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Udo Bermbach

Richard Wagner in Deutschland


Rezeption – Verfälschungen

Verlag J. B. Metzler
Stuttgart / Weimar
Umschlagabbildung: Richard-Wagner-Denkmal im Liebethaler Grund
(Sächsische Schweiz) von Richard Guhr (Entwurf 1911/12, Enthüllung 1933),
© Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung, Bayreuth

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
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ISBN 978-3-476-01884-7
ISBN 978-3-476-05295-7 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-476-05295-7

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Ursprünglich erschienen bei J.B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung
und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 2011
www.metzlerverlag.de
info@metzlerverlag.de
»Man wirft so einen Gedanken hin …
die machen daraus eine unveräußerliche, feste Sache,
nun haben wir’s.«

Richard Wagner zu Cosima


17. Januar 1883
Vorwort

Jahr für Jahr erscheinen zu Richard Wagner neue Arbeiten. Neben Biographien,
Familiengeschichten,Werkinterpretationen gibt es Darstellungen zu den politischen
Verstrickungen Wahnfrieds, und gelegentlich wendet sich die Aufmerksamkeit sogar
den theoretischen Schriften Wagners zu.Angesichts dieser Flut von Wagner-Literatur
könnte man meinen, es gäbe kaum mehr Neues zu sagen – doch dem ist keineswegs
so. Wer die seriöse Literatur kennt, weiß, dass vor allem die Rezeptionsgeschichte
seines politisch-ästhetischen Denkens noch längst nicht aufgearbeitet ist, dass die
Landkarte seines Erbes und seiner Wirkungen noch voller weißer Flecken ist, die
darauf warten, endlich eingefärbt zu werden.
Die hier vorgelegten Studien wollen dazu beitragen, diese Defizite zu mildern.
Sie arbeiten zentrale Themen der Bayreuther Weltanschauung auf, die nach Wagners
Tod von Bayreuth aus weit in die deutsche Gesellschaft und Politik hineingewirkt
und das Selbstverständnis großer Teile der deutschen Nation über Jahrzehnte ent-
scheidend mitgeprägt haben. Sie verfolgen einen Prozess sich wandelnder Deutungen
und Interpretationen von Wagners Denken, der ihn und sein Erbe kontinuierlich
dem konservativen, völkisch-nationalen, später dem rechten und rechtsradikalen
Diskurs eingegliedert und diese Einvernahme als natürliche Folge seiner Absichten
ausgegeben hat. Sie zeigen, wie das allmähliche Verschieben und Umakzentuieren
der Inhalte von Begriffen und Vorstellungen durch selektives Herausnehmen wie
Konzentration auf Einzelaspekte das Gesamtwerk des Bayreuther Komponisten
ideologisch neu einjustierte, und wie solche Neubestimmung dann am Ende als die
eigentlich ›wahre‹, als die schon immer ›richtige‹ ausgegeben wurde, um auf diese
Weise die gesellschaftliche und politische Funktionalisierung Wagners innerhalb eines
rechten bis rechtsradikalen Politik-, Gesellschafts- und Kulturmilieus zu ermöglichen.
Um diesen über die Jahrzehnte verlaufenden Prozess genauer nachzeichnen
zu können, werden in diesem Buch erstmals alle sechzig Jahrgänge der Bayreuther
Blätter gründlich ausgewertet und die einschlägigen Publikationen von Autoren
des engeren und weiteren Bayreuther Kreises wie seiner Sympathisanten in diese
Auswertung miteinbezogen. Der zeitliche Schwerpunkt liegt dabei zwischen den
Jahren von Wagners Tod 1883 bis zum Ende des Dritten Reiches, aber manches
geht darüber hinaus und zeigt Kontinuitätslinien, die auf den ersten Blick so nicht
zu erwarten sind.
Gleich der Blick auf die ersten gewichtigen Biographien zu Wagner macht deut-
lich, wie sein Bild zurechtgerückt worden ist:Verdrängung seiner linken, revolutionä-
ren Vergangenheit und der daraus folgenden Intentionen, stattdessen Konzentration
auf ein Kunstverständnis, das sich den BayreutherVorstellungen einpassen ließ. Gewiss
war Wagner an solchen Entwicklungen nicht gänzlich unbeteiligt. Sein Denken wie
sein Verhalten schufen oft genug jene Ambivalenzen, an die seine Erbe-Verwalter
in ihrem eigenen Sinne anknüpfen konnten, nicht immer plump korrigierend oder
VIII Vorwort

verfälschend, wohl aber entschieden in eine Richtung weisend, die Wagner selbst
wohl kaum einschränkungslos gefallen hätte. Dabei kommt ein Muster zumVorschein,
das über Jahre die Selbstauslegungen der Bayreuther Erbe-Verwalter bestimmen
sollte: Die Werke des ›Meisters‹ wurden aus ihren gesellschaftlichen und politischen
Entstehungskontexten herausgelöst, sie galten als Kunst, als lebensanleitende Kunst
natürlich, vor allem aber als urdeutsche Kunst, mit nationalen und nationalistischen
Konsequenzen, die Bayreuth in konkreten Schlüssen publizierte. ›Regeneration‹
nannte man das, was Wagner selbst noch in seinen Spätschriften entworfen hatte
und was nun politisch einseitig ausgezogen wurde, vielfältige Anstrengungen zur
Rückbesinnung auf vermeintlich unbeschädigte deutsche Werte, insgesamt ein
normativer Kanon, in dem sich modernitäts- und zivilisationskritische Vorurteile
und Vorbehalte mit manchen richtigen Einsichten mischten. Das lief aus Bayreuther
Sicht auf eine Gesellschaft hinaus, die moderne Entwicklungen und die Folgen
von Modernitätsschüben in ihren politischen, gesellschaftlichen, kulturellen, teil-
weise auch wirtschaftlichen Konsequenzen abfangen oder gar rückgängig machen
sollte – Perspektiven, die allerdings auch unter den maßgeblichen Mitgliedern des
Bayreuther Kreises nicht unumstritten waren. Was alle gemeinsam teilten, fand sich
im Bayreuther Gedanken wieder als ein umfassendes weltanschauliches Konzept, ver-
meintlich von Wagner entworfen und alles strukturierend, worauf es sich beziehen
ließ: vom ›arischen Christentum‹ eines deutsch-nationalen Protestantismus bis hin
zur Neugründung eines eigenen, antisemitisch-germanischen Staates in Paraguay,
Nueva Germania, jener ultrakonservativen Utopie, die von Bayreuth ausdrücklich
gebilligt und unterstützt wurde und die am Ende freilich, wie nicht anders zu er-
warten war, kläglich scheiterte.
Über die Jahre schwankte Bayreuth zwischen dem eigenen radikalen Kunstan-
spruch und der Notwendigkeit, sich politisch zu positionieren. Das zeigt sich in
vielen der hier vorgelegten Studien, in denen diese ambivalente Haltung deutlich
wird. So etwa zu Beginn des Ersten Weltkriegs, als die wichtigsten Repräsentanten
Bayreuths, Chamberlain und Wolzogen, alles andere als kriegsfreudig auftraten, den
Ausbruch des Weltkriegs eher als Katastrophe für die Weltgeltung der deutschen
Kultur empfanden, zugleich aber doch meinten, der nun beginnende, den Deutschen
aufgezwungene Kampf müsse mit allen Mitteln siegreich geführt werden, um eben
dieser deutschen Kultur willen und überdies überlegten, welche neue politische
Verfassung sich das Deutsche Reich nach einem siegreich beendeten Krieg geben
solle. Deutlich wurde hier, dass im Bayreuther Kunst-Anspruch stets das Politische
impliziert war. Politik sollte, auch das machen die nachfolgenden Studien klar, nach
denVorstellungen Bayreuths so ausgerichtet sein, dass sie den ästhetischen Intentionen
Wahnfrieds entgegenkommen, sie schützen und stützen konnte.
Letzteres schien dann ab 1933 der Fall, als Bayreuth mit dem Dritten Reich zu-
sammenkam und das eine im anderen seine Erfüllung fand. Erstmals glaubte Bayreuth
sich in einem Staat aufgehoben, der die Pflege des eigenen Kunst- und Kulturver-
ständnisses zu seiner vordringlichen politischen Aufgabe erklärt hatte. Erstmals gab
es einen Kanzler, der Wagner als sein einziges Vorbild anerkannte und Bayreuth zu
Vorwort IX

fördern versprach, wo immer er konnte. Bayreuth und das Dritte Reich wird in
diesem Buch unter einigen speziellen Aspekten thematisiert, welche die bisherige
Diskussion übergreifen. Deutlich wird dabei, wie die nationalsozialistischeVereinnah-
mung in Bayreuth selbst über lange Jahre vorbereitet worden ist, durch inhaltliche
Uminterpretationen, Kontextdestruktion und Herauslösen einzelner Aspekte von
Wagners Werk und Denken aus dem einer sehr anderen politisch-gesellschaftlichen
Ursprungsintention verpflichteten Ganzen. Das alles wirkte lange nach, auch über das
Kriegsende von 1945 hinaus. Da wurde dann vieles erneut revidiert und der neuen
Zeit angepasst, Wagner nun immanent und antik-europäisch gelesen, aber all das
geschah erstaunlicherweise gerade durch jene Autoren, die zuvor, während des Drit-
ten Reiches, an der NS-Zurichtung Wagners entscheidenden Anteil gehabt hatten.
Dass Bayreuth stets auch Seismograph der deutschen Entwicklung gewesen ist,
zeigt sich in den hier vorgelegten Studien immer wieder: während des Kaiserreiches
in partieller politischer Zustimmung, aber zugleich in scharfer kultureller Opposi-
tion; während der Weimarer Republik in scharfem Gegensatz zu beidem, zu Politik
wie Kultur; während des Dritten Reiches in fast symbiotischer Übereinstimmung
hinsichtlich der Politik wie der Kultur; und nach dem Krieg als Reflex und Pro-
jektionsfläche all jener immensen Belastungen, die durch das Dritte Reich den
Deutschen auf unabsehbare Zeiten aufgeladen worden sind. Erst spät, erst Mitte der
siebziger Jahre, gelang der Durchbruch zu einem neuen Bayreuth, auch zu einem
neuen und – wie man hinzufügen muss – historisch zutreffenderen Werkverständ-
nis, in dessen Folge die Biographie des Komponisten, sein musikdramatisches Werk
und die Essays in all ihren Widersprüchen neue Bewertungen erfuhren und nun
in ihr Recht gesetzt wurden, auch wenn die Diskussion darum noch längst nicht
abgeschlossen ist, vermutlich nie abzuschließen sein wird. Und doch war das neue
Bayreuth nach dem Jahrhundert-Ring von 1976 endgültig in der deutschen Demo-
kratie angekommen – seither verlaufen die politische und ästhetische Entwicklung
weithin synchron mit dem, was sich in Deutschland insgesamt entwickelt hat: der
einstmals hypertrophe Kunstanspruch ist aufgegeben, zurückgenommen auf den
Ehrgeiz, ästhetisch maßstabsetzende Aufführungen von Wagners Werken in Bayreuth
zustande zu bringen; politische Mitsprachewünsche, und seien sie auch nur subku-
tan formuliert, sind verschwunden. Bayreuth präsentiert heutzutage Festspiele wie
andere Städte und Stätten auch, und es steht zu hoffen, dass es dabei bleiben wird.

***

Dieses Buch ist der dritte und letzte Band meiner Wagner-Trilogie. 2003 erschien
zunächst Blühendes Leid. Politik und Gesellschaft in Richard Wagners Musikdramen, eine
politologisch-ideenhistorische Interpretation von Wagners Bühnenwerken; 2005
folgte Der Wahn des Gesamtkunstwerks. Richard Wagners politisch-ästhetische Utopie, eine
Studie, in der die ideenhistorischen Wurzeln, das Entstehen und die Struktur von
Wagners Konzept des Gesamtkunstwerks nachgezeichnet und Kontinuitätslinien
seines ästhetischen wie weltanschaulichen Denkens bis in die letzten Lebensjahre
X Vorwort

aufgezeigt wurden. Nun schließt der vorliegende Band zur Rezeptionsgeschichte


Wagners den ehemals gefassten Plan ab, Wagners Werke, ihre ästhetisch-politische
Einbettung in das Festspielkonzept sowie ihre interpretatorische Rezeption und
ihre funktionale Anpassung an sich ändernde gesellschaftlich-politische Kontexte
aus der Sicht des Ideenhistorikers und Politologen zusammenhängend zu behandeln.
Wie immer bin ich zu allererst Doris, meiner Frau, zu tiefem Dank verpflichtet;
sie hat diese Arbeiten zu meinem Lebensthema stets unterstützt und immer wieder
ermuntert, ohne sie wäre auch dieser Band nicht entstanden. Zu danken habe ich
auch dem Wissenschaftskolleg zu Berlin, das mir vor nunmehr zehn Jahren viel freie
Zeit zum Nachdenken und Arbeiten eingeräumt hat; dort ist der Plan für die nun
vorliegende Wagner-Trilogie gefasst worden, wie auch der Entschluss zur Gründung
einer Wagner-Zeitschrift – wagnerspectrum –, die seit 2005 erscheint. Und nicht
zuletzt möchte ich all jenen Kollegen und Freunden herzlich danken, die mir in
vielen anregenden Gesprächen, auf Tagungen und in alltäglicher Kommunikation
nützliche Hinweise gegeben haben.
Widmen möchte ich dieses Buch meinen beiden Enkelinnen Leonie und Na-
thalie. Sie kennen bereits Wagners Musikdramen, sind davon fasziniert und werden
vielleicht später, wenn sie erwachsen sind, dieses Buch einmal lesen, um daraus dann
hoffentlich zu ersehen, wohin Ideologien führen können: in kaum vorhersehbare
Fehlentwicklungen, deren Ergebnisse historisch nur schwer wieder abzutragen sind.

Hamburg, im Frühjahr 2011 Udo Bermbach


Inhalt

Vorwort ............................................................................................................. VII

Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär? ................................ 1


Der Revolutionär Wagner im Spiegel einiger seiner Biographen
Die ersten Biographien 3; Biographien in der Kiellinie 20; Wagner als Wegbereiter
des Nationalsozialismus 31; Biographischer Neuanfang? 37; Wiederbelebungen des
Totgeglaubten 55

Bayreuth und die Moderne ........................................................... 67


Kultur, Gesellschaft und Politik in den Bayreuther Blättern
Deutsche Kultur versus Politik 67; Bayreuther Sprachkritik 79;Verfall deutscher Kul-
tur 85; Bayreuth im Ersten Weltkrieg 99; Arisches Christentum 106; Deutsche Lite-
ratur 108; Schulmodelle 110; Kritik der Politik und der politischen Institutionen 115;
Nach dem Ersten Weltkrieg 138; Bayreuth und die ›Machtergreifung‹ 165

Der Bayreuther Gedanke .............................................................. 179


Kulturmission und Regeneration der Menschheit
Ursprünge 182; Regeneration und Revolution 186; Regeneration und Philosophie 193;
Regeneration und Religion 195; Regeneration und Kunst 199; Regeneration und Ras-
se 202; Bayreuth und Draußen 206; Erweiterungen und Ansprüche 210; Der Bayreuther
Gedanke am Ziel? 215; Weltanschauung, Bayreuther Gedanke und Musik 217

Bayreuther Theologie.................................................................... 231


Arisches Christentum und deutscher Protestantismus
bei Houston Stewart Chamberlain und Hans von Wolzogen
Vorbemerkung 231; Chamberlain und Wolzogen 233; Zur Ausgangslage bei Richard
Wagner 236; Chamberlains Christentum 242; Chamberlains arischer Jesus 247; Cham-
berlains späteres Jesus-Bild 257; Chamberlain im Kontext protestantischer Theolo-
gie 267;Wolzogens arisches Deutschchristentum 271;Wolzogens arischer Christus 276;
Christentum und Rasse 280; Bayreuther Deutschchristentum 285; Bayreuther Theologie
und Bayreuther Gedanke 289

Richard Wagners Weg in den Urwald ............................................ 295


Zu Bernhard Försters Bayreuther Utopie Nueva Germania
in Paraguay (1887–1889)
Linke und rechte Utopien 295; Der Ort von Nueva Germania 298; Zur Biographie
Bernhard Försters 299; Bernhard Försters Bayreuther Ideologie 304;Weltanschauliche
Umrisse des Siedlungsexperiments 315; Elemente der neuen institutionellen Ord-
nung 321; Das Scheitern 323
XII Inhalt

Siegfried und der Bayreuther Gedanke .......................................... 327


Zur Rezeption eines Wagner-Helden
Nibelungenlied 327; Der Ring des Nibelungen 334; Siegfried in Bayreuth 340; Franz
Stassen 351; Siegfried in Weimar 360; Konvergenzen: Bayreuths Siegfried im Jahr der
›Machtergreifung‹ 365

Stationen der Ring-Deutungen seit 1876 ....................................... 369


Nationale Selbstauslegungen im Spiegel des Musiktheaters
Die Uraufführung des Ring 369; Heinrich Porges Proben-Notizen 373; Ring-Inter-
pretationen im Umfeld der Bayreuther Blätter 375; Eine entscheidende Bayreuther Ring-
Etappe: Felix Gross 381; Der Ring als Deutung des Ersten Weltkriegs 388; Der Ring am
Abgrund des Dritten Reiches 393; Zwischenbilanz 397; Ring-Interpretationen in der
Bundesrepublik 399; Die neue Szene des Ring 403; Psychologische und psychoanaly-
tische Interpreten 411; Mythische Deutungen 412

Verachtet mir die Meister, entehrt mir ihre Kunst! ......................... 419
Aspekte der Meistersinger-Rezeption bis 1945
Etappen einer Aneignung 419; Direkte politische Indienstnahme 429; Zur Methode
der völkisch-nationalistischen Vereinnahmung 433

Hitlers nazifizierter Wagner ........................................................... 437


Liturgietransfer ins Dritte Reich
Zur Ausgangslage 437; Der Wagnerianer Hitler 441; Vorgaben einer nationalsozialis-
tischen Religion? 451; Parsifal für den Tempel Bayreuth 456; Nationalsozialistischer
Anschluss 462

Galt’s hier der Kunst? .................................................................... 471


Kontinuität und Neuanfang in den Bayreuther Programmheften ab 1951
Die ›Stunde Null‹ 471; Bayreuther Beginn 473; Kontinuitäten 475; Zdenko von
Kraft 475; Otto Strobel 477; Hans Grunsky 479; Curt von Westernhagen 485; Einige
Schlussfolgerungen 491

Abkürzungsverzeichnis.................................................................. 497

Verzeichnis ausgewählter Literatur................................................. 498

Personen- und Werkregister .......................................................... 503


Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?
Der Revolutionär Wagner
im Spiegel einiger seiner Biographen

Wagners vielzitierter Satz: »Der Dichter kann nicht eher wieder vorhanden sein, als
bis wir keine Politik mehr haben«1, gilt für ihn selbst zu allerletzt. Denn wohl selten
hat ein Dichter und Komponist so entschieden an den politisch-gesellschaftlichen
Entwicklungen seiner Zeit denkend wie handelnd teilgenommen, seine gesamte
künstlerische Existenz mit diesen Entwicklungen so eng verbunden wie er, und selten
auch ist ein Künstlerleben und ein Werk von solchen Entwicklungen so nachhaltig
beeinflusst worden wie das seinige. Sich Wagners Leben ohne die politischen Einflüsse,
denen er ausgesetzt war und die er mitzugestalten versuchte, vorstellen zu wollen,
ist schlechterdings unmöglich und führte, wollte man es doch versuchen, zu einer
falschen, weil einseitig verzerrten Zeichnung seines Wirkens. Und was für sein Leben
gilt, gilt auch für seine Werke; sie lassen die politisch-gesellschaftlichen Deutungen
nicht nur zu, sondern verlangen diese sogar, weil in ihnen Politik und Gesellschaft
immer eine strukturierende, die Inhalte bestimmende Rolle spielen und sie darüber
hinaus ihre Entstehung zu einem nicht geringen Teil auch politisch-gesellschaftlichen
Impulsen verdanken, von Tristan und Isolde einmal abgesehen.
Das heißt nun nicht, dass Wagner in einem vordergründigen Sinne ein politischer
Dichter und Komponist gewesen wäre, der gleichsam tagespolitische Programmatik
aufgenommen und in seinen Musikdramen umzusetzen versucht hätte.Wohl aber, dass
er selbst ein ›homo politicus‹ war, einer, der in seinem Leben wie in seiner Arbeit auf
Politik und gesellschaftliche Veränderungen seismographisch reagierte und sich von
beidem in seinem künstlerischen Wirken auch stimulieren ließ. Dass er sein Leben
und Werk in einem engen Zusammenhang sah und auch von seinem Publikum
gesehen haben wollte, schreibt er selbst in Eine Mittheilung an meine Freunde. Da heißt
es, die »Absonderung des Künstlers vom Menschen« sei eine »ebenso gedankenlose
wie die Scheidung der Seele vom Leibe«2 und dass, wer einen Künstler verstehen
wolle, ihn auch als Mensch, also auch in seinen politisch-gesellschaftlichen Passio-
nen, verstehen lernen müsse. Leben und Werk, das war seine Überzeugung, zeigen
sich vor dem Zuschauer und Zuhörer als eine Einheit, freilich nicht im Sinne der
bruchlosen und knitterfreien Verlängerung des Einen ins Andere, sondern als eine
vielfältige, widersprüchlich und dialektisch vermittelte Einheit, bei der im Werk jene
Hoffnungen aufscheinen, die sich im Leben nicht ohne weiteres erfüllen mögen,
vielleicht auch nicht erfüllt werden können.

1 Richard Wagner, Oper und Drama, in: GSD, Bd. 4, S. 53.


2 Richard Wagner, Eine Mittheilung an meine Freunde, in: GSD, Bd. 4, S. 231.
2 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

Wagner hat solche in der deutschen philosophischen Tradition nicht eben seltene
Einheitsimaginationen3 nicht nur zu leben, sondern in vielen Anläufen auch immer
wieder theoretisch einzufangen versucht. Die prominentesten Beispiele hierfür sind
die nach den revolutionär aufgeheizten Zeiten von 1848/49 entstandenen großen
politisch-ästhetischen Schriften des Züricher Exils: Die Kunst und die Revolution
(1849), Das Kunstwerk der Zukunft (1849), Oper und Drama (1850/51) sowie, von
minderem Status, Das Judenthum in der Musik (1850) und Eine Mittheilung an meine
Freunde (1851)4. In all diesen Schriften thematisiert Wagner das Verhältnis von Politik
und Kunst in einem grundsätzlichen Sinne, setzt er die Perspektiven wie in einem
Kaleidoskop aus unterschiedlichen Blickwinkeln immer wieder auf dieses zentrale
Beziehungsfeld, macht er seine revolutionär-politischen Erfahrungen in Dresden
zu einer der Grundlagen der theoretischen Reflexionen über seine Vision eines
›Kunstwerks der Zukunft‹. Unter dem Einfluss radikaler politischer Theorien, einer
von ihm beobachteten und in Teilen auch selbst betriebenen radikalen politischen
Praxis sowie seiner Lektüre und Rezeption ideologiekritisch angelegter Philosophien
entwickelt er eine ästhetische Position, die in ihrer expliziten Verortung des Kunst-
werks im gesellschaftlichen Kontext dieses notwendigerweise sozial und politisch
aufladen musste. Zu Recht hat Dieter Borchmeyer deshalb die These formuliert, dass
Wagners Ästhetik, »inspiriert durch die linke Hegel-Nachfolge, auf eine bisweilen
deterministisch anmutende Weise soziologisch fundiert«5 ist.
Jede Annäherung an Wagner, ob Biographie oder Interpretation seiner Werke,
ist daher auch daran zu messen, wie sie diesen fundamentalen Verweisungszusam-
menhang aufnimmt und verarbeitet, wie sie die Tatsache eines ›politischen‹ Richard
Wagner verarbeitet und in welche Richtung sie dessen politische Vorlieben, Optio-
nen, Haltungen und Praktiken, auch Wandlungen,Veränderungen, ja Korrekturen in
Leben und Werk auslegt und deutet.Wagner und die Politik – die Beschreibung und
Analyse diesesVerhältnisses kann gewiss als ein zentraler Indikator für dieValidität und
Seriosität jeglicher Beschäftigung mit dem Komponisten und seinem Werk dienen,
zumal sich damit zugleich auch die Bewertung der gewiss höchst problematischen
Rezeptionsgeschichte verbindet. Wagner und die Politik – das ist in gewisser Weise
der Lackmustest hinsichtlich der Beschäftigung mit Wagners Leben und Werk, wobei
angemerkt werden muss, dass die aus den Analysen gezogenen Bewertungen natur-
gemäß variieren, schwanken und sich unterscheiden können. Im folgenden sollen
einige Biographien, die rezeptionsgeschichtlich von prägendem Einfluss waren und
auch heute noch für die Wagner-Forschung von Bedeutung sind, daraufhin befragt
werden, wie ihreVerfasser diesen Themenzusammenhang bearbeitet und interpretiert
haben, wie stark sie das Leben und Werk Wagners durch seine eigenen politischen

3 Vgl. dazu auch Udo Bermbach, »Die beste Philosophie ist, gar keine Philosophie zu haben«, in: derselbe,
Opernsplitter, Aufsätze. Essays, Würzburg 2005, S. 295 ff.
4 Zu meiner Interpretation des Zusammenhangs dieser Schriften siehe Udo Bermbach: Der Wahn
des Gesamtkunstwerks. Richard Wagners politisch-ästhetische Utopie, Stuttgart/Weimar 2004, S. 81 ff.
5 Dieter Borchmeyer, Das Theater Richard Wagners, Stuttgart 1982, S. 14.
Die ersten Biographien 3

Optionen geprägt sahen und in welche inhaltlichen Richtungen sie dessen Politik-
verständnis interpretiert haben.

Die ersten Biographien


Die erste deutsche6 und zugleich wohl eine der einflussreichsten Biographien, noch
zu Lebzeiten Wagners begonnen, von Bayreuth ideologisch wie materiell unterstützt
und erstmals während der Jahre 1894 bis 1911 erschienen, ist die materialreiche und
detailfreudige Darstellung seines Lebens von Carl Friedrich Glasenapp in sechs Bänden7,
die insgesamt vier Auflagen erlebt hat. Das Werk, von späteren Biographen immer
wieder als Materialreferenz herangezogen und reichlich ausgeschlachtet, hatte einen
selbsteingestandenen affirmativen Zweck; es wollte »Schutz, Erhaltung, Förderung
seinem lebendigen Bayreuther Werke, dem ersten Keim einer kommenden deutschen
und allgemein menschlichen Kultur in seinem Sinne«8 dienen und war folgerichtig
in seiner grundsätzlichen Ausrichtung hagiographisch angelegt. Glasenapp begann
zunächst mit der Vorgeschichte der Familie Wagner, um dann penibel und detail-
reich den Lebensweg Richard Wagners zu verfolgen. Diese Sorgfalt im Detail gilt
in unterschiedlichem Maß auch für Wagners politisches Denken und Engagement,
dessen Anfänge zwar eher heruntergespielt, dessen revolutionäre Dresdner Phase
aber in einer erstaunlichen Ausführlichkeit dargestellt wird.
Die nach Wagners eigenem Bekunden erste nachhaltige Politisierungserfahrung,
die Pariser Juli-Revolution von 18309, wird von Glasenapp allerdings eher beiläufig
erwähnt, in ihrer Wirkung auf den jungen Wagner entschieden abgeschwächt und zu
einer ästhetischen Rezeptionshaltung stilisiert. Es sind – so der Biograph – die »spe-
zifisch künstlerischenVoraussetzungen«10, die Wagner an dieser Revolution angeblich
interessiert haben, wobei die Frage, worin diese künstlerischen Voraussetzungen
denn bestanden, weder gestellt noch beantwortet wird. Dagegen referiert Glasenapp

6 Zuvor war erschienen Francis Hueffer, Richard Wagner, London 1872 (Aufsatz in der Fortnightly
Review und zugleich als Buch im Verlag Chapman and Hall). 1874 veröffentlichte dann Francis
Hueffer ein umfangreicheres Buch unter dem Titel: Richard Wagner and the Music of the Future,
ebenfalls bei Chapman and Hall in London, und 1881 erschien eine kürzere Einführung in Wagners
Leben und Werk, die bis in die 40er Jahre mehrfach wiederaufgelegt worden ist.
7 Carl Friedrich Glasenapp, Das Leben Richard Wagners in sechs Büchern, Leipzig 1905–1911. Glasen-
app (1847–1915) lebte in Riga, hatte Klassische Philologie, Kunstgeschichte und vergleichende
Sprachwissenschaften studiert und war ab 1875 in Riga als Lehrer für deutsche Sprache und
Literatur, ab 1898–1912 als Dozent für dieselben Fächer am dortigen Polytechnikum tätig. Als
Musikschriftsteller publizierte er vor allem zu Wagner, gehörte zum engeren Bayreuther Kreis und
war ein bedingungsloser Anhänger Wagners und Antisemit. Schon als Gymnasiast hatte Glasenapp
begonnen, Material für eine Wagner-Biographie zu sammeln, und er hielt sich später häufig in
Bayreuth auf, um die dort gesammelten Dokumente für sein Werk zu nutzen.
8 Carl Friedrich Glasenapp, Das Leben Richard Wagners, Bd. 1, S. XVI.
9 Vgl. ML, S. 51 ff.
10 Carl Friedrich Glasenapp, Das Leben Richard Wagners, Bd. 1, S. 127.
4 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

anschließend ausführlich die durch die Juli-Revolution ausgelösten Unruhen in


Leipzig, die ja auch Wagner in Mein Leben erwähnt11, weist auf dessen Begeisterung
für die Politik hin, behauptet dann aber auch hier mit Verweis auf die Komposition
einer politischen Ouvertüre zu jener Zeit wieder, dass »sich heftige Lebenseindrücke
schon jetzt bei ihm in Kunsttaten umzusetzen begannen«12, was wohl so verstanden
werden soll, dass schon hier – wie auch später – alle Lebenserfahrungen Wagners
lediglich als Material für die ästhetische Verarbeitung zu betrachten sind; eine Sug-
gestion, die soziales und politisches Agieren im Modus der Ästhetik aufzulösen sucht.
Diese Tendenz, die Teilnahme Wagners an politisch herausgehobenen Ereignissen,
sei sie passiv interessiert oder auch aktiv intervenierend, einerseits möglichst genau
zu beschreiben, andererseits in ihren Wirkungen aber als Motive und Produkti-
onsantriebe ins Ästhetische umzubiegen, charakterisiert Glasenapps Biographie
grundlegend und von Anfang an. Er selbst hat es so formuliert: »So lange Wagner
aus den vorhandenen, allerdings unwillkürlich nach seiner eigenen überragenden,
tatkräftigen Natur gedeuteten, geschichtlichen Anzeichen auf eine große Umwälzung
und innere Erneuerung der deutschen und europäischen Verhältnisse hoffen konnte,
hat er den Geist der Bewegung von seinem künstlerisch-menschlichen Standpunkte
aus anfeuernd, belebend, zielbewußt zu beeinflussen gesucht; auf den Aufbau und
Ausbau einer menschlich-nationalen Kultur war dabei sein Augenmerk gerichtet,
und der umfassendste, dem deutschen Geist entsprechendste Aufbau wäre ihm dann
doch nur die Grundlage für sein künstlerisches Werk – als Blüte- und Höhepunkt
einer lebensvollen deutschen Kultur gewesen«13.
Immerhin: »Der Begriff der Revolution ist nichtsdestoweniger die erste, für
immer entscheidende Form der bewußten Lossagung Richard Wagners von der
umgebenden Kunstwelt«, heißt es erstaunlicherweise an derselben Stelle, und diese
Beobachtung bringt Glasenapp auf die Formel: »Von der Reform zur Revolution«.
Doch Begriff und Inhalt der Revolution werden dann im Einzelnen nicht expli-
ziert, nirgends findet sich ein analytisches Eingehen auf jene revolutionären Ideen
und ihre Herkunft, ihre theoriengeschichtlichen Verbindungen und Verortungen,
die Wagner damals so vehement vertrat. Im Gegenteil: die Inhalte der Revolution
werden durch vage Formulierungen entschärft,Wagner als »politischer Revolutionär«
zum »blöden Mißverständnis« erklärt, weil seine Motive – so Glasenapps These – rein
künstlerische waren. Die Dresdner Ereignisse hatten deshalb auch nach Glasenapp
mit Wagners »allgemein menschlicher Sozialrevolution« so wenig gemein, »daß nur
ein menschlich-persönliches Interesse ihn in teilnehmender Beobachtung bis zum
letzten Moment an den Schauplatz dieser Kämpfe fesseln konnte«.
Die ausführliche und detailreiche Schilderung des Dresdner Aufstandes, der Bar-
rikadenkämpfe und Wagners Beteiligung an all dem ist dann allerdings deshalb eine

11 ML, S. 53 ff.
12 Carl Friedrich Glasenapp, Das Leben Richard Wagners, Bd. 1, S. 131.
13 Ebenda, Bd. 2, S.VII. Hier auch die beiden folgenden Zitate, alle weiteren auf den Seiten VIII; X;
X; 225 ff.; 229.
Die ersten Biographien 5

erstaunliche Leistung des Chronisten Glasenapp, weil sie eigentlich gegen dessen
interpretatorische Intentionen geht. Wagners radikale Forderungen werden nicht
verschwiegen, sie werden sogar in allen Einzelheiten aufgelistet und Glasenapp bettet
die politischen Bewegungen in Dresden und Sachsen in den Kontext der breiteren
deutschen Verfassungsbestrebungen ein. Aber zugleich heißt es auch wieder relativie-
rend und den ›Künstler‹ Wagner betonend: »Sämtliche Dokumente seiner Auffassung
dieser Revolution bekunden deutlich, wie hoch sein Begriff davon über die unklare,
engbegrenzte Bewegung jener Tage hinausging«, was heißen soll, dass Wagner weit über
den bloß tagespolitischen Forderungen der 1848er Bewegung gestanden habe. Was
Glasenapp betreibt, werden viele Biographen Wagners später wiederholen: die kon-
kreten politischen Forderungen der Verfassungsbewegung von 1848 auf Einführung
eines Wahlrechtes, Einrichtung einer parlamentarischenVertretung, Einschränkung der
monarchischen Rechte usw. werden durch solche vagen Hinweise auf ›den höheren
Sinn‹ Wagners ins Unverbindliche einer ästhetisch-moralischen Überlegenheitshaltung
stilisiert und entheben den Komponisten der ›Gemeinheit‹ eines minderwertigen
Alltags. In solchen Stilisierungen reproduzieren sich nicht nur Wagners Aversionen
gegen Alltagspolitik, die er später mehr und mehr betonte, sondern auch eine ent-
sprechende Haltung Bayreuths nach Wagners Tod, die das Erbe des Meisters und seine
›hohe Kunst‹ von der Trivialität des Politischen freizuhalten suchte.
Konsequenterweise werden denn auch bei Glasenapp die Revolutionstraktate
Wagners in das eigene monarchische Weltbild des Biographen hineininterpetiert
und damit ihrer konkreten, umstürzend aggressiven Konsequenzen beraubt. Um
ein Beispiel zu geben: Für Glasenapp liegt das Zentrum der Argumentation in Wag-
ners Wie verhalten sich republikanische Bestrebungen dem Königthume gegenüber? in der
angeblichen Bekräftigung des Vorrangs des Königs, »in der Wiederherstellung des
Königtums in seiner ursprünglichen, echt germanischen Gestalt, im Gegensatz zu
dem fremdartigen, undeutschen Begriff eines ›konstitutionellen Monarchismus‹«14;
wird die Forderung nach Volksbewaffnung auf die zurückliegende preußische
Heeresreform bezogen, der Ruf nach einem Einkammersystem als eine Zeitmode
bagatellisiert, dagegen wird aus Wagners Überlegung, den durch den europäischen
Kolonialismus betroffenen Völkern kompensatorisch deutsche Kultur bringen zu
wollen, die Legitimation einer deutschen Kolonialpolitik herausgelesen15. Und zum
Verhältnis von Wagner und Bakunin heißt es, um ein weiteres Beispiel zu zitieren:
»Wer … die damalige Weltanschauung des Künstlers in ihrer ganzen feurigen Spon-
taneität vergegenwärtigt und daraus einen Begriff von der idealen Bedeutung der
›Revolution‹ geschöpft hat, wie sein Geist sie ersehnte, wie er sie nach seinen Kräften

14 Ebenda, S. 235. Dazu ist anzumerken, dass der Begriff der »konstitutionellen Monarchie« im
Staatsrechtsdenken des Kaiserreiches die spezifische Verfassung des Deutschen Reiches nach 1971
bezeichnet.Vgl. dazu etwa Erich Kaufmann, Bismarcks Erbe in der Reichsverfassung (1917), in: Autorität
und Freiheit, Gesammelte Schriften Bd. I, Göttingen 1960, S. 143 ff.; Ernst Rudolf Huber, Deutsche
Verfassungsgeschichte seit 1789, Bd. III: Bismarck und das Reich, Stuttgart 1963, 31988.
15 Carl Friedrich Glasenapp, Das Leben Richard Wagners, Bd. 2, S. 234. Die beiden folgenden Zitate
auf den Seiten 286; 264.
6 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

herbeizuführen strebte, wird bei aller persönlichen Sympathie und Bewunderung


Wagners für den wunderlichen Gast … nicht von der Hingabe seinerseits an dessen
spezielle sozial-politische Lehren und einen ›bezwingenden‹ Einfluß desselben auf
seine Überzeugungen reden«.
Glasenapp zählt also durchaus auf, was Wagner in jenen aufgeladenen Tagen revo-
lutionärer Gährung öffentlich verbreitet hat: Aber er nimmt allen Forderungen stets
dadurch ihre radikale und praktisch-politische Spitze, dass er ihnen ein vermeintlich
höheres, ein künstlerisches Motiv unterstellt und Wagners Denken wie faktisches
Handeln in einem bloß instrumentellen Sinne zur Erreichung neuer Bedingungen
für die eigene künstlerische Existenz darstellt. Das ließe sich an unzähligen Beispie-
len belegen. Der daraus gezogene Schluss freilich ist immer derselbe: »Alle Politik
blieb für den Künstler stets etwas Äußerliches und das politische Denken seines
beweglichen Geistes ebenso akkomodationsfähig, als es ihm andererseits nur darum
zu tun war, von welchem Punkte es auch sei, zu den einzig erstrebenswerten, der
deutschen Natur entsprechenden Kulturzielen zu gelangen«.
Damit ist schon zu Beginn der einsetzenden biographischen Arbeiten zu Wagner
ein grundlegendes Interpretationsmuster dieser und vieler jener nachfolgenden
Biographien Wagners, die sich in apologetischer Absicht dem ›Erbe des Meisters‹
und dem Bayreuth Cosimas verpflichtet fühlten, formuliert:Wagners revolutionäres
Denken, sein Umgang mit radikalen, d.h. sozialistisch und anarchistisch gesinnten
Freunden wie August Röckel oder Michael Bakunin wird angesichts der Bedeutung,
die beide Personen für Wagner gehabt haben, weder abgestritten noch verleugnet,
seine Beteiligung am Aufstand in Dresden und an der revolutionären Mai-Regierung
durchaus in ihren Einzelheiten genau geschildert – aber all dies einzig auf das künst-
lerische Motiv der Unzufriedenheit mit den vorherrschenden Zuständen am und
im Theater zurückgeführt.Wagner erscheint so, all seiner überbordenden politischen
Aktivitäten zum Trotz, als ein unpolitischer Künstler, der die revolutionäre Stimmung
und die revolutionäre Bewegung ausschließlich aus dem Wunsch heraus nutzt, für
die Aufführung seiner Werke optimale Bedingungen herzustellen. Dass er selbst
inmitten dieser Bewegung aktiv zu finden war, ist seiner Spontanität geschuldet, die
ihn zu unkontrolliertem Handeln hat hinreißen lassen.
Die immer wiederkehrende Charakterisierung Wagners als eines unpolitischen
Komponisten, dessen Denken auf eine Revolution der vorherrschenden Theaterzu-
stände mit ihrer verfehlten musikdramatischen Ästhetik abzielt, bestimmt auch einen
Aufsatz, den Glasenapp speziell dem Thema der Revolution gewidmet hat: Richard
Wagner als »Revolutionär« und der Begriff der »Revolution« in Wagner’s Kunstschriften,
1889 erschienen, präzisiert die in der großen Biographie formulierten Überlegungen
noch einmal für ein breiteres Publikum16. Auch hier schreibt Glasenapp ausdrück-

16 Carl Friedrich Glasenapp, Richard Wagner als »Revolutionär« und der Begriff der »Revolution« in Wagner’s
Kunstschriften, in: Bayreuther Taschenbuch mit Kalendarium für das Jahr 1889, hg. vom Allgemeinen
Richard Wagner-Verein, Berlin 1889, S. 11 ff. Die folgenden Zitate auf den Seiten 12; 12; 13; 18;
18; 13; 17; 22; 27; 31 f.; 34.
Die ersten Biographien 7

lich gegen jene Vorstellung an, die »in hochmüthiger Unkenntnis oder in bewußt
entstellender Verkennung den Künstler zum politischen Revolutionär stempeln
wollte«, bezeichnet die Einschätzung auch »Wohlmeinender unter den Mächtigen«
als »ein böses Schlagwort«, in Wagner den politischen Revolutionär zu sehen. Wag-
ners Rebellion gegen die bestehenden politischen Verhältnisse wird entscheidend
darauf zurückgeführt, dass es ihm nicht gelang, seine Werke gegen den Widerstand
der herrschenden Kreise am Hof und Theater der deutschen Fürstentümer durch-
zusetzen und es so zur »qualvollsten Verzögerung« der Anerkennung eines Genies
kam, »welche die Kunst- und Kulturgeschichte zu verzeichnen hat«. Das bekräftigt
aus einer anderen Perspektive ein weiteres Mal Wagners vermeintlich ästhetisches
Motiv seiner politischen Rebellion. Glasenapp zitiert viele Stellen aus den Zürcher
Kunstschriften und aus Briefen Wagners, die, isoliert gelesen, seine Behauptung stützen
können, um am Ende dann zu der These zu kommen, »daß in der ganzen Erscheinung
unseres deutschen Meisters nicht der Geist der Revolution, vielmehr die Besiegung
und Überwindung des, uns Deutschen fremdartigen, Geistes der Revolution sich
verkörpert« und die »Besiegung des Geistes der politischen Revolution durch den
Geist des Reinmenschlichen betrachtet werden darf«. Stufenweise werden die po-
litischen Inhalte des Revolutionsverständnisses von Wagner durch Verweise auf die
angeblich gemeinte Wiederherstellung der »deutschen Elemente«, durch die »Fülle
der deutschen Natur« und ihre Erneuerung, durch den Vorrang des »Reinmensch-
lichen«, zentriert in der »festen Burg von Bayreuth«, semantisch ausgewechselt, um
ihr Ziel im Gegensatz von »romanischer Revolution und germanischer Reforma-
tion« zu finden. Für Wagners Revolutionsverständnis heißt dies nach Glasenapp,
dass es jenem »nicht um einen politischen Umsturz, um die Schaffung einer neuen
Staatsform zu thun war«, dass ›Revolution‹ bei ihm »keinen politisch-staatlichen
Charakter« hatte, sie »keine Revolution im Staate, sondern aus dem Staate heraus«
war – hin zu einer neuen Kunst, die dann »dem deutschen Geiste alle Wunder der
Reformation durch ihre einzige Macht« zuteilwerden lässt. Es ist dieVerkehrung von
Wagners Denken und Handeln ins genaue Gegenteil, und das methodischeVerfahren,
das Glasenapp hier anwendet, hat späterhin Schule gemacht: Schritt für Schritt den
Sinn der Selbstaussagen Wagners und aller vorliegenden schriftlichen Dokumente
so zu relativieren und semantisch umzudeuten, dass sich am Ende das scheinbar
überzeugende Bild eines unpolitischen, auf Verbesserung seiner Arbeitsumstände
ausgehenden Künstlers ergibt.
Glasenapp hatte eine der ersten wissenschaftlichen Arbeiten über Wagners Welt-
anschauung, vorgelegt von Hugo Dinger17, scharf abgeurteilt und ihr »die gänzliche

17 Hugo Dinger, Richard Wagners geistige Entwicklung.Versuch einer Darstellung der Weltanschauung Richard
Wagners mit der Rücksichtnahme auf deren Verhältnis zu den philosophischen Richtungen der Junghegelianer
und Arthur Schopenhauers, Leipzig 1892. Hugo Dinger (1865–1941) hatte Philosophie und Kunstge-
schichte in München, Berlin und Leipzig studiert und 1892 mit der zitierten Arbeit über Wagner
promoviert. 1896 habilitierte er sich mit einer Untersuchung zu: Das Prinzip der Entwicklung als
Grundprinzip einer Weltanschauung, war danach Privatdozent an der Universität Jena. 1900–1905
arbeitete er als Dramaturg am Theater in Meiningen, 1905 erhielt er eine außerordentliche Professur
8 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

Abwesenheit einer freimütigen Erfassung seines Gegenstandes«, das Fehlen eines


»offenen Blicks in das Herz seines Gegenstandes, in die wahrhafte Natur des von
ihm geschilderten Künstlers«18 vorgeworfen. Grund hierfür war Dingers Versuch
gewesen, die politische Entwicklung Wagners historisch einigermaßen zutreffend
nachzuzeichnen und vor allem auf jene sozialistischen Einflüsse zu verweisen, denen
Wagner sich während seines Pariser Aufenthaltes von 1839 bis 1842 mehr und mehr
geöffnet hatte, und die Dinger zunächst einmal ernstzunehmen suchte. Dinger, der
Glasenapp vorwarf, »im Übereifer« »diese rote Stelle in Wagners Leben möglichst zu
verdecken und zu vertuschen, sodaß schließlich Wagners Beteiligung an den Mai-
Ereignissen als eine ganz unbedeutende, die von Seiten der sächsischen Regierung
gegen ihn eingeleitete Verfolgung schließlich als ungerechtfertige, ja lächerliche
erscheinen mußte«,19 gab – im Unterschied zu Glasenapp – eine Darstellung der
verschiedenen politischen Richtungen, die am Mai-Aufstand von 1849 in Dresden
beteiligt waren, schilderte die Einflüsse von Arnold Ruge und August Röckel, dann
sehr ausführlich die Ansichten und Aktivitäten von Bakunin, um danach die Rolle
Wagners im Kontext des revolutionären Geschehens zu bestimmen. Auch Dinger
relativierte Wagners unmittelbare Revolutionsbeteiligung und meinte, ein aktives
Mitmachen des Komponisten beim Versuch, die politische Ordnung Sachsens zu
stürzen, könne nicht belegt werden. Aber er glaubte, dass »Wagners Interesse an der
Revolution diese nur am äußersten linken Winkel, dem sozialrevolutionären be-
rührte«, und folgerte daraus: »Also nicht Kaisertum, Reichsverfassung oder Republik
waren die Hebel, die seine Seele für die Revolution in Bewegung setzten, sondern es
war die große allgemeine Menschheits-Revolution, der er sich in die Arme werfen
wollte, keinem plötzlich bedingten lokalen sächsischen Aufruhr zugunsten eines
freien Bürgertums oder deutscher Einheit, sondern der gewaltigen geschichtlichen
Eruption, die durch Bakunins Meisterhand das neue Weltalter herbeiführen sollte,
von dem nach Röckel eine ganz neue Zeitrechnung beginnen würde.«
Es steht außer Frage, dass auch Dinger mit dieser Darstellung Wagners politische
Haltung zur Revolution verzeichnet, vielleicht sogar wider besseres Wissen, denn
er verwickelt sich in seiner detailreichen Darstellung des Verlaufs des Dresdner
Aufstandes mehrfach in Widersprüche, bestreitet einerseits Wagners Teilnahme an
den politischen Aktivitäten dieser Tage, berichtet andererseits zugleich über dessen
tatkräftiges Engagement. Ziel seiner Darstellung bleibt stets die Verengung von Wag-
ners Mitmachen auf das Ziel der sozialen Verbesserungen, die er aber als Wunsch des
Komponisten »nach radikalster, allerextremster, aber gründlicher Umgestaltung der

und 1922 einen Lehrauftrag für Ästhetik und Dramaturgie in Jena. Politisch stand er immer den
Konservativen nahe, kandidierte 1907 und 1912 zum Reichstag und wurde 1918 Mitglied der
DNVP. 1933 trat er dem NSFK (Nationalsozialistisches Fliegerkorps) und dem NSLB (National-
sozialistischer Lehrerbund) bei. Angaben nach Christian Tilitzky, Die deutsche Universitätsphilosophie
in der Weimarer Republik und im Dritten Reich, 2 Bde., Berlin 2002, Bd. 1, S. 73.
18 Carl Friedrich Glasenapp, Das Leben Richard Wagners, Bd. 3, S. XI.
19 Hugo Dinger, Richard Wagners geistige Entwicklung, S. 153. Die folgenden Zitate auf den Seiten 173;
173 f.; 183 ff.; 176; 196; XII.
Die ersten Biographien 9

Verhältnisse« charakterisiert. Dies wiederum erklärt er mit den engen persönlichen


Beziehungen Wagners zu Röckel und Bakunin, die zugleich auch verantwortlich da-
für seien, dass Wagners soziale Einstellung als die »allerextremste« erscheine und seine
»ganze Ideengestaltung eine radikale war«. Insgesamt ein schwankendes Urteil, das sich
durch den umfangreichen Teil der Darstellung dieser revolutionären Ereignisse zieht,
weil Dinger nicht umhin kann,Wagners erwiesene und dokumentierte Beteiligung
an bestimmten revolutionären Aktivitäten zu schildern, er aber andererseits diese in
ihrer Bedeutung für denVerlauf des Aufstandes relativiert und nur als Sozialaktivitäten
verstanden wissen will. Wagner sei zwar als ein sozialer Radikaler im Schlepptau
Bakunins gewesen, aber eben dies entlaste ihn von dem Vorwurf, den Umsturz der
politischen Verfassung betrieben zu haben. Trotz solcher, der Sache nach falschen
Relativierungen korrigiert Dinger, gemessen an Glasenapps Biographie, das Porträt
Wagners erheblich, schärft dessen Profil als radikaler Anarchist, dessen sozialrevoluti-
onäre Einstellungen über die Jahre durch den Einfluss der Links-Hegelianer und vor
allem Feuerbachs in Dresden ihre praktische Entladung fanden – ein entschiedener
Darstellungsfortschritt gegenüber den üblichen Entschuldungen des Komponisten.
Es überrascht nicht, dass diese Sicht, die zumindest in Teilen der radikalen, von
Anarchismus, Sozialismus und den Verfassungsgrundsätzen einer radikalen Demo-
kratie inspirierten Vorstellungen Wagner zu jener Zeit gerecht zu werden sucht, auf
den entschiedenen Widerspruch eines orthodoxen und hagiographisch eingestellten
Biographen wie Glasenapp stieß. Der empfahl seinen Lesern, nachdem er Dinger
kurz abgekanzelt hatte, die Wagner-Biographie von Houston Stewart Chamberlain
als ein Werk, das »durch und durch klar konzipiert« und das »Produkt eines selb-
ständigen und unabhängigen Geistes« sei, eine »adäquate Erfassung des Großen im
tiefsten Grunde«.
Chamberlains Biographie, erstmals 1896 erschienen, war über Jahrzehnte die
wohl am meisten gelesene Wagner-Biographie20. Als Schwiegersohn Richard Wag-

20 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, München 1936.Von 1896 bis 1940 erschienen 10
Auflagen, dazu eine englisch/amerikanische (1897/1900) sowie eine französische (1899). Houston
Stewart Chamberlain (1855–1927), wurde in Portsmouth/England als Sohn eines britischen Ge-
nerals in einer Adelsfamilie geboren. Nach dem frühen Tod der Mutter wuchs er in Versailles auf,
kam dann in ein englisches Internat, kehrte erneut nach Versailles zurück und erhielt hier durch
einen deutschen Theologen Privatunterricht, durch den sein Interesse an deutscher Kultur geweckt
wurde. 1873 auf Wunsch des Vaters in England zurück, um die Militärlaufbahn einzuschlagen,
musste er aus Gesundheitsgründen wieder nach Frankreich, wo er 1874 in Cannes seine erste Frau
kennenlernte. Nach Reisen durch Europa nahm er 1879 Genf zum Wohnsitz und begann mit
naturwissenschaftlichen Studien. 1881 erster Universitätsabschluss und Beginn einer Dissertation
zur Frage des Wurzeldrucks bei Pflanzen. 1882 erster Besuch der Bayreuther Festspiele. Zwei Jahre
später erleidet Chamberlain einen Nervenzusammenbruch, er ist seit seines Lebens gesundheitlich
labil. 1884 bis 1889 lebt er in Dresden, unternimmt biologische Forschungen, vertieft sich in die
deutsche Literatur, Kunst und Musik. 1888 übersiedelt er nach Wien, wo er seine Dissertation
vollendet und veröffentlicht, aber an der Universität Genf nicht mehr einreicht. Er lebt jetzt als
freier Schriftsteller in Wien, tritt in engen Kontakt zum dortigen Wagner-Verband wie zu Bay-
reuth. 1896 erscheint seine Wagner-Biographie, die immer wieder aufgelegt und ins Englische und
Französische übersetzt wird. 1899 publiziert er die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, die – ebenfalls
10 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

ners beanspruchten der Autor und sein Werk jene Authentizität, gegen die sich für
bekennende Wagnerianer jeglicher Einspruch von selbst verbat. Seine Darstellung
von Wagners Leben wie seine Interpretation von Wagners Weltanschauung galten als
verbindlich, er war – neben dem intellektuell entschieden minder bedeutenden, als
Herausgeber der Bayreuther Blätter indessen einflussreichen Hans von Wolzogen – der
wichtigste Erbe-Verwalter Wagners und zugleich der Chefideologe Bayreuths, der
unumstrittene Interpret des Bayreuther Gedankens. In einer einleitenden und wohl
als ›methodisch‹ verstandenen, ausführlichen Vorbemerkung, in der er die Anlage
seines Buches zu begründen suchte, schrieb er, es sei seine Absicht, in seinem Buch
»Wagner gewissermaßen widerspiegeln«21 zu wollen und so ein ›objektives‹ Bild des
›Meisters‹ entstehen zu lassen. Um dies zu erreichen, zitiert er so oft wie möglich
Wagner selbst aus dessen Schriften, Briefen, Dokumenten usw., die freilich so aus-
gewählt sind, dass sie Chamberlains Sicht der Dinge belegen.
Im biographischen Abriß des ersten Kapitels werden die Leitlinien der später
folgenden Darstellung von Wagners Weltanschauung bereits angedeutet. So wird mit
Bezug auf die Dresdner Tage – entgegen den historischen Fakten – behauptet,Wagner
habe mit den wichtigen Personen der 1848er Bewegung »nur wenige, ganz äußer-
liche Berührungspunkte« gehabt und sei dort, wo er in engeren, freundschaftlichen
Beziehungen zu ihnen stand, einer Selbsttäuschung erlegen: »Hier, wie so oft bei
seinen Freundschaften, und bei seinen Hoffnungen, hat die Macht des Bedürfnisses,
verbunden mit der stets schöpferischen Phantasie des Genies, ihn irregeführt«. Dies
gelte – so Chamberlain – auch für den Charakter der sich politisch-revolutionär
betätigenden Politiker, denn der Unterschied zwischen reaktionären und revolutionä-
ren Politikern jener Tage habe lediglich darin bestanden, dass »die einen etwas mehr
politische Freiheit, die anderen etwas weniger gewährt wissen wollten; ein wirklich
prinzipieller Unterschied bestand zwischen ihnen nicht«. Um diese – historisch völlig
abwegige – These zu belegen, relativiert Chamberlain etwa das wirklich außerordent-
lich enge und vertrauteVerhältnis Wagners zu Röckel dadurch, dass er diesen zwar als
einen »edel fühlenden«, intellektuell aber unzulänglichen Mann charakterisiert, der
angeblich »vollkommen unfähig« war,Wagners Anschauungen zu begreifen.Würde

immer wieder aufgelegt – eines der meistgelesenen Werke in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
werden, geprägt durch seine Rassentheorie und seinen Antisemitismus. Chamberlain ist einer der
einflussreichsten Publizisten des Kaiserreichs, bewundert und geschätzt von Kaiser Wilhelm II, aber
auch von Wissenschaftlern wie Adolf von Harnack und Albert Schweitzer, selbst von Politikern wie
Churchill. Das Buch hat starke Wirkungen auf Hitler. 1905 erscheint Chamberlains Kant-Buch,
1906 heiratet er nach seiner Scheidung Richard Wagners Tochter Eva. Er zieht nach Bayreuth
in ein Haus direkt neben Wahnfried. 1912 publiziert er ein vielbewundertes Buch über Goethe,
mit Beginn des Ersten Weltkriegs dann Kriegsaufsätze. 1916 wird er deutscher Staatsbürger. 1918
erscheint Rasse und Nation, 1921 Mensch und Gott, 1922 die Autobiographie Lebenswege meines
Denkens. Seit 1914 leidet er an einer fortschreitenden Nervenerkrankung, die auch das Schreiben
immer weniger erlaubt. 1923 besucht Hitler den schwerkranken Chamberlain, 1927 stirbt er. Er
war Ehrenbürger der Stadt Bayreuth, sein Grab befindet sich mit dem seiner Frau Eva auf dem
Stadtfriedhof Bayreuths.
21 Ebenda, S. 5. Die folgenden Zitate auf den Seiten 67; 67 f.; 155; 159.
Die ersten Biographien 11

dies zutreffen, dann stellte sich die Frage, weshalb Wagner ausgerechnet sein wich-
tigstes Projekt, den Ring des Nibelungen, während der Zeit seiner Konzipierung und
der ersten textlichen Fassungen mit dem in Waldheim inhaftierten Freund Röckel bis
in alle Einzelheiten immer wieder in ausführlichen Briefen erläutert hat, weshalb er
Röckel die Handlung wie die Personen und ihre Charaktere nahezubringen suchte
und überdies noch nach dessen Entlassung 1862 den freundschaftlichen Kontakt
mehrere Jahren aufrechterhielt, der erst dann abbrach, als Röckel Wagners Verhältnis
mit Cosima von Bülow moralisch nicht mehr billigen wollte.
Ähnlich liegen die Dinge im Falle Bakunins und all den übrigen ungenannten
Personen, mit denen Wagner in jenen Dresdner Tagen engsten Kontakt hatte und
gemeinsame Aktionen plante, weil er weniger künstlerisch mit ihnen übereinstimmte
– das ästhetische Nicht-Verhältnis zu Bakunin ist in Mein Leben nachzulesen –, als
mit ihren politischen Forderungen auf soziale und politische Veränderungen über-
einstimmte. Alle diese Weggefährten, die sich wie Wagner nach dem Scheitern der
Revolution gezwungen sahen, ebenfalls ins Exil zu gehen und teilweise, wie Semper
etwa,Wagner in der Schweiz wiedertrafen, als bloße Politiker abzustempeln, welche
die künstlerischen Ideen und Perspektiven Wagners überhaupt nicht verstanden
hätten, ist schlichtweg falsch.
Im zweiten Kapitel seiner Biographie, das für die Bewertung des ›politischen Wag-
ner‹ zentral ist, setzt sich Chamberlain dann in vier Abschnitten mit Wagners Politik,
seiner Philosophie – beides bezeichnenderweise in Anführungsstrichen –, seiner
Regenerationslehre sowie seiner Kunstlehre auseinander. Hinsichtlich der Politik
greift Chamberlain den von Wagner immer wieder ins Spiel gebrachten Gegensatz
von Kunst und Politik auf, macht ihn zum entscheidenden Ausgangspunkt seiner
Überlegung, indem er den Künstler Wagner gegen jenen anderen Wagner ausspielt,
der »keine Befähigung für die Politik im engeren Sinne des Wortes besaß« und der
selbst die Konsequenzen aus der Einsicht in den »unüberbrückbaren Antagonismus
zwischen der künstlerischen und politischen Geistesanlage« sehr schnell gezogen
habe.
Gleichwohl hindert Chamberlain diese Feststellung nicht, die politischen Teile
der Schriften Wagners doch insofern ernst zu nehmen, als er sich die Mühe macht,
sie in seinen – und das heißt: im damaligen Bayreuther – Sinne zu interpretieren.
Dabei verfährt er insofern nicht ungeschickt, als er »den Eindruck direkter Wider-
sprüche« in Wagners Vorstellungen und Vorschlägen zunächst herausstellt und dann
nutzt, um scheinbar Unvereinbares als im höheren Sinne doch vereinbar und auf das
›Ganze‹ einer Weltanschauung abzielend vorzustellen. Die Begründung für dieses
Vorgehen ist allerdings nur abenteuerlich zu nennen: Chamberlain meint nämlich,
Widersprüche im Sinne der Philosophie und deren Bemühungen, diese aufzulösen,
seien der Ausdruck jener rationalen Logik, die sich in der Natur nirgends finde. Der
Künstler Wagner aber sei der Natur verpflichtet, d.h. der Wahrheit in einem höheren
Sinne, und eben dies erlaube es, scheinbar logische Widersprüche doch aufzulösen.
Es kommt, so muss man schließen, nicht auf die Logik an, sondern auf die Kunst der
Interpretation, die Logik in der Natur – was immer das heißt – aufzulösen vermag.
12 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

In diesem Sinne können dann nicht nur »plastische Widersprüche«22 in Wagners


Weltanschauung ›aufgelöst‹ werden, sondern auch dessen inhaltliche Forderungen
aus der Revolutionszeit durch vermeintlich damit unverträgliche oder sich aus-
schließende Forderungen uminterpretiert werden. Um zwei Beispiele zu geben: jene
Forderungen Wagners, die sich in seinen Revolutionstraktaten wie in den Zürcher
Kunstschriften finden und die in einem erheblichen Maße anschließen anVorstellungen
der radikal-demokratischen Opposition des Vormärz23, werden von Chamberlain im
Sinne völkischer Inhalte ausgelegt. So wird etwa Wagners Idee eines republikanischen
Königtums24 von Chamberlain als Wiederbelebung der germanischen Königsidee
interpretiert, die der Erbe-Verwalter folgendermaßen charakterisiert: »Freie Männer
unter der Führung eines Einherrschers: so treffen wir die verschiedenen Zweige der
Germanen an zur Zeit der Völkerwanderung«25; dies sei Wagners »poetisches Bild«
eines zukünftigen Königtums gewesen, darauf zielten seine Reden ab, die er in der
revolutionär aufgeheizten Stimmung des Mai 1849 gehalten habe. Ähnlich verfährt
Chamberlain im Hinblick auf den ›Widerspruch‹ von Religion und Kirche.Wagners
Anleihen bei Feuerbach in seinen Revolutionsschriften, die nicht nur Kirchenkritik,
sondern auch eine ideologiekritische Haltung gegenüber der Religion selbst bein-
halten26, übergeht er einfach. Stattdessen interpretiert Chamberlain die bei Wagner
in einem eher sozialpolitischen Sinne vorhandenen Berufungen auf Christus – etwa
in seinem Dramenentwurf Jesus von Nazareth – als Ausdruck einer »tiefreligiösen
Gesinnung«27. Infolge solcher interpretatorischen Akzentverschiebungen oder gar
gröberer Uminterpretationen erscheinen die Revolutionsschriften am Ende als ge-
nerelle und im Kern unpolitische Proteste des ›Meisters‹ gegen die vorherrschende
Heuchelei in allen Bereichen der Gesellschaft und zugleich als dessen Plädoyer für
die Wiederherstellung der ursprünglichen, unbeschädigten Moralität alter germa-
nischer Institutionen. In diesem Sinne lässt Chamberlain dann auch für Wagner die
Bezeichnung Revolutionär gelten – »Wagner war also ganz entschieden Revolu-
tionär« –, aber er besteht mit großem Nachdruck darauf, dass dessen revolutionäre
Gesinnung nur scheinbar mit den politischen Bewegungen seiner Zeit zu tun hatte,
in Wahrheit weit darüber hinausging und auf anderes zielte. So hält er es auch mit
jenem Anarchismus, der Wagners Denken bis in seine musikalische Kompositions-
technik hinein tief geprägt hat28; auch hier lässt er gelten, dass Wagner nur in einem
sehr spezifischen, d.h. strukturell entleerten Sinne Anarchist gewesen ist: »Die jet-
zige Welt wird als schlecht erkannt, und diese Erkenntnis bildet ein grundlegendes

22 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 160.


23 Vgl. Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 23 ff.
24 Vgl. dazu Richard Wagner, Wie verhalten sich republikanische Bestrebungen dem Königthume gegenüber?
in: GSD, Bd. 12, S. 218 ff, bes. S. 226 f.
25 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 168.
26 Vgl. Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 94 ff.
27 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 164. Das folgende Zitat auf S. 67.
28 Dazu Udo Bermbach, »Blühendes Leid«. Politik und Gesellschaft in Richard Wagners Musikdramen,
Stuttgart/Weimar 2003, S. 178 f.
Die ersten Biographien 13

Bekenntnis. Eine weitere Verwandtschaft zwischen Wagner und dem Anarchismus


gibt es nicht, hat es nie gegeben und konnte es nie geben«29.
Wagners Christuslehre, sein Monarchismus wie die spätere Regenerationslehre
lassen sich nach Chamberlain nicht mit Anarchismus vereinbaren – was in der Tat
dann richtig wäre, wenn Wagners Christuslehre, Monarchismus und seine Regene-
rationslehre im Sinne Chamberlains verstanden werden müssten.
Das systematische Vorgehen Chamberlains, Wagners Begriffe,Vorstellungen und
politisch-ästhetische Konzepte durch semantischeVerschiebung der zugrunde liegen-
den Begriffsinhalte wie durch deren assoziativen Anschluss an solche, die ihrerseits
in ihren inhaltlichen Festlegungen durch völlig andere Kontexte definiert sind, im
eigenen Sinne zu bestimmen, ›bewährt‹ sich nicht nur im Bereich der Politik; es
bestimmt auch die inhaltliche Umakzentuierung jener Philosophien, die für die
Entwicklung von Wagners Denken und die Herausbildung seines politisch-ästheti-
schen Konzeptes des Gesamtkunstwerks von entscheidender Bedeutung waren.Wie
Chamberlain dabei methodisch vorgeht, mag ein Beispiel aus einem völlig anderen
Zusammenhang noch einmal verdeutlichen.
Chamberlain, der ein beeindruckend gebildeter und belesener ›Privatgelehrter‹
war, eine Vielzahl von Sprachen beherrschte und die zu seiner Zeit wichtige deut-
sche, englische und französische Literatur kannte und besaß, und zwar aus vielen
Wissensbereichen30, hat in seinen als eine Beschreibung seines geistigen Entwick-
lungswegs anlegten Erinnerungen einige bezeichnende Beispiele für selektives Lesen
und selektive Rezeption gegeben, Beispiele auch für eine Methode, mithilfe derer
er die Schriften Wagners interpretiert. In seinem Buch Lebensweg meines Denkens
sticht dabei unter anderem die Bewunderung für Jean-Jacques Rousseau heraus, die
deshalb erstaunt, weil Rousseau mit seinen Schriften, vor allem mit seinem Contrat
social (1762), als einer der geistigen Vor- und Wegbereiter der Französischen Revo-
lution von 1789 gilt¸ zugleich als ein radikaler Vertreter der Volkssouveränität und
unbeugsamer Fürsprecher einer republikanischen Staatsform31 – nicht unbedingt
Leitideen in Chamberlains Denken. Gleichwohl widmet dieser dem französischen

29 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 177.


30 Die erhaltene Bibliothek Chamberlains, die sich noch immer im ehemaligen Arbeitszimmer seiner
Villa neben Wahnfried befindet und etwa 17000 Bände umfasst, belegt, wie intensiv er die zeitge-
nössischen Debatten – von der Kunst bis zur politischen Soziologie – verfolgt hat und auf seine
Weise daran Anteil genommen hat. Es würde sich mit Blick auf ein zutreffendes Bild des Chef-
Interpreten und Chef-Ideologen Alt-Bayreuths lohnen, diese Bibliothek daraufhin zu befragen,
was Chamberlain aus dieser Literatur, die ihm zur Verfügung stand, und auf welche Weise rezipiert
hat.
31 Dazu einführend Iring Fetscher, Rousseaus politische Philosophie. Zur Geschichte des demokratischen
Freiheitsbegriffs, Neuwied 1960 u.ö. Derselbe, Jean-Jacques Rousseau, in: Iring Fetscher/Herfried
Münkler (Hg.), Pipers Handbuch der politischen Ideen, Neuzeit: Von den Konfessionskriegen bis zur
Aufklärung, Bd. 3, S. 477 ff. sowie S. 525 ff. ausführlichere Literaturangaben. Ebenso Jean Starobinski,
Rousseau. Eine Welt von Widerständen, München/Wien 1988. Rousseaus Werke sind immer wieder in
verschiedenen deutschen Übersetzungen erschienen, eine Bibliographie kann hier nicht gegeben
werden.
14 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

Zivilisationskritiker einen ausführlichen Teil, weil er ihn als den »bedeutendsten


Buchkünstler französischer Zunge« und als »genial unbewußten Meister der mühelos
vollendeten Form zärtlich« verehre.32 Chamberlain vernachlässigt damit die politisch
brisanten Schriften des Genfer Denkers und legt den Akzent seiner Verehrung auf
dessen Confessions (1765/70), auf die literarischen und die der Musik geltenden
Schriften. Das läuft auf ein weitgehendes Ignorieren der wirkungsgeschichtlich
entscheidenden politischen Arbeiten hinaus, die auf diese Weise gleichsam entschärft
und ihrer obrigkeitskritischen und antimonarchischen Konsequenzen beraubt
werden: »Der allgemeine Fehler bei der Beurteilung Rousseau’s – ein Fehler, der
mich bis zur Raserei aufreizt – ist die Auffassung dieses Mannes als politischen und
sozialen Tendenzschriftstellers, statt als Künstler; über die Tendenzen wird dann hin
und her gestritten, und es kommt niemals etwas erquickliches dabei heraus, weil wir
die zugrunde liegenden Annahmen als phantastisch und oft voll unlösbarer Wider-
sprüche anerkennen müssen. Richtig ist ja, dass Rousseau kaum zum Schreiben zu
bewegen war, wenn nicht ein nahes praktisches Ziel ihm vor Augen gestellt wurde,
und insofern sind alle seine Schriften ›Tendenzschriften‹ – selbst mit den Confessions
beabsichtigte er die Belehrung und dadurch Besserung seiner Mitmenschen, und mit
der Nouvelle Héloise wähnte er die Versöhnung zwischen Glauben und Unglauben
anzubahnen (vgl. Brief vom 24.6.1761); das aber gerade sind Rousseau’s Illusionen,
und es ist töricht von uns, sie uns zu eigen zu machen, denn daher entspringt alles
Mißverstehen.«
Zu solchen ›Illusionen‹ zählt Chamberlain offenbar die Absichten, die Rous-
seau mit seinen politischen Essays verband, von seinem Discours sur l’origine et les
fondements de l’inégalité parmi les hommes (1755) über De la societé génerale du genre
humaine (1755), über verschiedene Lettres, in denen sich immer wieder zahlreiche
politische Reflexionen finden, bis hin zu seinem Contrat social. Gewiss ist richtig,
dass Rousseaus Werk »nicht im Politischen, nicht einmal im Staatsphilosophischen«
aufgeht, er »ein Poet, ein künstlerischer Mensch; ein Lyriker und Romancier, ein
nicht unbedeutender Komponist«33 war, dessen Arbeiten die Bereiche der Pädago-
gik, Politik, Theologie, politischen Ökonomie und umfangreiche Abhandlungen
zur Musiktheorie umfassen. Wer die wichtigste der kaum mehr überschaubaren
Literatur zu Rousseau durchforstet, bemerkt indessen sehr bald die Ambivalenzen,
Vieldeutigkeiten, auch Widersprüche, die dessen Werke durchziehen und diese
für viele ideenpolitische Richtungen anschlussfähig machen, von republikanisch-
demokratischen bis hinzu totalitären Traditionen.34 Doch unbeschadet solcher

32 Houston Stewart Chamberlain, Lebenswege meines Denkens, München 1922, S. 356 ff. Das folgende
Zitat auf S. 357 f.
33 Hans Maier, Jean-Jacques Rousseau, in: Hans Maier/Heinz Rausch/Horst Denzer (Hg.), Klassiker
des politischen Denkens, München 1987, Bd. 2, S. 87 f. Zu Rousseau als Komponist des Singspiels Le
devin du village (1752) vgl. Udo Bermbach, Aufbruch in eine schlichte Moderne, in: derselbe, Wo Macht
ganz auf Verbrechen ruht. Politik und Gesellschaft in der Oper, Hamburg 1997, S. 79 ff.
34 Für den ›demokratisch‹ interpretierten Rousseau steht die in Anm. 31 zitierte Arbeit von Iring
Fetscher; für den ›totalitären Rousseau u.a. die klassische Untersuchung von J.L. Talmon, Die
Die ersten Biographien 15

Ambiguitäten und sich widersprechenden Interpretationen: aus alledem die Politik


herauszusezieren, wie Chamberlain dies tut, indem er behauptet, dass Rousseau ein
leidenschaftliches, ganz und gar unfranzösisches Künstlerherz besitzt, von Musik
durchdrängt, der Natur schwärmerisch hingegeben, und dass er aller Gelehrsam-
keit – als solcher –, namentlich aber allem Literatentum nicht allein infolge seiner
angeborenen Anlagen fernsteht, sondern sie, »nachdem sein Schicksal ihm auf diesen
Gebieten reiche Erfahrung zugeführt hatte, von ganzer Seele haßt«,35bedeutet denn
doch eine unzulässige Vereinseitigung eines wirkungsmächtigen Denkers, bedeutet
die Reduktion seiner umstürzenden politischen und sozialen Thesen auf einen
Sprachartisten, dessen »Handhabung der französischen Sprache … als ein Wunder
anzustaunen« eine unstatthafte Deutungsverengung ist. Das Beispiel Rousseau zeigt
mit allem Nachdruck: es ist stets dasselbe Verfahren, nach dem Chamberlain sich
den von ihm bevorzugten Autoren nähert: deren Interessens- und Werkbreite wird
auf das focusiert, was Chamberlain für wichtig hält; ihre Intentionen, sofern sie ihm
problematisch erscheinen, werden umgedeutet durch Weglassen, partielles Ignorieren
und Herunterspielen jener Schriften, Zitate, Vorstellungen, Eingebungen usw., die
seinen eigenen Interpretationsvorgaben widersprechen.
Dass unter solchen ›methodischenVorgaben‹ für die Wagner-Interpretation Hegel
und die ihm nachfolgenden Links-Hegelianer kaum eine Chance haben, als ernsthafte
Einflusskandidaten auf das Denken des ›Meisters‹ wahrgenommen zu werden, kann
kaum erstaunen, zumal Wagner selbst diesen für sein Denken prägenden Traditions-
strang kaum erwähnt hat. Dass allerdings auch Feuerbach, trotz seines »makellosen
Charakters«, ähnlich abgekanzelt wird, weil dessen »Lektüre uns fast ebenso trostlos
langweilt wie die der Reden im Frankfurter Parlament«36, muss schon erstaunen.
Chamberlain spricht Feuerbachs Denken eine philosophische Qualität ab und re-
duziert Wagners Verhältnis zu dessen Schriften, die doch bis zum Parsifal nahezu alle
seine Werke entscheidend prägen37, auf ein »moralisches«, auf »die Sympathie für eine
auf das rein Menschliche gewandte Geistesrichtung«38. Gegen alle Fakten behauptet
er die »auffallende Tatsache, daß wir in Wagner’s Schriften aus der Züricher Zeit nur
einige ganz allgemeine Berührungspunkte mit Feuerbach antreffen, aber gar keine
eigentlich philosophischen«.
Hatte Feuerbach nach Chamberlains Einschätzung »dem Meister einige Formeln
für sein Denken geliefert …: Bausteine, Ziegeln, Schutt, Marmorblöcke, alles durch-
einander«, so war dagegen Schopenhauer »ein ihm zur Seite stehender Architekt«.
Chamberlain zufolge hat Schopenhauer die schon immer vorhandenen Intentionen
Wagners, seine Weltanschauung, gleichsam in Form gebracht und damit dem ›Meister‹

Entstehung der totalitären Demokratie, Köln/Opladen 1960.


35 Houston Stewart Chamberlain, Lebenswege, S. 357. Die folgenden Zitate auf den Seiten 356; 187.
36 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 186.
37 Dazu Ulrike Kienzle, »…daß wissend würde die Welt«. Religion und Philosophie in Richard Wagners
Musikdramen, Würzburg 2005.
38 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 188. Die folgenden Zitate auf den Seiten 188;
191; 193.
16 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

die »Rückkehr in die ureigene Heimat« ermöglicht. In diesem Sinne unterzieht


Chamberlain die Zürcher Kunstschriften einer durchgreifenden Interpretationsrevision,
indem er vor allem deren indirekte Bezüge auf Feuerbach als intuitiveVorwegnahme
zentraler Philosopheme Schopenhauers ausgibt39. So wird, um ein Beispiel zu ge-
ben, Wagners Satz aus Das Kunstwerk der Zukunft: »Die Natur erzeugt und gestaltet
absichtslos und unwillkürlich nach Bedürfniß, daher aus Nothwendigkeit; dieselbe
Nothwendigkeit ist die zeugende und gestaltende Kraft des menschlichen Lebens;
nur absichtslos und unwillkürlich, entspringt dem wirklichen Bedürfnisse, nur im
Bedürfnisse liegt aber der Grund des Lebens«40 als ein »unter Feuerbachscher Maske
Kant-Schopenhauerscher Gedanke«41 etikettiert, obgleich der Natur-Begriff, der
hier gemeint ist, mit dem Feuerbachs völlig übereinstimmt. Chamberlain dagegen
konstatiert, Wagner »quäle« sich in den Zürcher Kunstschriften mit Feuerbach »in
dem vergeblichen Streben, sich selbst zu begreifen und sich anderen verständlich
mitzuteilen.« Dort aber, wo er klar rede, antizipiere er die Gedanken Schopenhauers
– was unmissverständlich so gemeint ist, dass Wagner, sobald er zu sich selbst kommt,
die philosophischen Anstöße aus der Zeit des deutschen Vormärz mit den gärenden,
politisch auf grundlegendeVeränderungen zielenden Anregungen hinter sich lässt und
ins ruhigere Fahrwasser eines reflektierten, tragischen Weltverständnisses übergleitet.
Das hat paradoxerweise auch die Konsequenz, dass Chamberlain Wagner mithilfe
des Philosophen Schopenhauer in Teilen zum Anti-Philosophen stilisiert. Bereits
mit der Antizipation Schopenhauers und erst recht dann mit Wagners 1854 begin-
nender Rezeption von Die Welt als Wille und Vorstellung kommt diese Entwicklung
bei Wagner – so Chamberlain – zustande. Daraus resultiere, dass beim ›Meister‹ das
Gefühl stets denVerstand dominiert habe, die abstrakte Erkenntnis der anschaulichen
nachgeordnet gewesen sei, weshalb von einer »sekundären Natur des Intellektes
überhaupt« gesprochen werden müsse. Diese Hinwendung zum Emotionalen sei
durch die Rezeption Schopenhauers systematisch gestärkt worden42. Bereits in den
Revolutions-Schriften der Züricher Zeit sieht er inhaltliche Positionen, die eigentlich
nur darauf warten, mit Schopenhauers Philosophie fusioniert zu werden: »In der
Metaphysik der Natur ahnte Wagner Schopenhauer’s Lösung des Problems; in der
Metaphysik des Schönen verhinderte einzig das mangelhafte Begriffsschema die volle
Übereinstimmung, noch ehe er Schopenhauer’s Philosophie kennengelernt hatte; in
der Metaphysik der Sitten herrschte spontane absolute Identität in der praktischen
›moralischen‹ Anwendung«43.
Allerdings: er räumt auch ein, dass Wagner mit seinen sogenannten Regenerati-
onsschriften diesen Pessimismus verabschiedet habe, dass sich große Teile von Religion

39 Vgl. dazu ebenda, S. 194 ff.


40 Richard Wagner, Das Kunstwerk der Zukunft, in: GSD, Bd. 3, S. 42.
41 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 194. Das folgende Zitat hier, danach S. 195.
42 Zum Verhältnis von Gefühl und Verstand in Wagners Zürcher Kunstschriften vgl. Udo Bermbach,
Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 185 ff.
43 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 197 f. Die folgenden Zitate auf den Seiten 199 f.;
203; 202; 210; 209.
Die ersten Biographien 17

und Kunst mit Schopenhauers Philosophie nicht vereinbaren lassen. So bleibt am


Ende Schopenhauer derjenige, der die Gedankenwelt Wagners klärt und ordnet, ihr
das philosophische Gerüst einzieht und so zum befeuernden Anreger wird, der die
»Erstarkung des ganzen Menschen« bewirkt. Denn: »geniale Kunst (enthält) ›alle
Weisheit‹, geniale Philosophie dagegen immer nur eine fragmentarische Weisheit«.
Das oben skizzierte ›methodische Vorgehen‹ Chamberlains wird auch bei den
sogenannten Regenerationsschriften Wagners angewandt: »Das Nebeneinanderbe-
stehen von Widersprüchen, die nur scheinbar kontradiktorische Gegensätze sind, in
Wirklichkeit aber sich ergänzende und bedingende Bestandteile einer mächtigen und
– namentlich auch – wahrhaftigen, organisch gewachsenen, nicht in systematischen
Lügen befangenen Intelligenz«, erlaubt, wie Chamberlain glaubt, »die harmonische
Gestaltung dieser genialen Weltanschauung – denn Wagner’s Regenerationslehre
ist eine ganze, umfassende Weltanschauung«. Eine erstaunliche Aussage insoweit, als
die letzten Schriften im Umkreis der Parsifal-Komposition eher Appendices zu dem
sind, was Wagner in den Jahren zuvor, vor allem, was er in seiner Züricher Zeit, an
sehr viel systematischer angelegten Entwürfen geschrieben hatte.
Die Regenerationslehre Wagners und ihre Interpretation durch Chamberlain
wird an anderer Stelle dieses Buches ausführlich dargestellt,44 muss aber im vorlie-
genden Zusammenhang wenigstens in aller Kürze skizziert werden, damit deutlich
wird, wie diese das Bild Wagners in der offiziellen Bayreuther Rezeption beeinflusst.
Grundlegend nach Chamberlain ist die Einsicht Wagners, dass die gesellschaftlichen
Verhältnisse »grundschlecht«45 sind. Um dies zu belegen, zitiert er über Seiten seiner
Biographie einschlägige Aussagen Wagners, die sich in dessen Revolutionstraktaten
und den Zürcher Kunstschriften finden. Konkrete Hinweise Wagners auf konkrete
gesellschaftliche und ökonomische Tatbestände werden von Chamberlain zwar
enummeriert, dann aber – ohne weitere Begründung – zu »Gründen zweiter Ord-
nung« erklärt, weil sie seiner Meinung nach hinter dem entscheidenden Grund,
dem »moralischen Einfluß des Judentums«, zurücktreten. Das ist, gemessen am Argu-
mentationshaushalt Wagners, eine gravierende Interpretationsverschiebung, die den
Akzent weg von den gesellschafts- und politiktheoretischen Aussagen Wagners hin
zu seinen erst in den Spätschriften wirklich relevant werdenden Rassevorstellungen
setzt. Nach Chamberlain ist bei Wagner der »Verderb des Blutes«, verursacht durch
falsche Nahrung und die Vermischung edler Rassen mit weniger edlen, der alles
entscheidende Grund für den zivilisatorischen Verfall, den das Judentum mit seinem
demoralisierenden Einfluss noch verstärkt.
In gewisser Weise entschärft Chamberlain aber diese Position Wagners an-
schließend wieder, wenn er von dessen Antisemitismus meint, zu der Zeit, da von
Wagner Das Judenthum in der Musik publiziert worden sei, seien »alle Nichtjuden
eigentlich Antisemiten (gewesen), von den Demokraten kommunistischer Färbung

44 Vgl. dazu in diesem Buch Der Bayreuther Gedanke, S. 179 ff.


45 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 215. Die folgenden drei Zitate auf der Seite 220;
danach S. 225.
18 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

an bis zu den Ultrakonservativen«. Damit wird konstatiert, Wagners Antisemitismus


sei keineswegs aggressiver gewesen als der in der Gesellschaft seiner Zeit allgemein
vorherrschende. Und eine solche Feststellung wird noch dadurch unterstrichen, dass
Wagners Schlussformel in dieser Schrift: »die Erlösung Ahasver’s – der Untergang«
im Sinne des »gemeinschaftlich mit uns Mensch werden« interpretiert wird, also
nicht das meint, was heute gelegentlich als »eliminatorischer Antisemitismus«46 oder
auch als »Erlösungsantisemitismus«47 bezeichnet wird. Nach Chamberlain verdichtet
sich Wagners Antisemitismus in dessen Überzeugung, die Juden lebten »von der
Ausbeutung des allgemeinen Verfalls«48, seien also nicht selbst die Ursache dieses
Verfalls. Auch die Propagierung vegetarischer Lebensweise durch Wagner erfährt
einen massivenVorbehalt: Chamberlain verweist auf das Fehlen jeglicher empirischen
Grundlage bei Wagner und hält diesen Teil der Regenerationslehre offensichtlich
für den Ausdruck der künstlerischen Phantasie49.
Für Chamberlain spielen die Regenerationsschriften auf drei Ebenen: auf der ma-
teriell-empirischen, auf der transzendent-metaphysischen und der mystisch-religiösen,
und alle drei Ebenen werden durch den Wagnerschen Kunstanspruch zusammenge-
führt. Diese Differenzierung bietet den Vorteil, dass alle problematisch bis absurden
Altersvorstellungen Wagners je nach Belieben von der einen auf die andere Ebene
verschoben werden können. So sind die eben erwähntenVegetarismus-Vorstellungen
Wagners wie auch andere Überlegungen zur praktischen Lebensführung, von diesem
sehr konkret gemeint, nur ›Bilder‹ eines inneren Reformprozesses: »Es könnte leicht
geschehen, daß eine zu konkrete Auffassung von Dingen, die nur den Wert von
Argumenten, von Bildern besitzen, über die Grundwahrheit einer vielleicht weder
geschichtlich noch experimental zu erweisenden Tatsache täuschen und irreleiten
würde«, heißt es bei Chamberlain, wobei allerdings offen bleibt, wieso Thesen, die
weder historisch noch naturwissenschaftlich beweisbar sind, als ›Grundwahrheiten‹
des Lebens fungieren können.
Ähnliche Schwierigkeiten einer ›harmonischen Gestaltung‹ von Wagners ›genialer
Weltanschauung‹ in seinen letzten Schriften ergibt dessen philosophisches Berufen
auf Schopenhauer. Chamberlain kann nicht umhin einzuräumen, dass Wagners
Hoffnung auf Regeneration mit Schopenhauers Weltverneinung kaum einhergeht,
doch er löst sein Problem, indem er dem »kühnen Sprung« in die Hoffnung einer
gesellschaftlichenVeränderung Wagners attestiert. Dieser habe mit »unfehlbarer Rich-
tigkeit erkannt, daß dieVerneinung des Willens zum Leben … sich immer als höchste
Energie des Willens selbst charakterisiere; von diesem Sprungbrett aus erreicht er
nun die Überzeugung, daß, wer mit klarem Verstand den Verfall erkenne und wer

46 Daniel Jonah Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker: Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust,
Berlin 1996.
47 Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933–1939, München 1998,
S. 87 ff.
48 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 229.
49 Ebenda, S. 232 ff. Chamberlain zitiert in diesem Zusammenhang Wagners Begriff vom »Phanta-
siebild«, vgl. S. 234. Die folgenden Zitate auf den Seiten 234; 238.
Die ersten Biographien 19

zugleich diese höchste Energie des Willens besitze, alles, was zu seiner Regeneration
not tut, in der Hand halte … und des Heiles Herr« sei. Stimmte diese Interpretation,
dann wäre die von Chamberlain immer wieder betonte Bedeutung Schopenhauers
für Wagners Schaffen in einem zentralen Punkt falsch; der Widerspruch ließe sich
allerdings dann auflösen, wenn Wagners Rezeption der Philosophie Feuerbachs als
für sein Schopenhauer-Verständnis entscheidend hinzugezogen würde50.
Weniger problematisch zeigt sich für Chamberlain das Verhältnis von Kunst und
Religion – der dritte große Themenkomplex der Regenerationsschriften. Daß die
Kunst den »Kern der Religion« retten soll – wie es in Religion und Kunst heißt –, um
durch deren mythische Symbole »die in ihnen verborgene tiefe Wahrheit«51 zu zeigen,
ist für ihn der Ausgangspunkt seiner Interpretation. Freilich: auch hier vollzieht er
eine interpretatorische Akzentverschiebung insoweit, als er nicht nur wie Wagner
die Kunst in ihrer eigenen Würde an die Stelle der Religion setzen will, sondern
glaubt, die Kunst könne ihre Kraft nur aus einer »wahrhaften Religion« (Wagner)
ziehen und habe deshalb die Grundüberzeugungen des christlichen Glaubens zur
Voraussetzung, die sie zugleich auch repräsentiere solle: »Denn ist die Mitwirkung
der Kunst für den Wiedergewinn einer wahrhaften Religion unentbehrlich, so ist
andererseits wahrhafte Kunst nur als eine Emanation der Religion denkbar.« Diese
These, die sich so keineswegs auf Wagner berufen kann52, ist freilich in Chamber-
lains – und Bayreuths – Wagner-Verständnis zentral; sie ist das Fundament jener
Sakralisierung Wagners, die teilweise bereits vor seinem Tode, massiv aber danach in
Bayreuth einsetzte und das Festspielhaus zum ›Tempel‹ erklärte.

***

Sowohl Glasenapps als auch Chamberlains Wagner-Biographie zeigen eindringlich,


wie wenig Wagners Verhalten und politisch-gesellschaftliche Vorstellungen aus der
Zeit des deutschenVormärz und der deutschen Revolution von 1848/49 in das später
gepflegte Bild vom deutschen Nationalkomponisten passen wollte. Um dieses Bild
entwerfen und unstrittig etablieren zu können, verfolgten beide Autoren ähnliche
Strategien: beide räumen ein, weil es aufgrund der Fakten nicht zu leugnen ist, dass
Wagner sich revolutionär betätigt und in seinen Schriften wie Briefen die Revolu-
tion herbeigewünscht hat. Aber die politischen Inhalte werden bei Glasenapp nicht
expliziert und analysiert, das Revolutionsengagement Wagners selbst als Wunsch
nachVeränderung des vorherrschenden Kulturlebens gedeutet, ein Wunsch, der nicht
das bestehende politische System tangiert, wohl aber die Lebenseinstellung und das
Kulturverständnis der Intellektuellen wie der Bevölkerung. Dass diesem Verständ-
nis von Revolution eine spezifisch deutsche Komponente – als Hinwendung zu
abgerissenen vormodernen Traditionen – beigemischt ist, versteht sich von selbst.

50 Vgl. Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 286 ff.


51 Richard Wagner, Religion und Kunst, in: GSD, Bd. X, S. 211.
52 Vgl. Udo Bermbach, »Blühendes Leid«, Kapitel: Parsifal, S. 288 ff.
20 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

Wagner knüpft in seinem Wirken gleichsam an Traditionen an, die unbeschädigt


durch revolutionäre Bewegungen hindurch gekommen sind.
Ähnlich unterlegt auch Chamberlain dem Revolutionsverständnis Wagners einen
entschieden lebensreformerischen und kunstverändernden Sinn, spielt die aufkläre-
rischen und politisch radikal-demokratischen wie sozialistisch und anarchistischen
Überzeugungen des ›Meisters‹ herunter und wertet jene Elemente auf, die sich zu
einem völkischen Nationen- und Politikverständnis in engere Beziehung setzen
lassen. Wenn er an einer zentralen Stelle seines Buches schreibt, Wagner habe sich
ein Leben lang für ein »einiges, starkes Deutschland im Gegensatz zu dem partiku-
laristisch zerbröckelten, machtlosen Bund« 53 eingesetzt, ignoriert er damit dessen
politische Priorität für föderale Strukturen, die nicht zuletzt durch seine geradezu
enthusiastische Verehrung von Constantin Frantz dokumentiert sind, und verfälscht
in einem wichtigen Punkt Wagners politisches Denken ins Gegenteil.Wenn er dann
das »eigentlich Politische« bei Wagner darin sieht, dass sich »echte Vaterlandsliebe«
durch die »Liebe zur eigenen Familie« über »die Heimat« zum »großen Deutschland«54
dokumentiert, eliminiert er alle Politik, die Wagner je betrieben und gedacht, zu-
gunsten eines vagen Sozialromantizismus, der sich mit völkischen Positionen gut
verbinden ließ.

Biographien in der Kiellinie


Glasenapp und vor allem Chamberlain haben mit ihren Biographien unzähligen
Autoren die Interpretationsrichtung für jeweils eigene Wagner-Biographien vor-
gegeben, darunter sehr häufig für solche Arbeiten, die zumeist ohne allen wissen-
schaftlichen Anspruch auftraten und nur ein leicht lesbares Porträt des ›Meisters‹
für ein sich anstrengungslos grob informieren wollendes Bildungsbürgertum bereit
stellten. Auf diese Flut populär geschriebener Lebens- und Werkberichte braucht
hier nicht eingegangen zu werden. Wohl aber auf einige wenige ausgewählte Bio-
graphien, die von seriösen Autoren, nicht zuletzt Musikwissenschaftlern, verfasst
worden sind, und die in der allgemeinen Debatte über Wagner eine wahrnehmbare
Rolle gespielt haben.
Als erste unter diesen Biographien ist die 1910 erschienene Arbeit von Julius
Kapp55 zu nennen, der sich das Ziel setzt, gegenüber dem »Ideal-Wagner«, wie er

53 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 151. Es ist bezeichnend, dass Constantin Frantz,
der für Wagner gerade während der letzten Jahre seines Lebens ein politisch eminent wichtiger
Briefpartner war und dessen Föderalismus-Projekten Wagner enthusiastisch zustimmte, von Cham-
berlain nicht erwähnt wird. Zum Verhältnis Wagner – Frantz vgl. Udo Bermbach, Der Wahn des
Gesamtkunstwerks, S. 337 ff.
54 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 151.
55 Julius Kapp, Richard Wagner. Eine Biographie; Berlin 1910; Julius Kapp (1883–1962) studierte in
Marburg, Berlin und München Musik- und Literaturwissenschaften. Nach seiner Promotion
zum Dr. phil. 1906 widmete er sich vor allem musikalisch-biographischen Arbeiten.Von 1921 bis
Biographien in der Kiellinie 21

durch Bayreuth in »einer heute gewünschten Beleuchtung« propagiert wird, »eine


möglichst wahrheitsgetreu ungefärbte Darstellung des Lebens zu geben, die mit
liebevoller Begeisterung den Entwicklungslinien nachspürt, ohne dabei jedoch
eine ruhige, auch den Nebenpersonen Gerechtigkeit widerfahrende Objektivität
zu verlieren.«56
Dieses Programm erfüllt und erschöpft sich in der Erzählung und Aufzählung
des rein Privaten, der persönlichen Entwicklung Wagners als Kind und Jugendlicher,
im verwandtschaftlichen Umfeld, in den wechselnden Beziehungen zu all den Per-
sonen, die in Wagners Leben jemals eine Rolle gespielt haben. Kapp schreitet die
einzelnen Stationen dieses Lebens ab und gibt eine Chronologie, die nahezu alle
intellektuellen Einflüsse, von der Philosophie bis zur Politik, konsequent ausblendet.
Und dort, wo es sich denn gar nicht vermeiden lässt, Wagners Lebensentwicklung
auch mit den politischen Ereignissen der Zeit in Verbindung zu bringen, werden
diese nur kurz erwähnt, nie ausführlicher thematisiert oder gar analysiert.Wider alle
Tatsachen erklärt Kapp,Wagner sei erst in Dresden »zum erstenmal in direkte Fühlung
mit den politischen Faktoren der damaligen Zeit« getreten, und er gesteht zugleich
zu, dass Wagner schon länger ein Anhänger der Revolution gewesen sei, »aber nur
aus rein künstlerischen Gründen, da er sich aus einer allgemeinen Umwälzung die
Möglichkeit der Verwirklichung seiner künstlerischen Pläne versprach. Mit den rein
politischen Strömungen seiner Zeit war er noch nicht in Verbindung.«
Demzufolge werden auch seine Revolutionsschriften vollkommen herunterge-
spielt. Über die Republikanischen Bestrebungen dem Königthume gegenüber schreibt Kapp,
Wagner habe sich mit deren »phantastischen Erörterungen keine Freunde« erwor-
ben und sich daher als Künstler gleich wieder enttäuscht vom politischen Treiben
abgewandt.Von Der Mensch und die bestehende Gesellschaft sowie Die Revolution heißt
es lapidar, beide Schriften zeigten, »wie fremd die ideale Schwärmerei Wagners der
nüchternen Realität gegenüberstand«: »Durch Röckel und die ihn faszinierende
Erscheinung des Russen Bakunin, eines Hauptanführers der Revolutionäre, war
Wagner in die Bewegung hineingerissen worden, sein leicht entzündbarer En-
thusiasmus und sein lebhaftes Temperament hatten ihm die kritische Überlegung
geraubt. Sonst hätte er leicht erkennen müssen, wie wenig im Grunde die ganze
Achtundvierziger-Bewegung mit seinen Plänen gemein hatte, und daß für ihn, selbst
im Falle des Gelingens, gar nichts daraus gewonnen werden konnte. Es war eine

1945 war er Dramaturg der Berliner Staatsoper, gab seither die Blätter der Staatsoper Berlin heraus.
Von 1948–1954 war er im künstlerischen Beirat der Städtischen Oper Berlin (West) tätig, lebte
anschließend im Allgäu als freier Regisseur und Autor. Kapp schrieb eine Vielzahl von Büchern,
u.a. Liszt. Eine Biographie, Berlin 1909; Richard Wagner und die Frauen. Eine erotische Biographie, Berlin
1912; Berlioz, Berlin 1917; Giacomo Meyerbeer; Berlin 1920; Franz Schreker. Der Mann und sein Werk,
Berlin 1921; Die Oper der Gegenwart, Berlin 1922; Geschichte der Staatsoper, Berlin 1937. Kapp gab
Wagners Werke in einer 16bändigen Ausgabe heraus: Richard Wagner, Gesammelte Schriften und
Briefe, Leipzig 1914. Er bearbeitete auch zahlreiche Opern von Berlioz, Meyerbeer,Verdi, Wagner,
Rossini und Tschaikowsky.
56 Julius Kapp, Richard Wagner, S. X. Die folgenden Zitate auf den Seiten 31; 32; 34; 38.
22 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

verhängnisvolle Selbsttäuschung. … Wieweit er sich tatsächlich an der Revolution


beteiligt hat, ist nicht einwandfrei klargestellt; fest steht nur, daß er im Übereifer und
in künstlerischem Fanatismus Unüberlegtheiten beging, die ihm nach Niederwerfung
des Aufstandes gefahrvoll werden konnten …«.
Mehr weiß Kapp nicht zu der für das weitere Leben Wagners tief eingreifenden
Beteiligung am Aufstand vom Mai 1849 zu sagen, außer der Anmerkung, der Zwang,
ins Exil zu gehen, habe Wagner zu sich selbst als Künstler gebracht, wie ein »auf-
klärendes Gewitter« gewirkt und dadurch jene Selbstbesinnung auf die eigentliche
künstlerische Bestimmung herbeigezwungen, die es Wagner dann erlaubte, sich
ganz auf sein Werk zu konzentrieren. Es steht außer Frage: in der Privatisierung
der Lebenskontexte Wagners fällt Kapp noch weit hinter Chamberlain zurück, und
er erspart sich damit alle Schwierigkeiten einer Uminterpretation der durchaus
bekannten Fakten in politicis. Ähnlich ignorant verfährt er in Bezug auf Feuerbachs
und Schopenhauers Einfluss: beide Philosophen, die über weite Strecken das Denken
Wagners tief geprägt haben, werden mit einem knappen Satz erwähnt und zugleich
abgetan57, für die Darstellung von Wagners Entwicklung haben sie – nach Kapp –
angeblich keinerlei Bedeutung.
Dass diese Biographie, wie vom Autor postuliert, gegen die von ›Bayreuth ge-
wünschte Beleuchtung‹ geschrieben ist, lässt sich nur schwer erkennen, es sei denn,
man wertet jegliches Fehlen von Beschwörungen Wagners als Repräsentanten des
Germanischen und Deutschen, als ›Meister‹ der höchsten Entfaltung deutscher
Kunst und deutscher Gesinnung, als Moralist für die Regeneration der deutschen
Nation usw. in diesem Sinne. Dass diese Biographie nur acht Jahre nach ihrem ersten
Erscheinen, also 1921, bereits in der 27. Auflage vorlag, also als äußerst erfolgreich
bezeichnet werden kann, erklärt sich vermutlich genau aus ihren Mängeln: einem
bildungsbürgerlichen Publikum von eher konservativer Einstellung waren die po-
litischen Aktivitäten Wagners von jeher suspekt und brauchten daher auch nicht
erinnert, schon gar nicht ausführlich erläutert und analysiert zu werden. Je weniger
von Politik bei Wagner die Rede war, umso erfolgreicher konnte offensichtlich das
entsprechende Buch sein.
Das gilt in ähnlicher Weise auch für die von Ferdinand Pfohl verfasste, 1911 er-
schienene Biographie, die zu ihrer Zeit als ein Standardwerk galt und weitverbreitet
war.58 Es ist ein Werk, das gleich eingangs den »Dichter und Denker«, den »Philoso-

57 Zu Feuerbach ebenda, S. 38; zu Schopenhauer, ebenda, S. 52; zu Nietzsche, ebenda, S. 104.


58 Ferdinand Pfohl, Richard Wagner. Sein Leben und Schaffen, Berlin/Wien 1911. Ferdinand Pfohl
(1862–1949) Musikschriftsteller und Komponist, lebte anfangs in Leipzig und schrieb dort für
verschiedene deutsche Tageszeitungen. 1892–1932 war er Redakteur der Hamburger Nachrich-
ten, ab 1908 zugleich dort am Vogtschen Konservatorium Mitdirektor und Lehrer für Theorie,
Musikgeschichte,Vortrag und Stil und ab 1913–1934 Professor. 1923 ernannte ihn die Universität
Rostock zum Dr. phil. h.c. Er war zu seiner Zeit auch als Komponist geschätzt, seine Werke, vor-
wiegend Lieder und Instrumentalmusik in der Tradition der Romantik, wurden häufig aufgeführt.
Pfohl schrieb neben Richard Wagner eine Reihe von Büchern, u.a.: Die moderne Oper, Leipzig 1894;
Die Nibelungen in Bayreuth, Dresden 1897; Arthur Nikisch, Leipzig 1900/Hamburg 1925; Beethoven,
Biographien in der Kiellinie 23

phen und Denker«, den »Deuter und Erhöher des Lebens« als eine der »ganz großen
Naturgewalten« vorstellt, die »über alle politischen und nationalen Engen hinweg in
den Besitz der Menschheit neue Werte und ein neues Glück hineingetragen haben.«59
Pfohls Biographie setzt ihre Akzente auf die musikdramatischen Werke Wagners,
bettet diese nur gelegentlich und sparsam in den gesellschaftlichen und politischen
Lebenskontext ein. Obwohl im Duktus und der Deutung von allen völkischen Ver-
einnahmungen entschieden entfernt, finden sich doch auch hier die dem Zeitgeist
geschuldeten Formulierungen, Wagners Kunst sei »germanisch und christlich, und
mit diesen beiden Eigenschaften wird sie eine wundervolle Blüte aller europäischen
Kultur, die, nach einem Ausspruch des Grafen Gobineau, überall germanisch und
christlich ist. … Was Wagner als Dramatiker,Wiederentdecker und kraftvoller Bildner
uralter tiefsinniger deutscher und deutsch gewordener Sagenstoffe an germanischem
Urwesen und reinster germanischer Seele dem deutschen Volke geschenkt hat, das
wird man ermessen, wenn man sich dessen bewußt bleibt, daß die Kenntnis der
Nibelungensage, des Sagenkreises vom heiligen Gral in der Zeit vor der Erschaf-
fung der Wagnerschen Dramen zwar einer kleinen Gemeinde von Gelehrten und
Literaturprofessoren geläufig war, niemals aber den Weg in das allgemeine Wissen
des Volkes gefunden hatte, aus dessen Herzen diese Sagen doch hervorgequollen;
Stücke vom Leben des Volkes, dem Volke entfremdet, der großen Allgemeinheit
unzugänglich, wie der versenkte Nibelungenhort selbst.«
Dieses Beispiel, das zeigt, wie sehr Pfohl mit seiner Einordnung des ›Meisters‹
dem Bayreuther Selbstverständnis nahe kommt, ließe erwarten, dass auch in dieser
voluminösen Biographie der revolutionäre Wagner eher an den Rand geschoben
und als Abirrung vom wahren Pfad der musikalischen Tugend charakterisiert wird.
Und in der Tat: Pfohl erwähnt – natürlich, muss man sagen – Wagners revolutionäre
Aktivitäten, aber sie werden, wie schon bei Glasenapp und Chamberlain, entschärft
und verharmlost, wenngleich nicht ins Gegenteil umgebogen oder lediglich zur
Anstrengungen für eine Reform des Theaterbetriebs ausgegeben. Dass die Zeit
»reif« für die Revolution war, ist eine mit Bezug auf das Bayreuther Selbstverständnis
schon erstaunliche Bemerkung; dass es Wagner um die »soziale Republik, ein Zeit-
alter allgemeiner Glückseligkeit, das Lebensgebiet auch einer neuen großen Kunst«
ging, könnte als Schritt hin zur Anerkennung des ›Revolutionärs‹ Wagner verstanden
werden. Pfohl referiert auch ausführlich Wagners Rede vor demVaterlandsverein von
184860, doch er interpretiert die darin erhobenen »demokratischen« Forderungen –
der König als ersten Diener des Staates, als ›allechtester Republikaner‹, die Abschaf-
fung des Adels und aller Titel, die Schaffung eines Volksheeres, eines Parlamentes,
soziale Reformen und Abschaffung des Geldes sowie genossenschaftliche Organi-

Bielefeld 1922/1926; Friedrich Chrysander, Bergedorf 1926. 1993 wurde in Hamburg die Pfohl-
Woyrsch-Gesellschaft gegründet, die sein musikalisches und literarisches Erbe pflegt.
59 Ferdinand Pfohl, Richard Wagner, S. 2. Die folgenden Zitate auf den Seiten 2 f.; 151; 151.
60 Richard Wagner, Wie verhalten sich die republikanischen Bestrebungen dem Königthume gegenüber?, in:
GSD, Bd. 12, S. 218 ff.
24 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

sation des Volkes – dann aber als »eine wundervolle Phantasie, ein Künstlertraum«
von »patriotischem Schwung und lauterster Gesinnung.«61 Festgehalten wird, »daß
sich Wagner als königlicher Kapellmeister nicht in der Neutralitätszone hielt, die
Amt und Stellung ihm anwies«, sondern dass er offen an der Seite der Revolutionäre
agierte, Freundschaft mit dem »politisch kompromittierten Röckel« und Beziehun-
gen zu dem »gefährlichen Bakunin« pflegte. Wenn Pfohl einerseits den Dresdner
Aufstand als »freiheitliche Erhebung« bewertet, so nimmt er andererseits die Rolle
Wagners darin zurück und verharmlost sie als Ausdruck eines »feurigen Idealismus«,
der den Komponisten zu keinem wirklich umstürzendem Handeln veranlasst habe:
»Aufrührerisches hat Wagner nicht getan: nie stand er auf der Barrikade mit dem
Säbel in der Faust, nie feuerte er mit der Muskete auf die königstreuen Soldaten.
Ihm lag einzig daran, dem furchtbaren Blutvergießen zwischen sächsischen Truppen
und sächsischen Bürgern ein Ende zu machen und die sächsischen Truppen mit
dem sächsischen Volk gegen die drohenden preußischen Bataillone zu einheitlicher
Abwehr zusammenzuschweißen. … Unter dem Winkel eines sächsischen Ministers
gesehen, der jene fremden Truppen gegen das rebellische Sachsenvolk zu Hilfe ge-
rufen, streifte diese Tat allerdings das Verbrechen des Hochverrats.«
Es ist ein Lavieren zwischen den harten Fakten, die Wagners aktive Beteiligung
an der Revolution belegen, und deren Weichspülen durch Hinweis auf Wagners
Idealismus, seinen moralischen Edelsinn und hochherzigen Patriotismus, ein Schwan-
ken zwischen Realitätsbeschreibung und dem Ausweichen in den Phantasieraum
der Träume, in dem Wagner sich offenbar verfangen hatte. Denn »die Revolution
bedeutete für ihn eine Idealisierung aller Lebens- und Weltverhältnisse«. Dem-
entsprechend wird das Umfeld seiner radikalen Freunde Röckel und Bakunin, in
Zürich dann Georg Herwegh und Gottfried Keller auch nur gestreift, ohne deren
politische und gesellschaftliche Vorstellungen und ihren Einfluss auf Wagner auch
nur ansatzweise zu erläutern. Ähnlich verhält es sich mit Feuerbach, von dem zwar
gesagt wird, Wagners Weltanschauung habe sich mit dessen Philosophie »mehrfach
berührt«, dessen wirkliche Bedeutung aber ebenso wenig angemessen bewertet wird
wie die Rezeption des linkshegelianischen und radikal-demokratischen Diskurses
des deutschen Vormärz, vom Einfluss französischer Sozialisten wie Proudhon ganz
zu schweigen. Für die Zeit in Paris tauchen lediglich die Namen Meyerbeer, Berlioz,
Heinrich Heine und Maurice Schlesinger auf, stets im Zusammenhang mit Wagners
kompositorischen Arbeiten oder seinen Wünschen, eines seiner Werke aufführen zu
können. Und auch Schopenhauer wird eher beiläufig erwähnt, als »Freund, der ihn
treulich auf dieser Weltenwanderung (des Entwurfs der Nibelungen, U.B.) begleitete«,
dessen Pessimismus Spuren im Ring hinterlassen habe – womit denn auch schon
dessen Bedeutung für Wagner erschöpft ist. So wie für Nietzsche, der 1869 nach
Tribschen kam, ebenfalls nur wenige Zeilen zur Verfügung stehen, die ihn als einen
»häufig und als immer hochwillkommener, freudig begrüßter Gast« charakterisieren.

61 Ferdinand Pfohl, Richard Wagner, S. 157. Die folgenden Zitate auf den Seiten 159; 160; 161; 161;
163; 169; 171; 60; 63; 63; 68; 221; 330.
Biographien in der Kiellinie 25

Pfohls Biographie ist eine, wie schon bemerkt, vom gesellschaftlichen und politi-
schen Kontext weithin befreite Schilderung des Lebens und Schaffens von Wagner,
frei von der Suche nach den Spuren intellektueller Einflüsse und Wirkungen, eine
›Entpolitisierung‹ des Komponisten, die in ihrer konsequenten Haltung noch hinter
Chamberlain zurückfällt und so alle Möglichkeiten umgeht,Wagners ›Weltanschau-
ung‹ einigermaßen umfassend und zutreffend darzustellen.
Von etwas anderem und, gemessen an den bisher vorgestellten Biographien, er-
staunlich kritischem Zuschnitt ist die Arbeit von Gustav Ernest, die vor dem Ersten
Weltkrieg wohl abgeschlossen, aber erst 1915 erschienen ist.62 Der vorangestellte
Vorspruch, in dem der Autor festhält, in einer Zeit, da »eine Sturmflut von Ereig-
nissen über die Welt hereingebrochen« sei, müsse das »Leben eines urdeutschen
Künstlers wie Richard Wagner doppelt nachdrücklich zu uns sprechen« und das
»deutsche Volk sich in seinem Bilde« selbst erkennen, könnte darauf hindeuten, den
Leser erwarte eine im völkisch-nationalistischen Geiste geschriebene Darstellung.
Doch die Arbeit von Ernest ist, bei aller Bewunderung für das Genie Wagners, eher
nüchtern geschrieben und weit entfernt davon, in nationalem Pathos aufzugehen.
Gleichwohl bleibt auch Ernest in der Zeichnung der Persönlichkeit Wagners
eher unentschieden. Das soziale und politische Denken Wagners, auch sein politi-
sches Handeln werden zwar ausführlich referiert, aus den Revolutionsschriften von
1848/49 wird ausführlich zitiert und Wagners aufrührerische Aktivitäten in Dresden
breit dargestellt. Doch setzt sich immer wieder die Tendenz durch, die Politik und
das politische Handeln Wagners hinter den entscheidenden künstlerischen Fragen
verschwinden zu lassen.Auch Ernest meint, für Wagner sei »Politik überhaupt nur ein
Mittel zum Zweck einer Umgestaltung der sozialen Zustände« gewesen, damit diese
dann »den Boden für seine künstlerischen Bestrebungen bereiten sollten.«63 Wagners
radikale anarchistische, sozialistische und demokratischeVorstellungen dagegen zeig-
ten ihn »mehr als phantastischen Weltbeglücker, wie als praktischen Reformator«. Im
Unterschied zu den bisher vorgestellten Biographien aber schildert Ernest dann den
Einfluss Feuerbachs auf Wagner einigermaßen ausführlich, arbeitet die Radikalität
der Gesellschafts-, Politik- und Kunstauffassung der Zürcher Kunstschriften heraus und
betont den Zusammenhang des darin formulierten ästhetischen Konzeptes Wagners
mit den sozialen und politischen Zuständen der Zeit. Die am Ende stehende Fest-
stellung: »Das Kunstwerk der Zukunft ist in seiner seltsamen Verquickung von Politik

62 Gustav Ernest, Richard Wagner. Sein Leben und Schaffen, Berlin 1915. Gustav Ernest (1858–1941),
geboren unter dem Namen Seeligsohn, studierte in Berlin zunächst Jura, daneben aber Klavier
u.a. am Scharwenkaschen Konservatorium.Von 1883 bis 1909 lebte er als Pianist und Komponist
in London, siedelte dann nach Berlin über, wo er ab 1910 Dozent für Musikwissenschaft an der
Humboldt-Hochschule wurde. Er komponierte 2 Violinkonzerte, verschiedene Klavierstücke,
Kantaten und Lieder, und schrieb neben seinem Wagner-Buch auch Bücher über Beethoven, Berlin
1920 (1922, 1926); Johannes Brahms, Berlin 1930; Wilhelm Berger; Berlin 1933. Mit Anbruch des
Dritten Reiches emigrierte er nach Amsterdam, wo er bis zu seinem Tode lebte.
63 Gustav Ernest, Richard Wagner, S. 95. Die folgenden Zitate und Verweise finden sich auf den Seiten
98; 196 ff.; 221; 205; 220; 383; 386; 207; 161; 415; 400; 412.
26 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

und Kunst, sozialer Revolution und künstlerischer Reformation, blind leiden-


schaftlichem Empfundenen und genial Durchdachtem, utopisch Unmöglichem und
praktisch Erreichbarem, überaus charakteristisch für den Wagner jener Jahre« – zeigt
freilich, dass er sich in Relativierungen flüchtet und zu keiner klaren Stellungnahme
entschließen kann, ganz in der Kiellinie aller vorausgegangenen Biographen. Und
doch sticht diese Biographie gelegentlich von ihren Vorgängern ab: Ernest verhält
sich gegenüber Wagner immer wieder kritisch, er verurteilt die »blindeVerranntheit«
Wagners gegenüber Meyerbeer, Heine, später auch Brahms und Schumann, nimmt
diese vor »blinder Einseitigkeit« und »unnötig scharfen Angriffen« in Schutz. Kunst
und Revolution, Das Kunstwerk der Zukunft und Oper und Drama werden ausführlich
erläutert und zitiert, aber auch unter Verweis auf innere Widersprüche und logische
Fehlschlüsse kritisch gesehen, die Schopenhauer-Rezeption eingehend gewürdigt,
aber nicht überschätzt, Wagners Antisemitismus gelegentlich als überzogen und
empirisch nicht haltbar gerügt, auch als vorgeschoben, um in Wahrheit Meyerbeer
und Mendelsohn zu vernichten. Den Regenerationsschriften der letzten Lebensjahre
Wagners kann Ernest in der Sache wenig abgewinnen, obwohl er einräumt, dass »die
Unentwegtheit und Folgerichtigkeit, mit der Wagner fast vierzig Jahre lang für seinen
Gedanken gekämpft hat, etwas überwältigend Großartiges« habe.Vom »Fanatismus«
Wagners ist die Rede, der den Komponisten zu ständiger Reformation getrieben
habe, von seinem Selbstbewusstsein, das die Welt als Schuldner der eigenen Größe
betrachtet habe.Alles in allem also eine Biographie, die sich einerseits wohltuend von
den Bayreuther Hagiographen abhebt, zuverlässig informiert, zugleich sich kritisch
dem Porträtierten und seinen Schriften nähert, aber dann eben doch zu keiner klaren
Analyse des ideenhistorischen Hintergrundes kommt und wichtige Tatbestände, wie
etwa Wagners Hinwendung zur Rassentheorie, unerörtert lässt oder – wie seinen
Antisemitismus – nicht ausreichend diskutiert.
Solche Einwände gelten auch für das heute noch als eine der wichtigeren
Arbeiten über Wagner gehandelte – und deshalb hier erwähnte – Buch von Paul
Bekker64, das freilich im eigentlichen Sinne keine Biographie ist, so wenig wie es
eine konventionelle Darstellung und Analyse der musikdramatischen Werke ist.

64 Paul Bekker, Wagner. Das Leben im Werk, Berlin/Leipzig 1924. Paul Bekker (1882–1937) studierte
Musik und Geige, war zunächst Geiger beim Berliner Philharmonischen Orchester, dann Dirigent
in Aschaffenburg und Görlitz. 1906 begann er bei der Berliner Allgemeinen Zeitung, 1911–1915
wechselte er zur Frankfurter Zeitung. Im Herbst 1925 übernahm er die Intendanz des Theaters in
Kassel, 1927–1932 die des Wiesbadener Theaters. 1933 verließ er, weil er als Jude bedroht war,
Deutschland, ging zunächst nach Paris, dann nach NewYork. Bekker war einer der einflussreichsten
Musikkritiker Deutschlands, setzte sich insbesondere und sehr nachhaltig für die neuere Musik
– Mahler, Schreker, Schönberg – ein. Er schrieb eine Vielzahl von Büchern, u.a. über Beethoven,
Berlin 1911 (mit vielen Auflagen); Das deutsche Musikleben.Versuch einer soziologischen Musikbetrach-
tung, Stuttgart/Berlin 1916; Gustav Mahlers Sinfonien, Berlin 1921; Musikgeschichte als Geschichte
der musikalischen Formwandlungen, Stuttgart et al. 1926. Daneben veröffentlichte er eine Fülle von
kleineren Arbeiten, Aufsätzen und Essays zur Musik, u.a. Kunst und Revolution; Frankfurt/M. 1919;
Die Weltgeltung der deutschen Musik; Berlin 1920; Neue Musik, Stuttgart 1923; Wandlungen der Oper,
Zürich 1934; The Story oft he Orchestra, New York 1936.
Biographien in der Kiellinie 27

Vielmehr eine Mischform, von eigener Art des methodischen Herangehens, wel-
ches das Biographische im Werk gleichsam aufgehen lässt und das Werk seinerseits
in einer Einheit mit dem Biographischen sieht und interpretiert. Für Bekker ist
Wagners Kunst »Ausdruckskunst«, in der sich die Entwicklungslinien des Lebens mit
der Veränderung des künstlerischen »Ausdrucksvermögens« zum »Ausdruckswillen
als Gestaltungsprinzip« verbinden und die »elementare Einheit der Erscheinung
Wagners«65 dem Leser vor Augen tritt: »Die innere Einheit des Ganzen ist von Beginn
an gegeben. Sie beruht nicht auf irgendwelchen ästhetischen Dogmen oder erkennt-
nistheoretischen Anschauungen, ebenso wenig wie sie durch äußere Ungleichheiten
und Veränderungen schaffensgesetzlicher Art gestört wird. Sie ergibt sich aus der
individuell und überindividuell bedingten Natur des Menschen und der durch sie
gegebenen inneren Zielsetzung seines Gestaltungstriebes: der Ausdrucksdarstellung
im Bilde der musikbedingten Szene.«66
Eine solche methodische Prämisse zwingt dazu, alle Äußerungen zu Gesellschaft,
Politik, Kultur und Kunst immer nur als Äußerungen eines sich in Formung be-
findlichen Gestaltungswillens aufzufassen, sie also nicht als konkrete Aussagen zu
benennbaren Sachverhalten zu verstehen, sondern in einem gleichsam allegorischen
Sinn, der sich erst im vollendeten Kunstwerk dann in seiner eigentlichen Natur,
seinem Wesen zeigt. Die Konsequenz aus diesem interpretatorischen Vorgehen ist
eine radikale Ästhetisierung des Künstlers in all seinen Lebensäußerungen, die es
verbietet, die ›Schriften‹, auch wenn sie nicht direkt auf die Werkproduktion bezogen
sind, anders denn als Vorbereitung und Teil von Werkproduktion zu verstehen. Nach
Bekker ist Wagner eine »Gefühlsnatur, nicht primär Musiker, nicht primär Dichter,
sondern … primärer Ausdrucksempfinder«, oder, wie es an anderer Stelle heißt:
»Seine Kunst ist nicht die Musik, ist noch weniger die Dichtung, seine Kunst ist
Ausdrucksveranschaulichung eines Gefühlserlebens.« Folglich sind alle Äußerungen
Wagners, gleich ob Kompositionen oder Texte von unterschiedlichem Status, Ema-
nationen dieses Ausdruckempfindens, das sich je nach Situation und Realisierungs-
möglichkeit in je eigener Weise seinen Durchbruch verschafft, aber stets doch Teil
eines umfassenderen Ganzen, dessen »innere Einheit vom Beginn an gegeben ist.«
Dieses höchst eigenwillige und intellektuell durchaus anspruchsvolle Konzept
macht es aber für den hier verfolgten Zweck nahezu unmöglich,Wagners Verhalten
als Reaktion auf konkrete Herausforderungen nachzuvollziehen. Denn die tiefgrei-
fenden und lebensumstürzenden Einschnitte in dessen Leben gelten Bekker stets nur
als zwingende Folge einer künstlerischen Entwicklung, sie sind nicht »Bewußtseins-
vorgänge«, sondern »innere Gebote des Schaffenswillens, der aus realem Geschehen
seine Gewebe wirkt.« Sie müssen deshalb geradezu zwanghaft nachvollzogen werden
– der Künstler selbst kann sich nicht anders zu ihnen verhalten, er vollzieht, was ihm
vorgegeben ist. In dieser Sicht erscheint die Revolution von 1848/49 lediglich als ein
in Wagner sich abspielender Klärungsprozess »über das Wesen seines Schaffens«, als

65 Paul Bekker, Wagner, S. X f. Hier auch die folgenden Zitate.


66 Ebenda, S. 12. Alle weiteren Zitate auf den Seiten 10; 16; 10; 110; 11; 26; 26 f.; 109; 231.
28 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

»Spiegelung seiner Sehnsucht«, nach dessen Abschluss er sich in seinen zahlreichen


Schriften Rechenschaft über den eigenen Entwicklungsstand geben muss: »Ein un-
übersehbarer Komplex von Fragen, Ideen, Forderungen tut sich hier auf, eine an die
andere anschließend, jede wieder neue gebärend.Wagner muß Aufsätze, Broschüren,
Bücher schreiben, um diese Gedanken in Zusammenhänge zu fassen, um sich, wie
er meint, über die Theorie eines Schaffens klarzuwerden, das zu solchem Abschluß
führte. … Aber er gelangt nur dazu, Geschichte und Leben in die Gesetzlichkeit des
eigenen Daseins und Schaffens einzuordnen. Die Grundlagen dieser Gesetzlichkeit
werden gegeben durch den Ausdruck, der aus dem Erlebnis wächst.«
Bekker ordnet nach diesem Schema Wagners politisches Denken und Handeln,
sieht nach diesen Vorgaben den Einfluss von Feuerbach oder Schopenhauer, versteht
Wagners Haltung zu den Juden in diesem Sinne. Wagners zahlreiche Fluchten, von
Riga über Paris, Dresden nach Zürich, München nach Tribschen – alles ist Teil eines
künstlerischen Entwicklungsweges, der genauso durchschritten werden musste, wie
es geschah, um das zu schaffen, was Wagner geschaffen hat: »Die Flucht aus Dresden
1849 ist ein künstlerisches Gebot … Die Flucht vom Züricher ›Asyl‹ nach Venedig
ist letztes Mittel zur Gewinnung der ›Tristan‹-Ekstasen, die Flucht von Wien in die
Vergessenheit ist äußerste Willensspannung zur Erzwingung des rettenden Wunders,
die Flucht von München nach Tribschen ist Auffindung des Weges zur schlafenden
Brünnhilde. Das schöpferische Muß befiehlt, der ausführende Mensch gehorcht.«
Und so sind auch Wagners Revolutionsschriften und seine Beteiligung am Dresd-
ner Aufstand nichts weiter als die »opernhafte Gefühlslösung eines realpolitischen
Problemes«, hat Bakunin mit seiner Einschätzung des Komponisten als eines »Phan-
tasten« Recht, denn alles an und in Wagner drängt »zur höchsten Kundgebung durch
das Theater: das ist das Ziel der Revolution.« Immer bedarf es äußerer Ereignisse,
damit ein Bruch vollzogen und die künstlerische Entwicklung – das Ausdrucks-
verlangen – ihre nächste Stufe erreicht, und daher sind Zürich wie alle weiteren
Lebensstationen immer nur akzidentielle Anstöße für eine große, alles übergreifende
künstlerische Absicht. Das gilt selbstverständlich auch für die intellektuellen Einflüsse,
etwa die Feuerbach- oder Schopenhauer-Rezeption67, die nur einwirken auf etwas,
was bereits vorhanden ist. Bekker kann Politik in diesem Rahmen daher auch nicht
ernsthaft als Politik diskutieren, denn alles, auch Wagners Antisemitismus, wird vor
jenen Vorstellungshorizonten des ›schöpferischen Muß‹ entworfen, die seinerseits
dann das eigene Werk konturieren: »Wagners Judenbegriff, wie er in den Schriften
erscheint, beruht auf dem nämlichen Bedürfnis kritisch spekulativer Vorstellungsbil-
dung, wie die Entstehung seiner Schriften und gedanklichen Darlegungen überhaupt.
Dieser Antisemitismus ist ebenso wenig real-politisch aufzufassen, wie der ›Kom-
munismus‹ der Revolutionszeit. Er erwächst aus dem Bedürfnis, sich ein theatralisch
Erschautes in der realen Welt glaubhaft vorzuführen, um daraus steigernde Kraft für
die theatralische Veranschaulichung zu gewinnen. Der Jude ist die Dissonanz, die

67 Beide werden eher am Rande erwähnt, vgl. zu Feuerbach S. 249, S. 478; zu Schopenhauer vgl.
Register S. 588. Das folgende Zitat S. 536.
Biographien in der Kiellinie 29

die Harmonie der Welt stört. Diese Dissonanz, szenisch in den Gewalten der List,
der Machtgier, des Goldverlangens, der Tücke, der Fühllosigkeit ausgeprägt, drängt
zu menschlicher Verkörperung. … Es muß ein plastisches Modell gefunden werden,
das der Entfaltung der Dämonie des Dunkels fähig ist. Als solches Modell bietet sich
der Jude, wie er in der Hervorhebung alles niedrigen Eigenschaften seiner Rasse
durch Jahrhundert in der Volksphantasie lebt.«
Diese totale Theatralisierung der Biographie Wagners, seines Lebens, seines Den-
kens, seines Handelns und seines Schaffens, entwirft ein Bild des Komponisten, das
in der Reihe der Wagner-Biographien einzigartig dasteht.Vor allem auch in Bezug
auf den gesellschaftlich-politischen Wagner. Während Glasenapp und Chamberlain
Wagners politisches Engagement entweder herunterspielen oder inhaltlich umin-
terpretieren, enthebt sich Bekker vollständig der Mühe einer Auseinandersetzung
mit diesem Themenkomplex. In geradezu hegelianischer Weise werden Wagners
vielfältige Aktivitäten, vor allem auch seine politisch-revolutionären, in den umfas-
senden Akt des ästhetischen Ausdrucksvermögens ›aufgehoben‹, so dass an eigener
politischer und gesellschaftlicher Substanz am Ende nichts mehr übrig bleibt.
Diese Zeichnung Wagners ging selbst den Bayreuther Erbe-Verwaltern zu weit:
1926, also zwei Jahre nach dem Erscheinen des Buches, gab es in den Bayreuther
Blättern eine fast zwölfseitige, sehr eingehende und überraschend sachliche Be-
sprechung, die mit dem Satz begann: »Paul Bekkers neuestes Werk wendet sich der
vielleicht problemreichsten Erscheinung deutscher Kunst zu, um sie nach einem
erstaunlichen Aufwand von Scharfsinn und Arbeit im Wesen noch problematischer
zurückzulassen.« In einer für die Bayreuther Blätter selten detaillierten Weise ging der
Rezensent auf die variantenreiche Entfaltung der Grundthese ein, bewertete Bekkers
Einsicht vom »Ausdruckskünstler« als den »grundlegendsten zweifellos bleibenden
Gewinn«, merkte aber sogleich an, das anschließende »deduktive Verfahren« werde
im weiteren Verlauf von Bekkers Beschreibung »zu einem Werkzeug der Willkür«,
»indem es vergeblich auf induktive Erhärtungen warten läßt«.68 Man muss einräumen,
dass diese Fundamentalkritik nicht unberechtigt war.
Keine Biographie, sondern eine Interpretation der Werke auf dem Hintergrund
der theoretischen Schriften stellt die Arbeit des Karlsruher Philosophen Arthur Drews
dar.69 Wenn sie dennoch hier erwähnt wird, dann deshalb, weil sie in gewisser Weise

68 Albert Wellek, Paul Bekkers ›Wagner, Das Leben im Werke‹, in: BBl 1926, S. 68 ff. Die Zitate hier.
69 Arthur Drews, Der Ideengehalt von Richard Wagner’s dramatischen Dichtungen im Zusammenhang mit sei-
nem Leben und seiner Weltanschauung, Leipzig 1931.Arthur Drews (1865–1935) studierte Philosophie
in München, Berlin, Heidelberg und Halle und promovierte 1889 zum Dr. phil. 1896 habilitiert er
sich an der TH Karlsruhe, wo er 1899 zum a.o. Professor ernannt wurde. Er war Schüler Eduard
Hartmanns und vertrat eine panteistische Metaphysik. Öffentlich bekannt und heftig umstritten
wurde er durch Die Christusmythe, Jena 1909, ein Buch, in dem er die historische Existenz Jesu
bestritt und die Person Christi sowie die Apostel mit den Mythen der heidnischen Götter Asiens
und Griechenlands in Beziehung setzte, und dem Die Christusmythe. Zweiter Teil, Jena 1911, folgte.
Für Drews war das Leben Jesu nur eine historische Konkretisierung von metaphysischen Vorstel-
lungen, religiösen Hoffnungen und inneren Erlebnissen, die auf Jesus projiziert wurden und zur
Gründung von Gemeinden legitimierten. Albert Schweitzer, Geschichte der Leben-Jesu-Forschung,
30 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

ein Beispiel dafür abgibt, wie Wagner einerseits entpolitisiert, zugleich dadurch aber
einer späteren Repolitisierung im Sinne eines nationalsozialistischen Verständnisses
überhaupt erst zugänglich gemacht wurde. Drews, der eingangs davon spricht,Wagner
habe »wirklich eine Weltanschauung (gehabt, U.B.), und zwar von einem solchen
Gedankenreichtum, einer solchen Weite und Tiefe, daß mancher Philosophieprofes-
sor ihn deswegen beneiden könnte«70, beurteilt Wagner im weiteren Verlauf seiner
Darstellung als einen »ganz und gar unpolitischen Menschen«, der durch andere,
allen voran Röckel, in die Dresdner Revolutionswirren hineingezogen worden sei,
in seiner Vaterlandsvereins-Rede die Monarchie als einen der Ȋltesten Instinkte der
germanischen Rasse« verteidigt und das Königtum stets als den »heiligen Mittelpunkt«
gesehen habe, »um den sich alle volkstümlichen Veranstaltungen errichten ließen,
selbst die Republik, die er sich, als deutsche, nicht ohne König an der Spitze vorzu-
stellen vermochte.« Nach Drews verstand Wagner unter der Revolution »nicht eine
bloße staatliche Umwälzung, sondern die Beseitigung aller dem wahren menschlichen
Wesen widersprechenden Einrichtungen, der Macht der Überlieferung, Moden,
Übereinkommen, Abschaffung bevorrechtigter Gesellschaftsklassen, vor allem aber
des Geldes als der letzten Ursache allen Übels, Beseitigung des Kapitalismus, dessen
verhängnisvolle Wirkungen er besonders auf dem Gebiete der Kunst zu beobachten
täglich Gelegenheit hatte, Aufhebung des Unterschiedes zwischen Reich und Arm,
mit einem Wort eine Regeneration oder Neugeburt der gesamten Menschheit überhaupt
im Sinne einer mit dem rein natürlichen Wesen der Dinge übereinstimmenden
Weltanschauung und Lebensweise, die Aufrichtung einer neuen, besseren Gesell-
schaftsordnung, die den Menschen von den Fesseln der herrschenden Unnatur erlöst
und die auf den Trümmern dieser schlechten Gegenwart eine glückselige Zukunft
in die Wege leiten sollte.«
Drews interpretierte die Forderungen nicht als politisch, sondern qualifizierte sie
– in Übereinstimmung mit einer inzwischen etablierten Traditionslinie – als »unklar,
phantastisch und verworren«, den Aufsatz über die Revolution »umstürzlerisch« und
»maßlos, heftig und gewalttätig«. Zugleich aber gewichtet er gegen Chamberlain in
einem eigenen Kapitel den Einfluss Feuerbachs auf Wagner als ausschlaggebend für
die Zürcher Kunstschriften, betont – erstmals in dieser Radikalität – deren »nackten
Atheismus«, der »Gott als eine Spiegelung des menschlichen Wesens« verstehe, wo-
durch der Mensch selbst göttlich geworden sei und Wagner auf dieser philosophischen
Grundlage erst den Begriff des ›Reinmenschlichen‹ habe gewinnen können. Gegen
den von den meisten Biographen bagatellisierten Einfluss Feuerbachs beharrt Drews
darauf, dass dessen (Religions-)Philosophie Wagner nachhaltig geprägt habe und in

Tübingen 1913, 61951, S. 484 ff. hat sich mit dem Buch von Drews eingehend auseinandergesetzt.
Drews schrieb eineVielzahl von Büchern, u.a. über Kant, Schelling, Hegel, Nietzsche, Hartmann und
über Religion. Im Kontext der Christusmythe wichtig wurde auch Die Petruslegende, Frankfurt/M.
1910, 21924.
70 Arthur Drews, Der Ideengehalt von Richard Wagner’s dramatischen Dichtungen, S. VII. Die folgenden
Zitate und Verweise auf den Seiten 52; 53; 53; 53; 54; 55; 73; 82 ff.; 339; 344.
Wagner als Wegbereiter des Nationalsozialismus 31

viele seiner Werke eingegangen sei. Erst die Schopenhauer-Rezeption bringe hier, so
Drews, eine gewisse Korrektur, weil Wagner nunmehr die kulturellen Leistungen des
Christentums in den Blick nehme und in den letzten Jahren seines Lebens vor allem
die Musik als »ein reines Erzeugnis des Christentums« verstehe. Drews führt diese
dem Christentum sich freundlicher zeigende Haltung Wagners auch auf den Einfluss
von Cosima zurück, betont aber, dass Wagner stets Gegner der Kirchen geblieben
sei. Zutreffend und sachlich referiert Drews Wagners Haltung zum Christentum, die
mit dem, was gemeinhin als christlich bezeichnet wird, sich nur am Rande berührte,
von einer eigenen Beschaffenheit ist und in jener »wahrhaftigen« Religion, die ihm
vorschwebte, erst noch »erblühen« sollte. Drews Darstellung dieses Themenkomplexes,
die auch seine Interpretation des Parsifal bestimmt, weicht von den Auffassungen
Chamberlains, Wolzogens und vieler Autoren der Bayreuther Blätter entschieden ab
und zeichnet in diesem Bereich ein Bild Wagners, das auch angesichts der inzwischen
neu erschlossenen Quellen in den Grundlinien Bestand hat.

Wagner als Wegbereiter des Nationalsozialismus


Einen radikalen Bruch mit den bisher vorgestellten Biographien stellte das 1934
erschienene Buch von Karl Richard Ganzer über den Revolutionär Wagner71 dar, in
dessen Vorwort es ebenso provokativ wie demonstrativ hieß, Wagner hätte »heute
Nationalsozialist werden können, weil er die geistigen, politischen und gesellschaft-
lichen Gegebenheiten einer vergangenen Epoche aus der Haltung heraus bewertete,
die in unseren Tagen den entscheidenden Antrieb des Nationalsozialismus bildet.«72

71 Karl Richard Ganzer, Richard Wagner der Revolutionär gegen das 19. Jahrhundert, München 1934. Ganzer
(1909–1943), der Schüler des bekannten Münchner Historikers Karl Alexander von Müller, war mit
dieser Arbeit 1932 promoviert worden, machte anschließend im Dritten Reich eine bedeutende
Karriere. Er hatte in München Geschichte, Geographie und Germanistik studiert, war 1927 dem
NS-Studentenbund beigetreten und seither in der NS-Presse publizistisch tätig. 1929 trat er in die
NSDAP ein, fand 1931/32 im ›Braunen Haus‹ in München eine bezahlte Beschäftigung, wurde
SA-Mann, schrieb für Schirach einen Roman des deutschen Aufbruchs 1917–1933 unter dem Titel:
Weiter, nur weiter!«, für Hess eine Geschichte der NSDAP Vom Ringen Hitlers um das Reich. 1934
publizierte Ganzer Das deutsche Führergesicht. 200 Bildnisse deutscher Kämpfer und Wegsucher aus zwei
Jahrtausenden, ein Buch, das hohe Auflagen erzielte und weit verbreitet war. 1938 erschien Richard
Wagner und das Judentum. Im Herbst 1941 wurde Ganzer Nachfolger des vom NS-Regime gegrün-
deten und von Walter Frank geleiteten Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands, und in der
Schriftenreihe dieses Instituts erschien im selben Jahr Das Reich als europäische Ordnungsmacht, das
er als Soldat im Polenfeldzug und während seines Einsatzes im Westen verfasst hatte und das bis
Oktober 1944 in etwa einer halben Million Exemplaren (vor allem in der Wehrmacht) verbreitet
wurde. Forschungsaufgaben im Reichsinstitut zum Verhältnis der Katholischen Kirche zum Reich,
Projekte zum politischen Katholizismus und zur protestantischen Nationalkirche blieben des Kriegs
wegen unbearbeitet liegen. Angaben nach Helmut Heiber, Walter Frank und sein Reichsinstitut für
Geschichte des neuen Deutschland, Stuttgart 1966, S. 376 ff.
72 Karl Richard Ganzer, Richard Wagner, S. 6. Die folgenden Zitate auf den Seiten 168; 74; 178; 178;
13; 11; 12; 12; 14; 15; 16; 17.
32 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

Ganzer will eine für die historische Legitimation der nationalsozialistischen


Weltanschauung paradigmatische Arbeit schreiben, die sich ganz auf die Zürcher
Kunstschriften konzentriert und deren revolutionäre Gehalte als einen umfassenden
und umstürzenden Einspruch gegen die das 19. Jahrhundert beherrschenden liberalen,
sozialistischen und in Maßen konservativen Ideologien und Theorien interpretiert.
Er unternimmt den Versuch, in der Form einer wissenschaftlichen Aufarbeitung von
Wagners Denken dessen Ziele in einer neuen Gemeinschaft zu identifizieren, die
sich dem bloß »liberalistischen, doktrinären, intellektualistischen, rationalistischen«
kalten Zeitgeist entgegenstellt und eine neue »natürliche Ordnung« entwirft, in der
»Gesellschaft, Staat, Kunst, Wissenschaft, Religion zu ihren Ursprüngen« zurückge-
führt werden, »damit sie dort ihre … natürlichen Bedingungen wieder hinfinden zu
ihren organischen, nicht von falschen Idolen verbildeten Formen«. Denn Wagners
Ziel war – so Ganzer – eine »Vernatürlichung« und eine »Verlebendigung aller
Daseinsformen, die wieder in Einklang gebracht werden müßten mit den unverän-
derlichen Geboten der natürlichen Notwendigkeit.«
Gegen Glasenapp, Chamberlain, Dinger, gegen alle bisherigen Biographen und
Interpreten des ›Meisters‹ besteht Ganzer entschieden darauf, den ›Revolutionär‹
Wagner und seine zentralen Revolutionsschriften, vor allem die drei großen politisch-
ästhetischen Essays Die Kunst und die Revolution, Das Kunstwerk der Zukunft und Oper
und Drama, aber auch das Judenthum in der Musik und die Mittheilungen an meine Freunde
in der vollen Wucht ihrer Gehalte ernst zu nehmen. Auch wenn er einräumt, die
»Hauptursache von Wagners revolutionärer Tätigkeit« sei auf dessen »leidenschaft-
lichen Willen zur künstlerischen Reform zurückzuführen«, so erscheint ihm doch
die damit verbundene Verkürzung der revolutionären Ziele und die Aufhebung der
Revolution ins Ästhetische unstatthaft und falsch. Es sei, so schreibt er, »eigentlich
erstaunlich, daß die meisten und maßgeblichen Wagner-Biographen, trotzdem sie den
Meister zum Maß aller Dinge zu machen stets geneigt waren, gerade in der Frage
der Revolution sich den Normen der Zeit« – d.h. ihrer eigenen Zeit – gebeugt und
damit kaschiert hätten, dass Wagners Revolutionsauffassung weit über das hinausgehe,
»was die Zeitgenossen als gerade noch zulässig anzuerkennen bereit waren.« Dies
lasse sich nur dadurch erklären, dass mit dem Begriff der Revolution marxistische,
kommunistische und sozialistische Inhalte verbunden seien, von denen man Wagners
Denken habe fern- und freihalten wollen. So sei denn allen bisherigen Arbeiten zu
Wagner ein Doppeltes gemeinsam: »Sie betonen Wagners unveränderte Liebe zu
seinem König, und sie lehnen mehr oder minder nachdrücklich ab, daß man Wagner
als Demokraten, Liberalen, Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten bezeichne. Es
lässt sich daran weniger die Richtung von Wagners Denken in den Jahren 1848 und
1849 ablesen als vielmehr die tragisch anmutende Verstrickung des Biographen in
die Terminologie der Zeit.Wagner hat gewiss von Sozialismus, Umsturz, Empörung,
Anarchie, Revolution, Kommunismus in mannigfaltigen Abwandlungen gesprochen,
aber er hat dabei samt und sonders etwas ganz anderes gemeint und auf ganz anderen
Voraussetzungen gefußt als das ausgehende 19. Jahrhundert, das diese Begriffe in
seiner eigenen Weise verwendete.«
Wagner als Wegbereiter des Nationalsozialismus 33

Spätestens an dieser Stelle deutet Ganzer sein eigenes Interpretationsverfahren an,


das er dann im Verlaufe seiner Darlegungen immer wieder einmal erläutert: für ihn
gibt es bei Wagner zum einen die Ebene der direkten Auseinandersetzung mit den
gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten seiner Zeit – und auf dieser Ebene
bleibt Wagner auch in der Begrifflichkeit seiner Zeit befangen; zum anderen existiert
eine gleichsam darunter liegende Ebene, »die der kritischen Auseinandersetzung mit
dem 19. Jahrhundert« dient und auf der die eigentlichen Ziele des ›Revolutionärs‹
Wagner zu suchen sind. Letztere weisen weit über das hinaus, was die politischen
Strömungen, an denen Wagner tatkräftigen Anteil hatte, an Zielen verfolgt haben.
Um indessen Wagners eigentliche Ziele herauszufinden, muss der Revolutionär
Wagner – so Ganzer – in seinem politischen und sozialen Wollen »unbeschönigte
Anerkennung« finden, dies aber im Bewusstsein davon, dass seine revolutionären
Ziele weit über die Tagesforderungen hinausreichten. Ganzer beschreibt Wagners
»doppeltes« Revolutionsverständnis so: »Es hat sich für Wagner keineswegs nur um
eine vergängliche Meinungsverschiedenheit über mehr oder minder belanglose
Sonderfragen des alltäglichen Lebens gehandelt; ihm ging es vielmehr um ein Prinzip
der menschlichen Ordnung, er urteilte und richtete nach einer irrtümlich anderen
Anschauungsweise über die Bedingungen des gesellschaftlichen und staatlichen
Lebens überhaupt. Darum auch darf Wagner nicht mit irgendwelchen Parteimei-
nungen der Bewegung von 1848/49 ohne weiteres zusammengebracht werden. Die
treibende Kraft in seinem Wollen weist in ihrer Bedeutung wie in ihrer Folgewirkung
über den Bereich der Jahrhundertmitte weit hinaus. Wohl ging Wagner zusammen
mit den liberalen Revolutionären gegen einen ererbten und teilweise erstarrten
staatlichen Zustand, gegen eine noch absolutistisch eingeschränkte Verfassungswelt
vor. Aber er ist auch zu einer Kritik der liberalen Ideen selber gekommen. … Man
kann der Revolution Wagners mit den gewohnten Begriffen – großdeutsch, klein-
deutsch, konstitutionell, absolut, monarchisch, demokratisch – nicht beikommen.
Zur Erörterung steht nicht die Parteizugehörigkeit Wagners, sondern das P r i n z i p
s e i n e s Wo l l e n s .«
Dieses hier praktizierte ›methodische‹ Verfahren lässt sich so beschreiben: Ganzer
unterscheidet Revolutionsforderungen, die auf politisch-gesellschaftliche Alltagsfra-
gen in den Jahren 1848/49 gerichtet scheinen und daher in der üblichen Termino-
logie der Zeit abgehandelt werden von solchen, die tieferliegende und damit die
eigentlichen weltanschaulichen Zielsetzungen Wagners betreffen. Letztere zielen auf
eine grundlegend neue, in der Terminologie der Zeit noch nicht beschreibbare Ge-
sellschaft. Damit wird Wagner zu einem Revolutionär sui generis, der sich von seinen
Mit-Revolutionären grundlegend unterscheidet und etwas anzielt, was offenbar erst
mit der nationalsozialistischen Bewegung als reale Möglichkeit aufscheint. Diese
›Differenzierung‹ innerhalb des Revolutionsbegriffs von Wagner wendet Ganzer
durchgängig auf verschiedene Themenbereiche an.
Das beginnt zunächst mit einer allgemeinen Skizze der persönlichen wie geistigen
Voraussetzungen des politischem Denken Wagners, seiner Lebenserfahrungen und
der daraus gewonnenen grundlegenden Einsichten, die durch radikale Loslösung
34 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

von ihren konkreten historischen Bedingungen, also Abstrahierung, zu allgemeiner


Gültigkeit erhoben werden. Letzteres, also das Abstrahieren der eigenen Erfahrungen
von den bedingenden gesellschaftlichen und politischen Kontexten, hat zur Folge,
dass Begriffe, die Wagner mit seinen Zeitgenossen teilt, niemals nur in deren Sinne
verstanden werden können, wie – seine Rede im Vaterlandsverein belegt dies – das
Beispiel der Republik zeigt: wenn Wagner hier die Republik befürwortet und zu-
gleich den König als ersten Republikaner bezeichnet, dann löst sich der scheinbare
Widerspruch für Ganzer dadurch auf, dass Wagner mit Republik eben nicht, wie
seine Mit-Revolutionäre, etwa Röckel, eine Staatsform meint, sondern die »res
publica«, die eben auch Sache eines Königs sein kann und muss.73 Wagner verbindet
eben, so Ganzer, mit allgemein gängigen Begriffen stets andere, grundlegendere
Inhalte, weshalb eine an der Wortoberfläche verharrende Interpretation zu falschen
Ergebnissen kommt, auch Wagners ideenhistorische Einordnung nur falsch vorneh-
men kann, weil sie in den Begriffen der Zeit befangen bleibt. Das gilt auch für den
Begriff der Politik, der sich nicht (nur) auf die allgemeinen Handlungsfelder politi-
scher Akteure bezieht, sondern »in seinem forschenden Bemühen um den Sinn der
bestehenden Gemeinschaftskörper und um das Ziel der menschlichen Entwicklung«
die utopische Perspektive einer erst noch zu schaffenden Gemeinschaft beinhaltet,
in der alle Trennungen zwischen den menschlichen Lebensbereichen aufgehoben
sind. Bei Wagner geht es – so Ganzer – »um den geistigen Sinn der Revolution«,
geht es darum, »den Kräften von Kultur und Bildung Eintritt in die Formenwelt
des Staates zu verschaffen«, auch darum, »die gegenseitigen Beziehungen von Staat
und Geist und die allmählichen Veränderungen im materiellen und sozialen Gefüge
seiner Umwelt« zu erschließen.Wagners Kritik zielt, indem sie die Missstände ihrer
Zeit benennt, auf Prinzipielles. Die von ihm gewollte Revolution will alles »Förm-
liche, Organisierte«, alles Mechanische und Abstrakte, alle Ruhe und Statik auflösen
zugunsten einer in Bewegung befindlichen natürlichen Ordnung, in der Dynamik
und Suche nach neuen Möglichkeiten des Menschen vorherrscht: »Die Erkenntnis
liegt vor, daß das Jahrhundert sich zwischen einer organisch begründeten, organisch
erwachsenen Gesinnung und einer mechanisch konstruierten, abstrakt erklügelten
Welt von Doktrinen entscheiden müsse.«
Ganzer beschreibt Wagner als einen Denker, der einerseits den liberalen, sozia-
listischen und anarchistischen Theorien seiner Zeit in gewissen Einzelforderungen
sehr nahekommt, von ihnen »durchflutet« ist und so in gewisser Weise immer wieder
zu seinen übergreifenden Einsichten in Widerspruch zu geraten scheint, weil sein
»gefühlsmäßig bedingtes, unsystematisches Schaffen« die in diesem Widerspruch
verdeckte Selbstkritik nicht sofort offenlegt. Aber zugleich löst sich für ihn dieser
Widerspruch immer wieder auf, wenn er als Interpret bedenkt, dass Wagner im Kern

73 Ebenda, S. 34: für Wagner bedeutet »Republik etwas ganz anderes als für die politisierenden Zeit-
genossen. Republik erklärt er philologisch als ›res publica‹: die »Volkssache«, und schließt danach
mit recht, daß der res publica auch ein erblicher König dienen könne.« Die folgenden Zitate auf
den Seiten 42; 43; 44; 48; 50; 57; 63; 65; 68; 69; 78; 79.
Wagner als Wegbereiter des Nationalsozialismus 35

aller Überlegungen auf die Wiederherstellung der naturgegebenen Ordnung abzielt,


einer Ordnung, die sich nicht aus abstrakten Theorien, sondern aus dem genauen
Gefühl dessen ergibt, was verloren gegangen aber doch notwendig ist und sich daher
auch wieder Bahn brechen muss.
Wie Ganzer solche für ihn nur scheinbaren Widersprüche auflöst, zeigt sich
besonders schön am Beispiel der Schrift Das Judenthum in der Musik. Ganzer inter-
pretiert hier die Formulierung Wagners: »Als wir für die Emanzipation der Juden
stritten, waren wir doch eigentlich mehr Kämpfer für ein abstraktes Prinzip als für
den konkreten Fall« als Beleg für seine These, dass die in diesem Text dagegengesetzte
»Erkenntnis der Wirklichkeit« Wagners, die sich in dessen Formulierungen von der
»instinktmäßigen Abneigung«, »der uns innewohnenden unwillkürlichen Empfin-
dung« und dem Abstreiten einer »realen Sympathie« für die Juden niederschlage, am
Ende die liberalistisch-humanitäre Theorie aushebele. Verallgemeinert gelte daher:
»Im gleichen Augenblick, da er statt einer Theorie den Gegenstand selber betrachtet
– sei dieser nun völkischer Art wie beim Judentum oder gesellschaftlicher, staatli-
cher, künstlerischer Natur wie in ähnlich gelagerten Fällen –, tritt die Anschauung
der Gegebenheit vor das abstrakte Gedankengebilde eines kommenden Zustandes.
Die Theorie trifft mit dem Leben zusammen und die Folge ist, daß sie sofort durch
dieses Leben die entscheidende Korrektur erfährt.Wagners Denken wird aus seiner
Verstrickung in die Ideologie gelöst und wieder der Gesetzlichkeit der natürlichen
Ordnung eingefügt.«
Wenn Glasenapp, Chamberlain und die meisten ihnen folgenden Biographen
Wagners dessen politisch-revolutionäres Engagement in ein ästhetisches bzw. re-
generatorisches uminterpretiert haben, um Wagners Revolutionsbeteiligung aus
ihrem konkret historischen Bezug herauszulösen, freilich in ihrer Substanz auch
aufzulösen, so geht Ganzer – unbeschadet seiner Kritik an Glasenapp und Chamber-
lain – einen formal ähnlich, inhaltlich aber vollkommen anderen Weg. Er bestreitet
keineswegs Wagners Involvierung in die Revolution von 1848/49, betont sogar
deren Wichtigkeit und nachhaltige Wirkung für dessen weiteres Leben und Werk,
verweist auch auf Widersprüchlichkeiten der konkreten Verfassungs-, Gesellschafts-
und Staatsforderungen, interpretiert dies alles aber schließlich als Vergewisserung
einer zu sich selbst kommenden utopisch-chiliastischen Hoffnung, die sich auf eine
aus praktischen Lebenserfahrungen heraus gewonnene »Leidenschaft zum Orga-
nischen« begründet. Unter diesem Gesichtspunkt werden Wagners tagespolitische
Forderungen nach konkreten gesellschaftlichen und politischen Veränderungen zu
»Äußerlichkeiten und hinfälligem Beiwerk«, erweisen sich normative Orientierungen
Wagners etwa an der griechischen Polis, am Ideal des allgemein Menschlichen, am
Modell der Genossenschaften stets als Grundierungen für »eine kommende Welt, die
nach organischen Gesetzen gestaltet sein soll«, in Übereinstimmung mit der Natur.
Es würde zu weit führen, Ganzers Darstellung von Wagners Denken in Bezug
auf Arbeit, Kapital, Eigentum, Publikum, Gesellschaft und Gemeinschaft, Staat und
Menschheit im Detail genauer nachzuvollziehen; es ist insoweit auch nicht nötig, als
das Muster seiner Interpretation stets gleichbleibt: der sich zu konkreten Einzelheiten
36 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

äußernde Wagner wird von Ganzer im utopisch denkenden Wagner aufgehoben,


um am Ende dessen Utopie immer wieder auf ihre »natürlichen«, »organischen«, in
der Gemeinschaft des Volkes verankerten Grundlagen zurückzuführen. Dabei wird
dort, wo es in dieses ›organische Denken‹ passt, die konkrete Kritik Wagners an den
Zuständen seiner Zeit verteidigt – so etwa an den Formen entfremdeter Arbeit,
am sozial entpflichteten Eigentum, an einem ›völkisch‹ gelösten Massenpublikum,
einer vorgeblich nur noch kalt und rationalistisch eingestellten Gesellschaft und
einem bürokratisch erstarrten Staat. Durchaus kenntnisreich und nicht unintelligent
bestimmt Ganzer – gegen die gesamte bisherige Interpretationstradition – dies alles
als einen integralen Bestand von Wagners Denken, aber er biegt es am Ende um
in Denkbemühungen, die einerseits eher vage bleiben, die er andererseits aber als
Fundamente für die nationalsozialistische Weltanschauung begreift.Wagner – das ist
für Ganzer ein Denker, der in der Revolution die Wende zu einer weitergreifenden
Umwälzung gesehen hat, die auf die Ablösung all dessen hinausläuft, was das 19.
Jahrhundert in seinen Grundstrukturen konstituierte. Sein entscheidendes Verdient
war es vorherzusehen, »daß das 19. Jahrhundert in seiner rationalen Kälte, seiner
seelischen Nüchternheit und seiner berechnenden Zweckgesinnung durch eine aus
natürlichen Lebensgeschichten aufkeimende Gegenkraft überwunden werden müsse«,
wie sie – so muss man folgern – sich zunächst im völkischen und nationalistischen
Sektor der deutschen Gesellschaft abgezeichnet hatte, wie sie im gerade begonnen
Dritten Reich nun verwirklicht werden könne.
Man wird das Wagner-Bild, das Ganzer zeichnet, nicht in jenem platten Sinne als
nationalsozialistisch bezeichnen können, wie dies etwa die Bayreuther Blätter mit jener
direkten und umstandslosen Gleichsetzung von Wagners Weltanschauung mit der des
Nationalsozialismus und Hitler – »Hitlergeist ist Wagnergeist« – im selben Jahr 1934
in einem simplen und sachlich falschen, weil gefälschten Wort zu Wort und Satz zu
Satz-Vergleich betrieben haben.74 Ganzers Konzentration auf Wagners Revolutions-
verständnis von 1848/49 läuft eher darauf hinaus zu zeigen, dass Wagners Hoffnung
auf eine vollständige Umwälzung aller Verhältnisse affin ist zu einem der zentralen
Gedanken des Nationalsozialismus: die bürgerliche Ordnung der liberalen Demokratie
vollständig abzuschaffen und an ihre Stelle ein vollkommen neues Ordnungsmodell
zu setzen. Die Focussierung auf diesen Aspekt erklärt vermutlich auch, weshalb zwei
spezielle thematische Anknüpfungen, die für die NS-Ideologie zentral sind, bei Ganzer
keinerlei Erwähnung finden: zum einen Wagners Antisemitismus75, auf den Ganzer,
wie oben zitiert, nur in methodischer, nicht in inhaltlicher Hinsicht eingeht und der
nur in diesem Zusammenhang erwähnt wird; zum anderen die durch Wagners An-
näherung an Gobineau sich stellende Rassenfrage, die für Chamberlain beispielsweise
eine der entscheidenden Fragen ist. Kommt hinzu, dass auch die philosophischen

74 Hermann Seeliger, Der deutsche Seher. Die nationalsozialistische Idee bei Richard Wagner, in: BBl 1934,
S. 127 ff.Vgl. dazu in diesem Buch Bayreuth und die Moderne, S. 165 ff.
75 Ganzer hat allerdings später noch ein Buch zu diesem Thema geschrieben: Karl Richard Ganzer:
Richard Wagner und das Judentum, Hamburg 1938.
Biographischer Neuanfang? 37

Einflüsse durch Feuerbach wie Schopenhauer außerhalb aller Erwägungen bleibt,


wie auch die Schriften der späten Lebensjahre, vor allem die zur Regenerationslehre
gehörenden, nicht in die Darstellung einbezogen und nicht erwähnt werden. Statt-
dessen liegt der Akzent darauf, Wagners Revolutionsverständnis so zu exponieren,
dass dessen Revolutionsbegriff am Ende als eine entscheidende Zulieferung für die
Totalisierung des nationalsozialistischen Revolutionsbegriffs verstanden werden muss.

Biographischer Neuanfang?
»Das vorliegende Buch wurde bereits im Jahre 1943 im Manuskript abgeschlossen,
konnte aber damals aus naheliegenden Gründen nicht veröffentlicht werden« – so
beginnt eine die Werke einbeziehende intellektuelle Biographie Wagners, die 1952
von Paul Arthur Loos publiziert wurde und in deren Vorwort es – die Lage unmit-
telbar nach dem Kriegsende charakterisierend – weiter heißt: »Das Werk Richard
Wagners war propagandistisch festgelegt, … hauptsächlich im Sinne eines nordisch-
germanischen Nationalismus. Politische Tendenzen und Mißverständnisse kamen
derart zusammen; indessen war es nicht möglich, dieser nachhaltig verfälschenden
Propaganda mit einer innerdeutschen Publikation entgegenzutreten. Nach 1945
ergab sich merkwürdigerweise die gleiche Situation …, wenn auch mit umgekehr-
ten Vorzeichen in der Tendenz nunmehr gegen Wagner. … So waren die letzten
Jahre einem Wagnerbuch nach wie vor sehr ungünstig, zumal in Deutschland, wo
es zwischen kritiklos schwärmerischem Wagnerianertum und kenntnisarm miß-
verstehender Wagnerfeindschaft kaum jemals eine Position – es sei denn die fatale
zwischen zwei Stühlen – gegeben hat. Gerade diese Position wäre aber in unserer
Zeit die gegebene, mit ihr dann eine Beurteilung, die aus einfühlender und kritischer
Erkenntnis sowohl die unbestreitbare Größe als auch die sublime Fragwürdigkeit
des Wagner’schen Werkes einzuschätzen.«76

76 Paul Arthur Loss, Richard Wagner.Vollendung und Tragik der deutschen Romantik, Bern/München 1952,
S. VIII f. Paul Arthur Loos (1906–1963), geboren in Wismar, war der Sohn eines Gutsbesitzers
aus Kogel bei Ratzeburg. Er studierte Philosophie und Germanistik, promovierte und lebte als
Privatgelehrter und freier Schriftsteller von seinem Erbe in München. Loos stand in Distanz zum
Dritten Reich, hatte Kontakt zur Widerstandsgruppe der Weißen Rose, war im Dritten Reich
gefährdet; sein Vater, der Verbindungen zu NS-Funktionären hatte, konnte seine Verhaftung und
KZ-Einlieferung abwenden. Im September 1944 zog Loos nach Dinkelsbühl, im Oktober 1944
wieder zurück nach München und 1945 erneut nach Dinkelsbühl. 1951 Rückkehr nach München.
Sein Wagner-Buch erregte große Aufmerksamkeit,Thomas Mann gratulierte ihm, es gab zwischen
beiden einen kleinen Briefwechsel. Zugleich ergab sich ein Kontakt mit Bayreuth, der dazu führte,
dass Loos für die Bayreuther Programmhefte folgende Beiträge lieferte: Das Dämonische in Wagners
Werk und Wesen (Götterdämmerung 1952); Richard Wagner und das Problem des Bösen (Rheingold, 1955);
Künstler und Religion (Parsifal 1959). Weitere Veröffentlichungen: Heimweh des Geistes. Auswahl aus
Novalis, Hamburg 1948; Terror der Zahl: quantitatives Denken gegen qualitative Werte, München 1963.
Loos schrieb kleinere Arbeiten und Essays für DIE ZEIT, für die Münchner Abendzeitung und
für das Kulturfeuilleton des Bayerischen Rundfunks. Auskunft von Dr. Dietrich Loos, München.
38 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

Neben Theodor W.Adornos umfangsmäßig eher schmalem, wirkungsgeschichtlich


umso stärkeren Versuch über Wagner, der, ebenfalls bereits vor Ende des Dritten Rei-
ches geschrieben, im selben Jahr erschienen ist, aber keine Biographie war77, stellt
das Buch von Loos die erste umfängliche und eingehende Auseinandersetzung mit
Wagner zu Beginn der jungen Bundesrepublik dar. Loos ordnet das Leben und
Werk Wagners in die romantische Bewegung des 19. Jahrhunderts ein und sieht in
Wagner die höchste Entfaltung des Typus eines romantischen Künstlers, »ein Verein-
zelter in einer Gesellschaft, die ihm keinen tragenden Boden und kein Echo mehr
gibt, eben weil sie keine ›Gesellschaft‹ mehr ist, keine organische, fest und sinnvoll
gefügte Sozialordnung, sondern weitgehend ein atomisiertes Chaos in krisenhaften
Übergangszuständen.«78
Dem Buch liegt die Überzeugung zugrunde, dass »sich das schwer Definierbare,
Rätselhafte und Widerspruchsvolle in Richard Wagners Wesensart am ehesten noch
aus der tragischen Vielfalt und Gebrochenheit des romantischen Charakters deuten«
lasse, dass »die persönliche Tragik des unbürgerlich-individualistischen Künstlers,
sein Erlebnis der Einsamkeit und der Ich-Gefangenschaft, der schmerzhafte Bruch
zwischen Kunst und Leben, Geist und sozialer Realität« sowohl seine Existenz
wie sein Werk bestimmten. Für Loos ist der romantische Künstler ausschließlich
ein Ästhet, dessen Elementarerfahrung in der unaufhebbaren Differenz zum realen
Leben besteht: er sucht zwar dieses Leben, er sucht das Volk, er sucht die soziale
Wirklichkeit, aber all die aus solcher Suche resultierenden Erfahrungen, die in sei-
ne Kunst eingehen, sind »nur aus der Distanz möglich«, weshalb er selbst stets dem
schmerzhaften Erleben dieser Distanz ausgesetzt bleibt; denn »niemals kann es eine
Kunst geben, die nicht aus der Einsamkeit stammt.«
Solche Prämissen strukturieren das Untersuchungsfeld. Wagner wird in ein
weitgespanntes, kenntnisreich ausgebreitetes und subtil geschildertes geistesge-
schichtliches Umfeld der auslaufenden romantischen Bewegung des 19. Jahrhunderts
eingeordnet und zugleich als deren nicht zu überbietender Höhepunkt interpretiert.
In der Spannung von Künstler und Gesellschaft, vom Ich in der Einsamkeit, von
Freundschaft und Weiblichkeit, dem Bild der Frau und dem Erlebnis der Liebe, der
Sympathie mit dem Tod und den Träumen der Vergangenheit, von Religion und
Kunst, Mensch und Natur, Traum und Schlaf, Wahnsinn und Krankheit, Tragik des
Lebens, der Rollenperspektiven eines Schauspielers und schließlich der Suche nach
dem ›Ganzen‹ im Gesamtkunstwerk – so die Kapitel des Buches – entsteht die Person
eines seine Zeit überragenden, von ihr nicht wirklich verstandenen Genies – ein Bild
des Komponisten, das dem Geniekult des deutschen Idealismus und der Weimarer
Klassik geschuldet ist, aber ohne all die hagiographischen und national-völkischen
Attributionen, wie sie aus dem Bayreuther Umfeld bekannt sind.

77 Theodor W.Adorno, Versuch über Wagner, Frankfurt/M. 1952; 2München 1964, ebenfalls in derselbe,
Gesammelte Schriften, Bd. 13, Frankfurt/M. 1971, S. 7 ff.
78 Paul Arthur Loos, Richard Wagner, S. 1. Die folgenden Zitate auf den Seiten 365; 7; 199; 15; 15; 22;
10; 9; 16; 16.
Biographischer Neuanfang? 39

In einer so angelegten Arbeit kann Wagners Haltung zu Politik und Gesellschaft


nicht in einem unmittelbaren, praktischen und wirksamen Sinne verstanden werden,
sondern wird durch Ästhetisierung ebenfalls in die Distanzerfahrung des einsamen
Künstlers hineingenommen und zum Medium der Selbstfindung stilisiert. Für Loos
war Wagner »als Mensch konservativ, als Schöpfer revolutionär«, und dementspre-
chend sind die revolutionären Schriften als reflexive »Klärung seiner Gedankenwirr-
nis« zu verstehen, in denen sich Wagner seiner Stellung zur Welt bewusst zu werden
suchte: »Es ist das Revolutionsjahr 1849, in dem Wagners programmatische Schrift
Der Mensch und die bestehende Gesellschaft entsteht. In flammenden Worten hält der
bitter enttäuschte Künstler hier eine Abrechnung mit der unwahren Gesellschafts-
moral und verkündet den Kampf des freien Menschen gegen ihre falschen Lehren.
Bezeichnend die Begründung: es sei der Kampf des Geistes gegen die Geistlosigkeit,
der Sittlichkeit gegen das Böse, der Kraft gegen die Schwäche. Kampf des Geistes
also, nicht der rohen Gewalt, wenn auch in gereizter Atmosphäre. Daß diese Haltung
des jungen Wagner unbewußt in den Idealen romantischer Jugend wurzelt, sagt das
Athenäumfragment: ›Die erste Regung der Sittlichkeit ist Opposition gegen die
positive Gesetzlichkeit und konventionelle Rechtlichkeit und eine grenzenlose
Reizbarkeit des Gemüts.‹«
Wenn überhaupt erwähnt, erscheint Wagners politisches Engagement in der
Revolution von 1848/49 lediglich als Teil eines Prozesses der künstlerischen Selbst-
vergewisserung, innerhalb dessen die Politik eine jener Folien abgibt, vor deren
Hintergrund sich der romantische Künstler seiner Singularität bewusst werden kann.
»Die gegenseitige Feindschaft zwischen dem geistig-schöpferischen Menschen und
dem homo communis ist ein zeitloses Problem« – heißt es immer wieder –, ein Problem,
das in der Romantik erstmals künstlerbestimmend mit aller Drastik durchbricht, sich
dann in den Krisen des 19. Jahrhunderts existentiell verschärft und bei Wagner in
all seinen Äußerungen, worauf immer sie sich inhaltlich auch beziehen, einzig zur
Abwehr von ›Massentendenzen‹ führt. Alle Beschreibungen des gesellschaftlichen
und politischen Status quo, die Wagner kritisch und anklagend formuliert hat, haben
diese Zielrichtung, und stets geht es ihm »um die Rettung jener immateriellen Werte,
die dem Künstler das Leben erst lebenswert machen, um die Rettung der Schönheit
und Stille, der persönlichen Freiheit und Unabhängigkeit, um die Bewahrung der
geistigen Freiheit insbesondere, die ihm von allen Seiten her bedroht erscheint, nicht
nur vom reaktionären oder bürgerlich-kapitalistischen Staat, sondern in derselben
Weise und gefährlicher noch von der heraufkommenden Kollektivmacht der Masse.«
Loos überdehnt Wagners Kritik der bisherigen klassischen ›Macht‹-Politik, dessen
Einspruch gegen eine ungerechte Gesellschaft und dessen Ablehnung des kirchlich
verfassten Christentums so sehr ins Prinzipielle einer generellen Anti-Haltung, dass
sich alles am Ende in seiner Bedeutung gleichsam aufhebt. Zugleich blendet er alle
utopischen Momente einer politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Neuor-
ganisation aus, die Wagner immer wieder benannt hat, ignoriert dessen Vision einer
über die ästhetische Erfahrung des Gesamtkunstwerks zu konstituierenden neuen
Gemeinschaft. Wagners Rückgriff auf die antike Polis als Vorbild für seine Idee von
40 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

›freien künstlerischen Genossenschaften der Zukunft‹, die zum Vorbild einer sich
selbst organisierenden Gemeinschaft von Freien und Selbstständigen werden sollten,
in denen alle Formen machtgestützter, unterdrückender Herrschaft aufgehoben
und die Menschen als gleichberechtigt und kreativ ihren politisch-ästhetischen
Bedürfnissen leben können79, wird ebenso übergangen wie die häufig konkreten
politischen und sozialen Anmerkungen, die sich in seinen zahlreichen Abhandlungen
und Denkschriften der späteren Jahre finden. Ignoriert werden erstaunlicherweise
auch Wagners Antisemitismus, seine schillernden Rassenvorstellungen wie alles, was
in seinen späten Schriften zur Regenerationslehre gehört; nur einmal werden der
»manische Antisemitismus«, die »deutschtümelnde Schwärmerei« und »seine Auf-
fassung von den ›menschlichen Racen‹« erwähnt und sogleich hinzugesetzt, man
dürfe dies alles nicht im Sinne des 20. Jahrhunderts verstehen80, was zwar richtig,
gleichwohl aber nicht ausreichend ist.
Alles, was zur Politik, zur Gesellschaft, zum Sozialen lediglich verstreut und
sparsam zu finden ist, dient nach Loos stets nur als Reflexionsmaterial eines sich zu
den praktischen Fragen des Lebens in Distanz setzenden Künstlers, ein Urteil, das
dem sich ein Leben lang immer wieder in die Tagespolitik einmischenden Wagner
nicht gerecht wird. Dort, wo eine solche Verortung des Komponisten allzu direkt
gegen seine Texte und Veröffentlichungen spricht, wird er – der generellen Haltung
des Buches entsprechend – ideenpolitisch in die Tradition des romantischen Gesell-
schafts- und Staatsdenkens eingeordnet, ohne dass diese präziser bestimmt würde,
auch ohne Wagners ideenpolitischen Synkretismus genauer zu bestimmen, der sich
bekanntlich sehr unterschiedlicher sozial-politischerVorstellungswelten bediente, vom
Anarchismus, Sozialismus, Radikal-Demokratismus bis hin zum Traditionalismus und
Konservatismus. Um ein Beispiel zu geben: wenn Wagners »Staatsideal« als das »Ideal
einer deutschen Monarchie auf christlich-demokratischer Grundlage« charakterisiert
wird mit dem anschließenden Hinweis, niemand könne hier die romantische Tradi-
tion verkennen, »niemand auch die Tragödie eines Romantikers in der modernen
Zeit«, dann wäre anzufügen, dass das Konzept einer ›republikanischen Monarchie‹
bis weit in die liberalen und demokratischen Bewegungen des Vormärz vertreten
worden ist, also politisch weder nur dem Konservatismus zugeordnet werden kann
noch gar ausschließlich als romantische Idee gelten darf.81
Für Loos sind Wagners Revolutionsengagement und seine im Exil entstandenen
revolutionären Schriften ebenso wie die der späteren Lebensjahre »Dokumente
eines tragischen Subjektes«82 – tragisch deshalb, weil dieses Subjekt gegen die her-
aufziehende Moderne in einem hoffnungslosen und nicht zu gewinnenden Kampf
steht um sein Recht auf Individualität, auf Eigenbestimmung, auf Verschonung von

79 Vgl. Richard Wagner, Das Kunstwerk der Zukunft, in: GSD, Bd. 3, S. 161 ff. Ebenso Udo Bermbach,
Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 234 ff.
80 Paul Arthur Loos, Richard Wagner, S. 34. Die beiden folgenden Zitate S. 23.
81 Dazu ausführlich Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 47 ff.
82 Paul Arthur Loos, Richard Wagner, S. 5. Das folgende Zitat S. 57.
Biographischer Neuanfang? 41

allen Erscheinungen, die die Moderne mit sich führt. Noch einmal inkarniert sich
in Wagner in überwältigender Ausprägung das romantische Ich, das sich abzukeh-
ren sucht von aller Politik und einer sittenvergessenen Gesellschaft, abzuwenden
sucht auch von einer in Selbstzerstörung begriffenen Kultur, sich hinwendet zur
rettenden Privatheit, um in sich selbst das »Ganze«, den Zusammenhang aller Le-
bensteile zurückzugewinnen. Wagners ›Gesamtkunstwerk‹ erscheint als Sehnsucht
und Fluchtpunkt einer universellen Einheit der Menschheit, wie sie innerhalb der
Romantik in deren Suche nach einer Universalpoesie vorgeprägt ist und wie Wagner
sie in seinen Musikdramen dann vollendet.Aber dies in der Gewissheit, es gebe »kein
verbindendes Band mehr, und die Kunst als ›allgemeines Heiligtum‹ lebt nur noch
im Einzelnen; je inniger man ihr dienen will, je uneigennütziger man die Schönheit
und Wahrheit ehrt, umso einsamer wird man unter den Menschen«.
So subtil und kenntnisreich Loos Wagner als den tragischen Vollender der
Romantik darstellt, so einseitig bleibt seine Darstellung bezüglich des politischen
und gesellschaftlich engagierten Künstlers. Liest man sein Buch freilich auf dem
Hintergrund der Zeit seines Entstehens und seiner Publikation, so wird der Sinn
einer solchen Entpolitisierung Wagners zumindest verständlich, und zwar in einem
doppelten Sinne: zum einen steht das Buch in scharfem Gegensatz zu allen nati-
onalsozialistischen Interpretationen und Vereinnahmungsversuchen Wagners, denn
es betreibt die Rückkehr Wagners in eine von Nationalismus und Deutschtümelei
noch unbefleckte Romantik.Wagner kann so gleichsam unbeschädigt von all jenen
völkisch-nationalen Zuschreibungen, die ihm durch das späte 19. und dann im 20.
Jahrhundert angetan worden sind, wieder eingebettet werden in eine reiche und
weltweit bewunderte, geistes- und kulturgeschichtliche Tradition, die, weil vor dem
Dritten Reich existent, von diesem auch nicht kontaminiert worden ist. Zum anderen
aber reagiert Loos – bezogen auf den Zeitpunkt der Niederschrift des Manuskriptes
von 1943 gleichsam antizipatorisch – auf eine desolate Nachkriegssituation, die als
radikales Scheitern der Politik begriffen werden konnte, in der sich die Auflösung
aller bisher geltenden politischen Maßstäbe vollzog und sich eine neue moralisch-
sittliche Ordnung mit einem daraus resultierenden demokratischen Verfassungsstaat
erst abzuzeichnen begann, aber noch nicht wirklich gefestigt war. Gegen beides
werden Wagner und sein Werk gleichsam immunisiert, gegen eine unsägliche Ver-
gangenheitsomnipotenz ebenso wie gegen eine unabwägbare und riskante Gegen-
wart, deren Zukunft noch nicht absehbar ist. Insoweit ist die von Loos vorgetragene
Wagner-Interpretation zeittypisch: ihr Autor verhält sich wie viele Autoren in der
Nachkriegszeit, wenn er den ›überzeitlichen‹, den a-politischen Künstler herausstellt,
ihn einbettet in eine scheinbar unbeschädigte und mit der jüngsten Vergangenheit in
keinem Zusammenhang stehenden geistesgeschichtliche Tradition. Die Zerrissenheit
des romantischen Künstlers, seine Sehnsucht nach unbeschädigter Innerlichkeit, nach
Ruhe und Geborgenheit, nach sicheren Umständen seines Wirkens, nach Hoffnung
auf ein sich wieder herstellen lassendes ›Ganze‹ – das alles beschreibt nicht nur
Wagner, sondern eben auch zu einem Gutteil die Hoffnungen und Sehnsüchte der
Überlebenden von 1945, und es passt in die intellektuelle Szene der ersten bun-
42 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

desrepublikanischen Jahre. Dass Loos überdies einen Wagner zeichnet, wie er auch
von zahlreichen – politisch durch ihre NS-Vergangenheit stark belasteten – Autoren
der Bayreuther Programmhefte nach der Wiederöffnung der Festspiele 1951 vorgestellt
wurde, sei nur am Rande erwähnt.
Zu diesen NS-belasteten Autoren gehörte auch Curt von Westernhagen, dessen
voluminöse und außerordentlich viel gelesene Biographie Wagners 1956 erschien.83
Westernhagen hatte erstmals 1928 für die Bayreuther Blätter geschrieben, einen
vergleichenden Aufsatz über den Rasseforscher und Eugeniker Hans F.K. Günther
und Wagner84 und war in den dreißiger Jahren als überzeugter nationalsozialistischer
Wagner-Forscher mit einer Reihe von Arbeiten hervorgetreten. Ab 1951 schrieb er
auf ausdrücklichen Wunsch Wieland Wagners erneut für die Bayreuther Programm-
hefte. Seine Wagner-Biographie von 1956, die 1968 und 1979 leicht veränderte
Auflagen erlebte und vielfach übersetzt wurde, avancierte sehr rasch innerhalb der
›Wagner-Gemeinde‹ zum biographischen Standardwerk. Sie ging, wie der Autor
im Vorwort bemerkte, auf einzelne Vorstudien aus der Zeit der Weimarer Republik
und des Dritten Reiches zurück, stellte aber angeblich eine »vollständige Neube-
arbeitung des Manuskriptes auf Grund des seither veröffentlichten Materials dar.«85
Angeblich deshalb, weil angesichts der während des Dritten Reiches erschienenen
Publikationen Westernhagens die Ursache der »Neubearbeitung« eher darin lag, alle
NS-belasteten Texte und Stellen zu entsorgen und das Werk der Stimmungslage der
Nachkriegszeit anzupassen.
Westernhagens Biographie86 ist mehr als nur eine sehr ausführliche und ma-
terialreiche Darstellung des Lebens Wagners und der Entstehung seiner Werke:
sie ist zugleich ein charakteristisches Dokument zum einen für die ideologische
Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit eines NS-belasteten Autors, zum anderen in

83 Curt von Westernhagen, Richard Wagner: sein Werk, sein Wesen, seine Welt, Zürich/Freiburg i.Br. 1956;
neue Auflagen 1968 und 1979. Curt von Westernhagen (1893–1982) geboren in Riga, ging dort
zur Schule, legte das Abitur in Braunschweig ab, studierte dann Medizin in Berlin (wo er Wini-
fred und Siegfried Wagner kennenlernte) und promovierte in Kiel. Lebte in Preetz/Holstein als
Zahnarzt. Trat mit 37 Jahren am 1. Februar 1930 in die von ihm mitbegründete Ortsgruppe der
NSDAP in Preetz/Holstein ein, wurde stellvertretender Ortsgruppenleiter, Presse- und Kulturwart
bzw. Schulungsleiter und hielt Vorträge zur Rassen- und Erbgesundheitslehre, über Führertum
in der Geschichte usw. Er veröffentlichte u. a. Richard Wagners Kampf gegen seelische Fremdherrschaft,
München 1935; Nietzsche, Juden, Antijuden,Weimar 1936 sowie Aufsätze in den Bayreuther Blättern
(1928, S. 169 ff.; 1936, S. 8 ff.; 1937, S. 87 ff.; 1938, S. 174 ff.) und in NS-Publikationen. Nach dem
Krieg erschienen: Gespräch um Wagner; Bayreuth 1961; Vom Holländer zum Parsifal, Zürich/Freiburg
i.Br. 1962; Wagners Dresdner Bibliothek, Wiesbaden 1966; Die Entstehung des ›Ring‹. Dargestellt an
den Kompositionsskizzen Richard Wagners, Zürich/Freiburg i.Br. 1973. Nach der Neueröffnung
der Bayreuther Festspiele war er – auf Bitten Wieland Wagners – regelmäßig als deren Autor für
Bayreuth tätig, unterhielt auch persönlich enge Beziehungen zu Winifred Wagner. Er schrieb
seinen letzten Beitrag im Jahre des ›Jahrhundert-Ring‹ 1976.Vgl. dazu in diesem Buch Galt’s hier
der Kunst? S. 471 ff. Auskunft von Dörte von Westernhagen, Lüneburg.
84 Curt von Westernhagen, Günther und Wagner, BBl 1928, S. 169 ff.
85 Curt von Westernhagen, Richard Wagner, 1956, S. 21.
86 Ich beziehe mich im Folgenden auf die Ausgabe von 1968.
Biographischer Neuanfang? 43

ihrer durchgehenden Entpolitisierung Wagners der Ausdruck jenes gesellschaftlich-


politischen Bewusstseins der Bundesrepublik am Ende der fünfziger und zu Beginn
der sechziger Jahre, das – allen öffentlichen Ansätzen zum Trotz – noch immer die
brauneVergangenheit und die politischen Belastungen Bayreuths zu verdrängen oder
zumindest zu relativieren suchte. Curt von Westernhagen kann als paradigmatischer
Fall eines publizistisch führenden ›Wagnerianers‹ gelten, der am Ende der Weimarer
Republik, zu Beginn seiner ›Karriere‹, das von Bayreuth damals favorisierte Bild eines
völkisch-nationalistischen Nationalkomponisten aus voller Überzeugung mitgemacht
hatte, bereits vor Beginn des Dritten Reiches als überzeugter Nationalsozialist auch
für die Vereinnahmungsstrategie des NS-Regimes gegenüber Wagner publizistisch
Gründe geliefert hatte, und der in den Jahren des demokratischen Neubeginns er-
neut versuchte, an vorderster Stelle meinungsbestimmend nun ein Wagner-Bild zu
zeichnen, das, politisch gereinigt und von allen braunen Beimischungen entsorgt,
der in Bayreuth versammelten Festspiel-Gemeinde als prototypisches Leitbild dienen
konnte. Den Schwenk von einem Wagner, der mit seinem Rückgriff auf die germa-
nischen Mythen und seiner antisemitischen Gesinnung als ideeller Vorkämpfer der
›nationalen Revolution‹ von 1933 verstanden werden musste, zu einem Wagner, der
im Grunde mit Politik niemals etwas zu tun gehabt hatte und seine künstlerischen
Inspirationen der Antike und den großen deutschen wie europäischen Dichtern
und Komponisten verdankte, hat Westernhagen ebenso problemlos vollzogen, wie
viele seiner ›Mitstreiter‹ aus der Zeit des Dritten Reiches, die ebenfalls nach 1951
für Bayreuth in diesem Sinne ihre Wagner-Interpretationen lieferten. Und er lag wie
seine Ko-Autoren damit voll im Trend der Zeit, hatte die breite Zustimmung der
Reste eines ehemals bestimmenden, politisch korrumpierten Bildungsbürgertums.
In seiner 1935 erschienenen Schrift über Richard Wagners Kampf gegen seelische
Fremdherrschaft hatte Westernhagen sich in einem eigenen Kapitel dem »Revoluti-
onär« Wagner gewidmet und festgestellt: »Daß Wagner von revolutionären sozialen
und politischen Gedanken ergriffen wurde, mit revolutionären Führern verkehrte,
in einer politischen Versammlung eine revolutionäre Rede hielt, Flugblätter an die
Truppen verteilte, vom Turm der Dresdener Kreuzkirche, während neben ihm die
Geschosse einschlugen, den Zuzug der Freiwilligen beobachtete, daß er, von der
siegreichen Reaktion steckbrieflich verfolgt, geächtet außer Land fliehen mußte, –
das alles geht zunächst nur sein menschliches Schicksal an.«87
Gleichwohl aber sah er in dieser Schrift in Wagner auch einen genuin politischen
Revolutionär. »Von der Politik war er zur Idee der Revolution gelangt«, schrieb er
und folgerte, die Idee der Revolution habe sich – »indem er sich des Blutes bewußt
wurde« – zur Idee der Reformation und am Ende zur Idee der Regeneration, »der
rassischen Wiedergeburt«, gewandelt und damit den tiefsten »Gedanken des nächsten
Jahrhunderts« hervorgebracht. Das umfassende Ziel einer künstlerischen Revolution
habe auch die Revolution der Gesellschaft und Politik mit eingeschlossen. In der

87 Curt von Westernhagen, Richard Wagners Kampf gegen seelische Fremdherrschaft, München 1935, S. 15.
Die folgenden Zitate auf den Seiten 25; 25; 25; 25; 20; 21; 24 ff.
44 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

Entdeckung des Mythos und dem Konzept des Gesamtkunstwerks, in der Suche nach
dem »Erlebnis von der Einheit« desVolkes sah Westernhagen den revolutionären Kern
von Wagners Kunst, welche die Kritik »von Juden mit ihrer sicheren Witterung für
das, was ihnen feindlich« und von »Germanen mit ihrer Instinktlosigkeit für das, was
ihnen gemäß ist«, auf sich ziehen musste, einer Kunst, die über sich selbst hinauswies
auf die Totalität des Lebens insgesamt. »Der Sinn des Begriffes der Revolution ist
von Wagner in seiner deutschesten und tiefsten Bedeutung gefaßt« worden, hieß
es, die Revolution sei »der Durchbruch des festen Bodens der Urwelt, der bis zu
den tiefsten Orten der Erde hinabreicht«, gegen alle »fremdblütigen Helfershelfer!«
»Denn die deutsche Revolution ist eine Revolution aus dem Blute«, und »diese
Frage nach dem Blute wurde immer voller, immer vernehmlicher der Grundton
des Wagnerschen Revolutionsbegriffes …«.
In der Wagner-Biographie von 1968 ist von einem solchen Revolutionsbegriff
naturgemäß keine Rede mehr, und alles, was auf jene Schrift aus den Anfangsjahren
des Dritten Reiches deuten konnte, wird sorgsam vermieden. Die Selbstkorrektur
des Autors reinigte jetzt nicht nur den Wagnerschen Revolutionsbegriff von allen
nazistischen Ingredienzien, sie leugnete im Grunde auch, dass Wagner jemals ein
Revolutionär im politischen und gesellschaftlichen Sinne gewesen sei. Im Kapitel
über »Die revolutionären Entwürfe«88 sucht man vergeblich nach einer ausführ-
lichen Darstellung und Auseinandersetzung mit Wagners Revolutionsschriften,
vergeblich nach einer Darlegung und Analyse der drei großen politisch-ästheti-
schen Schriften – Die Kunst und die Revolution, Das Kunstwerk der Zukunft, Oper und
Drama –, vergeblich auch nach einer systematischen Beschäftigung mit Wagners
politisch-ästhetischer Utopie, in der Wagners Kunstideal gesellschaftlich und politisch
konkret wird. Westernhagen referiert zwar Einzelereignisse rund um die Dresdner
Unruhen von 1848/49, aber er relativiert Wagners Engagement als die »träumeri-
sche Entrücktheit« eines Genies, das seiner Kreativität wegen gelegentlich aus allen
Realitäten aussteigen muss. Wagners Rede im Vaterlandsverein mit dem Plädoyer
für einen ›republikanischen König‹ wird – wie in einem Rückgriff auf vergangene
Zeiten – als »mystische Vorstellung vom Urkönigtum der Germanen mit einer ganz
persönlichen Verehrung für Friedrich August II.« gewertet, die Freundschaft mit
Röckel in ihrer politischen Bedeutung für Wagner heruntergespielt, die Bekannt-
schaft mit Bakunin zu einem Missverständnis erklärt, denn »bei ihren Diskussionen
konnten sie sich gegenseitig nicht bekehren« und »Wagners Hoffnungen auf eine
künftige künstlerische Gestaltung der menschlichen Gesellschaft schienen Bakunin
gänzlich in der Luft zu schweben, jener wiederum konnte sich nicht verhehlen, dass
dessen Theorie von der unerläßlichen Zerstörung aller Kulturinstitutionen auf den
bodenlosesten Voraussetzungen beruhte.«
In einer 601 Seiten umfassenden Biographie werden die für Wagners weiteres
Leben und seine Werke zentralen Erfahrungen der unmittelbaren Beteiligung des

88 Curt von Westernhagen, Richard Wagner, S. 134 ff. Die folgenden Zitate auf den Seiten 146; 137;
139; 139; 140; 141.
Biographischer Neuanfang? 45

Komponisten an einer Revolution, an ihrem Scheitern mit der Konsequenz eines


zwölfjährigen Exils auf knappen 13 Seiten abgehandelt, auf denen überdies die
künstlerischen Pläne und Kompositionen/Kompositionsentwürfe jener Jahre einen
Großteil der Darstellung beanspruchen. Letzteres wohl deshalb, weil Westernhagen
es für eine offensichtliche und daher nicht weiter zu beweisende Tatsache hielt, »daß
die eigentliche Politik, trotz seiner äußeren Aktivität, sein inneres Geistesleben nicht
ausgefüllt, ja kaum berührt hat« und folglich alle politischen Äußerungen Wagners
als Ausdruck eines »Phantasten« vernachlässigt werden können. Die Revolution,
sofern sie für Wagner überhaupt Bedeutung hatte, war – so sein Biograph – der
»Ausdruck seiner vollsten Verzweiflung«, deren es bedurfte, um Mut für sein eigent-
liches Projekt, den Ring, schöpfen zu können, denn in diesem »schöpferischen Mut
der Verzweiflung liegt die tiefere Bedeutung der Revolution für die Konzeption
des Nibelungen-Dramas.«
Das nahezu völlige Ausblenden des revolutionären Wagners in einer ansonsten
jedes – zum Teil überflüssige – Detail genau festhaltenden Biographie ist ein mehr
als erstaunlicher Vorgang. Es ist ein Sachverhalt, der Aufschluss gibt sowohl über
die intellektuelle Redlichkeit und ideologische Wendigkeit des Autors wie über
die weltanschaulichen Bedürfnisse seiner Leser. Westernhagen verliert kein Wort
zu den politischen und gesellschaftlichen Forderungen der Revolutionspamphlete
Wagners, er gibt sie nicht einmal vollständig wieder; er unterlässt alle Hinweise auf
die ideenhistorische und ideenpolitische Einordnung dieser Forderungen, weist le-
diglich George Bernard Shaws Verdikt,Wagner sei zu dieser Zeit Bakunist gewesen,
als »lächerlich« zurück. Schwerer freilich wiegt, dass Wagners Judenthum in der Musik
in dieser Biographie nicht vorkommt, geschweige denn eingehend behandelt wird;
dass Wagners Antisemitismus nirgends ausführlich erwähnt und diskutiert wird; dass
dessen spätere Beschäftigung mit Gobineaus Rassentheorie nicht thematisiert wird,
von einer korrekten und ausführlicheren Darstellung der politischen Vorstellungen
Wagners in seinen späten Jahren, auch seiner Regenerationsschriften, ganz zu schwei-
gen. Der früher aggressive Antisemit Westernhagen blendet in dieser Darstellung von
Wagners Leben dessen Antisemitismus vollständig aus. Und ähnlich geschieht dies mit
den theoretischen Schriften Wagners; auch sie werden in dieser Biographie weithin
ignoriert und nur dort genannt, wo sie als harmlose Stütze für die Darstellung des
Lebensablaufs fungieren können. Mit diesem völligen Ausblenden und Ignorieren
all dieser für die Persönlichkeit Wagners und seiner musikdramatischen Werke be-
deutungsvollen Themen fällt Westernhagen, aller Umfänglichkeit und scheinbaren
Detailversessenheit seines Buches zum Trotz, im Entwurf eines Lebensbildes von
Wagner hinter das zurück, was er selbst an freilich sachlich falscher ›Politisierung‹
Wagners im Dritten Reich betrieben hatte. Dass er mit seiner Arbeit selbst Houston
Stewart Chamberlains Wagner-Biographie noch an Entpolitisierung Wagners über-
bietet, sei nur der Vollständigkeit halber angemerkt. Vermutlich aber lag in diesen
Defiziten, die den die Vergangenheit möglichst verdrängenden ›Zeitgeist‹ trafen,
gerade der Erfolg dieser Biographie begründet, die für viele Wagnerianer jene Be-
deutung erlangen konnte, die Jahrzehnte zuvor die Darstellung Chamberlains hatte.
46 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

Wenn gelegentlich bemerkt worden ist, Revolution bei Wagner meine »nicht
allein soziale Revolution« und sei daher weder auf die Chiliasmen von Erlösung
und Untergang einzuengen, noch … in Richtung eines bestimmten politischen
Programms … zu vereindeutigen«, sondern müsse »in erster Linie ästhetisch und
kompositorisch verstanden und entfaltet werden«89, so hat Hans Mayer in seiner
frühen Biographie einer solchen ›Vereindeutigung‹ aufs Musikalische seine These
entgegengesetzt,Wagners politische Grundannahmen seien »keineswegs als ein ›Ne-
benher‹ gegenüber seinen großen musikdramatischen Gestaltungen zu verstehen«
und daher verbiete sich »eine solche Aufteilung zwischen der politischen und der
›rein künstlerischen‹ Sphäre bei Wagner von selbst.«90 Der schmale Band, bereits 1959
erstmals erschienen, drei Jahre nach Westernhagens Buch, und danach immer wieder
aufgelegt, stellte in der Geschichte der deutschen Wagner-Biographik in zweierlei
Hinsicht eine signifikante Wende dar: zum einen war der Verfasser ein Professor
für Literaturwissenschaften an der Universität Leipzig, und also aus der DDR, zum
anderen war seine Sicht auf Wagners Leben und Werk marxistisch geprägt. Damit
kamen erstmals jene ›linken‹ politischen Orientierungen bei Wagner zur Sprache,
die in nahezu allen bisherigen Biographien unterschlagen oder schlicht geleugnet
worden waren. Dass die DDR und ihre führenden (Musik-)Intellektuellen mit Wag-
ner aufgrund seiner NS-Vereinnahmung ihre eigenen Schwierigkeiten hatten, ist
bekannt.91 Umso erstaunlicher war Mayers Studie, die Wagners Leben, Schriften und
Werk in die Tradition des »Emanzipationsdenkens«92 einordnete und die auf Wagner
einwirkenden Einflüsse des Jungen-Deutschlands, Feuerbachs, der französischen
Frühsozialisten und deutschen Anarchisten nachhaltig betonte, dem Komponisten
»Atheismus und sozialreformerische Utopie, Antikapitalismus und unverkennbare

89 Richard Klein, Zwangsverwandtschaft. Über Nähe und Abstand Adornos zu Richard Wagner, in: Ekkehard
Kiem/Ludwig Holtmeier (Hg.), Richard Wagner und seine Zeit, Laaber 2003, S. 195.
90 Hans Mayer, Richard Wagner in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, rowohlts monographien, Hamburg
1
1959, 1965, S. 15. Hans Mayer (1907–2001) studierte Rechts- und Staatswissenschaften, Geschich-
te und Philosophie, politisierte sich bereits als Student und bekannte sich früh als Marxist. 1933
erhielt er als Jude und Marxist Berufsverbot, floh nach Frankreich, später nach Genf und wandte
sich der Literatur- und Musikwissenschaft zu. Nach Kriegsende kehrte er 1945 nach Deutschland
zurück, ging 1948 in die damalige Sowjetische Besatzungszone, erhielt in Leipzig eine Professur
für Literaturwissenschaft und wurde auch im Westen einer der einflussreichsten Literaturkritiker.
Er war Mitglied der Gruppe 47, geriet zunehmend in Konflikte mit der offiziellen DDR-Politik
und kehrte 1963 aus der Bundesrepublik nicht mehr nach Leipzig zurück. 1965 wurde er Pro-
fessor für Literaturwissenschaft an der Universität Hannover, nach seiner Emeritierung lebte er
als Honorarprofessor in Tübingen. Er hat eine Reihe einflussreicher Bücher veröffentlicht und
bestimmte die literarische Szene auch der Bundesrepublik entscheidend mit. Autobiographisch
sind: Ein Deutscher auf Widerruf, Frankfurt/M. 1982; Gelebte Musik. Erinnerungen, Frankfurt/M.
1999.Wichtig auch: Außenseiter, Frankfurt/M. 1975 mit nachfolgenden Auflagen; Wendezeiten. Über
Deutsche und Deutschland, Frankfurt/M. 1993; Der Widerruf. Über Deutsche und Juden, Frankfurt/M.
1994.
91 Vgl. dazu skizzenhaft Eckart Kröplin, Aufhaltsame Ankunft und ahnungsvoller Abschied. Der Ring in
der DDR, in: wagnerspectrum 1/2006, S. 63 ff.
92 Hans Mayer, Richard Wagner, S. 12. Die folgenden Zitate auf den Seiten 14; 16; 55 ff.; 59; 60; 63; 74;
138; 138 f.
Biographischer Neuanfang? 47

Züge des anarchistischen Individualismus« attestierte. Gegen alle bisherige Tradition


sah Mayer in den großen Musikdramen vom Rienzi bis zu den Meistersingern »neben
dem sozialen oder utopisch-sozialistischen Wähnen gleichzeitig die echten Impulse
eines nationalen Künstlers, der von der Einigung und vom nationalen Aufstieg seines
Vaterlandes träumt.« Und erst recht bewertete er Wagners Revolutionsengagement
wie seine Revolutionsschriften als das, was beides war: linkes Aufbegehren gegen
eine bis in die Grundelemente verdorbene Gesellschaft und Politik. In seinem Ka-
pitel »Revolution und Revolutionär« erörterte Mayer eingehend und kenntnisreich
den Synkretismus des politischen Denkens Wagners, zeigte dessen ideenhistorische
Wurzeln, verschwieg auch nicht die mitgeschleppten Widersprüchlichkeiten und
Inkonsequenzen, »dieses Gemisch aus Republikanertum, Reform von oben, Feuer-
bach, Stirner und Proudhon«, kritisierte aus der Perspektive eines Marxisten – zitiert
wird das Kommunistische Manifest von 1848 – die revolutionäre Gärung in Wagners
Denken, die sich einer systematischen und stimmigen Analyse entschlägt – um dann
umso nachdrücklicher darauf zu bestehen, dass der Wagner dieser Revolutionsjahre
1848/49 entgegen seiner eigenen Darstellung in Mein Leben ein wirklicher Revolu-
tionär gewesen sei: »Wie immer man über Richard Wagner als Revolutionär denken
mag: er repräsentiert eine typische Haltung; keineswegs ist er ein Fremdkörper in
dieser sonderbaren deutschen Revolution. Er gehört zu ihr und sie gehört zu ihm.
Da gibt es nicht einmal eine Zweiteilung in den Revolutionär und den Künstler
Richard Wagner: Verse aus der Lohengrin-Dichtung verwandeln sich in politische
Kampfgedichte, die Gedanken des politischen Redners und Agitators erfahren ohne
Schwierigkeit eine Übertragung ins Opernhafte und Dramatische. … In diesen
vierzehn Monaten einer deutschen oder sächsischen Revolution bleibt Richard
Wagner folgerichtig.«
Über Seiten spürt Mayer den im weiten Sinne linksradikalen Einflüssen auf
Wagner nach, betont den Einfluss von August Röckel und nicht zuletzt die enge
Beziehung zu Bakunin, dessen Bekanntschaft Wagner über die Empfehlung des
Dichters Georg Herwegh – seines späteren Freundes im Züricher Exil – an Röckel
gemacht und dem er freundschaftlich verbunden war: »Die Begegnung zwischen
Wagner und Bakunin war also weit von Zufall und zeitweiliger Verführung entfernt.
Sie war notwendig«, urteilt Mayer, weil der Revolutionär Wagner ausschließlich im
engen Kreis der Dresdner Revolutionäre verkehrte, sich hier ideologisch stärkte
und eben unausweichlich auf alle treffen musste, die gleichgesinnt waren. Und er
spürt diesen politischen Überzeugungen und Verbindungen Wagners auch in des-
sen großen theoretischen Schriften nach: die Zürcher Kunstschriften aus den Jahren
1849/1851 weisen seiner Meinung nach Wagner »als Demokrat und Sozialist«
aus, in den kunstrevolutionären Vorstellungen sind die gesellschaftlich-politisch
revolutionären Ideen immer aufgehoben. Auch der gescheiterte Revolutionär, der
zu Schopenhauer greift, bleibt in gewisser Weise Revolutionär, auch wenn er sich
in vielen seiner Ansichten von dem abwendet, was er in Dresden vertreten hatte.
Doch es gibt Kontinuitätslinien, die auch in den Schriften der Jahre ab 1864 noch
zu finden sind, die später allerdings mehr und mehr verschwinden. Wagners Reak-
48 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

tion auf den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 nennt Mayer »Entgleisung
eines deutschen Patrioten, der in der Exaltation der Reichsgründung die Grenzen
des Geschmacks und der Humanität überschreitet«, und mit der Grundsteinlegung
des Bayreuther Festspielhauses glaubt Mayer den endgültigen Bruch Wagners mit
seiner revolutionären Vergangenheit feststellen zu können: »Die Rede zur Grund-
steinlegung des Festspielhauses macht es sichtbar. Sie bedeutet einen völligen Bruch
mit Wagners einstigen Plänen zur Realisierung gesellschaftlichen Fortschritts. Das
Nationale ist hier dem Nationalistischen eng verwandt; humanen Fortschritt hält
Wagner, als Schüler Schopenhauers, weder für möglich noch für wünschenswert.
Einzig das Genie bedeutet Fortschritt.Vieles klingt hohl, gefällig postuliert … Es ist
das Bayreuther Programm eines Herrschers, nicht eines einstigen Demokraten und
Sozialisten … Jetzt regiert die Bayreuther Idee. Alles dient dem Stiftertum einer
neuen Kunstreligion … Unverkennbar ist … Grundzug des antidemokratischen,
elitehaften Lobes der ›Ungleichheit‹. Kunst und Ungleichheit, Kunst und Religion
sind nun die neuen Themen des Theoretikers Wagner.«
Auch wenn diese Wertungen Mayers mit guten Gründen und guten Belegen
bezweifelt werden können93, so bleibt es doch dessen hohes Verdienst, als erster
Biograph Wagners politisches Denken und dessen Einfluss auf seine Musikdramen in
das ideenhistorisch linke Spektrum politischer Gesellschafts- und Politik-Konzepte
überzeugend eingeordnet zu haben. Die schmale, aber auf die traditionell kon-
servative Wagner-Szene nachhaltig verstörend wirkende Studie bereitete auf ihre
Weise jene sich in der damaligen Bundesrepublik bereits abzeichnende allmähliche
intellektuelle Neujustierung mit vor, die den Traditionalismus und Konservatis-
mus der Adenauer-Ära, auch deren Verschweigen bzw. Kaschieren der deutschen
Vergangenheit, mehr und mehr aufbrach und mithalf, sich ›linkem Denken‹ zu
öffnen. 94 Nach den Jahren des Wiederaufbaus und des ›Wirtschaftswunders‹ in den
fünfziger Jahren setzte zu Beginn der sechziger Jahre eine inhaltliche Wandlung der
öffentlichen Diskussion ein. 1963 begannen in Frankfurt/M. mehrere Auschwitz-
Prozesse, die das allgemeine Bewusstsein über die NS-Vergangenheit entscheidend
veränderten. Mit der Spiegelaffäre von 1962, der Debatte über die Notstandgesetze
1965 sowie der Bildung der ersten großen Koalition von 1966 – um nur drei be-
sonders markante Beispiele zu nennen – begann das öffentliche Nachdenken über
die Voraussetzungen und Bedingungen einer stabilen Demokratie, und zugleich
formierten sich die Vorläufer der später so genannten ›Studentenbewegung‹. Die
durch solche Ereignisse stimulierte allgemeine gesellschaftliche Aufbruchsstimmung
bewirkte in den meinungsbildenden Eliten eine größere Offenheit gegenüber dem
›linken Denken‹. Und solche generelle Hinwendung zu linkem kritischem Denken
galt auch, in vorsichtiger Weise, für Bayreuth, wo in den Bayreuther Programmheften

93 Vgl. Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 283 ff.


94 Vgl. dazu den Überblick von Monika Boll, Intellektuelle Gründungsdebatten in der frühen Bundesre-
publik, Münster 2004; ebenso Edgar Wolfrum, Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik
Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 2006.
Biographischer Neuanfang? 49

erstmals bereits 1957 ein Beitrag von Theodor W. Adorno gedruckt wurde95, 1960
dann Bloch publizierte96 und schließlich Hans Mayer 1963 seinen ersten Text
lieferte97. Mit diesen drei Autoren, die in den folgenden Jahren immer wieder für
die Programmhefte schrieben, begannen auch die Festspiele – gegen den heftigen
Widerstand einer Mehrheit der Festspiel-Besucher – sich einem (links bestimmten)
kritischen Verständnis der Werke Wagners zu öffnen, was 1972 mit dem von Götz
Friedrich inszenierten Tannhäuser 98 und dem 1976 inszenierten ›Jahrhundert-Ring‹
von Chéreau seinen endgültigen Ausdruck fand. 99
Erstaunlicherweise erschienen 1963, also zum 150. Geburtstag Wagners, keine
größeren biographischen Arbeiten, die wissenschaftlichen Rang beanspruchen
können. Im deutschen Sprachbereich sind lediglich zwei eher als polemisch zu
bezeichnende Schriften zu verzeichnen. Die eine stammte von Erich Kuby, einem
vielseitigen Journalisten und Publizisten, der in einem lockeren und ironischen
Kolportage-Stil Wagners Leben und Weltanschauung, »die nie etwas anderes war
als ein Rattenschwanz von Vorurteilen«100, Revue passieren ließ; die andere hatte
Ludwig Marcuse in der Manier eines Romans verfasst, in dem sich Wagner als eine
jede Situation genießende Theaterfigur durch das eigene Leben bewegte, ein »Kind
des Theaters«101 eben, das je nach Erfordernis einer Situation seine ›theoretischen‹
Erklärungen dazu lieferte, die man so ernst zu nehmen hatte, wie man eben einen
sich der Bearbeitung anbietenden Theatertext ernst zu nehmen hatte.

95 Theodor W. Adorno, Zur Partitur des Parsifal, in: Bayreuther Programmhefte 1957, Parsifal, S. 21 ff.
96 Ernst Bloch, Paradoxa und Pastorale in Wagners Musik, in: Bayreuther Programmhefte 1960, Die Meister-
singer von Nürnberg, S. 5 ff.
97 Hans Mayer, Tristans Schweigen, in: Bayreuther Programmhefte 1963, Tristan und Isolde, S. 20 ff.
98 Dazu Frederic Spotts, Bayreuth. Eine Geschichte der Wagner Festspiele, München 1994, S. 306 ff.
99 Vgl. dazu Detlef Brandenburg, Wahn und Welt. Politische Aspekte der Rezeption von Wagners ›Ring des
Nibelungen‹ in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945, in: wagnerspectrum 1/2006, S. 11 ff.
100 Erich Kuby, Richard Wagner & Co. Zum 150. Geburtstag des Meisters, Hamburg 1963, S. 8. Erich
Kuby (1910–2005) studierte Volkwirtschaft, arbeitete als Werftarbeiter, emigrierte 1933, kehrte
nach Deutschland zurück und gehörte der Wehrmacht in Frankreich und der Ostfront an. Nach
dem Krieg wurde er einer der bekanntesten deutschen Journalisten, ein Links-Liberaler, der u.a.
für den Spiegel und Stern schrieb, das Drehbuch für den Film Das Mädchen Rosemarie (1958) und
wichtige Radio-Features verfasste. Kuby erhielt mehrere Preise und Auszeichnungen und schrieb
wichtige Bücher, u.a. Das ist des Deutschen Vaterland, 1957; Der Fall ›Stern‹ und die Folgen 1983; Der
Spiegel im Spiegel, 1987 sowie die Autobiographien Lauter Patrioten. Eine deutsche Familiengeschichte
(1996) und Mein Krieg. Aufzeichnungen aus 2129 Tagen 1975/2000.
101 Ludwig Marcuse, Das denkwürdige Leben des Richard Wagner, München 1963, S. 19 ff. Ludwig Mar-
cuse (1894–1971) studierte Philosophie und Literatur, arbeitete dann als freier Schriftsteller und
Kritiker. Als Jude verließ er 1933 Deutschland, lebte bis 1939 in der deutschen ›Exil-Kolonie‹
Sanary-sur-Mer in Südfrankreich und ging über die Sowjetunion in die USA. Dort lehrte er als
Professor an der University of California deutsche Literatur und Philosophie und kehrte in den
späten sechziger Jahren in die Bundesrepublik zurück. Er schrieb zahlreiche Bücher, u.a. Revolu-
tionär und Patriot. Das LebenLudwig Börnes, 1929/1968; Heinrich Heine. Ein Leben zwischen Gestern
und Morgen, 1932/1970; Siegmund Freud. Sein Bild vom Menschen, 1956; Öbszön. Geschichte einer
Entrüstung, 1962; Mein zwanzigstes Jahrhundert. Auf dem Weg zu einer Autobiographie, 1960.
50 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

1968 erschien die aus dem Amerikanischen übersetzte Biographie von Robert W.
Gutman102, die in einer Besprechung Karl Schumanns als »das wichtigste Wagner-
Buch der jüngsten Zeit« gepriesen wurde, als »eine mit allen geisteswissenschaftlichen
Aspekten versehene Kritik, eine Entzauberung ohne geifernde Engstirnigkeit, die
aus Sarkasmus und Bewunderung gemischte Analyse eines schillernden Phänomens,
eine der wenigen nicht-neurotischen Reaktionen auf Werk und Persönlichkeit
Richard Wagners.«103
Man wird solchem Lob mit Vorsicht begegnen müssen, denn Gutmans Über-
zeugung, wonach Wagner »als politischer und sozialer Denker ein Bindeglied bildet
zwischen Jahn und Hitler« und Letzterer, der angeblich Wagners Prosa-Schriften
besonders geschätzt hat, den schwülstigen Stil des Komponisten nachgeahmt sowie
die »logischen, grausigen Konsequenzen« aus dessen Aufsätzen gezogen habe, gehört
eher ins Reich ideenpolitischer Fabelbildung, für die solide Belege bekanntlich
nicht angeführt zu werden brauchen, ganz zu schweigen davon, dass solche Thesen
die von den Nazis selbst behauptete Traditionslinie übernehmen.104 Abgesehen von
sachlichen Fehlern – so wird, um nur ein Beispiel zu geben, behauptet, Geyer sei
Jude und WagnersVater gewesen105 – entwirft Gutman ein Bild des Komponisten, das
zwischen politisch wirrem Denken, praktischem Opportunismus und übersteigertem
Größenwahn, genialem Musiker und folgenreichem Rassentheoretiker, scharfem
Antisemiten und unbändigem Franzosenhasser oszilliert und das einer eigenen
Analyse wert wäre. Doch es geht hier nicht um Wagners Gesamtbiographie, sondern
um den Stellenwert des Revolutionärs und seiner revolutionären Schriften. Der Re-
volutionär freilich wird von Gutman eher aus individuellen Motiven, der Flucht vor
aufgehäuften Schulden denn als politisch ernst zu nehmender Akteur bewertet. »Wie
ein schlechter Schüler, der seine Schule am liebsten in Flammen sieht, wollte er alles
daransetzen, um die kapitalistische Gesellschaft zu zerstören, bei der er so verschuldet
war.«106 Und die revolutionären Schriften des Züricher Exils, »höchst zweifelhafte
Monumente seiner ersten Exilsjahre«, offenbaren – so Gutman – weithin »nebelhafte
Vorstellungen« vom politischen und sozialen Umfeld, auf das sie sich beziehen, mit
Ausnahme des Judenthums in der Musik, in dem Wagner angeblich fordert, dass die
Juden »aus dem deutschen Leben verschwinden.« Die genaue Lektüre vor allem des
Schlusses dieses Pamphlets ergibt allerdings einen völlig anderen Sinn.107 Auch die

102 Robert W. Gutman, Richard Wagner. Der Mensch, sein Werk, seine Zeit. München 1968.
103 Karl Schumann, Richard Wagner und kein Ende, in: Süddeutsche Zeitung, 23. September 1970.
104 Alle Zitate Robert W. Gutman, Richard Wagner, S. 14.
105 Die These, wonach Geyer Jude war, geht auf Nietzsche zurück, der im Fall Wagner geschrieben
hatte: »Ein Geyer ist beinahe schon ein Adler« – eine Anspielung auf die Tatsache, dass viele Juden
den Namen Adler hatten. Geyer aber stammte aus einer thüringischen Musiker-Familie, und er
war überdies, wie die Forschung erwiesen hat, definitiv nicht der Vater Richard Wagners. Das alles
konnte Gutman bereits wissen.Vgl. dazu die genauen Angaben bei Martin Gregor-Dellin, Richard
Wagner, Sein Leben, sein Werk, sein Jahrhundert, München 1980, S. 34 ff.
106 Robert W. Gutman, Richard Wagner, S. 146. Die folgenden Zitate auf den Seiten 167; 168; 168.
107 Dazu Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 278 f.
Biographischer Neuanfang? 51

späteren politischen Schriften Wagners, so etwa Über Staat und Religion von 1864,
verfallen dem Verdikt, »unverdauliche Prosa« von »nebulösen Ideen108 zu sein. Nur
die antisemitischen Schriften, Passagen und Äußerungen nimmt Gutman auf und
überhöht sie interpretativ in einer – zurückhaltend formuliert – problematischen
Weise, misst ihnen eine entscheidende Rolle für die deutsche Geistesgeschichte
zu und erklärt Wagner zu einem der vielen »Proto-Nationalsozialisten mit einem
Programm für die rassische Erneuerung«, das angesichts der wachsenden Popularität
seiner musikdramatischen Werke »eine einmalige, verhängnisvolle Macht« gewann;
vor allem auf Adolf Hitler, der nach seinem frühjugendlichen Lohengrin-Erlebnis
angeblich »zu den dicken Bänden Wagnerscher Prosa (griff) und dessen politische
Schriften zu seiner Lieblingslektüre erklärte« – eine These, die Gutman zwar stetig
wiederholt, für die er aber keine Belege beibringt, weil es dafür keine gibt.
Mit Hans Mayers früher und schmaler Wagner-Biographie war ein Weg gewiesen,
der nach einer materialen Auffüllung verlangte.Westernhagen hatte kein zutreffendes
Bild Wagners geliefert, Gutmans Buch war mit seiner einseitigen und polemischen
Verzeichnung des Denkens und der Schriften Wagners wenig geeignet, dies wettzu-
machen. Das gelang erst der bahnbrechenden und bis heute maßstabsetzenden Arbeit
von Martin Gregor-Dellin109, die 1980 erschien und ein Wagner-Porträt lieferte, das
nicht nur den Lebensweg Wagners – einschließlich mancher seiner Seltsamkeiten
– zutreffend nachzeichnete, sondern endlich auch die Geschichte des politischen
Revolutionärs und die Inhalte seiner Schriften angemessen aufnahm, auch wenn
manche Bewertungen, wie das stets der Fall ist, problematisch erscheinen. Wagners
Leben, seine Werke wie sein Denken werden von Gregor-Dellin auf dem Hinter-
grund eines breit angelegten Geschichtspanoramas entfaltet, eng verbunden mit der

108 Robert W. Gutman, Richard Wagner, S. 277. Die folgenden Zitate auf den Seiten 477; 478.
109 Martin Gregor-Dellin (1926–1988) stammte aus einer Kaufmannsfamilie in Weißenfels/Saale, war
während des Zweiten Weltkriegs Soldat, kehrte nach der Gefangenschaft nach Mitteldeutschland
zurück, wo er in Halle/Saale als Lektor des Mitteldeutschen Verlags arbeitete. 1958 übersiedelte er
in die Bundesrepublik. Bis 1961 lebte er in Bayreuth, war anschließend im Hessischen Rundfunk
und in München als Verlagslektor tätig. Seit 1966 arbeitete er als freier Schriftsteller und gehörte
ab 1969 dem PEN-Zentrum an, dessen Präsident er von 1982 bis zu seinem Tode war. Daneben
war er in vielen Schriftsteller-Vereinigungen tätig, war Mitglied der Bayerischen Akademie der
Schönen Künste und der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, gründete mit anderen
zusammen die erste genossenschaftliche Autorenbuchhandlung in München. In den fünfziger und
sechziger Jahren veröffentlichte er zunächst Erzählungen und Romane, wandte sich dann aber mehr
und mehr der Herausgabe von Anthologien und dem Schreiben von Biographien zu. Er hat zu
Wagner zahlreiche wichtige Publikationen veröffentlicht, so Wagner und kein Ende, Bayreuth 1958;
Das kleine Wagnerbuch, Salzburg 1969; Wagner-Chronik, München 1972; Richard Wagner: die Revolution
als Oper, München 1973; Richard Wagner: eine Biographie in Bildern, München 1982; Erlösung dem
Erlöser, Karlsruhe 1982. Gregor-Dellin war (Mit-)Herausgeber einer kritischen Edition von Richard
Wagner, Mein Leben, München 1963, der Cosima-Tagebücher (vgl. Anm. 111) sowie der Bände
Richard Wagner: Mein Denken, München 1982, Richard Wagner: Ein deutscher Musiker in Paris, Kassel
1987 und Eine Pilgerfahrt zu Beethoven, München 1988.Von seinen zahlreichen anderen Arbeiten,
die ein weites Themenfeld abdecken, verdienen hervorgehoben zu werden: Luther, München 1983;
Heinrich Schütz, München 1984/1985
52 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

konkreten Chronologie der gesellschaftlichen, politischen und zwischenstaatlichen


Ereignisse des 19. Jahrhunderts ebenso wie den kultur- und geistesgeschichtlichen
Entwicklungen der Zeit. Immer wieder werden die unterschiedlichen Einflüsse aus
dem privaten wie gesellschaftlich-politischen Umfeld Wagners auf dessen Leben und
Weltanschauung genau aufgezeigt, so dass der Leser einen nachhaltigen Eindruck
davon bekommt, was Wagner alles aufgenommen, was er verarbeitet, was er im Laufe
seines Lebens beibehalten oder auch wieder aufgegeben hat. Gregor-Dellins Wagner-
Biographie ist eine Glanzleistung seines Genres, ebenso umsichtig wie weitsichtig
angelegt, ebenso genau wie verständlich geschrieben.
In dieser Biographie wird der politische Revolutionär Wagner ernst genommen,
auch wenn sein Biograph ihm gelegentlich nicht ganz traut und auch immer wieder
mal einschränkend meint, er sei »der künstlerischste und praxisfernste Sozialist, den
die Revolution hervorgebracht hatte«110 gewesen und daher seien manche seiner
Äußerungen entsprechend zu bewerten. Gleichwohl referiert Gregor-Dellin mit
beeindruckender Genauigkeit und Ausführlichkeit Wagners allmählichen Weg in
sein revolutionäres Engagement in Dresden, erläutert die gesellschaftlich-politischen
Verhältnisse, durch die und in denen die revolutionäre Bewegung sich ausbilden
konnte und führt Wagners Interesse an der Revolution nicht primär – wie bis dahin
in den Biographien zumeist üblich – auf dessen Wunsch nach einer Revolution der
Theaterverhältnisse zurück, sondern gesteht ihm eine eigene politische Option zu,
eine klare politische Haltung, die klar im linken politischen Spektrum angesiedelt
ist. Eingehend werden die ideenpolitischen Einflüsse eines Proudhon und der
französischen Frühsozialisten während der Pariser Jahre festgehalten, wird Röckels
Sozialismus und dessen prägende Wirkung auf Wagner beschrieben, ebenso die
freundschaftliche und Wagner tief beeindruckende Bekanntschaft mit Bakunin, aber
auch die vorausliegenden Lektüreeindrücke des ›Jungen Deutschland‹, der Links-
Hegelianer und nicht zuletzt Feuerbachs. Den revolutionären Ereignissen in Dresden
widmet Gregor-Dellin eine genaue Tages-Chronologie, in die Wagners Aktionen
eingebettet sind und er lässt keinen Zweifel daran, dass Wagner inmitten dieses
Geschehens »Sturmglocke und Mundstück der Revolution« gewesen ist. Wagners
Rede im Vaterlandsverein wird mit ihren radikalen politischen Forderungen ebenso
ausführlich referiert wie in ihren tagespolitisch Aufsehen erregenden Folgerungen,
und diese Rede gehört für Gregor-Dellin in ihrer politisch synkretistischen Subs-
tanz genauso zum Umkreis der Revolution wie jene sich von Mal zu Mal in ihren
Aussagen verschärfenden Aufsätze Wagners in Röckels Volksblättern. Die »extreme
Artikulation«, die Radikalität im Denken und die entschiedene Option des Kom-
ponisten und Staatsbediensteten für die sozialistische und demokratische Linke lässt
Gregor-Dellin urteilen, niemand könne bezweifeln, »daß er mehr sozial-utopisches
und revolutionäres Gedankengut aufnahm und reflektierte als die meisten seiner
künstlerischen Zeitgenossen, sicherlich mehr als alle Theaterleute und Musiker

110 Martin Gregor-Dellin, Richard Wagner, S. 532. Die folgenden Zitate und Verweise auf den Seiten
156 ff.; 199 ff.; 256 ff.; 263 ff.; 260; 238 ff.; 290; 291; 343; 260; 326 ff.; 333; 326; 325 ff.; 532.
Biographischer Neuanfang? 53

seines Jahrhunderts«. Auch wenn der Biograph findet, Wagner habe seine Gesell-
schafts- und Politikkritik aus unterschiedlichen, gelegentlich sogar widersprüchlichen
Elementen zusammenkomponiert, so zeichnet er in der Gesamtwertung dessen
politisch-ästhetisches Denken doch mit höchstem Lob aus: »Wagners System ran-
giert – wohl nicht intellektuell, aber im Anspruch – im 19. Jahrhundert neben den
Gedankengebäuden von Hegel und Marx. Der Künstler steuerte zu Philosophie
und Ökonomie ein geschlossenes System bei. In der die Kunst und die Gesellschaft
umgreifenden Einheit seines Konzepts bot er damit das abschließende Glied einer
Kulturrevolution, deren Scheitern allerdings von Anfang an programmiert war wie die
Spekulation Wotans auf Entsühnung der Welt durch ein freies Geschlecht: er plante
nämlich ohne die Menschen.«
Der kritischeVorbehalt, dieses ›geschlossene Konzept‹ habe dann aber über die Jah-
re am Ende von Wagners Leben zu keiner geschlossenen »Weltanschauung« geführt,
zieht keineswegs eine Relativierung des theoretischen und ästhetischen Gewichts
der Kernüberzeugungen der Revolutionsjahre nach sich. Schon deshalb nicht, weil
Gregor-Dellin die Zürcher Kunstschriften und die in ihnen niedergelegten theoreti-
schen Überzeugungen Wagners sehr hoch gewichtet. Sie sind ihm ein Zentrum der
Kunst-, Politik- und Gesellschaftsauffassung Wagners, in denen sich zeigt, wie eng
diese verschiedenen Bereiche in dessen Denken – und konsequenterweise auch in
dem damit verbundenen Schaffen – zusammengehen. Genau dieser Zusammenhang
war in vielen vorangegangenen Wagner-Biographien schlichtweg geleugnet, in NS-
infizierten Arbeiten inhaltlich uminterpretiert und der Weltanschauung des Dritten
Reichs eingepasst worden. Gregor-Dellin rekonstruiert ihn nunmehr zum einen
in seinem linken ideenpolitischen Kontext, zum anderen in seiner fundamentalen
Bedeutung vor allem für das Werk selbst; er spricht, wie das obige Zitat zeigt, von
»Wagners System«, und er interpretiert dieses ›System‹ zu Recht in einem fast mar-
xistischen Sinne, wenn er – Wagner paraphrasierend – feststellt: »Der Erneuerung der
Kunst muß eine Erneuerung des Lebens vorausgehen … Der reflektierende Überbau
muß seiner Auffassung nach erst entmachtet werden, damit der dichtende Musiker
und Dramenschöpfer wieder unverstört aus dem Unbewußten schaffen kann …«.
Das ist zum einen im Sinne eines linken Materialismus gedacht, zum anderen
im Sinne von Karl Marx, der formulierte, das Sein bestimme das Bewusstsein. Und
so überrascht es denn nicht, wenn es bei Gregor-Dellin an einer Stelle heißt: »Die
Annahme eines allmählichenVerfalls der geschichtlichen Menschheit seit der griechi-
schen Antike, wodurch das ›Drama‹ verloren ging, und die Vision eines neuen, durch
Kunst ausgelösten Gemeinschaftserlebnisses auf der Basis einer nachrevolutionären
Gesellschaft – das ist der Zusammenhang von Kunst und Revolution, und es klingt,
vor allem wenn man die Begründung der Verfallstheorie hört, zunächst gar nicht so
vernunftlos; so hätte es auch in einem Kunstabschnitt des Kommunistischen Manifestes
stehen können, wenn die Verfasser nicht Marx und Engels gewesen wären. – An
diesem Leitgedanken, einem konsequent von der Antike bis in die Zukunfts-Vision
fortgesponnenen Faden, hängen wie Marionetten sämtliche ästhetische Axiome
und Postulate; die Grundidee organisiert das gesamte kunsttheoretische Material
54 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

bis hinab ins dichterische und kompositorische Detail, bis in den Stabreim und die
Harmonielehre.«
Dem ist in der Sache nichts hinzuzufügen, nur dies, dass Gregor-Dellin gewiss
keine systematische Analyse der drei resp. fünf Zürcher Kunstschriften liefert, wohl aber
erstmals – und dies ist eines seiner bleibenden Verdienste –, auf deren fundamentale
Bedeutung für die Konzeptualisierung von Wagners musikdramatischen Arbeiten
in einer Wagner-Biographie hingewiesen hat. Einzelurteile mögen da gelegentlich
irritieren, so etwa die Rubrizierung dieser Kunstkonzeption unter dem Stichwort
der »Entstehung einer verkappten Religion«. Auch ein Hinweis auf den »Edelkom-
munismus« des Komponisten verwirrt, weil damit der Eindruck erweckt wird, das
zuvor ausführlich Referierte und theoretisch Hochgelobte werde nunmehr in seiner
praktischen Bedeutung relativiert. Und die Skizzen der späten politischen Haltungen
Wagners zur Reichgründung, zu Bismarck und Constantin Frantz, zu Gobineau
usw., die einen eher schwankenden Charakter und Wagner als einen politisch nicht
ganz zuverlässigen Kantonisten zeigen, könnten beim Leser im Rückblick dessen
revolutionäre Überzeugung doch weniger tief begründet erscheinen lassen als sie
es waren. Doch solche Zweifel werden dann auch immer wieder behoben, wenn
Gregor-Dellin Kontinuitätslinien des Denkens und Theoretisierens auszieht, wenn
er von den Zürcher Kunstschriften über spätere Schriften wie Über Staat und Religion
(1864) hin zu den Regenerationsschriften und den Äußerungen der letzten Le-
bensjahre und Lebenstage die offenliegenden wie unterschwelligen Verbindungen
aufzudecken sucht. Dass er dies überhaupt kann, verdankte sich seiner Einsicht in
die vollständigen Tagebücher Cosimas, die ihm als erstem Biographen Wagners zur
Verfügung standen – sieht man von Glasenapp ab, der aufgrund der Erlaubnis von
Cosima Einsicht in diese streng vertraulich gehüteten Notate nehmen durfte.111
Ein wesentliches Verdienst Gregor-Dellins besteht darin, dass er Wagners poli-
tisches Denken erstmals umfassend und korrekt referiert, dieses Denken in seine
ideenpolitischen Zusammenhänge gestellt und in seinen Konsequenzen für Wagners
Leben wie dessen Kunstauffassung deutlich gemacht hat. Mit Gregor-Dellins Bio-
graphie ist Wagner dorthin zurückgekehrt, wo er seinen Ausgang nahm: zu einer
politischen Linken, die für Aufklärung und Selbstbestimmung eintrat, die gegen alle
Unterdrückung und Herrschaftsabhängigkeiten Protest einlegte und die für ihre
Überzeugungen auch persönliche Lebenskonsequenzen in Kauf nahm. Was immer
an einzelnen Bewertungen zu kritisieren sein mag, fest steht: wer immer eine neue
Biographie Wagners wagt, hat das Problem, dass er keinen Berg, sondern ein Gebirge
vor sich sieht, das mit dem heutigen Wissensstand kaum überstiegen werden kann.112

111 Diese Tagebücher hat Gregor-Dellin zusammen mit Dietrich Mack 1976 in zwei Bänden ediert
und kommentiert: Cosima Wagner, Die Tagebücher, Bd. I 1869–1877; Bd. II 1878–1883, ediert und
kommentiert von Martin Gregor-Dellin/Dietrich Mack, München/Zürich 1976.
112 Beispiel hierfür ist die Biographie von Walter Hansen, Richard Wagner. Biographie, München 2006,
die in einem locker-romanhaften Kolportage-Stil bekannte Fakten ausbreitet, intime Nähe zu
ihrem Untersuchungsgegenstand suggeriert, die Atmosphäre einer soap opera verbreitet und daher
keine ernstzunehmende Studie ist. Um ein Textbeispiel zu geben: »Anfang 1849 bat Röckel in
Wiederbelebungen des Totgeglaubten 55

Wiederbelebungen des Totgeglaubten


1976, zum Jahr des einhundertjährigen Jubiläums der Uraufführung des Ring in
Bayreuth, hatte Hartmut Zelinsky113 eine Dokumentation zur Wirkungsgeschichte
Wagners vorgelegt, die eine direkte weltanschauliche Linie vom Denken des Kom-
ponisten über seine Bayreuther Erbe-Verwalter bis zu Hitler und dem Dritten Reich
zog und auch im Neubeginn der Festspiele von 1951 noch Elemente dieser Tradi-
tionslinie wirken sah.114 Zelinsky zufolge hat Wagner – neben seinem Werk – auch
seine Weltanschauung, orientiert am Vorbild Hegels, zu einem ›System‹ ausgebaut,
dessen »Erlösungs- und Herrschaftsanspruch auf fruchtbaren Boden fallen« musste,
dessen »Privatmythologie derVernichtung,Verneinung und Entsagung« die deutsche
Geschichte entscheidend mitbestimmt habe, wie vor allem sein sich steigernder
Antisemitismus belege, in dem »der ›Jude‹ nun genau all die Eigenschaften, alle die
Momente der geistigen und wirklichen Welt (repräsentiert), von denen Wagner sich
mit Hilfe seines ›notwendigen‹ Systems abgewendet und die er ›vernichtet‹ … hat«.
Zelinsky spitzte in dieser Dokumentation und in vielen seiner nachgeschobenen
Arbeiten zu Wagner seine Überlegungen in der These zu, die ganz konkrete ›Er-
lösung vom Judentum‹ sei die zentrale ideologische Fixierung Wagners gewesen,
und dieser habe sowohl im Parsifal mit der Formel: »Erlösung dem Erlöser« wie
in den die Komposition des Parsifal begleitenden Regenerationsschriften für eine
arische deutsche Gesellschaft plädiert, ein Votum, das der »Bayreuther Idealismus«
der Chamberlain und Wolzogen weitergetragen und für das Hitler, der Wagner als
einen seiner geistigen »Ziehväter« betrachtet habe, durch seine enge Verbindung
mit dem Haus Wahnfried »der unbarmherzige politische Vollstrecker« geworden sei.
Zelinskys Dokumentation war in der Fülle des ausgebreiteten Materials durchaus
beeindruckend und keineswegs argumentativ leicht bei Seite zu legen. Sie litt freilich

gewohntem Flüsterton und diesmal noch geheimnistuerischer als sonst Richard Wagner in seine
Wohnung: Dort streckte sich ein voluminöser Mann auf dem Kanapee, gehüllt in Arbeiterkla-
motten, das raubtierhafte Gesicht von Bart und Mähne umwuchert, die Augen andeutungsweise
geschlitzt.« (S. 145). Der Leser fragt sich: woher weiß der Autor, dass Röckel stets geflüstert hat,
geheimnistuerisch war und dies in der beschriebenen Situation noch steigerte? Welche Quelle
verbürgt, dass Bakunin in ›Arbeiterklamotten‹ (die er nie trug, er war stets, nach Berichten von
Zeitzeugen, wie ein Aristokrat gekleidet) auf einem Kanapee lag? – abgesehen von der attributi-
ven Charakterisierung Bakunins, die fast schon rassistisch genannt werden kann. Hansen schreibt
in einem Stil, in dem über Jahrzehnte zahllose ›Biographien‹ verfasst worden sind, von Autoren
wie Zdenko von Kraft, Wahnfried, Berlin 1922; Hans Tessmer, Richard Wagner. Sein Leben und Werk,
Berlin 1930; Guy de Pourtalès, Richard Wagner. Mensch und Meister, München 1933; Joachim von
Kürenberg, Carneval der Einsamen. Richard Wagners Tod in Venedig, Hamburg 1947 – um nur einige
wenige, willkürlich herausgegriffene Titel zu nennen.
113 Hartmut Zelinsky, geboren 1941, studierte Germanistik, Sinologie und Politische Wissenschaft, promo-
vierte mit einer Arbeit über Hugo von Hofmannsthal, lehrte danach für einige Jahre an der Universität
München. Er veröffentlichte neben der hier zitierten Wagner-Dokumentation eine Reihe weiterer
Arbeiten zu Wagner sowie Aufsätze zu Thomas Bernhard, Thomas Mann, Schönberg und Novalis.
114 Hartmut Zelinsky, Richard Wagner. Ein deutsches Thema. Eine Dokumentation zur Wirkungsgeschichte
Richard Wagners 1876–1976, Frankfurt/M. 1976. Eine zweite Auflage erschien 1983. Die folgenden
Zitate und Verweise auf den Seiten 5; 11; 19; 21; 279; 9 ff,; 10; 272 ff.
56 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

darunter, dass sie Wagner ausschließlich aus der Perspektive seiner Erbe-Verwalter
und der angemaßten Vereinnahmung durch die Ideologen des Dritten Reiches inter-
pretierte. Denn Zelinsky machte keinen Unterschied zwischen Wagner und denen,
die nach seinem Tod in seinem Namen auftraten und beanspruchten, sein Werk und
seine Weltanschauung authentisch weiterzugeben. Sein Buch litt aber auch unter der
Tatsache, dass sich zum Zeitpunkt seines Erscheinens das ›linke‹ Wagner-Verständnis
gerade publizistisch durchzusetzen begann und in Bayreuth mit Chéreaus ›Jahrhundert-
Ring‹ die wichtigste theatrale Bekräftigung erfuhr. So geriet er mit seinen Thesen in
eine paradoxe Situation: einerseits wollte er eine von links inspirierte radikale Kritik
an Wagners Weltanschauung und seinen musikdramatischen Werken als Träger von
dessen Ideen formulieren – und nahm damit ideologiekritische Impulse auf, die
durch die Studentenbewegung ausgelöst worden waren und in einer links-liberalen
intellektuellen Szene gut aufgenommen wurden –, stand damit aber andererseits quer
zu jenem sich gleichzeitig herausbildenden linken Wagner-Verständnis, das vor allem
durch marxistisch belehrte Regisseure wie etwa Joachim Herz, Götz Friedrich oder
Harry Kupfer und ihre Inszenierungen repräsentiert wurde und langsam auch das
Wagner-Verständnis der Alt-Wagnerianer zu beeinflussen begann.
Zelinsky nahm Wagner als einen Revolutionär wahr, doch er las dessen Revo-
lutionspamphlete als Schriften eines »konservativen Revolutionärs«, dem es um die
Wiederherstellung eines verlorenen Zustandes – wie der antiken Polis – ging und
der besessen war von einer auf seine Person und sein Werk zentrierten, radikalen
Gesellschaftsveränderung, einer »extrem egoistischen und privaten Revolution des
Geistes«, die sich unter anderem linker Begriffe wie Kommunismus, Sozialismus oder
auchVolk bediente, sie aber inhaltlich im Sinne der eigenen Privatideologie verstand.
Durch solche semantischen Neubestimmungen werde Wagners Revolutionsbegriff
– so Zelinsky – zum unmittelbaren Vorläufer dessen, was später in den Schriften
Chamberlains,Wolzogens und der übrigen ›Bayreuther‹ das Revolutionsverständnis
Hitlers und der NS-Bewegung entscheidend geprägt habe. Immer wieder zieht Ze-
linsky diese direkte Verbindungslinie von Wagner zu Hitler aus, dokumentiert auch
solches Selbstverständnis, ignoriert freilich alles, was dagegen spricht und ebnet damit
alle inhaltlichen Differenzen zwischen diesen Personen entschieden ein.
In Zelinskys Dokumentation finden sich noch einmal all jene Vorbehalte und
Ablehnungen gegenüber Wagner und seinem Werk, die unmittelbar nach dem Zu-
sammenbruch des Dritten Reiches kursierten und die auch in den siebziger Jahren
noch nicht restlos verstummt waren, eher durch das von Hans-Jürgen Syberberg
1975 gedrehte, fünfstündige Film-Interview mit Winifred Wagner Auftrieb erlebten.
Wie heftig die Debatte damals geführt wurde, zeigten auch die handgreiflichen
Tumulte, von denen die Premiere des Chéreau-Ring im Bayreuther Festspielhaus
begleitet wurde und in deren Folge sich die konservativen Wagnerianer zu einem
eigenen Verband zusammenschlossen.115

115 Angeregt durch die Publikation von Uwe Faerber, Der Jubiläums-Ring in Bayreuth 1976, Berlin
1976 (Eigenverlag), die eine scharfeVerurteilung des Chéreau-Ring als wider alle Wünsche Wagners
Wiederbelebungen des Totgeglaubten 57

Offensichtlich für dieses sich unter dem Etikett der ›Werkgerechtigkeit‹116 ver-
sammelnde, konservative, rechte bis rechtsradikale Wagner-Publikum erschien Jahre
später eine voluminöse Studie zu Wagners Leben und Werk, deren gesellschaftlich-
politische Stoßrichtung auf den ersten Blick nicht leicht auszumachen war. Ihr Autor
Karl Richter117 war ein bis dahin in der publizierenden Wagner-Szene unbekannter
Name, von dem sich aber bald herausstellte, dass er sowohl als Publizist wie als Po-
litiker der rechtsextremen Szene zugehörte.118
Dem Buch freilich war diese rechtsradikale Positionierung nicht sofort anzumerken,
auch wenn viele Formulierungen aufhorchen ließen. Das Vorwort – überschrieben
mit »Menschen brauchenVisionen oder Die Rückkehr der Fundamentalisten« – legte
die Deutungsperspektive fest: angesichts einer Zeit des Umbruchs in Europa wie in
Deutschland, angesichts der damit verbundenen Suche nach einer neuen und festen
Identität, erschien dem Autor der Denker und Musiker Wagner, der »große Zusammen-
fasser, Zusammenzwinger seiner Epoche«119, wieder als eine Orientierung jenseits des
westlichen Wertesystems, eines überholten Individualismus und liberalen Parlamenta-
rismus, eines auf bloßen Konsum programmierten Kapitalismus, einer »seelischen Öde
und innerenVerwahrlosung ganzer Bevölkerungsgruppen.« Wagner dagegen habe – so
Richter – ein Gemeinschaftsmodell entworfen, »eine soziale, politische Vision«, deren
»Kern die Utopie der idealen Gemeinschaft ist«.Wichtige Elemente dieser Utopie, so
glaubte Richter, könnten heute Orientierung geben in einer ansonsten eher orientie-
rungslosen Zeit. Dazu zählte er unter anderem: »Die ganzheitliche, sozialistisch-totalitäre
… Konstante in Wagners Denken«; »die Verquickung der nationalen mit der sozialen
Gestaltungsidee«; »eine Erlösung im Politischen, die im Kult des kollektiven Mythos
besteht: fernste Vergangenheit und einstmalige Zukunft sind ihr eins«; was eine Herr-

enthielt, wurde 1977 zunächst ein ›Aktionskreis für das Werk Richard Wagners e.V.‹ gegründet, aus
dem dann später die ›Deutsche Richard-Wagner-Gesellschaft e.V.‹ hervorging.Ab 1983 erschienen
die Richard-Wagner-Blätter, ab 1993 unregelmäßig ›Wagner-Rezeption heute‹.
116 Uwe Faerber, Der Jubiläums-Ring, S. 5.
117 Karl Richter, Richard Wagner.Visionen.Werk – Weltanschauung – Deutung,Vilsbiburg 1993. Das Buch
erschien im Aurun-Verlag, der rechtsradikale Schriften verlegte sowie neuheidnische Esoterik,
alternative Lebenhilfen und ökologische Bücher.
118 Karl Richter, geboren 1962, studierte Geschichte, Musikwissenschaft,Volkskunde und Indologie.
Von 1989 bis 1994 war er Referent eines Abgeordneten der ›Republikaner‹, gründete mit anderen
Personen aus der rechtsradikalen Szene 1991 die ›Deutsche Liga für Volk und Heimat‹, wurde
Chefredakteur des Parteiorgans ›Deutsche Rundschau‹, das 1994 mit den ›Deutschen Monats-
heften‹ zu ›Nation und Europa‹ fusionierte. Von 1998 bis 2002 war Richter Chefredakteur des
rechtsradikalen Magazins ›Opposition‹ und ist überdies in weiteren rechtsradikalen Zeitungen und
Zeitschriften publizistisch tätig. Zugleich war er in diesen Jahren wissenschaftlicher Berater der
NPD-Landtagsfraktion in Sachsen, wurde 2008 in München als Kandidat der Initiative ›Auslän-
derstopp‹ in den Stadtrat gewählt, gerichtlich verurteilt, weil er bei seiner Vereidigung – von ihm
abgestritten – den Hitler-Gruß gezeigt habe und fungierte seit April 2009 als stellvertretender
Bundesvorsitzender der NPD. Auch in der Bundeswehr war er über Jahre als Vortragsredner tätig
und er spielte in Bernd Eichingers Film Der Untergang die Rolle des Adjudanten von Generalfeld-
marschall Wilhelm Keitel.
119 Karl Richter, Richard Wagner, S. 7. Die folgenden Zitate und Verweise auf den Seiten 8; 25; 30; 36;
40; 40; 39; 66; 70; 69; 70; 99; 100; 101; 101; 102; 104; 225; 225; 225; 281 ff.; 322 ff.; 632 ff.
58 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

schaft bedeutet, »die von der rein politischen Machtausübung sehr verschieden ist und
auf eine über die politische Organisation hinausweisende Heils- und Friedensordnung
abzielt«; und einen Führer, der – vorgebildet im Rienzi – »keiner parlamentarischen
Legitimation bedarf, da seine Mission ohnehin offenkundig ist.«
Hinweise solcher Art sind in einen exegetischen Text eingestreut, der Leben und
Werk ausbreitet und miteinander verquickt. Sie deuten auf eine legitimierende Inan-
spruchnahme Wagners für ein autoritäres Regime hin, verweisen – in der Tradition
von Alt-Bayreuth – auf positive Seiten der deutschen Geschichte und avisieren den
Deutschen zugleich einen aus der Krise hervorbrechenden gesellschaftlichen und
politischen Umbruch, der zu einer neuen Zukunft führen soll, die nicht mehr von den
Prinzipien eines ›übersteigerten Individualismus‹, eines auf Konsum ausgerichteten
›Materialismus‹, eines ›destruktiven Pluralismus‹ und einer ›sinnlosen Lebenshaltung‹
bestimmt sein wird. Richter verschränkte in seiner Darstellung Leben und Werk
Wagner so, dass stets dessen fundamentale Abneigung gegen die eigene Zeit, auch
gegen deren nur halbherzige Reformbestrebungen deutlich werden und betonte
immer wieder,Wagner sei über der Bearbeitung seiner Stoffe und der Auseinander-
setzung mit dem die Ursituationen des deutschen Volkes thematisierenden Mythen
»zu einem Fundamentalisten der Kritik an seiner Zeit« geworden, der sich »gegen
die Gegenwart zugunsten einer ersehnten, erahnten Zukunft« stelle.
Entsprechend werden auch Wagners Revolutionspamphlete gelesen und werden
seine revolutionären Aktivitäten bewertet. Im Zentrum des Interesses von Richter
steht der Revolutionär Wagner, aber er zeichnet diesen so, als habe er mit der Re-
volution von 1848 und ihren Repräsentanten kaum etwas zu tun gehabt. An dieser
Revolution mit ihrem Wunsch nach Menschenrechten, nach einer parlamentarischen
Vertretung des Volkes, nach Meinungs- und Pressefreiheit nahm Wagner, so Richter,
»nur obenhin« teil, weil ihm alles Diskussionen »im luftleeren Raum« waren, nicht
radikal und prinzipiell genug.Wagner habe die von der Revolution gewollten liberalen
und demokratischen Intentionen abgelehnt. Seine fundamentalistische Haltung zur
Politik sei abzulesen an den Revolutionsschriften, in denen er sich »in Bildern von
mythischer Ausschließlichkeit« äußere. Die Radikalisierung Wagners zwischen Mai
1848 und Mai 1849 gelte einer geschichtlichen Vision, so meint Richter, die »in die
chiliastischen Unterströmungen des deutschen Geistes tief verwoben« sei, die zurück-
reiche bis Joachim von Fiore und über Thomas Müntzer bis Fichte, Hegel und Marx
verlaufe, die sich »Kommendes« nur »unter dem Bild eines Neuen Äons vorstellen«
könne.Wagner habe bereits in Dresden, erst recht danach auf der Flucht und dann im
Schweizer Exil »innerlich Abschied … vom bürgerlich-liberalen Anlauf, den er mit-
erlebt hat«, genommen, »habe jeden Anklang an die bürgerlichen Ziele des Vormärz«
vermieden, denn: »Es ist die Ahnung einer großen Synthese jenseits exakt abgesteckter
Einzeldisziplinen, die ihn bewegt, eine ozeanische Grundstimmung, die Rationales
mit Dämonischem vermengt, um sich im Endresultat zu einem sprengkräftigen, in
sich geschlossenen Gesamt-Programm für die Ersten von Morgen zu verdichten.«
In diesem Sinne eines alle Verhältnisse stürzenden Revolutionswillens, der »Kunst
als konstitutiven Bestandteil des Gemeinwesens« betrachtet, werden auch die Zürcher
Wiederbelebungen des Totgeglaubten 59

Kunstschriften gelesen. Dagegen ist nichts einzuwenden, weil es zu dieser Zeit der
Intention Wagners weithin entspricht. Wohl aber dagegen, dass der interpretieren-
de Autor alle relativierenden Vorbehalte Wagners einfach ignoriert und keinerlei
fragende Distanz gegen ein Denken einnimmt, das – wie er glaubt – der »Hydra
der Moderne« nicht anders als mit totalitärem Zugriff entgegentritt. Richter ebnet
Wagners Widersprüche weithin ein, macht alle Argumente stark, die Wagner gegen
den Verfall der Künste, die Dekadenz der Gesellschaft wie die Herrschaftsversessen-
heit der Politik vorbringt, und exponiert ein Revolutionsverständnis, das in seinem
Antimodernismus jenseits aller Realität angesiedelt ist. Wagner sei – so heißt es –
»kein Mann der Realpolitik« gewesen, er habe auch in den sechziger Jahren nicht
»vor dem Fortschritts- und Machbarkeitskult« der einstmals revolutionär Gesinnten
kapituliert, sei seiner Überzeugung treu geblieben, dass die soziale Neugestaltung
Deutschlands der nationalen vorausgehen müsse, weil der »tragende Grund seiner
Sehnsucht … in der Sphäre des Kollektiven« gelegen habe. Immer wieder rückt
die Verbindung des Sozialen und Nationalen im Kollektiv in den Vordergrund des
interpretierenden Verstehens, werden alle dagegen stehenden Vorstellungen Wagners
wie die höchste Entfaltung der Freiheit des Individuums, das Modell genossenschaft-
licher Selbstorganisation, Elemente demokratischer Rückbindung der Regierung
usw. beiseitegeschoben oder relativiert.
Es würde zu weit führen, hier Richters Darstellung von Wagners gesellschaftlichem
und politischem Denken, seinem Antisemitismus und dem Stellenwert der Rege-
nerationsschriften detailliert zu folgen. Es reicht, darauf zu verweisen, dass Wagners
Denken, auch das der späteren Jahre, wie sein Leben gegen die »Sackgasse« des westli-
chen Modells, gegen Liberalismus, allgemeines Wahlrecht und Demokratie in Stellung
gebracht wird, in seiner antisemitischen Haltung als eher moderat charakterisiert
und hinsichtlich der Regenerationsforderungen in die Kontinuität mit den großen
Kunstschriften der fünfziger Jahre gestellt wird. Dies alles durchaus kenntnisreich,
differenziert verankert in der deutschen Geistes- und Kulturgeschichte und doch
zugleich einseitig akzentuiert und in einer politischen Stoßrichtung formuliert, die
sich für viele Leser zunächst nicht offen zu erkennen gibt, sondern nur zu erahnen ist.
Im politischen Sinne eindeutig wird der interpretierende Standpunkt des Autors
freilich im überraschenden Schlusskapitel seines Buches. Dort findet sich als Epilog –
unter der Überschrift: Neu-Bayreuth, ein Gespräch und das Festspielhaus zu später Stunde
– ein fiktives Gespräch zwischen zwei Männern, in dem zum einen Wagners Werk als
eine visionäreVorausschau auf die deutsche Geschichte vorgestellt wird, zugleich auch
als eineVorausschau, die wieder aktuell geworden und daher historisch noch einzulösen
ist; zum anderen werden mal unterschwellig, mal direkt Hitlers Wagner-Verständnis – er
figuriert als H. – als das Visionäre Wagners zutreffend aufgreifend und seine Politik als
von Wagner mitbestimmt charakterisiert. Es ist angesichts der Realitäten des Dritten
Reiches und deren Konsequenzen eine gespenstige Szene, die Richter da entwirft, die
einen Traditionszusammenhang bekräftigen soll, den die NS-Ideologen stets hergestellt
haben. Mit Blick auf Wagner heißt es auf den letzten Seiten: »Irgendwo lebt am Ende
dieses Jahrhunderts ein unterirdisches Traumbild Richard Wagners fort, das nichts mit
60 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

der anderwärts gepflegten, offiziös kultivierten Schauseite zu tun hat. … Längst ist
Bayreuth kein Hort eines überzeitlichen, über-politischen Kulturimpulses mehr wie
vordem und wie Wagner gewollt. … Erst im Nachhinein, angesichts der jüngsten
Schauerstücke seit 1976, dem Jahr des Chéreau-›Rings‹, läßt sich erahnen, daß 1945
nicht nur ein politisches System überwunden wurde, sondern die Seele möglichst
effektiv mitgetroffen werden sollte. … Wagners Werk lebt gegenwärtig in der Diaspora
einer mentalen Wüstenei, die sich permanent mit ihm auseinanderzusetzen veranlaßt
sieht, weil sie nicht mit ihm fertig wird. … Ehrlichkeit: das bedeutet,Wagner endlich
so zu akzeptieren, wie er dachte, lebte, schrieb, komponierte. … Wer will sagen, ob
nicht nachgeborene Generationen mit ebensolcher, vielleicht größerer Berechtigung
die Nase rümpfen werden, ob unserer eigenen Befindlichkeiten am Ende des Jahr-
tausends? Ob des krampfhaften Zwangs zum Distanzieren von unserer Vergangenheit,
unserer Identität, unserem volkhaften Sein. Ob der geschichtslosen Vermessenheit
der führenden Chargen, die den westlich-parlamentarischen Schmerbauch für Nabel
und Schlußpunkt deutscher Geschichte halten. Richard Wagner lebt. Seine Zeit wird
kommen. In seinem Werk objektiviert sich individuelles und menschliches Schicksal
und Wesen der Gattung, ihre Metamorphosen im Meer der Zeit. Irgendwann werden
der kryptische und der offiziöse Wagner wieder eins sein – wenn der Bann von der
Kollektivseele weicht, der vorerst noch auf ihr lastet …«.
Das sind Sätze, die Wagner ideologisch zurückbringen in nationalistisch-völkisches
Alt-Bayreuth und die nationalistische Interpretation eines Karl Richard Ganzer, die
ignorieren, was nach 1945 in zahllosen Debatten und Schriften an Korrektur dieser
einseitigen Vereinnahmung und schiefgelaufenen Rezeption geleistet worden ist. So
plädiert das Buch, das sich über weite Strecken als eine intelligente und textnahe
Interpretation von Wagners Schriften liest, am Ende für eine politische Zukunft der
Deutschen, die sich auf eine vordemokratische, vermeintlich unbeschädigte kultu-
relle Traditionslinie besinnen soll, daraus die Kraft zur Überwindung der westlich-
parlamentarischen Demokratie zugunsten einer autokratischen Staatsform schöpfen
und Deutschland in Europa und der Welt wieder neu und vermutlich machtvoll
positionieren soll. Und solchen Zielen wird eine Wagner-Interpretation als Liefe-
rant für den ideologischen Unterbau angedient, welche die radikalen Seiten des
revolutionären Wagners, die gegen die eigene Zeit gerichtet waren, umstandslos auf
die Nachkriegsdemokratie der Deutschen überträgt und damit die Erfahrungen des
20. Jahrhunderts ohne alle Abstriche mit denen von Wagners eigenen Jahrzehnten
gleichsetzt. Ein solches Verfahren kommentiert sich selbst.
In ihrem Wagner-Verständnis intellektuell weit weniger anspruchsvoll, dafür in
der Behauptung einer direkten Ideologieverwandtschaft zwischen Wagner und Hitler
sehr viel direkter, um nicht zu sagen plumper, geben sich zwei Wagner-Biographien,
die Joachim Köhler geschrieben hat120, von denen im Folgenden nur auf die erste:

120 Joachim Köhler, Wagners Hitler. Der Prophet und sein Vollstrecker, München 1997; derselbe, Der Letzte
der Titanen. Richard Wagners Leben und Werk, München 2001. Laut Verlagsangabe ist Köhler 1952
geboren, hat Philosophie studiert und 1977 zu Nietzsche promoviert. Zur Zeit der Publikationen
Wiederbelebungen des Totgeglaubten 61

Wagners Hitler noch kurz eingegangen werden soll121, weil sie ein besonders prägnantes
Beispiel dafür ist, wie der politische Revolutionär Wagner immer wieder zum un-
mittelbarenVorläufer der NS-Ideologie zurechtgestutzt wird, ohne die semantischen
Unterschiede und die historisch unterschiedlichen Kontexte zu berücksichtigen. Im
Stil des Enthüllungsjournalismus geschrieben, werden vermeintliche Parallelitäten
in den Biographien von Wagner und Hitler entworfen, beide mit einer Fülle von
Zitaten assoziativ miteinander in Beziehung gesetzt, ohne auch nur die Grundregeln
historischen Interpretierens zu berücksichtigen, in der klaren Absicht, die eingangs
formulierte These zu belegen: »Hitlers private Utopie, ohne deren Kenntnis seine
Errungenschaften wie seine Greueltaten unbegreiflich bleiben, trug den Namen
Richard Wagner.«122
Man könnte das Buch bereits nach diesem Satz beiseitelegen, wenn sich nicht in
dieser unvermitteltenVerbindung weithin bestehendeVorurteile derer, die Wagner aus
ihrer Unkenntnis heraus ablehnen, verdichten würden. Schon der Titel enthält die
These: Hitler war Wagners Testamentsvollstrecker, er hat politisch korrekt ausgeführt,
was dieser in allen wesentlichen Aspekten vorgedacht hat. Um diese absurde These
zu belegen, stellt Köhler alle nur denkbaren und geeigneten Textzitate aus Wagner-
Schriften und Hitler-Reden zusammen und wertet scheinbar jeweils zueinander
Passendes als gegenseitigen Wahrheitsbeweis. In solchen assoziativ zusammengefügten
Textpartikeln zeigt sich für den Autor, dass alles, aber auch wirklich alles, was Hitler
in seinen zwölf Jahren des Regierens unternommen hat, bei Wagner vorgebildet
war: die Inszenierung der eigenen Person; die Ästhetisierung der Politik; die Thea-
tralisierung großer politischer Demonstrationen wie der Reichsparteitage oder der
großen Redner-Auftritte des Führers; der auf physische Vernichtung ausgerichtete
Judenhass Hitlers; die aus dem radikalen Führerprinzip geborene Zerschlagung des
westlich-parlamentarischen Politikmodells mit seinen Freiheiten und seinem Plura-
lismus bis hin zur Inszenierung des Untergangs des Deutschen Reiches – im Befehl
der verbrannten Erde – wie des eigenen Untergangs im Bunker der Reichskanzlei.
Letzterer, der Selbstmord von Hitler und Eva Braun ist, so Köhler, dem Tod von
Tristan und Isolde nachgebildet. Köhler geht alle ›Stationen‹ des politischen Wegs
Hitlers durch und glaubt auf die oben skizzierte Weise zeigen zu können, dass sie
alle bereits entweder in den Musikdramen Wagners oder in seinen Schriften und den

der beiden Wagner-Bücher lebte Köhler als freier Schriftsteller und Publizist in Hamburg.Veröf-
fentlichungen: Zarathustras Geheimnis. Friedrich Nietzsches verschlüsselte Botschaft, Nördlingen 1989,
2
1992; Friedrich Nietzsche und Cosima Wagner, Berlin 1996.
121 Zur zweiten, 870 Seiten umfassenden Biographie, die im Grunde wiederholt, was die erste bereits
behauptet, allerdings manche Akzente anders setzt und vor allem Cosima für das Wagner-Bild der
Erbe-Verwalter verantwortlich macht, gibt es eine vernichtende Besprechung von Julia Spinola
unter dem Titel Manch’Wort wird da im Mund verdreht, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 234,
9. Oktober 2001, Literaturbeilage S. 59. Der hier formulierten Kritik ist wenig hinzuzufügen.
122 Joachim Köhler, Wagners Hitler, S. 8. Die folgenden Zitate auf den Seiten 8; 9; 16; 16–18; 16; 16;
16; 231 ff.
62 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

Aufzeichnungen seiner Äußerungen vorweggedacht sind und nur noch der prak-
tischen Durchführung bedurften, deren Art und Weise Wagner offengelassen hatte.
Bereits beim jungen Hitler, der in Linz Rienzi gesehen und sich den Volks-
tribunen für sein weiteres politisches Leben zum Vorbild genommen habe, sieht
Köhler jenen obsessiven Wagnerismus sich entwickeln, der diesen dann bestimmt,
Wagners Weltanschauung »in ein schlagkräftiges Programm« zu transformieren:
»Dessen zentrale Botschaft – in ihrer erträumten Erhabenheit und ihrer tatsächlich
realisierten Entsetzlichkeit – wurde von ihm und den wenigen Eingeweihten wie
ein Heiligtum gehütet. Was man verkündete, blieb verschlüsselt; das Entscheidende
wurde verschwiegen.«
»Das Entscheidende« – das war, wie Köhler dann enthüllt, die Vernichtung der
europäischen Juden, der »Herzenswunsch des Bayreuther Meisters« wie seines
Schwiegersohns Houston Stewart Chamberlains, über dessen Realisierung Hitler
wie Winifred öffentlich einvernehmlich schwiegen: »Kaum einer wußte von die-
ser Mission, da Hitler ebensowenig wie die Bayreuther darüber sprach.« Das auch
deshalb, weil die Bayreuther Hitler zu seinem industriell betriebenen Massenmord
im Namen Wagners ermächtigt hatten: ihm war »ein Schatz übergeben worden«,
Originalpartituren Wagners zu seinem 50. Geburtstag, der ihn zum »Erben des
Nibelungenschatzes« machte, zum »Generalbevollmächtigten Bayreuths« mit der
Konsequenz: »Hitler war Bayreuth, in ihm hatte das Heiligtum seinen Herrn und
Hortbewahrer gefunden.« Das heißt, knapp zusammengefasst: Nach Köhler hat
Wagner die Vorlagen für Hitlers Expansions- und Vernichtungspolitik im Dritten
Reich verfasst, die dann von Wagners Erbe-Verwalter, allen voran von Chamberlain
und Winifred Wagner, dem »Hortbewahrer« und Führer übermittelt wurden. Der
führte dann den Auftrag Wagners so aus, wie der Meister es sich einst erhofft hatte.
Dies die Kernthese von Köhlers Buch.
Nun wird niemand bestreiten, dass Hitler Wagnerianer war, ein überaus kenntnis-
reicher zudem, und es wird wohl auch von niemandem, der Wagners Weltanschauung
in all ihren verschlungenen Entwicklungen kennt, infrage gestellt werden, dass es
vor allem durch die Wagner-Interpretation, wie sie von den führenden Vertretern
des Bayreuther Kreises entscheidend mitgeschrieben worden ist, allen voran auch hier
wieder Houston Stewart Chamberlain, ideologische Anknüpfungspunkte undVerbin-
dungslinien zwischen Bayreuth und Hitler gab, die in den zwanziger und dreißiger
Jahren des 20. Jahrhunderts von beiden Seiten gesucht und geknüpft wurden. Dies
wird sich in den folgenden Teilen dieses Buches noch öfters zeigen. Aber daraus auf
eine bruchlose weltanschauliche Identität und einen direkten Auftrag zur politischen
Umsetzung dieser vermeintlich identischen weltanschaulichen Programme zu schlie-
ßen und etwa den Besuch Hitlers bei Chamberlain am 30. September 1923 zu einer
translatio imperii zu stilisieren, durch die Hitler zum »Nachfolger« Wagners und zu
»Deutschlands Retter« ernannt wurde, der die »Zukunftshoffnungen des verstorbenen
Meisters erfüllen« sollte, ist schlichtweg unstatthaft, weil es sachlich falsch und allen
Grundsätzen kritisch-historischer Quelleninterpretation widerspricht. Dass überdies
die Vernichtung der europäischen Juden zum Kernanliegen Wagners erklärt wird, ist
Wiederbelebungen des Totgeglaubten 63

ebenfalls der Sache nach falsch: denn dessen Schluss im Judenthum in der Musik kann
nicht, wie Köhler dies tut123, als eindeutiger Aufruf zur physischen Vernichtung aller
Juden interpretiert werden, sondern ist als Aufforderung an diese wie an Deutsche zu
verstehen, an einer radikalen Revolutionierung der bestehenden gesellschaftlichen
und politischen Zustände mitzuwirken.124 Bleibt darauf hinzuweisen, dass sich Hitler
selbst in seinem Judenhass erstaunlicherweise nie auf Wagner berufen hat, vermutlich
deshalb nicht, weil ihm dessen Antisemitismus zu wenig radikal erschien.125 Köhler
hält es aber auch nicht für nötig, die Schriften Wagners und die darin dokumentierte
Denk-Entwicklung des Komponisten in all ihren ideenhistorischenVerwurzelungen
und Widersprüchlichkeiten genauer anzusehen, also die Weltanschauung Wagners
in all ihrer Komplexität entstehungsgeschichtlich wie systematisch zu analysieren,
sondern er begnügt sich eben mit Einzelsätzen, die er aus ihrem zeitlichen wie kon-
textuellen Zusammenhang herauslöst und als Belege für seine These verwendet. Und
so werden die Revolutionsschriften Wagners eben auf Vernichtungsmetaphern hin
durchforstet, die dann als Quelle für die Vernichtungsphantasien Hitlers herhalten
müssen. Zu Recht hat Joachim Fest in seiner – insgesamt noch zu wohlwollenden
– Besprechung des Buches zusammenfassend festgestellt: »Gewiß kam in Hitlers
Herrschaft viel zumVorschein, was auf Wagner zurückgeführt werden kann, nicht nur
im Frieden, sondern auch in Krieg und Vernichtung. Aber eine bruchlose Linie von
dem Pamphlet Über das Judenthum in der Musik nach Auschwitz lässt sich schwerlich
ziehen.Was immer geschah, war niemals nur Wagner-Nachfolge, sondern stets auch
Wagner-Mißbrauch, und wer von »Wagners Hitler« spricht, sollte auch von Hitlers
Wagner reden.«126
Es ist unnötig, weil überflüssig, Köhlers Arbeit Kapitel für Kapitel detailliert
durchzugehen, um die problematischen Zitaten-Verwendungen und den asso-
ziativen Zitaten-Einsatz genauer zu überprüfen. Es ist auch überflüssig, Wagners
Politik-Verständnis mit dem Hitlers zu vergleichen oder etwa Wagners Pazifismus
und Hinneigung zum Buddhismus während seiner letzten Jahre mit der aggressiv-
bellizistischen Haltung Hitlers, die noch Stunden vor dem Selbstmord nicht im
mindesten bedauert, gar revoziert wurde. In beiden – wie in fast allen Sachbereichen
des Gesellschaftlichen, Politischen und Kulturellen – lassen sich gravierende und
nicht zu vereinbarende Unterschiede zwischen dem Denken und Handeln beider
ausmachen, die der Kernthese Köhlers widersprechen. So erschreckend viele der
beigebrachten Zitate auch sind, so fassungslos der Leser vor mancher Ungeheuer-

123 Ebenda, S. 126. Köhler setzt sich – wie stets – auch in diesem Zusammenhang seiner Interpretation
mit den in der wissenschaftlichen Debatte bestehenden Interpretationsansätzen und Interpreta-
tionsdifferenzen nicht auseinander, ja er benennt sie nicht einmal; er ignoriert schlichtweg den
Stand der wissenschaftlichen Diskussion. Das tut er allerdings durchgehend.
124 Vgl. Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 271 ff.
125 Dazu u.a. Saul Friedländer, Hitler und Wagner, in: Saul Friedländer/Jörn Rüsen (Hg.), Richard Wagner
im Dritten Reich. Ein Schloss Elmau-Symposion, München 2000, S. 167 ff.
126 Joachim Fest, Wagners eigenwilliger Vollstrecker, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 164, 18. Juli
1997, S. 37.
64 Revolutionskünstler oder Kunstrevolutionär?

lichkeit verbalisierterVernichtungswut stehen mag – die umstandslose Gleichsetzung


mit Wagners Denken und einem daraus abgeleiteten politischen Auftrag durch einen
Komponisten, der Politik als ein einziges, zu überwindendesVerhängnis ansah und die
Kunst und das ästhetische Erlebnis zum Medium einer neuen genossenschaftlichen
Vergemeinschaftung machen wollte, ist schlichtweg unstatthaft.
Man muss leider feststellen: Köhler bedient Vorurteile, wo Aufklärung als Vor-
aussetzung zur Bildung von Urteilen nötig wäre. Und schlimmer noch: er bedient
sich genau jenes Verfahrens, dessen sich bereits Hitler und seine Gefolgsleute bedient
haben, um ihr eigenes Wagner-Verständnis als einzig authentisches zu legitimieren.
Und eben darin liegt die tragische Paradoxie dieser – und ähnlicher – Arbeiten. Sie
treten mit dem Anspruch der politischen Aufklärung auf, wollen die Untergründe
der deutschen (Geistes-) Geschichte freilegen, verspielen aber beides, weil sie die
Methoden derer übernehmen, gegen die zu argumentieren sie vorgeben.Aufklärung
wird auf diese Weise eher verhindert als befördert. Denn Aufklärung setzt Diffe-
renzierungsvermögen in der Sache voraus, setzt voraus, unterscheiden zu können,
Verbindungen überVermittlungsschritte zu leisten und dabei denVeränderungen, die
dadurch entstehen, nachzuspüren. Aufklärung muss die Diskontinuität in der Kon-
tinuität benennen, um die Wirkung fataler Interpretations- und Rezeptionsstränge
nachverfolgen zu können.Aufklärung ist mühsam und mit einfachen Zurechnungen
nicht zu leisten. Licht insVerwirrende hineinzubringen, setzt voraus, dasVerwirrende
als solches zu erkennen und dann in genauer Detailanalyse aufzulösen. All das leistet
dieses – wie auch das zweite – Buch Köhlers leider nicht, und darin mag der Grund
liegen, dass es von der seriösen Wagner-Forschung nicht rezipiert worden ist.

***

Der hier auf einige wenige, aber sehr typische oder auch wirkungsmächtige Bio-
graphien konzentrierte Überblick über das Bild Wagners als Revolutionär zeigt im
Rückblick, wie schwankend gerade dieser allerdings existentielle Aspekt für Leben
und Werk des Komponisten beurteilt worden ist. Deutlich wird, dass das Urteil des
Biographen nicht nur von dessen persönlichen Vorlieben abhängt, sondern sich auch
in einer allerdings eher lockeren Form mit der jeweiligen Zeit, in der die Biographie
geschrieben worden ist, verbinden lässt. So ist Glasenapps umfangreiche Arbeit ganz
und gar auf die überzeitliche Sakralisierung des ›Meisters‹ angelegt, berichtet zwar
über den Verlauf der revolutionären Ereignisse, vermeidet aber ein Eingehen auf
die revolutionären Inhalte. Was vermutlich auch damit zusammenhängt, dass zum
Zeitpunkt der Abfassung der Biographie, also auf dem Höhepunkt der Machtent-
faltung des Wilhelminischen Kaiserreiches, die Revolution von 1848 nur noch als
eine peinliche Erinnerung an fehlgeleitete politische Impulse im Bewusstsein der
führenden gesellschaftlichen Eliten existierte, die von Bismarck nach dem Sieg im
deutsch-französischen Krieg in die ›korrekten‹ Bahnen einer kleindeutschen, neuen
konstitutionellen Monarchie gelenkt worden waren. Chamberlains Wagner-Biogra-
phie war mit ähnlicher Intention geschrieben worden, aber er nahm in seiner Arbeit
Wiederbelebungen des Totgeglaubten 65

zusätzlich die Motive der Lebensreformbewegung auf, indem er die Revolution


als den umfassenden Vorgang einer Regeneration interpretierte und Wagner damit
zugleich auch für das völkisch-nationale Lager anschlussfähig machte. Spätestens mit
dem Ende der Monarchie 1918 setzten die Wagner-Biographen ihre Akzente auf
eine deutlich entpolitisierte Darstellung von Leben und Werk, nahmen also Wagners
politisches Engagement nicht für die Weimarer Republik in Anspruch, obwohl für
diese Republik auch solche Legitimationsquellen durchaus von Nutzen hätten sein
können. Entpolitisierung wurde damit, vermutlich unbewusst, zur Geste der poli-
tischen Distanzierung von Weimar, und sie gab damit, auch dies wieder unbewusst,
den Weg frei zu einer Politisierung durch die Gegner von Weimar. Diese massive
Repolitisierung Wagners wurde schon vor 1933 betrieben, setzte danach aber mit
Macht ein und interpretierte die revolutionären Gehalte der Schriften Wagners im
Sinne der NS-Ideologie um.Wagner wurde damit zum direktenVorläufer des Dritten
Reiches und seines Führers Hitler stilisiert.
Nach dem Zusammenbruch Deutschlands im Jahre 1945 herrschte zunächst
biographisches Schweigen. Zu Beginn der sechziger Jahre konkurrierten – dem
vorherrschenden gesellschaftlichen Bewusstsein durchaus parallel – zwei Interpre-
tationsstränge: der eine – von Hans Mayer begonnene – suchte Wagner aus einer
›linken‹ politischen Perspektive darzustellen, und er konnte sich am Ende mit der
voluminösen Arbeit von Gregor-Dellin dauerhaft und in gewisser Weise auch für die
Wagner-Forschung verbindlich behaupten; der andere, von Westernhagen repräsen-
tierte, klammerte nach dem Vorbild Glasenapps und der Biographen nach 1918 alle
Politik aus und kam damit einer politisch-gesellschaftlichen Haltung der damaligen
Wirtschafts- und Politik-Eliten entgegen, die aufgrund eigener Involvierung in die
Geschehnisse des Dritten Reiches oder aber ihrer Erfahrung mit der NS-Politik
nichts mehr von einem politisch kontaminierten Wagner wissen wollten. Dass
dann – mit angestoßen und stimuliert durch die Studentenbewegung von 1968, die
das Thema der ›Vergangenheitsbewältigung‹ massiv in die öffentliche Diskussion
drängte – ›Aufarbeitungen‹ des politischen Revolutionärs Wagner vorgelegt wur-
den, welche – auch hier vermutlich eher unbewusst – die alten NS-Behauptungen
der direkten Vorläuferschaft Wagners für Hitler wieder aufnahmen, ist ebenfalls den
gesellschaftlichen und politischen Umständen der Zeit geschuldet.
Dass das Bild des revolutionären und politischen Wagner im Laufe der Zeiten
schwankt, kann niemanden überraschen. Es wird sich auch niemals in dem Sinne
›objektivieren‹ lassen, dass es jenseits einer kritischen Diskussion steht und gleich-
sam ein für allemal festgeschrieben ist. Gleichwohl haben nicht zuletzt die durch
Hans Mayer und Gregor-Dellin verfassten Biographien den Revolutionär Wagner
so sehr ins Bewusstsein auch der Wagnerianer gerückt, dass er nicht ohne wirkliche
Schwierigkeiten erneut auf den Status eines bloßen Kunstrevolutionärs zurück-
gestutzt werden kann. Das festzuhalten, ist kein geringes Ergebnis einer langen
Interpretationsgeschichte.
Bayreuth und die Moderne
Kultur, Gesellschaft und Politik in den »Bayreuther Blättern«

Vorbemerkung: Deutsche Kultur versus Politik


»Geist ist nicht Politik: man braucht, als Deutscher, nicht schlechtes neunzehntes
Jahrhundert zu sein, um auf Leben und Tod für dieses nicht einzustehen. Der Unter-
schied von Geist und Politik enthält den von Kultur und Zivilisation, von Seele und
Gesellschaft, von Freiheit und Stimmrecht, von Kunst und Literatur; und Deutschtum,
das ist Kultur, Seele, Freiheit, Kunst und nicht Zivilisation, Gesellschaft, Stimmrecht,
Literatur. Der Unterschied von Geist und Politik ist, zum weiteren Beispiel, der von
kosmopolitisch und international. Jener Begriff entstammt der kulturellen Sphäre
und ist deutsch; dieser entstammt der Sphäre der Zivilisation und Demokratie und
ist – etwas ganz anderes. International ist der demokratische Bourgeois, möge er
überall auch noch so national sich drapieren; der Bürger ist kosmopolitisch, denn er
ist deutsch, deutscher als Fürsten und ›Volk‹: dieser Mensch der geographischen, so-
zialen und ethischen ›Mitte‹ war immer und bleibt der Träger deutscher Geistigkeit,
Menschlichkeit und Anti-Politik.«1
Dieses Zitat stammt nicht aus einer der Schriften Richard Wagners – wo es wohl
stehen könnte –, auch nicht aus den Bayreuther Blättern – mit deren Intentionen es
übereinstimmt –, sondern es findet sich in der Vorrede zu Thomas Manns Betrach-
tungen eines Unpolitischen. Thomas Mann formuliert mit diesen Sätzen noch einmal
retrospektiv seine bisherigen weltanschaulichen Grundsätze, bevor er sich, nach der
Veröffentlichung der Schrift, der parlamentarisch regierten und von politischen
Parteien getragenen Weimarer Republik und den sie fundierenden Grundsätzen
als ›Vernunftrepublikaner‹ langsam anzunähern beginnt, um gegen Ende der ersten
deutschen Republik als deren entschiedener Verteidiger aufzutreten. Doch zuvor
wird in dem oben zitierten Absatz wie in einem Brennspiegel komprimiert, was
für das Kulturverständnis der deutschen Intellektuellen im 19. und beginnenden
20. Jahrhundert weithin unbestrittene Überzeugung gewesen ist, und worauf sich
das nationale Selbstverständnis der Deutschen bereits lange vor der Gründung des
zweiten Deutschen Reiches von 1871 berief: eine Kulturnation zu sein, die mit

1 Thomas Mann, Betrachtungen eines Unpolitischen, in: Gesammelte Werke, Bd. XII (Reden und Auf-
sätze 4), Frankfurt/M. 1974, S. 31; Große kommentierte Frankfurter Ausgabe der Werke (GKFA),
Briefe und Tagebücher Thomas Manns, hg. von Hermann Kurzke, Frankfurt/M. 2009, Bd. 13.1, S. 34 f.
In dieser Ausgabe findet sich hinter Bürger der Einschub: »– und dies ist ein Motiv dieses Buches
–«; und statt »ethischen«: »seelischen«.
68 Bayreuth und die Moderne

ihren philosophischen, künstlerischen und religiösen Leistungen den Zivilisations-


Nationen des Westens überlegen war.2
Diese Überzeugung des größten Teils der deutschen Bildungseliten wurzelte
nicht zuletzt in immer wieder schwer enttäuschten politischen Hoffnungen, die sich
über Jahrhunderte zurückverfolgen lassen. Vor allem die nationale Einheit, wie sie
Franzosen, Spaniern, Engländern oder auch Russen selbstverständlich war, wurde
den Deutschen lange vorenthalten und der Wunsch nach ihrer Realisierung avan-
cierte im Verlaufe des 19. Jahrhunderts zur alles anderen überdeckenden politischen
Sehnsucht, die ihre rasche Erfüllung suchte, aber nicht fand. Man muss historisch
weit zurückgehen, um den Anfang solcher Enttäuschungserfahrungen dingfest zu
machen, die sich tief und folgenschwer in das kollektive Gedächtnis der Deutschen
eingegraben haben, wirksam bis ins 20. Jahrhundert hinein. Bis zum Dreißigjähri-
gen Krieg führt die Spur jener Sehnsucht nach politischer Einheit zurück, in jene
Zeit also, da ausländische Mächte die deutschen konfessionellen Streitereien zum
Anlass des militärischen Ausfechtens ihrer eigenen machtpolitischen Interessen auf
deutschem Boden nahmen, mit desaströsen Folgen für das Land, das nach dem Ende
des Krieges nahezu gänzlich zerstört und zur Hälfte entvölkert war. Der Westfälische
Frieden von 1648, auf dem so viele Hoffnungen lagen, löste faktisch das Deutsche
Reich in zahllose territoriale Einzelherrschaften mit unterschiedlichen politischen
Loyalitäten und Anbindungen an ausländische Mächte auf. Die Deutschen mussten
erleben, wie die nationalstaatlich geeinten und politisch starken europäischen Nach-
barnationen die Politik in Europa – und darüber hinaus durch Kolonisation in der
Welt – bestimmten. Sie selbst sahen sich dabei eher als Objekt denn als Subjekt des
politischen Prozesses.3 Es waren diese Erfahrungen der politischen Zersplitterung,
es war das Erlebnis von deutschen Einzelstaaten, die gegensätzliche und eigensüch-
tige Interessen verfolgten und wechselnde Koalitionen mit ausländischen Mächten
eingingen, es war die Erfahrung der politischen Ohnmacht des Reiches insgesamt,
das sich unter dem Druck der napoleonischen Expansion 1806 endgültig auflösen
musste und damit einhergehend die erneute Partikularisierung Deutschlands, spä-
ter die Restauration politisch-monarchischer Systeme durch den Wiener Kongress
von 1814/15, die in den deutschen Bildungsschichten allmählich eine tiefsitzende
Aversion gegen alle Politik befestigten und das nationale Bewusstsein gleichsam
kompensatorisch auf die kulturellen Leistungen hinlenkte, die als identitätsstiftend für
die Nation begriffen wurden.Auch wenn sich eine einheitliche Literatursprache erst
sehr viel später herauszubilden begann, wenn das Gelehrtenlatein auch den Gebrauch
und die Etablierung der deutschen Sprache – im Unterschied zu den Nachbarn – bis
in das 17. Jahrhundert behinderte, so flüchtete man sich doch schon zuvor aus der
Politik in die Philosophie, Literatur und Musik und begriff die gemeinsame Sprache,

2 Dazu allgemein Norbert Elias, Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und
20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1989;Wolf Lepenies, Kultur und Politik. Deutsche Geschichten, München
2006; Wolfgang Martynkewicz, Salon Deutschland. Geist und Macht 1900–1945, Berlin 2009.
3 Vgl. Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770–1990, München 1996, S. 45 f.
Vorbemerkung: Deutsche Kultur versus Politik 69

nachdem sie vor allem durch die protestantische Kirche und der ihr verbundenen
Dichter etabliert worden war, als gemeinsames Band aller Deutschen. Im 18. Jahr-
hundert gewann Deutsch als verbindende Sprache dann endgültige Priorität.4 Damit
konnte »Kultur … ein Ort für vorenthaltende politische Partizipation«5 werden,
konnte durch Kultur die nationale Identität bestimmt werden, konnten in der deut-
schen Sprache die Deutschen sich als Deutsche erleben und jene Einheit herstellen,
die sie politisch weder gegen die ihre Eigenständigkeit verteidigenden deutschen
Kleinstaaten noch gegen die Interessen der außerdeutschen Mächte, die Deutschland
politisch durch Partikularisierung neutralisieren und europäisch einbinden wollten,
erreichen konnten. Im Unterschied zu den Angehörigen nichtdeutscher Länder, in
denen – vor allem nach der Französischen Revolution von 1789 – die Nation als
eine politische Einheit begriffen wurde, verstanden die Deutschen, genauer: alle
diejenigen, die deutsch sprachen und deutsch als Muttersprache betrachteten, die
Nation als eine die unterschiedlichen Länder überwölbende Kultureinheit. Dieses
kulturalistische Verständnis der Nation und der nationalen Identität stand bereits vor
der Französischen Revolution einem eher etatistisch-politisch geprägten Nationen-
verständnis westeuropäischerVölker gegenüber, wobei hinzugefügt werden muss, dass
die Hinwendung der Deutschen zur Kultur keineswegs eine völlig Absage an die
Politik implizierte.Vielmehr wurden Schreiben, Dichten und Philosophieren auch
als politische Akte begriffen. Die literarisch-bürgerlichen Vereine des ausgehenden
18. und beginnenden 19. Jahrhunderts, Autoren wie Klopstock, Gottsched oder
Leibniz verstanden die Pflege der deutschen Sprache und der deutschen Vergan-
genheit als bewussten Positionsbezug gegen die herrschende politische Unfreiheit
und für eine freie, den ästhetisch-kulturellen Kriterien verpflichtete Staatsform6.
Aus solchen Intentionen erwuchs Lessings Hamburgische Dramaturgie, durch die er
ein Nationaltheater zu schaffen hoffte, in dem sich die deutschsprechenden und
deutschschreibenden Bildungsschichten als ungeteilte Nation wiederfinden sollten.
Solchen Intentionen waren Herders Sprachstudien und seine Sprachphilosophie
verpflichtet, mit denen er die besondere Bedeutung der Sprache, der Literatur und
Geschichte für das Selbstverständnis einesVolkes zu belegen suchte. Nicht die Politik
und die vielen gesonderten deutschen Staaten, sondern die Sprach- und Kultur-
gemeinschaft konstituierten nach Herder ein Volk, das sich über seine kulturellen
Traditionen als ein gemeinsames erfahren konnte. Das war durchaus demokratisch
gedacht und daraus sollte, so hoffte Herder, ein nationaler Patriotismus erwachsen,
der am Ende auf die nationale Souveränität, die politisch-organisatorische Selbst-
entfaltung und Selbstbestimmung eines Volkes hinauslaufen konnte. Und zu solchen

4 Eine kurze Skizze der zeitlichen Herausbildung der deutschen Sprache als Sprache auch der Li-
teratur findet sich bei Heinz Schlaffer, Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, München 2002,
S. 44 ff.
5 Wolf Lepenies, Kultur und Politik, S. 46.
6 Dazu eingehender Ben Möbius, Die liberale Nation. Deutschland zwischen nationaler Identität und
multikultureller Gesellschaft, Opladen 2003, S. 73 ff.
70 Bayreuth und die Moderne

Bemühungen gehörte auch Schillers Nachdenken über Staat und Kunst, etwa in
seinen Abhandlungen Über die ästhetische Erziehung des Menschen, die den nationalen
Staat aus gemeinsamen kulturellen Anstrengungen entstehen, ihn aber zugleich auch
kulturalistisch ausrichten lassen wollte. Alles in allem war die zweite Hälfte des 18.
Jahrhunderts die Zeit einer »literarischen deutschen Revolution« (Goethe)7, in der die
deutsche Bildungsgesellschaft durch die geradezu explosionsartige Entwicklung der
Literatur sich als eine zusammenhängende Gemeinschaft erleben konnte – und diese
Zeit setzte sich in ihren wesentlichen Grundzügen und Tendenzen auch noch im 19.
Jahrhundert fort. Es erschienen mehr und mehr literarisch-politische Zeitschriften,
Lesegesellschaften und Klubs breiteten sich aus, ein immer zahlreicher werdendes,
lesendes und kulturorientiertes Publikum gewann auch gesellschaftliches und poli-
tisches Gewicht. Und dieses Publikum war nicht durch Staatsgrenzen getrennt: die
Deutsch-Schweizer zählten sich ebenso dazu wie die Elsässer oder die Ost- und
Westpreußen, auch wenn sie nicht in den Grenzen des Deutschen Reiches lebten.
Dieses Heranwachsen einer bildungsbürgerlichen Schicht bewirkte zugleich jenen
»Strukturwandel der Öffentlichkeit«,8 durch den die Vorherrschaft des französisch
orientierten Adels gebrochen und die eigene Sprache, Kultur und Geschichte in
ihre Rechte eingesetzt wurde.
Es würde zu weit führen, die Etappen der historischen Entwicklung dieses kul-
turgeprägten Nationen- und daraus folgend: Politikverständnisses der Deutschen
hier auch nur ansatzweise nachzuzeichnen. Das ist historisch gut erforscht und
kann nachgelesen werden.9 Für die weiteren Überlegungen ist es allerdings ent-
scheidend, deutlich darauf hinzuweisen, wie tief und nachhaltig das Paradigma der
kulturellen Dominanz über die Politik im kollektiven Gedächtnis der Deutschen
über die Jahrhunderte verankert ist – und bis heute nachwirkt. Noch zu Beginn
des 20. Jahrhunderts hat Friedrich Meinecke aufgrund dieser spezifisch deutschen
Vergangenheit und Tradition in seiner Beschäftigung mit der Prägung von Natio-
nalstaaten zwischen »Kulturnationen« und »Staatsnationen« unterschieden und sie
eingeteilt in »solche, die vorzugsweise auf einem irgendwelchen gemeinsam erlebten
Kulturbesitz beruhen, und solche, die vorzugsweise auf die vereinigende Kraft einer
gemeinsamen politischen Geschichte und Verfassung beruhen. Gemeinsprache, ge-
meinsame Literatur und gemeinsame Religion sind die wichtigsten und wirksamsten
Kulturgüter, die eine Kulturnation schaffen und zusammenhalten.«10 Wobei die

7 Zitiert nach Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland, S. 54. Das folgende Zitat S. 48.
8 Dazu Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bür-
gerlichen Gesellschaft, Frankfurt/M. 1961/21990.
9 Neben den bisher schon in den Anmerkungen genannten Arbeiten sei hingewiesen auf O. Büsch/J.
Sheehan, Die Rolle der Nation in der deutschen Geschichte und Gegenwart, Berlin 1985; Reinhard
Koselleck et al. (Hg.), Stichworte Volk, Nation, Nationalismus, in: Geschichtliche Grundbegriffe. Histo-
risches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 7, Stuttgart 1992;Thomas Nipperdey,
Deutsche Geschichte, 3 Bde., München 1992/1993.
10 Friedrich Meinecke, Weltbürgertum und Nationalstaat, (1907), hg. und eingeleitet von Hans Herzfeld,
Stuttgart 1962, S. 10. Meinecke zeichnet in diesem bedeutsamen Werk die ideengeschichtliche Her-
Vorbemerkung: Deutsche Kultur versus Politik 71

Kulturnation in unterschiedlichen Staatsnationen organisiert sein kann – Beispiel die


Deutschen – oder unterschiedliche Kulturnationen in einer Staatsnation vereinigt
sein können – Beispiel die Schweiz. Dass im Falle Deutschlands die Kulturnation
der Staatsnation vorausging, war für Meinecke nicht nur unzweifelhaft, sondern auch
ein entscheidender Vorteil: denn dadurch, so seine These, konnte sich die deutsche
Kultur unabhängig von der politischen Einflussnahme eines Zentralstaates entwi-
ckeln, konnte sie nicht in staatliche Zwecke und Strukturen eingebunden oder gar
zur Staatskultur funktionalisiert werden.
Unter allen kulturellen Hochleistungen, die die Deutschen sich selbst zuschrieben
– und im Übrigen auch von anderen Staaten und Völkern zugeschrieben bekamen11
– nahm die Musik einen besonders herausgehobenen Platz ein. Sie war, einem Wort
von Thomas Mann zufolge, »die deutscheste der Künste«12, und sie hat folglich für
die Herausbildung des deutschen Nationalgefühls eine erhebliche, gelegentlich wird
behauptet: die entscheidende Rolle gespielt.13 Wie immer man das Gewicht der
Musik im Prozess der kognitiven Profilierung des nationalen Bewusstseins und der
mentalen Befindlichkeit der Deutschen einschätzen mag – quantifizieren und damit
auch objektivieren lässt sich ein solcher Anteil nicht –, so kann doch kein Zweifel
darüber bestehen, dass mit Komponisten wie Mozart, Beethoven,Weber, später dann
Wagner, Bruckner und Brahms die Deutschen unter allen übrigen Völkern einen
herausgehobenen Beitrag zur Musik und Musikentwicklung geleistet haben, vielleicht
sogar den beachtlichsten Musik-Anteil überhaupt, was heißt, dass sie sich nicht ohne
Recht im 19. Jahrhundert als das Musik-Volk in Europa verstehen durften.14 Gewiss
lagen Länder wie Italien und Frankreich etwa in der Opern-Produktion weit vor
Deutschland und Paris war, was die Oper betrifft, die Hauptstadt Europas; alle gro-
ßen Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts versuchten hier den entscheidenden
Durchbruch zu erringen, der zumeist auch über ihre weiteren Erfolge und ihren
internationalen Rang entschied.Aber die Instrumentalmusik, von der Symphonik bis
zur Kammermusik, war die Domäne deutscher Komponisten, und Beethoven etwa

ausbildung der deutschen Vorstellung von einer »Kulturnation« nach, von Wilhelm von Humboldt,
über Novalis, Schlegel, Fichte,Adam Müller, Stein, Gneisenau zu Haller, Hegel, Ranke und Bismarck.
11 Eindrucksvolles Beispiel hierfür ist das Buch der Madame de Stäel De l’Allemagne, das 1813 er-
schien, das Wort von den Deutschen als ›Dichter und Denker‹ prägte, und sehr schnell in deutscher
Übersetzung vorlag, die bis heute immer wieder neu erschienen ist.
12 Thomas Mann, Die Entstehung des Dr. Faustus. Roman eines Romans, in: Gesammelte Werke, Bd. XI,
S. 227. Diesen Satzteil verwendet als Titel: Pamela M. Potter, Die deutscheste der Künste. Musikwis-
senschaft und Gesellschaft von der Weimarer Republik bis zum Ende des Dritten Reiches, Stuttgart 2000.
13 Vgl. dazu Hans Rudolf Vaget, Seelenzauber. Thomas Mann und die Musik, Frankfurt/M. 2006.Vaget
hebt zurecht immer wieder hervor, dass die besondere Rolle, die die Musik bei der Nationwerdung
der Deutschen gespielt hat, »heute nicht in dem Maße gewürdigt wird, wie es geboten wäre« (S. 23),
und verweist dabei nicht nur auf Thomas Mann und dessen Kulturbegriff wie seine lebenslange
Auseinandersetzung mit Wagner, sondern auch auf die zeitlich weit vorausliegende Vorherrschaft
der deutschen Musik im 19. Jahrhundert, die spätestens seit Nietzsche bewusst thematisiert wurde.
14 Vgl.Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866–1918, Bd. I Arbeitswelt und Bürgergeist, München
1993, S. 741 meint: »mit ihr (der Musik, U.B.) haben die Deutschen im Bereich der Künste inter-
national Geltung, ja bis zur Jahrhundertwende die Führung.«
72 Bayreuth und die Moderne

wurde zum vielbewunderten und nicht erreichten Vorbild weit über Deutschland
und Österreich hinaus. Diese dominante Stellung der deutschen Musik führte dazu,
dass zahllose ausländischen Musiker und Komponisten nach Deutschland kamen,
um die nationale Musik-Szene kennenzulernen oder sogar Musik zu studieren; die
deutschen Musikhochschulen – wie etwa das beispielhaft herausragende Leipziger
Konservatorium, 1843 von Felix Mendelsohn Bartholdy gegründet15 –, zogen die
berühmtesten Komponisten und Instrumentalsolisten aus aller Welt an und begrün-
deten den Weltruhm der deutschen Musik. Nicht zuletzt diese starke internationale
Ausstrahlung und Wirkung, die allgemeine Bewunderung und Weltgeltung der
deutschen Musik trugen bei den deutschen Bildungseliten entscheidend dazu bei,
die Defizite einer politisch »verspäteten Nation«16 zwar nicht zu verschmerzen, wohl
aber zu kompensieren – eine Kompensation, die sehr bald schon implizit und dann
auch explizit mit quasi-politischen Ansprüchen konnotiert wurde.
Dass die Deutschen sich als ein herausgehobenes Kulturvolk mit besonderen
Leistungen auf dem Gebiet der Musik verstehen konnten – dazu hat Richard Wagner
in seinen Schriften einen entscheidenden, für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts
vielleicht sogar den entscheidenden Beitrag geliefert. Schon in seinen ersten, der
Kunst gewidmeten Essays hat er das Verhältnis von Kunst/Kultur und Politik ins
Zentrum seines Denkens gestellt, und diesem Thema ist er ein Leben lang, auch in
seinen späten Schriften, ja sogar in seinen Werken – man denke nur an die Meister-
singer – treu geblieben, hat es stets aufs Neue nachdrücklich thematisiert. Bereits die
für sein musikdramatisches Werk konzeptionell bedeutsamsten Essays aus der Zeit der
deutschen Revolution von 1848/49, die sogenannten Zürcher Kunstschriften, also: Die
Kunst und die Revolution (1849); Das Kunstwerk der Zukunft (1849); Oper und Drama
(1850/51), aber auch die späteren Essays, hier vor allem: Über Staat und Religion (1864);
Deutsche Kunst und Deutsche Politik (1867); Religion und Kunst (1880), kreisen um
dieses Thema und liefern unter sich wandelnden Aspekten immer dieselbe Antwort:
dass in der deutschen Geschichte die Kultur stets aller Politik vorausgegangen sei,
dass sie daher auch der Politik überlegen und nur von der Kunst eine tragfähige
Zukunftsperspektive zu erwarten sei. Wagner sieht sich ganz in der oben zitierten
Traditionslinie des ›deutschen Denkens‹, er beruft sich auf Winckelmann, Lessing,
Goethe und vor allem auf Schiller17, dessen ästhetisch-utopische Schriften und die
darin entwickeltenVorstellungen eines ästhetisch angeleiteten Staates er als zukunfts-
weisend empfindet. In diesem Kontext gibt es dann auch schon Andeutungen, die

15 Zur ersten Information vgl. Martin Wehnert (Hg.), Hochschule für Musik Leipzig. Gegründet als
Conservatorium der Musik 1843–1968, Leipzig 1968; Johannes Forner, 150 Jahre Musikhochschule
1843– 1993. Festschrift Hochschule für Musik und Theater »Felix Mendelsohn Bartholdy« Leipzig,
Leipzig 1993;Yvonne Wasserloss, Das Leipziger Konservatorium im 19. Jahrhundert. Anziehungs- und
Ausstrahlungskraft eines musikpädagogischen Modells auf das internationale Musikleben, Hildesheim 2004.
16 Helmut Plessner, Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes, Stuttgart
1959.
17 Richard Wagner, Deutsche Kunst und Deutsche Politik, in: GSD, Bd. 8, S. 36. Die folgenden Zitate
auf den Seiten 31; 34; 35.
Vorbemerkung: Deutsche Kultur versus Politik 73

einer kulturellen Überlegenheit der Deutschen gegenüber westlichen Nationen


das Wort reden, wie sie nach Wagner von Nietzsche über Thomas Mann bis in die
offizielle Propaganda des Dritten Reiches hinein als spezifische Eigenschaften der
Deutschen und als Begründung für deren Dominanzanspruch behauptet worden
sind. Schon für Wagner war es selbstverständlich, dass in der historischen Entwick-
lung Deutschlands »Kunst und Wissenschaft ihren ganz eigenen, vom politischen
Leben eines Volkes durchaus abseits liegenden Weg der Entwickelung, der Blüthe
und des Verfalls« gegangen waren, und daraus zog er ebenso selbstverständlich den
Schluss, »die französische Zivilisation sei ohne das Volk, die deutsche Kunst ohne die
Fürsten entstanden; die erstere könne zu keiner gemüthlichen Tiefe gelangen, weil
sie das Volk nur überkleide, nicht aber ihm in das Herz dringe; der zweiten gebräche
es dagegen an Macht und adeliger Vollendung, weil sie die Höfe der Fürsten noch
nicht erreichen und die Herzen der Herrscher dem deutschen Geiste noch nicht
erschließen konnte.« Bereits hier wird der »französischen Zivilisation« der »deutsche
Geist« entgegengesetzt, und in scharfer Pointierung heißt es denn auch wenig später:
»Hier stehen sie sich nackt gegenüber, dieser ›esprit allemand‹ und die französische
Zivilisation: zwischen ihnen die deutschen Fürsten …«.
Der Antagonismus zwischen Zivilisation und Kultur, der noch für Thomas Manns
Betrachtungen eines Unpolitischen konstitutiv ist und der das deutsche Denken bis in
die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein als ein feststehender und kaum hinterfragter
Topos beherrschte – und bei manchen bis heute noch gilt –, ist hier in prägnanter
und folgenreicher Weise formuliert. Für Wagner lag die Bestimmung der Deutschen
in der Hervorbringung einer authentischen, durch dasVolk gestützten oder sogar von
ihm produzierten Kunst. Dass dabei der Musik eine besondere Rolle zugesprochen
wurde, mag bei einem Komponisten kaum verwundern. Wo beides, Deutschsein
und Kunstproduktion, nicht zusammengingen, verfehlten, wie Wagner immer wieder
feststellte, die Deutschen ihre Aufgabe. Besonders dann, wenn sie glaubten, etwa durch
Politik ihre Stellung in Europa und der Welt verbessern zu können. Dafür nur ein
Zitat: »Eigentümlicher Weise tritt uns aus geschichtlicher Erinnerung die Herrlich-
keit des deutschen Namens gerade aus derjenigen Periode entgegen, welche dem
deutschen Wesen verderblich war, nämlich die Periode der Macht der Deutschen
über außerdeutsche Völker. … Mit dem Verfalle der äußeren politischen Macht,
d.h. mit der aufgegebenen Bedeutsamkeit des römischen Kaiserthumes, worin wir
gegenwärtig den Untergang der deutschen Herrlichkeit beklagen, beginnt dage-
gen erst die rechte Entwicklung des wahrhaften deutschen Wesens. … Nach dem
gänzlichen Verfalle des deutschen Wesens, nach dem fest gänzlichen Erlöschen der
deutschen Nation infolge der unbeschreiblichen Verheerungen des dreißigjährigen
Krieges, war es diese innerlichst heimische Welt, aus welcher der deutsche Geist
wiedergeboren ward. Deutsche Dichtkunst, deutsche Musik, deutsche Philosophie
sind heut zu Tage hochgeachtet von allen Völkern der Welt.«18

18 Richard Wagner, Was ist deutsch? in: GSD, Bd. 10, S. 38 f.


74 Bayreuth und die Moderne

Die Gegensätze von Politik und Kultur, von Kultur und Zivilisation sind in
den Schriften Wagners durchgängig zu finden, und sie bezeichnen eine zentrale
Konstante seines Denkens. Immer dort, wo es um die Bestimmung des ›Deutschen‹
oder des ›deutschen Wesens‹ geht, erteilt Wagner der Politik eine radikale Absage
zugunsten der Kunst, differenziert aber zugleich auch die unterschiedlichen Formen
und Entäußerungen der Kunst in zivilisatorisch und kulturell geprägte. Zivilisation
– das ist Oberfläche und Effekt, Unterhaltung und Überraschung, Glanz und Macht,
Parade und Uniform, vor allem aber moralischer und geistiger Leerlauf, »tiefste Ver-
kommenheit an wahrhaft geistiger Produktivität«19 – und all dies wird ›westlichen‹
Zivilisationen zugeschrieben, insbesondere der französischen. Kultur dagegen ist die
Erfassung der Welt nach ästhetischen und moralischenVorgaben, ist der Rückgriff auf
die Tradition, die mit den großen Namen der deutschen Dichtung und Musik, mit
Lessing, Goethe, Schiller, mit Mozart und Beethoven verbunden ist, an welche die
Deutschen anknüpfen müssen.Alles andere ist »Verrat am deutschen Geist.« In dieser
Tradition standen auch die Bayreuther Erbe-Verwalter ganz selbstverständlich. So
gab Wolzogen 1916 eine Definition, die Wagners Verständnis aufnahm: »Zivilisation
und Kultiviertheit betreffen, der Kultur gegenüber, das Äußerliche, die Erscheinung
der Dinge und Menschen. Dabei geht die Zivilisation auf das Nützliche aus, auf eine
Verbesserung der Lebensumstände im weitesten Sinne, die zum Behagen und bis
zum Luxus führt. Dort berührt sie sich dann mit der Kultiviertheit, deren Eigenart in
einer Verfeinerung der Lebensformen besteht, also mehr auf das Ästhetische ausgeht.
Verbesserung und Verfeinerung sind differenzierende Begriffe an Stelle des üblichen
der ›Veredlung‹, den man gewöhnlich anwendet, um das Verhältnis von Kultur und
Natur zu bezeichnen. … Kultur … ist hohe Kunst, Edelwert menschlichen Geistes,
… Wille zur Veredelung in dem höheren Bereiche des vom dichtenden Menschen-
geiste zum Seelischen erhobenen Natürlichen, … auf ein höheres Leben gerichtet,
über das Nutzbare und Nützliche, aber auch über das nur Schöne und Erscheinende
hinaus. … Kultur ist das Bewußtwerden der Volksseele in der Seele der Meister, …
ist aufstrebende und aufbauende Wirksamkeit der menschlichen Seele.«20
Mit solchen Thesen standen Wagner und seine Erbe-Verwalter allerdings nicht
allein – sie bestimmten in mehr oder minder ausgeprägter Form das Bewusstsein
der gesellschaftlichen Eliten der Deutschen, bis in die Arbeiterbewegung hinein,
die sich den Aufstieg des Proletariats durch die Aneignung des kulturellen Kanons
der Nation, also über Bildung und Wissen, vorstellte und diesen Aufstieg in den Ar-
beiterbildungsvereinen auch institutionalisierte.21 Die geistigen Führungsschichten
der Nation, allen voran Professoren und Literaten, hielten am Vorrang der Kultur
vor aller Politik weithin fest, und die Flut von Manifesten, die beim Ausbruch des

19 Richard Wagner, Deutsche Kunst und Deutsche Politik, S. 31. Das folgende Zitat S. 41.
20 Hans von Wolzogen, Der Begriff der Kultur, in: derselbe, Gedanken zur Friedenszeit, Berlin 1916,
S. 11 ff. Die Zitate auf verschiedenen Seiten.
21 Zur ersten Information vgl. Helga Grebing, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, München
1966; Karl Birker, Die deutschen Arbeiterbildungsvereine 1840–1870, Berlin 1973.
Vorbemerkung: Deutsche Kultur versus Politik 75

Ersten Weltkriegs auf deutscher Seite erschienen, um den Krieg als Verteidigung
der deutschen Kultur gegenüber einer zivilisatorisch-politischen Haltung, die im
Wesentlichen auf Macht- und Wirtschaftspolitik setzt, zu rechtfertigen, zeigt mit
aller Deutlichkeit, wie massiv und selbstverständlich dieses Denkschema im deut-
schen Sprach- und Kulturraum verankert war.22 Auch die wichtigsten Bayreuther
Autoren wie Chamberlain23 und Wolzogen24 vertraten ganz selbstverständlich diese
Position. So schrieb Wolzogen unmittelbar nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs im
September-Heft der Bayreuther Blätter 1914 in einem Vorwort Gedanken zur Kriegs-
zeit, dass es in diesem aufgezwungenen Krieg um Moral gegen Weltmacht, Geld,
Politik gehe, dass man den Sieg nicht nur als »physischen« erhoffen dürfe, sondern
vor allem auch als einen moralischen. Und dann folgt der erstaunliche Satz: »Sogar
ein physisches Unterliegen ließe sich denken, wobei doch aber der moralische Sieg
auf unserer Seite wäre, weil er auf keiner anderen Seite sein kann.«25 Moral meinte
hier Kunst, denn: »Kunst läßt sich andeutend bezeichnen: als freier, d.h. absichtsloser
und nichtwissenschaftlicher Ausdruck des Sinnes der Welt. Das ist nichts anderes als
ihre moralische Bedeutung. … Durch das Kunstwerk kommt der Sinn der Welt zum
Bewußtsein des Erlebenden«, und eben darum ging für Bayreuth der Krieg. Im selben
Sinne notierte Chamberlain, jeder Deutsche wisse, dass er von einem Krieg alles
zu fürchten habe – nicht zuletzt den Verlust der Blüte von Kunst und Wissenschaft:
»Wie sollte ein Volk, bei welchem Industrie, Handel und Wissenschaft von Jahr zu
Jahr immer höher blühen, wie dies in Deutschland in den letzten fünfundvierzig
Jahren der Fall war, den Krieg herbeizetteln wollen, der alle drei vernichtet?«26 Auch
für Chamberlain war der Krieg selbstredend Verteidigung, zuvörderst Verteidigung
der deutschen Kultur, die als der Identitätsstiftung und Identitätskitt des deutschen
Bewusstseins verstanden wurde – quer durch alle Klassen und Stände.
Wagners dichotomisches Denken, in dem die sich ausschließenden Gegensätze
von Politik und Kunst, von Zivilisation und Kultur eine feste Orientierung zur Be-
urteilung auch der Entwicklungen seiner eigenen Zeit in diesen Bereichen abgeben,

22 Wolf Lepenies, Kultur und Politik, S. 48 ff.


23 Zur Biographie Houston Stewart Chamberlains siehe in diesem Buch Revolutionskünstler oder
Kunstrevolutionär?, S. 9, Anm. 20.
24 Hans Freiherr von Wolzogen (1848–1938), war mütterlicherseits Enkel von Karl Friedrich Schin-
kel, der Vater Theaterintendant in Schwerin, eine Cousine des Vaters die Schwägerin Friedrich
Schillers, sein Bruder Ernst von Wolzogen der Leiter des Berliner ›Überbrettl‹.Wolzogen studierte
Sprachwissenschaft, Mythologie, Geschichte und Philosophie, kam früh nach Bayreuth und gab, auf
Bitten Wagners, die Bayreuther Blätter ab 1878 bis zu seinem Tode heraus. Daneben veröffentlichte
er Abhandlungen zur Literatur, Musik,Theologie und germanischer Mythologie, auch dichterische
Arbeiten. Er war die zentrale Person des Bayreuther Kreises, weniger intellektuell als emotional und
organisatorisch, lebte über 60 Jahre in Bayreuth, ausschließlich konzentriert auf seine Arbeiten,
aber in seiner öffentlichen Wirkung der von Chamberlain nicht vergleichbar.Vgl. Annette Hein,
»Es ist viel Hitler in Wagner«, S. 44 ff.
25 Hans von Wolzogen, Gedanken zur Kriegszeit, in: BBl 1914, S. 242 ff.; das und das folgende Zitat
auf S. 243.
26 Houston Stewart Chamberlain, Deutsche Friedensliebe, in: BBl 1914, S. 247.
76 Bayreuth und die Moderne

ließe sich durch unzählige Beispiele und Zitate belegen.27 Dabei gründeten Wagners
Überzeugungen auf einer weitausgreifenden Kulturtheorie, die ihrerseits eine Theorie
der Gesellschaft und der Politik, der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung in
Europa und der Gründe für die von ihm behauptete gesellschaftliche wie politische
Dekadenz seiner Zeit voraussetzte. Für die schon zu seinen Lebzeiten einsetzende
Rezeption seines Denkens und seiner Werke, für seine An- und Einpassung in eine
›Zeitdiagnose‹ durch die Erbe-Verwalter in Bayreuth, speziell in den Bayreuther Blät-
tern, waren bestimmte Topoi seines Denkens von zentraler Bedeutung. So etwa die
konstitutive Rolle, die bei ihm die Sprache für seine Vorstellungen von Kunst und
Kultur spielte. Über Sprache, davon war er überzeugt, werde die Lebenswelt entschei-
dend ausgeformt und geprägt, würden Sitten und Gebräuche eines Volkes geformt,
Arbeit und vor allem Kunst entwickelt. All dies sei sprachlicher Kommunikation
zu verdanken und stehe in scharfem Widerspruch zur Politik. Denn beide Sphären
seien durch unvereinbare Mittel voneinander geschieden:Während Sprache die un-
verstellte Kommunikation gleichberechtigter Partner erzwinge – eine Überlegung,
die das Grundaxiom der Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas
vorwegnimmt28 – und durch Sprache Heimat entstehe, Zusammengehörigkeit und
Gemeinsamkeit, aus der sich die Quelle einer permanenten Regeneration speisen
könne, beruhe Politik dagegen auf Hierarchisierung in der Gesellschaft, auf Macht,
Herrschaft und Unterwerfung. Schaffe die Sprache stets erneut auf der Ebene des
Sprechens die Gleichheit der Sprechenden, so brächten Politik und eine hierarchisch
strukturierte Gesellschaft nur Abhängigkeit und Ungleichheit hervor. Während die
Politik mit ihrem Herrschaftsanspruch Sprachräume übergreife und unterschiedlich
sprechendeVölker in einen politischenVerband zusammenzwingen könne, was dann
künstlich sei und eigentlich wider die Natur, sorge die Sprache für eine natürliche
Gemeinschaft, der sich alle, die diese Sprache sprechen, zugehörig fühlen könnten.
Von »Urmuttersprache« und »Ursitz«29 ist bei Wagner die Rede, und die Vorsilbe
›Ur-‹ dient ihm dazu, die theoretische Unhintergehbarkeit der Sprache als Grund-
lage des Gemeinschaftsgefühls und damit auch der gemeinsamen Kultur deutlich
zu machen – es ist kein Zufall, dass gleich der zweite Jahrgang der Bayreuther Blätter
Wolzogens Artikelserie Über Verrottung und Errettung der deutschen Sprache bringt.30
Wagners ästhetische Theorie lässt die Kultur aus der Sprache hervorwachsen, in
all ihren verschiedenen ästhetischen Äußerungen. Und diese Kultur gehorcht, was
die Deutschen angeht, dem Prinzip der Zwecklosigkeit des Schönen. Es ist, wie
Wagner – und später seine Erbe-Verwalter – meinen, die »Tugend der Deutschen«,
dass sie dieses »höchste Prinzip der Ästhetik« erkannt haben, dass sie wissen, »daß das

27 Ausführlich dazu mit entsprechenden Nachweisen aus den einzelnen Schriften Wagners Udo
Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 215 ff. und S. 337 ff.Vgl. auch S. 81 ff.
28 Vgl. Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, 2 Bde., Frankfurt/M. 1981, besonders
Bd. 1, S. 15.
29 Richard Wagner, Was ist deutsch?, S. 38.
30 Hans von Wolzogen, Ueber Verrottung und Errettung der deutschen Sprache, in: BBl 1879, S. 33 ff.; 57 ff.;
135 ff.; 168 ff.; 196 ff.; 281 ff.; Elftes Stück: 226 ff. (falsche Seitenzählung).
Vorbemerkung: Deutsche Kultur versus Politik 77

Schöne und Edle nicht um des Vortheils willen, ja selbst nicht um des Ruhmes und
der Anerkennung willen in die Welt tritt«, sondern eben um seiner selbst willen, und
nur dies »kann zur Größe Deutschlands führen.«31 Kants kategorischer Imperativ gibt
hier dasVorbild ab für die viel zitierte und zumeist falsch verstandene Formel, deutsch
sein bedeute, »die Sache, die man treibt, um ihrer selbst und der Freude an ihr willen
zu treiben; wogegen das Nützlichkeitswesen, d.h. das Prinzip, nach welchem eine
Sache außerhalb persönlichen Zweckes wegen betrieben wird, sich als undeutsch
herausstellt.« Kultur hat, darauf zielt diese Formel, ihren Zweck in sich selbst, sie dient
der Ausprägung der eigenen individuellen wie kollektiven Identität, vor allem: sie ist
die Grundlage einer ästhetisch angeleiteten Lebensführung. Machtpolitik dagegen
gefährdet, wie alle Politik, diese kulturelle Selbstvergewisserung und Produktion,
gefährdet damit das ›Wesen‹ der Deutschen, nicht zuletzt auch ihre Vorbildfunktion
gegenüber anderen Völkern. Wagners hypertrophe Betonung der Kultur und ihres
Vorrangs vor aller Politik implizierte nicht nur eine Absage an Politik als primäres
Medium von Interaktion und Integration, sondern auch eine Absage an jegliche
Form des politischen Imperialismus und politischer Hegemonialansprüche; denn
Sprache kann seiner Überzeugung nach nicht missionarisch exportiert werden, sie
ist kein Instrument der politischen Unterwerfung, weil sie nach seiner Poetologie
konstitutiv und ausschließlich mit dem Volk verbunden ist, das diese Sprache spricht.
Wagners These, wonach Sprache alle weitere Kunst generiert, ist an anderer Stelle
eingehend nachvollzogen worden und muss hier nicht wiederholt werden.32 Sprache
generiert aber keinesfalls Politik und eine durch politisches Handeln strukturierte
Gesellschaft. Für Wagner liegt beides: Sprache und Kunst als Kultur einerseits, Politik
und Gesellschaft als Herrschafts- und Unterdrückungsphänomen andererseits in
scharfem Widerstreit miteinander, und es gibt in Bezug auf den Status quo hier keine
Versöhnung. Solche Versöhnung zwischen ästhetischer und sozialer Lebensführung
kann erst durch das ›Kunstwerk der Zukunft‹ und die aus ihm abgeleiteten, ästhetisch
begründeten Prinzipien einer genossenschaftlichen Selbstorganisation des Volkes
erreicht werden. Doch das setzt ein neues Denken voraus, eine Regeneration33 der
Menschen, eine auf Liebe und dem »Reinmenschlichen« basierende Gemeinschaft,
die Wagner sich aus den Wirkungen seiner musikdramatischen Werke und den in
ihnen wirksamen sozialen und ästhetischen Ideen erhofft, alles zusammen Folge
jenes ›Gesamtkunstwerks‹, dessen theoretisches Konzept in der Praxis der Bayreuther
Festspiele eingelöst werden und dann die deutsche Identität bestimmen sollte.
Das von Wagner entworfene Konzept des ›Gesamtkunstwerks‹ implizierte einen
umfassenden Gegenentwurf zur Politik mit allen normativen und funktionalen Aus-
differenzierungen, die zur Realisierung der damit verbundenen Ansprüche benötigt
werden. Es ist in der deutschen Geistes- und Kulturgeschichte vermutlich das am

31 Richard Wagner, Was ist deutsch?, S. 48; auch das folgende Zitat.Vgl. Udo Bermbach, Der Wahn des
Gesamtkunstwerks, S. 341 f.
32 Vgl. Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 176 ff.; S. 337 ff.
33 Zum Begriff und Inhalt der ›Regeneration‹ vgl. in diesem Buch Der Bayreuther Gedanke, S. 179 ff.
78 Bayreuth und die Moderne

weitesten entwickelte Konzept, das je der Politik entgegengestellt worden ist, und es
nimmt überdies die Musik als die für das deutsche Selbstverständnis entscheidende
Komponente vorrangig auf. Wagner selbst sah sich als kongenialer Fortsetzer und
Vollender der bedeutendsten deutschen Komponisten, und er war fest davon über-
zeugt, dass er die Entwicklung der klassischen Musik zu ihrem Höhepunkt führen
würde, später geführt hat – in der Tat war seine Person »die bewegende und die
polarisierende Gestalt der Musik, ja der Kunst der Epoche.«34 In seinem Selbstver-
ständnis besaß sein Konzept zwei entscheidende Stoßrichtungen: es war zum einen
gegen den Vorrang der Politik gerichtet, zum anderen gegen die westlich-dekadente
Zivilisation. Indem Wagner die Dominanz der Kunst und der auf Kunst bezogenen
Kultur sowohl nach innen – gegen die Politik – als auch nach außen – gegen die
westliche, ›fremde‹ Zivilisation – behauptete und durch die Bayreuther Blätter wie in
den Wagner-Vereinen propagieren ließ, gab er entscheidend und beispielhaft jenes
Muster vor, nach dem sich das deutsche Selbstverständnis vor allem der führenden
kulturellen Eliten ausbilden konnte. In zahlreichen Kreisen, Gruppen, Bünden oder
auch Salons konkretisierte sich dieses kulturgeprägte und kulturdominante Selbst-
verständnis der deutschen und deutschsprachigen Führungseliten, die den Anspruch
erhoben, durch ihre Selbstorganisationen die eigentlichen Wegweiser der deutschen
Entwicklung zu sein.35
Daß die um Bayreuth gruppierten und mit Bayreuth verbundenen Autoren
Wagners Position offensiv aufgriffen, erweiterten und veränderten, ist selbstver-
ständlich. Sie gerieten dadurch allerdings mehr und mehr in Konflikte mit den
Modernisierungsprozessen der deutschen Gesellschaft, die in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts entschieden einsetzten.36 Es war diese ökonomisch induzierte, aber
zugleich auf die Politik übergreifende Modernisierung, die sich in den politischen
Bewegungen des Liberalismus und Sozialismus ihren ideologischen und aktionisti-
schen Rahmen schuf, die das Konzept des Gesamtkunstwerks ins Utopische verschob
und es allmählich anachronistisch werden ließ. Gleichwohl sind die argumentativen
Schritte und Entwicklungen der Modernisierungskritik Bayreuths von einigem In-
teresse, weil dieses Bayreuth eine ästhetisch durchsetzte Weltanschauung vorgab, die
das Verhalten der deutschen Eliten und den Gang der deutschen Geschichte nicht
unerheblich mitgeprägt hat.

34 Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866–1918, Bd. 1, S. 748 f.


35 Vgl. dazu ausführlich Richard Faber/Christine Holste (Hg.), Kreise, Gruppen, Bünde. Zur Soziologie
moderner Intellektuellenassoziationen,Würzburg 2000; ebenso Wolfgang Martynkewicz, Salon Deutsch-
land. Geist und Macht 1900–1945, passim.
36 Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866–1918, die Kapitel IV (Landwirtschaft); Kapitel V (In-
dustrie, Handwerk und Dienstleistungen); Kapitel VI (Die Volkswirtschaft im Ganzen), ab S. 192 ff.
Bayreuther Sprachkritik 79

Bayreuther Sprachkritik
In seiner kurzen Einführung im ersten Heft der Bayreuther Blätter gab Richard
Wagner als Grund für die Herausgabe einer eigenen Zeitschrift an, der Kreis seiner
Anhänger müsse sich über die künstlerischen Ziele, die Bayreuth verfolge, verständi-
gen, »um die Hindernisse einer edlen Ausbildung des deutschen Kunstvermögens auf
dem von uns beschrittenen Gebiete siegreich zu überwinden.«37 »Für immer« – so
heißt es da – »sage ich meine Betheiligung … zu. Nur werden meine Freunde es
begreifen, dass, nachdem ich bereits in neun gedruckten Bänden zu ihnen gespro-
chen, ich jetzt nicht viel Neues mehr zu sagen habe, dagegen es mir sehr erwünscht
sein muss, wenn nun diese Freunde selbst sich darüber aufklären und belehren, was
von dem allen zu halten, und wie es, namentlich auch durch neue Anwendungen,
weiter zu entwickeln sei.« Wagner ging es also zum einen um eine möglichst ange-
messene Rezeption seiner ästhetischen Vorstellungen, zum anderen aber auch um
deren zeitgemäße Adaption und Weiterentwicklung.
Die Wagners Worten nachgestellte programmatische Erklärung Hans von Wol-
zogens zu den Zielen der neuen Zeitschrift setzte allerdings einige Akzente anders.
Zwar erklärte auch Wolzogen, der bis zum Ende der Bayreuther Blätter 1938 ihr
alleiniger Herausgeber bleiben sollte, es gelte, »die grosse Kulturidee nach allen Sei-
ten durchzusprechen und zur vollen Kenntnis zu bringen, die allen künstlerischen
Bestrebungen unseres Meisters zu Grunde liegt«38. Aber er sah einen Hauptzweck
der Zeitschrift darin, »das Wesen unserer nationalen Kunst« zu erkennen und »in
einer bestimmten Gemeinde eine feste Gesinnung ausbilden zu helfen, welche unsere
Kunst in ihrer tiefsten Bedeutung als Frucht einer Kultur … völlig zu begreifen
vermöge.« Im Unterschied zu Wagner ging es Wolzogen weniger um die Weiter-
entwicklung und Zeitanpassung von Wagners Werken und Konzepten, als vielmehr
um deren möglichst ›authentische‹ Auslegung und scharfe Abgrenzung gegenüber
der zeitgenössischen Kunstentwicklung. »Jeder Spur von Unechtem, Unedlem,
Unernstem und Undeutlichem« sollte der Kampf angesagt werden zugunsten des
»Echten, Edelen und Ernsten, dem wahrhaften deutschen Geist.« Deshalb werde es
auch nicht zu vermeiden sein – so Wolzogen –, »mitunter auch andere Gebiete zu
berühren als die Kunst; denn deren Verwahrlosung und Verderbnis beruht auf gar
tief im Wesen unserer ganzen Kultur liegenden Gründen, und jene kunstfeindlichen
Mächte herrschen über unser gesammtes Volksleben überhaupt als die natürlichen
Feinde des echten deutschen Geistes und seines eingeborenen, in seinen grössten
Männern, seinen Künstlern und Denkern, immer wieder wunderbar an den Tag
tretenden kräftigen Idealismus.«
Damit war die Stoßrichtung der Bayreuther Blätter klar umrissen: auf dem Programm
stand die Kritik der Moderne in all ihren Ausfaltungen und Differenzierungen, von der

37 Richard Wagner, Zur Einführung, in: BBl 1878, S. 3. Das folgende Zitat S. 5.
38 Hans von Wolzogen, Unsere Lage, in: BBl 1878, S. 18. Die folgenden Zitate S. 19.
80 Bayreuth und die Moderne

Kunst bis zur Politik, von der Gesellschaft bis zu ihren Ideologien. Das Ziel war, eine
eingeschworene Gemeinschaft rechtgläubiger Wagnerianer zu bilden: »Wir schreiben
nicht für eine Masse, sondern für sehr Bestimmte, und jede einzelne Seele dieser Be-
stimmten ist unsere ganze Existenz werth.Wir wollen nicht den allgemeinen Verstand
durch Wissen bereichern, sondern Charaktere in den Dienst des Ideals ziehen«, schreibt
Wolzogen in einem Grundsatzartikel39, und diese ›Bestimmten‹ sollten ihrerseits dann
die »rechte deutsche Gesinnung« zu den Festspielen mitbringen und in der Lage sein, der
»überall missgedeuteten und angefeindeten grossen künstlerischen Kulturidee unseres
Meisters« am Ende zum Durchbruch zu verhelfen.Wolzogen wollte die Fundamente
von Wagners ästhetischem Konzept freilegen, er wünschte die daraus sich ergeben-
den Konsequenzen aufzuzeigen und das Konzept selbst als die »deutscheste, kräftigste
und idealste Kunsterscheinung unserer Tage« und damit als eigentliche Kunstidee der
deutschen Nation allmählich durchzusetzen. Und diese programmatischen Setzungen
wurden drei Jahre nach der Begründung der Bayreuther Blätter noch einmal wiederholt.
Die »moderne Kulturwelt« wie der »Zeitgeist« wurden »dem Wesen wahrer, grosser
Kunst« scharf entgegengesetzt und als Aufgabe im Geiste Wagners »die Möglichkeit
einer Regeneration des menschlichen Geschlechtes durch allseitige Förderung jeder, auf den
verschiedenen Gebieten unserer geistigen Thätigkeit noch vorhandenen Keime,Ansätze,
Reste und Spuren des Guten, Menschenwürdigen, Naturwahren, Echten«40 bestimmt, deren
Ergebnis, wie Wolzogen hoffte, eine »hochentwickelte und gemeinsame Sittlichkeit« als
Voraussetzung für eine »edelste menschliche Kunst« sein würde, die ihrerseits Ausdruck
des »Volkswesens« und »Lebensboden« des deutschen Volkes sei.
In seiner kleinen Schrift Über die Benennung »Musikdrama« hatte Wagner 1872
im Nachdenken über den Begriff des ›Musikdramas‹ vehement die »Verhunzung
der Sprache«41 angeprangert und beklagt: »Uns ist durch das beständige Lesen der
Elaborate unserer Zeitungsschreiber und sonstiger schöngeistiger Litteraten das
Bewußtsein eines richtigen Sprachgebrauches so sehr abhanden gekommen, dass
wir den von Jenen erfundenen unsinnigsten Wortbildungen nach Belieben einen
Sinn unterlegen zu dürfen glauben.« Wenn Sprache das Fundament einer jeglichen
Poetik war, auch der musikdramatischen, wie Wagner dies bereits in seinen frühen
Schriften, etwa in Oper und Drama, bewiesen zu haben glaubte, und wenn in der
Sprache und ihrem Gebrauch jene Bedingungen mitgegeben waren, die für eine
durch Kunst regenerierte Menschheit und in deren Folge auch für eine neu struk-
turierte Gemeinschaft entscheidend waren, dann musste Sprachkritik als die Basis
einer kritischen Aufarbeitung des Verhältnisses von Kunst, Gesellschaft und Politik
gelten. In dieser Sprachkritik lag für überzeugte und engagierte Wagnerianer eine
der entscheidenden Voraussetzungen aller Kunst- und Gesellschaftserneuerung.
Diese Überzeugung Wagners nahm Wolzogen in einer von ihm geschriebenen,
mehrteiligen Serie Ueber Verrottung und Errettung der deutschen Sprache auf. Wie sein

39 Hans von Wolzogen, Heutiges für Künftiges, in: BBl 1882, S. 12. Die folgenden Zitate S. 20; 21; 19.
40 Hans von Wolzogen, An unsere Leser, in: BBl 1881, S. 2. Auch die folgenden Zitate hier.
41 Richard Wagner, Über die Benennung »Musikdrama« in: GSD, Bd. 9, S. 303. Hier auch das folgende Zitat.
Bayreuther Sprachkritik 81

›Meister‹ begann auch er, zunächst die elementaren Bausteinen der Sprache zu
benennen, skizzierte sodann kurz die historischen Stufen sprachlicher Ausdifferen-
zierung, verstand diese im Sinne einer linearen Höherentwicklung, die auf ihrem
Scheitelpunkt dann allerdings umkippte in Verfall, weil sie den fundamentalen
Zusammenhang von Sprache und Denken ignoriere, woraus Wolzogen schloss: die
Moderne »denkt gar nicht durch die und in der Sprache; die Sprache spricht nicht
mehr, sie verdolmetscht nur noch die Gedanken,«42 was zeige, »wie tief wir im mo-
dernen Wesen stecken, so tief auch in der Verderbniss unserer Sprache.« Sprache sei
in der Moderne zum bloßen Mittel geworden, weil das Bewusstsein, dass man in
der Sprache und durch die Sprache lebt, verloren gegangen sei. »Wie der Styl den
Menschen bezeichnen solle, so ist auch der allgemeine Styl in der Behandlung der
Sprache bei einem Volk als ein Kennzeichen für den ganzen Volksgeist aufzufassen.
… Die Art …, wie der Deutsche seine Sprache benutzt, d.h. wie er sie ansieht,
schätzt, behandelt – nämlich mit der grössten Gleichgiltigkeit, Leichtfertigkeit und
Unbesonnenheit lediglich als möglichst erleichtertes, rasches Kommunikationsmittel
ohne Beachtung ihrer eigenen geistigen Bedeutung und Würde –, das ist es, woran
man die Beschaffenheit unserer Bildung erkennen kann …«.43
Das ist eine Auffassung, die einerseits in der in der Romantik entwickelten
Sprachtheorie wurzelt, vor allem in der von Johann Gottfried Herder, wie sie in
dessen Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit formuliert worden waren;
die andererseits mit manchen Positionen heutiger Sprachtheorien und Sprachphi-
losophien übereinstimmt, soweit Sprache als konstitutives Medium für Welt und
Welterfahrung reklamiert und die These vertreten wird, im Zeichensystem der
Sprache (Semiotik) die Realität selbst zu erfassen.44
Für den Zustand der »Verrottung« machte Wolzogen vor allem den modernen
Journalismus verantwortlich – und damit einen Lieblingsgegner Wagners aus dessen
späten Schriften. Wie Wagner wirft auch er mit Bezug auf sprachkritische Überle-
gungen Schopenhauers45 der Presse Schlampereien, Sinnentstellungen, syntaktische
und grammatikalische Fehler vor, semantische Umdeutungen und Flucht in schiefe
und unzutreffende Bildern und Metaphern, welche die gemeinten Sachverhalte
nicht oder nur unscharf fassen. Über viele Seiten seiner Abhandlungen werden
»falsche Wortanwendungen«46 und »falsche Satzbildungen«47 am Beispiel von

42 Hans von Wolzogen, Ueber Verrottung und Errettung der deutschen Sprache, in: BBl 1879, S. 33 ff.; das
Zitat auf S. 35. Das folgende Zitat S. 36.
43 Hans von Wolzogen, XV. Stylproben – Beiträge zur Charakteristik der Zeit, in: BBl 1882, S. 149.
44 Vgl. einführend Peter Prechtl, Sprachphilosophie, Stuttgart/Weimar 1998; Friedrich Kambartel/Pir-
min Stekeler-Weithofer, Sprachphilosophie. Probleme und Methoden, Stuttgart/Weimar 2005; Elisabeth
Leiss, Sprachphilosophie. Eine Einführung in die Axiomatik, Berlin u.a. 2009.
45 Arthur Schopenhauer, Über Schriftstellerei und Styl, in: Parerga und Paralipomena, in: Sämtliche Werke,
hg. von Arhur Hübscher, Bd. II, Wiesbaden 1947, S. 532 ff.
46 Hans von Wolzogen, Ueber Verrottung und Errettung der deutschen Sprache, in: BBl 1879, S. 57 ff. (Teil
II der Serie).
47 Ebenda, S. 168 ff. (Teil III der Serie).
82 Bayreuth und die Moderne

Schriften damals bekannter Autoren und Journalisten gebracht, wobei Wolzogen


sich mit Vorliebe prominente und zu seiner Zeit viel gelesene Autoren vornimmt:
so etwa Paul Heyse, der als erster Deutscher 1910 den Literaturnobelpreis erhielt,
dessen Werke weit verbreitet waren und viel gelesen wurden, ein Erfolgsautor, vom
Bürgertum wie von der Arbeiterschaft gleichermaßen geschätzt. Weshalb gerade
dieser in seiner Zeit hochverehrte Schriftsteller und Dichter das Ziel der Kritik
Wolzogens wurde, lässt sich schwer ausmachen und wirkt in der Sache eher hybrid.
Möglicherweise spielte Heyses liberale politische Grundhaltung eine Rolle, seine
Verehrung Bismarcks – dem ›Feind‹ Wagners – und dessen entscheidende Leistung:
die Reichsgründung; möglicherweise aber auch seine Herkunft mit ›jüdischen
Anteilen‹ und sein Sympathisieren mit dem Reformflügel der Sozialdemokratie,
vielleicht auch seine eigenwillige Künstlerexistenz in München und die von ihm
repräsentierte ›Modernität‹. Über solche Motive kann spekuliert werden, wie auch
im Fall von Paul Lindau, einem vom Judentum zum Protestantismus konvertierten,
außerordentlich erfolgreichen Literatur- und Theaterkritiker, Gründer und Her-
ausgeber von Zeitschriften, Roman- und Theaterautor, dessen geistreich-ironischer
Kommentar der Ring-Uraufführung von 1876 sicherlich den Unwillen Bayreuths
erregt hatte.48 Spekuliert werden kann auch über die – eher überraschenden –
Vorbehalte Wolzogens gegen Karl Gutzkow; überraschend deshalb, weil dessen
Biographie, seine Revolutionsbegeisterung und Revolutionsbeteiligung von 1848
und die daraus resultierenden politischen Einstellungen durchaus Ähnlichkeiten
und Parallelen mit Wagners Werdegang und Überzeugungen aufwiesen. Während
dagegen Eduard Hanslick, ebenfalls einer der immer wieder Attackierten, der sich
vom Wagner-Verehrer zum Wagner-Gegner gewandelt hatte, für Bayreuth gleichsam
ein geborener Mitverursacher der ›Verrottung‹ der deutschen Sprache sein musste.
Es würde zu weit führen,Wolzogens Vorhaltungen und Angriffe im Detail nach-
zuvollziehen. Sie sind in einem oft sehr schwer verständlichen und umständlich
formulierten Deutsch geschrieben und lassen eben jene Klarheit der Diktion ver-
missen, die er von anderen einfordert. Wolzogen geht es im Wesentlichen um den
Beleg für die These, jeder ›falsche‹ Gebrauch der Sprache zerstöre deren innere Logik,
beraube sie ihrer Sinnfälligkeit und Schönheit und verursache damit den Verlust
des Gefühls von Sprechenden für die Differenzierungsmöglichkeiten und Präzision
des sprachlichen Ausdrucks. Da Sprache aber für jede menschliche Gemeinschaft
konstitutiv sei, bewirke deren ›Auflösung‹ zugleich die Auflösung der Gesellschaft.
Was im Umkehrschluss heißt, dass korrekter Gebrauch von Sprache auch auf eine
moralisch und sittlich noch intakte Gesellschaft rückschließen lasse. »Vollkommene

48 Paul Lindau, Nüchterne Briefe aus Bayreuth.Vergeblicher Versuch im Jahre 1876, Zeit und Geister Richard
Wagners zu bannen, Berlin 1877, neu Berlin 1989. Lindau (1839–1919) arbeitete nach einem Stu-
dium der Philosophie und Literaturgeschichte zunächst an mehreren Zeitungen, gründete später
in Berlin die Wochenschrift Die Gegenwart sowie die Monatsschrift Nord und Süd, war zeitweilig
Theaterintendant in Meiningen und Berlin, später Dramaturg am Berliner Schauspielhaus und
zugleich ein erfolgreicher Theaterautor, Romanschriftsteller und Kritiker der Literatur- und
Theaterszene.
Bayreuther Sprachkritik 83

Klarheit und strenge Scheidung des wirklich Zusammenhängenden und des nicht
gleich enge zu einander Gehörigen in der Masse der mitsammen in Betracht kom-
menden Gedanken, das ist es, was den guten deutschen Stylisten auszeichnet«49, so
Wolzogen – eine Definition, deren sprachliche Fassung Zweifel daran aufkommen
lässt, ob Wolzogen selbst den eigenen kritischen Maßstäben in seinem Stil gerecht
zu werden vermochte.
Für Wolzogen ist es in erster Linie die Aufgabe der Dichter, Sprache zu bewah-
ren und schöpferisch weiter zu entwickeln. Denn: »Eine gänzlich zum bequemen
Verkehrsmittel des modernen, materialistischen Alltagstreibens erniedrigte Sprache,
wie sie dem Reporterwesen unserer Journale, der widerwärtigen Börsenmäklerei,
der formlosen parlamentarischen Diskussion und jener hohlen Phraseologie der
undeutschen Geselligkeit der Salons stäts gefällige Dienste leistet, eine solche Sprache
will uns nicht fähig erscheinen, dem dichterischen Empfinden, Denken und Schauen
die entsprechende, natürlich gewachsene Form zu geben.«
Daher müsse die Sprache des Dichters »in ganz ungemein starkem Grade künstlich
umgebildet« werden, müsse selbstschöpferisch über den Status quo hinausweisen,
damit eine »deutsche Kunstdarstellung des rein Menschlichen« wiedergewonnen
werden könne. Die Verwerfungen der modernen Gesellschaft, die zeitliche Be-
schleunigung ihrer Abläufe, die Verknappung von Möglichkeiten zum Nachdenken
und zur Selbstreflexion, was beides nur durch die Lösung aus dem unmittelbaren
Alltagsgeschäft geschehen könne – dies alles und andere Charakteristika einer in
Modernitätsschüben sich rasch wandelnden Gesellschaft sind Wolzogen zufolge die
tiefere Ursache des überall zu beobachtenden sprachlichen Verfalls.
Diesem Verfall kann, wie schon bemerkt, nur durch die Dichter gegengesteuert
werden, die sich bewusst solchen Verfallssymptomen entziehen müssen und in ihrer
Poesie an die großen literarischen Traditionen der Deutschen wieder anknüpfen.
Im referierenden Darstellen der literarischen Entwicklung in Deutschland seit den
Befreiungskriegen von 1813 formuliert Wolzogen die entscheidenden Topoi einer
Zivilisationskritik aus Bayreuther Sicht, auf die an anderer Stelle zurückzukommen
sein wird. In diesem Kontext verweist er auf die »Juden-Emanzipation«, die »einem
reich begabten, nicht deutschen Stamme zu Gute gekommen« sei und dazu geführt
habe, dass die deutsche Sprache in die jüdische Welt hineingenommen worden sei
– woraus den Juden kein Vorwurf zu machen sei, denn sie hätten ihre Chancen zu
eigenen Gunsten wahrgenommen; wohl aber den Deutschen, weil sie es versäumt
hätten, die Juden in die deutsche Kultur so einzubinden, dass diese davon hätte
profitieren können – »obwohl es nicht zu denken ist, dass aus dem Nichtdeutschen
jemals ein wirklicher Deutscher werden könne, und demnach auch nicht, dass die
Arbeit des Nichtdeutschen zur eigentlichen höchsten nationalen Kulturproduktion
würde beigetragen haben …«. Das Resumée von Wolzogens weitschweifig angelegter
Serie Ueber Verrottung und Errettung der deutschen Sprache besteht am Ende in der For-

49 Hans von Wolzogen, Ueber Verrottung und Errettung der deutschen Sprache, in: BBl 1879, S. 178. Die
folgenden Zitate auf den Seiten 282; 282; 283; 286; 286.
84 Bayreuth und die Moderne

derung, sich auf die eigenen literarischen Traditionen zu besinnen, Bewusstsein für
die Gefährdungen der deutschen Sprache zu entwickeln und möglichem Missbrauch
entgegenzuwirken, schließlich Orientierungen des Schreibens an nichtdeutschen
Literaten und Dichtern, allen vorweg den Franzosen, zu unterlassen, weil dies, wie
alle Nachahmung fremderVorbilder, zur »Lotterei«50, zum moralischen, sittlichen und
intellektuellenVerfall der die Identität verbürgenden deutschen Sprache führen muss.
Diese Form der Auseinandersetzung mit Sprache wurde im Umfeld des Bayreuther
Kreises von vielen Autoren unterstützt und geteilt. So verfasste etwa Heinrich von
Stein, der Erzieher von Wagners Sohn Siegfried und – nach der Abkehr Nietzsches
von Bayreuth – ein mit Hoffnungen überfrachteter Privatdozent der Philosophie51,
den noch Wagner, erst recht aber seine Nachlassverwalter, zum ›Hausphilosophen‹
aufbauen wollten, 1883 eine längere Abhandlung über Sprache als Mittel philoso-
phischer Erkenntnis, in der er die Sprache zum Medium aller menschlichen Ent-
wicklungen erklärte: zuständig für die Gefühle ebenso wie für die Vernunft, für die
Wahrnehmung der Umwelt, für Weltsicht und Weltanschauung, für die menschliche
Existenz in ihrer individuellen wie kollektiven Ausrichtung, kurz: für alles, was Leben
ausmacht. Die romantische Sprachtheorie wird hier durch Stein in ihrer Bedeutung
fundamentalisiert, so dass am Ende von ihr abhängt, wie wir die Welt sehen und
erfahren. Dabei geht Stein entschieden über Wolzogens Sprachverständnis hinaus,
belegt seine Thesen mit kenntnisreichem Rückriff auf Philosophen und präsentiert
sich intellektuell sehr viel anspruchsvoller, als dies in den Bayreuther Blättern zumeist
geschieht. Zielpunkt seiner Überlegungen ist die Verklärung einer intuitiv gewon-
nenen Kreativität, die er als »Wahn« oder auch, philosophisch gewendet, als »tran-
szendentale Ideen« bezeichnet, begründet durch die »bedeutungsvolle Beziehung
solcher Sprachgebilde zum philosophischen Erkennen …«.52
Wolzogens Serie regte Autoren des Bayreuther Kreises an, immer wieder auf
dieses Thema zurückzukommen, wobei nicht nur die geschriebene, sondern gele-
gentlich auch die gesprochene Sprache Gegenstand der Debatte war. So etwa bei
Martin Plüddemann, der die Vereinheitlichung der gesprochenen Hochsprache
zum Kriterium des kulturellen Bewusstseins der Deutschen stilisierte und Dialekte
nur im Falle der Verständigung im vorkulturellen Bereich gelten ließ.53 So etwa bei
Houston Stewart Chamberlain, der, aus Anlass des Kriegsausbruchs von 1914 die
deutsche Sprache als etwas »Heiliges« charakterisierte, wohl darauf hinwies, dass
auch andere Sprachen »reich an Werken des Geistes« seien, dass ihm das Englische

50 Hans von Wolzogen, Ueber Verrottung und Errettung der deutschen Sprache, in: BBl 1879, S. 295.
51 Markus Bernauer, Heinrich von Stein, Supplemeta Nietzscheana Bd. 4, Berlin/New York 1998, eine
Habilitationsschrift, die in unüberbietbarer Gründlichkeit Lebensweg und Philosophie, vor allem
auch die Anbindung an Bayreuth eines jungen Denkers darstellt und analysiert, der, 1857 geboren,
bereits 1887 starb.
52 Heinrich von Stein, Ueber die Beziehungen der Sprache zum philosophischen Erkennen, in: BBl 1883,
S. 305 ff.; das Zitat auf S. 343.
53 Martin Plüddemann, Noch ein Wort zur ›Verrottung und Errettung der deutschen Sprache‹, in: BBl 1881,
S. 21 ff.
Verfall deutscher Kultur 85

und Französische heimatlich vertraut seien, er die alten Sprachen kenne, Italienisch,
Spanisch und Serbo-Kroatisch lese und verstehe – und gerade aus seiner Kenntnis
all dieser Sprachen zutiefst davon überzeugt sei, »dass unter lebenden Sprachen die
deutsche einzig dastehe, in einer Majestät und einer Lebensfülle, die jeden Vergleich
ausschließt.«54 Und Wolzogen selbst ergänzte 1886 seine eigene Serie durch vier
ausführliche Beiträge, in denen er sich wiederum über das seiner Meinung nach
verheerende »Zeitungsdeutsch« scharf ausließ, freilich in einem eher resignierenden
Ton, weil ihm deutlich war, dass »selbst in dem engeren Kreis einer von Bayreuth
aus beeinflussten Schriftstellerei … die an der Behandlung der Sprache ausgeübte
Kritik, … die schon der Meister längst an den Pranger gestellt hatte, ohne ersichtlich
nachwirkenden Einfluss geblieben« 55 sei.

Verfall deutscher Kultur

Die Überzeugung von der zentralen Bedeutung der Sprache für die kulturelle Identität
einesVolkes wie einer Nation war im 19. Jahrhundert und für lange Jahrzehnte darüber
hinaus ein Erbe der vorklassischen, klassischen, vor allem aber der romantischen Zeit,
deren Repräsentanten die Sprache als Ausdruck des Wesens und Geistes eines Volkes
verstanden. Wenn Sprache, wie Wilhelm von Humboldt meinte, das entscheidende
Medium für die Konstitution der Welt und das Denken ist – »Der Mensch denkt,
fühlt und lebt allein in der Sprache und muss erst durch sie gebildet werden, um
auch die gar nicht durch Sprache wirkende Kunst zu verstehen«56 –, dann drückt
sich der Charakter eines Volkes in all seiner Differenziertheit auch in der Sprache
aus – »man kann als allgemein anerkannt annehmen, dass die verschiedenen Spra-
chen die Organe der eigenthümlichen Denk- und Empfindungsarten der Nationen
ausmachen …57. Ganz in dieser Tradition stand auch Wagner, der seine Theorie des
Gesamtkunstwerks aus diesen sprachtheoretischen Annahmen heraus entwickelte,
und natürlich übernahmen auch seine Bayreuther Interpreten diese Auffassung, die
das kulturelle Selbstverständnis der Deutschen weithin bestimmte. »Die Sprache ist
nicht ein Willkürliches; sie ist das tief im Volksgeiste wurzelnde, deutlichste Mar-
kenzeichen für dessen Eigenart« – schreibt Wolzogen, und da seiner Meinung nach
dieseVerwurzelung, aller ›Verrottung‹ zum Trotz, im deutschen Sprachbereich immer
noch bestehe, sei dies der Grund dafür, dass sich die deutsche Sprache »nicht so ohne

54 Houston Stewart Chamberlain, Die deutsche Sprache, in: BBl 1914, S. 249 f.
55 Hans von Wolzogen, Zeitungsdeutsch. Eine Nachlese, in: BBl 1886, S. 270 ff.Vgl. auch derselbe, ebenda,
S. 317 ff.; S. 349 ff.; S. 387 ff.
56 Wilhelm von Humboldt, Ueber den Nationalcharakter der Sprachen, in: Werke in fünf Bänden, hg. von
Andreas Flitner und Klaus Giel, Darmstadt 1963, Bd. 3, S. 77.
57 Wilhelm von Humboldt, Ueber den Einfluss des verschiedenen Charakters der Sprachen auf Literatur und
Geistesbildung, in: ebenda, S. 26.
86 Bayreuth und die Moderne

Weiteres, auch vom grössesten (sic!) Talent nicht, durch fremden Geist ›aneignen‹«58
lasse. Nach dieser Auffassung sind Kulturleistungen zuvörderst auch Leistungen eines
Volkes, das als Sprachnation verstanden wird, und daraus folgt, dass die – wie Wolzo-
gen meint – durch den politischen Liberalismus in Mode gekommenen Begriffe wie
»internationale Bildung« oder »humane Zivilisation« nur eine Kluft bezeichnen, die
im Grunde nicht zu schließen ist. Die wäre nur zu schließen, wenn Sprache, wie das
in der Gegenwart etwa die sprachtheoretischen Ansätze von Hans-Georg Gadamer
oder auch Jürgen Habermas behaupten, lediglich als ein Mittel der Kommunikation
zwischen Menschen verstanden wird – eine Auffassung, die nach der Überzeugung
der Bayreuther die deutsche Sprache um ihr eigentliches Wesen bringt, weil sie den
konstitutiven Zusammenhang von Sprache, Volk und Nation ignoriert. Es ist diese
Differenz zwischen einem essentialistischen und einem kommunikativen Sprachver-
ständnis, aus der heraus sich begründet, weshalb im nationalen und später auch im
völkischen Diskurs der Sprachkritik eine so bedeutende Rolle zukommt.
Für Bayreuth hatte Wagner die entsprechenden Stichworte geliefert und aus
dem von ihm festgestellten Sprach-Verfall den Verfall der Kultur selbst und damit
den Verfall des nationalen Bewusstseins abgeleitet. Ganz in diesem Sinne haben die
Bayreuther Blätter die immer wieder geübte Sprachkritik als einen konkreten Aus-
gangspunkt für ihre sehr viel weitergehende Behauptung genommen, die deutsche
Kultur insgesamt und mit ihr die deutsche Gesellschaft, Politik und Wissenschaft sei
in einem Prozess der Dekadenz und des Verfalls begriffen,59 eine Auffassung, mit der
Bayreuth freilich nicht allein stand, sondern die auch von jenen Kultureliten geteilt
wurde, die mit Wagner, seinem Werk, seinen Festspielen und dem Kult, der um all
dies getrieben wurde, nichts zu tun hatten. Dass Dekadenz undVerfall sich aus einem
falschen Fortschrittsoptimismus speisten, aus der einseitigen Betonung von Vernunft,
Naturwissenschaft und Technik, mit den daraus resultierenden wirtschaftlichen und
politischen Folgen einer Konsum- und Massengesellschaft, der Gefahr einer demo-
kratischen Entwicklung, galt in den konservativen Bildungseliten als evident. »Der
fortschritt ist das geborene hindernis der kultur«, schrieb der zum George-Kreise
gehörende Berthold Vallentin.60 Für Wagnerianer war klar, dass dies alles – wenn
überhaupt – nur noch im Geiste Wagners und seiner Werke durch die Arbeit, die
von Bayreuth ausgehe, aufgehalten werden könne. Überall sahen die Bayreuther
Fehlentwicklungen, überall führten die ›modernen‹ Bewegungen in die falsche
Richtung, und diese Grundüberzeugung, die Wolzogen bewusst als »unmodern,
unpopulär und unzeitgemäß« charakterisierte und zur geistigen Zukunftshaltung
stilisierte,61 beherrschte den Bayreuther ›Idealismus‹ über Jahrzehnte.

58 Hans von Wolzogen, Ueber Verrottung und Errettung der deutschen Sprache, in: BBl 1979, S. 291 f.
59 Vgl. dazu allgemein Erwin Koppen, Dekadenter Wagnerismus. Studien zur europäischen Literatur des
Fin de siècle, Berlin/New York 1973.
60 Zitiert nach Wolfgang Martynkewicz, Salon Deutschland, S. 61. Vgl. auch Thomas Karlauf, Stefan
George. Die Entdeckung des Charisma, München 2007.
61 Hans von Wolzogen, Ueber Verrottung und Errettung der deutschen Sprache. Zweiter Theil, in: BBl 1879,
S. 282.
Verfall deutscher Kultur 87

Daneben spielte von Anfang an auch der Antisemitismus für die Kultur-, Gesell-
schafts-, Politik- und Wissenschaftskritik der Moderne eine entscheidende Rolle.62
Dieser Antisemitismus grundierte auch Wolzogens Sprachkritik und die aus ihr
herauswachsende, umfassende Zeitkritik.63 Wohlzogen ging zurück auf die Zeit
nach den Befreiungskriegen und die daran anschließende »Juden-Emanzipation«64,
in ihr sah er einen grundlegenden Einschnitt in der deutschen Geschichte und den
Beginn der Fehlentwicklungen in Deutschland, weil durch deren rechtliche Absi-
cherung die Aneignung wie die Instrumentalisierung der deutschen Kultur durch
die Juden zu deren eigenen Zwecken überhaupt erst ermöglicht worden sei. Daher
sei das »Deutsche … nicht zur selbständigen Entwickelung gelangt«65, während der
»nichtdeutsche Stamm« sich aller Anlagen der Deutschen bemächtigt und daraus
seinen Vorteil gezogen habe – eine These, die an eine sinngemäß ähnliche Äußerung
Wagners anschließt66; und dann fährt Wolzogen fort – und auch hier knüpft er an
ähnliche Argumente Wagners an, wie sie vor allem im Judenthum in der Musik zu
finden sind: »Allerdings konnte es dabei nicht zu den kraftvollen, grossen, originalen
Erscheinungen einer natürlichen, unmittelbar wirkenden Produktionskraft kommen,
welche eine eigenartige, nationale Kultur zu erzeugen vermag; es ist bei einem
künstlichen, spekulativen Benutzen, Verwerthen, Anwenden, Uebertragen, Vermi-
schen und Zurechtlegen geblieben, wie es eben dem Fremden mit dem fremden
Gute sich einzig ermöglicht. Doch hat das überall einzig produktive Elemente des
Nationalen darüber den höheren Anschein des Internationalen bekommen, und an
die Stelle des ernsten Zeichens einer christlichen Volksgemeinde ist die bauschige
Fahne der grossen Humanität aufgepflanzt worden. Für den Deutschen aber wird es
immer beklagenswerth bleiben, dass der schöne Begriff des Internationalen, dessen
lebendige Entfaltung, wie auf dem Gebiete der Kunst, so nun auch auf dem Boden
der Politik, recht eigentlich aus dem Wesen des deutschen Geistes hätte hervorgehen
sollen, – dass dieser Begriff nun gerade durch die Unterdrückung und Mißgestaltung
dieses selben Wesens von fremden Händen zum ›Schiboleth‹ der Zeit erheben werden

62 Nahezu ausschließlich diesem Aspekt widmet sich Annette Hein, »Es ist viel Hitler in Wagner« mit
einer Fülle von Belegen. Die daraus gezogene Behauptung freilich, dieser von Wolzogen und sei-
nen Autoren forcierte Antisemitismus gründe in seinen verschiedenen Formen direkt in Wagners
Vorgaben, ist abwegig.Vgl. dazu Udo Bermbach, Über den Zwang, Richard Wagner immer wieder zu
nazifizieren, in: Musik & Ästhetik, Heft 3, Juli 1997, S. 82 ff.
63 Hans von Wolzogen, Ueber Verrottung und Errettung der deutschen Sprache, in: BBl 1879, S. 281 ff.
64 Ebenda, S. 286. Zur Entwicklung der rechtlichen Gleichstellung der Juden zu Beginn des
19. Jahrhunderts in Deutschland vgl. Michael Brenner/Stefi Jersch-Wenzel/Michael A. Meyer,
Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit, München 1996, Bd. II, S. 23 ff., bes. S. 32 ff. (das preußische
Judenedikt von 1812).
65 Hans von Wolzogen, Ueber Verrottung und Errettung der deutschen Sprache, S. 288. Das folgende Zitat
S. 289.
66 Wagners Satz lautet: »Wenn ich noch einmal über die Juden schriebe, würde ich sagen, es sei nichts
gegen sie einzuwenden, nur seien sie zu früh zu uns Deutschen getreten, wir seien nicht fest genug
gewesen, um dieses Element in uns aufnehmen zu können.« TB, Bd. II, S. 236 f. (22. November
1878).
88 Bayreuth und die Moderne

musste, worüber zu guterletzt wiederum der Schleier des liberalen Nationalismus,


von orientalischer Textur nach französischem Vorbilde, gehängt worden ist.«67
Zitate vergleichbaren Inhalts finden sich in zahllosen Beiträgen der Bayreuther
Blätter und sie brauchen im Folgenden nicht in ermüdender Vollständigkeit ange-
führt zu werden; durch sie versuchen die verschiedenen Autoren stets dasselbe zu
begründen: dass der zu konstatierende Verfall ›des Deutschen‹ auf allen Gebieten
sich dem Einfluss der Juden, der schwindenden Bedeutung des Christentums, dem
Wachsen des Materialismus, der Anbiederung an die französische Zivilisation, der
politischen Aufweichung undVerwestlichung in Deutschland durch den Liberalismus,
einer falsch verstandenen Internationalisierung usw. verdankt. In diesem mixtum
compositum eines Argumentationsclusters findet sich der Antisemitismus nur als
ein, wenngleich sehr erheblicher Faktor unter mehreren, und nicht alle Dekadenz-
erscheinungen im deutschsprachigen Bereich werden von Wolzogen und seinen
Mitautoren ausschließlich den Juden angelastet. Die Deutschen trifft, indem sie sich
den destruktiven Tendenzen der Moderne widerstandlos, in Teilen sogar begeistert
hingeben, eine mindestens ebenso schwerwiegende Schuld: »Wenn … unsere mo-
dernen Errungenschaften … ihre grosse weltgeschichtliche Kulturprobe … nicht
zu bestehen vermögen …, dann … wird es … endlich zum Bankerott führen, der
… in den Untergang reisst. Die grosse Barbarei …, welche wir an der Stelle einer
deutschen Kultur um uns herum erwachsen sehen …, meldet sich bereits in vie-
lerlei drohenden Anzeichen; und wenn sie über Europa sündflutartig hereinbricht,
so wird Deutschland die Hauptschuld tragen: Deutschland, das seine Kulturaufgabe
versäumte, weil einst in entscheidender Zeit (gemeint sind die Jahre nach den Be-
freiungskriegen, U.B.) diejenigen, welche die Deutschesten der Deutschen hätten
sein sollen, aus traurigem Missverständnis es dahin brachten, dass der Nation, die
so viele mannhafte Kraft auf den Schlachtfeldern gezeigt hatte, ihre Kraft auf dem
Feld der eigenen Kulturbildung und des Volkslebens jammervoll gebrochen werde.«
Die Topoi der Bayreuther Kulturkritik blieben sich über Jahrzehnte im Kern
gleich und variieren allenfalls an den Rändern der Themata.Wolzogens ›Eröffnung‹
im ersten Heft der Bayreuther Blätter über Unsere Lage68 gab die Melodie vor, nach
der sich die einsetzenden Klagegesänge im Wesentlichen in Inhalt und Ausformung
richteten.
Neben vielen kleineren Beiträgen, die gleich anfangs gedruckt wurden, wie etwa
dem von Hans Herrig, der 1880 die Krise der modernen Bildung beschwor69 und
den Niedergang der allgemeinen Kenntnisse und der vaterländischen Gesinnung
im schwindenden Einfluss der Religion, der schlechten Besoldung der Lehrer, der
bloßen Wissensvermittlung an Stelle von ethischer Bildung und der zunehmenden
beruflichen Ausrichtung von Erziehung in den Schulen ausmachte, gab es bald

67 Hans von Wolzogen, Ueber Verrottung und Errettung der deutschen Sprache, in: BBl 1879, S. 289. Das
folgende Zitat S. 290 f.
68 Hans von Wolzogen, Unsere Lage, in: BBl 1878, S. 6 ff.
69 Hans Herrig, Moderne Bildung (Beiträge zur Charakteristik der Zeit, IV.), in: BBl 1880, S. 352 ff.
Verfall deutscher Kultur 89

auch übergreifende Artikel-Serien, in denen dem Kulturverfall in Deutschland und


unter den Deutschen nachgespürt wurde. Ein Beispiel für viele sind drei längere
Abhandlungen von Johann Heinrich Löffler Vom deutschen Volksgeist70, in denen
die Auffassungen Bayreuths formuliert wurden. Löffler, nach dessen Tod Hans von
Wolzogen einen Nachruf schrieb, mit dem er ihm, dem »Manne aus dem Volk«, die
Ehre intimer Bayreuther Eingemeindung zuteil werden ließ und ihn als einen »lieben
und werthen Mitarbeiter von Anfang an bis in sein hohes Alter« pries, als »einen
deutschen Dichter, dessen Kraft im Glauben, dessen Kunst in der Sagenphantasie
des Volksgeistes beruhte«71, begann seine Kritik mit massiven Vorhaltungen gegen
Kirche und Schule. Der deutsche Protestantismus habe sich als Staatskirche von
»jener modernen Laxheit (anstecken lassen, U.B.), welche von Frankreich herüber
dem deutschen Patriotismus und der deutschen Religiosität im Allgemeinen den
vergifteten Odem eingeblasen hat.«72 Entscheidender Grund für die Schwäche
dieses Staats-Protestantismus sei die Personalauslese; wer in der Schule schwach sei,
im Gymnasium nicht wirklich mitkomme, werde Geistlicher; dann werde zwar »ge-
wissenhaft gepredigt, getauft, kopuliert, beerdigt«, aber die eigentlich seelsorgerische
Arbeit finde nicht statt, weil der »vollständige Aufgang im Volksleben« unterbleibe.
Das wiederum eröffne zwangsläufig der Sozialdemokratie Einfluss, wogegen nur
Adolf Stöcker mit seiner christlich-sozialen Partei helfen könne.73
Ähnlich begründete Löffler das Versagen der Schule, der er den »Vorwurf der
Verwahrlosung des Mutterbodens durch Vorenthaltung kräftigender und heilsam
anregender Elemente, sowie durch Zulassung des Unkrautsamens«74 machte.Worin
diese ›vorenthaltenden Inhalte‹ bestanden, ergibt sich aus dem folgenden Absatz:
»Dort75 ist gezeigt worden, wie den Kleinen aus der Gegenwart die Heimatskuppel
errichtet wird in christlichem Geist, durchwebt mit Anlehnungen an kindlich-poe-

70 Johann Heinrich Löffler, Vom deutschen Volksgeist, seinen Freunden und seinen Feinden, in: BBl 1891,
S. 275 ff.; S. 395 ff.; 1893, S. 106 ff. Johann Heinrich Löffler (1833–1903) war Volksschullehrer und
Heimatdichter in Thüringen und zählt zu den häufiger schreibenden Autoren der BBl, für die er
13 Artikel verfasste; vgl. Annette Hein, »Es ist viel Hitler in Wagner«, S. 84, Anm. 169 mit weiteren
Literaturhinweisen.
71 Hans von Wolzogen:, Johann Heinrich Löffler, in: BBl 1903, S. 222 ff.
72 Johann Heinrich Löffler, Vom deutschen Volksgeist, in: BBl 1891, S. 277. Hier auch die folgenden
Zitate.
73 Adolf Stöcker (1835–1909), Hof- und Domprediger in Berlin, war einer der prominentesten
protestantischen Theologen und Politiker des Kaiserreiches. 1878 gründete er gegen die Sozial-
demokratie seine ›christlich-soziale Partei‹, deren Programm eine antikapitalistische Sozial- und
Wirtschaftspolitik mit dem Festhalten an der Monarchie verband und zugleich die Zurückdrän-
gung der Juden aus allen öffentlichen Ämtern forderte. Die führenden Bayreuther, allen voran
Hans von Wolzogen, fühlten sich sowohl Stöckers Antisemitismus als auch seinem sozialpolitischen
Programm eng verbunden, seine Bewegung wurde in den Bayreuther Blättern nachhaltig unterstützt.
Vgl. allgemein Grit Koch, Adolf Stöcker 1835–1909. Ein Leben zwischen Politik und Kirche, Erlangen
1993 – mit weiterführenden Literaturangaben.
74 Johann Heinrich Löffler, Vom deutschen Volksgeist, in: BBl 1891, S. 289.
75 Gemeint ist der Aufsatz von Johann Heinrich Löffler, Volksglaube und Volksschule, in: BBl 1890,
S. 277 ff.
90 Bayreuth und die Moderne

tische, ethische und religiöse Gebilde aus der Vergangenheit (Märchen, Sprüche und
Gebete, neutestamentliche Geschichten) Frucht und Resultat: Freude an geistigen
Gewinn, Liebe zur Familie, Haus und Heimat, zu Gott und dem Heiland. Nach dem
ergriffenen Prinzip wird sich diese Liebe später erweitern zur Vaterlandsliebe, wird
grösser und mächtiger werden und Bestand und Dauer gewinnen, also dass einst die
Jugend beim Austritt aus der Schule auf den deutschen Mutterboden, auf ›Treu und
Glauben‹ gestellt ist. Die dort gestellte Aufgabe für die Schule enthält die Forderung:
Alte Glaubensspuren und Bräuche sind in ihrer Schönheit und Ehrwürdigkeit von
der Schule den Kindern als ethisch-religiöse Bestandteile des Volkslebens zu vermit-
teln und dem Verständnis aufzuschliessen, nicht aber dem Spott preiszugeben; und
der germanische Mythus darf der Volksschule nicht länger vorenthalten bleiben.«76
Auch für das Versagen der Schule sah Löffler einen entscheidenden Grund in
der Auswahl der Lehrer, die durch niedrige Besoldung und schlechtes öffentliches
Ansehen negativ beeinflusst werde. Nur ein auskömmliches Einkommen, eine höhere
allgemeine und berufliche Bildung sowie fachmännische Aufsicht könnten diese
Situation grundlegend ändern. Nur dann könne die Schule »wahres Deutschtum«
vermitteln, das »Gefecht gegen die Sozialdemokratie« übernehmen, »nationale junge
Deutsche erziehen« und so zur Erkenntnis führen, »dass Christus allein die Krone
aller befreienden Kultur ist.«
Diese beiden Topoi der Kritik, die im Falle des Protestantismus nur bedingt, im
Falle der Schule überhaupt nichts mit Wagners kritischen Zeitdiagnosen zu tun haben,
wurden ergänzt durch eine Kritik am »Abiturientenproletariat« – als einer ›Über-
produktion‹ der Gymnasien –, am »allgemeinen Pressesumpf«, an der »modernen
Philosophie und atheistischen Naturwissenschaft«, Letztere als der Grundlage einer
materialistischen Weltauffassung, die alle überkommenen Werte der Gesellschaft ins
Falsche verkehre. Der Verlust der Menschenwürde in der Arbeit; das Vorherrschen
der Großindustrie mit ihrer »Natursklaverei« in den Fabriken; Geld, Eitelkeit und
Ruhm als falsche Prinzipien der führenden Gesellschaftsschichten; die Zerstörung
tradierter Familienstrukturen bis in die bäuerliche Sphäre hinein; eine permanent
betriebene Bedürfnissteigerung, »geboren aus dem Materialismus und der Herrschaft
des falschen Scheines« – das alles sind für Löffler Faktoren des Niedergangs, die sich
politisch verbinden mit dem »Unfug der politischen Parteiung«, der außerhalb des
Reichstags, »in der Presse und in Wahlversammlungen strotzt vor Versündigungen
am deutschen Volksgeist«, durch »Spiegelfechterei, Aufreizung,Verhetzung, Lug und
Trug«. Vor allem Letzteres ist das Werk eines »Feindes unter uns, dem das Streuen
des Unkrauts ein Lebensberuf ist.« Und so ruft Löffler auf zum »Kampf gegen das
Judentum nur insoweit, als es dem deutschenVolksgeist feindlich gegenübersteht und
sein und des Christentums Verderben sucht.« Gemeint sind die »religionslosen, die
jüdischen Atheisten, die ›Modernen‹, die ›Fortschrittsmänner‹, die »Repräsentanten
des Materialismus, die Fahnenträger der sogenannten ›Freiheit‹«: »Sie stellen sich als

76 Johann Heinrich Löffler, Vom deutschen Volksgeist, in: BBl 1891, S. 289. Die folgenden Zitate auf
den Seiten 294; 295; 397; 298; 400 ff.; 403; 404 ff.; 405.
Verfall deutscher Kultur 91

Gegner der Sozialdemokratie und haben mit ihr doch eine Muttermilch getrunken
an der Brust des Unglaubens und des Materialismus. … Diese Juden nennen sich
auch kaiser- und reichstreu. … Wenn uns gesagt wird, dass unter den Charakteren
dieser Juden doch auch viele Christen rubrizieren, so sagen wir: Leider! Aber es
sind auch religionslose; es sind keine Deutschen mehr mit arischer Urkraft, sondern
anfranzöselte und angejüdelte Weltmenschen. Eine Konsequenz ihres Charakters ist
ihre Franzosen- und Judenfreundlichkeit. Das sind die im klassischen Altertum ge-
züchteten, modernen Kulturlenker. Sie sind aus dem christlich-deutschen Volksgeist
herausgefallen und ihm gegenüber zu verwüstenden Faktoren geworden.«
Wie immer, wenn es um die Weltanschauung von Wagners Erbe-Verwalter geht,
fällt auch im Falle Löffler auf, dass das gesamte Argumentationsarsenal nur zum Teil
und dann nur sehr vage an begrifflich wie inhaltlich ambivalente Vorgaben aus den
Schriften Wagners anknüpft, diese aber entschieden in eine Richtung treibt, die
sich zwanglos in den Kontext entweder einer nationalistischen oder aber auch völ-
kischen, nicht eben selten in beides einordnen lässt. Dabei ist die Grenze zwischen
national und völkisch fließend, ist nicht immer eindeutig festzulegen, weil beides
ohne das je andere auskommt, aber zugleich beides ineinander übergehen kann.77
Sicher allerdings ist, dass die bei Wagner selbst noch bis ins hohe Alter durchgehal-
tenen Elemente seines in seinen Revolutionsjahren von 1848/1851 formulierten
anarchistisch-sozialistisch eingefärbten Politik- und Gesellschaftsverständnisses hier
nun völlig eliminiert sind zugunsten einer Lebens- und Gesellschaftsvorstellung, die
sich auf elementare, vorindustrielle Formen und Inhalte der Vergemeinschaftung,
auf entkirchlichte Inhalte des Christentums, auf nationale und nationalistische
Traditionen und Ausgrenzung (Antisemitismus) all dessen, was vermeintlich mit
diesen, arisch interpretierten Traditionen nicht zusammengeht, gründen. Im Ge-
gensatz zu Wagner, dessen politisch-ästhetische Vision bis ans Ende seiner Tage einer
neuen Gesellschaft bzw. Gemeinschaft mit stark sozialistischen und anarchistischen
Einfärbungen verpflichtet blieb, reduziert Löffler – wie viele seiner Ko-Autoren
in den Bayreuther Blättern – seine ›Reform- bzw. Regenerationsanstrengungen‹ auf
die Wiederherstellung ›alter Werte und Tugenden‹ und die Verbesserungen des be-
stehenden konstitutionell-monarchischen Systems des Kaiserreiches.78 Er verbleibt
damit im Rahmen jener Politik, die Wagner abschaffen wollte, auch wenn er am
Schluss seiner Ausführungen auf die Kunst Wagners als der eigentlichen Ziel- und
Erlösungsperspektive seiner Reformvorschläge verweist. Seine Behauptung,Wagners
Kunst stelle »in grandiosen Bildern den im arischen Geist waltenden Auftrieb und
Zug nach den Gebieten des idealen Lebens«79 dar und sie sei ohne die »einzige ewige

77 Zur Abgrenzung von ›national‹ und ›völkisch‹ vgl. Stefan Breuer, Die Völkischen in Deutschland –
Kaiserreich und Weimarer Republik, Darmstadt 2008, S. 7 ff.
78 Zur politisch-rechtlichen Struktur des wilhelminischen Kaiserreiches vgl. u.a. Georg Jellinek, Re-
gierung und Parlament in Deutschland. Geschichtliche Entwicklung ihres Verhältnisses, Leipzig 1909. Fritz
Hartung, Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart; Stuttgart 1950; Ernst
Rudolf Huber, Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789, Bd. 3 Bismarck und das Reich, Stuttgart 1963.
79 Johann Heinrich Löffler, Vom deutschen Volksgeist, in: BBl 1891, S. 408.
92 Bayreuth und die Moderne

Weltkulturmacht, das Christentum, … undenkbar und nur in ihm zu würdigen und


einer heilkräftigen Wirkung auf den deutschen Volksgeist sicher«, kommt freilich ei-
ner völligen Verfälschung von Wagners ›Weltanschauung‹ gleich, der am Ende seines
Lebens weder Christ war, noch seinen Werken einen ›arischen‹ oder antisemitischen
Sinn unterlegt hat – wie am Beispiel des Parsifal leicht nachzuweisen ist.80
Diese hier exemplarisch zitierte Kritik des Kulturverfalls wirft die Frage auf,
welche möglicherweise positiven Gegenbilder die Bayreuther propagiert haben. In
einem grundlegenden Beitrag hat Felix Gross, seit 1910 Privatsekretär von Hous-
ton Stewart Chamberlain, 1907 den Horizont des Bayreuther Kulturbegriffs als
einer ›anderen‹, völkisch-nationalen ›Moderne‹ umrissen, der trotz aller mythisch-
religiösen Grundierung, die dem Autor zuzurechnen ist, doch das Bayreuther
Konzept zutreffend umreißt.81 Gross geht dabei von Wagners Vorstellung eines die
Künste synthetisierenden Gesamtkunstwerks aus, überträgt dieses Strukturmodell
auf die menschliche Gesellschaft und fordert die Einheit der »drei Grundelemente
aller Kultur: Leben, Kunst und Wissenschaft« Was das Gesamtkunstwerk für die
Kunst leistet: die integrative Verarbeitung aller Einzelkünste zu einem substantiell
neuen Ganzen, das soll die Integration dieser »Grundelemente der Kultur« für die
menschliche Gemeinschaft insgesamt leisten. Nach Gross strebt die Kunst, die durch
Wagner ihre Vollendung erreicht hat, über sich hinaus und damit zur Einheit mit
Leben und Wissenschaft, wobei der Mythos das verbindende Element ist. Beides,
Leben wie Wissenschaft, ist der Kunst strukturäquivalent, d.h. so wie die Kunst »ihre
Ausdrucksfähigkeit steigern und ihr Gebiet bereichern muss«, um weiter zu leben
und nicht abzusterben, so muss Wissenschaft »immer weiter forschen, immer mehr
erfahren und immer mehr Erfahrungen zu neuen Erkenntnissen verbinden.« Wie
Wagners Gesamtkunstwerk alle Künste zusammenfasst, so muss auch die Wissenschaft
»alles Entscheidende« zusammenbringen, zum »Ganzen einer ›Gesamtwissenschaft‹,
einer wissenschaftlichen Weltanschauung.« Und dasselbe gilt für das Leben, das im
Individuum aus unterschiedlichen Willensrichtungen besteht, dem »natürlichen,
egoistischen Willen und dem übernatürlichen, moralischen.« »Es ist der Gegensatz
zwischen Macht und Liebe, der ewig die Menschenherzen zerreisst und den sie ewig
zu vereinigen streben. Das sichtbare Produkt dieses Strebens aber ist die Religion«
und sie ist denn auch – so Gross – der Versuch, »den Zwiespalt im Menschen und
damit in der Welt aufzulösen«, wobei es zwei Wege gibt: »Es kann die Natur mit der
Übernatur versöhnt werden, indem ihr selbst eine tiefere, übernatürliche, moralische
Bedeutung zugeteilt wird – die Natur wird zur Übernatur verklärt. Diesen Weg
sind alle arischen Religionen gegangen. Diesen Weg ging auch das Christentum.

80 Dass Wagner selbst ausreichend Anlass gab, um solche antisemitischen Inhalte ebenso wie ein an-
tikirchlich codiertes, arisch verstandenes Christentum in den Parsifal hineinzulesen, ist allerdings
auch nicht zu leugnen. Dazu eingehend Stephan Mösch, Weihe, Werkstatt, Wirklichkeit. Parsifal in
Bayreuth 1882–1933, Kassel/Stuttgart/Weimar 2009.
81 Felix Gross, Die Kultur der Zukunft, in: BBl 1907, S. 8 ff. Zur Person von Felix Gross vgl. Annette
Hein: »Es ist viel Hitler in Wagner«, S. 92. Die folgenden Zitate auf den Seiten 10; 11; 14; 14; 14 f.; 16.
Verfall deutscher Kultur 93

Es kann zweitens die Übernatur mit der Natur versöhnt werden, indem die ihrer
übernatürlichen Bedeutung entkleidet wird – die Übernatur wird zur Natur er-
niedrigt. Diesen Weg sind die semitischen Religionen und das Judentum gegangen.
Welchen dieser beiden Wege nun auch der Mensch gehen will, er kann auf beiden
seinen Frieden finden. Er kann ihn aber nicht finden – ohne Religion.«
Dass die ›Moderne‹ ohne Religion glaubt auskommen zu können, erklärt die
Zerrissenheit der modernen Zivilisation. An die Stelle der Religion ist zum einen
der »weltbürgerliche Glaube des Freisinns und Fortschritts« getreten, ein bloß
»bürgerliches und politisches Glaubensbekenntnis«, dem alle Tiefe, Einheit und
Übereinstimmung »mit dem ger manischen Wesen« fehlt, zum anderen die Institution
der Kirche – beides Surrogate für den Verlust der Religion in einem substantiellen
Sinne. Daher ist es auch für Gross kein Zufall, dass nach Chamberlains Grundlagen
des 19. Jahrhunderts, der »vollendeten Selbsterkenntnis des Germanen«, dessen Worte
Christi folgen und der späte Wagner sich »zu Christus wendet.« Denn nur die Re-
ligion kann jenen Ausgleich zwischen Kunst, Wissenschaft und Leben schaffen, der
zu jener inneren Zufriedenheit führt, die Frieden schafft und gewährt. »All unsere
notwendigen Ideale und Bestrebungen sollen durch die Kraft einer umfassenden
Weltanschauung zu einem harmonischen Ganzen zusammenstimmen. … Die letzte
und allgemeinste Form dieser Forderung aber ist:Auflösung des Zwiespalts zwischen
dem sittlichen Ideal und dem natürlichen Egoismus. Mit dieser Auflösung, mit der
Vereinigung seiner widersprechenden Elemente wäre dann auch die Vollendung
des Lebens erreicht.«
Es ist nicht leicht, den mythisch-assoziativen Überlegungen von Gross immer zu
folgen, um daraus ein klares Konzept einer zukünftigen Kultur zu destillieren; wie
so oft bei den Autoren der Bayreuther Blätter ist auch bei Gross das systematische
Denken unterentwickelt und ersetzen überraschende Gedankenverbindung den
logischen Argumentationsaufbau. Gleichwohl ist die Intention seiner Überlegungen
und Thesen deutlich: er sucht die Einheit in der Vielfalt, will ›das Ganze‹ als Lebens-
erfahrung, votiert für Integration und Harmonisierung zivilisatorischer Widersprüche.
Vorbild sind die großen philosophischen Systementwürfe des deutschen Idealismus,
in denen die Welt als ›Ganzes‹ aufgeht und vernünftig erscheint, mehr noch aber
die romantisch inspirierten Konzepte eines konservativen organischen Staats-und
Gesellschaftsverständnisses, in dem – wie es Novalis oder Adam Müller vertreten
haben82 – der Einzelne sich in der Harmonie des ›Ganzen‹ und dessen Sinnhaf-
tigkeit wohl geborgen fühlen konnte. Gross ist, wie viele Erbe-Verwalter Wagners,
Antipluralist in dem Sinne, dass er Widersprüche nicht stehen lassen kann, sondern
auflösen möchte, sowohl auf der Ebene des Individuums wie der der Gemeinschaft.
Für ihn greifen Leben, Kunst und Wissenschaft ineinander, und dies in der Parallelität
seiner Totalitätstrias: dem wahren Leben liegen religiöse Erfahrungen zugrunde, die
Kunst gestaltet diese Erfahrungen in der ästhetischen Sphäre zum Mythischen, die

82 Dazu einführend Hans J. Lieber, Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart, München 1991,
S. 317 ff.
94 Bayreuth und die Moderne

Einzelwissenschaften werden durch Philosophie in einen Zusammenhang gebracht:


»Die Kunst als Mythos, die Wissenschaft als Philosophie bieten der letzten Forderung
des Lebens nach Religion eine Erfüllung dar.«83
In diesen hier nicht weiter zu detaillierenden Rahmen einer ›Kultur der Zukunft‹
sind die wesentlichen Vorstellungen der Bayreuther eingestellt. Sie sind, was die
Einzelbereiche der Gesellschaft betrifft, als Bausteine einer holistischen Vision zu
verstehen, mit der das Fundament einer neuen Gemeinschaft gelegt werden sollte.
Aus der Kritik der Schule und der modernen Erziehung, wie Löffler und andere sie
vorgetragen haben, ergeben sich, gleichsam im Kontrastverfahren, Erziehungsvor-
stellungen, die zum einen inhaltlich an der von Bayreuth als deutsch, national und
arisch interpretierten Kunst der Vergangenheit, an den überragenden Leistungen der
genialen Künstler des deutschen Mittelalters und der Neuzeit orientiert sind, die zum
anderen den für verderblich gehaltenen Einflüssen der modernen Zivilisation entge-
genarbeiten wollen. Konkretisiert hat solche Vorstellungen wohl am entschiedensten
Bernhard Förster, selbst Gymnasiallehrer und später Gründer von Nueva Germania
in Paraguay. Sein Schulkonzept, das die zeitgenössischen Schulen, Universitäten, das
Staatskirchentum, die sich herausbildenden politischen Institutionen eines semi-
parlamentarischen Systems wie den Sensationsjournalismus verwirft, setzt auf Inhalte,
die sich – seiner Überzeugung nach – aus den ›reinen Elementen‹ einer deutschen
Kultur, Religion und Sittlichkeit ergeben, so wie er diese versteht, wobei die in der
Schule zu vermittelnden Inhalte: von der einfachen, gesunden Ernährung über die
körperliche Ertüchtigung hin zur angestrebten Einheit von Mensch und Natur, zum
Ausgleich von Individuum und Gemeinschaft – Vorstellungen, die teilweise mit den
Werten, Orientierungen und Inhalten der ›Lebensreformbewegung‹ übereinstimmen
– eines strikten und hierarchisch gestuften Ordnungsrahmens bedürfen.
Das alles wird an anderer Stelle ausführlicher dargestellt, braucht hier also nicht
ein weiteres Mal wiederholt zu werden.84 Dasselbe gilt für die inhaltliche Ausformung
eines auf den Bayreuther Gedanken zugeschnittenen deutschen Protestantismus, der auf
zentrale Elemente des Christentums reduziert und im Anschluss an entsprechende
Überzeugungen des späten Wagner den leidenden und die Menschheit erlösenden
arischen Christus ins Zentrum eines antikirchlichen Bekenntnisses stellt, »das Reich
Gottes in uns« propagiert, zugleich aber auch die ›heldischen‹ Momente des Christen-
tums betont und dieses damit dem ›deutsch-germanischen Charakter‹ anzugleichen
sucht.85 Sowohl der Bereich der Erziehung – Schule und Universität – wie auch
der der Religion sind im Bayreuther Diskurs vergleichsweise genau entwickelt und
vermitteln hier ein klares Bild zweier wichtiger und antimodernistisch geprägter
Zukunftskomponenten.
Ähnliches gilt auch für die Literatur. Hier sind die Weimarer Klassiker, allen
voran Goethe und Schiller, die Heroen der Vergangenheit wie der Zukunft, an

83 Felix Gross, Die Kultur der Zukunft, S. 19.


84 Vgl. in diesem Buch Richard Wagners Weg in den Urwald, S. 295 ff.
85 Vgl. in diesem Buch Bayreuther Theologie, S. 231 ff.
Verfall deutscher Kultur 95

denen andere gemessen werden. »Unter den Dichtern steht Goethe einsam da; die
Geschichte weiss von keinem ähnlichen zu berichten«86, schreibt Chamberlain in
seinem umfangreichen und wirkungsmächtigen Goethe-Buch, in dem er das Leben,
die Persönlichkeit, den praktisch Tätigen, den Naturforscher, Dichter und Weisen um-
fassend und »zeitlos« als Zeitlosen zu portraitieren sucht: »Goethe lebt kein visionäres
Leben; er schließt sich nicht, wie Beethoven, weltflüchtig, in einen eigenen Tempel
der Gottheit ein; nichts liegt ihm ferner denn das Revolutionäre des jugendlichen
und das Prophetische des älteren Wagner; vielmehr ist für Goethe charakteristisch,
dass er sich fast ängstlich vor jeder Überspannung des Bogens hütet und seinen Sinn
überlegt und unwandelbar entschlossen auf das allgemein Menschliche einstellt.«
Goethe – so darf man wohl aus diesem Zitat schließen – hat jene innere und
äußere Harmonie, jene »innere Ruhe« vorgelebt, die Felix Gross für die ›Kultur
der Zukunft‹ einfordert; und eben dies macht ihn zu jener kulturellen Inkarnation
des Deutschen, der deutschen Nation und darüber hinaus des ›Reinmenschlichen‹,
das in Bayreuth von der einst revolutionären Perspektive Wagners und seiner Hoff-
nung auf eine fundamentale Veränderung der Menschen und ihrer Gesellschaft in
Anlehnung an Wagners Spätschriften übriggeblieben ist. »Ein klares, begeistertes
und zugleich kritisch-besonnenes Erfassen dieser grossen Persönlichkeit in ihrem
Wesen und Wirken bedeutet für Jeden eine Steigerung der Kultur, die auf keinem
anderen Wege zu erreichen ist«, schreibt Chamberlain, und so überrascht es denn
kaum, dass in den Bayreuther Blättern, über die 60 Jahrgänge verteilt, Goethe mit 78
Abhandlungen sehr unterschiedlichen Charakters an der Spitze aller behandelten
Dichter steht.87 Gefolgt von Schiller mit 35 Beiträgen, die ebenfalls von divergentem
Zuschnitt sind. Von der Vielzahl deutscher Dichter und Schriftsteller gilt, dass vor
allem jene als besonders wichtig erachtet und gewürdigt werden, die heute aufgrund
ihrer mangelnden literarischen Qualität in den meisten Fällen zu Recht vergessen
sind. Das legt den Schluss nahe, dass für die Bayreuther Blätter – entgegen dem von
Wolzogen eingeforderten Sprachbewusstsein – die weltanschaulichen Inhalte der
Literatur sehr viel entscheidender als deren sprachliche und formale Qualität waren.
Sieht man die sechzig Jahrgänge der Zeitschrift darauf hin durch, wer als Dichter
und Literat gewürdigt wurde, so ergibt sich eine qualitativ erstaunliche Mischung,
die Bayreuth gleichsam als Kanon einer ›Literatur der Zukunft‹ präsentiert. Neben
Gotthelf, Grillparzer, Hauff, Hebbel, E.T.A. Hoffmann, Hölderlin, Hofmannsthal,
Jean Paul, Keller, Kleist, Mörike, Novalis, Platen, Raabe,Tieck,Wackenroder tauchen
als geistesverwandt und literarisch vorbildlich Willibald Alexis, Adolf Bartels, Fritz
Bley, Michael Georg Conrad, Felix Dahn, Cäsar Flaischlen, Kurt Geucke oder auch
Friedrich Lienhard auf.Vor allem Lienhard ist, neben Adolf Bartels, ein – besonders
von Wolzogen – favorisierter Autor aus dem völkisch-nationalen Bereich, ein pro-

86 Houston Stewart Chamberlain, Goethe, München 1912; das Zitat S. 391. Die folgenden Zitate auf
den Seiten 10; 10; 3.
87 Annette Hein, »Es ist viel Hitler in Wagner«, S. 345 ff. Die folgende Auflistung S. 357 f. Die Auflistung
aller behandelten Dichter und Schriftsteller S. 340 ff.
96 Bayreuth und die Moderne

minenter Vertreter der deutschen Heimatkunst, der mit einer Vielzahl von Werken,
hauptsächlich Romanen, ein damals im geistesverwandten Milieu weitverbreiteter
und vielgelesener Schriftsteller war, überdies ein bedingungsloser ›Bayreuthianer‹,
der mit acht Beiträgen auch als Autor in den Bayreuther Blättern vertreten ist.88
Es ist auffallend, dass in Bayreuth eine Auseinandersetzung mit den repräsentativen
Vertretern der zeitgenössischen modernen Literatur nahezu vollständig fehlt. Nicht
nur, dass »kein einziger deutscher Autor von Rang«89 – Ausnahme Fontane90 – je
in dieser Zeitschrift geschrieben hat, die Zeitschrift selbst hat sich auch nicht mit
den zu ihrer Zeit das literarische Leben bestimmenden Autoren und Strömungen
über allgemeine, kulturkritische Bemerkungen hinaus beschäftigt, weder mit den
deutschen noch mit den nichtdeutschen. Sie hat in keinem Falle zu den sich her-
ausbildenden modernen literarischen Strömungen der Jahrhundertwende Stellung
bezogen, sondern es vorgezogen, im Umkreis nationaler und völkischer Schrift-
steller zu verbleiben. So finden sich keinerlei Auseinandersetzungen etwa mit so
vielgespielten Dramatikern wie Gerhart Hauptmann, Friedrich Hebbel, Hermann
Sudermann oder auch Max Halbe, von nichtdeutschen Autoren wie Henrik Ibsen
oder August Strindberg, die den Aufbruch in die Moderne des 20. Jahrhunderts auf
die Bühne brachten, ganz zu schweigen. Und es gibt keine wie immer gearteten
Beiträge etwa zu Theodor Storm,Theodor Fontane, Conrad Ferdinand Meyer, auch
hier zu schweigen von Stendhal, Honoré de Balzac, Gustave Flaubert, Emile Zola
oder Leo Tolstoi, Anton Tschechow oder Charles Dickens, William M. Thackeray,
Rudyard Kipling, Robert L. Stevenson – alle höchst populäre und weitverbreitete,
vielgelesene Autoren. Die Autoren der literarischen Moderne werden unter die
generelle Verfallsrhetorik, die Bayreuth gegen alle Modernisierungen anstimmt,
subsummiert; das enthebt, so muss man schließen, die Bayreuther Blätter einer je
spezifischen Auseinandersetzung mit den Werken dieser Autoren und beraubt diese
zugleich ihres individuellen literarischen Profils, weil sie in den allgemeinen Invek-
tiven gegen die Literatur der Moderne untergehen.
Ähnliches gilt für den Bereich der Malerei. Es gibt gelegentlich Beiträge zu Dü-
rer, Michelangelo und Rembrandt,91 aber ungleich mehr über Hans Thoma92 und

88 Friedrich Lienhard (1865–1929), gab ab 1900 mit dem völkischen Schriftsteller Adolf Bartels die
Zeitschrift Deutsche Heimat heraus, die sich gegen die literarische Moderne und für eine idealistisch
geprägte Literatur ›im Geiste Richard Wagners‹ einsetzte. Ab 1905 erschien diese Zeitschrift unter
dem Titel Wege nach Weimar. Später war Lienhard Herausgeber der kulturnationalen Zeitschrift
Der Türmer. Lienhard hat zahlreiche Romane, häufig mit historischen Vorwürfen (z.B. Gottfried von
Straßburg; Heinrich von Ofterdingen; Die heilige Elisabeth; Luther auf der Wartburg; Oberlin; Friedrich der
Große usw.) sowie Theaterstücke, Lyrik und Essays geschrieben. Vgl. Friedrich Lienhard, Gesam-
melte Werke in 3 Reihen, Stuttgart 1924–1926.Thomas Neumann, Lexikonartikel über Friedrich
Lienhard, in: Christoph König/Birgit Wägenbaur (Hg.), Internationales Germanistenlexikon, Berlin
2003, S. 1091 f.
89 Erwin Koppen, Dekadenter Wagnerismus, S. 83.
90 Theodor Fontane, Willibald Alexis, in: BBl 1883, S. 344 ff.
91 Vgl. die Auflistung von Annette Hein, » Es ist viel Hitler in Wagner«, S. 334 ff.
92 Ebenda, S. 338.
Verfall deutscher Kultur 97

den zum engen Bayreuther Kreis gehörenden Franz Stassen, der als Buchillustrator
grosse Bildzyklen zu Tristan und Isolde (1899), Parsifal (1901) und zum Ring (ab 1914)
schuf, zum engeren Zirkel des Bayreuther Kreises zählte und als ein Maler propagiert
wurde, der »den Geist des Meisters am tiefsten und eigenartigsten erfaßt« und »ein
bis ins innerste Mark deutscher Künstler« sei.93 Zu den bedeutenden Malern des
Historismus und des Realismus finden sich keine Beiträge, so wenig wie die späteren
Entwicklungen des Impressionismus und Expressionismus zur Kenntnis genommen
wurden, vom Beginn der abstrakten Malerei im 20. Jahrhundert ganz zu schweigen.
Erstaunlicherweise gilt dieser Befund einer die Moderne konkret ignorierenden
Haltung auch für die Musik: vielgespielte Opernkomponisten wie Hector Berlioz,
Giacomo Meyerbeer, Louis Spohr, Leo Delibes, Karl Goldmark, Charles Gounod,
Giacomo Puccini, Ruggiero Leoncavallo, Pietro Mascagni oder Jules Massenet –
um nur einige zu nennen – und wichtige Instrumentalkomponisten wie Johannes
Brahms, Max Bruch oder auch Gustav Mahler wurden nie mit eigenen, auch nicht
mit vollständig ablehnenden Beiträgen bedacht, sondern schlicht ignoriert. Sie kamen
so im Bayreuther intellektuellen Selbstverständnis nicht vor. Bedacht mit größeren
Beiträgen wurden Komponisten wie etwa Felix Draeseke, der sich nach einer 1852
unter Franz Liszt erlebten Lohengrin-Aufführung in Weimar ganz in die Tradition
Wagners stellte, mit seinen Opern, einem Christus-Oratorium mit Vorspiel und drei
Teilen und seinen zahlreichen Orchesterwerken allerdings zu seiner Zeit zu einem
der besten und erfolgreichsten Musiker in Deutschland gehörte.94
Die Erklärung für solche Verengungen ästhetischer Wahrnehmung liegt wohl
entscheidend in der Person des die Bayreuther Blätter verbindlich bestimmenden
einzigen Herausgebers und Redakteurs Hans von Wolzogen, der seine Aufmerk-
samkeit zum einen weitgehend, um nicht zu sagen: ausschließlich auf die Werke von
Wagner konzentrierte und dafür sorgte, dass ihre Interpretation und Rezeption im
Sinne der offiziellen Linie Bayreuths geschah; zum anderen in seiner ideologischen

93 Zu Franz Stassen, vgl. in diesem Buch Siegfried und der Bayreuther Gedanke, S. 351 ff. Das Zitat
stammt von Günter Holstein, Franz Stassen, der Deutsche, in: BBl 1919, S. 24.Vgl. auch in diesem
Buch Siegfried und der Bayreuther Gedanke, S. 327 ff.
94 August Püringer, Felix Draeseke und wir, in: BBl 1914, S. 137 ff. Felix Draeseke (1835–1913) studierte
Musik und Komposition u.a. im berühmten Leipziger Konservatorium, war Pianist, arbeitete als
Hauslehrer und Pädagoge, war enger Freund Hans von Bülows, lernte 1859 auch Wagner selbst
kennen, lebte einige Jahre in der Schweiz und zog 1876 nach Dresden, wo er später am städtischen
Konservatorium unterrichtete und gegen Ende seines Lebens eine Vielzahl von Ehrungen erfuhr.
Neben 7 Opern (König Sigurd; Dietrich von Bern; Das Waldschatzhauser; Gudrun; Betran de Born;
Fischer und Kalif; Merlin) schrieb er geistliche Werke, Tondichtungen, große Orchesterstücke wie
Symphonien,Violin- und Klavierkonzerte, sowie Lieder und Kammermusik. Besonders erfolgreich
und häufig gespielt waren seine dritte Symphonie C-Dur, op. 40 Symphonia Tragica, aber auch
sein Oratorium Christus, das in seiner Vierteiligkeit Wagners Ring nachempfunden war. Neben
Musik schrieb Draeseke Unterrichtsbücher. Er galt gegen Ende seines Lebens als ein konservativ-
traditioneller Musiker.Vgl. Erich Roeder, Felix Draeseke. Der Lebens- und Leidensweg eines Deutschen
Meisters, 2 Bde., Berlin/Dresden 1932/37 sowie die von Helmut Loss herausgegebene Schriftenreihe
der Internationalen Draeseke-Gesellschaft, Bonn 1987 ff, in der Bände über seine literarischen Schriften
wie über seine Kompositionen erschienen sind.
98 Bayreuth und die Moderne

Annäherung an das völkisch-nationalistische Lager. Beides schmälerte offenbar den


Blickwinkel und die Interessen so sehr, dass alle neuere Literatur, bildende Kunst und
Musik ausgeblendet wurden und vereinfachend unter das Verdikt einer »Moderne«
fielen, die Bayreuth schlichtweg ablehnte.
Zu ergänzen ist diese Haltung zur Moderne noch durch einen für Bayreuth
anfangs wichtigen – später mehr und mehr in den Hintergrund tretenden – und
an Wagners Positionen unmittelbar anschließenden ›Kampf gegen die Vivisektion‹,
der resultiert und grundiert wird durch eine skeptische bis ablehnende Haltung
gegenüber den modernen, vor allem experimentellen Naturwissenschaften, auch bei
Wagner selbst. Der hatte sich im Oktober 1879 in einem Offenen Schreiben95 zu den
Zielen der »Antivivisektionisten«96 bekannt, zugleich aber auch begründet, weshalb
er bisher einem der Tierschutz-Vereine noch nicht beigetreten sei: weil diese gegen
die Vivisektion mit dem »Nützlichkeits-Prinzip« argumentierten, während es doch
darauf ankomme, aus »Mitleid« mit den leidenden Tieren zu handeln, weil ansonsten
gegen die »allerunmenschlichste Thierquälerei, wie sie in unseren staatlich autorisier-
ten Vivisektions-Sälen ausgeübt wird, kein giltiges Argument hervorzubringen (sei),
sobald die Nützlichkeit derselben zu ihrerVerteidigung zur Geltung gebracht wird.«97
Dagegen wandte Wagner ein: »Jeder, der bei dem Anblicke der Qual eines Thieres sich
empörte, wird hierzu einzig vom Mitleiden angetrieben, und wer sich zum Schutze
der Thiere mit Anderen verbindet, wird hierzu nur vom Mitleiden bestimmt, und
zwar von einem seiner Natur nach gegen alle Berechnungen der Nützlichkeit oder
Unnützlichkeit durchaus gleichgültigen und rücksichtslosen Mitleiden.«
1881 begannen die Bayreuther Blätter ihre publizistische Offensive gegen die
Vivisektion mit einem Beitrag, der deren wissenschaftliche Nutzlosigkeit belegen
wollte98– entgegen Wagners Einstellung, der eben gerade über die ›Nützlichkeit‹
der Tierexperimente sich einer dezidierten Meinung enthalten hatte. In der Fol-
gezeit schrieben vor allem Bernhard und Paul Förster, beide führend in der Anti-
Vivisektions-Bewegung, insgesamt 6 Beiträge für die Zeitschrift, es gab Aufrufe an
Lehrer und Studierende der deutschen Universitäten, die Arbeit an lebenden Tieren
zu verweigern,99 Aufrufe an die »Verehrer Richard Wagners«, der Gesellschaft zur
Förderung des Thierschutzes beizutreten, die anbot, »auch denen, welche sich zur
Einhaltung der vegetarischen Lebensweise nicht verpflichtet fühlen, die Möglich-
keit, an der Ausbreitung des Vegetarismus, der grössten praktischen Aufgabe, die in
unserer Zeit vollbracht werden kann, mitzuarbeiten«100, Berichte über parlamenta-

95 Richard Wagner, Offenes Schreiben an Herrn Ernst von Weber,Verfasser der Schrift: »Die Folterkammer der
Wissenschaft, in: BBl 1879, S. 299 ff.; ebenfalls in: GSD Bd. 10, S. 194 ff. Zitiert wird nach der GSD.
96 Vgl. Miriam Zerbel, Tierschutzbewegung, in: Uwe Puschner et al. (Hg.), Handbuch zur »Völkischen
Bewegung«, S. 546 ff.; zum Begriff S. 548.
97 Richard Wagner, Offenes Schreiben an Herrn Ernst von Weber, S. 195. Das folgende Zitat S. 196.
98 Richard Nagel, Der wissenschaftliche Unwerth der Vivisektion in all ihren Arten, in: BBl 1881, S. 1 ff.
99 Aufruf an Lehrer und Studierende der deutschen Universitäten in Sachen der Vivisektion, in: BBl 1882,
S. 259 f.
100 Aufruf an die Verehrer Richard Wagner’s, in: BBl 1907, S. 315 f.
Bayreuth im Ersten Weltkrieg 99

rische Vorlagen gegen die Vivisektion101 und deren Diskussion in Frankreich.102 Und
immer wieder gab es Schilderungen jener Grausamkeiten, die lebenden Tieren ohne
Betäubung zugefügt wurden. Die Abschaffung der Vivisektion nahm in Bayreuth
einen so hohen Stellenwert ein, dass sie zeitweise mit den Zukunftsvorstellungen
eines deutsch-arischen Protestantismus, einer deutschen Literatur und Schule, der
Herausbildung einer deutschen Kunst zusammengedacht wurde und integraler
Bestandteil des Konzeptes einer umfassenden »deutschen Kulturarbeit« war.103
Bleibt anzufügen, dass auch dieser Einsatz gegen Vivisektion und – darin zumeist
impliziert – für eine vegetarische Lebensweise das Bayreuth der Jahrhundertwende
in die Nähe der Lebensreformbewegung brachte, in der unterschiedliche Motive
von linken bis rechten und völkischen Bewegungen zusammenflossen.104 Und es
muss darauf hingewiesen werden, dass sich Chamberlain, der gewiss einflussreichste
Bayreuther, an dieser Antivivisektions-Kampagne erstaunlicherweise nie beteiligt
hat, was vermutlich damit zu tun hat, dass er sich selbst ein Leben lang primär als
Naturwissenschaftler verstand, am Fortschritt der Naturwissenschaften deshalb
interessiert war und diesen auch – konträr zu Wagner und anderen Bayreuthianern
– stets gefordert und begrüßt hat.

Bayreuth im Ersten Weltkrieg


Offensive Verteidigung deutscher Kultur
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs bedeutete nicht nur für Bayreuth und dessen
Selbstverständnis eine Zäsur. Bekanntlich begrüßte die überwältigende Mehrheit
der deutschen Intellektuellen, Künstler und Wissenschaftler diesen Krieg als den
Beginn einer großen Zeit nach den Jahren stagnierender Entwicklungen, und sie alle
waren überzeugt davon, dass Deutschland nur seine legitimen Ansprüche gegenüber
Nachbarn verteidigte, die ihm diese aus Neid und Eigennutz verweigern wollten.
Eine Welle der patriotischen Zustimmung zum Kriegsausbruch durchlief das Reich
und viele der führenden deutschen intellektuellen Bildungs- und Wissenschaftseliten
begriffen diesen Krieg als einen »Kulturkrieg« (Ernst Troeltsch)105, den Deutschland
gegen Staaten einer dekadenten westlichen Zivilisation um seiner Selbsterhaltung und
seiner Kultur willen führen müsse.Thomas Mann schrieb, was viele dachten und wovon
viele zutiefst überzeugt waren: »Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden,
und eine ungeheure Hoffnung. … Was die Dichter begeisterte, war der Krieg an sich

101 Ernst Grysanowsk, Die Vivisektionsfrage vor dem Preussischen Landtage, in: BBl 1883, S. 228 ff.
102 Alfred Lill von Lilienbach, Die Vivisektion in Frankreich, in: BBl 1883, S. 7 f.; 1884, S. 187 ff.
103 Vgl. Gustav Wittmer, Wege und Ziele deutscher Kulturarbeit, in: BBl 1990, S. 251. Zur Wissenschafts-
kritik auch Carl Friedrich Glasenapp, Ernste Betrachtungen über die unterhaltende Wissenschaft. Beiträge
zur Charakteristik der Zeit, in: BBl 1890, S. 257 ff.
104 Vgl. Judith Baumgartner, Vegetarische Lebensweise, in: Kai Buchholz et al. (Hg.), Die Lebensreform,
Bd. I, S. 379 ff.
105 Zitiert nach Philipp Gut, Thomas Manns Idee einer deutschen Kultur, Frankfurt/M. 2008, S. 53.
100 Bayreuth und die Moderne

selbst, als Heimsuchung, als sittliche Not. Es war der nie erhörte, der gewaltige und
schwärmerische Zusammenschluß der Nation in der Bereitschaft zur tiefsten Prüfung
… Wir sind im Kriege, und was für uns Deutsche ›in diesem Krieg gilt‹, das wußten
wir gleich: es gilt rund und schlicht unser Recht zu sein und zu wirken. … Eines ist
wahr: Die Deutschen sind bei weitem nicht so verliebt in das Wort ›Zivilisation‹, wie
die westlichen Nachbarnationen … Sie haben Kultur als Wort und Begriff immer
vorgezogen – warum doch? Weil dieses Wort reinmenschlichen Inhalts ist, während
wir beim anderen einen politischen Einschlag und Anklang spüren, der uns ernüch-
tert, der uns zwar als wichtig und ehrenwert, aber nun einmal nicht als ersten Ranges
erscheinen läßt; weil dieses innerlichste Volk, dies Volk der Metaphysik, der Pädagogik
und der Musik ein nicht politisch, sondern moralisch orientiertes Volks ist.«106
Zahllos sind die Beispiele, die sich beibringen lassen und die belegen, dass die
Kultur- und Wissenschaftseliten Deutschlands die Frontstellung zwischen Deutsch-
land und den Alliierten so wie Thomas Mann sahen und bewerteten. Es ging um
deutsche Kultur und deutschen Geist, um deutsche Innerlichkeit und Moral, auch
um die spezifische Form des deutschen Konstitutionalismus – gegen westliche Zivili-
sation und Parlamentarismus, gegen reinen Rationalismus undVernunft, gegen bloße
Technik und sittliche Dekadenz. Wenn Dichter die »Reinigung« des Volkes durch
den Krieg, seine erneute moralische Erhöhung priesen, dann Wissenschaftlicher wie
Sombart die deutschen Helden gegenüber den englischen Händlern.107 Wie einhellig
die Zustimmung zu diesem Krieg zunächst war, belegen die kriegsverteidigenden
und kriegsverherrlichenden Schriften: im November 1915 gab es deren etwa 7000
Titel, Anfang 1916 waren es mehr 17000.108
Die nahezu einhellige positive Zustimmung der deutschen Kultureliten zum Krieg
ist ausgiebig beschrieben, untersucht und analysiert worden – das braucht hier nicht
wiederholt zu werden.109 Von einiger Bedeutung indessen ist, das sich die Reaktion
Bayreuths und der Bayreuther Blätter von dieser teilweise geradezu überschwänglichen
Begeisterung insofern positiv abhob, als aus Bayreuth die Zustimmung zum Welt-
krieg eher zögerlich und mit Vorbehalten geäußert und uneingeschränkter Hurra-
Patriotismus nicht formuliert wurde, nicht zuletzt deshalb, weil der Krieg u.a. auch als
Ausdruck einer geistigen Krise der Zeit verstanden wurde, die Bayreuth über all die
Jahre bekämpft hatte und für sich selbst naturgemäß nicht gelten lassen konnte.110 Die

106 Thomas Mann, Gedanken im Krieg (1914), in:Thomas Mann Essays. Bd. 1 Frühlingssturm 1893–1918,
hg. von Hermann Kurzke und Stephan Stachorski, Frankfurt/M. 1983, S: 193–197; GKFA, Essays
II. 1914–1926, Frankfurt/M. 2002, S. 36 ff.
107 Werner Sombart, Händler und Helden, München 1915.
108 Zitiert nach Wolfgang Martynkewicz, Salon Deutschland, S. 208.
109 Vgl. dazu u.a. Klaus Schwabe, Wissenschaft und Kriegsmoral. Die deutschen Hochschullehrer und die
politischen Grundfragen des ersten Weltkrieges, Göttingen 1969; Helmut Fries, Die große Karthasis.
Der Erste Weltkrieg in der Sicht deutscher Dichter und Gelehrter, Bd. I: Die Kriegsbegeisterung von 1914.
Ursprünge, Denkweise, Auflösung, Konstanz 1994; Bd. II: Euphorie, Entsetzen, Widerspruch. Die Schrift-
steller 1914–1918, Konstanz 1995;Wolfgang J. Mommsen, Bürgerliche Kultur und politische Ordnung.
Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle in der deutschen Geschichte 1830–1933, Frankfurt/M. 2000.
110 Paul Oldendorff, Von der geistigen Krise unserer Zeit, in: BBl 1914, S. 208 ff.
Bayreuth im Ersten Weltkrieg 101

Bayreuther Blätter und ihr Umfeld waren während des Kaiserreiches sicherlich massiv
antisemitisch, national bis nationalistisch, mit starken Neigungen und personellen
Überschneidungen zur völkischen Bewegung, scharf abgegrenzt gegen liberale und
sozialdemokratische Strömungen in Politik und Gesellschaft – aber zu keiner Zeit
wirklich bellizistisch. Ganz im Sinne Richard Wagners111, dessen pazifistische Grundhal-
tung in seinen späten Lebensjahren immer deutlicher wurde und die auch den Parsifal
grundierte, blieben auch seine Erbe-Verwalter in prinzipieller Distanz zum Krieg und
waren weder Kriegsfreunde noch Kriegsbefürworter, sondern hofften eher auf die re-
volutionierende Kraft der Wagnerschen Kunst und des Bayreuther Gedankens als Stimuli
einer grundlegendenVeränderung der deutschen Gesellschaft. Dementsprechend lesen
sich auch die Reaktionen auf den Beginn der Kriegshandlungen im August 1914 eher
verhalten. Im Oktober 1914, im vierten Heft dieses Jahrgangs der Bayreuther Blätter,
positionierten Wolzogen und Chamberlain in knappen, keineswegs kriegsbegeisterten
Beiträgen Bayreuth in der gerade begonnenen Auseinandersetzung des Reiches mit
Rußland, Frankreich, England und den sich diesen Großmächten anschließenden
kleineren Staaten.112 Wolzogen schickte seinem Artikel drei Zitate von Luther, Fichte
und Kleist voraus, in denen einerseits der Friede gepriesen, andererseits das Opfer als
notwendig und als Erhebung über das Leben hinaus und der Krieg schließlich deshalb
bejaht wird, »weil es Gott lieb ist, wenn Menschen, ihrer Freiheit wegen, sterben.«
Das sich anschließende Gedicht Wolzogens Krieg und Kunst beginnt mit den Versen:
»Wenn im gewalt’gen Sturm der Schlachten
Die deutsche Siegesfahne weht,
sollt ihr doch nicht die Kunst verachten,
die schweigend nun beiseite steht …«
und endet mit den folgenden Versen:
»Wenn Gott vom großen Scheiterhaufen
die letzte Asche stäuben läßt,
o Kunst, von deinem hohen Staufen
ruf du die Welt zum Friedensfest!
Dann in dem Frieden, der uns tage,
bewähre Deine reine Macht:
ein Zeugnis in die Zukunft rage
des Geistes, der uns Heil gebracht!«113

111 Vgl. Udo Bermbach, »Blühendes Leid«, S. 285 ff.


112 Die Kriegserklärung des Deutschen Reiches an Rußland erfolgte am 1. August; an Frankreich am
3. August, und am 4. August erklärte England wegen der Verletzung der Neutralität Belgiens durch
den deutschen Einmarsch und Durchmarsch nach Frankreich dem Reich seinerseits den Krieg.
Dem folgten die Kriegserklärungen Österreich-Ungarns an Rußland und Serbiens an das Reich
(6. August), Frankreichs und Englands an Österreich-Ungarn (11./12. August).
113 Hans von Wolzogen, Krieg und Kunst, in: BBl 1914, S. 241 f.
102 Bayreuth und die Moderne

Damit ist der Grundton des ›offiziellen‹ Bayreuth angeschlagen: Deutschland vertei-
digt in diesem Krieg nicht nur seine Existenz, sondern es verteidigt seine eigene Kul-
tur, und diese ist potentiell die Kultur der gesamten Menschheit. »Das deutsche Volk
führt den Krieg nicht um des Krieges willen, sondern des Friedens wegen«, heißt es
in dem Beitrag Wolzogens Gedanken zur Kriegszeit114, der dem oben zitierten Gedicht
unmittelbar folgt, und dieser Friede solle »einen dauernden Sieg darstellen: den Sieg
des deutschen Geistes und seiner moralischen Bedeutung für die Welt.« »Kunst läßt
sich andeutend bezeichnen (denn ganz das, was Kunst ist, besagt nur die Kunst!): als
freier (d.h. absichtsloser und nichtwissenschaftlicher) Ausdruck des Sinnes der Welt.
Das ist nichts Anderes als ihre moralische Bedeutung, die der Philosoph erkannte.«
So sehr steht dieser Gedanke der Überlegenheit deutscher Kunst und der aus ihr
fließenden Moral – natürlich in ihrer Bayreuther Version – als selbstverständlich fest,
dass Wolzogen, kaum dass der Krieg begonnen ist, in geradezu antikriegerischem
und die ›Kampfmoral‹ der deutschen Truppen bedrohendem Gestus schreiben kann:
»Sogar ein physisches Unterliegen liesse sich denken, wobei doch aber der moralische
Sieg auf unserer Seite wäre, weil er auf keiner anderen Seite sein kann. Der Glaube
an uns selbst so wenig wie der an die moralische Bedeutung der Welt brauchte uns
darüber verloren zu gehen. Im Gegenteil! Mit allen den im Krieg erweckten neuen
moralischen Kräften, die nicht wie Schlachten verloren werden, würde alsdann
unser leidgeprüftes Volk am innerlichst begründeten Wiederaufbau seiner Kultur zu
arbeiten sich berufen fühlen, ja, mutig und stolz sich berufen wissen.«
In diesem, nur zwei Druckseiten umfassenden Essay Wolzogens drückt sich – wie
auf andere Weise in Thomas Manns Betrachtungen eines Unpolitischen und zahllosen,
gleichgesinnten Publikationen der Zeit – die feste Überzeugung aus von der Vor-
rangstellung der Kunst und der Überlegenheit der deutschen Kultur, die auf dieser
Vorrangstellung beruht. Um noch einmal Thomas Mann zu zitieren: Es bleibt »der
aus Feigheit viel verleugnete, bestrittene und dennoch unsterblich wahre Gegensatz
von Musik und Politik, von Deutschtum und Zivilisation.«115 Um diese Werte zu
verteidigen, führte Deutschland nach Bayreuther Auffassung diesen aufgezwungenen
Krieg, den es um dieser Werte willen auch gewinnen musste.
Auch Chamberlains Beitrag Deutsche Friedensliebe bekräftigt im Prinzip diese Hal-
tung. Der Bayreuther Haupttheoretiker verteidigt vehement die Friedensliebe der
Deutschen, die er als Ausländer vierzig Jahre lang kennengelernt habe, auch mit dem
Hinweis, jeder Deutsche wisse, »daß er bei seiner geographischen Lage von einem
Krieg alles zu fürchten und wenig zu hoffen hat. Wie sollte ein Volk, bei welchem
Industrie, Handel und Wissenschaft von Jahr zu Jahr immer höher blühen, wie dies
in Deutschland in den letzten fünfundvierzig Jahren der Fall war, Krieg herbeizetteln

114 Hans von Wolzogen, Gedanken zur Kriegszeit, ebenda, S. 242 ff.; das Zitat S. 243.Auch die folgenden
beiden Zitate hier.
115 Thomas Mann, Betrachtungen eines Unpolitischen, in: GW XII, S. 32; GKFA, Bd. 13, S. 36.
Bayreuth im Ersten Weltkrieg 103

wollen, der alle drei vernichtet?«116 Und er fügte an: »Schenkt aber Gott, den deutsch-
österreichischen Waffen den Sieg, den vollkommenen, niederschmetternden Sieg – was
wir Alle von ihm erflehen, auch wir Nichtdeutschen, insofern uns das Wohl und die
Kultur der gesitteten Menschheit höher steht als nationale Eitelkeit, dann, aber nur
dann, genießt Europa eines hundertjährigen Friedens …«
Chamberlains Kriegsaufsätze117, die einer eigenen und eingehenden Analyse wert
wären, gehen im Kern ihrer Argumentation fast immer vom Vorrang der Kultur,
genauer: der Überlegenheit der deutschen Kultur in Europa aus; sie beschwören
gleich anfangs die Deutsche Friedensliebe, Deutsche Freiheit, Die deutsche Sprache. Aus
diesem Vorrang der Kultur werden die Pflicht zum Frieden und die Inhalte einer
kommenden Friedensordnung abgeleitet, die durch Deutschlands Sieg gegen den
Willen der Alliierten erzwungen werden müsse. Noch im letzten seiner Kriegsauf-
sätze über Deutschlands Kriegsziel118 wird der Krieg als »Schlacht um die Gestaltung
der Zukunft des Menschentums auf Erden« empor stilisiert und daraus gefolgert,
Deutschland müsse seine Werte am Ende (vor allem gegen ein arrogantes England)
durchsetzen, sich bewusst machen, »von Gott eine Weltmission überkommen zu
haben«, die darin bestehe, sein »Staats- und Lebensideal« im eigenen Land rück-
sichtslos zu behaupten.
Diesem kulturalistischen Paradigma des deutschen Selbstverständnisses, das prin-
zipiell auch das Selbstverständnis Richard Wagners war, folgten auch die Bayreuther
Blätter, die während der Kriegsjahre immer wieder Beiträge zum Verhältnis Kultur,
Kunst und Krieg brachten, zumeist vom Herausgeber Wolzogen selbst, der 1915 eine
Serie unter dem Titel Gedanken zur Kriegszeit119 eröffnete und von anderen Autoren
in seinen Grundüberlegungen unterstützt wurde.Wolzogen weitete jetzt, unter dem
Eindruck der ›Materialschlachten‹ des Kriegs, seinen Kulturbegriff inhaltlich aus und
subsummierte darunter auch die Technik und die ihr zugrunde liegende Wissenschaft.
Bayreuth habe beides bisher eher verachtet, doch man müsse nun erkennen, welche
»Kulturkräfte« in dieser Technik steckten, welche »Fülle vielseitigster und geistiger
Tätigkeit«, so dass man Technik »überhaupt anders auffassen lernen« müsse, als eine
»sittliche Kraft«, die ebenso »ein Teil der Kultur« wie jene »reinen Geistesarten« seien,
mit denen sie sich zu einer »menschlichen Gesamtkultur« vereine. So liege das höchste
Ziel des Krieges im »Gewinn eines edleren, reindeutschen Kulturzustandes«: durch

116 Houston Stewart Chamberlain, Deutsche Friedensliebe, in: BBl 1914, S. 247.Auch in Houston Stewart
Chamberlain, Kriegsaufsätze. 1. und 2. Reihe, München 111915, S. 9 ff.; das Zitat S. 12. Die beiden
folgenden Zitate auf S. 248 und 13.
117 Die Kriegsaufsätze sind ursprünglich in drei Heften publiziert: Kriegsaufsätze, München 1914 (12
Auflagen); Neue Kriegsaufsätze, München 1915 (6 Auflagen); Hammer oder Amboß. Dritte Reihe der
Kriegsaufsätze, München 1916 (2 Auflagen). Diese Kriegsaufsätze wurden zum Teil ins Englische,
Französische, Spanische und Italienische übersetzt.
118 Houston Stewart Chamberlain, Hammer oder Amboß?, S. 49 ff. Die folgenden Zitate S. 51, S. 58,
S. 60.
119 Hans von Wolzogen, Gedanken zur Kriegszeit, in: BBl 1915, S. 16 ff.; S. 88 ff.; die Serie erschien
unter demselben Titel als Buch: Gedanken zur Kriegszeit, Leipzig 1915. Alle folgenden Zitate auf
den Seiten 17; 18; 90; 227; 229; 98.
104 Bayreuth und die Moderne

den militärischen Sieg einerseits, durch das Ausscheiden alles »Undeutschen und
Unsittlichen« nach innen – worin u.a. auch die Bekämpfung des kulturellen Ein-
flusses der Juden gemeint ist. Fast selbstkritisch fügt Wolzogen hinzu, auch Bayreuth
müsse an diesem Werk anders als bisher mitarbeiten: »Unsere Kraft war schwach,
aber sie wird nicht stärker, wenn wir, wie seit 40 Jahren, Bekenner im Winkel blei-
ben.« Gelegentlich mischen sich rassistische Gesichtspunkte in diese Argumentation,
so etwa dann, wenn die Siege der deutschen Armeen als »gottgewollter Siegeszug
des arischen Geistes« ausgegeben werden und das »Siegfried-Wesen des deutschen
Volkes« sich bewährt – wobei Wolzogen freilich hinzufügt, dass nicht Siegfried und
die Walküren die Symbolik des Ring bestimmen, sondern der Untergang am Ende
der Götterdämmerung – »Götterdämmerungs-Stimmung entwickelt sich unter den
Schrecken und Gerichten dieses Weltkrieges.«
Für Wolzogen – und nicht nur für ihn – stellte der Weltkrieg die Karthasis des
bisherigen Deutschland dar, die – unabhängig davon, ob Deutschland siegt oder
nicht – darauf hinwirkt, dass Deutschlands »moralische Kraft, heimgewandt, dau-
ernd sich bewähre am deutschen Kulturbau, vor Allem also an jener notwendigsten
Abwehr und Einschränkung alles Niederträchtigen.« Dass Bayreuth die moralischen
und ästhetischen Ressourcen dieser Erneuerung in Wagners Werken finden zu
können glaubt, dass es sich in der Tradition des Denkens von Wagner sieht, kann
kaum überraschen: »Im Widerstreit der Völker auf Leben und Tod ist Wagner recht
eigentlich zum Erkennungszeichen des Echtdeutschen geworden; und soweit es dies
Echtdeutsche ist, dessen Sieg der Welt die Erhaltung und Ausbildung einer edlen
Menschenkultur verheißt, ist auch der Wagner-Geist das mächtige Lebenszeichen
unserer Zukunft, wie er der künstlerische Ausdruck unserer Gegenwart ist – Wir
erleben es, wie seine Werke nun erst in ihrer vollen Kraft und Bedeutung zum deut-
schen Geist und Gemüte reden, wie in ihnen der deutschen Seele die Sprache ihrer
innersten Gefühle widertönt … Das deutsche Gefühl in uns fand sich verstanden,
erwidert, erhoben, verklärt durch jene Werke desVertrauens auf den deutschen Geist,
die jede undeutsche ›Decadence‹ zu überleben vermochte. … So wirkt heute der
Lohengrin … allerorten auf die verschiedensten, nun geeinten Menschen deutschen
Blutes, vom königlichen Kampfgebote bis zu der begeisternden Verkündigung des
›großen Sieges‹ über den Osten. Der deutsche Hörer denkt sich tief überzeugt den
Westen hinzu. Und so wirkt der Ring vor allem, wie er nie wirken konnte, nicht
mehr als Form übermenschlicher Sagenwelt, nein, als Sinn und Herzen allernächstes
Lebensbild germanischen Wesens, deutscher Kraft und Größe.«
Immer wieder verweist Wolzogen darauf, dass der Krieg für Bayreuth primär
eine Auseinandersetzung um den Vorrang der Kultur gegen die westliche Zivili-
sation ist – und damit liegt er im Meinungsstrom der intellektuellen Mehrheit im
Reich. Die Deutschen, heißt es in einem Beitrag Deutsche Eroberung 1917 seien in
erster Linie »geistige Eroberer«120 und nur dort, wo ihnen einst Teile ihres Landes

120 Hans von Wolzogen, Deutsche Eroberung, in: BBl 1917, S. 2. Die folgenden Zitate S. 3; 4.
Bayreuth im Ersten Weltkrieg 105

weggenommen worden seien – wie Elsaß-Lothringen –, suchten sie dieses wie-


derzugewinnen. Wichtiger indessen seien ihnen geistige Eroberungen wie die des
Christentums, der (französisch beeinflussten) großen Dichtungen des Mittelalters,
des Hellenismus, die alle den eigenen Bedürfnissen angepasst und schöpferisch
weiterentwickelt worden seien. Zu solchen Eroberungen zählten auch »deutsche
Arbeit, deutsches Wissen, deutsches Denken und Wirken«, und all dies verteidige das
deutsche Volk in diesem Krieg, nach dessen Ende es darauf ankomme, »vor Allem
(sich) selbst (zu) erobern«, was heißt: »unser wahres, inneres, geistiges und sittliches
Deutschtum uns (zu) erobern.«
Diese Grundtopoi und die aus ihnen fließende Grundhaltung zum Weltkrieg
werden in den Bayreuther Blättern stetig wiederholt und variiert – es würde zu weit
führen und wäre inhaltlich redundant, die einzelnen Beiträge, die bis 1918 zu die-
sen Themen mit immer denselben oder doch ähnlichen Argumenten vorgetragen
wurden, hier ausführlicher anzuführen. Beispielhaft mag in diesem Zusammenhang
noch auf einen Beitrag von Henry Thode121 hingewiesen werden, den Schwieger-
sohn Richard Wagners, der die ›geistige Situation der Zeit‹ aus Sicht der Bayreuther
skizzierte.122 Für Thode ist das – in Bayreuth verkörperte – deutsche Kulturideal
bereits in den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts substantiell bedroht
worden: »Daß es dahin kommen konnte, erklärt sich aus einer einzigen Grundtatsa-
che. In einer Periode unerhörter, von der Naturwissenschaft gezeitigter technischer
Fortschritte, unbegreiflich schnelle sich entfaltender industrieller Produktion, weit
über die Welt sich ausbreitenden Handels und einer daraus bei äußerster Anspan-
nung der Lebensbewegung sich ergebenden atemlosen Jagd nach dem Golde, dessen
seit 1871 einströmende Fülle alle Gewohnheiten und Verhältnisse veränderte, alle
Ansprüche steigerte und alle Wünsche erlaubte – in einer solchen Zeit ward der
Verstand, das heißt: das geistige Vermögen, welches die Dinge und Vorgänge einzig
nach ihrem ursächlichen Zusammenhang auffaßt, der Herrscher. … An die Stelle
des deutschen Idealismus … drängte sich der Realismus, mit welchem Worte ich
hier im weitesten Sinne die einseitige Verstandesauffassung der Welt und des Lebens
bezeichnet wissen will.«
Gegen die daraus resultierende »Entsittlichung und Entgeistigung« und den damit
verbundenen »kulturellen Rückschritt«, gegen den Zerfall »der edlen verbindlichen
Formen des gesellschaftlichen menschlichenVerkehrs«, gegen dasVersagen der Familie

121 Henry Thode (1857–1920), war Kunsthistoriker, heiratete 1886 Daniela von Bülow, von der er
1914 geschieden wurde. 1889 für zwei Jahre Direktor des Frankfurter Städelschen Kunstinstituts,
später Professor an der Universität Heidelberg. Thode lebte lange am Gardasee, verlor im Ersten
Weltkrieg dort seine ›Villa Cargnacco‹, die später D’Annunzio gehörte, kehrte nach dem Weltkrieg
zunächst nach Deutschland zurück, ging dann nach Kopenhagen, wo er auch starb. Schwerpunkte
seiner wissenschaftlichen Arbeiten waren die italienische Renaissance sowie die deutsche Kunst
um 1900, die er an der Ästhetik Richard Wagners maß. Vgl. Bettina Vogel-Walter, D’Annunzios
Wagner, in: wagnerspectrum 1/2010, S. 195 ff.
122 Henry Thode, Unser bedrohtes Kulturideal und die Frage seiner Zukunft, in: BBl 1916, S. 1 ff. Die
folgenden Zitate S. 2 f.; 4; 7; 6; 10 f.
106 Bayreuth und die Moderne

in der Erziehung und denVerlust der »weisen Führung« in den niederen und höheren
Schulen, auch gegen den Zerfall der allgemeinen Bildung durch die Favorisierung
des Einzel- und Fachwissens und die dadurch emporgestiegene Dominanz von
Technik- und Naturwissenschaften – gegen all dies helfe nur eine Rückbesinnung
auf die deutsche Tradition.Thode ist weit entfernt, die modernen Entwicklungen in
toto zu perhorreszieren, aber er wendet sich gegen die ›falsche‹ Pflege der ausländi-
schen, ›fremden‹ Kultureinflüsse, auch gegen Kunstentwicklungen, die, wie die l’art
pour l’art-Bestrebungen oder der Realismus, »von Grund aus falsch gerichtet« sind
und sich nur durchsetzen können, weil die »Verkümmerung unserer Bildung«, der
»Verfall seelischer Kräfte« dies erlauben. Seine Zeitdiagnose endet mit dem Aufruf
»Zurück zur Natur und zum Natürlichen«, den er – völlig anders als Rousseau – im
Sinne der »Erneuerung einer religiösen Weltanschauung« versteht, ohne die »alle
Bemühungen um die Kultur unseres gesamten Volkes nur Stückwerk bleiben kann.«
Durch die Erfahrungen des Krieges und die mit ihm verbundenen ›Kriegsziele‹,
wie sie Bayreuth für sich definiert hatte, ergaben sich sehr bald Überlegungen, worauf
man in der Zeit nach dem Kriege zu achten haben werde. In den Bayreuther Blättern
finden sich daher während der Kriegsjahre immer wieder Beiträge, in denen die
zukünftigen Aufgaben für die verschiedenen Lebensbereiche – von der Religion
über die Literatur zum Erziehungssystem, von den politischen Institutionen bis hin
zur Wirtschafts- und Sozialpolitik – aus der Sicht Bayreuths umrissen und in ihren
Zielprojektionen benannt werden. Im folgenden soll dies an einigen Beispielen
verdeutlicht werden.

Arisches Christentum
Ganz in diesem Sinne und in der Kontinuität des Denkhorizonts der Wagnerschen
Erbe-Verwalter detaillierte der Flensburger Hauptpastor Friedrich Andersen diese
Überlegung Thodes zur Neubelebung der Religion und einer religiösen Weltan-
schauung. Andersen, führender Kopf der Deutschchristen, fordert für die Zeit nach
dem Krieg einen Religionsunterricht, der sich auf die Vermittlung eines arischen
Christentums und auf ein von allem jüdischen Einfluss gereinigtes Neues Testa-
ment als Grundlage für einen deutschen Protestantismus konzentrieren soll – ganz
im Sinne von Chamberlain und Wolzogen, deren Vorstellungen an anderer Stelle
eingehend dargestellt werden.123 Andersen spitzt seine Forderungen auf drei Punkte
zu: »Der Religionsunterricht muß bodenständiger werden als bisher«; »Der Religi-
onsunterricht muß einheitlicher werden als bisher«; »Der Religionsunterricht muß
innerlicher werden als bisher.«124 Und ganz in seinem und dem Bayreuther Sinne

123 Vgl. dazu in diesem Buch Bayreuther Theologie, S. 231 ff.


124 Friedrich Andersen, Deutscher Religionsunterricht nach dem Kriege, in: BBl 1916, S. 129 f. Zu dem von
Andersen in Übereinstimmung mit Chamberlain und Wolzogen und vielen anderen Mitgliedern
des Bayreuther Kreises vertretenen ›arischen Christentum deutsch-protestantischer Prägung‹ sowie
Arisches Christentum 107

schreibt Kurt Engelbrecht über Deutschlands religiöse Zukunft125, bestimmt zunächst


den religiösen Charakter der Deutschen – »das ausgeprägte Spiegelbild des völkisch
nationalen« –, geht dann auf die religiösen Wirkungen des Krieges ein, durch wel-
che die Bedeutung eines von allen Dogmen befreiten, arischen Christentums den
Deutschen klargeworden sei, um den »Weg in die religiöse Zukunft« als »eine Wie-
dergewinnung des national Eigenen, des deutsch-völkischen Besonderen in uns« zu
bestimmen. Der Religion in der Form eines deutsch-nationalen Christentums wird
– im Sinne des oben zitierten Felix Gross – die Aufgabe zugedacht, zwischen den
einzelnen Lebenssphären zu vermitteln und diese mit religiösem Geist zu erfüllen,
wobei eingeräumt wird, dass die christliche Religion ihrem Wesen nach übernatio-
nal ist. Zugleich aber wird gefordert, das konkrete Religionsbekenntnis müsse sich
nationaler Eigenschaften versichern. Die umfänglichen religionshistorischen und
religionssystematischen Betrachtungen von Chamberlain und Wolzogen werden in
den Bayreuther Blättern der Kriegsjahre von verschiedenen Autoren verknappt und
konzentriert vorgetragen und münden in konkrete Forderungen an das kommende
Nachkriegs-Deutschland.
In diese Strategie der Verknappung und Konzentrierung gehört auch – aus Anlass
des vierhundertsten Jahrestages von Luthers Thesen-Anschlag in Wittenberg ein
Themenschwerpunkt der Bayreuther Blätter zu Luther und seiner grundlegenden
nationalen Bedeutung für die Deutschen und ihr Religionsverständnis. Einer Aus-
wahl von Luther-Worten, die 19 Seiten einnimmt und das Heft eröffnet, folgen 4
Seiten von Wagner-Zitaten, die sich – in einem weiten Sinne – auf Luther oder die
Reformation beziehen. Dem folgen Aufsätze zur ›deutschen Seele und Luther‹, zum
›deutschen Staat und Luther‹ und zu ›Luthers Sprache und Sprüchen‹,126 in denen
Luther als Erscheinung des spezifisch deutschen Wesens präsentiert wird: »Luther hat
uns Deutsche befreit von dem mittelalterlichen Christentum, das unserer Art fremd
ist«127, heißt es da, er »hat uns das deutsche Christentum geschenkt«, und: »Wie das
Christentum Luthers die deutsche Seele befreit hat von dem römischen Gesetztum
und dadurch erst alle Quellen der Kraft in ihr erschlossen hat, so wird die deutsche
Seele sieghaft bleiben, solange sie wirklich festhält an dem Christentum Luthers.« Für
Bayreuth hat Luther allerdings nicht nur eine religiöse Bedeutung, sondern auch ein
kulturelle; er hat die deutsche Sprache geschaffen und damit die Voraussetzung für
die deutsche Literatur, Philosophie, die deutsche Staatstheorie, er ist – wie es heißt

zur Person Andersons und seinen politischen Verflechtungen vgl. Uwe Puschner, Die völkischen
Bewegungen im wilhelminischen Kaiserreich. Sprache-Rasse-Religion, Darmstadt 2001 und die hier
versammelten Nachweise.
125 Kurt Engelbrecht, Deutschlands religiöse Zukunft, in: BBl 1916, S. 157 ff. Die folgenden Zitate auf
den Seiten 158; 178 ff.; 178.
126 Reinhold Seeberg, Die deutsche Seele und das Christentum Luthers, in: BBl 1914, S. 246 ff.; Günther
Holstein, Luther und der deutsche Staat, ebenda, S. 252 ff.; Karl Grunsky, Luthers Sprache und Sprüche,
ebenda, S. 260 ff.
127 Reinhold Seeberg, Die deutsche Seele und das Christentum Luthers, S. 251. Die beiden folgenden
Zitate hier.
108 Bayreuth und die Moderne

– einer »der Begründer des deutschen Staatsgedankens der Gegenwart geworden.«128


Die deutsche Kultur ist eine protestantisch geprägte, der deutsche Staat ein protes-
tantischer, und daraus ergibt sich seine kulturelle Aufgabe: ihm wird »die Aufgabe
zugewiesen, Träger der gesamten lebendigen Volkskultur in ihrem vollen Umfang,
in allen ihren wirtschaftlichen, sozialen und geistigen Lebensäußerungen zu sein.«
Einmal mehr erweist sich in diesen Aufsätzen, dass die Religion im Denken der
Bayreuther eine zentrale Position einnimmt, dass sie kein nur schmückendes Beiwerk,
sondern tragende Substanz des Bayreuther Gedankens ist, wie das Chamberlain und
Wolzogen in ihren Arbeiten mit Nachdruck auch darlegen. Und wie zur Bekräftigung
dieses Zusammenhangs drucken die Bayreuther Blätter in dieser Oktober-Ausgabe
von 1917 eine Zusammenfassung jener 95 Leitsätze zu einem Deutsch-Christentum
auf rein-evangelischer Grundlage ab, die u.a. auch von Andersen, Bartels und Wolzogen
mitformuliert worden waren.129

Deutsche Literatur
Von dem an dieser Schrift über das Deutsch-Christentum beteiligten völkischen
Schriftsteller Adolf Bartels130 stammt auch ein längerer Aufsatz über Die Pflichten der
deutschen Literatur nach dem Kriege,131 in dem dargelegt wird, welche Art von Literatur
sich sein Autor – und mit ihm wohl der Herausgeber der Bayreuther Blätter und die

128 Günther Holstein, Luther und der deutsche Staat, ebenda, S. 252. Das folgende Zitat S. 258 f.
129 Hans von Wolzogen: Deutsch-Christentum auf rein evangelischer Grundlage, in: BBl 1917, S. 295 f.; vgl.
in diesem Buch Bayreuther Theologie¸ S. 285 ff.
130 Adolf Bartels (1862–1945) stammte aus bescheidenen Verhältnissen, musste das Gymnasium
abbrechen, studierte dennoch und wurde Schriftsteller, Journalist, Literaturhistoriker und einer
der führenden Antisemiten seiner Zeit. Er lebte an verschiedenen Orten, Leipzig, Berlin, Lahr,
Frankfurt/M., später Weimar, war in unterschiedlichen Berufen tätig, arbeitete etwa ab 1896 als
freier Schriftsteller und Literaturkritiker mit renommierten Zeitschriften zusammen. Er erfand
den Begriff der ›Heimatkunst‹, deren wichtigster Vertreter er – neben Friedrich Lienhard – wur-
de. Zunehmend vertrat er eine national-völkische und antisemitische Weltanschauung, die seine
Arbeiten nachhaltig prägten und ihn in Kontakt mit den Bayreuthern brachte. 1907 gründete er
u.a. mit Chamberlain und Henry Thode den völkischen Werdandi-Bund und spielte während der
Weimarer Republik eine führende ideologische Rolle im völkischen Milieu. Durch den späteren
NSDAP-Gauleiter von Thüringen, seinen Schüler Hans Severus Ziegler, kam er früh mit der
NSDAP in Berührung, lernte 1926 Hitler kennen, erhielt nach 1933 zahlreiche Ehrungen und
literarische Förderung, war aber nie Mitglied der Partei und stand, wie viele völkische Mitstreiter,
eher an deren Rand. Die von ihm 1909 gegründeten ›Weimarer Nationalfestspiele für die deutsche
Jugend‹, welche der Verbreitung der Klassiker unter der Jugend dienen sollten, wurden nach Un-
terbrechungen im Dritten Reich wieder aufgenommen. Bartels war ein vielgelesener und höchst
produktiver Autor, polarisierend und ausgerichtet auf die »vier großen natürlichen Formen, …
die er politisch durchsetzen« wollte: »Heimat, Stammestum, Volkstum, Rasse«. Vgl. dazu Thomas
Rösner: Adolf Bartels, in: Uwe Puschner et al. (Hg.), Handbuch zur »Völkischen Bewegung«, S. 874 ff.
Das Zitat S. 881.
131 Adolf Bartels, Die Pflichten der deutschen Literatur nach dem Kriege, in: BBl 1916, S. 103 ff. Hier auch
das folgende Zitat.
Deutsche Literatur 109

Mehrheit der dem Bayreuther Kreis zuzuzählenden Mitglieder – für die Nachkriegszeit
zur Stärkung des deutschen Bewusstseins erhofft. Literatur, so heißt es da eingangs,
habe die Aufgabe, »der Menschheit durch treue Fixierung jedes symbolischen Lebens-
und Entwicklungsprozesses zu einem immer klareren Selbstbewußtsein zu verhel-
fen.« Literatur solle die Entwicklung eines Volkes aufzeigen, geistig durchdringen,
und damit die Erkenntnis des eigenen Wesens fördern. Diese Aufgaben seien – so
Bartels, der auch verschiedene Literaturgeschichten geschrieben hat132 – im Laufe
des 19. Jahrhunderts durch ausländische Einflüsse, durch die »wüste Operette« und
die Heraufkunft des Kinos mehr und mehr verloren gegangen und die Deutschen,
durch eigene Schuld zu schlechten Verwaltern ihrer tradierten Kultur verkommen,
hätten fast ihr eigenes Volkstum vernichtet. Doch selbst Kapitalismus und Industri-
alismus, »die gefährlichen Mächte der Zeit«133, konnten den Widerstand, der seine
Kraft aus »dem alten deutschen Bauernvolk« ziehe, nicht brechen. Darauf müsse man
aufbauen, die zukünftige deutsche Literatur könne keine »Luxusliteratur« mehr sein,
sondern habe sich als deutsche Dichtung »wieder auf deutsches Volkstum zu stellen,
… das Wesen dieses Volkstums, wo es noch ungebrochen vorliegt, zu entwickeln,
… die Gefahren, die ihm drohen, aufzuzeigen, … ihm Ziele und Ideale zu geben,
die sein Wesen stärken.« Mit folgenden programmatischen Forderungen, die er den
»lebenden und kommenden deutschen Dichtern« abverlangen möchte, schließt
Bartels dann seinen Beitrag ab: »1. Geschichtsromane, die treu in Geschichte und
Wesen aller deutschen Stämme einführen (bisher sind bekanntlich nur einige deutsche
Stämme so glücklich, sie zu haben); 2. Zeitromane, die nicht die einzelnen Stände
und ihr Leben, sondern mehr größere Zeitbewegungen darstellen (Gutzkows spätere
Romane, die ja über das Niveau des jungen Deutschlands ziemlich hinauswachsen,
schweben mir da als Beispiel vor); 3. Geschichtsdramen, die deutsches Wesen und
deutsche Entwicklung nicht hurrapatriotisch, aber völkisch-festlich geben (das hohe
Muster ist Kleist’s ›Prinz von Homburg‹); 4. Harmlose gesunde Lustspiele in Benedix’
Art, aber etwas freier und weiter; 5. Gedichtsammlungen, die etwas mehr von der
Persönlichkeit des Verfassers verraten als die der letzten Jahrzehnte (natürlich muß
es die Persönlichkeit auch lohnen) …«
»Deutsche Literatur« – so der Schlusssatz dieses Beitrags – »ist von Deutschen
widergespiegeltes deutsches Leben – das sagt alles.« Zu dieser Literatur zählte Bartels
nicht »die künstliche Poesie« Stefan Georges, wohl aber Gerhart Hauptmanns Die
Weber und Der Biberpelz,134 auf keinen Fall Börne, Heine, Maximilian Harden oder
auch Alfred Kerr.

132 Unter anderem: Die deutsche Dichtung der Gegenwart, Leipzig 1897; Geschichte der deutschen Literatur,
2 Bde., Leipzig 1901/1902 (sein Hauptwerk); Einführung in die Weltliteratur (von den ältesten Zeiten
bis zur Gegenwart) im Anschluß an das Leben und Schaffen Goethes, 3 Bde., München 1913.
133 Adolf Bartels, Die Pflichten der deutschen Literatur nach dem Kriege, S. 106. Die folgenden Zitate auf
den Seiten 107; 108; 109.
134 Vgl. Adolf Bartels, Gerhart Hauptmann, Weimar 1897.
110 Bayreuth und die Moderne

Schulmodelle
Solche religiösen wie literarisch-poetischenVorstellungen bedürfen einer Umsetzung,
die bereits mit der Erziehung der Jugendlichen gilt. In den Bayreuther Blättern fin-
den sich daher auch immer wieder Überlegungen,Thesen, Skizzen und erstaunlich
detaillierte ausgearbeitete Konzepte zu einem deutschen Erziehungssystem. Den
wohl weitgehendsten Entwurf einer »deutschen Schule der Zukunft« enthält der
zweiteilige Aufsatz von Paul Förster135, dem Bruder von Bernhard Förster, Gründer
von Nueva Germania in Paraguay.136
Förster skizziert zunächst aus seiner Sicht die Ausgangslage, beschreibt Schulre-
form als einen beständigen Prozess, der »aus dem Zweifel an Giltigkeit des Alten,
Vererbten, Gewöhnten«137 hervorgehe und konstatiert, dass es von den Umständen
abhänge, ob sich Veränderungen durch Reform oder durch Revolution durchsetz-
ten. Er stellt fest, der Streit um die Schule, der bereits vor dem Kriege stattgefunden
habe, sei durch diesen nicht ausgesetzt worden, sondern habe mittlerweile alle Teile
der Bevölkerung erfasst, selbst den Kaiser, der – auf einem ›klassisch-humanistischen
Gymnasium erzogen, eine »undeutsche Bezeichnung« – »die Jugend zu Deutschen
(erzogen haben wolle), nicht zu Griechen und Römern.« Um das zu erreichen,
bedürfe es – so Förster – bestimmter Reformen: so etwa eines Allgemeinunterrichts
in der Volksschule, bevor Lesen und Schreiben gelehrt werde; so die Beurteilung der
Schüler nicht nur nach Wissen, sondern durch Einbezug der Gesamtpersönlichkeit;
so die stärkere Betonung »völkischer und neuzeitlicher Bildung und Erziehung«, die
der Krieg als Notwendigkeit vor Augen geführt habe.Vier Fragen legt Förster seinen
Überlegungen zugrunde, und sie sollen, weil ihre Formulierung zugleich die dahinter
stehende Mentalität deutlich macht, auch in voller Länge zitiert werden: »1. Was ist
zur Bildung einer vollmenschlichen, reinmenschlichen Persönlichkeit unerläßlich?
– eine über die Zeit erhabene Ewigkeitsfrage. 2. Welche Bildungsstoffe sind dem
deutschen Menschen, als einer besonderen Abart des allgemeinen Menschentums,
zuzuführen, damit er geistig satt, seines Wesens froh, glücklich werde. 3.Was steht in
erster Linie, was ist für jene Volksbildung notwendig (Im Notwendigen Einheit!)?
was ist in zweiter Linie bloß wünschenswert und der freien Wahl zu überlassen (Im

135 Paul Förster (1844–1925) war promovierter Gymnasiallehrer in Berlin, der sich von Anfang an für
eine Erziehungsreform im nationalen deutschen Sinne engagierte. Er war bekennender und aktiver
Antisemit, suchte die antisemitische Bewegung zu vereinigen, trat in Berlin als Agitator auf und
war Mitinitiator der Antisemitenpetition von 1880/81, welche die juristische Gleichstellung der
Juden mit den Deutschen rückgängig machen wollte. 1886 gründete er die »Allgemeine Deutsche
AntisemitenVereinigung«, kandidierte 1889 bis 1907 mehrfach für den Reichstag, gewann 1893 ein
Mandat und war bis 1898 Abgeordneter der antisemitischen »Deutschsozialen Reformpartei«. Er war
überdies aktiv gegen die Vivisektion tätig, gründete den »Internationalen Verein zur Bekämpfung
der wissenschaftlichen Tierfolter« und redigierte dessenVereinsorgan »Tier- und Menschenfreund«.
Vgl. Annette Hein, »Es ist viel Hitler in Wagner«, S. 85.
136 Dazu in diesem Buch Richard Wagners Weg in den Urwald, S. 295 ff.
137 Paul Förster, Die deutsche Schule der Zukunft, (Teil I), in: BBl 1916, S. 186 ff.; das Zitat auf S. 186.
Die folgenden Zitate auf den Seiten 188 und 190 f.
Schulmodelle 111

Zweifelhaften Freiheit!)? Und was ist als unnütz belastender Stoff von der Schwelle
deutscher Bildung abzuweisen? 4. Und endlich, was drängt uns die neue Zeit und
diese Heldenzeit unseres Volkes an neuen Aufgaben gebieterisch auf?«
In seinen Antworten auf diese selbstgestellten Fragen versucht Förster, einen
systematischen Wurf zu geben. Er beginnt mit den »Grundlagen«138, die er mit den
Begriffen »Bildung«, »Erziehung«, »Zucht«, »Gewöhnung«, argumentative »Lehre« und
»vorbildliches Beispiel« umreißt, formuliert als Erziehungsziel, die »Besonderheit (des
einzelnen Menschen) zu entwickeln und zur höchsten Blüte zu entfalten«. Er möchte
eine Schule, die »zusammen mit der übrigen Umwelt, der Familie, der Gesellschaft,
demVolke und dem Staate der besonderen Art des Einzelgliedes gerecht wird und sie
ihm imVollsten auszugestalten hilft.« Individualität solle zu Persönlichkeit ausgebildet,
die Unterschiede der Schüler nicht eingeebnet, sondern in ihrerVerschiedenheit und
Ungleichheit zum »geschlossenen Volk und Staat« zusammengeführt werden, so dass
sich am Ende eine »deutsche Kosmokratie« ergebe, eine »aus Freiheit und Gehorsam,
aus dem Rechte des Einzelnen und dem der Gesamtheit, aus Achtung zugleich der
Sonderart wie der gemeinsamen Volksart wohlgefügte Volks- und Staatsordnung«.
Försters Lehrplan, der zu solchem Ziel führen soll, beginnt mit derVermittlung der
Unterschiede von Heimat und Welt, vonVolk und Menschheit, von Deutschtum und
Menschentum und teilt sich dann in Pflicht- und Wahlfächer. Unter die Pflichtfächer
fallen »die deutsche Sprache« – die »sorgsamste Kenntnis und Pflege der reichen,
schönen, bildsamen, heiligen Muttersprache«, die »Hauptaufgabe jeder deutschen
Schule …, für immer und bis zur Hochschule hinauf…«, mit dem Ziel: »Gedenke,
dass du ein Deutscher bist!«; »deutsches Schrifttum« – »geschmackvolle Sammlungen
von Dichterstimmen«, die ergänzt werden sollen durch die »Stimmen der Völker in
den Werken ihrer Geisteshelden«, sowie die Kenntnis der deutschen Kunst; »deutsche
Gedankenwelt« – aus deren Kenntnis sich dann »allmählich eine deutsche Weltan-
schauung« aufbauen soll; »Deutsche Heimatkunde« – in der Kenntnisse der Heimat
vermittelt, diese erwandert und Unterricht im Freien abgehalten werden soll, mit
dem Ziel, das eigene Volk kennenzulernen, Achtung vor jeder ehrlichen Arbeit zu
gewinnen, sich an »Ordnung und Unterordnung« zu gewöhnen und »staatsbürger-
liche Gesinnung, Freude an der Natur und an anderen einfachen und stärkenden
Genüssen« auszubilden; »Deutsche Geschichte« – die durch ausgewählte Beispiele das
»Kennzeichnende,Vorbildliche, Einflußreiche, Bestimmende« für die geschichtliche
Entwicklung vermittelt, »die großen Taten und Personen« hervorhebt und »die ihre
Zeit beherrschenden Helden auf allen Feldern menschlichen Schaffens, Kämpfens
und Arbeitens« in den Mittelpunkt rückt, um so eine »sachliche und wahrhaftige
Heldenverehrung, nicht ein fälschender, byzantinischer ›Heroen-Kult‹« anzuregen.
Der Geschichtsunterricht solle sich an den positiven Leistungen des deutschenVolkes
orientieren – »der größte, unsterbliche Held aber ist allzeit das Volk selbst« – und
daraus die Aufgaben der Zukunft ersehen. Zugleich solle das »Große« aus der Vorzeit

138 Paul Förster, Die deutsche Schule der Zukunft, in: BBl 1916, S. 253 ff. Das Zitat S. 254, hier und auf
den folgenden Seiten auch die weiteren Zitate bis einschließlich S. 260.
112 Bayreuth und die Moderne

des deutschenVolkes vermittelt werden, zu einer Zeit, da dasVolk und seine Führung
von »fremden Einflüssen noch unberührt, unverdorben war, sich nach eigener Art,
nach eigenem Recht, selbstgenügsam entwickelte« und gefragt werden solle, wieso
die »Entartung, die Fälschung meines Wesens, die Knechtschaft oder Hörigkeit unter
dem Fremden« das Volk ergreifen konnte: »Empor, ihr Deutschen, erhebt stolz euer
Haupt, recket den Arm, schwingt Thors Hammer, zur Besitz-Ergreifung dessen, was
euch zukommt, zur Vernichtung und Auskehr alles fremden Unrates, aller Verderbnis
und aller Verderber eurer Art, eurer Ehre und eurer Kraft – der Verderber von außen
her und derer im Innern.«139
Daneben zählen als Pflichtfach »beschreibende Naturkunde« – in ihren physiolo-
gischen und biologischen Teilen; »Mathematik« in ihren Grundlagen – was darüber
hinausgeht soll dem Fachmann vorbehalten bleiben; »Erdkunde« – Kenntnis von
Land und Leuten. Und zwingend ist auch »die volle Ausbildung der leiblichen Kraft
und Gesundheit, die Schärfung der Sinne, das Geschick im Gebrauch aller Teile des
Körpers, Übung in der Überwindung aller Hindernisse, also Leibespflege im Geiste
des alten, noch viel zu wenig gekannten, zu gering gewerteten Ludwig Jahn.«
Einen eigenen, längeren Absatz widmet Förster den Künsten, der Geschichte der
Kunst, die in derVermittlung des »künstlerischen Heldentums« von Bach, Beethoven,
Wagner, von Dürer, Schlüter und anderen, ihnen gleichenden »Heroen«, münden soll.
Allzu sehr soll dieser Unterricht nicht ins Details gehen, wie auch Fremdsprachen
nicht gelehrt zu werden brauchen – sie können später, sofern Bedarf ist, nachge-
lernt werden –, so wenig, wie Griechisch, Latein und die »klassisch-humanistische
Bildung«, von der Förster nichts hält, gelehrt werden sollen. »Dem Deutschen kann
nur durch den Deutschen geholfen werden, und nur durch das Deutsche; das Fremde
ist gefährlich, verwirrend, schädlich; es hat uns nichts genützt.«
Nach diesen Inhalten einer ›zukünftigen deutschen Schule‹, die in »Liebe«
vermittelt werden sollen, entwirft Förster die Organisation und Struktur dieser
Schule – als eine Einheitsschule, deren institutionelles Grundkonzept sowohl an
die spätere Einheitsschule staatssozialistischer Länder wie der früheren DDR wie
auch an Elemente der heute diskutierten Gesamtschule in Deutschland erinnert.140
Die »deutsche Schule der Zukunft ist ein untrennbares, fortlaufendes Ganzes ohne
Risse, ohne jähe Übergänge, ein großes, sich stätig entwickelndes Lebewesen (Or-
ganismus), nicht eine Zwangsanstalt (Mechanismus) …«.141 Förster will eine Schule,
in der anfangs alle Kinder gleich unterrichtet werden, die sich aber dann – nach
Fähigkeiten der Schüler und Notwendigkeit der Wissensvermittlung – intern dif-
ferenziert: im »Notwendigen« eine Einheit, im Zusätzlichen eine Vielheit – keine

139 Ebenda, S. 261. Die weiteren Zitate S. 256 und 265.


140 Zu dieser Debatte vgl. u.a. Klaus Schroeder, Der SED-Staat. Geschichte und Strukturen der DDR,
München 1998; Hans-Georg Herrlitz/Dieter Weiland/Klaus Winkel (Hg.), Die Gesamtschule.
Geschichte, internationale Vergleiche, pädagogische Konzepte und politische Perspektiven, Weinheim 2003.
141 Paul Förster, Die deutsche Schule der Zukunft, S. 269. Die folgenden Zitate auf den Seiten 270; 270;
270; 273; 274; 274.
Schulmodelle 113

Gleichheitsschule, sondern eine in sich gegliederte Einheitsschule – das bedeutet


für Förster eine Schule des ganzen Volkes, keine »Sonderschulen nach Maßgabe des
Standes oder gar des Geldsackes des Vaters«, wohl aber hierarchische Organisation, in
der »durch die Stufen der geschlossenen deutschen Schule hindurch die Tüchtigen
als Auslese emporsteigen«, ein Prozess, der sich nach oben verschärft und eine Elite
schafft, unabhängig von Stand und Geld, die später »die Stützen des Staates« bilden
soll und sich ausschließlich aufgrund individueller Fähigkeiten rekrutiert. Und was
für die Schüler gilt, soll auch für die Lehrer gelten: sie sollen ausschließlich aufgrund
ihrer individuellen und überprüfbaren Leistungen entlohnt werden. Der Krieg habe
die »Grenzen zwischen einem höheren und niederen Stande der Befehlshaber stark
verwischt«, habe die »Persönlichkeit, das Können« höher gewertet als den Stand –
und eben dies müsse auch für die Lehrer der Zukunft gelten. Nur dem Tüchtigen
winke eine entsprechende Position.
Die Struktur der Försterschen Einheitsschule sieht, kurz skizziert, wie folgt aus:
die untere Stufe umfasst die Jahre 8–14, danach folgt die Oberschule, in der das zu-
vor Gelernte fortgeführt, vertieft, erweitert und befestigt wird. In dieser Oberschule
treten dann auch Zusatzfächer hinzu, freie Wahlfächer, die sich an der zukünftigen
Berufswahl orientieren. Der Oberschule folgt dann die Hochschule, in der neben der
fachwissenschaftlichen Ausbildung auch eine allgemeine Weiterbildung zu erfolgen
hat – »kein Staatsbeamter gehört in eine höhere Stelle, der solche Bildung nicht
nachgewiesen hat und fortlaufend nachweist, der nur in seinem ›Fache‹ zu Hause
ist.« Ziel all dieser Bemühungen ist »ein Volk, in dem die Gerechtigkeit waltet und
die Vernunft und als ihr Ergebnis die Eintracht und der Friede – ein Volk endlich
tiefsten Glaubens, eindringender Bildung, reinen Geschmacks.«
Gegen diesen Entwurf von Förster, einem aus seiner eigenen Sicht erfahrenen
Pädagogen142, gab es auf Anforderung des Herausgebers der Bayreuther Blätter, Hans
von Wolzogen, einen partiell wiedersprechenden, zweiteiligen Aufsatz des Wiener
Pädagogen Alois Höfler, der mit insgesamt 27 Beiträgen zu den meistgedruckten
Autoren der Zeitschrift und überdies zum engeren Bayreuther Kreis gehörte.143
Höfler stimmt zwar mit den Inhalten und Zielen von Förster weitgehend überein,
wendet sich aber scharf zum einen gegen dessen Ablehnung des neuhumanistischen
Unterrichts – mit Hinweis auf die Hellenismus-Rezeptionen von Winckelmann,
Lessing, Herder, Goethe, Schiller, Humboldt – und gegen die Geringschätzung der
Naturwissenschaften und deren herausragende Forscher wie Kopernikus, Kepler oder
auch Galilei. Er hält das Erlernen des Altgriechischen ebenso für zwingend wie die
Beschäftigung mit Mathematik, Physik und den modernen Naturwissenschaften und

142 »Ich darf aus vielfältiger, langjähriger Erfahrung – ich stehe im 72. Jahre, verließ das Gymnasium
1864 und habe dann den Lehrberuf gern und freudig, aber auch scharf zuschauend und wahrhaftig
urteilend über 40 Jahre ausgeübt.« Ebenda, S. 268.
143 Alois Höfler, Seelenlosigkeit und Beseelung unserer Schulen, in: BBl 1918, S. 9 ff. und S. 81 ff. Höfler sagt
von sich selbst, er habe 27 Jahre im Gymnasium Mathematik, Physik und philosophische Propä-
deutik unterrichtet, danach an den Universitäten Prag und Wien Philosophie und Pädagogik – sei
also insgesamt 42 Jahre als Lehrer tätig; ebenda, S. 12.
114 Bayreuth und die Moderne

sucht, vor allem im zweiten Teil seiner Überlegungen, Letztere mit den Kunst- und
Geisteswissenschaften durch philosophische Einbindung zu einem harmonischen
und ästhetisch schönen Ganzen zu verbinden. Das alles braucht hier im Detail nicht
weiter zu interessieren.
Es ist überraschend zu sehen, dass die Bayreuther Blätter der Debatte über die Schul-
reform ein so breites Forum boten und offensichtlich Schulmodelle favorisierten,
die mit ihren sozial-ökonomischen Begründungen eher in der politischen Linken
als in der völkischen Rechten zu erwarten gewesen wären. Zugleich aber zeigt diese
Diskussion auch, wie weit Bayreuth sich in seinem zentralen Publikationsorgan
von der ursprünglichen »Monatschrift des Bayreuther Patronatsvereines« (1878 ff.)
zu einer die Verbreitung und Vertiefung von Wagners musikdramatische Werken
und Schriften übersteigenden »Deutschen Zeitschrift im Geiste Richard Wagners«
(1899 ff.) entwickelt hat und wie ›großzügig‹ und weit diese Traditionsanbindung an
den »Geist« Wagners ausgelegt wurde. Genau aber in dieser Differenz zwischen der
selbstgesetzten, ursprünglichen Aufgabe noch zu Lebzeiten Wagners und den nach
dessen Tod ausgeweiteten Themen und Wirkungsabsichten liegt auch – im Zuge
der Annäherung Bayreuths an das völkisch-nationalistische Umfeld – zugleich jener
Prozess der allmählichen semantischen Umdeutung, der zunehmenden Lockerung
und Entfernung eigener Ziele von den Ursprungsintentionen Richard Wagners, der
zunehmenden und vorbehaltlosen Identifikation der Bayreuther Weltanschauung mit
völkisch-antisemitischen Strömungen, Bewegungen und Parteien. Wagner, dessen
wichtigste literarische Referenz neben Goethe und Schiller Shakespeare war und
der die großen fremdsprachigen Dichter und Romanciers, wie etwa Cervantes144,
immer wieder las und sehr gut kannte, wäre nie auf den Gedanken verfallen, in der
Schule nur deutsche Literatur zu lesen, so wenig, wie er die Vermittlung der Antike
und des Altgriechischen aus der Schule verbannt hätte, da er ja selbst sein eigenes
musikdramatisches Konzept des ›Gesamtkunstwerks‹ aus dem Vorbild der antiken
Tragödie eines Aischylos heraus entwickelt und die politische Struktur der Polis als
zentrales Modell seiner eigenen politischen Utopie angesehen hat.145 Sein über das
rein Nationale hinausgehendes Literatur-, Musik- und Kunstinteresse, der Rückgriff
seines politisch-ästhetischen Modells einer zukünftigen Kunst und Gemeindeor-
ganisation stehen zu solchen Forderungen vollkommen quer. Wie auch eine strikt
hierarchische, auf Unterordnung zielende Schulstruktur seinen Vorstellungen von
genossenschaftlicher Selbstorganisation sowohl im künstlerischen wie außerkünstleri-
schen Bereich diametral widerspricht. Und wohl kaum hätte er dem Turnunterricht
und der ›körperlichen Ertüchtigung‹ einen so großen Anteil eingeräumt, wie dies
Förster vorschlägt, auch wenn er während seiner Schweizer Jahre in seinen großen

144 Vgl. Dieter Borchmeyer, Wagner und die spanische Literatur des goldenen Zeitalters, in: wagnerspectrum
1/2010, S. 223 ff.
145 Eingehend Udo Bermbach, Der Wahn der Gesamtkunstwerks, S. 130 ff.
Kritik der Politik und der politischen Institutionen 115

Alpenwanderungen eine erstaunliche körperliche Konstitution zeigte146, die sich


allerdings keinem vorherigen regelmäßigen Turnen verdankte. Gerade diese sehr
ins Detail gehenden Schulkonzepte der Bayreuther Blätter machen die Distanz zum
Werk und Denken Wagners deutlich. Sie zeigen, dass die ursprüngliche Aufgabe der
Vermittlung von Wagners Werken und Denken in eine ganz eigene Vorstellungswelt
übergegangen war, die sich viel eher aus dem völkischen Diskurs, auch aus Ideen
der Lebensreformbewegung speiste als aus den originären Quellen des Bayreuther
›Meisters‹. Dessen Werk und Denken fungiert in solchen thematischen Zusammen-
hängen und Konzepten nur noch als camouflierende Legitimitätsquelle, die in das
autoritative Umfeld stellt, was sich längst anderem Herkommen verdankt.

Kritik der Politik und der politischen Institutionen


1879 erschien von Constantin Frantz, dessen Idee von einem Föderalismus als durch-
gehendem Organisationsprinzip sowohl für Deutschland als auch für eine europäische
Union unter Deutschlands Führung bereits Wagner seit der Mitte der sechziger Jahre
begeistert hatte, und den er deshalb auch als Mitarbeiter für die Bayreuther Blätter
zu gewinnen suchte,147 ein neues Buch148 zur sozialen und politischen Situation in
Deutschland und ihrer möglichen Lösung. Wolzogen nahm dieses Buch zum Anlass,
die aus seiner Sicht zentralen Aussagen in drei grossen Berichten in den Bayreuther
Blättern ausführlich vorzustellen und so Bayreuth in der allgemeinen politischen und
sozialen Diskussion gleichsam in prinzipieller Weise zu positionieren.149 In einer breit
angelegten und eher weitschweifigen Einleitung formulierte er – nicht zum ersten
Mal – die zentralen Topoi des Bayreuther Kultur- und Gesellschaftspessimismus, ver-
wies darauf, dass der vielgepriesene materielle Fortschritt nur allzu oft sich als »Wahn
des horizontales Heilweges« erweise und beschrieb die politisch-soziale Lage als »eine
Fülle von Widernatürlichkeiten und Widersprüchen«, als »tiefe und reale politische und
soziale Unbefriedigtheit in diesemVolke«, das in »starrer Kriegsrüstung und grollender
Erwartung feindlicher Explosionen« überall auf »faule Früchte, die nur Ungesundheit
und Ekel« erzeugten, blicken müsste; Konsequenz des »Streits der Parteien, welche dem
Liberalismus ihr Dasein verdanken«, sei, dass »die soziale Revolution drohend ihr Haupt
aus der Tiefe desVolkes« erhebe, die »Zwischenhändler des Parlamentarismus« dasVolk

146 Dazu Eva Rieger/Hiltrud Schroeder, Ein Platz für die Götter. Richard Wagners Wanderungen in der
Schweiz, Köln/Weimar/Wien 2009.
147 Zum Verhältnis von Richard Wagner und Constantin Frantz vgl. ausführlich Udo Bermbach, Der
Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 344 ff.
148 Constantin Frantz, Der Föderalismus als das leitende Prinzip für die soziale, staatliche und internationale
Organisation, unter besonderer Bezugnahme auf Deutschland, kritisch nachgewiesen und konstruktiv dargestellt,
Mainz 1879.
149 Hans von Wolzogen: Unsere Zeit und unsere Kunst, in: BBl 1882, S. 126 ff.; Zur sozialen Frage, ebenda,
S. 181 ff.; Ueber den politischen Liberalismus, ebenda, S. 341 ff. Die folgenden Zitate auf den Seiten
127; 128; 131.
116 Bayreuth und die Moderne

»von der lebendigen Theilnahme an derVersorgung seiner Lebensbedürfnisse« abhielten


und hierdurch die »sozialistischen Umtriebe« begünstigten. Für Wolzogen beschwört
dieser »verirrte Fortschritt« eine Reaktion herauf, die nur am Gestern orientiert ist,
verbunden mit einem Sozialismus, der sich an den »Theorien eines volksfremden
Verstandes« orientiert und eine Mentalität fördert, die glaubt, alle Probleme mit Geld
lösen zu können. Und dann formuliert er ein Fazit, das die Bayreuther Stimmungslage
am Ausgang des 19. Jahrhunderts sehr treffend wiedergibt: »Viele ›fortschrittliche‹ und
›freiheitliche‹ Elemente hat das Jahrhundert der Menschheit gebracht – und das Re-
sultat ist ein grosser Banquerott. Nur dort, wo man die Banquerotte am ersten sucht,
und woher sie stammen, nur dort ist inmitten aller umgebenden realen und ideellen
Noth der laute Jubel an der Tagesordnung. Handel und Industrie liegen darnieder, der
Ackerbau, die Kultur des Bodens, wird mit herzloser Gleichgiltigkeit der kapitalistischen
Ausnutzung überlassen, der Staat schwankt in tausend politischen, internationalen und
sozialen Verlegenheiten, der Arbeiter hungert und der Handwerksbursche erfriert,
der bürgerliche Mittelstand fühlt sich der Verarmung überantwortet, die beste Kraft
der Nation muss in einem, an und für sich gesunden und heilsamen Waffendienste
übermässig den Sorgen der Politik und den Künsten der Diplomatie sich opfern, die
Jugend erkrankt in der Dumpfheit eines dem Leben feindlichen Akademismus, die
Religion wird beseitigt und die Kunst lebt nur noch als gaukelndes Gespenst – aber
der Geldhandel blüht, und die Börse jubelt!«
Hintergrund dieser Jeremiade Wolzogens – wie auch des Buches von Frantz –
waren offensichtlich die letzten Ausläufer jenes durch eine Börsenpanik verursachten
»Gründerkrachs« von 1873, der zum vorläufigen Abbruch und Rückgang der bis
dahin tempostarken deutschen Industrialisierung geführt und das Reich in einem
beispiellosen Modernisierungsschub an die Spitze Europas katapultiert hatte. Nach
den dramatischen strukturellen Veränderungen im Anschluss an den deutsch-franzö-
sischen Krieg von 1870/71, durch die Deutschland sich rasch vom Agrarstaat zum
Industriestaat wandelte, England in nahezu allen Bereichen überholte und von
einem »Nachfolgerland zu einem Pionierland« wurde,150 gab es ökonomische Ein-
brüche in vielen Branchen und damit verbunden Arbeitslosigkeit, sowie Preis- und
Währungsverfall. Die Wirtschafts- und Finanzlage der späten siebziger bis mittleren
achtziger Jahre, unter deren Eindruck Wolzogen – mit Rückgriff auf Frantz – seine
Urteile formulierte, stellen sich im Rückblick als zu komplex und differenziert dar,
um hier in wenigen knappen Strichen zutreffend skizziert werden zu können. Es
bleibt nur der Verweis, dass die Krise, von der auch Wolzogen permanent spricht,
neben ihren unmittelbar negativen Folgen für die Betroffenen – Arbeiter,Angestellte

150 Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866–1918, Bd. I Arbeitswelt und Bürgergeist, S. 278, ab
S. 168 ff. – »Die Volkswirtschaft im ganzen« – gibt Nipperdey einen eingehenden und empirisch
gestützten differenzierten Überblick zu den ökonomischen Strukturwandlungen des Deutschen
Reiches und deren Folgen, zu Börsenüberhitzungen und wirtschaftlicher Depression in den
achtziger Jahren, zu ›Erholung‹ und der rasanten Entwicklung von Produktion und Handel in
Deutschland, auf die hier nur pauschal verwiesen werden kann. Das folgende Zitat S. 285.
Kritik der Politik und der politischen Institutionen 117

und selbständige Mittelschicht – zugleich auch positive »Rationalisierungs- und


Modernisierungseffekte« zeitigte, die dann in den späten achtziger und beginnenden
neunziger Jahren zu einem intensivierten Wachstum und zu einer stabilen Hoch-
konjunktur bis in die Zeit vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs hinein führten.
Wolzogen bezog sich in seinen das Buch von Constantin Frantz ausführlich
paraphrasierenden Essays zwar auf diese deutschen Zustände und Entwicklungen,
aber der Nachdruck, mit dem er dies tat, zielte offensichtlich darüber hinaus ins
Grundsätzliche und verfolgte das Ziel, Bayreuth sozial und politisch in einem sozial-
konservativen Segment des politischen Gesamtfeldes des Kaiserreiches zu verorten.
Ganz offensichtlich sollte dies dazu dienen, die Kompetenzen Bayreuths auch in
anderen Bereichen als dem der Kultur öffentlich zu dokumentieren. Dabei ging es
Wolzogen weniger um »Realpolitik« – etwa im Sinne Rochaus151 –, also nicht um
konkrete Vorschläge für reale Politikmöglichkeiten aus der Sicht Bayreuths, sondern
um eine aufs Prinzipielle und in die Zukunft gerichtete Perspektive, die er, das Ge-
gebene gleichsam übergreifend, als »wahre Realpolitik« definierte – so wie Wagner
stets in seinen konzeptionellen Begriffen und Vorstellungen, sofern sie utopischen
Charakter hatten und auf die Zukunft gerichtet waren, die Attribution ›wahr‹ hin-
zugesetzt hatte: »Realpolitik dauert … gerade so lange, bis die neue Realpolitik die
alte Realität über den Haufen stösst, wovon der ›Realpolitiker‹ vorher nichts geahnt
hat, wonach er sich aber alsbald wieder straff auf den neuen ›Boden der Thatsachen‹
stellt, gleichviel, wie weit dieselben von seinen früheren ›thatsächlichen‹ Anschau-
ungen und Ueberzeugungen abweichen mögen.«152
»Wahre Realpolitik« aber habe, wie Wolzogen ausführte, am »typischen Charakter«
des Volkes anzusetzen und auf die »natürlichen Grundlagen« als dem »Beständigen«
zu rekurrieren, auf »innere Naturkraft und Naturwahrheit« und insoweit »wahrhaft
konservativ« zu wirken.
Von solcher Überzeugung aus setzt sich Wolzogen, immer in Parallele zu den
Ausführungen von Constantin Frantz, erstaunlicherweise mit Karl Marx und der
deutschen Sozialdemokratie auseinander. Seine umfangreiche dreiteilige Serie ist
das einzige Beispiel dafür, dass sich die Bayreuther Blätter jenseits eines engeren, auf
Kunst und Kultur bezogenen Focus, in eine der zentralen Theoriedebatten ihrer
Zeit eingelassen und dabei über die ansonsten bevorzugten sozialromantischen
Assoziationen und konservativen Vorbehalte hinauszugehen versucht haben. Man
wird die Kritik von Wolzogen an Marx und den Theorien der deutschen Sozial-
demokratie nicht im strikten Sinne als eine fachlich fundierte Auseinandersetzung
bezeichnen können, weil ihrem Autor dazu alle nötigen Voraussetzungen, vor allem
die Kenntnis der Fachdiskurse fehlten; aber schon die Tatsache, dass sich Wolzogen auf
einen Theoretiker vom Range eines Karl Marx einließ und der kritischen Debatte

151 Ludwig August Rochau (1810–1873), Publizist, ab 1871 Mitglied des Deutschen Reichstags, prägte
diesen Begriff der Realpolitik in seinem Buch Grundsätze der Realpolitik.Angewendet auf die staatlichen
Zustände Deutschlands, (1853), hg. und eingeleitet von Hans-Ulrich Wehler, Frankfurt/M. 1972.
152 Hans von Wolzogen: Unsere Zeit und unsere Kunst, S. 136. Die folgenden Zitate S. 137 und 162 ff.
118 Bayreuth und die Moderne

seines Denken beträchtlichen Platz in seiner Zeitschrift einräumte, stellte für die
Bayreuther Blätter ein singuläres Unterfangen dar, das so und in dieser Ausführlichkeit
bis zu ihrem Ende 1938 nicht mehr wiederholt worden ist. Es lohnt sich deshalb,
Wolzogens Einwände ein wenig genauer zu referieren, weil sich mit ihnen zugleich
der Horizont seines eigenen Denkens genauer abzeichnet und – wenn eine solche
Bewertung erlaubt ist – dessen Begrenztheit und Enge deutlich wird.
Sein erster und zentraler Einwand gegen Marxens Beschreibung und Analyse
der Lage der Arbeiter in den sich industrialisierenden Gesellschaften besteht in dem
Vorwurf, Marx übertrage die spezifisch englischen Verhältnisse, an denen er seine
Theorien entwickelt habe, auf die ganz andersartige Lage in Deutschland. Während
in England in der Tat eine Verarmung der Arbeiter stattfinde, sei dies in Deutschland
so nicht der Fall, weil hier »die Scheidung der Klassen … bei weitem nicht so präg-
nant ausgebildet« sei und die Verarmung das Volk insgesamt betreffe. Marx mache in
der Verkennung dieser Differenz daher die Sache des Volkes zur Sache der Arbeiter.
Doch sei in Deutschland die soziale Frage keineswegs »ausschliesslich« eine Frage des
Verhältnisses »zwischen verarmten Arbeitern und arbeitgebenden Grosskapitalisten,
zwischen Besitzlosigkeit und Eigenthum«, denn noch immer überwiege hier der Ag-
rarbereich. In einem argrarisch strukturierten Land aber sei der Besitz weit gestreut,
weshalb »die friedliche Reform bei einer, mehr der Natur entsprechenden Wendung
der sozialen Bewegung recht wohl noch möglich« sei.Während in England der Reich-
tum weniger Besitzender zur Verelendung der arbeitenden Massen geführt habe, löse
in Deutschland die allgemeine wirtschaftliche Not des Volkes das Elend grosser Teile
der Bevölkerung aus.Wolzogen lehnt die Marxsche Klassentheorie sowie die daraus
resultierenden Forderungen der Aufhebung der Klassenwidersprüche für Deutsch-
land strikt ab, verteidigt vor allem das private Eigentum, wie dies übrigens Richard
Wagner auch in seiner ›linken‹ Revolutionsphase von 1848/49 bereits getan hatte:153
»Dass Marx die deutschen Arbeiter, und ihnen nach das übrige sozialistisch angeregte
deutsche Volk, von dem Verständnisse für die Grundverschiedenheit zwischen den
englischen und den deutschen Zuständen durchaus abgelenkt hat, dass er von einem,
bei uns noch gar nicht in diesem Masse vorhandenen Zwiespalte zwischen Kapital
und Arbeit ausgeht, und nun die Arbeitermasse zu einer, wiederum mit deutscher
Gründlichkeit oder Plumpheit ganz radikal gegen alles und jedes Kapital als solches
wendenden, unsinnig verderblichen Hetze auf das Eigenthum verführt, worüber jede
Erinnerung an deutsche Eigenthümlichkeit und deutsche Bedürfnisse verloren wird
– das ist der Fluch, der auf unserer ganzen sozialistischen Bewegung ruht.«
Theoretisch gründe dieser Fluch, so Wolzogen, in der Wertlehre von Marx, die den
›Fehler‹ begehe, die »Gleichartigkeit der Güter« zu unterstellen und damit Fabrikarbeit
und Landwirtschaft ineinssetze, was falsch sei – ein Einwand, der freilich nur dann
gilt, wenn man die für die Wertlehre von Marx fundamentale Differenz von abstrak-
ter und konkreter Arbeit ignoriert: »Wie verschieden bestimmt sich der Werth eines

153 Vgl. Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 59 ff.


Kritik der Politik und der politischen Institutionen 119

Produktes schon durch den Vorrath und die Qualität der Waare einerseits, durch das
Bedürfnis und den Geschmack des Käufers andererseits; und wie verschieben sich die
Werthverhältnisse in Folge der Konkurrenz, welche doch überall sich einfinden muss,
wo Tauschhandel besteht! Dass der Tauschwerth einer Waare kurzweg gleich ihrem
Arbeitswerthe sei, das ist eine Behauptung von Marx, welche von allen natürlichen
Verhältnissen und Bedingungen des Kaufes und Verkaufes absieht.«154
Aus dieser Überlegung folgert Wolzogen: »Ist aber die reale Gleichheit der
Arbeitswerthe eine Fiktion, so fällt damit auch das ganze Marxische System des
sozialistischen Arbeiterstaates« – eine vollkommen unsinnige Folgerung, weil der
›sozialistische Arbeiterstaat‹, wenn es den denn bei Marx so geben sollte, wie Wol-
zogen dies unterstellt, nicht nur durch die Arbeitswertlehre, sondern auch in einer
Reihe anderer Repressionsfaktoren seine Begründung findet.
Wolzogen führt für seine These eine Reihe weiterer ›Argumente‹ gegen Marx –
und damit auch gegen die deutsche Sozialdemokratie – an: so die Unmöglichkeit,
einen durchschnittlichen Warenwert zu bestimmen, weil dies die Unterschiede der
Natur, der Bodenbeschaffenheit, der Witterungseinflüsse nicht zuließen; so die Un-
möglichkeit, für die menschlichen Geistestätigkeit einen Durchschnittswert anzugeben;
so die Unmöglichkeit,Wertbestimmungen für den internationalen Handelsaustausch
vorzunehmen, da die nationalen Produktionsbedingungen verschieden und kaum
vergleichbar erschienen. Und was für die Wertbestimmung der Waren gelte, gelte
ebenfalls für die einseitige Auffassung des Kapitals bei Marx. Auch hier verzerre das
englische Beispiel die deutschen Verhältnisse und verdecke, dass in Deutschland nicht
das Kapitel, sondern der Geldhandel das entscheidende Problem sei – mit Marx zu
reden nicht die Produktion, sondern die Distribution. Über mehrere Seiten ereifert sich
Wolzogen in aller Schärfe gegen diesen Geldhandel, gegen Börse und Spekulationen,
gegen anonyme Aktiengesellschaften und Bankenherrschaft, gegen Gewinne, die nicht
auf Arbeit beruhten, gegen das moderne Kreditwesen, das die Unwissenden ins Elend
stürze. In all dem sieht er einen »Krebsschaden im Körper der deutschen Gesellschaft«,
eine tödliche Krankheit, die den sozialen und staatlichen Organismus ergreifen könne
und den Volkswohlstand zugrunde richten werde. Alles hänge von der Börse ab, »der
Grundbesitz geht in die Hypothekenschuld über, die Industrie wird zur ›Aktienge-
sellschaft‹, der Handel ist durch den Disconto beherrscht. Der Staat selbst befindet sich
ganz in der Macht der Bankfürsten, bei welchen er seine grossen Anleihen zu machen
hat und die ihm den – möglichst theuren – Ankauf seiner Staatsbahnen vermitteln.
Dadurch werden die reichen ›Häuser‹ immer noch reicher, indem sie alle Profite,
Prozente und Courssteigerungen schleunigst ›mitzunehmen‹ wissen. Das Volk aber
wird durchaus nicht demgemäss wohlhabender, zumal die grossen Anleihen meistens
in Rücksicht auf die militärischen Bedürfnisse des Staates gemacht werden müssen.«
Ohne alle Belege und gegen alles, was Marx speziell in Bezug auf den Finanz-
kapitalismus und dessen aggressive Akkumulationstendenzen bereits im 1848 veröf-

154 Hans von Wolzogen, Unsere Zeit und unsere Kunst, S. 163. Die folgenden Zitate auf den Seiten 163;
183; 187; 186; 164; 187.
120 Bayreuth und die Moderne

fentlichten Kommunistischen Manifest geschrieben hatte, behauptete Wolzogen, dieser


schweige zu all dem, weil der »abstrakte jüdische Verstand des modernen Sozialisten«
völlig und ganz bewusst das Wesen der Dinge übersehe, denn bei einer sozialisti-
schen Umgestaltung der Gesellschaft werde die Börse als »unerlässliche Vermittle-
rin, durchaus an ihrem Platze sein, um die gewaltigsten Prozente einzustreichen«
– woran, so unterstellte Wolzogen – die jüdischen sozialistischen Führer gewaltig
verdienen würden. Da Wolzogen sich die Verstaatlichung der privaten Industrie und
Unternehmen offenbar nur als deren Aufkauf durch den Staat vorstellen konnte –
eine mit Blick auf sozialistische Theorien und Absichten völlig abwegige Annahme
–, würden gewaltige Summen benötigt. Dadurch aber gelange der Geldhandel zu
einer »unerhörten Machtstellung« und werde riesige Profite abwerfen, die all jenen
zugutekämen, die diese Verstaatlichung zuvor betrieben hätten; gemeint waren die
(häufig jüdischen) Führer der sozialistischen Bewegung. Dieses Ziel lasse sich aber
nur erreichen, wenn die soziale Revolution nicht gewaltsam und plötzlich eintrete,
sondern sich in einem allmählichen Umwälzungsprozess vollziehe.
Es bedarf kaum grosser Anstrengungen um zu zeigen, dass Wolzogen weder der
Marxschen Wertlehre noch den daraus von Marx gezogenen Konsequenzen theo-
retisch auch nur annähernd gewachsen ist. Seine ›Einwände‹ beruhen überwiegend
auf scheinbar plausiblen Beobachtungen der Tagespolitik und erreichten in keinem
Fall die Ebene einer systematischen Theoriebildung. Sie wurden nicht einmal den
unterschiedlichen theoretischen Strömungen der Sozialdemokratie gerecht, die
von radikaler Revolution (Karl Liebknecht/Rosa Luxemburg) über zentristische
Vorstellungen (Karl Kautsky) bis hin zu Reformperspektiven (Eduard Bernstein)
reichten, im einen Fall etatistisch gedacht waren (Ferdinand Lasalle), im anderen
räte-demokratisch intendiert (Karl Marx). Wohl eher sind diese ›Argumente‹ der
vorgefassten Absicht verpflichtet, einer sozialen und ökonomischen Reform das Wort
zu reden, die im Prinzip den privatkapitalistischen Charakter der Gesellschaft, also das
Privateigentum, nicht antasten will, aber Grenzen und Einschränkungen hinsichtlich
seiner sozialen gesellschaftlichenVerpflichtung ziehen möchte. Insgesamt knüpfen die
Vorstellungen Wolzogens einerseits nur marginal an Überlegungen an, die Wagner in
seiner Dresdner Zeit in seinen Revolutionsschriften notiert hatte – etwa in Bezug
auf das Eigentum –, erinnern eher an die Auffassungen von Kathedersozialisten um
Gustav Schmoller, Lujo Brentano, Werner Sombart und Adolph Wagner, die mit je
unterschiedlichen Konzepten für eine soziale Umgestaltung der Gesellschaft, für
die Besserstellung und soziale Absicherung der Arbeiter bei Beibehaltung eines
liberalkonstitutionellen politischen Systems eintraten. Freilich, der Herausgeber der
Bayreuther Blätter bleibt auch hier an Problembewusstsein und Wissen hinter der
einschlägigen Theoriedebatte dieser Autoren zurück und erreicht kaum das Niveau
der Diskussion, das diese auch mit ihren politischen Gegnern führten.155

155 Vgl. als Überblick Fritz Völkerling: Der deutsche Kathedersozialismus, Berlin 1959; Hans-Jürgen
Scheler: Kathedersozialismus und wirtschaftliche Macht, Berlin 1973.
Kritik der Politik und der politischen Institutionen 121

Für Wolzogen stellt sich die Lösung der sozialen Frage wie folgt dar: da das Kapital
seiner Meinung nach der »Überschuss der Produktion (ist), welcher durch Fleiß und
Sparsamkeit über den Konsum hinaus erworben wird«156, soll dieses wieder reinves-
tiert werden, um so den nationalen Wohlstand insgesamt zu heben. Ein solches, »auf
natürlichen Verhältnissen« beruhendes Kapital werde dann zu einer »moralischen
Macht« und als »arbeitendes Kapital« zum »Schöpfer unserer Kultur, und zwar nicht
nur im Sinne eines dadurch dauernd geförderten, natürlichen Volkswohlstandes,
sondern auch in der höchsten geistigen Bedeutung.« Dieses Kapital müsse auch
den »Arbeitern des Geistes«, den Forschern und Künstlern, zugutekommen, der
»Überschuss des Fleißes« müsse den »Überschuss des Geistes« fördern und dürfe
keinesfalls durch individuelle Bereicherung dem Volk entzogen werden. Denn der
»nationale Nothstand« erwachse eben daraus, dass Kapital, anstatt der Steigerung der
Produktion, bloßen egoistischen Zielen zugeführt werde. Um dies zu verhindern
und gleichzeitig zu garantieren, dass Kapital mehr der »Unternehmung als dem
Unternehmer« diene, schlägt Wolzogen vor: »Zur Förderung der gesamten indust-
riellen Anlage von unten auf, von der Sicherung und Verbesserung des Lebens der
Arbeitenden bis empor zur Hebung und Vervollkommnung oder Erweiterung der
Arbeit selbst, soll das Kapital in segensreicher Weise zur natürlichen und menschen-
würdigen Verwendung kommen.«
Dazu bedarf es entsprechender Organisationen, etwa »einer Konföderation zwi-
schen Arbeitsherren und Arbeitern«, die auf dem Verhältnis der Gegenseitigkeit be-
ruhten und die Arbeiter durch »Antheilsrecht« am Gewinn des Unternehmens direkt
beteiligt – was spezielle »Kammern« unter Beteiligung der Obrigkeit kontrollieren
sollten. So etwa »Ackerbau-Kammern« für die Landwirtschaft, »Fabrik-Kammern«
für die Industrie, die aus den »Gemeindeverbänden« selbst hervorzugehen hätten.
Entsprechend diesem Föderationsgedanken sollte auch das Bankensystem aufgebaut
sein: als »föderatives Bank- und Kreditsystem« von »unten, von den Gemeinden
und Berufsgenossenschaften ausgehend«, als eine »natürliche Organisation«, »weil
innerhalb der Konföderation ein jedes Glied das andere kennt und seine Verhältnisse
zu übersehen vermag« – was unter anderem zur Folge habe, dass das Kapital »dem
ganzen Lande gleichmässig zu Guthe komme.«
Den von Constantin Frantz übernommenen Gedanken der Konföderation be-
zeichnet Wolzogen als den »grossen deutschen Gedanken« schlechthin, der sich bei
einer naturgemäßen Betrachtung wie von selbst immer einstelle. Konföderation sei
»der geistige Ausdruck der deutschen Nation selbst, wenn es sich um eine politische
oder soziale Organisation ihrer geschichtlichen Bildungen handelt. Die Verbindung
untereinander verschiedener Elemente zu Einem höheren Zwecke, bei gerechter
Anerkennung der Eigenart der Einzelnen, darf wohl überhaupt als die ideale Form
der zur moralischen Ordnung erhobenen Natur gelten; aber zugleich ist das eine
Idealität, welche im deutschen Volkswesen vor allen anderen ihre typische Realität

156 Hans von Wolzogen, Zur sozialen Frage, S. 189. Die folgenden Zitate auf den Seiten 189; 191; 191;
192.
122 Bayreuth und die Moderne

gewonnen hat« und überdies die »befreiende Macht«, um die soziale Frage aus dem
Versagen des Liberalismus herauszuführen und eine »gesunde und gefahrlose Reform
für unsere sozialen Zustände zu ermöglichen.«
Es ist naheliegend, das hier von Wolzogen für den sozialen und darüber hinaus
auch politischen Bereich propagierte Prinzip der Konföderation als eine Adaption
des von Wagner in seinem Kunstwerk der Zukunft (1849) skizzierten Modells einer
genossenschaftlichen Selbstorganisation des Volkes zu verstehen.157 Wagner war
bekanntlich in seinen revolutionären Schriften der Züricher Zeit davon ausgegan-
gen, dass die Künstler der Zukunft sich in eigenen Genossenschaften organisieren
würden und solche »freien künstlerischen Genossenschaften«158 dann »die Vorläufer
und Muster aller künftigen Gemeindeinstitutionen werden«159 könnten. Ihm galt die
genossenschaftliche und basis-demokratischeVernetzung aller gesellschaftlichen und
politischen Bereiche als ein universelles Organisationsziel für die von ihm avisierte
nachrevolutionäre Gemeinschaft, und für ihn war das Prinzip genossenschaftlicher
Selbstorganisation jene radikal-demokratische Alternative, die er dem in Europa
vorherrschenden und praktizierten Modell des nationalen Zentralstaates als seine
Vision von Autonomie und Herrschaftsfreiheit entgegen setzte. An dieser Idee, die
aus dem Arsenal des linken politischen Denkens im 19. Jahrhundert stammte, die von
Anarchisten, Sozialisten und Radikal-Demokraten mit unterschiedlichem Nachdruck
vertreten wurde, hat Wagner ein Leben lang festgehalten. Das hat ihn dauerhaft
in entschiedene Opposition zu jener Mehrheit gebracht, die in Deutschland, mit
Rückgriff vor allem auf Hegel, einen nationalen Zentralstaat befürwortete, diesen
in Preußen vorgebildet und 1871 in der Gründung des zweiten Kaiserreiches auch
realisiert sah. Dass Wagner zum Kaiserreich und seinem Gründer Bismarck in steter
Distanz und Abneigung verblieb, hatte neben einigen persönlich enttäuschenden
Erfahrungen etwa mit Bismarck160 auch seinen Grund in dieser prinzipiellen Option
für einen dem Genossenschaftsgedanken verpflichteten Gesellschaftsaufbau ›von
unten nach oben‹. Wolzogen erwies sich mit seinem Votum für eine Konföderation
auf allen gesellschaftlichen Feldern in der Tat zu Recht als Erbe Wagners, beflügelt
und theoretisch gestützt durch Constantin Frantz, der in seiner Zeit zu den ent-
schiedensten Gegnern eines politischen Zentralismus gehörte und unermüdlich für
sein Konzept einer deutschen und europäischen Konföderation kämpfte, weshalb
Wagner ihn außerordentlich schätzte und schon früh als Mitstreiter für die Bayreuther
Blätter gewinnen wollte.
Wolzogens Eintreten für eine föderale Wirtschaftsstruktur zur Lösung der sozialen
Frage musste, konsequent gedacht, auch für die Politik gelten, und so verwundert es
wenig, wenn aus dieser Perspektive auch der parlamentarische Konstitutionalismus

157 Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 234 ff.


158 Richard Wagner, Das Kunstwerk der Zukunft, in: GSD, Bd. 3, S. 161 und 166.
159 Richard Wagner, Die Kunst und die Revolution, in: GSD, Bd. 3, S. 40 f.
160 Hannu Salmi, Die Herrlichkeit des deutschen Namens. Die schriftstellerische und politische Tätigkeit Richard
Wagners als Gestalter nationaler Identität während der Vereinigung Deutschlands, Turku 1993.
Kritik der Politik und der politischen Institutionen 123

des Kaiserreiches seiner Ablehnung verfiel. Denn auch der konstitutionell gezähmte
Parlamentarismus, wie er im Bismarck-Reich auftrat und im Reichstag seine äußere
Form fand, folgte der Idee, dass das Volk durch seine parlamentarischen Repräsen-
tanten an zentraler politischer Stelle vertreten wurde. Das für das Reich geltende
allgemeine Wahlrecht verdichtete durch das ihm zugrunde liegende Prinzip der
Repräsentation den Willen des einzelnen Wählers auf eine 382 Abgeordnete zählende
Versammlung, von der – trotz aller beschränkten Mitwirkungsrechte – unterstellt
wurde, dass sie, soweit die Verfassung von 1871 das vorsah – legitim für das Volk
insgesamt handeln und entscheiden konnte, vor allem das Budget-Recht innehatte.161
Wolzogens Haupteinwand162 bezog sich auf das Prinzip der parlamentarischen
Repräsentation, dem bekanntlich die Idee zugrunde liegt, durch Wahl den Willen
von Wählenden auf die zu wählende Person zu übertragen und im Vertrauen dar-
auf, dass mit der Wählerstimme kein Missbrauch getrieben wird, dem Gewählten
Willensbildungs- und Entscheidungskompetenzen einzuräumen, die aus praktischen
Gründen nicht von allen Wählern selbst ausgeübt werden können. Parlamentarische
Repräsentation beruht auf der Fiktion, der individuelle Wählerwille werde auf ei-
nen politischen Abgeordneten übertragen, der dann im Auftrag und an Stelle seiner
Wähler sein (freies) Mandat ausübt.
An dieser, aus Gründen der Legitimation des Abgeordneten unterstellten Wil-
lensübertragung setzt Wolzogens Kritik an. Sein erster Einwand richtet sich gegen
die »Fiktion der Gleichartigkeit des Volkswillens«, weil diese das Volk als Abstraktum,
nicht in seiner konkreten Unterschiedlichkeit denke – ein Einwand, der aus dem
konservativ-völkischen Lager stammt; sodann widerspricht er der Unterstellung,
der individuelle Wille eines Menschen könne auf einen anderen übertragen werden,
was auch heiße, dass nicht »Tausende« ihren Willen auf einen einzigen Menschen
übertragen könnten – ein Argument, das schon Jean-Jacques Rousseau in seinem
Contrat social (1762) gebraucht hatte; weiter glaubt er, dass der Wille so vieler mani-
puliert werden könne und somit der Wähler nicht entsprechend seinen wirklichen
Überzeugungen abstimme; problematisch erscheint ihm auch, dass potentielle Ab-
geordnete ihren Wählern »nach Charakter und Fähigkeiten« nicht wirklich bekannt
sind, dass sie eher von ihren Parteien abhängen als ihrem eigenen Urteil folgen; und
schließlich hält Wolzogen es für einen gravierenden Fehler, dass die Wähler »über

161 Zur genaueren Verfassungsstruktur des Deutschen Reiches vgl. Thomas Nipperdey, Deutsche
Geschichte 1866–1918, Bd. II Machtstaat vor Demokratie, S. 85 ff. Das deutsche Kaiserreich hatte
eine Mischverfassung aus unterschiedlichen Elementen, es war ein Bundesstaat und keineswegs
ein zentralistischer Einheitsstaat, es war »Bund der Gliedstaaten und Staat der Nation zugleich«
(S. 98), arbeitete in einem komplizierten Zusammenspiel zwischen dem Kaiser, den Bundesstaaten
im Bundesrat, dem Reichskanzler, den Staatssekretären (Ministern) sowie dem Reichstag. Es war
seiner Verfassung nach ein höchst eigenwilliges Konstrukt, das die föderale Tradition Deutschlands
mit der zentralen Staatsidee Preußens verband und in dessen Reichstag die liberale Theorie des
Parteienstaates ihren Ausdruck fand.
162 Zum folgenden Hans von Wolzogen: Ueber den politischen Liberalismus, ebenda, S. 341 ff. Die fol-
genden Zitate S. 342 (ebenso die Einwände); 343 (ebenso die Einwände); 344 f.
124 Bayreuth und die Moderne

die Hauptfragen der Legislaturperiode (nicht) einigermaßen vorher unterrichtet«


seien, so dass vollständig unklar bleibe, ob ein Abgeordneter für die Vertretung der
Wähler-Interessen überhaupt geeignet sei und wie er sich bei neu auftauchenden
Problemen und Konflikten verhalte. Folgt aus alledem: »mit der Uebertragung des
Volkswillens sieht es ziemlich übel aus.«
Weitere Einwände betreffen den Begriff des Volkes. Nach Wolzogen ist »das Volk«
in seiner Vielfältigkeit nicht identisch mit »allen Wahlfähigen eines Wahlkreises«. Das
Volk umfasse rein zahlenmäßig mehr als die Zahl der Wahlberechtigten und es sei
überdies nicht homogen, sondern durch berufliche wie landsmannschaftliche Unter-
schiede in sich differenziert, weshalb es unsinnig sei, vom abstrakten Volkswillen zu
reden, weil der »keine entsprechende Repräsentation, sondern überhaupt gar keine
Existenz« besitze. Somit handele es sich bei Wahlen nicht »um die Gleichartigkeit
des gesamten Volkswillens, sondern um die Majorität desselben und diese kommt im
Parlament zur Geltung.« Anders formuliert: »Der Wille des Volkes wird durch den
Willen der Majorität majorisiert«, aber diese ›Majorität‹ sei, gemessen an der Zahl
aller zum Volk gehörenden Menschen, in Wirklichkeit die Minorität des Volkes, so
dass gelten müsse: »Der ›Volkswille‹ wird durch die Minorität majorisiert!«
Nach diesen ›Einwänden‹ gegen das allgemeine Wahlrecht, die einmal aus der Per-
spektive des Individuums – und des Transfers seines politischen Willens ins Parlament
–, ein andermal aus der Perspektive des Kollektives – und dessen Partikularisierung
durch die Parteien – vorgetragen werden, nimmt sich Wolzogen die politischen
Parteien vor, denen er die Fähigkeit zu verantwortlichem Regierungshandeln
abspricht, wie er ebenso das Parlament als eine rein rhetorische und undeutsche
Veranstaltung abqualifiziert: »Das Talent, welches hier floriert, ist eben das abstrakte
Advokaten-Talent des modernen Parlamentarismus, die dialektische Geschicklich-
keit eines aus dem politischen Zwischenhandel hervorgegangenen höheren Zwi-
schenhändlerthums einer als Minorität enthüllten Majorität von ›Stimmen‹, welche
sich schließlich wiederum auf die paar Kehlen einzelner Parteiführer – richtiger:
Parteiredner (Parlamentarier) reduzieren, die nun mit dem ›grossen Wort‹, das sie
führen, über das Wohl und Wehe des Volkes entscheiden. Der gewandteste Parlator,
Rhetor und Sophist der parlamentarischen Tribüne erscheint dann als der wahre
Mann des Volkes, als der ideale Abgeordnete, und prägt, ohne irgendetwas für das
thatsächliche Volkswohl produziert zu haben, einer ganzen Periode des Staatslebens
den Stämpel seiner ›Persönlichkeit‹ oder – noch schlimmer – seines Stammes auf.
Denn zur erfolgreichen Besorgung seines grossen parlamentarischen Geschäftes, hat
er es durchaus nicht etwa nöthig selber deutsch zu sein, damit er, in deutschenVerhält-
nissen aufgewachsen und mit ihnen eng verknüpft, ein lebendiges Bewusstsein davon
habe, was deutsch sei, und was Deutschland zu seinem wahren Wohle bedürfen.«
Der moderne – oder: liberale, wie Wolzogen durchgängig sagt – Parlamentaris-
mus wird hier mit der Börse parallelisiert, die Abgeordneten mit Börsenspekulanten
gleichgesetzt, die Institution des Parlamentes – wie die der Börse – als ›undeutsch‹,
und das heißt im Klartext: jüdisch abqualifiziert. Ohne die Juden selbst zu nennen,
insinuiert Wolzogen aber ganz eindeutig diese Zuschreibung: »Unter dem günstigen
Kritik der Politik und der politischen Institutionen 125

Schutze des liberalen Prinzipes und in der bequemen Form des modernen Parlamen-
tarismus« habe das »undeutsche Element« die Gesetzgebung des Reiches bestimmt,
seien die Parlamente »aus der Komödie der Wahlen« hervorgegangen, hätten die
Parteien ihre Wähler als »Stimmvieh« betrachtet. Alle antiliberalen und antisemiti-
schen Stereotypen werden hier aktiviert und überlagern polemisch die an Wagners
Genossenschaftsmodell erinnernde sachliche Forderung nach einem konföderativen
Gesellschafts- und Staatsmodell. Dem strukturellen und organisationstheoretischen
Vorbehalt gegenüber dem konstitutionell eingehegten Parlamentarismus, der sich
jenseits aller Polemik analytisch nachvollziehen lässt, gesellen sich irrationale Vor-
urteile antisemitischer Provenienz hinzu und sie überdecken damit nicht nur das
rationale Abwägen denkbar unterschiedlicher Verfassungsvorstellungen, sondern
diskreditieren diese insgesamt so als ideologisch fundamentiert.
Wolzogen verbleibt allerdings nicht nur bei der Kritik des modernen parlamen-
tarisch-konstitutionellen Verfassungsgedankens, sondern stellt ihm in einer kurzen
Skizze das Modell eines »deutschen Parlamentarismus« entgegen, das den schon
erwähnten Gedanken der ›Konföderation‹ auf eine eigene Weise aufnimmt.163 Er
geht aus von den »landschaftlichen Gemeinden« als der natürlichen, durch Sitte
und »gemeinsame Not« gebildeten Existenzgrundlage der Menschen, die für ihn
organische Körperschaften sind. Diese »Zellen des ganzen Volkskörpers« sollen für
ihren BereichVertreter wählen, deren Kompetenzen auf die eigenen Angelegenheiten
begrenzt bleiben.Aus diesen Vertretern sollte dann ein Rat gebildet werden, »der aus
genauester und längster Bekanntschaft weiss, was der betreffenden Volksgemeinde
Not tut und ihren Verhältnissen entspricht.« Dieser Gemeinderat stellt dann die
Abgeordneten für den Kreisrat, der die Gemeindeinteressen aufnimmt, abwägt und
koordiniert. Über diesen Gemeinderäten stehen Landschafts- oder Provinzialräte,
die sich aus den Gemeinderäten rekrutieren und deren Interessen wiederum auf-
nehmen, abwägen und koordinieren: »So steigt der natürliche Parlamentarismus
eines Landes, für immer weitere Regionen, immer höher hinauf, bis endlich die
gewählten Abgeordneten der Einzelnen Staatsräte den Reichsrat bilden, welcher
nur noch über die höchsten Reichsangelegenheiten, unter voller Berücksichtigung
der Einzelnen, persönlich vertretenen Staatsinteressen, natur- und vernunftgemäss
zu berathen und zu entscheiden hat.«
Parallel zu diesem Aufbau stellt sich Wolzogen eine berufsständische Interessen-
vertretung vor, die sich aus Grundbesitzern und in der Landwirtschaft Tätigen, aus
Geistlichen, aus Vertretern verschiedener berufsständischer Organisationen, unter
anderem auch dem Bereich der Kunst, in einem Herrenhaus der Stände zusam-
menfindet und in Abwägung ihrer Einzelinteressen zu einem Allgemein-Interesse
finden soll. »Das höchste Ständehaus würde dergestalt die legislatorische Thätigkeit
des grossen Wahl-Parlamentes noch sicherer auf der Bahn der natürlichen Notwen-
digkeit erhalten helfen.«

163 Ebenda, S. 346 (Deutscher Parlamentarismus). Die folgenden Zitate auf den Seiten 346 bis 350.
126 Bayreuth und die Moderne

Dies politischen Institutionen müssten sich allerdings – so Wolzogen – in ihrem


Handeln durch die Religion und durch »unsere Kunst« leiten lassen, die beide über
die rein pragmatisch-politischen Zielsetzungen hinausgingen und durch Ideale
in der »Welt des Wahnes … beglückende Hoffnungen hegen und pflegen.« Was –
entsprechend dem Bayreuther Gedanken – dazu führen solle, »nicht mehr eigentlich
als politische, sondern als künstlerische Menschen und ganz und gar als die Jünger
unseres Meisters uns fühlen (zu) dürfen« und dabei schon zu erkennen, »wie wir
den Weg zur Befreiung von dem auf uns Allen lastenden Drucke des Weltlichen und
Geschichtlichen bereits mit Entschiedenheit beschritten haben.«
Zu dieser ›Vision‹ Wolzogens gehört, dass die Bayreuther Blätter 1891, mitten in der
in Deutschland geführten Debatte um ein zu schaffendes Bürgerliches Gesetzbuch,
das die im Kaiserreich noch immer geltenden unterschiedlichen Rechtsvorschriften
der Bundesländer vereinheitlichen sollte, von Felix Dahn einen Aufsatz druckten,
der für die vollständige Abschaffung des römischen Rechts und – in Anlehnung an
frühliberale Theoretiker wie Friedrich Christoph Dahlmann164 und Karl Theodor
Welcker165 – für die Einführung eines genuin deutschen Rechts germanischer Pro-
venienz und Charakters plädierten. Dahn, nicht nur berühmter Autor des Romans
Ein Kampf um Rom (1876), sondern auch Historiker und Professor für Rechtswis-
senschaften, beschloss seinen Beitrag, in dem er in vielfältigen Beispielen und Aus-
deutungen dem an allgemeinen Probleme orientierten römischen Rechtsdenken
das am Fallrecht orientierte germanische Rechtsdenken entgegensetzte, mit den
Sätzen: »Man hat einen Entwurf ausgearbeitet, dessen Einführung für ein nationales
Unglück erklärt werden muss: er ist undeutsch in Geist, Sprache und seinem ganzen
Inhalt … Dieser Entwurf ist eine Niederlage des Deutschthums, wie sie seit der
Aufnahme des Fremdrechts im XIV. Jahrhundert und der Schlacht von Jena nicht
mehr erhört sind. … Änderungen im Einzelnen … können Geist und Sprache des
Gesetzbuches nicht mehr umgestalten: sie bleiben undeutsch und volkswidrig, und

164 Friedrich Christoph Dahlmann (1785–1860), Historiker und politischer Theoretiker, Mitglied
der gegen den Verfassungsbruch von König Ernst August von Hannover 1837 protestierenden
›Göttinger Sieben‹, verlor danach seine Professur, wurde 1842 an die Universität Bonn berufen,
war 1848Verfassungsberater undVerfassungsreferent der Nationalversammlung, wirkte entschieden
in den deutschen Einigungsbestrebungen des 19. Jahrhunderts mit und besaß hohen Einfluss als
akademischer Lehrer. Als sein Hauptwerk gilt: Die Politik auf den Grund und das Maß der gegebenen
Zustände zurückgeführt, (Göttingen 1835), Berlin 1924; Frankfurt/M. 1968 und 1997.
165 Karl Theodor Welcker (1790–1869), Jurist und Hochschullehrer in Gießen, Kiel, Bonn und Freiburg/
Br., war einer der führenden Vertreter des süddeutschen, französisch beeinflussten Frühliberalismus.
Von 1831–1851 Mitglied der Zweiten Badischen Kammer, 1832 seiner entschieden liberalen
Auffassungen wegen vorzeitig in den Ruhestand versetzt. 1848/49 Mitglied der Frankfurter
Nationalversammlung, arbeitete mit Dahlmann und Karl von Rotteck zusammen und gab mit
diesem das berühmte Rotteck-Welckersche Staatslexikon (Altona 1834–1843) heraus. Hauptwerk:
Die letzten Gründe von Recht, Staat und Strafe. Philosophisch und nach den Gesetzen der Merkwürdigsten
Völker rechtshistorisch entwickelt (Gießen 1813), Aalen 1964. Sowohl Dahlmann wie auch Welcker
waren in ihren Rechtsauffassungen durch das angelsächsische Recht beeinflusst. Einführend Udo
Bermbach, Liberalismus, in: Pipers Handbuch der politischen Ideen, Bd. 4 Neuzeit: Von der französischen
Revolution bis zum europäischen Nationalismus, München 1986, S. 350 ff.
Kritik der Politik und der politischen Institutionen 127

auf unabsehbare Zeit hinaus ist das echt deutsche Rechtsleben in unserem Volk
durch ein Fremdrecht erdrückt, das vom Volk nie verstanden, nie geliebt, von allen
Freunden des hingemordeten Deutschen Rechts aber bitter gehasst werden wird.«166
Elemente von Wolzogens Konzept eines ›deutschen Parlamentarismus‹ wurzelten
nicht nur in der organisch-konservativen Staatslehre des 19. Jahrhunderts, wie sie
mit den Namen Josef Görres, Friedrich Wilhelm Josef Schelling, Novalis, Adam
Müller oder auch Carl Ludwig von Haller verbunden ist167;Wolzogen machte auch
Anleihen an den Begründungen zu Theorien des Genossenschaftsrechts, wie es etwa
Otto von Giercke168 entworfen hat. Mit dieser seltsamen Mischung, die er als »urger-
manisch« ausgibt und die Rückgriffe vornimmt auf Topoi des sozial-konservativen
Denkens seiner eigenen und der vorausliegenden Zeit, ergänzt durch Elemente
jenes ›Germanenmythos‹, wie ihn die Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts
konstruierte169, steht er – und mit ihm die Bayreuther Blätter sowie der gesamte Bay-
reuther Kreis – indessen abseits der Hauptdebatte um den politischen wie rechtlichen
Ausbau der Reichsverfassung, die sich eher um die Frage der Parlamentarisierung
der Reichsverfassung, d.h. der Vereinbarkeit parlamentarischer Regierung mit den
Eigentümlichkeiten des deutschen monarchischen Konstitutionalismus drehte, in dem
rechtlich gesehen die Vertreter der Bundesländer, also der Bundesrat, die eigentliche
Reichsregierung bildete.Wie diese föderative Konstruktion mit einem Parlamenta-
rismus vereinbar sein sollte, in dem reichsweit zentral organisierte Parteien agieren,
der Reichstag Gesetzgebungsorgan und die Staatssekretäre zu verantwortlichen
Ministern hätten werden sollen – das war die eigentliche verfassungspolitische und
verfassungsrechtliche Frage, welche die entsprechenden Debatten bis zum Ende der

166 Felix Dahn, Das Deutsche Volk und das römische Recht, in: BBl 1891, S. 265 ff.; das Zitat auf S. 274.
Dahn (1834–1912) war promovierter und habilitierter Jurist, lehrte an den Universitäten Würz-
burg, Königsberg und Breslau Rechtswissenschaft. Er schrieb Die Könige der Germanen, 11 Bde.,
1861–1909, publizierte zu allen wichtigen Rechtsfragen. Bestseller-Autor wurde er mit seinem
bis heute immer wieder aufgelegten Roman Ein Kampf um Rom (1876), der den Untergang des
spätrömischen Reiches und den Sieg der Germanen schilderte und der sich tief ins kollektive
Gedächtnis der deutschen Nation einprägte. Danach erschienen eineVielzahl historischer Romane
aus derVölkerwanderungszeit, die alle zur Konstruktion des zitierten ›Germanenmythos‹ beitrugen
und Dahn unterstützte viele Aktivitäten, die dem ›germanischen Charakter‹ der Deutschen wieder
bewusst machen sollten.Vgl. auch Kurt Frech, Felix Dahn. Die Verbreitung völkischen Gedankenguts
durch den historischen Roman, in: Uwe Puschner et al. (Hg.), Handbuch zur »Völkischen Bewegung«,
S. 685 ff.
167 Vgl. dazu Jakob Baxa, Gesellschaft und Staat im Spiegel deutscher Romantik, ausgewählt, eingeleitet
und erläutert von Jakob Baxa, Jena 1924; derselbe, Einführung in die romantische Staatswissenschaft,
Jena 1931; Erich Kaufmann, Über den Begriff des Organischen in der Staatslehre des 19. Jahrhunderts,
Heidelberg 1908;Volker Stanslowski, Natur und Staat. Zur politischen Theorie der deutschen Romantik,
Opladen 1979; sowie allgemein: Martin Greiffenhagen, Das Dilemma des Konservatismus in Deutsch-
land, München 1971 und Panajotis Kondylis, Konservativismus. Geschichtlicher Gehalt und Untergang,
Stuttgart 1986.
168 Otto von Giercke, Das deutsche Genossenschaftsrecht, 4 Bde., Berlin 1868, 1873, 1881, 1913.
169 Ingo Wiwjorra, Der Germanenmythos. Konstruktion einer Weltanschauung in der Altertumsforschung des
19. Jahrhunderts, Darmstadt 2006.
128 Bayreuth und die Moderne

Monarchie in der Revolution von 1918 beherrschte.170 Bemerkenswert war allerdings,


dass Wolzogen in seinen abschließenden Sätzen Wagners Zielsetzung einer Überwin-
dung der Politik und des Politischen durch Kunst und ästhetische Lebenserfahrung
in sein Konzept hineinlas und diese Position »unseres Meisters und der Deutschen
Kunst« zum legitimatorischen Kern seines Konföderationsgedankens machte –
einer jener Anschlüsse an Wagners Denken, durch die sich die Erbe-Verwalter als
authentische Interpreten mit dem ›Meister‹ vollkommen eins wussten, mit denen
indessen die inhaltlichen Uminterpretationen und ›Weiterentwicklungen‹ lediglich
kaschiert wurden.
Man wird freilich nicht behaupten dürfen, dass die Bayreuther Adaption der
Konföderalismus-Ideen von Constantin Frantz von allen Erbe-Verwaltern Wagners
vorbehaltlos und zustimmend geteilt worden sind. Es gab auch im Bayreuther Umfeld
abweichende Vorstellungen von einem ›deutschen Staat der Zukunft‹, prägnant etwa
bei Chamberlain, der andere Akzente setzte und auch ein anderes Organisationsmo-
dell als das von Frantz/Wolzogen favorisierte. Seine Überlegungen veröffentlichte
er nicht in den Bayreuther Blättern, sondern in mehreren kleineren ›Kriegsschriften‹
während der Jahre des Ersten Weltkriegs,171 von denen er später, in seinen Lebenser-
innerungen, sagte, sie seien zwar »leidenschaftliche Improvisationen« gewesen, aber
»nichtsdestoweniger wohlausgereifte Früchte eines lebenslangen Sinnes«: »Daher auch
das unerwartete Ergebnis, dass meine Politischen Ideale mit einem Sprung eine meiner
verbreitetsten Schriften wurde; auch Demokratie und Freiheit sowie Der demokratische
Wahn – von der Presse totgeschwiegen – bahnten sich den Weg in weite Kreise«.172
Unter diesen Schriften nimmt der schmale und erfolgreichste Band Politische Ideale
insofern eine Sonderstellung ein, als Chamberlain – im Unterschied zu Wolzogen
– hier den Versuch macht, seine Auffassung von Staat und Gesellschaft systematisch
zu entwickeln und zu begründen. Chamberlain, der in all seinen Schriften immer
wieder betonte, als naturwissenschaftlich Gebildeter in seinen Analysen streng ob-
jektiv zu verfahren, unternahm es hier, zunächst ›die Natur‹ des Menschen zu be-
stimmen, sodann zu zeigen, weshalb die zu seiner Zeit anwachsenden Forderungen
nach Demokratie mit dieser Natur unvereinbar seien, um dann zu einer ›objektiven‹
Bestimmung des Staates und der Gesellschaft überzugehen und auf dieser Basis die

170 Vgl. dazu zusammenfassend Otto Kimminich, Deutsche Verfassungsgeschichte, Baden-Baden 1987,
S. 428 ff. Zur zeitgenössischen Diskussion u.a. Max Weber, Zur Politik im Weltkrieg. Schriften und
Reden 1914–1918, hg. von Wolfgang Mommsen, (Max-Weber-Gesamtausgabe), Tübingen 1988;
Hugo Preuß, Das deutsche Volk und die Politik, Jena 1915 sowie derselbe, Gesammelte Schriften, Bd. 1:
Politik und Gesellschaft im Kaiserreich, Tübingen 2007.
171 Houston Stewart Chamberlain, Politische Ideale, München 1916; derselbe, Kriegsaufsätze 1. und 2.
Reihe, München 1915 sowie derselbe, Demokratie und Freiheit, München 1917. Zu diesen Schriften
vgl. die allerdings in Teilen polemisch vergröberte Darstellung von Geoffrey G. Field, Evangelist of
Race.The Germanic Vision of Houston Stewart Chamberlain, New York 1981, S. 352 ff, bes. S. 364 ff. Es
ist auffallend, dass Chamberlain während der Kriegsjahre und danach kaum noch in den Bayreuther
Blättern veröffentlichte, was vermutlich auch mit seiner schweren Erkrankung zusammenhing, die
ihm ein kontinuierliches Arbeiten zunehmend weniger erlaubte.
172 Houston Stewart Chamberlain, Lebenswege meines Denkens, S. 6.
Kritik der Politik und der politischen Institutionen 129

Organisation beider sowie die entscheidenden Prinzipien ihres Handelns und des
menschlichen Zusammenlebens abschließend zu formulieren. An keiner anderen
Stelle seines umfangreichen publizistischen Werkes hat Chamberlain seine politi-
sche Position so knapp und präzise formuliert wie in diesem Buch, und da seine
Haltung in ihrer öffentlichen Wirkung173 für die Wahrnehmung Bayreuths sehr viel
entscheidender gewesen ist als die von Wolzogen, soll im Folgenden etwas genauer
darauf eingegangen werden.
Chamberlain beginnt, wie bereits erwähnt, mit der Bestimmung des Menschen,
der zum einen »Natur« ist – insofern er »einem unermeßlichen Ganzen der Natur
angehört«174 –, zum anderen »Freiheit« – insofern er als das aristotelische ›zoon po-
liticon‹ auftritt. Die Zugehörigkeit des Menschen zur Natur ist tief eingewurzelt,
bindet ihn ein in die natürlichen Bedingungen seiner Existenz, die er zugleich formt,
verändert, entwickelt und nutzt. »Grundanschauungen, Grundtriebe, Bildungsstoff,
wirtschaftliche Beziehungen, Kunstformen, Gedankenrichtungen« sind hier, in der
menschlichen Natur, verankert und bestimmen in einem weiteren Sinne auch die
Politik. Die – modern gesprochen – Evolution des sich seiner Natur bewusst wer-
denden Menschen schafft jene Voraussetzungen, aufgrund derer Einzelne mit ihren
großen Erfindungen die Entwicklung der Menschheit vorantreiben können, denen
die Politik dann hinterherhinkend den Rahmen gibt. Es sind die Ideen und Ideale,
die historische Entwicklungsabschnitte aus sich heraustreiben und die große Geister
für ihre Einsichten und Erfindungen nutzen, ohne schon die daraus resultierenden
Konsequenzen abschätzen zu können.
Aber die »Politik des Menschen als Natur« baut nicht nur auf, sie zerstört auch,
etwa durch Urbarmachen von Landschaften, sie ist »von unberechenbarem und oft
verhängnisvollem Einfluß auf das Leben des Staates«, und deshalb kommt es darauf
an, »diese mächtigen, unüberwindlichen Kräfte ebenso wissenschaftlich klar zu
erkennen, wie wir die anderen Kräfte der Natur erkennen gelernt haben, mit dem
Erfolg, dass es dann … gelingen müßte, ›Natur‹ in einem gewissen Sinn und Maß zu
bändigen, zu leiten und auf diesem Wege zu Leistungen heranzuführen, von denen
die Menschheit – bisher stets von blödsichtiger Augenblicks- und Interessenpolitik
hin- und hergeworfen – nicht das Geringste noch ahnt?«
Diese Aufgabe ist dem »Menschen als Freiheit« gestellt, der, um die treiben-
den Kräfte der Gesellschaft zu erkennen, sich der naturwissenschaftlichen Analyse
bedienen sollte und aufgrund der hieraus gewonnenen Einsichten eine »wirklich
wissenschaftliche Politik (entwickeln sollte, U.B.), … welche sich nicht auf die op-
portunistische Lösung drängender Gegenwartsfragen beschränkte, sondern besonnen
erforschte und genau erfaßte, was der Mensch ›als Natur‹ schafft und welche Mög-
lichkeiten für den weiteren Weg offenstehen, zugleich feststellen, was jetzt geschehen

173 Das belegen die kurz hintereinander folgenden hohen Auflagen, welche Chamberlains Schriften
in den Kriegsjahren erreichten – und darüber hinaus bis zum Ende des Dritten Reiches.
174 Houston Stewart Chamberlain, Politische Ideale, S. 9. Die folgenden Zitate auf den Seiten 13; 18;
19 f.; 22.
130 Bayreuth und die Moderne

muß, damit die Menschheit nicht einem weltuntergangsartigen Zusammenbruch mit


Rückfall ins Bestialische entgegenströme (wie es allen Anschein hat), sondern diese
drohende Todesgefahr überwinde und im edlen Gebrauche der dienstbar gemachten
Naturkräfte einer hohen Zukunft entgegenwachse …«.
Dass diese Forderung »im Augenblick« nur Deutschland erfüllen könne, wie
Chamberlain meint, weil alle anderen Nationen unfähig sind, »diesen Gedanken einer
neuen, höheren Einsicht folgenden Orientierung menschlicher Politik zu erfassen«,
sei nur der Vollständigkeit angefügt, ist für die anthropologische Grundlegung der
Politik indessen kein notwendiges Additiv.
Notwendig dagegen ist die Folgerung – so sieht es Chamberlain – zu sagen,
was man nicht wolle. Mit Berufung auf ein Wagner-Zitat aus dessen anarchistischer
Phase unmittelbar vor der Dresdner Revolution – »Wir dürfen nur wissen, was wir
nicht wollen, so erreichen wir aus unwillkürlicher Naturnothwendigkeit ganz sicher
das, was wir wollen, das uns eben erst ganz deutlich und bewußt wird, wenn wir
es erreicht haben: denn der Zustand, in dem wir das, was wir nicht wollen, besei-
tigt haben, ist eben derjenige, in welchem wir ankommen wollten«175 – rechnet er
mit den Parolen der Französischen Revolution von 1789 ab, geißelt deren Losung
›Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‹ als »Triumphbogen, durch den die Mensch-
heit ins Chaos marschiert«176 und als eine Forderung, deren Menschenbild »der
Wahrheit der Natur direkt widerspreche.« Weder seien die Menschen frei geboren,
noch habe die Natur sie gleich geschaffen, und auf Brüderlichkeit könne kein Staat
aufgebaut werden. Es handele sich zwar um »erstrebenswerte Ziele«, »nicht aber
um eine mögliche politische Grundidee.« Denn in der Praxis bedeutete diese Trias
»Ungehorsam, Unehrerbietigkeit, Hass«. Darüber hinaus sei die Revolution in ihrer
politischen Perspektive reaktionär: sie wolle zurück zu einer Demokratie, die ihr
Vorbild in der Polis des antiken Griechenlands sehe, ihre republikanische Form im
antiken Rom – beides historisch überholte Politikverfassungen, die überdies auf der
Unterdrückung unzähliger Sklaven und deren Arbeit beruht hätten.
Daher – und dies ist die nächste Folgerung – sei die Demokratie »theoretisch
mißglückt und vor der Geschichte gescheitert«, weil sie den Staat vom Menschen aus
denke, von vereinzelt lebenden Menschen, während »von Natur aus« sich die Sache
gerade umgekehrt verhalte. Rousseaus Annahme, der Staat sei aus einem Vertrag sich
zusammenschließender Menschen entstanden, verkehre die natürliche Entstehung
des Staates ins Gegenteil: »Nicht der Mensch macht den Staat, sondern der Staat
macht den Menschen.« Da der Mensch, so Chamberlain, »ohne jeden Anfang von
Vergesellschaftung ein armseliges Tier, die bejammernswerteste Bestie auf Erden«
wäre, hat die Natur dafür gesorgt, dass er stets schon in gesellschaftlicher Ordnung
lebt, »unter bestimmter Verteilung der Pflichten und Lasten und Ämter.« Und stets
war der Einzelne eingefügt in die Gemeinschaft, zu deren Erhalt er beizutragen

175 Richard Wagner, Das Künstlerthum der Zukunft, in: GSD, Bd. 12, S. 256.
176 Houston Stewart Chamberlain, Politische Ideale, S. 29. Die folgenden Zitate und Verweise auf den
Seiten 29; 33; 34; 70 f.; 44; 46; 46; 46; 48; 56; 56; 56; 59 f.
Kritik der Politik und der politischen Institutionen 131

hatte. Wenn der westlich-demokratische Gedanke von den Rechten des Einzelnen
ausgehe, so verstoße er gegen die Natur des Menschen; denn aus dem Individuum
allein entstünden »weder Sprache noch Civilisation noch Kultur, weder Recht noch
Kunst noch Wissenschaft noch Religion; alle diese Güter, welche das Leben uns Men-
schen erst lebenswert machen, sind an den Staat gebunden; wäre der Mensch nicht
ein aus Naturnotwendigkeit staatenbildendes Tier, es gäbe von alledem nichts. …
Hieraus ergibt sich die zwingende Folgerung, dass die politische Grundfrage von der
Revolution falsch gestellt ist: denn sie hat nicht zu lauten: was hat der Einzelmensch
als Recht von dem von ihm begründeten Staat zu fordern? sondern: was hat der
Staat, der den Menschen erst zum Menschen macht, um seines Fortbestehens und
Gedeihens willen von jedem Einzelnen zu fordern? … In sämtlichen Erscheinungen
der Natur, ohne Ausnahme, besitzt das Einzelwesen keinen Eigenwert, und selbst der
hervorragendste Einzelne verdient in ihren Augen nur insofern Beachtung, als seine
Leistung Bezug auf die Gesamtheit gewinnt. Die Natur – und was ist diese, wenn
nicht Gottes Wille in die Tat umgesetzt? – fragt nicht nach Rechten und Wünschen
und Verdiensten des Einzelnen …«.
Chamberlain bestimmt den Staat als eine ordnende, hierarchisch gestufte Or-
ganisation, deren Ziele wie Lebensbewahrung, Schutz der Familie, Garantie des
Besitzes, kurz: die Geltung der bürgerlichen Werte sich aus ihrer Bestimmung, auf
Dauer angelegt zu sein, ergäben. Um diese Werte auch zu bewahren, plädiert er
für die Verstaatlichung der Banken, damit der Staat über seine Finanzpolitik seinen
Aufgaben nachkommen könne. Dem »Milliardär- und Monopolunwesen« könne
so entgegentreten werden, und »Landbau, Industrie und Handel« uneingeschränkt
gefördert werden.
Wie die Demokratie, so verfällt auch der Parlamentarismus einer kompromiss-
losen Ablehnung. Parlamente sind für Chamberlain »Schwatzbuden«, in denen die
»Auslese der Engstirnigen und Hohlredenden« zusammenkommt: »Es läßt sich mit
wissenschaftlicher Bestimmtheit vorausberechnen, daß, bei allgemeinem Wahlrecht,
auf einen fachkundigen und innerlich redlichen Vaterlandsfreund, fünf Schwätzer
und ebenso viele Geschäftspolitiker werden gewählt werden.«
Und dies vor allem deshalb, weil das Majoritätsprinzip die schlechteste aller
Auswahlregeln darstellt, die Mehrheit selbst inkompetent und nur an kurzfristigen
Interessen orientiert sei, »stupide« und »widerwärtig«, manipulierbar, wie Gustave
LeBon, auf den Chamberlain sich beruft, nachdrücklich gezeigt habe.177 Das par-
lamentarische System wie das allgemeine Wahlrecht seien daher für Deutschland
nicht der Weg in die Zukunft, wie sich – so meint Chamberlain – ja bereits an den
westlichen Staaten zeige, die mehr und mehr degenerierten: »Bei dem System des

177 Gustave LeBon (1841–1931) war Mediziner, betätigte sich als Anthropologe, Ethnologe und Ar-
chäologe, und gilt mit seinem Hauptwerk Psychologie des foules, dt. Psychologie der Massen (1895), als
Begründer der Massenpsychologie, mit Wirkungen sowohl auf die wissenschaftliche Psychologie
wie die praktische Politik. Psychologie der Massen, Stuttgart 2008.Vgl. Serge Moscovici, Das Zeitalter
der Massen. Eine historische Abhandlung, Frankfurt/M. 1986.
132 Bayreuth und die Moderne

allgemeinen Wahlrechts mit parlamentarischen Majoritätsbeschlüssen ist es mathe-


matisch sicher, daß immer so schlecht regiert wird, wie gerade noch möglich, wenn
die ganze Staatsmaschine nicht auseinanderstieben soll.«178
Aus der Ablehnung dessen, was ist, lässt sich das, was sein soll, nicht detailliert
herauslesen; wohl aber lassen sich »Richtlinien« und »Prinzipien« erkennen, die
die Zukunft bestimmen sollen. Dazu gehört ein Staatsverständnis, das den Staat als
»Organismus«, als »eine einheitliche Gestalt, aus Teilen gefügt, die zueinander und
zum Ganzen gehören«, die allerdings nicht gleichförmig, sondern vielfältig geglie-
dert sein sollten. Der Form nach müsse dieser deutsche Staat eine Monarchie sein
– »uraltes deutsches Erbgut« –, in deren König sich die Idee des Staates verkörpert,
ebenso wie die Idee der Hierarchie, der Unterordnung und das Wohl des Ganzen,
beruhend auf der Grundlage: »meine erste Pflicht ist es, die vom Staate anerkannten
Rechte Anderer zu achten, durch Gehorsam werde ich mir Rechte und Freiheit
erwerben.« Diese Monarchie »verkörpert zwar die größte politische Kraft, gelangt
sie jedoch zum absoluten Einherrschertum, so erstarrt sie und wird entweder von
der Demagogie weggefegt (Frankreich) oder aber sie dient dieser als Deckschild
(England).« Es sind, zu einem großen Teil, die üblichen Argumente aus dem Um-
feld der organisch-konservativen Staatsauffassung, die Chamberlain vorbringt, und
die er – wie Wolzogen, nur systematischer und kenntnisreicher – den wichtigsten,
romantisch eingefärbten und am Organismus-Theorem orientierten Theoretikern
entnimmt – von Adam Müller bis Karl Ludwig von Haller –, die er allerdings in
eigenständiger Weise in sein eigenes Denken einbringt.
Denn völlig außerhalb des Horizonts dieser Denker – und zugleich im Widerspruch
zu organologisch-konservativem Denken – formuliert Chamberlain als die wichtigste
Richtlinie für die Ausrichtung des Staates den Imperativ eines »wissenschaftlichen
Organisierens des gesamten staatlichen Lebens«, um so politisch den Zufall, die Op-
portunität, die mangelnde Sachkenntnis auszuschalten, wie dies in Technik, Forschung
und Verwaltung bereits geschehe. Hierin liegt entschieden ein Modernitätsmoment,
das sich auf den ersten Blick nicht so recht mit traditionell konservativen Werten
verbinden lässt, aber genau jene Verbindung von konservativem Wertverständnis mit
technisch-naturwissenschaftlichem Fortschritt bezeichnet, die sich zu Anfang des Jahr-
hunderts als eine ›andere Moderne‹ präsentierte – und später im Nationalsozialismus
ihre konsequente Fortsetzung fand.179 Chamberlain postuliert eine wissenschaftlich
gestützte Politik, am Ende sogar die Abschaffung der Politik durch Wissenschaft, die
an deren Stelle tritt: »Es naht also der Tag, an dem wir das chaotische Ungefähr und
Aufsgeratewohl aller bisherigen Politik entlassen und den Staat wissenschaftlich or-
ganisieren und wissenschaftlich – statt politisch – regieren können.«180

178 Houston Stewart Chamberlain, Politische Ideale, S. 61. Die folgenden Zitate auf den Seiten 72; 76;
76; 76; 93.
179 Vgl. dazu Ricardo Bavaj, Die Ambivalenz der Moderne im Nationalsozialismus. Eine Bilanz der Forschung,
München 2003.
180 Houston Stewart Chamberlain, Politische Ideale, S. 78. Der folgende Verweis S. 88.
Kritik der Politik und der politischen Institutionen 133

Hier ist eine interessante Verschiebung zu konstatieren: Chamberlain, der sich


stets auch als der maßgebliche Erbe und Interpret Wagners verstanden hat – und
zu seiner Zeit und lange darüber hinaus auch so verstanden worden ist –, spricht
hier wie Wagner von der zukünftigen Abschaffung der Politik; aber in gravierendem
Unterschied zu Wagner will er die Politik nicht durch Kunst ersetzen, sondern durch
Wissenschaft und wissenschaftlich-methodisch angeleitetes Handeln, ein Gedanke,
der angesichts der immensen Vorbehalte Wagners gegenüber den Entwicklungen
gerade der modernen Naturwissenschaften diesem niemals gekommen, von diesem
auch niemals gebilligt worden wäre. Chamberlains Politische Ideale sind durchzogen
und geradezu obsessiv besetzt von der Forderung nach einer Verwissenschaftlichung
staatlicher Problembeschreibungen und staatlichen Handelns, und er wird mit dieser –
seiner naturwissenschaftlichen Ausbildung geschuldeten – Position zum Befürworter
einer Expertokratie in monarchischem Gewande, von der er sich die Überlegenheit
Deutschlands gegenüber seinen Nachbarn und die intellektuelle Weltgeltung in-
nerhalb der kommenden zweihundert Jahre verspricht. Nichts anderes steht hinter
seiner Ablehnung der westlichen Demokratie, der Institution des Parlamentes und
dem Majoritätsprinzip als die – allerdings naive – Überzeugung, wissenschaftlich
geschulte ›Experten‹ könnten die Politik aus ihren Interessenbindungen, mensch-
lichen Schwächen und Fehlentscheidungen herausführen und so einen stabilen Staat,
friedliche Konfliktausgleiche sowie Wohlstand in allen Lebensbereichen garantieren.
Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang, dass Chamberlain, der ansonsten in
seinen Texten stets literarische Referenzen angibt, die Herkunft seiner technokrati-
schen ›idée fixe‹ aus dem links-radikalen Denken des 19. Jahrhunderts seinen Lesern
verschweigt; denn entgangen sein kann es ihm, der historisch belesen und geistes-
und kulturgeschichtlich äußerst kenntnisreich war, nicht, dass in der Geschichte
des politischen Denkens im 19. Jahrhundert der französische Frühsozialist Henri de
Saint-Simon181 als erster politischer Denker eine enge Beziehung von Wissenschaft
und Politik für die Zukunft forderte und in seinem eigenen Staatsentwurf davon
ausging, eine Gesellschaft, die sich auf einer positivistischen Wissenschaft gründe,
könne eine vollkommene soziale Ordnung ausbilden. Saint-Simon – wie eben
Chamberlain – war sich sicher, dass eine in diesem Sinne wissenschaftlich fundierte
Politik zu einem harmonischen Zusammenleben der Menschen und zur Entfaltung
ihrer produktiven wie ästhetischen Potenzen führen würde; wie viele andere, die – vor
ihm Plato und etwa die klassischen Utopisten der frühen Neuzeit Thomas Morus,
Campanella oder auch Francis Bacon182 – und nach ihm – etwa Auguste Comte,

181 Henri de Saint-Simon (1760–1832) stammte aus einem alten Adelsgeschlecht, das sich direkt auf
Karl den Großen zurückführte. Er hatte ein bewegtes Leben: Militärkarriere, Revolutionär von
1789, Geschäftsmann und autodidaktischer ›Wissenschaftler‹, Publizist, der in seinen Arbeiten die
Verbindung von Technik, Wissenschaft und Politik propagierte. Einführend Ralf Bambach, Saint-
Simon, in: Pipers Handbuch der politischen Ideen, Bd. 4, S. 372 ff.; derselbe, Der französische Frühsozialismus,
Opladen 1984.
182 Den umfassendsten und gründlichsten Überblick zur Geschichte der Utopie bietet: Richard Saage,
Utopische Profile, 4 Bde., Münster et al. 2001–2003. Für die technokratischen Utopien einschlägig
134 Bayreuth und die Moderne

Walter Rathenau bis Jacques Ellul, Günther Anders oder auch Helmut Schelsky –
diesen technokratischen Gedanken einerVerwissenschaftlichung und Objektivierung
von Gesellschaft und Politik immer wieder und wieder durchdachten, bis in die
zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein. In gewisser Weise hat Chamberlain mit
seinemVorschlag die Technokratie-Debatte der siebziger Jahre vorweggenommen.183
Dass die Demokratie selbst sich indessen der Experten durch vielfältige Formen der
Konsultation versichern könnte – dieser Gedanke ist Chamberlain nicht gekommen,
obwohl er nahelag: denn wenn Monarchie und Expertokratie sich miteinander
kombinieren ließen, dann galt dies natürlich auch für Demokratie und Expertokratie.
Wenngleich in anderen Formen.
Aus Chamberlains expertokratischer Grundorientierung folgte, was er als Perspek-
tive eines zukünftigen deutschen Staates anskizzierte: keine demokratische Form des
Staates, kein Parlament nach westlichem Vorbild – keine »Wahlzettelherrlichkeit«184
–; statt der in den westlichen Demokratien angeblich vorhandenen Gewaltenteilung,
die mit einem, wie er meint, falsch verstandenen Montesquieu begründet werde und
eher einer faktischen Gewaltenverschränkung entspreche – was in parlamentarischen
Regierungssystemen tatsächlich der Fall ist –, die Einführung einer »wissenschaftli-
chen Gewaltenteilung«, die sich von den »Gesetzen der Politik« loslöse;Verpflichtung
der Staatsbürger zum »Staatsdienst«, entsprechend dem Vorbild des Militärdienstes,
um so die Identifikation des Einzelnen mit dem Ganzen zu erreichen; Bürgerbe-
teiligung auf den verschiedenen Ebenen eines föderativ organisierten Staates, etwa
bei Gerichten und in der Verwaltung (Deputationen); ein Gesetzgebungsverfahren,
das sich an den Kriterien der Unparteilichkeit, der Weisheit und Verantwortlichkeit
orientiere. An die Stelle einer Volksvertretung, die für alle Gesetze zuständig ist, solle
»eine weitverzweigte Organisation« treten, die – wie das im naturgestalteten Leben
überall geschehe – sich jedem auftretenden Falle elastisch anpasse, »um aus dem
ganzen Lande die Bedürfnisse, Wünsche, Urteile der von dem Gesetz unmittelbar
und mittelbar Betroffenen in Erfahrung zu bringen, zu sammeln und zu sichten, bis
eine wirklich fachgemäße Einsicht gewonnen sei, welche dann wiederum von dazu
besonders befähigten Männern aus dem Gesichtspunkt der allgemeinen Lebensbe-
dürfnisse des ganzen Staates geprüft werden müsse.« Die letzte Instanz sollte dann ein
Bundesrat bilden. »Besteht eine allgemeine praktische Beteiligung (der betroffenen
Bürger, U.B.) am Staatsleben, … so wird sich auch ein Auffangen und Durchsieben
aller Tatsachen, Verhältnisse, Bezüge bewirken lassen – abseits von jeder Politik, so
daß zuletzt ein völlig sachliches, objektives Bild der Erfordernisse gewonnen wird,
was dann von der kleinst möglichen Zahl fähigster Sachkenner, unter Mitwirkung

der Bd. 3, 2002 (über Saint-Simons/Robert Owen/Charles Fourier/Etienne Cabet u.a.). Einen
kurzen Überblick in: derselbe, Politische Utopien der Neuzeit, Bochum 2000.
183 Vgl. etwa als Überblick zur sogenannten ›Technokratie-Debatte‹ der frühen siebziger Jahre in der
Bundesrepublik: Hans Lenk (Hg.), Technokratie als Ideologie. Sozialphilosophische Beiträge zu einem
politischen Dilemma, Stuttgart 1973.
184 Houston Stewart Chamberlain, Politische Ideale, S. 107. Hier und auf den folgenden Seiten auch
die folgenden Punkte. Das letzte Zitat dieses Absatzes S. 111 f.
Kritik der Politik und der politischen Institutionen 135

der betreffenden ausführenden Zentralstellen, zu dem geforderten Gesetz kunst-


voll ausgearbeitet wird. Diese letzte beratende Körperschaft denke ich mir nicht
als Einen Reichstag, sondern als einen jedesmal ad hoc gebildeten Ausschuß, der
in gleicher Zusammensetzung nicht zwei Mal vorkommt, da für jede besondere
Angelegenheit die sachlich kompetentesten Leute ohne alle Berücksichtigung der
sonstigen Ansichten oder der Lebensstellung ausgesucht werden, und außerdem zu
diesen zeitraubenden Staatsgeschäften jeder nur nach einer bestimmten Reihenfolge
verpflichtet ist. ›Politik‹ im heutigen Sinne soll es im neuen Deutschland nicht geben;
an ihre Stelle tritt die Staatskunst.«
Auch hier entsprechen die Organisationsstrukturen, die angedeutet werden, wie
schon bei Wolzogen den von Wagner propagierten Genossenschaften, die – wie
Wagner formulierte – als »freieVereinigungen der Zukunft in ihrem flüssigen Wechsel
bald in ungemeiner Ausdehnung, bald in feinster naher Gliederung das zukünftige
menschliche Leben selbst darstellen.«185 Chamberlain modelt dieses von Wagner her-
rührende Modell allerdings um: an die Stelle der »künstlerischen Genossenschaften«
Wagners, die aufgrund ihrer ästhetischen Erfahrungen das Leben praktisch gestalten
sollen, tritt bei ihm die von naturwissenschaftlichen Methoden inspirierte »Staats-
kunst«. Eine ›Kunst‹ im Residualzustand! Doch plädiert Chamberlain mit seinen
Vorschlägen keineswegs für einen autokratischen Zentralstaat, der alle Entschei-
dungen an sich zieht und seine Bürger zu bloßen Untertanen und Vollzugsorganen
degradiert; sondern für einen föderalistisch aufgefächerten Bundesstaat, in dem es
vielfältige, auf ›Sachkompetenz‹ bezogene und sich daraus begründende Mitwir-
kungsmöglichkeiten für die Bürger geben soll, eine »solidarische Gemeinschaft« mit
dem Ziel »kameradschaftlicher Einigung«186 nach dem Vorbild der in der deutschen
Geschichte sehr stark entwickelten kommunalen Selbstverwaltung. Chamberlain
will weder eine Aristokratie noch eine Demokratie, sondern einen eigenständigen
deutschen Weg, der sich dezidiert vom westlichen Modell parlamentarisch-konsti-
tutioneller Regierungen mit demokratischem Anspruch unterscheidet und »dessen
kunstvoller Organismus sich in Millionen von Äderchen überallhin erstreckt unter
verpflichtender Mitwirkung aller erwachsenen, unbescholtenen, fähigen Männer.«
Diesem Staat liegen bestimmte sittlich-moralische Vorstellungen zugrunde, die
überhaupt erst sein Funktionieren ermöglichen und garantieren. Allen voran die
»Würde des Menschen« und seine »innere Freiheit«, die sich dann zu einer ›wahren‹
Freiheit entwickeln kann. An anderer Stelle hat Chamberlain sich aus seiner Sicht
mit der englischen und französischen Freiheitsidee auseinandergesetzt – wobei er in
unstatthafter Verkürzung die internen theoretischen und philosophischen Debatten
und Differenzen in England und Frankreich ignoriert – und ihnen die »deutsche
Freiheitsidee« entgegengestellt: »das eigentliche Menschwerden«, die »Kultur der

185 Richard Wagner, Das Kunstwerk der Zukunft, in: GSD, Bd. 3, S. 168.Vgl. Udo Bermbach, Der Wahn
des Gesamtkunstwerks, S. 234 ff.
186 Houston Stewart Chamberlain, Politische Ideale, S. 114. Die folgenden Zitate auf den Seiten 108;
97.
136 Bayreuth und die Moderne

Seele«, die »Freiheit der Persönlichkeit«, die »Freiheit des Geistes«, also Freiheiten,
wie sie angeblich von Luther bis Kant gedacht worden sind und nur dem deutschen
Volk eignen.187 Daneben müsse der Staat den (Boden-)Besitz188 garantieren, ebenso
ein »Höchstmaß an Recht, an Freiheit, an Milde«, aber auch »Unterordnung des
Einzelnen der Allgemeinheit gegenüber« fordern und dessen Verpflichtung zu ar-
beiten.189 Mit Kant, den er für den bedeutendsten deutschen Denker hält, verweist
Chamberlain darauf, dass der Mensch niemals Mittel zu anderen Zwecken sein darf,
sondern stets Zweck an sich selbst, also alles, was er tut, ihm auch zu einem guten
Zwecke gereichen sollte und umgekehrt der Staat deshalb die Verpflichtung habe,
dieses Ziel – Zweck an sich selbst zu sein – zu garantieren: »Kant verbietet aber
nicht bloß, daß ein Mensch einen anderen als ›Mittel‹ gebrauche, auch sich selbst
darf der Mensch nicht so gebrauchen, darf nicht so leben, daß sein Dasein ohne
höheren Inhalt, er selber ohne Würde bleibe, vielmehr muß er in allem, was er tut,
hinauslangen über sein beschränktes Ich und dessen Interessen in das umliegende
Wohl der Gemeinsamkeit und in die Ahnung unvergänglicher Tragweite unseres
irdischen Tuns und Lassens. Eine Persönlichkeit – gleichviel ob die eigene oder die
eines Anderen – lediglich als Mittel zur Erreichung eines flüchtigen, egoistischen
Zieles, nicht aber als eine solche gebrauche, welche selber in einer jeden ihrer Taten
einen unbedingten heiligen Zweck darstellt: das ist Sünde, das allein.«
Solche Moralität, die sich in der Staatsidee, dem Staatszweck, der Bestimmung
der Bürger und ihrem Verhältnis zum Staat konkret zeigt, sieht Chamberlain vor
allem bei den Deutschen als potentiell vorhanden; das alles müsse nur durch eine
entsprechende Umkehr und Abkehr vom westlichen Denken und dessen instituti-
onellen Ausprägungen aktiviert werden, was konkret heißt: der deutsche Staat der
Zukunft brauche keine weitgehenden territorialen Forderungen zu erheben (außer
vielleicht territoriale Abrundungen seines Gebiets anzustreben); er könne auf Kolo-
nien verzichten, müsse seine historischen Strukturen aktivieren, nach innen mit einer
korrupten Presse aufräumen und der Dekadenz des westlichen Einflusses Einhalt
gebieten. Durch all dies würde den »germanischen Staatsidealen« erneut Geltung
verschafft und das den Deutschen einzig angemessene »Ideal eines Kulturstaates«
endlich realisiert. Deutschland könne dann, seiner kulturell-wissenschaftlichen Leis-
tungen wegen, zum Vorbild für die Welt avancieren.
Erstaunlich an diesem Konzept und an diesen Vorstellungen ist zum einen der
(fast schon utopische) konstruktive Zugriff, der im Falle seiner Verwirklichung tiefe
Eingriffe in die politischen Strukturen und Institutionen des Kaiserreiches bedeutet

187 Houston Stewart Chamberlain, Demokratie und Freiheit, S. 3 ff. Zu Kant S. 22 ff.
188 Houston Stewart Chamberlain, Politische Ideale, S. 52 ff. Die folgenden Zitate S. 50; 75.
189 Chamberlain zitiert Kant mit dem Satz, der Mensch müsse entweder selbst arbeiten, oder Andere
für ihn; und diese Arbeit wird Anderen so viel von ihrer Glückseligkeit rauben, als er seine eigene
über das Mittelmaß steigern will« und fährt fort: »unser heutiger Staat dagegen ist zum großen Teil
auf Schutz und Förderung derjenigen angelegt, die – dem alttestamentarischen Spruche gemäß –
glückselig sein wollen ohne jede wirklich Arbeit.« S. 97. Die folgenden Zitate auf den Seiten 99;
103; 116; 88 f.
Kritik der Politik und der politischen Institutionen 137

hätte, die aller Voraussicht nach den massiven Widerstand der Bevölkerung, vor allem
der Arbeiterbewegung, aber auch der liberalen bis linken Intellektuellen sowie der
organisierten Interessenverbände herausgefordert hätte und wohl nicht nur daran ge-
scheitert wäre, sondern auch an den verfassungsrechtlichen wie verfassungspolitischen
Folgen. Erstaunlich ist aber zum anderen noch ein weiterer Punkt: Chamberlains
konzeptionelle Vorschläge kommen ohne antisemitische und (fast ohne) rassistische
Implikationen aus. Nirgends finden sich im Kontext seiner ›Staatsutopie‹ direkte
Hinweise darauf, ob in diesem Zukunfts-Deutschland Juden ausgeschlossen oder
vollberechtigte Bürger sein werden, nirgends auch Anmerkungen, ob es für Juden
restriktive Vorschriften geben wird. Antisemitische Konnotationen des Konzepts
lassen sich allenfalls aus der scharf pointierten Gegnerschaft zur Börse, zur Herrschaft
des Geldes und des Kapitals, zum Interesseneinfluss von Millionären, zur generellen
Ablehnung eines in seinem Auftreten kulturfernen Kapitalismus und der radikalen
Ablehnung einer – aus der Sicht Chamberlains – sittlich enthemmten Presse, der
es nur noch um Auflagensteigerung durch Skandalisierungen gehe, herauslesen
– aber das auch nur dann, wenn all dies als verdeckte antisemitische Stereotypen
verstanden wird, eine durch direkte Formulierungen nicht gedeckte Vermutung
bzw. Unterstellung. Die Politischen Ideale enthalten nirgends einen offenen Angriff
auf die Juden. Und ähnlich steht es um rassetheoretische Annahmen, die sich nur an
einer einzigen Stelle finden, wo es – als Zitat aus einem Brief von 1902 – heißt, »ein
rassenbewußtes – alles Undeutsche von der Regierung und aus ihren Beratungen
ausschließendes – vom Mittelpunkt bis in die Extremitäten politisch einheitlich
organisiertes, zielbewusstes Deutschland (wobei die Sondercharaktere und Sitten
und Verfassungen der verschiedenen Stämme zu achten und zu hegen wären), wür-
de, wenn auch an Einwohnerzahl weniger reich als das Angelsachsentum und das
Russentum, dennoch zugleich durch äußere Macht und durch innere Geisteshöhe
die Welt beherrschen.«
Dieser Satz, obwohl rassistisch und wohl auch antisemitisch gemeint, formuliert
freilich nichts, was für die strukturellen und organisationstechnischen Elemente
einer wissenschaftsbasierten Technokratie in monarchischer Form essentiell nötig
wäre, also unabdingbar dem zugehörte, was Chamberlain als ein neues und eigenes
Modell eines deutschen Zukunftsstaates entwirft. Es verhält sich hier mit dem An-
tisemitismus und dem Rassismus in Chamberlains Zukunftsstaat ähnlich wie in der
Bayreuther Theologie: beide sind keine konstitutiven Momente des konzeptionellen
Entwurfes, sie können zwar hinzutreten – und würden es bei Chamberlain auch im
Zweifelsfalle –, müssen dies aber nicht, weil das Konzept selbst auch ohne sie seine
Struktur und Organisation hat und behält. Bleibt darauf hinzuweisen, dass Cham-
berlain mit seinem expertokratischen Staats-Plädoyer den Anti-Institutionalismus
und Anti-Etatismus Richard Wagners vollständig aufgibt und sich in dieser Hinsicht
gerade nicht als Erbe von Wagners Weltanschauung erweist.
138 Bayreuth und die Moderne

Nach dem Ersten Weltkrieg


Das Ende des Ersten Weltkriegs mit dem Zusammenbruch des Kaiserreiches, dem
Ausbruch der Revolution, den schnell entstandenen und ebenso schnell wieder
verschwundenen Rätebewegungen und der Ausrufung der Republik einerseits, der
militärischen Kapitulation und den im Versailler Vertrag auferlegten Einschränkun-
gen der Souveränität Deutschlands sowie der über Jahrzehnte geplanten Reparati-
onsleistungen und, mit all dem verbundenen, der Zusammenbruch der Wirtschaft,
Verarmung,Verelendung und Geldentwertung – das alles markierte im Bewusstsein
desVolkes und der alten wie neuen Führungseliten einen noch tieferen Einschnitt, als
dies der Beginn des Krieges gewesen war. Im Nachhinein zeigte sich, dass erst jetzt
mit dem Kriegsende das »lange 19. Jahrhundert« (Eric Hobsbawm)190 an sein Ende
gekommen war. Die Politik gewann nun den »Vorrang vor anderen Bereichen des
geschichtlichen Lebens«191, sie musste nun bewältigen, was die ideologischen und
militärischen Auseinandersetzungen an Trümmern hinterlassen hatten.
Auch für Bayreuth war das Kriegsende ein tiefer Einschnitt im deutsch-nationa-
len-völkischen Bewusstsein; Deutschland hatte sich militärisch, aller weltanschau-
lichen Unterfütterung zum Trotz, nicht behaupten können und stand im Ergebnis
politisch geschwächt und territorial eingekürzt da, seinen europäischen Nachbarn
unterlegen und tributpflichtig. Trotz dieser auch von ihnen als skandalös empfun-
denen Lage relativierten die Bayreuther Erbe-Verwalter die politisch-militärische
Niederlage und verwiesen auf das bleibende und vermeintlich unangefochtene ›Erbe‹
der deutschen Kultur. Deren welthistorische Mission war zwar mit dem Ende des
Kriegs ebenfalls (vorerst) gescheitert, aber das sollte nicht heißen, dass Bayreuths na-
tionale Aufgabe damit verloren gegangen war. Ganz im Gegenteil: sollte Deutschland
je wieder im ›Konzert der Mächte‹192 eine mitentscheidende Rolle spielen, dann
konnte dies nach Auffassung der Bayreuther nur geschehen, indem die Nation sich
auf die Quellen ihrer eigentlichen Stärke besann. Und die lagen, auch nach 1919,
noch immer in der spezifischen deutschen Kultur, in ihrer Kunst, vor allem aber in
ihrer Musik. Die gesellschaftlichen, politischen und auch kulturellen Veränderungen,
die sich mit Beginn der Weimarer Republik einzustellen begonnen hatten, wurden
von Bayreuth zwar wahrgenommen, zugleich aber vehement abgelehnt und als
inakzeptabel und zu überwindend immer wieder attackiert. Zugleich bewirkten
das Kriegsende und die Etablierung eines parlamentarischen Regierungssystems,
begleitet von all jenen ›westlich-zivilisatorischen‹ Erscheinungen, gegen welche die
Bayreuther Autoren, allen voran Chamberlain und Wolzogen, seit Jahrzehnten an-
geschrieben hatten, einen Rückzug auf den Kern des Bayreuther Gedankens: auf die

190 Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme.Weltgeschichte im 20. Jahrhundert, München/Wien 1995.
191 Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866–1918, Bd. II Machtstaat vor der Demokratie, S. 882.
192 Dieser sehr häufig verwandte Terminus bezieht sich auf das Zusammenspiel der europäischen
Staaten nach dem Wiener Kongress von 1815–1819; vgl. z.B. Matthias Schulz, Normen und Praxis.
Das Europäische Konzert der Großmächte als Sicherheitsrat 1815–1860, München 2009.
Nach dem Ersten Weltkrieg 139

innere Charakterbildung des Menschen durch die Teilhabe an Wagners Werken, so,
wie Bayreuth sie verstand und auslegte. Man knüpfte damit an jene Überzeugungen
erneut an, die ursprünglich den Ausgangspunkt für die Bayreuther Mission gebildet
hatten, und die dann im Laufe der Jahre mehr und mehr durch eine thematische
Ausweitung – wie sie oben geschildert worden ist – überlagert worden war.
Bereits während der Kriegsjahre war dieser Rückzug bzw. diese Konzentration
auf die inneren Vorbedingungen einer nationalen Erneuerung verstärkt vorbereitet
worden.Wolzogen hatte nach Kriegsausbruch eine Reihe von Aufsätzen geschrieben,
die sich der Frage widmeten, was in Deutschland aus Bayreuther Sicht zu geschehen
habe, wenn der Krieg beendet sei, und er hatte schon sehr früh in diesen Aufsätzen
die Notwendigkeit einer moralischen und ästhetischen Besinnung und Erneuerung
der Nation nach außen wie innen formuliert.193 Das las sich so: »Wenn wir aber das
wahre Kriegsziel, den Frieden an sich, ins Auge fassen und erkennen, daß auch der
günstigste äußere immer nur Wert hat als Schutzwehr für die Friedenswerke des
inneren, so verstehen wir auch die Friedensbedingungen ganz anders, nämlich als
die Bedingungen, welche der innere Friede um seiner selbst willen an das Leben
stellt. … Unendlich schwere Aufgaben erwarten die aus dem Krieg auftauchende
Welt. Grimmig wird der Neid der Völker um sie her auf Wacht und Lauer bleiben;
gefährlicher noch ballen sich in ihrem Innern die alten Feinde unserer Art, all unsere
leidigen Fehler und Schwächen mit ihren Folgen in und um uns, zu einer Zerstörung
der inneren Gewinne heroischer Volksaufrüttlung zusammen.«194
Wolzogen ging in seinen Überlegungen noch von der Gewissheit des militäri-
schen Sieges Deutschlands aus, schrieb also aus einer vermeintlichen Position der
Stärke des Reichs. Gleichwohl liegt der Tenor der thematisch einschlägigen Essays
auf jenen zentralen Konstituenzien des Bayreuther Gedankens, welche den prinzipiell
friedlichen Charakter der Deutschen und der deutschen Kultur nachhaltig beton-
ten. Für Wolzogen war das deutsche Volk ein »Friedensvolk«195, dessen politische
Vorkriegsparteien ihren Partikularismus überwunden und nun gelernt hatten, dass
»hinter den Parteien doch schließlich das deutsche Volk steht.«196 Nun komme es
nach Kriegsende darauf an, in einer »Friedensbewegung«197 die Deutschen mit sich
selbst auszusöhnen, die »innere Einigung deutschen Wesens zu deutscher Kultur« zu
erreichen, die großen kulturellen Vorbilder, allen voran Wagner, als Führer zu sich
selbst zu begreifen. Denn das deutsche Volk wolle geführt werden, von Führern,
»welche selber mit ihrer ganzen Persönlichkeit den deutschen Geist vertreten.«198
Immer wieder enden die unterschiedlichen Beiträge in diesem Buch in der For-
derung, den aus der Kunst sich entbergenden Idealen ihren höchsten Rang für die

193 Diese Beiträge finden sich versammelt in: Hans von Wolzogen, Gedanken für die Friedenszeit, Berlin
1916.
194 Ebenda, Friede auf Erden! Weihnachten 1915, S. 2/3
195 Ebenda, Das deutsche Volk, S. 27.
196 Ebenda, Keine Parteien – nur Deutsche, S. 33
197 Ebenda, Friedensbewegung, S. 68 ff. Das folgende Zitat S. 70.
198 Ebenda, Das deutsche Volk, S. 29.
140 Bayreuth und die Moderne

geistige wie praktische Lebensführung einzuräumen: denn der Krieg, so Wolzogen,


gehe nicht so sehr gegen England oder Frankreich, nicht gegen die Engländer oder
Franzosen, sondern gegen das »‹Niederträchtige‹ an sich, als welchem nun bei uns,
dem deutschen Volke und Wesen, ebensowohl ›das Edle‹ an sich die einzig rechte,
siegeskräftige Gegnerschaft bilden soll.«199 Und in diesem Kontext folgt eine erstaun-
liche Bemerkung: »Jedem Staat ist ein konservatives Element nötig und eigen; als
einer Form menschlicher Gesellschaft wird ihm ein liberales Behandeln der Dinge
und Personen anstehen. Man könnte etwa sagen: der rechte Staat wird eine konser-
vative Regierung mit einer liberalen Verwaltung zu verbinden haben. Jedenfalls ist
es immer der Staatsbegriff, welcher über allen Parteibegriffen als der weitere und
höhere anzuerkennen ist, und jede Partei kann immer noch von der anderen etwas
lernen, worin diese dem Staate noch besser zu dienen weiß. Mit dem Aufkommen
des Sozialismus scheint nun allerdings Staatsbegriff gegen Staatsbegriff gestellt zu
sein. Das wäre immerhin auch schon eine Erweiterung der Gegensätze, wogegen
jener konservativ-liberale des bürgerlichen Staates klein erscheint. Aber wiederum
hat hier der Krieg belehrend und klärend gewirkt. Es hat sich nicht nur gezeigt,
dass auch der sozialistische Parteigeist in dem höheren des Vaterlandes aufzugehen
vermag: es sind sogar sozialistische Staatsgedanken in den praktischen Formen der
Regierungsfürsorge bereits zur Anwendung gekommen, und man hat gesehen,
dass dabei der alte schroffe Gegensatz von Arbeiter und Arbeitgeber gar nicht mehr
mitspricht oder mitzusprechen brauchte.«200
Also, so könnte man folgern, kann in solcher Form auch im Nachkriegsdeutsch-
land regiert werden – die politische Einheit in der Vielfalt, welche die unterschiedli-
chen politischen Strömungen in sich aufnimmt und die von Bayreuth proklamierte
Einheit der deutschen Kultur in ihrer Vielfalt akzeptiert, widerspiegelt und praktisch
umsetzt. Doch solcher Pluralismus lag nicht innerhalb des weltanschaulichen Ho-
rizonts von Bayreuth, sondern diese Passage Wolzogens zielte eher auf die Idee, aus
dem politischen Vorkriegsspektrum der politischen Parteien strukturelle Elemente
der politischen Linken, der Liberalen und der politischen Rechten in einem neuen
Modell staatlicher Souveränität zu synthetisieren, um so einen starken Nationalstaat
mit in sich föderativer Gliederung zu schaffen, der sich ideologisch auf die Bayreuther
Vorstellungen stützen sollte.
Unmittelbar nach Kriegsende hat Wolzogen, an solche Vorstellungen anschlie-
ßend, in den Bayreuther Blättern an unvermuteter Stelle – in einem Beitrag über die
Wagner-Vereine – noch einmal Bayreuths Selbstdefinition nach der Revolution von
1918/19 formuliert und hier die Richtung vorgegeben, in der Bayreuth und die ihm
Verbundenen sich auch in den Nachkriegsjahren verstehen sollten: »Heutzutage –
fast möchte man sagen: ›Heutzunacht‹! Das ›nach dem Kriege, was man sich als den
ersehnten Frieden gedacht, ist übelster Unfriede, Umsturz, Auflösung, Untergang,
- Undeutschtum in unerhörtem Maße geworden. Man schämt sich des eigenen

199 Ebenda, Auf dem Festspielhügel, S. 107.


200 Ebenda, Die Gegensätze der deutschen Kulturwelt, S. 43.
Nach dem Ersten Weltkrieg 141

Volkes, man glaubt verzweifeln zu müssen an allem Deutschtum. Man sah nur noch
schwarz, nur noch Nacht um sich her, auf der ringsum tötlich gefährdeten Stätte,
die einmal unser schönes großes Deutschland war. Doch seltsam! Die all dies aufs
Tiefste mitempfindenden ›Bayreuther‹ konnten nicht derart in Scham,Verzweiflung
und Nacht versinken. Sie sahen und sehen immer noch Licht; sie können glauben
und hoffen. Sie frugen sich: ›war denn dies untergegangene Deutschland u n s e r
Deutschland?‹ Und antworten: ›Nein!‹ U n s e r Deutschland lebt noch!‹ … In den
Meistern lebt die deutsche Seele; bei ihnen ist Deutschlands Heimat. … Ist denn die
Welt da draußen, diese treulose, feigherzige, frevelhaft leichtsinnige, diese betrügeri-
sche, räuberische, wahnwitzig selbstmörderische, diese mit alledem den weltenweit
tätigen Raff- und Wirrhänden des Ahasverus ausgelieferte, die Welt ohne Ehrfurcht,
Würde und Seel – die d e u t s c h e Welt? Ist die nur von unten her das Niedrige,
Vernunftlose, Dumpfgierige zur Oberfläche des äußeren Lebens befördernde Mas-
se, diese blind verführte, heillos verwirrte, durchaus erkrankte, wirklich das ›Volk‹,
worin sich ein Volkstum offenbart – dasselbe Volkstum, dessen Offenbarer unsere
Meister sind? Das ist es gewiss nicht! … Wir ›Bayreuther‹ nun gehören zu denen,
die das wissen, dass es andere Kräfte und Geister, andere Grundlagen und Ziele, an-
dere Aufgaben und Pflichten gibt, als die, von denen etwa draußen die laute Rede
ist und das leere Lärmen geht; und eben weil wir Wissende dessen sind, sollen und
müssen wir auch Erfüller dieser Aufgaben und Pflichten sein. … Das ist’s, was uns
alle eint, was uns berechtigt, einen ›Bund‹ zu bilden! … W i r h a b e n B a y r e u t h ,
und damit den Beruf, den Grund, die Pflicht zur G e m e i n s c h a f t . Es ist uns
ein Bundesheiligtum. … Das Innere aller Dinge, welche zusammen unsere Kultur
bilden, ist unser Volkstum. … Unser Bund wird … dieser deutschen Innerlichkeit
überall zu dienen haben. Der Innerlichkeit der Dinge entspreche die Innigkeit, die
Anteilnahme der Seele am gemeinsamen Tun, wie wir es von der Kunst her kennen.
›Innig-einig‹ … darf als das Leitwort aller wahrhaft Deutschgesinnten ausgesprochen
werden; es soll auch unser Leitwort, unser ›Gefühlswegweiser‹, mehr noch: unser
Tatleiter sein und bleiben.«201
Das waren klare Worte, die einerseits zwar an Wagners Kunstverständnis in der
Bayreuther Auslegung der achtziger und neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts an-
schlossen, andererseits aber auch Bayreuth und den Kreis seiner Anhänger in Abgren-
zung zur allgemeinen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklung
fast sektiererisch verengten. Gleichwohl stand diese Ortsbestimmung Wolzogens
nicht unbedingt in Gegensatz zu seiner 1915 formulierten Forderung, man dürfe
nicht nur »Bekenner im Winkel« sein, sondern müsse die Bayreuther Ideale offensiv
hinaustragen und zur Grundlage des deutschen kulturellen und politischen Selbst-
verständnisses machen;202 denn vermutlich wurde nun, 1919, deshalb zum Rekurs
aufs Innere aufgerufen, weil sich Wolzogen daraus eine Konzentration der Kräfte
für die Bayreuther Mission nach außen versprach. Die strategische Perspektive der

201 Hans von Wolzogen, Wagnervereine nach dem Kriege, in: BBl 1919, S. 133 ff.
202 Derselbe, Gedanken zur Kriegszeit, in: BBl 1915, S. 18.Vgl. Anm. 153.
142 Bayreuth und die Moderne

Positionierung Bayreuths im Nachkriegsdeutschland war die einer aus einem festen


Gemeinschaftskern heraus wirkenden Überzeugungsarbeit für ein auf völkisch-nati-
onalen Werten basiertes und so weltanschaulich geeintes Deutschland, das sich seines
kulturellen Fundaments durch Rückgriff auf die großen Traditionen der deutschen
Klassik und vor allem auf das Werk Richard Wagners immer wieder versichern und
daraus seine offensive Kraft beziehen sollte. So, wie es an anderer Stelle im selben
Beitrag hieß: »Dabei versteht es sich von selbst, daß es sich nicht allein um Musik
und Theater, ja nicht allein um Kunst handelt; denn immer bleibt grundsätzlich zu
berücksichtigen, daß die gesamte Wagnersche Gedankenwelt sich aufbaut auf der
tieferen Erfassung des deutschen Geistes, des deutschen Volkstums, der deutschen
Kultur als der notwendigen, lebendigen Voraussetzung und Grundlage alles weiteren
geistig-künstlerischen Ausdrucks. Dieses Aufbauen vom festen völkischen Bewußtsein
aus wird für die Wagnervereine künftig die charakteristische Lebensregel sein und
bleiben müssen; und es bedarf keines weiteren Wortes, um zu begründen, wie sehr
eine solche Betrachtungsweise und Bildungspflege für die deutsche Jugend, ja für den
deutschen Volksgeist, gerade nach dem Kriege eine allerdringlichste Notwendigkeit
sein werde.«203 Es ist gewiss kein Zufall, dass dieser Grundsatzerklärung Wolzogens
ein Text folgte, der die »Friedensaufgaben«, die sich für Deutschland aus Bayreuther
Sicht stellten, noch einmal knapp umriss.204 Auch hier ging es zunächst um die »innere
Wiedergeburt des Deutschtums«, um den »inneren Frieden« desVolkes, »aus dem erst
die idealen Kräfte, die echte deutsche Kultur, die reine christliche Sittlichkeit sich
entfalten können.« Es ging um Kultur »als einer aufstrebenden und aufbauenden
Wirksamkeit der deutschen Seele«, Abgrenzung zur französischen ›Kultiviertheit‹;
es ging, wie bisher schon, um die Ausbildung eines ›deutschen Christentums‹ durch
»Verschmelzung von Christentum und Deutschtum«; es ging um ein »entschiede-
nes Deutschtum«, dessen mangelhafte Präsenz im Kaiserreich und, daraus folgend,
mangelhaft weltanschauliche Motivation des kämpfenden deutschen Heeres als ein
entscheidender Grund für den Verlust des Krieges angeführt wird. Es ging aber auch
umVorbilder wie Luther, Goethe,Wagner und Bismarck und um »unseren deutschen
Militarismus«, der »erst die Organisation des Volkes zum Staate selber, die Gesam-
terziehung der Nation« schafft. Misstrauen gegen den nun überall durchbrechenden
»demokratischen Geist« bleibe verpflichtend, denn die »Führer der Menge« seien
nicht die »wahren Volksvertreter«, sondern nur die »Oberfläche« einer Herrschaft,
die dem »deutschen Wesen« nicht entspreche.Vordringlich erscheine die Sorge um
die Jugend, die ›deutsch‹ erzogen werden müsse, zu bekämpfen sei der »undeutsche
Handelsgeist« – eine Formulierung, die unzweifelhaft antisemitisch gemeint war –,
sofern er das Volk zu immer mehr Materialismus treibe und nicht, wie er solle, »zum
Besten und zur Förderungen unseres ganzen Volksthums« diene. Aus der Kunst, aus

203 Hans von Wolzogen, Wagnervereine nach dem Kriege, S. 132.


204 Carl Siegmund Benedict, Friedensaufgaben, in: BBl 1919, S. 136 ff. Die folgenden Zitate auf den
Seiten 136–138.
Nach dem Ersten Weltkrieg 143

den Theatern seien die »undeutschen Einflüsse« zurückzudrängen, oberste Losung


müsse ein »bewußtes Deutschtum, (eine) gewollte deutsche Kultur« sein.
Entsprechend diesem auf die ideologische Grundorientierung zielende ›Pro-
gramm‹ – das übrigens auch durch die Ablösung der Antiqua und Einführung der
»Deutschen Schrift«, der Fraktur, optisch unterstrichen wurde205 – wandten sich die
Bayreuther Blätter in den Anfangsjahren der Weimarer Republik der – wenn man so
formulieren will – Grundlegung des deutschen Bewusstseins zu: neben Aufsätzen,
in denen die Literatur und Philosophie des 19. Jahrhunderts in Bayreuther Inter-
pretationen vorbildhaft vorgestellt wurden, allen voran Goethe und Schopenhauer,
was der scharfen Abgrenzung von nichtdeutscher, vor allem von französischer
Literatur diente und damit auch der durch sie importierten ›Zivilisation‹, gab es
immer wieder aktualisierende, auf die Gegenwart bezogene Deutungen von Wagners
Denken und Werk. So etwa erstmals Interpretationen des Ring, die in der Tetralogie
eine prophetische Metapher des Weltkriegs und seines Ausgangs sahen – worüber
an anderer Stelle ausführlich gehandelt wird206 – und die Wagner zum »Propheten
des Weltkriegs«207 stilisierten, ihn zum Ethiker des Kampfes gegen eine neue Zeit
herbeizitierten.
In zwei größeren Beiträgen durchforstete Gustav Wehrt das musikdramati-
sche Werk Wagners unter dem Aspekt für politisch-praktische Lebenshilfe.208 Als
die aktuelle Not der Zeit bestimmte er dabei »Krieg und Revolution«, »falsche
Formen des Staats- und Völkerlebens«; »Parteigeist, Parteigezänk«, »eine falsche
Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung« mit entsprechend falscher »Einrichtung des
Geldes«, »Rassenvermischung« und »gänzlich falsch gerichteter Erziehung« sowie
»Materialismus, Sittenlosigkeit und Unreligiösität« – also all jene Veränderungen,
die aufseiten der nationalen und völkischen Rechten gängige Begründungen für
die Ablehnung der jungen Weimarer Republik waren.209 Die schlichte Diagnose für
diese verhassten Veränderungen formulierte Wehrt wie folgt: »Unsere Zeit krankt
an maßloser brutalster Selbstsucht und an unvollständigstem Nichtvorhandensein
von Selbstlosigkeit, von Liebe. Das Heute ist wie ein wüstes Fieberdelirium, wie
ein trunkenes Bacchanal, wie ein wahnwitziger, dämonischer Taumeltanz des Teufels

205 Hans von Wolzogen, Deutsche Schrift, in: BBl 1918, S. 73. Wolzogen begründete diesen Wechsel
der Typologie der Bayreuther Blätter durch den Hinweis, »in dieser neuen Zeit (ist) gewiß nichts
so notwendig für uns Deutsche, als wie die vollbewußte, alles durchdringende und umfassende
Pflege dessen, was deutsch ist« (S. 73) und fügte dem Stimmen der Vergangenheit an, Zitate von Luther,
Kant, Klopstock, Lessing, Goethe,Wieland, Herder und Bismarck, die alle für die ›deutsche Schrift‹
votierten (S. 77 f.).
206 Alois Höfler, Die Weltmächte und die Welttragödie, in: BBl 1920, S. 1 ff.; vgl. dazu in diesem Buch
Stationen der Ring-Deutungen seit 1876, S. 388 ff.
207 Ernst Anders, Richard Wagner als Prophet des Weltkrieges, in: BBl 1920, S. 71 ff.
208 Gustav Wehrt, Über die Bedeutung Richard Wagners als Ethiker für die Not der Gegenwart, Teil I in: BBl
1923, S. 40 ff.; Teil II ebenda, S. 75 ff.
209 Vgl. dazu grundlegend einführend Kurt Sontheimer, Antidemokratisches Denken in der Weimarer
Republik. Die politischen Ideen des deutschen Nationalismus zwischen 1918 und 1933, München 1962
(4. Auflage 1994).
144 Bayreuth und die Moderne

Egoismus, vor dem längst alle Hemmungen in der Menschenbrust geschwunden


sind und der grinsend, hohnlachend seine furchtbare Knute über ein Sklavenheer
von ungezählten Tausenden schwingt.«210
Als Therapie gegen diesen Zustand destillierte Wehrt die »Liebe« aus den Werken
Wagners als zentralen gesellschaftlichen Kitt und ethische Grundlage einer neuen
Gesellschaft, eine Liebe, die ihren praktischen Rückhalt im christlichen Glauben
finde und deren erlösende Kraft Wagner in den Figuren seiner Musikdramen konkret
gezeigt habe. So bei Rienzi, der als liebender Idealist scheitere; so beim Holländer,
der durch »barmherzige, opfermutige, treue Liebe« erlöst werde; so bei Tannhäuser,
der aus »Sittlichkeitsbanden und Zwiespältigkeiten« durch eine »geistige, entsagen-
de Liebe« sein Heil finde. Tragisch scheitere Lohengrin am Mangel einer »fraglos
glaubenden, schlichten Liebe«; Erlösung werde den Göttern des Ring durch eine
»selbstüberwindende, freiwillig opfernde, selbstlose Liebe«; die »durch das Gesetz der
Indidividuation bedingten furchtbaren inneren Einsamkeit des Menschen« werde
in Tristan und Isolde durch den »Verzicht der Liebenden auf das irdische Dasein«, das
»Einswerden der Seelen« überwunden; durch Liebe und »erhabende menschliche
Seelengröße« gewinne der sich »wandelnde Genius« Sachs in den Meistersingern »wah-
res Glück« und »edle Resignation«; und schließlich erlebe Parsifal durch »intensives
Mit-Leiden« die Fähigkeit »zu höchsten Opfer-Taten in praktischem Liebesgeist«.
Wie all diese Liebeserfahrungen in praktische Handlungsanweisungen und eine
gelingende Lebensführung umgesetzt werden könnten und welche weiteren Prin-
zipien für eine Transformation der gegebenen Weimarer Gesellschaft in eine dem
Bayreuther utopischen Denken sich annähernde oder gar gerecht werdende Gesell-
schaft deduziert werden könnten, darüber findet sich allerdings kein weiteres Wort.
Das unterkomplexe Denken des Bayreuther Kreises, die völlige Inadäquatheit solcher
simplenVorstellungen gegenüber einer modernen, ausdifferenzierten Industriegesell-
schaft ist selten so deutlich zu belegen wie an diesen beiden Grundsatzbeiträgen von
Wolzogen und Wehrt, deren Anspruch, Orientierung für gesellschaftlich-politisches
Verhalten liefern zu wollen, sich selbst ad absurdum führt.
Mit solchen Beiträgen, von deren Intention es nach 1919 in den Bayreuther Blättern
eine Vielzahl gibt, versuchte Bayreuth aus dem Werk Wagners in einem unmittelba-
ren und medial ungebrochenen Sinne direkte moralische und handlungsanleitende
Maxime gegen eine Gesellschaft und Politik zu gewinnen, die man zutiefst verab-
scheute. Dass Ästhetik, Gesellschaft und Politik jeweils kategorial differente Bereiche
menschlichen Lebens sind, die nach je eigenen Urteilskriterien verlangen, hatte die
Bayreuther Erbe-Verwalter aus Gründen ihrer Überzeugung, wonach die ›Rege-
neration‹ der Menschheit aus der Kunst heraus zu erfolgen habe, im Grunde noch
nie interessiert und wurde auch nun, nach einem kurzen ›Realitätsschub‹ während
des Weltkriegs, für den im Wesentlichen Chamberlain verantwortlich war, nicht in
Erwägung gezogen. Denn: »Die Gesetze der Kunst und des Schönen sind garnicht

210 Gustav Wehrt, Über die Bedeutung Richard Wagners als Ethiker für die Not der Gegenwart, S. 40. Die
folgenden Zitate S. 75 f.
Nach dem Ersten Weltkrieg 145

deren spezifische Gesetze«, heißt es in einem Aufsatz, »sie sind vielmehr die Gesetze
und Prinzipien, die jede menschliche Tätigkeit regeln«211, weil Prinzipien wie die des
Gleichmaßes, der klaren Gliederung, des wohltuenden Wechsels, der angemessenen
Unterbrechung von Gleichförmigkeit, der Echtheit und Wahrheit nicht nur von
ästhetischer Qualität seien, sondern nach Überzeugung der Bayreuther auch für
Gesellschaften gelten würden.
In diesem Sinne hatte der eben zitierte Autor, Kurt von François – übrigens ganz
im Einklang mit der Lebensreformbewegung und deren vielfältigen, politisch unter-
schiedlich motivierten Teilen, nicht zuletzt den Vertretern der Jugendstils212 – bereits
1918 in einem Beitrag die moderne Verhässlichung des Alltags scharf angeprangert
und eine »künstlerische Durchdringung« des Alltagslebens wie der gewerblichen
Tätigkeiten gefordert, von der Architektur des Einzelhauses bis zur Gestaltung der
Städte, von den Industriemaschinen bis zu alltäglichen Gebrauchsgegenständen,
von der Wohnraumgestaltung bis zu einzelnen Möbeln, von den großen Formen
der den Menschen umgebenden Gegenständen bis in die dekorativen Details, ganz
im Sinne der Jugendstil-Bewegung, denn: »Kunst ist die harmonische Ausprägung
edlen und vollkommenen Menschentums; alles häßliche Menschenwerk aber wirkt
wie ein Schlag ins Gesicht der Menschheit, ist ein Widerspruch gegen sein eigenes,
vernünftiges, gemütliches, sittliches Wollen.«213 Freilich war die Außenseite ästhe-
tischer Gestaltung des Lebens nach Bayreuther Auffassung eine Folge der inneren
Verfassung des Menschen, und in diesem Sinne konnte dem ersten Heft des Jahr-
gangs 1924 der Bayreuther Blätter ein Hitler-Wort als Motto vorausgestellt werden:
»Dem äußeren Kampf muß der innere vorausgehen. Unser Kampf gilt dem heiligen
Inhalt«214 – wenige Wochen, nachdem Hitler am 1. Oktober 1923 erstmals Wahn-
fried »voller Ehrfurcht« (Winifred Wagner) besucht hatte.215 Mit beidem, mit Hitlers
Bayreuth-Besuch wie dem Hitler-Zitat in den Bayreuther Blättern begann sich der
Schulterschluss Bayreuths mit dem sich entwickelnden Nationalsozialismus sichtbar
und dokumentarisch zu vollziehen.
Letzteres kam unter anderem auch dadurch zum Ausdruck, dass nun, neben jene
gleichsam retrospektiv verengte und auf den ästhetisch-gesellschaftlichen Zusammen-
hang bezogene Strategie gegen den Systembruch von 1919, verstärkt Autoren aus
dem nationalistisch-völkischen Lager in den Bayreuther Kreis einrückten, die ihrerseits
mit der NS-Weltanschauung sympathisierten und einen zunehmend aggressiveren
Antisemitismus vertraten. Deren Texte hoben sich in ihrer Vorurteilssimplizität und
Wissensschlichtheit unvorteilhaft vom sprachlich geschliffenen Stil und Duktus
eines Chamberlains ab, der infolge seiner Krankheit nicht mehr publizierte, und

211 Kurt von François, Das Einheitsproblem als Grundproblem der Ästhetik, in: BBl 1923, S. 88.
212 Dazu Kai Buchholz et al. (Hg.), Die Lebensreform. Bd. I, vor allem Kunst und Kultur, S. 211 ff.
213 Kurt von François, Ästhetische Lebensgestaltung einst und jetzt, in: BBl 1918, S. 60 ff.; das Zitat S. 68.
Von François schrieb in späteren Heften der Bayreuther Blätter noch regelmäßig zu Fragen der
Ästhetik.
214 Frühlingsstück 1924, in: BBl 1924, S. 1.
215 Brigitte Hamann, Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth, S. 83 ff.
146 Bayreuth und die Moderne

sie degradierten die Bayreuther Blätter zunehmend zu einem rechtsradikalen Agita-


tionsforum, in dem Wagners Werk und Denken kurzerhand zur Vorläuferideologie
herabgestuft wurde. Repräsentativ für diese Entwicklung stand Karl Grunsky, ein
Musikwissenschaftler, Publizist und Journalist, späterer Mitarbeiter des Völkischen
Beobachters, der bis zum Ende des Bestehens der Bayreuther Blätter 1938 insgesamt
209 Artikel, Buchbesprechungen und Themenaufsätze, lieferte und damit neben
Wolzogen, dessen publizistische Arbeit in den zwanziger Jahren altersbedingt mehr
und mehr zurückging, der am häufigsten gedruckte Autor war.216 Grunsky begann
seine Autorenkarriere in den Bayreuther Blättern zwar bereits 1899, er schrieb kon-
tinuierlich seit diesem Jahr, vor allem Besprechungen von musikwissenschaftlicher
oder musikpublizistischer Literatur. Doch mit dem Krieg und nach dem Krieg
verstärkte sich seine Autoren-Präsenz und zugleich nahmen seine hagiographischen
Texte einerseits217, sein völkisches Bekenntnis und seine antisemitische Schärfe mehr
und mehr zu. Charakteristisch für den Stil Karl Grunskys – den übrigens sein Sohn
Hans Alfred Grunsky ab 1925 in den Bayreuther Blättern aufnahm und noch nach
Ende des Zweiten Weltkriegs ab 1951 mit entsprechend revidierten Inhalten in
den Bayreuther Programmheften fortführte218 – ist der Duktus der Besprechung von
Hans Pfitzners Die neue Ästhetik der musikalischen Impotenz219, in der es u.a. heißt:
»Hier schlägt Pfitzner den wärmsten Ton für Deutschtum und deutsche Musik an.
Was auf den letzten 12 Seiten gegen die Frankfurter Zeitung, gegen Judentum und
gegen deutsche Vaterlandslosigkeit, Mißgunst und Undankbarkeit gesagt ist, läßt an
deutlichster Grobheit gar nichts zu wünschen übrig. Es ist einfach herzerquickend,
so etwas von einem Musiker zu hören, der doch derselben Zunft angehört wie der
angebetete Weingartner. Was heute Kunst macht und sich Geltung verschafft, ist
auf jedem Gebiet zu bodenlos undeutsch, daß jeder anders Denkende, wo er eine
verwandte Stimme vernimmt, ergriffen aufhorcht und dem Volksgenossen dankbar
zuwinkt oder die Hand drückt. Mit wem sich Pfitzner auseinandersetzte? Es ist Paul
Bekker, der Mitarbeiter der Frankfurter Zeitung, dessen Buch über das sogenannte
Deutsche Musikleben wir in den Bayr. Blättern der aufmerksamen Abwehr empfohlen

216 Karl Grunsky (1871–1943) stammte aus einer Pastorenfamilie, sollte zunächst Geistlicher werden,
wandte sich dann aber der freien Publizistik zu. Nach seiner Promotion war er Musikreferent
des Schwäbischen Merkurs in Stuttgart, Redakteur im Kunstwart und arbeitete später für zahlreiche
Zeitschriften, u.a. den Völkischen Beobachter. Er publizierte eine Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts, 2
Bde., Leipzig 1902; Musikgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts, Leipzig 1905; Musikästhetik, Leipzig
1907; Richard Wagner und die Juden, 1920; Der Kampf um die deutsche Musik, Stuttgart 1933; Richard
Wagner, Stuttgart 1933; Volkstum und Musik, Eßlingen 1934.Vgl. zu Grunsky auch Winfried Schü-
ler, Der Bayreuther Kreis, S. 160; Annette Hein, »Es ist viel Hitler in Wagner«, S. 66 f. sowie S. 227 ff.
(Auflistung seiner Beiträge für die BBl)
217 Vgl. etwa Vom Werte des Menschen, in: BBl 1919, S. 139 ff, wo am Ende Cosima und Siegfried Wagner
als Nachfolger eines kämpferisch verstandenen Jesus vorgestellt werden, Cosima mit »ihren Leiden
und unendlichen Mühen«, wodurch sie gegen eine »Übermacht, die deutsches Wesen anfeindet«,
Bayreuth ermöglicht habe; Siegfried sei mit seinen Opern zum »Führer unseres Volkes« geworden.
218 Vgl. in diesem Buch Galt’s hier der Kunst?, S. 479 ff.
219 Franz Pfitzner, Die neue Ästhetik der musikalischen Impotenz: ein Verwesungssymptom?, München 1920.
Nach dem Ersten Weltkrieg 147

haben. Weit über eine persönliche Fehde geht Pfitzners Buch hinaus, indem es die
zerstörende Kraft jüdischer Afterlehren ausführlich nachweist. Schon in Bekkers
Beethovenbuch verrate sich die Sucht, das eigentlich Musikalische aus der Musik
zu entfernen. In dieser Richtung gehen die späteren Kundgebungen Bekkers …
ganz unbedenklich vor und gelangen zu den Ergebnissen, wie sie eben dem Ziel
einer proletarischen Kunst entsprechen. Die gleiche Erscheinung beobachten wir
ja in den bildenden Künsten, die einem maßlosen Bolschewismus zutreiben, mit
glücklicher Ausnahme der Baukunst, die sich mit Einstürzen für mißachtete Grund-
gesetze bedankte.«220
In diesem Ton wurde nunmehr in den Bayreuther Blättern immer häufiger zu
jenen Themen publiziert, die als spezifisch deutsch und damit als unabdingbar für
die moralische und politische ›Wiedergeburt‹ Deutschlands galten. Grunsky selbst
besprach regelmäßig »völkisches Schrifttum« wie »deutsch-völkische Jahrbücher«,
er schrieb über »Rasse und Volkstum« und »völkische Empfindungen«, zu »Weltan-
schauung und Wirklichkeit«, zu »Schemann und Gobineau«221, aber nach wie vor
auch zu Komponisten, zur Musik, Musikwissenschaft und Musikpublizistik, die er
aus einer national-völkischen und immer stärker aus einer nationalsozialistischen
Perspektive behandelte. Besonders breiten Raum nahmen die Besprechungen
antisemitischer Literatur ein, die Grunsky ab 1921 regelmäßig ablieferte und mit
denen er alle kursierenden antisemitischen Stereotypen und Vorurteile mit Verweis
auf die neueste ›wissenschaftliche Literatur‹ als feststehende Wahrheiten im Geistes
des ›Meisters‹ propagierte.Auf diese Besprechungen kann hier aus Umfangsgründen
nicht eingegangen werden, sie würden eine eigene Abhandlung erfordern.
Die Lektüre der Bayreuther Blätter zwischen den Jahren 1920 bis 1933 zeigt, wie
sich in manchen Themenfeldern die Akzente verschieben und die ›Argumente‹
vergröbern. So etwa, um ein Beispiel zu geben, beim Thema der Rasse. Gewiss
waren die Bayreuther Blätter von Anfang an Verfechter der Rassetheorie. So gab es
13 Beiträge von Gobineau selbst, zahlreiche Beiträge über ihn und die Bedeutung
seiner Rassetheorie, es gab Aufsätze, in denen mit rassistischen Erklärungsmustern
gearbeitet wurde. Ludwig Schemann, der deutsche Übersetzer von Gobineaus Essai
sur l’inégalité des races humaines (1853/55) und zugleich dessen Biograph, Gründer
der deutschen Gobineau-Gesellschaft (1894) und deren Vorsitzender bis 1919, war
Mitglied des engeren Bayreuther Kreises. Mit 48 Beiträgen in der Zeit von 1879
bis 1931 zählte er zu den am häufigsten publizierten Autoren. Überdies brachten
die Bayreuther Blätter von Anfang an regelmäßig die Jahresberichte der Gobineau-
Vereinigung, die 1919 aufgelöst und im Alldeutschen Verband aufging.222

220 Karl Grunsky, Hans Pfitzner und das Deutschtum, in: BBl 1920, S. 195. Grunskys Kritik des erwähnten
Buches von Bekker erschien in: BBl 1918, S. 187 ff.
221 Die einschlägigen Titel sind aufgezählt bei Annette Hein, »Es ist viel Hitler in Wagner«, S. 230.
222 Ludwig Schemann (1852–1938), studierte ab 1870 Romanistik und Geschichte in Heidelberg,
Berlin und Bonn, promovierte 1875 und arbeitete anschließend bis 1891 als Bibliothekar an der
Göttinger Universitätsbibliothek. Anschließend lebte er als Privatgelehrter und konzentrierte
sich auf die Verbreitung der Ideen Gobineaus. Zur Übersetzung von Gobineaus Werk wurde er
148 Bayreuth und die Moderne

In den einschlägigen Beiträgen der Bayreuther Blätter war der Rassebegriff freilich
schillernd, durch Unschärfen und begriffliche Unklarheiten charakterisiert, von un-
terschiedlichen Autoren auch unterschiedlich eingesetzt und verstanden. Gobineau
selbst hatte die Rassen in weiße, schwarze und gelbe eingeteilt, nach Aussehen und
Hautfarbe unterschieden und dabei die Juden der weißen Rasse zugerechnet, diese als
die am höchsten entwickelte bezeichnet, mit den Ariern als ihrem wertvollsten Teil.
Durch die über Jahrhunderte erfolgten Rasse-Mischungen aber waren – so meinte
er – die reinen Rassen biologisch geschwächt worden, woraus eine Schwächung auch
der entsprechenden Gesellschaften resultiere. Durch Rassenmischungen seien die
Völker und ihre Gesellschaften zur Degeneration verurteilt, der politische, soziale und
kulturelle Verfall ein ehernes Gesetz. Denn Vermischung produziere Gleichheit, und
diese wiederum Kraftlosigkeit in der Lebensbewältigung, intellektuelle Verflachung
und das allmähliche kulturelle Absterben aufgrund biologischer Degeneration.223
Diesen Thesen Gobineaus, die in den Bayreuther Blättern häufig propagiert wurden,
standen aber Wagners späte Regenerationsschriften scharf entgegen, weil Wagner sich
gegen eine so unausweichliche Untergangsvision wandte.Wagner lehnte Gobineaus
biologistischen Rassebegriff aus drei Gründen entschieden ab: zum einen, weil das
theologische Korrektiv in Gestalt des leidenden Jesu, durch dessen Tod sich »die
Einheit der menschlichen Gattung« herstellte, begründet auf Jesu »Fähigkeit zu be-
wußtem Leiden«224, Gobineaus Auffassung diametral entgegenstand; zum anderen,
weil Schopenhauers Philosophie eine solche Deutung nicht zuließ; zuletzt, weil seine
eigene Geschichts- und Kulturtheorie mit einem rein biologistischen Rassebegriff
nicht vereinbar war. So changierte Wagner, aller immer wieder formulierten Bewun-
derung Gobineaus zum Trotz, in seinem eigenen Rassenverständnis unentschieden
zwischen verschiedenen Akzentuierungen, bis er schließlich mit Verweis auf den
Kreuzestod Christi am Ende erklärte, die Rassen hätten ausgespielt.225
Ähnlich ambivalent blieb der Rassebegriff auch in den Schriften Chamberlains
und Wolzogens, die beide zwar einerseits die biologische Fundierung des Rassebe-
griffs schärfer akzentuierten als Wagner – und sich damit entschieden ins völkische

u.a. von Wagner angeregt, die unter dem Titel: Versuch über die Ungleichheit der Menschenracen, vom
Grafen Gobineau, Stuttgart 1898/1901 in 4 Bänden erschien. Darüber hinaus schrieb Schemann:
Meine Erinnerungen an Richard Wagner, Stuttgart 1902; Graf Arthur Gobineau. Ein Erinnerungsbild aus
Wahnfried, Stuttgart 1907; Gobineau und die deutsche Kultur, Leipzig 1910; Gobineaus Rassenwerk,
Stuttgart 1910; Gobineau. Eine Biographie, Straßburg 1913; Fünfundzwanzig Jahre Gobineau-Vereinigung,
Straßburg 1919; Paul de Lagarde, Leipzig 1919; Die Rasse in den Geisteswissenschaften. Studien zur
Geschichte des Rassengedankens, 3 Bde., München 1928/31; sowie die Autobiographie Lebensfahrten
eines Deutschen, Leipzig 1925.Vgl. zu Schemann die Angaben bei Annette Hein, »Es ist viel Hitler
in Wagner«, S. 68 ff.
223 Vgl. zum folgenden eingehender Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 352 ff., wo
der Unterschied zwischen Gobineau und Wagner genauer herausgestellt wird.
224 Richard Wagner, Heldenthum und Christenthum, in: GSD, Bd. 10, S. 280 f.
225 TB, Bd. II, S. 850 (17. Dezember 1881): »Eines ist sicher, die Racen haben ausgespielt, nun kann
nur noch, wie ich es gewagt habe auszudrücken, das Blut Christi wirken.«
Nach dem Ersten Weltkrieg 149

Lager begaben226 –, zugleich die ›weiße Rasse‹ Gobineaus auf die ›arische‹ verengten,
wodurch die Juden ausgeschlossen und zu einer eigenen, semitischen Rasse gemacht
wurden; aber andererseits doch immer wieder betonten, dass sich der Begriff der
Rasse nicht im Biologischen erschöpfe, sondern stets mit dem Geistigen verbinde.
Bereits 1894 hatte Wolzogen in einem Brief an Chamberlain geschrieben, es gin-
ge mit Blick auf die Juden als Rasse weniger »um die materielle Ausstoßung des
Dämons aus unserer Mitte«, und damit eine rassische Säuberung, als vielmehr um
»seinen moralischen Ausstoß aus unserem Innern.«227 Es war, wie auch Chamberlain
in seinen Schriften stets betonte, der »Jude in uns«, den es zu bekämpfen und aus
dem völkischen Leben auszuscheiden galt.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs blieben solche Ambivalenzen in den Bay-
reuther Blättern zunächst erhalten. In einer die Länge eines Aufsatzes erreichenden
Buchbesprechung über Darwinismus und Rassetheorie finden sich 1920 noch mas-
sive Vorbehalte gegen einen ausschließlich rassistisch verstandenen Darwinismus.228
Der sei – so der Verfasser dieses Beitrags – weder mit dem Christentum noch mit
dem Denken Wagners, auch nicht mit der Philosophie Schopenhauers vereinbar,
werde überdies von der Kulturentwicklung widerlegt, die zeige, dass der ›Kampf
ums Dasein‹ nicht das entscheidende Prinzip im Leben von Kulturgesellschaften sei.
Scharf argumentierte der Autor in diesem Zusammenhang auch gegen den Gedanken
eines rassistisch gegründeten »Zuchtstaates«, verwarf dieses Konzept mit dem ihm
zugrunde liegenden biologischen Rassebegriff und setzte die BayreutherVorstellung
einer möglichen geistigen Überformung der Rasse dagegen deutlich und positiv ab.
Da wurde mit Nachdruck noch eine Position formuliert, die sich nicht mit dem im
späteren Nationalsozialismus ausgeformten radikalen Vernichtungs-Antisemitismus
vereinbaren ließ – und sie war zu jener Zeit, also zu Beginn der Weimarer Republik,
noch repräsentativ für die Linie der Bayreuther Blätter.229
Doch das änderte sich sehr bald. Von Autoren wie dem schon erwähnten Karl
Grunsky, aber auch dem österreichischen Literaten Richard von Schaukal230, dem

226 Dazu Uwe Puschner, Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich, S. 49 ff.
227 Zitiert nach Winfried Schüler, Der Bayreuther Kreis, S. 247.
228 W. Lubosch, Ein deutscher Naturforscher an das deutsche Volk, in: BBl 1920, S. 49 ff. Das folgende Zitat
S. 55.
229 Dazu Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933–1939, München
1998; Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und die Juden 1939–1945; München 2006. Fried-
länder spricht vom »Erlösungsantisemitismus«, den er auch dem Bayreuther Kreis attestiert, vgl. Bd.
I, S. 101 ff.
230 Richard von Schaukal (1874–1942), studierte zunächst Jura, promovierte zum Dr. iur und machte
im österreichischen Staatsdienst eine beachtliche Karriere. Nach dem Krieg schied er aus dem
Staatsdienst aus, lebte fortan als freier Dichter und Literat. Er stand mit vielen Literaten in Verbin-
dung, so mit Arthur Schnitzler, Rainer Maria Rilke, Karl Kraus, Hermann Hesse, den Gebrüdern
Mann, auch mit Malern wie Heinrich Vogeler oder Alfred Kubin. Seine durchweg erfolgreichen
lyrischen und novellistischen Arbeiten reagierten sensibel und seismographisch auf zeitgenössische
Entwicklungen, schwanken zwischen Symbolismus und realistischer Auseinandersetzung mit
Grundfragen menschlicher Existenz. Wohl am erfolgreichsten war Leben und Meinungen des Herrn
Andreas von Balthesser (1907), die Geschichte eines Dandys. Ungeachtet einer gewissen literarischen
150 Bayreuth und die Moderne

Historiker Hermann Seeliger231 oder dem Schulmusiker und führenden Wagneria-


ner Otto Daube232, alle zumeist schon vor 1933 überzeugte Nationalsozialisten und
Mitglieder der NSDAP, wurde der Rassebegriff in den folgenden Jahren aus der
Wagnerschen Uneindeutigkeit in die Eindeutigkeit des Biologischen umgedeutet und
aggressiv gegen die Juden eingesetzt. So erschien, um ein Beispiel zu nennen, 1924
eine sehr ausführliche Besprechung, verfasst von dem »alten Nationalsozialisten«233
Hermann Seeliger, über Hans F. K. Günthers Rassekunde des deutschen Volkes, der
das damals erfolgreiche, die Rasse biologisch auffassende Buch als eine »völkische
Großtat« lobte und meinte, es könne heute nur noch »ein Schwachkopf oder
Volksverräter judenfreundlich sein.« Vehement empfahl er Günthers »kategorischen
Imperativ einer Wiedervernordung, d.h. einer Wiederversittlichung unseres Seelen-
tums«, weil aus der »fortgesetzten Entnordung« der »Untergang des Abendlandes
drohe«. Wiedervernordung meinte hier die Abkehr von »Rassenmischungen« und
die Züchtung eines »nordischen Menschen« – ein Ziel, das nach Seeliger, wie er in
völliger Verkehrung von Wagners Auffassung meinte, »schon von dem Bayreuther
Meister als Schicksalsnotwendigkeit hervorgehoben« worden sei.234 Schon ein Jahr
später wurde eine weitere Auflage dieses »kostbaren Buches« erneut besprochen als
ein Werk, »das ins Leben eingreift und unsere Aufgabe vorzeichnet.«235
Ganz auf dieser neuen, verschärften Linie verzeichnete die Rubrik Besprechungen
in den Jahren bis hin zur ›Machtergreifung‹ von 1933 verstärkt Buchempfehlungen

Weltläufigkeit war Schaukal politisch im christlich-sozialen und konservativen Milieu Österreichs


beheimatet, mit frühen Tendenzen zum (Austro-)Faschismus. In den Bayreuther Blättern schrieb er
vorwiegend über Dichter und Literaten wie Raabe, E.T.A. Hoffman, Flaubert, Dostojewski u.a.
(vgl. Aufzählung all seiner Beiträge bei Annette Hein, »Es ist viel Hitler in Wagner«, S. 328 f.), in den
späten zwanziger und in den dreißiger Jahren dann allerdings auch zur Politik. Der hier zitierte
Aufsatz kann als ein Beitrag zur politischen Grundsatz- und Ortsbestimmung nicht nur Schau-
kals, sondern auch der Bayreuther Blätter gelten.Vgl. auch die von 1997 bis 2002 von der in Kassel
ansässigen Richard-von-Schaukal-Gesellschaft herausgegebenen Jahrbücher Eros Thanatos, die sich
der Person und dem Werk Schaukals widmeten sowie Dominik Pietzcker, Richard von Schaukal. Ein
österreichischer Dichter, Würzburg 1997.Vgl. auch Annette Hein, »Es ist viel Hitler in Wagner«, S. 68.
231 Annette Hein, »Es ist viel Hitler in Wagner«, S. 71 f.
232 Otto Daube (1900–1992), Musiklehrer und Komponist, Gründer und Vorsitzender des Bayreuther
Bundes der deutschen Jugend (1925), ab 1934 NS-Mitglied, ab 1935 Leiter der Richard-Wagner-
Festwochen in Detmold und der Richard Wagner-Schule Detmold, enger Freund Winifred
und Siegfried Wagners. Daube hatte bis 1945 verschiedene Führungspositionen innerhalb des
NS-Schul- und Bildungssystems inne, er war Herausgeber von ›Amtlichen Führern‹ zu den
Detmolder Wagner-Festwochen, ab 1948 erneut Musikstudienrat in Hattingen und ging 1965
in den Ruhestand. Angaben nach Fred K. Prieberg, Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, auf
CD-ROM. Zum Bayreuther Bund der Deutschen Jugend vgl. auch die Selbstbeschreibung von Otto
Daube, Geschichte des Bayreuther Bundes der deutschen Jugend, in: Deutsche Festspiele in Weimar 1926,
hg. von Paul Pretzsch und Otto Daube, S. 143 ff. sowie Herbert Müller, Der Bayreuther Bund der
deutschen Jugend, sein Werden und Wachsen, ebenda, S. 154 ff. Vgl. Annette Hein, »Es ist viel Hitler in
Wagner«, S. 84 f.
233 So die Selbstbezeichnung Seeligers im letzten Jahrgang der Bayreuther Blätter, 1938, S. 52.
234 Hermann Seeliger, über Hans F.K. Günther, Rassenkunde des deutschen Volkes, München 1922, in:
BBl 1924, S. 54 ff.
235 Karl Grunsky, Was uns hoffen läßt, in: BBl 1925, S. 41.
Nach dem Ersten Weltkrieg 151

mit rassistischer und antisemitischer Stoßrichtung, die an moralischer und intellek-


tueller Reflexions- und Bedenkenlosigkeit alle früher selbstgesetzten Grenzen hinter
sich ließen. Es erübrigt sich, die immer wiederkehrenden stereotypen Ausfälle gegen
die Juden und das ständige Einfordern rassischen Selbstbewusstseins der Deutschen,
verbunden mit der Abwehr all dessen, was sich durch die Ausbildung einer pluralis-
tischen Gesellschaft an kultureller Vielfalt, an Experiment und Grenzüberschreitun-
gen, auch an Misslungenem und Kurzlebigem zeigte, in der Allgemeinheit, in der
das stets formuliert wurde, hier aufzuzählen, auch um unnötige Redundanzen zu
vermeiden. Dass all dies mit dem Anspruch auftrat, von einer deutschen Zeitschrift
»im Geiste Richard Wagners« vertreten zu werden, sprach allem Hohn, was Wagner
je geschrieben und gedacht hatte.
Während der ersten Jahre der Weimarer Republik verharrte die Mehrzahl der
in den Bayreuther Blättern veröffentlichen Beiträge in der Geste einer allgemeinen
Beschwörung des Untergangs der deutschenWerte und der deutschen Kultur, ihrer
Vernichtung durch ›Schmutz und Schund‹, was gleichgesetzt wurde mit der Moderne.
Als 1924 die Bayreuther Festspiele erstmals nach dem Krieg wiedereröffnet wurden,
in deren Vor- und Umfeld es eine dichte Vielzahl völkischer und nationalsozialisti-
scher Aktivitäten und Versammlungen gegeben hatte,236nahmen die Erbe-Verwalter
Wagners dies zum Anlass, um aus ihrer Sicht die kulturelle, gesellschaftliche und poli-
tische Entwicklung Deutschlands zu bilanzieren. Im offiziellen Festspielführer, den Karl
Grunsky herausgegeben hatte,237 entfaltete sich ein Tableau völkisch-nationalistischer
und nationalsozialistischer Selbstbeschreibungen, das von der Heroisierung Siegfried
Wagners als dem authentischen Erben seines Vaters in Wirken und Werk238 über die
emphatische Würdigung Chamberlains als der »leidenschaftlich bahnbrechenden
großen Führerpersönlichkeit«239 und Henry Thodes als dem »Führer zu Innerlichkeit
und Deutschheit« in der Kunst240 bis zu »Wagner als Führer zu deutscher Art«241
reichte, denn Wagner hatte – so die Behauptung – durch die Wahl seiner Stoffe,
die Form seines Ausdrucks, seinen Umgang mit den »deutschen Meistern«, einen
eigenen »deutschen Stil« und »deutschen Geschmack« herausgebildet und die »Of-
fenbarung des deutschen Wesens besonders in jenem deutschen Glauben gesucht«,
der sich von Luther, von Kant und Schopenhauer herleite. Wagner stehe, so hieß es
da, in der »Selbsterkenntnis des deutschen Wesens und diesem Kampf für deutsches
Wesen« in einem großen Zusammenhang mit seiner »Bayreuther Gemeinde.« Zu-
gleich wurde die schwankende Meinung Wagners zum Staat bemerkenswert korrekt
wiedergeben, dessen Vorbehalte gegen das deutsche Staatsverständnis und der daraus

236 Vgl. dazu Frederic Spott, Bayreuth, S. 162 ff. sowie eingehend Brigitte Hamann, Winifred Wagner,
S. 117 ff. Ebenso Rainer Hambrecht, Der Aufstieg der NSDAP in Mittel- und Oberfranken, Nürnberg
1976.
237 Karl Grunsky (Hg.), Offizieller Bayreuther Festspielführer 1924.
238 Paul Pretzsch, Das Bayreuther Erbe, ebenda, S. 61 ff.
239 Armand Crommelin, Houston Stewart Chamberlain, ebenda, S. 83 ff.
240 Günther Holstein, Henry Thode, ebenda, S. 91 ff.
241 Adolf Rapp, Wagner als Führer zu deutscher Art, ebenda, S. 160 ff. Hier auch die folgenden Zitate.
152 Bayreuth und die Moderne

resultierenden Regulierungswut, aber zugleich auch darauf hingewiesen, Wagner


habe sich für eine Monarchie und damit für einen Staat ausgesprochen, der über
allen Parteien und Interessen stehen sollte.242 Die entscheidende Folgerung bestand in
der These,Wagner sei »unter keinen Umständen als Demokrat« zu bezeichnen, denn
er habe Parlamente, den Liberalismus, auch den parteilich gefassten Konservatismus
abgelehnt, sei aber dem Sozialismus und dessen Gerechtigkeitsideal wohlwollend
gesonnen gewesen. Daraus zog der Verfasser den Schluss, Wagner sei »ein Führer zu
nationalem Sozialismus« gewesen – was, angesichts der Zeitumstände, in denen die
Festspieleröffnung stattfand, nur so gelesen werden konnte, dass Wagner der geistige
Vorläufer des Nationalsozialismus gewesen sei.
Wie Bayreuth seine Rolle in Deutschland und vornehmlich für die Regeneration
Deutschlands selbst bestimmte, ließ die Aufmachung des ersten Heftes der Bayreuther
Blätter von 1924 einschränkungslos erkennen: als Motto stand vorneweg »Frühlings-
stück 1924: Dem äußeren Kampf muß der innere vorausgehen. Unser Kampf gilt
dem heiligen Inhalt. Adolf Hitler«243, und dem folgten zwei Beiträge zum Thema
Wagner als Revolutionär.244 Die Festspielnummer desselben Jahrgangs eröffnete mit
Gedichten Wolzogens, die zu Aufbruch und Besinnung auf die deutschen Werte und
Tugenden aufriefen245, und der Festspielführer von 1925 brachte erneut ein Gedicht
Hans von Wolzogens, das in Diktion und Inhalt paradigmatisch das Bayreuth jener
Jahre charakterisiert und deshalb hier in voller Länge wiedergegeben werden soll:
Gedenkspruch auf die Festspiele 1924
»Furchtbar hat die Welt sich uns verwandelt,
seit die Kunst auf unserm Hügel schwieg,
wie die Sklaven werden wir behandelt,
und die Lüge feiert ihren Sieg.
Aber ward die Macht uns auch gebrochen
und das laute Herrenwort erstickt,
hör’ es Welt: B a y r e u t h hat doch gesprochen,
unser Auge hat den Gral erblickt.
Unter breiter Decke gift’ger Schäume,
die uns schwer und schwül darnieder drückt,
barg sich in dem freien Reich der Träume,
was uns heilig ist und uns beglückt.
Immer neu aus tiefen Felsenkammern
quillt der Heilstrom in den Staub der Welt:

242 Erwin Geck, Richard Wagner und der Staat, ebenda, S. 164 ff. Die folgenden Zitate S. 173; 175.
243 BBl 1924 S. 1 ff.
244 Auszüge aus Wagner-Schriften und Briefen unter der Überschrift Wagner und die Revolution, in:
BBl 1924, S. 1 ff.; Houston Stewart Chamberlain, Der »Revolutionär«, in: BBl 1924, S. 6 ff.
245 Hans von Wolzogen, Zur Wiederkehr der Festspiele 1924, in: BBl 1924, S. 25 ff.
Nach dem Ersten Weltkrieg 153

D e u t s c h l a n d s Ende nimmer soll bejammern,


wer des D e u t s c h t u m s Leben sich erhält.
Was am Alten altert, mag vergehen,
was am Innern ewig ist, das lebt.
Einen Helden haben wir gesehen,
der im Tode noch die Schwerthand hebt.
Also steigt nicht dräuend, doch verheißend
einen Frieden, den die Welt verlor,
uns’re K u n s t aus Zeit und Leid uns reißend,
Zeugnis des Unsterblichen empor.
Sollten ihr die Siegeskräfte fehlen?
Gäb’ es nur eine Träumeland Bayreuth?
Nein, das Schöne wird in reinen Seelen
zu dem Starken, das die Welt erneut.
Nicht im Bild nur war der Gral entschleiert,
nicht im Spiel nur ward das Schwert geschweißt,
kein Johannesfest nur ward gefeiert:
offenbart ward uns d e r d e u t s c h e G e i s t .
Nicht im Augenblicke feuertrunken – :
für ein Leben hoher Pflicht geweiht,
jeder trage nun den Götterfunken,
eine Fackel, in die dunkle Zeit! –
Heiltum ruht im Heiligtum geborgen,
Sonne leuchtet hinter allem Dunst,
alter Glaube lebt in jungen Morgen,
denn uns bleibt d i e h e i l ’ g e d e u t s c h e K u n s t !«246
Es hat den Anschein, als habe die Wiederaufnahme der Festspiele – und der wachsende
Zuspruch der organisierten Rechtsradikalen zu Bayreuth – die Überzeugung von der
kulturellen Mission Bayreuths erneut beflügelt. Das Herbstheft der Bayreuther Blätter
1924 brachte Berichte über die abgelaufenen Festspiele, deren Miterleben »die letzten
Gedanken an den zersetzenden Zeitgeist«247 sofort verscheuchten. Bayreuth besann
sich auf die Jugend, der Otto Daube eine mehrteilige Serie widmet:248 sie müsse mit
Wagner vertraut gemacht und dieser mit seinem Werk und seiner Weltanschauung ein
Teil des schulischen Unterrichts werden. »Der Versuch, die Jugend zu den Musikern

246 Karl Grunsky (Hg.), Bayreuther Festspielführer 1925, S. 5 f.


247 Robert Boßhart, Bayreutherlebnis, in: BBl 1924, S. 70, das Zitat S. 73.;Wolfgang Jordan, Zur Wieder-
eröffnung der Bayreuther Festspiele, ebenda, S. 74 ff.
248 Otto Daube, Bayreuth und die Jugend,Teil I in: BBl 1924, S. 77;Teil II in: BBl 1924, S. 107 ff. Das Zitat
S. 107;Teil III in: BBl 1925, S. 38 ff.;Teil IV in: BBl 1925, S. 94 ff.; Die folgenden Zitate S. 109; 108.
154 Bayreuth und die Moderne

unserer Tage zu führen« – schrieb Daube –, »scheitert kläglich – ebenso kläglich,


wie das heutige musikalische Publikum mit den Modernen vertraut zu machen.
Unnatur, innere Hohlheit, gesuchte Künstelei, verirrte wissenschaftliche Doktrinen
überschatten die Erzeugnisse, die uns zumeist von den lebenden Musikern geschenkt
werden, und die Einkehr bei den Meistern der Klassik und der Vorklassik (Händel,
Gluck, Bach), die wir heute als die neueste musikalische Strömung beobachten, ist
nur die Antwort, die das deutsche Volk auf das geben kann, was ihm die moderne
Scheinkultur anbietet.«
Deshalb forderte Daube für die Jugend eine »Erziehung zu Bayreuth«, welche
dieser »neben den künstlerischen auch hohe ethische, geistige und religiöse Werte«
mit ins Leben gebe. Ein von ihm vorgelegter ›Lehrplan‹ sah vor, neben der Kennt-
nis des Lebens von Wagner vor allem dessen Werke und deren Einbettung in den
historischen und kulturgeschichtlichen Kontext sowie die Idee der Festspiele und
deren Realisierung in Bayreuth den Jugendlichen zu vermitteln. Darüber hinaus
sollten Franz Liszt, Siegfried Wagner »als eigenschaffender Dichter und Komponist«,
auch »die Kultur der Gegenwart« wie das Lebenswerk von Wolzogen, Glasenapp
und anderen Mitgliedern des engeren Bayreuther Kreises Inhalt dieses Lehrplans
sein.249 Jugend-Erziehungsarbeit müsse, so Daube, auf unterschiedlichen Ebenen
geleistet werden – in den Volks- und Realschulen ebenso wie in den Gymnasien
und Volkshochschulen
Die verstärkte Mitarbeit Daubes an den Bayreuther Blättern, die 1925 durch Daube
erfolgte Gründung des Bayreuther Bundes der deutschen Jugend, der seinerseits stark der
Jugendbewegung und ihren Zielen verpflichtet war, deutete darauf hin, dass Bayreuth
in die Offensive gehen wollte, wobei die weltanschaulichen Grundüberzeugungen
weitgehend stabil blieben. Ende der zwanziger Jahre, in der für die Weimarer Re-
publik vielleicht schwierigsten, um nicht zu sagen: katastrophalen Zeit des Ringens
um ihren Weiterbestand, mit innen- wie außenpolitischer Instabilität, existentiellen
wirtschaftlichen Schwierigkeiten, hoher Arbeitslosigkeit und Geldentwertung,250, gab
es noch einmal in den Bayreuther Blättern eine breit angelegte Standortbestimmung,
eine Serie von Aufsätzen, in denen Bayreuth seine Zeitdiagnose vortrug und seine
Vision einer Änderung der Zustände.

249 Otto Daube, Bayreuther Bund der deutschen Jugend.Vorgeschichte – Gründung – Ziele – Ausbaupläne, in:
BBl 1925, S. 132; die Zitate S. 134.
250 Zu erinnern ist an das Ende der letzten parlamentarisch gestützten Regierung Müller (SPD) auf der
Basis einer großen Koalition; Beginn der Präsidialkabinette; das Regieren durch Notverordnungen
mit Hilfe des Reichspräsidenten, Anstieg der Arbeitslosigkeit auf 6 Millionen, Geldentwertung,
Formierung der radikalen Rechten (Harzburger Front, 1930) und Aufstieg der NSDAP usw.; au-
ßenpolitisch den Tod des Außenministers Gustav Stresemann (1929); vgl. Karl Dietrich Bracher, Die
Auflösung der Weimarer Republik. Eine Studie zum Problem des Machtverfalls in der Demokratie, Stuttgart/
Düsseldorf 1957; Everhard Holtmann (Hg.), Die Weimarer Republik, Bd. 3 Das Ende der Demokratie
1929–1933, München 1995; Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen, Bd. 1 Deutsche
Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik, München 2001; Dirk
Blasius, Weimars Ende: Bürgerkrieg und Politik 1930–1933, Göttingen 2005.
Nach dem Ersten Weltkrieg 155

Es sind die alten antiwestlichen, antidemokratischen, antiliberalen, antizivilisa-


torischen Stichworte und Vorurteile, die erneut auftauchten. Sie bezogen sich in
den Jahren 1929 bis 1933 auf die aktuelle Krise der Republik, nahmen diese zum
Anlass einer prinzipiellen Abrechnung, gingen aus z.B. von der Feststellung Robert
Boßharts251, einem Schweizer Dichter und Komponisten und engen Sympathisanten
Bayreuths, man lebe »in einer Zeit der Auflösung«: »Auf allen Lebensgebieten werden
wir dessen gewahr: in unserem Verhältnis zur Arbeit, im unmittelbaren Leben also,
in den Lebensformen, unseren sozialen Eichrichtungen und Sitten, im mittelbaren
Leben; aber auch im dargestellten Leben, in Philosophie, Kunst und Religion!«252
Die Arbeit, so heißt es da, habe ihren Sinn verloren, weil infolge der Mechani-
sierung – gemeint war die Taylorisierung, also die Zerlegung des Arbeitsprozesses
in kleine Einzelschritte – die Menschen zu dem, was sie arbeiten, keine Beziehung
mehr entwickeln könnten; sie seien »Sklaven der Maschine« geworden, die nur noch
zu funktionieren hätten. Hinzu trete die Herrschaft des Geldes und die Ausbreitung
des »Amerikanismus«, und all dies führe zur »Loslösung der Arbeit vom Innenleben
der Menschen« – Marx hätte dies als Entfremdung bezeichnet. Diese wirtschaftliche
Entwicklung, die zur Sinnentleerung des menschlichen Lebens geführt habe, werde
ergänzt durch die Gefahr des »Bolschewismus«, einer Vorherrschaft der Technik und
dem Vormarsch antichristlicher Gesinnungen, die mit dem Verlust der Religion
einhergingen. Der Verlust des »christlichen Gewissens« habe eine nur oberflächliche
Sozialpolitik und einen verlogenen Pazifismus hervorgebracht, und alles zusammen
führe nun das deutsche Volk »an den Rand des Abgrundes«: »Wir stehen vor dem
Wendepunkt der Menschheit. Die wahren Menschen sind heute zerstreut und ohne
Gemeinschaft. Sie sind verbunden durch den Geist der Wahrheit, der im Unsichtbaren
waltet. … Die Umwandlung wird erst nach den Stürmen kommen.Viele und meis-
tens mühselig Beladene, fühlen dumpf, daß etwas im Anzug ist, was alles umwendet.«

251 Robert Boßhart, Wo stehen wir heute? in: BBl 1929, S. 1. Boßhart ist Autor von 13 Beiträgen, vgl.
Annette Hein, »Es ist viel Hitler in Wagner«, S. 214. Robert Boßhart (1899–1937) wurde in Zürich
geboren, verfasste bereits als Schüler Gedichte, arbeitete nach entsprechender pädagogischer Aus-
bildung einige Jahre als Mittelschullehrer; zugleich schrieb er mythologische Dramen und ging
später, der Musikausbildung wegen, nach Deutschland. In den zwanziger Jahren war er Dramaturg
und Regieassistent in Dresden, 1930 kehrte er wieder in die Schweiz zurück und lebte freischaffend
zurückgezogen mit seiner Frau, im Tessin, wo er früh starb. Sein Werk umfasst mehrere Gedichtbände,
Erzählungen, zahlreiche Lieder, politisch-ästhetische Broschüren – z.B. Wie muss der wahre Künstler
zu unserer Zeit stehen? Affoltern 1919; das autobiographische Buch Sein oder Nichtsein, Affoltern
1921; Notwende, Leipzig 1932 – sowie mehrere Musikdramen, darunter Wieland der Schmied, Hans
im Glück, Frithjof, Herbstmond (unvollendet, nach Grimms Märchen Der Jude im Dorn). Angaben
nach Hans-Joachim Hinrichsen, Robert Boßhart und der Antisemitismus nach Richard Wagner, in: Chris
Walton/Antonio Baldassarre (Hg.), Musik im Exil. Die Schweiz und das Ausland 1918–1945, Bern
2005. Die Zeitschrift für Musik des völkisch-nationalistisch eingestellten Verlegers Gustav Bosse in
Regensburg hat Robert Boßhart 1935 ein Sonderheft gewidmet, in dem der zum engen Bayreuther
Kreis zählende Rostocker Germanist Prof. Dr. Wolfgang Golther eine Würdigung von Leben und
Werk Boßharts verfasst hat. Wolfgang Golther, Robert Boßhart. Ein Dichter-Musiker, in: Zeitschrift
für Musik 1935, S. 589 ff.
252 Robert Boßhart, Wo stehen wir heute, S. 2. Die folgenden Zitate auf den Seiten 3; 4; 5; 14 f.; 15.
156 Bayreuth und die Moderne

Zur Zeitdiagnose gehörte auch die These, dem Verfall der Gesellschaft entspre-
che der Verfall der Kunst und Kultur.253 Wie schon einmal 1879 bei Wolzogen war
ein Symptom dafür der Sprachverfall, die »Zerstörung der Sprachgesetze«254, die
sich bei Autoren wie Kerr, Ringelnatz, Kokoschka und anderen »auf eine innere
Wesensnotwendigkeit Fremdstämmiger« zurückführen lasse. Die Sprache der Klas-
siker, die Sprache Goethes, Schillers, Stifters, Mörikes, Hölderlins, Schopenhauers,
Wagners und Nietzsches werde von »Fremdlingen … auf die schändlichste Weise«
missbraucht, und solcher Missbrauch gründe in der Rasse: »Sprache ist Geschichte
und Blut, und nur der, der die gleiche Geschichte und das gleiche Blut in sich fühlt,
nimmt an ihr völlig teil. Unser Blut rauscht nicht in den fremdartigen Sängen und
Weisen, sie stehen außerhalb unsererVolksgemeinschaft, außerhalb unseres Glaubens.
Nach dem mißlungenen Versuch, in unserer Sprache zu dichten, bereitet sich das
Judentum heute vor, sie zu zerstören.«
Als Beispiele für diese These wird der Dadaismus genannt, vor allem Kurt
Schwitters, auch andere naturalistische Dramenautoren und die angeblich von
Juden beherrschten überregionalen Zeitungen, Zeichner wie Georg Grosz und
John Heartfield.255 Auf den Bühnen sei der »handelnde, leidende, heldische Mensch
mit seinen erhebenden Schicksalen« verschwunden, an seiner Stelle herrsche Miss-
klang, Vereinzelung, Krankheit, Verkümmerung höchster Werte, »dumpfe, stumpfe
Handlungen der untersten Instinkte«, der Blick falle auf die »verwüsteten Gefilde
der modernen Kunst« mit ihren »zerstörerischen Kräften«, einem »entarteten Na-
turalismus« und »vor allem einer schamlosen Ungläubigkeit«, die den »Bau unserer
deutschen Kultur schon so unterwühlt habe, daß nichts mehr den Zusammenbruch
dieser geistigen Welt aufhalten« könne.256
Diesem gesellschaftlichen und kulturellen Untergangsszenarium müsse sich
Bayreuth mit aller Kraft entgegenstemmen. Mehrfach wird in jenen letzten Jahren
vor der ›Machtübernahme‹ von 1933 »Bayreuths deutsche Sendung«257 beschworen,
die in Wagners Festspielgedanke gründe und dessen ethische wie ästhetische Werte
– »Gegenwarts- und Ewigkeitswerte« – man ins allgemein Gesellschaftliche wenden
müsse. Grundtenor vieler Beiträge in den Bayreuther Blättern ist die Überzeugung, nur
Bayreuth sei in der Lage, Deutschland wieder zu seiner alten kulturellen Weltbedeu-
tung zurückzuführen, nur Bayreuth sei befähigt, die normativen Orientierungen für
den dringend notwendigen und radikalen Umschwung allerVerhältnisse vorzugeben.
Zu diesem Zweck wird Wagners Festspielgedanke für die Regeneration Deutschlands

253 Gustav Röll, Bayreuth und die Gegenwart,Teil I, in: BBl 1928, S. 142 ff.;Teil II, in: BBl 1929, S. 218 ff.;
in: BBl 1930, Teil III, S. 34 ff.
254 Gustav Röll, Bayreuth und die Gegenwart, in: BBl 1930, S. 36. Hier auch die folgenden Zitate.
255 Es mag bezeichnend für die ›Kenntnisse‹ der Kultur der zwanziger Jahre in Bayreuth sein, wenn in
diesem Beitrag nicht einmal die Namen der angegriffenen Künstler richtig geschrieben werden:
statt Georg Grosz heißt es: Georg Groß, statt John Heartfield heißt es John Heatfield. Ebenda, S. 37.
256 Gustav Röll, Bayreuth und die Gegenwart, S. 39 f.
257 Gustav Röll, Bayreuth und die Gegenwart, in: BBl 1929,Teil I, S. 147 ff.;Teil II, S. 218 ff. Die folgenden
Zitate hier auf den Seiten 218; 220 f.; 152; 222; 221 f.
Nach dem Ersten Weltkrieg 157

umfassend in Anspruch genommen: »Aus dem Wesen der auf den Festspielgedanken
gegründeten Kunst Wagners bestimmen wir Bayreuths vornehmste Gegenwarts-
aufgabe dahin, Stützpunkt aller schöpferischen Kräfte und Gegenkraft wider alle
kulturfeindlichen und -zersetzenden Mächte die auf der vielfach gegliederten Stu-
fenreihe menschlicher Tätigkeiten für die große einheitliche Gesamtkultur Tätigen
zur Teilnahme zu sammeln an höchsten Werken des Menschengeistes …«.
Für das sich selbst als regeneratives kulturelles Kraftzentrum einschätzende Bay-
reuth geht es dabei um folgende, das Schicksal Deutschlands bestimmende Frage: »Als
entscheidende Frage der Gegenwart erhebt sich dabei diese: soll tierische Habgier und
Genußsucht, Sinnlosigkeit und Unvernunft die deutsche Menschheit beherrschen
und die gänzlich undeutsche, nach dem berüchtigten und verwerflichen Beispiel
Fremdstämmiger inszenierte Jagd nach dem Mammon die Zerstörung unersetzlicher
innerer Werte weiter wie bisher fördern, oder innere Einkehr dennoch zur rechten
Zeit den rechten Weg erneuern, den Weg, den die hohen Sinnbilder der Vergangen-
heit: das Preußen Friedrichs des Großen und Weimar und Bayreuth uns weisen?«
Bayreuth geht es dabei, wie schon immer, um den Gedanken der »Ganzheit«, um
eine ›Volksgemeinschaft‹, die sich in ihren Teilen nicht in pluralistisch divergierender
Vielheit und aufgrund von unterschiedlichen, legitim erachteten Interessen konflik-
torisch, sondern als Ganzes aus einem einheitlichen Prinzip heraus harmonisch und
möglichst konfliktfrei versteht und organisiert.Vorbild für dieses Gemeinschaftsmodell
sind Bayreuth und die Gesinnungsgemeinschaft des Bayreuther Kreises selbst: »So ist
uns Bayreuth die allumfassende, aus Geistgemeinschaften aufgebaute, alle Kultur-
funktionen in sich einende K u l t u r g e m e i n s c h a f t , der Meister aber, dank seinem
aus religiöser Kraft geborenen Festspielgedanken, zugleich der Seher einer n e u e n
E t h i k d e r P e r s o n u n d d e r G e m e i n s c h a f t .«
Das Prinzip einer Weltanschauungs- und Gesinnungsgemeinschaft wird hier
zur normativen Grundlage für die Deutschen und die Neuordnung Deutschlands
ausgerufen, und dieses Prinzip wird primär religiös eingefärbt. In den hier zur De-
batte stehenden letzten Jahren der Weimarer Republik gewinnt die Religion – und
zwar als nationaler, deutsch-christlicher Protestantismus, wie er von Wolzogen und
Chamberlain von je her vertreten worden war – eine alles fundierende Rolle, die
das Leben der Nation in all ihren funktionalen Teilbereichen durchdringen soll.
Für Bayreuth verschmelzen Ästhetik und Ethik in der Religion zu einem höchsten
»Weltbewußtsein, zu dem der Festspielgedanke führt«, und dieses Weltbewusstsein
ist »kein Wissen mehr, es ist schon Religion«. »Religion verstehen wir dabei« – so
Gustav Röll – »als Erfahrung des Unbedingten, wie sie etwa das metaphysische
Einheitserlebnis bewirkt, als die letzte, tiefste, alles erschütternde und auch alles neu
bauende Sinnwirklichkeit … Diese Religion des Schaffenden, welche ein Geben,
Schaffen, Schenken des Menschen selber in der höchsten Kraft des seherischen
Traumes, der ›Wahrtraumdeuterei‹, der Begeisterung des Außersich-Seins ist, über-
brückt die Kluft zwischen Natur und Ideal durch Werk und Glaube, vereint in der
Wirklichkeit des Festspielgedankens. Hierin erblicken wir die höchste bildende,
menschenumschaffende, veredelnde Macht der Kunst.«
158 Bayreuth und die Moderne

Es geht hier nicht, wie bei Wagner, um eine Kunstreligion, um eine spirituelle
Erhöhung des ästhetischen Erlebnisses, die sich liturgischer Formen bedient, um
den metaphysischen Anspruch deutlich zu machen, der mit dem ›Gesamtkunstwerk‹
verbunden ist – wie das etwa bei Parsifal besonders deutlich ist.258 Es geht darum,
die Nation selbst als eine auf religiöser Erfahrung und an ästhetischen Prinzipien
orientierte Gemeinschaft vorzustellen. Als Modell dienen dabei die Bayreuther Fest-
spiele, die als religiöser Akt in einem strikt theologischen Sinne verstanden werden,
wie auch der Bayreuther Kreis in seiner vorgestellten weltanschaulichen Homogeni-
tät als Modell für die Organisation und das Selbstverständnis des deutschen Volkes
fungiert. Das Volk ist nicht mehr, wie noch bei Wagner, ein in sich gegliedertes, aus
der Spannung zwischen dem einzelnen und der Allgemeinheit resultierendes, jedoch
pluralistisch gegliedertes Volk259, als vielmehr eine in der Religion und Kunst ver-
einheitlichte und vereinte, homogene Ganzheit, die sich negativ durch die scharfe
Abgrenzung von der im »Kultursozialismus« zutage tretenden »gemeinsamen heiligen
Not«260 und positiv durch die »Notwendigkeit neuer religiöser-weltanschaulicher
Bindung im Sinne der Bestrebungen Richard Wagners allüberall …« auszeichnet.
Wagners »sozial-politisches Ideal« des Volkes als einer produktiven »vorgeschicht-
lichen Urgemeinschaftlichkeit«261, die sich entscheidend auf dieselbe Sprache
gründet und in der Sprache ihre Identität findet, also primär Sprachgemeinschaft
ist, wird in diesen Jahren und in diesem Kontext rassistisch uminterpretiert – und
damit völlig verfälscht, wenn es heißt: »Urgemeinschaft kann dabei doch wohl nur
bedeuten, daß ›Volk‹ im letzten gekennzeichnet wird durch das gleiche Blut, das in
all seinen Gliedern pulsiert. Schon von Anbeginn der Geschichte als Überlieferung
allen Geschehens an sehen wir, wie die verschiedenen Rassen sich zu vermischen
beginnen, wenn auch noch in bescheidensten Grenzen. Urgemeinschaft sagt aber
noch etwas anderes: Denn welches ist der Ausgangspunkt einesVolkes? Ohne Zweifel
ein kleinster Kreis, ein Kreis, den das rote Band des Blutes umschlingt. Und dieses
ist eben die ›vorgeschichtliche Urgemeinschaft‹.«262
So wie Wagners ›Urgemeinschaft‹ in eine Rassegemeinschaft umgedeutet und
uminterpretiert wird, so wird auch die ›gemeinschaftlich empfundene Not‹, die
Wagner nicht nur in einem ideellen, sondern auch in einem konkret sozialen Sinne
gemeint hatte, umgedeutet in eine aus den politischen Umständen, wie sie sich
nach der Niederlage von 1918 ergeben haben, sich ergebende Not der nationalen
Gemeinschaft. Die Not selbst wird zur Bedingung dafür, dass das Volk sich als Volk
empfinden kann – die Not des Krieges hat die Deutschen zu einem über alle Par-
teien gemeinsam empfindenden Volk gemacht, die Not der Nachkriegszeit dieses

258 Vgl. Udo Bermbach, »Blühendes Leid«, S. 281 ff.


259 Vgl. Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 72 ff. und S. 230 ff.
260 Gustav Röll, Bayreuth und die Gegenwart, S. 151. Hier auch das folgende Zitat.
261 Richard Wagner, Einleitung zum dritten und vierten Band, in: GSD, Bd. 3, S. 5.
262 Johannes Fritz Lothar Sturm, Richard Wagner: ›Das Volk ist der Inbegriff aller derjenigen, welche eine
gemeinschaftliche Not empfinden‹, in: BBl 1932, S. 36. Die folgenden Zitate auf den Seiten 39; 38.
Nach dem Ersten Weltkrieg 159

Bewusstsein verstärkt und dabei jene, die diese Not nicht empfanden, als nicht zum
Volk gehörig kenntlich gemacht. Nur die Not »läßt uns inne werden, daß wir ein
Volk sind, und sie macht uns dadurch erst zumVolk«: »Zu einemVolke gehören daher
alle diejenigen, welche die ›Stillung ihrer Not nur in der Stillung einer gemeinsamen
Not‹, in der ›Notwende‹ des Volkes, verhoffen dürfen und demnach ihre gesamte
Lebenskraft auf die Behebung ihrer als gemeinsam erkannten Not verwenden – denn
nur eine Not, die zum äußersten treibt, ist wahre Not.«
Solche ›äußerste Not‹ ließ sich aus Bayreuther Sicht genauer benennen. Vier
Monate vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 durch
Hindenburg for mulierte Richard von Schaukal in einem in fünf knappe Abschnitte
gegliederten Beitrag Ueberpolitisches über Politisches263 ein Plädoyer gegen die demo-
kratische Politik, gegen die demokratischen Institutionen der Weimarer Republik
wie gegen deren ideenhistorische und legitimatorische Grundlagen. Schaukals Essay
ist ein Dokument, das auf wenigen Seiten das moderne, westlich-demokratische
Politikverständnis in einer – man muss schon sagen – schändlichen Weise denunziert
und damit zusammenfasst, was das Bayreuth der endzwanziger und frühdreißiger
Jahre abgrundtief von jenem Politik- und Gesellschaftsverständnis trennt, das sich seit
der frühen Neuzeit im westlichen Denken als Folge der Aufklärung herausgebildet
hatte – auch in großen Teilen der deutschen philosophischen und politiktheoreti-
schen Tradition des 19. Jahrhunderts. Es ist zugleich auch ein Dokument, das sich
abgrundtief von jenem Denken Richard Wagners absetzt, das durch den Vormärz
geprägt und in der Beteiligung an den revolutionären Bewegungen von 1848/49
sowie im Schweizer Exil dann dauerhaft verfestigt wurde, und dessen grundlegende
Prägung sich bis ans späte Lebensende des Komponisten durchgehalten hat.
»Die Politik, das nämlich, was sich dafür hält und gehalten wird, ist unser Unglück.«
So beginnt der Beitrag, und er listet in der Folge alle Vorurteile auf, die aus einer
antidemokratischen Haltung heraus einem Politik-Verständnis entgegengebracht
werden, das sich auf pluralistische Gesellschafts- und Interessenstrukturen gründet
und die damit gegebenen Gegensätze zu einem Ausgleich zu bringen sucht. Für
Schaukal ist die Politik der Republik »Lüge«, ohne »Zusammenhang mit dem Leben«,
eine »blinde Kreis- und Kreiselbewegung am leer durchlaufenden Wort«, schlichtweg
»Unwesen«: »Politik hat alle Verhältnisse des öffentlichen Zusammenlebens, wie sie
die auf der Familie errichtete Gemeinde- und Staatsordnung zu verbürgen geeignet
sind, durchsetzt und verseucht, ja die Zwietracht in den engsten Kreis nichtöffentli-
cher Lebensäußerungen getragen. … Politik ist Parteiung, unnatürliche Zerklüftung
und zufällige oder willkürliche Zusammenfügung des gesellschaftlichen Verbandes.«
Politik stehe – so Schaukal – gegen »echte Staatskunst und Weisheit«, die demVolk
stets eine richtige Richtung vorgebe, aus Irrtum und Missverständnis herausführe,
Rechte und Pflichten bestimme, als Obrigkeit gegen Eigenmächtigkeiten, Gewalt-
missbrauch einschreite und über Schichten-, Klassen- und Ständeninteressen stehe,

263 Richard von Schaukal, Ueberpolitisches über Politisches, in: BBl 1932, S. 237 ff. Die folgenden Zitate
auf den Seiten 237 bis 243.
160 Bayreuth und die Moderne

ohne dass es »beschränkterVertretungskörper« bedürfe. Staatskunst und Staatsklugheit


seien »durch die Politik zum Abfall der Parteireibung entartet«, die Politik beuge das
Recht zu ihren Gunsten und in ihrem Interesse: sie »vergeudet das Volksvermögen,
untergräbt die Zucht und sät … überall die Lüge.«
Nach Schaukal und damit auch für die Bayreuther Blätter hat die Politik den
Staat und die Gesellschaft in Deutschland zu eigenen Zwecken an sich gebracht:
»Die ›demokratische‹ Politik, die die demokratischen Parteien Deutschlands nach
dem unglücklichen Ausgang des Weltkrieges dem deutschen Volk aufgeschwatzt
und aufgenötigt haben, ist als Politik Verfahren, ohne Inhalt. Sie dient nur dazu, ihre
Unternehmer, die Politiker, am politischen Leben zu erhalten. Das aber ist nicht
nur überflüssig, sondern unnütz, schädlich. Die Politiker haben den Staat für ihre
politischen Zwecke in Beschlag genommen.«
Politik als Selbstzweck, Politik, die sich selbst, also »Politik zum Ziel setzt«, Poli-
tik, die nur vorhanden ist, weil sie sich als ›demokratisch‹ kaschiert: das fordert die
Abschaffung der Demokratie, die solche Art von Politik erst ermöglicht. Die Demo-
kratie sei keineswegs Volksherrschaft, weil »nicht alle über alle herrschen können«,
sondern stets »Herrschaft eines Teils über die Gesamtheit« statt habe, weshalb sie auch
nicht die Herrschaft der Besten, sondern der Schlechtesten sei: »In der Demokratie
maßen sich die durch Demagogie,Volksverführung der Volksgunst Versicherten die
Führung des Staatswesens an. Sie sind … Beauftragte desVolkes, abhängig von denen,
die sie nur durch Mißbrauch der ihnen anvertrauten Macht beherrschen. Das Volk
– der Theorie, der Lehre nach alle Volksgenossen, in Wahrheit das niedere Volk, ja
der Pöbel – ist die ›Quelle‹ der Macht, das Volk ist der ›Souverän‹, also sein eigener
Herrscher, ein Widersinn, da einem Herrscher Beherrschte gegenüberstehen, das
Subjekt nicht sein Objekt sein kann.«
Was hier als ›Demokratie‹ beschrieben wird, ist ein Zerrbild, das nur dann ent-
stehen kann, wenn zum einen die für das westliche Demokratiemodell, auch für die
Weimarer Verfassung geltende konstitutive Theorie der Repräsentation als eine The-
orie medialer Vermittlung des Volkswillens an die obersten politischen Institutionen
und ihren gewaltengeteiltenVerschränkungen ausgeblendet wird; wenn zum anderen
faktische Fehlentwicklungen in Gesellschaft und Politik, die systemunabhängig
passieren, als spezifisch der Demokratie zugerechnet werden. Schaukals Politik- und
Demokratieverständnis ist ein in theoretischer Hinsicht völlig unbelehrtes, ohne
Kenntnis und ohne Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen Theoriedebat-
ten, wie sie gegen Ende der Weimarer Republik im Umfeld von Hermann Heller,
Gustav Radbruch, Franz Neumann u. a. geführt wurden; selbst die Argumente
intellektueller Gegner der Republik, wie sie in den Schriften von Carl Schmitt
oder Gerhard Leibholz formuliert werden, spielen mangels Kenntnis bei Schaukal
nicht die geringste Rolle.264 Seine Abhandlung ist ebenso theoretisch ignorant wie

264 Vgl. den Überblick von Kurt Lenk, Probleme der Demokratie, in: Hans J. Lieber (Hg.), Politische Theorie
der Antike bis zur Gegenwart, München 1991, S. 933 ff.; Herfried Münkler et al.,Weimarer Republik,
Faschismus und Nationalsozialismus, in: Iring Fetscher/Herfried Münkler (Hg.), Pipers Handbuch der
Nach dem Ersten Weltkrieg 161

empirisch unbelehrt, weil er seine Anwürfe in den herrschenden Theoriediskursen


nicht verorten, seine Mängelliste angeblich konkreten Fehlverhaltens der politischen
Parteien und des parlamentarischen Systems empirisch nicht belegt bzw. illustriert.
Anstatt konkretes Fehlverhalten auf politische Fehlsteuerungen, auf systemisches
oder funktionales Versagen der politischen und gesellschaftlichen demokratischen
Institutionen hin zu überprüfen, bleibt Schaukal in generellen Vorbehalten und
Vorurteilen der völkischen Rechten stecken, die in ihrer Allgemeinheit so weder
bestätigt noch widerlegt werden können. Wie bezüglich der Kunst und Literatur,
so blendet Bayreuth auch in Hinsicht auf die Politik den zeitgenössischen Diskurs
völlig aus, ohne dessen Kenntnis eine kritische Auseinandersetzung mit Theorie und
Praxis notwendigerweise zur bloßen Polemik verkommen muss.
Mit der Methode des Ins-Ungefähre-Redens wird auch in einem vierten Absatz
dann der »Unsinn des demokratischen Parlamentarismus« abgeurteilt. Während
Schaukal erstaunlicherweise Englands Parlamentarismus, sein Wechselspiel zwischen
König, Lords und Commons als historisch gewachsen und dem englischen Cha-
rakter angemessen, als »erhärtet und bewährt«, als »lebendige Entwicklung« gelten
lässt, verfällt der deutsche Parlamentarismus, dessen Wurzeln er, in der Sache völlig
falsch,265 bei Rousseau und in der französischen Revolution von 1789 vermutet,
einem radikal negativen Verdikt: »Der Parlamentarismus, dessen uns seit einem Jahr-
hundert quälendes Zerrbild … über den Umweg der ›evangelischen Freiheit‹ und der
deutschen Liberalität, dem Wahn eines ›Contrat social‹ Rousseau’scher Halbbildung
und der daraus mit Hilfe der Loge hervorgehenden französischen Revolution dankt
… Der Parlamentarismus, der mit der pomphaften Erklärung der eingebildeten
Menschenrechte anhebt, ist Mache und Dogma, taub ausgeklügelte und blindlings
angewandte Theorie. Das Hirngespinst des ›allgemeinen Willens‹ … bestimmt ihn,
wie das mit einer täglichen Ernte von verdächtigen Köpfen bestrittene Blendwerk
der ›allgemeinen Wohlfahrt‹ … Der demokratische Parlamentarismus mythischer
Herkunft, den die Revolution vom Himmel beschworen hat, wie er in der Brust
des ›natürlichen‹ Menschen strahlt, hat mit … der tabula rasa begonnen, die zur
Aufnahme der neuen Gesetze ›Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‹ bestimmt war.Auf
der Gesetzgebung der Willkür beruht der ›verfassungsmäßige‹ Staat des dümmsten
aller Jahrhunderte, des wissenschaftlichen XIX.«
Aus solcher ›Analyse‹ ergibt sich dann konsequenterweise die Forderung: »Weg
mit dem Parlamentarismus der Demokratie, der ›Volkssouveränität, der Freimaurerei!

politischen Ideen, Bd. 5, Neuzeit:Vom Zeitalter des Imperialismus bis zu den neuen sozialen Bewegungen,
München/Zürich 1987, S. 283 ff.
265 Die Weimarer Verfassung orientierte sich zum einen am Vorbild der von der Deutschen National-
versammlung in Frankfurt 1848/49 ausgearbeiteten, allerdings nie in Kraft getretenen Verfassung,
zum anderen am Vorbild des englischen Parlamentarismus; Frankreich spielte in dieser Debatte
keine entscheidende Rolle.Vgl. dazu u.a. Eberhard Kurtze, Die Nachwirkungen der Paulskirche und
ihrer Verfassung in den Beratungen der Weimarer Nationalversammlung und in der Verfassung von 1919,
Berlin 1931 (NachdruckVaduz 1965); Otto Kimminich, Deutsche Verfassungsgeschichte, Baden-Baden
1987; Christoph Gusy, Die Weimarer Reichsverfassung, Tübingen 1997.
162 Bayreuth und die Moderne

Zurück zum wahren Volksstaat, dem Staat der Hoheitsgewalt, der Ständeordnung
der natürlichen, der gestuften Gesellschaft.«
Das Gegenmodell zum demokratischen Parlamentarismus der Weimarer Republik
ist im letzten Satz dieses Zitates bereits angedeutet. Schaukal – und mit ihm die Bay-
reuther Blätter – votieren für eine Politik, die der Autor als »zweckmäßiges Verfahren«
mit Bezug auf einen »sachlichen Gegenstand, ein sachliches Ziel« definiert. Solche
Sachbezogenheit bedarf des Staates als »Anstalt«, dessen Aufgabe »das Wohl, die Si-
cherheit der Gesamtheit« ist. Ein solcher Staat muss auf »Ober- und Unterordnung«
gegründet sein, an seiner Spitze sollte ein »befugter Herrscher« stehen, um »dem
Volk, der lebendigen Einheit des Volksganzen, das sich von anderen Volkseinheiten
deutlich abhebt und scheidet, zu dienen, die Lebensziele des lebendigen Volkes zu
erreichen und zu sichern.«
Schaukal entwirft dann in wenigen Sätzen das Modell eines ständisch gegliederten
Staates, in dem die »(Berufs-)Stände« das strukturierende Prinzip eines hierarchisch
organisierten Gesellschaftsaufbaus sind. Aus dem obersten, also dem höchsten Stand,
sollen jene hervorgehen, die als »in Führung Erprobte« die allgemeinen Angelegen-
heiten der Gesellschaft leiten und entscheiden sollen. »Das Gemeinwesen bedarf der
Spitze, eines abschließenden, krönenden, die Idee des lenkenden Willens versinn-
lichenden Vertreters, des Prinzeps.« Er soll der obersten Schicht entstammen, seine
Herrschaft entweder durch Erbschaft oder durch Wahl bestimmt werden.Wobei die
Form der Herrscherbestimmung – so Schaukal – weniger entscheidend ist als die
Wahl des Besten durch die Besten, Führung also durch die (Berufs-)Stände legiti-
miert wird: »Die gegliederte Gesellschaft, in der jeder an seinem Platze steht, beruht
auf stillschweigender Übereinkunft, die als Gewohnheit, Herkommen Gesetzeskraft
ausübt.« Revolutionen könnten solche stillschweigende Übereinkunft zwar außer
Kraft setzen, sie könnten die Massen zur Herrschaft bringen, wie die Geschichte
gezeigt habe, doch die alte »natürliche Ungleichheit«, die in die Ständen ihren sozialen
Ausdruck finde, solle sich am Ende immer wieder durchsetzen. Denn würde sich
die Demokratie mit all ihren Missständen historisch behaupten, wäre dies das »finis
humanitas«. Es ist bemerkenswert, dass Wolzogen immerhin diesem Schluss Schaukals
am Ende eine kleine Anmerkung entgegensetzt, in der er die Vorstellung vom finis
humanitas zurückweist und auf das Kunstwerk von Bayreuth verweist, als dem Symbol
einer Zukunft, die sich in einer »mächtigen Bewegung jugendlicher und verjüngter
Volksseele, die nicht in eine ›Partei‹ münden will, vielmehr eine neue Lebensgestal-
tung anstrebt,« bereits abzeichne und über »Finis und Verzweiflung« hinweghelfe.
Gemeint ist hier ohne allen Zweifel die nationalsozialistische Bewegung Hitlers,
gehofft wird hier auf deren Erfolg, erwartet wird eine ›Regeneration‹ Deutschlands
– und selbstredend eine entsprechend kulturell führende Rolle Bayreuths.
Die von Schaukal nur anskizzierten Umrisse eines Ständestaates, die sich übri-
gens mit dem oben skizzierten, von Chamberlain während des Ersten Weltkriegs
entworfenen Modell eines expertokratischen Konstitutionalismus nicht verein-
baren lassen, verweisen ihrer Intention und Struktur nach auf Vorstellungen, wie
sie sein österreichischer Landsmann Othmar Spann, Philosoph, Nationalökonom,
Nach dem Ersten Weltkrieg 163

Soziologe und Hochschullehrer, in vielen Publikationen seit dem Ende des Ersten
Weltkriegs propagierte und sind in dessen Kontext zu lesen und zu verstehen.266
Spann, eine zwischen katholischer Soziallehre und nationalsozialistischer Weltan-
schauung oszillierende Figur, entwickelte ein Gesellschafts- und Staatsmodell, das
er als universalistisch-organisch dem modernen, liberal geprägten Parlamentarismus
und dessen individualistischer Fundierung scharf entgegensetzte. Ohne hier in die
Details seiner Überlegungen zu gehen, soll doch kurz umrissen werden, wie Spann
sich den Staat zwischen Bolschewismus und Sozialismus einerseits, dem modernen
Individualismus und Pluralismus andererseits dachte, weil sein autoritärer Ständestaat
offensichtlich auch von Teilen des Bayreuther Kreises und der Autoren der Bayreuther
Blätter mit Sympathie betrachtet wurde.
Spann stellte sich die Gesellschaft im Unterschied zu modernen liberalen Theori-
en, die den Staat als Ergebnis des Zusammenschlusses der in ihm lebenden Menschen
verstehen – so die Tradition der bürgerlichen Vertragstheorie des Staates seit John
Locke im 17. Jahrhundert – als eine dem Einzelnen vorausliegende, eigene Ganzheit
von originärem Charakter vor. Teilbereiche der Gesellschaft wie Wirtschaft, Kultur
oder auch Religion sah er als unselbständige Untergliederungen, als Ausgliederungs-
stufen, deren letzte der einzelne Bürger ist. Dieser ist nach Spann stets nur ein Glied
der Gemeinschaft, er hat außerhalb dieser Gemeinschaft keine Existenzmöglichkeit,
keine Überlebenschance. Daher kommt dem Staat die entscheidende Bedeutung zu.
Seine Organisation ist nicht auf individuelle Freiheit, sondern auf eine ausgleichende
Gerechtigkeit aller Teile gerichtet.Ausgleichend kann der Staat, der selbst ein »Stand«
ist, und zwar der höchste der Gesellschaft, nur dann sein, wenn er als Richter alle
übrigen Stände in ein balanciertes Verhältnis zueinander bringt, was erfordert dass er
diesen übergeordnet ist. Daher kann seine Legitimität, seine Autorität und Gewalt
sich »nicht von anderen Ständen, noch weniger von den einzelnen ableiten«, sie
»beruht weder auf einem berufsständischem Wirtschaftsparlament« noch auf einem
Parlament gewählter Abgeordneter, sondern auf »einem arteigenen Kreis von Men-

266 Der in Wien geborene Othmar Spann (1878–1950) studierte Philosophie und Staatswissenschaf-
ten in Zürich, Bern und Tübingen. Als wissenschaftlicher Assistent habilitierte er sich an der TU
Brünn, wurde danach auf eine Professur berufen und lehrte Volkswirtschaft und Statistik.Von 1919
bis 1938 lehrte er an der Universität Wien. In den zwanziger Jahren trat er in die NSDAP ein,
war Vorstandsmitglied im Kampfbund für deutsche Kultur, veranstaltete Schulungsabende für den
Nationalsozialistischen Studentenbund in Wien. 1938 wurde er zwangsweise in den Ruhestand
versetzt, anschließend verhaftet und für 4 Monate ins KZ Mauthausen gebracht. Sein Versuch,
nach dem Krieg die Lehrtätigkeit wieder aufzunehmen, blieb erfolglos. Spann entwickelte bereits
während des Ersten Weltkriegs eine von der katholischen Soziallehre stark beeinflusste autoritäre
Ständestaatstheorie, die für den Austrofaschismus bedeutsam wurde, die aber zugleich mit den
Vorstellungen der deutschen Nazis von einem Führerstaat nicht ohne Schwierigkeiten kompa-
tibel waren. Deshalb geriet er mit dem NS auch in Konflikt. Seine wichtigsten Werke: Der wahre
Staat, Wien 1921; Die Entstehung der Soziologie, Jena 1928; Gesellschaftsphilosophie, Jena 1928. Sein
umfassendes Werk erscheint seit 1963 in einer mehrbändigen Gesamtausgabe, hg. von Walter Hein-
rich, in Graz (Akademische Verlagsanstalt). Überdies wichtig ist die Sammlung Die Herdflamme,
eine vielbändige Sammlung der wichtigsten gesellschafts- und staatstheoretischen Schriften der
deutschen Romantik, erschienen bei Gustav Fischer, Jena.
164 Bayreuth und die Moderne

schen, die sich seiner arteigenen Aufgabe widmen.« Dieser »staatstragende Stand«
verfügt über »den schöpferischen Gedanken« der Staatslenkung und ist »aufgrund
eigener Erziehung zum Führer«267 berufen. Spann denkt sich den Ständestaat als
Rahmen zur Inkorporation der Wirtschaft mit ihren verschiedenen Berufsgruppen
als Teilstände oder Berufsstände. Wenn solchen Teil- oder Berufsständen innerhalb
des Ganzen eine gewisse Eigenständigkeit zukommen sollte, so verdankt sich dies
dem Subsidiaritätsprinzip der katholischen Soziallehre, mit der Spanns Organisati-
onsmodell eine sehr eigene Verbindung eingeht bzw. herzustellen sucht.
Wie weit dieses Modell eines autoritären Ständestaates, das sich teils aus Platons
Politeia, teils aus der Tradition der deutschen Romantik, teils aber auch aus den Staats-
lehren konservativ-restaurativer Denker des 19. Jahrhunderts wie Adam Müller, Carl
Ludwig von Haller oder Wilhelm Roscher speiste, unterstützt durch die von Papst Pius
XI. verfasste Enzyklika Quadragesimo anno (1931) mit ihrer antiliberalen und antimo-
der nen Stoßrichtung, bereits dem Faschismus und Nationalsozialismus entgegenkam,
erhellt ein Text Spanns aus dem Jahr 1934, wo es u.a. heißt: »Der Staat ist ein Stand,
und zwar im objektiven Sinne als organisatorisches Gebilde, im subjektiven Sinne
als staatsgestaltender und staatstragender Kreis von Menschen. Dessen grundlegender
Anfang ist in Italien durch den Personenbestand der Faschisten und ihre Gliederun-
gen, in Deutschland durch den Personenbestand der Nationalsozialisten und ihre
Gliederungen gegeben. … der Staatswille leitet sich nicht von dem Willen einzelner
ab, er ist daher nicht atomistisch-mechanisch, sondern lebendig gebildet, nämlich von
Führern, die … auf Gedeih und Verderb mit ihren Angelegenheiten verbunden sind
(und nicht … nach der Wahl wieder abtreten). … Die Massenwahl, der Liberalismus,
die Demokratie sind grundsätzlich überwunden. … Die Sachsouveränität tritt an die
Stelle derVolkssouveränität. … An die Stelle des leeren Freiheitsbegriffes tritt nun der
Begriff der Gerechtigkeit, welche jedem einzelnen aus dem Ganzen gibt und jeden
einzelnen für das Ganze verrichten, leisten läßt!«268
Spann nahm mit seiner Idee des autoritären Ständestaates nachhaltig ideologi-
schen Einfluss auf verschiedene Strömungen faschistischer Bewegungen in Europa,
insbesondere auf den Austrofaschismus und den von diesem getragenen Ständestaat
unter Dollfuß und Schuschnigg. Dass er 1938 nach der Angliederung Österreichs
an Deutschland mit dem NS-System in Konflikt geriet, lag unter anderem an der
Referenz seines Modells auf die katholische Soziallehre, ein Zusammenhang, den die
Nationalsozialisten nicht akzeptierten und der im nationalsozialistischen Führerstaat
nicht vorgesehen war.
Die mit einem solchen Ständestaats-Modell vollzogene, gleichsam ›offizielle‹
Hinwendung der Bayreuther Blätter zum Faschismus und Nationalsozialismus in den

267 Othmar Spann, Gesellschaftslehre, Leipzig 1930, S. 507. Hier alle Zitate.
268 Othmar Spann, Die Bedeutung des ständischen Gedankens für die Gegenwart, in: Kämpfende Wissenschaft,
Jena 1934, S. 3 ff. Zitiert nach Wilfried Gottschalch/Friedrich Karrenberg/Franz Josef Stegmann,
Geschichte der sozialen Ideen in Deutschland, Deutsches Handbuch der Politik Bd. 3, München/
Wien 1969, S. 441.
Bayreuth und die ›Machtergreifung‹ 165

späten Jahren der Weimarer Republik, der die persönliche Freundschaft Winifred
und Siegfried Wagners zu Hitler zeitlich weit vorausging,269 wurde kulturell flan-
kiert durch eine verstärkte Aufmerksamkeit für die deutsche Klassik, allem voran zu
Goethe, womit offenbar der Eindruck erweckt werden sollte, dass beides, National-
sozialismus und das Erbe der klassischen deutschen Kultur, substantiell zusammen-
gehörten. Bayreuth, das mit seinen Festspielen und seiner Mission »als der einsame
Kronzeuge hoher Kultur … in eine Zeit des Niedergangs wie eine bange Mahnung
hereinragt,«270 erhoffte sich von der bevorstehenden ›nationalen Revolution‹ eine
singuläre kulturelle Position, die es nach eigenem Selbstverständnis und in scharfer
Abgrenzung gegen die ›Dekadenz‹ der Moderne schon immer eingenommen hatte.

Bayreuth und die ›Machtergreifung‹


Die Festspiele von 1933 standen nicht nur im Zeichen des fünfzigsten Todestages von
Wagner, sie standen auch im Zeichen der erfolgten Machtübernahme Hitlers und
des Jubels über einen der »Deutschesten der Deutschen«, der direkt und umstandslos
mit Wagner in eins gesetzt wurde.271 War es Zufall, dass sich auf der Titel-Rückseite
des Festspielführers von 1933 das berühmte letzte Bild Wagners, fast das Porträt einer
Totenmaske, fand, gezeichnet von Paul von Joukowsky am 12. Februar 1883, dem
Vorabend von Wagners Todestag, dem dann – nach dem Umschlagen der Seite –
ein jugendlich-kraftvolles Porträt Hitlers mit dem Hinweis »Kanzler des Deutschen
Reiches« folgte? Die Bilderfolge mochte dem Leser suggerieren, dass Hitler das Erbe
Wagners angetreten habe, und wer das noch nicht verstand, konnte es im Vorwort
und in einigen Beiträgen unmissverständlich nachlesen.
Die Bayreuther Blätter folgten solchemVorbild unverzüglich. Im Sommerheft 1933,
ein knappes halbes Jahr nach der Machtergreifung Hitlers erschienen, bestimmte
Bayreuth erneut seine Position »in entscheidender Stunde deutscher Geschichte.«272
Robert Boßhart, der Schweizer Dichter und Musiker, der bereits vor 1933 mit
der völkisch-nationalistischen Bewegung Deutschlands sympathisiert und Wagners
Werk in deren Sinne verstanden und ausgelegt hatte273, vollzog hier das vollständige
Einschwenken auf das Dritte Reich und dessen Ideologie, schrieb eine Hymne auf
die politische Einlösung von Wagners Menschheitsvisionen durch die neue, von
Hitler geführte Regierung. Wagner sei »Seher« gewesen wie kein anderer Künstler
zuvor und danach, er habe in seinen Werken das, was sich an aktuellem Geschehen
vollziehe, bereits vorweggenommen: »Der Gründer Bayreuths selber war es, der sein

269 Dazu eingehend Brigitte Hamann, Winifred Wagner, S. 82 ff.


270 Gustav Röll, Bayreuth und die Gegenwart, in: BBl 1929, S. 150.
271 Otto Strobel (Hg.), Bayreuther Festspielführer 1933, Zum Geleit, S. 4.
272 Robert Boßhart, Bayreuth in entscheidender Stunde deutscher Geschichte, in: BBl 1933, S. 114.
273 Dazu generell Hans-Joachim Hinrichsen, Robert Boßhart und der Antisemitismus nach Richard Wagner,
S. 123 ff.
166 Bayreuth und die Moderne

Werk in allen Phasen der Weltentwicklung scharf vorausgesehen hat. – Er sah es im


Zusammenbruch der Monarchie, sah es in den Zeiten des Marxismus«274, und er sah
wohl auch, das ergibt sich aus dem weiteren Text, den Sieg des Nationalsozialismus
voraus. Seit Wagner habe Bayreuth sich als eine »Kulturinsel« gegen den Strom der
Zeit gestellt, habe das Ideal einer echten deutschen Kunst gegen alle Widerstände
verfochten, die »Wahrheit« im Bayreuther Gedanken hochgehalten und sie zum »Le-
bensinhalt des arischen Menschen« gemacht, in derVerbindung von »Deutschtum und
Christentum« die Grundlage einer deutschen Kunst bewahrt: »Und jetzt gehen wir
noch einen Schritt weiter, einen entscheidenden Schritt! – Eine solche Kunst kann
sich rein nur in einem Volke auswirken, das sich selbst erkennt … Ein solches Volk
und ein solcher Künstler brauchen aber eine R e g i e r u n g , die selber wieder
bewußt zu diesen höchsten Gütern der Nation steht! Sie brauchen eine Regierung,
die k o m p r o m i ß l o s mit kräftiger Hand für diese Güter des Volkes einsteht
und sie beschützt!«
Worauf sich die erhoffte Kompromisslosigkeit der neuen Regierung beziehen
sollte, wurde unmissverständlich durch ein Wagner-Zitat kenntlich gemacht, jene
rhetorische Frage Wagners nach der »gewaltsamen Auswerfung des zersetzenden
fremden Elementes,«275 die nun zur Aufgabe der neuen Regierung bestimmt wurde:
»Es ist ein Kanzler da, der Wagner liebt, der Beziehungen zur deutschen Kunst hat,
ein Mann, der die Kulturprobleme kennt, der sich nicht scheute, offen die Judenfrage
anzuschneiden. Er hat damit Richard Wagner auf seiner Seite.«276
Bayreuth erhoffte sich eine Regierung aus dem Geiste Richard Wagners, so
wie es diesen inzwischen interpretierte, es erhoffte sich eine »wirklich andauern-
de Gesundung« Deutschlands und für sich selbst eine Rolle, die es schon immer
einnehmen wollte: »Mittelpunkt deutscher Kultur innerhalb eines regenerierten
Deutschland!« zu sein.
Spätestens mit dem Jahr 1933 hatte sich für Bayreuth die Auseinandersetzung
mit der Moderne definitiv erledigt. Nun begriff sich Bayreuth selbst mit seinen
Kunst- und Kulturvorstellungen als die Moderne, und diese Bayreuther ›Modernität‹
ging parallel mit der ›Modernität‹ des Nationalsozialismus, ja verschmolz mit ihr.
Das kam unter anderem – neben entsprechend nationalsozialistisch eingefärbten

274 Robert Boßhart, Bayreuth in entscheidender Stunde deutscher Geschichte, S. 114. Die folgenden Zitate
S. 116.
275 Ebenda, S. 114. Das vollständige Zitat lautet: »Ob der Verfall unsere Kultur durch eine gewaltsame
Auswerfung des zersetzenden fremden Elementes aufgehalten werden könne, vermag ich nicht zu
beurteilen, weil hierzu Kräfte gehören müßten, deren Vorhandensein mir unbekannt ist.« Richard
Wagner, Censuren (Aufklärungen über das Judenthum in der Musik), in: Richard Wagner, in: GSD, Bd. 8,
S. 259.
276 Robert Boßhart, Bayreuth in entscheidender Stunde deutscher Geschichte, S. 117. Hinrichsen macht
allerdings darauf aufmerksam, dass Boßharts Antisemitismus – wie der von Wagner – kein elimi-
natorischer Vernichtungsantisemitismus gewesen sei, sondern »im Kern ein ästhetizistischer Antira-
tionalismus und Antimodernismus«, für den die Juden Symptom, nicht Ursache der Dekadenz und
des Verfalls in der Moderne sind. Hans-Joachim Hinrichsen, Robert Boßhart und der Antisemitismus
nach Richard Wagner, S. 131; S. 133 f. Hier auch das folgende Zitat.
Bayreuth und die ›Machtergreifung‹ 167

Beiträgen zu den Heften – im Besprechungsteil der Bayreuther Blätter zum Ausdruck,


der von nun an hauptsächlich jene Literatur berücksichtigte, die der herrschenden
NS-Ideologie weitgehend entsprach. Bereits das letzte Heft des Jahres 1933 gab
Literatur-Empfehlungen, die zur Person Hitlers, zur Geschichte wie Weltanschauung
seiner Bewegung, zur SA oder auch zur Rassekunde, zum Ursprung und Sinn des
Hakenkreuzes schrieben, die sich der Bestimmung der ›deutschen Musik‹ oder der
›Erforschung‹ des »jüdischen Haßfeldzugs gegen Richard Wagner« widmeten.277 Sieht
man die letzten Jahrgänge bis 1938 durch, als nach dem Tod von Hans von Wolzogen
die Bayreuther Blätter eingestellt und deren Leser aufgefordert wurden, nunmehr die
Monatsblätter des Bayreuther Bundes zu abonnieren, die das »Erbe der Bayreuther Blätter
pflegen«278 und weiterführen sollten, so bestätigt sich dieser Sachverhalt: das Werk
und Denken Wagners wird entschieden in die Nähe der NS-Ideologie gerückt, es
wird vielfach als deren Antizipation interpretiert, die Erbe-Verwalter Chamberlain
und Wolzogen, aber auch Mitglieder des Bayreuther Kreises werden alsVorkämpfer des
›neuen Deutschland‹ gerühmt. Bayreuth fügte sich geräuschvoll und außerordentlich
selbstbewusst in die ›nationale Revolution‹ ein, beanspruchte sogar mit Verweis auf
seine Tradition und den in der Vergangenheit geleisteten Widerstand gegen eine
entartete Moderne nunmehr die kulturelle Führungsrolle, denn nach Bayreuther
Lesart hatte mit Hitler und seiner Bewegung die deutsche Kultur über die Politik
gesiegt – und für Kultur war Bayreuth zuständig.
Paradigmatisch für dieses Einfügen in die nationalsozialistische Weltanschau-
ung, die mit einer tiefgreifenden Uminterpretation und Verfälschung von Wagners
Denken und Intentionen verbunden war, steht ein Beitrag, den Hermann Seeliger,
Mitarbeiter der Bayreuther Blätter seit 1917, unter dem Titel Der deutsche Seher. Die
nationalsozialistische Idee bei Richard Wagner 1934 veröffentlicht und mit dem Bayreuth
gleichsam den Schulterschluss zwischen Wagner und Hitler vollzog.279 In diesem
umfangreichen Aufsatz, auf den im Folgenden etwas ausführlicher eingegangen
werden soll, wurden erstmals alle zentralen politisch-ästhetischen Begriffe Wagners
konsequent alsVorgriff auf die NS-Ideologie beschrieben und inhaltlich entsprechend
bestimmt, als »Vorausnahme der Idee des nationalen Sozialismus«, und daraus wurde
der Schluss gezogen, dass »der Bayreuther Meister … und der mit aufrichtigster
Herzenswärme begrüßte Führer der deutschen Nation und sein Drittes Reich fortan
in der Geschichte untrennbar zusammengehören werden.«

277 Karl Grunsky, Der neue Staat und die deutschen Meister, in: BBl 1933, S. 214 ff.
278 An unsere Leser, in: BBl 1938, S. 239. Unterzeichnet ist dieser Aufruf mit »Heil Hitler!« von Otto
Daube, dem Führer des Bayreuther Bundes der Deutschen Jugend und Albert Ellwanger, dem Inha-
ber des Verlags Ellwanger, Bayreuth, in dem bis dahin die Bayreuther Blätter erschienen waren. Als
Mitarbeiter der Blätter des Bayreuther Bundes werden Autoren genannt, die bereits in den Bayreuther
Blättern zu den Mitarbeitern gezählt hatten, wie Wolfgang Golther, Arthur Prüfer, Karl Grunsky,
Curt von Westernhagen, Georg Röll.
279 Hermann Seeliger, Der deutsche Seher. Die nationalsozialistische Idee bei Richard Wagner, in: BBl 1934,
S. 127 ff. Die folgenden Zitate auf den Seiten 128; 128; 131.
168 Bayreuth und die Moderne

Seeliger begann seine Ausführungen mit der Feststellung,Wagner habe als erster
Künstler die Kunst mit der Politik in einen inneren Zusammenhang gesetzt, habe
sich überdies politisch aktiv betätigt, und sei – dies eine Wendung gegen Chamber-
lains Herunterspielen des ›Revolutionärs‹ Wagner – ein Revolutionär gewesen, der
eine so vollständige Umwälzung der Gesellschaft und der Politik angestrebt habe,
wie sie nunmehr vom Nationalsozialismus in Gang gebracht worden sei. Das Ziel
des Nationalsozialismus, »die Gewinnung eines organischen Weltbildes, an dessen
Aufbau Dichtung, Musik, Kunst jeder Art, Philosophie und Wissenschaft und die
Religion beteiligt sind«, sei auch das Ziel Wagners gewesen. Das zeige sich in seinen
Schriften. Um dies zu beweisen, projiziert Seeliger in einem ersten Schritt in Wag-
ners Konzept eines neutralen, sozialen und republikanischen Königtums, das dieser
in seiner Rede vor dem Vaterlandsverein 1848 entwickelt hatte,280 »die Vorstellung
des Führergedankens, wie er sich im altgermanischen Königtum verkörpert und
wie ihn Wagner in derselben Zeit in seinem König Heinrich verpersönlicht hat.«281
Seeliger sieht darin bereits die Einheit von Volk und Führer vorgeprägt, wie sie der
Nationalsozialismus propagiere und realisiert habe und folgert – angeblich im Sinne
Wagners – daraus: »Das Volk verlangt den F ü h r e r , der ihm Erzieher und Lehrer ist,
den Mann, der wie Wagner die Gabe hat, ›den Willen der Volkheit zu vernehmen,
ein Wille, den die Menge niemals ausspricht‹; und nun es ihn in der einzigartigen,
genialen Persönlichkeit A d o l f H i t l e r s gefunden hat, folgt es ihm, widerspruchs-
los, begeistert, mit der gleichen unbedingten Hingabe, mit der einst dem freiwillig
erkorenen Führer die kampfesfrohe Jugend der altgermanischen Gefolgschaften
unverbrüchliche Treue hielten.«
Wagners Idee eines über allen gesellschaftlichen Gruppen und Kräften stehenden
Königs, die im 19. Jahrhundert in Europa der weitverbreitetenVorstellung entspricht, ein
Monarch solle als ›pouvoir neutre‹ (Benjamin Constant) Repräsentant eines über allen
Interessen stehenden Staates sein, zugleich Schiedsrichter konfligierender Interessen,
durch deren Ausgleich er das gesellschaftliche Gesamtwohl bewirken könne, wird hier
verfälscht und inhaltlich umgebogen. Was bei Wagner auf eine liberale Ausformung
und Demokratisierung der konstitutionellen Monarchie abzielte, wird bei Seeliger ins
Gegenteil verkehrt: Bei Wagner ist der König ein Moderator gesellschaftlicher und
politischer Gegensätze, bei Seeliger wird seine neutrale Moderatorenrolle zum Füh-
rerprinzip umgedeutet und Wagners Staatsmodell identisch gesetzt mit der zentralen
NS-Organisationsidee. Nach diesem ›Interpretationsmuster‹ geht Seeliger auch mit
anderen zentralen Begriffen Wagners um. So mit dessen Volksbegriff, den Wagner in
seinen revolutionären Schriften der Jahre 1848/49 entwickelt hatte, als er im sozialen
Elend der Bevölkerung das einigende Band für das Volk fand. Diese Vorstellung wird
nun ins Völkische umgedeutet und Wagners Definition, wonach all diejenigen zum
Volk gehören, die »eine gemeinschaftliche Not empfinden«, von Seeliger zur »Not des

280 Richard Wagner, Wie verhalten sich republikanische Bestrebungen dem Königthume gegenüber? in: GSD,
Bd. 12, S. 218 ff.; vgl. dazu auch Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 49 ff.
281 Hermann Seeliger, Der deutsche Seher, S. 132. Die folgenden Zitate auf den Seiten 132; 133; 134.
Bayreuth und die ›Machtergreifung‹ 169

gemeinschaftlich deutsch fühlenden Menschen« gemacht, deren Lösung der Natio-


nalsozialismus bringe.Wagners Beschreibung der materiellen Not seiner Zeit aber gilt
als »vorausgenommene Legitimation der nationalsozialistischen Bewegung und ihres
herrlichen Führers, der seine eigene, heißeste Not« zum Motiv für die Beseitigung
allgemeiner Not gemacht habe. Es habe »wohl vor Adolf Hitler kaum einen Deutschen
gegeben, in dem das Bewußtsein der Totalität der völkischen Lebenszusammenhänge
so überaus stark gewesen sei wie in Richard Wagner«, schreibt Seeliger, und er meint,
daraus folge auch »eine gemeinsame Aufnahme des Kunstwerks« aufgrund des »Vor-
handenseins eines gleichen Seelengrundes, eines gleichen Weltbildes.«
Was für den Volksbegriff gilt, gilt auch für den des Staates, den Wagner bekannt-
lich entschieden abgelehnt hat, mit Argumenten aus dem anarchistischen, sozia-
listischen und radikal-demokratischen Vokabular.282 Auch hier wird hemmungslos
uminterpretiert und konstatiert, Wagner habe, »oberflächlich betrachtet«, den Staat
zwar »unter ganz schiefem Gesichtswinkel« beurteilt, als »Notbehelf, nicht als Idee,
als Gebilde der Willkür.«283 Doch liege die Sache bei genauerem Hinsehen sehr
anders. Denn Wagner habe unterschieden zwischen »geschlechtlich-nationalen«
und »unnationalen-universellen« Entwicklungsmomenten der Menschheit284, mit
Letzteren die »modernen, aus dynastischen Familieninteressen entstandenen Staa-
ten als ›unnatürlichste Vereinigungen von Menschen‹« gemeint und abgelehnt, mit
Ersteren den Nationalstaat gemeint und diesen bejaht: Wenn Wagner »den Wert
der g e s c h l e c h t l i c h - n a t i o n a l e n Entwicklung als für die zu erreichende
Kulturhöhe b e d i n g e n d anerkennt, so berührt er in dieser Hervorhebung der
Blutsgemeinschaft, des gleichartigen Klimas und der gemeinschaftlichen Heimat
nicht nur das Rassenproblem und die Verbundenheit jeder echten Kultur mit Blut
und Boden, sondern er bejaht – unbewußt – damit zugleich den n a t i o n a l e n
Staat; denn dieser ist … die Daseinsform einer Kultur. Oder anders ausgedrückt: in
dem Begriff des Staates als Idee ist eingebettet alles materielle und seelisch-geistige
Leben der Nation, ihre äußere und innere Politik, ihre Wirtschaftsgesinnung, wie ihre
Kunst und Wissenschaft. Geschlechtlich-nationaler Staat und völkische Einheit …
sind somit identisch, indem sich die eine nur durch den anderen darstellen kann.«285
Indem Seeliger ›geschlechtlich‹ mit »blutsverwandt« gleich setzt, kann er Wagner
ein »instinktives Rassebewußtsein« attestieren und allem unterlegen, was Wagner über
Volk, Vaterland, Sprache und Sprachgemeinschaft geschrieben hat. Wo Wagner in
einem geistesgeschichtlichen und kulturkritischen Sinn gegen die italienische Oper
und die französischen Kultureinflüsse argumentiert hatte, erkennt Seeliger nun die
›wahre Meinung‹ Wagners: die Klage über den »Mangel wahrhaften Rassegefühls«,

282 Vgl. Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 103 ff.
283 Hermann Seeliger, Der deutsche Seher, S. 135.
284 In dem von Seeliger angegebenen Textverweis auf Richard Wagner, Das Kunstwerk der Zukunft, in:
GSD, Bd. 3, S. 53 und Oper und Drama, in: GSD, Bd. 4, S. 53 ff. findet sich keiner dieser Begriffe.
285 Hermann Seeliger, Der deutsche Seher, S. 136. Die folgenden drei Zitate auf den Seiten 137; das
nächste Zitat auf S. 139.
170 Bayreuth und die Moderne

den Wagner den Deutschen zugeschrieben habe.Wagners vielfältige Beschreibungen


der ›eigenen Natur‹, die sich in der Geschichte etwa der Sprache offenbarte und
die rousseauistisch eingefärbt war, gerät nach Seeliger zu dessen intuitiver Ahnung
über die »nordrassisch bestimmte (Natur der Deutschen, U.B.), die rein zu erhalten
völkische Lebensaufgabe ist.« Die Kategorie der Rasse durchsetzt bei Seeliger seine
gesamte Wagner-Interpretation, und natürlich wird auch der Wagnersche Antisemi-
tismus im Sinne des NS-Rassebegriffs, also biologistisch, gedeutet, selbst dort, wo
das bei Wagner keineswegs der Fall ist.
Dass »Liberalismus, Demokratie, Kapitalwirtschaft und Judentum« radikaler Ab-
lehnung verfallen, kann nicht überraschen; das fügt sich in die schon länger gepflegte
Linie der Bayreuther Blätter, freilich mit dem Unterschied, dass die Motive und Argu-
mente, die auch Wagners teilweise Ablehnungen begründeten, entweder in falschem
Bezug erscheinen oder im Sinne der NS-Weltanschauung ausgewechselt werden.
So blendet Seeliger die revolutionären Schriften, auch die Zürcher Kunstschriften
und die in diesen enthaltenen politischen Überzeugungen und Positionen Wagners
vollkommen aus, zitiert stattdessen lediglich einige Spätschriften und verfälscht hier
die Zusammenhänge. Um ein Beispiel zu geben: Wagner bezieht in seinem Satz
»Die ›Demokratie‹ ist in Deutschland ein durchaus übersetztes Wesen. Sie existiert
nur in der ›Presse‹, und was diese deutsche Presse ist, darüber muß man sich eben
klar werden«286, den Begriff der Demokratie ausschließlich auf die Presse, gegen die
er im nachfolgenden Absatz eine scharfe und polemische Attacke formuliert. Doch
diese Attacke ist seine Kritik an einer Presse, der gegenüber er nur Verachtung und
die er als ›undeutsch‹ empfindet. Seeliger dagegen nimmt Wagners Polemik gegen
die Presse als Argumente gegen die Demokratie schlechthin und zieht daraus den
Schluss, Wagner habe die Demokratie generell als ›undeutsch‹ abgelehnt, was in
dieser simplen Form nicht stimmt.
Ähnlich verfährt Seeliger, wenn er Wagners Haltung zu Kommunismus und Sozi-
alismus beschreibt. Den Kommunismus habe Wagner bereits in seiner Vaterlandsrede
als die »abgeschmackteste und sinnloseste Lehre« abgelehnt – das Zitat stimmt, doch
die Ablehnung Wagners bezieht sich auf eine undifferenzierte soziale und wirtschaft-
liche Gleichmacherei, der er mit einer breiten Streuung des Privateigentums für alle
begegnen wollte.287 Anders bewertet Seeliger die Haltung Wagners zum Sozialismus.
Dessen »Feinnervigkeit des Empfindens einer gemeinsamen Not«, seine »echte
soziale Gesinnung«, sein Verständnis für die »Unzufriedenheit und Erbitterung der
handarbeitenden, unteren Schichten«288, die er alle als »vollwertige Volksgenossen«
in die Gemeinschaft einbezogen haben wollte, zeige die Bedeutung der sozialen
Frage und habe ihn zu einem »echten völkischen Sozialismus« hingeführt, woraus
Seeliger kurzerhand schließt: »Wagner war Nationalsozialist.« War Wagner bisher

286 Richard Wagner, Erkenne Dich selbst, in: GSD, Bd. 10, S. 265.
287 Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 59 ff.
288 Hermann Seeliger, Der deutsche Seher, S. 140. Die folgenden Zitate auf den Seiten 140; 142; 140;
146; 147/Anm. 57; 146; 147; 148; 148.
Bayreuth und die ›Machtergreifung‹ 171

überwiegend Vorläufer der nationalsozialistischen Weltanschauung, so wird er hier


umstandslos nunmehr zu deren integralem Ideologen und Mitglied der Bewegung.
Neben Wagners Neigung zu sozialistischen Ideen, die bei Seeliger ausführlich
zitiert und stets im Sinne eines ›nationalen Sozialismus‹ interpretiert werden, spielt
Wagners Einstellung zur Religion eine zentrale Rolle. Seeliger trägt viele Stellen
aus den Schriften Wagners zusammen, die belegen, dass Wagner über eine scharfe
Kritik an der Kirche eine sehr spezielle Form des Christentums für sich entwickelt
habe, dieses vom Judentum scharf unterschied, den jüdischen Jehowa von Christus
trennte, und – wie er meint – den Verfall der Religion, parallel dazu die Stärkung des
Atheismus, mit größter Sorge beobachtet habe. Daraus schließt Seeliger,Wagner habe
bereits »mit hellseherischer Kraft« dieVerbindung von Atheismus und Kommunismus
zum Bolschewismus der Sowjetunion vorhergeahnt, wie ihm auch die Gefahr des
daraus resultierenden Kulturuntergangs schon bewusst gewesen sei. Wagners Kir-
chenkritik, so Seeliger, sei auch gegenwärtig noch gültig, es gebe keinen Grund, die
Kirchen in Schutz zu nehmen, zumal diese gegen den Bolschewismus nicht einen
einzigen Märtyrer zu verzeichnen hätten, sondern diese Märtyrer »alle auf Seiten der
nationalsozialistischen Bewegung waren, die sich allein der heranrollenden Sturmflut
entgegenwarf.« In kritischer Haltung zu den Kirchen – und damit in der Tradition
von Chamberlain, Wolzogen und anderen Autoren der Bayreuther Blätter – plädiert
Seeliger für ein Christentum als Religion für die Volksgemeinschaft, in welches das
»Bekenntnis zur nordischen Gottesvorstellung enthalten ist.«
Ausführlich beschäftigt sich Seeliger dann mit Wagners Antisemitismus, mit dem
»zersetzenden und demoralisierenden Einfluß des Judentums« und meint, Wagner
habe als Erster »das Hakenkreuzbanner mit der kleinen Schrift Das Judentum in der
Musik« entfaltet. Diese Schrift und vor allem die Musikdramen als »unversiegliche
Kraftquelle des deutschen Geistes, deutschen Seelentums« hätten allen Hass der Juden
auf sich gezogen: »der Meister sollte fallen und mit ihm das Werk, fallen um jeden Preis
und unter Anwendung jedweden Mittels.« Ungemein breit wird dann die NS-Sicht
der ›zersetzenden Wirkung‹ des Judentums in Deutschland, vor allem nach dem Ende
des Ersten Weltkriegs, auf allen politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und
kulturellen Gebieten geschildert, wobei immer wieder Wagner-Zitate als visionäre
Voraussicht in den Text eingefügt werden und Wagner damit zum unmittelbaren
Zeitgenossen und ideologischen Parteigänger des Nationalsozialismus gemacht
wird.289 Seeligers Methode besteht darin, antisemitische Wagner-Zitate aneinander
zu reihen, sie aus ihren Kontextbezügen herauszulösen und ihnen keinerlei relati-
vierende Äußerungen, die es von Wagner ja ebenfalls gibt, zur Seite zu stellen. Auf
diese Weise wird Wagner zu einer Legitimationsquelle für den Judenhass der Nazis.
Wo Wagner positive Erfahrungen mit jüdischen Musikern gemacht habe, etwa in

289 Seeliger fügt überdies immer wieder Zitate von jüdischen Autoren ein, die selbst skeptisch bis
ablehnend, teilweise im Gestus des Selbsthasses gegenüber dem Judentum verharrten. So etwa das
negativ gemeinte Zitat von Otto Weininger:«Jüdisch ist der Geist der Modernität, von wo man
ihn betrachtet«, ebenda, S. 151.
172 Bayreuth und die Moderne

der Zuneigung und Parteinahme jüdischer Anhänger für seine Kunst, da habe dies
– so Seeliger – aus rassischen Gründen zwangsläufig zum Zerbrechen dieser Juden
geführt, die zugrundegegangen seien »an dem inneren Zwiespalt eines rassischen
So-seins und Anders-sein-wollens, an jener inneren Unsicherheit, die, wie jüdi-
scherseits offen zugegeben wird, eine ›innere Harmonie nicht aufkommen läßt‹.«290
Andererseits aber sei es aus »rassischen Gründen … natürlich unmöglich« gewesen,
»daß die von edelster Menschlichkeit und Herzensgröße zeugende Aufforderung
Wagners, im gemeinschaftlichen Mit-uns-Mensch-sein sich von dem auf ihnen
lastenden Fluche zu erlösen, bei den Juden einen Widerhall hätte finden können.
Wagner hat dies später auch erkannt. Aber auch da denkt er weder an Progrom,
noch gewaltsame Vertreibung«, sondern meint, wenn der »Wahnsinn des Parteien-
kampfes« überwunden werden könne, werde es auch keine Juden mehr geben; was
Seeliger so versteht: »in der Aufrichtung der Volksgemeinschaft in der Sphäre einer
restlos einheitlichen Weltanschauung«, wie sie der Nationalsozialismus biete, der »alle
Erscheinungen des staatlichen und kulturellen Lebens unter dem großen Gesichts-
punkte des Rein-Menschlichen« sehe, könne das ›Judenproblem‹ gelöst werden.
Wagners Vorstellungen eines auf Liebe und mitleidender Gegenseitigkeit gegrün-
deten menschlichen Lebens, die Aufhebung von Entfremdung und Unterdrückung,
seine Hoffnung, die Kunst werde das Vorbild eines harmonischen Zusammenlebens
abgeben, ein genossenschaftliches Modell die Menschen in Selbstbestimmung zu-
sammenführen – seine revolutionäre politisch-ästhetische Zukunftsvision291 wird
hier zerfällt und in isolierten und unzusammenhängenden, aus ihren Sinnbezügen
gelösten Einzelaspekten der nationalsozialistischen Weltanschauung eingepasst.
Konsequent macht Seeliger Wagner zum Propheten des Nationalsozialismus. In
Hitlers Bewegung habe sich all das realisiert, was sich Wagner erhoffte, in ihr sei der
»Behauptungswille des deutschen Geistes«292 politisch konkret geworden, bestimme
der Glaube Wagners an die Regeneration der Deutschen »einzig das Denken und
Handeln des deutschen Führers«, werde das »Wesen des deutschen Geistes«, wie Wag-
ner dies gefordert, »von innen« neu erbaut. Der Staat selbst nehme nun die Kunst in
»seine Hut und Pflege«, »indem er sie als einen wichtigsten organischen Bestandteil
der neuen Weltanschauung seinem kulturellen Gefüge eingliedert.« Wagners Vision
einer deutschen Kunst, die das Leben des Volkes auch moralisch bestimme, werde
nunmehr wahr: »Wie tief bis in die feinsten Verästelungen seiner Nervenbahnen der
nationalsozialistische Staat von ihm erfüllt ist, offenbart die bewundernswert großartig
angelegte Säuberung unseres Kulturlebens von undeutschem und widerdeutschem
Geiste. Eine Rechtfertigung von großartigster Vollständigkeit für den felsenfesten
Glauben eines siebzigjährigen Lebens und zugleich die Erfüllung eines Seherwor-
tes, das noch den Sturmjahren 1849 entstammt und jetzt, unter völlig gewandelten

290 Ebenda, S. 153. Das Zitat im Zitat bezieht sich auf Der Weltkampf 1927, S. 234. Hier auch das
folgende Zitat, sowie danach S. 154.
291 Vgl. Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 215 ff.
292 Hermann Seeliger, Der deutsche Seher, S. 156. Die folgenden Zitate auf den Seiten 157; 158.
Bayreuth und die ›Machtergreifung‹ 173

Verhältnissen in Erfüllung geht: ›Aus ihrem Zustand zivilisierter Barbarei kann die
wahre Kunst sich nur auf den Schultern unserer großen sozialen Bewegung zu ih-
rer Würde erheben; sie hat mir ihr ein gemeinschaftliches Ziel, und beide können
es nur erreichen, wenn sie es gemeinschaftlich erkennen. Dieses Ziel ist der starke
und schöne Mensch: die Revolution gebe ihm Stärke, die Kunst die Schönheit!‹.«293
Mit dieser Perspektive der vollständigen und lückenlosen Identifikation Wagners
mit der NS-Bewegung und NS-Weltanschauung endet der Artikel. Da heißt es
am Schluss: »Alle die Ideale, für die Wagner sich allezeit, selbst um den Preis seiner
künstlerischen Existenz einsetzte, in denen einzig seine Seele lebte, sie tragen einzig
die große Bewegung, in der sich nun die Geister scheiden: wer sich wirklich rück-
haltlos zu Richard Wagner bekennt, der bekennt sich auch zu dem Helden, der sie
allein entfesseln konnte; H i t l e r g e i s t ist Wa g n e r g e i s t .«
Der Führer des neuen Deutschlands »dem Meister gleich an makelloser Reinheit
des Charakters, an Selbstlosigkeit und stahlharter Willensenergie«, wird zum Träger
von Wagners Werk-Idee und dessen Weltanschauung, Hitler baut dem deutschen
Volk das neue »Wahnfried« und löst mit dem Dritten Reich endlich »das heilige,
unverletzliche Erbe des Meisters« ein.
Gelegentlich gab es allerdings auch nach 1933 noch vereinzelte, fast schon
rührend zu nennende Versuche meinungsbestimmender Bayreuthianer, der totalen
Identifikation Bayreuths mit dem Dritten Reich vorsichtig zu begegnen. Ein solcher
Versuch stammte erstaunlicherweise von Hans von Wolzogen, der 1936 die von ihm
als falsch empfundene Zuschreibung eines »politischen« Bayreuths in ein »völkisches«
Bayreuth zu korrigieren suchte. In einem in der Zeitschrift für Musik erschienenen
Beitrag schrieb er, es sei falsch zu behaupten: »Bayreuth ist politisch geworden«294;
richtig sei vielmehr »Bayreuth ist völkisch geworden.« Völkisch meine nicht, dass
Wagners Kunst als Kunst des Volkes verstanden werden müsse, sondern dass seine
Kunst »der künstlerische Ausdruck des deutschen Geistes« sei. Wolzogen bemühte
sich, zwischen dem Völkisch-Nationalen und dem Politischen zu unterscheiden und
verwies darauf, dass Wagners Unterstützung durch Ludwig II., von den Separatvor-
stellungen, Geldzuwendungen bis hin zur Verpflichtung seines Münchner Orches-
ters, einschließlich Levis, für die Uraufführung des Parsifal, nicht das geringste mit
Politik zu tun gehabt habe. Wie auch »unser Führer, der mehr ist als eine politische
Persönlichkeit, der eine Verkörperung des völkischen Geistes, der deutscher Mensch
ist, von jeher seelisch verbunden mit der Kunst des deutschen Meisters war.« Und so
finde nun im Dritten Reich statt, was sich die »Freunde Bayreuths« stets gewünscht
hätten: dass der Führer sich um diesen »Kulturwert des deutschen Geistes« kümmere:
»Dies ist das ernstlich erstrebte Ergebnis der edlen Tat des Führers: eine Hilfe des
Reiches, aber keine Abhängigkeit vom Staat!«

293 Ebenda, S. 159. Das Wagner- Zitat stammt aus Die Kunst und die Revolution, in: GSD, Bd. 3, S. 32.
Die folgenden Zitate auf den Seiten 159 f.
294 Hans von Wolzogen, Das »politische« Bayreuth. Eine kleine Berichtigung eines Sprachfehlers, in: Zeitschrift
für die Musik, 1936, S. 283 f. Alle folgenden Zitate auf diesen beiden Seiten.
174 Bayreuth und die Moderne

Wolzogens Text war der anachronistische Versuch, zum einen das Völkische als
primär national und kulturbestimmt zu verstehen und es gegenüber dem Politischen
abzugrenzen – eine Differenzierung, die, trotz aller Gemeinsamkeiten zwischen der
völkischen und nationalsozialistischen Bewegung, angesichts der Tatsache, dass die
meisten völkischen Gruppierungen nach 1933 entweder in NS-Organisationen
aufgegangen oder aber zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken waren und Hitler
die völkische Ideologie als überholten Traditionalismus abtat, keine wirkliche Be-
deutung mehr haben konnte295; zum anderen die Unabhängigkeit Bayreuths insofern
zu wahren, als zentrale Elemente des Bayreuther Gedankens dem Nationalsozialismus
nicht einfach anheimgegeben werden sollten. Ein weiteres Motiv mag gewesen sein,
dass Wolzogen – wie nahezu alle echten ›Bayreuther‹ – an der zentralen Bedeutung
eines nationalen, ›arischen‹ Protestantismus festhielt, der für Bayreuth, im Unterschied
zu Hitlers fester Überzeugung von der historischen Überfälligkeit des Christentums
und der Notwendigkeit seiner Abschaffung, integraler Bestandteil nicht nur von
Wagners Weltanschauung war, sondern auch die Voraussetzung für eine nationale
Regeneration im Sinne des Regenerationskonzeptes von Wagner bildete.

***

Überblickt man die Bayreuther Blätter seit ihrer Gründung 1878, so lässt sich ein
stets gleichbleibender, vehementer Widerspruch gegen die vielfältigen und weitge-
spreizten Ausformungen einer Moderne ausmachen, die zunehmend nicht nur als
Verfallserscheinung, sondern auch als tiefe Bedrohung der individuellen wie kollek-
tiven Existenz erlebt wurde.Widerspruch gab es gegen eine Politik, die nach außen
deutsche Machtansprüche durchzusetzen suchte, nach innen mehr und mehr dem
Veränderungsdruck seitens des Bürgertums und der Arbeiterschaft auf institutionell
gesicherte Mitsprache ausgesetzt war, die auf die Pluralisierung der Gesellschaft
zu reagieren suchte und oft gegen ihren eigenen Willen Zugeständnisse machen
musste, die sich aus den Modernisierungsprozessen der Zeit ergaben. Widerspruch
gab es gegen eine Gesellschaft, die in starken strukturellen Veränderungen begriffen
war, deren soziale Disparatheit zunahm, in der sich Klassen herausbildeten und
organisierten, wodurch die Verbindlichkeit einer nationalen Werteordnung und
nationaler Homogenität infrage gestellt wurden. Widerspruch gab es auch gegen
eine Wirtschaftsentwicklung, deren temporeiche Industrialisierung und technische
Modernisierung tiefgreifende strukturelle Verwerfungen produzierte, von denen
nicht klar war, wohin ihre Auswirkungen die Gesellschaft am Ende führen würden.
Widerspruch gab es gegen wissenschaftliche Entwicklungen, in denen die Natur-
wissenschaften einen rasanten Aufstieg erlebten, nicht nur in der Forschung, sondern
auch in der konkreten Anwendung ihrer Ergebnisse, was den Geisteswissenschaften

295 Vgl. dazu Stefan Breuer, Die Völkischen in Deutschland, Darmstadt 2008, S. 236 ff.; Uwe Puschner/G.
Ulrich Großmann (Hg.), Völkisch und national. Zur Aktualität alter Denkmuster im 21. Jahrhundert,
Darmstadt 2009, S. 10 f.
Bayreuth und die ›Machtergreifung‹ 175

viel von ihrer Bedeutung nahm, die sie zu Anfang und in der Mitte des 19. Jahr-
hunderts noch hatten, die sie aber dann allmählich teilen mussten, auch mit den
entstehenden und bedeutsam werdenden Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.
Widerspruch gab es schließlich und am entschiedensten gegen eine Kultur, in der
sich ästhetische Verbindlichkeiten, wie sie die Zeit der Klassik noch kannte, weitge-
hend aufzulösen begannen, weil auch hier Pluralisierung und Experimentierfreude
zu einer Vielzahl von stilistischen Versuchen und Richtungen führten und offene
Neugier und Neuanfang sich gegen versteifende Tradition stellten.
Das alles führte zum Verlust eines vermeintlich bis dahin geltenden einheitlichen
Weltbildes, führte zur Auffächerung in unterschiedliche Weltanschauungen und
Ideologien, auch zu unterschiedlichen Lebensstilen. Die Moderne erzeugte Kontraste,
wo zuvor das Ideal der Homogenität geherrscht hatte, sie führte zu tiefgreifenden
Verunsicherungen, wo bisher Traditionen und Konventionen Sicherheit vermittelt
hatten.Auf allen Ebenen des Lebens schien Rationalität die Emotionalität abzulösen,
gab es Verlusterfahrungen und Ängste, in einer sich beschleunigenden Welt nicht
mehr zurechtzukommen.Was sich vollzog, wurde nicht nur als Fortschritt, sondern
ebenso sehr als tiefgreifende Krise empfunden, als Auflösung aller Orientierung,
gegen die für viele nur die Rückwendung zur Sicherheit versprechenden Traditio-
nen zu helfen schien. Das Leben wieder als Ganzes zu begreifen und zu verstehen,
die sich aufsplitternden Teile zusammenzufügen, die eingetretenen Partikularisie-
rungen in einen übergreifenden Sinnzusammenhang zu bringen – das alles war eine
gegenläufige Reaktion auf die Moderne, war Wunsch und Sehnsucht nach dem
›Ganzen‹, das vor allem die Kunst noch einmal erleb- und erfahrbar machen sollte,
weil zu spüren war, dass Politik, Gesellschaft und Wirtschaft dies kaum mehr leisten
konnten. In solchem Wunsch und solcher Sehnsucht kam die Hoffnung auf eine
›andere Moderne‹ zum Vorschein, durch welche die positiven Erfahrungen der Ver-
gangenheit wieder ins Zentrum des Lebens gerückt werden sollten.Wagners Werke
mit ihren historisch-mythischen Stoffen boten sich hier zur Verwendung an, und
auch in seiner Weltanschauung, die noch einmal, wie die großen philosophischen
Systementwürfe des deutschen Idealismus, das ›Ganze‹ zu denken wagte, gab es ge-
nügend Anknüpfungspunkte für eine antimoderne Strategie der Rückorientierung.
Was an Avantgardismen in Wagner steckte, ließ sich eliminieren, weil er selbst nicht
nur Avantgarde gewesen war. Es kam darauf an, die richtigen Stichworte aus seinen
Werken herauszuholen, um allem einen Dreh ins Rückwärtsgewandte zu geben und
Bayreuth dort zu positionieren, wo es Wagner mit Sicherheit nicht haben wollte: im
völkisch-nationalistischen Lager.
Die Bayreuther Blätter machen klar: was anfangs noch wirklich darauf abzielte,
Monatsschrift des Bayreuther Patronatsvereins (1878) und folglich Mitteilungsblatt aus
dem engeren Umfeld Wagners und Propagierung seiner Welt- und Kunstauffassung
zu sein, trat als Zeitschrift zur Verständigung über die Möglichkeiten einer deutschen Kultur
(1883) bereits den Rückzug aus der Moderne an, um später dann als Deutsche Zeit-
schrift im Geiste Richard Wagners (1894) gegen eben diese Moderne scharf Position
zu beziehen, wobei Wagner dann nur noch teilweise die Munition liefern konnte,
176 Bayreuth und die Moderne

weil das, was die Zeitschrift thematisierte, weit über alles hinausging, was Wagner
jemals systematisch thematisiert hatte. Der Wechsel des Untertitels geschah nicht
nur beiläufig – er war Programm, in dem sich die, gemessen am Werk Wagners,
unbestreitbare thematische Ausweitung ebenso spiegelte wie die allmähliche Radi-
kalisierung bestimmter Themenbereiche. Die sich schon während der ersten Jahre
abzeichnende Eingliederung Bayreuths ins völkisch-nationale Lager beschleunigte
sich mit Entschiedenheit mehr und mehr, auch wenn Wagners Kunstideal als Hin-
tergrundskorrektiv wirkte. Gleichwohl lässt sich ein Prozess der sich verstärkenden
Angleichung beobachten, der nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zur entschie-
denen Annäherung an den entstehenden Nationalsozialismus führte und Wagner
mit seinem Werk und seiner Weltanschauung mehr und mehr zum Vorläufer, zuletzt
zum Zeitgenossen der NS-Ideologie werden ließ.
Doch entgegen der damit verbundenen Hoffnungen vieler Bayreuthianer –
und gegen Interpretationen, wie sie Hermann Seeliger vorlegte – spielte Wagners
politisch-ästhetische Utopie, seineVision einer neuen politisch-ästhetischen Gemein-
schaft und der darauf gegründeten genossenschaftlichen Ordnung im Dritten Reich
nicht die geringste Rolle; sie widersprach dem strikt autoritären Staatsverständnis
mit seinem Führergedanken, was freilich in den dreißiger Jahren durch Hitlers
Besuche der Bayreuther Festspiele, der damit verbundenen Präsenz zahlreicher
NS-Führungsfiguren sowie dem parteilichen wie staatlichen Einsatz Wagnerscher
Musik, etwa bei NS-Parteitagen oder später bei Staatsbegräbnissen, oberflächlich
überdeckt werden mochte. Die Selbsttäuschung Bayreuths über die Bedeutung
Wagners, seiner Werke und seines Denkens für Hitler und das öffentliche Leben im
Dritten Reich war beträchtlich; denn auch die völkischen Elemente, die Wagners
Erbe-Verwalter aus den Werken wie den Schriften herauslesen zu können glaub-
ten, widersprachen in entscheidenden Inhalten der NS-Ideologie, was im Falle des
Christentums besonders augenfällig war. Hatten Chamberlain und Wolzogen ein vom
Alten Testament gereinigtes, arisches Christentum für einen völkisch ausgerichteten
Staat als unabdingbar und als Kern moralischer und glaubender Orientierung für
unverzichtbar erachtet, so waren Hitler und die führenden Nationalsozialisten kei-
neswegs überzeugte Christen, schon gar keine kirchlich gebundenen; sie vertraten
vielmehr in ihrer Mehrzahl die Ansicht, dass Christentum und Nationalsozialismus
nicht vereinbar miteinander seien. Es gibt zahlreiche Äußerungen Hitlers über den
unheilvollen Einfluss des Christentums, es gibt bei ihm, obwohl er selbst nie aus der
katholischen Kirche ausgetreten ist, eine durchgehend anti-kirchliche Einstellung,
und es ist bekannt, dass er die Absicht hatte, das Christentum nach dem Endsieg
abzuschaffen.296 Hitler war zwar in gewisser Weise religiös, aber er war kein Christ

296 Vgl. dazu Ian Kershaw, Hitler 1936–1945, Stuttgart 2000, S. 572 u.a.; vgl. auch Claus-Ekkehard
Bärsch, Die politische Religion des Nationalsozialismus. Die religiöse Dimension der NS-Ideologie in den
Schriften von Dietrich Eckart, Joseph Goebbels, Alfred Rosenberg und Adolf Hitler, München 1998.
Bayreuth und die ›Machtergreifung‹ 177

im theologischen Sinne, sondern glaubte in einem diffusen Sinne an Vorsehung,


einen allmächtigen Schöpfer, einen göttlichen Auftrag, vor allem aber an sich selbst.297
In den Jahren des Dritten Reiches sind die Bayreuther Blätter bis 1938 zwar
einerseits ihren völkischen Idealen treu geblieben, haben andererseits aber den
Nationalsozialismus als die politisch-kulturelle Erfüllung der Erbes Wagner gesehen,
ohne sich über die Differenzen zwischen beiden Strömungen genauer Rechenschaft
zu geben. In dem Maße, in dem die völkischen Elemente der Bayreuther Wagner-
Interpretation an Gewicht verloren und hinter der nationalsozialistischenVereinnah-
mung zurücktraten, verloren auch die Bayreuther Blätter an Bedeutung. Dass sie 1938,
nach dem Tode Hans von Wollzogens, endgültig eingestellt wurden, besiegelte diese
Bedeutungslosigkeit; sie hatten Wagner, sein Werk und sein Denken in einem langen
Prozess der allmählichen Umdeutung über das völkische ins nationalsozialistische
Lager geführt – die Quittung hierfür wurde nach dem Krieg präsentiert.

297 Vgl. dazu Michael Rissmann, Hitlers Gott. Vorsehungsglaube und Sendungsbewußtsein des deutschen
Diktators, Zürich/München 2001, S. 179 ff.
Der Bayreuther Gedanke
Kulturmission und Regeneration der Menschheit

»Es gibt für die Macht des Bayreuther Gedankens


keinen stärkeren Beweis als den,
daß überragende schöpferische Geister
sich mit voller Seele zur Welt Bayreuths bekennen.«
Hans Alfred Grunsky*

In Houston Stewart Chamberlains weitverbreiteter, vielgelesener und für die Wag-


ner-Rezeption außerordentlich einflussreicher Wagner-Biographie findet sich am
Ende ein Kapitel, das in zwei Teile gegliedert ist: der erste behandelt die Idee der
Festspiele, der zweite den Bayreuther Gedanken.1 Während sich in den Schriften,
Briefen und Tagesnotizen Wagners schon früh, spätestens seit seinen Züricher Jah-
ren, zahlreiche Äußerungen über seine Absicht finden, für den Ring des Nibelungen
eigene Festspiele gründen zu wollen2 und diese Idee sich danach immer stärker
zum konzeptionellen Kern des ›Gesamtkunstwerks‹ entwickelte, später im Plan eines
Festspielhauses in Bayreuth konkretisierte, finden sich zum Begriff des Bayreuther
Gedankens in den schriftlich überkommenen Dokumenten von Wagner keinerlei
Hinweise. Eine solche Formulierung sucht man bei ihm vergebens. Die Rede vom
Bayreuther Gedanken taucht in Wagners Umfeld erstmals bei Nietzsche auf, im Vierten
Stück der Unzeitgemäßen Betrachtungen, und man darf wohl annehmen, dass Nietzsche
diesen Begriff damit geprägt und so den führenden Köpfen und Mitgliedern des
Bayreuther Kreises wie allen Bayreuth nahestehenden Intellektuellen ein zentrales
Stichwort der Wagner-Rezeption geliefert hat. Nietzsche zufolge steht der Bayreuther
Gedanke für Wagners Bemühungen, sein Werk »vor missverständlichen Erfolgen und
Beschimpfungen zu retten«, und steht zugleich für all jene konstitutiven Elemente,
die Wagner im Konzept des ›Gesamtkunstwerks‹ integrativ miteinander verbunden
hatte und mit denen er – so Nietzsche – seinen Anhängern »ein erhöhtes Gefühl
von Pflicht« in der Bewahrung dieses Werkes zu vermitteln suchte. Den Bayreuther
Gedanken charakterisiert Nietzsche in diesem Zusammenhang wie folgt: »Zum
Heile einer fernen, einer nur möglichen, aber unbeweisbaren Zukunft ausgedacht,
für die Gegenwart und die nur gegenwärtigen Menschen nicht viel mehr als ein
Räthsel oder ein Greuel, für die Wenigen, die an ihm helfen durften, ein Vorgenuss,
ein Vorausleben der höchsten Art, durch welches sie weit über ihre Spanne Zeit

* Hans Alfred Grunsky, Was uns Chamberlain bedeutet, in: Bayreuther Festspielführer 1925, S. 43.
1 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 491 ff.
2 Zur Entwicklung der Festspielidee vgl. zusammenfassend Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamt-
kunstwerks. S. 251 ff. und die dort angegebene Literatur.
180 Der Bayreuther Gedanke

sich beseligt, beseligend und fruchtbar wissen, für Wagner selbst eine Mühsal, Sorge,
Nachdenken, Gram, ein erneutes Wüthen der feindseligen Elemente, aber Alles
überstrahlt von dem Sterne der selbstlosen Treue, und, in diesem Lichte, zu einem
unsäglichen Glücke umgewandelt.«3
Chamberlain, der diese Sätze Nietzsches zitiert, sieht hier den Bayreuther Gedanken
wie in konzentrischen Kreisen entwickelt: Nietzsche gehe aus von der Verständnis-
sicherung des Werkes – hauptsächlich dem Ring des Nibelungen –, verlängere dann
Wagners Absichten in eine bessere Zukunft, um am Ende »Bayreuth immer heller
vor unseren Augen erglänzen«4 zu lassen, schließlich über das Erlebnis des Kunstwerks
»im Innern die noch tiefere Glut eines rein ethischen Beweggrundes, den Stern der
selbstlosen Treue bei den Anhängern zu erleben«. Es sei die tiefste moralische und
ethische Rechtfertigung der Kunst Wagners, die im Bayreuther Gedanken inhaltlich
gefasst werde, die Essenz aller theoretischen wie praktisch-ästhetischen Anstrengun-
gen des Bayreuther Meisters, seine ›Weltanschauung‹ in ihrer äußersten Verdichtung
und in ihrer utopischen Kraft.
Das ist eine weitausholende Interpretation, die Nietzsches Worte bis an den
Rand der Auslegungsmöglichkeiten dehnt und in der sich gleichzeitig zeigt, wie
Chamberlain selbst diesen Bayreuther Gedanken tendenziell verstanden wissen will.
Nietzsche noch überbietend schreibt er, Bayreuth sei nicht bloß ein Symbol, sondern
vor allem eine lebendige Tat, und das Bild von den Kreisen, die man enger oder
weiter um den Mittelpunkt der rein dramatischen Absicht ziehen könne, sei nur
seiner Klarheit wegen zulässig: »geht man der Sache auf den Grund, so muss man
sagen: der Gedanke, dem diese Tat entsprang, ist ein weltumfassender Gedanke.«
Offensichtlich dankbar und voller Enthusiasmus greift Chamberlain, Bayreuths
Chefinterpret und Chefideologe der post-Wagner Jahre, Nietzsches Stichwort vom
Bayreuther Gedanken auf und setzt diesen Begriff sprachregulierend, gebrauchsprä-
gend und inhaltsbestimmend als Abbreviatur eines umfassenden weltanschaulichen
Konzeptes zur Charakterisierung der Bayreuther Politik-, Gesellschafts- und Kul-
turmission. Allerdings fügt er einschränkend an, es sei unmöglich, »klipp und klar
(und kurz) darzulegen, was man unter dem Ausdruck ›Bayreuther Gedanke‹ zu
verstehen habe«. Nach vielen Umschreibungsversuchen, die er unternimmt, ist die
kürzeste Formel, die er überraschenderweise dann vorschlägt, die, der Bayreuther
Gedanke bezeichne Wagners Denken insgesamt, oder, wie es an anderer Stelle heißt:
»Im Bayreuther Gedanken läuft das Künstlertum und das Menschentum Wagner’s zu-
sammen zu einer selbst ausserhalb Stehenden überzeugenden Einheit.« Das ist eine
Definition, die, ernst genommen, bedeuten würde, das gesamte Denken Wagners
in all seinen Facetten und inhaltlichen Ausformungen, auch in seiner historischen

3 Friedrich Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen, viertes Stück: Richard Wagner in Bayreuth, zitiert nach
dem Abdruck bei Dieter Borchmeyer/Jörg Salaquarda (Hg.), Nietzsche und Wagner. Stationen einer
epochalen Begegnung, Frankfurt/M./Leipzig 1994, Bd. 1, S. 691 f.
4 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 492. Die folgenden Zitate auf den Seiten 492;
502; 498; 10; 10; 506; 507; 497.
Der Bayreuther Gedanke 181

Entwicklung systematisch zu rekonstruieren, um es dann mit diesem Etikett zu


versehen. Ein Unterfangen, das selbst Chamberlain aussichtslos erscheint. Und so
konzentrieren sich denn auch im fraglichen Kapitel die Stichworte zu diesem Be-
griff auf den zentralen Zusammenhang jener Bereiche, die für Wagners Verständnis
seines ›Kunstwerks der Zukunft‹ von entscheidender Bedeutung sind. Der Bayreuther
Gedanke ist demnach primär ein auf die Zukunft gerichteter »Kulturgedanke«, dem
eine ganze Weltanschauung zugrunde liegt, die vom »umgestaltenden Einfluss« der
Kunst auf »Kultur und Zivilisation« ihren Ausgang nimmt. Freilich: der Vorrang der
Kultur vor allen anderen Lebensbereichen sichert dieser keine unabhängige und
absolute Stellung, sondern setzt sie insVerhältnis zu allen anderen Teilen des mensch-
lichen Lebens und der menschlichen Tätigkeit. Und dieses Verhältnis charakterisiert
Chamberlain wie folgt: »Die Kunst wird nicht Wissenschaft, nicht Philosophie, nicht
Religion werden; aber ebenso, wie wir erlebt haben, dass Religion auf Philosophie
und Wissenschaft,Wissenschaft auf Philosophie und Religion einen weitreichenden
Einfluss ausübten, ebenso können wir es und werden wir es erleben, dass die Kunst
die Arroganz der Wissenschaft brechen, der Philosophie eine neue Richtung geben
und die Religion zu erneutem, segensreichen Leben erwecken wird. So wenigstens
meint der Bayreuther Gedanke; das erstrebt er.«
Anders formuliert: der Bayreuther Gedanke ist das begriffliche Amalgam eines
von Wagner entworfenen, von seinen nachfolgenden Interpreten ausformulierten
und erweiterten kulturellen Beziehungsgeflechtes mit utopischer Ausrichtung,
durch das eine verkommende Zivilisation überwunden werden und in eine neue,
Moral und Sittlichkeit begründende Kultur und kulturdominierte Gemeinschaft
überführt werden soll. Er ist der »künstlerische Glaube« an die heilende Kraft
einer Neubegründung der nationalen Kultur der Deutschen, die sich allerdings
als ›reinmenschliche‹5 über nationale Beschränktheiten hinaus an alle Menschen
richtet, gebunden im »sichtbaren Symbol«6 des Festspielhauses und zunächst nur die
Angelegenheit »für eine Minderheit«. Doch am Ende soll er, so die Hoffnung der
Bayreuther, alle Deutschen und darüber hinaus die ganze Menschheit erfassen. Der
Bayreuther Gedanke bezieht seine »Kampfkraft« aus der synthetisierenden Leistung
des in Bayreuth sich jährlich erneuernden Gesamtkunstwerks, das all denen, die an
ihm teilhaben, jene missionarische Kraft zuteil werden lässt, die gleichsam in kon-
zentrischen Kreisen für eine Regeneration von Kultur und Religion und – daraus

5 Der Begriff des Reinmenschlichen spielt in Wagners Denken und seiner Vision von einer zukünftigen
Menschheit eine zentrale Rolle. Er taucht an verschiedenen Stellen in verschiedenen Kontexten
seiner Schriften immer wieder auf, z.B. in Kunst und Klima, in: GSD, Bd. 3, S. 210; in Oper und
Drama, in: GSD, Bd. 3, S. 259; S. 262; S. 277; Oper und Drama, in: GS, Bd. 4, S. 59; S. 72; S. 74; S. 102;
S. 289; in Eine Mittheilung an meine Freunde gibt es die entscheidende Definition: »das von aller
Konvention losgelöste Reinmenschliche«, in: GSD, Bd. 4, S. 318.
6 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 493. Die folgenden Zitate auf den Seiten 495,
auch 501 f.; 504.
182 Der Bayreuther Gedanke

folgend – Politik, Staat und Gesellschaft wirkt.7 Er ist damit Teil und zugleich die
vielleicht einprägsamste und wirkungsmächtigste Chiffre für jenes im 19., teilweise
noch im 20. Jahrhundert vorherrschende, spezifisch deutsche Selbstverständnis, das
alle kulturellen Leistungen – von der Kunst, der Wissenschaft bis hin zur Religion
– den politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technischen vor- und
überordnete und daraus den Schluss zog, die deutsche Kultur sei der westlichen
Zivilisation überlegen.8 Im Bayreuther Gedanke kommt diese Tendenz der deutschen
Selbstinterpretation besonders markant zum Ausdruck, auch wenn seine einzelnen
konstitutiven Elemente ihn von anderen kulturdominanten Konzepten durchaus
absetzen und zu einem in der nationalen Geschichte der Deutschen nicht verall-
gemeinerbaren weltanschaulichen Sonderbegriff machen, der mit den spezifischen
Ansprüchen Wagners und deren Interpretation durch Chamberlain, Wolzogen und
andere Mitglieder des Bayreuther Kreises aufgeladen ist.

Ursprünge
Das erste Heft der 1878 gegründeten Bayreuther Blätter, denen Richard Wagner in
einem kurzen Vorwort lediglich die Aufgabe interner Verständigung der im Pat-
ronatsverein »verbundenen Freunde«9 mit auf den Weg gab, eröffnete Hans von
Wolzogen mit einem ›Editorial‹, in dem er Unsere Lage darzulegen und das Pro-
gramm der Zeitschrift zu umreißen suchte.10 Danach sollte es deren Aufgabe sein,
als »Zentralorgan« von Bayreuth aus »dieVerwirklichung eines grossen Kunstwerkes«
zu befördern und »in besonderen Artikeln dieses Kunstwerk mit allem ihm Zuge-
hörigen und Verwandten … und die vom Meister in seinen Schriften … angeregten
und allgemeinen künstlerischen Fragen weiter zu verfolgen.« Vor allem die »grosse
Kulturidee«, die »allen Bestrebungen unseres Meisters zu Grunde liegt«, sollte »nach
allen Seiten« (sic!) hin ausgelegt werden und dadurch zum »Wesen unserer nationalen
Kunst« führen. In der Kritik des die Gegenwart bestimmenden »Unechten, Unedlen,
Unernsten und Undeutlichen«, der zu »verachtenden literarischen Erscheinungen«,
der »Grosstädterei« und der dem deutschen Idealismus »feindlichen Mächte«, der
»Verwahrlosung und Verderbnis der echten Kultur, des echten Geistes und des

7 Erstmals wird im Bayreuther Umfeld, noch vor dem Erscheinen von Chamberlains Wagner-
Biographie, der Begriff des Bayreuther Gedankens in einem Beitrag von J. van Santen Kolff für
die Bayreuther Blätter gebraucht. Doch bezieht sich der Autor mit diesem Begriff lediglich auf
die Geschichte der Bayreuther Festspiele und die Entstehung einiger Werke Wagners, weicht also
grundlegend von der Bedeutung, die Chamberlain damit verbindet, ab und kann deshalb nicht
als begriffsprägend verstanden werden. Vgl. J. van Santen Kolff, Aus der Geschichte des Bayreuther
Gedankens. Ein Rück- und Überblick zur Erinnerung an 1872 und 1882, in: BBl 1892, S. 21 ff. (Teil I);
S. 95 ff. (Teil II); S. 170 ff. (Teil III).
8 Vgl. in diesem Buch Bayreuth und die Moderne, Vorbemerkung, S. 67 ff.
9 Richard Wagner, Zur Einführung, in: BBl 1878, S. 3.
10 Hans von Wolzogen, Unsere Lage, in: BBl 1878, S. 6 ff. Alle weiteren Zitate S. 18 und 20.
Ursprünge 183

gesamten Volkslebens« stellte Wolzogen den Bayreuther Blättern die Aufgabe, allem
»Echten, Edlen und Ernsten, dem wahrhaft deutschen Geiste« zu dienen und »in
einer bestimmten Gemeinde eine feste Gesinnung ausbilden« zu helfen, um im Laufe
der Zeit alle Gebiete des geistigen Lebens mit Bayreuther Geist zu durchdringen.
Im »lebendigen Zusammenhang mit Bayreuth« wünschte sich Wolzogen die über
das Land organisierten Wagnervereine, deren Aufgabe zum einen die Unterstützung
der Aufführungen von Wagners Werken sei, zum anderen die Verbreitung seiner
Kunstkonzeption und darüber hinausgreifend seiner Weltanschauung – beides sollte
von Bayreuth her gefördert und gezielt gesteuert werden.
In solchen Bestimmungen formulierte sich bereits unmissverständlich der
Bayreuther Gedanke und der in ihm implizierte, selbsterteilte kulturmissionarische
Auftrag Bayreuths, als dessen wichtigstes Publikations- und Propaganda-Instrument
die Bayreuther Blätter von ihrem Herausgeber gedacht waren. Inhaltlich knüpfte
Wolzogen in seinem Editorial an einige Grundpositionen Wagners an. Dessen in
den revolutionären Jahren von 1848/49 formulierte radikale Gesellschafts-, Staats-,
Politik- und Kulturkritik, sein Verständnis der Geschichte als eines Verfalls- und
Dekadenzprozesses, das daraus gewonnene positive und ins Utopische gewendete
Gegenbild einer durch die (musikdramatische) Kunst moralisch und sittlich geläuter-
ten neuen, genossenschaftlich organisierten Gemeinschaft, für die das in Festspielen
organisierte und dargebotene ›Gesamtkunstwerk‹ den sinnstiftenden Mittelpunkt
einer ästhetisch angeleiteten Lebensführung abgeben sollte – das alles sind für
Wolzogen anschlussfähige Vorstellungen. Zustimmend nimmt er daher die kritische
Haltung Wagners auf, eliminiert aber zugleich dessen radikal-demokratische und
anarchistische Einbettungen, die seit den Dresdner und Züricher Jahren – und im
Prinzip bis ans Lebensende – den Rahmen für die Perspektive einer fundamental
erneuerten und in die Rolle eines gesellschaftsintegrativen Mediums versetzten
Kunst abgegeben und dieser dadurch erst jene dominante gesellschaftstheoretische
Funktion zugesprochen hatte, welche dann häufige Attacken seiner Kritiker auf sich
ziehen sollte.Wolzogen praktizierte damit zum Start der Bayreuther Blätter ein für die
Gralshüter und Bayreuth-getreuen Autoren beispielgebendes Verfahren inhaltlicher
Uminterpretation von vorgegebenen Begriffen, folgte damit allerdings Chamberlain,
der diese Interpretationspraxis schon früher geübt hatte. Ein Verfahren, das, nebenbei
bemerkt, auch heute noch von manchen Wagner-Kritikern genutzt wird.11 Es lässt sich
etwa so charakterisieren:Texte bzw.Textteile, gelegentlich auch ganze Konzepte bzw.
Konzeptteile Wagners werden aus ihrem revolutionären politisch-gesellschaftlichen
Kontext isoliert, sodann mit Teilen der eigenen Weltanschauung verbunden, so dass

11 Vor allem bezüglich Wagners Antisemitismus ist dieses Ersetzen ursprünglicher Inhalte und deren
Kontexteinbettungen durch Bedeutungsverschiebungen, die das Wissen nach dem Holocaust in
den Antisemitismusbegriff des 19. Jahrhunderts implantieren, ein bis heute vielgeübtes Verfahren.
So etwa, um aus der Fülle der möglichen Beispiele nur zwei besonders prägnante herauszugreifen,
zu finden bei Paul Lawrence Rose, Richard Wagner und der Antisemitismus, Zürich/München 1992;
Joachim Köhler, Wagners Hitler. Der Prophet und sein Vollstrecker, München 1997; derselbe, Der letzte
der Titanen. Richard Wagners Leben und Werk, München 2001.
184 Der Bayreuther Gedanke

der ursprüngliche Inhalt umakzentuiert und inhaltlich uminterpretiert werden


kann. Durch solche semantischen Verschiebungen werden zentrale Begriffe Wagners
inhaltlich neu aufgeladen und ermöglichen dann die Behauptung, Wagner habe
bereits gedacht, was ihm sein Interpret durch diese Methode erst unterschiebt. Für
den mit den Schriften und dem Denken Wagners eher nicht vertrauten Leser gilt
damit bereits als authentischer Beleg, was zu belegen der Sinn der interpretieren-
den ›Beweisführung‹ erst wäre. Geradezu paradigmatisch hat Chamberlain dieses
Verfahren immer wieder in seinen zahlreichen Wagner-Interpretationen angewandt,
es gelegentlich sogar erläutert, so etwa am Beispiel des Begriffs ›Revolutionär‹:
»Während alle Revolutionäre, im eigentlichen Sinne des Wortes, an Fortschritt
glauben und nach dem Umsturz alles Bestehenden die Herankunft einer neuen,
besseren Gesellschaftsordnung bewerkstelligen wollen, handelt es sich bei Wagner
stäts um ein Zurückgreifen auf eine früher bestehende (oder von ihm als bestehend
angenommene) Ordnung, welche dem wahren Geiste des germanischen Volkes
angemessen war«.12 Wagner sei – so heißt es weiter – »in einem gewissen Sinne bis
an sein Lebensende Revolutionär« geblieben, denn sein Regenerationsgedanke
impliziere einen »gründlicheren Umsturz als alles andere«, gehe aber auch sehr viel
tiefer als die eher oberflächliche Forderung nach einer bloß politischen oder sozialen
Revolution. Anfang 1848 sei er noch ein »harmloser Revolutionär« gewesen, habe
in seinen politischen Forderungen das formuliert, was er glaubte, bei allen Patrioten
zu finden: »Dabei stand er in Wahrheit ganz und gar allein und einsam da im weiten
deutschen Reich. Niemand verstand ihn; denn er – als Genie – lebte in einer Welt
für sich. Die selben Worte hatten für ihn einen ganz anderen Sinn, als für seine Umgebung.«
Dieser Sinn erschließe sich erst, so behauptet Chamberlain, wenn man verstanden
habe, dass Wagner »eine Rückkehr zur Natur, vor allem eine Rückkehr auf jedem
Gebiete des öffentlichen Lebens zu deutscher Eigenart und deutscher eingebore-
ner Sitte« gewollt habe, Begriffe, die sich bei Wagner nirgends finden. Gleichwohl
behauptet Chamberlain, Wagner habe »ziemlich genau das direkt Entgegengesetzte
von dem (erstrebt), was alle diejenigen erstreben, die sich Revolutionäre betiteln«.
Chamberlains ›Interpretationstrick‹ ist ebenso einfach wie deutlich: er erklärt
Wagner zu einem aller zeitgeschichtlichen Einbindungen enthobenen Genie, der
zwar mit seinen Freunden, Kollegen, Gegnern usw. kommuniziert, d. h. spricht
und diskutiert, die dabei benutzten Begriffe aber in einer Art geheimer ›reservatio
mentalis‹ inhaltlich und intentional anders gebraucht. Dass er gleichlautende Worte
in einem vom üblichen Sprachgebrauch abweichenden Sinn verwandt hat, muss –
das ist der Schluss aus einer solchen Annahme – seinen damaligen Diskurspartnern,
etwa seinem engen Freund und politischen Inspirator August Röckel, mit dem er
noch nach dessen Verurteilung wegen der Teilnahme am Dresdner Aufstand 1849
und nach dessen Einkerkerung im Zuchthaus Waldheim über Jahre sein Ring-Projekt

12 Houston Stewart Chamberlain, Der »Revolutionär«. Aus einem Briefe an N. Oesterlein, 13. Juli 1893,
abgedruckt in: BBl 1924, S. 6 ff. Auch die weiteren Zitate stammen aus diesem Brief; Kursivierung
U.B.
Ursprünge 185

erörtert hat, allerdings verborgen geblieben sein; anders wäre die praktische Verstän-
digung bis hin zu Wagners eigener Beteiligung am Dresdner Aufstand kaum möglich
gewesen. Umso erstaunlicher, dass erst Chamberlain, dann Wolzogen und die mit
beiden weltanschaulich konsentierenden ›Bayreuthianer‹ diese sprachliche Camou-
flage Wagners erkannt und aufgelöst haben, dass erst ihnen der ›eigentliche‹ Sinn
von Wagners Worten aufgegangen ist und erst sie dem ›Meister‹ seine künstlerisch
und weltanschaulich ›wahre‹ Stimme wiedergegeben haben.
Die Bayreuther Blätter – und in ihrem unmittelbaren bzw. sympathisierenden
Umfeld zahlreiche Wagner-Interpreten – haben während der sechzig Jahren ihres
Bestehens Wagners Kunst- und Weltanschauung mithilfe dieses Verfahrens immer
wieder neu ausgelegt und sind damit, bewusst oder unbewusst, dem Programm
Wolzogens gefolgt, der sein Wagner-Verständnis bis zu seinem Tod der Zeitschrift,
deren einziger Redakteur und Herausgeber er war, aufgeprägt hat. Mit diesem Ver-
fahren der semantischen Verschiebung von Begriffsinhalten ist Wagner nach seinem
Tod zwanghaft und ohne sich wehren zu können zunächst zum ideologischen
Stichwortgeber und gleichzeitig zu einer zentralen Legitimationsfigur des politisch
konservativen, völkisch-nationalen Umfeldes geworden, später zum ideologischen
Wegbereiter einer immer mehr ins Rechtsradikale abtriftenden Weltanschauung,
bis schließlich die Bayreuther Blätter mit Berufung auf sein Denken und Werk
sich direkt dem Nationalsozialismus eingegliedert haben.13 Der in den Bayreuther
Blättern über die Jahre beschworene Bayreuther Gedanke kann als das konzentrierte
und komprimierte Ideologieprodukt dieser Bestrebungen verstanden werden. Die
damit im Laufe der Jahre einhergehende Kontamination von Wagners Denken und
Werke hat sich allerdings infolge der schon frühzeitigen Verbindung Bayreuths mit
dem Nationalsozialismus und später dem Dritten Reich nach der erlittenen totalen
Niederlage von 1945 bis heute nicht mehr vollständig aufgelöst, auch wenn es mit
der zeitlichen Entfernung vom Zusammenbruch des NS-Regimes und der wachsen-
den Zahl objektivierender wissenschaftlicher Studien immer schwerer fällt,Wagner
zum direkten weltanschaulichen Vorläufer Hitlers und dessen Judenvernichtungs-
programmes zu machen. Was einstens unter dem Bayreuther Gedanken verstanden
wurde, ist heute nahezu vollständig tot, überdies nahezu unbekannt, selbst in der
wissenschaftlichen Wagner-Literatur nicht mehr präsent, und dies vor allem deshalb,
weil es in der allmählichen Amalgamierung mit der NS-Weltanschauung vollständig
diskreditiert worden ist.
Gleichwohl darf der geistig-politische Einfluss des Bayreuther Gedankens im
Umfeld Bayreuths und den deutsch-nationalen, völkischen Sympathisanten und
Anhängern der Wagnerschen Werke nach seinem Tod bis in die frühen dreißiger
Jahre des 20. Jahrhunderts hinein nicht unterschätzt werden. Denn das weltanschau-
liche Gemisch, das als Bayreuther Gedanke firmierte, machte Bayreuth früh schon
zu einem der politischen Kristallisationszentren der antidemokratischen, natio-

13 Vgl. dazu Bayreuth und die Moderne, in diesem Buch S. 165 ff.
186 Der Bayreuther Gedanke

nalkonservativen und völkischen Bewegung. Es lohnt sich folglich, den wenigen


entscheidenden Elementen des Bayreuther Gedankens – Regeneration, Religion,
Kunst sowie die Missionsüberzeugung einer kleinen, sich auserwählt dünkenden
Gruppe von ›Bayreuthianern‹ –, noch einmal nachzugehen und dabei zu zeigen,
wie durch die Bedeutungsverschiebungen in den Auslegungen von Wagners Werken
und Schriften jene zweckgerichteten Interpretationen zustande gekommen sind, die
Bayreuths weltanschauliche Mission in Gang gebracht und legitimiert haben. Das
soll an einigen wenigen Beispielen gezeigt werden.

Regeneration und Revolution


Unter den maßgeblichen Interpreten Wagners nach dessen Tod nimmt, wie schon
erwähnt, Houston Stewart Chamberlain eine besonders hervorgehobene und wir-
kungsmächtige Rolle ein. Zum einen, weil er mit seinem Bestseller Die Grundlagen
des 19. Jahrhunderts14 schlagartig zu einem der bekanntesten und einflussreichs-
ten Publizisten seiner Zeit aufstieg, zum anderen, weil er durch seine Heirat mit
Wagners Tochter Eva – eine Ehe, die Wagner selbst nicht mehr erlebte – in ein
enges Verhältnis zur Familie Wagner trat, schon bald der geistige und persönliche
Vertraute Cosimas wurde und mit seiner Wagner-Biographie für die Wagnerianer
interpretatorische Maßstäbe setzte. In dieser Biographie widmete Chamberlain
den Spätschriften Wagners, den sogenannten Regenerationsschriften, erstmals ein
ausführliches Kapitel und wies damit jenen Publikationen, die zur Kompositionszeit
des Parsifal entstanden waren und oftmals als Skurrilitäten eines alternden Genies
abgetan wurden, einen für dessen Weltanschauung entscheidenden Platz zu. Neben
Kapiteln zu Politik – ›Politik‹ bezeichnenderweise in Anführungszeichen gesetzt, um
ihren eigentlich überflüssigen Wert für das Denken Wagners zu charakterisieren –,
Philosophie und noch vor dem Kapitel zur Kunstlehre Wagners nimmt die Darlegung
der Regenerationslehre Wagners einen eigenen, sehr umfangreichen Abschnitt ein,
in dem – soweit ersichtlich erstmals in der Geschichte der Wagner-Rezeption – das
Konzept der Regeneration im Anschluss an Wagner und zugleich mit inhaltlicher

14 Houston Stewart Chamberlain, Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, 2 Bde., München 1899; das Buch
erlebte bis 1944 30 Auflagen, zwei englische Auflagen (1910 und 1912) sowie eine tschechische
(1910) und eine französische (1913), und gehörte zu den meistgelesenen und wirkungsmächtig-
sten Publikationen der Jahrhundertwende. Es war auf Anregung des Verlegers Hugo Bruckmann,
München, entstanden, aus dem Wunsch heraus, das unübersichtliche Feld einzelwissenschaftlicher
Forschungen in einem die Ergebnisse und Folgerungen zusammenfassenden und alles in einem,
eine ganzheitliche Sicht bringenden Werk einmal darzustellen. Chamberlain übernahm, nach
einigem Zögern, diese Aufgabe und schrieb innerhalb von 19 Monaten sein Buch, dem weitere
Teile folgen sollten, die allerdings nie geschrieben wurden. Vgl. Houston Stewart Chamberlain,
Lebenswege meines Denkens, München 1922 sowie Wolfgang Martynkewicz, Salon Deutschland. Geist
und Macht 1900–1945, Berlin 2009, S. 54 ff.
Regeneration und Revolution 187

Erweiterung seiner Schriften systematisch entfaltet wird.15 Chamberlain relativiert


damit die Bedeutung der Revolutionsschriften, wertet dagegen die Spätschriften
zu einem entscheidenden konzeptionellen Beitrag Wagners in dessen weltanschau-
lichem Denken auf und weist ihnen eine systematisch konstitutiv Rolle für die
Lehre vom Gesamtkunstwerk und dessen sittlich-moralischer Wirkung zu. Nahezu
zeitgleich hatte er bereits die Bedeutung des Regenerationsgedankens für Wagners
Kunstkonzeption in einem Wiener Vortrag herausgestellt, der 1895 in den Bayreuther
Blättern erschienen war.16
Chamberlain geht von einem Wagner-Zitat aus, das am Ende der kleinen Schrift
Was nützt diese Erkenntnis?17 steht, von Wagner durch Sperrung und einen eigenen
Absatz hervorgehoben: »Wir erkennen den Grund des Verfalles der historischen
Menschheit, sowie die Notwendigkeit einer Regeneration derselben, wir glauben
an die Möglichkeit dieser Regeneration und widmen uns ihrer Durchführung in
jedem Sinne«. In diesem Satz sieht Chamberlain das »Gerüst« einer auf praktische
Verwirklichung zielenden Regenerationslehre, die zum einen die historisch be-
nennbaren Gründe des sich über Jahrhunderte hinziehendenVerfalls der Menschheit
angeben kann, die zum anderen daraus konkrete Konsequenzen für die Lebens-
führung jedes Einzelnen wie der Gemeinschaft zieht. Ausführlich zitiert er aus den
Wagner-Schriften der Revolutionszeit alle jene Textstellen, die Wagners zivilisati-
onskritische Vorbehalte, von der Politik über die Religion bis hin zur Kultur und
Kunst, charakterisieren, um damit dessen ablehnende Haltung gegenüber den eigenen
Zeittendenzen und der westlichen Zivilisation zu belegen. Aus dieser Ablehnung
ergibt sich für ihn – mit Wagner – dann die positive Perspektive einer von Grund
auf zu erneuernden Welt.
Im Regenerationsgedanken Wagners sieht Chamberlain eine der entscheidenden
Kontinuitätslinien von Wagners Denken. Seine Kontinuitätsbehauptung sucht er
durch den Rückgriff auf die Zürcher Kunstschriften der Jahre 1848/1851 zu stützen,
deren politisch-ästhetische Thesen für ihn bereits die Forderung nach Regeneration
enthalten. Die Kunst und die Revolution (1848); Das Kunstwerk der Zukunft (1849);
Oper und Drama sowie Eine Mittheilung an meine Freunde (1850/51) fasst er zu einer
ersten Gruppe von Regenerationsschriften zusammen und sieht sie als Vorläufer zu
den Schriften der späten Lebensjahre, der um Religion und Kunst (1880) entstan-
denen Arbeiten Wollen wir hoffen? (1879); das Offene Schreiben an Herrn Ernst von
Weber, über die Vivisektion (1879); Was nützt diese Erkenntnis? (1880); Erkenne Dich

15 Houston Stewart Chamberlain: Richard Wagner, Kapitel II/3, S. 208 ff. Im folgenden beziehe ich
mich vor allem auf dieses Kapitel und auf den in Anm. 16 genannten Aufsatz.
16 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner’s Regenerationslehre, in: BBl 1895, S. 170 ff. Der Auf-
satz ist ebenfalls abgedruckt in: derselbe, Rasse und Persönlichkeit, München 1925, S. 126 ff. Auch
Robert Boßhart geht in seinem Aufsatz Richard Wagners Regenerationslehre und ihre Bedeutung für
die Gegenwart, in: Zeitschrift für Musik, 1933, S. 688 ff. von diesem Wagner-Satz aus, vgl. ebenda,
S. 690. Zu Boßhart siehe in diesem Buch Bayreuth und die Moderne, S. 155 ff.
17 Richard Wagner, Was nützt diese Erkenntnis? Ein Nachtrag zu: Religion und Kunst, in: GSD, Bd. X,
S. 263 ff.
188 Der Bayreuther Gedanke

selbst und Heldenthum und Christenthum (1881), die er als eine zweite, nun ganz auf
Regeneration bezogene Werkgruppe versteht. Zwischen diesen beiden Gruppen
sieht er inhaltlich starke Übereinstimmungen, sowohl was die Ablehnung der
faktischen politischen, gesellschaftlichen und künstlerischen Zustände um 1850
und um 1880 betrifft, als auch die aus diesen Zustandsbeschreibungen gezogenen
Schlüsse zu einer radikalen Veränderung der Welt und der Kunst. Schon in den
Revolutionsschriften findet Chamberlain jene Gründe aufgearbeitet, die Wagner als
bestimmende Argumente für seine negative Einschätzung des Zustandes der Politik,
Gesellschaft, Religion und Kultur heranzieht, und die sich in Verbindung bringen
lassen mit inhaltlich ähnlichen Argumenten in den Spätschriften. Beides zusam-
mengenommen zeichnet dann ein Gesamtbild der herrschenden Dekadenz, einer
abgewirtschafteten Politik und verkommenen Gesellschaft, einer zur Unterhaltung
erniedrigten Kultur. So richtig die Behauptung dieses Textzusammenhangs ist, so ist
doch auch unverkennbar, dass Chamberlain in diesem Gesamtbild wichtige Akzente
in Wagners Auffassung verschiebt: Wo Wagner aus dem Argumentationsarsenal der
zeitgenössischen kritischen Theologie des 19. Jahrhunderts seine scharfe Religions-
kritik gewinnt, verkürzt Chamberlain diese grundsätzliche Kritik des Christentums
auf eine bloße Kirchenkritik; wo Wagners Kritik an Staat und Gesellschaft sich aus
dem kritischen Fundus des Linkshegelianismus, des Sozialismus und Anarchismus
bedient und den Staat als Institution völlig ablehnt, unterschlägt Chamberlain diese
ideenhistorischen Wurzeln und Verbindungen und interpretiert Wagners Haltung
als Resultat einer auf Verfall hinauslaufenden Geschichte, deren status coruptionis
an einem heilen Urzustand zu messen sei. Wo Wagner die Entwicklung der Oper
bis zur Grand Opéra seiner Zeit zumindest in Ansätzen sozialhistorisch zu erklären
versucht, sie als Ausdruck einer verrotteten Gesellschaft versteht, nimmt Chamberlain
dessen Ablehnung des zeitgenössischen Opernbetriebs eher als Konsequenz einer
alternativen, einer anderen Ästhetik.18
In seiner frühesten Studie zur Regenerationslehre hatte Chamberlain drei Haupt-
bestandteile des Regenerationsgedankens bei Wagner ausgemacht: »1. Die Annahme
eines ursprünglichen, gesunden Naturzustandes, in welchem zwischen dem Ganzen
und seinen Theilen kein Antagonismus bestand, d.h. in welchem die freie Entwick-
lung des Individuellen zum Allgemeinen befördert wurde und diesem zu Gute kam;
2. Die Annahme einesVerfalles aus diesem Zustand und einer progressiven Entartung,
in welcher das heutige Menschengeschlecht noch begriffen ist; 3. Die Lehre, dass
einzig und allein durch eine Rückkehr zu jenem Zustande des Ewig-Natürlichen
und Rein-Menschlichen, d.h. zur Natur, das Heil zu hoffen sei.«19

18 Vgl. Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 81 ff., wo die einzelnen Begründungen
und Aspekte von Wagners Zeitkritik eingehend abgehandelt sind.
19 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner’s Regenerationslehre, S. 174 Robert Boßhart folgt
in seinem zitierten Aufsatz diesem Dreier-Schema, benennt es aber etwas anders in »erstens die
sichtbare materielle, zweitens die denkerisch transzendente, und drittens die künstlerische und
religiöse« Ebene. Robert Boßhart, Richard Wagners Regenerationslehre, S. 689.
Regeneration und Revolution 189

In seiner Wagner-Biographie nimmt er dieses Schema wieder auf, nunmehr aber


als Grundlage einer neuen Dreiteilung, die sich in »drei Regenerationslehren« ent-
faltet: »eine praktische, eine philosophische und eine religiöse«, von denen jede die
beiden anderen jeweils voraussetzt, woraus sich dann eine »geniale …, umfassende
Weltanschauung«20 ergebe. Erstaunlicherweise bleibt in dieser Dreiteilung die Kunst
unerwähnt, obwohl sie doch, wie Chamberlain stets betont und selbst immer wieder
ausführt, die eigentlich treibende Kraft einer Regeneration des Menschengeschlechts
ist. Sie spielt daher auch in seiner Rekonstruktion der Regenerationslehre die ent-
scheidende Rolle, unbeschadet dessen, dass sie hier, in dieser Systematik fehlt.
Als grundlegende und als eine alles weitere bestimmende Annahme liest Cham-
berlain aus Wagner den Glauben an eine – wenigstens relative – »ursprüngliche Güte
des Menschen« heraus, »insofern sein Leben und seine Entwicklung in Harmonie
mit den Gesetzen der umgebenden und seiner eigenen Natur stattfinde.« Dieser
Glaube an eine vorzivilisatorisch unbeschädigte Natur des Menschen als dessen
›eigentliches Wesen‹, den Wagner mit nahezu allen neuzeitlichen Utopisten teilt,
erscheint Chamberlain nicht nur als Ausgangspunkt aller weiteren Überlegungen
zur Regeneration, sondern erweist sich für ihn auch als der entscheidende Maß-
stab, an dem einerseits die »Entartung« des Menschengeschlechts in der Geschichte,
andererseits dessen Regeneration gemessen werden muss. Wagner selbst hatte in
den Zürcher Schriften vor allem Entwicklungen in der Politik, in der Gesellschaft, im
kirchlich verfassten Christentum sowie in der Kunst für Ursache und Ausdruck des
geschichtlichen Prozesses der Degeneration verantwortlich gemacht, und Cham-
berlain hatte diese Begründungen in seiner in den Bayreuther Blättern gedruckten
ersten Studie zum Regenerationsgedanken im Wesentlichen aufgenommen und
referiert. Nun, in seiner Wagner-Biographie bringt er mit größter Entschiedenheit
eine zusätzliche Begründung für die Degeneration der westlichen Kultur als Argu-
ment ein, die in Wagners Revolutionsschriften noch keine Rolle gespielt hat: die
der Rasse. Für Chamberlain werden die Rasse und der Rassenverfall, durch den die
westliche Zivilisation gekennzeichnet ist, zum »ursächlichen Faktor« der Dekadenz,
und damit rücken für ihn alle anderen Begründungen Wagners aus dessen Dresdner
und Züricher Zeit, auf denen zugleich auch dessen Kunstkonzeption aufbaut, in den
Hintergrund. Sie werden nun als »Gründe zweiter Ordnung« eingestuft und treten
hinter dem Rassen-Gesichtspunkt zurück.
Das ist zweifellos nicht nur eine schwerwiegende inhaltliche und zugleich auch
eine folgenreicheVerschiebung von Wagners Argumentationen, sondern in der Essenz
eine Verfälschung. Chamberlain verweist auf Wagners Pamphlet Das Judenthum in der
Musik und rückt damit die hier formulierten Thesen in einen expliziten politik- und
gesellschaftstheoretischen Kontext, in den sie – vor allem nicht in der von ihm vor-
getragenen Auslegung – mit Sicherheit nicht gehört, weil es Wagner in dieser Schrift

20 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 209; die folgenden Zitate auf den Seiten S. 231;
213 f.; 220.
190 Der Bayreuther Gedanke

primär um dasVerhältnis von Judentum und Kunstproduktion geht.21 So wie Cham-


berlain in der Interpretation dieser Schrift für sein Regenerationskonzept verfährt,
projiziert er Wagners antisemitische Vorstellungen der Spätschriften gleichsam in die
Revolutionsschriften zurück, um auf diese Weise den Gedanken der Regeneration,
der ja mit der um 1850 von Wagner propagierten Revolution keineswegs identisch
ist, argumentativ aufzurüsten und inhaltlich neu auszurichten. Im »Verderb des Blutes«
habe Wagner – so unterstellt Chamberlain – die »physischen Ursachen des Verfalls«
erkannt und damit den eigentlichen Grund der von ihm konstatierten historischen
Degeneration benannt: »Der Verderb des Blutes und der demoralisierende Einfluss
des Judentumes, das sind nach Wagner die tiefsten Ursachen unseres Verfalles.« Der
Einfluss des Judentums beschleunige den Vorgang der progressiven Entartung, lasse
keine Zeit, um über den Verfall und den »Verlust der Eigenart« nachzudenken, und
falsche Nahrung wie die »Vermischung edlerer Rassen mit weniger edlen« führten
zum Verderb des Blutes.22
Die Behauptung Chamberlains, hier eine authentische Auslegung Wagners zu
liefern, hält einer kritischen Überprüfung freilich nicht stand. Vergleicht man die
inhaltlichen Forderungen, die bei Wagner dem Gedanken der Regeneration zugrunde
liegen, dann ergeben sich zu Chamberlains Auslegung erhebliche Differenzen: so for-
dert Wagner die Umstellung der persönlichen Lebensführung eines jeden einzelnen,
illustriert dies vor allem am Übel des Fleischverzehrs und Alkoholkonsums und tritt
daher für eine vegetarische Ernährung und für Alkoholverzicht ein, spekuliert über
die Möglichkeiten der Auswanderung23 (die von Chamberlain so genannte ›prakti-
sche Ebene‹) – von alledem ist bei Chamberlain keine Rede. Ähnlich verhält es sich
mit Wagners Überzeugung, die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Systeme
müssten fundamental geändert werden, der Staat abgeschafft und an seiner Stelle
eine genossenschaftliche Organisation treten – Chamberlain wünscht zwar ebenfalls
Veränderungen in Politik und Wirtschaft, will aber keineswegs den Staat abschaffen, so
wenig wie die Politik insgesamt, sondern beide in seinem weltanschaulich-politischen
Sinn beeinflussen und umgestalten. Und noch eine weitere Differenz muss erwähnt
werden: während Wagner zu allen Zeiten gegen den Krieg als Mittel der Politik
eingetreten ist, ihn immer wieder, vor allem in seinen Spätschriften, kompromisslos
verurteilt hat, hält Chamberlain sich hier bedeckt.24 Dagegen stimmt er mit Wagner
darin überein, dass egoistische Haltungen und Gesinnungen zu überwinden seien,
wie auch durch eine grundlegende Reformation des Christentums eine ›wahre

21 Über den Stellenwert dieser Schrift für die politische, gesellschaftliche und ästhetische Konzeption
Wagners um 1850 vgl. Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 261 ff. (Antisemitismus
und ästhetische Theorie).
22 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 220.
23 Zu Wagner Vorstellungen siehe Richard Wagner, Religion und Kunst, in: GSD, Bd. 10, S. 236 ff., bes.
S. 242 f.
24 Zwar war Chamberlain, wie seine ersten Äußerungen nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs zeigen,
keineswegs vom Krieg begeistert, aber keineswegs Pazifist. Zu seiner ambivalenten Haltung vgl. in
diesem Buch Bayreuth und die Moderne, S. 102 ff.
Regeneration und Revolution 191

Religion‹ wiederherzustellen sei – wobei Wagner nicht nur an ein inhaltlich und
formal reformiertes Christentum dachte, wie Chamberlain, sondern auch an die
Übernahme und Integration bestimmter Elemente des Buddhismus, was Chamberlain
seinerseits scharf ablehnt. Konform gehen beide in der Überzeugung, nur eine neue,
eine lebensintervenierende und lebensanleitende Kunst sei Bedingung wie Ziel der
Regeneration, und sie stimmen ebenso darin überein, dass der »demoralisierende
Einfluss«25 der Juden auf das öffentliche wie private Leben zurückgedrängt werden
solle. Doch spielt Wagners Antisemitismus für dessen Theorie des historischen Ver-
falls der Menschheit und der Notwendigkeit ihrer Regeneration keineswegs jene
ursächliche Rolle, die Chamberlain ihm zuschreiben möchte. Für Wagner war das
Wirken der Juden eher Indikator als Ursache des Verfalls, eine Vorstellung, die sich
allerdings auch bei Chamberlain immer wieder findet.
Es bleibt indessen festzuhalten, dass sich unabhängig von solchen Übereinstim-
mungen und Differenzen der Gedanke der Regeneration angesichts seiner inhalt-
lichen Implikationen als kaum weniger radikal und folgenreich erweist als der der
Revolution, dass er in mancher Beziehung sogar die Radikalität des Revolutionsge-
dankens noch überbietet.26 Dass die Bayreuther – allen voran Chamberlain – den-
noch zwischen beiden Begriffen scharf unterschieden, hat nachvollziehbare Gründe.
Eine erste Erklärung liefert Chamberlain selbst: »Man muss« – schreibt er – »grossen
Nachdruck auf das Wort Regeneration legen, weil hiermit ausgesprochen wird, dass
es sich um eine Wieder-Erzeugung, um eine Neugeburt handelt, d.h. also, um ein
Zurückgreifen auf das von der Natur gegebene, auf die unverfälschten Urkräfte des
Lebens – während der eigentliche Politiker (welcher Partei er auch angehöre) nur
›Reformation‹ kennt, allmähliche progressive Änderung und Besserung der als ewig
gültig gedachten gesellschaftlichen, künstlichen Ordnung, – und der Sozialist mit der
›Revolution‹ einzig eine Änderung dieser Ordnung zu seinen Gunsten bezweckt,
also einer neuen, politischen Ordnung zu seinen Gunsten.«27
Anders formuliert: während die Forderung nach Regeneration auf das substantielle
Wiederherstellen eines vorzivilisatorischen und vorpolitischen Zustandes abzielt, will
Reformation den Status quo nur allmählich und in Schritten verändern, kennt daher
auch keine übergeschichtlich-unwandelbaren Werte und Orientierungen, an denen
sie sich ausrichtet, sondern ist wertrelativ, damit zeitabhängig und bleibt möglicher-
weise einem progressiven Geschichtsbild verpflichtet. Der Begriff der Revolution
ist nach Chamberlain zwar weitergreifend als der der Reformation, aber zugleich
als Bezeichnung für Wagners Ziele deshalb unbrauchbar, weil er lediglich auf eine
oberflächliche Änderung des politischen Systems abzielt, also an den Strukturen
der gesellschaftlich-politischen Organisation orientiert bleibt, daher auch nicht tief
genug in die Substanz der menschlichen Gesellschaft eingreift und die substantiellen
Veränderungsnotwendigkeiten verfehlen muss.

25 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 224.


26 Vgl. dazu Winfried Schüler, Der Bayreuther Kreis, S. 182 f.
27 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner’s Regenerationslehre, S. 174.
192 Der Bayreuther Gedanke

Für die Ablehnung der beiden Begriffe Reformation und Revolution kommt
noch eine zusätzliche, ideenhistorisch wichtige Begründung ins Spiel. Reforma-
tion – das ist seit Luther und der Herausbildung der verschiedenen Varianten des
Protestantismus ein eindeutig theologiegeschichtlich besetzter Begriff, der daher für
andere Inhalte wenig brauchbar erscheint und besser nicht verwandt wird. Revolution
bleibt im 19. Jahrhundert überwiegend mit den Ereignissen von 1789 in Frankreich
assoziiert, mit dem »Grausen des Terrorismus« und dem »düsteren Morgen der
Diktatur«28. Schon Kant und Hegel – und mit ihnen zahllose deutsche Intellektuelle
und Künstler – hatten nach den Ereignissen von 1891, dem sogenannten ›terreur‹,
von ihren ursprünglichen Sympathien für die französische Revolution mehr und
mehr Abstand genommen und sich angesichts der Massenhinrichtungen während
der zweiten Phase der Revolution von der Hoffnung losgesagt, durch Revolutionen
seien positive gesellschaftliche und politische Veränderungen am besten zu errei-
chen.29 In diese Tradition der Revolutionsabwendung stellt sich auch Chamberlain.
Im Umfeld Bayreuths und seiner Vordenker wird die Revolution darüber hinaus
noch speziell mit dem romanischen Volkscharakter zusammengedacht. Sie erscheint,
wie in den Bayreuther Blättern veröffentlicht, als Ausdruck »angeborener Unruhe
und Gleichheitswuth«30 der Romanen, während die Germanen als »Völker der
inneren und äusseren Zucht, der Selbstbeherrschung und der Autorität«, weniger
auf abrupte Formen politischer Diskontinuität setzen als auf den langsamen, aber
grundlegenden Bewusstseinswandel des Einzelnen wie des Volkes. Die Begriffe
Revolution oder Regeneration bezeichnen also nach Bayreuther Lesart nicht nur
einen tiefgreifenden Unterschied in Inhalt und Form individueller wie kollektiver
Veränderungen, sondern entsprechend überdies noch unterschiedlichen nationalen
Eigenschaften romanischer wie germanischerVölker, die im je differentenVerlauf ih-
rer Geschichte – Zentralismus und Revolutionen bei den Romanen, stammesmäßige
›föderale‹ Organisation und kontinuierliche Reformen bei den Germanen – ihren
charakteristischen Niederschlag finden. Schläger hat daraus in den Bayreuther Blättern
unter anderem die Konsequenz gezogen, Frankreich habe infolge seiner häufigen
revolutionären Brüche als Nation und Nationalstaat an politischer wie kultureller
Bedeutung verloren, wie der Krieg von 1870/71 zeige, wohingegen Deutschland
dem Konzept der Regeneration – Regeneration als »Wiedererneuerung, Wieder-
verjüngung eines zerfallenden Staates, eines gesunkenen Volkes« – seinen Aufstieg
als Nationalstaat wie seine glänzenden Zukunftsperspektiven verdanke.
Regeneration als Überbietung und qualitative Steigerung des Revolutionsgedan-
kens: in diesem Sinne notiert Wolzogen: »Revolution … sie hat uns die Regeneration

28 Ernst Schläger, Der weltgeschichtliche Gegensatz zwischen Revolution und Regeneration, in: BBl 1887,
S. 37.
29 Vgl. dazu ausführlich Peter Burg, Kant und die französische Revolution, Berlin 1974 und Joachim
Ritter, Hegel und die französische Revolution, Frankfurt/M. 1972.
30 Ernst Schläger, Der weltgeschichtliche Gegensatz zwischen Revolution und Regeneration, in: BBl 1888,
S. 337. Die folgenden Zitate auf den Seiten 337; 338.
Regeneration und Philosophie 193

wiedererweckt und die hat eine wirkliche Gemeinde von bedürftigen und hoffenden
Menschenseelen gebildet, welche jene Idee in sich aufzunehmen berufen sind. Hier
ist mehr als Dichtung – hier ist Kunst, und hier ist mehr als Kunst – hier ist Leben!
Der Regenerationsgedanke, anknüpfend an die starken geistigen Regungen des
vorigen Jahrhunderts, ist zugleich der Vollender und Erlöser des Revolutionstriebes;
er führt uns sogleich auf das soziale Gebiet, aber frei von den geschichtlichen Kom-
plikationen der Jahrhunderte, welche jedes Reformwerk von vornherein zur ewigen
Wiederholung des alten Elends drängen, sondern von oben her aus der Freiheit der
verbundenen Idealmächte Kunst und Religion, mit dem völlig geöffneten Blick für
die Schreckenswahrheiten der geschichtlichen Welt: so sagt unsere Regenerationsidee
nicht, was zu thun ist, sondern sie deutet auf Das hin, was wahr ist …«.31
In solchen Sätzen spiegelt sich die Überzeugung, mit der Regeneration über
ein dem Revolutionsgedanken der europäischen Geschichte an Radikalität und
Eingriffstiefe überlegenes Erneuerungskonzept zu verfügen, das den revolutionären
Willen zu grundlegendenVeränderungen der gegebenen Strukturen zwar aufnimmt,
es aber auf eine spezifisch ›germanische/deutsche Art‹ umsetzt und inhaltlich weiter-
treibt.32 Welche Ziele im Konkreten dann verfolgt werden – jenseits der von Wagner
angegebenen des Fleisch- und Alkoholverzichts als einer ersten Stufe, denen etwa
Chamberlain skeptisch bis ablehnend gegenüber steht – bleibt offen. Es sei gerade
einer der wesentlichen Vorzüge der deutschen Regenerationsbestrebungen, schreibt
Chamberlain, dass sie keine abstrakten Festlegungen träfen: »das innere Bedürfnis,
die Not (wie Wagner sagt) wird als Gesetzgeber erkannt, die äussere Vorstellung
dagegen offen als ›Phantasiebild‹ eingestuft«33 – was heißt, dass die konkreten Verhal-
tensweisen zur Regeneration aus der jeweiligen Lage eines Volkes heraus bestimmt
werden müssen. Eine Position, die andere prominente Bayreuther wie der Schwei-
zer Dichter und Musiker Robert Boßhart ganz und gar nicht teilen, weil sie, in
direktem Zurückgreifen auf konkrete Forderungen Wagners, all das als substantiellen
Teil – »sichtbare materielle« Ebene – der Regenerationsidee verstehen, was Wagner
an konkreten Verzichten gefordert hatte, also auch Fleisch- und Alkoholverzehr.34

Regeneration und Philosophie


Den zukünftigen Menschen mit seiner ewigen Natur zu versöhnen und beides im
Reinmenschlichen35 zu einem harmonischen Ausgleich zu bringen, bezeichnet
Chamberlain mitVerweis auf Kunst und Revolution als die philosophische Aufgabe der

31 Hans von Wolzogen, Kommentar zu einem Brief Heinrich von Steins, in BBl 1889, S. 177.
32 In diesem Sinne auch Winfried Schüler, Der Bayreuther Kreis, S. 183.
33 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 234.
34 Robert Boßhart, Richard Wagners Regenerationslehre, S. 689.
35 Zum Begriff vgl. die Nachweise in Anmerkung 5.
194 Der Bayreuther Gedanke

Regenerationslehre.36 Von den revolutionären Schriften der Jahre 1848/51 schlägt


er den Bogen zu den Spätschriften, indem er Wagners utopische Hoffnung zum
zeitübergreifenden, verbindenden Gedanken dieser Schriften macht. Dass solcher
Kontinuität manches entgegensteht, weiß Chamberlain natürlich auch. Daher streicht
er in einem erstaunlich knappen Abschnitt seiner Wagner-Biographie alles weg, was
dieser ›philosophischen‹ Kontinuitätsthese sperrig im Wege stehen könnte: die durch
die Philosophie und Ideologiekritik der späten dreißiger und vierziger Jahre – von
den Linkshegelianern über Feuerbach bis hin zu Sozialisten und Anarchisten – bei
Wagner sich herausbildende Überzeugung einer notwendigen Revolution, die sich
aus einer abstrakten Idee zu einem konzeptionellen Gedanken wandelt; die durch
die radikale und sehr konkrete Kritik aller bestehenden Verhältnisse gewonnene
Einsicht Wagners in die Notwendigkeit der Abschaffung dieserVerhältnisse; seine mit
einer erfolgreichen politischen und sozialen Revolution verknüpfte Hoffnung, der
postrevolutionäre Mensch werde die harmonisierende Perspektive der Zukunft aus
den fundamental geänderten sozialen, wirtschaftlichen und vor allem künstlerischen
Bedingungen heraus entwickeln können; die weitere Hoffnung darauf, dass solche
Perspektiven auch mit konkretenVeränderungen der politischen Organisationsstruk-
tur verbunden sein würden (Genossenschaften).
Chamberlain reduziert und verengt die philosophische Basis der Regeneration
auf Wagners Sehnsucht nach einem ganzheitlich verbürgten, gelingenden Leben.
Damit gerät er freilich hinsichtlich der Schopenhauer-Rezeption Wagners in eine
scheinbar aporetische Lage. Denn Schopenhauers negative Willensmetaphysik scheint
mit einem positiven Regenerationskonzept unvereinbar und die immer wieder
begeisterte Zustimmung des Komponisten zu diesem Philosophen bis in seine
letzten Lebenstage hinein ist oft genug als Bruch mit der eigenen, revolutionären
Vergangenheit interpretiert, die Verneinung des Willens zur Verneinung der Welt
und generell zur Lebensverneinung gesteigert worden.
Von diesem – teilweise bis heute vorherrschenden37 – Schopenhauer-Verständnis
rückt Chamberlain ab. In einer für die Wagner-Interpretation seiner Zeit überra-
schenden und unüblichen Kehre attestiert er Wagner völlig zu Recht, er habe »mit
grösster Kühnheit« Schopenhauers Gedanken »weitergedacht«, habe sie sogar »für ein
selbständiges Beschreiten der Wege wahrer Hoffnung empfohlen« und so mit einer
selbständigen und eigenen Anverwandlung der Philosophie Schopenhauers jenen
»salto mortale« gemacht, den dieser seinerseits mit Kant vollzogen hatte. Chamberlain
nimmt die Willensmetaphysik Schopenhauers als philosophische Basis eines sich
zum Besseren wendenden selbstreflexiven Willens, der, weil er seine Möglichkeiten
kennt, auch den Weg der Regeneration zu beschreiten vermag.
Wie immer man zu diesem Schopenhauer-Verständnis Chamberlains stehen mag:
dass es in seiner sicherlich über Gebühr verkürzten Form in Bezug auf die Regene-

36 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 234 ff.


37 So beispielsweise Carl Dahlhaus, Wagner und Schopenhauer, in: derselbe: Klassische und romantische
Musikästhetik, Laaber 1988, S. 467 ff.
Regeneration und Religion 195

ration den Kern dessen trifft, was Wagner aus Schopenhauers Schriften herausgelesen
hat, ist ebenso unbestreitbar wie überraschend. Im Grunde räumt Chamberlain damit
ein, dass Wagners subtile Einpassung der zentralen Philosopheme Schopenhauers in
die eigene Weltanschauung keineswegs einen grundsätzlichen Verzicht auf aktive,
ja revolutionäre Veränderung der Welt impliziert, sondern eher als metaphysische
und philosophische Untermauerung und Legitimation seiner politisch-ästhetischen
Utopie zu verstehen ist. Eine Lesart, die zu ihrer Zeit durchaus ungewöhnlich, sogar
wegweisend war und die auch heute noch, wenngleich anders begründet, gerecht-
fertigt und angemessen ist. Dies ist an anderer Stelle ausführlich dargelegt worden
und braucht hier nicht wiederholt zu werden.38
Freilich bleibt festzuhalten, dass eine ›philosophische‹ Begründung der Rege-
nerationslehre Wagners eigentlich nicht nötig ist, weil das, was Chamberlain die
›praktische‹ Ebene nennt, zusammen mit Religion und Kunst genügend Motivation
und Begründungen liefert, um zu erkennen, worauf dieses Konzept abzielt. Dass es
Chamberlain dennoch für notwendig erachtet, die ›philosophische‹ Ebene kurz zu
thematisieren, hat wohl mit der häufig unterstellten Unvereinbarkeit von Schopen-
hauers Philosophie und Wagners Regenerationsgedanke zu tun, ein Problem, das
Chamberlain mit seiner Interpretation der Willensmetaphysik wohl aus dem Weg
räumen wollte.

Regeneration und Religion


In Religion und Kunst bemerkt Wagner, dass »aller ächte Antrieb und alle vollstän-
dig ermöglichende Kraft zur Ausführung der großen Regeneration nur aus dem
tiefen Boden einer wahrhaften Religion erwachsen könne.«39 Sätze, die den hier
festgestellten Zusammenhang zwischen Regeneration und Religion wiederholen
und bekräftigen, finden sich in den späten Schriften des Komponisten mehrfach.
Sie benennen einen Verweisungszusammenhang, in dem der Religion eine für
die Regeneration grundlegende, motivierende und unterstützende Funktion zu-
kommt. Ob daraus allerding der Schluss gezogen werden kann, Wagners Regene-
rationslehre sei »im tiefsten Gunde eine religiöse«40, die Regenerationslehre gehe
»mit religiösen Vorstellungen parallel«41 und dieser Parallelismus beruhe nicht »auf

38 Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 286 ff. Hier findet sich eine ausführlichere
Darstellung der Schopenhauer-Rezeption Wagners, die zeigt, dass dessen Schopenhauer-Lektüre
keineswegs die in den Zürcher Kunstschriften formulierten revolutionären politisch-ästhetischen
Ziele suspendiert und Wagner zum Reaktionär gemacht hat, sondern als eine Sublimierung und
philosophische Fundierung dessen zu lesen ist, was Wagner an grundlegenden Perspektiven in den
Jahren 1848 bis 1853 und darüber hinaus entwickelt hat.
39 Richard Wagner, Religion und Kunst, in: GSD, Bd. 10, S. 243.
40 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 238.
41 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner’s Regenerationslehre, S. 171.
196 Der Bayreuther Gedanke

Äusserlichkeiten, sondern auf wirklicher Verwandtschaft«42, wie Chamberlain dies


behauptet, darf bezweifelt werden. Denn Wagner sieht die Ebene der ›praktischen
Regeneration‹ – um Chamberlains eigenen Begriff aufzunehmen – nicht im Auf-
gehen seiner Regenerationsforderungen in der Religion, sondern diese allenfalls als
moralisch-transzendente Unterstützung zur radikalen Änderung der individuellen
wie kollektiven Lebensweise.43
Hinzu kommt eine weitere Differenz zwischen Wagner und Chamberlain.Wenn
Chamberlain von Religion spricht, meint er ausschließlich das Christentum.Wagner
aber redet nicht zufälligerweise dann, wenn er von zukünftiger Religion spricht,
nicht vom Christentum, sondern benutzt die Formulierungen der ›wahren‹ bzw. der
›wahrhaftigen‹ Religion. Das schließt das Christentum nicht aus, aber es identifiziert
die ›wahre‹ Religion nicht ausschließlich mit der christlichen. Vielmehr bezieht
Wagner, vor allem in seinen späten Jahren, auch religiöse Momente aus Buddhismus
und Brahmanismus, zwischen denen er nicht unterscheidet, in diese Formulierung
mit ein. Wenige Monate vor seinem Tod notiert Cosima: »Den Buddhismus selbst
erklärt er für eine Blüte des menschlichen Geistes, gegen welche das darauf Fol-
gende Décadence sei, gegen welche wiederum auf dem Wege der Kompression
das Christentum entstanden sei.Von einer außordentlichen jugendlichen Kraft des
menschlichen Geistes zeuge der Buddhismus, nicht unähnlich dem Zustand, in
welchem die Sprache erfunden worden sei. Dass es keinen Zwang, irgendwelchen
gab, infolge dessen keine Kirche; dass der Bruder wieder in die Welt treten konnte,
wenn ihm das Klosterleben nicht mehr entsprach; kein Gottesdienst, nur Buße und
gute Werke.«44
Gewiss wäre es eine überzogene Schlussfolgerung, daraus zu folgern, Wagner
habe den Buddhismus dem Christentum entschieden vorgezogen; doch die andere
These, allein der christliche Glaube sei für Wagner die ›wahre‹ Religion gewesen, ist
sicherlich falsch. Und doch ist diese These immer wieder in den Bayreuther Blättern
mit Nachdruck vertreten worden, gelegentlich so weit gehend, dass Regeneration
als Form der christlichen Erlösung gedeutet wurde.45
Wagners lebenslange Beschäftigung mit der Religion mündete gegen Ende
seines Lebens in eine so eigene Vorstellung von Christentum, dass unsicher ist, ob
es sich dabei dem Inhalt nach noch um das tradierte Christentum handelt. Nicht
nur, weil er buddhistische Lebenshaltungen wie die von Schopenhauer inspirierte
Weltver neinung, verzichtende Weltweisheit oder auch die Vorstellung, Leben sei
einzig Leiden, in sein Religions- und Glaubensverständnis hineinnimmt – was
Chamberlain, der ein scharfer Antipode des Buddhismus war, strikt ablehnte, wie

42 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 239.


43 Chamberlains Auffassung wird freilich von vielen Bayreuthern geteilt, so auch von Robert Boßhart,
der davon spricht, dass »die religiöse Erneuerung und geistige Wiedergeburt … in den Brennpunkt
aller Regeneration« hineinführe. Robert Boßhart, Richard Wagners Regenerationslehre, S. 690.
44 TB, Bd. 2, 1878–1883, S. 1012 (1. Oktober 1882).
45 Robert Boßhart, Regeneration und Erlösung, in: BBl 1929, S. 129 ff.
Regeneration und Religion 197

andere ›deutschchristliche‹ Autoren im Bayreuther Umfeld ebenfalls –, sondern weil


er auch die christliche Lehre selbst auf wenige zentrale Glaubensbestände reduzierte,
woran allerdings Chamberlain wie Wolzogen in ihrem eigenen Religionsverständnis
inhaltlich anknüpfen konnten. Wagner konzentrierte seinen christlichen ›Glauben‹
auf Jesus, der den Opfertod erleidet; auf den Heiland, der die Menschheit erlöst hat;
auf das Abendmahl46, in dem er die Substanz des christlichen Glaubens liturgisch
gefasst sah; schließlich auf die verinnerlichte individuelle Frömmigkeit jedes einzelnen
Menschen. Die von ihm immer wieder beschworene ›wahre Religion‹ richtete sich
deshalb nicht auf den religiösen Zustand der Gegenwart, schon gar nicht auf das
protestantische Staatskirchentum, sondern auf eine erst noch zu erreichende, neue
religiöse Welt, die seiner Meinung nach weder durch den Verstand noch durch »in-
tellektuelleVorstellungsmöglichkeiten«47 antizipiert werden, sondern nur im Glauben
durch den Einzelnen gewonnen werden könne. Denn die ›wahre Religion‹ – so
schreibt er – »lebt einzig da, wo sie ihren ursprünglichen Quell und einzig richtigen
Sitz hat, im tiefsten, heiligsten Innern des Individuums …; das Wesen der wahren
Religion (ist), dass sie, dem täuschenden Tagesscheine der Welt ab, in der Nacht des
tiefsten Innern des menschlichen Gemüthes als anderes, von der Weltsonne gänzlich
verschiedenes, nur aus dieser Tiefe aber wahrnehmbares Licht leuchtet.«
In solchen Sätzen spiegelt sich neben dem indirekten Verweis auf buddhistisches
Denken auch ein Anschluss an die Traditionen der christlichen Mystik und der
Gnosis, werden verschüttete Spielarten des frühen Christentums mit fernöstli-
cher Spiritualität zusammengedacht, als eine harmonische Einheit, die erst noch
herzustellen ist. Solche erst in der Zukunft zu gewinnende Einheit ist für Wagner
die ›wahre Religion‹, und sie verbindet sich mit dem Gedanken und Konzept der
Regeneration durch die gemeinsame utopische Perspektive. Denn beide, ›wahre
Religion‹ wie Regeneration sind Projekte der Zukunft, beide müssen erst noch
geschaffen werden. Um die ›wahre Religion‹ zu gewinnen, muss der christliche
Glaube in seiner Substanz aus dem ursprünglichen, durch Dogma und Kirche ver-
schütteten, durch das jüdische Alte Testament verfälschte Christentum wieder neu
herausgearbeitet werden und bedarf der Ergänzung durch buddhistische Elemente,
dann der Verlebendigung und Internalisierung durch die Gläubigen. Ähnliches gilt
auch für die Regeneration: auch sie stellt sich als eine Aufgabe der Zukunft, auch
sie muss durch den Rückgriff auf ursprüngliche Wurzeln eines ›richtigen‹ Lebens
in ein wirkungsvolles Zukunftskonzept überführt und dann ins Bewusstsein der
Menschen geholt werden. Erst danach kann sie wirksam werden und die beste-
hende Zivilisation mit all ihren degenerativen Erscheinungen ab- und auflösen. Im
Zusammenspiel von ›wahrer Religion‹ und Regeneration wird die Religion zur
›Religion der Zukunft‹, zur moralischen und sittlichen Grundlage einer sich rege-

46 »Vom Christentum sagt R., es sei für ihn ganz im Abendmahl enthalten.« TB, Bd. 2, S. 1012
(1. Oktober 1882).
47 Richard Wagner, Über Staat und Religion, in: GSD, Bd. 8, S. 20. Das folgende Zitat S. 25.
198 Der Bayreuther Gedanke

nerierenden Menschheit, zum ethisch-transzendenten Impulsgeber, zum Wegweiser


und Gewissen der Regeneration.
Von Wagners weitgespannten, gleichsam multireligiös geprägten Vorstellungen
einer ›Religion der Zukunft‹ ist Chamberlains Rede, Wagner habe eine »religiöse
Regenerationslehre«48 entworfen, deutlich unterschieden. Denn Chamberlain meint,
wenn er von Religion spricht, stets – wie an anderer Stelle ausführlicher dargelegt49
– das Christentum in der von ihm vorgestellten Form: zentriert auf (den arischen)
Christus, der als perfectus homo Mittler zwischen dem Vater und den Menschen ist;
konzentriert auf die wichtigsten Worte Christi50; bezogen auf die Evangelien, unter
denen das des Johannes an Bedeutung herausragt; gegründet auf einen Glauben, zu
dem Paulus die Fundamente gelegt und den Luther dann in der Reformation so
erneuert hat, dass er, wie Chamberlain meint, der deutschen Nation als eine eigene,
als ›wahre‹ Form des Christentums zugewachsen ist, die nun in einer ›zweiten Re-
formation‹ ohne kirchliche Organisation und Hierarchie reformuliert werden muss
und dann als ›inneres Reich‹ in jedem einzelnen Gläubigen gelebt werden soll.51
Diese Vorstellungen Chamberlains berühren sich sicherlich, soweit sie das Chris-
tentum betreffen, mit denen Wagners, aber sie sind nicht mit dem, was Wagner unter
›wahrer Religion‹ versteht, völlig identisch. Chamberlain verengt den breiten reli-
giösen Horizont Wagners auf ein deutsch und national verstandenes Christentum.
Und er meint, wir könnten »ohne Religion … weder der Kraft zur Regeneration
teilhaftig werden noch überhaupt den Antrieb zu ihr empfinden.«52 Das ist eine
Priorisierung der Religion, die Wagners Ansicht überspitzt und ihr damit eine eige-
ne Wendung gibt: denn Wagner bestimmt zwar die Religion als sittlich-moralische
Grundlage des zukünftigen Handelns, aber eine solche Bestimmung ist bescheidener
als die einer ausschlaggebenden ›Kraft‹, gar des ›Antriebs‹ zur Regeneration.
In der utopischen Perspektive von Religion und Regeneration und derenVerbin-
dung stimmt Chamberlain allerdings mit Wagner überein. Immer wieder betont er
diesen Aspekt, der ja den kulturellen Auftrag Bayreuths entscheidend stimuliert und
legitimiert. Mit Wagner beschwört Chamberlain das »Phantasie-Bild«53 der Zukunft,
in dem die Religion eine bedeutsame Rolle spielt, bekräftigt er, die erhoffte Rege-
neration der Menschheit werde ohne Religion nicht auskommen. Dass Religion wie
Regeneration zukunftstreibende Veränderungskräfte sind, ist unzweifelhaft; wie ihr
Verhältnis sich bestimmt, markiert zwischen Wagner und Chamberlain eine Differenz.

48 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 238 f.


49 Vgl. dazu in diesem Buch Bayreuther Theologie, S. 242 ff.
50 Houston Stewart Chamberlain, Worte Christi, München o.J. (1901).
51 Diese Verengung des Wagnerschen Gebrauchs von Religion auf ein protestantisch-nationales und
arisch konnotiertes Christentum findet sich nicht nur bei Chamberlain, sondern – neben Hans
von Wolzogen – auch bei den meisten Bayreuth nahestehenden Autoren und ist etwa in den Bay-
reuther Blättern, aber auch in den einschlägigen, dem Bayreuther Gedanken verpflichteten sonstigen
Publikationen durchgängig zu beobachten.
52 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 239.
53 Richard Wagner, Religion und Kunst, in: GSD, Bd. 10, S. 242; 243.
Regeneration und Kunst 199

Regeneration und Kunst


Mit der Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Regeneration ist der innere
weltanschauliche Kern des Bayreuther Gedankens berührt und thematisiert. Denn alle
Bemühungen um die konzeptionelle Ausgestaltung des Regenerationsgedankens
zielen auf dieses Verhältnis ab. Sie gipfeln in der These und Überzeugung, nur eine
durch Philosophie und Religion untermauerte Kunst habe die sittlich-moralische
Kraft zur Umwälzung der praktischen Lebensverhältnisse und sei damit auch das
Medium einer nicht nur ästhetischen, sondern auch strukturellen Veränderung der
Gesellschaft in Deutschland. In diesem ›regenerativen‹ Sinne gelten Bayreuths An-
strengungen immer erneut dem ›richtigen‹ Verständnis von Wagners Kunst, deren
inneres Erleben über das bloß ästhetische Vergnügen hinausweisen soll auf eine ver-
bindlich moralisch-sittliche Dimension der menschlichen Existenz. In diesem Sinne
suchen auch die Bayreuther Blätter zu wirken und Einsicht in jene Voraussetzungen
zu schaffen, die gegeben sein müssen, damit Wagners Kunst sich voll entfalten kann.
Alle Elemente gehören hier zusammen, praktische Veränderungen, philosophische
Reflexion und tiefe religiöse Überzeugung; aber sie alle finden ihr Ziel in der Kunst
als dem stärksten Antriebsmoment der Regeneration. »Wie sich aus Wagner’s Rege-
nerationslehre von drei verschiedenen Gesichtspunkten aus in drei verschiedenen
Gestalten zeigt – der empirisch-historischen, der abtrakt-philosophischen und der
religiösen – das hoffe ich jetzt klar gelegt zu haben« – schreibt Chamberlain, und
fährt fort: »Es bleibt noch ein Wort über jenes Element zu sagen, in welchem die
drei Welten sich ihrer Einheit bewußt werden und welches darum in dieser Welt-
auffassung eine so hervorragende Rolle spielt – über die Kunst. Auf jedem dieser
drei Gebiete ist die Wirksamkeit der Kunst eine entscheidende.«54
So weit, so richtig, insofern dies Wagners Überzeugungen entspricht. Doch die
folgenden Ausführungen vor allem zum Verhältnis von Kunst und Religion veren-
gen auch hier, wie schon zuvor, Wagners weiten Blick auf ein bipolares Verhältnis.
Chamberlain spricht der Kunst vornehmlich die Leistung zu, »Wiedergewinn einer
wahrhaften Religion« (Wagner) zu sein und die Voraussetzungen für eine »wahre
Religion« zu schaffen. In Wagners Werken, von den Feen bis zum Parsifal, sieht er
die neue Religion angelegt bzw. verwirklicht. »Denn ist die Mitwirkung der Kunst
für den Wiedergewinn einer wahrhaften Religion unentbehrlich, so ist anderer-
seits wahrhafte Kunst nur als Emanation der Religion denkbar.« Und verweist als
Grundlage dieser Auffassung auf den Beginn von Wagners Religion und Kunst, in dem
zum Ausdruck komme, dass »jede höchste Kunst mit Recht als ›religiös‹ bezeichnet
werden darf.«
Damit wird der Kunst eine religiöse Substanz zugesprochen, wird sie fast in den
Rang einer Religion erhoben. Eine solche substantielle Verbindung aber kann sich
nicht auf Wagner berufen. Denn für Wagner bestimmt sich das Verhältnis anders. Zu

54 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 241 f.; das folgende Zitat S. 246.
200 Der Bayreuther Gedanke

Beginn von Religion und Kunst heißt es in einer immer wieder zitierten Formel: »Man
könnte sagen, dass da, wo die Religion künstlich wird, der Kunst es vorbehalten sei
den Kern der Religion zu retten, indem sie die mythischen Symbole, welche die
erstere im eigentlichen Sinne als wahr geglaubt wissen will, ihrem sinnbildlichen
Werthe nach erfasst, um durch ideale Darstellung derselben die verborgene tiefe
Wahrheit erkennen zu lassen. Während dem Priester alles daran liegt, die religiösen
Allegorien für thatsächliche Wahrheiten angesehen zu wissen, kommt es dagegen
dem Künstler hierauf ganz und gar nicht an, da er offen und frei sein Werk als seine
Erfindung ausgiebt.«55
Nach Wagner rettet also die Kunst den Anspruch auf Wahrheit und den damit
verbundenen moralischen Kern der Religion, bedient sich dazu – wie im weiteren
Verlauf des Textes deutlich wird – der Symbole der Religion. Aber im Unterschied
zur Religion nutzt die Kunst solche Symbole für etwas – für die sinnliche Darstel-
lung des Wahrheitsanspruchs der Religion –, glaubt aber nicht, dass damit dieser
Wahrheitsanspruch auch in seinen Inhalten präsent gemacht wird. Wagner arbeitet
in Religion und Kunst durchgängig mit zwei substantiell zu unterscheidenden Wahr-
heitsansprüchen: zum einen dem der christlichen Religion mit ihren Glaubensbe-
kenntnissen und Dogmen, zum anderen dem der Kunst, der ein primär ästhetischer
Anspruch ist und sich – worauf im konkreten Falle angespielt wird – der tradierten
Symbole, liturgischen Formeln usw. bedient, um diesen Anspruch verständlich zu
machen. Kunst und Religion sind also keinesfalls identisch, lassen sich auch nicht
subsumieren und die Kunst, wo sie Wahrheitsansprüche erhebt, verbindet diese nicht
mit den unbedingt christlichen Inhalten, sondern formuliert eigene.
Chamberlain ignoriert diese für das ›Kunstwerk der Zukunft‹ zentrale Differenz
und formuliert damit jene These der ›Kunstreligion‹, die für Bayreuth, den Bayreuther
Kreis, die Bayreuther Blätter und deren Autoren und damit letztlich auch für den
Bayreuther Gedanken ideenpolitisch und missionsstrategisch von fundamentaler Be-
deutung werden sollte. Um zwei Belege für diese These zu bringen: »Das Verhältnis
zwischen Kunst und Religion ist eben ein beiderseitig bedingendes und bedingtes;
wahre Kunst kann ohne Religion gar nicht entstehen, Religion kann sich ohne
die Mithilfe der Kunst nicht offenbaren. Insofern bilden auch Religion und Kunst
einen einzigen Organismus. Und dieses lebendige Gebilde einer tiefreligiösen Kunst,
welche einer wahrhaften Religion zur Offenbarung dient, ist es, woraus allein der
Antrieb und die ermöglichende Kraft zur Ausführung der grossen Regeneration
erwachsen kann.«56 Und: »Die menschliche Gesellschaft muss gründlich umgestaltet
werden, was aber nur mit Hilfe der Kunst (die, wie wir wissen, von Religion nicht
getrennt zu denken ist) geschehen kann.«
Hier wird ein symbiotisches Verhältnis von Kunst und Religion behauptet, in
dem die Kunst durch Aneignung der Symbole wie des Wahrheitsanspruches der
Religion diese in sich aufnimmt und dadurch selbst zur Religion wird. Für Cham-

55 Richard Wagner, Religion und Kunst, in: GSD, Bd. 10, S. 211.
56 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 246 f. Das folgende Zitat S. 252.
Regeneration und Kunst 201

berlain schießen in diesem Verschmelzungsprozess Kunst und Religion in ihren


zukünftigen Inhalten wie in ihrer zukünftigen Form ineinander, d.h. im ›Kunstwerk
der Zukunft‹ geht die Religion der Zukunft auf, nachdem beides sich seiner zeit-
genössischen Verfallsform entledigt hat und danach im gemeinsamen Wahrheitsan-
spruch zu einer neuen Qualität und neuen Einheit finden kann. Für seine Version
des Kunstwerks der Zukunft greift Chamberlain auf einschlägige Formulierungen
und Thesen aus Wagners frühen Revolutionsschriften zurück, wobei die bei Wagner
stets mitreflektierten gesellschaftlichen und politischen Bedingungen unerwähnt
bleiben. Hinsichtlich der ›Religion der Zukunft‹ argumentiert Chamberlain mit
seinerVorstellung eines ›verschlankten‹, auf seine Substanz reduzierten Christentums,
das er in den Grundlagen bereits umrissen hatte, in Mensch und Gott noch genauer
ausarbeiten wird, dessen zentrale Inhalte ihm bei der Niederschrift der Wagner-Bio-
graphie indessen bereits deutlich vor Augen standen, die er daher auch in Wagners
Werke hineindeuten kann und als Kern der von Wagner intendierten ästhetischen
Erfahrungen glaubt ausmachen zu können.
Diese von Chamberlains massiv betriebene Verschmelzung von Kunst und Reli-
gion und die damit betriebene religiöse Überhöhung der Kunst bestimmen weithin
die Wagner-Rezeption im Bayreuther Umfeld. So behauptet etwa auch Wolzogen,
Wagner habe den »Abschluß« seines ganzen Künstlerlebens »in den Sphären einer
zur Kunst gestalteten Religiösität, einer in den Dienst des Religiösen gestellten
Kunst«57 gefunden. Ähnliche Zitate, die diese Auffassung belegen, ließen sich auch
von anderen Autoren der Bayreuther Blätter beibringen. Doch diese Position ist – wo-
rauf nachdrücklich immer wieder hingewiesen werden muss – nicht deckungsgleich
mit den Auffassungen und Vorstellungen Wagners. Denn Wagner hat nicht nur in
seinen Schriften der Revolutionsjahre, sondern auch in den späteren immer wieder
betont, dass allein die Kunst die Fähigkeit habe, den erhofften, grundlegend verän-
derten Gesellschaftszustand zu antizipieren und folglich hat er – in immer neuen
Formulierungen und Wendungen – alleine der Kunst, naturgemäß seiner Kunst, die
gesellschaftstheoretisch zentrale Funktion der Vergemeinschaftung zugewiesen, hat
sie zu jenem Medium erhoben, das an die Stelle der Politik treten sollte. Das aller-
dings erst nach einer erfolgreichen Revolution in allen Lebensbereichen und damit
einhergehend der Herstellung jener Bedingungen, die es einer postrevolutionären
Kunst erlauben würde, ihre das Ästhetische weit überschreitenden Aufgabe auch
erfolgreich zu bewältigen. Auch dieser Funktionstausch von Politik und Kunst ist
an anderer Stelle bereits ausführlich dargelegt worden und soll deshalb hier nicht
noch einmal wiederholt werden.58

57 Zitiert nach Adolf Wahrmund, Das Reich der Zwecke, in: BBl 1895, S. 284.
58 Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 215 ff, insbes. S. 220 ff.
202 Der Bayreuther Gedanke

Regeneration und Rasse


Der »Verderb des Blutes und der demoralisierende Einfluss des Judentums« habe, so
resümiert Chamberlain eine These Wagners, sich als entscheidende Ursache für den
Niedergang in der Moderne herausgestellt: »Der Einfluss des Judentums beschleu-
nigt aber ungeheuer den Vorgang der progressiven Entartung und wirkt namentlich
dadurch unheilvoll, dass er den modernen Menschen in einem rastlosen Wirbel
herumtreibt, der ihm keine Zeit zur Besinnung und zu der Erkenntnis seines jäm-
merlich verfallenen Zustandes sowie des Verlustes seiner Eigenart lässt. Der Verderb
des Blutes wird in der Hauptsache durch die Nahrung bewirkt, ausserdem durch
die Vermischung edlerer Rassen mit weniger edlen.«59
Dies wirft die Frage auf, ob der Ausschluss der Juden aus dem öffentlichen Leben
und die Eingrenzung ihrer Tätigkeiten auf den rein privaten Bereich, ihre generelle
Ausgrenzung aus dem nationalen Leben, wie dies führende Antisemiten des Kaiser-
reiches immer wieder verlangt haben, nach Meinung von Chamberlain und anderer
Bayreuther die Voraussetzung einer gelingenden Regeneration ist?
Doch das Verhältnis von Antisemitismus/Rassismus und Regeneration, soweit
der Bayreuther Gedanke betroffen ist, lässt sich keineswegs so schlicht und einfach
fassen. Chamberlain referiert zunächst aus seiner Sicht die Spätschriften Wagners und
verweist darauf, Wagner selbst habe unter anderem den Verderb der weißen Rasse
zum einen aus deren zahlenmäßiger Unterlegenheit gegenüber anderen Rassen
und der daraus sich ergebenden Praxis der Vermischung hergeleitet, zum anderen
aber durch »den Einfluss des Judentums auf die Moral der Nation auf den verschie-
densten Gebieten.« Doch habe diese Tatsache, »trotz ihrer unendlichen Tragweite
… für die eigentliche Regenerationslehre nur sekundäre Bedeutung, da sie nur die
Vergangenheit, nicht aber die Zukunft beleuchtet. … Wagner aber wendet sich von
dieser Konsequenz der eben vorgetragenen Lehre ab und erblickt in der wahren
christlichen Religion ein Antidot, ›dem ganzen menschlichen Geschlecht zur edelsten
Reinigung von allen Flecken seines Blutes gespendet.«60
Das ist eine unerwartete und erstaunliche Bemerkung, die noch zusätzlich dadurch
an Gewicht gewinnt, dass Chamberlain in den diesen Sätzen folgenden Textpassagen
darauf verweist, Wagner habe, »wie die besten Männer seiner Zeit«, zwar auf den
»zunehmenden Einfluss der Juden in der deutschen Kunst« hingewiesen, doch sei das
nicht in der Absicht persönlicher Feindschaft und durch persönliche Denunziation
geschehen, sondern um durch »unumwundene Offenheit« zu einer Verständigung
zu gelangen.61 Da die Juden – so Chamberlain – »mit ihrer scharfsinnigen Bega-
bung fast überall zu den ersten gehörten, welche Wagner’s ungeheure künstlerische
Bedeutung errieten«62, sei »eine instinktive Abneigung der Juden gegen Wagner’s

59 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 220.


60 Ebenda, S. 223 f.
61 Vgl. ebenda, S. 224 ff.
62 Ebenda, S. 227. Auch das folgende Zitat steht auf dieser Seite.
Regeneration und Rasse 203

Kunst also durchaus nicht vorauszusetzen. Andererseits hat Wagner den Verkehr
und die Freundschaft der Juden nie gemieden. Geht man der Sache auf den Grund,
so entdeckt man, dass diese ganze Hetze (von Juden gegen Wagner, U.B.) nur bei
den schlechteren Elementen des eigentlichen Judentums Unterstützung fand und
in Wahrheit nichts anderes als eine Verschwörung der Talentlosen und Mittelmäs-
sigen – ›jeglicher Konfession‹ – gegen das Genie war. Sie verdient nur unbedingte
Verachtung.«
Der Hinweis auf Talentmangel und Mittelmäßigkeit und das Fehlen einer
rassistisch-antisemitischen Argumentation bei einem Autor, der ansonsten aus seiner
rassistisch unterbauten, antisemitischen Haltung keinen Hehl macht, ist mit Blick
auf die zentrale Bedeutung dieses Sachverhaltes für die Regenerationslehre Wagners
völlig überraschend. Denn zu erwarten wäre, dass Chamberlain ohne allzu große
Umschweife die Juden als unfähig zur Regeneration aus diesem Konzept ausschließt,
das dann ausschließlich den Deutschen vorbehalten bliebe. Doch davon ist nicht die
Rede.Was wiederum nur bedeuten kann, dass auch die Juden in die den korrupten
Status quo überwindende Zukunftsperspektive einer regenerierten Menschheit
einbezogen sind. Chamberlain vergleicht die Behauptung Wagners, die Juden lebten
»von der Ausbeutung des allgemeinen Verfalls«, mit alttestamentarischen Prophetien,
die er dann wiederum mit dem (angeblich von Wagner stammenden) Satz gleich-
setzt: »Um gemeinschaftlich mit uns Mensch zu werden, höret auf, Juden zu sein«63
Wagner habe – so Chamberlain – die »innerlichste Abneigung gegen jüdisches We-
sen … und somit etwas wirklich Vorhandenes« zur Sprache gebracht, um darauf in
Offenheit reagieren zu können: »Und wie soll dieses wirklich Vorhandene aus der
Welt geschafft, wie soll die unheilvoll gähnende Kluft überbrückt werden? Wagner
verweist auf die Regeneration des Menschengeschlechtes und ruft den Juden zu:
›Nehmt rücksichtslos an diesem, durch Selbstvernichtung wiedergebärenden Erlö-
sungswerk teil, so sind wir einig und ununterschieden! Aber bedenkt, dass nur eines
eine Erlösung von dem auf euch lastenden Fluch sein kann: die Erlösung Ahasver’s
– der Untergang!‹ Was er unter ›Untergang‹ versteht, geht aus einem früheren Satz
klar hervor: ›Gemeinschaftlich mit uns Mensch werden, heisst für den Juden aber
zu allernächst soviel als aufhören, Jude zu sein.‹«64
Diese – philosophisch aus dem Geist des Links-Hegelianismus – vorgetragene In-
terpretation ist höchst erstaunlich und liest sich durchaus plausibel.65 In ihr reflektiert
sich Chamberlains durchaus immer wieder feststellbarer ambivalenter Antisemitismus,
der einerseits die Juden direkt für den moralischen, sittlichen und künstlerischen
Verfalls der Deutschen verantwortlich macht, andererseits ihre vermeintliche Do-
minanz in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens lediglich als ein Symptom für

63 Das ist eine Paraphrase auf den Schluss von Wagners Judenthum in der Musik, in: GSD, Bd. 5, S. 85.
64 Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, S. 228.
65 Vgl. dazu eingehend und – unbewusst – mit Chamberlain übereinstimmend meine Interpretation
des Schlusses von Richard Wagners Das Judenthum in der Musik in: Der Wahn des Gesamtkunstwerks,
S. 261 ff., bes. 273 ff.
204 Der Bayreuther Gedanke

diesen Verfall wertet und den Deutschen selbst Mitschuld an diesem Zustand gibt.
Zum einen gibt es rassistische Begründungen für den desaströsen Status quo, zum
anderen werden genau diese Gründe wieder relativiert. Schon in den Grundlagen des
19. Jahrhunderts finden sich durchaus positive Bewertungen jüdischer Leistungen66,
und dort, wo Chamberlain massiv gegen ›die Juden‹ auftritt, geschieht das nicht selten
ohne den Verweis auf die Rasse. Wie für viele antisemitisch gestimmte Autoren des
Bayreuther Kreises war auch für Chamberlain die Rasse nicht primär ein biologischer,
sondern eher ein geistiger Begriff, und dessen begründende Anwendung konnte
je nach Zweck einer bestimmten Argumentation erfolgen oder auch ausbleiben.67
Entschieden in diesem ambivalenten Sinne hat auch Robert Boßhart in einem
Aufsatz von 1933 das »Rasseproblem« diskutiert.68 Für ihn war Wagners Regenera-
tionslehre »keine Philosophie im hergebrachten Sinne«, kein »Denksystem«, sondern
eine Reaktion auf praktische Lebensprobleme, die – ähnlich wie bei Chamberlain
– auf drei Ebenen spielten: auf der »sichtbaren materiellen«, auf der »denkerisch
transzendenten« und schließlich auf der »künstlerischen und religiösen.« Diese drei
Ebenen stehen bei Boßhart nicht nebeneinander, sondern sind Stufen einer Entfal-
tung des Regenerationsgedankens, der am Ende im Religiösen kulminiert. Die »Frage
des Blutes und im Zusammenhang damit das Problem der Juden«69 stellt sich aus
der Perspektive der höchsten, der künstlerischen und religiösen Ebene, als besonders
schwierig dar, ist aber – so Boßhart – von Wagners Auffassung des Christentums als
einer ausschließlich auf dem Neuen Testament beruhenden Religion zu lösen.Auch
Boßhart, der Chamberlains einschlägige Publikationen genau kannte, verweist auf
das Ende des Judenthums in der Musik und versteht die oben bereits zitierten Sätze
ganz in dem Sinne, in dem sie auch Chamberlain auslegt.Wagner habe, so meint er,
»in dieser ungemein schwierigen Frage jede Art von Naturalismus« vermieden, »da
er das ›Blut‹, als Idee aufgefasst, niemals als das Primäre gelten lassen kann.«70 Man
dürfe daher »in der Rassefrage nicht Ursache und Wirkung verwechseln« und etwa
den Verderb der weißen Rasse ausschließlich auf Rassenvermischung und damit
biologistisch interpretieren: »DerVerderb ist doch im Grunde genau so sehr im Cha-
rakter des Einzelmenschen begründet wie der ethische oder moralische Wert eines
Volkes. Für die Degeneration kommt jedenfalls der Rassenfrage nur die Bedeutung
zu, dass sie uns auf gewisse Mißstände und Schäden im Volke hinweist, die aber
von einer höheren Ebene aus zu heilen sind.« Boßhart meint, »dass die Regenera-

66 Vgl. z.B. Houston Stewart Chamberlain, Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, Bd. II, S. 665; 670,
675 f.
67 Vgl. dazu Uwe Puschner, Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich, S. 71 ff. (›Geist‹-Rasse).
Die von Puschner analysierten Autoren Friedrich Lienhard und Adolf Bartels waren Mitglieder
des engen Bayreuther Kreises.
68 Robert Boßhart, Richard Wagners Regenerationslehre und ihre Bedeutung für die Gegenwart, in: Zeitschrift
für Musik, 1933, S. 688 ff. Ausführlichere Angaben zu Robert Boßhart in diesem Buch in Bayreuth
und die Moderne, S. 155 ff., Anm. 251.
69 Ebenda, S. 692.
70 Ebenda, S. 693. Hier auch das folgende Zitat.
Regeneration und Rasse 205

tionsidee in ihrer Anwendung auf das sichtbare Dasein Wagner immer wieder vom
geistigen Zentralpunkt ausgehen lässt, und dass ihr auch im Gebiete der praktischen
Lebensgewohnheiten durchgehend eine ideelle Bedeutung zukommt, ja dass diese
sogar überwiegt, so ist ihr dieser ausgesprochen universelle geistige Charakter auf
der Ebene des Denkerischen und Transzendenten noch ausgesprochener gewahrt.«71
Stärker noch als bei Chamberlain ergibt sich aus einer solchen Auffassung der
Schluss, dass Wagners Konzept der Regeneration auch für die Juden gelten müsse
und sie in diesen Prozess einer vollständigen Erneuerung einbeschlossen werden
können, wenn sie denn wollen. Da die Degeneration des Volkes primär geistige
Ursachen hat, kann sie auch nur durch eine »geistige Regeneration«72 überwunden
werden – was sich allerdings, wie sich aus Boßharts weiteren Ausführungen ergibt,
in der Akzeptanz des von Bayreuth vertretenen arischen Christentums dann als ›Er-
lösung‹ vollendet. Regeneration mündet eben auch hier – wie stets in Bayreuth – in
der Religion, genauer: in einem von Chamberlain und Wolzogen umrissenen, von
vielen Völkischen geteilten arischen Christentum. Gleichwohl gilt: »Alle diese eben
berührten Fragen sind durch die Überwindung und Läuterung des Einzelnen zu
lösen. Glauben wir etwa, die Judenfrage wäre gelöst, wenn es keine Juden mehr gäbe?
Solange die Judenfrage nicht auch als Christenfrage erkannt worden ist, solange hat
sie für die leidende Volksseele keine schöpferische Bedeutung. Und solange wir die
Frage des Blutes nicht aus der Atmosphäre des Materiellen und Naturalistischen in
die des Ideellen erheben, werden wir von Irrtum zu Irrtum taumeln und uns selber
von der Erlösung ausschließen.«73
Sowohl für Chamberlain wie für Boßhart lässt sich sagen, dass in der Offenheit
der Regeneration auch für die Juden »die physischeVernichtung des jüdischenVolkes
… jedenfalls nicht in der Verlängerung dieses Gedankengangs«74 liegt. Bei beiden
Autoren, die hier stellvertretend für viele andere zitiert werden, ist die utopische
Perspektive der Regeneration als ein ›reinmenschlicher‹ Vorgang auch für Juden
offen und damit unbeschadet bestehender Rassendifferenzen für alle, die sich diesem
Prozess bewusst unterwerfen. Das findet seine Erklärung darin, dass für die führenden
Intellektuellen des Bayreuther Kreises in der Kunst – und damit auch in der Religion
– alle Gegensätze zwischen den Menschen und Rassen aufgehoben werden, und
dass in diesem Akt des Aufhebens zugleich die eigentliche Sphäre der Regeneration
erreicht ist und diese sich selbst erfüllen kann – nebenbei: eine Überzeugung, die
sich mit dem späteren rein biologisch fundierten Rassebegriff der Nationalsozialisten,
wonach das ›Blut‹ die Rasse definiert, nicht vereinbaren ließ.

71 Ebenda, S. 694.
72 Ebenda, S. 693.
73 Ebenda, S. 693 f.
74 Hans-Joachim Hinrichsen, Robert Boßhart und der Antisemitismus nach Richard Wagner, in: Chris
Walton/Antonio Baldassarre (Hg.), Musik im Exil, Frankfurt/M.2005, S. 134.
206 Der Bayreuther Gedanke

Bayreuth und Draußen75


»Der Bayreuther Gedanke weist die vom Geiste der Kunst in seiner Reinheit, an
seiner Frei- und Weihstatt neu beseelten Menschen geradezu hinaus in das Leben,
zurück in die Welt. Es fragt sich nur, ob sie tatsächlich ein rechtes Bayreuther Erleb-
niss an sich erfahren, ob sie gelernt, mit Wagner’s Augen zu sehen, ob sie den Geist
der Weltanschauung als schöpferische Gemüthskraft in ihr eigenes Gemüth tief und
voll aufgenommen haben? Ist dies der Fall, dann muss es sie auch zur Bethätigung
jenes Geistes inmitten des leidvollen Lebens der Welt drängen. Sie müssen empfin-
den (auch wenn es ihnen noch nicht ganz zum Bewusstsein erweckt worden wäre),
dass in ihnen aus künstlerischen Wirkungen eine religiöse Macht wieder Leben
gewonnen, welche durch moralische Bethätigungen im weiten Kreise des Lebens
ausserhalb des Ichs zu vollem Ausdruck kommen will. Allerdings bleibt dabei Eines
von höchster Wichtigkeit. Nicht nur jenem festen künstlerischen Ausgangspunkte
muss (abgesehen vom specifisch-künstlerischen Style) die einzige ethische Bedeutung
gewahrt werden, welche sein Schöpfer ihm gegeben hat.Auch nicht nur müssen jene
unmittelbaren Bayreuther Empfindungen durch eine besondere Lehrtätigkeit zu ei-
nem klaren Culturbewusstsein ausgebildet werden.Vornehmlich muss immer wieder
von Bayreuth aus dafür ernstlich gesorgt werden, diejenigen ›Bayreuther‹, welche in
die Welt zurückgegangen, vor einem allzu leichten Sichverlieren an wandelbare und
oberflächliche Tagesinteressen zu behüten. Es muss davor gewarnt werden, die Sache
der Cultur und die Lage der Welt leicht zu nehmen, und etwa jedem Erfolge des
Augenblicks allzu fest zu vertrauen. Es muss daran erinnert werden, dass nur aus einer
tiefen Umwandlung der Gesinnung, aus einer (wir wir am besten sagen) ›religiös‹
gearteten Neubeseelung des menschlichen Gemüthes die wirklich nachhaltigen,
culturwerthigen Thaten zur gründlichen Besserung altvererbter Mängel und Sün-
den unserer ›Civilisation‹ zu erhoffen sind. Manches mag im Einzelnen reformiert
werden, … aber es darf nicht vergessen werden, dass auch die … reformatorischen
Ergebnisse unserer Bestrebungen … in der Luft schweben, wenn sie nicht über die
Dauer und den Wandel der historischen Machtverhältnisse, über Gesetz und Sitte
hinaus, von dem lebendigen Grunde einer Gemüths-Thatsache gewordenen Weltan-

75 Seit 1894 führten die Bayreuther Blätter eine Deutschland einteilende Rubrik »Bayreuth und
Draußen«, in der auf Vorgänge in den Wagner-Vereinen, auf Wagner betreffende Zeitschriften- und
Zeitungsartikel, auf Theateraufführungen, Bucherscheinungen im In- und Ausland u.ä.m. auf-
merksam gemacht und autoritativ reagiert wurde. Eine Rubrik, die sich im Laufe der Jahre leicht
veränderte, die aber die Grundüberzeugung, auf der diese Zweiteilung beruhte, stets beibehielt:
es gab eben diejenigen, die in Bayreuth lebten, die Wissende und autoritativ Urteilende waren,
und es gab jene, die außerhalb Bayreuths lebten und sich gleichsam auf dem Weg nach Bayreuth
befanden. Diese Trennung zwischen denen, die voll dazu zählten und denjenigen, die noch nicht
wirklich dabei waren, verweist auf ein dichotomisches Denken, das sowohl für Wagner wie auch
für seine nachfolgenden Interpreten und Erbe-Verwalter charakteristisch ist: die Welt wird in gut
und böse, in Freunde und Feinde, in Wissende und Noch-Nicht-Wissende, in Bayreuthianer und
Anti- bzw. Noch-nicht-Bayreuthianer usw. eingeteilt.
Bayreuth und Draußen 207

schauung getragen werden. Unser Culturwerk ist so wichtig und gross, es ist ein so
erhabenes und gewaltiges Ideal, dass seine Verwirklichung, welche für uns zeitliche
Menschenwesen die stäte Anstrebung der Verwirklichung bedeutet, wahrhaftig gar
nicht ernst genug, gar nicht gründlich genug genommen werden kann.«76
Dieses Zitat von Wolzogen, beschreibt ein wichtiges, bisher aber noch nicht
erwähntes Moment des Bayreuther Gedankens, das Verhältnis derer, die in Bayreuth
– etwa durch ihre Mitarbeit an den Bayreuther Blättern – am Bayreuther Gedanken
arbeiten, zu denen, die diesen Bayreuther Gedanken im alltäglichen Leben praktisch
umsetzen sollen. Für Wolzogen – und nicht nur für ihn, wie ein Blick auf die thema-
tisch einschlägigen Arbeiten in den Bayreuther Blättern zeigt –, bestimmte sich dieses
Verhältnis als ein doppeltes: es ist zum einen ein missionarisches, zum anderen das
einer ständigen Stimulation und Kontrolle derer, die ›draußen‹ sind durch die, die
›drinnen‹ leben. Die durch die Festspiele wie durch das publizistische Wirken der
in Bayreuth und um Bayreuth versammelten Wagner-Exegeten vermittelte, religiös
überhöhte und zugleich autoritativ gefestigte Weltanschauung sollte von den die
Botschaft empfangenden ›Bayreuthianern‹ nach außen getragen werden. Zugleich
aber sollten diese Anhänger Bayreuths durch eine ständige und dauerhafte Rück-
koppelung an das sinnstiftende Zentrum sich der Richtigkeit und Wahrhaftigkeit
ihrer Mission dadurch versichern, dass sie diese dauerhaft verinnerlichten. Bayreuth
– Cosima, Chamberlain und Wolzogen – wünschte die ideologische Kontrolle zu
behalten, nicht zuletzt durch den Hinweis, das Bayreuther Ideal sei ein so gewaltiges,
dass es einer immer wieder erneuerten Bemühung der ›Gralshüter‹ bedürfe, damit
die Botschaft des ›Meisters‹ in der Auslegung auch richtig verstanden werde. Damit
war die Interventions- und Korrekturfunktion Bayreuths legitimiert. Nimmt man
die wichtigen Stichworte aus dem Wolzogen-Zitat, so ergibt sich eine eindeutige
Struktur dieses Innen-Außen-Verhältnisses: Bayreuther Erlebnisse müssen richtig
empfunden, als Weltanschauung verinnerlicht werden und gleichsam wie eine re-
ligiöse Macht das Leben bestimmen; Bayreuths pädagogische Aufgabe liegt in der
Festigung seines Kulturauftrags bei seinen Anhängern, die sich den unterschiedlichen
zivilisatorischen Strömungen in Politik, Gesellschaft und Kultur gegenüber immun
erweisen müssen. Diese innere Stabilität immer wieder herzustellen, ist eine stete
Aufgabe Bayreuths.
Daraus ergibt sich: das Verhältnis von »Bayreuth und draußen« wird als ein strikt
hierarchisches gesehen, bei dem Bayreuth sich selbst als weltanschauliche Steuerungs-
zentrale bestimmt, seine Anhänger über das Festspiel-Erlebnis, die Wagner-Vereine,
die Bayreuther Blätter und sonstige Publikationen in seinem Sinne zu beeinflussen
sucht und darauf hofft, dass sie auch entsprechend der Vorgaben wirken werden. »Im
deutschen Sinne ist es das Wort, was Bayreuth der Welt giebt.Von der Welt, sofern
sie das Wort hört, erwartet es hingegen – im deutschen Sinne – die That.« Die einen
denken, die anderen setzen um und führen aus – das ist die Selbstbeschreibung der

76 Hans von Wolzogen, Bayreuther Arbeit. Ein Schlusswort, in: Wagneriana. Gesammelte Aufsätze über R.
Wagner’s Werke vom Ring bis zum Gral, Leipzig 1888, S. 253 f. Das folgende Zitat S. 255.
208 Der Bayreuther Gedanke

Bayreuther Rolle, wobei man sicher sein darf, dass Wagner sich das Verhältnis von
Kunstwerk, Kunstrezeption und Resultat für die praktische Lebensführung so nicht
vorgestellt hatte, sondern als einen wechselseitigen Prozess kommunikativerVerständi-
gung zwischen Kunstwerk, Künstler und Kunstrezipient. Doch dieses Selbstverständ-
nis der Bayreuther Führungsintellektuellen, das dem Bayreuther Gedanken substantiell
zuzurechnen ist, war charakteristisch für die Handhabung und interpretatorische
Neuausrichtung der Zeit nach Wagners Tod. Damit einher ging – auch dies gegen
Wagners ursprüngliche Intentionen – eine ›Kanonisierung‹ jener oben thematisierten
Elemente voraus, die gleichsam als strukturelles Interpretationsmuster den Werken
und dem Denken des ›Meisters‹ mit dem Anspruch der Authentizität von dessen
Werk- und Denkverwaltern übergestülpt wurden. Darüber möglichst umfassend zu
verfügen, machte einen wesentlichen Teil der Anstrengung der Führungsfiguren des
Bayreuther Kreises aus, die ihre Sicht der Werke und Schriften über die Bayreuther
Publizistik für die im Lande lebenden Bayreuthianer als verbindlich vorzugeben
suchten. In dem Verhältnis von ›Innen‹ (Bayreuth) zu ›Außen‹ spiegelte sich der
weltanschaulich-ästhetische Herrschaftsanspruch des engen Bayreuther Kreises, der sich
einerseits über seine ideologischen Vorgaben nach innen konstituierte, nach außen
abgrenzte und so seinen Suprematieanspruch markierte. Über die Monopolisierung
der Wagner-Interpretationen wie über den Ausbau zu einer in sich zusammenhän-
genden Weltanschauung, die politisch-ideologisch mit den nationalistisch-völkischen
Strömungen vernetzt wurde, suchte Bayreuth eine Gemeindebildung herbeizuführen,
die gleichsam in konzentrischen Kreisen diejenigen, die dem Bayreuther Gedanken
nahestanden oder ihn gar, wie Wolzogen wünschte, verinnerlicht hatten, an Bayreuth
binden und durch Bayreuth organisieren wollten, ähnlich jenen Künstler- und Intel-
lektuellengruppen, wie sie vornehmlich um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert
in einer Vielzahl und mit unterschiedlichen Ansprüchen auftraten.77 Die Struktur
dieses personellen wie ideellen Zusammenhanges ergab sich freilich erst nach dem
Tod Richard Wagners; zu dessen Lebzeiten waren die politisch-ästhetischen Inhalte
noch offener, weil Wagner selbst in seinen Meinungen durchaus variierte und sie
gelegentlich zeitabhängig unterschiedlich akzentuierte, und, wie etwa seine Arbei-
ten am Parsifal zeigten, er sein Werk der faktischen Erfordernisse einer wirksamen
und eindrucksvollen Ausführung wegen auch zu korrigieren bereit war.78 Nach
seinem Tod beanspruchte Cosima, die legitime Erbin zu sein, und sie entschied, wer
zusätzlich, gleichsam mit ihrem Segen, in seinen Wagnerauslegungen ›rechtgläubig‹
war. So gab es »eine Transformation der ursprünglichen Gemeinde«79 von einem
eher locker gefügten, durch Wagners Charisma zusammengehaltenen Freundes- und

77 Vgl. dazu Richard Faber/Christine Holste (Hg.): Kreise – Gruppen – Bünde. Zur Soziologie moderner
Intellektuellenassoziationen,Würzburg 2000. Darin auch der zum Bayreuther Kreis thematisch einschlä-
gige Beitrag von Wolf-Daniel Hartwich: Richard Wagners ästhetische Herrschaftsform. Zur Soziologie
der ›Bayreuther Idee‹, S. 307 ff.
78 Dazu die eindrucksvolle Studie von Stephan Mösch, Weihe,Werkstatt,Wirklichkeit, Parsifal in Bayreuth
1882–1933, Kassel 2009.
79 Wolf-Daniel Hartwich, Richard Wagners ästhetische Herrschaftsform, S. 312.
Bayreuth und Draußen 209

Anhängerkreis hin zu einem klarer abgrenzbaren, mit deutlich spürbaren hierarchi-


schen Strukturen konturierten engeren Bayreuther Kreis, um den herum sich dann,
zusammengehalten durch die Autorität Cosimas und das Interpretationsmonopol
der Chamberlain, Wolzogen und anderer Autoren der Bayreuther Blätter, die in den
deutschsprachigen Ländern lebenden Kunst- und Weltanschauungsanhänger scharten.
An drei konkreten Beispielen hat Wolzogen verdeutlicht, wie er sich dasVerhältnis
von ›Bayreuth und draußen‹ vorstellte: an Heinrich von Stein, Karl Friedrich Glase-
napp und Bernhard Förster. Der noch von Wagner protegierte, hoch begabte aber
früh verstorbene Heinrich von Stein, Philosoph, bekennender Wagnerianer,Verfechter
eines fundamentalen Antimodernismus und Hauslehrer Siegfried Wagners,80 »ging
hinaus in jene eigenthümliche und unbayreuthische Welt unserer akademischen
Hochschulen«81, wurde zum »Vorbild des Bayreuther Philosophen, Aesthetikers,
Lehrers und Dichters«; Glasenapp, Schulmeister in Riga in »fernem, undeutsch re-
gierten Lande«, der als Biograph Wagners »echt Bayreuther Litteratur … ausserhalb
Bayreuths« schrieb; schließlich Bernhard Förster, der den »Bayreuther Gedanken in
Leben umzusetzen gewagt hat, … der Colonisator in Paraguay.« Für Wolzogen sind
es drei sehr unterschiedliche Charaktere: »der Adelige, der Bürger, der Bauer … ein
Dichter-Philosoph, … ein philologischer Schriftsteller, … ein Länder colonisierender
einstiger Antisemitenführer – und alle drei mit derselben Hingebung des Lebens:
Wagnerianer – ›Bayreuther‹.82 Da werden Personen zu Prototypen des ›Draußen‹
stilisiert, die vermeintlich nach der Trias »Besinnung – Gesinnung – Bethätigung«
gelebt haben bzw. noch leben, die ihr Wirken für Bayreuth aber stetig an Bayreuth
rückgekoppelt haben, um von diesem Lebens- und Glaubenszentrum die Impulse
ihres Tuns zu erhalten. Es ist eine klare Werte- und Rangordnung, durch welche die
Außenwirkung Bayreuths und seiner Idee in Gang gesetzt und gesteuert werden soll,
zusammengehalten durch den Anspruch, es gehe dabei um eine alles übergreifende
Wahrheit von der fundamentalen Wucht einer Religion: »denn jede Bayreuther Lehre
ist Glaubenslehre, und was in ihr wirkt ist Glaubenskraft.« Das erinnert hinsichtlich
seiner Konsequenz in der Struktur an die katholische Kirche, die Bayreuth auf das
schärfste bekämpfte und doch nachbildete: so wie Rom das Zentrum für den Ka-
tholizismus ist, sollte Bayreuth das Zentrum für den Wagnerismus sein; so wie der
Papst ex cathedra die katholische Glaubensdogmatik bestimmt, so wollten Wagners
Erbe-Verwalter Cosima, Chamberlain und Wolzogen das Kunstwerk der Zukunft
in seinen Inhalten und Formen bestimmen. Sind das Kardinalskollegium und die
Bischöfe für dieVermittlung des Glaubens zuständig, so die Chamberlains,Wolzogens
für die des Bayreuther Gedankens. Und der ständigen Bemühung der Gläubigen um
ein rechtes katholisches Leben entspricht die immer wieder erneute Ausrichtung
der Wagnerianer in ihrem eigenen moralisch-ästhetischen Lebensanspruch an den

80 Zu Heinrich von Stein vgl. die grundlegende und umfassende Studie von Markus Bernauer,
Heinrich von Stein, Berlin/New York 1998.
81 Hans von Wolzogen, Wagneriana, S. 256. Hier und der folgenden Seite auch die folgenden Zitate.
82 Ebenda, S. 258. Die folgenden Zitate S. 262; 262; 263.
210 Der Bayreuther Gedanke

Vorgaben, die Bayreuth verkündet. Es dürfe, so schreibt Wolzogen, »in einer so grossen
Sache keine Kraft verschwendet werden«, und daher sollten alle, die für Bayreuth
arbeiten, »eine Gesammtheit bilden, von Einem Geist beseelt, der über die Zeiten
hinaus als unendliche Wahrheit des Guten wirkt.« Das sei Bayreuther Geist, der zum
Bayreuther Charakter werde.

Erweiterungen und Ansprüche


Der Bayreuther Gedanke wurde von Chamberlain,Wolzogen und den dem Bayreuther
Umfeld nahestehenden Intellektuellen zunächst als ein weltanschauliches Konzept
entwickelt, das mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllten sollte: jene weltanschauli-
chen Komponenten zu benennen, die einer verbindlichen Auslegung der Werke und
Schriften Wagners als Grundlage und Richtschnur dienen konnte und damit auch
über Bayreuth hinaus die Wagner-Rezeption im In- und Ausland bestimmen sollte;
dadurch der Selbstverständigung aller ›Bayreuthianer‹ und auf diese Weise auch der
inhaltlichen Konstituierung des engeren Bayreuther Kreises wie dessen Sympathisanten
zu dienen; schließlich auch den Anschluss Bayreuths an allgemeine politisch-nationale
Bewegungen möglich zu machen, die sich ihrerseits nicht primär durch eine Orien-
tierung an Wagner bestimmten. Es war, aller scheinbar strikten Bindung an Wagner
zum Trotz, ein eher locker gewebtes Konstrukt, das einer ständigen Erinnerung und
Neuauslegung bedurfte und trotz aller Festlegung im substantiellen Kern stets auch
wieder auf die sich in der Gesellschaft vollziehenden Veränderungen reagieren und
angepasst werden musste.
Das Konzept drängte sehr bald über seine erste, engere Zweckbestimmung hi-
naus. Seine einzelnen Elemente entfalteten eine eigene dynamische Wirkung, die
nicht selten in praktisch-politischen Forderungen mündeten und Bayreuth mit den
entsprechenden Strömungen und Positionen gesellschaftlicher Gruppen jenseits der
engeren Wagner-Gemeinden in Kontakt brachten. Jeder der einzelnen Bestandteile
des Bayreuther Gedankens, von der Regeneration bis zur Kunst, erwies sich thematisch
als so flexibel, dass er anschlussfähig war an entsprechende gesellschaftlich-politische
Strömungen im Deutschen Reich. So entwickelte sich ein interaktiver Prozess von
Themenfiliationen, und dies spiegelte sich in vielen Aufsätzen in den Bayreuther Blät-
tern wider. Um ein besonders prägnantes Beispiel zu nennen: schon sehr bald nach
Chamberlains Aufsatz zur Regeneration ergab sich eine über Jahre intensiv geführte
Debatte zu möglichen, konkreten Folgerungen für die persönliche Lebensführung
und Lebensweise des Einzelnen. Sie schlug sich nieder in einem engagierten pub-
lizistischen Einsatz gegen die Vivisektion, eine von Bayreuth seit Richard Wagners
Schreiben an Ernst von Weber83 immer wieder scharf attackierte medizinische

83 Richard Wagner: Offenes Schreiben an Herrn Ernst von Weber. Verfasser der Schrift ›Die Folterkammern
der Wissenschaft‹, in: BBl 1879, S. 299 ff.; ebenso in: GSD, Bd. 10, S. 194 ff.
Erweiterungen und Ansprüche 211

Praxis des ausgehenden 19. Jahrhunderts, zu der in vielen Beiträgen und Essays in
den Bayreuther Blättern ablehnende Stellung genommen wurde, sowohl in Berichten
über einschlägige Debatten des Reichstags und des Preussischen Landtags, als auch
in Forderungen zur Abschaffung derVivisektion, mit immer neuen Argumenten und
unter Verweis auf Wagners Überzeugungen – von so prominenten Autoren des Bay-
reuther Kreises wie den Gebrüder Förster, dem Wagner-Biographen Carl Friedrich von
Glasenapp und Hans von Wolzogen.84 Daneben gab es Aufrufe und Aufsätze gegen
das Taubenschießen als Sport85, gegen Stierkämpfe in Spanien und Hahnenkämpfe
in romanischen Ländern, gegen die Freizeit-Auswüchse eines luxurierenden Bür-
gertums, das in Parforcejagden seine Langeweile bekämpfe, und gegen andere Arten
der Tierquälerei.86 Zur Forderung der Regeneration zeitgenössischer Lebensweise
zählten auch die Einführung vegetarischer Lebensweise87, das Verbot des Rauchens
und von Alkohol, der Kampf gegen Spielleidenschaft, gegen den allgemeinen Sit-
tenverfall, wie er etwa im Verlust persönlicher Rücksichtnahme und Höflichkeit
im öffentlichen Raum zum Ausdruck kam – und ähnliches mehr.88 Plädiert wurde
immer wieder für ein Leben im Einklang mit der Natur und sich selbst, gegen
Impfungen und für Naturmedizin sowie natürliche Heilweise, für möglichst häufige
Aufenthalte im Freien, für körperliche Betätigung und »rhythmische Bewegung«89
sowie eine generell neue Art der Schulorganisation, die dem gesunden Körper mehr
Aufmerksamkeit widmet. Das waren, worauf entschieden hinzuweisen ist, alles Ziele,
in denen Bayreuth zum einen mit großen Teilen der national-völkischen Bewegung
übereinstimmte, aber auch mit erheblichen Teilen der Lebensreform-Bewegung, mit
deren Gruppen und Gruppierungen der Bayreuther Kreis enge Verbindung pflegte90
und aus der die Bayreuther Blättern auch Autoren gewannen.91
Als ähnlich anschlussfähig an breite national-politische und gesellschaftliche
Tendenzen erwies sich auch das in Bayreuth vorherrschende christliche Religions-
verständnis. Die Bayreuther Blätter brachten eine Fülle von Aufsätzen zur Bedeutung
der Religion für das Leben im Allgemeinen, spezieller zum Christentum, zur Person
Jesu Christi, zu Luther, zur Mystik, zum Protestantismus, zur Reformation sowie

84 Die einzelnen Beiträge gegen Vivisektion sind aufgelistet in: Annette Hein, »Es ist viel Hitler in
Wagner«, S. 434 f.
85 A. Engel, Aufruf gegen das Taubenschiessen, in: BBl 1888, S. 275.
86 Meta Wellmer, Die Härte des Luxus, in: BBl 1882, S. 370 ff.
87 Auflistung der Beiträge bei Annette Hein, »Es ist viel Hitler in Wagner«, S. 343. Zum Thema selbst
ebenda, S. 171 ff.
88 Karl Grunsky, Über Geselligkeit, in: BBl 1912, S. 42 ff.
89 Armand Crommelin, Hellerau: Ein Auferstehungsversuch des Rhythmus, in: BBl 1912, S. 222 ff.
90 Wolfgang R. Krabbe, Gesellschaftsveränderung durch Lebensreform. Strukturmerkmale einer sozialrefor-
merischen Bewegung im Deutschland der Industrialisierungsperiode, Göttingen 1974; Kai Buchholz et al.
(Hg.), Die Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900, Bd. 1, dazu die
Aufsätze ab S. 363 ff.
91 So z.B. den ›Vater‹ des Vegetarismus Eduard Baltzer, der über den vegetarisch lebenden Pythagoras
einen Beitrag schrieb: Helden und Welt. Pythagoras, in BBl 1883, S. 147 ff.Vgl. Annette Hein, »Es ist
viel Hitler in Wagner«, S. 173.
212 Der Bayreuther Gedanke

gegen jüdische Religion, Katholizismus und katholische Kirche. Es würde zu weit


führen, auf diese Beiträge hier im Einzelnen einzugehen92 – im Grunde thematisierten
und variierten sie immer wieder den Kern jener Protestantismus-Vorstellungen, die
Chamberlain und Wolzogen in ihren Arbeiten gleichsam paradigmatisch vorgegeben
hatten. Aber die Vielzahl der Aufsätze zu diesem Thema bilden, neben denen zu den
Werken und Schriften Wagners, den umfangreichsten Themenschwerpunkt der
Bayreuther Blätter, und dies wiederum macht unmissverständlich deutlich, wie hoch
Bayreuth die Forderung nach einer zweiten Reformation und einem völkischen,
deutsch-nationalen Christentum priorisierte. Die Reform des protestantischen
Staatskirchentums stand weit vorne auf der Bayreuther Agenda, es war eines der
vordringlichsten Ziele vieler führender Mitglieder des Bayreuther Kreises, welches
intensiv und mit einigem publizistischen Aufwand verfochten wurde. Was sich u.a.
auch darin zeigte, dass unter den Autoren deutschchristlich gesinnte und wirkende
protestantische Geistliche waren93, die nicht primär durch ihr Interesse am Werk
Wagners ins Bayreuther Umfeld gerieten, sondern eher aufgrund ihrer politisch-
theologischen Überzeugungen, und die in ihrer Mitwirkung bei den Bayreuther
Blättern die Chance sahen, zusätzliche Anhänger für sich zu gewinnen.
In solchen publizistischen Konkretisierungen einzelner Elemente des Bayreuther
Gedankens erfuhr das Konzept über die Jahre hinweg nicht nur eine praktisch-ge-
sellschaftliche Ausformung, sondern es gab von allem Anfang an auch Tendenzen,
die an Wagners Schriften anschließenden Inhalte nicht nur zuzuspitzen, sondern
sie zu überschreiten und der aktuellen Politik anzunähern, sie vielleicht sogar in
diese einzubinden, in jedem Falle aber allgemeine weltanschauliche Vorgaben für
erwünschtes politisches Handeln zu formulieren. Einer der ersten Belege für diese
Strategie Bayreuths und der Bayreuther Blätter ist der Beitrag des Wiener Orientalis-
ten Adolf Wahrmund94, der in jenem Jahrgang erschien, in dem auch Chamberlain
erstmals sein Konzept der Regeneration systematisch entwickelt hatte. Wahrmund
wollte zunächst zeigen, »dass arisches und semitisches, occidentales und orientales
Denken sehr verschiedene Dinge sind«, schwenkte dann aber am Ende seines Beitrags
überraschend auf das Regenerationsthema ein und folgerte aus dem Regenerati-
onsgedanken, dieser verpflichte die Deutschen auf der Grundlage des Kunst- und
Religionsverständnisses Wagners zu einer europäischen Kultur-Mission, die darin

92 Auflistung der einschlägigen Beiträge bei Annette Hein, »Es ist viel Hitler in Wagner«, S. 468 ff. und
S. 171 ff.
93 Hierher gehört etwa der Flensburger Pastor Friedrich Andersen, einer der prominenten Vertreter
des Deutschchristentums, Initiator und Mitautor der 95 Leitsätze zum Reformationsfest 1917. Vgl.
in diesem Buch Bayreuther Theologie, S. 285 ff.
94 Adolf Wahrmund; Das Reich der Zwecke, in: BBl 1895, S. 227 ff.Wahrmund (1827–1913), seit 1885
Leiter der Wiener Orientalischen Akademie, ist in den BBl mit 12 Beiträgen vertreten. Seine Schrift
Das Gesetz des Nomadenthums und die heutige Judenherrschaft« von 1887, die ursprünglich für die BBl
bestimmt gewesen war, wurde zu einer der vielzitierten antisemitischen Schriften im Kaiserreich.
Dazu Annette Hein, »Es ist viel Hitler in Wagner«, S. 89. Die folgenden Zitate auf den Seiten 228;
285; 287; 288.
Erweiterungen und Ansprüche 213

bestehe, die »Judennoth in materieller, sittlicher und musikalischer Beziehung« zu


wenden, sich bewusst zu werden, dass »Deutschland-Oesterreich … den Mittelpunkt
und Kern des Abendlandes« bilden und daher die »Zukunft des deutschen Volkes die
Zukunft der Menschheit sei.« Diese Zukunft sah Wahrmund hauptsächlich in der
Forderung nach »Erneuerung desVolksthums auf bäuerlicher Grundlage, Kräftigung
des monarchischen Gedankens, Ausscheidung des Semitentums auf gesetzlichem
Wege wie des Semitismus in der Gesetzgebung selbst« sowie nach »Kolonisation in
grossem Maßstabe.«
Wahrmunds Aufsatz ist ein frühes Beispiel dafür, wie die Strategie der sukzessiven
Umakzentuierung und Erweiterung von Wagners ursprünglichen Vorstellungen
über Regeneration des Menschengeschlechts funktionierte und wozu sie dienen
konnte, nachdem Chamberlain diesesVerfahren exemplarisch vorgeführt hatte.95 Die
Strategie bestand darin, an Wagner anzuschließen, den Anschluss gleichzeitig so zu
erweitern, dass die Inhalte in die aktuelle politische Landschaft passten. In diesem
Sinne erfuhr der Bayreuther Gedanke im Laufe der Jahre stetig inhaltliche Erweite-
rungen, mithilfe derer einerseits alle von Bayreuth abgelehnten und bekämpften
gesellschaftlich-politischen Entwicklungen kritisiert, alle erwünschten dagegen un-
terstützt und legitimiert werden konnten. Auch eher abseits liegende Vorstellungen
konnten auf diese Weise in das Konzept der Regeneration einbezogen und damit von
Bayreuth legitimiert werden. So – um ein Beispiel zu geben – die Forderung nach
einer authentischen Stärkung des Bauerntums, wie sie, gleichsam im Anschluss an
Wahrmunds Aufsatz, in einem 1913 erschienenen Beitrag von Heinrich Kühnhold
gefordert wurde. Der erklärte die Regenerationslehre Wagners aus dessen Biographie,
aus dessen »idealistischer Veranlagung und aus seinem äusseren Lebensgang«96 und
meinte, vor allem Wagners Erfahrungen in den großen Städten Europas habe seine
Theorie der kulturellen Dekadenz initiiert und gefestigt, von der Rolle des Geldes
und des Privateigentums bis hin zum »Verderb des Blutes«. Aus der Betrachtung
solcher Dekadenz-Faktoren zog Kühnhold den Schluss, Regeneration könne nur
dann gelingen, wenn man sich »ausserhalb des kulturellen Betriebes« stelle und »eine
Schicht im Volksleben« aufsuche, »die anders, die jünger ist als die Kulturschicht
der Städte, in denen einem Wagner hauptsächlich die Degeneration entgegentrat.«
Gemeint war das Bauerntum als »die jüngere Kulturschicht in unserem Volke«, das
sich zur Kulturschicht der Großstädte wie »Jugend und Alter« verhalte.
Weit abseits von Wagners Vorstellungen und weit darüber hinaus wurde hier
der Gegensatz zwischen Stadt und Land als für die Regeneration entscheidend
entwickelt und zugleich wurden jene Stereotypen formuliert, die sich einerseits in
antistädtischen und antizivilisatorischen Strömungen der Lebensreformbewegung

95 Wahrmund hat sein Thema noch mehrfach in den BBl abgehandelt, so z.B. in: BBl 1902, S. 125 ff.;
daran anschließend Ottomar Beta, Die Ursachen der geistigen Wohnungsnoth in Deutschland, in: BBl
1903, S. 90 ff.
96 Heinrich Kühnhold, Die Regenerationslehre Richard Wagners und die Neugeburt des deutschen Volkes, in:
BBl 1913, S. 276 ff. Das Zitat S. 277. Die folgenden Zitate auf den Seiten 279; 280; 280; 281; 282.
214 Der Bayreuther Gedanke

finden, die andererseits auch im rückwärts gewandten, die Vergangenheit roman-


tisierend verklärenden, preußisch-konservativen und national-völkischen Bereich
der Gesellschaft verbreitet waren. Nach Kühnhold sind die modernen Großstädte
Primärquellen völkischer Dekadenz, deren Entartung sich an der Rolle des Geldes,
an scharfen sozialen Ungleichheiten, an überbordendem Luxus und moralischer
Haltlosigkeit, nicht zuletzt in der »Rassenmischung bei dem hin und herwogenden
Verkehr der Blutverschlechterung« ablesen lässt. Wagner habe diese Gefahren der
Großstädte durchschaut und daher seine Hoffnung auf das Land gesetzt, das durch
höhere Geburtenzahlen, durch die größere Tauglichkeit für die Wehrpflicht, die sehr
geringe Zahl der Ehescheidungen und die größere Religiosität den Nährboden
der Regeneration abgebe. Regeneration bedeutete in dieser Sicht: »Eine wirkliche
Neugeburt des gesamten Volkes muss zugleich aber auch eine physische Wieder-
geburt sein. Es muss der Kulturschicht neues, frischer Blut, es muss ihr ursprüngli-
che, unverbrauchte Kraft zugeführt werden, und die kann ihr nur aus unserem …
Landvolk kommen.«
Diese These wird breit ausgeführt und untermalt durch das Hochloben einer
einfachen, alle technischen Möglichkeiten – die bloß mit der »degenerierenden
Hochkultur verbinden« – bewusst ignorierenden Lebensweise einer vorgeblich
heilen bäuerlichen Welt, wie sie sich abseits der Großstädte erhalten habe. Sie sei, so
die These, das lebensspendende Regenerationszentrum, ihr überschießender Kinder-
reichtum brauche zugleich Kolonien, sowohl in Deutschland selbst – Neuverteilung
preußischen Brachlands – wie außerhalb des Reiches in Übersee. Kühnhold beruft
sich dabei rechtfertigend auf jene Worte in Wagners Rede vor dem Vaterlandsverein
von 1848, in welcher dieser davon spricht, ein »neues Geschlecht« werde mit Schiffen
über das Meer fahren und »da und dort ein junges Deutschland gründen«97 – was
Wagner allerdings mit dem Negativverweis auf die Spanier und Engländer eher als
Kulturmission denn als konkrete Landnahme gemeint hatte. Doch die Berufung
auf einzelne ihres Kontextes beraubte Sätze Wagners war ein oft geübtes Verfahren.
Etwa auch mit Blick für jene These, wonach der letzte Grund aller Regeneration
der »religiös-ethische« sein müsse, weil die Religion »die tiefste Quelle der Rege-
neration für ein Volk« sei,98 wobei auch hier wieder die »einfache Religion« des
Bauernvolkes Vorbild ist, weil sie – wie Kühnhold meint – die »Erfüllung der reinen
Christuslehre« sei, so wie Wagner sie gefordert habe.
Kühnholds Aufsatz steht nicht allein; es gibt eine Reihe thematisch ähnlich
ausgerichteter Beiträge, in denen etwa Bernhard Förster99, Gustav Wittmer100 oder
auch Johann Heinrich Löffler101 ähnliche Positionen vertreten haben. Kühnhold ist

97 Richard Wagner, Wie verhalten sich republikanische Bestrebungen dem Königtum gegenüber? in: DS, Bd.
V, S. 215.
98 Heinrich Kühnhold, Die Regenerationslehre Richard Wagners, S. 289.
99 Bernhard Förster, Ein Deutschland der Zukunft, in: BBl 1883, S. 44 ff.
100 Gustav Wittmer, Wege und Ziele deutscher Kulturarbeit, Teil I, in: BBl 1890, S. 185 ff.; Teil II, in: BBl
1890, S. 251 ff.; Teil III, in: BBl 1890, S. 324 ff.
101 Johann Heinrich Löffler, Volksglaube und Volksschule, in: BBl 1890, S. 277 ff.
Der Bayreuther Gedanke am Ziel? 215

ein paradigmatisches Beispiel dafür, welche gesellschaftlich-politische Expansions-


kraft der Regenerationsgedanke zu entfalten vermochte und in welcher Weise das
Konzept sich ändernden politischen Forderungen anpassen ließ – stets versehen mit
dem Hinweis, bereits Wagner habe so argumentiert.

Der Bayreuther Gedanke am Ziel?


Gegen Ende des Ersten Weltkriegs, im schwierigen Jahr 1917, als der Sieg Deutsch-
lands zunehmend unwahrscheinlicher wurde, schrieb Wolzogen in den Bayreuther
Blättern einen Artikel über Deutsche Eroberung.102 Darin ging es freilich nicht um
deutsche Kriegsziele, wie man zunächst vermuten könnte, sondern neben der Bekräf-
tigung, dass ehemals deutsche Gebiete wie Elsaß-Lothringen deutsch bleiben müssten,
vor allem um ein inneres Bildungs- und Erziehungsprogramm, um den Bayreuther
Gedanken, der auch in Kriegszeiten und nach dem Krieg verbindlich sein sollte. Es
ging um »unsere geistigen Eroberungen« wie das (protestantische) Christentum (ge-
gen Rom), um »deutsche Arbeit, deutsches Wissen, deutsches Denken und Wirken«,
es ging darum, »unser wahres, inneres, geistiges und sittliches Deutschland uns (zu)
erobern«. Und all dies wurde als Aufgabe Bayreuths bestimmt, das nach Wolzogen
»ein Symbol größter und echter deutscher geistiger Eroberung« auch zukünftig sein
sollte, in dem zugleich die »hohen Menschheitsideale« beschlossen lägen.
Die führenden Intellektuellen Bayreuths hatten zwar – nach anfänglichem Zögern
und eher distanzierender Begeisterung – den Ersten Weltkrieg als einen gerecht-
fertigten Kampf Deutschlands um seinen Platz in der Welt begrüßt und unterstützt,
aber sie hatten zugleich auch immer wieder betont, dass es eher auf die innere
Haltung und Gesinnung der ›Bayreuthianer‹ ankomme, auf die innere Verfassung
Deutschlands, mehr denn auf militärische Erfolge.Wer die Bayreuther Blätter der Jahre
1914 bis 1919 durchsieht bemerkt rasch, dass hier selten lautstarke Kriegspropaganda
gedruckt, wohl aber stets auf den kultur missionarischen Auftrag Bayreuths verwiesen
und dessen Umsetzung eingefordert wurde. Diese Stoßrichtung Bayreuths blieb in
den Nachkriegsjahren zunächst vorherrschend. Im Krisenjahr 1923 erschien von
Gustav Wehrt ein Aufsatz über die Not der Gegenwart, der als eine grundsätzliche
Stellungnahme Bayreuths zu den Problemen der Zeit verstanden werden muss.103
Wehrt machte gleich eingangs deutlich, dass aus seiner (und der Bayreuther) Sicht
die entscheidenden Defizite »allein seelischen Ursprungs und allein seelischer Na-

102 Hans von Wolzogen, Deutsche Eroberung, BBl 1917, S. 2 ff. Die folgenden Zitate S. 3 f.
103 Gutav Wehrt, Über die Bedeutung Richard Wagners als Ethiker für die Not der Gegenwart, Teil I in: BBl
1923, S. 40 ff.Teil II in: BBl 1923, S. 75 ff. Ähnliche Beiträge finden sich im Laufe der Jahre immer
wieder, so z.B. Richard von Schaukal: Überpolitisches über Politisches, in: BBl 1932, S. 237 ff. Es gibt
gelegentlich auch konkrete Vorschläge, so etwa zur Änderung des durch das römische Rechtsprin-
zip bestimmten Rechtssystems in ein dem »deutschen Volksleben« angepasstes: Gerhard Tischer,
Der Rechtsweg zur Kultur der Meisterschaft, in: BBl 1931, S. 6 ff.; ab