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POLICY

PAPER
Liberalismus ist Feminismus
Dr. Maren Jasper-Winter

ANALYSE
Impressum
Herausgeber
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit
Truman Haus
Karl-Marx-Straße 2
14482 Potsdam-Babelsberg

/freiheit.org
/FriedrichNaumannStiftungFreiheit
/FNFreiheit

Autorin
Dr. Maren Jasper-Winter

Redaktion
Annett Witte
Leiterin des Liberalen Instituts der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Kontakt
Telefon: +49 30 22 01 26 34
Telefax: +49 30 69 08 81 02
E-Mail: service@freiheit.org

Stand
März 2020

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Diese Publikation ist ein Informationsangebot der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.
Die Publikation ist kostenlos erhältlich und nicht zum Verkauf bestimmt.
Sie darf nicht von Parteien oder von Wahlhelfern während eines Wahlkampfes
zum Zwecke der Wahlwerbung verwendet werden (Bundestags-, Landtags-
und Kommunalwahlen sowie Wahlen zum Europäischen Parlament).
POLICY PAPER 3

Inhalt
1. Alle sollen nach der eigenen Fasson glücklich werden _____________________________ 4
2. Frauen genießen formal die gleichen Rechte _______________________________________ 4
3. Gleiche Rechte sollten auch gleiche Chancen eröffnen _____________________________ 5
4. Liberalismus ergibt ohne Feminismus keinen Sinn _________________________________ 6
5. Der liberale Auftrag an den Staat __________________________________________________ 7
6. Der liberale Auftrag an die Wirtschaft ______________________________________________ 8
7. Für einen liberalen Feminismus____________________________________________________ 9
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1. Alle sollen nach der eigenen Fasson


glücklich werden
Der Liberalismus steht für Selbstbestimmung. „Jeder dass ein Unterscheidungsmerkmal wie das Ge-
Mensch soll faire Chancen haben, sich gemäß den ei- schlecht für Selbstbestimmung und Selbstverwirkli-
genen Talenten und Ideen zu entfalten, von eigener chung keine Rolle spielen soll. So steht es auch im
Arbeit zu leben und nach eigener Fasson glücklich zu Programm der FDP zur Gleichberechtigung in einer li-
werden. Das ist das Ziel liberaler Chancenpolitik: Bil- beralen Gesellschaft2. Schon seit langem ist die
dung und Befähigung von Menschen zu selbstbe- Gleichberechtigung von Männern und Frauen eine li-
stimmtem Leben und zur selbstbestimmten verant- berale Forderung.3 Insofern gibt es nicht nur einen „li-
wortungsbewussten Teilhabe in Wirtschaft, Politik beralen Feminismus“, wie der FDP-Vorsitzende Chris-
und Bürgergesellschaft”: So ist es in den Karlsruher. tian Lindner auf dem Bundesparteitag 2019 sagte4,
Freiheitsthesen der FDP für eine offene Bürgergesell- sondern mehr noch: Liberalismus ist Feminismus.
schaft festgehalten1. „Jeder Mensch“: das bedeutet,

2. Frauen genießen formal die gleichen


Rechte
Formal genießen Frauen in Deutschland die gleichen „grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte
Rechte wie Männer. Mädchen und Jungen wachsen und Pflichten“ haben. Dies sollte das aktive und pas-
gleichermaßen in einer demokratischen und freien sive Wahlrecht und den Zugang zu öffentlichen Äm-
Gesellschaft auf, deren Fundament das Grundgesetz tern absichern. In Artikel 119 Absatz 1 Satz 2 hieß es
ist. Die großen Schlachten für die Gleichberechtigung ergänzend, die Ehe beruhe auf der Gleichberechti-
sind mittlerweile geschlagen. Den Zugang zu Hoch- gung der Geschlechter. Individuelle Rechte für Frauen
schulen hatten Frauen bereits ab 1900 erlangt. Die ergaben sich aus dieser Norm jedoch nicht. Dies än-
ersten Universitäten, die ihnen Hochschulstudium derte sich erst mit Inkrafttreten des Grundgesetzes
und Promotion ermöglichten, waren Heidelberg und vor 70 Jahren: Nach langem Ringen, vor allem durch
Freiburg. Das Großherzogtum Baden ermöglichte als die SPD-Abgeordnete Elisabeth Selbert, wurde Art. 3
erstes deutsches Land per Erlass vom 28. Februar Abs. 2 Satz 1 in seiner heutigen Fassung beschlos-
1900 den vollen Zugang zu Universitätsstudien5. sen: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Hie-
raus ergab sich nach einer Übergangsfrist, die 1953
Am 19. Januar 1919 durften Frauen erstmal in der auslief, ein Handlungsauftrag für den Gesetzgeber,
deutschen Geschichte an den Wahlen der verfas- vor allem das Familienrecht zu überarbeiten.
sungsgebenden Deutschen Nationalversammlung
teilnehmen und auch selber gewählt werden. Das Diese Reformen des Familienrechts gaben den
passive Wahlrecht verloren sie erst 1933 wieder, Frauen in den fünfziger Jahren bis Ende der siebziger
durch die Nationalsozialisten, bis zum Ende des Drit- Jahre mehr Unabhängigkeit. Durch das Gesetz über
ten Reiches 19456. Zur Gleichberechtigung von die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf dem
Frauen und Männern hielt die Weimarer Reichsverfas-
sung in Artikel 109 fest, dass beide Geschlechter

1 4 https://www.christian-lindner.de/sites/default/fi-
Verantwortung für die Freiheit, Karlsruher Frei-
heitsthesen der FDP für eine offene Bürgergesell- les/2019-09/19%2004%2026%20Die-
schaft, Beschluss des 63. Ordentlichen Bundespar- ses%20Land%20wächst%20mit%20sei-
teitags der FDP, Karlsruhe, 22. April 2012, Kapitel I nen%20Menschen_0.pdf
(1). 5 vgl. https://www.uni-heidelberg.de/de/universi-
2 Programm zur Gleichberechtigung in einer libera- taet/heidelberger-profile/historische-portraets/al-
len Gesellschaft, Beschluss des 23. Ordentlichen lem-war-es-die-lust-am-lernen-am-wissen
Bundesparteitages der F.D.P. vom 23. bis 25. Ok- 6 https://www.bpb.de/gesellschaft/gender/
tober 1972, in Freiburg/Br. frauenbewegung/35269/frauen-imnationalso-
3 Vgl. Programm zur Gleichberechtigung in einer li- zialismus?p=all
beralen Gesellschaft, a.a.O.
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Gebiet des Bürgerlichen Rechts7 wurde es für Frauen


möglich, ein eigenes Bankkonto zu eröffnen und ihr Hinzu kam der Mutterschutz, im Interesse der körper-
eigenes Vermögen zu verwalten. Sie durften auch er- lichen Unversehrtheit der Frau. In den fünfziger Jah-
werbstätig sein, allerdings nur soweit „mit ihren Pflich- ren sowohl in Westdeutschland als auch in der DDR
ten in Ehe und Familie vereinbar”8. In Westdeutsch- unterschiedliche Gesetze zum Schutz von Müttern
land konnte der Ehemann damit eine Berufstätigkeit vor und nach der Geburt eines Kindes beschlossen. In
unterbinden. Erst 1977 trat eine Novelle des Gesetzes der DDR verband sich dies 1950 mit dem Ausbau der
in Kraft, die das Scheidungsrecht veränderte und staatlichen Kinderbetreuung wie auch der Frauener-
Frauen erstmals das unbeschränkte Recht gab zu ar- werbstätigkeit11. In Westdeutschland wurde 1952 das
beiten9. In diesem Zusammenhang verfügte das Ge- „Gesetz zum Schutz der erwerbstätigen Mutter” ver-
setz über die Gleichbehandlung von Männern und abschiedet, immer noch Grundlage des heutigen Mut-
Frauen am Arbeitsplatz10 von 1980, dass Frauen das terschutzes.
gleiche Gehalt für die gleiche Arbeit bekommen müs-
sen wie Männer.

3. Gleiche Rechte sollten auch gleiche


Chancen eröffnen
Doch damit können sich Liberale noch lange nicht der auf den geringeren Anteil von Frauen in Führungs-
entspannt zurücklehnen. Denn die formale Gleichbe- positionen)14, dann ergibt sich ein bereinigter Gender
rechtigung allein ist noch nicht genug, sie muss auch Pay Gap von immer noch 6%15. Diese Lohnlücke bei
in der konkreten Lebenswelt verwirklicht sein. Es be- gleicher Qualifikation und Position ist echte Diskrimi-
darf der tatsächlichen Gleichstellung. Doch trotz glei- nierung aufgrund des Geschlechts – für Freie Demo-
cher Rechte bewegen sich Frauen in ihrem Beruf, aber kraten vollkommen inakzeptabel.
auch in Politik und Gesellschaft noch nicht auf Augen-
höhe mit Männern. Nach wie vor gibt es Rollenzu- Der Gender Pay Gap ist von einem Gender Care Gap
schreibungen und Benachteiligungen. und einem damit zusammenhängenden Gender Pen-
sion Gap begleitet. So kümmern sich Frauen (unbe-
So beziehen Frauen immer noch weniger Lohn und zahlt) stärker als Männer um die Familie oder um zu
Gehalt als Männer. Der „Gender Pay Gap“, gemessen pflegende Angehörige. Im Vergleich zu Männern leis-
als Abstand der absoluten Brutto-Stundenver- ten sie in Deutschland täglich 52,4% mehr unbezahlte
dienste12, liegt in Deutschland bei 21 %13 und damit Tätigkeiten für andere Menschen.16 Dies hat unter
deutlich über dem europäischen Wert von 16%. Wenn anderem zur Folge, dass sie stärker von Altersarmut
man jenen Teil des Verdienstunterschiedes heraus- betroffen sind: Frauen beziehen um 59,6% geringere
rechnet, der auf strukturelle Unterschiede zwischen eigene Alterssicherungseinkommen als Männer.17
den Geschlechtergruppen zurückzuführen ist (also
auf Unterschiede in gewählten Berufen, Beschäfti- In der Wirtschaft sind Frauen unterrepräsentiert. Sie
gungsumfang, Bildungsstand und Berufserfahrung o- besetzen nur 9,3% der Vorstandsposten aller 160 bör-
sennotierten Unternehmen in Deutschland18. Erst seit

7 Vom 18. Juni 1957, Bundesgesetzblatt I 1957, Nr. 14 https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Ver-


26 vom 21.06.1957. dienste/FAQ/gender-pay-gap.html, zuletzt abgeru-
8 § 1356 Abs. 1 BGB in der Fassung vom 18. Juni fen am 06.03.2020.
1957, a.a.O. 15 https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemittei-
9 Erstes Gesetz zur Reform des Ehe- und Familien- lungen/2017/03/PD17_094_621.html, zuletzt ab-
rechts vom 14. Juni 1976, Bundesgesetzblatt I gerufen am 06.03.2020.
1976, Nr. 67 vom 15.06.1976. 16 vgl. https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleich-
10 Vom 13. August 1980, Bundesgesetzblatt I, S. stellung/gender-care-gap/indikator-fuer-die-
1308. gleichstellung/gender-care-gap---ein-indikator-
11 https://www.humanresourcesmana- fuer-die-gleichstellung/137294, zuletzt abgerufen
ger.de/news/frauenrechte-arbeit-letzte-100- am 06.03.2020.
jahre.html, zuletzt abgerufen am 06.03.2020. 17 Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren,
12 https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Ver- Jugend, Gender Pension Gap, S. 7, abrufbar unter
dienste/FAQ/gender-pay-gap.html, zuletzt abgeru- https://www.bmfsfj.de/blob/93950/422daf61f3d
fen am 06.03.2020. d6d0b08b06dd44d2a7fb7/gender-pension-gap-
13 https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Ar- data.pdf, zuletzt abgerufen am 06.03.2020.
beitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-1/gender- 18 Vgl. hierzu den Bericht der Allbright Stiftung,
pay-gap.html, zuletzt abgerufen am 06.03.2020. Entwicklungsland: Deutsche Konzerne entdecken
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kurzem und zum ersten Mal seit Einführung des DAX Gegenstand einer Kontroverse sein, die Fakten indes
1988 leitet eine Frau ein dort geführtes Unternehmen: nicht. Die Ungleichheit ist offensichtlich. Frauen ha-
Jennifer Morgan ist seit Oktober 2019 neue Co-Vor- ben entweder nicht dieselben Chancen wie Männer o-
standsvorsitzende von SAP. Die Entwicklung verläuft der sie nehmen diese – warum auch immer – nicht
äußerst schleppend. Falls es bei dem derzeitigen ge- wahr. Beides ist aus liberaler Sicht unbefriedigend.
ringen Tempo bleibt, sind erst in 22 Jahren 40% der Dahinter stecken oft festgefügte Rollenverständ-
Vorstandsposten durch weibliche Führungskräfte be- nisse. Doch gleiche Rechte sollten auch in gleiche
setzt. Chancen münden.
Die Ursachen dieser Befunde können vielleicht noch

4. Liberalismus ergibt ohne Feminismus


keinen Sinn
Vor dem Hintergrund dieses Befundes ist klar, dass schaftlichen und gesellschaftlichen Ebenen gleicher-
Liberalismus ohne Feminismus keinen Sinn ergibt. maßen teilnehmen. Dazu bedarf es der Aufbrechung
Wer sich, wie Liberale es tun, für ein selbstbestimm- kultureller Machtstrukturen”21. Es gelte die gesell-
tes Leben aller einsetzt, der muss den Blick auch auf schaftliche Rollenfixierung zu überwinden und den
die Hindernisse werfen, die Frauen aufgrund ihres Ge- Freiheitsraum von Mann und Frau auszuweiten.22
schlechts im Weg stehen. Das liberale Prinzip der
Leistungsgerechtigkeit gilt nicht nur für Männer, son- Die Freien Demokraten sehen in Emanzipation den
dern auch und ganz besonders für diejenigen Frauen, Schlüssel zur Selbstbestimmung. Im Beschluss „Frei-
die allein deshalb, weil sie eine Frau sind, weniger ver- heit durch Emanzipation” beschreibt die FDP Emanzi-
dienen als der männliche Kollege. Die Chancenge- pation als „Befreiung von Regelungen und Vorgaben
rechtigkeit für Kinder, durch Bildung ihren Lebensweg sowie gesellschaftlichen Vorstellungen, die das Indi-
selbst zu bestimmen, gilt nicht nur für Jungen, son- viduum und seine freie Entfaltung einschränken”.23
dern sie muss sich genauso an Mädchen wenden, die Einschränkungen sind abzubauen, ohne dadurch
für sich immer noch bestimmte Berufe aufgrund alter gleich wieder neue Einschränkungen zu schaffen. Es
Rollenbilder ausschließen. Und ein wirklich selbstbe- gilt, „Individuen nur soweit in ihrem Handeln einzu-
stimmtes Leben kann nur gelebt werden, wenn die schränken, wie dies notwendig ist, um anderen selbst-
Gesellschaft Paaren nicht vorgibt, wie sie die Kinder- bestimmte Entscheidungen zu ermöglichen.”24 Der Li-
betreuung aufzuteilen haben. beralismus verlangt, die Ziele des Feminismus ohne
weitreichende Freiheitseinschränkungen für andere
Dass die formale Gleichberechtigung von Männern Menschen zu erreichen, konkret zum Beispiel ohne
und Frauen noch nicht in eine tatsächliche Gleichstel- eine Quotierung von Wahlvorschlägen mit Hilfe von
lung übergegangen ist, erkennt der Liberalismus Paritätsgesetzen und ohne Quotierungen von Auf-
ebenso wie der Feminismus mithin als Tatsache an – sichtsräten oder gar Vorständen privater Unterneh-
als Tatsache, die es zu überwinden gilt. Er erkennt men. Im Vordergrund stehen das „Empowerment”
weiterhin an, dass Frauen in vielen gesellschaftlichen, von Frauen und die Rahmenbedingungen der Eman-
wirtschaftlichen und politischen Bereichen nach wie zipation.
vor strukturell diskriminiert werden. Diese Strukturen
gilt es aufzubrechen, um Frauen besser zu fördern In der Emanzipation liegt eine gemeinsame Aufgabe
und echte Teilhabe zu verwirklichen.19 Im Programm von Männern und Frauen. Es gilt nicht gegeneinander,
„Zukunft ist Emanzipation”20 der Stipendiatinnen und sondern miteinander voranzuschreiten. „Einschließen
Stipendiaten der Friedrich-Naumann-Stiftung für die statt Ausschließen“ ist hier die Prämisse. Liberale wol-
Freiheit heißt es: „In einer liberalen Gesellschaft kön- len Unterschiede zwischen Menschen, zwischen
nen Frauen und Männer auf allen politischen, wirt- Männern und Frauen nicht aufheben, sondern erach-

erst jetzt Frauen für die Führung, vom 23. Septem- texte/2012/3535/pdf/BF_A5_Zu-
ber 2019, abrufbar unter https://www.allbright-stif- kunft_Emanz_Stip_56_4S_web.pdf S. 34
tung.de/allbright-berichte, zuletzt abgerufen am 22 Programm zur Gleichberechtigung in einer libera-
06.03.2020. len Gesellschaft, a.a.O., These I.
19 Karlsruher Freiheitsthesen, a.a.O. Kapitel IV.2 (39). 23 Freiheit durch Emanzipation – Liberale Agenda für
20 http://edoc.vifapol.de/opus/voll- Selbstbestimmung und Vielfalt,
texte/2012/3535/pdf/BF_A5_Zu- Beschluss des 70. Ord. Bundesparteitags der FDP,
kunft_Emanz_Stip_56_4S_web.pdf, zuletzt abgeru- Berlin, 26. bis 28. April 2019, S. 2.
fen am 06.03.2020. 24 Freiheit durch Emanzipation – Liberale Agenda für
21 http://edoc.vifapol.de/opus/voll- Selbstbestimmung und Vielfalt, a.a.O.
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ten diese als bereichernd. Es geht in der Frage der re- ten, sondern sie stehen umgekehrt für Lebensstiltole-
alen Gleichberechtigung immer darum, “echte Wahl- ranz in einer offenen Gesellschaft. Es gibt nicht den
freiheiten von Lebensentwürfen für jede einzelne Frau einen Lebensentwurf, sondern unzählbar viele. Diese
und jeden einzelnen Mann nach ihren oder seinen ur- Haltung unterscheidet Liberale von den Vertretern al-
eigensten Wünschen” zu geben.25 Es kann daher kein ler anderen politischen Richtungen. So hegen Konser-
für alle Frauen geltendes Ideal geben. Weder kann es vative Einwände gegen die Vollerwerbstätigkeit von
darum gehen, „die Selbstverständlichkeit der Voller- Müttern, während Linke Kritik an Frauen üben, die sich
werbstätigkeit von Müttern einerseits oder umgekehrt voll der Kindererziehung widmen. Aus Sicht des Libe-
die Anzweiflung dieser als Ideal vorzugeben.”26 Libe- ralismus hingegen ist dies eine private Entscheidung,
rale maßen sich nicht an, Lebensentwürfe zu bewer- für die es aber realer Optionen bedarf.

5. Der liberale Auftrag an den Staat


Die Co-Geschäftsführerin von Facebook, Sheryl Sand- tatsächlich alles werden können. Hier ist es wichtig,
berg, hat in ihrem Buch „Lean in”27 Frauen aufgerufen, dass Lehrerinnen und Lehrer, sowie Erzieherinnen
mutig zu sein und sich nicht selbst zu beschränken. und Erzieher selbst ihre eigenen Rollenbilder hinterfra-
Sie sollten Ängste aushalten und all das tun, was sie gen und darin fortgebildet werden, Mädchen und Jun-
tun würden, hätten sie keine Angst. Dieser Aufruf ist gen gleichermaßen zu fördern. Führungskräfte in der
richtig und wichtig. Der Handlungsauftrag muss sich Wirtschaft erhalten mitunter ein „Unconscious-Bias-
dabei ebenso an die Männer richten: Diese sollten Training”, eine Schulung darin, Vorurteile abzulegen
sich fragen, was sie dazu beitragen können, dass ihre und möglichst neutral Menschen mit unterschiedli-
Partnerinnen, Töchter und Schwestern sich nicht chen Hintergründen zu fördern. Derlei sollte es mög-
selbst beschränken, sondern frei ihren Lebensweg lichst auch für Lehrkräfte und anderes pädagogi-
einschlagen. Dieser Auftrag an Einzelne bedeutet sches Personal an KiTas und Schulen geben.
nicht, dass jeder Mensch einen bestimmten Lebens-
weg gehen muss. Nicht jede Frau muss eine Sheryl Wie festsitzend die Rollenbilder in der Gesellschaft
Sandberg werden. Aber wer sich entschieden hat, sind, zeigt die Tatsache, dass der Anteil junger Frauen
auch mit kleinen Kindern voll berufstätig zu sein, in Ausbildungsberufen oder in einem Studium in den
muss ertragen, dass es Frauen gibt, die andere Priori- sogenannten MINT-Fächern (Mathe, Informatik, Na-
täten setzen. Mit dem Abschütteln der Selbstbe- turwissenschaften und Technik) nur 8-15 % beträgt28.
schränkung ist es freilich noch nicht getan, wenn Um dem gegenzusteuern, sind Eltern wie Pädagogen
überkommene Rollenbilder und strukturelle Hemm- gefragt, durch Vorbilder und Anregungen für die Mäd-
schwellen Frauen immer noch höhere Hürden in den chen den Blick zu weiten. Umgekehrt sollte es selbst-
Weg legen als Männern. Hier beginnt der Auftrag an verständlich werden, dass auch Jungen den Weg in
den Staat. soziale Berufe wählen. Baden-Württemberg setzt in
diesem Kontext schon seit Jahren auf sogenannte
Die Politik kann zwar individuelle Ängste schwerlich Ausbildungsbotschafterinnen und -botschafter:
nehmen. Sie kann – und soll – noch nicht einmal ein Junge Azubis werben in den Schulen für ihre Berufs-
Umdenken erzwingen. Doch der Staat muss Rahmen- bilder und helfen so, alte Rollenklischees aufzubre-
bedingungen schaffen, damit reale Freiheit möglich chen.
wird und sich dadurch neue Lebenswege eröffnen.
Falsch verstandener Liberalismus wäre es, die Hände Außerdem gilt es strukturelle Hemmnisse für Frauen
in den Schoß zu legen, wohlwissend, dass manche im Berufsleben abzubauen. Ein Baustein ist eine bes-
der Lebensentscheidungen eben nicht frei getroffen sere Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen
werden können. Für jedes Kind und jeden Erwachse- wie auch für Männer. Besonders wichtig ist dies aller-
nen muss grundsätzlich gelten: „Ich kann alles wer- dings immer noch für Frauen, weil in der Überzahl sie
den”. es sind, die sich in der Familie um die Kinder küm-
mern. Gerade für sie ist es wichtig, dass die Politik alle
Insofern stehen Liberale in der Pflicht, zum Beispiel Anstrengungen unternimmt, KiTas und Ganztags-
durch eine gute Politik mit Blick auf KiTas und Schu- schulen auszubauen – nicht nur im Hinblick auf die
len dafür zu sorgen, dass junge Mädchen und Frauen Öffnungszeiten, sondern auch auf die Betreuungs-

25 Freiheit durch Emanzipation – Liberale Agenda für Frauen und Jugend, Geschlechterverhältnis in
Selbstbestimmung und Vielfalt, a.a.O. technischen Ausbidlungsberufen nach Ländern,
26 Freiheit durch Emanzipation – Liberale Agenda für https://www.daten.bmfsfj.de/daten/daten/ge-
Selbstbestimmung und Vielfalt, a.a.O. schlechterverhaeltnis-in-technischen-ausbil-
27 S. Sandberg, Lean In: Frauen und der Wille zum Er- dungsberufen-nach-laendern/131752, zuletzt ab-
folg, New York 2013. gerufen am 06.03.2020
28 Siehe Bundesministerium für Familie, Senioren,
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und Bildungsqualität. in der Pflicht, mit seiner eigenen Verwaltung und sei-
nen eigenen Unternehmen ein Vorbild zu sein. Die An-
Wesentlich mehr Frauen als Männer arbeiten in Teil- sprüche, die der Staat an Gesellschaft und Wirtschaft
zeit. Das ist nicht immer freiwillig gewählt, sondern stellt, muss er umso mehr an sich selber anlegen.
liegt schlicht an der vorherrschenden Rollenverteilung Deshalb fordert der Liberalismus, dass Frauen in der
und daran, dass es nicht genügend Betreuungsein- öffentlichen Verwaltung bestmögliche Rahmenbedin-
richtungen für Kinder gibt. Feminismus bedeutet des- gungen vorfinden und dass gerade die Behörden Top-
halb auch, dass sich die Politik dieser staatlichen Auf- Arbeitgeber für Frauen sein sollten. Verkrustete Struk-
gabe vorrangig und optimal annimmt. Die desinteres- turen finden sich indes nicht nur in manch einem
sierte Langmut manch linker Feministinnen, was eine Großkonzern, sondern auch in der öffentlichen Ver-
bessere Kinderbetreuung angeht, ist ärgerlich. Hier waltung. Flexible Arbeitszeiten sind gerade auch dort
geht es um eine Verbesserung, die vielen Frauen tag- gefragt, ebenso wie Führungspositionen, die auch in
täglich helfen würde. Teilzeit ausgeübt werden können. Zudem sollte die
Verwaltung darin vorangehen, die eigene Lohnlücke
Doch der Staat muss nicht nur für eine gute Betreu- zwischen Männern und Frauen zu analysieren und
ungsinfrastruktur sorgen, sondern er ist auch selber zum Verschwinden zu bringen.

6. Der liberale Auftrag an die Wirtschaft


Der Staat kann und soll nicht alles regeln und bis ins sen30 – sowohl den unbereinigten als auch den berei-
Detail planen. Sinnvollerweise beschränkt er sich auf nigten, also die Lohnlücke zwischen den Geschlech-
die Rahmensetzung und greift nur dann ins Gesche- tern bei gleicher Qualifikation und Position. Wenn die
hen ein, wenn strukturelle Asymmetrien die Freiheit Unternehmen sich derart selbst überprüfen müssen,
von bestimmten Gruppen oder Individuen ungleich können sie zu Ergebnissen gelangen, mit denen sie
beschneiden. Liberale vertrauen auf die Verantwor- nicht gerechnet haben. In Großbritannien die Konser-
tungsbereitschaft der Menschen; staatliche Eingriffe vativen eine solche Pflicht eingeführt. Ein solches In-
in die Freiheit, auch in die unternehmerische, sind die strument ist wirkungsvoller als die Möglichkeit einer
Ultima ratio. Mit Blick auf die Gleichstellung heißt das: Klage von Arbeitnehmerinnen nach dem Entgelttrans-
Die Wirtschaft muss ebenfalls ihren Beitrag leisten. parenzgesetz31 – diese wird schlicht nicht genutzt.

So korrekt der Satz des liberalen Wirtschafts-Nobel-


preisträgers Milton Friedman ist, nach dem die gesell-
schaftliche Verantwortung der Unternehmen gerade
darin liegt, ihre Gewinne zu steigern, so sehr läuft es
freilich dem Menschenverstand zuwider, wenn sich
Unternehmen trotz Fachkräftemangels und wissen-
schaftlich belegter Zusammenhänge von Diversität
und Unternehmenserfolg29 mit der Zielgröße „null” für
die Zahl der Frauen in ihren Vorständen zufrieden ge-
ben. Es ist dies wohl auch kaum im Sinne der Share-
holder, von den Stakeholdern ganz zu schweigen.
Respekt und Anerkennung für die Leistungsfähigkeit
von Frauen drücken sich darin sicher auch nicht aus.
Deshalb sollten die Unternehmen zwar von der Politik
keine starren Quoten beispielswiese für Vorstandspo-
sitionen auferlegt bekommen, sie sollten aber sehr
wohl angehalten werden, sich eine verbindliche
Selbstverpflichtung zur Erhöhung des Frauenanteils
in ihren Vorstandsgremien wie auch auf anderen Füh-
rungsebenen zu geben.

Wenn es um gleiche Bezahlung für gleiche Leistung


geht, ist eine Pflicht zur Transparenz der richtige Weg.
Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten sollten
ihren internen Gender Pay Gap veröffentlichen müs-

29 Vgl. V. Hunt, D. Layton und S. Prince, Diversity Mat- 31 Entgelttransparenzgesetz vom 30. Juni 2017
ters, McKinsey & Company, 2014. (BGBl. I S. 2152)
30 Vgl. Freiheit durch Emanzipation – Liberale Agen-
da für Selbstbestimmung und Vielfalt, a.a.O., S. 8.
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7. Für einen liberalen Feminismus


Liberale sprechen selten vom Feminismus. Doch
auch wenn sie diesen Begriff selten für sich in An-
spruch nehmen, ist der Liberalismus immer auch ein
Feminismus. Er kommt nicht so laut daher, wie man
das vielleicht erwarten mag. Er greift auch nicht nach
der Brechstange fest vorgeschriebener Quoten. Er
geht einen differenzierteren Weg. Er eröffnet den
Frauen mehr Möglichkeiten, ohne sie auf ein be-
stimmtes Lebensmodell festzulegen oder sie auf
sonst irgendeine Weise in ihrer Selbstbestimmung
einzuengen. Der Liberalismus ist ein Feminismus –
und der Feminismus muss ein Liberalismus sein.