mit Zustimmung einer qualifizierten Mehrheit der Subjekte der FoÈdera-
tion ohne Weiteres abgeaÈndert werden. Die Bestimmungen der Kap 1 (¹Die Grund-
lagen der Verfassungsordnungª), 2 (¹Die Rechte und Freiheiten des Menschen und
BuÈrgersª) sowie ± folgerichtig ± 9 (¹Verfassungskorrekturen und Revision der Verfas-
sungª) sind hingegen gemaÈû Art 135 russ Vf einer Revision durch die Bundesversamm-
lung entzogen. FuÈr die AÈ nderung (einer) der aufgezaÈhlten Bestimmungen ist die Ein-
berufung einer Verfassungsversammlung vorgesehen, deren Aufgabe in der Ausarbei-
tung und Verabschiedung einer neuen Verfassung besteht. Mit anderen Worten: Die
Bestimmungen der Kap 1, 2 und 9 koÈnnen nur durch eine formell vollstaÈndig neue
Verfassung abgeloÈst werden. Kraft dieser erschwerten RevisibilitaÈt erweisen sich die
genannten Bestimmungen als im Stufenbau der Rechtsordnung hoÈherrangig. Die russ
Vf ± naÈherhin: die zentrale Verfassungsurkunde allein ± besteht somit aus zwei ver-
schiedenen Schichten von Verfassungsnormen, die in einem hierarchischen Rangver-
haÈltnis zueinander stehen.
Als Konsequenz dieser Differenzierung muss angenommen werden, dass Bestim-
mungen der niederrangigen Schicht von Verfassungsrecht (Kap 3 bis 8) nicht inhalt-
lich von solchen der hoÈherrangigen Stufe (Kap 1, 2 und 9) abweichen duÈrfen;
andernfalls ist vom Vorliegen ¹verfassungswidrigen Verfassungsrechtsª auszugehen.
Sehr deutlich ist das Abweichungsverbot fuÈr nachrangiges Verfassungsrecht positiv-
rechtlich bezuÈglich der Bestimmungen von Kap 1 angesprochen, uzw in Art 16 Abs
2 russ Vf, wonach ¹keinerlei andere Bestimmungen dieser Verfassung ... im Wider-
spruch zu den Grundlagen der Verfassungsordnung der Russischen FoÈderation stehen
[duÈrfen]ª. Aber auch fuÈr die Bestimmungen der Kap 2 und 9 kann ± soll deren nor-
menhierarchische HoÈherstellung nicht unterlaufen werden koÈnnen ± nichts anderes
gelten.
Die russische Verfassungsordnung im Gesamten kennt uÈber die zentrale Verfas-
sungsurkunde hinaus noch die sog Bundesverfassungsgesetze (s 7. Kap, II.B.). Die
Erlassung eines ¹externenª Bundesverfassungsgesetzes bedarf nach Art 108 Abs 2
russ Vf qualifizierter Mehrheiten im Bundesparlament; im Unterschied zu einer A È nde-
rung der Verfassung selbst ± genauer: deren Kap 3 bis 8 ± ist die Ratifikation durch
eine erhoÈhte Mehrheit der Subjekte der FoÈderation kein zusaÈtzliches Erfordernis. In
dieser erleichterten ± gegenuÈber (einfachen) Bundesgesetzen aber erschwerten ±
Erzeugungsweise deutet sich bereits der normenhierarchische Rang an, den die Bun-
desverfassungsgesetze im Verfassungssysstem einnehmen. Sie stehen im Rang ober-
halb der (einfachen) Bundesgesetze (s auch Art 76 Abs 3 russ Vf), aber unterhalb der
Verfassung selbst.
Im Ergebnis ist damit fuÈr die russische Verfassungsordnung im Gesamten von
einer Dreistufigkeit des formellen Verfassungsrechts auszugehen. Eine andere
Frage ist es, wie moÈgliche WiderspruÈche innerhalb dieses hierarchischen GebaÈudes
± also VerstoÈûe von Bundesverfassungsgesetzen gegen die Verfassung oder von
Bestimmungen der Kap 3 bis 8 gegen solche der Kap 1, 2 oder 9 ± aufgegriffen
und bereinigt werden koÈnnen. Dem russischen Verfassungsgericht als zentralem Nor-
menkontrollorgan sind diesbezuÈgliche UÈ berpruÈfungskompetenzen nicht ausdruÈcklich
8. Kapitel: Hierarchische Schichtung innerhalb von Verfassungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83

zuerkannt (s Art 125 russ Vf); es hat solche bislang in seiner Praxis auch stets zuruÈck-
gewiesen. 2
È hnlich wie in der russ Vf wird auch in einer Reihe anderer Staaten der Kreis der
A
erschwert abaÈnderbaren und deshalb hoÈherrangigen Verfassungsnormen nach gan-
zen Abschnitten der Verfassung bestimmt und insoweit eindeutig abgegrenzt. So
werden nach § 162 est Vf das HauptstuÈck I ¹Allgemeine Bestimmungenª sowie das
HauptstuÈck XV ¹VerfassungsaÈnderungª, nach Art 156 ukr Vf der Abschnitt I ¹Allge-
meine Bestimmungenª, der Abschnitt III ¹Wahlen, Referendumª und der
Abschnitt XIII ¹Einbringung von A È nderungen in die Verfassung der Ukraineª, nach
Art 148 Abs 2 lit Vf die Bestimmungen des ersten Abschnitts ¹Der litauische Staatª
sowie des vierzehnten Abschnitts ¹A È nderung der Verfassungª in der beschriebenen
Weise hierarchisch herausgehoben (nach Art 148 Abs 1 lit Vf wird die Bestimmung
des Art 1 ± ¹Der litauische Staat ist eine unabhaÈngige demokratische Republikª ±
zudem noch eine weitere Stufe hoÈher geruÈckt). Spanien stellt das Grundlagenkapitel,
den Abschnitt uÈber die Krone sowie einen Unterabschnitt aus dem Grundrechtekapitel
als hoÈherrangige Verfassungsschicht heraus (vgl Art 168 sp Vf).
In Lettland werden genau bezeichnete Verfassungsvorschriften ± im Kern sind
dies jene des (kurzen) ersten Abschnittes (¹Allgemeine Bestimmungenª) ± hierarchisch
uÈber die uÈbrige Verfassung gehoben (vgl Art 77 lett Vf). Bulgarien umschreibt sein
hoÈherrangiges Verfassungsrecht durch eine von auûen schwer verstaÈndliche Kombina-
tion von Kapitelabgrenzung (Verfassungsrevisionskapitel), ausdruÈcklicher Benennung
bestimmter Einzelvorschriften (zB jener uÈber die unmittelbare Wirkung der Bestim-
mungen der Verfassung) sowie der nebulosen Klausel ¹A È nderungen des Staatsaufbaus
und der staatlichen Verwaltungª (vgl Art 158 bulg Vf). Eine weitere Technik ist die
abstrakte Beschreibung von Verfassungsvorschriften: Nach Art 142 Abs 1 mold
Vf werden die Bestimmungen bezuÈglich des souveraÈnen, unabhaÈngigen und einheits-
staatlichen Charakters des Staates sowie diejenigen, welche auf die dauernde Neutrali-
taÈt des Staates abstellen, uÈber das ¹normaleª Verfassungsrecht geruÈckt. GemaÈû Art 119
Abs 1 mont Vf werden die Bestimmungen uÈber den staatlichen Status und die Herr-
schaftsform fuÈr hoÈherrangig erklaÈrt; auf dieser Ebene sollen auch SchmaÈlerungen der
¹Freiheiten und Rechteª zu liegen kommen.
Besonders diffus ist schlieûlich die Abgrenzung des hoÈherrangigen Verfassungs-
rechts in OÈ sterreich. Art 44 Abs 3 oÈst B-VG spricht von einer (volksabstimmungspflich-
tigen) ¹GesamtaÈnderungª der Bundesverfassung. Die Judikatur des Verfassungsge-
richtshofs und die Lehre verstehen diese in einem materiellen Sinn: Danach sind der
oÈsterreichischen Bundesverfassung leitende Grundprinzipien (sog Baugesetze), insbe-
sondere das demokratische, das republikanische, das bundesstaatliche und das rechts-
staatliche Prinzip, inhaÈrent. Die vollkommene Beseitigung oder tiefgreifende Modifi-
zierung eines dieser Prinzipien stellt eine GesamtaÈnderung der Bundesverfassung
dar. Weder Zahl noch Umfang der Baugesetze stehen bei dieser Technik der Heraus-
hebung hoÈherrangigen Verfassungsrechts eindeutig fest, im Gegenteil: es sind bis
heute die Konturen der ¹GesamtaÈnderungª nur in groben Umrissen bestimmt. Immer-
hin hat der Verfassungsgerichtshof bereits 1952 entschieden, dass ihm die Kompetenz

2 S zum Ganzen eingehend Wieser, AusgewaÈhlte Fragen zur Hierarchie verfassungsrecht-


licher Normen im System der Verfassung der Russischen FoÈderation, OER 1998, 97 ff.
84 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8. Kapitel: Hierarchische Schichtung innerhalb von Verfassungen

zukomme, Bestimmungen des niederrangigen Verfassungsrechts an der beschriebe-


nen verfassungsrechtlichen Grundordnung zu pruÈfen und gegebenenfalls aufzuheben;
in einem Aufsehen erregenden Fall ist dies 2001 schlieûlich auch tatsaÈchlich gesche-
hen. 3

È hlinger, Verfassungsrecht5, Wien 2003, Rz 88.


3 Zum Hintergrund in aller KuÈrze etwa O
9. Kapitel: Die VerfassungsaÈnderung
Literatur: Evers, Art. 79 Abs. 3, (insb) Rz 23 ff, in: Dolzer (Hrsg), Bonner Kommentar
zum Grundgesetz, Heidelberg 1982 (Loseblatt); HaÈberle, Verfassungsrechtliche Ewig-
keitsklauseln als verfassungsstaatliche IdentitaÈtsgarantien, in: FS Haug, Bern/Stuttgart
1986, 81 (ebenso in: ders, Rechtsvergleichung im Kraftfeld des Verfassungsstaates, Ber-
lin 1992, 597); Loewenstein, U È ber Wesen, Technik und Grenzen der VerfassungsaÈnde-
rung, Berlin 1961; Masing, Zwischen KontinuitaÈt und DiskontinuitaÈt: Die Verfassungs-
aÈnderung, Der Staat 2005, 1; Wipfelder, Die VerfassungsaÈnderung im bundesdeutschen,
oÈsterreichischen, schweizerischen und bayrischen Staatsrecht, BayVBl 1983, 289.

I. Allgemeines

Eine Verfassung als grundsaÈtzlich auf Dauer angelegte rechtliche Grundordnung fuÈr
das Zusammenleben im Staatsverband bedarf einer besonderen StabilitaÈt. Sie soll ins-
besondere gegen leichtfertige AÈ nderungen durch wechselnde politische Mehrheiten in
Regierung und Parlament, die lediglich vordergruÈndigen machtpolitischen Interessen
dienen, geschuÈtzt sein. Andererseits kann und darf eine Verfassung kein vollkommen
starres Dokument sein. GeaÈnderte gesellschaftliche VerhaÈltnisse oder gewandelte
verfassungspolitische Vorstellungen koÈnnen Verfassungen einem Anpassungsdruck
unterwerfen. Soll eine Verfassung sich nicht von den gesellschaftlichen RealitaÈten bzw
Notwendigkeiten unangemessen weit entfernen, muss sie also abaÈnderbar sein.
Die Frage, inwieweit und in welchem Verfahren eine Verfassung ± gemeint: ihr
Text ± geaÈndert werden kann, wird in den Verfassungen selbst geregelt. Dabei laÈge
È nderung einer Verfassung dieselben ModalitaÈten vorzusehen, nach
es nahe, fuÈr die A
denen sie erlassen wurde. Der Weg, auch die Weiterentwicklung einer Verfassung
dem urspruÈnglich verfassunggebenden Organ (s 6. Kap, II.) zu uÈbertragen, wird aller-
dings ± wegen seiner SchwerfaÈlligkeit einerseits und der HaÈufigkeit notwendiger Ver-
fassungsaÈnderungen andererseits ± kaum beschritten. Das Verfahren der Verfassungs-
aÈnderung ist vielmehr in der Regel einfacher gestaltet als das der erstmaligen Verfas-
sunggebung, andererseits aber komplizierter als jenes der Erzeugung von einfachem
Gesetzesrecht. Typischerweise wird das VerfassungsaÈnderungsverfahren in der Weise
in das einfache Gesetzgebungsverfahren eingebettet, dass das jeweilige gesetzge-
bende Organ (allenfalls verbunden mit Mitwirkungsrechten anderer Organe, darun-
ter etwa auch des Volkes) zur VerfassungsaÈnderung ermaÈchtigt wird. Ihm wird
naÈherhin das Recht eingeraÈumt, in einem besonderen Verfahren verfassungsaÈndernde
und -ergaÈnzende Vorschriften zu beschlieûen.
Verfassungssystematisch finden sich hiezu zwei Modelle. In der Regel werden die
einschlaÈgigen Bestimmungen zu einem eigenen Abschnitt u È ber die Verfassungs-
aÈnderung meist am Ende der Verfassungsurkunde ausgeformt (zB in Russland, Polen,
Kroatien, RumaÈnien, Irland, Spanien, Frankreich, Belgien); in der Schweiz werden sie
± der uÈberragenden Stellung des Volkes als SouveraÈn der VerfassungsaÈnderung (dazu
III.C.) auch verfassungssystematisch Rechnung tragend ± auf einen Abschnitt uÈber
die Verfassungsrevision und einen solchen uÈber die Mitwirkungsrechte des Volkes auf-
geteilt. Zum Teil werden die betreffenden Vorschriften aber auch im Abschnitt u È ber
die gesetzgebende Gewalt bzw das Gesetzgebungsverfahren ¹verstecktª (zB in
Deutschland, O È sterreich, Finnland, Schweden, Tschechien, Lettland).
86 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9. Kapitel: Die VerfassungsaÈnderung

Verdeutlichend gilt es nochmals herauszuheben, dass eine VerfassungsaÈnderung


im hier gemeinten technischen Sinn, zum Unterschied von dem unter IV. zu behan-
delnden Verfassungswandel, eine A È nderung des Wortlautes der Verfassung zum
Gegenstand hat. Sie erfolgt also dadurch, dass dem bestehenden Verfassungstext
etwas hinzugefuÈgt, von ihm etwas weggenommen oder dass der bestehende Wortlaut
durch einen anderen ersetzt wird. Die AÈ nderung kann sich hiebei auf mehrere Artikel
oder nur auf einen, auf einen Teil eines Artikels wie einen Absatz oder Satz oder auf
mehrere Worte oder nur eines innerhalb eines Satzes erstrecken. In der Regel wird
die AÈ nderung an derjenigen Stelle des Verfassungstextes vorgenommen, welche der
È
Anderung unterliegt (vgl ausdruÈcklich Art 287 Abs 1 port Vf, auch Art 79 Abs 1 dt
GG). Verschiedentlich ist eine Neukundmachung des gesamten Wortlautes der ge-
aÈnderten Verfassung vorgesehen (vgl Art 287 Abs 2 port Vf, Art 141 nied Vf). Dem-
gegenuÈber wurde in den USA von Anfang an die ± unuÈbersichtlichere ± Methode
der Zusatzartikel (amendments) gewaÈhlt. Bildlich gesprochen endet der Text der
Vf-USA auf einem nicht voll bedruckten Blatt Papier; der Text einer Verfassungsrevi-
sion wird einfach unten angefuÈgt. Der Zusatzartikel fuÈhrt dabei weder an, welche Ver-
fassungsbestimmung er abaÈndert, noch wird die erfolgte A È nderung an der geaÈnderten
Textstelle selbst kenntlich gemacht. FuÈr eine amendment-Technik haben sich auch
Art 118 Abs 1 mont Vf und Art 129 mak Vf entschieden.

II. UnabaÈnderliches Verfassungsrecht


In manchen Staaten ± so in O È sterreich (s dazu aber auch noch unten), ausdruÈcklich
gar Art 46 Abs 1 ir Vf ± kann formal jede Bestimmung der Verfassung im Verfahren
der VerfassungsaÈnderung ohne Weiteres revidiert werden. In anderen Verfassungs-
systemen wird durch spezielle Verfassungsbestimmungen die verfassungsaÈndernde
Gewalt in inhaltlicher Hinsicht BeschraÈnkungen unterworfen. Solche sog Ewigkeits-
garantien verbieten typischerweise VerfassungsaÈnderungen, die die verfassungs-
rechtlichen Grundentscheidungen insbesondere fuÈr Demokratie, Rechtsstaatlichkeit
und Menschenrechte und damit die praÈgenden Elemente der jeweiligen Verfassungs-
ordnung beeintraÈchtigen oder beseitigen. Die derart immunisierten Teile einer Verfas-
sung werden demgemaÈû als unabaÈnderliches oder ewiges Verfassungsrecht
bezeichnet. Freilich sind diese Begriffe relativ zu sehen. Die Ewigkeitsgarantien knuÈp-
fen an die Unterscheidung zwischen Verfassunggebung und VerfassungsaÈnderung an.
Teilweise bedingt durch schlechte historische Erfahrungen sollen sie verhindern, dass
verfassungsaÈndernde Mehrheiten die Grundstrukturen der Verfassung vollkommen
umstoûen und auf diese Weise zwar auf politisch revolutionaÈrem Wege, aber dennoch
gleichsam ¹legalª die freiheitliche demokratische Grundordnung beseitigen. Derartige
TotalaÈnderungen einer Verfassung werden also von vornherein als ¹illegalª gebrand-
markt. Die verfassunggebende Gewalt ist hingegen an die Ewigkeitsgarantien faktisch
und auch rechtlich nicht gebunden. Die U È berwindung sog unabaÈnderlichen Verfas-
sungsrechts durch Erlassung einer vollkommen neuen Verfassung ist nicht ausge-
schlossen. Genausowenig koÈnnen Ewigkeitsgarantien einen politischen Umsturz in
Richtung eines autoritaÈren oder totalitaÈren Regimes, verbunden mit der faktischen
Auûerkraftsetzung der Verfassung, verhindern. Insofern sind UnabaÈnderlichkeits-
garantien ambivalent zu beurteilen. Dazu kommt das Bedenken, dass Ewigkeitsklau-
seln Gefahr laufen, (auch minder gewichtige) GrundsaÈtze einzuzementieren, die sich
spaÈter als hinderlich fuÈr eine sinnvolle Weiterentwicklung der Verfassung unter
II. UnabaÈnderliches Verfassungsrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87

gewandelten innen- und auûenpolitischen (zB auch integrationspolitischen) Bedin-


gungen erweisen.
Inhaltlich koÈnnen Ewigkeitsgarantien sehr unterschiedlich umschrieben sein.
Sie koÈnnen genau bezeichnete Normen bzw Abschnitte der Verfassung oder ein relativ
konkretes Institut, aber auch eher unbestimmte Prinzipien oder ganze Listen von
verfassungsrechtlichen GrundsaÈtzen umfassen. Auch Kombinationen kommen vor.
Stark variieren demgemaÈû Umfang und Erkennbarkeit der fuÈr aÈnderungsfest erklaÈrten
Verfassungsteile.
Ein bloû punktuelles Unantastbarkeitsgebot findet sich in Frankreich und
Italien. Nach Art 89 Abs 5 fr Vf und Art 139 it Vf kann die republikanische Staatsform
nicht zum Gegenstand einer VerfassungsaÈnderung gemacht werden. Die Absage an
eine monarchische Restauration spiegelt in Italien den nur mit verhaÈltnismaÈûig schwa-
cher Mehrheit gutgeheiûenen U È bergang von der Monarchie zur Republik im Referen-
dum von 1946 wider. Die entsprechende Vorschrift der fr Vf wurzelt in einer aÈhnlichen
Bestimmung (Art 8) der Verfassung der Dritten Republik von 1875 (allerdings erst ein-
È nderung im Jahre 1884), die dem staÈndigen Wechsel von Republik
gefuÈgt durch eine A
und Monarchie ein Ende bereiten wollte.
Eine deutlich breitere Garantie, die in erster Linie auf die nach der national-
sozialistischen Machtergreifung 1933 besonders mit FuÈûen getretenen Verfassungs-
prinzipien abzielt, enthaÈlt Art 79 Abs 3 dt GG. Danach ist eine A È nderung des GG,
durch welche die Gliederung des Bundes in LaÈnder, die grundsaÈtzliche Mitwirkung
der LaÈnder bei der Gesetzgebung oder die in den Art 1 und 20 niedergelegten Grund-
saÈtze beruÈhrt werden, unzulaÈssig. Letztere umgreifen die Garantie der Menschen-
wuÈrde, die Institutionalisierung von Grund- und Menschenrechten (wobei allerdings
nicht jedes einzelne Grundrecht fuÈr aÈnderungsfest erklaÈrt ist) sowie die Entscheidun-
gen fuÈr die Republik, fuÈr die Demokratie, fuÈr den Sozialstaat und fuÈr den Bundesstaat,
ferner die Entscheidung fuÈr den Rechtsstaat.
Sprachlich kuÈrzer, inhaltlich gaÈnzlich unbestimmt ist das verfassungsrechtli-
che Unantastbarkeitsgebot in Tschechien. Nach Art 9 Abs 2 tschech Vf ist eine A È nde-
rung der wesentlichen Bestandteile des demokratischen Rechtsstaates unzulaÈssig. 1 In
eine aÈhnliche, aber noch pointiertere Richtung geht das klassische Beispiel des
Art 112 norw Vf (1814!), wonach A È nderungen, die den GrundsaÈtzen der Verfassung
widersprechen, ausgeschlossen sind; eine A È nderung darf lediglich Modifikationen in
einzelnen Bestimmungen betreffen, ¹die nicht den Geist dieser Verfassung veraÈn-
dernª. 2
Den Weg einer Auflistung von ± in ihrer Kombination wohl nur historisch erklaÈr-
lichen und in ihrer Reihenfolge willkuÈrlich anmutenden ± EinzelgrundsaÈtzen geht
demgegenuÈber die rum Vf. Nach deren Art 152 Abs 1 und 2 koÈnnen die Bestimmun-
gen der Verfassung bezuÈglich des Charakters des rumaÈnischen Staates als unabhaÈngi-
ger Nationalstaat und unteilbarer Einheitsstaat, bezuÈglich der republikanischen Regie-
rungsform, der Unverletzlichkeit des Staatsgebiets, der UnabhaÈngigkeit der Rechts-

1 S VodicÏka, Unaufhebbare Grundprinzipien der tschechischen Verfassungsordnung, OER


1996, 225 ff.
2 Dazu HaÈberle, 598, 600, 613, 618, 621, 622 f.
88 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9. Kapitel: Die VerfassungsaÈnderung

pflege, des politischen Pluralismus und der Amtssprache nicht Gegenstand einer
È nderung sein; ebenso kann keine A
A È nderung vorgenommen werden, wenn sie die
Beseitigung der Grundrechte und Grundfreiheiten der BuÈrger oder deren Garantien
zur Folge haÈtte.
Noch laÈnger ± um nicht zu sagen: textlich uÈberfrachtet und sich in Details ver-
lierend ± ist der 14 Punkte umfassende Katalog von aÈnderungsfesten GrundsaÈtzen
in Art 288 port Vf, der unter anderem auch solche Institute wie die Trennung
von Kirche und Staat oder die SelbststaÈndigkeit der oÈrtlichen SelbstverwaltungskoÈr-
perschaften umfasst; daruÈber hinaus werden ± verstaÈndlich nur aus der urspruÈngli-
chen Konzeption der port Vf als ¹Mischverfassungª zwischen freiheitlich-demokrati-
schen und sozialistischen bzw kommunistischen Elementen ± dem Wortlaut nach
die Rechte der Arbeiter, der ArbeiterausschuÈsse und der gewerkschaftlichen Verei-
nigungen, die Koexistenz von oÈffentlichem, privatem und genossenschaftlich-sozia-
lem Bereich des Eigentums an den Produktionsmitteln sowie die Existenz von
WirtschaftsplaÈnen im Rahmen einer gemischten Wirtschaft (!) fuÈr unantastbar
erklaÈrt.
AÈ uûerst heterogen wirkt auch die Ewigkeitsgarantie des Art 110 Abs 1 gr Vf. Neben
breiter umschriebenen Normenkomplexen (Bestimmungen uÈber die ¹Staatsgrundlageª
und die Staatsform als parlamentarische Republik) werden genau bezeichnete,
zumeist konkrete Einzelgrundrechte normierende Artikel (daneben aber auch der in
Art 26 zum Ausdruck kommende Gewaltenteilungsgrundsatz) fuÈr aÈnderungsfest
erklaÈrt.
Lediglich quasiunabaÈnderliches Verfassungsrecht enthaÈlt die russ Vf. Zwar
normiert deren Art 135 Abs 1, dass die Bestimmungen der Kapitel 1, 2 und 9 der Ver-
fassung von der Bundesversammlung nicht revidiert werden koÈnnen. Damit sind die
Vorschriften uÈber die Grundlagen der Verfassungsordnung (Art 1±16), uÈber die
Rechte und Freiheiten des Menschen und BuÈrgers (Art 17±64) sowie uÈber Verfas-
sungskorrekturen und Verfassungsrevision (Art 134±137) einer AÈ nderung durch das
russische Parlament im Rahmen der geltenden Verfassungsordnung entzogen.
Zugleich bindet Art 135 Abs 2 und 3 russ Vf die A È nderung einer der genannten
Bestimmungen an die Verabschiedung einer formal neuen Verfassung durch eine
eigens zu bildende verfassunggebende Versammlung und weist damit den Weg einer
rechtskontinuierlichen AbloÈsung der geltenden durch eine neue Verfassung (s schon
8. Kap).
Neben den FaÈllen der in einer Verfassung ausdruÈcklich niedergelegten Schranken
einer VerfassungsaÈnderung stellt sich des Weiteren die ± nochmals schwierigere ±
Frage, ob einer bestimmten Verfassungsordnung sog ungeschriebenes unabaÈnder-
liches Verfassungsrecht inhaÈrent ist. Mit diesem Problem war etwa hinsichtlich der
it Vf, welche ± wie beschrieben ± lediglich die republikanische Staatsform fuÈr un-
antastbar erklaÈrt, das italienische Verfassungsgericht in einer Entscheidung aus 1988
konfrontiert. Das HoÈchstgericht hat dahin erkannt, dass die it Vf allgemeine Prinzipien
enthaÈlt, die aufgrund ihrer fundamentalen Bedeutung auch durch ein verfassungs-
aÈnderndes Gesetz weder geaÈndert noch aufgehoben werden koÈnnen. Zu diesen gehoÈ-
ren jene Prinzipien, deren Revision durch die Verfassung ausdruÈcklich verboten ist
(die republikanische Staatsform), ebenso aber auch jene GrundsaÈtze, die ± wenngleich
in ihr nicht direkt ausgedruÈckt ± aufgrund ihres Inhaltes zu den hoÈchsten Werten
II. UnabaÈnderliches Verfassungsrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89

zaÈhlen, die der Verfassung zugrunde liegen. 3 Die geltende schweiz BV enthaÈlt ± ab-
gesehen vom Verbot der Verletzung zwingender Bestimmungen des VoÈlkerrechts
(Art 193 Abs 4, Art 194 Abs 2) ± keine ausdruÈcklichen Bestimmungen uÈber materielle
Schranken der Verfassungsrevision. Die Frage nach der Existenz ungeschriebenen
unabaÈnderlichen Verfassungsrechts muss als offen bezeichnet werden. Hinsichtlich
der alten Bundesverfassung aus 1874 wurden bei grundsaÈtzlich paralleler Rechtslage
zum Problemkreis, ob bestimmte tragende Grundwerte der Bundesverfassung einer
È nderung durch den Verfassungsgesetzgeber stillschweigend entzogen und welche
A
(Grundrechte, Bundesstaat, Demokratie, Rechtsstaat) gegebenenfalls als unantastbar
anzusehen seien, in der wissenschaftlichen Lehre nahezu alle denkbaren Positionen
vertreten. 4 Ebenso wird in der spanischen Verfassungsdoktrin die Frage nach der
Existenz ungeschriebener Revisionsverbote in der sp Vf unterschiedlich beantwortet. 5
Auch in O È sterreich hat es an ± wenngleich nur punktuellen und bis dato wenig
registrierten ± Versuchen der Ableitung ungeschriebenen unabaÈnderlichen Verfas-
sungsrechts nicht gefehlt. 6
Kein unabaÈnderliches Verfassungsrecht im technischen Sinn konstituieren
jene in einigen Verfassungen vorgesehenen Vorschriften, die ein an bestimmte
UmstaÈnde geknuÈpftes zeitliches Moratorium fuÈr (jegliche) VerfassungsaÈnderungen
aufstellen. So kann nach Art 142 Abs 3 mold Vf und Art 152 Abs 3 rum Vf die Ver-
fassung waÈhrend der Dauer des Notstands, des Belagerungszustands oder des Kriegs-
zustands nicht geaÈndert werden (aÈhnlich § 161 Abs 2 est Vf, Art 147 Abs 2 lit Vf,
Art 157 Abs 2 ukr Vf, Art 169 sp Vf, Art 289 port Vf, Art 196 belg Vf). Gleiches gilt fuÈr
die Sperrfrist des Art 110 Abs 6 gr Vf und des Art 284 Abs 1 port Vf, wonach eine
erneute VerfassungsaÈnderung vor dem Ablauf von fuÈnf Jahren nach Abschluss der
letzten Verfassungsrevision unzulaÈssig ist. In Portugal ist jene auûerdem insofern nur
eine relative, als die Versammlung der Republik jederzeit durch VierfuÈnftel-Mehrheit
der ihr Mandat ausuÈbenden Abgeordneten Sonderrevisionskompetenzen wahr-
nehmen kann (Art 284 Abs 2 port Vf). Ein partielles VerfassungsaÈnderungsmoratorium
statuiert Art 158 Abs 2 ukr Vf, wonach eine einmal geaÈnderte Bestimmung der Verfas-
sung in der betreffenden Legislaturperiode kein zweites Mal revidiert werden darf
(vgl auch bezuÈglich gescheiterter VerfassungsaÈnderungsentwuÈrfe Art 158 Abs 1 ukr
Vf).

3 S dazu Cervati, Formen und Grenzen der VerfassungsaÈnderung in Italien, in: FS Koja,
Wien/New York 1998, 23 (26 ff, 36).
4 S dazu buÈndig HaÈfelin/Haller, Schweizerisches Bundesstaatsrecht5, ZuÈrich 2001, Rz 27 f;
ausfuÈhrlich zur jahrzehntelangen, hoÈchst intensiven Diskussion Wildhaber, Art 118 BV, Rz 23 ff,
in: Aubert/Eichenberger/Mu È ller/Rhinow/Schindler (Hrsg), Kommentar zur Bundesverfassung
der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 29. Mai 1874, Basel/ZuÈrich/Bern 1988 (Loseblatt).
5 NaÈher von Kuhlberg, A È nderung und Revision der spanischen Verfassung vom 29. Dezem-
ber 1978, Frankfurt ua 2000, 71 ff.
6 S seinerzeit (Bundesstaat) Pernthaler/Esterbauer, Die Entstehung des oÈsterreichischen
Bundesstaates als geschichtlicher Vorgang und staatstheoretisches Problem, Montfort 1973, 128
(146 f); juÈngst (Rechtsstaat, Demokratie) Morscher, Lebendiges oder gerade noch lebendes Ver-
fassungsrecht ± Soll das B-VG seinen 80. Geburtstag erleben? Einleitungsstatement, in: Wieser/
Stolz (Hrsg), Verfassungsrecht und Verfassungsgerichtsbarkeit an der Schwelle zum 21. Jahrhun-
dert, Wien 2000, 117 (120 f). Dazu auch Hiesel, Gibt es in O È sterreich unabaÈnderliches Verfas-
sungsrecht?, O È JZ 2002, 121 ff.
90 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9. Kapitel: Die VerfassungsaÈnderung

III. Techniken der VerfassungsaÈnderung


A. Vorbemerkung
Der Sinn besonderer Verfahrensvorschriften fuÈr die Erzeugung von Verfassungsrecht
liegt ± wie schon angedeutet ± darin, mit Hilfe solcher Techniken der Verfassung ±
der rechtlichen Grundordnung des Staates ± erho È hten rechtlichen Bestand zu
gewaÈhrleisten. Damit verbindet sich der Gedanke des Schutzes der politischen
Minderheit, weil durch erschwerende Verfahrensvorschriften die Verfassung der Dis-
position der einfachen Parlamentsmehrheit entzogen wird. Sind aber andererseits die
Erfordernisse der VerfassungsaÈnderung so schwer zu erfuÈllen, dass sie nur bei Vorlie-
gen eines auûerordentlichen Konsensus zu erwarten ist, so laÈuft man Gefahr, dass
eine an sich notwendige AÈ nderung uÈberhaupt nicht oder nur mit erheblicher zeitlicher
VerzoÈgerung vorgenommen werden kann. Die Aufgabe des Verfassunggebers ist es
also ± wie Loewenstein es formuliert hat ±, ¹unter BeruÈcksichtigung der allgemeinen
Erfahrung sowohl wie der konkreten nationalen Situation sein Verfassungsschiff
geschickt zwischen der Skylla der zu leichten und der Charybdis der zu erschwerten
VerfassungsaÈnderung hindurch zu steuernª. 7
Das in den einzelnen Verfassungen hiezu eingesetzte Instrumentarium ist auûeror-
dentlich mannigfaltig. Die gebraÈuchlichsten, oftmals auch miteinander verknuÈpften
Techniken sind erhoÈhte Parlamentsquoren, das Abstellen auf die entsprechenden
Mehrheiten der gesetzlichen statt nur der anwesenden Mitglieder des Parlaments, die
Verpflichtung zur mehrfachen Beschlussfassung (allenfalls unter Einhaltung zeitlicher
AbstaÈnde), die doppelte Beschlussfassung sowohl durch das alte als auch durch ein
neu zu waÈhlendes Parlament, fakultative oder obligatorische Volksabstimmungen, die
Ratifikation durch die Gliedstaaten oder uÈberhaupt die Einberufung einer verfassung-
gebenden Versammlung.
Generell koÈnnen hinsichtlich der zur VerfuÈgung gestellten VerfassungsaÈnderungs-
prozeduren ± immer unbeschadet allfaÈlligen unabaÈnderlichen Verfassungsrechts ±
drei Gruppen von Verfassungen unterschieden werden. In den meisten Verfassun-
gen wird fu È r alle Verfassungsrevisionen, dh unabhaÈngig von der zu aÈndernden
Verfassungsbestimmung, ein einheitliches VerfassungsaÈnderungsverfahren
statuiert. In einigen LaÈndern (zB in Frankreich, Italien, den USA) stehen, wiederum
losgeloÈst von der zu aÈndernden Verfassungsbestimmung, zwei oder mehr alternativ
einsetzbare VerfassungsaÈnderungsprozeduren zur Auswahl. Schlieûlich sind
diejenigen Staaten zu nennen, deren Verfassungsordnung in der Weise geschichtet
ist, dass die Anwendung eines bestimmten von zwei oder mehreren unterschied-
lichen VerfassungsaÈnderungsverfahren von der Art ± oder wie sich daraus
genauer ergibt: dem Rang ± der zu aÈndernden Verfassungsnorm(en) abhaÈngt.
Beispiele hiefuÈr sind OÈ sterreich, Russland, Bulgarien, die Ukraine und Montenegro.
Eine Kombination aus den beiden zuletzt genannten Modellen statuiert die est Vf.

B. Die Initiative zur VerfassungsaÈnderung


Das Verfahren der VerfassungsaÈnderung ist in allen Staaten in mehrere Stadien unter-
teilt. Eingeleitet wird es durch die Einbringung eines VerfassungsaÈnderungsvorschlags.

7 Loewenstein, 28 f.
III. Techniken der VerfassungsaÈnderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91

Der Kreis der vorschlagsberechtigten Organe kann hiebei mit jenem der gesetzesinitia-
tivbefugten Organe identisch (so etwa in OÈ sterreich, Deutschland, Tschechien) oder
gesondert (und zwar zumeist enger) umschrieben sein.
Nahezu durchgehend wird das Verfassungsinitiativrecht einer bestimmten Abge-
ordnetenanzahl des Parlaments bzw der ersten Parlamentskammer eingeraÈumt, so
zB in Albanien, Estland, Kroatien, Polen und Russland einem FuÈnftel, in Bulgarien,
Litauen und RumaÈnien einem Viertel sowie in Moldawien und der Ukraine einem
Drittel der Abgeordneten. In Makedonien (30 Abgeordnete), Montenegro (25 Ab-
geordnete), Slowenien (20 Abgeordnete), Serbien und Griechenland (jeweils 50 Ab-
geordnete) ist das Initiativquorum nummerisch bestimmt. In O È sterreich sind ± wie
sich allerdings erst aus dem Gesetz uÈber die GeschaÈftsordnung des Nationalrates
ergibt ± bereits fuÈnf Abgeordnete zum Nationalrat vorschlagsberechtigt, in DaÈnemark,
Italien, Ungarn, Tschechien, Schweden und den USA etwa darf sogar jeder Abgeord-
nete VerfassungsaÈnderungen initiieren. Auch Antragsrechte von Parlamentsaus-
schu È ssen (zB in Ungarn, Lettland, der Slowakei) kommen vor. Vorschlagsberechtigt
kann ferner auch ± dort wo vorhanden ± die zweite Parlamentskammer (zB in
Deutschland, O È sterreich, Polen, Russland, Tschechien) oder ein bestimmtes Quorum
derselben (ein Drittel in O È sterreich, ein Viertel in RumaÈnien, ein FuÈnftel in Russland,
in den USA aber jeder Senator) sein.
Mitunter (so etwa in O È sterreich, Spanien, Kroatien, Russland, Montenegro,
Makedonien, Serbien) kann eine VerfassungsaÈnderung von der Regierung vor-
geschlagen werden, insbesondere in LaÈndern mit einer starken Stellung des Staats-
praÈsidenten bzw einem parlamentarisch-praÈsidialen Regierungssystem auch vom
StaatspraÈsidenten. Beispiele fuÈr letzteren Fall sind Bulgarien, Estland, Kroatien,
Polen, Russland, Serbien, die Ukraine. In Frankreich ist das Initiativrecht des PraÈsiden-
ten an den Vorschlag des Premierministers, in RumaÈnien an jenen der Regierung
gebunden.
Das verschiedentlich vorgesehene Institut der Volksinitiative auf Verfassungs-
aÈnderung knuÈpft meist (Ausnahme Lettland: ein Zehntel der WaÈhler) an eine numme-
rische Mindestanzahl von UnterstuÈtzern an. Dieses ± freilich immer in Relation zur
jeweiligen BevoÈlkerungszahl zu sehende ± Quorum ist in Montenegro mit 10.000, in
Slowenien mit 30.000, in OÈ sterreich, der Schweiz und Serbien jeweils mit 100.000, in
Makedonien mit 150.000, in Moldawien mit 200.000, in Litauen mit 300.000, in RumaÈ-
nien mit 500.000 wahlberechtigten BuÈrgern festgesetzt.
In Russland koÈnnen auch die Gesetzgebungsorgane der Subjekte (dh der Glied-
staaten) der Russischen FoÈderation VorschlaÈge uÈber VerfassungsaÈnderungen unter-
breiten, in Tschechien und Spanien ± obwohl nicht bundesstaatlich organisiert ± steht
dieses Recht der Vertretung einer hoÈheren territorialen Selbstverwaltungseinheit bzw
der Versammlung einer Autonomen Gemeinschaft zu.

C. Die Beschlussfassungserfordernisse

Die nach parlamentarischer Beratung vorzunehmende Beschlussfassung uÈber den


VerfassungsaÈnderungsvorschlag ist durchwegs abweichend von der Annahme eines
einfachen Gesetzes geregelt. Eine Ausnahme ist der Sonderfall Groûbritannien, wo
(materielles) Verfassungsrecht im Wege des einfachen Gesetzgebungsverfah-
92 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9. Kapitel: Die VerfassungsaÈnderung

rens, dh insbesondere mit einfacher Mehrheit im Unterhaus des Parlaments, erzeugt


wird.
Ferner als Sonderfall vorwegzustellen ist das ± komplizierte, weil ausdifferenzier-
te ± VerfassungsaÈnderungsverfahren in der Schweiz, das ebenfalls nicht auf erhoÈhte
parlamentarische Mehrheiten setzt (s Art 138 ff, Art 192 ff schweiz BV). Seine Kern-
elemente bestehen zum einen darin, dass die Bundesversammlung eine vom Volk
(100.000 Stimmberechtigte) inhaltlich und formell ordnungsgemaÈû initiierte Verfas-
sungsaÈnderung, sei es in Form der sog Totalrevision oder der sog Teilrevision, nicht
stoppen kann (vgl im Einzelnen Art 138 und 193; Art 139 Abs 3 schweiz BV). Zum
anderen bedarf jede VerfassungsaÈnderung, sei es auf Volks- oder parlamentarische
Initiative, einer obligatorischen abschlieûenden Volksabstimmung. Die Verfas-
sungsaÈnderung ist hiebei nur dann angenommen, wenn sowohl die Mehrheit der
Stimmenden als auch die Mehrheit der StaÈnde (das Ergebnis der Volksabstimmung in
einem Kanton gibt als dessen Standesstimme) sich fuÈr sie aussprechen (vgl Art 140
Abs 1 lit a, Art 142 Abs 2±4, Art 195 schweiz BV).
Keine qualifizierten Mehrheiten (iS eines uÈber die HaÈlfte erhoÈhten arithmeti-
schen Bruches), sondern lediglich prozedurale Erschwernisse im parlamentarischen
Verfahren sieht ± in einer der beiden Alternativen ± die it Vf vor. Nach deren Art 138
Abs 1 muÈssen verfassungsaÈndernde Gesetze von jeder Kammer (Abgeordnetenkam-
mer und Senat) in zwei in einem Abstand von mindestens drei Monaten aufeinander-
folgenden Beratungen von der absoluten Mehrheit der Mitglieder beider Kammern
bei der zweiten Abstimmung angenommen werden. Allerdings riskiert der italienische
Verfassungsgesetzgeber hier ein Vetoreferendum. Nach Art 138 Abs 2 it Vf wird naÈm-
lich die VerfassungsaÈnderung diesfalls einem Volksentscheid unterworfen, wenn
innerhalb von drei Monaten nach ihrer VeroÈffentlichung ein FuÈnftel der Mitglieder
einer Kammer oder 500.000 WaÈhler oder fuÈnf RegionalraÈte es verlangen. Wird indes
die VerfassungsaÈnderung bei der zweiten Abstimmung von jeder Kammer mit der
Mehrheit von zwei Dritteln ihrer Mitglieder angenommen, ist ein Volksentscheid nicht
zulaÈssig (Art 138 Abs 3 it Vf). 8
Keine qualifizierte Mehrheit in den beiden Parlamentskammern, aber eine
obligatorische Volksabstimmung ist in Frankreich und in Irland gefordert (vgl
È nderungsentwurf jedoch
Art 89 Abs 2 fr Vf, Art 46 Abs 2 ir Vf). In Frankreich wird der A
nicht zum Volksentscheid gebracht, wenn jener vom StaatspraÈsidenten eingebracht
wird und der PraÈsident beschlieût, ihn dem als Kongress einberufenen Parlament (dh
den beiden HaÈusern in gemeinsamer Sitzung) vorzulegen. In diesem Fall gilt der
Entwurf dann als angenommen, wenn sich eine Mehrheit von drei FuÈnfteln der abge-
gebenen Stimmen fuÈr ihn ausspricht (Art 89 Abs 3 fr Vf); dabei hat im U È brigen die erste
Kammer als die mitgliederstaÈrkere Kammer naturgemaÈû regelmaÈûig ein U È bergewicht.
È berall sonst ist eine VerfassungsaÈnderung jedenfalls an eine erho
U È hte Parla-
mentsmehrheit gebunden. In der Slowakei ist hiefuÈr gemaÈû Art 84 Abs 4 slowak Vf
die Zustimmung einer Mehrheit von mindestens drei FuÈnfteln aller Abgeordneten des

8 Durch Sonderverfassungsgesetz vom 24. JaÈnner 1997 wurde ± wenngleich befristet ± unter
Umgehung des Art 138 it Vf ein sog auûerordentliches VerfassungsaÈnderungsverfahren einge-
fuÈhrt; naÈher zu dieser eigenartigen Technik der Verfassungsdurchbrechung und dem Sonderver-
fahren selbst Cervati, in: FS Koja 23 ff.
III. Techniken der VerfassungsaÈnderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93

Nationalrates notwendig (aber auch ausreichend). Eine Zweidrittelmehrheit im (Ein-


È nde-
kammer-)Parlament verlangen Art 286 Abs 1 port Vf, Art 143 Abs 1 mold Vf (fuÈr A
rungen des niederrangigen Verfassungsrechts), Art 131 Abs 3 mak Vf und Art 118 Abs 3
mont Vf (in beiden LaÈndern mit weiteren prozeduralen Sonderregelungen, in Monte-
negro zudem nur fuÈr niederrangiges Verfassungsrecht).
In Bulgarien (und, wie noch zu zeigen sein wird, etwa auch in Spanien) gibt es das
Institut einer ¹Ersatzmehrheitª. Nach Art 155 bulg Vf verabschiedet die Nationalver-
sammlung ein Gesetz zur A È nderung oder ErgaÈnzung von niederrangigem Verfassungs-
recht in drei Lesungen an verschiedenen Tagen mit einer Mehrheit von drei Vierteln
aller Abgeordneten. ErhaÈlt die Vorlage weniger als drei Viertel, aber nicht weniger als
zwei Drittel der Stimmen aller Abgeordneten, wird die Vorlage zwischen zwei und
fuÈnf Monaten spaÈter erneut eingebracht. Bei der erneuten parlamentarischen EroÈrte-
rung ist die Vorlage angenommen, wenn fuÈr sie mindestens zwei Drittel aller Abgeord-
neten stimmen.
Das Gebot einer zeitlich versetzten mehrfachen Beschlussfassung findet
sich zB in Litauen und der Ukraine (jeweils bezuÈglich des niederrangigen Verfassungs-
rechts). Nach Art 148 Abs 3 lit Vf muss uÈber VerfassungsaÈnderungen im Seimas zwei-
mal beraten und abgestimmt werden. Zwischen diesen Abstimmungen muss eine
Pause von mindestens drei Monaten eingelegt werden. Ein Gesetzesvorschlag zur
È nderung der Verfassung gilt als vom Seimas angenommen, wenn in beiden Abstim-
A
mungen mindestens zwei Drittel aller Mitglieder des Seimas dafuÈr gestimmt haben.
Nach Art 155 ukrain Vf gilt ein VerfassungsaÈnderungsentwurf, der vorher von der
Mehrheit der Mitglieder des Obersten Rates gebilligt wurde, als angenommen, wenn
in der nachfolgenden turnusmaÈûigen Sitzungsperiode des Obersten Rates fuÈr ihn min-
destens zwei Drittel der Mitglieder des Obersten Rates gestimmt haben.
In Albanien wird ein VerfassungsaÈnderungsentwurf von mindestens zwei Dritteln
aller Mitglieder der Versammlung gebilligt. Allerdings wird die gebilligte Verfassungs-
aÈnderung einer Volksabstimmung unterzogen, wenn dies ein FuÈnftel aller Mitglie-
der der Versammlung wuÈnscht. Die Versammlung kann indes auch ± gleichsam von
È nde-
vornherein ± mit zwei Dritteln aller ihrer Mitglieder beschlieûen, dass uÈber den A
rungsentwurf der Verfassung durch Referendum abgestimmt wird (Art 177 Abs 3±5 alb
Vf).
Eine Zweidrittelmehrheit im (Einkammer-)Parlament gekoppelt mit einer obliga-
torischen Volksabstimmung sehen Art 133 Abs 1 serb Vf (mit weiteren prozedura-
len Sonderregelungen), Art 156 Abs 1 ukr Vf, Art 142 Abs 1 und Art 143 Abs 1 mold
È nderungen des hoÈherrangigen Ver-
Vf, Art 76 und 77 lett Vf (in allen drei Staaten fuÈr A
fassungsrechts) vor. Eine originelle Konstruktion enthaÈlt Art 78 lett Vf. Danach ist min-
destens ein Zehntel der WaÈhler berechtigt, beim StaatspraÈsidenten einen vollstaÈndig
ausgearbeiteten Vorschlag fuÈr eine VerfassungsaÈnderung einzureichen, welchen der
PraÈsident an die Saeima weiterleitet. Verabschiedet die Saeima diesen nicht ± mit
Zweidrittelmehrheit ± ohne inhaltliche A È nderungen, so muss er zur Volksabstimmung
gebracht werden.
In Zweikammersystemen bedarf es uÈblicherweise ± Ausnahme O È sterreich, wo
dies nur bei KompetenzaÈnderungen zu Lasten der BundeslaÈnder der Fall ist (Art 44
Abs 2 oÈst B-VG), sonst eine Zweidrittelmehrheit im Nationalrat fuÈr die AÈ nderung des
niederrangigen Verfassungsrechts ausreicht (Art 44 Abs 1 oÈst B-VG) ± einer Zustim-
94 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9. Kapitel: Die VerfassungsaÈnderung

mung beider Parlamentskammern. Nach Art 235 Abs 4 poln Vf beschlieûen ein
Gesetz zur A È nderung der Verfassung der Sejm mit einer Zweidrittel- und der Senat
mit einer einfachen Mehrheit. In Tschechien bedarf eine VerfassungsaÈnderung der
Zustimmung einer Mehrheit von drei FuÈnfteln aller Abgeordneten zum Abgeordneten-
haus und einer Mehrheit von drei FuÈnfteln der anwesenden Senatoren (Art 39 Abs 4
tschech Vf), in Deutschland der Zustimmung von zwei Dritteln der Mitglieder des
Bundestages und zwei Dritteln der Stimmen des Bundesrates (Art 79 Abs 2 dt GG).
In Spanien muÈssen EntwuÈrfe fuÈr eine A È nderung niederrangigen Verfassungsrechts
durch eine Mehrheit von drei FuÈnfteln jeder der beiden Kammern gebilligt werden.
Kommt danach ± bzw nach DurchfuÈhrung eines Vermittlungsverfahrens ± eine
Annahme der VerfassungsaÈnderung nicht zustande, so kann der Kongress die A È nde-
rung mit Zweidrittelmehrheit beschlieûen, wenn ihr der Senat mit absoluter Mehrheit
zugestimmt hat (Art 167 Abs 1 und 2 sp Vf). In allen vier Staaten ± ebenso wie im
schon genannten Fall einer Zweidrittelmehrheit in beiden HaÈusern des italienischen
Parlaments ± ist die Verabschiedung durch beide Parlamentskammern auch schon ein
hinreichendes Erfordernis fuÈr eine VerfassungsaÈnderung. In Polen koÈnnen allerdings,
wenn die A È nderung hoÈherrangiges Verfassungsrecht betrifft, die verfassungsinitiativ-
berechtigten Organe (ein FuÈnftel der gesetzlichen Abgeordnetenzahl, der Senat, der
StaatspraÈsident) die DurchfuÈhrung eines BestaÈtigungsreferendums verlangen
(Art 235 Abs 6 poln Vf); in Spanien erfolgt eine Volksabstimmung, wenn ein entspre-
chender Antrag von einem Zehntel der Mitglieder einer der beiden Kammern gestellt
wird (Art 167 Abs 3 sp Vf).
Eine Kombination von erho È hten parlamentarischen Mehrheiten in bei-
den Kammern und obligatorischer Volksabstimmung findet sich fuÈr eine LaÈn-
derkompetenzen beschneidende A È nderung hoÈherrangigen Verfassungsrechts in
OÈ sterreich (Art 44 Abs 2 und 3 oÈst B-VG) sowie generell in Art 151 rum Vf. Eine
VerfassungsaÈnderung muss in RumaÈnien von der Abgeordnetenkammer und vom
Senat mit einer Mehrheit von wenigstens zwei Dritteln der Anzahl der Mitglieder
einer jeden Kammer angenommen werden. Wird ± trotz DurchfuÈhrung eines Ver-
mittlungsverfahrens ± keine Einigkeit erzielt, beschlieûen die Abgeordnetenkammer
und der Senat in gemeinsamer Sitzung mit den Stimmen von wenigstens drei Vier-
È nderung
teln der Anzahl der Abgeordneten und Senatoren. In beiden FaÈllen ist die A
der Verfassung erst nach ihrer Genehmigung durch eine Volksabstimmung rechts-
kraÈftig.
In den USA werden Verfassungsamendments zunaÈchst jeweils mit Zweidrittelmehr-
heit in RepraÈsentantenhaus und Senat (oder durch einen vom Kongress auf Antrag der
gesetzgebenden Organe von zwei Dritteln der Gliedstaaten einzuberufenden Kon-
vent) beschlossen. FuÈr ihr Inkrafttreten beduÈrfen sie einer Ratifikation durch die
gesetzgebenden Organe (oder ± je nach Beschluss des Kongresses ± durch eigens ein-
zuberufende Konvente) von mindestens drei Vierteln der Gliedstaaten (Art 5 Vf-
USA). Nach US-amerikanischem Vorbild werden VerfassungsaÈnderungen in Russland
(genauer: AÈ nderungen des niederrangigen Verfassungsrechts) in einer ersten Stufe
mit einer Mehrheit von mindestens drei Vierteln der Stimmen der Gesamtzahl der Mit-
glieder des FoÈderationsrates und mindestens zwei Dritteln der Stimmen der Gesamt-
zahl der Deputierten der Staatsduma gebilligt; ihr Inkrafttreten ist an eine Ratifikation
durch die gesetzgebenden Organe von mindestens zwei Dritteln der Subjekte der Rus-
sischen FoÈderation geknuÈpft (Art 136 und Art 108 Abs 2 russ Vf).
III. Techniken der VerfassungsaÈnderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95

Eine andere Technik der Verfassungsrevision besteht in der Notwendigkeit der


Beschlussfassung durch zwei aufeinanderfolgende Parlamente (vgl Art 112 norw Vf,
Art 110 Abs 2±4 gr Vf) bzw der AufloÈsung des Parlaments nach Annahme der Verfas-
sungsaÈnderung durch dasselbe, der Abhaltung von Neuwahlen und der nochmali-
gen Annahme durch das neue Parlament; damit kommt es funktionell zu einer
Einschaltung der WaÈhlerschaft in den Prozess der VerfassungsaÈnderung (die unmittel-
bare Variante der Beteiligung des Volkes waÈre bzw ± s oben ± ist die Volksabstimmung
uÈber den AÈ nderungsentwurf selbst). So wird nach Art 119 mont Vf bei A È nderungen
des hoÈherrangigen Verfassungsrechts (oder der Verabschiedung einer neuen Verfas-
sung) die Versammlung am Tag der ± mit Zweidrittelmehrheit erfolgten ± Annahme
des Vorschlags aufgeloÈst, und die neue Versammlung wird innerhalb von 90 Tagen
nach dem Tag der Annahme des Vorschlags einberufen. Die neue Versammlung ent-
scheidet mit Zweidrittelmehrheit aller Abgeordneten nur uÈber diejenigen A È nderungen
der Verfassung, die der angenommene Vorschlag enthaÈlt (bzw uÈber den angenomme-
nen Vorschlag zur Verabschiedung einer neuen Verfassung). Nach Art 137 nied Vf wird
ein VerfassungsaÈnderungsvorschlag zunaÈchst in Gesetzesform beschlossen. Danach
wird die sog Zweite Kammer (funktionell aber erste Kammer) aufgeloÈst und ± nur
diese ± neu gewaÈhlt. Nach der Neuwahl der Zweiten Kammer beraten die Kammern
uÈber die Vorlage; fuÈr ihre Annahme ist eine Zweidrittelmehrheit der abgegebenen
Stimmen erforderlich.
In DaÈnemark wird nach Annahme des Entwurfs einer neuen Verfassungsbestim-
mung durch das Folketing und bei BefuÈrwortung durch die Regierung eine Neuwahl
des Parlaments ausgeschrieben. Wird von dem aus der Wahl hervorgehenden Folke-
ting der Entwurf in unveraÈnderter Fassung angenommen, bedarf er noch zusaÈtzlich
einer BestaÈtigung in einer binnen eines halben Jahres durchzufuÈhrenden Volksab-
stimmung; hiebei gilt er nur dann als angenommen, wenn eine Mehrheit der an der
Abstimmung teilnehmenden und mindestens 40 % saÈmtlicher Stimmberechtigten ihre
Stimme fuÈr den Folketingbeschluss abgegeben haben und dieser vom KoÈnig bestaÈtigt
È nderung
wird (§ 88 daÈn Vf). Nach Art 168 sp Vf muss die prinzipielle Annahme der A
hoÈherrangigen Verfassungsrechts (oder einer Gesamtrevision der Verfassung) mit
Zweidrittelmehrheit beider Kammern erfolgen; die Cortes Generales werden sofort
aufgeloÈst. Die neugewaÈhlten Kammern muÈssen die VerfassungsaÈnderung mit einer
Zweidrittelmehrheit beider Kammern billigen, definitiv wird sie erst nach Annahme
durch eine Volksabstimmung.
Eine Kombination von Beschluss des ¹normalenª Parlaments und Verab-
schiedung durch eine eigene Verfassungsversammlung sieht Art 135 russ Vf
vor. Wird danach ein Vorschlag uÈber die Revision hoÈherrangigen Verfassungsrechts
von drei FuÈnfteln der Stimmen der Gesamtzahl der Mitglieder des FoÈderationsrates
und der Deputierten der Staatsduma unterstuÈtzt, so wird in U È bereinstimmung mit
einem gesonderten Bundesverfassungsgesetz die Verfassungsversammlung einberu-
fen. Diese bekraÈftigt entweder die UnveraÈuûerlichkeit der russ Vf oder sie arbeitet
den Entwurf einer neuen Verfassung aus, der von ihr mit zwei Dritteln der Stimmen
der Gesamtzahl ihrer Mitglieder angenommen oder zum Gegenstand einer Volksab-
stimmung gemacht wird. Ein aÈhnliches Verfahren kennt die bulg Vf (vgl Art 157 ff).
È nderung hoÈherrangigen Verfassungsrechts (bzw der
Auch hier ist der Entwurf einer A
Entwurf einer neuen Verfassung) zunaÈchst von der Nationalversammlung zu behan-
deln. Diese entscheidet mit einer Mehrheit von zwei Dritteln aller Abgeordneten uÈber
96 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9. Kapitel: Die VerfassungsaÈnderung

die Abhaltung von Wahlen fuÈr die sog Groûe Nationalversammlung. Die Groûe Natio-
nalversammlung entscheidet uÈber die eingebrachten Vorlagen mit einer Mehrheit von
zwei Dritteln aller Abgeordneten in drei Lesungen an verschiedenen Tagen.

D. HaÈufigkeit von VerfassungsaÈnderungen

Die im Vorstehenden praÈsentierten VerfassungsaÈnderungsprozeduren geben eine Vor-


stellung uÈber die unterschiedlichen Grade an A È nderungsfestigkeit von Verfassungen.
Stellt man die Frage nach der tatsaÈchlichen HaÈufigkeit von VerfassungsaÈnderungen,
so gilt vordergruÈndig die einleuchtende Regel, dass Verfassungsrevisionen in einem
bestimmten Land umso haÈufiger vorgenommen werden, je geringer die hiefuÈr auf-
gestellten prozeduralen Barrieren sind, und umgekehrt. Diese GesetzmaÈûigkeit
darf freilich nicht absolut und linear verstanden werden. Auch andere Faktoren
juristischer, historischer, politischer oder soziologischer Natur koÈnnen auf die
BestaÈndigkeit oder Dynamik einer Verfassungsordnung entscheidenden Einfluss neh-
men. So beguÈnstigen, wie das oÈsterreichische Beispiel zeigt, langandauernde verfas-
sungsaÈndernde politische Mehrheiten in Parlament und Regierung fraglos die HaÈufig-
keit von Verfassungsrevisionen. Auch sind eher kasuistisch formulierte Verfassungs-
texte aÈnderungsanfaÈlliger als sprachlich elastisch gestaltete. Umgekehrt fuÈhrt ein
sowohl bei der Masse des Volkes als auch bei den verantwortlichen EntscheidungstraÈ-
gern entwickeltes hochgradiges GefuÈhl des Respekts gegenuÈber der Verfassung ± das
sich bis zu einer regelrechten Verfassungsmythologie auswachsen kann ± zu einer
groûen ZuruÈckhaltung vor einem formellen Antasten der Verfassung.
Als in hohem Maû aÈnderungsresistente Verfassung ± wobei gerade das letztan-
gefuÈhrte Moment eine entscheidende Rolle spielt ± wird stets die Vf-USA genannt,
die seit ihrer Erlassung 1787 lediglich 27 Mal ergaÈnzt bzw geaÈndert worden ist; rechnet
man die 1791 angefuÈgten ersten 10 amendments ± also den im Grunde schon als orga-
nischen Bestandteil mitgedachten, aber zeitlich ¹nachgereichtenª Grundrechtskatalog
der Vf-USA ± ab, ergibt sich also eine Zahl von gerade 17 VerfassungsaÈnderungen
uÈber einen Zeitraum von mehr als 200 Jahren. Unter den juÈngeren europaÈischen Ver-
fassungen sticht die daÈnische hervor, die seit 1953 ± also uÈber 50 Jahre ± aÈuûerlich
unveraÈndert in Geltung steht.
Das ± hypertrophe ± Gegenbeispiel ist zweifellos O È sterreich. Dies zeigt sich noch
weniger bei einer Betrachtung lediglich der zentralen Verfassungsurkunde ± des
B-VG ±, welche seit 1920 rund 80 Mal revidiert worden ist. Betrachtet man jedoch
das gesamte formelle Bundesverfassungsrecht (s 7. Kap, II.C.), so ist dieses von 1920
bis einschlieûlich 1994 nach einer regierungsamtlichen ZaÈhlung nahezu 900 (!) Mal ±
allein in der Gesetzgebungsperiode von 1990 bis 1994 rund 120 Mal ± geaÈndert oder
ergaÈnzt worden; 9 mittlerweile ist die ¹magischeª Marke von 1000 Verfassungsrevisio-
nen deutlich uÈberschritten. Dabei handelt es sich freilich uÈberwiegend um unbe-
deutende DetailaÈnderungen des kasuistischen Verfassungsdickichts; staatsstrukturelle
VerfassungsaÈnderungen sind wohl nicht signifikant haÈufiger zu vermerken als in ande-
ren Verfassungssystemen.

9 Mitgeteilt von Brande, Vorwort 1, in: Kodex des oÈsterreichischen Rechts. Verfassungs-
recht12, Wien 1995.
IV. Der Verfassungswandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97

Als im internationalen Vergleich immer noch relativ volatil wird das dt GG ange-
sehen, das seit 1949 rund 50 A È nderungen ± also im Durchschnitt einer pro Jahr ±
unterzogen worden ist. Die fr Vf etwa ist demgegenuÈber seit 1958 nur etwas uÈber
zehn Mal formell geaÈndert worden, die port Vf aus 1976 ± um ein juÈngeres Beispiel
zu nehmen ± lediglich sechs Mal. Die ost- und ostmitteleuropaÈischen Verfassungen,
die allesamt Produkte der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts sind, wurden bislang
noch uÈberhaupt nicht oder aÈuûerst selten revidiert. Ausnahmen sind Ungarn, wo die
sozialistische Verfassung aus 1949 formell im Wege permanenter Partialrevisionen an
demokratisch-rechtsstaatliche Standards angepasst wurde, sowie Lettland, das die alte
Verfassung von 1922 wieder in Kraft gesetzt hat, diese aber in mehreren Schritten an
die modernen Erfordernisse adaptieren musste.

IV. Der Verfassungswandel

Von der VerfassungsaÈnderung in dem dafuÈr vorgesehenen formellen Verfahren ist der
Verfassungswandel zu unterscheiden. Darunter versteht man die A È nderung des
VerstaÈndnisses einer Verfassungsregelung ohne A È nderung des Textes. Dies geschieht
vor allem in der Verfassungsauslegung. Insbesondere in Verfassungssystemen mit
einer starken Stellung des Verfassungsgerichts ist die stillschweigende Anpassung der
Verfassung an geaÈnderte VerhaÈltnisse und Vorstellungen in hohem Maû auf dieses
uÈbertragen. So erfolgt die Weiterentwicklung des VerstaÈndnisses der Grundrechte
typischerweise so gut wie uÈberhaupt nicht durch A È nderungen und ErgaÈnzungen des
Verfassungstextes, sondern ist eine ± je nach Verfassungsordnung zum Teil sich uÈber
Jahrzehnte erstreckende ± genuine Leistung der verfassungsgerichtlichen Judikatur
(besonders eindrucksvoll ist dies zB in Deutschland zu beobachten). Im ¹technischenª
Staatsorganisationsrecht kommt zudem eine im Lauf der Zeit sich aÈndernde Hand-
habung der Verfassungsnormen durch andere Akteure wie Regierung und Parlament
hinzu.
VerfassungsaÈnderung und Verfassungswandel stehen regelmaÈûig in einem rezipro-
ken VerhaÈltnis zueinander: Eine schwere formelle AbaÈnderbarkeit des Verfassungs-
rechts wird durch die Beweglichkeit der Interpretation kompensiert. Ein exem-
plarisches Beispiel liefert die Vf-USA. Die Sparsamkeit der formellen VerfassungsaÈnde-
rungen in den USA erklaÈrt sich durch die bereits beschriebenen Faktoren des auûer-
gewoÈhnlich komplizierten Revisionsverfahrens und der fast ¹glaÈubigenª Verehrung
des historischen Verfassungsgutes. Dass die Vf-USA dessen ungeachtet auch nach
uÈber 200jaÈhriger Geltung nicht zu einem MuseumsstuÈck der Verfassungsgeschichte
herabgesunken ist, wird erst bei BeruÈcksichtigung des Umstandes verstaÈndlich, dass
die Anpassung der Verfassung an die sich aÈndernden Sozialbedingungen der moder-
nen Gesellschaft im Wesentlichen durch die Auslegung der einzelnen Verfassungsbe-
stimmungen durch die Gerichte (insb den Supreme Court) erfolgt ist. Dass dies ± wie
im Fall der Vf-USA ± elastisch formulierte Verfassungsregelungen voraussetzt, leuchtet
ein.
10. Kapitel: Die Klassifikation von Verfassungen
Literatur: Loewenstein, Verfassungslehre2, TuÈbingen 1969, 140; Pace, Starre und flexi-
ble Verfassungen, JOÈ R 2001, 89.

I. Geschriebene und ungeschriebene Verfassungen; Texteinheit und Text-


mehrheit

Unter den vielen von der Lehre entwickelten Einteilungsschemata von Verfassungen
hat die Klassifikation in Staaten mit ¹geschriebenerª und Staaten mit ¹ungeschrie-
benerª Verfassung eine besonders lange Tradition. Heute hat diese, sich bis in die
juÈngste Gegenwart hartnaÈckig haltende Einteilung angesichts der Tatsache, dass mitt-
lerweile nahezu alle Staaten der Welt eine geschriebene Verfassung als normative
Grundordnung des Staates besitzen, ihre Bedeutung verloren. Als Staaten mit unge-
schriebener Verfassung wird zumeist nur mehr Groûbritannien genannt (mitunter wer-
den auch noch Neuseeland und Israel erwaÈhnt). Abgesehen von der heute fehlenden
Distinktionskraft des Merkmals geschrieben ± ungeschrieben ist die Titulierung als
¹ungeschriebenª auch noch ungenau, da etwa Groûbritannien sehr wohl einen erheb-
lichen Teil seiner Verfassung in schriftlicher Form fixiert hat (s naÈher 5. Kap, Exkurs).
Will man an der Schriftlichkeit als Bezugspunkt fuÈr die Einteilung von Verfassun-
gen festhalten, so bietet sich eine ± weit aussagekraÈftigere ± Einteilung nach dem Kri-
terium Texteinheit oder Textmehrheit an. Hierbei wird darauf abgestellt, ob das
gesamte (formelle) Verfassungsrecht eines Staates in einer Urkunde zusammengefasst
ist (vollstaÈndige Kodifikation) oder neben dem zentralen Verfassungsdokument noch
weitere Verfassungsgesetze und allenfalls Einzelverfassungsbestimmungen existieren
(s dazu bereits 7. Kap, II.).

II. Starre und nachgiebige Verfassungen

Eine andere der traditionellen Klassifizierungen unterscheidet, entsprechend der


Mechanik des Verfahrens der VerfassungsaÈnderung, zwischen starren und nach-
giebigen Verfassungen. Im Einzelnen wird darunter Unterschiedliches verstanden.
Nach der einen Auffassung soll sich die Einteilung danach bestimmen, ob eine Verfas-
sung im Wege des normalen Gesetzgebungsverfahrens (nachgiebige bzw biegsame
oder flexible Verfassung) oder aber nur in einem erschwerten Verfahren (starre Verfas-
sung) abgeaÈndert werden kann. Angesichts des Umstands, dass (formelles) Verfas-
sungsrecht sich gerade durch das Merkmal seiner erschwerten AbaÈnderbarkeit aus-
zeichnet bzw durch dieses definiert wird und heutzutage nahezu alle Staaten uÈber der-
artige formelle Verfassungen verfuÈgen, laÈuft eine solche Zweiteilung praktisch leer.
Eine aussagekraÈftigere Abgrenzung stellt auf den Grad der KomplexitaÈt der
fo
È rmlichen VerfassungsaÈnderung in einem bestimmten Land ab. Je einfacher die
Bedingungen fuÈr die Erzeugung von Verfassungsrecht sind, desto leichter kann es
geaÈndert werden und desto ¹nachgiebigerª ist es, und umgekehrt. Eine solche Eintei-
lung versteht sich nicht als binaÈres System (wonach eine Verfassung entweder ¹starrª
oder ¹nachgiebigª ist), sondern als ein Kontinuum bzw genauer noch: als ein Koordi-
natensystem vieler Mo È glichkeiten. Eckpunkte bzw ExtremloÈsungen sind zum
einen jene Rechtslage, wo ± wie in Groûbritannien ± (materielles) Verfassungsrecht
III. Rahmenhafte und ¹technischeª Verfassungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99

im Wege der einfachen Gesetzgebung ohne jegliche prozedurale Erschwerung erzeugt


werden kann (absolut nachgiebige Verfassung); zum anderen das PhaÈnomen des
unabaÈnderlichen Verfassungsrechts, dh jene FaÈlle, wo konkrete Bestimmungen einer
Verfassung nicht im Wege einer Verfassungsrevision geaÈndert werden duÈrfen (absolut
starres Verfassungsrecht). Dazwischen liegt ein bunter Strauû an Techniken der Verfas-
sungsaÈnderung, die sich ± was den Grad ihrer KomplexitaÈt anbelangt ± nicht gerad-
linig wie eine Perlenkette auffaÈdeln lassen (s dazu naÈher schon 9. Kap, III.).
Eine derart verstandene Abgrenzung in (eher) starre und (eher) nachgiebige Ver-
fassungen ist nicht wissenschaftlicher Selbstzweck, sondern als Aussage daruÈber zu
begreifen, inwiefern sich die Verfassung eines konkreten Staates an geaÈnderte gesell-
schaftliche VerhaÈltnisse und neue verfassungspolitische BeduÈrfnisse (potentiell)
anpassen kann. Dabei darf nicht verkannt werden, dass eine solche Reaktion auch
auf anderem Wege als auf jenem der foÈrmlichen VerfassungsaÈnderung erreicht werden
kann. Die FaÈhigkeit des Verfassungsrechts zur BewaÈltigung von geaÈnderten gesell-
schaftlichen VerhaÈltnissen kann auch eine Folge der inhaltlichen Offenheit einer
Verfassung sein, die es ohne VerfassungsaÈnderung ermoÈglicht, dass fuÈr neue gesell-
schaftliche Probleme ± etwa durch geaÈnderte Verfassungsinterpretation ± neue verfas-
sungsrechtliche LoÈsungen gefunden werden. Das Gegensatzpaar starr ± nachgiebig
kann daher auch auf die FaÈhigkeit einer Verfassung, sich ¹stillschweigendª zu wan-
deln, angewandt werden. 1

III. Rahmenhafte und ¹technischeª Verfassungen

Die vordem geschilderte ReaktionsfaÈhigkeit einer Verfassung auf geaÈnderte gesell-


schaftliche BeduÈrfnisse ist zu einem guten Teil von ihrer inhaltlichen Dichte abhaÈn-
gig. Je allgemeiner eine Verfassung gehalten ist, desto groÈûer ist der Spielraum fuÈr eine
flexible Auslegung und Anwendung. Verfassungen mit konkreten und detailgenauen
Regelungen sind relativ starr und der Notwendigkeit von foÈrmlichen A È nderungen in
hoÈherem Grade ausgesetzt als Normenordnungen, die sich mehr auf GrundsaÈtzliches
beschraÈnken. 2
Die daraus ableitbare Einteilung von Verfassungen in (eher) rahmenhafte ± bzw
aÈuûerlich gesehen: kurze ± und (eher) ¹technischeª (umfangreiche) Verfassungen
schlaÈgt noch in einer anderen Richtung durch. Letzterer Typus von Verfassungen
praÈformiert den Ablauf des politischen Prozesses in hoÈherem Maû und setzt der
Sozialgestaltung durch den einfachen Gesetzgeber engere Grenzen als die erstge-
nannte Art von Verfassungen.
Das Gegensatzpaar rahmenhaft ± ¹technischª faÈllt groûteils, aber nicht durch-
gehend, mit der noch zu besprechenden Klassifikation in ¹aÈltereª und ¹juÈngereª Ver-
fassungen zusammen. So sind die Vf-USA von 1787 und die norw Vf aus 1814 ausge-
sprochen kurze und lapidare, sich auf das GrundsaÈtzlichste beschraÈnkende Texte.
È hnliches gilt fuÈr die 1993 wieder in Kraft gesetzte lett Vf aus 1922. Von relativ schma-
A
lem Umfang sind ferner die fr Vf von 1958 und die daÈn Vf aus 1953. Aber auch die ver-

1 Vgl Adamovich/Funk/Holzinger, O È sterreichisches Staatsrecht I ± Grundlagen, Wien/New


York 1997, Rz 01.024 und 01.027; s auch Loewenstein, 143, sowie hier 9. Kap, IV.
2 Adamovich/Funk/Holzinger, Staatsrecht I, Rz 01.027.
100 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10. Kapitel: Die Klassifikation von Verfassungen

gleichsweise junge Verfassung Tschechiens (1992) ist ein eher rahmenhaftes Regel-
werk; freilich wandelt sich das Bild, wenn man richtigerweise die ± auûerhalb der zen-
tralen Verfassungsurkunde stehende, aber verfassungsrangige ± umfangreiche Charta
der Grundrechte und Grundfreiheiten hinzuzaÈhlt. Nur scheinbar kurz ist die ung Vf
(1989), die bei § 78 endet. Zum einen verstecken sich im Text noch uÈber 40 sog Schalt-
artikel, zum anderen erreichen manche Partien eine erhebliche sprachliche und inhalt-
liche Dichte, sodass die Verfassung insgesamt eine durchaus noch im (unteren) Durch-
schnittsbereich liegende LaÈnge aufweist.
Unter den Verfassungen mit relativ konkreten und detailgenauen Regelungen
stechen die port Vf aus 1976 und die poln Vf aus 1997 hervor, die im Schrifttum mit
gutem Recht als ¹LehrbuÈcher des Verfassungsrechtsª bezeichnet wurden; beide spie-
geln das seinerzeitige Ringen um die Verfassung wider, wo eine Einigung nur um
den Preis erzielt werden konnte, dass jede politische KompromissloÈsung auf Punkt
und Beistrich im Verfassungstext festgeschrieben wurde. Aus der Reihe schlaÈgt O È ster-
reich, wo allein das nicht mehr ganz taufrische B-VG ± die zentrale Verfassungsur-
kunde aus 1920 (allerdings mittlerweile vielfach geaÈndert) ± an Verfassungskasuistik
und dadurch bedingtem Umfang mit Ausnahme der beiden soeben genannten Verfas-
sungen jede andere europaÈische Verfassung um LaÈngen uÈberragt. Symptomatisch hie-
fuÈr ist etwa eine GegenuÈberstellung der Verfassungsregelungen uÈber die Verfassungs-
gerichtsbarkeit, die Einrichtung von OmbudsmaÈnnern (VolksanwaÈlten, Menschen-
rechtsbeauftragten) sowie den staatlichen Rechnungshof mit den vergleichbaren Vor-
schriften der ung Vf. WaÈhrend diese dafuÈr, freilich in den genannten Punkten tenden-
ziell ein Extremfall einer kargen Normierung, jeweils nur einen, in wenige und kurze
AbsaÈtze gegliederten Paragraphen vorsieht (§ 32/A; § 32/B; § 32/C), verwendet das
oÈst B-VG darauf jeweils rund ein Dutzend, teilweise minutioÈsest ausgefeilte Bestim-
mungen (Art 137±148; Art 148a±148j; Art 121±128).

È ltereª und ¹ju


IV. ¹A È ngereª Verfassungen

Als ¹juÈngereª Verfassungen koÈnnen in einem weiteren Sinn alle nach dem 2. Weltkrieg
erlassenen, in einem engeren Sinn alle nach ca 1990 (Beginn der Verfassungstransfor-
mation in den vormals sozialistischen Staaten) verabschiedeten Verfassungen ange-
sprochen werden. Als ¹aÈltereª Verfassungen koÈnnen demgemaÈû ± in einem engeren
und einem weiteren VerstaÈndnis ± alle vor den genannten Umbruchdaten in Kraft
gesetzten Verfassungen gelten. Das Alter einer Verfassung ist insofern ein aussagekraÈf-
tiges Merkmal, als sich dieses uÈblicherweise in ihrer Gesamtstruktur und ihrer text-
lichen Gestaltung widerspiegelt. Wie schon erwaÈhnt, begnuÈgen sich aÈltere Verfas-
sungen tendenziell mit einer bloû rahmenhaften Regelung der rechtlichen Grundord-
nung des Staates, waÈhrend juÈngere Verfassungen eher zu einer detailgenauen Normie-
rung neigen.
Zum anderen ± bzw damit zum Teil uÈbereinstimmend ± vermitteln aÈltere Verfas-
sungen typischerweise noch einen anderen Problemhorizont bzw ¹Zeitgeistª als
juÈngere. Sie spiegeln meist noch unverkennbar die Problemlagen zur Zeit ihrer Erlas-
sung wider und sind ± wenngleich unter UmstaÈnden Novellierungen diese Fragen teil-
weise zu beantworten versuchen ± in geringerem Maû von den aktuellen verfassungs-
politischen StroÈmungen und Problemen gepraÈgt. DemgegenuÈber versuchen juÈngere
Verfassungen in staÈrkerem Ausmaû ¹modernereª Antworten auf draÈngende verfas-
V. OriginaÈre und abgeleitete Verfassungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101

sungspolitische Fragen zu geben. Dies zeigt sich etwa in der Aufnahme besonders
ausgebauter und gegliederter, auch soziale Grundrechte enthaltender Grundrechts-
kataloge sowie im Bestreben, den Schutz dieser Grundrechte institutionell und verfah-
rensmaÈûig bestmoÈglich abzusichern. Kennzeichnend fuÈr juÈngere Verfassungen ist fer-
ner die Festlegung des Staatshandelns auf die Verwirklichung bestimmter, ausdruÈck-
lich festgeschriebener Staatsziele. Auch die Mechanik des politischen Prozesses bzw
die Interaktion zwischen den einzelnen Verfassungsorganen uÈberhaupt wird ± sicht-
lich im Versuch die LoÈsung jeder potentiellen Konfliktlage in geordnete Bahnen zu
lenken ± bei juÈngeren Verfassungen einer staÈrkeren Verrechtlichung unterzogen als
bei aÈlteren.

V. OriginaÈre und abgeleitete Verfassungen

Nach dieser von Loewenstein entwickelten Typologie wird unter einer ¹originaÈrenª
Verfassung ein Rechtsinstrument verstanden, das ein neuartiges, wirklich neu
geschaffenes und daher ¹urspruÈnglichesª Funktionsprinzip fuÈr den Prozess der poli-
tischen Macht und die Bildung des Staatswillens enthaÈlt. Der Begriff ¹abgeleiteteª
(oder ¹derivativeª) Verfassung bezeichnet dann einen Verfassungstyp, der in weitem
Umfang bestehenden in- oder auslaÈndischen Verfassungsvorbildern folgt und
diese lediglich den nationalen BeduÈrfnissen anpasst. Ob eine Verfassung wirklich
schoÈpferisch oder lediglich nachgeahmt ist, haÈngt natuÈrlich oft vom subjektiven Wert-
urteil ab. 3
OriginaÈre Verfassungen sind relativ und absolut selten. Verfassungen stellen
zumeist ein mixtum compositum dar, das weitgehend aus der nationalen Verfassungs-
tradition sowie aus auslaÈndischen Verfassungsmodellen schoÈpft und nur zu einem
kleineren Teil eigenstaÈndige Neuerungen hervorbringt (s hiezu schon 6. Kap, III.).
Unzweifelhaft koÈnnen die Verfassung Groûbritanniens (ParlamentssouveraÈnitaÈt, ¹rei-
nesª parlamentarisches Regierungssystem), die Vf-USA (Gewaltenteilung, System der
¹checks and balancesª, PraÈsidialdemokratie, ferner ± wenngleich richterrechtlich ent-
wickelt ± Normenkontrolle) und die geltende fr Vf (¹rationalisierterª Parlamentaris-
mus, SemipraÈsidentialismus) als originaÈr im beschriebenen Sinn gelten. Die aktuelle
schweiz BV schlaÈgt zwar mehrfach aus der Reihe (Versammlungsregierung, semidi-
rekte Demokratie), ist aber nur eine organische Fortbildung der Verfassungen 1848
und 1874 und daher nicht als ¹urspruÈnglichª einzustufen. Ob die Weiterentwicklung
der schon zuvor verfassungsrechtlich angelegten Verfassungsgerichtsbarkeit zum
System der spezialisierten verfassungsgerichtlichen GesetzespruÈfung ± so bedeutsam
diese Innovation zweifelsfrei ist ± schon ausreicht, um dem oÈst B-VG von 1920 im
Gesamten den Status einer originaÈren Verfassung zu verleihen, muss ± nicht bloû im
Hinblick darauf, dass die tschechoslowakische Verfassung aus 1920 O È sterreich diesbe-
zuÈglich um einige Monate zuvorgekommen ist ± bezweifelt werden. Hinsichtlich der
derivativen Verfassungen sei besonders auf die jungen Verfassungen der Reform-
staaten Ost- und Ostmitteleuropas hingewiesen, die ± bei allen Unterschieden in nicht
unwesentlichen EinzelloÈsungen ± allesamt mehr oder weniger nach einem einheit-
lichen Muster gestrickt sind und darum fast schon den Charakter uniformer, austausch-
barer ¹Reiûbrettverfassungenª aufweisen.

3 Loewenstein, 144.
102 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10. Kapitel: Die Klassifikation von Verfassungen

VI. Ideologisch-programmatische und utilitaÈre Verfassungen

Die Begrifflichkeit ideologisch-programmatisch und utilitaÈr ist Loewenstein entlehnt; 4


anderswo wird von Verfassungen als ¹Spielregelª oder als materielle ¹Wertordnungª
gesprochen. 5 Gemeint ist eine Klassifikation der Verfassungen nach ihrem ideologi-
schen Gehalt. Danach laÈsst sich eine Unterscheidung zwischen ideologisch ¹gelade-
nenª oder ein ideologisches ¹Programmª enthaltenden Verfassungen einerseits und
ideologisch neutralen oder rein utilitaÈren Verfassungen andererseits aufstellen.
WaÈhrend letztere, vergleichbar einem Vereinsstatut, sich unter Ausblendung jeglicher
offener oder verdeckter ideologischer Absichten auf eine Normierung der reinen
Mechanik der AusuÈbung staatlicher Macht beschraÈnken, 6 sind letztere als System
inhaltlicher Handlungsanleitungen fuÈr den gesamten politisch-gesellschaftlichen Pro-
zess konzipiert. 7
Die ± vorstehend in idealtypischerweise Weise umschriebene ± Klassifikation in
ideologisch-programmatische und utilitaÈre Verfassungen muss in mehrfacher Weise
relativiert werden. Zum einen wird zutreffend darauf hingewiesen, dass auch Orga-
nisations- und Verfahrensnormen Ausdruck bestimmter Wertvorstellungen sind. Eine
Verfassung, die fuÈr die Gesetzgebung ein parlamentarisches Verfahren vorsieht, bringt
mit dieser ¹Spielregelª eine demokratische Wertordnung zur Geltung. 8 Zum anderen
ist eine voÈllige IdeologieneutralitaÈt von Verfassungen heutzutage ± anderes mag fuÈr
manche Verfassungen des 19. Jahrhunderts gegolten haben ± schon deshalb nicht
anzunehmen, weil Verfassungen bzw Verfassungsordnungen durchwegs einen Kata-
log von Grundrechten enthalten, die (definitionsgemaÈû) die AusuÈbung der Gesetzge-
bungs- und Vollziehungsbefugnisse an inhaltliche Schranken bzw Ziele binden. Schon
(bzw auch) insofern kann es also bei der GegenuÈberstellung, ob eine Verfassung nur
Spielregeln oder auch Wertnormen aufweist, nicht um ein Entweder-Oder, sondern
nur um ein Mehr oder Weniger gehen.
Diese Relativierungen aÈndern aber nichts daran, dass Verfassungen hinsichtlich
ihres ideologischen Gehalts nicht uÈber einen Leisten geschlagen werden koÈnnen.
Eine relevante Unterschiedlichkeit laÈsst sich insb dahin gehend ausmachen, ob
bzw in welchem Umfang und in welcher IntensitaÈt eine Verfassung soziale Grund-
rechte, Staatszielbestimmungen, Programmnormen und Gesetzgebungsauf-
traÈge statuiert. Wenngleich die Entwicklung der letzten Jahrzehnte diesbezuÈglich
eine konvergierende Tendenz aufweist ± kaum eine neu erlassene Verfassung kommt
mehr ohne diese Normtypen aus, aÈltere Verfassungen werden im Wege von Novellie-
rungen diesbezuÈglich ¹nachgeruÈstetª ±, ist ein Gleichstand im europaÈischen Verfas-
sungsvergleich damit noch lange nicht gegeben. So kommt das oÈst B-VG nach wie
vor ohne soziale Grundrechte oder auch nur eine ¹Sozialstaatsklauselª (wie in Art 20
Abs 1 dt GG) aus, die Wirkkraft der in letzter Zeit durch VerfassungsaÈnderungen ¹ein-

4 Vgl Loewenstein, 145 ff.


5 Vgl Koja, Allgemeine Staatslehre, Wien 1993, 115 ff; Adamovich/Funk/Holzinger, Staats-
recht I, Rz 01.028 ff.
6 Ihr ideologischer Gehalt entspricht dem eines Telefonbuchs (Loewenstein, 146).
7 Diese Verfassungen lesen sich eher wie politische Katechismen als wie Anweisungen zum
rationalen Betrieb des Regierungsverfahrens (Loewenstein, 147).
8 Adamovich/Funk/Holzinger, Staatsrecht I, Rz 01.028.
VIII. Normative, nominalistische und semantische Verfassungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103

gesickertenª Staatszielbestimmungen ist noch eher bescheiden. Die fr Vf ist ± jeden-


falls seitdem den in ihrer PraÈambel lediglich verwiesenen Menschenrechtskatalogen
normative Kraft zuerkannt wird (dh seit einer Grundsatzentscheidung des Conseil
Constitutionnel von 1971) ± zwar mehr als ¹ein duÈrres Organisationsstatut fuÈr die
obersten MachttraÈgerª, 9 eine die Gestaltung aller gesellschaftlichen Bereiche umfas-
sende Programmatik traÈgt sie aber nicht. Ideologisch karg, da die Sozialplanung nur
an geringe verfassungsrechtliche Vorgaben bindend sind die Verfassungen der nordi-
schen Staaten Finnland, DaÈnemark, Schweden und Norwegen. Umgekehrt betonen
die jungen Verfassungen der Reformstaaten Ost- und Ostmitteleuropas sehr stark die
wesentlichen Konstanten des politischen und wirtschaftlichen Systems (in Richtung
politischer PluralitaÈt und wirtschaftlichen Wettbewerbs), verankern aber auch sehr
deutlich ± durchaus noch in Reminiszenz an die vormalige sozialistische Tradition ±
eine relativ umfassende staatliche FuÈrsorgepflicht fuÈr das Wohlergehen ihrer BuÈrger.
Insofern koÈnnen daher die einen Verfassungen als staÈrker ¹utilitaÈreª, die anderen als
staÈrker ¹ideologisch-programmatischeª gelten.

VII. Konfessionelle und saÈkulare Verfassungen

Bei dieser hier in Vorschlag gebrachten Einteilung soll danach unterschieden werden,
ob eine Verfassung gegenuÈber allen Religionen NeutralitaÈt bzw Distanz wahrt (saÈku-
lare Verfassung) oder einer bestimmten Religion eine Vorzugsbehandlung einraÈumt
(konfessionelle Verfassung), sei es dass deren Lehren zur Maxime des Staatshandelns
gemacht werden oder ihr die Stellung einer Staatskirche eingeraÈumt wird. Den
meisten Verfassungen liegt ± teilweise ungeschrieben ± der erste Typus zugrunde. Aus-
druÈcklich und besonders deutlich ist der Trennungsgedanke etwa in der fr Vf veran-
kert, die das Prinzip des Laizismus bereits in ihrem ersten Artikel festschreibt; eine volle
¹NeutralitaÈtsprogrammatikª statuiert Art 14 russ Vf, wonach die Russische FoÈderation
ein weltlicher Staat ist, keine Religion sich zur Staatsreligion oder verbindlichen Reli-
gion herausbilden darf und die religioÈsen Vereinigungen vom Staat getrennt und vor
dem Gesetz gleich sind. Als konfessionelle Verfassung ist demgegenuÈber zB die unter
der Flagge des Katholizismus segelnde ir Vf anzusehen, die nicht nur eine einschlaÈgige
PraÈambel (samt ¹invocatio deiª) aufweist, sondern in ihrem Art 6 Abs 1 Gott als Quelle
aller Regierungsgewalt dem Volk vor- bzw uÈberordnet. Nach dem (wortreichen) Art 3
gr Vf ist vorherrschende Religion in Griechenland die der orthodoxen Kirche. GemaÈû
§ 4 daÈn Vf ist die evangelisch-lutherische Kirche die daÈnische Volkskirche und wird
als solche vom Staat unterstuÈtzt. Ebenso ist nach Art 2 norw Vf die evangelisch-lutheri-
sche Konfession die oÈffentliche Religion des Staates; die Einwohner, die sich zu ihr
bekennen, sind verpflichtet, ihre Kinder in derselben zu erziehen.

VIII. Normative, nominalistische und semantische Verfassungen

Ungebrochen hoher PopularitaÈt erfreut sich die von Loewenstein Mitte des vorigen
Jahrhunderts entwickelte sog ontologische Klassifikation in normative, nominalisti-
sche und semantische Verfassungen. 10 Statt sich mit der Substanz und dem Inhalt der

9 So noch Loewenstein, 146.


10 Vgl zum Folgenden Loewenstein, 151 ff.
104 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10. Kapitel: Die Klassifikation von Verfassungen

È ber-
Verfassungen zu beschaÈftigen, stellt die ontologische Analyse auf den Grad der U
einstimmung der Verfassungsnormen mit der Wirklichkeit des Machtprozesses ab.
Eine normative Verfassung ist demnach eine solche Grundordnung, deren
Normen den politischen Prozess beherrschen; oder, umgekehrt gesehen, der Macht-
prozess passt sich den Normen der Verfassung an und ordnet sich ihnen unter. Um
eine lebendige Verfassung zu sein, eine Verfassung also, die von MachttraÈgern und
Machtadressaten wirklich ¹gelebtª wird, bedarf sie eines ihrer Verwirklichung guÈnsti-
gen nationalen Klimas.
Wird in der Dynamik des politischen Prozesses hingegen nicht nach der ± formal-
rechtlich guÈltigen ± Verfassung verfahren, kann man diese als nominalistisch
bezeichnen. Diese Situation darf nicht mit der Erscheinung verwechselt werden, dass
sich die Verfassungspraxis vom Verfassungswortlaut unterscheidet. Was die nominali-
stische Verfassung ausmacht, ist, dass die gegebenen sozialen und wirtschaftlichen
Voraussetzungen ± etwa das Fehlen von politischer Erziehung und Schulung oder
das Nichtvorhandensein einer unabhaÈngigen Mittelklasse ± im gegenwaÈrtigen Zeit-
È bereinstimmung der Verfassungsnormen mit den Erforder-
punkt einer vollstaÈndigen U
nissen des Machtprozesses entgegenstehen. Die primaÈre Funktion der nominalisti-
schen Verfassung ist eine erzieherische; ihr Ziel ist, in der naÈheren oder ferneren
Zukunft in vollem Umfang normativ zu werden und die Dynamik des Machtprozesses
wirklich zu bestimmen, anstatt sich dieser Dynamik zu beugen.
Eine semantische Verfassung schlieûlich ist nichts anderes als die Formalisierung
der augenblicklich bestehenden politischen Machtsituation zum ausschlieûlichen Nut-
zen der faktischen Machtinhaber, die uÈber den staatlichen Zwangsapparat verfuÈgen.
Die Machtgestaltung ist im Interesse der faktischen Machtinhaber eingefroren, ein
freies Spiel der politischen KraÈfte ist ausgeschlossen. GaÈbe es uÈberhaupt keine for-
melle Verfassung, so wuÈrde der tatsaÈchliche Ablauf des Machtprozesses kein merklich
anderer sein.
Im europaÈischen Verfassungsvergleich herrschen mittlerweile weithin normative
Verfassungen vor. Die nominalistische Verfassung hat in solchen Staaten ihren natuÈrli-
chen Boden, bei denen der westliche demokratische Konstitutionalismus ohne vorher-
gehende geistige Inkubation oder politische Reifezeit in eine von langen Totalitaris-
men gepraÈgte Gesellschaftsordnung hineingepflanzt wurde. Beispiele sind Russland
und die Ukraine, aber auch Serbien und Moldawien.
11. Kapitel: Die Verfassungsrechtskreise
I. Allgemeines: Die Lehre von den Rechtskreisen

Literatur: Brand, Grundfragen der Rechtsvergleichung ± Ein Leitfaden fuÈr die Wahl-
fachpruÈfung, JuS 2003, 1082 (1088); Constantinesco, Rechtsvergleichung III ± Die
rechtsvergleichende Wissenschaft, KoÈln ua 1983, 73, 433; David/Grasmann, EinfuÈh-
rung in die groûen Rechtssysteme der Gegenwart2, MuÈnchen 1988, 46; Ebert, Rechts-
vergleichung, Bern 1978, 38; Grote, Rechtskreise im oÈffentlichen Recht, AoÈR 2001, 10;
MaÈnhardt/Posch, Internationales Privatrecht ± Privatrechtsvergleichung ± Einheitspri-
vatrecht2, Wien/New York 1999, 136; Rainer (Hrsg), EuropaÈisches Privatrecht. Die
Rechtsvergleichung, Frankfurt ua 2002, 43; Rheinstein, EinfuÈhrung in die Rechtsver-
gleichung2, MuÈnchen 1987, 77; Schnitzer, Vergleichende Rechtslehre I2, Basel 1961,
133; Zweigert/KoÈtz, EinfuÈhrung in die Rechtsvergleichung3, TuÈbingen 1996, 62.
Die in der Privatrechtsvergleichung seit langem gepflogene Lehre von den Rechts-
kreisen bzw Rechtsfamilien ± beide Begriffe werden uÈblicherweise synonym verwen-
det 1 ± verfolgt das Ziel, die Vielzahl der Rechtsordnungen der Welt in relativ
wenige groûe Gruppen (Rechtskreise, Rechtsfamilien) einzuteilen. Derartige Klas-
sifikationsversuche wurden und werden aus mehreren Gru È nden betrieben: Wie
auch andere Wissenschaften zur Gruppierung neigen, um die Orientierung zu erleich-
tern ± man denke an die StaÈmme der Botanik und Zoologie, die Wirtschaftstypen in
der Wirtschaftswissenschaft oder die Sprachfamilien in der Sprachwissenschaft ±, ent-
sprechen sie einem intellektuellen GrundbeduÈrfnis nach einer Kategorisierung und
Systematisierung verschiedenfaÈltiger und komplexer PhaÈnomene. Indem die verwor-
rene und unuÈbersichtliche Vielfalt der bestehenden Rechtsordnungen auf einige
wenige Grundtypen zuruÈckgefuÈhrt wird, die sich jeweils durch bestimmte wesentliche
Strukturmerkmale auszeichnen, wird gleichsam eine geistige Flurbereinigung erzielt;
das unuÈberschaubare Weltlabyrinth des Rechts verwandelt sich in eine uÈberschaubare
Ordnung, in der sich der Einzelne zu orientieren vermag. Neben dieser Ordnungs-
funktion soll die Identifizierung strukturtypischer Merkmale, die bestimmten Rechts-
ordnungen gemeinsam sind und sie von anderen Rechtssystemen abheben, zu einer
schaÈrferen Durchdringung des Rechts und einer umfassenderen Kenntnis der Rechts-
wirklichkeit beitragen. Schlieûlich wird der Versuch, durch Systematisierung von
Rechtsordnungen und Aufteilung in Rechtskreise eine ¹juristische Weltkarteª zu erstel-
len, auch als eine der wesentlichen Aufgaben oder gar als eigentliches Ziel der Rechts-
vergleichung gesehen. 2
Die Grundfrage aller Klassifikationsversuche besteht darin, nach welchen Krite-
rien eine Gruppierung erfolgen soll. Ein allgemeiner Konsens konnte bis heute nicht
erzielt werden. 3 Bei einer vergroÈbernden Typik laÈsst sich feststellen, dass die aÈlteren
(dh teilweise bis in das ausgehende 19. Jahrhundert zuruÈckreichenden) Rechtskreis-

1 Anders aber Constantinesco III, 74 ff, der die Rechtsfamilie als Zwischenkategorie zwi-
schen Rechtsordnung und Rechtskreis qualifiziert.
2 Vgl aÈhnlich zusammenfassend Brand, JuS 2003, 1088; Grote, AoÈR 2001, 11 f; ferner Con-
stantinesco III, 462 ff.
3 Ein instruktiver U È berblick uÈber bisherige Rechtskreislehren findet sich bei MaÈnhardt/
Posch, 137 ff; eine umfassende Darstellung bietet Constantinesco III, 82 ff.
106 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11. Kapitel: Die Verfassungsrechtskreise

lehren sich staÈrker an aÈuûeren, formalen bzw genetischen Kriterien orientieren und
uÈberwiegend auf ein einzelnes, bestimmtes Merkmal abstellen. Als konstitutive Krite-
rien wurden in diversen Rechtskreislehren unter anderem der Einfluss des roÈmischen
Rechts, der vorherrschende Rechtsquellentypus, die Sprachverwandtschaft, die geo-
graphische Nahebeziehung, die gemeinsame Geschichte und sogar die Rasse (!) vor-
geschlagen.
Die juÈ ngeren Rechtskreislehren sind demgegenuÈber staÈrker von rechtsinhalt-
lichen und rechtsstrukturellen Einteilungskriterien sowie von der UÈ berlegung domi-
niert, dass erst eine Mehrzahl von zusammenspielenden Faktoren eine ausreichende
Unterscheidungskraft entwickeln kann. Arminjon/Nolde/Wolff waren der Auffassung,
dass man die Einteilung der modernen Rechtssysteme unabhaÈngig von aÈuûerlichen
geographischen, rassischen oder aÈhnlichen Faktoren vorzunehmen habe. Ohne uÈber
ihre Klassifikationskriterien ausreichend Auskunft zu geben ± im Kern soll offenbar
entscheidend sein, dass gewisse LaÈnder die ZivilgesetzbuÈcher anderer Staaten uÈber-
nommen haben ±, gelangen sie zu der ± weithin als gelungen empfundenen ± Teilung
der Welt in sieben Rechtskreise: franzoÈsischer, germanischer, skandinavischer, eng-
lischer, russischer, islamischer und hinduistischer Rechtskreis. 4
Zweigert und KoÈtz, deren Rechtskreislehre sich als sehr einflussreich erweisen
sollte, versuchen, die Gruppierung in Rechtskreise und die Zuweisung einzelner
Rechtsordnungen an diese Rechtskreise nach den entscheidenden Stilelementen
vorzunehmen. Hiebei unterscheiden sie fuÈnf stilpraÈgende Faktoren: die historische
Herkunft und Entwicklung einer Rechtsordnung; eine in ihr vorherrschende spezifi-
sche juristische Denkweise; besonders kennzeichnende Rechtsinstitute; die Art der
Rechtsquellen und ihre Auslegung; ideologische Faktoren. Im Ergebnis weichen sie,
eingestandenermaûen, nicht allzu weit von der Einteilung von Arminjon/Nolde/Wolff
ab. In der juÈngsten Version ihrer Klassifizierung unterscheiden sie acht Rechtskreise:
romanischer, deutscher, nordischer, anglo-amerikanischer, chinesisches Recht, japani-
sches Recht, islamisches Recht, Hindu-Recht. 5
Gegen alle Versuche, die Rechtsordnungen der Welt auf die eine oder andere
Weise in Gruppen miteinander verwandter Rechtsordnungen einzuteilen, wurden ver-
schiedene EinwaÈnde erhoben. So wurde etwa vorgebracht, dass man ± anstelle sich
an den aÈuûeren und inneren Merkmalen des Rechts zu orientieren ± danach fragen
muÈsse, ob in verschiedenen LaÈndern die gleiche Rechtskultur bestehe, also das Ver-
haÈltnis des BuÈrgers zum Recht durch die gleichen Verhaltensmuster, Erwartungen
und Wertungen gepraÈgt werde oder nicht. Freilich geht dieser Einwand insofern fehl,
als ± so legitim die genannte Fragestellung sein mag ± damit andere Wissenschafts-
disziplinen als die (Vergleichende) Jurisprudenz angesprochen sind. 6 Weitere Kritik-
punkte gehen dahin, dass die traditionellen Rechtskreislehren von einer euro- bzw
amerikazentristischen Betrachtungsweise gepraÈgt seien und dergestalt ¹ferneª Rechts-
ordnungen ± insb auch das dort stattfindende Zusammenspiel von rezipiertem Recht
und autochthonen Rechtskulturen ± nicht adaÈquat erfassten. Auch beruÈcksichtigten
sie nicht die PhaÈnomene der Transnationalisierung bzw uÈbertuÈnchten sie unverkenn-

4 Vgl Arminjon/Nolde/Wolff, Traite de droit compare I, Paris 1950, 42 ff.


5 Vgl Zweigert/KoÈtz, 67 ff.
6 Vgl Zweigert/KoÈtz, 66.
I. Allgemeines: Die Lehre von den Rechtskreisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107

bare Gemeinsamkeiten zwischen den Rechtskreisen, die insb durch den Konvergenz-
druck des europaÈischen Gemeinschaftsrechts entstuÈnden. 7 Selbstredend wurde gegen
jedes bislang vorgeschlagene Unterscheidungskriterium fuÈr die Bildung von Rechts-
kreisen Zweifel angemeldet und die Frage gestellt, ob damit wirklich das Kernelement
fuÈr eine sinnvolle und uÈberzeugende Distinktion von Rechtsordnungen gefunden sei. 8
Die vordem angesprochenen EinwaÈnde koÈnnen insofern auf einen gemeinsamen
Nenner gebracht werden bzw kann ihnen ± ohne uÈber ihre Berechtigung im Einzelfall
urteilen zu wollen ± entgegengehalten werden, dass jede Einteilung von Rechtsord-
nungen in Rechtskreise als typologische Klassifikation a priori eine lediglich ver-
groÈ bernde (um nicht zu sagen: grobkoÈrnige) und in mehrfacher Weise relative
Gruppierung sein kann; Anschaulichkeit wird durch eine gewisse Ungenauigkeit im
Einzelfall erkauft. Darauf hinzuweisen ist, dass Rechtskreislehren sich uÈblicher Weise
nicht als luÈ ckenloses System iS einer vollstaÈndigen Aufteilung aller Rechtsordnun-
gen auf einige wenige Gruppen verstehen. Es ist anerkannt, dass ± nach welchem(n)
Merkmal(en) auch immer die Gruppen eingeteilt werden ± es Rechtsordnungen gibt,
die auch bei bestem BemuÈhen nicht stimmig einem bestimmten Rechtskreis zugeord-
net werden koÈnnen, sondern zwischen zwei Rechtskreisen oszillieren; man spricht
von hybriden Rechtsordnungen. 9
Auch abgesehen von diesen ¹Ausreiûernª sind ± einmal in der Wissenschaft gebil-
dete ± Rechtskreise nicht unverruÈckbar. Rechtskreise sind zum einen zeitlich nicht
fuÈr alle Ewigkeit festgeschrieben. Politische, wirtschaftliche und soziale VeraÈnderun-
gen in einem Land, die auf die Rechtsordnung durchschlagen, koÈnnen ± sprunghaft
oder im Wege einer langsamen Evolution ± dazu fuÈhren, dass sich das betreffende
Land aus der Zurechnung zu einem bestimmten Rechtskreis loÈst und stattdessen in
eine andere Staatengruppe eingeordnet werden muss. Auf diese Weise kann sich
durch die ZeitlaÈufe nicht bloû die Zuordnung einzelner Staaten zu bestimmten Rechts-
kreisen verschieben, sondern koÈnnen ± wie mit dem sozialistischen Rechtskreis nach
1989 geschehen ± ganze Rechtskreise verschwinden oder auch neue entstehen. FuÈr
die Lehre von den Rechtskreisen gilt also ± wie Zweigert und KoÈtz dies formuliert
haben ± der Grundsatz der zeitlichen RelativitaÈt. 10
Zum anderen muss man sich vergegenwaÈrtigen, dass die bisherigen Rechtskreis-
lehren ± soweit ersichtlich ± ausschlieûlich von Privatrechtsvergleichern entwickelt
worden sind, uzw fast stets so, als ob alles Recht ausschlieûlich aus Privatrecht
bestuÈnde. DemgemaÈû waren die fuÈr die Einteilung der Rechtsordnungen in Rechts-
kreise ausgewaÈhlten Kriterien allein oder deutlich uÈberwiegend an den Spezifika des
Privatrechts ausgerichtet. Dass die Anlegung dieser Parameter auf andere Rechtsge-
biete automatisch zu sachangemessenen Ergebnissen fuÈhrt, steht nicht von vornherein
zu vermuten. Vielmehr sollte es einsichtig sein, dass die Bildung von Rechtskreisen
gesondert fu È r jedes Rechtsgebiet nach dessen je eigentuÈmlichen Besonderheiten

7 S naÈher Brand, JuS 2003, 1090.


8 S nur paradigmatisch Constantinesco III, 82 ff.
9 Vgl MaÈnhardt/Posch, 147 ff; David/Grasmann, 49; Zweigert/KoÈtz, 72; Brand, JuS 2003,
1088.
10 Vgl Zweigert/KoÈtz, 64 ff; ferner Constantinesco III, 479 ff und 521 f; MaÈnhardt/Posch, 136;
auch David/Grasmann, 49 f; Schnitzer I, 141 f.
108 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11. Kapitel: Die Verfassungsrechtskreise

und daraus abzuleitenden Bestimmungskriterien erfolgen muss. 11 DemgemaÈû muÈss-


ten Privatrechtskreise, Verfassungsrechtskreise, Verwaltungsrechtskreise, Strafrechts-
kreise, Arbeitsrechtskreise, Sozialrechtskreise usw entwickelt werden, die untereinan-
der ± was die Benennung, aber natuÈrlich auch die LaÈnderverteilung anbelangt ± mit
einiger Wahrscheinlichkeit teils kongruent, teils inkongruent sein duÈrften. Auf die
Situation eines einzelnen Landes heruntergebrochen bedeutet dies, dass es leicht moÈg-
lich ist, dass in derselben Rechtsordnung das Privatrecht dem einen (etwa: ¹germani-
schenª) Rechtskreis, das Verfassungsrecht einem anderen (etwa: ¹mittelosteuropaÈi-
schenª) Rechtskreis zuzuordnen ist (bzw genauer gesagt ist dies insofern schon auto-
matisch der Fall, als die Rechtskreise autonom nach Materien getrennt gebildet wer-
den und die Zuordnung zu einem bestimmten Privatrechtskreis schon von daher nicht
mit der Zuordnung zu einem Verfassungsrechtskreis zusammenfallen kann). Dies zeigt
die hoÈchst relative Richtigkeit einer jeden Gruppierung von Rechtsordnungen. FuÈr die
Lehre von den Rechtskreisen gilt also ferner ± auch dies ein Begriff von Zweigert und
KoÈtz ± der Grundsatz der materiebezogenen RelativitaÈt. 12

II. Verfassungsrechtskreise: Versuch einer Einteilung

A. Vorbemerkungen: Terminologie und geographischer Rahmen

Entsprechend den vorstehend angestellten U È berlegungen soll im Folgenden ± soweit


ersichtlich, erstmals im deutschen Sprachraum ± der Versuch einer auf die spezifischen
Besonderheiten des Verfassungsrechts abgestellten Einteilung der Einzelverfassungs-
ordnungen in Verfassungsrechtskreise gewagt werden. Diesem Unterfangen seien fol-
gende zwei Bemerkungen vorausgeschickt: Zum einen wird hier terminologisch von
¹Verfassungsrechtskreisenª gesprochen. Gegen eine synonyme Verwendung des
Begriffs ¹Verfassungsfamilieª besteht kein prinzipieller Einwand. Letztgenannter Ter-
minus impliziert staÈrker eine genetisch-historische Verwandtschaft zwischen Verfas-
sungen iSv linearen RezeptionsvorgaÈngen; es schimmert die Vorstellung von ¹Mutter-
verfassungenª und ¹Tochterverfassungenª durch. 13 Derartige PhaÈnomene koÈnnen
zwar ± etwa im VerhaÈltnis von rum Vf zu mold Vf ± beobachtet werden, uÈberwiegend
stellen sich Verfassungen aber als mixtum compositum aus inlaÈndischen Verfassungs-
traditionen, mehreren auslaÈndischen Verfassungsvorbildern und genuinen NeuschoÈp-
fungen dar. Insofern traÈgt der Begriff Verfassungsfamilie die Gefahr einer unzulaÈssigen
Vereinfachung von RezeptionsvorgaÈngen in sich; auch wird etwas die (Kern-)Frage
uÈberdeckt, welche ± rechtsinhaltlichen ± Kriterien fuÈr die Bildung einer bestimmten
Gruppe von Verfassungen eigentlich bestimmend sind. Aus den genannten GruÈnden

11 In diese Richtung David/Grasmann, 47 f; Zweigert/KoÈtz, 64; Arminjon/Nolde/Wolff,


Traite I, 47; Trantas, Die Anwendung der Rechtsvergleichung bei der Untersuchung des oÈffent-
lichen Rechts, Dresden/MuÈnchen 1998, 71 f; Gamper, Die Regionen mit Gesetzgebungshoheit.
Eine rechtsvergleichende Untersuchung zu FoÈderalismus und Regionalismus in Europa, Frank-
furt ua 2004, 7; aM jedoch Constantinesco III, 160 ff.
12 Vgl Zweigert/KoÈtz, 64, die zudem aufzeigen, dass in einem konkreten Land selbst im Rah-
men ein und derselben Rechtsmaterie ± des Privatrechts ± sich oft noch weitere Untergebiete bil-
den lassen (so koÈnnen zB das Familien- und Erbrecht einerseits und das VermoÈgensrecht ande-
rerseits von unterschiedlichen Rechtsvorstellungen gepraÈgt sein).
13 So bei Loewenstein, Verfassungslehre2, TuÈbingen 1969, 145.
II. Verfassungsrechtskreise: Versuch einer Einteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109

wird daher hier dem neutraleren Terminus Verfassungsrechtskreis der Vorzug gege-
ben.
Zum zweiten beschraÈnkt sich der nachstehende Klassifikationsversuch ±
getreu der Anlage dieses Buches ± auf die Verfassungen Europas (sowie die Vf-
USA). Eine Einteilung aller Verfassungen der Welt muÈsste zweckmaÈûigerweise wohl
auf einer doppelstoÈckigen Klassifikation aufbauen. Auf der oberen Stufe waÈre eine
Kategorisierung der Staaten entsprechend den beiden anzutreffenden grundlegenden
Verfassungstypen in solche mit demokratischer Verfassung und solche mit undemo-
kratischer bzw autoritaÈrer Verfassung vorzunehmen. Der demokratische Verfassungs-
typus ist hiebei durch die Parameter demokratisch-parlamentarisches System (mit der
echten Chance auf einen Regierungswechsel), Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit
und (effektiver) Schutz der Menschenrechte gekennzeichnet (dass diesem VerstaÈndnis
ein bestimmtes ± naÈmlich ¹westlich-liberalesª ± Wertesystem zugrunde liegt, wird nicht
verkannt). Innerhalb jedes der beiden Verfassungstypen waÈren dann ± gleichsam als
Unterkategorie ± die einzelnen Verfassungsrechtskreise zu definieren. FuÈr den unde-
mokratischen Verfassungstypus koÈnnte annaÈherungsweise, je nach ideologischer bzw
religioÈser Ausrichtung einer Verfassung, eine Dreiteilung in einen sozialistischen,
einen islamischen und einen schlicht pragmatisch-autoritaÈren (Verfassung dient nur
dem Machterhalt einer bestimmten Person oder Gruppe) Verfassungsrechtskreis erwo-
gen werden. Mehr als uÈberlegenswert waÈre es ferner, neben dem demokratischen und
dem undemokratischen Verfassungstypus noch eine dritte Oberkategorie, naÈmlich
jene des demokratischen Schwellenlandes, zu bilden.

B. Die ungeeigneten Klassifikationskriterien

Die ± im Folgenden zu leistende ± Herausarbeitung von Verfassungsrechtskreisen


innerhalb des demokratischen Verfassungstypus europaÈisch-nordamerikanischer PraÈ-
gung muss von der Einsicht ausgehen, dass die Verwandtschaft von Rechtsordnungen
ausschlieûlich auf der A È hnlichkeit ihrer charakteristischen, dh ihrer wesent-
lichen Strukturelemente beruht; nicht jedes unbedeutende Detail, nicht jeder im
Grunde marginale Wesenszug ist schon in der Lage, zum kategoriestiftenden Merkmal
eines Verfassungsrechtskreises zu werden. Welche Unterschiede oder Eigenheiten
derart wichtig oder wesentlich sind, dass sie zum Konstituens eines ganzen Verfas-
sungsrechtskreises erhoben werden koÈnnen, wird sich freilich nie zwingend erweisen
lassen. Ein Indiz fuÈr die ¹Wichtigkeitª einer Eigenheit sollte es sein, ¹wenn die Queck-
silbersaÈule des Sichwunderns bei einem Rechtsvergleicher, der einem anderen System
entstammt, hohe Grade erreichtª. 14
Es duÈrfte sinnvoll und zielfuÈhrend sein, zunaÈchst im Wege einer Eliminations-
methode jene Kriterien auszuscheiden, die keinesfalls geeignet erscheinen als
Distinktionsmerkmal fuÈr die Gruppierung von Verfassungsordnungen herzuhalten.
Untauglich ist danach die Sprachverwandtschaft. Die gemeinsame Sprache ist kein
Bestimmungsfaktor fuÈr verfassungsrechtliche AÈ hnlichkeit, wie etwa schon die voÈllig
unterschiedlichen Verfassungssysteme Groûbritanniens und der USA erweisen. In aÈhn-

14 So die plastische Formulierung von Zweigert/KoÈtz, EinfuÈhrung in die Rechtsverglei-


chung3, TuÈbingen 1996, 67.
110 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11. Kapitel: Die Verfassungsrechtskreise

licher Weise scheiden vergleichbare aÈuûere Faktoren wie die gemeinsame allgemeine
Geschichte oder die geographische NaÈhe als solche ± von der ¹Rasseª soll hier gar
nicht die Rede sein ± aus. Nicht zielfuÈhrend ist ferner auch, wie oben unter A. schon
erwaÈhnt, eine Gruppenbildung nach dem genetischen Modell von ¹Mutterverfassungª
und ¹Tochterverfassungenª. Eine solche Kategorisierung waÈre nur dann denkbar,
wenn sich tatsaÈchlich nachweisen lieûe, dass die Verfassungen mehrerer LaÈnder prak-
tisch vollstaÈndig von ein und derselben ¹Ursprungsverfassungª abgeschrieben worden
sind. Im U È brigen wuÈsste man auch in einem solchen Fall noch nicht, welche konkre-
ten Merkmale diese Verfassungen von anderen Verfassungen abheben. Nicht weiter
hilft schlieûlich auch der Rekurs auf ideologische Faktoren. Das hinter der Bildung
des demokratischen Verfassungstypus (als Oberkategorie) stehende Menschenbild ±
gekennzeichnet von Liberalismus, PluralitaÈt, Toleranz und Achtung der Menschen-
wuÈrde ± ist bereits fuÈr die Verfassungen Europas und die Vf-USA insgesamt praÈgend
und daher insofern schon ¹aufgebrauchtª. Feinere Distinktionen wie eine (verfas-
sungsrechtlich) staÈrker oder schwaÈcher ausgepraÈgte Sozialstaatlichkeit oder die (der
Grad an) SaÈkularitaÈt einer Verfassung (s dazu 10. Kap, VII.) sind wohl nicht hinrei-
chend bestimmend, um danach ganze Verfassungsrechtskreise bilden zu koÈnnen.
Das Gesagte muÈndet in die Erkenntnis, dass wohl nur rechtsinhaltliche und
rechtsstrukturelle Faktoren eine fuÈr die Gruppierung von Verfassungen in Verfas-
sungsrechtskreise ausreichende Distinktionskraft aufweisen koÈnnen. Freilich scheiden
derartige abstrakte Rechtsstrukturen wie demokratisch-parlamentarisches System,
Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und Schutz der Menschenrechte als Unterschei-
dungsmerkmale sogleich wieder aus, da sie allen Verfassungen Europas und der Vf-
USA ± maW: dem demokratischen Verfassungstypus ± (im Wesentlichen) gleicher-
maûen immanent sind (s dazu schon oben A.).
Die Suche muss also bei anderen Merkmalen ansetzen. Ein grundlegendes Struk-
turmerkmal sind die Rechtsquellen des Verfassungsrechts. Der Versuch einer Kate-
gorisierung nach diesem Kriterium fuÈhrt indes wieder zur Teilung in geschriebene und
ungeschriebene Verfassungen zuruÈck (s dazu schon 10. Kap, I.) und bleibt, ebenso
wie dort, kraft der heute nahezu durchgaÈngigen UbiquitaÈt einer geschriebenen und
normenhierarchisch von der uÈbrigen Rechtsordnung abgehobenen Verfassung un-
ergiebig. Es sei jedoch in Erinnerung gerufen, dass Groûbritannien als einziger Ver-
gleichsstaat uÈber keine zentrale Verfassungsurkunde, ja nicht einmal uÈber formelles
Verfassungsrecht verfuÈgt. Die brit Vf wird groûteils durch die in Verfassungskonventio-
nalregeln verdichtete, jederzeit wandelbare Verfassungspraxis gestaltet und kann
durch einfaches Gesetzesrecht geaÈndert werden (s naÈher schon 5. Kap, Exkurs). Die-
ser, das ¹Wesenª einer Verfassung fundamental beruÈhrende Umstand hebt die brit Vf
von allen anderen hier betrachteten Verfassungen grundlegend ab; er separiert sie
von diesen. Die brit Vf verschlieût sich daher ± mindestens im Vergleichsmaûstab
Europas ± einer Einordnung in einen wie auch immer gebildeten Verfassungsrechts-
kreis; sie muss als Verfassung sui generis eingestuft werden. Hingewiesen sei ferner
± dies als Vorgriff auf das unter C. zu behandelnde Thema ± auch darauf, dass Groû-
britannien auf Grund des jahrhundertealten Dogmas der ParlamentssouveraÈnitaÈt heute
einer der ganz wenigen europaÈischen Staaten ist, der nach wie vor ohne (diffuse oder
konzentrierte) Verfassungsgerichtsbarkeit auskommt. Dies ist ± neben dem gaÈnzlich
unterschiedlichen Rechtsquellensystem ± ein weiterer Grund dafuÈr, dass Groûbritan-
nien verfassungsrechtlich in Europa ein SolitaÈr ist und daruÈber hinaus auch nicht mit
II. Verfassungsrechtskreise: Versuch einer Einteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111

den USA etwa zu einem anglo-amerikanischen Verfassungsrechtskreis verbunden wer-


den kann.
Ein anderes, hier aufzugreifendes Merkmal koÈnnte die bundesstaatliche oder
einheitsstaatliche Verfassungsorganisation sein. Eine derartige Zweiteilung ist
jedoch insofern wenig ergiebig, als es nur wenige ¹echteª Bundesstaaten gibt
(USA, Schweiz, Deutschland, O È sterreich, Belgien, Russland). Zudem unterliegt in meh-
reren dieser Staaten das foÈderative Prinzip einer fortschreitenden AushoÈhlung, waÈh-
rend umgekehrt in nicht wenigen ¹klassischenª Einheitsstaaten (zB Groûbritannien
und Frankreich) starke Dezentralisierungstendenzen unuÈbersehbar sind. Auch darf
nicht unbeachtet gelassen werden, dass bei Anlegung des fraglichen Kriteriums als
(Haupt-)Parameter fuÈr die Bildung von Verfassungsrechtskreisen etwa Tschechien
und Frankreich sowie die Schweiz und Russland jeweils in eine Gruppe fielen, was
dem so unterschiedlichen Gesamtbild der genannten Verfassungsordnungen kaum
entspraÈche. Der Ansatz soll daher nicht weiter verfolgt werden.
È berlegt werden koÈnnte weiters eine Unterscheidung danach, ob eine Verfassung
U
eine republikanische oder eine monarchische Organisation der Staatsspitze
aufweist. Freilich bedeutet das monarchische Prinzip ± bekanntlich nicht mit einer
demokratischen Staatsorganisation zu verwechseln bzw mit einer solchen voll kompa-
tibel ± heutzutage keinen ¹kompetenziellen Mehrwertª gegenuÈber einem gewaÈhlten
StaatspraÈsidenten, oder andersherum formuliert: ein Monarch hat mitunter (bzw sogar:
in der Regel) weniger ¹Machtª als ein republikanisches Staatsoberhaupt. Insofern redu-
ziert sich die angedachte Zweiteilung auf eine unterschiedliche Bestellweise der
Staatsspitze und wird damit kein derart wesentliches Strukturelement einer Verfas-
sungsordnung angesprochen, dass darauf eine Distinktion ganzer Verfassungsrechts-
kreise gegruÈndet werden koÈnnte.
Anders als beim zuletzt genannten Kriterium ist eine Einteilung von Verfassungen
in Gruppen nach dem Merkmal des von ihnen jeweils aufgerichteten Regierungs-
systems, also des Beziehungsdreiecks zwischen Parlament, Regierung und Staats-
oberhaupt, nicht von vornherein von der Hand zu weisen. Dass mit dieser Systement-
scheidung bezuÈglich der Mechanik des MachtausuÈbungsprozesses eine das ¹Gesamt-
hafteª einer Verfassung ansprechende Frage aufgeworfen ist, kann schwerlich geleug-
net werden. Auch bringt eine derartige Kategorisierung tatsaÈchlich eine Mehrzahl von
Gruppen hervor. Es koÈnnte danach eine Dreiteilung demokratischer Verfassungen in
solche mit PraÈsidialsystem, parlamentarischem System oder parlamentarisch-praÈsiden-
tiellem Mischsystem vorgenommen werden; Verfassungen mit Direktorialsystem bzw
System einer Ausschussregierung koÈnnten noch eine vierte Kategorie abgeben, man-
gels BeispielsfaÈllen ± einzige Ausnahme: Schweiz ± kaÈme dies derzeit allerdings nicht
in Betracht (im U È brigen hat aber auch das US-amerikanische PraÈsidialsystem in Europa
keine unmittelbare Nachahmung erfahren, sodass als praktisch relevante Kategorien
nur zwei ± parlamentarisches System und parlamentarisch-praÈsidentielles Mischsystem
± uÈbrig blieben). Von einer Klassifizierung der skizzierten Art soll hier dennoch
Abstand genommen werden. 15 Eine adaÈquate Erfassung der Regierungssysteme setzt
naÈmlich in einem uÈbergroûen Ausmaû eine BeruÈcksichtigung und WuÈrdigung auûer-
rechtlicher Faktoren, wie etwa des real existierenden Parteiensystems oder des Amts-

15 Vgl auch Loewenstein, Verfassungslehre 143.


112 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11. Kapitel: Die Verfassungsrechtskreise

verstaÈndnisses der einzelnen MachttraÈger, voraus. Eine Klassifikation der Regierungs-


systeme ist daher ± jedenfalls wenn diese zum Angelpunkt einer Gesamtklassifizierung
von Verfassungen genommen werden soll ± bei der Schwesterdisziplin der Verglei-
chenden Regierungslehre (s zu dieser schon 4. Kap, I.) besser aufgehoben. 16 Freilich
ist dies eine Grenzfrage. Mancher mag in der Analyse der Regierungssysteme bereits
den SchluÈssel fuÈr die Bildung von Verfassungsrechtskreisen finden. Es zeigt sich hierin
manifest die RelativitaÈt jeglicher Rechtskreisbildung. Jede Einteilung ist stark vom
Blickwinkel des einzelnen Forschers, von dessen wissenschaftlichen und/oder didak-
tischen Absichten gepraÈgt. Der Wert jeder Einteilung ergibt sich aus ihrem heuristi-
schen Ergebnis, aus dem Maû, in dem sie die Erkenntnis foÈrdert. 17

C. Das zentrale Klassifikationskriterium: Die Verfassungsgerichtsbarkeit

In dem soeben angesprochenen Sinn soll hier als entscheidendes Kriterium fuÈr die
Bildung von Verfassungsrechtskreisen die Funktion des Hu È ters der Verfassung in
Vorschlag gebracht werden. Es soll danach unterschieden werden, wem ± dh welchem
Organ ± die Aufgabe zufaÈllt, uÈber die Einhaltung der Verfassung zu wachen, und wie
weitreichend die einschlaÈgigen Kontrollkompetenzen sind. Mit der verfassungsschuÈt-
zenden Funktion verbindet sich das Momentum der Interpretationshoheit. Demje-
nigen Organ, dem es aufgegeben ist, die Verfassung letztverbindlich auszulegen,
kommt insofern eine (entscheidende) ¹Gestaltungsmachtª zu. Verfassungsnormen
sind dergestalt von allen Verfassungsakteuren und Rechtsunterworfenen in dem Sinn
zu verstehen, den ihnen das verfassungsschuÈtzende Organ im Wege der Interpretation
beigelegt hat. Je nach Kompetenzausstattung kann dieses daher das in einem Staat
herrschende VerfassungsverstaÈndnis insgesamt und dessen Fortentwicklung mehr
oder weniger weitgehend praÈgen.
Angesprochen ist damit die Einrichtung der Verfassungsgerichtsbarkeit. Diese
beruht auf dem Gedanken der verbindlichen Entscheidung verfassungsrechtlicher
Streitigkeiten durch eine gerichtliche Instanz. Den Kern der verfassungsgerichtlichen
Funktionen bildet die Normenkontrolle. Darunter ist die U È berpruÈfung genereller
Rechtsnormen auf ihre U È bereinstimmung mit uÈbergeordneten generellen Normen zu
verstehen, insb die UÈ berpruÈfung der VerfassungsmaÈûigkeit von Gesetzen; als verfas-
sungswidrig erkannte Gesetze werden hiebei entweder fuÈr nicht anwendbar erklaÈrt
oder formell aufgehoben. Untersucht man die verschiedenen Rechtsordnungen, die
eine Normenkontrolle vorsehen, auf die dafuÈr zustaÈndigen Organe hin, ergeben sich
nach landlaÈufiger Klassifikation und Terminologie zwei groûe Modelle der gericht-
lichen Normenkontrolle: zum einen das ¹diffuseª System der Normenkontrolle, bei
dem alle ordentlichen Gerichte befugt sind, die VerfassungsmaÈûigkeit von Gesetzen
aus Anlass eines bei ihnen anhaÈngigen Verfahrens zu pruÈfen; zum anderen das ¹kon-
zentrierteª System der Normenkontrolle, bei dem das PruÈfungsrecht einem einzigen,

16 Vgl etwa die entsprechende Klassifikation bei Brunner, Vergleichende Regierungslehre I,


Paderborn ua 1979, 259 ff.
17 Schnitzer, Vergleichende Rechtslehre I2, Basel 1961, 138, hat diese Einsicht in folgendes,
anschauliches Beispiel gefasst: Man kann Pflanzen danach einteilen, ob sie essbar oder nicht ess-
bar sind, ob sie riechen oder nicht, oder auch, wie LinneÂ, nach der Zahl der StaubfaÈden. Vgl
auch Zweigert/KoÈtz, Rechtsvergleichung 72 f.
II. Verfassungsrechtskreise: Versuch einer Einteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113

spezialisierten und institutionell verselbststaÈndigten Gericht uÈbertragen ist (s hiezu


auch 12. Kap, I.A.).
Das diffuse System der Normenkontrolle wird haÈufig auch als das ¹amerikani-
scheª bezeichnet, da es sich zum ersten Mal in den USA herausgebildet hat. Konkret
geht es auf das beruÈhmte Urteil des Supreme Court in der Sache Marbury vs Madison
aus dem Jahre 1803 zuruÈck, in dem das amerikanische HoÈchstgericht ± obwohl die
Vf-USA ihm eine solche Kompetenz nicht ausdruÈcklich einraÈumte ± fuÈr sich das Recht
beanspruchte, Bundesgesetze auf ihre Vereinbarkeit mit der Verfassung zu uÈberpruÈfen
und gegebenenfalls unangewendet zu lassen (s hiezu auch 12. Kap, I.C.). In Europa
konnte sich das diffuse ± bzw amerikanische ± System der Normenkontrolle im
Gefolge vor allem im skandinavischen Raum durchsetzen. Heute ist es im Wesent-
lichen (Ausnahme: Irland) geographisch auf diesen Raum beschraÈnkt (s hiezu auch
12. Kap, I.C.). Das Gesagte spricht nun insgesamt dafuÈr, die Staaten mit diffuser Nor-
menkontrolle zu einem amerikanisch-skandinavischen Verfassungsrechtskreis
zusammenzufassen. Betont werden soll an dieser Stelle noch, dass die diffuse Nor-
menkontrolle insofern eine ¹reduzierteª Verfassungsgerichtsbarkeit darstellt, als mit
ihr im Regelfall keine weiteren verfassungsschuÈtzenden Kompetenzen ± wie etwa die
Entscheidung uÈber Verfassungsbeschwerden von Einzelpersonen wegen behaupteter
Grundrechtsverletzungen durch bestimmte Staatsakte oder die Schlichtung verfas-
sungsrechtlicher Kompetenzstreitigkeiten zwischen bestimmten Staatsorganen ± ver-
bunden sind.
Den Prototyp des konzentrierten Systems der Normenkontrolle schuf das oÈst
B-VG aus 1920, das die Errichtung eines Verfassungsgerichtshofes vorsah, welchem ±
neben der Kompetenz zur Entscheidung einer Reihe weiterer verfassungsrechtlicher
Streitigkeiten ± die ausschlieûliche ZustaÈndigkeit zur PruÈfung der Vereinbarkeit von
Gesetzen mit der Verfassung zuerkannt wurde. Nach 1945 hat das ¹oÈsterreichischeª
Modell einer konzentrierten Verfassungsgerichtsbarkeit in mehreren Ausbreitungs-
wellen fast alle Staaten des europaÈischen Kontinents ergriffen, es ist fast so etwas wie
gemeineuropaÈischer Standard geworden (s naÈher 12. Kap, I.D.). Insofern koÈnnte
man ± wenn man die geographische UnschaÈrfe, dass die (von der diffusen Normen-
kontrolle gepraÈgten) skandinavischen LaÈnder mit dem europaÈischen Festland nicht
unverbunden sind, nachsieht ± von einem kontinentaleuropaÈischen Verfassungs-
rechtskreis sprechen.
Eine derartige Klassifikation erscheint jedoch in der Weise unzulaÈssig vergroÈbernd,
als sie einen wesentlichen Unterschied zwischen den Staaten mit konzentrier-
ter Verfassungsgerichtsbarkeit verdeckt. Die Einrichtung der Verfassungsgerichts-
barkeit ist seit jeher auf den Einwand gestoûen, dass Verfassungsstreitigkeiten ihrem
Wesen nach letztlich politische Konflikte und als solche fuÈr eine gerichtliche Streitaus-
tragung nicht geeignet seien; besonders galt das Argument der angeblich fehlenden
JustiziabilitaÈt fuÈr die Betrauung von Gerichten mit der Kompetenz zur PruÈfung der Ver-
fassungsmaÈûigkeit von Gesetzen (s naÈher 12. Kap, I.A.). In den meisten europaÈischen
Staaten mit konzentrierter Verfassungsgerichtsbarkeit sind diese EinwaÈnde heute weit-
gehend verstummt; die Verfassungsgerichtsbarkeit wird vielmehr als Schlussstein und
KroÈnung des Verfassungsstaates gesehen. Diese Einstellung praÈgt den ¹Erfinderª des
Modells, O È sterreich, ganz besonders aber auch Deutschland, das nach den furchtbaren
Erfahrungen des nationalsozialistischen Regimes nach 1945 sein Heil in einer starken
Verfassungsgerichtsbarkeit gesucht hat. In aÈhnlicher Weise haben auch die Reform-
114 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11. Kapitel: Die Verfassungsrechtskreise

staaten Ost- und Ostmitteleuropas nach der Wende 1989 nahezu durchgaÈngig ver-
sucht, die Unumkehrbarkeit des Wechsels zu einem demokratischen und rechtsstaat-
lichen Verfassungssystem durch die Einrichtung von Verfassungsgerichten mit weit-
reichenden Kompetenzen sicherzustellen. DemgegenuÈber hat sich in einer nicht ver-
nachlaÈssigbar kleinen Zahl von Staaten noch eine starke Skepsis gegenuÈber einem
¹gouvernement des jugesª gehalten. Ganz besonders gilt dies fuÈr Frankreich, dessen
Verfassungsrat (eben gerade nicht ¹Verfassungsgerichtª) bis heute lediglich eine praÈ-
ventive Normenkontrollkompetenz und uÈberhaupt nur rudimentaÈre verfassungs-
gerichtliche ZustaÈndigkeiten besitzt. Es scheint sich darin aber ± wenn man nur an
die (partielle) Nachbildung des ¹franzoÈsischenª Modells der GesetzespruÈfung in RumaÈ-
nien, die fehlende VerfassungsbeschwerdemoÈglichkeit in Italien und Portugal oder die
Einsetzung eines bloûen ¹Schiedsgerichtshofesª in Belgien denkt ± allgemein ein (teil-
weise allerdings inhomogenes) romanisches (Verfassungs-)RechtsverstaÈndnis widerzu-
spiegeln.
Es erscheint daher angezeigt, die LaÈnder mit konzentrierter Verfassungsgerichtsbar-
keit in zwei Gruppen auseinanderzudividieren. Auf der einen Seite praÈsentiert sich
eine Gruppe von Staaten, deren Verfassungssystem durch eine mehr oder weniger
volle und vorbehaltlose Akzeptanz der Verfassungsgerichtsbarkeit gekenn-
zeichnet ist. Rechtsinstitutionell kommt dieses VerfassungsverstaÈndnis in einer ¹star-
kenª Kompetenzausstattung des Verfassungsgerichts zum Ausdruck, die jedenfalls die
¹volleª Befugnis des Gerichts zur U È berpruÈfung der VerfassungsmaÈûigkeit von Geset-
zen umfasst, sich daneben aber auch in einem ausdifferenzierten System an sonstigen
¹Standardkompetenzenª ± vorzugsweise der Entscheidung uÈber individuelle Ver-
fassungsbeschwerden wegen behaupteter Grundrechtsverletzungen ± niederschlaÈgt.
Angesichts des Entwicklungszusammenhanges, dass eine derart ausgepraÈgte Verfas-
sungsgerichtsbarkeit von O È sterreich ausgegangen sowie zunaÈchst auf Deutschland
uÈbergesprungen ist und sich sodann nahezu flaÈchendeckend auf die vormals sozialisti-
schen Staaten des oÈstlichen Teils Europas (dh von Mittel- nach Osteuropa) ausgebrei-
tet hat, wird hier die Zusammenfassung der fraglichen LaÈndergruppe zu einem mittel-
osteuropaÈischen Verfassungsrechtskreis vorgeschlagen.
Auf der anderen Seite steht, wie dargelegt, eine Reihe von Staaten, in denen die
Skepsis gegenu È ber der Verfassungsgerichtsbarkeit ± insb der gerichtlichen Geset-
zespruÈfung ± nicht gaÈnzlich u
È berwunden ist. Rechtsinstitutionell aÈuûert sich dies in
der Einrichtung nur verfassungsgerichtsaÈhnlicher Institutionen oder zumindest in einer
¹schwachenª Kompetenzausstattung des Verfassungsgerichts, sodass man von einer
¹(wirkungs-)reduziertenª Verfassungsgerichtsbarkeit sprechen koÈnnte. Da die be-
schriebene Grundeinstellung gegenuÈber der Verfassungsgerichtsbarkeit in der einen
oder anderen Form in den romanischen LaÈndern anzutreffen ist, lassen sich diese
insofern zu einem romanischen Verfassungsrechtskreis zusammenlegen.
Es ist allerdings einzuraÈumen, dass etwa auch in einer Reihe ost- und ostmitteleu-
ropaÈischer Staaten die Verfassungsgerichtsbarkeit nach traditionellem VerstaÈndnis
nicht voll entfaltet ist. So fehlt zB in Bulgarien dem Verfassungsgericht die Kompetenz
zur Entscheidung uÈber individuelle Verfassungsbeschwerden (vgl Art 149 bulg Vf),
waÈhrend umgekehrt das spanische Verfassungsgericht uÈber eine solche grundsaÈtzlich
verfuÈgt (vgl Art 161 Abs 1 lit b sp Vf). Dennoch wird man kaum geneigt sein, erstge-
nanntes Land dem romanischen Verfassungsrechtskreis zuzuschlagen und letztge-
nanntes aus diesem auszuscheiden. Eine solche zunaÈchst mehr intuitive Zuordnung
II. Verfassungsrechtskreise: Versuch einer Einteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115

laÈsst sich insofern rechtspositivistisch absichern, als eine naÈhere Analyse romani-
scher Verfassungen eine Reihe eigentu È mlicher Besonderheiten zutage foÈrdert,
die augenscheinlich nur diesen Verfassungen eigen sind und darum als zusaÈtzliche
Abgrenzungskriterien fuÈr die Bildung von Verfassungsrechtskreisen herangezogen
werden koÈnnen.
Konkret laÈsst sich eine Trias von Merkmalen herausarbeiten, die allesamt mit der
Staatsfunktion Gesetzgebung zusammenhaÈngen. Zum einen wird in romanischen
Staaten dem formellen Parlamentsgesetz nicht jene dominierende Stellung
zugesprochen wie in den LaÈndern des mittelosteuropaÈischen Verfassungsrechtskrei-
ses. An die Stelle eines strikten Gesetzesvorbehaltes tritt im romanischen Verfassungs-
rechtskreis eine Aufgabenteilung zwischen Parlament und Regierung dergestalt, dass
die Regierung in breitem Umfang gesetzlich zur Erlassung gesetzesvertretender Ver-
ordnungen ermaÈchtigt werden kann oder gar, wie in Frankreich, der parlamentarische
Gesetzgeber von Verfassungs wegen auf die Rechtsetzung in bestimmten, taxativ auf-
gezaÈhlten Sachmaterien beschraÈnkt wird (vgl im Einzelnen Art 34, 37, 38 fr Vf; Art 76,
77 it Vf; Art 82±86 sp Vf; Art 164, 165, 169, 198 port Vf; Art 115 rum Vf). Zweites Merk-
mal ist die eigentuÈmliche Konstruktion der sog Organgesetze (dazu schon ± mit den
BeispielsfaÈllen Frankreich, Spanien, Portugal, RumaÈnien und Moldawien ± naÈher
7. Kap, II.B.). Schlieûlich sind die romanischen Verfassungen typischerweise durch
ein zumindest weitgehend ¹echtesª Zweikammersystem gekennzeichnet, also
eine Ausformung der gesetzgebenden Gewalt dergestalt, dass beiden Parlamentskam-
mern weitgehend gleiche Befugnisse im Verfahren der Gesetzgebung zukommen (vgl
Art 39, 42, 45 fr Vf; Art 72 it Vf; Art 77 belg Vf; Art 74±76 rum Vf).
Insgesamt laÈsst sich eine Trennung zwischen mittelosteuropaÈischem und
romanischem Verfassungsrechtskreis in der Weise durchfuÈhren, dass ¹Zweifels-
faÈlleª ± dh Staaten, deren Bekenntnis zu einer (auch rechtsinstitutionell) ¹vollenª Ver-
fassungsgerichtsbarkeit nicht schon gleichsam im ersten Anlauf eindeutig erwiesen
werden kann ± auf die Existenz der drei oben genannten Merkmale (bzw, wenn man
so will, Hilfsmerkmale) gepruÈft werden. Sind diese nachweisbar ± wobei im Sinne
eines ¹beweglichen Systemsª nicht zwingend alle drei Kriterien vorliegen, die vorhan-
denen Merkmale aber jedenfalls in ihrer GesamtauspraÈgung eine hinreichende Unter-
scheidungskraft aufweisen muÈssen ±, so laÈsst sich das betreffende Land dem romani-
schen Verfassungsrechtskreis einordnen; andernfalls wandert es in den Topf des mit-
telosteuropaÈischen Verfassungsrechtskreises.
Die bisherigen U È berlegungen und Festlegungen resuÈmierend, lassen sich also ±
unter dem Dach des demokratischen Verfassungstypus europaÈisch-nordamerikani-
scher PraÈgung ± drei Verfassungsrechtskreise bilden: der amerikanisch-skandi-
navische Verfassungsrechtskreis, bestehend jedenfalls aus den LaÈndern USA, Schwe-
den, Norwegen, Finnland, DaÈnemark und Irland; der romanische Verfassungsrechts-
kreis, bestehend jedenfalls aus den LaÈndern Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Bel-
gien, RumaÈnien und Moldawien; der mittelosteuropaÈische Verfassungsrechtskreis,
bestehend jedenfalls aus den LaÈndern O È sterreich, Deutschland, Tschechien, Slowakei,
Polen, Ungarn, Estland, Lettland, Litauen, Ukraine, Russland, Slowenien, Kroatien, Ser-
bien, Makedonien, Montenegro, Albanien, Bulgarien und Griechenland.
3. Abschnitt: Mikrovergleichung

12. Kapitel: Die Verfassungsgerichtsbarkeit

Literatur: Arnold, Das Prinzip der Kontrolle des Gesetzgebers in der Verfassungsge-
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118 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12. Kapitel: Die Verfassungsgerichtsbarkeit

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I. Strukturtypen der Verfassungsgerichtsbarkeit

A. GrundsaÈtzliches

Unter Verfassungsgerichtsbarkeit versteht man die verbindliche Entscheidung ver-


fassungsrechtlicher Streitigkeiten durch eine gerichtliche Instanz. Hauptfunk-
tion der Verfassungsgerichtsbarkeit ist es, die Achtung der Verfassung als Grundgesetz
des Staates zu gewaÈhrleisten. Soll die Verfassung als Rechtsnorm effektiv sein, muss es
ein Organ geben, das uÈber die Einhaltung der Verfassungsbestimmungen wacht, Ver-
fassungsverletzungen feststellt und allfaÈllige Sanktionen zu setzen befugt ist. Da politi-
sche EntscheidungstraÈger (Parlament, Regierung) erfahrungsgemaÈû dazu neigen, im
Zweifel eher nach politischer ZweckmaÈûigkeit als nach den Regeln der Verfassung
zu entscheiden, wird in vielen Staatsverfassungen die Aufgabe des ¹HuÈters der Ver-
fassungª einem politisch neutralen, rechtlich unabhaÈngigen Gericht zugewiesen. Die
Einrichtung einer Verfassungsgerichtsbarkeit in diesem Sinn hat den verfassungspoliti-
schen Vorteil, dass politische Konflikte derart in Rechtskonflikte umgewandelt wer-
den.
Den Kern der verfassungsgerichtlichen Funktionen ± maW: die Verfassungs-
gerichtsbarkeit ieS ± bildet die Normenkontrolle. Darunter ist die gerichtliche Befug-
È bereinstimmung mit uÈbergeordne-
nis zu verstehen, generelle Rechtsnormen auf ihre U
ten generellen Rechtsnormen zu uÈberpruÈfen und bei Verstoû gegen letztgenannte Nor-
men im konkreten Rechtsstreit unangewendet zu lassen bzw formell aufzuheben. In
einem nochmals engeren Sinn besteht Verfassungsgerichtsbarkeit bzw Normen-
kontrolle in der gerichtlichen Kompetenz, Gesetze am Maûstab der Verfassung zu
uÈberpruÈfen. Neben der Normenkontrolle kann Verfassungsgerichtsbarkeit noch wei-
tere Aufgaben umfassen. Solche typischen Kompetenzen sind die Entscheidung
uÈber individuelle Verfassungsbeschwerden von Einzelpersonen wegen behaupteter
Grundrechtsverletzungen durch bestimmte Staatsakte, die Entscheidung von Kompe-
È berpruÈfung der RechtmaÈûigkeit von Par-
tenzkonflikten zwischen Staatsorganen, die U
lamentswahlen und Volksabstimmungen, die Entscheidung uÈber Staatsanklagen gegen
hoÈchste Staatsorgane sowie die Entscheidung uÈber das Verbot politischer Parteien;
neben diesen typischen Kompetenzen gibt es noch, von Land zu Land verschieden,
besondere verfassungsgerichtliche ZustaÈndigkeiten.
In der verfassungspolitischen Diskussion wurde immer wieder Kritik am Konzept
der Verfassungsgerichtsbarkeit geuÈbt. In erster Linie wurde dabei ins Treffen gefuÈhrt,
dass Verfassungsstreitigkeiten ihrem Wesen nach letztlich politische Konflikte und als
solche fuÈr eine gerichtliche Streitaustragung nicht geeignet seien (Einwand der
fehlenden JustiziabilitaÈt). Dem ist zu entgegnen, dass bei richtiger Sichtweise die
Perspektive umzudrehen ist. Danach erweisen sich die von den Gegnern der Verfas-
I. Strukturtypen der Verfassungsgerichtsbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119

sungsgerichtsbarkeit als politische Konflikte etikettierten Streitigkeiten in ihrem Kern


letztlich doch als ein Rechtsproblem, naÈmlich als Frage der Auslegung von ± gleich-
sam ¹zufaÈlligª im Verfassungsrang stehenden ± Rechtsnormen, fuÈr welche das uÈbliche
juristische Auslegungsinstrumentarium zur VerfuÈgung steht. Zuzugeben ist freilich,
dass Verfassungsrecht als von der Regelungsmaterie her ¹politischesª und inhaltlich
zumeist nur lapidar abgefasstes Recht in einem besonderem Maûe einen weiten Inter-
pretations- und Entscheidungsspielraum eroÈffnet, innerhalb dessen nicht nur verschie-
dene rechtspolitische Vorstellungen, sondern auch unterschiedliche Gerechtigkeitsauf-
fassungen zur Geltung gebracht werden koÈnnen. Dies zeigt, dass Verfassungsgerichts-
barkeit ± wenngleich das Verfassungsgericht theoretisch nur eine rechtliche Kontrolle,
nicht eine politische Kontrolle ausuÈben soll ± letztendlich doch in einem gewissen
Maû die AusuÈbung einer ¹politischenª Funktion bedeutet.
Der Einwand der fehlenden JustiziabilitaÈt gilt vor allem fuÈr die Betrauung von
Gerichten mit Aufgaben der Gesetzespru È fung; die hiezu angestellte UÈ berlegung, die
politischen Entscheidungen der Gesetzgebung zum Gegenstand der gerichtlichen PruÈ-
fung zu machen, hieûe, die dafuÈr zustaÈndigen Gerichte zur LoÈsung von politischen
Fragen heranzuziehen, wiegt vordergruÈndig besonders schwer. Hinzu kommt noch
eine grundlegende staatstheoretische ErwaÈgung: WaÈhrend die Normenkontrolle in
Bezug auf untergesetzliche Rechtsnormen noch als weniger problematisch empfun-
den wird, wird der verfassungsgerichtlichen GesetzespruÈfung das unzulaÈssige Ein-
greifen in das demokratische Gesetzgebungsmonopol des Parlaments vor-
geworfen. Es koÈnne ± unter demokratischen, aber auch gewaltenteilenden Gesichts-
punkten ± nicht sein, dass Akte des unmittelbar demokratisch legitimierten, da durch
unmittelbare Volkswahl bestellten Parlaments von einem anderen, nichtparlamentari-
schen Organ, das zudem eine geringere demokratische Legitimation aufweist ± die
Mitglieder von Verfassungsgerichten gehen nicht aus Volkswahlen hervor, sondern
werden bloû indirekt demokratisch bestellt ±, aus dem Rechtsbestand entfernt werden
koÈnnen.
Eine derartige Sichtweise ist plausibel und vertretbar, sie verabsolutiert jedoch den
demokratischen Gedanken gegenuÈber allen anderen SystemgrundsaÈtzen einer Verfas-
sung. Einer der tragenden Wesenszu È ge einer Verfassung ist ihr Vorrang gegen-
u
È ber allem u È brigen staatlichen Recht, auch und insb gegenuÈber parlamentarisch
erzeugten Gesetzen; maW die Bindung der Gesetze an die Verfassung, woraus sich
die Verpflichtung des Gesetzgebers ableitet, keine gegen die Verfassung verstoûenden
Gesetze zu erlassen. Es ist nun schlichte Erfahrungstatsache, dass diese Obliegenheit
in der Praxis nicht schon allein deshalb, weil sie verfassungsrechtlich vorgegeben ist,
in allen FaÈllen befolgt wird. Soll also der Vorrang der Verfassung nicht bloû Theorie
bleiben, sondern effektiv werden, muss die Verfassung ein Verfahren vorsehen, in
dem Normenkonflikte zwischen Verfassung und Gesetz ± uzw zu Gunsten der Verfas-
sung ± geloÈst werden koÈnnen. Zwar waÈre es denkbar, diese Aufgabe dem Parlament
selbst (bzw einem parlamentarischen Ausschuss) zu uÈberantworten, um so demokrati-
schen Bedenken den Boden zu entziehen. Es hat sich aber gezeigt, dass eine derartige
¹Eigenkorrekturª wenig effektiv ist. Umgekehrt hat sich die Betrauung von Gerichten
mit der Aufgabe der PruÈfung der VerfassungsmaÈûigkeit von Gesetzen samt EinraÈu-
mung der Kompetenz zur UnanwendbarkeitserklaÈrung bzw Aufhebung verfassungs-
widriger Gesetze als erfolgreicher Weg erwiesen. Der Preis fuÈr die Aufwertung der ±
dergestalt das rechtsstaatliche Element des Vorrangs der Verfassung zur Geltung brin-
120 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12. Kapitel: Die Verfassungsgerichtsbarkeit

genden ± Judikative ist nun einmal eine AbschwaÈchung des demokratischen Prinzips
in Form der Durchbrechung des parlamentarischen Gesetzgebungsmonopols. Die Ein-
richtung der Verfassungsgerichtsbarkeit ist daher nicht ¹undemokratischª oder in einer
demokratischen Verfassungsordnung ¹systemwidrigª, sondern bezieht ihre Legitima-
tion aus einer spezifischen Gewichtung verfassungsrechtlicher Prinzipien, konkret
der Unterordnung des demokratischen Grundsatzes unter das Prinzip des Vor-
ranges der Verfassung vor dem Gesetz.
Das aufgezeigte Spannungsfeld ist in den einzelnen Staaten unterschiedlich geloÈst
worden. In einigen, wenigen LaÈndern sind die Vorbehalte gegen die Verfassungs-
gerichtsbarkeit bis heute nicht uÈberwunden und wurde eine solche daher nicht einge-
richtet; darauf wird unter B. einzugehen sein. In der weit uÈberwiegenden Zahl der
europaÈischen Staaten wurde hingegen eine Verfassungsgerichtsbarkeit installiert.
Untersucht man die verschiedenen Verfassungsordnungen, die eine gerichtliche
GesetzespruÈfung vorsehen, auf die dafuÈr zustaÈndigen Organe hin, ergeben sich nach
der Klassifikation und Terminologie von Cappelletti/Ritterspach zwei groûe Modelle
der gerichtlichen Normenkontrolle: a) das ¹diffuseª System der Normenkontrolle,
bei dem alle ordentlichen Gerichte befugt sind, die VerfassungsmaÈûigkeit der Normen
aus Anlass eines bei ihnen anhaÈngigen Verfahrens zu pruÈfen; b) das ¹konzentrierteª
System der Normenkontrolle, bei dem das PruÈfungsrecht einem einzigen, speziali-
sierten und institutionell verselbststaÈndigten Gericht uÈbertragen ist. 1 Die LaÈnder mit
diffuser Normenkontrolle sollen hier unter C. abgehandelt werden. Der geschicht-
lichen Entwicklung der konzentrierten Normenkontrolle ± des heute in Europa domi-
nierenden Systems ± soll anschlieûend unter D. nachgegangen werden. Eine systema-
tische Untersuchung der konzentrierten Normenkontrolle bzw Verfassungsgerichtsbar-
keit wird sodann in den Unterkapiteln II. (Organisation der Verfassungsgerichte) und
III. (Kompetenzen der Verfassungsgerichte) dargeboten.

B. Staaten ohne Verfassungsgerichtsbarkeit

Die Verfassungsordnung Groûbritanniens beruht seit dem 17. Jahrhundert auf dem
Grundsatz der ParlamentssouveraÈnitaÈt. Dies bedeutet, dass das Parlament Gesetze
jeglichen Inhalts, auch solche mit materiellem Verfassungscharakter, im Wege des nor-
malen Gesetzgebungsverfahrens erlassen kann, ohne hierbei irgendwelchen recht-
lichen Schranken zu unterliegen; dem korrespondierend kommt keinem Staatsorgan
das Recht zu, Parlamentsgesetze aufzuheben oder auch nur unangewendet zu lassen.
In Verbindung mit dem Umstand, dass in Groûbritannien kein formelles, normen-
hierarchisch herausgehobenes Verfassungsrecht existiert, ist demgemaÈû eine gericht-
liche Gesetzeskontrolle am Maûstab der Verfassung ausgeschlossen. Die
Gerichte sind in Groûbritannien nur befugt, Rechtsakte der Exekutive am Maûstab
der Parlamentsgesetze zu uÈberpruÈfen.
Eine deutliche Relativierung des Dogmas der absoluten und uneingeschraÈnkten
ParlamentssouveraÈnitaÈt hat allerdings in juÈngster Zeit die Verabschiedung des
Human Rights Act 1998 bewirkt. Durch dieses Parlamentsgesetz wurde die EMRK in
das nationale Recht transformiert. Nunmehr koÈnnen auch in Groûbritannien die

È R 1971, 82.
1 Vgl Cappelletti/Ritterspach, JO
I. Strukturtypen der Verfassungsgerichtsbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121

hoÈheren Gerichte die von ihnen anzuwendenden Gesetze auf ihre KonformitaÈt mit der
EMRK uÈberpruÈfen. Eine Verwerfungskompetenz kommt ihnen in diesem Zusammen-
hang nicht zu. Ihre Befugnisse beschraÈnken sich auf die allfaÈllige Feststellung einer
Unvereinbarkeit mit der EMRK (¹declaration of incompatibilityª). Diese hat zwar keine
unmittelbare Auswirkung auf den bei ihnen anhaÈngigen Rechtsstreit, kann aber zu
einer Eilgesetzgebung fuÈhren, im Zuge derer das konventionswidrige Gesetz auch
ruÈckwirkend geaÈndert werden kann. 2
Auf staatstheoretisch anderer Grundlage, naÈmlich in FortfuÈhrung der franzoÈsischen
Tradition einer Ablehnung der richterlichen GesetzespruÈfung aus GruÈnden der Gewal-
tenteilung und der VolkssouveraÈnitaÈt, bestimmt in den Niederlanden Art 120 nied Vf,
dass der Richter nicht die VerfassungsmaÈûigkeit von Gesetzen beurteilt. Aller-
dings wird es in der Praxis nicht als ausgeschlossen erachtet, dass ein Gericht unter
gewissen UmstaÈnden einem Gesetz auf Grund seiner Unvereinbarkeit mit ¹allgemei-
nen RechtsgrundsaÈtzenª die Anwendung versagt. 3 Ebenso bleibt den Gerichten das
Recht unbenommen, Gesetze auf ihre Vereinbarkeit mit unmittelbar anwendbaren
voÈlkerrechtlichen VertraÈgen zu uÈberpruÈfen. 4

C. Staaten mit diffuser Normenkontrolle

In Staaten mit diffuser Normenkontrolle sind deren TraÈger die ordentlichen


Gerichte. Besondere Verfassungsgerichte sind nicht vorhanden. Der entscheidende
Ansatzpunkt ist die Frage, ob ein Gericht, wenn in einem Zivil-, Straf- oder sonstigem
Prozess die Frage auftaucht, ob eine auf den zu entscheidenden Fall anzuwendende
Rechtsnorm verfassungsmaÈûig ist, ein dahingehendes richterliches PruÈfungsrecht
beanspruchen darf.
Als Geburtsland einer derart verstandenen Normenkontrolle ± und damit der
modernen Verfassungsgerichtsbarkeit uÈberhaupt ± werden die Vereinigten Staaten
von Amerika angesehen. Die gerichtliche Kontrolle der VerfassungsmaÈûigkeit von
Gesetzen wird im Text der Vf-USA aus 1787 nicht ausdruÈcklich erwaÈhnt. Dies fuÈhrte
zu einer wissenschaftlichen Meinungsverschiedenheit zwischen den sog Federalisten
und den sog Republikanern, ob die VerfassungsvaÈter das richterliche PruÈfungsrecht
gegenuÈber Bundesgesetzen stillschweigend mitinbegriffen wissen wollten oder nicht.
Diese Kontroverse wurde schlieûlich durch das beruÈhmte Urteil des Supreme Court
± des obersten US-Gerichts in Zivil- und Strafrechtssachen ± in der Sache Marbury vs
Madison aus dem Jahre 1803 geloÈst, in dem das Gericht unter Vorsitz des Chief Justice
John Marshall fuÈr sich das Recht beanspruchte, Bundesgesetze auf ihre Vereinbar-
keit mit der Verfassung zu u È berpru
È fen und gegebenenfalls zu verwerfen, dh unan-
gewendet zu lassen.
Der Supreme Court stuÈtzte seine Argumentation ua auf Art VI Abs 2 Vf-USA, in
dem es heiût: ¹This Constitution . . . shall be the supreme Law of the Land; and the Jud-

2 S dazu juÈngst Verbeet, Die Stellung der Judikative im englischen VerfassungsgefuÈge nach
dem Human Rights Act 1998, Stuttgart ua 2004.
3 Vgl Kortmann, Das niederlaÈndische Grundgesetz vom 17. Februar 1983, JO È R 1984, 175
(186).
4 Vgl Simons, Bestand und Bedeutung der Grundrechte in den Niederlanden, EuGRZ 1978,
450 (452).
122 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12. Kapitel: Die Verfassungsgerichtsbarkeit

ges in every State shall be bound thereby . . . .ª Aus dieser Bestimmung ± aber auch aus
der mit dem seinerzeitigen Akt der Verfassunggebung immanent verfolgten Zielset-
zung ± leitete das Gericht ab, dass die Verfassung als das grundlegende und hoÈchste
Gesetz des Landes Vorrang gegenuÈber allen anderen Rechtsnormen genieûe. Daraus
folge, dass ein ihr widersprechendes Gesetz nichtig sein muÈsse. Es obliege dem Rich-
ter, der befugt ist, die RechtssaÈtze auszulegen, indem er sie auf EinzelfaÈlle anwendet,
diese Nichtigkeit festzustellen und die Anwendung eines verfassungswidrigen Geset-
zes zu verweigern, um dem Vorrang der Verfassung zum Durchbruch zu verhelfen.
Im Falle des Normenkonfliktes zwischen Gesetz und Verfassung, in dem also das
Gericht entweder nur der niederrangigen Norm (dem Gesetz) oder nur der hoÈherran-
gigen Norm (der Verfassung) GenuÈge tun koÈnne, koÈnne es dem Gericht nicht zuge-
mutet werden, die Augen vor der Verfassung zu verschlieûen und verfassungswidrig
zu handeln. 5
Indem der Supreme Court im Fall Marbury vs Madison sich die Legitimation der
¹judicial review of legislationª, fuÈr die es (bis heute) keine ausdruÈckliche Verfassungs-
ermaÈchtigung gibt, gleichsam arrogierte, hat er sich zur hoÈchsten AutoritaÈt in Verfas-
sungsfragen gemacht. Gleichwohl ist er dadurch nicht zu einem speziellen Verfas-
sungsgericht im technischen Sinn geworden, sondern ist (oberste) Appellations-
instanz in Zivil- und Strafrechtsachen geblieben. In diesem System gibt es also keine
abstrakte Normenkontrolle, das richterliche PruÈfungsrecht wird immer nur durch
einen konkreten, an den Supreme Court herangetragenen Rechtsstreit ausgeloÈst
(wobei es in aller Regel keinen Rechtsanspruch auf eine hoÈchstrichterliche Behand-
lung eines Falles gibt, der Supreme Court vielmehr kraft des sog certiorari-Verfahrens
volle Autonomie uÈber die Annahme eines bestimmten Falles zur Entscheidung hat).
Ein als verfassungswidrig erkanntes Gesetz wird nicht formell aufgehoben, sondern
lediglich in casu unangewendet gelassen. Die Feststellung der Verfassungs-
widrigkeit eines Gesetzes erfolgt grundsaÈtzlich nur mit Wirkung fuÈr den konkreten
Fall (inter partes), obwohl sie sich faktisch, insb auf Grund der PraÈjudizienbindung
der unteren Instanzen, oft als Entscheidung erga omnes darstellt. Anzumerken bleibt,
dass in den USA die GesetzespruÈfungskompetenz im Gefolge des Urteils Marbury vs
Madison auch von den unteren Gerichten in Anspruch genommen wird; im Hinblick
auf dessen letztverbindliche und darob vereinheitlichend wirkende Entscheidungsbe-
fugnis hat dies an der SchluÈsselstellung des Supreme Court nichts Grundlegendes
geaÈndert.
Das diffuse System der Normenkontrolle, so wie es in den USA entwickelt worden
ist, konnte sich in Europa vor allem im skandinavischen Raum durchsetzen. In Nor-
wegen laÈsst die Rechtsprechung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zu, dass die
ordentlichen Gerichte die VerfassungsmaÈûigkeit von Gesetzen pruÈfen und diesen
gegebenenfalls die Anwendung versagen. 6 A È hnlich wird in DaÈnemark den ordent-
lichen Gerichten seit Anfang des 20. Jahrhunderts die Befugnis zur GesetzespruÈfung
zugestanden, 7 wobei in beiden LaÈndern von dieser Befugnis nur zuruÈckhaltend

5 S hiezu auch Brugger, EinfuÈhrung in das oÈffentliche Recht der USA2, MuÈnchen 2001, 7 ff.
6 Vgl Cappelletti/Ritterspach, JO È R 1971, 83; von Unruh, Die Eigenart der Verfassung des
KoÈnigreichs Norwegen, JO È R 1989, 277 (285).
7 Vgl Cappelletti/Ritterspach, JOÈ R 1971, 83; Krarup, Zur neueren Verfassungsentwicklung in
DaÈnemark, JOÈ R 1988, 115 (124 f).
I. Strukturtypen der Verfassungsgerichtsbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123

Gebrauch gemacht wird. 8 In Schweden stand man dieser Idee zunaÈchst ablehnend
gegenuÈber. Diese Haltung wurde jedoch seit einer grundlegenden Entscheidung des
Reichsgerichts aus 1964, in der das PruÈfungsrecht der Gerichte gegenuÈber Gesetzen
einstimmig bejaht wurde, aufgegeben. 9 Seit 1975 ist das richterliche PruÈfungsrecht
nun auch in der schwed Vf festgeschrieben, wobei allerdings die Verfassungswidrig-
keit eines Gesetzes offensichtlich sein muss, damit ihm die Gerichte die Anwendung
versagen koÈnnen (vgl Kap 11 § 14 schw Vf). Allein in Finnland wurde das richterliche
PruÈfungsrecht gegenuÈber Gesetzen bis vor kurzem noch gaÈnzlich abgelehnt. 10 Eine
uÈberraschende Wende brachte hier die Verfassung von 1999, in der ± nach schwedi-
schem Vorbild ± den Gerichten die Befugnis eingeraÈumt wird, ein Gesetz aus Anlass
eines bei ihnen anhaÈngigen Verfahrens auf seine U È bereinstimmung mit dem Grund-
gesetz zu pruÈfen und im Falle eines offenkundigen Widerspruchs unangewendet zu
lassen (§ 106 finn Vf). 11
Ein spezifisches System der Normenkontrolle findet sich in Irland. Durch Art 34
Abs 3 UAbs 2 ir Vf wird die PruÈfung der GuÈltigkeit von Gesetzen bei den beiden Ober-
gerichten, dem High Court und dem als hoÈchste Revisionsinstanz fungierenden
Supreme Court, konzentriert. DaruÈber hinaus kommt aber auch den irischen Unterge-
richten ein beschraÈnktes Normenkontrollrecht zu, so etwa bezuÈglich der U È berpruÈfung
von vor dem Inkrafttreten der ir Vf von 1937 erlassenen Gesetzen auf ihre Verfassungs-
maÈûigkeit. 12 Hinzu tritt eine praÈventive Normenkontrollkompetenz des Supreme
Court: Auf Ersuchen des PraÈsidenten der Republik pruÈft er in einem besonderen Ver-
fahren die VerfassungsmaÈûigkeit eines vom Parlament angenommenen, aber noch
nicht von jenem unterzeichneten Gesetzes (naÈher Art 26 ir Vf, ferner Art 34 Abs 3
UAbs 3 ir Vf).
Ein diffuses System der Normenkontrolle kennen ferner auch Estland, Griechen-
land und Portugal, wo jeder Richter befugt ist, ein Gesetz, das er fuÈr verfassungswidrig
erachtet, auûer Anwendung zu lassen. In diesen LaÈndern sind aber im Laufe der Zeit
so viele institutionelle und/oder prozessuale Regelungen zur letztlichen Konzentration
der Normenkontrolle beim obersten ordentlichen Gericht (Estland), einem Sonder-
gericht (Griechenland) oder gar einem Verfassungsgericht (Portugal) geschaffen
worden, dass man von besonderen Formen einer konzentrierten Verfassungsgerichts-
barkeit sprechen kann. 13
Analogien zum amerikanischen Modell der diffusen Normenkontrolle lassen sich
auch fuÈr die Schweiz feststellen. Das zentrale Element der schweizerischen Verfas-
sungsgerichtsbarkeit ist die staatsrechtliche Beschwerde an das Bundesgericht, mit
der eine sich in ihren verfassungsmaÈûigen Rechten verletzt fuÈhlende Person die Auf-

8 Zu juÈngeren Entwicklungen s Mors, Das daÈnische Hùjesteret als Verfassungsgericht. Zum


ersten Mal in der 150-jaÈhrigen Verfassungsgeschichte verwirft der Oberste Gerichtshof DaÈne-
marks ein Gesetz, EuGRZ 2001, 201 ff.
9 Vgl Stjernquist, Die Entwicklung des oÈffentlichen Rechts Schwedens in den Jahren 1954
È R 1969, 255 (283 f).
bis 1969, JO
10 Vgl JyraÈnki, Die neue Verfassung Finnlands, ZOÈ R 2001, 113 (116).
11 Vgl dazu JyraÈnki, ZOÈ R 2001, 125.
12 Vgl Boldt, Grundrechte und Normenkontrolle im Verfassungsrecht der Republik Irland,
È R 1970, 229 (245).
JO
13 So Brunner, JO È R 2002, 196 f.
124 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12. Kapitel: Die Verfassungsgerichtsbarkeit

hebung kantonaler Hoheitsakte beantragen kann (vgl Art 189 Abs 1 lit a schweiz BV).
Daneben gibt es auch hier ein diffuses System der Normenkontrolle, das alle Rechts-
anwendungsorgane befugt und verpflichtet, generelle Rechtsakte vorfrageweise auf
ihre Verfassungs- bzw GesetzeskonformitaÈt zu uÈberpruÈfen und gegebenenfalls unan-
gewendet zu lassen. Die Besonderheit des schweizerischen Systems der Verfassungs-
gerichtsbarkeit liegt jedoch darin, dass Bundesgesetze (sowie voÈlkerrechtliche Nor-
men) nach Art 191 schweiz BV ± diese Bestimmung entspricht im Wesentlichen jener
des Art 113 Abs 3 der alten Bundesverfassung von 1874 ± fuÈr das Bundesgericht und
die anderen rechtsanwendenden BehoÈrden maûgebend sind und damit auch im Falle
eines Widerspruchs zur Bundesverfassung anzuwenden sind. Das richterliche PruÈ-
fungsrecht ist also in der Schweiz in einer Weise beschraÈnkt, dass man nicht von Ver-
fassungsgerichtsbarkeit im eng(st)en Sinn sprechen kann. 14

D. Die Entwicklung der konzentrierten Normenkontrolle

Der Gedanke, dass fuÈr die Entscheidung von Verfassungsfragen ein besonderes und
institutionell verselbststaÈndigtes Gericht zustaÈndig sein soll, wurde unter dem maû-
geblichen Einfluss von Hans Kelsen in vollwertiger Gestalt erstmals 1920 in O È ster-
reich umgesetzt; die zentrale Bestimmung ist Art 140 oÈst B-VG, der den Verfassungs-
gerichtshof fuÈr zustaÈndig erklaÈrt, uÈber die VerfassungsmaÈûigkeit von Bundes- und Lan-
desgesetzen zu befinden und diese im Fall ihrer Verfassungswidrigkeit aufzuheben.
Zwar wurde zeitgleich auch in der neu geschaffenen tschechoslowakischen Republik
ein spezialisiertes Verfassungsgericht eingerichtet, dem ebenfalls die Gesetzes-
pruÈfungskompetenz zugestanden wurde. Im Gegensatz zum oÈsterreichischen Verfas-
sungsgerichtshof konnte dieses Gericht jedoch niemals eine wirkliche PruÈfungstaÈtig-
keit entfalten, sodass die konzentrierte Normenkontrolle bzw Verfassungsgerichtsbar-
keit uÈblicher- und berechtigterweise als ¹oÈsterreichisches Modellª bezeichnet wird.
Die Einrichtung der konzentrierten Verfassungsgerichtsbarkeit in OÈ sterreich beruht
maûgeblich auf der von Kelsen entwickelten staatstheoretischen Konzeption, dass im
Rahmen einer hierarchisch gegliederten Rechtsordnung die Erlassung von Gesetzen
als bloûer Verfassungsvollzug aufzufassen und daher prinzipiell ebenso einer
gerichtlichen Kontrolle zugaÈnglich sei wie die ± sich als Gesetzesvollzug darstellende
± Erlassung von untergesetzesrangigen Rechtsakten. Vor diesem Hintergrund erschei-
nen die Bedenken ob des Eingriffs der Gerichtsbarkeit in die SouveraÈnitaÈt des ± unmit-
telbar demokratisch legitimierten ± Parlaments ausgeraÈumt und wird dem Vorrang der
Verfassung zum Durchbruch verholfen.
Die Konzentration des GesetzpruÈfungsrechts bei einem zentralen Organ bringt
eine Reihe von Vorteilen mit sich. ZunaÈchst gewaÈhrleistet sie die Einheitlichkeit der
Rechtsprechung, da widersprechende Urteile verschiedener Instanzen, wie sie im dif-
fusen System der Normenkontrolle vorkommen koÈnnen, ausgeschlossen sind. Dies
erhoÈht die AutoritaÈt der Entscheidung und dient der Rechtssicherheit. Auch genieûen
die Entscheidungen eines hoÈchsten Rechtsprechungsorgans idR groÈûeres Ansehen
und haben auch mehr Aussicht auf Anerkennung als die eines untergeordneten

14 Vgl demgegenuÈber Brunner, JO È R 2002, 197 (s auch 201), der fuÈr die Schweiz eine beson-
dere Form einer konzentrierten Verfassungsgerichtsbarkeit konstatiert.
I. Strukturtypen der Verfassungsgerichtsbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125

Gerichts. Ein weiterer Vorteil der konzentrierten Verfassungsgerichtsbarkeit liegt in der


zeitlichen Komponente. Sie ermoÈglicht eine im Vergleich zum diffusen System der Ver-
fassungsgerichtsbarkeit raschere KlaÈrung der verfassungsrechtlichen Frage, da der Fall
nicht erst alle Instanzen durchlaufen muss, bis es zur Entscheidung durch das oberste
Gericht kommen kann. Zu beachten ist auûerdem, dass bei der Bestellung der Mitglie-
der eines spezialisierten Verfassungsgerichts die besonderen Funktionen, die dieses
Gericht zu erfuÈllen hat, beruÈcksichtigt werden koÈnnen. Diese MoÈglichkeit ist bei dem
allgemeinen richterlichen PruÈfungsrecht nicht gegeben. Unentbehrlich wird die Kon-
zentration der Normenkontrolle bei einem zentralen Organ schlieûlich immer dann,
wenn die Entscheidung nicht nur inter partes wirken, sondern allgemein verbindlich
sein soll. Kommt der Entscheidung des Gerichts Gesetzeskraft zu oder wird die fuÈr
verfassungswidrig erklaÈrte Norm sogar formell aufgehoben, so muss im Interesse der
Rechtssicherheit die Gefahr abweichender Entscheidungen verschiedener Gerichte
ausgeschlossen sein. 15
Ein Punkt, der gegen die Konzentration des richterlichen PruÈfungsrechts bei einem
zentralen Verfassungsgericht ins Treffen gefuÈhrt werden kann, ist, dass dieses eher der
Gefahr ausgesetzt ist, als Organ mit politischer Entscheidungsgewalt angesehen zu
werden als ein Gericht im Rahmen des diffusen Systems der Normenkontrolle. Letzte-
res uÈbt das PruÈfungsrecht naÈmlich immer nur aus Anlass eines bei ihm anhaÈngigen
konkreten Verfahrens aus, waÈhrend das Verfassungsgericht Gesetze und andere
Rechtsakte auch unabhaÈngig von einem bestimmten Anlassfall uÈberpruÈfen kann,
wodurch viel eher der Eindruck einer ¹politischenª Kontrolle des Gesetzgebers ver-
mittelt wird. 16 Dies ist aber letztlich die Aufgabe des Verfassungsgerichts: Es soll uÈber
die VerfassungsmaÈûigkeit der Akte der gesetzgebenden Gewalt wachen. Dass die Ver-
fassungsgerichte immer auch in gewisser Weise ¹Grenzorgane zwischen Recht und
Politikª sein werden, ist unzweifelhaft (siehe auch schon oben A.).
Das oÈ sterreichische Modell eines spezialisierten, uÈber das Monopol der Nor-
menkontrolle verfuÈgenden Verfassungsgerichts hat in der zweiten HaÈlfte des 20. Jahr-
hunderts einen Siegeszug u È ber weite Teile Europas angetreten. Dies haÈngt maû-
geblich mit der seinerzeitigen historischen Ausgangslage in vielen Staaten bzw einem
weiteren Vorteil des oÈsterreichischen Modells zusammen. FuÈr LaÈnder, die nach laÈnge-
rer Zeit eines totalitaÈren oder autoritaÈren Regimes weder uÈber eine gefestigte rechts-
staatliche Tradition noch uÈber eine in rechtsstaatlichen Kategorien denkende Richter-
schaft auf breiter Basis verfuÈgen, ist zur Verwirklichung des Zieles, den Vorrang der
Verfassung sicherzustellen, das konzentrierte System der Normenkontrolle naÈmlich
weit eher geeignet als das diffuse System. Im Wesentlichen koÈnnen drei Verbreitungs-
wellen unterschieden werden:
Eine erste Verbreitungswelle setzt unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg ein,
als es darum ging, nach Krieg und Diktatur in Deutschland und Italien eine rechtsstaat-
liche Ordnung zu errichten und auf ein stabiles institutionelles Fundament zu stellen.
Ergebnis dieser BemuÈhungen sind die durch die it Vf von 1947 ins Leben gerufene
Corte Costituzionale, welche ihre TaÈtigkeit allerdings erst 1956 aufnahm, sowie das

È R 1959,
15 Vgl Engelhardt, Das richterliche PruÈfungsrecht im modernen Verfassungsstaat, JO
101 (108 f).
È R 1959, 109.
16 Vgl Engelhardt, JO
126 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12. Kapitel: Die Verfassungsgerichtsbarkeit

im dt GG aus 1949 vorgesehene, tatsaÈchlich erst 1951 errichtete deutsche Bundesver-


fassungsgericht; vor allem letzteres sollte in der Folge ± neben dem oÈsterreichischen
Verfassungsgerichtshof ± eine internationale Vorbildfunktion entfalten. Zeitlich ± nicht
jedoch von der Motivation zur Kreation eines solchen Organs (diese lag in der Sicher-
stellung der in der Verfassung verwirklichten Konzeption der Gewaltenteilung zwi-
schen Exekutive und Legislative) ± kann in diese Reihe auch Frankreich gestellt wer-
den, wo mit der Verfassung der FuÈnften Republik von 1958 ebenfalls ein besonderes
Organ des Verfassungsschutzes geschaffen wurde. Die Kompetenzen des ± lediglich
quasigerichtlichen ± Conseil Constitutionnel, der an die Stelle des Comite Constitution-
nel der Verfassung von 1946 getreten ist, sind jedoch insgesamt und va auch auf dem
Gebiet der Normenkontrolle aÈuûerst beschraÈnkt: Er pruÈft die VerfassungsmaÈûigkeit
der Gesetze und anderer Akte des Parlaments nur praÈventiv, also vor ihrem Inkrafttre-
ten (vgl Art 61 fr Vf). Diese Begrenzung ist Ausdruck des in Frankreich tief verwurzel-
ten Misstrauens gegenuÈber einem ¹gouvernement des jugesª sowie des traditionell
vertretenen Prinzips der VolkssouveraÈnitaÈt. Die hybride Konstruktion des Conseil
Constitutionnel wird mitunter auch als ¹franzoÈsisches Modellª der Verfassungsgerichts-
barkeit bezeichnet, obwohl sich die Ausstrahlungskraft dieser LoÈsung mindestens in
Europa als sehr begrenzt erwiesen hat.
Die zweite Verbreitungswelle der Verfassungsgerichtsbarkeit geht mit dem Ende
der diktatorischen Regimes im iberischen Raum in den 70er Jahren des abgelaufenen
Jahrhunderts einher. 1980 wurde in Spanien das Tribunal Constitucional errichtet,
drei Jahre spaÈter nahm das portugiesische Verfassungsgericht seine TaÈtigkeit auf. Ob
auch der 1975 in Griechenland geschaffene Oberste Sondergerichtshof zu den Verfas-
sungsgerichten gezaÈhlt werden kann, ist zweifelhaft, letztlich aber doch zu bejahen.
Neben der Wahl- und MandatspruÈfung und der Kompetenzgerichtsbarkeit obliegt
ihm in einem an sich diffusen System der Normenkontrolle die letztverbindliche Ent-
scheidung uÈber die VerfassungsmaÈûigkeit von Gesetzen im Fall von Meinungsver-
schiedenheiten zwischen den drei obersten GerichtshoÈfen (vgl Art 100 Abs 1 lit e gr
Vf). Zweifellos zu den Verfassungsgerichten gerechnet wird der belgische Schiedsge-
richtshof, der 1984 zur Normenkontrolle auf dem besonders sensiblen Gebiet des
VolksgruppenfoÈderalismus errichtet wurde.
Die dritte Verbreitungswelle der konzentrierten Verfassungsgerichtsbarkeit setzt
nach dem Niedergang des Sozialismus im Epochenjahr 1989 in den Staaten oÈstlich des
seinerzeitigen ¹Eisernen Vorhangsª ein. Bereits seit 1986 verfuÈgte Polen als Vorreiter im
¹sozialistischen Lagerª uÈber eine eigenstaÈndige Verfassungsgerichtsbarkeit, die nach
dem Fall des Sozialismus nur den neuen, rechtsstaatlichen Anforderungen entspre-
chend ausgebaut wurde. Es folgten Ungarn (1990), Bulgarien (1991), Russland (1991,
mit Unterbrechung von 1993 bis 1995), Albanien (1992), RumaÈnien (1992), die Slowa-
kei (1993), Tschechien (1993), Litauen (1993), Moldawien (1995), Lettland (1996) und
die Ukraine (1997). 17 Die estnische LoÈsung ± Wahrnehmung der ¹klassischenª verfas-
sungsgerichtlichen ZustaÈndigkeiten durch einen speziellen SpruchkoÈrper oder das
Plenum des obersten allgemeinen Gerichts 18 ± kann als eine besondere Form der
konzentrierten Verfassungsgerichtsbarkeit qualifiziert werden. In SuÈdosteuropa ver-
wandelten sich mit dem Zerfall der Sozialistischen FoÈderativen Republik Jugoslawien

È R 2002, 200 FN 28.


17 Auflistung bei Brunner, JO
18 S Schmidt, Neuregelung der Verfassungsgerichtsbarkeit in Estland, OER 2003, 43 ff.
II. Organisation der Verfassungsgerichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127

die schon zu sozialistischen Zeiten errichteten, aber nur ein Schattendasein fuÈhrenden
Verfassungsgerichte der einzelnen jugoslawischen Gliedstaaten in solche eines souve-
raÈnen Staates. Unter den neuen Verfassungen dieser selbststaÈndig gewordenen Staaten
bestehen heute separate Verfassungsgerichte in Slowenien, Kroatien, Makedonien,
Serbien und Montenegro.

II. Organisation der Verfassungsgerichte

A. Anzahl der Verfassungsrichter

In den Staaten mit konzentrierter Verfassungsgerichtsbarkeit schwankt die Zahl der als
Verfassungsrichter amtierenden Personen von Land zu Land betraÈchtlich, sie betraÈgt
zwischen fuÈnf und neunzehn Mitgliedern; eine groûe PopularitaÈt hat das Modell eines
aus neun Richtern bestehenden Verfassungsgerichts gefunden. Im Einzelnen weisen
die LaÈnder folgende Mitgliederzahlen auf: Montenegro 5; Moldawien 6; Lettland 7;
Frankreich, RumaÈnien, Litauen, Slowenien, Serbien, Makedonien und Albanien 9;
Ungarn 11; Spanien, Belgien und Bulgarien 12; Portugal, Kroatien und Slowakei 13;
OÈ sterreich 14; Italien, Tschechien und Polen 15; Deutschland 16; Ukraine 18; Russland
19. Die Anzahl der Verfassungsrichter scheint hiebei primaÈr von der Kompetenzaus-
stattung des Gerichts, der GroÈûe des Landes sowie dem ± mit diesen beiden Faktoren
zusammenspielenden ± (seinerzeit erwarteten) Umfang der SpruchtaÈtigkeit abzu-
haÈngen. U È blicherweise bestehen die Verfassungsgerichte aus einem PraÈsidenten,
einem VizepraÈsidenten und der entsprechenden Anzahl von sonstigen Mitgliedern;
eine oÈsterreichische SpezialitaÈt ist die zusaÈtzliche Bestellung von (sechs) Ersatzmitglie-
dern.

B. Bestellmodus

Hinsichtlich des Modus der Bestellung der Verfassungsrichter ist hervorzuheben, dass
dieser in allen betrachteten LaÈndern ein ¹politischerª ist; durchwegs ist das Parlament
maûgeblich beteiligt, groûteils ist auch die Exekutive eingebunden. Dass die Bestellung
von Verfassungsrichtern nicht (bzw nicht ausschlieûlich) in die HaÈnde einer neutralen
Instanz gelegt wird (zu denken waÈre insb an die Gerichte oder auch an ein ¹SelbstergaÈn-
zungsrechtª des Verfassungsgerichts), haÈngt mit dem Charakter des Verfassungsgerichts
als Grenzorgan zwischen unabhaÈngigem Gericht und politischem Verfassungsorgan
zusammen. Indem den kontrollierten Organen ± insb der Legislative ± ein maûgeblicher
Einfluss auf die Bestellung der Verfassungsrichter eingeraÈumt wird, wird das jeglicher
Kontrollbeziehung immanente SpannungsverhaÈltnis zwischen den beteiligten Organen
verringert. Wenn dem Parlament, dessen Gesetze vom Verfassungsgericht aufgehoben
werden koÈnnen, immerhin ein wesentlicher Einfluss auf die Auswahl der Verfassungs-
richter zugestanden wird, duÈrfte dies die Bereitschaft des Parlaments zur Akzeptanz
der verfassungsgerichtlichen Entscheidungen spuÈrbar erhoÈhen. Der ¹politischeª Bestell-
modus hat also insofern legitimierende und befriedende Funktion.
NaÈherhin koÈnnen folgende vier Modelle unterschieden werden: Ein erstes Modell
kann dahin gesondert werden, dass die Bestellung aller Verfassungsrichter in die
HaÈnde der Legislative gelegt wird. Ein zweites Modell besteht darin, dass die Bestel-
lungs- bzw Vorschlagsrechte zwischen Legislative und Exekutive geteilt sind. Bei
einem dritten Modell werden die (dh alle) Verfassungsrichter im Zusammenwirken
128 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12. Kapitel: Die Verfassungsgerichtsbarkeit

von Staatsoberhaupt und Parlament (bzw zweiter Parlamentskammer) in ihr Amt beru-
fen. Bei einem vierten Modell schlieûlich werden alle drei Staatsgewalten, also auch
die Judikative, mehr oder weniger gleichmaÈûig in die Bestellung der Verfassungsrich-
ter eingebunden.
Eine rein parlamentarische Bestellungsweise ist etwa in Deutschland verwirk-
licht. Nach Art 94 Abs 1 dt GG werden die Mitglieder des Bundesverfassungsgerichts je
zur HaÈlfte vom Bundestag und vom Bundesrat gewaÈhlt. WaÈhrend die Wahl durch den
Bundesrat unmittelbar ist, werden die vom Bundestag zu berufenden Richter in mittel-
barer Wahl durch einen paritaÈtisch besetzten WahlmaÈnnerausschuss gewaÈhlt, der aus
zwoÈlf Mitgliedern des Bundestags besteht. In beiden Gremien bedarf es zur Wahl einer
Zweidrittelmehrheit. Durch dieses Erfordernis soll eine politisch einseitige Besetzung
des Gerichts durch die Regierungsmehrheit im Bundestag oder die jeweilige Mehrheit
im Bundesrat verhindert werden; auch der Opposition soll die MoÈglichkeit gegeben
werden, an der Besetzung des Bundesverfassungsgerichts mitzuwirken. Der PraÈsident
des Bundesverfassungsgerichts und sein Stellvertreter werden im Wechsel vom Bun-
destag und vom Bundesrat gewaÈhlt.
AÈ hnlich werden in Ungarn die Richter des Verfassungsgerichts von der Landes-
versammlung, dem ungarischen Parlament, mit Zweidrittelmehrheit aller Abgeordne-
ten gewaÈhlt; vorgeschlagen werden die Kandidaten von dem aus je einem Mitglied
jeder Fraktion bestehenden Nominierungsausschuss (§ 32/A Abs 4 ung Vf). Der PraÈsi-
dent und der VizepraÈsident des Verfassungsgerichts werden von den Verfassungsrich-
tern selbst aus ihrer Mitte ± uzw auf eine Dauer von drei Jahren ± gewaÈhlt. In Polen
werden die Verfassungsrichter gem Art 194 Abs 1 poln Vf vom Sejm (der ersten Parla-
mentskammer) gewaÈhlt, uzw mit einfacher Stimmenmehrheit bei Anwesenheit von
mindestens der HaÈlfte der Abgeordneten. PraÈsident und VizepraÈsident des Verfas-
sungsgerichtshofs ernennt gem Art 194 Abs 2 poln Vf der StaatspraÈsident aus Kandi-
daten, die von der Generalversammlung der Richter am Verfassungsgerichtshof vor-
geschlagen werden. Ein parlamentarischer Bestellmodus der Verfassungsrichter ist
ferner auch in Kroatien, Serbien und Montenegro vorgesehen (vgl Art 125 Abs 1
und 2 kroat Vf, Art 73 Z 10 serb Vf, Art 81 Z 8 und Art 111 Abs 2 mont Vf). Eine inter-
essante Abwandlung findet sich in Portugal: Nach Art 222 Abs 1 port Vf werden
zehn Verfassungsrichter von der Versammlung der Republik, dem portugiesischen
Parlament, ernannt, waÈhrend die drei uÈbrigen von den Richtern selbst zugewaÈhlt
werden.
Eine parlamentarisch-exekutivische Mischbestellung ist zB in O È sterreich
vorgesehen. Zwar werden alle Verfassungsrichter vom BundespraÈsidenten ernannt;
dieser ist jedoch an VorschlaÈge gebunden. FuÈr den PraÈsidenten, den VizepraÈsidenten,
sechs weitere Mitglieder und drei Ersatzmitglieder des Verfassungsgerichtshofs er-
stattet diese VorschlaÈge die Bundesregierung; fuÈr drei Mitglieder und zwei Ersatz-
mitglieder hat der Nationalrat, fuÈr die uÈbrigen drei Mitglieder und ein Ersatzmitglied
der Bundesrat einen Vorschlag zu erstatten (Art 147 Abs 2 oÈst B-VG). Dieser Bestel-
lungsmodus weist ein starkes U È bergewicht der Bundesregierung bzw der Parlaments-
mehrheit auf. Ein geteiltes Ernennungsrecht gibt es auch in Frankreich. Nach Art 56
Abs 1 fr Vf werden drei Mitglieder des Verfassungsrates vom StaatspraÈsidenten
ernannt, drei vom PraÈsidenten der Nationalversammlung und drei vom PraÈsidenten
des Senats. Der PraÈsident des Verfassungsrats wird hiebei vom StaatspraÈsidenten
ernannt (Art 56 Abs 3 fr Vf). Eine franzoÈsische Besonderheit stellt die Bestimmung
II. Organisation der Verfassungsgerichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129

des Art 56 Abs 2 fr Vf dar, wonach dem Verfassungsrat auûer den neun ¹membres
nommeÂsª auch die ehemaligen StaatspraÈsidenten auf Lebenszeit angehoÈren (¹mem-
bres de droitª); in den letzten Jahrzehnten hat allerdings kein PraÈsident mehr von sei-
nem Recht, an den Entscheidungen des Verfassungsrates mitzuwirken, Gebrauch
gemacht. In Anlehnung an das franzoÈsische Vorbild werden in RumaÈnien drei Richter
des Verfassungsgerichtshofs von der Abgeordnetenkammer ernannt, drei vom Senat
und drei vom StaatspraÈsidenten (Art 142 Abs 3 rum Vf). Den PraÈsidenten des Verfas-
sungsgerichtshofes waÈhlen die Richter allerdings selbst aus ihrer Mitte, uzw fuÈr eine
Amtszeit von drei Jahren (Art 142 Abs 4 rum Vf).
Eine andere Form des Zusammenwirkens von Legislative und Exekutive manife-
stiert sich in jenem Bestellmodus, wo die Verfassungsrichter ± uzw alle ± entweder
vom Parlament (bzw der zweiten Parlamentskammer) auf Vorschlag des Staats-
praÈsidenten gewaÈhlt oder ¹umgekehrtª vom StaatspraÈsidenten mit Zustimmung
des Parlaments (der zweiten Parlamentskammer) ernannt werden. Dieser Modus
geht auf die Bestellung der Richter des US-amerikanischen Supreme Court ± Ernen-
nung durch den PraÈsidenten der USA mit Zustimmung des Senats ± zuruÈck und sichert
dem Staatsoberhaupt einen fuÈr parlamentarische VerhaÈltnisse ungewoÈhnlich starken
Entscheidungsanteil bei der Auswahl der Verfassungsrichter. So werden in Russland
die Verfassungsrichter auf Vorschlag des StaatspraÈsidenten durch den FoÈderationsrat,
die zweite russische Parlamentskammer, ernannt (Art 128 Abs 1 russ Vf). In Tsche-
chien werden die Verfassungsrichter vom StaatspraÈsidenten mit Zustimmung des
Senates, der zweiten Kammer des tschechischen Parlaments, ernannt (Art 84 Abs 2
tschech Vf). In Albanien werden die Verfassungsrichter vom StaatspraÈsidenten mit
Zustimmung der Versammlung, des albanischen (Einkammer-)Parlaments, ernannt
(Art 125 Abs 1 alb Vf), in Slowenien werden sie auf Vorschlag des StaatspraÈsidenten
von der Staatsversammlung (dem slowenischen Parlament bzw nach anderer Auffas-
sung der ersten Parlamentskammer) gewaÈhlt (Art 163 Abs 1 slowen Vf). In der Slowa-
kei werden die 13 Verfassungsrichter vom StaatspraÈsidenten aus 26 Kandidaten
ernannt, die ihm der Nationalrat, das gesetzgebende Organ der Slowakei, vorschlaÈgt
(Art 134 Abs 1 und 2 slowak Vf).
Ein weiterer Bestellungsmodus zeichnet sich schlieûlich durch eine mehr oder
weniger gleichmaÈûige Beteiligung aller drei Staatsgewalten aus. In Italien
herrscht volle DrittelparitaÈt: FuÈnf Mitglieder der Corte Costituzionale werden vom
StaatspraÈsidenten ernannt, fuÈnf weitere Mitglieder werden vom Parlament in gemein-
samer Sitzung beider Kammern gewaÈhlt; die uÈbrigen fuÈnf Richter werden von den
obersten ordentlichen und Verwaltungsgerichten bestellt (Art 135 Abs 1 it Vf); den PraÈ-
sidenten des Gerichts waÈhlen die Verfassungsrichter aus ihrer Mitte, uzw auf drei Jahre
(Art 135 Abs 4 it Vf). Sehr aÈhnlich werden in Bulgarien ein Drittel der (insgesamt
zwoÈlf) Verfassungsrichter von der Nationalversammlung, dem bulgarischen Parlament,
gewaÈhlt, ein Drittel vom PraÈsidenten der Republik ernannt und ein Drittel von der All-
gemeinen Versammlung der Richter des Obersten Kassationsgerichts und des
Obersten Verwaltungsgerichts gewaÈhlt (Art 147 Abs 1 bulg Vf); den Vorsitzenden des
Verfassungsgerichts waÈhlen auch hier die Richter aus ihrer Mitte fuÈr eine Dauer von
drei Jahren (Art 147 Abs 4 bulg Vf). Vollkommen gewaltenparitaÈtisch gestaltet sich fer-
ner die Bestellung der Verfassungsrichter in der Ukraine: Jeweils sechs Richter wer-
den vom PraÈsidenten der Republik, vom Obersten Rat (dem Parlament) der Ukraine
und vom Kongress der Richter der Ukraine ernannt (Art 148 Abs 2 ukr Vf); den Vorsit-
130 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12. Kapitel: Die Verfassungsgerichtsbarkeit

zenden des Verfassungsgerichts waÈhlen die Richter aus ihrer Mitte fuÈr eine Dauer von
drei Jahren (Art 148 Abs 5 ukr Vf). In Moldawien werden zwei Richter vom Parlament
ernannt, zwei vom StaatspraÈsidenten und zwei vom Hohen Rat der Justiz (Art 136
Abs 2 mold Vf); ihren GerichtspraÈsidenten waÈhlen die Verfassungsrichter selbst
(Art 136 Abs 3 mold Vf). Zwar gewaltenpluralistisch, aber nicht paritaÈtisch gestaltet
sich das Bestellungskonzept in Spanien: Das Tribunal Constitucional setzt sich aus
zwoÈlf vom KoÈnig ernannten Mitgliedern zusammen. Vier Richter werden dabei vom
Kongress (der ersten Parlamentskammer) mit einer DreifuÈnftelmehrheit seiner Mitglie-
der, weitere vier vom Senat (der zweiten Parlamentskammer) mit gleicher Mehrheit,
zwei von der Regierung und zwei vom Generalrat der rechtsprechenden Gewalt vor-
geschlagen (Art 159 Abs 1 sp Vf). Der PraÈsident des Verfassungsgerichts wird auf Vor-
schlag des Gerichtsplenums, das ihn unter seinen Mitgliedern auswaÈhlt, fuÈr einen Zeit-
raum von drei Jahren vom KoÈnig ernannt (Art 160 sp Vf).

C. Amtsdauer der Verfassungsrichter

Hinsichtlich der Amtsdauer der Verfassungsrichter kann man drei Modelle unter-
scheiden: die Bestellung auf Lebenszeit bzw bis zur Erreichung einer bestimmten
Altersgrenze (70 Jahre), die Bestellung auf eine von vornherein zeitlich begrenzte
Amtsdauer (meistens neun Jahre) ohne WiederbestellungsmoÈglichkeit, die Bestellung
auf eine zeitlich begrenzte Amtsdauer mit WiederbestellungsmoÈglichkeit.
Die Bestellung bis zur Erreichung einer bestimmten Altersgrenze fuÈhrt zu
meist langen Amtszeiten der Verfassungsrichter und sichert damit die inhaltliche Kon-
tinuitaÈt der Rechtsprechung. Da sich dem Richter nach dem Ausscheiden aus dem
Amt altersbedingt so gut wie immer keine weitere Karriereperspektive eroÈffnet, er
sich also bei niemandem ¹beliebt machenª muss, ist damit auch ein Maximum an
UnabhaÈngigkeit der Verfassungsrichter gewaÈhrleistet. Diesen Vorteilen steht der Nach-
teil der Gefahr der Verkrustung der Rechtsprechung gegenuÈber, die dann auftreten
kann, wenn Richter sehr lange im Amt und nach gewisser Zeit nicht mehr geneigt
sind, althergebrachte Denkweisen an neue verfassungsrechtliche und verfassungspoli-
tische Entwicklungen anzupassen. Das Modell der starren Altersgrenze besteht bis
heute in O È sterreich, wo die Verfassungsrichter nicht auf eine bestimmte Zeit ernannt
werden, sondern gem Art 147 Abs 6 oÈst B-VG mit Ablauf des Jahres aus dem Amt
scheiden, in dem sie das 70. Lebensjahr vollendet haben. Im U È brigen konnte sich
dieses Modell nicht durchsetzen; abgesehen von O È sterreich findet es sich noch in Ser-
bien, wo die Amtsdauer der Verfassungsrichter gaÈnzlich unbefristet ist.
Das europaÈische Standardmodell ist heute die Bestellung auf eine zeitlich
begrenzte Amtsdauer ohne Wiederbestellungsmo È glichkeit. Die Bestelldauer
betraÈgt hiebei zumeist neun Jahre (so in Italien, Frankreich, Spanien, Portugal, Polen,
Bulgarien, RumaÈnien, Albanien, Litauen, Ukraine, Slowenien, Montenegro, Makedo-
nien), mitunter zwoÈlf Jahre (Deutschland, Slowakei), in Russland seit juÈngerer Zeit 15
Jahre. Die zeitlich befristete Mandatsdauer gewaÈhrleistet einerseits eine kontinuier-
liche Arbeit des Verfassungsgerichts, verhindert aber andererseits die Gefahr einer
Erstarrung der Rechtsprechung, die mit einer Wahl auf Lebenszeit verbunden sein
koÈnnte; durch die in kuÈrzeren ZeitabstaÈnden erfolgende personelle Erneuerung
werden typischerweise auch neue Sichtweisen auf alte Probleme in das Gericht einge-
bracht.
II. Organisation der Verfassungsgerichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131

Ein kompletter Austausch aller Verfassungsrichter nach Ablauf ihrer Amtsdauer


haÈtte allerdings zur Folge, dass die neu ernannten Richter sich erst einarbeiten muÈss-
ten ± das Gericht also eine Zeit lang nicht voll funktionsfaÈhig waÈre ± und moÈglicher-
weise gravierende BruÈche in der Rechtsprechung auftreten wuÈrden. Zum Zweck einer
besseren ¹Durchmischungª des personellen Bestandes des Verfassungsgerichts ist
daher in manchen Staaten ein System der Partialerneuerung vorgesehen. In FaÈllen
der mathematisch ¹guÈnstigenª Kombination neun (bzw zwoÈlf) Verfassungsrichter fuÈr
eine Amtsdauer von neun Jahren bietet sich etwa eine ¹doppelte Drittelungª an: So
wird in Frankreich, RumaÈnien, Albanien und Litauen alle drei Jahre ein Drittel (dh
drei) der Verfassungsrichter erneuert (vgl Art 56 Abs 1 fr Vf, Art 142 Abs 5 rum Vf,
Art 125 Abs 3 alb Vf, Art 103 Abs 1 lit Vf); in Spanien betrifft die Drittelerneuerung
nach drei Jahren (Art 159 Abs 3 sp Vf) jeweils vier Richter. In LaÈndern ohne diese Vor-
kehrung ergeben sich asynchrone Amtszeiten dadurch, dass im Lauf der Zeit einzelne
Verfassungsrichter ihre Amtsdauer aus verschiedenen GruÈnden (Tod, vorzeitiger Amts-
verzicht) nicht voll ausgeschoÈpft haben und die im Wege bzw in der Kette des indivi-
duellen NachruÈckens in ihr Amt gekommenen Richter daher einen je individuellen
Bestellungszeitpunkt und demgemaÈû ein zeitlich je individuelles Amtsende aufweisen.
Der Ausschluss der Wiederbestellungsmo È glichkeit sichert die UnabhaÈngigkeit
der Verfassungsrichter. Dadurch, dass eine zweite Amtszeit von vornherein nicht in
Betracht kommt, koÈnnen die Richter nicht in Versuchung geraten, sich um eine solche
durch ein den wiederbestellenden Organen ± va dem Parlament ± genehmes Entschei-
dungsverhalten zu bemuÈhen. Ein Problem bei dieser LoÈsung ist die Frage der adaÈquaten
beruflichen BeschaÈftigung nach Amtsende, wenn eine in relativ jungem Alter zum Ver-
fassungsrichter bestellte Person dann noch nicht das Pensionsalter aufweist.
Die vorhin aufgewiesene Problematik der BeeintraÈchtigung der richterlichen
UnabhaÈngigkeit stellt sich bei dem dritten Modell der Amtsdauer, der Bestellung
auf eine zeitlich begrenzte Amtsdauer mit Wiederbestellungsmo È glichkeit. Aus
diesem Grund ist es im europaÈischen Vergleich nur selten anzutreffen. Ihm folgen
Tschechien (Amtszeit zehn Jahre), Ungarn (Amtszeit neun Jahre) und Kroatien (Amts-
zeit acht Jahre).

D. Qualifikationsvoraussetzungen
In Frankreich sind ± was im europaÈischen Vergleich als auûergewoÈhnlich zu bewer-
ten ist ± keinerlei persoÈ nliche oder fachliche Voraussetzungen fuÈr die Mitglied-
schaft im Verfassungsrat festgelegt. Dies ist ein konzeptionsbedingter Umstand. Der
Verfassungsrat ist ± was schon in der Bezeichnung zum Ausdruck kommt (Conseil
Constitutionnel, nicht Tribunal Constitutionnel oder Cour Constitutionnelle; deutsch
daher Verfassungsrat und nicht Verfassungsgericht oder Verfassungsgerichtshof) ± for-
mal kein Gericht, sondern nur ein gerichtsaÈhnliches Organ. Der Mangel an Qualifika-
tionserfordernissen hatte zur Folge, dass dem Verfassungsrat in der Vergangenheit
immer wieder auch Nicht-Juristen, die vor ihrer Ernennung in der Politik taÈtig waren,
angehoÈrt haben. Diese Praxis hat sich jedoch im Laufe der Jahre geaÈndert. Heute
scheinen die fuÈr die Ernennung der Mitglieder des Verfassungsrates zustaÈndigen
Organe der fachlichen Kompetenz und einschlaÈgigen Berufserfahrung der Mitglieder
immer groÈûere Bedeutung beizumessen. Bemerkenswert ist, dass auch in Serbien
von Rechts wegen keine besonderen persoÈnlichen und fachlichen Voraussetzungen
von den Kandidaten fuÈr das Amt des Verfassungsrichters verlangt werden.
132 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12. Kapitel: Die Verfassungsgerichtsbarkeit

In den anderen LaÈndern sind die Verfassungsgerichte als reine ¹Juristenge-


richteª eingerichtet, wobei meist schon die Verfassung selbst relativ detaillierte Quali-
fikationserfordernisse aufstellt. NaÈherhin werden als Ernennungsvoraussetzungen
typischerweise eine abgeschlossene juristische Hochschulausbildung bzw die Beklei-
dung bestimmter juristischer Berufsstellungen und eine bestimmte Dauer der bisheri-
gen Berufspraxis, allenfalls auch ein bestimmtes Mindestlebensalter gefordert. So sind
nach Art 135 Abs 2 it Vf die Richter des Verfassungsgerichts aus den Reihen der Richter
der hoÈchsten ordentlichen und Verwaltungsgerichte einschlieûlich der im Ruhestand
befindlichen Richter, der ordentlichen UniversitaÈtsprofessoren fuÈr Rechtswissenschaf-
ten und der AnwaÈlte mit mindestens zwanzigjaÈhriger Praxis zu waÈhlen. In RumaÈnien
muÈssen die Richter am Verfassungsgerichtshof uÈber eine hoÈhere juristische Ausbildung
und eine hohe berufliche BefaÈhigung verfuÈgen sowie ein Dienstalter von wenigstens
18 Jahren in einer juristischen TaÈtigkeit oder im juristischen Hochschulunterricht
haben (Art 143 rum Vf). In der Slowakei kann zum Verfassungsrichter nur ein slowaki-
scher StaatsbuÈrger ernannt werden, der in den Nationalrat der Slowakischen Republik
waÈhlbar ist, das 40. Lebensjahr vollendet hat, uÈber einen juristischen Hochschul-
abschluss verfuÈgt und mindestens 15 Jahre in einem juristischen Beruf taÈtig war
(Art 134 Abs 3 slowak Vf). In der Ukraine zaÈhlen zu den persoÈnlichen und fachlichen
Voraussetzungen fuÈr das Amt des Verfassungsrichters die ukrainische StaatsbuÈrger-
schaft, die Vollendung des 40. Lebensjahres, eine abgeschlossene juristische Hoch-
schulausbildung und eine mindestens zehnjaÈhrige Berufspraxis; daruÈber hinaus muÈs-
sen sich die Richter in den letzten 20 Jahren in der Ukraine aufgehalten haben und
die Amtssprache beherrschen (Art 148 Abs 3 ukr Vf).

E. Rechtsstellung der Verfassungsrichter


Die Verfassungsrichter genieûen durchwegs die uÈblichen richterlichen Garantien der
(Weisungs-)UnabhaÈngigkeit und Unabsetzbarkeit (s zB Art 147 Abs 6 iVm Art 87
Abs 1 und Art 88 Abs 2 oÈst B-VG, Art 159 Abs 5 sp Vf, Art 222 Abs 5 port Vf, Art 145
rum Vf, Art 149 ukr Vf, Art 195 Abs 1 poln Vf, Art 104 Abs 1 lit Vf). In zahlreichen LaÈn-
dern, insb unter den Reformstaaten Ost- und Ostmitteleuropas, wird ihre Amtsstellung
durch die EinraÈumung einer den Parlamentsabgeordneten vergleichbaren ImmunitaÈt
zusaÈtzlich abgesichert. So genieûen in Slowenien die Verfassungsrichter gem Art 167
slowen Vf die gleiche ImmunitaÈt wie die Abgeordneten der Staatsversammlung. U È ber
die Aufhebung der ImmunitaÈt im Einzelfall entscheidet allerdings nicht das Verfas-
sungsgericht selbst, sondern die Staatsversammlung. A È hnlich koÈnnen etwa auch in
Tschechien Richter am Verfassungsgericht nicht ohne Zustimmung des Senates (der
zweiten Parlamentskammer) strafrechtlich verfolgt werden; verweigert der Senat die
Zustimmung, ist die Strafverfolgung fuÈr immer ausgeschlossen (Art 86 Abs 1 tschech
Vf; zur Festnahme eines Verfassungsrichters s die differenzierende Normierung in
Art 86 Abs 2 tschech Vf). Konsequenter ist die Regelung in der Slowakei, wo die
Zustimmung zur Strafverfolgung eines Verfassungsrichters oder zu seiner Verhaftung
das Verfassungsgericht selbst erteilt (Art 136 Abs 1 und 2 slowak Vf; aÈhnlich Art 196
poln Vf, Art 126 alb Vf). Bemerkenswert ist Art 195 Abs 2 poln Vf, wonach den Rich-
tern am Verfassungsgerichtshof Arbeitsbedingungen und VerguÈtungen gewaÈhrleistet
werden, die der WuÈrde ihres Amtes sowie dem Umfang ihrer Pflichten entsprechen.
Weitreichende Unvereinbarkeitsbestimmungen sollen die persoÈnliche Unbe-
fangenheit der Mitglieder des Verfassungsgerichts und damit die ObjektivitaÈt der rich-
III. Kompetenzen der Verfassungsgerichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133

terlichen Entscheidungsfindung insgesamt gewaÈhrleisten. Im Einzelnen bestehen von


Land zu Land durchaus erhebliche Unterschiede. Von der Regelungstechnik her koÈn-
nen grundsaÈtzlich zwei Normierungsmuster gesondert werden. Manche Verfassun-
gen versuchen das Problem mit einer Generalklausel in den Griff zu bekommen. So
ist nach Art 130 alb Vf die Stellung eines Verfassungsrichters schlicht mit jeder anderen
staatlichen, politischen oder privaten TaÈtigkeit unvereinbar. A È hnlich ist nach Art 144
rum Vf das Amt des Richters am Verfassungsgerichtshof mit jedwedem anderen oÈffent-
lichen oder privaten Amt, ausgenommen das Lehramt im juristischen Hochschulunter-
richt, unvereinbar. Nach Art 195 Abs 3 poln Vf duÈrfen die Verfassungsrichter keine
oÈffentliche TaÈtigkeit ausuÈben, die sich nicht mit den GrundsaÈtzen der SelbststaÈndigkeit
der Gerichte und der UnabhaÈngigkeit der Richter vereinbaren laÈsst. Andere LaÈnder
produzieren Kasuistik, wobei mitunter die Verfassung nur die wesentlichsten Inkom-
patibilitaÈten normiert und die naÈhere Ausgestaltung des Unvereinbarkeitsrechts der
AusfuÈhrungsgesetzgebung uÈberlaÈsst. So ist nach Art 135 Abs 5 it Vf das Amt eines Rich-
ters am Verfassungsgericht unvereinbar mit den A È mtern eines Parlamentsmitglieds
oder des Mitglieds eines Regionalrates (nicht genannt ist hier aber die Regierungsmit-
gliedschaft!), mit der AusuÈbung des Berufs eines Rechtsanwalts und mit allen sonsti-
gen vom Gesetz bezeichneten A È mtern und WuÈrden. In Frankreich ist von Verfassungs
wegen das Amt eines Mitglieds des Verfassungsrats mit dem eines Ministers oder mit
dem Mandat eines Mitglieds des Parlaments unvereinbar; die anderen InkompatibilitaÈ-
ten bestimmt ein Organgesetz (Art 57 fr Vf). In O È sterreich koÈnnen dem Verfassungs-
gerichtshof nicht angehoÈren: Mitglieder der Bundesregierung oder einer Landesregie-
rung (wohl aber StaatssekretaÈre!), ferner Mitglieder des Nationalrates, des Bundesrates
oder sonst eines allgemeinen VertretungskoÈrpers (vgl naÈher Art 147 Abs 4 und 5 oÈst
B-VG). Hervorhebenswert ist die unterschiedliche Regelung der Unvereinbarkeit mit
TaÈtigkeiten in einer politischen Partei: WaÈhrend in den westeuropaÈischen LaÈndern
allenfalls ein AngestelltenverhaÈltnis bzw die Wahrnehmung einer leitenden Funktion
in einer politischen Partei untersagt ist (vgl Art 159 Abs 4 sp Vf, Art 147 Abs 4 oÈst
B-VG), wird in den Reformstaaten oÈstlich des ehemaligen ¹Eisernen Vorhangsª, sicht-
lich als Antwort auf die vormalige Parteilenkung der Justiz, fuÈr Verfassungsrichter haÈu-
fig jegliche ParteizugehoÈrigkeit (bzw auch ZugehoÈrigkeit zu einer Gewerkschaft) kate-
gorisch ausgeschlossen (vgl Art 147 Abs 5 bulg Vf, Art 111 Abs 1 mak Vf, Art 195 Abs 3
poln Vf, Art 137 Abs 1 slowak Vf, Art 149 iVm Art 127 Abs 2 ukr Vf, § 32/A Abs 5 ung
Vf).

III. Kompetenzen der Verfassungsgerichte 19

A. Normenkontrolle

1. PruÈfungszeitpunkt

Wie schon mehrfach aufgezeigt, ist die Befugnis, generelle Normen auf ihre Recht-
maÈûigkeit zu uÈberpruÈfen und ± bei Verfassungswidrigkeit bzw Gesetzwidrigkeit ± auf-
zuheben, die bedeutsamste Kompetenz der Verfassungsgerichte; Kern dieser Kompe-

È bersichten bei Brunner, JO


19 Tabellarische U È R 2002, 237 ff, sowie ± in geographisch enge-
rem Rahmen ± Roggemann (Hrsg), Die Verfassungen Mittel- und Osteuropas, Berlin 1999, 124 ff.
134 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12. Kapitel: Die Verfassungsgerichtsbarkeit

È berpruÈfung der VerfassungsmaÈûigkeit von Gesetzen. Hinsichtlich des


tenz ist die U
Zeitpunktes der PruÈfung ist zwischen praÈventiver und repressiver Normenkontrolle
(GesetzespruÈfung) zu unterscheiden. Im Falle der praÈventiven Normenkontrolle
(Normenkontrolle a priori) wird die Frage der VerfassungsmaÈûigkeit einer Norm vor
deren Inkrafttreten bzw VeroÈffentlichung gepruÈft und entschieden. Von repressiver
Normenkontrolle (Normenkontrolle a posteriori) spricht man demgegenuÈber,
wenn sie auf ein bereits in Kraft stehendes Gesetz Anwendung findet und somit nicht
mehr Teil des Gesetzgebungsverfahrens, sondern der Problematik der Gesetzesan-
wendung ist.
Die Vor- und Nachteile der beiden ± wie zu zeigen sein wird, miteinander auch
kombinierbaren ± Systeme sind spiegelbildlich. Die praÈventive Normenkontrolle
bewirkt, dass ein als verfassungswidrig erkanntes Gesetz gar nicht erst in Kraft treten
kann. Diesem, scheinbar zwingenden Vorteil steht allerdings eine Reihe von ± in
Summe uÈberwiegenden ± Nachteilen gegenuÈber. Bei einem rein praÈventiven Normen-
kontrollsystem kann ein aus welchen GruÈnden immer nicht vorgaÈngig in PruÈfung
gezogenes Gesetz ± maW ein solches, dessen Anfechtung unterblieben ist ± spaÈter
nicht mehr angetastet werden, ist also fuÈr alle Zeiten ¹sakrosanktª; dies auch dann,
wenn die spaÈter erkannte Verfassungswidrigkeit evident bzw gravierend ist. Die vor-
gaÈngige Kontrolle eines Gesetzes wird ± insb dann, wenn dem kontrollierenden
Organ von Verfassungs wegen ein enger PruÈfungszeitraum vorgegeben ist (in Frank-
reich ein Monat bzw uÈber Regierungsbeschluss gar nur acht Tage) ± haÈufig auf eine
rein ¹akademischeª bzw ¹summarischeª PruÈfung hinauslaufen. Vor allem aber ist es
eine Erfahrungstatsache, dass die Verfassungswidrigkeit gesetzlicher Bestimmungen
nicht sofort wissenschaftlich aufweisbar ist, sondern sich erst in der Anwendungs-
praxis ± oft lange nach Erlassung des Gesetzes ± zeigt. FuÈr diese FaÈlle bietet die praÈ-
ventive Normenkontrolle ex definitione keinen Rechtsschutz. Alles zusammengenom-
men muss konstatiert werden, dass eine ¹echteª Verfassungsgerichtsbarkeit eine
repressive Gesetzespru È fung voraussetzt.
Ein rein praÈventives Normenkontrollverfahren ist in Frankreich eingerichtet
(¹franzoÈsisches Modellª der GesetzespruÈfung), dies vor folgendem geschichtlichen,
staatstheoretischen und verfassungsrechtlichen Hintergrund: In Frankreich fehlte es
auf Grund der klassischen franzoÈsischen Doktrin der Unantastbarkeit der Gesetze
lange an einer effektiven Verfassungskontrolle von Normen, die das Parlament erlas-
sen hat. Diese Doktrin geht auf die Lehre Rousseaus zuruÈck, der Gesetze als Ausdruck
der ¹volonte geÂneÂraleª, also des Volkswillens, wertete. Da eine verfassungsgerichtliche
PruÈfung von Legislativakten eine BeschraÈnkung der SouveraÈnitaÈt des Parlaments als
Vertreter des souveraÈnen Volkes bedeutet haÈtte, wurde jene beharrlich abgelehnt. Ein
weiterer Faktor, der die BegruÈndung einer wirksamen Verfassungsgerichtsbarkeit nicht
unbedingt beguÈnstigte, war das Misstrauen, das der Richterschaft in Frankreich tradi-
tionell entgegengebracht wurde.
Erst die Verfassung der FuÈnften Republik vom 4. Oktober 1958 brach mit der Tradi-
tion der Ablehnung einer richterlichen Kontrolle des Gesetzgebers. Ziel der Verfas-
sungsschoÈpfer unter dem Vorsitz von General de Gaulle war es, die Vormachtstellung
des Parlaments gegenuÈber der Regierung, die bereits in der Verfassung der Vierten
Republik aus 1946 angelegt war und die das Parlament im Laufe der Jahre durch die
eigenmaÈchtige U È berschreitung seiner Befugnisse noch vergroÈûerte, zu brechen, indem
sie die Rechte des Parlaments beschnitten und die Stellung der Exekutive staÈrkten. Es
III. Kompetenzen der Verfassungsgerichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135

kam zu einer strikten Abgrenzung der dem Gesetz und der Verordnung vorbehaltenen
Materien. Das Parlament ist nur mehr in den in Art 34 fr Vf genannten Sachmaterien
zur Gesetzgebung befugt. Die Generalkompetenz zur Rechtsetzung steht gem Art 37
fr Vf der Regierung im Verordnungsweg zu. Um die Einhaltung der neu geschaffe-
nen Kompetenzordnung und des Gleichgewichts zwischen den beiden Gewalten
zu gewaÈhrleisten, wurde der Conseil Constitutionnel (Verfassungsrat) ± er ist ein
gerichtsaÈhnliches Organ, kein Gericht ± als neues und unabhaÈngiges Verfassungsorgan
errichtet. Mit ihm wurde erstmals eine wirksame Verfassungskontrolle des Gesetz-
gebers ermoÈglicht. Um nicht in Konflikt mit der althergebrachten Doktrin der Unan-
tastbarkeit der Gesetze zu kommen bzw diesen zu minimieren, wurde die Normen-
kontrolle als Teil des Gesetzgebungsverfahrens und nicht als der Legislative entgegen-
gesetztes Kontrollverfahren konstruiert.
In diesem Sinn muÈssen gem Art 61 Abs 1 fr Vf die Organgesetze (dazu 7. Kap, II.B.)
vor ihrer VerkuÈndung und die GeschaÈftsordnungen der parlamentarischen Kammern
vor ihrer Anwendung dem Verfassungsrat vorgelegt werden, der uÈber ihre Verfas-
sungsmaÈûigkeit befindet (obligatorische Kontrolle). Einfache Gesetze werden hin-
gegen nach Art 61 Abs 2 fr Vf durch den Verfassungsrat vor ihrer Verku È ndung nur
gepru È ft, wenn ein diesbezu È glicher Antrag gestellt wird (fakultative Kontrolle).
UrspruÈnglich waren nur der PraÈsident der Republik, der Premierminister, der PraÈsident
der Nationalversammlung und der PraÈsident des Senates zur Anrufung des Verfas-
sungsrates befugt; sie machten von diesem Recht jedoch nur aÈuûerst selten Gebrauch.
Mit einer VerfassungsaÈnderung im Jahre 1974 wurde das Antragsrecht schlieûlich auch
einer Gruppe von 60 Abgeordneten zur Nationalversammlung oder 60 Senatoren ein-
geraÈumt, um auch der parlamentarischen Opposition die MoÈglichkeit zu geben, die
Einleitung eines Normenkontrollverfahrens zu erwirken. Die Anzahl der Entscheidun-
gen des Verfassungsrates auf dem Gebiet der Normenkontrolle ist seither sprunghaft
angestiegen. Dem einzelnen BuÈrger sowie den Gerichten ist die Anrufung des Verfas-
sungsrates hingegen verwehrt.
GemaÈû Art 61 Abs 3 fr Vf hat der Verfassungsrat seine Entscheidung innerhalb
eines Monats zu treffen. Auf Verlangen der Regierung wird diese Frist jedoch in drin-
genden FaÈllen auf acht Tage verkuÈrzt. In jedem Fall wird durch die Anrufung des Ver-
fassungsrates die VerkuÈndungsfrist ausgesetzt (Art 61 Abs 4 fr Vf). ErklaÈrt der Verfas-
sungsrat eine Gesetzesbestimmung fuÈr verfassungswidrig, so darf diese gem Art 62
Abs 1 fr Vf nicht verku È ndet oder angewendet werden.
Die (historisch im Vordergrund stehende) Abgrenzung der Gesetzes- von der
Verordnungskompetenz wird durch Art 41 fr Vf gewaÈhrleistet. Nach dieser Vor-
schrift ist die Regierung befugt, gegen einen Gesetzesvorschlag aus den Reihen der
Abgeordneten Einspruch zu erheben, wenn dieser Vorschlag einen Regelungsbereich
betrifft, fuÈr den keine Gesetzgebungskompetenz besteht (dazu schon oben). Im Falle
einer Meinungsverschiedenheit zwischen der Regierung und dem PraÈsidenten der
betreffenden Kammer kann der Verfassungsrat von beiden Parteien mit der Sache
befasst werden. Er hat innerhalb von acht Tagen zu entscheiden, wem die Recht-
setzungskompetenz fuÈr die betreffende Materie zusteht. Die PruÈfung durch den Verfas-
sungsrat findet in diesem Fall bereits vor oder waÈhrend der Beratung des Gesetzes-
entwurfes statt.
Nach franzoÈsischem Vorbild ist auch in RumaÈnien ein System der praÈventiven
Normenkontrolle in Bezug auf Gesetze eingerichtet. Nach Art 146 lit a rum Vf nimmt
136 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12. Kapitel: Die Verfassungsgerichtsbarkeit

der Verfassungsgerichtshof vor deren Ausfertigung zur VerfassungsmaÈûigkeit von


Gesetzen Stellung. Antragsberechtigt sind der StaatspraÈsident, die PraÈsidenten der bei-
den Parlamentskammern, die Regierung, der Oberste Gerichtshof, der Volksanwalt
sowie eine Anzahl von wenigstens 50 Abgeordneten oder von wenigstens 25 Senato-
ren. Wenn der Verfassungsgerichtshof eine Verfassungswidrigkeit feststellt, ist das
Parlament verpflichtet die betreffenden Bestimmungen in U È bereinstimmung mit der
Entscheidung des Gerichts zu bringen (Art 147 Abs 2 rum Vf). Anders als nach dem
franzoÈsischen Muster fuÈhrt in RumaÈnien der Verfassungsgerichtshof aber auch in
beschraÈnktem Umfang eine a posteriori-Kontrolle von Gesetzen durch: Nach
Art 146 lit d rum Vf beschlieût er uÈber die Einwendungen, die vor einer gerichtlichen
Instanz bezuÈglich der VerfassungsmaÈûigkeit von Gesetzen (bzw Verordnungen) erho-
ben und vom Gericht dem Verfassungsgerichtshof vorgelegt worden sind; eine solche
Einwendung kann auch vom Volksanwalt vorgebracht werden. Eine fuÈr verfassungs-
widrig erklaÈrte Bestimmung verliert diesfalls spaÈtestens nach 45 Tagen ihre Rechts-
wirksamkeit (vgl Art 147 Abs 1 rum Vf). Im Ergebnis wird man daher fuÈr RumaÈnien
von einem Mischmodell zwischen praÈventiver und repressiver Normenkontrolle
sprechen koÈnnen.
Alle anderen europaÈischen Staaten mit konzentrierter Verfassungsgerichtsbarkeit
haben sich fuÈr ein System der repressiven Normenkontrolle nach oÈsterreichischem
Muster entschieden; darauf wird einlaÈsslich in den Punkten 2. bis 4. einzugehen sein.
Dieses wird allerdings in zahlreichen LaÈndern mit Elementen der praÈventiven
Normenkontrolle gekoppelt. Folgende AuspraÈgungen koÈnnen unterschieden wer-
den:
In manchen Staaten Ost- und Ostmitteleuropas ist der StaatspraÈsident berechtigt,
vor der Unterzeichnung eines vom Parlament verabschiedeten Gesetzes beim Verfas-
sungsgericht einen Antrag auf PruÈfung der Vereinbarkeit des Gesetzes mit der Verfas-
sung zu stellen; ein vom Verfassungsgericht derart als verfassungswidrig erkanntes
Gesetz darf nicht unterzeichnet und kundgemacht werden (vgl Art 122 Abs 3, 4 und
6 poln Vf, § 26 Abs 4 und 5 ung Vf). Mitunter ist ± zwecks Vermeidung eines kuÈnftigen
Normwiderspruchs zwischen VoÈlkerrecht und Verfassung ± eine Kontrolle von abge-
schlossenen voÈlkerrechtlichen VertraÈgen auf ihre Vereinbarkeit mit der Verfassung
vor deren Ratifizierung vorgesehen (vgl zB Art 149 Z 4 bulg Vf, Art 95 Abs 2 sp Vf,
Art 278 Abs 1 port Vf, Art 125a slowak Vf, Art 133 Abs 2 poln Vf, Art 131 lit b alb Vf,
Art 160 Abs 2 slowen Vf; im U È brigen auch Art 54 fr Vf). In den Dienst der Sicherung
der bundesstaatlichen Kompetenzverteilung ist die Vorschrift des Art 138 Abs 2 oÈst
B-VG gestellt. Danach stellt der Verfassungsgerichtshof auf Antrag der Bundesregie-
rung oder einer Landesregierung fest, ob ein (erst zu erlassender) Akt der Gesetzge-
bung oder Vollziehung in die ZustaÈndigkeit des Bundes oder der LaÈnder faÈllt (vgl
auch auf dieser Linie Art 127 it Vf).

2. PruÈfobjekte und PruÈfmaûstab

In den LaÈndern mit konzentrierter, repressiver Normenkontrolle koÈnnen unter den


PruÈ fobjekten drei groûe Normgruppen gesondert werden. U È berall unterliegen for-
melle Parlamentsgesetze der verfassungsgerichtlichen Kontrolle, ebenso auch
untergesetzesrangige generelle Normen wie Verordnungen verschiedener Art, sel-
ten voÈ lkerrechtliche VertraÈge (so jedoch Art 140a oÈst B-VG, Art 188 Abs 1 Z 1 poln
III. Kompetenzen der Verfassungsgerichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137

Vf, Art 151 Abs 1 ukr Vf). In Portugal kann auch gesetzgeberisches Unterlassen aufge-
griffen werden (naÈher Art 283 port Vf), aÈhnliches gilt ferner fuÈr Ungarn.
Hinsichtlich des Pru
È fungsmaûstabs herrscht vordergruÈndig ein klares Schema:
Gesetze sind auf ihre VerfassungsmaÈûigkeit, untergesetzesrangiges Recht ist auf
seine GesetzmaÈûigkeit (sowie seine VerfassungsmaÈûigkeit) zu pruÈfen. Dass die
È sterreichs ± eines Bundes-
Dinge im Einzelfall komplizierter liegen, sei am Beispiel O
staates ± angedeutet. Im Grunde des Art 140 Abs 1 oÈst B-VG werden Bundesgesetze
und Landesverfassungen am Maûstab der Bundesverfassung, Landesgesetze auch am
Maûstab der jeweiligen Landesverfassung gemessen. Kraft Art 139 Abs 1 oÈst B-VG
sind Verordnungen von BundesbehoÈrden auf ihre Vereinbarkeit mit Bundesgesetzen,
Verordnungen von LandesbehoÈrden auf ihre Vereinbarkeit mit Bundes- wie auch Lan-
desgesetzen zu uÈberpruÈfen. In Sonderkonstellationen duÈrfen Verordnungen auch
nicht gegen hoÈherrangige Verordnungen verstoûen, bei sog verfassungsunmittelbaren
Verordnungen kann Maûstab hingegen wieder nur die Bundesverfassung sein.
Ein gesondertes Problem stellt die Einordnung vo È lkerrechtlicher VertraÈge dar.
In manchen Staaten wird bestimmten voÈlkerrechtlichen VertraÈgen U È bergesetzesrang
zuerkannt, was sie zu einem PruÈfmaûstab fuÈr Gesetze macht. So entscheidet der polni-
sche Verfassungsgerichtshof ua uÈber die Vereinbarkeit von Gesetzen mit ratifizierten
voÈlkerrechtlichen VertraÈgen, deren Ratifizierung einer vorherigen, in einem Gesetz
erklaÈrten Zustimmung bedurfte (Art 188 Abs 1 Z 2 poln Vf). Ebenso entscheidet in
Slowenien gem Art 160 Abs 1 slowen Vf der Verfassungsgerichtshof ua uÈber die U È ber-
einstimmung von Gesetzen mit den ratifizierten internationalen VertraÈgen (sowie hier
auch den allgemeinen GrundsaÈtzen des VoÈlkerrechts), aÈhnlich ist die Rechtslage in
Albanien (vgl Art 131 lit a alb Vf) und der Slowakei (vgl Art 125 Abs 1 lit a slowak Vf).
In einigen Verfassungen werden die einzelnen PruÈfobjekte und die jeweils bezuÈg-
lichen PruÈfmaûstaÈbe in ganze Kataloge gefasst. Nach Art 125 Abs 1 slowak Vf (vgl
auch Art 281 Abs 1 port Vf, Art 160 Abs 1 slowen Vf, Art 125 Abs 1 Z 1±3 serb Vf)
entscheidet das Verfassungsgericht uÈber die Vereinbarkeit von: a) Gesetzen mit der
Verfassung und mit Verfassungsgesetzen sowie mit voÈlkerrechtlichen VertraÈgen,
denen der Nationalrat zugestimmt hat und die ratifiziert und auf die gesetzlich vorge-
sehene Weise kundgemacht worden sind; b) Verordnungen der Regierung sowie all-
gemein verbindlichen Rechtsvorschriften der Ministerien und anderer zentraler
Organe der Staatsverwaltung mit den in lit a genannten Rechtsakten sowie Gesetzen;
c) allgemein verbindlichen Vorschriften der Gemeinden und der hoÈheren territorialen
Einheiten, die diese in Angelegenheiten der territorialen Selbstverwaltung und zur
Sicherstellung der gesetzlich vorgesehenen Aufgaben der Selbstverwaltung erlassen
koÈnnen, mit den in lit a genannten Rechtsakten; d) allgemein verbindlichen Rechts-
vorschriften der oÈrtlichen Organe der Staatsverwaltung und der Organe der territoria-
len Selbstverwaltung, die diese in AusuÈbung ihrer ZustaÈndigkeiten auf dem Gebiet
der Staatsverwaltung innerhalb ihres Territoriums auf Grund und innerhalb der Gren-
zen eines Gesetzes erlassen koÈnnen, mit der Verfassung, den Verfassungsgesetzen,
den auf die gesetzlich vorgesehene Weise kundgemachten voÈlkerrechtlichen VertraÈ-
gen, den Gesetzen, den Regierungsverordnungen und den allgemein verbindlichen
Rechtsvorschriften der Ministerien und anderer Zentralorgane der Staatsverwaltung
(die ZustaÈndigkeit des Verfassungsgerichts nach lit c und d ist jedoch nur eine subsi-
diaÈre; sie kommt nur insofern zum Tragen, als nicht ein anderes Gericht zur Entschei-
dung berufen ist).
138 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12. Kapitel: Die Verfassungsgerichtsbarkeit

3. Anfechtungslegitimation
È berpruÈfung eines Gesetzes bzw einer sonstigen gene-
Die Befugnis, einen Antrag auf U
rellen Norm an das Verfassungsgericht zu stellen, ist in allen LaÈndern mit repressiver
Normenkontrolle breit gestreut. Nahezu durchgehend ist jeweils sowohl die sog
abstrakte Normenkontrolle als auch die sog konkrete Normenkontrolle verwirklicht.
Seltener ist demgegenuÈber eine individuelle Anfechtungslegitimation von Einzelper-
sonen vorgesehen. Die Verfassungsgerichte selbst besitzen ± mit der Ausnahme
Kroatiens, Serbiens, Montenegros und Makedoniens ± durchwegs nicht das Recht,
ein Normenkontrollverfahren von Amts wegen, dh ohne (irgend-)einen zu Grunde lie-
genden Antrag, einzuleiten.
Bei der abstrakten Normenkontrolle wird die VerfassungsmaÈûigkeit einer Norm
unabhaÈngig von einem konkreten Anlassfall (eben ¹abstraktª) gepruÈft. Die
Anfechtung steht rechtlich im Belieben des anfechtungsberechtigten Organs, ein ent-
sprechender Antrag kann grundsaÈtzlich jederzeit gestellt werden. Bei dieser Form der
Normenkontrolle steht weniger der individuelle Rechtsschutz als die allgemeine Siche-
rung der Rechtsstaatlichkeit im Vordergrund. Da hier das staatspolitische Interesse aus-
schlaggebend ist, liegt es in der Natur der Sache, dass zum Anstoû eines abstrakten
Normenkontrollverfahrens ausschlieûlich bestimmte oberste Staatsorgane zustaÈndig
sind. HaÈufig wird hiebei auch einer bestimmten Anzahl von Parlamentsabgeordneten
die Legitimation zur Anfechtung von Gesetzen eingeraÈumt, worin ein bedeutsames
parlamentarisches Minderheitsrecht liegt; man spricht auch vom sog Fraktionsantrag
auf Normenkontrolle/GesetzespruÈfung.
Im Verfahren der abstrakten Normenkontrolle entscheidet etwa in O È sterreich der
Verfassungsgerichtshof uÈber die Verfassungswidrigkeit von Landesgesetzen auf Antrag
der Bundesregierung und uÈber die Verfassungswidrigkeit von Bundesgesetzen auf
Antrag einer Landesregierung, eines Drittels der Mitglieder des Nationalrates oder
eines Drittels der Mitglieder des Bundesrates; durch Landesverfassungsgesetz kann
bestimmt werden, dass ein solches Antragsrecht hinsichtlich der Verfassungswidrigkeit
von Landesgesetzen auch einem Drittel der Mitglieder des Landtages zusteht (Art 140
Abs 1 oÈst B-VG). In Spanien sind zur Einlegung der Normenkontrollklage der Minister-
praÈsident, der Volksanwalt, 50 Abgeordnete, 50 Senatoren, die ausfuÈhrenden
Kollegialorgane der Autonomen Gemeinschaften und gegebenenfalls deren Versamm-
lungen befugt (Art 162 Abs 1 lit a sp Vf). In Litauen steht ein abstraktes Gesetzes-
anfechtungsrecht der Regierung sowie einer Gruppe von mindestens einem FuÈnftel
aller Mitglieder des Seimas, des litauischen Parlaments, zu (vgl Art 106 Abs 1 lit Vf).
In Bulgarien wird das Verfassungsgericht auf Initiative von mindestens einem FuÈnftel
der Abgeordneten, des StaatspraÈsidenten, des Ministerrates oder des Generalstaats-
anwalts taÈtig (vgl Art 150 Abs 1 bulg Vf). In Polen steht das Antragsrecht bezuÈglich
der abstrakten Normenkontrolle einem sehr groûen Kreis zu, der unter anderem den
StaatspraÈsidenten, den Marschall des Sejm (das ist der Vorsitzende der ersten Parla-
mentskammer), den Marschall des Senats (Vorsitzenden der zweiten Parlamentskam-
mer), den PraÈsidenten des Ministerrates, 50 Abgeordnete, 30 Senatoren, den Ersten
PraÈsidenten des Obersten Gerichts, den PraÈsidenten des Hauptverwaltungsgerichts,
den Generalstaatsanwalt, den PraÈsidenten der Obersten Kontrollkammer und den
Beauftragten fuÈr BuÈrgerrechte umfasst (vgl naÈher Art 191 poln Vf). DemgegenuÈber faÈllt
auf, dass eine abstrakte Normenkontrolle gegenuÈber staatlichen Gesetzen auf Antrag
III. Kompetenzen der Verfassungsgerichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139

eines gesamtstaatlichen Verfassungsorgans oder einer parlamentarischen Minderheit in


Italien nicht existiert.
Die konkrete Normenkontrolle ist dadurch gekennzeichnet, dass die Frage der
VerfassungsmaÈûigkeit einer Norm anlaÈsslich eines konkreten Streitfalles vor
einem Gericht (allenfalls auch einem anderen streitentscheidenden Organ), bei dem
sich zwei Parteien gegenuÈberstehen, aufgeworfen und gepruÈft wird. Sie findet also
immer anlaÈsslich der Anwendung einer Norm auf eine bestimmte Person oder
Situation statt. Wenn dem Gericht bei der Normanwendung Bedenken bezuÈglich
deren VerfassungsmaÈûigkeit kommen (bzw es von deren Verfassungswidrigkeit uÈber-
zeugt ist), hat es das Verfahren zu unterbrechen und die Frage der VerfassungsmaÈûig-
keit der Norm dem Verfassungsgericht zur Entscheidung vorzulegen.
In diesem Sinn hat etwa in Deutschland im Grunde des Art 100 Abs 1 dt GG ein
Gericht, wenn es ein Gesetz, auf dessen GuÈltigkeit es bei der Entscheidung ankommt,
fuÈr verfassungswidrig (nicht im Einklang mit dem Grundgesetz) haÈlt, das Verfahren
auszusetzen und die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes einzuholen (zu
beachten ist, dass demgegenuÈber uÈber die Vereinbarkeit von untergesetzesrangigem
Recht mit den Gesetzen in Deutschland die Fachgerichte selbst zu entscheiden
haben). In O È sterreich genuÈgen fuÈr die Gesetzesanfechtung bereits Bedenken ob der
VerfassungsmaÈûigkeit; allerdings kommt ± aus GruÈnden der ¹Entlastungª des Verfas-
sungsgerichtshofs ± den erstinstanzlich entscheidenden Gerichten ein Antragsrecht
nicht zu, wohl aber bestimmten gerichtsaÈhnlichen Organen (s naÈher Art 89 Abs 2
iVm Art 140 Abs 1 oÈst B-VG). Die Verordnungsanfechtung steht auch den erstinstanz-
lich entscheidenden Gerichten zu (naÈher Art 89 Abs 2 iVm Art 139 Abs 1 oÈst B-VG).
Auch in Italien muss das vorlegende Gericht (jeder Stufe) nicht von der Verfassungs-
widrigkeit der anzuwendenden Norm uÈberzeugt sein; es reicht, wenn Zweifel an
deren VerfassungsmaÈûigkeit bestehen, die nicht offensichtlich unbegruÈndet sind (vgl
ferner Art 163 sp Vf). In den Reformstaaten Ost- und Ostmitteleuropas ist die konkrete
Normenkontrolle uÈberwiegend, aber nicht uÈberall fuÈr jede Gerichtsebene ausgebildet.
WaÈhrend etwa in Albanien, Litauen, Tschechien, Slowenien und Polen jedes Gericht
vorlageberechtigt ist (vgl Art 145 Abs 2 alb Vf, Art 110 lit Vf, Art 95 Abs 2 tschech Vf,
Art 156 slowen Vf, Art 193 poln Vf), gibt es im bulgarischen und ukrainischen Verfas-
sungssystem keine konkrete Normenkontrolle auf Antrag eines untergeordneten
Gerichts. Nur wenn in Bulgarien das Oberste Kassationsgericht oder das Oberste Ver-
waltungsgericht in einem anhaÈngigen Verfahren eine Unvereinbarkeit zwischen einem
Gesetz und der Verfassung feststellt, hat es das Verfahren zu unterbrechen und die
Frage dem Verfassungsgericht zur Entscheidung vorzulegen (Art 150 Abs 2 bulg Vf).
In der Ukraine kann eine konkrete Normenkontrolle nur auf Antrag des Obersten
Gerichts erfolgen (vgl Art 150 Z 1 ukr Vf). In Serbien ist eine konkrete Normenkon-
trolle gar uÈberhaupt nicht vorgesehen.
Eine individuelle Anfechtungslegitimation, dh das Recht von natuÈrlichen und
juristischen Personen sich wegen der (behaupteten) Verfassungswidrigkeit einer gene-
rellen Norm direkt an das Verfassungsgericht zu wenden, besteht nur in einer Minder-
zahl der Vergleichsstaaten. Teilweise ist die Antragslegitimation an die Voraussetzung
einer perso È nlichen Betroffenheit in einer Rechtsposition geknuÈpft. Nach Art 93
Abs 1 Z 4a dt GG koÈnnen Verfassungsbeschwerden von jedermann mit der Behaup-
tung erhoben werden, durch die oÈffentliche Gewalt in einem seiner Grundrechte
oder grundrechtsgleichen Rechte verletzt zu sein; die Verletzung ¹durch die oÈffentliche
140 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12. Kapitel: Die Verfassungsgerichtsbarkeit

Gewaltª kann dabei auch unmittelbar auf einem Gesetz beruhen, der BeschwerdefuÈh-
rer muss durch den betreffenden Akt allerdings selbst, unmittelbar und gegenwaÈrtig
betroffen sein. In aÈhnlicher Weise erkennt nach Art 140 Abs 1 oÈst B-VG der Verfas-
sungsgerichtshof uÈber die Verfassungswidrigkeit von Gesetzen (auch) auf Antrag einer
Person, die unmittelbar durch diese Verfassungswidrigkeit in ihren Rechten verletzt zu
sein behauptet, sofern das Gesetz ohne FaÈllung einer gerichtlichen Entscheidung oder
ohne Erlassung eines Bescheides fuÈr diese Person wirksam geworden ist; eine Parallel-
bestimmung fuÈr Verordnungen ist in Art 139 Abs 1 oÈst B-VG enthalten. Art 162 Abs 2
slowen Vf verleiht jedermann das Recht, die Einleitung eines (Normenkontroll-)Ver-
fahrens vor dem Verfassungsgericht ¹anzuregenª, wenn er sein rechtliches Interesse
nachweist. Eine Besonderheit besteht in Ungarn, Serbien, Montenegro und Makedo-
nien (vgl Art 128 Abs 1 serb Vf, Art 114 Abs 1 mont Vf): Hier wird jedermann die MoÈg-
lichkeit eingeraÈumt, die Einleitung eines nachtraÈglichen Normenkontrollverfahrens zu
beantragen, uzw ohne EinschraÈnkung; insb muss weder eine persoÈnliche Betroffen-
heit in Rechten noch ein sonstiges Rechtsschutzinteresse des Antragstellers vorliegen
(Popularklage). In Kroatien besteht ebenfalls eine Art PopularklagemoÈglichkeit,
jedoch ist das Verfassungsgericht nicht zur Verfahrenseinleitung verpflichtet.

4. Entscheidungswirkungen

Wird die in PruÈfung gezogene generelle Norm vom Verfassungsgericht fuÈr verfas-
sungswidrig erklaÈrt, fuÈhrt dies in allen Vergleichsstaaten dazu, dass jene aus dem
Rechtsbestand eliminiert wird; die Entscheidung ist im Regelfall im Gesetzblatt
kundzumachen. Einzig in Bulgarien darf das Verfassungsgericht die verfassungswid-
rige Norm nur fuÈr unanwendbar erklaÈren, aber nicht aufheben; diese Aufgabe ist
dem Parlament bzw dem Organ, das die Norm erlassen hat, vorbehalten (Prinzip der
Gewaltentrennung). A È hnliches scheint offensichtlich auch fuÈr Litauen zu gelten.

Die Wirkung einer kassatorischen Normenkontrollentscheidung kann entweder


auf den Zeitpunkt der seinerzeitigen Erlassung der als verfassungswidrig erkannten
Rechtsnorm abgestellt sein (ex tunc) oder im Zeitpunkt der Entscheidung des Verfas-
sungsgerichts bzw deren Kundmachung eintreten (ex nunc); es kann hiefuÈr auch ein
in der Zukunft liegender Zeitpunkt bestimmt werden (pro futuro). Die ex tunc-
Wirkung gibt der Rechtsrichtigkeit den Vorrang vor der Rechtssicherheit, sie erzielt
theoretisch einen umfassenden Bereinigungseffekt; da aber bei diesem Modell allen
zwischenzeitig auf der Basis der als verfassungswidrig erkannten Norm ergangenen
Gerichts- und Verwaltungsentscheidungen (wie auch allen sonstigen Rechtshand-
lungen) die Rechtsgrundlage entzogen waÈre und diese damit in ihrem Bestand unge-
wiss waÈren (eine der Rechtssicherheit extrem abtraÈgliche Konsequenz), werden die
Rechtsfolgen der NichtigkeitserklaÈrung zumeist stark eingeschraÈnkt. Die ex nunc-
LoÈ sung greift im Interesse der Rechtssicherheit nicht in den Bestand von Gerichts-
und Verwaltungsentscheidungen ein; sie nimmt dafuÈr in Kauf, dass die von der verfas-
sungswidrigen Norm hervorgerufenen Effekte nachtraÈglich nicht mehr korrigiert wer-
den koÈnnen. Die pro futuro-Fristsetzung soll RechtsluÈcken vermeiden, sie gibt
dem Normsetzer Zeit, eine Ersatzregelung fuÈr die als verfassungswidrig erkannte
Norm zu schaffen; in bestimmten Konstellationen kann das temporaÈre Weiterbestehen
einer verfassungswidrigen Rechtslage rechtspolitisch ertraÈglicher sein als das Fehlen
jeglicher rechtlicher Regelung.
III. Kompetenzen der Verfassungsgerichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141

Eine Nichtigkeit von Anfang an (ex tunc) entfaltet die verfassungsgerichtliche


Kassation von Gesetzen in Deutschland, doch werden die Rechtsfolgen der Nichtig-
keitserklaÈrung auf erlassene Anwendungsakte zugunsten der Rechtssicherheit stark
eingeschraÈnkt; nur bei rechtskraÈftigen Strafurteilen und Vollstreckungsakten fuÈhrt die
Nichtigkeit zur Wiederaufnahme bzw Wiedereinstellung des Verfahrens, waÈhrend im
UÈ brigen unanfechtbare Entscheidungen unberuÈhrt bleiben. Eine ex tunc-Wirkung ist
auch in Spanien angeordnet; abgeschlossene Sachverhalte mit Ausnahme von Straf-
und Ordnungswidrigkeitsverfahren bleiben jedoch im Interesse der Rechtssicherheit
unberuÈhrt. AÈ hnlich ist auch in Portugal eine stattgebende Entscheidung des Verfas-
sungsgerichts grundsaÈtzlich von dem Zeitpunkt des Inkrafttretens der fuÈr verfassungs-
widrig oder rechtswidrig erklaÈrten Rechtsnorm an wirksam (vgl Art 282 Abs 1 und 2
port Vf). DiesbezuÈgliche Ausnahmen sehen jedoch Art 282 Abs 3 und 4 port Vf vor.
Prototyp der ex nunc-LoÈsung ± gekoppelt mit einer pro futuro-Fristsetzung ± ist die
oÈsterreichische Regelung: Nach Art 140 Abs 5 oÈst B-VG tritt die Gesetzesaufhebung
grundsaÈtzlich mit Ablauf des Tages der Kundmachung im Bundes- bzw Landesgesetz-
blatt in Kraft. Allerdings kann der Verfassungsgerichtshof fuÈr das Auûerkrafttreten
eine, maximal 18-monatige Frist bestimmen. Nach diesem Muster ordnet etwa auch
Art 190 Abs 3 poln Vf an, dass eine Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes am
Tag ihrer VerkuÈndung in Kraft tritt, jedoch kann der Verfassungsgerichtshof eine
andere Frist festsetzen, die bei Gesetzen 18 Monate nicht uÈberschreiten darf (vgl aller-
dings auch ± die ex nunc-LoÈsung abschwaÈchend ± Art 190 Abs 4 poln Vf). In anderen
Staaten wird ebenfalls ex nunc-Wirkung statuiert, jedoch fehlt es an der MoÈglichkeit
einer Fristsetzung (vgl Art 136 it Vf, Art 151 Abs 2 bulg Vf, Art 107 Abs 1 lit Vf, Art 115
Abs 1 mont Vf, Art 130 serb Vf, Art 152 Abs 2 ukr Vf). Interessant ist die differenzie-
rende Regelung in Slowenien. Hier tritt die Aufhebung eines Gesetzes sofort oder
aber binnen einer vom Verfassungsgerichtshof bestimmten, hoÈchstens einjaÈhrigen Frist
in Kraft. Andere verfassungs- oder gesetzwidrige Vorschriften oder Allgemeinregelun-
gen werden vom Verfassungsgerichtshof fuÈr unguÈltig erklaÈrt oder aufgehoben
(Art 161 Abs 1 slowen Vf), sodass der Verfassungsgerichtshof im Einzelfall bestimmen
kann, ob ex tunc- oder ex nunc-Wirkung eintritt (aÈhnlich ± hier auch in Bezug auf
Gesetze ± Art 112 mak Vf).

B. Die Individualverfassungsbeschwerde
Unter Individualverfassungsbeschwerde versteht man das Recht jedes Einzelnen,
ihn betreffende individuelle hoheitliche Akte der Exekutive oder Judikative
vor dem Verfassungsgericht mit der Behauptung der Verletzung in einem Grundrecht
anzufechten. In aller Regel ist das Beschwerderecht subsidiaÈr, dh es setzt die Aus-
schoÈpfung aller sonstigen Rechtsmittel, insb eines verwaltungsbehoÈrdlichen oder
gerichtlichen Instanzenzuges, voraus. Die Einlegung der Beschwerde ist an typischer-
weise relativ enge Fristen gebunden, erreicht wird im Erfolgsfall die Aufhebung des
grundrechtsverletzenden Aktes. Die Grundrechtsverletzung kann hiebei in zweierlei
Formen auftreten. Sie kann zum einen auf einer verfassungswidrigen Auslegung
und Anwendung einer an sich verfassungskonformen generellen Norm durch das
Gericht oder die VerwaltungsbehoÈrde beruhen; das verfassungswidrige Verhalten ist
also unmittelbar dem Vollzugsorgan anzulasten (verfassungswidriges Vollzugsun-
recht). Zum anderen kann eine Grundrechtsverletzung auch mittelbar dadurch eintre-
ten, dass der Vollzugsakt auf der Grundlage einer verfassungswidrigen generellen
142 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12. Kapitel: Die Verfassungsgerichtsbarkeit

Norm ergangen ist; in Frage steht damit nicht ein Fehlverhalten des Vollzugsorgans,
sondern die Fehlerhaftigkeit der (fuÈr das Vollzugsorgan verbindlichen) generellen
Norm. Wenn beide Fehlertypen geruÈgt werden koÈnnen, so bezeichnet man dies als
echte Individualverfassungsbeschwerde. Mitunter wird das Beschwerderecht jedoch
auf den zweitgenannten Fall der Fehlerhaftigkeit der generellen Norm eingeschraÈnkt;
diesfalls handelt es sich um eine unechte Individualverfassungsbeschwerde.
Sehr schoÈn kommt der Typus der echten Individualverfassungsbeschwerde im
Wortlaut des Art 144 Abs 1 oÈst B-VG zum Ausdruck. Danach erkennt der Verfassungs-
gerichtshof ± nach ErschoÈpfung des Instanzenzuges ± uÈber Beschwerden gegen
Bescheide der VerwaltungsbehoÈrden, soweit der BeschwerdefuÈhrer durch den
Bescheid in einem verfassungsgesetzlich gewaÈhrleisteten Recht oder wegen Anwen-
dung einer gesetzwidrigen Verordnung, eines verfassungswidrigen Gesetzes oder
eines rechtswidrigen Staatsvertrages in seinen Rechten verletzt zu sein behauptet. Die
Beschwerde ist allerdings insofern eingeschraÈnkt, als sie nur gegen individuelle Ver-
waltungsakte, nicht aber gegen gerichtliche Entscheidungen erhoben werden kann.
Eine auch gerichtliche Urteile umfassende echte Verfassungsbeschwerde ist in
Deutschland, Slowenien, Tschechien, der Slowakei und Montenegro eingerichtet (vgl
Art 93 Abs 1 Z 4a dt GG, Art 160 Abs 1 slowen Vf, Art 87 Abs 1 lit d tschech Vf,
Art 127 slowak Vf, Art 113 Abs 1 Z 4 mont Vf), in Spanien und Makedonien kann
eine solche nur bezuÈglich der Verletzung bestimmter Grundrechte eingebracht werden
(vgl Art 161 Abs 1 lit b iVm Art 162 Abs 1 lit b sp Vf, Art 110 mak Vf), in Albanien nur
bezuÈglich der Verletzung der verfassungsmaÈûigen Rechte auf ein geregeltes gesetz-
liches Verfahren (vgl Art 131 lit i alb Vf). In Polen, Russland, Ungarn und Lettland
besteht nur die unechte Verfassungsbeschwerde (vgl Art 79 Abs 1 poln Vf, Art 125
Abs 4 russ Vf). In den (zahlreichen) LaÈndern (wie zB Italien, Bulgarien und der
Ukraine), welche die Individualverfassungsbeschwerde nicht eingefuÈhrt haben,
geschah dies uÈberwiegend deswegen, um die Verfassungsgerichte vor einer
Beschwerdeflut zu schuÈtzen.

C. Kompetenzgerichtsbarkeit

Unter dem Begriff der Kompetenzgerichtsbarkeit koÈnnen mehrere verwandte verfas-


sungsgerichtliche ZustaÈndigkeiten zusammengefasst werden. Zum einen faÈllt darunter
die Entscheidung von Streitigkeiten zwischen staatlichen Organen betreffend ihre
Kompetenzen zum Zweck der Sicherung der Aufgabenverteilung zwischen den Staats-
funktionen Legislative, Exekutive und Judikative (horizontale Kompetenzkon-
flikte). Hiebei kann noch weiter danach differenziert werden, ob die Streitschlichtung
auf die Kompetenzkonflikte zwischen Verfassungsorganen beschraÈnkt ist (sog Organ-
streitigkeiten) oder (auch) die ZustaÈndigkeitsstreitigkeiten zwischen staatlichen Orga-
nen unterer Ebenen umfasst. Zum anderen ist zur Kompetenzgerichtsbarkeit auch
die verfassungsgerichtliche ZustaÈndigkeit hinzuzaÈhlen, Kompetenzkonflikte zwischen
Organen des Gesamtstaates und Organen unterer territorialer Einheiten bzw zwischen
letztgenannten Organen untereinander (im weiteren Sinn vertikale Kompetenzkon-
flikte) zu entscheiden.
Klassisches Beispiel fuÈr ein Organstreitverfahren ist Art 93 Abs 1 Z 1 dt GG,
wonach das Bundesverfassungsgericht uÈber die Auslegung des Grundgesetzes aus
Anlass von Streitigkeiten uÈber den Umfang der Rechte und Pflichten eines obersten
III. Kompetenzen der Verfassungsgerichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143

Bundesorgans oder anderer Beteiligter, die durch das Grundgesetz oder in der
GeschaÈftsordnung eines obersten Bundesorgans mit eigenen Rechten ausgestattet
sind, entscheidet. Als Organstreitigkeit anzusprechen ist auch die ZustaÈndigkeit des
bulgarischen Verfassungsgerichts, Streitigkeiten uÈber die ZustaÈndigkeit zwischen der
Nationalversammlung, dem StaatspraÈsidenten und dem Ministerrat zu loÈsen (Art 149
Abs 1 Z 3 bulg Vf), ganz gleich ist die Rechtslage auch in Slowenien (vgl Art 160
slowen Vf); in Polen entscheidet der Verfassungsgerichtshof breiter uÈber Kompetenz-
streitigkeiten zwischen zentralen Verfassungsorganen des Staates (Art 189 poln Vf).
AÈ hnliches existiert in AnsaÈtzen auch in O È sterreich, wo der Verfassungsgerichtshof
Meinungsverschiedenheiten uÈber die Auslegung der gesetzlichen Bestimmungen, die
die ZustaÈndigkeit des Rechnungshofes bzw der Volksanwaltschaft regeln, entscheidet
(vgl Art 126a und Art 148f oÈst B-VG). Im U È brigen ist die Kompetenzgerichtsbarkeit in
OÈ sterreich in Richtung einer Sicherung der Aufgabenverteilung zwischen Exekutive
und Judikative ausgepraÈgt, indem der Verfassungsgerichtshof uÈber ZustaÈndigkeitsstrei-
tigkeiten zwischen Gerichten und VerwaltungsbehoÈrden, ferner zwischen dem Ver-
waltungsgerichtshof und allen anderen Gerichten, insbesondere auch zwischen dem
Verwaltungsgerichtshof und dem Verfassungsgerichtshof selbst, sowie zwischen den
ordentlichen Gerichten und anderen Gerichten entscheidet (Art 138 Abs 1 lit a und b
oÈst B-VG). HaÈufig ist die ZustaÈndigkeit zur LoÈsung horizontaler Kompetenzkonflikte
in der Verfassung breit angelegt. So entscheidet in Italien das Verfassungsgericht
schlicht ¹ZustaÈndigkeitskonflikte zwischen den Organen der Staatsgewaltª (Art 134
Abs 2 it Vf), aÈhnliches gilt etwa fuÈr Albanien (vgl Art 131 lit d alb Vf), Makedonien
(vgl Art 110 mak Vf), Montenegro (vgl Art 113 Abs 1 Z 5 mont Vf) und Russland (vgl
Art 125 Abs 3 lit a russ Vf). Im Rahmen der Schlichtung vertikaler Kompetenzkonflikte
unterliegen in O È sterreich der verfassungsgerichtlichen Kognition Kompetenzkonflikte
zwischen den LaÈndern untereinander sowie zwischen einem Land und dem Bund
(Art 138 Abs 1 lit c oÈst B-VG), vergleichbare verfassungsgerichtliche Kompetenzen in
Bezug auf das VerhaÈltnis von Zentralstaat und Gliedstaaten bestehen in Deutschland
und Russland (vgl Art 93 Abs 1 Z 3 und 4 dt GG, Art 125 Abs 3 lit b und c russ Vf). In
Italien entscheidet das Verfassungsgericht uÈber ZustaÈndigkeitskonflikte zwischen
dem Staat und den Regionen und zwischen den Regionen (Art 134 Abs 2 it Vf), aÈhnli-
ches gilt in Bezug auf die autonomen Gemeinschaften in Spanien (vgl Art 161 Abs 1 lit
c sp Vf). In Albanien werden derart Kompetenzstreitigkeiten zwischen der Zentral-
gewalt und der oÈrtlichen Selbstverwaltung entschieden (Art 131 lit d alb Vf), Vergleich-
bares normieren ferner Art 149 Abs 1 Z 3 bulg Vf, Art 110 mak Vf, Art 113 Abs 1 Z 5
mont Vf und Art 160 slowen Vf.

D. Wahlgerichtsbarkeit

Unter Wahlgerichtsbarkeit kann im Kern die verfassungsgerichtliche Kontrolle der


RechtmaÈûigkeit der Wahl der gesetzgebenden Ko È rperschaften, des Staats-
praÈsidenten (bei unmittelbarer Volkswahl) sowie von Volksabstimmungen subsu-
miert werden; auch die Aberkennung von Mandaten gewaÈhlter Volksvertreter
bei ErfuÈllung bestimmter TatbestaÈnde wird mitunter dem Verfassungsgericht vorbehal-
ten.
È ber eine sehr breite einschlaÈgige Kompetenz verfuÈgt der oÈsterreichische Verfas-
U
sungsgerichtshof. Nach Art 141 Abs 1 oÈst B-VG erkennt er uÈber die Anfechtung der
144 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12. Kapitel: Die Verfassungsgerichtsbarkeit

Wahl des BundespraÈsidenten, von Wahlen zu den allgemeinen VertretungskoÈrpern


(darunter fallen etwa auch die Gemeindevertretungen), zum EuropaÈischen Parlament
und sogar zu den satzungsgebenden Organen (VertretungskoÈrpern) der gesetzlichen
beruflichen Vertretungen (Kammern), ferner uÈber Anfechtungen von Wahlen in die
Landesregierung und in die mit der Vollziehung betrauten Organe einer Gemeinde;
der Mandatsverlust eines Abgeordneten wird auf Antrag des VertretungskoÈrpers oder
nach Anfechtung eines Verwaltungsbescheids vom Verfassungsgerichtshof festgestellt.
Weiters entscheidet der Verfassungsgerichtshof uÈber die Anfechtung des Ergebnisses
von Volksbegehren, Volksbefragungen oder Volksabstimmungen (Art 141 Abs 3 oÈst
B-VG). Umfangreich sind auch die einschlaÈgigen ZustaÈndigkeiten des portugiesischen
Verfassungsgerichts (vgl Art 223 Abs 2 lit c, f, g und h port Vf). In der Slowakei ent-
scheidet das Verfassungsgericht uÈber Klagen gegen Entscheidungen, die die BestaÈti-
gung oder NichtbestaÈtigung von Abgeordnetenmandaten zum Nationalrat betreffen,
ferner uÈber die VerfassungsmaÈûigkeit und GesetzmaÈûigkeit der Wahl des StaatspraÈsi-
denten, der Wahlen zum Nationalrat und zu den Organen der territorialen Selbstver-
waltung, weiters uÈber Beschwerden gegen das Ergebnis eines Referendums und uÈber
Beschwerden gegen das Ergebnis einer Volksabstimmung uÈber die Abberufung des
StaatspraÈsidenten (Art 129 Abs 1±3 slowak Vf). In Moldawien bestaÈtigt der Verfas-
sungsgerichtshof die Ergebnisse republikweiter Volksabstimmungen sowie die Ergeb-
nisse der Wahlen zum Parlament und zum StaatspraÈsidenten (Art 135 Abs 1 lit d und
e mold Vf). In Albanien erkennt das Verfassungsgericht uÈber Fragen im Zusammen-
hang mit der WaÈhlbarkeit und den Unvereinbarkeiten mit der AusuÈbung der Funktio-
nen des StaatspraÈsidenten und der Abgeordneten sowie mit der BestaÈtigung ihrer
Wahl, ferner uÈber die VerfassungsmaÈûigkeit eines Referendums und die Feststellung
seiner Ergebnisse (Art 131 lit g und h alb Vf). In Bulgarien entscheidet das Verfas-
sungsgericht Streitigkeiten uÈber die RechtmaÈûigkeit der Wahl des PraÈsidenten und
des VizepraÈsidenten sowie uÈber die RechtmaÈûigkeit der Wahl eines Abgeordneten
(Art 149 Abs 1 Z 6 und 7 bulg Vf). In Kroatien gehoÈrt zum Kompetenzbereich des Ver-
fassungsgerichts die Kontrolle der Verfassungs- und GesetzmaÈûigkeit der Wahlen und
Referenden sowie die Entscheidung der Wahlstreitigkeiten, die nicht in den TaÈtigkeits-
bereich der Gerichte fallen (Art 128 kroat Vf). In Deutschland obliegt die WahlpruÈfung
dagegen dem Bundestag (er entscheidet auch, ob ein Abgeordneter des Bundestages
die Mitgliedschaft verloren hat); allerdings ist gegen die Entscheidung des Bundes-
tages die Beschwerde an das Bundesverfassungsgericht zulaÈssig (Art 41 Abs 1 und 2
dt GG). Eine abgeschwaÈchte WahlpruÈfungskompetenz findet sich in Litauen. Hier
erstattet das Verfassungsgericht ein Gutachten daruÈber, ob im Verlaufe der Wahlen
des StaatspraÈsidenten oder der Mitglieder des Seimas (das ist das litauische Parlament)
die Wahlgesetze verletzt wurden (Art 105 Abs 3 Z 1 lit Vf); die endguÈltige Entschei-
dung hieruÈber steht jedoch dem Seimas zu (Art 107 Abs 3 lit Vf).

E. Staatsgerichtsbarkeit
Unter dem Titel der Staatsgerichtsbarkeit entscheiden Verfassungsgerichte uÈber staats-
rechtliche Anklagen des Parlaments gegen den StaatspraÈsidenten, seltener
gegen Regierungsmitglieder oder andere Verfassungsorgane, wegen Hochverrats, Ver-
fassungsverletzungen oder Gesetzesverletzungen, allenfalls auch wegen strafrecht-
licher Handlungen. Eine verurteilende Entscheidung hat typischerweise die Amtsent-
lassung, gegebenenfalls auch die VerhaÈngung einer gerichtlichen Strafe, zum Inhalt.
III. Kompetenzen der Verfassungsgerichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145

In Deutschland koÈnnen der Bundestag oder der Bundesrat ± jeweils nur mit 2/3-
Mehrheit ± den BundespraÈsidenten wegen vorsaÈtzlicher Verletzung des Grundgesetzes
oder eines anderen Bundesgesetzes vor dem Bundesverfassungsgericht anklagen;
wird jener fuÈr schuldig erkannt, kann das Bundesverfassungsgericht ihn des Amtes
fuÈr verlustig erklaÈren (Art 61 dt GG). In Italien kann der StaatspraÈsident wegen Hoch-
verrats oder Angriffs auf die Verfassung vom Parlament in gemeinsamer Sitzung durch
Beschluss der absoluten Mehrheit seiner Mitglieder unter Anklage gestellt werden
(Art 90 it Vf). ZustaÈndig zur Entscheidung ist das Verfassungsgericht (Art 134 Abs 3
it Vf), welches diesfalls durch 16, durch Los bestimmte BuÈrger, welche die WaÈhlbar-
keitsvoraussetzungen fuÈr die Wahl zum Senator haben, verstaÈrkt wird (vgl Art 135
Abs 6 it Vf). Vergleichbare Anklageverfahren gegen den StaatspraÈsidenten sind auch
in Albanien, Bulgarien, Tschechien, der Slowakei, Makedonien, Slowenien und
Ungarn eingerichtet (vgl Art 90 und Art 131 lit f alb Vf, Art 103 Abs 1±3 und Art 149
Abs 1 Z 8 bulg Vf, Art 65 Abs 2 und Art 87 Abs 1 lit g tschech Vf, Art 107 und Art 129
Abs 5 slowak Vf, Art 87 und Art 110 mak Vf, Art 109 slowen Vf, § 31/A ung Vf). In Mon-
tenegro obliegt die Letztentscheidung hingegen dem Parlament (vgl Art 87 Abs 2 und
3 und Art 113 Abs 1 Z 3 mont Vf). In Slowenien kann die staatsrechtliche Anklage
auch gegen den MinisterpraÈsidenten oder einen Minister erhoben werden (vgl Art 119
slowen Vf). Besonders umfangreich sind die einschlaÈgigen Kompetenzen des oÈsterrei-
chischen Verfassungsgerichtshofs ausgefallen. GemaÈû Art 142 oÈst B-VG erkennt er
nicht nur uÈber staatsrechtliche Anklagen gegen den BundespraÈsidenten, sondern
auch uÈber solche gegen die Mitglieder der Bundesregierung und eine Reihe anderer
Verfassungsorgane. Nach Art 143 oÈst B-VG kann die Anklage in allen FaÈllen auch
wegen strafgerichtlich zu verfolgender Handlungen erhoben werden, die mit der
AmtstaÈtigkeit des Anzuklagenden in Verbindung stehen, sodass der Verfassungsge-
richtshof diesfalls als Strafgericht taÈtig wird (vgl aÈhnlich auch § 32 ung Vf).

F. Entscheidung u
È ber Parteiverbot

Im Rahmen des Konzepts einer wehrhaften Demokratie entscheiden heute in nicht


wenigen Staaten Verfassungsgerichte uÈber die Vereinbarkeit der Programme und
der TaÈtigkeit politischer Parteien mit der Verfassung, sei es etwa dass die amt-
liche Verweigerung ihrer Registrierung mit Beschwerde vor dem Verfassungsgericht
angefochten werden kann, sei es dass das Verfassungsgericht zum Ausspruch eines
nachtraÈglichen Parteiverbots fuÈr zustaÈndig erklaÈrt wird.
Paradigmatisch fuÈr eine derartige verfassungsgerichtliche Kompetenz duÈrfte die
einschlaÈgige Regelung in Deutschland geworden sein. Im Grunde des Art 21 Abs 2 dt
GG entscheidet uÈber ein nachtraÈgliches Verbot einer politischen Partei wegen deren
Verfassungswidrigkeit das Bundesverfassungsgericht. Antragsberechtigt sind die Bun-
desregierung, der Bundestag und der Bundesrat. A È hnliche verfassungsgerichtliche
Kompetenzen sind in Kroatien, Slowenien, Polen, Tschechien, RumaÈnien und Molda-
wien zu finden (vgl Art 128 kroat Vf, Art 160 Abs 1 slowen Vf, Art 188 Abs 1 Z 4 poln
Vf, Art 87 Abs 1 lit j tschech Vf, Art 146 lit k rum Vf, Art 135 Abs 1 lit h mold Vf), in
anderen LaÈndern erstreckt sich die diesbezuÈgliche ZustaÈndigkeit der Verfassungs-
gerichte daruÈber hinaus auch noch auf das Verbot sonstiger politischer Vereinigungen
(vgl Art 131 lit e alb Vf, Art 149 Abs 1 Z 5 bulg Vf, Art 110 mak Vf, Art 113 Abs 1 Z 7
mont Vf, Art 125 Abs 1 Z 5 und 6 serb Vf, Art 129 Abs 4 slowak Vf).
146 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12. Kapitel: Die Verfassungsgerichtsbarkeit

G. Sonstige Kompetenzen

Weitere verfassungsgerichtliche Kompetenzen reflektieren haÈufig spezifische (histori-


sche) Problemlagen des betreffenden Landes. So werden etwa vereinzelt Verfassungs-
gerichte zur ± auf Antrag bestimmter Staatsorgane vorzunehmenden ± (bindenden)
Auslegung der Verfassung (dh einzelner Verfassungsbestimmungen) berufen (vgl
Art 149 Abs 1 Z 1 bulg Vf, Art 125 Abs 5 russ Vf, Art 135 Abs 1 lit b mold Vf, Art 128
Abs 1 slowak Vf, Art 147 Abs 2 und Art 150 Abs 1 Z 2 ukr Vf ± hier auch Auslegung
der Gesetze!). Mitunter obliegt dem Verfassungsgericht die Feststellung der (vor-
u
È bergehenden) AmtsunfaÈhigkeit des StaatspraÈsidenten (vgl Art 91 Abs 2 und
Art 131 lit f alb Vf, Art 82 Abs 2 mak Vf, Art 131 Abs 1 poln Vf, Art 146 lit g rum Vf,
Art 223 Abs 2 lit a port Vf); schwaÈcher ist die diesbezuÈgliche Kompetenz des litaui-
schen Verfassungsgerichts (vgl Art 105 Abs 3 Z 2 iVm Art 107 Abs 3 lit Vf). Bemerkens-
wert ist die Kompetenz des tschechischen Verfassungsgerichts uÈber Maûnahmen zu
entscheiden, die unerlaÈsslich sind zur AusfuÈhrung einer Entscheidung eines internatio-
nalen Gerichts, die fuÈr die Tschechische Republik bindend ist, wenn sie nicht anders
ausfuÈhrbar sind (Art 87 Abs 1 lit i tschech Vf). Teil des Konzepts der wehrhaften
Demokratie ist die ZustaÈndigkeit des deutschen Bundesverfassungsgerichts, die
Verwirkung von Grundrechten im Einzelfall auszusprechen (vgl Art 18 dt GG). Das
Bundesverfassungsgericht entscheidet ferner uÈber Verfassungsbeschwerden von
Gemeinden und GemeindeverbaÈnden wegen Verletzung des Rechts auf Selbstverwal-
tung (vgl Art 93 Abs 1 Z 4b dt GG); aÈhnliches gilt in Tschechien und fuÈr die Slowakei
(vgl Art 87 Abs 1 lit c tschech Vf, Art 127a Abs 1 slowak Vf). Eine kommunale
Beschwerde gegen aufsichtsbehoÈrdliche Verfahren findet sich auch in O È sterreich (vgl
Art 119a Abs 9 oÈst B-VG). Eine lange Tradition hat in O È sterreich die sog Kausalge-
richtsbarkeit. Danach erkennt der Verfassungsgerichtshof uÈber vermoÈgensrechtliche
AnspruÈche gegen den Bund, die LaÈnder, die Gemeinden und die GemeindeverbaÈnde,
die weder im ordentlichen Rechtsweg auszutragen noch durch Bescheid einer Verwal-
tungsbehoÈrde zu erledigen sind (Art 137 oÈst B-VG). Spezifisch ist auch die Kompetenz
des oÈsterreichischen Verfassungsgerichtshofs, im Streitfall daruÈber zu erkennen, ob ein
sog Gliedstaatsvertrag vorliegt und ob die aus einer solchen Vereinbarung folgenden
Verpflichtungen erfuÈllt worden sind (vgl Art 138a oÈst B-VG). In der Slowakei und aÈhn-
lich auch in Italien entscheidet das Verfassungsgericht vorgaÈngig, ob der Gegenstand
einer Volksabstimmung mit der Verfassung vereinbar ist (vgl Art 125b slowak Vf). In
der Slowakei erkennt das Verfassungsgericht daruÈber, ob die Ausrufung eines Ausnah-
mezustandes oder eines Notstandes und andere damit verbundene Entscheidungen in
UÈ bereinstimmung mit der Verfassung erfolgt sind (vgl Art 129 Abs 6 slowak Vf).
Sachverzeichnis
Acts of Parliament s Parlamentsgesetze (Groû- DaÈnemark
britannien) ± diffuse Normenkontrolle 122 f
Albanien ± Entstehungsbedingung, Verfassung 59
± Entstehungsbedingung, Verfassung 60 f ± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91
± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91 ± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs-
± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs- erfordernisse 95
erfordernisse 93 ± Verfassungsaufbau 73
± Verfassungsrichter, Bestellung 129 delegierte Gesetzgebung (Groûbritannien) 52
± Verfassungsurkunde, zentrale 75 Deutschland
allgemeine RechtsgrundsaÈtze 35, 37 ± Bundesverfassungsgericht 36, 125 f
amendments (USA) 86 ± Entstehungsbedingung, Verfassung 60, 68
Antwortcharakter 53, 67
± Grundrechte 41, 102
Auslandsrechtskunde 23 ff, 38
± Inkorporationsgebot 75
Auslegungsmethoden 34, 55, 119 f
± Realverfassung 55
± Rechtsvergleichung 13, 33 f
± unabaÈnderliches Verfassungsrecht 87
± Verfassungsrecht 55, 97
± Verfassung, Antwortcharakter 54, 75
Baugesetze (OÈ sterreich) 83 ± verfassunggebende Gewalt 63, 66
Belgien ± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91
± Entstehungsbedingung, Verfassung 59 ± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs-
± Verfassungsaufbau 73 f erfordernisse 94
± Verfassungsurkunde, zentrale 75 ± VerfassungsaÈnderung, HaÈufigkeit 96
Bulgarien ± Verfassungsaufbau 73
± AbaÈnderbarkeit, Verfassungsrecht 83 ± Verfassungsrichter, Bestellung 128
± Entstehungsbedingung, Verfassung 60 f ± VerhaÈltnismaÈûigkeitstheorie 30
± Verfassung, Antwortcharakter 54 ± Wesensgehaltstheorie 30
± verfassunggebende Gewalt 63 DiskontinuitaÈt
± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91 ± rechtliche 58, 61 f
± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs- ± staatlich-politische 58 f
erfordernisse 93, 95 Dreiphasenmodell 42 f
± VerfassungsaÈnderungsverfahren 90
± Verfassungsaufbau 72 f EGMR 36
± Verfassungsrichter, Bestellung 129 EMRK 36, 37, 56, 69, 120 f
± Verfassungsurkunde, zentrale 75 England s Groûbritannien
Bundesverfassungsgericht (Deutschland) 36,
Estland
125 f
± AbaÈnderbarkeit, Verfassungsrecht 83, 89
case law s Richterrecht ± diffuse Normenkontrolle 123
Comparative Government s Regierungsver- ± Oberstes allgemeines Gericht 126
gleichung ± verfassunggebende Gewalt 63 f
Conseil Constitutionnel (Frankreich) 36, 126, ± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91
131 EuGH 37, 56
constitution engineering s constitution making EuropaÈische Gemeinschaft
constitution making 66 ff ± Hoheitsrechte, UÈ bertragung 56 f
constitutional conventions s (Verfassungs-) Ewigkeitsgarantie s Verfassungsrecht, unab-
Konventionalregeln aÈnderliches
148 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sachverzeichnis

Finnland Inkorporationsgebot (Deutschland) 75


± diffuse Normenkontrolle 123 Institutionenvergleichung s Mikroverglei-
± Entstehungsbedingung, Verfassung 59 chung
± Verfassungsurkunde, zentrale 75 f Irland
FoÈderationsrat (Russland) 129 ± diffuse Normenkontrolle 123
Fraktionsantrag 138 ± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs-
Frankreich erfordernisse 92
± bloc de constitutionnalite 78 Italien
± Conseil Constitutionnel 36, 126, 131 ± Nebenverfassungsgesetz(e) 77
± Entstehungsbedingung, Verfassung 59 ± unabaÈnderliches Verfassungsrecht 87
± Grundrechte 103 ± ungeschriebenes unabaÈnderliches Verfas-
± Organgesetze 78 f sungsrecht 88
± praÈventive Normenkontrolle 134 f ± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91
± Realverfassung 55 ± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs-
± unabaÈnderliches Verfassungsrecht 87 erfordernisse 92
± verfassunggebende Gewalt 64 f ± VerfassungsaÈnderungsverfahren 90
± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs- ± Verfassungsrichter, Bestellung 129
erfordernisse 92 ius commune constitutionale 32 f
± VerfassungsaÈnderung, HaÈufigkeit 96
Kollisionsrecht 19
± VerfassungsaÈnderungsverfahren 90
Konstituante s verfassunggebende Versamm-
± Verfassungsaufbau 74
lung
± Verfassungsrichter, Bestellung 128 f
KontinuitaÈt
± Verfassungsrichter, Qualifikation 131
± rechtliche 58, 61 f
± staatlich-politische 58 f
Gesetzesrecht (Groûbritannien) 50, 52
Kroatien
± delegierte Gesetzgebung 52
± Entstehungsbedingung, Verfassung 60 f
± Parlamentsgesetze 52
± Nebenverfassungsgesetz(e) 77
± Zersplitterung 52
± Verfassung, Antwortcharakter 54
Griechenland
± verfassunggebende Gewalt 63 f
± diffuse Normenkontrolle 123 ± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91
± Entstehungsbedingung, Verfassung 60, 68 ± Verfassungsrichter, Bestellung 128
± Oberster Sondergerichtshof 126
± unabaÈnderliches Verfassungsrecht 88 f LaÈnderbericht(e) 24 f
± Verfassung, Antwortcharakter 54 LaÈnderkammer 23
± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91 Lettland
± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs- ± AbaÈnderbarkeit, Verfassungsrecht 83
erfordernisse 95 ± Entstehungsbedingung, Verfassung 60 f
Groûbritannien ± verfassunggebende Gewalt 63 f
± Grundsatz der ParlamentssouveraÈnitaÈt 120 f ± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91
± Rechtsquellen 50 ± VerfassungsaÈnderung, HaÈufigkeit 97
± Verfassung 51 ff ± Verfassungsaufbau 73
± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs- Litauen
erfordernisse 91 f, 99 ± AbaÈnderbarkeit, Verfassungsrecht 83, 89
± Verfassungserlassung 58 ± Verfassung, Antwortcharakter 53
± Verfassungsurkunde, zentrale 50, 51 ± verfassunggebende Gewalt 63 f
± Verfassungszersplitterung 80 ± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91
Grundlagendisziplinen s GrundlagenfaÈcher ± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs-
GrundlagenfaÈcher 17, 30 erfordernisse 93
± juristische 30
± Rechtsvergleichung 17 ff Makedonien
Grundrechte 35, 37, 42, 49, 53, 71, 73, 102 ± Verfassung, Antwortcharakter 54
Sachverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149

± verfassunggebende Gewalt 63 f ± VerfassungsaÈnderung, HaÈufigkeit 96


± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91 ± VerfassungsaÈnderungsverfahren 90
± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs- ± Verfassungsaufbau 73
erfordernisse 93 ± Verfassungsgerichtshof 36
± Verfassungsaufbau 72 f ± Verfassungsrecht, Auslegung 55
Makrovergleichung 25 f, 49 ff ± Verfassungsrichter, Bestellung 128
Menschenrechte 21, 37, 109 ± Verfassungszersplitterung 79 f
Metasprache 23 Ostrechtsforschung 12 f
Mikrovergleichung 26, 117 ff
Moldawien Parlament 21
± AbaÈnderbarkeit, Verfassungsrecht 83, 89 Parlamentsgesetze (Groûbritannien) 52
± Organgesetze 79 Parlamentskammer 23, 91 ff, 115, 128, 129
± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91 Polen
± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs- ± Entstehungsbedingung, Verfassung 60 f
erfordernisse 93 ± Sejm 128
± Verfassungsrichter, Bestellung 130 ± Verfassung, Antwortcharakter 54
Montenegro ± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91
± AbaÈnderbarkeit, Verfassungsrecht 83 ± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs-
± verfassunggebende Gewalt 63 f erfordernisse 94
± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91 ± Verfassungsrecht, Auslegung 55
± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs- ± Verfassungsrichter, Bestellung 128
erfordernisse 93, 95 ± Verfassungsurkunde, zentrale 75
± VerfassungsaÈnderungsverfahren 90 Popularklage 140
± Verfassungsrichter, Bestellung 128 Portugal
Mutterverfassung 108, 110 ± diffuse Normenkontrolle 123
± Entstehungsbedingung, Verfassung 60, 68
Nebenverfassungsgesetz(e) 76 ff ± Organgesetze 79
Niederlande ± unabaÈnderliches Verfassungsrecht 88 f
± Entstehungsbedingung, Verfassung 59 ± Verfassung, Antwortcharakter 54
± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs- ± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs-
erfordernisse 95 erfordernisse 93
Norwegen ± VerfassungsaÈnderung, HaÈufigkeit 97
± diffuse Normenkontrolle 122 ± Verfassungsrecht, Auslegung 55
± Entstehungsbedingung, Verfassung 59 f, 68 ± Verfassungsrichter, Bestellung 128
± unabaÈnderliches Verfassungsrecht 87 PraÈambel 70 f
± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs- ± rechtliche Bedeutung 71
erfordernisse 95
Realverfassung 47, 55 f
Oberster Sondergerichtshof (Griechenland) ± Geschichte 47
126 Rechtsdogmatik 30
Oberstes allgemeines Gericht (Estland) 126 Rechtsethik 46 f
oktroyierte Verfassung 64 f Rechtskreise s Verfassungsrechtskreise
Organgesetz(e) 69, 78 f, 115 Rechtsphilosophie 46 f
È sterreich
O Rechtsquelle(n) 22
± AbaÈnderbarkeit, Verfassungsrecht 83 f Rechtssoziologie 46
± Entstehungsbedingung, Verfassung 60, 68 Rechtsvereinheitlichung 37 f
± Grundrechte 41, 102 Rechtsvergleichung s auch Verfassungsverglei-
± konzentrierte Normenkontrolle 124 ff chung
± verfassunggebende Gewalt 62 f ± Begriff 23 ff
± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91 ± Privatrecht 37 f
± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs- ± Sprachproblematik 21
erfordernisse 93 f ± Systematik 22 f
150 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sachverzeichnis

± Systembegriffe 22 f ± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs-


± Systemvergleich 21, 25 erfordernisse 93
± Vergleichsobjekte 20 f ± Verfassungsrichter, Bestellung 128
Regierungslehre, vergleichende s Regierungs- Slowakei
vergleichung ± verfassunggebende Gewalt 63 f
Regierungssystem 44 ± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91
Regierungsvergleichung 44 ± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs-
± Methoden 44 erfordernisse 92 f
± Regierungssysteme 44 ± Verfassungsgericht 36
± Vergleichsobjekt 28 ± Verfassungsrichter, Bestellung 129
Reiûbrettverfassung 71 Slowenien
Rezeptionsatlas 18 ± Staatsversammlung 129
Rezeptionsgeschichte 18 ± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91
Richterrecht (Groûbritannien) 50, 52 ± Verfassungsrichter, Bestellung 129
RumaÈnien Sonderverfassungsgesetz(e) s Nebenver-
± Entstehungsbedingung, Verfassung 60 f, 69 fassungsgesetze
± Organgesetze 79 Spanien
± praÈventive Normenkontrolle 135 f ± AbaÈnderbarkeit, Verfassungsrecht 83, 89
± unabaÈnderliches Verfassungsrecht 87 f, 89 ± Entstehungsbedingung, Verfassung 60, 68
± verfassunggebende Gewalt 63 ± Organgesetze 79
± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91 ± Realverfassung 55
± Verfassungsrichter, Bestellung 128 ± Tribunal Constitucional 126, 130
Russland ± Verfassung, Antwortcharakter 54
± AbaÈnderbarkeit, Verfassungsrecht 82 f, 88 ± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs-
± Nebenverfassungsgesetz(e) 77 erfordernisse 94, 95
± Verfassung, Antwortcharakter 54 ± Verfassungsrichter, Bestellung 130
± verfassunggebende Gewalt 64 f Staatsethik 46
± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs- Staatsgewalt, Aufbau 72
erfordernisse 94 f Staatslehre, allgemeine 45 f
± VerfassungsaÈnderungsverfahren 90 Staatsoberhaupt 72, 129
± Verfassungsrichter, Bestellung 129 Staatsorganisationsrecht 53, 72 f
Staatsphilosophie 46 f
Schutz wohlerworbener Rechte s Vertrauens- StaatspraÈsident s Staatsoberhaupt
schutz Staatsversammlung (Slowenien) 129
Schweden Staatszielbestimmung(en) 35, 102
± diffuse Normenkontrolle 123 StaÈnderat (Schweiz) 23
± Entstehungsbedingung, Verfassung 59 statute law s Gesetzesrecht
± (Neben)verfassungsgesetz 76 f Supreme Court (USA) 29, 97, 113, 121 f
± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91
Schweiz tertium comparationis 23
± diffuse Normenkontrolle 123 f TextaÈnderungsgebot s Inkorporationsgebot
± Entstehungsbedingung, Verfassung 59 Textstufenparadigma 39
± ungeschriebenes unabaÈnderliches Verfas- Tochterverfassung 108, 110
sungsrecht 89 Transformationsanalyse 13
± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs- Tribunal Constitucional (Spanien) 126, 130
erfordernisse 92 Tschechien
± Verfassungsurkunde, zentrale 75 ± Nebenverfassungsgesetz(e) 77 f
Sejm (Polen) 128 ± unabaÈnderliches Verfassungsrecht 87
Serbien ± verfassunggebende Gewalt 63 f
± Entstehungsbedingung, Verfassung 60 f ± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91
± verfassunggebende Gewalt 63 f ± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs-
± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91 erfordernisse 94
Sachverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151

± Verfassungsaufbau 73 ± ideologisch-programmatische 102 f


± Verfassungsgericht 36 ± im formellen Sinn 50 f
± Verfassungsrichter, Bestellung 129 ± im materiellen Sinn 50 f
± Inhalte 53 f
Ukraine ± Interpretation 54 f
± AbaÈnderbarkeit, Verfassungsrecht 83, 89 ± juÈngere 100 f
± Verfassung, Antwortcharakter 54 ± Klassifikation 98 ff
± verfassunggebende Gewalt 63 f ± konfessionelle 103
± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91 ± nachgiebige 98 f
± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs- ± nominalistische 104
erfordernisse 93 ± normative 104
± VerfassungsaÈnderungsverfahren 90 ± originaÈre 101
± Verfassungsrichter, Bestellung 129 f ± rahmenhafte 99 f
± Verfassungsurkunde, zentrale 75 ± Rang 50, 56 f, 119 f
Ungarn ± Realverfassung 47, 55 f
± Verfassung, Antwortcharakter 54 ± saÈkulare 103
± verfassunggebende Gewalt 63 f ± semantische 104
± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91 ± starre 98 f
± VerfassungsaÈnderung, HaÈufigkeit 97 ± technische 99 f
± Verfassungsaufbau 74 ± ungeschriebene 98
± Verfassungsgericht 36 ± utilitaÈre 102 f
± Verfassungsrichter, Bestellung 128 ± verfassunggebende Gewalt 62
± Verfassungsurkunde, zentrale 75 ± VerstaÈndnis 54 f
± Zweidrittelgesetze 79 ± Zersplitterung 79 f
USA Verfassung sui generis 110
± amendments 86 verfassunggebende Gewalt 62
± diffuse Normenkontrolle 121 f verfassunggebende Versammlung 62 f
± Entstehungsbedingung, Verfassung 59 verfassungsaÈndernde Gewalt 62
± Supreme Court 29, 97, 113, 121 f VerfassungsaÈnderung 85 ff, 98 f
± verfassunggebende Gewalt 63, 66 ± Beschlussfassungserfordernisse 91 ff
± VerfassungsaÈnderung, Initiativrecht 91 ± HaÈufigkeit 96 f
± VerfassungsaÈnderung, Beschlussfassungs- ± Initiative 90 f
erfordernisse 94 ± Techniken 90 ff
± VerfassungsaÈnderung, HaÈufigkeit 96 Verfassungsbegriff
± VerfassungsaÈnderungsverfahren 90 ± juristischer 49
± Verfassungsgeschichte 49 f ± sozio-politischer 49
± Verfassungsrecht, Auslegung 55, 97 Verfassungsberatung (Russland) 65
± Verfassungsrichter, Bestellung 129 Verfassungsbewegung 9
± Verfassungsurkunde, zentrale 75 Verfassungserlassung 58 ff
± constitution making 66 ff
Verfassung 49 ff ± Entstehungsbedingungen 58 ff
± aÈltere 100 f ± Groûbritannien 58
± AÈ nderung 85 ff ± staatlich-politische DiskontinuitaÈt 58 f
± Antwortcharakter 53, 67 ± staatlich-politische KontinuitaÈt 58 f
± Begriff 49 f ± verfassunggebende Organe 61 ff
± derivative 101 ± Verfassungskommission 66 f
± Erlassung 58 ff ± Volksabstimmung 65 f
± Funktion 53 Verfassungsfamilie 108
± Gegenverfassung(en) 53 f Verfassungsgerichtsbarkeit 29, 36, 41, 97,
± Geschichte 49 f, 58 f 112 ff, 117 ff
± geschriebene 98 ± Aufgaben 118, 133 ff
± Groûbritannien 51 ff ± Auslegung der Verfassung 146
152 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sachverzeichnis

± diffuses System der Normenkontrolle 112 f, ± SekundaÈrquellen 4 ff


120, 121 ff ± unabaÈnderliches 81, 86 ff
± Entscheidung uÈber Parteiverbot 145 ± ungeschriebenes unabaÈnderliches 88 f
± Feststellung der AmtsunfaÈhigkeit des Verfassungsrechtsgeschichte s Verfassungsge-
StaatspraÈsidenten 146 schichte
± Hauptfunktion 118 Verfassungsrechtskreise 105 ff
± Individualverfassungsbeschwerde 141 f ± amerikanisch-skandinavischer 113, 115
± Interpretationshoheit 112 ± Grundsatz der zeitlichen RelativitaÈt 107
± Kompetenzen s Aufgaben ± Grundsatz der materiebezogenen Relativi-
± Kompetenzgerichtsbarkeit 142 f taÈt 107 f
± konzentriertes System der Normenkon- ± hybride Rechtsordnungen 107
trolle 112 f, 120, 124 ff ± Klassifikationskriterien 109 ff
± Normenkontrolle 118, 133 ff ± Verfassungsgerichtsbarkeit 112 ff
± abstrakte 138 f ± mittelosteuropaÈischer 114 f
± Entscheidungswirkungen 140 f ± Rechtskreislehren 105 f
± individuelle Anfechtungslegitimation ± romanischer 114 f
± 139 f ± Terminologie 108
± konkrete 139 Verfassungsrechtsvergleichung s Verfassungs-
± praÈventive 134 vergleichung
± PruÈfmaûstab 137 Verfassungsrevision s VerfassungsaÈnderung
± PruÈfobjekte 136 f Verfassungstextschablone(n) 38
± repressive 134 Verfassungstradition 67
± Staatsgerichtsbarkeit 144 f Verfassungsurkunde, Aufbau 71 ff
± Stellung in der Verfassung 72
Verfassungsurkunde, zentrale 49 f, 74 f
± Strukturtypen 118 ff
Verfassungsvergleichung 44, 45
± Verfassungsgericht, Organisation 127 ff
± Auslegungshilfe 33 f
± Verfassungsrichter 127 ff
± Dreiphasenmodell 42 f
± Amtsdauer 130 f
± Gemeinschaftsrecht 37
± Anzahl 127
± Geschichte 9 ff
± Bestellmodus 127 ff
± Methoden 38 ff, 44
± Qualifikationsvoraussetzungen 131 f
± Rechtsstellung 132 f ± Rechtsphilosophie 47
± Unvereinbarkeitsbestimmungen 132 f ± Rechtssoziologie 46
± Wahlgerichtsbarkeit 41, 143 f ± Verfassungslehre 45
Verfassungsgerichtshof (O È sterreich) 36, 124 f ± Verfassungspolitik 47
Verfassungsgeschichte, vergleichende 47 ± Vergleichsobjekt 27 f
Verfassungskodifikation 70 ff ± VoÈlkerrecht 37
± Modelle 74 ff ± Zweck 29 ff, 31
± Verfassungsurkunde, zentrale 49 f, 74 f Verfassungswandel 86, 97
± vollstaÈndige 74 f Verfassungswirklichkeit s Realverfassung
Verfassungskommission 66 f Verfassungszersplitterung 79 f
VerfassungskontinuitaÈt 58 f VerhaÈltnismaÈûigkeitstheorie 30
(Verfassungs-)Konventionalregeln (Groûbri- Vertrauensschutz 41
tannien) 50, 51 f Verwaltungsrecht, vergleichendes 48
Verfassungslehre 44 f VoÈlkerrecht 37, 137
Verfassungsorgane 72 Volksabstimmung 65 f, 92, 93 f, 95, 143
Verfassungspolitik 47 f - obligatorische 93, 94
Verfassungsrat (Frankreich) s Conseil Consti-
tutionnel Weiûrussland
Verfassungsrecht - Entstehungsbedingung, Verfassung 60 f
± AbaÈnderbarkeit 81 f Wesensgehaltstheorie 30
± PrimaÈrquellen 1 ff
± quasiunabaÈnderliches 88 Zweidrittelgesetze (Ungarn) 79