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Familie Streuner sucht einen


Menschen - Teil 3
Eine Geschichte von Christian Tielmann mit Illustrationen von Meike
Töpperwien, erschienen im Carlsen Verlag.
Hier kommt der dritte Teil der Geschichte.
Besuch im Fuchsbau

Scarlett merkte gleich, dass etwas

nicht stimmte. Es roch anders vor dem

Fuchsbau.

Auch Streun Streuner stellten sich die

Nackenhaare hoch. Es roch nicht nach

Hund. Es roch sauber.

Es roch wie eine blühende Frühlingswiese nach einem erfrischen Regenguss.

Auch ein Hauch von Rose war dabei.

„Wir haben Besuch“, murmelte Scarlett.

Daisy traten schon die Tränen in die Augen. „Haben die Wildschweine wieder

alles kaputt gemacht?"

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Aber das waren keine Wildschweine. Und es war auch nichts kaputt.

„Guten Abend, guten Abend", sagte der Waschbär Per-Wolf. „Dürfte ich für

diese Nacht um Quartier nachsuchen?“

Scarlett verstand ihn sofort, auch

wenn sich Per-Wolf immer etwas

umständlich ausdrückte. „Na klar, kein

Problem. Du kannst bei uns

übernachten. Was ist passiert?"

Familie Streuner setzte sich ins

Wohnzimmer des Baus und hörte sich

an, was Per-Wolf zu berichten hatte.

In sein Waschhaus traute sich Per-

Wolf nicht zurück, weil dort

Wildschweine herumlungerten. Und im Krötentunnel war es fürchterlich zugig.

Der Schmetterling kam in die Höhle geflattert und setzte sich neben den

Waschbären auf eine Wurzel. „Es ist eine Frechheit, was die Wildschweine

abziehen! Wie die die Mistkäfer behandeln. Eine Unverschämtheit! Wir können

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uns das nicht länger bieten lassen. Wir müssen streiken! Für unsere Zukunft.

Niemand soll mehr arbeiten im Wald, bis sich die Wildschweine benehmen."

Der Schmetterling atmete einmal tief durch. Dann rief er: „Nicht-Schweine

aller Arten, vereinigt euch! Wenn niemand mehr tut, was er soll, dann werden

Krauti und Brombeer schon sehen, wo sie landen!"

Scarlett richtete sich auf. „Der Schmetterling hat recht. Irgendjemand muss

diese Wildschweine stoppen, Streun."

Der Schmetterling behauptete weiter, dass Regenwürmer, Borkenkäfer und

Maden gemeinsam die Wildschweine zu Fall bringen könnten, aber auf sein

Geschnatter hörte niemand.

Nur Per-Wolf flüsterte dem Schmetterling zu, dass er nicht so laut in sein Ohr

brabbeln solle, denn das kitzelte. Streun legte seine Stirn in tiefe

Sorgenfalten.

„Wir wollen uns einen Hüte- und Wachmenschen anschaffen, aber das hat

noch nicht so richtig geklappt“, gab er zu.

„Immerhin hat er uns schon mal die Tür geöffnet und Futter gegeben.“ Chicko

wackelte frohgemut mit den Ohren. „Wir müssen ihn nur noch etwas

dressieren und dann werden wir diese Wildschweine …“

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Aber Streun Streuner unterbrach sie. „Der Mensch muss uns nicht nur die Tür

öffnen, sondern auch sein Herz", murmelte Scarletts Mann. „Erst dann wird er

uns annehmen."

Es war Elvis, der nun den Kopf hob und die wahnsinnig kluge Frage stellte:

„Und wie öffnet man ein Herz, wenn es so fest verschlossen ist, Papa?"

Der Waschbär seufzte. „Gar nicht. Ich hab’s jedenfalls aufgegeben."

Per-Wolf gähnte. „Wir haben noch zwei Wochen bis zum Vollmond. Dann

werde ich meine Siebensachen packen und auswandern. Die Wildschweine

sind zu stark. Und wenn selbst ihr keine Lösung wisst, dann bleibt uns wohl

nichts als die Flucht."

Aber Scarlett sah ihrem Mann Streun Streuner an der Schnauzenspitze an,

dass er nachdachte. Seine Stirnfalten wurden tiefer und tiefer.

Und er starrte die ganze Zeit auf sie. Auf seine reizende Frau, wie er sie gerne

nannte.

„Ich kenne mich aus mit Herzen“, murmelte Streun schließlich.

Scarlett spürte plötzlich ihr Herz schneller schlagen. Streun würde doch wohl

nicht ihre alte Liebesgeschichte auspacken?

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„Ich habe selbst einmal ein bezauberndes Mädchen geliebt, das mich ganz

und gar nicht mochte“, säuselte Streun.

Scarlett senkte den Blick. Ihre Mutter hatte eben doch recht gehabt: Streun

Streuner war ein unmöglicher Rüde. Schon immer gewesen. Aber sie liebte

ihn nun mal. Sie konnte und wollte nichts dagegen tun.

„Und was hast du dann gemacht?“, fragte Elvis sehr interessiert. „Ich habe ihr

Herz erobert!“, sagte Streun und zwinkerte Scarlett zu.

Scarlett wäre am liebsten im Boden versunken. „Tu’s nicht, Streun", winselte

sie. Und sie dachte: Jedenfalls nicht vor dem Waschbären und den Welpen!

„Ich war witzig, ich war süß! Ich war mutig und wahnsinnig schlau",

behauptete Streun. „Außerdem konnte ich hervorragend schwimmen und

singen. Und das hat sie dann überzeugt.“

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Er holte tief Luft. Die Kinder sahen ihn mit großen Augen an. Dann begann er

zu heulen wie ein Wolf, dass sich die Wurzeln über ihnen bogen und der

Waschbär sich die Ohren zuhielt.

Scarlett musste lachen. Genau wie damals. „Du warst trottelig und niedlich

und du hast fürchterlich gestunken. Und als ich dich in den Fluss geschubst

habe, wärst du fast ertrunken, Streun!"

Der Waschbär Per-Wolf sah von Streun zu Scarlett und wieder zurück. Er

lächelte. Aber dann sagte er: „Ich glaube nicht, dass ein Mensch sein Herz für

euch öffnet, wenn ihr ihn ins Wasser schubst und ihm dabei die Ohren

volljault."

Die Mädchen ließen die Köpfe hängen. „Schade. Das wäre bestimmt ein

großer Spaß geworden", flüsterte Chicko.

Aber nun war Elvis plötzlich wach. „Nein, nein, aber Papa hat ja recht: Wir

müssen ihn von uns überzeugen! Wir müssen um sein Herz kämpfen. Mama

hat gesagt, dass Oskar auf das Maisrevier und die Schafe aufpasst, weil das

seinem Menschen gefällt. Der kleine Holden fängt immer Bälle und bringt sie

zurück, weil sein Mensch drauf steht. Unser Banano mag eben den Kram, den

wir angeschleppt haben, nicht."

„Aber was mag unser Mensch dann?“, fragte Scarlett.

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Chicko bleckte die Zähne. „Keine Ahnung", sagte sie schlecht gelaunt. „Wir

wissen nur, was er nicht mag: Hunde in seinem Bau. Die schmeißt er mit

faulen Tricks raus.“

„Wir müssen mehr über ihn erfahren", sagte der kluge Elvis. „Irgendwie

werden wir schon herausfinden, was er wirklich mag. Und dann öffnet er uns

nicht nur sein Haus, sondern auch sein Herz.“

„Gibt er uns dann auch Futter und lässt uns bei sich wohnen?", fragte Chicko.

„Kuschelt er dann endlich mit mir?“, fragte Daisy.

„Und wie!", versprach Elvis. „Guck dir nur mal Mama und Papa an.“

Streun Streuner leckte seiner reizenden Frau übers Fell. Die räusperte sich,

bewegte alles in ihrem Herzen und entschied: „Elvis hat recht. Wir müssen

mehr über ihn erfahren, um sein Herz zu erobern. Das ist unsere einzige

Chance."

„Oder auswandern“, murmelte der Waschbär.

„Oder streiken!“, sagte der Schmetterling, aber dem hörte keiner mehr zu.

Auf der Lauer

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Daisy konnte es kaum abwarten. Sie saß nun schon so lange genau

gegenüber der Haustür auf der anderen Seite des Auto-Pfads und machte

große, süße Augen.

„Schön stillhalten. Süß und knuffig! Und vergiss das Hufeisen nicht!", flüsterte

ihr Elvis zu, der sich hinter einer Mülltonne versteckt hatte.

Das Hufeisen lag vor Daisy auf dem Menschen-Pfad. Endlich ging die Tür auf.

Und da trat er in den Sonnenschein. In seiner ganzen Pracht erschien Banano.

Er hatte ein knappes Beingewand angezogen, das sogar ein bisschen Fell der

Hinterläufe zeigte. Dazu trug er neue Hufeisen und zwei Bananen in der Hand.

Daisys Schwanz wedelte schon von ganz allein vor Freude. Er war so niedlich.

Er war so putzig. Er war so ein toller Mensch.

Zu dumm, dass sie sein Herz noch aufschließen mussten. Daisy wollte schon

über den Auto-Pfad stürmen und losbellen, um ihn zu begrüßen, aber ihr

großer Bruder, der Klugscheißer, wusste es besser.

„Ganz ruhig, Daisy. Du folgst ihm einfach. Er soll dich sehen. Aber wenn er auf

dich zuläuft, dann weichst du aus, kapiert?", hörte Daisy ihren großen Bruder

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sagen.

„Nur so geht das mit dem Herzenaufschließen", behauptete Elvis. „Du hast

doch gehört, was Papa erzählt hat.“

Diese Herzgeschichte war Daisy viel zu kompliziert. Aber Elvis bestand drauf.

Banano macht ein paar seltsame Verrenkungen, dann trabte er endlich los.

Wie immer links herum, den Menschen-Pfad entlang.

„Ich folge ihm auffällig und lasse ihn rennen, richtig?“, füsterte Daisy.

„Richtig“, hechelte Elvis.

Daisy trabte hinter Banano her und roch ihren Bruder eher, als dass sie ihn

sah oder hörte.

Banano joggte ganz lässig und steckte sich die Bananen in die Taschen

seines Gewands. Ach, er sah einfach prima aus!

Seine Ohren zeigten steil nach oben. Sein Gang federte. Aber plötzlich

bremste er ab und blieb an einer der dickeren Pipi-Stangen stehen.

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Dort drückte er auf einen Knopf und wartete. Daisy konnte einfach nicht

anders. Sie lief zu ihm hin. Sie setzte sich neben ihn an den Rand des Auto-

Pfads.

Warum rannte er nicht weiter? Und warum markierte er die dicke Pipi-Stange

nicht?

„Hallo-hallöchen!“, bellte sie.

Der Mensch sah erst nicht hin. Er starrte mit einem nicht ganz so glücklichen

Gesicht auf das Licht gegenüber. Das war rot.

Daisy bellte noch einmal. „Du kannst ruhig über die Straße gehen, Banano. Ich

passe auf."

Da sah Banano runter zu Daisy. Oh, dieser Blick. Und dann dieses kleine Fell

am Kinn. Das war so niedlich.

Daisy stellte sich auf die Hinterbeine und schnüffelte. Er roch herrlich

menschlich.

Plötzlich sah Banano wieder glücklich aus. Das Licht war von Rot auf Grün

gewechselt und nun rannte er weiter.

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Doch schon an der nächsten Ecke hielt er wieder an einer dicken Pipi-Stange.

Und auch da hinterließ er keine Pipi-Notiz. Er drückte nur wieder auf den

Knopf und sah nicht glücklich aus.

Doch kaum leuchtete es grün, freute er sich und rannte weiter.

Daisy ließ ihn nicht aus den Augen und trabte hinter Banano her.

Als sie den Waldrand erreichten, überholte sie ihn schließlich und legte ihm

das zernagte Hufeisen als Geschenk vor die Füße.

Da bückte sich Banano doch glatt zu ihr runter. Er nahm das Hufeisen.

„Jippie-jäh!“, bellte Daisy begeistert. Ihr Mensch guckte nach links und rechts

und vorne und hinten. Er nahm das alte Hufeisen – und warf es ins Unterholz!

War das zu fassen? Daisy zögerte einen Augenblick. Warum schmiss der sein

altes Hufeisen einfach ins Unterholz? Außerdem war das doch sein Hufeisen.

Aber dann fiel es ihr wieder ein: Das war so ein Menschending, so ein Spiel! Er

wollte Sachen wegwerfen. Also musste sie ihm das Hufeisen zurückbringen.

Was für ein wunderbarer Tag! Daisy dachte nicht mehr an Elvis und seine

vielen Ratschläge. Sie dachte nur noch an Banano und das Hufeisen, das er

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werfen wollte.

Sie rannte ins Unterholz und brachte es ihm zurück. Banano schien das Spiel

zu gefallen. Auf der Lichtung warf er das alte Hufeisen sogar in die

Futtertonne, und noch eine Bananenschale gratis dazu.

Daisy wäre fast in Ohnmacht gefallen vor Glück.

Am Abend im Fuchsbau hatte Elvis plötzlich einen tollen Plan. „Wir können

sein Herz erobern. Daisy ist schon sehr nah dran: Er wirft gerne mit Hufeisen

und er rennt gerne. Aber er bleibt nicht gerne stehen."

Chicko kratzte sich am Ohr. „Und er markiert die dicken Pipi-Stangen nicht. Da

ist doch irgendwas faul."

„Ja, das mit den Pipi-Stangen ist sehr merkwürdig. Das müssen wir noch

herausfinden", sagte Elvis.

Daisy wäre fast geplatzt vor Stolz, als sie rief. „Ich weiß es! Ich weiß es! Er

mag kein rotes Licht. Er wartet immer, bis es grün wird! Das Licht."

Plötzlich sahen alle Daisy an.

„Und wie kriegt man das Licht grün?", fragte Streun Streuner.

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Daisy zuckte mit den Schultern. „Na, du musst mit der Pfote auf den Knopf

drücken und abwarten."

Die Blicke, die ihre ganze Familie nun auf sie warf, erinnerten Daisy ein

bisschen an die Scheinwerfer der Autos auf ihrem alten Schrottplatz.

„Was ist? Hab ich was Falsches gesagt?"

„Nein, nein, Schätzchen", sagte Mama Scarlett schließlich. „Wir wundern uns

nur: Woher weißt du das mit dem Knopf und dem Licht?“

Daisy zuckte mit den Schultern. „Hat Banano so gemacht."

„Klappt das auch, wenn wir Hunde auf den Knopf drücken?", fragte Elvis.

„Keine Ahnung“, gab Daisy zu.

Diese ganzen Fragen machten sie müde. Sie gähnte und trollte sich in ihr

Zimmer. „Ich komm da eh nicht dran.“

„Das könnte der Schlüssel zu seinem Herzen sein", hörte sie Elvis noch sagen.

„Wir räumen ihm die Bahn frei. Wir kennen uns aus mit Autos. Dank Daisy

haben wir das Geheimnis der dicken Pipi-Stangen gelüftet! Morgen öffnen wir

Bananos Herz!“

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„Juhu!“, murmelte Daisy noch. Dann schlief sie ein.

Am nächsten Nachmittag waren sie alle auf ihren Posten. Ihr Mensch machte

echt große Augen.

Daisy trabte neben ihm her, die Straße herunter. Die Pipi-Stange brauchte

genau 33 Sekunden, ehe sie von Rot auf Grün sprang, wenn man den Knopf

drückte. Also rannte Chicko plötzlich von hinten an ihnen vorbei.

„Ich mach Grün!“, flüsterte sie Daisy zu.

Als Banano und sie um die Ecke

bogen, wartete Chicko neben der

dicken Pipi-Stange. Sie hatte

tatsächlich schon den Knopf für

Banano gedrückt. Das Licht war grün.

Banano zeigte seine Zähne und rannte

einfach weiter. Über den Auto-Pfad. Es

hatte geklappt! !

Nur Futter gab er Chicko nicht für ihr

Kunststück. Aber immerhin schien

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Banano zufrieden zu sein.

Daisy rannte weiter hinter ihm her. Die nächste Pipi-Stange schaltete Elvis

grün.

Dann aber kam der große Auto-Pfad. Da musste Banano immer richtig gut

aufpassen.

Daisy wäre fast das Hufeisen vor Erstaunen aus dem Maul gefallen. Und auch

ihr Mensch blieb kurz stehen und rieb sich die Augen, kaum dass sie den

großen Auto-Pfad erreichten.

Der Auto-Pfad war gesperrt! Zu beiden Seiten wartete eine lange Schlange

von Autos und die bellten und hupten um die Wette.

Die Autos konnten nicht weiterfahren. Denn Scarlett und Streun Streuner

versperrten ihnen links und rechts den Weg.

So hatte Banano freie Bahn und brauchte nicht mehr anzuhalten. Daisy war

stolz auf ihre mutigen Eltern. Na, wenn das kein Futter wert war!

Am Ende
Zwei Wochen später war Streun Streuner am Ende.

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Seine Familie ackerte wie verrückt an der Öffnung von Bananos Herz. Sie

schalteten die Pipi-Stangen auf Grün. Sie sperrten den Auto-Pfad, wenn er in

den Wald rennen wollte.

Und trotzdem öffnete dieser Mensch sein Herz nicht für sie. Das einzige Herz,

das randvoll war mit Liebe, war Daisys. Sie trug Banano das angesabberte

Hufeisen hinterher, das allmählich wirklich mal in die Waschküche von Per-

Wolf gehörte.

Der Mensch warf es weg. Daisy brachte es ihm zurück. Und sie glaubte fest

daran, dass Banano sich darüber freute, wenn er was zum Wegwerfen hatte.

Streun war sich da nicht so sicher. Andererseits warf Banano eine Menge

weg. Bananenschalen zum Beispiel. Hin und wieder auch anderes Futter.

Aber sein Herz und seine Haustür, die blieben weiterhin fest verschlossen.

Selbst für Daisy.

Streun war sich sicher: Es würde ungeheuer hart für Daisy und wohl auch für

Chicko werden, aber es gab keinen anderen Weg.

Sie mussten sich den Wildschweinen geschlagen geben. Sie würden doch

weiterstreunen. An einen anderen Platz auf der Welt.

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Irgendwo musste es doch ein Zuhause für eine so freundliche, hilfsbereite

und wohlerzogene Familie wie die Streuners geben!

Am Morgen nach der Vollmondnacht traf er sich noch einmal mit seinem

Freund Kirsch. Sie saßen unter der Brücke am Fluss und sahen dem

Waschbären Per-Wolf zu, der seine Siebensachen wusch, um sie für seine

Flucht einzupacken.

„Ich weiß nicht, wohin das führen soll, Streun", sagte Kirsch ernst.

„Brombeer und Krauti wollen jetzt

auch noch die Eichhörnchen zwingen,

ihre Futterverstecke zu verraten. Die

Rehe dürfen keine Äste mehr

anknabbern. Angeblich planen sie

sogar einen Angriff auf die Wölfe

hinter den Hügeln. Dabei ist genug

Platz und Futter für alle da! Wir haben

Pilze, Beeren und platt gefahrene

Kröten. Was wollen die Schweine denn

noch?“

Streun seufzte. „Du bist ein Kerl nach meinem Geschmack, Kirsch."

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Kirsch stöhnte. „Warum können sie den Waschbären nicht waschen lassen,

den Mistkäfer mistkäfern und die Hunde hunden?"

Streun nahm einen Schluck aus dem Fluss. Die Fragen waren gut. Und Kirsch

hatte recht. Der Wald war für alle da.

Aber Brombeer und Krauti, die würden das vermutlich niemals verstehen. Die

beiden Freunde schwiegen lange.

„Ich werde dich nie vergessen, Kirsch", sagte Streun schließlich. „Die Rotte

wird unsere Höhle auseinandernehmen. Lass sie ruhig machen. Was noch

ganz bleibt, schenk ich dir jetzt schon. Wir sind am Mittag weg.“

Kirsch seufzte. „Könnte ich allein die Rotte aufhalten, ich würde es tun!"

Streun Streuner sah seinen Freund an. „Ich weiß, Kirsch."

Der Schmetterling kam mal wieder angeflattert. Er setzte sich auf Streuns

linkes Ohr.

„Hör auf, das kitzelt!“, sagte Streun.

Aber der Schmetterling brabbelte einfach los. „Wenn der Zusammenhalt nicht

funktioniert, dann kann kein Falter einem Käfer helfen. Die sind dermaßen

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verstockt, diese Mistkäfer! Die haben Angst, dass die Wildschweine nichts

mehr verdauen, wenn sie in den Streik treten. Und deswegen wollen sie nicht

mitmachen. Hast du so was Beklopptes schon mal gehört, Streun?"

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„Wie heißt du eigentlich?“, fragte Streun den Falter.

„Nenn mich Mücke. Alle nennen mich Mücke. Dabei heiße ich eigentlich

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Flatterlatterhyproponiwinnermann. Aber die Schmetterlingsnamen sind für

die meisten Tiere im Wald einfach zu lang. Hab schon Regenwürmer sterben

sehen beim Versuch, sich Namen zu merken, die länger sind als sie selbst."

„Mücke, du bist auch ein prima Typ. Achte du mal weiter schön auf die Rechte

der Mist- und Borkenkäfer. Ich wünsch dir echt viel Erfolg."

Streun wackelte mit dem Ohr. Der Schmetterling Mücke flatterte weg.

„Entschuldige. Es kitzelt echt tierisch, wenn du auf dem Ohr sitzt."

Am Mittag lief Streun noch ein letztes Mal auf die wunderschöne Lichtung,

die die Familie Streuner so liebte.

Er ließ den Wind über sein Fell streichen. Das Gras war feucht. Der Wald

duftete.

Bald würde Daisy mit Banano hier auftauchen. Und dann musste er es ihr

sagen.

Dann musste er seiner Tochter sagen, dass er sein Versprechen nicht halten

konnte. Sein Versprechen, dass sie für immer in dieser schönen Gegend leben

würden. Streun seufzte.

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Er spürte Scarlett, ehe er sie wittern konnte.

„Mach nicht so ein Gesicht, Streun“, sagte seine Frau und trat aus dem Wald

zu ihm.

„Es ist unser letzter Tag“, erwiderte Streun.

Scarlett nickte. „Ich weiß. Es ist hart. Aber es ist auch unser erster Tag in

einer Zukunft, die wir noch nicht kennen."

Streun rieb seine Schulter an der Schulter seiner Frau. „Wo nimmst du nur

immer deinen Mut her, Scarlett?“

Die Hündin schlug ihm freundschaftlich mit der Pfote auf die Nase. „Instinkt,

mein Trottelchen! Instinkt!“

„Wo sind Elvis und Chicko?“

Streun sah hinüber zum Menschen-Pfad. Da war jemand im Gebüsch. Aber

das war nicht Elvis.

Und es war auch nicht Chicko. Oder hatte er sich verguckt?

„Sie begleiten Daisy.“ Auch Scarlett sah nun auf die Stelle direkt neben dem

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Weg der Menschen, über den jeden Augenblick Daisy und der Mensch

kommen mussten.

Der Mensch, den Daisy heute zum letzten Mal sehen würde.

„Was ist das? Wer ist da?“, flüsterte Scarlett nervös.

„Ich weiß nicht.“ Streun konnte spüren, wie seine Frau jeden Muskel

anspannte.

Auch er machte sich bereit zum Sprung.

Da brachen sie aus dem Unterholz. Schweine. Wildschweine. Wilde Keiler und

Bachen.

Im Gleichschritt marschierten sie auf die Lichtung und umzingelten Streun

und seine Frau.

„Lasst uns in Ruhe!“, bellte Streun.

Die Schweine schwiegen und kamen immer näher und näher. Sie zogen einen

Ring um die beiden Hunde.

Streun und Scarlett standen Rücken an Rücken. Streun bleckte die Zähne. Es

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waren viele Schweine. Viel zu viele. Er konnte sie nicht zählen.

Mit gesenkten Köpfen bewegten sie sich um die beiden Hunde herum.

Angriffslustig. Kampfbereit.

Von seinen Welpen witterte Streun noch keinen Hauch. Zum Glück.

Die Wildschweine öffneten ihren engen Kreis und ließen zwei Keiler eintreten.

Natürlich. Es konnten ja nur die beiden sein. Krauti und Brombeer.

„Eure Zeit ist abgelaufen!“ Krauti sah finster drein. „Also, was wollt ihr noch

hier?“

Aber ehe Streun oder Scarlett auf diese Frage antworten konnten, bellte eine

kräftige Stimme vom Menschen-Pfad zu ihnen herüber.

„Hört nicht auf ihn!“

Streun schluckte. Es war sein Sohn. Es war Elvis. Und neben ihm tänzelte

auch Chicko aufgeregt herum.

Elvis hingegen blieb ganz ruhig, aber sehr ernst. „Wir haben einen Menschen!

Und was für einen!", rief Elvis den Wildschweinen auf der Lichtung zu.

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„Er gehorcht aufs Wort, dieser Mensch. Wenn mein Papa nur mit dem linken

Ohr zuckt, wird er sich auf euch stürzen!"

Krauti und Brombeer sahen sich nach Elvis um. Da begann Krauti zu lachen.

„Das ist ja wohl völliger Quatsch! Menschen hören nicht auf Hunde! Es ist

genau umgekehrt! Hunde hören auf Menschen.“

„Sei dir da mal lieber nicht so sicher!", fauchte nun auch Streun.

„Menschen tragen Hunden sogar ihre Kacke in Beuteln hinterher. Das müsst

ihr uns erst mal nachmachen!"

„Unsere Kacke wird von Mistkäfern abtransportiert“, versuchte Brombeer

dagegenzuhalten.

Streun spuckte verächtlich aus. „Willst du etwa einen schlappen Mistkäfer mit

einem ausgewachsenen Menschen vergleichen?"

Krauti schüttelte den Kopf: „Das hast du dir doch alles nur ausgedacht!"

Aber eine Bache sagte zaghaft: „Äh, also, ich will ja jetzt nichts Dummes

sagen, aber ich hab diese Beutelmenschen auch schon mal gesehen."

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Nun quiekte Brombeer dazwischen: „Ach ja? Und wo habt ihr diesen

Superhelden? Ich seh ihn nicht!"

Die Rotte atmete hörbar auf. Doch dann kamen sie endlich angerannt. Daisy

und ihr Mensch Banano.

Daisy bellte und rief schon von Weitem: „Ich hab’s geschafft, Papa! Ich hab’s

geschafft! Er hat mir Futter gegeben und sein Herz geöffnet! Wir haben

gewonnen!"

Daisy war so aus dem Häuschen, dass sie gar nicht mitbekam, was für eine

große Anzahl Tiere da auf der Lichtung versammelt war. Ebenso schien es

dem Menschen Banano zu gehen.

Er spielte brav und konzentriert mit Daisy und bemerkte die dreißig

Wildschweine und die Familie Streuner offenbar gar nicht.

„Schau mal, Papa! Er spielt jetzt richtig mit mir!“, jubelte Daisy.

Sie legte das Hufeisen vor ihrem Banano-Mann ab. Er lächelte. Er streichelte

Daisy über den Kopf. Dann warf er das Hufeisen auf die Lichtung.

Daisy rannte los und brachte das zernagte Ding zurück, damit der Mensch es

wieder werfen konnte. Und nun geschah das Wunder!

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Der Mann griff in seine Hosentasche und holte etwas für Daisy heraus. Es

roch verflixt lecker, das merkte Streun schon von Weitem.

Der Mann hielt es Daisy in der flachen Hand hin. Daisy schlabberte das Futter

mit einem Haps weg. Sie wedelte mit dem Schwanz und dem halben

Hinterteil vor Freude.

Ihr Mensch strahlte und sah sehr zufrieden aus.

„Na, wie habe ich das gemacht?“, bellte Daisy zufrieden. „Was sagst du dazu,

Papa?“

Daisy blickte nun auf die Lichtung und zog ängstlich den Schwanz ein. Auch

ihr Mensch hörte auf, mit dem Hufeisen zu spielen.

Die Rotte um Brombeer und Krauti sah den Menschen mindestens so

ängstlich an wie Daisy die Rotte. So richtig zufrieden sah auch Banano nicht

aus, aber Streun war sich beim Blick eines Menschen nie ganz sicher, wie er

gemeint war.

Diese Ohren, die sagten irgendwie nichts. Sie bewegten sich keinen

Millimeter!

Die Wildschweine wurden jetzt auch unruhig. „Er gehorcht so einer kleinen

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Hündin!", flüsterten einige.

„Und er hat ihr Futter gegeben! Einfach so, nur weil sie es wollte", hörte Streun

einen jungen Keiler sagen.

„Entspannt euch mal", versuchte Krauti seine immer ängstlicher werdende

Rotte zu beruhigen. „Wir sind in der Überzahl, Leute!“

Streun hielt den Atem an. Was sollten sie tun? Der Mensch würde sich

niemals auf die Wildschweine stürzen. Dafür war Banano doch viel zu

schwach!

Andererseits wussten das die Wildschweine nicht. Weil sie keine Ahnung

hatten. Von anderen Tieren nicht. Und von Menschen gleich dreimal nicht!

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Der Schmetterling Mücke kam wie immer im falschen Augenblick angeflattert

und setzte sich auf Streuns linkes Ohr.

„Das ist jetzt vielleicht nicht ganz nach deinem Geschmack, lieber Streun,

aber eins muss ich noch klarstellen: Mistkäfer sind nicht so schlapp, wie du

gerade behauptet hast“, flüsterte Mücke in Streuns linkes Ohr.

„Gemessen an ihrer Körpergröße sind Mistkäfer stärker als …" Das

Schmetterlingsgeschnatter kitzelte Streun fürchterlich.

Es kitzelte so schrecklich, dass Streun nicht anders konnte: Er zuckte mit dem

linken Ohr. Der Schmetterling Mücke flog in die Luft. Einen Moment lang war

alles ganz still.

Und dann schrien die Schweine wild durcheinander: „Er hat mit dem Ohr

gezuckt! Er hat mit dem linken Ohr gezuckt! Der Hund hetzt seinen Menschen

auf uns! Rette sich, wer kann!"

Wie von der Tarantel gestochen rannte die Wildschweinrotte auseinander.

Auch von Krauti und Brombeer sah Streun nur noch die Haxen.

„Mücke hat mich doch nur gekitzelt“, murmelte Streun.

Aber Scarlett lachte, legte ihm eine Pfote auf die Schulter und murmelte:

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„Lass laufen, was läuft, Streun!“

Nur Chicko konnte nicht anders. Sie bellte und rannte noch einige Meter

hinter den Wildschweinen her.

„Chicko!“, rief Scarlett. „Komm zurück!“

Mücke entschuldigte sich wieder und wieder bei Streun Streuner.

„Entschuldige, ich hab voll vergessen, wie kitzelig du bist. Andererseits sind

Mistkäfer wirklich nicht schlapp, sondern …"

Aber Streun hörte nicht auf den Falter. Er hatte nur Augen für seine Tochter

Daisy und das Kunststück, das sie gerade vollführt hatte.

„Hab ich was falsch gemacht, Papa?“, fragte Daisy.

Sie saß noch immer neben Banano, der sich die Augen rieb und offenbar nicht

glauben konnte, was er gerade erlebt hatte.

Dreißig verrückte Wildschweine, die in blanker Panik vor einem zuckenden

Hunde-Ohr und einem Schmetterling wegrennen, sieht man schließlich nicht

alle Tage.

„Nein, du hast alles richtig gemacht“, sagte Streun. „So was von richtig.

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Richtiger geht’s gar nicht.“

„Heißt das, ich darf Banano behalten?“, fragte Daisy und wedelte mit dem

Schwanz und dem ganzen Hinterteil.

„Unbedingt“, entschied Scarlett.

„Wir haben’s geschafft! Wir haben’s geschafft“, jubelte Daisy ihrem Bruder

Elvis zu und kam zu Streun Streuner herübergerannt.

Sie knuffte ihn in die Seite. „Herz erobert! Futter gekriegt!“

Der Mensch stand noch immer da. In seinem Renngewand und mit den neuen

Hufeisen an den Füßen.

„Wir müssen jetzt alle süß und knuffig gucken, Papa!", mahnte Elvis. „Wie

Daisy. Sonst nimmt er uns nicht mit in sein Haus!“

Elvis setzte sich neben Streun und Daisy auf die Lichtung. Scarlett pflanzte

sich an die andere Seite ihres Sohnes und ließ ihr wunderschönes Fell

glänzen.

Als Chicko nur einen Augenblick später aus dem Wald gerannt kam, blieb sie

ganz plötzlich stehen.

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„He, was ist denn mit euch los?", lachte sie. „Habt ihr was Schlechtes

gefressen? Warum guckt ihr so doof ?“

„Wir sind gerade süß und putzig!“, murmelte Streun aus dem Mundwinkel.

„Mach mit!“

Da setzte sich Chicko schnell neben ihre Schwester. Banano schüttelte den

Kopf. Dann machte er den Mund auf und bellte sehr komische Geräusche

heraus.

„So lachen Menschen", erklärte Daisy. „Das ist ein gutes Zeichen!“

Tatsächlich griff der Mensch noch einmal in seine Tasche. Er holt fünf kleine

Köstlichkeiten heraus. Er legte sie vor sich hin.

„Für jeden eins!“, befahl Streun.

„Hoffentlich trickst er uns nicht wieder aus“, murmelte Scarlett, als sie sich

dem leckeren Futter näherte.

„Dasselbe könnte er von uns sagen“, flüsterte Streun und ließ sich das Futter

schmecken.

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Das Geschenk

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Ein paar Tage später lag Elvis zwischen seinen Geschwistern und Eltern im

Garten ihres neuen Hauses.

Banano war wirklich eine gute Wahl. Ins Haus ließ er nur Daisy.

Aber im Garten hatte er die Hütte. Darin hatte er sein Garten-Spielzeug, das er

über die Wiese zog.

Streun mochte dieses Spielzeug nicht, denn danach war das Gras so kurz und

stoppelig, aber der Mensch schien das nicht zu merken. Die Gartenhütte hatte

er aber immerhin für sie geöffnet, sodass Familie Streuner es sich recht

gemütlichen machen konnte.

Am dritten Tag klingelte es an der Tür. „Keine Angst, wir beißen nicht!“, bellte

Streun einmal kurz.

Aber dann rief Banano schon aus dem Fenster in den Garten. Es klang

beruhigend. Es klang, als würde er sagen: „Danke fürs Bescheidsagen, ich

kümmere mich darum."

Elvis war zu neugierig, wer da zu Besuch kam, und lief um das Haus herum in

den Vorgarten. Chicko und Daisy hefteten sich an seine Pfoten.

„Das gelbe Auto! Das gelbe Auto! Wir bekommen ein Geschenk!", jubelte

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Daisy ziemlich lautstark.

Der Geschenke-Mensch zuckte zurück. Chicko und Elvis ermahnten Daisy

leise: „Wir sollen doch nicht so ein Geschrei machen!“

Banano hatte anscheinend besonders viel richtig gemacht. Denn er bekam

vom Mann mit dem gelben Auto nicht nur ein Geschenk. Sondern fünf. Und

die waren mindestens so groß wie das Flimmerkisten-Geschenk von neulich.

Aber was wollte Banano nur mit fünf Flimmerkisten? Die großen Geschenke

schleppte Banano in den Garten.

Nun standen sogar Streun und Scarlett auf und kamen zu ihrem Menschen.

„Was hat er jetzt wieder Verrücktes vor?“, fragte Streun.

Der Mensch öffnete das erste Geschenk – darin lagen Bretter. Banano

begann diese Bretter hierhin und dahin zu legen. Er schwitzte und schimpfte

und bellte.

Er haute sich mit einem Metallstück, das an einem Stöckchen steckte, auf die

Pfote und jaulte und irgendwann hatte er es geschafft: Aus den Brettern war

eine Hütte geworden. Eine richtige kleine Hundehütte!

Daisy war begeistert. „Juhu! Ich krieg ein eigenes Zimmer!“, jubelte sie. Sie

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schnappte sich sofort das alte Menschen-Hufeisen und bezog diese Hütte.

Der Mensch lächelte zufrieden. Dann öffnete er das nächste Geschenk. Auch

darin waren Bretter.

Familie Streuner kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sogar die

menschlichen Nachbarn schauten über den Zaun und feuerten Banano an.

Oder sie beschwerten sich, das konnte Elvis nicht so genau unterscheiden.

Jedenfalls brachte ihr Mensch das Kunststück fertig und baute bis zum

frühen Abend sage und schreibe fünf Hundehütten.

Die stellte er wie ein kleines Dorf in seinem Garten auf. An diesem Abend lag

jeder Hund in seiner Hütte.

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„Du, Papa!", rief Daisy ihrem Vater zu. „Jetzt ziehen wir aber echt nicht mehr

um, oder?“

Elvis sah, wie sein Vater lächelte. „Ganz bestimmt nicht. Hier ist es gut. Hier

können wir bleiben."

Elvis gähnte zufrieden. Banano trat zwischen die Hundehütten. Er hatte noch

ein Geschenk dabei!

Fünf Leinen. Fünf echte Menschenleinen. Und schöne Tragegeschirre für das

Hunde-Ende der Leinen hatte er auch besorgt.

„Das gibt’s doch nicht. Er lässt sich tatsächlich anleinen!", sagte Scarlett.

„Freiwillig! Und ohne Training.“

Elvis spürte, wie der Mensch ihm das Geschirr umlegte. Er war stolz.

Elvis entdeckte Mücke, den Schmetterling, wenig später beim Spaziergang im

Wald mit Banano.

Der Schmetterling kam aus dem Flattertakt, als Elvis ein kurzes „Hallo" bellte.

Fast wäre Mücke abgestürzt. Auf der Lichtung wollte der Mensch lieber frei

herumlaufen und nahm die Leinen ab.

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„Leinen los!“, rief Chicko. „Vielleicht finden wir ja ein Kaninchen, mit dem wir

Fangen spielen können!“, schlug sie vor.

Aber sie fanden kein Kaninchen. Sie fanden nur ein Wildschwein. Kirsch. Der

freundliche Keiler lag am Fluss und suhlte sich.

„Elvis, Chicko! Seid ihr wieder in den Wald gezogen?“, fragte das Wildschwein

und sprang auf sie zu.

Elvis stellte die Ohren auf. „Nein. Wir haben jetzt unser eigenes kleines Dorf.

Drüben im Garten bei Banano, unserem Menschen!"

Auch Streun kam zu ihnen getrabt. „Kirsch, mein Freund!", begrüßte er das

Wildschwein. „Wo steckt die wilde Rotte?“

Kirsch grinste. „Die hat sich aufgelöst.“

Elvis, Chicko und Streun sahen sich an. „Im Ernst?“

Das Wildschwein Kirsch lachte. „Ja. Schon, irgendwie. Also, sie sind nicht

weg. Aber niemand hört mehr auf Krauti und Brombeer. Krauti hat den Wald

gewechselt und Brombeer haust irgendwo hinten bei den Hügeln und

versucht angeblich die Pilze zu überreden, sich mehr wie Wildschweine zu

benehmen."

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„Und die anderen?", fragte Elvis. „Haben die Per-Wolf verjagt?“

Kirsch schüttelte sich. „Den alten Waschbären? Oh nein! Der wohnt jetzt in

eurem Fuchsbau und er lutscht neuerdings Bananenschalen. Die scheinen

echt toll zu schmecken."

Ein Pfiff rief Elvis, Chicko und Streun zurück auf die Lichtung.

„Was war das?“, fragte Kirsch ängstlich.

„Unser Mensch", erklärte Elvis. „Er will weitergehen. Wir haben ihm

beigebracht, dass er vorher immer pfeift.“

Das Wildschwein grunzte anerkennend. „Sind ja ganz schön pfiffig, diese

Menschen!"

Streun Streuner lachte. „Na ja, es geht. So richtig viel Verstand haben sie nicht

unbedingt."

„Aber ihr wisst offensichtlich inzwischen, wie man euren dressiert", sagte

Kirsch.

Elvis zwinkerte dem freundlichen Wildschwein zu. „Ja, das ist tatsächlich

leichter, als wir dachten. Wenn du es auch probieren willst, solltest du als

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Erstes üben, besonders süß und knuffig zu gucken. Und du musst

herausfinden, was dein Mensch gern mag. Nur so kannst du es ins Herz eines

Menschen schaffen. Von dort führt der direkte Weg zum Futter."

Das Gesicht, das Kirsch dann machte, war kaum auszuhalten. „Ungefähr so?“,

fragte das Wildschwein.

Elvis hielt die Luft an. Auch Chicko gluckste fast vor Lachen.

Wildschweine können wütend aussehen. Sie können gut wühlen. Sie können

nachdenklich ins Wasser starren.

Aber süß und knuffig, das hatte zumindest Kirsch echt nicht drauf.

„Gar nicht schlecht!“, log Streun Streuner, höflich wie immer. Aber da pfiff

Banano erneut.

„Wir müssen dann mal!“, bellten die drei Hunde und rannten los.

„Macht’s gut! Kommt bald wieder vorbei!“, hörte Elvis das Wildschwein noch

grunzen.

Aber sie konnten nicht mehr antworten. Sie mussten schleunigst auf die

Lichtung.

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Zu Daisy.

Zu Mama Scarlett.

Und zu ihrem Menschen.

Familie Streuner sucht einen Menschen - Teil 3


Geschichte aus: Familie Streuner sucht einen Menschen
Autor: Christian Tielmann
Illustration: Meike Töpperwien
Verlag: Carlsen
Alterseinstufung: ab 7 Jahren
ISBN: 978-3-551-55166-5

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