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Karla Tschavoll, 5A2

Die Textanalyse ist mit dem generischen Femininum verfasst. Dies kann als für alle Geschlechter geltend angesehen werden.

Textanalyse „Dieser Text ist Zeitverschwendung“

Die Kolumne „Dieser Text ist Zeitverschwendung“ aus dem Buch „Heute ist leider
schlecht“ von Ronja von Rönne, am 9. August 2015 in der Tageszeitung die Welt
erschienen, befasst sich mit dem Thema Zeit und der Zeitwahrnehmung des
Menschen.

In ihrem Text erforscht die Autorin den menschlichen Bezug zur Zeit. Sie schreibt
über das leichtfertige, verschwenderische Verhalten mit der kostbaren Ressource,
vergleicht gemessene Zeit mit gefühlter Zeit und eruiert, warum sich der Mensch trotz
vollem Bewusstsein über die Vergänglichkeit des Lebens mit sinnlosen Aktivitäten
beschäftigt.
Von Rönne spricht die Leserin direkt an („Ich verrate Ihnen an dieser Stelle schon die
These“, Z. 7f) und provoziert mit gekonntem Ausdruck. Sie behauptet von der Leserin
und auch von sich selbst, sie würden ihre Zeit verschwenden, sogar während des
Lesens ihres Textes. Indem sie sich dies selbst auch vorwirft und die erste Person
Plural verwendet, bringt sie sich auf eine Ebene mit der Leserin: „[…] und manchmal
verschwenden wir sie, das nennt sich Netflix.“ (Z. 41f). Im ersten Absatz kritisiert sie
ihre eigene Zeitverschwendung während des Schreibens des Textes und nimmt
somit persönlichen Bezug auf sich selbst und das stete, und das erbarmungslose
Vergehen der Zeit. Von Rönne wählt verschiedene Satzbauarten: viele lange sowie
vereinzelt kurze Sätze, einige Hauptsatzreihen sowie Satzgefüge und Ellipsen wie
„Keine Überraschung“ (Z. 9). Auch einige wenige direkte Reden, zum Beispiel „,Zeit
ist das, was man an der Uhr abliest‘“ (Z. 30), kommen vor. Die Autorin setzt ein im
Zusammenhang mit dem Thema des Textes passendes Wortfeld ein, das Nomen wie
„Uhrwerk“ (Z. 28), „Ticken“ (Z. 31), „Deadline“ (Z. 29) und „Lebenszeit“ (Z. 11)
beinhaltet. In Zeile 24f weist sie auf Verben wie „[…] verschleudern, […] verfliegt, […]
verstreicht, […] kriecht […]“ hin, die oft zusammen mit dem Begriff „Zeit“ gefunden
werden, was ihre These nur verstärkt.
Im Text sind einige rhetorische Figuren zu finden, wie zum Beispiel die bereits oben
genannten Ellipsen („Höchstwahrscheinlich.“, Z. 3). Die Sätze „Keine Überraschung.
Keine neue Idee.“ (Z. 9) sind zugleich eine Anapher und zwei weitere Ellipsen.
Ebenfalls eine Ellipse und gleichzeitig eine Aufzählung ist der Satz „Geburt, Schule,
Arbeit, Burn-out, Ayurveda-Auszeit in Indien und Bikram-Yoga-Kurse in Berlin-
Mitte“ (Z. 52f). In den Zeilen 48 und 49 ist der Parallelismus „Man weiß, dass Zeit
kostbar ist, man weiß, dass sie vergeht, man ist sich relativ sicher, dass […]“ zu
finden, sowie „Wie verkaufen unsere Stunden, das nennt sich Arbeit, wir
verschenken sie, das nennt sich Liebe, und manchmal verschwenden wir sie, das
nennt sich Netflix“ in den Zeilen 41 bis 42. Sie stellt mit den beiden Zitaten von Albert
Einstein „Zeit ist das, was man an der Uhr abliest“ (Z. 30) und „Wenn man zwei
Stunden lang mit einem Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute.
Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei
Karla Tschavoll, 5A2

Stunden“ (Z. 32ff) die wahrgenommene Zeit mit der gemessenen Zeit als Antithese
gegenüber. Eine Gegenüberstellung von Zeit und Geld beziehungsweise dem
Vergleich von Zeit mit einer Währung findet sich in den Formulierungen „[…] einige
Stunden meines Lebens kosten“ (Z.1f) und „Ich könnte die Zeit […] in viel
angenehmere Dinge investieren“ (Z. 4f). Diesen Vergleich schreibt die Autorin in den
Zeilen 67 bis 69 („Im Gegensatz zu Geld droht keine Mahnung, die Rechnung ist
sofort bezahlt […]“) deutlich aus.

Die Autorin will die Leserinnen mit ihrem Text möglicherweise in erster Linie zum
Nachdenken bringen. Sie will das Bewusstsein über den allgemeinen Umgang mit
Zeit stärken und die Wahrnehmung von Zeit als Währung kritisieren. Wahrscheinlich
ist es ihr ein Anliegen, dass die Leistungsgesellschaft und ihre Auswirkung auf
Zeitwahrnehmung sowie Leben und Gesundheit öfter hinterfragt wird. Der Text kann
neben literarischer Unterhaltung auch als Apell zur persönlichen Entschleunigung
des Alltags verstanden werden. Mit den Schlussworten „Denn obwohl eine Stunde 60
Minuten hat, obwohl es 2015 ist und nicht für immer sein wird, ist jetzt für immer
jetzt“ erinnert sie die Leserin an den Wert jedes einzelnen verstreichenden
Momentes und an die Fähigkeit des Menschen, eine stoische „Hier und Jetzt“-
Weltanschauung zu übernehmen.
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