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CALVIN UND DIE PRÄDESTINATION 59

deutsch, wie jemand nur sein konnte. Das Verhältnis sollte umgekehrt
sein: Luther hat durch seine historische Wirkung einen Prototypus ge-
schaffen, der für spätere Jahrhunderte prägende Auswirkungen hatte.
Der Wesenszug, den wir als den bedeutendsten anzusehen geneigt sind,
ist die eigensinnige Revolte gegen traditionelle Ordnung jeglicher Art
und der dämonische Drang, eigene idiosynkratische Züge anderen
Menschen als allgemeine Regel aufzuzwingen. Während sich dieser We-
senszug unter den gesellschaftlichen Bedingungen in Deutschland mit
besonderer Virulenz herausgebildet hat, ist er jedoch nicht spezifisch
deutsch, sondern international zu finden. Er findet sich insbesondere in
der Bewegung, die wir als die zweite, säkulare Phase der Reformation
bezeichnen können, das heißt unter den Intellektuellen der Aufklärung
und ihren Nachfolgern. Unter den Personen, in denen dieser Wesens-
zug am stärksten ausgebildet ist, befinden sich so unterschiedliche Ge-
stalten wie Voltaire, Condorcet, Marx und Hitler.

§ 8. Calvin und die Prädestination


Luthers Rechtfertigung durch den Glauben allein führte zur Zerstö-
rung der traditionellen Ordnungen, der geistigen wie auch der weltli-
chen. Die Reduzierung der Existenz auf eine empirische Heilsgewiss-
heit im Bewusstsein einiger weitverstreuter Individuen schien in eine
Sackgasse zu führen. Es musste ein Weg zurück in die Kontinuität ge-
schichtlicher Ordnungen gefunden werden. Bevor wir jedoch die Ide-
en betrachten, die sich mit dem Kampf um eine Wiederherstellung
befassen, müssen wir die Form untersuchen, die das Problem Luthers
durch ihre Verbindung mit der Prädestinationslehre Calvins annahm.
Diese Verbindung wirft nicht nur neues Licht auf die durch Luther
geschaffene Sackgasse; sie hat sich auch – in einer tour de force – bei der
Schaffung neuer öffentlicher Ordnungen erfolgreich gezeigt, insbeson-
dere in England und seinen amerikanischen Kolonien.
Über die Prädestinationslehre als solche gibt es nicht viel zu sagen.
Im Neuen Testament stoßen wir häufig auf die Idee, dass durch den
Sündenfall alle Menschen zu Sündern geworden sind und dass Gott
aus unerforschlichen Gründen einige wenige zur Erlösung auserwählt
hat, während er die große Masse, die nicht schlechter als die Auser-
wählten ist, der Verdammnis überlässt. Lassen wir theologische Fein-
heiten wie die supralapsarischen und die infralapsarischen Varianten
außer Acht, dann ist die Lehre klar und einfach. Sie ist Teil des ortho-
doxen Systems vor der Reformation, und Luther wie auch Calvin er-
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kennen sie an. Die besondere Wirksamkeit des Prädestinarismus in


Calvinistischen Gesellschaften hat nichts mit dem Inhalt der Lehre zu
tun, sondern rührt von dem Gebrauch her, den Calvin in der zuvor
erörterten Sackgasse von ihr machte.20
Welchen Gebrauch machte Calvin von der Lehre? Die Antwort auf
diese Frage stößt auf ernsthafte Schwierigkeiten, weil das hagiographi-
sche Bild Calvins noch immer das konventionell akzeptierte ist; kein
Denifle konnte bis jetzt die tönernen Füße des Idols zerschlagen. Die
gegenwärtige Untersuchung ist nicht der geeignete Ort, diese Zer-
trümmerungsoperation mit Gründlichkeit und Gusto durchzuführen.
Wir müssen uns auf die Korrekturen des traditionellen Bildes, soweit
sie einen direkten Bezug zu Calvins Behandlung der Prädestination
haben, beschränken. Die erste dieser Korrekturen muss an der übli-
chen Bewertung des Unterrichts in der christlichen Religion* als der gro-
ßen systematischen Darstellung der Reformationstheologie vorgenom-
men werden. In ihm wird die Prädestinationslehre entwickelt, und wir
können zu keinem Verständnis der Lehre gelangen, ohne den allgemei-
nen Charakter des Werkes zu verstehen.
Der Unterricht ist streng genommen kein Buch, sondern ein im
Werden begriffenes Werk. Es wurde zuerst im Jahre 1536 in lateini-
scher Sprache als Christianae Religionis Institutio veröffentlicht. Wie die
Epistola ad Lectorem angibt, war es als Leitfaden für evangelische Chris-
ten zu einem schnelleren und effizienteren Verständnis der sich auf die
Heilige Schrift stützenden christlichen Lehre gedacht. Calvin selbst
trat in der Rolle des charismatischen Lehrers auf, dessen Pflicht es war,
einfacheren Geistern diesen Dienst zu erweisen. Während der Brief an
den Leser den Charakter des Werkes als eine summa hervorhob, betonte
der Brief an den König seinen Charakter als Verteidigung der und Be-
kenntnis zur evangelischen christlichen Lehre. Von diesen Anfängen
entwickelte sich das Werk zu der beträchtlich erweiterten Ausgabe von
1539 (Latein) und 1541 (Französisch), untergliedert in siebzehn Kapi-
tel. In dieser Form, und besonders in der französischen Übersetzung
von 1541, wurde es zum Klassiker des neuen Glaubensbekenntnisses.
Zusätzliche Erweiterungen und Überarbeitungen gipfelten in den Aus-
gaben von 1559 (Latein) und 1561 (Französisch), in denen das Thema

20 Zur breiten Wirksamkeit der Lehre bei der Bildung sozialer und ökonomischer Hal-
tungen siehe die enorme Literatur im Gefolge von Max Webers Die protestantische
Ethik und der Geist des Kapitalismus und Die protestantischen Sekten und der
Geist des Kapitalismus, beide in: Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionsso-
ziologie, Bd. 1, Tübingen: Mohr, 1920. [Neudruck: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck),
1998.]