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N�EXPORT

ALOIS NEUDORFER

Schieben und greifen

Ein Oberösterreicher in China: Alois Neudorfer, 54, ist Heilmasseur in einem Pekinger Volkshospital.

Weil es in China viele Menschen gleichen Namens gibt, wird als erste Unterschei- dung Jung von Alt getrennt. Wenn sich ein Mädchen als Xiao Ming vorstellt, han- delt es sich um die kleine Ming, die junge Ming. Meinen Familiennamen übersetzen die Chinesen als Ni. Also nennen sie mich Lao Ni, den alten Neudorfer. Anfangs fand ich das nicht nett.

oder massiert. Mich fasziniert, dass die Menschen einen sehr interaktiven Zugang zur Massage pflegen: Ich kann jederzeit damit rechnen, dass ein Patient von der nächsten Liege aufsteht und mir tatkräf- tig beim Massieren meines Patienten assistiert. Während im Westen Krankheit als Privatsache gilt, ist hier öffentliche Anteilnahme die Norm. Dazu passt das Bild, das sich mir jeden Morgen bietet: Im Park vor unserer Wohnung absolvieren ältere Herrschaften ihre Qigong-Übun- gen. Jeder sei selbst für seinen Körper verantwortlich, heißt es. Wer etwas für sich tue, habe die Chance, sehr alt zu werden. Die größte Hürde war anfangs die Sprache. Es gibt 50 000 Schriftzeichen.

�GELEGENTLICH KOMMEN FRÖSCHE AUF DEN TISCH�

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Meiner Frau wurde vor zwei Jahren eine Managementposition bei einem Multi in Peking angeboten. Ich war bis dahin als Übersetzer und im Softwaremarketing tätig. Wir begannen, Chinesisch zu lernen und alle möglichen Kurse zu belegen, Kochen etwa. Ich studierte an der Uni- versität erst Akupunktur, dann sattelte ich auf Tuina um. Tui bedeutet schieben, na greifen. Was ich im ersten Semester über das Meridian-System des menschli- chen Körpers und die 100 wichtigsten Akupunkturpunkte gelernt habe, kommt mir in meiner täglichen Praxis in der Tuina-Abteilung des Dongzhimen-Kran- kenhauses zugute. In diesen Volkshospitälern wird nach den Grundsätzen der Traditionellen Chi- nesischen Medizin (TCM) zu erschwing- lichen Tarifen behandelt. Man erwirbt einen Behandlungsschein für etwa vier Euro und wird anschließend akupunktiert

Wenn ein Intellektueller 5000 davon beherrscht, kann er gut Zeitung lesen. Ich habe etwa 400 gelernt, davon die Hälfte wieder vergessen. Eine Zeitung kann ich damit nicht entziffern. Die Stra- ßenschilder sind zum Glück in der Laut- schrift Pinyin oder in Englisch gehalten. So kann ich mich bei den Ausfahrten auf meinem Shanghai-Waffenrad orientieren. Besonderen Spaß bereitet das Essen. Mittags gehe ich in ein Altbauviertel, um eine Nudelsuppe zu löffeln. Abends kochen wir Gemüse, das es in großer Vielfalt zu kaufen gibt. Fleisch essen wir nur im Restaurant. Dass da gelegentlich riesige Frösche – Bullfrogs genannt – auf den Tisch kommen, war anfangs unge- wohnt. Verkocht mit viel Knoblauch sowie Ingwer und Koriander, schmecken aber auch solche exotischen Dinge wirklich gut.

DIE ZEIT 12/2010