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Easy Flossing

Sven Kruse

Unter Mitarbeit von


Johannes Ermel

160 Abbildungen

Georg Thieme Verlag


Stuttgart • New York
Sven Kruse Wichtiger Hinweis: Wie jede Wissenschaft ist die Medizin ständigen
Praxis für Physiotherapie Entwicklungen unterworfen. Forschung und klinische Erfahrung
Haarweg 80 erweitern unsere Erkenntnisse, insbesondere was Behandlung und
58675 Hemer medikamentöse Therapie anbelangt. Soweit in diesem Werk eine
Deutschland Dosierung oder eine Applikation erwähnt wird, darf der Leser zwar
darauf vertrauen, dass Autoren, Herausgeber und Verlag große Sorg-
falt darauf verwandt haben, dass diese Angabe dem Wissensstand bei
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Mit Übernahmen aus: Schünke M, Schulte E, Schumacher U. Prometheus. Die abgebildeten Personen haben in keiner Weise etwas mit der
LernAtlas der Anatomie. Illustrationen von M. Voll und K. Wesker. Krankheit zu tun.
Stuttgart: Thieme.
Umschlaggestaltung: Thieme Gruppe
Fotos: Christian Knospe, Fröndenberg
Umschlagfoto: Christian Knospe, Fröndenberg
Satz: SOMMER media GmbH & Co. KG, Feuchtwangen
gesetzt aus Arbortext APP-Desktop 9.1 Unicode M180
Druck: Westermann Druck Zwickau GmbH, Zwickau

DOI 10.1055/b-004-140 277

ISBN 978-3-13-240830-2 123456

Auch erhältlich als E-Book:


eISBN (PDF) 978-3-13-240831-9
eISBN (epub) 978-3-13-240832-6
Vorwort
aus, welche Wirkung das Abbinden mit diesen
Bändern auf den Organismus hat. Die Bänder habe
ich mir 2014 in den USA besorgt, wo deren Ver-
wendung in Athletenkreisen schon länger in Mode
war.

Beim Weltkongress der Physiotherapeuten in Sin-


gapur im Jahr 2015 kam schließlich der Kontakt
mit der Firma Sanctband zustande, einem führen-
den Hersteller von Therapie- und Trainingspro-
dukten in Asien. Importeur der Bänder in Deutsch-
land ist die Firma Wagus, vertreten von Inhaber
und Geschäftsführer Bernd Becker. Gemeinsam
hatten wir die Idee, Bänder für das Flossing herzu-
stellen, die mehreren Ansprüchen genügen sollten:
Wir wollten stabile, hautverträgliche Bänder, die
möglichst von allen Patienten vertragen werden.
Die Bänder sollten eine optimale Länge haben, um
Sven Kruse möglichst vielseitig einsetzbar zu sein. Und die
Bänder sollten unterschiedliche Stärken aufwei-
Seit Jahrzehnten betreue ich als Physiotherapeut sen, um den unterschiedlichen Bindegewebstypen
Athleten unterschiedlichster Disziplinen, darunter und Einsatzzwecken gerecht zu werden.
zahlreiche Olympiateilnehmer. Der Schwerpunkt
meiner Tätigkeit im Leistungssport liegt allerdings Nach mehreren Versuchen einigten wir uns darauf,
beim Eishockey. Verletzt sich dabei ein Sportler, ist die Bänder in vier Stärken herstellen zu lassen. Mit
vor allem eins gefragt: Schnelligkeit. Schnelligkeit 2,50 m Länge und 5 cm Breite wurde ein Maß ge-
bei der Entscheidung, was zu tun ist, und Schnel- funden, das den Einsatz der Bänder an oberen und
ligkeit bei der Entscheidung, ob der Sportler wie- unteren Extremitäten und auch am Rumpf ermög-
der aufs Eis darf. Auch beim Behandeln hat man lichte. Später kamen schmalere Bänder (2,5 cm) hin-
nicht viel Zeit, denn jede Verzögerung kann nicht zu, die für das Flossen von Fingern und Zehen ge-
nur den Spielverlauf, sondern auch den Heilungs- eignet sind. Schließlich Bänder mit 7,5 cm Breite
verlauf negativ beeinflussen. Manchmal muss man und inzwischen sogar Bänder mit 3,5 m Länge für
sich dabei auch auf sein Gespür und seine Erfah- besondere Einsatzzwecke.
rung verlassen und Dinge tun, die man zuvor so
noch nicht gemacht hat. Man muss gewisser- Begleitend zum vermehrten Einsatz der Flossbän-
maßen experimentieren. der unterrichtete ich zunächst Mitarbeiter und seit
2015 auch andere interessierte Ärzte und Thera-
So begann auch meine Erfahrung mit dem Flossing. peuten. Die Easy Flossing Academy bildet inzwi-
Als ich im Rahmen meiner Crossfit-Ausbildung im schen mit einem eigens geschulten Lehrteam im
Jahr 2013 die festen Latexbänder kennenlernte, die gesamten deutschsprachigen Raum, in Polen, den
dort v. a. zum Mobilisieren eingesetzt wurden, Niederlanden, Spanien, Slowenien, Griechenland,
wurde ich schnell neugierig. Einerseits waren mir mehreren asiatischen Ländern und Südafrika re-
die Bänder nicht ganz unbekannt, weil amerikani- gelmäßig Therapeuten aus, die mit Easy Flossing
sche Eishockeyspieler diese Bänder immer wieder ihr therapeutisches Spektrum erweitern wollen.
beim Aufwärmen einsetzten. Andererseits erin-
nerte manches daran an eigene Erfahrungen, die Bedanken möchte ich mich bei meiner Mitarbeite-
ich im Kraftsport mit Fahrradschläuchen (S. 12) rin Cordula Schönthaler, die für mich alle organisa-
gemacht hatte. Schon bei nächster Gelegenheit torischen Aufgaben übernommen hat. Auch Mit-
probierte ich an mir selbst und einigen Athleten arbeiter aus meinem Praxis und Lehrerteam haben

5
Vorwort

ihren Anteil an dem Gelingen des Buchprojekts.


Mit ihren Fragen und Anregungen und mit z. T.
Easy Flossing H
erheblichem Aufwand haben sie mir bei der Re- Easy Flossing ist das vorübergehende Umwickeln
cherche und Erstellung des Kursmanuskriptes, das von Gelenken oder Körperteilen mit elastischen
diesem Buch zugrunde liegt, geholfen. Dem Thie- Latexbändern mit dem Ziel, Schmerzen zu lin-
me Verlag und insbesondere dem Lektor Johannes dern, den Stoffwechsel anzuregen sowie Kraft
Ermel danke ich für gute Zusammenarbeit und die und Beweglichkeit zu verbessern.
große Geduld, die angesichts meiner beruflichen
Belastung und wegen der vielen Verpflichtungen
bei der Bearbeitung des Manuskriptes erforderlich
war. Auch bei den Modellen, die bei den Auf-
nahmen geduldig die Anlagen der Flossingbänder
ertrugen, möchte ich mich bedanken und wünsche
allen Lesern viele Therapieerfolge mit Easy Flossing.

Iserlohn, im September 2017

6
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11

1.1 Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12

2 Bindegewebe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14

2.1 Aufbau und Funktion . . . . . . . . . . . 14 2.3 Klassifikation des Bindegewebes 26

2.1.1 Zellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 2.3.1 Lockeres Bindegewebe . . . . . . . . . . . 26


2.1.2 Fasern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 2.3.2 Dichtes oder faseriges
2.1.3 Extrazelluläre Matrix . . . . . . . . . . . . 21 Bindegewebe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26

2.2 Ernährung des Bindegewebes . . . 25

3 Myofasziales System . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28

3.1 Fasziales Netzwerk . . . . . . . . . . . . . 28 3.3.1 Elastizität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37


3.3.2 Plastizität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
3.1.1 Fernwirkungen im Fasziennetz . . . . 28
3.1.2 Myers Anatomy Trains . . . . . . . . . . . 31 3.4 Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . 41

3.2 Anatomie der Faszien . . . . . . . . . . 32 3.4.1 Kommunikation im Fasziennetz . . . 41


3.4.2 Kommunikation mit anderen
3.2.1 Subkutangewebe . . . . . . . . . . . . . . . . 32 Netzwerken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
3.2.2 Oberflächliches Fettgewebe. . . . . . . 33
3.2.3 Fascia superficialis 3.5 Ursachen für Veränderungen
(oberflächliche Faszie) . . . . . . . . . . . 33 im myofaszialen System . . . . . . . . 44
3.2.4 Tiefes Fettgewebe . . . . . . . . . . . . . . . 34
3.2.5 Fascia profunda . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 3.5.1 Chronische Fehlbelastungen und
3.2.6 Aponeurotische und epimysiale Stress . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
Faszien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 3.5.2 Verletzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
3.5.3 Immobilität und Alter. . . . . . . . . . . . 46
3.3 Mechanische Eigenschaften. . . . . 37 3.5.4 Sonstige Faktoren . . . . . . . . . . . . . . . 49

4 Wirkweisen und Hypothesen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50

4.1 Myofasziale Kompression . . . . . . . 51 4.2 Refill . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61

4.1.1 Gelenkdistraktion . . . . . . . . . . . . . . . 51 4.2.1 Rehydration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63


4.1.2 Separierende Translation der inter- 4.2.2 Verbesserte Viskoelastizität/
faszialen Etagen bei Bewegung . . . . 52 Verbesserung der Mobilität . . . . . . . 63
4.1.3 Stimulation von Hautafferenzen,
Mechanorezeptoren und freien 4.3 Releasing . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
Nervenendigungen . . . . . . . . . . . . . . 55
4.1.4 Flüssigkeits- und Blutstau . . . . . . . . 59 4.3.1 Fest, aber sanft. . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
4.1.5 Mechanotransduktion . . . . . . . . . . . 60 4.3.2 Druckinhibition . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
4.1.6 Aufbrechen von Makromolekülen . 61 4.3.3 Rhythmische Bewegungen. . . . . . . . 65

7
Inhaltsverzeichnis

4.4 Movement Development . . . . . . . 65 4.5.1 Akutphase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68


4.5.2 Umbauphase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
4.4.1 Verbesserte Propriozeption. . . . . . . 66
4.4.2 Verbesserte inter- und intra- 4.6 Abschwellung/Wirkung
muskuläre Koordination . . . . . . . . . 66 auf das Lymphsystem . . . . . . . . . . 72
4.4.3 Bessere Rekrutierung von Muskel-
fasern („Strength Performance“) . . 66 4.6.1 Verschiedene Ödemformen
4.4.4 Tonusregulation . . . . . . . . . . . . . . . . 66 (Herpertz 2001) . . . . . . . . . . . . . . . . 72
4.4.5 Schmerzlinderung . . . . . . . . . . . . . . 67 4.6.2 Aufbau des Lymphgefäßsystems . . 73
4.4.6 Verbesserte Mobilität . . . . . . . . . . . . 67 4.6.3 Wirkmechanismen . . . . . . . . . . . . . . 74

4.5 Wundheilung . . . . . . . . . . . . . . . . . 67

5 Anwendungsgebiete, Indikationen und Kontraindikationen . . . . . . . . . . 76

5.1 Anwendungsgebiete . . . . . . . . . . . 76 5.3 Kontraindikationen . . . . . . . . . . . . 77

5.2 Indikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77

6 Materialkunde ............................................................. 78

6.1 Latex . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 6.3 Verschiedene Bandlängen


und -breiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
6.1.1 Verträglichkeit von Flossbändern
aus Latex . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 6.4 Pflege und Desinfektion
der Bänder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
6.2 Bandstärke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78

6.2.1 Vorteil der unterschiedlichen


Bandstärken. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79

7 Prinzipien der Anwendung, allgemeine Richtlinien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82

7.1 Basis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 7.3 Allgemeine Grundsätze . . . . . . . . 84

7.2 Ermitteln der Anlagerichtung. . . 83 7.3.1 Von distal nach proximal. . . . . . . . . 84


7.3.2 Schnell lösen! . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
7.2.1 Internal vs. external . . . . . . . . . . . . . 84 7.3.3 Fascial Thrust. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
7.2.2 Way of ease (indirekte Richtung) . . 84
7.2.3 Way of barrier (direkte Richtung) . 84

8 Praktische Durchführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86

8.1 Vorbereitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 8.2 Prozedere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87

8.1.1 Aufklärung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 8.2.1 Einschleichende Kompression . . . . 87


8.1.2 Anamnese/Untersuchung . . . . . . . . 86 8.2.2 Steigerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
8.1.3 Entscheidung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87

8
Inhaltsverzeichnis

8.3 Behandlungstechniken . . . . . . . . . 88 8.3.3 Mobilisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89


8.3.4 Aktive Bewegungen . . . . . . . . . . . . . 90
8.3.1 Senken des Muskel- und 8.3.5 Spezifische Leistungsoptimierung
Faszientonus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 (Corrective Exercises) . . . . . . . . . . . . 90
8.3.2 Steigern des Muskel- und
Faszientonus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89

9 Applikationsformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92

9.1 Gelenkanlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 9.3.7 Epicondylitis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132


9.3.8 Fascia brachii (tiefe Oberarmfaszie,
9.1.1 Easy Flossing der Gelenke . . . . . . . . 92 ventraler Anteil) . . . . . . . . . . . . . . . . 133
9.1.2 Großzehengrundgelenk . . . . . . . . . . 93 9.3.9 Fascia brachii, dorsaler Aspekt
9.1.3 Oberes Sprunggelenk . . . . . . . . . . . . 94 (M. triceps brachii) . . . . . . . . . . . . . . 136
9.1.4 Kniegelenk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 9.3.10 Thorax. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
9.1.5 Daumensattel- und Daumen- 9.3.11 Applikationen am Becken
grundgelenk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 (LWS/Pelvis) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
9.1.6 Fingergelenke. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 9.3.12 Myofasziale Kombinationsanlage
9.1.7 Handgelenk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 Schulter mit Relation Diaphragma . 143
9.1.8 Ellenbogen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 9.3.13 Kombinationsanlage Oberschenkel
mit Relation zum Becken
9.2 Sonderformen der Gelenkanlage 116 (Aufdehnung der Leistenregion) . . . 144

9.2.1 Glenohumeralgelenk . . . . . . . . . . . . 116 9.4 Muskuläre Anlage


9.2.2 Hüftgelenk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 (Sponge-Techniken) . . . . . . . . . . . . 146

9.3 Myofasziale Anlagen . . . . . . . . . . . 120 9.4.1 Oberschenkel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146


9.4.2 Arm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150
9.3.1 Calcaneus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
9.3.2 Achillessehne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 9.5 Posttraumatische Anlage . . . . . . . 151
9.3.3 Vorderes Schienbeinkanten-
syndrom (Shin splint), Fascia cruris 123 9.6 Lymphanlage . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
9.3.4 Fascia lata, Tractus iliotibialis. . . . . . 125
9.3.5 Subtuberale Anlage . . . . . . . . . . . . . . 129 9.6.1 Kontraindikationen. . . . . . . . . . . . . . 153
9.3.6 Unterarm (Fascia antebrachii,
Septum intermusculare mediale
und laterale). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130

10 Fallbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154

10.1 Fußballspieler mit Sprung- 10.3 Patientin mit Wadenschmerzen . 156


gelenksdistorsion . . . . . . . . . . . . . . 154
10.4 Behandlungsbeispiele aus
10.2 Männlicher Patient nach dem Leistungssport . . . . . . . . . . . . 158
Polytrauma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154
10.4.1 Single Leg Squat. . . . . . . . . . . . . . . . . 158
10.2.1 Behandlung der Schulter . . . . . . . . . 155 10.4.2 Deep Side Lunge . . . . . . . . . . . . . . . . 159
10.2.2 Behandlung des Handgelenks . . . . . 155 10.4.3 Kettlebell-Squat mit
Kombinationsanlage . . . . . . . . . . . . . 159
10.4.4 Walking Dumbell Lunges . . . . . . . . . 161

9
Inhaltsverzeichnis

11 Ausbildung Easy Flossing ................................................. 163

11.1 Zielgruppe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 11.3 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164

11.2 Kursinhalte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163

Sachverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166

10
Einführung

1 Einführung
Flossbänder gehören inzwischen zum Handwerks- wendungsbereiche (▶ Tab. 1.1). Die Effektivität der
zeug vieler Physiotherapeuten. Am Anfang belä- Technik hängt stark von dem richtigen Einsatz der
chelt, von manchen gar als Scharlatanerie bezeich- Bänder ab. Das stellen meine Kollegen und ich in
net, ist das Arbeiten mit den festen Latexbändern der Praxis und bei zahlreichen Lehrgängen täglich
in der Fachwelt inzwischen längst etabliert. Dazu fest. In Kap. 6 erkläre ich Ihnen, wie Sie das jeweils
beigetragen haben neben dem verblüffenden Er- geeignete Band auswählen und ein optimales
folg der Methode die breite Akzeptanz in sport- Behandlungsergebnis erzielen.
medizinischen und physiotherapeutischen Fach- Lag der Schwerpunkt beim Flossen zunächst
kreisen und die immer größere Bekanntheit der darauf, bewegungsabhängige Schmerzen zu ver-
Technik, die zu einer vermehrten Nachfrage bei ringern und die Beweglichkeit zu verbessern,
Sportlern und Patienten geführt hat. setzen mein Team und ich Flossing heute auch zur
Nachdem ich meine ersten Erfahrungen mit Verbesserung der Bewegungskoordination, zur
Flossing gemacht hatte, habe ich gemeinsam mit besseren Kraftgenerierung, unmittelbar nach Ver-
der Firma Sanctband und dem deutschen Impor- letzungen und zu vielen anderen Zwecken ein. In
teur, der Firma Wagus, die ersten eigenen Floss- Kap. 5.2 finden Sie die entsprechenden Indika-
bänder entwickelt. Mit der Zeit wurden diese Bän- tionen.
der immer mehr unseren Bedürfnissen angepasst.
Dabei lag unser Augenmerk von Beginn an darauf,
den unterschiedlichen Anforderungen und Ziel-
Hinweis V
setzungen gerecht zu werden. Inzwischen stellt Auch wenn wir in diesem Buch versuchen, sämt-
Sanctband die Flossbänder in unterschiedlicher liche Anlageformen in Wort und Bild genau
Ausführung her (▶ Abb. 6.1). So findet man für darzustellen, ersetzt dies nicht die Schulung bei
jede Indikation und jeden Patienten immer ein einem erfahren Lehrer unseres Teams.
geeignetes Band – Easy Flossing eben.
In dem vorliegenden Buch stelle ich mein Kon-
zept vor und erkläre die unterschiedlichen An-

Tab. 1.1 Indikationen und Wirkungen von Easy Flossing.


Indikationen Wirkungen
Bewegungseinschränkungen Verbessern der Gelenkbeweglichkeit
Schmerzen am Bewegungsapparat Schmerzreduktion
Koordinationsstörungen Verbessern der inter- und intramuskulären Koordination
und der Propriozeption
hohe Verletzungsanfälligkeit/Rezidivprophylaxe Verbessern der Rekrutierung von Muskelfasern
posttraumatische Funktionsstörungen Verbessern der Propriozeption
Adhäsionen von Narben und Bindegewebe Lösen von Adhäsionen und Crosslinks
Unterstützen der Wundheilung, Regeneration Ausschwemmen von Mediatoren
Schwellungen unterschiedlicher Genese Verbessern des Lymphabflusses (Drainagefunktion)
(posttraumatisch, Ödeme)
Die Liste der hier aufgezählten Indikationen für Easy Flossing nennt die häufigsten Anwendungsbereiche. Sicherlich gibt
es weitere Indikationen, bei denen Flossing mit Erfolg eingesetzt werden kann. Die genannten Wirkungen haben wir in
der täglichen Arbeit mit dem Flossband beobachtet. Für die meisten gibt es bisher keine wissenschaftlichen Belege, weil
das Flossen eine noch relativ neue Technik ist. Die wahrscheinlichen Wirkmechanismen werden in Kap. 4 genauer
beschrieben.

11
Einführung

Ein weiteres Ziel dieses Buches ist es, Ihnen die Der japanische Mediziner Yoshiaki Sato hat be-
Wirkung unserer Methode zu erklären. Daher reits in den 60er-Jahren damit angefangen, im
freue ich mich, Ihnen erstmals die Ergebnisse einer Training seine Extremitäten abzubinden, um mit
Studie präsentieren können, in der wir die Wirk- weniger Gewicht einen höheren Erfolg zu errei-
samkeit der Methode bei Epicondylitis wissen- chen. Zu Beginn der 70er-Jahre kamen im Kraft-
schaftlich belegen konnten (Nair et al. 2015). Aktu- sport immer öfter Kompressionsbandagen zum
ell wird diese Studie zur Veröffentlichung vor- Einsatz, die das Schmerzempfinden reduzierten
bereitet. Es gibt inzwischen auch eine Arbeit aus und eine bessere Kraftentwicklung ermöglichen
Neuseeland, in der die Wirkung von Flossing auf sollten (→ Fallbeispiel).
die Beweglichkeit des oberen Sprunggelenks und
die Sprunghöhe untersucht wurde (Driller und
Overmayer 2016). Dabei kamen die Autoren zu der
Fallbeispiel I
Erkenntnis, dass das Flossingband sowohl für die Ich selbst habe in den 80er- und 90er-Jahren als
Prävention von Verletzungen als auch für die Ver- Kraftsportler erstmals erfahren, wie Schmerzen
besserung der Leistungsfähigkeit eingesetzt wer- nach dem Abbinden von Extremitäten plötzlich
den kann. Es bleibt abzuwarten, welche Erkennt- verschwinden. Im Training hatte ich große
nisse weitere Studien, die sicher bald folgen wer- Schmerzen, wenn ich mich mit dem Gewicht auf
den, zutage fördern. den Schultern aus der Hocke aufrichten wollte.
Neben den genannten Studien gibt es zahlreiche Nicht nur die Squats waren schmerzhaft, selbst
Veröffentlichungen, insbesondere aus dem Gebiet beim Treppabgehen störte mich ein schmerz-
der Faszienforschung, die die Wirkung der Metho- haftes Stechen im Kniegelenk. Erst nachdem mir
de schlüssig begründen. Nicht zuletzt gibt uns der mein Trainer das Gelenk mit einem zerschnit-
Erfolg des Easy-Flossing-Konzepts recht. Täglich tenen Fahrradschlauch fest umwickelt hatte,
berichten uns Patienten und Athleten, wie gut konnte ich die Bewegungen wieder schmerzfrei
ihnen Flossing geholfen hat. ausführen. Auch andere Sportler experimentier-
ten damals mit Fahrradschläuchen. Ähnliche
Erfahrungen muss auch Kelly Starrett gemacht
1.1 Geschichte haben, als er begann, Athleten systematisch mit
Schon in der Antike bandagierten sich die Sportler Latexbändern die Extremitäten abzubinden, und
und Gladiatoren vor Wettkämpfe Arme und Beine. dabei den Begriff „Flossing“ etablierte.
Gefertigt wurden die Bandagen häufig aus Leder
oder aber aus textilen Materialien. Sie dienten
einerseits dem eigenen Schutz, sollten aber auch Den positiven Effekt auf die Kraftentwicklung
die Wirkung eigener Angriffe verstärken. Bei macht man sich seit einiger Zeit beim Okklusions-
Sportarten wie dem Boxen oder Karate schützten training (auch „Blood Flow Resistance Training“,
Bandagen auch heute noch die Fäuste vor Ver- ▶ Abb. 1.1) zunutze, dessen Wirkung inzwischen
letzungen. mehrfach belegt werden konnte (Bierhaus 2004;
Eine andere Verwendung von Bandagen findet Yamanaka et al. 2012). Dabei werden Extremitäten
man bei der Versorgung von Verletzungen. Nach zu Beginn des Trainings für bis zu 15 min mit elas-
Prellungen und Verstauchungen unterstützen tischen Bändern abgebunden. Dies hat den Effekt,
Wickel und Bandagen die Heilung und sollen auch dass der Einstrom arteriellen Bluts distal der abge-
verhindern, dass die betroffene Extremität weitere bundenen Stelle reduziert wird, während der ve-
Schäden erleidet. nöse Abtransport für die Dauer des Abbindens
Mit abgestufter, flächiger Kompression mithilfe vollständig unterbrochen wird. Infolgedessen än-
von Binden oder speziell angefertigten Bandagen dert sich das biochemische Milieu. Unter diesen
und Strümpfen unterstützt man außerdem den Bedingungen ist ein effektives Hypertrophie-
venösen Rückstrom und hilft, lymphpflichtige Las- training schon mit relativ geringen Intensitäten
ten aus dem Gewebe zu entfernen. In diesem Fall (zwischen zehn und 40 Prozent der Maximalkraft)
unterstützen die Bandagen die Regeneration oder möglich. Verantwortlich dafür sind endokrine und
dienen der Prävention von Ödemen. zelluläre Reaktionen, die Veränderung des Laktat-

12
1.1 Geschichte

Gummistrümpfen auf in der Hoffnung, dadurch


eine bessere Leistung zu erzielen. Später folgten
die Schwimmer, die mit ihren engen Anzügen tat-
sächlich Rekord um Rekord erzielten (Raguzzoni
2017). Weltbekannt wurde Paul Biedermann, als
er 2009 bei der Schwimm-WM in Rom mit einem
solchen Anzug den Weltrekord über 200 und
400 m Freistil holte. Heute ist diese Methode der
Leistungssteigerung im Schwimmsport bei Wett-
kämpfen verboten. Wegen des regenerationsför-
dernden Effekts werden die Anzüge im Training
von Schwimmern, Gewichthebern und Kraftsport-
lern aber immer noch verwendet.
Kelly Starrett schließlich war der Erste, der zu-
sammen mit Glen Cordoza in dem Buch „Werde
ein geschmeidiger Leopard“ (im Original erschie-
nen 2013 unter dem Titel „Becoming a Supple Leo-
pard“) den Begriff Flossing in der aktuellen Bedeu-
tung in die Literatur einführte (Starrett 2014). Hat-
te man bis dahin beim Begriff „Flossing“ an den
Einsatz von Zahnseide zum Reinigen der Zahn-
zwischenräume gedacht, bezeichnete Starrett
damit das Abbinden von Gelenken und Extremi-
täten mit elastischen Latexbändern. Eigentlich
Abb. 1.1 Beim Okklusionstraining bindet sich der Trai- verwendet er den Begriff „Vodoo-Flossing“, mög-
nierende spezielle Bänder um Arm oder Bein.
licherweise weil er sich die Effekte beim Flossing
anfangs selbst nicht richtig erklären konnte.
spiegels, eine vermehrte Gefäßneubildung und Alles nur Zauber also? Keineswegs! Um zu ver-
mechanische Effekte (Dermietzel et al. 2017). stehen, warum sich durch Kompression solch un-
Ende der 90er-Jahre des vergangenen und zu terschiedliche Effekte wie Schmerzlinderung, Ver-
Beginn des 21. Jahrhunderts wurde der Kompres- besserung der Mobilität und Regeneration oder
sion vor allem ein leistungssteigernder und rege- Leistungssteigerung erzielen lassen, ist ein Ausflug
nerationsfördernder Effekt zugeschrieben. 1998 lief in die Physiologie des Bindegewebes hilfreich.
die französische Fußballnationalmannschaft mit

13
Bindegewebe

2 Bindegewebe
2.1 Aufbau und Funktion 2.1.1 Zellen
Das Bindegewebe ist das formgebende Gewebe des Der Mensch besteht aus einer nahezu unendlichen
menschlichen Körpers. Eine wesentliche Aufgabe Zahl von Zellen. Diese stehen miteinander in Ver-
ist es, die vielen unterschiedlichen Organe und Ge- bindung, bilden Zellverbände, die zu Organen
webe miteinander zu verbinden und ihnen eine differenzieren und durch die Makromoleküle und
Struktur zu geben (Stecco 2016). Fasern der Zellzwischenräume zusammengehalten
Bindegewebe besteht im Wesentlichen aus drei werden.
Teilen: Zellen, Fasern und Grundsubstanz (Extra- Grundsätzlich verfügt jede Zelle über die we-
zellulärmatrix) (▶ Abb. 2.1). Die verschiedenen sentlichen Funktionen lebender Organismen:
Anteile haben unterschiedliche Funktionen: Stoffwechsel, Bewegung, Vermehrung (Zellteilung)
● Zellen regeln den Stoffwechsel sowie Kommunikation (Reizfortleitung). Trotz die-
● Fasern bestimmen die mechanischen Eigenschaf- ser Komplexität kann man vier grundlegende Zell-
ten typen unterscheiden, weil verschiedene Zelltypen
● Grundsubstanz sorgt für Verformbarkeit und sich auf bestimmte Aufgaben spezialisiert haben
Viskosität (▶ Tab. 2.1). Aus diesen vier elementaren Zelltypen
gehen alle Gewebe in unserem Körper hervor
Je nach Anteil der drei Grundbestandteile hat das (Mueller und Maluf 2002).
Bindegewebe unterschiedliche Eigenschaften. Es Bindegewebszellen können besser als andere
gibt lockeres, zellreiches (Fettgewebe) und faseri- Zellen viele unterschiedliche Stoffe bzw. Fasern
ges Bindegewebe (Sehnen, Bänder). Die Festigkeit synthetisieren und diese in den Interzellularraum
dieser Gewebe wird in erster Linie von der Konsis- abgeben. Aus diesen Stoffen bilden sich dann
tenz der Grundsubstanz bestimmt, die von viskös spezifische Binde- und Stützgewebe wie beispiels-
bis fest (Knochen) sehr unterschiedlich sein kann weise Knochen, Knorpel und Gelenkkapseln, aber
(Stecco 2016). auch die Substanzen, die den Raum zwischen den

Abb. 2.1 Die verschiedenen Bestand-


Fibroblasten teile des Bindegewebes (nach Stecco
2016).
Adipozyten

Zellen
Makrophagen und Mastzellen
(Stoffwechsel)

undifferenzierte
Mesenchymzellen

Chondroblasten/Chondrozyten
Osteoblasten/Osteozyten

Kollagen
Fasern
Bindegewebe
(Mechanik)
Elastin

Glykosaminoglykan
Grund-
substanz
Wasser
(Viskosität und
Verformbarkeit)
Ionen

14
2.1 Aufbau und Funktion

Tab. 2.1 Die vier elementaren Zelltypen des mensch- man spezifische (ortsständige) und freie Binde-
lichen Organismus. gewebszellen.
Zelltyp Hauptaufgabe
Nervenzelle Informationsübertragung Spezifische Bindegewebszellen
Muskelzelle Kontraktion Spezifische Bindegewebszellen sind in der Regel
Epithelzellen Ausbreitung auf Oberflächen, Aufnahme ortsständig, können aber wandern und produzie-
von Nährstoffen, Ausschüttung chemi- ren Bindegewebsfasern und die Grundsubstanz.
scher Stoffe (Hormone, Enzyme und Sie verfügen über Fortsätze, mit denen sie Kontakt
andere Botenstoffe)
zu benachbarten Zellen oder Matrixproteinen her-
Bindegewebs- Synthese von unterschiedlichen Stoffen stellen (▶ Abb. 2.2). Im Embryonalstadium sind sie
zellen und Fasern, Abgabe in den Interzellular-
noch wenig differenziert und können als Mesen-
raum
chymzellen im Prinzip alle spezifischen Binde-
gewebe bilden. Später findet eine immer stärkere
Zellen ausfüllen und ihm seine Form geben: die
Ausdifferenzierung ortsständiger Bindegewebs-
extrazelluäre Matrix. Grundsätzlich unterscheidet
zellen statt. Diese bilden für jedes Gewebe einen
unterschiedlichen „Fasermix“ (▶ Tab. 2.2).

zytoplasmatischer retikuläre Fasern endoplasmatisches Abb. 2.2 Typischer Aufbau einer


Ausläufer (Kollagen Typ III) Retikulum Bindegewebszelle am Beispiel eines
Fibroblasten (links). Mit den Fortsätzen
können die Zellen in Kontakt mit
benachbarten Zellen und Matrix-
proteinen treten.

endo-
plasmatisches
elastische
Retikulum
Fasern
kollagene
Fasern

15
Bindegewebe

Tab. 2.2 Spezifische Bindegewebszellen.


Zelltyp Vorkommen Funktion Besonderheit
Fibroblasten, in faserarmen und faser- Produktion von Fasern und relativ hoher pH-Wert, nied-
Fibrozyten reichen Geweben mit Grundsubstanz, riger Säuregrad des Gewebes
ausreichendem Sauerstoff- Freisetzung von Kollagenasen, hoher Energieverbrauch
angebot die stabilisierende Verbindun- enthalten Stressfasern, die aus
gen im Gewebe aufbrechen Aktin- und Myosinfilamenten
können bestehen und kontrahieren
können
Myofibroblasten u. a. Milz und Gefäßwand, wichtige Rolle bei der Wund- enthalten große Mengen an
bei Entzündungen und heilung (Proliferationsphase) Stessfasern
Verletzungen überall im
Körper
Chondroblasten/ in sauerstoffarmen Geweben Produktion von Fasern und niedriger pH-Wert, saures
Chondrozyten wie Knorpel, Disken, Menis- Grundsubstanz Gewebe
ken, Band- und Sehnen- vorwiegend interstitielles
insertionen Wachstum (von innen heraus)
Osteoblasten an den Rändern von bildet Knochengewebe hoher Energieumsatz, benötigt
Knochengewebe viel Sauerstoff
Osteozyten im Knochengewebe ruht mit verminderter Syn- werden wieder aktiv, wenn
theseleistung im Knochen- sie von Osteoklasten aus dem
gewebe Knochen herausgelöst wurden
Die Bezeichnung „…blast“ und „…zyt“ weist auf unterschiedliches Alter bzw. Funktion von Zellen hin. Während „…blast“
(z. B. Osteoblast, Chondroblast) junge Zellen mit hoher Stoffwechselrate bezeichnet, kennzeichnet „…zyt“ (Osteozyt,
Chondrozyt, etc.) ältere Zellen mit geringer oder ruhender Syntheseleistung (van den Berg 2011). Fibrozyten z. B. sind
Fibroblasten mit geringer Syntheseleistung, sie können in Fibroblasten umgewandelt werden.

Fibroblasten H
Fibroblasten sind für das Bindegewebe besonders tive Stoffe wie Oxytocin und Antihistaminika haben
wichtige Zellen. Sie produzieren fast alle Bestand- einen Einfluss. An Faszien-Präparaten konnte ge-
teile, aus denen die Extrazelluläre Matrix (s. u.) auf- zeigt werden, dass für eine Kontraktion, die die
gebaut ist. Man findet Fibroblasten überall im Bin- Spannung der Faszie erhöht, mindestens 20 min be-
degewebe, teils mit spezifischen Funktionen: nötigt werden; ein Prozess, der wahrscheinlich auf
Myofibroblasten können sich dank großer Mengen die Kontraktion der Myofibroblasten zurückzufüh-
kontraktiler Filamente im Zellinneren, die man ren ist. Vollständig entspannt sind sie erst nach
Stressfasern nennt, wie glatte Muskelzellen aktiv mehreren Stunden. Der Einfluss auf die Spannung
zusammenziehen. Sie sind bei der Wundheilung be- der Faszien macht sich erst bemerkbar, wenn viele
sonders wichtig, weil sie in der Proliferationsphase Myofibroblasten gemeinsam aktiviert werden. Das
das neu gewachsene Gewebe stabilisieren und mit- Dehnen von Gewebe unter Myofibroblasteneinfluss
helfen, die Wundränder zusammenzuziehen. Bei ist wenig erfolgversprechend (van den Berg 2011;
entzündlichen Prozessen wie rheumatischen Er- Myers und Earls 2015).
krankungen oder M. Dupuytren erhöht sich die Zahl Fibroblastische Retikulumzellen (es gibt auch an-
aktiver Myofibroblasten. dere) findet man im retikulären Bindegewebe. Mit
Stimuliert wird die Aktivität von Myofibroblasten ihren Fortsätzen bilden sie ein engmaschiges Netz-
durch Wachstumsfaktoren, durch CO2, den pH- werk. Sie sind an der Bildung von Retikulinfasern
Wert in der Extrazellulären Matrix und die sym- und Grundsubstanz beteiligt.
pathische Reflexaktivität. Aber auch vasokonstrik-

16
2.1 Aufbau und Funktion

Weitere Zellen, die sich


im Bindegewebe befinden
Easy Flossing bei chronischen H
Entzündungen
Freie oder mobile Zellen des Immunsystems wer- Easy Flossing hat eine ähnlich heilungsfördernde
den mit dem Blut in das Bindegewebe transpor- Wirkung wie tiefe Massagen. Der gegenüber
tiert und können sich wie die Fibroblasten dort frei oberflächlichen Massagetechniken länger anhal-
bewegen. Sie stammen von Knochenmarkszellen tende Effekt tiefer Friktionen („Deep Friction“
ab und übernehmen in erster Linie Aufgaben der nach Cyriax) beruht entweder auf der Freisetzung
Abwehr (Schleip 2016). zell- bzw. gefäßaktiver Substanzen wie Histamin
oder er kommt durch das gezielte Setzen kleiner
Mastzellen Verletzungen zustande. Bei der Kombination von
Easy Flossing mit manuellen Weichteiltechniken
Kommen in fast allen Gewebearten vor, gehäuft
und aktiven Bewegungen gibt es vermutlich ähn-
u. a. in der Haut. Mastzellen setzen primäre Media-
liche Effekte. Außerdem werden möglicherweise
toren wie Histamin, Heparin oder Leukotrien frei,
auch freie Bindegewebszellen in größerer Menge
die die Gefäßwände erweitern und deren Permea-
ins Gewebe „gelockt“, was die körpereigene
bilität erhöhen. Dadurch verbessert sich die Durch-
Abwehr fördert und die Heilung unterstützt
blutung des Gewebes. Außerdem setzen Mast-
(siehe Kap. 4.2).
zellen Stoffe frei, die wiederum die Bildung sekun-
Zum Einsatz kommen diese Techniken bei der
därer Mediatoren wie Prostaglandin E2 fördern.
Therapie chronischer Beschwerden in schlecht
Auch Prostaglandin E2 bewirkt eine Gefäßdilata-
durchbluteten Geweben. Die Stimulation einer
tion und erhöht die Durchlässigkeit der Gefäß-
Entzündung als erste Phase der Wundheilung
wand. Diese Veränderungen unterstützen die
kann so die Heilung einleiten und deren voll-
Wundheilung (van den Berg 2011).
ständigen Ablauf fördern. Auch die vermehrte
Durchblutung trägt zur Heilung bei (van den
Makrophagen Berg 2011).
Makrophagen sind langlebige, relativ große Ab- Die schnelle Wirkung von Easy Flossing beruht
wehrzellen, die unterschiedliche körpereigene und vermutlich sowohl auf neurologischen Reflexen
körperfremde Zellen und Objekte regelrecht auf- (z. B. Axonreflex, siehe Kap. 4.1.3) als auch auf
fressen könnnen. Osteoklasten sind spezielle Ma- humoralen Mechanismen. Bestärkt werden wir
krophagen, die nur im Knochen vorkommen. in dieser Annahme durch die positive Rück-
meldung von Athleten und Patienten, die nach
der Behandlung mit dem Flossband oft über
Leukozyten eine spontane merkliche und auch messbare
Leukozyten gelangen durch die Gefäßwand ins Besserung der Beweglichkeit, weniger Schmer-
Gewebe und beseitigen Fremdkörper und Zellreste. zen und das Nachlassen anderer Beschwerden
Man unterscheidet Granulozyten und Agranulo- berichten.
zyten. Die Mehrzahl der Agranulozyten sind Lym-
phozyten, die v. a. im Lymphsystems besonders
häufig anzutreffen sind. Nach Verletzungen und
bei Entzündungen erhöht sich ihr Vorkommen im
Bindegewebe. 2.1.2 Fasern
Wie bereits erwähnt bestimmen Fasern die me-
chanischen Eigenschaften des Bindegewebes.
Grunsätzlich unterscheidet man zwei Arten
(▶ Tab. 2.3):
● kollagene Fasern
● elastische Fasern

17
Bindegewebe

Tab. 2.3 Aufbau und Funktion der Bindegewebsfasern.


Bezeichnung Aufbau Funktion
kollagene Fasern Tripelhelix aus Aminosäuren, hohe elastische Steifigkeit, Stabilität, Reißfestigkeit
unverzweigte Fasern aus Mikrofibrillen abhängig von der Kollagenart und der dominanten
Belastung
elastische Fasern kurze Verbindungen von Aminosäuren, hohe Verformbarkeit und Flexibilität
stark verzweigt

Easy Flossing und H Kollagene Fasern


Bindegewebssynthese Kollagene Fasern bestehen aus Fibrillen und Mi-
krofibrillen (▶ Abb. 2.3). Die Grundstruktur, das
Weil die Bestandteile von Bindegewebsfasern
Tropokollagen, bildet drei umeinandergedrehte
kontinuierlich in den Bindegewebszellen syn-
Proteinketten (Tripelhelix), die als gestreckte
thetisiert werden, ist eine ausreichende Ver-
Moleküle die helikale Grundstruktur der Fasern
sorgung der Zellen mit Enzymen, Vitaminen
bilden. Der Aufbau ähnelt dem eines Stahlseils und
und Spurenelementen essenziell wichtig. Mit
hat wie dieses eine hohe elastischische Zugfestig-
dem Schwammeffekt trägt Flossing dazu bei,
keit. Kollagenstränge können daher viel Kraft
dass diese Stoffe auch bei schlechter Durch-
aufnehmen, ohne wesentlich ihre Länge zu ver-
blutung, nach Verletzungen und nach hohen
ändern. Nach der Belastung kehren sie in ihre
Belastungen in ausreichender Menge in den
ursprüngliche Form zurück. Es gibt sehr viele
Zellen ankommen.
unterschiedliche Kollagentypen, je nachdem, wel-
cher Belastung das jeweilige Gewebe ausgesetzt
ist. Kollagen ist neben Wasser der zweitgrößte
Bestandteil des Bindegewebes (van den Berg
2011).

Kollagenfibrille

Kollagenmikrofibrille
Kollagenfaser

Kollagenmikrofibrille

Kollagenmolekül Polypeptidkette

Tripelhelix Glycin

Abb. 2.3 Aufbau einer Kollagenfaser.

18
2.1 Aufbau und Funktion

Die Nachgiebigkeit von Kollagenfasern beruht Verantwortlich für den beschleunigten Turnover
auf dem wellenförmigen Verlauf der Kollagen- ist die vermehrte Freisetzung von Kollagenase
fasern und -fibrillen (▶ Abb. 2.4a). Dieser Verform- durch Fibrozyten auf Druck- und Dehnungsreize
barkeit sind jedoch Grenzen gesetzt. Ein wichtiger hin. Das Enzym Kollagenase zerschneidet Kolla-
Aspekt hierbei sind Geschwindigkeit und Größe genstränge, sodass eine Neustrukturierung mit
der auf das Gewebe einwirkenden Kraft: Je lang- nachgebildetem Kollagen möglich wird. Nach 10–
samer und kontinuierlicher die Belastung im Ge- 15 Minuten nimmt dieser Effekt ab.
webe steigt, umso besser kann sich das Gewebe
der Belastung anpassen und sich verformen. Es
adaptiert (van den Berg 2011).
Easy Flossing und Turnover von H
Kollagenfasern

Einfluss von Dehnung Easy Flossing verstärkt die Kompression und


Dehnung von Fibroblasten, es wirkt großflächig
auf Kollagenfasern
auf das Bindegewebe ein. Daher hat Easy Flossing
Laut Stecco haben Carano und Siciliani 1996 nach- vermutlich auch einen positiven Effekt auf den
gewiesen, dass sich der Turnover von Kollagen- Turnover von Kollagenfasern. Der Beweis dieser
fasern durch Dehnung der Fibroblasten beschleu- These muss noch durch geeignete Studien er-
nigen lässt. Dabei scheint intermittierendes Deh- bracht werden.
nen effektiver zu sein als kontinuierliches Dehnen.

kollagene Fasern Fibrozyten/Fibroblasten

Einsenkung in
die Muskelzelle

Basalmembran

Zapfenbildung in
der Muskelzelle
kollagene
Faser der
Sehne

kollagene Fasern
stabilisierende retikuläre Fasern
a (vergleichbar mit Sharpney-Fasern) b elastische Fasern

Abb. 2.4 Kollagene Fasern richten sich nach der vorherrschenden Belastung aus.
a Am Muskel-Sehnen-Übergang erkennt man sehr schön die parallele Ausrichtung der kollagenen Fasern. Die leichte
Wellenform der einzelnen Fasern (engl: „Crimp“) ermöglicht eine Nachgiebigkeit der Sehnen, die in gewissem Maß
auf Zugbelastungen nachgeben. Dies reduziert die Belastung an den Übergängen zu Knochen und Muskelfasern.
b Der Verlauf der Kollagenfasern in der Membrana fibrosa ist typisch für ungeformtes, straffes Bindegewebe, das
Belastungen aus verschiedenen Richtungen ausgesetzt ist.

19
Bindegewebe

Form follows function det solche Fasern im ungeformten, straffen Binde-


gewebe von Kapseln, Faszien und um Muskeln und
Bei der Morphogenese (Formbildung) des Men-
Nerven (▶ Abb. 2.4) (van den Berg 2011).
schen im Rahmen seiner individuellen Entwick-
Welche Mechanismen genau die Organisation
lung (Ontogenese) richten sich Kollagenfasern im
der Kollagenfasern und anderer Bestandteile des
Gewebe entsprechend der vorherrschenden Belas-
Bindegewebes beeinflussen, ist noch nicht end-
tung aus. Regelmäßige Zugspannung aus derselben
gültig geklärt. Unbestritten ist z. B., dass Art und
Richtung hat eine parallele Faserausrichtung zur
Qualität des Bindegewebes von Sehnen und ande-
Folge. Es entsteht geformtes, straffes Bindegewebe,
rer Gewebe von der mechanischen Beanspruchung
wie man es z. B. in Sehnen und einigen Bändern
abhängen (Kjaer 2004). Welche Kräfte dabei noch
findet. Erfolgt die Belastung immer wieder aus
eine Rolle spielen, ist weniger klar. Möglicherweise
unterschiedlichen Richtungen, orientieren sich die
gehört dazu auch der → piezoelektrische Effekt.
Fasern in allen Richtungen im Raum, ähnlich
einem dreidimensionalen Maschengitter. Man fin-

Hinweis V
Piezoelektrischer Effekt. Der aus der Physik be- weiß auch er, dass sich eine solche Behauptung aus
kannte Effekt, dass kristalline Strukturen auf wech- heutiger Sicht nicht mehr halten lässt, nicht zuletzt
selnden Druck mit einer Änderung der elektrischen weil sie nur den einen Effekt benennt und die mitt-
Ladung reagieren, kann auch an menschlichen lerweile bekannten Steuerungsmechanismen, z. B.
Zellen beobachtet werden. Schon vor 50 Jahren das mechanosensitive Ablesen von Genen, nicht
fanden Forscher heraus, dass das relativ stabile Kol- miteinbezieht.
lagenmolekül (Tropokollagen) piezoelektrische Ei- Frau Dr. Heike Jäger von der Universität Ulm, die
genschaften aufweist und dass sich die Ladungs- schon lange über das Bindegewebe forscht, machte
verteilung abhängig von Zug- und Druckkräften mich darauf aufmerksam, dass es im Körper eine
ändert (Athenstaedt 1967). Die Ausrichtung der Reihe von mechanosensitiven Membranproteine,
Kollagenmoleküle, die den Faserverlauf der Sehne wie Integrin-Komplexe, mechanosensitive Kationen-
bestimmt, orientiert sich dabei an der Polarisations- kanäle und Transporter, gibt, die mechanische
richtung. Selbst an den Zähnen, die im Gegensatz Reize von außen in die Zelle vermitteln, wodurch
zu einer Sehne ja so gut wie keine Mobilität aufwei- die Zellstruktur, der Stoffwechsel und auch eine
sen, konnte dieses Organisationsprinzip nachgewie- Vielzahl von Genen im Zellkern mechanosensitiv
sen werden. Ob die Effekte aber auch bei zeitlich reguliert werden. Es ist daher prinzipiell richtig,
schneller ablaufenden Prozessen eine Rolle spielen, dass mechanischer Druck einen großen Einfluss auf
ist nicht bekannt. Zellen hat – und damit auch auf die Regeneration
Myers zitiert zwar im Zusammenhang mit der und Kräftigung des Bindegewebes und der Mus-
Remodellierung des Bindegewebes Dr. James kulatur. Es könnte sogar sein, dass hier ein Schlüssel
Oschman, einen Protagonisten der energetischen für die Erklärung der vielfältigen Wirkungen mecha-
Medizin: „Fast alle Gewebe des Körpers erzeugen nischer Beeinflussung des Bindegewebes zu finden
elektrische Felder, wenn sie komprimiert oder ge- ist. In den etablierten Publikationen zum Thema
dehnt werden; [diese sind] repräsentativ für die Faszien und Bindegewebe aber, auf denen auch
Kräfte, die auf die beteiligten Gewebe einwirken …, meine Argumentation fußt, sind diese neuesten Er-
und enthalten Informationen über die genaue Art kenntnisse nur zum Teil einbezogen. Es bleibt also
der stattfindenden Bewegung. … Eine der Auf- sehr spannend, was in den nächsten Jahren aus
gaben dieser Informationen ist es, die Form zu kon- dem Gebiet der Gewebephysiologie bekannt wird.
trollieren.“ (Mueller und Maluf 2002) Allerdings

20
2.1 Aufbau und Funktion

Altersbedingte Veränderungen H
des Bindegewebes verzögern
Physiologisch unterscheiden sich in Abhängigkeit
von Belastung und Alter die Produktion und
Ausrichtung der Kollagenfasern (vgl. Kap. 3.5.3).
entspannen
Die veränderte Ordnung und Konzentration der
Kollagenfasern haben einen großen Einfluss auf straffen Elastinmolekül
die mechanischen Eigenschaften der Extrazellu- Crosslink
lären Matrix (EZM), ihren Ernährungszustand und
letztlich auch auf die Funktion. Durch einen akti-
ven Lebensstil und gezielte Gymnastik können
die altersbedingten Veränderungen im Binde-
gewebe verzögert werden (Schleip 2013).
Abb. 2.5 Unter Spannung strafft sich das dreidimen-
sionale elastische Fasernetzwerk.

Retikuläre Fasern
geringer Zahl in Bändern und Sehnen. Das Lig. fla-
Retikuläre Fasern bestehen hauptsächlich aus Kol- vum und einige andere Bänder bestehen fast aus-
lagen Typ III. Sie sind dünner als andere Kollagen- schließlich aus elastischen Fasern (van den Berg
fasern und weniger auf Zugbelastung spezialisiert. 2011; Schleip 2016).
Meist sind sie netzförmig angeordnet und gewähr-
leisten so eine gute Verformbarkeit des Gewebes.
Man findet retikuläre Fasern fast überall im Körper 2.1.3 Extrazelluläre Matrix
als Bestandteil von Retikulin, das ein fein vernetz- Die Extrazelluläre Matrix (EZM) bildet das Grund-
tes Stützgerüst für viele Organe bildet. Bei der gerüst für alle Zellen des Körpers. Dieses Gerüst
Wundheilung schließt Kollagen Typ III die Wunde überträgt mechanische Kräfte auf die unterschied-
und wird später durch andere Kollagentypen er- lichen Gewebe und gibt dem Körper seine Form.
setzt (van den Berg 2011; Schleip 2016; Stecco Zellen können sich an das Gerüst anheften und
2016). innerhalb dieser Struktur bewegen (Stecco 2016).

Elastische Fasern Hinweis V


Unter elastischen Fasern versteht man die Makro-
Der Begriff Matrix wird gleichbedeutend mit
moleküle, die der Extrazellulären Matrix (EZM) ihr
Extrazellulärer Matrix bzw. EZM verwendet.
viskoelastisches Verhalten ermöglichen. Wie Elas-
tin sind sie amorph gummiartig und machen es
möglich, dass ein Gewebe nach Verformung seine
Die EZM besteht aus der mehr oder weniger kleb-
ursprüngliche Gestalt annimmt. Neben Elastin sind
stoffartigen Grundsubstanz und aus Wasser
hier Fibillin, Fibullin und anderen Glykoproteine
(▶ Tab. 2.4). Bindegewebszellen produzieren alle
zu nennen. Ihr Anteil im Bindegewebe ist wesent-
Bestandteile der Grundsubstanz – bis auf das Was-
lich geringer als der von kollagenen Fasern. Nach
ser – selbst. Die Matrix bildet ein stabiles Netz-
einer Dehnung verkürzen sich elastische Fasern
werk, das in der Lage ist, unterschiedlichen Belas-
auf ihre ursprüngliche Länge, sobald die Spannung
tungen standzuhalten. Das gebundene Wasser ver-
auf die Fasern nachlässt.
leiht dem Gewebe das Volumen und ist wichtig für
Man findet elastische Fasern dort, wo es auf eine
die mechanischen Eigenschaften der Makromole-
hohe Verformbarkeit und Dehnbarkeit ankommt:
küle und damit auch die Funktion der EZM.
im lockeren Bindegewebe, im elastischen Knorpel
(Ohr, Nase), in der Haut, der Gefäßwand und in

21
Bindegewebe

Tab. 2.4 Bestandteile der Extrazellulären Matrix des Bindegewebes.


Bezeichnung Aufbau Funktion
Grundsubstanz Glykosaminoglykane, Proteoglykane, hält Fasern und Gewebe zusammen, bindet
Hyaluronan Wasser, „Schmierstoff“ (Stecco 2016)
nicht-kollagene Proteine Elastin, Proteoglykane, Hyaluronan verbinden extrazelluläre Bestandteile
Wasser Molekül, das einzeln und in vernetzten Transport- und Lösemittel, Wärmepuffer,
Strukturen vorkommen kann Informationsträger und -speicher (in flüssig-
kristalliner Form)

Grundsubstanz
Die Grundsubstanz ist der Stoff im Bindegewebe,
Thixotropie H
in dem und an dem sich Zellen und Fasern anlagern. Bindegewebe und insbesondere die Grundsub-
Nicht kollagene Proteine (Verbindungs- und Ver- stanz verfügen über eine besondere mecha-
netzungsproteine) sorgen für den Zusammenhalt nische Eigenschaft: unter dem Einfluss von
von Zellen und Fasern. Makromoleküle in der Druck, Wärme oder Scherkräften ändert sich die
Grundsubstanz gewährleisten, dass Kollagenfasern Konsistenz, sie wird flüssiger. Aus der gelartigen
in ihr mit geringer Reibung gleiten können. Ihre Grundsubstanz wird für eine gewisse Zeit eine
Beweglichkeit wird begrenzt durch die interfibril- weiche, solartige Masse (Schleip 2003). Man
lären Querverbindungen (s. u.) (Stecco 2016). Je kennt diese Eigenschaft übrigens auch von
nach Art von Zusammensetzung und Mengen- Ketchup, der erst dann ungehindert aus der Fla-
verhältnis der Bestandteile unterscheidet sich die sche fließt, wenn man diese mehrfach geschüt-
Beschaffenheit der jeweiligen Bindegewebsarten telt hat.
(Schleip 2016). Aufgrund der „Verflüssigung“ verbessert sich
Die wichtigsten Moleküle der Grundsubstanz sind die Mobilität. Allerdings müssen die Stimuli aus-
Glykosaminoglykane (GAG), Proteoglykane und als reichend lange, vermutlich mehr als zwei Minu-
spezifisches GAG Hyaluronan. GAG haben die Form ten, auf das Gewebe einwirken (van den Berg
einer Flaschenbürste und sind an die fadenförmi- 2011). Thixotropie trägt vermutlich zum mobili-
gen Proteoglykane gebunden (▶ Abb. 2.6). Wegen tätssteigernden Effekt von Flossing und anderen
ihrer starken negativen Ladung sind sie in der Therapien bei, die mechanisch auf das Binde-
Lage, viel Wasser zu binden. So entsteht wasser- gewebe einwirken. Ob dieser Effekt von Dauer
haltiges Gel, das die Spannung (Turgor) und Elasti- ist, ist umstritten. Er kann aber in jedem Fall
zität des Bindegewebes bestimmt. Man spricht in genutzt werden, um den Körper auf spezifische
diesem Zusammenhang von der Viskoelastizität Belastungen vorzubereiten.
(Kap. 3.3) des Bindegewebes – eine wichtige Vo-
raussetzung dafür, dass das Gewebe nach Kraftein-
wirkung seine ursprüngliche Form annimmt, aber Hyaluronan
auch, dass es sich Belastungen anpassen kann.
Hyaluronan benetzt die Faszien wie Tautropfen.
Außerdem ist aufgrund des gebundenen Wassers
Bewegt man sich, wirkt es wie ein Gleitmittel, das
ein reibungsarmes Gleiten von Kollagenfasern
die Reibung zwischen faszialen Schichten stark
möglich, was ebenfalls die Resorption einwirken-
herabsetzt. Fehlt es, nimmt die Reibung zu, die
der Kräfte ermöglicht und hilft, Überbelastungen
Bewegungsqualität und das Bewegungsausmaß
zu verhindern. Ist viel Wasser in der Grundsub-
nehmen ab.
stanz gebunden, bildet die Matrix ein Kolloid. Das
Man findet Hyaluronan praktisch überall im
bedeutet, dass in dem relativ flüssigen Medium
Körper, wo es auf geschmeidige Beweglichkeit
Zellen und Fasern gleichmäßig verteilt und gut be-
ankommt. Das sind neben den Faszien auch die
weglich eingebettet sind (▶ Abb. 2.7). Enthält die
Synovialmembranen von Gelenkkapseln und Bur-
Grundsubstanz weniger Wasser, ist die Konsistenz
sen sowie die faszialen Hüllen von Nerven und
der Matrix gelartig oder fest (Stecco 2016).
Gefäßen. Auch der Glaskörper des Auges oder die
Nabelschnur enthält viel Hyaluronan.

22
2.1 Aufbau und Funktion

Proteoglykane

zentrale Eiweißketten

Gkykosaminoglykane

Verbindungsproteine

Hyaluronsäureketten

Hyaluronsäure-
makromolekül
Proteo-
Kollagenfibrille glykan

Chondroitinsulfat-
kette
Keratansulfat-
kette
Hyaluronsäurekette

Linkprotein/
Verbindungsprotein
Kernprotein

Glykosamino-
glykanketten

Bindungsprotein

Abb. 2.6 Proteoglykane haben die Form einer Flaschenbürste.

Hyaluronan wirkt nicht nur als Gleitmittel. Es


unterstützt auch die Heilung nach Muskelverlet-
Hyaluronan H
zungen und spielt eine Rolle bei der Wundheilung. Hyaluronan (Syn.: Hyaluronsäure) wird in den
In belasteten Geweben kann fragmentiertes Hya- Fibroblasten aus Glukose gebildet und ist nicht
luronan eine angiogenetische, entzündliche und wie andere GAG (Glykosaminoglykane) an Pro-
immunstimulierende Wirkung entfalten (Stecco teoglykan gebunden. Als sehr langes und festes
2016). Molekül bindet es Proteoglykane über Adhäsions-
proteine und bildet mit diesen sehr große Makro-
moleküle. Aufgrund seiner zuckerähnlichen Zu-
sammensetzung kann Hyaluronan besonders viel
Wasser binden, eine wichtige Voraussetzung,
damit es seine Funktion im Körper erfüllen kann.

23
Bindegewebe

Abb. 2.7 Gebundenes Wasser bildet


um Bestandteile der Grundsubstanz
wie kollagene Fasern einen Wasser-
mantel.

kollagene
Fasern

Wasser-
mantel

Wassermasse

Nicht kollagene Proteine der EZM bilden netzarti-


ge Strukturen. So entstehen z. B. große Proteogly-
Wasser im menschlichen Körper H
kanaggregate, wie sie im Gelenkknorpel und in Ein Mann mit einem Gewicht von 70 kg besteht
den Bandscheiben vorkommen. Auch andere Ge- zu 60–70 % aus Wasser, das sind etwa 45 l. Etwa
webe erhalten ihre Struktur dank der Bindungs- 70 % der Gesamtwassermenge (30 l), ist in den
kraft unterschiedlicher nicht kollagener Proteine. Zellen gebunden (intrazelluläres Wasser). Der
Rest, etwa 15 l, kommt im Körper als extrazellu-
Wasser läre Flüssigkeit vor. Das extrazelluläre Wasser
verteilt sich folgendermaßen (van den Berg
Der gewichts- und volumenmäßig größte Anteil 2011; biologie-online.eu 2017):
des Bindegewebes ist Wasser. Der Wassergehalt ● interstitielles Wasser: ca. 67 % (ca. 10 l)
des menschlichen Körpers beträgt ca. 60–70 %. Bei ● intravaskuläres Wasser (Gefäße): ca. 20 %
Männern ist der Anteil im Durchschnitt etwas (ca. 3 l)
höher, weil diese in der Regel weniger Fettgewebe ● transzelluläres Wasser (verschiedene Organ-
haben. Fettgewebe hat prinzipiell einen geringen systeme wie Augen, Gelenke, Bauchraum,
Wassergehalt (ca. 10 %) (van den Berg 2011). intrakranielle Räume etc.): ca. 13 % (ca. 2 l)

24
2.2 Ernährung des Bindegewebes

Wasser kommt im Interstitium in Form freier


Moleküle vor, als Molekülverbund oder – über
Easy Flossing und H
Wasserstoffbrücken – gebunden an Bestandteile Flüssigkeitsaustausch im Gewebe
der Grundsubstanz. Flüssiges Wasser gibt es bei Weil Flossing große Mengen Wasser aus dem
einer Körpertemperatur von ca. 37 °C zu gleichen Gewebe herauspresst, strömt beim Abnehmen
Teilen in halbkristalliner und in flüssigkristalliner der Bänder wieder „frisches“ Wasser ins Gewebe
Form (van den Berg 2011). (siehe Kap. 4.2). Somit unterstützt Easy Flossing
Die größte Wassermenge bindet die Grundsub- neben dem Flüssigkeitsaustausch im Interstitium
stanz in Ruhe (Honoré et al. 2015). Bewegungen auch die Syntheseaktivität der Bindegewebs-
und Belastungen verdrängen das Wasser aus der zellen, den Stoffaustausch und die piezoelek-
Grundsubstanz, bei Entlastung wird es wieder- trische Aktivität.
aufgenommen. Durch diesen → Schwammeffekt
(siehe Kap. 4.2) kommt es lokal zum Austausch
von Stoffen, die im Wasser gelöst sind (Schleip
2013). 2.2 Ernährung des
Während das gebundene Wasser Geweben wie
Knorpel und Bandscheiben die Eigenschaft ver-
Bindegewebes
leiht, Gewicht zu übernehmen und Stöße zu Mit Ausnahme der Gelenkknorpel ist das Binde-
dämpfen, verhindert die Grundsubstanz zusam- gewebe sehr gut durchblutet und innerviert. In
men mit dem Wasser in Gelenkkapseln, dass Be- manchen Geweben, wie in Teilen der Bandschei-
lastungen mit zu großer Geschwindigkeit auf ben, den Disken und Menisken, sowie Band- und
kollagene Fasern einwirken und diese zerstören. Sehneninsertionen am Knochen gibt es Bereiche,
In Sehnen und Bändern übernehmen elastische die nicht durchblutet und nicht innerviert sind,
Fasern diese Aufgabe (van den Berg 2011). sodass in diesen Bereichen die Diffusionsstrecken
meist größer sind.
Die prinzipiellen Mechanismen der Ernährung
Funktionen
sind Diffusion und Osmose sowie aktiver und pas-
Wasser übernimmt im Körper unterschiedliche siver Transport durch Membranproteine. Bei der
Funktionen: Es dient dem Transport gelöster Stoffe, Diffusion erfolgt der passive Transport gelöster
es hilft bei der Wärmeregulation, es ist an che- Stoffe vom Ort hoher Konzentration zum Ort nied-
mischen Prozessen beteiligt (Oxidation, Reduk- riger Konzentration durch eine durchlässige (per-
tion), gibt dem Gewebe Volumen und Form und meable) Membran. Bei der Osmose handelt es sich
kann als flüssigkristalline Struktur Informationen um eine gerichtete Diffusion. Es gelangen nur be-
speichern und übertragen. Nicht zu unterschätzen stimmte Teilchen einer Lösung durch eine semi-
ist die mechanische, druckabsorbierende Funktion permeable (teilweise durchlässige) Membran, die
von Wasser: indem es sich um und innerhalb der den Bereich hoher Konzentration von dem nied-
Glykosaminoglykane und Proteoglykane anlagert, riger Konzentration trennt. In gut durchbluteten
können Gewebe wie Gelenkknorpel und Band- Geweben sind die zu überwindenden Strecken für
scheiben hohen Kompressionskräften widerstehen. die gelösten Teilchen sehr kurz. Je schlechter die
Außerdem verändern Volumenänderungen un- Durchblutung, umso länger benötigen Nährstoffe
ter Belastung auch die elektrische Ladung der mittels Diffusion oder Osmose, um an ihr Ziel zu
Glykosaminoglykane und Proteoglykane in der gelangen. In solchen Geweben ist eine ausreichen-
Grundsubstanz. Es kommt zu Spannungsänderun- de Viskosität Voraussetzung für eine ausreichende
gen im Sinne einer piezoelektrischen Aktivität Versorgung mit Nährstoffen. Dafür muss das Ge-
(siehe Piezoelektrischer Effekt (S. 20)). Ein Effekt, webe genug Wasser enthalten. Bewegung erleich-
der in der regenerativen Phase der Wundheilung tert den Transport (Schleip 2004).
von entscheidender Bedeutung ist (van den Berg
2011).

25
Bindegewebe

Easy Flossing und Bindegeweb- H 2.3.2 Dichtes oder faseriges


sernährung Bindegewebe
Flossen hat einen Einfluss auf die Ernährung des Dichtes Bindegewebe enthält sehr viele Fasern. Die
Bindegewebes (Trophik), weil aufgrund des Fasen gewährleisten die Übertragung von Kräften
hohen Druckes von außen in Verbindung mit und verbinden Organe oder Muskeln miteinander.
Bewegung viel Flüssigkeit umverteilt wird (siehe Abhängig von der mechanischen Beanspruchung
Kap. 4.2) (Schleip 2004). richten sich die Fasern im dichten Bindegewebe
unterschiedlich aus (s. o.). So kann man geformtes
und ungeformtes faseriges Bindegewebe unter-
scheiden (▶ Abb. 2.8). Im geformten Bindegewebe
2.3 Klassifikation des verlaufen die Fasern vorwiegend parallel. Man fin-
Bindegewebes det es in Sehnen, Bändern und Aponeurosen. Keine
klare Ausrichtung der Fasern findet man im soge-
Nach Stecco unterscheidet man zellreiches, fase- nannten ungeformten Bindegewebe, das oft mehr-
riges und embryonales Bindegewebe (▶ Tab. 2.5). schichtig organisiert ist. Ungeformtes Bindege-
Während zellreiches Bindegewebe bevorzugt in webe bildet aponeurotische und epimysiale Fas-
spezialisierten Geweben wie Fett-, Knochen- und zien und Gelenkkapseln.
Knorpelgewebe lokalisiert ist, findet man faseriges
Bindegewebe fast überall im Körper. Es hüllt Or-
gane ein, und verbindet Bauelemente des Körpers
Faserausrichtung in Bändern, H
miteinander und trennt unterschiedliche Zell-
Sehnen und Faszien
gruppen. Das embryonale Bindegewebe findet Im dichten, parallelfaserigen Bindegewebe ver-
man ausschließlich im Mesenchym und gallertarti- laufen alle Fasern parallel zu den jeweils auf die
gen Bindegewebe von Embryos. Die Zellen des Struktur einwirkenden Kräften. Bänder enthalten
embryonalen Bindegewebes (Mesenchymzellen) viele elastische Fasern, was ihnen eine gewisse
haben die Fähigkeit, sich in jeglichen Zelltyp zu Dehnbarkeit verleiht. Sehnen hingegen sind arm
verändern (Pluripotenz) (Stecco 2016). an viskoelastischen Molekülen und übertragen
so die Kraft der Muskulatur optimal auf den Kno-
2.3.1 Lockeres Bindegewebe chen. Aponeurosen bilden eine Sonderform der
Sehnen. Tiefe Faszien, die Muskeln miteinander
Lockeres Bindegewebe besteht vor allem aus verbinden, sind mehrschichtig aufgebaut. In den
Grundsubstanz und enthält wenig Fasern und Zel- verschiedenen Schichten verlaufen die Fasern
len. Es ist das am meisten im Körper vorhandene zwar parallel, sind aber von Schicht zu Schicht
Bindegewebe und dient vor allem als Füllsubstanz unterschiedlich ausgerichtet.
zwischen den Organen und stützt die Haut und
andere Membranen. Enthält es viele Fettzellen,
spricht man von Fettgewebe. Kollagen bildet im
lockeren Bindegewebe ein lockeres Netz, elastische
Fasern beeinflussen die mechanischen Eigenschaf-
ten (s. o.). Seine gelartige Beschaffenheit gewähr-
leistet das Gleiten von Muskeln und Organen
(Stecco 2016).

Tab. 2.5 Bindegewebsarten (nach Stecco 2016).


Vorkommen Funktion
zellreiches Bindegewebe Fettgewebe, Knochen, Knorpel spezialisiert auf bestimmte Funktionen
faseriges Bindegewebe Bänder, Sehnen, Faszien umgibt Organe und Körperhöhlen, verbindet
und formt den Körper
embryonales Bindegewebe Embryo (Mesenchym) pluripotent, da undifferenziert

26
2.3 Klassifikation des Bindegewebes

Abb. 2.8 Klassifikation des faserigen


Bänder Bindegewebes (nach Stecco 2016).

geformt Sehnen

straffes Aponeurosen
faseriges Bindegewebe
Bindegewebe lockeres aponeurotische
Bindegewebe Faszien

epimysiale
ungeformt
Faszien

Gelenkkapseln

27
Myofasziales System

3 Myofasziales System
Das myofasziale System ist die funktionelle Einheit 3.1 Fasziales Netzwerk
von Muskelgewebe und den zugehörigen Faszien.
Faszien gibt es im ganzen Körper. Sie bestehen aus Myers geht bei seiner Betrachtung des myofaszia-
ungeformtem, straffem faserigem Bindegewebe len Systems so weit zu fragen, ob man die vielen
(s. o.), umhüllen Muskeln und Organe und sichern verschiedenen Muskeln des menschlichen Körpers
so deren Form und Integrität. Gleichzeitig gewähr- nicht besser als verschiedene Funktionseinheiten
leisten sie das reibungsarme Gleiten der umhüll- eines großen Muskels betrachten sollte (Mueller
ten Strukturen. Daneben haben Faszien eine und Maluf 2002). Er kommt auf diese Idee, weil er
Schutzfunktion. Insbesondere die oberflächliche – wie andere Forscher auch – festgestellt hat, dass
Faszie (Fascia superficialis), die sich unmittelbar das fasziale Gewebe im menschlichen Körper ein
unter der Haut befindet, bildet eine wirkungsvolle Kontinuum darstellt: ein zusammenhängendes
Barriere gegen mechanische Einflüsse, eindringen- Netzwerk mit unzähligen Ausstülpungen, Ver-
de Krankheitserreger und Mikroorganismen. zweigungen und Verdickungen, das sich vom
Scheitel bis zur Sohle erstreckt und analog zum

Einheit aus Faszien und Muskeln H Gefäß- oder Nervennetz den gesamten Organis-
mus durchdringt und umhüllt und sich bis in die
Faszien bilden mit der Muskulatur des Bewe- kleinsten Strukturen fortsetzt.
gungsapparates das myofasziale System. Sie Schleip und Müller haben festgestellt, dass das
umhüllen Muskeln, verbinden diese mit den bindegewebige fasziale Netzwerk mehr durch
Knochen und unterteilen sie in viele funktionelle Zugspannung als durch Kompressionsbelastung
Einheiten (Muskelbündel, Fasern). In der Abbil- geformt wird und sich die klare Unterscheidung
dung erkennt man den kontinuierlichen Über- der verschiedenen Anteile (muskuläre Hüllen,
gang vom Knochen zur Muskelfaser und die Septen, Aponeurosen, Sehnen, Bänder etc.) in der
Trennung der Untereinheiten durch fasziales Nähe großer Gelenke nahezu auflöst, weil die ver-
Gewebe (▶ Abb. 3.1). In einer erweiterten Defi- schiedenen Bindegewebsarten fast fließend inei-
nition werden auch andere Bindegewebsstruk- nander übergehen (Schleip 2013).
turen wie Sehnen, Ligamente, Aponeurosen,
Gelenkkapseln, Gefäßhüllen, Epineurium und 3.1.1 Fernwirkungen
Meningen, das Periost sowie alle endomysialen
und intermuskulären Bindegewebsfasern als im Fasziennetz
Faszien bezeichnet (Athenstaedt 1967). Weil Faszien den Körper wie ein Netzwerk durch-
ziehen, machen sich Spannungsänderungen und
Restriktionen eines Muskels, eines Organs oder
Untersucht man Muskelfasern unter dem Mikro- der Faszien selbst nicht nur regional bemerkbar,
skop, wird noch mehr klar, warum man Muskelge- sondern haben auch Einfluss auf weit entfernte
webe und Fasziengewebe als Einheit betrachten Körperregionen und dort befindliche Organsyste-
muss. Das Kollagengewebe der die Muskelfasern me, Muskeln und Faszien. Es findet also eine Art
umhüllenden Faszien ist so eng mit dem Muskel- Kommunikation und Beeinflussung weit von-
gewebe verwoben, dass eine Trennung kaum mög- einander entfernter Körperteile statt (Stecco 2016;
lich ist. Kräfte, die in der oder auf die Muskelfaser van den Berg 2011). Myers hat für die Übertragung
wirken, wirken genauso im faszialen Gewebe wie der Spannung im myofaszialen System den Begriff
umgekehrt (Mueller und Maluf 2002). der anatomischen Zuglinie („Anatomy Trains“) ein-
geführt (Mueller und Maluf 2002). Seiner Ansicht
nach verlaufen die Spannungen bevorzugt entlang
dieser Linien. Mich persönlich überzeugen die
Kraftübertragungslinien bei Myers nicht vollstän-

28
3.1 Fasziales Netzwerk

Abb. 3.1 Jeder Muskel ist von einer


Muskelfasern
Muskelfaszie umgeben. Diese hat
Perimysium internum einen mehrschichtigen Aufbau. Das
Epimysium grenzt den Muskel ab
Primärbündel Sekundärbündel und gibt ihm seine Form. Es ist über
zahlreiche fibröse Septen fest mit dem
Muskel verbunden. Die Muskelfaser-
Perimysium bündel sind vom Perimysium um-
externum geben, die Muskelfasern vom
Epimysium. Der hohe Wasseranteil
im Bindegewebe der Faszien gewähr-
leistet das reibungsarme Gleiten
aller Fasereinheiten und des Muskels
gegenüber seinen benachbarten
Strukturen.

Muskel

Gefäß

Muskelfaszie

Epimysium

motorische
Nervenfaser

Muskel-Sehnen-Übergang

Sehne

Knochen-Sehnen-Übergang

Knochen und Periost

29
Myofasziales System

b c

Abb. 3.2 Vergleich der myofaszialen Leitbahnen bei Myers und der Muskelschlingen bei Tittel (1981).
a Beanspruchung der funktionellen Linien beim Speerwerfen. Die rechte funktionelle Rückenlinie verkürzt sich (a),
während
b die rechte funktionelle Frontallinie gedehnt und für die Wurfbewegung vorbereitet wird (Myers 2015).
c Muskelschlingen eines Speerwerfers bei der Ausholbewegung bei Tittel (1981).

30
3.1 Fasziales Netzwerk

dig, weil viele davon linear verlaufen. Besser nach- 3.1.2 Myers Anatomy Trains
vollziehen kann ich die von Tittel schon vor über
60 Jahren beschriebenen, oft spiralförmigen Mus- Die von Myers beschriebenen myofaszialen Leit-
kelschlingen. Zwar spielten damals die Faszien, so bahnen sind „myofasziale Kraftübertragungslinien“
wie wir sie heute kennen, noch keine Rolle. Der innerhalb des muskuloskelettalen Systems (Muel-
Verlauf der Linien entspricht aber genau dem der ler und Maluf 2002). Seiner Ansicht nach gibt es
faszialen Kraftübertragung (▶ Abb. 3.2). innerhalb der Faszien der Skelettmuskulatur
durchgehende Verbindungen über mehrere Kör-
perabschnitte hinweg. Sie sind gekennzeichnet
Hinweis V durch einen gleichgerichteten Verlauf der Faser-
Bei der Therapie von Beschwerden des myofas- verbindungen, die alle in einer Gewebsschicht
zialen Systems sollte man immer in größerem verlaufen und so eine direkte Kraftübertragung
Zusammenhang nach Ursachen oder Wirkungen gewährleisten. Kommt es im Verlauf einer myo-
von Restriktionen forschen. Dies gilt insbeson- faszialen Leitbahn zu einer Störung der Kraftüber-
dere dann, wenn Beschwerden trotz wiederholter tragung, kann dies Auswirkungen auf weit ent-
Therapie nicht besser werden. fernte Abschnitte haben. Es ist daher von großem
Nutzen, den Verlauf dieser Zuglinien zu kennen,
will man Beschwerden des muskuloskelettalen
Systems ursächlich und effektiv therapieren. Zwar
wird über die Existenz solcher Verbindungen in

a b c

Abb. 3.3 Die oberflächliche Rückenlinie (engl: Superficial Backline). Die abgebildete myofasziale Kette ist eine der
von Myers (2010) beschriebenen anatomischen Zuglinien (engl: „Anatomy Trains“). Der Verlauf der von Myers
proklamierten Linien ist nicht belegt, nur für wenige gibt es eine wissenschaftliche Evidenz (Schleip 2016).

31
Myofasziales System

der Wissenschaft gestritten, es scheint aber eine


gewisse Evidenz für das Vorhandensein wenigs-
Retinacula cutis H
tens einiger der von Myers beschriebenen Zug- Die Retinacula cutis werden auch als Hautbänder
linien zu geben (Freiwald et al. 2016) (▶ Abb. 3.3). bezeichnet. Sie verbinden die Haut mit der ober-
flächlichen Faszie und diese mit den tiefen Faszien
der Muskulatur. Während die oberflächlichen
3.2 Anatomie der Faszien fibrösen Septen (Retinacula cutis superficialis,
Betrachtet man Faszien im engeren Sinne genauer, auch „skin ligaments“ genannt) im oberfläch-
so erkennt man einen mehrschichtigen Aufbau lichen Fettgewebe einen eher vertikalen Verlauf
(▶ Abb. 3.4). Direkt unter dem oberflächlichen haben, sind die Retinacula cutis profundus im
Fettgewebe unter der Haut liegt die oberflächliche tiefen Fettgewebe schräg angeordnet. Gemein-
Fascia superficialis. Darunter befindet sich eine sam mit der oberflächlichen Faszie bilden die
Fettschicht, unter der sich dann die unmittelbar an Retinacula ein dreidimensionales flexibles, aber
die Muskulatur grenzende Fascia profunda be- auch widerstandsfähiges Netzwerk, das die Haut
findet. An wenigen Stellen im Körper (Adhäsions- und die Subkutis mit der tiefer liegenden Mus-
punkten, s. u.) sind die oberflächliche und die tiefe kulatur verbindet und mechanische Belastungen
Faszie direkt miteinander verbunden. aus unterschiedlichen Richtungen überträgt
(Stecco 2016).

3.2.1 Subkutangewebe
Die Beschaffenheit der oberflächlichen Körper- Die Verbindungen zwischen der oberflächlichen
faszie wird in der Wissenschaft kontrovers disku- Faszie und der Haut und ihr Aufbau verleihen der
tiert (Stecco 2016). Nach derzeitigem Forschungs- Subkutis bestimmte mechanische Eigenschaften
stand wird die faserreiche Schicht zwischen (Stecco 2016):
oberflächlichem und tiefem Fettgewebe der Sub- ● Senkrecht zur Hautoberfläche auftretende Belas-

kutis als die oberflächliche Faszie identifiziert tungen werden wegen des Aufbaus der Subkutis
(▶ Abb. 3.4). Sie ist über fibröse Septen (Retinacula flächig verteilt und schützen die darunterliegen-
cutis) mit der Haut und der tiefen Faszie ver- den Organe.
bunden.

Abb. 3.4 Aufbau des Subkutan-


gewebes (nach Stecco 2016).
Epidermis
Dermis

oberflächliches
Fettgewebe mit
dem Retinaculum
cutis superficialis
(Hautbänder)

oberflächliche
Faszie

tiefes
Fettgewebe mit
dem Retinaculum
cutis profundus

tiefe Faszie
Muskel

32
3.2 Anatomie der Faszien

● Tangential einwirkende Kräfte werden auf die 3.2.2 Oberflächliches Fettgewebe


tieferen Schichten übertragen und gewährleisten
eine gleichsinnige Bewegung der Haut und der Unmittelbar unter der Haut befindet sich das ober-
darunterliegenden Strukturen. flächliche Fettgewebe. Große, fast runde Fetttrop-
fen sind in einer oder mehreren Schichten zwischen
Vermutlich aufgrund der unterschiedlichen Be- die senkrecht verlaufenden Retinacula cutis gepackt.
anspruchung unterscheidet sich die Festigkeit der Die Dicke dieser Fettschicht variiert von Mensch
Verbindung von Haut und darunterliegenden Ge- zu Mensch und hängt von der individuellen Kon-
weben – und damit auch die Verschieblichkeit – stitution ab. Am Rumpf ist sie fast gleichmäßig, an
von Region zu Region. Entsprechend variieren den Beinen dicker als an den Armen. Bei Frauen ist
auch Dichte und Stärke der Retinacula cutis. Im der Gehalt an Fettzellen im oberflächlichen Fett-
Oberschenkel findet man die größte Dichte, in der gewebe größer als bei Männern. Gleichzeitig sind
Wade die dicksten Retinacula. An den Armen ist die Retinacula cutis bei Frauen dünner als bei
die Verbindung fester als an den Beinen, weil die Männern, weshalb das Subkutangewebe bei Frau-
oberflächliche Fettschicht dünner ist. Am Rücken en in der Regel weniger stabil ist. Neben Schweiß-
sind die Retinacula cutis dicker als am Abdomen, drüsen und Haarfollikeln findet man in der ober-
weshalb die dorsale oberflächliche Fettschicht wi- flächlichen Fettschicht Pacini-Rezeptoren (S. 55).
derstandsfähiger ist als die ventrale. In den Hand-
flächen und der Fußsohle ist die Verbindung zwi- Hinweis V
schen oberflächlicher und tiefer Faszie sehr inten-
siv, tiefes Fettgewebe findet man hier fast gar Bei Frauen kann in der Regel mit schwächeren
nicht. Daher ist die Verbindung der Haut mit den Bändern geflosst werden, weil deren Subkutan-
darunterliegenden Ebenen sehr fest (Stecco 2016). gewebe weniger stabil ist als das von Männern.

Hinweis V
3.2.3 Fascia superficialis
Der geschichtete Aufbau der Haut und der Faszien
und die anatomischen Gegebenheiten sind die Vo- (oberflächliche Faszie)
raussetzung dafür, dass mit dem Flossband Einfluss Die oberflächliche Faszie trennt die obere von der
auf das myofasziale System genommen werden unteren Fettschicht. Sie bildet eine durchgehende
kann. Dies gelingt aber nur, wenn das Band aus- Hülle, ist gewissermaßen eine „zweite Haut“ unter
reichend stark und der Zug bei der Anlage kräftig der Haut. Ihr faserreiches Bindegewebe besteht aus
genug ist, um eine Wirkung auch in tieferen Berei- mehrdimensional vernetzten Kollagenfasern, elasti-
chen zu erzielen. Für Easy Flossing ist daher die schen Fasern und vereinzelten Muskelfasern. Dicke
Kenntnis der Beschaffenheit der oberflächlichen und Struktur sind abhängig von der Körperregion,
Faszie und der Subkutis im Behandlungsgebiet der Körperoberfläche und dem Geschlecht. Mikro-
wichtig. Nur so kann man gezielt das richtige Band skopisch kann man bei der oberflächlichen Faszie
für den jeweiligen Zweck auswählen. Hierfür mehrere Lagen unterscheiden, die zahlreiche Ver-
stehen uns vier verschieden starke Bänder unter- bindungen aufweisen und zwischen denen unre-
schiedlicher Breite zur Verfügung (siehe Kap. 6). gelmäßig Fettzellen eingelagert sind. Bei Adipösen
Daneben ergeben sich aufgrund des schrägen kann die Dicke dieser Schicht wegen der vermehr-
Verlaufs der Retinacula cutis profundus unter- ten Einlagerung von Fett um rund die Hälfte größer
schiedliche Effekte auf die Grenzschicht zwischen sein als beim Normalgewichtigen (Stecco 2016).
oberflächlicher und tiefer Faszie, je nachdem in Wegen ihres Aufbaus ist die oberflächliche Fas-
welcher Richtung man das Flossband anlegt. Weil zie bei jungen Menschen sehr elastisch, im Alter
aber der genaue Verlauf der tiefen Retinacula im nimmt diese Eigenschaft ab. Sie kann in alle Rich-
Einzelfall nicht vorausgesagt werden kann, muss tungen verschoben werden und kehrt danach in
die Bandanlage bei ausbleibender Wirkung vari- ihre Ausgangsposition zurück. Zusammen mit der
iert werden. Sollte also der gewünschte Effekt tiefen Fettschicht gewährleistet sie, dass Haut und
ausbleiben, wickelt man das Flossband beim Muskulatur ohne Reibung gegeneinander bewegt
nächsten Durchgang in der gegenläufigen Rich- werden können. Daneben sichert sie die Integrität
tung um das Behandlungsgebiet. In vielen Fällen der Haut und stützt subkutane Strukturen, ins-
wird die Wirkung dann besser sein. besondere die unter der Haut befindlichen Venen.

33
Myofasziales System

3.2.4 Tiefes Fettgewebe Hinweis V


Im tiefen Fettgewebe findet man leicht verschieb-
Relevanz von Adhäsionslinien und myofaszialen
liche, eher oval geformte Fettläppchen zwischen
Ankerpunkten beim Flossen. Flossing wirkt be-
den straffen, schräg verlaufenden Retinacula (Reti-
sonders dort, wo wir im Körper Unterbrechungen
nacula cutis profundus). In dieser Schicht liegen
der Kraftlinien finden, sei es durch Adhäsionen,
auch Lymphknoten und subkutane Schleimbeutel.
Crosslinks, Narben, Dehydrierung, Stauungen,
Dicke und Fettgehalt der tiefen Fettschicht variie-
Entzündungen, Schmerzen (als Ursache von Aus-
ren je nach Körperregion und Konstitution. Ventral
weichbewegungen) oder eben aufgrund der be-
ist sie eher dünner, am dicksten ist sie dorsolateral
sonderen anatomischen Gegebenheiten.
an Rumpf und Gesäß. Bei adipösen Menschen
Vor allem die längs verlaufenden Adhäsions-
kann die tiefe Fettschicht bis zu viermal so dick
linien an den Extremitäten (intermuskuläre Sep-
sein wie bei Normalgewichtigen. Wie die ober-
ten) sowie die Adhäsionen der Gelenke können
flächliche Faszie ist auch die tiefe Fettschicht sehr
mit Easy Flossing nach unserer Erfahrung gut
elastisch und ermöglicht so, dass die oberflächli-
beeinflusst werden. Oft beeinträchtigen gerade
che Faszie gut über die tiefe Faszie von Muskeln
hier Restriktionen die optimale Funktion der
und Organen gleiten kann. Allerdings gibt es auch
Muskulatur oder von Gelenken, insbesondere
Stellen unter der Haut, an denen die tiefe Fett-
nach Traumen mit größeren Einblutungen, knö-
schicht nur gering ausgebildet ist oder fehlt.
chernen oder ausgeprägten Weichteildefekten.
Gleichzeitig sind die Retinacula cutis profundus
Easy Flossing bewirkt wohl deshalb eine effiziente
dort dicker als gewöhnlich. Man nennt diese Stel-
Lösung von Crosslinks, weil die Spannung des
len Adhäsionspunkte oder myofasziale Anker-
Flossbandes entlang der Adhäsionslinien tangen-
punkte (Stecco 2016).
tial auf die oberflächlichen Strukturen einwirkt
und sich so optimal auf die tiefen Faszien über-
Myofasziale Ankerpunkte trägt.
und Adhäsion Schleip äußerte sich 2015 in einem Interview
im Deutschlandradio zur klinischen Relevanz
Myofasziale Ankerpunkte. Das sind bestimmte muskulärer Septen folgendermaßen: „Ich hab
Punkte im Körper, an denen die tiefe Fettschicht fast jede Woche Leute, bei denen der ganze Arm
nur gering ausgeprägt oder gar nicht vorhanden kontrahiert ist. Die durch zu viel Klavierspielen,
ist, während die Retinacula cutis profundus beson- durch zu viel Sekretärinnenarbeit den Arm kaum
ders kräftig ausgebildet sind. Dadurch kommt es noch bewegen können. Früher haben wir dort
zu einer festen Verbindung von oberflächlicher gearbeitet, wo es am härtesten ist, also an der
und tiefer Faszie, gelegentlich auch von der ober- Muskelbauchmitte von den ganzen Unterarm-
flächlichen Faszie und der Haut. Bei Adipösen er- muskeln. Jetzt taste ich diese Septen wieder und
kennt man die Ankerpunkte z. B. an den Dornfort- versuche dort, ohne Operation, diese Crosslinks
sätzen der Wirbelsäule, den Beckenkämmen oder zu lösen und habe viel schnellere Resultate“
den Handgelenken: Weil sich dort fast kein Fett (deutschlandfunkkultur.de 2017). Er bezog sich
unter der Haut ablagert, sind diese Strukturen dabei auf das Septum „zwischen den Beugern
auch bei dicken Menschen gut zu tasten. und Streckern an der Außenseite des Oberarms“,
Adhäsion. Das Aneinanderhaften zweier Ob- das Septum intermusculare brachii laterale.
jekte, Stoffe oder Gewebe bezeichnet man als Ad- ▶ Abb. 3.5 zeigt die von mir in der Praxis
häsion. Je höher die Adhäsion, umso fester ist die am häufigsten berücksichtigten myofaszialen
Verbindung. Adhäsion verhindert bzw. erschwert Ankerpunkte (ohne die muskulären Septen).
Bewegungen senkrecht zur Berührungsfläche, er- Sie decken sich z. T. mit den von Carla Stecco
möglicht aber ein Aneinandervorbei- oder -ent- beschriebenen Adäsionslinien (Stecco 2016),
langgleiten. Ein bekanntes Beispiel ist das Ver- weichen aber auch an manchen Stellen von
halten der Lunge bei Inspiration, wo die Lunge der diesen ab.
Inspirationsbewegung des knöchernen Thorax
folgt. Im Organismus sind Adhäsionen somit nütz-
lich; sie können aber auch von Nachteil sein, wenn
es infolge von Erkrankungen oder entzündlichen
Prozessen zu festeren Adhäsionen, sogenannten

34
3.2 Anatomie der Faszien

Verklebungen kommt. Diese beruhen u. a. auf der Transversale Adhäsionen findet man an allen
Bildung pathologischer Crosslinks und schränken Gelenken, vor allem auf der Beugeseite. Weil die
die Beweglichkeit entlang der Grenzschicht be- tiefe Faszie immer an der Gelenkkapsel oder Kno-
nachbarter Gewebe ein. chenvorsprüngen ansetzt und das oberflächliche
Entlang der Mittellinie des Körpers bilden die Fettgewebe dünn ist, besteht an den Gelenken eine
longitudinalen Adhäsionslinien ventral (insbes. die intensive Verbindung zwischen der Haut und der
Linea alba) eine klare Abgrenzung, entlang der die tiefen Faszie. Dies gewährleistet eine optimale Mit-
oberflächliche und tiefe Faszie der rechten und lin- bewegung der Haut bei Gelenkbewegungen. Auf
ken Körperhälfte zusammentreffen. Auf der Dor- der Streckseite hingegen gewährleistet an größe-
salseite hingegen kreuzen kaudal von L 4 (Fascia ren Gelenken oft eine subkutane Bursa zwischen
thorakolumbalis) und paraskapulär Teile der ober- oberflächlicher und tiefer Faszie das Gleiten wäh-
flächlichen Faszie die Mittellinie und verbinden so rend der Bewegung.
rechte und linke Körperseite.

Linea nuchae
Mundboden
M. trapezius
Proc. pars descendens
Sehne des M.
coracoideus subscapularis M. trapezius Angulus
pars ascendens superior
Diaphragma Corpus streni
Epicondylus Epicondylus
Rippenbögen
medius lateralis
Liena alba
Epicondylus Epicondylus
(Rektusscheide)
lateralis Crista medialis
iliaca
Crista Trochanter
iliaca Handgelenk Trigonum major
sacrale
Trochanter Ligamentum
major inguinale

Symphysis
Beckenboden
pubica Linea aspera
Adduktoren- Tractus Tractus
gruppe Tuber iliotibialis
iliotibialis
ischiadicus
Patella
Poplitea
Pes anserinus
Caput fibulae
Caput fibulae

Tibiakante M. peroneus Übergang


longus Muskelbauch-Sehne
M. gastrocnemius
Os naviculare

Plantarfaszie Tuber calcanei

Abb. 3.5 Praxisbezogene knöcherne myofasziale Ankerpunkte. An diesen Punkten und Linien ist Easy Flossing besonders
effektiv. Nicht eingezeichnet sind hier muskuläre Septen.

35
Myofasziales System

3.2.5 Fascia profunda ● Aponeurotische Faszien umhüllen Muskelgrup-


pen oder dienen Muskeln als Ansatzstelle (z. B.
Die Fascia profunda, die tiefe Faszienschicht, befin- Rektusscheide, Fascia thoracolumbalis, Fascia
det sich unter der tiefen Fettschicht und grenzt un- cruris etc.). Sie können Kräfte über größere Dis-
mittelbar an die darunter befindliche Muskulatur. tanzen übertragen.
Auf der muskelzugewandten Seite ist sie fest mit ● Epimysiale Faszien sind eng mit einzelnen Mus-
dem Muskelgewebe verbunden. Bewegungen des keln verbunden, grenzen diese ab und geben den
Muskelgewebes werden so unmittelbar auf die Fas- Muskeln ihre Form.
zie übertragen. Umgekehrt kann die Spannung der
Faszie bei der Muskelkontraktion genutzt werden, Rumpfmuskeln haben in der Regel nur eine endo-
weil die mechanischen Kräfte unmittelbar über- mysiale Faszie, während Extremitätenmuskeln in
tragen werden. Auf der muskelabgewandten Seite doppelte Hüllen gepackt sind: in die eng mit dem
hingegen bildet die tiefe Faszie eine verhältnis- Muskelgewebe verbundene endomysiale Faszie
mäßig glatte Oberfläche, die aufgrund der Benet- und – gemeinsam mit benachbarten Muskeln – in
zung mit Hyaluronan ein fast reibungsfreies Glei- eine aponeurotische Faszie. An manchen Körper-
ten gegenüber benachbarten Strukturen ermög- stellen sind die epimysialen und die aponeuroti-
licht (van den Berg 2011). schen Faszien miteinander verbunden und derart
organisiert, dass die Weiterleitung von myofaszia-
Effiziente Kraftübertragung H len Kräften vom Rumpf optimal erfolgen kann (z. B.
Verbindung der epimysialen Faszie des M. pectora-
Die Muskulatur bildet mit den zugehörigen fas- lis mit der Fascia brachii).
zialen Hüllen (Endomysium, Epimysium) eine In den epimysialen Faszien befindet sich zwi-
Einheit, die man in Bezug auf die Funktion nicht schen den Kollagenfasern Hyaluronan. Es sorgt da-
vonenander trennen kann. Vojta erkannte in der für, dass die Kollagenfasern und die umhüllten
engen Verbindung von Muskel- und Bindege- Muskelfasern mit geringer Reibung gleiten kön-
websfasern einen Mechanismus, der wie ein nen. Nimmt der Hyaluronangehalt im Alter ab,
„riesiger automatischer Kraftgenerator“ wirkt. werden die epimysialen Faszien steifer (siehe Kap.
Im Verbund mit den Bindegewebsfasern kann 3.5.3) (Stecco 2016).
der Muskel mehr Kraft entfalten als allein mit den
Muskelfasern (siehe Kap. 3.3.1). Die Kraftüber-
tragung auf das Skelett ist dank der engen Ver- Perimysium und Endomysium
bindung von Muskel und Faszie sehr effizient; Perimysium und Endomysium sind die Fortset-
gleichzeitig gewährleistet die Gleitebene der zung der epimsialen Faszie auf der Ebene von Mus-
tiefen Faszie, dass die Bewegungen mit geringst- kelfaserbündel (Faszikel) und Muskelfaser (vgl.
möglichem Widerstand innerhalb des Systems ▶ Abb. 3.1). Wie die epimysiale Faszie sind sie drei-
erfolgen können. schichtig aufgebaut und haben aufgrund ihres
Faserverlaufs entscheidenden Einfluss auf die
Muskelfunktion. Während das Perimysium wichtig
ist für die Übertragung der Muskelkraft auf den
3.2.6 Aponeurotische und Knochen, sorgt das Epimysium dafür, dass die
epimysiale Faszien Muskelfasern ungehindert aneinander vorbeiglei-
Prinzipiell werden alle dichten, fibrösen Schichten, ten können. Muskelspindeln in der epimysialen
die mit den Muskeln in Verbindung stehen, als tie- Faszie sind wichtig für die Propriozeption und und
fe Faszien klassifiziert. Sie verbinden die Muskeln die periphere motorische Koordination. Daneben
miteinander oder Muskeln mit den Knochen und findet man im Epimysium freie Nervenendigun-
gewährleisten die Übertragung von Muskelkräften. gen, nicht aber Vater-Pacini- und Ruffini-Körper-
Abhängig von ihrem Aufbau und der Funktion un- chen, die es in aponeurotischen Faszien zahlreich
terscheidet man aber aponeurotische und epimy- gibt.
siale Faszien (Stecco 2016).

36
3.3 Mechanische Eigenschaften

3.3 Mechanische Eigenschaften Elastizität, Viskoelastizität, H


Bindegewebe verfügt über elastische, viskoelastische Plastizität
und plastische Eigenschaften (▶ Tab. 3.1). Im Ein-
Elastizität. So nennt man die Eigenschaft eines
zelfall hängt die mechanische Eigenschaft einer
festen Materials, einer einwirkenden Kraft einen
Sehne, einer Faszie oder anderer Gewebe von der
Widerstand entgegenzusetzen, sodass der Körper
Zellzahl, der Faserzusammensetzung und dem
sich zwar verformt, nach der Entlastung aber in
Wassergehalt ab. Vor allem die Kollagenfasern
seine Ausgangsform zurückkehrt.
spielen hierbei eine wichtige Rolle. Deren mecha-
Viskoelastizität. Sie ist die Eigenschaft eines
nische Eigenschaften hängen von der Zusammen-
Stoffes, zugleich elastische wie auch visköse
setzung der jeweils am Bau beteiligten Amino-
Eigenschaften zu haben. Viskosität kennzeichnet
säuren ab. Abhängig von den jeweiligen Erforder-
die Zähigkeit von Flüssigkeiten, die von der Kohä-
nissen wird das Kollagen so organisiert, dass es
sion, den Bindungskräften innerhalb eines Stof-
den jeweiligen Bedürfnissen optimal entsprechen
fes, abhängt. Je höher sie ist, umso zähflüssiger
kann. Kollagenfasern in Sehnen z. B. sind sehr zug-
ist das Material (physiolexikon 2007). Die Visko-
fest und können nur in geringem Ausmaß (ca. 5 %)
elastizität des Bindegewebes bezeichnet dessen
verlängert werden. In Bandscheiben oder Knorpel-
Eigenschaft, sich durch einwirkende Kräfte zu
gewebe können sie bei entsprechender Anordnung
verformen, nach einer gewissen Zeit aber in die
aber auch hohem Druck standhalten, Im Knochen
Ausgangsform zurückzukehren – vorausgesetzt,
gewährleisten sie die Biegefestigkeit. Je höher die
die einwirkende Kraft war nicht zu groß. Sie ist
Belastung, umso stärker und stabiler werden die
abhängig von Druck, Temperatur und anderen
Kollagenfaserbündel. Wird die Belastung bei Ge-
inneren und äußeren Faktoren.
sunden überschritten, können Kollagenfasern al-
Plastizität: Sie bedeutet Formbarkeit.
lerdings auch spontan reißen oder zerstört werden
(s. u.). Der Turnover von Kollagen ist sehr langsam
(300 bis 500 Tage) (Stecco 2016; van den Berg
2011). 3.3.1 Elastizität
Faszien verhalten sich elastisch, wenn sie bei zy-
Tab. 3.1 Mechanische Eigenschaften des Bindegewebes.
klischen oder ausholenden Bewegungen kurzzeitig
Bezeichnung Verhalten nach Belastung auf Länge beansprucht werden. Dies geschieht bei-
Elastizität schnelle Rückkehr in die ursprüng- spielsweise im Dehnungs-Verkürzungs-Zyklus beim
liche Form/Länge Rennen oder bei Ausholbewegungen zum Werfen
Viskoelastizität Rückkehr in die ursprüngliche Form/ (vgl. ▶ Abb. 3.2b). In der Phase, in der das System
Länge verbunden mit Adhäsions- vorgespannt wird, verlängern sich die faszialen
eigenschaften Anteile, während die beteiligte Muskulatur nahezu
Plastizität Verformung konzentrisch kontrahiert (▶ Abb. 3.6). Bei der an-
schließenden Bewegung federn die Faszien zurück
und katapultieren den Läufer bzw. den gewor-
fenen Gegenstand in die gewünschte Richtung und
tragen so zur Bewegungsentwicklung bei. Die Vor-
spannung der Faszien reduziert so den erforder-
lichen Muskeleinsatz bzw. steigert dessen Effekti-
vität (Mueller und Maluf 2002; Schleip 2013).

37
Myofasziales System

Recoil-Effekt Hysterese H
Die mechanische Eigenschaft der Faszien, auf ein-
Hysterese beschreibt den Energieverlust in einem
wirkenden Druck zurückzufedern, bezeichnet man
Belastungs-Entlastungs-Zyklus (Stecco 2016).
auch als Recoil- (engl. = Rückstoß) oder Katapult-
Myofasziales Gewebe mit einer geringen Hyste-
Effekt. Ob dieser Recoil-Effekt gegeben ist, hängt
rese verliert nur wenig Energie, weil die elasti-
stark vom Training und von der Beanspruchung
schen Eigenschaften überwiegen. Myofasziales
ab. Da Faszien entsprechend ihrer Beanspruchung
Gewebe mit mehr Hysterese verschluckt gewis-
ständig umgebaut werden, kann man den Recoil-
sermaßen einen Teil der Energie. Die Hysterese
Effekt mit geeigneten Übungen trainieren
kann durch geeignetes Training eines Muskel-
(▶ Abb. 3.7). Vernachlässigt man zyklische oder
Sehnen-Komplexes beeinflusst werden. In der
reaktive Belastungen, wird sich diese Eigenschaft
▶ Abb. 3.7 entspricht die Hysterese der Fläche
der Faszien verringern (Schleip 2013).
der jeweiligen Kurve.

Muskel- Muskel-
fasern fasern

fasziale fasziale
Anteile Anteile
(insbes. (insbes.
Sehnen- Sehnen-
gewebe) gewebe)

a b

Abb. 3.6 Längenveränderung der faszialen Elemente und Muskelfasern.


a Bei zyklischen oder ausholenden Bewegungen kontrahiert der Muskel nahezu konzentrisch, während die faszialen
Anteile vorgespannt werden. Bei der Bewegung ziehen sie sich katapultartig zusammen und tragen so erheblich
zur Kraftentwicklung bei.
b Bei einer linearen Bewegung verkürzen die Muskelfasern, die Spannung der faszialen Anteile bleibt nahezu gleich.
Die Hauptarbeit wird vom Muskel verrichtet.

Abb. 3.7 Nach dem Training zyklischer


Bewegungen erhöht sich die elastische
Kraft der Sehne. Die Muskel-Sehnen-
Post Training Pre Training Einheit federt aus Vordehnung besser
zurück, die Hysterese nimmt ab (linke
Force (N)

Kurve). Findet ein Training mit ge-


ringem Gewicht und langsam statt,
nimmt zwar die Kraft zu, nicht aber
die elastische Speicherkapazität.
Die Muskel-Sehnen-Einheit verhält
sich eher wie ein Stoßdämpfer, die
Hysterese nimmt zu (rechte Kurve)
Elongation (mm)
(nach Reeves 2006).

38
3.3 Mechanische Eigenschaften

Recoil-Effekt in der Therapie Bestandteile des Bindegewebes (bei guter Ernäh-


rung) vom Körper selbst hergestellt werden, findet
In der Therapie kann man den Recoil-Effekt nut- in der Regel immer eine optimale Anpassung des
zen, um den Gewebetonus zu steigern. Hierfür myofaszialen Systems an die jeweilige individuelle
lässt man das geflosste Weichteilgewebe nach ge- Beanspruchung statt. Myers spricht in diesem Kon-
haltener Vorspannung plötzlich los und nutzt die text auch von der Plastizität des Bindegewebes
elastischen Eigenschaften des Gewebes. Der ex- und meint damit die Reorganisation bzw. Remo-
terne Druck durch das angelegte Flossband ver- dellierung (engl. Remodeling) bindegewebiger
stärkt die Wirkung. Strukturen, insbesondere nach Verletzungen. Mut-
maßlich beruht diese Fähigkeit auf dem piezoelek-
3.3.2 Plastizität trischen Effekt (siehe Kap. 2.1.2) (Mueller und
Maluf 2002). Allerdings ist dieses Thema in der
Remodellierung des Bindegewebes Physiologie noch schlecht aufgearbeitet.
Das myofasziale System ist vielfältigen Beanspru- Eine dauerhafte Spannung der Faszie verändert
chungen ausgesetzt. In erster Linie sind diese me- deren Form und Gestalt. Faszien sind plastisch und
chanisch. Bei Bewegungen treten immer wieder adaptieren bei langsam oder länger einwirkenden
Druck-, Scher- und Zugkräfte auf. Dank seines Auf- gleichgerichteten Kräften im Sinne der Remodel-
baus und aufgrund der Tatsache, dass sämtliche lierung (▶ Abb. 3.8). Man kann den Vorgang mit

N/mm2
Makro-
verletzung

Mikro-
verletzung

ROM in mm
1. 2. 3. 4.
Fußregion Linearregion passive Verletzungs-
Dehnregion region

mechanische und physische Eigenschaften des Bindegewebes


1. 2. 3. 4.
Elastizität Elastizität Viskoelastizität Plastizität
Viskoelastizität Plastizität
Plastizität Creep/stress
Hysterese relaxation
Creep/stress
relaxation

Abb. 3.8 Die Belastungsverformungskurve repräsentiert die mechanischen und physikalischen Eigenschaften des
Bindegewebes am Beispiel der Verformung von Kollagenfasern. Dargestellt wird das Ausmaß der Belastung (Vertikale)
in Relation zur Verformung (Horizontale, ROM = Range of motion). Im Fußbereich geht die Verformung noch mit
einer geringen Belastung der Kollagenfasern einher (Matrixbelastung), in der Linearregion steigt die Belastung
proportional zur Verlängerung der Fasern an (Kollagenbelastung). In der passiven Dehnregion (Creep) entstehen
erste Mikroverletzungen, bis es schließlich zur vollständigen Zerstörung der Fasern kommt (Verletzungsbereich).

39
Myofasziales System

dem Ausbeulen einer Plastiktüte vergleichen. Zieht


man das Plastik langsam auseinander, ändert es
Entstehen und Behandeln H
seine Form. Zieht man ruckartig mit großer Kraft, von Triggerpunkten
reißt die Tüte. Auch wenn die einwirkende Kraft Triggerpunkte entstehen im Muskelbauch aus
langsam einwirkt, aber zu groß ist, kommt es zu unterschiedlichen Gründen. Es kommt zu einer
einer Schädigung der Struktur. mangelhaften Versorgung des Gewebes, gleich-
zeitig lagern sich Stoffwechselabbauprodukte in
Hinweis V der EZM ab, die außerdem ihre mechanischen
Eigenschaften verändert. Neben Schmerzen
Langfristige Einflüsse und Verletzungen (siehe treten Störungen der Muskelfunktion auf, was
Kap. 3.5) können dauerhaft die Belastbarkeit sich insbesondere in einer Muskelschwäche zeigt.
myofaszialer Strukturen beeinträchtigen. Da- Therapieren kann man die Triggerpunkte mit
durch kann es bereits bei alltäglichen Belastun- gehaltenem Druck oder sogenannten „Schmelz-
gen zu einer Schädigung von Bindegewebs- techniken“. Beim Easy Flossing kann man diese
strukturen kommen. Techniken mit der Bandanlage kombinieren und
Sind solche Schäden bekannt, muss beim so auch einen Effekt im umgebenden Gewebe
Flossen selbstverständlich den individuellen erzielen.
Gegebenheiten Rechnung getragen werden.
Im Zweifel sollte ganz auf Flossen verzichtet
werden.
Fasziale Arretierungen
Eine Fehlhaltung wird mit der Zeit durch Um-
Maladaptation myofaszialer Gewebe bauvorgänge in den Faszien arretiert (▶ Abb. 3.9).
Dabei verlängert sich die Faszie auf der überdehn-
Die Faszie passt sich veränderten „schlechten“
ten Seite eines Gelenks oder Körperabschnittes.
Bedingungen wie einer Fehlhaltung oder Fehlbe-
Die zugehörige Muskulatur wird exzentrisch be-
anspruchung an, indem sich lange Kollagenfibril-
lastet. Auf der verkürzten Seite verkürzt die Faszie
len entsprechend den Kraftlinien ausrichten und
und die Muskulatur wird konzentrisch belastet.
mithilfe von Wasserstoffbrückenbindungen über
Brügger sprach schon vor Jahren in diesem Zusam-
Proteoglykane und die Grundsubstanz verbinden.
menhang von konzentrischen und exzentrischen
Der natürliche „Creep“, der der Faszie Elastizität
Tendomyosen. Allerdings ist es um sein Konzept
verleiht, geht verloren. Auch die typische Spiral-
aus mir nicht verständlichen Gründen in den letz-
gitterstruktur der epimysialen Faszie (Muskelhül-
ten Jahren sehr ruhig geworden.
le) verschwindet. Unter dem Einfluss pielzoelek-
Will man die Fehlhaltung behandeln, muss die
trischer Effekte organisiert sich Kollagen um den
konzentrisch verkürzte Struktur gedehnt (dekon-
chronisch verlängerten Muskel in bandförmigen
trahiert) und mobilisiert werden, damit die über-
Strukturen. In der Folge wird der Flüssigkeitsstrom
dehnten Strukturen wieder aktiviert werden kön-
in der EZM mehr und mehr behindert. Die Grund-
nen. Voraussetzung dafür ist ein Lösen der Ver-
substanz dehydriert, die Versorgung mit Nähr-
klebungen im überdehnten Gewebe, damit dort
stoffen wird schlechter (Mueller und Maluf 2002).
die pathologischen Crosslinks aufgebrochen und
kollagene Verdickungen aufgelöst werden können.
Erst dann kann eine verbesserte Verteilung der
Flüssigkeit in der EZM das Bindegewebe mit den
nötigen Bau- und Nährstoffen versorgen.

40
3.4 Kommunikation

Abb. 3.9 Fehlhaltung und fasziale


Arretierung. Die Fehlhaltung wird
durch lang und kurz arretierte Faszien
fixiert. Die zugehörige Muskulatur ist
entweder exzentrisch belastet (über-
dehnt) oder konzentrisch belastet
(verkürzt).

Faszie „lang arretiert“


Muskel exzentrisch
belastet (überdehnt)

Faszie „kurz arretiert“


Muskel konzentrisch
belastet
(zusammengezogen)

Hinweis V 3.4 Kommunikation


Die plastische Veränderung faszialen Gewebes 3.4.1 Kommunikation
kann in bestimmten Grenzen umgekehrt werden. im Fasziennetz
Einerseits muss hierfür die ungünstige Dauer-
belastung des Gewebes, insbesondere die hohe Kommunikation findet im Fasziennetz primär
Zugspannung auf verlängerte Muskeln, herab- durch den Einfluss mechanischer Kräfte statt.
gesetzt werden. Andererseits müssen der Durch- Druck- und Zugkräfte werden entlang der Faszien
fluss von Flüssigkeit im Gewebe und die Muskel- und der Grundsubstanz von Faser zu Faser und
funktion wiederhergestellt werden. Unter diesen von Zelle zu Zelle übertragen. Laut Myers ge-
Bedingungen werden Kollagenverbindungen en- schieht die Übertragung der Kräfte häufig entlang
zymatisch gelöst. Die Faszien adaptieren an die myofaszialer Leitbahnen (siehe Kap. 3.1.2). Aller-
neue Situation und betroffene Muskeln können dings verläuft diese Art der Kommunikation bzw.
wieder „normal“ arbeiten. Easy Flossing unter- Transmission mechanischer Kräfte unbemerkt, wir
stützt diese Reparaturvorgänge, indem es Flüs- sind uns dieser Veränderungen in der Regel nicht
sigkeit im Bindegewebe mithilfe des wechseln- bewusst. Myers nimmt an, dass aufgrund dieser
den Drucks mobilisiert (siehe Kap. 4.2.1) (Mueller unbewussten Kommunikation eine Art Selbstbild
und Maluf 2002). in Bezug auf Haltung und Bewegung „in den Flüs-
sigkeitskristallen des Bindegewebes gespeichert
wird“ (Mueller und Maluf 2002).

41
Myofasziales System

Tensegrity H
Der Begriff stammt von dem amerikanischen sich unmittelbar zu berühren. Sie dienen gewisser-
Architekten R.B. Fuller. Er setzt sich zusammen aus maßen als Abstandshalter für die Spannelemente
den beiden englischen Wörtern „Tension“ (= Span- (▶ Abb. 3.10b). Auf mikroskopischer Ebene setzt
nung) und „Integrity“ (= Integrität). sich die Tensegrity-Architektur laut Myers bis in die
Tensegrity bezeichnet Strukturen, in denen kom- Zellarchitektur hinein fort (Mueller und Maluf
pressionsstabile Elemente durch ein Geflecht aus 2002). In einem solchen System werden Kräfte im
kontinuierlichen Spannelementen zusammenge- gesamten Körper verteilt, das System ist nicht starr
halten werden, ohne dass sich die Enden der Druck- und kann sich anpassen.
elemente berühren (▶ Abb. 3.10). Myers hat dieses So können Muskeln zum Beispiel die Vorspannung
Modell auf den menschlichen Organismus über- im System erhöhen, um den Körper auf erwartete
tragen und daraus sein Konzept der myofaszialen Belastungen vorzubereiten. Wird das System ge-
Leitbahnen (Anatomy trains) entwickelt (siehe Kap. schädigt, treten Verletzungen nicht zwangsläufig
3.1). dort auf, wo eine Kraft von außen auf den Körper
Beim herkömmlichen mechanischen Modell bil- einwirkt. Der Körper kann auch an anderer Stelle
det das Skelett ein stabiles, aber bewegliches Ge- verletzt werden.
rüst. Muskeln, die daran befestigt sind, können das Diese Betrachtungsweise hat einen erheblichen
Skelett bewegen oder stabilisieren. Kräfte werden Einfluss auf die Therapie: im Falle einer Störung
von Knochen zu Knochen weitergeleitet und treten sucht man nicht nur lokal nach Veränderungen.
in diesem Modell nur lokal begrenzt auf. Deshalb Vielmehr versucht man sich vorzustellen, wie sich
muss man bei Verletzungen nur die lokal auftreten- die Spannung im Körper verteilt und wo es im Ein-
den Schäden reparieren. zelfall Schwachstellen gibt. Myers hat deshalb Kraft-
Im Tensegrity-Modell werden die Knochen im wirkungslinien als myofasziale Ketten (S. 31) be-
kontinuierlichen myofaszialen Netzwerk durch die schrieben, die mehrere Körperabschnitte miteinan-
Spannung der Myofaszie zusammengehalten, ohne der verbinden.

a b

Abb. 3.10 Ikosaeder.


a Der Ikosaeder ist ein geometrischer Körper mit einem besonders günstigen Verhältnis von Oberfläche und Volumen.
b Ikosaeder als Tensegrity-Struktur. Ein elastisches Spannungssystem hält die sechs Drehachsen des Isokaeders
(durch jeweils gegenüberliegende Ecken) als Kompressionselemente in ihrer Position, ohne dass sich die Enden
der Drehachsen berühren. Aufgrund der elastischen Verbindungen kann sich ein solches Modell verformen, wenn
Kräfte von außen einwirken. Im menschlichen Körper können Muskeln die Vorspannung im System erhöhen, um den
Körper auf erwartete Belastungen vorzubereiten.

42
3.4 Kommunikation

3.4.2 Kommunikation mit anderen Gleichzeitig beeinflussen motorische Nerven den


Tonus des Bindegewebes und der Muskulatur –
Netzwerken und somit den des myofaszialen Systems. Mit dem
Das Fasziennetz ist nur eines von drei großen Gefäßsystem schließlich verständigt sich das Fas-
Netzwerken im menschlichen Körper. Die beiden ziennetz, indem es durch seine Spannung, aber
anderen, die unserem Zusammenhang wichtig auch durch Adhäsionen und Bewegung Einfluss
sind, sind das Gefäßsystem und das Nervensystem. auf das Strömungsmuster hat. Vom Gefäßsystem
Alle drei Netzwerke stehen in enger Verbindung wiederum werden die Faszien mit Proteinen und
und beeinflussen sich gegenseitig. Sie kommuni- anderen Stoffen versorgt, sodass die Durchblutung
zieren durch den Austausch von Nervenimpulsen und der Austritt von Plasma ins Gewebe entschei-
oder Botenstoffen (▶ Abb. 3.11). denden Einfluss auf die Trophik und den Turgor
Zwischen Nerven- und Gefäßnetz sind es in des Fasziennetzes haben.
erster Linie Hormone und Neuropeptide, die den Wichtig ist auch der Einfluss des endokrinen
Informationsaustausch und die gegenseitigen Be- Systems auf das myofasziale System. Mechano-
einflussung gewährleisten. Bei der Kommunika- rezeptoren der Eingeweide, die ja ebenfalls fasziale
tion des Nervensystems mit den Faszien spielen Hüllen haben, beeinflussen beispielsweise die Se-
die Mechanorezeptoren, die sich in großer Zahl in rotoninausschüttung oder die Freisetzung von His-
den Faszien befinden, eine wichtige Rolle. Man tamin. Histamin bewirkt eine Vasodilatation und
findet sie u. a. im Muskel-Sehnen-Übergang, in den erhöht die Permeabilität der Zellmembranen. Es
Gelenkkapseln und Ligamenten, aber auch in spielt bei der Wundheilung eine wichtige Rolle
Muskelfaszien und sonstigem faszialem Gewebe. (van den Berg 2011; Schleip 2011).

Nervennetz Faszie als Sinnesorgan H


Bezogen auf die Anzahl von Rezeptoren kann
man das myofasziale System als das größte
Sinnesorgan des Menschen bezeichnen. Man
findet dort verschiedene Mechanorezeptoren.
De
hn

Neben Golgi-Rezeptoren und Ruffini-Körperchen


e

un
on

mo
de

sind das Vater-Pacini-Körperchen und unzählige


rm

gsr
tor
pti
Ho

eze

freie Nervenendigungen, die ebenfalls auf me-


isc
pe

pto
he
uro

chanische Reize reagieren. Neben der Proprizep-


Ne

ren
Ne

tion ist eine weitere Aufgabe der Mechanorezep-


r ve
n

toren die Regulation des Muskeltonus. Daneben


Strömungsmuster haben sie Einfluss auf das vegetative Nerven-
system und können die Aktivität des Sympathi-
kus hemmen (vgl. Kap. 4.1.3). Die freien Nerven-
Kreislaufnetz Proteinzufuhr Fasernetz
endigungen spielen bei der Schmerzwahrneh-
Abb. 3.11 Zwischen den großen Netzwerken des mung und -verarbeitung eine Rolle (Mueller und
menschlichen Organismus besteht eine enge Wechsel- Maluf 2002; Schleip 2004; Schleip 2011).
wirkung. Über den Austausch von Botenstoffen oder
Nervenimpulsen beeinflussen sich die Systeme gegen-
seitig.

43
Myofasziales System

treten, die eine sehr lange Vorgeschichte haben.


Hinweis V Will man diese gezielt und effizient therapieren,
Grenzen der Methode. Die dargestellten Zusam- muss man wissen, welchen Belastungen der Orga-
menhänge spielen für die Wirkung des Flossens nismus jeweils ausgesetzt ist. Beweglichkeit, Kör-
eine wichtige Rolle. Wie wir weiter unten (Kap. 4) perstatik und Körperfunktionen müssen ganzheit-
sehen werden, lassen sich die Effekte von Easy lich erfasst werden (Mueller und Maluf 2002; Van
Flossing, die ja (noch) nicht bewiesen sind, gut den Berg 2016).
erklären, wenn man diese Zusammenhänge
kennt. Daneben ist es wichtig zu wissen, dass das
myofasziale System auf verschiedenen Arten und
Easy Flossing bei V
chronischen Beschwerden
Weisen in seiner Funktion beeinträchtigt werden
kann. Zwar hat man mit Easy Flossing einen gu- Mit Easy Flossing lassen sich eingefahrene Bewe-
ten Behandlungszugang, man muss sich aber gungsmuster aufbrechen. Es trägt zur besseren
auch vor Augen führen, dass nur eine Beseitigung Flüssigkeitsverteilung bei, die Versorgung des
der Ursachen von Beschwerden eine dauerhafte Gewebes verbessert sich, die Beweglichkeit
Besserung herbeiführen kann – sofern dies im nimmt zu und Belastungen werden reduziert.
Einzelfall möglich ist. Manche Veränderungen las- Die vielfältigen Wirkungen des Flossens leisten
sen sich kaum, nur sehr langsam oder gar nicht einen wichtigen Beitrag bei der Therapie chro-
umkehren. Dann ist die temporäre Linderung der nischer Beschwerden!
Symptome oder die Verbesserung der Funktion
das Therapieziel.
Stress und Fehlbelastung H
als Ursache von Schmerz
3.5 Ursachen für Veränderungen Chronische Fehlbelastungen und Stress können
im myofaszialen System die Ursache von Schmerzen im myofaszialen
System sein. Aufgrund von Verklebungen, her-
3.5.1 Chronische Fehlbelastungen vorgerufen durch pathologische Crosslinks,
und Stress kommt es zu einer vermehrten Irritation freier
Nervenendigungen. Außerdem verändern Stress
Fehlbelastungen und Fehlbelastungen das biochemische Milieu.
Chronische Fehlbelastungen führen zu Adaptionen Die Folgen sind Schmerzen und eine Tonus-
im myofaszialen System, die für sich genommen erhöhung von Muskeln und Faszien. Dies wieder-
eine adäquate Reaktion sind. So müssen sich bei um kann zu einer mechanischen Beeinträch-
einer schweren körperlichen Tätigkeit oder im tigung der Nervenbahnen führen, weil diese ja
Training die Muskulatur, die zugehörigen Faszien auch in faszialen Hüllen gebettet sind.
und auch die knöchernen Strukturen an die dau-
ernd auftretenden Belastungen anpassen. Ansons-
ten droht schon bald das berufliche oder sport- Stress
liche Aus. Auch eine Fehlhaltung geht über die
Stress im Sinne von psychischer oder physischer
Jahre mit einer Anpassung des muskuloskelettalen
Überforderung führt zu erheblichen Verände-
Systems einher (vgl. Kap. 3.3).
rungen im biochemischen Milieu. Auch Emotionen
Die Anpassungsreaktionen können den Verlauf
beeinflussen das fasziale Netzwerk. Die dadurch
der Kraft- und Zuglinien im Fasziensystem verän-
ausgelösten hormonellen Veränderungen haben
dern. Dies beeinträchtigt auch die Koordination
massive Einflüsse auf das fasziale Netzwerk, aber
bzw. die Ansteuerung der Muskulatur, wodurch
auch auf die anderen Netzwerke des Körpers. Über
sich die Verletzungsgefahr erhöht. Daneben führen
längere Zeit entwickeln sich so Symptome, die die
sie zu einer Unterbrechung von Flüssigkeitsströ-
Gesundheit sämtlicher Körpersysteme beeinträch-
men oder leiten diese um. Sie beeinträchtigen die
tigen. Im Herz-Kreislauf-System drohen schwere
Gesundheit sonst wenig beanspruchter Strukturen
Krankheiten aufgrund von Hypertonie, im Nerven-
des Bewegungsapparats, des Gefäß- und des Ner-
system kommt es u. a. zu einer Reduktion der
vennetzes. In der Folge können Beschwerden auf-

44
3.5 Ursachen für Veränderungen im myofaszialen System

Schmerztoleranz, die Verdauungsorgane werden beeinträchtigen die Funktion und die Leistung,
geschädigt und das muskuloskelettale System ant- auch wenn dies den Betroffenen oft nicht bewusst
wortet auf Stress mit Schmerzen und Verspannun- und diagnostisch kaum nachweisbar ist.
gen. Oft sieht man einer gestressten Person ihren
Zustand schon an der Haltung an (Mueller und
Maluf 2002; Myers 2015).
Hinweis V
Weil sich Subfailure Injuries mit bildgebenden
Hinweis V Verfahren in der Regel nicht nachweisen lassen,
werden oft keine adäquaten therapeutischen
Easy Flossing kann bei Stress eine Hilfe sein, Maßnahmen eingeleitet. Dies gilt erst recht,
Verspannungen im muskuloskelettalen System wenn keine akuten Schmerzen vorhanden sind.
zu lösen, den Muskeltonus herabzusetzen, aber Sportler im Wettkampf neigen dann dazu, trotz
auch den Tonus im Bindegewebe zu normalisie- gegenteiliger Ratschläge den Wettkampf fort-
ren. Wir vermuten, dass sich durch die Flüssig- zusetzen. Nicht selten kommt es dann zu schwer-
keitsverschiebung und die Ausschüttung ge- wiegenden Verletzungen.
webeaktiver Substanzen der pH-Wert in der EZM
von sauer nach alkalisch verändert. Diese Ver-
änderungen, verbunden mit einer besseren Ver- Veränderte Rekrutierungsmuster
sorgung des Gewebes bis in die letzte Zelle,
eröffnen Möglichkeiten für unterschiedlichste
bei Subfailure Injuries
therapeutische Verfahren. Easy Flossing ist bei Patienten, die eine Subfailure Injurie erlitten ha-
Stress eine mögliche adjuvante Therapie. ben, empfinden meist Schmerzen oder ein Un-
behagen bei bestimmten Bewegungen. Oft ist das
Gefühl für die Bewegung ein anderes, ohne dass
man den Grund dafür benennen kann. Nicht selten
3.5.2 Verletzungen ist auch die sportliche Leistungsfähigkeit beein-
Bei einer Verletzung wird das myofasziale System trächtigt. Ursache für Subfailure Injuries ist zum
durch inadäquate mechanische Kräfte oder Über- einen die Zerstörung von Bindegewebsfasern mit
belastung beschädigt. Allerdings geschieht dies der damit einhergehenden Irritation freier Nerven-
nicht immer dort, wo die eine Kraft von außen auf endigungen. Zum anderen verändert sich durch
den Körper einwirkt (siehe Tensegrity, Kap. 3.4.1). das Mikrotrauma das Rekrutierungsmuster der
Fast immer kommt es zu einer Unterbrechung der motorischen Einheiten in der näheren Umgebung,
Kontinuität faszialer Strukturen (vgl. das Faszien- weil auch die Mechanorezeptoren bei solchen Ver-
distorsionsmodell von Stephen Typaldos, Nagel letzungen geschädigt werden. Die Bewegungsqua-
2016). Ist die mechanische Kraft noch nicht so lität wird schlechter, oft ohne dass die betroffene
groß, dass es zu einer massiven Schädigung Person dies merkt oder sagen kann, wo das Pro-
kommt, kann es dennoch auf mikroskopischer blem liegt.
Ebene Läsionen im myofaszialen Gewebe geben, Insbesondere bei Leistungssportlern müssen
die sich als lokale Schmerzen oder Funktionsstö- Anzeichen für das Vorliegen von solchen Mikro-
rungen bemerkbar machen (Muskelverhärtung, verletzungen ernst genommen werden, will man
Zerrung, Krampf). schwerwiedegende Verletzungen oder einen Leis-
tungsabfall vermeiden.
Auch Repetetive Strain Injuries können als Folge
Subfailure Injuries von Subfailure Injuries betrachtet werden. Die
Im Leistungssport sieht man sehr häufig Mikrover- chronische Überbeanspruchung von Muskelfasern
letzungen in Ligamenten, aber auch in flächigen bedeutet u. U. Stress für benachbarte Zellen. Deren
Faszien, muskulären Hüllstrukturen oder dem Funktion verschlechtert sich und sie werden an-
Muskel selbst. Ursache kann eine einmalige Fehl- fälliger für Verletzungen. Eine andere Erklärung
belastung sein. Aber auch wiederholte Mikrotrau- wäre die immer wieder unterbrochene Heilungs-
mata oder koordinative Schwächen bei der Aus- kaskade von Mikroverletzungen, die letztlich zu
übung einer anspruchsvollen Technik können einer dauerhaften Aktivierung oder Stagnation der
solch lokalen Gewebsschäden verursachen. Diese Wundheilung führt (Schleip 2016).

45
Myofasziales System

Problematisch werden Subfailure Injuries, wenn Dehydration


Patienten infolge der lokalen Schädigung unbe-
wusst Kompensationsstrategien entwickeln, die zu Die auffälligste Änderung ist sicher die Abnahme
Mehrbelastungen an anderer Stelle führen. Oder des Wasseranteils im Bindegewebe (van den Berg
wenn die Symptome ignoriert werden und es auf- 2011). Äußerlich zeigt sich dies beim älteren Men-
grund der Veränderungen im myofaszialen System schen an der zunehmenden Faltenbildung der
zu schwerwiegenderen Verletzungen kommt. Vie- Haut. Aber auch bei jüngeren Menschen kommt es
le Patienten berichten beispielsweise, dass einem im Inneren bei einer Ruhigstellung zu einer Stö-
Muskelfaserriss ein leichtes Ziehen oder eine Härte rung von Transportprozessen. Zellstoffwechsel und
im Muskel vorausgegangen ist. Sportler berichten die Ernährung der Zellen verschlechtern sich. Die
oft von einem unguten Bewegungsgefühl oder da- Anzahl der Zellen nimmt ab. In der Folge werden
von, dass sie nicht mehr ihre Leistungen abrufen immer weniger Matrixkomponenten produziert
können, ohne genau zu wissen, woher das kommt. und die Qualität dieser Komponenten wird
Selbst Arthrosen können als langfristige Folgen schlechter. Schließlich kommt es zu einem Verlust
von „Subfailure Injuries“ betrachtet werden, weil von Grundsubstanz, wodurch in der EZM immer
geänderte Bewegungsmuster den Verschleiß von weniger Wasser gebunden werden kann (van den
Gelenkstrukturen erhöhen können. Berg und Wulf 2008). Ein Prozess, der sich dann
immer weiter fortsetzt.
Mit dem abnehmenden Wassergehalt der EZM
Hinweis V werden die epimysialen Faszien immer steifer. Die
Erfahrene Therapeuten können „Subfailure Inju- Beweglichkeit nimmt ab, die Kraftübertragung der
ries“ oft palpatorisch nachweisen und genau Muskeln wird schlechter. Möglicherweise ändert
lokalisieren. Manchmal geben auch spezifische sich dadurch auch die intramuskuläre Koordinati-
Tests Aufschluss über versteckte Läsionen. Oder on (Stecco 2016).
sie beobachten Veränderungen der Bewegungs-
qualität. In solchen Fällen kann Easy Flossing an- Zunahme pathologischer Crosslinks
scheinend Wunder bewirken. Gelingt es, mit
Weil mit dem Verlust von Grundsubstanz und
dem Flossen pathologische Crosslinks aufzulö-
Wasser das Gewebevolumen abnimmt, lagern sich
sen, die sich infolge einer Mikroverletzung gebil-
die Fasern in der EZM enger aneinander an. Da-
det haben, oder verbessert sich die intra- und in-
durch erhöht sich die Bereitschaft zur Bildung pa-
termuskuläre Koordination, spürt der Betroffene
thologischer Crosslinks. Begünstigt wird dieser
unmittelbar deutliche Veränderungen. Das gute
Vorgang durch die Abnahme der Anzahl elasti-
Bewegungsgefühl kommt zurück, die Leistung
scher Fasern und die vermehrte Bildung kollagener
wird wieder besser (Panjabi 2006; Zimmer 2010).
Fasern. Allerdings sind diese dicker und weniger
gewellt als beim jungen, aktiven Menschen
(▶ Abb. 3.12). Sie „wuchern“ ungeordnet im Binde-
3.5.3 Immobilität und Alter gewebe, überkreuzen sich und winden sich umei-
nander. Damit verlieren die faszialen Hüllen um
Im Alter kommt es zu erheblichen Veränderungen
Muskeln ihre regelmäßige Spiralgitterstruktur, sie
im myofaszialen System. Diese ähneln in vielem
„verfilzen“. Dass es in dieser Formation zur ver-
den Veränderungen bei Immobilität. Ob die alters-
mehrten Bildung weiterer pathologischer Cross-
bedingten Veränderungen dann allein dem Alter
links kommt, liegt auf der Hand (Mueller und
geschuldet sind, auf die nachlassende Aktivität
Maluf 2002).
oder pathologische Bewegungsmuster zurück-
zuführen sind, wird kontrovers diskutiert (van den
Berg 2016).

46
3.5 Ursachen für Veränderungen im myofaszialen System

Untrainierte Faszien Trainierte Faszien


• ungleichmäßig • gleichmäßig
• verklebt • locker
• unelastisch • elastisch

Abb. 3.12 Während die Kollagenfasern beim jungen, aktiven Menschen gewellt (Crimp-Formation) und in einer
spiralförmigen Gitterstruktur angeordnet sind, sind sie beim alternden, inaktiven Menschen eher gestreckt und
chaotisch angeordnet. Dies verringert die Elastizität des Bindegewebes und damit der Faszien, die Verletzungs-
anfälligkeit steigt.

Erhöhte Verletzungsanfälligkeit H
Gekräuselte (engl.: „crimp“), in einem Spiralgitter Ein anderer Grund für die Verletzungsanfälligkeit
angeordnete kollagene Fasern sind elastischer und ist die „Reparatur“ von Defekten mit qualitativ
weicher als solche, die abgeflacht und ungeordnet schlechterem Ersatzgewebe. Bei der Reorganisa-
sind. Die degenerierten Faszien sind dehydriert und tion, sei es nach Verletzungen oder als Folge wie-
„verfilzen“ regelrecht, auch werden sie immer derkehrender Beanspruchung, begünstigen ver-
härter. Durch diese Veränderungen erhöht sich die änderte Krafteinflüsse aufgrund der veränderten
Belastung des myofaszialen Gewebes durch mecha- mechanischen Eigenschaften die Bildung von un-
nische Reize, insbesondere wenn diese schnell ein- geformtem Bindegewebe, das im Vergleich zu dem
wirken. Die Anfälligkeit für Verletzungen steigt. Es geformten Bindegewebe mechanisch weniger be-
gibt Hinweise, dass durch Training die Kräuselung lastbar ist. Im Alter macht sich dies vermehrt be-
der Kollagenfasern wieder zunimmt (Mueller und merkbar (van den Berg 2011).
Maluf 2002; Schleip 2013).

47
Myofasziales System

Übersäuerung Schließlich wird bei Übersäuerung in den Zellen


der EZM vermehrt Fibrinogen gebildet, was die Fa-
Eine weitere Folge von Bewegungsmangel ist die sern im Bindegewebe gewissermaßen zusammen-
abnehmende Stoffwechselaktivität, wodurch die bäckt (Fibrinogen wirkt im Bindegewebe wie ein
Konzentration von Stoffwechselabbauprodukten „Kleber“) (van den Berg 2011; van den Berg 2016).
im Gewebe zunimmt. Es kommt zu einer Verschla- Dadurch kommt es viel schneller zu einer mecha-
ckung des Bindegewebes, die mit einer Abnahme nischen Irritation der freien Nervenendigungen.
des pH-Werts einhergeht. Die Folge ist eine Über- Entzündungen können auftreten und heilen
säuerung (Azidose), bei der vermehrt Entzün- schlechter ab (van den Berg 2011; van den Berg
dungsmediatoren und Zytokine ausgeschüttet 2016).
werden, die freie Nervenendigungen, vegetative
Fasern und endokrine Drüsen reizen. Dies ist ein
Grund für vermehrt auftretende Schmerzen. Hinweis V
H
Mit Easy Flossing lässt sich das Altern nicht
Heilsamer Schlaf aufhalten. Trotzdem empfehle ich, Flossen bei
älteren Menschen mit Beschwerden im muskulo-
Schlafdauer und Schlaftiefe haben einen Einfluss skelettalen System unbedingt auszuprobieren –
auf das Bindegewebe. Im Schlaf regeneriert der natürlich mit angepasster Intensität. Durch Easy
Körper, baut Metaboliten ab und füllt die Energie- Flossing werden Schlackstoffe ausgeschwemmt,
speicher wieder auf. Zu wenig Schlaf kann zu pathologische Crosslinks aufgebrochen und die
einer Übersäuerung führen, weil die regenera- Beweglichkeit erhöht. So können auch Ältere von
tiven Vorgänge behindert werden. Für Gesund- dieser effizienten Methode profitieren.
heit und physische Leistungsfähigkeit ist aus-
reichender Schlaf also unerlässlich.

Beeinträchtigung der Koordination


Bei einem verminderten pH-Wert nimmt auch die Bei einer Immobilisation nach einer Verletzung
Viskosität von Hyaluronan zu, das in hoher Kon- oder Operation, bei Inaktivität infolge einer Fehl-
zentration im Endomysium und Perimysium vor- haltung und infolge des Alterns kann sich Faszien-
kommt und für die Beweglichkeit im Inneren von gewebe partiell verdichten. Dadurch ändert sich
Muskeln sorgt. Die Folge: Betroffene fühlen sich die Propriozeption. Dies hat zur Folge, dass einzel-
steifer. Was beim Sportler nach Belastung normal ne Muskelanteile nicht mehr korrekt angesteuert
ist und durch die Regeneration bald vorübergeht, werden. Die intramuskuläre Koordination ver-
kann bei alten oder immobilen Menschen zu schlechtert sich. Eine mögliche Konsequenz der
einem anhaltenden Problem werden. Nicht selten dadurch veränderten Rekrutierung von Muskel-
entwickeln sich Triggerpunkte, die Schmerzen fasern ist laut Stecco (Stecco 2016) eine Änderung
werden mehr (Stecco 2016). der auf ein Gelenk einwirkenden Kraftvektoren.
Dies hat zur Folge, dass die Koordination von

Fallbeispiel I Gelenkbewegungen schlechter wird und die


betroffenen Gelenke schließlich schmerzen. Mit
Im Eishockey konnte ich beobachten, dass die der Zeit kann sich daraus eine schmerzhafte
Verletzungsquote dann am höchsten ist, wenn Arthrose entwickeln (Stecco 2016).
die Sportler wenig und schlecht geschlafen
haben. Dies ist z. B. bei kurz aufeinanderfolgen-
den Spielen der Fall, wenn die Spieler im Bus
übernachten müssen. Bei Schlafmangel leiden
die Konzentrationsfähigkeit, die Koordination
und die Schnelligkeit, aber auch die Adaptations-
fähigkeit der Muskulatur ist beeinträchtigt.

48
3.5 Ursachen für Veränderungen im myofaszialen System

3.5.4 Sonstige Faktoren Ernährung


Umwelteinflüsse Die Ernährung beeinflusst generell den Zustand
des menschlichen Organismus. In unserem Zu-
Einen nicht unerheblichen Einfluss auf das Fas- sammenhang bedeutsam ist zum einen die Zufuhr
ziensystem hat die Umwelt. Unter der Haut bildet entzündungsförderlicher Substanzen (Arachidon-
die Fascia superficialis eine mechanische Barriere säure, Histamine, gesättigte Fettsäuren) mit der
gegen eindringende Krankheitserreger und me- Nahrung, was bei chronischen Erkrankungen de-
chanische Irritationen. Der Körper ist dadurch oft ren Verlauf ungünstig beeinflussen kann. Daneben
ständig in Alarmbereitschaft. Nicht nur Krank- spielen auch die Endprodukte des Zucker- und
heitserreger und mechanische Belastungen, auch Eiweißstoffwechsels eine wichtige Rolle. Deren
Parasiten, Pilze, Mikroorganismen, chemische Sub- Endprodukte („advanced glycation endproducts“,
stanzen, elektromagnetische Strahlung und andere AGE) lagern sich im Bindegewebe ein und vermin-
Umwelteinflüsse belasten unseren Körper. Die Im- dern die elastischen Eigenschaften von Sehnen
munabwehr und die mechanischen Barrieren ver- und anderen faszialen Geweben, weil vermehrt
suchen, die vielen schädigenden Einflüsse abzu- pathologische Crosslinks gebildet werden (Bier-
wehren. Der Mensch hat, wenn auch meist unbe- haus 2004).
wusst, immer das Ziel, seine körperliche Integrität Besonders wichtig ist die ausreichende Zufuhr
und seine Gesundheit zu erhalten. von Flüssigkeit. Wegen des hohen Wassergehalts
Wird die Belastung für ein Individuum zu groß, der EZM reagiert diese besonders empfindlich,
sei es aufgrund der Vielzahl schädigender Ein- wenn der Körper nicht ausreichend mit Flüssigkeit
flüsse, sei es aufgrund einer Schwächung der kör- versorgt wird. Trinkt man ausreichend, wird der
pereigenen Abwehr oder einer gewissen Anfällig- Abtransport von Stoffwechselendprodukten geför-
keit, kann es zu subakut ablaufenden Abwehrreak- dert.
tionen kommen. Im Englischen spricht man von
„Silent Inflammations“. Solche „stummen“ Ent-
zündungen können den Organismus über längere Hinweis V
Zeit beschäftigen. Die dabei ausgeschütteten Hor- Im Leistungssport verzichtet man in vielen Dis-
mon- und Botenstoffe haben dann oft auch einen ziplinen auf Zucker, Mehl und Milchprodukte,
Einfluss auf das Fasziensystem: Sie sensibilisieren weil man um den nachteiligen Einfluss auf das
die zahlreichen Rezeptoren in den Faszien und Leistungsvermögen weiß.
machen diese anfälliger für Irritationen. Selbst Trinken verbessert die Wirkung von Easy
Restriktionen im Fasziensystem sind über diese Flossing. Nur wenn das Bindegewebe aus-
Mechanismen erklärbar (Kia 2015). reichend durchsaftet ist, können die beim Flos-
sen anfallenden Stoffwechselabbauprodukte
Hinweis V entsorgt und verstoffwechselt werden.

Auch im Fall einer chronischen Belastung des myo-


faszialen Systems durch sogenannte „Silent
Inflammations“ kann aus meiner Sicht Easy
Flossing helfen. Weil beim Flossen zahlreiche
Schlackstoffe aus dem Gewebe herausgepresst
werden und beim Refill (s. Kap. 4.2) frische
Flüssigkeit mit Nähr- und Botenstoffen in das
behandelte Gebiet einströmt, bessern sich lokal
die Trophik und Beweglichkeit. Damit hat das
Bindegewebe Gelegenheit, sich zu erholen und
möglicherweise wieder besser seinen Aufgaben
nachzukommen.

49
Wirkweisen und Hypothesen

4 Wirkweisen und Hypothesen


Die Wirkung des Flossens beruht im Wesentlichen
auf vier Mechanismen (▶ Abb. 4.1):
Hinweis V
● myofasziale Kompression Schwache Studienlage. Die Studienlage zum
● Refill Thema Flossen ist sehr schlecht. Dies liegt nicht
● Releasing zuletzt daran, dass die Methode noch relativ jung
● Movement Development und erst in den letzten Jahren bekannt geworden
ist. Inzwischen wird das Flossen in der Ausbildung
In diesem Kapitel werde ich erklären, auf welchen zum FDM-Therapeuten (FDM = Faszien Distor-
Prinzipien diese Wirkungen beruhen und welchen sions Modell nach Typaldos) integriert, weil man
Effekt sie in der Praxis haben (▶ Tab. 4.1). Manche von der Wirkung dieser Technik überzeugt ist.
kurzfristigen Effekte der Behandlung lassen sich Die einzigen Untersuchungen, die mir zum Zeit-
unmittelbar beobachten und durch Retests belegen punkt der Manuskripterstellung bekannt sind,
(z. B. Bewegungsgewinn, Schmerzlinderung). An- sind eine bisher unveröffentliche Untersuchung
dere können nicht unmittelbar beobachtet werden von meiner malaysischen Kollegin Sunitha Nair
und bedürfen genauerer Untersuchungen. Es gibt und mir über die Auswirkungen des Flossens auf
dafür bisher leider keine Beweise, weil die Wir- Schmerz und Entzündung bei lateraler Epikon-
kung des Flossens bisher kaum wissenschaftlich dylitis sowie die Untersuchung zweier neusee-
untersucht wurde (siehe nachfolgender Kasten). ländischer Kollegen über die Wirkungen des
Unsere Erklärungsansätze beruhen daher auf kli- Flossens in Bezug auf die Mobilität des Sprung-
nischer Erfahrung, Erkenntnissen aus der Faszien- gelenks und die Leistungsfähigkeit beim Springen
forschung und auf Untersuchungen zur Wirksam- (Driller und Overmayer 2016; Kruse et al. 2016).
keit anderer physikalischer und physiotherapeu- Beide Studien konnten einen messbaren Effekt
tischer Verfahren, die sich auf das Flossen über- des Flossens nachweisen. Wie nicht anders zu
tragen lassen. Für die Zukunft ist es wichtig, mit erwarten, bedarf es aber auch hier weiterer
geeigneten Studien die Wirkung von Easy Flossing Untersuchungen, um die Wirkungen des Flossens
in Studien zu belegen, um die Methode wissen- mit bestmöglicher Evidenz zu untermauern.
schaftlich zu untermauern.

Abb. 4.1 Vier Hauptwirkungen sind


für den positiven Effekt von Easy
Myofasziale Flossing verantwortlich.
Refill Movement
Kompression Releasing
(sekundär) Development
(primär)

50
4.1 Myofasziale Kompression

Tab. 4.1 Erklärungsansätze für die Hauptwirkungen von Easy Flossing.


Wirkung Erklärungsansatz Effekt
myofasziale Gelenkdistraktion ● Bewegungserleichterung
Kompression ● Schmerzlinderung
● vermehrte Synovialproduktion
separierende Translation der interfaszialen ● Verbessern der Mobilität durch Adhäsiolyse
Etagen bei Bewegung ● Aufbrechen pathologischer Crosslinks
Stimulation von Hautafferenzen, Mechano- ● Axonreflex
rezeptoren und freien Nervenendigungen ● Schmerzlinderung durch verschiedene
Mechanismen der Schmerzinhibition
Flüssigkeits- und Blutstau ● Ausschüttung von Stickstoffmonoxid
● Anstieg der Creatin-Kinase
Mechanotransduktion ● Stimulation von Fibroblasten in der EZM
● verbesserte motorische Ansteuerung
Aufbrechen von Makromolekülen ● vermehrte Flüssigkeitsaufnahme
Refill Schwamm-Effekt (Fluid-Dynamics-Effekt) ● Rehydration
● verbesserte Viskoelastizität/Verbesserung der
Mobilität
Releasing Beeinflussen von Mechanorezeptoren ● Tonusreduktion
Ausschüttung von Gewebehormonen ● Beeinflussen des Stoffwechsels
Movement Tonusregulation ● Annähern an den Normotonus
Development
verbesserte Mobilität ● Leistungsverbesserung
● subjektive Verbesserung
bessere Rekrutierung von Muskelfasern ● verbesserte Kraftgenerierung
● Verbessern der Kraftübertragungswege
verbesserte inter- und intramuskuläre ● Ökonomisierung der Bewegung
Koordination (Setup)
Schmerzlinderung ● Vermeiden von Schonhaltung

4.1 Myofasziale Kompression 4.1.1 Gelenkdistraktion


Bei der myofaszialen Kompression kommt es zu Wickelt man das Flossband mit kräftigem Zug um
unterschiedlichen Effekten, die wir auf folgende ein Gelenk, wirkt ein zirkulärer Druck auf das ge-
Mechanismen zurückführen: samte Arthron. Aufgrund der Kompression sepa-
● Gelenkdistraktion riert die Gelenkflüssigkeit die Gelenkpartner von-
● Separierende Translation der interfaszialen einander (▶ Abb. 4.2).
Etagen Die Distraktion fördert die passive Beweglich-
● Stimulation von Hautafferenzen, Mechano- keit des behandelten Gelenks und hat eine inhi-
rezeptoren und freien Nervenendigungen bierende Wirkung auf die Rezeptoren in den ge-
● Flüssigkeits- und Blutstau lenkumgebenden Weichteilen. Dehnrezeptoren
● Mechanotransduktion der Kapsel (Ruffini- und Vater-Pacini-Rezeptoren)
● Aufbrechen von Makromolekülen werden inhibiert und bewirken ein Nachlassen der
Kapselspannung. In Verbindung mit der Separation
der Gelenkpartner ergeben sich so optimale Vo-
raussetzungen für eine „Gap-Manipulation“. Durch
das Flossen empfindet der Behandelte weniger

51
Wirkweisen und Hypothesen

Stratum
Distraktion corneum
Stratum
zirkuläre granulosum
Kompression
Stratum
spinosum Epi-
Stratum dermis
basale
GP
GS Stratum
papillare Kutis
GP

Stratum Dermis
reticulare

GP = Gelenkpartner
GS = flüssigkeitsgefüllter Gelenkspalt Blutgefäße

Abb. 4.2 Die zirkuläre Kompression bewirkt eine Dis-


traktion des Gelenks, weil mit der Kompression der
Binnendruck im Gelenk größer wird als die Kräfte, die
das Gelenk stabilisieren und zusammenhalten (Adhä-
Fettgewebe Subkutis
sion, subatmosphärischer Druck, Spannung des Kapsel-
Band-Apparates).

Binde-
Schmerzen und kann sich besser bewegen. In der gewebs-
Osteopathie proklamiert man außerdem, dass der septum
rhythmische Wechsel von Kompression und Trak-
tion die Produktion von Synovialflüssigkeit anregt. Abb. 4.3 Der geschichtete Aufbau von Haut, Unterhaut
Vermutlich wirkt auch Easy Flossing von Gelenken und Faszien ermöglicht in Grenzen eine Verschieblich-
in ähnlicher Weise. keit der verschiedenen Schichten gegeneinander. Wird
die äußerste Schicht (Epidermis) durch das Flossband
gehalten, bewirkt die Bewegung aufgrund der engen
4.1.2 Separierende Translation Verbindung der tiefen Faszie mit dem Epimysium eine
separierende Translation.
der interfaszialen Etagen bei
Bewegung
dem von außen einwirkenden, exzentrischen
Druck durch das Flossband entgegenwirkt. Die fas-
Hinweis V zialen Schichten werden gegeneinander verscho-
ben, sie gleiten gegenüber der fixierten Haut
Ein Gleiten der verschiedenen Ebenen gegen-
(▶ Abb. 4.3).
einander findet nur statt, wenn das Flossband
Umgekehrt lässt sich die Wirkung der Technik
mit 50–70 %iger Dehnung um den behandelten
auch dadurch erklären, dass durch die „Mitnahme“
Abschnitt angelegt wird und die angrenzenden
der oberflächlichen Schichten (Epidermis, super-
Gelenke bewegt werden.
fiziale Faszie) beim Anlegen des Flossbandes in
Richtung der Bandanlage eine translatorische Kraft
wirkt, weil die profunde Faszie, Gelenkkapseln
Wählt man eine myofasziale Anlage, bewirkt die
oder das Epimysium der tiefer gelegenen Muskula-
zirkuläre Kompression bei Bewegung eine sepa-
tur stationär verbleiben. Nach diesem Erklärungs-
rierende Translation der interfaszialen Etagen. Der
ansatz kommt es auch ohne Bewegung zu den be-
Effekt entsteht dadurch, dass bei der Bewegung
schriebenen Effekten. Allerdings ist die Wirkung in
ein zusätzliches intrinsisches Moment wirkt, das

52
4.1 Myofasziale Kompression

Bezug auf die Verbesserung der Mobilität dann zusätzlichen Separation der faszialen Etagen
deutlich schwächer, wie wir bei der Anwendung kommt, die sich hierbei mit unterschiedlicher
der Technik herausgefunden haben. Geschwindigkeit und multidirektional bewegen.
Eine gute Wirkung erzielt man, wenn das Be- Es ist wichtig, den Patienten vor dem Anlegen
handlungsareal mit angelegtem Flossband vom des Flossbandes auf die Schmerzen während der
Therapeuten manuell behandelt wird (vgl. Kap. Behandlung und möglicherweise entstehende
8.3). Dabei können weiche, walkende Techniken Blutergüsse hinzuweisen.
zum Einsatz kommen, aber auch gehaltene Dehn-
und Mobilisierungsgriffe bis hin zu Manipulatio-
Blutergüsse
nen sind möglich. Ein zusätzlicher Stretch bei der
Bandanlage (siehe „Fascial Thrust“, Kap. 7.3.3) ver- Beim Flossen kann es auch bei korrekter Anwen-
stärkt die Wirkung der Technik. dung zu Verletzungen kleinerer Hautgefäße kom-
Die Wirkung lässt sich weiter steigern, wenn men, die sich unmittelbar nach Abnahme des
man Art und Umfang der Bewegung verändert. Flossbandes als streifenförmige Hämatome mani-
Während bei einfachen Bewegungen ohne Belas- festieren (▶ Abb. 4.4). Diese sind für den Patienten
tung die Effekte noch gering sind, haben wir bei unbedenklich und zeugen eher von einem effek-
Bewegungen gegen Widerstand und komplexen tiven Einsatz der Technik als von einer Überdosie-
Bewegungsreihenfolgen wie beispielsweise Be- rung (vorausgesetzt, der Patient leidet nicht unter
schleunigungen mit Richtungswechsel, Auf- und einer Blutgerinnungsstörung oder nimmt Gerin-
Absprüngen, Sprints, dreidimensionalen Wurf- nungshemmer). Auch Tage nach der Behandlung
und Stoßbewegungen erhebliche Verbesserungen ist das Auftreten von Blutergüssen möglich, weil es
der Beweglichkeit beobachten können. Wir ver- unter dem Einfluss starker mechanischer Kräfte
muten, dass es durch die hohen Kräfte zu einer zu einem „Zerreißen“ von Adhäsionen im Binde-

Abb. 4.4 Unmittelbar nach Abnahme des Bandes können sich streifenförmige Hämatome zeigen, die aber unbedenklich
sind.

53
Wirkweisen und Hypothesen

gewebe kommen kann. Auch hier müssen sich Pa- Adhäsiolyse


tient und Therapeut keine Sorgen machen, denn
Unter Adhäsiolyse verstehen wir das nichtchirur-
bei korrekter Anwendung der Technik zerreißen in
gische Lösen von pathologischen Crosslinks im
erster Linie pathologischen Crosslinks, die zuvor
Bindegewebe. Pathologische Crosslinks entstehen
die Beweglichkeit oder Funktion eingeschränkt ha-
infolge von Bewegungsmangel, einseitigen Be-
ben. Weisen Sie Ihre Patienten aber in jedem Fall
wegungen, Haltungsschwäche, chronischen Fehl-
bereits vor der Behandlung auf diese „Nebenwir-
belastungen und Verletzungen (vgl. Kap. 3.5). Aber
kung“ des Flossens hin und klären Sie zuvor das
auch das Altern und Inaktivität sind Ursachen
Vorhandensein von Risikofaktoren ab (siehe Kap.
für das vermehrte Auftreten von pathologischen
5.3)!
Verbindungen in den kollagenen Netzwerken
(▶ Abb. 4.5). Die Folge ist ein Mobilitätsverlust, der
Verbesserung der Mobilität schleichend beginnt, dann immer deutlicher zum
Die Verbesserung der Mobilität aufgrund der sepa- Tragen kommt und Betroffene bei Alltagsbewe-
rierenden Translation faszialer Etagen beruht in gungen und im Sport behindert. Auch das Ver-
erster Linie auf der Lösung pathologischer Cross- letzungsrisiko steigt (van den Berg 2011; van den
links – der Adhäsiolyse. Zum anderen machen wir Berg 2016).
in diesem Zusammenhang auch reflektorische Pathologische Crosslinks bilden sich nicht von
Vorgänge dafür verantwortlich, wie sie etwa durch allein zurück. Sie können aber gelöst werden,
die Stimulation von Ruffini-Rezeptoren (s. u.) aus- wenn ausreichend große Kräfte auf das kollagene
gelöst werden. Weiter unten werden weitere Ef- Netzwerk einwirken. Insbesondere Scherkräfte
fekte beschrieben, die ebenfalls zu einer Steigerung scheinen eine besonders gute Wirkung zu haben,
der Mobilität beitragen (Schwammeffekt, Fluid weil es dabei zu der gewünschten separierenden
dynamics etc.) Translation der faszialen Etagen kommt. Dabei
werden die Kollagenfasern der EZM stark auf
Länge beansprucht, im Idealfall auch dreidimen-

kollagene Abb. 4.5 Schematische Darstellung


Crosslink Fasern des kollagenen Netzwerks.
a entspannter Normalzustand.
b entspannt mit pathologischen
Crosslinks.
c belasteter Normalzustand.
d belastet mit pathologischen Cross-
links.

a b

54
4.1 Myofasziale Kompression

sional gedehnt, sodass unter der einwirkenden 4.1.3 Stimulation von Haut-
Kraft die reversiblen Verbindungen zwischen den
Molekülen zerrissen werden.
afferenzen, Mechanorezeptoren
und freien Nervenendigungen
Arbeiten in allen Ebenen H Die myofasziale Kompression bewirkt eine Stimu-
lation von Hautafferenzen und Mechanorezep-
Gerade wenig oder übermäßig beanspruchte toren sowie von freien Nervenendigungen in
Faszien gleichen in ihrer Struktur eher einem Filz, Unterhaut und superfizialer Faszie. Auch die Me-
in dem die Kollagenfasern völlig ungeordnet chanorezeptoren in tieferen Gewebsschichten bis
verlaufen, als einem geordneten Netzwerk (vergl. hin zur Fascia profunda sprechen wohl auf die
▶ Abb. 3.12). Im lockeren Bindegewebe ist die starken Reize beim Flossen an. Durch die Stimu-
Crimp-Formation, die wellenförmige Anordnung lation verändert sich die Reizschwelle der Rezep-
der Kollagenfasern, dabei oft aufgehoben (Muel- toren. Je nach Stärke und Art des mechanischen
ler und Maluf 2002; Schleip 2013). Will man Reizes reagieren wohl unterschiedliche Rezep-
wieder „Ordnung“ in das Fasernetz bringen, toren. Die Reizantworten sind verschieden.
müssen zunächst die pathologischen Crosslinks
gelöst werden. Weil sich die Kollagenfasern in
allen Ebenen des Raums miteinander verbinden, Hinweis V
müssen lösende Techniken in jeder Ebene Kraft- Bei Schmerzen nach einer Entzündung verwende
vektoren generieren, um möglichst viele dieser ich immer zunächst das schwächste Band
störenden Verbindungen zu zerreißen. Erst im (limette). So kann ich die Rezeptoren der ober-
Anschluss kann sich das Bindegewebe wieder in flächlichen Faszien ausreichend inhibieren. Zu
Abhängigkeit von den einwirkenden Belastungen viel Druck kann Irritationen hervorrufen, den
neu organisieren. Schmerz verstärken und wirkt u. U. mehr in
tiefen Gewebsschichten, die in diesem Fall nicht
erreicht werden müssen.
Neben Easy Flossing sind auch endgradige Belas-
tungen, wie sie beim Dehnen und bei verschie-
denen aktiven Übungsformen vorkommen, geeig-
net, Crosslinks aufzulösen. Voraussetzung ist, dass Mechanorezeptoren und
sie ausreichend lange und über einen längeren freie Nervenendigungen
Zeitraum immer wieder auf das Gewebe einwirken
In der superfizialen Faszie enden ca. 80 % aller
(van den Berg 2011).
peripheren Nerven, viele als Mechanorezeptoren,
aber noch viel mehr als freie Nervenendigungen.
Muskelkater nach Easy Flossing ● Ruffini-Rezeptoren reagieren v. a. auf tangential

Beim Flossen kann es ein bis zwei Tage nach der einwirkende Kräfte und dämpfen die Aktivität
Behandlung zu Schmerzen im behandelten Kör- sympathischer Nervenfasern. Da es bei der myo-
perabschnitt kommen, die sich wie Muskelkater faszialen Kompression während des Flossens zu
anfühlen. Grund dafür sind vermutlich die Mikro- erheblichen Scherkräften im Grenzbereich der
verletzungen, die bei der Anwendung der Technik unterschiedlichen Gewebeformationen kommt,
entstehen. Patienten sollten im Anschluss an die gehen wir davon aus, dass dieser Effekt bei Easy
Behandlung ausreichend trinken und sich bewe- Flossing sehr ausgeprägt ist. Die Senkung der
gen, um einen besseren Abtransport der Metabo- Sympathikusaktivität bewirkt eine Vasodilata-
liten zu gewährleisten. Die Reparaturvorgänge tion und eine Senkung des Muskeltonus.
● Golgi-Rezeptoren reagieren auf starke Reize und
nach der Behandlung sorgen für eine bessere Be-
lastbarkeit und Mobilität des Bindegewebes. bewirken unmittelbar eine Senkung des Muskel-
tonus aktivierter Muskelfasern. Man findet viele
Golgi-Rezeptoren in den Muskelanteilen von
Muskel-Sehnen-Übergängen, aber auch in
Anheftungen von Aponeurosen, in Kapseln und

55
Wirkweisen und Hypothesen

in den Ligamenten peripherer Gelenke. Wir des Flossbandes beobachten kann (▶ Abb. 4.6). Es
können uns vorstellen, dass ein detonisierender ist gut möglich, dass die vermehrte Durchblutung
Effekt vor allem bei der Kombination von Easy und der Austritt von Plasma ins Interstitium auch
Flossing mit manuellen Behandlungstechniken mitverantwortlich sind für die spontane Verbes-
und aktiven Bewegungen auftreten kann. serung der Mobilität nach dem Flossen.
● Pacini-Rezeptoren haben eine niedrigere Reiz-
schwelle und sprechen auf wechselnde mecha-
nische Reize an. Diese entstehen beispielsweise
Axonreflex ist eine Hautreaktion H
bei Vibration, repetitiven und ruckartigen Be- Beim Axonreflex handelt es sich streng ge-
wegungen. Ihre Stimulation verbessert das pro- nommen nicht um einen Reflex, sondern um
priozeptive Feedback in Bezug auf die behandel- eine lokale Reaktion auf mechanische Reize.
te Körperregion, was einen Einfluss auf das Die Hautreaktion kann auch beobachtet werden,
„Movement Development“ haben könnte (siehe wenn eine vollständige Lähmung vorliegt, d. h.,
Kap. 4.4). wenn die Afferenzen zum Zentralnervensystem
● Freie Nervenendigungen finden sich in fast allen unterbrochen sind und die sympathische Inner-
Geweben. Sie stammen teils von myelinisierten vation ausfällt.
(Typ-III-Afferenzen), teils von nichtmyelinisier-
ten Nerven (Typ IV) und enden im interstitiellen
Raum. Einige freie Nervenendigungen sind
Schmerzrezeptoren. Die meisten aber sind
Mechanorezeptoren mit unterschiedlicher Reiz-
schwelle. Solche mit niedriger Reizschwelle
lassen sich durch weiche Berührungen oder
sanfte Bewegungen stimulieren, die mit hoher
Reizschwelle sprechen auf starke mechanische
Reize an. Ihre Hauptaufgabe scheint die Fein-
regulierung des Blustflusses zu sein, weil eine
Stimulation der freien Nervenendigungen auch
Einfluss auf autonome Funktionen wie die Regu-
lierung des Blutdrucks, der Herzrate und der
Atmung hat. Sie vermitteln aber auch mecha-
nische, insbesondere propriozeptive Reize.
Welche freien Nervenendigungen jeweils ange-
sprochen werden ist vermutlich abhängig von
der Reizstärke. Die Afferenzen der freien Ner-
venendigungen konvergieren in den WDR-Neu-
ronen des Rückenmarks (S. 57) (siehe Kap. Ana-
tomische Grundlagen) (Schleip 2004; Schleip
2011).

Axonreflex
Die kräftige Stimulation kutaner Axone löst sofort
eine lokale Rötung, gelegentlich auch eine Schwel-
lung der Haut aus. Der Effekt beruht wohl auf einer
Erweiterung der Blutgefäße (Vasodilatation) und
dem Austritt von Plasma ins Subkutangewebe
(Plasmaextravasion), ausgelöst durch die Aus- Abb. 4.6 Vermutlich wegen des Axonreflexes ist die
schüttung verschiedener Substanzen. Wahrschein- Haut nach Abnahme des Flossbandes oft stark gerötet.
lich kommt es durch den Axonreflex zu der deut-
ichen Rötung der Haut, die man nach Abnahme

56
4.1 Myofasziale Kompression

Schmerzinhibition WDR-Neurone H
Drug-free Pain Management WDR-Neurone spielen bei der Schmerzverarbei-
Flossen ist eine Form des „Drug-free Pain Manage- tung eine besondere Rolle. Während LT-Neurone
ment“. Damit ist die Schmerzbewältigung ohne frei von nozizeptiven Afferenzen sind und HT-
Zuhilfenahme von Tabletten und anderen Drogen Neurone ihren Input ausschließlich aus nozizep-
gemeint, seien es pflanzliche Wirkstoffe oder tiven Afferenzen erhalten, konvergieren in den
bewusstseinsverändernde Substanzen. Relevant ist niederschwelligen WDR-Neuronen sowohl nicht-
die nichtmedikamentöse Schmerzbehandlung im nozizeptive als auch nozizeptive Afferenzen
Leistungssport und bei Patienten mit schweren (Aβ-, Aδ- und C-Fasern) aus unterschiedlichen
Erkrankungen von Leber und Niere, weil die Sub- Geweben (▶ Abb. 4.7). Wegen der niedrigen
stanzen, die zum Einsatz kommen, entweder ver- Erregungsschwelle genügen schon leichte Be-
boten sind (Doping-Liste) oder den Organismus zu rührungsreize, um ein Aktionspotenzial auszu-
sehr belasten. lösen, das die WDR-Neurone stimuliert. Es ist
Die Schmerzinhibition durch Flossen beruht ver- daher möglich, mit mechanischen Stimuli unter-
mutlich auf verschiedenen Effekten. Generell grei- halb der Schmerzgrenze über schnellleitende
fen im menschlichen Organismus unterschiedliche Aβ-Afferenzen den Input aus langsam leitenden
Mechanismen ineinander, wenn Schmerzen ge- Schmerzfasern zu überdecken. Easy Flossing
lindert und teilweise oder gar vollständig unter- (und andere Therapieverfahren) macht sich
drückt werden. An dieser Stelle ist nur eine kurze diesen Effekt zunutze, um Schmerzen zu inhi-
Darstellung der in Frage kommenden Mechanis- bieren (physiolexikon 2007).
men möglich. Mehr darüber erfährt man in ent-
sprechenden Fachbüchern. Auch die neure Litera-
tur zur Faszienforschung aus der Gruppe um Segmentale Hemmung
Robert Schleip hat hierzu viele Erkenntnisse zu-
Im zweiten Neuron des Hinterhorns konvergieren
sammengetragen.
Afferenzen von unterschiedlichen Rezeptoren und
freien Nervenendigungen. Auf dieser Ebene
Anatomische Grundlagen kommt es zu einer Unterdrückung von Schmerz-
Im Hinterhorn des Rückenmarks werden sämtliche reizen, wenn druck- und berührungsempfindliche
Afferenzen aus Haut und Unterhautgewebe, der Mechanorezeptoren (Aβ und δ-Afferenzen) die
EZM und den Faszien sowie aus den Organen vom WDR-Neurone erregen. So werden Schmerzreize
ersten Neuron auf das zweite Neuron umgeschal- geblockt, die über die langsamer leitenden spi-
tet. Dabei unterscheidet man drei Klassen von nalen Nozizeptoren (C-Fasern) vermittelt wer-
Neuronen: den. Die Wahrnehmung diffuser, oft chronischer
● LT-Neurone (LT = „low threshold“): Neurone mit Schmerzreize wird somit unterdrückt.
niederer Erregungsschwelle, die ihren Input in
erster Linie aus mechanosensitiven Afferenzen
beziehen und die nicht am Schmerzempfinden
beteiligt sind.
● WDR-Neurone (WDR = wide dynamic range):

niederschwellige Neurone mit großen rezeptiven


Feldern. In ihnen konvergieren Afferenzen aus
Mechanosensoren und Nozizeptoren.
● HT-Neurone (HT = high threshold): Neurone mit

hoher Erregungsschwelle und kleinen rezeptiven


Feldern, die Erregung erfolgt wahrscheinlich
ausschließlich durch Schmerzreize.

57
Wirkweisen und Hypothesen

Multirezeptive Konvergenz am WDR-Neuron

wirbelsäulennahe
Strukturen
generell
„deep somatic afferences“
Wirbel-
säule

WDR-Neuron
(wide-dynamic-
range)

Viszerum
Haut

Axon

Muskel
Muskelafferenzen

Abb. 4.7 Wide-Dynamic-Range-Neuron (WDR-Neuron). Afferenzen aus verschiedenen Geweben konvergieren an den
WDR-Neuronen (Böhni et al. 2015).

Folgen unterdrückter Schmerzen H Beim Flossen erfolgt die Reizung der mechano-
sensitiven Rezeptoren durch die myofasziale
Einerseits hat Schmerzhemmung positive Effekte, Kompression mit dem Flossband und durch die
erhält sie doch bei leichten Schädigigungen des anschließende Bewegung oder manuelle Stimu-
Gewebes die Körperfunktion. Andererseits kann lation. Dabei werden sowohl niederschwellige
es auch negative Folgen haben, wenn Schmerz- berührungsempfindliche Mechanorezeptoren (Aβ-
reize subkortikal blockiert werden, denn der Fasern, Ia-, Ib-, II-Fasern) als auch dünne, schnell
Körper adaptiert unwillkürlich mit einer veränder- leitende Aδ-Fasern stimuliert (Aδ-Hemmung).
ten Ansteuerung der Muskulatur. Dadurch än- Weil dieses Erklärungsmodell sich in erster Linie
dern sich Bewegungsmuster, oft nur in Nuancen. aber auf schwächere Reize bezieht (van den Berg
Aufgrund geänderter Bewegungsmuster kann 2016), müssen noch andere Mechanismen eine
aber einerseits das Risiko für das Auftreten von Rolle spielen.
Verletzungen steigen (Kap. 3.5.2). Andererseits
kann es auch langfristig aufgrund veränderter
Bewegungsmuster zur Entstehung von Arthrosen
oder anderen degenerativen Erkrankungen
kommen.

58
4.1 Myofasziale Kompression

Gate-Control-Theorie H ● Hysterese-Hypothese: Kollagenfasern kehren bei


wiederholter Dehnung zunächst nicht mehr voll-
Die Gate-Control-Theorie von Melzack und Wall ständig in ihren Ausgangszustand zurück. Damit
beschreibt die Mechanismen der Schmerzunter- verschiebt sich der Bereich der Gelenkbewegung,
drückung auf Rückenmarksebene als intergralen in dem es zu einer Erregung von dehnungs-
Bestandteil der Schmerzhemmung (Fakler und empfindlichen Afferenzen im Weichteilgewebe
Fahlke 2005). Demnach kann ein sensorischer In- kommt. Dies ist verbunden mit einem (vorüber-
put aus schnell leitenden Aβ-Fasern die Wahrneh- gehenden) Zugewinn an schmerzfreier Beweg-
mung von Schmerzsignalen inhibieren. lichkeit.
● Reizinduzierte Desensibilisierung: durch wie-
derholte mechanische Reize kommt es zur
Deszendierende Hemmung Entladung von Gelenk-, Haut- und Muskel-
rezeptoren, die inhibitorische Interneurone
Eine weitere Erklärung für die schmerzlindernde erregen, die mit α-Motoneuronen verbunden
Wirkung des Flossens beruht auf dem Prinzip der sind. Folge: Der Muskeltonus sinkt.
Gegenirritation (Modell des negativen Feedbacks
von Basbaum und Fields). Demnach setzen inten-
sive Reize, die primär über hochschwellige dünn 4.1.4 Flüssigkeits- und Blutstau
myelinisierte periphere Afferenzen vermittelt wer- Die zirkuläre Kompression mit dem Flossband re-
den, einen Mechanismus in Gang, der ausgehend duziert die Perfusion in den oberflächlichen Ge-
vom Hirnstamm eine Hemmung von Neuronen in fäßen und Lymphstrombahnen oder bringt diese
den Schmerzbahnen des Hinterhorns bewirkt. vorübergehend völlig zum Erliegen. Dieser Effekt
Voraussetzung ist, dass der mechanische Reiz ist erwünscht und kann durch die geeignete Wahl
durch das Flossband bewusst vom Patienten wahr- des Flossbandes und die Stärke des Zugs dosiert
genommen wird. Diese deszendierende Hemmung werden. Der venöse Rückstrom zum Herzen wird
lindert akute, vor allem aber auch chronische vorübergehend verhindert. Die Versorgung mit
Schmerzen (van den Berg 2016). Nährstoffen in den oberflächlichen Gewebsschich-
ten nimmt für den Zeitraum der Anwendung (ca.
Diffuse Noxious Inhibitory Controls 2–3 min) ab. Auch werden die übrigen Flüssig-
(DNIC) keitsströme vorübergehend behindert, sodass
Wasser und Lymphe nicht mehr frei im Gewebe
DNIC bezeichnet ein System der Schmerzhemmung, fließen können.
das durch zentrale Mechanismen den Fokus auf Der Stau von Blut und Gewebeflüssigkeit reizt
den aktuell stärksten oder wichtigsten Schmerz chemosensible Rezeptoren, die die Ausschüttung
lenkt. Intensive Reize können so bewirken, dass von Gewebehormonen wie Wachstumshormonen
ein vorher bestehender Schmerz zumindest vor- (GH = growth hormon) stimuliert. Die Konzentra-
übergehend aus dem Bewusstsein verschwindet. tion von Stickstoffmonoxid (NO) im Gewebe steigt,
Es ist durchaus möglich, dass das Schmerzempfin- ebenso die Creatin-Kinase (CK). In der Summe löst
den, das vom komprimierenden Flossband aus- die durch Okklusion verursachte Krise regenera-
gelöst wird, gemäß diesem Modell zur Schmerz- tive Vorgänge aus, von denen das lokale Gewebe
linderung beiträgt (Fakler und Fahlke 2005). profitiert.

Weitere mechanisch vermittelte Stickstoffmonoxid


schmerzhemmende Mechanismen
NO sorgt aufgrund seiner relaxierenden Wirkung
(van den Berg 2016) auf glatte Muskelzellen für eine Erweiterung der
● Ermüdung: Es ist bekannt, dass passive Bewe- Blutgefäße (Vasodilatation) und macht diese
gung auch über die Ermüdung peripherer Nozi- durchlässiger. Daneben kommt es unter dem Ein-
zeptoren einen schmerzlindernden Effekt hat. fluss von NO auch zu einer Relaxation der Myo-
Dadurch vergrößert sich der schmerzfreie fibroblasten und somit zu einer Entspannung der
Bewegungsumfang von Gelenken. Faszien (Mueller und Maluf 2002).

59
Wirkweisen und Hypothesen

Creatin-Kinase zu große oder ungeeignete Krafteinwirkungen das


Gegenteil von dem bewirken, was man eigentlich
CK spielt im Energiestoffwechsel eine wichtige anstrebt: eine Kräftigung bindegewebiger Struk-
Rolle, insbesondere bei der Regeneration von Ade- turen und die Unterstützung von Reparationsvor-
nosintriphosphat. Seine Konzentration steigt bei gängen (s. a. Kap. 4.5).
körperlicher Anstrengung wie z. B. beim Krafttrai-
ning, aber auch Sauerstoffmangel begünstigt den
Austritt von CK aus der Zelle. Auch die mögliche Stimulation von Fibroblasten in
Hämatombildung, zu der es beim Flossen kommen der Extrazellulären Matrix (EZM)
kann, hat einen Anstieg des CK im Blut zur Folge.
Nach neueren Erkenntnissen stimulieren Scher-
kräfte kleinste Flimmerhärchen (Zilien) der Fibro-
4.1.5 Mechanotransduktion blasten und haben so einen Einfluss auf deren Syn-
theseaktivität – ein Mechanismus, der maßgeblich
Es wird angenommen, dass bestimmte Effekte des
auf die Beschaffenheit des Bindegewebes Einfluss
Flossens darauf beruhen, dass der mechanische
hat. Es wird angenommen, dass die Art, wie die
Reiz in physiologische Signale umgewandelt wird.
mechanische Stimulation stattfindet, eine Rolle
So hat die myofasziale Kompression Auswirkun-
spielt. Erfolgt sie ruckartig mit hoher Intensität,
gen, die über die bisher dargestellten rein mecha-
werden entzündungsfördernde Substanzen in der
nisch vermittelten Effekte hinausgeht. Kennt man
Zelle ausgeschüttet. Lang dauernde, sanfte Dehn-
die zugrundeliegenden Mechanismen, was natür-
reize hingegen scheinen einen günstigen Einfluss
lich längst noch nicht hinreichend der Fall ist, kann
auf die Wundheilung zu haben und die Ausschüt-
man durch von außen einwirkende Kräfte die
tung kollagenabbauender Enzyme zu stimulieren
Struktur und Funktion des Bindegewebes gezielt
(Schleip 2016).
beeinflussen. Dabei sollte man aber beachten, dass

Hinweis V
Mechanotransduktion. Der Begriff wird von unter- Zusammenhang mit der Wundheilung sowie der
schiedlichen Autoren unterschiedlich verwendet. Infektionsabwehr eine Rolle spielen (Mueller und
● Myers verwendet den Begriff im Sinne der Nach- Maluf 2002).
richtenübermittlung innerhalb des Körpers. Spe- ● Schleip hingegen spricht in Bezug auf die Faszien
zielle Membranproteine, die die ganze Zellmem- von Mechanotransduktion, wenn er die Umwand-
bran durchspannen, sind in der Lage, Zug- und lung mechanischer Impulse in biochemische Re-
Druckspannungen zwischen der Umgebung der aktionen beschreibt. Zwar verweist auch er auf
Zelle und dem Zellinneren unmittelbar zu über- die Bedeutung der Aktin/Myosin-Komplexe und
tragen. Weil die Strukturen innerhalb der Zelle der mechanosensitiven Membranproteine, die die
ähnlich aufgebaut sind, wie es das Tensegrity- Integrine bilden. Weil diese aber erst auf ver-
Modell beschreibt (siehe Kap. 3.4.1), wirken sich hältnismäßig große Spannungsänderungen rea-
mechanische Veränderungen bis in die kleinsten gieren, ist in Bezug auf manuelle Behandlungs-
Bestandteile der Zelle aus. Umgekehrt besteht so verfahren die Bedeutung von Flimmerhärchen
eine direkte Verbindung aus dem Inneren der (Zilien) in der Zellmembran der Fibroblasten von
Zelle in das umgebende Bindegewebe. Kontrak- großer Bedeutung. Diese Zilien haben mechano-
tile Aktin/Myosin-Komplexe erzeugen eine Kraft, sensitive Ionenkanäle und reagieren auf die
die aus der Zelle heraus auch die Strukturproteine Scherkräfte, die auftreten, wenn die gallertartige
in der EZM erreicht. Von der Muskulatur ist dieser Grundsubstanz in Bewegung versetzt wird, wie
Mechanismus der Kraftübertragung gut bekannt. dies bei aktiven Bewegungen, aber auch bei ver-
Man vermutet, dass dieser Mechanismus auch bei schiedenen manuellen Therapieverfahren der Fall
der Entstehung von Krankheiten, die mit der sein kann (Schleip 2016).
Gewebestabilität verbunden sind, und auch im

60
4.2 Refill

Hinweis V 4.2 Refill


Die Wirkung des Flossens ist auch abhängig von Das Wiederauffüllen der zuvor komprimierten
der jeweiligen Aktivität. Mit Sprüngen, schnellen Bereiche („Refill“) beruht auf dem sogenannten
Richtungs- und Tempowechseln erzielt man eine „Schwammeffekt“ (→ Definition) und tritt umso
eher stimulierende Wirkung. Mit langsamen, besser ein, je schneller man das Flossband nach der
dehnenden Bewegungen fördert man die Rege- Kompression abnimmt (▶ Abb. 4.8). Beim Flossen
neration. wird das unter dem Band befindliche Gewebe
stark komprimiert. Dies mindert den Blutfluss in
den Arterien und Venen, in Einzelfällen wird er
vollständig verhindert. Lymphe kann vorüberge-
Verbesserte motorische Ansteuerung hend nicht mehr abfließen und aus der Grund-
Carla Stecco hält es für möglich, dass die mecha- substanz wird interstitielle Flüssigkeit herausge-
nische Stimulation bestimmter Bereiche tiefer presst. Wird das myofasziale System dann mit der
Faszien eine mechanische Form der Informations- Abnahme des Bandes sehr schnell vom Druck ent-
weiterleitung von Schmerzen und zur Beeinflus- lastet, strömt vermehrt Flüssigkeit in die zuvor
sung der motorischen Koordination bewirkt, die komprimierten Abschnitte. Das Lumen der Gefäße
zeitlich schneller erfolgt, als dies mittels des Ner- im Gebiet der Bandanlage wird größer, weshalb
vensystems möglich ist. Der Mechanismus beruht das Blut wieder ungehindert und in größerer Menge
darauf, dass Änderungen der Zellform über Gap durch die Gefäße fließt. Das herausgepresste Plasma,
junctions an benachbarte Zellen übertragen wer- Lymphe und interstitielle Flüssigkeit in der EZM
den (Stecco 2016). fluten das Gewebe. Dies hat verschiedene Effekte:
● „Durchspülen“ und Dynamisierung des Gewebes,

Gap junctions H Rehydration, (Fluid Dynamics)


● verbesserte Viskoelastizität (Verbesserung der

Gap junctions sind Verbindungsproteine in der Mobilität)


Zellmembran, die über eine Pore den direkten
Austausch von Ionen und Molekülen von Zelle
zu Zelle ermöglichen. Sie werden auch als elek-
Schwammeffekt H
trische Synapsen bezeichnet, weil sie eine we- Der gesamte Vorgang, das Anlegen des Floss-
sentlich schnellere Signalübertragung von Zelle bandes und das Abnehmen, kann mit dem Aus-
zu Zelle ermöglichen als chemische Synapsen pressen eines Schwammes verglichen werden.
(Dermietzel et al. 2017). Wie ein ausgedrückter Schwamm die Flüssigkeit,
die man herausgepresst hat, wieder aufsaugt,
strömen Blut, Wasser und Lymphe wieder in das
„ausgepresste“ Bindegewebe, wenn man das
4.1.6 Aufbrechen von Flossband schnell entfernt. In der Physik be-
Makromolekülen schreibt man diesen Prozess als Effekt der Flüssig-
keitsdynamik (engl.: fluid dynamics effect). Weil
Wir vermuten, dass durch die Kompression und
die freie Gewebsflüssigkeit beim Menschen nicht
die begleitende manuelle Behandlung beim Flos-
einfach aus dem Körper austreten kann, kommt
sen Makromoleküle in der Grundsubstanz des Bin-
es bei der Einwirkung externer Kräfte zu einer
degewebes aufgebrochen werden. Insbesondere
Verschiebung der Flüssigkeit aus einem kompri-
Regionen, in denen zuvor kaum Wasser gebunden
mierten in einen nicht komprimierten Bereich.
werden konnte, sind dann wieder in der Lage,
Sobald der Druck nachlässt, strömt die Flüssigkeit
mehr Flüssigkeit aufzunehmen. Dies hat positive
entsprechend dem Druckgefälle aus der Um-
Auswirkungen auf die Beweglichkeit und den
gebung in den entlasteten Bereich, in dem ein
Stoffwechsel.
relativer Unterdruck herrscht.
Je schneller man das Band abnimmt, umso
deutlicher macht sich der Schwammeffekt
bemerkbar.

61
Wirkweisen und Hypothesen

Abb. 4.8 So erzielen Sie den opti-


malen Schwammeffekt.
a Fassen Sie das eingesteckte Ende
des Flossbandes …
b … und schwingen Sie dieses mit
locker kreisenden Bewegungen …
c … bis das Band komplett entfernt
ist.

62
4.2 Refill

4.2.1 Rehydration Neben den auf der Flüssigkeitsverschiebung be-


ruhenden Effekten hat der Wechsel von Kompres-
Das Behandeln der Faszien öffnet alte, durch Adhä- sion und Entlastung eine weitere Wirkung, die sich
sionen oder Fasern geschlossene Verbindungen im günstig auf die Regeneration des Gewebes aus-
Gewebe und trägt so zu einer verbesserten Hydra- wirkt. Werden bei der Kompression zunächst mo-
tion der EZM bei. Dies verbessert die Versorgung lekulare Strukturen mechanisch zerstört (Adhäsio-
der Grundsubstanz mit Nährstoffen, was sich lyse, Aufbrechen von Makromolekülen), regt der
günstig auf deren Viskosität und die Funktion des Einstrom von interstitieller Flüssigkeit mit den
myofaszialen Systems auswirkt. Die Zellen werden darin gelösten Substanzen die Neubildung von
durch die Therapie befähigt, ihren normalen Stoff- Hyaluronsäureketten an.
wechsel wiederaufzunehmen (Mueller und Maluf
2002).
Durch den plötzlich nachlassenden Druck fließt 4.2.2 Verbesserte Viskoelastizität/
wieder Blut durch die Gefäße, interstitielle Flüssig- Verbesserung der Mobilität
keit strömt in die zuvor „ausgepresste“ Region.
Eine Veränderung der Viskoelastizität ergibt sich
Durch die Strömung bzw. Flüssigkeitsdynamik
aus dem Einstrom von Flüssigkeit in das behan-
(engl.: „fluid dynamics“) wird der behandelte Kör-
delte Areal. Der Wassergehalt der EZM nimmt in
perabschnitt mit Nährstoffen und anderen gelös-
kürzester Zeit zu, was deren Konsistenz beein-
ten Substanzen versorgt. Gleichzeitig werden
flusst: Sie wird weicher, verändert sich eher zum
Stoffwechselabbauprodukte, aber auch im Binde-
flüssigeren, solartigen Milieu. Im myofaszialen Sys-
gewebe gebildete Substanzen aus diesem heraus-
tem wirkt sich dies im Sinne einer besseren Gleitfä-
gespült. Die Trophik im behandelten Gebiet ver-
higkeit zwischen den faszialen Ebenen aus, die Ver-
bessert sich. Manche vergleichen diesen Effekt mit
schieblichkeit wird besser, die Mobilität nimmt zu.
einem „Ölwechsel“. Davon profitieren insbesonde-
Mit Easy Flossing lassen sich frappierende Effek-
re weniger gut versorgte Areale, die kaum von
te erzielen. So verringert sich der Finger-Boden-
Blutgefäßen durchzogen sind (siehe folgender Kas-
Abstand nach Flossen des Oberschenkels (siehe
ten).
▶ Abb. 9.48) meist um die Hälfte, wenn der Patient

Effekte auf „rotes“ und H mit dem Flossband mehrere Kniebeugen (Squats)
gemacht hat. Dieser Effekt geht sicherlich nicht auf
„weißes“ Gewebe das Dehnen zurück, zeigt aber ganz deutlich, dass
Easy Flossing einen erheblichen Einfluss auf die
„Rotes“ Gewebe bezeichnet in diesem Kontext
Mobilität hat.
gut durchblutetes Muskelgewebe. „Weißes“

H
Gewebe hingegen ist weniger gut durchblutet,
die Nährstoffe gelangen auf anderem Weg zu Easy Flossing ersetzt
den Zellen (Osmose, Diffusion). Zum „weißen“ kein Dehntraining
Gewebe zählen u. a. Aponeurosen, Ligamente
Der Wassergehalt der EZM kann aus verschie-
und Muskelansätze (Sehnen).
denen Gründen abnehmen: einseitige Belastung,
Wegen der besseren Durchblutung im „roten“
Entzündungen und Verletzungen, Altern etc.
Gewebe spielt hier das einströmende Blut in
(s. Kap. 3.5). Die damit einhergehende Abnahme
Bezug auf die Wirkungen des Flossen eine grö-
der Beweglichkeit hat verschiedene Gründe, u. a.
ßere Rolle. Patienten können die vermehrte Akti-
der verringerte Flüssigkeitsgehalt der Matrix.
vität der Adventitia im geflossten Bereich unmit-
Wenn nun durch die Abnahme des Bandes beim
telbar nach der Abnahme des Bandes als Pump-
Flossen mehr Wasser ins Gewebe gespült wird, er-
gefühl (engl.: „pump“) spüren.
höht dies kurzfristig die Beweglichkeit. Ob es aber
Im „weißen“ Gewebe ist es vor allem die Ver-
auch zu längerfristigen Effekten kommt, lässt sich
schiebung von interstitieller Flüssigkeit, die die
daraus nicht folgern und muss in Studien noch
mit dem Schwammeffekt bezeichneten lokalen
untersucht werden. Sicher gelingt eine dauerhaf-
Veränderungen hervorruft. Rehydration trägt
te Besserung der Mobilität nur, wenn Easy Flos-
vermutlich v. a. im „weißen“ Gewebe zu einer
sing wiederholt und in Kombination mit anderen
Verbesserung der Trophik bei.
mobilisierenden Maßnahmen angewendet wird
(Dehntraining, Weichteiltechniken, etc.).

63
Wirkweisen und Hypothesen

Abb. 4.9 Der Tonus des myofaszialen


Tonus myofasziales Systems kann grundsätzlich durch
System verschiedene therapeutische Maß-
nahmen beeinflusst werden. Über
die Stimulation der verschiedenen
Mechanorezeptoren werden Effekte
motorische therapeutische Intervention im zentralen und autonomen Nerven-
Efferenz/Ausschüttung von (Easy Flossing, system ausgelöst, die eine spürbare
gewebeaktiven Substanzen manuelle Techniken ect.) Tonusänderung zur Folge haben.
Andere Faktoren, die hier nicht be-
rücksichtigt werden, haben mittel-
und langfristig ebenfalls einen Ein-
fluss (Ernährung, Lebensumstände,
zentrales Stimulation Genetik).
und autonomes Mechano-
Nervensystem rezeptoren

4.3 Releasing Kompression, die eine Absenkung der Gewebe-


spannung bewirken. Neben neurophysiologischen
Releasing, die Verminderung der Gewebespan- Mechanismen wie postisometrischer Relaxation
nung, ist ein weiterer Effekt von Easy Flossing. Er und reziproker Hemmung wirken wohl auch hu-
stellt sich ein, wenn Easy Flossing mit Weichteil- morale und lokale Effekte (Sato und Schmidt 1973;
techniken und rhythmischen, vibrierenden Be- Schleip 2011). Nicht unerheblich sind letztlich
wegungen kombiniert wird, die viele rotatorische auch die Zuwendung des Therapeuten und das
Komponenten enthalten und in allen Ebenen, also Verhältnis zwischen ihm und dem Behandelten,
multidirektional, stattfinden. weil wohl auch psychische Effekte wirken.
Prinzipiell lässt sich der Tonus des myofaszialen

V
Systems durch unterschiedliche Techniken beein-
Hinweis
flussen (▶ Abb. 4.9). Mit dem Flossband haben wir
ein geeignetes Werkzeug, um solche Effekte groß- Auch wenn der Tonus des myofaszialen Systems
flächig im Bereich großer Gelenke oder Körper- herabgesetzt werden soll, muss das Flossband
abschnitte zu erzielen. In diesem Abschnitt soll fest und mit Zug angelegt werden. Eine Anlage
erklärt werden, wie mit dem Flossband eine Sen- ohne Vorspannung des Bandes verringert den
kung der Gewebespannung gezielt herbeigeführt Effekt der Behandlung.
werden kann. Weiter unten (siehe Kap. 4.4) wird
erklärt, wie man auf dieser Grundlage eine ver-
besserte Rekrutierung der Muskulatur erreicht
4.3.2 Druckinhibition
(Movement Development).
Eine deutliche Absenkung des lokalen Muskel-
tonus erreicht man am besten, wenn man langsam
4.3.1 Fest, aber sanft mit gleichmäßigem Druck tief in das Gewebe ein-
Um den Tonus des myofaszialen Systems herab- dringt. Verschiedene Mechanismen bewirken dann
zusetzen, muss man das Flossband fest um den Teil die unmittelbar spürbare Absenkung des Muskel-
des Körpers wickeln, den man beeinflussen möch- tonus, der vermutlich auf lokalen strukturell-me-
te. Es genügt nicht, das Band mit einer Vorspan- chanischen, vegetativen und neurogenen Effekten
nung von nur 20 % anzulegen und dann die in Kap. beruht (Schleip 2011).
8.3 beschriebenen Techniken anzuwenden. Prin-
zipiell sind es eher die passiven Maßnahmen und
rhythmische Bewegungen in Kombination mit der

64
4.4 Movement Development

Hinweis V Thixotropie H
Um in einer funktionell zu festen Struktur wieder Verändert sich die Fließeigenschaft bzw. Visko-
einen physiologischen Muskel- bzw. Gewebe- sität einer Flüssigkeit, wenn man diese in Be-
tonus zu erhalten, müssen eine Bandbreite und wegung versetzt, spricht man von einer thixo-
eine Bandelastizität gewählt werden, die einen tropen Flüssigkeit. Verantwortlich hierfür sind
optimalen Flossing-Effekt ergeben. Dieser stellt Scherkräfte. Synovialflüssigkeit ist ein typisches
sich ein, wenn der Druck unter dem Flossband Beispiel für eine thixotrope Flüssigkeit im
etwas höher ist als der Gewebetonus unter dem menschlichen Organismus.
Band. Aus dem Alltag kennt man das Verhalten von
Die Bandbreite richtet sich dabei nach der Ketchup, der erst nach mehrmaligem Schütteln
Größe der Struktur, die umwickelt werden soll. leicht aus der Flasche fließt.
Die Bandelastizität muss sich an der Gewebe-
elastizität des Patienten orientieren (siehe Kap.
6). Bei einer mittleren Dehnung (50 %ige Ver- 4.4 Movement Development
längerung des Bandes) muss der vom Band auf
das Gewebe ausgeübte Druck höher als die aktu- Unter Movement Development verstehen wir die
elle Gewebespannung sein, ohne dass die Gefahr bessere Ansteuerung der Muskulatur bei der Aus-
besteht, dass Strukturen geschädigt werden führung komplexer Bewegungen. Dadurch erhö-
können. Dies gelingt nur mit unterschiedlichen hen sich unmittelbar nach dem Flossen Effizienz
Bandstärken, weil unterschiedliche Gewebe sehr und Qualität von Bewegungen.
unterschiedliche biomechanische Eigenschaften Movement Developement ist eine komplexe
aufweisen können. Wirkung von Easy Flossing, die auf unterschied-
Bei der Behandlung der Oberschenkelmuskula- lichen Mechanismen beruht:
tur eines durchtrainierten Sportlers zum Beispiel ● verbesserte Propriozeption

muss mit einem starken elastischen, breiten Band ● verbesserte intra- und intermuskuläre Koordina-

gearbeitet werden, um eine Vorspannung zu tion („Setup“)


erreichen, die höher ist als die Spannung im ● bessere Rekrutierung der Muskelfasern

Gewebe. An dem Unterarm eines älteren Men- ● Tonusregulation

schen mit sitzender Tätigkeit hingegen kann mit ● Schmerzlinderung (verbessert Stauungpro-

einem schwächeren und schmaleren Band ge- blematik)


arbeitet werden, weil der Gewebetonus in der ● verbesserte Mobilität

Regel geringer ist.


Der Nutzen für den Behandelten ist groß, weil mit
der besseren Bewegungsqualität der Energiever-
brauch abnimmt, Schmerzen weniger werden und
4.3.3 Rhythmische Bewegungen
das Risiko für Verletzungen oder Fehlbelastungen
Durch rhythmische Bewegungen kommt es zu durch eine verbesserte Propriozeption kleiner
einem kontinuierlichen Wechsel von Dehnung und wird.
Entdehnung der Muskelspindeln, was eine Absen-
kung des Muskeltonus zur Folge hat (van den Berg
2007). Möglicherweise beeinflusst die kontinuier-
Hinweis V
liche Abfolge der Bewegungen den Zustand der Corrective Exercises. Den Effekt des Flossens für
EZM, die sich mehr und mehr verflüssigt. Man das sensomotorische System nutzen wir unmit-
spricht in diesem Zusammenhang von Thixotropie. telbar, indem wir den Patienten/Sportler mit
Wir konnten beobachten, dass Kompression und angelegtem Flossband Übungen machen lassen,
die schmerzinhibierenden Wirkung des Flossens die falsche Haltungs- und Bewegungsmuster
diesen Effekt verstärken. korrigieren (siehe Kap. 8.3.5). Nach Abnahme
des Bandes wiederholt der Patient oder Sportler
dieselben Übungen, um die subkortikalen Be-
wegungsprogramme zu automatisieren.

65
Wirkweisen und Hypothesen

4.4.1 Verbesserte Propriozeption generiert, die Viskoelastizität verbessert sich und


die Bewegung benötigt weniger Energie, weil diese
Durch die Anlage des Flossbandes direkt auf die besser durch den Körper geleitet wird.
Haut werden unzählige Hautafferenzen stimuliert.
Dies verändert, zumindest kurzfristig, die Wahr-
nehmung des geflossten Körperabschnittes. Ähn- Hinweis V
lich wie bei einer Orthese ergeben sich dadurch Der Effekt der verbesserten Kraftgenerierung
Effekte, die nicht allein mechanisch zu erklären (engl.: „Strength Performance“) funktioniert nur
sind. Vielmehr ist anzunehmen, dass es zu einer mit angelegtem Flossband. Nimmt man das
Beeinflussung der Propriozeption kommt, die sich Flossband ab, kehrt sich der Prozess vorüberge-
günstig auf die Ansteuerung der Muskulatur bei hend sogar um, man wird schwächer. Wenn z. B.
der Ausführung komplexer Bewegungen auswirkt. mit dem Flossband eine Kniebeuge (Squat) mit
Es bleibt abzuwarten, ob diese Annahme durch zu- Gewicht noch gelingt, kann dieselbe Übung
künftige Forschungsergebnisse bestätigt werden unmittelbar nach Abnehmen des Flossbandes
kann. nicht mehr mit dem gleichen Widerstand bzw.
Gewicht gemacht werden. Die Erholungszeit,
4.4.2 Verbesserte inter- und bis das Ausgangsniveau wieder erreicht wird,
ist abhängig von Alter und Trainingszustand
intramuskuläre Koordination und anderen Faktoren (Ernährung, Schlaf,
Die verbesserte Koordination hat unseres Erach- Genussmittel).
tens im Wesentlichen mit zentralen neurologi-
schen Vorgängen zu tun. Wir nehmen an, dass es
beim Flossen zu einem „Setup“, wenn nicht gar zu Manuelle Techniken ergänzen den Effekt mit dem
einem „Reset“ (engl. für „Neustart“) in subkorti- Flossband. Generell steigt der Flüssigkeitsdruck
kalen Arealen kommt. Anders lässt sich die schnel- zwischen Muskel und Fascia profunda unter dem
le Wirkung der Therapie kaum erklären. Es findet Einfluss äußerer Kräfte. Arbeitet der Therapeut
ein Feintuning von subkortikal abgespeicherten dann noch zusätzlich in den Weichteilen, kann er
Bewegungsmustern (engl. „Motor Patterns“) statt, die Verteilung der Hyaluronsäure im faszialen Ge-
die dann wieder in vollem Umfang abgerufen wer- webe beeinflussen. Den besten Effekt erzielt man
den können. Der Patient kann seine Muskeln wohl mit einer Kombination aus tangentialer Os-
wieder besser ansteuern. In der Summe ergibt sich zillation und senkrechter Vibration, weil damit
daraus eine Ökonomisierung der Bewegung, oft auch die Mechanorezeptoren stimuliert werden
verbunden mit einer spontanen Abnahme von Be- (Roman et al. 2013).
schwerden.

4.4.4 Tonusregulation
4.4.3 Bessere Rekrutierung
Bei der Behandlung wird ein ausgeglichener Mus-
von Muskelfasern keltonus (sog. Normotonus, der in Wirklichkeit
(„Strength Performance“) aber nicht definiert wird) angestrebt. Zum Einsatz
kommen daher abhängig vom Befund tonisierende
Die bessere Rekrutierung von Muskelfasern gelingt
oder detonisierende Maßnahmen mit dem Floss-
dank einer Verbesserung der Kraftübertragungs-
band (vergl. Kap. 8.2). Die Idee dahinter: Erst ein
wege. Sind nach einer Verletzung oder aus an-
ausgeglichener Muskeltonus ermöglicht effiziente
deren Gründen die Kraftübertragungswege im
Muskelarbeit. Abweichungen erhöhen den Ener-
myofaszialen System blockiert, sind oft pathologi-
gieverbrauch, beeinträchtigen die Koordination
sche Crosslinks oder Narben dafür verantwortlich
oder Bewegungsausführung und beeinträchtigen
(Mueller und Maluf 2002). Werden solche Blocka-
auch den Stofftransport. Ein guter Stofftransport
den bei der Behandlung mit dem Flossband auf-
sichert den Gewebestoffwechsel, der eine wichtige
gelöst (→ Adhäsiolyse, Kap. 4.1), verbessert dies
Voraussetzung für effizientes Bewegen ist.
unmittelbar die Kraftübertragung in der gesamten
myofaszialen Kette. Es wird mehr Kraft im Gewebe

66
4.5 Wundheilung

Hinweis V Hinweis V
Sprinter oder Schnellkraftsportler mit einer ho- Weil der Effekt zunächst nur vorübergehend an-
hen Muskeldichte benötigen neben ihrer Mobili- hält, muss Easy Flossing mehrfach wiederholt
tät auch eine hohe Muskelspannung, um ihre werden, bis keine Verbesserung mehr erzielt
Leistung generieren zu können. Bei diesen Ath- wird. Erst dann kann man davon ausgehen, das
leten muss Easy Flossing sehr sensibel eingesetzt Optimum für den jeweiligen Patienten oder Ath-
werden, weil eine Absenkung des Muskeltonus leten erreicht zu haben.
eine Verschlechterung der Kraftentwicklung be-
wirkt.

4.4.6 Verbesserte Mobilität


Fallbeispiel I Wie es bei Easy Flossing zu einer verbesserten Be-
weglichkeit kommt, wurde weiter oben schon be-
Ein Patient, der aufgrund einer Fehllagerung wäh- schrieben. Im Hinblick auf Movement Develop-
rend einer Operation eine Peroneusparese erlit- ment sind, insbesondere im Sport, die objektive
ten hatte, konnte nach einer Easy Flossing-Be- Leistungsverbesserung und das subjektiv bessere
handlung die gelähmte Muskulatur wesentlich Bewegungsgefühl von Interesse. Beide Effekte
besser ansteuern. Dadurch hat sich sein Gangbild konnten wir bei unzähligen Behandlungen immer
spontan verbessert. Der Effekt hielt zwar nur ca. wieder feststellen.
36 Stunden. Durch die Wiederholung der Thera-
pie konnte aber insgesamt eine bleibende Wir-
kung erzielt werden.
Fallbeispiel I
Bei einigen Athleten, die sich für die Paralym- Viele Athleten berichten mir immer wieder, dass
pics qualifiziert und teilgenommen hatten, konn- sich Bewegungen nach der Behandlung mit dem
ten wir mit Easy Flossing detonisierend auf die Flossband deutlich „besser“ anfühlen als vor der
Spastik einwirken. Nach dem Wettkampf hatte Behandlung. Auch ihre objektiven Leistungs-
dies für die Regeneration einen positiven Effekt. parameter im Hinblick auf das Bewegungsziel
Vor dem Wettkampf war Easy Flossing hingegen verbessern sich nach Angabe der Athleten deut-
nicht von Vorteil, weil bei einer Änderung des lich. So gelingt es Eishockeyspielern z. B. leichter,
Muskeltonus das gesamte Bewegungsprogramm ihre Gegenspieler zu täuschen. Laufsportler be-
verändert wird. richten, dass sie nach der Behandlung mit dem
Flossband wieder ein „sicheres Gefühl“ beim Lau-
fen haben und nach Verletzungen wieder näher
an ihre alten Zeiten herankommen.
4.4.5 Schmerzlinderung
Die Schmerzlinderung trägt ebenfalls zur Verbes-
serung der Bewegungsqualität bei. Durch die Ab-
nahme des Schmerzes bewegen sich Patienten und
4.5 Wundheilung
Sportler in dieser Zeit deutlich besser und schnel- Frische Sportverletzungen sind für mich als Sport-
ler, ohne eine Schonhaltung einzunehmen. Aus- physiotherapeuten mein tägliches Brot, da ich
weichbewegungen werden weniger, die Synchro- schon seit Jahrzehnten Eishockeyspieler und ande-
nisation der Bewegung (zeitlich-räumliche Sum- ren Spitzenathleten betreue. Dank Easy Flossing
mation) wird besser. Dadurch verringert sich das habe ich dabei seit einigen Jahren ein zusätzliches
Risiko für Verletzungen und Folgeschäden bei dys- Werkzeug, das sich hervorragend für die Versor-
koordinierten Bewegungen. gung von Sportverletzungen eignet. In Kap. 9.5
stelle ich eine posttraumatische Anlage vor, wie
ich sie schon häufig unmittelbar nach einer Verlet-
zung mit Erfolg praktiziert habe. Hier erkläre ich

67
Wirkweisen und Hypothesen

Abb. 4.10 Das Bild zeigt eine typische Situation beim Sport. Nach einem Inversionstrauma hält sich die Läuferin den
schmerzhaften Knöchel. Schon unmittelbar nach der Verletzung beginnt die Wundheilungskaskade, die man mit Easy
Flossing günstig beeinflussen kann.

Ihnen die Grundlagen für diese Anlage, aber auch 4.5.1 Akutphase
für Anlagen in späteren Phasen der Wundheilung.
Ein Fallbeispiel am Ende des Buchs zeigt die typi- Entzündungsphase (Tag 0–5)
sche Anlage nach einem Inversionstrauma am
Sprunggelenk (siehe Kap. 10.1).
Vaskuläre Phase
Mit der Verletzung beginnt die vaskuläre Phase
Hinweis V der Wundheilung, die bis zum zweiten oder drit-
ten Tag andauert. In der Regel kommt es durch die
Über den Ablauf der Wundheilung findet man in Verletzung zu einer Einblutung ins Gewebe, auf
der Literatur unterschiedliche Angaben bezüglich die der Organismus mit der Blutstillung durch
der Benennung und Dauer der Phasen. Auch von Vasokonstriktion und Blutgerinnung reagiert. Auf-
Individuum zu Individuum gibt es hinsichtlich der grund einer gesteigerten Kapillarpermeabilität
Dauer der einzelnen Phasen erhebliche Unter- tritt vermehrt Blutplasma ins Interstitium aus,
schiede. Beachten Sie daher im Einzelfall bei jeder was die Einwanderung von Makrophagen und
erneuten Behandlung die klinischen Symptome Granulozyten erleichtert.
(insbes. Temperatur, Schwellung, Schmerz), Als Physiotherapeut können wir in dieser Phase
bevor Sie mit dem Flossen oder anderen Thera- die physiologischen Reaktionen so beeinflussen,
piemaßnahmen beginnen. dass so wenig lymphpflichtige Lasten ins Gewebe
gelangen wie möglich (Zelltrümmer, Blut, Plasma
etc.). Eis hat in der frühen Phase keine große
Bedeutung und dient in erster Linie der Schmerz-
linderung. Wichtiger im Hinblick auf die nach-
folgenden Heilungsvorgänge ist ein schneller Ver-
schluss der Wunde.

68
4.5 Wundheilung

Flossen im Akutfall H Proliferationsphase (Tag 5–21)


Die Dauer der Proliferationsphase wird mit 5–
Nach dem Ausschluss möglicher Kontraindika-
21 Tagen angegeben. Es handelt sich hierbei aber
tionen (Fraktur, offene Wunde) können wir un-
nur um einen Richtwert, weil die Dauer dieser
mittelbar nach einer Verletzung mit Easy Flossing
Phase sehr stark variieren kann. Abhängig ist dies
beginnen. Im Akutfall flossen wir grundsätzlich
von der Lokalisation der Verletzung, der Art des
nur mit dem schwächsten Band (limette) im
verletzten Gewebes, dessen Durchblutung und
Sinne einer Kompression. Dabei wird das Band
Nährstoffversorgung sowie Alter, Erkrankungen
ca. 30 % in Vordehnung gebracht und bleibt,
(Diabetes), Trainingszustand, Lebensgewohnheiten
abhängig vom aktuellen Befund, maximal 5 min
(Rauchen stört die Wundheilung) etc.
angelegt. Danach überprüfen wir den Zustand
In der Proliferationsphase dominieren Fibro-
des Gewebes und legen das Flossband erneut an.
blasten die Stoffwechselvorgänge in der Wunde.
Dieses Prozedere kann mehrmals wiederholt
Die Entzündungsaktivität geht deutlich zurück
werden, bis sich der Zustand des Gewebes im
und es werden immer mehr Matrixbestandteile
Verletzungsbereich nicht mehr ändert.
gebildet. Vor allem die Kollagensynthese nimmt zu
Kommt es beim Anlegen des Flossbandes bzw.
und erreicht ihren Höhepunkt um den 14. Tag he-
mit dem angelegten Band zu starken Schmerzen
rum. In dieser Phase unterstützt moderate Be-
unterhalb des Abbindens, muss das Band sofort
wegung die Organisation des Gewebes. Allerdings
abgenommen werden, damit es distal der Ver-
muss der Wundbereich bis zu zwei Wochen nach
letzung keinen weiteren Gewebsschaden gibt.
der Verletzung noch geschont werden, um das
Abklingen der Entzündungsvorgänge nicht zu ge-
fährden. Andernfalls droht ein ständiges Wieder-
Zelluläre Phase aufflammen der Entzündung, was neben Schmer-
Etwa 24 Stunden nach der Verletzung beginnt die zen auch das Entstehen von Kapselmustern be-
zelluläre Phase. Ihren Höhepunkt erreicht sie in- günstigt (van den Berg 2011).
nerhalb von 72 Stunden. In dieser Zeit bildet sich
sogenanntes Granulationsgewebe, das die Wunde
auffüllt. Voraussetzung hierfür sind die Einspros-
Therapie in der H
Proliferationsphase
sung neuer Gefäße von den Wundrändern her, die
Vernichtung von Bakterien und die Ansiedlung Erlaubt sind kleine, achsengerechte Bewegungen
von Fiboblasten, die vom Wundrand in das Ge- im schmerzfreien Bereich für formative Reize.
rinnsel einwandern und das Fibrinnetz darin als Sie begünstigen die Adaptation neu gebildeter
provisorische Matrix nutzen. Das neu entstehende Gewebe an die zu erwartende Belastung (→ Me-
Gewebe im Wundbereich ist noch sehr empfind- chanotransduktion, Kap. 4.1.5).
lich und kann leicht zerstört werden. Mit der Lymphanlage (Kap. 9.6) kann man die
Stoffwechselvorgänge unterstützen. Weil lymph-
Hinweis V pflichtige Lasten leichter abtransportiert werden
und Nährstoffe bessser zur Wunde gelangen,
In der Akutphase sollte man mit dem Flossen werden die Heilungsvorgänge angeschoben.
und anderen mechanischen Beeinflussungen des Die Heilungskaskade lässt sich so in Grenzen
Wundgebiets sehr vorsichtig sein, um die Neu- beschleunigen. Allerdings nicht über die Maßen,
bildung des Gewebes im Wundbereich nicht zu weil die physiologischen Vorgänge ihre Zeit
stören. Dies verzögert die Wundheilung oder benötigen.
stört sie in anderer Weise. Beim Flossen be- Easy Flossing kann bis zu dreimal täglich wie-
schränkt man sich auf eine passive Anlage des derholt werden. Neben der Unterstützung der
Flossbandes mit 30 % Dehnung des Bandes Wundheilung sind weitere Ziele die Vermeidung
(limette) im Sinne einer Unterstützung physio- störender Adhäsionen und die Linderung von
logischer Vorgänge (Abtransport lymphpflich- Wundschmerzen. Weniger Schmerzafferenzen
tiger Lasten, Verbesserung der Durchblutung). und Schadensmeldungen wirken sich günstig auf
Bewegungen sind bis in die Proliferationsphase die Heilung aus. Das Bewegungsausmaß (ROM)
hinein allenfalls im Matrixbelastungsbereich wird besser, die Bewegungsmuster nähern sich
erlaubt (van den Berg 2011). schneller denen im unverletzten Zustand an.

69
Wirkweisen und Hypothesen

ten die Zahl pathologischer Crosslinks. Das sind


Außerdem empfidet der Sportler/Patient mit irreversible, wasserunlösliche Querverbindungen
größerer Wahrscheinlichkeit eine Besserung sei- wie Lipidbrücken oder Disulfatbrücken, die unbe-
ner Beschwerden, „der Arm/das Bein fühlt sich handelt zu erheblichen Bewegungseinschränkun-
besser an“. gen führen können. Das Gewebe verklebt, wird
„Hot Ice“ trägt ebenfalls zur Schmerzlinderung unelastisch, Gleitvorgänge werden behindert.
bei. Wir verwenden hierfür Schwämme oder elas- Solche pathologischen Crosslinks müssen aufge-
tische Binden, die wir zunächst in mit Eiswürfeln brochen werden, um eine dauerhafte Bewegungs-
gekühltes Wasser (Temperatur 1–6 °C) tauchen einschränkung zu verhindern (Physiolexikon 2007;
um sie dann im Verletzungsbereich so lange auf- van den Berg 2007).
bzw. anzulegen, bis der Schmerz nachlässt. Die- Begleitung: In der Proliferationsphase fördern
ses Vorgehen verhindert eine reaktive Hyperämie gesicherte funktionelle Bewegungen ohne Dehn-
bzw. die Exsudation lymphpflichtiger Lasten. reiz auf die verletzte Struktur die Regeneration.
Die Therapie hat das Ziel, die physiologischen Vor-
gänge zu begleiten (im Gegensatz zur Unterstüt-
Hinweis V zung); man möchte die Wiederherstellung steu-
ern.
Nicht oder falsch behandelte Verletzungen ma- Sensomotorik: Sobald Belastung möglich ist, darf
chen im weiteren Verlauf oft wegen einer einge- der Sportler/Patient unter gesicherten Bedingun-
schränkten Gelenkbeweglichkeit und uner- gen geeignete Übungen auf labilen Unterlagen
wünschter Adhäsionen unnötig Probleme. durchführen, um eine optimale Ansteuerung
Durch Easy Flossing kann es zu einer deutli- sämtlicher beteiligter Muskeln und Gelenkanteile
chen Schmerzabnahme kommen, die den Patien- zu erreichen („frühfunktionelle Behandlung“).
ten/Sportler dazu verleitet, das Gewebe zu früh Aspekte des motorischen Lernens: Mentaltraining
wieder zu belasten. Weisen Sie den Patienten/ kann den Heilungsverlauf günstig beeinflussen.
Sportler auf die Risiken einer zu frühen Belas- Stellt sich der Patient/Sportler mit geschlossenen
tungssteigerung hin (Rezidiv, verzögerte Wund- Augen vor, seinen Sport auszuüben, insbesondere
heilung, Chronifizierung der Beschwerden etc.). kritische/anspruchsvolle Situationen und Bewe-
gungsabläufe, kann dies helfen, Angst zu reduzie-
ren und vorhandene Bewegungsprogramme zu
Patient Values (nützliche Hinweise behalten bzw. nicht zu beschädigen. Dabei wird
für Patienten und Sportler) die Ansteuerung der Muskulatur in komplexen Be-
wegungsmustern gefördert.
Crosslinks: In den ersten vier Wochen der Wund- Ernährungstipps für die Wundheilung: Vieles
heilung bilden sich physiologische Crosslinks. Die- weist darauf hin, dass eine ausgeglichene Ernä-
se Querverbindungen dürfen nicht zerstört wer- rung die Wundheilung fördert. Eine Übersäuerung
den, weil sie für die Organisation und Stabilität der des Gewebes (pH-Wert < 6,5), z. B. durch hohen
neu gebildeten Gewebe wichtig sind. Aus diesem Konsum von Kaffee, schwarzem Tee und tierischen
Grund werden Belastung und Bewegung in der Eiweißen, Rauchen, Stress etc. wirkt sich ungünstig
frühen Phase der Wundheilung limitiert. Drohen auf die Syntheseaktivität von Fibroblasten aus.
solche wasserlöslichen Querverbindungen die Basenbildende Nahrungsmittel sind z. B. grüne
Mobilität von Gelenken, Muskeln und Faszien zu Gemüsesorten und Salat und die meisten Obst-
behindern, können sie relativ einfach durch Deh- sorten. Die Bedeutung von Nährstoffen für die
nungen, Bewegung und eine verbesserte Durch- Wundheilung können Sie der Tabelle entnehmen
blutung gelöst werden. Mit zunehmender Dauer, (▶ Tab. 4.2). Allerdings gibt es für den Einsatz von
aber auch aufgrund der entzündlichen Verände- Nahrungsergänzungsmitteln keine einheitlichen
rungen im Gewebe erhöht sich im Verletzungs- Empfehlungen (DGFW 2012; van den Berg 2011).
bereich und in angrenzenden Gelenken/Segmen-

70
4.5 Wundheilung

Tab. 4.2 Wichtige Nährstoffe für die Wundheilung Regeneration oder Reparation?
(DGFW 2012).
Ob es bei der Wundheilung zu einer Regeneration,
Nährstoff Wirkung
der vollständigen Wiederherstellung des verletz-
Vitamin C Aufbau von Bindegewebe ten Gewebes (lat. „restitutio ad integrum“) oder zu
Vitamin A Bildung von Zellmembranen einer Reparation (Defektheilung) mit der Bildung
Vitamin K Beteiligung an der Blutgerinnung einer Narbe kommt, hängt in erster Linie von der
Vitamin B6 Wundheilung, Immunsystem Art der Wundheilung ab. Glatte Wundränder, die
gut adaptieren und keimfrei sind, sind eine opti-
Natrium Verteilung der Körperflüssigkeit
male Voraussetzung für die Regeneration, aber
Zink Fördern der Wundheilung,
auch oberflächliche Verletzungen heilen in der
Immunsystem
Regel ohne Narbenbildung aus. Man spricht, wie
Selen Immunsystem
auch bei chirurgischen Operationswunden von
Folsäure Wundheilung einer primären Wundheilung. Eine sekundäre
Eisen Transportiert Sauerstoff zu den Zellen Wundheilung findet man eher bei klaffenden
Pantothensäure Wundheilung Wunden, die nicht entsprechend behandelt (ge-
klammert) wurden, bei infizierten Wunden und
4.5.2 Umbauphase solchen mit unregelmäßigen Wundrändern.
Auch bei Sportverletzungen und anderen Ver-
Konsolidierungsphase (Tag 21–60) letzungen im Alltag, bei denen die Hautoberfläche
weitestgehend intakt bleibt und die konservativ
In dieser Phase wird das neu gebildete Kollagen
versorgt werden, findet eine sekundäre Wundhei-
stabilisiert und organisiert. Dank dieser Verände-
lung statt. Es bildet sich ein Granulationsgewebe,
rungen und der vermehrten Bildung von Grund-
das den Defekt auffüllt und das über den Zeitraum
substanz stabilisiert sich das Gewebe. Gleichzeitig
von einem Jahr und länger reorganisiert wird. Selbst
nimmt die Elastizität zu.
bei gutem Heilungsverlauf verbleibt eine Narbe,
die weniger elastisch, weniger belastbar und weni-
Hinweis V ger gut durchblutet ist als das Ursprungsgewebe.
Im ungünstigen Fall stört sie die Übertragung von
Steigerung der Belastung. Die zunehmende
Spannungen im myofaszialen Gewebe und in der
Belastbarkeit des Gewebes erlaubt in dieser
Haut. Bei einer optimalen Therapie hingegen ent-
Phase eine deutliche Steigerung der Belastung.
wickelt sich das Narbengewebe so günstig, dass es
Beim Flossen kann die Intensität gesteigert wer-
die Bewegungsabläufe und die Funktionen im fas-
den, indem man nach und nach stärkere Bänder
zialen Netzwerk nicht wesentlich behindert.
verwendet. Manuelle Techniken und funktionelle
Bewegungen sind bis in den unteren Kollagen-
belastungsbereich hinein möglich. Ziel ist neben Hinweis V
der Steigerung von Kraft, Ausdauer und Koor-
Die Reorganisation des Bindegewebes ist nach
dination und der Entwicklung der sportmoto-
einer Rehabilitationsmaßnahme noch nicht
rischen Fertigkeiten die Steuerung der Wund-
abgeschlossen.
heilung.

Reifungsphase (bis zu ein Jahr) Therapie in der Reifungsphase


Easy Flossing ist in vollem Umfang möglich, wobei
Die Kollagensynthese verringert sich. Während
aber immer die individuellen Gegebenheiten (Vo-
anfangs v. a. Kollagen Typ III gebildet wurde, wird
ranschreiten der Heilung/Belastbarkeit, Trainings-
dieses nach und nach vor allem durch Kollagen
zustand) berücksichtigt werden müssen. Neben
Typ I ersetzt. Parallel dazu nimmt die Zahl der
dem verletzten Bereich können auch angrenzende
Fibroblasten im neu gebildeten Gewebe ab. Der
Körperabschnitte und Gelenke geflosst werden,
Umbau kann bis zu ein Jahr dauern.
um diese frei zu machen und Bewegungen nach
der erfolgten Schonung wieder anzubahnen (Faszi-
litation).

71
Wirkweisen und Hypothesen

Korrigierende Übungen fördern die Bewegungs- ● Das Lymphödem entsteht infolge einer Schädi-
entwicklung (engl: Movement Development). gung der Lymphgefäße. Die Hautfarbe ist in der
Ziel der Therapie ist die vollständige Wieder- Regel normal, eine Varikose ist meist nicht vor-
herstellung der Sport- bzw. Arbeitsfähigkeit. Hier- handen. Die Haut kann beim unbehandelten
für ist eine kontinuierliche Steigerung bis in den Lymphödem eingedellt werden. Durch die Insuf-
oberen Kollagenbelastungsbereich notwendig. Als fizienz des Lymphsystems werden Eiweiße aus
Therapeut begleitet man den Patienten/Sportler dem Interstitium nicht mehr abtransportiert
mit einem entsprechenden Übungsangebot, das und von Fibrozyten bindegewebig organisiert.
auch regenerative Phasen beinhaltet. Mithilfe Typisch ist das Stemmer’sche Zeichen, eine Ver-
standardisierter Tests aus der Sportphysiotherapie dickung der Zehenhaut durch Eiweißfibrose, bei
kann man feststellen, wie die Heilung voranschrei- der die Haut über der zweiten Zehe nicht mehr
tet und wann der Patient/Sportler wieder mit all- abgehoben werden kann.
täglichen Aktivitäten und Sport beginnen kann. ● Das posttraumatische Ödem ist ein sekundäres
Im Leistungssport muss ein wesentlich höheres Lymphödem, das sich unmittelbar nach einer
Niveau erreicht werden als bei „normalen“ Reha- Verletzung oder einer Operation entwickelt.
Patienten. Die Therapie wird nach Abschluss der Nach einer Verletzung kommt es dabei oft auch
Reha fortgesetzt, nicht nur um das alte Niveau zur Bildung eines Hämatoms. Posttraumatische
wieder zu erreichen, sondern auch, um alte Verlet- Ödeme bilden sich nach Tagen oder Wochen oft
zungen, Dysfunktionen und Defizite aufzudecken, spontan zurück. Eine Behandlung ist aber trotz-
die möglicherweise ursächlich für die stattgefun- dem sinnvoll, weil sie die Heilungsvorgänge
dene Verletzung waren oder das Risiko für erneute unterstützt, Schmerzen lindert und hilft, einer
Verletzungen erhöhen. drohenden Chronifizierung vorzubeugen.
Belastungstests differenzieren zwischen unter- ● Das Lip- oder Fettödem ist Folge einer anlage-
schiedlichen Aktivitätsniveaus („Return to Activ- bedingten Fettgewebsvermehrung (Lipidhyper-
ity“, „Return to Sport“, „Return to Play“). Hierfür trophie) im Bereich der Extremitäten. Der Rumpf
gibt es zahlreiche Managements (Handlungsemp- ist davon nicht betroffen, weswegen es zu einer
fehlungen), die u. a. von der „Isokinetic Medical disproportionalen Fettverteilung kommt. Liegt
Group“ der FIFA wissenschaftlich evaluiert werden. aber eine Adipositas vor, ist der Rumpf ebenfalls
dicker. Am Lipödem erkranken nur Frauen. Die
Haut ist unauffällig und nicht dellbar. Typische
4.6 Abschwellung/Wirkung Symptome sind Spannungsschmerzen und ein
auf das Lymphsystem Schweregefühl. Die Beine der Patientinnen sind
oft druckempfindlich. Die Ursache des Lipödems
4.6.1 Verschiedene Ödemformen ist zum einen Lymphostase, zum anderen eine
(Herpertz 2001) erhöhte Permeabilität der Kapillare. Die einge-
lagerte Wassermenge ist relativ gering, wes-
Es gibt unterschiedliche Ödemformen. wegen das Volumen und damit der Umfang der
● Das Phlebödem tritt in erster Linie an den Beinen
betroffenen Extremitäten durch die Behandlung
auf. Ursache ist ein erhöhter Venendruck beim nur relativ wenig abnimmt.
Vorliegen einer Venenerkrankung. Diese tritt
gemeinsam mit oder in Folge einer primären In der Praxis begegnet man häufig Mischformen
Varikose auf. Wegen der Insuffizienz der Venen- und muss seine Behandlung den individuellen
klappen tritt vermehrt Flüssigkeit ins Intersti- Gegebenheiten anpassen.
tium aus. Diese Flüssigkeit muss dann über das
Lymphsystem abtransportiert werden. Gelingt
dies nicht in ausreichendem Maß (lymphodyna- Hinweis V
mische Insuffizienz) verbleibt zu viel eiweiß- Easy Flossing eignet sich sehr gut für die Behand-
arme Flüssigkeit im Gewebe. Nach anfänglicher lung von Lymphödemen. Auch Phlebödeme kön-
Blaufärbung (Zyanose) verfärbt sich die betrof- nen mit dem Flossband behandelt werden. In der
fene Extremität meist braun und es kann zu Therapie von Lipödemen haben wir keine Erfah-
Stauungsekzemen oder Ulzerationen kommen. rungen.
In diesen Fällen und bei oberflächlichen Varizen
sollte nicht mit dem Flossband gearbeitet werden.

72
4.6 Abschwellung/Wirkung auf das Lymphsystem

4.6.2 Aufbau des Kollektoren. In den Wänden von Präkollektoren


und Kollektoren befinden sich Klappen, die ge-
Lymphgefäßsystems währleisten, dass der Lymphstrom nach zentral er-
Um die abschwellende Wirkung von Easy Flossing folgt. Die Kollektoren des oberflächlichen Lymph-
zu verstehen, ist es hilfreich, den Aufbau des gefäßsystems sind in ihrer Anzahl größer als die
Lymphgefäßsystems zu kennen. Man unterschei- des tiefen. Sie transportieren den Hauptteil der
det ein oberflächliches (epifasziales) und ein tiefes Lymphflüssigkeit nach zentral. Kollektoren bilden
Lymphgefäßsystem, die beide über sogenannte mit benachbarten Gefäßen ein Lymphgefäßbündel,
Perforanslymphgefäße miteinander verbunden das in einem Lymphknoten mündet. Von dort lei-
sind. Das oberflächliche System entsorgt inter- ten abführende Lymphgefäße die gefilterte Lym-
stitielle Flüssigkeit der Haut, das tiefe die von Mus- phe weiter zu den Lymphstämmen, die zusammen
keln, Gelenken, Organen und Gefäßen. größere Sammelgefäße bilden und schließlich über
Initiale Lymphgefäße (siehe folgender Kasten) die größten Lymphstämme, den Ductus thoracicus
nehmen lymphpflichtige Lasten auf. Sie leiten diese und den Ductus lymphaticus dexter im venösen
weiter zu den Präkollektoren und von dort zu den System münden (Wittlinger et al. 2009).

6 7 6 Abb. 4.11 Längsschnitt durch ein


handschuhfingerförmiges initiales
Lymphgefäß, das blind im Gewebe
beginnt. 1 arterieller Kapillarschenkel;
2 venöser Kapillarschenkel; 3 Lymph-
5 kapillare; 4 schwingende Zipfel der
Endothelzellen der Lymphkapillare mit
Eintritt interstitieller Flüssigkeit (roter
Pfeil) an einer geöffneten Junction;
5 Fibrozyt; 6 Ankerfilamente; 7 Inter-
zellularraum. (Wittlinger 2009).
10%
4

90%
1
2
3

5 7

73
Wirkweisen und Hypothesen

Bildung von Lymphflüssigkeit H Verminderte Filtrationsrate


in den initialen Lymphgefäßen Durch die Erhöhung des Gewebedrucks vermin-
dert sich die Filtrationsrate an den Blutkapillaren.
Initiale Lymphgefäße beginnen „blind“ im Ge-
Es tritt weniger Flüssigkeit aus den Blutgefäßen
webe, ähnlich wie die Finger eines Handschuhs.
ins umgebende Gewebe aus. Auch der Austritt von
Sie sind von sich überlappenden Endothelzellen
Eiweiß aus verletzten Blutgefäßen (z. B. nach
begrenzt, die sich über den Zug von Ankerfila-
einem Sportunfall) wird gebremst, wodurch das
menten öffnen können (▶ Abb. 4.11). Herrscht
Ausmaß von Schwellungen begrenzt werden kann.
niedriger Gewebedruck, sind die Öffnungen
geschlossen. Erhöht sich der Druck im Binde-
gewebe, geraten die Kollagenfasern unter Span- Ursache verletzungsbedingter H
nung. Es entsteht ein Zug auf die Ankerfilamente, Schwellungen
die eine Öffnung der initialen Lymphkapillare
Schwellungen nach Verletzungen haben mehrere
bewirken. Durch den relativen Unterdruck und
Ursachen. Zum einen blutet es so lange in den
andere Mechanismen können lymphpflichtige
Wundbereich, bis die Blutung zum Stillstand
Lasten (Wasser, Moleküle, Zellfragmente und
kommt oder unterbunden wird. Ist die Wunde
Zellen) aus dem Interstitium in das Lymphgefäß
geschlossen, kann das austretende Blut nicht
einströmen und abtransportiert werden.
abfließen, es bildet sich ein Hämatom. Daneben
bedingt die Verletzung eine Veränderung der
Gefäßpermeabilität, weshalb mehr Wasser aus
Hinweis V den angrenzenden Gefäßen ins Gewebe austritt.
Schließlich bedingt auch der Eiweißaustritt aus
Praktisches Vorgehen. Beim Flossen wird Lymphe verletzten Blutgefäßen das Anschwellen im
in die Präkollektoren gepresst, dann in die Kollek- Verletzungsbereich, weil Eiweiß im Interstitium
toren. Das Flossband muss eine gewisse Zeit Wasser anzieht. Dadurch erhöht sich der Gewe-
angelegt bleiben, damit die Verlagerung der bedruck, was allerdings für sich keinen Einfluss
Lymphflüssigkeit erfolgen kann. Inder Regel auf die Resorption von Eiweißen in die Blutgefäße
reichen hierfür zwei bis drei Minuten. Anschlie- hat, weil Eiweiße nicht reabsorbierbar sind. Sie
ßend nimmt man das Band ab und behandelt müssen über das Lymphgefäßsystem aufge-
die betroffene Extremität. nommen und in das venöse System zurück-
Ankerfilamente in den Lymphkapillaren ver- transportiert werden.
schließen sich nach Abnahme des Bandes. Es
entsteht eine Sogwirkung, die Einstrom der
Lymphe in die Kapillare unterstützt. Anker-
filamente reagieren wie glatte Muskelzellen.
Verringerung des Venenlumens
Der erhöhte Gewebedruck bewirkt eine Verringe-
rung des Venenlumens. Dadurch erhöht sich die
Fließgeschwindigkeit in den abführenden Blut-
4.6.3 Wirkmechanismen gefäßen und der Austrtitt von Plasma ins Gewebe
Mit dem Anlegen des Flossbandes erhöht man den nimmt ab. Da mit dem angelegten Flossband auch
Gewebedruck. In Bezug auf das Lymphsystem hat Bewegungen gemacht werden, entwickelt auch die
dies unterschiedliche Wirkungen, die in der Sum- Muskel-Venen-Pumpe eine höhere Wirksamkeit.
me eine Abnahme von Schwellungen und eine ver-
besserte Ödemresorption zur Folge haben. Förderung der Angiomotorik
Wie bei der Manuellen Lymphdrainage werden die
Kollektoren durch die Anlage des Flossbandes und
nachfolgende Bewegungen in verschiedenen Rich-
tungen gedehnt. Dies erhöht die Kontraktions-
frequenz der abführenden Lymphbahnen. So kann
mehr Flüssigkeit abtransportiert werden.

74
4.6 Abschwellung/Wirkung auf das Lymphsystem

Verlagerung lymphpflichtiger Lasten Hinweis V


Die Flüssigkeit im Gewebe wird beim Anlegen des
Prinzipiell beginnt man mit der Bandfarbe limette
Flossbandes in angrenzende Bereiche verdrängt.
(schwächstes Band) und steigert die Intensität
Dort bedingt die Volumenzunahme eine Druck-
sukzessive durch Erhöhung des Zuges aufs Band
erhöhung im Bindegewbe, wodurch es zu einer
und dann durch Wechsel der Farbe.
Öffnung der initialen Lymphkapillare kommt (s. o.).
Patientinnen haben berichtet, mit der Selbst-
Somit hat Flossing eine direkte Wirkung auf die
anwendung bei postoperativen Ödemen sehr
Lymphbildung, nicht nur wegen des beschriebe-
gute Erfahrungen gemacht zu haben. Sie flossen
nen Effekts, sondern auch, weil durch die Flüssig-
sich Arme und Beine selbst.
keitsverlagerung ein größeres Areal für die Ödem-
In der Manuellen Lymphdrainage wird argu-
resorption zur Verfügung steht.
mentiert, dass zu hohe Kompression die Ankerfi-
lamente bzw. die feinen Kollektorgefäße schä-
digt. Die Praxis zeigt aber, dass diese Strukturen
auch höhere Kompression aushalten. Wie hoch
diese Kräfte letztlich sein dürfen, müssen wissen-
schaftliche Untersuchungen zeigen.

75
Anwendungsgebiete, Indikationen ...

5 Anwendungsgebiete, Indikationen und


Kontraindikationen
5.1 Anwendungsgebiete Hinweis V
Easy Flossing kann vielfältig eingesetzt werden. Bei der Therapie mit dem Flossband kommt es
Man kann sehr unterschiedliche Patientengruppen nicht nur auf die richtige Auswahl der Bandstärke
mit ein und derselben Technik behandeln, aber an. Wichtig ist auch die Regenerationszeit zwi-
auch Sportler sind eine wichtige Zielgruppe schen den Behandlungen. Ältere Menschen
(▶ Abb. 5.1). Das Behandlungsspektrum reicht von benötigen längere Pausen zwischen den Thera-
der Behandlung im Akutfall über die Unterstützung piesitzungen als jüngere. Auch beeinflussen die
anderer therapeutischer Techniken (Manuelle Zielsetzung der Behandlung, die Art der Anwen-
Therapie, Manuelle Lymphdrainage, Schmerzthe- dung und der individuelle Befund, wie oft und in
rapie, Medizinische Trainingstherapie etc.) bis hin welchen Abständen man einen Patienten oder
zu Trainingsbegleitung und Leistungsoptimierung. Sportler flossen soll.
Abhängig von den Behandlungszielen, dem Sta-
dium der Therapie und den individuellen Voraus-
setzungen wählt man bei Easy Flossing aus dem
Set mit vier Bandstärken individuell das geeignete
Band aus. Patienten mit hohem Leistungsver-
mögen, die evtl. übertrainiert oder überlagert sind,
vertragen andere Intensitäten als Patienten, die
aufgrund von Inaktivität, Fehlhaltung oder nach
Verletzungen über Beschwerden klagen.

a b

Abb. 5.1 Es gibt zahllose Anwendungsmöglichkeiten für Easy Flossing. Sowohl junge, aktive als auch ältere, nicht aktive
Menschen profitieren von den vielfältigen Wirkungen.

76
5.3 Kontraindikationen

5.2 Indikationen 5.3 Kontraindikationen


● bewegungsabhängige Schmerzen ● Frakturen
● Gelenkblockaden, allgemeine Restriktionen ● Venenentzündungen (Phlebitis), Thrombose
● Bewegungseinschränkungen jeglicher Art (auch ● arterielle Verschlusskrankheiten
Fibrosen und bei unklarer Genese) ● akute Gelenkentzündungen, Arthritiden
● (Kraftverlust durch) unzureichende Rekrutie- ● maligne Tumorerkrankungen, Neoplasmen
rungsfähigkeit der Muskulatur ● fortgeschrittener Diabetes mellitus
● Dyskoordination ● chronisches Lymphödem Stadium III, sekundäres
● Spastik (länger bestehende) malignes Lymphöden (Gefahr der Metastasie-
● posttraumatische/postoperative lokale Lymph- rung), Stauungsekzeme, Ulzerationen
ödeme (noch intaktes oder vorübergehend ● Einnahme blutverdünnender Medikamente
insuffizientes Lymphgefäßsystem), chronisches ● hoch dosierte Kortikosteroide
Lymphödem Stadien 0–II, Lipödem und Phleb- ● Sudek (CRPS Grad I und II)
ödem, superfizielle Flüssigkeitsansammlungen ● dekompensierte Herzinsuffizienz (Stadium C
● verminderte Trophik aufgrund kontrahierter, und D)
veschlossener präkapillärer Sphinkter bei seg-
mentaler Dysregulation Daneben gibt es relative Kontraindikationen, bei
● Anlagen zur Leistungssteigerung bei Sportlern denen Sie im Einzelfall mit dem Patienten Vor-
(Koordination, Kraftentwicklung, Ökonomie und und Nachteile einer Behandlung besprechen soll-
Effizienz) ten (Aufklärung). Gegebenenfalls ziehen Sie einen
● Prävention/Prophylaxe von Muskelverletzungen behandelnden Arzt zurate.
● Regeneration Zu den relativen Kontraindikationen zählen:
● korrektive Anlagen (Skoliose z. B.) ● akute Hauterkrankungen, offene Wunden
● Fieber
● Schwangerschaft

● Hyper- und Hypotonie


● Krampfadern (Varikosis)
● chronische entzündliche Prozesse bzw. Erkran-

kungen (in akuten Phasen)


● Latexallergie (Flossen über eng anliegender

Kleidung möglich)
● Psychisches Belastungstrauma
● Schilddrüsendysfunktionen
● individuelle Abneigung gegen das Einschnüren

77
Materialkunde

6 Materialkunde
Hinweis V 6.2 Bandstärke
Gute Flossbänder dürfen nicht zu glatt sein, Flossbänder von Sanctband gibt es in vier ver-
damit die sich überlappenden Bereiche bei der schiedenen Stärken (Limette, Blaubeere, Pflaume,
Anwendung nicht verrutschen (Kohäsivkraft). Für Grau), drei unterschiedlichen Breiten (2,5, 5 und
verschiedene Anwendungen gibt es Flossbänder 7,5 cm) und zwei Längen (206 und 350 cm). Die
in unterschiedlicher Stärke, Breite und Länge. verschiedenen Stärken bedingen unterschiedliche
Widerstandswerte und wurden von Bernd Becker
von der Firma wagus und mir extra für die Easy
Flossing-Methode entwickelt (▶ Abb. 6.1). So hat
6.1 Latex man als Therapeut stets das optimale Dehnungs-
verhalten, die optimale Bandstärke für die unter-
Das Flossband von Sanctband ist in seiner ur-
schiedlichen Einsatzbereiche und Personen zur
sprünglichen Form ein 5 cm breites ca. 2 m langes
Verfügung.
Latexband. Es ist ca. vier- bis siebenfach dicker als
Ein weiterer Vorteil ist, dass die Flossbänder bei
ein herkömmliches Gymnastikband aus Latex und
der Anlage nie um mehr als 50 % verlängert wer-
wird aus natürlichem Kautschuk hergestellt. Die
den müssen. Dies erleichtert die korrekte Ausfüh-
Oberfläche der Flossbänder ist nicht glatt, die Bän-
rung der Technik und ein optimales Ergebnis der
der glänzen nicht, sondern sehen eher samtig aus.
Behandlung. Außerdem gibt dies dem Anwender
Dadurch rutschen die Flossbänder weder auf der
die Sicherheit, den Behandelten nicht zu verletzen.
Haut noch wenn sich Touren beim Wickeln über-
Weiter unten bei der Beschreibung der Tech-
lappen. Lediglich bei der ersten Tour (Basis) muss
niken werden die aus unserer Erfahrung jeweils
das Band bei der Anlage vom Therapeuten fixiert
geeigneten Bandfarben genannt. Von diesen Emp-
werden.
fehlungen kann man abweichen, wenn die jewei-
lige Behandlungssituation und die Gewebespan-
6.1.1 Verträglichkeit von Floss- nung des Behandelten dies erforderlich machen.
Bei der Auswahl der Farbe/Stärke des jeweils ge-
bändern aus Latex
eigneten Flossbandes berücksichtigt man folgende
Die Flossbänder der Firma Sanctband werden in Parameter:
Malaysia hergestellt. Weil die Kautschukbäume ● Alter
dort quasi vor der Haustür wachsen, sind die ● Trainingszustand (Sportler, Nichtsportler)
Transportwege kurz und es können Konservie- ● Bindegewebstyp/-status
rungsstoffe eingespart werden. Die Bänder be- ● Einsatzzweck/Behandlungsziel (beabsichtigte
stehen fast ausschließlich aus Naturlatex, einem Verdichtung des Gewebes, Densität)
nachwachsenden Rohstoff, und enthalten weder ● Anlagetechnik
PVC noch Weichmacher. Nach der Herstellung ● Behandlungsverlauf, Progression
werden sie gewaschen. Dadurch sinkt der Anteil ● (Schmerz-)Toleranz des Patienten
der löslichen Latexproteine signifikant, das aller-
gene Potenzial wird maximal reduziert. Die Floss-
bänder der Firma Sanctband sind daher hypoaller-
Hinweis V
gen. Bestehen trotzdem Bedenken oder kommt es Da die Gewebeelastizität von vielen Parametern
zu Irritationen der Haut, kann Flossing auch auf wie Trainingszustand, Alter, Gewebetyp, Erkran-
dünner, eng anliegender Kleidung angewendet kungen, usw. abhängt, ist es sehr wichtig, jeden
werden. Dies schmälert die Wirkung in geringem Patienten oder Sportler vor dem Flossen zu un-
Maß. Eine Latexallergie ist daher kein Grund, das tersuchen. Auf Grundlage dieser Untersuchung
Flossband nicht einzusetzen. Auch religiöse Grün- ermittelt man die benötigte Druckstärke für die
de, die das Entkleiden verbieten, müssen kein Behandlung und das hierfür geeignete Band.
Grund sein, auf Easy Flossing zu verzichten. Die
möglichen „Textilverluste“ bei der Wirkung be-
tragen geschätzt ca. 20–25 %.

78
6.2 Bandstärke

Abb. 6.1 Übersicht über die unterschiedlichen Stärken der Flossbänder der Firma Sanctband und die geeigneten
Einsatzzwecke.

6.2.1 Vorteil der einschnürt, als einen elastischen Druck in das Ge-
webe zu geben. Zudem würden unerwünschte
unterschiedlichen Bandstärken Scherkräfte an der Hautoberfläche auftreten, die –
Wie bereits weiter oben erwähnt (Kap. 4.1.5) ist es besonders bei Behaarung – sehr schmerzhaft sein
fundamental wichtig, dass die benutzte Bandstär- können. Auch die Gefahr von Verletzungen bei der
ke genau die elastischen Eigenschaften liefert, die Therapie mit dem Flossband würde erheblich zu-
erforderlich sind, um unter definierten Bedingun- nehmen – bei gleichzeitig nachlassender Wirkung!
gen einen Druck zu erzeugen, der höher ist als die Deshalb ist es sehr wichtig, die Bandstärke den
aktuelle Gewebespannung. Nach unbefriedigenden biomechanischen Eigenschaften der zu behandeln-
Erfahrungen mit den anfangs für das Flossen er- den Struktur anzupassen.
hältlichen Bändern haben Bernd Becker und ich Bei großen Umfängen, z. B. der Behandlung der
gemeinsam mit der Firma Sanctband ein Sorti- Oberschenkelmuskulatur eines durchtrainierten
ment von Bändern in vier Stärken entwickelt, mit Sportlers, muss mit einem stark elastischen, brei-
dem wir fast alle unserer Patienten adäquat be- ten Band gearbeitet werden, um das Band mit
handeln können. einer höheren Vorspannung als der Gewebespan-
Die Bänder sind so konzipiert, dass eine optima- nung anlegen zu können. Wohingegen z. B. an
le Kompression bei Dehnungswerten von 50–70 % einem Unterarm eines älteren Menschen mit
erreicht wird. So findet man dank der unterschied- sitzender Tätigkeit mit einem entsprechend
lichen Bandstärken immer das passende Material. schwächeren und schmaleren Band gearbeitet
Würde man versuchen, mit einem Flossband durch werden kann.
Verlängerung um mehr als 70 % eine höhere Kom- Zusätzlich zum wirksamen physiologischen
pressionswirkung zu erzielen, kommt man in ei- Kompressionsdruck ist es noch möglich, mit der
nen Dehnungsbereich, in dem die Festigkeit eher Wahl der entsprechenden Bandstärke auf die indi-

79
Materialkunde

viduell recht unterschiedliche Toleranzgrenze für 6.4 Pflege und Desinfektion


Schmerz zu achten.
Zu Druckstärken und Gewebeveränderungen der Bänder
unter der Flossing-Behandlung gibt es bisher kaum Die Bänder können mit warmem Wasser gereinigt
Forschungsergebnisse, vor allem noch keine Gewe- werden. Es empfiehlt sich, die Bänder nach jedem
bemessungen. Möglich wäre dies mit quantita- Einsatz zu reinigen, sie abzustreifen und hängend
tivem Scherwellenultraschall, mit dem man die trocknen zu lassen. Da die Bänder nicht gepudert
elastische Steifigkeit im Gewebe ermitteln kann. sind, können sie auch mit herkömmlichen Flä-
Allerdings wurden gerade von einer australischen chendesinfektionsmitteln desinfiziert werden.
Gruppe erste Druckmessungen beim Flossing Man kann Patienten, die wiederholt mit dem
durchgeführt. In dieser Studie wurde die Beweg- Flossband behandelt werden, auch vorschlagen,
lichkeit des oberen Sprunggelenks vor und nach das entsprechende Band zu kaufen und zur Thera-
Flossing untersucht. Zur Kontrolle der Druckstärke pie mitzbringen. Je nach Lokalisation der Applika-
des Flossbandes benutzten sie einen Kikuhime tion könne Betroffene auch angeleitet werden, das
Pressure Monitor zum Messen des Drucks zwi- Flossband bei sich selbst anzulegen. Allerdings darf
schen Haut und Band. Sie haben dabei festgestellt, das nicht ohne den Hinweis auf mögliche Risiken
dass sie mit einen durchschnittlichen Druck von und Kontraindikationen geschehen.
182 mmHg ± 38 beim Flossen gearbeitet haben
(Driller und Overmayer 2016).
Fallbeispiel I
In meinem Umfeld sind es vor allem Leistungs-
6.3 Verschiedene Bandlängen
sportler, die von der Behandlung mit dem Floss-
und -breiten band profitiert haben, die mich bitten, ihnen eine
Mit den verschiedenen Breiten lassen sich die geeignete Bandanlage für das Aufwärmen im
Flossbänder sehr einfach an jegliche Körperteile Training zu zeigen. Oft machen z. B. bei den
anpassen (▶ Abb. 6.2). So ist der optimale Sitz des Iserlohn Roosters, einer professionellen Eis-
Bandes garantiert – ein entscheidender Effekt für hockeymannschaft, mehrere Spieler in der
die Wirkung des Verfahrens. Die unterschiedlichen Kabine, unmittelbar bevor sie aufs Eis gehen,
Längen, die zur Verfügung stehen, ermöglichen die noch Workouts mit dem angelegten Flossband,
Behandlung größerer Bereiche, wie zum Beispiel um sich optimal auf die nachfolgende Belastung
bei der Lymphanlage, an Hüfte und Oberschenkel vorzubereiten.
oder bei der Behandlung des Rumpfes. Prinzipiell
können auch mehrere Bänder in einer Applikation
gemeinsam verwendet werden. Hinweis V
Hülse nicht wegwerfen. Die Anlage des Floss-
Hinweis V bandes gelingt am besten, wenn man das Band
Einsatz mehrerer Flossbänder. Hat man kein immer wieder straff auf die mitgelieferte Papp-
langes Flossband zur Verfügung oder möchte hülse wickelt. Dies gewährleistet, dass man das
man größere Areale behandeln, können die Floss- Band mit gleichmäßiger Vordehnung anlegen
bänder auch kombiniert eingesetzt werden. Den kann. Sollte die Hülse verloren gehen, wickelt
Anfang des zweiten Bandes wickelt man über das man das Band am besten immer ganz eng auf,
Ende des ersten. Dabei sollte die erste Tour eine sodass man es gut in der Hand halten kann.
vollständige Überlappung gewährleisten, damit
auch das zweite Flossband korrekt sitzt. Bei
Bedarf kann man auch Bänder unterschiedlicher
Stärke und Breite miteinander kombinieren. In
der Praxis hat es sich bewährt, distal das stärkere
Band anzulegen.

80
6.4 Pflege und Desinfektion der Bänder

b ca

Abb. 6.2 Dank der verschiedenen Bandbreiten findet man für jedes Körperteil das geeignte Flossband.
a Das schmale Band mit 2,5 cm Breite eignet sich optimal für das Flossen von Fingern und Zehen.
b Für Arme und Beine benutzt man meist die Standardbreite 5 cm.
c An Rumpf und Extremitäten mit großem Umfang kommt das 7,5 cm breite Band zum Einsatz.

81
Prinzipien der Anwendung, allgemeine Richtlinien

7 Prinzipien der Anwendung, allgemeine Richtlinien


7.1 Basis Hinweis V
Die Basis des Flossbandes wird mit immer einer
vollständigen Überlappung fixiert. Anschließend Wichtig: Bei der Bandanlage muss der Patient
werden die weiteren Touren mit etwa 50 %iger wenn möglich das distale Ende der Extremität
Überlappung und einer ca. 50 %igen Dehnung des durch Aufstützen oder Stützen gegen den Körper
Bandes angelegt (▶ Abb. 7.1). Es ist wichtig, die des Therapeuten fixieren. So gelingt es leichter,
Vordehnung des Bandes während der gesamten das Flossband mit dem erforderlichen Zug zu
Anlage beizubehalten, um einen gleichmäßigen applizieren.
Druck auf die zu behandelnden Gewebsschichten
aufzubauen.
Bei der Bandanlage darf die Haut unter dem Band
nicht eingeklemmt werden. Die Gefahr hierfür ist
besonders groß bei der Bandanlage im Bereich der
Achsel (Schultergelenksanlage, Anlage für die Fas-
cia brachii) und am proximalen Oberschenkel/in
der Leiste (Anlagen für das Hüftgelenk bzw. die
Adduktoren).

Abb. 7.1 Das Band wird zunächst mit einer vollständigen Überlappung fixiert. Bei den weiteren Touren überlappt das
Band die vorangegangene Tour zur Hälfte. Die erforderliche Vordehnung des Bandes von 50 % kann man nur realisieren,
wenn die Hand abgestützt wird.

82
7.2 Ermitteln der Anlagerichtung

a b

Abb. 7.2 Verwahren des Bandendes.


a In der Regel steckt man das Bandende von oben unter die letzte Tour ein.
b Bei Engstellen oder starker Behaarung ist es besser, das Bandende von unten einzustecken.

Das Bandende wird in der Regel bei der letzten Der Patient merkt oft schon beim Anlegen, ob ihm
Tour von oben unter die vorangegangene Tour die Anwendung gut tut oder nicht. Denn die
gesteckt. Bei starker Körperbehaarung und bei Wirkung der Anlage hängt stark von der Entschei-
Engstellen steckt man es besser von unten ein dung für die richtige Anlagerichtung und die ent-
(▶ Abb. 7.2). sprechende Behandlungstechnik ab. Daher er-
mittelt der Therapeut, bevor er das Band anegt,
die Anlagerichtung im Gewebe (→ Kasten „Tissue
7.2 Ermitteln der Anlagerichtung listening“).
Die Richtung des Kraftvektors muss erspürt
Hinweis V werden. Beachtet man das nicht, passiert bei der
Therapie wenig oder gar nichts, weil das Gewebe
Tissue listening. Der erfahrene Therapeut erspürt nicht reagieren kann. Muskeln, aber auch fasziales
die freie Richtung mit dem Auflegen der Finger- Gewebe, z. B. Sehnen, haben aufgrund ihrer Textur
kuppen. Dabei achtet er auf die Gewebespan- (Kollagenbündelausrichtung und dreidimensionale
nung (Tonus), die Textur (Faseranordnung), Den- Struktur) ein ausgeprägt anisotropes (nicht nach
sität (Dichte), Temperatur und subtile Bewegun- allen Richtungen gleiches) Verhalten. Das heißt,
gen. Dieses „Hineinhören“ ins Gewebe (engl. bei Dehnung in Längsrichtung hat das Gewebe ein
„tissue listening“, der Begriff stammt aus der anderes biomechanisches Verhalten als bei Deh-
Osteopathie) gibt den entscheidenden Hinweis, nung in Querrichtung (siehe Kap. 8.3.5). Wenn
welche Anlage für den Patienten oder Sportler man sich nun vorstellt, dass in einer Extremität
aktuell die optimale Anlagerichtung ist. In der sehr unterschiedliche Gewebetypen und zusätzlich
Regel entscheidet sich der Therapeut für die freie noch Restriktionen in Form von Adhäsionen oder
Richtung, um dann die Mobilität mit verschie- fibrotischen Veränderungen vorhanden sind, re-
denen Techniken in die gesperrte Richtung zu sultiert aus diesem gerichteten elastischen Ver-
verbessern. halten ein bestimmter Kraftvektor, der nur indi-
viduell manuell erspürt werden kann und dann
therapeutisch zum Anlegen des Bandes benutzt
wird.

83
Prinzipien der Anwendung, allgemeine Richtlinien

7.2.1 Internal vs. external 7.2.3 Way of barrier


Wir verwenden diese beiden Begriffe, um die An- (direkte Richtung)
lagerichtung eindeutig zu benennen. „Internal“ Der „Way of barrier“ bezeichnet in der Manuellen
entspricht der Anlage im Sinne einer Innenrota- Therapie das Mobilisieren direkt in die gesperrte
tion, „External“ entspricht der Anlage im Sinne Bewegungsrichtung. Hierbei versucht man in der
einer Außenrotation. Regel, mit einem Impuls einen derartigen Reiz zu
setzen, dass die Blockierung unmittelbar ver-
Hinweis V schwindet. Dabei geht es nicht darum, die Be-
wegung mechanisch zu erweitern, sondern durch
Legt man das Flossband entsprechend dem Ver- die gezielte Stimulation von Propriozeptoren eine
lauf des erspürten Kraftvektors an, fördert dies reflektorische Tonussenkung myofaszialer Struktu-
die Detonisierung des Gewebes, das Entspannen ren zu erreichen.
myofaszialer Strukturen (Releasing) wird erleich- Eine andere Alternative, die wir beim Flossen
tert. Bei umgekehrter Anlagerichtung nimmt der häufiger nutzen, ist die rhythmische Mobilisation,
Tonus eher zu, was die Rekrutierung von Muskel- bei der wir versuchen, eine Blockade bzw. Be-
fasern erleichtert. wegungseinschränkung durch wiederholtes rhyth-
misches Bewegen bis an die Bewegungsgrenze
langsam zu lösen.
7.2.2 Way of ease
(indirekte Richtung) Hinweis V
Der Begriff stamt aus der Osteopathie/Manualthe- Gelenkmanipulationen mit Impuls können mit
rapie und beschreibt die Mobilisation in die „freie“ angelegtem Flossband an sämtlichen Extremi-
Richtung, den Weg entgegen einer Barriere. Bowls tätengelenken erfolgen, wenn der Therapeut
und Hoover entwickelten in den USA in der ersten entsprechend geschult ist und Kontraindika-
Hälfte des 20. Jahrhunderts funktionelle Techniken tionen beachtet.
für die Mobilisation blockierter Gelenke. Diese
wurden von Professor William Johnson weiterent-
wickelt (Hartmann 1997). Im Prinzip beruht diese
Vorgehensweise auf der Beobachtung, dass eine
7.3 Allgemeine Grundsätze
segmentale Dysfunktion einen erhöhten Gewebs-
7.3.1 Von distal nach proximal
widerstand zur Folge hat, wenn man das Gelenk in
die „blockierten“ Richtungen bewegen möchte. Be- Grundsätzlich wird von distal nach proximal ge-
wegt man ein „blockiertes“ Gelenk hingegen in arbeitet. Wegen der Venenklappen und Anker-
eine freie Richtung, lässt der Gewebewiderstand filamente in den Lymphkapillaren (Kap. 4.6) muss
spürbar nach. Werden alle freien Richtungen und dieses Vorgehen unbedingt eingehalten werden.
Wege gefunden und wird in diese Richtungen be- Wir arbeiten niemals entgegen der Abflussrich-
handelt, soll sich der propriozeptive Input aus dem tung, weil dabei die Gefahr besteht, das venöse
betroffenen Gelenk ins ZNS beruhigen und die Blut und Lymphflüssigkeit in die falsche Richtung
Einstellung der Golgi-Rezeptoren in Sehnen und zu drücken. Unser Ziel ist es, das Risiko von Schä-
Gelenkkapseln normalisieren. den zu minimieren.
Auch wollen wir keine Stauungsphänomene ver-
ursachen. Zwar kommt es während der Bandan-
Hinweis V lage kurzfristig zu einem Rückstau von venösem
Bei schmerzhaften Irritationen und Bewegungs- Blut und Lymphe. Bei intakten Abflusswegen löst
einschränkungen bevorzugen wir die indirekte sich der Stau aber schnell auf und es kommt zu
Richtung, die Mobilisation in die freie Richtung. dem gewünschten Schwammeffekt (Kap. 4.2.1).

84
7.3 Allgemeine Grundsätze

7.3.2 Schnell lösen! 7.3.3 Fascial Thrust


Den größten Effekt erzielt man, wenn das Floss- Wir verwenden diesen Begriff, um den Effekt zu
band schnell abgenommen wird. Insbesondere der beschreiben, der durch einen auf 70 % verstärkten
Refill kann dann seine größte Wirkung entfalten. Zug bei der Anlage des Flossbandes erreicht wird.
Bei der posttraumatischen Anwendung sollte man Wird die Dehnung des Bandes bei jeder Tour auf
gegebenenfalls etwas vorsichtiger sein. einer Seite eines Gelenks/einer Extremität oder
über Schmerzpunkten verstärkt, nimmt die sepa-
Hinweis V rierende Translation der faszialen Etagen auf der
entsprechenden Seite des Gelenks/der Extremität
Bei der ersten Behandlung empfehle ich, das zu. So erzielt man eine intensivere Wirkung, wenn
Band etwas langsamer zu lösen, um den Patien- das betroffene Gelenk oder der betroffene Körper-
ten an das Gefühl zu gewöhnen, das man hat, abschnitt mit dem angelegten Flossband manuell
wenn das Blut wieder einströmt. Bei den folgen- behandelt oder bewegt wird.
den Anwendungen ist er dann damit vertraut
und kann sich besser auf die Behandlung ein-
lassen.

85
Praktische Durchführung

8 Praktische Durchführung
8.1 Vorbereitung Hinweis V
8.1.1 Aufklärung Über beide „Nebenwirkungen“ des Flossens,
Schmerzen und Hämatome, müssen Sie den
Bevor Sie mit der Behandlung beginnen, ist es
Patienten/Sportler vor der Behandlung aufklären!
wichtig, den Patienten oder Sportler aufzuklären:
Ausreichende Behandlungspausen gewähr-
Flossen kann schmerzhaft sein, insbesondere
leisten, dass das Gewebe in der behandelten
wenn für das Erreichen des Behandlungsziels end-
Region regeneriert.
gradige Bewegungen mit angelegtem Flossband
erforderlich sind. Die Schmerzen können auch
nach der Behandlung maximal zwei bis drei Tage
als muskelkaterähnliches Gefühl oder als erhöhtes 8.1.2 Anamnese/Untersuchung
Berührungsempfinden weiterbestehen.
Die Untersuchung erfolgt mit dem Ziel, das Pro-
Hämatome (▶ Abb. 8.1) sind eine oft nicht zu
blem genau herauszuarbeiten. Aktive und passive
vermeidende Nebenwirkung des Flossens. In der
anguläre Bewegungstests sind geeignet, die Be-
Regel ist ein Bluterguss harmlos und beweist, dass
schwerden genauer einzugrenzen. Ergänzend kön-
im Gewebe pathologische Crosslinks zerstört wur-
nen Sie neben üblichen Untersuchungsverfahren
den. Solange ein Bluterguss nicht am Abklingen ist,
Bewegungs- und Belastungstests machen.
sollten Sie die Behandlung mit dem Flossband im

H
betroffenen Bereich nicht wiederholen. Bei Patien-
ten mit Blutverdünnern müssen Sie besonders vor- Referenzbewegung
sichtig vorgehen oder auf Flossen verzichten (siehe
Kap. 5.3). Vor der Behandlung lässt man den Patienten eine
geeignete Referenzbewegung ausführen, die
man mit dem Smartphone dokumentiert. Ver-
wendet man als Therapeut das eigene Smart-
phone, sollte man die Aufnahmen unmittelbar
nach der Behandlung löschen, um keine Persön-
lichkeitsrechte zu verletzen. Die Bewegung sollte
immer auch im Seitenvergleich oder bilateral
durchgeführt werden. Mit derselben Bewegung
nach der Behandlung kann man den Behand-
lungserfolg exakt feststellen.
Bei Schmerzen als Leitsymptom soll der Patient
seine Schmerzen auf einer geeigneten Skala vor
und nach der Behandlung dokumentieren
(▶ Abb. 8.2).

Safety/Traumaanalyse
Dieser Untersuchungsschritt bezieht sich auf den
Gewebszustand und dient der Sicherheit des
Abb. 8.1 Bereits unmittelbar nach Abnahme des Floss- Patienten/Sportlers und Anwenders. Die Belast-
bandes kann man die Hyperämie und leichte Hämato- barkeit des Gewebes ergibt sich aus der Anam-
me entdecken – beides Zeichen für den starken Effekt nese, dem Traumahergang (Schwere, einwirkende
der Technik. Kräfte, Richtung der Bewegung/Kraft) und gibt
Hinweise, ob die Therapie mit dem Flossband
möglich ist und wie diese geplant werden sollte.
Nach schweren Traumata sind weitere Unter-

86
8.2 Prozedere

Abb. 8.2 Beispiel für eine Schmerzskala.


a Visuelle Analogskala (VAS).
b Auf der Rückseite befindet sich eine numerische Analogskala.

suchungen erforderlich, gegebenenfalls auch appa- 8.2 Prozedere


rativ. Sind Frakturen etc. ausgeschlossen, kann
vorsichtig geflosst werden. Bei chronischen Be- Wenn möglich erfolgt die Applikation immer auf
schwerden kann die Intensität schneller gesteigert der Haut. Optimal ist es, wenn diese rasiert ist. Auf
werden, falls der Patient dies toleriert (angepasst dünner, enger Kleidung funktioniert die Behand-
an das Belastungsniveau des Patienten). lung auch, kann aber weniger effektiv sein (s. o.).
Die Haut muss gereinigt und unbehandelt sein, frei

V
von Salben, Massagelotions, Pflaster bzw. Pflaster-
Hinweis
rückständen.
Bei der Repetetive Strain Injury (RSI) und bei
Instabilitäten sollte das Flossen mit Vorsicht
erfolgen. Hierbei muss das Ziel sein, die aktiven
Hinweis V
Subsysteme zu stimulieren. Ist das nicht möglich, Die Haut muss vor dem Flossen gereinigt wer-
muss die Behandlungsstrategie angepasst werden. den. Salben und Öle, mindern die Wirksamkeit
oder verhindern den gewünschten Effekt.

8.1.3 Entscheidung
8.2.1 Einschleichende Kompression
In Abhängigkeit von Befund und Patient entschei-
det man sich für die aktuell geeignete Applika- Nach Feststellung der Anlagerichtung und Beurtei-
tionsform (s. u.). Ändert sich das Beschwerdebild lung der Referenzbewegungen (s. o.) erfolgt die
innerhalb einer Therapiesitzung oder bis zur näch- erste Bandanlage als Toleranzprobe. Das Band wird
sten Wiedervorstellung, müssen Sie die Applika- hierbei mit maximal 50 %-iger Dehnung appliziert
tionsform gegebenenfalls anpassen (siehe Pro- oder man verwendet ein schwächeres Band als
zedere). dies eigentlich erforderlich wäre. Mit dem angeleg-

87
Praktische Durchführung

ten Band behandelt man die Weichteile, mobili- 8.3 Behandlungstechniken


siert das Gelenk oder fordert den Patienten auf,
sich zu bewegen. Nach ca. 2 min löst man die Kom- Easy Flossing beschränkt sich nicht einfach auf das
pression. Anschließend soll der Patient 2 min lang Anlegen eines Flossbandes, sondern kombiniert
die gleichen Bewegungen machen, die er zuvor die Bandanlage mit unterschiedlichen Behand-
mit angelegtem Flossband gemacht hat. lungstechniken – abhängig von der Zielsetzung
der Behandlung. In diesem Kapitel erfahren Sie,
mit welcher Strategie Sie die optimalen Ergebnisse
8.2.2 Steigerung erzielen können.
Nach der Toleranzprobe steigert man die Kompres-
sion, indem man das nächst stärkere Band mit der
8.3.1 Senken des Muskel-
50 %-igen Vorspannung anlegt und den Patienten
erneut bewegen lässt. Wiederum nach zwei Minu- und Faszientonus
ten wird das Band abgenommen und der Patient Tonussenkend wirken Weichteiltechniken, bei de-
bewegt sich erneut für denselben Zeitraum. nen das behandelte Gewebe quer zum Faserverlauf
Dieses Procedere wiederholt man solange, bis der Muskulatur verschoben wird (▶ Abb. 8.3). Das
sich weder die Beweglichkeit noch die Schmerz- Flossband wird hierfür entsprechend dem gefun-
intensität weiter verbessert (normalerweise bes- denen Kraftvektor angelegt (s. o.). Die Griffanlage
sern sich Beweglichkeit und Schmerz mit jedem darf nicht zu hart sein, v. a. aber ist darauf zu ach-
Durchgang). ten, dass man das Gewebe langsam verschiebt.
Möchte man weiter mit dem Flossband behan- Sinnvoll ist auch, rhythmisch mit langsam wech-
deln, gibt es danach die Möglichkeit, angrenzende selndem Druck zu arbeiten, um die auf wechseln-
Gelenke zu flossen. Der Therapeut muss also das den Druck ansprechenden Typ-III-Rezeptoren zu
Prinzip der kinetischen Ketten beachten und in stimulieren. Langsame und verformende Tech-
auf- oder absteigenden Ursache-Folge-Ketten den- niken aktivieren darüber hinaus die Golgi-Rezep-
ken. toren, die über das γ-Motoneuronensystem die
Muskelspannung herabsetzen (Reichert 2015;
Hinweis V Schleip 2011).
Bewegt man die gesamte Extremität, Teile da-
Flossing erfordert, wie alle fast physiotherapeuti- von oder den Rumpf, achtet man ebenfalls auf eine
schen Maßnahmen, die aktive Beteiligung des Pa- langsame Bewegungsausführung. Bevorzugt kom-
tienten. Nur wenn dieser durch selbstständiges men Rotationen und Bewegungen in mehreren
Bewegen das gewonnene Bewegungsausmaß Ebenen zum Einsatz, um die Mechanorezeptoren
nutzt, kann eine Nachhaltigkeit erreicht werden. und freien Nervenendigungen bis in die tiefen fas-
zialen Schichten zu stimulieren.

Die wichtigsten Anwendungsregeln Behandlung neurologischer


● Maximale Dauer der Anlage: unter 3 min, in der Patienten
Regel zwischen 120 und 150 sec (es sollten we- Auch neurologische Patienten können geflosst
der starke ischämische Schmerzen, Taubheit werden. Wir haben beobachtet, dass man mit
noch Parästhesien auftreten). Nach Abnahme tonussenkenden Techniken das Ausmaß spasti-
des Bandes sichert der Patient das Ergebnis, in- scher Lähmungen zumindest vorübergehend sen-
dem er die betroffene Extremität aktiv bewegt. ken kann (siehe Kap. 4.4.1). So eignet sich Easy
● Band schnell abnehmen (wg. Refill, s. Kap. 4.2). Flossing als vorbereitende bzw. begleitende Maß-
● Anzahl der Wiederholungen innerhalb einer nahme funktioneller Therapieansätze. Die Vor-
Therapiesitzung: zwischen drei und zehn. behandlung des Armes z. B. bereitet den Patienten
● Stagniert der Behandlungserfolg trotz Variation auf aktive Übungen vor, mit denen die Arm- oder
von Anlage oder Technik, sollte die Sitzung auf Handfunktion trainiert werden kann.
jeden Fall beendet werden.

88
8.3 Behandlungstechniken

Abb. 8.3 Will man den Tonus der Muskulatur senken, bearbeitet man die geflossten Bereiche mit langsamen,
rhythmischen Griffen quer zum Faserverlauf der Muskulatur.

8.3.2 Steigern des Muskel- 8.3.3 Mobilisation


und Faszientonus Passives Bewegen
Mit passiven Weichteiltechniken erreicht man Sie bewegen die Extremität des Patienten/Sport-
eine Tonuserhöhung, wenn man analog zur klassi- lers. Geeignet für Patienten in der frühen Phase
schen Massagetherapie die Weichteile mit Hackun- der Wundheilung (Woche 4–8), bei denen Sulfat-
gen, Klatschungen oder Klopfungen behandelt crosslinks die Mobilität behindern. Außerdem un-
(Reichert 2015). Strebt man eine Tonuserhöhung terstützt das passive Vorgehen regenerative Pro-
der Faszien an, muss man wissen, dass dies bei zesse, bei denen es v. a. darum geht, lokal die
passiven Maßnahmen, die auf eine Stimulierung Trophik zu verbessern.
der Myofibroblasten ausgerichtet sind, eine gewis- Im weiteren Verlauf des Heilungsprozesses sind
se Zeit benötigt (siehe Kap. 2.1.1). Das Flossband ergänzende Maßnahmen wie Weichteilmobilisa-
legt man in diesem Fall entgegen dem bei der tionen, Thrust-Techniken und Manipulationen von
Untersuchung gefundenen Kraftvektor an (s. o.). Faszien und Extremitätengelenken möglich, bei
Aus funktioneller Sicht ist es sinnvoll, bevorzugt denen zum einen Lipidbrücken im Gewebe auf-
aktive Bewegungen zur Steigerung des Muskel- gebrochen und Restriktionen in Gelenkkapseln
tonus einzusetzen, weil damit zugleich die Ko- und benachbarten Weichteilen gelöst werden.
ordination und andere Aspekte der Bewegungs- Über die Richtung der Anlage (internal/external)
steuerung trainiert werden. Vor allem dynamische entscheidet der Befund beim Tissue listening.
Übungsformen und reaktive Aktivitäten erhöhen
den Tonus der Muskulatur und der Faszien, weil
hier der Recoil-Effekt bewusst genutzt und trai-
niert wird.

89
Praktische Durchführung

Passive Gelenkmobilisation Hinweis V


Die passive Mobilisation von Gelenken bei Vorlie-
Die Auswahl der Übungen richtet sich nach dem
gen einer Bewegungseinschränkung bringt oft ver-
Zustand des Patienten bzw. des Gewebes und
blüffende Ergebnisse. Bei der Bandanlage geht
orientiert sich an allgemeinen Trainingsprinzi-
man submaximal in die freie Bewegungsrichtung
pien: vom Leichten zum Schweren, vom Ein-
(Kap. 9.1). Nachdem man das Gelenk passiv be-
fachen zum Komplexen, von großer zu kleiner
wegt hat, wendet man unmittelbar vor der Barrie-
Unterstützungsfläche, von stabil zu labil, von
re manuelle Techniken wie Gapping, Traktion,
kurzen zu langen Hebeln.
Gleitmobilisationen oder rhythmische Mobilisatio-
nen an. Auch fasziale Manipulationen und Impuls-
techniken sind möglich.
Wichtig ist auch hierbei, das Flossband nicht 8.3.5 Spezifische Leistungs-
länger als 2 bis maximal 3 min angelegt zu lassen
und den Patienten zwischen den Durchgängen Be-
optimierung (Corrective Exercises)
wegungen machen zu lassen. Lässt sich die Mobili- Die spezifische Leistungsoptimierung gelingt mit
sation innerhalb einer Behandlungssitzung nicht korrigierenden Übungen, sogenannten „Corrective
weiter steigern, beendet man die Therapie mit Exercises“. Dabei handelt es sich um Übungen, die
dem Flossband und sichert das Ergebnis mit geeig- unter Anleitung und den verbesserten Bedingun-
neten funktionellen Übungen. gen mit dem Flossband durchgeführt werden und
eine optimale Ausführung gewährleisten sollen.
Diese Übungen müssen nach Abnahme des Bandes
8.3.4 Aktive Bewegungen weiter geübt werden, um die subkortikalen Be-
Aktiv unloaded wegungsprogramme zu automatisieren. Dabei
gelten folgende Regeln:
Der Patient/Sportler bewegt die Extremität selbst- ● Der Patient/Sportler bewegt in einer belasteten
ständig ohne Gewichtsbelastung. Dieses Vorgehen und koordinativ anspruchsvollen Situation.
ergänzt die passive Behandlung und erlaubt es Flossen kann in den Trainingszyklus inkludiert
dem Patienten, aktiv das erreichte Bewegungsaus- werden (→ Rekrutierung, vgl. Kap. 4.4.3).
maß zu verbessern und zu sichern. ● Richtung der Anlage (internal/external) je nach

Bewegungsdefizit und Therapieziel.


Aktiv loaded ● Auswahl von alltags- bzw. sportartspezifischen

Bewegungen.
Der Patient/Sportler bewegt die Extremität selbst- ● Nutzung von Hilfsmitteln wie Trampolin
ständig unter Gewichtsbelastung. Dies dient der
(▶ Abb. 8.4), Pezzibällen, Faszienrolle. Diese
motorischen Vorbereitung. Der intrinsische Druck
bewirken eine zyklische Energieabfrage myo-
steigt, die höheren Scherkräfte bewirken vermut-
faszialer Strukturen und nutzen die mecha-
lich, dass selbst Crosslinks in tieferen Gewe-
nischen Eigenschaften des Bindegewebes
beschichten aufgebrochen werden, die man mit
(Kap. 3.3).
passiven und unbelasteten Techniken nicht er-
reicht. Die Richtung der Anlage wird so gewählt,
Das Ziel der spezifischen Leistungsoptimierung ist
dass bei der aktiven Bewegung in der Tiefe des Ge-
nicht nur die Verbesserung von Kraft und Koor-
webes maximale Scherkräfte erzeugt werden. Bei
dination. Es geht dabei auch darum, den Organis-
einer Squat zum Beispiel erfolgt die Bandanlage im
mus auf die zu erwartenden Belastungen in Wett-
Sinne einer Innenrotation, weil bei der korrekten
kampf und Alltag vorzubereiten und Verletzungen
Bewegungsausführung eine Außenrotation im
zu vermeiden (Prävention).
Hüftgelenk stattfindet.

90
8.3 Behandlungstechniken

Anisotropie H
Anisotropie bezeichnet die Richtungsabhängig-
keit einer Eigenschaft. Die Elastizität von Faszien-
gewebe ist in jeder Richtung etwas anders. Dies
hängt mit der Faserausrichtung und der mecha-
nischen Beanspruchung zusammen. Mit ein-
fachen, achsengerechten Bewegungen, mög-
licherweise noch an Krafttrainingsgeräten mit
starren Bewegungsachsen, würde man das
Bindegewebe und die Faszien nur unzureichend
trainieren. Das von uns bevorzugte Vorgehen
dient dem Feinschliff der Bewegung und sichert
das Behandlungsergebnis nachhaltig. Durch die
spezifische Belastung des Gewebes kommt es zu
den weiter oben dargestellten Anpassungs-
mechanismen.

Abb. 8.4 Auf dem Minitrampolin sinkt der Patient


langsam in das Tuch ein. Dabei wirken axiale Kom-
pressionskräfte, die sich kontinuierlich erhöhen. Beim
Abdruck profitiert der Patient vor der Vordehnung der
myofaszialen Strukturen. Das Flossband steigert die
Effizenz der Übung.

91
Applikationsformen

9 Applikationsformen
In diesem Kapitel geht es um die Praxis des Flos- Bandanlage. Von distal nach proximal, Vorpositio-
sings. Vorgestellt werden: nierung abhängig von der Bewegungseinschrän-
● Gelenkanlagen kung, dem Tastbefund und der geplanten Behand-
● Sonderformen von Gelenkanlagen lungsstrategie (passive manuelle Mobilisation/ak-
● myofasziale Anlagen tive Bewegungen).
● muskuläre Anlagen Zielsetzung. Bewegungsverbesserung und Schmerz-
● posttraumatische Anlagen linderung durch Distraktion und Zerstören patho-
● Lymphanlage logischer Crosslinks, Reduzierung von Gelenköde-
men, Hydrops und periartikulären Ödemen.
Bevorzugte Behandlungstechniken. Sämtliche Mo-
9.1 Gelenkanlagen bilisationstechniken, aktive Bewegungen.
Progression. Spezifische Leistungsoptimierung (→
9.1.1 Easy Flossing der Gelenke Movement Development), abhängig vom Grad der
Bei Gelenken sollten Sie vor dem Flossen mit ge- Belastbarkeit, Trainingszustand etc.
eigneten Tests die Gelenkbeweglichkeit und das
Endgefühl überprüfen (Instabilitäten, Labilitäten).
Bei der Behandlung sollten keine Gelenkmobili-
Tipps für die optimale Gelenkanlage
sationstechniken angewendet werden, die die Sta- Beachten Sie folgende fünf Tipps:
bilität weiter beeinträchtigen. Gewebetechniken ● Wenn möglich sollte die Extremität bei der

hingegen sind möglich und können das proprio- Bandanlage immer aktiv in der gewünschten
zeptive Feedback verbessern, was sich wiederum Position eingestellt und von distal widerlagert
auf die Gelenkfunktion und das subjektive Empfin- sein! Bei der Behandlung der Arme stützt der
den positiv auswirkt. Patient/Sportler seine Hand gegen den Thera-
Liegt eine eingeschränkte Mobilität oder gar peuten, die Behandlungsliege oder die Wand
eine Blockade vor, sollte immer im Sinne einer oder er legt den Arm auf der Schulter des Thera-
Distraktion begonnen werden, z. B. durch Ausnut- peuten ab. Bei der Behandlung der Beine steht
zung der Kompression (vergl. Kap. 4.1.1). Am bes- der Patient/Sportler oder er liegt und drückt
ten gelingt dies mit eine „All in“-Anlage, bei der seinen Fuß gegen den Oberschenkel des Thera-
das gesamte Gelenk mit den angrenzenden Weich- peuten.
teilen mit dem Flossband eingefasst wird (siehe ● Beim Einsatz manueller Techniken zur Verbes-

z. B. ▶ Abb. 9.9). serung der Gelenkmobilisation positioniert man


Besteht die Einschränkung weiter, werden zu- das betroffene Gelenk nahe der Beweglichkeits-
sätzlich gleitende Mobilisationen und schließlich grenze in der gesperrten Richtung, um eine gute
aktive Bewegungen eingesetzt. Letztere werden Vorspannung der Weichteile zu erzielen, die bei
erst im geschlossenen und dann im offenen Sys- der verminderten Bewegung auf Länge bean-
tem (im Sinne einer Steigerung) gemacht. sprucht werden.
Mit der Crossover-Anlage fokussiert man die ● Soll der Patient/Sportler aktive Übungen zur

Wirkung des Flossens auf eine begrenzte Region. Verbesserung der Mobilität machen, ist es sinn-
Dies bietet sich an, wenn beispielsweise nur ein voll, das Gelenk bei der Bandanlage submaximal
bestimmter Bereich eines größeren Gelenks bis maximal in der freien Richtung einzustellen,
schmerzt oder wenn sich die Ursache einer Res- um eine optimale Spannung bzw. Scherkräfte
triktion genau lokalisieren lässt (▶ Abb. 9.7). durch die Bandanlage zu generieren (großer
Indikation. Schmerzhafte und schmerzfreie Bewe- Bewegungsweg).
gungseinschränkungen. ● Bleibt der Erfolg aus, wählt man eine andere Vor-

Bandmaterial. Richtet sich nach Gewebstyp, Be- positionierung des Gelenks, ein stärkeres Band
handlungsstadium und Toleranz, alle Farben ge- oder man ändert die Richtung der Bandanlage.
eignet. Schwache Bänder werden eingesetzt, um
Schwellungen im Gelenk und in den periartiku-
lären Strukturen zu reduzieren.

92
9.1 Gelenkanlagen

● Bezüglich der transversalen Adhäsionen im 9.1.2 Großzehengrundgelenk


Bereich der Gelenke ist der Effekt des Flossens
bei einer Einschränkung der Extension beson- Indikation. Schmerzhafte Bewegungseinschrän-
ders effektiv, wenn das Band in leicht flektierter kungen und periartikuläre Schwellungen, Fehlstel-
Einstellung mit zusätzlichem Stretch (→ Fascial lungen und Zustände nach operativen Maßnah-
Thrust) angelegt und anschließend in die Exten- men unter Berücksichtigung der Wundheilungs-
sion mobilisiert wird. phasen (Hallux valgus, Hammerzehe etc.).
Referenzbewegung. Flexion/Extension.
Bandmaterial.
Hinweis V ● limette, blaubeere
● schmal
Cave! Vermeiden Sie Bewegungseinschränkungen
durch die Bandanlage. Es kann zur Bildung von
Hämatomen kommen! Bandanlage. Siehe ▶ Abb. 9.1
Bevorzugte Behandlungstechniken. Passive und
aktive Bewegungen, manuelle Gelenk- und Weich-
teiltechniken.

a b

c d

Abb. 9.1 Easy Flossing am Großzehengrundgelenk.


a Die erste Tour mit dem schmalen grünen Flossband wird mit wenig Zug als Basis um die Großzehe gewickelt.
b Anschließend folgen weitere Touren um die Großzehe, den Vor- und den Mittelfuß mit 50 %igem Zug auf das Band.
Dabei stellt der Therapeut die Großzehe in der gewünschten Position ein.
c Ist das Band fertig angelegt, kann der Therapeut das betroffene Großzehengrundgelenk manuell behandeln,
beispielsweise mit einer Traktion.
d Manuelle Mobilisation des Großzehengrundgelenks.

93
Applikationsformen

Progression. Belastete Aktivitäten vom Gehen 9.1.3 Oberes Sprunggelenk


über Laufen bis zum Springen und propriozeptive
Übungsformen mit labiler Unterlage. Die Beschreibung der Bandanlage bei einer akuten
Verletzung des oberen Sprunggelenks (Inversions-
trauma) finden Sie in Kap. 10.1.
Bandanlage bei einer Patientin Indikation. Degenerative und traumatische Er-
mit Hallux valgus krankungen des Sprunggelenks, insbesondere Dis-
torsionen und Inversionstraumata des oberen
Siehe ▶ Abb. 9.2
Sprunggelenks (OSG) sowie deren Folgezustände,
Bewegungsschmerzen, Bewegungseinschränkun-
gen.

a
c

Abb. 9.2 Die Bilderreihe zeigt die Anlage des Flossbandes zur Korrektur einer Achsenfehlstellung der Großzehe bei
beginnendem Hallux valgus.
a Deutlich erkennbar ist die Achsenfehlstellung der Großzehe. Unbehandelt entwickelt sich mit hoher Wahr-
scheinlichkeit ein Hallux valgus.
b Bei der Anlage des Flossbandes korrigiert man die Stellung der Großzehe.
c Mit angelegtem Flossband steht die Großzehe in leichter Abduktion. Die Fehlstellung wird bewusst etwas
überkorrigiert.

94
9.1 Gelenkanlagen

a b

Abb. 9.3 Kniebeuge (Squat) als Referenzbewegung für das obere Sprunggelenk. Diese Übung eignet sich auch für die
Verbesserung der Mobilität im OSG.
a Aufgrund einer Bewegungseinschränkung weicht der Sportler auf die nicht betroffene Seite aus.
b Mit angelegtem Flossband kann der Sportler jetzt beide Beine gleichmäßig belasten, weil sich die Beweglichkeit im
oberen Sprunggelenk spontan gebessert hat.

Referenzbewegung. Kniebeuge (Squat) mit Fer- lich gehaltene Zug des Flossbandes bei Bedarf
senkontakt im Seitenvergleich (▶ Abb. 9.3), ge- erhöht (→ Fascial Thrust). Bei Affektionen der der
gebenenfalls mit Mehrbelastung der betroffenen Achillessehne wird der Zug dorsalseitig vermin-
Seite. dert.
Bandmaterial.
● limette, blaubeere, pflaume
● mittlere Breite
Hinweis V
Der Therapeut kann bei der Bandanlage den Fuß
Bandanlage. Erfolgt im Liegen. Die erste Tour wird des Patienten in der gewünschten Stellung fixie-
von lateral über den Mittelfuß auf Höhe des Os ren, wenn dieser die Stellung im OSG nicht halten
cuneiforme nach medial geführt (▶ Abb. 9.4a) und kann oder aufgrund einer Schwäche oder Bewe-
dann weiter nach proximal. Erreicht man den gungseinschränkung nicht dazu in der Lage ist.
Rückfuß, folgen Achtertouren, die den distalen Hierfür drückt der Therapeut mit seinem ange-
Unterschenkel mit der Malleolengabel umfassen, spannten Bauch den Fuß des Patienten am Fuß-
die Ferse bleibt frei. Lediglich posttraumatisch ballen in die Dorsalextension. So sichert er auch
wird der Rückfuß komplett eingefasst (s. Kap. 9.5). die geforderte distale Abstützung der Extremität
Am Kreuzungspunkt der Bandzüge über dem Ta- (S. 82).
lus, auf Höhe der Malleolengabel bzw. des Gelenk-
spaltes des OSG (▶ Abb. 9.4b) wird der kontinuier-

95
Applikationsformen

a b

c d

Abb. 9.4 Easy Flossing am oberen Sprunggelenk.


a Die Bandanlage beginnt am Mittelfuß auf Höhe des Os cuneiforme.
b Das Flossband wird unter Zug so um den Mittelfuß und den distalen Unterschenkel gewickelt, dass sich die Touren
ventral über dem oberen Sprunggelenk kreuzen (Achtertoren). In diesem Bereich wird auch der Zug während der
Bandanlage bei jeder Runde erhöht.
c Mobilisation OSG unbelastet. Der Therapeut mobilisiert das OSG mit angelegtem Flossband in Dorsalextension. Diese
Technik mobilisiert, wirkt entstauend und schmerzlindernd.
d Bei der Traktion mit angelegtem Flossband, die auch manipulativ erfolgen kann, stellt der Therapeut die gewünschte
Gelenkposition ein und umfasst den Fuß mit beiden Händen über dem angelegten Band. Dies wirkt sofort
schmerzlindernd und verbessert unmittelbar die Beweglichkeit im OSG.

Bevorzugte Behandlungstechniken. Passive und beiden Händen. In der gewünschten Gelenk-


aktive Mobilisation, manuelle Techniken, active position verstärkt er den Zug nach kaudal, ge-
loaded. gebenenfalls mit Impuls (▶ Abb. 9.4d). Das Floss-
● Mobilisation OSG unbelastet: Der Therapeut band ermöglicht eine sehr gute Fixation des
umfasst das Fersenbein und den Mittelfuß und Fußes.
akzentuiert die Bewegung am Bewegungsende
(▶ Abb. 9.4c). Die Mobilisation wirkt auch ent- Progression. „Corrective Exercises“ von der Knie-
stauend auf den Sprunggelenkskomplex. beuge (Squat) über Gehen und Laufen bis zum
● Traktion/Traktionsmanipulation: Hierfür um- Springen und propriozeptive Übungsformen mit
fasst der Therapeut den Fuß des Patienten mit labiler Unterlage.

96
9.1 Gelenkanlagen

Behandlungsbeispiele
im Bereich OSG
Am OSG können mit dem angelegten Flossband
viele verschiedene Techniken eingesetzt werden,
von denen ich am Beispiel einer eingeschränk-
ten Dorsalextension einige beschreiben möchte
(▶ Abb. 9.5, ▶ Abb. 9.6).

a c

Abb. 9.5 Behandlungsbeispiele am oberen Sprunggelenk.


a Kniebeuge (Squat) mit dem Flossband. Wichtig sind die Stellung der Beinachsen und eine korrekte Bewegungs-
ausführung. Die Übung ist auch gut geeignet bei Affektionen von Knie- und Hüftgelenk sowie dem unteren Rücken.
b OSG-Mobilisation belastet: Während der Therapeut den Talus fixiert, verstärkt der Patient die Dorsalextension, indem
er sein Knie nach ventral kaudal schiebt.
c Eigendehnung mit angelegtem Flossband zur Sicherung der verbesserten Dorsalextension. Der Sportler drückt seine
Ferse in Richtung Boden.

97
Applikationsformen

Abb. 9.6 Die Kombination von Easy Flossing und einem zusätzlichen Band (z. B. Superloop der Firma Sanctband)
ermöglicht eine Automobilisation des oberen Sprunggelenks. Bei korrekter Positionierung des Superloops zieht dieses
die Tibia nach dorsal, während die Patientin in die Kniebeuge geht.

9.1.4 Kniegelenk Bevorzugte Behandlungstechniken. Aktive und


passive Mobilisation, manuelle Gelenkmobilisa-
Indikation. Sämtliche Kniebeschwerden, insbe- tionen, active loaded.
sondere wenn die Beschwerden trotz anderer kon- Progression. Spezifische Leistungsoptimierung mit
servativer Therapiemaßnahmen weiterbestehen, „Corrective Exercises“ wie Kniebeugen (Squats),
auch bei akuten Zuständen mit Schwellung mit Auf- und Absteiger, Ausfallschritte (Lunges) etc.
dem schwächsten Band (limette).
Referenzbewegung. Squat.
Bandmaterial. Extensionsdefizit im Kniegelenk
● limette, blaubeere, pflaume, grau
● normale Breite und schmal Hinweis V
Der Fokus der Anlage richtet sich auf die Fossa
Bandanlage. Am Kniegelenk wird die Basis unab-
poplitea (Kniekehle), wo sich die auf- und ab-
hängig von der weiteren Zielsetzung mit leichtem
steigenden Touren des Flossbandes kreuzen.
Zug unterhalb des Kniegelenks um den proximalen
Bei der Anlage wir der Zug über dem Kreuzungs-
Unterschenkel gelegt. Die Richtung der Anlage
punkt um ca. 20 % erhöht, um die Wirkung der
ergibt sich aus dem Befund und der gewünschten
Anlage zu verstärken (Fascial Thrust).
Akzentuierung. Legt man das Band im Sinne einer
Innenrotation an, wirken die Scherkräfte ventral
nach medial, auf der Dorsalseite nach lateral. Bei
einer Bandanlage im Sinne einer Außenrotation
verhält es sich genau umgekehrt.

98
9.1 Gelenkanlagen

Indikation. Extensionsdefizit, schmerzhafte Knie-


extension, Beugekontraktur.
Hinweis V
Bandmaterial. Die Übungen sollten zunächst mit dem Flossband
● limette, blaubeere, pflaume
und im Anschluss ohne das Band wiederholt wer-
● normale Breite und schmal
den, um einen optimalen Effekt zu erzielen.

Bandanlage. Der Patient steht zur Anlage des Ban-


des vor dem Therapeuten, das betroffene Knie ist
maximal extendiert. Der Therapeut legt die Basis Fallbeispiel I
mit zwei zirkulären Touren unterhalb des Knie- Mit dem angelegten Flossband kann das betrof-
gelenks, etwa auf Höhe der Tuberositas tibiae. Die fene Kniegelenk manuell mobilisiert werden.
Anlagerichtung ergibt sich aus dem Tastbefund Der Patient kann zudem die dorsalen Strukturen
(„Tissue Listening“). Danach folgen unter kräftigem dehnen, um die Wirkung der Bandanlage zu
Zug Achtertouren um das Gelenk, so dass sich die verstärken. Die Behandlung sollte in jedem Fall
Touren dorsal über der Fossa poplitea kreuzen funktionelle Übungen beinhalten, bei denen
(„Crossover“-Anlage, ▶ Abb. 9.7a). Die Kniescheibe der Patient sein Kniegelenk aktiv so weit wie
bleibt bei dieser Anlage ausgespart, damit kein er- möglich extendiert (▶ Abb. 9.8). Selbst wenn
höhter Druck auf die retropatellare Gelenkfläche der Patient wegen der Spannung des angelegten
wirkt (▶ Abb. 9.7b). Flossbandes nicht die volle Extension im Knie-
Bevorzugte Behandlungstechniken. Passive und gelenk erreicht, wirken Scherkräfte auf die
aktive Gelenkmobilisation, activ unloaded und Weichteilstrukturen im Sinne einer Mobilisation
loaded. der Extension.
Progression. Spezifische Leistungsoptimierung,
„Corrective Exercises“ mit Betonung der endgradi-
gen Knieextension: Kniebeugen (Squats), Sprünge
beid- und einbeinig, Zehenstand etc.

a b

Abb. 9.7 „Crossover“-Anlage am Kniegelenk bei Extensionsdefizit (Beugekontraktur).


a Die Anlage des Bandes erfolgt im Stand. Nachdem die Basis gelegt wurde, erfolgt die weitere Anlage unter kräftigem
Zug in Achtertouren um den distalen Oberschenkel und den proximalen Unterschenkel. Auf der Rückseite des
Gelenks, über der Fossa poplitea, kreuzen sich auf- und absteigende Bahnen.
b Fertige Anlage des Flossbandes, Ansicht von der Seite. Die Patella bleibt ausgespart.

99
Applikationsformen

a c

b d

Abb. 9.8 Übung zur Verbesserung der Extension.


a Bei eingeschränkter Extension mobilisiert man mit einem zusätzlichen Band (z. B. Superloop der Firma Sanctband)
das Caput fibulae nach ventral. In der Ausgangsstellung ist das Kniegelenk ein wenig flektiert.
b In der Endstellung ist das Kniegelenk maximal extendiert. Diese Anlage eignet sich sehr gut als Automobilisations-
technik und kann auch zu Hause oder beim Training als vorbereitende Maßnahme eingesetzt werden.
c ASTE: Der Patient steht in Schrittstellung und bereitet sich auf die aktive Streckung des rechten Beines vor.
d ESTE: Das betroffene Bein befindet sich in maximaler Streckung, das Kniegelenk ist maximal extendiert. Das straff
angelegte Flossband kann die Endstreckung behindern, aufgrund der Scherkräfte wird die Mobilität in Richtung
Extension dennoch erweitert.

100
9.1 Gelenkanlagen

Flexionsdefizit im Kniegelenk Bevorzugte Behandlungstechniken. Passive und


aktive Gelenkmobilisation, activ unloaded und
Indikation. Flexionsdefizit, schmerzhafte Kniefle- loaded.
xion. Progression. Spezifische Leistungsoptimierung,
Bandmaterial. „Corrective Exercises“ mit Betonung der endgra-
● limette, blaubeere, pflaume
digen Knieflexion. Es gibt unzählige Trainings-
● normale Breite und schmal
möglichkeiten die zum Einsatz kommen können,
sofern das Flossband nicht unangenehm in der
Bandanlage. Prinzipiell strebt man eine vollstän- Kniebeuge einschneidet, z. B. Kniebeugen (Squats),
dige Einfassung des Kniegelenks an (sogenannte Ausfallschritte (Lunges), Auf- und Absteiger etc.
„All in“-Technik). Die Anlagerichtung ergibt sich Bei der Kniebeuge (Squat), wie in Kap. 9.1.3 für
aus dem Tastbefund (→ „Tissue Listening“). Der die Mobilisation des oberen Sprunggelenks be-
Thrust erfolgt jeweils ventral, was die Spannung schrieben, ist auf die gleichmäßige Belastung bei-
der periartikulären Weichteile erhöht (▶ Abb. 9.9). der Beine zu achten. Das betroffene Gelenk darf
nicht aus der Beinachse abweichen.
Hinweis V
Die Behandlungstechnik erhöht die Belastung Fallbeispiel I
retropatellar. Bei Retropatellarschmerz muss die Eine gute Eigenübung für die Mobilisation in
Patella ausgespart werden („Open kneecap“). Flexion zeigt ▶ Abb. 9.10. Bei dieser Technik, die
auch ohne Flossband sehr gut funktioniert, kann
der Patient durch Änderung der Zugrichtung
auch eine rotatorische Komponente einbringen
und so die Wirkung auf das mediale oder laterale
Kompartiment verstärken.

101
Applikationsformen

Abb. 9.9 „All in“-Anlage des Kniegelenks bei Flexionsdefizit.


a Der Patient liegt auf dem Rücken und hat das Bein angestellt. Die mögliche Flexion ist nahezu ausgeschöpft. In dieser
Position erfolgt die Bandanlage beginnend am proximalen Unterschenkel unterhalb der Tuberositas tibiae. Bei jeder
weiteren Tour wird der Zug ventral mit einem Stretch verstärkt (Fascial Thrust).
b Fertige Bandanlage mit vollständiger Einfassung der Gelenkstrukturen („All in“).

102
9.1 Gelenkanlagen

Abb. 9.10 Eigenmobilisation des Knie-


gelenks in Flexion. Mit dem Handtuch
mobilisiert der Patient die Tibia nach
ventral, während er sein Knie weiter in
Flexion bewegt. Auch das Fibulaköpf-
chen kann bei dieser Übung mobilisiert
werden, indem der Zug am Handtuch
mit der linken Hand entsprechend
akzentuiert wird.

Medialer Knieschmerz
Indikation. Schmerzen auf der Gelenkinnenseite.
Diese können auf eine Überlastung der Bandstruk-
turen (Lig. collaterale mediale), des Innenmenis-
kus, der knöchernen Gelenkanteile oder der Mus-
kelansätze im Bereich des Pes anserinus zurück-
zuführen sein. Hier hat sich die Behandlung mit
dem Flossband vielfach bewährt. Die Wirkung be-
ruht wohl auf Zerstörung pathologischer Cross-
links, da andere Effekte wegen des dünnen Weich-
teilmantels weniger von Bedeutung sind.
Bandmaterial.
● limette, blaubeere, pflaume
● normale Breite und schmal

Bandanlage. Von der Basis um den proximalen


Unterschenkel wird das Flossband im Stand bei ge-
ringer Kniegelenksflexion in Achtertouren so um
das Gelenk angelegt, dass sich die auf- und abstei-
genden Touren medial über dem Gelenkspalt kreu-
zen (▶ Abb. 9.11). Die Anlagerichtung ergibt sich
aus dem Tastbefund (→ „Tissue Listening“). Zur
Verstärkung der Wirkung wird der Zug über dem
Gelenkspalt um ca. 20 % erhöht (→Fascial Thrust).
Bevorzugte Behandlungstechniken. Weichteiltech-
niken zur Senkung des Muskel- und Faszientonus,
aktive Bewegungen. Abb. 9.11 Easy Flossing bei medialem Knieschmerz.
Progression. „Corrective Exercises“ zur Stabilisa- Die Bandanlage erfolgt in Achtertouren. Die auf- und
tion unter Belastung. absteigenden Bahnen kreuzen sich über dem medialen
Gelenkspalt.

103
Applikationsformen

Hinweis V Fallbeispiel I
Bei hartnäckigen Beschwerden und gesicherter Mit dem Flossband macht der Patient eine modi-
Stabilität der medialen Bandstrukturen ist eine fizierte Kniebeuge (Squat). Aus der Grätsch-
Gap-Manipulation des medialen Gelenkaspektes stellung erfolgt eine Flexion in Knie- und Hüft-
mit angelegtem Flossband das Mittel der Wahl. gelenk, bei der die Knie über die Füße nach seit-
lich außen geschoben werden. Füße, Knie- und
Hüftgelenk befinden sich in einer Ebene. Bei der
Gewichtsverlagerung auf das nicht betroffene
Bein erfolgt eine Extension im Kniegelenk. Die
Bewegung verstärkt die Wirkung des Flossbandes
(▶ Abb. 9.12a–c).

a b c

Abb. 9.12 Übungsbeispiel bei medialem Knieschmerz.


a In der Ausgangsstellung steht der Patient mit gegrätschten Beinen.
b Bei der Kniebeuge bewegen sich beide Knie nach vorn außen. bis sich Füße, Knie- und Hüftgelenke beider Seiten
jeweils in einer Ebene befinden. Der Rücken bleibt dabei gerade, das Becken nach ventral gekippt.
c Die wiederholte Gewichtsverlagerung auf das nicht betroffene Bein verstärkt die Wirkung des Flossbandes. Das
betroffene Kniegelenk wird extendiert, die medialen Strukturen werden gedehnt.

104
9.1 Gelenkanlagen

Lateraler Knieschmerz Bandanlage. Die Basis liegt unterhalb der Patella


auf Höhe der Tuberositas tibiae. Die Anlagerich-

Hinweis V tung ergibt sich aus dem Tastbefund („Tissue Lis-


tening“). Beim Anlegen des Bandes spart man die
Das laterale Kompartiment weist eher Instabili- Patella aus, die äußeren Touren kreuzen sich über
täten auf, weil der Außenmeniskus weniger gut dem schmerzhaften Areal. Hier kann der Zug zu-
fixiert ist als der Innenmeniskus. Nach Verlet- sätzlich verstärkt werden (Fascial Thrust).
zungen ist daher ein defensiveres Vorgehen Bevorzugte Behandlungstechniken. Weichteiltech-
erforderlich. niken zur Senkung des Muskel- und Faszientonus,
aktive Bewegungen.
Progression. „Corrective Exercises“ zur Stabilisa-
Indikation. Überlastungsphänomene der Musku- tion unter Belastung.
latur und nicht kontraktiler Strukturen im gelenk-
nahen Bereich. Meist werden die Beschwerden
durch Überlastungen der Sehnen des M. biceps
femoris und des Tractus iliotibialis ausgelöst.
Bandstrukturen und der Außenmeniskus sind sel-
tener betroffen, müssen aber immer auch als mög-
liche Ursache in Betracht gezogen werden.
Bandmaterial.
● limette, blaubeere, pflaume

● schmale Bänder

Abb. 9.13 Bandanlage bei lateralem Knieschmerz.

105
Applikationsformen

9.1.5 Daumensattel- und Bandmaterial.


● limette, blaubeere
Daumengrundgelenk ● schmal

Indikation. Posttraumatische Schmerzen und


Funktionsdefizite (insbesondere Sportverletzun- Bandanlage Daumengrundgelenk. Die Bandan-
gen wie Distorsionen, sogenannter „Skidaumen“ lage beginnt an der Nagelfalz des Daumens
etc.), degenerative Erkrankungen mit Beteiligung (▶ Abb. 9.14a). Unter gleichmäßigem Zug erfolgt
von Daumensattel- oder -grundgelenk (Rheuma, die weitere Bandanlage in Touren um Daumen und
Rhizarthrose). Mittelhand (▶ Abb. 9.14b–▶ Abb. 9.14e).

a b

c d

Abb. 9.14 Easy Flossing des Daumengrundgelenks.


a Die Anlage für das Daumengrundgelenk beginnt auf Höhe der Nagelfalz des Daumens.
b Die weitere Anlage erfolgt unter Zug in regelmäßigen Toren um Daumen und Mittelhand.
c Der Patient hält den Daumen dabei aktiv in Abduktion/Extension.
d So kann auch die Grundphalanx des Daumens vollständig umwickelt werden.
e Fertige Anlage für das Daumengrundgelenk.

106
9.1 Gelenkanlagen

Bandanlage Daumensattelgelenk. Die Bandanlage


beginnt an der proximalen Phalanx des Daumens
(▶ Abb. 9.15a). Danach wird das Daumensattel-
gelenk in Achtertouren unter Zug vollständig ein-
gefasst („All in“ ▶ Abb. 9.15b–▶ Abb. 9.15d).

c d

Abb. 9.15 Easy Flossing des Daumensattelgelenks.


a Die Bandanlage beginnt an der proximalen Phalanx des Daumens.
b Nachdem der Daumen vollständig umwickelt ist, wird das Band unter Zug in Achtertouren um den Daumen und die
Handwurzel angelegt.
c Bei der fertigen Gelenkanlage sind der gesamte Daumen und das Os metacarpale I umwickelt („All in“-Anlage).
So erreicht man eine optimale Wirkung auf die periartikulären Strukturen des Daumensattelgelenks.
d Auf dieser Aufnahme erkennt man die sich überkreuzenden Züge des Flossbands. Die Ausführung der Bandanlage
beeinflusst maßgeblich die Wirkung des Flossens.

107
Applikationsformen

Bevorzugte Behandlungstechniken. Aktive Bewe-


gungen, manuelle Techniken bis hin zu Manipula-
Fallbeispiel I
tionen (▶ Abb. 9.16b) des Gelenks. Bei schmerzhafter Rhizarthrose haben wir mit der
Progression. Funktionelle Bewegungen wie Grei- Crossover-Anlage (▶ Abb. 9.16) gute Ergebnisse.
fen. Oft lassen die Schmerzen spontan nach, daneben
verbessert sich in der Regel auch die Beweglichkeit.
Bei der Therapie sollten neben der Traktion und
Gleitmobilisationen auch aktive Techniken zum Ein-
satz kommen (Greifübungen, Alltagsbewegungen).

a b

c d

Abb. 9.16 Behandlungstechniken bei einer Rhizarthrose.


a Vorbereitung für die Manipulation des Daumensattelgelenks.
b Durchführung der Gelenkmanipulation. Unter Traktion wird ein Impuls nach ulnar und volar gegeben.
c Traktion des Daumensattelgelenks.
d Mobilisation des Daumensattelgelenks, Variante 1.
e Mobilisation des Daumensattelgelenks, Variante 2.

108
9.1 Gelenkanlagen

9.1.6 Fingergelenke das Flossband unter Zug um den gesamten Finger


und die Mittelhand gewickelt (▶ Abb. 9.17c). Um
Indikation. Eingeschränkte Mobilität oder die Mobilität der Mittelhand bei Aktivitäten mit
Schmerzen der proximalen oder distalen Finger- angelegtem Band nicht einzuschränken, wird der
gelenke sowie der Fingergrundgelenke nach Zug bei der Bandanlage in diesem Bereich vermin-
Traumen oder bei degenerativen Erkrankungen, dert.
Fingergelenkspolyarthrose. Bevorzugte Behandlungstechniken. Passive oder
Bandmaterial. assistive Mobilisation; manuelle Techniken mit an-
● limette, blaubeere
gelegtem Flossband bis hin zur Manipulation sind
● schmale Bänder
nach unserer Erfahrung sehr effektiv (▶ Abb. 9.18).
Progression. Alltagsaktivitäten.
Bandanlage. Die Bandanlage beginnt bei dem zu
behandelnden Finger immer an der distalen Pha-
lanx (▶ Abb. 9.17b). In überlappenden Touren wird

a b

c d

Abb. 9.17 Easy Flossing der Fingergelenke.


a Bei der Bandanlage an den Langfingern drückt der Patient den zu behandelnden Finger leicht gegen den
angespannten Bauch des Therapeuten. Die Voreinstellung der Fingergelenke erfolgt entsprechend der ein-
geschränkten Bewegungsrichtung.
b Für das Flossen der Fingergelenke verwendet man ein schmales Flossband. Als Basis wickelt man das Flossband
unterhalb des Nagelfalzes zirkulär um das Endglied.
c Nachdem der Finger vollständig umwickelt wurde, wird die Bandanlage um die Mittelhand fortgesetzt. Dabei
drückt der Patient auch die anderen Langfinger gegen den Bauch des Therapeuten, um eine Grundspannung
der Mittelhand zu gewährleisten.
d Der Daumen bleibt bei der Bandführung um die Mittelhand, abgespreizt.

109
Applikationsformen

a b

c d

Abb. 9.18 Behandlung des Zeigefingers.


a Mit angelegtem Flossband kann das betroffene Fingergelenk (hier proximales Interphalangealgelenk) bei
entsprechender Indikation manuell mobilisiert werden.
b Mit einer Gapping-Technik erzielt man einen sehr guten Effekt auf die gelenkumgebenden Weichteile.
c Griffanlage für die Flexionsmobilisation des proximalen Interphalangealgelenks des Zeigefingers.
d Durchführung der Flexionsmobilisation. Hierbei handelt es sich um eine Technik, bei der auch die gelenk-
umgebenden Weichteile mobilisiert werden.

9.1.7 Handgelenk Behandlungsbeispiele Handgelenk


Indikation. Posttraumatische Schmerzen und Be- Mit angelegtem Band kann der Patient sein Hand-
wegungsdefizit, Dysästhesien, Karpaltunnelsyn- gelenk aktiv oder assistiv bewegen. Übungen zur
drom. Eigenmobilisation und Stützübungen mit dem
Bandmaterial. Flossband sind bei Bewegungseinschränkung in
● limette, blaubeere die Dorsalextension oder Schmerzen möglich
● mittlere Breite oder schmal (▶ Abb. 9.19c). Manuelle Techniken sind mit dem
Flossband ebenfalls sehr wirksam. Bei der Trakti-
Bandanlage. Beginn der Bandanlage in der Mittel- on des Handgelenks umfasst der Therapeut den
hand. Hierbei drückt der Patient seine Hand mit distalen Unterarm und die Handwurzel und übt
extendierten Langfingern leicht gegen den ange- einen gleichmäßigen Zug am Handgelenk aus
spannten Bauch des Therapeuten und spreizt den (▶ Abb. 9.19d).
Daumen weit ab (▶ Abb. 9.19a). Unter Zug folgen Bei endgradiger Einschränkung der Dorsalexten-
weitere sich überlappende Touren über das Hand- sion, die sich klinisch z. B. als Unfähigkeit zu stüt-
gelenk in Richtung Unterarm (▶ Abb. 9.19b). Die zen manifestiert, haben wir sehr gute Erfahrungen
Zugrichtung ergibt sich aus dem Tastbefund („Tis- mit einer Manipulation des Handgelenks mit an-
sue Listening“). gelegtem Flossband gemacht. Die Daumen des

110
9.1 Gelenkanlagen

a b

d e

111
Applikationsformen

Therapeuten sind dabei gekreuzt über der Stelle,


an der der Patient seinen Schmerz angibt oder
Hinweis V
wo man die Restriktion am deutlichsten spürt. Mit dem Flossband kann der Patient alltägliche
Der Impuls erfolgt bei gleichzeitiger Dorsalexten- Aktivitäten üben. In vielen Fällen vermindern sich
sion und leichter Traktion im Handgelenk dabei zuvor bestehende Schmerzen oder sie ver-
(▶ Abb. 9.19e). schwinden vollständig.

Hinweis V
Sehr zu empfehlen sind funktionelle Übungen Fallbeispiel I
mit angelegtem Flossband. Der Stütz beispiels- Eine punktuelle Mobilisation (oder Manipulation)
weise kann als reaktive Übung gegen die Wand des Handgelenks kann gut mit einer Crossover-
geübt werden. Dabei steht der Patient ca. einen Anlage kombiniert werden. Hierzu verwenden
halben Meter vor einer Wand, lässt sich gegen wir das schmale Band und kreuzen die Touren
die Wand fallen und stützt sich dann mit beiden dorsalseitig über dem Gelenkspalt ▶ Abb. 9.20.
Hände in verschiedenen Positionen gegen die
Wand ab.

◀ Abb. 9.19 Easy Flossing am Handgelenk.


a Die Basis des Flossbandes wird um die Mittelhand gelegt. Dabei drückt der Patient seine Langfinger leicht gegen die
angespannte Bauchdecke des Therapeuten und spreizt seinen Daumen weit ab. Unter verstärktem Zug folgen
zirkuläre Touren mit 50 %iger Überlappung nach proximal.
b Die weiteren Touren werden unter gleichmäßigem Zug mit 50 %iger Überlappung um das Handgelenk und den
proximalen Unterarm gewickelt. Der Daumen bleibt frei.
c Eigenmobilisation des Handgelenks in Dorsalextension.
d Traktion mit dem Flossband. Der Therapeut umfasst den distalen Unterarm und die Handwurzel und übt einen
gleichmäßigen Zug auf das Handgelenk aus.
e Manipulation des Handgelenks mit dem Flossband. Man beachte die gekreuzten Daumen, die einen gezielten Impuls
im Bereich der stärksten Restriktion ermöglichen.

112
9.1 Gelenkanlagen

Abb. 9.20 Crossover-Anlage am Handgelenk bei eingeschränkter Dorsalextension.


a Die Touren des Bandes kreuzen über dem Handgelenksspalt.
b Bei der Mobilisation werden die Daumenkuppen über dem zu mobilisierenden Punkt gedoppelt (Daumen-über-
Daumen-Technik). Gleichzeitig bewegt man das Handgelenk unter Traktion in Dorsalextension. Diese Technik kann
auch als Manipulation durchgeführt werden.

113
Applikationsformen

9.1.8 Ellenbogen Bandmaterial.


● blaubeere, pflaume
Indikation. Medialer und lateraler Ellenbogen- ● mittlere Breite und schmal
schmerz, posttraumatische Bewegungseinschrän-
kungen im Bereich der Gelenke des Ellenbogens, Extensionsanlage. Die Bandanlage beginnt distal
Überstreckungs- und Kompressionstraumata (Ab- des Muskelbauchs der Extensorengruppe am
stützbewegung) bei Sportlern oder nach Unfall, Unterarm. Somit umfasst die Bandanlage große
Überlastungsbeschwerden bei „Racket“-Sportarten. Anteile des „roten“ und „weißen“ Gewebes (siehe
Referenzbewegung. Die individuell schmerzhafte 4.2.1). (▶ Abb. 9.21a). Bei Schmerzen im Bereich
Bewegung (kann der Patient in der Regel ange- des lateralen Epicondylus („Tennisarm“) verstärkt
ben). man bei den weiteren Touren den Zug jeweils über

a c

b d

Abb. 9.21 „All in“-Extensionsanlage im Bereich des Ellenbogens.


a Die Basis am Unterarm legt man distal des Muskelbauchs der Extensorengruppe. Im Bereich des Ellenbogens
verstärkt man den Zug auf der betroffenen (schmerzhaften) Seite um ca. 20 % (→ Fascial Thrust).
b Der Ellenbogen ist vollständig eingefasst („All in“) und kann nun behandelt werden.
c Stützaktivität im Vierfüßlerstand.
d Der Stütz auf dem Pezziball ist eine anspruchsvolle Übung, bei der die Stabilisation effektiv geübt werden kann.
Das Flossband verstärkt den sensorischen Input (reaktive Technik).

114
9.1 Gelenkanlagen

den radialseitigen Weichteilen, um die Wirkung Mill’s Manipulation nach Cyriax


auf diese zu verstärken (Fascial Thrust). Die Band-
anlage endet etwa in der Mitte des Oberarms Für die Therapie der lateralen Epicondylopathie ist
(▶ Abb. 9.21b). Mill’s Manipulation nach Cyriax eine wirksame
Bevorzugte Behandlungstechniken. Passive und Therapieoption (Nagrale et al. 2009; van den Berg
aktive Mobilisation, Weichteiltechniken zur Tonus- 2011). Der gewünschte Effekt, das Zerreißen von
regulierung, manuelle Techniken. Adhäsionen in periartikulären Geweben, wird bei
Progression. Alltags- und sportspezifische Be- angelegtem Flossband nach unserer Erfahrung
wegungen wie Stützaktivitäten auf unterschiedli- deutlich verstärkt. Auch unsere Mitarbeiterin
chen Untergründen, Würfe, Dehnungen mit dem Sunita Nair setzte bei der Pilotstudiezur Wirkung
Flossband. des Flossens diese Technik ein (Nair et al. 2015).
▶ Abb. 9.22 zeigt die Ausführung, mit der wir
die besten Erfahrungen gemacht haben. Zu-
Behandlungsbeispiele Ellbogen nächst legt man das Flossband mit sich kreuzen-
Im Vierfüßlerstand kann der Patient kontrolliert den Touren auf der Beugeseite des Ellenbogens an
das Stützen üben (▶ Abb. 9.21c). Bei der Ausfüh- (▶ Abb. 9.22a). Zur Vorbereitung der Manipulation
rung mit angelegtem Flossband ist das Gelenk zum stellt der Therapeut den Oberarm des vor ihm
einen gesichert, zum anderen ergibt sich aus der sitzenden Patienten entsprechend (▶ Abb. 9.22b)
Bandanlage eine verbesserte Bewegungskontrolle. ein. Anschließend erfolgt eine Innenrotation im
Eine Steigerung der Übung zeigt ▶ Abb. 9.21d. Schultergelenk (▶ Abb. 9.22c). Für die Manipula-
tion extendiert der Therapeut den Ellenbogen und

a b

c d

Abb. 9.22 Manipulation des Ellenbogens in Anlehnung an die Mill’s Manipulation (Erläuterungen im Text).
a Zunächst drückt der Patient seine zur Faust geballte Hand leicht gegen den angespannten Bauch des Therapeuten.
Bei der Anlage des Flossbandes achtet man darauf, dass sich die Touren auf der Beugeseite des Ellenbogens kreuzen.
Der Ellenbogen ist dabei leicht flektiert.
b In der Ausgangsstellung stellt der Therapeut den Arm in Abduktion und Außenrotation des Schultergelenks, Flexion
des Ellenbogens, Pronation des Unterarms sowie Volarflexion des Handgelenks ein.
c Anschließend führt der Therapeut den Arm in Innenrotation im Schultergelenk. Die Skapula wird dabei durch den
Therapeuten in Depression gehalten.
d Für die Manipulation wird der Arm im Ellenbogen schnell extendiert. Dabei verstärkt der Therapeut mit einem kurzen
Impuls sämtliche eingestellte Bewegungskomponenten in Ellenbogen und Handgelenk.

115
Applikationsformen

verstärkt mit einem kurzen Impuls (high velocity- Indikationen. Endgradige Schmerzen und Be-
low thrust) alle eingestellten Bewegungskom- wegungsschmerzen im Bereich des Glenohumeral-
ponenten. gelenks, der Nachbargelenke und der gelenkum-
Besonders indiziert ist diese Technik nach unse- gebenden Weichteile, Bewegungseinschränkungen
rer Erfahrung dann, wenn Patienten mit lateraler der Schulter nach Verletzungen oder Gelenkersatz,
Epicondylopathie bei Widerstand gegen die Exten- Z. n. „Frozen shoulder“ (postakut), Affektionen der
sion des Mittelfingers punktuelle Schmerzen im Sehnen der Rotatorenmanschette und der langen
Bereich des Epicondylus lateralis humeri angeben. Bizepssehne, Painful Arc.

Hinweis V Referenzbewegungen.
● Elevation beidseits im Seitenvergleich von vorne
In einer noch unveröffentlichten randomisierten, und von hinten (Bewegungsausmaß, Schmerzen,
kontrollierten Studie hat meine Kollegin und skapulothorakaler Rhythmus)
Mitarbeiterin Sunitha Nair die kurzfristige Wirk- ● Abduktion im Seitenvergleich

samkeit von Easy Flossing in Kombination mit ● In der individuellen Schmerzhaftigkeit der

Übungen und einer einmaligen Mill’s-Manipu- Bewegung (Patient demonstriert die schmerz-
lation mit der Wirkung einer konventionellen provozierende Bewegung)
Therapie in Verbindung mit Eisanwendungen
verglichen. Sie konnte einen signifikanten Effekt Bandmaterial.
feststellen. Patienten, die mit dem Flossband ● limette, blaubeere
behandelt wurden, verbesserten sich hinsichtlich ● mittlere Breite, Standard und extra lang

ihres funktionellen Aktivitätsniveaus, hatten


weniger Schmerzen und nach 60 min eine Bandanlage. Man beginnt mit der Bandanlage un-
geringere Temperatur im betroffenen Bereich terhalb oder auf Höhe der Tuberositas deltoidea
als Patienten der Kontrollgruppe (Kruse et al. und legt das Flossband unter Spannung nach pro-
2016). ximal um den Oberarm und das Schulterdach an.
Akromion und die Achsel sollten in jedem Fall mit-
behandelt werden, um die zahlreichen Sehnen der
Rotatorenmanschette über eine größere Strecke zu
9.2 Sonderformen erfassen. Gegebenenfalls nimmt man hierfür ein
der Gelenkanlage langes Flossband oder man verwendet zwei Bän-
der gleicher Stärke.
Schulter- und Hüftgelenk sind Sonderformen der Bevorzugte Behandlungstechniken. Mit angeleg-
Gelenkanlage, weil hier der Weichteilmantel und tem Flossband mobilisiert der Therapeut das
die anatomischen Gegebenheiten (der proximale Schultergelenk passiv. Der Unterarm des Patienten
Gelenkpartner ist Teil des Rumpfes) keinen voll- ruht dabei auf dem Arm des Therapeuten
ständigen Einschluss des Gelenks mit dem Floss- (▶ Abb. 9.23a). Die üblichen Gleitmobilisationen
band erlauben. des humeroskapularen Gelenks entfalten eine bes-
sere Wirkung aufgrund der Scherkräfte, die auf
9.2.1 Glenohumeralgelenk tiefer gelegene fasziale Strukturen wirken.
Bei der Traktionsbehandlung der Schulter fixiert
der Therapeut die Skapula. Vor dem Traktions-
Hinweis V impuls können die Weichteile, in diesem Fall die
Der Patient sollte sich vor dem Flossen der Schul- Sehnen der hinteren Achselfalte (Mm. latissimus
ter die Achselbehaarung entfernen. Da die Haut dorsi und teres major), unter dem Flossband sehr
unter der Achsel sehr empfindlich ist, lassen sich effektiv gelöst werden (▶ Abb. 9.23b). Auf der Auf-
bei der Anlage und bei der Therapie Schmerzen nahme erkennt man gut, dass bei einer Bandan-
kaum vermeiden. lage über das Schulterdach sämtliche Sehnen der
Rollt sich das Flossband unter der Achsel auf, Rotatorenmanschette und auch das Akromioklavi-
darf es bei der folgenden Anlage nicht ganz so kulargelenk vom Flossband eingefasst werden.
weit in die Achsel hinein angelegt werden.

116
9.2 Sonderformen der Gelenkanlage

a b

c d

Abb. 9.23 Easy Flossing am Schultergelenk.


a Mit angelegtem Flossband sind Mobilisationen des Schultergelenks als passive anguläre Bewegungen, aber auch
Gleitmobilisationen möglich.
b Vor der Traktionsbehandlung der Schulter mit angelegtem Flossband löst der Therapeut die Sehnen der hinteren
Achselfalte.
c Mobilisation des Caput humeri nach kaudal mit angelegtem Flossband.
d Mobilisation der Schultergelenkkapsel. Der hintere Anteil der Gelenkkapsel wird hier mit dem (nicht sichtbaren
Daumen) der Therapeuten quer gedehnt.

Mobilisation des Humeruskopfes nach kaudal steigert werden. Diverse Kleingeräte (Kurz- und
(▶ Abb. 9.23c). Die Technik eignet sich zur Erwei- Kugelhanteln, Bälle, auch der Zugapparat und die
terung der (schmerzhaft) eingeschränkten Abduk- Langhantel) erweitern die Therapiemöglichkeiten.
tion und kann auch manipulativ durchgeführt
werden.
Die Mobilisation der Gelenkkapsel (▶ Abb. 9.23d)
9.2.2 Hüftgelenk
ist indiziert bei Schmerzen unklarer Pathogenese, Im Hüftregion gibt es viele Beschwerden, die nur
nach Stürzen auf den ausgestreckten Arm, bei Zer- unter oder nach Belastung auftreten, ohne dass es
rungen im Bereich der Außenrotatoren, nach An- einen eindeutigen Gelenkbefund gibt. Nach unse-
pralltrauma mit angelegtem Arm (z. B. im Sport), rer Erfahrung sind die Ursachen solcher Beschwer-
nach Schulteroperationen, bei gestörtem skapulo- den oft fasziale Restriktionen, die auf chronische
thorakalem Rhythmus und auch bei spastisch ge- Unter- oder Fehlbeanspruchung der Muskulatur
lähmten Patienten mit Schmerzen in der Schulter. oder vorausgegangene Mikroläsionen zurückzu-
Progression. Das Übungsniveau kann durch all- führen sind. Beschwerden mit dieser Genese ge-
tagsnahe oder sportspezifische Bewegungen ge- meinsam ist eine gewisse Therapieresistenz, d. h.,

117
Applikationsformen

herkömmliche Behandlungsmethoden führen zu


einem unbefriedigenden Ergebnis oder es kommt
Hinweis V
immer wieder zu Rezidiven. In diesen Fällen ist Eine schnelle aktive Bewegungsausführung gibt
Easy Flossing ideal geeignet, die Therapie einen Hinweise auf fasziale Restriktionen. Bei lang-
großen Schritt voranzubringen. Durch die komple- samer Ausführung von Testbewegungen bleiben
xe Wirkung des Flossens, die durch aktive Thera- diese oft unentdeckt!
piemaßnahmen noch verbessert wird, können so
hartnäckige, auch schon länger anhaltende Be-
schwerden wirksam behandelt werden. Bandmaterial.
● blaubeere, pflaume, grau
Hinweis V ● normale, lange und breite Bänder, gegebenen-

falls zwei Bänder


Problematik der Mikrotraumata: Uns ist aufge-
fallen, dass die Summation vieler Mikrotraumen Bandanlage. Siehe▶ Abb. 9.24a–▶ Abb. 9.24c.
ab dem Zeitpunkt der Dekompensation mehr Bevorzugte Behandlungstechniken. Für die Be-
Schmerzen verursacht als ein einmaliges größe- handlung der Hüftregion mit dem Flossband eig-
res Trauma. Die „große“ Verletzung wird in der nen sich aktive Bewegungen, die multidirektional
Regel beser behandelt und zwingt den Betrof- endgradig ausgeführt werden. Gute Erfahrungen
fenen zur Einhaltung der für die Wundheilung haben wir auch mit klassischen Kraftübungen und
erforderlichen Pausen. So kann die Heilungs- reaktiven Übungsformen gemacht (z. B. Ausfall-
kaskade (vgl. Kap. 4.5) in der Regel bis zum Ende schritte, Sidesteps, Minitrampolin etc.). Abhängig
ungestört ablaufen. von der Endposition beeinflusst das Flossband un-
Bei Mikrotraumata wird die Heilungskaskade terschiedliche Muskelketten und Faszien der Hüft-
oft unterbrochen, weil die Verletzungen nur als region.
Bagatelltrauma wahrgenommen werden oder

I
die Umstände eine adäquate Ruhephase und
Therapie nicht zulassen (Leistungssportler im Fallbeispiel
Ligabetrieb, Wettkampf, Turnier etc.). Dadurch Die Bilderfolge zeigt die Gelenkanlage am Hüft-
kommt es leichter zur Fibrosierung der geschä- gelenk (▶ Abb. 9.24). Die Basis wird um den
digten Strukturen. proximalen Oberschenkel gelegt, hier im Sinne
einer Innenrotation, weil die Patientin mit dem
angelegten Flossband eine Kniebeuge machen
Indikation. Funktionelle Beschwerden im Bereich soll (▶ Abb. 9.24d,e), bei der im Hüftgelenk eine
des Hüftgelenks, des proximalen Oberschenkels Außenrotation stattfindet. Dies erhöht den Effekt
und des unteren Rückens, eingeschränkte Mobi- auf die myofaszialen Grenzschichten.
lität der Hüftgelenke, Schmerzen während und Eine verstärkte Wirkung erzielt man, wenn
nach der Belastung, arthrotische Gelenkschmerzen man eine zweite Anlage um das Hüftgelenk
und Bewegungseinschränkungen, überlastungsbe- macht, die die erste Anlage überlagert
dingte Schmerzzustände, postentzündliche Ge- (▶ Abb. 9.24g,h). Die exzentrische „Mauer“, die
lenkbeschwerden, Bursitiden, Tendinopathien (Ad- wir um das Hüftgelenk legen, wird dadurch we-
duktoren, Gluteus medius), Schmerzen am Tuber sentlich starrer. Dadurch nehmen auch die durch
ischiadicum, Insertionstendopathien, Gangbildstö- die Bewegung initiierten inneren Kräfte deutlich
rungen, Piriformissyndrom, Hypertonie der ge- zu. Mit dem Ausfallschritt wird die Wirkung
lenkumgebenden Muskulatur. durch die höhere Bewegungsamplitude der
Referenzbewegung. Aktive Mobilität der Hüftge- Extension noch einmal gesteigert (▶ Abb. 9.24h).
lenke im Seitenvergleich (z. B. Extension des Spiel- Das letzte Bild dieser Serie (▶ Abb. 9.24i) zeigt
beins im Stand – über horizontale Abduktion mit eine bilaterale Anlage, die den Vorteil hat, dass
flektiertem Knie in Extension), Rotation der Hüft- die gelenknahen Weichteile mit den Bändern
gelenke in Bauchlage, Drehmannzeichen, End Range nahezu vollständig komprimiert werden können.
Motion im Seitenvergleich, Ganganalyse.

118
9.2 Sonderformen der Gelenkanlage

a b c

d e f

g h i

Abb. 9.24 Easy Flossing des Hüftgelenks.


a Die Anlage beginnt proximal am Oberschenkel, so weit inguinal wie möglich.
b Das Band wird unter Zug über den kontralateralen Beckenkamm geführt.
c Auf- und absteigende Touren kreuzen sich ventrolateral über dem Hüftgelenk. Den Rest des Bandes verstaut man am
Oberschenkel.
d Mit dem fertig angelegten Band macht die Patientin geführte Kniebeugen (Ausgangsstellung).
e Die Patientin wird aufgefordert, tief in die Hocke zu gehen. Der Therapeut gibt taktilen Widerstand.
f Mit einem zweiten Band kann man die Kompression erhöhen, um eine bessere Wirkung zu erzielen.
g Ansicht von hinten. Beide Flossbänder überlappen sich.
h Ausfallschritt mit geflosstem Hüftgelenk zur Verbesserung der Hüftextension.
i Mit langen Flossbändern ist an der Hüfte auch eine bilaterale Applikation möglich. Diese hat den Vorteil, dass man
damit die gelenknahen Weichteile besser fixieren und das Risiko des Einrollen des Bandes verringern kann.

119
Applikationsformen

9.3 Myofasziale Anlagen Hinweis V


Hinweis V Führt der Einsatz des Flossbandes nicht zum
gewünschten Ergebnis, sollte beim folgenden
Bei der myofaszialen Anlage arbeitet man grund- Durchgang die Anlage des Bandes variiert wer-
sätzlich mit festeren Bändern, die man mit star- den: Bandanlage mit umgekehrtem „Thrust“,
kem Zug anlegt. Daher ist das Risiko für Häma- d. h., statt der Anlage im Sinne einer Innenrota-
tombildung stark erhöht und die Anlage kann tion wird das Band im Sinne einer Außenrotation
sehr schmerzhaft sein. Myofasziale Anlagen appliziert (und umgekehrt).
setzten eine gute Konstitution voraus und sind
eher bei sportlichen, gut trainierten Patienten
indiziert.
9.3.1 Calcaneus
Indikation. Unklare Schmerzen im Bereich des
Indikation. Alle Beschwerden mit myofaszialer Fersenbeins (ca. 2 QF hinter Sustentaculum), die
Beteiligung: Insertionstendopathien, posttrauma- weder als Fersensporn noch Plantarfasziitis diag-
tische Zustände, Narben, Triggerpunkte, Schmer- nostiziert werden können.
zen unklarer Genese (wenn keine Kontraindikatio- Referenzbewegungen. Fersengang, Dorsalexten-
nen vorliegen). sion im Seitenvergleich.
Zielsetzung. Zerstören pathologischer Crosslinks, Bandmaterial.
Tonusregulation, Ausschwemmen von Mediatoren, ● blaubeere, pflaume

Unterstützung der Kollagensynthese (Remodel-


lierung), Mobilisation, Schmerzlinderung, „Move- Vorpositionierung. Neutralstellung im oberen und
ment Development“. unteren Sprunggelenk.
Bandmaterial. Bandanlage. Palpatorisch oder in Rückenlage
● blaubeere, pflaume, grau durch passives Bewegen den „Way of ease“ bestim-
● normale, breite und lange Bänder men. Die Bandanlage erfolgt primär in diese Rich-
tung. Der Patient legt sich auf den Bauch und hebt
Bandanlage. Zirkulär mit internen oder externen seinen Unterschenkel an. Die Basis legt man im
„Thrust“ (der Zug wird im Sinne einer Innen- oder Bereich der Fußwurzel, von wo das Band in Achter-
Außenrotation akzentuiert, abhängig vom Befund). touren um den Knöchel und die Fußwurzel ange-
Vorpositionierung. Neutral oder unter Vordeh- legt wird. Die Zugverstärkung (Fascial Thrust) er-
nung. folgt bei jeder Tour medial über dem Sustentaculum
Bevorzugte Behandlungstechniken. Weichteiltech- tali, wo sich die Bandzüge kreuzen (▶ Abb. 9.25a).
niken mit angelegtem Flossand, aktive und passive Bevorzugte Behandlungstechniken. In diesem Be-
Bewegungen, Muskeldehnung, Koordinationsauf- reich wendet man in der Regel keine Weichteilmo-
gaben. bilisationen an. Es wird mit passiven und aktiven
Liegt der Schwerpunkt der Therapie auf der Bewegungen gearbeitet. Beim passiven Bewegen
Beeinflussung myofaszialer Strukturen, sollte der kann man mit gedoppeltem Daumen einen Impuls
Patient mit angelegtem Flossband wiederholt mul- am Ansatz der Plantarfaszie setzen, um diese zu
tidirektionale Bewegungsmuster ausführen, um mobilisieren (▶ Abb. 9.25b). Dies wirkt oft schmerz-
Crosslinks in jeglichen Gewebsschichten und -tie- lindernd.
fen zu lösen und die gallertartige EZM zu verflüs-
sigen (s. Kap. 2.1.3).

120
9.3 Myofasziale Anlagen

Abb. 9.25 Easy Flossing im Bereich des


Fersenbeins, myofasziale Technik.
a Die Bandanlage erfolgt in Bauch-
lage, der Therapeut fixiert den Fuß
in der gewünschten Stellung.
Beachte die Kreuzung der Achter-
touren über dem Sustentaculum
tali.
b Mit gedoppelten Daumen mobili-
siert der Therapeut den Ansatz der
Plantarfaszie am Processus calca-
neus. Gegebenenfalls kann auch ein
Manipulationsimpuls erfolgen.

Hinweis V 9.3.2 Achillessehne


Die Achillessehne (Sehne des M. triceps surae) bil-
Neben der (passiven) Mobilisation oder Manipula-
det zusammen mit der Plantarfaszie eine funk-
tion gehört zu einem umfassenden Behandlungs-
tionelle Einheit. Daher ist die Behandlung der
regime das aktive Einüben der ersten Phase der
Achillessehne auch bei Affektionen der Plantar-
Standbeinphase („Initial contact“) mit dem ange-
faszie indiziert.
legten Flossband („active loaded“). Dabei achtet
Indikationen. Schmerzhafte Affektionen der Achil-
der Therapeut auf eine korrekte Bewegungsaus-
lessehne (Achillodynien), Schwellungen, Wasser-
führung und leitet den Patienten dazu an, die
einlagerungen, Überlastungssysndrome der Wade,
Ferse lediglich kurz auf den Boden zu stellen,
Schmerzzustände posttraumatisch oder postope-
ohne dass die gesamte Fußsohle den Boden
rativ, Schweregefühl im Unterschenkel, brennen-
berührt. Die Dorsalextension im oberen Sprung-
des Gefühl im Unterschenkel, Affektionen der
gelenk wird aktiv gehalten und die Bewegung
Plantarfaszie.
abgebremst, bevor das Gewicht wieder vom
hinteren Bein übernommen wird und die Ferse
des betroffenen Beines den Boden verlässt.

121
Applikationsformen

Referenzbewegungen. Bandanlage. Die Bandanlage erfolgt in Bauchlage


● einbeiniger Zehenstand im Seitenvergleich des Patienten. Der Patient stellt seinen Fuß in
(Patient muss sich aus dem Stand hochdrücken leichter Plantarflexion gegen den Oberschenkel
können) des Therapeuten. Die Basis legt man auf Höhe der
● bei Bewegungseinschränkungen: tiefe Kniebeuge Malleolengabel (▶ Abb. 9.26a). Bei den folgenden
(deep squat) mit Fersenkontakt Touren um den Unterschenkel wird das Band stän-
● schmerzauslösende Bewegungen dig gedehnt, wobei dorsalseitig der Zug um ca.
20 % erhöht wird (→ Fascial Thrust). Die Anlage en-
Beim Schnelltest zeigt sich möglicherweise ein Be- det am Beginn des Muskelsbauches des M. triceps
wegungsverlust (eingeschränkte Dorsalextension), surae (▶ Abb. 9.26b). „Überschüssiges“ Bandmate-
eine verminderte Kraftgenerierung und Explosi- rial wickelt man ohne Zug weiter um den Unter-
vität bei reaktiver Beanspruchung, der Patient schenkel und verwahrt das Bandende unter der
hat das Gefühl zu versacken. Häufig hört man Kla- vorletzten Tour.
gen über morgendliche Einlaufschmerzen oder
Schmerzen nach Belastung.
Bandmaterial.
Hinweis V
● blaubeere, pflaume, grau Bei hartnäckigen Beschwerden lohnt es sich, den
Tuber calcanei in die Anlage miteinzubeziehen.

a b

Abb. 9.26 Easy Flossing der Achillessehne, myofasziale Technik.


a Die Basis wird um die Malleolengabel gelegt. Von hier aus legen Sie das Flossband unter Zug zirkulär um den
Unterschenkel bis auf Höhe des Muskelbauchs des M. Triceps surae. Der Zug wird bei jeder Tour dorsal über der
Achillessehne verstärkt.
b Die Bandanlage endet über dem unteren Bereich des Muskelbauches des M. triceps surae.

122
9.3 Myofasziale Anlagen

Bevorzugte Behandlungstechniken. Geeignet sind 9.3.3 Vorderes Schienbeinkanten-


alle Behandlungsstrategien, stets mit dem Ziel,
eine spezifische Leistungsoptimierung zu errei-
syndrom (Shin splint), Fascia cruris
chen. Exemplarisch zeigt dies die sehr anspruchs- Indikation. Ruhe- und Belastungsschmerzen an
volle Aktivierung der gesamten Streckerkette auf der vorderen Schienbeinkante, Periostschmerz,
dem Minitrampolin, die vom Patienten höchste Kraftverlust bei anstrengenden Aktivitäten, nächt-
Konzentration, eine gute Balance und Rumpf- liche Krämpfe, Gangbildstörungen.
stabilität sowie ausreichend Kraft erfordert Referenzbewegungen. Fersensitz, Abstoppbe-
(▶ Abb. 9.27). Mit dem grauen Band kann auch ein wegung (.)
trainierter Sportler nur wenige Wiederholungen Bandmaterial.
machen. Ziel ist eine verbesserte Rekrutierung der ● limette, blaubeere, pflaume, grau

Wadenmuskulatur („Movement Development“).


Die Technik eignet sich auch gut zur Therapie von Bandanlage. Der Patient liegt auf dem Rücken und
„subfailure injuries“ (S. 45). stellt seinen Fuß auf eine Lagerungsrolle (Annähe-
rung der Muskulatur durch leichte Dorsalexten-
sion, ▶ Abb. 9.28). Das Band wird im Sinne einer
Außenrotation angelegt, um den Muskelbauch von
der Knochenkante zu separieren. Der Fascial
Thrust wird über die gesamte Länge der Anlage
von der Schienbeinkante nach lateral gegeben. Die
Bandanlage endet unterhalb des Caput fibulae.

Abb. 9.27 Zehenstand auf dem Minitrampolin. Der Abb. 9.28 Easy Flossing der Fascia cruris bei vorderem
Patient drückt sich langsam in den Zehenstand und Schienbeinkantensyndrom. Die Bandanlage erfolgt mit
versucht, in der Endstellung zu bleiben. angestelltem Unterschenkel (siehe Text).

123
Applikationsformen

Bevorzugte Behandlungstechniken. Passiv, assis-


tiv und aktiv bis hin zu Komplexbewegungen.
Fallbeispiel I
Progression. Steigerung der Belastung mit pro- Passive Weichteilmobilisation
priozeptiven Übungen auf labiler Unterlage, Lauf- Siehe ▶ Abb. 9.29.
und Sprungvarianten etc.
Aktive Techniken
Geeignet sind alle Behandlungsstrategien mit
dem Ziel, eine spezifische Leistungsoptimierung
zu erreichen. Die Abbildungen zeigen zwei von
vielen Möglichkeiten, wie Betroffene allein üben
können (▶ Abb. 9.30).

a b
a

Abb. 9.29 Passive Weichteilmobilisation entlang der Margo anterior tibiae nach lateral.
a Daumentechnik: Der Daumen des Therapeuten schiebt aufsteigend von distal nach proximal das Gewebe entlang der
Schienbeinkante nach lateral.
b Flächige Technik: Bei fixiertem Fuß verschiebt der Therapeut das Gewebe seitlich der Schienbeinkante mit seinem
Handballen nach dorsolateral. Bei dieser Technik arbeitet der Therapeut entlang der gesamten Schienbeinkante von
proximal nach distal.

124
9.3 Myofasziale Anlagen

Abb. 9.30 Selbstbehandlung beim


vorderen Schienbeinkantensyndrom.
a Selbstbehandlung mit der Faszien-
rolle. Die Belastung sollte schmerz-
adaptiert erfolgen. Bei Bedarf hält
sich der Patient seitlich oder vorne
fest oder er stützt sich ab.
b Automobilisation mit Flossband
und Super Loop. In Schrittstellung-
schiebt man das Knie über den Fuß
nach ventral, um die Separation der
Weichteile von der Margo anterior
zu verstärken. Der äußere Zügel ist
stärker gespannt. Das Superloop
kann in unterschiedlichen Höhen
angelegt werden.

9.3.4 Fascia lata, Tractus iliotibialis Bandmaterial.


● blaubeere, pflaume, grau
(▶ Abb. 9.31) ● breite und schmale Bänder

Distaler Anteil des Tractus iliotibialis


Bandanlage. Der Patient steht in leichter Grätsch-
Indikation. Laterale Knieschmerzen (DD: Außen- schrittstellung. Man beginnt mit der Bandanlage
meniskusläsion), Läuferknie, Krampfneigung des unterhalb des Kniegelenks. Von da aus folgen unter
M. tensor fascia latae, schnelle Ermüdbarkeit, Kre- Aussparung der Kniescheibe zirkulär aufsteigende
pitation Knieregion, Gangbildstörungen. Touren mit gehaltener Dehnung des Flossbandes.
Referenzbewegungen. Seitlich über dem Kniegelenk wird der Zug auf das
● Einbeinstand
Band verstärkt (Fascial Thrust).
● Einbeinkniebeuge
Bevorzugte Behandlungstechniken. Zunächst kön-
● die individuell schmerzhafte Bewegung
nen die Restriktionen mit dem angelegten Floss-
band manuelle gelöst werden. In Bauchlage kön-
nen myofasziale Weichteiltechniken mit flektier-
tem Knie und Rotationskomponente angewendet

125
Applikationsformen

Abb. 9.31 Oberschenkelrückseite


nach Entfernung der oberflächlichen
Faszien.
Nn. clunium superiores

N. iliohypogastricus,
R. lateralis

Fascia glutea
(M. gluteus medius)

Nn. clunium
medii

M. gluteus
maximus

Nn. clunium
inferiores

M. adductor
magnus

N. cutaneus
femoris posterior

Fascia lata,
Tractus iliotibialis
M. gracilis

M. semi-
tendinosus M. biceps
femoris,
N. cutaneus Caput longum
femoris posterior

M. semi-
membranosus
N. tibialis
A. u. V. poplitea
N. fibularis (peroneus)
communis

N. cutaneus
surae lateralis

N. cutaneus
surae medialis

126
9.3 Myofasziale Anlagen

werden; Muskeldehntechniken (PIR, passives Deh- Mittlerer und proximaler Anteil


nen, …); aktive Bewegungen wie Squats, Split
Squats, Lunges, Long Step, seitliche Ausfallschritte,
des Tractus iliotibialis
reaktive Übungssequenzen wie Schritt- und Indikation. Lateraler Belastungsschmerz, Schmer-
Sprungfolgen, … zen um den Trochanter major, Krampfneigung,
Schwächegefühl, schnelle Ermüdbarkeit, Gangbild-
abweichungen (Duchenne-Hinken, Trendelenburg-
Zeichen)
Referenzbewegungen.
● Stemmschritt
● eingesprungener Einbeinstand

● lokale Druckdolenz

Bandmaterial.
● blaubeere, pflaume, grau
● breite, vorwiegend lange Bänder

Bandanlage. Die Basis legt man proximal des Knie-


gelenks eine Handbreit unterhalb der Stelle mit
der größten Restriktion. Die Anlagerichtung ergibt
sich aus dem Befund. Über der Restriktion kann
bei Bedarf der Zug des Bandes verstärkt werden
(Fascial Thrust).

Abb. 9.32 Easy Flossing des Oberschenkels, Fascia lata


und Tractus iliotibialis, distaler Anteil.

a b c

Abb. 9.33 Übungsbeispiele bei Affektionen des seitlichen Oberschenkels.


a Beinschwung in Adduktion und Außenrotation.
b Dehnung des Tractus iliotibialis mit dem Flossband.
c Bei einer Außenrotation des Hüftgelenks in 90° Flexion mit dem Flossband lösen sich Restriktionen im Bereich
des Tractus iliotibialis.

127
Applikationsformen

a b

Abb. 9.34 Hürdensprung mit beidseits geflossten Oberschenkeln zur Verbesserung der Kraftgeneration („Movement
Development“).
a Vordehnung/Schwungphase.
b Sprungphase, die Beinachsen müssen parallel bleiben.

Bevorzugte Behandlungstechniken. Übungen


Hinweis V wie Beinschwünge, Dehnung und Mobilisation
Je weiter proximal sich die stärksten Restrik- (▶ Abb. 9.33a–▶ Abb. 9.33c). Einen guten Effekt
tionen befinden, umso mehr muss bei der Band- haben Squats, Long Steps mit Füßen auf einer Linie
anlage darauf geachtet werden, die medialen und Rumpfgegenrotation, Side Steps, reaktive
Anteile des Oberschenkels nicht schmerzhalt zu Schritt- und Sprungsequenzen (▶ Abb. 9.34).
komprimieren.

128
9.3 Myofasziale Anlagen

9.3.5 Subtuberale Anlage Hinweis V


Indikation. Ansatztendinosen, erhöhte Anfälligkeit
Das Bein muss auf Zuruf so schnell und weit wie
für Muskel- und Sehnenverletzungen, Vernarbun-
möglich mit gestrecktem Knie angehoben wer-
gen/Restriktionen durch alte Verletzungen, Über-
den. Passives Dehnen verleitet zu einer falschen
lastungsbeschwerden, Krämpfe, Muskelschwäche/
Schmerzinterpretation, weil ab einem gewissen
Leistungseinbußen bei Sportlern, Prävention und
Punkt immer ein Dehnschmerz auftritt.
Rehabilitation von Hamstring-Injuries.
Referenzbewegung. Aktiver SLR (Straight Leg
Rais)-Test mit fixiertem Oberschenkel auf der
Bandmaterial.
Gegenseite im Seitenvergleich (▶ Abb. 9.35).
● blaubeere, pflaume, grau
● normale Bandlänge

Bandanlage. Die Basis liegt mittig am Oberschen-


kel, die Anlagerichtung ergibt sich aus dem Be-
fund. Dorsal erfolgt die Zugverstärkung (Fascial
Thrust). Der Tuber ischiadicum muss in jedem Fall
mit eingeflosst werden (▶ Abb. 9.36).
Bevorzugte Behandlungstechniken. Dehnung der
dorsalen Strukturen im Stand, Hürdensitz,
Schwungbewegungen des Beins, Good Mornings,
Squats und Deep Squats. Spezielle Übungen wie
Kruse Hamstring Exercise (▶ Abb. 9.37), Nordic
Hamstring Squat mit Superloop (▶ Abb. 9.38).

Abb. 9.35 Test zur Belastbarkeit der subtuberalen


Strukturen.

Abb. 9.36 Bandanlage für subtuberale


Beschwerden (Beschreibung siehe
Text).

129
Applikationsformen

Abb. 9.37 Kruse Hamstring Exercise:


Bei fixiertem Oberschenkel der
Gegenseite wird das betroffene
Bein geflosst ca. 6–10-mal gestreckt
maximal schnell und maximal weit
angehoben. Dabei sollen die nicht-
kontraktilen und kontraktilen ansatz-
nahen Strukturen der dorsalen Kette
mobilisiert werden. Diese Übung ist
v. a. bei posttraumatischen und chro-
nischen therapieresistenten Beschwer-
den eine äußerst wirksame Alternative
zu herkömmlichen Dehnübungen.

9.3.6 Unterarm (Fascia antebrachii,


Septum intermusculare mediale
und laterale)
Indikation. Schmerzhafte und nicht schmerzhafte
Einschränkungen von Pro- und Supination des
Unterarms sowie von Dorsalextension und Pal-
marflexion, Schmerzen beim Stützen.
Referenzbewegung. Pro- und Supination im Sei-
tenvergleich, Handgelenksbeweglichkeit bei sub-
maximaler Vorpositionierung des Ellenbogens (in
Extension, zur Vordehnung der Faszie).
Bandmaterial.
● limette, blaubeere, pflaume
● mittlere Breite und schmal

Bandanlage. Die Anlage des Flossbandes erfolgt im


Sitz oder Stand. Der Patient stützt seinen im Ellen-
bogen extendierten Arm gegen den Therapeuten.
Die Bandanlage beginnt unmittelbar proximal des
Handgelenks (▶ Abb. 9.39a). Die erste Tour dient
der Fixierung des Bandendes. Die weiteren zirku-
lären Touren werden nach proximal um den Un-
terarm gelegt. Dabei hält der Therapeut einen
kontinuierlichen Zug von ca. 50 %, den er auf der
Ventralseite auf 70 % erhöht (Fascial Thrust). Die
Abb. 9.38 Squat mit dem Superloop. Bei dieser Bandanlage endet unterhalb des Ellenbogens
Übungsvariante wirkt neben der Kompression zusätzlich (▶ Abb. 9.39b).
eine Distraktion der nicht kontraktilen Strukturen. Bevorzugte Behandlungstechniken. Passive und
Wichtig ist dabei, dass der Tuber hinten und das Becken assistive Mobilisation, active unloaded und active
nach vorn gekippt bleibt. Das betroffene Bein wird loaded.
hierbei mehr belastet.

130
9.3 Myofasziale Anlagen

Abb. 9.39 Easy Flossing der Fascia


antebrachii.
a Die Basis legt man proximal des
Handgelenks. Ellenbogen und
Handgelenk sind extendiert, um
eine gute Vorspannung zu erhalten.
Bei jeder Tour in Richtung des
Ellenbogens wird der Zug auf der
Ventralseite des Unterarms erhöht
(Fascial Thrust), um eine optimale
Vorspannung über der Fascia ante-
brachii zu erzeugen.
b Die letzten Touren auf der Ventral-
seite des Unterarms kreuzen sich
über dem Bereich mit der größten
Restriktion.
a

Hinweis V
In welcher Richtung das Flossband angelegt wird, Prinzipiell gilt aber wie bei allen anderen be-
hängt von der Einschränkung der Bewegung ab. Ist schriebenen Techniken: Erst ein Retest der pro-
die Pronation eingeschränkt, legt man das Band blematischen Bewegung zeigt, ob der Einsatz des
wie in ▶ Abb. 9.39 gezeigt im Sinne einer Außen- Flossbandes effektiv war. Ist keine Veränderung
rotation bei voreingestellter Supination an. Ist da- festzustellen, sollte man immer auch versuchen,
gegen die Supination das Problem, erfolgt die das Flossband in umgekehrter Richtung (im Sinne
Bandanlage ausgehend von der Pronation mit einer Innen- statt einer Außenrotation bzw.
Handgelenksflexion im Sinne einer Innenrotation. andersherum) anzulegen, da man nie sicher sagen
Dabei verstärkt man den Zug auf der Dorsalseite kann, in welcher (Un-)Ordnung sich das Bindege-
des Unterarms. webe bzw. die faszialen Strukturen befinden!

131
Applikationsformen

Fallbeispiel I
Behandlungsbeispiele

Mobilisation
Handgelenk und Unterarm werden mit dem
angelegten Flossband passiv mobilisiert. Auch
Gelenkmobilisationen und Manipulationen sind
möglich.

Weichteiltechnik
Bei hartnäckigen Restriktionen hat sich folgendes
Vorgehen bewährt (▶ Abb. 9.40): Der sitzende
Patient legt seinen Unterarm in Supinations-
stellung auf die Behandlungsliege. Der Therapeut
kann dann optimal mit seinem Thenar Kompres-
sion auf die Weichteile des Unterarms ausüben
und gleichzeitig das Handgelenk im Sinne einer
Dorsalextension bewegen. Auch diese Technik
ist als Manipulation möglich. Alternativ kann
eine Manipulation der Weichteile im Sinne einer
Behandlung von Ein- oder Entfaltdistorsionen der
Membrana interossea erfolgen (Behandlungs-
ansatz nach dem Fazien-Distorsions-Modell nach
Stephen Typaldos) (EFDMA 2014).

Active unloaded Abb. 9.40 Manuelle Weichteiltechniken in Vordehnung


Der Patient sitzt an der Behandlungsbank, stellt (Erläuterung im Text).
seinen Unterarm senkrecht auf und dreht ihn
wechselnd in Pro- und Supination, während der
Therapeut die Weichteile manuell bearbeitet. 9.3.7 Epicondylitis
Dabei kann er die Bewegungen des Patienten
unterstützen („Mitnahmeeffekt“) oder entgegen Indikation. Mediale und laterale Epicondylitiden
der Bewegung des Patienten arbeiten (Fascial mit Ruhe-/Belastungsschmerz, insbesondere chro-
Thrust). nifizierte Beschwerden.
Referenzbewegungen.
● schmerzhafte Handgelenksbewegungen gegen
Active loaded
Bei den belastenden Übungsformen wählt man Widerstand (Patient gibt seine Beschwerden in
alltagsnahe oder sportartspezifische Aktivitäten der Regel individuell an)
● lokale Druckdolenz
aus, bei denen der Patient die problematischen
Bewegungen mit dem Flossband unter Kontrolle
der Bewegungskoordination und -genauigkeit Bandmaterial.
ausführt. Hilfreich können dabei Hilfsmittel ● limette, blaubeere, pflaume
● schmale und breite Bänder
(Kleingeräte) und Tempo- bzw. Belastungsvaria-
tionen sein. Werfen und Fangen eines Basketballs
z. B. belasten das Handgelenk stärker als das Wer- Bandanlage. Basis am proximalen Unterarm (in-
fen eines Volleyballs. Ebenso können Stützaktivi- klusive Muskelbauch des M. brachialis), abhängig
täten mit mehr oder weniger Belastung durch vom Befund mit interner oder externer Rotation
geschickte Wahl der Ausgangsstellung bzw. über den Ellenbogen bis Mitte Oberarm, „Fascial
Variation der Unterstützungsfläche (stabil, labil) Thrust“ im Bereich der Schmerzlokalisation.
erfolgen.

132
9.3 Myofasziale Anlagen

Bandmaterial.
● blaubeere, pflaume
● mittlere Breite und schmal

Bandanlage. Die Bandanlage beginnt proximal des


Ellenbogens. Der Patient stützt seinen Arm leicht
gegen den angespannten Bauch des Therapeuten.
Optimal ist dabei eine Einstellung des Armes in
Außenrotation der Schulter und Supination des
Unterarms bei Dorsalextension im Handgelenk,
um eine maximale Vordehnung der Strukturen zu
erreichen. Die lange Bizepssehne ist hierbei noch
nicht maximal gespannt (▶ Abb. 9.42a). Die wei-
tere Anlage des Flossbands erfolgt mit einer Ver-
stärkung des Zugs (Fascial Thrust) auf der Ventral-
seite des Oberarms (▶ Abb. 9.42b.). So entwickeln
sich beim Bewegen des Armes starke Scherkräfte.
Bevorzugte Behandlungstechniken. Senkung des
Muskel- und Faszientonus, passive Mobilisation,
Muskeldehnung.

Abb. 9.41 Bei der Bandanlage für die Epicondylitis


Fallbeispiel I
kreuzen sich die Touren über dem Schmerzpunkt. Zunächst wird der Arm nach der Bandanlage
mehrmals passiv in Flexion und Extension des
Ellenbogens bewegt. Anschließend dehnt man
Bevorzugte Behandlungstechniken. Weichteilmo- den M. biceps brachii mit angelegtem Flossband
bilisation mit dem Flossband, Querdehnungen, Re- quer zum Faserverlauf. Die nachfolgende Deh-
coil-Techniken, Aktivitäten von Hand und gesam- nung (▶ Abb. 9.42c) der langen Bizepssehne
tem Arm mit und ohne Widerstand, Alltagsbewe- bringt das Caput longum des M. biceps brachii
gungen. unter Spannung und löst wahrscheinlich Cross-
links (Adhäsiolyse), die die Längsdehnung des
Muskels behindern oder für bewegungsabhän-
9.3.8 Fascia brachii gige Schmerzen verantwortlich sind. Es kommt
(tiefe Oberarmfaszie, zu einer Separation der interfaszialen Etagen, die
ventraler Anteil) Flüssigkeit in EZM wird dynamisiert (Schwamm-
effekt). Schließlich sollten auch aktive Bewegun-
Indikation. Affektionen des M. biceps brachii, ins-
gen mit angelegtem Flossband erfolgen, z. B.
bes. Tendinosen der langen Bizepssehne, schmerz-
(Liege-)Stützvarianten, Überkopf-Aktivitäten,
hafte Bewegungseinschränkungen der Schulter
Hantelübungen etc.
(Painful arc, endgradige Bewegungseinschrän-
kung), verminderte Rekrutierbarkeit nach Verlet-
zungen des M. biceps brachii, postoperativ (Naht
nach Rotatorenmanschettenruptur, Dekompres-
sion, etc.)
Referenzbewegung. Individuell schmerzauslösen-
de Bewegung, Dehnung des M. biceps brachii,
Caput longum.

133
Applikationsformen

Abb. 9.42 Easy Flossing am Oberarm,


M. biceps brachii.
a Die Basis legt man proximal des
Ellenbogens. Der Patient stützt
seinen Arm im Idealfall außenro-
tiert und supiniert mit der Hand-
fläche gegen den Therapeuten.
Hier erfolgt die Bandanlage im
Sinne einer Innenrotation.
b Fertige Bandanlage. Der Zug wurde
ventral über den Muskelbäuchen
des M. biceps brachii verstärkt,
um die Wirkung der Anlage zu
verstärken.
c Dehnung des M. biceps brachii,
Caput longum mit angelegtem
Flossband.
a

134
9.3 Myofasziale Anlagen

Abb. 9.43 Easy Flossing der Dorsal-


seite der Fascia brachii.
a Die Basis der Bandanlage für die
Behandlung der Dorsalseite der
Fascia brachii legt man um den
distalen Oberarm. Hier erfolgt die
Bandanlage im Sinne einer Innen-
rotation.
b Bei jeder Tour um den Oberarm
verstärkt man auf der Dorsalseite
den Zug (Fascial Thrust).
c Fertige Bandanlage. Die Hand des
Patienten lag während der Band-
anlage auf der Schulter des Thera-
peuten.

135
Applikationsformen

9.3.9 Fascia brachii, dorsaler 9.3.10 Thorax


Aspekt (M. triceps brachii) Indikationen.
● (endgradige) Bewegungseinschränkungen der
Schmerzen im dorsalen Oberarm sind relativ sel-
ten. Meist treten sie nach Prellungen oder Überlas- Schulter mit und ohne Schmerzen (nach Heilung
tungen auf, wenn der Betroffene eine ungewohnte bzw. Behandlung der ursächlichen Pathologie)
● CTG-Problematiken, Beschwerden ventral
Aktivität zu häufig und mit zu hoher Intensität
ausübt, z. B. im Zusammenhang mit dem Training (sternocostale Gelenke, Synchondrosen)
● verstärkte Kyphosierung der BWS, haltungs-
sportartspezifischer Bewegungsabläufe bei Über-
kopfsportarten. bedingte Schmerzen im unteren Rücken
● Atemprobleme (Inspiration und Exspiration),
Indikation. Schmerzen im dorsalen Oberarm, z. B.
nach Überlastung oder posttraumatisch. Reizhusten, chronisch obstruktive Lungen-
Referenzbewegungen. Stützaktivität oder Dehnung erkrankungen (COPD = chronic obstructive
beim Nackengriff. pulmonary disease), chronisches Asthma (wenn
Bandmaterial. der Patient dies toleriert)
● Verspannung der Interkostalmuskulatur, Inter-
● limette, blaubeere
● mittlere Breite und schmal kostalneuralgien
● Z. n. Rippenprellungen und -frakturen (postakut)
● Pleuraschwarten (nach Pneumothorax, Lungen-
Bandanlage. Der Unterarm liegt auf der Schulter
des Therapeuten, der seitlich vom Patienten steht. und Rippenfellentzündungen, Tuberkulose,
Die Basis legt man proximal des Ellenbogens Entfernung von Bülowdrainagen etc.)
und führt die Touren bis unterhalb der Achsel
(▶ Abb. 9.43). Die Behandlungsrichtung ergibt sich Referenzbewegungen.
aus dem Tastbefund („Tissue listening“).
● Rumpfflexion bei schmerzhaften Irritationen
● beidseitige Schultergelenksflexion
Bevorzugte Behandlungstechniken. Mobilisation,
● BWS-Bewegungen aktiv und passiv im Seiten-
aktive Bewegungen (▶ Abb. 9.44).
Progression. Komplexe Bewegungen mit Alltags- vergleich, isoliert sowie Kombinationsbewe-
und Sportbezug. Besonders eignen sich reaktive gungen
● für die übrigen Indikationen ergibt sich die
Übungen, bei denen sich der Behandelte gegen die
Wand abstützt oder einen (Medizin-)Ball auf Behandlungsindikation aus der Anamnese bzw.
Schulterhöhe gegen die Wand prellt oder über den Symptomen des Patienten
Kopf wirft und fängt.

Abb. 9.44 Behandlungsbeispiele bei


Affektionen des M. triceps brachii oder
der dorsalen Anteile der Fascia brachii.
a Dehnung des M. triceps und der
Fascia brachii mit angelegtem
Flossband.
b Dips an der Bankkante mit ange-
legtem Flossband.

a b

136
9.3 Myofasziale Anlagen

Hinweis V Fallbeispiel I
Die Bewegungen sollen vom Patienten aktiv und Mit dem angelegten Flossband kann der Thera-
vom Therapeuten passiv mit fixiertem Becken peut die Skapula des Patienten gegenüber dem
ausgeführt werden. Thorax in allen Ebenen mobilisieren. So können
sehr effektiv Adhäsionen und Crosslinks gelöst
werden. Bei Aktivitäten mit angelegtem Floss-
Bandmaterial. band sollte der Therapeut auf eine korrekte Koor-
● limette, blaubeere, pflaume dination und endgradige Bewegungsausführung
● mittlere Breite und breit, normale Länge und ex-
achten. Bei Schmerzen im Schultergelenk oder
tra lang in periartikulären Strukturen kann der Therapeut
mit manuellen Techniken in den Bewegungs-
Obere Thoraxanlage. Der Patient steht oder sitzt ablauf eingreifen. Sehr sinnvoll sind auch der
auf der Bankkante. Die Bandanlage beginnt bei ab- Einsatz von Kleingeräten wie Kurzhanteln, Kett-
duzierten Armen etwas unterhalb der stärksten lebells, Suspensions, Theraband, Pezziball etc.
Restriktion. Wichtig ist, genau diesen Bereich von sowie die Ausführung alltagsnaher, sportartspezi-
dorsal vollständig zu flossen ohne ventral emp- fischer und reaktiver Übungsformen (Stützaktivi-
findliche Strukturen zu sehr zu komprimieren. Der täten, Überkopfbewegungen, Fangen von Bällen
Zug wird während der Bandanlage bei Bedarf er- etc.), um die gesamte Funktion der Schultergür-
höht (Fascial Thrust). Bei der im Beispiel gezeigten tel- und oberen Rumpfmuskulatur abzubilden.
oberen Anlage haben wir mit dem langen Band
auch die Schultern mitgeflosst, um eine größere
Wirkung ventral zu erzielen (▶ Abb. 9.45).
Untere Thoraxanlage (Diaphragmaebene und
mittlerer Thorax). Die Bandanlage erfolgt im Sitz
Hinweis V auf der Bankkante, auf einem Hocker oder im
Stand. Die Basis legt man ca. eine Handbreit über
Die Bandanlage spart immer die freien Rippen, dem epigastrischen Winkel an die seitliche Rumpf-
bei Frauen die Brust und bei Männern die Mamil- wand. Die zirkulären Touren erfolgen mit ca. 50 %
len aus. Patienten sollten sich bei dieser Band- Vordehnung deutlich überlappend im Bereich der
anlage vorher die Achselbehaarung entfernen. unteren Thoraxapertur (▶ Abb. 9.46). Bei Frauen
Bei allen Thoraxapplikationen ist es wichtig, darf kein Brustgewebe eingebunden werden! Die
über die Atmung den intrinsischen Faktor zu Rumpfeinstellung erfolgt entsprechend der beste-
nutzen, um einen maximalen Effekt zu erzielen! henden Einschränkung in die freie Richtung (way

Abb.
137
Applikationsformen

Hinweis V
Je nachdem wo der Akzent der Behandlung liegt,
kann die Bandanlage etwas weiter kranial oder
kaudal erfolgen. In jedem Fall muss die Band-
anlage das Brustgewebe (bei Frauen) bzw. die
Mamillen (auch bei Männern) aussparen.

Fallbeispiel I
Der Patient kann mit dem angelegten Flossband
Rumpfbewegungen in alle drei Richtungen ma-
chen. Es ist sinnvoll, die Bewegungen des Rump-
fes mit Aktivitäten der Arme, z. B. am Rollenzug
oder mit Kurzhanteln, und mit einer bewussten
Atmung zu verbinden. Unbelastete Aktivitäten
sind geeignet, die Mobilität des unteren Rückens
zu verbessern. Eine geeignete Übung ist die
rhythmische Mobilisation durch den dynami-
schen Wechsel von Rechts- und Linksrotation des
Rumpfes, wobei der Patient stabil auf einem
Therapiehocker oder der Therapieliege sitzt.
Der Therapeut kann die Bewegung mit seinen
Händen führen und so gewährleisten, dass die
Wirbelsäule des Patienten optimal aufgerichtet
bleibt, um das Rotationsvermögen der Brust-
wirbelsäule voll auszuschöpfen.
Abb. 9.46 Bei der Bandanlage auf Diaphragmenebene Eine hervorragende Übung für Behandlung von
bleibt das Band unterhalb der Brust (Frauen) bzw. der atem- und bewegungsabhängigen Schmerzen
Mamillen (Männer). der unteren Brustwirbelsäule ist die Mobilisation
mit dem großen Gymnastikball (▶ Abb. 9.47a,
▶ Abb. 9.47b). Durch das Aufstützen der Arme
of ease). Ist die Inspiration erschwert oder auf den Ball aktiviert der Patient die ventrale
schmerzhaft, wird eine Ausatemposition einge- Muskelschlinge exzentrisch. Bei gleichzeitiger
nommen (leichte Flexion des Rumpfes) und umge- Fixierung von faszialen Anteilen der ventralen
kehrt. Ist die Extension der Wirbelsäule im Bereich Muskelschlinge mit dem Flossband erfolgt eine
des unteren Rückens schmerzhaft oder einge- optimale Separation der interfaszialen Etagen in
schränkt, erfolgt die Bandanlage ebenfalls in Fle- den myofaszialen Schichten der oberen Bauch-
xion. Betrifft die Störung die Flexion, erfolgt die wand (▶ Abb. 9.47c) sowie des Diaphragmas.
Bandanlage in Extension, wobei die Elevation der
Arme bei der Bandanlage die Effektivität der Appli-
kation und anschließenden Behandlung erhöht.

138
9.3 Myofasziale Anlagen

a b

Aponeurose des Vagina m. recti


M. rectus Fascia abdominis
M. obliquus externus abdominis, Linea alba abdominis superficialis
abdominis Lamina anterior
Cutis
Subcutis
M. obliquus
externus
präperitonealer abdominis
Aponeurose des Vagina m. recti Raum M. obliquus
Peritoneum Fascia
M. transversus abdominis, parietale transversalis internus
abdominis Lamina posterior abdominis
Aponeurose des
M. obliquus internus M. transversus
abdominis abdominis
c

Abb. 9.47 Übung zur Aufrichtung/Extension der BWS mit dem großen Gymnastikball.
a ASTE: Kniestand vor dem Ball mit aufgestützten Händen.
b ESTE: Bei maximaler Streckung des Rumpfes erfolgt eine tiefe Inspiration.
c Die ventralen myofaszialen Schichten der oberen Bauchwand.

Hinweis V
Bei Beschwerden des unteren Rückens ist die Ursa- tung und wies auf die Bedeutung exzentrischer
che häufig nicht allein die eingeschränkte Mobilität Aktivität für eine Spannungsregulierung hin. Heute
der Wirbelsäule oder der dorsalen Strukturen. Sehr wissen wir dank der Fortschritte in der Faszienfor-
oft leiden Patienten unter Verspannungen des schung, welche Bedeutung die Spannung in den
Zwerchfells oder der Ansätze der Bauchmuskulatur gesamten faszialen Hüllstrukturen für die störungs-
im Bereich der unteren Rippen. Brügger sprach vor freie Koordination der Muskelaktivität und die Be-
Jahren von der sternosymphysalen Belastungshal- wegungsökonomie hat.

139
Applikationsformen

9.3.11 Applikationen am Becken Bandanlage. Für die Pelvis-Anlage wird die Basis
auf Höhe der Beckenkämme um das Becken gelegt.
(LWS/Pelvis) Die weitere Anlage erfolgt mit 50 %igem Zug zirku-
Indikation. lär um den Unterbauch und den unteren Rücken.
● Iliolumbale Schmerzzustände (bewegungs- Dorsal kann bei Bedarf der Zug auf 70 % erhöht
abhängig und in Ruhe) werden (Fascial Thrust).
● eingeschränkte Mobilität der Lendenwirbelsäule
● Schmerzausstrahlung ins Bein bei Rumpfflexion
Hinweis V
Referenzbewegung. Rumpfbeuge (▶ Abb. 9.48), Bei großem Abdomen und/oder geringem Tonus
beurteilt wird der Finger-Boden-Abstand. der Bauchdecke ist die korrekte Anlage schwierig
Bandmaterial. oder nicht möglich. Wickelt sich das Flossband
● blaubeere, pflaume, grau vom unteren Rand her auf, empfiehlt es sich, die
● normale Breite und breit, extra lang folgenden Anlagen etwas höher zu beginnen.

a b

Abb. 9.48 Testbewegungen beim Easy Flossing der Beckenregion und des unteren Rückens (Pelvis, Fascia lata dorsalis).
a Pretest Rumpfbeuge. Gemessen wird der Finger-Boden-Abstand.
b Beim Retest zeigt sich die Wirkung der Behandlung. Die Fingerspitzen berühren problemlos den Boden.

140
9.3 Myofasziale Anlagen

a b

Abb. 9.49 Overhead Squat zur Mobilisation des unteren Rückens.


a In der Ausgangsstellung werden beide Arme im Schultergelenk maximal flektiert, der Thorax ist maximal
aufgerichtet.
b Während der tiefen Kniebeuge bleiben die Arme in Elevation, um die Wirkung auf die Faszien zu erhöhen.

Bevorzugte Behandlungstechniken. Aktive mo- nenfalls das Flossband fixieren, um den korrekten
bilisierende Übungen der Lendenwirbelsäule und Sitz des Bandes zu gewährleisten. Gelegentlich
Übungen mit Wirkung auf die umgebenden Fas- rollt sich das Band von unten her auf (siehe
zien (▶ Abb. 9.49). Der Therapeut muss gegebe- Anmerkung oben).

Hinweis V
Über die Wirkung des Flossens bei den Overhead Übergangsregion anpassen, weil Ursprung und An-
Squats können wir nur spekulieren, auch wenn wir satz des M. latissimus sich mit zunehmender Hüft-
in zahlreichen Behandlungen die verblüffende gelenksflexion voneinander entfernen, selbst wenn
Wirkung der Maßnahme beobachten konnten die LWS aktiv stabilisiert wird. Das Flossband unter-
(▶ Abb. 9.48). Möglicherweise erhöht sich die Mo- stützt die Wirkung, weil es aufgrund der zirkulären
bilität der Lendenwirbelsäule bezüglich der Flexion Kompression von außen die Subkutanfaszie und
aufgrund einer mechanischen Beeinflussung der Anteile der tiefen Rückenfaszie (▶ Abb. 9.51) fixiert.
Übergangsregion der Fascia thoracolumbalis zur Außerdem ziehen die myofaszialen Strukturen der
Sehne des M. latissimus dorsi (▶ Abb. 9.50). Wer- Gesäßregion die kranial sich anschließenden Fas-
den die Arme während der Ausführung der Knie- zienelemente nach kaudal.
beuge aktiv in Elevation gehalten, muss sich die

141
Applikationsformen

M. sternocleido-
mastoideus

Fascia thoracolumbalis
(= Fascia nuchae, tiefes Blatt)

M. trapezius, M. rhomboideus minor


Pars descendens M. levator scapulae
M. trapezius,
Clavicula
Pars transversa

Acromion
Spina scapulae M. supraspinatus
M. rhomboideus
M. deltoideus major
M. infraspinatus
Margo medialis
M. teres major
M. teres major
M. trapezius,
M. serratus
Pars ascendens
anterior
M. triceps M. latissimus
brachii dorsi
M. latissimus M. serratus
dorsi posterior inferior
Fascia thoraco-
lumbalis, ober- M. obliquus
flächliches Blatt externus
Olecranon abdominis
Ursprungs-
M. obliquus
aponeurose
internus
des M.latis-
abdominis
simus dorsi

Crista iliaca

M. gluteus M. gluteus
medius maximus

Trigonum lumbale inferius, M. obliquus internus abdominis

Abb. 9.50 Rückenmuskeln im Überblick und Fascia thoracolumbalis.

142
9.3 Myofasziale Anlagen

M. trapezius

oberflächliche Lamina posterior der


M. latissimus dorsi
Schicht Fascia thoracolumbalis

M. gluteus maximus

Mm. rhomboidei
tiefe mittlere Fascia der Mm.
Rückenfaszie Schicht serrati posteriores
Mm. serrati posteriores

M. obliquus internus
Lamina anterior der
Fascia thoracolumbalis
M. transversus abdominis

tiefe Mm. rotatores,


Schicht intertransversarii, Interspinales

Mm. longissimi
epimysiale Faszien
des M. erector spinae
Mm. multifidi

Mm. iliocostales

Abb. 9.51 Aufbau der tiefen Rückenfaszie (nach Stecco 2016).

9.3.12 Myofasziale Kombinations- Bandmaterial.


● blaubeere, pflaume
anlage Schulter mit Relation ● normale Breite und breit, für den Thorax extra
Diaphragma lang
Indikation. Persistierende Schulterbeschwerden
wenn herkömmliche Maßnahmen erfolglos geblie- Bandanlage. Untere Thoraxanlage (s. Kap. 9.3.10)
ben sind. und Schulterapplikation (s. Kap. 9.2.1).
Referenzbewegung. Die individuelle, schmerzaus-
lösende Bewegung/Aktion.

Fallbeispiel I
Siehe ▶ Abb. 9.52. Nachdem beide Regionen indivi- verstärkt die intrinsischen Kräfte und löst myo-
duell vorbehandelt wurden, erfolgt unmittelbar fasziale Restriktionen. Bei dieser Übung werden
nacheinander die Applikation der Flossbänder. Im Punctum fixum und Punctum mobile gegenüber
Anschluss macht der Patient funktionelle Bewe- der üblichen Bewegung (Abduktion im Schulter-
gungsübungen. In diesem Fall sitzt er seitlich neben gelenk) umgekehrt. Gelöst werden die myofaszia-
dem Therapieball. Seinen Unterarm der betroffenen len Strukturen der seitlichen Rumpfwand und der
Seite legt er auf den Ball (▶ Abb. 9.52a). Dann rollt Schulter (u. a. der Mm. subscapularis, serratus pos-
er den Ball mit dem gestreckten Arm zur Seite und terior, latissimus dorsi und pectoralis major).
folgt der Bewegung mit dem Oberkörper („Exzen- Übungen mit Geräten wie Zugapparat, Kettlebell,
trik“). In der Endstellung stützt er sein Körper- Gewichten, Widerstandsbändern, Tubes etc. ergän-
gewicht mit der betroffenen Extremität auf dem zen das Behandlungsspektrum.
Ball ab (▶ Abb. 9.52b). Eine tiefe Flankenatmung

143
Applikationsformen

Abb. 9.52 Myofasziale Kombinations-


anlage Schulter mit Relation Dia-
phragma.
a ASTE: Seitsitz neben dem Thera-
pieball.
b ESTE: Seitlicher Stütz mit Abduktion
der Schulter; Extension, Lateral-
flexion und Rotation der Wirbel-
säule.

9.3.13 Kombinationsanlage Referenzbewegungen.


● Anspannung der verletzten Muskulatur gegen
Oberschenkel mit Relation Widerstand (Isometrie)
zum Becken (Aufdehnung ● dynamische Aktivierung durch schnelles Anhe-

der Leistenregion) ben des gestreckten Beines im Seitenvergleich


● Dehnung der betroffenen Muskelanteile
Indikation. ● Ausfallschritt nach hinten (Reverse Lunge)
● belastungsabhängige Beschwerden im Unter-

bauch/in der Bauchmuskulatur und dem ventra- Bandmaterial.


len Oberschenkel ● blaubeere, pflaume, grau
● Zerrung (Distorsion) der Bauchmuskulatur, des
● normale Breite und Länge, extra lang
M. quadriceps femoris, der Adduktorengruppe
● Leistenbeschwerden
Bandanlage. Zunächst Muskelanlage am Ober-
schenkel (s. Kap. 9.4.1), danach Applikation am Be-
cken (S. 140) (▶ Abb. 9.53a). Beide Bandanlagen er-
folgen unmittelbar nacheinander. Der Patient steht
bei der Bandanlage, der Therapeut erhöht in bei-
den Fällen den Zug ventral und verstärkt somit
den Fascial Thrust auf die ventralen faszialen
Strukturen.

144
9.3 Myofasziale Anlagen

a b

Abb. 9.53 Kombinationsanlage.


a Demonstration der Bandanlage von schräg hinten.
b Seitlicher Ausfallschritt mit maximaler Aufrichtung der Wirbelsäule und Dehnung der ventralen myofaszialen Kette
(ähnlich der Position „Krieger I“ beim Yoga). Mit einem weiten Ausfallschritt nach schräg vorne werden gleichzeitig
beide Arme angehoben.

Fallbeispiel I
Zunächst wärmt sich der Patient mit unspezifischen Strukturen dazwischen, weil die ineinander überge-
Übungen auf. Im Anschluss erfolgt das Flossing der henden Faszien von Bauch und Oberschenkel an
betroffenen Strukturen. Mit Weichteiltechniken und den Ankerpunkten im Bereich der Bandanlage fi-
passiven Bewegungen des Rumpfes bei angelegtem xiert werden. Durch das seitlich versetzte Aufsetzen
Flossband mobilisiert man die faszialen Etagen und des vorderen Fußes ergibt sich im Hüftgelenk des
dynamisiert die Flüssigkeit in der EZM. Anschlie- betroffenen Beines eine Kombination aus Extension,
ßend folgen mit angelegten Flossbändern wieder- Abduktion und Außenrotation des Hüftgelenks (so-
holt Ausfallschritte des nicht geflossten Beines nach fern man das Drehen des hinteren Fußes gegen-
seitlich vorne bei gleichzeitiger Elevation der Arme über der Unterlage zulässt). So wirkt diese Technik
(▶ Abb. 9.53b). auch auf die Adduktorengruppe des betroffenen
Durch die Anlage der Flossbänder kombiniert mit Beines. Grundsätzlich ist auf eine endgradige Bewe-
der BWS-Aufrichtung und beidseitigen Elevation gungsausführung zu achten.
der Arme verstärkt sich der Effekt auf die faszialen

145
Applikationsformen

9.4 Muskuläre Anlage Bevorzugte Behandlungstechniken. Weichteiltech-


niken werden eher im Sinne einer den Lymph-
(Sponge-Techniken) abfluss unterstützenden Art und Weise durch-
Die muskulären Anlagen dienen in erster Linie der geführt (Streichungen, Schöpf- und Pumpgriffe in
Regeneration. Sie beschleunigen den Stoffwechsel Abflussrichtung). Aktive und passive Bewegungen
(„Speed-up“ der EZM), unterstützen den schnel- dienen der Dynamisierung der Flüssigkeiten, Mus-
leren Abbau und Abtransport von Metaboliten so- keldehnungen unterstützen die Adhäsiolyse, Ko-
wie eine bessere Zufuhr von Nährstoffen (Refill) ordinationsaufgaben verbessern die Rekrutierbar-
und lösen in Verbindung mit Bewegungen gege- keit der Muskulatur.
benenfalls auch Adhäsionen (Adhäsiolyse).
9.4.1 Oberschenkel
Hinweis V Referenzbewegung.
● Squat, Deep squat (Quadriceps)
Die hier genannten Indikationen sowie Angaben
● Deep side lunge (Adduktoren)
zum Bandmaterial und zur Bandanlage gelten
● Standwaage (ischiocrurale Muskulatur)
grundsätzlich für jede Muskelanlage.

Bandmaterial.
● blaubeere, pflaume, grau
Indikation. Bewegungsabhängige Schmerzen,
● normale Breite und breit, normale Länge und
Zustand nach Muskelverletzungen, Subfailure
extra lang
„Injuries“, Muskelzerrungen, Muskelschmerzen,
Muskelschwere („Soreness“) und Müdigkeit („Fa-
tique“), nach Wettkämpfen und anstrengenden M. quadriceps femoris
Belastungen etc.
Bandanlage. Das Flossband wird oberhalb der
Referenzbewegungen.
Patella angelegt und mit 50 %igem Zug um den
● Isometrie
Oberschenkel nach proximal geführt. Bei Bedarf
● klinisch manifestieren sich flächige Schmerzen
erhöht man den Zug um etwa 20 % (Fascial Thrust)
im Muskelbauch bei maximaler Anspannung
über der gewünschten Region, um die Wirkung
● Tonuserhöhung im Muskelbauch
der Bandanlage zu verstärken. Die Richtung der
Bandanlage ergibt sich aus dem Befund („Tissue
Bandmaterial.
Listening“). Die Anlage erfolgt am besten im Ste-
● alle Farben
hen (▶ Abb. 9.54). Durch Zugverstärkung (Fascial
● normale Länge und Breite, extra lang
Thrust) betont man die Wirkung der Anlage über
der zu behandelnden Muskulatur.
Hinweis V Bevorzugte Behandlungstechniken. Sehr hilfreich
für die Regeneration ist die manuelle Behandlung
Bei Athleten richtet sich die Wahl der Bandstärke
des Oberschenkels. Der Therapeut schiebt seine
immer nach der Densität der Muskulatur.
Hände parallel zum Faserverlauf ähnlich wie bei
der Manuellen Lymphdrainage nach kranial
(▶ Abb. 9.54). Der Patient sollte im Anschluss beim
Bandanlage. Die Applikation erfolgt zirkulär von nächsten Flossing-Durchgang das Bein auch aktiv
distal nach proximal über den Muskelbauch. Gibt bewegen, zunächst unbelastet und schließlich be-
es lokale Problematiken, kann dort der Zug des lastet. Dafür eignen sich funktionelle Übungen
Bandes lokal auf 70 % verstärkt werden (Fascial moderater Intensität (Squats, Squat Lunges, Aus-
Thrust). Das Flossband wird in neutraler Stellung fallschritte, Minitrampolin etc.)
der angrenzenden Gelenke oder bei leichter Vor-
dehnung der Muskulatur angelegt. Die Richtung
der Bandanlage ergibt sich aus dem Befund.

146
9.4 Muskuläre Anlage (Sponge-Techniken)

Abb. 9.54 Easy Flossing am Oberschenkel, Weichteiltechnik am M. quadriceps femoris.

Hinweis V Fallbeispiel I
Hat der Patient einen kräftigen oder langen Ein Beispiel für eine funktionelle Dehnung zeigt
Oberschenkel, verwendet man zwei Bänder ▶ Abb. 9.55. Diese kann man nach entsprechen-
derselben Farbe. Alternativ kann auch ein länge- der Anleitung gut selbst zu Hause durchführen –
res oder ein extra breites Flossband verwendet mit oder ohne Flossband.
werden.

147
Applikationsformen

a b

Abb. 9.55 Dehnung des M. quadriceps femoris im Einbein-Kniestand.


a ASTE: Einseitiger Fersensitz, unter dem Knie am Boden liegt ein Polster.
b ESTE: Dehnung des M. quadriceps durch die Annäherung der Ferse an das Gesäß. Das angestellte Bein und die
Anspannung der Bauchmuskulatur verhindern weiterlaufende Bewegungen.

Adduktoren Band erhöht. Medial verstärkt man den Zug (Fas-


cial Thrust), um die Wirkung auf die betroffenen
Hinweis V Muskelanteile zu verstärken.
Das Bein wird so geflosst, dass der gesamte zu
Bei ansatznahen Beschwerden muss die Band- behandelnde Anteil der Muskulatur unter Vor-
anlage in Leistennähe vorsichtig erfolgen. spannung kommt. Man benötigt hier möglicher-
Klemmt man Haut oder Gewebe mit dem Band weise mehrere Bänder oder man wählt ein breites
ein, verringert dies die Aussicht auf eine erfolg- oder längeres Flossband.
reiche Behandlung.

Hinweis V
Bandanlage. Beim Flossen der Adduktorengruppe Hat man nur zwei Bänder unterschiedlicher
orientiert man sich bei der Anlage daran, welche Stärke zur Verfügung, wird das stärkere Band
Muskelanteile man behandeln möchte. Die Anlage über den Bereich gespannt, in dem der Patient
des Flossbandes erfolgt in der Regel im leicht ge- die größten Schmerzen hat oder den man bei der
grätschten Stand oder in Schrittstellung von distal Untersuchung als den Hauptort einer Störung/
nach proximal (▶ Abb. 9.56). Die Richtung der Verletzung identifiziert hat.
Applikation (intrern/extern) richtet sich nach dem
Befund. Nach der ersten Tour wird der Zug auf das

148
9.4 Muskuläre Anlage (Sponge-Techniken)

Bevorzugte Behandlungstechniken. Prinzipiell


sind im Bereich der Adduktoren nach entspre-
chender Vorbereitung alle Behandlungsstrategien
möglich. Narbig veränderte Muskelanteile und sol-
che Bereiche, in denen rezidivierend Beschwerden
auftreten, werden mit Querdehnungen effektiv ge-
löst. Dies betrifft auch die zugehörigen Faszien.
Progression. Aktive Bewegungsübungen mit ange-
legtem Flossband verbessern Koordination und
Kraft und die Rekrutierung der Muskulatur („Cor-
rective Exercises“, siehe Fallbeispiel). Der „Refill“
nach Abnahme des Flossbandes führt zu einer ver-
besserten Durchblutung, der Schwammeffekt be-
günstigt den Abtransport von Mediatoren und
senkt die lokale Irritierbarkeit (s. Kap. 4.2).

Fallbeispiel I
Mit dieser Bewegungsfolge (▶ Abb. 9.57) akti-
viert man die gesamte Adduktorengruppe.
Gleichzeitig trainiert man Gleichgewicht und
Koordination.

Abb. 9.56 Easy Flossing am Oberschenkel, Bandanlage


für die proximalen Anteile der Adduktoren.

a b c

Abb. 9.57 Aktive Dynamisierung der gesamten Adduktoren.


a ASTE: Im Stand wird das betroffene Bein bis 90° Hüftflexion angehoben. Das Kniegelenk wird ebenfalls 90° gebeugt.
b Es folgt eine horizontale Abduktion.
c Aus der horizontalen Abduktion wird das Hüftgelenk extendiert und außenrotiert, das Kniegelenk wird dabei
ebenfalls extendiert.

149
Applikationsformen

Ischiokrurale Muskulatur 9.4.2 Arm


Bandanlage. Beim Flossen der ischiokruralen Mus- Auch am Arm erfolgt die Applikation immer von
kulatur erhöht man die Vordehnung des Bandes distal nach proximal. Die Richtung ergibt sich aus
dorsal wenn dies erforderlich ist. Ansonsten ähnelt dem Befund. Wichtig bei der Muskelanlage am
die Anlage der der anderen Muskeln des Ober- Arm ist die Aussparung der Gelenke (Hand-, Ellen-
schenkels. Wichtig ist die Einfassung der Muskel- bogen-, Schultergelenk). Die zu behandelnde Mus-
bäuche. Auch hier bestimmt der Befund die Rich- kulatur muss im Bereich der „roten Anteile“ (Mus-
tung der Bandanlage. kelbauch) immer vollständig vom Band eingefasst
Bevorzugte Behandlungstechniken. Zur Regene- werden.
ration wendet man entstauende Techniken im Lie- Indikation. Schmerzhafte Affektionen der Musku-
gen an. Für die Behandlung von Restriktionen sind latur, Zustand nach Überlastung, Prellungen etc.
manuelle Weichteiltechniken und dynamische Referenzbewegung. Patient demonstriert die
Übungen geeignet. Zu Kraft und Koordination trai- schmerzhafte Bewegung oder zeigt mit den Fin-
niert man mit alltagsnahen und sportartspezi- gern auf den schmerzhaften Bereich.
fischen Übungen (Standwaage ▶ Abb. 9.58). Diese Bandmaterial.
sind auch zur Prävention von Verletzungen geeig- ● limette, blaubeere, pflaume

net. ● normale Länge extra lang, mittlere Breite

Abb. 9.58 Bei der Standwaage werden die dorsalen Anteile des Oberschenkels exzentrisch verlängert. In Kombination
mit dem Flossband lösen sich Adhäsionen. Die Viskoelastizität im Bereich der interfaszialen Etagen und ligamentären
Gleitlager wird verbessert.

150
9.5 Posttraumatische Anlage

Hinweis V
Verwendet man zwei Bänder unterschiedlicher
Stärke an unterschiedlichen Stellen, beginnt man
immer distal mit der Bandanlage, egal ob das
stärkere Band distal oder proximal angelegt wird.
Das erste Band wird handgelenksnah am Unter-
arm angelegt und fasst sämtliche Muskeln des
Unterarms ein. Verntral erfolgt eine Zugverstär-
kung (Fascial Thrust). Das zweite Band wickelt
man unmittelbar proximal vom Ellbogen um den
Oberarm. Auch hier ist eine Zugverstärkung
ventral möglich.

Fallbeispiel I
Der Arm stützt seitlich neben dem Körper auf
die Behandlungsliege. Durch die Einstellung in
Extension sind die ventralen Strukturen gedehnt
(▶ Abb. 9.59). Es folgt eine isometrische An-
spannung im Sinne einer Stützaktivität. Durch
den Wechsel von Anspannung und Entspannung
(„isometrisches Pumpen“) wird der Rückfluss
gefördert, die Flüssigkeiten in der EZM werden
dynamisiert.
Abb. 9.59 Easy Flossing des Armes mit zwei Bändern
zur Regeneration nach extensiven Trainingseinheiten

V
(„isometrisches Pumpen“).
Hinweis
Der Ellenbogen muss bei der Bandanlage fixiert
werden, damit die Vorspannung nicht verloren 9.5 Posttraumatische Anlage
geht. Die eingestellte Position des Handgelenks
bei der Bandanlage sollte nicht endgradig er- Easy Flossing unmittelbar nach einer frischen
folgen, um den Bewegungsspielraum in beiden Sportverletzung erfordert vom Behandler eine
Richtungen für die Übungsbehandlung mit ange- große Sicherheit hinsichtlich der Untersuchung
legtem Flossband zu erhalten. und Beurteilung der stattgefundenen Verletzung.
Im (Leistungs-)Sport kann eine Behandlung mit
dem Flossband sinnvoll sein, wenn es darum geht,
sofort nach dem Trauma den Heilungsprozess ein-
zuleiten bzw. das Ausmaß des Schadens klein zu
halten, bis die exakte Diagnose gestellt ist und die
weitere medizinische Behandlung erfolgt. Zielset-
zung ist die Förderung der Wundheilung.

151
Applikationsformen

Indikation. Akute (Sport-)Verletzungen wie Dis-


Hinweis V torsionstrauma, Bandläsionen etc.
Schürfwunden und offene Wunden stellen eine Referenzbewegung. Sportartspezifische bzw. dem
bedingte Kontraindikation dar! Trauma entsprechende Schnelldiagnostik, akute
Keinesfalls sollte Flossing eingesetzt werden, Symptomatik.
um mögliche Symptome einer frischen Verlet- Bandmaterial.
● limette
zung zu kaschieren und dem Athleten die Fort-
● normale Länge
setzung des Wettkampfes zu ermöglichen. Das
Risiko von weiteren Schäden wäre dabei viel zu
groß, weil durch Easy Flossing die Schmerztole- Vorpositionierung. Hochlagern.
ranz deutlich herabgesetzt wird (s. Kap. 4.4.5). Bandanlage. Das Flossband wir unter gleichblei-
Allerdings sind im Leistungssport, insbesondere bendem Zug (30 %) langsam zirkulär von distal
beim Eishockey, wo ich die Mannschaft der Iser- nach proximal um die hoch gelagerte Extremität
lohn Roosters betreue, die Grenzen oft fließend, gewickelt. Dabei werden die verletzten Strukturen
weil bei den Auswirkungen eines Traumas auch komplett umhüllt.
die physische Verfassung und Konstitution des Behandlung. Wiederholte Bandanlage im Sinne
Athleten eine Rolle spielt. Auf Schürfwunden einer Kompression in Kombination mit den übli-
kann vor der Anlage des Flossbandes eine Kom- chen Methoden gemäß der POLICE-Regel (Bleakley
presse aufgelegt werden. et al. 2012). Bei Schmerzfreiheit bzw. moderaten
Schmerzen und nach dem Ausschluss schwerwie-

Abb. 9.60 Easy Flossing, Posttraumatische Anlage am Sprunggelenk. Das Flossband wird unmittelbar nach der
Verletzung und nach Ausschluss möglicher Kontraindikationen (Schürfwunden, offene Wunden) mit gleichmäßigem
Zug langsam zirkulär von distal nach proximal angelegt. Dabei soll der gesamte Verletzungsbereich umhüllt werden. Ziel
ist eine Förderung der Wundheilung durch Eindämmen der Einblutung und Minderung der Schwellungsneigung. Die
Anlage verbleibt jeweils nur ca. 2 min und wird in kurzen Zeitabständen acht- bis zehnmal wiederholt.

152
9.6 Lymphanlage

gender Verletzungen (Frakturen, Organverletzun- Vorpositionierung. Geeignete Lagerung für


gen) ist eine vorsichtige Mobilisation mit angeleg- Lymphdrainage (in der Regel erhöht).
tem Flossband im Rahmen der physiologischen Behandlung. Zunächst behandelt man die Extre-
Gelenkbeweglichkeit möglich. mität mit den Grundgriffen. Anschließend flosst
man jeden Abschnitt von Bein oder Arm von distal
▶ POLICE-Regel. POLICE steht für: Pause, Optimal nach proximal, bevor man die Extremität mit
Load (optimale, der Verletzung angepasste Belas- Schöpfgriffen behandelt. Auch Pumpgriffe sowie
tung), Ice (Eis), Compression (Kompression) und stehende Kreise können mit dem angelegten Band
Elevation (erhöhte Lagerung). Die POLICE-Regel gemacht werden, d. h. die Lymphdrainage wird
löste die früher gültige PECH-Regel ab, bei der mit angelegtem Flossband gemacht und das Flos-
grundsätzlich jegliche Belastung ausgeschlossen sen gegebenenfalls mehrmals für jeden Abschnitt
wurde. wiederholt. Nach Abnahme des Bandes muss der
Patient das Bein bzw. den Arm aktiv bewegen.
Hinweis V
Das Flossband bleibt nur relativ kurz angelegt
Hinweis V
(max. 120 Sekunden), dafür wird die Anlage oft ● Bei Lymphödemen darf der Zug des Floss-
wiederholt (acht- bis zehnmal). Wenn es keine bandes um 50–75 % verstärkt werden. Bei Lip-
Parästhesien oder vermehrt Schmerzen gibt, ödemen bis maximal 50 %. Prinzipiell wird die
kann das Band schließlich längere Zeit bis zur Zugstärke individuell angepasst.
Weiterbehandlung angelegt bleiben. ● Eiweißfibrosen lassen sich gut mit Flossen auf-
lösen.
● Bei Bedarf verwendet man zwei oder mehr
Flossbänder der gleichen Stärke. Proximal darf
9.6 Lymphanlage der Zug bei der Anlage des Bandes nicht stär-
ker als distal sein.
9.6.1 Kontraindikationen ● Optimal ist es, die behandelte Extremität wäh-
Prinzipiell gelten für die Ödembehandlung mit rend der Lymphdrainage mehrmals zu flossen.
dem Flossband dieselben Kontraindikationen wie ● Sehr langsame Abnahme der Flossbänder!
für die anderen Behandlungstechniken mit dem
Flossband auch (vgl. Kap. 5.3).
Indikation. Posttraumatische/postoperative Öde-
me, chronisches Lymphödem (Stadien 0–II), Lip-
ödem und Phlebödem, superfizielle Flüssigkeits-
ansammlungen zur Unterstützung des Lymphab-
flusses.
Bandmaterial.
● limette (Lipödem), blaubeere (Lymphödem mit

hoher eiweißpflichtiger Last)


● Bandlänge normal oder extra lang

● Prinzipiell kommen bei der Ödembehandlung

nur die Flossbänder mit der geringsten Zug-


stärke (Limette) zum Einsatz. Beim Phlebödem
muss außerdem auf den Zustand der Haut und
der Gefäße geachtet werden. Lediglich beim
Lymphödem mit hoher eiweißpflichtiger Last
verwendet man die nächststärkeren Flossbänder
(blaubeere).

153
Fallbeispiele

10 Fallbeispiele
10.1 Fußballspieler mit 6. Erneuter Test: Druckpunkte, Belastbarkeit,
aktives Bewegungsausmaß, Schwellung
Sprunggelenksdistorsion (Zunahme?).
7. Weitergeleitet für erweiterte Diagnostik und
ärztliche Therapie/Physiotherapie.

10.2 Männlicher Patient


nach Polytrauma
Anamnese. Georg A, männlicher Patient, 51 Jahre.
Vor über 10 Jahren schwerer Motorradunfall mit
multiplen Frakturen und inneren Verletzungen
(u. a. Serienfraktur der Rippen 4–7, Bülaudrainage
bei Pneumothorax, Klavikula- und Skapulafraktur,
Akromioklavikalargelenk-Abriss bzw. Schultereck-
gelenksprengung, Abscherung des Trochanter ma-
jor, offene Oberschenkelschaftfraktur, Fersenbein-
fraktur, Weber-B-Fraktur rechts, Weber-C-Fraktur
links, Handgelenksfraktur, Unterarmfraktur rechts,
HWS-Distorsion mit nachwgewiesenen Weich-
teilläsionen, posttraumatisch Herzstillstand, drei-
Abb. 10.1 Bei einer Distorsion des Sprunggelenks malige Reanimation, vier Tage Koma nach Schädel-
(Inversionstrauma) kommt es häufig zu einer Ruptur Hirn-Trauma, 14 Tage Amnesie, in der Folge Bein-
der Außenbänder. Liegen keine Kontraindikationen
venenthrombosen bds.
vor (siehe Text), kann unmittelbar nach der Verletzung
Befund. Der Patient klagt auch Jahre nach dem
die Behandlung mit dem Flossband durchgeführt
werden. Ziel des Flossens ist, optimale Voraussetzungen schweren Unfall noch über wiederkehrende Ge-
für die Wundheilung zu schaffen (aus Goronzy 2017). lenkbeschwerden, die ihn bei seiner Arbeit und
beim Sport behindern. Die meisten Beschwerden
hat er im Bereich von Schulter- und Handgelenk.
Ein Fußballer hat sich ohne Gegnereinwirkung Er lässt sich aus diesem Grund in unregelmäßigen
Mitte der zweiten Halbzeit ein Inversionstrauma Abständen mit dem Flossband behandeln, was so-
zugezogen. Physiotherapeut und Arzt rennen auf wohl die Schmerzen vermindert als auch die Be-
den Platz und müssen schnell entscheiden, was zu weglichkeit im Rahmen der immer noch bestehen-
tun ist. den Einschränkungen verbessert. Insgesamt fühlt
Prozedere unmittelbar nach der Verletzung. er sich nach der Therapie mit dem Flossband be-
1. Gehaltener Druck auf schmerzhafte Stelle weglicher und leistungsfähiger.
(Continuum Distorsion), dann testen ob Spieler Die noch bestehenden Probleme wegen der
belasten kann. Bülaudrainage behandeln wir mit Thoraxapplika-
2. Spieler testet, ob er auftreten und abrollen tionen (s. Kap. 9.3.10). Die Beschwerden im Be-
kann. Falls nicht: raus an den Spielfeldrand. reich der Sprunggelenke werden ebenfalls in der
3. Stutzen raus, Kompression mit grünem Floss- weiter oben (s. Kap. 9.1.3) beschriebenen Art und
band (▶ Abb. 9.60). Weise therapiert. Hier zeigen wir exemplarisch
4. Safetys nach Bandabnahme: Drucktest, Klopf- Behandlungsbeispiele für Schulter- und Hand-
test, Belastung. gelenk. Daneben trainiert der Patient regelmäßig
5. Nach Frakturausschluss erneutes Flossen, an Geräten und ist auch sonst im Rahmen seiner
Hochlagerung und schmerzfreie Muskelpumpe Möglichkeiten sportlich aktiv (Beruf Fitnesstrainer).
(maximal 8–10 min, bis erwartetes Blutungs-
ende).

154
10.2 Männlicher Patient nach Polytrauma

10.2.1 Behandlung der Schulter 10.2.2 Behandlung


Patient bereitet sich individuell vor (aufwärmen, des Handgelenks
aerobe Ausdauer etc.). Dann folgt die Behandlung Bei der Behandlung der Hand liegt mein Fokus auf
mit dem Flossband, hier zur Verbesserung der der Verbesserung der Dorsalextension. Wegen der
endgradigen Schulterbeweglichkeit und Koordina- eingeschränkten Mobilität hat Georg Schwierigkei-
tion (Movement Development). Georg legt seinen ten bei Stützaktivitäten. Bei der Ausübung seines
Arm auf meine Schulter, sodass ich ihn in optima- Berufs als Fitnesstrainer merkt er dies v. a. bei
ler Vorpositionierung flossen kann. Das Band lege Push-Ups (Liegestützen).
ich nach der Tastuntersuchung im Sinne einer In- Nachdem ich Georg das Handgelenk geflosst ha-
nenrotation an, ventral verstärke ich den Zug auf be, stützt er sich mit der betroffenen Hand auf der
70 %. Der geflosste Arm bleibt auf meiner Schulter Behandlungsliege ab. Während ich mit einem
liegen. Mit der linken Hand drehe ich die gefloss- Gabelgriff das Handgelenk fixiere, verlagert Georg
ten Strukturen im Sinne einer Außenrotation nach seinen Schwerpunkt so, dass der Druck auf die
dorsal. Mit meiner rechten Hand mobilisiere ich stützende Hand zunimmt und vom Unterarm aus
gegensinnig (Strain-Counterstrain) die gelenk- wechselnd eine Dorsalextension und Palmarflexi-
nahen ventralen myofaszialen Strukturen (insbes. on nahe der Barriere stattfinden (▶ Abb. 10.3a).
Mm. pectoralis major und minor mit Faszien) Im Anschluss steigere ich die Intensität, indem
(▶ Abb. 10.2). Bei dieser Technik erwarte ich eine ich passiv bei gehaltener Fixation der Handwurzel
Adhäsiolyse und nachfolgend eine Dynamisierung das Handgelenk weiter in Dorsalextension bringe
des behandelten Areals im Sinne einer Neustruk- (▶ Abb. 10.3b). Zuletzt macht Georg die spezifische
turierung des Gewebes durch die verbesserte Übung, bei der sich sonst seine Beschwerden am
Mobilität und Perfusion. Zur Sicherung des Be- deutlichsten manifestieren („Referenzbewegung“)
handlungsergebnisses wiederhole ich die Anlage (▶ Abb. 10.3c). Zufrieden stellt er fest, dass er dabei
mehrmals und lasse Georg aktive Bewegungen mit nach der Behandlung nahezu schmerzfrei ist. Nach
dem Arm ausführen. Nach der Therapie ist die Be- der Behandlung setzt er sein Training an den Ge-
weglichkeit der Schulter deutlich besser. räten individuell fort.

Abb. 10.2 Schulterbehandlung bei Georg A. Myofasziale Dehnung der ventralen myofaszialen Strukturen (Erlklärung
im Text).

155
Fallbeispiele

a b c

Abb. 10.3 Behandlung des Handgelenks von Georg A.


a Aktive Dorsalextension mit Drehpunktumkehr und manueller Fixation der Handwurzel.
b Passive Technik zur Verbesserung der Dorsalextension.
c Push-Up mit angelegtem Flossband.

10.3 Patientin mit Prozedere. Nach der manuellen Behandlung der


Wade mit den beiden angelegten Bändern werden
Wadenschmerzen diese abgewickelt. Im Anschluss wird das grüne
Anamnese. Die Patientin klagt über belastungs- Band erneut angelegt (Muskelanlage) und die
abhängige Schmerzen in der linken Wade. Sie kann Wade erneut behandelt. Mit flächiger Kompres-
den Schmerzpunkt genau lokalisieren. sion der Muskelbäuche wird das Gewebe abge-
Ich entscheide mich für eine kombinierte Anlage hoben (▶ Abb. 10.4d), wodurch es zu einer Separa-
mit einem grünen Flossband mittlerer Breite tion der interfaszialen Etagen kommt. Mit gehalte-
(myofasziale Anlage) in Kombination mit einem ner Separation erfolgt eine Rotation der Weichteile
schmalen grauen Flossband, das ich über Kreuz bei fixierten ossären Strukturen (▶ Abb. 10.4e). Bei
über dem Schmerzpunkt appliziere. dieser Technik kommt es zu einer optimalen Adhä-
Bandmaterial. siolyse und Tonusreduktion der Wadenmuskula-
● grün, normale Länge und tur. Die Flüssigkeitsströme werden dynamisiert.
● grau, schmal

Bandanlage. Bei der myofaszialen Anlage ist die


Wade leicht vorgedehnt (▶ Abb. 10.4a). Dorsalsei-
tig erhöhe ich den Zug (Fascial Thrust). Das zweite
Band wird über dem Schmerzpunkt angelegt
(▶ Abb. 10.4b), ebenfalls mit einer stärkeren Deh-
nung über der Wade. Der Schmerzpunkt befindet
sich unmittelbar unter dem Kreuzungspunkt der
auf- und absteigenden Touren (▶ Abb. 10.4c).

156
10.3 Patientin mit Wadenschmerzen

a b

c e

Abb. 10.4 Easy Flossing bei Wadenschmerzen (Loco tipico).


a Myofasziale Anlage in Vordehnung der Wade (Fuß in Plantarflexion gegen den „Therapiebauch“ des Therapeuten
gestützt.
b Ein zweites, schmales Flossband wird zur Akzentuierung über das Basisflossband angelegt. Die Touren überkreuzen
sich über dem Schmerzpunkt („Cross-over“-Anlage).
c Der Hauptschmerzpunkt befindet sich genau unter dem Kreuzungspunkt der auf- und absteigenden Touren des
zweiten Flossbandes.
d Separation der interfaszialen Etagen.
e Separierende Translation durch Rotation der Weichteile bei gleichzeitig fixiertem Unterschenkel. Mit dem Sternum
halte ich den Fuß. Im Kniegelenk kann der Unterschenkel nicht ausweichen, wenn eine leichte axiale Kompression
ausgeübt wird.

157
Fallbeispiele

10.4 Behandlungsbeispiele Bandanlage. Die Bandanlage erfolgt unmittelbar


vor der Übung im Stand (▶ Abb. 10.5a). Bei dieser
aus dem Leistungssport Variante der Kniegelenksanlage wird der Schwer-
punkt auf die Stabilisation und Ansteuerung der
10.4.1 Single Leg Squat Muskulatur gelegt. Die Kniescheibe wird groß-
Vorgeschichte. Überlastungssyndrom linkes Knie- zügig ausgespart („Open kneecap“).
gelenk, Hypertonus Adduktoren rechts. Übungsausführung. Der Sportler macht eine ein-
Behandlungsziele. Schmerzreduktion, Gelenksta- beinige Kniebeuge auf einer instabilen Unterlage.
bilisation, maximale Ansteuerung der Muskulatur Dies fordert ein Höchstmaß an Konzentration
(Movement Development), optimale Kraftgenerie- (▶ Abb. 10.5b). Gefordert ist eine maximale Kraft-
rung. generation bei gleichzeitiger Stabilisation.
Bandmaterial.
● blaubeere, pflaume

● mittlere Breite oder breit, normale Länge oder

extra lang

a b

Abb. 10.5 Single Leg Squat.


a Anlage des Flossbandes („Open kneecap“).
b Single Leg Squat mit angelegtem Flossband.

158
10.4 Behandlungsbeispiele aus dem Leistungssport

10.4.2 Deep Side Lunge 10.4.3 Kettlebell-Squat mit


Anschließend flossen wir zusätzlich die Addukto- Kombinationsanlage
ren des rechten Beins (▶ Abb. 10.6a). Das linke Bei dieser Übung (▶ Abb. 10.7) muss der Sportler
Kniegelenk bleibt geflosst, um bei der folgenden seine Schulter und obere BWS maximal stabilisie-
Übung den Effekt der Gelenkanlage zu erhöhen. ren, um ein Ausweichen des Arms aus der opti-
Bei dem Deep Side Lunge, einem tiefen, weiten malen Belastungslinie zu verhindern. Die tiefe
Ausfallschritt dehnt der Athlet seine Adduktoren Kniebeuge erhöht den Effekt der Übung einerseits
rechts (▶ Abb. 10.6b). Wiederholt geht er aus der wegen der zusätzlichen Bewegungsaufgabe, ande-
Grätsche links tief nach unten, um den Tonus der rerseits weil durch die Applikation am Thorax und
rechten Adduktoren herabzusetzen. Dabei achtet die Spannung der dorsalen myofaszialen Struktu-
er auf die Beinachse seines linken, gewichttragen- ren eine höhere Kraftgeneration erforderlich ist.
den Beines. Indikation. Movement Development, Mobilisation
von Rippen und BWS, Stabilisation/Kräftigung von
Schulter und BWS.
Bandmaterial.
● blaubeere und pflaume
● mittlere Breite

● für den Thorax breit


● normale Länge und extra lang (Thorax)

a b

Abb. 10.6 Detonisierung der Adduktoren rechts.


a Applikation des Flossbandes am rechten Oberschenkel. Medial wird der Zug erhöht (Fascial Thrust).
b Tiefer seitlicher Ausfallschritt (Deep Side Lunge).

159
Fallbeispiele

a b

Abb. 10.7 Kettlebell-Übung mit Kombinationsanlage.


a Bandapplikation am mittleren Thorax. Die linke Schulter wurde bereits geflosst.
b Kettlebell-Squat mit Kombinationsanlage Schulter und mittlerer Thorax.

Abb. 10.8 Muskelschlingen bei Seit-


wärtsneigung und Drehung am Bei-
spiel einer Gymnastik mit Rundgewicht
(Tittel 1981).

160
10.4 Behandlungsbeispiele aus dem Leistungssport

Bandanlage. Zunächst erfolgt die Bandanlage an 10.4.4 Walking Dumbell Lunges


der Schulter. Anschließend wird der mittlere Tho-
rax geflosst. Hierbei steht der Sportler vor dem Bei dieser Übung ist das Ziel, die Glutaealmuskula-
Therapeuten und hebt beide Arme hoch, um eine tur und den M. quadriceps optimal anzusteuern.
optimale Bandanlage zu gewährleisten. Das T-Shirt Für Eishockeyspieler ist dies wichtig, um den tiefen
behält er an, weil er wegen der hohen Trainings- Körperschwerpunkt bei der Ausübung der Sportart
intensität schwitzt (▶ Abb. 10.7a). zu stabilisieren.
Bandmaterial.
● blaubeere
Hinweis V ● mittlere Breite oder breit, normale Länge oder

Verwendet man das Flossband im Training, ist extra lang


es oft besser, T-Shirts oder Trainingshosen anzu-
behalten. Schwitzen die Sportler stark, hält das Bandanlage. Hier erfolgte eine beidseitige Applika-
Flossband oft weniger gut. Der gewünschte tion am Oberschenkel (Muskeltechnik) mit dem
Effekt der Technik wäre dann geringer, weil das Ziel, eine optimale Bewegungsentwicklung (Move-
Band auf der Körperoberfläche verrutschen kann. ment Development) zu unterstützen.
Übungsausführung. Der Sportler hält zwei Kurz-
hanteln (engl: dumbell) und nähert sich dem Kas-
ten mit einem tiefen Ausfallschritt (Deep Lunge)
Hinweis V (▶ Abb. 10.9a). Dann stellt er seinen linken Fuß
vollständig auf den Kasten (▶ Abb. 10.9b) und
Übungen mit der Kugelhantel (engl.: kettlebell)
steigt auf diesen hinauf (Aufsteiger). Dabei nimmt
sind nicht erst seit heute bekannt. Tittel (1981)
er das sich abdrückende rechte Bein weiter mit in
zeigte schon vor Jahrzehnten in seiner „Beschrei-
die Bewegung und stoppt diese erst, wenn es bis in
benden und funktionellen Anatomie des Men-
Hüfthöhe angehoben ist (▶ Abb. 10.9c). Mit dieser
schen“ eindrücklich die komplexe Beanspru-
Übungsausführung erreicht man eine optimale
chung beim Training mit dem „Rundgewicht“
Extension des linken Standbeins. Danach folgen
(▶ Abb. 10.8).
der kontrollierte Abstieg rückwärts (Exzentrik)
und schließlich die Übungsreihe mit umgekehrter
Beinarbeit.

161
Fallbeispiele

b c

Abb. 10.9 Walking Dumbell Lunges.


a Tiefer Ausfallschritt mit Zusatzgewicht auf dem Weg zum Kasten.
b Das linke Bein setzt auf dem Kasten auf. Der Fuß steht dabei vollständig auf dem Kasten.
c ESTE: Einbeinstand auf dem Kasten mit angehobenem kontralateralem Bein.

162
11.2 Kursinhalte

11 Ausbildung Easy Flossing


Die Ausbildung zum Easy Flossing Therapeuten er- 11.1 Zielgruppe
folgt in Kursen der Easy Flossing Academy (https://
www.easyflossing.academy/). Angeboten werden Easy Flossing eignet sich aufgrund seiner vielfäl-
die Kurse in Deutschland, Belgien, den Niederlan- tigen Wirkung sowohl für junge, aktive Menschen
den, Österreich, Spanien, Serbien und der Schweiz. als auch für alte und kranke Personen (siehe Kap.
Geplant ist die Ausweitung des Angebots in wei- 5.1). Daher richten sich unsere Kurse auch nicht
teren europäischen Ländern wie England und ausschließlich an Physiotherapeuten, Heilpraktiker
Frankreich, aber auch in Chile, Mexiko und Peru. und Ärzte, sondern auch an Fitness- und Athle-
Darüber hinaus unterrichte ich regelmäßig in Ma- tiktrainer, Personaltrainer, Diplom-Sportlehrer,
laysia und Indien sowie in anderen asiatischen Sportwissenschaftler und Kinesiologen.
Ländern (Japan, Taiwan, Thailand, Singapur, Süd-
korea) und Südafrika.
Teilnehmer an Easy Flossing Kursen erhalten zu
11.2 Kursinhalte
Beginn des Kurses ein Set mit vier Flossbändern in Damit die Kursteilnehmer die Technik gefahrlos an-
den Farben limette, blaubeere, pflaume und grau. wenden können, werden ihnen in den Kursen der
Dies entspricht den vier Stärken, die eine differen- Easy Flossing Academy die erforderlichen Grund-
zierte Anwendung der Technik für unterschied- lagen und Techniken vermittelt (▶ Tab. 11.1). Ge-
liche Patienten und Indikationen ermöglichen. Mit genwärtig erarbeiten wir ein gestuftes Kurssystem
dem Bandmaterial können Kursteilnehmer nach (▶ Tab. 11.2), um der komplexen Theorie und den
erfolgreicher Teilnahme sofort in ihrer täglichen zahlreichen Einsatzmöglichkeiten der Flossbänder
Arbeit mit dem Flossen beginnen. gerecht zu werden. Die Kurse bauen aufeinander
auf, können ab Level 3 aber auch individuell ge-
bucht werden, sofern die Teilnehmer die Kurslevel
1 und 2 absolviert haben.

Tab. 11.1 Kursinhalte allgemein.


Theorie Praxis
Wirkungsweise Erarbeiten der verschiedenen Bandanlagen
Indikationen und Kontraindikationen Behandlungsdemonstration
Materialkunde Flossing in der Sportphysiotherapie
indikationsbezogene Auswahl des geeigneten Bandes Flossing in Lymphologie und Neurologie
Flossing und FDM Kombination mit anderen therapeutischen Techniken und
viele Tricks für die tägliche Arbeit

163
Ausbildung Easy Flossing

Tab. 11.2 Inhalte des gestuften Kurssystems.


Level Inhalte
1 ● Anatomie und Physiologie des Bindegewebes und des myofaszialen Systems
● Einleitung in die myofasziale Kompressionstechnik
● Wirkungsweisen, Indikationen und Kontraindikationen
● Anwendungsgebiete
● Praxis: verschiedene Applikationsformen
2 ● Vertiefung der Inhalte von Level I
● erweiterte Anlagen, Crossovertechniken und Doppelanlagen
● Testung der Anlagerichtung
● „Hands-off – Hands-on“-Test
● Aktivierung mit Easy Flossing
3 ● Einleitung, Einweisung in die Lymphologie
● Anatomie und Physiologie des lymphatischen Systems
● Erkennen der vier verschiedenen Lymphödeme
● Lymphanlage und Entstauungstechniken
● Indikationen – Kontraindikationen
4 ● typische Krankheitsbilder unter Berücksichtigung der Zielgruppe (Physiotherapeuten, Personaltrainer oder
vergleichbar, Coaches)
● Indikationen in Bezug auf Beschwerden, Anatomie und Physiologie
● Praxis: indikationsbezogene Anwendungsbeispiele mit Easy Flossing
5 ● funktionelle Rehabilitation
● sensomotorisches Training in Kombinationen mit Easy Flossing
● funktionelles Training (Begriffsklärung, Grundsätze)
● Behandlungsalgorithmen
● Stabilisationen mit Easy-Flossing-Bändern
6 ● Easy Flossing und Athletiktraining
● Sprint – Sprung – Schnelligkeit – Flexibilität
● Langhantel-/Kurzhanteltechniken mit Stabilisation
● Einsatz von Loops, Superloops und Tubes

Diemer F. Krafttraining mit abgebundener Extremität. physiopraxis


11.3 Literatur 7–8/15, 36–39
Askling CM, Nilsson J, Thorstensson A. A new hamstring test to Driller MW, Overmayer RG. The effects of tissue flossing on ankle
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164
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165
Sachverzeichnis
A Belastungshaltung, sterno- Dehydration 46 Entzündung
symphysale 139 Diffuse Noxious Inhibitory – Schmerzen 55
Achillessehne 121 Belastungstests 72 Controls (DNIC) 59 – stumme 49
– Behandlungstechniken 123 Bewegung Diffusion 25 Epicondylitis 132
Active loaded – gegen Widerstand 53 Distorsionstrauma 152 – Bandanlage 133
– Calcaneus 121 – rhythmische 65 Druckinhibition 64 Epicondylopathie, laterale 115
– Kniegelenk 98 Bewegungskoordination 11 Drug-free Pain Management Ernährung 49
– Sprunggelenk, oberes 96 Bewegungsübungen, aktive 90 57 Extrazelluläre Matrix (EZM)
– Unterarm 132 Bindegewebe 60
Active unloaded, Unterarm – Aufbau 14
132 – Belastungsverformungs-
Adduktoren 148 kurve 40 E F
– Behandlungstechnik 149 – Bestandteile 14
Easy Flossing Fascia
Adhäsiolyse 54 – dichtes 26
– Adhäsionslinien 34 – antebrachii 130–131
Adhäsion 34 – Eigenschaften, mechanische
– Akutfall 69 – brachii 133, 136
Aktiv unloaded/loaded 90 37
– Anlagerichtung 83 – brachii, Dorsalseite 136
All-in-Anlage 92 – Ernährung 25
– Anwendungsgebiete 76 – cruris 123
Alter, Mobilitätsverlust 54 – faseriges 26
– Anwendungsprinzipien 82 – lata 125
Anamnese 86 – Funktion 14
– Basis 82 – lata dorsalis 140
Anatomy trains 42 – Klassifikation 26
– Beschwerden, chronische – profunda 36
Anisotropie 91 – lockeres 26
44 – superficialis 33
Ankerpunkte, myofasziale 34 – Plastizität 39
– Bindegewebsernährung 26 – thoracolumbalis 142
Anlagerichtung – Veränderung, altersbedingte
– Bindegewebssynthese 18 Fascial Thrust 85
– external 84 21
– Definition 6 Faserausrichtung 26
– internal 84 – Wasser 24–25
– Entzündung, chronische 17 Fasern
– Way of barrier 84 – Wasseranteil im Alter 46
– Faszienaufbau 33 – elastische 17, 21
– Way of ease 84 Bindegewebsarten 26
– Geschichte 12 – kollagene 17
Ansatztendinose 129 Bindegewebsfaser, Aufbau und
– Grundsätze 84 – kollagene, Belastung 20
Anwendungsprinzipien 82 Funktion 18
– Hauptwirkungen 51 – retikuläre 21
Anwendungsregeln 88 Bindegewebssynthese 18
– Hypothese 50 Fasziales Netzwerk 28
Applikationsformen 92 Bindegewebszellen 14
– im Alter 48 Faszien 28
– Daumengelenke 106 – spezifische 15–16
– Indikation 11, 77 – als Sinnesorgan 43
– Ellenbogen 114 Bluterguss 53
– Kontraindikationen 77 – Anatomie 32
– Fingergelenke 109 Blutkapillare, Filtrationsrate
– Lymphsystem 72 – aponeurotische 36
– Gelenkanlage 92, 116 74
– Materialkunde 78 – Aufbau, geschichteter 33
– Gelenkanlage, optimale 92 Blutstau 59
– Movement Development – degenerierte 47
– Großzehengrundgelenk 93 Blutverdünner 86
51, 65 – Elastizität 37
– Hallux valgus 94
– Muskelkater 55 – epimysiale 36
– Handgelenk 110
– myofasziale Ankerpunkte – Immobilisation 48
– Hüftgelenk 117
– Kniegelenk 98 C 34 – Maladaption 40
– myofasziale Kompression – oberflächliche 28, 32–33
– Knieschmerz, lateraler 105 Calcaneus 120 51 – Spannung, dauerhafte 39
– Knieschmerz, medialer 103 Chondroblasten 16 – Okklusionstraining 13 – tiefe 36
– Sprunggelenk, oberes 94 Chondrozyten 16 – Refill 51, 61 – tiefe, Stimulation, mecha-
Arm 150 Corrective Exercises 65, 90 – Releasing 51, 64 nische 61
– Flossen, Regeneration 151 Creatin-Kinase (CK) 60 – Richtlinien 82 – und Nervensystem 43
Arretierung, fasziale 40 Crosslinks – Turnover von Kollagenfasern – wenig beanspruchte 55
Aufklärung 86 – pathologische 44, 70 19 Fasziennetz 43
Axonreflex 56 – pathologische, nicht- – Wirkmechanismen 50 – Fernwirkung 28
Azidose 48 chirurgisches Lösen 54 – Wirkung 11 – Gefäßsystem 43
– pathologische, Zunahme 46 – Wirkweise 50 – Kommunikation 41
Crossover-Anlage 92 – Wundheilung 67
B Fasziensystem
Effekt der Flüssigkeitsdynamik – Fehlbelastung, chronische
Bandanlage, Anwendungs- 61 44
prinzipien 82 – Umwelt 49
Bandläsion 152
D Elastizität 37
Ellenbogen 114 Faszientonus
Becken 140 Daumengrundgelenk 106 – Behandlungsbeispiele 115 – Senkung 88
Behandlungstechniken 88 Daumensattelgelenk 106 – Mill’s Manipulation nach – Steigerung 89
Belastungs-Entlastungs-Zyklus, Deep Side Lunge 159 Cyriax 116 Fehlbelastung, chronische 44
Energieverlust 38 Dehntraining 63 Endomysium 36 Fehlhaltung, Faszien 40

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