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Università Ca’ Foscari VENEZIA

843102 - Stefano Ragazzi

A.A. 2018/2019

LINGUE E LETTERATURE EUROPEE, AMERICANE E POSTCOLONIALI

Lingue e Letterature moderne europee e americane (LM-37)

Letteratura Tedesca 1 mod. 1

NIETZSCHE UND DER EXPRESSIONISMUS

1. Einleitung

Nietzsche und sein Werk symbolisieren einen kulturellen Neuanfang: Nach dem

symptomatischen Verlust alles metaphysischen Gehalte sowie der Auflösung alles gesetzlichen und

moralischen Verbindlichkeiten zeigt er zugleich die Möglichkeiten auf, diesen Verlust zu

überwinden. Nietzsche hat die allgemeine Denkart, insbesondere in der ersten Hälfte des 20.

Jahrhunderts, stark beeinflusst: Bezüglich der Lyrik spielen das Bild des Dichters und die Idee von

Dichtung in der literatur- und kulturwissenschaftlichen Diskussion seiner Epoche eine sehr wichtige

Rolle. Nietzsche und sein Gedankengang faszinierten und beeinflussten Dichter und Künstler, deren

Hauptziel es nicht war, seine Werke richtig zu deuten, sondern sie im dichterischen Weltdiskurs und

in ihrer Poetik zu verorten. Was die Dichter der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bei ihm

besonders wichtig finden, ist der hohe Stellenwert, den er der Kunst eingeräumt hat und die

Annahme, dass sie als Gegenkraft zur kulturellen Dekadenz seiner Zeit zu verstehen war.

Nietzsches Einfluss auf das lyrische Schaffen des Expressionismus ist immens und schwer

zu überblicken. Im Folgenden wird daher der Versuch unternommen, anhand der Nietzsche-

Rezeption der Expressionisten einige Fallbeispiel genauer zu betrachten: Nach einem historischen

Kontextualisierung werden es zwei Werke von Friedrich Nietzsche untersucht, die Unzeitgemässe

Betrachtungen (1873-1876) und Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne (1873), da sie

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– so meine These – seine Rezeption am besten zeigen. Die beide Werke stellen verschiedene

Aspekte der Kultur- und Sprachkritik von Nietzsche dar, die einen großen Einfluss auf den

Expressionismus hatten.

2. Der historische Hintergrund

Nach der Einigung des Reiches 1871 erlebte Mitteleuropa innerhalb von wenigen

Jahrzehnten jene industrielle und wirtschaftliche Revolution, die sich in England und Frankreich

bereits in der ersten Jahrhunderthälfte durchgesetzt hatte. Das waren die Jahre des so genannten

mitteleuropäischen Hochkapitalismus. Die Industrialisierung schuf zwei neue gesellschaftliche

Gruppen: den kapitalbesitzenden Unternehmer und den besitzlosen Arbeiter, den Proletarier. Eine

wichtige Folge der Industrialisierung war der Wandel der Arbeits- und Lebensverhältnisse, die von

Maschinenrhythmus und Großstadtleben geprägt waren: Niedrige Löhne zwangen den Arbeiter zu

langen Arbeitszeiten und Sonntags-, Frauen- und Kinderarbeit wurden zur Regel. Das Proletariat

und dessen Lebensumstände waren die neue Realität, das neue Faktum, mit dem die deutsche

Gesellschaft nun zu tun hatte. In Deutschland bemerkt man epochemachende Phänomene wie die

Gründung wichtiger Konzerne, vor allem in der Branche der Chemie und der Schwerindustrie, die

Krise der Landwirtschaft, einen rasenden Bevölkerungszuwachst und einen schnellen

Urbanisierungsprozess: ein echter „Vermassung“ in den Städten. Ab 1888 erreichte die

Industrialisierung in Deutschland ihren Höhepunkt und schon um 1900 avancierte das Deutsche

Reich zur ersten europäischen Industrienation.

Im Jahre 1888 wurde Kronprinz Wilhelm zum Kaiser ernannt. Der junge Kaiser neigte zu

impulsiven Handlungen: Grundlage seiner Herrschaft wurde das Heer, das nicht dem Reichstag,

sondern seiner Person direkt unterstellt war. Der „allmächtige“ Kaiser wurde bald für das Volk das

Symbol der deutschen Nation. Bismarcks Bündnispolitik, die Mitteleuropa stabilisiert hatte, wurde

von der nationalistischen und imperialistischen Außenpolitik von Wilhelm II. abgelöst. In der

Innenpolitik versuchte er durch Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen die

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Sozialdemokratie abzuschwächen, aber die sozialen Konflikte verschärften sich. Der Wunsch, sich

neben England als Weltmacht zu etablieren, drängte den Kaiser zum Aufbau einer Kriegsflotte. Auf

diese Weise verschlechterten sich jedoch die Beziehungen zu Großbritannien ständig. Auf der

anderen Seite sorgte das immer engere Bündnis mit Österreich-Ungarn für Spannungen mit

Russland, und als Folge der imperialistischen Politik des Kaisers waren die Marokkokrisen 1905

und 1911 gegen Frankreich zu betrachten, die mit einer diplomatischen Niederlage Deutschlands

endeten und zu einer Einkreisung des wilhelminischen Reiches im internationalen Raum führten.

Deutschland wurde also isoliert und konnte nur noch auf die Unterstützung von Österreich-Ungarn

zählen.

Die Gesellschaft in der wilhelminischen Ära war stark militarisiert: In öffentlichen

Institutionen herrschte ein autoritärer Geist, das Militär genoss eine übermäßige Wertschätzung,

und Leutnant der Reserve zu werden, war eine unvermeidliche soziale Pflicht. Wie alle

europäischen Staaten der Zeit hat auch Deutschland seine Armee ständig ausgebaut. Mehr als

vierzig Jahre Frieden und die Eroberung eines bescheidenen Wohlstands, selbst von weiten Teilen

der Bevölkerung, ließen die blutige Realität eines modernen Krieges vergessen, und wenige

konnten sich die Konsequenzen des technischen Fortschritts bei der Kriegsführung vorstellen.

3. Der Expressionismus

Die expressionistische Bewegung entwickelte sich im Laufe des ersten Jahrzehntes des 20.

Jahrhundert. Der Expressionismus war keine einheitliche Schule und erreichte seinen Höhepunkt in

den Jahren unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg bis zum Jahr 1923. Unter den zahlreichen

Bewegungen dieses Jahrhunderts war der Expressionismus die einzige literarische Strömung, die in

Deutschland entstand, auch wenn diese gleichzeitig europaweit als Maltechnik anzutreffen war. Als

erster in Deutschland übertrug der Schriftsteller Kurt Hiller den Begriff Expressionismus

(Ausdruckskunst) auf die Literatur. Im Unterschied zu anderen Gruppierungen der historischen

3
Avantgarde – Futuristen, Dadaisten oder Surrealisten – legten die Expressionisten die Prinzipien

ihrer Kunst programmatisch nicht fest und veröffentlichten keine Manifeste.

Die neue Kunst hatte einen äußerst subjektivistischen Charakter. Ziel der

expressionistischen Dichtung war die Wiedergabe der Welt als Ausdruck der Seele. Das Ich

beeindruckte die Realität aus sich selbst. Die Expressionisten proklamierten die Notwendigkeit

einer neuen Kunst, die von innen nach außen ging, das heißt eine Kunst, die von den inneren

Erlebnissen des Menschen bestimmt wurde. Kunst ist damit das Ergebnis der Erschütterung der

Seele.

Die immer perfekter werdende Zivilisation der wilhelminischen Ära brachte neue

Phänomene wie Entfremdung, Automatisierung des Lebens, Beziehungslosigkeit, Vereinsamung

und Außenseitertum, Mechanisierung aller Lebensbereiche und Umweltzerstörung mit sich. Das

führte oft zu Identitätsproblemen, Vater-Sohn-Konflikten und allgemeiner Verzweiflung. Das

Bewusstsein der Gefahren durch eine rasante Mechanisierung des Lebens charakterisierte den

deutschen Expressionismus: er wollte sie kämpfen und die Literatur als Waffe gebrauchen. Die

meisten Expressionisten hielten sich für radikale Weltverbesserer. Die bestehende Ordnung musste

zuerst vernichtet werden, um auf den Trümmern derselben eine neue zu errichten. Deshalb

herrschten in der Lyrik der ersten Phase apokalyptische Bilder, Visionen von Weltverfall und

Weltuntergang vor. Den Expressionisten musste man einen prophetischen Charakter zuerkennen,

und die Welt, die die Dichter-Seher in ihrer wesentlichen Sprache beschrieben, bestand aus

Visionen der Innerlichkeit. Weder die Abbildung der Wirklichkeit noch die Eindrücke durch die

Außenwelt waren Gegenstand der Kunst.

Die Hauptvertreter des Expressionismus waren die privilegierten, gebildeten Söhne der

Gründergeneration, die gegen die wilhelminische Welt und das bürgerliche Elternhaus protestierten.

Die Unzufriedenheit der Jugend bedeutete eine Autoritätskrise, denn es handelte sich um eine

Opposition gegen die Erstarrung der sozialen Verhältnisse und gegen die Welt der ökonomisch-

industriellen Modernisierung. Die Hauptthemen dieser ersten Phase waren die Aufbruchstimmung,

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das Unbehagen an der Tradition der Vätergeneration und die Großstadt. Berlin war das Zentrum des

künstlerischen Schaffens: Es faszinierte nicht nur als Industriestadt, sondern auch als Ort urbaner

Öffentlichkeitskultur.

Im Expressionismus konnte man einen verzweifelten Versuch sehen, der Auflösung der

bürgerlichen Individualität und ihrer Autonomie entgegenzuwirken, die in einem langen

Emanzipationsprozess gewonnen wurde. Der Ausbau der wirtschaftlichen Macht und der

Verwaltungsstrukturen schränkten die Möglichkeit des Einzelnen ein, direkt in die Realität

einzugreifen. Der Kampf gegen diese Situation frustrierter Ohnmacht scheint dieser Generation

junger Bürger nur in der Lage zu sein, nur auf dem Terrain von Geist und Wort zu handeln. Die

Waffen wurden in der von Nietzsche formulierten Lehre der Umwertung aller Werte gefunden. Die

Elemente des Nietzscheanischen Denkens, die von der neuen Generation spontan akzeptiert

wurden, betrafen vor allem zwei Themen: die Opposition gegen die christliche-bürgerliche Kultur,

die in dem Bildungsphilister personifiziert und als falsch und lebensfeindlich beurteilt wurde, und

die Kritik sprachlicher Konventionen mit der daraus folgenden stereotypischen Rigidität jedes

Ausdrucks.

4. Friedrich Nietzsche

Philosoph, Dichter, einer der bedeutendsten und zugleich umstrittensten Denker des 19.

Jahrhunderts, beeinflusst von Arthur Schopenhauer, Immanuel Kant und Richard Wagner, wandte

Friedrich Nietzsche sich gegen alle bestehenden Ideale, Werte, Moral- und Glaubensvorstellungen

und propagierte die Lehre vom Übermenschen und von der Ewigen Wiederkehr. Er beeinflusste

Geistesgeschichte und Politik nachhaltig.

Sohn eines Pfarrers, studierte Nietzsche Theologie und Klassische Philologie in Bonn und

Leipzig, wo er 1868 Richard Wagner kennenlernte (von dem er sich aber um 1876 abwandte). Im

Jahr 1869 ging er als Professor an die Universität Basel. Im Sommer 1870 nahm er als freiwilliger

Krankenpfleger am Deutsch-Französischen Krieg teil und erkrankte selbst schwer. Wegen seines

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schlechten Gesundheitszustandes musste er sein Lehramt in Basel 1879 aufgeben. Es folgten Reisen

und Aufenthalte nach Venedig, Genua, Sils-Maria, Sizilien, Rapallo, Mentone und Nizza. Im Jahr

1888 zog er nach Turin. Im Januar 1889 kam es zum geistigen Zusammenbruch. Seine Mutter

pflegte ihn bis zu ihrem Tod (1897), danach übersiedelte seine Schwester mit ihm nach Weimar.

Nietzsche starb im Jahr 1900 in geistiger Umnachtung.

4.1. Die Unzeitgemässe Betrachtungen: die antivitalistische Kultur und der Bildungsphilister

Nietzsches Unzeitgemässe Betrachtungen sind eine Reihe von kultur- und zeitkritische

Schriften, die der Philosoph zwischen 1873 und 1876 schrieb. Als Nietzsche mit der ersten seiner

Betrachtungen debütierte, war er stark antinationalistisch und empfand eine große Abgeneigtheit

gegen den nach dem Sieg gegen Frankreich in Deutschland geborenen Optimismus.

In David Strauß: der Bekenner und der Schriftsteller brandmarkte Nietzsche die damals

besonders virulente Verwechslung des deutschen Waffensiegs über Frankreich mit einem Triumph

deutscher über französische Kultur: Er befürchtete im Gegenteil eine Niederlage, ja Exstirpation des

deutschen Geistes zugunsten des deutschen Reiches. Nietzsche analysierte dann den Begriff der

öffentlichen Meinung mit Vernunftsinn, der seiner Meinung nach in Deutschland zugunsten

irrationaler Triebe aufgegeben wurde. Nach Ansicht des Philosophen irrte die deutsche öffentliche

Meinung, weil sie glaubte, dass die deutsche Kultur mit dem Sieg Deutschlands über Frankreich

gewonnen hatte: Das Deutsche Reich hatte die deutsche Kultur und den deutschen Geist gefälscht.

Die öffentliche Meinung in Deutschland scheint es fast zu verbieten, von den schlimmen und

gefährlichen Folgen des Krieges, zumal eines siegreich beendeten Krieges zu reden. […] Trotzdem sei es

gesagt: ein grosser Sieg ist eine grosse Gefahr.1

Hier führte Nietzsche ein Thema ein, das den Expressionisten sehr teuer war: das Thema der

Kultur. Kultur ist nach dem Philosophen nämlich als Einheit des künstlerischen Stiles in allen

Lebensäußerungen eines Volkes zu definieren, aber in Deutschland herrscht deren Gegensatz, das

1F. Nietzsche, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Einzelbänden, Bd. 1, Hg. v. Giorgio Colli u. Mazzino
Montinari, München, de Gruyter, 1988, S. 159.

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Durcheinander aller Stile, das heißt die sogenannte Bildung. Jedes Zitat oder jede Bezugnahme auf

frühere künstlerische Stile in einer späteren Zeit zeigten tatsächlich den Mangel an Vitalität einer

Kultur an, denn sie kopierte, statt zu erfinden. Von diesem Äußerung Nietzsches entwickelt sich die

Dekadenzkritik der Expressionisten. Dekadent war für sie alles, was dem Diesseits, dem Leben,

dem Bravourstück solitärer Kraft, dem Abenteuer, dem heidnisch-unschuldigen Lachen

aufatmender Körperlichkeit und den Sensationen der Nerven abhold war. „Leben“ gehörte zu den

Schlüsselbegriffen deren Kultur- und Zivilisationskritik, ein Leben, das nicht mehr in der damaligen

Kultur zu finden war. Den Typus ihrer Träger charakterisierte der von Nietzsche aufgegriffene und

berühmt gemachte Ausdruck Bildungsphilister. Der Bildungsphilister widmete sich dem reinen

Kulturkonsum: Wegen seiner Mangel jeder Selbsterkenntnis, glaubte er, dass seine Bildung gerade

der volle Ausdruck der richtigen deutschen Kultur war, deshalb hielt er sich als würdiger Vertreter

der damaligen deutschen Kultur und machte dem entsprechend seine Forderungen und Ansprüche:

„alle öffentlichen Institutionen, Schul- Bildungs- und Kunstanstalten [sind] gemäss seiner

Gebildetheit und nach seinen Bedürfnissen eingerichtet“2. Der Bildungsphilister suchte nicht mehr

die Kultur, da er sie bereits zu besitzen glaubte und verschloss sich gegen alles andere: „er hält

gerade das, was die Kultur verneint, für die Kultur“3. Genau der Figur des Bildungsphilisters und

seine Weltanschauung des „inkurablen Optimismus“ wurden von den Expressionisten stark

kritisiert als ein Generationenkonflikt zwischen akademischen Vätern und ihren akademisch

gebildeten Söhnen, zwischen Doktorvätern und ihren promovierten Schülern. Gottfried Benns

(1886-1956) Einakter Ithaka von 1914 setzte einen solchen Generationenkonflikt in Form einer

Auseinandersetzung zwischen dem Medizinassistenten Rönne und einigen Studenten auf der einen

und einem etablierten Professor der Medizin auf der anderen Seite in Szene. Mit dem Professor

wurden symbolisch die Prinzipien naturwissenschaftlicher Rationalität ermordet. Das Stück endet

mi den Sätzen: „Wir sind die Jugend. […] Wir wollen den Traum. Wir wollen den Rausch. Wir

2ebd., S. 165.
3ebd., S. 166.

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rufen Dionysos und Ithaka!“4. Der Bildungsphilister wurde also von den Expressionisten als

Repräsentant der Wissenschaft dargestellt, der nicht mehr die unangefochten selbstbewusste oder

sozial hochgeachtete Persönlichkeit hatte.

Die optimistische Weltanschauung des Bildungsphilisters wurde von Nietzsche als fatale

Anwendung der Philosophie Hegels gesehen, die dem Spruch „Was vernünftig ist, das ist wirklich;

und was wirklich ist, das ist vernünftig“ folgte. Diese Ansicht gab allen Geschehnissen einen so

gepanzerten Sinn, dass der Bildungsphilister keine andere Wahl ließ, als sich dieser

Schlussfolgerung zu ergeben: Alles, was geschah, war ein Erfolg, und alles, was geschehen wird,

wird ein Erfolg sein.

Eben diese Behaglichen bemächtigten sich zu demselben Zwecke, um ihre Ruhe zu garantiren,

der Geschichte, und suchten alle Wissenschaften, von denen etwa noch Störungen der Behaglichkeit zu

erwarten waren, in historische Disciplinen umzuwandeln, zumal die Philosophie und die klassische

Philologie. Durch das historische Bewusstsein retteten sie sich vor dem Enthusiasmus — denn nicht mehr

diesen sollte die Geschichte erzeugen, wie doch Goethe vermeinen durfte: sondern gerade die

Abstumpfung ist jetzt das Ziel dieser unphilosophischen Bewunderer des nil admirari, wenn sie alles

historisch zu begreifen suchen.5

Diesen Optimismus setzten die Expressionisten das Thema des apokalyptischen Erzählens

entgegen: Der Darstellung einer Ekel, Angst, Langeweile, Verzweiflung oder Hass hervorrufenden

alten Welt, die in der Gegenwart weiter existierte, doch dem Untergang geweiht war, und des in ihr

gefangenen und beschädigten Subjekts folgte die hymnische Evokation eines neuen Zustands. In

der apokalyptischen Phantasien der Expressionisten ließen die Autoren ganze Menschenmassen

sterben, um der Idee des neuen Lebens Geltung zu verschaffen. Ein Beispiel dafür ist das 1911

veröffentlicht Gedicht Weltende von Jakob van Hoddis (1887-1942):

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,

In allen Lüften hallt es wie Geschrei,

Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei


4G. Benn, Gesammelte Werke in der Fassung der Erstdrucke, Bd. 4, Hg. v. Bruno Hillebrand, Frankfurt a.M., S.
Fischer Verlag, 1982, S. 28.
5F. Nietzsche, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Einzelbänden, Bd. 1, Hg. v. Giorgio Colli u. Mazzino
Montinari, München, de Gruyter, 1988, S. 169.

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Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen

An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.

Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.

Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.6

4.2. Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne: eine Kritik der Sprache

Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne wurde im Jahr 1873 verfasst aber nur

im Jahr 1896 veröffentlicht, und gilt heute als zentrales Dokument für Nietzsches sprachkritische

Erkenntnistheorie. Ihre Hauptabsicht ist es, dem menschlichen Intellekt, durch Reflexion auf dessen

Bedingtheit als bloßes Hilfsmittel zum Überleben, den Anspruch auf objektive Wahrheit als Illusion

und Selbstwiderspruch nachzuweisen.

Der Intellekt, als ein Mittel zur Erhaltung des Individuums, entfaltet seine Hauptkräfte in der

Verstellung; denn diese ist das Mittel, durch das die schwächeren, weniger robusten Individuen sich

erhalten, als welchen einen Kampf um die Existenz mit Hörnern oder scharfem Raubthier-Gebiss zu

fuhren versagt ist.7

Nietzsche entwickelt hieraus seine Lehre von der Metaphernbildung: alles aus der

Außenwelt eines Menschen wird zunächst in Bildern wahrgenommen, um danach in Wörtern

zusammengefasst zu werden. Dieser Prozess entfernt den Subjekt immer weiter von den

ursprünglichen Wesenheiten, weil Begriffe das Ungleiche gleich machen. Metaphern sind also

illusorisch und bringen mit sich die Zweideutigkeit des Scheins, den Fiktionscharakter der Sprache.

Die Sprache ist nämlich unfähig, ein echtes Wissen auszudrücken: sie führt zu Paradoxen, fixiert

die fließende Mannigfaltigkeit der Dinge und lässt auf diese Weise ungelöst, den Widerspruch

zwischen der gewünschten Rationalität der Welt und ihrer offensichtlich beweglichen Diversität.

Die Wahrheit ist also nichts anders als eine Überzeugung, ein auf Sprache basierendes Kriterium.

6J. van Hoddis, Gesammelte Dichtungen, Hg. v. Paul Pörtner, Zürich, Arche, 1958, S. 28.
7F. Nietzsche, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Einzelbänden, Bd. 1, Hg. v. Giorgio Colli u. Mazzino
Montinari, München, de Gruyter, 1988, S. 876.

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Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien,

Anthropomorphismen kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch

gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauche einem Volke fest, canonisch

und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche

sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben

und nun als Metall, nicht mehr als Münzen in Betracht kommen.8

Nach dieser Kritik von Nietzsche verstanden die Expressionisten die Sprache als Kunst, als

ästhetische Form, als Spiel und Stil, welche die Dinge vermittelbar machte. Der Dichter wurde nicht

als Erkennender dargestellt, er schwankte in seiner Existenz zwischen Wahrheit und

unumgänglicher Lüge. Die Expressionisten entwickelten also eine stark metaphorische Sprache,

Ausdrucksfähigkeit und rhythmische Texte bestimmten ihre Werke. Rhetorische Figuren wie

Worthäufungen oder Syntax kamen zur Anwendung, die, zusammen mit Reduzierung der Wörter

als besonderes Merkmal in expressionistischen Literaturtexten auftauchten. Man kann keine

einheitliche Sprache in der Literatur des Expressionismus finden. Die traditionelle Sprache wurde

durch den Aufbruch und die Modernisierung abgewandelt und in eine ausdrucksstarke expressive

Sprache verwandelt. Der fiktive Brief des Lord Chandos, den Hugo von Hofmannsthal im Oktober

1902 veröffentlichte, ist ein gutes Beispiel dafür. Die zentrale Themen dieses Werkes sind nämlich

die Kritik der Sprache als Ausdrucksmittel und die Suche nach einer neuen Poetik. Der Adressat

dieses Briefes ist Francis Bacon, einer der Bahnbrecher neuzeitlicher Wissenschaft. Genau seinem

Machtbewusstsein setzt Lord Chandos die eigene Ohnmacht dessen entgegen. Einem früheren

heilen Zustand wird die Erfahrung der Bewusstsein- und Sprachkrise entgegengestellt, in der die

Sprache ihre Bestimmtheit verliert: „Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit

abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen“9.

5. Schluss

8ebd., S. 880-881.
9H. von Hofmannsthal, Sämtliche Werke. Kritische Ausgabe, Bd. 31, Hg. v. Rudolf Hirsch, Christoph Perels u. Heinz
Rölleke, Frankfurt a.M., 1975, S. 48.

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Heute steht der Einfluss Nietzsches auf den Expressionismus immer noch im Zentrum der

Aufmerksamkeit von Gelehrten und Bewunderern, und er ist immer noch Gegenstand von

Forschungen und Debatten für seinen unbestreitbaren kulturellen und literarischen Wert. In dieser

Arbeit wurde ein Versuch unternommen, einige Aspekte des komplizierten Beziehung zwischen

Nietzsche und den Expressionisten zu betrachten. Die Komplexität und die Weite des Einflusses

von Nietzsches Werk und Denkart – insbesondere die Unzeitgemässe Betrachtungen und Über

Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne – auf diesen wichtigen deutschen künstlerischen

Bewegung erfordert eine umfassendere und ausführlichere Vertiefung, um ihn in seiner Gesamtheit

zu präsentieren; eine Vertiefung, die in dieser Arbeit leider nicht durchgeführt werden kann.

6. Literaturverzeichnis

Anz T., Literatur des Expressionismus, J. B. Metzler, Stuttgart, 2010.

Benn G., Gesammelte Werke in der Fassung der Erstdrucke, Bd. 4, Hg. v. Bruno

Hillebrand, Frankfurt a.M., S. Fischer Verlag, 1982.

Nietzsche F., Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Einzelbänden, Bd. 1, Hg. v.

Giorgio Colli u. Mazzino Montinari, München, de Gruyter, 1988.

Ottmann H. (Hg.), Nietzsche Handbuch: Leben – Werk – Wirkung, J. B. Metzler, Stuttgart,

2011.

van Hoddis J., Gesammelte Dichtungen, Hg. v. Paul Pörtner, Zürich, Arche, 1958.

von Hofmannsthal H., Sämtliche Werke. Kritische Ausgabe, Bd. 31, Hg. v. Rudolf Hirsch,

Christoph Perels u. Heinz Rölleke, Frankfurt a.M., 1975.

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