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Berufliche Frauenbezeichnungen oder weibliche Berufsbezeichnungen?

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Paweł Bąk - preprint -


Rzeszów

Berufliche Frauenbezeichnungen oder weibliche Berufsbezeichnun-


gen? Möglichkeiten und Grenzen der Erfassung von Äquivalenzen im
Bereich der Politischen Korrektheit am Beispiel des Polnischen und
Deutschen

Im Folgenden werden ausgewählte Probleme der Äquivalenzverhältnisse in der


Domäne der Politischen Korrektheit, insbesondere die Möglichkeiten und Gren-
zen der Realisierung eines nichtsexistischen Sprachgebrauchs1 aus kontrastiver
Sicht am Beispiel der Relation Deutsch-Polnisch angesprochen.
Die Betrachtung von Äquivalenzrelationen lässt die Politische Korrektheit als
einen besonderen Bereich der interlingualen Untersuchung von Sprachen er-
scheinen. Im allgemeinen Bewusstsein der Sprachbenutzer gilt die Politische
Korrektheit als das Synonym der Political Correctness, die üblicherweise fol-
gendermaßen erklärt wird:
Einstellung, die alle Ausdrucksweisen und Handlungen ablehnt, durch die jemand
aufgrund seiner ethnischen Herkunft, seines Geschlechts, seiner Zugehörigkeit zu ei-
ner bestimmten sozialen Schicht, seiner körperlichen oder geistigen Behinderung
oder sexuellen Neigung diskriminiert wird. (Duden – Deutsches Universalwörter-
buch 2003)

Diese Sichtweise deckt sich mit den Erkenntnissen der sprachtheoretischen Re-
flexion (auch der polnischsprachigen, s. Awdiejew 2006). Im Rahmen der PC2
wird in verschiedenen Kreisen auch das antidiskriminierende Sichtbarmachen
des Geschlechts in der Sprache zu einem wichtigen Prinzip der Sensibilisierung
erhoben. Dies wird in Kürze nachstehend besprochen.
Probleme bei der kontrastiven Betrachtung dieses Phänomens und – diesbezüg-
lich – der Bestimmung der Äquivalenz sind u.a. mit der Mehrdeutigkeit des hier
angesprochenen Terminus verbunden: Mit dem Signifikanten politisch korrekt3
kann auf verschiedene Erscheinungsformen der Politischen Korrektheit als Sig-
1 Unter dem Begriff der Politischen Korrektheit wird auch die Beseitigung der Diskriminie-
rung von Frauen in der Rechtssprechung und im Sprachgebrauch diskutiert (s.
Wierlemann 2002:59).
2 Zu Etymologie und Import der Politischen Korrektheit (Political Correctness = PC) aus den
USA s. Wierlemann 2002:55. Wierlemann zeigt, dass der Gebrauch des Akronyms PC
zusätzlich zur Unverständlichkeit des Terminus beiträgt (s. ebenda:10).
3 Signifikant, d.h. das Bezeichnende oder der Wortkörper des sprachlichen Zeichens.
Wierlemann zeigt Differenzen zwischen dem Begriff PC und seiner adjektivischen Form
political correct auf (Wierlemann 2002:47).
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nifikate verwiesen werden, die in einer anderen Kultur in vielerlei Formen exis-
tieren. Importierte Erscheinungen und Verhaltensweisen, die man mit dem Ter-
minus Political Correctness bezeichnet, können des Öfteren kulturell fremd und
unnatürlich wirken. Sie werden nämlich oft auf eine künstlich-erzwungene Wei-
se in die andere Kultur übertragen. Es ist daher möglich, dass diese Art und
Weise, sprachlich korrekt zu agieren, zur Entstehung eines affektierten sprachli-
chen Stils bzw. eines politisch korrekten Unstils4 führt. In diesem Sinne ent-
spricht die Problematik des Beitrags der Thematik des vorliegenden Bandes.
Bei vergleichender Perspektive bzw. paralleler Betrachtung der Politischen Kor-
rektheit in zwei verschiedenen Kulturräumen können zwischen den Erschei-
nungsformen der PC sowohl im außersprachlichen Bereich, d.h. in sozialen und
öffentlich-medialen Zusammenhängen, als auch auf der sprachlichen Ebene (als
verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten) bestimmte Divergenzen verzeichnet
werden.
Zweifelsohne können hierbei bestimmte Differenzen zwischen der Empathie in
verschiedenen Gesellschaften, ihren Anzeichen sowie Ausdrucksformen beste-
hen.5
Etwaige Unterschiede in der Realisierung der Idee der Politischen Korrektheit in
der Sprache in zwei Kulturräumen sind nicht ausschließlich auf die unterschied-
liche Mentalität, Denkweise oder Weltanschauung von Völkern zurückzuführen.
Der Vergleich von sprachlichen Formen im Deutschen und Polnischen sowie die
Überprüfung der Übereinstimmung von Ausdrucksmöglichkeiten in zwei Spra-
chen nur im Hinblick auf die formale (morphologische) Ähnlichkeit bzw. Identi-
tät zeigen, dass diesbezüglich zwischen dem Polnischen und Deutschen offen-
sichtliche Unterschiede bestehen. Das betrifft nicht ausschließlich den Bereich
des politisch korrekten sprachlichen Handelns, sondern auch andere Kommuni-
kationsbereiche. Wird beispielsweise im Deutschen und Polnischen nach dem
Beruf einer Person gefragt, so könnte man bei einer rein formalen Betrachtung
der jeweiligen Fragen in den beiden Sprachen den trügerischen Eindruck gewin-
nen, dass man im Polnischen mit dem Interrogativum kto (‘wer’)6 stärker die
Persönlichkeit (1), den Menschen samt seiner ausgeprägten individuellen Eigen-
art anspricht, während im Deutschen (1’) primär die Professionalität (was) „in
Person“ erfragt wird:

4 Dieser Begriff wurde von Zdzisław Wawrzyniak am 15. Oktober 2009 auf der Konferenz „Text und Stil“ im
Beitrag „Texte und Stile“ diskutiert.
5 Dies wird in einem anderen Zusammenhang thematisiert.
6 Kim ist die Lokativform von kto (‘wer’).
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(1) Kim7 jest Pan/Pani z zawodu? / (1’) Was sind Sie von Beruf?

Ähnlich könnte man anhand der deutschen Ausdrücke Schadenfreude und scha-
denfroh weitere oberflächliche Urteile über die Mentalität der Sprachbenutzer
fällen. Allein die Tatsache, dass im Polnischen für die deutschen Lexeme Scha-
denfreude und schadenfroh keine direkten Entsprechungen vorliegen, müssen
keine hinreichende Berechtigung für die Behauptung sein, dass ausschließlich
Deutsche das Gefühl der Schadenfreude kennen.8
In den folgenden und weiteren Überlegungen wird davon ausgegangen, dass als
Ursachen für eventuelle ähnliche Unterschiede im verbalen Bereich nicht nur ei-
ne jeweils abweichende Mentalität und – im Falle der PC – eine andere Sensibi-
lität in puncto Diskriminierung, sondern in erster Linie auch zwischen den Spra-
chen bestehende sprachtypologische Unterschiede (s. Humboldt 1963 [1836])
und daraus resultierende unterschiedliche Konventionen angesehen werden kön-
nen.9 Es wird versucht, pauschale Urteile bei der Beschreibung von sprachlichen
Strukturen als imaginären, abstrakten Konstrukten zu vermeiden. Im Folgenden
wird diese Problematik in kurzen Zügen u.a. anhand konkreter Ergebnisse einer
Umfrage10 diskutiert, wobei zwischen dem Polnischen und Deutschen gewisse
Asymmetrien belegt werden, die Kontroversen um den Begriff der Äquivalenz
rechtfertigen können.
Dies stellt den Ausgangspunkt zu weiteren Untersuchungen zur Äquivalenz am
besagten Korpus dar, d.h. den Anlass zur Betrachtung im Rahmen von umfang-
reicheren Zusammenhängen. Nachstehend kommen einige Belege zu Möglich-
keiten der Bildung und Verwendung der Movierung im Deutschen und Polni-
schen als prototypische Fälle der hier thematisierten Erscheinungen der auf die
Geschlechter bezogenen PC zur Sprache.
Die nachfolgenden und weiteren Überlegungen sollen Beispiele dafür liefern,
dass interlinguale Konvergenzen sowie sprachliche Nichtübereinstimmungen
Ursachen für Missverständnisse oder oberflächliche Urteile in der sprachenbe-
zogenen nichtwissenschaftlichen Reflexion sind. Die Versprachlichung dersel-

7 Polnisches Interrogativpronomen wer im Instrumental.


8 Davon, dass es im allgemeinen Bewusstsein der Polen existiert, zeugt das Sprichwort Nie
śmiej się bratku z cudzego przypadku (‘Lache nicht über den Fall des Anderen’). Auf der
Grundlage des Sprichwortes können eventuelle kontextabhängige Äquivalente für Scha-
denfreude bzw. schadenfroh gebildet werden.
9 Zu einer ähnlichen Feststellung in Bezug auf den geschlechtereinbeziehenden Sprachge-
brauch in der Relation Englisch-Deutsch s. Freese 1999:21.
10 Die Umfrage wurde unter Frauen in Deutschland und Polen durchgeführt. Es handelt sich
um sprachliche Daten im Fragebogen, die der Überprüfung dienen, inwieweit eine Aus-
differenzierung von Geschlechtern in der sprachlichen Praxis im Deutschen und Polni-
schen erfolgt bzw. erfolgen kann.
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ben Inhalte wird jedoch in anderen Sprachen keinesfalls vollständig verhindert.


Da die Diskussion darüber heutzutage weitgehend dem populärwissenschaftli-
chen Diskurs (s. Zimmer 1998:105-180) bzw. unfachlichen Debatten schlechthin
überlassen wird, erscheint m.E. das Vorhaben, auf die besagte Problematik ein-
zugehen, als hinreichend motiviert.

Sprachtheoretische Vorbemerkungen zur Betrachtung der PC

Bestimmte semantische Funktionen werden nicht immer mit denselben morpho-


logischen Mitteln (in zwei verschiedenen Sprachen oder intralingual betrachtet)
expliziert. Bereits innerhalb eines Sprachsystems werden die gleichen Intentio-
nen und Bedeutungen unterschiedlich ausgedrückt.
Bisher wurde unter Heranziehung verschiedener Kategorien in vielerlei Kontex-
ten, u.a. im Rahmen der Sprechakttheorie, der Metaphernforschung oder Phra-
seologie, auf den Umstand hingewiesen, dass zwischen der Ausdrucks- und In-
haltsseite11 nicht immer das Gleichheitszeichen gesetzt werden kann. In den je-
weiligen sprachwissenschaftlichen Bereichen (beispielsweise der
Pragmalinguistik, Rhetorik etc.) kann man die einschlägigen Schlussfolgerungen
in aller Kürze folgendermaßen zusammenfassen: Bei der Interpretation von Äu-
ßerungen in intra- und interlingualer Betrachtung kommt es nicht nur auf die
Wörtlichkeit an.12 Oft besteht die Interpretation von Äußerungen in der Suche
von impliziten (indirekt vermittelten) Inhalten, die sich zwischen den Zeilen
verstecken. Angesichts der bisherigen sprachtheoretischen Erkenntnisse13 mag
die folgende Feststellung als Binsenweisheit anmuten, sie bringt allerdings das
in diesem Zusammenhang besonders aktuelle Bewusstsein von Grenzen der Er-
fassung des Problems im Rahmen solcher Betrachtungen und auch die Ein-
schränkungen der folgenden Überlegungen zum Ausdruck: Neben der Betrach-
tung von Sprachen als statischen Systemen und Polylekten, können einzelne
Phänomene und Sprachsysteme nicht als unveränderliche Konstrukte betrachtet
und verabsolutierend kommentiert werden, denn die jeweilige menschliche
Sprache ist – wie Franciszek Grucza zeigt – das Eigentum, Werkzeug bzw. Pro-
dukt des Handelns von konkreten individuellen Personen. (s. dazu Grucza u.a.

11 Mit Ausdrucksseite ist die im semiotischen Dreieck von Ogden und Richards (1974
[1923]) als Form oder Formativ bezeichnete Komponente des sprachlichen Zeichens ge-
meint. Als Inhaltsseite gilt die semantische Komponente (Bewusstseins-
bild/Bewusstseinsinhalt oder Image).
12 In der Translation kann die Indirektheit als Merkmal der Formulierung in der Überset-
zungsvorlage bezeichnet werden. Als indirekt können jedoch auch bestimmte Überset-
zungsmethoden angesehen werden (s. dazu in Bąk 2010a:142-147).
13 Vorwegnehmend wird hierbei auf die Arbeiten zur anthropozentrischen Sprachentheorie,
insbesondere von Franciszek Grucza (s. Grucza 1983 oder 1997) hingewiesen.
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1983, 1997) Eine linguistisch fundierte und methodologisch abgesicherte Refle-


xion soll u.a. im Bewusstsein der Existenz der polylektalen und idiolektalen
Ebene erfolgen sowie mit Berücksichtigung der Tatsache, dass sich Polylekte
aus konkreten Äußerungen von Individuen zusammensetzen und die Sprache
nicht nur ein abstraktes, imaginäres System, sondern ein reales Faktum ist. Die
Besprechung solcher (sprachlichen und sozialen) Phänomene wie PC weist eine
weitgehende Komplexität auf, die die Diskrepanz zwischen PC als Denotat und
PC als Designat (s. aber dazu Wierlemann 2002:45) sowie die Entwicklung von
Sprachen bewirken.
Mehr oder weniger ähnlich formulierte vorläufige Konklusionen suggerieren die
Notwendigkeit der Anerkennung einer gewissen Relativität beim „Erfassen“ der
politischen Korrektheit bzw. Inkorrektheit von untersuchten Lexemen sowie die
Berücksichtigung der Dynamik des Sprachsystems. Diese Art der Relativität
schlägt sich in der Literatur zur interlingualen Betrachtung von Sprachen u.a. in
den Kontroversen um den Begriff Äquivalenz und in den vielfältigen Äquiva-
lenztypen nieder.14 Diesbezüglich kann man in der zwischensprachlichen Rela-
tion Transpositionen erwarten.
In der interlingualen Relation gewinnt die Nichtwörtlichkeit u.a. in Form von
Äquivalenztypen dynamisch bzw. funktional (s. Waard/Nida 1986:36) an Be-
deutung (s. dazu auch bei Bąk 2010a:139-150). Sie betrifft jedoch bereits die
Fälle der offensichtlichen Notwendigkeit, andere sprachliche Formen in einer
Zielsprache zu akzeptieren bzw. zu benutzen. Letzteres ist weder als Ausdruck
eines translatorischen Unvermögens noch als der einer enormen Kreativität des
Übersetzers zu werten. Oft sind es die Abweichungen zwischen den Strukturen
von Sprachen, die den Übersetzer zu obligatorischen, sozusagen selbstverständ-
lichen Strukturveränderungen zwingen. Dabei handelt es sich um jene struktu-
rellen und semantischen Differenzen, die in der Literatur als interlinguale
Anisomorphien bezeichnet werden (Kosta 1987:499).
Solche Erkenntnisse, und zwar vor allem die Annahme, dass in verschiedenen
Domänen der intra- und interlingualen Kontakte bei konvergenter Semantik
nicht immer vollständige Übereinstimmungen und insbesondere nicht immer
formale und inhaltliche Entsprechungen zugleich erwartet werden können, gel-

14 Geht man über die Grenzen einer Sprache hinaus, so kann man feststellen, dass die Trans-
lation, die im Einsatz von indirekten Übersetzungsverfahren besteht, besonders viel ver-
sprechende Resultate ermöglicht. Das Unterlassen des schöpferischen Engagements des
Übersetzers (direkte Translation) wird selten geschätzt oder zumindest akzeptiert. Als
Verzicht auf Innovationen ist es nicht in dem Grade am Text ablesbar wie etwaige auffäl-
lige Eingriffe in die ZS-Textgestalt (der so genannte translatorische Mehrwert (Bąk
2010a:140)). Ähnliche Ergebnisse vermag auch die vergleichende Betrachtung von Spra-
chen zu liefern.
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ten für die folgenden Überlegungen als grundlegende Voraussetzungen, die auch
mit der vorerwähnten diachronen und relativistischen Komponente einhergehen
und auch bei der weiteren Betrachtung der hier besprochenen Probleme berück-
sichtigt werden sollten.
Die oben erwähnten Tatsachen betreffen die Unmöglichkeit einer exakten Erfas-
sung semantischer Aspekte. Sie hängen nur auf den ersten Blick indirekt mit
Problemen der Übertragung bzw. Übernahme von politisch korrekten Formulie-
rungen in eine andere Sprache zusammen. Die translatologische Reflexion gilt
m.E. als aufschlussreiche Quelle für einleuchtende Erkenntnisse, von denen
sprachtheoretisches Wissen schlechthin profitieren kann.15
Die vorliegenden Überlegungen stellen gewissermaßen einen Beitrag16 zur Ver-
teidigung von Sprachen vor etwaigen Vorwürfen dar, dass die eine oder andere
Sprache im Vergleich mit den Möglichkeiten anderer Sprachsysteme einen we-
niger fruchtbaren Boden für das Gedeihen von Humanitätsideen, von sozialer
Sensibilität, in diesem Falle der Idee der politischen Korrektheit etc. darbietet
oder beispielsweise ein Beweis für die Diskriminierung von Geschlechtern ist.
Es wird auch davor gewarnt, durch unnatürliche sprachliche Konstruktionen
(z.B. im Bereich der Movierung), die man durch oberflächliche Betrachtung für
Äquivalente ausgangssprachlicher Ausdrücke hält, eine größere Elastizität der
Sprache erzwingen zu wollen. Diesbezüglich erheben sich oft sprachkritische
Stimmen (s. dazu Wierlemann 2002:62) und es werden gerne Verbesserungsvor-
schläge17 formuliert. Häufig sind es oberflächliche Stimmen der Kritik, die an
der Tatsache vorbeigehen, dass Sprachen über diverse Ausdrucksmittel verfügen
(s. Vinay/Darbelnet (1958)).
Dies ist in manchen nichtwissenschaftlichen Diskursen, im nichtfachlichen, pri-
vaten Kommunikationsbereich oder im öffentlichen (s. dazu Wiślicka 2005) und

15 Die Suche nach so genannten totalen Äquivalenten für zielsprachliche Ausdrucksformen


kann vergeblich erfolgen oder zu Missverständnissen führen. Dies ist insbesondere dann
der Fall, wenn man sich auf die Ähnlichkeit der Form von „Äquivalenten“ verlässt. Eine
gewisse Vorsicht ist besonders in den Fällen angebracht, wo dieselben sprachlichen Mit-
tel um jeden Preis mit deckungsgleicher Semantik erwartet werden. Das betrifft u.a. die
Phraseologie und kommt in Form von metaphorisch-phraseologischen falschen Freunden
zum Vorschein. Sie werden jedoch auch in verschiedenen Bereichen der Verwendung
von Sprache, insbesondere von Politikern sowie Massenmedien rhetorisch ausgenutzt.
Diesem Problem widme ich mehr Aufmerksamkeit in Bąk 2010b.
16 In einem anderen Zusammenhang werden weitere Belege einer eingehenderen Analyse un-
terzogen.
17 Zum Gender-Bereich s. Freese 1999:18-21. Es handelt sich dabei um Postulate,
Movierungen als geschlechtergerechte Ausdrucksweise uneingeschränkt in Anspruch zu
nehmen.
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wissenschaftlichen Diskurs der Fall.18 Hierbei handelt es sich nicht immer nur
um von außen kommende Urteile und Postulate, die bei der interlingualen Be-
trachtung möglich sind, sondern auch um Meinungen, die von den Benutzern
derselben Sprache innerhalb derselben Sprachgemeinschaft an die Mutterspra-
che adressiert wird.19 Es erfolgt jedoch oft in privaten Gesprächen ohne jegliche
inhaltlich-sachliche Absicherung des Diskurses. Manchmal wird die Debatte da-
zu – wie bereits angedeutet wurde – dem populärwissenschaftlichen Diskurs,
bzw. den Medien oder Politikern überlassen.

Kontrastive Betrachtung der Politischen Korrektheit

Politische Korrektheit wird als importierte Verhaltensweise angesehen, die – wie


es Peter Freese (1999:15) zeigt – elementare Sünden der zivilisierten Mensch-
heit erkennt und diesbezügliche Diffamierungen meidet. Die Sünden betreffen
Domänen der Diskriminierung auf Grund von Rasse, Klasse und Geschlecht (s.
ebenda). Die Antidiskriminierung im Namen der PC umfasst ethnisch-rassische,
soziale, kulturelle und körperlich-physiognomische Differenzen zwischen den
Menschen sowie […][den] Geschlechtsunterschied und Kombinationen davon
(Glück/Sauer 1997:115). Besonders in neueren Arbeiten und auch im allgemei-
nen Bewusstsein der Sprachbenutzer setzt sich allerdings die Annahme durch,
dass man der PC samt ihren Ambiguitäten häufig mit Misstrauen, Argwohn,
Skepsis und Zurückhaltung begegnet.20 Den Begriff verbindet man – nomen est
omen – oft mit der Domäne der Politik mit ihren Charakteristika wie Wider-
sprüchlichkeiten, Unnatürlichkeit, Mehrdeutigkeit, rhetorischer Pragmatik sowie
Gehirnwäsche (s. ebenda und Awdiejew 2006:15-16). Diesem Umstand u.a.
verdankt die PC den Verlust an Glaubwürdigkeit. Sogar in Definitionen der PC
in Lexika und Enzyklopädien wird bei der Begriffsbestimmung eine spezifische
zurückhaltende Einstellung zu diesem importierten Phänomen nahegelegt, was
zusätzlich der Gebrauch des fremdsprachlichen Terminus Political Correctness
zum Ausdruck bringt. In der Brockhaus-Enzyklopädie21 (2002) wird dieser Ter-
minus auf die folgende Weise erklärt:

18 Die Versuche, den in puncto Geschlecht sensibilisierten Sprachgebrauch zu etablieren, d.h.


sozusagen Frauen sprachlich sichtbar zu machen, werden von Sabine Wierlemann thema-
tisiert (s. Wierlemann 2002:62-68).
19 Es handelt sich oft um Postulate (s. darüber bei Wierlemann 2002:62-68, in der quartals-
weise erscheinenden Schrift Zadra und Wiślicka 2005), deren Verwirklichung jedoch oft
an den Äquivalenzverhältnissen scheitert.
20 Zur ähnlichen Auffassung s. bei Bonder 1995.
21 Eine sehr ähnliche Auffassung kann man dem Lexikon Duden – Richtiges und gutes
Deutsch (2001) entnehmen.
362 Paweł Bąk

Anfang der 1990er-Jahre in den USA geprägter, umstrittener Begriff für eine »rich-
tige« Einstellung, die alle Handlungen und Ausdrucksweisen ablehnt, die Personen
aufgrund ihrer Rasse, ihres Geschlechts, ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten so-
zialen Schicht, ihrer körperlichen sowie geistigen Behinderung oder sexueller Nei-
gung diskriminieren. […] Besonders wegen seiner begrifflichen Unschärfe wird Po-
litical Correctness von Kritikern als Mittel gesellschaftlicher Zensur zum Teil scharf
abgelehnt, als deren Folge sie eine fortschreitende Einschränkung der Meinungsfrei-
heit befürchten. (s. Brockhaus 2002. Fettdruck – P.B.)

Von einer gewissen Distanzierung vom Begriff PC (s. dazu z.B. Panagl/Gerlich
2007:329) mögen auch einige Titel von Arbeiten zeugen, die in den letzten Jahr-
zehnten im deutschsprachigen Diskurs entstanden sind: Ein Gespenst geht um
die Welt. Political Correctness (Bonder 1995); Political correctness: oder die
Kunst, sich selbst das Denken zu verbieten (Hughes 1995) oder Die Legende von
der Politischen Korrektheit. Zur Erfolgsgeschichte eines importierten Mythos
(Erdl 2004).
Glück und Sauer sprechen die Gründe der gemischten Gefühle bei der Wahr-
nehmung von PC an, indem sie u.a. eine aufdringliche Gutherzigkeit verzeich-
nen (s. Glück/Sauer 1997:115). Sie behaupten u.a. Der Begriff PC ist schillernd,
weil seine Protagonisten ihn scharf ablehnen. (ebenda)22

Interlingualen Asymmetrien auf der Spur


Im Bereich der PC erscheinen die Forderung nach antidiskriminierendem Ge-
brauch von genusunterscheidenden sprachlichen Strukturen und die Förderung
der sprachlichen Gleichstellung (Duden – Richtiges und gutes Deutsch 2001) als
vorrangig, denn: [a]ls wichtigste Grundsätze zum Erreichen dieser Gleichstel-
lung gelten das sprachliche Sichtbarmachen des Geschlechts (ebenda).
Bei der Überprüfung von Möglichkeiten einer Ausdifferenzierung von Mann
und Frau23 im Deutschen und Polnischen bei der Angabe von Beruf und Zuge-
hörigkeit zu verschiedenen Menschengruppen wird sichtbar, dass nicht alle in
der deutschen Sprache üblichen Formen dieselbe Frequenz im Polnischen auf-

22 An einer weiteren Stelle wird in derselben Arbeit betont, dass die PC […] die Vorstellung
[impliziert], daß sich die Gesellschaft in Agressoren/Täter und Angegriffene/Opfer […]
gliedern. (ebenda:116)
23 Interessanterweise wird in der Debatte und Literatur über das Antidiskriminierungsgesetz,
im Zusammenhang mit den gesetzliche[n] Bestimmungen außerhalb der Verfassung, die
die Benachteiligung einer Person, insbesondere aufgrund ihres Geschlechts, verbieten.
(s. Brockhaus 2002) beinahe sexistisch anmutende Reihenfolge von Genus ‘weiblich’
nach ‘männlich’ verwendet (soweit die Reihenfolge als ein hierbei adäquates Symptom
gelten kann): Das Gleichbehandlungsgebot (Gleichbehandlung) von Mann und Frau am
Arbeitsplatz ist Inhalt einer Richtlinie der EG. (ebenda).
Berufliche Frauenbezeichnungen oder weibliche Berufsbezeichnungen? 363

weisen. Im Polnischen liegen als Entsprechungen für die deutschsprachigen Be-


rufsbezeichnungen zahlreiche Wortgruppenlexeme vor. Dies kann man mit den
Daten in Verzeichnissen von offiziellen Berufsbezeichnungen der beiden Spra-
chen belegen.24 Das Vorherrschen von analytischen Formen der Berufsbezeich-
nungen im Polnischen sei als ein Symptom zu betrachten, das auch auf eine ho-
he Frequenz von adäquaten analytischen lexikalischen Formen bei der Bildung
von weiblichen Berufsbezeichnungen schließen lässt.25
Um die Frage der Äquivalenz zu diskutieren, wird auf die vorerwähnte Umfrage
(s. Anmerkung 9) Bezug genommen, mit der gewisse Asymmetrien aufgedeckt
werden konnten.
An der Untersuchung haben Frauen im Alter zwischen 18-50 teilgenommen –
292 Deutsche und 252 Polinnen. Die anonym interviewten Personen wurden ge-
beten, ihren Beruf, ihre soziale Funktion oder einen anderen Status (den Fami-
lienstand etc.)26 anzugeben. Das Ziel war dabei, zu überprüfen, welchen prozen-
tuellen Anteil bei der Verwendung von den Namen in Bezug auf sich selbst die
feminine Ableitung (Motion) hat. Das Verfahren entspricht einer der Regeln der
Political Correctness, die die Verwendung der gewünschten Eigenbezeichnun-
gen betrifft.27
Diese Befragung stellt den ersten Schritt der Untersuchung dar. Die zweite Pha-
se besteht in der Konfrontation der hier gewonnenen Daten mit den ZS-
Entsprechungen, die eine weitere Gruppe von Befragten vorlegen wird. Diese
Ergebnisse werden allerdings in einem anderen Zusammenhang dargestellt und
diskutiert. Die Resultate zeigen eine relativ hohe Frequenz der Movierung
(Splitting) im Deutschen und – umgekehrt – eine geringe Anzahl von femininen

24 S. dazu die Analyse von Berufsbezeichnungen im Deutschen und Polnischen anhand der
offiziellen Klassifikationen der Berufsbezeichnungen in Kubacki (2009). Kubacki zählt
Äquivalente auf, unter denen ein besonders hoher Anteil polnischsprachiger Wortgruppen
als Entsprechungen deutschsprachiger Komposita beobachtet werden kann (s. Kubacki
2009:42).
25 Im Folgenden wird im Zusammenhang mit den lexikalischen Mitteln nicht ohne gewisse
Vorsicht mit der Unterscheidung von Kategorien „analytisch“ und „synthetisch“ gearbei-
tet. In der sprachtheoretischen Literatur wird mit diesen Kategorien meistens auf Flexi-
onsparadigmen sowie syntaktische Sprachcharakteristika Bezug genommen.
26 Neben Berufsbezeichnungen tauchen hier Wörter wie Schülerin (uczennica), Abiturientin
(maturzystka), Studentin (studentka) auf. Ihre Verwendung erfolgt ohne Angabe persönli-
cher Daten wie Name etc.
27 In Duden – Richtiges und gutes Deutsch wurde dies folgendermaßen formuliert: Wichtigs-
tes Prinzip der PC ist die Übernahme der von den Betroffenen gewünschten Eigenbe-
zeichnungen (Duden – Richtiges und gutes Deutsch 2001). Daher wurde die für die Un-
tersuchung herangezogene Umfrage unter Frauen durchgeführt, um mindestens teilweise
einen eventuellen Hang zur Diskriminierung als maßgeblichen Faktor auszuschließen.
364 Paweł Bąk

Formen im Polnischen. In dem deutschen Teil der Umfrage (292 Frauen in


Deutschland) wurde von 87 Prozent der Personen (d.h. 255 Frauen), die Motion
verwendet.28
Unter den befragten 252 Polinnen wurde die feminine Derivation (im Polnischen
ist es vorwiegend die Suffixbildung mit -ka, seltener -żka) lediglich 82 mal
(32% der Fälle) in Anspruch genommen, ansonsten wurde die generische (mas-
kuline) Form benutzt.
Wichtiges Ergebnis der Umfrage ist die Beobachtung, dass das Geschlecht in
der polnischen Sprache relativ selten sichtbar gemacht wird. Es gibt mehrere
sprachspezifische Gründe dafür, dass im Polnischen seltener Ausdrücke ver-
wendet werden, mit denen Frauen explizit angesprochen werden können. Gene-
rell kann man behaupten, dass das generische Maskulinum (ohne Bezug auf das
natürliche Geschlecht) im Polnischen häufiger als im Deutschen erscheint. Da-
rüber hinaus kann man annehmen, dass einige grammatische Kategorien in Äu-
ßerungen nur implizit vorkommen. Dieses Merkmal weist in den beiden Spra-
chen eine Asymmetrie auf. Im Polnischen kommt beispielsweise das Subjekt des
Satzes nicht immer explizit zum Vorschein. An einem Aphorismus von
Stanisław Jerzy Lec und seiner Übersetzung aus der translatorischen Feder von
Karl Dedecius sehen wir wiederum, dass die Unbestimmtheit im Deutschen mit
dem Nullartikel, im Polnischen dagegen mit Hilfe einer expliziten Form des In-
definitpronomens niektóre (‘manche’) markiert werden kann bzw. muss: Cha-
raktere sind unzerbrechlich, aber dehnbar (Stanisław Jerzy Lec 1996, dt. Karl
Dedecius). / Niektóre charaktery są niezłomne, ale rozciągliwe. (Stanisław Jerzy
Lec 1998, zitiert nach Bąk 2007:139)
Man kann zahlreiche weitere Beispiele im Polnischen dafür anführen, dass die
feminine Derivation bei den Berufsnamen und Namen von Menschengruppen
nicht möglich ist (1) bzw. aus vielerlei anderen Gründen nicht praktiziert wird
(2):29
(1) chirurg (‘Chirurg’), fotograf (‘Photograph’), skoczek (‘Springer’), teoretyk
(‘Theoretiker’), weterynarz (‘Tierarzt’)

Die Movierung mit Hilfe des Suffixes -ka ist im Prinzip möglich.30 Sie hat sich
jedoch bisher in offiziellen Bezeichnungen nicht vollständig, d.h. nicht bei alle
Lexemen durchgesetzt (dyrektor statt ‘dyrektorka’, doktor statt ‘dotorka’).

28 Genauere Besprechung und Auswertung der Resultate erfolgt in einem anderen Zusam-
menhang.
29 Im Deutschen sind dagegen entsprechende Movierungen möglich.
30 Sie wird beispielsweise in Grammatiken der polnischen Sprache verzeichnet, z.B. von Piotr
Bąk (Bąk 1989:217), ohne dass jedoch die hier erwähnte Tendenz angesprochen wird.
Berufliche Frauenbezeichnungen oder weibliche Berufsbezeichnungen? 365

Bei zahlreichen Formen führt sie beispielsweise31 zu Homonymien, die auf die
Personen, auf die sie gemünzt sind, herabwürdigend wirken könnte:
(2) dyplomata (‘Diplomat’) – dyplomatka (‘Diplomatin’ oder ‘Aktentasche’)
reżyser (‘Regisseur’) – reżyserka (‘Regisseurin’ oder ‘Regieraum’)
kominiarz (‘Schornsteinfeger’) – kominiarka (‘Schornsteinfegerin’ oder ‘Roger-
Staub-Mütze’ / ‘Balaclava’)
marynarz (‘Matrose’) – marynarka (‘weibl. Seemann’ oder ‘Sakko’ / ‘Jackett’)

Fremdsprachige oder zusammengesetzte Berufsnamen wie in (3) lassen keine


feminine Ableitung zu. Von den interviewten Frauen wurden in der vorerwähn-
ten Umfrage u.a. solche geschlechtsneutralen Bezeichnungen in Bezug auf sich
verwendet:
(3) doradca finansowy (‘Finanzberater’)
doradca laktacyjny (‘Stillberater’)
doradca ubezpieczeniowy (‘Versicherungsberater’)
nauczyciel akademicki (‘Hochschullehrer’)
nauczyciel przedszkola (‘Lehrer an der Vorschule’)
pracownik administracyjny (‘Verwaltungsbedienstete’)
pracownik kultury (‘Mitarbeiter im Kulturbereich’)
pracownik umysłowy (‘geistiger Mitarbeiter’)

Die Fälle, die eine geringe Popularität von weiblichen Formen bei der Angabe
von Berufen im Polnischen belegen, sind nicht ausschließlich auf die Berufs-
gruppen begrenzt, in denen – wie in (4) – Frauen unterrepräsentiert sind.
(4) chirurg (‘Chirurg’), górnik (‘Bergmann’), grafik (‘Graphiker’), językoznawca
(‘Sprachwissenschaftler’), kierowca (‘Fahrer’), motorniczy (‘Straßenbahnfahrer’),
pięściarz (‘Faustkämpfer’, ‘Boxer’), skoczek (‘Springer’)

Im Polnischen kommen manche Movierungen langsam aus der Mode. Auf die
Tatsache, dass bei der Benennung der beruflichen Tätigkeit im Polnischen die
Professionalität in genusneutralen Formen zum Ausdruck kommt, wurde bereits
in der polnischsprachigen Literatur hingewiesen (s. Nagórko 1998, Kamasa
2007). Immer häufiger wird beispielsweise der Name dentystka (‘Zahnärztin’)
durch die professioneller anmutenden geschlechtsneutralen Lexeme stomatolog
(‘Stomatologe’) und lekarz stomatolog (‘Facharzt für Stomatologie’) ersetzt, die
ihrerseits keine Movierung zulassen.32

31 Dies ist jedoch nicht der einzige Grund für eine relativ geringe Popularität solcher Ablei-
tungen im Polnischen.
32 Auch der Gebrauch von -żka wurde bisher außerhalb der Umgangssprache nicht anerkannt.
Möglicherweise wird sich allerdings die diesbezügliche Konvention so entwickeln, dass
ähnliche Formen in der offiziellen Verwendung auftreten.
366 Paweł Bąk

Die Tendenz im Polnischen, in Bezug auf Frauen geschlechtsneutrale (generi-


sche) Namen gelten zu lassen, zeigt, dass es sich in diesem Zusammenhang
mehr um das Problem der Bildung von femininen Berufsbezeichnungen als der
von beruflichen Frauenbezeichnungen handelt.33 Diese Beobachtungen blei-
ben der weiteren Untersuchung vorbehalten.
In der einschlägigen Diskussion sollen jedoch u.a. solche Merkmale berücksich-
tigt werden, deren Beachtung über die Grenzen von lexikalischen Einheiten hin-
ausgeht und analytische Merkmale sprachlicher Strukturen betrifft. Kritische
Stellungnahmen zu den Möglichkeiten und Grenzen der geschlechtergerechten34
Ausdrucksweise in einer Sprache wie dem Polnischen gehen manchmal auch an
der Tatsache vorbei, dass in weitgehend synthetischen Sprachen andere Mög-
lichkeiten des sprachliche[n] Sichtbarmachen[s] des Geschlechts (ebenda) be-
stehen, wo z.B. polnische Konjugationssuffixe in den Vergangenheitsformen
Träger der Kategorie „Genus“ sind:
robiłem – ich [= Mann] machte
robiłam – ich [= Frau] machte

pisałem – ich [= Mann] schrieb


pisałam – ich [= Frau] schrieb

Neben solchen sprachtypologisch bedingten Mechanismen, die in bestimmten


Texten (jedoch nicht bei den Aufzählungen von Berufsnamen) die Rolle von
Kompensationsmechanismen erfüllen können, werden auf der lexikalischen
Ebene analytische Formen eingesetzt. Als analytisch werden von mir hierbei
diejenigen Berufsbezeichnungen betrachtet, unter denen die Kategorie ‘weib-
lich’ mit Hilfe des Lexems pani (‘Frau’), z.B. in pani doktor, pani dyrektor etc.
explizit zum Ausdruck kommt, was eine relativ häufige Erscheinung ist. Den
Gebrauch dieser Formen zeichnet allerdings eine gewisse Pragmatik aus, die
sich u.a. darin äußert, dass ähnliche Wortgruppen pani doktor, pani dyrektor,
pani profesor nicht in Bezug auf sich selbst verwendet werden (und daher bei-
spielsweise in der Umfrage nicht auftauchen). Sie kommen in Anredeformen mit
33 Das erinnert an den Gebrauch der Pluralformen bei Zusammensetzungen mit Mann- als
Grundkonstituente. Dazu lesen wir in Duden – Richtiges und gutes Deutsch Folgendes:
Bei Zusammensetzungen mit ‘Mann’ als Grundwort wechseln im Plural ‘-männer’ und ‘-
leute’. Wenn von Berufen, Ständen oder von Menschengruppen die Rede ist, die man –
ohne Geschlechtsbezug – im Hinblick auf die Gemeinsamkeit ihres Tuns oder ihrer Funk-
tion betrachtet, lautet der Plural ‘-leute: Bergleute, Seeleute, Edelleute, Kaufleute’.
Demgegenüber betont ‘-männer’ (stärker) Individualität und Geschlecht der angespro-
chenen Personen. (Duden – Richtiges und gutes Deutsch 2001)
34 Dieser Ausdruck geschlechtergerecht stammt aus dem Lexikon Duden – Richtiges und gu-
tes Deutsch (2001). Bei Freese findet man die Wortgruppe geschlechtereinbeziehender
Sprachgebrauch (Freese 1999:21).
Berufliche Frauenbezeichnungen oder weibliche Berufsbezeichnungen? 367

Bezug auf die angesprochenen Personen vor oder werden verwendet, wenn über
diese Personen gesprochen wird.
Solche analytischen Ausdrucksmöglichkeiten können im Zusammenhang mit
der translationswissenschaftlich-kontrastiven Kategorie Transposition und Äqui-
valenz in weiteren Analysen und der theoretischen Reflexion beachtet werden.

Ausblick

Die zwischensprachliche Relation der Analyse bzw. parallele Betrachtung von


Phänomenen erweist sich m.E. als ein Instrument, das unparteiisch-sachliche
Argumente gegen die unkritische Übernahme aller möglichen sprachlichen
Formen sowie gegen verabsolutierende, unberechtigte Kritik an sprachsystema-
tisch bedingten Möglichkeiten der Realisierung verschiedenartiger kommunika-
tiver Intentionen liefern kann. Der wissenschaftliche Diskurs kann jedoch zu-
gleich zur Sensibilisierung und Popularisierung des politisch korrekten sprachli-
chen Verhaltens mit sachlichen Argumenten beitragen. Der Diskurs, dessen Teil
diese Überlegungen darstellen, bietet eine aufschlussreiche Perspektive der Be-
trachtung von ähnlichen sprachlichen Phänomenen im Zusammenhang mit der
Relation der Äquivalenz, indem dabei auf die Existenz von Transpositionen hin-
gewiesen wird. Die Diskussion dazu betrifft die Aspekte der grammatischen Ka-
tegorien, unter denen das natürliche Geschlecht (Sexus) und das grammatische
Genus bereits innerhalb einer Sprache nicht immer identisch sind. Das Splitting
stellt in den interlingualen Kontakten oder der Übersetzung zweifelsohne keinen
Zweck an sich oder eine Invariante dar. Beim interlingualen Vergleich und bei
der Überprüfung der Wiedergabe eines Textes auf die Beibehaltung lexikali-
scher und grammatischer Bedeutung35 hin kann man oft feststellen, dass sie
nicht immer gleichmäßig verteilt sind.
Eine gewisse Vorsicht ist besonders bei kritischen Pauschalurteilen sowie ver-
einfachenden Verbesserungsvorschlägen geboten, die die Ausdrucksweise be-
treffen und für die gesamten Polylekte gelten sollten. Programmatisch formulier-
te Erwartungen und Verbesserungswünsche sollten reale Möglichkeiten der
Sprachsysteme sowie konkrete Äußerungen der Sprachbenutzer, nicht zuletzt
auch die Meinung der Betroffenen darüber beachten. Ähnlich fundierte Überle-
gungen entsprechen m.E. der anthropozentrischen Sichtweise von Sprache. Sie
sollen in der weiteren Diskussion zur Äquivalenz berücksichtigt werden.
Angesichts der Vielheit der aufgedeckten Phänomene bleiben die hier angespro-
chenen Aspekte weitergehenden Untersuchungen vorbehalten.

35 Jörn Albrecht zufolge: Zur lexikalischen und grammatischen Bedeutung und zur Transpo-
sition s. Albrecht 1973:40-41, Schreiber (1993, 126-127).
368 Paweł Bąk

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