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2021/3/23 Statt Corona-Krise: Taiwan findet neues Selbstbewusstsein

Keine Spur von Corona-Krise: Taiwan findet ein


neues Selbstbewusstsein
Kaum ein Land bekämpft das Coronavirus so erfolgreich wie Taiwan,
die Wirtschaft wächst so stark wie lange nicht, und Peking tritt
zunehmend a ressiver auf. Das stärkt die Identität der Taiwaner und
ihren Wunsch nach Distanz zu China.
Matthias Sander, Taipeh
23.03.2021, 05.30 Uhr

In den Augen vieler junger Taiwaner ist ihr Land in Tat und Wahrheit bereits
unabhängig.
Daniel Ceng Shou-Yi / Zuma / Imago

«Vor der Pandemie fehlte es uns am Selbstbewusstsein,


tatsächlich ein Land zu sein, weil China viel Druck macht», sagt

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die Studentin Lin Li-shan. «Nun haben wir das Zeug, ein Land zu
sein.»

«Ich bin schon vorher pro-Taiwan gewesen», sagt die


Grafikdesignerin Wang Kai-yuan, «aber jetzt kann ich stolz
sagen: Wir sind Taiwan, und wir kriegen das gut hin.»

Während das Coronavirus die meisten Gesellschaften in eine


Krise gestürzt hat, geschieht in Taiwan das Gegenteil: Die Leute
werden patriotischer und zuversichtlicher. Erstmals seit 2002
überwiegen die Taiwaner, die optimistisch in die Zukunft
schauen, die Pessimisten, wie eine Umfrage des Magazins
«Commonwealth» ergab. Kein Wunder, denn die Insel hat das
Virus so gut im Griff wie niemand sonst. Seit Beginn der
Pandemie gab es bisher nur 10 Tote und rund 1000 Infizierte, die
allermeisten von ihnen «importiert», bei gut 23 Millionen
Einwohnern.

Ausserdem brummt die Wirtschaft. Zwar leiden die


Tourismusbranche und manche Restaurants. Doch Taiwan
meldet im Zuge des Booms von Heimelektronik und der
Einführung von 5G Rekordexporte von Laptops, Smartphones
und Computerchips. Heimische Unternehmen wie Foxconn und
TSMC sind in diesen Bereichen Weltmarktführer. Deshalb wuchs
die Wirtschaft vergangenes Jahr um 3,1 Prozent, so stark wie seit
2013 nicht – und stärker als die Wirtschaft des übermächtigen
Rivalen China.

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Die Insel Kinmen, wenige Kilometer vom chinesischen Festland gelegen, war
früher Frontlinie. Heute ist sie eine beliebte Touristendestination.
An Rong Xu / Getty

Taiwan ist wieder wer

Kurzum: Taiwan ist wieder wer. Internationale Medien


berichten so viel über das Land wie lange nicht. Lokale Medien
und Internetnutzer übersetzen die Artikel ins Chinesische und
feiern sie. Politiker aus aller Welt fordern, dass Taiwan wieder
Mitglied der Weltgesundheitsorganisation werden soll, aus der
es wegen der Ein-China-Politik ausgeschlossen wurde. Die USA
haben unter Präsident Donald Trump im Zuge ihrer
Auseinandersetzung mit China Taiwan so demonstrativ
unterstützt wie seit vierzig Jahren nicht; unter dem neuen
Präsidenten Joe Biden gibt es bereits ähnliche Gesten.

All das verstärkt längerfristige Trends zur taiwanischen Identität


und zur Frage der Unabhängigkeit Taiwans. Besonders

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prononciert sind diese Einstellungen bei jungen Leuten. Etwa


bei Lin Li-shan, Wang Kai-yuan und Huang Yu-chi, die alle in
ihren Zwanzigern sind. Bei einem Abendessen in Taipeh bei
Teigtaschen und Chinakohl erzählen die drei von dieser
Bewusstseinsveränderung.

Kaum etwas schärft den Blick besser als der direkte Vergleich,
den Huang Yu-chi als Austauschstudent in Barcelona erlebt hat.
Im März 2020 wurden plötzlich alle seine Vorlesungen abgesagt,
die meisten Ausländer kehrten heim. Doch er blieb: «Ich wollte
Geschichte erleben.»

Im spanischen Lockdown durfte Huang nur einmal die Woche


vor die Tür, die Strassen waren leer. Amüsiert erzählt er, dass die
Spanier sich gegenseitig Hunde ausgeliehen hätten, weil sie
dann ausnahmsweise spazieren gehen durften. Die Regierung
habe die Corona-Regeln so oft geändert, dass die Leute das
schliesslich nicht mehr gekümmert habe. «Sie sind dann einfach
alle an den Strand gegangen.»

Im Juni flog Huang zurück nach Taiwan. «Seit meiner Rückkehr


schätze ich noch mehr das Umfeld, in dem wir leben.» Seine
Vorlesungen finden normal an der Universität statt, Restaurants
und Cafés sind geöffnet. Huang ist der Regierung dankbar für
ihre raschen, konsequenten Massnahmen, von der streng
kontrollierten 14-tägigen Quarantäne für alle Einreisenden bis
zum akribischen Contact-Tracing.

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Taiwans Wirtschaft brummt: Rollerfahrer in Taipeh auf dem Arbeitsweg.


Ann Wang / Reuters

Wie auf einem anderen Planeten

Dank dieser Massnahmen fühlt sich das Leben in Taiwan


manchmal an wie auf einem anderen Planeten. Während grosse
Teile der Welt von einer Corona-Welle in die nächste, von einem
Lockdown in den nächsten zu taumeln scheinen, hat es in
Taiwan bisher weder Welle noch Lockdown gegeben.

«Wir sind dem Coronavirus nie wirklich begegnet», sagt die


Grafikdesignerin Wang Kai-yuan. Das Virus existiere praktisch
nur in den Medien. Wang wird das etwa bewusst, wenn sie auf
Instagram Party-Bilder veröffentlicht. Dann sagten ihre Freunde
in den Niederlanden: «Oh, ich vermisse das! Wir sind seit sechs
Monaten nicht in eine Bar gegangen.»

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Weil die Grenzen praktisch


dicht sind, entdecken
manche Taiwaner erstmals
umfassend ihre Heimat. Statt
nach Japan und Südkorea,
Europa oder Amerika zu
reisen, zieht es sie nun an
ihre Strände, auf die Berge –
die höchsten Ostasiens – und
die vielen Inselchen des
Landes. Die Zahlstellen der
Autobahnen verzeichnen
Rekordeinnahmen, Wang Kai-yuan, Grafikdesignerin
NZZ
Tourismusbehörden
Rekordzahlen an Wanderern
– und an Unfällen unerfahrener Wanderer.

Wenn doch einmal das Coronavirus in Taiwan vorbeischaut, ist


die Aufregung gross. Im Dezember infizierte ein Pilot auf einem
Zwischenstopp eine Taiwanerin, es war die erste lokale Infektion
seit 253 Tagen. Daraufhin sagte Taiwans grösste Stadt Neu-
Taipeh ihren Weihnachtsmarkt ab. Im Januar infizierte sich ein
Spitalarzt bei einem Covid-19-Patienten, was zu einem Cluster
von 21 Fällen führte. Daraufhin wurden landesweit Feiern zum
chinesischen Neujahrsfest und auch zum Laternenfest abgesagt.

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Mit rigorosen Massnahmen hat Taiwan die Coronavirus-Pandemie im Griff. Hier


wird ein Kino desinfiziert.
Lin Yen Ting / Zuma / Imago

Blumen statt Prügel

Die grosse Vorsicht erklärt sich auch damit, dass Taiwan seine
Lektionen 2003 während der Sars-Epidemie auf die harte Tour
lernen musste. Damals starben 181 Menschen. Für ihre
restriktive Politik erhält Staatspräsidentin Tsai Ing-wen
Zufriedenheitswerte von 48 Prozent, was in einer zweiten
Amtszeit ungewöhnlich hoch ist. Der Corona-Erfolg übertüncht
sogar zuweilen den tiefen Graben im politisch notorisch
gespaltenen Taiwan. Im Parlament, wo sich Vertreter der beiden
dominierenden Parteien ab und zu prügeln, übergab ein
Oppositionsabgeordneter kürzlich dem Regierungschef und
dem Gesundheitsminister Blumen als Dank für ihre Arbeit.

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Diese Entwicklungen gehen einher mit Chinas zunehmend


aggressivem Auftreten in Hongkong und gegenüber Taiwan, das
Peking als Teil seines Territoriums betrachtet.
Zusammengenommen führt das dazu, dass die hiesige
Bevölkerung sich so sehr wie nie zuvor ausschliesslich als
Taiwaner fühlt – und nicht zugleich als Taiwaner und Chinesen
oder ausschliesslich Chinesen. Eindrücklich zeigt das etwa die
jährliche Umfrage der National Chengchi University. Bei der
ersten Erhebung 1992 fühlten sich nur 17 Prozent ausschliesslich
als Taiwaner, mittlerweile sind es 66 Prozent.

Die Menschen in Taiwan fühlen sich zunehmend ausschliesslich als


Taiwaner
Identifikation der Bevölkerung von Taiwan seit 1992 in Prozent

Taiwaner Taiwaner und Chinesen Chinesen keine Antwort

80

60

40

20

0
1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018 2020
Jahr

Quelle: Election Study Center, National Chengchi University NZZ / msa.

Jungen Taiwanern braucht man die Identitätsfrage kaum zu


stellen – die meisten bezeichnen sich wie die Studentin Lin Li-
shan als «natürlich unabhängige Taiwaner». Den Begriff

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prägten lokale Medien für


die nach 1980 Geborenen, die
Taiwan nur als eigenständige
demokratische Insel kennen.
Das vorherige Militärregime
der chinesischen
Nationalisten, die nach ihrer
Niederlage im Bürgerkrieg
gegen die Kommunisten
Ende der 1940er Jahre nach
Taiwan flüchteten, kennen
sie nur aus den Erzählungen
Lin Li-shan, Studentin ihrer Eltern und Grosseltern.
NZZ

«Die ältere Generation


denkt, Taiwan sei Teil von China», sagt Lin. Sie hingegen findet,
man müsse zwischen den beiden Ländern unterscheiden. Nicht
bezüglich der Kultur – die ist beidseits der Taiwanstrasse sehr
ähnlich –, sondern bezüglich der Gesellschaften. «Wir sind ein
demokratisches Land, und China ist ein autoritäres Land. Das ist
der Hauptunterschied für meine Generation.» Für Lin ist der
«China-Faktor» deshalb ausschlaggebend bei Wahlen. Nie in
ihrem Leben könne sie die langjährige Einheitspartei KMT
wählen, die insbesondere wirtschaftlich engere Verbindungen
mit dem Festland fordert.

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Taiwan hat alle Attribute eines eigenständigen Landes – so auch eine


Landesfla e und ein Militär.
Ann Wang / Reuters

«China radikaler zurückweisen»

Damit untrennbar verknüpft ist die Frage, ob Taiwan


unabhängig sein soll. In Umfragen ist gut die Hälfte der
Taiwaner vorsichtig. Sie wollen Peking nicht zur angedrohten
Militärinvasion provozieren und sprechen sich deshalb für den
ambivalenten Status quo aus. Doch eine Wiedervereinigung mit
dem Festland wollen immer weniger. Laut der Umfrage der
National Chengchi University sind es mittlerweile weniger als 8
Prozent.

Zugleich stieg der Anteil der Unabhängigkeitsbefürworter


deutlich auf rund ein Drittel. Der Student Huang Yu-chi etwa
sagt, die Peking-kritische Regierungspartei DPP sei ihm
mittlerweile zu zurückhaltend. «Ich fühle mich Parteien viel

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näher, die mehr Richtung Unabhängigkeit tendieren und China


radikaler zurückweisen.»

Für rund drei Viertel der


Taiwaner ist die
Unabhängigkeitsfrage
sowieso eine reine
Formsache – für sie ist
Taiwan bereits unabhängig.
Das sehen auch die drei
Interviewten so. «Wir haben
unsere gewählte Regierung,
eine Verfassung, eine
Armee», sagt Lin. Ja, Taiwan
werde international kaum
anerkannt, aber es gebe Huang Yu-chi, Student
NZZ
immerhin offizielle
diplomatische Beziehungen
zu 15 Ländern.

Die Regierung festigt mit symbolischen, aber nicht zu


unterschätzenden Schritten die Identität der Taiwaner. In
Somaliland eröffnete sie ein «Taiwan-Vertretungsbüro»,
während sie sonst meist nur von «Taipeh-Büros» repräsentiert
wird. Auf den Reisepässen prangt nun in Grossbuchstaben
«Taiwan» statt des offiziellen Landesnamens «Republik China».
Die staatliche Fluggesellschaft China Airlines integrierte die
Umrisse von Taiwans Hauptinsel in das riesige «C» ihrer
«Cargo»-Flugzeuge – was für Kritiker aber aussieht, als sei
Taiwan eben doch Teil des übermächtigen C wie China.

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Eine riesige Unabhängigkeitsfahne

Bemerkenswert ist auch eine neue Dauerausstellung im National


Taiwan Museum in Taipeh, das dem Kulturministerium
untersteht. Sie zeigt Objekte zur «Geschichte von Taiwan und
seinem Volk». Die Ausstellung beginnt mit einer Karte
niederländischer Kolonisatoren von 1634, als die chinesische
Präsenz sich noch auf Orte wie «’t Chinees Quartier»
beschränkte. Darauf folgen Darstellungen des Kriegsherrn
Koxinga, der die Niederländer besiegte und das erste chinesische
Regime auf Taiwan installierte.

Sonst erwähnt die Ausstellung Festlandchina praktisch nicht,


obwohl von dort seit dem 17. Jahrhundert die Vorfahren von
rund 95 Prozent der heutigen Bevölkerung einwanderten.
Überrepräsentiert hingegen sind die Ureinwohner mit
zahlreichen Gewändern, Werkzeugen und einem typischen
Steinhaus. Besonders prominent gehängt ist eine riesige Fahne
mit einem Tiger auf dunkelblauem Grund. Es ist eine Replik der
Fahne der kurzlebigen Republik Formosa, die
Unabhängigkeitsbefürworter 1895 ausriefen.

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