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Sport Auf der Suche nach den Meidericher Jungs

Die Vizemeister, 1964

Michael Wildberg

Auf der Suche nach den


Meidericher Jungs
Als der MSV Duisburg 1963 eines der Gründungsmitglieder der Bundesliga wurde, gab es
kaum einen Kritiker, der die Mannschaft nicht zum Abstiegskandidaten Nummer eins erklärt
hätte. Mit neun Meidericher Eigengewächsen, einem jungen, unerfahrenen Trainer und
einem Helmut Rahn, der die besten Jahre schon hinter sich hatte, starteten die Zebras in
das Abenteuer erste Liga und sorgten mit der Vizemeisterschaft für die erste Sensation der
Bundesliga-Geschichte. 50 Jahre später erinnern drei junge MSV-Fans an dieses Team. Ohne
nennenswerte Vorerfahrungen realisierten Matthias Knorr, Kristian Lütjens und Michael Wild-
berg innerhalb von 15 Monaten die Dokumentation „Meidericher Vizemeister“, die Duisburg
im Jahr 2014 bewegte. Auf ausverkaufte Vorstellungen im Filmforum Duisburg und über 3.000
verkaufte DVDs folgte im Stadtwerke-Sommerkino eine „magische MSV-Nacht“ (WAZ), der etli-
che Protagonisten der damaligen Mannschaft und an die 1.100 MSV-Fans beiwohnten.
62 Michael Wildberg erinnert sich an die Dreharbeiten und das, was dann folgte.
Auf der Suche nach den Meidericher Jungs Sport

Über den Dächern Meiderichs eingestaubten Pinneken. An den Wänden hängen


Schwarz-Weiß-Fotografien, in der Ecke stehen di-
Wer die Geschichte verstehen will, muss zuerst cke Ordner mit sorgsam sortierten Zeitungsaus-
hoch auf den Turm. Über eine eiserne Treppe schnitten. Die Kellerbar ist ein Museum, es erzählt
kommt man auf den Hochofen 5, und wenn von von seinem Besitzer und damit auch vom MSV
dort oben das ganze Ausmaß des Landschaftsparks Duisburg. An die dreißig Jahre war Günter Preuß
Duisburg-Nord zu erkennen ist, kann man viel- in verschiedenen Funktionen für den Verein tä-
leicht erahnen, wie sehr das Hüttenwerk den Stadt- tig, erst als Spieler, dann als Trainer und Manager;
teil und seine Menschen einmal geprägt haben wenn es im Verein mal wieder besonders knapp
muss. Als vor 50 Jahren die MSV-Spieler Günter mit dem Geld war, wurde er zum „Mädchen für
Preuß, Hartmut Heidemann und Werner Lotz hier alles“. Er war gerade mal Zwölf, als er zum ersten
noch ihrer Arbeit nachgingen, lief halb Meiderich Mal das gestreifte Trikot trug, von da an durchlief
durch das an die 180 Hektar große Labyrinth aus er alle Jugendmannschaften bis hin zu den Profis.
Metall und Beton. Züge rollten langsam über die 1964 führte er die Zebras als
Gleise und brachten den kochenden Stahl von Hal- Kapitän übers Feld und holte
le zu Halle, wo man ihn in Formen goss. Es zischte, mit der Vizemeisterschaft den
wenn die Arbeiter die Wannen vorsichtig neigten bisher größten Erfolg in der
und der flüssige Stahl in seine Form floss. Geschichte des MSV Duis-
„Du musstest dich aufeinander verlassen können“, burg.
sagt Günter Preuß, wenn er vom Neigen der Wan- „Die Truppe hat man im Lau-
nen berichtet. Der hintere Mann drückte die Wan- fe der Zeit vergessen“, sagt er
ne nach oben, der vordere hielt sie in Position oder und deutet auf ein Poster, das
korrigierte, falls nötig. Wer abrutschte, verbrannte bei ihm an der Wand hängt.
sich und den anderen. „Man musste gut aufein- Elf Spieler stehen dort neben-
ander achten. Einer passte auf den anderen auf. “ einander, damals noch junge
Aus 70 Metern Höhe wird klar, was er meint; Männer. Ihre Haarschnitte
die Kulisse, die sich dort vor einem auftut, kann erzählen von den ganz alten
niemand alleine bezwingen. Dass sie aufeinander Tagen, nur die damals schon
aufpassten und sich halfen, war einer der Gründe gestreiften Trikots schlagen
für ihren Erfolg. Dort oben machten wir die ersten eine Brücke zu heute. Als wir
Bilder für den Film, dann packten wir die Kame- das erste Mal auf dieses Poster
ras ein und gingen ins angrenzende Viertel. Hier blicken, schauen wir in uns
suchten wir die anderen Gründe. fremde Gesichter.
„Heidemann, Lotz, Versteeg,
Der Kapitän der Zebras Gecks, Danzberg, Müller, Helmut Rahn (Rückennummer
Nolden, Krämer. Und ich. Al- 7) und Werner Lotz in Jubel­pose.
Günter Preuß ist Zeit seines Lebens Meidericher les Meidericher. Diese Jungs Foto: Privatarchiv Preuß
geblieben, er lebt heute noch auf der Bronkhorst- haben dafür gesorgt, dass der
straße im Schatten des Werkes. Wer ihm in seinem MSV Gründungsmitglied der Bundesliga wurde“,
Haus die Treppe hoch bis unters Dach folgt, findet erzählt er, als er mit seinen Fingern das Poster ent-
die wahrscheinlich einzige „Kellerbar im Dachge- langfährt. Noch heute hört man den Stolz in seiner
schoss“, die es in Meiderich gibt. Stimme. „Die meisten von uns kannten sich ewig.
„Hier haben wir viele Feste gefeiert, unsere Exper- Mit dem Hartmut Heidemann und dem Werner
ten wussten ja, wie das ging“, erzählt der Ur-Mei- Lotz war ich da drüben auf der Hütte“, sagt er und
dericher im Februar 2013, als er uns zum ersten deutet in Richtung des Werkes, danach dreht er
Mal dort oben herumführt. „Das große Plus dieser den Kopf und zeigt aus dem Fenster. „Den Werner
Truppe war ihr Zusammenhalt. Selbst wenn einer kenne ich noch länger. Mit dem hab ich als kleiner
mal einen Fehler gemacht hat, wurde es nie laut Junge schon auf dem Bolzplatz gekickt.“
untereinander.“ Der Bolzplatz, den er meint, liegt ein paar Meter
Der Tresen ist tiefster Duisburger Barock, nebenei- weiter, direkt am Gerhardplatz, nur ein kurzes
nander reihen sich dort vergilbte Bierdeckel neben Stück die Lösorter hoch. Wo sich heute Kinder 63
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Einsatz und Zurückhaltung. „Ich wurde mal von


einem Reporter als Mönch tituliert, weil ich kei-
nen Alkohol trank“, erklärt er, wenn er von seiner
sportlichen Einstellung spricht. „Ich musste im-
mer mehr als die anderen trainieren, die meisten
waren talentierter als ich. Aber vor allem war ich
Kapitän. Da wollte ich mir keine Nachlässigkeiten
erlauben.“
Es gibt ein Foto von ihm aus seiner aktiven Zeit,
wie er im menschenleeren Stadion Laufrunden
dreht. Er wirkt vor den verwaisten Tribünen ver-
loren, sein Blick ist konzentriert. Wer will, liest die-
ses Bild als Metapher. Sisyphos, wie er den Stein
auf den Berg hievt, bevor dieser wieder zurückrollt
Günter Preuß beim Training, 1960er Jahre Foto: Privatarchiv Preuß und das Spiel von vorne beginnt. Andere drehten
ihre Runden vor großer Kulisse, selbst Sisyphos
auf ein paar bunten Gerüsten tummeln, war frü- kennt man noch heute. Nur bei ihm und den Mei-
her nicht mehr als ein kleines Feld aus Lehm und dericher Jungs lief es anders.
Erde. Kurz nach dem Krieg war ein Großteil der „Ich wollte 2002 meine Erfahrungen als Kapitän
Straße noch in Schutt und Asche gebombt. „Da zu Papier bringen und schrieb ein Buch“, erzählt
lernten wir alles von der Pike auf. Sobald die Schule er, und wenn man hört, wie der Verein seiner-
vorbei war, haben wir unsere Ranzen in die Ecke zeit darauf reagierte, weiß man, warum uns die
geschmissen und sind zum Bolzplatz gerannt. Das Gesichter auf dem Poster kaum noch was sagen.
ging jeden Tag so.“ „Ich hab gefragt, ob man mir beim Vertrieb helfen
Das tägliche Training hinterließ im Laufe der würde. Darauf bekam ich keine Antwort, ganz im
Zeit seine Spuren. Die jungen Straßenkicker ent- Gegenteil: Die Verantwortlichen verboten mir, das
wickelten einen eigenen Stil, der vor allem dem MSV-Wappen für den Buchdeckel zu nutzen. Man
Gelände geschuldet war, auf dem sie spielten. Auf wollte von mir nichts mehr wissen.“
den unebenen Bolzplätzen lernten sie den Ball zu
beherrschen, und in den engen Zechensiedlungen Die Welt beginnt in der Provinz
gerieten sie in genügend Zweikämpfe, wo sie sich
zur Wehr setzen mussten. Die Journalisten würden Es ist diese Geschichte, die bei uns alles in Gang
diese Mischung aus Kampf und Spielwitz später setzt. Nach und nach telefonieren wir die noch le-
als typisch für den Ruhrgebietsfußball bezeichnen, benden Spieler von damals ab und laden sie zu In-
seinen Ursprung hatte er in den Straßenduellen,
die sie täglich bestritten.
„Auf dem Gerhardplatz bin ich entdeckt worden,
da war ich zwölf“, erzählt Günter Preuß. „Paul Ro-
sin war Jugendobmann beim MSV, der stand im-
mer in seinem braunen Mantel am Rand und hat
sich unsere Straßenduelle angeguckt. Wir nannten
ihn den braunen Bomber. Der hat irgendwann bei
meinen Eltern geklingelt und gefragt, ob er mich
beim MSV anmelden dürfte.“
Dass auf diese Bitte 30 Jahre MSV folgen würden,
ahnte damals noch niemand, und es lag weniger an
seinem Talent als an seiner Robustheit, dass er die-
sen Weg gehen konnte. Der gelernte Verteidiger ist
auch im Alter noch hünenhaft, zu seiner aktiven
Zeit war er als Trainingsweltmeister bekannt. Was Interview mit Horst Gecks, Frühsommer 2013
64 ihm die Technik versagte, kompensierte er durch Foto: Matthias Knorr
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terviews ein. Horst Gecks treffen wir im Frühsom- ne Zelte aufschlägt, ist er zwar Paradiesvogel im
mer 2013 an der Westender Straße, Hartmut graubraunen Dunst, in erster Linie aber vor allem
Heidemann und Ludwig Nolden besuchen wir bei ein Niemand unter vielen. Der Meidericher SV
sich zu Hause. Rudi Guten- gilt unter Journalisten und
dorf will zuerst nicht mit uns Fußballexperten einhellig als
reden, erst Günter Preuß öff- Abstiegskandidat Nummer
net die Tür und sorgt mit ei- eins, bis auf Helmut Rahn hat-
nem Anruf dafür, dass wir uns te bisher kein Spieler auf sich
Richtung Koblenz aufmachen aufmerksam gemacht. Die
können. Mixtur, die sich aus Trainer
Ein paar Monate nach unse- und Mannschaft ergibt, sollte
rem Besuch in der Kellerbar anschließend ganz Fußball-
sitzen wir in einer Gaststät- deutschland überraschen.
te in der Nähe von Koblenz, „Die Mannschaft, das waren
rustikal, die Küche gutbür- ja ein paar Straßenjungs, die
gerlich und die Gäste so alt sind alle in einem Viertel groß
wie der Tresen. Eigentlich geworden“, erzählt der Wel-
wollten wir auf einer Auto- tenbummler, der im Laufe
bahnraststätte drehen, aber seiner Karriere weltweit über
als man uns da spontan kei- 50 Teams gecoacht hat, dar-
ne Drehgenehmigung erteilt, unter unter anderem die Na-
führt Rudi Gutendorf uns die tionalmannschaften aus An-
Autobahn runter. Wir folgen tigua, Ghana und Simbabwe.
seinem Wagen quer durch die Man mag sich wundern, dass
pfälzischen Dörfer mit ihren Straßenszene in Meiderich, 1960er Jahre jemand, der eine chinesische
Schützenfesten und grün- Foto: Privatarchiv Preuß und eine iranische Länderaus-
weißen Girlanden über den wahl bei olympischen Spielen
Straßen. Der Weltenbummler und Trainer auf fünf begleitet hat, sich noch an ein
Kontinenten erzählt uns in der tiefsten Provinz die paar Straßenkicker aus dem
Geschichte, wie er mit einer Straßenmannschaft Kohlenpott erinnern kann, aber
die Bundesliga aufmischen konnte. sobald er über den Meidericher
„Das erste, was ich von Meiderich mitbekam, war SV der ersten Bundesliga-Sai-
der beißende Geruch von der Zeche“, erinnert er son redet, wird der 87-jährige
sich. Als er kurz vor dem Start der neugegründe- lebendig. „Dieser Mannschaft
ten Bundesliga in Meiderich mit dem Sportwagen brauchtest du nicht mehr viel
vorfährt, sind die Umkleidekabinen Baracken und zeigen, die hatten fast alles be-
die Holzbänke morsch und marode. Er selber ist reits auf der Straße gelernt. So
in diesem Moment kaum älter als seine Spieler. etwas hab ich nie wieder erlebt,
Bis auf einige Achtungserfolge als Trainer in der das war einmalig auf der Welt.“
Schweiz oder beim TSV Marl-Hüls hat er bei sei- Das System, das er mit dieser
ner Ankunft nichts vorzuweisen, dafür aber da- besseren Straßenmannschaft
mals schon genug Selbstbewusstsein, um es mit spielen lässt, hat zwei tragende Nach dem letzten Heimspiel
den Provinzfürsten des MSV aufzunehmen. „Die Säulen, es ergänzt ihren Zusam- gegen Kaiserslautern: Rudi
haben mich als Trainer genommen, weil ich bil- menhalt, ihren Spielwitz und Gutendorf wird von Fans und
lig zu haben war. Und dann war das einzige, was ihre Robustheit um Strategie Spielern auf Händen getragen
ich mir in den Vertrag schreiben ließ, eine Prämie und taktische Klugheit. Vom Foto: Privatarchiv Preuß
für die Meisterschaft oder den Vizemeister. Von Erfinder des Catenaccio, Hele-
Abstieg wollte ich gar nicht reden. Für die Herren nio Herrera, übernimmt er die Defensivorientie-
vom Vorstand war ich komplett verrückt, aber für rung, Inter Mailand holt mit dieser Taktik dreimal
weniger Geld konnten sie keinen kriegen.“ den Landesmeister-Pokal. „Die Gegner haben sich
Als Rudi Gutendorf an der Westender Straße sei- gegen uns blutige Köpfe geholt, weil sie immer ge- 65
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Es ist dieser Taktik-Mix aus


knallharter Defensive und
überfallartigen Angriffen,
der neun Meidericher Jungs
zur Vizemeisterschaft füh-
ren wird. Bis sieben Spiel-
tage vor Schluss können sie
sogar das Meisterschafts-
rennen offenhalten, aber
mit einem Unentschieden
gegen den Titelkonkurren-
ten aus Köln müssen sie alle
Gedanken an die Meister-
schaft endgültig begraben.
Alle Mitwirkenden – versammelt im filmforum Foto: Martin Broermann „In meinen Träumen hab
ich schon an den Meister ge-
dacht“, sagt Rudi Gutendorf nachdenklich, als wir
ihn fragen, ob die Meisterschaft möglich gewesen
wäre. Er nimmt einen Schluck Kaffee und faltet mit
seinen knochigen Fingern eine Serviette, während
er sich ins staubige Meiderich zurückdenkt. Auch
er wird einem Titel trotz etlichen weiteren Trai-
nerstationen nie wieder so nahe kommen wie in
dieser Saison, aber verbittert ist er deswegen nicht.
„Aber ich habe schnell erkannt, dass es falsch ist,
so zu denken. Richtig wäre es zu fragen, wie diese
Jungs überhaupt deutscher Vizemeister werden
konnten. Denn eigentlich war das ein Wunder.“

Mit einem Bein zwischen damals und heute


Premiere im filmforum: Die Filmemacher Kristian „Eigentlich war das ein Wunder.“ Werner Lotz
Lütjens, ­Michael Wildberg und Matthias Knorr mit steht im Lizenz-Sommer 2013 auf dem Balkon des
Rudi Gutendorf (v.l.) Foto: privat Meidericher Trainingszentrums und hält sich auf
Krücken. Der Allround-Spieler war auf dem Feld
gen eine Wand anrennen mussten“, erklärt er die ein Kämpfer vor dem Herrn, aber auch jenseits des
eine Seite der Medaille, indem er die Positionen Platzes gönnte er sich keine Schonung. Nach der
der Spieler auf der Tischplatte nachzeichnet, in aktiven Laufbahn stand er am Zapfhahn der eige-
manchen Partien ließ er acht Defensive auflaufen. nen Kneipe und zauberte über Jahre hinweg Tulpe
Es ist diese Spielweise, die man bis heute leicht ab- um Tulpe, als Folge eines Lebens zwischen Pils,
schätzig als „Rudis Riegel“ bezeichnet und dabei Zeche und Kippe musste man Teile seines rechten
vergisst, dass der Meidericher SV zu dieser Zeit Beins amputieren.
mehr als eine Sache beherrschte. „Der Günter war vielleicht nicht der beste Fuß-
„Mit dieser Mannschaft konnten wir das soge- baller, dafür aber der beste Kapitän, den der MSV
nannte Roll-System spielen, weil wir mit Sabath jemals hatte“, erzählt er mit rasselnd-verrauchter
und Heidemann zwei gelernte Stürmer als Außen- Stimme. Er nimmt die letzten Züge seiner Ziga-
verteidiger auf dem Feld hatten. Sobald wir den rette, dann stopft er die Schachtel ins Hemd und
Ball eroberten, schaltete sich einer der beiden mit humpelt ein Stück, bevor er sich auf einen Stuhl
in den Angriff ein. Das war damals etwas Neues für setzt. „Mal so als Beispiel: Wenn wir nach einem
den Fußball, die meisten Verteidiger von damals Sieg mal gefeiert haben, ist der Günter immer di-
66 durften maximal bis zur Mittellinie vorrücken.“ rekt nach Hause. Oder wenn wir Probleme mit
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dem Geld hatten. Da ist der Günter dann zum ablaufen konnte“, berichtet er von Hesselmanns
Vorstand gerannt und hat geguckt, was er für uns Wirken. Bis heute ist er davon beeindruckt. „Ich
rausholen konnte. So ein Kapitän war der Günter.“ weiß nicht, wer von uns abgerutscht wäre, wenn
Vom Balkon aus blicken wir in das kleine Stadi- wir den nicht gehabt hätten, aber von uns hatten
on an der Westender Straße. Das Ruhrgebiet galt einige das Zeug dazu. Die schlechteste Schule war
früher als „das Land der tausend Derbys“, bis zur das jedenfalls nicht.“
Aufnahme in die Bundesliga spielten sie hier in Es sollte nicht lange dauern, bis die Jungs auf dem
der berühmt-berüchtigten Oberliga West und du- Feld das erste Mal auf sich aufmerksam machten.
ellierten sich regelmäßig mit den Pottrivalen aus 1957 erntete der Verein die Früchte seiner Aufbau-
Essen, Schalke und Dortmund. Auf dem Feld vor arbeit und wurde mit der A-Jugend Niederrhein-
uns schoss Dieter Danzberg vor mehr als 20.000 meister. Werner Lotz, Dieter Danzberg, Hartmut
Zuschauern im Derby gegen Hamborn 07 eines der Heidemann, Werner Krämer und Heinz Versteeg
entscheidenden Tore zum Aufstieg, aber die Zeit waren Teil dieses Teams. Sechs Jahre später bilde-
machte auch vor solchen Momenten nicht Halt. ten sie mit weiteren Meiderichern das Grundge-
Als die Italiener während der WM 2006 in Mei- rüst jener Elf, die Vizemeister werden sollte, er-
derich ihre Trainingszelte aufschlugen, wurde das gänzt wurde die Mannschaft um einen Spieler, der
Gelände runderneuert, ein wenig erinnert es den- seinen Karrierehöhepunkt längst hinter sich hatte.
noch an früher. Die alten Umkleide-
kabinen stehen an derselben Stelle
wie damals, und auch heute noch
weht Asche über die zwei Plätze am
Eingang, wo die Jugendmannschaf-
ten trainieren.
„Unser damaliger Trainer war ein
ganz harter Hund. Vor dem Trai-
ning hat der immer geguckt, ob Tri-
kot und Hose auch sauber waren“,
berichtet Werner Lotz von den An-
sprüchen an die damals noch blut-
jungen Spieler. „Wenn nicht, dann
ab dafür, dann konntest du dich di-
rekt wieder umziehen. Mit dreckigen
Sachen brauchtest du gar nicht erst
beim Training erscheinen.“
Der Krieg ist gerade ein paar Jahre
her, als die Meidericher Jungs nach Dieter Danzberg (im Hintergrund) und Günter Preuß (m.) im Spiel
und nach in der Jugend des MSV des MSV gegen Schalke 04 Foto Privatarchiv Preuß
Duisburg auftauchen. Werner Lotz
wechselt wie „Eia“ Krämer und Michael Bella vom Und der schon eine Fußball-Legende war, obwohl
DJK Lösort-Meiderich zum Meidericher SV, zu er noch auf dem Feld stand und kickte.
dieser Zeit werden alle Jugendmannschaften noch „Beim Trainingsauftakt vor der Bundesliga waren
vom gleichen Trainer trainiert. Willi Hesselmann hier bestimmt 8.000 Leute. Die kamen alle wegen
begleitet sie von klein auf bis zu ihren ersten Pro- dem Rahn, den hatte der Gutendorf ja noch schnell
fieinsätzen und ergänzt das, was sie an Fähigkeiten aus Holland geholt“, erzählt Werner Lotz. Helmut
von der Straße mitbrachten um Charakter und ein Rahn war der erste und letzte Weltmeister, der im
paar Grundtugenden. Trikot des MSV Duisburg auflief, an Glanz und
„Das hat hier mal stundenlang Bindfäden ge- Gloria reichte ihm davor und danach niemand das
regnet, der ganze Platz war nur noch Schlamm. Wasser. „Das war ein Ding, der große Weltmeis-
Der Hesselmann hat uns dann alle zusammen- ter im kleinen Meiderich. Da wirst du so klein mit
getrommelt. Im strömenden Regen hoben wir Hut. Aber den Helmut hat das nicht interessiert.
zusammen Sickergruben aus, damit das Wasser Das muss man sich mal vorstellen: Da sitzt du in
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zirkuliert. Es ist der Sommer 2013, zu dieser Zeit


bangt der MSV um die Lizenz. Dass wir in diesem
Moment nicht alles drangeben, liegt an Günter
Preuß, Werner Lotz und den anderen Jungs, und
wenn am Anfang Wut unser Benzin war, ist es jetzt
die Zuneigung zu diesen Menschen, die uns trägt.
Als unsere Zeit sich dem Ende neigt, fragen wir
ihn, wie er den Unterschied zwischen damals und
heute beschreiben würde. Er braucht einen kurzen
Moment und nimmt ein paar tiefe Züge, dann ant-
wortet er: „Wir haben nicht viel verdient, das ist
klar, heute wären wir Millionäre. Aber das, was wir
erlebt haben, nimmt uns keiner mehr. Heutzutage
kannst du als Fußballspieler keinen Schritt mehr
machen, ohne dass die Presse gleich hinter dir her
ist. Die Jungs heute verdienen vielleicht mehr, aber
wir durften noch leben.“
Wer es in diesem Moment nicht aushält, der
träumt sich drei Straßen weiter und stellt sich vor,
wie ein paar Jungs auf engem Feld stunden- und
tagelang gegen ein paar Stoffbälle kickten. Und er-
innert sich daran, dass auch für sie alles einmal auf
schwierigem Gelände begann.

Ein Denkmal für die Jungs


Günter Preuß trägt den verletzten Werner Kubek
vom Platz Foto: Privatarchiv Preuß 15 Monate sind seit unserem ersten Interview
vergangen, als wir an einem Sonntag im März
der Kabine und hast den Kopf unten, weil gleich 2014 im Filmforum sitzen und den 200 Gästen
der berühmte Helmut Rahn durch die Tür kommt, den Film „Meidericher Vizemeister“ vorführen.
dann geht die Tür auf und was macht der Helmut? Sie alle sind unserer Einladung gefolgt: Günter
Setzt sich neben mich und sagt in die Runde: Hallo, Preuß, Horst Gecks, Hartmut Heidemann, Rudi
ich bin der Helmut. Mehr nicht.“ Gutendorf, Werner Lotz und viele andere sitzen
Werner Lotz nestelt an seiner Schachtel herum. Es im abgedunkelten Saal, die Verantwortlichen des
scheint, als freue er sich, uns an all dem teilhaben MSV sind ebenso vor Ort wie der Sportdirektor
zu lassen, zumindest seine lachend-glänzenden Ivica Grlic und Legenden wie Bernard Dietz und
Augen erzählen davon. In seinen besten Momen- Michael Bella.
ten wirkt er wie ein Kind: „Als ich 1954 noch ein Gemeinsam folgen wir der Geschichte der Meideri-
Junge war, hab ich wie alle das Finale im Radio cher Jungs, wir gehen mit ihnen durch ihre Jugend
gehört und gejubelt, als der Helmut uns zum Welt- und schauen gebannt dabei zu, wie sie am ersten
meister schoss.“ Das Geschichtenerzählen hat er Spieltag der Bundesliga-Geschichte den Karlsru-
in der Kneipe gelernt, die Zigarette nutzt er für her SC mit 4:1 im Wildpark aus dem eigenen Sta-
eine kurze Pause, dann fährt er fort: „Und keine dion fegen. „Das war verrückt“, wird Günter Preuß
zehn Jahre später torkele ich mit dem betrunken in diesem Moment leise sagen. „Die Zuschauer im
durch den Meidericher Stadtpark und wir halten Wildpark standen mit dem Halbzeitpfiff auf und
uns gegenseitig fest, um irgendwie nach Hause zu applaudierten uns, so eine Gala hatten wir in der
kommen. Der Helmut hatte keine Allüren. Der war ersten Halbzeit geboten.“
so einer wie wir.“ Zwei Stunden später rollt der Abspann. Nach kur-
Vor uns trainiert die erste Mannschaft des MSV zen Worten unsererseits bitten wir die Vizemeister
Duisburg. Sie spielen Sechs gegen Sechs auf engem in Anwesenheit des aktuellen Vorstands und aller
68 Feld, die Tore stehen nah beieinander. Der Ball anderen Protagonisten des Vereins auf die Büh-
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oben: Autogrammstunde im Stadtwerke-Sommerkino

Da stehen sie auf der Bühne des Sommerkinos im


Landschaftspark Nord … Fotos: Martin Broermann

ne. Es ist der letzte Satz, den wir an diesem Tag Manfred Manglitz, Ludwig Nolden und Werner
öffentlich sagen, er ist eine Entschuldigung, aber Kubek zu später Stunde vor das Publikum tre-
vor allem ein Versprechen und lautet: „Wir wer- ten, Kai Gottlob wird es als den „emotionalsten
den euch nie wieder vergessen.“ Moment in der Geschichte des Sommerkinos“
Was am Tag der Premiere noch ein vager Wunsch beschreiben, die WAZ von einer „magischen
ist, wird Dank der Fans des MSV Duisburg in den MSV-Nacht für die Ewigkeit“ sprechen. Aber was
Wochen und Monaten nach der Uraufführung auch immer es gewesen sein sollte: Als in dieser
zum zweiten Triumphzug der Meidericher Jungs. Nacht die Vizemeister die Bühne betreten und
Der Film läuft im April und Mai zehn Mal im sich 1.100 Menschen von ihren Sitzen erheben,
Filmforum Duisburg, nach sieben ausverkauften rhythmisch in die Hände klatschen und zu Ehren
Vorstellungen entscheidet Kai Gottlob, der Ge- dieser Mannschaft minutenlang „Meidericher SV“
schäftsführer des Kinos, den Film ins Programm singen, begreifen auch wir, dass ein paar Straßen
des Stadtwerke-Sommerkinos aufzunehmen. Als weiter ein paar junge Männer auf einem Poster in
Ende Juni der Vorverkauf für das Sommerkino einer Kellerbar ihre Namen und ihre Geschichte
freigeschaltet wird, dauert es nur ein paar Stunden, endlich wiedererlangt haben.
bis die Vorstellung als erste komplett ausverkauft
ist.
In der Spätsommernacht des 12. August 2014 sind Michael Wildberg, Jahrgang 1981, lebt in
es elf Vizemeister und 1.100 MSV-Fans, die mit Duisburg und ist studierter Sozialwissen-
uns gemeinsam in der Gießhalle sitzen, wo Jahr- schaftler. 2011 veröffentlichte er seine Fan-
zehnte vorher Werner Lotz und Günter Preuß hei- Biographie „So Lonely: Ein Leben mit dem MSV
ßes Eisen in Formen gossen und darauf achtgege- Duisburg“ und begleitete seitdem verschiede-
ben haben, dass dem anderen nichts passiert. Es ist ne MSV-Projekte. So war er 2011 Mitinitiator
kurz nach Zwölf, als der Abspann über die riesige der „Aktion für Michael Tönnies“, schrieb 2012
Leinwand läuft, und als sie kurz danach schwarz in Kooperation mit dem Verein das Leitbild des
wird, ist es Werner Lotz, der sich in der Dunkelheit MSV Duisburg und legte 2013 gemeinsam mit
zuerst aus seinem Sitz erhebt und langsam in Rich- weiteren Helfern das Buch „Der Kapitän der
tung Bühne humpelt, während die anderen noch Zebras“ (Günter Preuß) neu auf. Journalis-
lebenden Spieler der Vizemeister-Elf hintendran tisch arbeitete er unter anderem für SPIEGEL
folgen. ONLINE sowie für das Fußballkultur-Magazin
Es ist immer noch schwer zu beschreiben, was da 11FREUNDE. „Meidericher Vizemeister“ ist sein
geschieht, als Werner Lotz, Günter Preuß, Hart- erster Film, den er gemeinsam mit Matthias
mut Heidemann, Johann Sabath, Heinz Höher, Knorr und Kristian Lütjens realisierte. 69

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