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Eddie Fox und die Schüler von Stormy


Castle - Teil 3
Eine Geschichte von Antje Szillat, mit Illustrationen von Susanne Göhlich,
erschienen bei arsEdition.
Hier kommt der dritte Teil der Geschichte.
Ein ganz normaler Schüler
Pia strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Gerade hatte Eddie ihr nämlich von

seinem Vorhaben erzählt, nun doch als Schüler von Stormy Castle am

Schulleben teilnehmen zu wollen. Allerdings wusste Pia noch immer nichts

von dem Besuch seiner Eltern und vor allem nicht, dass sie als Lehrer getarnt

Stormy Castle zurückerobern wollten. Und damit Pia, ihre Mum und all die

anderen von der Burg verjagen würden.

„Wow, Eddie, du glaubst gar nicht, wie ich mich freue.“ Begeistert klatschte
Pia in die Hände und hüpfte wie ein Flummi – Plong! Plong! Plong! – auf der
Stelle herum. „Und gerade jetzt, wo ich aufgegeben habe, dich dazu überreden
zu wollen. Doch eigentlich hast du gar keine andere Wahl, denn immerhin
haben dich jetzt schon jede Menge Schüler gesehen.“

„Und nicht nur das“, warf Tilla ein und bedachte Eddie dabei mit einem

vielsagenden Blick: Los, jetzt sag es ihr endlich! Pia ist unsere Freundin. Wir

können sie doch nicht so belügen.

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Das hatte Eddie tatsächlich nicht vor. Er wusste nur einfach nicht, wie er Pia
möglichst schonend beibringen sollte, dass sie demnächst wieder von hier
fortgehen musste. Und Eddie wusste auch nicht, wie er das selbst fand. Er
hatte sich wirklich schon sehr an Pia gewöhnt, und sie zu verlieren –
sacrebleu –, der Gedanke tat weh. Auf der anderen Seite waren da aber seine
Eltern, die er schon viel länger kannte und natürlich auch sehr lieb hatte. Er
konnte ihnen doch nicht in den Rücken fallen, oder?

Ach, es war wirklich verflixt!

„Das Blöde ist nur, dass du natürlich nicht angemeldet bist und meine Mum

sich garantiert wundert, wo du auf einmal herkommst.“ Nachdenklich kratzte

sich Pia am Hinterkopf.

„Pia, also ehrlich gesagt … hm …“, begann Eddie stockend und entschied sich
dann für ein bisschen Wahrheit und ein bisschen Weglassen. „Tilla und ich
haben Besuch bekommen. Meine Eltern sind auf Stormy Castle und …“

„WAS? ECHT? Seit wann?“ Pia fielen fast die Augen aus dem Kopf. „Ach so,

jetzt kapiere ich es, deshalb bist du so komisch und deshalb die Stimmen im

Turmzimmer.“

Suchend sah Pia sich um. „Wo sind sie denn jetzt? Hier im Turmzimmer …

haben sie sich vielleicht gerade unsichtbar gemacht?“

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„Quatsch mit Bohnen!“, winkte Eddie ab. „So was machen meine Eltern nicht.
Sie … sie … na ja, sie haben sich überlegt, dass so untätig zu sein, langsam
langweilig wird, und weil mein Papa früher schon unterrichtet hat und meine
Maman auch, also mich, und hier gerade Lehrer fehlen …“

„Jetzt sag nicht, deine Eltern sind diese Neuen, die gestern plötzlich

aufgetaucht sind und meiner Mum irgendwie komisch vorkommen! Aber da

sie unbedingt Lehrer braucht, hat sie die beiden trotzdem eingestellt.“

Eddie nickte.

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Pia schlug sich klatschend die Hand vor die Stirn, bevor sie lauthals loslachte.

„Dann werden wir zukünftig also von waschechten Geistern unterrichtet.

Himmel, wenn Mum davon Wind kriegt, trifft sie der Schlag und sie wird

selbst zum Geist.“

„Nur Französisch und Mathe“, erklärte Eddie, als würde es dadurch irgendwie

besser werden.

„Eddie!“, rief Tilla. „Und was wolltest du Pia noch sagen?!“

„Was denn?“ Pia beäugte ihn skeptisch.

„Ich bin natürlich ihr Sohn und deshalb ab sofort wie du Schüler von Stormy

Castle“, sagte Eddie, auch wenn er genau wusste, dass Tilla etwas anderes

meinte.

Jubelnd fiel Pia Eddie um den Hals. „Das wird super. Genial, Eddie, ich freue

mich wie verrückt!“

Eddie nickte, während ihm das schlechte Gewissen einen heißen Schauer

über den Rücken laufen ließ.

Ich sag es ihr noch … demnächst … ganz bestimmt, nahm er sich fest vor.
Sobald ich weiß, wie!

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Mrs Plumbelly begrüßte Eddie mit einem breiten Grinsen, als er einige Zeit

später mit seinem Koffer in ihr Büro kam. „Ach wie schön, dann ist ja nun die

ganze Familie Foxwood auf Stormy Castle versammelt. Du bist deinem Herrn

Vater übrigens wie aus dem Gesicht geschnitten.“ Sie zwinkerte und kicherte:

„Mal abgesehen von dem imposanten Schnurrbart.“

„Das habe ich schon öfters gehört“, gab Eddie wohlerzogen zurück – was
allerdings kein bisschen stimmte. So langsam entwickelte er sich immer
mehr zum Flunkergrafen. Sacrebleu!

„Dann wollen wir mal!“ Entschlossen erhob sich Mrs Plumbelly von ihrem

Stuhl und kam um den Schreibtisch herum. Erst strich sie sich den knallroten

Rock glatt, dann reichte sie Eddie ihre schmale Hand und lächelte ihn dabei

noch mal überfreundlich an. „Herzlich willkommen in unserem Internat

Stormy Castle. Ich hoffe sehr, dass du dich hier schnell einlebst und

wohlfühlst.“

„Ich fühle mich jetzt schon wie zu Hause“, rutschte es Eddie heraus – aber

immerhin war es diesmal die absolute Wahrheit.

„Wie schön“, fand Mrs Plumbelly. „Dann lass mich nur noch mal sehen, in

welchem Jungenzimmer noch Platz für dich ist. Ich meine, eines der

Viererzimmer war nur mit drei Schülern belegt.“

Sie nahm eine Liste vom Schreibtisch und fuhr mit dem Zeigefinger die

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Einträge darauf nach. „Genau. Hier ist es. Zimmer 4. Du teilst es dir mit Tom

Brodie, Archie Cullen und Lewin Lewondur.“

URGS! Eddie zuckte zusammen. Ausgerechnet mit Lewin Lewondur. Blöder


ging es kaum noch, fand er. Doch ihm blieb keine Zeit, darüber nachzudenken,
wie er das abwenden könnte, denn Mrs Plumbelly forderte ihn auf
mitzukommen.

„Du kannst gleich in Ruhe deinen Koffer auspacken und dich vielleicht noch

ein bisschen in der Burg umsehen. Um Punkt 19 Uhr wird bei uns das Dinner

serviert, dazu findest du dich bitte im großen Speisesaal ein. Außerdem eines

vorweg, Eddie, Pünktlichkeit ist etwas, das hier bei uns absolut

großgeschrieben wird! Und dann wäre da noch ein Punkt, den ich gleich

klarstellen möchte.“ Mrs Plumbelly blickte Eddie fest in die Augen. „Auch

wenn deine Eltern Lehrer am Internat sind, gibt es keine Sonderbehandlung

für dich. Ich hoffe, das ist dir bewusst. Das Gleiche gilt übrigens auch für

meine Tochter Pia, die ebenfalls hier zur Schule geht.“

Eddie nickte, woraufhin Mrs Plumbelly zufrieden lächelte und dann ohne

anzuklopfen die Tür mit der großen bronzefarbenen 4 in der Mitte aufdrückte.

Eddie hielt die Luft an, machte sich innerlich darauf gefasst, jeden Augenblick

dem finsteren Lewin gegenüberzustehen, der ihn tausendprozentig

wiedererkennen würde.

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Doch Eddies Sorge war unbegründet, denn keiner seiner zukünftigen

Mitbewohner hielt sich im Zimmer auf.

„Das Bett hinten an der Wand ist noch frei“, erklärte Mrs Plumbelly. „Nun ja,

die Lage ist nicht die allerbeste. Dafür hast du einen schönen Schreibtisch

und einen extra großen Schrank.“

„Geht schon“, murmelte Eddie und legte seinen Koffer auf das Bett.

Insgeheim hatte er sowieso beschlossen, sich, sobald seine Mitbewohner

eingeschlafen waren, hoch in sein geliebtes Turmzimmer zu schleichen und

dort im gemütlichen Himmelbett zu schlafen. Außerdem konnte er Tilla

unmöglich nachts alleinlassen. Sie fürchtete sich doch immer so schnell.

„Ich muss leider wieder zurück in mein Büro“, sagte Mrs Plumbelly und warf

dabei einen hektischen Blick auf ihre schicke Armbanduhr. „Ich hoffe, du

findest dich zurecht?!“

„Ja, natürlich, ich kenne mich hier ja au…“ Eddie biss sich auf die
Zunge. Sacrebleu, fast hätte er sich verplappert.

Prompt wanderten Mrs Plumbellys Augenbrauen in die Höhe. „Was wolltest

du sagen?“

Eddie begann unter ihrem skeptischen Blick zu schwitzen. Höllischer

Burgzauber, wie wollte er bitte schön all den anderen den ganz normalen

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Internatsschüler und Lehrersohn vorspielen, wenn er sich gleich beim ersten

Gespräch mit Mrs Plumbelly verriet?!

„Ach … ähm … also …“

„Oh, noch ein neuer Schüler“, rief Pia und drängte sich an ihrer Mum vorbei ins

Zimmer. „Ich bin Pia und wer bist du?“, fragte sie Eddie und reichte ihm die

Hand.

Eddie zögerte, doch als Pia ihm wie verrückt zuzwinkerte, ergriff er sie

endlich. „Eddie, ich heiße Eddie.“

„Pia, du hast in den Zimmern der Jungs nichts zu suchen!“, erklärte Mrs

Plumbelly streng. „Also, husch, husch, sofort raus mit dir!“

Pia machte einen Schmollmund. „Warum das denn?“

„Wenn du die Internatsregeln richtig gelesen und nicht nur überflogen hättest,

dann wüsstest du, was dort unter Punkt 5 steht!“

Pia tat so, als würde sie gähnen. „Ach Mum, das sind doch total veraltete

Regeln.“

Doch Mrs Plumbelly blieb dabei. „Raus hier, Pia! Auf der Stelle!“

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Als Pia sich noch immer nicht in Bewegung setzte, umfasste sie den

Unterarm ihrer Tochter mit eisernem Griff und zog sie mit sich aus dem

Zimmer.

„Eddie, wir sehen uns später beim Dinner“, sagte Pia noch, dann fiel die Tür

hinter ihr zu.

KRACH-RUMS! Und Eddie war allein!

Die durchsichtige Tür


Seufzend sank Eddie neben seinem Koffer aufs Bett und sah sich in dem

zwar ziemlich großzügig geschnittenen, aber für Turmzimmer-Verhältnisse

doch recht beengten Raum um.

„Und hier soll ich jetzt wohnen?“, fragte er sich selbst total ungläubig.

„Zusammen mit drei anderen Jungen?“

Völlig undenkbar und die absolut dümmste Idee, die er jemals gehabt hatte.

Wobei … eigentlich war es ja die Idee seiner Eltern gewesen, und das auch

nur, weil sie …

„Nein! Da mache ich nicht mit. Ich habe es mir gerade anders überlegt!“

Entschlossen sprang Eddie wieder vom Bett auf. Er stampfte zur Tür, zog sie

schwungvoll auf und – hatte direkt Lewin vor sich.

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Grrrr… eiskalter Blick, noch frostigere Stimme: „Soso, und du bist also dieser
Lehrersohn Eddie Foxwood.“

Eddie schluckte schwer. „De…der bin ich“, krächzte er.

„Wie schön“, behauptete Lewin und tat so, als hätten sie sich noch niemals

zuvor gesehen. „Dann lass uns gleich die Gelegenheit nutzen und dafür

sorgen, dass die anderen beiden Jungs, mit denen wir uns diese ziemlich

bescheidene Behausung teilen müssen, auch von Anfang an spuren. Wie

heißt es doch so schön, gemeinsame Geheimnisse verbinden.“

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Sacrebleu, Eddie wurde erst kalt, dann ganz heiß. Dieser Lewin hatte ihn also
doch erkannt!

„Ich … ich muss …“ Und weil Eddie einfach nichts Besseres einfiel, sagte er

schließlich: „… erst meinen Koffer auspacken und dann … ähm … die

Internatsregeln auswendig lernen.“ Blöde Ausrede. Richtig BLÖD!

„Wozu unnötig Zeit verschwenden“, erwiderte Lewin und rieb sich dabei

grinsend die Hände. „Das kannst du alles noch später machen, und was die

Regeln betrifft, am besten gar nicht. Jetzt ist erst mal ein genialer Zauber

angebracht.“

Zauber? Genial? Verflixtorus-Heldonimus, war Lewin womöglich irgendein


düsterer URURENKEL einer bösen Zauberer-Familie und kam ihm deshalb so
bekannt vor???

Schon hechtete Lewin zu seinem Schrank und nahm einen sehr geheimnisvoll

aussehenden braunen Beutel heraus.

Uuuh, bestimmt ist da sein wahnsinnig gefährlicher Zauberstab drin, schoss


es Eddie panisch durch den Kopf. Und sein Fidelius lag ganz weit unten im
Koffer. Unbemerkt würde er da jetzt auf gar keinen Fall rankommen. Wie
dumm von ihm – wie unfassbar dumm. Während Eddie noch fieberhaft
überlegte, wie er vielleicht doch noch an Fidelius gelangen konnte, kramte
Lewin etwas Sonderbares aus dem dunklen Beutel hervor. Eine Rolle … eine
fast durchsichtig erscheinende Rolle. So was hatte Eddie noch nie gesehen.

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War das etwa eine neue Art von Zauberstab? Das allerneuste Modell?!

„Pass auf, Eddie“, sagte Lewin, „über den Nächsten, der durch die Tür kommt,

werden wir uns köstlich amüsieren. Hoffentlich ist es diese Knalltüte Tom

Brodie.“

Knalltüte? Eddie verstand absolut nichts mehr. Und erst recht nicht, warum

Lewin nun eine dünne durchsichtige Schicht nach der anderen von der Rolle

abzog und sie Reihe für Reihe in den Türrahmen spannte. Das Ganze

befestigte er mit einem ebenfalls durchsichtigen Klebestreifen und erklärte

dann ziemlich zufrieden: „Den Trick mit der Frischhaltefolie, die zur

unsichtbaren Tür wird, habe ich aus einem Scherzbuch für Schüler. Hat schon

an meiner alten Schule super hingehauen.“ Damit zog er die Tür weit auf und

stellte sich anschließend neben Eddie mitten ins Zimmer. „Hoffentlich ist es

Tom, hoffentlich ist es Tom … Er muss es einfach sein, weil er sich vorm

Dinner tausendprozentig noch mal die Hände waschen will. Weißt du, der

nervt voll mit seinem Waschzwang.“

Eddie wollte etwas sagen, doch da hatte Lewin ihm schon seine Finger in den

Unterarm gekrallt.

„Schritte! Pssst, bloß nichts anmerken lassen!“, zischte er ihm aufgeregt zu.

Es dauerte auch nicht lange, da kam jemand um die Ecke und rannte –

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DOING! – mit Karacho gegen die durchsichtige „Tür“, die Lewin zwischen den
Rahmen gespannt hatte.

„Was … was ist da…das?“, japste Hausmeister Quitte und ließ vor Schreck den

Stapel Bettwäsche fallen, den er vor sich hergetragen hatte. Dabei machte er

ein Gesicht, als ob ihm gerade ein waschechtes Gespenst über den Weg

gelaufen sei.

Lewin stöhnte leise auf. „Mist! Hausmeister Quitte. Ausgerechnet …“

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Hausmeister Quitte brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass hier kein

Spuk im Gange war, sondern nichts als ein dummer Schülerstreich. Mit

spitzen Fingern zerriss er die Folie und baute sich schnaufend wie ein Stier

vor Eddie und Lewin auf.

„Wer war das?“

Lewin zögerte keine Sekunde. „Der da!“, rief er und zeigte dabei auf Eddie.

„ Was?“ Eddie bekam Schnappatmung. „Aber … aber … nein. Das stimmt

nicht.“

Quitte musterte Eddie eindringlich. „Bist du der neue Schüler, der heute erst

angereist ist? Der Sohn von den Foxwoods?“

Eddie nickte – und bereute es sofort!

„Komisch. Ich könnte wetten, dass ich dich neulich mit Pia Plumbelly im

Burggarten gesehen hätte.“

„Ich? Ähm … nein, ich meine, das geht ja gar nicht, weil ich erst heute

angekommen bin …“ Was für eine quietschdumme Erklärung, ärgerte sich

Eddie.

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Prompt musterte Quitte ihn noch einen Zacken misstrauischer und auch

Lewin beäugte ihn skeptisch von der Seite.

„Deshalb wundere ich mich ja. Ich könnte nämlich schwören, dass du

derjenige bist, den ich …“

„Hausmeister Quitte, hier sind Sie ja!“, erklang mal wieder Pias rettende

Stimme. „Meine Mutter sucht Sie schon überall.“

„Warum das denn? Sie hat mich doch gerade eben gebeten, für den neuen

Schüler frische Bettwäsche hinaufzubringen“, wunderte sich Quitte.

Pia zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Auf jeden Fall klang es sehr

dringend und sehr wichtig. Ich glaube, Sie sollten ganz schnell zu ihr ins Büro

flitzen.“

Quitte war sichtbar hin- und hergerissen. Das erkannte auch Pia und legte

noch mal nach: „Meine Mum klang wirklich ziemlich ernst.“

Schnaufend machte Quitte auf dem Absatz kehrt, um zu seiner Chefin zu

eilen. „Seitdem wir hier auf dieser Burg sind, sehe ich überall Gespenster …

schlimm, wirklich schlimm …“, murmelte er im Weggehen vor sich hin.

„Du schon wieder!“, knurrte Lewin genervt, kaum dass Quitte außer Sichtweite

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war.

Pia gab ein schnippisches „Was dagegen?!“ zurück und wandte sich dann an

Eddie. „Meine Mum hat mich gebeten, dir eine kurze Tour durch die Burg zu

geben und dich dann pünktlich zum Dinner in den großen Speisesaal zu

begleiten!“

„Wie süß!“, rief Lewin spöttisch. „Du bist also nicht nur der Spitzel von Mrs

Plumbelly, sondern auch noch Eddies Nanny.“

Pia schnappte nach Luft.

„Das ist sehr freundlich“, rief Eddie, bevor Pia so richtig explodieren konnte.

„Ich bin wirklich gespannt auf die Burg …“

Wenige Augenblicke später liefen die beiden den langen Gang entlang bis in

eine der kleinen Nischen, wo Pia Eddie vorwurfsvoll anzischte: „Eddie, was

soll das denn? Klaro, du sollst dich wie ein normaler Schüler verhalten. Aber

normal heißt nicht, dass du bei irgendwelchen bescheuerten Schülerstreichen

mitmachst. Gleich am ersten Tag auffallen, na ja, das muss echt nicht sein.

Erst recht nicht bei Quitte.“

„Aber so war es nicht. Ich kann nichts dafür“, verteidigte sich Eddie. „Dieser

Lewin wollte Tom ärgern. Unseren Mitbewohner.“

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Pia sah Eddie nachdenklich an. „Der will es also wissen. Mal gucken, wie er

reagiert, wenn wir den Spieß umdrehen. Schließlich kenne ich mich auch mit

Schülerstreichen aus und du, Eddie, mit Zauberei. Als Team sind wir also

unschlagbar!“

Ein lauter Gong erklang.

„Dinner! Komisch, es ist eigentlich noch zu früh, aber wenn es gongt, dann

wird gegessen!“, sagte Pia, umfasste Eddies Hand und zog ihn mit sich.

Kaulquappensuppe und Spinnennudeln


„Bist du bereit?“, fragte Pia.

Eddie, dessen Beine plötzlich bleischwer waren, schüttelte den Kopf.

Trotzdem betrat er dicht an Pias Seite den großen Speisesaal durch die hohe

Doppeltür.

Die bärtigen Handwerker hatten ganze Arbeit geleistet und hier unten fast

alles umgebaut und modernisiert. An den Wänden, die nun dreiviertelhoch mit

hellem Holz vertäfelt waren, hingen unzählige mehrarmige Messinghalter, in

denen weiße Kerzen flackerten und den großen Raum in ein sonderbares

Licht tauchten.

Der größte Teil der Schüler von Stormy Castle saß bereits an drei langen

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Tafeln, die parallel zueinander aufgestellt waren. Auf feinstem

Leinentischtuch waren große weiße, mit Goldrand verzierte Teller, poliertes

Besteck und funkelnde Kristallgläser aufgereiht.

Ein weiterer, etwas kürzerer Tisch war an der Stirnseite der Dreiergruppe

platziert und noch festlicher eingedeckt als die langen Tafeln der Schüler.

Hier hatten Mrs Plumbelly und die Lehrer von Stormy Castle Platz

genommen. Nur das Lehrerehepaar Foxwood fehlte noch.

Über dem Lehreresstisch baumelte ein mächtiger Kronleuchter. Eddie

erkannte ihn sofort, auch wenn er im Gegensatz zu früher nicht mehr staubig

und matt war, sondern prächtig funkelte: der Kronleuchter, der normalerweise

im Schlafgemach seiner Eltern hing.

Sacrebleu, das gibt Ärger, schoss es Eddie durch den Kopf.

Aber die Sache mit dem Kronleuchter war wahrlich nicht das Einzige, was

Eddie in leichte Panik versetzte. Zu viele Menschen. Echte lebendige

Menschen und der größte Teil davon natürlich Kinder!

Herrjemine!

„Pia“, flüsterte er seiner Freundin leise zu. „Ich … ich habe es mir doch anders

überlegt und sowieso keinen Hunger, wie du weißt.“

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Pia ahnte, was in ihm vorging, und redete ihm leise Mut zu. „Die beißen nicht.

Glaub es mir. Die sind doch selbst alle total aufgeregt, weil auch die Lehrer

beim Dinner dabei sind. Außerdem wundern sich alle, weil es viel zu früh

gegongt hat.“

Hinter ihnen wurden Schritte laut. Eine Gruppe von Kindern drängte in den
großen Speisesaal – der Fluchtweg war somit versperrt. Und da Eddie nicht
daran gedacht hatte, Fidelius mitzubringen, mit dem er sich hätte
wegzaubern können – falls ihm so aus dem Stegreif der richtige
Zauberspruch dafür einfiel –, blieb ihm keine andere Wahl, als an Pias Seite
weiterzugehen.

Als sie durch die Tischreihen liefen, begannen die Schüler leise miteinander

zu tuscheln.

„Das ist er …“

„Hoffentlich ist er kein Spitzel …“

„Die Eltern sollen ja ziemlich streng sein …“

„Deshalb trägt er bestimmt auch so altmodische Klamotten …“

Die reden über mich, begriff Eddie und dachte erneut über augenblickliche
Flucht nach. Doch Pia hatte wohl mal wieder seine Gedanken erraten – oder
ebenfalls mitbekommen, was für ein zischelndes Geflüster um sie herum

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entflammt war.

„Komm, Eddie!“, sagte sie extra laut und sehr entschlossen. „Am linken Tisch

sind noch einige Plätze frei!“

Keine zwei Wimpernschläge später sank Pia auf einen freien Stuhl ganz vorne

am Tisch und Eddie setzte sich ihr gegenüber. Von hier aus hatten sie eine

gute Sicht auf den Lehrertisch – andersherum war das natürlich genauso.

Eddie spürte viele Lehreraugenpaare auf sich gerichtet und bekam prompt

rote Ohren. Mrs Plumbelly lächelte ihm aufmunternd zu, wandte sich dann

aber wieder an ihren Tischnachbarn, einen hageren Mann mit schütteren

braunen Haaren und eingefallenen Wangen.

„Das ist Mr Dolphin“, raunte Pia Eddie leise zu. „Er sieht zwar wie ein

Stinkstiefel aus, ist aber total nett. Im Gegensatz zu der rundlichen blonden

Frau an seiner anderen Seite. Mrs Candellight macht zwar auf den ersten

Blick einen echt netten Eindruck, doch in Wirklichkeit ist sie eine richtige Kuh.“

Ein Junge mit freundlichen Augen und lockigem Haar trat neben Eddie an den

Tisch. Er deutete auf den Stuhl direkt neben ihm.

„Ist da schon besetzt?“, fragte er Eddie, der ihn natürlich sofort erkannt hatte.

Es war Archie.

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Eddie schüttelte den Kopf.

„Habt ihr ’ne Ahnung, warum das Dinner vorgezogen wurde?“

Pia zuckte mit den Schultern. „Nein, wir wundern uns selbst. Zumal meine

Mum eigentlich immer großen Wert auf die strikte Einhaltung des Zeitplans

legt.“

Kurz darauf gesellte sich Tom zu ihnen und dann – LEIDER – auch noch

Lewin Lewondur, der sofort damit anfing, Pia anzustänkern: „Du schon

wieder. Bist ja schlimmer als ’ne Klette.“

„Das Gleiche könnte ich von dir behaupten“, gab Pia knurrend zurück.

„Außerdem zwingt dich niemand, dich zu uns zu setzen.“

Lewin grinste übertrieben. „Ich finde ja, es ist nur selbstverständlich, dass ich

mit meinen Zimmergenossen zusammensitze. Du hingegen solltest

eigentlich bei den Mädchen sein. Also, mal scharf überlegt, wer von uns ist an

diesem Tisch wohl falsch?“

Statt zu antworten, zog es Pia vor, zum Lehreresstisch zu sehen, wo gerade

auch Eddies Eltern Platz genommen hatten.

„Das sind also deine Eltern“, raunte sie Eddie leise zu. „Irgendwie habe ich mir

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die viel älter … ähm, altmodischer vorgestellt.“

Eddie zuckte kurz mit den Schultern, sagte aber nichts, denn vorne erhob sich

Mrs Plumbelly von ihrem Stuhl. Sie lächelte strahlend und breitete die Arme

weit zur Seite aus, als ob ihr nichts mehr Freude machen könnte, als die

Schüler von Stormy Castle hier alle versammelt zu sehen.

„Willkommen!“, sagte sie laut. „Ganz

herzlich willkommen auf Stormy

Castle, dieser wunderschönen Burg,

die ab nun nicht nur eure Schule,

sondern auch euer zweites Zuhause

ist. Falls ihr euch wundert, dass es

eine geraume Weile vor der festgelegten Dinnerzeit gegongt hat, das war …

ähm … ein technischer Fehler.“

Ein leises Murmeln ging durch die Reihen der Schüler. Augenblicklich gefror

das Lächeln auf Mrs Plumbellys Gesicht ein.

„Das kann sie auf den Tod nicht ausstehen“, flüsterte Pia Eddie zu.

Eddie hingegen beschlich das seltsame Gefühl, dass seine gräflichen Eltern

bereits mit ihrem Vorhaben begonnen hatten, Stormy Castle recht bald

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schüler- und lehrerfrei zu machen. Da ging dann auch der Gong mal viel zu

früh.

„Regel Nummer 1!“, fuhr Mrs Plumbelly mit strenger Stimme fort, „wenn ich

rede, dann seid ihr bitte ruhig. Getuschel, gedämpftes Murmeln, leise

Unterhaltungen, nennt es, wie ihr wollt. Auf keinen Fall dulde ich es.“

Prompt ging ein erneutes Murmeln durch den Saal, obwohl sich bei keinem

einzigen Schüler die Lippen bewegten.

„RUHE!“, regte sich Mrs Plumbelly auf.

Die Schüler sahen sich fragend an – und schwiegen. Dennoch wurde aus dem

Murmeln ein immer lauteres Stimmengewirr.

„Unerhört!“ Mrs Plumbelly schnappte nach Luft – und die Unterhaltungen

nahmen noch mal an Lautstärke zu.

Eddie blickte zum Lehrertisch und sah seine Eltern zufrieden lächeln. Die
zauberten, das war sicher. Sacrebleu, es ging also direkt los …

„RUUUHE!!!“, brüllte Mrs Plumbelly mit tomatenroten Wangen. „Sonst schicke

ich euch alle augenblicklich auf die Zimmer!“

Tatsächlich wurde es sofort leise.

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„Danke“, stöhnte Mrs Plumbelly und fasste sich wieder. „Bevor wir mit dem

Essen beginnen, möchte ich uns allen eine lehrreiche und stets glückliche Zeit

auf Stormy Castle wünschen. Und nun, liebe Schülerinnen und Schüler, lasst

es euch schmecken! Unsere Köchin Mrs Jeffrey hat anlässlich dieses ganz

besonderen Tages die feinsten Köstlichkeiten für uns gezaubert.“

Sie nahm wieder Platz. Alle klatschten, und weil es eben alle so machten,

klatschte auch Eddie.

Die Suppe wurde serviert. Doch was war das? Statt feinen Klößchen

schwammen glitschige Kaulquappen darin herum.

Schon kreischten die ersten Mädchen angewidert und die Jungen lachten

unsicher.

„Lewin“, fauchte Pia. „Dafür bist du doch verantwortlich.“

Lewin schüttelte grinsend den Kopf. „Leider nein. Aber der Scherz ist echt

Weltklasse. Muss ich mir merken.“

Auch am Lehrertisch herrschte ziemliche Aufruhr wegen der fischigen

Einlage. Doch am meisten war die arme Mrs Jeffrey geschockt. Wie ein

aufgescheuchtes Huhn rannte sie zwischen den Tischen herum und konnte

nicht fassen, was da plötzlich in ihrer Suppe herumschwamm.

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„Ich weiß nicht … ich weiß wirklich nicht, wie das geschehen konnte“,

versicherte sie Mrs Plumbelly verzweifelt und ließ dann ihre Küchenhilfen

schnell sämtliche Suppenteller wieder zurück in die Küche tragen.

Der nächste Gang bestand aus grünen Nudeln mit krabbelnder Spinnen-

Einlage.

Das Gekreische der Mädchen wurde lauter und auch einige der Jungen

stimmten nun mit ein. Am Lehrertisch waren natürlich alle außer sich. Mrs

Plumbelly bekam vor lauter Schnappatmung kein Wort heraus. Die Köchin

fing an zu heulen und selbst Lewin verzog angewidert das Gesicht. Nur das

Lehrerehepaar Foxwood ertrug das unappetitliche Festmahl mit

beneidenswerter Gelassenheit.

Als sich schließlich im Nachtisch auch noch etwas Güllegrünes schlängelte,

gab es kein Halten mehr: Panisch verließen die Schüler den Speisesaal.

Einzig Mrs Plumbelly saß noch immer wie gelähmt am Tisch, als alle längst

die Flucht ergriffen hatten.

„Lewin, ich weiß nicht, wie du das angestellt hast, aber ich warne dich“,

knurrte Pia den blonden Jungen in der großen Halle an, „das kriegst du

zurück!“

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Lewin hob die Schultern. „Ich schwöre, damit habe ich nichts zu tun. Echt

nicht!“

Nur glauben wollte ihm das keiner so recht. Bis auf Eddie, denn er wusste

schließlich ganz genau, wer dieses Ekeldinner gezaubert hatte.

Schreck lass nach!

Aufregung im Viererzimmer
Während sich unten noch alle aufgeregt über das seltsame Menü

unterhielten, gelang es Eddie, sich heimlich in sein Turmzimmer zu

schleichen, wo Tilla schon sehnsüchtig auf ihn wartete.

„Erzähl, erzähl, erzähl!“, verlangte sie neugierig von ihm. „Wie war dein erster

Tag als Schüler von Stormy Castle?“

Eddie ließ sich schwerfällig in seinen Lieblingssessel plumpsen. „Na ja,

eigentlich beginnt erst morgen das richtige Schülerleben. Heute war noch

kein Unterricht.“ Eddie verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. „Aber eins

ist sicher, Tilla, meine Eltern machen ernst. Nur glaubt bisher niemand an

einen Spuk, denn alle halten Lewin für den Bösewicht.“

„Und tut er dir deshalb leid?“

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Eddie schüttelte den Kopf. „Nö. Der ist ein richtiger Stinksack, so oder so.

Aber Pia tut mir leid, weil … na ja, weil ihre Mum ihr so leidtut.“

Tilla atmete tief durch. „Du musst es ihr unbedingt sagen, Eddie! Es sei denn,

du möchtest, dass die Schüler, die Lehrer, Mrs Plumbelly und Pia von hier

verschwinden.“

Eddie seufzte kummervoll, während er sich nun wieder aus dem Sessel erhob

und mit schweren Schritten zur Tür ging.

Tilla sah ihn mit großen Augen an. „Was hast du denn jetzt vor, Eddie?“

Der junge Graf wandte sich zu seiner Fledermaus-Freundin um. „Um 21 Uhr ist

Bettruhe, Tilla. Ich muss zurück zu den anderen.“

„WAS???“ Vor Schreck fiel Tilla fast vom Baldachin. „Du … du schläfst unten

und nicht hier bei mir im Turmzimmer? Soll das heißen, ich bin hier oben

allein?“

Eddie winkte ab. „Niemals! Ich bin gleich wieder zurück. Sobald die anderen

eingeschlafen sind, schleiche ich mich wieder aus dem Zimmer“, versprach

Eddie.

„Ich verlasse mich darauf“, rief Tilla ihm beschwörend hinterher.

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Im Vierbettzimmer schneite Eddie mitten in einen hitzigen Streit zwischen

den Jungs hinein. Natürlich war Lewin Lewondur mal wieder der Übeltäter.

„Lächerlich“, regte sich Archie auf. „Einfach nur lächerlich, nasse Tücher unter

die Bettlaken seiner Mitbewohner zu legen, Lewin. Und das, nachdem du uns

allen schon das Dinner so widerlich vermiest hast.“ Er starrte Lewin böse an,

doch der grinste einfach nur unverschämt zurück.

„Jetzt seid doch nicht solche Spaßbremsen, ein paar Scherze gehören nun

mal zum Internatsleben dazu. Wobei, mit dem Dinner hab ich echt nichts zu

tun.“

Eine Weile ging es zwischen Archie und Lewin noch lautstark hin und her.

Tom sagte nichts dazu, dabei war er derjenige, der mit pitschnassem

Schlafanzug-Hosenboden dastand.

Spontan fühlte sich Eddie zu Tom hingezogen, denn der dunkelhaarige blasse

Junge erinnerte ihn nur allzu gut an seine eigene, zwar sehr kurze, aber nicht

weniger unerfreuliche Schulzeit vor vielen, vielen Jahren.

„Is ja schon gut“, brummte Lewin schließlich und stampfte zur Tür. „Ich

besorge ’nen Föhn und puste Toms Hose damit trocken.“

„Danke, das ist nicht nötig!“, rief Tom, doch Lewin war schon zur Tür hinaus.

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„Was für ein Blödmann!“, knurrte Archie ärgerlich. Als Lewin kurze Zeit später

zurück ins Zimmer kam, lag ein breites Grinsen um seine Mundwinkel.

„Kein Föhn da, tut mir leid.“

Tom, der sich schon eine andere Schlafhose angezogen hatte, winkte nur

genervt ab.

„Ich hau mich hin“, verkündete er und gähnte.

„Ich bin auch ziemlich erledigt“, gab Archie zu.

Eddie mimte ebenfalls den Gähnenden und kroch in sein Bett. Dass seine
Zimmergenossen sich gleich hinlegen und schlafen wollten, kam Eddie
natürlich mehr als gelegen. Er hatte sich zwar bereits den Kopf über einen
passenden Alles-schläft-tief-und-fest-Zauber gemacht und sicherheitshalber
auch Fidelius eingesteckt, aber sosehr er sich auch das Hirn zermarterte, der
Zauberspruch dazu wollte ihm einfach nicht einfallen. Nur Lewin schien

Nur Lewin schien die Welt nicht zu

verstehen. „Wie jetzt, ihr wollt wirklich

alle schon schlafen? Was seid ihr denn

für Langweiler? Wir sind im Internat,

Jungenzimmer, erste Nacht und so. Da

könnt ihr doch nicht …“ Er stockte, warf

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einen kurzen, fassungslosen Blick auf

seine Armbanduhr. „… um zehn nach neun die Flügel strecken und euch ins

Schlummerland verabschieden. Hey, Jungs, das gibt’s doch gar nicht!“

„Du kannst ja durchmachen“, schlug Archie ihm genervt vor. „Ich muss

schlafen, weil mein Magen so knurrt.“

Lewin lachte höhnisch auf. „Super Idee! Ich mach alleine durch. Wie genial!

Und noch mal, und zwar zum MITSCHREIBEN: Mit den tierischen

Essenseinlagen hab ich nichts zu tun!“ Er regte sich noch eine Weile auf. Aber

als ihm keiner mehr antwortete, verzog er sich schließlich in sein Bett.

„Trantüten“, murmelte Lewin abschließend und war keine zwei Sekunden

später eingeschlafen. Eddie wartete noch so lange, bis die drei Jungs im Takt

schnarchten. Dann schlich er auf Zehenspitzen aus dem Zimmer.

GESCHAFFT! ENDLICH!

Blitzschnell huschte er den langen Gang entlang und war schon fast an der

Absperrung vor der Treppe angekommen, da wurde hinter ihm eine Tür

aufgestoßen. Und zwar mit gewaltigem Karacho!

Erschrocken fuhr Eddie herum und sah sich Mrs Candellight gegenüber. Sie

fixierte Eddie mit finsterem Blick. „DU!“, keuchte sie zornig.

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Sacrebleu, ist sie etwa hinter mein Geheimnis gekommen? Eddie schwante
Schreckliches.

Er öffnete den Mund und klappte ihn sofort wieder zu. Plötzlich verstand er,

warum Mrs Candellight ihn mit ihren zornigen Blicken regelrecht aufspießte.

Im krassen Gegensatz zu ihrem feuerroten Gesicht waren ihre Haare nämlich

puderweiß.

„DU!“, wiederholte sie bedrohlich. „DU warst das!“

„Ich … ich weiß von nichts …“, versuchte Eddie sich zu verteidigen.

Mit einer einzigen herrischen Handbewegung brachte Mrs Candellight Eddie

zum Schweigen. „Kein Wort will ich mehr von dir hören!“ Im nächsten Moment

hatte sie Eddie am Kragen gepackt und zu sich herangezogen. So nah, dass

Eddie ihren feurigen Atem spüren konnte, als sie knurrte: „Ob nun Lehrersohn

oder nicht, eines garantiere ich dir: Für diese hinterhältige Mehl-Attacke wirst

du dich verantworten müssen. Und bestimmt bist du das auch mit dem

Dinner gewesen. Morgen früh verlange ich eine umfassende Entschuldigung

von dir. Und zwar in Anwesenheit von Mrs Plumbelly und deinen Eltern!“

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Bevor Eddie auch nur einen Piep von

sich geben konnte, war sie wieder in

ihrem Zimmer verschwunden und

hatte die Tür mit so einem

ohrenbetäubenden Knall hinter sich

zugeschlagen, dass sich

augenblicklich andere Türen öffneten.

„Was ist passiert?“, wollten zwei Mädchen wissen, deren Haare in alle

Himmelsrichtungen abstanden.

„War das gerade ein Erdbeben?“, rätselte ein dicklicher Junge. „Meine Eltern

haben sich doch ausdrücklich bei Mrs Plumbelly erkundigt, ob es in der

Gegend um Stormy Castle herum zu Beben unter der Erdoberfläche kommen

kann. Das wurde klipp und klar verneint.“

Auch Mrs Plumbelly war auf den Gang getreten. „Kein Erdbeben, Jonathan“,

beruhigte sie den ängstlichen Jungen. „Es war nur eine Tür, die besonders

laut zugefallen ist. Wahrscheinlich ist der Wind daran schuld.“ Mrs Plumbelly

lächelte bemüht beruhigend in die Runde der Kinder und Lehrer. Und die

ließen sich davon auch tatsächlich besänftigen und kehrten in ihre Zimmer

zurück.

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Nur Eddie stand noch immer da. Irgendwie hatte er die Chance verpasst, sich

ebenfalls schnell zu verdünnisieren.

„Was ist hier gerade passiert, Eddie?“, wollte Mrs Plumbelly jetzt natürlich von

ihm wissen.

Eddie zuckte hilflos mit den Schultern.

Im nächsten Moment öffnete sich weiter unten im Gang noch eine Zimmertür

und Gräfin Guinevere trat heraus.

„Mrs Plumbelly, bitte entschuldigen Sie, aber kann es sein, dass unten in der

Burghalle Wildschweine randalieren?“

„Grrrrr, ich werde noch verrückt“, keuchte Mrs Plumbelly, raufte sich die Haare

und stürmte laut nach Hausmeister Quitte brüllend zur Treppe.

„Geh in dein Zimmer, Edward … Eddie wollte ich sagen“, zischelte Gräfin

Guinevere Eddie zu.

Mit steifen Schritten stakste Eddie zurück zu seinem Internatszimmer. Arme

Tilla, sie würde bestimmt kein Auge zubekommen und sich vielleicht sogar

schrecklich ängstigen.

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Als Eddie leise die Tür öffnete und sich in das dunkle Zimmer schleichen

wollte, prallte er mit Lewin zusammen. Er hatte hinter der Tür gestanden und

grinste Eddie nun im Schein des vom Gang hereinfallenden Lichts

schadenfroh an.

„Genialer Mehl-im-Föhn-Scherz“, ätzte er. „Denk bloß nicht, Graf Eddie, dass

der schreckliche Ritter ein rostiges Gedächtnis hätte. Seine Rache ist mehlig

…“

Lewin lachte höhnisch und krabbelte zurück in sein Bett. „Süße Träume, Eddie

…“ Lewin kicherte leise in sich hinein und fing dann sofort an zu schnarchen.

Eddie lag hellwach da und hätte am liebsten ins Kopfkissen gebissen.

„Lass dich von dem nicht ärgern, Eddie“, erklang da ganz leise Toms Stimme.

„Ich kenne solche Mitschüler, denn normalerweise bin ich immer derjenige,

der geärgert wird. Aber wenn wir fest zusammenhalten, dann kann er uns gar

nichts …“

„Und mit mir“, flüsterte nun auch Archie, „sind wir schon zu dritt.“ Nun konnte

Eddie erst recht nicht schlafen. War das gerade so etwas Ähnliches wie ein

Freundschaftsangebot gewesen? Eddies Kopfhaut begann vor heimlicher

Freude zu kribbeln. Wir halten zusammen … Wow, was für ein verrücktes und

total schönes Gefühl!

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Und irgendwann fielen dann auch Eddie die Augen zu. Zum ersten Mal seit

fast 300 Jahren schlief der junge Graf Eddie von Fox und Wood nicht in

seinem Himmelbett ganz weit oben im Turmzimmer.

Wie es weitergeht, erfahrt ihr im nächsten und letzten Teil!

Eddie Fox und die Schüler von Stormy Castle - Teil 3


Geschichte aus: Eddie Fox und die Schüler von Stormy Castle
Autor: Antje Szillat
Illustration: Susanne Göhlich
Verlag: arsEdition
Alterseinstufung: ab 7 Jahren
ISBN: 978-3-8458-3442-9

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