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Karla Tschavoll, 5A2

Der Text ist zwecks der Lesbarkeit mit dem generischen Maskulinum verfasst. Dies gilt für alle Geschlechter.

Textinterpretation – Sternenpflücker
Die Episode “Sternenpflücker” in Christoph Ransmayrs „Atlas eines ängstlichen
Mannes“ beschreibt eine Mondfinsternis und das Vorbeiziehen eines Kometen, die
vor einem Straßencafé von zahlreichen Menschen beobachtet werden, als ein
Kellner stürzt und ein Tablett mit gefüllten Gläsern fallen lässt. Während das
einmalige astronomische Ereignis vorübergeht, wenden sich einige Beobachter dem
gestürzten Kellner zu, um ihm beim Aufsammeln der Scherben zu helfen.
Ort und Zeit der Erzählung wechseln sprunghaft. Der Autor ignoriert die
chronologische Reihenfolge der Ereignisse und fokussiert sich auf den roten Faden,
der den Leser durch die Geschichte führt und Spannung erzeugt. Der Text ist in
mehrere Abschnitte gegliedert, die sich mit den verschiedenen Zeit- und
Raumebenen decken. Zuerst wird die Situation vor dem Café beschrieben und die
Haupthandlung, also der Sturz des Kellners, wird bereits geschildert: „Ich sah einen
gestürzten Kellner […]“ (Z. 1). Der Sturz des Kellners und das Eintreten des
Naturphänomens sind die zentralen Ereignisse, die Höhepunkte, um die sich der
Rest der Geschichte entwickelt. Der zweite Teil besteht aus einer zeitlosen,
sachlichen, kompetenten Erklärung des astronomischen Sachverhalts des Kometen
Hale-Bopps mitsamt räumlichem und zeitlichem Ausmaß. Danach nimmt der Autor
wieder Bezug auf die Menschheit und ihre Reaktionen auf das seltene Erscheinen
des Himmelskörpers. Er schildert die Gründe für die Aufregung um den Abend der
Haupthandlung – eine Mondfinsternis – und leitet schließlich wieder Elegant zum
Straßencafé, den dort wartenden Menschen und dem Kellner über. Der Rest und
Großteil des Textes sowie die zwei Höhepunkte – die Mondfinsternis und der Sturz
des Kellners – spielen, bis auf einige Vergleiche mit den Geschehnissen im Weltall,
auf dem Caféparkplatz. Indem der Autor die Geschichte am Ort der Haupthandlung
beginnt und dort auch beendet, schafft er einen zeitlichen und räumlichen Rahmen
um die Geschichte. Der Sturz des Kellners wird hierbei wiederholt.
Ransmayr wählt einen Ich-Erzähler für die Geschichte. Großteils nimmt der Erzähler
ein die Rolle eines Beobachters ein, der zwar Details und astronomische Zahlen
mühelos erkennen und nennen kann, jedoch keinen Einblick in die Gedanken der
vorkommenden Personen hat. In den Zeilen 1 und 33 bezieht sich der Erzähler die
einzigen Male direkt auf sich selbst („Ich sah […]“, Z. 1; „Ich hatte […], Z. 33).
Ansonsten greift er nicht in die Handlung ein. Die Sätze „Wie langsam über solchen
Gesprächen die Zeit verging“ (Z. 58) und „Die Rufe […] klangen wie Alarmgeschrei
[…]“ (Z. 65f) deuten darauf hin, dass der Erzählende trotz seiner Passivität selbst vor
dem Straßencafé sitzt. Die visuelle Beschreibung der Begebenheiten ist sehr
detailliert und die Erzählzeit deckt sich stellenweise mit der erzählten Zeit, was dem
Leser einen lebendigen Einblick in die Geschichte gibt.
Der Autor spielt mit den drei Dimensionen Raum, Zeit und Licht und schafft so zwei
räumliche, zeitliche und emotionale Ebenen: einen Makrokosmos und einen
Mikrokosmos. Der Makrokosmos beinhaltet die Geschehnisse im Weltall, die für den
Menschen zeitlich und räumlich nicht greifbar sind, beispielsweise die Größe,
Geschwindigkeit, Umlaufbahn und Entfernung des Kometen („[…] in einer Entfernung
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von etwa zweihundert Millionen Kilometern […]“, Z. 21f). Der Mond stellt als
bekanntes Himmelsobjekt eine zeitliche und emotionale Verbindung zwischen
Beobachter und Weltall her („Und als dann der […] Zeitpunkt kam, an dem der Mond
träge und unaufhaltsam in den Erdschatten glitt […]“, Z. 61f). Im Vergleich zur
Mondfinsternis, die von den Beobachtern schlichtweg bestaunt wird, wird der Komet
bis ins kleinste Detail vermessen und im Text trocken und wissenschaftlich
beschrieben, wie „[…] während einer Vermessung des Kugelsternhaufens M70 im
Areal des Schützen“ in Zeile 28. Die Wissenschaft und die Hilfsgeräte wie
„Teleskope[n] der größten Sternwarten“ (Z. 43) bilden eine direkte Verbindung
zwischen dem Menschen im Mikrokosmos und dem Geschehen im Makrokosmos.

Im Mikrokosmos spielt sich die zentrale Handlung ab: der Sturz des Kellners vor dem
Straßencafé. Dies passiert innerhalb weniger Sekunden im Kontrast zur
jahrtausendlangen Umlaufzeit des Kometen. Gegen Ende des Textes wechselt der
Autor sprunghaft zwischen Makro- und Mikrokosmos und holt somit die beiden
Dimensionen auf dieselbe Ebene. Die Mondfinsternis und der Sturz des Kellners
passieren gleichzeitig und haben den gleichen emotionalen Wert. Auch visuell
werden Zusammenhänge aufgestellt: „Die Lage des Straßencafés auf einem Hügel
mit weitem Blick auf die Lichter der Stadt und des Himmels …“ (Z. 51f) und „[…] die
selbst im verfinsterten Mondschein noch blinkenden Scherben vom schwarzen
Asphalt […]“ (Z. 93f).
Im finalen Absatz verstärkt der Autor den Vergleich zwischen Mikro- und
Makrokosmos noch mehr, indem er die Geste der Beobachter („[…] und lasen
gemeinsam mit ihm die […] Scherben vom schwarzen Asphalt, […]“, Z. 92-94) mit
den zwei gleichzeitigen Naturphänomenen in Kontrast setzt. Die Geste „[…] von
einer anderen Helligkeit […]“ (Z. 80f) kann als Symbol für Menschlichkeit gedeutet
werden. Der Kellner, der den ganzen Abend im Stress ist und vom einmaligen
Schauspiel im Himmel nur wenig sieht, kommt nicht in die gleiche Stimmung wie die
Beobachter. Erst, als ihm das Tablett aus der Hand fällt und ihn wieder in das Hier
und Jetzt holt, kommen die Sterne zu ihm („[…] als pflückten sie Sterne.“, Z. 94).
Eine Deutung des Textes ist, dass die Existenz des Menschen im Universum zwar
unwichtig sein mag, aber dass im menschlichen, räumlich, zeitlich und emotional
greifbaren Kontext, ein Sinn mithilfe von Menschlichkeit geschaffen werden kann.

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