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Anja Heilmann

Boethius' Musiktheorie
und das Quadrivium

Vandenhoeclc & Ruprecht


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in 2019 with funding from
Kahle/Austin Foundation

https://archive.org/details/boethiusmusiktheOOOOheil
V&R
Hypomnemata
Untersuchungen zur Antike und zu ihrem Nachleben

Herausgegeben von
Albrecht Dihle, Siegmar Döpp, Dorothea Frede,
Hans-Joachim Gehrke, Hugh Lloyd-Jones, Günther Patzig,
Christoph Riedweg, Gisela Striker

Band 171

Vandenhoeck & Ruprecht


Anja Heilmann

Boethius’ Musiktheorie
und das Quadrivium
Eine Einführung
in den neuplatonischen Hintergrund
von »De institutione musica«

Thomas J. Bata Library


TRENT UMIVERSITY
PETERBOROUGH, ONTARIO

Vandenhoeck & Ruprecht


Verantwortlicher Herausgeber:
Siegmar Döpp

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der


Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

ISBN 978-3-525-25268-0

Hypomnemata ISSN 0085-1671

© 2007, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co.KG, Göttingen / www.v-r.de


Alle Rechte Vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt.
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öffentlich zugänglich gemacht werden. Dies gilt auch bei einer entsprechenden Nut¬
zung für Lehr- und Unterrichtszwecke. Printed in Germany.
Druck und Bindung: ® Hubert & Co, Göttingen

Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier.


Meinen Eltern
Vorwort

Die vorliegende Untersuchung wurde im Jahr 2005 von der Philosophi¬


schen Fakultät der Universität Rostock als Dissertation angenommen. Für
den Druck wurde sie überarbeitet.
Flerzlich danken möchte ich allen, die mir bei der Vorbereitung und Fer¬
tigstellung der Studie zur Seite gestanden haben. Mein besonderer Dank gilt
Herrn Prof. Dr. Wolfgang Bemard, dessen engagierte Förderung und Unter¬
stützung mir während des Griechischstudiums und der Promotionsphase an
der Universität Rostock zuteil wurde. Er hat mich durch seine Lehre mit der
antiken Philosophie und speziell dem Neuplatonismus vertraut gemacht,
mein Interesse für die neuplatonische Mathematik geweckt und die Be¬
schäftigung mit Boethius’ Musiktheorie angeregt.
Herrn Prof. Dr. Wolfgang Leonhardt und Herrn Prof. Dr. Rainer Thiel
sei für die Übernahme der Begutachtung und für wertvolle Hinweise zur
Erstellung der Druckversion sehr herzlich gedankt. Unter meinen Universi¬
tätsdozenten möchte ich außerdem Herrn Prof. Dr. Arbogast Schmitt sowie
Frau Dr. Brigitte Müller-Rettich nennen, denen ich - in unterschiedlicher
Weise - eine akademische wie persönliche Prägung und Förderung verdan¬
ke.
Auch der Hanns-Seidel-Stifung e. V. bin ich für die Förderung, v. a.
durch ein Promotionsstipendium, zu großem Dank verpflichtet. Schließlich
danke ich auch den Herausgebern der »Hypomnemata«, die die Arbeit
freundlicherweise in ihre Reihe aufgenommen haben, und Frau Dr. Ulrike
Blech für ihre hervorragende Betreuung.
Ohne die Hilfe meiner Freunde und meiner Familie, die mir besonders
durch Korrekturlesen und kritische Impulse, Diskussionen und durch ihre
moralische Unterstützung einen großen Dienst erwiesen haben, hätte ich die
Arbeit nicht fertigstellen können. Bedanken möchte ich mich bei Angrit
Weber, Burkhard Proske, Matthias Perkams, Michael Vogt, Sabine Lütke¬
meyer und Sven Müller, ganz besonders bei Frank Schneider, Ina Maaß und
Klaus Zimmermann und nicht zuletzt bei meinen Eltern, denen das Buch als
unvollkommene Äußerung meiner großen Dankbarkeit gewidmet sei.
Inhalt

Einleitung. 13

1. Fragestellung und Stand der Forschung. 13

2. Methodische Überlegungen. 16

3. Aufbau der Studie. 21

I. Mathematik im System der theoretischen Wissenschaften. 23

1. Mathematik zwischen Naturwissenschaft und Theologie


(Boeth. trin. 2, 68-83). 23
2. Zu den Grundlagen der Wissenschaftssystematik. 29
2.1 Zur theoretischen Ausrichtung der Mathematik. 30
2.2 Zur Rolle von Wahrnehmung und Vorstellung
in der Mathematik. 35
2.3 Zur Unterordung der Musik unter die Arithmetik. 38
2.4 »Früher für uns« und »früher der Sache nach«. 39
2.5 Das immateriell »Seiende« als Inhalt einer Wissenschaft... 45
2.6 Zusammenfassung: Dreiteilung der Wissenschaften. 48
2.7 Zur Unterscheidung von Form(en) und Materie. 50
2.8 Zur abstrahierten Form als Operationsgegenstand. 55
2.9 Zu den Erkenntnismodi der drei Wissenschaften. 57
2.9.1 Rationales Erkennen und Naturwissenschaft. 57
2.9.2 Wissenschaftliches Erkennen und Mathematik. 60
2.9.3 Intellektives Erkennen und Theologie. 62
3. Zusammenfassung. 65

II. Musiktheorie im System des Quadrivium


(Proömium Boeth. arithm.). 68
1. Geistesgeschichtlicher Hintergrund. 68
1.1 Boethius im Kontext neuplatonischen
Philosophierens über Mathematik. 68
1.1.1 Quellen von »Arithmetik« und »Musiktheorie«. 68
10 Inhalt

1.1.2 Überblick über die neuplatonische


Mathematiktradition. 70
1.2 Vergleich der Arithmetikschriften des Nikomachos
und des Boethius. 72
1.2.1 Zur didaktischen Aufbereitung durch Boethius. 74
1.2.2 Schlussfolgerungen zu Boethius’Kompetenz. 78
1.2.3 Zu potentiellen negativen Folgen von Boethius’
Modifikationen. 84
2. Die Unterteilung der Mathematik in die vier Disziplinen
des Quadrivium. 88
2.1 Unterscheidung zwischen Größe und Vielheit. 89
2.2 Unterscheidung zwischen »für sich« und
»in Relation«. 92
2.3 Zuordnung der vier quadrivialen Wissenschaften. 94
2.4 Zur Begründung des Quadrivium in der Metaphysik. 97
2.5 Begründung der Vorrangstellung der Arithmetik. 100
2.5.1 Vorrang der Arithmetik vor der Geometrie. 101
2.5.2 Vorrang der Arithmetik vor der Musiktheorie. 102
2.5.3 Vorrang der Geometrie vor der Astronomie. 103
3. Zum Ziel der Mathematik. 104
3.1 Aufstieg zum Gipfel der Philosophie. 104
3.2 Der gestufte Aufstieg zur Weisheit. 107
3.3 Vom sensus zum intellectus. 109
3.4 Zur primär theoretischen Ausrichtung des Quadrivium. 113
3.5 Das Seiende als Erkenntisziel des Philosophen. 115
3.5.1 Das wahrhaft Seiende. 116
3.5.2 Das homonym Seiende. 118
3.5.3 »Sein « als »etwas Bestimmtes sein«. 120
3.5.4 Vielheit und Größe als Vorbilder für
»so viel« und »so groß«. 122
3.5.5 Der ontologisch-gnoseologische Komparativ. 123
3.5.6 Die Seienden als aktive, göttliche, und
intelligible Prinzipien. 125
4. Was ist Zahl?. 130
4.1 Zur rational erfassbaren, wissenschaftlichen Zahl. 132
4.2 Zur intelligiblen Zahl. 135
4.2.1 Intelligible Arithmetik als Vorbild für
die Schöpfung. 136
4.2.2 Zum Wesen der intelligiblen Zahl. 140
Inhalt 11

4.3 Boethius’ »Arithmetik« als Lehrbuch der


Zahltheorie und Grundlage der »Musiktheorie«. 144
4.3.1 Zentrale arithmetische Erkenntnisziele. 144
4.3.2 Synopsis zentraler arithmetischer Prinzipien
für die Musiktheorie. 147

III. »De institutione musica« als musiktheoretisches Lehrbuch. 152


1. Musiktheorie als Wissenschaft von Zahlenverhältnissen. 153
1.1 Zahlenverhältnisse in Boethius’»Arithmetik«. 153
1.1.1 Zum Erkenntnisziel. 154
1.1.2 Zum Operationsgegenstand. 159
1.1.3 Fazit. 161
1.2 Zur Abhängigkeit des Zahlenverhältnisses von der
Binnenstruktur der Zahlen (mus. 2, 6). 162
1.2.1 Zum Stand der Forschung. 164
1.2.2 Deutungsversuch von Boeth. mus. 2, 6. 167
1.3 Zahlenverhältnis als Form des erklingenden Intervalls. 177
1.3.1 Zum Stand der Forschung. 177
1.3.2 Zahlen Verhältnisse als spezifische
Charakteristika der Intervalle. 182
1.3.3 Philologische Indizien. 186
1.3.4 Präzisierung: Zahlenverhältnisse als
Formursachen der Intervalle. 190
1.3.5 Vergleich mit Ptolemaios’»Harmonielehre«. 199
1.4 Zusammenfassung. 201

2. Zur Funktion von Boeth. mus. 1, lOf. (»Pythagoras in der


Schmiede«). 203
2.1 Vom sensus via Meinung zur ratio. 206
2.1.1 Die Darstellung bei Boethius. 206
2.1.2 Vergleich mit den Versionen von Nikomachos
und Macrobius. 213
2.2 Kopfwendung vom Schein zum Sein. 216
2.3 Methodenwechsel, Motivation und Reverenz an
Pythagoras. 218
2.4 Vernachlässigung der physikalischen Fehler
als Indiz für die Funktion der Legende. 219
2.5 Zusammenfassung. 222

3. Boethius’ »Fehler« in mus. 3, 14-16. 223

4. Zur Beschränkung auf 1-2-3-4 (Tetraktys) . 230


12 Inhalt

4.1 Forschungsansätze. 232


4.2 Erster Erklärungsansatz. 235
4.3 Zweiter Erklärungsansatz. 238
4.4 Fazit und abschließende Bemerkung zur
Untersuchungsebene. 240
5. Zum anagogischen Potential der dreigeteilten Musik. 242
5.1 Die Dreiteilung der Musik. 245
5.1.1 Die Unterteilung der Musik in Boeth. mus. 1, 2. 245
5.1.2 Platons »Timaios« als Schlüssel zu den drei
Musiken. 249
5.1.3 Die Verwandtschaft von All, Seele und
hörbarer Musik bei Boethius. 256
5.1.4 Ptolemaios’ »Harmonielehre« als
anagogisches Lehrbuch. 259
5.2 Reflexion des Wahrnehmungsaktes als
anagogische Methode. 267
5.2.1 Augustinus’ »De musica« als anagogisches
Lehrbuch. 267
5.2.2 Boethius’ innere Formen der Wahrnehmung. 272
5.2.3 Fazit zum Wert des Wahmehmens und der
hörbaren Musik. 276
5.3 Der wahre Philosoph und Politiker als
vollendeter musicus. 279
5.3.1 Gesundung des Individuums. 279
5.3.2 Gesundung von Staat und Individuum. 281
5.3.3 Zusammenfassung. 285
5.4 Fazit zur anagogischen Anlage von Boethius’
Musiktheorie. 286

Zusammenfassung. 99 j

Anhang (Übersetzungen; arithmetische Fachtermini). 297

Bibliographie. 3-7-7

Index locorum. 39Q


Einleitung

1. Fragestellung und Stand der Forschung

Der berühmte mittelalterliche Musiktheoretiker Guido von Arezzo (11. Jh.)


stellte zu Boethius’ musiktheoretischer Schrift »De institutione musica«
fest, dass sie nicht für Sänger, sondern nur für Philosophen nützlich sei.1
Diese Einschätzung hätte Boethius wohl gefreut, trifft sie doch genau seine
Hauptintention. Den heutigen Leser hingegen dürfte sie befremden, da mit
Musiktheorie in der Regel nicht mehr Philosophie assoziiert, sondern ein
auf hörbare Musik bezogener Wissenschaftsbereich bezeichnet wird.
Zwar ist grundsätzlich bekannt, dass die Musiktheorie des Boethius ganz
in platonischer Tradition eine der vier kanonischen mathematischen Diszi¬
plinen (quadrivium) im Rahmen der Sieben freien Künste darstellte, dass
sie als Wissenschaft von den Zahlenverhältnissen verstanden wurde und
dass auch sie als Propädeutikum für das Studium der Philosophie fungieren
sollte.2 Jedoch steht eine eigenständige Studie, die sich bei der Untersu¬
chung des boethianischen Musiktraktates von diesen drei Grundsätzen
leiten lässt, bislang aus.
Ein Grund hierfür mag darin liegen, dass Boethius’ musiktheoretische
Schrift v. a. von Musikwissenschaftlern häufig unter dem Aspekt ihrer
gewaltigen Wirkungsgeschichte im Mittelalter sowie in der frühen Neuzeit
wahrgenommen und untersucht wurde.3 Aus der Perspektive der späteren
Rezeption ergibt sich freilich ein anderes Bild von Boethius' Musiklehr-
buch als aus dem Blickwinkel der diesem vorausgehenden Antike. Hierbei
handelt es sich besonders um die platonisch-aristotelische und neuplatoni-
sche Philosophie, welche die sachliche Grundlage des Traktates bildet. Da
Boethius sie jedoch nicht im Detail erläutert und durch das Aufkommen

1 Guido, epist. de ign. cant. II, 50b: »Boethius .... dessen Buch nicht für Sänger sondern allein
für Philosophen nützlich ist« (Boetium ... cuius Uber non cantoribus, sed sohs phdosophis uühs

eSt\ Vgl die grundlegende Arbeit von I. Hadot: Arts liberaux et Philosophie dans la pensee anti-
' Paris 1984 - Im Folgenden wird i. d. R. nicht die volle Titelangabe zitiert sondern nur der
Name des Autors sowie ggf. ein Stichwort, unter dem in der Bibliographie die vollständigen

Angaben zu fmdenr^md-in ^ ^ Masj herausgegebenen Sammelband, worin Boethius’ mathe¬

matische Schriften in sechs von insgesamt zehn Aufsätzen behandelt werden, und zwar ausschlie߬
lich hinsichtlich ihrer Rezeptionsgeschichte (Masi, Boethius, passim).
14 Einleitung

eines neuen Verständnisses von musica als einer anwendungsbezogenen


und nicht mehr rein theoretischen, mathematischen Disziplin (sogenannte
scientia media) wurde im Laufe der mittelalterlichen Rezeption ursprüng¬
lich Zusammengehöriges - der philosophische Hintergrund, die propädeuti¬
sche Absicht und eine entsprechende Deutung des musiktheoretischen Stof¬
fes - allmählich nicht mehr miteinander in Verbindung gebracht. De-
mensprechend wurde seit der Edition des Textes durch G. Friedlein im
Jahre 1867 die philosophische Komponente in der Forschungsliteratur nicht
nur weitestgehend ausgeblendet, sondern bisweilen sogar als störend oder
als Mangel der Schrift empfunden. Da Philosophen sich gewöhnlich nicht
einem musiktheoretischen Traktat zuwenden, liegt der Schwerpunkt in der
Forschung auch heute noch auf rezeptionsgeschichtlichen und im neuzeitli¬
chen Sinne musiktheoretischen Fragestellungen.
Unter den neueren Forschungsbeiträgen sind die Arbeiten von C. M.
Bower hervorzuheben, v. a. seine Aufsätze zu den Quellen und der Rezep¬
tion des Traktates, die Edition der mittelalterlichen Glossa maior zusam¬
men mit M. Bernhard und seine Übersetzung von Boethius’ »De institutio-
ne musica« ins Englische. Insbesondere letztere zählt zu den wichtigsten
Publikationen der neueren Boethiusforschung auf dem Gebiet der Musik¬
theorie.
Die vorliegende Arbeit verdankt diesen und weiteren Forschungen viel,
wählt aber für ihre Fragestellung eine neue Perspektive. Indem sie den
Blick auf die von Boethius rezipierte, vornehmlich in griechischen Texten
fassbare Geisteswelt lenkt, will sie einen Beitrag zur Erhellung des geistes¬
geschichtlich-philosophischen Hintergrundes von Boethius' Musiktraktat
leisten. Die Fragestellung lautet: Welche wissenschaftstheoretischen, ma¬
thematischen und anthropologischen Konzepte greift Boethius auf, indem er
auf der Basis einer heute leider nicht mehr erhaltenen griechischen Vorlage
die uns bekannte Schrift »De institutione musica« anfertigt?
Dieser Frage nachzugehen und die Ergebnisse in einem zweiten Schritt
für eine Interpretation des Musiktraktates fruchtbar zu machen, erscheint
insofern sinnvoll und legitim, als Boethius’ Musiklehrbuch selbst nur parti¬
ell über seinen geistigen Horizont Auskunft gibt, dieser aber anhand diver¬
ser für Boethius’ Bildung und (Euvre zentraler Texte zumindest grundsätz¬
lich rekonstruierbar ist. Ein Blick auf die Entstehungsgeschichte der »Ein¬
führung in die Musiktheorie« zeigt bereits die Bedeutung des
philosophischen Hintergrundes: Als Autor der uns nicht bekannten griechi¬
schen Schrift, welche Boethius wohl zu großen Teilen ins Lateinische über¬
trug, gilt der Neupythagoreer Nikomachos von Gerasa (2. Jh. n. Chr.). Auch
von dessen »Einführung in die Arithmetik«, dem erhaltenen Standardlehr¬
buch der neuplatonischen Zahltheorie, hatte Boethius eine lateinische Ver¬
sion verfasst. Die musiktheoretische Schrift lehnt sich inhaltlich und stili-
1. Fragestellung und Stand der Forschung 15

stisch eng an das Arithmetiklehrbuch an. Aus beiden geht hervor, dass die
ihnen zugrundeliegende Mathematikkonzeption auf Platons Entwurf eines
Curriculums für angehende Philosophenkönige basiert.4 Die Rekonstruktion
von Wesen und Funktion der boethianischen Musiktheorie führt daher
direkt zur platonischen Philosophie und zu deren Rezeption im Neuplato¬
nismus. Dementsprechend steht >die neuplatonische Philosophiec, die trotz
ihres Facettenreichtums aufgrund des Konsenses in grundlegenden Fragen
hier als eine philosophische Tradition aufgefasst wird, und speziell ihre
Mathematikkonzeption im Zentrum der Untersuchung.
Dass die neuplatonische Mathematik als theoretisches System durch ihre
philosophischen Voraussetzungen erhellt werden kann, zeigt G. Radke in
ihrer 2003 erschienenen Studie zur Theorie der Zahl im Platonismus hin¬
sichtlich der zahltheoretischen Schrift »Einführung in die Arithmetik« des
Nikomachos von Gerasa. Dieser Untersuchung verdankt die hier vorliegen¬
de Arbeit zahlreiche Einsichten. Doch während Radke den Versuch unter¬
nimmt, im Hinblick auf die Aporien und Debatten der philosophisch orien¬
tierten Forschung eine neuplatonische Mathematikkonzeption als Explikati¬
on der platonischen Metaphysik systematisch zu rekonstruieren und zu
begründen, besteht das Ziel der vorliegenden Arbeit darin, vornehmlich
philologisch und musikwissenschaftlich Interessierten das griechisch
neuplatonische Fundament von Boethius’ Musiktheorie in grundlegenden
Aspekten darzulegen und es dann bei der Interpretation anzuwenden.
Im Folgenden wird nicht versucht, Boethius’ Fehren zu verifizieren oder
zu falsifizieren, was Aufgabe einer philosophischen Sachdiskussion wäre.
Vielmehr geht es darum, seine philosophischen und anthropologischen
Fehren überhaupt zur Kenntnis zu nehmen und Konsequenzen für die Re¬
konstruktion der Musiktheorie als eines propädeutischen, quadiivialen
Faches abzuleiten. Entsprechend werden die in der Forschung häufig unter¬
suchten, im engeren Sinne musikalischen Aspekte von Boethius’ »Musik¬
theorie« (etwa Tongeschlechter, Tetrachorde, Modi) nicht thematisiert.
Insofern nach neuzeitlicher Vorstellung unter Musiktheorie eine primär
praktisch anwendbare Fehre verstanden wird, befasst sich die vorliegende
Studie mit griechischer Philosophie sowie Mathematik und nur am Rande
mit Musiktheorie. Ferner handelt es sich nicht um eine diachrone Untersu¬
chung welche die Entwicklung platonisch-pythagoreischer Mathematik
oder Philosophie hin zur bzw. in der Spätantike nachzeichnet. Entwicklun¬
gen innerhalb der mathematischen Wissenschaften und Unterschiede in den
entsprechenden neuplatonischen Texten spielen hier insofern keine wesent¬
liche Rolle, als versucht wird, zunächst den Status quo bei Boethius zu
bestimmen und zu verstehen.

4Plat. pol. 521cl-531e6.


16 Einleitung

2. Methodische Überlegungen

Boethius war Neuplatoniker. Das geht eindeutig aus seinem heute bekann¬
testen Werk, dem »Trost der Philosophie«, sowie anderen Schriften hervor
und ist in der Forschung unbestritten.5 Hieraus ergibt sich auf methodischer
Ebene die Konsequenz, dem neuplatonischen Hintergrund auch bei der
Erforschung der »Musiktheorie« Beachtung zu schenken. Y. Guillaumin hat
auf diese Konsequenz bezüglich Boethius’ Arithmetikschrift im Vorwort zu
seiner Textausgabe mit Übersetzung ins Französische nachdrücklich hin¬
gewiesen und zieht dementsprechend in den Anmerkungen neuplatonische
Texte zur Erläuterung hinzu.
Eigentlich liegt es nicht fern, den jeweiligen geistesgeschichtlichen Kon¬
text einer antiken Schrift bei deren Studium und Interpretation einzubezie¬
hen und als Verständnishilfe zu nutzen. Entsprechend konstatiert R. Har-
mon in seinem aus musikwissenschaftlicher Sicht hervorragenden Artikel
zur Rezeption der griechischen Musiktheorie im römischen Reich in Bezug
auf Boethius:6 »Und erst im Bewußtsein der Fülle dessen, was er dabei [sc.
bei der Vermittlung des antiken Bildungsideals an seine Zeitgenossen]
rezipiert bzw. gesichert hat, ist es möglich, das, was er der Nachwelt wei¬
tergegeben hat, gebührend einzuschätzen.« Dennoch wurde das Potential
der neuplatonischen Texte, auf die sich Boethius bezieht, in der bisherigen
Forschung zu seiner »Musiktheorie« erstaunlicherweise kaum genutzt.
Dabei weisen alle Indizien klar darauf hin, dass der Neuplatonismus die
wissenschaftliche Tätigkeit dieses spätantiken Philosophen prägte: Boethius
ist für seine hohe literarische und philosophische Bildung bekannt und gilt
als »der bedeutendste neuplatonische Philosoph des lateinischen Westens«.7
Wo er unterwiesen wurde, kann zwar nicht mit Sicherheit festgestellt wer¬
den - wohl eher in Alexandrien bei Ammonios als in Athen, vielleicht aber
auch nur in Rom. Sein überliefertes (Euvre spricht jedoch schon angesichts
der ausgewählten Themen für sich: Der Schwerpunkt liegt neben der Philo¬
sophie im engeren Sinne auf der Logik und Mathematik, womit es wesent¬
liche Bereiche des neuplatonischen Fächerkanons abdeckt.8 So fertigte
Boethius jeweils sieben Übersetzungen und Kommentare zu diversen logi¬
schen Schriften des Aristoteles und des Porphyrius an, verfasste ferner fünf
eigene logische Schriften (dazu einen Kommentar zu Ciceros »Topik«) und
schuf jeweils eine lateinische Fassung der »Einführung in die Arithmetik«
und mindestens der ersten vier Bücher der »Einführung in die Musiktheo-

5 Vgl. Baltes, Consolatio, passim, sowie Baltes, Boethius, 213 und 216-222. - Letzterer Auf¬
satz gibt einen einführenden Überblick über Leben, Wirken und Lehre von Boethius.
6 Harmon, 483.
7 Baltes, Boethius, 208.
8 O’Meara, Platonopolis, 50-68.
2. Methodische Überlegungen 17

rie« des sich auf Platon berufenden Nikomachos von Gerasa. Hinzu kom¬
men noch wenigstens vier christliche theologische Traktate und natürlich
der »Trost der Philosophie«.
Wie Boethius selbst sagt, hatte er »die Absicht, nicht nur alle Werke des
Aristoteles zu übersetzen und zu kommentieren (In Arist. De interpret. II S.
433, 8ff.; In Porph. Isag. S. 131, 24ff.), soweit er ihrer habhaft werden
konnte, sondern auch alle Dialoge Platons. Im Anschluss daran wollte er
versuchen, die Übereinstimmung der Lehren Platons und des Aristoteles
herauszuarbeiten und nachzuweisen, dass beide in den meisten und wichtig¬
sten Fragen einer Meinung seien (In Arist. De interpret. II S. 79, 9ff.)«.9 Ein
solcher Harmonisierungsversuch der aristotelischen und platonischen Philo¬
sophie stellt bekanntlich ein wesentliches Charakteristikum neuplatonischen
Philosophierens dar.
Die Frage, ob und inwiefern es berechtigt ist, Platon und Aristoteles in
Einklang zu bringen, und überhaupt die Problematik des Verhältnisses von
Neuplatonismus und der Philosophie von Platon und Aristoteles tangiert die
vorliegende Arbeit allerdings nicht. Boethius’ Auffassung, dass die in den
platonischen Dialogen fassbare Philosophie mit dem Inhalt der Schriften
des Aristoteles grundsätzlich vereinbar sei und dass die eigene Philosophie
lediglich eine Explikation platonischen Gedankenguts sei, wird hier als
Faktum zugrunde gelegt, ohne einer kritischen Untersuchung unterzogen zu
werden. Das gilt insbesondere für die antike Diskussion über den ontologi¬
schen Status von Zahl: Die Neuplatoniker schließen sich grundsätzlich
Platons Theorie vom Sein transzendenter Zahlen an;10 gleichzeitig wird
Aristoteles’ abweichende Theorie, die besagt, dass Zahlen an wahrnehmba¬
ren Körpern vorliegen und von ihnen abstrahiert kein Sein mehr besitzen,
aufgegriffen und in das Lehrgebäude integriert.
Die vorliegende Untersuchung hält sich eng an Boethius Gedankengän¬
ge, die sich von den Pfaden neuzeitlichen Denkens bisweilen stark unter¬
scheiden. Boethius vertritt etwa die Ansicht, dass die Musiktheorie keine
autonome Wissenschaft sei, sondern zusammen mit den anderen mathema¬
tischen Wissenschaften Arithmetik, Geometrie und Astronomie in gewissei
Weise Abbilder philosophischer und theologischer Erkenntnisse enthalte,
weshalb sie auch auf diese beiden Wissenschaften vorbereiten könne. Eine
dieser Auffassung adäquate Untersuchung kommt also nicht umhin, über
den Horizont der Musiktheorie hinausgehend zu fragen, welches Verhältnis
Boethius den vier mathematischen Fächern zueinander und zu Philosophie
sowie Theologie zuschreibt. Diese und weitere Fragen können freilich nicht
mit dem Musiktraktat als alleiniger Textbasis behandelt werden, sondern

9 Baltes, Boethius, 213.


10 O’Meara, Objets mathematiques, passim (zu Plotin und Jamhlu.li).
18 Einleitung

erfordern die Einbeziehung diverser weiterer Schriften des Boethius, aber


auch anderer Neuplatoniker sowie von Platon und Aristoteles selbst, auf die
sich unser Autor stützt.
Dabei soll Boethius - soweit dies möglich ist - im ersten Schritt immer
zunächst aus sich selbst heraus verstanden werden. Hier stellt sich die Fra¬
ge, ob es legitim ist, andere Werke des Boethius zu konsultieren. Seine
diversen Schriften berühren nämlich nicht nur unterschiedliche Themen,
zumal Boethius als Christ auch christliche Texte schrieb, sondern wurden
wohl auch in einigem zeitlichen Abstand voneinander verfasst.
Eine Legitimation ergibt sich daraus, dass die beiden vorrangig herange¬
zogenen Schriften trotz ihrer unterschiedlichen Abfassungszeit eine enge
inhaltliche Verwandtschaft aufweisen. Es handelt sich um die »Einführung
in die Arithmetik« und den »Trost der Philosophie«: Die beiden mathemati¬
schen Schriften zur Arithmetik und Musiktheorie behandeln nicht nur zwei
propädeutische und somit am Anfang der Ausbildung stehende Fächer,
sondern gelten auch als die zuerst verfassten Werke. Boethius bezeichnet
nämlich die Arithmetikschrift in seinem Widmungsschreiben als primitiae
(»Erstlingsfrüchte«). An sie schließt sich die »Musiktheorie« unmittelbar
an. Hingegen sprechen die autobiographischen Aussagen im »Trost der
Philosophie« dafür, dass Boethius dieses Werk kurz vor seiner Hinrichtung
verfasst hat. Obwohl die drei Schriften die Anfangs- und Endpunkte in
Boethius’ literarischer Schaffensphase markieren, zeichnen sie sich doch
alle durch einen besonders starken Bezug auf Platons Dialoge und deren
neuplatonische Exegese sowie durch ihre anagogische (hochführende)
Konzeption aus. Sie widersprechen sich inhaltlich nicht, sondern sind Be¬
standteile ein und desselben philosophischen Systems. Der textliche Befund
spricht außerdem dafür, dass Boethius beim Abfassen der mathematischen
Texte bereits eine profunde Kenntnis des Neuplatonismus besaß,11 so dass
beide durchaus in Beziehung zu seinen späteren Texten gesetzt werden
können.
Dies gilt auch für Boethius’ christliche und logische Schriften, die für
unsere Fragestellung allerdings wenig Material liefern. Letztere wenden
sich ihrem Gegenstand gemäß vorrangig Aristoteles’ Organon zu.12 Die
christlichen Traktate tragen abgesehen von »De fide catholica« eine unver¬
kennbar neuplatonische Prägung und zeugen in vielen wesentlichen Punk¬
ten von Boethius’ Ansicht, dass Neuplatonismus und Christentum mitein¬
ander vereinbar seien. Sie weichen aber gerade in der Auffassung der Hy-

11 s. u. II.l.
12 Platonische Positionen werden nur kurz benannt und nicht ausführlich behandelt; vgl.
Boeth. in Porph. sec. I 11 p. 167, 12-14.
2. Methodische Überlegungen 19

postasen wesentlich von neuplatonischen Lehren ab.13 Diesbezügliche Pro¬


bleme und Aporien thematisiert Boethius in seinem CEuvre nicht. Besonders
in der Übertragung der Arithmetikschrift des Nikomachos fällt auf, dass er
aus christlicher Sicht anstößige Formulierungen platonischer Provenienz
vermeidet,14 was nahelegt, dass Boethius auch seine mathematischen Werke
zwar vor einem neuplatonischen Hintergrund, aber doch als Christ verfass¬
te. Nicht nur die zahlreichen christlichen mittelalterlichen Rezipienten der
beiden mathematischen Lehrbücher (»Einführung in die Arithmetik« und
»Einführung in die Musiktheorie«), des »Trostes der Philosophie« sowie
einiger logischer Schriften des Boethius erachteten es für angemessen,
dieses Wissen trotz des heidnischen Hintergrundes zu bewahren, zu studie¬
ren und weiterzuvermitteln; in der Spätantike hielten auch andere neuplato¬
nische Christen bzw. christliche Neuplatoniker, so z. B. Johannes Philopo-
nos, eine solche Synthese - wenn auch nicht in jeder Hinsicht, so doch in
vielen essentiellen Aspekten - für möglich und legitim, weshalb im Folgen¬
den auch Boethius’ nicht-mathematische Schriften Beachtung finden.
Als besonders bedeutsam und bislang in der Musiktheorieforschung zu
wenig beachtet stellt sich ein Merkmal des Neuplatonismus dar, welches
dem neuzeitlichen Forscher häufig den Zugang zum besseren Verständnis
dieser antiken (und auch mittelalterlichen) Geistestradition erschwert: Im
Neuplatonismus wird davon ausgegangen, dass es neben der sichtbaren
Welt transzendentes, unkörperliches Sein gibt, das rational erschließbar ist
und dessen Kenntnis eine Erklärung der sichtbaren Welt ermöglicht. Dieses
unkörperliche Sein gilt den neuplatonischen Autoren als eigentliche Reali¬
tät, als Allgemeines und nicht als gedankliches Konstrukt des menschlichen
Geistes. Es ist selbst nicht voraussetzungslos, sondern hat seinen Ursprung
in einem höchsten, ganz einfachen, aber die Fülle allen Seins verursachen¬
den und umfassenden Prinzip, das in philosophischer Terminologie als das
»Eine« und in theologischer als »Gott« bezeichnet wird. Es bzw. ihn zu
erkennen ist das höchste Ziel allen Philosophierens und des menschlichen
Lebens überhaupt. Der Weg zu dieser Erkenntnis wurde als Aufstieg ver¬
standen. Essentielle Stufen bildeten dabei die vier mathematischen Fächer,
darunter also auch die Musiktheorie.
Diese Konzeption kann man als das Fundament neuplatonischen Philo¬
sophierens bezeichnen. Bei einer Untersuchung der Musiktheorie muss sie
dementsprechend eine zentrale Rolle spielen. Erst dieser Hintergrund erhellt
die eigentliche Zielsetzung von Boethius’ Musiktheorietraktat im Grund¬
sätzlichen wie auch im Detail und ermöglicht außerdem eine grobe Rekon¬
struktion des fehlenden abschließenden Teiles der Schrift.

13 Vgl. Craemer-Ruegenberg, v. a. 185-197.


14 S. u. II. 1.2.
20 Einleitung

Wie etwa A. Schmitt verdeutlicht hat, findet u. a. die gerade skizzierte


anagogische Konzeption von Musiktheorie und Mathematik in der For¬
schung kaum bzw. keine konsequente Beachtung, da sich neuzeitliches
Philosophieren trotz seiner vielfältigen Spielarten i. d. R. durch die Distan¬
zierung von der oben beschriebenen Weitsicht bzw. durch den gänzlichen
Bruch mit ihr auszeichnet und da unsere Vorbegriffe so geprägt sind, dass
sie den Blick in bestimmte Bahnen lenken, die teilweise nicht dem Denken
des antiken Autors entsprechen. Diese Schwierigkeit kann - wenigstens in
Ansätzen - überwunden werden, wenn die eigenen, schon vorausgesetzten
Denk- und Wertekategorien erkannt und reflektiert wurden und so ein rela¬
tiv vorurteilsfreier Blick auf den antiken Text möglich wird. Das gilt nicht
nur für die neuzeitliche Interpretation der Philosophie Platons, sondern auch
für das Verständnis von Boethius’ Musiktheorie. Denn so vielfältig die
heutigen philosophischen Richtungen auch sein mögen - markante Unter¬
schiede zur neuplatonischen Theorie im Bereich des menschlichen Selbst¬
verständnisses, der Schönheitstheorie15 und Wissenschaftskonzeption, spe¬
ziell auch der Konzeption der mathematischen Wissenschaften16 sind i. d. R.
auszumachen.
Die Kluft zwischen gängigen neuzeitlich-materialistischen und neuplato¬
nischen Ansichten, besonders hinsichtlich der Metaphysik, des Wissen¬
schaftsverständnisses und der Anthropologie, erschwert in der Tat die Re¬
konstruktion von Boethius’ Musiktheorie. Beispielsweise sind Boethius’
Fächergrenzen anders als uns gewohnt gezogen, so dass nicht einmal Klar¬
heit darüber herrscht, wer heutzutage für die Beschäftigung mit der »Musik¬
theorie« zuständig ist. Wie im Folgenden detailliert dargelegt werden soll,
müssten sich aus Boethius’ Perspektive nicht primär (praktisch orientierte)
Musikwissenschaftler, sondern vornehmlich Philosophen und Theologen
mit dieser Schrift befassen, wobei Boethius unser heutiges Begriffsver¬
ständnis von Philosophie, Theologie und Mathematik nicht bzw. nur partiell
teilen würde.
Aufgrund der sprachlichen Barrieren darf auch ein klassischer Philologe
nicht fehlen, der die z. T. nicht in Übersetzung vorliegenden relevanten
griechischen und lateinischen Texte im Original studieren kann. »De insti-
tutione musica« ist demnach kein leicht handhabbarer Untersuchungsge¬
genstand. Um den Einstieg in die zunächst sicherlich befremdliche Gedan¬
kenwelt zu erleichtern, soll deshalb zu Beginn versucht werden, eine knap-

15 Vgl. Schmitt, Platon, 21 und 34f.: Schönheit wird nun den wahrnehmbaren Einzeldingen
selbst zugesprochen. Statt der Teilhabe am Schönen, wie es in der platonischen Tradition hieß,
muss das einzelne empirische Phänomen nun ein vollständiges, wohlbestimmtes Exemplar seines
Begrittes sein und uns diese vollständige Begrifflichkeit in einem Akt der Intuition oder Anschau¬
ung offenbaren, was Schmitt als »metaphysische Überlastung des Einzeldings« bezeichnet
16 Ebd. 232-238.
3. Aufbau der Studie 21

pe Einführung in dieselbe zu geben. Des Weiteren sollen Querverweise und


Zusammenfassungen den Rückbezug der jeweils untersuchten Einzelthe¬
men zu ihren anfangs erläuterten philosophischen Grundlagen ermöglichen.

3. Aufbau der Studie

Die Arbeit gliedert sich in drei Kapitel. Das erste behandelt Boethius’ Ein¬
ordnung der Mathematik in das Gesamtspektrum der Wissenschaften. Da es
sich um eine interdisziplinäre Studie handelt, welche sich im Spannungsfeld
von Klassischer Philologie, Philosophie, Musikwissenschaft, Theologie und
Mathematik bewegt, führt es gleichzeitig doxographisch in die zentralen,
für die weitere Untersuchung besonders relevanten Themen neuplatonischer
Philosophie ein.
Anschließend wendet sich das zweite Kapitel der Mathematik selbst und
ihrer Einteilung in die vier Fächer des Quadrivium zu. Untersucht werden
die Funktion der mathematischen Studien, die Subordination der Musik¬
theorie unter die Zahltheorie (Arithmetik) und das Wesen von Zahl. Boethi¬
us’ Verständnis von Zahl weicht wesentlich von den heute verbreiteten
Auffassungen ab. Da Boethius beim Leser der »Musiktheorie« bereits die
Kenntnis seiner Zahltheorie voraussetzt und die Ansicht vertritt, dass der
Musiktheorie als Wissenschaft von den Zahlenverhältnissen die Arithmetik
als Wissenschaft von der Zahl zugrundeliegt, spielt die Untersuchung des
Zahlbegriffes eine wesentliche Rolle für den weiteren Verlauf der Studie.
Aufbauend auf den Ergebnissen des zweiten Kapitels befasst sich das
dritte mit Boethius’ musiktheoretischem Traktat selbst. Dabei wird zunächst
der Erkenntnisgegenstand der Musiktheorie ermittelt. Es wird gefragt, in¬
wiefern sie eine Wissenschaft von den Zahlenverhältnissen ist - zumal in
der Arithmetik auch Zahlenverhältnisse untersucht werden - und welche
Rolle die Zahlenverhältnisse für die hörbaren Phänomene spielen. Bei der
sich anschließenden Behandlung dreier in der Forschung immer wieder
problematisierter Themen (Interpretation von mus. 1, lOf. zu »Phythagoras
in der Schmiede«, Boethius’ Rechenfehler in mus. 3, 14-16 sowie Begrün¬
dung der Konsonanzlehre) wird ersichtlich, dass und inwiefern die zuvor
erarbeiteten Grundlagen zur Klärung von konkreten Aponen bzw. Ver¬
ständnisschwierigkeiten des Textes beitragen können. Der abschließende
Teil des dritten Kapitels thematisiert Boethius’ umfassenden Musikbegn .
Er untersucht das anagogische Potential der Dreiteilung der Musik in musi-
ca Instrumentalis, humana und mundana und rekonstruiert die Erkenntnis¬
intention des nicht erhaltenen bzw. nicht verfassten Endes von Boethius
»De institutione musica«. Die Rekonstruktion stützt sich auf den erarbeite-
22 Einleitung

ten philosophischen Hintergrund und zieht ferner Augustinus’ musiktheore¬


tische Schrift »De musica« sowie Ptolemaios’ »Harmonielehre«, die
Boethius ab dem letzten Kapitel des vierten Buches rezipiert, zum Ver¬
gleich heran. Die Argumentation konzentriert sich dabei auf Boethius’
Rückbezug der menschlichen Erkenntnistätigkeit - speziell der innerseeli¬
schen Logoi - auf die platonische Weltseele und erschließt auf diese Weise
die anagogische Konzeption der Musiktheorie, die den Musikstudenten zur
philosophischen Beschäftigung mit der Instanz »Seele« präpariert und ge¬
radezu auffordert.
Da eine Reihe von einschlägigen griechischen und lateinischen Texten
nicht oder in m. E. mangelhafter Übersetzung vorliegt, ist ein Anhang mit
Übersetzungen samt Anmerkungen angefügt, der u. a. erkenntnis- und wis¬
senschaftstheoretisch bedeutsamen Passagen aus Boethius’ Musiklehrbuch
enthält. Arithmetische Fachbegriffe, die im Laufe der Studie mehrfach
verwendet werden, sind am Ende des Anhanges zusammengestellt und
erläutert.
Sofern nicht anders gekennzeichnet, stammen alle Übersetzungen der
vorliegenden Arbeit von der Autorin. Die Abkürzungen der griechischen
und lateinischen Texte sind im Literaturverzeichnis aufgelöst. J.-Y. Guil-
laumins neue Edition von Boethius’ »De institutione arithmetica« wurde
zwar auch herangezogen und ihre Kapiteleinteilung bei der Übersetzung des
Proömium im Anhang angegeben. Da sie aber keine Zeilenangaben enthält,
liegt den Stellenangaben im Folgenden immer Friedleins Edition zugrunde,
deren Wortlaut i. d. R. nicht vom Text Guillaumins abweicht.
I. Mathematik im System der theoretischen
Wissenschaften

1. Mathematik zwischen Naturwissenschaft und Theologie


(Boeth. trin. 2, 68-83)

Unter Musiktheorie verstand Boethius die mathematische Wissenschaft von


den Zahlenverhältnissen. Zusammen mit Arithmetik, Geometrie und Astro¬
nomie gehört sie zu den vier mathematischen Fächern, welche als Quadri-
vium (»Vierweg«) vor den höheren Studien zu absolvieren waren. Bevor
wir uns der Musiktheorie selbst im Detail zuwenden, stellt sich angesichts
dieser vom allgemein verbreiteten neuzeitlichen Verständnis von Musik¬
theorie stark abweichenden Konzeption die Frage, worin für Boethius das
Wesen der Mathematik besteht. Sie ist bezüglich der griechischsprachigen
neuplatonischen Tradition, in die sich Boethius stellt, jüngst in der Studie
von G. Radke zur »Theorie der Zahl im Platonismus« untersucht worden.
Auch Einzelinterpretationen von Passagen aus Boethius’ (Euvre zur Veror-
tung der Mathematik im Wissenschaftssystem, wie die Arbeiten von S.
Neumann, I. Craemer-Ruegenberg1 2 und R. Mclnerny, liegen vor. In den
einschlägigen Forschungsbeiträgen zu Boethius’ Musiktheorie fand seine
Mathematikkonzeption allerdings bislang keine Berücksichtigung, wie die
weitgehend übliche isolierte Betrachtung der Musiktheorie von der Arith¬
metik und von ihren philosophischen Grundlagen zeigt.-
Die Verortung der Mathematik im Wissenschaftssystem zwischen Na¬
turwissenschaft und Theologie wird den Rahmen vorgeben, in den die Mu¬
siktheorie einzuordnen ist und der für den gesamten Verlauf diesei Unter¬
suchung - speziell für die abschließende Behandlung der Frage nach dem
anagogischen (hochführenden) Potential der Musiktheorie - grundlegend
sein wird. An die Einordnung der Mathematik schließen sich vertiefende

1 Craemer-Ruegenberg, 53-80. , . , .. , ,
2 Neben den in der Einleitung unter 1. genannten Arbeiten von C. M. Bower und M. Bernhard
ist die Studie von Potiron zu erwähnen. Es handelt sich um die einzige Monographie, die Boethius
als Musiktheoretiker gewidmet ist; sie beschränkt sich allerdingsauf eine zusammenfassende
Wiedergabe des Inhaltes, ignoriert den wissenschaftssystematischen Rahmen gänzlich und pro¬
blematisiert lediglich die musikhistorisch interessante Frage nach der Rezeption von Boethius
Modi und deren Identifikation mit den mittelalterlichen Kirchentonarten.
24 I. Mathematik im System der Wissenschaften

Vorbemerkungen zu den essentiellen neuplatonischen Konzepten und Fach¬


ausdrücken an.
Für eine einführende Charakterisierung der Mathematik im Vergleich zu
anderen theoretischen Wissenschaften bietet sich eine Passage aus Boethi-
us’ Traktat »De trinitate« an. In dieser theologischen Schrift argumentiert
Boethius gegen diejenigen, die den Glaubenssatz von der Einheit der Drei¬
faltigkeit bestreiten. Nach mathematischem und naturwissenschaftlichem
Verständnis muss die Behauptung, dass eine Dreiheit eine Einheit ohne
Vielheit ist, Verwunderung hervorrufen. Zur Vermeidung einer Konfusion
dieser beiden Wissenschaftsbereiche mit dem der Theologie betont Boethi¬
us, dass ein theologisches Thema eine ihm adäquate Weise der Untersu¬
chung, also eine theologische, erfordert. Daher grenzt er zunächst die Inhal¬
te der Naturwissenschaft, der Mathematik und der Theologie sowie deren
spezifische Erkenntnisweisen voneinander ab, um anschließend das genann¬
te Problem in theologischer Betrachtungsweise zu behandeln.3 In diesem
Zusammenhang wird auch die Mathematik näher charakterisiert:4

Denn da es drei theoretische Teile gibt - den naturwissenschaftlichen, in Bewegung,


nicht getrennt (er betrachtet nämlich die Formen der Körper mit der Materie, die von
den Körpern aktual nicht getrennt werden können, wobei diese Körper in Bewegung
sind — wie wenn die Erde nach unten, das Feuer nach oben bewegt wird — und die der
Materie verbundene Form Bewegung hat), den mathematischen, ohne Bewegung,
nicht getrennt (dieser betrachtet nämlich Formen von Körpern ohne Materie und
dadurch ohne Bewegung, wobei diese Formen - da sie in der Materie sind - von
ihnen [sc. den Körpern] nicht getrennt werden können), den theologischen, ohne
Bewegung und getrennt (denn Gottes Substanz entbehrt sowohl der Materie als auch
der Bewegung) -, wird es nötig sein, sich folglich mit naturwissenschaftlichen [sc.
Sachverhalten] auf rationale Weise, mit mathematischen auf wissenschaftliche und
mit göttlichen auf intellekthafte Weise zu beschäftigen und sich nicht zu Vorstellun¬
gen zerstreuen zu lassen, sondern vielmehr die Form selbst zu erfassen, die wahrhaft
Form und nicht Abbild ist und die das Sein selbst ist und aus der das Sein ist. Denn
alles Sein ist aus der Form.

3 Vgl. Thierry, lect. in trin. II 1-3. - Die Passage aus Boeth. trin. wurde im Mittelalter rezi¬
piert. Aufgrund ihrer Relevanz auch für mittelalterliche Musiktraktate werden im Folgenden
Verweise auf diverse Kommentare (v. a. der Schule von Chartres) gegeben.
4 Boeth. trin. 2, 68-83: Nam cum tres sint speculativae partes, naturalis, in motu inabstrac-
ta, itvims^alpeto? (considerat enim corporum formas cum materia, quae a corporibus actu
separari non possunt: quae corpora in motu sunt, ut cum terra deorsum ignis sursum fertur,
habetque motum forma materiae coniuncta), mathematica, sine motu inabstracta (haec enim
formas corporum speculatur sine materia ac per hoc sine motu: quae formae cum in materia sint,
ab his separari non possunt), theologica, sine motu abstracta atque separabilis (nam Dei substan-
tia et materia et motu caret): in naturalibus igitur rationabiliter, in mathematicis disciplinaliter, in
divinis intellectualiter versari oportebit, neque diduci ad imaginationes, sed potius ipsam inspice-
re formam, quae vere forma neque imago est et quae esse ipsum est et ex qua esse est. Omne
namque esse ex forma est.
1. Mathematik zwischen Naturwissenschaft und Theologie 25

Daraus ergibt sich folgendes Schema:

Wissenschaft Erkenntnisweise natürliche Erkenntnismodus


Seins¬
weise des
Erkenntnis¬
gegenstandes

in Bewegung
Naturwissenschaft nicht getrennt rational
(Form mit Materie)
von Materie
Mathematik wissenschaftlich
ohne Bewegung
getrennt von
Theologie (Form ohne Materie) intellekthaft
Materie

Eine Besonderheit der Mathematik besteht darin, dass nur bei ihr eine Dif¬
ferenz zwischen der natürlichen Seinsweise der Formen an der Materie
einerseits und dem Erkennen der Formen ohne Materie andererseits zu
bestehen scheint: Der Theologe widmet sich materielosen Formen und
betrachtet sie auch als solche ohne Materie und der Naturwissenschaftler
wendet sich den Formen an der Materie zu, insofern sie tatsächlich an ihr
vorliegen. Der Mathematiker ist folglich als Einziger zu einer gewissen
Abstraktion genötigt, wenn er Formen an der Materie ohne Materie betrach¬
tet.
Die Mathematik nimmt somit hinsichtlich ihrer Inhalte und ihrer Er¬
kenntnisweise eine mittlere Position innerhalb dieser drei theoretischen
Wissenschaften ein.5 Sie vermittelt zwischen Theologie und Naturwissen¬
schaft, da sie mit ihnen jeweils eine Gemeinsamkeit hat: Während der Ma¬
thematiker sich ebenso wie der Naturwissenschaftlei auf einen wahrnehm¬
baren Körper bezieht, der von Natur aus eine Einheit aus Form (d. h. Be¬
stimmtheit) und Materie darstellt und somit die eigentlich nur am
wahrnehmbaren Körper vorliegenden Formen betrachtet, teilt er mit dem
Theologen die Betrachtung der materiefreien Form. Allerdings befasst er
sich mit Formen, die ihrem Sein nach an wahrnehmbaren Körpern vorliegen
und von sich selbst her nicht von diesen getrennt sind, während der Theolo-

5 Eine ähnliche Unterscheidung trifft Aristoteles hinsichtlich wissenschaftlicher Definitionen


(an 403a29-bl6): Die Definition von Zorn oder Haus eines Naturwissenschaftlers enthalt die
wahrnehmbare Materie, die eines Dialektikers gibt die Form (Logos und Eidos, d. h. die wesentli¬
che unkörperliche Bestimmtheit der Sache) an, während ein Künstler oder Handwerker sowohl
Form als auch Materie beachtet. Während der Mathematiker etwas von der Materie abstrahiert,
betrachtet der Metaphysiker etwas völlig von der Materie Getrenntes. - Zur Abgrenzung der drei
Wissenschaften, speziell zum Unterschied zwischen Physik und Mathematik im Platonismus vgl.

Radke, 304-319.
26 I. Mathematik im System der Wissenschaften

ge es mit Formen zu tun hat, die für sich selbst Bestand haben und ihrem
Wesen nach nicht an wahrnehmbarer Materie vorliegen. Als Beispiele für
solche an sich unkörperliche Formen nennt Boethius an anderer Stelle Gott,
Geist und Seele.6
Der Mathematiker wendet sich also weder physikalischen Körpern, inso¬
fern sie eine Zusammensetzung aus Form und Materie sind, noch gänzlich
unkörperlichen Substanzen zu, sondern operiert mit Formen, z. B. bestimm¬
ten Kreisen oder Dreiecken, ohne auf die Materien des Wahrnehmbaren zu
achten, an denen diese vorliegen: Ob der Kreis auf Papier oder an eine
Tafel gezeichnet ist, spielt für seine Tätigkeit keine Rolle, denn er achtet
nur auf den Kreis als solchen unter Absehung von der Materie.7 Hinsicht¬
lich des Erkenntnisgegenstandes lässt sich demnach resümieren, dass die
Mathematik sich weder auf Form und Materie noch auf eine bloße Form
bezieht, sondern auf eine von der Materie des Wahrnehmbaren abstrahierte
Form.

Vom Verhältnis zwischen Form und Materie, d. h. davon, ob eine Form von
einem Körper nur gedanklich abstrahiert werden kann oder sachlich ohne¬
hin von der wahrnehmbaren Materie getrennt ist, hängt die Bewegung des
jeweiligen Wissenschaftsgegenstandes ab. Gemeint ist hierbei die physika¬
lische Bewegung bzw. Veränderung. Diese findet ausschließlich an wahr¬
nehmbaren Körpern statt, die eine bestimmte Materie als wesentlichen
Bestandteil aufweisen. Die Materie wiederum gilt als notwendige Voraus¬
setzung für physikalische Veränderungen jeglicher Art, weil sie als relativ
konstanter Träger der Bestimmungen (Formen) fungiert.
Diese Auffassung wird von Neuplatonikem im Anschluss an Platons
»Timaios«8 und an die »Physik« des Aristoteles im Wesentlichen dadurch
begründet, dass bei der Beobachtung physikalischer Veränderungen immer
sowohl etwas Konstantes als auch etwas sich Änderndes festgestellt werden
kann. Beispielsweise entsteht bei der Erwärmung von Wasser kein völlig
neues Wasser, sondern das Wasser als Substrat (Zugrundeliegendes, also
die Materie) bleibt identisch, während seine Bestimmtheit (Temperatur,
also die Form) verändert wird. Notwendige aber nicht hinreichende Voraus-

6 Boeth. in Porph. sec. I 10 p. 161, 2 (deus, mens, animä).


7 Vgl. Boeth. subst. bon. 77-82: Dreieck u. Ä. wird im Geist und durch Denken (animo tarnen
et cogitatione bzw. mente), aber nicht in Wirklichkeit (actu) von der zugrundeliegenden Materie
getrennt, so dass man das Dreieck und seine spezifischen Eigenschaften in Absehung von der
Materie (praeter materiam) betrachten kann.
8 Plat. Tim. 48e2-52dl.
1. Mathematik zwischen Naturwissenschaft und Theologie 27

Setzung für diese physikalische Veränderung ist hier also das kontinuierlich
als ein und dasselbe Wasser vorliegende Wasser.9
Folglich ist Bewegung bzw. Veränderung in besonderem Maße für die
Naturwissenschaften relevant. Boethius nennt in der auf p. 24 zitierten
Stelle zur Illustration die Ortsbewegung (der Erde nach unten und des Feu¬
ers nach oben), die eine uns recht vertraute Art der insgesamt vier physika¬
lischen Bewegungsarten darstellt.10 Die weiteren Bestimmungen eines Kör¬
pers sind ebenfalls von der jeweiligen Bewegung betroffen: So ist ein
Klumpen Erde warm, hat eine bestimmte Größe, Farbe, Feuchtigkeit, che¬
mische Zusammensetzung etc. Fällt dieser Klumpen Erde zu Boden, dann
sind auch alle genannten Formen von der Ortsbewegung betroffen, da sie
Teile des bewegten Ganzen sind. Dasselbe ist der Fall, wenn statt der Orts¬
bewegung eine Vergrößerung oder Verkleinerung des Erdklumpens vorge¬
nommen wird. Thierry von Chartres vergleicht in seinem Kommentar zur
Stelle die Form mit einem Stück Holz und die Materie mit dem Wasser, in
welches das Holz geworfen wird.* 11 Zunächst sind beide für sich ohne Be¬
wegung und haben jeweils ganz bestimmte Eigenschaften, etwa die Gestalt
des Holzes oder die Wärme des Wassers. Erst wenn das Holz ins Wasser
geworfen wird, entstehen Wellen und sowohl das Wasser als auch das darin
befindliche Holz sind zusammen in sichtbarer Bewegung, von der auch alle
weiteren Bestimmungen beider Komponenten betroffen sind (die Wärme
des Wassers oder die Gestalt des Holzes).1- In diesem Sinne befinden sich

9 Diese Erklärung ist eine stark vereinfachende Darstellung der Zusammenhänge, wie sie den
zentralen Texten (Platons »Timaios«, Aristoteles’ »Physik« und »Über Werden und Vergehen«)
entnommen werden können. Das gewählte Beispiel der Erwärmung des Wassers deutet die Unter¬
scheidung zwischen Form und Materie lediglich an, was man sich etwa an der Frage verdeutlichen
kann, worin das kontinuierlich Zugrundeliegende beim Werden und Vergehen von Wasser zu
finden ist Die Beantwortung der Frage würde zeigen, dass auch in diesen Fällen das Wasser nicht
vollständig verschwindet bzw. aus dem Nichts entsteht, sondern in beiden Fällen bereits eine
einfacher strukturierte Materie vorausgesetzt wird. Aus dieser materialen Grundlage wird Wasser
hergestellt und in diese wird das Wasser wiederum aufgelöst. Eine differenzierte Darstellung des
Problems erforderte eine genauere Unterscheidung von Materien und Formen, was den Rahmen
dieses einführenden Kapitels sprengen würde.
10 Daneben unterscheiden Aristoteles und die ihm verpflichtete Tradition quantitative Bewe¬
gung im Sinne des Zu- und Abnehmens, qualitative sowie substantielle Veränderung, d. h. Werden
und Vergehen (Aristot. phys. 200b32-201al6). Zur Unterscheidung dieser vier Arten der Bewe¬
gung im Hinblick auf die hier zitierte Passage vgl. Thierry, glos. vict. II 2-5.
11 Thierry, comm. trin. II 11. , „ , ...
12 Anhand des Vergleiches soll nur ein bestimmter Aspekt der Sache erhellt werden. Missver¬
ständlich ist er möglicherweise im Hinblick auf das Verhältnis zwischen der Form an sich, die
getrennt von der Materie vorliegt (entspräche dem Holz vor dem Werfen ins Wasser) und der der
Materie inhärenten Form (entspräche dem Holz im Wasser). Vom Vergleich ausgehend konnte
man meinen, beides sei identisch und läge nur in zwei verschiedenen Semsweisen vor da das Holz
ein und dasselbe bleibt - ob es nun für sich vorl.egt oder ms Wasser geworfen wird. In er i
von Boethius aufgegnffenen physikalischen Theorie wird allerdings zwischen den der Matene
28 I. Mathematik im System der Wissenschaften

die Gegenstände der Naturwissenschaft aufgrund ihrer Materiekomponente


in Bewegung bzw. Veränderung, z. B. die Himmelskörper, deren Gestalt
aber auch ohne Berücksichtigung der physikalischen Bewegung Gegen¬
stand einer Untersuchung sein kann.
Die von der Materie des Wahrnehmbaren abstrahierten Formen des Ma¬
thematikers sowie die an sich von vornherein von dieser Materie getrennten
Formen, denen sich der Theologe zuwendet, entbehren demnach der physi¬
kalischen Veränderung und sind somit »ohne Bewegung«.

Aus der Differenzierung der drei Arten von Erkenntnisgegenständen resul¬


tiert laut Boethius die Unterscheidung der drei Erkenntnisweisen, die er den
jeweiligen Wissenschaften zuschreibt. Die Charakterisierung der naturwis¬
senschaftlichen und theologischen Erkenntnisweise als rational und intel¬
lekthaft erinnert an die traditionelle platonische Einteilung der oberen See¬
lenvermögen in rationales Denken und intellektives Erkennen, lässt freilich
gleich nach der Zuordnung der Mathematik zu einem Erkenntnisvermögen
fragen.13 Denn dass ausgerechnet die Mathematik auf wissenschaftliche
Weise Vorgehen soll und weshalb Boethius sie nicht als spezifisch rational
vorgehende Wissenschaft bezeichnet, obwohl sie im Platonismus für die
rationale Disziplin schlechthin gehalten wird,14 bedarf ebenso weiterer Er¬
läuterungen wie die gerade skizzierten Unterscheidungen überhaupt. Dieser
Aufgabe widmet sich der folgende Abschnitt.

enthobenen Formen (formae immateriatae) und den der Materie immanenten Formen (formae
participatae) unterschieden, wobei die erstgenannten Ursprung der letzteren sind (s. u. 1.2.7).
13 Vgl. Platons Liniengleichnis zur Unterscheidung zwischen ratio und Intellekt (pol. 509dl-
511e5). Erst bei einer genaueren Differenzierung zwischen rationalem Denken und Intellekter¬
kenntnis kann die mathematische Erkenntnis weise als mittlere zwischen beiden erwiesen werden.
Sie gilt zwar als genuin rational. Insofern sie aber zwischen dem diskursiven, vielheitlichen
Erfassen (ratio) und der extrem einheitlichen Erkenntnis (.intellectus im eigentlichen Sinn) vermit¬
telt, nimmt sie eine mittlere Position zwischen beiden Extremen ein. - Vgl. die wechselnde Termi¬
nologie bei Thierry v. Chartres: In Thierry, glos. trin. II 1-12, v. a. 6-8, wird zwischen ratio,
intelligentia sowie intellectibilitas bzw. inte lügihililas als spezifischen Erkenntnisweisen der
Naturwissenschaft, der Mathematik sowie der Theologie unterschieden, in Thierry, lect. in trin. II
30 hingegen zwischen ratio, intellectus sowie intelligentia. Wie aus Thierrys Charakterisierung
des mittleren Vermögens hervorgeht, vereint es in der Tat Aspekte beider benachbarten Erkennt¬
nisweisen, indem es einheitliches und diskursives Erfassen in bestimmter Weise verbindet.
14 Im Liniengleichnis bezeichnet Sokrates das Erkenntnisvermögen, welches sich den mathe¬
matischen Sachverhalten zuwendet, als rationales Denken (Dianoia; Plat. pol. 51 ld8—el). Wie im
Lauf dieser Studie deutlich werden dürfte, gilt dies auch für die Musiktheorie als theoretische,
mathematische Wissenschaft. Die vielbesprochene Debatte über das Verhältnis zwischen ratio und
sensus (sowohl bei Boethius als auch in zahlreichen mittelalterlichen Traktaten) wird im Folgen¬
den nicht wieder aufgerollt (zum Verhältnis zwischen sensus und ratio s. u. Anhang 3). Stattdes-
sen versucht das zweite Kapitel nachzuvollziehen, wie Boethius das System des Quadrivium
rational und nicht aufgrund empirischer Erfahrungen herleitet, so dass sich der Vorrang der ratio
vor der Wahrnehmung bereits aus dem Wissenschaftssystem ergibt.
2. Grundlagen der Wissenschaftssystematik 29

2. Zu den Grundlagen der Wissenschaftssystematik

Die nachfolgende Behandlung einzelner Aspekte, deren Kenntnis für den


Verlauf der weiteren Untersuchung essentiell ist, orientiert sich an den
Ausführungen des Thomas von Aquin zur oben auf p. 24 zitierte Passage
aus »De trinitate«.15 Thomas thematisiert im Vergleich zu anderen mittelal¬
terlichen Kommentatoren16 besonders strukturiert und ausführlich einige für
den wissenschaftstheoretischen Kontext der Mathematik bei Boethius zen¬
trale Punkte und Fragen, weshalb er sich gleichsam als Stichwortgeber
geradezu anbietet, auch wenn in der Forschung kein Konsens darüber
herrscht, inwieweit er die Lehre des Boethius authentisch, modifizierend
oder sogar verfälschend erläutert. Ob man so weit gehen sollte, mit R. Mc-
Inemy zu behaupten, dass Thomas der beste Kommentator des Boethius
gewesen sei, der dessen Aussagen in »De trinitate« bei seiner Auslegung in
keiner Weise modifiziert habe, soll und kann hier nicht entschieden wer¬
den.17 Jedoch sind wesentliche Gemeinsamkeiten in den Lehren beider
Denker festzustellen, was sich darauf zurückführen lässt, dass ihre Traktate
auf einem weitestgehend gleichen christlichen, neuplatonisch gefärbten
Aristoteles-Verständnis basieren.18

15 Expositio in trin. lect. II q. I und q. II a. 1; vgl. dazu Neumann, passim.


16 Der Kommentar von Johannes Scotus Eriugena (9. Jh.) war der bedeutendste bis ins 12. Jh.,
wie die über 20 Hss. der Opuscula Sacra des Boethius mit Glossen des Eriugena nahelegen. Von
Bedeutung sind ferner die Kommentare des 12. Jahrhunderts von Gilbert v. Poitiers, Clarenbaldus
v. Arras, Pseudo-Beda und Thierry v. Chartres, dem auch der Kommentar »Librum hunc« zuge¬
schrieben wird. In den wesentlichen Punkten vertreten die genannten Kommentatoren im Hinblick
auf die Einteilung der theoretischen Wissenschaften keine voneinander abweichenden Positionen.
Thomas erläutert diese besonders ausführlich, weshalb er im Folgenden zu ausgewählten Aspekten
vorrangig herangezogen wird. .
17 Der minimale Anspruch von Mclnerny in seiner Monographie zum Verhältnis zwischen
Thomas und Boethius (speziell hinsichtlich der Kommentare zu Boethius’ »De trinitate« und »De
hebdomadibus«) besteht darin zu zeigen, dass es mit extremen sachlichen Schwierigkeiten ver¬
bunden ist zu leugnen, dass Thomas Boethius inhaltlich adäquat auslegt (XI). Seine Ausfuhrungen
bestätigen diese These, so dass er im Epilog den Schluss ziehen kann: »ohne Thomas wäre
Boethius stumm« (sine Thoma Boethius mutus esset) - eine Abwandlung des Ausspruches von
Pico della Mirandola: »ohne Thomas wäre Aristoteles stumm« (sine Thoma Aristoteles mutus
esset). Aufgrund seiner Vergleiche mit anderen Kommentaren vertritt Mclnerny, XIV, sogar die
Auffassung: »... the Thomistic commentaries on Boethius are without question the best commen-

taries ever written on the tractates«.


18 Eine eingehende Auseinandersetzung mit einzelnen Forschungsbeiträgen wird hier nicht
vorgenommen, da das erste Kapitel lediglich in den für die weitere Studie relevanten Denkhorizont
einführen soll. Probleme, die in der Forschung gesehen wurden, wie etwa die von Aertsen 311
318 aufgeworfenen Fragen, ob die quadrivialen Fächer propädeutisch sind oder laut Thomas
entsprechend der Einteilung in »De trinitate« als Teil der Philosophie gelten und worin die Unter¬
scheidung zwischen Philosophie und Theologie zu sehen ist, werden im Folgenden aber grundsätz¬

lich beantwortet.
30 I. Mathematik im System der Wissenschaften

Thomas von Aquin behandelt in seinem Traktat zu Boethius’ »De trinita-


te« im Hinblick auf den ersten Abschnitt der oben zitierten Stelle zunächst
die Frage, ob die Einteilung der Wissenschaften in Naturwissenschaft,
Mathematik und Theologie berechtigt ist, bevor er sich jeder der drei Diszi¬
plinen im Einzelnen zuwendet und erörtert, ob deren Erkenntnisgegenstand
jeweils richtig bestimmt wurde (gesamte quaestio I mit vier Artikeln). Zum
zweiten Abschnitt (ab »wird es nötig sein, sich folglich mit naturwissen¬
schaftlichen [sc. Sachverhalten] auf rationale Weise ...«) stellt er wiederum
vier Fragen, die diesmal die Arten des Erkennens betreffen, darunter zu¬
nächst die Frage, ob die Zuordnung der Erkenntnismodi zu den einzelnen
Wissenschaften zutreffend ist (quaestio II a. 1).
Im Folgenden werden die von Thomas aufgeführten Aporien und Argu¬
mente weder vollständig noch in ihrer originalen Reihenfolge wiedergeben,
sondern in Anlehnung an seine Ausführungen wird auf wesentliche Grund¬
pfeiler aufmerksam gemacht, auf denen das in 1.1. vorgestellte Wissen¬
schaftssystem und somit auch die Konzeption von Boethius’ Musiktheorie
ruhen. Entsprechend dem einführenden Charakter dieses Kapitels sollen
modernen Auffassungen besonders fernstehende Philosopheme doxo-
graphisch festgehalten und - wo erforderlich - näher erläutert werden.

2.1 Zur theoretischen Ausrichtung der Mathematik

Thomas verdeutlicht die theoretische Ausrichtung der Mathematik durch


deren Gegenüberstellung mit der Ethik und der Arztkunst, die beide offen¬
sichtlich auf eine praktische Tätigkeit zielen. Wie schon aus Platons »Poli-
teia« hervorgeht, soll die Mathematik dem Aufstieg zur Erkenntnis der Idee
des Guten und damit einhergehend der Abwendung vom wahrnehmbaren
Irdischen dienen.19 Sie stellt einen Abschnitt des Weges dar, den ein ange¬
hender Philosoph zurücklegen muss, um als äußerlich sinnliches Wesen
sein »Auge der Seele« wieder zu aktivieren, d. h. um mit dem besten Teil
seiner Seele denkend eine Erkenntnis des Unkörperlichen erlangen zu kön¬
nen. In diesem Zusammenhang betont Sokrates gegenüber seinem Ge¬
sprächspartner Glaukon, dass die einzelnen mathematischen Fächer nicht
um des praktischen Nutzens willen studiert werden sollen, sondern um der
Erkenntnis dessen willen, was diesen Disziplinen als einendes Band sach¬
lich vorausgeht. Genau an diese Passage erinnert Nikomachos im Vorwort
zur »Einführung in die Arithmetik«, was Boethius in seiner lateinischen
Version verkürzt, aber unter Nennung des »Auges der Seele« wiedergibt.20

19 Plat. pol. 521cl-531e6.


20 Nikom. arithm. 1, 3 p. 8, 8 - 9, 4 und Boeth. arithm. 1, 1 p. 9, 26 - 10, 7; dazu s. u. 11.3.
2. Grundlagen der Wissenschaftssystematik 31

Eine Grundprämisse der Beschäftigung mit der neuplatonischen Mathe¬


matik und speziell mit Boethius’ Musiktheorie besteht deshalb darin, dieses
Ziel der mathematischen Fächer zur Kenntnis zu nehmen und bei der Erfor¬
schung des Textes nicht aus den Augen zu verlieren. Arithmetik und Re¬
chenkunst (Logistik) dürfen also ebenso wie Musiktheorie und praktische
Musiklehre nicht für identisch gehalten werden. Freilich kann die Kenntnis
einer theoretischen Wissenschaft auch bei einer entsprechenden praktischen
Tätigkeit hilfreich sein, etwa in der Musiktheorie die Kenntnis der Interval¬
le zum Singen. Aber die Musiktheorie als Teil des Quadrivium intendiert
nicht primär, den Schüler zum guten Sänger auszubilden.21 Thierry von
Chartres fasst die theoretische Ausrichtung der dreigeteilten philosophia,
d. h. der Mathematik, der Naturwissenschaft und der Theologie, entspre¬
chend zusammen: Sie verheißt ausschließlich Wissen und Erkenntnis, auch
wenn wir zuweilen mit ihrer Hilfe Kunst betreiben.22
In scheinbarem Widerspruch zur geforderten theoretischen Ausrichtung
der Musiktheorie steht, dass im Laufe der musiktheoretischen Unterweisung
Bezüge zur Praxis hergestellt werden. So behandelt Boethius in der Musik¬
schrift z. B. Notennamen, was selbst Aristoxenos, der von Boethius’ Tradi¬
tion immer wieder aufgrund seiner empirischen Vorgehensweise kritisiert
und als Pseudo-Theoretiker eingeschätzt wurde, explizit ablehnt. Man muss
sich daher fragen, inwiefern solche scheinbar vorrangig oder gar aus¬
schließlich für die Musizierpraxis nützlichen Ausführungen zugleich we¬
sentliche Bestandteile musikwissenschaftlicher Theorie bilden, die nicht um
der Praxis willen betrieben werden soll. Die Lektüre von Boethius Musik¬
lehrbuch zeigt, dass der theoretische Duktus überwiegt: Alle fünf Bücher
lassen sich verständig studieren, ohne auch nur einmal ein Instrument be¬
mühen zu müssen oder zu singen. Eine praktische Anlage weisen nui relativ
wenige Kapitel auf, die darlegen, wie die untersuchten Zahlenverhältnisse
anhand von Längenabmessungen am Monochord sinnlich dargestellt wer¬
den können.23 Die Behandlung von Notennamen rechtfertigt Boethius da¬
mit, dass sie als Verständnishilfe für den theoretischen Stoff dienen.-4 Inso-

21 Thierry, lect. in Irin. II 17 macht allerdings darauf aufmerksam, dass die praktisch ausge¬
richtete Kunst’durchaus einen Beitrag zur theoretischen Erkenntnis leisten kann, dies aber nicht

primär intendiert.
22 Thierry, glos. trin. II 24.
23 Boeth. mus. 3, 9; 4, 5-13 und 4, 18. , ..
74 Boeth. mus. 1, 19 p. 205, 22-26: »Nachdem wir dieses so dargelegt haben, wollen wn ein

wenig über die Saiten der Kithara und deren Namen sowie darüber, auf welche Weise sie zugefugt
wurden, ausführen. Durch diese [sc. Ausführungen] nämlich wird es für diejenigen, die zum ers en
Mal damit in Berührung kommen, leichter sein, das Folgende durch Wissen zu begreifen.« Es
folgen mus. 1, 20-27, wo diese Ankündigungen umgesetzt werden. Weiterhin behandelt Boeth,us
in mus 4 3f Notennamen, um die Kennzeichnung der Abmessungen auf dem Monochord zu
32 I. Mathematik im System der Wissenschaften

fern spricht der philologische Befund dafür, dass der wissenschaftliche


Anspruch und die Umsetzung im Falle von Boethius’ »Musiktheorie« nicht
auseinanderfallen, was freilich im Folgenden noch genauer behandelt wird.

Unter der Voraussetzung, dass die Mathematik eine theoretische Wissen¬


schaft ist, muss - so Thomas in seinen Ausführungen - überlegt werden, ob
die Dreiteilung in Naturwissenschaft (naturalis oder auch physica), Mathe¬
matik und Theologie (theologica oder auch prima philosophia bzw. me-
taphysica)25 Vollständigkeit aufweist. Er stellt die Frage, warum nicht auch
die Uogik zu diesen gezählt wird. Dabei gibt er über die Unterscheidung
zwischen theoretischer und praktischer Ausrichtung der Wissenschaften
hinaus Aufschluss über die unterschiedliche Einbindung von Logik und
Mathematik ins Wissenschaftssystem hinsichtlich ihrer Flilfsfunktion bzw.
ihrer propädeutischen Rolle.
Gemäß Thomas’ Einwand könnte auch die Logik als theoretisch ausge¬
richtet und damit als vierter Teil der theoretischen Wissenschaften angese¬
hen werden. Wie Boethius selbst im Kommentar zu Porphyrius’ »Eisago-
ge« anführt, besteht das Ziel der Logik nicht in einer bestimmten Handlung,
wie es bei der Ethik oder beim handwerklichen und künstlerischen Hervor¬
bringen eines wahrnehmbaren Resultates der Fall ist, obwohl sie die Ethik
beim Finden und Umsetzen dessen, was zur Glückseligkeit beiträgt, unter¬
stützt. Insofern hängt sie also mit der philosophia activa zwar zusammen,
kann aber nicht als gänzlich praktisch angesehen werden, da sie auch mit
der theoretischen Wissenschaft in einem wesentlichen Zusammenhang
steht, indem sie Hilfsmittel (Unterscheidung von Gattung, Art etc.) zur
Absicherung der Methode zur Verfügung stellt. Andererseits sind es aus¬
schließlich die theoretischen Wissenschaften, welche sich der Logik wid¬
men. Während Boethius im ersten Kommentar zu Porphyrius’ »Eisagoge«
offenlässt, ob die Logik ein Teil der Philosophie oder lediglich ein Hilfsmit¬
tel ist, und sich im zweiten Kommentar für beide Optionen zugleich aus¬
spricht,26 betont Thomas die Funktion der Logik als Hilfsmittel (instrumen-
tum, griech. öpyavov - Organon). Ein solches Hilfsmittel stellt die Mathe¬
matik hingegen nicht dar, weil sie eindeutig zu den theoretischen
Wissenschaften zählt, zumal sie im Unterschied zur Logik einen eigenen
Inhalt besitzt - laut Boethius die abstrahierten Formen bzw. deren Prinzipi¬
en.

erleichtern (mus. 4, 3 p. 308, 18-22); vgl. auch 4, 14 p. 341, lf. und 4, 15 p. 343, 1-5 (Übersicht
über Saitennamen als Verständnishilfe).
25 Die Dreiteilung und die Differenzierung der spezifischen Erkenntnisgegenstände entspricht
genau der in Aristot. metaph. 1025b 1-I026a32.
26 Vgl. Boeth. in Porph. pr. I 4 und sec. I 3.
2. Grundlagen der Wissenschaftssystematik 33

Die unterschiedliche Funktion von Logik und Mathematik kommt auch


in deren Reihenfolge bei der Ausbildung zum Ausdruck. Da man ein In¬
strument erst beherrschen muss, bevor man es in einer anderen Wissen¬
schaft sachgerecht einsetzen kann, wird das Studium der Logik als Hilfs¬
wissenschaft in der platonischen Tradition zeitlich vor dem der eigentlichen
Lehrinhalte angesetzt.27 Zusammen mit der Logik, die z. T. auch als Dialek¬
tik bezeichnet wird, bilden Grammatik und Rhetorik die drei Hilfswissen¬
schaften (trivium), deren Beherrschung beim Absolvieren höherer Studien
vorausgesetzt wird. Diese zeitliche Vorordnung der trivialen Disziplinen im
Lernprozess kehrt allerdings die sachliche Reihenfolge um: Das Trivium
wurde den mathematischen Disziplinen des Quadrivium (Arithmetik, Geo¬
metrie, Musiktheorie, Astronomie) der Sache nach untergeordnet.28
Wenn die Mathematik nun keine Hilfswissenschaft nach Art der Logik
ist, sondern die Erkenntnis der ihr eigenen Sachverhalte um ihrer selbst
willen anstrebt, ergibt sich laut Thomas ein Problem, da die Mathematik
gleichzeitig eine propädeutische Funktion erfüllen soll, nämlich als Vorbe¬
reitung auf philosophische und theologische Studien.29 Man müsste dem¬
nach davon ausgehen, dass sie in bestimmter Weise doch eine Hilfswissen-

27 Vgl. Aristot. eth. Nikom. 1142all-20 und 1.2.2.


28 S. u. I.2.3f.; vgl. das Gewand der »Philosophie« in Boeth. cons. 1, 1, 17-21 (Übersetzung
Gigon): »An seinem untersten Rande las man eingewebt ein griechisches II, an seinem obersten
aber ein 0. Und zwischen beiden Buchstaben schienen wie an einer Leiter etliche Stufen einge¬
zeichnet, die von dem unteren zum oberen Schriftzug emporstiegen.« (harum in extremo margine
II Graecum, in supremo vero 0 legebatur intextum. atque in utrasque litteras in scalarum modutn
gradus quidam insigniti videbantur, quibus ab inferiore ad superius elementum esset ascensus.)
Diese Stufen symbolisieren wohl das Trivium und das Quadrivium, deren Absolvierung vom
praktischen Leben (ßiog 7ipaKUKÖc; - Bios praktikos), für das das n steht, zum theoretischen (0)
führen soll (ßio<; 0ecopr|TiKÖ<; - Bios theöretikos). Vgl. dazu den Kommentar des Clarenbaldus v.
Arras (in trin. 27*, 26-30): Das Theta weist auf die excellentia theologiae hin und das Pi auf die
vielfältige Mühsal des praktischen Lebens (vita activa). Vgl. ebenso die zahlreichen Darstellungen
in der bildenden Kunst, z. B. in einem Fenster der Kathedrale von Laon, wo der Kopf der »Philo¬
sophie« wie in cons. 1, 1 in den Wolken verschwindet (dazu Verdier, 306), und in der »Margarita
philosophica« von G. Reisch, Freiburg 1503, wo am Gewand der »Philosophie« die unteren drei
Stufen deutlich von den oberen vier abgegrenzt sind und in Nabelhöhe ein T (für theoretisch oder
Theologie) erreichen. Rund um die »Philosophie« sind die Sieben freien Künste versammelt,
welche von deutlich kleinerer Statur als die sie überragende und mit Armen sowie Flügeln unter
sich bergende »Philosophie« sind (Cardim/Beonio-Brocchieri, 217). Wie die traditionelle Bezug¬
setzung der Sieben freien Künste mit den sieben Säulen aus Prov. 9, 1 (»die Weisheit baute sich
ein Haus, sie hieb sieben Säulen« - sapientia aedificavit sibi domum excidit columnas septem)
andeutet, steht trotz der Hierarchie innerhalb der Fächer das Gebäude auf allen sieben Säulen. - Im
Unterschied zum Platonismus erfuhren die drei trivialen Fächer im Hellenismus, besonders in dei
Stoa eine radikale Aufwertung, was als Ausdruck einer stark abweichenden Wissenschaftsauffas¬
sung zu werten ist; vgl. Radke, 129-177, und Lucki, passim (zum konzeptuellen Niedergang der
Artes liberales in der Renaissance).
29 Zur propädeutischen Funktion des Quadrivium äußert sich Boethius in arithm. 1, 1 P- 7, 21-
26; dazu s. u. 11.3 und Thierry, comm. trin. II 15: Früher pflegte man Mathematik zu lernen, um
»zur Erkenntnis der Göttlichkeit« (ad divinitatis intelligentem) gelangen zu können.
34 I. Mathematik im System der Wissenschaften

schaff ist, oder sogar annehmen, dass anhand der Mathematik nur der Geist
an beliebigen Inhalten geübt werden soll.
Die angeführte Bestimmung der Mathematik als Wissenschaft, die sich
den abstrahierten Formen zuwendet, und der Theologie als Wissenschaft
von den ihrer Natur nach materielosen Formen deutet bereits darauf hin,
dass mittels der mathematischen Ausbildung nicht nur die Schärfung des
Geistes erreicht werden sollte.30 Ihr spezifischer Erkenntnisgegenstand ist
selbst etwas Bestimmtes, der mit dem der Theologie hinsichtlich dessen,
dass sich beide materielosen Formen zuwenden, eine gewisse Gemeinsam¬
keit hat. Die propädeutische Funktion der Mathematik beschränkt sich also
nicht auf die Methode, d. h. die Abwendung von der Wahrnehmung und
bloße Aktivierung höherer Erkenntnisvermögen an beliebigen Inhalten,
sondern beruht auch auf einer inhaltlichen Verwandtschaft beider Wissen¬
schaften. Mit dieser Ähnlichkeit wird sich das zweite Kapitel näher befas¬
sen. Es sei aber bereits darauf hingewiesen, dass die mathematischen Sach¬
verhalte in der hier relevanten philosophischen Tradition als Abbilder ver¬
standen werden. Sie verweisen auf ihre Vorbilder, d. h. auf ihre
denknotwendigen sachlichen Voraussetzungen, welche in Philosophie und
Theologie untersucht werden.31 Beispielsweise galt der mathematische,
rational erfassbare Sachverhalt Kreis als eine bestimmte Verwirklichung
der ihm sachlich vorausgehenden Prinzipien Identität und Verschiedenheit.
Denn da der Abstand zwischen Mitte und Peripherie überall gleich, aber
doch beides voneinander unterschieden ist, kann Kreis ohne Identität und
Verschiedenheit nicht gedacht werden. Mathematische Sachverhalte sind
folglich etwas in jeweils spezifischer Weise inhaltlich Bestimmtes (ein
Kreis ist ja kein Kubus und auch kein Zahlenverhältnis), das einerseits auf
mathematischer Ebene untersucht wird und andererseits aufgrund seiner
mangelnden sachlichen Autarkie über sich selbst hinaus verweist und so zur
obersten theoretischen Wissenschaft hinführen kann.32

Die Mathematik ist demnach keine Flilfswissenschaft in der Art und Weise,
wie man es von der Logik meinen könnte, sondern eine Disziplin, die be¬
stimmte Erkenntnisse mathematischer Art umfasst. Gleichzeitig besitzt sie
einen propädeutischen Aspekt, insofern sie anhand von Abbildern auf das

30 Zu Platon vgl. Burnyeat, 3-5.


31 Vgl. Plat. pol. 509d 1—51 le5 (Liniengleichnis).
32 Thierry, lect. in trin. II 6, erläutert entsprechend, dass die Einfachheit, die in Gott ist (und
somit in den Bereich der Theologie fällt), in der Mathematik expliziert wird (explicare - »entfal¬
ten«, »auseinanderfalten«). Wie aus dem analogen Verhältnis zwischen der göttlichen Vorsehung
und deren Explikation im zeitlichen Nacheinander zu schließen ist, wird unter der göttlichen
Einfachheit aber keine inhaltliche Leere verstanden - wie sollte auch die Leere entfaltet werden
können -, sondern im Gegenteil die Überfülle des Explikablen (Boeth. cons. 4, 6, 34-56).
2. Grundlagen der Wissenschaftssystematik 35

Studium derjenigen Sachverhalte vorbereitet, die in der Philosophie bzw.


Theologie betrachtet werden. Diese hochführende Potenz der Mathematik
soll genutzt werden, worin sich die vorrangig theoretische Ausrichtung des
Quadrivium und die Ablehnung rein praktischen Nutzdenkens beim Betrei¬
ben von Mathematik begründet.

2.2 Zur Rolle von Wahrnehmung und Vorstellung in der Mathematik

Im Zuge seiner Argumentation kommt Thomas von Aquin auf eine in


Aristoteles’ »Nikomachischer Ethik« aufgeworfene Frage zu sprechen,
deren Behandlung uns die für die Mathematik relevanten Erkenntnisvermö¬
gen vergegenwärtigt:33 Warum kann ein [sc. geistig] junger Mensch der
Mathematik kundig sein, aber nicht der Metaphysik34 und der Naturwissen¬
schaft? Die Antwort des Aristoteles, die Thomas auch im Kommentar zur
»Nikomachischen Ethik« ad locum diskutiert, lautet, dass ein junger
Mensch noch kein Naturwissenschaftler sein kann, da diese Wissenschaft
der Erfahrung bedarf, welche nur über längere Zeiträume hin mittels der
Wahrnehmung erworben werden kann. Ebenso ist das Erkennen der höch¬
sten, Weisheit gewährenden Erkenntnisinhalte (.sapientalia) nicht ohne
Weiteres möglich, da die Gegenstände der Metaphysik nur mit dem Intel¬
lekt adäquat erfasst werden können. Bis zu dessen Aktivierung absolviert
der Mensch vorbereitende Erkenntnisschritte, weshalb ein junger Mensch
noch kein Metaphysiker sein kann, sondern höchstens aus bloßer Überzeu¬
gung über metaphysische Themen zu reden vermag. Dagegen liegt die
mathematische Erkenntnisweise einem Jüngeren nahe, insofern er ohne
Schwierigkeiten in der Lage ist, das Mathematische vom Wahrgenomme¬
nen zu abstrahieren, es sich dann vorzustellen und damit in der Vorstellung
zu operieren, z. B. indem er bestimmte Zahlarten generiert oder Konstruk¬
tionen durchführt. Somit korrespondiert die Mathematik mit der Erkennt¬
nisweise eines Menschen, dessen rationale Vermögen noch nicht voll aus¬
gebildet und kultiviert sind, weil sie weder reiche empirische Erfahrung
voraussetzt noch das Vorstellungsvermögen übersteigt bzw. völlig zu ver¬
meiden sucht, um sich des Intellekts bedienen zu können. Die Vorstellung
spielt laut Thomas in der Mathematik also keine marginale Rolle.

33 Aristot. eth. Nikom. 1142al 1-20.


34 Zum Unterschied zwischen Metaphysik und Theologie s. u. 49t. Anm. 69
36 I. Mathematik im System der Wissenschaften

Diese Einschätzung entspricht Proklos’ diesbezüglicher Lehre.35 Auch


Boethius gilt die Vorstellung als ein relativ unvollkommenes Erkenntnis¬
vermögen, das zwischen Wahrnehmung und rationaler Erkenntnis eine
mittlere Position einnimmt und von dem ausgehend man sich zur echten,
rationalen Erkenntnis bewegt.36 Die ratio bedient sich sowohl der Wahr¬
nehmung als auch der Vorstellung gleichsam als Gehilfen.37 Wie Boethius
v. a. im »Trost der Philosophie« und in der »Musiktheorie« festhält, erfasst
die Wahrnehmung nur die Formen der wahrnehmbaren Dinge, welche dann
als konfuse und partikuläre Vorstellungen im Gedächtnis festgehalten wer¬
den können. Das als göttlich bezeichnete Denken hingegen ist auf diese
äußeren Formen nicht angewiesen. Es erkennt die Dinge an sich und prüft,
ob sie etwas sind, was sie sind und kann sogar das »Warum« herausfin¬
den.38
Obwohl dem Vorstellen und Wahrnehmen letztlich eine echte Erkenntnis
abgesprochen wird, soll auf diese Erkenntnisvermögen im Rahmen der
Mathematik nicht verzichtet werden.39 Der Wissenschaftlichkeit der Diszi¬
plin wird allerdings kein Abbruch getan, wenn die Operationen mit vorge¬
stellten mathematischen Abstrakta nicht an willkürlichen Phantasiegebilden
vorgenommen werden und anschließend der Schritt zur rationalen Erkennt¬
nis auch tatsächlich absolviert wird. Zwar besteht laut Boethius die Mög¬
lichkeit, dass die jeweiligen Abstrakta falsch zusammengesetzt werden,
etwa ein Mensch und ein Pferd zu einem Kentauren. Aber durch richtige
Abstraktion und Abtrennung kann die unkörperliche Natur an sich und ohne
die Körper, in denen sie konkret geworden ist (in quibus est concreto),
richtig erfasst werden, auch wenn sie eigentlich abgetrennt keinen Bestand
hat. Diese Methode ist nicht nur nicht falsch, sondern sogar die einzige, mit

35 Proklos äußert sich im zweiten Prolog des Euklidkommentares besonders ausführlich zur
Rolle der Vorstellung in der Geometrie (Prokl. in Eukl. 49, 3 - 56, 22). Dort unterscheidet er
zwischen der Materie des Wahrnehmbaren und der des Vorstellbaren (sog. intelligible Materie),
begründet die in Hinblick auf ihren Allgemeinheitsgrad mittlere Position der Vorstellungsbilder
zwischen den wahrnehmbaren und denkbaren Sachverhalten und erklärt Ziel sowie Methode der
Geometrie im Allgemeinen, dabei v. a. die Notwendigkeit, die Ebene der Vorstellung zu über¬
schreiten.
36 Vgl. cons. 5, 4 (zur mittleren Position der Vorstellung zwischen Wahrnehmung und ratio);
3, 1 (zum Erkenntnisprozess: Boethius soll sich von den Abbildern lösen und sich zur Erkenntnis
der wahren Glückseligkeit führen lassen) und Gilbert, in trin. I 2, 26: »dem menschlichen Geist ist
es gegeben, ausgehend von den vorausgehenden Stützen der Sinne und Vorstellungen das Wahr¬
nehmbare rational zu beurteilen« (humano animo datum est ex sensuum atque imaginationum
preeuntibus amminiculis reri sensilia).
37 Boeth. in Porph. sec. I 1 p. 137, 4-19.
38 Vgl. Boeth. mus. 1,9; I, 34 und 5, 2 (s. u. Anhang 3).
39 In der Arithmetik wird das Verständnis z. B. der Flächen- und Körperzahlen durch die Ver¬
wendung von Zeichnungen gefördert; vgl. etwa Boeth. arithm. 2, 17 p. 101, 16-18.
2. Grundlagen der Wissenschaftssystematik 37

deren Hilfe das wesentliche Charakteristikum (proprietas) des jeweils un¬


tersuchten Gegenstandes ermittelt werden kann.40
Darüber hinaus nutzt ein Mathematiker die einzelnen vorgestellten Figu¬
ren etc. nicht um ihrer selbst willen, sondern um anhand dieser Instanzen
allgemeine, rationale mathematische Sachverhalte zu erkennen. So bemüht
sich der Geometer nicht um die Erkenntnis eines bestimmten Kreises, der
mit einem bestimmten Durchmesser auf dem Papier zu sehen ist und dann
in der Vorstellung repräsentiert wird, sondern nutzt einzelne Instanzen von
geometrischen Figuren, um zu der allgemeinen Erkenntnis zu gelangen, was
Kreis, Dreieck usw. ihrem Wesen nach sind. Wie Thierry von Chartres
nämlich in Anlehnung an Boethius erläutert, verhält sich der im Wasser
oder im Sand sichtbare Kreis zum Kreis an sich wie das Abbild (imago) zur
Wahrheit.41

Vorstellung und Wahrnehmung stellen also nicht die eigentlichen und aus¬
schließlichen Erkenntnisvermögen dar, die für die Mathematik relevant
sind. Insofern junge Menschen sie viel besser beherrschen als das rationale
und intellektive Denken, beruht das Heranziehen von Wahrnehmung und
Vorstellung auf didaktisch-methodischen Überlegungen. Der Duktus einer
mathematischen Abhandlung orientiert sich zwar an diesen beiden zu Be¬
ginn der Studien leicht aktualisierbaren Erkenntnisvermögen der Schüler,
zielt eigentlich aber auf die Aktivierung des rationalen und intellektiven
Denkens ab. So kann die Mathematik ein Propädeutikum für die mit dem
Intellekt operierende Metaphysik darstellen. Boethius thematisiert diesen
Aufstieg hinsichtlich der Erkenntnisvermögen durch die anschauliche Dar¬
stellung der Legende von »Pythagoras in der Schmiede« (mus. 1, 10f.).42
Festgehalten sei vorerst, dass die Tätigkeit eines Mathematikers Wahr¬
nehmung und Vorstellung nicht gänzlich ausschließen kann — vorausge¬
setzt, er wendet sich den von empirischen Körpern abstrahierten Formen zu.
Beide Erkenntnisvermögen leisten auf ihre Weise einen vorbereitenden
Beitrag zur eigentlichen mathematischen Erkenntnis, die in rationaler Weise
nach wirklich allgemeinen Erkenntnissen strebt und sich nicht mit einzelnen
Vorstellungen mathematischer Gegenstände begnügt.

40 Boeth. in Porph. sec. I 11, v. a. p. 165, 1-7 und p. 166, 2 5.


41 Thierry, lect. in trin. II 20 und 23. Auch gemäß Boeth. trin. 2, 110-117 ist die Form an der
Materie eigentlich ein Abbild (imago), das aus einer immateriellen Form kam, welche die Körper
schafft; vgl. dazu Craemer-Ruegenberg, 70 (mit Verweis auf Chalcidius).
42 S. u. III.2.
38 I. Mathematik im System der Wissenschaften

2.3 Zur Unterordnung der Musik unter die Arithmetik

Als weiteren denkbaren Einwand gegen die Unterteilung der theoretischen


Wissenschaften in Naturwissenschaft, Mathematik und Theologie führt
Thomas von Aquin an, dass diverse praktische Künste, z. B. die Arztkunst,
zur Naturwissenschaft gehören und aus diesem Grunde die Naturwissen¬
schaft als Ganze nicht zu den theoretischen Wissenschaften gezählt werden
kann. Bei seinen Überlegungen differenziert er zwischen verschiedenen
Verhältnissen, die die Wissenschaften zueinander haben können. Eines
darunter ist in unserem Zusammenhang für die Bestimmung des Verhältnis¬
ses zwischen Musik - nota bene: nicht Musiktheorie - und Arithmetik
entscheidend.
Nach der Möglichkeit, dass eine Wissenschaft einen Teil einer anderen
bildet, wie z. B. bei der Botanik und der Naturwissenschaft, erörtert Tho¬
mas die zweite, für uns interessante Variante, dass die eine Wissenschaft
der anderen subaltern ist. Eine solche Konstellation liegt vor, wenn in der
übergeordneten Wissenschaft der Grund (propter quid) für das angegeben
wird, was in der untergeordneten Wissenschaft nur als Faktum {quid) kon¬
statiert wird. So verhält es sich bei der Arztkunst und der Naturwissen¬
schaft, da die Arztkunst bei der Heilung auf die Erkenntnisse der Naturwis¬
senschaft angewiesen ist, v. a. bezüglich der Grundprinzipien physikali¬
scher Veränderung (Elementenlehre), da eine gestörte Mischung der
Elemente im Körper Krankheiten verursacht. Kennt der Arzt diese Grund¬
prinzipien körperlicher Veränderung, kann er medikamentös eine richtige
Balance der Elemente hersteilen. Nach diesem Verständnis kann ein Arzt
zwar z. B. angeben, welches Medikament sich bei welchen Krankheitsbil-
dem bewährt hat, kennt aber die genauen Gründe für die Wirkung der ver¬
abreichten Medizin nicht. Überhaupt kann er weder die Anzahl der Prinzi¬
pien physikalischer Veränderung erklären noch begründen, warum es aus¬
gerechnet diese sind. Er kann sie nur nennen und bei seiner Tätigkeit
beachten. In diesem Sinne stellt Thomas schließlich fest, dass die Naturwis¬
senschaft trotz der Unterordnung der praktisch orientierten Arztkunst selbst
keine praktische Kunst ist. Die Einordnung der Naturwissenschaft als dritte
theoretische Wissenschaft wird durch den Einwand also nicht ernsthaft in
Frage gestellt.
Im Anschluss führt Thomas ein zweites Beispiel für ein solches Subordi¬
nationsverhältnis an: »So ist die Musik unter der Arithmetik enthalten« (sic
musica continetur sub arithmetica). Analog zum Verhältnis zwischen Arzt¬
kunst und Naturwissenschaft beruht die Musik also auf Prinzipien, die sie
selbst nicht begründen kann, sondern die ihr die Wissenschaft Arithmetik
bereitstellt und die sie in spezifischer Weise anwendet. Die Analogie zur
Arztkunst spricht dafür, dass Thomas hier nicht die mathematische Musik-
2. Grundlagen der Wissenschaftssystematik 39

theorie, sondern die praktisch ausgeübte Musik und deren sachliche Abhän¬
gigkeit von der Arithmetik meint. In ähnlicher Weise beschreibt Boethius in
mus. 1, 34 das Verhältnis zwischen ausübendem Musiker und Musiktheore¬
tiker,43 wobei er die Musiktheorie innerhalb des Quadrivium wiederum der
Arithmetik unterordnet.44
Diese Subordinationstheorie vertritt auch Johannes Philoponos im
Kommentar zu Aristoteles’ »Zweiten Analytiken« sowie zu dessen »Phy¬
sik«, wo er dieselben Beispiele wie Thomas verwendet. Aus seiner Kom¬
mentierung geht eindeutig hervor, dass es in dem Beispiel um die praktisch
ausgerichtete Musik (Harmonik) geht, welche der Arithmetik subaltern ist:45
Wie die Optik und die Arztkunst basiert auch die praktisch ausgerichtete
Musik auf der ihr sachlich übergeordneten Arithmetik. Der Musiker stellt
zwar z. B. fest, dass eine Quarte konsonant ist, und kann seine Einschät¬
zung anhand der Saitenlängen auf ein entsprechendes Zahlenverhältnis
zurückführen (in diesem Fall auf ein epitrites). Warum dieses Zahlenver¬
hältnis aber konsonant ist, vermag nur der Arithmetiker zu sagen. Während
sich der praktische Musiker (Harmoniker) einzelnen Substanzen zuwendet,
d. h. sichtbaren und hörbaren Saiten, betrachtet der Mathematiker die bloße
Form ohne Wahrnehmung mittels Abstraktion.
Somit ist die Musik der Arithmetik zweifach subaltern: Die praktische
Musik ist der theoretischen, d. h. der Musiktheorie, untergeordnet und diese
wiederum der Arithmetik, weshalb Thomas verkürzend von einer Subalter¬
nation der praktischen Musik unter die Arithmetik spricht.

2.4 »Früher für uns« und »früher der Sache nach«

Eng verbunden mit dem Aufstieg im Taufe des Erkenntnisweges hin zu


rationalem und intellektivem Denken (vgl. 1.2.2) ist Aristoteles Unter¬
scheidung zwischen dem, was »früher für uns« (xö rcpöxepov f|piv - to prote-
ron hemin), und dem, was »der Sache nach früher« (ixpöxepov zr\ cpuoei -
proteron tei physei) ist. Sie bestimmte wesentlich das neuplatonische Philo¬
sophieren und besitzt auch für Boethius’ Konzeption der Mathematik Rele¬
vanz. Dieser Distinktion liegt der Gedanke zugrunde, dass den erkennbaren
Sachverhalten abhängig vom Grad ihrer Bestimmtheit bzw. ihrem Sein

43 S. u. Anhang 3.5.

45 Philop. "in anal. post. 100, 17-25; 117, 14-26; 118, 29 - 119, 5; 180, 26- 181,7, in Phys.
26 21 - 28, 5. Be! Philoponos’ Ausführungen fällt auf, dass er die Grammatik der Mus.k unter¬
ordnet, leider ohne genauer auf deren Verhältnis einzugehen. Nur Augustinus’ »De musica« bietet
Ausführungen über Rhythmus und Metrik. Boethius hält zwar die Rhythmik für einen Teil der
Musik (mus. 1, 34 p. 225, 11-15), behandelt sie aber in den überlieferten Büchern nicht.
40 I. Mathematik im System der Wissenschaften

(vom gehörten Ton bis hin zum Begreifen der Idee des Schönen) bestimmte
Erkenntnisweisen und -vermögen entsprechen.46
Wie Thomas schreibt, müsste eine übergeordnete Wissenschaft Priorität
vor den ihr untergeordneten Wissenschaften haben. Das gilt insbesondere
für die Theologie. Ihr seien alle anderen Wissenschaften untergeordnet, da
sie deren Prinzipien »beweist« - wie auch die Naturwissenschaft diejenigen
der Arztkunst und die Arithmetik diejenigen der Musik. Man könnte argu¬
mentieren - so Thomas dass die Theologie deshalb auch im Studium
vorrangig behandelt werden müsste und gleich als erste Wissenschaft im
Laufe der Ausbildung auf dem Programm stehen sollte.
In der Tat nimmt die Theologie bei den Neuplatonikem und auch in der
Scholastik den höchsten Rang unter den Wissenschaften ein. Dennoch
unterstreicht Thomas, dass dem Menschen die anderen Wissenschaften
näher liegen, so dass diese zeitlich früher zu studieren sind. Prinzipiell liegt
dem Menschen das Wahrnehmen und damit das Konstatieren von Werden,
Vergehen und Bewegung nahe, während das logisch richtige Schließen oder
die Erkenntnis von Unkörperlichem, wie etwa des Wesens der Gerechtig¬
keit, erst im Laufe des Fortschreitens auf dem Erkenntnisweg und der damit
einhergehenden Übung der entsprechenden geistigen Vermögen einsetzt.
Daher haben gerade die Naturwissenschaften gegenüber der Theologie
zunächst Priorität im Studium. (Es sei daran erinnert, dass Thomas auch
darauf hinweist, dass in den Naturwissenschaften Erfahrung zählt, die ein
junger Mensch noch nicht aufweisen kann, weshalb die Mathematik zum
Einstieg in die Wissenschaft am geeignetsten ist, s. o. 1.2.2.) Dagegen ent¬
ziehen sich die Erkenntnisgegenstände der Metaphysik der unmittelbaren
empirischen Überprüfung und sind somit nicht direkt und ohne Vorkennt¬
nisse einsichtig.
Den Beitrag, den das Studium der untergeordneten Wissenschaften für
das zeitlich später folgende Studium der Theologie leistet, erklärt Thomas
näher: Die innerhalb der Naturwissenschaften getroffenen Bestimmungen
über Werden, Bewegung etc. werden in der Metaphysik als Erkenntnishil¬
fen benutzt, weil sie von den metaphysischen Inhalten sachlich abhängen.
Das Gleiche gilt für die Mathematik im Verhältnis zur Theologie. Die
Theologie bedarf zur Erkenntnis der Substanzen, die von der wahrnehmba¬
ren Materie völlig getrennt sind (substantiae separatae), des Wissens von
Zahl und anderer mathematischer Erkenntnisse.47 So verweist der im ratio-

46 Vgl. Aristot. anal. post. 71b33-72a5, top. 141b3—14, metaph. 1029b3-12, phys. 184al6-26,
an. 413al 1—20, eth. Nikom. 1095a30-b4, Plot. V 9, 1, 1-3 und Philop. in kateg. 50, 4-14 (das der
Sache nach Frühere ist für uns später, das für uns Frühere ist das der Sache nach Zweite).
47 Thomas nennt außerdem die Ordnung der Umläufe der Himmelskörper, was in den Bereich
der Astronomie fällt. Anschließend grenzt er von diesen propädeutischen Wissenschaften diejeni¬
gen ab, die aut das »auf gute Weise Sein« selbst abzielen, wie (praktisch ausgeübte) Musik und
2. Grundlagen der Wissenschaftssystematik 41

nalen Denken begrifflich erfasste Kreis auf seine metaphysischen Prinzipi¬


en (u. a. Identität und Verschiedenheit sowie das damit zusammenhängende
Paar Diskretheit und Kontinuität). Was Identität und Verschiedenheit etc.
selbst jeweils ausmacht, kann zwar anhand des gedachten Kreises nicht
erfasst werden. Dennoch führt der begrifflich erfasste Kreis hin zu diesen
metaphysischen Prinzipien, indem er eine bestimmte konkrete Verwirkli¬
chung von ihnen ist. Wie Thomas darzustellen bemüht ist, findet also kein
Zirkelschluss in dem Sinne statt, dass die Metaphysik auf Basis der Ergeb¬
nisse der untergeordneten Wissenschaften zu den eigenen Erkenntnissen
kommt und diese eigenen Erkenntnisse dann wieder als Prinzipien für die
untergeordneten Wissenschaften bereitstellt. Denn der Beweis des Meta¬
physikers stützt sich nicht auf die vom Naturwissenschaftler (oder Mathe¬
matiker) dargebotenen Prinzipien, sondern auf Prinzipien, die von sich
selbst her einsichtig sind {per se nota). Zu diesen gelangt der Metaphysiker
aber erst im Anschluss an das Studium der Naturwissenschaft und Mathe¬
matik.
Gerade dieser Zusammenhang bedürfte genauerer Untersuchung, zumal
die Wissenschaftlichkeit der Theologie in der Neuzeit bekanntlich umstrit¬
ten ist und somit kaum verständlich sein wird, wie Thomas (in bester plato¬
nischer Tradition) sogar behaupten kann, sie erkenne nicht nur die Prinzipi¬
en aller anderen Wissenschaften, sondern auch noch selbstevidente Prinzi¬
pien. Diese erstaunliche These beruht auf dem Gedanken, dass die
Erkenntnisse der zeitlich vor der Theologie studierten Fächer aufgrund ihres
inhaltlichen Zusammenhanges, der oben mit dem Verhältnis zwischen
Abbild und Vorbild umschrieben wurde, einen heuristischen Wert für die
Erkenntnis der absolut körperlosen Substanzen besitzen, ohne selbst der
eigentliche Erkenntnisgegenstand der Theologie zu sein.4*

Ethik (lect. II q. I a. 1 ad nonum). Auch hier wird (wie oben in 1.2.3) die untergeordnete Stellung
der praktischen Musik im Hinblick auf theologische Erkenntnisse deutlich, ferner aber auch ihre
Bedeutung im menschlichen Leben.
48 Vgl. Thomas’ Prolog zum Traktat in trin., welcher folgendermaßen beginnt: »Da die natür¬
liche Schau des menschlichen Geistes durch das Gewicht des vergänglichen Körpers erschwert
wird, kann sie im ersten Licht der Wahrheit, von dem her alles leicht zu erkennen ist, nicht haften
bleiben Von daher ist es nötig, dass sich das rationale Denken gemäß dem Fortschreiten der
natürlichen Erkenntnis vom Späteren zum Früheren hinwendet und vom Geschaffenen weg hin zu
Gott. Rom. 1, 20: »Sein Unsichtbares [sc. Wesen] wird von der Schöpfung der Welt mittels dessen,
was geschaffen wurde, als Intelligibles erkannt< und Sap. 13, 5: »Ausgehend von der Große der
Schönheit und der Schöpfung kann man ihren Schöpfer in erkenntnishafter Weise erkennen« Das
wird auch in Hiob 36, 25 gesagt: »Alle [sc. Menschen] sehen ihn, ein jeder betrachtet lta von
ferm Denn die Geschöpfe, mittels derer Gott auf natürliche Weise erkannt wird, stehen unendlich
weit von ihm ab.« - Vgl. auch Thomas in trin. lect. II q. I a. 4: »»Da aber die ersten Prinzipien von
der Art sind und sich der Intellekt zu ihnen verhält, wie das Auge einer Eule zum Sonnenlicht, wie
es in metaph. 993b9-ll gesagt wird, obwohl sie an sich am meisten bekannt sind, können wir
42 I. Mathematik im System der Wissenschaften

Boethius stellt den Unterschied zwischen den beiden Arten des »Frühe¬
ren« im zweiten Kommentar zu Porphyrius’ »Eisagoge« dar: Die Gattungen
(z. B. Lebewesen) sind ihren eigenen Arten (z. B. Mensch und Esel) von
Natur aus primär {priora), denn aus ihnen »fließen« die Arten. Analog sei
ganz klar, dass die Arten ihren Unterarten bzw. den ihnen untergeordneten
Individuen (z. B. Sokrates) gegenüber primär sind. Dem menschlichen
Erkenntnisweg nach aber wird das Untergeordnete zuerst und damit als
Primäres erkannt:49

Was aber primär ist, das wird zuerst erkannt und ist von Natur aus bekannter als das
Folgende. Denn auf zwei Weisen wird etwas als »primär« und »bekannt« bezeichnet
- nämlich uns entsprechend und gemäß der Natur. Denn uns ist jenes am meisten
bekannt, was nahe liegt, wie die Individuen, dann die Arten, schließlich die Gattun¬
gen; aber von Natur aus ist genau umgekehrt das uns am meisten bekannt, was uns
am geringsten nahe liegt. In der Tat werden deshalb die Gattungen, je weiter sie von
uns entfernt sind, desto stärker hell und von Natur aus bekannt sein.

Offen bleibt an dieser Stelle, aus welchem Grunde das uns von Natur aus
Bekannte erst am Ende eines mühevollen und langen Erkenntnisweges
begriffen werden kann. Das platonische Höhlengleichnis hilft hier mit sei¬
ner Darstellung eines beschwerlichen und gestuften Weges aus den Tiefen
der Höhle hin zur Sonne weiter: Es weist darauf hin, dass alle Mühen zur
höchsten Erkenntnis von etwas völlig Einfachem und Einleuchtendem füh¬
ren, nämlich der Quelle allen Seins und Erkennens, deren Anblick dennoch
ohne Vorbereitung und Aufstieg nicht erträglich ist, wie Sokrates mehrfach
betont.50 Die absolute Evidenz der höchsten Erkenntnis ist demnach nur mit
einer adäquaten Erkenntnistätigkeit zu erfassen, die ein Mensch ohne Vor¬
bereitung nicht zu leisten vermag.

Aus dem Gesagten ergibt sich (mindestens) eine Aporie, die Thomas selbst
nicht aufwirft, die aber für den mathematischen Kontext von Wichtigkeit
ist: In 1.2.3 wurde der Arithmetik (Zahltheorie) die sachliche Priorität vor
der Musik sowie im Vorausblick auf II.2.5.2 vor der Musiktheorie als der
Disziplin von den Zahlenverhältnissen zugesprochen. Zahl geht nämlich

mittels des natürlichen Lichtes des Denkens nicht zu ihnen gelangen, es sei denn, insofern wir zu
ihnen mittels ihrer Wirkungen geführt werden.«
49 Boeth. in Porph. sec. I 9 p. 157, 16 - 158, 2: quae vero priora sunt, ea et praenoscuntur et
notiora sunt sequentibus naturaliter. duobus enim modis prirnum aliquid et notum dicitur, secun-
dum nos scilicet et secundum naturam. nobis enim illa magis cognita sunt quae sunt proxima, ut
individua, dehinc species, postremo genera, at vero natura converso modo ea sunt magis cognita
quae nobis minime proxima. atque ideo quamlibet se longius a nobis genera protulerint, tanto
magis erunt lucida et naturaliter nota. Dass Boethius nicht allein eine Priorität der Gattungen und
Arten im Rahmen der Logik anspricht, sondern ihnen auch ein universales Sein außerhalb der
Körper zuzugestehen geneigt ist, deutet er nur an (ebd. I 11 p. 167, 8-20).
50 Plat. pol. 514a 1—52lb 11.
2. Grundlagen der Wissenschaftssystematik 43

Zahlenverhältnis voraus, weshalb die Arithmetik der Musiktheorie sachlich


vorgeordnet ist. Die Arithmetik enthält außerdem die Prinzipien der Geo¬
metrie und Astronomie. Es scheint also plausibel zu sein, dass die Arithme¬
tik analog zur Theologie als letzte der vier mathematischen Wissenschaften
studiert werden müsste. Denn die von ihr abgeleiteten übrigen drei mathe¬
matischen Wissenschaften werden zunächst aufgrund ihres Bezuges zum
Wahrnehmbaren und Vorstellbaren dem menschlichen Erkennen viel näher
liegen als die auf den ersten Blick abstrakt erscheinende Arithmetik. Wie
dem Proömium von Boethius’ Arithmetikschrift zu entnehmen ist, plädiert
dieser allerdings dafür, dass die Arithmetik als Mutter der übrigen mathe¬
matischen Wissenschaften zuerst studiert wird.51
Soweit ich sehe, wird dieses Problem in den antiken mathematischen
Schriften nicht erörtert. Ein naheliegendes Argument dafür, dass es sich um
einen auflösbaren Widerspruch handelt, wäre das folgende: Die Arithmetik
ist in dem Sinne Prinzip und Mutter52 der aus ihr entspringenden drei weite¬
ren mathematischen Wissenschaften, dass sie diese bereits in sich umfasst,
ohne sie selbst voll zu entwickeln. So enthält die Arithmetik bereits in nuce
die Grundmöglichkeiten von Zahlenverhältnis, Fläche, Körper etc., expli¬
ziert sie aber nur auf arithmetischer Ebene zur Erhellung des Wesens von
Zahl, wie G. Radke überzeugend gezeigt hat.53 Im Unterschied zur sachli¬
chen Distanz zwischen Mathematik und Naturwissenschaft oder zwischen
Theologie und Mathematik, die sich sowohl in der Unterschiedlichkeit der
jeweiligen Erkenntnisse als auch der entsprechenden Erkenntnisvermögen
manifestiert, weisen die vier quadrivialen Fächer demnach einen starken
inneren Zusammenhalt auf. Darauf bezieht sich auch die Rede von der
engen Gemeinschaft unter den mathematischen Fächern.54 Eine Beschäfti¬
gung mit Astronomie, Geometrie oder Musiktheorie ohne eine vorangehen¬
de Kenntnis von Zahl mittels der Zahltheorie (Arithmetik) wäre deshalb
nicht sinnvoll. Stattdessen dient das Studium der drei untergeordneten Fä¬
cher der inhaltlichen Füllung und Differenzierung des bereits in der Arith¬
metik erworbenen Zahlbegriffes. Wollte man das Bild von der Arithmetik
als Mutter weiterführen, dann könnte man sagen, dass die Kinder als solche
nicht ohne die Mutter zu verstehen sind. Hingegen ist es sinnvoll, das von
den Kindern Hervorgebrachte (Optik, Harmonik etc.) zunächst für sich zu
betrachten.

51 S. u. II.2.5 und 4.3.


52 Boeth. arithm. 1, 1 P- 10, 8-10.
53 S. u. Ill.l.lf.
54 Vgl. Plat. pol. 531c9-d4.
44 I. Mathematik im System der Wissenschaften

Die natürliche Richtung beim Erkennen - gleichsam von unten nach oben,
d. h. vom Bekannten zum eigentlichen Inhalt einer jeden Wissenschaft und
den jeweils übergeordneten Wissenschaften - sollte in den einzelnen Lehr¬
werken eingehalten werden.55 Dazu gehört, dass der Schüler nicht mit den
bereits vom Lehrer erarbeiteten und begriffenen Erkenntnissen direkt und
umfassend konfrontiert wird, sondern dass zunächst die Richtung grob
gewiesen und anschließend der Schüler schrittweise zu den Ursachen des
jeweils zu erklärenden Phänomens geführt wird.
Legt man dieses Kriterium an, dann ist Augustinus’ Schrift »De musica«
als vorbildlich einzuschätzen. Er selbst erinnert daran, dass der scheinbare
Umweg in den ersten fünf Büchern (ebenso wie durchaus nötige Wiederho¬
lungen) zwar als niedriger Weg angesehen werden kann, dieser aber seinen
Wert darin findet, dass er zu einem keineswegs nichtigen Besitz - zu ech¬
tem Wissen - führt und den Schüler vor einem »Absturz« bewahren kann.56
Der »Absturz« entspricht hierbei der Blendung dessen, der sich zu schnell
und unvorsichtig aus der platonischen Höhle ans Sonnenlicht wagt, der sich
also überfordert und keine gründliche Basis für spätere Erkenntnisfort¬
schritte gelegt hat.57
Dass Boethius seinen Schüler in ähnlicher Weise sehr sorgfältig und in
kleinen Schritten durch sein Musiklehrbuch führt, zeigt schon ein erster
Blick auf die Disposition der Schrift.58 So ist das gesamte erste der fünf
Bücher als Inhaltsübersicht des zu behandelnden Stoffes gestaltet. Ferner
wird die Möglichkeit zur empirischen Überprüfung der musiktheoretischen
Berechnungen gegeben und erläutert. Die einzelnen Probleme werden aus¬
führlich dargestellt, z. B. widmet Boethius der Teilung des Ganztones in
seine wichtigsten Teile das gesamte dritte Buch. Wer die dort enthaltenen

55 Wie in neuplatonischen Aristoteles-Kommentaren eingeschätzt wird, hat Aristoteles selbst


die Unterscheidung zwischen dem »früher für uns« und dem »früher der Sache nach« beachtet;
vgl. etwa Aristot. phys. 200b21-25 und dazu Philop. in phys. 346, 10 - 347, 11.
56 Aug. mus. VI 1, 1.
57 Vgl. Plat. pol. 515c4—d8. — Zu bedenken ist bei Augustinus, dass er gemäß seinen eigenen
Aussagen (mus. VI 17, 59) für Nichtchristen schreibt, welche anscheinend der Reinigung durch
die »funkelnden rationalen Denkbewegungen« (scintillantibus humanis ratiocinationibus) bedür¬
fen. Bei ihnen besteht ansonsten die Gefahr des Absturzes. Christen hingegen »werden durch das
überaus mächtige lodernde Feuer der Liebe gereinigt« (validissimo et flagrantissimo caritatis igne
purgantur). Eine in christlichen Schriften immer wieder umstrittene Tendenz, eine Kompensation
wissenschaftlichen Erkennens durch religiöse Hingabe für möglich und richtig zu halten, mag
dieser Äußerung entnommen werden. Aber Augustinus erteilt hier der Wissenschaft insgesamt
keineswegs eine Absage: Ein Christ bedarf nur insofern des Studiums von »De musica« nicht, als
sie lehrt, dass menschliches Sein und Erkennen nicht im Menschen selbst gründen, sondern auf
einen letzten, höchsten Grund zurückzuführen sind. Diese Einsicht besitzt ein Christ bereits.
58 Vgl. auch den Aufbau des »Trostes der Philosophie«; Boethius lässt die »Philosophie« den
Dialog jeweils genau auf dem Niveau führen, das dem sich graduell bessernden geistigen Zustand
ihres >Patienten< entspricht.
2. Grundlagen der Wissenschaftssystematik 45

sehr differenzierten Berechnungen genau studiert hat, wird nie wieder daran
zweifeln können, dass Boethius gegen den Empiriker Aristoxenos in dem
Punkt Recht behält, dass ein Ganzton nicht in zwei gleiche Teile geteilt
werden kann, und kann auf dieser Erkenntnisbasis in der Musiktheorie
weiter fortschreiten.
Das »Spätere für uns«, d. h. die unmittelbaren arithmetischen Prinzipien
der Musiktheorie, führt Boethius (bzw. seine griechische Vorlage) lediglich
im zweiten Buch der Musikschrift auf, erläutert sich aber nicht (s. u.
III. 1.2). Da Boethius davon ausgeht, dass der Leser der »Musiktheorie« die
»Arithmetik« bereits kennt, ist eine umfassende Behandlung auch nicht zu
erwarten, zumal in der »Einführung in die Arithmetik« analog vorgegangen
wird: Die Verbindung zu den intelligiblen Prinzipien der rational fassbaren
Zahltheorie - Selbigkeit und Verschiedenheit - wird zwar hergestellt, aber
diese selbst werden im Rahmen der Arithmetik nicht untersucht.
Die thematische Beschränkung in beiden Einführungsschriften erschwert
dem neuzeitlichen Interpreten die Rekonstruktion des inneren Zusammen¬
hanges der mathematischen Disziplinen, was das Heranziehen relevanter
Texte aus dem thematischen Umfeld und überhaupt neuplatonischer Kon¬
zepte umso dringlicher macht.

2.5 Das immateriell »Seiende« als Inhalt einer Wissenschaft

Auch den Vorschlag, Naturwissenschaft und Mathematik unter die Theolo¬


gie zu subsumieren und sie nicht als eigenständige Wissenschaften gelten
zu lassen, lehnt Thomas ab. Zwar betrachte die Theologie in der Tat das
Seiende59 und es sei auch richtig, dass die von der Naturwissenschaft unter¬
suchte bewegte Substanz ebenso wie die Quantität der Mathematik zum
Seienden zählen. Dennoch argumentiert Thomas dagegen, die Gegenstände
dieser beiden Wissenschaften als Gegenstände der Metaphysik aufzufassen.
Zum Hintergrund dieses Einwandes und seiner Lösung sei zunächst an
die eingangs zitierte Passage Boeth. trin. 2, 81-83 erinnert. Dort hieß es:
Gott ist die »Form selbst« (forma ipsa), die in der Theologie beti achtet
wird. Sie ist das »Sein selbst« (esse ipsum) und aus ihr ist das Sem (ex qua
esse est). Die Gleichsetzung von »Form selbst« und »Sein selbst« weist
darauf hin, dass mit »Sein« »Bestimmt-Sein« gemeint ist, da eine Form
gestaltet und begrenzt - also in jeder Hinsicht Form und somit Bestimmt¬
heit verleiht. Da Gott als Schöpfer selbst die Quelle aller Bestimmtheit ist,
kann er als »Form selbst« oder als »Sein selbst« angesprochen werden,

59 Zum Seinsbegriff s. u. II.3.5.


46 I. Mathematik im System der Wissenschaften

auch wenn er Form und Sein noch transzendiert.60 Alles von Gott Geschaf¬
fene ist etwas Seiendes, wobei sich die Metaphysik als Wissenschaft vom
wahrhaft Seienden der unsichtbaren Schöpfung widmet.
Innerhalb dessen, was in irgendeiner Weise bestimmt und deshalb er¬
kennbar ist, werden verschiedene Grade der Bestimmtheit unterschieden,
was als ontologischer Komparativ bezeichnet wird.61 Grundsätzlich ausei¬
nanderzuhalten sind dabei die von Boethius in der oben zitierten Passage
aus »De trinitate« differenzierten Ebenen von Bestimmtheit/Form/Sein:
einerseits Bestimmtheiten an empirischen Körpern und andererseits deren
immaterielle Voraussetzungen, die in noch viel höherem Grade (bestimmt)
sind, da sie die Fülle der einzelnen Verwirklichungsmöglichkeiten in sich
enthalten, z. B. Kreis oder Schönheit. Innerhalb beider Bereiche werden
weitere Differenzierungen vorgenommen. So ist unter den immateriellen
Formen etwa zwischen den für die Mathematik relevanten Begriffen Kreis,
Dreieck etc. und deren Voraussetzungen (Einheit, Vielheit, Identität, Ver¬
schiedenheit etc.) zu unterscheiden. Nur Fetztere fallen unter die Betrach¬
tung des Theologen bzw. des Metaphysikers. Seine Gegenstände sind in
besonderem Maße seiend, d. h. in höchstem Maße etwas Bestimmtes. Des¬
halb wird auch nur die Theologie als die Wissenschaft vom Seienden im
eigentlichen Sinne bezeichnet. Die anderen Wissenschaften gelten als Wis¬
senschaften vom in geringerem Maße Seienden.
Nun wird vielleicht die im vorangegangenen Abschnitt angeführte Aus¬
sage von Thomas, dass die Theologie die Prinzipien der Mathematik und
der Naturwissenschaften in sich enthält, etwas plausibler: Sie ist umfassen¬
der und enthält potentiell alle anderen Wissenschaften in sich, weil ihre
Inhalte am meisten bestimmt bzw. seiend sind. Hier kann also keine nach
oben hin immer abstrakter und inhaltlich ärmer werdende Wissenschafts¬
hierarchie vorliegen. Ganz im Gegenteil vertreten Boethius und Thomas die
Auffassung, dass mit dem Abstieg von der Theologie nach unten die Be¬
stimmtheit und die Fülle der jeweils betrachteten Sachverhalte abnehmen.
Als Beispiel dazu lässt sich die Unterscheidung zwischen Gottes Vorsehung

60 Wie Thierry, comm. trin. II 17, ausführt, entsteht kein Widerspruch, wenn man Gott als das
»Sein selbst« und als »Ursprung allen Seins« bezeichnet. Denn auch wenn Gott nach biblischem
Beleg (Exod. 3, 14) von sich sagt, »Der, der ist ...«, könne das nicht bedeuten, dass Gott am Sein
teilhabe, sondern dass er das Seiende selbst sei, aus dem alles sein Sein hat. Andernfalls wäre er
als Anteilnehmender von etwas Verschiedenem bestimmt, ermangelte also dieser Bestimmung,
verlöre Autarkie und seinen Status als Quelle allen Seins. In ähnlicher Weise diskutiert Boethius in
cons. 3, 10, 37-59, dass Gott und das höchste Gut ein und derselbe bzw. dasselbe sind. Bestünde
ein Unterschied zwischen beiden, dann müsste jemand den Gott sowie ferner eine Verbindung
zwischen beiden geschaffen haben, was die Ansetzung eines noch höheren Prinzips bzw. Gottes
zur Folge hätte.
61 Vgl. Plat. pol. 476e6^179e9 und Aristot. metaph. 1029a5f. (die Form »ist« mehr als die Ma¬
terie und deshalb auch gegenüber der Konstellation aus beiden primär); s. u. 11.3.5.5.
2. Grundlagen der Wissenschaftssystematik 47

(providentia) und dem irdischen Schicksal (fatum) anführen, die Boethius


im »Trost der Philosophie« trifft: Während Gott das Vergangene, Gegen¬
wärtige und Zukünftige alles auf einmal zwar in ganzer Fülle, aber dennoch
in völliger Einfachheit und der Zeit enthoben (aeternitas) weiß, faltet das
Schicksal diese Fülle in die Zeitlichkeit aus.62 Führt man sich also allein die
Fülle des historischen irdischen Geschehens vor Augen und gemäß Boethi¬
us dazu noch den Reichtum des unkörperlichen Seins, was alles seinen
letzten Ursprung in Gott hat, dann kann man ansatzweise erahnen, welche
inhaltliche Fülle Boethius dem höchsten Seienden bzw. Gott selbst zuer¬
kannt hat. Wäre dem nicht so, könnte Boethius weder sinnvoll behaupten,
dass aus Gott überhaupt etwas hervorgeht,63 noch dass die Theologie die
höchste und umfassendste Wissenschaft ist.
Naturwissenschaft, Mathematik und Metaphysik sollen jeweils etwas
Immaterielles erfassen. Da verschiedene Arten der Materie differenziert
werden (individuelle und allgemeine Materie des Wahrnehmbaren, Materie
der Vorstellung und intelligible Materie),64 sei präziser formuliert: Das von
den Wissenschaften jeweils Erkannte entbehrt der individuellen Materie des
Wahrnehmbaren.65 Letztgenannte gilt als Ermöglichungsgrund physikali¬
scher Bewegung und Veränderung, insofern sie gleichsam als Existenz¬
grundlage der einzelnen Formen diese in sich entstehen und vergehen lässt
und damit den irdischen Wandel ermöglicht. Deshalb können die Formen
nur getrennt von ihr als etwas mit sich selbst Identisches eifasst werden.
Mit Hilfe dieser Abstraktion befassen sich auch die Naturwissenschaft und
die Mathematik mit dem (relativ) Unveränderlichen, Immateriellen, Be¬
stimmten66 und somit gut Erkennbaren - dem sogenannten Notwendigen
und Seienden.67

62 Boeth. cons. 4, 6, 1-97 und 5, 6; vgl. auch trin. 4, 231-248.


63 Vgl. Boeth. subst. bon. 77-152.
64 Vgl. Prokl. in Eukl. 49, 4 - 54, 13.
65 Laut Thomas abstrahiert die Naturwissenschaft die Formen von der individuellen Materie
des Wahrnehmbaren und erlangt so z. B. kein Wissen über die Nase von X, sondern über die Nase
im Allgemeinen, wobei die Definition von Nase durchaus die zugrundehegende Materie beinhal¬
tet, nicht aber die individuelle. . ,
66 Bestimmtheit meint auch, dass das zu Erkennende nicht unendlich sein darf, um wirklich
erfasst werden zu können; vgl. Boeth. in Porph. sec. III 8 p. 226, 21 - 227, 3: individua vero quae
sub una quaque sunt specie, infinita sunt vel quod tarn multa sunt diversisque locts posita, ut
scientia numeroque includi comprehendique non possint, vel quod in generatwne et corruptume
posita nunc quidem incipiunt esse, nunc vero desinunt. Für die Arithmetik ergibt sich daraus die
Konsequenz, dass weder das Unendliche noch irrationale Zahlen behandelt werden^
67 Vgl Boeth. in Porph. sec. I 11 (zur Abstraktion einer Lime von einem Körper). Man
könnte fragen, warum in der Mathematik nur Quantitatives betrachtet wird während doch auch
andere Formen (wie Farbe) von der Materie abstrahiert werden können. Mit anderen Worten.
Müsste man nicht - wenn die Mathematik nur auf das abstrahierte Quantitative beschrankt ist
eine oder mehrere weitere Wissenschaften annehmen, die sich auf die übrigen abstrahierbaren
Formen richtet oder richten? Thomas stellt diese Frage zwar nicht, beantwortet sie aber: Es mus-
48 I. Mathematik im System der Wissenschaften

2.6 Zusammenfassung: Dreiteilung der Wissenschaften

Gemäß der anfangs zitierten Passage aus Boethius’ Schrift »De trinitate«
und gemäß Thomas’ kommentierendem Traktat beruht die besprochene
Wissenschaftseinteilung auf der Unterscheidung zwischen Materie und
Form (dazu genauer s. u. 1.2.7). Halten wir für den Moment fest, dass unter
Form etwas Bestimmendes, Formendes verstanden wurde, während die
Materie diese Bestimmung aufnimmt, dadurch zu etwas Bestimmtem und
als solches erkennbar wird. Vor diesem Hintergrund wird Thomas’ Zu¬
sammenfassung der Dreiteilung der theoretischen Wissenschaften nachvoll¬
ziehbar: Sachverhalte (Bestimmtheiten, Formen, Seiendes) werden von den
theoretischen Wissenschaften an sich, d. h. getrennt von der Materie des
Wahrnehmbaren und der physikalischen Bewegung, betrachtet. Zum Teil
müssen sie erst abstrahiert werden, so dass sich eine Stufung dieser Sach¬
verhalte und dementsprechend der theoretischen Wissenschaften »gemäß
dem Grad der Trennung« (secundum ordinem remotionis) von der Materie
ergibt. Die Kriterien für diese Stufung sind:

1. die Trennung von der Materie »gemäß dem Sein« (secundum esse), also
die Frage betreffend, ob der Sachverhalt von Natur aus zusammen mit
oder getrennt von Materie vorliegt (inabstracta oder abstracto) und
2. die Trennung von der Materie hinsichtlich der Erfassung, also der Er¬
kenntnisweise (secundum rationem vel intellectum).

Durch Kombination der beiden Kriterien bestehen folgende Möglichkeiten:


Etwas kann

T von Natur aus an Materie vorliegen und auch an ihr erkannt werden (Na¬
turwissenschaft) oder
2. von Natur aus an Materie vorliegen, aber ohne diese Materie erkannt
werden (Mathematik) oder

sen keine weiteren Wissenschaften angenommen werden, da die Quantität einen Körper erst zu
einem Körper macht, der andere Bestimmungen wie Farbe etc. aufnehmen kann. Quantität ist also
eine essentielle Bestimmung des Wahrnehmbaren, die sachlich allen weiteren Bestimmungen
vorausgeht. Zusammen mit der ersten Kategorie (Substanz) erfasst die Quantität das Wesentliche
eines empirischen Gegenstandes, während die restlichen Kategorien Akzidentien betreffen. Diese
werden - v. a. in der Naturwissenschaft - bei der Erkenntnis der Substanz von etwas beiläufig
mitbetrachtet. Da sie nicht in jedem Fall völlig beliebig sind, können sie hierbei durchaus einen
Beitrag zur Erkenntnis der Substanz leisten. Einer eigenen Wissenschaft bedürfen sie indes nicht.
2. Grundlagen der Wissenschaftssystematik 49

3. nicht an Materie vorliegen und auch getrennt von Materie erfasst werden
(Theologie)68 oder
4. nicht an Materie vorliegen, aber an einer Materie erfasst werden.

Die vierte Möglichkeit scheidet allerdings sogleich aus, denn es ist nicht
möglich, dass nicht wahrnehmbare Sachverhalte (etwa die Idee der Gerech¬
tigkeit) als solche an einer Materie wahrgenommen werden. Wenn z. B.
etwas Gerechtes zu beobachten ist, dann hat diese einzelne Handlung nur
Anteil an der Gerechtigkeit. Sie ist nicht die Gerechtigkeit an sich, sondern
eine Instanz oder Verwirklichungsmöglichkeit davon.
Somit unterscheiden Thomas und Boethius drei grundsätzliche Stufen
von erkennbaren Sachverhalten und ordnen sie der jeweiligen theoretischen
Wissenschaft zu. Aufgrund des Form-Materie-Konzeptes kommt Thomas
zu dem Schluss, dass eine vierte theoretische Wissenschaft neben den auf¬
geführten dreien nicht bestehen kann. Wollte man die Berechtigung dieses
Wissenschaftssystems also verifizieren oder falsifizieren, müsste man sich
dem Form-Materie-Konzept im Einzelnen zuwenden und dessen Begrün¬
dung kritisch prüfen.
Die drei Wissenschaften stehen in einem klar definierten Zusammen¬
hang. Vom menschlichen Erkenntnisweg her betrachtet nimmt die Theolo¬
gie den letzten Platz nach den beiden unteren Wissenschaften ein. Laut
Thomas wird sie deshalb mit gutem Recht auch »Metaphysik«, d. h. »über
die Physik bzw. Naturwissenschaft hinaus« (trans physicam) genannt, weil
sie über die Naturwissenschaft hinausgeht, deren Prinzipien enthält und
daher zeitlich erst nach ihr zu erlernen ist. Denn von Natur aus schreiten die
Menschen in der Erkenntnis vom Wahrnehmbaren zum Nicht-
Wahrnehmbaren fort. Hingegen wird die Theologie im Hinblick auf die
sachliche Rangfolge als »erste Philosophie« (philosophia prima) bezeich¬
net, insofern die anderen Wissenschaften von ihr ihre Prinzipien erhalten
und bei deren Aufhebung ihrer Grundlage verlustig gingen. (Thomas unter¬
scheidet zwischen philosophischer Metaphysik und Theologie, fasst hier
aber beides unter dem Oberbegriff »Theologie« zusammen.)69

68 Thomas unterscheidet hierbei das, was niemals an wahrnehmbarer Materie vorkommt (wie
Gott und Engel), und das, was teilweise an Materie vorliegt, wie Substanz, Qualität, Potenz, Akt,
Eines, Vieles etc., womit sich die (philosophische) Theologie beschäftigt.
69 Thomas erklärt den Unterschied zwischen der Metaphysik als philosophischer Theologie
und der Theologie folgendermaßen: Die Metaphysik wendet sich den göttlichen Dingen nicht als
ihrem eigentlichen Inhalt, sondern als Prinzipien ihres Inhaltes zu. Sie beschäftigt sich also nicht
direkt mit den göttlichen Dingen, sondern wird bei der Untersuchung der eigenen Inhalte aut die
göttlichen Dinge verwiesen. Beispielsweise untersucht der Metaphysiker das Sein und die in ihm
enthaltenen Implikationen, ohne sich »dem, der da ist« bzw. der Quelle allen Seins anhand bibli¬
scher Belege zu nähern. Dagegen beschäftigt sich die Theologie ausgehend von der Heiligen
50 I. Mathematik im System der Wissenschaften

Auch die Mathematik (inklusive der Musiktheorie) ist inhaltlich von der
Theologie abhängig, da sie Sachverhalte betrachtet, die nicht voraus¬
setzungslos sind, sondern ohne die Inhalte der Theologie nicht denkbar
wären. Diese Voraussetzungen sind gänzlich von der Materie des Wahr¬
nehmbaren getrennt, z. B. Einheit, Verschiedenheit, Vielheit, Akt, Potenz
und andere rein begrifflich fassbare Sachverhalte. Da die mathematischen
Begriffe (Kreis, Dreieck, mathematische Zahl etc.) einzelne Verwirkli¬
chungsmöglichkeiten dieser metaphysischen Sachverhalte darstellen,
kommt ihnen in geringerem Maße als ihren Prinzipien (Bestimmt-)Sein zu.
Sie sind aber keinesfalls abstrakte, leere Gedankenkonstrukte. Insofern sie
über sich hinaus auf die Erkenntnisgegenstände der Metaphysik verweisen,
besitzen sie eine anagogische Potenz, weshalb die Mathematik zur Vorbe¬
reitung auf die höchsten Studien ausnehmend gut geeignet ist. Vor diesem
Hintergrund ist diese mittlere Wissenschaft weit davon entfernt, praktisch
ausgerichtet zu sein, obwohl sie vom Erkenntnisweg her bei Wahrnehmung
und Vorstellung, also beim für den Menschen Früheren einsetzt.

2.7 Zur Unterscheidung von Form(en) und Materie

Wenn bei Boethius und bei Thomas von Abstraktion die Rede ist, handelt
es sich um die Trennung einer Form von einer Materie. Voraussetzung für
Abstraktion ist, dass Form {forma, griech. e!5oc; - Eidos) und Materie (ma-
teria, griech. iAp - Hyle) an wahrnehmbaren Körpern zwei voneinander
unterscheidbare Aspekte sind, die beide zusammen die wesentlichen Teile
des empirischen Körpers {compositum - »Zusammengesetztes«, griech.
o6v0stov - Syntheton) bilden. Unter einer Form wird dabei im weitesten
Sinne eine Bestimmtheit verstanden, also etwas, was etwas anderes formt
und zu etwas Bestimmtem macht, so dass es als ein solches erkannt werden
kann. So macht eine bestimmte Wärme etwas warm oder eine bestimmte
Kugelform eine zuvor andersförmige wahrnehmbare Materie zu einer ku¬
gelförmigen. Das, was dieser Formung unterliegt - das subiectum (das
»Daruntergelegte«, griech. imoKeipsvov - Hypokeimenon) -, wird als Mate¬
rie angesprochen, z. B. das Wasser, das gewärmt wird, der Klumpen Knete,
der zu einer Kugel geformt wird, oder die Steine und weitere Materialien,
die zu einem Haus geformt werden.70 Wie aus den Beispielen hervorgeht, ist
die zu formende Materie wahrnehmbarer Körper selbst bereits etwas Be¬
stimmtes, also schon irgendwie geformt. Materie ist demnach ein relationa-

Schrift mit den göttlichen Dingen selbst als Inhalt ihrer Wissenschaft (Thomas in trin. lect. II q. I
a.4, responsio).
70 Vgl. Aristot. metaph. 1033a24-1034a8, phys. 189b30-191a22 und Plat. Tim. 48e2-52dl.
2. Grundlagen der Wissenschaftssystematik 51

ler Begriff.71 In der Musiktheorie werden Zahlenverhältnisse analog als


Formen aufgefasst, die bereits vorliegende Töne derart bestimmen, dass sie
das jeweilige Intervall erklingen lassen.72
Eine solche an einem wahrnehmbaren Körper vorliegende Form verwirk¬
licht aber nur eine konkrete Verwirklichungsmöglichkeit einer allgemeinen,
gänzlich immateriellen Form. Boethius schreibt dazu:73

Aus den Formen nämlich, die außerhalb der Materie sind, kamen die Formen, die in
der Materie sind und Körper hervorbringen. Denn die übrigen [sc. Formen], die in
Körpern sind, benennen wir fälschlicher Weise als Formen, während sie Abbilder
sind. Sie werden nämlich den Formen ähnlich gebildet, die nicht in der Materie Be¬
stand haben.

Demnach unterscheiden sich das Dreieck an sich, d. h. der rational begreif¬


bare Sachverhalt Dreieck, und die Form eines bestimmten, sichtbaren Drei¬
ecks, die von einem wahrnehmbaren Körper abstrahiert werden kann. Denn
die Sache Dreieck an sich hat im Unterschied zum abstrahierten Dreieck
keine bestimmte Größe und ist weder rechtwinklig, spitzwinklig noch
stumpfwinklig, was möglich ist, weil sie an überhaupt keiner Materie des
Wahrnehmbaren vorliegt. Dagegen stellt die Form dieses einen sichtbaren
Dreiecks eine von unzähligen Verwirklichungsmöglichkeiten und somit
eine gewaltige Einschränkung gegenüber dem alle diese Möglichkeiten
umfassenden Begriff dar. Da die Form eines solchen, ganz bestimmten
Dreiecks im Vergleich zum Dreieck an sich aufgrund ihrer nur partiellen
Ähnlichkeit lediglich zum Teil das Dreieck-Sein verwirklicht, weist
Boethius darauf hin, dass diese partikuläre Form letztlich keine echte Form
ist.74
Analog verhält sich folgende Konstellation:7^ Wenn ein Künstler einen
Block Marmor zu einer Statue formt, ist sein geistiger Entwurf der immate¬
riellen Form analog und die Bestimmtheit der fertiggestellten Statue ent¬
spricht der Form, welche an der Materie (dem Marmor) vorliegt und von ihr

71 Vgl. Boeth. trin. 2, 83-89: Die Materie einer Statue ist Bronze, die Materie der Bronze wie¬
derum Erde.
72 S. u. III.1.3.
73 Boeth trin 2 113-117: ex his enim formis quae praeter materiam sunt, istae Jormae vene-
runt quae sunt in materia et corpus efficiunt. nam ceteras quae in corporibus sunt abutimur
formas vocantes, dum imagines sint: adsimulantur enim formis his quae non sunt in materia
constitutae. Zur Aktivität der Form im Körper s. u. II.3.5.6.
74 Vgl Boeth in Porph. sec. III 2 p. 199, 12 - 201, 12 zur Unterscheidung der drei Bedeutun¬
gen von species: 1. substantielle Form, wie z. B. Mensch-Sein, 2. Form individueller Körper (vgl.
Aristot metaph 1028b33-1029a7 und Pietsch, 15f.) und 3. Art, die einer Gattung untergeordnet
ist. Auch Philoponos unterscheidet zwischen der Form, welche der Materie transzendent ist (Lo¬
gos) und der an der Materie vorliegenden Form (enhylon Eidos); vgl. m an. 121, 26 30.
75 Boeth. in Porph. sec. IV 11 p. 267, 3 - 268, 8 (basiert auf Anstot. metaph. 1032a32-

1034a8).
52 I. Mathematik im System der Wissenschaften

abstrahiert werden kann. Diese von der Statue gedanklich abtrennbare Form
kann als eine Verwirklichung des Entwurfes angesehen werden, da er auch
andere in sich enthält, z. B. die Umsetzung an einem anderen Marmorblock
(oder je nach Grad der Konkretisierung des Entwurfes sogar an ganz ande¬
ren Materialien) oder in einem anderen Maßstab. Der Entwurf enthält eben¬
so wie die immaterielle Form (Dreieck oder Haus) also mehrere verschie¬
dene Möglichkeiten zur Formung eines wahrnehmbaren Körpers. Bei der
Bildung einer konkreten Instanz wird aus der Fülle der Möglichkeiten eine
einzige verwirklicht und durch die Bindung an die wahrnehmbare Materie
konkret anschaulich, weshalb in der Scholastik dafür der Begriff concretio
(»Konkretion«) geprägt wurde. Das Wort geht auf das Verbum concrescere
(»zusammenwachsen«) zurück und bezeichnet das »Zusammenwachsen«
der partikulären Form mit der von ihr geformten spezifischen Materie.76
Selbst wenn der Künstler nicht aktiv wird und selbst wenn ihm kein
Marmor zur Verfügung steht, gibt es den Künstler, seine Idee und deren
Verwirklichungsmöglichkeiten noch. Unabhängig von der Existenz von
geformten Körpern, von deren Werden und Vergehen, hat dieser Auffas¬
sung nach also die jeweilige immaterielle Form durchaus Bestand. Nur der
sichtbare Körper entsteht und vergeht und unterliegt den übrigen physikali¬
schen Veränderungen, wenn die konkrete Form an ihn herantritt oder ihn
verlässt. Das ist z. B. der Fall, wenn eine Form durch eine andere ersetzt
wird - etwa wenn dem kreisförmig gestalteten Gold eine andere geometri¬
sche Gestalt verliehen wird77 oder der Bildhauer aus seiner Statue eine neue,
kleinere schafft - oder wenn der wahrnehmbare Körper vergeht, z. B. die
Marmorstatue aufgrund der Witterung. Allein die immaterielle Form hat
länger Bestand im Denken des Künstlers oder ist sogar ewig (z. B. im Falle
von Dreieck an sich), da sie nicht mit der wahrnehmbaren Materie in Kon¬
takt kommt. Die einzelne, konkrete Form an einem wahrnehmbaren Körper
hingegen hat getrennt von diesem keinen Bestand, kann aber natürlich in
Erinnerung gerufen werden.
Wie immer wieder in den Texten betont wird, ist physikalische Verände¬
rung erst aufgrund der Verbindung zwischen einer Materie des Wahrnehm¬
baren und den entsprechenden Formen möglich.78 So ist auch beim Bau
eines Hauses nicht das Haus an sich von Veränderungen betroffen, da ja nur

76 Vgl. etwa Gilbert, in trin. I 2, 28f„ und Thomas v. Aquin, ST I 1 q. 13, a. 1 ad 2, zum Un¬
terschied zwischen den an sich perfekten, einfachen, unzusammengesetzten Formen und den an
Körpern vorliegenden Formen in concretione. Die Differenzierung zwischen beiden illustriert
Thomas anhand der Unterscheidung zwischen der Weiße (albedo) und einem bestimmten, konkre¬
ten Weiß (album).
77 Plat. Tim. 50a5-b5.
78 S. o. 27 (Analogon Holz - Wasser und Form - Materie).
2. Grundlagen der Wissenschaftssystematik 53

ein bestimmtes Haus entsteht.79 Analog - so könnte man ergänzen - vergeht


der begrifflich erfassbare Sachverhalt Haus nicht, wenn ein konkretes Haus
abgerissen wird (oder sogar wenn alle existierenden Häuser dem Erdboden
gleichgemacht würden), da er unabhängig vom Fehlen wahrnehmbarer
Instanzen noch immer als etwas Bestimmtes gedacht werden kann, nämlich
als etwas, was Mensch und Tier Schutz vor widrigem Wetter bietet und
deshalb je nach Klima aus geeigneten Materialien bestehen muss.
Boethius schreibt, dass die göttliche Substanz der Materie entbehrt und
sich auf nichts stützt, weshalb sie auch keiner Veränderung unterliegen
kann.80 Veränderung wird hingegen nur an Körpern aufgrund ihrer Materie
vollzogen, wenn sie in Bezug aufeinander tun und leiden können. Da es
körperliche und unkörperliche Substanzen gibt, wie Boethius festhält,81 und
allein den körperlichen die zugrundeliegende Materie eigen ist, können
weder Körper zu Unkörperlichem werden, noch unkörperliche Substanzen
zu Körpern. Es ist auch nicht möglich, dass Unkörperliches untereinander
seine eigenen Formen verändert, da es der dazu notwendigen Materie ent¬
behrt. Nur das Irdische, material Gebundene ist dem Werden und Vergehen
ausgesetzt:82
Wenn so selten feststeht der Welt Gestaltung, wenn sie stetig im Wechsel kreist,
wisse, Menschenglück ist gar wankelmütig, wisse, flüchtig die Güter auch. Eins steht
ewig fest als ein uns Gesetztes: Nichts was irdisch erzeugt, beharrt.

Haben wir bislang betont, dass die konkrete Form eines einzelnen sichtba¬
ren Körpers einen niederen Stellenwert gegenüber der ihr sachlich voraus¬
gehenden Form hat, weil sie zeitlich begrenzt ist und eine Einschi änkung
der Verwirklichungsvielfalt darstellt, muss zugleich auf ihren besonderen
Wert hingewiesen werden. Dadurch, dass solche an wahrnehmbaren Köt-
pem vorliegenden Formen diese zu dem machen, was sie sind, ermöglichen
sie dem Menschen überhaupt erst eine Erkenntnis der Einzeldinge:87 Wie
Aristoteles im siebenten Buch seiner »Metaphysik« laut Thomas Interpre¬
tation sagt, macht die Form (das Eidos) nämlich die Individualität des ein¬
zelnen empirischen Körpers aus. Soll diese erfasst werden, bedarf es einer
kritischen Analyse des Einzeldinges, bei der gründlich zwischen wesentli¬
chen und akzidentellen Bestimmungen sowie der Materie des Gegenstandes
unterschieden werden muss. Eine mangelhafte Analyse eines wahrnehmba¬
ren Körpers hätte eine unvollkommene Gegenstandserkenntnis zur Folge.
Denn ein einzelnes Haus ist z. B. nicht ausschließlich durch seine materiale

79 Aristot. metaph. 1039b20-27.


80 Boeth. trin. 2, 92-102.
81 Boeth. c. Eut. 6, 498-558.
82 Boeth. cons. 2 carm. 3, 13-18 (Übersetzung Gigon).
83 Boeth. in Porph. sec. I 11 p. 166, 2-5.
54 I. Mathematik im System der Wissenschaften

Komponente bestimmt, also dadurch, dass es etwa aus Steinen und Balken
besteht, sondern die Wahl bestimmter Materialien richtet sich i. d. R. nach
der Funktion und damit nach der Form des Gebäudes. Diese kann ermittelt
werden, indem die spezifische architektonische Gestalt beachtet wird. Denn
an Größe, Dachform, Anzahl und Anordnung der Fenster, Räume etc. lässt
sich eher als an den Baumaterialien erkennen, ob es sich um ein Wohnhaus,
eine Kirche, eine Kunsthalle oder eine Klinik handelt.84
Die nicht an der Materie des Wahrnehmbaren vorliegende, unveränderli¬
che, viele Möglichkeiten der konkreten Verwirklichung an wahrnehmbarer
Materie enthaltende Form wird von Plotin und Proklos äukov el5o<; (ahylon
Eidos - »immaterielle Form«) genannt. Platon schreibt an prominenter
Stelle im »Timaios« - worauf sich auch die für unseren Kontext relevanten
mathematischen Traktate z. T. durch wörtliches Zitat beziehen -, dass diese
immaterielle Form immer mit sich selbst identisch bleibt und ein bestimm¬
tes Prinzip ist:85

... ungeworden und unvergänglich, weder zu sich selbst etwas anderes von anders¬
woher aufnehmend, noch selbst zu etwas anderem gehend, unsichtbar und überhaupt
nicht wahrnehmbar, dieses, was das intellektive Erkenntnisvermögen zu schauen
erlöst hat.

Die Einheit aus einer konkreten Form (forma immateriata, evukov e!8og -
enhylon Eidos - »in der Materie befindliche Form«) und der entsprechen¬
den wahrnehmbaren Materie charakterisiert er anschließend folgenderma¬
ßen:86 Sie hat den gleichen Namen wie die immaterielle Form (ein Kreis im
Wasser wird auch »Kreis« genannt, obwohl es sich nur um eine Instanz von
Kreis handelt), ist wahrnehmbar, kann entstehen und ist in ständiger Bewe¬
gung begriffen, ist an einem bestimmten Ort und verlässt ihn wieder beim
Vergehen. Wenn in Naturwissenschaft und Mathematik Formen von Kör¬
pern abstrahiert werden, handelt es sich um diese an der wahrnehmbaren
Materie vorliegenden Formen.

84 Wenn mittels der Abstraktion eine wirkliche Sacherkenntnis erzielt werden soll, darf nicht
eine beliebige Bestimmtheit eines empirischen Körpers herausgelöst werden, sondern es muss eine
wesentliche sein. Es sind also zwei Arten der Abstraktion zu unterscheiden: eine bloße kriterienlo¬
se Subtraktion einer beliebigen Bestimmtheit und eine methodisch geleitete Abtrennung des
wesentlichen Teiles der Bestimmungen. Das Ergebnis der zweiten Abstraktionsart besteht darin,
dass die unwesentlichen Bestimmungen der einzelnen Instanz nicht mehr den Blick für die genuin
sachbestimmenden Formen versperren. Diejenigen sachfremden Zusätze, die ein wahrnehmbares
Dreieck im Unterschied zum Sachverhalt Dreieck hat, werden im Zuge dieser Abstraktion also
wieder eliminiert, d. h. der Prozess der Konkretion wird rückgängig gemacht. Folglich führt diese
als Ermittlung der den Körper wesentlich bestimmenden Form verstandene Abstraktion nicht zu
relativ leeren, abstrakten Ergebnissen; vgl. Radke, 50-89 (zur Aphairesis-Methode und speziell
63-66 zur Unterscheidung der beiden Abstraktionsarten bei Thomas v. Aquin).
85 Plat. Tim. 51e6-52a4.
86 Ebd. 52a4-7.
2. Grundlagen der Wissenschaftssystematik 55

Die getroffenen Unterscheidungen sind auch für Boethius’ Musiktheorie


relevant: Das enhylon Eidos, das eine Materie zahlhaft bestimmt, so dass
sie ein bestimmtes Intervall hervorbringen kann, ist eine einzelne Verwirk¬
lichung einer immateriellen Form, d. h. eines Zahlenverhältnisses. Unter¬
scheiden sich z. B. zwei ansonsten gleiche Saiten in ihrer Länge, die eine
mit 7 cm, die andere mit 14 cm, so dass beide mit 14:7 in einem doppelten
Verhältnis stehen und eine Oktave erklingen lassen können, handelt es sich
lediglich um eine von unzähligen Verwirklichungen des doppelten Verhält¬
nisses bzw. um ein spezifisches enhylon Eidos im Unterschied zum ahylon
Eidos. Denn ein doppeltes Verhältnis könnte auch an anderen Instrumenten,
in anderen Tonlagen, Lautstärken, Zeitdauern etc. im wahrnehmbaren Be¬
reich umgesetzt werden.87

2.8 Zur abstrahierten Form als Operationsgegenstand

Bisher ist noch nicht darauf hingewiesen worden, dass mit der Abstraktion
der wissenschaftliche Erkenntnisprozess erst beginnt und es sich somit bei
den abstrahierten Formen um Operationsgegenstände der Naturwissen¬
schaft und der Mathematik und nicht um die eigentliche Erkenntnis bzw.
den eigentlichen Erkenntnisgegenstand handelt. Weder möchte der Mathe¬
matiker eine Erkenntnis von diesem bestimmten sichtbaren Kreis noch der
Physiker von diesem bestimmten im Experiment fallenden Stein erzielen,
sondern mittels der Abstraktion zu den eigentlichen, unmittelbaren und
allgemeinen Prinzipien physikalischer Bewegung oder zur Erkenntnis des
Wesens von Kreis oder Zahl gelangen. Um den Sachverhalt selbst (das
ahylon Eidos), nicht um seine Instanzen (enhyla Eide), geht es in der Wis¬
senschaft. Das wahre Erkenntnisziel steht also dimensional über den von
ihm abhängigen Instanzen.88 Es ist somit principium (üpxh - Arche), d. h.

87 S. u. III.1.3.
88 Diverse Neuplatoniker kritisieren an Aristoteles, dass er die Auffassung vertreten habe, das
Mathematische sei bloße Abstraktion von wahrnehmbaren Objekten. Somit sei impliziert, dass sie
in keinem Abhängigkeitsverhältnis zu übergeordneten mathematischen Prinzipien, die jede Seele
besitze, stehen (vgl. etwa O'Meara, Pythagoras, 129, in Bezug auf Synan); dagegen Pietsch, 32t.,
im Hinblick auf Aristoteles’ Eidoslehre der Metaphysik: »... der Umstand, daß mit dem im Den¬
ken erfaßten begrifflichen Specificum die Sache selbst erreicht ist, [sc. ist] auch ein deutliches
Indiz gegen die Auffassung, Aristoteles habe ontologische Valenz nur dem jeweils dem Indivi¬
duum °inhärierenden Einzeleidos zuerkennen wollen. Definiert wird nicht das Eidos im Indivi¬
duum denn so müßten sich die jeweiligen Einzele.de einer Species voneinander in gewisser Weise
unterscheiden. Definiert wird nur die Bestimmtheit >Mensch< und genau in dieser Bestimmtheit
liegt ihre sachliche Realität, nicht in der Inkorporation. Ontologisch valent ist primär das nur im
Denken erfaßbare, immaterielle Eidos, das zwar bezogen ist auf die Fülle der an ihm teilhabenden
Individuen, sachlich aber und als das betrachtet, was >Mensch< von sich her ist, ist das Eidos pei se
ein Unikat die Bestimmung als allgemein kommt ihm zu, sofern es auf eine Menge an ihm te.lha-
56 I. Mathematik im System der Wissenschaften

»Anfang«, »Ursprung« oder »Prinzip« seiner einzelnen Verwirklichungs¬


möglichkeiten. In der Ermittlung dieses Prinzips bzw. der jeweiligen Prin¬
zipien besteht die Aufgabe eines jeden Wissenschaftlers.89
Wie Thomas von Aquin ausführt, erkennt unser begriffliches Denken die
Bestimmtheit empirischer Dinge durch eine weitere Abstraktion:90 »Unser
Verstand erkennt das Körperliche, indem er von den Vorstellungen ausge¬
hend abstrahiert« (intellectus noster intelligit materialia abstrahendo a
phantasmatibus). In diesem Sinne hat ein Mathematiker mit der Repräsen¬
tation eines beliebigen, von der wahrnehmbaren Materie abstrahierten Drei¬
ecks (dem abstrahierten enhylon Eidos) noch nicht sein Erkenntnisziel
erreicht, denn anhand dieser Vorstellung, die an die Materie der Vorstellung
gebunden ist, ist er keineswegs in der Lage, das allgemeine Wesen von
Dreieck (die wirklich immaterielle Form) anzugeben. Dass ein vorgestelltes
Dreieck ebenso partikulär ist wie ein sichtbares, ist daran zu erkennen, dass
auch das vorgestellte Dreieck immer nur eine von vielen Möglichkeiten des
Dreieck-Seins verwirklicht - es wird entweder recht-, spitz- oder gleich¬
winklig sein und somit in keiner Weise Dreieck an sich.91
Insofern die einzelne vorgestellte Instanz aber eine Instanz eines ihr
sachlich vorausliegenden allgemeinen Sachverhaltes ist, verweist sie auf
diesen und bietet sich als Ausgangspunkt des Erkenntnisweges hin zur
Erkenntnis des allgemeinen Prinzips an. Der Vorteil gegenüber den ebenso
partikulären Instanzen an der wahrnehmbaren Materie besteht darin, dass
sie (z. B. die vorgestellten Dreiecke) in viel geringerem Maße als die ent¬
sprechenden wahrnehmbaren Instanzen sachfremden Bestimmungen unter¬
liegen (Akzidentien wie Farbe, zugrundeliegendes Material etc.).92 Außer¬

bender Individuen bezogen ist. Je unter einem bestimmten secundum quid also ist das Eidos
Individuum und Allgemeines.«
89 Vgl. Anstot, phys. 184al—16. Wenn dieses Prinzip jeweils als etwas angesehen wird, das in
sich eine Fülle von Verwirklichungsmöglichkeiten hat und deshalb nicht abstrakt und leer ist, ist
es theologisch auch sinnvoll, von Gott als dem höchsten Prinzip zu sprechen, wie es Thierry v.
Chartres im Zusammenhang mit der Unterscheidung zwischen Prinzip und Instanzen hinsichtlich
der drei Wissenschaften tut (lect. in trin. prol. 4: sunt enim tres partes speculatiue: theologia cuius
principium est de sumtno deo, de Trinitate, et inde descendit ad angelicos Spiritus et animas et est
de incorporeis que sunt extra corpora: et mathematica cuius est principium de numeris et inde
descendit ad proporciones et ad magnitudines et est de incorporeis que sunt circa corpora sicut de
linea superficie et de ceteris in hunc modum: et phisica que est de ipsis corporibus et habet prin¬
cipium a quatuor elementis). Thierry zeichnet hier nicht den menschlichen Erkenntnisweg nach,
sondern die sachliche Hierarchie, die dem Weg des menschlichen Erkennens genau entgegenge¬
setzt verläuft, indem sie vom Prinzip ausgeht und dann zu den davon abhängigen Substanzen
kommt.
90 ST I 1 q. 85, a. I.
91 Zur Materie der Vorstellung bei Proklos s. o. 36 Anm. 35.
92 In diesem Sinne ist das Mathematische ein Symbolon: Es verweist in besonders deutlicher
Weise auf sein Piinzip und ist gleichsam ein von Akzidentien relativ gereinigtes Partikuläres- vgl
Radke, 270-274; 287-298 und 304-316.
2. Grundlagen der Wissenschaftssystematik 57

dem sind die vorgestellten Instanzen leichter verfügbar, weil sie ohne das
Vorliegen eines empirischen Gegenstandes immer wieder reproduziert
werden können.
Für die Musiktheorie als mathematischer Disziplin ergibt sich, dass auch
ihr Ziel in der Erkenntnis der gänzlich der Materie enthobenen Formen
(ahyla Eide) besteht, die wesentliche Voraussetzungen für das Sein von
Zahlenverhältnissen und hörbaren Intervallen sind. Wenn diese Erkenntnis¬
gegenstände nicht in den wahrnehmbaren, sich außerhalb des Betrachters
befindenden Dingen liegt, müssem sie im Betrachter selbst bzw. noch
>über< ihm zu verorten sein.93

2.9 Zu den Erkenntnismodi der drei Wissenschaften

Boethius hatte in der oben p. 24 zitierte Passage von »De trinitate« die
Arbeitsweise des Mathematikers als wissenschaftlich, die des Naturwissen¬
schaftlers als rational und die des Theologen als intellektiv bezeichnet.
Diese Aussagen wecken Erstaunen, da rationales wie auch wissenschaftli¬
ches Vorgehen allen Wissenschaften zukommen müsste, wie Thomas bestä¬
tigt. Ferner ist die Bedeutung von »wissenschaftlich« bezüglich der Ma¬
thematik unklar und die intellektive Erkenntnisweise besitzt kein modernes
Pendant, das eine Verständnishilfe sein könnte.

2.9.1 Rationales Erkennen und Naturwissenschaft


Unter rationalem Denken ist ein Erkenntnisprozess (procedere - »voran¬
schreiten«) zu verstehen, bei dem gedanklich von etwas zu etwas anderem
gegangen wird, z. B. wenn man von einem sichtbaren Zeichen wie Rauch
auf dessen Ursache, das Feuer, schließt, wie Thomas in enger Anlehnung an
die neuplatonische bzw. platonisch-aristotelische Lehre in dei Expositio zu
Boethius’ Schrift »De trinitate« ausführt.94 Es handelt sich folglich um
einen Denkakt, der mehrere Aspekte eines Sachverhaltes nacheinander
erfasst und dabei eine bestimmte gedankliche Bewegung von Aspekt zu
Aspekt vollzieht. Daher läuft dieser Erkenntnisakt in der Zeit ab. Das Pro¬
zesshafte kommt im Terminus technicus »diskursiv« (discurrere - »durch¬
laufen«). Diskursivität macht das rationale Denken aus.” Grundsätzlich

93 S. u. III.5; vgl. auch Prokl. in Eukl. 12, 2 - 18, 4: Das Abstrahierte konstituiert nicht die Sa¬
che, sondern die Seele besitzt von sich her bereits die mathematischen Logoi, an die sie sich
mittels der Wahrnehmungen und Vorstellungen wiedererinnert.

94 Lect. II q. II a. 1. ..... s
95 Auf Griechisch heißt das rationale Denken neben Logos auch 5iavoia (Dianoia), wobei öia
in direktem etymologischen Zusammenhang mit lat. dis (»auseinander«) steht und mit 5uo (dyo
»zwei«) verwandt ist. Wörtlich übersetzt heißt dieses Erkenntnisvermögen also »Entzweidenken«.
58 I. Mathematik im System der Wissenschaften

wenden alle drei genannten Wissenschaften diese Erkenntnisweise an, da


sie alle in der Zeit denkend gewisse Schlüsse von etwas auf etwas ziehen,
um etwas Allgemeines zu erkennen.96
Bei der von göttlichen Wesen vollzogenen reinen Intellekterkenntnis hin¬
gegen wird »alles auf einmal« erfasst.97 Daraus resultiert laut Boethius auch
die Unmöglichkeit, Gottes Vorherwissen adäquat zu erfassen, da der
Mensch das an und für sich Teillose bei seiner rationalen Betrachtung zer¬
teilt und somit nicht richtig erkennen kann.98 Um den Unterschied zwischen
beiden Erkenntnisalten zu illustrieren: Wird der Sachverhalt Kreis rational
erfasst, so enthält der Begriff etwa die Teile Linie, Zentrum, Umfang und
Gleichheit, die erst für sich erfasst und dann miteinander im Hinblick auf
die Sache Kreis in Verbindung gebracht werden müssen, wenn Kreis im
geometrischen Sinne etwas ist, bei dem alle Linien, die vom Mittelpunkt
zum Umfang gezogen werden, gleich lang sind. Dagegen erfasst der Intel¬
lekt nicht mehr die genannten Einzelbestimmungen, d. h. er geht im Erken¬
nen nicht die einzelnen voneinander unterschiedenen (distinkten) Teile des
Sachverhaltes Kreis durch, sondern verlässt alle Vielheit, indem er ihn (und
andere denkbare Sachverhalte) in einer überzeitlichen Schau als etwas
Einfaches erfasst. Dieses Einfache zeichnet sich nicht durch Leere und
Abstraktheit aus, sondern umfasst eine Fülle von Möglichkeiten der Kon¬
kretisierung. Gipfelpunkt dieses Aufstieges stellt schließlich die Schau der
einfachsten Einheit aller Einheiten dar. Diese - also Gott - enthält in sich
»zusammengefaltet« (complicite) alles. Eine solche Erkenntnistätigkeit
üben göttliche Wesen (Engel und Gott selbst) aus. Wie Thomas schreibt,
kann sie vom Menschen nur angestrebt werden.
Spezifisch für den Menschen ist dagegen die rationale Erkenntnisweise,
die er bei seiner wissenschaftlichen Betätigung einsetzt. Boethius bezeich¬
net die Begabung mit dem rationalen Denkvermögen (rationabilitas)" als
Formursache des Menschen, was auch in der klassischen Definition des
Menschen als animal rationale mortale (»rationales, sterbliches Lebewe¬
sen«) seinen Niederschlag findet (und sogar bei Boethius’ nicht ernst ge-

Allerdings ist es nicht nur zerteilend tätig, sondern hat auch einen einheitsstiftenden Aspekt, denn
es ist auch dadurch gekennzeichnet, dass es die einzelnen Unterschiede, die es diskursiv an einem
Sachverhalt erfasst hat, im letzten Erkenntnisschritt zu einer Einheit zusammendenkt und auf das
Ganze bezieht; vgl. Radke, 500-506.
96 Vgl. Boeth. cons. 5, 4, 89-i 11, und Radke, 500-517 (zum Zusammenhang zwischen Den¬
ken, Vorstellung und Zeitlichkeit).
97 Boeth. cons. 5, 6, 9f. (tota simul), womit Boethius einen bei Plotin häufig verwendeten Ter¬
minus aufgreift (ndvxa 6poi> - panta homü); vgl. Thierry, glos. trin. II 6-8 (ratio im Unterschied
zu intelligentia und intelligibilitas).
98 Boeth. cons. 3, 9 und 5, 4.
99 Boeth. in Porph. sec. II 3 p. 174, 17.
2. Grundlagen der Wissenschaftssystematik 59

meinter Definition »zweifüßiges rationales Lebewesen«).100 Die Rationalität


begründet hierbei die Eigentümlichkeit der Art (species) im Unterschied zu
Tieren, die ebenfalls der Gattung Lebewesen angehören.
Im Hinblick auf die Naturwissenschaften stellt Thomas in seinem Traktat
zu »De trinitate« fest, dass im Vergleich zu Mathematik und Theologie bei
deren Erkenntnisweise der rationale Aspekt am stärksten ausgeprägt ist, da
ihre Diskursivität am umfassendsten ausfällt. Das bedeutet, dass der Natur¬
wissenschaftler einen besonders breiten Ausschnitt aus dem Spektrum der
menschlichen Erkenntnisvermögen zwischen Sinnlichkeit und Intellekt
aktiviert. Am Anfang seines Erkenntnisweges stehen empirische Beobach¬
tungen. Nach vollzogener Abstraktion von der individuellen Materie eines
Körpers schließt er rational auf dessen unmittelbare Prinzipien, die selbst
nicht wahrnehmbar sind. Beispielsweise erforscht er aufgrund seiner Beob¬
achtungen des Wandels von Wasser zu Wasserdampf oder Eis die Prinzipi¬
en physikalischer Veränderung. Wenn er also von wahrnehmbaren Phäno¬
menen ausgeht, die selbst nicht identisch mit dem zu erkennenden Sachver¬
halt sind, bewegt er sich zwischen den Erkenntnisebenen Wahrnehmung,
Vorstellung und rationales Denken. Im Bilde des platonischen Linien¬
gleichnisses gesprochen betätigt er drei seiner vier Erkenntnisvermögen.
Nur der Intellekt als höchstes und viertes Vermögen kommt nicht unmittel¬
bar zum Einsatz. Auf dem Weg seiner Erkenntnis legt der Naturwissen¬
schaftler hinsichtlich seiner Erkenntnisvermögen also eine weite Strecke
zurück. Da diese Erkenntnisbewegung vergleichsweise umfangreich ist,
kommt ihm in besonderem Maße Diskursivität zu.
Der Mathematiker hingegen ist stärker auf Vorstellung und rationales
Denken beschränkt. Zwar können von wahrnehmbarer Materie abstrahierte
Quantitäten seine Operationsgegenstände bilden. Aber primär ist der Ma¬
thematiker nicht wahmehmend, sondern vorstehend und rational tätig, da er
seine Ergebnisse im Unterschied zum Naturwissenschaftler nicht wieder
mit den jeweiligen wahrnehmbaren Phänomenen in Beziehung setzt. Au¬
ßerdem wendet er sich Quantitäten zu, die selbst nicht sichtbar, dafür aber
Voraussetzung der Wahrnehmbarkeit von Körpern sind, da ein Körper
zunächst dreidimensional in einer bestimmten Größe ausgedehnt sein muss,
um dann Farben usw. aufnehmen zu können.101 Der Theologe denkt aus-

100 Boeth. cons. 5,4, 103-105. . ,


101 Quantität an Körpern ist die Voraussetzung dafür, dass diese überhaupt wahrgenommen
werden können, wie Thomas genauer im Hinblick auf die Abstraktionsleistung des Mathematikers
erläutert Farbe und Gestalt können weder an einem eindimensionalen Punkt vorliegen noch an
zweidimensionalen Flächen, da diesen die dritte Dimension fehlt, auf die eine Farbe aufgetragen
werden könnte. Wenn der Mathematiker also Quantitäten von wahrnehmbaren Körpern abstra¬
hiert, nimmt er gedanklich die Basis der Wahrnehmbarkeit des Körpers weg, die für sich selbst

genommen ebenfalls nicht wahrnehmbar ist.


60 I. Mathematik im System der Wissenschaften

schließlich rational und aktiviert beim wissenschaftlichen Erkennen laut


Thomas keinesfalls seine Wahrnehmung und Vorstellung (s. u. 1.2.9.3).
Die Anzahl der Erkenntnisvermögen, die in den drei Wissenschaften an¬
gewendet werden, nimmt demnach von der Naturwissenschaft über die
Mathematik hin zur Theologie ab. Die Nutzung von Wahrnehmung und
Vorstellung in den Naturwissenschaften schränkt deren Wissenschaftlich¬
keit gemäß Thomas’ Ausführungen nicht notwendig ein, da auch in der
Naturwissenschaft nach der Abstraktion von der individuellen Materie auf
rationale Weise allgemeine Erkenntnisse gewonnen werden und der Natur¬
wissenschaftler nicht bei der Betrachtung der Einzeldinge verharrt. In die¬
sem Sinne kann Boethius der Naturwissenschaft ein rationales Vorgehen
bescheinigen. Ihr kommt dieser Erkenntnismodus zwar nicht als einziger
Wissenschaft zu, aber doch aufgrund der relativ umfangreichen Erkenntnis¬
bewegung im Spektrum der verschiedenen Erkenntnisvermögen in besonde¬
rer Weise.

2.9.2 Wissenschaftliches Erkennen und Mathematik


Wie Thomas erklärt, kommt der Mathematik die Wissen schaffende Er¬
kenntnisweise (disciplinaliter - wörtl.: »in geistig aufnehmender« bzw.
»wissenschaftlicher Weise«) gegenüber Naturwissenschaft und Theologie
vorrangig zu, da in ihr im eigentlichen Sinne gelernt (discere) und sichere
Kenntnis erlangt wird, auf der das entsprechende Wissen (scientia) be¬
ruht.102 Genau diesen Aspekt des Lernens und Erwerbens von Wissen drückt
auch das Wort »Mathematik« aus. Im Griechischen heißt »lernen« pavOavco
(manthanö), »Lernfach«, »Lern- oder Erkenntnisgegenstand« und »Wissen¬
schaft« pd0r|pa (Mathema) und »Unterricht« pä9r|oiq (Mathesis). Mathema¬
tik meint demnach so etwas wie Wissenschaft vom Lernen bzw. vom Lem-
gegenstand. Die Mathematik umfasst laut platonischer Tradition den Lem-
gegenstand schlechthin.103 Er »zieht die Seele vom Gewordenen hin zum
Seienden«, weshalb Platon sein Studium für unumgänglich hält, bevor
richtig philosophiert werden kann.104

102 Disciplina (»Unterricht, »Wissen«, »Wissenschaft«, »Erziehung«) und discipulus (»Schü¬


ler«) sind Nomina zu discipere (»geistig aufnehmen«), nicht zu discere (»lernen«). - Clarenbaldus
v. Arras (12. Jh.) führt in seinem Kommentar zu Boethius' »De trinitate« (28*, 10-25) die Erklä¬
rungen seiner Lehrer an, dass die Mathematik doctrinalis (»unterweisend«) bzw. disciplinalis
(»durch Unterweisung empfangend«) genannt wird, da ihre Sachverhalte im Unterricht nicht durch
Abstraktion, sondern als doctrina (»Lehre«) von den Lehrern vermittelt werden. Eine andere
Ei kläi ungsmöglichkeit bestehe darin zu sagen, dass Menschen zwar mit dem rationalen Denken
begabt sind und deshalb gut und schlecht, wahr und falsch etc. unterscheiden, aber ohne mathema¬
tische Unterweisung kein Wissen erwerben können.
103 S. u. II.2-4.
104 Plat. pol. 521c 1—531 e6 (Entwurf der mathematischen Studien); ebd. 521d3f.: pd0r|pa
v|/uyf|<; öZköv &jiö tou yvyvopsvou fern tö öv.
2. Grundlagen der Wissenschaftssystematik 61

Die Erkenntnisse der Mathematik sind nach Thomas von Aquin in ge¬
wissem Sinne sicherer als die ihrer beiden benachbarten Wissenschaften.
Im Vergleich zur Naturwissenschaft sind sie sicherer, da die Mathematik
bei ihrer Tätigkeit nicht um einen aus Form und Materie zusammengesetz¬
ten Körper kreist, der aufgrund seiner Vielheit an Aspekten die Erkenntnis
erschwert: Das naturwissenschaftlich-schlussfolgernde Erkennen kann nicht
mit absoluter Sicherheit auf wahren Prämissen aufbauen, da diese aus den
empirischen Daten gewonnen werden, die nicht nur wegen des Fehlerpoten¬
tials bei der Auswahl der entsprechenden Parameter und deren Abstraktion
von der individuellen, wahrnehmbaren Materie, sondern auch aufgrund der
Kontingenz im empirischen Bereich ein unsicheres Fundament für wissen¬
schaftliches Arbeiten darstellen.105 Wegen der ständigen Veränderung im
wahrnehmbaren Bereich, die ein sicheres Erfassen von etwas stark er¬
schwert, ist vom Wahrnehmbaren letztlich keine Wissenschaft möglich,
weshalb Naturwissenschaftliches auch im Liniengleichnis nicht eigens unter
dem aufgezählt wird, was erkennbar ist und wovon man ein Wissen erwer¬
ben kann.106
Inwiefern können die mathematischen Erkenntnisse nun im Vergleich zu
den theologischen für in stärkerem Maße sicher gelten? Thomas schreibt,
dass die Bezeichnung der Mathematik als »wissenschaftlich« nicht von der
sachlichen Reihenfolge der Wissenschaften ausgeht, sondern vom mensch¬
lichen Erkenntnisweg. Dabei scheinen zunächst die empirischen Körper die
unmittelbar erkennbare Grundlage einer sicheren Erkenntnis zu sein. Der
Sache nach sind sie es aber nicht. Nur ihre Form, die für sich genommen
ein nicht mehr wahrnehmbares, sondern gedanklich erfassbares Etwas ist,
erweist sich als beständiger und als bestimmt, so dass nur davon Erkenntnis
möglich ist. Wenn die von wahrnehmbaren Körpern abstrahierten Formen
wiederum auf bestimmten Prinzipien beruhen, die selbst gänzlich von der
wahrnehmbaren Materie getrennt sind (substantiac separatae), muss es sich
bei Letzteren um Erkenntnisgegenstände handeln, die im menschlichen
Erkenntnisprozess die (zeitlich) letzten sind. Denn für den zunächst vorran¬
gig wahrnehmenden Menschen kommen sie als Erkenntnisgegenstand kaum
in Frage und werden höchstens als etwas Unkonkretes, der Wahrnehmung
Femliegendes eingeschätzt. Auf die höchste Erkenntnis zugespitzt muss
man sagen, dass die Schöpfung zeitlich früher als ihr Schöpfer erkannt
wird.107 In diesem Sinne kann man - so Thomas - die mathematischen Er¬
kenntnisse für sicherer halten als die theologischen.

105 Vgl. Aristot. anal. post. 87a31-37.


106 Plat. pol. 509d 1 —511 e5. u . ,
107 Vgl. Gilbert, in trin. I 2, 41 (Geschaffenes als Abbild des wahrhaft Seienden).
62 I. Mathematik im System der Wissenschaften

Der mit Rationalität ausgestattete Mensch hat eine Mittelstellung in der


Schöpfung inne, die er im Zuge der theologischen Studien in gewisser Wei¬
se transzendiert. Wie schon festgehalten, stellt die Mathematik eine Wis¬
senschaft dar, die der eigentümlich menschlichen Konstitution entspricht,
weil der Mensch dabei seinem Wesen gemäß rational tätig ist. Die unmit¬
telbaren Prinzipien der Mathematik, auf die er durch seine Erkenntnisbe¬
mühungen stößt, sind zugleich die Voraussetzungen seiner eigenen Rationa¬
lität und somit seines eigenen Seins. Darüber besteht in der langen Wir¬
kungsgeschichte des Platonismus bis ins ausgehende Mittelalter ein
grundsätzlicher Konsens. Mit Plotin gesprochen wendet sich die rationale
menschliche Seele ihrer Voraussetzung, der höheren Hypostase, zu: dem
Intellekt (Nüs, oft mit »Geist« übersetzt), der das Seiende enthält und selbst
ist, insofern er sich selbst denkt.108 Da nach dem allgemeinen christlichen
Glauben Gott selbst die Ideen dieses Intellekts enthält, spricht Augustinus
als Christ von der Aufgabe des Menschen, seine mittlere Position zwischen
Gott und den wahrnehmbaren Körpern zu erkennen und zu wahren, wobei
er sich und sein Leben am Göttlichen ausrichten soll.109 Erst dadurch erfasst
der Mensch die Prinzipien von Rationalität und von Seele und erlangt somit
Selbsterkenntnis - also Wissen im eigentlichen Sinne,110 weshalb man die
Arbeitsweise des Mathematikers durchaus primär als »Wissen schaffend«
bezeichnen kann.

2.9.3 Intellektives Erkennen und Theologie


Der Theologe ist zwar grundsätzlich rational-diskursiv tätig, indem er die
einzelnen Aspekte, die zu einer Sacheinheit gehören, isoliert betrachtet und
wieder in Verbindung bringt. Das Spezifikum seiner Erkenntnis ist aber die
dem göttlichen Erkennen nahekommende intellektive Weise, in der er die
stark von der Einheitlichkeit geprägten geistigen Erkenntnisgegenstände in
einem relativ einheitlichen Denkakt erfasst, z. B. die Prinzipien seiner Ra-

108 S. u. II.3 und III.5.


109 Vgl. das sechste Buch von Aug. mus. - Der Intellekt gilt aber in der christlichen spätanti¬
ken und scholastischen Geistestradition noch immer als das höchste Erkenntnisvermögen des
Menschen, das in ausgesprochen einheitlicher Weise das Seiende erfasst. Zur Verchristlichung der
neuplatonischen Hypostasenlehre Plotins vgl. Elässer im Vorwort zu seiner Ausgabe von Boethi-
us’ theologischen Traktaten, XXIXf.
110 Vgl. Thierry, glos. trin. 11 10: Wer die Stufe der mathematischen Erkenntnis übersteigt,
erhebt sich über sich selbst: »So ist eine Seele tierisch, wenn sie durch die Wahrnehmung und
Vorstellung gefesselt wird. Im Sein des Menschen aber bleibt sie, wenn sie sich dem rationalen
Denken beigesellt, denn dann ist sie im allgemeinen Vermögen der Menschen [sc. Naturwissen¬
schaft], Wenn sie sich aber den Ideen unterwirft und Wissen (disciplina) entsteht, ist sie in be¬
stimmter Weise oberhalb der Menschen, da sie von sich in sich Gebrauch macht [d. h. Mathematik
betreibt]. Aber indem sie zur einfachen Allgemeinheit der Einheiten kaum noch gelangt, aber
dennoch - so sehr sie kann - den auf das Intelligible gerichteten Geist emporhebt, macht sie in der
Tat von sich selbst oberhalb von sich Gebrauch und wird sogar Merkur ähnlich ein Gott.«
2. Grundlagen der Wissenschaftssystematik 63

tionalität und der mathematischen Gegenstände. Könnte er schon »alles auf


einmal« schauen, wäre er der reinen Intellekterkenntnis mächtig, die Engeln
und Gott selbst zugesprochen wird.111 Der Theologe bewegt sich somit in
einem Übergangsbereich zwischen rationalem Denken und reiner Intellekt¬
erkenntnis.
Was mit der reinen Intellekterkenntnis gemeint ist, verdeutlicht die von
Boethius gewählte Analogie:112 Wie sich das rationale Denken zum Intellekt
verhält, so auch die Zeit zur Ewigkeit, der Kreis zum Punkt und die Vielheit
zur Einheit. Gegenüber dem Intellekt ist das rationale Denken also ähnlich
vielheitlich wie alles Zeitliche, das in der Ewigkeit Gottes aufgehoben und
umfasst ist: Ewigkeit ist überzeitlich und besitzt all das auf einmal, was in
der Zeit im Früher, Jetzt und Später entfaltet ist.113 Diesen Zusammenhang
stellt eine Abbildung überaus anschaulich dar, die in der Ausgabe der
»Consolatio philosophiae« von 1501 enthalten ist.114 Wie der Herausgeber
M. Elsässer erläutert, behandelt dieses Bild den Unterschied und Zusam¬
menhang zwischen Ewigkeit und Zeit:115

Die Philosophie verweist Boethius auf den göttlichen Logos, dessen Angesicht den
Mittelpunkt einer kreisförmigen, mit zahllosen Strahlen versehenen Aureole bildet.
Die Strahlen sind nicht nur Ornament, sondern symbolisieren die unendlich vielen
Inhalte, die das göttliche Wissen in einem einzigen ewigen Jetzt präsent hat. Die wie
die Verlängerung einer Radiallinie wirkende Lanze des Menschen im Hintergrund
rechts oben zeigt ebenso wie der Zeigefinger die Beschränkung der Aufmerksamkeit
des menschlichen Bewußtseins auf jeweils einen einzigen raum-zeitlichen Punkt.
Während Gott »alles auf einmal« weiß und daher ein Vorherwissen der Zukunft
besitzt, weiß der Mensch nur im Nacheinander der zeithaften Jetztpunkte. Das Hin¬
einreichen der Lanze in den Strahlenkranz weist auf den Ursprung des menschlichen
Geistes im göttlichen hin. Links vorne sind Platon und sein Schüler Aristoteles zu
sehen; beider Zeittheorien werden im betroffenen Zusammenhang herangezogen.

Wie Boethius im fünften Buch des »Trostes der Philosophie« vorführt, kann
der Mensch aufgrund seiner Rationalität nicht an die göttliche Einfachheit

111 Boeth. cons. 5, 4, 99f.: Das höchste Erkenntnisvermögen, die intelligentia, erfasst etwas
»gewissermaßen mit einem Schlag des Geistes auf formale Weise«, d. h. indem die Form als ganze
vollständig erfasst wird (uno ictu mentis formaliter, ut ita dicam, cuncta prospiciens). Vgl. auc
ebd. 5 carm. 2, 7-14: Der Schöpfer des Alls lässt sich im Gegensatz zum Menschen mcht durch
Körperlichkeit davon abhalten, »was ist, was war und kommen wird, mit einem Schlag des Gei¬
stes« zu erkennen (quae sint, quae fuerint veniantque, uno mentis cernit in ictu). Nur er uberschaut
das Ganze, weshalb man ihn »wahre Sonne« nennen kann. Den Hintergrund bildet hier sicherlich
Platons Sonnengleichnis.
112 Boeth. cons. 4, 6, 74-78. n , .
113 Ebd. 5, 6, 9f.: Die Ewigkeit ist der unzeitliche (;tota simul - »alles auf einmal«), vollendete
Besitz des unbeschränkten Lebens. , „ .
114 Ein Abdruck findet sich in Elässers Ausgabe der theologischen Traktate des Boethius au

p. XXXVI.
115 Ebd. 133f.
64 I. Mathematik im System der Wissenschaften

herankommen, so dass ihm auch eine direkte Erkenntnis der Vorsehung


Gottes verwehrt bleibt. Einfachheit meint hierbei keine inhaltliche Leere,
sondern im Gegenteil extreme Fülle, was in der Mathematik in abbildhafter
Weise zum Tragen kommt: Wie die Einheit Prinzip der Vielheit ist und der
Intellekt die ganze Fülle seiner Inhalte umfasst,"6 so werden von der Eins
ausgehend die Zahlen und auf dieser Basis die Zahlenverhältnisse generiert,
ebenso vom Punkt her alle geometrischen Sachverhalte, wobei alle diese
mathematischen Prinzipien für implikationsreicher und wertvoller gelten als
das, was jeweils aus ihnen hervorgeht. Auf rationale Weise kann sich der
Philosophierende an die göttliche Einfachheit annähem, was zwar nicht alle
Widersprüche lösen wird, aber doch nahe an die Wahrheit heranführen
kann"7 - soweit es möglich und recht ist."8
Wie Boethius sagt (s. o. p. 24), soll sich der Theologe vor dem Zurück¬
fallen in die Vorstellung hüten, wörtlich: »sich nicht zu Vorstellungen zer¬
streuen lassen« (neque diduci ad imaginationes)"9 Diese Formulierung
weist auf die noch stärkere Vielheitlichkeit der Vorstellung gegenüber dem
rationalen Denken und seinen intelligiblen Erkenntnisgegenständen - die
von der wahrnehmbaren Materie völlig getrennten Sachverhalte (substanti-
ae separatae)120 - hin.121

116Ebd. 5, 5, 48-54.
117 Boeth. cons. 5, 4, 5-9 sagt die »Philosophie«: »Der Grund dieser Dunkelheit [sc. hinsicht¬
lich der Frage nach der Vorsehung] liegt darin, dass die Bewegung der menschlichen Vernunft
(ratiocinationis motus) nicht an die Einfachheit des göttlichen Vorauswissens herankommen kann.
Wenn sie sie einmal zu denken vermöchte, so bliebe nichts Zweideutiges zurück« (Übersetzung
Gigon). Vgl. auch ebd. 5, 2.
118 Ebd. 5, 5, 48f.: »wenn wir es vermögen« (s; possumus) und 5, 6, 1-5: »soweit es recht ist«
(.quantum fas est).
119 Für diese Formulierung lobt Thierry v. Chartres Boethius (lect. in trin. II 33), der aller¬
dings statt diduci deduci (»weg-, herab- bzw. verführen«) liest, was aber Ähnliches zum Ausdruck
bringt, da die Hinwendung zu Vielheitlicherem als Abstieg gewertet wurde: Verführung besteht
dort, wo es »Vorstellung« bzw. »Abbild« (imago) gibt. Im Göttlichen gibt es nur Einheit. Wer sich
von ihr abwendet oder wegführen lässt, »steigt« zu Vorstellungen bzw. Abbildern »herab« (de-
scendere). Vorstellungen sind insofern Abbilder, als sie in bestimmten Aspekten konkrete Instan¬
zen von begrifflich erfassbaren Sachverhalten sind, z. B. ein vorgestellter Kreis vom Kreis an sich.
Wenn Gott Quelle aller Schöpfung ist, wird er auch in bestimmter Weise Anfang und Ursprung
aller dieser begrifflich erfassbaren Sachverhalte sein. Sich ihm zuzuwenden muss dann eine
Reduzierung von Partikularität und Vielheit zur Folge haben.
120 Vgl. Thierry, cornm. trin. II 13: Die in der Theologie betrachteten Formen bzw. Gott als
Form der Formen »materialisieren sich selbst ... nie« (nunquam enim [sc. forma diuinitatis]
inmateriatur).
121 Dieselbe Warnung spricht Augustinus aus (mus. VI 11, 32: am schlimmsten sei es, Einbil¬
dungen liir Erkenntnisse zu halten), und zwar genau wie Boethius direkt vor einer metaphysischen
bzw. theologischen Betrachtung. Anschließend erörtert er nämlich die Stellung des Menschen in
der Schöpfung und seine Abhängigkeit im Sein und Erkennen (d. h. auch im wahrnehmenden und
denkenden Erkennen der zahlhaften Gleichheit und Ungleichheit in der Musik) vom Schöpfer.
3. Zusammenfassung 65

Bei der diskursiven Betrachtung ist der Theologe gezwungen, alle we¬
sentlichen Aspekte seiner Erkenntnisgegenstände in besonders hohem Grad
zusammenzudenken, sie also gedanklich zu einer Einheit zusammenzufas¬
sen, um zu einem der Sache möglichst adäquaten Begriff zu kommen.
Thomas resümiert in diesem Zusammenhang eine Passage von Dionysius,
in der gesagt ist,122

dass die [sc. menschlichen] Seelen insofern Rationalität haben, als sie diffus123 um die
Wahrheit des Seienden hemmgehen. Und darin bleiben sie hinter den Engeln zurück.
Aber insofern sie vieles zu Einem zusammenfalten (convolvunt), ähneln sie in be¬
stimmter Weise den Engeln.

3. Zusammenfassung

Bei der Mathematik im platonisch geprägten Kontext handelt es sich um


eine vorrangig theoretische Wissenschaft. Im Hinblick auf ihre Erkenntnis¬
gegenstände und ihren Erkenntnismodus nimmt sie eine mittlere Stellung
zwischen Naturwissenschaft und Theologie ein. Die Mathematik geht bei
ihren Untersuchungen von Quantitäten aus, die zwar an wahrnehmbaren
Gegenständen vorliegen (inabstracta), aber für sich selbst unter Vernach¬
lässigung der wahrnehmbaren Materie in der Vorstellung betrachtet werden
und deshalb der physikalischen Veränderung enthoben sind (sine motu).
Die Gemeinsamkeit mit den Naturwissenschaften besteht darin, dass der
Erkenntnis weg des Mathematikers ebenfalls bei empirisch erfassbaren
Körpern beginnt. Außerdem liegt das durch den Mathematiker abstrahierte
Quantitative seinem eigentlichen Sein nach nicht getrennt von der wahr¬
nehmbaren Materie vor. Dennoch trennt er es gedanklich von ihr ab. In
dieser Hinsicht hat die Mathematik mit der Theologie eine Gemeinsamkeit:
Beide befassen sich nicht mit wahrnehmbaren Körpern, die einer physikali¬
schen Veränderung unterliegen, sondern mit immateriellen Formen.
Die mathematischen Sachverhalte können begrifflich erfasst werden,
wenn die Inhalte der Theologie (Sein, Einheit, Vielheit, Identität etc.) vor¬
ausgesetzt werden, da die Mathematik nur Instanzen (d. h. bestimmte etn-

122 Thomas in trin. lect. II q. II a. 1, ad 3 mit Bezug auf Dionys, div. nom. VII 2 12 16
123 Diffusive - »in zerstreuter Weise« (diffundiere - »auseinandergießen«). Diffus und konfus
(,confusum - »zusammengeschüttet«) sind im Platonismus/Aristotehsmus Termini techiuci fiir das,
was nur in geringem Maße Bestimmtheit hat und somit schlecht zu erkennen ist, d. h. für alles
Wahrnehmbare im Unterschied zum dist.nkt Bestimmten (distinctus von distmguere - »unter¬
scheiden«, eigentlich »auseinanderstechen«); vgl. Plat. pol. 524M0-c9: ouYKSXupsva, synkechy-
mena - »zusammengeschüttet«), Stciptopsva, dihörismena - »ausemandergesch.eden« und
Ksxcoptopevov, kechönsmenon - »unterschieden«, »distinkt«. Diese Termin, gebraucht Boethius
auch in mus. 5, 2 (s. u. Anhang 3.7).
66 I. Mathematik im System der Wissenschaften

zelne, konkrete Verwirklichungen) der in der Theologie untersuchten Sach¬


verhalte behandelt. So führt ein Studium der Prinzipien mathematischer
Gegenstände direkt zur Theologie.
Beim Mathematischen ist zwischen den Operationsgegenständen und den
eigentlichen Erkenntnissen bzw. Inhalten der Mathematik zu unterscheiden.
Zu den Operationsgegenständen zählen die einzelnen geometrischen Figu¬
ren des Geometers und die einzelnen Zahlen, mit denen der Mathematiker
umgeht und anhand derer er einen allgemeinen Sachverhalt erkennen möch¬
te. Eine Erkenntnis solcher allgemeinen mathematischen Sachverhalte (z. B.
das Wesen von Dreieck) wird angestrebt, da sie inhaltlich reicher sind als
die von ihr abhängigen Instanzen (z. B. die einzelnen sichtbaren Dreiecke).
So enthält die Definition von Dreieck alle seine Verwirklichungsmöglich-
keiten. Sie gibt das Wesen von Dreieck wieder, so dass mit Hilfe dieses
rational gebildeten Begriffes alle Instanzen auf ihr Dreieck-Sein hin fun¬
diert beurteilt werden können. Analog besteht in der Musiktheorie als Wis¬
senschaft von den Zahlenverhältnissen zwischen den Operationsgegenstän¬
den (z. B. den einzelnen, vom Monochord abstrahierten Zahlenverhältnis-
sen, welche der Saitenlänge entsprechen) und dem eigentlichen
Erkenntnisziel - dem Wesen von Zahlenverhältnis bzw. von harmonischer
Zusammenfügung - ein Unterschied.
Der Weg vom Operationsgegenstand hin zum eigentlichen Erkenntnis¬
ziel zeichnet sich dadurch aus, dass er von der Wahrnehmung zum rationa¬
len Erkennen führt. Denn der Erkenntnisweg des Menschen beginnt nicht
beim sachlich Primären, sondern beim Wahrnehmbaren. Als didaktisch
günstig erweist sich in diesem Zusammenhang das Faktum, dass die Ma¬
thematik Wahrnehmung und Vorstellung nicht ausschließt. Sie eignet sich
deshalb in der platonisch geprägten Ausbildung junger Menschen für den
Übergang vom Wahrnehmen und Vorstellen zum diskursiven Denken und
zur einheitlicheren intellektiven Erkenntnisweise. Letzterer bedient sich der
Theologe. In einem rein geistigen, in besonders starkem Maße von Einheit¬
lichkeit geprägten rational-diskursiven Akt erfasst er das gänzlich nicht
mehr Wahrnehmbare und Vorstellbare.
Die Mathematik befindet sich demnach in einem Spannungsfeld zwi¬
schen Naturwissenschaft und Theologie, d. h. zwischen Empirie und rein
denkendem Erkennen, zwischen dem Wahrnehmbaren und den gänzlich
unkörperlichen Inhalten der Theologie bzw. Philosophie. Daraus ergibt sich
ein Rahmen für die Gestaltung mathematischer Traktate, innerhalb dessen
sie entweder einen bestimmten Bereich näher am Wahrnehmbaren oder am
Metaphysischen abdecken oder das gesamte Spektrum überspannen kön¬
nen. Für die Musiktheorie bedeutet dies, dass sie einerseits unmittelbare
Ursachen hörbarer musikalischer Phänomene erklären kann, was der Na¬
turwissenschaft recht nahe liegt. Eine solche Ausrichtung kann konkrete
3. Zusammenfassung 67

Konsequenzen für das praktische Musizieren nach sich ziehen, da die


Kenntnis der Prinzipien wahrnehmbarer Phänomene richtiges und erfolgrei¬
ches praktisches Tätigsein ermöglicht. Andererseits ist es möglich, dass die
Musiktheorie als Wissenschaft von den Zahlenverhältnissen explizit auf
metaphysische Sachverhalte verweist und somit einen relativ hohen Rang
innerhalb der Wissenschaftshierarchie einnimmt. Und drittens kann ein
musiktheoretischer Traktat das gesamte Spektrum zwischen Wahrnehmba¬
rem und Metaphysischem umfassen. Entsprechend des erläuterten Weges
vom »Früheren für uns« zum »Früheren der Sache nach« ist es in diesem
Falle möglich, ein solches Musiklehrbuch mit der Behandlung der für den
Menschen relativ leicht verständlichen und vertrauten hörbaren Musik
beginnen zu lassen, um dann zu den immer weniger vertrauten Arten von
Musik überzugehen und schließlich zum Wesen von Musik und Harmonie
zu kommen. Bezüglich Boethius »Musiktheorie« stellt sich also die Frage,
wie sie im Rahmen der skizzierten Möglichkeiten einzuordnen ist. Ihr wird
im dritten Kapitel nachgegangen.
II. Musiktheorie im System des Quadrivium
(Proömium Boeth. arithm.)

Boethius nimmt eine Einteilung der Mathematik in die vier Disziplinen des
Quadrivium im Proömium zu »De institutione arithmetica« (»Einführung in
die Arithmetik«, abgekürzt »arithm.«) vor. Die relativ umfangreiche Stelle
besitzt auch für die Einordnung von »De institutione musica« (»Einführung
in die Musiktheorie«, abgekürzt »mus.«) in das Wissenschaftskonzept des
Quadrivium große Relevanz, da Boethius sein Musiklehrbuch explizit in
den Kontext des Quadrivium stellt, indem er in aller Kürze das Proömium
der Arithmetikschrift rekapituliert.1 Der Sinn der Wiederholung besteht
darin, den Leser an das Ziel der mathematischen Studien - die Erkenntnis
des Seienden - sowie an die Differenzierungen zu erinnern, die dieser Er¬
kenntnisgegenstand aufweist. Aufgrund der Unterschiede im Seienden
etabliert Boethius das Quadrivium als festen Kanon der vier mathemati¬
schen Fächer inklusive der Musiktheorie. Eine Kenntnis dieser Zusammen¬
hänge setzt er bei den Lesern seiner »Musiktheorie« voraus, was für die
vorliegende Studie bedeutet, dass sie vor einer Untersuchung der Konzep¬
tion von »De institutione musica« deren in der »Arithmetik« dargelegte
Einbettung in das Quadrivium zur Kenntnis nehmen muss.

1. Geistesgeschichtlicher Hintergrund

1.1 Boethius im Kontext neuplatonischen Philosophierens über Mathematik

1.1.1 Quellen von »Arithmetik« und »Musiktheorie«


Boethius konservierte als »letzter Römer« und »erster Scholastiker« im
ersten Viertel des sechsten nachchristlichen Jahrhunderts das, was er als
Schätze der griechischen Kultur ansah, in Form von lateinischen Traktaten
und machte sie so dem westlichen Mittelalter zugänglich. Zwar erfüllte er
sein Vorhaben nicht, alle ihm in die Hände fallenden Schriften von Platon
und Aristoteles ins Lateinische zu übertragen.2 Aber allein die Formulie-

1 Boeth. mus. 2, 2f.


2 Boethius plante nicht nur die Übersetzung und Kommentierung aller Platondialoge, sondern
auch aller Werke des Aristoteles, sofern ihm die Texte zur Verfügung stünden; s. o. 17."
1. Geistesgeschichtlicher Hintergrund 69

rung dieses umfangreichen und anspruchsvollen Vorhabens und dessen


Umsetzung im Falle einiger logischer Schriften legen nahe, dass es Boethi-
us mit seinem Plan durchaus ernst war. Das platonisch-aristotelische Ge¬
dankengut, mit dem er durch ein intensives Studium bestens vertraut war
und das er als Neuplatoniker für sachlich miteinander vereinbar hielt, prägte
seinen geistigen Horizont entscheidend, wie seine wohl bekannteste Schrift,
die »Consolatio philosophiae« (»Trost der Philosophie«), eindeutig zeigt.3
Wie dem Proömium von »De institutione arithmetica« zu entnehmen ist,
diente Boethius die »Einführung in die Arithmetik« des Neupythagoreers
Nikomachos von Gerasa (erste Hälfte 2. Jh. n. Chr.) als Vorlage. Diese
griechische Schrift ist erhalten.4 Ob Boethius das - wie aus Exzerpten bei
Jamblich in den »Theologoumena arithmeticae« hervorgeht - theologische
zahltheoretische Werk des Nikomachos (nicht erhalten) oder ähnliche
Schriften kannte, entzieht sich leider unserer Kenntnis. Den Kommentar des
Philoponos kannte Boethius anscheinend nicht. Zumindest hat er zwei von
Philoponos angebrachte Kritikpunkte nicht berücksichtigt: Er verwendet
»Art« statt »einzelnes Element«/»Individuum« und spricht genau wie Ni¬
komachos davon, dass jeder Term mit sich selbst gleich ist, statt »dem
gleichen gleich«, wie Philoponos moniert.5
Dass Nikomachos neben dem »Handbüchlein der Harmonik« eine »Ein¬
führung in die Musiktheorie« verfasst hat, auf deren Grundlage Boethius
die Seine schuf, ist aufgrund der Quellenlage nicht mit Sicherheit zu rekon¬
struieren, wird aber im Allgemeinen im Anschluss an C. M. Bower hin¬
sichtlich der ersten vier Bücher für wahrscheinlich gehalten. Dafür sprechen
v. a. der enge inhaltliche und stilistische Anschluss an die Arithmetikschrift,
der innere sachliche Zusammenhang der ersten vier Bücher sowie das Fak¬
tum, dass darin diverse Versprechen, die Nikomachos im »Handbüchlein
der Harmonik« äußert, mit der Behandlung der jeweiligen Themen einge¬
löst werden.6 Problematisch gestaltet sich hingegen die Beurteilung der
Quellenlage ab dem letzten Kapitel des vierten Buches (mus. 4, 18). Dort
gibt Boethius den Inhalt des Kapitels I 8 aus der »Harmonielehre« des Pto-
lemaios wieder, und alle überlieferten 19 Kapitel des fünften Buches (mit
Ausnahme des kurzen Proömium) können Kapiteln aus dem ersten Buch

3 Vgl. etwa Schmidt-Kohl, passim, der allein anhand sprachlicher Untersuchungen die enge
Verbindung zu Platon herausarbeitet; zu Boeth. in herm. Magee, 1-6, dem zufolge Boethius sich
besonders auf Schriften des Porphyrios stützt. r. . , .
4 Verwendet wird im Folgenden die Ausgabe von Hoche (1866). - Zu besonderem Dan i
ich Thomas Busch verpflichtet, in dessen deutsche Übersetzung der Arithmet.kschr.ft des N.ko-
machos ich Einsicht nehmen durfte. Es bleibt zu hoffen, dass seine Übersetzung mit Anmerkungen

10 '^Bortl.d arithm°p. 47, 23 und Philop. in Nikom. 1 Lemma 132; Boeth. arithm. 2, 43 p.
143, 11 und Philop. in Nikom. 2 Lemma 82.
6 Bower, v. a. Sources, passim; s. u. 259f.
70 II. Musiktheorie im Quadrivium

der »Harmonielehre« zugeordnet werden. Das fünfte Buch bricht nach dem
Kapitel 19 ab, aber die erhaltenen Kapitelüberschriften bis zu Kapitel 30
belegen die Intention, das Buch inhaltlich analog zur »Harmonielehre« des
Ptolemaios fortzuführen. Ob Boethius Ptolemaios’ Werk direkt rezipierte
oder auch vermittels Nikomachos’ Schrift, bleibt ungeklärt.

1.1.2 Überblick über die neuplatonische Mathematiktradition


Die Rezeptionsgeschichte der zahltheoretischen Schrift des Nikomachos
und ein Blick auf Boethius’ geistesgeschichtliches Umfeld belegen eine
rege Auseinandersetzung mit der Mathematik auf Grundlage der griechi¬
schen Arithmetikschrift des Nikomachos. Das ist recht bemerkenswert,
wenn man bedenkt, dass in neuplatonischer Tradition keine beliebigen
Werke kommentiert und studiert wurden. Vielmehr sollten anhand der
Kommentierung schwierige und gehaltvolle Traktate erschlossen und expli¬
ziert werden.7
Ob Boethius einen lateinischen Kommentar zu seiner eigenen Arithme¬
tikschrift plante und überhaupt für nötig hielt, ist nicht belegt. Da er seine
Version besonders leserfreundlich gestaltete, muss man wohl davon ausge¬
hen, dass er sie auch ohne schriftlichen Begleitkommentar für verwendbar
hielt - in welchen Kreisen allerdings und unter wessen Anleitung, kann
aufgrund der mangelhaften Quellenlage nicht festgestellt werden.
Jedenfalls markiert Boethius’ Übertragung ins Lateinische einen Ab¬
schluss der Rezeptionsgeschichte von Nikomachos’ »Arithmetik« in der
Antike, die nun kurz skizziert werden soll.8 Zeitgleich oder kurz vor Niko¬
machos (um 100 n. Chr.) fasste Theon von Smyrna die wichtigsten mathe¬
matischen Kenntnisse zusammen, die zur Platonlektüre unentbehrlich sind.
Nikomachos’ Zeitgenosse Apuleius (125 bis ca. 160 n. Chr.) fertigte eine
lateinische Übersetzung von Nikomachos’ Arithmetikschrift an, die mögli¬
cherweise Augustinus zur Verfügung gestanden hat, heute aber verloren
ist.9

7 Radke, 235: »Das, was Nikomachos bietet, ist sowohl eine elementare als auch eine dialek¬
tisch vollendete Mathematik. Nur so erklärt sich, wieso die Arithmetik des Nikomachos selber
wieder Gegenstand neuplatonischer Kommentare und einer bis in das hohe Mittelalter reichenden
Tradition des Studiums und der Kommentierung dieses Textes werden konnte. Denn die Tatsache,
daß ein Text kommentiert wird, bedeutet - zumindest in dem platonischen Traditionszusammen¬
hang daß die Meinung herrscht, der Text umfasse in sich mehr Inhalte als unmittelbar erfaßt
werden und er müsse in seiner ganzen Bedeutung erst (durch bestimmte Verfahrensweisen) er¬
schlossen werden. Das trifft auf eine einfache Einführung für den Elementarunterricht aber gerade
nicht zu; denn die Darstellungsweise in solchen Schriften orientiert sich ja an dem, was unmittel¬
bar einleuchtend und leicht verständlich sein kann.«
8 Vgl. den ausführlicheren Überblick bei Radke, 235-241, Tarän (ed. Asklepios), 5f„ und u.
die Bibliographie zu den Editionen der genannten Werke.
9 Beierwaltes, Sapientia, 143f.
1. Geistesgeschichtlicher Hintergrund 71

Erwähnung soll auch Nikomachos’ Zeitgenosse Ptolemaios (nach 83 bis


nach 161 n. Chr.) finden, obwohl er kein Philosoph war. Seine »Harmonie¬
lehre« widersprach den neuplatonischen Lehren nicht und wurde deshalb
aufgegriffen, wie aus Porpyhrios’ Kommentar zur genannten Schrift her¬
vorgeht. Die »Harmonielehre« stand - entweder durch die Vermittlung von
Nikomachos oder sogar direkt - als Vorbild für das Ende von Boethius’
Musiklehrbuch Pate.10
Die im dritten und Anfang des vierten Jahrhunderts wirkenden Philoso¬
phen Plotin,* 11 Porphyrios und Jamblich12 befassten sich intensiv mit dem
ontologischen Status von Zahl, wobei Jamblich (ca. 250-330 n. Chr.) direkt
Nikomachos’ Arithmetikschrift kommentierte.
Im lateinischen Schrifttum um die Wende zum fünften Jahrhundert fällt
besonders der Kirchenvater Augustinus (354-430 n. Chr.) als Rezipient
neuplatonischen Gedankengutes auf. Wie »De musica« demonstriert, ist
auch bei Augustinus von einer guten Kenntnis der mathematischen Grund¬
lagen im hier behandelten Sinne auszugehen.13 Etwa zeitgleich mit Augus¬
tinus wirkten Chalcidius, ein christlicher Neuplatoniker (475. Jh.), der eine
kommentierte Teilübersetzung von Platons »Timaios« verfasste (eine we¬
sentliche Quelle der platonischen Kosmologie und Physik im Mittelalter),
sowie Macrobius, dessen Kommentar zum »Somnium Scipionis« im Mit¬
telalter stark rezipiert wurde. Dieser ausführliche Kommentar interpretiert
die an den platonischen Er-Mythos14 angelehnte Vision in Ciceros »De re
publica« in neuplatonischer Weise. Da die Entstehung der Weltseele bei
Platon mittels harmonischer Verhältnisse dargestellt ist, enthält Macrobius’
Kommentar ausführliche zahltheoretische Betrachtungen.13 Mit der Revisi¬
on dieser Schrift durch Symmachus war Boethius vertraut.16
Auch aus dem griechisch schreibenden Kreis der Neuplatoniker sind tra¬
ditionelle zahltheoretische Passagen überliefert, etwa in Proklos’ Kommen-

10 s. u. III.5.1.4.
11 Vgl. Plot. V 5, 4 und VI 6; dazu Horn, Plotin, passim.
12 Vgl. O'Meara, Pythagoras, passim.
13 Zur Zahlenphilosophie und ihrer Konstanz in Augustinus’ Werk vgl. Horn, Augustinus,
passim. Deutlich wird der neuplatonische Hintergrund z. B. in den zahltheoretischen Ausführun¬
gen zur Interpretation des biblischen Schöpfungsberichtes im »Gottesstaat« und in »De genesi ad
litteram«. In letztgenanntem Werk (IV 3-5) erörtert Augustinus etwa, dass Zahl ebenso wie
Gewicht und Maß von Gott zwar der Schöpfung gegeben wurden, dass diese aber in Gott nicht in
gleicher Weise wie in der Schöpfung Bestand haben: Gottes Maße sind nicht zu messen und
unveränderlich. Augustinus unterscheidet hier zwischen dem Prinzip und dem daraus Hervorge¬
henden in derselben Weise, wie auch Nikomachos zwischen der intelligiblen und der rationalen
Zahl, s. u. II.4. lf.
14 Plat. pol. 614b2-621b7.
15 Plat Tim. 34b 10—36d7 (Psychogonie = Entstehung der Weltseele); zu den Seelenzahlen im
»Timaios« vgl. Nikom. harm. 8.
16 Boeth. in Porph. pr. I 11 p. 31, 19 — 32, 2.
72 II. Musiktheorie im Quadrivium

tar zum »Timaios« und zu den ersten beiden Büchern von Euklids »Ele¬
menten«. Letztgenannter enthält ein allgemein gehaltenes erstes Vorwort zu
den Grundlagen der neuplatonischen Mathematikkonzeption. Ob Boethius
Zugang zu den Werken des Proklos (ca. 411-485) hatte, ist nicht belegt.17
Außerdem stehen heute noch die griechischen Kommentare von Johan¬
nes Philoponos und Asklepios von Tralles (6. Jh. n. Chr.) zu Nikomachos’
»Einführung in die Arithmetik« zur Verfügung. Die Kommentierung der
beiden Zeitgenossen des Boethius basiert auf einer Vorlesung des Ammo-
nios in Alexandrien.18 Inhaltlich unterscheiden sie sich nicht wesentlich. Es
fällt lediglich auf, dass der Christ Philoponos an wenigen Stellen zum The¬
ma der Ewigkeit der Welt die pagane Auffassung des Ammonios ver¬
schweigt.19 Der Kommentar von Philoponos wird im Folgenden vorrangig
herangezogen, weil von ihm zahlreiche weitere Werke überliefert sind und
so im Unterschied zu Asklepios eine bessere Einordung in sein Gesamtwerk
möglich ist.20
Mit Sicherheit kann konstatiert werden, dass Boethius in einer Zeit lebte,
in der vor den sogenannten dunklen Jahrhunderten in bestimmten Kreisen
noch eine rege Beschäftigung mit mathematischen Texten neuplatonischer
Provenienz zu verzeichnen ist. Ungefähr zur selben Zeit wie Boethius leb¬
ten nicht nur Johannes Philoponos und Asklepios von Tralles, sondern auch
der große Aristoteles-Kommentator Simplikios, außerdem Olympiodor
(Kommentare zum »Gorgias«, »Phaidon« und »Alkibiades I«) und Ps.-
Dionysios Areopagita.21

1.2 Vergleich der Arithmetikschriften des Nikomachos und des Boethius

Die lateinische Version der Einführungsschrift widmete Boethius - wie


auch »De trinitate« - seinem Lehrer und Schwiegervater Symmachus. Aus

17 Auch Proklos’ Vorgänger, Domninos v. Larissa (ca. 445^150 n. Chr., Haupt der Akademie
nach Syrian), verfasste ein zahltheoretisches Werk (ed. Boissonade, Anecdota Graeca vol IV
1832,413-429).
18 Zum Verhältnis der beiden Kommentare zueinander, der Üherlieferungssituation und den
Umständen ihrer Entstehung vgl. Tarän (ed. Asklepios), 5-23.
19 Ebd. 10-12.
20 Philoponos befasste sich intensiv mit den im neuplatonischen Curriculum vorgesehenen
Schriften, wovon mehrere erhaltene (und diverse weitere, dem Titel nach bekannte) Schriften
zeugen, darunter seine Kommentare zu Schriften des Aristoteles (u. a. »Kategorien«, erste und
zweite »Analytiken«, »Physik«, »Über Werden und Vergehen«, »Meteorologica«, »Über die
Seele« und »De generatione animalium«), - Eine Übersetzung des Beginns von Philoponos’
Kommentar zur »Arithmetik« des Nikomachos befindet sich im Anhang 1.3.
21 Das Zahlenverständnis des Areopagiten entspricht insofern dem von Boethius, als auch er
zwischen den materiellen und den eigentlichen, überkosmischen Zahlen unterscheidet (coel. hier.
XIV); zur Unterscheidung einzelner Zahlarten s. u. II.4.1 f.
1. Geistesgeschichtlicher Hintergrund 73

dem Widmungsschreiben geht hervor, dass er um die Vermittlung griechi¬


scher Gelehrsamkeit an seine des Griechischen i. d. R. nicht mehr mächti¬
gen Zeitgenossen bemüht war.22 Diese umfangreiche Arbeit des Überlie-
ferns und Übersetzens ausgewählter Schriften nahm Boethius aufgrund
seiner Wertschätzung der Texte bzw. der entsprechenden Autoritäten auf
sich.23 Eigene Originalität zu demonstrieren oder gar eine genuin eigene
Lehre zu formulieren, war ihm kein Anliegen.24 Diese Tatsache spielt für
den Duktus der folgenden Untersuchung eine bedeutsame Rolle: Sie nimmt
der Frage nach Boethius’ eigener Leistung gleichsam den Wind aus den
Segeln und legt stattdessen eine umso intensivere Untersuchung derjenigen
Lehren nahe, die er des Tradierens für würdig hielt.
Bei der Übertragung von Nikomachos’ Werk konzentrierte sich Boethius
nach eigenen Angaben darauf, die Zahltheorie so aufzubereiten, dass sie
von einem zeitgenössischen Rezipienten verstanden und somit erfolgreich
studiert werden konnte:25

Aber nicht den Plänen eines anderen untertan binde ich selbst mich durch das ganz
enge Gesetz der Übersetzung, sondern betrete, ein wenig freier abschweifend, einen
fremden Weg, nicht die Fußspuren. Denn sowohl das, was über Zahlen von Nikoma¬
chos zu ausführlich erörtert wird, habe ich in gemäßigter Kürze zusammengestellt, als
auch was, zu schnell durchlaufen, einen recht beschränkten Zugang zum Verständnis
gewährte, habe ich durch mäßigen Zusatz erschlossen, so dass wir manchmal zum
Zwecke der Evidenz der Sachverhalte auch von unseren [sc. eigenen] Tabellen und
Figuren Gebrauch machten. Dass uns das viele Nächte und Schweiß kostete, wird der
geistig wache Leser leicht erkennen.

Die folgende Analyse bestätigt diese Aussagen. Boethius’ Arbeitsweise ist


zwar grundsätzlich bekannt, soll aber im folgenden Abschnitt differenzier¬
ter belegt werden: Wenn es nämlich so ist, dass sich Boethius auf seine
Leserschaft einstellte und aus der griechischen Vorlage eine verständlichere
und einfachere Version gestaltete,26 dürfte auch das gemäß C. M. Bower in

22 Boeth. arithm. praef. p. 3, 1 - 5, 24 (Widmungsschreiben).


23 Boeth. arithm. praef. p. 3, 9-13: Boethius schöpft aus »dem Reichtum der griechischen Kul¬
tur bzw. Bildung (litterae)« bzw. »aus den Lehren der Weisheit«; vgl. in Porph. sec. I 1 p. 135, 5-
13: An einer genauen Übertragung der logischen Schrift ist ihm aus inhaltlichen Gründen sehr
gelegen; die Schrift strebt nach der Erkenntnis von Sachverhalten, weshalb er nicht auf eleganten
Ausdruck, sondern auf eine unverfälschte Wiedergabe der Wahrheit Wert legt.
24 Vgl. lambl. in Nikom. 5, 13-25: Auch Jamblichs Ziel besteht nicht in der Vollbringung ei¬
ner eigenen originären Leistung, sondern in der Darstellung dei Theorie des Nikomachos.
25 Boeth. arithm. praef. p. 4, 27 - 5, 5. Auch zu Beginn von »De divisione« (divis. 1, 1-5)
weist Boethius darauf hin, dass er sich auf den Leser einstellt; vgl. Baltes, Boethius, 215, zur
Leistung des Boethius, sich unter schwierigen Arbeitsbedingungen (s. dazu die folgende Anmer¬
kung) den Ansprüchen der Leser anzupassen (mit Verweisen aul die Kommentare zu Aristoteles
»De interpretatione« und zu den »Kategorien«).
26 Vgl. Baltes, Boethius, 215: »Diese und ähnliche aus dem Schulunterricht der Zeit resultie¬
rende Praktiken [sc. die Behandlung von Vorfragen vor der eigentlichen Erklärung] sowie das sich
74 II. Musiktheorie im Quadrivium

ähnlicher Weise entstandene Musiklehrbuch nicht den Differenzierungsgrad


seiner griechischen Quelle(n) besitzen.27 Um die ursprüngliche Intention der
»Musiktheorie« zu ermitteln, müsste eine stärker über den engen Horizont
des Textes hinausgehende Interpretation unter Berücksichtigung der rele¬
vanten Traktate aus dem gedanklichen Umfeld vorgenommen sowie damit
verbunden konstatiert werden, dass Boethius trotz seiner hoch zu schätzen¬
den Ueistung der Vermittlung antiken Gedankengutes an das Mittelalter
aufgrund der Vereinfachungen für eine gewisse Minderung des inhaltlichen
Niveaus der entsprechenden Texte verantwortlich ist. Uetzterem Aspekt,
dessen Untersuchung einen Vergleich zwischen den jeweiligen neuplatoni¬
schen und mittelalterlichen Texten erfordert, soll in dieser Studie aber nicht
nachgegangen werden.

1.2.1 Zur didaktischen Aufbereitung durch Boethius


Wie J.-Y. Guillaumin in seiner Edition von Boethius’ »Einführung in die
Arithmetik« in einem einleitenden Kapitel festhält, folgte Boethius dem
Plan des Nikomachos ziemlich genau.28 Er schrieb im Gegensatz zu Jamb¬
lich, Asklepios und Philoponos weder einen Kommentar, noch erarbeitete
er eine Neufassung des zahltheoretischen Traktates von Nikomachos. Wie
gerade im vorangegangenen Abschnitt gesehen, nahm Boethius Kürzungen
und Erweiterungen vor, um die Verständlichkeit des Gedankenganges für
den zeitgenössischen Leser zu erhöhen. Während er vorrangig beim Proö-
mium kürzte, ist die eigentliche Schrift hauptsächlich durch eine Entzerrung
des zu vermittelnden Stoffes, v. a. durch die Aufteilung in eine größere
Anzahl von Kapiteln und durch Hinzufügen zahlreicher eigener Beispiele,
Erläuterungen und Tabellen, gekennzeichnet.

wiederholende Bemühen des Boethius um Klarheit haben ihm den Tadel der >Dressur< seiner
Leser eingetragen. Man warf ihm ferner >Breite und Geschwätzigkeit vor, die darauf berechnet
sei, >selbst den dümmsten Köpfen eine gewisse Anzahl von Regeln einzubläuen< [C. Prantl,
Geschichte der Logik im Abendlande 1, Berlin 1955, 6811.]. Dieses Urteil ist ungerecht, sofern es
nicht die Schwierigkeiten berücksichtigt, unter welchen Boethius arbeitete. Seine Vorlagen waren
meist Textausgaben mit mehr oder weniger reichen Randnotizen, zum Teil in kurzer und nicht
leicht verständlicher Form, die zu entziffern schon eine Menge Zeit kostete, geschweige denn, sie
in eine geordnete Folge zu bringen und sie für seine Leser in einer anderen Sprache verständlich
zu machen (In Arist. De interpret. II S. 250, 20ff.; 421, lff.). Zudem hat ein solches Urteil zu
wenig bedacht, dass Boethius für ein anderes, philosophisch weniger gebildetes Publikum schrieb
als seine Vorgänger und dass er sich diesem Publikum anpassen musste. Zu diesem Zweck ver¬
fasste er zunächst Werke für Anfänger, denen andere für Fortgeschrittene folgten (In Arist Catee
159 A).« '

27 Bower, Sources, 1-3. Freilich scheint mir das Verhältnis von arithm. zum griechischen Vor¬
bild nicht detailliert genug und v. a. nicht vor dem oben skizzierten Hintergrund erforscht zu sein,
weshalb der folgende Abschnitt die Ergebnisse einer eigenen Untersuchung zusammenfasst.
28 Guillaumin, Edition, XXXIX-XLIV.
1. Geistesgeschichtlicher Hintergrund 75

Guillaumin zählt ca. 20 Auslassungen, ca. 12 Zusätze und einige Neufas¬


sungen auf, ohne sie im Einzelnen auszuwerten. Eine Durchsicht der ange¬
führten Abweichungen des Boethius vom griechischen Original bestätigt,
dass Boethius den arithmetischen Stoff offensichtlich auf der Basis eines
profunden Verständnisses der nikomachischen »Arithmetik« vereinfachend
darstellt.29 Im Folgenden werden die von Boethius vorgenommenen Modi¬
fikationen auf Grundlage der Stellensammlung Guillaumins sowie zusätzli¬
chen, eigenen Beobachtungen differenziert und kategorisiert, um daraus
präzisere Schlussfolgerungen bezüglich seiner Vorgehens weise zu ziehen.

Zunächst zu den Auslassungen: Boethius vermeidet eine Überfrachtung mit


überflüssig scheinenden Beispielen, Hinweisen und Fachausdrücken. Er
unterlässt z. B. im Proömium die Nennung des Terminus technicus »homo¬
nym«.30 Auch der Hinweis darauf, dass die Eins bei der Figurierung von
Flächenzahlen immer zuerst gesetzt wird, fehlt bei Boethius, da der Leser
dies anhand der eingefügten Tabellen bereits bemerkt haben sollte. Boethi¬
us verzichtet auf Wiederholungen31 und Überleitungssätze, die von einem
zum nächsten Thema führen. Auch spezifische sprachliche Erläuterungen,
die für das zeitgenössische Publikum aufgrund fehlender Griechischkennt¬
nisse keine Relevanz mehr besitzen konnten, lässt Boethius beiseite. So fällt
bei ihm die Passage weg, in der die Bezeichnung der Keilzahlen als
»Spheniskoi« auf die keilförmige Gestalt der Wespen (Sphex) zurückge¬
führt wird. Auch die Erläuterung der Bedeutung von »Weisheit« im Proö¬
mium konnte entfallen, da sapientia im Lateinischen primär auf theoreti¬
sche Kenntnisse bezogen wird und kein so weites Bedeutungsspektrum
aufweist wie das griechische Wort oocpia (Sophia).
Zu Guillaumins Liste sind Auslassungen zu ergänzen, die Boethius mit
Rücksicht auf seine römisch-lateinische und v. a. wohl christliche Leser¬
schaft vornimmt, wie die Wendung »beim Zeus«.32

Zusätze erleichtern oftmals das Verständnis des Textes. Das gilt besonders
für das gänzlich neu von Boethius zugefügte Kapitel arithm. 1, 12, in dem
die ungerademalgeraden Zahlen eingehender erläutert werden; ebenso lür 1,
32, in dem Boethius die Bildung aller Zahlenverhältnisse selbst durchführt,
während Nikomachos dem Schüler nur die allgemeinen Bildungsregeln und
zu erwartende Ergebnisse mitteilt. Ferner bietet Boethius zusätzlich Zu¬
sammenfassungen von schon Gesagtem - z. B. in 1, 14, wo das Messen

29 Vgl. Guillaumin, Boece, v. a. 869 und 873.


30 Vgl. Nikom. arithm. 1, 2 p. 3, 15.
31 In Boeth. arithm. 1, 20 wird z. B. nicht noch einmal explizit gesagt, dass die Zahl 1 von sich
her und nicht durch Anteilhabe primär ist; vgl. hingegen Nikom. arithm. 1, 16 p. 44, 11.
32 Nikom. arithm. 1, 12 p. 28, 14f. und 2, 20 p. 117, 17.
76 II. Musiktheorie im Quadrivium

(,metiri) als ein bestimmter Vergleich zweier Zahlen definiert wird, welcher
aber zuvor bereits mehrfach vollzogen wurde und somit de facto bekannt ist
- und zahlreiche weitere Beispiele, Tabellen sowie Erklärungen griechi¬
scher Wörter, etwa in 2, 4 p. 89, 19-25, wo er erläutert, dass der Punkt als
Prinzip der Linie von den Griechen »atomon« (»nicht teilbar«) genannt
wird, da er keine Teile hat. Ein von Boethius allein zu verantwortender
Irrtum findet sich in 2, 43 p. 143, 15, wie Guillaumin konstatiert.33
Besonders interessant sind in Guillaumins Aufzählung einige inhaltlich
relevante Zusätze, darunter die Integration eines anscheinend Euklidischen
Axioms in 2, 6 sowie die Definition von Kreis in 2, 30, die nahelegen, dass
Boethius bei der Abfassung des Traktates bereits in irgendeiner Weise mit
der Euklidischen »Geometrie« vertraut war. Darauf weisen auch die Termi¬
ni technici dux und comes hin, die laut Guillaumin auf eine analoge Be¬
zeichnung bei Euklid im fünften Buch der »Elemente« zurückgehen könn¬
ten, wobei dieses Wortpaar auch bei Cicero und Plinius belegt ist.34 Laut
Cassiodor soll Boethius ja die »Geometrie« des Euklid ins Lateinische
adaptiert haben.35 Dass Boethius in mus. 4, lf. unverkennbar die »Sectio
canonis«, welche Euklid zugeschrieben wurde, verwendet, kann ebenso als
Hinweis auf seine gute mathematische Ausbildung verstanden werden - es
sei denn, man begründet dieses Faktum damit, dass das ihm vorliegende
griechische Musiklehrbuch bereits die »Sectio canonis« aufgriff.
Als auffälligster und inhaltlich umfassendster Zusatz muss das Kapitel 2,
45 gelten, in dem Boethius die drei mathematischen Analogien (arithmeti¬
sche, geometrische und harmonische Reihe) mit drei Staatsformen (Oligar¬
chie, Demokratie, Aristokratie) in Verbindung bringt. Boethius nennt aller¬
dings nicht die Vertreter dieser Lehre und sagt nur, dass gewisse Leute von
einer solchen Zuordnung sprechen. Griechische Parallelen sind zwar be¬
kannt; eine spezielle Quelle kann allerdings nicht verifiziert werden, was
besonders bedauerlich ist, da Boethius eine andere als die tradierte Zuord¬
nung vornimmt.36 Wie unten in III.5.3.2 genauer erörtert wird, kann der
Sinn dieser Analogisierung dennoch rekonstruiert werden. Eine solche
vorzunehmen lag für einen Neuplatoniker nahe, da Platon in der »Politeia«
- was gemäß Platon »Verfassung« im weitesten Sinne bedeutet - die Ver¬
fassung von Staat und menschlicher Seele parallelisiert und im »Timaios«
darstellt, dass die Allseele und die ihr ähnliche menschliche Seele gemäß
mathematischen Analogien geschaffen wurden. Sowohl in einer menschli¬
chen Seele können die ihr quasi in die Wiege gelegten Vermögen bzw.

33 Guillaumin, Edition, 147 Anm. 134.


34 Ebd. 51 Anm. 158.
35 Ebd. XXVI.
36 Vgl. Harvey, v. a. 123-126.
1. Geistesgeschichtlicher Hintergrund 77

zahlhaften Analogien in unterschiedlicher Weise ausgeprägt werden als


auch im Staat, in dem nach platonischer Vorstellung die zahlhafte seelische
Verfassung der Bürger nur in größerem Rahmen als im einzelnen Indivi¬
duum zum Ausdruck kommt.
Wie aus einer anderen Bemerkung in 2, 46 hervorgeht, kannte Boethius
zum Zeitpunkt der Abfassung der »Arithmetik« wohl mindestens den Teil
des »Timaios«, der die Entstehung der Weltseele enthält, und war mit ent¬
sprechenden neuplatonischen Interpretationen vertraut.37 In welchem Maße
er Kenntnis des »Timaios« und der neuplatonischen Kommentierung besaß,
lässt sich anhand der zur Verfügung stehenden Quellen allerdings nicht mit
Sicherheit sagen. Immerhin gehörte der »Timaios« zum zweiten Lektürezy¬
klus im neuplatonischen Unterrichtsprogramm, den Boethius angesichts
seiner nachweislich neuplatonischen Bildung absolviert haben dürfte.38
Dafür spricht auch das Faktum, dass der »Timaios« für die Konzeption
seiner Musiktheorie eine wesentliche Rolle spielt.39

Die von Guillaumin angeführten »reecritures« besitzen keine inhaltliche


Relevanz.40 Hingewiesen sei hier nur auf das homerische Skylla-Beispiel
für das Übermaß, das Boethius durch den vergilischen Geryon ersetzt.41 Die

37 Boeth. arithm. 2, 46 p. 149, 20-23. Dort heißt es: Der folgende Lernstoff, nämlich das Wis¬
sen darum, dass es bei der Vermittlung von Körpern zweier Mitten bedarf, ist für das Studium der
Schaffung des Kosmos in Platons »Timaios« wichtig. Nikomachos spricht hier nur vom Nutzen
für die platonische Lehre (arithm. 2, 24 p. 129, 14-17).
38 Eine Zusammenfassung des Lektürekanons findet sich im Vorwort von Westerinks Edition
der anonymen »Prolegomena«, LXV1I-LXXIV. Zum ersten Lektürezyklus gehörten zehn Platon¬
dialoge (»Alkibiades«, »Gorgias« und »Phaidon« als ethische Dialoge, »Kratylos« und »Theaitet«
als logische, »Sophistes« und »Politikos« als physikalische, »Phaidros« und »Symposion« als
theologische sowie der »Philebos«), zum zweiten der »Timaios« und der »Parmenides«.
39 S. u. III.5.1.2. - Bezüglich Guillaumins Angaben zu Boethius’ Zusätzen sind zwei Richtig¬
stellungen vorzunehmen: Wenn Boethius in 1, 1 sagt, dass es vom Unendlichen keine Wissen¬
schaft gibt, handelt es sich nicht um einen eigenen Zusatz, wie die entsprechende Stelle bei Niko¬
machos (1, 2 p. 5, 5f.) zeigt. - Hinsichtlich 2, 33 unterläuft Guillaumin ein Irrtum: Dass die entste¬
henden Quadratzahlen abwechselnd gerade und ungerade sind, steht auch bei Nikomachos (2, 19
p. 117, 8), wird dort allerdings nur mit einem Wort erwähnt. Boethius muss nicht Jamblichs
Kommentar gekannt haben, um diese knappe Bemerkung bei Nikomachos zu verstehen.
40 Etwas überspitzt ist m. E. Guillaumins Einschätzung, dass die Übertragung von upxoei8f|^
(archoeides - »prinzipienartig«) durch habet quicquam in se principalis intelligentiae (»hat etwas
von prinzipienhafter Einsicht bzw. von prinzipienhaftem Intellekt«) »une etrange maniere de
rendre Nicomaque« sei (Übersetzung, XL1II; zu Boeth. arithm. 1, 15 p. 32, 14f. und Nikom.
arithm. 1, 12 p. 28, 12). Boethius’ Abweichung liegt nach Auffassung Guillaumins oftenbar darin,
dass er einen Zusammenhang zwischen Form (Eidos) und intelligentia, also einerseits dem Wesen
eines Sachverhaltes und andererseits seiner Erkennbarkeit bzw. seiner Erkenntnis herstellt, worin
aber aus neuplatonischer Sicht eher eine Aspektverlagerung bei der Betrachtung ein und desselben
Sachverhaltes denn eine Entstellung zu sehen ist.
41 Boeth. arithm. 1, 19 p. 40, 27 bzw. Nikom. arithm. 1, 14 p. 37, 6-10 und Verg. Aen. VII
662. - Boethius fügt auch einen Vers von Lukrez ein (arithm. 2. 1 p. 77, 13f.).
78 II. Musiktheorie im Quadrivium

kulturspezifische Adaptation geht allerdings nicht so weit, dass Boethius


christliche Ausdrücke verwendet.
Auffällig sind neben den von Guillaumin genannten Modifikationen
zahlreiche kleine Veränderungen, mit Hilfe derer Boethius dem Schüler
Orientierung gibt und ihn zu motivieren beabsichtigt, z. B. zu Beginn von 1,
19, wo Boethius das gerade behandelte Thema abschließt (ähnlich im letz¬
ten Satz des ersten Buches) und die Kürze der Behandlung darauf zurück¬
führt, dass es sich nur um eine einführende Schrift handelt. Mehrfach be¬
zeichnet Boethius einen Sachverhalt als »wunderbar« oder »bewunderns¬
wert« (mirabile), ohne dass die griechische Vorlage derartige
Einschätzungen vornimmt. Damit animiert er den Schüler zum Staunen,
was bekanntlich den Beginn aller Philosophie - verstanden als Suche nach
der Weisheit - darsteht.42 An mehreren Stellen ruft Boethius den Leser zur
Genauigkeit und Wachsamkeit auf43 und involviert den Schüler überhaupt
viel stärker als Nikomachos, indem er ihn häufiger persönlich anspricht44
bzw. durch den z. T. adhortativen Gebrauch der ersten Person Plural in die
Gedankenführung des Traktates einbezieht (»lasst uns nun ...«).

All diese Beobachtungen lassen darauf schließen, dass Boethius nicht nur
darum bemüht war, dem Leser den zu vermittelnden Stoff möglichst gut
verständlich darzubieten und ihm ein Studium der Arithmetikschrift zu
erleichtern. Auch sein eigenes Interesse daran, den Leser für die Lektüre der
Schrift zu begeistern, kann man an den zahlreichen Aufmunterungen, Aus¬
drücken des Staunens über bestimmte arithmetische Sachverhalte und Auf¬
forderungen erkennen. Gerade die Integration von Kapitel 2, 45, das bei
Nikomachos völlig fehlt, kann sowohl als Ausdruck von Boethius’ eigenem
philosophischen Interesse als auch als Versuch verstanden werden, den
Leser durch eine Erinnerung an die Relevanz der Arithmetik für die Philo¬
sophie und speziell die Staatstheorie zum Studium der abschließenden
Kapitel des Arithmetiklehrbuches zu motivieren.

I. 2.2 Schlussfolgerungen zu Boethius’ Kompetenz


J. -Y. Guillaumin bezeichnet die »Arithmetik« als ein Jugendwerk des
Boethius, das er im Alter von ca. 20 Jahren verfasst hat - eine traditionell

42 Aristot. metaph. 982h I2f. (Staunen ist der Beginn des Philosophierens); Beispiele für Aus¬
drücke des Staunens finden sich in Boeth. arithm. 1, 23 p. 48, 26; 1, 27 p. 57, lf.; 2, 2 p. 83, 11; 2,
37 p. 134, 24; vgl. ferner 2, 12 p. 96, 22f.: »denn darin ist diese Subtilität der Natur und eine
unveränderliche Ordnung« (est enim in his haec naturae subtilitas et inmutabilis ordinatio),
wovon sich nichts in Nikom. arithm. 2, 9 findet.
43 Z. B. arithm. 1, 30 p. 64, 4-9.
44 Gleich mehrere Beispiele finden sich in arithm. 1, 32.
1. Geistesgeschichtlicher Hintergrund 79

geteilte Auffassung.45 Als Grundlage dieser Datierung dient einerseits


Boethius’ Einschätzung der Arithmetikschrift als »Erstlingswerk«, wobei
unter primitiae auch nur das erste Stadium einer noch nicht abgeschlosse¬
nen Arbeit verstanden werden kann.46 Außerdem wird angenommen, dass
mathematische Studien zu den ersten Schritten in der philosophischen Aus¬
bildung zählen und die Abfassung eines solchen Werkes dementsprechend
auch in die frühe Schaffensphase des Boethius zu datieren sei. Diese
Schlussfolgerung ist keineswegs notwendig und aus neuplatonischer Per¬
spektive haltlos; diese geht nämlich davon aus, dass ein guter Lehrer beim
Ausüben seiner verantwortungsvollen Aufgabe einen beträchtlichen Wis¬
sensvorsprung besitzen muss. Dies wird etwa im »Trost der Philosophie«
anhand der Person der »Philosophie« deutlich.
Mag Boethius tatsächlich die mathematischen Werke chronologisch ge¬
sehen als erste verfasst haben - ein junger Mensch in dem Sinne, dass er zu
diesem Zeitpunkt noch schlecht ausgebildet und nicht im vollen Besitz
seiner geistigen Kräfte gewesen sei, war er jedenfalls nicht.47 In diesem
Punkt können meine Ergebnisse die schwankende Einschätzung von Guil-
laumin nicht stützen. In einem Beitrag des Jahres 1989 anerkennt er einer¬
seits die intellektuellen Fähigkeiten des Boethius. Dort zeigt er, dass dieser
einen korrupten Satz in der ihm vorliegenden Nikomachos-Handschrift in
eigenständiger und intelligenter Weise zu einem sinnvollen Satz seiner
lateinischen Version transformiert hat.48 In der Edition der Arithmetikschrift
meint er aber, dass Boethius trotz seiner intellektuellen Frühreife aufgrund
mangelnder mathematischer Kompetenz noch nicht dazu fähig gewesen sei,
bei der schwierigen Materie der Arithmetik eigene Innovationen anzubrin¬
gen - selbst wenn er es gewollt hätte.49 Überzeugende Anhaltspunkte für
eine derartige Einschätzung benennt der Autor allerdings nicht.50

45 Vgl. Baltes, Boethius, v. a. 212: Die mathematischen Werke fallen alle in die Zeit vor dem
Konsulat des Boethius (510 n. Chr.). Wegweisend für die Datierung war Brandt, passim; vgl. auch
McKinlay, passim, und De Rijk, Chronology, passim.
46 Boeth. arithm. praef. p. 5, 22. Masi, 68, übersetzt: »beginnings of a new work«, Guillaumin,
Edition, 3: »les premices de mon travail«.
47 Bower, Sources, 28f., verteidigt Boethius gegen den Vorwurf, schlechte Griechischkennt¬
nisse besessen zu haben; eine solche Ansicht hält einer Überprüfung an Boethius’ Schriften nicht
stand, »... for most of his works are built upon Greek sources, and he repeatedly proves himself
able both to understand and to translate the most difficult mathematical, logical, and philosophical

concepts ...«
48 Guillaumin, Boece, passim. Eine geschickte Umstellung lindet sich auch in arithm. 1, 9.
49 Ders., Edition, XL und XLIV.
50 Die Aussagen Guillaumins zur Inkompetenz des Boethius sind nur selten berechtigt.
Boethius unterlaufen in der Tat drei arithmetische Fehler. Er wird aber auch an Stellen kritisiert,
an denen Guillaumin offensichtlich stärker auf den Wortlaut als auf Sinn und Kontext des Textes
fixiert ist, z. B. 224f. Anm. 171. Hier geht es Boethius um die Findung einer Mitte in der Musik,
wobei von drei gleichen Saiten die mittlere in ihrer Spannung verändert wird. Nikomachos hinge-
80 II. Musiktheorie im Quadrivium

Abgesehen davon, dass Boethius nicht das Ziel verfolgte, eine eigenstän¬
dige »Arithmetik« mit neuartigen Inhalten zu schreiben, sondern seine
Aufgabe darin sah, den arithmetischen Stoff zu übermitteln, zu konservie¬
ren und pädagogisch aufzubereiten, finden sich bei einem genauen Ver¬
gleich beider Versionen mehrere Indizien dafür, dass er ein in arithmeti¬
schen Fragen äußerst verständiger Bearbeiter war, der sich nicht erst im
Zuge seiner Übertragung einen ersten Einblick in die pythagoreisch¬
platonische Zahltheorie und auch Philosophie verschaffte, sondern im Ge¬
genteil bereits darin versiert war:51

1. Boethius nimmt keine Veränderungen vor, die den Sinn wesentlich modi¬
fizieren würden, sondern er bewahrt i. d. R. die Inhalte und deren geord¬
nete Darstellung, wie sie von Nikomachos vorgegeben wurden.52
2. Er verwendet selbständig spezifische Termini technici an der richtigen
Stelle. Beispielsweise schreibt er in 1,8 p. 17, 6f., dass die ungerademal¬
geraden Zahlen an den gerademalgeraden und den gerademalungeraden
teilhaben. Nikomachos spricht nur davon, dass sie eine Mitte zwischen
beiden bilden. Ähnlich verwendet er in 1, 10 p. 21, 25 den Terminus »er¬
lösen« (sortitus est): Die gerademalungerade Zahl hat die Natur des Ge¬

gen bespricht die Findung einer Mitte am Monochord, d. h. er verwendet nur eine Saite. Guillau-
min behauptet im Kommentarteil, Boethius habe den von Nikomachos dargestellten Sachverhalt
nicht verstanden und noch nicht die musikalische Gelehrsamkeit besessen, die er erst später in
mus. unter Beweis stellt. Wie der Kommentar des Philoponos (der ja ein Zeitgenosse des Boethius
war) zeigt, scheint der Versuchsautbau mit drei Saiten aber geläufige Praxis gewesen zu sein, so
dass man eher von einer Modernisierung sprechen sollte, die keine »remarques desagreables ä
l’egard de Boece« hervorrufen muss.
51 Vgl. Baltes, Boethius, 209f.: »Wie seine Schriften ausweisen, erhielt Boethius eine hervor¬
ragende Erziehung, zunächst gewiß im Hause des Symmachus, der selbst ein hochgebildeter Mann
war, sich in der lateinischen wie in der griechischen Sprache zu Hause fühlte (Inst, arithm. Praef.
2). ... In Symmachus besaß Boethius also einen hervorragenden geistigen Mentor und wissen¬
schaftlichen Gesprächspartner, der für die bestmögliche Ausbildung seines Zöglings Sorge trug
(cons. 2, 3, 5), und zwar nicht nur in der lateinischen, sondern auch in der griechischen Sprache
und Literatur.« Ob Boethius außerdem in Athen oder Alexandrien oder daheim in Rom unterwie¬
sen wurde, ist nicht mit Sicherheit feststellbar. Letzteres ist nicht unwahrscheinlich: »Denn dass
die Philosophie Platons im lateinischen Westen überhaupt nicht mehr gelehrt wurde, ist eine
vorschnelle Behauptung der modernen Forschung. Gegen sie spricht beispielsweise die Tatsache,
dass Symmachus den hochphilosophischen Kommentar des Macrobius zum Somnium Scipionis
neu herausgab, gegen sie spricht vor allem das Werk des Boethius selbst, das ohne einen platoni¬
schen Hintergrund überhaupt nicht zu verstehen ist.«
52 Etwa verzichtet Boethius bei der Definition von Zahl (arithm. 1, 3) zwar auf die Bestim¬
mung, dass es sich um eine begrenzte Vielheit handelt, da er auch im Proömium die Unterschei¬
dung zwischen Vielheit überhaupt und einzelnen, begrenzten Vielheiten, d. h. Zahlen, nur knapp
angerissen hatte. Aber er übernimmt genau die beiden Bestimmungen, welche die formale (unita-
tum collect io - »Zusammenstellung von Einheiten«) und die materiale Komponente (quantitatis
acervus ex unitatibus profusus - »Haufe von Quantität, der aus Einheiten hervorgeflossen ist«)
von Zahl bezeichnen; vgl. Radke, 161-111.
1. Geistesgeschichtlicher Hintergrund 81

raden erlöst, d. h. sie hat einen bestimmten Platz in der arithmetischen


Ordnung inne und das mit Hilfe eigener Aktivität.53 Nikomachos benutzt
an dieser Stelle keine analogen Formulierungen. Bei beiden finden sich
aber durchgehend Wendungen, die die Aktivität der Formkomponente
von Zahl zum Ausdruck bringen.54 Ferner benutzt Boethius die Termini
»aktual« und »potentiell« selbständig, d. h. er führt sie später als Niko¬
machos, aber im richtigen Kontext und mit dem tradierten Sinn, ein (v. a.
in 1, 20 p. 44, 16-45, 6).
3. Boethius teilt offensichtlich die Auffassung des Nikomachos, dass sämt¬
liche aus ihren Prinzipien abgeleiteten Zahlgattungen und -arten auf na¬
türliche Art und Weise und nicht durch menschliche Konvention so wie
jeweils dargelegt entstehen. Das verdeutlicht die häufige Verwendung
von Formulierungen wie naturaliter (»auf natürliche Weise«), secundum
ordinem (»gemäß der Ordnung«), gignitur (»wird hervorgebracht«, »ent¬
steht«), nascitur (»wird geboren« oder »erzeugt«), procreatur (»wird er¬
zeugt«), sine ulla ordinis interpolatione nascentur (»sie werden ohne
jegliche Verfälschung der Ordnung erzeugt«), exoritur (»entsteht«, »ent¬
springt«), nihil nobis extra machinantibus (»ohne dass wir etwas äußer¬
lich künstlich dazu tun«),55 apparet (»es zeigt sich«), invenitur ([sc. eine
bestimmte Ordnung] »wird aufgefunden«).56 Die durch menschliche
Konvention festgelegten Zahlzeichen (arithm. 2, 4 p. 86, 24 - 87, 13)
hingegen stellen nur einen Versuch dar, die natürliche Ordnung der Zah¬
len wiederzugeben. Der Arithmetiker findet demnach eine Ordnung auf,
die bereits unabhängig von seinem Studium vorliegt, die allerdings durch
seine eigene Aktivität erst in ihm selbst wirklich aktual vorliegt und so¬
mit erkannt wird, weshalb die Arithmetik zum wahren Propädeutikum
für philosophische Studien werden kann.57 - Boethius weist sogar auf
den göttlichen Ursprung mathematischer Sachverhalte hin, ohne dass
seine griechische Quelle es jeweils unmittelbar vorgibt. Beispielsweise
heißt es in 1,9 p. 20, lf.: »auch dieses ist durch große Überlegung und
große Stetigkeit der Gottheit vollendet worden, dass ...« (hoc quoque
multa consideratione multaque Constantia divinitatis perfectum est, ut

53 Vgl. auch Boeth. arithm. 1, 19 p. 41, 7 (die perfekte Zahl hat eine mittlere Stellung erlöst).
Zur Aktivität des Seienden s. u. II.3.5.6; zum Terminus »erlösen« s. u. 118 Anm. 195.
54 Vgl. z. B. Boeth. arithm. 1.5 p. 15, 19f.: Das Gerade und Ungerade »setzen die Substanz
von Zahl zusammen« (hae geminae species, quae naturaliter vim numeri substantiamque compo-
nunt)\ zur Rolle der Zahlenverhältnisse als Formursachen der erklingenden Intervalle s. u. 111.1.3.
55 Guillaumin, 202 Anm. 168, kommentierte nihil nobis extra machinantibus und zitiert einen
Hinweis des Nikomachos auf die göttliche Natur im Unterschied zur menschlichen Setzung
(arithm. 1, 19 p. 53, 15), auf den sich Boethius mit seiner Aussage aber nicht bezieht.
56 Auf Passagen, in denen Augustinus den Erkennenden als inventor charakterisiert, weist
Horn, Augustinus, 397 Anm. 32, hin.
57 Ähnlich Guillaumin, Edition, LIf.
82 II. Musiktheorie im Quadrivium

...) und in 1, 27 p. 55, 28: »in dieser Konstellation aber liegt dieses Gött¬
liche, dass ...« (hoc autem in hac est dispositione divinum, quod ...).58
Wer immer wieder auf die Wohlordnung der arithmetischen Phänomene,
auf deren natürliche Entfaltung und stellenweise sogar auf deren göttli¬
chen Ursprung bzw. ihre Göttlichkeit selbst verweist, dürfte diese trans¬
zendente Ordnung nicht für einen bloß abstrakten und leeren Begriff
gehalten haben. Boethius kann in dieser Hinsicht aus platonischer Per¬
spektive kein Anfänger in der Philosophie gewesen sein.
4. Der Hinweis auf die Zehnzahl der Kategorien im Zusammenhang mit der
Erweiterung des Systems der Analogien auf zehn samt der eigenständi¬
gen Andeutung von Boethius, dass die Einteilung von zehn Kategorien
durch Ps.-Archytas umstritten ist, legt nahe, dass Boethius eine gewisse
Kenntnis der entsprechenden Kategorienschriften und der zeitgenössi¬
schen Diskussion darüber besaß.59 Allerdings kann daraus kein sicherer
Schluss darüber gezogen werden, ob Boethius zur Zeit seiner Beschäfti¬
gung mit der Arithmetik auch schon die Kategorienschrift des Aristoteles
gekannt hat.60 Die im Arithmetiktratat enthaltenen Reverenzen weisen
jedenfalls deutlich über das Niveau einer allgemeinen Grundausbildung
hinaus: Neben Vergil und Lukrez fließen auch Euklidisches und nicht
zuletzt Inhalte des »Timaios« und der »Politeia« ein. Nota bene: Boethi¬
us bezeichnet Platon als »extrem eifrigen Anhänger des Pythagoras«
Cstudiosissimus Pythagorae - 2, 41 p. 139, 16), was dem durch Jamblich
etablierten Platonbild besonders entspricht, und in 2, 46 p. 151, 24 mit
Bezug aut die Hochzeitszahl in der »Politeia« als philosophus, ohne dass
es Nikomachos vorgegeben hätte. Im Übrigen lässt Boethius in 2, 43 p.
143, 12-14 erkennen, dass er sich anscheinend ein Urteil über andere
Mathematiker erlauben konnte: »Auch jenes ist recht subtil, was viele,
die dieser Disziplin kundig sind - bis auf Nikomachos - niemals vorher

58 Man beachte auch die Umwandlung der »daimonischen Kunstfertigkeit« (Nikom. arithm. 2,
3 p. 76, 11) zur göttlichen bei Boeth. arithm. 2, 2 p. 81, 17f.: »denn es tritt bei der Betrachtung
immer aus einer bestimmten göttlichen und nicht menschlichen Konstitution heraus ein, dass ...«
(semper enim hoc divina quadam nec humana constitutione speculationibus occurrit, ut ...); vgl.
dazu unten die Ausführungen zum göttlichen Willen in mus. (divino nutu) in III.2 (205 mit Anm.
160f.; 207 Anm. 171 und 345f. Anm. 105). Außerdem fällt in arithm. 2, 25 p. 114, 16-21 die
Erwähnung auf, dass die Keilzahlen im Griechischen auch »Altarzahlen« genannt werden, da die
ionischen Altäre laut Nikomachos eine solche Form haben. Boethius schien diese Erklärung
wichtig zu sein: Er nimmt sie auf, hält aber anderweitige Erläuterungen des Nikomachos für
überflüssig.
59 Boeth. arithm. 2, 41 p. 139, 13-19 und Nikom. arithm. 2, 22 p. 122, 21 f. Simplikios schreibt
in seinem Kategorienkommentar, dass Jamblich behauptet habe, Archytas sei der Autor einer
voraristotelischen Kategorienschrift gewesen, was aber von Themistius bezweifelt wurde. Darauf
spielt Boethius an.
60 Die Abfassung von Boethius’ ersten logischen Schriften setzt De Rijk. Chronology, passim,
um 504 n. Chr. an. Zuvor soll seine Arithmetikschrift entstanden sein.
1. Geistesgeschichtlicher Hintergrund 83

durchschauten ...« (illud quoque subtilius, quod multi huius disciplinae


periti nisi Nicomcichus nunquam antea perspexerunt ...)•
5. Boethius übernimmt nicht nur die Lehren von Nikomachos in der origi¬
nalen Reihenfolge der Behandlung (Punkt 1), sondern es sind auch keine
Abweichungen hinsichtlich des vermittelten Stoffes auszumachen, wel¬
che die genuine Lehre unterwandern. Nur an zwei Stellen finden sich
Modifikationen, die aus platonischer Perspektive zunächst bedenklich
scheinen mögen, aber beim näheren Hinsehen im Kontext ihren häreti¬
schem Charakter verlieren:
(A) Boethius scheint das Prinzip des Verschiedenen mit irdischen Din¬
gen, die dem Wandel unterworfen sind, zu assoziieren. Seitens des Prin¬
zips der Selbigkeit nennt er hingegen Seele und Gott, so dass leicht der
Eindruck entstehen kann, es handele sich bei der Verschiedenheit nicht
um ein transzendentes Prinzip.61 Wenn Boethius sagt, dass die Verschie¬
denheit in besonders auffälliger Weise an den bewegten Körpern wirkt,
ist damit allerdings nicht behauptet, dass die Verschiedenheit nicht auch
in gewisser Weise im übersinnlichen Bereich Prinzip neben der Selbig¬
keit ist. Eindeutige Klärung schafft das folgende Kapitel allein schon mit
der Überschrift: »32. Dass alles aus der Natur des Selben und der Natur
des Anderen besteht und [sc. dass] das in Zahlen zuerst gesehen wird«.62
Der weitere Verlauf dieses Kapitels zeigt deutlich, dass Boethius beide
und nicht nur die Selbigkeit als transzendente Prinzipien ansetzt.
(B) Boethius nimmt die wenigen Aussagen von Nikomachos, die die Art
der geistigen Tätigkeit des Arithmetikers differenzierend benennen, nicht
auf. Nikomachos weist darauf hin, dass etwa Körperzahlen oder be¬
stimmte Instanzen der harmonischen Analogie vorgestellt und bestimmte
Sachverhalte gedacht werden.63 Diese Indizien dafür, dass der Mathema¬
tiker kein Empiriker im eigentlichen Sinne ist, sondern die einzusehen¬
den Sachverhalte an vorstellbaren Instanzen und nur u. U. an sichtbaren

61 Boeth. arithm. 2, 31 p. 123, 24 - 124, 3: »Deshalb ist uns bekannt, dass aus diesen [sc. bei¬
den Prinzipien; der Selbigkeit und Verschiedenheit] all dies, was in dieser Welt ist, verbunden ist.
Es gehört nämlich entweder zur eigenen, unveränderlichen und selben Substanz, was Gott ist,
Seele, Geist (mens) und was auch immer mit der Unkörperlichkeit seiner eigenen Natur beglückt
wird, oder zur veränderlichen und wechselhaften Natur, was wir unzweifelhaft den Körpern
zustoßen sehen.«
62 Vgl. aber auch arithm. 2, 1 p. 79, 23-28, wo Boethius im Gegensatz zu Nikomachos ledig¬
lich die Einheit als Prinzip der für sich bestehenden Quantität bezeichnet, nicht aber die Zweiheit
(Nikom. arithm. 2, 1 p. 74, 5f.).
63 Denkend erfasst werden laut Nikomachos die Dreidimensionalität (Nikom. arithm. 2, 6 p.
85, 8) und die Terme der arithmetischen Reihe (2, 23 p. 124, 2f.; vgl. dazu Philop. in Nikom. 2
Beginn Lemma 77). Die Bildung einer gleichseitigen Pyramide wird ausgehend von einer quadra¬
tischen Grundfläche rational berechnet (Nikom. arithm. 2, 13 p. 100, 12), und die Verschiedenheit
als Abweichung von der Selbigkeit wird intellektiv erfasst (2, 20 p. 117, 19). Vorgestellt wird die
Körperzahl (2, 13 p. 99, 16) und in bestimmter Hinsicht die harmonische Reihe (2, 25 p. 133, 14).
84 II. Musiktheorie im Quadrivium

Instanzen betrachtet, nehmen allerdings auf den Duktus von Nikoma-


chos’ Schrift selbst keinen Einfluss, sondern bieten eher Anlass zur Re¬
flexion über die eigene geistige Tätigkeit (s. u. II. 1.2.3). Im Hinblick auf
die Leminhalte ist bei Boethius deshalb keine entscheidende Abwei¬
chung zu konstatieren.64

Die genannten fünf Punkte sprechen m. E. deutlich gegen die bisweilen


zum Ausdruck gebrachte Geringschätzung gegenüber Boethius’ mathemati¬
scher Kompetenz zur Zeit der Abfassung des Arithmetiktraktates. Im Ge¬
genteil unterstützen sie die oben angeführte Aussage von Baltes, dass
Boethius schon in jungen Jahren aufgrund seiner umfassenden Ausbildung
mit einschlägigen neuplatonischen Texten und Konzepten vertraut gewesen
sein muss.

1.2.3 Zu potentiellen negativen Folgen von Boethius’ Modifikationen


Aufgrund der Vereinfachungen wird der Leser von Boethius’ »Einführung
in die Arithmetik« nicht in derselben Weise gefordert wie der von Nikoma-
chos’ »Arithmetik«. Außerdem wurde gerade konstatiert, dass dem Leser
von Boethius’ Arithmetikschrift bisweilen präzise Aussagen zur eigenen
geistigen Aktivität vorenthalten werden. Diese Modifikationen stellen zwar
Boethius’ Kompetenz und Engagement nicht in Frage, sondern unterstrei¬
chen sein Bemühen, den Stoff erfolgreich zu vermitteln. Aber sie besitzen
das Potenzial, beim Leser einen Effekt zu erzielen, der der neuplatonischen
Intention widerspricht. Die im vorigen Abschnitt im fünften Punkt unter (B)
genannten Auslassungen sind nämlich insofern als ein inhaltlicher Verlust
einzuschätzen, als eine Reflexion auf die eigene rationale Tätigkeit und die
Rolle der Wahrnehmung und Vorstellung direkt zu philosophischen Frage¬
stellungen, d. h. zur Beschäftigung mit erkenntnistheoretischen und ontolo¬
gischen Problemen, führt, was dem Ziel der mathematischen Studien ent¬
spricht (s. u. II.3 und III.5.2).
Zur Illustration sei ein Beispiel angeführt: In arithm. 2, 9 fehlt bei
Boethius der Anstoß zur Reflexion über die eigene geistige Tätigkeit, den
Nikomachos gibt. Es geht um die Bildung der Dreieckzahlen:65 Nikomachos

64 Zur primären Rolle des Denkens und der lediglich didaktischen Funktion der Vorstellung in
der Mathematik platonischen Hintergrundes s. o. 1.2.2.
65 Nikom. arithm. 2, 8 p. 89, 7. Dreieckzahlen sind Zahlen, die als gleichseitiges Dreieck figu¬
riert werden können, wobei die einzelnen Einheiten der Zahl, die Zahlmonaden, jeweils als Punkt
aufgefasst werden. Die I ist potentiell die erste Dreieckzahl. Setzt man die 2 dazu, entsteht die
erste wirkliche Dreieckzahl, die 3. Setzt man die der 2 folgende natürliche Zahl, die 3, dazu,
entsteht das zweite aktuale Dreieck aus insgesamt 6 Monaden bzw. Punkten, d. h. mit 3 Punkten
an jeder Seite. Die weiteren Dreieckzahlen entstehen, indem nach 2 und 3 auch die folgenden
natürlichen Zahlen addiert werden. Dabei verlieren die einzelnen Bestandteile - modern gespro¬
chen: die Summanden - ihre Bedeutung als jeweils bestimmte, einzelne Zahl, denn sie liefern nur
1. Geistesgeschichtlicher Hintergrund 85

sagt, dass bei der Bildung einer jeweils größeren Dreieckzahl die dazuge¬
setzte Zahl als solche aufgelöst wird (E^ankcoBetc; ye eiq povaSa - »wobei sie
[sc. im konkreten Beispiel die 3, die zur ersten aktualen Dreieckzahl 3 hin¬
zugesetzt wird] hin zur Monade entfaltet wird«), um zusammen mit einer
anderen Dreieckzahl eine neue bilden zu können.
Diese unscheinbare Bemerkung könnte Grund eines umfangreichen Ex¬
kurses sein. Denn hier spricht Nikomachos an, dass die Form der Zahl erst
gedanklich aufgehoben oder weggenommen werden muss, so dass die ein¬
zelnen Monaden (als Zahl-Materie) für eine neue Formung bereitstehen.
Der Form- und Materieaspekt an arithmetischen Zahlen wird also unter¬
schieden und es wird unmittelbar klar, dass der Arithmetiker selbst die
Form der Zahlen (sog. Zahl-Eidos) aufhebt und neu an die einzelnen Zahl¬
monaden heranträgt. Wie G. Radke gezeigt hat, wird hier deutlich, dass die
Zusammensetzung einer arithmetischen Zahl auf der Ebene der Zahlen, mit
denen der Mathematiker operiert, nicht hinreichend erklärt werden kann:66
Es stellt sich sogleich die Frage, wie der Mensch in Vorstellung und Den¬
ken Zahl-Eidos und Materie umsetzen kann und woran er sich orientiert,
wenn er ein neues Zahl-Eidos bildet. Gerade die letzte Frage führt einen
Neuplatoniker zu der entscheidenden Einsicht, dass die Seele des Mathema¬
tikers hierbei nicht voraussetzungslos tätig ist.67
Genau dieser Gedanke führt Augustinus am Ende von »De musica« von
der Untersuchung verschiedener Versarten und Rhythmen hin zu einer
metaphysischen Betrachtung der Voraussetzungen menschlichen Erken-
nens.68 Dass Boethius’ Denksystem eine solche Rück- bzw. Hochführung
nicht nur gutheißt, sondern sie sich geradezu für das Ende seines Musik¬
lehrbuches angeboten hätte, wird in III.5 gezeigt. Vor diesem Hintergrund

eine bestimmte Menge von Monaden, die zusammen mit den anderen eine völlig neue Einheit -
eine bestimmte Dreieckzahl - bilden.
66 Radke, 481-549.
67 Thomas v. Aquin weist auf den hohen Schwierigkeitsgrad dieser Prinzipiensuche hin; vgl.
ST I 1 q. 87, a. 3, resp.: Im Unterschied zu Gott und Engeln sei es von Natur aus nicht Sache des
Menschen, sich selbst als primäres Objekt seines Denkens (intellectus) zu haben. Den Menschen
mache das Denken von sich selbst auch nicht im Wesen aus. Zuerst wende er sich etwas Äußerem,
d. h. materialen Dingen zu. »Und deshalb ist das, was zuerst vom menschlichen Intellekt erkannt
wird, ein derartiges Objekt. Und als Zweites wird der Akt selbst erkannt, durch den das Objekt
erkannt wird. Und mittels des Aktes wird der Intellekt selbst erkannt ...« Thomas erinnert an¬
schließend daran, dass Aristoteles in »De anima« deshalb zuerst das Wahrnehmbare (Objekte)
bestimmt, daraufhin die Akte der Wahrnehmung und erst dann die Wahrnehmungsvermögen
unterscheidet.
68 Besonders dem sechsten Buch ist klar zu entnehmen, dass das Nachdenken über die Vor¬
aussetzungen, derer man sich schon beim Wahrnehmen und bei anderen Erkenntnisakten bedient,
zum eigentlichen Ziel der Musiktheorie führt, nämlich zu der Erkenntnis, dass alles Wahrnehmba¬
re und der Mensch selbst nicht aufgrund des eigenen Seins erkennbar und in bestimmtem Maße
schön sind, sondern aufgrund transzendenter Ursachen, die ihren Ursprung in einem einzigen,
höchsten Prinzip haben (s. u. III.5.2.1).
86 II. Musiktheorie im Quadrivium

gewinnt der Umstand an Bedeutung, dass Boethius seinem Leser Anhalts¬


punkte, die ihn zur Selbstreflexion bezüglich Sein und Erkennen und damit
hinsichtlich seines Ursprunges anregen könnten, vorenthält.69

Potentiell folgenschwerer als das Auslassen dieser relativ seltenen Bemer¬


kungen des Nikomachos ist eine von Boethius sicherlich ebenso zum Wohl
seiner Leserschaft getroffene Entscheidung, die den Duktus der gesamten
Schrift fundamental verändert: Boethius erleichtert dem Leser durch seine
Beispiele und zusätzlichen Erklärungen den Durchgang durch die Arithme¬
tik derart, dass es einem wenig disziplinierten Schüler möglich wird, alle
Lektionen zu absolvieren, ohne sich dabei durch einen hohen Grad geistiger
Aktivität und eigenständigen kreativen Denkens ein tiefgründiges und ver¬
innerlichtes Wissen anzueignen. Wie auch ein moderner Leser leicht fest¬
stellen kann, lässt Boethius seinen Schüler alle bei Nikomachos vorhande¬
nen Klippen umschiffen: Exakt an denjenigen Stellen, an denen man als
Nikomachos-Leser beginnt, darüber nachzusinnen, wie das Gesagte zu
verstehen sei, und versucht, selbständig anhand eigener Beispiele den all¬
gemein vermittelten Sachverhalt zu exemplifizieren und zu verifizieren,
oder in besonders schwierigen Pällen einen antiken Kommentar konsultiert,
hat Boethius bereits die Wege für ein unmittelbares und weniger aufwendi¬
ges Verstehen des Textes geebnet. Natürlich hängt die Intensität der Rezep¬
tion eines Traktates immer vom jeweiligen Leser und den Umständen (Art
des Schulunterrichts, Anleitung durch einen Lehrer etc.) ab, über die hier
keine historisch gesicherten Aussagen getroffen werden können. Wenn die
Auffassung der Platoniker aber stimmt, dass Wissen nur dann nachhaltig
erworben wird, wenn es nicht fertig serviert, sondern selbständig erarbeitet
und an eigenen statt zum Nachvollzug vorgegebenen Beispielen gefestigt
wird, dann ziehen die genannten Modifikationen u. U. negative Lolgen nach
sich.70

69 Man könnte einwenden, dass Boethius’ Formulierung in arithm. 2, 13 p. 97, 6 (secundum


unitatem descriptus - »gemäß der Einheit [d. h. monadenweise] aufgeschrieben«) ein direkter
Hinweis auf die Auflösung des Zahl-Eidos sei. Aber wie auch bei Nikomachos (2, 10 p. 92, 2f.)
kommt hier nur zum Ausdruck, dass bei der Figurierung einer Pentagonalzahl die Monaden
einzeln in der Ebene aufgezeichnet und in eine fünfeckige Figur eingeschrieben werden. Hier wird
also der Wechsel des Zahl-Eidos nicht wie an der zuvor genannten Stelle verdeutlicht.
70 Gegen eine bloß abstrakte, äußerliche Scheinerkenntnis entwickelt der Platonismus be¬
stimmte Methoden; vgl. Radke, 129-177 (zum Unterschied zwischen abstrakter Logik und kon¬
kreter Dialektik als einem Grundunterschied zwischen Stoa und Platonismus). Ganz knapp lässt
sich zusammenfassen, dass nach platonischer Auffassung eine Erkenntnis eines Sachverhaltes nur
als wirkliche Erkenntnis gelten kann, wenn jeder einzelne Teil des Begriffes mit seinen Implika¬
tionen und wiederum die Verhältnisse dieser Teile zueinander und zum ganzen Begriff in den
jeweiligen sachlich vorliegenden Differenzierungen durchdacht wurden, d. h. wenn auch einzelne
vorstellbare bzw. wahrnehmbare Instanzen betrachtet (der Begriff in verschiedenen Aspekten
gleichsam ausgefaltet: Synthesis) und im Gegenzug wiederum auf ihre Prinzipien zurückgeführt
1. Geistesgeschichtlicher Hintergrund 87

Dies gilt umso mehr, als es sich bei der Mathematik nicht um eine belie¬
bige Wissenschaft handeln soll, deren Inhalte man einfach auswendig ler¬
nen könnte, um darauf bei komplexeren Themen aufbauen zu können (im
Sinne eines bloß additiven Lernens wie z. B. bei Fremdsprachen, wo die
Kenntnis des Grundwortschatzes für die Lektüre literarischer Texte voraus¬
gesetzt wird). Im Platonismus gelten die mathematischen Wissenschaften
als diejenigen, durch die sich ein Mensch auf rationale Weise die überratio¬
nalen (intelligiblen) Prinzipien rationaler seelischer Tätigkeit erarbeitet,
nach denen der Kosmos samt dem Menschen selbst geschaffen ist und
ständig neu konstituiert wird.71 Der Mathematiker soll also rational erfassen,
wie und aufgrund welcher Voraussetzungen er analog der Weltseele ratio¬
nal erkennt, und das kann er nur, wenn er selbst in einer bestimmten Weise
rational tätig ist.72 Wer diese Stufe rationalen Denkens nicht erklimmt, sich
ausgiebig auf ihr betätigt und dabei den Voraussetzungen der eigenen
Denktätigkeit nachzuspüren beginnt, kann über die sich anschließende
höhere Stufe keine sicheren Erkenntnisse erlangen, so wie es für einen
Naturwissenschaftler schwierig sein wird, ohne empirische Beobachtungen
die unmittelbaren Prinzipien der natürlichen Phänomene herauszufinden.
So hilfreich also die zahlreichen Beispiele und Erläuterungen von
Boethius sein mögen - und so sehr sie vielleicht die weitreichende Rezep¬
tion seiner zahltheoretischen Schrift im Mittelalter begünstigt haben sie
bergen zugleich die Gefahr, die Eigenaktivität des Schülers zu mindern.
Ohne hinreichend intensive Beschäftigung mit dem Stoff bemerkt dieser
u. U. überhaupt nicht mehr, dass das jeweils behandelte arithmetische Phä¬
nomen ein realer Sachverhalt ist, den die einzelne Seele abhängig von ih¬
rem eigenen Wesen gemäß einer bestimmten ontologischen Ordnung her¬
vorbringt, ohne selbst voraussetzungslos tätig zu sein. Begünstigt würde so
eine nur abstrakte, äußerliche statt einer tiefgründig nachvollzogenen
Kenntnis der arithmetischen Ordnung, d. h. letztlich ein Scheinwissen.
Da die griechische Vorlage von Boethius’ »Musiktheorie« nicht überlie¬
fert ist, können für diese zweite mathematische Schrift keine gesicherten
Aussagen zu den Modifikationen getroffen werden. Hinweise auf die Not¬
wendigkeit sorgsamen Lernens enthält sie durchaus. Zur selbständigen

wurden (Analysis). Auf diese Weise erarbeitet man sich einen hochdifferenzierten Begritl und
erkennt die Fülle der in ihm enthaltenen Verwirklichungsmöglichkeiten. Wer diesen Prozess
selbständig durchlaufen hat, weiß im Gegensatz zu jemandem, der nur die Detinition auswendig
gelernt hat oder Alltagsvorstellungen anwendet, genau, was z. B. den Menschen ausmacht. Der
Unterschied zwischen beiden Erkenntnisgraden ist dann auch u. U. im Einzelnen auszumachen,
z. B bei der Beurteilung eines einzelnen Verhaltens als menschlich oder nicht bzw. der Kriterien
für das eigene menschliche Benehmen anderen und sich selbst gegenüber.
71 S. u. II.3.5 und III.5.1.2.
72 Zur Notwendigkeit seelischer Aktivität beim Lernenden vgl. O'Meara, Pythagoras, 154.
88 II. Musiktheorie im Quadrivium

Aktivität fordert sie aber insofern nicht auf, als sie dem Leser an keiner
Stelle nahelegt bzw. ihn dazu zwingt, ein eigenes Beispiel für das behandel¬
te Phänomen zu finden.73 Die Vermutung liegt mithin nahe, dass vorstehen¬
de Beobachtungen zu Boethius’ Methode und Intention bei der Abfassung
von »De mstitutione arithmetica« mutatis mutandis auch für »De institutio-
ne musica« Gültigkeit beanspruchen können.

2. Die Unterteilung der Mathematik in die vier Disziplinen


des Quadrivium

Als Textgrundlage dienen im Folgenden die beiden einleitenden Kapitel aus


Boethius’ »Einführung in die Arithmetik«, welche die entsprechende Pas¬
sage Nikom. arithm. 1, 1-6 wiedergeben. Wie schon der im Vergleich ge¬
ringere Textumfang erkennen lässt, ist Boethius’ Version grundsätzlich
dadurch gekennzeichnet, dass sie zusammenfasst und vereinfacht, weshalb
man sie als Paraphrase bezeichnen kann. So beschränkt Boethius etwa die
Anzahl der bei Nikomachos gegebenen Beispiele und lässt verzichtbare
Verweise auf die frühere griechische Literatur sowie Zitate aus.74
Im ersten Abschnitt des Proömium (arithm. 1, 1) prägt Boethius den
Terminus quadruvium (»Vierweg«) für diejenigen vier mathematischen
Disziplinen, die den Weg zur Weisheit darstellen.75 Im weiteren Verlauf
leitet Boethius ihre Anzahl und ihr Wesen her.76 Bei der Untersuchung
dieser Konzeption wird im Folgenden neben Nikomachos’ Arithmetik¬
schrift auch der Kommentar des Neuplatonikers Johannes Philoponos he¬
rangezogen. Übersetzungen der Proömien von Boethius und Nikomachos
sowie des Kommentars von Philoponos zu Nikomachos’ Eingangskapiteln
befinden sich im Anhang 1 11

73 Z. B. Boeth. mus. 2, 8 p. 235, 29-31: »aber wir wollen nur eine Aufstellung des Vierfachen
vornehmen, damit der aufmerksame Leser, wie bei den übrigen [sc. Aufstellungen], an ihr die
Schärfe seines Geistes üben kann« (unam vero tantum quadrupli dispositionem ponemus, ut in ea,
sicut in ceteris, lector diligens acumen mentis exerceat). An dieser Stelle könnte man eine Auffor¬
derung an den Schüler erwarten, eigene Beispiele zu finden, die Boethius aber unterlässt.
74 Es fehlen z. B. die Zitate des Pythagoreers Androkydes und des Archytas v. Tarent und die
Zusammenfassung von Plat. pol. 522b8-527d4.
75 Im Folgenden wird der Terminus »Quadrivium« mit i statt u verwendet, da dies heutzutage
geläufiger ist.
76 Zur Begründung des Systems der vier quadrivialen Wissenschaften bei Boethius vgl. Ber-
nard, Mathematik, passim; zur Konzeption bei Nikomachos vgl. Radke, 242-261.
77 Interessant wäre außerdem ein Studium der mittelalterlichen Glossen zum Proömium. »Eine
Sichtung des gesamten Glossenmaterials zur Boethianischen Arithmetik ist angesichts der Menge
der erhaltenen Handschriften eine kaum zu bewältigende Aufgabe.« So schätzt Bernhard, Glossen,
23, die Lage ein und stellt deshalb lediglich den Text einer Leidener Handschrift (wohl aus dem
10./11. Jh.) zur Verfügung (ebd. 24—34).
2. Unterteilung der Mathematik 89

2.1 Unterscheidung zwischen Größe und Vielheit

Der erste Schritt bei der Herleitung der vier mathematischen Fächer stellt
die Unterscheidung zwischen Größe und Vielheit dar:78 Weisheit ist das
Wissen über das Seiende, welches die Teile Größe und Vielheit besitzt.
Zwar versteht Boethius unter dem Seienden nicht primär etwas Wahrnehm¬
bares. Dennoch erklärt er die Unterscheidung zwischen Größe und Vielheit
zunächst an Beispielen aus dem wahrnehmbaren Bereich.79
Größe (magnitudo, griech. peysGo^ - Megethos) ist etwas auf kontinuier¬
liche Weise Geeintes, bei dem die einzelnen Teile sowohl untereinander als
auch insgesamt zu einer Einheit verbunden sind, wie das beispielsweise bei
einem Baum und allen empirischen Körpern festzustellen ist. Welche Kon¬
sequenz dies hat, geht aus arithm. 1, 1 p. 9, 13-18 hervor. Dort begründet
Boethius mit der Zusammensetzung zu einer kontinuierlichen Einheit die
entsprechende Art der Teilbarkeit: Wenn etwas kontinuierlich Geeintes von
einer gemeinsamen Grenze begrenzt wird und die einzelnen Teile selbst
keine eigene bestimmte Grenze haben, kann das Ganze potentiell unendlich
oft geteilt werden. So sind Linien und wahrnehmbare Körper theoretisch
unendlich oft teilbar. Alle in die Geometrie und Astronomie fallenden Ope¬
rationsgegenstände mit Ausnahme des geometrischen Punktes sind mithin
aufgrund ihrer Zwei- und Dreidimensionalität Größen.
Der zweite Teil des Seienden ist die Vielheit (multitudo, griech. TikqGoq -
Plethos). Sie bezeichnet etwas spezifisches, auf diskrete Weise Geeintes,
das aus mehreren, voneinander verschiedenen und gegeneinander abge¬
grenzten Einheiten zusammengesetzt ist. Eine derartige Konstellation ist
z. B. ein Chor, der aus mehreren Sängern besteht. Im Unterschied zu den
Größen können solche Konstellationen nicht unendlich geteilt werden, da
die für sie konstitutiven Einheiten durch Teilungen in ihrem Wesen aufge¬
hoben würden. Dagegen kann eine Vielheit potentiell beliebig vergrößert
werden, indem weitere Einheiten dazugesetzt werden, wie es etwa beim
Bilden immer größerer Zahlen, Chöre oder Schafherden der Fall ist. Die
Arithmetik (Zahltheorie) ist laut Boethius die Wissenschaft vom diskret
Geeinten für sich betrachtet.80 Eine Zahl ist also etwas auf diskrete Weise
Geeintes, d. h. eine Vielheit.81

78 Boeth. arithm. 1, 1 p. 8, 15-23 (entspricht Abschnitt 3); Nikom. arithm. 1, 2 p. 4. 13-20.


79 Zum Seienden s. u. II.3.5.
80 Boeth. arithm. 1, 1 p. 9, lf.
81 Wie Hentschel, Ganztonteilung, 50, feststellt, identifiziert Boethius Vielheit und Zahl nie
explizit miteinander. Deren Gleichsetzung ergibt sich aber neben einem Blick in Boethius’
»Arithmetik« auch mit Notwendigkeit aus dem bisher Gesagten: Wenn Arithmetik ihrem Namen
entsprechend die Wissenschaft von der Zahl ist und wenn sie sich mit dem diskret Geeinten
(Vielheit) befasst, dann ist Zahl etwas diskret Geeintes (Vielheit). Indem Jakobus v. Lüttich
90 II. Musiktheorie im Quadrivium

Größe und Vielheit sind als die beiden Teile des Seienden »zwillings¬
haft«.82 Sie sind demnach miteinander verwandt und entstammen einem
gemeinsamen Ursprung. In der lateinischen Formulierung kommt überdies
ihre Gleichrangigkeit zum Ausdruck: Während das griechische »verschwi-
stert« lediglich auf die gemeinsame Herkunft und somit das Verwandt¬
schaftsverhältnis hinweist, ist dem Ausdruck »zwillingshaft« zu entnehmen,
dass keines der Geschwister gleichsam als Erstgeborenes einen herausge¬
hobenen Status hat, sondern beide gemeinsam gezeugt und geboren wurden
und somit beide essentielle und primäre Teile des Seienden sind.83
Die von Boethius angeführten Beispiele lassen in Umrissen erkennen,
dass ein Zusammenhang zwischen Größe und Vielheit besteht: Kontinuier¬
lich Geeintes ist immer auch etwas Diskretes und diskret Geeintes ist zu¬
gleich etwas Kontinuierliches: Denn eine Linie ist zwar etwas Kontinuierli¬
ches, aber insgesamt auch eine von anderen verschiedene, diskrete Einheit.
Und ein Chor stellt zwar eine Einheit von einzelnen diskreten Elementen
dar, die aber jeweils auch etwas kontinuierlich Geeintes sind. Dass sich
beide Arten des Seienden also nicht gegenseitig ausschließen, sondern in
unterschiedlicher Gewichtung und verschiedener Hinsicht gemeinsam an
bestimmten Gegenständen vorliegen und ermittelt werden können, sei im
Hinblick auf empirische Phänomene vorerst festgehalten. Wie Philoponos
zusammenfasst, begründet sich in dieser »Verwandtschaft« eine entspre¬
chende »Verschwisterung« der mit den Unterschieden des Seienden befass¬
ten Wissenschaften.84
Dass sich die Darstellung des Zusammenhanges zwischen Größe und
Vielheit mit dem Verweis auf wahrnehmbare Körper begnügt, scheint mit

Vielheit und Zahl miteinander identifiziert, manipuliert er Boethius’ Aussagen also keineswegs,
wie Hentschel meint.
82 Boethius übersetzt mit geminae das Adjektiv »verschwistert« (fröekcped) bei Nikomachos,
das in einem von Boethius ausgelassenen Zitat des Archytas v. Tarent enthalten ist (Nikom.
arithm. 1, 3 p. 6, 16 - 7, 2); vgl. Plat. pol. 530d6-9 (Zustimmung zur Ansicht der Pythagoreer,
dass die mathematischen Wissenschaften verschwistert sind).
83 Ob Boethius »verschwistert« in Ermangelung eines lateinischen Ausdrucks (statt consan-
guineus o. Ä.) oder aus dem genannten inhaltlichen Aspekt heraus mit »zwillingshaft« übersetzt,
ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Zumindest fällt auf, dass er im analogen Falle bei der Unter¬
scheidung von Gerade und Ungerade (arithm. 1,2 p. 13, 7) deren gemeinsamen Ursprung mit den
Worten »sie fließen aus einer Zeugung hervor« (ex una ... genitura profluunt) unterstreicht, wofür
bet Nikomachos keine Parallele zu finden ist. Das deutet darauf hin, dass Boethius aus einer
sachlichen Erwägung heraus geminae verwendet. Denn das Seiende wird nicht nachträglich in
diese Teile geteilt, sondern vereint von vornherein beide Aspekte in sich, wie der Begriff von Zahl
sowohl das Gerade als auch das Ungerade enthält. - Den Begriff geminus verwendet Boethius im
Unterschied zu Nikomachos mehrfach, um zwei gleichrangige Arten zu bezeichnen, z. B. arithm.
1,5 p. 15, 19 (gerade und ungerade); 1, 10 p. 22, 5f. (Teilung der gerademalungeraden Zahl in
zwei Teile); I, 11 p. 25, 6 (Extreme sind im Verhältnis zu ihrer Mitte zwillingshaft) und 1, 21 p.
45, 26 (größer und kleiner als zwillingshafte Unterschiede innerhalb der Ungleichheit).
84 Philop. in Nikom. 1 Lemma 23.
2. Unterteilung der Mathematik 91

Blick auf den menschlichen Erkenntnisweg berechtigt zu sein. Wie Philo-


ponos präzisiert, handelt es sich hierbei um die von empirischen Dingen
prädizierte (kategoriale) Quantität.85 Diese ermöglicht keine allgemeine
Aussage über das Wesen von Zahl oder über Quantität an sich. Denn die
wahrnehmbaren bzw. vorstellbaren Operationsgegenstände der mathemati¬
schen Wissenschaften verwirklichen als partikuläre Instanzen nur in einge¬
schränktem Maße diskrete und kontinuierliche Einung.86 Gleichwohl sind
an ihnen bereits Aspekte von Vielheit und Größe des eigentlichen Seienden
erfassbar.87
Mit der Unterscheidung zwischen dem »eigentlichen, wahrhaft Seien¬
den« und dem wahrnehmbaren oder vorstellbaren »homonym Seienden«88
geht eine entsprechende Teilung in Größe und Vielheit auf beiden Seins¬
ebenen einher. Allerdings spricht man in neuplatonischer Tradition bei
wahrnehmbaren Größen und Zahlen von Größen und Zahlen im uneigentli¬
chen Sinne, da sie nur Abbilder bzw. Instanzen des kontinuierlich bzw.
diskret Geeinten an sich darstellen. Aufgrund des Umstandes, dass in der
Mathematik Größen und Zahlen im Bereich der kategorialen Quantität
betrachtet werden, illustriert Boethius nach erfolgter Unterscheidung die
dem Menschen näherliegende Ebene der mathematischen Quantität; zum
Wesen von kontinuierlicher und diskreter Einung an sich hingegen lässt er
nichts verlauten. Auch im Weiteren erklärt Boethius »Größe an sich« und
»Zahl an sich« nicht. Da es sich um zwei Arten der Einung handelt, die im
Bereich des wahrhaft Seienden (der intelligiblen Ideen) primär und vorbild¬
haft vorliegen, ist zu vermuten, dass eine solche Untersuchung den Rahmen
einer arithmetischen Einführungsschrift gesprengt hätte und daher einem
metaphysischen Traktat Vorbehalten bleiben sollte.89

85 Philoponos bezieht sich in Lemma 21 auf die Aufzählung der Kategorien (Aristot. kateg.
lb25-27), wenn er sagt: »Und da die erste Gattung des Seienden nach der Substanz die Quantität
ist, es davon aber zwei Arten gibt - das Kontinuierliche und das Diskrete -, in denen die vier
Wissenschaften bestehen ...«.
86 S. o. 1.2.2 und 2.8.
87 Möglicherweise meint Nikomachos mit einem kommentierenden Satz zu Archytas’ Zitat
genau diese Hochwendung vom Mathematischen hin zum eigentlichen Diskreten und Kontinuier¬
lichen im wahrhaft Seienden (Nikom. arithm. 1, 3 p. 7, 2—4): »Denn um Verschwistertes. die zwei
ersten Arten des Seienden, drehen sie [sc. die Wissenschaften] sich« (ttepi yap dSsktpea xd tot)
övxoq Ttptüiiora 5uo el5sa rav ävaatpocpäv exet). Übersetzt man Anastrophe wörtlich, dann heißt
es: »Denn im Hinblick auf Verschwistertes ... haben sie die Hochwendung.« Laut Lid-
dell/Scott/Jones (A Greek-English Lexicon, Oxford 1996, p. 122, II 5) bedeutet Anastrophe hier
aber »occupation, concem«, so dass die entsprechende Übersetzung ähnlich der oben lautet.
»Denn sie befassen sich mit Verschwistertem, den beiden primären Arten des Seienden.« So
versteht auch Huffman, 109 und 117-125, die Formulierung; s. u. 309f. Anm. 21.
88 S. u. II.3.5.
89 Vgl. Radke, 554-556, mit Rekurs auf eine Passage in Proklos’ »Theologia Platonica«.
92 II. Musiktheorie im Quadrivium

2.2 Unterscheidung zwischen »für sich« und »in Relation«

Unmittelbar im Anschluss an die Unterscheidung zwischen Größe und


Vielheit innerhalb der Kategorie der Quantität differenziert Boethius zwi¬
schen dem Sein für sich (per se, griech. xö Ka0' abxö - to kath’ hauto: »in
Bezug auf sich selbst«) und jenem in Relation zu etwas Anderem (ad quid-
dam aliud referuntur - »bezieht sich auf etwas anderes«, oft nur: ad ali-
quid, griech. xö 7tpö<; xt - to pros ti: »das zu etwas«).90 Einerseits kann eine
einzelne Zahl allein für sich etwas Bestimmtes sein: »jede beliebige Zahl,
die - um zu sein - nichts bedarf« (quilibet numerus, qui ut sit nullo indiget).
Andererseits können die Relate bei doppelt oder halb, insofern sie Relate
sind, nicht »für sich« bestehen, sondern bedürfen der Relation zu einem
anderen, um etwas Bestimmtes zu sein: »was auch immer derartig ist, dass
es selbst nicht sein kann, wenn es nicht auf ein anderes bezogen ist« (quic-
quid tale est, quod, nisi relatum sit ad aliud, ipsum esse non possit). Die
von Boethius gegebenen Beispiele (doppelt, halb, anderthalb) deuten darauf
hin, dass er an eine Relation zwischen zwei gleichartigen Relaten denkt,
wie sie zwischen zwei Zahlen oder zwei Größen bestehen kann, was sich
später im Text durch die Bestimmung der Musiktheorie als Wissenschaft
von den Zahlenverhältnissen (und analog der Geometrie) bestätigt.91
Bemerkenswerter Weise spricht Boethius vom Sein »an sich« und von
jenem »in Relation« zu einem anderen nur in Bezug auf die Vielheit. Hin¬
sichtlich der Größe unterscheidet er dagegen nicht »Größe für sich« und
»Größe in Relation«, sondern »Größe in Ruhe« und »Größe in Bewegung«.
Dass es sich hierbei nicht um eine Inkonsistenz in der Gedankenführung des
Nikomachos handelt, hat G. Radke plausibel gemacht.92 Ausgangspunkt
ihrer Überlegungen ist die neuplatonischen Texten zu entnehmende sachli¬
che Übereinstimmung von »für sich« und Identität einerseits sowie »in
Relation« und Verschiedenheit andererseits. Ruhe - so führt G. Radke aus -
wird als derjenige Denkakt bezeichnet, welcher der Identität von etwas
korrespondiert: Wendet man sich einem Sachverhalt voll und ganz zu und
denkt man ihn so, wie er ist, und ohne Beachtung anderer Sachverhalte,
entspricht die Ruhe des Erkenntnisaktes der Identität des erfassten Erkennt-

90 Boeth. arithm. 1, 1 p. 8, 23 - 9, 1 (entspricht dem Beginn von Abschnitt 4); Nikom arithm
1, 3 p. 5, 13-6, 7.
91 Das ist im Hinblick auf diverse mittelalterliche musiktheoretische Traktate wichtig, in de¬
nen die Musiktheorie anscheinend nicht mehr allgemein als Wissenschaft von den Zahlenverhält¬
nissen, sondern von den auf eine wahrnehmbare Materie bzw. auf Töne bezogenen Zahlen (nume¬
rus ad sonos relatus) verstanden wird; vgl. etwa Hentschel, Sinnlichkeit und Vernunft, 130-139.
Der oben besprochene Unterschied zwischen Operationsgegenstand und Erkenntnisgegenstand
(s. o. 1.2.8) sowie die Dreiteilung der Musik, bei der die musica instrumentalis nur eines von drei
Gebieten der Musiktheorie darstellt (s. u. III.5), finden hier keine Beachtung mehr-.
92 Radke, v. a. 253-261.
2. Unterteilung der Mathematik 93

nisgegenstandes. Entsprechend ist Bewegung derjenige Denkakt, welcher


der Verschiedenheit korrespondiert: Erfasst der Erkennende im Akt des
Erkennens voneinander Verschiedenes, wendet er sich, von dem einen
Bestimmten ausgehend, dem anderen, davon verschiedenen Bestimmten zu
und wieder zum Ersten zurück.
Wenn man z. B. das Gerade und Ungerade in der Arithmetik voneinan¬
der unterscheidet, denkt man beides als verschiedene Sachverhalte. Man
hält zunächst das Gerade für sich als etwas Bestimmtes fest, anschließend
das Ungerade, um dann eine Relation zwischen beiden herzustellen, indem
man Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeitet. Dabei vollzieht
man eine Denkbewegung.93 Identität und Verschiedenheit bzw. Ruhe und
Bewegung sind also unterschiedliche Aspekte ein und derselben Sache,
wobei Ruhe und Bewegung Identität und Verschiedenheit voraussetzen.
Boethius’ Charakterisierung der beiden Wissenschaften von der Größe
(Geometrie und Astronomie) durch Ruhe und Bewegung bringt daher eine
Unterordnung unter die beiden anderen zum Ausdruck.
Nikomachos äußert sich wie auch Boethius dazu nicht im Rahmen der
»Arithmetik«. Beide unterscheiden lediglich »so viel für sich« und »so viel
in Relation« auf der einen bzw. »so groß in Ruhe« sowie »so groß in Bewe¬
gung« auf der anderen Seite und ordnen den vier Arten jeweils eine mathe¬
matische Wissenschaft zu. Da diese Zuordnungen analog vorgenommen
werden, wird deutlich, dass zwischen »für sich« und »Ruhe« einerseits und
»in Relation« und »Bewegung« andererseits ein Zusammenhang besteht.
Auch Philoponos thematisiert die scheinbare Inkonsistenz nicht. Seiner
Gegenüberstellung von Geometrie (betrachtet das »so groß in Ruhe«) und
Astronomie (betrachtet das »so groß in Bewegung«) ist nur mit Blick auf
die Operationsgegenstände zu entnehmen, dass Bewegung etwas mit Rela¬
tion zu tun hat: Die Astronomie wendet sich den bewegten Größen zu,
indem sie deren Bewegungen und deren Relationen zueinander untersucht.94
Ein weiterer Aspekt spielt für die Musiktheorie eine wichtige Rolle: »Für
sich« und »in Relation« stehen nicht beliebig nebeneinander, sondern das
Zweite ist sachlich vom Ersten abhängig: Ohne Identität ist Verschiedenheit
nicht denkbar. Wenn etwas als verschieden erkannt werden soll, muss im¬
mer mindestens zweierlei voneinander unterschieden werden, was jeweils
für sich etwas Bestimmtes und mit sich selbst Identisches ist. Wenn man
etwas nicht als etwas Bestimmtes, mit sich selbst Identisches erlassen kann,
wird man es auch nicht zu etwas anderem in Beziehung setzen können.
So gilt für Zahlen und Zahlenverhältnisse: Ein bestimmtes Zahlenver¬
hältnis kann nur betrachtet werden, indem die beiden in Relation gesetzten

93 Hierbei handelt es sich um eine rationale Bewegung, s. o. 1.2.9.1.


94 Philop. in Nikom. 1 Ende Lemma 1 und Ende Lemma 34.
94 II. Musiktheorie im Quadrivium

Zahlen bereits als etwas jeweils für sich Bestimmtes vorausgesetzt werden.
Wenn man sich also im Rahmen der Musiktheorie einem Zahlenverhältnis
zuwendet, dann untersucht man eine bestimmte Einheit, die mindestens drei
wesentliche zusammengehörige, aber doch voneinander unterscheidbare
Aspekte aufweist: zwei Zahlen und ihr Verhältnis zueinander. Die Musik¬
theorie setzt folglich Zahl und somit die Zahltheorie (Arithmetik) voraus.
Ferner nimmt die Unterscheidung zwischen »für sich« und »in Relation«
bzw. »in Ruhe« und »in Bewegung«, die der Einteilung der vier quadrivia-
len Wissenschaften zugrundegelegt wird, nicht den gleichen Rang wie die
Unterscheidung zwischen Vielheit und Größe ein. Sie stellt eine Unterein¬
teilung innerhalb beider Arten des Seienden dar, wie etwa Jamblich be¬
merkt.95 Zu begründen ist diese Subdivision damit, dass sie bereits jeweils
in der übergeordneten Gattung vorweggenommen ist: Vielheit impliziert
bereits das »für sich« und das »in Relation«. Denn sowohl Zahlen als auch
kontinuierliche Größen enthalten in sich aufgrund ihrer Zusammensetzung
aus verschiedenen Teilen zu einem Ganzen bereits potentiell »für sich« und
»in Relation«: Zahlen bestehen aus Teilen (auf mathematischer Ebene die 9
z. B. aus 6 und 3), die sowohl für sich als auch im Verhältnis zueinander
etwas Bestimmtes sind und ohne die eine jede Zahl nichts Bestimmtes
wäre.
Auf der Vorwegnahme der Relation in der Zahl beruht die sachliche Be¬
rechtigung und Notwendigkeit, Zahlenverhältnisse innerhalb der Arithmetik
zu betrachten, obwohl sie im Besonderen Gegenstand der Musiktheorie
sind, wie in III. 1.1 genauer ausgeführt wird: Insofern eine Zahl eine Zu¬
sammensetzung aus verschiedenen Einheiten zu einer bestimmten Einheit
ist, erfasst ein Vergleich der Teile einer Zahl untereinander und in Bezug
auf das Ganze etwas Wesentliches der Zahl. Dieser in Zahlen fassbare und
in seinen grundsätzlichen Zügen innerhalb der Arithmetik explizierte As¬
pekt gerät in der Musiktheorie in das Zentrum der Betrachtung.

2.3 Zuordnung der vier quadrivialen Wissenschaften

Wenn also - so lolgert Boethius - im Seienden Größe und Vielheit vorlie¬


gen und beides sowohl jeweils für sich als auch im Verhältnis zu etwas
anderem bzw. in Ruhe und in Bewegung vorkommt, müssen dementspre¬
chend vier Disziplinen unterschieden werden:96 die Arithmetik, die die
Vielheit für sich selbst betrachtet, die Musiktheorie als Wissenschaft von

95 Iambl. in Nikom. 8, 7-9.


96 Boeth. arithm. 1, 1 p. 9, 1-6 (entspricht dem zweiten Teil von Abschnitt 4).
2. Unterteilung der Mathematik 95

der in Relation stehenden Vielheit, die Geometrie bezüglich der unbeweg¬


ten Größe und die Astronomie hinsichtlich der bewegten Größe.
Diese Zuordnung zeigt, dass empirische Komponenten laut Boethius und
seiner Tradition nicht das Wesen der entsprechenden mathematischen Wis¬
senschaften ausmachen; die Beobachtungen stehen jeweils nicht im Zen¬
trum der vier Disziplinen, wie unten in III.2 und 5 bezüglich der Musik¬
theorie deutlich wird. Stattdessen dient die Hinwendung zu bestimmten
Operationsgegenständen, die am Beginn des Erkenntnisprozesses am besten
zugänglich sind, der Erkenntnis der eigentlichen mathematischen Gegen¬
stände.97

Vielheiten und Größen sind potentiell unendlich, da sie unendlich vergrö¬


ßert und im Falle der Größen auch potentiell unendlich verkleinert werden
können. Da Boethius fordert, dass Wissenschaft nur von etwas genau Be¬
stimmtem, Begrenztem und nicht von Unendlichem handeln kann,98
schränkt er in Anlehnung an Nikomachos die Gegenstände der vier mathe¬
matischen Wissenschaften ein:99 Die unendliche Vielzahl der Instanzen von
Größe und Vielheit kann die Wissenschaft nicht erfassen. Aus diesem
Grunde wenden sich die Mathematiker einzelnen bestimmten Größen und
Vielheiten zu, dem »so groß« (definita spatia - »bestimmte Abstände«,
griech. tttAIkov - pelikon) bzw. dem »so viel« (finita quantitas - »begrenz¬
te Vielheit«, griech. nooöv - poson).
Wie Philoponos anmerkt, hatte bereits Aristoteles in seiner Wissen¬
schaftstheorie die Unwandelbarkeit der Wissenschaftsinhalte als Charakte¬
ristikum einer jeden Wissenschaft festgehalten.100 Da das jeweils zu Erken¬
nende unveränderlich und damit sicher erfassbar ist, geht eine echte Er¬
kenntnis mit einem gewissen Ende der Suche einher, da sie von den
Zweifeln befreit und zu einem sicheren Ziel und unumstößlichen Ergebnis
führt. Die Beschäftigung mit den potentiell unendlich vielen Möglichkeiten
von Zahl und Größe kann die Seele bzw. den Intellekt nie zu einem solchen
Stillstand führen, geschweige denn den Anspruch der Wissenschaftlichkeit
erheben. Wissenschaft zeichnet sich dagegen durch das Finden der unmit¬
telbaren Prinzipien und Voraussetzungen der betrachteten Phänomene und
Sachverhalte aus. Diese Prinzipien können nicht gleichrangig mit den von
ihnen abhängigen Phänomenen, sondern müssen ihnen ontologisch überge-

97 S. o. 1.2.8.
98 S. o. 1.2.5.
99 Nikom. arithm. 1, 2 p. 4, 21 - 5, 12; Boeth. arithm. 1, 1 p. 9, 18-26 (entspricht dem zweiten
Teil von Abschnitt 6).
100 Philop. in Nikom. 1 Lemma 4 und Beginn Lemma 21 mit Bezug aut Aristot. anal. post.
71b9—16 und 88b30-89al0.
96 II. Musiktheorie im Quadrivium

ordnet sein.101 Als Weg zu diesen Prinzipien darf folglich nicht die potenti¬
ell unendliche Betrachtung der einzelnen Instanzen (z. B. Zahlen) verstan¬
den werden, sondern der Wissenschaftler muss anhand einer beschränkten
Anzahl von Operationsgegenständen deren sachlich voraushegende Ursa¬
chen zu erkennen versuchen. Gänzlich ohne die Betrachtung einzelner
Zahlen und Größen kommt also ein Mathematiker nicht aus, doch muss er
sich des Unterschiedes zwischen den Operationsgegenständen der Mathe¬
matik und der anhand dieser zu erkennenden Sache - dem eigentlichen
Erkenntnisziel - bewusst bleiben bzw. zunächst bewusst werden.102
Sokrates fordert an der berühmten »Saitenquälstelle« genau diese Über¬
schreitung der Ebene der Operationsgegenstände: Die Musiker sollen nicht
unendlich die Saiten quälen und lauschen, ob nicht doch noch ein kleineres
Intervall mit dem Gehör zu erhaschen sei, sondern sie sollen zu »Proble¬
men« aufsteigen und herausfinden, welche Zahlen symphon sind, welche
nicht und warum.™ Für die Musiktheorie resultiert daraus eine Beschrän¬
kung auf bestimmte Zahlenverhältnisse, anhand derer das Wesen von Zah¬
lenverhältnis relativ deutlich abzulesen ist, weil sie seinen unmittelbaren
Prinzipien besonders nahe stehen. Das trifft in besonderer Weise für das
Vielfache und das Epimore zu. Beide Verhältnisarten verwirklichen gemäß
der pythagoreisch-platonischen Tradition in ganz primärer und grundlegen¬
der Weise ihre Prinzipien Gleichheit und Ungleichheit, weshalb sie auch die
schönsten Intervalle hervorbringen.104

101 Vgl. Aristot. phys. 184al6-26 und oben 1.2.3 - 2.5.


102 S. o. 1.2.8 und u. II.3.
103 Plat. pol. 531al-c5. Hier ist sicherlich nicht die Bedeutung von Ttpoß7.f|para - Problemata
gemeint, die laut Proklos’ Kommentar zu Euklids »Elementen« im Bereich der Geometrie vor¬
liegt: Problemata sind Konstruktionen und Operationen, anhand derer ein Sachverhalt in verschie¬
dene Verwirklichungsmöglichkeiten ausgefaltet bzw. »vorgebracht« wird (griech.: proballein,
davon kommt griech. Problema), und die im Unterschied zu Theoremen mit »was zu beweisen
war« enden; vgl. Prokl. in Eukl. 77, 7 - 81, 22. - Zur »Saitenquälstelle« vgl. Theo Sm 16 24 -
17,5. ' ’
104 S. u. III.4. Das Vielfache ist das erste Verhältnis, das ausgehend von dem Verhältnis der
Gleichheit entsteht. Es bildet zugleich die unmittelbare Grundlage für das Entstehen des Epimoren,
denn ohne das Doppelte gibt es keine Hälfte und somit kein anderthalbfaches Verhältnis. Somit
verwirklicht das Vielfache zwar die einlachste Art der Ungleichheit, hat aber stark - vergleichs¬
weise stärker als das Epimore - an der Gleichheit teil, während die übrigen Relationsarten auf¬
grund ihrer komplexen Bildung immer stärker von der als ursprünglich aufgefassten Relation der
Gleichheit abweichen und immer stärker von der Ungleichheit geprägt sind. Dabei wird vorausge¬
setzt, dass die Einheit die Mutter aller Zahlen ist und von ihr ausgehend alle weiteren Zahlen und
auch Zahlenverhältnisse generiert werden.
2. Unterteilung der Mathematik 97

2.4 Zur Begründung des Quadrivium in der Metaphysik

Wenn sich die vier mathematischen Disziplinen anhand jeweils geeigneter


Operationsgegenstände mit den wesentlichen Aspekten des Seienden befas¬
sen, können nur sie in ihrer Gesamtheit zur Erkenntnis des Seienden hinfüh¬
ren. Vor diesem Hintergrund prägt Boethius das Wort quadruvium: Alle
vier Teile des Weges bilden eine Einheit und führen zu einem gemeinsamen
Ziel. Wie Guillaumin zu Recht feststellt, handelt es sich also nicht um eine
Wegkreuzung, sondern um vier Wege, die alle beschritten werden müssen,
um zu einem Ziel zu gelangen. Unter dem Vierweg ist demnach ein vier¬
gliedriges Curriculum zu verstehen, welches ein zeitlich versetztes Studium
aller vier mathematischen Fächer vorsieht, um aufs Ganze gesehen eine
Zusammenschau der vier Fächer und ihre Transzendierung zu erreichen.105
Mit welcher Berechtigung legt Boethius dieser Fächereinteilung die
Prämissen zugrunde, dass essentielle Teile des Seienden Größe und Vielheit
sind und dass beide jeweils für sich und in Relation zu etwas anderem bzw.
in Ruhe und Bewegung auftreten? Und warum muss die Zuordnung der
Fächer so und nicht anders vorgenommen werden?
Boethius und Nikomachos beantworten diese Fragen in ihren mathemati¬
schen Traktaten nicht, sondern setzen die genannten Prämissen einfach
voraus. Einen Hinweis zur Beantwortung der zweiten Frage liefert der
Kommentar des Philoponos:106 Hier heißt es nicht nur, dass die genannten
vier grundsätzlichen Aspekte des Seienden in den vier quadrivialen Fächern
aufgegriffen und untersucht werden, sondern dass diese die jeweiligen
Wissenschaften »hervorbringen«: Das »so viel für sich« bringt die Arithme¬
tik hervor, während die Musik als Wissenschaft vom »im Verhältnis zu
etwas« hervorgebracht wird. Auch wenn die Frage der Zuordnung damit
längst nicht geklärt ist, deutet sich doch an, dass Philoponos von einem
notwendigen Verhältnis zwischen den Prinzipien und den daraus hervorge¬
henden Disziplinen ausgeht, weshalb die Fösung in diesen Prinzipien selbst
zu finden sein muss. Mit der Untersuchung der Prinzipien befasst sich die
Metaphysik.
Dass Boethius innerhalb seiner arithmetischen Schritt die Voraussetzun¬
gen, die der Etablierung des Quadrivium zugrundeliegen, nicht expliziert
und begründet, muss nicht mit Notwendigkeit bedeuten, dass das gesamte
Konzept nicht weiter begründet bzw. begründbar ist und dass Boethius eine
derartige Unterteilung der Mathematik nur willkürlich oder als Reverenz an
alte Autoritäten und den bereits etablierten Fächerkanon postuliert. Boethi¬
us bzw. Nikomachos folgt hier schlicht der aristotelischen Tradition, in

105 Guillaumin, Edition, LIV; Gaiser, passim.


106 Philop. in Nikom. 1 Lemma 15 (Mitte); vgl. auch Lemma 20.
98 II. Musiktheorie im Quadrivium

einem Traktat nur das zu behandeln, was dem jeweiligen Thema zugehört.
Da die Arithmetik die Wissenschaft von der für sich betrachteten Zahl ist,
verfehlte eine zusätzliche Erörterung zum Wesen des Seienden samt seinen
Teilen sowie zu Identität und Verschiedenheit das Thema. Das Seiende und
sein Wesen werden traditionell in der Philosophie, speziell in der Metaphy¬
sik, behandelt, zu deren Studium der Student mittels des Quadrivium hinge¬
führt werden soll.107 Boethius hält sich in seinen Werken stets an den je¬
weils vorgegebenen thematischen Rahmen. Etwa stellt er in dem theologi¬
schen Traktat »De hebdomadibus« zunächst die gegebenen, im Rahmen
dieser Schrift nicht weiter auf ihre Richtigkeit zu hinterfragenden Sätze vor,
bevor er aus ihnen Schlussfolgerungen zieht:108 »Wie es also in der Mathe¬
matik und den übrigen Disziplinen zu geschehen pflegt, habe ich die Be¬
griffe und Regeln vorausgesetzt, durch die ich alles, was folgt, entwickeln
werde«. Ähnlich geht er auch in der »Arithmetik« und der »Musiktheorie«
vor, die jeweils auf bestimmten Axiomen beruhen, welche nicht in den
beiden mathematischen Disziplinen begründet werden.109
Den zweiten Grund dafür, bei der Herleitung des Quadrivium auf die Er¬
klärung der metaphysischen Grundlagen zu verzichten, stellt der Kenntnis¬
stand des Schülers dar. Nach platonischem Maßstab ist das Voraussetzen
von noch unbegründeten Prinzipien nicht als Defizit anzusehen, sondern als
Notwendigkeit, die mit der geistigen Schwäche des noch nicht zum Ende
des Erkenntnisweges vorgedrungenen Adressaten erklärt wird: Könnte der
Mensch ohne einen längeren Erkenntnisweg sofort die letzten und höchsten
Prinzipien erkennen, wäre das Absolvieren solcher aus der Perspektive des
Schülers nur in unbefriedigender Weise begründeter Studienfächer nicht
mehr nötig. Zur Illustration sei auf den entsprechenden Abschnitt im plato¬
nischen Liniengleichnis verwiesen.110 Dieses Gleichnis diente als sachliche
und methodische Grundlage aller mathematischen Traktate der Spätantike,
die sich in die platonische Tradition stellten. Dort heißt es, dass in den
mathematischen Wissenschaften von Voraussetzungen (s£; (moeeoscov - ex
Hypotheseön, wobei Hypotheseis etwas sind, was man als wahr zugrunde¬
legt, d. h. keine beliebigen Annahmen) ausgegangen wird und man im Un¬
terschied zur Dialektik nicht zum voraussetzungslosen Prinzip (en‘ üpxijv
ÜVU71Ö0STOV - ep’Archen anhypotheton) (hoch)schreitet, sondern von diesen
Voraussetzungen her deduziert. Als Beispiel für in der Mathematik ohne
weitere Begründung Vorausgesetztes nennt Sokrates das Ungerade, das
Gerade, die Figuren, drei Winkelarten und anderes. Die Mathematiker ma-

107 S. u. II.3.
108 ßoeth. subst. bon. 14-16 (Übersetzung von Elässer).
109 Vgl. die Axiomenkapitel mus. 2, 6-17; dazu s. u. III. 1.2.
110 V. a. Plat. pol. 510b4-d3.
2. Unterteilung der Mathematik 99

chen dies zu Voraussetzungen, als ob sie ein Wissen davon hätten. Sie
halten es nicht für nötig, sich selbst oder anderen eine Begründung darüber
zu geben, da diese Voraussetzungen ja allen einsichtig sind. Von diesen
Hypotheseis ausgehend stellen sie ihre Betrachtungen an und enden schlie߬
lich übereinstimmend beim Ziel ihrer Untersuchung. Sokrates besteht dem¬
gegenüber darauf, dass auch die Voraussetzungen, auf denen die Hypothe¬
seis beruhen, erkannt werden müssen. Denn gerade das ist der Sinn der
mathematischen Wissenschaften: Sie sollen zur Erkenntnis der ihnen ge¬
meinsamen Basis, des sie einenden Bandes gelangen. Laut Platon rühren
die Mathematiker ansonsten nur irgendwie an das Seiende und träumen
davon, können es wach allerdings nicht sehen, solange sie die Voraus¬
setzungen, die sie gebrauchen, nicht erörtern und nicht über sie Rechen¬
schaft ablegen können.1"
Eine Begründung des Quadrivium erfolgt also in der Wissenschaft, in der
die Voraussetzungen der Mathematik betrachtet werden: in der Metaphysik
bzw. Dialektik, d. h. in der laut Boethius der Mathematik direkt übergeord¬
neten Wissenschaft.112 Wer die Berechtigung der Etablierung eines solchen
Fächerkanons beweisen oder widerlegen möchte, muss - gemäß Boethius’
Perspektive - die zugrundeliegenden metaphysischen Lehren kennen und
die dort verhandelten Prinzipien der mathematischen Wissenschaften auf
ihre Wahrheit hin überprüfen.
Wenn nun die Begründung des Quadrivium nicht in das Gebiet der Ma¬
thematik, sondern in das der Philosophie, speziell der Metaphysik, fällt, so
müsste eine Beschäftigung mit der weiteren Entwicklung der Quadrivi-
umskonzeption im abendländischen Denken ein Studium der zeitgleichen
Entwicklungen in der Metaphysik einschließen. Denn Veränderungen in
den Lehren der Metaphysik mussten einen unmittelbaren Einfluss darauf
haben, was unter dem Wesen von Mathematik verstanden wurde, und wel¬
cher Status sowie welche Funktion man ihr dementsprechend beimaß. Glei¬
ches gilt für die Musiktheorie als Teilbereich der Mathematik.

111 Plat. pol. 533bl-c6. Philoponos behandelt im Kommentar zu Aristoteles’ »Zweiten Analy¬
tiken« im Rahmen der Erörterung der aristotelischen Wissenschaftskonzeption auch das Verhältnis
zwischen über- und untergeordneten Wissenschaften sowie von deren Prinzipien zueinander und
kommt zu denselben Ergebnissen wie oben dargelegt: Die mathematischen Fächer Musik, Geome¬
trie und Astronomie bedienen sich z. T. derselben Axiome, da sie aut gemeinsame Prinzipien
zurückgehen, z. B. dass das demselben Gleiche auch einander gleich ist. Gleichzeitig besitzt jedes
Fach seine spezifischen, unmittelbaren Prinzipien. Eine Wissenschaft nimmt ihre Prinzipien von
der ihr unmittelbar übergeordneten Wissenschaft her zur Kenntnis und nutzt sie, muss (und kann)
sie aber selbst nicht beweisen. So verhält es sich etwa bei der Musik, die ihre Prinzipien in der
Arithmetik findet (in anal. post. 10, 31 - 11. 2; 118, 29 - 119, 5 und 145, 25 - 146, 5). - Zu den
Hypotheseis der Astronomie vgl. Theo Sm. 199, 9 - 200, 12.
112S.O.I.I und 2.1.
100 II. Musiktheorie im Quadrivium

Die vorliegende Arbeit thematisiert die metaphysischen Voraussetzun¬


gen des Quadrivium und speziell der Musiktheorie nicht eingehend, son¬
dern konzentriert sich darauf, auf der von Boethius vorgegebenen mathema¬
tischen Ebene den Zusammenhängen zu folgen. Lediglich im Rahmen der
Interpretation des ersten Axiomenkapitels von Boethius’ »De institutione
musica« wird in III. 1.2 der Frage nachgegangen, auf welchen die Musik¬
theorie übersteigenden unmittelbaren Prinzipien die Musiktheorie aufbaut.

2.5 Begründung der Vorrangstellung der Arithmetik

Nicht nur hängt das Quadrivium in seinem Wesen von der Metaphysik ab,
sondern in ähnlicher Weise auch die Musiktheorie, die Geometrie und die
Astronomie von der Arithmetik. In allen drei Disziplinen werden bestimmte
arithmetische Sachverhalte ohne weitere Begründung vorausgesetzt, etwa in
der Musiktheorie Zahl und Verhältnis.
Die Abhängigkeit der Zahlenverhältnisse von den Zahlen bzw. die sach¬
liche Abhängigkeit der Musiktheorie von der Arithmetik und überhaupt die
Hierarchie der vier Quadriviumswissenschaften begründet Boethius im
Proömium mittels des Anhairesis-Verfahrens.113 Durch diese Methode wer¬
den eine Voraussetzung und das davon Abhängige festgestellt, indem eines
von beiden gedanklich aufgehoben (tollere, griech. ävcupsTv — anhairein)
und geprüft wird, ob das andere dann noch etwas begrifflich Erkennbares
ist. Ist das nicht der Fall, handelt es sich um etwas, das vom gedanklich
Aufgehobenen abhängig und somit sachlich später (posterior) ist.
Als Beispiel verwendet Boethius in Anlehnung an Nikomachos Mensch
und Lebewesen: Lebewesen ist sachlich früher als Mensch, denn mit dem
Aufheben von Lebewesen wird zugleich auch Mensch aufgehoben, da er als
animal rationale mortale (»sterbliches, rationales Lebewesen«) definiert
wird. Wenn man dagegen Mensch aufhebt, bleibt Lebewesen bestehen,
zumal es auch noch andere Lebewesen gibt, z. B. Tiere und Engel.
Die Gegenprobe besteht im umgekehrten Verfahren, in dem geprüft
wird, ob etwas etwas anderes mit sich bringt (secum inferre, griech.
ouvsiocpepsiv - syneispherein). Dabei wird die Frage gestellt, ob A als Vor¬
aussetzung und Prinzip B in sich enthält, ohne dass B bereits expliziert
wäre. Wenn A B impliziert, wie es bei einer Gattung im Verhältnis zu einer
ihrer Arten der Fall ist, so handelt es sich bei A um etwas Früheres (Lebe¬
wesen), während B als sachlich Späteres davon mitgebracht wird

113 Boeth. arithm. 1, 1 p. 10, 8-12, 12 (entspricht Abschnitten 8-12); Nikom. arithm. 1, 4f.
2. Unterteilung der Mathematik 101

(Mensch)."4 Anhand dieser Methode und weiterer Indizien bestimmt


Boethius die Abhängigkeitsverhältnisse unter den vier Fächern des Quadri-
vium, wie im Folgenden gezeigt wird.

2.5.1 Vorrang der Arithmetik vor der Geometrie


Die Arithmetik geht der Geometrie sachlich voraus. Bereits die Benennung
der geometrischen Gegenstände, z. B. Dreieck, verweist darauf, dass sie
Zahl voraussetzen.115 Die Geometrie ist also ohne Zahl und damit auch ohne
Zahlwissenschaft (Arithmetik) nicht denkbar.
Des Weiteren bestimmt Boethius die Arithmetik als Prinzip und Mutter
der anderen drei mathematischen Disziplinen, indem er darauf hinweist,
dass sich Gott bei seinen Denkakten und der dadurch vollzogenen Schöp¬
fung des Alls an einer bestimmten Arithmetik orientiert und so der Schöp¬
fung Ordnung und Harmonie verleiht.116 Zu überprüfen bleibt im Folgen¬
den, welche Art von Arithmetik hier gemeint sein kann (s. u. II.4.1 f.).
Zusätzliche Argumente liefert Philoponos.117 Die Geometrie ist von der
Arithmetik abhängig und somit ihr gegenüber sekundär, da in vielen geo¬
metrischen Beweisen arithmetische Methoden zur Anwendung kommen.
Ein weiteres recht auffälliges Indiz ist, dass geometrische Figuren ent¬
weder aus einer (Kreis) oder aus mehreren Linien (Dreieck) bestehen und
somit bereits das Eine und das Viele - also Zahl - voraussetzen. Diese
Begründung unterscheidet sich von der anfangs genannten dadurch, dass sie
nicht nur anhand der Benennung geometrischer Figuren auf die Priorität der
Arithmetik verweist, sondern auch das eigentlich Gemeinte beim Namen
nennt: Wie es bei Philoponos und bei Nikomachos ausführlicher heißt,
verweisen die geometrischen Namen nicht zufällig auf bestimmte Zahlen;
vielmehr kann ein bestimmter geometrischer Sachverhalt ohne die Zugrun¬
delegung bestimmter Zahlen gar nichts Bestimmtes sein.118
Drittens führt Philoponos (noch immer Ende Lemma 1) an, dass die Mo¬
nade - die Eins als Prinzip von Zahlen - nicht nur der Ursprung aller aus ihr
hervorgehenden Zahlen, sondern gleichzeitig sachliche Voraussetzung des
geometrischen Punktes und damit Prinzip jeder kontinuierlichen Größe ist.
Nach neuplatonischem Verständnis gehen aus dem Punkt alle anderen geo¬
metrischen Sachverhalte hervor, z. B. die Linie als kürzeste Verbindung
zwischen zwei Punkten. Würden diese beiden Punkte als Extreme der ent-

114 In der von Bernhard edierten Glosse zu arithm. (24, 37 - 25, 1) begründet der Autor inter¬
essanterweise die Vorrangstellung der Arithmetik hinsichtlich ihrer Würde wie bei Gattung und
Art damit, dass sie mehr in sich enthält; vgl. oben 1.2.5.
115 Boeth. arithm. 1, 1 p. 10, 27 - 11,6 (entspricht Abschnitt 9).
116 Ebd. p. 10, 8-15 (entspricht dem Beginn von Abschnitt 8).
117 Philop. in Nikom. 1 Ende Lemma 1.
118 Ebd. Lemma 34 und Nikom. arithm. 1, 4 p. 10, 11-19.
102 II. Musiktheorie im Quadrivium

stehenden Linie nicht zuerst vorliegen und hätte die konstruierte Linie keine
zwei sie begrenzenden Punkte, dann wäre es unmöglich, dass die Linie
überhaupt die ihr eigene Bestimmtheit besäße. Der Punkt nimmt also inner¬
halb der Geometrie eine der Monade in der Arithmetik analoge Stellung als
Prinzip ein. Ferner ist ein teilloser, unteilbarer Punkt aufgrund seines Eins-
Seins nicht denkbar, ohne dass man die arithmetische Monade voraussetzt.
Hieraus ergibt sich zwingend der Vorrang der Arithmetik vor der Geome¬
trie.
Arithmetik und Geometrie haben dennoch vor den beiden anderen Wis¬
senschaften eine herausgehobene Position inne, da sie die beiden Arten von
Quantität an sich - die auf diskrete und auf kontinuierliche Weise herge¬
stellte Einheit (Vielheit und Größe) - behandeln und die beiden von ihnen
abgeleiteten Relationswissenschaften bereits in Arithmetik und Geometrie
Angelegtes explizieren.119 Arithmetik und Geometrie stellen somit die um¬
fassenderen und allgemeineren Wissenschaften dar, weshalb Philoponos
ihre Kenntnis als Weisheit im eigentlichen Sinne bezeichnet.120

2.5.2 Vorrang der Arithmetik vor der Musiktheorie


Das Anhairesis-Verfahren findet auch bei der Bestimmung des Verhältnis¬
ses zwischen Musiktheorie und Arithmetik Anwendung.121 Analog zur Ar¬
gumentation bei der Arithmetik und der Geometrie verweist Boethius dar¬
auf, dass bereits anhand der Intervallbezeichnungen die Abhängigkeit von
der Arithmetik deutlich wird. Denn sowohl im Griechischen als auch im
Lateinischen basieren die Namen der Intervalle auf Zahlwörtern, wie ja
auch im Deutschen die Intervallnamen den lateinischen Ordnungszahlen
folgen, z. B. Quarte (von quartus - »der Vierte«, d. h. der vierte Ton).
Ferner beruht das Verhältnis der Töne zueinander auf Zahlenverhältnis-
sen. So wird eine Quarte durch ein epitrites Verhältnis zusammengesetzt,
wofür wiederum Zahlen Voraussetzung sind (zur Rolle des Zahlenverhält¬
nisses für das erklingende Intervall s. u. III. 1.3). Erwähnt sei an dieser Stel-

119 S. o. II 2.2 und u. III.1.1.


120 Philop. in Nikom. 1 Beginn Lemma 21. - O’Meara, Pythagoras, 166-169, hebt Proklos’
Vorliebe für die Geometrie gegenüber der Arithmetik hervor. In der Tat zeigen Proklos’ »Euklid-
Kommentar« und seine vorwiegend geometrischen Analogien an anderen Stellen, dass er gern die
besonders ausgeprägte Anschaulichkeit der Geometrie zur Erklärung der Sachverhalte heranzieht.
Das bedeutet aber nicht, dass er die Hierarchie innerhalb der mathematischen Fächer negiert: 1.
lässt sich diese These an keiner Stelle des überlieferten Werkes verifizieren. 2. täuscht möglicher¬
weise die textliche Überlieferungssitutation über Proklos’ Beschäftigung mit der Arithmetik
hinweg. 3. sah Proklos sich wohl als Reinkarnation des Nikomachos an, was auf eine besondere
Wertschätzung dieses Neupythagoreers hinweist (vgl. dagegen Dillon, 275). 4. ist ein häufiger
Rückgrill auf geometrische Beispiele kein Beweis für eine Umbewertung der Prinzipienrolle der
Arithmetik. Er kann dadurch motiviert sein, dass Proklos das didaktische Potential der Geometrie
ausnutzen wollte, um seinen Lesern ein besseres Verständnis zu ermöglichen.
121 Boeth. arithm. 1, 1 p. 11, 6-22 (entspricht Abschnitt 10).
2. Unterteilung der Mathematik 103

le, dass auch nach moderner Auffassung insofern ein Zusammenhang zwi¬
schen Zahlenverhältnis und erklingendem Intervall besteht, als die Schwin¬
gungen zweier Töne in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen. So
verhalten sich z. B. die Frequenzen des Kammertons a1 mit 440 Hertz und
der darüberliegenden Oktave a2 mit 880 Hertz wie 1:2. Nikomachos bzw.
Boethius weisen den Intervallen das richtige Verhältnis zu. Sie konnten
zwar nicht die Schwingungszahlen, dafür aber die Zahlenverhältnisse rela¬
tiv leicht an gespannten Saiten ermitteln: Teilt man eine Saite in zwei glei¬
che Teile und vergleicht man den Ton, welchen die ganze Saite von sich
gibt, mit demjenigen, welchen die halbe Saite erzeugt, so stellt man - bei
einem Verhältnis der Saitenlängen von 2:1 - das Intervall Oktave fest.
Boethius führt noch ein drittes, sehr grundsätzliches Argument ins Feld,
das bereits in II.2.2 dargelegt wurde: Von Natur aus ist das früher, was für
sich ist, im Gegensatz zu dem, was in Relation zu etwas anderem ist. So
kann mit »größer« oder »doppelt« nur etwas Bestimmtes gemeint sein,
wenn zunächst z. B. zwei Linien jede für sich eine bestimmte Größe haben,
so dass man sie im zweiten Schritt in Beziehung zueinander setzen und von
»größer« oder einem Verhältnis des Doppelten sprechen kann. Es handelt
sich um ein Axiom des Denkens: Das Erfassen von etwas, das mit sich
selbst identisch ist, ist Voraussetzung, um es von etwas anderem zu unter¬
scheiden und eine Relation zwischen beidem auszumachen. Daraus folgt
die Subordination der Musiktheorie unter die Arithmetik: Die Musiktheorie
betrachtet Gegenstände der Arithmetik, aber nicht insofern sie Zahlen für
sich sind, sondern insofern Zahlen in einem bestimmten Verhältnis zuein¬
ander stehen. Der spannenden Frage, warum dennoch in der »Arithmetik«
Zahlenverhältnisse untersucht werden, widmet sich III. 1.1.
Wenn das Sein von Zahl in der Musiktheorie vorausgesetzt wird, darf ei¬
ne Begründung der herausragenden Rolle bestimmter Zahlen in der Musik¬
theorie nicht in einem musiktheoretischen, sondern muss in einem zahltheo¬
retischen Traktat gesucht werden. In der »Arithmetik« wird im Zusammen¬
hang mit der Behandlung des Wesens von Zahl auch über die Kriterien zur
Differenzierung von Zahlarten gesprochen, die in primärer Weise das We¬
sen von Zahl erfüllen und deshalb besonders schöne Zahlen hervorbringen.
Erst eine Kenntnis dieser Lehren ermöglicht es, die in der »Musiktheorie«
vorgenommene Beschränkung der konsonanten Intervalle auf die Oktave
(2:1), Duodezime (3:1), Doppeloktave (4:1), Quinte (3:2) und Quarte (4:3)
rational nachzuvollziehen (s. u. III.4).

2.5.3 Vorrang der Geometrie vor der Astronomie


Schließlich zeigt Boethius auf, dass die Astronomie als diejenige Disziplin,
die sich den Verhältnissen zwischen kontinuierlichen Größen zuwendet, die
104 II. Musiktheorie im Quadrivium

unterste bzw. sachlich späteste Wissenschaft im Quadrivium darstellt.122


Begründet wird die Hierarchie damit, dass die Astronomie auf geometri¬
schen Sachverhalten (Kreis, Kugel etc.) beruht und Relation (Bewegung)
das »für sich« (Ruhe) bereits voraussetzt.123
Mit Philoponos ist zudem eine Abhängigkeit von der Musik insofern zu
konstatieren, als sich die Himmelskörper in harmonischer Bewegung befin¬
den.124 Und da bei der Bestimmung der Bewegungen und Relationen Zahlen
benutzt werden, setzt die Astronomie also auch die Arithmetik voraus.125

3. Zum Ziel der Mathematik

3.1 Aufstieg zum Gipfel der Philosophie

Gleich im ersten Satz seiner arithmetischen Schrift sagt Boethius, dass das
Ziel der mathematischen Studien im Aufstieg zum Gipfel der Vollendung in
den philosophischen Disziplinen und im Erreichen echter Klugheit bzw.
Weisheit (beide Begriffe werden synonym verwendet) besteht. Das Streben
nach Weisheit bzw. die »Liebe zur Weisheit« (philosophia) muss schlie߬
lich zu deren aktualem Besitz führen. Die notwendige Voraussetzung dafür
bildet das Quadrivium.126 Unter Weisheit versteht Boethius das Erfassen
derjenigen Sachverhalte, »die sind (quae sunt) und ihre eigene, unveränder¬
liche Substanz (substantia) erlösen«.127
Zur Frage, was Philosophie ist, äußert sich Boethius ausführlicher im er¬
sten Kommentar zu Porphyrios’ »Eisagoge«:128 Die Philosophie ist die

122 Boeth. arithm. 1, 1 p. 11, 22 - 12, 10 (entspricht Abschnitt 11).


123 Zum Verhältnis zwischen Ruhe/Bewegung und für sich/im Verhältnis zu etwas Anderem
bzw. zwischen Identität und Verschiedenheit s. o. II.2.2.
124 Philoponos unterscheidet hierbei dreierlei: 1. die geordnete, harmonische Bewegung der
einzelnen Himmelskörper, 2. deren musikalische Verhältnisse untereinander sowie 3. die aus der
harmonischen Bewegung herrührende Sphärenharmonie, wie sie von den Pythagoreern behauptet
wird (in Nikom. 1 Lemma 41).
125 Vgl. ebd. Ende Lemma 34 und Lemma 39.
126 Boeth. arithm. 1, 1 p. 9, 6-13 (entspricht Abschnitt 5); Nikom. arithm. 1, 3 p. 6, 8-16.
127 Boeth. arithm. 1, 1 p. 7, 26 - 8, 1; zum Seienden s. u. II.3.5.
128 ln Porph. pr. I 3 p. 7, 12-22: est enim philosophia amor et Studium et amicitia quodam-
modo sapientiae, sapientiae vero non huius, quae in artibus quibusdam et in aliqua fabrili scientia
notitiaque versatur, sed illius sapientiae, quae nullius indigens, vivax mens et sola rerum primaeva
ratio est. est autem hic amor sapientiae intellegentis animi ab illa pura sapientia inluminatio et
quodammodo ad se ipsam retractio atque advocatio, ut videatur Studium sapientiae Studium
divinitatis et purae mentis illius amicitia. haec igitur sapientia cuncto equidem animarum generi
meritum suae divinitatis inponit et ad propriam naturae vim puritatemque reducit.
3. Ziel der Mathematik 105

Liebe zur theoretischen Weisheit und das Streben nach ihr.129 Diese Weis¬
heit ist sich selbst genug, d. h. sie stellt im Unterschied zu den praktischen
Künsten das letzte Ziel der Erkenntnisbemühungen dar, ist lebendiger Geist
und die einzige, letzte Begründung der Dinge. Liebe zur Weisheit wird
demjenigen zuteil, dessen Geist von der reinen Weisheit erleuchtet und von
ihr angezogen bzw. gerufen ist, weshalb sie ein Bemühen um das Göttliche
und eine Freundschaft zu jenem reinen Geist zu sein scheint. Die Weisheit
verleiht allen beseelten Lebewesen etwas Göttliches und führt sie zu der
ihnen eigenen Natur und Reinheit zurück.
Der Philosoph befasst sich demnach nicht mit kalten, leblosen abstracta,
sondern mit Lebendigem, zu dem man in ein persönliches Verhältnis treten
kann, d. h. mit den wahren Prinzipien in ihrem inhaltlichen Reichtum bzw.
mit Gott als dem letzten Prinzip von allem.130 Das gilt in eingeschränkter
Weise auch für den Mathematiker, dem es nicht um eine Schulung des
abstrakten Denkens geht, sondern um die Erkenntnis aktiver, lebendiger
Prinzipien.131 Da Erkennen eine Angleichung des Erkenntnisvermögens an
den Erkenntnisgegenstand ist, zeichnet sich ein rational Erkennender im
rationalen Denkakt durch eine besondere Lebendigkeit aus.132

129 S. o. 1.2.1. Da das lateinische Wort für »Weisheit« (sapientia) im Gegensatz zum griechi¬
schen eindeutig auf theoretische Kenntnisse bestimmter Wissenschaften begrenzt ist und nicht im
Hinblick auf praktisch orientierte Künste und Handwerke Verwendung findet, übernimmt Boethi-
us in arithm. nicht Nikomachos’ Ausführungen zur Prägung des Begriffes durch Pythagoras. Zur
Genese des Begriffes »Weisheit« vgl. den Kommentar von Philoponos, Lemma 1.
130 Zur Aktivität des Seienden s. u. II.3.5.6. Noch Cusanus (coniect. I 6, 26) bezeichnet die
Erkenntnis der intelligentia, die Voraussetzung aller Rationalität ist, als eine »intellektuelle Süße,
welche alle sinnliche Lieblichkeit unvergleichlich überragt« (intellectualis dulcedo omnem sensi-
bilem amoenitatem incomparabiliter excellens). Man empfindet eine »unaussprechliche Freude«
(ineffabile gaudium), wenn man in der Erkenntnis zur Einheit der unendlichen Wahrheit selbst
vordringt und die Einheit jeder Harmonie auf intellektuelle Weise hört (II 6, 105). - Aus neuplato¬
nischer Perspektive ist Rationalität eine ausgesprochen lustvolle Geisteshaltung, weil sie nicht der
recht unbeständigen und nur für den Augenblick Befriedigung verschaffenden Wahrnehmungs¬
freude fröhnt, sondern das eigentliche Sein erfasst, das fest, sicher und Voraussetzung des Wahr¬
nehmbaren ist. Um es in Anlehnung an Platons Linien- und Höhlengleichnis zu sagen: Wie ein
Verliebter sich nicht mit dem Bild des Geliebten begnügen möchte, sondern sich das leibhaftige
Original herbei wünscht, so strebt auch der Philosoph danach, nicht beim Wahrnehmbaren stehen¬
zubleiben, sondern zum noch lebendigeren Urbild fortzuschreiten. Der Gedanke, dass etwas
Lebendiges nur von etwas noch Lebendigerem hervorgebracht werden kann, führt zu den Schlüs¬
sen, dass das oberste Eine eine quasi überlebendige Personalität besitzt, das Ui bi ld des Kosmos in
noch stärkerem Maße ein Lebewesen als der wahrnehmbare Kosmos ist und die Ideen als denken¬
de Wesen aufgefasst werden (zur Personalität des Göttlichen vgl. Bernard, Dichtungstheorien, v. a.

95-182).
131 Dagegen Bower, Modes, 253, bezüglich Boethius' Musiklehrbuch: »In the final analysis
Boethius’ work must be read, along with the treatise on arithmetic, as a thoroughgoing Pythago
rean document with a clearly defined pedagogical aim: training the mind in orderly, abstract,
quantitative thought.«
132 S. u. III.5.2.lf., Anhang 3.3 und s. o. II. 1.2.3.
106 II. Musiktheorie im Quadrivium

Neu gegenüber dem bereits Besprochenen ist der Aspekt, dass die Weis¬
heit dem Menschen eine göttliche Würde verleiht und ihn von einem
gleichsam widernatürlichen Zustand in die wahre Ordnung zurückführt.
Jeder Mensch betätigt sich demnach seinem Mensch-Sein gemäß, wenn er
den Weg des Quadrivium betreten und sich im Anschluss daran um philo¬
sophische Erkenntnis und schließlich um die göttliche Weisheit bemüht
hat.133
Wie die gerade paraphrasierte Stelle zeigt, liegen Philosophie und Theo¬
logie trotz ihrer klaren Hierarchisierung dicht nebeneinander. Boethius fasst
das Quadrivium im Anschluss an Platon134 als Propädeutikum für die Philo¬
sophie und nicht als direkte Vorbereitung für das Erklimmen des Gipfels
der göttlichen Weisheit, d. h. für die Theologie, auf: Das Quadrivium - und
damit auch die Musiktheorie - ist beim Aufstieg zum Gipfel der Erkenntnis
noch relativ weit unten am Berghang zu verorten.
Das zeigt bereits der Inhalt der beiden mathematischen Schriften, in de¬
nen zu philosophischen Fragestellungen erst hingeführt wird. Nicht umsonst
tragen sie die Titel »Einführung in die Arithmetik« und »Einführung in die
Musiktheorie«, wobei erstere zudem von Nikomachos’ »Großer Arithme¬
tik« (auch »Theologische Arithmetik« genannt) zu unterscheiden ist.135
Nikomachos illustriert ferner mit einem Zitat des Pythagoreers Androky-
des die Funktion der Mathematik, auf die Philosophie vorzubereiten: Alle
mathematischen Gegenstände stellen eine Art Lernhilfe dar, ohne die weise
Lehrsätze (Logoi) nicht erlernt werden können. Wie Zeichnungen oder
Skizzen zum Gelingen der Handwerkskünste einen entscheidenden Beitrag
leisten, stehen hierbei die mathematischen Gegenstände hilfreich zur Sei¬
te.136

133 Vgl. Plat. pol. 518b6—519a 1: Beim Aufstieg geht es um eine Bekehrung bzw. Umkehr, zu
der grundsätzlich jeder Mensch befähigt ist. - Glossen 3a und b zu mus. 2, 2 betonen, dass die
Liebe zur Weisheit allen mit Intellekt ausgestatteten Kreaturen angeboren ist. Vgl. auch Glosse 13
zu mus. 5, 19 (in einer Handschrift aus Autun, 12. Jh.): Das Ziel der philosophischen Erkenntnis
ist Selbsterkenntnis und Hinführung zum summum bonum, also zu Gott. Damit gehen die Verach¬
tung der irdischen Welt und die Erkenntnis einher, was und wie nichtig der Mensch ist. Die Musik
lädt jemanden, der dies erkannt hat, zum höchsten Gut ein.
134 Locus classicus ist das Liniengleichnis, wo das Mathematische den unteren Abschnitt des
Intelligiblen einnimmt und das Intelligible, das dialektisch erschlossen wird, den oberen (Plat. pol.
509dl—51 le5). Im Anschluss an das Höhlengleichnis legt Platon (pol. 521cl-531e6) das System
der mathematischen Wissenschaften als »Weg zum Licht«, d. h. zur Philosophie bzw. zum oberen
Abschnitt der Lime, dar. Zur Rolle der Mathematik als Propädeutik für philosophische Studien
vgl. Plat. pol. 533bl-c6 und Philop. in Nikom. 1 Lemmata 1 und 25f.
135 Vgl. Philoponos Vorwort vor Lemma 1. Zur Differenzierung zwischen der rationalen, ma¬
thematischen Zahl einerseits und der intelligiblen Zahl andererseits sowie zwischen den beiden
Alten der Arithmetik s. u. II.4. lf.
136 Nikom. arithm. 1, 3 p. 6, 8-16.
3. Ziel der Mathematik 107

Auch die von Nikomachos erwähnte Stelle aus den Platon zugeschriebe¬
nen »Epinomis« unterstreicht, dass das in der Mathematik vermittelte Wis¬
sen zu einer höheren Dimension des Erkennens, nämlich zur Philosophie,
führen soll.137 Dort heißt es, dass man zunächst anhand der mathematischen
Sachverhalte das ihnen Gemeinsame, auf dem sie alle sachlich beruhen,
erkennen muss, um sich überhaupt methodisch gesichert und nicht aufs
Geratewohl der Philosophie widmen zu können. Boethius nimmt diese
Passage allerdings nicht auf.
Dass das Studium der Musiktheorie über das genannte Ziel hinausführen
kann, zeigt Augustinus im Dialog »De musica«. Nach der Definition von
musica und der Betrachtung der wahrnehmbaren Spuren (Rhythmen und
Metren) höherer Sachverhalte leitet er den Schüler im abschließenden
sechsten Buch unter der Führung des rationalen Denkens zu der Einsicht,
dass die wahrnehmbaren Spuren auf einen höheren Ursprung verweisen und
dass Gott die höchste Quelle von allem - auch der Gleichheit und Zaghaf¬
tigkeit - ist. Während zuvor der Vers Deus creator omnium (»Gott Schöp¬
fer von allem«) lediglich verstechnisch untersucht wurde, rückt nun seine
Bedeutung in den Mittelpunkt. Liebe zur Weisheit {philosophia) bedeutet
nun konkret, dem unvergänglichen Gott anzuhängen. Hier hat Augustinus
also den letzten Schritt zur Theologie vollzogen.138
Eine ähnliche anagogische Anlage weist der erste Teil von Jamblichs in
neuplatonischen Kreisen äußerst einflussreicher Schrift »Über Pythago-
reismus« auf. Wie D. O’Meara gezeigt hat, wird der Leser ausgehend von
einer einführenden Unterweisung über Pythagoras und die Grundzüge des
Pythagoreismus über die allgemeine Darstellung der Mathematikkonzeption
sowie konkret durch eine Abhandlung über Nikomachos’ »Arithmetik« zur
theologischen Betrachtung von Zahl geführt. Dabei wird zuerst die Rele¬
vanz von Zahl für die Physik, anschließend für die Ethik und schließlich für
die Theologie untersucht.139

3.2 Der gestufte Aufstieg zur Weisheit

Beim Weg zum Gipfel der philosophischen Einsichten handelt es sich um


einen Aufstieg,140 der - wie bei einer Jagd141 - aktiv, eifrig, konzentriert und

137 Ebd. p. 7,4-19.


138 Aug. mus. VI 1, 1.
139 O’Meara, Pythagoras, passim. Nur vier Bücher der insgesamt wohl zehn Bücher umfas¬
senden Schrift des Jamblich sind überliefert, darunter leider nicht das Buch über die Musik.
140 Boeth. arithm. 1, 1 p. 7, 24: evadere - »herauskommen«, »aufsteigen«, »emporklimmen«.
141 Ebd. p. 7, 25: vestigare - »aufspüren«. Platon verwendet die Jagdmetapher, um auszu¬
drücken, dass man nicht passiv von einer philosophischen Erkenntnis affiziert wird, sondern sie
108 II. Musiktheorie im Quadrivium

zielgerichtet in bestimmten Etappen vollzogen werden soll. Boethius spricht


von »bestimmten Stufen« (quidam gradus) und »feststehenden Dimensio¬
nen der Fortschritte« (certae progressionum dimensiones), womit er das
von Nikomachos verwendete Bild der vier mathematischen Disziplinen als
Brücke und Leiter zum Intelligiblen aufgreift.142
Der Gedanke des gestuften Aufstieges zur Quelle allen Seins und Erken-
nens ist genuin platonisch und findet sich besonders ausführlich im Elöh-
lengleichnis, wo die Notwendigkeit einer allmählichen Gewöhnung an das
Licht bzw. an höhere Erkenntnisstufen mit der Gefahr einer Blendung und
infolgedessen des Ausbleibens echter Erkenntnis begründet wird.143 Im
Anschluss an dieses Gleichnis entwickelt Sokrates das Konzept der mathe¬
matischen Wissenschaften als »Weg zum Licht«.144
Um welche Stufen handelt es sich? Aus der eingangs (p. 24) zitierten
Passage in Boethius’ Schrift »De trinitate« ging lediglich hervor, dass die
mathematischen Studien eine mittlere Position zwischen Naturwissenschaft
und Theologie einnehmen. Da sowohl das Quadrivium als auch die beiden
benachbarten Bereiche in sich differenziert sind, ergibt sich aus dem bislang
Besprochenen folgende Stufung: 1. die Naturwissenschaften, z. B. Physik
inklusive der niederen, anwendungsbezogenen Künste wie Optik und prak¬
tische Musik; 2. die Mathematik mit Arithmetik, Geometrie, Musiktheorie
und Astronomie; 3. die Metaphysik - verstanden als Philosophie im enge¬
ren Sinne, welche die unsichtbaren Prinzipien und das höchste Prinzip aus
deren Werken erschließt; 4. die Theologie, die die Prinzipien und das höch¬
ste Prinzip selbst zum Gegenstand hat, insofern sie lebendige Wesen sind.

wie Tauben fangen muss (Theait. 197al-200d4; vgl. 198a5-9: Arithmetik als Jagd nach dem
Wissen über das Gerade und Ungerade). Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass das Objekt der
Erkenntnis nicht leicht aufzuspüren ist; vgl. Phaid. 66c lf. (gesundheitliche Probleme im Bereich
des Körpers stören bei der Jagd nach dem Seienden), Gorg. 500d9f. (sowohl um das Angenehme
als auch um das Gute bemüht sich der Mensch wie bei einer Jagd) und Classen, 27-62. - Philopo-
nos verwendet das Verbum mehrmals (in Nikom. 1 Lemma 27, Ende Lemma 32, Ende Lemma
34).
142 Boeth. arithm. 1, 1 P- 10, 1—3; Nikom. arithm. 1, 3 p. 7, 21 — 8, 7; vgl. Heitsch, passim; zur
Leiter auf dem Gewand der »Philosophie« in Boethius’ »Consolatio« s. o. 33 Anm. 28.
143 Plat. pol. 514al—521bl 1; vgl. Philop. in Nikom. 1 Beginn von Lemma 1 und Lemma 3, wo
sich Philoponos der traditionellen Licht-Metaphorik bedient und die Notwendigkeit der allmähli¬
chen Gewöhnung der »Augen« unterstreicht (mit Referenz auf den »Phaidon« sowie auf den
Fledermaus-Vergleich aus Aristot. metaph. 993b9-l 1: »denn wie sich die Augen der Fledermäuse
zur Helligkeit am Tage verhalten, so auch der Intellekt unserer Seele zu dem, was der Natur nach
am leuchtendsten von allem ist« (äanep ydp xd icüv vuKispiScov öppaxa rcpöig xö (peyyoi; eyst xö pe0
f|pspav, oüxco Kal xfjg ppexspac; v|/uxf|c; ö votx; npöc; xd xtj cpüoet (pavgpcbxaxa roxvxcov).
144 Plat. pol. 521 c 1—531 e6. - Neuplatoniker und Christen teilen die Assoziation von Licht und
dem Höchsten, vgl. die ideengeschichtlich angelegte, bei Augustinus und Dionysios Areopagita
einsetzende Arbeit von Hedwig zur Intelligibilität des Seienden im Kontext der mittelalterlichen
Lichtspekulation.
3. Ziel der Mathematik 109

3.3 Vom sensus zum intellectus

Der mittels des Quadrivium zu bewerkstelligende Aufstieg ist mit einer


Abwendung von den dem Menschen angeborenen Sinnen und einer Hin¬
wendung zum Intellekt verbunden.145 Wie aus Boethius’ Formulierung
deutlich wird, bürgt der Intellekt für besonders sichere Erkenntnisse und
ermöglicht als einziges Erkenntnisvermögen wahre Wissenschaft.146 Einen
wichtigen Hinweis auf den Hintergrund dieser Lehre gibt Philoponos:147
Aufgrund der Immaterialität des Intellekts kann nur er das immateriell
Seiende erkennen.
Im Zuge des Aufstieges bringen die mathematischen Wissenschaften das
»Auge der Seele« wieder zum Leuchten, das allein die Wahrheit aufspüren
und schauen kann.148 Boethius kennzeichnet diese Formulierung als Platon¬
zitat und versäumt nicht darauf hinzuweisen, dass besagtes Auge laut Platon
viel wertvoller als unzählige körperliche Augen ist und dass es nicht erst
erworben werden muss, sondern bereits im Menschen vorliegt, wenn auch
geschwächt und versunken.149 Da das Quadrivium den menschlichen Geist
weg von der Wahrnehmung hin zum Erkenntnisvermögen des Intellekts
führen soll, liegt es nahe, das unkörperliche Auge der Seele mit dem Intel¬
lekt zu identifizieren.
Nikomachos paraphrasiert diese Passage aus der »Politeia« viel ausführ¬
licher und gibt auch den Kontext des Gespräches an: Sokrates’ Gesprächs¬
partner Glaukon hat lediglich den praktischen Nutzen der mathematischen
Fächer im Sinn und verkennt ihren eigentlichen Wert, den Sokrates darauf¬
hin mit den Ausführungen zum »Auge der Seele« erläutert. Interessanter¬
weise nennt Nikomachos auch den Grund, den Platon für den Verlust der
intellektiven Erkenntnisfähigkeit verantwortlich macht:150 Sie ist durch die
anderen Beschäftigungen geblendet und vergraben, d. h. infolge ablenken¬
der Betätigungen und mangelnder Übung verkümmert. Wenn das Quadrivi¬
um weg von den Sinnen hin zum Intellekt führen soll, dann liegt der
Schluss nahe, dass das übermäßige Verweilen bei der Wahrnehmung und

145 Boeth. arithm. 1, 1 p. 9, 28 - 10, 1; vgl. Aug. mus. VI 2, 2: »damit wir vom Körperlichen
zum Unkörperlichen übergehen« (ut a corporeis ad incorporea transeamus), zur Rolle von Wahr¬
nehmung und Vorstellung in der Mathematik s. o. 1.2.2 und zu den Erkenntnisweisen in der
Wissenschaft 1.2.9.
146 S. o. 1.2.5.
147 Philop. in Nikom. 1 Lemma 31.
148 Boeth. arithm. 1, 1 p. 10, 1-7.
149 Zum Auge der Seele vgl. Plat. pol. 527d5—e3 und Boeth. cons. 3 carm. 9, 22—28 (Gebet

um Schau der Quelle des Guten und Wiederfinden des Lichtes, um die Augen des Geistes auf den
»Vater« richten zu können).
150 Nikom. arithm. 1,3 p. 8, 22 - 9, 1.
110 II. Musiktheorie im Quadrivium

die Bindung an die Materie des Wahrnehmbaren in besonderem Maße als


Ablenkung vom Erwerb echter Erkenntnis und Weisheit gilt.151
Auch von den Erkenntnisvermögen der menschlichen Seele entfaltet Ni-
komachos ein differenzierteres Bild, als es Boethius im Proömium mit der
Gegenüberstellung von Sinnen und Intellekt aufgreift:152 Die mathemati¬
schen Studien fungieren gleichsam als Fähre vom Ufer der Wahrnehmung
und der Meinung hin zum Ufer des Intelligiblen und des Wissenschaftli¬
cher,!.153 Erstere sind dem Menschen von Kindesbeinen an vertraut; sie sind
materiell und körperlich. Das anvisierte Ziel dagegen ist zunächst unge¬
wohnt, weil es nicht in derselben Weise wie das Wahrnehmbare erfasst
werden kann. Dennoch ist es aufgrund seiner Immaterialität und Ewigkeit
den menschlichen Seelen, speziell dem menschlichen Intellekt, verwandter.
Damit erinnert Nikomachos an das Liniengleichnis, in welchem die di¬
versen Erkenntnisvermögen (Wahrnehmung, Meinung, rationales und intel-
lektives Denken) und das von ihnen jeweils Erfasste (Abbilder, wahrnehm¬
bare Köiper, Mathematisches und Intelligibles) unterschieden und hierar¬
chisch geordnet werden.154 Nur im oberen Bereich der Linie ist Erkenntnis
im eigentlichen Sinne möglich. Das Erkennbare ist Seiendes bzw. Intelligi¬
bles, während das Wahrnehmbare und Meinbare im unteren Teil dem Wer¬
den unterworfen ist und somit kein Erkenntnisgegenstand sein kann. Die
Mathematik wird im Liniengleichnis im Abschnitt des rationalen Denkens
unter dem höchsten Abschnitt, der dem Intellekt und der Dialektik zugeord¬
net ist, verortet.
Auch Boethius waren die Erkenntnisvermögen Meinung und rationales
Denken im Sinne der platonischen Erkenntnistheorie vertraut, wie v. a. aus
cons. 5, 5 und 5, 6 eindeutig hervorgeht, wo die wichtigsten Seelenvermö-

151 Vgl. Plat. Phaid. 65a9—d3 (das Körperliche, also auch die auf Organe angewiesene Wahr¬
nehmung, stört beim Denken) und 79c2—d8 (die Seele macht vom Körper nur zum Behufe der
Wahrnehmung Gebrauch und wird dadurch weg vom Reinen, Unsterblichen, sich immer auf
dieselbe Weise Verhaltenden herabgezogen). Auf diese beiden Stellen weist Philoponos in Lemma
3 hin. Im »Phaidon« wird die Auffassung vertreten, dass Philosophieren das Erlernen des Sterbens
im Sinne einer Lösung von der Faszination des Körperlichen - soweit möglich - meint, ohne
allerdings den Suizid zu befürworten. Das größte Übel liegt darin, die Wahrnehmung für wahr zu
halten (Phaid. 82d9-83c9). Bei Boethius vgl. etwa cons. 3 carm. 9, 22-28, wo Gott als »stille
Ruhe« angesprochen wird, der die »Lasten des Körpers« zerstören möge und 2, 7, 80-83: Der
menschliche Geist wird aus dem irdischen Kerker entlassen und steigt frei zum Himmel empor
voll Freude, des Irdischen ledig zu sein.
152 Nikom. arithm. 1, 3 p. 8, 1-7. - Auch schon zuvor (arithm. 1, 2 p. 3, 17 - 4, 5) charakteri¬
siert Nikomachos die beiden wichtigsten Erkenntnisvermögen ausführlicher, als es Boethius
übernimmt: Mit Bezug auf Plat. Tim. 27d6-28a4 unterscheidet er das intellektive Denken gepaart
mit dem rationalen Denken von der Meinung geparrt mit nicht-rationaler Wahrnehmung; erstere
richten sich auf das Intelligible, letztere auf das Werdende und Vergehende.
153 Zur wissenschaftlichen Erkenntnisweise der Mathematik s. o. 1.2.9.2.
154 Plat. pol. 509d 1—51 le5. - Auf das Liniengleichnis nehmen Iambl. comm. math. 32, 13 -
40, 6 und Prokl. in Eukl. 10, 16- 11, 25 explizit Bezug.
3. Ziel der Mathematik 111

gen unterschieden und hinsichtlich ihrer Erkenntnisgegenstände charakteri¬


siert werden.155 Dass er sie im Proömium im Unterschied zu Nikomachos
nicht alle nennt, ist auch in diesem Falle aus seiner Intention, eine leser¬
freundliche Version des Arithmetiklehrbuches anzufertigen, erklärbar.156
Angesichts von Boethius’ knappen Ausführungen soll im Folgenden
noch auf drei bemerkenswerte Aspekte im Bereich der Erkenntnistheorie
eingegangen werden: Erstens wird die Unterscheidung zwischen Mathema¬
tik und eigentlicher Philosophie bzw. rationalem Denken und intellektivem
Erfassen nicht dadurch in Frage gestellt, dass gelegentlich das Mathemati¬
sche mit dem Intelligiblen in Zusammenhang gebracht wird. So spricht
Nikomachos an einer Stelle vom Intelligiblen, meint aber das Rationale,
wie Philoponos richtigstellt.157 Der Kommentator versucht dabei nicht,
Nikomachos’ Text von etwaigen Widersprüchlichkeiten zu befreien, son¬
dern erinnert an die in neuplatonischen Kreisen übliche und auch schon bei
Platon belegbare Praxis, etwas mit derselben Bezeichnung wie das ihm
übergeordnete Prinzip zu benennen. Das rationale Denken kann dement¬
sprechend mit dem Namen des ihm übergeordneten Vermögens als Intellekt
bezeichnet werden, wie es Platon selbst im Liniengleichnis tut.158 Boethius
nennt als Grund für eine solche Praxis, dass das übergeordnete Erkenntnis¬
vermögen die untergeordneten einschließt, wodurch ein sachlicher Zusam¬
menhang unter ihnen gegeben ist.159 Denn trotz deren Verschiedenheit un¬
tereinander beruht die Bezeichnung des untergeordneten Vermögens mit
dem Namen des übergeordneten auf einer tatsächlich vorhandenen Gemein¬
samkeit, wie auch eine Person auf einem Bild als Mensch bezeichnet wird,
obwohl sie mit einem lebendigen Menschen nur einige Äußerlichkeiten
gemein hat.
Da Intellekt und rationales Denken in der Hierarchie der Erkenntnisver¬
mögen benachbart sind und die rat io laut Boethius ihr unmittelbares Prinzip
im intellectus findet, muss zwischen beiden auch im Hinblick auf den Mo¬
dus ihrer Aktivität ein relativ enger Zusammenhang herrschen. Diese Beob¬
achtung führt zu einem zweiten Punkt: Laut Philoponos geht die Wissen¬
schaft mit einem Ende des geistigen Suchens und deshalb mit einer gewis¬
sen Ruhe einher, sofern sie die Suche nach der Wahrheit tatsächlich zu
einem erfolgreichen Abschluss bringt.160 Mit dem Aufstieg zur Intellekter-

155 Vgl. auch die entsprechenden Passagen von mus. (s. u. Anhang 3).
156 S. o. II. 1.2.
157 Nikom. arithm. 1, 2 p. 4, 14 und Philop. in Nikom. 1 Lemma 18.
158 Plat. pol. 511 a3. Überhaupt wird dort der Unterabschnitt des rationalen Erkennens unter
dem noetischen Abschnitt subsumiert; vgl. 509d4 und 5IOb2.
159 Vgl. Boeth. cons. 5, 4, 88-111 und in Porph. sec. I 1 p. 137, 4f. (das Denkvermögen
»zieht« das vegetative und das Wahrnehmungsvermögen »mit sich«).
160 Philop. in Nikom. 1 Lemma 4.
112 II. Musiktheorie im Quadrivium

kenntnis ist demnach eine besonders starke Seelenruhe verbunden. Eine


Vorstufe dazu bilden die mathematischen Wissenschaften. Sie werden
vorrangig rational betrieben und sollen zur Intellekterkenntnis und damit zu
einer besonders einheitlichen und weniger durch Diskursivität geprägten
Erkenntnis führen, was sie nur leisten können, indem sie selbst im Ver¬
gleich zum Wahrnehmen und Meinen in relativ geringem Maße an der
Vielheit Anteil haben.161 Daraus lässt sich ein Kriterium für die Beurteilung
mathematischer Studien gewinnen: Je besser sie auf das Ziel ausgerichtet
sind, zur intellektiven Erkenntnis von Intelligiblem zu führen, desto stärker
müssen ihre Erkenntnisbewegungen und ihre Erkenntnisgegenstände durch
Einfachheit und Einheitlichkeit charakterisiert sein.
Der dritte Aspekt betrifft den im Vergleich zur Wahrnehmung höheren
Lustgewinn, den der in den mathematischen Studien erreichte Grad an
Einheitlichkeit hinsichtlich der Erkenntnisgegenstände sowie des entspre¬
chenden menschlichen Erfassungsaktes mit sich bringt. In der hier behan¬
delten Erkenntnistheorie zieht ein jeder Erkenntnisakt ein spezifisches Lust-
bzw. Unlustgefühl nach sich, wobei mit dem Aufstieg zu höheren Vermö¬
gen eine reinere, höhere Lust einhergeht.162 Die Befriedigung, die mit er¬
folgreicher rationaler Tätigkeit verbunden ist, schildert Philoponos am
Beispiel eines Kommilitonen:163 Nach anfänglichen Schwierigkeiten war
dessen Freude über den verstehenden Nachvollzug eines geometrischen
Beweises derart groß, dass ihn - wie nach Beendigung eines exklusiven
Mahles - am Ende des Beweises eine tiefe Betrübnis überkam.
Auch Boethius thematisiert die Freude, die mit arithmetischer Beschäfti¬
gung einhergeht - im Unterschied zu seiner griechischen Quelle, die keiner¬
lei derartige Aussagen enthält. So heißt es im Arithmetiklehrbuch, dass bei
der folgenden Betrachtung zusätzliche Aspekte erfasst werden, die zur
feinen Differenzierung beitragen, zum Wissen äußerst nützlich und zum
Üben äußerst angenehm sind.164 Und über Pythagoras, der anhand empiri¬
scher Versuche die von ihm aufgefundene regula verifiziert, lesen wir im

161 Ebd. Lemma 18; vgl. oben 1.2.9.


162 Zur Lust bzw. Unlust im Zusammenhang mit Wahrnehmung vgl. Plat. Phileb. 51a2-e6,
zur reineren Lust im Hinblick aut das Mathematische 51e7—52d2. Auch laut Aristoteles geht die
Wahrnehmung mit Lust und Unlust einher (Aristot. an. 413b23), wobei er von den körperlichen
Lüsten die seelischen unterscheidet (eth. Nikom. 1117b27—1118al). - Auch der Aristoteles-
Kenner Ugolino v. Orvieto schreibt in der »Declaratio musicae disciplinae« (entstanden ca. Mitte
15. Jh.) zum Proömium des zweiten Buches von mus., dass der speculatio der Musik als einer der
freien Künste die intellectualis delectatio folgt, »wie auf jede eigentümliche Tätigkeit des Intel¬
lekts die eigentümliche Freude« (sicut ad omnem intellectus operationem propriam eius propria
delectatio)-, vgl. Sachs, Aristoteles’ Politik, 28lf.
163 Philop. in Nikom. 1 Lemma 29.
164 Boeth. arithm. 1, 26 p. 53, 8f.: ad subtilitatem tenuissima et ad scientiam utilissima et ad
exercitationem iucundissima.
3. Ziel der Mathematik 113

Musiklehrbuch: »Er freute sich darüber, dass er nichts Abweichendes ge¬


funden hatte«.165 Außerdem enthält Boethius’ »Arithmetik« häufiger Aus¬
drücke des Staunens über mathematische Sachverhalte als die Version des
Nikomachos.166
Die mit dem Aufstieg von der Sinnlichkeit zum Intellekt einhergehende
Steigerung der Freude rührt daher, dass der Mensch sich immer stärker
seiner eigenen Natur gemäß betätigt, das auf rationale und intellektive Wei¬
se Erkannte ihm von Natur aus verwandter ist als das Wahrgenommene167
und er nach dem geistigen Umherirren zu einem sicheren Ziel gelangt.

3.4 Zur primär theoretischen Ausrichtung des Quadrivium

Die allmähliche Abwendung vom Wahrnehmbaren und die Hinwendung


zum Intelligiblen intendiert keinen praktischer Nutzen, sondern vorrangig
eine theoretische Schau. Boethius verzichtet auf einen Hinweis darauf,
während Nikomachos sich dreimal gegen falsche Ziele beim Studium des
Quadrivium - namentlich gegen den praktischen Nutzen in Künsten und
Handwerken168 - ausspricht.
Gleich zu Beginn des Proömium erörtert Nikomachos die verschiedenen
Bedeutungen von »Weisheit« (ootpla - Sophia) und grenzt angesichts der
Bedeutungsvielfalt des Wortes die Weisheit des Zimmermanns und des
Steuermanns von der wahren Weisheit gemäß Pythagoras’ Definition ab.169
Diese Erörterungen muss Boethius nicht aufgreifen, da sapientia in seiner
Bedeutungsweite von vornherein auf eine theoretische Kenntnis beschränkt
ist.
Auch die zweite Stelle, an der Nikomachos eine Passage aus der »Poli-
teia« anführt, wo sich Sokrates gegen ein Studium der mathematischen
Disziplinen zum Zwecke praktischen Vorteiles ausspricht, nimmt Boethius
zur Vereinfachung und Verkürzung des Textes nicht auf.170
Die dritte Stelle ist eine kurze Bemerkung des Nikomachos zum ange¬
messenen Ziel eines Menschen, das mit Hilfe der Philosophie erreicht wer¬
den kann: das gute Leben (ebCcoia - Euzöia).171 Proklos versteht darunter ein

165 Boeth. mus. 1, 11 p. 198, 20f.: nihil sese diversum invenisse laetatus est.
166 S. o. II. 1.2.1 unter »reecritures«.
167 S.o. II.3.1 undu. III.5.2f.
168 Künste und Handwerke werden von Nikomachos voneinander unterschieden. Während in
den Künsten nicht unbedingt etwas hergestellt wird, wie z. B. bei der Reitkunst, Bogenschie߬
kunst, dem Singen oder Reden, verfertigt das Handwerk ein sichtbares Produkt; vgl. Philop. in

Nikom. 1 Lemma 2.
169 Vgl. ebd. Lemma 1.
170 Nikom. arithm. 1, 3 p. 8, 8-22.
171 Nikom. arithm. 1, 2 p. 4, 6-9.
114 II. Musiktheorie im Quadrivium

Leben als Tätigkeit der Seele in der ihr eigentümlichen »Bestform« (üpexTj
- Arete), nämlich in Gerechtigkeit. In platonischer Tradition meint Gerech¬
tigkeit dabei, dass jedes Seelenvermögen »das Seine« tut, d. h. dass es in
der jeweils spezifischen Weise richtig tätig wird, nicht die Grenzen seiner
Kompetenz überschreitet und somit in der Gesamtordnung der Seele unter
der Führung der ratio seinen ihm eigentümlichen Platz einnimmt. In diesem
Sinne setzt Proklos das wirklich erreichte gute Leben mit der Glückseligkeit
(ehSaipovia - Eudaimonia) gleich.172 Bedenkt man, dass der Intellekt im
Platonismus als höchstes und bestes menschliches Erkenntnisvermögen
angesehen wird, dürfte die höchste Glückseligkeit darin bestehen, den Intel¬
lekt möglichst dauerhaft zu betätigen. Zwar übersteigt eine solche Lebens¬
weise das dem Menschen qua Mensch normalerweise Mögliche; mit ihrer
Verwirklichung wird dennoch in Einzelfällen gerechnet.173 Daher konzen¬
triert sich Philoponos bei seinen Ausführungen auf die dem menschlichen
Wesen von Natur aus naheliegendere Eudaimonia:174 Die Philosophie strebt
nicht nach einem zufälligen Gut, sondern nach demjenigen, das ein wirklich
gutes Leben gewährt. Dessen Bestimmung ist vom Wesen der Menschenna¬
tur abhängig: Wären wir nur Tiere, könnten wir mit einer guten körperli¬
chen Verfassung, also mit Gesundheit und guter Wahrnehmung, zufrieden
sein. Da den Menschen aber seine Begabung mit Rationalität ausmacht -
denn hierin liegt die spezifische Differenz, die ihn von anderen Lebewesen
quasi nach unten hin unterscheidet (animal rationale mortale) -, sollte
richtige rationale Tätigkeit zu seinem Gut-Sein und somit zu seiner Glück¬
seligkeit führen. Mittels der richtigen rationalen Tätigkeit wirft der Mensch
den Schleier der Unwissenheit ab und gelangt zur Wahrheit.
Trotzdem ist bei aller Ausrichtung auf Theorie und transzendente Er¬
kenntnisgegenstände vom erfolgreichen Studium des Quadrivium,175 vom
richtigen Philosophieren und von den höchsten theologischen Erkenntnissen
sekundär auch ein praktischer Nutzen zu erwarten. Philoponos hält fest,
dass z. B. die Philosophen-Staatsmänner gemäß Platon aufgrund ihrer bei
der Ideenschau gewonnenen Einsicht versuchen sollen, in den irdischen
Poleis ein Abbild der dortigen Schönheit und Wohlordnung zu etablieren,
um dadurch auch die Mitmenschen möglichst nahe an das »gute Leben«
heranzutühren.17'1 In diesem Kontext wäre es interessant zu untersuchen, ob
Boethius’ carmina im »Trost der Philosophie« - gemessen am Maßstab der
neuplatonischen Mathematik - auch in metrischer Hinsicht eine besonders
hohe Qualität autweisen, die sich auf seine mathematische Kompetenz

172 Prokl. in pol. I 24, 25 - 27, 6.


173 Vgl. Aristot. eth. Nikom. 1097b22-1098a20 (Definition der Eudaimonia).
174 Beginn Lemma 15; vgl. auch Lemma 32.
175 Speziell zur Musiktheorie s. u. III.5.3 und Anhang Ende von 3.5 sowie 3.6.
176 Philop. in Nikom. 1 Ende Lemma 15.
3. Ziel der Mathematik 1 15

zurückführen lässt. Inhaltlich beruhen sie auf den philosophischen und


theologischen Erkenntnissen des Boethius und zeigen, dass - seiner Auffas¬
sung gemäß - praktizierte Kunst einen wesentlichen Beitrag zu einem sinn¬
erfüllten menschlichen Leben leisten kann, indem sie zur rationalen Ein¬
sicht in die von Gott geschaffene und gelenkte Weltordnung und somit zum
Trost sogar in scheinbar aussichtslosen Situationen beiträgt.177

3.5 Das Seiende als Erkenntnisziel des Philosophen

Die neuplatonische Philosophie operiert mit einem differenzierten Seinsbe¬


griff, denn alle drei Wissenschaften - Naturwissenschaft, Mathematik und
Theologie - betrachten auf unterschiedliche Weise in unterschiedlichem
Grade Seiendes.178 »Sein« meint im Neuplatonismus im prägnanten Sinne
»etwas Bestimmtes sein« und somit »ein jeweils bestimmtes Eines sein«.
Das gilt für alles, was in irgendeiner Weise erfassbar ist, vom Wahrnehm¬
baren bis hin zur unsichtbaren Idee. Die Bestimmtheit eines jeden ist dabei
ganz verschieden. Gemeinsam hat alles Seiende aber, dass es nicht Nichts
ist, sondern ein ganz spezifisches Wesen besitzt, was notwendige Voraus¬
setzung seiner Erkennbarkeit ist.179 An einem Seienden wird das spezifische
Wesen jeweils durch eine essentielle Form geprägt, die von jenem anderen
Teil dieses Seienden zu unterscheiden ist, der durch sie bestimmt wird und
somit die Funktion einer (wahrnehmbaren oder intelligiblen) Materie er¬
füllt. Insofern ist Seiendes immer etwas Zusammengesetztes und Vielheitli-
ches. Gleichzeitig betont Boethius mehrmals, dass etwas nur dann ein Sei¬
endes ist, wenn es eine spezifische Einheit bildet: »Alles, was ist, ist des¬
halb, weil es Eines ist.«180 Sein setzt demnach schon Einheit voraus.181

177 Als weiteres Beispiel für die künstlerische Umsetzung theologischer Erkenntnisse könnte
man auf die Komposition »Ordo virtutum« der Hildegard v. Bingen verweisen, wo dem diabolus
(»Teufel«) im Gegensatz zur anima (menschliche »Seele«) und den Tugenden keine Singstimme
zugeteilt wird. Der Teufel kann bzw. darf nur sprechen, was als Reflex auf die mit der Entfernung
von Gott einhergehende Abnahme von Harmonie zu verstehen ist.
178 S. o. 1.2.5. - Die Frage nach dem Seienden wird bezüglich Platon und Aristoteles - anders
als für den Neuplatonismus - in der Forschung durchaus nicht einhellig beantwortet, was die
Ausführungen oben nicht tangiert, da sie sich Boethius Seinsbegriff widmen.
179 Vgl. Plat. pol. 476e6-479e9.
180 Boeth. in Porph. sec. I 10 p. 162, 2f.; vgl. c. Eut. 4, 298-301 {quod enim non est unum, nec
esse omninopotest; esse enim atque unum convertitur et quodcumque unum est, est. etiam ea quae
ex pluribus coniunguntur, ut acervus, chorus, unum tarnen sunt) und cons. 3, 11, 27-41. Aus cons.
3, 11 ergibt sich, dass Einheit mit Gut-Sein einhergeht, Einheit erst das Sein von jedwedem ermög¬
licht und alles nach Einheit und somit letztlich nach dem höchsten Gut, also Gott, strebt.
181 Diese Erkenntnis spielt auch für die Musiktheorie eine entscheidende Rolle, vgl. Aug.
mus. VI 17, 56: Zahl beginnt mit der Einheit und ist durch eine bestimmte Gleichheit und Ähn-
116 II. Musiktheorie im Quadrivium

Sowenig unter Neuplatonikem und christlichen Philosophen Konsens


über das Nicht-Seiende herrscht, besteht doch darin grundsätzliche Über¬
einstimmung, einerseits die primäre Materie, welche theoretisch (fast) keine
Bestimmung hat, und andererseits das »Eine« oder Gott - gewissermaßen
die überseiende Quelle allen Seins - nicht als im eigentlichen Sinne Seien¬
des, sondern als Extreme zu verstehen: Während die Materie unterbestimmt
ist, insofern sie Aufnehmerin von Bestimmtheit (Formen) ist, übersteigt
Gott respektive das höchste Prinzip alles Sein, da er bzw. es noch »jenseits
des Seins« und somit jenseits aller Vielheit ist.182 Wollte man also Gott
erfassen, indem man etwas von ihm positiv prädiziert, würde man ihn nicht
einmal durch alle denkmöglichen Bestimmungen zusammen adäquat be¬
greifen können, zumal eine solche Häufung Widersprüche enthielte und
deshalb aus menschlicher Perspektive paradox erschiene.183
Zwischen beiden Extremen liegen die einzelnen Seinsstufen, wobei et¬
was um so seiender bzw. bestimmter ist, je näher es dem höchsten Prinzip
ist. Daher rührt auch die Rede vom »wahrhaft Seienden« im Unterschied
zum im geringeren Grade Seienden. Letzteres wird nach seinen ontologisch
übergeordneten Prinzipien benannt und deshalb im Folgenden wie bei Ni-
komachos als »homonym Seiendes« bezeichnet. Vergleicht man etwas in
hohem Maße Seiendes mit etwas relativ gering Bestimmtem (z. B. eine Idee
mit einem wahrnehmbaren Körper oder auch seiner Form), dann kann Letz¬
teres auch als Nicht-Seiendes bezeichnet werden. Insofern aber das relativ
Nicht-Seiende irgendwie bestimmt ist, kann es als Seiendes angesprochen
werden.

3.5.1 Das wahrhaft Seiende


Alles Seiende, auf dessen Erkenntnis sich die einzelnen Wissenschaften
richten, ist gemäß dem aristotelischen Wissenschaftsverständnis immateriell
und deshalb unveränderlich (s. o. 1.2.5). Im Proömium der Arithmetikschrift
charakterisiert Boethius das Seiende entsprechend als unveränderliche und
unkörperliche Substanzen, die er im folgenden Abschnitt von denjenigen
unterscheidet, welche im Verbund mit Körpern dem Wandel unterliegen.184

lichkeit aut schöne Weise in einer Ordnung verbunden. Alles, was irgendwie ist, muss ein Eines
sein und strebt nach seiner eigenen Einheit.
182 Vgl. Plat. Tim. 50b5-c6 (zur Materie), pol. 509b6-10 (die Idee des Guten ist »jenseits des
Seins«) und Prokl. in Parm. 1097, 10-20 (Identifizierung der Idee des Guten mit dem »Einen«),
183 Proklos diskutiert im »Parmenideskommentar« die Schwierigkeit für das menschliche Er¬
kennen, dass das absolute Eine durch rationales und intellektives Denken nicht adäquat erfasst
werden kann; vgl. dazu Plot. VI 9, 3f. und u. 121 Anm. 210.
184 Boeth. arithm. 1, 1 p. 8, 1-13.
3. Ziel der Mathematik 1 17

Eine verkürzte Version dieser Passage enthält mus. 2, 2 p. 227, 20 - 228,


2:185

Als Erster von allen hat Pythagoras das Streben nach Weisheit Philosophie genannt,
die er ja für die Kenntnis und Wissenschaft dieser Sache hielt, von der gesagt wird,
dass sie in spezifischer Weise und wahrhaft ist. Er glaubte aber, dass jenes ist, was
weder durch Ausdehnung wächst, noch durch Verkleinerung abnimmt noch durch
irgendwelche Akzidentien verändert wird. Das seien aber: Gestaltungen, Größen,
Qualitäten, Relationen und das Übrige, was für sich betrachtet unveränderlich ist,186
aber mit Körpern verbunden verändert wird und durch die Verwandtschaft mit der
veränderlichen Sache in vielfältigen Veränderungen gewandelt wird.

Die Differenzierung zwischen den beiden Arten des Seins hat demnach
auch in der Musiktheorie ihre Relevanz:187 Im Vergleich zum von Boethius
im Zitat zuletzt genannten, dem wandelbaren homonym Seienden (vgl. dazu
den folgenden Abschnitt 3.5.2), wird das unveränderliche Seiende im Fol¬
genden wie bei Nikomachos als »wahrhaft Seiendes« bezeichnet.188
Diesem wahrhaft Seienden spricht Boethius drei Eigenschaften ab, die
drei von vier durch Aristoteles in der »Physik« unterschiedenen Arten der
physikalischen Bewegung entsprechen:189 1. Es wächst nicht und wird nicht
verringert190 (quantitative Bewegung im Sinne des Zu- und Abnehmens). 2.
Es wird nicht gewandelt191 (qualitative Veränderung). 3. Es bewahrt sich
selbst immer192 (substantielle Veränderung, d. h. es entsteht und vergeht
nicht). Die vierte Art, die Ortsbewegung, wird - wie bei Nikomachos -
nicht erwähnt, scheidet aber ebenfalls aus, da wahrhaft Seiendes immateri¬
ell ist, mithin nicht unter die Kategorie des Ortes fällt.

185 Die enge inhaltliche Verbindung zwischen beiden Disziplinen und Lehrbüchern ist mittel¬
alterlichen Lesern nicht entgangen; vgl. Glossen 10 und 25 zu mus. 2, 2.
186 Glosse 14 erklärt zu »und das Übrige, was für sich betrachtet ...«: »d. h. was in seiner ei¬
genen Natur erfasst wird, ist das Unsichtbare und Unveränderliche«, das laut Glosse 26 »von den
Körpern getrennt ist«.
187 Dagegen meint Pizzani, Influence of mus., 101 mit Anm. 21, dass Boethius in arithm.
nicht zwischen den »spheres« des wahrhaft Seienden und des homonym Seienden unterscheide,
was zu einem »gross misunderstanding« im Hinblick auf Nikomachos führe.
188 Philoponos zufolge (Lemma 18) ist hier eigentlich das Rationale gemeint (d. h. eine Zwi¬
schenstufe zwischen dem nur wahrnehmbaren und somit homonym Seienden einerseits und dem
wahrhaft Seienden, das intelligibel ist, andererseits), obwohl Nikomachos es als »prägnant«
Seiendes oder als »Intelligibles« bezeichnet.
189 Aristot. phys. 200b32-201al6. Mit »Bewegung« meint Aristoteles, dass etwas in einer
Hinsicht, in der es nur potentiell ist, in die Aktualität geführt wird, d. h. Veränderung im weitesten
Sinne und nicht nur Ortswechsel; vgl. 201a9-l 1. - Die vier Arten der Bewegung finden sich auch
bei Philop. in Nikom. 1 Lemma 14.
190 Boeth. arithm. 1, 1 p. 8, 2: nec intentione crescunl nec retractione minuuntur.
191 Ebd. 8, 2f.: nec variationibuspermutantur.
192 Ebd. 8, 3f.: in propria semper vi suae se naturae subsidiis nixa custodiunt.
118 II. Musiktheorie im Quadrivium

Wie einleuchtend und theologisch relevant die Unmöglichkeit ist, das


wahrhaft Seiende unter der Kategorie des »Wo« zu fassen, geht aus Philo-
ponos’ Kommentar hervor. Er weist darauf hin, dass man vom Göttlichen,
das er mit dem Seienden identifiziert, sagt, es sei überall und nirgends.
Denn potentiell ist es überall, seinem Sein nach aber nirgendwo, da es ja
keinen Ort hat. Ein Ort zeichnet sich nämlich durch eine Begrenzung und
Umfassung aus, die das unkörperliche Göttliche nicht besitzen kann.193 In
ähnlicher Weise ist das wahrhaft Seiende laut Philoponos auch der Zeit
enthoben, da es nicht der physikalischen Bewegung unterliegt und Zeit eine
sich ergebende Folgeerscheinung von physikalischer Bewegung ist.194
All diese Bestimmungen sprechen dagegen, das wahrhaft Seiende als in
materieller Weise Existierendes oder Daseiendes zu begreifen. Dass es
etwas Unkörperliches und zugleich Reales ist, steht gemäß Boethius’ Dar¬
stellung außer Frage: Es »ist« der Natur nach wahrhaft und im eigentlichen
Sinne, da es eine unveränderliche Substanz »erlöst hat«.195

3.5.2 Das homonym Seiende


Boethius kennt eine aus dem wahrhaft Seienden abgeleitete Art des Seien¬
den. Zunächst stellt er im Proömium die Unkörperlichkeit und Unveränder¬
lichkeit des wahrhaft Seienden fest und anschließend dessen Veränderlich¬
keit, wenn es an Körpern vorliegt: Unter das Seiende fallen Qualitäten,
Quantitäten etc.196 und was auch immer im Verein mit Körpern vorkommt,
was selbst zwar seiner eigenen Natur nach unkörperlich ist, aber durch die
Teilhabe am Körper der Veränderung unterliegt und »durch die Berührung
mit der wandelbaren Sache in wechselhafte Unbeständigkeit übergeht«.197
Laut Nikomachos wird das, was an Körpern in unbeständiger Weise vor-

193 Philop. in Nikom. 1 Lemma 13; zur Identifizierung des wahrhaft Seienden mit dem Göttli¬
chen s. u. II.3.5.6. - Boethius äußert sich zum Verhältnis zwischen dem wahrhaft Seienden und
Gott leider nicht explizit, teilt aber die Auffassung, dass »Gott überall ist, aber nicht an einem Ort«
(trin. 4, 224-230).
194 Philop. in Nikom. 1 Beginn Lemma 3.
195 Boeth. arithm. 1, 1 p. 8, 11-13. Zur Bedeutung von »erlösen« in diesem Kontext vgl. Ber-
nard, Mathematik, 68 Anm. 21: Die Formulierung deutet an, dass das jeweilige Seiende nicht
völlig autonom etwas Bestimmtes ist, sondern dadurch, dass es an etwas ihm sachlich Übergeord¬
netem Anteil erhält. »Erlösen« weist darauf hin, dass das Miteinander von Anteilnehmendem und
Anteilgebendem aktive und passive Komponenten hat. Guillaumin übersetzt sortita sunt mit »ils
ont«. Vgl. Boeth. in Porph. sec. I 1 p. 137, 19-21 und Philop. in Nikom. 1 Lemma 1 (s. u. 318 mit
Anm. 44), der die sowohl ihrem Sein als auch ihrer Erfassung nach getrennt von der Materie
vorliegenden Formen als dritte »Moira« bezeichnet (poipa -»erlöster Anteil«), Interessanterweise
verwendet Boethius in arithm. mehrmals diesen Ausdruck, ohne ihn bei Nikomachos an diesen
Stellen vorgefunden zu haben; s. o. 80f.
196 Boeth. aiithm. 1, 1 p. 8, 4-7. Die Aufzählung ist eine wörtliche Übersetzung der entspre¬
chenden Stelle bei Nikomachos.

197 Boeth. arithm. 1, 1 p. 8, 10f.: tactu variabilis rei in vertibilem inconstantiam transeunt.
3. Ziel der Mathematik 119

liegt, nach dem wahrhaft Seienden, d. h. homonym, benannt.198 Boethius


hingegen schien wohl der Hinweis auf die Homonymität verzichtbar.
Boethius unterscheidet hier zwischen dem ahylon und dem enhylon Ei¬
dos, d. h. zwischen der von der Materie des Wahrnehmbaren von Natur aus
getrennten und der an ihr vorliegenden Form (s. o. 1.2.7). In »De trinitate«
stellt er einen engen Zusammenhang zwischen dem Sein, das nun als kör¬
perliche Substanz verstanden wird, und der Form her: Alles Sein (d. h. jede
bestimmte Substanz) ist aus der Form.199 Wenn wir etwas als etwas be¬
zeichnen - so Boethius -, orientieren wir uns an der Form der jeweiligen
Sache und nicht an deren Materie. Etwa sagen wir zu einem Reiterstandbild
nicht »Marmor« oder »Erz«, sondern »Reiterstandbild von Marc Aurel«.200
Dieses Beispiel demonstriert den Wert der enhyla Eide für die Erkenntnis
empirischer Gegenstände, der ihnen trotz ihrer niederen Seinsstufe gegen¬
über dem wahrhaft Seienden zukommt. Außerdem weist es darauf hin, dass
mit dem Seienden nicht in jedem Fall Formen gemeint sein müssen, son¬
dern dass auch die einzelnen Substanzen, d. h. die composita aus Form und
Materie, als Seiendes aufgefasst werden können. Diese Praxis beruht auf
dem Gedanken, dass die Form als etwas in spezifischer Weise Seiendes die
von ihr geformte Materie zu einem bestimmten Seienden prägt.201 Von
daher erklärt sich auch die Wahl der Beispiele für Größe und Vielheit als
Teile des Seienden im Proömium: Boethius zählt hier offensichtlich Körper
aus Form und Materie auf (Baum, Herde etc.) und keine materielosen For¬
men (s. u. II.3.5.4), wie es seine Charakterisierung des Seienden, die vom
wahrhaft Seienden ausgeht, streng genommen forderte.
Das an einer wahrnehmbaren Materie vorliegende enhylon Eidos unter¬
liegt aufgrund des Kontaktes mit der Materie dem Wandel, da es nicht ewig
an der bestimmten Materie ist, sondern von anderen Bestimmungen abge¬
wechselt wird.202 Eine solche Abwechslung bedeutet das Vergehen des
jeweils abgestoßenen enhylon Eidos, wie Philoponos präzisiert: »Denn von
den Formen vergeht die eine, die andere entsteht«.201 Es gibt somit keine

198 Nikom. arithm. 1, 2 p. 3, 9-17: Gemäß der Anteilhabe an etwas Seiendem wird das nur
Anteilhabende mit dem gleichen Namen wie das Seiende bezeichnet. Zur Erläuterung der Homo¬
nymität wählt Philoponos (wie auch Boeth. in Porph. sec. III 7 p. 223, 8-19) folgendes Beispiel:
So wie wir nicht nur die Lebewesen in natura, sondern auch gemalte (nicht lebendige) Lebewesen
als solche bezeichnen, nennen wir auch das nicht wahrhaft Seiende »Seiendes« (Lemma 6).
199 Boeth. trin. 2, 83-91, v. a. 83: omne namque esse ex forma est, d. h. jede Substanz ist als
solche qua der sie prägenden Form.
200 Ebd. 89-91: nihil igitur secundum materiam esse dicitur, sed secundum propriam fonnam.
Form und Materie sind relative Begriffe, s. o. 50f. mit Anm. 71.
201 Vgl. Aug. mus. VI 17, 56, 11-19: Alles, was auch immer es ist und in welchem Maße auch
immer es ist (quaecumque sunt, in quantumcumque sunt), ist von einem einzigen Prinzip mittels
einer diesem gleichen bzw. ähnlichen Form (species) geschaffen worden.
202 Bei Nikomachos fällt der Terminus technicus »Materie« (arithm. 1, 1 p. 2, 13-19).
203 Philop. in Nikom. Lemma 8.
120 II. Musiktheorie im Quadrivium

transzendente Form eines jeden empirischen Körpers bzw. seiner einzelnen


Bestimmtheiten oder - platonisch gesprochen - keine Idee für jedes wahr¬
nehmbare Phänomen (z. B. für jeden einzelnen Tisch, der in dieser Welt
existiert), sondern nur eine allgemeine Form (Tisch).
Die einzelnen enhyla Eide gehen auf ahyla Eide zurück. Beide stehen in
einem Abbild-Vorbild-Verhältnis zueinander,204 wobei Boethius im Proö-
mium das entscheidende Wort zur näheren Charakterisierung des Verhält¬
nisses zwischen ahylon und enhylon Eidos nicht von Nikomachos über¬
nimmt: Anteilhabe.205 Das homonym Seiende ist seiend, insofern es Anteil
am wahrhaft Seienden hat. Boethius ist das Konzept der Anteilhabe aber
wohlbekannt.206 Insofern ein enhylon Eidos aufgrund seiner Anteilhabe an
einer immateriellen Form etwas Bestimmtes ist, realisiert es eine einzige
Verwirklichungsmöglichkeit seines Vorbildes und gilt deshalb als in gerin¬
gerem Maße seiend.207

3.5.3 »Sein« als »etwas Bestimmtes sein«


Sowohl das wahrhaft Seiende als auch das homonym Seiende sind nicht
gegenständlich: Ersteres ist von sich aus unkörperlich, Letzteres liegt als
Form an einem Körper vor. In gewisser Weise körperlich existieren kann
das homonym Seiende höchstens als Bestandteil eines wahrnehmbaren
Körpers, insofern es als enhylon Eidos mit der entsprechenden Materie ein
compositum bildet. Die Übersetzung von »Sein« mit »Existenz« kann somit

204 S. o. 51.
205 Nikom. arithm. 1, 1 p. 3, 6-8 und 1, 2 p. 3, 12-16.
206 Vgl. arithm. 2, 27 p. 117, 19-21; 2, 28 p. 118, 1-8 (die ungerade Zahl hat Anteil an der
unveränderlichen Substanz des Selben, die gerade dagegen an der Substanz des Anderen) und
subst. bon. 26-40 zum Unterschied zwischen dem Sein selbst und dem, das ist: Das, was etwas
Bestimmtes ist, hat sein Sein aufgrund der Anteilhabe am Sein und einem bestimmten Sein; vgl.
dazu Schrimpf, 8-29, und oben 80 Punkt 2.
207 Um das Gesagte an einem eigenen Beispiel zu erläutern, sei der Sachverhalt »Drei« he¬
rausgegriffen. Auf der mathematischen Ebene meint Dreiheit sehr grob gesagt eine extrem einfa¬
che Synthese von drei diskreten Einheiten zu einer Einheit. Dieser Sachverhalt ist relativ einfach,
unveränderlich — langlebiger als z. B. so mancher Dreifuß — und hat unabhängig von der Materie
des Wahrnehmbaren Bestand. Man kann davon also ein Wissen haben, das keinen zeitlichen
Veränderungen unterliegt, sondern immer Gültigkeit beanspruchen kann. Nun kann »Drei« in
bestimmter Weise auch im wahrnehmbaren Bereich vorliegen, etwa wenn drei Menschen Zusam¬
menkommen und durch gemeinsames Musizieren eine Einheit, ein Ganzes, nämlich ein Trio
bilden. Diese Konstellation ist irgendwie von »Drei« geprägt (platonisch: sie ist dreiartig). Aller¬
dings liegt »Drei« hier nicht mehr als solches vor, da das Trio ja nicht nur eine aus drei Unterein¬
heiten zusammengesetzte Einheit ist, sondern auch noch von weiteren Bestimmungen geprägt ist,
z. B. sind alle Anwesenden Menschen, bilden nur während der Probenzeit bzw. des Konzertes
diese bestimmte Einheit und sind vielleicht hinsichtlich ihrer politischen Auffassungen alles
andere als Teile einer Einheit. Das Trio bildet demnach eine konkrete Ausformung von »Drei«, ist
in der geschilderten Weise aber nicht »Drei«, sondern etwas nur teilweise von »Drei« Bestimmtes
und deshalb im Unterschied zum mathematischen Sachverhalt »Drei« nicht etwas in spezifischer
Weise »Drei« Seiendes; es ist folglich in dieser Hinsicht in geringerem Maße Seiendes als »Drei«.
3. Ziel der Mathematik 121

irreführend sein, wenn damit körperliches Dasein assoziiert wird.208 Natür¬


lich wird esse bei Boethius auch im Sinne von »existieren« verwendet.
Diese Bedeutung kann aber bei einer Vielzahl von Stellen nicht gemeint
sein, da diese ansonsten ihren Sinn verlören, z. B. wenn Gott das Sein abge¬
sprochen wird.209 Boethius behauptet hier freilich nicht, dass Gott nicht
existiere, sondern dass er als Quelle allen Seins dem Sein in der Weise
enthoben ist, dass er in seiner Seins-Überfülle aller Einzelbestimmungen
entbehrt, die ihn nur auf ausgewählte Aspekte reduzieren würden. Gott ist
folglich nicht etwas oder jemand Bestimmtes. Er würde durch eine positive
Prädikation oder auch mehrere nicht adäquat erfasst werden, weil er >mehr
ist< als z. B. gerecht oder gut.210
»Sein« muss man im vorliegenden Kontext also eher als »etwas Be¬
stimmtes sein« verstehen.211 In der Tat ist das wahrhaft Seiende aufgrund
seiner Unvermischtheit mit der wahrnehmbaren Materie und seiner Unwan¬
delbarkeit genau das, was es ist und somit in relativ hohem Maße sachlich
bestimmt. Das trifft für das homonym Seiende in abgeschwächter Weise zu:
Es ist selbst etwas Bestimmtes, z. B. die Form eines erklingenden Intervalls,
und kann deshalb einer zugrundeliegenden Materie für eine gewisse Zeit
eine spezifische Bestimmtheit verleihen.
Den so verstandenen Seinsbegriff und die Lehre, dass nur etwas Seiendes
erkannt und wissenschaftlich erfasst werden kann, führen die Neuplatoniker
auf Platon212 und eine lange philosophische Tradition - bis zu den Vorso-
kratikem Pythagoras und v. a. dem etwa zeitgleich wirkenden Parmenides
von Elea - zurück.213 Platons Darstellung gemäß besteht die eigentliche
Aufgabe eines Philosophen im Erforschen und Erfassen des Seienden bzw.
des Seins: Im »Sophistes« werden die obersten Gattungen des Seins (Sel-

208 Vgl. die Übersetzung der »Arithmetik« des Nikomachos von D’Ooge (»real things« für
»Seiendes«, »existence« für »Sein« und »exists« für »ist«). Auch Guillaumin übersetzt häutig mit
»exister«, z. B. arithm. 1, 1 p. 8, 23-29. Bei der Definition von Weisheit (1, 1 p. 9, 8-10) als
Erfassen »jener Sachverhalte, die wahrhaft sind« (earum rerum quae vere sunt), übersetzt er »des
choses qui ont une existence veritable«.
209 Boeth. c. Eut. 1, 66-76.
210 Eine Annäherung an Gott ist in neuplatonischer Tradition deshalb nur auf dem Wege der
Negation von Bestimmtheit möglich. Diese Annäherungsmöglichkeit findet in der sog. negativen
Theologie Anwendung; vgl. Plot. V 3, 17, 38 über den Weg zur Erleuchtung: »nimm alles weg«
(üüpeke Ttavxa - aphele panta). Dabei muss die richtige Art der Negation angewendet werden; vgl.
Prokl. in Parm. 1073, 2 - 1074, 21 zu den drei Arten von Negation, die den drei Arten des Nicht-
Seins entsprechen: 1. Etwas kann nicht sein, insofern es besser als das Seiende ist (das Hen).
Etwas kann nicht sein, insofern es nur etwas Bestimmtes, aber dafür nicht etwas anderes Bestimm¬
tes ist. 3. Etwas ist nicht, insofern es des Seins beraubt ist (Materie).
211 So auch Bemard, Mathematik, 67-70.
212 Plat. Soph. 237dl-4 (etwas Bestimmtes ist immer ein Seiendes), pol. 476e6-477a5 (nur
Seiendes kann erkannt werden); vgl. Schmitt, Erkenntnistheorie, 64-80, und Cludius, 88-94 (mit
ausführlichen Angaben zur Forschungsliteratur).
213 DK 28 B2, B6 und B8.
122 II. Musiktheorie im Quadrivium

bigkeit, Verschiedenheit, Ruhe, Bewegung) unterschieden und in ihrem


Verhältnis zueinander betrachtet.214 Der »Parmenides« geht bei der Diffe¬
renzierung des Seins weiter. Zumindest gemäß Proklos’ Deutung wird darin
die gesamte Seinshierarchie in ihrer sachlichen Reihenfolge - ausgehend
vom höchsten »Einen« und bei der Materie endend - durchgegangen.215 Der
umgekehrte Weg vom Körperlichen zum Unkörperlichen, der mathemati¬
sche Studien als mittlere Etappe enthält, führt folglich vom körperlich Exi¬
stierenden und nur relativ geringfügig Seienden zum wahrhaft Seienden und
somit zu immer distinkteren Erkenntnissen.

3.5.4 Vielheit und Größe als Vorbilder für »so viel« und »so groß«
Im Anschluss an die Distinktion zwischen dem unkörperlichen und dem an
Körpern vorliegenden Seienden unterscheidet Boethius Menge und Größe
als »zwillingshafte« Teile des Seienden.216 Als Beispiele zählt er offenbar
ausschließlich Körper auf (Baum, Stein und alle Körper dieser Welt sowie
Herde, Volk, Chor etc.). Dieser Befund ist angesichts der Tatsache, dass
Boethius gerade zuvor das wahrhaft Seiende als das eigentliche Seiende
eingestuft hatte, befremdlich. Man sollte doch vermuten, dass er nun eine
Differenzierung innerhalb des wahrhaft Seienden und nicht des an Körpern
vorliegenden homonym Seienden vornimmt. Bei Boethius liegt eine Ver¬
einfachung vor, während Nikomachos klar zum Ausdruck bringt, dass die
Beispiele für beide Arten des Seienden gelten:217

Unter dem Seienden nun - sowohl dem prägnant als auch dem homonym [sc. Seien¬
den], d. h. unter dem Intelligiblen als auch dem Wahrnehmbaren - ist das eine geeint
und miteinander zusammengehalten, wie Lebewesen, Kosmos, Baum und derglei¬
chen, was prägnant und eigentümlich als Größe bezeichnet wird, das andere geteilt
und in Nebeneinanderstellung und wie beim Anhäufen, was Vielheit genannt wird,
wie Herde, Volk, Haufen, Chor und Ähnliches. Als Wissen(schaft) von diesen beiden
Arten ist die Weisheit folglich aufzufassen.

214 Plat. Soph. 254b7-257al2.


215 Laut Proklos’ Deutung befassen sich die zweite und dritte Hypothesis des »Parmenides«
mit dem Seienden (Plat. Parm. 142bl-155e3 und 155e4-157b5): Zunächst werde in der ersten
Hypothesis das betrachtet, was allen bestimmten Seins entbehrt. Im Anschluss an die zweite und
dritte Hypothesis erörtern die vierte bis achte Hypothesis das, was am Sein Anteil hat, und schlie߬
lich betrachte die neunte Hypothesis das, was am Sein überhaupt keinen Anteil mehr besitzt.
216 Boeth. arithm. 1, 1 p. 8, 11-23, speziell 11-16: »Von diesem [sc. den an sich unveränder¬
lichen Sachverhalten] also sagt man, weil es - wie gesagt - der Natur nach eine unveränderliche
Substanz und ein unveränderliches Vermögen erlöst hat, dass es wahrhaft und im eigentlichen
Sinne ist. Davon also - das heißt von dem, was im eigentlichen Sinne ist und was mit dem ihm
eigenen Namen als Seiendes bezeichnet wird - verspricht die Weisheit Wissen. Das Seiende aber
hat zwillingshafte Teile ...« Zur Unterscheidung zwischen Vielheit und Größe s. o. II.2.1.
217 Nikom. arithm. 1, 2 p. 4, 13-21.
3. Ziel der Mathematik 123

Nikomachos bietet demnach explizit Beispiele sowohl für wahrhaft Seien¬


des als auch für homonym Seiendes. Dies überrascht keineswegs. Etwa ist
gemäß platonischer Denktradition im Falle des Kosmos nicht nur die sicht¬
bare Instanz existent, sondern in besonders realer Weise die intelligible
Substanz, die gemäß Platons »Timaios« vom Schöpfergott als Vorbild für
die hiesige Welt verwendet wird.218
Eine terminologische Unterscheidung zwischen dem Diskreten und Kon¬
tinuierlichen auf beiden Seinsebenen findet sich bei Nikomachos: Er nennt
beide Teile des wahrhaft Seienden »Größe« und »Vielheit« einerseits und
spricht vom »so viel« (einzelne Zahl) und vom »so groß« (bestimmte konti¬
nuierliche Größe) im Bereich der wissenschaftlichen Mathematik anderer¬
seits.219
Bei Letztgenanntem handelt es sich um Quantitäten, die an Körpern vor¬
liegen, von ihnen abstrahiert und vorgestellt werden können (sog. kategoria-
le Quantität). Im Rahmen der mathematischen Studien werden sie als Ope¬
rationsgegenstände benutzt. Da sie in abbildhafter Weise die Charakteristi¬
ka von Vielheit und Größe des Intelligiblen aufscheinen lassen, eignen sie
sich für die Hinführung zur Erkenntnis dieser beiden wesentlichen Aspekte
des Seienden. Auf der Unterscheidung zwischen intelligibler Vielheit und
Zahl und auf ihrem Vorbild-Abbild-Verhältnis basiert die Konzeption zwei¬
er Arten von Arithmetik, der rational-mathematischen und der metaphy-
sisch-intelligiblen.220

3.5.5 Der ontologisch-gnoseologische Komparativ


Boethius geht im Rahmen seiner mathematischen Schriften auf die Diffe¬
renzierung innerhalb des Seienden, die sich schon in der Unterscheidung
zwischen dem wahrhaft Seienden und dem aus ihm hervorgehenden abbild¬
haften bzw. homonym Seienden zeigt, nicht näher ein.221 Im Zusammen¬
hang mit der Frage nach der Natur Christi diskutiert er drei verschiedene
Definitionen von »Natur« und gibt dabei weiteren Aufschluss über seinen
Seinsbegriff:222 Zunächst kann man Natur lediglich von Körpern prädizie-
ren.223 Versteht man hingegen neben den körperlichen auch die unkörperli-

218 Plat. Tim. 28a6-bl und 28c5-29c3. Inwiefern »Baum« o. Ä. als unkörperlicher Begriff
etwas Kontinuierliches ist, erläutert Bemard, Mathematik, 70, im Hinblick aut die Passage bei
Boethius. Für eine ausführliche Darstellung und Erklärung vgl. Radke, 693-695 und 713-726.
219 Nikom. arithm. 1,2 p. 5, 10-12.
220 S.u. n.4.1f.
221 S. o. 1.2.5.
222 Boeth. c. Eut. 1, 59-96.
223 Ebd. 1, 90-92: quod si naturae nomen relictis incorporeis substantiis ad corporales usque
contrahitur ... Im Vergleich zum umfassenderen Naturbegriff, der das Unkörperliche einschließt,
betrachtet Boethius die Beschränkung auf die wahrnehmbaren Körper als inhaltliche Reduktion
(contrahere).
124 II. Musiktheorie im Quadrivium

chen Substanzen als Naturen, trifft man damit alles, was tun bzw. erleiden
kann; sowohl alles Körperliche als auch die Seele der Körper tun und er¬
leiden, während Gott und das Göttliche nicht erleiden, sondern nur tun.
Gemäß der dritten Definition ist Natur alles, von dem man sagt, dass es auf
irgendeine Weise ist (esse) und deshalb mit dem Intellekt erfasst werden
kann. Das trifft für alles bis auf Gott und die Materie zu.
Aus einer Kombination dieser Aussagen ergibt sich folgende Stufung:
Gott und Göttliches - Seele der Körper - Körperliches - Materie. Zwischen
den beiden Polen - Gott als Ursprung allen Seins über bzw. vor allem Sein
einerseits und der Materie als der Möglichkeit, Bestimmtheit aufzunehmen,
andererseits - erstreckt sich der Bereich alles Seienden, alles irgendwie
Bestimmten, der Körperliches und Unkörperliches umfasst.224
Mit einem höheren Seinsgrad geht ein höherer Grad an Gut-Sein einher.
Schlechtes kann demnach nicht in seinem vollen Maße »sein«, weil es
einen niedrigeren Seinsgrad einnimmt, als es ihm eigentlich seiner Natur
gemäß zukommt bzw. es »ist« in dieser Hinsicht überhaupt nicht. Ein dafür
im »Trost der Philosophie« angeführtes Beispiel ist ein lasterhafter Mensch,
von dem man zwar sagen kann, dass er schlecht ist, der aber letztlich nicht
»ist«, weil er von der ihm eigenen Natur abgefallen ist: Als wahrer Mensch,
der in richtiger Weise von seiner ihm naturgemäß zukommenden Rationali¬
tät Gebrauch macht, müsste er nämlich moralisch integer handeln. Boethius
schreibt:225 »Denn was die Ordnung einhält und seine Natur bewahrt, ist.
Was aber von dieser abfällt, verlässt auch das Sein, das in seiner Natur
festgesetzt ist.« Ein weiteres Beispiel gibt Augustinus: Wenn ein Mensch
durch seinen Hochmut aufgeblasen ist, dann wendet er sich dem Äußerli¬
chen zu und von seinem eigenen Selbst ab, so dass er immer weniger »ist«
(minus minusque esse).226
Die bereits bei Platon vorgenommene Stufung des Seins in Grade des
mehr und weniger Seins wird als ontologischer Komparativ bezeichnet.227
Der Stufung des Seins entspricht eine Stufung der Erkennbarkeit:228 Je sei¬
ender, d. h. je bestimmter etwas entsprechend seiner Nähe zur Quelle des

224 Zum Verhältnis zwischen dem wahrhaft Seienden, der Seele der Körper (corporeorum
anima, Boeth. c. Eut. 1, 83), dem homonym Seienden und den Körpern s. u. II.3.5.6.
225 Boeth. cons. 4, 2, 105-108.
226 Aug. mus. VI 13, 40. Diese und die zuvor genannte Boethiusstelle illustrieren nochmals
sehr schön den Unterschied zwischen dem körperlichen »Existieren« und dem »Sein« (s. o.
11.3.5.3). Denn beide »Unmenschen« existieren zwar weiter, verwirklichen aber ihr eigentliches
rationales Wesen nicht. Sie »sind« also letztlich keine Menschen.
227 Zum ontologischen Komparativ s. o. 46 mit Anm. 61, Plat. pol. 515d2f.; 585bl2-c6 und
die immer differenzierter werdende Teilung des Erfassbaren in Sonnen-, Linien- und^Höhlen-
gleichnis in der »Politeia«; vgl. dazu Bröker, passim.
228 S. o. 121 Anm. 212.
3. Ziel der Mathematik 125

Seins ist, desto besser, unveränderlicher, materieloser und einheitlicher ist


es und desto besser ist es von sich her erkennbar.
Die Schwierigkeiten beim Erkennen der Ideen und schließlich der Idee
des Guten führen Platon und seine Epigonen auf eine mangelhafte Kultivie¬
rung des rationalen und intellektiven Denkens zurück. Während der anago-
gisch konzipierten Studien müssen sie nach und nach aktiviert und verfei¬
nert werden, um die Sachverhalte adäquat erfassen zu können:229 Denn
während z. B. die Wahrnehmung eine (geometrische) Figur an einer Mate¬
rie sehen kann, beurteilt die Vorstellung diese Figur ohne die Materie; das
rationale Denken hingegen betrachtet nicht diese einzelne abstrahierte
Form, sondern fällt ein allgemeines Urteil (universali consideratione), zu
dem weder die Wahrnehmung noch die Vorstellung in der Fage ist. Es
handelt sich also nicht nur um einen Aufstieg in der Erkenntnis von immer
höhergradig Seiendem, sondern damit einhergehend auch um eine immer
intensiver werdende Anwendung von ratio und Intellekt. Epistemologie und
Ontologie greifen hier eng ineinander.

3.5.6 Die Seienden als aktive, göttliche und intelligible Prinzipien


Zur Aktivität des Seienden
Boethius hält das Seiende für etwas Aktives, Kreatives und wohl auch Be¬
seeltes. In »De trinitate« heißt es:230 »Aus den Formen nämlich, die außer¬
halb der Materie sind, kamen die Formen, die in der Materie sind und Kör¬
per hervorbringen.« Die enhyla Eide schaffen aktiv Körper! Zudem spricht
Boethius im Hinblick auf die Differenzierung von Substanzen von der
»Seele des Körperlichen« (corporeorum anima).231 Meint er damit das en-
hylon Eidos?
Dass Boethius die Zahlenverhältnisse für Formen hält, die als rationale
Prinzipien aktiv Intervalle hervorbringen, wird unten gezeigt.232 Auch im
Verlauf der »Arithmetik« unterstreicht Boethius mehrfach die aktive Wir¬
kung bestimmter Ursachen im Hinblick auf die von ihnen abhängigen Phä¬
nomene, z. B. des Geraden und Ungeraden für die einzelnen Zahlen, ohne
es in jedem Fall im griechischen Original vorzufinden. Darauf wurde be¬
reits oben beim Vergleich der Arithmetikschriften des Nikomachos und des
Boethius hingewiesen.233
Eine Begründung dieser Auffassung gibt Boethius nicht. Von seinem
Denksystem her ist es aber konsequent, dass etwas, das etwas anderes
schafft und formt, lebendiger und wirkmächtiger ist als das ihm Unterge-

229 Boeth. cons. 5, 4, 80-107.


230 Boeth. trin. 2, 113-115.
231 Boeth. c. Eut. 1, 83.
232 S. u. III. 1.3.3.
233 S.o. II. 1.2.2 (Punkt 2).
126 II. Musiktheorie im Quadrivium

ordnete. Folglich müsste Gott im höchsten Maße aktiv und lebendig sein,
zumal er nach christlicher und auch Boethius’ Ansicht der Schöpfergott
ist.234 Die Lebendigkeit und damit verbunden die Personalität des Überge¬
ordneten deutet Boethius an anderer Stehe an: Wenn Gott und das höchste
Gut begrifflich verschieden voneinander wären, beides aber eigentlich
miteinander identisch ist, dann müsste jemand eine Verbindung zwischen
beiden hergestellt haben.235
Auch Philoponos scheint Zahlen und Formen als etwas irgendwie Le¬
bendiges zu verstehen:236 Zahl ist Abbild der jenseitigen Logoi und hat mit
den aus den Logoi hervorgehenden Formen gemeinsam, dass sie wie diese
formend und begrenzend wirkt. Zahlen verleihen wie Formen Maß und
Grenze. Wenn beide derartige Leistungen vollbringen, können sie kaum als
etwas Lebloses gedacht sein.
Das gilt erst recht für das wahrhaft Seiende: Bei Nikomachos heißt es,
dass das Seiende dasjenige ist, was immer in derselben Hinsicht auf diesel¬
be Weise im Kosmos »verharrt«.237 Philoponos betont, dass das (wahrhaft)
Seiende aber gar nicht im (wahrnehmbaren) Kosmos dauerhaft vorliegt,
sondern ihn transzendiert.238 Anderenfalls unterläge das Seiende als Teil des
Kosmos der Veränderung, was der Unveränderlichkeit des wahrhaft Seien¬
den widerspräche. Indem es selbst überkosmisch ist, kann es - so Philopo¬
nos - den Kosmos in allen seinen Teilen ordnen, »indem es diesem sein
eigenes Gutes in abbildhafter Weise aufscheinen lässt«, d. h. aktiv gestal¬
tend und ordnend wirkt.239
An anderer Stelle expliziert Philoponos etwas genauer, in welcher Weise
das wahrhaft Seiende den Kosmos ordnet: Es bringt die hiesigen Formen
hervor, wie aus intelligiblen Vorbildern die Abbilder.240 Der Bestand des
Hiesigen muss mit Notwendigkeit seine Ursache im wahrhaft Seienden
haben, da es nicht aus der passiven Materie entstehen kann und es auch
nicht möglich ist, dass die enhyla Eide sich selbst hervorbringen, da sie für
ihr Sein der Materie bedürfen. Es muss also eine übergeordnete Ursache

234 Vgl. Boeth. subst. bon. 156-159: In Gott selbst fällt sein Sein mit seiner Aktivität aufgrund
seiner Einfachheit gänzlich zusammen (sein esse ist sein agere).
235 Boeth. cons. 3, 10, 48-51.
236 Philop. in Nikom. 1 Lemma 34; zum Wesen von Zahl s. u. II.4.
237 Nikom. arithm. 1, 1 p. 2, 10-13: övra 8s xd Kaxd id auxd Kal waaüxax; hei StaxsXoüvxa sv
TCÜ KOOptp.
238 Philop. in Nikom. 1 Lemma 5.
239 Vgl. auch Iambl. in Nikom. 6, 2f.: »Er [sc. Nikomachos] wusste aber und sagte, dass das
Immaterielle, Ewige und allein Aktive, was das Unkörperliche ist, seiend ist« (övxa 8s f|5ei Kai
eA.sys rd auka Kai dl8ta Kai pöva SpaauKa, Ö7tsp eoxi xd docbpaxa).
240 Philop. in Nikom. 1 Lemma 3 (Mitte) und Lemma 18.
3. Ziel der Mathematik 127

angesetzt werden, die Form und Materie miteinander verbindet und zu


einem ganzen, einheitlichen Körper zusammenschließt.241
Auf die vier Fächer des Quadrivium bezogen bedeutet das, dass Philopo-
nos »Größe« und »Vielheit« - als den beiden primären Unterschieden im
Seienden und somit als Grundlage der Unterscheidung der vier quadrivialen
Disziplinen - gegenüber einer einzelnen geometrischen Größe (»so groß«)
und einer einzelnen Zahl (»so viel«) eine relativ aktive Rolle zubilligen
müsste. Dazu findet sich in seinem Kommentar keine explizite Äußerung.
Auffällig ist dennoch die Aussage, dass die Arithmetik vom »für sich«
geschaffen werde und die Musiktheorie von der »Relation zu einem ande¬
ren«.242 Ähnliches begegnet in Lemma 20: Die beiden Arten der Quantität
schaffen jeweils zwei mathematische Wissenschaften. So schafft das Konti¬
nuierliche die Geometrie und Astronomie, das Diskrete die Arithmetik und
die Musik. Alle vier Wissenschaften sind diesem Verständnis nach keine
Produkte menschlichen Konstruktivismus’, sondern werden von bestimm¬
ten transzendenten Prinzipien aktiv hervorgebracht.
Wie diese Prinzipien Zusammenwirken und welche es genau sind, wird
im Folgenden nicht behandelt. Dass dieser thematische Komplex aber ein
reiches Potential zu weiteren Untersuchungen und interdisziplinären Re¬
cherchen besitzt, zeigt z. B. ein Hinweis auf ein Phänomen der bildenden
Kunst. Mittelalterliche Darstellungen der Sieben freien Künste bestehen oft
aus weiblichen Gestalten, die aufgrund ihrer Attribute mit den einzelnen
Fächern in Verbindung gebracht werden können (etwa am Königsportal von
Chartres). Sie werden in Publikationen häufig als Personifikationen im
Sinne einer bloßen Repräsentation der Fächer bezeichnet. Angesichts des
gerade dargestellten textlichen Befundes ist ein präziseres Verständnis von
»Personifikation« zu erwägen und die Frage zu stellen, ob nicht jede Diszi¬
plin tatsächlich als unkörperliches, personales Lebewesen verstanden wor¬
den sein könnte, das seinen eigenen Bereich verwaltet - in ähnlicher Weise
wie Heilige (etwa die Heilige Cäcilia als Patronin der Kirchenmusik) oder
Engel.243

Zur Göttlichkeit des Seienden


Nikomachos identifiziert in der »Einführung in die Arithmetik« das wahr¬
haft Seiende mit dem Göttlichen zwar nicht, deutet aber dreimal den göttli-

241 Ebd. Lemma 3.


242 Ebd. Lemma 15.
243 Vgl. die Beschreibung der rnusica bei Adelard v. Bath (Beginn 12. Jh.) als aktiver Person
(vgl. dazu Speer, Musica in den Timaios-Kommentaren, 100-108, der allerdings darunter eine
Allegorie versteht) oder die bildliche Darstellung der musica im Hortus Deliciarum (12. Jh.), in
der sich die musica mit den Worten vorstellt: musica sum late doctrix artis variate.
128 II. Musiktheorie im Quadrivium

chen Ursprung der Arithmetik an.244 Interessanterweise lässt es sich Boethi-


us nicht nehmen, diese Hinweise z. T. zu berücksichtigen und eigene hinzu¬
zufügen: Laut Nikomachos enthält die Arithmetik eine nicht vom menschli¬
chen Geist, sondern vom Göttlichen geschaffene Ordnung, wie er im Hin¬
blick auf die beiden obersten Arten der Quantität - Ungerade und Gerade -
sagt.245 Boethius gibt diese Formulierung folgendermaßen wieder:246

Folgendes aber ist das, woraus Zahl besteht: Gerade und Ungerade, was durch ein
bestimmtes göttliches Vermögen, obwohl es ungleich ist und entgegengesetzt, den¬
noch aus einer Zeugung hervorfließt und zu einer Zusammenstellung und Harmonie
verbunden wird.

Zweitens besteht die aus der Gleichheit hervorgehende Ordnung der Arten
von Zahlenverhältnissen (Vielfache vor den Epimoren etc.) laut Nikoma¬
chos aufgrund einer göttlichen Natur und nicht aufgrund menschlicher
Konvention.247 Die »göttliche Natur« übernimmt Boethius nicht; er verweist
aber darauf, dass die besprochene Ordnung »auf natürliche Weise« (natura-
liter) und ohne das künstliche Zutun des Menschen zustandekommt.248 Es
fällt auf, dass Boethius im selben Kapitel auf etwas Göttliches am gerade
behandelten Stoff hinweist, ohne eine solche Formulierung in seiner grie¬
chischen Vorlage zu finden: »In dieser Konstellation aber liegt dieses Gött¬
liche, dass alle diagonal angeordneten Zahlen Quadratzahlen sind.«249
Drittens merkt Nikomachos bezüglich der Vorordnung der Vielfachen
vor den übrigen Arten von Zahlenverhältnissen an, dass die entsprechende
Anordnung in einem Schema nicht durch einen menschlichen, sondern
durch einen göttlichen Logos und von Natur aus so geartet ist, dass das
Vielfache den ersten Rang einnimmt. Boethius beschränkt sich hier darauf,
das Natürliche der Anordnung zu betonen.250

244 S.o. II. 1.2.2 (Punkt 3).


245 Nikom. arithm. 1, 6 p. 13, 4—6: »abwechselnd durch eine wunderbare und göttliche Natur
zueinander gefügt aut untrennbare und einshafte Weise« (evaXXdi; btto öaupaaxfi? Kat 8eia<; cpbaeax;
Stippocspsva &XXf|Xotq äxropiwt®? KaifevoetSax;).
246 Boeth. arithm. 1, 2 p. 13, 4-8: haec autem sunt, quibus numerus constat, par atque impar,
quae divina quadam potentia, cum disparia sint contrariaque, ex una tarnen genitura proßuunt, et
in unam compositionetn modulcitionetncjue iunguntur.
247 Nikom. arithm. 1, 19 p. 53, 14f.: obxco tpüaei Gela Kat oh vöpcp fipexspcp obSe cuvefipaxt.
248 Boeth. arithm. 1, 27 p. 54, 16f.: nihil nobis extra machinantibus.
249 Boeth. arithm. 1, 27 p. 55, 28 - 56, 1: hoc autem in hac est dispositione divinum, quod
omnes angulares numeri tetragoni sunt. - Eine bloß äußerliche Integration solcher Formulierun¬
gen betreffs des göttlichen Ursprungs der arithmetischen Phänomene ist nach dem soweit Bespro¬
chenen für Boethius auszuschließen. Auch die »Musiktheorie« enthält eine Stelle, in der die
Entdeckung der Zahlenverhältnisse durch Pythagoras in der Schmiede auf einen göttlichen Willen
(divino nutu) zuruckgeführt wird. Dass Boethius dieses Detail aus der griechischen Quelle über¬
nimmt, spricht dafür, es nicht als Floskel abzutun (s. u. II1.2.1).
250 Nikom. anthm. 1, 23 p. 66, lf.: »durch einen göttlichen und nicht menschlichen Logos,
sondern von Natur [sc. entsteht diese Anordnung]« (0eicp xtvi Kai oük &v8pamivcp Xöycp, bXX' änö
3. Ziel der Mathematik 129

Da bei Nikomachos in Bezug auf die Ordnung einzelner arithmetischer


Phänomene konstatiert wird, dass sie einen göttlichen Ursprung hat und die
Arithmetik laut dem Proömium das Ziel verfolgt. Wissen vom Seienden als
dem Prinzip und Ursprung der Mathematik zu erlangen, dürfte bei Nikoma¬
chos von einer Identifizierung des Seienden mit dem Göttlichen auszugehen
sein. Philoponos jedenfalls identifiziert mehrfach das wahrhaft Seiende mit
dem Göttlichen.251 Nikomachos’ eigentliche »Arithmetik«, die »Theolo-
goumena arithmeticae«, ist - bis auf einige Zitate bei Jamblich - nicht
erhalten. Allein das Faktum der Abfassung eines solchen Werkes, das ähn¬
lich der gleichnamigen Schrift des Jamblich die Ebene der wissenschaftli¬
chen Mathematik übersteigt und die Zahlen in theologischer Weise unter¬
sucht, macht sehr wahrscheinlich, dass Philoponos Nikomachos’ Lehre
nicht überinterpretiert, wenn er das wahrhaft Seiende als das Göttliche
auffasst.252

Zur Intelligibilität des Seienden


Wenn unter dem wahrhaft Seienden göttliche Wesen verstanden werden,
die Prinzipien des irdischen Kosmos sind, wenn ferner deren Erkenntnis
Sache eines Weisen ist und dafür die Aktivierung des menschlichen Intel¬
lekts für notwendig erachtet wird,253 müssen die so verstandenen Götter
selbst in bestimmter Weise Intellekt sein und sich gemäß dem Intellekt
ordnend betätigen.254 So geht Plotin davon aus, dass die einzelnen göttlichen
Wesen zusammen den göttlichen Intellekt (Nüs) bilden.255 Diese Vorstel¬
lung ist der christlichen Theologie nicht fremd, wie etwa die einflussreiche
Abhandlung des Ps.-Dionysios Areopagita »Über die himmlische Hierar¬
chie« bezeugt. Dort werden neun triadisch geordnete Stufen (Seraphim,
Kerubim, Throne; Herrschaften, Mächte, Gewalten; gottartige Prinzipien,

(pücsecoi;); vgl. dagegen Boeth. arithm. 1, 32 p. 66, 5—22, v. a. 19f.; ähnlich auch 1, 26 p. 52, 22—25
und Nikom. arithm. 1, 19 p. 50, 21 f.
251 Vgl. etwa Philop. in Nikom. 1 Ende Lemma 3: Das Intelligible und Göttliche ist ewig, un¬
veränderlich und in reiner Weise seiend.
252 Ammonios’ Definitionen der Philosophie sind eindeutig eine Gleichsetzung des ewigen
Seienden mit dem Göttlichen sowie ein Hinweis darauf zu entnehmen, dass Platons Auffassung
von Philosophie als Angleichung an Gott - soweit einem Menschen möglich - diesem Philoso¬
phieverständnis entspricht (in Porph. 2, 11-3, 19).
253 S. o. II.3.3 und I.2.9.3.
254 Vgl. Philop. in Nikom. 1 Lemma 1 (Weisheit erfasst das Noetische und Göttliche bzw. das
Göttliche, Überkosmische und Unveränderliche; laut Pythagoras besteht das Ziel der Philosophie
im Erkennen der göttlichen Sachverhalte, die noetisch und gänzlich immateriell sind), Plat. pol.
51 Ic3-e5 (das Seiende ist noetisch und kann durch den Intellekt erfasst werden), Tim. 27d6-28a4
(zitiert in Nikom. arithm. 1, 2 p. 3, 19 - 4, 5) und dazu Philop. in Nikom. 1 Lemma 14 (das Intelli¬
gible ist im Unterschied zum Werdenden immer seiend und kann durch intellekthaftes rationales
Denken erfasst werden).
255 Vgl. etwa Plot. V 1, 4f.
130 II. Musiktheorie im Quadrivium

Erzengel, Engel) unterschieden und näher charakterisiert. Das Werk belegt


eine grundsätzliche Übereinstimmung mit der platonischen Lehre hinsicht¬
lich der hierarchischen Struktur des unsichtbaren Kosmos, seiner Intelligibi-
lität und Erkennbarkeit sowie der Identifikation von aktiven, intelligiblen,
eine bestimmte Funktion ausübenden Prinzipien mit göttlichen Wesen.256
Weder im Rahmen seiner mathematischen Schriften noch in seinem wei¬
teren CEuvre äußert sich Boethius differenzierter zur Lehre von den ver¬
schiedenen himmlischen Wesen. Dem Verständnis der anagogischen Funk¬
tion des Quadrivium als Propädeutikum für Philosophie und Theologie
sowie dem Verständnis der Rolle der Zahlenverhältnisse in der Musiktheo¬
rie tut das aber keinen Abbruch, solange die Aktivität und Göttlichkeit des
Seiend-Intelligiblen Beachtung findet.

4. Was ist Zahl?

Gemäß Boethius’ Einteilung des Quadrivium stellt die Musiktheorie die


Wissenschaft von Zahlen im Verhältnis zueinander dar. Bevor seine »Ein¬
führung in die Musiktheorie« untersucht wird, stellt sich die Frage, was
denn seiner Ansicht nach Zahl ist. Dazu äußert er sich im Proömium seines
Arithmetiklehrbuches.257 Um Boethius’ geistesgeschichtlichen Hintergrund
einzublenden und schwierigere Aussagen zu erhellen, werden im Folgenden
der zugrundeliegende griechische Text des Nikomachos von Gerasa und
Philoponos’ Kommentar herangezogen. Die folgenden Ausführungen ver-

256 Die christliche Lehre unterscheidet sich von der neuplatonischen u. a. dadurch, dass sie die
Ideen des Nüs (Intellekt), d. h. der zweiten Hypostase zwischen dem Einen und der Seele, in Gott
selbst verlegt. Gott selbst wird dadurch der Schöpfer der Seele und des gesamten Kosmos, wäh¬
rend diese Aufgabe gemäß den Neuplatonikern bestimmten, dem höchsten Gott untergeordneten
Wesenheiten des Nüs zukommt. Deshalb endet z. B. Augustinus’ anagogisches Bestreben in »De
musica« nicht beim Nüs als unmittelbarem Prinzip der menschlichen Seele. Stattdessen führt er die
rationalen Zahlen in der menschlichen Seele direkt auf Gott als Schöpfer zurück (mus. VI 11, 33
und 13, 40). Allerdings fällt auf, dass unter theologischen Gesichtspunkten detailliertere christliche
Traktate durchaus einen Zwischenbereich zwischen Gott und Mensch bzw. dessen Seele untersu¬
chen, der eine ähnliche Funktion wie der Nüs im Neuplatonismus erfüllt. So spricht Augustinus
(mus. VI 17, 58) von rationalen und intellektualen Zahlen seliger und heiliger Seelen. Diese sind
zwischen den rationalen numeri judiciales des Menschen und denen Gottes zu verorten. Sie haben
einen direkten Zugriff aut das Gesetz Gottes, »ohne das kein Blatt vom Baum fällt und durch das
unsere Haare gezählt sind« und vermitteln es nach unten sogar bis zur Hölle weiter. (Leider löst
Hentschel in seiner Übersetzung den komplexen lateinischen Satz auf, so dass die Bezüge unter¬
einander nicht mehr eindeutig sind; hilfreich ist aber sein Verweis auf Aug. retr. I 11, 4 in den
Anmerkungen, dem zu entnehmen ist, dass Augustinus mit dieser mittleren Natur Engel meint
was ihn zu der Schwierigkeit führt, dass diese laut der Heiligen Schrift nicht als beseelt gelten.)
257 Boeth. arithm. 1,1p. 10, 8-15 und 1, 2f. p. 12, 13 - 13, 13.
4. Was ist Zahl? 131

danken ferner der Studie von G. Radke zur »Theorie der Zahl im Platonis¬
mus« wesentliche Einsichten.258
Ein Grundverständnis von Boethius’ Zahlauffassung zu gewinnen,
scheint angesichts der bereits deutlich gewordenen Unterschiede zwischen
der neuplatonischen Wissenschaftskonzeption und modernen Positionen für
eine möglichst adäquate Rekonstruktion der Arithmetik und Musiktheorie
sowie des Quadrivium als Ausbildungskanon überhaupt essentiell zu sein.
Denn Zahl im eigentlichen Sinne ist nach neuplatonischem Verständnis
entgegen dem modernen Zahlbegriff keine Bezeichnung für eine Quantität,
die man durch Zählen etabliert und die man beim Zählen und Rechnen
verwendet. Eine solche Zahl darf auch als Zahl, nämlich als rational erfass¬
bare, wissenschaftliche Zahl bezeichnet werden, da in ihr das, was unter
Zahl zu verstehen ist, auch irgendwie wiederzufinden ist - wie auch eine
Laute auf einem Foto als Laute angesprochen werden darf, obwohl sie nicht
klingen kann und eben keine echte Laute ist. Die Zahl zum Rechnen gilt nur
als etwas »Zahlartiges« und die Beschäftigung mit ihr soll zur Erkenntnis
des eigentlichen Wesens von Zahl, d. h. der sogenannten intelligiblen Zahl,
hinführen.
Aus einem Abschnitt in »De trinitate« von Boethius geht hervor, dass er
zwischen einer Zahl zum Zählen und »Zahl an sich« (numerus ipse) unter¬
scheidet:259 Bei den zählbaren Dingen schafft die Wiederholung von Einhei¬
ten eine Zahl, also etwa bei der Addition von Einsen, wo jede einzelne Eins
von den anderen verschieden ist und einen Teil der Gesamtsumme bildet
(eins, zwei etc.). Das ist bei der anderen Art von Zahl, durch welche die
Dinge zählbar werden, nicht der Fall (Einheit, Zweiheit etc.):

Zahl ist nämlich zweifach: eine freilich, mit der wir zählen, die andere aber, die in
den zählbaren Dingen besteht. Denn »eines« ist die Sache, »Einheit«, durch die wir
»eines« sagen. »Zwei« wiederum ist in den Dingen, z. B. Menschen oder Steine;
»Zweiheit« keineswegs, sondern »Zweiheit« ist nur, wodurch Menschen zwei oder
Steine zwei werden.

Leider führt Boethius diesen Gedanken nicht weiter aus. Deutlich ist aber,
dass Menschen sich beim Zählen an einer Zahl orientieren, die selbst nicht
unter die Kategorie der Quantität fällt: Einheit ist eine Zahl, ohne welche
die Zahl Eins nicht denkbar ist. Während Eins und Eins als zwei voneinan¬
der verschiedene Zahlen aufgefasst werden, die zusammen die Zwei bilden,
bleibt der Sachverhalt Einheit - so Boethius weiter - als ein einziger beste¬
hen, auch wenn man ihn mehrmals nennt bzw. ihn unter verschiedenen

258 Vgl. dort v. a. die Zusammenfassung des Abschnittes »Was sind Zahlen?« (554-573).
Radke, v. a. 481-556, zeigt, dass in der griechischen Tradition zwischen den einzelnen Zahlarten
genauer unterschieden wurde (mathematische, eidetische und demiurgische Zahl).
259 Boeth. trin. 3, 125-140.
132 II. Musiktheorie im Quadrivium

Aspekten zu betrachten versucht. Boethius kennt demnach nicht nur die uns
vertraute »mathematische Zahl«, um die es zunächst gehen soll, sondern
auch noch »Zahl selbst« als deren Prinzip.260

4.1 Zur rational erfassbaren, wissenschaftlichen Zahl

Boethius definiert Zahl in der Arithmetikschrift folgendermaßen: »Zahl ist


eine Sammlung von Einheiten bzw. eine Anhäufung von Quantität, die aus
Einheiten hervorgebracht ist.«261 Die Abweichungen von Nikomachos’
Definition sind minimal: »Zahl ist eine begrenzte Vielheit bzw. eine Zu¬
sammenstellung von Monaden bzw. eine Anhäufung von Quantität, die aus
Monaden zusammengesetzt ist.«262 Im folgenden Satz konstatieren beide
Autoren, dass die erste Teilung von Zahl die in Ungerade und Gerade ist.
Der hier verwendete Zahlbegriff scheint vom heutigen nicht extrem ab¬
zuweichen, bezieht er sich doch auf die als Operationsmittel verwendete
Zahl, d. h. die arithmetische, diskret geeinte Vielheit, welche dem, was wir
heute als Zahl verstehen, in einigen Aspekten entspricht: Sie ist eine Kon¬
stellation diskreter Einheiten, d. h. sie hat feste Teile, in welche man sie
deshalb auch wieder auflösen kann. Problematisch wird hier aber die Rolle
der Eins, die nach Boethius’ Definition im Unterschied zur modernen Ma¬
thematik nicht als Zahl gelten kann, da sie gemäß der damaligen Auffas¬
sung überhaupt nicht zusammengesetzt ist und somit das entscheidende
Kriterium von Zahl nicht aufweist. Der kleinste Teil von arithmetischen
Zahlen ist laut Boethius die Einheit, die von Nikomachos »Monade« ge¬
nannt wird - die heutige Eins. Als Zahl gelten entsprechend die heute als
natürliche Zahlen bezeichneten Zahlen ausgehend von der Zwei, welche die
erste und einfachste Zusammensetzung von Einheiten darstellt.263

260 Craemer-Ruegenberg, 65f., stellt zu Recht fest, dass das Mathematische nicht mit den
Ideen identisch sein kann, zumal es im Unterschied zu den Gegenständen der Theologie nicht mit
dem »reinen Denken« (Noesis) erfasst wird.
261 Boeth. arithm. 1, 3 p. 13, 10-12: numerus est unitatum collectio, vel quantitatis acer\’us ex
unitatibus profusus.
262 Nikom. arithm. 1, 7 p. 13, 7f.: AptGpö^ ecxt jtkf|0o<; copiopevov f| povdScov cn3axr|pa f|
7toaöxr|To? xt>pa ek povdScov atiyKeipsvov. - Zur Vorläufigkeit und Abstraktheit dieser Definition,
die sich am uns Früheren orientiert, vgl. Radke, 767-771.
263 Deshalb sagt Boethius auch, dass die Substanz Gottes eine Einheit und in ihr keine Zahl ist
(trin. 2, 92 - 3, 173). Bei ihm besteht in keiner Hinsicht Vielheit, da in ihm kein Unterschied
zwischen Form und Materie vorliegt. Dennoch wird Gott u. U. als Zahl bezeichnet, nämlich dann,
wenn er als Quelle aller Zahl und aller Zahlhaftigkeit charakterisiert wird; vgl. Beierwaltes,
Sapientia, 56: Auch bei Augustmus ist der Schöpfer die höchste Zahl, »jedoch nicht in dem Sinne
einer denkbar höchsten Quantität, die immer noch - als schlechte Unendlichkeit - überschreitbar
wäre, sondern als Zahl, die selbst nicht mehr gezählt werden kann, also nicht mehr durch Zahl
einholbar ist: die wahre Unendlichkeit«.
4. Was ist Zahl? 133

Es ist außerdem festzuhalten, dass Zahl gemäß Boethius’ Definition nie¬


mals etwas Unbestimmtes, Unendliches oder gar eine unbekannte Variable
sein kann. Denn Zahl ist eine Zusammensetzung aus einer bestimmten
Anzahl von Einheiten - eine begrenzte Vielheit, wie Nikomachos sagt. Sie
ist deshalb immer eine bestimmte Einheit, die jeweils eine genau bestimm¬
bare Syntheseweise besitzt (z. B. kann 6 aus zweimal 3, aus sechsmal 1, aus
dreimal 2 oder aus 1, 2 und 3 zusammengesetzt sein). Jeder Zahl ist eine
spezifische Syntheseweise eigen, sie gehört zu ihrem Wesen. Eine Beson¬
derheit der neuplatonischen Arithmetik besteht deshalb darin, dass eine
Zahl nicht äußerlich als bloße Summe bzw. als Ergebnis einer Rechenope¬
ration aufgefasst wird, sondern als Einheit zusammen mit ihrer Binnen¬
struktur. Von dieser inneren Verfasstheit wiederum hängt der Ausgang
weiterer Operationen ab, wie z. B. der in der Musiktheorie vorgenommene
Vergleich zwischen zwei Zahlen.264 Denn z. B. ist 12 das Doppelte von 6,
gerade weil diese 12 aus zweimal 6 besteht oder weil die beiden ins Ver¬
hältnis gesetzten Zahlen aus den gleichen Teilen zusammengesetzt wurden,
also entweder aus 3 (die 6 zweimal, die 12 viermal) oder aus 2, bzw. weil
die Faktoren, mit denen die 1 vervielfältigt wurde, im Verhältnis 1:2 stehen,
nämlich 6 und 12.
Im Kapitel arithm. 1, 2 »Über die Substanz von Zahl«, das der Zahldefi¬
nition vorangeht, benennt Boethius ferner drei wesentliche Charakteristika
der arithmetischen Zahl: Alles scheint nach einem zahlhaften Vorbild im
Geiste des Schöpfergottes geschaffen worden zu sein. Entsprechend beru¬
hen die relativ regelmäßigen Naturerscheinungen, etwa die Umläufe der
Himmelskörper, auf einer Zahlhaftigkeit. Eben diese Zahl, die von wahr¬
nehmbaren Phänomenen abstrahiert werden kann und mit welcher der Ma¬
thematiker umgeht, muss dementsprechend konstant und unwandelbar sein.
Sie wurde - wie alles andere auch - von ihrem Vorbild zusammengefügt
und scheint nicht aus Verschiedenem, sondern aus sich selbst zusammenge¬
setzt zu sein.265 Wie aus dem Ende von arithm. 1, 2 hervorgeht, erfüllen das
Gerade und das Ungerade dieses erste Kriterium. Beides besitzt einen ge¬
meinsamen Ursprung und formt gemeinschaftlich - mit unterschiedlicher
Gewichtung und unter Verwendung verschiedenen >Zahlmaterials<, d. h.
unterschiedlicher Anzahlen von Monaden - jeweils bestimmte Zahlindivi¬
duen. Insofern beides im Unterschied zu Körpern der Materie des Wahr-

264 S. u. III. 1.2.


265 Boeth. arithm. 1,2 p. 12, 23-25: non ex diversis ... sed ex se ipso videtur esse compositus.
Allein aus Boethius’ Text ist nicht festzustellen, ob er hier die intelligible oder die rationale Zahl
meint. Nikomachos spricht explizit von der wissenschaftlichen, d. h. der rational erfassbaren Zahl,
und sagt, dass sie von sich selbst her und nicht von anderem harmonisch gefügt ist (Nikom.
arithm. 1,6 p. 12, 12-14).
134 II. Musiktheorie im Quadrivium

nehmbaren entbehrt, ist Zahl aus sich selbst und nicht aus Fremdem zu¬
sammengesetzt.
Zweitens scheint eine echte Zusammensetzung vorzuliegen, wenn sie
»nicht aus Gleichem« (non ex similibus) erfolgt. Wie Philoponos erläutert,
handelt es sich z. B. beim Zusammenfügen von Wasser zu Wasser nicht um
eine Zusammensetzung, sondern um eine Dazusetzung.266 Als weiteres
Beispiel führt er die pythagoreische Definition von Harmonie an: Harmonie
ist die Einung von Vielvermischtem und zwiefach Gesonnenem.267 Eine
gewisse Verschiedenheit der Komponenten ist demnach Voraussetzung für
eine harmonische Zusammensetzung, was man daran erkennen kann, dass
zwei gleich hoch gestimmte Saiten zu keiner Harmonie, sondern nur zum
Einklang führen. (Hier deutet sich an, dass keineswegs die Einfachheit der
Zusammensetzung den Grad der Güte einer Komposition garantiert, son¬
dern eine komplexe Synthese aus Verschiedenem für wünschenswert gehal¬
ten wird.) Im Falle der wissenschaftlichen Zahl bilden folglich die primären
Unterschiede von Zahl - das Gerade und Ungerade - optimalerweise die
Konstituentien einer Zahl. Unter diesen Voraussetzungen kommt die Drei
als erste aktuale, d. h. in ihrem Zahl-Sein voll verwirklichte Zahl in Frage.
Die Eins ist nämlich nicht zusammengesetzt und die Zwei nur aus zwei
gleichen Bestandteilen gebildet, während die Drei als erste Zahl eine Zu¬
sammenstellung aus ungleichen Teilen ist.268 Mit der Eins und der Zwei
wird gleichwohl im Rahmen der Arithmetik operiert.
Drittens dürfen die Bestandteile der rational erfassbaren Zahl nicht durch
eine beliebige Verschiedenheit ausgezeichnet sein, sondern müssen ein
rationales Verhältnis zueinander haben, was etwa bei weiß und warm nicht
gegeben ist. Wie bei weiß und schwarz müssen die Teile der Zahl demsel¬
ben Genus angehören.
Das Gerade und das Ungerade erfüllen diese Anforderungen: Sie sind
beide etwas Bestimmtes (nämlich die primären Arten von Zahl), sie sind
verschieden voneinander und zur Synthese geeignet. Beide prägen die viel¬
fältigen rational erfassbaren Zahlen in ihrem jeweiligen Wesen. Trotz ihrer
Unterschiedlichkeit entstammen sie einem bestimmten göttlichen Ursprung,
den Boethius in arithm. 2, 31 f. als die Natur des Selben und die Natur des
Verschiedenen benennt. Diese beiden transzendenten Prinzipien wirken
demnach vermittels des Geraden und Ungeraden auch auf der Ebene der

266 Philop. in Nikom. 1 Lemma 42.


267 Boethius gibt diese Definition in arithm. 2, 32 p. 126, 16f.
268 Wie aus Boeth. arithm. 2, 31 f. hervorgeht, besteht alles aus der Natur des Selben und des
Verschiedenen. Anteil an diesen beiden Prinzipien haben auch das Ungerade und das Gerade,
weshalb Zahlen, die beides in besonderem Maße verwirklichen, in hervorragender Weise Zahl
sind. Das bedeutet natürlich nicht, dass andere Bildungsmöglichkeiten von Zahlen, wie z. B. das
Zusammensetzen zweier gerader Zahlen, negiert werden.
4. Was ist Zahl? 135

arithmetischen, wissenschaftlichen Zahlen, und zwar jeweils in den Zahl¬


gattungen, -arten und -individuen in verschiedener Weise.
Einen besonderen Anteil an der Natur des Selben haben die Eins, die
ausgehend von ihr geformten ungeraden Zahlen und die wiederum aus den
ungeraden Zahlen durch Addition gebildeten Quadratzahlen. Letztgenannte
weisen auch durch die Gleichheit ihrer Seiten auf ihre Anteilhabe an der
Substanz des Selben hin.269 Die geraden Zahlen hingegen, welche ausge¬
hend von der Zwei gebildet werden, sowie die aus ihnen gewonnenen hete-
romeken Zahlen (bei denen beide Seiten den einfachsten Unterschied von 1
haben, z. B. die 6 mit den Seiten 3 und 2 oder die 12 mit 3 und 4) haben in
besonderer Weise Anteil an der Natur des Verschiedenen.270 Wie Boethius
explizit sagt, ist alles in dieser Welt aus den beiden Prinzipien verbunden.271
Um dieser Erkenntnis willen und zur Erkenntnis des Wesens von Selbigkeit
und Verschiedenheit sollen die vielfältigen, relativ leicht verständlichen
Verwirklichungsmöglichkeiten beider Prinzipien auf der Ebene der quadri-
vialen Mathematik propädeutisch studiert werden. Da die arithmetische
Zahl als ein direktes Abbild der intelligiblen Zahl, d. h. des höchsten Seien¬
den bzw. der Ideen verstanden wird, verwendet man sie gern zur - freilich
defizienten - Erklärung dieser schwer einsehbaren Sachverhalte.272
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass diejenigen Zahlen, die
Boethius in »De institutione arithmetica« behandelt und die er zu Beginn
seines Traktates definiert, Einheiten sind, welche aus Untereinheiten
(Zahlmonaden) gebildet werden. Bei dieser Synthese wirken die universa¬
len Prinzipien Gleichheit und Ungleichheit vermittels des Geraden und
Ungeraden. Je nach Verwirklichung dieser beiden Prinzipien entstehen
bestimmte Zahlen als einheitliche Vielheiten mit einer jeweils spezifischen
Syntheseweise. Dass Boethius diese »mathematischen Zahlen« im Verlauf
der Arithmetikschrift auf die Prinzipien des Selben und des Verschiedenen
zurückführt, weist nachdrücklich darauf hin, dass er die verwendeten Zah¬
len nicht als voraussetzungslose Einheiten auffasst.

4.2 Zur intelligiblen Zahl

Die abbildhafte Zahl, mit der in Boethius’ Arithmetikschrift operiert wird,


wurde eben in Anlehnung an Philoponos als »rational erfassbare Zahl«
bezeichnet. Nikomachos und im Anschluss an ihn Jamblich nennen deren

269 Boeth. arithm. 2, 31 p. 123, 4-14.


270 Ebd. p. 123, 14-24.
271 Ebd. p. 123, 24f.
272 Zur Verwendung von rational erfassbaren Zahlen bei einer symbolischen Darstellung theo¬
logischer und metaphysischer Sachverhalte vgl. Radke, 287-297.
136 II. Musiktheorie im Quadrivium

Vorbild »intelligibel«273 - eine Terminologie, die Boethius nicht verwendet.


Vertraut wird sie ihm als Rezipienten von Nikomachos’ Arithmetikschrift
natürlich gewesen sein. Insofern Boethius in seiner lateinischen Version die
arithmetische Zahl und ihre intelligiblen Prinzipien unterscheidet, dürfte die
Konzeption der »intelligiblen Zahl« seiner Systematik nicht gänzlich fremd
gewesen sein. Doch was genau ist mit diesem Begriff gemeint?
Vorwegnehmend ist zu konstatieren, dass Nikomachos’ intelligible Zahl
bei Boethius einer transzendenten Idee des Schöpfergottes entspricht, die
eine einheitsstiftende Rolle bei der Schöpfung der sichtbaren Welt spielt.
Der Weg zu dieser Interpretation ist allerdings aufgrund der Knappheit von
Boethius’ Textversion nicht gerade hürdenfrei. Der vergleichende Blick auf
die parallelen Passagen bei Nikomachos und Johannes Philoponos soll
deshalb Boethius’ recht konzise Aussagen erhellen.

4.2.1 Intelligible Arithmetik als Vorbild für die Schöpfung


Einleitend begründet Boethius die führende Rolle der Arithmetik vor den
anderen drei quadrivialen Wissenschaften.274 Als ersten Grund nennt er ihre
Vorbildrolle bei der Schöpfung, womit er auf die in Platons »Timaios«
dargestellte zahlhafte Schöpfung der Allseele und des Alls überhaupt an¬
spielt.275 Auf die Arithmetik ist alle Harmonie im Geschaffenen zurückzu¬
führen. Der Schöpfergott nutzt die Arithmetik als »Vorbild seiner Denkbe¬
wegung« und orientiert sich an ihr bei seiner rationalen Schöpfung.276
Boethius hält sich hier recht genau an Nikomachos’ Vorgabe, insofern jene
besagt, dass die Arithmetik sachlich früher als die anderen drei mathemati¬
schen Disziplinen ist, weil

... sie im Denken des kunstfertigen Gottes vor dem anderen zugrundeliegt wie ein
ordnender und vorbildhafter Gedanke, auf den sich der Schöpfer des Alls stützt wie
auf einen Entwurf und ein prinzipienhaftes Vorbild und so das aus der Materie Voll-

273 Nikom. arithm. 1, 6 p. 12, 8, Iambl. comm. math. 52, 6, Philop. in Nikom. 1 Lemma 43
(die intelligible Zahl ist Vorbild, »indem sie im Denken des Gottes zuvor zugrundeliegt, die Zahl
aber, die bei uns und rational ist, ist ein Abbild von jener«), Cus. id. ment. VI 88f.; 95 und VII
(wenn es bei den Pythagoreern heißt, dass alles aus Zahl ist, dann ist nicht die mathematische Zahl
gemeint, sondern diejenige, die aus dem göttlichen Geist hervorgeht und deren Abbild die mathe¬
matische ist). Zum Unterschied zwischen der seinshaften Zahl und der ihr gegenüber sekundären
Zahl im Beieich der kategorialen Quantität vgl. Horn, Plotin, passim, und Augustinus, 398 mit
Anm. 38 (zum engen Verhältnis zwischen Christus und Zahl).
274 Boeth. arithm. 1, 1 p. 10, 10-15.
275 Vgl. ebd. 2, 32 p. 126, 2-7; s. u. III.5.1.2.
276 Boeth. arithm. 1, 1 p. 10, 14; fabricante ratione- p. 10, 12f.: suae habuit ratiocinationis
exemplar. Gutllaumin übersetzt in seiner Edition: »comme modele de son calcul«, wobei das
Rationale der Denkbewegung nicht mehr expliziten Ausdruck findet.
4. Was ist Zahl? 137

endete ordnet und schmückt und bewirkt, dass es das [sc. jeweils] eigene Ziel erreicht
277

Ob die Arithmetik nun »im Denken des kunstfertigen Gottes vor dem ande¬
ren zugrundeliegt« oder nur gesagt wird, dass sie als »Vorbild seiner Denk¬
bewegung« dient und im zweiten Falle das Verhältnis zwischen dem Vor¬
bild und dem Denken Gottes offen bleibt - man könnte fragen, ob sich
beide Autoren - indem sie einleitend behaupten, Gott schaffe und ordne die
Welt nach dem Vorbild der Arithmetik - mit dieser Aussage letztlich nicht
selbst widersprechen, wäre durch sie doch die bisher postulierte Ordnung
aufgehoben: Wenn die Arithmetik, wie sie in der griechischen und lateini¬
schen »Einführung in die Arithmetik« dargelegt ist, ein Vorbild für die
Schöpfung wäre, dann müsste sie ontologisch einen höheren Status als der
Schöpfergott selbst haben, »was zu sagen eine Sünde ist« {quod dictu nefas
est), wie Boethius an anderer Stelle zu einer ähnlichen Verkehrung der
Verhältnisse äußert.278
Bei Boethius als Christen dürfte sich das Problem noch stärker zuspitzen,
da er im Gegensatz zu den heidnischen Neuplatonikern davon ausgehen
müsste, dass der Schöpfergott der höchste Gott ist. Im Platonismus hinge¬
gen stellt der Schöpfergott ein Wesen dar, das auf höhere, ihm noch trans¬
zendente Gottheiten zurückgeht und sich bei seiner schöpferischen Tätig¬
keit durchaus auf eine sachlich bereits vor bzw. über ihm liegende Arithme¬
tik stützen darf. Boethius äußert sich in seinen überlieferten Schriften dazu
nicht.279 Er positioniert sich ferner in der Arithmetikschrift nicht als Christ
und integriert auch keine explizit christlichen Aussagen in den Text. Fest¬
zuhalten ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass Boethius eindeutig in
neuplatonischer Tradition zwischen dem Schöpfergott und seinem Vorbild
- einer Arithmetik - unterscheidet.280
Dass beide Autoren hier eine Arithmetik meinen, die nicht mit der ratio¬
nalen, wissenschaftlichen Arithmetik als Teil des Quadrivium identisch ist,
und es folglich einen Unterschied zwischen einer Zahl bzw. Zahlen als
Vorbild für die Schöpfung einerseits und der Zahl andererseits gibt, die in
der wahrnehmbaren Schöpfung vorliegt, die abstrahiert und mit der wissen-

277 Nikom. arithm. 1,4 p. 9, 10-15.


278 Boeth. subst. bon. 72f.
279 Craemer-Ruegenberg, 71f., merkt kritisch an, dass Boethius das Problem der Urbilder in
Gott, deren Annahme die Einfachheit Gottes in Frage stellen könnte, an keiner Stelle thematisiert
und dadurch den Eindruck erweckt, sich aus der Affäre ziehen zu wollen.
280 Eine Unterscheidung zwischen dem Schöpfer und seinem Plan ist dem christlichen Glau¬
ben nicht fremd, sondern kann im Rahmen der Trinitätslehre mittels der Unterscheidung zwischen
Vater und Sohn als Personen und deren wesensmäßiger Einheit vertreten werden, wie der Beginn
des Johannesevangeliums nahelegt. Dort heißt es ja, dass alles durch den Logos (»das Wort« oder
eher durch den noch unausgesprochenen Gedanken), der im Anfang war und bei Gott war und
Gott war, geschaffen wurde.
138 II. Musiktheorie im Quadrivium

schaftlich in der Arithmetik operiert werden kann, zeigt insbesondere das


Kapitel zur Substanz von Zahl:281 Bei Boethius heißt es, dass alles Geschaf¬
fene (constructa) nach Art von Zahlen geformt zu sein scheint (numerorum
videntur ratione formatd). Denn so war das prinzipienhafte Vorbild im
Geiste Gottes (principale in anirno conditoris exemplar).282 Dass dieses
Vorbild intelligibel ist, geht nicht aus Boethius’ Text hervor. Laut Nikoma-
chos ist der Schöpfer aber selbst Intellekt.283 Und die vorbildhafte Zahl,
derer er sich bedient, bezeichnet er entsprechend in Abgrenzung zur wis¬
senschaftlichen Zahl als intelligibel.284 Philoponos kommentiert, dass mit
der wissenschaftlichen Zahl hier die rationale Zahl gemeint ist, um die es
auch in der Schrift des Nikomachos geht, da die vorbildhafte, intelligible
Zahl nicht Gegenstand der Arithmetik ist, sondern der Ersten Philosophie.285
Im Hinblick auf Nikomachos entzieht der Textbefund also dem Verdacht
auf einen Fehler im System bzw. auf Blasphemie jegliche Grundlage: Der
intelligible Schöpfergott bediente sich bei der Schöpfung einer vorbildhaf¬
ten, intelligiblen Zahl und nicht der quadrivialen Arithmetik.
Aber auch Boethius’ Rede von der rationalen Denkbewegung des Schöp¬
fergottes und seiner rational vorgenommenen Schöpfung scheint insofern

281 Boeth. arithm. 1, 2 und Nikom. arithm. 1, 6 (s. u. Anhang l.lf.). Vgl. die Überlegungen
des Albertus Magnus im Sentenzenkommentar (in II Sent. Dist. I A Art. V, Borgnet XXVII, 15),
wo er zu dem Schluss kommt, dass sich Boethius’ Aussagen über die Zahl bei der Schöpfung nicht
auf die arithmetische Zahl beziehen können, sondern »auf die Form-Zahl, die allem Geformten
vorangeht« (de numero ideali qui praecessit omnia ideata)', ferner Thomas v. Aquin im Kommen¬
tar zu Boeth. trin. Lect. I, q. II, a. 1 (ad primum); zur Lehre von den göttlichen Ideen: Magee, 86f.
Anm. 66 (mit Stellenangaben zu Primär- und Sekundärliteratur).
282 Vgl. Boeth. cons. 3 carm. 9, 6-10: tu cuncta supemo / ducis ab exemplo, pulchrum pul-
cherrimus ipse / mundum mente gerens similique in imagine formans /perfectasque iubens perfec-
tum absolvere partes. / Tu numeris elementa ligas ...
283 Nikom. arithm. 1, 6 p. 12, 1-5: »alles, was entsprechend kunstvollem Diskurs von Natur
im Kosmos geordnet ist, scheint sowohl als Teil als auch als Ganzes nach Zahl von der Vorsehung
und dem das All schaffenden Intellekt unterschieden und geordnet zu sein« (7tdvra xä Kard
T8%viKf|v 8te^o5ov üjiö (püoeax; ev xcp Koopcp Staxexaypeva Kard pepoi; xe Kai ÖXa cpaivexat Kaxd
dptOpöv ÜTiö Tf)tg 7tpovola<; Kai xoü xd ÖXa 5qpioupyf|oavx0(; voü 5iaK£Kpia6ai xe Kai KeKoopf)o6ai).
284 Nikom. arithm. 1, 6 p. 12, 8 (noeton) und 12, 12 (epistemonikon).
285 Philop. in Nikom. 1 Lemma 46; vgl. auch Lemma 34: Man kann aufgrund des Sprachge¬
brauches durchaus sagen, dass der Schöpfer die Arithmetik verwaltet, allerdings nicht die rationale
mathematische, sondern die intelligible, welche die Prinzipien der aus ihr hervorgehenden rationa¬
len enthält. Hier begegnet also wieder das Phänomen, dass das von einem Prinzip Abhängige nach
seinem Prinzip benannt wird (Homonymität). Wie Philoponos erklärt, heißt es in der Dichtung
auch von anderen griechischen Göttern, dass sie einer handwerklichen oder künstlerischen Tätig¬
keit nachgehen. Athene ersinnt, Hephaist schmiedet, Apoll widmet sich der Musik sowie der
Bogen- und Arztkunst. Aber natürlich ist das nicht wörtlich zu verstehen, sondern im Mythos wird
aut diese Weise zum Ausdruck gebracht, dass die genannten Götter die Voraussetzungen dieser
Künste haben, ohne selbst darin tätig zu werden. So wie ein Arzt in seinem Wissen das, was
Krankheiten ausmacht, besitzt, aber deshalb selbst nicht krank ist, so betreibt der Schöpfergott eine
Arithmetik, welche die Voraussetzungen einer mathematischen Arithmetik enthält, nämlich die
intelligiblen Zahlen.
4. Was ist Zahl? 139

gerechtfertigt zu sein, als der wahrnehmbare Kosmos laut Platon und Ni-
komachos tatsächlich in diskursiver Weise verwaltet und in Bestand gehal¬
ten wird.286 Im Übrigen verwendet Philoponos die Begriffe »intelligibel«
und »rational« nicht durchgängig in ihrer spezifischen Bedeutung. Bei¬
spielsweise muss er in Lemma 43 mit der rationalen Zahl, die den Status
eines Vorbildes hat, eigentlich die intelligible meinen, wie aus seinem fol¬
genden Satz hervorgeht. Ob Boethius lediglich ähnlich unterminologisch
wie Philoponos formuliert oder eine Klarstellung entfällt, um das einleiten¬
de Kapitel möglichst kurz zu halten, kann kaum mit Sicherheit entschieden
werden. Von der Sache her müsste Boethius jedenfalls wie Nikomachos
vom Sein einer intelligiblen Zahl im Geiste des Schöpfergottes ausgehen.
Ansonsten verlöre die anagogische Konzeption des Quadrivium ihren Bo¬
den, und die Kapitel zur Rückführung der arithmetischen Phänomene auf
übergeordnete Prinzipien287 sowie die Unterscheidung zwischen ratio und
intelligentia bzw. intellectusm büßten ihren Sinn ein.
Augustinus’ Interpretation von Sap. 11, 21: »Du hast alles nach Maß,
Zahl und Gewicht geschaffen« stellt ein klares Beispiel für eine christliche
Rezeption der neuplatonischen Lehre von der intelligiblen Zahl im Geiste
des Schöpfers dar. Laut Augustinus ist mit dem biblischen Wort von der
Schöpfung »gemäß Zahl« gemeint, dass der Schöpfergott in seinem Intel¬
lekt Zahl als etwas hat, was das Seiende ausmacht, es zu etwas Bestimm¬
tem, zu Formen und somit zu etwas Erkennbarem macht. Laut W. Beier-
waltes deutet der Kirchenvater hier »mit hoher Wahrscheinlichkeit« Niko-
machos’ Zahlbegriff aus, denn Augustinus hatte wohl durch Apuleius’
lateinische Übersetzung Zugang zu Nikomachos’ »Einführung in die
Arithmetik«.289 Gerade der Beginn von Nikom. arithm. 1, 6 könne »gerade¬
zu als Kommentar des augustinischen Grundgedankens fungieren«. Die
funktionale Identität zwischen demiurgischer Idee im Intellekt des Schöp¬
fergottes und der intelligiblen Zahl belegt Beierwaltes mit einem für den
Neuplatonismus zentralen Text, nämlich Plotins Enneade VI 6.290
Boethius vertritt durchaus keine ungewöhnliche Theorie, wenn er der
Auffassung war, dass der Kosmos vom Schöpfergott mit Hilfe einer intelli¬
giblen Zahl geschaffen wurde, die von den Zahlen in Boethius’ Arithmetik-

286 Nikom. arithm. 1, 6 p. 12, 1: »Diskurs« (8i64o8o<; - Diexhodos, s. o. 138 Anm. 283); vgl.
Plat. Tim. 30b 1 und b4, wo der Schöpfergott einen rationalen Schluss (Logismos) vollzieht, was
Proklos (ad locum) als Anzeichen der Entfaltung deutet, während er die zuvor (Tim. 30a2f. und
5f.) genannten Aktivitäten (beraten, vermögen, denken) als Kennzeichnung der Einheit und des
Friedens innerhalb des Schöpfergottes interpretiert.
287 Boeth. arithm. 2, 31 f.
288 Boeth. cons. 4. 6 und 5, 4.
289 Beierwaltes, Sapientia, 56; vgl. auch Solignac, 133-137.
290 Beierwaltes, Sapientia, 57.
140 II. Musiktheorie im Quadrivium

lehrbuch verschieden ist und ihnen gegenüber eine Vorbildrolle einnimmt.


Aus neuplatonischer Perspektive, vor dem Hintergrund der »Einführung in
die Arithmetik« des Nikomachos und aus systematischen Gründen können
Boethius’ knappe Ausführungen zu Beginn der Arithmetikschrift kaum
anders verstanden werden.

4.2.2 Zum Wesen der intelligiblen Zahl


Was ist unter einer »intelligiblen Zahl« zu verstehen? Schließlich ist aus
heutiger Sicht kaum vorstellbar, wie das Vorbild einer mathematischen
Zahl beschaffen sein soll. Da unser heutiger Zahlbegriff auf die rein quanti¬
tative Bedeutung reduziert ist und mit der Wirklichkeit des wahrhaft Seien¬
den bzw. Intelligiblen im Allgemeinen nicht mehr gerechnet wird, dürfte es
nicht leicht fallen, ein Verständnis für die Konzeption einer Arithmetik zu
entwickeln, die im Rahmen des Quadrivium auf die Erkenntnis der »wahr¬
haften, intelligiblen Arithmetik« vorbereiten soll. Die Verständnisschwie¬
rigkeiten dürften umso größer ausfallen, als die Frage nach dem Wesen der
intelligiblen Zahl der einführenden Natur von »De institutione arithmetica«
gemäß nicht in dieser Schrift behandelt wird. Da an der rationalen Zahl, mit
der im Arithmetiklehrbuch operiert wird, aber bereits wesentliche Merkma¬
le der intelligiblen Zahl aufscheinen und zudem Philoponos’ Kommentar
essentielle Hinweise enthält, lässt sich das Wesen der intelligiblen Zahl in
groben Zügen erschließen.
Unter rationaler Zahl hatte Boethius etwas aus Untereinheiten zusam¬
mengesetztes Einheitliches verstanden, das vermittels des Geraden und
Ungeraden durch Gleichheit und Verschiedenheit geprägt ist und selbst im
Hinblick auf die jeweils zugrundeliegenden Zahlmonaden Einheit schafft.
Essentiell ist hier das Moment der Synthese zu einer Einheit - also die
Einung von diskreten Einheiten zu einer komplexen Einheit, was bei der
vorbildhaften, intelligiblen Zahl aufgrund ihrer Nähe zum höchsten Prinzip
noch intensiver verwirklicht wird.
Um die extreme Einheitlichkeit des göttlichen Vorbildes der geschaffe¬
nen Zahlen anzudeuten, zählt Boethius als deren Hervorbringungen die
Bewegungen der Himmelskörper, die vier Jahreszeiten und weitere beson¬
ders regelmäßige Abläufe in der wahrnehmbaren Natur auf.291 Wie Philopo-

291 Boeth. arithm. 1,2 p. 12, 17-19. Die Himmelskörper nehmen eine besondere Stellung in
der Seinshierarchie ein, da man davon ausging, dass sie als physikalische Körper nur der Ortsbe¬
wegung unterliegen, aber nicht quantitativer, qualitativer und substantieller Veränderung. Deshalb
wurden sie als dem Intelligiblen besonders nahestehend und vergleichsweise besonders zahlhaft
verstanden; vgl. Philop. in Nikom. 1 Ende Lemma 3 (zur Mittelstellung der Himmelskörper) und
Aug. mus. VI 11, 29 (zur besonders stark verwirklichten göttlichen Gleichheit im All). Ptolemaios
behandelt die Harmonie der Himmelskörper am Ende seiner Abhandlung, was im Rahmen einer
4. Was ist Zahl? 141

nos erklärt, fungiert die an wahrnehmbaren Körpern vorliegende Zahl wie


eine Form (enhylon Eidos), da sie der zugrundeliegenden Materie Maß,
Grenze und Ordnung verleiht.292 Das göttliche Vorbild einer solchen zahl¬
haften, einheitsstiftenden Form muss also noch beständiger und einheitli¬
cher, d. h. auf gänzlich unwandelbare Weise Zahl sein.
Im System des Neuplatonismus kann die intelligible Zahl auch nicht an¬
ders als einheitlich sein, da sie dem Intellekt (mit Plotin gesprochen: der
Hypostase des Intellekts, welcher die Ideen umfasst) angehört bzw. selbst
der Intellekt ist, der dem absoluten Einen am nächsten steht. Garant für
Einheitlichkeit ist fehlende bzw. wenig ausgeprägte Vielheit derart, dass der
Intellekt zwar zahlreiche verschiedene Aspekte besitzt, er diese aber alle
zugleich ist und denkt, so dass man nicht von einer bloßen Vielheit spre¬
chen kann, sondern von einer Einheit, die dem absoluten Einen aber auf¬
grund ihrer Komplexität nachgeordnet ist. Vom Einen her gesehen ist das
Intelligible in primärer Weise etwas, das eine geeinte Vielheit bildet und
damit Zahl ist, weil im Intelligiblen zum ersten Mal Verschiedenheit und
Vielheit vorliegen. Es ist nicht nur selbst in vollem Maße ein bestimmtes
Eines bzw. wahrhaft Seiendes, sondern stiftet als Prinzip der enhyla Eide
auch Bestimmtheit, Form, Maß, Grenze und Ordnung im Hinblick auf den
materiellen Kosmos.293
Aufgrund dessen, dass die rationale Zahl in eingeschränkter, partikulärer
Weise das Vermögen ihres Vorbildes verwirklicht, kann die abbildhafte
mathematische Zahl im Vergleich zu ihrem intelligiblen Vorbild auch nur
in geringerem Maße eine Einheit durch Herstellung einer Verbindung eta¬
blieren. Mit ihr kann deshalb operiert werden: Sie kann z. B. in ihre Be¬
standteile (die Zahlmonaden) zerlegt oder mit weiteren zu einer neuen Ein¬
heit zusammengesetzt werden, was oben als ein Charakteristikum der
»Zahl, mit der wir zählen« im Unterschied zu der »Zahl selbst« festgehalten
wurde.294 Mit den intelligiblen Zahlen wäre das undenkbar, zumal sie unter
theologischer Sichtweise nicht nur Ideen sind, sondern zumindest im heid¬
nischen Neuplatonismus lebendige Götter.
Wenn man Zahl ganz allgemein als eine bestimmte Einheit aus Ver¬
schiedenem und als formgebenden Einheitsstifter auffasst, erscheint die uns
gewohnte mathematische Zahl als eine recht unspektakuläre Verwirkli¬
chung von Zahl, da sie nur auf das Quantitative beschränkt ist. Vergleicht
man sie z. B. mit dem, was einen Menschen mit all seinen unterschiedlichen
seelischen Vermögen und körperlichen Aspekten zu einem eigentümlichen

anagogischen (Um)deutung von Ptolemaios’ »Harmonielehre« als Hinweis auf ihre Nähe zum
Intelligiblen interpretierbar ist (dazu s. u. III.5.1.4).
292 Philop. in Nikom. 1 Beginn Lemma 34.
293 Vgl. ebd.; Beginn Lemma 42 und Beierwaltes, Sapientia, 55 (im Hinblick auf Augustinus).
294 S.o. 13lf.
142 II. Musiktheorie im Quadrivium

Etwas, einem Menschen, d. h. zu einer ganz spezifischen Einheit, macht -


gemäß platonischer Auffassung ist der Einheitsstifter seine Seele -, wird
der Unterschied deutlicher: Arithmetische Zahlen stellen nur eine Einheit in
quantitativer Hinsicht aus gleichen Monaden her. Wenn laut Platons »Ti-
maios« der gesamte Kosmos mit all seinen Bestandteilen bis ins Kleinste
mittels dieser intelligiblen Einheitsstifter (= Zahlen) geschaffen wurde,
muss man im Hinblick auf die arithmetischen, rein quantitativen Zahlen im
Vergleich zu den Einheit und Maß verleihenden intelligiblen Logoi von
einer inhaltlichen Entleerung oder einer Reduktion auf das Quantitative
sprechen - ähnlich wie ein gemalter Mensch, der nur homonym Mensch ist,
im Vergleich zu einem lebenden Menschen für eine armselige Verkürzung
gelten muss; ein gemalter Mensch ist ja zu nichts Menschlichem in der
Lage, sondern spiegelt lediglich in defizienter Weise (etwa aufgrund der
Reduktion auf die Zweidimensionalität) eine einzige Perspektive auf die
äußere Erscheinung wider. Am meisten Zahl ist das Intelligible, da es selbst
das Urbild von einheitlicher Konstellation ist, und weil es dem ontologisch
Untergeordneten - darunter der arithmetischen Zahl - Einheitlichkeit und
eine bestimmte Form verleiht.
Die Benennung des Abbildes nach dem Vorbild darf auch hier nicht
verwirren:295 Auch die Idee der Gerechtigkeit ist von einer bestimmten
gerechten Handlung dimensional verschieden, genauso wie die mathemati¬
schen Zahlen Abbilder jenes wahrhaft Seienden sind, an dem sich der
Schöpfer bei der Schaffung des Alls orientiert. Beide heißen »gerecht« bzw.
»Zahl«. Zahl ist für einen Neuplatoniker also nicht gleich Zahl, sondern es
bestehen wesentliche Unterschiede zwischen dem zahlhaften Vorbild im
Denken etwa Apolls und der zahlhaften metrischen Durchgestaltung von
Dichtungen oder Kompositionen im wahrnehmbaren Bereich,296 ebenso wie
zwischen den Zahlen im Denken des Schöpfers und denjenigen, die an
Himmelskörpern vorliegen und vom Mathematiker im Bereich der Astro¬
nomie abstrahiert werden, um den Schöpfungsprozess in der Theorie quasi
wieder umzukehren und zu den Urbildern des Hiesigen zu gelangen.
Wenn alles irgendwie Seiende in gewisser Weise als Zahl aufgefasst
wird, dann auch die Seele, da auch sie etwas zu einer Einheit Zusammenge¬
setztes ist und ihrem jeweiligen Körper Einheitlichkeit und Bestimmtheit

295 Zur Homonymität s. o. 119 Anm. 198. Zur homonymen Verwendung des Begriffes »Ein¬
heit« im Hinblick auf Gott und empirische Körper vgl. Brunner, passim, der anschaulich darstellt,
dass Thierry v. Chartres nur aut den ersten Blick einen Pantheismus zu vertreten scheint, auf den
zweiten Blick jedoch ganz in platonischer Tradition zwischen der quantitativen und transzenden¬
ten Einheit unterscheidet.
296 Philop. in Nikom. 1 Lemma 34.
4. Was ist Zahl? 143

verleiht.297 Da die rationale menschliche Seele ihren direkten Ursprung im


göttlichen Intellekt hat, dürften in ihr als erstem Abbild relativ deutliche
Spuren der intelligiblen Zahlen aufzufinden sein. Genau aus diesem Grunde
lenkt das Studium des Quadrivium und darunter der Musiktheorie zunächst
das Augenmerk auf die Seele, die gemäß Plotin die unterste der Hypostasen
darstellt.298

Diese adumbrative Annäherung an das, was mit intelligibler Zahl gemeint


ist, mag beim Leser Unbehagen auslösen, zumal mit der Nennung mehrerer
Instanzen von Zahl (Seele, Kosmos etc.) auf weitere Problemfelder hinge¬
wiesen wurde, deren Untersuchung auf den ersten Blick keinen unmittelba¬
ren Beitrag zur Lösung der Frage nach dem Wesen von intelligiblen Zahlen
zu leisten vermag. Nach platonischer Ansicht ist dem nicht so, da ein Prin¬
zip alle aus ihm hervorgehenden Verwirklichungsmöglichkeiten enthält.
Soll die intelligible Zahl als Prinzip aller anderen auch »Zahl« genannten
Substanzen erkannt werden, dann muss man platonischer Auffassung nach
einzelne Instanzen von Zahl auf ihr Wesen untersuchen und sich dabei von
den in geringem Maße seienden Zahlen zu denjenigen Vorarbeiten, welche
das Wesen von »Zahl an sich« am stärksten verwirklichen, also z. B. von
der arithmetischen, wissenschaftlichen Zahl über die seelische hin zur intel¬
ligiblen. Ohne das Studium dieser Instanzen wäre eine Definition von intel¬
ligibler Zahl abstrakt und recht leer.
Wesentliche Charakteristika der intelligiblen Zahl sind nun genannt.
Durch den Verweis auf die von ihr sachlich abhängigen Einzelfälle von
Zahl sollte per analogiam versucht werden, diesen dem menschlichen Er¬
kenntnisweg nach fernliegenden Erkenntnisinhalt vorläufig zu umreißen.
Ferner deutet der Verweis auf die Vielzahl von Zahlhaftem (im sichtbaren
Kosmos in den natürlichen Abläufen, die Zahl am einzelnen empirischen
Körper, die in der rational vorgehenden Arithmetik betrachtete Zahl, die
seelische Zahl usw.) darauf hin, wie umfassend, inhaltsreich und differen¬
ziert die intelligible Zahl bzw. das wahre Sein im Neuplatonismus gedacht
wurde, aus dem alle genannten (und zahlreiche andere) Phänomene hervor¬
gehen, und gleichzeitig wie extrem die Einung im Intelligiblen angesichts
der Fülle dieser verschiedenartigen Verwirklichungsmöglichkeiten von
Zahl vollzogen ist.

297 Vor diesem Hintergrund kann Augustinus auch das aktual erfassende Erkenntnisvermögen
der menschlichen Seele als Zahl bezeichnen. So spricht er von den Zahlen der Wahrnehmung, der
Vorstellung, des Denkens usw. Die für den Menschen charakteristische rationale Zahl führt er im
letzten Buch von »De musica« auf die göttliche Zahlhaftigkeit im Denken Gottes zurück — den
Ursprung aller harmonischen Fügung, wie in III.5.2.1 genauer besprochen wird.
298 S. u. III.5.lf.
144 II. Musiktheorie im Quadrivium

4.3 Boethius’ »Arithmetik« als Lehrbuch der Zahltheorie


und Grundlage der »Musiktheorie«

Nachdem nun der theoretische Hintergrund des Quadrivium näher beleuch¬


tet und dabei die herausgehobene Stellung der Arithmetik (Zahltheorie)
gegenüber den anderen drei mathematischen Fächern erläutert sowie das
Abhängigkeitsverhältnis der mathematischen Zahl von ihrem intelligiblen
Vorbild skizziert wurde, stellt sich die Frage nach der Umsetzung dieser
Konzeption in der »Einführung in die Arithmetik« von Boethius bzw. von
Nikomachos. Sie muss in einer Studie zu Boethius’ »Musiktheorie« gestellt
und möglichst beantwortet werden, da Boethius vom Leser der »Einführung
in die Musiktheorie« schon gute arithmetische Kenntnisse erwartet und
davon ausgeht, dass die Musiktheorie in ihrem Wesen von der Arithmetik
abhängt.
Im Rahmen dieser Arbeit kann ein Blick in die »Arithmetik« allerdings
nur in Form einer knappen Synopsis ihrer Erkenntnisziele und einer separa¬
ten Zusammenstellung der für die »Musiktheorie« im Speziellen relevanten
Kenntnisse vorgenommen werden. Für ein detailliertes Studium der Zahl¬
theorie, wie sie in der »Arithmetik« des Nikomachos vorliegt, möge die
Studie von G. Radke konsultiert werden, die auch für Boethius Relevanz
besitzt.299

4.3.1 Zentrale arithmetische Erkenntnisziele


Eine knappe Zusammenfassung des rein arithmetischen Inhaltes von
Boethius’ »De institutione arithmetica« gibt J.-Y. Guillaumin in seiner
Edition.300 Die folgende Synopsis bemüht sich im Unterschied zu Guillau-
mins Inhaltsangabe nicht um einen Überblick über die behandelten arithme¬
tischen Themen, sondern um die Zusammenstellung der wichtigsten Er¬
kenntnisse, die einem Leser des Lehrbuches anhand dieser arithmetischen
Betrachtungen vermittelt werden.

L Zahl ist eine komplexe Einheit, die aus verschiedenen Untereinheiten in


spezilischer Weise zusammengestellt ist.
2. Die Einheit bzw. Monade ist Ursprung (Prinzip) aller aus ihr hervorge¬
henden Zahlen.

299 S. o. II. 1.
300 Guillaumin, Edition, XXXIII-XXXV; vgl. auch die Darstellung des Inhaltes bei Illmer,
Zahlenlehre, passim, der allerdings Boethius’ Kompetenzen als Übersetzer kritisch sieht (221 mit
Anm. 2f.).
4. Was ist Zahl? 145

3. Zwischen einem Prinzip und dem, was aus ihm hervorgeht, besteht ein
dimensionaler Unterschied: Einheit ist Prinzip von Zahl (und von jeder
Zahlart) und insofern nicht selbst aktual Zahl.
4. Dieser Unterschied zwischen Prinzip und Prinzipiiertem hängt mit dem¬
jenigen zwischen Potentialität und Aktualität (Verwirklichung) zusam¬
men: Die Einheit ist potentiell jede Zahl (sowie Zahlart), da sie alle
Möglichkeiten von Zahl implizit in sich hat.
5. Zahl ist nichts Leeres, rein Quantitatives, sondern hat aufgrund ihrer
eigenen Binnenstruktur eine bestimmte Beschaffenheit.
6. Entscheidend für diese Qualität ist die Form der Zahl, durch welche die
einzelnen Zahlmonaden zu einer bestimmten Konstellation zusammen¬
gesetzt werden und die das Erkennen einer Zahl ermöglicht.
7. Somit ist der Schüler in gewisser Weise mit dem Unterschied zwischen
Form und Materie vertraut. Er hat den Wechsel der Form beim eigen¬
ständigen Bilden von Zahlen aus anderen Basiszahlen oft selbst vollzo¬
gen. Besonders augenfällig wird der Unterschied zwischen Zahl-Eidos
0causa fonnalis) und den Zahlmonaden als Materialursache (causa ma-
terialis) bei der Figurierung von Zahlen.
8. Hinsichtlich einer arithmetischen Zahl besteht ein Unterschied zwischen
der sie prägenden Form (causa formalis) und dem Hervorbringer dieser
Zahl (causa efficiens), d. h. der Seele des Mathematikers, die ein be¬
stimmtes Zahl-Eidos auf Zahlmonaden anwendet.
9. Die Konstitution von mathematischen Zahlen ist ein seelischer, rationa¬
ler Akt.
10. Alle Ungleichheit geht aus der Gleichheit hervor (Boeth. arithm. 1, 32)
und kann wieder auf sie zurückgeführt werden (ebd. 2, 1).
11. Selbigkeit und Verschiedenheit sind essentielle Prinzipien, auf die alles
Seiende - und damit auch Zahlen - zurückführbar ist. Das Ungerade
und Gerade sowie die davon abgeleiteten Zahlarten verweisen aufgrund
ihrer Teilhabe an beiden Prinzipien auf diese (ebd. 2, 31-33).
12. Beide entgegengesetzten Prinzipien wirken gemeinsam, aber in unter¬
schiedlicher Intensität. Sie schaffen gemeinsam eine potentiell unendli¬
che Vielheit, die wiederum auf beide einfachen, aber implikationsrei¬
chen Prinzipien zurückführbar ist.
13. Durch den Nachvollzug dieser beiden Denkbewegungen ist der Schüler
mit zwei grundlegenden wissenschaftlichen Methoden vertraut: Synthe¬
sis und Analysis (Synthesis als zusammensetzender Akt und Analysis
als Rück- bzw. Hochführung der bei der Synthesis hervorgebrachten
partikulären Instanzen auf ihre Prinzipien; ebd. 1, 32 und 2, 1).
14. Die Schöpfung im Bereich der Zahlen ist aufgrund der Vielfältigkeit des
Zusammenwirkens beider Prinzipien nicht dualistisch, sondern sehr
komplex.
146 II. Musiktheorie im Quadrivium

15. Die Komplexität der Instanzen und die Möglichkeit, sie auf die ihnen
unmittelbaren eigenen und schließlich auf die gemeinsamen Prinzipien
zurückzuführen, begegnet nicht nur in vereinfachter Form in der Arith¬
metik, sondern auch in der Kosmologie, Ethik, Staatstheorie und Musik,
weshalb ein Studium der Arithmetik unmittelbar einen propädeutischen
Charakter für die genannten Bereiche besitzt (arithm. 1, 1; 1, 32; 2, 2; 2,
31 f. und 2, 45f.).
16. Die aus beiden Prinzipien hervorgehende Vielfalt an Zahlgattungen,
-arten und -individuen ist trotz ihrer potentiellen Unendlichkeit wohlge¬
ordnet.
17. Diese Ordnung der Zahlschöpfung beruht nicht auf subjektiver Setzung,
sondern ergibt sich bei jedem Schüler in genau derselben Weise von
selbst, wenn die gleichen, nicht-mathematischen, sondern in der Philo¬
sophie zu betrachtenden Voraussetzungen zugrundegelegt werden (z. B.
dass die Monade als Abbild der Einheit Mutter aller Zahlen ist).
18. Die Ordnung der Zahlen ist unter diesen Voraussetzungen nicht an
historische oder kulturelle Gegebenheiten gebunden.
19. Das Auffinden dieser Ordnung ist aber insofern ein subjektiver Akt, als
sie im Nachvollzug durch den einzelnen Menschen in ihm aktiv erken¬
nend hervorgebracht werden muss.
20. Zahl und ihre Ordnung sind an sich nicht wahrnehmbar, sondern ratio¬
nal erfassbar.
21. Bestimmte Aspekte von Zahlen können (etwa als figurierte Zahlen)
vorgestellt und sichtbar dargestellt werden. Andererseits wird in der
Arithmetik betont und demonstriert, dass Zahlen auf höheren Prinzipien
beruhen. Zahlen haben demnach eine ontologische Mittelstellung inne.
22. Die Arithmetik soll nicht zum Selbstzweck betrieben werden, sondern
auf philosophische Studien hinführen, die das Seiende an sich (d. h. be¬
sonders Selbigkeit, Verschiedenheit, Ruhe, Bewegung, für sich, in Rela¬
tion) und nicht als Bestimmungen an partikulären Instanzen betrachten.
23. Zentrale Quelle dieser philosophischen Einsichten sind Platons Dialoge,
zu deren Lektüre das in der »Einführung in die Arithmetik« vermittelte
Wissen befähigen soll.

Viele Aspekte, die in den vorangehenden Abschnitten besprochen wurden,


finden sich hier wieder. Alle Punkte, v. a. aber 10-12, spielen für die Mu¬
siktheorie eine entscheidende Rolle, wie im Folgenden deutlich wird. Be¬
tont sei abschließend, dass Boethius’ Arithmetiklehrbuch in der Tat eine
Hinführung zur Philosophie darstellt. Es fordert einen kritischen Studenten
geiadezu zui Beschäftigung mit philosophischen Fragen heraus. Auch ein
neuzeitlicher Leser, dem diese Art der Arithmetik fremd erscheinen dürfte,
wird angehalten, die zugrundeliegenden Prämissen kennenzulernen und zu
4. Was ist Zahl? 147

prüfen. Erst im Anschluss daran ist ein Urteil über den Sinn und Wert einer
solchen Arithmetik möglich. Als eine der zentralen Fragen wird dabei die
nach dem Wesen von Selbigkeit und Verschiedenheit zu klären sein. Sie
gehört zu den schwierigsten, letzten und höchsten Themen der platonischen
Philosophie, wie ihre Erörterung im Mittelteil von Platons Dialog »Sophi-
stes« und schließlich im »Parmenides« zeigt.

4.3.2 Synopsis zentraler arithmetischer Prinzipien für die Musiktheorie


Die zahlreichen Verweise in »De institutione musica« auf den bereits in der
»Arithmetik« vermittelten Stoff legen es nahe, speziell die für die »Musik¬
theorie« relevanten Lehren der »Arithmetik« in Erinnerung zu rufen. Laut
Boethius besteht zudem ein sachlicher Zusammenhang zwischen beiden
Wissenschaften. Im Proömium des Arithmetiktraktates hatte er dargestellt,
dass die Arithmetik innerhalb des Quadrivium aufgrund ihrer Prinzipien¬
funktion den ersten und obersten Platz vor den anderen drei Disziplinen
einnimmt, also auch vor der Musiktheorie als der Wissenschaft von den
Zahlenverhältnissen.

1. Die primäre Unterscheidung innerhalb von Relation ist die zwischen


Gleich und Ungleich (arithm. 1,21).
2. Die Gleichheit hat keine Arten.
3. Bei der Ungleichheit erfolgt eine Zweiteilung in Größer und Kleiner -
abhängig vom Blickwinkel, unter dem das Verhältnis betrachtet wird.
4. Sowohl bei der Art der größeren als auch bei der Art der kleineren Rela¬
tion gibt es fünf Unterarten: Vielfaches, Epimores, Epimeres, Mehrfa¬
chepimores, Mehrfachepimeres einerseits bzw. dieselben Bezeichnun¬
gen mit der Vorsilbe sub für die Relationen des Kleineren.301 (Es werden
vorrangig die Relationsarten des Größeren behandelt, da man sich die
des Kleineren leicht durch Umkehrung der Verhältnisse erschließen
kann.)
5. Das Vielfache ist als erste Abweichung von der Gleichheit die einfach¬
ste und somit erste Art der Ungleichheit. Sie geht allen anderen Arten
sachlich voraus und hat somit von Natur aus eine herausgehobene Posi¬
tion inne. Die Unterarten (doppelt, dreifach etc.) finden sich in der na¬
türlichen Reihe der Zahlen (arithm. 1, 23).
6. Das Epimore basiert auf dem Vielfachen. Es ist komplexer als das Viel¬
fache, weil die größere Zahl die kleinere hier einmal ganz und dazu ein¬
mal ihren kleinsten Teil hat (z. B. bei 3 und 2, wo die 3 die 2 ganz und

301 Boeth. arithm. 1, 22. Die genannten Verhältnisarten werden kurz am Ende des Anhanges
und genauer bei Radke, 367f., erklärt; vgl. dort auch die zusammenfassende Darstellung der
arithmetischen Grundbegriffe (366-370, speziell zu den Reihen: 369f.).
148 II. Musiktheorie im Quadrivium

dazu deren Hälfte in sich hat). Die einzelnen Individuen der Arten des
Epimoren finden sich bei einem Vergleich zweier benachbarter Vielfa¬
cher, z. B. der Dreifachen zu den Doppelten (3 und 2, 6 und 4, 9 und 6
etc.), der Vierfachen zu den Dreifachen (4 und 3, 8 und 6, 12 und 9 etc.)
etc.302
7. Anhand einer Tabelle werden die Prinzipienfunktion des Vielfachen,
die Ordnung und Hierarchie unter den Verhältnisarten sowie deren Ver¬
knüpfung im Hunderterbereich verdeutlicht (arithm. 1, 26f.).
8. Die immer komplexer werdende Generierung der weiteren Arten wird
behandelt: Epimeres (arithm. 1, 28), Vielfachepimores (ebd. 1, 29), mit
Rückgriff auf die Tabelle in arithm. 1, 26 (ebd. 1, 30), Vielfachepimeres
(ebd. 1, 31).
9. Jede Ungleichheit geht aus der Gleichheit hervor. Bei Anwendung
bestimmter Bildungsvorschriften wird der Hervorgang der Ungleichheit
aus der Gleichheit nachvollzogen (explicatio, compositio - »Entfal¬
tung«, »Zusammensetzung«, d. h. Synthesis), wobei die Ordnung der
Verhältnisarten und deren Abhängigkeiten untereinander demonstriert
werden. Die Gleichheit ist Prinzip von Ungleichheit, d. h. zunächst des
Vielfachen, das als erste Art der Ungleichheit entsteht (arithm. 1, 32).
10. Die umgekehrte Gedankenbewegung vollzieht die Rückführung jeder
Ungleichheit zur Gleichheit (resolutio - »Analysis«).303
11. Die Prinzipienfunktion des Vielfachen für das Epimore sowie die Vor¬
rangstellung des Doppelten vor dem Dreifachen etc. innerhalb der Viel¬
fachen wird auf andere Weise bestätigt bzw. weiter differenzierend dar¬
gelegt. Jedes Vielfache ist entsprechend seiner Struktur Prinzip eines
bestimmten epimoren Verhältnisses. Je größer die vielfachen Verhält¬
nisse, desto kleiner die daraus abgeleiteten epimoren (z. B. ist aus dem
Doppelten das Anderthalbe abgeleitet und aus dem Dreifachen das Epi-
tetarte, d. h. im Verhältnis 4:3 stehend). Die beiden einfachsten epimo¬
ren Verhältnisse bilden wiederum das einfachste vielfache (Anderthalb
und Epitetart bilden das Doppelte, musikalisch gesagt: Quinte und
Quarte ergeben zusammen eine Oktave). Das erste vielfache und das er¬
ste epimore Verhältnis schaffen das zweite vielfache Verhältnis (Dop¬
pelt und Anderthalb schaffen das Dreifache), das zweite vielfache und

302 Boeth. arithm. 1, 24f. - Die Vielfachen nennt Augustinus anders als Boethius complicati
und die Epimoren sesquati. Beide fasst er als connumerali zusammen, weil ihre Teile im Unter¬
schied zu den dinumerati genau bestimmbar sind. Dennoch vertritt er die gleichen Auffassungen
wie Boethius: Maß geht Maßlosigkeit sachlich voran, d. h. rationales Verhältnis dem irrationalen,
wobei die der Gleichheit näherstehenden Verhältnisse größeren Anteil am Einklang (concordia)
haben (Aug. mus. I 7-11).
303 Boeth. anthm. 2, 1. - Zur Methode der Synthesis und Analysis in den entsprechenden Ka¬
piteln bei Nikomachos vgl. Radke, 384M16.
4. Was ist Zahl? 149

das zweite epimore schaffen das dritte vielfache Verhältnis etc. in ge¬
ordneter Weise. Die primären vielfachen und epimoren Verhältnisse
weisen somit eine enge Beziehung zueinander auf (arithm. 2, 2f.).
12. Die Prinzipien der Gleichheit und Ungleichheit sind Selbigkeit und
Verschiedenheit. Das Prinzip der Selbigkeit verwirklichen primär die
Monaden und abhängig davon in besonderer Weise die ungeraden Zah¬
len sowie die aus ihnen zusammengesetzten Quadratzahlen. Auch inso¬
fern die Quadratzahlen aus zwei gleichen Teilen (Faktoren) gebildet
werden können, stehen sie der Selbigkeit besonders nahe. Das Prinzip
der Verschiedenheit verwirklichen primär die 2 und abgeleitet von ihr
die geraden Zahlen sowie die aus ihnen gebildeten heteromeken Zahlen.
Die beiden Teile der heteromeken Zahlen weisen die einfachste und pri¬
märe Abweichung von der Gleichheit auf, da sie um eine Einheit diffe¬
rieren, z. B. die 6 gebildet aus 2 und 3 und die 12 aus 3 und 4. Aus den
Quadratzahlen und den heteromeken Zahlen lassen sich alle Verhältnis¬
arten in ihrer natürlichen Reihenfolge generieren. Die Musik ist folglich
eine mehrfach abgeleitete Disziplin, die ihre unmittelbaren Prinzipien in
der Arithmetik findet, letztlich aber auf in der Metaphysik zu begrün¬
dende Prämissen, nämlich auf der Ansetzung der Selbigkeit und Ver¬
schiedenheit als zweier entgegengesetzter Prinzipien, zurückgeht
(arithm. 2, 32-39).
13. Grundkenntnisse über die drei Reihen (arithmetische, geometrische und
harmonische) werden vermittelt (arithm. 2, 40-54). Sofern die durch die
harmonische Reihe hergestellte Gleichheit sowohl die Differenzen als
auch das Verhältnis zwischen den Termini betrifft, bildet sie eine Syn¬
these aus der arithmetischen und der geometrischen Reihe. Sie ist mit
dem der Selbigkeit besonders nahestehenden Würfel verwandt, da des¬
sen Anzahl der Seiten (6), Ecken (8) und Kanten (12) eine harmonische
Reihe ergibt. Alle (primären, konsonanten) musikalischen Intervalle las¬
sen sich in dieser Reihe 6-8-12 finden (arithm. 2, 48). Die perfekte har¬
monische Proportion mit vier Termini (6-8-9-12) hat zwei Mitten und
ist deshalb für die Dreidimensionalität konstitutiv. Sie besitzt sowohl
für die Musik als auch für die Naturwissenschaft die größte Relevanz
(arithm. 2, 54).

Alle diese Punkte spielen für die Musiktheorie eine zentrale Rolle. Wer nur
das Musiklehrbuch gelesen hat, aber die Arithmetikschrift nicht kennt, wird
sich nun vielleicht fragen, inwiefern der Arithmetiktraktat überhaupt noch
eigene, spezifisch arithmetische Inhalte aufzuweisen hat. Wie in III. 1.1
gezeigt wird, ist dies durchaus der Fall, da es einen essentiellen Unterschied
zwischen der Behandlung von Zahlenverhältnissen in der »Arithmetik« und
in der »Musiktheorie« gibt. Im Augenblick läßt sich die Frage schon durch
150 II. Musiktheorie im Quadrivium

einen Hinweis darauf beantworten, dass die gerade vorgestellten Erkennt¬


nisse lediglich dem zweiten und vierten Viertel der »Einführung in die
Arithmetik« entnommen sind, die sich in folgende vier Hauptabschnitte
gliedert:304 Sie enthält 1. einen >rein arithmetischem Teil zur Zusammenset¬
zung von Zahl aus Ungerade und Gerade (arithm. 1, 3-20) sowie 2. einen
musiktheoretisch wirkenden Abschnitt (1, 21-32 und 2, 1-3 zu den Arten
von Zahlenverhältnissen, dazu Punkte 1-11). Im zweiten Buch behandelt
Boethius 3. in den Kapiteln 4-30 die figurierten Zahlen (scheinbar geome¬
trischer Teil) und schließlich (nach einer Betrachtung der Prinzipien Sel-
bigkeit und Verschiedenheit und der Verbindung dieser Gegensätze durch
eine Mitte) 4. die zu Reihen zusammengesetzten Zahlenverhältnisse (2, 40-
54).305 Letztgenannte sind nicht nur für die Musik relevant, sondern werden
auch mit der harmonischen Ordnung der astronomischen Sachverhalte in
Verbindung gebracht. So hegt die abschließend behandelte größte und
perfekte Symphonie in der Reihe 6-8-9-12 etwa der Darstellung der Psy-
chogonie im platonischen »Timaios« zugrunde.
Der Inhalt der 15 Kapitel des musiktheoretisch anmutenden Teiles wird
in der fünf Bücher umfassenden musiktheoretischen Schrift teilweise zu
Beginn knapp wiederholt.306 Boethius betont mehrfach, dass es sich um
Wiederholungen handelt, und begründet ihre Berechtigung damit, dass der
arithmetische Stoff Grundlage der weiteren Untersuchung sei.307 Wie in
jeder Wissenschaft werden die Prinzipien in der Musiktheorie angeführt,
aber nicht näher begründet.
In den meisten Fällen wird das bekannte arithmetische Wissen nach einer
knappen Repetition gleich in den musiktheoretischen Kontext gestellt, so
dass von einer bloßen Wiederholung des Stoffes nur in den wenigsten Fäl¬
len die Rede sein kann. Die Behandlung spezifisch musiktheoretischer
Themen, die sich nicht in der »Arithmetik« finden, aber doch auf den dort
vermittelten Prämissen beruhen, nimmt den größten Raum in »De institu-
tione musica« ein, z. B. widmet sich Buch 3 gänzlich der Teilung des Ganz-

304 Zum Aufbau der »Arithmetik« des Nikomachos vgl. Radke, 6f.
305 Boeth. arithm. 2, 48f. und 54 enthalten auch eine Zuordnung der einzelnen Verhältnisse zu
den jeweiligen musikalischen Intervallen, die bereits in arithm. 1, 1 p. 11, 10-20 genannt werden.
306 Das erste Buch von mus. ist als Einführung und Inhaltsübersicht zur Kenntnisnahme vor
der eigentlichen Untersuchung gedacht; vgl. mus. 1,15 p. 200, 29 - 201, 2: »zuerst wollen wir in
Erinnerung rufen, durch welche Verhältnisse die musikalischen Intervalle gemischt werden«
(prius commemoremus, quibus proportionibus symphoniae musicae misceantur) und t. 33.
307 Vgl. mus. 1,4 p. 192, 18-20: »aber das [sc. die Unterscheidung der Zahlenverhältnisse]
entfalten wir nun deshalb kurz und knapp, da wir es ja in den Büchern, die wir zur Einführung in
die Arithmetik geschrieben haben, genauer auseinandergesetzt haben« (ac de his idcirco nunc
stncum ac breviter explicamus, quoniam in libris, quos de arithmetica institutione conscripsimus,
diligentius enodavimus). Das zweite Buch enthält mehrere Rückverweise auf arithm; vgl. mus. 2, 7
p. 232, 25 und p. 234, 17f.; 2, 12 p. 242, 25 und 2, 14 p. 243, 22-24.
4. Was ist Zahl? 151

tones und Buch 4 der Monochordteilung sowie dem Tonsystem. Die ver¬
stärkte Diskussion der Hierarchie innerhalb der Arten von Zahlenverhält¬
nissen kann außerdem als Indiz dafür gewertet werden, dass die Musik¬
schrift ihr eigentliches Thema — Zahlenverhältnis — ernst nimmt.308
Ein weiteres Indiz für den tatsächlichen sachlichen Unterschied zwischen
der Arithmetik samt ihrer Behandlung der Zahlenverhältnisse und der Mu¬
siktheorie ist das folgende: Die Punkte 10 und 12 der oben (p. 148f.) enthal¬
tenen Synopsis der musiktheoretischen Prinzipien werden in Boethius’
Musiklehrbuch nicht wieder direkt aufgegriffen. Beide beziehen sich auf
die Demonstration der für die Zahlkonstitution wesentlichen Prinzipien
Gleichheit und Ungleichheit. Dass die Ungleichheit von der Gleichheit
sachlich abhängt, zeigt zwar auch mus. 2, 7 mit der Bildung von Zahlenver¬
hältnissen ausgehend von drei gleichen Termini (Synthesis). Die Umkeh¬
rung der Bildung von Ungleichheitsrelationen, d. h. deren analytische
Rückführung auf die Gleichheit, nimmt Boethius allerdings im Unterschied
zur »Arithmetik« in der »Musiktheorie« nicht vor. Sie dient in der »Arith¬
metik« der Herstellung eines vollständigen Beweisganges, in dem gezeigt
wird, dass nicht nur alle Ungleichheit aus der Gleichheit hervorgeht, son¬
dern sich umgekehrt auch alle Ungleichheit auf die Gleichheit zurückführen
lässt, so dass mittels dieser Methode die Prinzipienfunktion der Gleichheit
für alle Verhältnisse herausgestellt wird. Diese Erkenntnis stellt ein wesent¬
liches Ergebnis der Arithmetik dar (Punkt 12), das in der Musiktheorie
nicht noch einmal vollständig erarbeitet werden muss. Erörterungen über
die Prinzipien der Arithmetik würden den Untersuchungsrahmen der Mu¬
siktheorie sprengen. Boethius vollzieht nur die Synthesis ungleicher Zahlen,
um von gleichen Relationen ausgehend ungleiche zu gewinnen, und schrei¬
tet mit der Untersuchung der weiteren Entfaltung der Zahlenverhältnisse in
die Ungleichheit deutlich weiter als in der Arithmetik voran. Wie nämlich
leicht bei der Lektüre der überlieferten Bücher festgestellt werden kann,
werden in der »Musiktheorie« ausgehend von den arithmetischen Grund¬
prämissen sukzessive die Arten von Zahlenverhältnissen, deren Hierarchie
und ihre immer komplexere Zusammensetzung zu Tetrachorden (dreiinter-
valliges Grundelement der Musik mit einer Quarte als Rahmenintervall)
und schließlich zu den aus Tetrachorden zusammengesetzten Skalen behan¬
delt.

308 Vgl. v. a. Boeth. mus. 1, 4-6 und 29 sowie 2, 5.


III. »De institutione musica«
als musiktheoretisches Lehrbuch

Das einzige überlieferte Lehrbuch der Musiktheorie, das sich explizit in den
Rahmen der oben dargelegten Quadriviumskonzeption stellt, ist Boethius’
»De institutione musica«. Der Traktat selbst soll nun unter folgenden Fra¬
gestellungen untersucht werden:

1. Von welchem Gegenstand handelt die »Musiktheorie«? Was ist konkret


unter den Zahlenverhältnissen in Abgrenzung zu den in der »Arithmetik«
untersuchten Zahlenverhältnissen zu verstehen und welche Aussagen
trifft das erste Axiomenkapitel dazu (mus. 2, 6)?
2. Welche Rolle spielen Wahrnehmung und Vorstellung bzw. wie soll der
Erkenntnisweg im Rahmen der Musiktheorie beschaffen sein?
3. Ergibt sich ein neues Verständnis von Boethius’ vieldiskutiertem Re¬
chenfehler (mus. 3, 14-16)?
4. Warum beschränkt Boethius die schönsten, konsonanten Intervalle auf
solche, die auf Zahlenverhältnissen aus den Termen 1 bis 4 (sog. Tetrak-
tys) basieren?
5. Welche Konsequenzen ergeben sich u. a. aus den geleisteten Vorarbeiten,
aus der neuplatonischen Wahmehmungs- und Seelenlehre sowie aus der
Kosmologie für eine Rekonstruktion des fehlenden Endes der Musik¬
schrift, v. a. hinsichtlich der von ihr zu erwartenden anagogischen (zur
Philosophie hochführenden) Konzeption?

Das Musiklehrbuch besteht in der überlieferten Form aus fünf Büchern. Es


bricht nach Kapitel 19 des fünften Buches ab, wobei noch Kapitelüber¬
schriften bis Kapitel 30 erhalten sind.1 Zur groben Orientierung möge fol¬
gende Übersicht dienen:

1, 1-34 Einleitung: Überblick über den zu vermittelnden Stoff und zum Skopos der Schrift
2, 1-31 Präliminarien, Axiome, Konsonanzlehre
3, 1-16 Der (Janzton und seine primären Teile (Widerlegung des Aristoxenos)
4, 1-18 Konsonanzlehre, Tonsystem: Konsonanzspezies und Transpositionsskalen (modi)
5, 1-19 Ptolemaios Konsonanzlehre und seine Sicht auf andere Musiktheorien

I Eine detaillierte und kenntnisreiche Inhaltszusammenfassung des gesamten Traktates bietet


Harmon, 398^481.
1. Zahlenverhältnisse 153

1. Musiktheorie als Wissenschaft von Zahlenverhältnissen

Als Gegenstand der Musiktheorie gibt Boethius im Vorwort zur »Einfüh¬


rung in die Arithmetik« das Verhältnis von rational erfassbarer Zahl zu
ebensolcher Zahl an, wie aus seinen Beispielen (doppelt, Hälfte, anderthalb)
hervorgeht.2 Somit kann konstatiert werden, dass die Musiktheorie laut
Boethius die Wissenschaft von Zahlenverhältnissen ist.
Auch in seinem Arithmetiklehrbuch behandelt Boethius Zahlenverhält¬
nisse - freilich nur in ca. einem Viertel der Schrift -, so dass sich die Frage
stellt, ob diese Inhalte in »De institutione musica« nur ausführlicher behan¬
delt werden oder ob ein wesentlicher Unterschied zwischen den in der
»Arithmetik« und den in der »Musiktheorie« untersuchten Zahlenverhält¬
nissen besteht. Eine Untersuchung der Frage soll zu einem differenzierteren
Verständnis der musiktheoretischen Inhalte zu führen, da ihre Klärung das
Verhältnis zwischen beiden mathematischen Disziplinen präzisiert, indem
sie die jeweils spezifischen Gegenstände beider Disziplinen genauer fasst
(III. 1.1). Eine Interpretation des ersten Axiomenkapitels (mus. 2, 6) dient
der Untermauerung und Differenzierung der Ergebnisse hinsichtlich des
Skopos des Musiklehrbuches (III. 1.2). Während sich die beiden Abschnitte
III. 1.1 und 1.2 dem Hervorgehen der Musiktheorie aus der Arithmetik
widmen, untersucht III. 1.3 anschließend das Hervorgehen der hörbaren
Musik aus der theoretischen Musik, indem er erörtert, welche Funktion den
Zahlenverhältnissen im Hinblick auf die erklingenden Intervalle zukommt.
Auf diese Weise soll der spezifische Erkenntnisgegenstand der Musiktheo¬
rie sowohl nach >oben< (Arithmetik) wie auch in seiner Relevanz nach
>unten< hin (hörbare Musik) abgegrenzt werden.

1.1 Zahlenverhältnissein Boethius’ »Arithmetik«

Welches Verhältnis besteht zwischen »Arithmetik« und »Musiktheorie«


hinsichtlich der Behandlung von Zahlenverhältnissen? Wie in II.4.3.2 gese¬
hen, behandelt Boethius in arithm. 1, 21 - 2, 3 (im Anschluss an Nikom.
arithm. 1, 17 - 2, 5) Zahlenverhältnisse und deren Zusammensetzungen zu
Reihen und Analogien, was nach Boethius’ eigenen Aussagen im Proömi-
um aber den Inhalt der Musiktheorie ausmachen soll. Als Gegenstand der
Arithmetik hingegen hatte er »Vielheit« bzw. »Zahl für sich allein betrach¬
tet« angegeben.
Dieser offenkundige Widerspruch veranlasste bereits mittelalterliche
Denker zur Diskussion der Frage, ob die musica angesichts der Behandlung

2 S. o. II.2.2.
154 III. »De institutione musica«

von Zahlenverhältnissen in der Arithmetik überhaupt noch als eigenständi¬


ge Wissenschaft Geltung beanspruchen kann.3 Auch in der neuzeitlichen
Musikforschung stellt diese - wie sich zeigen wird - scheinbare Inkonsi¬
stenz ein Problem dar, sofern sie überhaupt als solche erkannt wird.4
Ein überzeugender Lösungsvorschlag im Hinblick auf das angestrebte
Erkenntnisziel wurde inzwischen von G. Radke unterbreitet. Zunächst folgt
eine knappe Wiedergabe ihrer These. Es schließen sich dazu eigene Überle¬
gungen und die Überprüfung der Relevanz der These für Boethius’ Arith¬
metiklehrbuch an. Da hierbei das Erkenntnisziel der in Frage stehenden
Passagen und die Operationsgegenstände, anhand derer das Ziel erreicht
werden soll, zwei verschiedene Seiten ein und derselben Medaille sind,
gliedern sich die folgenden Darlegungen entsprechend in zwei Teile.

1.1.1 Zum Erkenntnisziel


Wie schon in II.2.5 im Zusammenhang mit der Stellung der Arithmetik über
den anderen drei quadrivialen Wissenschaften erörtert wurde, ist die Musik¬
theorie der Arithmetik sachlich untergeordnet, da Zahl sowohl für sich als
auch in Relation betrachtet werden kann und Relation bereits das »für sich«
voraussetzt, während das »für sich« die Relation mit sich aufhebt: ohne
Zahl kein Zahlenverhältnis. Mit »Relation« ist hier demnach ein Verhältnis
zwischen zwei verschiedenen Zahlen gemeint.
Gemäß einem differenzierteren Begriff von Relation stellt Relation einen
wesentlichen Aspekt von Zahl selbst dar, der innerhalb der Arithmetik nur
grundsätzlich erörtert und dessen spezifische Behandlung und Entfaltung in
einer separaten Wissenschaft vorgenommen wird. Denn wenn Zahl eine
bestimmte diskrete Zusammenstellung von verschiedenen Untereinheiten
zu einer Einheit ist, dann liegt innerhalb von Zahl bereits Relation vor,
nämlich zwischen den Teilen untereinander und zwischen den Teilen in
Bezug auf das Ganze.5

3 Vgl. die quaestiones in Bar 109 (ca. 1230-1240/45) und dazu Haas, Studien, 345f.
4 Hirtler, 191., bemerkt das Problem. Allerdings zieht sie aus dem Faktum, dass in der musica
»Ordnungen der musikbezogenen Abmessungen« untersucht werden, den Schluss, dass die musica
im Vergleich zur Arithmetik einen umfassenderen Gegenstand hat. Wie aus den folgenden Über-
legungen deutlich werden sollte, müsste die Musiktheorie aber als Einschränkung arithmetischer
Sachverhalte gedacht werden, da in ihr ein wesentliches Moment von Zahl - nämlich Relation als
konstitutives Element der Zahl als Einheit, die eine Zusammensetzung aus verschiedenen Teilen
ist - nur expliziert, d. h. auf Verwirklichungsmöglichkeiten hin untersucht wird. Der Auffassung
von Hirtler liegt der uns vertraute, aber von Boethius nicht geteilte Gedanke zugrunde, dass
begriffliches Erfassen einen inhaltsarmeren Gegenstand habe als das Erfassen seiner wahrnehmba¬
ren Instanzen.
5 Vgl. Radke, 230t.: [Die erste Möglichkeit, Zahlenverhältnis zu denken, ist die uns vertraute,
z. B. als Verhältnis zwischen zwei und vier.] »Man kann aber auch das Relationsverhältnis als
Ganzes betrachten. Dieses Ganze besteht aus den Zahlen Zwei, Vier und der Relation zwischen
diesen beiden Zahlen, also aus zwei Grenzen bzw. Anfang und Ende und einer diese verbindenden
1. Zahlenverhältnisse 155

Dieser in der Binnenstruktur von Zahl schon vorliegende Aspekt der Re¬
lation wird auf Grundlage der arithmetischen Kenntnisse in der Musiktheo¬
rie genauer in den Blick genommen und auf seine weiteren grundsätzlichen
Explikationsmöglichkeiten hin untersucht. Im Zuge der Behandlung von
Zahlenverhältnissen innerhalb der Musiktheorie wird also der Begriff
»Verhältnis« weiter differenziert, wie auch innerhalb der Arithmetik der
anfangs abstrakte Begriff »Zahl« mittels der Betrachtung verschiedener
Zahlarten und -instanzen immer stärker zu einem inhaltlich reichen Begriff
wird - natürlich aus der Perspektive des Schülers gesehen, der sich im
Laufe der mathematischen Studien erst dem hochdifferenzierten und inhalt¬
lich reichen Zahlbegriff nähert. Der Weg hin zur immer vollkommeneren
Erkenntnis eines Sachverhaltes besteht nämlich in der Hinzusetzung und
dem Studium sachlich begründeter Unterschiede innerhalb des zunächst nur
abstrakt vorausgesetzten Begriffes.
Einer analogen Vorgehensweise bedienen wir uns heute: Wenn jemand
ein profundes Wissen über »Sinfonie« haben möchte, stellt das Erfassen
einer abstrakten Definition (etwa: meist viersätziges Werk für Orchester mit
sonatenähnlichem Aufbau) erst den Beginn des Erkenntnisweges dar.
Schreitet man auf ihm fort, dann untersucht man die einzelnen Bestandteile
dieser Definition, analysiert einzelne Sinfonien als Verwirklichungsmög¬
lichkeiten und setzt diese wiederum in Beziehung zu ihrer Gattung. Auf
diese Weise erschließt sich ein inhaltlich gefüllter und nicht mehr abstrakter
Begriff. (Freilich wird man heute i. d. R. meinen, dass der so gewonnene
Begriff nicht per se etwas inhaltlich Gefülltes, sondern ein Ergebnis subjek¬
tiver Erkenntnisakte ist, während man nach neuplatonischer Auffassung bei
einer wahrhaften rationalen Begriffserkenntnis ausgehend von einem gro¬
ben Überblick über die Sache nach und nach die tatsächlich vorhandenen
Differenzierungen für sich und in ihrem Zusammenhang begreift.)
In ähnlicher Weise bildet die Musiktheorie lediglich eine auf einen be¬
stimmten Aspekt der Arithmetik eingeschränkte mathematische Disziplin,
während die Arithmetik die ganze Fülle der einzelnen Verwirklichungs¬
möglichkeiten von Zahlenverhältnis in sich umschließt - genau wie »Sinfo¬
nie« für einen Kenner dieser Gattung kein leerer Begriff ist, sondern ein

Mitte. Das bedeutet: dieses Zahlenverhältnis ist als ganzes wiederum eine Einheit aus bestimmten
Teilen, so wie auch die Zahl Zwei eine Einheit aus bestimmten Teilen ist. Denn auch die Zahl
Zwei setzt sich aus miteinander verbundenen, d. h. miteinander in einer bestimmten Beziehung
stehenden, Einheiten zusammen. Man denkt >Zwei< als Zusammensetzung einer Einheit mit einer
weiteren Einheit. Man kann also auch bei der Zahl Zwei, wenn man sie isoliert für sich betrachtet,
von einem >Relationsganzen< sprechen, d. h. von einem Ganzen, das sich zusammensetzt aus zwei
Grenzen und einer diese verbindenden Mitte.«
156 III. »De institutione musica«

hohes Potential an Umsetzungsmöglichkeiten bietet, das zu erschöpfen


praktisch unmöglich ist. Oder anders gesagt:6

Nach der sachlichen Priorität umfasst die Arithmetik mehr an Bestimmtheit und
unterscheidbaren Inhalten als die aus ihr abgeleitete Musik(theorie), weil ... die Lehre
von der »Zahl, selbst für sich selbst betrachtet« (= Arithmetik) die begrifflichen
Voraussetzungen der Lehre von der »Zahl, in Relation betrachtet« enthält ...

Wie Radke darlegt, behandelt der musiktheoretisch anmutende Teil der


»Arithmetik« des Nikomachos keine Zahlenverhältnisse im herkömmlichen
musiktheoretischen Sinne, sondern Relationen innerhalb von Zahlen, ge¬
nauso wie die Kapitel über die figurierten Zahlen noch keinen >Ausflug< in
die Geometrie darstellen, sondern Aspekte von Zahl untersuchen, auf deren
Basis eine Geometrie konstituiert werden kann.7 Nach der Darstellung von
Radke begründet sich eine solche Behandlung der figurierten Zahlen in der
Arithmetik damit, dass sie anschauliche Instanzen von Zahlen sind (also
keine geometrischen Figuren, sondern in die Zwei- bzw. Dreidimensionali¬
tät entfaltete Zahlen) und somit dem natürlichen Erkenntnisweg des Men¬
schen im Rahmen der platonischen anagogischen Methode entsprechen.
Analog verhalte es sich mit der Funktion der musiktheoretischen Passagen
im zweiten Hauptteil der »Arithmetik«.8 Dieser These soll nun genauer
nachgegangen werden.

Was die figurierten Zahlen angeht, kann kein Zweifel daran bestehen, dass
Nikomachos und Boethius das Gebiet der Arithmetik nicht verlassen, da
beide eindeutig über Zahlen sprechen und weder Themen behandeln noch
Methoden verwenden, die in der Geometrie üblich sind.9
Bezüglich der Zahlenverhältnisse aber leuchtet die These angesichts des
Textbefundes nicht unmittelbar ein, weshalb sie nun genauer diskutiert

6 Ebd. 127.
7 Ebd. 222-232.
8 Ebd. 230-233.
9 So behandelt Boeth. arithm. 2, 5 kein geometrisches Thema, sondern Linienzahlen (Kapitel¬
überschrift: de numero lineari, entspricht Nikom. arithm. 2, 6 p. 82, 21: 7tepi re ypapptKCov
&pi0pcov); vgl. das einführende Kapitel Boeth. arithm. 2, 4 p. 86, 11-24: »Nun werden wir aber
über diejenigen Zahlen zu sprechen haben, die den Bereich der geometrischen Figuren ... betref¬
fen, ... die freilich alle Sache der spezifisch geometrischen Betrachtung sind, aber so wie die
Wissenschaft der Geometrie selbst von der Arithmetik wie von einer Wurzel und Mutter hervor¬
gebracht ist, so finden wir auch die Samen ihrer Figuren zuerst in den Zahlen, da wir ja deutlich
gemacht haben, dass diese [sc. die Arithmetik] durch ihre Aufhebung alle Disziplinen vernichtete,
welche sie durch ihre Konstitution keineswegs etablierte« (nunc autem nobis de his numeris sermo
futurus est, qui circa figuras geometricas ... versantur ... quae omnia quidem geometricae propri-

ae consideratioms sunt, sed sicut ipsa geometriae scientia ab arithmetica velut quadam radice ac
matre producta est, ita etiam eius figurarum semina in primis numeris invenimus, planum siqui-

demfecimus, quod omnes disciplinas haec interempta consumeret, quas minime constituta firma-
ret).
1. Zahlenverhältnisse 157

wird. Mehrere Formulierungen besagen nämlich ausdrücklich, dass Zahlen


im Verhältnis zueinander betrachtet werden bzw. wurden, und grenzen
dagegen diejenigen Kapitel ab, die »Zahl für sich betrachtet« zum Inhalt
haben.'" Ferner enthalten die Ausführungen beider Autoren keinen einzigen
expliziten Hinweis darauf, dass sie die entsprechenden Passagen über Zah¬
lenverhältnisse auf die Konstitution jeweils einer Zahl angewendet wissen
wollen. Die antiken Arithmetik-Kommentatoren sowie die mittelalterlichen
Glossen zur Musikschrift diskutieren das Problem überhaupt nicht, so dass
auch ihnen keine direkten Anhaltspunkte und Anregungen entnommen
werden können. Lediglich Johannes Philoponos deutet an, dass die Behand¬
lung von Zahlenverhältnissen in der Arithmetik etwas Besonderes ist -
allerdings angesichts der Tatsache, dass diese auch im fünften Buch von
Euklids »Elementen« durchgenommen werden."
Einen Hinweis gibt uns immerhin Ammonios:12 Die Arithmetik betrach¬
tet Zahl an sich und nicht in Relation zu einer von ihr akzidentell verschie¬
denen Zahl; das ist Sache der Musik. Aus dieser Bemerkung kann man
schlussfolgern, dass in der Arithmetik durchaus Zahl in Relation zu einer
anderen betrachtet werden kann - nämlich unter der Voraussetzung, dass es
sich nicht um eine beliebige Zahl handelt, sondern um eine, die das Wesen
der Zahl selbst in bestimmter Weise ausmacht. Damit kann nur eine Zahl
innerhalb der Zahl im Sinne eines Teiles der Zahl gemeint sein.

10 Vgl. die Überschrift zu Boeth. arithm. 1, 21 mit dem überleitenden Passus zuvor (arithm. 1,
21 p. 45, 7-10): »Aber da über diejenige Quantität, welche für sich selbst besteht, gesprochen
wurde, wollen wir unser Studium im Folgenden auf jene verlegen, die sich auf etwas bezieht. - 21.
Über die auf etwas bezogene Quantität« (sed quoniam de ea quantitate, quae per se fit, dictum est,
operis sequentiam ad illam, quae refertur ad aliquid, transferamus. - XXI De relata ad aliquid
quantitate)', vgl. auch Boeth. arithm. 2, 4 p. 86, 4-11: »Dieses möge nun zur Quantität, die wir im
Verhältnis zu etwas betrachten, für den gegenwärtigen Zeitpunkt als Gesagtes genügen. Nun will
ich aber im Folgenden etwas über diese Quantität, die für sich selbst besteht und nicht im Verhält¬
nis auf etwas bezogen wird, ausführen, was uns für dasjenige nützüch sein kann, was wir danach
wiederum über die auf etwas im Verhältnis bezogene Quantität durchnehmen werden. Denn die
Betrachtung der Mathematik liebt es auf gewisse Weise, durch abwechselnde Art der Beweise
konstituiert zu werden.« (haec quidem de quantitate, quam scilicet ad aliquid speculamur, ad
praesens dicta sufßciant. nunc autem in hac sequentia quaedam de ea quantitate, quae per se
ipsam constat, neque ad aliquid refertur, expediam, quae nobis ad ea prodesse possint, quae post
haec rursus de relata ad aliquid quantitate tractabimus. amat enim quodammodo matheseos
speculatio alterna probationum ratione constitui.) Damit lehnt sich Boethius an die griechische
Vorlage an, vgl. Nikom. arithm. 2, 6 p. 82, 10-13: »Soweit also haben wir ausreichend über das
>so viel< gesprochen, das sich in bestimmter Weise zu einem anderen verhält, indem wir gemäß
einer Auswahl dasjenige zusammengestellt haben, was für die Erkenntnishaltung von jemandem,
der gerade erst [sc. in die Arithmetik] eingeführt wird, zuträglich und gut zu erfassen ist.« (psxpt
pev ouv xoi)5e tKavdx; 7tspi xou npöq erepöv tto)<; sxovxoc, noootj 6i£iA.Eype0a auppexpr|ödpsvoi Kar'
EKkoyijv xd 7tpooijKOVxa Kai stmEptkTyrrxa xf| xcov apxt Eioayopevcov e^et).
11 Philop. in Nikom. 1 Mitte Lemma 34 (bezüglich der Zahlenverhältnisse): »wenn das denn
zur Arithmetik gehört« (s. u. Anhang 1.3).
12 Ammon, in Porph. 14, 12-17.
158 III. »De institutione musica«

Die beiden im Folgenden erläuterten Gründe legen nahe, dass auch bei
Boethius von einer arithmetischen statt musiktheoretischen Funktion der
fraglichen Kapitel im Arithmetiktrakat auszugehen ist: Erstens folgt
Boethius Nikomachos nicht nur in der Herleitung des Quadrivium und
somit der Unterscheidung der verschiedenen Gegenstände von Arithmetik,
Geometrie, Musiktheorie und Astronomie im Proömium,13 sondern weist -
wie auch Nikomachos - an mehreren Stellen auf die Abgrenzung zwischen
den Fächern hin und beachtet sie.14 Auch die explizit arithmetische Behand¬
lung der figurierten Zahlen ist ein Beispiel dafür. Außerdem fällt bei der
Behandlung der drei Reihen (arithmetische, geometrische, harmonische)
auf, dass Boethius wegen der Vorrangstellung der arithmetischen Reihe
diese vor den anderen beiden behandelt: Erstens entsteht sie ganz natürlich
in der Reihe der Zahlen ausgehend von der Eins (z. B. 1-2-3 im Unterschied
zu einer geometrischen Reihe, z. B. 1-2-4), und zweitens ist der Vorrang
der Arithmetik gegenüber den anderen mathematischen Fächern bewiesen
worden.15
Man muss Boethius demnach ein Bewusstsein für die Fächergrenzen
zwischen den quadrivialen Fächern und für ihre Hierarchie einräumen.
Ebenso wie Nikomachos hält er es an keiner Stelle für nötig, den potentiel¬
len Vorwurf der Vernachlässigung der Fächergrenzen zu entkräften. Des¬
halb ist es legitim zu erwägen, ob beide nicht einfach ganz selbstverständ¬
lich davon ausgingen, dass ein Abschnitt über Zahlenverhältnisse innerhalb
eines zahltheoretischen Traktates einen Beitrag zur Erhellung eines Aspek¬
tes von Zahl leistet.16
Zweitens: Wenn die Kapitel zu Zahlenverhältnissen in »De institutione
arithmetica« einen sinnvollen Teil der Wissenschaft von der Zahl ausma¬
chen, entspricht das dem Skopos der Schrift. Nun ist die Behandlung von
Zahlenverhältnissen im Rahmen der Arithmetik geradezu notwendig: Der
Möglichkeit, Verhältnisse zwischen zwei (oder mehreren) voneinander
verschiedenen Zahlen herzustellen und zu betrachten, geht sachlich die
Konstitution von Zahl überhaupt voraus. Unter Zahl wird dabei die Zu¬
sammenstellung von Einheiten/Monaden zu einer bestimmten, komplex

13 s. o. II.2.

14 Vgl. Boeth. mus. 2, 4 p. 229, 11-13: »Und über die diskrete Quantität, die für sich ist, ha¬
ben wir ausreichend in den Büchern über die Arithmetik gesprochen. Aber bei der Quantität in
Bezug aul etwas gibt es freilich drei einfache Gattungen ...« (ac de ea quidem quantitate discreta,
quae per se est, in arithmeticis sujficienter diximus. relatae vero ad aliquid quantitatis simplicia
quidem genera sunt tria ...).
15 Boeth. arithm. 2, 42 p. 140, 5-17 und Nikom. arithm. 2, 22 p. 123, 3-26.
16 Philoponos ubt übrigens an einigen Stellen seines Kommentars deutliche Kritik an Nikoma¬
chos (s. o. 69), weshalb man wohl davon ausgehen kann, dass er ein so grundlegendes Problem
wie das der Zahlenverhaltnisse auch angesprochen hätte - vorausgesetzt, er hätte es als Problem
bemerkt.
1. Zahlenverhältnisse 159

zusammengesetzten Einheit verstanden. Setzt man einen solchen neuplato¬


nischen Zahlbegriff voraus,17 besteht Relation bereits innerhalb von Zahl.
Wenn die Arithmetik also die Wissenschaft von der Zahl ist und zum Be¬
griff von Zahl auch wesentlich Relation gehört, dann müsste die Arithmetik
das Wesen von Zahl auch unter dem Aspekt der Relation - nämlich der
Relation innerhalb von Zahl, d. h. zwischen ihren Bestandteilen untereinan¬
der und wiederum dieser zur Zahl als Ganzer - anhand von entsprechenden
Vergleichen untersuchen.
Analog zur Behandlung der Linien-, Flächen- und Körperzahlen zielt
dann auch der musiktheoretisch wirkende Teil über die Zahlenverhältnisse
darauf ab, bestimmte Aspekte der inneren Struktur von Zahl zu erhellen. Im
Falle der Zahlenverhältnisse handelt es sich um das Verhältnis zwischen
einer Zahl als Ganzer und einem ihrer Teile.18 Denn wie es z. B. bei den
epimoren Relationen immer heißt, enthält hier die größere Zahl die kleinere
einmal als Ganze und dazu einen Teil von ihr (Hälfte, Drittel etc.), wie bei
3:2. Die 3 enthält in sich eine 2 und dazu noch deren Hälfte, eine 1. Sie
wird also als eine Einheit aufgefasst, welche die spezifische Binnenstruktur
besitzt, dass ihr größerer Teil (2) doppelt so groß ist wie ihr allerkleinster.
(Die Monade gilt als der kleinstmögliche Bestandteil einer Zahl.) Eine
derartige Struktur besitzt einzig und allein die 3. Diese Struktur macht das
Wesen der hier betrachteten 3 aus und muss deshalb in der Arithmetik be¬
dacht und untersucht werden.
Die vorgetragenen, auf den Ergebnissen von G. Radke beruhenden Über¬
legungen stoßen nicht auf Widersprüche im Text und entsprechen dem
Thema der »Einführung in die Arithmetik«. Im Folgenden wird deshalb von
der Richtigkeit der These ausgegangen, dass die in der »Arithmetik« ausge¬
breitete Lehre von den Zahlenverhältnissen einen wesentlichen Beitrag zur
Erkenntnis von Zahl leisten soll, indem sie das Verhältnis zwischen der
Zahl als Ganzer und einem ihrer Teile untersucht. Arithmetik und Musik¬
theorie unterscheiden sich somit wesentlich in ihren Erkenntniszielen.

1.1.2 Zum Operationsgegenstand


Anhand welcher Operationsgegenstände wird in der Arithmetikschrift ver¬
mittelt, dass das Verhältnis zwischen der Zahl als Ganzer und einem seiner
Teile ein essentieller Aspekt der Zahl ist? Die Operationsgegenstände kön¬
nen entweder mit dem Erkenntnisziel identisch oder verschieden sein. Im
ersten Falle wird mit Verhältnissen gearbeitet, die zwischen einer Zahl und

17 S. o. 11.4.lf.
18 Am Ende des Arithmetiktraktates (Boeth. arithm. 2, 43-54) wird die Betrachtung der Bin¬
nenstruktur einer Zahl komplexer. Dort werden Reihen (aus drei Termen, z. B. 3-4-6) und Propor¬
tionen (aus mehr als drei Termen, z. B. 6-8-9-12) behandelt, wobei die diversen Verhältnisse aller
Terme untereinander erörtert werden.
160 III. »De institutione musica«

einem ihrer Teile bestehen, im zweiten mit Verhältnissen zwischen zwei


voneinander gänzlich verschiedenen Zahlen. Die erste Möglichkeit liegt
dem Skopos der Schrift näher und nimmt die eigentliche Erkenntnis schon
vorweg, die zweite entspricht den Denkgewohnheiten des Schülers zu Be¬
ginn der mathematischen Studien. Welche der beiden Möglichkeiten wen¬
det Boethius in der »Arithmetik« an?
In den arithmetischen Texten von Nikomachos und Boethius finden sich
klare Belege dafür, dass beide Autoren über Zahlenverhältnisse zwischen
zwei verschiedenen Zahlen sprechen und auch mit solchen operieren, z. B.
»wenn nämlich zwei ungleiche Zahlen gegeben sind ,..«.19 Wie oben schon
erwähnt, rahmen Nikomachos und Boethius den Abschnitt über Zahlenver¬
hältnisse eindeutig durch Sätze, die ihn als Abhandlung über Zahlrelationen
im Unterschied zur Betrachtung der Zahl für sich kennzeichnen.20 Eine
gegenteilige Äußerung, die eindeutig darauf hinweist, dass es sich um einen
Vergleich ausschließlich innerhalb einer Zahl handelt, ist nicht vorhanden,
auch bei den antiken Kommentatoren nicht.21
Hinsichtlich der beständigen Rede vom Vergleich zweier Zahlen könnte
man freilich einwenden, dass ein Teil einer Zahl ja auch eine Zahl, d. h.
etwas Zusammengesetztes, sein kann, wenn es sich nicht um eine Monade
handelt. Dieser Einwand ist mindestens insofern überzeugend, als bei einem
Vergleich22 zweier Zahlen die innere Struktur der größeren von beiden und
damit ihre >Teilzahlen< nicht vernachlässigt werden können, wie z. B. dem
Kommentar des Philoponos zu entnehmen ist:23 Beim Vergleich zweier
Zahlen, in diesem Falle von Vielfachen, wie bei 6:2 oder 2:6, »ist sie [sc.
die 2] unter ihr [sc. der 6], wie wenn sie in ihr enthalten ist«. Er fährt fort:
Vollendet misst eine Zahl eine andere nur, wenn die kleinere Zahl keinen
Teil der größeren Zahl bei der Maßgebung auslässt, wie es bei 3 und 8 der
Fall ist, da die 3 die 8 nur zweimal misst und dann ein Rest von 2 bleibt.

19 Boeth. arithm. 1, 18 p. 37, 25: datis enim duobus numeris inaequalibus.


20 S. o. 157 Anm. 10.

21 Philoponos wählt an wenigen Stellen Formulierungen, die in eine andere Richtung weisen,
z. B. in Nikom. 1 Lemma 96: »Die dritte Art des Ungeraden [d. h. die für sich sekundär und
zusammengesetzt, im Verhältnis zu anderen aber primär und unzusammengesetzt ist] scheint
nämlich denen zu ähneln, die im Verhältnis zu etwas stehen und ja im Verhältnis zu einander ihr
Sein haben, und ein jedes von ihnen kann gemäß sich selbst nicht bestehen. Denn weder ist etwas
rechts ohne das Verhältnis zum Linken, noch links ohne das zum Rechten. So also auch hier.« Im
Folgenden spricht er aber von einem Vergleich zweier unterschiedlicher Zahlen, wie die Beispiele
(Vater-Sohn, Freund-Freund, Lehrer-Schüler) nahelegen.
22 Nikom. arithm. 1, 18 p. 46, 15 u. ö.: ouyKpivöpsvot - »zusammenbeurteilt«, »zusammenge-
schieden« (bei Boethius comparatio - »Vergleich«: arithm. 1, 21 p. 45, 13 u. ö.).
23 Philop. in Nikom. 1 Beginn Lemma 130.
1. Zahlenverhältnisse 161

Denn immer ist der kleinste Teil in jeder [sc. Zahl] das Maß von ihr, wie von 10 die
2. Denn in der 10 ist kein Teil, der kleiner ist als 2 außer der [sc. allen] gemeinsamen
Monade, also wird sie [sc. die 10] durch diese [sc. die 2] gemessen.

Beim Vergleich zweier Zahlen spielt demnach die innere Struktur minde¬
stens der größeren Zahl eine Rolle. Soll das Verhältnis festgestellt werden,
in dem die kleinere Zahl zur größeren steht, müssen die Teile der größeren
betrachtet und ins Verhältnis zur kleineren Zahl gebracht werden: Wenn die
6 den Teil 2 hat und dieser sie dreimal ausfüllt, dann stehen beide Zahlen
im Verhältnis des Vielfachen, nämlich des Dreifachen, zueinander. Von
daher sind auch Boethius’ Formulierungen zu verstehen:24 Epimor ist eine
Zahl, die »in sich« {Intra se bzw. sv sctuToj) die mit ihr verglichene als Gan¬
ze und einen einzigen Teil von ihr hat, z. B. hat die 4 die 3 als Ganze und
ihren dritten Teil in sich, so dass beide im epitriten Verhältnis stehen.25 Die
Binnenstruktur der größeren Zahl muss also bei einem Vergleich zweier
verschiedener Zahlen Beachtung finden. Damit ist aber nicht behauptet,
dass Nikomachos und Boethius generell mit Verhältnissen innerhalb von
Zahlen operieren.

1.1.3 Fazit
Boethius operiert im Rahmen seiner Ausführungen zu Zahlenverhältnissen
in Anlehnung an Nikomachos in »De institutione arithmetica« mit Verhält¬
nissen zwischen zwei voneinander verschiedenen Zahlen und nicht mit
Verhältnissen zwischen einer Zahl und einem ihrer Teile. In dieser Hinsicht
ist eine Gemeinsamkeit mit dem Gegenstand der Musiktheorie zu konstatie¬
ren. Da die Behandlung dieser Zahlenverhältnisse aber kein musiktheoreti¬
sches Ziel verfolgt, sondern bezweckt, das Wesen von Zahl zu erhellen,
bildet sie einen essentiellen Bestandteil der zahltheoretischen Abhandlung.

24 Boeth. arithm. 1, 24 p. 50, 19; Nikom. arithm. 1, 19 p. 49, 23.


25 Vgl. Nikom. arithm. 1, 19 p. 50, 7-11; »Es ist aber klar, dass die Zahl, die dem epitriten
Verhältnis als Umkehrung entspricht, die mit der Vorsilbe >hypo< hypepitrit benannt ist, diejenige
ist, die als Ganze von jener [sc. der größeren Zahl] umfasst ist und dazu ihr eigener dritter Teil,
wie die 3 von der 4, die 6 von der 8, die 9 von der 12« (Spkov Se, öxt ö &v0imaKoucov x<p fenixplxcp,
keyöpevog Se aüv xfj imö Ttpo0eoei Imetrixptxog, eoxiv ö ep7ieptexöpevo<; eKeivco ökog xe Kai npooexi
eauxoi) xpixov, cog ö pev y xq> 5, ö Se C xq> r|, ö Se 0 xco iß). Boethius bietet keine parallele Formulie¬
rung; vgl. aber Boeth. 1, 28 p. 58, 12: Die Subpartientes werden »von der anderen Zahl beinhaltet«
(habentur ab alio numero) und mehreren Teilen von ihr; ferner p. 58, 14f.: »Wenn also eine Zahl,
die in sich eine andere Zahl hat, zwei Teile von ihr hat, wird sie Superbipartiens genannt« (si ergo
numerus alium intra se numerum habens, eius duas partes habuerit, superbipartiens nominatur).
Bei Nikom. arithm. 1, 20 p. 56, 12-15 heißt es: »Nach der epimeren [sc. Zahl] wird geradewegs
die hypepimere konstituiert, wenn eine Zahl in der mit ihr verglichenen als Ganze selbst beinhaltet
wird und dazu mehrere Teile von ihr« (pexd Se xöv empepfi ebObg ouvucpioxaxai ö imE7upepf|g, öxav
&pi0pdg fev x<5) ouyKpivopevtp Ökog expxat abxög xe Kai npooext rckelova abxou pepp).
162 III. »De institutione musica«

Der Vergleich zweier voneinander verschiedener Zahlen im Arithmetik¬


traktat fällt dem menschlichen Erkennen zunächst leichter. Außerdem kann
dabei auf eine Untersuchung der inneren Beschaffenheit der größeren Zahl
nicht verzichtet werden, so dass der Schüler durch die Wahl der Opera¬
tionsgegenstände keinesfalls auf die falsche Fährte gesetzt, sondern allmäh¬
lich zum arithmetischen Erkenntnisziel hingeführt wird. In der Arithmetik
ist dies die Erkenntnis von zahlimmanenten und zahlkonstituierenden Ver¬
hältnissen, während sich die Musiktheorie mit der Relation zwischen zwei
voneinander verschiedenen Zahlen befasst.
Unter der Voraussetzung, dass die Arithmetik die Wissenschaft von der
Zahl und die Musiktheorie die von den Zahlenverhältnissen ist, zeigt sich
hier der dimensionale Unterschied zwischen beiden Disziplinen: Zahl ist
nicht nur rein äußerlich Voraussetzung für Zahlenverhältnis, sondern Zahl
nimmt in sich auch schon Zahlenverhältnis vorweg. Da diese zahlimmanen¬
te Relation in der Musiktheorie quasi veräußerlicht und entfaltet wird, hängt
die Musiktheorie sachlich von der Arithmetik ab und unterscheidet sich
gleichzeitig inhaltlich klar von ihr.

1.2 Zur Abhängigkeit des Zahlenverhältnisses von der Binnenstruktur


der Zahlen (mus. 2, 6)

Boethius behandelt in den einzelnen Kapiteln von »De institutione musica«


Zahlenverhältnisse, wobei diese durch die Zusammensetzung zu Tetrachor¬
den sowie Skalen und durch die zunehmende Größe der miteinander vergli¬
chenen Terme komplexer als in der »Arithmetik« werden. Es stellt sich die
Frage, ob und inwiefern die gerade diskutierte Binnenstruktur von Zahl
auch in dem Sinne eine Relevanz für den Vergleich zweier Zahlen besitzt,
dass sie neben der Vorgabe der Grundmöglichkeiten von Relation auch
einen konkreten Einfluss aut das Wesen der Zahlenverhältnisse ausübt.
Zur Beantwortung dieser Frage liegt es nahe, eine Passage heranzuzie¬
hen, in der allgemeine Aussagen über das Wesen der Musiktheorie getrof¬
fen werden, nämlich mus. 2, 6-17, speziell das erste Kapitel mus. 2, 6. In
diesen Kapiteln will Boethius Axiome, d. h. etwas Allgemeingültiges, für
die Musiktheorie darstellen.26 Dementsprechend aufschlussreich für das

26 Boeth. mus. 2, 5 p. 231, 7-10: »Nun müssen wir das, was die Griechen Axiome nennen,
voiausschicken, warum sie [sc. die Axiome] zu betrachten uns richtig scheint, verstehen wir erst
dann, wenn wir den Beweis eines jeden Sachverhaltes behandeln« (nunc quaedam, quae quasi
axiomata Graeci vocant, praemittere oportebit, quae tune demum, quo spectare videantur, intel-
legemus, cum de uniuseuiusque rei demostratione tractabimus). - Nach Proklos sind Axiome
(dpxai - archai: »Prinzipien«) Sachverhalte, die von sich selbst her leicht einsichtig sind und
einen Beweis nicht erforderlich scheinen lassen, wie z. B. dass das demselben Gleiche auch
1. Zahlenverhältnisse 163

Verständnis des gesamten musiktheoretischen Traktates verspricht eine


Interpretation des ersten Kapitels zu sein, zumal sein Sinn von der For¬
schung bislang nicht erhellt wurde. Es ordnet sich folgendermaßen in den
Duktus des zweiten Buches ein:27

1-3 Proömium (Quadriviumskonzeption wie in arithm.)


4f. Unterscheidung der fünf Arten von Zahlenverhält¬
cap.
Präliminarien und Axiome nissen; Vorrang der Vielfachen
1-17
6-17 musiktheoretische 6-11 Verhältnisse
Axiome 12-17 Reihen

Beweise, dass Konsonan¬ 18-20 Hierarchie der Konsonanzen


cap.
zen in den Zahlenverhält¬
18-27
nissen zu finden sind 21-27 Bestimmung der Zahlenverhältnisse
der Intervalle
cap.
kleine Intervalle
28-31

Die vor mus. 2, 6 unterschiedenen fünf Arten der Zahlenverhältnisse gelten


Boethius nicht als Axiome. Er hatte er die drei Hauptarten Vielfache, Epi¬
more und Epimere dargestellt, aus deren Mischung die übrigen beiden
Relationsarten entstehen. Ferner hatte er in mus. 2, 5 aufgezeigt, dass das
Vielfache den anderen Verhältnisarten gegenüber primär ist, weil es direkt
von der 1 ausgehend unmittelbar aus der natürlichen Zahlenreihe ohne
Auslassungen von Zahlen hervorgeht (doppelt 2:1, dreifach 3:1 usw.), was
bei allen anderen Verhältnisarten nicht möglich ist. Deren Bildung wird
immer komplizierter und setzt nicht mehr bei der 1, sondern jeweils später
ein. So findet sich das erste epimore Verhältnis beim Vergleich zwischen
der 2 und der 3.
Die Axiomenkapitel setzen die Arten von Zahlenverhältnis bereits vor¬
aus, wobei sie sich nur mit den drei für die Musiktheorie relevanten Haupt¬

einander gleich ist (Prokl. in Eukl. 76, 9-12); vgl. Schmitz, 316-336. Die Inhalte von Boethius’
Axiomenkapiteln sind auf der mathematischen Ebene tatsächlich relativ einfach nachvollziehbar.
Außerdem werden sie im Verlauf von mus. unhinterfragt verwendet, so dass man sie wohl in
Proklos’ Sinne als Prinzipien der Musiktheorie verstehen muss.
27 Die Gliederung in drei Teile ergibt sich aus Boethius’ Hinweisen mus. 2, 18 p. 249, 18 und
2, 27 p. 260, 18: »soweit hierüber« (sed de his hactenus) sowie aus der inhaltlichen Strukturierung.
Bower vertritt keine überzeugende Meinung: Im Vorwort seiner Übersetzung, XXXIt., spricht er
von einer Vierteilung. Dabei ist der von ihm (und von Harmon, 420) nach Kapitel 11 gesetzte
Einschnitt problematisch, da Kapitel 12-17 ebenso wie die vorangehenden Kapitel die Axiome
enthalten, wie Bower auch an anderer Stelle feststellt (Übersetzung, 52 Anm. 1). Einleuchtend
wäre es m. E., stattdessen den Beginn von Kapitel 12 als Antang eines neuen Unterabschnittes
innerhalb der Axiomenkapitel zu sehen. Auch im Falle von mus. 2, 18-20, die nach Bower eine
Einheit bilden, handelt es sich m. E. nicht um einen Hauptteil von Buch 2, sondern um den ersten
Unterabschnitt im Mittelteil des zweiten Buches, das Beweise umfasst. Die hier vorgeschlagene
Dreiteilung von Buch 2 entspricht im Übrigen nicht der Dreiteilung, die Bower im Haupttext (52
Anm. 1) trotz seiner Aufteilung im Vorwort in »four clearly demaicated sections« darstellt.
164 III. »De institutione musica«

arten Vielfache, Epimore und Epimere befassen. Im ersten Axiomenkapitel


wird allerdings keine von ihnen namentlich erwähnt. Stattdessen kündigt
die Überschrift die Behandlung von Quadratzahlen an. Schon durch dieses
unerwartete Thema fällt dieses Kapitel auf.
Kapitel 6 bietet zunächst eine Wiederholung des Wesens von Quadrat¬
zahl und behandelt anschließend das in der »Arithmetik« nicht thematisierte
Verhältnis zwischen der Differenz zweier Quadratzahlen und der Summe
jeweils eines Teiles von beiden: Die vermittelte regula besagt, dass ein
bestimmter Zusammenhang zwischen der Differenz zweier Quadratzahlen
und der Summe aus jeweils einer Seite von beiden Quadratzahlen besteht.
Die natürliche Abfolge der Quadratzahlen ist 4-9-16-25-36 etc. Man bilde
die Differenz zweier Quadratzahlen, die in dieser Folge nebeneinander
liegen. Diese Differenz ist gleich der Summe der Seiten, z. B. bei den Qua¬
dratzahlen 4 = 22 und 9 = 32. Hier ist 9 — 4 = 5, was der Summe ihrer Seiten
2 und 3 entspricht. Der Zusammenhang gilt auch für alle anderen direkt
benachbarten Quadratzahlen. Wird eine Quadratzahl in der natürlichen
Reihe der Quadratzahlen ausgelassen (z. B. 9, so dass 4 und 16 betrachtet
werden), muss die Differenz von beiden (16-4=12) halbiert werden,
damit sie der Summe der Seiten (4 + 2) gleich wird. Werden zwei Quadrat¬
zahlen ausgelassen, muss die Differenz gedrittelt werden, um mit der Sum¬
me der Seiten gleich zu sein, werden drei ausgelassen, muss die Differenz
geviertelt werden etc. Eine Erklärung zur Deutung oder zum Nutzen dieser
Beobachtungen für die Musiktheorie gibt Boethius nicht.

1.2.1 Zum Stand der Forschung


Welche Relevanz die Betrachtung der Quadratzahlen für die »Musiktheo¬
rie« hat, leuchtet nicht unmittelbar ein. Das Kapitel 2, 6 verursachte deshalb
bislang in der Forschung Ratlosigkeit - sofern es überhaupt als Problem
erkannt wurde.s Bower bemerkt die Schwierigkeit und vermutet, dass
Boethius den Leser mit Hilfe dieses Kapitels methodisch einstimmen woll¬
te.-4 Aber kann denn ein Axiom - und dazu noch das erste - nur als Aussa¬
ge zur Untersuchungsmethode gemeint sein?

28 Während Paul, Übersetzung, 218, den Sinn von mus. 2, 6 überhaupt nicht problematisiert,
halt Potiron, 31, dieses Kapitel für einen besonders extremen Auswuchs zu ausführlicher mathe¬
matischer Berechnungen (»... au chapitre 6, il s’agit du carre des nombresl«), nach deren Sinn er
mehl tragt. Harmon, Rezeption, 427 mit Anm. 124, konstatiert lediglich, dass der »Bezug zur
Harmonik im Rahmen der Institutio musica nicht sichtbar wird«; vgl. Bower, Übersetzung, 56
Anm. 14: »This axiom ... seems to have no direct relevance to the subsequent axioms or to the
musical proofs that follow.«
29 Ebd. 56 Anm. 14: »Perhaps the author thought it would serve as a fitting Orientation to the
arithmetical reasoning of the axioms and proofs.«
1. Zahlenverhältnisse 165

Einen nicht nur methodisch gemeinten Interpretationsvorschlag unterbreitet


Glosse 9 ad locum: Das Kapitel demonstriere, dass mit der potentiell un¬
endlichen Vergrößerung des Vielfachen die potentiell unendliche Verklei¬
nerung der Teile des Epimoren einhergeht. Die Differenzen der Quadrat¬
zahlen sind ja Vielfache der Summe der Teile, z. B. ist beim Beispiel oben
16 -4 = 12 das Doppelte von 4 + 2. Oder wenn zwei Quadratzahlen ausge¬
lassen werden (25-4 = 21), dann ist die Differenz beider Quadratzahlen
ein Dreifaches der Summe der Teile (5 + 2 = 7) etc. Von den Summen her
betrachtet handelt es sich aber nicht um Vielfache, sondern um immer klei¬
ner werdende Teile: Wenn die Differenz das Doppelte der Summe ist, dann
ist die Summe natürlich die Hälfte der Differenz. Wenn die Differenz das
Dreifache der Summe ist, dann ist die Summe ein Drittel der Differenz etc.
Das Epimore folgt laut der »Arithmetik« sachlich dem Vielfachen, da Dop¬
pelt, Dreifach etc. Voraussetzung für Hälfte, Drittel etc. ist. Folglich muss
mit der Vergrößerung der Vielfachen die Verkleinerung des Teiles einher¬
gehen und - wie der Scholiast feststellt - mit der Vergrößerung von diskre¬
ter Quantität die Verkleinerung kontinuierlicher Größen.30
Franchino Gaffurio (1476-1521) greift in seiner 1492 publizierten »The¬
orica musice« Boeth. mus. 2, 6f. auf, indem er die beiden ersten Axiomen-
kapitel zusammenfasst.31 Wie Gaffurios Überschrift andeutet, zeige die
Abhandlung über die Quadratzahlen, dass die epimoren Verhältnisse aus
den vielfachen hervorgehen.32 Damit folgt er dem in der Glosse erwogenen
Gedanken, wenn auch in wenig differenzierter Weise.
Die in der Glosse formulierte Interpretation scheint im Kontext der Mu¬
siktheorie nicht femliegend zu sein. Denn erstens bietet es sich nach mus. 2,
5 (zur herausragenden Stellung des Vielfachen) geradezu an, die Abhängig¬
keit des Epimoren von den Vielfachen zu demonstrieren und auf diese
Weise auch die zweite in der Musiktheorie vorrangig relevante Verhältnis¬
art näher zu beleuchten. Und zweitens wird der Zusammenhang zwischen
Vervielfachung und Gewinnung immer kleinerer Teile eine entscheidende

30 Glosse 9 zu mus. 2, 6 (aus dem 10. Jh.) bringt hier nur sehr vorsichtig die Verbindung zwi¬
schen den immer größer werdenden Teilen seitens des Epimoren und kontinuierlichei Größe zum
Ausdruck: Die Teile werden ausgehend von der Einheit über die Hälfte, das Drittel etc. immer
kleiner »entsprechend der Natur von Größe, also der kontinuierlichen Quantität« (ad naturam v.
magnitudinis, i. continue quantitatis). Genau genommen müssen zumindest Boethius’ Verständnis
nach die epimoren Verhältnisse im Rahmen der Musiktheorie aber als diskret geeinte Vielheiten
verstanden werden. Das Rechnen mit Längen wird gerade von den pythagoreisch-platonisch
inspirierten Musiktheoretikern an den Aristoxeneern kritisiert und macht den wesentlichen Unter¬
schied zwischen beiden Richtungen aus, wie die Studie von Busch hinsichtlich der »Sectio cano-
nis« des Euklid eindrucksvoll zeigt. Der Anschauung wegen können die Zahlenverhältnisse
freilich am Monochord dargestellt werden; vgl. Boeth. mus. 4, 18.
31 Für den Hinweis sei Herrn Michael Bernhard in München herzlich gedankt.
32 Beginn der Überschrift von 3, 5: De productione superparticularium ex multiplicibus ...
166 III. »De institutione musica«

Rolle in der Konsonanzlehre spielen. Wie nämlich in mus. 2, 18-20 bespro¬


chen wird, hängt die Hierarchie der Intervalle davon ab, dass das Vielfache
Voraussetzung für das Epimore ist, das Doppelte für das Halbe, das Dreifa¬
che für das Drittel etc. Außerdem beruht ein großer Teil der Berechnungen
in »De institutione musica« genau darauf, dass immer kleinere x-tel (u. a.
bei epimoren Zahlenverhältnissen) durch Vervielfachung gewonnen wer¬
den. Bei der Berechnung der relativ kleinen Zahlenverhältnisse nämlich
(z. B. 256:243 für den kleinen Halbton oder 531'441:524'288 für das
Komma) werden die einfachen epimoren Zahlenverhältnisse (3:2; 4:3; 9:8
etc.) erweitert, d. h. vervielfacht, um die Zahlenverhältnisse kleiner Inter¬
valle mit ganzen Zahlen bilden zu können. Beispielsweise wird in mus. 2,
30 eine solche Berechnung vorgenommen. Dort soll das Zahlenverhältnis
des großen Halbtones festgestellt werden. Da das des kleinen Halbtones
256:243 ist und der große Halbton ermittelt wird, indem der kleine Halbton
vom Ganzton (9:8) abgezogen wird, ist eine Zahl gesucht, die zusammen
mit 243 das Verhältnis 9:8 bildet. Dann muss diese Zahl mit 256 das Ver¬
hältnis eines großen Halbtones hersteilen. Die gesuchte Zahl überragt 243
also um ein Achtel. Nun hat 243 aber keinen achten Teil, so dass das Ver¬
hältnis 243:256 mit 8 zu 1 '944:2 048 erweitert wird. Der achte Teil von
1 '944 ist 243. Wird 243 zu 1 '944 addiert, dann ist die gesuchte Zahl gefun¬
den: 2'187. Sie steht mit 1 '944 im Verhältnis 9:8 und bildet mit 2 048 das
Verhältnis eines großen Halbtones. Ohne diese Methode sind die meisten
Berechnungen in den Büchern 3 und 4 undenkbar. Insofern besteht ein
Zusammenhang zwischen mus. 2, 6 und dem restlichen Musiktheorielehr¬
buch, wenn man die Ausführungen über die Quadratzahlen als Demonstra¬
tion des Phänomens versteht, dass mit dem Anwachsen des Vielfachen
(doppelt, dreifach usw.) eine Verkleinerung der Teile (Hälfte, Drittel usw.)
und damit der epimoren Verhältnisse (anderthalb, epitrit usw.) einhergeht.
Der Scholiast weist ferner darauf hin, dass die Vielfachen stärker die Ei¬
genschaft von Zahl wahren, während das Epimore mit der stetigen Verklei¬
nerung der Teile einen wesentlichen Zug von kontinuierlichen Größen
aufscheinen lässt. Hinsichtlich der Monochordteilung ist auch diese Bemer¬
kung relevant. Denn eine Vervielfältigung der Zahlen, die der Monochord¬
teilung zugrundegelegt werden, ermöglicht die Ermittlung immer kleinerer
Verhältnisse und eine entsprechende Teilung der Saite in immer kleinere
Abschnitte.
Mit Blick aut die im Musiklehrbuch vorgenommenen Berechnungen
leuchtet die in Glosse 9 gegebene Interpretation des ersten Axioms also ein.
Warum ausgerechnet der komplizierte Weg über die Quadratzahlen gewählt
wurde, bleibt tieilich zu klären — ebenso wie die Frage, ob die Funktion und
das didaktische Potential von mus. 2, 6 durch die Aussagen der Glosse
bereits hinreichend erfasst sind.
1. Zahlenverhältnisse 167

7.2.2 Deutungsversuch von Boeth. mus. 2, 6


In der »Arithmetik« versucht Boethius im Anschluss an Nikomachos bis¬
weilen explizit anhand von bestimmten, an Zahlen feststellbaren Phänome¬
nen allgemeine Zusammenhänge zu verdeutlichen. So sollen die Quadrat¬
zahlen und heteromeken Zahlen in Boeth. arithm. 2, 31-33 auf die Prinzipi¬
en Selbigkeit und Verschiedenheit verweisen. Die Zahlen selbst werden als
Instanzen verstanden, die an beiden Prinzipien Anteil haben und deshalb
über sich hinaus auf die ontologisch höhere Ebene der beiden Prinzipien
verweisen können. Gerade bei einem relativ obskuren Kapitel wie mus. 2, 6
ist zu prüfen, ob es in ähnlicher Weise anhand der Quadratzahlen einen
übergeordneten, allgemeinen Sachverhalt vermitteln kann bzw. soll. Das
entspräche zumindest dem neuplatonischen Wissenschaftsverständnis und
der sich daraus ableitenden Methodik.33 Auf der Grundlage von Boethius’
Mathematikkonzeption und speziell vor dem Hintergrund der Arithmetik¬
schrift wird nun ein quasi systemimmanenter Versuch einer Deutung unter¬
nommen.

Die Behandlung der Quadratzahlen in der »Musiktheorie« verfolgt nicht


dasselbe Ziel wie die in der »Arithmetik«
Da Quadratzahlen aus der »Arithmetik« bekannt sind, stellt sich zunächst
die Frage, welcher Unterschied bei deren Behandlung in den beiden ma¬
thematischen Schriften festzustellen ist. Bowers Hypothese lautet, dass sich
mus. 2, 6 von der Behandlung der Quadratzahlen in der Arithmetikschrift
dadurch unterscheide, dass es Boethius hier mehr um die »Harmonie« zwi¬
schen den Differenzen der Quadratzahlen und ihrer Seiten gehe.34
Anhand der Texte lässt sich Genaueres sagen: In arithm. 2, 10-12 stellt
Boethius die Quadratzahlen vor. Ihre Generierung weicht von der in mus. 2,
6 ab, weil die ungeraden Zahlen in der »Arithmetik« aufsummiert werden
(1+3 = 4; 1+3 + 5 = 9; 1+3 + 5 + 7=16 etc.). In der »Musiktheorie«
hingegen werden sie auf Basis der natürlichen Zahlenreihe durch Vervielfa¬
chung einer jeden Zahl mit sich selbst gebildet - so, wie wir es heute auch
kennen: l2, 22, 32 etc.
Die Generierung unterscheidet beide Passagen erheblich, denn in arithm.
2, 28 führt Boethius die Quadratzahlen auf das Prinzip der Gleichheit zu¬
rück, weil ihre immer ungeraden Teile an der Einheit teilhaben. (Das Unge¬
rade geht unmittelbar aus der Monade hervor, während das Gerade seinen
Ursprung in der Zweiheit hat.)

33 S. o. 1.2.5 und 2.8; II.2.4 und 4.1f.


34 Bower, Übersetzung, 56 Anm. 14, verweist auf arithm. 2, 12, wo die Quadratzahlen behan¬
delt werden, und schlägt als Begründung für die inhaltlich abweichende Darstellung in mus. 2, 6
vor: »... whereas the passage here seems more concemed with the >harmony< of differences
between squares and their sides«.
168 III. »De institutione musica«

Ein solcher Beweis der Anteilhabe der Quadratzahlen an der Gleichheit


kann in der »Musiktheorie« nicht intendiert sein, da hier von einer Generie¬
rung der Quadratzahlen aus geraden und ungeraden Zahlen ausgegangen
wird. Gleichheit besteht freilich hinsichtlich der beiden gleichen Seiten, die
eine Quadratzahl generieren, worauf die Berechnungen in mus. 2, 6 aller¬
dings nicht das Augenmerk lenken.

Der Vergleich von Zahlen wird durch die Binnenstruktur der verglichenen
Zahlen bestimmt
Was lässt sich nun mus. 2, 6 selbst entnehmen? Zunächst fällt auf, dass es
sich um einen Vergleich zweier Zahlen handelt, womit bereits ein Zusam¬
menhang mit dem Thema der Musiktheorie hergestellt ist. Die Zahlen sind
ferner als Quadratzahlen zusammengesetzt, worauf explizit sowohl durch
die Beschreibung ihrer Generierung als auch durch die Berechnungen mit
den Seiten hingewiesen wird. Hier werden also Zahlen miteinander vergli¬
chen, deren Komplexität aufgrund ihrer Syntheseweise unmittelbar vor
Augen gestellt ist.
Die innere Konstellation der Quadratzahlen wird auch dadurch hervor¬
gehoben, dass ihr Unterschied als ihre Differenz erfasst wird. Die gedankli¬
che Möglichkeit, das Verhältnis zweier unterschiedlicher Zahlen mittels
deren Differenz zu fassen, ist aus arithm. 1,18 bekannt. Dort wird anhand
eines Subtraktionsverfahrens festgestellt, ob eine Zahl eine andere, größere
vollständig misst. Dabei wird deutlich, dass die Differenz eine substantielle
Aussage über das Verhältnis zwischen der größeren und der kleineren Zahl
(als Teil der größeren Zahl) zulässt.35 In mus. 1, 29 ermittelt Boethius ferner
durch die Differenz zweier Terme, ob sie als Zahlenverhältnis ein konso¬
nantes Intervall konstituieren oder nicht. Wenn die Differenz das gemein¬
same Maß für beide Terme bildet, dann sind sie kommensurabel (z. B. misst
die 2 als Differenz zwischen 4 und 6 beide Terme, die im anderthalben
Verhältnis stehen und eine Quinte konstituieren). Die Differenz kann dem¬
nach - wie ein Student der »Musiktheorie« aufgrund seiner Lektüre der
»Arithmetik« und der Kapitel, die mus. 2, 6 vorangehen, weiß - sowohl
über die Binnenstruktur einer Zahl als auch über das Verhältnis zwischen
zwei miteinander verglichenen Zahlen Aufschluss geben, wobei beides
nicht unabhängig voneinander ist.
In mus. 2, 6 verwendet Boethius zum Vergleich Quadratzahlen, die so
gedacht werden, dass sie jeweils durch Vervielfältigung einer Basiszahl mit
sich selbst entstehen (9 = 32 etc.). So gebildete Quadratzahlen sind Ergebnis
einer der einfachsten und primären Arten der Generierung von Zahlen.
Beide miteinander verglichenen Quadratzahlen bestehen also jeweils aus

35 Diese Methode wird auch in mus. 2, 9 verwendet.


1. Zahlenverhältnisse 169

zwei gleichen Basiszahlen und sind in gleicher Weise generiert worden,


weshalb sie eine analoge Binnenstruktur aufweisen.
Zwischen der inneren Struktur der beiden verglichenen Zahlen und ihrem
jeweiligen Unterschied besteht ein Zusammenhang, der durch den Ver¬
gleich zwischen der Differenz beider Quadratzahlen und der Summe der
Basiszahlen in den Blick genommen wird. So wird z. B. 16 aus der Basis¬
zahl 4 gewonnen und der relativ kleine Unterschied zur Quadratzahl 9 hängt
damit zusammen, dass deren Basiszahl 3 nur um eine Einheit von der 4
abweicht. Vergleicht man hingegen zwei nicht benachbarte Quadratzahlen,
so ist ihr relativ großer Unterschied auf den entsprechend großen Unter¬
schied ihrer Basiszahlen zurückzuführen.
Eine zentrale Erkenntnis der Arithmetik wird somit auf neue Weise de¬
monstriert und erweitert: Es wird nämlich nicht nur gezeigt, dass eine Zahl
aufgrund der spezifischen Konstellation ihrer Teile ein bestimmtes Ganzes
ist, sondern auch, dass der Unterschied zwischen zwei gleichartigen Zahlen
nicht unabhängig von den beide Zahlen konstituierenden Teilen besteht.
Das Verhältnis zwischen beiden Quadratzahlen ist demnach kein rein äu¬
ßerliches, sondern eine auf Grundlage der inneren Struktur der verglichenen
Zahlen etablierte Relation. Allgemein formuliert lässt sich festhalten: Ein
Unterschied zwischen zwei Zahlen wird wesentlich durch ihre Teile konsti¬
tuiert. Damit wird die sachliche Abhängigkeit der Musiktheorie von der
Arithmetik nochmals eindeutig manifest.
Auch Nikomachos vertritt die Position, dass ein Zahlenverhältnis nicht
eine rein äußerliche Relation zwischen Zahlen ist, sondern dass es auf der
Syntheseweise jeweils beider miteinander verglichenen Zahlen beruht:36

Dass mit diesen Relationen keine dem jeweiligen Etwas, von dem die Relation aus¬
geht, äußerliche Relation gemeint ist, die willkürlich von außen an dieses Etwas
herangetragen wurde, hat zum Beispiel auch unmittelbar Konsequenzen für die antik¬
platonische Proportionslehre, Musiktheorie und Ästhetik. Nach antik-platonischer
Auffassung handelt es sich bei den in der Musiktheorie und auch in der Theorie des
Schönen unterschiedenen Relationen nicht um ein beliebiges Vergleichen eines Be¬
liebigen mit einem Beliebigen, so dass man von der inhaltlichen, spezifischen Be¬
stimmtheit dessen, was auf bestimmte Weise zueinander in Relation gesetzt wird,
vollkommen absehen könnte. Sondern das, was an den Relationen und Proportionen
bestimmt ist, hat sein Prinzip gerade in den Termini, zwischen denen das bestimmte
Verhältnis der Verschiedenheit betrachtet wird. ... [Sc. man kann sagen], dass sich
der Blick des Arithmetikers auf die innere Struktur der einzelnen Zahlen selbst rich¬
tet, der Musiktheoretiker hingegen aus dieser Binnenanalyse die Konsequenzen für
die Möglichkeiten, eine Zahl mit einer anderen, von ihr verschiedenen in Beziehung
zu setzen, zieht, also den Blick nach außen richtet und äußere - wenngleich durch
>Inneres< begründete - Verhältnisse und Proportionen unterscheidet.

36 Radke, 257f.
170 III. »De institutione musica«

Maiorem inaequalitatem ex maiore inaequalitate procedere eiusque de¬


monstratio
Der Darstellung in mus. 2, 6 kann nicht nur allgemein entnommen werden,
dass der Vergleich zwischen zwei Zahlen (die Differenz zwischen zwei
Quadratzahlen) durch die Binnenstruktur beider Zahlen (abhängig von der
jeweiligen Basiszahl) konstituiert wird. Sie zeigt im Speziellen, dass die
jeweiligen Teile der Zahlen (die quadrierten Basiszahlen) den Unterschied
zwischen beiden Zahlen direkt und in einer spezifischen Weise bestimmen.
Zunächst lässt sich feststellen: Je stärker sich die Basiszahlen voneinan¬
der unterscheiden, desto größer ist die Differenz der entstehenden Quadrat¬
zahlen. Denn beim kleinstmöglichen Unterschied zwischen zwei Basiszah¬
len, nämlich dem Unterschied von einer Einheit zwischen 2 und 3, erhalten
wir einen kleinstmöglichen Unterschied zwischen den daraus entstehenden
Quadratzahlen 4 und 9, nämlich 5. Die Differenz der Quadratzahlen ist also
das Fünffache der Differenz der Basiszahlen. Lässt man hingegen die zwei¬
te Quadratzahl aus (die 9), dann ist die Differenz zwischen den Quadratzah¬
len 4 und 16 gleich 12, d. h. das Sechsfache der Differenz zwischen den
Basiszahlen 2 und 4. Soll ein noch größerer Unterschied untersucht werden,
lasse man die zweite und dritte Quadratzahl (9 und 16) aus, dann beträgt die
Differenz zwischen 4 und 25 gleich 21, während die Differenz zwischen
deren Basiszahlen 5-2 = 3 ist. Hier beträgt die Differenz der Quadratzah¬
len das Siebenfache der Differenz der Basiszahlen.
Daraus lässt sich der Schluss ziehen, der schon in der Überschrift wie¬
dergegeben ist:37 Aus der größeren Ungleichheit (seitens der Basiszahlen)
geht eine noch größere Ungleichheit (bei den Quadratzahlen) hervor. Die
Ungleichheit der Basiszahlen wird also in den aus ihnen hervorgehenden
Quadratzahlen vervielfältigt.38 Allgemeiner formuliert: Je größer die Ver¬
schiedenheit hinsichtlich der Teile von zwei miteinander verglichenen und
analog synthetisierten Zahlen ist, desto größer ist die Verschiedenheit zwi¬
schen den beiden Zahlen selbst.
Die Herstellung der Gleichheit zwischen der Differenz der Quadratzah¬
len und der Summe der Basiszahlen wird deshalb mit anwachsender Ver¬
schiedenheit unter den verglichenen Quadratzahlen immer komplizierter:
Dei Teil der Ditferenz der Quadratzahlen, welcher der Summe der beiden

37 Die Zwischenüberschrift wurde in Anlehnung an die Überschrift von mus. 2, 7 »Dass alle
Ungleichheit aus der Gleichheit hervorgeht und dessen Beweis« (Omnem inaequalitatem ex
aequahtateprocedere eiusque demonstratio) gebildet und lautet übersetzt: »Dass eine größere
Ungleichheit aus einer größeren Ungleichheit hervorgeht und dessen Beweis«.
38 Vgl. Cus. coniect. I 9, 38: Das Fortschreiten von der Einheit zur Basiszahl (radix) und von
dort zur Quadratzahl geht mit einem zunehmenden Maß an Andersheit einher. Dieser Abschnitt
scheint wie die vorangehenden, wo Cusanus z. T. wörtlich Boeth. arithm. zitiert, auch auf Boethius
zu beruhen; vgl. dagegen Happ/Koch, 221 Anm.
1. Zahlenverhältnisse 171

Grundzahlen gleicht, wird immer kleiner (Hälfte, Drittel, Viertel etc.) bzw.
die Summe beider Basiszahlen muss immer stärker vervielfältigt werden
(verdoppelt, verdreifacht, vervierfacht etc.), um dem Unterschied der Qua¬
dratzahlen zu gleichen.

Einordnung in die »Musiktheorie« und speziell in die Axiomenkapitel


Konkreter auf die »Musiktheorie« angewendet bedeutet das: Ein Vergleich
zwischen zwei Zahlen fällt umso einfacher aus, je stärker die Zahlen in der
sie konstituierenden Binnenstruktur an der Gleichheit teilhaben, was seine
Konsequenz besonders augenscheinlich in der Konsonanzlehre findet: Sind
sich zwei Zahlen in dieser Hinsicht völlig ähnlich, dann besteht zwischen
ihnen das Verhältnis der Gleichheit. Das entsprechende Intervall ist im
antiken Sinne überhaupt keines, weil nur zweimal die gleiche Tonhöhe
erklingt.39 Unterscheiden sie sich relativ geringfügig in ihren Teilen, wie
das bei den Zahlenverhältnissen der konsonanten Intervalle (dop¬
pelt/Oktave, dreifach/Duodezime, vierfach/Doppeloktave, anderthalb/Quin¬
te und epitrit/Quarte) der Fall ist, dann entstehen stark von der Gleichheit
geprägte Relationen, was seinen Niederschlag in einer angenehmen Wahr¬
nehmung findet. Dagegen weichen andere Zahlenverhältnisse in ihrer Bin¬
nenstruktur relativ stark von der Gleichheit ab, z. B. 256:243 (kleiner Halb¬
ton).
Auch im Hinblick auf die Bildung der drei Tongeschlechter und der Ska¬
len wird dem Leser von Boethius’ »Musiktheorie«, der die immer kompli¬
zierteren Berechnungen nachvollzieht, deutlich: Je unterschiedlicher und
vielfältiger zusammengesetzt die Bestandteile (Intervalle) etwa eines Tetra-
chordes sind, desto stärker wird dieser von der Ungleichheit geprägt. Die
Beschaffenheit der Bestandteile beeinflusst auch hier das Gesamtergebnis.40
Und eine gewisse Gleichheit des Ganzen (etwa von Tetrachorden) beruht
auf einer bestimmten Gleichheit hinsichtlich der Teile.41

39 Dieses Phänomen kann man nicht als Unisono (»Einklang«) im modernen Sinne bezeich¬
nen, da man heute vom Eindruck des Gehörs ausgehend damit einen Gleichklang meint, hei dem
beide Töne entweder wirklich gleich sind oder beide im Abstand einer Oktave (2:1) vorliegen.
Letztgenannter Fall ist nach Boethius’ Verständnis eine Abweichung von der Gleichheit und somit
kein echter, sondern nur ein scheinbarer Einklang.
40 So besteht das diatonische Tetrachord (z. B. a-g-f-e) aus zwei Ganztönen (jeweils mit dem
Verhältnis 9:8) und einem kleinen Halbton (256:243), während das enharmonische durch eine
große Terz (81:64) und zwei Vierteltöne gebildet wird (z. B. a-f-Viertelton unter f-e). Beide
Tetrachorde unterscheiden sich aufgrund ihres unterschiedlichen Aufbaus stark voneinander und
rufen deshalb eine jeweils spezifische Wirkung hervor; vgl. Boeth. mus. 1,21.
41 So stehen das chromatische Tongeschlecht (kleine Terz und zwei kleine Halbtöne, z. B. a-
fis-f-e) und das diatonische aufgrund des beiden gemeinsamen kleinen Halbtones einander näher
als das diatonische und das enharmonische, die keinerlei Gemeinsamkeiten hinsichtlich ihrer
Intervalle besitzen; vgl. die vorangegangene Anmerkung.
172 III. »De institutione musica«

Dass genau darauf das Augenmerk - gerade auch in den besagten Axio-
menkapiteln - liegt, soll anhand einer Prüfung der auf mus. 2, 6 folgenden
Axiomenkapitel noch wahrscheinlicher gemacht werden: Kapitel 2, 7 ruft
aus der »Arithmetik« in Erinnerung, dass alle Ungleichheitsverhältnisse aus
der Gleichheit hervorgehen, wie auch die Vielheit aus der Einheit, indem
aus drei gleichen Termen durch bestimmte Bildungsvorschriften vollständig
alle Arten von Zahlenverhältnissen in ihrer sachlichen Reihenfolge gene¬
riert werden.42 Bei der Bildung wird addiert, so dass die entstehenden Zah¬
len als Summen eine bestimmte Binnenstruktur aufweisen.
Zunächst sei kurz das Procedere in Erinnerung gerufen: Die Synthese
beginnt bei der Bildung der ersten Gattung der Vielfachen, d. h. der Dop¬
pelten. Ausgehend von den drei gleichen Termen 1-1-1 wird in der nun neu
entstehenden Reihe der erste Term gleich dem ersten Term gesetzt (also
wieder 1), der zweite gleich dem ersten und dem zweiten (also 1 + 1) und
der dritte gleich einmal dem ersten, zweimal dem zweiten und einmal dem
dritten (1+2+1). Die neu entstehende Reihe ist 1-2-4, d. h. eine Reihe des
Doppelten. Geht man noch einmal analog vor, entsteht die dreifache Reihe
1-3-9, nämlich 1-(1 + 2)-(l +2 + 2 + 4) etc. Kehrt man die Reihe des Dop¬
pelten um und geht nach derselben Bildungsvorschrift vor, so entsteht die
erste Gattung der epimoren Verhältnisse, also das Anderthalbe (nach der
Art 3:2). Aus 4-2-1 wird 4-6-9, da der erste Term gleich bleibt, der zweite
aus 4 und 2 und der dritte aus 4, zweimal 2 und einmal 1 zusammengesetzt
wird. Ausgehend von der dreifachen Reihe entsteht analog die Reihe des
epitriten (nach der Art 4:3), d. h. aus 9-3-1 entsteht 9-12-16 etc.
In allen diesen Reihen sind die Terme zusammengesetzt. Betrachtet man
sie genauer hinsichtlich ihrer jeweiligen Synthese, wird der wesentliche
Zusammenhang zwischen der Binnenstruktur eines jeden Terms und dem
Verhältnis, das er mit einem anderen bildet, augenfällig: Bei der Reihe des
Anderthalben 4-6-9, die aus der Umkehrung der Reihe des Doppelten (d. h.
aus 4-2-1) gewonnen wurde, war die 4 bereits gegeben, die 6 ist eine Sum¬
me aus 4 und 2, und die 9 aus einmal 4, zweimal 2 und einmal l zusam¬
mengesetzt. Die Terme 6:4 bilden demnach ein anderthalbes Verhältnis,
d. h. die 6 hat die 4 einmal als Ganze in sich und dazu noch einmal ihre
Hälfte, gerade weil die 4 das Doppelte von 2 und somit 6 als Summe aus 4
und 2 das Anderthalbe von 4 ist. Ähnlich verhält es sich bei 9:6, die hier
aufgrund ihrer Synthese als (4 + 2) und (4 + 2 + 2 + 1) aufgefasst werden.
Erst aufgrund diesei Teile bilden beide ein anderthalbes Verhältnis, denn
die 9 überragt die 6 um ihre beiden zuletzt angegebenen Teile (2+1), wel¬
che exakt die Hälfte der Teile von 6, also von (4 + 2), sind. Somit enthält

42 Vgl. Radke, 393-416 (inklusive einer inhaltlichen Zusammenfassung der gesamten Synthe¬
sis und einer Systematisierung).
1. Zahlenverhältnisse 173

die 9 die 6 einmal als Ganze und dazu noch einmal ihre Hälfte, weshalb
beide in einem anderthalben Verhältnis stehen.
Den Zusammenhang zwischen der Binnenstruktur der Terme eines Ver¬
hältnisses und ihrer jeweiligen Relation kann man an zahllosen Beispielen
in Anlehnung an mus. 2, 7 illustrieren. Um ihn auf andere Weise vor Augen
zu führen, sei auf mus. 2, 8 verwiesen, wo zwei Methoden vorgestellt wer¬
den, anhand derer man eine vorgegebene Anzahl von zusammenhängenden
epimoren Verhältnissen bilden kann; z. B. sind drei zusammenhängende
epitrite Verhältnisse in der Reihe 27-36-48-64 enthalten, denn 36 enthält die
27 einmal als Ganze und dazu noch einmal ihren dritten Teil, d. h. 9. Glei¬
ches gitl für 48:36 und 64:48. Bei beiden Methoden wird die entscheidende
Rolle der Binnenstruktur für die Bildung der Verhältnisse deutlich.
Zunächst zur ersten:43 In der Horizontale stehen die von der 1 ausgehen¬
den natürlichen doppelten Zahlen (wie aus mus. 2, 7 ersichtlich, gehen die
Epimoren von den jeweiligen Vielfachen aus), darunter jeweils die Terme,
welche ein epimores Verhältnis bilden, z. B. bei den Anderthalben:

2 4 8 16
3 6 12 24
9 18 36
27 54
81

Wie Boethius zur Erläuterung dieses Schemas sagt, hat die 2 als erste Zahl
einen Term, mit dem zusammen sie ein anderthalbes Verhältnis bildet.
Ausgehend von der 2 kann nur ein einziges anderthalbes Verhältnis gebildet
werden, da die 3 - gemäß der hier vorliegenden arithmetischen Lehre, bei
der Zahlen bestimmte Zusammenstellungen von Untereinheiten, d. h. min¬
destens Monaden (Einsen), sind - keine Hälfte hat, die eine Zahl ist. Man
muss also von einem Term immer dessen Hälfte bilden, sie zu diesem Term
addieren und unter ihn schreiben, um das obige Schema zu erstellen. Die
Binnenstruktur der Terme wird hier gröber als zuvor in mus. 2, 7 betrachtet,
weil es nur auf die Halbierung des kleineren Terms ankommt. (Etwa spielt
es bei 18:12 keine Rolle mehr, dass die 12 aus 8 und der Hälfte der 8 zu¬
sammengesetzt ist. Stattdessen gerät in den Blick, dass sie eine Hälfte hat.)
Dennoch ist sie unerlässlich. Schließlich bedeutet das Fehlen einer Hälfte,

43 Die erste in mus. 2, 8 behandelte Methode ist aus der Arithmetik bekannt (arithm. 2, 2, wo
sie enmusotaton theorema genannt wurde). Sie besitzt auch einen praktischen Nutzen, denn erst
wenn die entsprechenden Zahlen, die diese Verhältnisse bilden, gefunden sind, kann auch das
Monochord anhand dieser Maße richtig geteilt werden. Die zweite Methode bedient sich wieder
dreier Bildungsvorschriften, wird später in mus. 2, 29 angewendet und in mus. 4, 2 vorausgesetzt.
174 III. »De institutione musica«

dass der jeweilige Term mit keinem größeren Term ein anderthalbes Ver¬
hältnis bilden kann.
Die zweite Methode verdeutlicht die Synthese der Terme, die ein Zah¬
lenverhältnis bilden, in anderer Weise. Das kleinste anderthalbe Verhältnis
3:2 wird vervielfältigt, wodurch man auch zusammenhängende anderthalbe
Verhältnisse gewinnt, deren Terme diesmal Produkte sind. Verdoppelt man
etwa 2:3, dann entsteht 4:6, und um ein weiteres anderthalbes Verhältnis im
Vergleich zur 6 zu bilden, muss die 3 nochmals verdreifacht werden, so
dass 4-6-9 entsteht. Dieses Verfahren erinnert an die Bildung der Quadrat¬
zahlen, wo auch ausgehend von zwei Basiszahlen per Multiplikation neue
Zahlen geschaffen wurden. So wie sich die Quadratzahlen in der Größe
ihrer jeweils quadrierten Basiszahl unterscheiden, weisen auch hier die
Teile der einzelnen Terme Unterschiede auf. Aufgeschlüsselt in die Fakto¬
ren hat die Reihe 4-6-9 das folgende >Innenleben<: 2/2; 2/3; 3/3. Dass 6:4
ein anderthalbes Verhältnis ist, begründet sich folglich darin, dass die 4 die
2 und die 6 die 3 als Teil hat und dass bei beiden Termen der zweite Teil
gleich 2 ist. 6:4 enthält demnach die Verdopplung von 3:2. Analoges gilt
für 9:6.
Dass mit der stärkeren Abweichung der >Wurzelverhältnisse< vom Ver¬
hältnis der Gleichheit auch ein immer intensiveres Fortschreiten in die
Vielheit und Verschiedenheit bei den daraus entstehenden Verhältnissen
einhergeht, hegt auf der Fland, weil z. B. die aus 4:3 hervorgehenden Ver¬
hältnisse aus komplexeren und größeren Zahlen bestehen werden als bei
3:2, nämlich 9-12-16 etc.
Ist man einmal auf die entscheidende Rolle der Binnenstruktur der Ter¬
me in einem Zahlenverhältnis aufmerksam geworden, bestätigt sich in vie¬
len Kapiteln von Boethius’ Musiktraktat die These, dass erst die Binnen¬
struktur der Terme die Zahlen und somit das Zahlenverhältnis konstituiert,
und gleichzeitig, dass auf diese Binnenstruktur in der »Musiktheorie« nir¬
gends explizit hingewiesen wird. Sofern die Art der Synthese einer Zahl für
sich betrachtet Gegenstand einer arithmetischen Untersuchung ist, darf sie
auch nicht in der »Musiktheorie« vorgenommen werden. Im Hinblick dar¬
auf aber, dass in der Musiktheorie als der Wissenschaft von den Zahlrela¬
tionen keine von arithmetischen Sachverhalten unabhängige und losgelöste
Betrachtung stattlinden kann, sondern dass Zahlenverhältnis immer aus
Zahlen besteht, die jeweils eine bestimmte Zusammenstellung aus Unter¬
einheiten sind, muss gerade in den Axiomenkapiteln der Blick auf diese
innere Strukturiertheit gerichtet werden.
Besprochen wurden bisher mus. 2, 6-8. Auch in den übrigen Axiomen¬
kapiteln (mus. 2, 9-16) kommt zum Ausdruck, dass Zahlenverhältnis kein
nur äußerliches Inbezugsetzen ist: Kapitel 2, 9 betrachtet das Abweichen
von Zahlenverhältnissen von einfachen epimoren Verhältnissen, die trotz
1. Zahlenverhältnisse 175

ihrer Abweichung eine epimore Grundstruktur aufweisen. Z. B. werden 55


und 50 beide durch die 5 gemessen, so dass ihre Teile 11 und 10 im selben
Verhältnis stehen wie 55 und 50. Obwohl 58:53 und 53:48 von 55:50 ab¬
weichen, werden sie doch auf 55:50 und dementsprechend auf gleiche Teile
zurückgeführt, so dass ein Größenvergleich zwischen diesen drei Verhält¬
nissen möglich ist.
Aus mus. 2, lOf. geht hervor, welche Arten von Zahlenverhältnissen ent¬
stehen, wenn Vielfache mit sich selbst oder mit Epimoren u. Ä. zusammen¬
gesetzt werden. Setzt man etwa ein vielfaches Verhältnis mit sich selbst
zusammen, dann entsteht wieder ein Vielfaches, z. B. wird aus einem dop¬
pelten ein vierfaches Verhältnis: 1-2-4. Das Vierfache hat also eine Hälfte,
wie auch in der Anwendung auf erklingende Intervalle zu sehen ist, wo eine
Doppeloktave (4:1) in zwei Oktaven (2:1) zerlegt werden kann. Um noch
ein anderes Beispiel anzuführen: Das erste anderthalbe Verhältnis (3:2) und
das erste epitrite (4:3) ergeben zusammen (4:3:2) das erste vielfache (4:2,
d. h. doppelte), wie auch Quinte (3:2) und Quarte (4:3) zusammen eine
Oktave (2:1) ergeben. Wie eine auf derartige Weise zusammengesetzte
Oktave kein quasi innerlich leeres Intervall ist, man aber durchaus von ihrer
Teilung in Quarte und Quinte absehen kann, so ist auch ihr Zahlenverhält¬
nis (4:2) von einer inneren Bestimmtheit gekennzeichnet, die in der Reihe
4:3:2 deutlich wird, die aber auch vernachlässigt werden kann, wenn man
sich auf eine Betrachtung der Außenterme konzentriert.
Schließlich widmet sich Boethius in den abschließenden sechs Axio-
menkapiteln der geometrischen, arithmetischen und der harmonischen Rei¬
he (mus. 2, 12-17). Allein seine Feststellung, dass er die in einem Verhält¬
nis miteinander verglichenen Terme für Summen von Zahlen hält, spricht
für sich.44 In mus. 2, 15 bildet er ähnlich dem Procedere in mus. 2, 7 die drei
Arten von Reihen anhand von Bildungsvorschriften, so dass die entstehen¬
den Terme der Reihen wieder Summen aus bestimmten Untereinheiten
sind, aus denen sich erst die Art der Relation zu den anderen Termen er¬
klärt. Der Multiplikationsmethode von mus. 2, 8 entspricht die in mus. 2, 16
auf die harmonische Reihe 3-4-6 angewendete, wo die einzelnen Terme mit
sich selbst und untereinander multipliziert werden, so dass neue Terme
entstehen, deren Verhältnisse untereinander durch ihre jeweiligen Faktoren
konstituiert werden. Schließlich verweist das letzte Axiomenkapitel auf die
innere Struktur eines Zahlenverhältnisses, da es thematisiert, wie zwischen
zwei gegebenen Termen ein dritter gefunden werden kann, so dass eine
Reihe entsteht.

44 Boeth. mus. 2, 12 p. 241, 17f.: terminos autem voco numerorum surnmas.


176 III. »De institutione musica«

Die hier dargelegte Interpretation, dass die beiden miteinander verglichenen


Zahlen im Wesentlichen aufgrund ihrer spezifischen Binnenstruktur eine
bestimmte Relation bilden, wird durch eine Bemerkung von Philoponos
unterstützt:45 Im Rahmen seiner Ausführungen zum aristotelischen Wissen¬
schaftssystem und speziell zum Verhältnis zwischen der Musik und der ihr
übergeordneten Arithmetik beschreibt er nämlich die Erkenntnis des Arith-
metikers genauer. Während der praktisch tätige Musiker nur das gehörte
konsonante Intervall auf ein bestimmtes konsonantes Zahlenverhältnis
zurückführen kann, ist der Arithmetiker in der Lage zu begründen, warum
das Zahlenverhältnis konsonant ist. Die Begründung, die Philoponos für das
Beispiel Quarte mit dem Zahlenverhältnis 8:6 anführt, weist klar auf die
zentrale Rolle der Binnenstruktur der 8 und der 6 hin: Denn 8:6 »ist deshalb
konsonant, weil beide [sc. Terme] durch ein gemeinsames Maß gemessen
werden. Denn die 2 misst dreimal die 6, aber viermal die 8.«
Die Formulierungen bei Boethius ebenso wie die Scholien enthalten al¬
lerdings keinen expliziten Hinweis auf die Funktion der Berechnungen mit
den Quadratzahlen in mus. 2, 6, ebenso wie auch in der »Arithmetik«
i. d. R. keine direkte Auskunft über das anhand des Stoffes zu vermittelnde
Allgemeine gegeben wird.46 Nikomachos behandelt in zwei Dritteln des
Traktates nur Instanzen von Zahl. Der primäre Begriff von Zahl, der rein
begrifflicher Natur und allgemein ist, wird selbst überhaupt nicht in der
»Arithmetik« des Nikomachos und dem entsprechenden Werk des Boethius
thematisiert. Die zu Beginn der Schriften gegebenen Definitionen von Zahl
geben nur abstrakte Allgemeinbegriffe für den noch unkundigen Leser
wieder, deren inhaltliche >Füllung< und Verifizierung erst im Laufe des
Durchganges durch das Arithmetiklehrbuch geleistet werden muss.
Es ist davon auszugehen, dass in der »Musiktheorie« analog verfahren
wird. Eine auf Nikomachos basierende »Musiktheorie« (wie es die des
Boethius, zumindest was die ersten vier Bücher angeht, wohl ist) sollte
demnach lediglich Instanzen einsehbarer Sachverhalte verhandeln, nicht
diese Sachverhalte selbst, da auf deren Erkenntnis erst anhand der Instanzen
hingeleitet werden soll. Das dürfte besonders für Kapitel 2, 6 als erstem
Axiomenkapitel gelten, von dem man annehmen möchte, dass es Sachver¬
halte behandelt, die für die »Musiktheorie« von kardinaler Wichtigkeit sind.
Wenn die hier entwickelte Interpretation etwas Richtiges trifft, leistet
mus. 2, 6 einen entscheidenden Beitrag zur Musiktheorie im Allgemeinen,
da aus diesem Kapitel hervorgeht, dass die in der Musiktheorie betrachteten
Zahlenverhältnisse erst in ihrem Wesen zu verstehen sind, wenn die zuein¬
ander in Bezug gesetzten Zahlen selbst mit ihrer jeweils spezifischen inne-

45 Philop. in anal. post. 117, 14-26.


46 Vgl. Radke, 303f.
1. Zahlenverhältnisse 177

ren Struktur in den Blick genommen werden. In diesem Sinne verweist die
Musiktheorie wieder zurück auf die Arithmetik. Auch wenn in der »Musik¬
theorie« die innere Beschaffenheit der Zahlen in Relation weitgehend aus¬
geblendet wird, kann sie doch ihrem Wesen nach auf die Zugrundelegung
innerlich strukturierter Zahlen keineswegs verzichten.

1.3 Zahlenverhältnis als Form des erklingenden Intervalls

Welche Rolle spielen die Zahlenverhältnisse in Boethius’ »Musiktheorie«


konkret? Da sich die überlieferten ersten fünf Bücher mit derjenigen Musik
befassen, »von der man sagt, dass sie in bestimmten Instrumenten be¬
steht«,47 soll die Frage im Hinblick auf diese sogenannte musica instrumen-
talis genauer formuliert werden: Welche Rolle spielen die Zahlen Verhält¬
nisse laut Boethius für die hörbaren musikalischen Phänomene?
Dieser Problemstellung wird nun ausführlicher nachgegangen. Und das
nicht nur, weil ihr bislang in der Forschung keine gesonderte Aufmerksam¬
keit geschenkt wurde, sondern auch, weil ihre Beantwortung eine genauere
Verortung der Musiktheorie zwischen Naturwissenschaft und Philoso¬
phie/Theologie ermöglicht. Denn wenn eine Arithmetik sowohl auf intelli-
gibler als auch auf rationaler Ebene verfasst werden kann,48 zudem auch ein
Lehrbuch der Rechenkunst (Logistik), das sich durch eine starke Anwen-
dungsbezogenheit auszeichnet, dann ist auch eine Behandlung der Musik¬
theorie auf verschiedenen Ebenen möglich. Da in der »Arithmetik« nur mit
rational erfassbaren Zahlen operiert wird und die Musiktheorie ihr sachlich
nachgeordnet ist, wäre es plausibel anzunehmen, dass Boethius’ Musiktrak¬
tat auf einer niederen Ebene als die »Einführung in die Arithmetik« ein¬
setzt. Darauf deutet auch der stärkere Einsatz von Vorstellung und Wahr¬
nehmung neben dem rationalen Denken in der Musiktheorie hin.

1.3.1 Zum Stand der Forschung

Nach der sachlichen Priorität umfasst die Arithmetik mehr an Bestimmtheit und
unterscheidbaren Inhalten als die aus ihr abgeleitete Musik(theorie), weil ... die Lehre
von der >Zahl, selbst für sich selbst betrachtet (= Arithmetik) die begrifflichen Vor-

47 Boeth. mus. 1,2 p. 189, 6f.: musica quae in quibusdam consistere dicitur instrumentis (con-
sistere - »zusammenstehen«, i. d. R. mit dem Bedeutungsfeld: »sich aufstellen«, »seinen Platz
einnehmen«, »stehen bleiben«, »verweilen«, »Halt gewinnen«, »zur Ruhe kommen«; dazu s. u.
188 Anm. 92). - Wie Haas, Studien, 344, zu Recht einfordert, sollte man, statt von musica instru¬
mentale zu sprechen, lieber die präzisere Formulierung des Boethius ernst nehmen. Denn es geht
nicht um tönende Musik, sondern Boethius meint »eine musica, die in bestimmten Instrumenten
>angelegt<, >fest eingerichtet, >vorhanden< ist«; vgl. dazu Reckow, 59.
48 S. o. II.4.lf.
178 III. »De institutione musica«

aussetzungen der Lehre von der »Zahl, in Relation betrachtet enthält, so wie einzelne
hörbare Harmonien als etwas Harmonisches und Schönes nur dadurch und deshalb
erkennbar sein können, weil in diesen wahrnehmbaren Harmonien bestimmte Zahlen¬
verhältnisse verwirklicht sind. Die hörbare Musik ist nicht unabhängig von ihrer
theoretischem Begründung und Bestimmung konkret und anschaulich (in einem
positiven Sinn), sondern als etwas Schönes und Bestimmtes erkannt wird sie nur in
den Hinsichten, in denen sie Anteil an etwas Begrifflichem, Nichtwahmehmbarem,
nämlich an der Verwirklichung von Gleichheit und Ungleichheit in bestimmten
Zahlverhältnissen hat.49

Eine derart konkrete und - wie im Folgenden gezeigt werden soll - auf
Boethius’ »Musiktheorie« tatsächlich zutreffende Aussage zur Rolle der
Zahlenverhältnisse für die erklingenden Intervalle findet sich in der For¬
schung zur pythagoreisch-platonischen Musiktheorie selten. Obwohl die
Frage, welche Relevanz die betrachteten Zahlenverhältnisse eigentlich für
die hörbaren Intervalle besitzen, genau auf das Zentrum der boethianischen
Musiktheorie zielt, zählt sie bislang nicht zu den zentralen Forschungsthe¬
men. Vielmehr scheinen den Zahlenverhältnissen i. d. R. mehr oder minder
bewusst und begründet, aber doch einvernehmlich, Funktionen zugeschrie¬
ben zu werden, die dem Text des Boethius schwerlich zu entnehmen sind.
Unzählige vorsichtige, mehrdeutige und widersprüchliche Aussagen, aber
auch immer wieder sinnentstellende Übersetzungen der entsprechenden
Textpassagen weisen auf das große Problem hin, das uns die offensichtlich
wenig vertraute Theorie des Boethius und seiner Denktradition bereitet.50

Ma thema tisie rung


Eine gängige Interpretationsmöglichkeit besteht darin, die in der »Musik¬
theorie« betrachteten Zahlenverhältnisse als ein Mittel zur Erkenntnis von

49 Radke, 127.
50 Beispielsweise gilt dies für die Monographie von Münxelhaus; vgl. etwa die changierenden
Aussagen auf p. 74 zu mittelalterlichen Autoren, die sich eng an Boethius’ Lehre anlehnen (Kursi-
vierung der signifikanten Formulierungen durch die Autorin): »Die [sc. mittelalterlichen] Autoren
integrieren in ihre musiktheoretischen Schriften arithmetische Abhandlungen .... die neben der
Begründung der Konsonanzen von der Arithmetik her auch gerade den Zweck haben, die Konso¬
nanzen eindeutig zu bestimmen: Die Bezeichnungen diapason [»durch alle (sc. Saiten) hindurch<,
d. h. Oktave] usw. zeigen nicht von sich aus an, welche Zahlenverhältnisse ihnen zugrundeliegen.
Sie geben lediglich die Zahl der Tonstufen an, die in den konsonanten Intervallen jeweils enthalten
sind. Da aber nichts darüber ausgesagt wird, um welche Tonschritte es sich handelt, sind diese
Bezeichnungen nicht eindeutig. Genau festgelegt werden die Konsonanzen erst durch die arithme¬
tischen Verhältnisse duplum ... usw. Darüber hinaus liefert die arithmetische Lehre von den
Zahlenverhältnissen die Möglichkeit, eine Rangfolge innerhalb der fünf Konsonanzen aufzustellen,
die nicht nur vom Gehöreindruck bestimmt ist, sondern durch die Ordnung der Zahlenverhältnisse
abgestützt wird.« - Auch Caldwell, 221, spricht in seinem MGG-Artikel »Boethius« undifferen¬
ziert »von den numerisch (durch rationes) definierten Tonbeziehungen« und gleichzeitig von den
»Intervalle[n] als Zahlenverhältnisse[n]«.
I. Zahlenverhältnisse 179

Musik zu verstehen, das nachträglich an die Phänomene herangetragen


wird. Man könnte von einer Mathematisierung sprechen, mit Hilfe derer
hörbare Phänomene wissenschaftlich exakt erfasst werden sollen, ohne dass
den Intervallen selbst eine solche Zahlhaftigkeit zugestanden wird. Die
Methode ihrer Erfassung leitet sich demnach nicht aus dem Wesen der Töne
her.
So heißt es in C. Bowers Übersetzung der »Einführung in die Musiktheo¬
rie«, dass Zahl ein Mittel zur Erkenntnis von Musik sei.51 Das Kapitel mus.
2, 20 sei ein »classic summary of Pythagorean quantification of sound«.52
Das gesamte zweite Buch befasse sich mit den Verhältnissen der Intervalle
und appliziere die Axiome, d. h. bestimmte Zahlenverhältnisse, auf die
primären Konsonanzen: »Although book 2 demonstrates the ratios of all
intervals, its primary focus is on mathematical axioms and the application
of these to the primary consonances«.53 Noch deutlicher wird Bowers Ver¬
ständnis der Zahlenverhältnisse in einem seiner Artikel: »The overriding
concern of Boethius’ treatise is the creation of a quantitative order for the
world of sound so that it can be govemed by reason.«54
Eine ähnliche Ansicht vertritt F. Hentschel.55 Er will Boethius’ Begrün¬
dung für die Unteilbarkeit des Ganztones in zwei gleiche Halbtöne auf¬
grund des epimoren Zahlenverhältnisses widerlegen und meint: Selbst wenn
ein Ganzton durch 9:8 dargestellt werden kann, müssen Eigenschaften des
Zahlenverhältnisses nicht notwendig dem Ganzton zukommen. Diese Aus¬
sage verdeutlicht, dass auch Hentschel hier unter Zahlenverhältnis eine dem
Phänomen quasi von außen aufgedrängte Klassifikationskategorie versteht,
die zum entsprechenden Ton in keinem ursächlichen Zusammenhang steht.
Auch M. Walter teilt diese Auffassung:56

51 Bower, Übersetzung, XX.


52 Ebd. 76 Anm. 76.
53 Ebd. XXXII.
54 Modes, 253. Entsprechend übersetzt er die Überschrift von mus. 2, 28 »in welchen kleinsten
[sc. Zahlenverhältnissen] die Form des Halbtones besteht« (in quibus minimis semitonii forma
consistit) mit: »concerning the semitone: in what smallest numbers it is found«. Dort, wo Boethius
vom »Auffinden« (inveniri) spricht (2, 18 p. 249, 18-20), übersetzt Bower, 72, mit »associating«:
»Now we should add the justification given by the Pythagoreans for associating musical conso¬
nances with the ratios discussed above« (»nun scheint jenes anzufügen zu sein, auf welche Weise
die Pythagoreer beweisen, dass die musikalischen Konsonanzen in den zuvor genannten Verhält¬
nissen aufgefunden werden« - nunc illud videtur addendum, quemadmodum Pythagorici probent
consonantias musicas in praedictis proportionibus inveniri)', vgl. auch Bower, Role of mus.. 166:
»The one position [sc. die des Boethius] would hold and control the elements of music, thus it
must objectify them through quantity.«
55 Hentschel, Ganztonteilung, 43f.
56 M. Walter, 71.
180 III. »De institutione musica«

Das durch die Ratio bestimmte Verhältnis der Konsonanzen ist jedoch nicht ursäch¬
lich für deren Vollkommenheit der Klangverschmelzung. Vielmehr ist deren Propor¬
tion lediglich die analytische Beschreibung eines Sachverhalts.

Über diese Feststellung geht noch die Polemik von A. Barker hinaus, der
die Musiklehre des Aristoxenos vehement gegen die pythagoreisch¬
platonische Theorie zu verteidigen sucht. So lässt er sich nicht nur gleich zu
Beginn eines Aufsatzes zu einer fragwürdigen Einschätzung,57 sondern auch
zu vernichtenden Urteilen über die Musiktheorie platonischer Provenienz
hinreißen.58
Es ließen sich zahlreiche andere Beispiele für die >Mathematisierungs-
these< Zusammentragen,59 doch begründet wurde dieser Interpretationsan¬
satz bislang ebensowenig wie konsequent verfochten, obwohl es dafür
durchaus philologische Hinweise in antiken Texten gibt.60 Die oben ange¬
führten Zitate sind vielmehr allesamt nur eingestreute Bemerkungen in

57 Barker, Theory of Science, 188: »It is agreed on all sides that Aristoxenus was the giant of
Greek musicology.«
58 Barker, Melos, 151: Im Unterschied zur pythagoreischen Lehre beschreibe die des Aristo¬
xenos, in welcher Weise »pitch differences are quite ordinarily perceived. It was not an abstruse,
scientific hypothesis about their causation, or about some aspect of their nature that is hidden from
the untutored ear.« Aristoxenus erfasse wirklich hörbare, präsente Charakteristika, »not by invent-
ing others that our hearing cannot detect«. Eine weitere Stellungnahme gibt Barker ebd. 154:
»There is no reason to suppose, as Plato and the Pythagoreans had done, that the boundaries
between melodic forms in which musical perception finds important differences of character fall in
the same places as distinctions which look interesting and significant from a mathematical point of
view.« Allerdings plagt ihn dann das Problem, dass Intervallgrößen doch eine Relevanz für ihren
Gehöreindruck besitzen (ebd. 155f. zu Aristox. harm. 55, 3-7): »The problem is serious and
vexing ...« Dennoch schlägt er sich auf die Seite des Aristoxenos und plädiert gegen eine Har¬
monisierung beider Lehrrichtungen: »... yet the aesthetic distinctions that Aristoxenus makes, and
whose significance was admitted on all sides, seem stubbomly to have resisted all Greek attempts
at reduction to schemes falling under elegant mathematical laws«.
59 Drei weitere Beispiele seien noch angeführt: Barbera, Error, 28, meint, dass der Ton durch
das Zahlenverhältnis 9:8 charakterisiert werde und dass 6 Töne durch sechsmal 9:8 repräsentiert
würden. Am Ende des Aufsatzes stellt er aber fest, dass Zahl eine höhere Wahrheit als ihr wahr¬
nehmbares »display« hat und dass Zahlen keine Charakterisierung von Realität sind, sondern
selbst real (ebd. 41). - Auch Potiron, der Autor der einzigen Monographie über Boethius als
Musiktheoretiker, glaubt, dass bei Boethius Zahlenverhältnisse auf Intervalle appliziert werden,
z. B. 48: »Donc l’octave ... est representee par la plus elementaire des proportions, le rapport
double 2/1 ...«. - Pizzani, Influence of mus., 103, schreibt: »... according to Boethius, music ... is
[sc. neben der Ethoslehre] a mathematical Science, studying the relationships between the different
tones perceived by the human ear and reducing them to numerical ratios«.
60 Einige geeignete Passagen bietet etwa Ptolemaios, der sich zum Verhältnis zwischen Zah¬
lenverhältnis und erklingendem Intervall nicht sehr präzise äußert. So heißt es in harm. I 5 p. 11,
18f•, dass die Pythagoreer Zahlen mit Tönen vergleichen und Verhältnisse den Konsonanzen
passend zufügen (ecpapgöoavTa; 5fj 5iä toiruo rotk; empopiouq Kat Ttokkankaoiout; köyotx; Taiq
anptpcoviaic;, xf|v pev 8iö 7raotbv 7tpoad7iTouoi rep Sirtkaoicp köycp, ...), während er sich andererseits
im ersten Kapitel (s. u. Anhang 3.9) für eine rationale Erklärung der musikalischen Phänomene
ausspricht und diese selbst im Laufe des ersten Buches mittels numerischer Betrachtungen leistet.
Wie aber Porphyrios feststellt, folgt Ptolemaios meistens den Pythagoreem (in harm. 9, 1).
1. Zahlenverhältnisse 181

Forschungsbeiträgen. Im Übrigen schwanken die Autoren häufig zwischen


verschiedenen Interpretationsansätzen, darunter auch der oben mehrfach
zitierte Bower.
Die Deutung der Beziehung Intervall-Zahlenverhältnis als »Ausdrucks¬
oder Repräsentationsbeziehungen«, hat O. Busch in seiner Studie zur »Sec¬
tio canonis« zu Recht mit Hinweis auf die Unzulänglichkeit diverser Über¬
setzungen abgelehnt.61 Da sich seine knappen Ausführungen vornehmlich
auf die »Sectio canonis« beziehen und auf eine vom philologischen Stand¬
punkt her nicht gänzlich überzeugende Stelle stützen,62 muss die Diskussion
indes weitergeführt werden.

Identifikation der Zahlenverhältnisse mit den Intervallen


Eine weitere von Bower und anderen vertretene Interpretation der Rolle der
Zahlenverhältnisse besteht darin, die klingenden Intervalle mit den Zah-
len(verhältnissen) gleichzusetzen. Dieser Ansatz schlägt sich etwa in der
Übersetzung von M. L. D’Ooge nieder: Während die Intervalle laut Niko-
machos zahlhafte harmonische Verhältnisse haben,63 sind (»are«) sie gemäß
der Übersetzung Zahlenverhältnisse. Ähnlich fasst Bower in seiner Über¬
setzung die Kapitel mus. 1, 3-8 zusammen: »sound as quantity and rati-
os«.64 Und Hentschel hält es für eine verdeckte Prämisse, dass ein Ganzton
ein überteiliges Zahlenverhältnis »ist«.65
Auch für ein solches Verständnis wurde keine wissenschaftliche Theorie
entwickelt. Wie bei der >Mathematisierungsthese< handelt es sich lediglich
um verstreute Bemerkungen in der Forschungsliteratur, die dem Leser eine
Vorstellung vermitteln, die mit Boethius’ Text nicht zu vereinbaren ist.66

61 Busch, 122 mit Anm. 21.


62 S. u. 181f. Anm. 66.
63 Nikom. arithm. 1,5p. 10, 23 — 11, 10.
64 Übersetzung, XXX. Boethius vernachlässigt ab und zu die Distinktion zwischen Zahlenver¬
hältnis und Intervall. Dennoch sollten Stellen, an denen sie explizit vorgenommen wird, genau
übersetzt werden, z. B. mus. 3, 13 p. 293, 5f.: »es ist also gezeigt worden, dass der kleinere Halb¬
ton ein größeres Verhältnis hat als ...« (demonstratum igitur est semitonium minus maiorem
quidem habere proportionem quam ...). Bower, Übersetzung, 109, schreibt: »Therefore the
semitone has been demonstrated to be a ratio larger than ...«
65 Ganztonteilung, 44.
66 In der »Sectio canonis« hingegen werden tatsächlich Zahlenverhältnisse und Intervalle
gleichgesetzt: vgl. Busch. 121 f. mit Anm. 21—23 und z. B. Eukl. sect. can. 158, 8. »Das Intervall
Oktave ist ein vielfaches« (tö 6id naoüv StäaiTipä eoxt 7toXka7iX.dotov). Busch fasst zusammen,
»daß die Zahlenverhältnisse Intervalle nicht etwa ausdrücken oder darstellen, sondern daß Töne
Zahlen und Intervalle Zahlenverhältnisse s i n d.« Allerdings zeigt das die von ihm angeführte
Stelle (Eukl. sect. can. 149, 20-23) nicht eindeutig. Dort heißt es, dass die Intervalle Sache der
Zahlen sind bzw. gemäß Büschs Übersetzung »zu [sc. ihnen] ... gehören«, was nicht notwendi¬
gerweise für eine Gleichsetzung beider spricht, sondern auch als Hinweis auf die Ursächlichkeit
der Zahlen für die erklingenden Intervalle gewertet werden kann. Büschs Verallgemeinerung
182 III. »De institutione musica«

Intervalle als »Verkörperungen« von Zahlen


Die dritte Möglichkeit kommt der in dieser Studie vertretenen recht nahe.
Der Ansatz besteht darin, die erklingenden Intervalle für Verkörperungen
von Zahlen zu halten, z. B. verkörpern (»embody«) die Intervalle Quinte
und Quarte die Tetraktys 12:9:8:6.67 Diese Aussage passt durchaus zu dem,
was wir über die philosophischen Grundpfeiler des Neuplatonismus wissen:
Die Intervalle werden durch Zahlenverhältnisse gebildet, die gleichsam in
einen wahrnehmbaren Körper gebracht werden, so dass etwas Wahrnehm¬
bares aus Form (Zahlenverhältnis) und Materie entsteht. Da die entspre¬
chenden Äußerungen in der Forschungsliteratur allerdings nicht oder kaum
Boethius’ philosophische Konzepte, v. a. nicht die Rolle von Form und
Materie, thematisieren, bleibt der wahre Gehalt der verwendeten Formulie¬
rungen in der Schwebe. Dafür, dass Bower ein solches Verständnis inten¬
diert, findet sich auch nur ein einziger Anhaltspunkt, nämlich seine Rede
von »musical incarnation of those ratios«.68

1.3.2 Zahlenverhältnisse als spezifische Charakteristika der Intervalle


Welche Funktion erkannte Boethius den Zahlenverhältnissen gegenüber den
erklingenden Intervallen zu? Im Folgenden wird zunächst allgemein vor
dem Hintergrund der Wissenschaftskonzeption dargestellt, dass ein Zahlen¬
verhältnis ein erklingendes Intervall wesentlich charakterisiert und deshalb
seine wissenschaftliche Erforschung ermöglicht (III.1.3.2f.), während an¬
schließend konkret die Funktion der Zahlenverhältnisse als Formursache
dargelegt wird (III. 1.3.4f.).
Eine Wissenschaft kann sich niemals einzig und allein auf Empirisches
richten. Stattdessen strebt sie eine Erkenntnis der unmittelbaren Vorausset¬
zungen des jeweiligen Phänomens an (propter quid).69 Aristoteles stellt fest,
dass die Mathematik den Grund für etwas angibt, während z. B. in der prak¬
tisch orientierten Harmonik nur Phänomene festgestellt werden, d. h. das
»dass« wird konstatiert und nicht das »deshalb weil« ermittelt. Philoponos
kommentiert diese Stelle folgendermaßen:70

Die Musik der Pythagoreer beurteilt das Intervall unterscheidend mit dem rationalen
Denken, nicht mit der Wahrnehmung. Die gewöhnliche Musik des Volkes freilich
beurteilt ausschließlich mit der Wahrnehmung das unharmonisch und das harmonisch
Gefügte. Deshalb kennt diese nur das »dass«, z. B. dass das Intervall konsonant ist.
Die mathematische [sc. Musik] hingegen [sc. kennt] auch den Grund [bzw. das Ver-

seines Ergebnisses hinsichtlich der »Sectio canonis« auf die Pythagoreer überhaupt bedarf weiterer
Belege und einer differenzierten Diskussion.
67 Bower, Übersetzung, XXII.
68 Ebd. XXIV.
69 S. o. v. a. 1.2.5; 2.8 und Aristot. anal. post. 78b32-79al6.
70 Philop. in anal. post. 180, 6-10.
1. Zahlenverhältnisse 183

hältnis: Logos] dessentwegen es konsonant ist. Deshalb verspottet sie [sc. die genann¬
ten Leute] auch ein gewisser Jemand [sc. Glaukon] zu Recht, indem er sagt, dass sie
den Ohren vor dem Intellekt den Vortritt lassen [Plat. pol. 530e7-53lc5].

An der Stelle der »Politeia«, auf die Philoponos hier anspielt, besprechen
Sokrates und Glaukon die Musik im Rahmen der mathematischen Ausbil¬
dung der angehenden Philosophen.71 Sie machen sich über die voller Ernst
und Akribie vorgehenden Empiriker unter den Musikern lustig, die allein
mit den Ohren auf die Jagd nach dem kleinsten Intervall gehen, dabei die
Saiten wie Gefangene quälen und auf diese Weise zu keinem allgemein
anerkannten und haltbaren Ergebnis kommen:

Denn sie suchen in diesen gehörten Intervallen Zahlen, aber sie gehen nicht zu den
Problemen hoch: zu betrachten, welche die konsonanten Zahlen sind und welche
nicht und weshalb ein jedes von beiden [sc. so ist].

Das Übersteigen der Ebene, auf der sich die untersuchten Gegenstände
befinden, und damit einhergehend das Ermitteln der tatsächlichen Gründe
für die empirischen Phänomene ist zwar eine gewaltige, aber für die Suche
nach dem Schönen und Guten unerlässliche Aufgabe. Wird sie vernachläs¬
sigt, dann verlieren die Musik und die anderen mathematischen Disziplinen
ihren Nutzen.72
Diese Passage bildet den Hintergrund für die Konzeption von Boethius’
mathematischen Schriften. Das zeigt sich zum einen daran, dass sie im
Proömium zur Arithmetikschrift als Teil der Ausführungen Platons zum
mathematischen Curriculum in der »Politeia« gedanklich präsent gemacht
wird.73 Zum anderen äußert sich Boethius selbst gleich zu Beginn der »Mu¬
siktheorie« zu deren Wissenschaftlichkeit und zur Rolle von Wahrnehmung
(,sensus) und Denken (ratio). Dieser Passage ist zu entnehmen, dass Boethi¬
us unter Zahlenverhältnissen etwas verstand, was verschieden von den
hörbaren Intervallen ist und ihnen als nicht-wahrnehmbare Ursache voraus¬
geht.74
Boethius unterstreicht an dieser Stelle zunächst, dass die Wahrnehmung
so natürlich zum Menschen gehört, dass man gewöhnlicherweise nicht
einmal darüber reflektiert, wie sie funktioniert. Obwohl der Mensch bestän¬
dig und ohne Schwierigkeiten75 die Sinne und speziell das Gehör nutzt,

71 Plat. pol. 531cl-4.


72 Ebd. 531c5-8.
73 Nikom. arithm. 1, 3 p. 8, 8 - 9, 4 und Boeth. arithm. 1, 1 p. 10, 1-7 (s. u. Anhang 1).
Boethius lässt allerdings diejenige »Politeia«-Passage aus, in der der praktische Nutzen der Ma¬
thematik als Hauptmotivation für deren Studium abgelehnt wird, und weist nur kurz auf die
theoretische Zielstellung hin.
74 Boeth. mus. 1, 1 p. 178, 24 - 179, 16.
75 Die Sinne sind unmittelbar zur Hand (inlaboratum). Einige Glossen bieten auch Synonyme
wie: »ohne Mühe«, »angeboren«, »spontan« (Glossen 50a—52 zu mus. 1, 1). Bower übersetzt
184 III. »De institutione musica«

können nur wenige Auskunft über ihre Natur und die Natur des Wahrge¬
nommenen - Boethius differenziert hier nicht klar zwischen beidem - ge¬
ben:

Wenn dagegen einer ein Dreieck oder ein Quadrat erblickt, erkennt er leicht das, was
er mit den Augen ansieht; was denn aber die Natur von Quadrat oder von Dreieck ist,
muss er vom Mathematiker erfragen. Dasselbe kann auch über das übrige Wahr¬
nehmbare gesagt werden, und am meisten über das Urteil der Ohren ...

Der Unterschied zwischen der Wahrnehmung und der geistigen Erkenntnis


kommt hier besonders deutlich zur Geltung, da beide nicht nur gegeneinan¬
der abgegrenzt werden, sondern sogar mit verschiedenen Menschen - dem
Laien76 und dem Mathematiker77 - assoziiert werden.
Das Dreieck wurde im Anschluss an Aristoteles in der Aristoteles-
Kommentierung immer wieder zur Erkläaing des Unterschiedes zwischen
der einzelnen wahrnehmbaren Instanz und dem allgemeinen Sachverhalt
»Dreieck« verwendet,78 denn es leuchtet leicht ein, dass wahrnehmbare
Dreiecke bestimmte Verwirklichungen darstellen (rechtwinklig, spitzwink¬
lig oder stumpfwinklig, mit bestimmter Größe, aus bestimmten Materialien
etc.), während die Sache »Dreieck« (ebene Figur mit einer Innenwinkel¬
summe von zwei rechten Winkeln) nicht wahrnehmbar ist. Wer nicht etwas
sucht, das den einzelnen Dreiecken sachlich vorgeordnet ist und damit nicht
mehr auf derselben ontologischen Ebene neben ihnen steht, wird auch durch
empirische Erhebungen an unzähligen Dreiecken nicht zur Wesenserkennt¬
nis von Dreieck gelangen.79
Ebendiese Unterscheidung zwischen der Wesenserkenntnis des geistig
forschenden Fachmannes und der eingeschränkten Kompetenz des lediglich
wahrnehmenden Laien trifft laut Boethius nicht nur beim Sehen, sondern
bei allen Wahrnehmungen - auch beim Hören - zu, worauf er mit den ein-

inlaboratum est enim quod sensum percipiendis sensibilibus rebus adhibemus (Boeth. mus. 1,1p.
179, 2-A) hingegen: »For it is indisputable that we use our senses to perceive sensible objects.«
76 Boethius wählt die Bezeichnung vulgus (»Volk«, »Masse«). Sie grenzt im neuplatonischen
Kontext häufig echte Sachverständige, die über ein fundiertes Wissen in einer speziellen Kunst
oder Wissenschalt verfügen, von der Masse der Menschen ab, die in ebendieser Hinsicht ungebil¬
dete Laien sind. Diese Distinktion geht auf Platon zurück; vgl. z. B. pol. 479d3-5: Die Masse hält
die vielen einzelnen Dinge tür schön und erkennt im Unterschied zum wahren Philosophen nicht
das Schöne an sich.
77 Die Glossen 92a-c zu mus. 1, 1 weisen darauf hin, wie wichtig es ist, »Mathematiker« rich¬
tig mit h zu schreiben: Wird das Wort mit h geschrieben, ist ein Gelehrter gemeint. Dagegen ist ein
matematicus jemand, der nichtigen Dingen dient (gleichsam ein Geleerter). Hier wird an das
griechische püiTyv (maten - »töricht«, »unnütz«) gedacht, während Mathematik(er) auf dem
griechischen Wort pa6eiv (mathein - »lernen«) basiert.
78 Vgl. Aristot. anal. post. 73b25-74a3 und z. B. Philop. in anal. post. 69, 16 - 80, 3.
79 Zur Identität des Allgemeinen in den »Zweiten Analytiken« mit'dem Eidos in der »Meta¬
physik« des Aristoteles vgl. Pietsch, v. a. 52-57.
1. Zahlenverhältnisse 185

führenden Sätzen die Aufmerksamkeit lenkt. Per analogiam lässt sich aus
dem Beginn von »De institutione musica« schließen, dass das Hören eine
natürliche Erkenntnisweise des Menschen ist, auf deren Basis das Gehörte
durchaus als etwas Bestimmtes wiedererkannt, aber nicht das Wesen des
Gehörten angegeben werden kann. Wie beim Sehen handelt es sich um eine
alltägliche Tätigkeit des Menschen, bei der sich selten ein Anlass zum wei¬
teren Hinterfragen und Erforschen des Höraktes und der damit zusammen¬
hängenden Aspekte findet, solange der Hörende widerspruchsfreie Ergeb¬
nisse erzielt. Andernfalls stellt man Fragen wie: Warum kann man über¬
haupt hören? Was ist das Gehörte eigentlich? Warum klingt etwas im
Gegensatz zu etwas anderem angenehm? Warum empfinden i. d. R. alle
Menschen eine Oktave als angenehm, eine kleine Terz hingegen bisweilen
nicht? Somit muss sich eine musiktheoretische Unterweisung auf die Ver¬
mittlung der wesentlichen Merkmale des Hörbaren (»spezifische Charakte¬
ristik der wahrnehmbaren Dinge« — rerum sensibilium proprietas),&0 die
nicht mehr unmittelbar wahrnehmbar, sondern durch rationale Erkenntnis¬
akte erkennbar sind, richten. Dieser Erkenntnisgegenstand wird im Zusam¬
menhang mit den Forschungen des Pythagoras auch tota ratio, d. h. die
ganze Ursache, die ganze Begründung, die rationale Ursache, das ganze
rational erfassbare Wesen, genannt.81
Philoponos vertritt dieselbe Auffassung wie Boethius. Er verwendet u. a.
das Beispiel der Musik, um den Unterschied zwischen wissenschaftlicher
Erkenntnis und an der Wahrnehmung orientierter Meinung zu belegen.82
Besonders wichtig für unseren Zusammenhang ist sein Hinweis darauf, dass
die Wahrnehmung die von ihr erfassten Qualitäten nicht als akzidentell oder
substanziell einschätzen kann, während wissenschaftliches Erkennen -
gesetzt, es findet wirklich als solches statt - die substanzielle Qualität er¬
fasst, z. B. im Falle von Intervallen das Verhältnis, das die Saiten zueinan¬
der haben.83
Die Analogie zwischen Geometer und Musiktheoretiker dürfte nicht nur
darin liegen, dass sich beide theoretisch mit dem Wesen des Wahrnehmba¬
ren beschäftigen, sondern auch die Funktion der entsprechenden empiri¬
schen Phänomene betreffen: Wie beim Dreieck die Frage nach dem Wesen
von Dreieck der Wahrnehmung eines oder mehrerer sichtbarer Dreiecke
folgt, so wird auch der Ausgangspunkt für musiktheoretische Fragestellun¬
gen und Forschungen in empirischen Beobachtungen liegen. Wer noch nie
Oktaven gehört hat, wird kaum der Frage nachgehen, worin das Wesen von

80 Boeth. mus. 1, 1 p. 179, 5f.


81 Ebd. 1,11p. 198. 12f.
82 Philop. in anal. post. 306, 20 - 307, 33.
83 Ebd. 307, 10-13.
186 III. »De institutione musica«

Oktave besteht. Dementsprechend schließt Boethius das Hören auch nicht


aus der »Musiktheorie« aus, sondern definiert es im Anschluss an Ptole-
maios als das gröbere und relativ unzuverlässige Instrument der Erkenntnis,
das die Vorarbeit für das entscheidende Erkenntnisvermögen, die ratio,
leistet.84
Boethius’ Bild vom Musiker könnte man demnach mit folgendem Bei¬
spiel illustrieren: Im Gegensatz zum Laien wird er das Hören eines phil¬
harmonischen Konzertes nicht nur als >schön< empfinden, sondern sich
aufgrund seines Wissens ein profundes Urteil über Komposition und Dar¬
bietung erlauben können, die vorgetragenen Stücke z. B. als Symphonie,
Konzertouvertüre oder Variationssatz identifizieren und umso stärker Ge¬
fallen an einer professionellen Aufführung finden.
Boethius lenkt den Blick speziell auf die Zahlenverhältnisse, die als
»spezifische Charakteristika« (proprietates) musikalischer Melodien von
den hörbaren Intervallen verschieden sind und denen er eine Schlüsselrolle
in der Musiktheorie einräumt. So beschließt er das erste Kapitel der Musik¬
schrift mit den folgenden beiden Sätzen:85

Deshalb muss das Vermögen des Denkens (vis mentis) darauf gerichtet werden, dass
das, was von Natur aus eingepflanzt ist, auch als durch Wissen(schaft) (scientia)
Begriffenes erfasst werden kann. Wie es nämlich auch beim Gesichtssinn den Gebil¬
deten nicht ausreicht, Farben und Formen zu erblicken, wenn sie nicht auch aufge¬
spürt haben, was deren spezifische Charakteristik ist, so reicht es nicht aus, von
musikalischen Melodien ergötzt zu werden, wenn man nicht auch lernt, durch welche
Proportion der Töne sie untereinander verbunden sind.

1.3.3 Philologische Indizien


Dass die Zahlenverhältnisse aus Boethius’ Perspektive keine nachträglich
an die Phänomene herangetragenen Erklärungsmodelle darstellen und beide
nicht miteinander identisch sind, zeigen bereits diverse Formulierungen von
Boethius und analoge Stellen in den Schriften seines geistigen Umfeldes.
Dort heißt es immer wieder, dass die Zahlenverhältnisse die Intervalle kon¬
stituieren, dass ein bestimmtes Intervall aus einem bestimmten Zahlenver¬
hältnis besteht oder durch es zusammengefügt wird.
Das folgende Beispiel aus Boethius’ Arithmetiktraktat ist besonders ty¬
pisch, insofern es in der Formulierung nicht völlig konsequent ist, aber

84 Boeth. mus. 5, 2 (s. u. Anhang 3.7). Die Wahrnehmung bildet aber in gewisser Weise auch
den Endpunkt des musiktheoretischen Erkenntnisprozesses; s. u. Anhang 3.5f.
85 Boeth. mus. 1, 1 p. 187, 10-16; s. u. Anhang 3.2.
1. Zahlenverhältnisse 187

dennoch den Zahlenverhältnissen eine konstitutive Funktion für die erklin¬


genden Intervalle zuschreibt:86

Aber alle musikalischen Konsonanzen finden wir in dieser Disposition [sc. in der
musikalischen Proportion 6-8-9-12], Die Quarte freilich ist 8:6, da ja das Verhältnis
epitrit ist, und die Quinte 12:8, da ja das Verhältnis, das anderthalb genannt wird, in
dieser Konsonanz Quinte wiedergefunden wird. Die Oktave aber, die aus dem Dop¬
pelten entsteht (nascitur), wird aus der Zusammenstellung von 12:6 hervorgebracht
(producitur). Aber die Duodezime [d. h. Intervall bestehend aus Oktave und Quinte],
die ein Verhältnis des Dreifachen innehat,87 entsteht {fit) von der Differenz der Au¬
ßenterme im Verhältnis zur kleineren Differenz. Denn die Differenz von 12 und 6 ist
6, kleiner aber ist die Differenz von 8 und 6, also 2; diese 6 ist zur 2 dreifach und sie
lassen die Duodezime erklingen (diapason simul et diapente consonantiam sonant).
Aber jene größere Konsonanz, die die Doppeloktave ist, die aus dem Vierfachen
entsteht (fit), wird im Vergleich zwischen dem mittleren Term, d. h. der 8, und der
Differenz entdeckt, die zwischen der 8 und der 6 aufgefunden wird [sc. 8:2].88

Ähnliche Formulierungen finden sich immer wieder: Die Quarte »wird im


epitriten Verhältnis konstituiert« (constituitur scilicet in epitrita proportio-
ne)\ das epitrite Verhältnis, »woher die Konsonanz Quarte erklingen wird«
{unde diatessaron symphonia resonabit); »die Konsonanz Quinte« wird
durch ein anderthalbes Verhältnis hergestellt {diapente symphonia ..., quam
sesqualtera habitudo restituit); aus 6:4 oder auch aus 3:2 »wird« die Kon¬
sonanz Quinte »zusammengebunden« (coniungitur); die Oktave »entsteht
aus dem doppelten Verhältnis« {fit ex duplici) bzw. »wird« aus dem doppel¬
ten Verhältnis »verbunden« {colligitur); das Vierfache »entlässt« {emittit)
die Konsonanz Doppeloktave.89 Weitere typische Formulierungen sind: 8:6
und 9:12 ergeben ein epitrites Verhältnis und »geben« zugleich die Konso¬
nanz Quarte »ab« (reddunt); 6:9 oder 8:12 geben ein anderthalbes Verhält¬
nis ab und »erzeugen« {efficiunt) die Quinte; 12:6 »bringt« die Oktave
»zum Erklingen« {canunt).90
Welche philologischen Indizien lassen sich Boethius’ musiktheoretischer
Schrift entnehmen? Grundsätzlich zeigt sich das gleiche Bild: Die Zahlen-

86 Boeth. arithm. 2, 49 p. 159, 14 - 160, 3 (Kursivierung durch die Autorin). Relativ selten
identifiziert Boethius das Zahlenverhältnis mit dem Intervall, z. B. mus. 2, 20 p. 252, 25f. (die
Quarte ist ein epitrites Verhältnis); 2, 23-26 und 3, 1 p. 269, 1 If. (8:9 ist ein Ganzton).
87 Guillaumin übersetzt quae triplicis obtinent rationem mit »qui represente le rapport triple«.
88 Die Passage ist eine Übertragung von Nikom. arithm. 2, 26 p. 136, 3-11, wobei sich
Boethius viel differenzierter äußert als Nikomachos, bei dem es heißt: »Und die Quarte ist [sc.
Sache des Verhältnisses] 8:6 (Kai f| pev 5iä xeoodpcov eaxi xou r| Ttpöq xöv Q), denn sie ist epitrit,
die Quinte 12:8, denn sie ist anderthalb, die Oktave, die eine Zusammenstellung aus beiden ist, die
[sc. Sache des Verhältnisses] 12:6 ist, denn sie ist doppelt ...«
89 Boeth. arithm. 2, 48.
90 Boeth. arithm. 2, 54 p. 171, 20-27. Phüoponos formuliert ganz ähnlich (in Nikom. 2 Lem¬
ma 135): »8:6 oder 12:9, die im epitriten Verhältnis sind, schaffen die Quarte«; 4:1, »die im
vierfachen Verhältnis sind, vollenden die Doppeloktave« etc.
188 III. »De institutione musica«

Verhältnisse sind nicht identisch mit den erklingenden Intervallen, sondern


leisten selbst einen - im Folgenden zu präzisierenden - essentiellen Beitrag
zu deren Sein.
Einen klaren Unterschied zwischen Zahlenverhältnissen und den von ih¬
nen gebildeten Intervallen konstatiert Boethius in mus. 1, 7 p. 194, 18-24,
wo er sich zum ersten Mal zum Verhältnis zwischen beiden äußert:

Welche Verhältnisse mit welchen musikalischen Konsonanzen verbunden werden

Jenes aber muss bekannt sein, dass alle91 musikalischen Konsonanzen entweder im
zweifachen oder dreifachen, vierfachen, anderthalben oder epitriten Verhältnis beste¬
hen (in ... consistant). Und das [sc. Verhältnis], welches bei den Zahlen epitrit ist,
wird Quarte bei den Tönen genannt werden ...

Die mehrfach anzutreffende Wendung consistere in lässt offen, ob die In¬


tervalle auf den entsprechenden Zahlenverhältnissen als übergeordneten
Ursachen beruhen oder ob sie aus ihnen wie aus materiellen Bausteinen
zusammengesetzt sind.92 Da eine Zusammensetzung von Zahlenverhältnis¬
sen nicht zu erklingenden Intervallen führt, kann Letzteres wohl kaum
gemeint sein.
Recht häufig begegnen außerdem Formen der Verben constcire in (»in
etwas bestehen«, »auf etwas beruhen«, »von etwas abhängen«) und consti-
tuere (»aufstellen«, »errichten«, »schaffen«, »festsetzen«). Etwa lautet die
Überschrift von mus. 1, 17: »In welchen kleinsten Zahlen der Halbton be¬
steht« (constare in). Analog sind auch die Überschriften von 2, 28 und 30
formuliert. Ferner: Die Oktave »besteht im« Doppelten (consistere in),93 die
Doppeloktave im Vierfachen,94 192:256 »konstituieren« eine Quarte (con-
stituere), die Form des kleinen Halbtones »besteht in« 243:256 (consistere
in),95 und die Quinte »ist im« anderthalben Verhältnis »konstituiert« (con-
stituta in).96 Pythagoras fand heraus, dass »in« den besagten Verhältnissen
tota ratio der Konsonanzen »besteht« (consistere in).91
Weitere Formulierungen, die den modernen Leser sicherlich zunächst be¬
fremden werden, da sie den Zahlenverhältnissen sogar eine Aktivität zu¬
schreiben, sind die folgenden: Boethius kündigt im ersten Buch an, in Erin-

91 Friedleins Text lautet: omnis musicae consonantiae statt omnes. Der textkritische Apparat
enthält dazu keine Angaben. Sicherlich handelt es sich um einen Druckfehler.
92 Consistere in — »auf etwas begründet sein« oder »beruhen«; »in« oder »aus etwas bestehen«
(s. o. 177 Anm. 47 und u. 208 Anm. 173). Im Sinne von »aus etwas bestehen« verwendet Boethius
das Verbum z. B. bei der Aussage, dass die Philosophie aus drei Teilen besteht (in Porph sec I 3
p. 141, 15f.). ' '
93 Boeth. mus. 2, 18 p. 249, 26f.
94 Ebd. 2, 19 p. 251, 11.
95 Ebd. 2, 28 p. 261, 26-30.
96 Ebd. 4, 5 p. 317, 4f.
97 Ebd. 1, 11p. 198, 12f.
1. Zahlenverhältnisse 189

nerung zu rufen, »durch welche Verhältnisse die Konsonanzen der Musik


gemischt werden«.98 Das anderthalbe Verhältnis »erzeugt« die Quinte, das
doppelte »schafft« die Oktave.99 Weiterhin lesen wir, dass 4:3 die Quarte
»hervorbringen« (prodant), dass 6:4 eine Quinte »harmonisieren« (concor-
dent), 6:3 eine Oktave »mischen« (misceant) und 2:1 eine Oktave »errich¬
ten«, »bestimmen« (statuant).100 Das Verhältnis 2:1 »gibt« eine Oktave
»ab« (reddit),m und laut Hippasos und Eubulides »gibt« das Doppelte eine
Oktave »ab«.102 3:1 »wird« eine Duodezime »erklingen lassen« {persona-
bit), während 4:1 eine Doppeloktave »schafft« (efficiens).m Schließlich sei
noch darauf hingewiesen, dass Verhältnisse eine Konsonanz »machen«,
»schaffen« (facere)104 und »formen« (formare).105
Diese kleine Auflistung mag genügen, um auf philologischem Wege zu
beweisen, dass Boethius die Zahlenverhältnisse für verschieden von den auf
ihnen beruhenden Intervallen hielt. Im Folgenden wird weiter zu untersu¬
chen sein, inwiefern die zuletzt genannten Verben den Zahlenverhältnissen
eine gewisse formende und hervorbringende Aktivität zuschreiben.
Dieser Befund korreliert mit den Formulierungen, die in inhaltlich ver¬
wandten antiken und mittelalterlichen Texten anzutreffen sind. So enthält
Macrobius’ neuplatonischer Kommentar zu Ciceros »Somnium Scipionis«
ausschließlich Formulierungen, die besagen, dass Zahlen bzw. Zahlenver¬
hältnisse die Musik schaffen, z. B. unter den von Pythagoras in der Schmie¬
de aufgefundenen Zahlen eigneten sich nur wenige »zum Schaffen von
Musik«.106 Aus bestimmten Zahlenverhältnissen wird ein bestimmtes kon¬
sonantes Intervall hervorgebracht.107 Immer, wenn ein einzelnes Intervall
vorgestellt wird, heißt es, dass es aus einem Zahlenverhältnis »besteht«
bzw. »entsteht« (jeweils fit de oder ex).m

98 Boeth. mus. 1, 15 p. 200, 29-201,2.


99 Ebd. 1, 16 p. 202, 14f.: creare und ejficere; vgl. Macr. somn. II 1, 13f.. Pythagoras hat »die
Zahlen« erkannt, »aus denen die einander konsonanten Töne hervorgebracht werden« (numeros, ex
quibus soni sibi consoni nascerentur).
100 Ebd. 2, 16 p. 247, 15-18.
101 Ebd. 2, 18 p. 250, 6.
102 Ebd. 2, 19 p. 251, 1.
103 Ebd. 2, 18 p. 250, 9 und 11.
104 Ebd. 4, 14 p. 337, 22-25: »Art [sc. von Konsonanzen] aber ist eine bestimmte Position, die
in Termen eines jeden Verhältnisses konstituiert ist, welches eine Konsonanz schafft« (species
autem est quaedam positio ... in uniuscuiusque proportionis consonantiam facientis terminis
constituta).
105 Ebd. 1,29 p. 221, 3f.
106 Macr. somn. II 1, 14: ad efficiendam musicam.
107 Vgl. z. B. ebd. II 1, 15 (vom epitriten Verhältnis 4:3 entsteht die Quarte: deque eo nascitur
symphonia quae appellatur diatessaron) oder II 1, 18 (aus 3:1 geht die Undezime hervor: er hoc
numero symphonia procedit quae dicitur ...).
108 Ebd. II 1,25.
190 III. »De institutione musica«

1.3.4 Präzisierung: Zahlenverhältnisse als Formursachen der Intervalle

Hinweise in der bisherigen Forschung


Boethius und seine Tradition hielten ein Zahlenverhältnis für die Form¬
ursache (causa formalis) des erklingenden Intervalls. Vor dem Hintergrund
der platonischen und aristotelischen Philosophie ist das keine aufsehenerre¬
gende, exotische These, zumal der Textbefund stellenweise keine andere
Deutung zulässt. Gerade im Bereich der Erforschung mittelalterlicher Mu¬
siktraktate, die Boethius’ Werk direkt oder indirekt rezipieren, finden sich
immer wieder vereinzelte Hinweise, die eine Überprüfung der boethiani-
schen Position hätten veranlassen können.109 So konstatiert M. Haas im
Hinblick auf Johannes de Muris mit großer Selbstverständlichkeit in einem
Nebensatz, dass sich die arithmetische demonstratio propter quid lediglich
auf die Quantität richtet, d. h. »gemäß der causa forma!is«.u0 Die Funktion
des Zahlenverhältnisses nennt Haas ganz konkret:* * 111 Intelligible Größen
konstituieren die einzelnen Dinge (singularia) und können wissenschaftlich
wiederum durch Abstraktion erfasst werden. F. Hentschel schreibt hinsicht¬
lich der Rezeption von »De institutione musica« im Mittelalter, dass ein
echter halber Ganzton nicht existent ist, da sein Zahlenverhältnis als Form¬
ursache nicht besteht;112 »ob Jacobus von Lüttich, Johannes de Muris und
die übrigen Theoretiker Boethius auf diese Weise richtig interpretieren, ist
freilich eine andere Frage«. Sie tun es, wie gleich gezeigt wird.
A. Barbera weist mit Blick auf Boethius auf einen zentralen Punkt der
pythagoreischen Tradition hin: Die Zahl besitzt eine höhere Wahrheit als
ihr wahrnehmbares »display«. Zahlen sind keine Charakterisierung von
Realität, sondern selbst real.113 Daraus erklären sich auch die unterschiedli¬
chen Auffassungen zur Undezime bei Ptolemaios und den Pythagoreem:114
Beide führen die Diskussion nicht auf derselben Ebene. Denn Ptolemaios

109 Indizien geben auch nicht-musiktheoretische mittelalterliche Primärtexte. Etwa geht Tho¬
mas v. Aquin im Kommentar zu Aristoteles’ »De anima« (L. I 7, 95) auf die Entdeckung der
Proportionen der Konsonanzen durch Pythagoras ein. Dabei verweist er auf Boethius’ Musik¬
schrift und sagt: »Ebenso muss man wissen, dass in Zahlen verschiedene und unbegrenzte Ver¬
hältnisse sind, von denen einige harmonisch sind. d. h. Ursache der Konsonanzen (consonantiarum
causa). Denn das doppelte Verhältnis ist die Ursache der Konsonanz, die Oktave genannt wird.
Das anderthalbe Verhältnis verursacht die Konsonanz, welche Quarte genannt wird. Das sesquiok-
tave Verhältnis verursacht den Ganzton. Und die anderen Konsonanzen werden durch bestimmte
andere Verhältnisse verursacht.«
110 Notation, 34.
111 Musica enchiriadis, 209.
112 Ganztonteilung, 58.
113 Error, 41.
114 Barbera, Consonant Eleventh, 216.
1. Zahlenverhältnisse 191

behandelt ein empirisches Phänomen, die Pythagoreer hingegen Zahlenver¬


hältnisse, die für sich selbst etwas Reales sind.115
Auch H. Potiron erinnert an das »Gesetz der Zahl«, das die Schönheit
des Wahrgenommenen bestimmt:116 Wie Augustinus ist Boethius ein Plato-
niker und Pythagoreer. Beide ziehen z. B. das Denken dem Sinn vor, wes¬
halb Potiron einen Vergleich zwischen diesen Erkenntnisweisen für interes¬
sant hält, ihn aber nicht durchführt.
Die Rolle der Zahlenverhältnisse als Formursachen mag, wie A. Barbera
ausführt, heute für unverständlich oder gar primitiv gelten:117

By tracing the Pythagorean treatment of the eleventh, I show the role of number in
early musical theory to be both causal and descriptive. The causal nature of number
would seem to be more primitive and therefore older than the descriptive role played
by number in Pythagorean harmonics. Modern musical theory tends to use numbers
as a general, abstract System or metaphor for sound. Thus, our modern disposition
invites us to see a development front a time when numbers determined the conso-
nance or dissonance of an interval to a time when numbers sirnply described an inter-
val, that is, provided a quantitative metaphor without evaluating the interval accord-
ing to its consonant or dissonant character. The history of mathematics reflects this
development from numerical cause to numerical description.

Wie Potiron sogar ausspricht, empfindet man heute angesichts der Flut von
Zahlenverhältnissen beim Studium der boethianischen »Musiktheorie« ein
bedrückendes Gefühl, da uns Aristoxenos mit seiner wenig präzisen Tei¬
lung des Ganztons viel näher steht.118
Allerdings muss angesichts der bislang erzielten Ergebnisse dieser Studie
festgestellt werden: Wenn jemanden das Mathematische und Theoretische
an Boethius’ Musikbuch »bedrückt«, dann nimmt er am Kern seiner gesam¬
ten Theorie Anstoß. Eine zeitliche und sachliche Barriere mag konstatiert
werden, sollte aber bei der Erforschung der »Musiktheorie« nicht davon
abhalten, Boethius’ eigene Perspektive zu berücksichtigen.

115 Ebd.: »The orthodox Pythagoreans Claim that numbers do not represent reality, but rather
they are reality. ... The issue of consonance and dissonance was for the Pythagoreans not a matter
of devising a theory that was harmonious with their hearing, but rather one of hearing the numeri¬
cal truth that they discovered to be inherent to nature.« Barbera erklärt nicht, wie die Pythagoreer
die »numerische Wahrheit« hätten hören können. Laut Boethius ist diese nur denkend zu erfassen.
116 14f.
117 Consonant Eleventh, 191 f.
118 18.
192 III. »De institutione musica«

Zahlenverhältnisse als Formursachen gemäß der aristotelischen Vier-


Ursachen-Lehre
Gemäß der Lehre und Terminologie der aristotelischen Vier-Ursachen-
Lehre,119 die Boethius im Kommentar zu Porphyrios’ »Eisagoge« zusam¬
menfasst,120 verstand Boethius unter den Zahlenverhältnissen die Formursa¬
chen der hörbaren Intervalle. Im Falle der Herstellung einer Liege ist die
Formursache genau das, was die einzelne Liege in ihrer Funktionalität und
Gestalt ausmacht, woran sich der Hersteller bei der Anfertigung orientiert
und man sie als diese spezielle Fiege erkennen kann.121 Diese Funktion
erfüllen die übrigen drei Ursachen nicht: Die zugrundeliegende Materie
(Materialursache, z. B. Holz) ist die notwendige Voraussetzung für das
Wirken der Formursache: Der Ursprung des Wirkprozesses erklärt noch
nicht die Art und Weise der Wirkung (Wirkursache, z. B. Zimmermanns¬
kunst). Schließlich bezeichnet die Finalursache das verfolgte Ziel (z. B.
Gebrauch der entstehenden Liege durch den Menschen). Als Beispiel für
eine causa formalis führt Aristoteles sogar das Zahlenverhältnis 2:1 als
Form der Oktave an:122

Eine andere [sc. Ursache neben der zuvor genannten Materialursache] ist die Form
(Eidos) und das Vorbild, das ist aber die rationale Bestimmtheit (Logos) des Wesens
und dessen Gattungen, wie von der Oktave das [sc. Verhältnis] 2:1 und überhaupt
Zahl ...

Wie also ein bestimmtes Eidos einen wesentlichen »formalen« - im Sinne


von »formgebenden« - Beitrag zum Entstehen und Sein einer Liege leistet,
so auch 2:1 für die Oktave. Insofern diese Formursache in gewisser Weise
Vorgaben macht und mindestens im Falle von Künsten und Handwerken
tatsächlich ein Vorbild im Sinne eines geistigen Entwurfes darstellt, kann
sie auch als Vorbild bezeichnet werden.123 Faut Aristoteles handelt es sich

119 Aristot. phys. 194b23-195b21 (= metaph. 1013a24-1014a25).


120 Boeth. in Porph. sec. II 3 p. 174, 14-18.
121 Die äußere Gestalt hängt wesentlich von der eigentlichen Bestimmtheit und Funktion der
Liege ab, worauf Alexander v. Aphrodisias verweist (zitiert in: Simpl, in phys. 310, 18 - 312, 2).
Das Beispiel der Liege stammt aus Philop. in phys. 243, 16-18.
„ Aristot. phys. 194b26—28: ä\\ov 5i tö elSo^ Kal xd napäSstYpa, xoiixo 8’ ’ecsxiv ö köyog ö
tou Tt f|v slvat Kai xd xoüxou yevt) olov xou Std jraocov xd 56o irpöq ev Kai ökco5 6 dpiepö«;- vgl dazu
Philop. in phys. 244, 13 - 245, 20.
123 Simphkios diskutiert Aristoteles’ Bezeichnung der Formursache als Vorbild, weil sie im
Hinblick aut das Wirken der Natur problematisch sei. Im Unterschied zum Handwerk oder der
Kunst wirke die Natur nämlich nicht absichtlich und aufgrund rationaler Überlegung. Allerdings
ziele sie wesenhaft auf jeweils bestimmte Verwirklichungen hin und schaffe Begrenztes und
Bestimmtes, weshalb die Formursache in diesem Sinne durchaus als Vorbild bezeichnet werden
könne. Außerdem orientiere sich die Kunst an der Natur (in phys. 309, 1- 314, 24). Simplikios
fügt interessanterweise noch an, dass die im Intellekt enthaltenen Eide die eigentlichen Vorbilder
sind, denen der Intellekt das Entstehende angleicht (314, 15-24). Die Formursachen (enhyla Eide)
besitzen demnach eigene Vorbilder, die dem wahrhaft Seienden bzw. dem Nüs entstammen, was
1. Zahlenverhältnisse 193

ferner um den Logos des jeweiligen Wesens der in Frage stehenden Sache.
»Logos« meint hierbei die rational erfassbare sachliche Bestimmtheit in
ihrer Komplexität und gleichzeitig in ihrer Einheit, d. h. in ihrer Zahlhaftig-
keit, die in einer entsprechenden Definition (Logos) sprachlich zum Aus¬
druck kommt. Das von Aristoteles gewählte Beispiel der Oktave passt be¬
sonders gut, da Zahlenverhältnisse als Formursachen der Intervalle traditio¬
nell als »Logoi« (lat. rationes) bezeichnet werden. Als unmittelbare
Formursache der Oktave benennt er das Zahlenverhältnis 2:1, hingegen als
mittelbare die Gattung »Zahl«. Die neuplatonischen Kommentatoren Philo-
ponos und Simplikios differenzieren noch stärker, indem sie 2:1 als eine Art
der übergeordneten Gattung »doppelt« bestimmen und »doppelt« wiederum
der Gattung »Zahl« unterordnen.124 »Doppelt« und »Zahl« werden beim
gedanklichen Erfassen der Formursache 2:1 mitgedacht, da es sich um
Gattungen der Art handelt. Deshalb erwähnt Aristoteles die Gattung.
Simplikios stellt explizit fest, dass Aristoteles hier das enhylon Eidos als
Ursache benennt, gemäß dem der aus Form und Materie zusammengesetzte
wahrnehmbare Gegenstand seine spezifische Substanz hat.125 Diese Ein¬
schätzung wird angesichts der Charakterisierung der Mathematik zu Beginn
dieser Studie kaum überraschen. Besonders in 1.2.5-7 wurde Boethius’
Aussage näher erläutert, dass die Mathematik ausgehend von wahrnehmba¬
ren mathematischen Gegenständen durch gedankliche Abstraktion der an
der Materie befindlichen Formen ihre Operationsgegenstände gewinnt. Soll
die Abstraktion von Formen zu substantiellen Ergebnissen führen, dann
dürfen es keine beliebigen Formen sein, die gedanklich weggenommen und
vorgestellt werden, sondern es müssen diejenigen sein, die das empirisch
erfassbare Phänomen als enhylon Eidos wesentlich ausmachen. Dieses
Kriterium erfüllt im Gegensatz zu den übrigen drei Ursachen nur die Form¬
ursache.126
Dass die Zahlen auch bei Augustinus die Funktion von Formursachen
innehaben, zeigen die Unterscheidungen der einzelnen numeri in »De musi-

für die Kontinuität auf der Seinsskala und damit für die Vermittlungsrolle der Mathematik hin zum
Intelligiblen eine entscheidende Rolle spielt (s. o. II.4.lf.).
124 Philop. in phys. 245, 5-20 und Simpl, in phys. 314, 25-31. Inhaltlich völlig konform geht
Thomas v. Aquin (Physikkommentar ad locum, L. 5, n. 179): »Denn die Zahlenverhältnisse, die
auf die Töne hingewendet werden wie zu einer Materie, konstituieren musikalische Konsonanzen.
Und da Zwei oder Doppelt die Form der Konsonanz ist, die eine Oktave ist, ist auch die Gattung
von Zwei, d. h. Zahl, die Ursache«. (nam proportiones numerales applicatae ad sonos sicut ad
materiam, consonantias musicales constituunt: et cum duo vel duplum sit forma consonantiae
quae est diapason, et genas duorum, quod est numerus, est causa.) Ein interessantes Wort ist
applicatae. Das Verbum bedeutet wörtlich »zu etwas hinfalten/rollen/flechten« und beschreibt hier
die Verbindung zwischen dem Zahlenverhältnis und den Tönen.
125 Simpl, in phys. 312, 2f.
126 Vgl. Boeth. arithm. 1, 1 p. 8, 1-13 und oben II.3.5.1 f.
194 III. »De institutione musica«

ca«.127 Im sechsten Buch werden die Zahlen voneinander unterschieden, die


im Ton, im Gehör, beim hervorbringenden Tätigsein, im Gedächtnis, beim
Beurteilen des Gehöreindruckes und wiederum bei der Beurteilung dieses
Urteils vorliegen, sowie die Zahlen, die bei Gott sind. All diese Zahlen
liegen jeweils (beim Klingen, Hören, Urteilen, Erinnern etc.) aktual vor und
bestimmen das hörbare Phänomen bzw. den einzelnen Erkenntnisakt des
Menschen wesentlich, so dass sie die Funktion von Formursachen erfüllen.

Zahlenverhältnis als Fonnursache bereits vorliegender, geformter Töne


Es stellt sich die Frage, welchen Aussagewert ein konkretes Zahlenverhält¬
nis tatsächlich besitzt. Denn wie soll etwa 9:8 zum adäquaten Erfassen einer
wahrnehmbaren Sache dienen, wo doch keinerlei Aussage darüber getroffen
wird, welche beiden Relate von welcher Qualität eigentlich in einem sol¬
chen Verhältnis stehen und eine Einheit bilden. 9:8 informiert ja nicht dar¬
über, ob es sich um zwei ansonsten gleiche Saiten oder um das Mischungs¬
verhältnis von Farben handelt, und wenn um Saiten, dann in welcher Höhe
sie gestimmt sind, mit welcher Lautstärke sie erklingen etc.
Wie aus Boethius’ Formulierungen hervorgeht, bezieht sich ein in der
Musiktheorie betrachtetes Zahlenverhältnis als Form auf zwei schon vorlie¬
gende bestimmte Töne. Es ist also nicht die Form oder Bestimmtheit eines
Tones.128 Der einzelne Ton ist für das Entstehen von Intervallen bereits
vorausgesetzt. Er ist laut Boeth. arithm. 2, 1 p. 77, 11 Element der erklin¬
genden Musik, so wie Buchstaben Elemente von Silben und Silben Elemen¬
te von Wörtern sind. Ausgehend von Elementen wird Komplexeres, das
stärkeren Anteil an der Ungleichheit hat, zusammengesetzt, das umgekehrt
wieder in seine Elemente und damit in größere Gleichheit und Einfachheit
zurückgeführt werden kann. Bei der Zusammensetzung bleiben die Elemen¬
te in ihrer Formung grundsätzlich bestehen, werden gleichzeitig aber neu
geformt, insofern sie eine neue, komplexere Einheit bilden.129 Das Zahlen¬
verhältnis 2:1 ist analog das, was zwei Töne zum Intervall Oktave macht,
wobei die beiden miteinander verglichenen Töne schon vorliegen.130 Sie

127 S. u. III.5.2.1.
128 Plotin scheint dieselbe Meinung zu vertreten: Zu Recht beachtet Tornau, 50 und 335 Anm.
18 (mit Hinweisen zur Sekundärliteratur), im Gegensatz etwa zu Ritoök, 555, bei der Übersetzung
von Plot. I 6, 3, 9-15, dass Plotin von einer Form spricht, die auf den anderen Formen »aufsitzt«,
und verweist aul den aristotelischen Ursprung der Lehre von der Ȇberlagerung verschiedener
Formen«.
129 Materie ist ein relationaler Begriff, s. o. 50f.
130 Ganz in diesem Sinne werden im Heilsbronner Musiktraktat vom Ende des 13. Jh. ver¬
schiedene Definitionen von Musik gedeutet: Die Definition des Isidor (Musik ist Kenntnis der
Harmonie und besteht im Ton und im Gesang) ist gemäß der Materialursache gegeben worden.
Denn der umsone Ton ist der materiale Baustein der Musik. Dagegen ordnet der Autor die Platon
zugeschriebene Definition (Musik ist die Bewegung von Tönen, die aufgrund angemessenen
1. Zahlenverhältnisse 195

bilden demnach insofern die Materie des entstehenden hörbaren Intervalls,


als sie selbst bereits geformte Elemente sind, die unter grundsätzlicher
Beibehaltung ihrer Formung zu einem komplexeren Ganzen überformt
werden.

Zur Zahlhaftigkeit eines einzelnen Tones


Ein zahlhaftes Verhältnis besteht nicht nur zwischen den beiden Tönen
bzw. den sie verursachenden Bewegungen, sondern auch sie selbst sind
jeweils für sich etwas Komplexes, zahlhaft Zusammengesetztes: In mus. 1,
3 führt Boethius die Höhe bzw. Tiefe von Tönen auf die Schnelligkeit der
Bewegung zurück und schließt aus der variablen Anzahl der Bewegungen
(schneller oder langsamer), dass der Unterschied zwischen zwei Tönen in
einer bestimmten Zahlhaftigkeit besteht:131

Die Höhe nämlich besteht aus mehr Bewegungen als die Tiefe. Wo aber die Vielzahl
den Unterschied macht, ist es notwendig, dass er in einer bestimmten Zahlhaftigkeit
besteht. Jede geringe Anzahl aber verhält sich so zur Vielzahl, wie eine Zahl, die mit
einer anderen verglichen wird.

Die zahlhafte Komplexität eines Tones spricht Boethius nochmals explizit


in mus. 4, 1 »Dass die Differenzen zwischen den Tönen in der Quantität
bestehen« an. In Anlehnung an den Prolog der »Sectio canonis« behandelt
er die Aspekte Bewegung, Schlag und Ton (vox) bezüglich der Entstehung
eines einzigen Tones. Da die Bewegungen schneller oder langsamer sein
können und auch die Spannung veränderlich ist, kommt Boethius zu fol¬
gendem Schluss:132

Daher kommt es, dass jeder Ton gleichsam aus bestimmten Teilen zusammengesetzt
zu sein scheint. Aber jede Verbindung von Teilen wird durch ein bestimmtes Ver¬
hältnis (proportio) zusammengeführt. Die Verbindung von Tönen ist also durch
Verhältnisse konstituiert. Verhältnisse aber werden primär in Zahlen betrachtet.

Verhältnisses untereinander konsonieren) der Formursache zu: »Denn es ist Sache der Form, zu
bewegen und zu schaffen, der Materie aber, zu erleiden und bewegt zu werden, wie Aristoteles im
zweiten Buch von >Über Werden und Vergehen< beweist«, was in der Platon zugeschriebenen
Definition durch die Angabe der Bewegung beachtet werde (vgl. Hirschmann, 240f.; ab 250 die
Edition des Textes mit Kommentar; 258-262 die Unterscheidung der vier Ursachen in der Musik).
Als Finalursache werden dort die Freude und der Wohlklang angegeben (,delectatio, euphonia).
Unter der Wirkursache wird der erste Erfinder der Musiktheorie verstanden, also in der griechi¬
schen Tradition Pythagoras oder gemäß der Bibel Tubal (ebd. 260-262).
131 Boeth. mus. 1,3 p. 190, 25-30: ex pluribus enim motibus acumen quam gravitas constat.
in quibus autem pluralitas differentiam facit, ea necesse est in quadam numerositate consistere.
omnis vero paucitas ad pluralitatem ita sese habet, ut numerus ad numerum comparatus.
132 Ebd. 4, 1 p. 301,23-27.
196 III. »De institutione musica«

Sowohl dem einzelnen Ton als auch dem von zwei Tönen gebildeten Inter¬
vall spricht Boethius hier eine Zahlhaftigkeit zu, wobei es ihm primär auf
das zahlhafte Verhältnis zwischen beiden Tönen ankommt.
Die Bemerkung, dass auch ein einzelner Ton etwas Komplexes ist, das
selbst in einer bestimmten Weise geformt vorliegt, um in einem zweiten
Schritt als Materie für die Schaffung eines erklingenden Intervalls zu fun¬
gieren, erinnert an ein Untersuchungsergebnis zum ersten Axiomenkapitel
über Quadratzahlen (s. o. III. 1.2): Wie ein Zahlenverhältnis auf zwei Zahlen
beruht, die jeweils eine bestimmte Binnenstruktur aufweisen, welche die
Verbindung dieser beiden Zahlen wesentlich bestimmt, so geht auch ein
Intervall auf zwei Töne zurück, die jeweils zusammengesetzt sind und von
deren Beschaffenheit das entstehende Intervall abhängt. Ein Intervall ist ein
komplexeres Konglomerat als die Töne, aus denen es besteht, während ein
Ton selbst einer Zahl entspricht, die auf eine bestimmte Weise zusammen¬
gesetzt ist. Allgemeiner: Der Musiktheoretiker betrachtet an Intervallen
bzw. Zahlenverhältnissen die Bildung einer Vielheit aus einer in ver¬
gleichsweise geringerem Maße komplexen Vielheit bzw. die Entfaltung
einer stärkeren Ungleichheit aus einer weniger von der Gleichheit abwei¬
chenden Ungleichheit. Wie von der Binnenstruktur der miteinander vergli¬
chenen Zahlen im Rahmen der »Musiktheorie« weitestgehend abgesehen
wird, so setzt sie auch das Sein der Töne voraus und betrachtet die Zahlen¬
verhältnisse von Tonrelationen, d. h. von Intervallen.

Empirische und nichtempirische Indizien für die Zahlhaftigkeit der hörba¬


ren Intervalle
Dass Boethius im Anschluss an Aristoteles und in neuplatonischer Tradi¬
tion ausgerechnet Zahlenverhältnisse für die Formursachen der erklingen¬
den Intervalle hält, wird verständlich, wenn man sich vor Augen führt, dass
den empirischen Phänomenen eine bestimmte, rational erfassbare und im¬
mer wieder mit Erfolg anwendbare Zahlhaftigkeit zu entnehmen ist, bei¬
spielsweise bei den Verhältnissen von Saitenlängen zueinander: Halbiert
man eine Saite und vergleicht den Klang einer halben angeschlagenen Saite
mit dem der ganzen, hört man eine Oktave mit dem Zahlenverhältnis 2:1.
Auf Saitenlängen bezieht sich Boethius v. a. in Buch 4. Sie konnten auf
dem Monochord - einer gespannten Saite, auf der durch einen beweglichen
Steg die Länge der Saite variiert wird - dargestellt werden.133

133 Vgl. Theon Sm. 81,6-16: Die Saitenlänge korreliert nicht direkt mit der Größe der Terme
™ Zahle,1Verhaltms' Er.unterscheidet damit klar zwischen Zahlenverhältnis und Intervall und
differenziert außerdem die empirisch messbaren Saitenlängen, die ja nicht mit den rational erfass¬
ten Zahlenverhaltnissen übereinstimmen müssen, sondern z. B. deren Vielfache sein können.
1. Zahlenverhältnisse 197

Ein anderes, wenn auch in der Antike noch nicht messbares Verfahren,
Zahlhaftigkeit empirisch nachzuweisen, beruht auf den Spannungen von
Saiten. Wie Boethius in mus. 1, 11 ausführt, habe Pythagoras in dieser
Hinsicht erfolgreiche Experimente durchgeführt.134 Und Philoponos kom¬
mentiert, dass die erklingenden Saiten mit ihren spezifischen Spannungen
die Verwirklichungen der Zahlenverhältnisse in der Musik sind.135
Einen weiteren Hinweis zur Zahlhaftigkeit von Intervallen gibt Boethius
unter explizitem Bezug auf Nikomachos’ Lehre:136 Eine Konsonanz ist eine
»berechnete Mischung « (rata permixtio) zweier Töne, wobei ein Ton auf¬
grund seiner spezifischen »Spannung« (intentio) ein und dieselbe Höhe
aufweist und den kleinsten Teil einer »maßhaften musikalischen Konstella¬
tion« (modulatio) bildet. Jeder Ton rührt von einem Schlag her; jeder
Schlag beruht auf Bewegung. Bewegungen können gleich und ungleich
ausfallen, wobei Boethius bei der Ungleichheit eine stärkere, mittelmäßige
und schwache unterscheidet. Aus gleicher Bewegung beim Produzieren
zweier Töne entsteht die Gleichheit der Töne, also ein Unisono. Aus gemä¬
ßigter Ungleichheit gehen die gut eingängigen, primären und einfacheren
Verhältnisse des Vielfachen und Epimoren (des Doppelten, Dreifachen,
Vierfachen, Anderthalben und Epitriten) hervor, welche die fünf Konso¬
nanzen hervorbringen, also Oktave, Duodezime (Oktave plus Quinte), Dop¬
peloktave, Quinte und Quarte. Entstehen beide Töne aber aus in stärkerem
Maße ungleichen Bewegungen in den übrigen Verhältnissen, die relativ
vielfältig und nicht so leicht erfassbar sind, wird es sich um Dissonanzen
handeln.137 Letzte Prinzipien der Bewegung sind demnach Gleichheit oder

134 Zu den physikalischen Fehlern s. u. III.2.4.


135 Philop. in Nikom. 2 Lemma 103 (Kommentar zur Vorlage für Boeth. arithm. 2, 49, welche
oben in III. 1.3.3 bei der Nennung philologischer Indizien zitiert wurde): »Im Tetrachord sind nun
die [sc. Saiten], die die anderen zwei umfassen - die Hypate und die Nete - im epitriten Verhältnis
zueinander, wie sich die 4 zur 3 verhält. Denn die 4 hat die 3 als Ganze und ihren dritten Teil. So
verhält sich auch die Nete zur Hypate. Denn die Nete hat die ganze Spannung der Hypate und
ihren dritten Teil. Aber in der [sc. Zusammenstellung] über fünf Saiten haben die beiden Saiten
selbst, die die mittleren umfassen, die Spannungen im anderthalben [sc. Verhältnis], Denn die
Nete hat die ganze Spannung der Hypate in sich selbst und deren Hälfte, wie sich die 6 zur 4
verhält. ... Was aber in den Vorgaben (sv imoSsiygaGiv, d. h. in den Reihen 2-3-6 und 3-4-6) die
Zahlen sind, das sind dann bei den Verwirklichungen (ev toi? epyot?) der Musik die Saiten, wobei
eine jede angemessene Spannung dazugenommen wird.«
136 Boeth. mus. 2, 20 p. 253, 9-25. Dass Boethius hier Nikomachos’ Meinung diskutiert, geht
aus der Kapitelüberschrift und zwei Stellen im Kapitel hervor (p. 253, 1 und 6). - Um eine Quanti¬
fizierung, wie Bower, Übersetzung, 76 Anm. 54, meint, geht es Boethius in mus. 2, 20 nicht: »This
concluding paragraph is a classic summary of Pythagorean quantification of sound and the logical
extension of that quantification.«
137 Vgl. Theo Sm. 50, 12-14 und 61, 11-17 (die Pythagoreer sowie die Schüler von Eudoxos
und Archytas vertraten die Auffassung, dass die Schnelligkeit der Bewegungen und die Heftigkeit
in bestimmten Verhältnissen vollendet werden), die parallelen Passagen Macr. somn. II 1, 5f.; II 4,
198 III. »De institutione musica«

Ungleichheit. Sie wurden in der »Arithmetik« als Prinzipien von allem -


von Zahl, von allen Zahlenverhältnissen, Figuren und Körpern - erwie¬
sen.138 Gleichheit und Ungleichheit bestimmen deshalb auch in zahlhafter
Weise diejenigen Bewegungen, die durch Anschlägen von Saiten oder der
menschlichen Stimme139 Töne und schließlich Intervalle hervorbringen.

Von der Zcihlhaftigkeit der enhyla Eide zu der der ahyla Eide
Mit dem Erfassen der jeweiligen Zahlenverhältnisse kann kein Abmessen
von Saitenlängen gemeint sein.140 Analog soll sich der Geometer nicht da¬
mit begnügen, sichtbare Dreiecke zu abstrahieren. Genau gegen diese Vor¬
gehensweise richtet sich die Polemik der platonisch-pythagoreischen Ma¬
thematiker. Wie auch Ptolemaios’ Kritik an Aristoxenos zeigt, wäre es
nämlich eine Torheit, eine bestimmte abgemessene Saitenlänge (etwa 10
cm) für das Wesen eines Intervalls oder gar für ein wissenschaftliches Er¬
gebnis zu halten. Eine konkrete Längenangabe sagt weder etwas über das
Wesen des einzelnen Intervalls noch allgemein über ein solches Intervall
aus, so dass sie in anderen Versuchsanordnungen auch keine Relevanz
besitzt - es sei denn, exakt dieselbe Konstellation soll wieder hergestellt
werden.
Der Erkenntnisweg beginnt durchaus mit dem Ermitteln einzelner empi¬
rischer Daten, die dann zu einer rationalen Einsicht und schließlich einer

lf. und Porphyrios’ ausführliche Diskussion der Frage, ob der Unterschied zwischen hohen und
tiefen Tönen quantitativer oder qualitativer Natur ist (in harm. 29, 27 - 78, 2).
138 Boeth. arithm. 2, 31-39. - Auch Augustinus strebt in »De musica« eine Erkenntnis der
Quelle der Gleichheit und Ungleichheit an. Wie er offenlegt, sind die Zahlen nicht das eigentliche
und letzte Erkenntnisziel der Musiktheorie. Durch sie soll gezeigt werden, was wir über die Bewe¬
gungen lernen sollen - und das ist die Verwirklichung eines bestimmten Maßes von Gleichheit
(mus. I 10, 17, 1 lf. und I 11, 19).
139 Vgl. Anstot. an. 420bl4-16 (Voraussetzungen für einen Klang ist u. a., dass jemand/etwas
einen Schlag ausübt) und 27-33 (der Schlag der von der Seele in bestimmten Körperteilen einge¬
atmeten Luft gegen die sog. Arterie ist »sinntragende Stimme«). Neben den physischen Vorausset¬
zungen nennt Aristoteles auch die Beseelung und speziell das Vorstellungsvermögen, ohne welche
nur Laute, aber keine sinntragenden Äußerungen hervorgebracht werden können; vgl. den Kom¬
mentar des Thomas v. Aquin (L. II 18, 477) ad Iocum: Nicht jeder Laut ist eine sinntragende
Stimme (vox). »Denn dazu, dass es eine Stimme gibt, ist es nötig, dass dasjenige, was die Luft
schlägt, etwas Beseeltes ist und mit Vorstellung, um etwas zu bezeichnen. Denn es ist nötig, dass
eine Stimme ein Ton ist, der etwas bezeichnet - sei es auf natürliche Weise oder zum Gefallen.
Und deshalb ist gesagt, dass ein derartiges Schlagen (percussio) von der Seele herrührt (est ab
anima). Denn als Tätigkeiten von Lebewesen werden die bezeichnet, welche aus der Vorstellung
heivorgehen. Und so wird klar, dass Stimme kein Schlagen geatmeter Luft ist, wie es beim Husten
passiert. Sondern das, dem primär die Ursache des Entstehens von Stimme zugeteilt wird, ist die
Seele, die von jener Luft Gebrauch macht, d. h. von der eingeatmeten, um die Luft, die in der
Arterie ist, an die Arterie selbst zu schlagen. Luft ist also nicht das Primäre bei der Formung des
gesprochenen Wortes, sondern die Seele, welche von der Luft Gebrauch macht, wie von einem
Instrument, um ein gesprochenes Wort zu formen.«
140 S. o. I.2.7f.
1. Zahlenverhältnisse 199

allgemeinen Regel führen sollen:141 Pythagoras greift erst einmal zur Waa¬
ge, um die einzelnen Hämmer in der Schmiede zu wiegen. Die einzelnen
Gewichte spielen im Folgenden aber keine Rolle, nur deren Verhältnis
zueinander. Genau diese Verhältnisse (nicht die einzelnen Gewichte) findet
er in diversen Versuchsanordnungen wieder, so dass er schließlich eine
sichere, nicht der Täuschung unterliegende und damit wissenschaftlich¬
allgemeine Erkenntnis gewinnt, aufgrund derer er das Instrument Ka-
non/Monochord herstellt.
Wenn die Musiktheorie eine quadriviale, zur Weisheit hochführende
Wissenschaft im dargelegten Sinne sein soll, darf sie nicht vorrangig mes¬
sen und wägen, sondern muss die Grundmöglichkeiten von Zahlenverhält¬
nis als Formursache der erklingenden Intervalle untersuchen. Dazu ist nur
die ratio in der Lage: Die Wahrnehmung unterscheidet das Intervall als
konsonant oder dissonant, während das rationale Denken es abwägt.142 Der
Vorrang der Theorie vor der Praxis leitet sich aus der Fähigkeit des Den¬
kens her, derartige wissenschaftliche Erkenntnisse zu erlangen. Sofern aber
dem Schüler die Zahlhaftigkeit der Intervalle an Saiten geradezu vor Augen
liegt und er die entsprechenden Intervalle unmittelbar hören kann, eignen
sich Versuche am Monochord aus pädagogischer Sicht in ganz hervorra¬
gender Weise, um zu einer Erkenntnis des jeweiligen Wesens der Intervalle
und somit der Wirkung von Gleichheit und Ungleichheit in Zahlen und
Zahlenverhältnissen zu führen.

1.3.5 Vergleich mit Ptolemaios’ »Harmonielehre«


Eine Untersuchung von Ptolemaios’ Äußerungen zur Rolle der Zahlenver¬
hältnisse für die erklingenden Intervalle kommt zu einem ähnlichen Ergeb¬
nis.143 Ptolemaios verwendet zwar eine leicht abweichende Terminologie,
hält das »harmonische Vermögen« aber für eine aktive Wirkkraft, die als
Ursache wirksam wird, der zugrundeliegenden Materie die spezifische
Form verschafft und somit etwas Wohlgeordnetes hervorbringt.144 Er unter¬
scheidet die Prinzipien alles Seienden in Materie (woraus etwas ist), Bewe¬
gung (Ursache, durch die etwas ist) und Form (Ziel, um dessentwillen etwas
ist). Da die Harmonie - so Ptolemaios - aktiv ist, kann sie nicht die Materie
darstellen. Auch als Form, d. h. als Ziel, kann sie nicht aufgefasst werden,
da sie nicht selbst das Ziel ist, sondern das Ziel verfolgt. Melodisches,
Wohlklang, einen wohlgeordneten Rhythmus und Wohlordnung überhaupt

141 s. u. III.2.
142 Boeth. mus. 1, 28 p. 220, 2f.
143 Das ist im Hinblick auf Boethius’ direkte oder indirekte Rezeption von dessen »Harmonie¬
lehre« ab dem Ende des vierten Buches von mus. von Bedeutung; s. u. III.5, v. a. 5.1.4.
144 Ptol. harm. III 3; Übersetzung ins Englische: Barker, Greek Musical Writings II, 371-373.
200 III. »De institutione musica«

zu schaffen. Die Harmonie ist folglich Bewegung bzw. Ursache - aristote¬


lisch gesprochen: Formursache.
Wie Ptolemaios fortfährt, handelt es sich hierbei um eine Ursache, die
zwischen Natur und Gott steht, nämlich um einen Logos, der mit diesen
beiden Extremen zusammenarbeitet, der zur Vollendung führt (das Gute
schafft), der immer mit den Göttern, aber aufgrund seiner entgegengesetz¬
ten Natur nicht immer und gänzlich mit allem Physischen zusammen ist.
Dieser Logos ist sowohl mit dem rationalen Denken als auch durch die
praktische Fertigkeit (Techne) und durch die Erfahrung erkennbar. Dabei
wird deutlich, dass er Ordnung und Symmetrie schafft. Speziell der harmo¬
nische Logos stellt die Ordnung hinsichtlich des Hörbaren her. Die Harmo¬
nik als Wissenschaft bedient sich des Hörens als eines neben dem Sehen
besonders wertvollen Hilfsmittels. Allein wegen der Nähe dieser beiden
herausgehobenen Sinne sind beide Wissenschaften verwandt, aber auch,
weil sie von der Arithmetik und der Geometrie quasi als Ziehmüttern auf¬
gezogen werden und von diesen beiden verschwisterten Disziplinen Ge¬
brauch machen.
Der Zusammenfassung zu Beginn von harm. III 4 ist zu entnehmen, dass
das Vermögen der Harmonie eine Ursachenart gemäß dem Logos im Hin¬
blick auf die Symmetrie der Bewegungen ist. Deren theoretische Wissen¬
schaft - die Harmonik - ist eine Art der Mathematik, die sich den Logoi der
hörbaren Unterschiede zuwendet. Spätestens an dieser Stelle wird mit Blick
auf die ersten beiden Bücher, in denen Zahlenverhältnisse behandelt wer¬
den, klar, dass Ptolemaios mit »Logos« Zahlenverhältnis meint.
Ptolemaios teilt nicht nur die Auffassung mit Boethius, dass dem erklin¬
genden Phänomen eine bestimmte Bewegung vorausgeht, sondern stellt
außerdem fest, dass das Prinzip einer Bewegung ein rationales ist:145 Ein
harmonisches Vermögen wohnt allem, was Prinzip von Bewegung ist, inne,
d. h. in besonderem Maße den vollendeteren, rationaleren Wesen, also
besonders dem Göttlichen und den Seelen der Menschen.
Ptolemaios vertritt also im Wesentlichen genau wie Boethius die Auffas-
sung, dass Zahlenverhältnisse (Logoi) ihrer Funktion nach Formursachen
der erklingenden Intervalle sind und eine maßhafte Wohlordnung schaffen,
zu deren Erkenntnis eine rationale Analyse des Wahrnehmungsbefundes
unter Beiziehung des Gehörs führt. Auf dieses Faktum ist sicherlich die
Rezeption der »Harmonielehre« von Ptolemaios in der platonisch¬
pythagoreischen Tradition und dann in der Musikschrift des Boethius zu-
rückzuführen.146 Gerade die Kommentierung der »Harmonielehre« durch

145 Ptol. harm. III 4—7, v. a. Ende 4.


146 S. u. III.5.1.4. Einer Verwendung der »Harmonielehre« stand aus neuplatonischer Perspek¬
tive auch deshalb wenig entgegen, weil Ptolemaios wohl relativ rückschrittliche Positionen vertrat.
1. Zahlenverhältnisse 201

den Neuplatoniker Porphyrios wäre ohne diesen Grundkonsens über die


Rolle der Zahlenverhältnisse und dementsprechend über Hören und rationa¬
les Begreifen kaum denkbar.147

1.4 Zusammenfassung

Boethius verstand unter Musiktheorie die Wissenschaft von den Zahlenver¬


hältnissen. Sie unterscheidet sich dadurch von der Arithmetik, dass sie
Verhältnisse zwischen zwei voneinander verschiedenen Zahlen betrachtet.
Zwar werden auch in »De institutione arithmetica« Zahlenverhältnisse
untersucht, so dass man vermuten könnte, Boethius verlasse genau wie
Nikomachos das Gebiet der Arithmetik. Dem ist aber nicht so, weil Relati¬
on ein zentrales Konstituens von Zahl ist, sofern sie Teile hat und diese
Teile in einem bestimmten Verhältnis zueinander und zum Ganzen stehen.
Die Untersuchung von Zahlenverhältnissen in der »Arithmetik« zielt dem¬
nach auf die Erkenntnis der komplexen Zusammensetzung von Zahlen und
nimmt noch nicht die Musiktheorie in dem Sinne vorweg, dass sie sich mit
den Relationen zwischen zwei voneinander unterschiedenen Zahlen befas¬
sen würde.
Entsprechend dem Subordinationsverhältnis zwischen Musiktheorie und
Arithmetik werden in der »Musiktheorie« die innerhalb von Zahlen schon
vorliegenden Verhältnisarten als Verhältnisse zwischen verschiedenen
Zahlen entfaltet.148 Dabei wird weitestgehend von einer Beachtung der
Binnenstruktur der miteinander verglichenen Zahlen abgesehen, obwohl
diese für die Konstitution des jeweiligen Verhältnisses wesentlich ist. Aus
diesem Grund setzt die Musiktheorie auf einer niederen Stufe der Seins¬
hierarchie ein und führt gleichzeitig in letzter Konsequenz wieder zur
Arithmetik zurück, wo die unmittelbaren Ursachen für die Grundmöglich¬
keiten von Zahlenverhältnis zu suchen sind.

die der zeitgenössischen Musizierpraxis nicht mehr entsprachen, dafür aber den von Platon gestell¬
ten Forderungen. Z. B. hielt Ptolemaios das Dorische für die Grundskala, obwohl man bereits ca.
ab dem 1. Jh. n. Chr. das Lydische als Ausgangsskala betrachtete; vgl. Düring, Übersetzung der
»Harmonielehre«, 5f.
147 Zur Illustration dieses Grundkonsenses s. u. Anhang 3.9f.
148 Vgl. die quaestiones in Bar 109 (ca. 1230-1240/45) und dazu Haas, Studien, 345f. In den
quaestiones wird der Status der Musik als eigenständiger Wissenschaft u. a. dadurch begründet,
dass in der Arithmetik »einfach Uber die Zahl« (de numero simpliciter) gehandelt werde, während
sich die Musiktheorie auf einen begrenzten Bereich beschränkt, nämlich »über die im Verhältnis
des Klanges zusammengezogene/spezifizierte/partikuläre Zahl« (de numero contracto in propor-
tione sonoritatis). Sie umfasst demnach nicht die Möglichkeiten von Zahlenverhältnis in ihrer
abstrakten Allgemeinheit, sondern betrachtet nur diejenigen partikulären Verhältnisse, die für das
zahlhafte Wesen der in der Musik erklingenden Phänomene konstitutiv sind.
202 III. »De institutione musica«

Hörbare Intervalle sind selbst etwas zahlhaft Bestimmtes. An ihnen kann


eine materiale Komponente - die beiden schon vorausgesetzten, auch be¬
reits zahlhaft geformten Töne - und eine wesentliche formende Bestimmt¬
heit, die beide zu einem bestimmten Intervall macht, unterschieden werden.
Diese Formursache ist das Zahlenverhältnis. Mit dem Studium derjenigen
Zahlenverhältnisse, die speziell auf musikalische Instrumente anwendbar
sind (sog. musica instrumentalis), befasst sich der überlieferte Teil der
Musikschrift.149
Boethius behandelt nicht empirisch gewonnene Zahlenverhältnisse, also
keine durch Abmessen von Saitenlängen gewonnenen Längenverhältnisse
(einzelne enhyla Eide). Stattdessen untersucht er theoretisch und allgemein
Zahlenverhältnisse, die nicht an einer Materie des Wahrnehmbaren vorlie¬
gen (ahyla Eide).150 Das ist nicht nur am Fehlen von empirischen Experi¬
menten festzustellen, sondern auch daran, dass er immer bemüht ist, dieje¬
nigen Verhältnisse zu finden, die mit den kleinstmöglichen Termen das
Zahlenverhältnis bestimmter Intervalle bilden und von denen aus durch
Vervielfältigung Abmessungen für die Umsetzung am Monochord errech¬
net werden könnten.151
Da sich die ersten fünf Bücher mit der Untersuchung der nicht-
wahrnehmbaren Formursachen der wahrnehmbaren Intervalle befassen,
müssen sowohl Wahrnehmung als auch rationales Denken für die Musik¬
theorie eine zentrale Rolle spielen: Wahmehmend können die erklingenden
Intervalle in ihrem unterschiedlich ausgeprägten Konsonanzgrad erfasst
werden. Auf ihre Formursachen, die Zahlenverhältnisse, verweisen zwar in
gewisser Weise die Abmessungen am Monochord. Sie aber auf allgemeiner
Ebene rational als wesentliche Ursachen des Hörbaren zu begründen, ihre
Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Verhältnisse zueinander und sachliche
Ordnung festzustellen und schließlich Gleichheit und Ungleichheit als Prin¬
zipien dieser Zahlenverhältnisse zu erkennen, obliegt der ratio allein. Aus
diesem Grunde sind beide Erkenntnisvermögen - ein jedes in seinem Kom¬
petenzbereich - in der Musiktheorie gefragt.152

149 Zu den anderen beiden von Boethius unterschiedenen Arten von Musik, deren Behandlung
er ankündigt, aber nicht durchführt, s. u. III.5.1.1.
150 Aus Boethius Perspektive ist in dieser thematischen Beschränkung kein Mangel zu sehen;
vgl. dagegen Caldwell, MGG, 221 und 224: »Abschließend betrachtet wirkt die Schrift als Ganzes
unbefriedigend, und zwar nicht so sehr weil sie unvollendet ist, sondern weil Boethius’ Pläne
(soweit sie sich erkennen lassen) ihn in immer komplexere Spekulationen der Intervall-
Pioportionen statt zu einer breiteren Behandlung der Musik in ihrer Gesamtheit führten.« Caldwell
vermisst etwa die von Boethius angekündigten Ausführungen zu Rhythmik und Metrik und betont,
dass die »materia musica« des Boethius auf Praktiken beruht, »die schon veraltet oder nur von
theoretischem Interesse waren«.
151 Vgl. die Überschriften von mus. 2, 28 p. 260, 20 und 2, 30, p. 263, 20.
152 S. u. Anhang 3.
2. »Pythagoras in der Schmiede« 203

2. Zur Funktion von Boeth. mus. 1, lOf.


(»Pythagoras in der Schmiede«)

Die beiden Kapitel zum Thema »Pythagoras in der Schmiede« fallen in


Boethius’ Musikschrift auf, weil sie im Unterschied zu allen anderen Kapi¬
teln eine Legende erzählen. In ihr entdeckt Pythagoras - die Autorität für
Boethius’ »Musiktheorie« schlechthin - durch das Erklingen von Hammer¬
schlägen in einer Schmiede diejenigen Zahlenverhältnisse, durch welche die
konsonanten Intervalle gebildet werden. Die Darstellung schildert Pythago¬
ras’ Erkenntnisbemühungen und -erfolge detailliert und charakterisiert
dabei speziell die Rolle von sensus und ratio sowie der Meinung beim
musiktheoretischen Erkenntnisweg. Dem Aussagegehalt dieser Passage ist
nicht nur wegen der von den anderen Kapiteln abweichenden Art der Dar¬
stellung Gewicht beizumessen, sondern auch wegen ihrer Positionierung im
ersten Buch von »De institutione musica«, das nur doxastisch und einfüh¬
rend die wichtigsten Grundlagen der Musiktheorie darlegt. Die Leitfrage
der folgenden Überlegungen lautet dementsprechend: Was soll der Leser
dieser beiden Kapitel bei der Lektüre lernen? Welche Funktion erfüllen sie
im Kontext des gesamten Buches und angesichts der soweit besprochenen
philosophischen Ansichten?
Das Thema »Pythagoras in der Schmiede« wurde in mittelalterlichen
Musikschriften und in der modernen Musikforschung gern und häufig auf¬
gegriffen. Johannes de Muris, Autor der »Musica speculativa secundum
Boethium« und der »Arithmetica speculativa« (beide ca. 1323), meint, dass
die Kapitel zu »Pythagoras in der Schmiede« alle Prinzipien der Musiktheo¬
rie - insofern sie theoretisch ausgerichtet ist - enthalten. So überrascht es
nicht, dass die praktisch ausgerichteten Musiktraktate um und ab 1300 die
Legende nicht mehr aufnehmen.153 Johannes de Muris scheint auch in einer
weiteren Hinsicht eine - wie im Folgenden zu zeigen sein wird - traditio¬
nelle, auf Boethius zurückgehende Position einzunehmen: Seiner Meinung
nach demonstriert die Legende einen Erkenntnisweg.154
Dass die Legende die Prinzipien der Musiktheorie vermittelt und einen
Erkenntnisweg aufzeigt, spielte im ausgehenden Mittelalter anscheinend
eine immer marginaler werdende Rolle. Auch in der modernen Forschung
zeichnet sich ein anderes Interesse an der Pythagoras-Legende ab, als es de
Muris bezeugt hatte: Nicht mehr die Funktion der beiden Kapitel für den

153 Hentschel, Sinnlichkeit und Vernunft, 76.


154 Haas, Notation, 44f. Wie Haas feststellt, verweisen die drei Schritte Experiment, Gedächt¬
nis, Erlangen einer universalen Einsicht als Prinzip von Kunst und Wissenschaft auf das letzte
Kapitel von Aristoteles’ »Zweiten Analytiken« und führen »einen Erkenntnisweg vor, den Johan¬
nes Buridan später als (unvollständige) Induktion erkannte«.
204 III. »De institutione musica«

Aufbau von Boethius’ Traktat steht im Zentrum der Untersuchungen, son¬


dern vorzugsweise die komplexe Überlieferungsgeschichte der Legende in
Antike und Mittelalter sowie die Diskussion der in ihr enthaltenen physika¬
lischen Fehler (dazu s. u. III.2.4).
Relative Einigkeit besteht heute darüber, dass es sich um eine Legende
bzw. einen unhistorischen, realitätsfernen Mythos handelt,155 der die Bedeu¬
tung der mathematischen Verhältnisse für die Konsonanzen demonstriert,
der gleichzeitig die Rolle der empirischen Untersuchung betont,156 zwar zu
einem sachlich falschen Teilergebnis führt, aber doch auf unterhaltsame
Weise Pythagoras als große Autorität präsentiert. Zu den neueren For¬
schungsbeiträgen zählt Kapitel II in F. Hentschels Buch »Sinnlichkeit und
Vernunft in der mittelalterlichen Musiktheorie«. Darin werden Auffassun¬
gen vertreten, die es im Folgenden zu untermauern und z. T. zu differenzie¬
ren gilt. So bestätigt sich, dass Boethius zwar Kritik an der Leistung der
Wahrnehmung übt, aber zugleich die Notwendigkeit des sensus in der Mu¬
sik betont - zumal die Musiktheorie als Wissenschaft über das Hörbare von
der Wahrnehmung ausgeht -,157 und dass die harmonische Regula (Mono¬
chord) analog dem Astrolab in der Astronomie vorrangig der Veranschauli¬
chung und nicht der Beobachtung diente.158
Teils sind allerdings Feststellungen Hentschels, die sich in ähnlicher
Form auch in Beiträgen anderer Forscher finden, zumindest für Boethius’
Werk vor dem Horizont der Einbettung seines Musiklehrbuches in die neu¬
platonische Mathematikkonzeption zu revidieren und zu präzisieren. Dazu
zählt das adäquate Verständnis davon, was mit Instanz und Applikation
eines Zahlenverhältnisses auf die wahrnehmbare Materie (contrahere, app-
licare) gemeint ist. Wie der Untersuchung dieses Problems weiter oben zu
entnehmen ist, hängt dies davon ab, wie man die Funktion des Zahlenver-

155 Bower, Übersetzung, XXIf.: »This account of the discovery of musical ratios must be read
as mythical allegory, not scientific discourse. The parable has no basis in scientific reality, and the
reasons tor associating the relevation of ratios with the smithy are lost among the mysteries of
Pythagorean lore.« Genauer zu klären wäre freilich angesichts der neuplatonischen Allegorieme¬
thode, was hier unter mythischer Allegorie zu verstehen ist; vgl. dazu Bemard, Dichtungstheorien,
passim.
156 Da Pauls Interesse in der Erforschung der praxisrelevanten Harmonik liegt, fällt auch seine
Einschätzung der Pythagoras-Geschichte anders als die hier vorgetragene aus: »Die Darstellung
des Boetius ist jedoch trotz des akustischen Irrthums und des Fabelhaften in der ganzen Erzählung
insofern sehi lehrreich, als man erkennt, mit welchem Eifer man sich im Alterthume den Gesetzen
der Transversal- und Longitudinalschwingungen zuwandte« (Übersetzung, 193).
157 Hentschel, Sinnlichkeit und Vernunft, 71 und 87.
158 Ebd. 851. mit Anm. 90. - Dass das Monochord vorrangig der Veranschaulichung diente,
geht schon aus den Ausführungen des Theon v. Smyrna hervor. Zunächst stellt er die wichtigsten
Intervalle theoretisch vor und lässt dann eine Demonstration am Kanon folgen: »Es möge uns aber
für den Moment genügen, [sc. das Gesagte] mittels der Länge von Saiten auf dem sog. Kanon zu
verdeutlichen« (Theo Sm. 57, 1 lf.).
2. »Pythagoras in der Schmiede« 205

hältnisses für das erklingende Intervall auf fasst.159 Diskussionswürdig ist


m. E. außerdem die Einschätzung des göttlichen Willens, der Pythagoras in
die richtige Richtung weist, als floskelartigen Topos.160 Hentschels Hinweis
auf Jakobus von Lüttich, der schreibt, dass eine Erleuchtung des Intellekts
der Findung der Wahrheit gleichkommt, weist zumindest gemäß neuplato¬
nischer Lehre, die den Intellekt für göttlich hält, in die richtige Richtung.161
In der Forschung ist ferner bisher unbeachtet geblieben, dass in mus. 1, lOf.
ein menschliches Erkenntnisvermögen zwischen Wahrnehmung und Den¬
ken eine entscheidende Rolle spielt, nämlich die Meinung. Ihr wird deshalb
im Folgenden gesonderte Aufmerksamkeit zuteil werden.
Die beiden Pythagoras-Kapitel befinden sich relativ am Anfang des ge¬
samten Traktates im ersten Buch. Im Anschluss an das Proömium, in dem
die herausragende Bedeutung der Musiktheorie, ihr Ziel und ihre Dreitei¬
lung in musica instrumentcilis, Humana und mundana besprochen werden,
stellen die folgenden Kapitel die wichtigsten theoretischen Grundlagen vor:
Wesen von Ton, Intervall und Konsonanz, Unterscheidung der Arten von
Zahlenverhältnissen, deren Verbindung mit hörbaren Intervallen, Hierarchie
der Arten von Zahlenverhältnissen sowie Beschränkung der Konsonanzen
auf die Verhältnisse des Vielfachen und Epimoren.162 Nachdem Boethius
damit sowohl das rein rational Erkennbare (Zahlenverhältnisse) als auch die
Hörbarkeit bestimmter Zusammenklänge skizziert hat, thematisiert er das
Verhältnis beider Bereiche zueinander beginnend mit dem Kapitel mus. 1,
9, das folgende Überschrift trägt: »Man darf nicht das ganze Urteil den
Sinnen geben, sondern muss eher dem rationalen Denken glauben; dabei
über die Täuschung der Sinne«.163 Unmittelbar daran schließen sich die
beiden Pythagoras-Kapitel an (Übersetzung im Anhang 2.1).

159 S. o. III.1.3. - Vgl. Hentschel, Sinnlichkeit und Vernunft, 67: Wie aus den dort zitierten
Aristoteles-Kommentaren hervorgeht, handelt es sich beim Zahlenverhältnis und der sinnlichen
Materie gerade nicht um eine »Korrelation«, sondern konkret um eine Formursache (ahylon Eidos)
und um deren einzige Verwirklichungsmöglichkeit an einer wahrnehmbaren Materie (enhylon
Eidos). Weiterhin kommt dieser Instanz nur insofern Abstraktheit zu, als sie im Vergleich zum
allgemeinen Eidos in ihrer Extension sehr eingeschränkt (contractus - »zusammengezogen«) ist.
Denn 2:1 ist Voraussetzung für alle erklingenden Oktaven, egal in welcher Höhe, an welchem
Instrument, mit welcher Klangfarbe oder in welcher Lautstärke sie erklingen. Ein konkret an einer
wahrnehmbaren Materie vorliegendes doppeltes Verhältnis hingegen bestimmt nur diese eine
Materie zu einer bestimmten Zeit (s. o. 1.2.7). Dass eine partikuläre Instanz eine im Vergleich zu
ihrem Prinzip eingeschränkte Verwirklichungsmöglichkeit ist, die deshalb als contractus bezeich¬
net wird, vertritt noch Nikolaus v. Cues, vgl. z. B. coniect. I 4, 16 (aus Gott geht die intelligentia
hervor, aus dieser die Seele und aus der Seele der Körper, welcher am eingeschränktesten ist und
somit »zusammengezogen«).
160 Hentschel, Sinnlichkeit und Vernunft, 87 Anm. 92.
161 S. o. II.3f.; vgl. O’Meara, Pythagoras, 152-155, zum Zusammenhang zwischen Lernen,
Entdecken und Offenbarung in der neuplatonisch-pythagoreischen Tradition.
162 Proömium: mus. 1, 1; theoretische Grundlagen: 1, 3-8.
163 Eine Übersetzung des gesamten Kapitels findet sich unten im Anhang 3.4.
206 III. »De institutione musica«

2.1 Vom sensus via Meinung zur ratio

2.1.1 Die Darstellung bei Boethius


Angesichts des eingangs in 1.2.4 knapp dargestellten und in II.3 (v. a. 3.3)
näher ausgeführten wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Hintergrun¬
des wird es nicht verwundern, dass Pythagoras bei der Ermittlung der Ursa¬
chen konsonanter Klänge bei aller Ablehnung bloßer Sinnesurteile von
empirischen Erfahrungen ausgeht und erst durch die hörbaren Hammer¬
schläge in einer Schmiede zur Findung einer rationalen Lösung veranlasst
wird: Wer zunächst nicht bemerkt, dass ein Ton zusammen mit einem ande¬
ren sehr angenehm klingt, im Gegensatz dazu aber mit einem dritten keinen
gefälligen Klang ergibt, wird sich kaum die Frage stellen, auf welchen
Ursachen dieses Phänomen beruht, und sich daraufhin auf die Suche nach
einer entsprechenden Erklärung begeben.164 Gerade derartige Widersprüche
und Aporien, die wahrnehmend nicht gelöst werden können, fordern dazu
auf, darüber hinausgehende Erkenntnisvermögen zu Rate zu ziehen.165
Für diese Deutung spricht zunächst der Kontext, in den die Geschichte
eingebettet ist: Boethius schließt sie direkt an das Kapitel zum Verhältnis
zwischen sensus und ratio (mus. 1, 9) an und setzt gleich zu Beginn des
Pythagoras-Kapitels (mus. 1, 10) dieses Thema fort, indem er die Abwen¬
dung des Pythagoras von der Wahrnehmung und seine Hinwendung zu den
»Beweggründen der Regeln« (ad regularum momenta) auf die gerade zuvor
besprochenen Defizite der Wahrnehmung zurückführt.166 Während die Py¬
thagoras-Legende also durch den Hinweis auf die Unzuverlässigkeit der
Wahrnehmung motiviert wird, hat der Abschluss der gesamten Passage am
Ende von mus. 1, 11 das von Pythagoras erreichte Ergebnis - die Findung
der regula - zum Inhalt. Damit sind Anfangs- und Endpunkt der Erkennt¬
nisbemühungen des Pythagoras benannt: die zur Erklärung des Phänomens
unzureichende Wahrnehmung und die sichere, nicht zu täuschende Er¬
kenntnis, die regula, auf deren Basis Pythagoras das gleichnamige Instru¬
ment (das Monochord) entwickelt.

164 Nach pythagoreischer Ansicht bietet die Wahrnehmung eine Art Samen für die daraus auf¬
keimende und später durch das Denken aufblühende Erkenntnis; vgl. Boeth. mus. 5, 3 p. 354, 26 -
355, 2 (s. u. Anhang 3.8).
165 Vgl. etwa das Fingerbeispiel (Plat. pol. 523a5-525a5): Während etwas in der Wahrneh¬
mung sowohl etwas Bestimmtes als auch nicht dieses Bestimmte ist (bei Pythagoras ist ein und
derselbe Ton sowohl angenehm als auch nicht angenehm zu hören), unterscheidet das Denken die
verschiedenen Hinsichten, kann das Wesen des Sachverhaltes erkennen und somit ausgehend vom
verworrenen Sinnesurteil eine distinkte Erkenntnis erlangen; vgl. dazu Schmitt, Erkenntnistheorie,
passim.
166 S. u. Anhang 3.4. - In den Glossen findet sich unter den gängigen Begründungen für die
Defizite der Wahrnehmung auch ein Hinweis auf die schuldhafte Natur des Menschen nach
Adams Sünde (Glossen 16a f. zu mus. 1, 10).
2. »Pythagoras in der Schmiede« 207

Beide Kapitel thematisieren also die Unterscheidung zwischen Sinnlich¬


keit und rationalem Denken, gehen aber weit darüber hinaus, da sie beides
nicht nur wiederholend in Form der eingefügten Episode illustrieren, son¬
dern den Weg vom einen zum anderen mit seinen vielfältigen Schritten und
Aspekten exemplarisch darstellen: Ausgangspunkt der Suche nach sicherer
Erkenntnis ist neben dem Vorliegen eines wahrhaften Klärungsbedarfes das
fehlendes Vertrauen in die menschlichen Ohren167 und in die Instrumente168
aufgrund ihrer Wechselhaftigkeit und Unbeständigkeit. Konsequenterweise
wendet sich Pythagoras von ihnen ab und begibt sich voller Wissensdurst,
eifrig und ausdauernd169 auf die Suche nach einer zuverlässigen Lösung.170
Ihr Auffinden ist als Lernprozess aufzufassen, an dessen Ende ein neues
Niveau, eine qualitativ höherliegende Ebene erreicht ist.
Durch göttliche Unterstützung gelangt er zur Schmiede.171 Die Schmiede
ist der Ort des ersten Erkenntnisfortschritts, den er aufgrund der Wahrneh¬
mung der Hammerschläge betritt. Auf das Hören und Wiedererkennen der
Zusammenklänge hin stellt er Überlegungen an, die ihn zunächst zu der
falschen Meinung führen, die Klänge beruhen auf den unterschiedlichen
Kräften der Schmiede.172 Durch Überprüfung dieser These mittels Versu¬
chen in der Schmiede wird diese falsche Meinung widerlegt und der wahre

167 Boeth. mus. 1, 10 p. 196, 20: tiullis humanis auribus credens.


168 Ebd. p. 196, 28 - 197, 1: »hielt er all dies für unüberlegt, maß ihm keinerlei Zuverlässig¬
keit bei« (omnia haec inconsulta minimaeque aestimans fidei). - Bemerkenswert ist hier, dass
Pythagoras die Ohren mit den Instrumenten parallelisiert: Beide sind unzuverlässig und rangieren
auf der Ebene der Hilfsmittel. Wie unten genauer erörtert wird, hielt Boethius die Seele für die
aktive Instanz, die den Wahrnehmungsprozess und das Hervorbringen von Wahrnehmbarem im
Wesentlichen vollzieht und sich dabei diverser Hilfsmittel bedient, s. u. III.5.2 sowie mus. 1,1p.
181, 1—4 (enthalten im Anhang 3.1).
169 Boeth. mus. 1, 10 p. 197, 1: wörtl. »und lange glühend«, d. h. voll glühenden Eifers (diu-
que aestuans); p. 197, 3: »gründlich« oder »genau erlernen« (perdiscere); vgl. Plat. Theait. 144a3-
b7 zu den Eigenschaften, die bei einem angehenden Philosophen vorauszusetzen sind; zum Wun¬
dem bzw. Staunen als Beginn des Philosophierens ebd. 155d2-5 sowie Aristot. metaph. 982b 12f.
170 Das fragliche Problem ist ja auch keine Kleinigkeit; vgl. »Musica enchiriadis«, XVIII 51-
54: »Denn warum einige miteinander durch so süße Vermischung zusammenklingen, andere Töne
aber sich nicht mischen wollen und somit unangenehm disharmonieren, ist Sache tieferer und
göttlicher Einsicht und zählt unter bestimmten [sc. Musiktheoretikern] zum Geheimsten der
verborgenen Natur« (cur namque aliqui tarn dulci ad invicem commixtione consentiant, alii vero
soni sibi misceri nolentes insuaviter discrepent, profundioris divinaeque est rationis, & in aliqui-
bus inter abditissima naturae latentis).
171 Ebd. p. 197, 3f.: divino quodam nutu. Im Rahmen der Musiktheorie thematisiert Boethius
das Verhältnis zwischen Gott bzw. göttlichen Wesen und Mensch nicht. Dass der Mensch nach
Boethius grundsätzlich nicht aus eigenen Kräften ist und erkennt, wird im »Trost der Philosophie«
ganz deutlich: vgl. Baltes, Boethius, 221: »... Gott selbst ist es, der die Seele trägt und führt, er
selbst ist ihr Weg. Er ist also Anfang oder Ursprung, Mitte oder Mittel und Ende oder Ziel in
einem (principium, vector, dux, semita, terminus idem, 3 carm. 9, 28). Als Vermittlerin bedient er
sich dabei der Philosophie ...« - Aurelian sagt explizit, dass die Entdeckung in der Schmiede ohne
den göttlichen Willen unmöglich gewesen wäre; vgl. M. Walter, 74 Anm. 18.
172 Boeth. mus. 1, 10 p. 197, 7: »glaubte er« (arbitratus est).
208 III. »De institutione musica«

Zusammenhang deutlich. Das Wissen darum wendet Pythagoras anschlie¬


ßend bei der Messung der einzelnen Gewichte der Hämmer im Einzelfall an
und überprüft es zugleich. Das Verwerfen des dissonanten Hammers erfolgt
aufgrund des Wahrnehmungseindruckes.
Für Pythagoras stellt sich nun zu Hause die Frage, ob die gefundenen Ur¬
sachen allein hinreichend für das Wesen der Konsonanzen sind, d. h. ob die
festgestellten Verhältnisse die Konsonanzen im Allgemeinen wesentlich
bestimmen oder ob sie vielleicht doch nur akzidentell zum Entstehen des
jeweiligen Phänomens beitragen.173 Durch vielfältige Experimente, in denen
die konstant bleibenden Verhältnisse auf verschiedene Materialien ange¬
wendet werden, fasst er unumstößliche Gewissheit in seine Einsicht.174
Nicht zu vergessen ist die große Freude, mit der ihn die Bestätigung seiner
These und das Ausbleiben von Gegenbeweisen erfüllt.175 Der hier beschrie¬
bene Weg endet mit der allgemeinen Formulierung der erlangten festen
Erkenntnis, auf die Boethius an dieser Stelle allerdings nicht en detail ein¬
geht. Auf Grundlage dieser Erkenntnis schafft Pythagoras ein Instrument,
das dem Wiederauffinden des Sachverhaltes im wahrnehmbaren Bereich
dient - die Regula.176

Dass meinungshaftes Erfassen eine wichtige und unverzichtbare Stufe des


Erkenntnisweges vom sensus zur rat io ist, gerät durch die beiden Pythago¬
ras-Kapitel als neuer Aspekt in Boethius’ Musikschrift in den Blick. Gerade
die (richtige) Meinung steht hier rein quantitativ im Mittelpunkt, denn die
Phase des richtigen Meinens erstreckt sich bei Pythagoras von der Widerle¬
gung der ersten Ursachenzuschreibung bis zum Abschluss der Experimente
in mus. 1,11 — was immerhin knapp zwei Drittel der gesamten Passage
ausmacht.
Das Meinen wird als Urteil über die Wahrnehmungen dargestellt, und
zwar nicht nur als Urteil im Sinne einer bloßen Gegenstandserkenntnis,
sondern als Versuch einer Erklärung, die mit Hilfe einigen Überlegens

173 Boeth. mus. 1, 11 p. 198, 16f.: »ob in diesen Verhältnissen die ganze Ursache der Konso¬
nanzen besteht« (an in his proportionibus ratio symphoniarum tota consisteret).
174 Ebd. p. 198, 16f.: »ganz unantastbare Gewissheit«, »ganz fester Glaube« (integerrima fi-
des).

175 Ebd. p. 198, 20f.: nihil sese diversum invenisse laetatus est. Glosse 10 zu mus. 1, 32 unter¬
streicht, dass auch das Denken bei seiner unterscheidenden Erkenntnistätigkeit Freude empfinden
kann.
176 Wie Boethius abschließend ausdrücklich sagt, geht der Sachverhalt bzw. die Erkenntnis
des Sachverhaltes der Benennung und - so muss man wohl schlussfolgern - auch der Schaffung
des Hilfsmittels Regula der Sache nach voraus: »aus der Sache hat sie die Bezeichnung erlangt«
(mus. 1, 11 p. 198, 24: ex re vocabulum sumpsit); vgl. Glossen 43-52 zu mus. 1, 11, v. a. Glosse
49b zur primären Rolle des Sachverhaltes: »[Sc. Regula wird es genannt], weil es den Geist zur
Wissenschaft durch die Richtigkeit des Verhältnisses lenkt«, Glosse 52: »[sc. die Regula] ist nicht
körperlich, sondern intelligibel gemäß dem Verhältnis der Zahlen« und Boeth. mus. 5, 3.
2. »Pythagoras in der Schmiede« 209

gewonnen wurde. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass eine Ursache für das
entsprechende Phänomen aufgrund von Erfahrung angenommen wird, ohne
dass ein sicheres Wissen darüber besteht, ob diese Ursache tatsächlich
relevant ist und wenn ja, ob sie wirklich wesentlich ist oder nicht. Somit
verfügt derjenige, der eine richtige Meinung hat, im Vergleich zum bloß
Wahrnehmenden über eine relativ zuverlässige Erfahrung, die den Phäno¬
menen nicht widerspricht und mit deren Hilfe er die entsprechenden Wahr¬
nehmungen auch mit großer Wahrscheinlichkeit richtig erläutern kann.
Andererseits kann er für diese richtige Meinung keine Gründe angeben, da
dieses Urteil auf Glauben und Überzeugung (fides) beruht, nicht auf echtem
Wissen, weshalb man auch beim Meinen nicht von Erkenntnis und Wissen
im eigentlichen Sinne sprechen kann.
Wie in der Pythagoras-Geschichte dargestellt, nimmt das Meinen eine
mittlere Position zwischen Nichtwissen und Wissen ein, nämlich zwischen
dem Wahrnehmen und der sicheren Erkenntnis, wie sie im Erfassen der
regula vorliegt. Die mittlere Stellung der Meinung zwischen Wissen und
Nichtwissen (bzw. Seiendem und Nichtseiendem) wird bei Platon detailliert
im fünften Buch der Politeia erörtert. Zu den bloß Meinenden zählt Platon
auch die Liebhaber des Hörens, die schöne Töne hochschätzen, aber nicht
in der Lage sind, das Wesen des Schönen selbst zu erkennen und zu lie¬
ben.177 Nicht nur im Rahmen der »Musiktheorie«, sondern auch im Ge¬
sprächsverlauf des »Trostes der Philosophie« wird die Ebene der Meinung
berücksichtigt. Dort nimmt die Erörterung nämlich von der Ebene der Mei¬
nung - wie bei Pythagoras zunächst einer falschen Meinung - ihren Aus¬
gang, um dann zu einer Erkenntnis im eigentlichen Sinne zu gelangen.178
Beim Aufstieg zu einer sicheren Erkenntnis kann diese Ordnung nicht um¬
gangen werden, so wie es auch nicht denkbar ist, dass man ohne ein vorläu¬
figes, unsicheres Urteil über etwas Wahrnehmbares (oder Meinbares) eine
rationale Begründung für dieses Urteil sucht. Der Erkenntnisprozess muss
dementsprechend schritt- bzw. stufenweise erfolgen, ohne dass die Ebene
der Meinung übersprungen wird.179
Die Relevanz der Meinung für die »Musiktheorie« des Boethius wurde
in der bisherigen Forschung nicht expliziert. Die Bedeutung dieser Thema-

177 Vgl. das Liniengleichnis (Plat. pol. 509d 1—511 e5), wo die Meinung (8ö^a - Doxa bzw.
Tcioitq - Pistis) systematisch in den Zusammenhang der verschiedenen menschlichen Erkenntnis¬
vermögen eingeordnet wird, ebd. 475dl-480al3 zur mittleren Stellung der Meinung, 476b4—8 zu
den Liebhabern des Hörens und dazu Cludius, 162-164.
178 Die Philosophie führt den eingekerkerten Boethius von einer falschen Meinung (falsa opi-
nio\ Boeth. cons. 2, 4, 6) zur wahren rationalen Erkenntnis. In cons. 5, 4, 66f. unterscheidet
Boethius zwischen opinionis caligo (»Dunkelheit der Meinung«) und scientiae veritas (»Wahrheit
der Wissenschaft« bzw. »des Wissens«).
179 Vgl. Höhlengleichnis: Plat. pol. 514a 1—521 b 11.
210 III. »De institutione musica«

tik und v. a. ihre Schlüsselrolle für ein Verständnis des Aufbaus des Trakta¬
tes spiegelt sich aber nicht nur die Schmiede-Episode wider. Sie kommt
auch im vorletzten Kapitel des ersten Buches, d. h. im Anschluss an die
Inhaltsübersicht, zum Ausdruck:180

Auf welche Weise das Gesagte aufgenommen werden soll

Alles, was von nun an sorgfältiger erforscht werden muss, berühren wir jetzt summa¬
risch und kurz, damit dieses inzwischen auf einer gewissen Oberfläche den Geist des
Lesers gewöhnt, der zu tieferem Wissen durch die spätere Abhandlung herabsteigen
wird. Nun aber - was bei den Pythagoreern üblich war,181 dass, wenn etwas vom
Meister Pythagoras gesagt wurde, von ihm niemand eine Begründung zu erfragen
wagte, sondern sie als Begründung die Autorität des Lehrenden hatten, und dieses
geschah, bis der Geist des Lernenden, durch sicherere Unterweisung gestärkt, selbst
von derartigen Sachverhalten die Begründung, ohne dass einer mehr lehrte, auffand -
so empfehlen wir auch jetzt dem Vertrauen des Lesers das, was wir vorgestellt haben,
damit er glaubt, dass die Oktave im doppelten, die Quinte im anderthalben, die Quarte
im epitriten, die Duodezime im dreifachen, die Doppeloktave im vierfachen Verhält¬
nis besteht. Später aber wird die Begründung sorgfältiger entfaltet werden und auch,
auf welche Weisen auch dem Urteil der Ohren die musikalischen Konsonanzen ver¬
bunden sind; und alles übrige, was weiter oben gesagt worden ist, wird ein umfang¬
reicherer Abschnitt auseinandersetzen: dass das sesquioktave Verhältnis den Ganzton
schafft und man ihn nicht in zwei gleiche [sc. Teile] teilen kann, so wie keine Propor¬
tion derselben Gattung, d. h. der Epimoren ... All dieses werde ich später sowohl
durch das Verhältnis der Zahlen als auch durch das Urteil der Ohren beweisen. So¬
weit darüber.

Im ersten Buch möchte Boethius dem Leser nach eigenen Angaben also zu
einer richtigen Meinung verhelfen, während er erst für später Gründe bzw.
Begründungen (rationes) in Aussicht stellt.182 Soweit aus den bisherigen
Betrachtungen hervorgeht, hält er sich also selbst an den in der Pythagoras-
Geschichte demonstrierten Weg zur sicheren Erkenntnis: Im Gegensatz zu
Pythagoras zieht er zwar das Gehör im ersten Buch der »Musiktheorie«
nicht explizit heran, sondern setzt gleich auf derjenigen Stufe an, auf der die

180 Boeth. mus. 1, 33 p. 222, 28 - 223, 26.


181 Dazu Glosse 8: »Der Heilige Ambrosius sagt in seinem Kommentar zum 118. Psalm Fol¬
gendes. Ich glaube, dass der Philosoph Pythagoras, ein Nachahmer der Propheten, eine Sekte
eingerichtet hatte, so dass seine Schüler fünf Jahre lang nicht redeten und in solcher Stille zu reden
lernten.« Von dieser Methode berichtet auch Philop. in an. 117, 5-8; vgl. Cic. nat. deor. I 5, 5 {ipse
dixit).

182 Im Proömium zum zweiten Buch erinnert Boethius an diese Vorgehensweise (mus. 2, 1 p.
227, 14-17). »Das vorige Buch fasste alles zusammen, was nun sorgfältiger zu beweisen ist, wie
ich mir vorgenommen habe. Und so will ich, bevor ich zu dem komme, was mit den eigentlichen
Gi ünden (propriis rationibus) genau zu lehren ist, einiges vorausschicken ...« - Dieselbe didakti¬
sche Einstellung geht aus Boethius’ zweitem Kommentar zur »Eisagoge« hervor, wo er schreibt,
dass Porphyrios sich aut seine Leser einstellt und dementsprechend meinungshaft argumentiert,
wie es sich eben für eine Einführung gehört (in Porph. sec. I 12 p. 168, 15-23).
2. »Pythagoras in der Schmiede« 211

Defizite der Wahrnehmung nicht mehr praktisch gezeigt, sondern nur noch
verbal erinnert und vertiefend besprochen werden müssen. Er plädiert für
das Streben nach rationalen Erkenntnissen und steigt mit seiner Unterwei¬
sung genau auf der Ebene unterhalb der rationalen Erkenntnis - also auf der
Stufe der Meinung — ein, indem er dem Leser die elementarsten Grund¬
kenntnisse183 der Musiktheorie vermittelt, um ihn erst anschließend durch
die angekündigten Begründungen zu sicherer Erkenntnis, d. h. zu Wissen
im eigentlichen Sinne, zu führen.
Dem pädagogischen Konzept entsprechend wird das Wesen rationalen
Erkennens in der Geschichte selbst nicht detaillierter angedeutet. In beiden
Kapiteln zu »Pythagoras in der Schmiede« liegt der Schwerpunkt der Be¬
trachtung stattdessen auf den unteren Erkenntnisvermögen Wahrnehmung
und Meinung. Dazu passt Boethius’ Ankündigung in mus. 1, 11 p. 198,
23f., die Regula erst später zu erläutern. Ausführungen über das Wesen der
rationalen Erkenntnis und im Zusammenhang damit über die Natur eines
richtigen, unveränderlichen, rational einsehbaren Sachverhaltes enthält er
dem Leser in diesem Stadium der Unterweisung noch vor.
Ein Vergleich mit den Erörterungen im »Trost der Philosophie« verdeut¬
licht, dass mit dem Musiktraktat nur unteren der vier menschlichen Er¬
kenntnisvermögen (Wahrnehmung, Meinung, rationales Denken, intellekti-
ves Denken) aktiviert werden sollen. Gründe dafür sind die Notwendigkeit,
die Rationalität der Rezipienten weiter auszubilden und die mathematisch¬
musiktheoretische (und nicht philosophische) Thematik. Zielt die Erörte¬
rung nicht mehr auf das Erfassen des Wesens wahrnehmbarer Phänomene
ab, sondern betrifft sie Fragen, welche die Wahrnehmung transzendieren -
wie etwa die Begründung der menschlichen Willensfreiheit im fünften
Buch der »Consolatio philosophiae« -, ist vorrangig die ratio aktiv und hat
das empirische Experiment keinen heuristischen Wert mehr. Die Wahrneh¬
mung wird bei derart schwierigen Fragen auf ein notwendiges Minimum
reduziert.184 Der am Anfang der »Musiktheorie« dargestellte Erkenntnispro¬
zess mit seinen Stufen ist demnach nicht auf jede Art der Erforschung über¬
tragbar, v. a. nicht auf rein philosophisches Erkennen, sondern besitzt nur
für die ersten Schritte auf dem Weg zu sicherer Erkenntnis Relevanz, und
zwar speziell für den Anfang musiktheoretischen Erkennens.

183 Vgl. die Ankündigung mus. 1,2 p. 189, 12f.: »Aber genug des Proömium. Nun müssen
wir über die Elemente der Musik selbst Ausführungen machen.« (sed proemii satis est. nunc de
ipsis musicae elementis est disserendum.)
184 Vgl. cons. 4, 6, 16-19: Die Philosophie kündigt an, dass die Ergötzung durch musische
Einlagen, wie sie bisher den Dialog zu unterbrechen pflegten, angesichts des gewählten Themas
eine Weile ausbleiben muss, um die miteinander verknüpften Ursachen (rationes) in der wesens¬
mäßigen Ordnung darlegen zu können.
212 III. »De institutione musica«

Auf die Notwendigkeit, die Stufe des richtigen Meinens bei Ausbildung
und Erziehung zu beachten, weist Theon von Smyrna in seiner mathemati¬
schen Einführungsschrift unter Verwendung von Platons Färberbeispiel
hin:185 Wie beim Färben Farbechtheit erreicht wird, indem man gute Vorbe¬
reitungen trifft, möglichst weiße Wolle auswählt und gründlich färbt, so
dass keine Fauge die Farbe wieder auswaschen kann, werden auch die
Wächter im optimalen Staat ausgewählt und frühzeitig mit Musik, Gymna¬
stik und den Gesetzen >getränkt<, auf dass sie ihre richtige Meinung und
Tapferkeit allen Feidenschaften, Füsten und Schmerzen zum Trotz bewah¬
ren. Wie Theon ausführt, dient der Unterricht in Musik, Gymnastik, Gram¬
matik, Geometrie und Arithmetik der Reinigung der Schüler, ohne die eine
spätere >Farbechtheit< nicht erlangt werden kann. Analog ist Boethius’
Musikschrift angelegt.
Die unterschiedlichen Wissensniveaus spiegeln sich im Verhältnis zwi¬
schen Fehrer und Schüler wider, wie sich in der gerade zitierten Passage
Boeth. mus. 1, 33 zeigt. Der Fehrer hat in rationaler Weise seine Wissen¬
schaft erfasst, während der Schüler erst an das Wissen des Fehrers herange¬
führt werden möchte. Sobald sich also ein Schüler (der mit einiger Sicher¬
heit voraussetzen kann, dass der Fehrer ein wirklich Sachverständiger ist)186
zunächst vertrauensvoll dessen Fehre unterzieht und nicht gleich die gesam¬
te Fehre in Frage stellt, bevor er sie überhaupt kennengelemt hat, bis ihm
die wahren Begründungen vermittelt worden sind bzw. er sie selbständig
erkannt hat, befindet er sich auf dem besten Wege zum Erwerb wahren
Wissens. Diese Methode mag einen heutigen Feser befremden. Aus Boethi¬
us’ Sicht kann man einer solchen Vorgehensweise aber keine Dogmatik im
negativen Sinne, Manipulation der Feserschaft oder mangelnde Wissen¬
schaftlichkeit vorwerfen, sondern müsste sie loben, weil nur sie den anthro¬
pologischen und wissenschaftlichen Tatsachen angemessen ist.

185 Plat. pol. 429d4-430cl und Theo Sm. 12, 26 - 14, 17.
186 Einen solchen Vertrauensvorschuss zu leisten ist nur sinnvoll, wenn der Lehrer ein wirkli¬
ches Wissen über den fraglichen Sachverhalt hat, wovon Boethius in seinem Falle - und auch
Platon bei seiner Forderung, dass sich der Meinende dem Wissenden unterordnen muss - ausgeht.
Dass ein auf einem bestimmten Gebiet Kompetenter genau in dieser Hinsicht auch das Sagen
haben und sein Wissen zum Wohl der anderen (sowohl in der Einzelseele als auch im Staat)
einsetzen soll, ist eine zentrale Forderung Platons (pol. 433b3f.: Gerechtigkeit meint »das Seine
tun«)- Wird dieses Prinzip durchgesetzt, z. B. indem der Schüler sich der Lehre eines kompetenten
Lehrers respektvoll unterstellt, hat diese Konstellation im platonischen Sinne Anteil an der Ge-
lechtigkeit, wenn Gerechtigkeit darin besteht, dass einer genau das tut, was ihm seiner Kompetenz
nach zukommt.
2. »Pythagoras in der Schmiede« 213

2.7.2 Vergleich mit den Versionen von Nikomachos und Macrobius

Vergleich mit Nikom. harm. 6


Auch das sechste Kapitel des »Harmonischen Handbüchleins« des Nikoma¬
chos enthält die Pythagoras-Legende. (Eine Übersetzung ist im Anhang 2.2
zu finden.) Es ist nicht mit Sicherheit zu sagen, ob Boethius es kannte und
daraus die Pythagoras-Episode entnahm. Grundsätzlich ist Boethius’ direkte
Quelle nicht bekannt, so dass die Eigentümlichkeiten seiner Version nicht
eindeutig auf ihn selbst bzw. auf seine etwaige Quelle zurückgeführt wer¬
den können. Dennoch kann ein Vergleich mit der Version des Nikomachos
die Besonderheiten von Boethius’ Formulierungen und die Aussageintenti¬
on seiner Darstellung verdeutlichen.
Der Vergleich bestätigt, dass ein zentrales Anliegen von mus. 1, lOf. dar¬
in besteht, dem Leser den beschriebenen Erkenntnisweg exemplarisch vor
Augen zu stellen. Als Indiz könnte man bereits die unterschiedliche Formu¬
lierung der beiden Kapitelüberschriften deuten:187 Während es bei Boethius
um die Art und Weise des Erforschens (investigare) geht, kündigt die Über¬
schrift bei Nikomachos Ausführungen über das Finden (ebpetv - heurein)
der arithmetischen Verhältnisse an: »Wie die arithmetischen Verhältnisse
der Töne gefunden wurden« (n<ai; oi api0pr|TiKoi t&v tpGöyycov A.öyoi
eüpe0r|oav). Gehören auch Forschen und Finden im optimalen Fall eng
zusammen, so unterscheiden sich doch beide, weil das Forschen stärker den
Aspekt des methodischen Fortschreitens betont,188 das Finden hingegen
stärker das Augenmerk auf das Ergebnis der Suche legt. Genau um Letzte¬
res geht es Nikomachos im »Encheiridion«: Es soll in aller Kürze seiner
Schülerin die wichtigsten Informationen zur Musiklehre bereitstellen. Viel¬
leicht sollte man aber diesen Formulierungsunterschied in den Überschrif¬
ten nicht überinterpretieren. Das besagte Kapitel selbst enthält eindeutigere
Hinweise, denen wir uns gleich zuwenden werden.
Im vorangegangenen Kapitel hatte Nikomachos dargelegt, dass Pythago¬
ras die siebensaitige Lyra um eine achte Saite ergänzte und dadurch auf
dem Instrument die Oktave schuf. Dass ein Zusammenhang zwischen be¬
stimmten Zahlenverhältnissen und den zu Beginn des Kapitels 6 genannten
Intervallen besteht, ist dabei bereits erwähnt worden.
Im Hinblick auf den Inhalt ähneln sich die Versionen des Boethius und
des Nikomachos grundsätzlich und auch z. T. im Detail, wie etwa in der
Erwähnung des göttlichen Willens, des verworfenen fünften Hammers oder

187 Die Kapitelüberschriften in mus. stammen mit sehr großer Wahrscheinlichkeit vom Autor;
vgl. Guillaumin, Edition, XXXIX Anm. 71 und 180f. Anm. 9; dagegen Pizzani, Influence of mus.,
119.
188 Vestigium - »Fährte«, »Tritt«, »Schritt«; investigare bedeutet zunächst also »den Schritten
folgen«, »aufspüren«.
214 III. »De institutione musica«

der Freude über den erreichten bzw. in Aussicht stehenden Erkenntnisfort¬


schritt. Interessanterweise spricht Nikomachos von einer »daimonischen
Fügung« und trifft damit eine aus neuplatonischer Sicht differenziertere
Aussage als Boethius, da unter »Daimones« gemäß Platons Darstellung
Wesen verstanden wurden, die den Göttern untergeordnet sind und direkten
Einfluss auf das irdische Geschehen nehmen - so wie es bei Pythagoras der
Fall ist.189 Im Hinblick auf das Ziel der mathematischen Ausbildung ist die
Erwähnung der göttlichen Hilfe von Belang, da der Schüler letztlich erken¬
nen soll, dass transzendente Instanzen bzw. göttliche Wesen den irdischen
Kosmos bestimmen.190
In auffälliger Weise unterscheiden sich beide Versionen dadurch, dass
bei Nikomachos die genaue Erläuterung der einzelnen Zahlenverhältnisse
der Gewichte bzw. Saiten im Vordergrund steht und nicht die Illustration
des Erkenntnisweges.191 Während Boethius die Defizite der Wahrnehmung
als Grund für die Anwendung der zuverlässigeren rationalen Erkenntnis¬
weise und somit als Ausgangspunkt für das weitere Geschehen angibt,
erwähnt Nikomachos lediglich Pythagoras’ Bemühungen um eine sichere
Erkenntnishilfe für das Gehör, wie sie auch jeweils für die anderen Sinne
zur Verfügung steht. Zwar lässt auch Nikomachos den Pythagoras ange¬
strengt grübeln und ihn auf das Hören und Wiedererkennen der Intervalle
hin in die Schmiede eintreten. Aber das Stadium der auf ersten Überlegun¬
gen basierenden falschen Meinung wird nicht vorgeführt, nicht deren Ver¬
werfen und die Bildung einer richtigen Meinung mit Hilfe von Versuchen.
Nikomachos deutet lediglich an, dass andere Gründe als die Gewichtsver¬
hältnisse auszuschließen sind. Auch wird nicht erwähnt, dass Pythagoras
bei den häuslichen Experimenten eine allgemeingültige Erkenntnis anstreb-

189 Laut Platon sind Daimones Mittler zwischen den Göttern und den Menschen (symp.
202d8-el). Daimones nehmen in recht partikulärer und individueller Weise Einfluss auf das
irdische Geschehen, auch jeweils auf einen bestimmten Menschen, wie beim Daimonion des
Sokrates (z. B. Phaidr. 242b8-c3). Jeder Mensch wählt sich in eigener Verantwortung seinen
Daimon (pol. 617el-5). - Eine spätere Quelle zur Daimonologie ist Apuleius’ »De Deo Socratis«.
Dei Autor wai ein Zeitgenosse des Nikomachos (2. Jh. n. Chr.), übersetzte wohl dessen Arithmetik
ins Lateinische (nicht erhalten) und galt in der Spätantike als Autorität unter den (Neu)platonikern;
vgl. auch Prokl. in Tim. A 152, 5 - 159, 7; zum Wesen der Daimones Bemard, Entvölkerung des
Himmels, passim, und Dämonologie, passim.
190 Levin, Manual, 89, sieht einen Gegensatz zwischen göttlicher Offenbarung und rationalem
Erkennen: »Though it was inspired by an ecstatic kind of reveladon in the smithy, Pythagoras’
Vision of acoustical truth was essentially mind-driven ...« Wie Büttner, 256-366, zeigt, handelt es
steh nur nach modernen Auffassungen, aber nicht im Rahmen der platonischen Lehre um einen
Widerspruch, da unter der göttlichen Inspiration im Platonismus kein irrationaler Affekt zu verste¬
hen ist, sondern eine überrationale (intellektive) Erkenntnisweise, die typischerweise Philosophen
und Politiker mit einer entsprechenden Geisteshaltung beim rationalen Erkennen anleitet.
191 Levin, Manual, 90f., weist darauf hin, dass sich Nikomachos sieben verschiedener Aus¬
drucke für Gewicht bedient: »And Nicomachus, as if to emphasize this remarkable fact, uses
almost every word in his lexicon to denote weight and nothing but weight ...«
2. »Pythagoras in der Schmiede« 215

te und sie dann auch fand. Bei Nikomachos heißt es zwar, dass Pythagoras
sich eines selbst geschaffenen sicheren Instrumentes bediente. Es wird aber
am Ende der Geschichte nicht als sekundäres Produkt der entsprechenden
Erkenntnis untergeordnet, sondern stattdessen wegen seiner Nützlichkeit für
vielfältige Experimente hervorgehoben. Nikomachos’ abschließende Aus¬
führungen über die Benennung der Saiten bestärken ebenfalls den Eindruck,
dass es ihm mit der Pythagoras-Episode im Gegensatz zu Boethius nicht um
die exemplarische Demonstration eines musiktheoretisch relevanten Er¬
kenntnisweges ging, sondern vielmehr um eine Darlegung der Zahlenver¬
hältnisse mit dem Ziel, praxisrelevantes Wissen zu vermitteln.192

Vergleich mit Macr. somn. II1, 8-25


Auch ein Vergleich mit der Version, die Macrobius in seinem Kommentar
zum »Somnium Scipionis« darbietet, zeigt, dass Boethius einen Erkenntnis¬
fortschritt relativ genau darstellt.193 Pythagoras bildet sich zwar auch bei
Macrobius erst eine falsche Meinung, die er dann durch Experimente falsi¬
fiziert und damit einen richtigen Ansatz gewinnt, den er durch diverse häus¬
liche Versuche bestätigt. Besonders auffällig ist bei Macrobius aber, dass er
gleich zweimal explizit die Erfolglosigkeit rein rationaler Bemühungen des
Pythagoras unterstreicht: Pythagoras hatte zwar erkannt, dass die Sphären¬
harmonie (um deren Erforschung es Pythagoras bei Macrobius geht) auf¬
grund eines konstant bleibenden Verhältnisses erklingt. Es selbst zu erfas¬
sen gelang ihm aber trotz langer, ermüdender Forschung nicht. »Und nach¬
dem ihn vergeblich langandauemde Forschung einer so großen und so
verborgenen Sache ermüdet hatte, gewährte ihm der Zufall, was das hohe
Denken nicht gefunden hat.« Zufällig ging er an einer Schmiede vorbei und
hörte die Klänge. »In der Überzeugung, dass sich ihm hier die Gelegenheit
bietet, erfasste er mit Augen und Händen, was er einst durch Denken such¬
te.«194 Der Weg führt nunmehr vom Denken zur empirischen Erhebung.
Eine nachträgliche rationale Durchdringung der empirisch gewonnenen
Ergebnisse wird nicht thematisiert. Auch das Fehlen der Regula als Ergeb¬
nis der Suche spricht dagegen, dass Macrobius einen Prototyp des musik¬
theoretischen Erkenntnisweges vor Augen führen wollte.195

192 Dasselbe gilt für die Version des Jamblich, welche wörtlich die des Nikomachos wieder¬
gibt: vita Pyth. 26, 115-121.
193 Boethius mag Macrobius’ Pythagoras-Geschichte gekannt haben, da sein Schwiegervater
den Kommentar zum »Somnium Scipionis« revidiert hatte, der daraufhin zu den Standardstücken
der lateinischen »Timaios«-Interpretation zählte.
194 Macr. somn. II 1, 8 und 10.
195 Dasselbe gilt für die Version von Gaudentius (Autor einer Musikschrift zwischen dem 2.
und 5. Jh. n. Chr.; ed. Jan, 340f„ cap. 11). Hier wird nur berichtet, dass Pythagoras die musikali¬
schen Verhältnisse durch einen glücklichen Umstand gefunden hat. Seine ursprüngliche Motiva¬
tion und das anhaltende Interesse an diesem Problem wird ebenso wenig thematisiert wie die
216 III. »De institutione musica«

2.2 Kopfwendung vom Schein zum Sein

Anhand der Pythagoras-Legende richtet Boethius das Augenmerk auf das


zentrale Thema der »Musiktheorie« - den sachlichen Zusammenhang zwi¬
schen Zahlenverhältnissen und erklingenden Konsonanzen.196 Dieser wird
nun dem Musikschüler anhand der Pythagoras-Geschichte nicht nur als
Wiederholung zuvor vermittelter Inhalte veranschaulicht, sondern darüber
hinaus präzisiert. In mus. 1, 7 war lediglich Folgendes einführend konsta¬
tiert worden:197

Welche Verhältnisse mit welchen musikalischen Konsonanzen verbunden werden

Jenes aber muss bekannt sein, dass alle musikalischen Konsonanzen entweder im
zweifachen oder dreifachen, vierfachen, anderthalben oder epitriten Verhältnis beste¬
hen. Und das [sc. Verhältnis], welches bei den Zahlen epitrit ist, wird Quarte bei den
Tönen (in sonis) genannt werden; die bei den Zahlen anderthalb ist, wird bei den
Tönen (in vocibus) als Quinte bezeichnet; die nun bei den Proportionen doppelt ist,
Oktave bei den Konsonanzen; dreifach nun die Duodezime; vierfach aber die Dop¬
peloktave. Und nun möge freilich in allgemeiner und ununterschiedener Weise (uni-
versaliter atque indiscrete)m gesprochen worden sein, später aber wird jedes Ver¬
hältnis der Proportionen einleuchten.

In der Pythagoras-Geschichte zeigt Boethius nun auf, inwiefern es sich um


ein Verhältnis zwischen Ursache und Verursachtem handelt: Pythagoras
findet bei den Gewichten der Hämmer in der Schmiede bestimmte Zahlen¬
verhältnisse, die er bei verschiedenen anderen Versuchen wieder anwendet
und auf diese Weise die gleichen hörbaren Intervalle produziert - allerdings
anstelle von Hämmern diesmal auf Röhren und anderen Materialien. Die
Zahlenverhältnisse bleiben dabei konstant immer dieselben, so dass darin
offensichtlich das Wesen der Konsonanzen bestehen muss. Bei dem in mus.
1, 7 festgestellten Abhängigkeitsverhältnis zwischen Zahlenverhältnissen
und Konsonanzen handelt es sich — wie die Geschichte präzisiert — um
eines, bei dem das Zahlenverhältnis die wesentliche Voraussetzung für das
Entstehen der entsprechenden Konsonanz ist.

Freude beim Finden der Ursachen der Töne und der Konsonanzen. Der Kanon fungiert bei Gau-
dentius nicht als Ergebnis des Erkenntnisweges, sondern wird bei der zweiten Versuchsanordnung
verwendet.
196 S. o. III.1.3.
197 Boeth. mus. 1, 7 p. 194, 18-28.
198 Mit »allgemein« kann hier nicht das wissenschaftliche Allgemeine gemeint sein, wie die
Verbindung mit mdiscrete zeigt. Denn im Unterschied zum rational und distinkt Erfassbaren kann
im wahrnehmbaren Bereich und in der Vorstellung aufgrund der Vermischung mit Materiellem
nur etwas Ununterschiedenes (mdiscrete), Konfuses (confusum - »zusammengeschüttet«) erfasst
werden; s. o. 65 Anm. 123. Als allgemein kann dieses Konfuse der Wahrnehmung insofern be¬
zeichnet werden, als es nur abstrakt allgemein ist, d. h. noch nicht ausreichend differenziert
sondern nur grob und einführend.
2. »Pythagoras in der Schmiede« 217

Da die wesentliche Ursache der erklingenden Konsonanzen in der Ge¬


schichte Zahlenverhältnisse sind, die unabhängig von der jeweils von ihr
bestimmten Materie konstitutiv für das wahrnehmbare Phänomen sind, sieht
sich der Schüler schon hier mit der erst in der Philosophie zu erörternden
und in der Metaphysik zu begründenden Ansetzung von etwas Unkörperli¬
chem konfrontiert, das etwas davon Verschiedenes — einen wahrnehmbaren
Körper, also eine Materie - bestimmt. Somit führen die Pythagoras-Kapitel
letztlich auf das Boethius’ Lehre zugrundeliegende Form-Materie-Konzept
hin, ohne den Rezipienten in diesem Stadium der Unterweisung mit genaue¬
ren Unterscheidungen, Begründungen und den gebräuchlichen Fachtermini
der philosophischen Tradition zu überfordern.199
Insofern der Formaspekt eine wissenschaftliche Erkenntnis des empiri¬
schen Phänomens ermöglicht, stellt Boethius mit Hilfe der Schmiede-
Geschichte ein zentrales Anliegen der Musiktheorie und der mathemati¬
schen Fächer insgesamt vor Augen:200 die Abwendung vom bloß Wahr¬
nehmbaren, von der Materie, und die Hinwendung zum unkörperlichen,
eigentlichen Wesen des jeweiligen Phänomens, das mit den körperlichen
Augen nicht sichtbar ist. Im Bild des platonischen Höhlengleichnisses geht
es demnach um die berühmte Kopfwendung, die den auf die Schatten an der
Höhlenwand Starrenden nach und nach erkennen lässt, dass das bisher für
real Gehaltene nur ein schwacher Abglanz der Abbilder der wahren Sach¬
verhalte ist.201 In der Andeutung bzw. Erinnerung an die Notwendigkeit
einer solchen, innerlich zu vollziehenden Kopfwendung liegt anscheinend
das zweite Ziel, das Boethius durch die Wiedergabe der Pythagoras-
Episode verfolgt.
Es ist bemerkenswert, dass Boethius seinen Leser anhand der Pythago¬
ras-Geschichte bereits ansatzweise die angestrebte Um- und Hochwendung
zum Unkörperlichen vollziehen lässt: Er regt mit beiden Kapiteln nicht die
Wahrnehmung, sondern die Phantasie der Schüler an, denn diese müssen
sich Pythagoras und seine Forschungen lebendig vorstellen und nicht etwa
durch eigene, ähnliche empirische Experimente das geschilderte >Stunden-
ziel erreichem.202 Sie vollziehen durch die Beschränkung auf die Vorstel¬
lung in gewisser Weise partiell die genannte Kopfwendung weg von den
wahrnehmbaren Körpern.

199 S. o. 1.2.7.
200 S.o. 11.3.
201 Vgl. Plat. pol. 514al—521 b 11 (Höhlengleichnis), dort v. a. 518c4-d7.
202 S. u. III.2.4.
218 III. »De institutione musica«

2.3 Methodenwechsel, Motivation und Reverenz an Pythagoras

Ein weiteres auffallendes Charakteristikum der Gestaltung von mus. 1, lOf.


ist der Wechsel vom Stil der theoretischen Abhandlung zur exemplarischen
Geschichte. Boethius lockert sein Lehrwerk durch den Methodenwechsel
auf, so dass man die Integration der Geschichte fast als pädagogischen
Kunstgriff bezeichnen könnte.203
Zudem motiviert sie zum Erlernen der ars musica im Sinne des Boethius:
Pythagoras ist nach Boethius’ Schilderung ganz menschlich dargestellt,
denn er irrt sich sogar, muss sich anstrengen, fleißig Überprüfungen vor¬
nehmen und freut sich am Ende der Strapazen sehr über das gewonnene
Ergebnis. Eine derart charakterisierte Person wird beim Leser sicherlich
einen sympathischen Eindruck und das Gefühl hinterlassen, selbst auch zu
Fortschritten in der Musiktheorie fähig zu sein. Diese Einschätzung wird in
der Forschung allerdings nicht geteilt.204 Eine entscheidende Rolle bei der
Beurteilung spielen zum einen die physikalischen Fehler, zu denen wir im
nächsten Abschnitt kommen, und zum anderen das geringe Verständnis für
Boethius’ didaktisches Konzept, das - wie in III.2.1 gesehen - nicht vor
einer einführenden Vermittlung des Stoffes ohne Angabe der unmittelbaren
und der letzten Begründungen zurückschreckt.205
Nicht zuletzt ist der ausführliche Verweis auf den Gewährsmann Pytha¬
goras auch als Reverenz des Boethius an diese Autorität zu werten, in deren
Tradition er sich gleich im ersten Satz der »Einführung in die Arithmetik«
gestellt hatte.206

203 So meint auch Levin, Manual, 86, zum Pythagoras-Kapitel im »Encheiridion« des Niko-
machos: »... Nicomachus leamed reader must have been pleasantly surprised to come upon the
complete change of style that informs Chapter 6. Indeed, as if to make up for the theoretical
obfuscations of Chapter 5 ..., Nicomachus öfters his reader in Chapter 6 a story about Pythagoras
that is nothing if not clear and easy to follow«.
204 Vgl. Bower, Übersetzung, XXIf,: Pythagoras werde dem Leser als forschende Nachteule
vorgestellt, die unter Führung des göttlichen Willens die mathematische Basis der Konsonanzen
entdeckt, sich dabei fundamental irrt, außerdem mit mystischen Anspielungen erwähnt wird und
schließlich als autoritärer Lehrer beschrieben wird, »whose words no one dares to challenge«.
205 Barbera, Consonant Eleventh, 200, zieht folgenden Schluss: »That the acoustical experi-
ments ot the myth did not work out must have only enhanced the perception of Pythagoras as
magical. After all, the experiments did work when he performed them.« So viel Aberglauben
würde ich einem Studenten von mus. allerdings nicht Zutrauen, zumal es nach den sich oben gleich
im Haupttext anschließenden Beobachtungen gar nicht darauf ankam, ob die Versuchsanordnung
des Pythagoras zum beschriebenen Ergebnis führt oder nicht.
206 Boeth. arithm. 1, 1 p. 7, 21-26. Zur Rezeption der Pythagorasgestalt im Werk des Niko-
machos vgl. Staab, 81-91.
2. »Pythagoras in der Schmiede« 219

2.4 Vernachlässigung der physikalischen Fehler als Indiz für die Funktion
der Legende

Die Darstellung der Pythagoras-Legende enthält diverse physikalische


Fehler, die anhand eines experimentellen Nachvollzuges leicht hätten fest¬
gestellt werden können:

1. Gemäß Boethius’ und Nikomachos’ Darstellung geben die Hämmer in


der Schmiede die Töne ab, nicht der Amboss. Allerdings müsste nach
modernen Vorstellungen der Amboss aufgrund des größeren Resonanz¬
raumes eher zu hören sein als die Hämmer. K. von Fritz wies zwar in ei¬
ner Fußnote darauf hin, dass diese Einschätzung aus moderner Perspek¬
tive vorgenommen wurde und in einer antiken Schmiede durchaus die
Hämmer hätten klingen können: Der Amboss sei in Holz eingelassen und
daher nicht tönend, die Hämmer dagegen mit Metallstielen versehen ge¬
wesen.207 Allerdings belegt er diese These nicht in einer für den Leser ve¬
rifizierbaren Weise. Einschlägigen Publikationen zur Technik- und
Werkzeuggeschichte sind leider keine eindeutigen Informationen zu ent¬
nehmen.208
2. Um verschiedene Tonhöhen durch Schlagen mit einem Hammer zu pro¬
duzieren, bräuchte man - im Falle, dass unter 1. ein berechtigter Kritik¬
punkt angeführt ist - mehrere verschiedene Ambosse. Die Gewichte der
Hämmer haben demnach keinen Einfluss auf die am Amboss erklingende
Tonhöhe. Wenn Pythagoras die Gewichte der Hämmer ermittelt, hat er
also nicht die Ursache für das Erklingen der verschiedenen Intervalle ge¬
funden.
3. Ein Fehler, der Boethius aber nicht vorgeworfen werden kann, findet sich
in Nikomachos’ Version: Herabhängende Saiten, an die Gewichte in den
Verhältnissen der Hämmer in der Schmiede gehängt werden, schwingen
nicht in den behaupteten Verhältnissen. Denn das Verhältnis der
Schwingungen an gleichen, frei schwingenden Saiten entspricht dem
Quadrat der sie spannenden Gewichte. Um z. B. ein Schwingungsver¬
hältnis von 2:1 an hängenden Saiten zu erreichen (Oktave), muss das

207 »Nach von Professor Krämer in München auf Anregung von Baudirektor Hertwig ange-
stellten Versuchen ist die Geschichte ihrer Grundvoraussetzung nach durchaus möglich, wenn
man, wie in der Antike, einen in Holz eingelassenen, daher nicht tönenden Amboß und Hämmer
mit Metallstielen statt der modernen Holzstiele, die die Hämmer am Schwingen verhindern,
verwendet« (v. Fritz, 48 Anm. 89).
208 Laut Flinders Petrie, 40, war ein griechischer Hammer klein und leicht, während größere
Schmiedehämmer erst in römischer Zeit belegt sind; dagegen meint Forbes, 133, dass es auch
größere griechische Schmiedehämmer gegeben habe. Ferner zeigen die Abbildungen bei Flinders
Petrie griechische und römische Hämmer ohne Stiele, was gegen die These von v. Fritz spricht.
220 III. »De institutione musica«

Gewicht an der einen Saite im Vergleich zur anderen quadriert werden,


so dass das Verhältnis der Gewichte 4:1 beträgt. Damit die Saiten in ei¬
ner Quinte (3:2) erklingen können, müssen sie mit Gewichten im Ver¬
hältnis 9:4 beschwert werden. Im Unterschied zu den beiden oben ge¬
nannten Punkten ist Nikomachos’ Fehler aber nicht überraschend, da
man Schwingungen erst durch die von Marin Mersenne (»Questions har-
moniques«, Paris 1634) erzielten Fortschritte messen konnte.209 Immer¬
hin spielen die Zahlenverhältnisse durchaus eine Rolle, allerdings auf¬
grund der Quadrierung keine direkte.210 Boethius widmet diesem Versuch
einen einzigen Satz: »Von daher ferner motiviert, machte er sich daran,
auch die Länge und Dicke von Saiten zu überprüfen.«2"

Boethius erwähnt das unter 3. genannte Experiment so knapp, dass man es


anhand seiner Äußerung im Versuchsaufbau nicht rekonstruieren kann.
Auch ein Nachvollzug der Situation in der Schmiede wird nicht intendiert
gewesen sein, da entsprechende Anweisungen im Text fehlen. Die Intention
von mus. 1, lOf. dürfte deshalb nicht in der Vermittlung realer, historischer
Details, die experimentell nachvollzogen werden sollten, liegen.212
Das scheint über Jahrhunderte hinweg erkannt worden zu sein: Zumin¬
dest standen die in der Schmiede-Geschichte enthaltenen physikalischen
Fehler bis in die Neuzeit hinein nicht im Zentrum des Interesses:213 Jamb¬
lich gibt die Version des Nikomachos in der »Pythagorasvita« verbatim
wieder und weder Gaudentius noch Boethius haben offensichtlich einen

209 Levin, Manual, 65f.


210 Vgl. Münxelhaus, 22, und Levin, Manual, 94: »Removing the factors weight and tension
from Nicomachus’ story, however, and replacing them with the single factor of String length
Proportion reveals the ultimate truth of Pythagoras discovery: the numerical ratios are absolutely
correct and involve no acoustical error when taken in terms of string-length proportion - the very
terms which Nicomachus consistently uses in the balance of his treatise.«
211 Boeth. mus. 1, 11 p. 198, 21-23.
212 So äußert sich auch Levin, Manual, 93f., allerdings mit einem aus neuplatonischer Per¬
spektive hinsichtlich der Körperlichkeit von Zahlen fragwürdigen Schluss: »In sum then, the
smith s hammers, the weights attached to the strings, and their supposed equivalents - tensions on
the strings - have no place in the world of acoustical fact. They are in every respect fabulous
elements in a long-standing legend. Nonetheless, they point to something that lies at the very
center ot Pythagorean thought - the notion of the corporeality of number. When, therefore, the
Pythagoreans, under the impulse of Pythagoras’ discovery of the mathematical bases of musical
pitch, proceeded to construct the whole world out of numbers, it was in the final analysis because
they conceived of numbers as having material substance.«
213 In der Neuzeit wiesen neben M. Mersenne auch V. Galilei, J. Sauveur, I. Newton und
T. H. Maitin darauf hm, dass die in der Pythagoras-Legende genannten Zahlenverhältnisse bei der
Anwendung auf die Beschwerung von Saiten nicht zum tradierten Ergebnis führen können.
2. »Pythagoras in der Schmiede« 221

Nachvollzug des Experimentes vorgenommen.214 Nur Ptolemaios führte den


Versuch aus, erreichte nicht die erwarteten Ergebnisse und äußerte sich
dementsprechend skeptisch.215 Die Pythagoras-Geschichte fand also wei¬
testgehend ohne Hinweise auf die Fehler jahrhundertelang Verbreitung. Erst
im 13. Jh. lehnten Guido von Arezzo (am Ende des »Micrologus«) und
Johannes Aegidius Zamorensis (2. Hälfte 13. Jh.) die Pythagoras-Legende
als nicht ernst zu nehmende Sage oder als Irrtum ab.216
Interessant ist in diesem Zusammenhang C. Bowers Beobachtung, dass
im Laufe des Mittelalters in den Handschriften von »De institutione musi-
ca« erst in den später zu datierenden Manuskripten Wert darauf gelegt
wurde, maßstabsgerechte Darstellungen der berechneten Intervallgrößen
einzufügen. Die Schemata in den frühen Handschriften sind überhaupt nicht
maßstabsgerecht, d. h. größere Intervalle erhalten bei der Darstellung eben¬
so große Abstände wie kleinere.217 Dieses Phänomen deutet darauf hin, dass
die frühen Rezipienten wenig Wert auf den exakten empirischen Nachvoll¬
zug der Berechnungen legten und den Nutzen der Schemata vorrangig darin
sahen, übersichtlich die großen Zahlenweite zusammenzufassen. Dagegen
belegen die späteren Handschriften ein wachsendes Interesse an der ma߬
stabsgetreuen Wiedergabe und somit eine Hinwendung zur Wahrnehmung
und Abwendung von der Vorstellung.
Die überwiegend unkritische Rezeption der Pythagoras-Legende in Anti¬
ke und Mittelalter muss nicht notwendigerweise als Indiz für unwissen¬
schaftliches Arbeiten gewertet werden. Angesichts der Tatsache, dass
Boethius’ Darstellungsweise vom Leser keine Überprüfung fordert und
einen experimentellen Nachvollzug nicht nahe legt, ist es stattdessen durch¬
aus denkbar, dass die meisten antiken und mittelalterlichen Leser nicht
blind der Autorität des Boethius folgten, sondern schlichtweg die in HI.2.1-
3 untersuchten Hauptintentionen der Geschichte erkannten und akzeptier¬
ten.218

214 Levin, Manual, 87 mit Anm. 4. Bei Gaudentius heißt es allerdings, dass Pythagoras durch
die Ergebnisse in der Schmiede nicht zufriedengestellt war und deshalb noch andere Methoden
ausprobierte, darunter die Untersuchung von Saitenlängen (ed. Jan, 341, 12-25).
215 Levin, Manual, 93 mit Anm. 19, zu Ptol. harm. I 8 p. 16, 32 -17, 20.
216 Münxelhaus, 49; vgl. Michels-Gebler, 17.
217 Bower, Übersetzung, 98 Anm. 19.
218 Nikomachos’ Version steht zwar in einem eher praktisch orientierten Kontext. Dennoch
scheint mir auch im »Encheiridion« das Ziel der Ausführungen nicht darin zu liegen, physikalisch¬
akustische praktische Wahrheiten auszubreiten, die experimentell überprüft werden können und
sollen. Nikomachos kommt es stattdessen darauf an, die Abhängigkeit der erklingenden Intervalle
von Zahlenverhältnissen genauer auszuführen und somit die Grundlage der Anordnung der Saiten
am Oktochord näher zu erläutern. Eine andere Einschätzung trifft Levin, Manual, 87, im Hinblick
auf Nikomachos’ Pythagoras-Kapitel: »If they [sc. antike Musiktheoretiker] have registered no
complaint or criticism of the experiment in their retelling of it, it is therefore because they proba-
bly took Nicomachus’ story for what it is: a folk-tale, and thus not to be analyzed but to be counte-
222 III. »De institutione musica«

2.5 Zusammenfassung

Die Legende von »Pythagoras in der Schmiede« stellt keinen Zusatz, son¬
dern einen sinnvollen und didaktisch geschickt eingefügten Teil der »Ein¬
führung in die Musiktheorie« dar. Beide Kapitel spiegeln anschaulich und
exemplarisch den Erkenntnisweg wider, den ein Student der musica Instru¬
mentalis gehen muss, um zum von Boethius vorgesehenen Ziel zu gelan¬
gen. Gleichzeitig führen sie in das Form-Materie-Konzept ein und verdeut¬
lichen den Unterschied zwischen dem Ausgangspunkt der Forschung (das
hörbare Phänomen), dem immateriellen Erkenntnisziel (das Zahlenverhält¬
nis als Form der erklingenden Intervalle) sowie dem praktischen Ergebnis
(Schaffung des Instrumentes Regula). Die »Kopfwendung« hin zum Un¬
körperlichen vollzieht der Schüler teilweise, indem er der Geschichte und
somit der Vermittlung der darin dargestellten Sachverhalte auf der Stufe der
Vorstellung und des rationalen Denkens folgt.
Außerdem wird der Schüler mit Pythagoras als einem Sachverständigen
und einer wichtigen Autorität bekannter gemacht. Boethius stellt sich in
Pythagoras’ Tradition und greift dessen Ergebnisse auf. Neben dem Vorteil
der methodischen Abwechslung kann die Integration der Geschichte auch
motivierend auf den Schüler wirken, da ihm Pythagoras nicht als allwissen¬
der Übermensch, sondern als wissensdurstiger, eifriger und schließlich auch
erfolgreicher Forscher vor Augen gestellt wird, der auf dem Weg zur Fin¬
dung seiner Regula durchaus auch einmal im Dunkeln tappt.
Keine Hinweise sprechen dafür, dass die einzelnen physikalischen Phäno¬
mene selbst im Zentrum der Betrachtung stehen. Vielmehr wird die
Schmiede-Geschichte für die genannten pädagogischen Ziele zur Vermitt¬
lung einer richtigen Meinung instrumentalisiert, ohne dass eine Überprü¬
fung der physikalischen Richtigkeit des Geschilderten im Detail angedacht
ist. Boethius’ Darstellung der Legende hinterlässt aber angesichts der in ihr
anscheinend enthaltenen akustischen Fehler einen ambivalenten Eindruck
beim neuzeitlichen Leser, der erwartet, dass sich pädagogisches Geschick
mit sachlicher Richtigkeit verbindet. Dem zuletzt genannten Anspruch kann
Boethius wohl nicht vollständig gerecht werden.

nanced for bearing witness to an actual and momentous event: the discovery by Pythagoras of the
mathematical bases of music.« In Anm. 5 verweist sie auf Bumett, der ebenso meint, dass es sich
um eine beliebte Geschichte handelt: »They are not stories which any Greek mathematician could
possibly have mvented, but populär tales bearing witness to the existence of a real tradition that
Pythagoras was the author of this momentous discovery.«
3. Boethius’ »Fehler« in mus. 3, 14-16 223

3. Boethius’ »Fehler« in mus. 3, 14-16

Boethius subtrahiert an einer Stelle seines Werkes Zahlenverhältnisse, statt


sie — wie sonst auch - zu dividieren:219 Fügt man ein Zahlenverhältnis einem
anderen zu, dann muss man beide miteinander multiplizieren, z. B. ergeben
1:2 und 1:4 nicht (addiert) 2:6 bzw. gekürzt 1:3 und auch nicht 3:4 (wie
man bei der Zusammensetzung von einer Hälfte und einem Viertel erwarten
könnte), sondern 1:8, denn durch »Vervielfältigung« eines Viertels durch
die Hälfte entsteht ein Achtel. Die Bezeichnung »Vervielfältigung« (Multi¬
plikation) ist hier also irreführend, da das Viertel halbiert wird. Entspre¬
chend müssen die beiden Brüche dividiert werden, wenn der eine vom
anderen abgezogen wird. Boethius führt stattdessen eine Subtraktion durch,
wobei er interessanterweise dennoch zu richtigen Ergebnissen kommt. Wie
kann dieser erstaunliche Befund zustande gekommen sein? Im Folgenden
soll eine Erklärung versucht und außerdem A. Barberas These widerlegt
werden, die besagt, dass Boethius seine Ergebnisse zuerst empirisch ermit¬
telt und nachträglich mathematisch dargestellt habe.
Da die fraglichen Kapitel mus. 3, 14-16 inhaltlich auf ihnen vorausge¬
hende Kapitel aufbauen, soll zunächst kurz der Kontext geschildert werden:
Das dritte Buch ist dem Ganzton und seinen wichtigsten Bestandteilen
(kleiner und großer Halbton, Komma) gewidmet und verlangt dem Leser
aufgrund der vielen Berechnungen mit großen Zahlen einige Ausdauer ab.
Boethius ermittelt dort nämlich in mehreren, sich ergänzenden Anläufen die
innere Struktur eines Ganztones anhand von Zahlenverhältnissen. Sein
Argumentationsziel besteht darin, die Meinung des Aristoxenos gründlich
zu widerlegen, ein Ganzton könne in zwei gleiche Hälften geteilt werden.
Dabei unterläuft ihm der besagte Fehler. Zur Orientierung über die Struktur
des dritten Buches dient die folgende Tabelle:

cap. Ein epimores Verhältnis/ein Ganzton (9:8) kann nicht in zwei gleiche Teile geteilt
1-8 werden.
cap.
Praktisches Auffinden kleiner Intervalle
9-10
Zahlenverhältnis des Kommas; aus wie 11 Rekapitulation der These: Ein Ganzton ist
cap. nicht in zwei gleiche Hälften teilbar.
vielen Kommata der kleine und große
11-16
Halbton sowie der Ganzton bestehen 12-16 Berechnungen

219 Zur Problematik des Fehlers, statt mit Zahlenverhältnissen mit der Differenz zwischen den
Termen eines Zahlenverhältnisses zu rechnen, vgl. Barbera, Error, passim, sowie den Hinweis bei
Caldwell, MGG, 222. - Ein analoger, scheinbarer Lapsus begegnet in mus. 4, 6, wo bei der Be¬
rechnung von Tönen in der enharmonischen und chromatischen Tongattung statt der geometri¬
schen die arithmetische Mitte, d. h. die Differenz zweier Terme, die Grundlage der Berechnung
bildet; vgl. Barbera, Divisions, v. a. 308f., und den Hinweis bei Theo Sm. 69, 4-9, dass es nicht
auf die Differenz der Terme, sondern auf deren Verhältnis ankommt.
224 III. »De institutione musica«

Im Folgenden wird das Komma eine wichtige Rolle spielen, weshalb an


dieser Stelle entsprechende Vorkenntnisse aus den ersten Büchern von »De
institutione musica« rekapituliert werden. Aus Boeth. mus. 2, 31 ist das
Zahlenverhältnis des Kommas (524 288:531 '441) bekannt und außerdem,
dass sechs Ganztöne eine Oktave um genau ein Komma überragen. (Eine
Oktave besteht aus fünf Ganztönen und zwei kleinen Flalbtönen.) Auch die
Differenz der beiden Terme des Kommas, 7' 153, kennt der Leser schon aus
mus. 3, 4.
In mus. 3, 12 macht Boethius das Zahlenverhältnis des Kommas besser
fassbar, indem er zeigt, dass es größer als 75:74 und kleiner als 74:73 ist. In
einem analogen Verfahren zeigt mus. 3, 13, dass der kleine Halbton mit
dem Zahlenverhältnis 256:243 ein größeres Verhältnis als 20:19 und ein
kleineres als 19Vi:18Vi hat. Der Leser gewinnt hier also eine präzisere Vor¬
stellung von der Größe des kleinen Halbtones und des Kommas, d. h. von
zwei Intervallen, die zu den kleinsten unter den von Boethius behandelten
zählen.
Die genannten Intervalle werden in der folgenden Tabelle mit ihren
kleinstmöglichen ganzzahligen Zahlenverhältnissen zusammengefasst:

Intervall Zahlenverhältnis Verhältnis zu anderen Inter¬ Vergleich in


vallen Zahlen

Ganzton Differenz zwischen Quinte (3:2)


9:8
und Quarte (4:3)
Kleiner Halbton Ganzton minus großer Halbton
256:243 oder großer Halbton minus 191/2:18‘/2>L> 20:19
(Leimma)
Komma
Großer Halbton Ganzton minus kleiner Halbton
2187:2 048 oder kleiner Halbton plus Kom¬
(Apotome)
ma
Differenz zwischen sechs Ganz¬
Komma tönen und einer Oktave bzw.
531'441:524'288 74:73 >K >75:74
zwischen großem und kleinem
Halbton

Im Anschluss an die Eingrenzung der Größe des Kommas und des kleinen
Halbtones (letzte Spalte in der Tabelle) vergleicht Boethius beide miteinan¬
der (mus. 3, 14), dann den großen Halbton mit dem Ganzton (mus. 3, 15)
und schließlich den Ganzton mit dem Komma und den großen mit dem
kleinen Halbton (mus. 3, 16). Diese Berechnungen werden von Boethius als
kinderleicht bezeichnet.Angesichts der großen Zahlen und des enthalte¬
nen mathematischen Fehlers wirkt diese Ankündigung unpassend.
3. Boethius’ »Fehler« in mus. 3, 14-16 225

Im Folgenden soll die Vorgehensweise in mus. 3, 14 nachvollzogen wer¬


den. In cap. 15 und 16 wird von Boethius analog verfahren, so dass die nun
vorgetragenen Überlegungen entsprechend auf die beiden Kapitel anwend¬
bar sind. Beim Vergleich zwischen Komma (C:D) und kleinem Halbton
(F:C) benutzt Boethius für den kleinen Halbton ein erweitertes Zahlenver¬
hältnis, so dass beide Zahlenverhältnisse einen gemeinsamen Term haben
(C). Sie bilden also ein zusammenhängendes Verhältnis bzw. Intervall
(F:C:D), einen großen Halbton (F:D). Ferner gibt er den einzelnen Termen
zur einfacheren Erkennbarkeit Buchstaben:
Das Verhältnis F:C = 497'664:524'288 konstituiert einen kleinen Halbton,
das Verhältnis C:D = 524'288:531'441 ein Komma.
Die Differenz zwischen F und C beträgt 26'624 (= M),
die zwischen C und D 7 153 (= K).
M ist größer als dreimal K und kleiner als viermal K.
Daraus zieht Boethius den mathematisch unberechtigten, aber sachlich
richtigen Schluss, dass der kleine Halbton größer als drei und kleiner als
vier Kommata ist. Unberechtigt ist dieser Schluss, da man Zahlenverhältnis¬
se nicht miteinander vergleichen kann, indem man die Differenzen ihrer
Terme ins Verhältnis setzt.221 Um den Sachverhalt zu erläutern, seien zwei
einfache eigene Beispiele angeführt: In der Reihe 2-3-4 ist die Differenz
zwischen allen Termen eine Einheit. Dennoch wäre es falsch zu sagen, dass
die Verhältnisse 2:3 und 3:4 gleich sind, weil ihre Differenzen gleich sind,
denn anderthalb ist größer als eineinviertel. Ebenso bei 4-8-9, wo die Diffe¬
renzen 4 und 1 betragen, aber dennoch das Verhältnis 8:4 (Oktave) nicht
viermal größer ist als 9:8 (Ganzton). Vier Ganztöne füllen keine Oktave
aus, da diese aus fünf Ganztönen und zwei kleinen Halbtönen besteht.
Anhand derselben Methode222 kommt Boethius in cap. 15 zu dem wie¬
derum sachlich richtigen Ergebnis, dass der große Halbton (Apotome) grö¬
ßer ist als vier Kommata und kleiner als fünf. Da Apotome und kleiner
Halbton zusammen einen Ganzton ergeben, fügt er auf Grundlage der gera¬
de gewonnenen Ergebnisse hinzu, dass ein Ganzton größer ist als acht
Kommata und kleiner als neun. Diese Schlussfolgerung scheint auf den
ersten Blick nicht mit Notwendigkeit gezogen werden zu können. Denn
wenn ein kleiner Halbton größer als drei Kommata und eine Apotome grö-

220 Den Nachweis leitet Boethius mit den Worten ein: »was man auf folgende Weise ganz
leicht erkennen kann« (mus. 3, 14 p, 293, 14: quod hinc facillime possis agnoscere).
221 Barbera, Error, 31, verwendet Boethius’ Methode und führt sie ad absurdum: Eine Quinte
wäre größer als zwei Ganztöne, aber kleiner als drei, obwohl sie aus drei Ganztönen und einem
kleinen Halbton besteht.
222 Boeth. mus. 3, 15 p. 295, 23: eadem hac ratione.
226 III. »De institutione musica«

ßer als vier Kommata ist, könnte ein Ganzton auch größer als sieben Kom¬
mata und kleiner als acht sein, da die Addition von kleinem Halbton (klei¬
ner als vier Kommata) und Apotome (kleiner als fünf Kommata) nicht
notwendig über acht Kommata hinausgeht. Eine wiederum absurde Berech¬
nung in cap. 16 begründet Boethius’ Ergebnis. Wie Barbera zu Recht kom¬
mentiert, verblüfft Boethius seinen Leser ein drittes Mal mit einem richti¬
gen Ergebnis trotz derselben falschen Methode.223
A. Barbera hält es für unwahrscheinlich, dass Boethius zufällig auf diese
richtigen Ergebnisse stieß und schlägt vor, dass sie durch empirische Expe¬
rimente ermittelt wurden und Boethius anschließend versucht hat, eine
rationale Erklärung zu finden. Da im vierten Buch das Monochord (und bei
Ptolemaios das Polychord) als Instrument belegt ist und Boethius - bei aller
Kritik an Aristoxenos - in mus. 3, 9 die gleiche Methode zur praktischen
Findung kleiner Intervalle verwendet wie sein Kollege der empirischen
Strömung, entwirft Barbera eine analog vorgehende Anleitung zur prakti¬
schen Demonstration des fraglichen Sachverhaltes. Diese ist dem intendier¬
ten Beweisziel entsprechend kompliziert und umfangreich.224
Die Frage nach dem Grund für die nachträglichen numerischen Beweis¬
führungen in mus. 3, 16, die Boethius im Anschluss an seine empirischen
Untersuchungen durchgeführt habe, beantwortet Barbera mit der pythago¬
reischen Auffassung, dass Zahlen eine höhere Wahrheit besitzen und realer
sind als ihre wahrnehmbaren Abbildungen und Instanzen. Da Zahlenver¬
hältnisse nun einmal als Gegenstand der Musik galten, musste sich Boethius
im Rahmen der »Musiktheorie« den Zahlen zuwenden. So formuliert Bar¬
bera am Ende des Aufsatzes seinen Schluss:225

Although his method of representing the stacking of commas differed in no way from
the Aristoxenian method of counting up quarter tones, Boethius seems to have been
satisfied by the apparent numerical verfication of what he could hear.

Diese These von der nachträglichen Verifizierung empirischer Beobachtun¬


gen durch Berechnungen ist m. E. aus zwei Gründen weder zwingend noch
wahrscheinlich. Erstens zeigt eine Lektüre eindeutig, dass Boethius an
keiner Stelle zuvor gemachte empirische Beobachtungen mathematisch zu
verifizieren sucht, sondern gemäß seinem Verständnis von Musiktheorie
genau umgekehrt Zahlenverhältnisse untersucht, die für erklingende musi¬
kalische Intervalle konstitutiv sind. Denn sogar im Falle der Undezime
(Intervall bestehend aus Oktave und Quarte mit dem Zahlenverhältnis 8:3)
argumentiert Boethius rein rational, indem er zeigt, dass das Verhältnis 8:3

223 Barbera, Error, 33.


224 Ebd. 33-36.
225 Ebd. 41.
3. Boethius’ »Fehler« in mus. 3, 14—16 227

nicht konsonant ist, da es sich weder um ein vielfaches noch um ein epimo-
res Verhältnis handelt, sondern um ein vielfachepimeres, was relativ stark
von der Relation der Gleichheit abweicht. Ginge Boethius hier wie von
Barbera vorgeschlagen vor, müsste er bemüht sein, den angenehmen Hör¬
eindruck, demzufolge die Undezime eindeutig als Konsonanz zu bewerten
wäre, rational-mathematisch zu rechtfertigen. Das tut er aber nicht.226
Falls Barbera mit seiner These keine allgemeine Aussage zu Boethius’
Methode im gesamten Musiklehrbuch treffen wollte (er äußert sich nicht
dazu, ob die Vorgehensweise in mus. 3, 14-16 auch für den Rest der Schrift
relevant ist), gilt nur das folgende zweite Argument: Ein Leser des Lehrbu¬
ches, der vor mus. 3, 14-16 die Kapitel 3, 12f. studiert hat (wovon man
wohl ausgehen sollte), kann in der Tat leicht selbständig denkend erfassen,
dass ein kleiner Halbton größer als drei Kommata und kleiner als vier, dass
die Apotome größer als vier Kommata und kleiner als fünf ist und auch dass
der Ganzton größer als acht Kommata und kleiner als neun ist. Denn in
mus. 3, 12 wurde behandelt, dass das Komma (bzw. sein Zahlenverhältnis)
größer als 75:74 und kleiner als 74:73 ist. Aus mus. 3, 13 weiß der Musik¬
student, dass der kleine Halbton größer als 20:19 und kleiner als \9Vr.\%V2
ist. Soll nun bestimmt werden, wie viele Kommata einen Halbton schaffen,
besteht die zu bewältigende Anforderung nur darin, diese Verhältnisse
miteinander zu vergleichen. Macht man es sich ganz leicht, dann fragt man
sich, wie oft die 19 die 74 auffüllt und kommt zu dem Ergebnis: mehr als
dreimal, sogar mehr als dreieinhalbmal (3 • 19 = 57; 4 ■ 19 = 76; addiere ich
zu 57 noch die Hälfte von 19, dann erhalte ich nur 66,5). Damit steht das
Ergebnis von cap. 14 schon fest: Ein kleiner Halbton ist größer als drei
Kommata und kleiner als vier. Und genauer: Ein kleiner Halbton ist größer
als dreieinhalb Kommata und kleiner als vier.
Dieses Ergebnis kann problemlos und ohne Experimente am Mono- oder
Polychord ermittelt werden. Jetzt soll die Apotome mit dem Komma vergli¬
chen werden. Da eine Apotome ein kleiner Halbton plus ein Komma ist,
muss auf Grundlage des Ergebnisses von cap. 14 die Apotome größer als
viereinhalb Kommata und kleiner als fünf sein - es wird nur ein Komma
addiert.
Dass ferner ein Ganzton nicht größer als sieben Kommata, sondern als
acht Kommata ist, ergibt sich zwangsläufig aus der groben Berechnung,
dass mehr als dreieinhalb Kommata einen kleinen Halbton auffüllen: Ein
kleiner Halbton (mehr als dreieinhalb Kommata) und eine Apotome (mehr
als viereinhalb Kommata) sind zusammen ein Ganzton, der größer ist als
acht Kommata.

226 Zum Ausschluss der Undezime aus den konsonanten Intervallen s. u. III.4.
228 III. »De institutione musica«

So betrachtet erfüllen die Kapitel 12f. im letzten Abschnitt des dritten


Buches eine weitergehende Funktion als lediglich die Einordnung der bei¬
den komplizierteren Zahlenverhältnisse durch einen Vergleich mit leichter
fassbaren Zahlenverhältnissen. Eingeräumt werden muss freilich, dass die
eben vorgetragene einfache Lösung nicht in Boethius’ Schrift entwickelt
wird. Auf alle Fälle scheint es mir nicht plausibel zu sein, dass die Ergeb¬
nisse von Boethius bzw. dem Autor seiner Quelle zuerst empirisch erzielt
und nachträglich mathematisch verifiziert wurden. Dass eine praktische
Demonstration dieser Erkenntnisse zum Zwecke der Anschauung in der von
Barbera vorgeschlagenen Weise möglich war, ist damit nicht in Frage ge¬
stellt; mus. 3, 9 und die Behandlung der Monochordeinteilungen im vierten
Buch sprechen dafür.

Wie kann man das Phänomen, dass Boethius in den genannten Kapiteln
seine sonst übliche und angemessene Berechnungsmethode nicht verwen¬
det, aber richtige Ergebnisse erzielt, bewerten? Grundsätzlich bestehen die
beiden Möglichkeiten, dass der methodische Fehler unbewusst oder be¬
wusst gemacht wurde. Im ersten Falle ist nicht auszuschließen, dass sich die
Inkonsistenz schon in Boethius’ Quelle befand oder dass er sie fehlerhaft
übertragen hat.227
Andererseits fällt auf, dass Boethius mit der von ihm angewendeten Me¬
thode eine relativ einfache und zu einem richtigen Ergebnis führende ma¬
thematische Darstellung wählt. Eine mathematisch exakte Berechnung der
Verhältnisse (und nicht der Differenzen) der Zahlenverhältnisse kleiner
Intervalle würde zu schwer überschaubaren Verhältnissen mit riesigen
Termen führen. Allein das Verhältnis von drei Kommata wäre
150 09012:144' 11012! Zwar wurden relativ differenzierte Kanoneinteilungen
vorgenommen, z. B. die Teilung bei Theon von Smyrna in 10 368 Einhei¬
ten.228 Aber eine Teilung auf der Basis 17- und mehrstelliger Zahlen ist
dennoch unrealistisch. So ist zumindest zu erwägen, ob nicht der methodi¬
sche Schnitzer zur Schonung der Leser bewusst in Kauf genommen wurde,
zumal er der Richtigkeit des Ergebnisses keinen Abbruch tut und es sich
nur um ein einführendes und kein weiterführendes Lehrbuch handelt.
Ein weiteres Indiz spricht dafür, dass Boethius den Fehler bewusst mach¬
te: Seinen Formulierungen ist zu entnehmen, dass er sich des Unterschiedes
zwischen Differenz und Zahlenverhältnis durchaus bewusst ist. Denn wie es
mehrfach heißt, stellt 7'153 die Differenz zwischen den beiden Termen des
Zahlenverhältnisses des Kommas und somit eine Zahl dar. Außerdem erin¬
nert Boethius in den fraglichen Kapiteln im Falle anderer Intervalle mehr-

227 Zu den Quellen von Boeth. mus. Bower, Sources, passim, und s. o. II. 1.1.1.
228 Theo Sm. 93, 4.
3. Boethius’ »Fehler« in mus. 3, 14-16 229

fach daran, dass er hier mit Differenzen arbeitet.229 Das Komma wird »in
7*153 Einheiten als den kleinsten [sc. Zahlen] aufgefunden«.230 Die Diffe¬
renz fungiert anscheinend als leicht verständlicher Ersatz bzw. als Zeichen
tür das Zahlenverhältnis des Kommas, wie zwei Formulierungen nahelegen:
»... die Summe 7 153, die vorhin das Verhältnis des Kommas einnahm«
und »aber diese Zahl [sc. 7'153] zeigte vorhin das Komma an«.231
Auch vor dem in 1.2.2, 2.4 und III.2.1 erörterten erkenntnistheoretischen
Hintergrund, der einen allmählichen Aufstieg zur wahren Erkenntnis vor¬
sieht und Phasen des richtigen Meinens einschließt, ist es durchaus denkbar,
dass Boethius den Rechenfehler absichtlich in Kauf nahm. Mit den Kapiteln
mus. 3, 14—16 beabsichtigt er nämlich nicht primär, dem Leser seiner
Schrift einen korrekten Lösungsweg einer komplizierten Rechenaufgabe zu
vermitteln, sondern den Empiriker Aristoxenos zu widerlegen und somit die
Richtigkeit seiner eigenen rationalen Richtung der Musiktheorie unter Be¬
weis zu stellen: Er möchte demonstrieren, dass ein kleiner Halbton zwi¬
schen drei und vier Kommata enthält, der große Halbton zwischen vier und
fünf, ein Ganzton zwischen acht und neun und somit ein Ganzton aus zwei
kleinen Halbtönen und einem Komma besteht und deshalb nicht in zwei
gleiche Hälften geteilt werden kann. Dieses Ziel erreicht er am Ende von
mus. 3, 16.
Leider bieten weder der Text noch die Glossen einen expliziten Anhalts¬
punkt zur Lösung des Problems. Angesichts der genannten Gründe ist aber
nicht auszuschließen, dass Boethius einen bewussten Fehler beging. Ge¬
zeigt werden konnte jedenfalls, dass er nicht nachträglich ein empirisches
Phänomen mathematisch absichem wollte. Geht man - anders als Barbera -
von einer von vornherein rationalen Erörterung aus, wird die Funktion der
Kapitel mus. 3, 12f. im Argumentationsgang des dritten Buches von
Boethius’ Musiktraktat begreiflich.

229 Boeth. mus. 3, 12 p. 288, 21; 3, 14 p. 293, 22f. und p. 294, 27f.; 3, 15 p. 296, 1 lf. und 3,
16 p. 299, 17f.
230 Boeth. mus. 3, 4 p. 275, 24; vgl. 3, 7 p. 278, 8f.
231 Boeth. mus. 3, 4 p. 275, 13f.: quae dudum commatis proportionem tenebat und 3, 16 p.
299, 1: sed hie numerus dudum comma monstrabat.
230 III. »De institutione musica«

4. Zur Beschränkung auf 1-2-3-4 (Tetraktys)

Boethius fasste in platonisch-pythagoreischer Tradition fünf Intervalle als


konsonante Intervalle auf und hielt deren fünf Zahlenverhältnisse für die
herausragenden: Oktave (2:1), Duodezime (bestehend aus Oktave und
Quinte, 3:1), Doppeloktave (4:1), Quinte (3:2) und Quarte (4:3). Die Unde¬
zime (bestehend aus Oktave und Quarte im Verhältnis 8:3) hielten die Py-
thagoreer trotz des angenehmen Höreindruckes nicht für konsonant, da ihr
Zahlenverhältnis nicht wie die der konsonanten Intervalle unter die epimo-
ren und vielfachen Verhältnisse, sondern mit 8:3 unter die vielfachepimeren
fällt.232 Wie Boethius in mus. 5, 7 sagt, wurde all dieses bereits in den Lehr¬
büchern zur Arithmetik und Musik behandelt.233
Bis auf die Bewertung der Undezime als Konsonanz weicht Ptolemaios
nicht von der in den ersten vier Büchern der »Musiktheorie« des Boethius
vermittelten Lehre ab. Aus mus. 5, 8-10 geht hervor, dass Ptolemaios die
Pythagoreer für ihre Lehre kritisierte, da sie die Phänomene nicht beachtet.
Er moniert konkret, dass die Pythagoreer nur bestimmte epimore und viel¬
fache Zahlenverhältnisse den Konsonanzen zuschreiben und nicht etwa
auch 5:4 oder 5:1 gelten lassen.234 Damit ist die Frage nach der Beschrän¬
kung auf die Zahlen 1 bis 4 als Terme der Zahlenverhältnisse konsonanter
Intervalle aufgeworfen.
Die Aufnahme der Undezime unter die Konsonanzen begründet Ptole¬
maios damit, dass die Oktave wie eine einzige Saite klingt, d. h. in unserem
heutigen Sinne unison ist,235 und eine Addition eines konsonanten Intervalls
wiederum ein konsonantes Intervall ergibt.236 Die unisone Oktave lasse sich
mit der Zehnzahl vergleichen: Wenn zur Oktave ein konsonantes Intervall
addiert wird, ändere sich ihre Beschaffenheit nicht, d. h. sie klinge nach wie
vor wie ein einziger Ton, so dass der Höreindruck einer Duodezime und
einer Quinte gleich sei, genauso wie wenn zur 10 eine in ihr enthaltene Zahl
addiert wird, z. B. 10 und 2. Denn auch dabei bleiben beide Summanden als
solche erhalten. Deshalb sei auch die Undezime trotz ihres vielfachepime¬
ren Zahlenverhältnisses konsonant.

232 Boeth. mus. 2, 27.


233 Boeth. mus. 5, 7 p. 357, 29 - 358, 10 mit Verweis auf arithm. sowie auf das zweite und das
vierte Buch von mus., wo ausgeführt wurde, was das Vielfachepimere ist, und dass die Pythago¬
reer die Konsonanzen ausschließlich mit den vielfachen und epimoren Verhältnissen in Verbin¬
dung bringen; vgl. mus. 2, 18-27; 4, 2, ferner 1, 4-7; 1, 29 und 1, 32. Die Verhältnisarten und
speziell das Viefachepimere werden in arithm. 1, 31 und mus. 2, 4 behandelt.
234 Ptol. harm. I 6.
235 S. o. 171 Anm. 39.
236 Boeth. mus. 5, 9; für Ptolemaios’ eigene Argumentation vgl. Ptol. harm. I 6.
4. Beschränkung auf 1-2-3-4 (Tetraktys) 231

Fraglich und entscheidend ist bei dieser Argumentation, ob die Bestand¬


teile der Undezime tatsächlich erhalten bleiben oder nicht. Auch wenn
Oktave und Quinte als Teile der Undezime wiedererkannt werden können,
müssen sie ihre Beschaffenheit bei der Synthese nicht notwendig bewahren.
Das zeigt etwa die Zusammensetzung zweier konsonanter Quarten, die eine
eindeutig nicht konsonante kleine Septime ergeben oder auch die Addition
zweier extrem dissonanter Tritoni, die zum konsonantesten aller Intervalle,
nämlich zur Bildung einer Oktave führt.
Nicht nur Ptolemaios, sondern auch einem modernen Leser mag es be¬
gründungsbedürftig erscheinen, warum z. B. nicht auch das epimore Ver¬
hältnis 5:4 - welches uns heute als Verhältnis der großen Terz gilt, die wir
für konsonant halten - zu den »schönen« Zahlenverhältnissen gezählt wur¬
de.237 Im Folgenden wird versucht, eine Begründung aus Boethius’ Perspek¬
tive zu rekonstruieren. Dabei muss nicht gezeigt werden, warum die Kon¬
sonanzen von den Pythagoreern auf die vielfachen und epimoren Verhält¬
nisse beschränkt wurden, da dies - unter Voraussetzung der Grundlagen der
neuplatonischen Mathematikkonzeption - in Boeth. arithm. 1, 32 - 2, 1
bereits geleistet wurde.238 An dieser Stelle sei nur daran erinnert, dass die
vielfachen und epimoren Zahlenverhältnisse die beiden einfachsten Abwei¬
chungen vom Verhältnis der Gleichheit darstellen. Bei beiden machen näm¬
lich ausgehend von der Gleichheit zum ersten Mal die beiden Grundkonsti-
tuentien von Zahl, d. h. Ganzes und Teil, den Vergleich aus: Beim Vielfa¬
chen enthält die größere Zahl die kleinere mindestens zweimal als Ganze in
sich und keinen Teil von ihr, z. B. bei 4:1 oder 12:6. Beim Epimoren hinge¬
gen enthält die größere Zahl die kleinere einmal als Ganze in sich und dazu
noch einen einzigen Teil von ihr; z. B. enthält bei 4:3 die 4 einmal die 3 als
Ganze und dazu noch einmal ein Drittel von ihr. Beim Epimeren (und den
anderen Verhältnisarten) dagegen werden diese beiden Grundmöglichkei¬
ten, dass Ganzes und Teil das Verhältnis zwischen zwei Zahlen konstituiert,
nur in komplexerer und somit komplizierterer Weise weiter verwendet.
Dort hat die größere Zahl die kleinere einmal als Ganze in sich und dazu
noch mehr als einen Teil von ihr; z. B. hat bei 15:9 die 15 einmal die 9 in
sich und dazu noch zwei Drittel von ihr. Noch komplizierter wird die Bil¬
dung eines vielfachepimeren Verhältnisses, wie das der fraglichen Undezi¬
me mit dem Zahlenverhältnis 8:3, wo die 8 die 3 zweimal als Ganze und
zwei Drittel von ihr in sich hat.

237 Burkert, 362 mit Anm. 71, kritisiert die Beschränkung auf die epimoren Verhältnisse (die
vielfachen erwähnt er überhaupt nicht) und meint, dass ihre Bevorzugung a priori nicht einzusehen
ist und die Undezime die »Willkürlichkeit der Festsetzung« zeigt.
238 Vgl. die Darstellung dieser Kapitel bei Radke, 393-407, im Hinblick auf Nikomachos und
ihre Übersicht über die Anleitung zur Synthese aller Arten und Gattungen von UngleichheitsVer¬
hältnissen aus dem Verhältnis der Gleichheit in ihrer geordneten Reihenfolge.
232 III. »De institutione musica«

Zu untersuchen ist demnach folgende Frage: Warum hält Boethius aus¬


schließlich diejenigen Zahlenverhältnisse, die durch die Terme 1, 2, 3 und 4
gebildet werden, für Zahlenverhältnisse der konsonanten Intervalle? Wie
schon bei der Begründung der Vorrangstellung der Verhältnisarten Vielfa¬
che und Epimore ist eine Antwort auf die Frage im Rahmen der Arithmetik
zu suchen, handelt es sich doch um eine Begründung der Zahlenhierarchie
und dabei speziell um den Einschnitt nach der Vier.

4.1 Forschungsansätze

Wenn in der Forschung überhaupt Erklärungen für die Beschränkung auf


die vier ersten Zahlen (sog. Tetraktys) gesucht werden und sie nicht für eine
unbegründete Prämisse gehalten wird, dann sammelt man i. d. R. Hinweise
auf die besondere Bedeutung der Vierzahl in der pythagoreisch¬
platonischen Tradition. Exemplarisch sei ein Aufsatz von A. Barbera auf¬
gegriffen.239
Zunächst führt Barbera den berühmten Schwur der Pythagoreer an: »Bei
dem, der die Tetraktys unserer Weisheit fand, welche [sc. die Tetraktys] die
Quelle und Wurzel der immerfließenden Natur innehat«240 bzw. »Bei dem¬
jenigen, der unserem Geschlecht die Tetraktys übergeben hat, welche die
Quelle und Wurzel der immerfließenden Natur innehat«.241 Aus der Vereh¬
rung der Tetraktys als Prinzip der wahrnehmbaren Schöpfung wird ihr
hoher Rang erkennbar.
Diese Prinzipienfunktion verdeutlicht auch die Analogie zwischen dem
Heraustreten der Einheit bis hin zur Vierheit und der Hierarchie der
menschlichen Erkenntnisvermögen, wie aus Aristoteles’ »Über die Seele«
hervorgeht.242 Dort zitiert Aristoteles Platons Vortrag oder Schrift Ȇber die
Philosophie«, wo folgende Zuordnungen vorgenommen werden: das Eine
und der Intellekt, das rational erworbene Wissen und die Zwei, die Dreiheit

239 Consonant Eleventh, v. a. 197-200. Ähnlich geht Burkert, 63-65 und 170-172, vor, der
freilich eine vornehmlich historische Untersuchung vornimmt; vgl. auch Moutsopoulos, 172f., und
Paul, Übersetzung, 22lf.
-40 Dieser Schwur findet sich u. a. bei Iambl. vita Pyth. 28, 150: oü, pd töv dpexepa^ ootpiag
ebpövxa xsxpcucxüv, mv/tiv devctou (pfoccoc pi^copax’ cyououv.
241 Ebd. 29, 162: oü, pd xöv dpexspp yevea ttapadövxa xexpaicxüv, jiaydv devdou cpüoecot;
ptfcbpax eyouoav; vgl. Macr. somn. I 6, 41: »Bei dem, der unserer Seele die Vierzahl übergab.« -
Ein weiteres Indiz dafür, dass die Tetraktys bei der Konstitution seelischen, menschlichen Lebens
eine entscheidende Rolle spielt, ist das Orakel in Delphi, das Jamblich als Tetraktys - als die
Harmonie, in der die Sirenen singen - bezeichnet. Laut Barbera, Consonant Eleventh, 197, sind
die Sirenen aus dem Er-Mythos gemeint, die laut Platon einen bestimmten Anteil bei der Lebens¬
wahl einer Seele haben.
242 Aristot. an. 404b 18-27.
4. Beschränkung auf 1-2-3-4 (Tetraktys) 233

und die Meinung sowie die Vierheit und die Wahrnehmung. Während im
zuvor genannten Schwur alle vier Zahlen unterschiedslos als wesentliche
Voraussetzungen des wahrnehmbaren Kosmos verehrt werden, erfolgt hier
innerhalb der Tetraktys eine Differenzierung analog der Hierarchie der
Erkenntnisvermögen.
Im aristotelischen Text ist allerdings nicht von der Drei und der Vier,
sondern von den aus diesen hervorgehenden Flächen- und Körperzahlen die
Rede, was uns - mit Barbera - zu einem weiteren Indiz für die besondere
Bedeutung der Tetraktys führt. Die Entfaltung der Zahlen in der geordneten
natürlichen Reihe, ausgehend von der Einheit bis hin zur Vierheit, wird in
der pythagoreisch-platonischen Tradition als Voraussetzung für die Konsti¬
tution der drei Dimensionen aufgefasst: Wenn man den Sachverhalt »Ein¬
heit« in der Vorstellung abbildet, wird er als ausdehnungsloser Punkt darge¬
stellt. Ebenso ist ohne die Zwei keine Linie denkbar, wenn denn die Linie
die kürzeste Verbindung zwischen zwei voneinander verschiedenen Punk¬
ten sein soll. Eine Fläche mit Länge und Breite zu denken gelingt erst, wenn
ein weiterer Unterschied zu der Zwei hinzugedacht wird, wenn also in der
Vorstellung die Eindimensionalität überwunden wird, so dass als einfachste
Fläche das gleichseitige Dreieck entsteht. Analog ist die Vier für die Kör¬
perlichkeit konstitutiv. Jeder Körper hat mit Länge, Breite und Tiefe drei
Unterschiede, die auf der Ebene der Vorstellung bzw. Wahrnehmung am
einfachsten als Dreieckspyramide mit vier Ecken und vier Seitenflächen
darstellbar sind.243 Da der wahrnehmbare Kosmos dreidimensional ist244 und
im Platonismus davon ausgegangen wird, dass keine weiteren Dimensionen
existieren245 und ohne die vier Zahlen die drei Dimensionen nicht gedacht
werden können, muss in ihnen und in ihrer Anzahl ein allgemeines Grund¬
prinzip der neuplatonischen Weltkonzeption aufscheinen.246

243 Die Analogie zwischen der Ausfaltung der Zahlen ausgehend von der Einheit und der Fi¬
gurierung als Punkt, Linie, Fläche und Körper ist ein besonders klares Beispiel für das Funktionie¬
ren einer Analogie und somit der Allegoresemethode, die im neuplatonischen Umfeld des Boethi-
us verbreitet war; vgl. Bemard, Dichtungstheorien, v. a. 170-174 (»Die Ausfaltung der Zahl in die
geometrische Figur als Beispiel für das Wirken der Analogie«), Der Zusammenhang zwischen den
ersten vier Zahlen und ihrer Prinzipienfunktion für die drei Dimensionen wird häufig in arithmeti¬
schen Werken, in theologisch-arithmetischen Traktaten sowie in Kommentaren zum »Timaios«
thematisiert, z. B. Macr. somn. II 2.
244 Plat. Tim. 31b4-c4 und 53c5f.
245 Vgl. Macr. somn. II 2, 3.
246 Vgl. Theo Sm. 93, 16 - 99, 23 zur Tetraktys, v. a. 94, 10 - 96, 8 zur sog. Timaios-Skala,
mit Hilfe derer die Konstitution der Weltseele dargestellt wird, die dem dreidimensionalen Kos¬
mos vorsteht. Diese Skala entsteht durch Vervielfachung der aus der Einheit hervorgehenden 2
und 3 zu zwei Vierergruppen 1-2-4-8 und 1-3-9-27. Dass beide aus der 1 hervorgehen, wird
dargestellt, indem beide Reihen wie zwei Schenkel oder ein umgekehrtes V notiert werden. Sie
bestehen aus Linienzahlen (2 und 3), Flächenzahlen (4 und 9: einfachste Quadratzahlen) und
Körperzahlen (8 und 27: einfachste Kubuszahlen). Dass auch hier wieder ein natürlicher Einschnitt
234 III. »De institutione musica«

Des Weiteren weist Barbera darauf hin, dass auch die 10 als Tetraktys
bezeichnet wird, weil sie die Summe von 1, 2, 3 und 4 ist. Bei der Zahlen¬
synthese stellt sie einen gewissen Einschnitt und eine bestimmte in sich
abgeschlossene Einheit in der Gesamtheit der Zahlen dar, weil sich viele
Phänomene in den einzelnen Zehnem wiederholen. Etwa müssen beim
Addieren und der damit u. U. vollzogenen Überschreitung des Zehners
unabhängig vom Zehner selbst immer dieselben Rechenschritte vollzogen
werden; ob man 18 + 4 rechnet oder 38 + 4: In beiden Fällen muss der
Zehner aufgefüllt und dann noch eine Zwei addiert werden, so dass beide
Ergebnisse die Zwei als Einer aufweisen.247
Neben diesen Hinweisen finden in der Forschung auch die zahlreichen
quaternarii (»Vierer«) Erwähnung, wie die vier Elemente, die vier mathe¬
matischen Wissenschaften, das Tetrachord und entsprechend der Viersaiter
(Helikon), auf dem ein Tetrachord dargestellt werden kann, oder auch die
Reihe 6-8-9-12 mit vier Termini und zwei Mitten.248 Auch aus dem christli¬
chen Bereich führt Barbera Beispiele für die besondere Rolle der Vierzahl
an: Berno von Reichenau bringt die Summe des quaternarius mit dem
zehnsaitigen Psalter und die Vier mit den vier Evangelisten in Verbindung -
eine Assoziation, die sich auch bei Marchetto findet. Man kann die Reihe -
und damit sei die Paraphrase von Barberas Darstellung beendet - selbstän¬
dig ergänzen: die vier Jahreszeiten, die vier größten Genera in Platons Dia¬
log »Sophistes« (Identität, Verschiedenheit, Ruhe, Bewegung), die vier
Kardinaltugenden, die vier Teile des Lebewesens (rationaler, thymetischer
und epithymetischer Teil sowie der Körper),249 die vier Erkenntnisvermögen
(Intellekt, rationales Denken, Meinung, Wahrnehmung)250 etc.
Nun enthalten die neuplatonischen und christlichen Texte eine Vielzahl
von Passagen und Beispielen, die auch die herausragende Würde der Drei¬
heit thematisieren: die Trinität; die drei christliche Tugenden; die Triaden

vorliegt, verdeutlicht laut Theon das Summieren dieser Zahlen mit Ausnahme der größten (27):
Sie ergeben zusammen 27, so dass die 27 alle anderen als ihre Teile in sich enthält und alle Zahlen
der Skala zusammen eine gewisse Einheit bilden.
247 Zum Einschnitt (articulus) nach der 10 vgl. Aug. mus. I 12f.; zur Begründung, dass die 10
Summe aus 1, 2, 3 und 4 ist, I 12, 26, wo auch betont wird, dass die ersten vier Zahlen deshalb in
ihrer Reihenfolge und ihrer Verbindung besonders in Ehren gehalten werden müssen.
248 Vgl. Macr. somn. I 6, 23-40: Die Vier ist die Voraussetzung für eine Reihe mit zwei Mit¬
ten, welche im Unterschied zu Reihen mit nur einer Mitte eine unauflösliche Bande zwischen den
Elementen der Schöpfung ermöglicht.
249 Theo Sm. 98, 8-10. Theon zählt insgesamt elf Tetraktyes auf, die alle Aspekte des Seien¬
den erlassen - ausgehend von Zahl über Größe und deren Ausfaltung in die Zwei- und Dreidimen¬
sionalität, über die vier Grundarten menschlicher Gemeinschaft, die vier Unterscheidungsvermö¬
gen der Seele bis hin zu den Jahreszeiten und Lebensaltern. Er fasst sie zusammen, erläutert
anschließend ihre Analogie untereinander und stellt fest, dass der Kosmos aus diesen allen besteht
(98, 15 -99, 23).
250 Ebd. 97,25 -98,7.
4. Beschränkung auf 1-2-3-4 (Tetraktys) 235

bei Proklos; die Drei als erste Zahl mit Anfang, Mitte und Ende; die Seelen¬
teilung in einen rationalen, thymetischen und epithymetischen Teil bei
Platon; die drei Genera in der »Musiktheorie«; die drei Arten von Musik:
Instrumentalis, humana, mundana etc. Man könnte also mit Blick auf die
antiken Texte analog zur Tetraktys behaupten, dass nur Zahlenverhältnisse,
die aus den Termen 1, 2 oder 3 bestehen, als besonders schöne Verhältnisse
angesehen werden müssen. Schließlich geben alle genannten Beispiele für
Viererkonstellationen und die angeführten Indizien keinen hinreichenden
Grund für die herausgehobene Stellung der Tetraktys an, sondern illustrie¬
ren nur ihre Bedeutung.
Gemäß den Ergebnissen der vorliegenden Studie zur Einordnung der
Musiktheorie in das Quadrivium liegt es auf der Hand, eine Lösung des
Problems direkt in der Arithmetik zu suchen. Denn wenn Boethius die
Musiktheorie als Wissenschaft von den Zahlenverhältnissen auffasst und
Zahl an sich Gegenstand der Arithmetik ist, in der Musiktheorie schon
vorausgesetzt und nicht weiter begründet wird, dann muss eine Beschrän¬
kung auf bestimmte Zahlen für konsonante Zahlenverhältnisse im Rahmen
der Arithmetik untersucht werden.251 Eine Beachtung dieses Grundsatzes
boethianischer und überhaupt neuplatonischer Wissenschaftskonzeption
hätte der rezeptionsgeschichtlich orientierten Boethius-Forschung die Apo-
rie hinsichtlich der Tetraktys-Frage zu beseitigen helfen können.252
Eine direkte Antwort findet sich in Boethius’ Arithmetiktraktat nicht.
Dass aber mit der Vier ein gewisser Abschluss und Einschnitt erreicht ist,
weshalb die ersten vier Zahlen als primär und herausgehoben gelten, kann
aus dem Werk ohne Weiteres erschlossen werden.

4.2 Erster Erklärungsansatz

Die erste und grundsätzlichste Unterscheidung in der Zahltheorie ist die in


ungerade und gerade Zahlen. Boethius trifft sie wie Nikomachos gleich zu
Beginn seines zahltheoretischen Traktates und schließt unmittelbar daran
vier Definitionen von Gerade und Ungerade an.253 Diese Definitionen bilden

251 Augustinus hingegen begründet in »De musica« die Vorrangstellung der Tetraktys. Zu
dessen weitem Musikbegriff s. u. III.5.2.1.
252 Es besteht also kein Grund zur Verwunderung darüber, dass in der Fülle der mittelalterli¬
chen Musiktheoretiker nur Johannes de Grocheio eine Begründung für die Beschränkung der
Konsonanzen auf die von der Tetraktys gebildeten Intervalle fordert (dann aber ohne Begründung
die traditionelle Lehre anwendet), da eine solche Begründung nicht Sache der Musiktheorie,
sondern der Arithmetik ist; vgl. dagegen Münxelhaus, 96.
253 Boeth. arithm. 1, 3-6. Wie Radke, 767-779, gezeigt hat, handelt es sich um vorläufige,
einander ergänzende Bestimmungen von Gerade und Ungerade, die dem Arithmetikstudenten erste
Anhaltspunkte an die Hand geben, anhand derer er sich im Laufe der Studien einen vollständige-
236 III. »De institutione musica«

auf der arithmetischen Ebene die Grundlage der beiden im Folgenden dar¬
gelegten Erklärungsansätze für die Besonderheit der Vier.
Im Anschluss an eine common-sense-Definition (defmitio vulgaris) und
eine pythagoreische enthält die dritte eine indirekte Aussage zur ersten
aktualen geraden Zahl:254

Gemäß einer älteren Art aber gibt es eine andere Definition der geraden Zahl. Eine
gerade Zahl ist eine, die eine Teilung in zwei gleiche und in zwei ungleiche Teile auf
sich nimmt, aber so, dass in keiner Teilung Gerade mit Ungerade oder Ungerade mit
Gerade gemischt wird - nur mit Ausnahme des Prinzips des Geraden, der Zahl Zwei,
die deshalb keine ungleiche Teilung auf sich nimmt, weil sie aus zwei Einheiten und
in gewisser Weise aus der primären Geradheit der Zwei255 besteht.

Beispielsweise kann die Acht entweder in zwei jeweils gerade Zahlen


(4 + 4 oder 6 + 2) oder in zwei jeweils ungerade (1+7 oder 3 + 5) geteilt
werden, aber niemals in eine gerade und eine ungerade Zahl. Hingegen hat
eine ungerade Zahl immer einen geraden und einen ungeraden Teil (z. B.
7=1+6 oder 2 + 5 oder 3 + 4).
Die ersten aktualen Zahlen im Sinne dieser Definition sind also die Drei
und die Vier, denn die Definition trifft auf die Zwei nicht zu. Auch die
Einheit kann nicht als Zahl gelten, da als Kriterium für die Unterscheidung
zwischen Gerade und Ungerade (wie bei den ersten beiden Definitionen)
eine bestimmte Teilung benannt wird und die Einheit unteilbar ist. Hier
taucht nun die Vier erstmals als diejenige Zahl auf, mit der die Grundmög-
lichkeiten von Zahl verwirklicht sind. Sie ist die erste aktuale gerade Zahl,
da hier die Zwei als »Prinzip des Geraden«256 und noch nicht selbst als
gerade verstanden wird.
Das Prinzip von etwas ist nicht identisch mit dem Etwas, das aus ihm
hervorgeht - eine Grundeinsicht des Platonismus (s. o. II.4.3.1 Punkte 2-4).
Sinngemäß schreibt Johannes Philoponos:257 Die beiden Prinzipien von
Zahlen sind die Monade und die Dyade. Keine von beiden ist aber Zahl, wie

ren Begrift erarbeiten kann. Obwohl diese Definitionen den materialen Aspekt der Teilungsmög¬
lichkeit von geraden und ungeraden Zahlen in den Vordergrund stellen, treffen sie doch indirekt
Aussagen zu deren Wesen, weil das konkrete Erleiden (die Teilung) einer Zahl von ihrer Synthe¬
seweise abhängt und diese wiederum von der jeweiligen Form, welche die Bestandteile zu dieser
Zahl ordnet: Wenn etwas in einer bestimmten Weise zusammengesetzt ist, dann kann es auch nur
in der entsprechenden Weise geteilt werden. Deshalb besitzen diese vier einleitenden Definitionen
bei aller Vorläufigkeit einen direkten Sachbezug zur arithmetischen Lehre und sachliche Relevanz
auch für die folgenden Überlegungen zur Begründung der Tetraktys.
254 Boeth. arithm. 1, 5 p. 14, 19-26; vgl. Philop. in Nikom. 1 Lemma 58: Die dritte Definition
geht auf eine pythagoreische Tradition zurück.
255 Boeth. arithm. 1,5 p. 14, 25f.: ex prima duorum quodammodo paritate.
256 Boeth. arithm. 1,5 p. 14, 23: princeps paritatis\ Nikom. arithm. 1, 7 p. 13, 22 - 14, 1:
7tA.ijv xf)<g . üpxoetSoix; öu&üoc; — »bis aul die ... prinzipienartige Zwei«.
257 Philop. in Nikom. 2 Lemma 60 zu Nikom. arithm. 2, 18.
4. Beschränkung auf 1-2-3-4 (Tetraktys) 237

wir oftmals gezeigt haben, sondern Prinzip von Zahlen. Das Prinzip ist
verschieden von dem, wovon es Prinzip ist, wie der Punkt das Prinzip von
Linie, aber nicht selbst Linie ist; die Linie ist Prinzip von Fläche, aber selbst
nicht Fläche, und die Fläche ist Prinzip von Körper, ohne selbst Körper zu
sein. Auch das Jetzt ist Prinzip von Zeit, wobei es nicht selbst Zeit ist.
Analog bringt die Zwei als Prinzip die geraden Zahlen hervor, ist selbst
aber keine aktuale gerade Zahl. Erkennbar ist das daran, dass die Zwei nur
eine einzige Teilung in zwei gleiche Teile erleiden kann und nicht in zwei
ungleiche, da nur eine Teilung in zwei Monaden in Frage kommt. Dabei ist
nicht klar bestimmbar, ob diese Teile gerade oder ungerade sind. Die Prin¬
zipienfunktion der Zweiheit und der Einheit demonstriert Boethius außer¬
dem in arithm. 2, 31-39. Dort werden Einheit und Zweiheit als Prinzipien
von Gerade und Ungerade sowie von Quadratzahl und heteromeker Zahl
aufgezeigt. Außerdem wird demonstriert, dass beide wiederum auf höheren
Prinzipien beruhen, weil sie von Gleichheit und Ungleichheit, Identität und
Verschiedenheit, Bestimmtheit und Unbestimmtheit abhängen.258
Über die Prinzipienfunktion der Einheit und der Zweiheit für Zahl be¬
steht in der neuplatonischen Tradition ein klarer Konsens:259 Erst die Verei¬
nigung von Einheit und Zweiheit bzw. deren gemeinsames Wirken schafft
eine bestimmte Vielheit bzw. Zahl, d. h. die Dreiheit; die Drei ist somit der
aktuale Beginn von Zahl. Sie vermag es als erste Zahl, zwei Extreme durch
eine Mitte zu trennen und gleichzeitig zusammenzubinden, weshalb auch
traditionell gesagt wird, dass sie in primärer Weise Anfang, Mitte und Ende
hat und somit ein Ganzes und Vollendetes ist.260 Sie ist die erste ungerade
Zahl. Die ihr folgende Vier ist die erste aktuale gerade Zahl.261
Beachtet man die Prinzipienfunktion der Zweiheit für das Gerade und
legt man mit Boethius zugrunde, dass Zahlen ausgehend von der Eins ge-

258 Vgl. auch Boeth. arithm. 2, 27 (zu 2, 32 s. u. Anhang 5).


259 Exemplarisch: Iambl. theol. arithm. 8, 16 - 13, 6.
260 Boethius’ Äußerung, dass die Zweiheit die erste Zahl ist (arithm. 2, 27 p. 117, 5f.), wider¬
spricht nicht der gerade vorgestellten Argumentation. Er selbst fügt gleich an, dass sie das Prinzip
einer bestimmten Andersheit ist, weil sie von jener ersten und immer gleichen Substanz, der
Einheit, um nur eine Einheit abweicht. Aus ihr gehen demnach erst die eigentlichen, aktualen
Zahlen hervor. Das wird in den Kapiteln deutlich, die Boethius’ bzw. Nikomachos’ Arithmetik¬
schriften abschließen. Sie befassen sich mit Reihen und Proportionen, d. h. mit dem Verhältnis der
Teile einer Zahl untereinander und zum Ganzen, und zeigen, dass die Zwei keine mathematische
Zahl im eigentlichen Begriffssinne sein kann. - Eine differenzierte und umfassende Argumentati¬
on, die eine Begründung bietet, dürfte sich nicht auf das Gebiet der Arithmetik beschränken. Es
müsste anhand einer Diskussion der zweiten Hypothesis von Platons »Paimenides« in der Kom¬
mentierung des Proklos aufgezeigt werden, inwiefern das oberste »Seiende Eine« aufgrund der
noch nicht explizierten Verschiedenheit noch keine Zahl im Sinne einer innerlich strukturierten
Einheit mit voneinander unterschiedenen Teilen und deshalb noch jenseits von Zusammensetzung
und Teilung ist und inwiefern die arithmetische Zwei diesen Sachverhalt abbildet.
261 Aug. mus. I 12, 20f.
238 III. »De institutione musica«

bildet werden und synthetisierte Einheiten sind, die wieder in gerade


und/oder ungerade Bestandteile zerlegt werden können, dann ist mit der
Vier die Generierung der primären aktualen Zahlen abgeschlossen. Im
Vergleich zu ihnen verwirklichen alle anderen geraden und ungeraden
Zahlen ihr Zahl-Sein auf komplexere und abgeleitete Weise, weil ihre Kon¬
stellationen lediglich die bereits in der Drei und der Vier vorliegenden
beiden Grundmöglichkeiten der Zahlsynthese wiederholen: Alle weiteren
geraden Zahlen sind immer in gleicher Weise auch aus zwei gleichen und
aus zwei ungleichen Teilen zusammengesetzt, während alle ungeraden
Zahlen immer nur aus zwei verschiedenartigen (geraden und ungeraden)
Teilen bestehen.

4.3 Zweiter Erklärungsansatz

Der zweite Erklärungsvorschlag sieht von der Prinzipienfunktion der Ein¬


heit und der Zweiheit ab und versteht im uns geläufigen Sinne bereits die
Eins und die Zwei als Zahlen, wie sie uns auch bei Boethius als Terme in
Zahlenverhältnissen und als Bestandteile von Zahlen begegnen.
Diese von der ersten Erklärung abweichende Vorgehensweise findet ihre
Berechtigung darin, dass Eins und Zwei in der »Arithmetik« durchaus nicht
ausschließlich als herausgehobene Prinzipien betrachtet werden, sondern
auch als Teile der natürlichen Reihe der Zahlen. Wie beispielsweise arithm.
1, 7 direkt im Anschluss an die vier Definitionen von Gerade und Ungerade
darlegt, kann die Eins den Anfang der natürlichen Zahlenreihe bilden und in
diesem Falle neben der Zwei stehen, ohne dass damit die Rolle der Einheit
als Hervorbringerin der Vielheit in Frage gestellt ist. Die Eins wird immer
wieder in der Arithmetik als erste natürliche Zahl angeführt.262
Sogar als erste ungerade Zahl begegnet die Eins im Arithmetiklehrbuch
häufiger, ebenso wie die Zwei als erste gerade Zahl. Obwohl die Eins - wie
gesagt - potentiell sowohl gerade als auch ungerade ist, kann sie deshalb als
ungerade Zahl verstanden werden, weil sie in besonderer Weise die Identi¬
tät mit sich selbst wahrt, wie auch die aus ihr hervorgehenden ungeraden
Zahlen. Vervielfältigt man sie nämlich mit sich selbst, dann bleibt das Er¬
gebnis Eins. Und setzt man aus den ungeraden Zahlen Quadratzahlen zu¬
sammen, dann haben auch diese in besonderer Weise an der Gleichheit
Anteil, wie man an ihren gleich großen Seiten erkennen kann.263 Hingegen

262 Vgl. z. B. Boeth. arithm. 2, 12 p. 96, 8f. (Generierung der Quadratzahlen): »die natürliche
Zahl möge nämlich in folgender Weise aufgestellt werden: 1, 2, 3 etc.« (disponatur enim numerus
naturalis hoc modo: I. II. III. IIII. V. VI. VII. VIII. VIIII X XI)
263 Ebd. 2, 12; 2,28 und 2,31.
4. Beschränkung auf 1 -2-3-4 (Tetraktys) 239

stellt die Zwei die erste Abweichung, den ersten Unterschied zur Eins dar.
Aus ihr entstehen die geraden Zahlen, die ihrerseits wiederum die hetero-
meken Zahlen hervorbringen, deren Faktoren um eine Einheit voneinander
abweichen, z. B. 6 mit 2 und 3 oder 12 mit 3 und 4. Aufgrund der Abwei¬
chung um eine Einheit haben die heteromeken Zahlen ganz offensichtlich
an der Verschiedenheit teil.264 Die Eins wird als Zahl demnach eher mit dem
Ungeraden und die Zwei eher mit dem Geraden in Verbindung gebracht
und nicht umgekehrt.265
Die Eins kann also durchaus in der Reihe der Zahlen stehen, auch wenn
sie selbst keine Teile hat und als Anfang der Zahlenreihe eine Sonderrolle
spielt. Fassen wir die Zahlen ausgehend von der Eins als arithmetische
Zahlen auf, dann ist die Eins die erste ungerade und die Zwei die erste
gerade Zahl. Auf dieser Grundlage lässt sich ein Argument für die Rolle der
Vier gewinnen. Wenn man die einfachsten Möglichkeiten der Zahlsynthese
bedenkt, stellt man fest, dass mit der Vier die primären Möglichkeiten,
Zahlen zusammenzusetzen, verwirklicht und ausgeschöpft sind. Denn wenn
eine arithmetische Zahl entweder ungerade oder gerade ist und aus Zahl(en)
zusammengesetzt wird, dann bestehen bei der Synthese von Zahlen nur die
folgenden drei Möglichkeiten:

1. Zwei ungerade Zahlen können zusammengesetzt werden, was zum ersten


Mal bei der Zusammensetzung von 1 mit 1 möglich ist. Dabei entsteht
die Zwei.
2. Eine ungerade und eine gerade können zu einer neuen Zahl verbunden
werden, was primär bei der Zusammenfügung von 1 und 2 der Fall ist
und zur Drei führt.
3. Zwei gerade Zahlen werden zu einer neuen Einheit zusammengefügt. Die
einfachste denkbare Möglichkeit ist die Addition von 2 und 2, womit die
Vier entsteht.

Alle weiteren Arten der Generierung von Zahl stellen eine Wiederholung
einer dieser drei Grundmöglichkeiten dar, da immer entweder nur ungerade
Zahlen oder gerade und ungerade oder nur gerade Zahlen miteinander ver-

264 Ebd. 2, 28.


265 Vgl. ebd. 2, 31 p. 123, 9-15: »Und da ja alle ungeraden Zahlen entsprechend der Art und
Natur der Einheit (unitas) geformt wurden ... Aber jene, die gerade sind, da sie ja Alten (fonnae)
der Zahl Zwei sind ...«Vgl. Nikom. arithm. 2, 19 p. 114, 23 - 115, 6: »Damit wir in deutlicher
Weise hinsichtlich des Gesagten überzeugt werden, dass also aus Kämpfendem und Gegensätzli¬
chem das Seiende konstituiert ist und zu Recht Harmonie aufnimmt ..., wollen wir in zwei paralle¬
len Reihen der Breite nach nicht mehr die im eigentlichen Sinne geraden von der Zwei her und
ungerade Zahlen von der Monade her aussetzen, wie vor kurzem, sondern ...« - Zur Diskussion
der Frage, ob die Monade gerade oder ungerade ist, vgl. Theo Sm. 21, 20 - 22, 16.
240 III. »De institutione musica«

bunden werden. Das trifft auch zu, wenn multipliziert wird, da die Multipli¬
kation auf der Addition beruht (dreimal 4 setzt die Möglichkeit der Additi¬
on von 4 + 4 + 4 gedanklich voraus).

4.4 Fazit und abschließende Bemerkung zur Untersuchungsebene

Zwei Vorschläge wurden zur Begründung des Einschnittes nach der Vier
und zur herausragenden Stellung der ersten vier Zahlen unter Beachtung
von Boethius’ Mathematikkonzeption und Zahlverständnis unterbreitet.
Während bei der ersten Erklärung die Einheit und die Zweiheit Prinzipien
waren und die Drei und die Vier die ersten aktualen Zahlen, nämlich die
erste ungerade und die erste gerade, wurden im zweiten Eins bis Vier als
arithmetische Zahlen aufgefasst. Die zweite Überlegung setzt also >tiefer<
an, weil sie die Eins und die Zwei nicht mehr als Prinzipien von Zahl, son¬
dern als Zahlen betrachtet, so dass die Vier als Ergebnis einer Zahlsynthese
entsteht und nicht mehr direkt aus den Prinzipien von Zahl hervorgeht. Die
ersten vier Zahlen für ganz besondere zu halten, scheint aufgrund dieser
rein arithmetischen Begründung nicht unplausibel zu sein.266
Vorausgesetzt ist bei beiden Begründungsversuchen die These, dass die
Einheit die Mutter aller Zahlen ist und dass die Generierung der Zahlen von
ihr ausgehend eine von Natur aus geordnete Reihe der Zahlen hervorbringt.
Wer sich mit den vorgetragenen Ansätzen zur Begründung der Tetraktys
nicht zufrieden gibt, wird diese Prämissen hinterfragen müssen und somit in
einen philosophischen Diskurs eintreten. Dieser kann und soll an dieser
Stelle nicht in Angriff genommen werden. Er würde das Gebiet der Musik¬
theorie weit verlassen und eine hochdifferenzierte und umfangreiche Dis¬
kussion erfordern.267

266 Augustinus gibt weitere Begründungen (mus. I 12, 23): Betrachtet man 1-2-3 als arithmeti¬
sche Mitte, stellt man fest, dass die 3 die 2 um ebensoviel überragt wie die 2 die 1. Hierbei wird
die 2 zweimal genannt, hingegen die 1 und die 3 nur einmal, was insgesamt viermal ergibt. Die
Anzahl der Nennung ist nicht willkürlich, sondern verweist auf einen Sachverhalt, der analog zur
Bedeutung der Generierungsanweisungen in der Arithmetik ist; vgl. Radke, 384^116, wo gezeigt
wird, dass die Generierungsregeln die allgemeinen Konstitutionsbedingungen des Seienden nach¬
vollziehend abbilden. Eine andere Begründung dafür, dass die Folge 1-2-3 ohne die 4 unvollstän¬
dig wäre, da sie die 4 schon impliziert, gibt Augustinus in mus. I 12, 24: Die Summe der Extreme
(1 und 3) ergibt 4, ebenso wie die Vervielfachung der Mitte (2) mit sich selbst. Das ist nur bei der
Reihe 1-2-3 der Fall, denn bei allen größeren Zahlen ergibt die Summe der Extreme immer eine
Zahl, die nicht direkt in der Reihe der natürlichen Zahlen auf den größten Term folgt (bei 2-3-4
z. B. ist 2 + 4 = 6, während 5 die nächste auf 4 folgende Zahl wäre). Die Harmonie der Reihe 1-2-
3 ist folglich ohne die 4 nicht denkbar.

267 Lohnend wäre eine solche philosophische Untersuchung allerdings, besteht doch auf die¬
sem Gebiet Nachholbedarf; vgl. etwa Hentschel, Augustinus, 192: »Und dennoch bleibt ein Rest
Unbehagen, wenn man sich die Begründung der Bedeutung der Zahlhaftigkeit für den Rhythmus
4. Beschränkung auf 1-2-3-4 (Tetraktys) 241

Es sei daran erinnert, dass die rationale, in der Arithmetik betrachtete


Zahl als bloß quantitatives Abbild eines denkend erfassbaren Sachverhaltes
verstanden wurde.268 Wenn diese begrifflich erkennbaren Erkenntnisgegen¬
stände (Gerechtigkeit, Schönheit, Verschiedenheit etc.) selbst jeweils etwas
Bestimmtes und somit Eines sind, dann können als deren Abbilder niemals
Brüche oder irrationale Zahlen etc., sondern nur ganze, >natürliche< Zahlen
entstehen. Dass im Platonismus keine unendliche Zahlenvielfalt ohne An¬
fang und ohne Ende als Abbild des wahrhaft Seienden angenommen wird,
sondern die Einheit den unhintergehbaren Anfang bildet, beruht auf der
Untersuchung der Hierarchie innerhalb dieser höheren und höchsten er¬
kennbaren Sachverhalte. Diese zu ermitteln stellt eine der Aufgaben des
Philosophen dar. Die zentrale Erkenntnis des Platonismus besteht hierbei
darin, dass das, was bei jedem Erkenntnisakt vorausgesetzt wird, Einheit ist.
Ohne sie gäbe es weder etwas Erkanntes noch einen Erkennenden noch
dessen Erkenntnisakt. Einheit ist somit als notwendige Voraussetzung für
alles Sein und Erkennen das höchste Prinzip. Die arithmetische Eins muss
dementsprechend ihr mathematisches Abbild sein und den absoluten An¬
fang der Zahlenreihe bilden. Eine Null oder negative Zahlen können bei
einer solchen Betrachtungsweise nicht entstehen. Wenn in der Antike mit
negativen Zahlen, Brüchen etc. gerechnet wurde, dann innerhalb der Logi¬
stik (Rechenkunst), die eine anwendungsbezogene Kunst war und nicht wie
die Arithmetik im Rahmen des Quadrivium als propädeutische Disziplin auf
dem Wege zur Philosophie studiert wurde.
Die Einheit ist also aufgrund ihres transzendenten Vorbildes - bezeichnet
man es mit Plotin nun als »Hen«, mit den Neuplatonikern als Platons »Idee
des Guten« oder als »höchsten Gott« - die Mutter aller Zahlen. Analog
dürfte die Vierzahl ein Vorbild besitzen, das - so müsste man von der Te¬
traktys her, aber auch aus der Herleitung des Quadrivium von den vier
Grundunterschieden im wahrhaft Seienden (s. o. II.2.1-4) schließen - eine
Einheit sehr hochstehender Prinzipien ist, welche die Grundmöglichkeiten
von Synthese und somit Schöpfung in sich enthält. Diese Vermutung wird
durch diverse Bemerkungen bei Proklos gestützt, wo von der Vierzahl der

vor Augen führt ... Derartige Argumentationen können allein im Kontext der Tradition gesehen
werden und weisen Stringenz von unterschiedlicher Überzeugungskraft auf.« Blendet man den
philosophischen Hintergrund solcher Zahlbetrachtungen, wie sie Augustinus durchführt, ein, dann
wird ein besseres Verständnis (sicherlich keine Akzeptanz) dieser Lehre erreichbar sein. Denn die
Ordnung und die Eigentümlichkeiten, die an Zahlen wie 1,2 und 3 erkennbar sind, spiegeln nach
neuplatonischer Lehre die Konstitutionsbedingungen des Seienden überhaupt wider. Mit deren
Grundlegung kann man sich anhand der entsprechenden Texte rational und kritisch befassen und
auf diesem Wege zu einem möglichst systemimmanenten Verständnis gelangen, was zur Entmysti¬
fizierung solcher Zahlbetrachtungen führen wird.
268 S. o. II.4.lf.
242 III. »De institutione musica«

intelligiblen Ideen gesprochen wird, an denen sich der Schöpfergott im


»Timaios« bei seiner Schöpfung orientiert.269
Abschließend bleibt festzustellen, dass die Beschränkung auf die ersten
vier Zahlen als Terme der primären Zahlenverhältnisse, welche die konso¬
nanten Intervalle bestimmen, nicht im Rahmen der Musiktheorie begründet
werden kann. Beachtet man das bei Boethius zugrundeliegende Wissen¬
schaftssystem, wird das aber innerhalb der Arithmetik möglich. Da die
Arithmetik freilich auf Prämissen beruht, deren Begründung nicht mehr in
der Arithmetik, sondern in der Philosophie geleistet werden muss, kann der
Ausschluss der Undezime aus den Konsonanzen letztlich erst zufriedenstel¬
lend nachvollzogen (oder auch widerlegt) werden, nachdem die letzten
Höhen der Philosophie erklommen wurden.270

5. Zum anagogischen Potential der dreigeteilten Musik

In den vorangegangenen Abschnitten des dritten Kapitels wurde Boethius’


Traktat »De institutione musica« als Lehrbuch der musica instrumentalis
untersucht. Die behandelten Fragestellungen bezogen sich nämlich auf die
überlieferten ersten fünf Bücher, die sich mit der Musik befassen, »von der
man sagt, dass sie in bestimmten Instrumenten besteht«.271 Boethius erörtert
in ihnen entsprechend nur Zahlenverhältnisse mit Blick auf die von ihnen
konstituierten wahrnehmbaren musikalischen Intervalle. Angesichts der
Aufgabe des Quadrivium, auf die Philosophie vorzubereiten und zu ihr
hinzutühren, mag Boethius’ Traktat in seiner propädeutischen und anagogi¬
schen (hochführenden) Funktion recht mager anmuten.272 Schließlich gab

269 Vgl. Prokl. in Tim. B 316, 12 — 324, 14: Zeus als Vater und Schöpfer wohnt die Dekade
(Zehnzahl) bei, die der Vierzahl entspringt (die Summe der ersten vier Zahlen ist zehn), welche
wiederum auf die Einheit zurückgeht. Der Schöpfergott orientiert sich somit an vier intelligiblen
Ideen, die er aber aufgrund ihrer Ausfaltung zur Zehn in geringerer Einheit in sich hat. Entspre¬
chend ist die Vier der Ordnung des wahrnehmbaren Kosmos eigen, wie an den vier Elementen,
den vier Jahreszeiten und eben auch der Vierzahl, von der sich die Dreidimensionalität herleitet,
erkennbar ist (T 271, 1 lf.; E 193, 11-17 u. ö.).
270 Das gilt letztlich für jede Erkenntnis in den mathematischen Fächern und auch in jeder ab¬
geleiteten Wissenschaft, z. B. der Physik. Zwar strebt eine jede Wissenschaft die Erkenntnis ihrer
unmittelbaren Prinzipien an, hat damit aber noch nicht ihre Letztbegründung geleistet. Erst derje¬
nige, der wiederum die Prinzipien dieser unmittelbaren Prinzipien sucht, findet und dabei bis zum
letzten und höchsten Prinzip gelangt, kann die abgeleiteten Wissenschaften gänzlich zu verstehen.
271 Boeth. mus. 1,2 p. 189, 6f.
272 Pizzanis Kritik geht noch weiter: Boethius’ musica verfehle ihr Thema, weil sie über die
Behandlung von multitudo ad aliquid relata hinausgehe. Überhaupt stelle sie keine systematische
Ausführung der Konzeption des Quadrivium dar und liefere keinerlei philologische Hinweise
darauf, dass sie als Vorbereitung auf philosophische Studien konzipiert sei (Quadrivium, v. a. 220
und 2231.). Boethius wurde den ersten Vorwurf mit einem Hinweis auf seinen weiten Zahlbegriff
5. Anagogisches Potential der dreigeteilten Musik 243

Boethius als Ziel der quadrivialen Studien den Aufstieg zu den eigentlichen,
den intelligiblen Zahlen, das Erlangen zeitloser Weisheit in Bezug auf alles
Sein und Erkennen und folglich auch Selbsterkenntnis an. Damit einherge¬
hend soll eine Hochwendung zur rationalen und intellektiven Erkenntnis¬
weise und eine sukzessive Abwendung von der Wahrnehmung vollzogen
werden.273
Boethius wird diesen Zielstellungen wohl am auffälligsten im Hinblick
auf die Rolle der Wahrnehmung gerecht, weil er sie ebenso wie die Vorstel¬
lung nur zur Veranschaulichung des zuvor theoretisch Untersuchten heran¬
zieht. Er lenkt das Denken des Lesers auf die unkörperlichen Formen wahr¬
nehmbarer Phänomene und damit auf den Unterschied zwischen immate¬
rieller Formursache und davon bestimmter Materie. Wie oben gesehen
vertieft der musiktheoretische Traktat durch die Untersuchung von Zahlen¬
verhältnissen das Wissen über Zahl und führt gleichzeitig zur sachlich di¬
rekt vorgeordneten Zahltheorie (Arithmetik) zurück bzw. hoch.274
Die überlieferten fünf Bücher über die musica instrumentalis besitzen in
einem weiteren Sinne ein Potential zum Erreichen einer in Boethius’ Augen
höheren Untersuchungsebene: Auch Nikomachos’ bzw. Boethius’ einfüh¬
rendes Arithmetiklehrbuch leistet keine explizite und vollständige Rück¬
wendung des behandelten Stoffes auf seine metaphysischen Urbilder. Die
rational erfassbare Zahl wird von ihrer Quelle, der intelligiblen Zahl, ledig¬
lich unterschieden, und die Abhängigkeit der Zahlen von den intelligiblen
Prinzipien der Selbigkeit und der Verschiedenheit wird nur konstatiert.275 Es
ist damit zu rechnen, dass »De institutione musica« in ähnlicher Weise auf
der litteralen Ebene relativ leicht verständlich die Ursachen der erklingen¬
den Intervalle behandelt und so Abbilder höherer Sachverhalte liefert, zu
deren Erkenntnis der Autor anleiten möchte. Vor diesem Hintergrund wur¬
de oben eine Interpretation von mus. 2, 6 vorgenommen, die aufzuzeigen
versucht, welche allgemeineren Prinzipien anhand der konkreten mathema¬
tischen Sachverhalte im ersten Axiomenkapitel dargestellt werden.276 Dabei
wurde herausgearbeitet, dass die Musiktheorie untersucht, wie aus jeder
bereits komplex zusammengesetzten Ungleichheitsrelation durch eine wei-

entkräften (s. o. II.4). Ob die »Einführung in die Musiktheorie« systematisch in die Konzeption
des Quadrivium passt, lässt sich erst nach einer Untersuchung des Wesens und der Intention des
Quadrivium einschätzen. Die ersten beiden Kapitel dieser Arbeit sollten das leisten. Vor dem
erarbeiteten Hintergrund ergibt sich ein wesentlich anderes Bild, als es Pizzani zeichnet; vgl. v. a.
III.1 und Boethius’ expliziten Verweis auf die propädeutische Funktion der Musiktheorie in mus.
2, 2.
273 S. o. II.3.
274 S. o. III. 1 und 4.
275 S. o. H.4.1-3; vgl. Cus. coniect. II 2, 86: In allen Sieben freien Künsten, darunter auch in
der Musik, gibt es drei Stufen - die wahrnehmbare, die rationale und die intelligible.
276 S.o. III. 1.2.
244 III. »De institutione musica«

tere eidetische Formung der schon vorliegenden Bestandteile eine umso


größere Ungleichheit und Komplexität hervorgeht. Die ursprüngliche Un¬
gleichheit ist nicht voraussetzungslos, sondern stellt bereits eine mehr oder
minder harmonische Zusammensetzung aus einfacher Strukturiertem dar.
Diese Einsicht gilt neuplatonischer Auffassung nach nicht nur für Töne, die
zwar im Verhältnis zu den aus ihnen geformten Intervallen einfach, aber für
sich betrachtet nicht unzusammengesetzt und voraussetzungslos sind, son¬
dern für alles Seiende - auch für das unkörperliche. Die Musiktheorie be¬
sitzt also auch insofern ein propädeutisches Potential, als die musiktheoreti¬
schen Operationsgegenstände auf ihre ontologisch übergeordneten Vorbil¬
der und Prinzipien verweisen.

Die Leistung der Musiktheorie zur »Erweckung des inneren Auges«277 ist
mit den beiden genannten Punkten aber noch nicht erschöpft, wie im Fol¬
genden gezeigt wird. Der Bereich des Seienden, auf dessen Erkenntnis
diese mathematische Disziplin abzielt, kann nämlich noch präziser be¬
stimmt werden: Die Musiktheorie mündet in das Studium von Seele, d. h. in
die Untersuchung der untersten Hypostase, die dem irdischen Werden und
Vergehen zwar grundsätzlich enthoben ist, beides aber verwaltet und be¬
stimmt.
Diese Präzision wird durch eine Untersuchung von Boethius’ umfassen¬
dem Musikbegriff möglich.278 Die Musik(theorie) wird als Wissenschaft der
aufeinander bezogenen diskreten Quantität definiert279 und Harmonie als
etwas, das Entgegengesetztes vereint und zusammensetzt.280 Beide Defini¬
tionen deuten auf eine weiterreichende Bedeutung von musica hin, da sie
keinen expliziten Bezug zur hörbaren Musik herstellen.281
In der Tat stellt die musica sonora - »klingende Musik«, wie sie auf¬
grund ihres Bezuges auf die wahrnehmbaren Intervalle in mittelalterlichen
Traktaten genannt wird — nur einen von drei Teilen der Musiktheorie dar:

277 Boeth. arithm. 1, 1 p. 10, 3-7; s. o. 1.2.1 und II.3.3.


278 Dass Platon einen ähnlich weiten Musikbegriff hatte, zeigt Moutsopoulos, passim. Er un¬
terscheidet drei Grundrichtungen der Musik in Platons Dialogen: 1. die praktisch ausgeühte Musik,
bei welcher der Musiker ein entsprechendes Wissen besitzen sollte, 2. Inspiration und Mystik
sowie 3. Propädeutik für die Dialektik.
279 Boeth. mus. 2, 3 p. 229, 2-9.
280 Boeth. arithm. 2, 32 p. 126, 14-17.
281 Wie oben, 92, erläutert, meint Boethius’ Definition von Musik keinen Bezug von Zahl auf
eine erklingende Materie, sondern von Zahlen zueinander (mus. 2, 3 p. 229, 8f.): »die Musik
hingegen verspricht eine Kenntnis von der auf etwas bezogenen [sc. diskreten Quantität]« (ad
aliquid vero relatae [sc. discretae quantitatis] musica probatur obtinere peritiam). - Zur sachlich
gleichen Definition bei Eriugena und dessen Auffassung, dass die erklingende Musik nur Abbild
höherer Harmonie ist, vgl. Niemöller, v. a. 295f.; zur Schwierigkeit, die musica instrumentalis zu
ubersteigen, weil die beiden übergeordneten Musiken nicht mehr hörbar sind, den Heilsbronner
Musiktraktat (Hirschmann, 256).
5. Anagogisches Potential der dreigeteilten Musik 245

Boethius führt außerdem die musica Humana (»menschliche Musik«) und


die musica mundana (»kosmische Musik«, »Allmusik«) an (s. u. III.5.1.1).
Bei diesen beiden Arten von Musik spielt das klangliche Ereignis erst recht
keine wesentliche Rolle, da z. B. die Harmonie der Elemente, der Jahreszei¬
ten und der menschlichen Konstitution nicht hörbar ist.
Leider führt Boethius die Abschnitte zur menschlichen und kosmischen
Musik nicht aus bzw. sie sind nicht überliefert. Eine Rekonstruktion des
Gemeinten ist aber dank seiner knappen Charakterisierung der drei Musik¬
arten, weiterer Ausführungen im »Trost der Philosophie«, durch die Beach¬
tung der neuplatonischen Psychologie und Kosmologie sowie die Konsulta¬
tion von Ptolemaios’ »Harmonielehre« möglich. Das zuletzt genannte Werk
heranzuziehen bietet sich an, fungierte dieser Text doch ab dem Ende des
vierten Buches als direkte oder indirekte Quelle für Boethius’ Musiklehre,
gab die Reihenfolge der Behandlung der drei Musikarten vor und entsprach
inhaltlich im Wesentlichen der neuplatonischen Konzeption. Das betrifft
v. a. die Behandlung der Zahlenverhältnisse klingender Intervalle als unter¬
ste Stufe der musikalischen Ausbildung, wovon ausgehend die beiden wei¬
teren Arten im Sinne eines Aufstieges studiert werden sollten (s. u. III.5.1).
Ferner weist Augustinus’ »De musica« auf eine Aufstiegsmethode im
Rahmen der Musiktheorie hin - das sukzessive Hinterfragen der Prinzipien
menschlichen Erkennens ausgehend von der Wahrnehmung. Auch Boethi¬
us’ Erkenntnistheorie bietet Potential für diese anagogische Methode (s. u.
III.5.2). Ob er sich in den fehlenden Büchern der Musikschrift derselben
Methode wie Augustinus bedient hätte, muss allerdings aufgrund fehlender
Zeugnisse offen bleiben.
Wenn Boethius die Musik nicht mit der Wissenschaft von den Zahlen¬
verhältnissen, die lediglich hörbare Intervalle konstituieren, identifiziert,
sondern viel umfassender eine Disziplin der harmonischen Einung des
Irdischen im weitesten Sinne meint, dann besitzt sie gerade für Philosophen
und Politiker, die mit der harmonischen Einrichtung und Verwaltung des
Staates betraut sind, Relevanz (s. u. III.5.3).

5.1 Die Dreiteilung der Musik

5.7.7 Die Unterteilung der Musik in Boeth. mus. 7, 2282

Die kosmische Musik


Bei der Unterscheidung der drei Musiken charakterisiert Boethius zunächst
die musica mundana. Sie ist diejenige Harmonie, welche den gesamten

282 Eine Übersetzung von mus. 1, 2 findet sich im Anhang 4.


246 III. »De institutione musica«

wahrnehmbaren Kosmos in beeindruckender Weise ordnet, indem sie die


einzelnen Teile zu einem einzigen Ganzen zusammenhält.283 In besonders
augenfälliger Weise zeugt davon die Harmonie der gleichmäßigen und
formschönen Bewegungen der Himmelskörper. Als Beispiele werden ferner
die vier Elemente und die vier Jahreszeiten genannt, die von der Kosmos¬
harmonie so eingerichtet sind, dass sie einmütig miteinander harmonie¬
ren.284 Diese Wohlordnung entstammt dem Vorbild im Denken des Schöp¬
fergottes.285 Wie es im »Trost der Philosophie« konkreter heißt, entsteht
eine solche Harmonie bei der Entfaltung von Gottes zeitenthobener Vorse¬
hung (providentia) zum zeitlich verlaufenden Schicksal (fatum).286
Dem »Trost der Philosophie« ist außerdem zu entnehmen, dass die Be¬
trachtung der gewaltigen Ordnung der musica mundana der ethischen Auf¬
richtung des Menschen dienen kann: Die »Philosophie« weist ihren Schüler
Boethius mehrmals auf die sichtbare Wohlordnung des Alls hin, richtet ihn
dadurch wieder aus seiner Verzweiflung auf und führt den Dialog von der
anfänglich meinungshaften Ebene zu einer rationalen Betrachtung der Pro-
videnz Gottes im fünften Buch herauf.287 Ferner fällt auf, dass gemäß
Boethius’ Formulierung jemand (und nicht etwas) diese Art der Musik
verwaltet und dass die Ordnung des Kosmos als Argument für die Existenz
Gottes angeführt wird.28* Kosmische Musik ist synonym mit Liebe (amor)
und Eintracht (concordia).289
Aus Boethius Musiktraktat geht hervor, dass die musica instrumentalis
zumindest partiell die musica mundana imitiert. Beim Vergleich der An¬
ordnung der Saiten mit der der Planeten stellt Boethius fest, dass die Ord¬
nung der Planeten ein Vorbild für die der Saiten ist: Orpheus’ Instrument
hatte vier Saiten »zur Imitation der Kosmosmusik, die aus vier Elementen
besteht« {ad imitationem scilicet musicae mundanae, quae ex quattuor

283 Boeth. mus. 1, 2 p. 187, 23 - 188, 26.


284 Zur Wohlgeordnetheit der Elemente vgl. Boeth. cons. 3, 11, 71-76; zum Hervorgehen der
wohlgeordneten Bewegungen der Himmelskörper aus dem Überzeitlichen Aug. mus. VI U, 29.
285 Boeth. arithm. 1,1p, 10, 10-15 sowie 1, 2 p. 12, 14-19 (dazu s. o. II.4).
286 Boeth. cons. 4, 6, 79-97. Jakobus v. Lüttich schätzt im »Speculum musicae« ein, dass
Boethius zum »Beweger der himmlischen Umläufe selbst« (motor orbium coelestium ipse) gelangt
wäre, hätte er den Urgrund der musica mundana weiter verfolgt. Wie Aertsen, v. a. 307, darstellt,
meint Jakobus damit eine vierte Art der Musik, nämlich die himmlische oder göttliche Musik
{musica coelestis bzw. divina). Sie existiert primär in Gott und auch in den rein geistigen Wesen,
welche die Himmelsumlaute in harmonische Bewegung versetzen und somit die kosmische Musik
hervorbringen, vgl. auch Chamberlain, 95; zur musica divina bei Eriugena in »De divisione
naturae« Niemöller, v. a. 295-297 (Zahlhaftigkeit ist im primären Sinne qualitativ zu denken;
armome bzw. Musik liegt auf jeder Ebene der Schöpfung entsprechend der Verwirklichung von
Einheit vor).
287 Vgl. z. B. Boeth. cons. 1 carm. 5.
288 Boeth. cons. 1 carm. 2, 20 (quis)\ 3 carm. 9 und 3, 12.
289 Zur musica mundana vgl. cons. 2 carm. 8; 4 carm. 6 und Chamberlain, 86-90.
5. Anagogisches Potential der dreigeteilten Musik 247

constat elementis)', nach einer fünften und sechsten wurde später eine sie¬
bente Saite »gemäß der Ähnlichkeit zu den sieben Planeten« (secundum
septem scilicet planetarum similitudinem) hinzugefügt. Analog nennt
Boethius die Saitenkonstellation »gleichsam ein Abbild der himmlischen
Ordnung und Einteilung« (quasi quoddam ordinis distinctionisque caelestis
exemplar).290 Unter exemplar ist hier nicht »Vorbild«, sondern »Abbild« zu
verstehen, wie aus einer weiteren Formulierung zu erschließen ist: »Die [sc.
Saite] Nete nimmt sich am Kreis der Sonne ein Beispiel« (nete autem luna-
ris circuli tenet exemplum).19'
Nikomachos äußert sich unmissverständlich zum Verhältnis zwischen
beiden Musikarten: Die hörbare Musik findet in der himmlischen Musik der
Planeten ihr Urbild.292 Legt man dieses Verständnis auch für Boethius’
Schrift zugrunde, verhalten sich beide Musikarten zueinander wie Abbild
und Vorbild, was die Schlussfolgerung nahe legt, dass die kosmische Musik
der hörbaren Musik sachlich übergeordnet ist. Boethius folgt dann auch hier
seinem pädagogischen Konzept, indem er zuerst das dem menschlichen
Erkennen Naheliegende behandelt (musica instrumentalis), um am Ende
zum sachlich Primären zu kommen (musica mundano).

Die menschliche Musik


Die sich in Boethius’ Text anschließende, relativ kurze Beschreibung der
menschlichen Musik nennt die Harmonie als Ursache der Verbindung zwi¬
schen dem rationalen Denken und dem Körper, zwischen dem rationalen
und dem nicht-rationalen Seelenteil sowie zwischen den verschiedenen
Körperteilen. Um sie erkennen zu können, muss man in sich selbst »herab¬
steigen«.293 Die so verstandene Musikart bildet folglich eine Teildisziplin,
die sich mit der Natur des Menschen in einem relativ umfassenden Sinne
beschäftigt.294
In Boethius’ »Consolatio« finden sich zahlreiche Stellen zur menschli¬
chen Musik.295 Man kann Chamberlain in gewissem Sinne zustimmen, wenn

290 Boeth. mus. 1, 20 p. 206, 5f. und 11; 1, 27 p. 219, 6f.


291 Ebd. 1,27 p. 219, 11.
292 Nikom. harm. 3; vgl. Theo Sm. 141, 7-10 (die siebensaitige Lyra als Abbild des Kosmos).
293 Boeth. mus. 1,2 p. 188, 26 - 189, 5. - Im Rahmen der Erörterung über die Unsterblichkeit
der Seele wird im »Phaidon« überlegt, ob die Seele Harmonie ist (v. a. 85el-95d6).
294 Im Hinblick auf die Bedeutung des Begriffes musica humana und speziell hinsichtlich der
Gewichtung von Seele und Körper wäre ein Studium der mittelalterlichen musiktheoretischen
Schriften interessant, da hier besonders große Abweichungen von Boethius’ Verständnis auffallen;
vgl. z. B. eine Handschrift (ca. 1230-1240/45, in: Haas, Studien, passim) mit prüfungsrelevanten
Aussagen und folgender Definition (ebd. 355): »die menschliche Musik wird in der harmonischen
Hebung und Senkung der Stimme gemäß verschiedenen Melodien vernommen« (humana percipi-
tur in modulata elevacione et depressione vocis secundum diversas cantilenas).
295 Zur Einheit der einzelnen Körperteile zu einem Ganzen vgl. Boeth. cons. 3, 11, 27-41; zur
Gesundheit des Körpers und Geistes sowie zur Rolle Gottes als Arzt der Seele 4, 6, 105-121.
248 III. »De institutione musica«

er sagt, dass das Thema des »Trostes der Philosophie« in der musica Huma¬
na besteht. Die »Philosophie« führt ihren Patienten von einem Übermaß der
irrationalen Kräfte (Zorn, Traurigkeit)296 zum rationalen Begreifen der eige¬
nen Situation, indem sie mit ihm Sinn und Einordnung des menschlichen
Lebens in das von Gott geschaffene und von ihm durchwaltete Weltganze
erörtert. Insofern der Mensch ein rationales Wesen ist, stellt sie den gesun¬
den Normalzustand der Seele her.297 Die Hinwendung zu einem so schwie¬
rigen und hohen Thema geht übrigens mit einer zeitweiligen Abwendung
von der untersten Art der Musik einher: Die carmina sollen für eine Weile
nicht erklingen.298

Zur Position der musica Humana innerhalb der drei Musikarten


Insofern die menschliche Seele mit Hilfe des Körpers die Wirkungen der
musica instrumentalis hervorbringt, dürfte die musica Humana der musica
instrumentalis übergeordnet sein. Eine Präzisierung des Zusammenhanges
zwischen beiden ist insofern wünschenswert, als Boethius davon ausgeht,
dass das Hören von Musik einen Einfluss auf die menschliche Seele ausübt
(sog. Ethoslehre).299
Boethius befasst sich mit der lang- und kurzfristigen Wirkung von gehör¬
ter Musik auf die Seele und auf den Körper ausführlich im Proömium der
»Musiktheorie«, wobei er zahlreiche Berührungspunkte mit der Ethik, Poli¬
tik, Erziehung und Medizin aufzeigt. Gleich zu Beginn des Proömium ist zu
lesen:300 Das Gehör erfasst nicht nur die Töne und beurteilt deren Unter¬
schiede, sondern empfindet häufig Freude oder Unlust über angenehme
oder schrille Höreindrücke.

Daher kommt es, dass - da es vier Disziplinen der mathematischen Unterweisung gibt
- die übrigen sich freilich bei der Suche nach der Wahrheit mühen, die Musiktheorie
aber nicht nur mit der theoretischen Betrachtung, sondern auch mit der sittlichen
Erziehung (moralitas) verbunden ist.

Dieser Feststellung folgen Beispiele für die Wirkung der Musik auf die
menschliche Seele und die schon von Platon formulierte Forderung, poli¬
tisch gegen den Verfall der »guten« Musik einzuschreiten.301

296 Zur Auffassung einer Tugend als relativer Mitte zwischen Übermaß bzw. Mangel vgl.
Boeth. arithm. 1, 32 p. 66, 3-22 (s. u. Anhang 5.3), c. Eut. 7, 655-660 und Anstot. eth. Nikorn
1106a14—1109b26.
297 Chamberlain, 93; zur musica humana 90—95.
298 Boeth. cons. 4, 6, 16-19; s. o. 211.
299 Der Begritt »Ethoslehre« wurde von H. Abert durch seine Arbeit »Die Lehre vom Ethos in
der griechischen Musik«, Leipzig 1899, geprägt.
300 Boeth. mus. 1,1p. 179, 15-23.
301 Vgl. auch Aristot. pol. 1339b40-1341a9.
5. Anagogisches Potential der dreigeteilten Musik 249

In zahlreichen Forschungsbeiträgen manifestiert sich ein großes Interesse


an den einzelnen Vorschriften der auf Platon zurückgehenden Ethoslehre,
z. B. der Bevorzugung des Diatonischen vor anderen Genera sowie be¬
stimmter Musikinstrumente vor anderen. Aber nur wenige Arbeiten befas¬
sen sich mit einer systematischen Erklärung dieser Lehre, die folgenderma¬
ßen zu skizzieren ist: Die menschlichen Seelen sind von den gleichen (d. h.
ähnlichen und nicht denselben) Zahlenverhältnissen bestimmt wie die hör¬
bare Musik und der ganze Kosmos; Zahlen bestimmen Töne und rufen
dadurch eine Resonanz der von entsprechenden Zahlen bestimmten seeli¬
schen Vermögen sowie analoge körperliche Bewegungen hervor.302 Was
unter den seelischen Zahlen im Unterschied zu den Zahlen der Töne zu
verstehen ist, bleibt aber ungeklärt und damit auch der Kern der neuplatoni¬
schen Wahrnehmungs- und Ethoslehre.303
Wie Boethius’ Reihenfolge bei der Vorstellung der drei Musiken andeu¬
tet, ist die menschliche Musik der musica instrumentalis vor- und der kos¬
mischen Musik nachgeordnet. Wenn sich eine innere Abhängigkeit der
menschlichen von der kosmischen Musik aufzeigen und die kosmische
Musik genauer fassen lässt, bedeutet das nach neuplatonischem Verständnis
eine Chance zum besseren Verständnis der menschlichen Musik, da das
Prinzip das aus ihm Hervorgehende in ursprünglicherer Weise enthält. Das
wird im folgenden Abschnitt durch den Rückbezug von Boethius’ Ausfüh¬
rungen auf eine zentrale Passage in Platons »Timaios« möglich.

5.1.2 Platons »Timaios« als Schlüssel zu den drei Musiken


Für ein besseres Verständnis der Verbindung, die zwischen den drei Arten
von Musik besteht, wird im Folgenden die für diesen Themenkomplex
zentrale Textpassage aus Platons »Timaios« samt ihrer neuplatonischen
Deutung von Proklos und Johannes Philoponos einführend vorgestellt,
bevor in einem zweiten Schritt auf die entsprechende Lehre bei Boethius
eingegangen wird (s. u. III.5.1.3).

302 Hinweise bieten Neubecker, Philodem, 76; Ritoök, 63-65 (in Bezug auf Dämon) und 544-
547 mit Anmerkungen (zu Ptolemaios’ Aussage über das Mitleiden der Seele mit dem Gehörten
aufgrund der Gleichheit der Verhältnisse).
303 Wie stark die Ethoslehre, der Musikbegriff und die Wissenschaftskonzeption von der
Wahmehmungstheorie abhängen, lässt sich aus Neubeckers Studie zu Philodems Musikschrift
erschließen: Die Gegner der These, dass gehörte Musik einen Einfluss auf das Befinden des
Menschen ausübt - u. a. der Autor der Hibehrede, Diogenes der Kyniker, Epikur, Philodem und
Sextus Empirikus -, vertreten jeweils eine von der neuplatonischen Wahrnehmungstheorie wesent¬
lich verschiedene Seelenlehre, und infolgedessen nutzen sie andere wissenschaftliche Methoden
und beurteilen die Rolle der mathematischen Wissenschaften anders als Boethius.
250 III. »De institutione musica«

Schaffung des Kosmos und der Weltseele: Plat. Tim. 29d7—44d2


Die Passage in Platons »Timaios« zur kosmischen und menschlichen Har¬
monie, aus der sich die wahrnehmbare herleitet, zählt zu den kardinalen
Texten im Neuplatonismus, wie die ausführlichen Kommentare, z. B. von
Proklos, das in jeder Hinsicht zentrale carmen 3, 9 in Boethius’ »Consola-
tio« sowie mehrere Bezugnahmen in Boethius’ »Arithmetik« zeigen.304 Im
lateinischen Bereich wurde sie durch Chalcidius’ vielgelesene partielle
Übersetzung ins Lateinische samt Kommentar bis ins ausgehende Mittelal¬
ter intensiv rezipiert.
Gemäß der Darstellung im »Timaios« ist der wahrnehmbare Kosmos ein
beseeltes Lebewesen, ein glückseliger Gott. Seine Seele mischt der Schöp¬
fergott (Demiurg) aus den drei Naturen des Selben, der Verschiedenheit und
des Seins und teilt sie in bestimmten Verhältnissen. Diese Verhältnisse
ergeben die sogenannte Timaios-Skala, in der man auch die wichtigsten
musikalischen Verhältnisse und das diatonische Klanggeschlecht wieder¬
findet.305 Anschließend verbindet der Schöpfer diese Teile jeweils durch
eine harmonische Mitte und versetzt alle Teile graduell verschieden in
bestimmte Bewegungen. Somit hat die Weltseele Anteil an Harmonie, wie
es explizit im Text heißt.306
Als Teil des Kosmos schafft der Demiurg weiterhin Sonne, Mond und
fünf Planeten (genannt werden Erde, Venus und der des heiligen Merkur)
zur Unterscheidung und Bewahrung der Zeit. Bis auf wenige Ausnahmen
kennen die Menschen nur die Umläufe von Sonne und Mond, obwohl es
möglich ist, das »vollendete Jahr« zu verstehen, in dem alle Himmelskörper
trotz ihrer verschiedenartigen Umläufe wieder zur Ausgangskonstellation
zurückfinden. Dieses »vollendete Jahr« ist ein Abbild der immerwährenden
Natur. Die Planeten sind Lebewesen, wobei die Erde der älteste Gott inner¬
halb des Himmels ist. Auch die Fixsterne sind göttliche, ewige Lebewesen,
die der Ortsbewegung entbehren. Da sie sichtbare Körper verwalten, nennt
der Timaios beide »sichtbare Götter«, die geworden sind. Unter ihnen ste¬
hen in der Hierarchie ihre Sprösslinge, die sublunaren Götter (Daimones),
von denen es bezeichnenderweise heißt, dass es für Menschen zu groß ist,
von ihnen zu sprechen und ihr Werden zu verstehen. Um wie viel mehr

304 Boeth. arithm. 2, 2 p. 80, 4 - 7 (Finden gleichartiger zusammenhängender Intervalle, was


für ein Verständnis der Psychogonie im »Timaios« nützlich ist); 2, 32 p. 125, 25 - 126, 7 (zu
Platons im »Timaios« vorgestellten Grundprinzipien Identität und Verschiedenheit); 2, 40 p. 137,
6f. (Behandlung der Proportionen, um die Lektüre älterer Autoren zu ermöglichen) und 2, 46 p.
149, 20—23 (Vermittlung zweier Körper durch zwei Mitten zum besseren Verständnis der cosmo-
poeia im »Timaios«),
305 Erläuterungen zu den Verhältnissen der Weltseele finden sich bei Moutsopoulos, 352-375;
Kytzler, passim, und Paul, Übersetzung, 22 lf.
306 Plat. Tim. 36e5-37a2.
5. Anagogisches Potential der dreigeteilten Musik 251

diese Einschätzung auf die übergeordneten Götter zutrifft, wird damit im¬
plizit zum Ausdruck gebracht.
Die innerkosmischen Götter ermächtigt der Schöpfergott, die Körper von
Mann, Frau und Tieren zu schaffen. Die Seelen dieser niederen Wesen
mischt der Demiurg aber selbst aus demselben Mischkrug, in dem er die
Weltseele hergestellt hatte; er mischt sie auf dieselbe Weise wie die Welt¬
seele, allerdings aus den schon gemischten »Resten«. Er selbst, der auch
»Vater« genannt wird, gibt den menschlichen Seelen das »Göttliche«, wäh¬
rend es den von ihm geschaffenen niederen Göttern obliegt, die Körper zu
formen und mit den Seelen zu verbinden. In den Teilen der menschlichen
Seelen liegen aufgrund ihrer Herkunft also Verhältnisse vor, die denen der
Weltseele gleichen: Der Demiurg verwendet wie bei der Weltseele die
Ingredienzien Identität, Verschiedenheit und Sein, die allerdings schon
gemischt sind und durch die nochmalige Mischung stärker gemischt werden
als die der Weltseele.

Diese Paraphrase mag genügen, um die oben schon festgestellte Hierarchie


zwischen den drei Musiken und v. a. die Funktion der kosmischen Musik
als Vorbild für die menschliche zu verdeutlichen: Die kosmische Musik -
auf die Psychogonie im »Timaios« bezogen - fragt nach dem Wesen des
Kosmos sowohl insgesamt als auch bezüglich seiner Teile, insofern er ein
Lebewesen aus Allseele und Körper ist. Der höchste Erkenntnisgegenstand
im Bereich der musica mundana ist die Allseele, die der Schöpfergott zuerst
gleichsam als Urseele und als primäre Mischung aus den drei Prinzipien
Identität, Verschiedenheit und Sein herstellt. Somit zielt die musica munda¬
na auf die Erkenntnis von Seele ab, weshalb sie ein umfassenderes und
höheres Ziel als die musica humana besitzt, die sich auf eine Untersuchung
der menschlichen Seele beschränkt. Auch hier wird der Vorrang der musica
mundana vor der musica humana deutlich.307
Wenn auch die Seelen die entscheidenden Instanzen sind, so betrachten
beide Musiken auch jeweils die körperliche Seite. Im Falle der kosmischen
Musik handelt es sich um die extrem regelmäßigen und wohlgeordneten
Bewegungen der dem Menschen übergeordneten und unvergänglichen
Wesenheiten (beseelte Planeten).308 Mit Ausnahme der Fixsterne unterliegen

307 Zum Kosmos als göttliches Lebewesen vgl. Theo Sm. 187, 13 - 188, 7, zur Auffassung
des Menschen als Mikrokosmos, dessen harmonische Zusammenfügung der des Makrokosmos
entspricht, Moutsopoulos, 342-347, v. a. 347.
308 Vgl. Philop. in Nikom. 1 Ende Lemma 3 (in seinen christlichen Schriften polemisiert Phi-
loponos allerdings gegen die These von der Ewigkeit der Welt), Macr. somn. II 1, 7 (die Harmonie
im Himmel ist extrem, da dort kein Zufall, sondern ausschließlich die göttlichen Gesetze herr¬
schen) und Prokl. in Eukl. 137, 8 - 142, 7: Die Planeten sind die schönsten wahrnehmbaren
Abbilder von Figuren. Über ihnen stehen die seelischen Figuren, da sie aufgrund ihrer Unabhän-
252 III. »De institutione musica«

die Gegenstände der musica mundana nämlich lediglich der Ortsbewegung,


was umso mehr auf die Einheitlichkeit, Göttlichkeit und Rationalität1119 der
sie jeweils betreibenden Seele verweist.310
Bezüglich der menschlichen Musik ist der »Timaios«-Passage ferner zu
entnehmen, dass der Mensch kein >unbeschriebenes Blatt< ist, weil seiner
Seele bereits eine Bestimmtheit, d. h. eine bestimmte Mischung aus Identi¬
tät und Verschiedenheit und somit Einheit und Vielheit innewohnt, die
Platon durch gewisse Zahlenverhältnisse veranschaulicht. (Wenn im Fol¬
genden von »zahlhafter Bestimmtheit« gesprochen wird, ist damit nicht
gemeint, dass die menschliche Seele aus einzelnen Zahlen oder Zahlenver¬
hältnissen besteht.) Da die menschliche Seele analog zur Weltseele gebildet
wurde und da beide den irdischen Kosmos gemäß ihrer eigenen Beschaf¬
fenheit gestalten, wird auch der Kosmos selbst mit seinen einzelnen Phä¬
nomenen eine gewisse Ähnlichkeit zu beiden aufweisen.311 Hier liegt also
der Schlüssel zur Beantwortung der oben aufgeworfenen Frage, warum und
wie hörbare Musik den seelischen Zustand des Menschen beeinflussen
kann: Ein bestimmter Mensch und eine von einem Menschen gesungene
Melodie können aufgrund ihrer jeweiligen zahlhaften Struktur aufeinander
bezogen werden. Der Hörende besitzt in sich bereits ein Kriterium, mit
Hilfe dessen er das Gehörte erkennen und bewerten kann und das durch die
Konfrontation mit den abweichenden zahlhaften Strukturen der gehörten
Musik verschiedentlich beeinflusst werden kann (s. u. III.5.2).

gigkeit von der wahrnehmbaren Materie selbst Ursache ihrer eigenen Bewegung sind. Im Ver¬
gleich zu den intellektiven Figuren sind die seelischen aber noch unvollkommen; vgl. dazu Radke,
691-693.
309 Dass die Himmelskörper laut Platon beseelt und mit Rationalität ausgestattet sind, erwähnt
Boethius in Porph. sec. II 5 p. 184, 19-22.
310 Boeth. cons. 3, 8, 13-19 und 2, 5, 69-87: Nur um die Vernunft zu erkennen, welche die
himmlische Schönheit lenkt, soll der endliche Mensch die wahrnehmbare Schönheit bewundern.
Dazu ist er laut Boethius in der Lage, weil er einen göttlichen Ursprung hat, Gott ähnlich geschaf¬
fen wurde und Selbsterkenntnis erlangen kann. — In diesem Sinne sagt Theon v. Smyrna, dass man
von den Göttern eine falsche Meinung haben kann, wenn man nicht die Natur der wahrnehmbaren
Götter im Rahmen der Astronomie betrachtet hat (9, 5-7), da die Himmelskörper von Einheitlich¬
keit, Gleichmäßigkeit, Stabilität, Harmonie und Schönheit zeugen. Theon zählt dementsprechend
zu den Grundsätzen (Hypotheseis) der Astronomie, dass der Kosmos durch ein einziges Prinzip
geordnet ist und dass Auf- und Untergänge nicht durch Auslöschen oder Anzünden der göttlichen
Körper entstehen, weil sie ansonsten nicht ewig wären und die Ordnung im All nicht bewahrt
werden könnte.
311 Vgl. Macr. somn. I 6, 43 (kein Weiser hat daran gezweifelt, dass die Seele auch aus musi¬
kalischen Symphonien konstituiert ist); II 2, 14 (die Weltseele ist mittels der genannten Zahlen
gewebt, so dass sie Körperlichkeit schaffen und verwalten kann); II 2, 23 (die Weltseele ist »aus
Zahlen, welche Musik schaffen« - ex numeris musicam creantibus); II 2, 24 (die Weltseele voll¬
zieht ihr eigentümliche Bewegungen aufgrund ihrer zahlhaften Beschaffenheit und schafft deshalb
Harmonisches) und II 3, 11: Die Weltseele, in der die Ursachen der Musik sind, verwaltet das
Leben für alle Lebewesen und belebt das All. Da sie ihren Ursprung aus der Musik nahm, wird
alles Lebende durch Musik gefesselt.
5. Anagogisches Potential der dreigeteilten Musik 253

Johannes Philoponos und Proklos zur Psychogonie


Die neuplatonischen Kommentatoren Philoponos und Proklos sind der für
die Auslegung entscheidenden Ansicht, dass die mathematischen Ausfüh¬
rungen in der Psychogonie des »Timaios« symbolisch zu verstehen sind,
d. h. dass die Zahlen und Zahlenverhältnisse das Gemeinte abbildhaft an¬
deuten und die Seele selbst keinesfalls eine Zahl zum Rechnen oder eine
mathematische Konstruktion aus diversen (rational erfassbaren) Zahlen ist.
Darüber, dass zwischen der Allseele und der menschlichen Seele eine struk¬
turelle Ählichkeit besteht, sind sich beide einig.312

Zunächst zu Philoponos: Er diskutiert die einzelnen Details der Psychogo¬


nie zunächst mit Blick auf die Allseele, um die es Platon vorrangig geht,
und fragt anschließend, welche Bedeutung die Aussagen des Timaios für
die menschliche Seele besitzen:313 Die Teilung der durch eine Gerade sym¬
bolisierten Allseele in die einzelnen Zahlenverhältnisse (bestehend aus der
Eins und daraus hervorgehend aus 2-4-8 sowie aus 3-9-27) kann man auch
auf die menschliche Seele beziehen. Im Falle der Allseele führt die harmo¬
nische Teilung dazu, dass sie harmonisch bewegt wird und das All in der¬
selben Weise bewegt. Im Falle der menschlichen Seele bezweckt die har¬
monische Teilung, dass sie ein harmonisches Wesen besitzt - »sie hat näm¬
lich eine bestimmte Harmonie hinsichtlich des Thymos und der Epithymia«
- und dass sie die harmonische Bewegung und Symphonie der Himmels¬
körper sowie die mathematischen Harmonien, darunter die musikalische,
erkennen kann.314
Ferner ist die menschliche Seele weder neben ihrem jeweiligen Körper
positioniert, wie es beim Nebeneinander von Steinen eines Hauses der Fall
ist, noch kann sie mit ihm gemischt sein, da sie unkörperlich ist. Stattdessen
ist sie analog der Verknüpfung von Stricken zu einem Seil an mehreren
Stellen mit ihm verbunden, so dass partiell die Möglichkeit des gemeinsa¬
men Erleidens gegeben ist.315 Ohne die »Berührung« zwischen Körper und
Seele ist eine Wahrnehmung - und somit ein Einfluss der gehörten Musik
auf die Seele - undenkbar, da das Wahrnehmen sowohl eine körperliche
Affektion als auch seelische Unterscheidungsakte, die sich auf diese Affek¬
tion richten, voraussetzt.316
Der Demiurg stattet die menschliche Seele für die Wahrnehmung und für
die Erkenntnis des Intelligiblen aus, indem er sie aus den Prinzipien allen

312 Vgl. Plot, v l, 2.


313 Philop. in an. 115, 31 - 121, 10.
314 Ebd. 118, 28-38; zur Harmonie zwischen Thymos und Epithymia vgl. Boeth. arithm. 1, 32
p. 66, 5-22 (s. u. Anhang 5.3).
315 Philop. in an. 120, 34 - 121,9.
316 Ebd. 121,30-35.
254 III. »De institutione musica«

Seins konstituiert, so dass der Mensch in der Lage ist, die aus denselben
Prinzipien entstandene übrige Schöpfung und sogar in gewisser Weise die
Prinzipien selbst zu begreifen. Gleiches kann somit durch Gleiches erkannt
werden - der durch eine rationale Seele harmonisch geordnete Kosmos
durch den ähnlich verfassten Menschen.317

Proklos deutet den besagten Passus in seinem Kommentar zum »Timaios«


ausführlicher und differenzierter.318 Er betont sowohl die Einheitlichkeit der
Seele, die durch die Schilderung ihrer Teilung aus dem Blick geraten könn¬
te, als auch die mittlere Position, welche die Seele zwischen dem Intelligi-
blen und dem Wahrnehmbar-Physischen einnimmt: Harmonie ist ihr von
ihrem Wesen her eigen, während Harmonie im Wahrnehmbaren eine Art
Zusatz zu den Körpern darstellt, da sie an etwas ihr Fremdem vorliegt und
getrennt vom Materiellen kein Sein hat.319 Proklos unterscheidet vier Arten
von (nicht quantitativ zu verstehenden) Zahlen und entsprechend von Har¬
monie:320

1. die göttliche, einshafte bei Göttern, bei der kaum mehr von Harmonie
und Zahl gesprochen werden kann, weil hier aufgrund der unsagbaren
Einheit überhaupt keine Einung von Verschiedenem vorliegt,
2. die seinshafte, unbewegte im Seienden (Nüs/Intellekt), die er als die
primäre Harmonie bezeichnet,
3. die psychische, selbstbewegte in den Seelen, die primär etwas Zusam¬
mengefügtes ist und bei der tatsächlich eine Vielheit zu einer Einheit ver¬
bunden wird,321 und

317 Ebd. 122, 27 — 123, 12: Der mit Rationalität begabte Mensch kann im Gegensatz zu Tieren
das Harmonische vom Nicht-Harmonischen unterscheiden.
318 Prokl. in Tim. T 125, 10-211, 30.
319 Ebd. T 126, 13-21.
320 Ebd. T 161, 7-32 (vgl. dazu O’Meara, Pythagoras, 186f.) und 295, 2-7; vgl. Iambl. comm.
math. 52, 5-7 (Unterscheidung des »Soviel« bei Körpern vom intelligiblen Vorbild und dem
mathematischen »Soviel«); zur göttlichen Zahl bei Jamblich O’Meara, Pythagoras, 79-81; zur
Zahl in der Mathematik, Physik und Metaphysik bei Syrian 132-138.
321 Noch bei Cusanus (id. ment. Vif.) ist zu lesen, dass der menschliche Geist (mens), der hier
mit der menschlichen Seele gleichgesetzt wird, aufgrund seiner Zusammensetzung aus den Prinzi¬
pien des Selben und des Verschiedenen eine Harmonie ist (Beginn von VII): »Philosoph: Sag
bitte: Glaubst du, dass unser Geist Harmonie oder sich selbst bewegende Zahl oder Zusammenset¬
zung aus Selbigem und Verschiedenem ... ist? Denn solcher Ausdrucksweisen bedienen sich die
Platoniker und Peripatetiker. - Laie: Ich glaube, dass alle, die über den Geist geredet haben,
solches oder anderes haben sagen können, bewegt von dem, was sie in der Kraft des Geistes
erfuhren. Über jede Harmonie nämlich fanden sie ein Urteil im Geist und fanden, dass der Geist
aus sich Begriffe bildet und so sich bewegt, wie wenn eine lebendige, der Unterscheidung fähige
Zahl von sich aus daran ginge, Unterscheidungen zu machen, und dass er wiederum hierin zu-
sammentassend und einteilend vorgeht ... Dass sie wegen dieser oder verschiedener ähnlicher
Erfaht ungen solches und anderes über den Geist oder die Seele gesagt haben, ist vernünftigerweise
5. Anagogisches Potential der dreigeteilten Musik 255

4. die physische, fremdbewegte, sekundäre in dem, was von anderem seine


harmonische Zusammenfügung empfängt und somit nur Anteil an Har¬
monie hat.

Innerhalb des Seienden ist - so Proklos - die noerische (die im Seienden


unterste und dem Psychischen am nächsten stehende) Harmonie die Ursa¬
che der seelischen Harmonie, die wiederum das unmittelbare Vorbild der
hörbaren Harmonie darstellt.322
Aufgrund der zahlhaften Bestimmtheiten (Logoi), die der Demiurg der
Seele gegeben hat, kann sie das in der Hierarchie vor und nach ihr Seiende
und folglich auch sich selbst erkennen. Denn wie schon oben im Zusam¬
menhang mit Philoponos’ Ausführungen bemerkt wurde, liegt jeder Er¬
kenntnis eine Ähnlichkeit zwischen dem Erkennenden und dem Erkannten
zugrunde.323 Dabei besitzen alle Seelen alle im »Timaios« genannten Ver¬
hältnisse - freilich eine jede Seelenart in jeweils spezifischer Weise. Des¬
halb ist die Seele in der Lage, nicht nur partikulär Harmonisches, sondern
die gesamte Harmonie zu erkennen und selbst schöne Logoi hervorzubrin¬
gen. Auch das Hervorbringen der mathematischen Logoi beruht auf diesem
Besitz bzw. dieser Beschaffenheit der Seele.324

Dieser Einblick in die beiden »Timaios«-Auslegungen mag genügen, um zu


zeigen, dass Platons Psychogonie mit den damit verbundenen Konsequen¬
zen für Harmoniebegriff und Erkenntnislehre ein zentrales Thema neupla¬
tonischen Philosophierens bildete, das eine direkte Relevanz für die Musik¬
theorie besitzt. Es wurde aufgezeigt, dass Proklos und Philoponos von ei¬
nem inneren Zusammenhang und einer hierarchischen Abfolge der drei
Musiken ausgehen: Insofern die Allseele Vorbild der menschlichen Seele
ist und diese wiederum abhängig von ihrer Beschaffenheit hörbare Interval¬
le hervorbringt, ist die kosmische der menschlichen und die menschliche
der hörbaren Musik übergeordnet.

anzunehmen. Denn dass der Geist aus Selbigem und Verschiedenem besteht, heißt, dass er aus
Einheit und Andersheit so besteht, wie die Zahl zusammengesetzt ist aus Selbigem in Hinsicht auf
das Gemeinsame und Verschiedenem in Hinsicht auf das Einzelne, welches die Erkenntnisweisen
des Geistes sind.« (Übersetzung von Steiger). - Vgl. auch VI 95 (der menschliche Geist ist Abbild
des göttlichen, trinitarischen Geistes; aufgrund seiner Entfaltung in die Vielheit und wiederum
seiner Einung ist er selbst Zahl), coniect. II 17, 174 (zur gestuften Verwirklichung von Einheit,
Gleichheit und Verbindung auf allen Seinsebenen und somit zur Zahlhaftigkeit auf allen Entfal¬
tungsstufen) und I 7, 27f.: Die Seele entstammt der Einheit der ihr übergeordneten intelligentia.
Deren Einheit wird in der Seele einschränkend verwirklicht (kontrahiert) und entfaltet. Insofern die
intelligentia die Einheit der Seele stiftet, ist die Seele die aus der intelligentia hervorgehende Zahl.
322 Prokl. in Tim. T 207, 21-32 und 211, 10-14.
323 Ebd. T 298, 15-31.
324 Ebd. E 336, 10-337,27.
256 III. »De institutione musica«

5.1.3 Die Verwandtschaft von All, Seele und hörbarer Musik bei Boethius
Die entscheidende Aussage dazu, dass die gerade behandelte Passage aus
Platons »Timaios« Boethius’ »Musiktheorie« zugrundeliegt, findet sich
gleich zu Beginn des Musiklehrbuches. Dort heißt es, dass der Mensch
gemäß seiner eigenen seelischen Konstitution wahrnimmt. Zwischen dieser,
der platonischen Weltseele und dem Gehörten besteht eine Ähnlichkeit -
deren harmonische Fügung. Entspricht die Zusammenfügung des Gehörten
der inneren Verfassung des Menschen, empfindet er Freude und Wohlgefal¬
len:325

Von daher kann man auch unterscheidend erkennen, dass von Platon nicht umsonst
gesagt wurde, dass die Weltseele durch musikalisches Zusammenkommen verbunden
ist. Denn da wir durch das, was in uns verbunden und passend zusammengefügt ist,
jenes vernehmen, was in Tönen angemessen und passend verbunden ist, und uns
daran erfreuen, erkennen wir, dass auch wir selbst in derselben Ähnlichkeit zusam¬
mengefügt sind. Freundschaftlich ist nämlich die Ähnlichkeit, hassenswert und ent¬
gegengesetzt die Unähnlichkeit.

Bezüglich der Verwandtschaft zwischen den drei Schöpfungsebenen nimmt


Boethius denselben Standpunkt ein wie Platon, Philoponos und Proklos. Er
behauptet ferner, dass ein angenehmes, freudvolles Hörerlebnis auf einer
Ähnlichkeit zwischen der Harmonie des Gehörten und jener im Hörenden
beruht.326 Eine genaue Kenntnis der menschlichen Psyche im Allgemeinen
und eines bestimmten Menschen im Besonderen müsste einem Musiker
demnach eine psychagogische Macht verleihen.327
Bekannter dürfte Boethius’ Bezug auf die Psychogonie in cons. 3 carm. 9
sein, wo er die Entstehung der Weltseele und die Schöpfung des Kosmos
schildert. Die Darstellung fällt zwar knapper als im »Timaios«, aber inhalt¬
lich gleich aus, weshalb dieses Gedicht als Paraphrase der gerade behandel¬
ten »Timaios«-Passage bezeichnet wird. Boethius schreibt dort, dass die
Seele des Einzelnen der Weltseele gleicht. Gott entfaltet die Allseele und
bringt durch die gleichen Ursachen die Seelen und kleineren Leben her¬
vor.328 Der Mensch ist folglich laut Boethius kein unbeschriebenes Blatt<,
sondern besitzt bereits von Geburt an ähnlich der Weltseele eine gewisse
zahlhafte Bestimmtheit, d. h. eine bestimmte Mischung von Gleichheit und
Ungleichheit.33'’ Von dieser schon angeborenen seelischen Konstitution

325 Boeth. mus. 1, ] p. 180, 3—10. Die drei Musiken sind durch Kursivierung hervorgehoben.
326 Vgl. Boeth. subst. bon. 44-46: »Jede Unterschiedlichkeit ist unharmonisch; Gleichheit ist
anzustreben. Und was etwas anderes anstrebt, zeigt, dass es von Natur aus derart ist, wie jenes
selbst, das es anstrebt.«
327 S. u. III.5.3.1.
328 Boeth. cons. 3 carm. 9, 13-21.
329 Die Lehre der Prädisposition wird in der mittelalterlichen Musiktheorie verchristlicht, z. B.
bei Johannes de Grocheio, der - wie schon Augustinus (trin.) - davon ausgeht, dass dem Men-
5. Anagogisches Potential der dreigeteilten Musik 257

hängt der Vollzug der seelischen Aktivitäten, also jede erkennende und
gestaltende Interaktion mit der Schöpfung, ab.
Boethius hebt in seinem Musiklehrbuch besonders die Ähnlichkeit zwi¬
schen dem Hörbaren, der Seele des Hörenden und dessen Körper hinsicht¬
lich der zahlhaften Bestimmtheit hervor:330 Diesen Zusammenhang machten
sich die Pythagoreer zunutze, indem sie vor dem Einschlafen beruhigende
Musik hörten und beim Aufstehen anregende, um sich vom Schlaf zu reini¬
gen, »dieses freilich wissend, dass das gesamte Gefüge unserer Seele und
des Körpers durch musikalische Zusammenfügung verbunden ist«. Auch in
der Medizin fand diese Einsicht ihren Niederschlag:

Aber wozu dieses? Weil nicht bezweifelt werden kann, dass der Status unserer Seele
und des Körpers auf bestimmte Weise durch dieselben Verhältnisse zusammengesetzt
zu sein scheint, durch die die harmonischen Maßhaftigkeiten (modulationes) verbun¬
den und vereinigt werden, wie eine spätere Untersuchung zeigen wird.

Daher rührt auch das Phänomen, dass bereits kleine Kinder auf gehörte
Musik differenziert reagieren.
Boethius geht davon aus, dass die hörbaren musikalischen Phänomene,
z. B. Rhythmus und Modus, durch die Ohren bis ins Innere dringen und
entsprechend ihrer Beschaffenheit den Geist des Hörers beeinflussen.331
Deshalb kann das Hören von Musik eine unmittelbare, aber auch langfristi¬
ge Wirkung auf die Seele des Menschen erzielen, womit sich die Ethoslehre
befasst. Führt man den Gedanken selbständig weiter, dann ergibt sich Fol¬
gendes: Entspricht die gehörte Musik häufig in besonderem Maße der ur¬
sprünglichen seelischen Konstitution des Menschen, so verwirklicht er sich
während des Höraktes in gewisser Weise selbst, während jemand, der zu¬
nehmend Gefallen an vergleichsweise unharmonischer Musik findet, im
Hörakt immer stärker von seinem eigenen Wesen abfällt.332 Hörbare Musik
wird damit zum Mittel, entweder die genuine harmonische Seelenkonstella¬
tion zu aktivieren und zu stärken, oder sie abweichend von ihrem eigentli¬
chen Wesen zu verwirklichen und somit zu verfälschen. Dem sachgemäßen
Umgang mit hörbarer Musik kommt deshalb eine wichtige Rolle bei der

sehen das Bild der Trinität eingeboren ist, und so seine Konsonanzlehre begründet; vgl. dazu
Hentschel, Sprache, 61.
330 Boeth. mus. 1, 1 p. 186, 2-4 und 8-15.
331 Ebd. p. 181, 1-5 (s. u. Anhang 3.1).
332 Zur reinigenden Funktion von hörbarer - und man müsste ergänzen: guter - Musik ver¬
weist Jeck, 126 Anm. 3, zu Recht auf Sokrates im »Phaidon«, auf die Hymnen des Proklos und auf
die Äußerungen bei Dionysios Areopagita darüber, dass das weise Ausüben und Komponieren von
Musik die Kontemplation und Trennung von der wahrnehmbaren Außenwelt fördert. - Neben den
tradierten Beispielen für die Ethoslehre führen die mittelalterlichen Musikschriften auch biblische
an; vgl. z. B. den Heilsbronner Musiktraktat (Hirschmann, 265f.), der I Reg. 16, 16-23 (Saul und
David) und IV Reg. 3, 15 nennt.
258 III. »De institutione musica«

Erziehung und speziell bei der Korrektur von Fehlhaltungen zu.333 Boethius
und seine Tradition können deshalb keinesfalls absolut sinnenfeindlich
eingestellt gewesen sein.334
Die Verwandtschaft zwischen den drei Ebenen der Elarmonie wirkt sich
gemäß Boethius’ »Musiktheorie« aber nicht nur auf die hörbare Musik und
die menschliche Disposition aus, sondern ermöglicht auch eine Wendung
des Menschen zu seinen Prinzipien. Wesentliche Konstituenten von Har¬
monie sowohl in der Weltseele als auch in der menschlichen Seele sind laut
Platons »Timaios« die Natur des Selben, der Verschiedenheit und des
Seins. Diese Prinzipien zu erkennen stellt ein zentrales Anliegen der Arith¬
metik bzw. der Mathematik überhaupt dar.335 Boethius’ Arithmetikschrift
enthält deshalb Kapitel über die Natur des Selben und des Verschiedenen
und über die Zahlen, die an diesen beiden Prinzipien in besonderer Weise
Anteil haben. Alles besteht aus diesen beiden Naturen, was man primär an
den Zahlen erkennen kann.336 Mit explizitem Bezug auf Platons »Timaios«
stellt Boethius dort angesichts der universalen Relevanz der beiden Grund¬
prinzipien fest, dass337

nicht ohne Grund gesagt wird, dass alles, was aus Gegenteiligem besteht, durch eine
gewisse Harmonie verbunden und zusammengesetzt wird. Harmonie ist nämlich eine
Einung von Mehrerem und eine Eintracht von zwiefach Gesonnenem.

Auch in allen Zahlenverhältnissen wirken beide intelligible Prinzipien.338


Auf mathematischer Ebene sind sie allerdings auf die quantitative Identität
bzw. Verschiedenheit des Maßes beschränkt, weshalb im Rahmen der
»Arithmetik« nicht die Natur des Selben und der Verschiedenheit, sondern
Gleichheit und Ungleichheit als unmittelbare Prizipien der rational zu erfas¬
senden Zahlen behandelt werden.339 So demonstrieren arithm. 1, 32 und 2,

333 S. u. III.5.3.1; zu Plotin vgl. Benz, 247—249 und 258—293. Aus den Ausführungen von
Benz kann geschlussfolgert werden, dass der Mensch laut Plotin für seine Wahrnehmungen selbst
verantwortlich ist, insofern er sich diesen überhaupt zuwendet (247-249) und insofern das Wahr¬
nehmbare ein ontologisch nachgeordnetes Abbild der Seele ist (273-282), welches die Seele in
gewisser Weise selbst hervorbringt. Die Entscheidung, etwas Hörbares hervorzubringen bzw.
wahrzunehmen, liegt demnach ganz beim Menschen, ebenso wie die Bevorzugung einer bestimm¬
ten Art von Harmonie.
334 S. o. III.2 (Pythagoras in der Schmiede), u. III.5.2.3 und im Anhang 3.1f., 3.4 und 3.6. Vgl.
dagegen Dehnert, passim: Boethius kenne Schönheit nur im Intelligiblen, ebenso wie der Ideen¬
freund Platon, der sich gegen Wahrnehmung und Kunst überhaupt wende. Augustinus hingegen
billige auch dem Wahrnehmbaren Schönheit zu und sei der erste Platoniker, der den Künstler zu
verteidigen suche.
335 S. o. II.3 und II.4.3.1, Punkte 10-16.
336 Boeth. arithm. 2, 31 f.
337 Ebd. 2, 32 p. 126, 14-17; vgl. Cus. coniect. II 2, 83.
338 Boeth. arithm. 2, 33-39.
339 Vgl. Radke, 796-800.
5. Anagogisches Potential der dreigeteilten Musik 259

1, wie alle Ungleichheit aus der Gleichheit hervorgeht und wie jede Un¬
gleichheit wieder auf die Gleichheit zurückgeführt werden kann.340
Wenn die »Musiktheorie« den bereits in der »Arithmetik« an Zahlen un¬
tersuchten Aspekt Relation aufgreift und entfaltet und unsere Interpretation
des ersten Axiomenkapitels mus. 2, 6 etwas Richtiges trifft,341 dann befasst
sich die »Musiktheorie« auf einer niederen Stufe als die »Arithmetik« mit
den beiden Prinzipien Gleichheit und Ungleichheit: Sie untersucht nicht
mehr das Hervorgehen der Ungleichheit aus der absoluten Gleichheit, son¬
dern nur aus einer relativen Gleichheit, die selbst bereits komplex zusam¬
mengesetzt ist und somit schon Anteil an der Ungleichheit hat. In der musi-
ca instrumentalis begründet sich z. B. der Ausschluss bestimmter Zahlen¬
verhältnisse aus den besonders schönen Verhältnissen der konsonanten
Intervalle damit, dass sie zu stark von der Gleichheit abweichen: Ihre Ter¬
me sind größer als 4 und ihre Verhältnisart ist im Vergleich zum Verhältnis
der Gleichheit relativ kompliziert, da sie schon auf den einzigen beiden
Grundmöglichkeiten von Verhältnisbildung (vielfaches und epimores Ver¬
hältnis) beruht.342 Die drei Prinzipien der Psychogonie im »Timaios« gelten
somit auch mittelbar in der »Musiktheorie«.

5.1.4 Ptolemaios’ »Harmonielehre« als anagogisches Lehrbuch


Die »Harmonielehre« des Ptolemaios behandelt alle drei von Boethius
unterschiedenen Arten der Musik. Allein durch die Reihenfolge der Be¬
handlung beschreitet sie einen gleichsam nach oben führenden Pfad.343
Zudem ist sie für Boethius’ Musikschrift als direkter oder indirekter Quell¬
text relevant: Boethius’ fünftes Buch weist eine klare Ähnlichkeit mit der
»Harmonielehre« auf. Das bestätigen auch die Kapitelüberschriften der
nicht mehr überlieferten Kapitel Boeth. mus. 5, 20-30. Wie C. Bower in
einem wegweisenden Aufsatz zu den Quellen von »De institutione musica«
ausführt, deuten mehrere Ankündigungen des Boethius aus den ersten Bü¬
chern darauf hin, dass er (bzw. seine Quelle - Nikomachos’ »Einführung in
die Musiktheorie«)344 außer den fehlenden Kapiteln im fünften Buch noch

340 Vgl. die Übersetzung des Beginns von arithm. 1, 32 im Anhang 5.3.
341 S. o. III. 1.1 f.
342 S. o. III.4.
343 Zur wissenschaftlichen Methode in Ptolemaios’ »Harmonielehre« vgl. Barker, Scientific
Method, passim (14-32 zur Wahrnehmungslehre, 259-269 zum umfassenderen Harmoniebegriff).
344 Ob mus. ebenso wie arithm. auf einer einzigen Schrift des Nikomachos beruht, lässt sich
nicht mit Sicherheit feststellen, ist aber wahrscheinlich. Bower ist auf alle Fälle Recht zu geben,
wenn er konstatiert, dass die Bücher 1^4 von mus. einen inhaltlichen und stilistischen Zusammen¬
hang aufweisen. Wenn man seine Prämisse teilt, dass sich Boethius bei der Übertragung beider
Traktate recht eng an sein griechisches Vorbild gehalten hat, wird man über Bowers These noch
hinausgehen müssen und annehmen, dass auch das fünfte Buch seinen Ursprung in der verlorenen
Musiktheorie des Nikomachos findet. Die Abweichungen der erhaltenen Kapitel von mus. 5
260 III. »De institutione musica«

weitere Bücher vorsah. So fehlt in der erhaltenen Schrift eine Behandlung


der beiden restlichen Arten der Musik (musica humana und musica munda-
na), die Boethius in mus. 1, 2 p. 189, llf. in Aussicht stellt.345 In einem
sechsten Buch mag Boethius die weiteren Kapitel von Ptolemaios’ »Har¬
monielehre« über die musica instrumentalis modifiziert ins Lateinische
gebracht haben, um abschließend in einem siebenten Buch - so Bower -
über die beiden noch ausstehenden Musikarten zu sprechen, die Ptolemaios
in III 4-7 und 8-16 behandelt. Zwar finden sich in Boethius’ »Trost der
Philosphie« diverse Aussagen zu den drei Arten von Musik. Allerdings
leistet die »Consolatio« nicht systematisch die in »De institutione musica«
angekündigte Behandlung der kosmischen und menschlichen Musik, wes¬
halb sie nicht als Umsetzung der Ankündigung und als Fortführung des
Lehrwerkes verstanden werden kann. Bowers Rekonstruktionsversuch wird
somit durch den Verweis auf Boethius’ Trostschrift nicht ins Wanken ge¬
bracht.346
Bowers These, die er freilich differenzierter untermauert als hier darge¬
stellt, steht vorrangig auf einer philologischen Basis. Im Folgenden soll sie
durch das an Boethius’ Musikkonzeption orientierte Argument gestützt und
ergänzt werden, dass allein schon die bei Ptolemaios vorgegebene Abfolge
bei der Behandlung der drei Musikarten Boethius’ Konzeption der »Musik¬
theorie« entsprochen hätte. Ferner soll deutlich werden, dass grundlegende
Lehrmeinungen des Ptolemaios mit denen der Neuplatoniker in Einklang

gegenüber dem Bezugstext - dem Beginn von Ptolemaios’ »Harmonielehre« - sind nämlich
markant und wären Boethius als getreuem Übersetzer kaum zuzutrauen. Sie könnten durch Modi¬
fikationen seitens des Nikomachos erklärt werden, dem die »Harmonielehre« seines Zeitgenossen
Ptolemaios unter chronologischen Gesichtspunkten durchaus Vorgelegen haben könnte. Da mus. 5
einen sinnvollen Teil der Gesamtschrift bildet und mit den anderen vier Büchern inhaltlich und
stilistisch in Einklang steht, käme Nikomachos auch hier als Quelle in Frage. Allerdings gibt es
Indizien dafür, Bowers Prämisse von der getreuen Übertragungstätigkeit des Boethius im Falle
von mus. in Frage zu stellen. Die »Musiktheorie« enthält nämlich offenkundige Neuerungen,
darunter Zitate von Cicero und Statius in mus. 1, 1 p. 185, 9-17 und p. 186, 21-24. Die Kapitel zur
Meinungsverschiedenheit zwischen Platon und Nikomachos hinsichtlich der Wahrnehmung zweier
unterschiedlich hoher Töne (mus. 1, 30f.) könnten aus der Schrift des Nikomachos stammen,
keinesfalls dagegen die Nennung latinisierter Saitennamen bei Albinus (mus. 1, 26) - der im
Übrigen als Konsul des Jahres 335 n. Chr. nach Nikomachos lebte — sowie die Darstellung der
Ordnung der Himmelskörper im Vergleich zur Saitenanordnung bei Cicero (mus. 1, 27). Letztere
Indizien macht Pizzani, Quadrivium, 221-225, stark und plädiert für die Annahme weiterer Quel¬
len neben Nikomachos und Ptolemaios, kann aber eines der Hauptargumente Bowers für die
Annahme einer musiktheoretischen Schrift des Nikomachos als Vorlage für Boeth. mus. nicht
entkräften. Boethius Text behandelt eine Anzahl von Themen, deren ausführlichere, separate
Behandlung Nikomachos im »Handbüchlein der Harmonik« angekündigt hatte.
345 Eine Übersetzung des Kapitels enthält der Anhang 4.
346 Vgl. Chamberlain, passim. Der Aufsatz ist zur Lektüre zu empfehlen, da er seine Quellen
einst nimmt (v. a. Boeth. mus., anthm. und cons.), so ein stimmiges Gesamtbild von Boethius’
Musikbegriff gewinnt und deshalb die Interdependenzen zwischen den Arten der Musik überzeu¬
gend aufzeigen kann.
5. Anagogisches Potential der dreigeteilten Musik 261

stehen, weshalb die »Harmonielehre« auch in die nicht vorliegenden Teile


von Boethius' Musiklehrwerk gut integriert worden sein kann.
Dass die »Harmonielehre« mindestens für einen Neuplatoniker kein un¬
interessanter Text war, obwohl sich Ptolemaios nicht als Philosoph profi¬
liert hatte, lässt sich aus dem Faktum der Kommentierung durch den Plotin¬
schüler Porphyrios schließen, die allerdings leider schon in den Ausführun¬
gen zu harm. II 7 abbricht.
Wie A. Barker zu Recht konstatiert, ist der Geist von Ptolemaios’ »Har¬
monielehre« letztlich pythagoreisch, weil der Autor unter Harmonielehre
die rationale Durchdringung der harmonisch gefügten Phänomene anhand
von Zahlenverhältnissen versteht. Ptolemaios stellt die Verbindung zur
wahrnehmbaren Welt freilich viel stärker als Boethius her, indem er die
rational erzielten Ergebnisse wiederum einer empirischen Prüfung unter¬
zieht, wie der Fall der umstrittenen Undezime in harm. I 6 besonders deut¬
lich zeigt.347 Einverständnis zwischen Ptolemaios und der (neu)platonischen
Lehre besteht dennoch in wesentlichen Lehren (s. o. III. 1.3.5), z. B. dem
Form-Materie-Konzept: Die Materie ist passiv, wird durch Formen be¬
stimmt und erleidet Affektionen. Der Logos gilt als immaterielles Erkennt¬
nisvermögen, die Wahrnehmung hingegen wendet sich dem Materiellen
zu.348 Weitere gemeinsame Auffassungen betreffen die rationale Durchge¬
staltung des Kosmos und die Mittelstellung des Logos und damit der Har¬
monielehre zwischen dem Göttlichen und der Natur sowie die Abhängigkeit
der Astronomie und der Harmonielehre von der Arithmetik und der Geome¬
trie.349 Ferner kritisierten Ptolemaios wie auch Boethius die Aristoxeneer
insofern, als sie mit einem >echten< Halbton rechnen und entsprechend nicht
erkennen, dass sechs Töne eine Oktave um ein Komma überragen.350
Wenn im Folgenden aus neuplatonischer Sicht positiv verwertbare Aus¬
sagen bei Ptolemaios hervorgehoben werden, sollen damit keinesfalls Pto¬
lemaios’ Verwendung v. a. stoischer Terminologie (z. B. Synkatathesis,
Hegemonikon, Katalepsis)351 und diverse Abweichungen von der platoni¬
schen Lehre geleugnet werden. Ptolemaios war nicht nur kein
(Neu)platoniker, sondern überhaupt kein Philosoph. Ein nicht dezidiert
platonisches Werk ins eigene System zu integrieren, scheint aus neuplatoni-

347 Barker, Greek Musical Writings II, 270f., meint, dass die von Ptolemaios betonte empiri¬
sche Verifizierung des rationalen Ergebnisses einen essentiellen Unterschied zu Platons Lehre
darstelle. Es besteht m. E. aber auch die Möglichkeit, dass sich Ptolemaios’ Kritik nur gegen
bestimmte pythagoreische Musiktheoretiker richtet.
348 Ptol. harm. I lf. und III 3 (vgl. die Übersetzung von I lf. im Anhang 3.9f.).
349 Ebd. III 3.
350 Ebd. v. a. I 9-11: Eine Oktave besteht aus fünf Ganztönen und zwei kleinen Halbtönen.
351 Ptolemaios verwendet Termini technici diverser Strömungen (mittlere Stoa, Epikureismus,
Mittelplatonismus, akademischer Skeptizismus); vgl. Long, passim.
262 III. »De institutione musica«

scher Sicht allerdings unter Umständen problemlos möglich zu sein, wie


etwa die Verwendung von Epiktets »Handbüchlein« in der neuplatonischen
Ausbildung zeigt.352
Der folgende Rekurs auf Ptolemaios’ Ausführungen beschränkt sich auf
ausgewählte, zentrale Aspekte der menschlichen Musik, um zu zeigen, mit
welchen Inhalten sich dieser Teil der Musik befassen kann, und dass Ptole-
maios’ Lehre einem Neuplatoniker wie Boethius bzw. einem Neupythago-
reer wie Nikomachos aufgrund ihrer inhaltlichen Verwandtschaft in wesent¬
lichen Punkten mehr als akzeptabel erscheinen musste. Auch die Kapitel
zur kosmischen Harmonie bieten Anknüpfungspunkte für eine neuplatoni¬
sche Rezeption, was detaillierter zu untersuchen wäre, aber den Rahmen
dieser Untersuchung sprengen würde.
Im Anschluss an eine ausführliche Erörterung der Musik im engeren
Sinne, d. h. der musica instrumentalis, wendet sich Ptolemaios in harm. III
4-7 der menschlichen Musik zu. Das vorangegangene Kapitel leitet von der
hörbaren Musik zu dieser zweiten Art über.353 Es weist darauf hin, dass
derjenige, der die Verhältnisse der Intervalle soweit betrachtet hat, nun über
das harmonische Wirken nur staunen kann und aus einem göttlichen Ver¬
langen heraus eine Erkenntnis des Zusammenhanges zwischen der Harmo¬
nie und dem wahrnehmbaren Kosmos anstreben muss.354 Selbst wenn es ein
Mensch kaum erfassen kann, ist sowohl der wahrnehmbare Kosmos als
auch die menschliche Seele gemäß den harmonischen Verhältnissen der
Töne verfasst. Wer die Verhältnisse von hörbaren Tönen kennt, ist in der
Lage, die beiden anderen Arten genauer zu betrachten. Hier begegnet also -
wie bei Boethius - ein umfassender Harmoniebegriff, der von einer Ähn¬
lichkeit der harmonischen Verhältnisse in Kosmos, menschlicher Seele und
Tönen ausgeht. Auch die Reihenfolge beim Musikstudium entspricht derje¬
nigen, die Theon von Smyrna und Boethius propagieren und in ihren Trak¬
taten einhalten.355
Ptolemaios fährt fort:356 Ein harmonisches Vermögen wohnt allem inne,
das in sich selbst das Prinzip der Bewegung hat, v. a. demjenigen, das von
Natur aus vollendeter und rationaler ist. Besonders die Bewegungen der
göttlichen Himmelskörper und der menschlichen Seelen haben eine Ge¬
meinschaft mit dem Logos (»Rationalität«, »maßhaftes Verhältnis«). Gera¬
de diese Aussagen fallen auf, da auch ein Neuplatoniker unter dem, was das

352 Hadot, Neoplatonisme, 147-165.


353 Eine Übersetzung von Ptol. harm. III 3 ins Englische mit Anmerkungen (darin Verweise
auf Parallelstellen bei Aristoteles und Platon) bietet Barker, Greek Musical Writings II, 371-373.
354 Ptol. harm. III 3 p. 92, 1-8.
355 Ebd. III 4 p. 95, 4-27; vgl. Theo Sm. 16, 24 - 18, 2 und 47, 3-5: Erst wenn man die Musik
in Zahlen kennt, kann man sich der kosmischen Musik zu wenden.
356 Ptol. harm. III 4 (Übersetzung: Barker, Greek Musical Writings II, 374),
5. Anagogisches Potential der dreigeteilten Musik 263

Prinzip der Bewegung in sich selbst hat, Seele versteht. Ihr Wesen besteht
darin, selbstbewegt zu sein und den von ihr verwalteten Körper entspre¬
chend ihrem eigenen Sein zu bewegen, wobei die Ursache ihrer Selbstbe¬
wegung unbewegt in bzw. noch über ihr liegt. Entsprechend heißt es auch
bei Boethius in seiner Zusammenfassung der Seelenentstehung (Psychogo-
nie) in Platons »Timaios«, dass Gott die Seele entfaltet, welche das All
(bzw. alles) bewegt und in gleicher Weise die übrigen Seelen und kleineren
Leben, d. h. auch die menschlichen, hervorbringt.357 Darin, dass Harmonie
etwas mit Logos im Sinne von Rationalität und zahlhaft-maßvoller Struktur,
mit Bewegung und Seele zu tun hat, sind sich Ptolemaios und potentielle
neuplatonische Rezipienten also einig.
Wie zuvor angekündigt stellt Ptolemaios in den sich anschließenden drei
Kapiteln die Entsprechungen zwischen der menschlichen Seele und den
musikalischen Sachverhalten dar. In harm. III 5 behandelt er die primären
Seelenteile und ordnet sie aufgrund der ähnlichen Eigenschaften den wich¬
tigsten Konsonanzen zu:358

Seelenvermögen Konsonanz Zahlenverhältnis

Denken Oktave 2:1


Wahrnehmung Quinte 3:2
vegetatives Vermögen Quarte 4:3

Die neuplatonische Psychologie kennt eine differenziertere Einteilung als


die hier von Ptolemaios vorgenommene; sie findet ihre Grundunterschei¬
dungen aber in Ptolemaios’ Ausführungen wieder. Der Zuordnung liegt
eine Analogie bezüglich der Verhältnisse zwischen den drei Seelenteilen
und den drei Intervallen zugrunde. Denn wie die Oktave als größtes und
einfachstes Verhältnis die Quinte und Quarte in sich umfasst (2:1 besteht
aus 3:2 und 4:3), so gehen aus dem Denkvermögen, das die niederen Er¬
kenntnisvermögen der Seele umfasst, Wahrnehmung und vegetatives Ver¬
mögen hervor. Wie ein Lebewesen mit vegetativem Vermögen nicht immer
Wahrnehmung und Denken besitzt, ein intellektbegabtes hingegen immer

357 Boeth. cons. 3 carm. 9, 13-19; zur Psychogonie im »Timaios« s. o. III.5.1.2; zur neuplato¬
nischen Deutung der dritten Hypothesis des Platondialoges »Parmenides«, welche die Seele als
mittlere Instanz zwischen dem relativ passiven, vielheitlichen Wahrnehmbar-Körperlichen und
dem aktiven, einheitlichen, unkörperlichen Seienden des Intellekts versteht, vgl. Radke, 651-684,
ferner Aristot. an. 412al-414a28 (Definition von Seele als Form des Körpers, die ihn betreibt, die
dessen Formursache und Prinzip des Lebens ist), v. a. 414a 12—14: »Die Seele ist aber das, wo¬
durch wir primär leben und wahrnehmen und rational denken, so dass sie wohl ein Logos sein
dürfte und eine Form (Eidos), aber nicht Materie und das Zugrundeliegende.«
358 Übersetzung: Barker, Greek Musical Writings II, 375-377.
264 III. »De institutione musica«

die beiden unteren Vermögen hat, so kann auch die Quarte nicht mit einer
Quinte oder Oktave aufwarten, während die Oktave eine Quinte und eine
Quarte in sich hat.359
Da die Wahrnehmung dem rationalen Denken näher steht als das vegeta¬
tive Vermögen, entspricht sie der Quinte, die sowohl hinsichtlich ihres
Zahlenverhältnisses als auch ihrer Intervallgröße der Oktave am nächsten
steht. Denn 3:2 hat eine geringere Abweichung von 2:1 als 4:3, wenn man
bedenkt, dass in der hier vorliegenden Theorie alle Verhältnisse vom ein¬
fachsten Verhältnis der Gleichheit, d. h. ausgehend von 1:1, generiert wer¬
den. Ferner besteht die Quinte aus drei Ganztönen und einem kleinen Halb¬
ton und ist somit um einen Ganzton größer als die Quarte, bleibt aber hinter
der Oktave um eine Quarte zurück.
Ptolemaios führt außerdem die platonische Einteilung der Seele in einen
rationalen (Logistikon), thymetischen und epithymetischen Seelenteil an.360
Diese drei Vermögen entsprechen wiederum den drei Intervallen: das Den¬
ken der Oktave, der Thymos der Quinte und die Epithymia der Quarte. Wie
die Oktave aus sieben Intervallen besteht, so ordnet Ptolemaios dem Den¬
ken sieben Tugenden, entsprechend den anderen beiden vier und drei Tu¬
genden zu.361 Im Optimalfalle herrscht in der ganzen Seele die richtige
harmonische Ausgewogenheit, die Ptolemaios ganz platonisch als Gerech¬
tigkeit bezeichnet. Der Zustand eines wahren Philosophen - d. h. eines
nicht nur hinsichtlich seiner theoretischen Einsicht vollendeten Menschen -
gleicht der Harmonie eines vollständigen harmonischen Systems, bei dem
alle Teile zu einem umfassend wohlproportionierten Ganzen beitragen.
In harm. III 6 erörtert Ptolemaios die Entsprechungen zwischen den mu¬
sikalischen Gattungen einerseits und den theoretischen sowie praktischen
Wissenschaften andererseits:362

359 Vgl. Boeth. cons. 5, 4, 88-111: Das obere Erkenntnisvermögen schließt immer das untere
in sich ein.
360 Vgl. Plat. pol. 434d2^t43b6 (Anwendung der Untersuchungsergebnisse bezüglich des
Staates aul den Menschen bzw. die menschliche Seele und ihre Konstitution), Theo Sm. 98, 8-10
und zu Thymos, Epithymia und Logos Büttner, 18-130.
361 Zu den einzelnen Vermögen der Weltseele vgl. Plat. Tim. 36e5-37c5.
362 Übersetzung: Barker, Greek Musical Wntings II, 378; zu den musikalischen Gattungen
vgl. Boeth. mus. 1, 21 und 4, 5-12.
5. Anagogisches Potential der dreigeteilten Musik 265

Gattung Aufbau des Tetra- Notenbeispiel theoretische praktische


chordes Wissenschaft Wissenschaft

Ganzton, Ganzton,
diatonisch g-f-es-d Theologie Politik
Halbton
Ganzton und Halbton
chromatisch (= kleine Terz), Halb¬ g-e-es-d Mathematik Ökonomie
ton, Halbton
Ganzton und Ganzton
enharmonisch (= große Terz), Viertel¬ g-es-»eses«-d Physik Ethik
ton, Viertelton

Auch bei dieser Zuordnung lassen sich Gründe für die Annahme von Ge¬
meinsamkeiten zwischen den musikalischen Gattungen und den Wissen¬
schaften anführen: Das diatonische Tetrachord stellt die einfachste und
ursprünglichste Aufteilung einer Quarte dar. (Der Ganzton ist der natürliche
Unterschied zwischen Quarte und Quinte; füllt man eine Quarte mit Ganz¬
tönen auf, dann benötigt man zwei Ganztöne, und es bleibt ein kleiner
Halbton übrig.) Aus ihm gehen die beiden anderen Gattungen sukzessive
hervor - zunächst das chromatische Geschlecht, das vom diatonischen in
geringerem Maße abweicht als das enharmonische. Analog verhalten sich -
auch aus neuplatonischer Perspektive - die Wissenschaften, wobei die
Einteilung grundsätzlich auf Aristoteles zurückgeht. Boethius charakteri¬
siert die Philosophie auf dieser Grundlage als Gattung mit den beiden Arten
theoretische und praktische Philosophie und unterscheidet ganz analog
jeweils drei Wissenschaften, wenn auch nur die Theologie und die physio-
logia namentlich genannt werden.363
Wie im ersten Kapitel erörtert wurde, umfasst die Theologie die Prinzi¬
pien aller anderen theoretischen Wissenschaften, weshalb sie als primär und
ursprünglich gilt, wie auch das diatonische Tetrachord. Seine Teile (zwei
Ganztöne und ein Halbton) weichen ferner hinsichtlich ihrer Größe am
geringsten voneinander ab. Ebenso ist die Theologie hinsichtlich ihrer Er¬
kenntnisgegenstände und speziell hinsichtlich Gottes am wenigsten von
allen Wissenschaften von Verschiedenheit geprägt.
Insofern die theologischen Sachverhalte in der Mathematik zu quantitati¬
ven Abbildern verkürzt werden und die Mathematik Operationsgegenstände
verwendet, die an physikalischen Körpern vorliegen, stellt sie eine mittlere

363 Boeth. in Porph. pr. I 3 p. 8, 1 - 9, 22; Parallelstelle: Ammon, in Porph. 11, 21 - 13, 7; vgl.
O’Meara, Platonopolis, 53-55 (mit Verweis auf Aristot. metaph. 1025bl-1026a32 für die theoreti¬
schen Wissenschaften innerhalb der Wissenschaffshierarchie) und Merlan, 59-87.
266 III. »De institutione musica«

Wissenschaft dar. Deshalb gleicht sie dem chromatischen Klanggeschlecht,


das durch eine erste Abweichung vom diatonischen entsteht.364
Aus der Mathematik geht wie durch eine weitere Abweichung im Sinne
einer Verwirklichung bereits vorhandenen Potentials die sichtbare Ordnung
der Natur und des wahrnehmbaren menschlichen Verhaltens hervor. Dem
entspricht die Genese des enharmonischen Tetrachordes aus dem chromati¬
schen. Denn dieses entsteht durch einen weiteren Schritt in die Vielfalt,
indem das bislang kleinste Intervall, der kleine Halbton, nochmals in zwei
Vierteltöne geteilt wird. Auf diese Weise wird der Viertelton, der bereits
potentiell im kleinen Halbton vorlag, gebildet, wie auch im Abstieg vom
mathematisch-seelischen Bereich in den irdischen, sichtbaren Kosmos die
bereits potentiell vorhandenen Bestimmtheiten konkret wahrnehmbar wer¬
den.
Auch auf Seiten der praktischen Wissenschaften stellt die Ökonomie
(bezüglich des Haushaltes, d. h. im mittleren Bereich zwischen Individuum
und Gesamtgesellschaft) eine verbindende Mitte zwischen der Politik und
der Ethik dar. Die Politik besitzt als übergeordnete Wissenschaft die ge¬
meinsamen Prinzipien der beiden untergeordneten Wissenschaften, wäh¬
rend sich die Ethik auf die Einzelfälle menschlichen Handelns bezieht.
Schließlich wendet sich Ptolemaios in harm. III 7 der Ähnlichkeit zwi¬
schen der Veränderung der Harmonie und dem Umschlag von Seelenzu¬
ständen eines Menschen in bestimmten Situationen zu.365 Höhere Tonarten
wirken aufmunternd und sind angespannten Seelenzuständen vergleichbar
etc. Ptolemaios’ Beispiele zur Wirkung der hörbaren Harmonien auf die
Seele und die Grundlagen seiner Ethoslehre entsprechen denen bei Boethi-
us. Ptolemaios deutet sogar die Ursache für die Wirkung hörbarer Musik
auf die menschliche Seelenverfassung an: Die menschlichen Seelen leiden
durch die Aktivität der Melodie mit, als ob sie eine Verwandtschaft der
Verhältnisse ihrer eigenen Konstitution mit denen der Melodie erkennen
können; die Bewegungen der Melodie prägen die der Seele in ganz eigen¬
tümlicher Weise, so dass die Seele aus der Gleichheit ihrer Verhältnisse zu
einer anderen Disposition gebracht wird und u. U. mit bestimmten Reaktio¬
nen (weinen, Freude etc.) antwortet. Auch in diesem Punkt vertreten
Boethius und Ptolemaios dieselbe Auffassung, weshalb Boethius auch hier
mit einem Referat von Ptolemaios’ »Harmonielehre« hätte fortfahren kön¬
nen.366

364 Boeth. mus. 1,21 p. 213, 91'.: prima mutatio - »erste Veränderung«.
365 Übersetzung: Barker, Greek Musical Writings II 378f
366 S.o. III.5.1.3.
5. Anagogisches Potential der dreigeteilten Musik 267

5.2 Reflexion des Wahrnehmungsaktes als anagogische Methode

5.2.1 Augustinus' »De musica« als anagogisches Lehrbuch


Einen Aufstieg zur absolut unkörperlichen Harmonie vollzieht Augustinus
in seiner über 100 Jahre vor Boethius’ Musiklehrbuch verfassten musik¬
theoretischen Schrift »De musica«.367 Der aus sechs Büchern bestehende
Dialog entstand um 387 n. Chr., wobei Augustinus wohl um 409 n. Chr. das
sechste Buch revidierte.368 Durch die thematische Entwicklung im sechsten
Buch übertrifft er die von Boethius im Proömium von »De institutione
arithmetica« dargestellte Intention der Mathematik, als Propädeutikum für
die Philosophie zu fungieren. Augustinus führt den Schüler nicht nur vom
wahrnehmbaren Schönen hin zu dessen unmittelbaren, rational einsehbaren
Voraussetzungen in Form von Zahlenverhältnissen, sondern wendet sich
abschließend noch deren höchster Ursache und letztem Prinzip - Gott selbst
- zu und reizt so das anagogische Potential der Musik zur Gänze aus. Einen
Hinweis auf diesen rapiden Aufstieg gibt schon eine Bemerkung zu Beginn
der Schrift, wo die Musiktheorie als »fast göttliches Fach« bezeichnet
wird.369 Die Schönheit der hörbaren Musik wird in einen größeren Kontext
gestellt und im Hinblick auf ihren göttlichen Ursprung relativiert. Aufgrund
ihres Hinweischarakters auf die himmlische bzw. göttliche Musik billigt ihr
Augustinus aber eine nicht zu unterschätzende hochführende Funktion zu.370
Auf die im Folgenden in groben Zügen dargestellte Weise geht der Dia¬
log den in Platons »Symposion« geschilderten Weg vom wahrnehmbaren
zum transzendenten Schönen bis hin zur höchsten Quelle der Schönheit:371
Augustinus definiert musica als scientia bene modulandi - als die »Wissen-

367 Zu Augustinus’ Schönheitskonzeption, den numeri und der Wahmehmungstheorie vgl.


Schmitt, Augustinus; Beierwaltes, Aequalitas numerosa; Horn, Augustinus, v. a. 401M05, und
Keller, passim.
368 Der nachträglichen Umarbeitung des sechsten Buches sollte nicht so viel Gewicht gegeben
werden, wie es Hentschel im Vorwort seiner Edition tut. Zum einen schließt es sich nämlich
sachlich eng und folgerichtig an die vorangehenden Bücher an. Zum anderen zeigt Horn, Augusti¬
nus, passim, überzeugend anhand der dafür einschlägigen Passagen in Augustinus’ Werk eine
inhaltliche Kontinuität hinsichtlich der Zahlphilosophie auf. Letztere geht wohl im Wesentlichen
auf Porphyrios zurück (ebd., 391).
369 Aug. mus. I 2, 3, 44: pene divina ista disciplina.
370 Das Spannungsfeld zwischen der irdisch-hörbaren und der himmlischen Musik themati¬
siert Raffael in seiner berühmten Darstellung der Heiligen Cäcilia, die ab der zweiten Hälfte des
15. Jh. als Patronin der Musik und speziell der Kirchenmusik galt. Kunsthistorische Deutungen
greifen entsprechend auf mittelalterliche Musikkonzepte zurück, die noch in der Renaissance en
vogue waren und die wiederum v. a. auf die Musiktraktate des Boethius und Augustinus zurück¬
gehen; vgl. Gurlitt, passim.
371 Plat. symp. 209e5-212a7; dazu Plot. I 3, 1-3: Der musicus ist für den Aufstieg besonders
geeignet, weil er die nötige Sensibilität, Beweglichkeit und Aufmerksamkeit für das Schöne,
Harmonische und Einheitliche besitzt. Zur Frage nach dem Wesen von Schönheit vgl. die Debatte
in Hipp. mai. 286dl-303dl0; dazu Cludius, 20-26.
268 III. »De institutione musica«

Schaft vom richtigen Maßhalten«.372 Als Ausgangspunkt des Traktates wählt


er die leicht verständliche Untersuchung von Maßen in Rhythmen und
Versen in Form von Zahlenverhältnissen. Wie bei Boethius, dessen Zahlen¬
verhältnisse sich allerdings auf Intervalle beziehen, sollen anhand der Zah¬
lenverhältnisse zahlhafte wahrnehmbare Phänomene sowohl grundsätzlich
als auch hinsichtlich ihrer unterschiedlichen Schönheit erklärt werden. Auf
dieser Stufe der Erkenntnis bleibt der Lehrer in Augustinus’ Dialog aber
nicht stehen, obwohl - wie er selbst konstatiert - der Weg von den fleisch¬
lichen Sinnen zum wahren Wissen schwierig ist, weil sich der Mensch vom
Niedrigeren kaum lösen kann bzw. möchte. Trotzdem sei der Aufstieg
stufenweise möglich, wie Augustinus im sechsten Buch selbst demonstriert.
Die Zahlenverhältnisse, die den Rhythmen wahrnehmbare Schönheit ver¬
leihen, verlangen ihrerseits wieder nach einer Erklärung, und zwar sowohl
auf produktions- als auch auf rezeptionsästhetischer Seite. Die Frage lautet
also: Woran orientiert sich der Mensch, wenn er mittels bestimmter Zahlen¬
verhältnisse Schönes hervorbringt bzw. wahrnimmt? Den Aufstieg zum
transzendenten Bereich und schließlich hin zu Gott beginnt Augustinus in
»De musica« entsprechend mit der Untersuchung der unmittelbaren Vor¬
aussetzungen für das Wahrnehmen, um anschließend wiederum deren Prin¬
zipien zu ermitteln. Vorausgesetzt werden jeweils eine aktuale Bestimmt¬
heit im Wahrgenommenen und in der Seele des Wahmehmenden, nämlich
im Wahrnehmungssinn, im Gedächtnis und im Denken. Alle diese Be¬
stimmtheiten (Formen) nennt Augustinus - in guter neuplatonischer Tradi¬
tion - numeri (»Zahlen«), weil es sich um maßhafte, zahlhafte, d. h. geeint-
vielheitliche Bestimmtheiten handelt.373
Zu Beginn des Erkenntnisprozesses wendet sich die Seele mit der ihr be¬
reits innewohnenden zahlhaften Struktur dem Wahrgenommenen aufmerk¬
sam zu. Dabei aktualisiert sie eine dem Wahrzunehmenden analoge »Zahl«;
sie bildet aufgrund ihrer eigenen zahlhaften Struktur aus sich heraus gleich¬
sam eine entsprechende Bestimmtheit, wird somit selbst das von ihr Er¬
kannte und nimmt genau in diesem Moment etwas wahr. In diesem Sinne
ist der numerus eine »Tätigkeit der Seele« (operatio animae).374 Analoges
gilt für das Vorstellen und Erinnern sowie die Denkakte: Das jeweilige
seelische Vermögen erkennt etwas, indem es aufgrund seiner eigenen zahl-

372 Aug. mus. I 2, 2, 10, wobei modulatio von modus (»Maß«) hergeleitet wird. Das Zahlen¬
verhältnis bestimmt das Maß und verknüpft die Bewegungen miteinander (I 9, 15, 7-9).
373 S. o. HI.5.1.2. Zur Gleichsetzung von Zahl und Form bei Augustinus vgl. Horn. Augusti¬
nus, 398-M00, und u. III.5.2.2; zur neuplatonischen Tradition dieser wohl auf Jamblich zurückge¬
henden Lehre vgl. O'Meara, Pythagoras, 62-64; 79-81; 131-138; 159 und 186f. (inklusive Stel¬
lenangaben v. a. bei Jamblich bzw. Psellos, Syrian und Proklos).
374 Aug. mus. VI 6, 16, 14f.
5. Anagogisches Potential der dreigeteilten Musik 269

haften Struktur angesichts eines gegebenen >Objektes< seinen Erkenntnis¬


gegenstand konstituiert.
Da Augustinus von einer hierarchischen Ordnung der Erkenntnisvermö¬
gen ausgeht, bei der sich übergeordnete Vermögen dem Erkenntnisgehalt
untergeordneter zuwenden, wird ihm der Übergang von der Wahrnehmung
zum rationalen Denken möglich: Bei der Suche nach einer Instanz, welche
die wahmehmungsimmanente Beurteilung des Wahrgenommenen wieder¬
um beurteilt (die also darüber entscheidet, warum und ob zu Recht etwas als
angenehm oder unangenehm empfunden wurde), gelangt die Suche zu den
numeri iudiciales (»Beurteilungszahlen«). Betont werden muss, dass im
Falle der numeri iudiciales nicht »bewußte Zahlen unbewußte« einschät¬
zen,375 sondern das rationale Denken den Sinneseindruck bewertet.376 Eine
Reflexion auf den Erkenntnisakt als solchen, also eine Vergewisserung im
Sinne einer Bewusstmachung, scheint er (im Unterschied etwa zu Des-
cartes) nicht für wesentlich beim Erkennen zu halten.377
Auch die »Beurteilungszahlen«, d. h. das rationale Denken und das ra¬
tional Erfasste, sind nicht voraussetzungslos. Auch ihnen sind bereits zahl¬
hafte Bestimmtheiten gegeben, an denen sie sich beim Erkennen orientie¬
ren. Ihr letzter Ursprung ist Gott selbst: »Gott Schöpfer von allem«.378 Er ist

375 So Hentschel, Edition, XXV.


376 Die gleiche Auffassung vertritt Petrus de Auvergne, der Thomas v. Aquins Kommentar zu
Aristoteles’ »Politik« fortsetzte (in VIII pol. L. 2 n.1290): »Man muss aber erkennen, dass der Ton
einer musikalischen Harmonie zuerst vom Gehör erfasst wird, und wenn er es [sc. das Gehör] in
einem bestimmten Verhältnis bewegt und gemäß einem mittleren [d. h. nicht extremen, sondern
harmonischen] Verhältnis, in dem er konstituiert ist, bringt er Gefallen, und an diesem Gefallen
können alle Anteil nehmen. Aber darüber hinaus betrachtet der Intellekt in der Aufmerksamkeit
auf den harmonischen Ton das Verhältnis und die Ursache der Proportion, wie etwas Intelligibles
für sich selbst, worin eine gewisse Vollendung des Intellekts besteht.« (est autem intelligendum,
quod sonus harmoniae musicae primo comprehenditur ab auditu, et cum proportionaliter movet
ipsum, et secundum mediam rationem, in qua constitutus est, delectationem inducit, et huic delec-
tationi possunt participare omnes. sed ulterius in intentione soni harmoniaci intellectus considerat
rationem et causam proportionis, quasi aliquod intelligibile secundum seipsum, in quo est quae-
dam perfectio intellectus.).
377 Nowak, 199, behauptet, Augustinus sei ein Wegbereiter neuzeitlichen Denkens gewesen,
insofern seine Argumentation ihn »zur Erkenntnis der konstitutiven Subjektivität« führe, was »erst
in neuzeitlichem Kontext möglich zu sein scheint«. Allerdings vertritt Augustinus keine Bewusst¬
seinsphilosophie wie Descartes (auf den sich Nowak bezieht), sondern eine platonische Unter¬
scheidungsphilosophie; vgl. Schmitt, Platon, passim. Interessant sind aber Nowaks Hinweise auf
den tatsächlich vorhandenen ordo-Gedanken im Mittelalter (197: im kosmischen und leibseeli¬
schen Bereich ebenso wie im Bereich der Stände und des Handels, etwa bei Otloh v. St. Emeram),
auf dessen Verwirklichung in der gotischen Architektur (203 mit Anm. 28) und die analogen
Äußerungen bei Remigius v. Auxerre, Eriugena und Cusanus (204f.).
378 Augustinus lässt seinen Schüler anhand des Verses Deus creator omnium aus einem am-
brosianischen Hymnus ausgehend von einer metrischen Analyse zur Begründung der Schönheit
dieses Verses und damit zur Beschäftigung mit dessen Aussage aufsteigen (ab mus. VI 2, 2); vgl.
auch conf. V 3, 5, Cus. coniect. I 8, 36 (Aufstieg mit den Etappen Wahrnehmung, Seele, Intellekt
270 III. »De institutione musica«

die höchste Quelle jeder Harmonie.379 Der Erkenntnisweg führt aus mensch¬
licher Perspektive von außen nach innen und von dort nach oben.380
Augustinus’ Wahmehmungslehre wurde wegen ihrer Verwandtschaft mit
Boethius’ diesbezüglichen Auffassungen vorgestellt. Ihr gemäß weisen
sowohl das Wahrnehmbare als auch der Erkennende im Erkenntnisakt zahl¬
hafte, unkörperliche Bestimmtheiten (numeri) auf. Ein numerus ist eine
geeinte Vielheit, die von einer aktiven, Einheit stiftenden und selbst umso
einheitlicheren Instanz hervorgebracht und wiederum beurteilt wird. Kon¬
sequenterweise gelangt Augustinus am Ende von »De musica« zu dem
Schluss, dass eine vollkommen einfache, aber potentiell unerschöpfliche
Einheit, nämlich Gott, Ursprung all dieser Erkenntnisvermögen und -akte
sowie des Erkennbaren ist.
Augustinus’ Argumentation stützt sich auf zwei Grundthesen - die Spon¬
taneität des Wahmehmungsaktes und die von ihrem Wesen her zahlhafte
Disposition der menschlichen Seele: Die jeweiligen numeri in der Seele
werden beim Erkennen aktiv angewendet. Der Kirchenvater bezeichnet
damit keine zahlhafte, messbare Struktur einer körperlichen Affektion von
außen, sondern jeweils eine einheitliche, in sich strukturierte, geistige Be¬
stimmtheit, die entweder etwas Wahrnehmbares formt oder im Menschen
das Wahrgenommene bzw. die Meinung über das Wahrgenommene beur¬
teilt. Damit teilt Augustinus den in der neuplatonischen Wahmehmungs-
theorie herrschenden Konsens, dass eine Wahrnehmung zwar auf ein äuße¬
res, körperliches Erleiden angewiesen ist, dass die Seele aber im Anschluss
an diese Affektion in unkörperlicher, aktiver Weise nur gemäß einer Form
und nicht gemäß der Materie erkennt.381

und Gott), ferner Benz, 258—282 und 291—293 (zur entscheidenden Rolle der Wahrnehmung als
Einstiegsinstanz beim Aufstieg zum Einen).
379 Augustinus bezeichnet Gott auch als »höchstes Maß« (summus modus: Aug. ord. II 5, 14),
was angesichts der Definition der Musik als scientia bene modulandi besagt, dass sich gutes und
richtiges musikalisches Maßhalten nicht unabhängig von diesem ursprünglichen Maß aller Maße
denken und hervorbringen lässt; vgl. Plot. VI 9, 1 und V 5, 4, 13f.: Das Hen (»das Eine«) ist ein
Maß, das selbst nicht gemessen werden kann.
380 Beierwaltes, Aequalitas numerosa, 152 mit Anm. 59. - Die Rückkehr ins Innere beim Er¬
kennen und wahren Lernen schildert Boethius in cons. 3 carm. 11 mit Rekurs auf die platonische
Anamnesislehre. Dass der Weg »nach oben« beschwerlich und kaum gangbar ist. betont er mehr¬
mals (cons. 5, 5, 48f.: si possumus und 5, 6, 3: quantum fas est).
381 Augustinus bezeichnet die rat io als eine lebendigere Zahl (mus. VI 6, 16; VI 8, 22, 74 und
VI 9, 24, 55-60). Entsprechend ihres Grades an Aktivität und Vitalität werden die diversen Zahlen
in unterschiedlichem Maße gewürdigt, wie man es Personen gegenüber tut; vgl. Hentschel, Einlei¬
tung zur Ausgabe und Übersetzung von Aug. mus., XVII. Vgl. ferner Boeth. mus. 1,2 p. 188, 28:
»unkörperliche Lebendigkeit des Denkens« (incorpoream rationis vivacitatem) und 5, 2 p. 352,
21-26: Das Denken wird durch die Materie nicht aufgehalten. - Noch Thomas v. Aquin vertritt (in
an. L. II 17) die Theorie, dass es die Seele ist, die hört und sich dabei eines bestimmten Körpertei¬
les bedient. Auch bet einer stimmlichen Äußerung nutzt die Seele Körperliches als Werkzeug,
nämlich die Luft, die sie entsprechend der innerlich vorgestellten Äußerung bewegt, so dass ein
5. Anagogisches Potential der dreigeteilten Musik 271

Diese Theorie ist in der griechischen neuplatonischen Literatur beson¬


ders ausführlich bei (Ps.-)Simplikios belegt, der wohl ein Zeitgenosse des
Boethius war. Im Kommentar zu Aristoteles’ »De anima« unterstreicht er
mehrmals, dass eine Wahrnehmung ausgehend von einer äußeren Affektion
im Wesentlichen eine von der Seele erbrachte Erkenntnisleistung ist. Von
innen heraus bringt sie den Logos hervor (Probole), der dem äußerlich
wahrnehmbaren Eidos entspricht und den sie also schon vor dem Akt des
Wahrnehmens besaß.382
Wenn sich die Seele beim Wahmehmen einer unkörperlichen Form er¬
kennend zuwenden soll, dann liegt es in der Logik des Gedankens, dass die
Seele dem >Wahmehmungseindruck< etwas Eigenes, das der jeweiligen
Form entspricht, gleichsam entgegensetzt, um es erkennen zu können.383
Diese der Seele bereits innewohnende Strukturierung beschreiben diverse
Neuplatoniker und bezeichnen sie als zahlhaft bzw. die einzelnen Erkennt¬
nisvermögen der Seele als Zahlen.384 Die Ähnlichkeit zwischen schöner
hörbarer Musik und der menschlichen Seelenkonstitution ermöglicht es
dem Menschen - so Augustinus - bestimmte Rhythmen, Melodien etc.
vorzuziehen und andere abzulehnen.385
Ohne die These, dass Wahrnehmung eine primär geistige Tätigkeit ist,
würde Augustinus’ musiktheoretischer Traktat nicht zu dem Ergebnis
kommen, dass es eine höchste geistige, höchst aktive und allmächtige Quel¬
le jeden Seins und Erkennens gibt. Denn die Annahme einer materialisti¬
schen Erkenntnistheorie gäbe keinen Anlass, einen Urheber der immateriel¬

lem oder ein Wort entsteht (L. II 18, 477). Laut Panti (Grosseteste, 5, und Suono interiore, 240f.)
erklärt Grosseteste (1235 Bischof von Lincoln) den Hörvorgang wie Augustinus mit den numerv,
vgl. Aug. quant. an. 25, 48.
382 (Ps.-)Simpl. in an. 119, 3-20; 123, 34-36; 125, 18 - 126, 16; 138, 11-15; 165, 29 - 166,
34 und 189, 33 - 190, 6. Zu den inneren Zahlen bei Boethius s. u. III.5.2.2, zur geistigen Aktivität
beim Erkennen und zur psychischen Immanenz des Wahrnehmungsgehaltes bei Plotin vgl. Benz,
v. a. 1-52, zur Bedeutung der Spontaneität der Seele bei Aristoteles vgl. Bernard, Wahrnehmung,
passim.
383 Vgl. Horn, Augustinus, 395, und Keller, 277f.
384 Zu Philoponos und Proklos s. o. III.5.1.2; vgl. O'Meara, Pythagoras, 131-134; 154 und
159 (zu Syrian und Proklos).
385 Vgl. Aug. conf. X 33 zur Parallele zwischen dem Affekt im Inneren des Menschen und
den Maßen bzw. Tonarten in der gehörten Musik, die auf »einer verborgenen Verwandtschaft«
(occulta familiaritate) beruht. Sachlich gleich äußert sich Thomas in an. L. I 7, 95-97: Die harmo¬
nischen Verhältnisse sind eine bestimmte Art von Verhältnissen, die Ursachen der Intervalle sind.
Wenn Platon alles aus Zahlen konstituieren will, dann aber nicht aus harmonischen Verhältnissen,
sondern gemäß diesen, wie die Seele. Das tat er, weil sich alles an dem erfreut, was ihm »gleich
und von Natur aus verbunden« ist (simile et connaturale). »Wir sehen aber, dass die Seele sich an
allem harmonisch Gefügten erfreut und an allem Anstoß nimmt, was wider die gebührende Har¬
monie ist, wie bei Tönen so auch bei Farben ...« (videmus autem quod anima delectatur in Omni¬
bus harmonizatis, et offenditur ex his quae sunt praeter debitam harmoniam, tarn in sonis quam in
coloribus ...); vgl. ST I q. 5, art. 4 ad 1.
272 III. »De institutione musica«

len, geistigen Urteilsvermögen des Menschen zu suchen. Die »Zahlen der


Wahrnehmung« bilden also den Ausgangspunkt für die rasante Anagogik
im sechsten Buch von Augustinus’ »De musica« - »Vom ästhetischen Ur¬
teil zur metaphysischen Erkenntnis«, wie Hentschel seine Ausgabe des
ersten und sechsten Buches überschreibt.

5.2.2 Boethius’ innere Formen der Wahrnehmung


Boethius legt seinem Musiktraktat die platonische Seelenkonzeption des
»Timaios« zugrunde (s. o. III.5.1.3), was im Folgenden im Hinblick auf die
Aktivität der Seele beim Wahrnehmen und auf ihre zahlhafte Prädisposition
weiter differenziert wird. Dem musiktheoretischen Lehrbuch ist zu diesem
Aspekt nur wenig zu entnehmen, da es den nicht-physischen Akt des Hö¬
rens ebenso wie das eigentliche >Objekt< des Hörens nicht untersucht. Man
kann lediglich in mus. 1, 3 erfahren, dass es auch beim Hörbaren eine be¬
stimmte Form sein muss, die aufgrund eines Schlages und der entsprechen¬
den Bewegung an einem wahrnehmbaren Körper, an der Luft als Medium
sowie am Ohr vorliegt. Was dann mit der am Ohr vorliegenden Form im
Inneren geschieht, damit eine Wahrnehmung stattfindet, erläutern mehrere
Passagen im »Trost der Philosophie«.
Auch nach Boethius kann eine Wahrnehmung ohne ein geistiges Prinzip
nicht erklärt werden, wie das fünfte und letzte Buch der »Consolatio« be¬
legt. In cons. 5, 4, 70-116 zeigt die »Philosophie«, dass nicht das Erkannte,
sondern primär die Aktivität des Erkennenden den Erkenntnisakt ermög¬
licht. Das Argument lautet, dass ein und dasselbe durch verschiedene Er¬
kenntnisvermögen erfasst werden kann. Etwa kann »Mensch« gedacht,
vorgestellt oder wahrgenommen werden. Das >Objekt< diktiert also nicht
den Erkenntnismodus bzw. das entsprechende Erkenntnisvermögen, das
aktiviert wird. So fasst die »Philosophie« zusammen:186

Siehst du also, dass sich alles beim Erkennen mehr der eigenen Fähigkeit bedient als
dessen, was erkannt wird? Und dies nicht zu Unrecht; denn da jedes Urteil als ein Akt
des Urteilenden besteht, ist notwendig, dass ein jeder seine Tätigkeit nicht aus frem¬
der, sondern aus eigener Macht vollendet.

Im sich anschließenden Gedicht positioniert sich Boethius dezidiert gegen


eine rein materialistische Erklärung der Wahrnehmung:387 Die stoische
Typosis-Lehre ist nicht haltbar, da sie unter der Wahrnehmung eine aus¬
schließlich passive Prägung nach Art einer Wachstafel versteht und auf
diese Weise alles Erkennen und Wissen aufhebt. Der menschliche Geist

386 Boeth. cons. 5, 4, 111-116.


387 Ebd. 5 carm. 4.
5. Anagogisches Potential der dreigeteilten Musik 273

gliche einem toten Spiegelglas, indem er nur aufnehmen und widerspiegeln,


aber selbst nicht aktiv begreifen und geistig tätig werden kann.388
Diese Aussagen beruhen auf folgenden Überlegungen: Wenn man beim
Wahrnehmen die Form eines Körpers erfasst, dann kann die im Vergleich
zur jeweiligen Form relativ passive Materie des Sinnesorgans nicht die sie
bestimmende Form beurteilen. Die Materie ist nicht aktiver als das sie for¬
mende Eidos, wie auch der Marmorblock nicht die Form, welche der
Steinmetz ihr verleiht, selbst bilden - geschweige denn erkennen - kann.
Der Steinmetz hingegen, der die Gestalt der Statue im Geiste in sich trägt,
bringt nicht nur die Statue hervor, sondern beurteilt sie auch wie eine über¬
geordnete Instanz, die nicht durch eine körperliche Affektion beeinträchtigt
wird (s. o. 1.2.7).
Außerdem widerspräche eine materialistische Auffassung der Wahrneh¬
mung als Abdruck den Erfahrungen, die zeigen, dass nicht jeder Mensch
mechanisch alles in der gleichen Weise wahmimmt (dann müssten alle
automatisch lernen können) und dass das Wahmehmen wesentlich von der
geistigen Konzentration des Menschen abhängt. Wer z. B. intensiv und
ganz vertieft ein Buch liest, hört u. U. das Klingeln des Telefons nicht,
während ein anderer, dem dieses Geräusch genauso gut zugänglich ist wie
dem Lesenden, es hört.389

Boethius hält die menschliche Seele im Anschluss an Platons »Timaios« für


eine Instanz, die mit einer bestimmten Mischung aus Selbigkeit und Ver¬
schiedenheit ausgestattet ist, durch deren Aktivierung Erkenntnis möglich
wird und deren Sein einem höheren Ursprung - dem Schöpfergott bzw.
dem von ihm bei der Schöpfung bemühten intelligiblen Vorbild - ent¬
stammt (s. o. III.5.1.3). So wird es kaum überraschen, dass er ein Pendant
zu Augustinus’ inneren numeri des Menschen kennt. Der Erkennende erlei-

388 Zur Wahrnehmungstheorie bei Aristoteles vgl. Benz, 1-52 (v. a. 15-27: Darstellung der
aristotelischen Wahrnehmungstheorie anhand des Hörens), und Bemard, Wahrnehmung, 49-112.
389 Außerdem ergibt sich das in stoischen Kreisen tatsächlich diskutierte Problem, wie denn
mehrere Wahrnehmungen zugleich aufgenommen werden können (z. B. ein Klang und eine
Gestalt oder Farbe zugleich), wenn doch die Tafel oder das Wachs schon mit einer Prägung
versehen ist. Ein Versuch, diese Schwierigkeit rein materialistisch zu lösen - indem z. B. Klang
und Farbe nebeneinander oder auf verschiedene Seiten der Prägemasse eingeprägt werden - führt
zum Problem, wie und gemäß welchem Kriterium diese beiden Prägungen miteinander verbunden
werden können, da Menschen erfahrungsgemäß sinnvolle Kombinationen vollziehen und z. B. das
Grünliche und Kugelförmige aufeinander beziehen und so einen Apfel erkennen. Dieser Bezug
kann aus aristotelischer und neuplatonischer Perspektive nur durch eine geistige Instanz hergestellt
werden, da nur im Unkörperlichen eine echte Einheit hergestellt werden kann (Körper können
maximal aneinander angrenzen, selbst wenn es sich um eine Mischung handelt) und da nur die
geistige Instanz - abgesehen vom Zufall - einen sinnvollen Bezug unter den vielfältigen Eindrük-
ken herzustellen in der Lage ist. Diese Wahrnehmungsleistung kann die materialistische Typosis-
Lehre der Stoiker aus (neu)platonischer Sicht nicht erklären.
274 III. »De institutione musica«

det gemäß Boethius zwar zunächst passiv eine Affektion durch Farbe, Ton
etc.390 Daraufhin aber

ruft die geweckte Kraft des Geistes die Formen (species), die sie innen besitzt, zu
gleichen Bewegungen, wendet sie auf die äußeren Zeichen an und mischt durch die
innen verborgenen Formen {formis) die Abbilder.391

Die aktivierten, inneren Formen (species bzw. formae) bilden ein dem äu¬
ßeren Wahrnehmbaren entsprechendes Bild in der Seele des Erkennenden.
Zusammenfassend heißt es anschließend:392 Die menschlichen Sinneswerk¬
zeuge erleiden durchaus von außen etwas von den Qualitäten der Körper.
So wird die Tätigkeit des Geistes erst geweckt und die »innen ruhenden
Formen« (quiescentes intrinsecus formas) werden hervorgerufen. Aber der
Geist (animus) erleidet und empfängt nicht duldend einen Eindruck, son¬
dern beurteilt die vom Körper erfahrene Affektion aus eigener Kraft.
Die innen ruhenden Formen, die bei einer Wahrnehmung aufgrund des
äußeren Anstoßes durch die Seele aktiviert werden, entsprechen in ihrer
Funktion exakt den numeri occursores bei Augustinus. Auch die Formen
des äußeren wahrnehmbaren Körpers finden bei Augustinus in den numeri
sensibiles ihr Pendant.393 Zahlen bzw. Formen hegen bereits in der Seele des

390 Vgl. Boeth. in Porph. sec. I 1 p. 136, 18f.: Die Sinne werden durch die Formen der wahr¬
nehmbaren Körper »geschlagen« bzw. »getroffen« (non tantum eas rerum capiunt formas quibus
sensibili corpore feriuntur praesente).
391 Boeth. cons. 5 carm. 4, 35—40: Tum mentis vigor excitus, / quas intus species tenet, / ad
motus similes vocans / notis applicat exteris / introrsumque reconditis / formis miscet imagines.
An dieser Stelle weicht die Übersetzung von Gigon wohl nicht nur aufgrund der metrischen
Übersetzung zu stark vom Sinn des Textes ab. Er übersetzt den zentralen Terminus technicus
species (griech.: Eidos) in Zeile 36 nicht (stattdessen: »Was an innerer Schau er trägt«). Die Zeilen
39f. übersetzt Gigon mit: »Und vermählt im Innern nun / der verborgenen Form das Bild«. Es
stellt sich die Frage, welches Bild mit einer in der Seele latent vorhandenen Form verbunden
werden soll. Da die inneren Formen (bei Boethius im Plural) selbst ein Bild des zu Erkennenden
verfertigen, dürfte der Ablativ reconditis formis instrumental aufzufassen sein, d. h. durch diese
Formen mischt der Geist sein inneres Bild; vgl. in Porph. sec. I 1 p. 136, 17-21. (Ps.-)Simplikios
(s. o. 271 Anm. 382); ferner Benz, 44 mit Anm. 143, und Bernard, Wahrnehmung, v. a. 69—84.
392 Boeth. cons. 5, 5, 1-7.
393 Die einzigen mir bekannten Hinweise in der Forschungsliteratur auf diese sachliche Über¬
einstimmung zu den numeri des Augustinus finden sich bei Chamberlain, 91 (der allerdings unter
der menschlichen Musik etwas Physisches zu verstehen scheint: 90 und 97), und Bubacz, passim
(der unter Bezugnahme auf Aug. trin., Aug. mus. und Boeth. in Porph. sec. I 1 auf die aktive
Etablierung eines inneren Erkenntnisobjektes hinweist). Weder der Kommentar von Gruber zur
»Consolatio« noch die relativ philosophisch angelegte Arbeit von Scheible (v. a. 166-169 zu 5
carm. 4 und 173-216 zum philosophischen System der Schrift, dabei 197-205 zur Erkenntnistheo¬
rie) verweisen auf Augustinus’ numeri. Scheible erinnert hinsichtlich der Aktivität bei der Wahr¬
nehmung an Anstot. an. II 4, meint aber dennoch (168f. mit Anm. 4): »Aber die klare Unterschei¬
dung zwischen körperlicher passio und geistiger Aktivität liegt auch hier nicht vor«, weshalb sie
Boethius als Mittler zwischen Plotin und der Stoa bezeichnet, da Plotin den körperlichen Aspekt
der Wahrnehmung leugne (205), die Stoa dagegen den geistigen. Dass Plotin den körperlichen
Aspekt der Wahrnehmung nicht negiert, ist aber schon der ersten Enneade (11,7) zu entnehmen;
5. Anagogisches Potential der dreigeteilten Musik 275

Menschen bzw. im Wahrnehmbaren vor und bestimmen den Wahrneh¬


mungsakt in der Weise, dass die äußeren Bestimmtheiten die inneren zur
Aktivität rufen und infolgedessen in der Seele ein inneres Wahrnehmungs¬
objekt etabliert wird, das dem äußeren ähnelt und das in weiteren Schritten
beurteilt werden kann. Bei der Beurteilung werden immer höhere Erkennt¬
nisvermögen aktiviert (Wahrnehmung - Meinung - rationales Denken).
Wenn ein Erkenntnisvermögen im höheren eingeschlossen ist und durch es
konstituiert wird,394 dann kehrt die anagogische Betrachtung der numeri
diesen Entfaltungsprozess lediglich um und ermöglicht jeweils eine Erinne¬
rung an das unmittelbare Prinzip des Erkenntnisaktes und auch an die mit¬
telbaren Prinzipien des eigenen Erkennens und Seins.395
Augustinus bringt die Zahlen mit Formen in Verbindung:396 Himmel, Er¬
de, Meer und ihre Bewohner

haben Formen, weil sie Zahlen haben. Nimm ihnen dieses: Nichts werden sie sein.
Woher also sind sie, wenn nicht von [sc. dort], woher Zahl ist? Denn schließlich
haben sie in dem Maße Sein, in welchem sie Zahlhaft-Sein haben.

Die zahlhafte Bestimmtheit von Körpern manifestiert sich in Raum und


Zeit, die des menschlichen Geistes (animus) nur in der Zeit, und schließlich
ist der numerus über dem Geist des Künstlers auch noch der Zeit enthoben
(.numerus sempiternus). Seine Schau verleiht Weisheit.397 Wenn man etwas
erfasst, dann handelt es sich jeweils um die »Form der Zahlen«.398

vgl. auch 11,8 (zu den Eide, welche die Seele bereits in bestimmter Weise in sich hat, und zur
Mittelstellung der Seele unter dem Intellekt), ferner Benz, 283-294. Auch Ralfs, passim, bringt
hinsichtlich der »inneren species« keinen sachlichen Gewinn. Der Aufsatz ist aber insofern inter¬
essant, als er Erstaunen über die Position ausdrückt, dass das Erkennen schon laut Boethius aktiv
ist und dieser damit bereits neuzeitliche Erkenntnisse (Kant) vorwegnehme (v. a. 363-366).
394 Boeth. cons. 5, 4, 88-111; zu Plotin vgl. Benz, 261-282; ferner Cus. coniect., passim, z. B.
I 4, 14f. (aus Gott geht die intelligentia hervor, aus dieser wiederum Seele, die wiederum das
Körperliche schafft, wobei jeder Bereich weiter in sich differenziert ist).
395 Vor diesem Hintergrund ist auch die neuplatonische Rede vom Lernen als Wiedererinnem
zu sehen, die sich besonders auf Platons »Menon« und »Phaidon« beruft; vgl. Boeth. cons. 3 carm.
II (wer die Wahrheit sucht, muss in sich selbst zurückgehen und lernen, dass er das draußen lang
Gesuchte schon in sich hat, dass es durch seine Körperlichkeit verdunkelt ist und durch Wiederer¬
innerung wieder ans Licht geführt werden kann); 4 carm. 1; Prokl. in Eukl. 12, 2 - 18, 4 (die Seele
besitzt bereits die Logoi; sie werden aufgrund der Wahrnehmung nur wiedererinnert) und 141, 2 -
142, 2 (dazu O’Meara, Geometrie, 53).
396 Aug. lib. arb. II 164: formas habent quia numeros habent; adime Ulis haec, nihil erunt. a
quo ergo sunt nisi a quo numerus? quandoquidem in tantum illis est esse in quantum numerosa
esse.
397 Ebd. II 165-167: Handwerker und Künstler orientieren sich beim Schaffen ihrer Werke an
Zahlen; der Herstellungsprozess dauert so lange, bis das Produkt »auf das innen befindliche Licht
der Zahlen bezogen wurde, soweit das möglich ist«; mittels der Bewertung durch die Sinne gefällt
das Kunstwerk einem inneren Urteil, bei dem die oberen Zahlen (supemos numeros) geschaut
werden; die Körperteile des Künstlers bzw. Handwerkers bewegt auch eine Zahl. Beim Tanzen
276 III. »De institutione musica«

Der Kirchenvater bewegt sich mit der Identifizierung der Zahl mit dem
Eidos (Form) auf den gewohnten Bahnen neuplatonischen Denkens, das
dem Eidetischen und Intelligiblen einen zahlhaften Charakter zuspricht.399
Es scheint deshalb nicht unplausibel zu sein, Augustinus’ numeri und
Boethius’ innere Formen systematisch gleichzustellen. Dabei ist festzuhal¬
ten, dass Boethius weder eine genauere Differenzierung einzelner Arten
von inneren Formen vornimmt noch ihre Hierarchie anagogisch von unten
nach oben durchgeht. Eine Übereinstimmung zu Augustinus’ Theorie liegt
deshalb nur im Grundsätzlichen vor. Freilich genügt sie, um eine Antwort
zur zentralen Frage der Ethoslehre, wie gehörte Musik die menschliche
Seele beeinflussen kann, bei Boethius aufzuzeigen und um das anagogische
Potential der musica instrumentalis, die Boethius in seinem Musiktraktat
behandelt, in dieser zentralen Hinsicht zu belegen.

5.2.3 Fazit zum Wert des Wahrnehmens und der hörbaren Musik
Trotz der starken Ausrichtung der Mathematik insgesamt auf das Transzen¬
dente muss an dieser Stelle festgehalten werden, dass die Ebene der wahr¬
nehmbaren Harmonie keinesfalls gemieden oder absolut abgelehnt wird.400
Eine absolute Negation der Wahrnehmung und somit der Körperlichkeit
widerspräche Boethius’ Weltbild angesichts der Tatsache, dass die Schöp¬
fung der sichtbaren Welt sowohl im »Timaios« als auch im christlichen
Verständnis, wie es etwa in der »Genesis« zum Ausdruck kommt, vom
Schöpfergott selbst in Auftrag gegeben bzw. sogar persönlich vorgenom¬
men wird. Der Kosmos ist auch laut dem »Timaios« auf die schönste Weise
geschaffen worden. Als solcher ist er beachtens- und schätzenswert. Auf
seiner Ebene beginnt der menschliche Erkenntnisprozess, und auf seiner
Ebene bewegt sich der Mensch sein irdisches Leben lang, selbst wenn er es
auf die transzendente Realität und die wahre Schönheit ausrichtet. Aus
diesem Grunde weisen die Platoniker der Wahrnehmung ausgerechnet dort,
wo ihre Ebene überstiegen werden soll, eine Rolle als Ausgangspunkt ihrer
anagogischen Methoden zu - sei es in der Mathematik, der Allegorietheorie
oder dem Kultus.401
Die Unentbehrlichkeit sowohl der Wahrnehmung als auch der mittleren,
mathematischen Stufe für den »Aufstieg zum Einen«, wie ihn J. Halfwassen

erfreut die Zahl, da sie die Schönheit der Bewegungen hinsichtlich Ort und Zeit bewirkt, wobei die
Arithmetik selbst weder Ort noch Zeit kennt.
398 Ebd. II 171: numerorum forma.
399 S. o. II.4. lf.
400 S. o. 1.2.2; II.3.3; III.2 und u. Anhang 3.
401 Zur reinigenden Funktion von hörbarer Musik s. o. 257 Anm. 332; zur anagogischen Wir¬
kung von Hymnen: Prokl. in Tim. A 197, 3-10; zur neuplatonischen Allegorese vgl. Bemard,
Dichtungstheorien, passim.
5. Anagogisches Potential der dreigeteilten Musik 277

in seiner Studie zu Platon und Plotin nennt, unterstreicht Plotin:402 Wer


keine Freude an der Schönheit des Wahrnehmbaren empfinden kann, hat
keine Motivation, sich noch größere Freude durch die Suche und das Fin¬
den von deren noch schönerem Vorbild zu verschaffen. Wie sollte jemand
das intelligible Schöne erblicken, wenn er nicht einmal das hiesige Schöne
sieht?

Wer könnte nämlich ein musikalischer Mensch sein, der die Harmonie im Intelligi-
blen sähe und nicht bewegt würde, wenn er die in den wahrnehmbaren Tönen hört?
Oder wer wäre ein Kenner der Geometrie und der Zahlen, der Symmetrisches, Analo¬
ges und Geordnetes mit seinen Augen sähe und sich darüber nicht freuen würde?

Eine schöne Nachbildung eines Menschen kann dazu führen, dass man sich
des Menschen selbst erinnert und u. U. durch das Bild in Liebe zum eigent¬
lichen Menschen entbrennt.

Wer wird so nachlässig in seiner Erkenntnis sein und sich zu nichts anderem bewegen
lassen, dass er - obwohl er die gesamten Schönheiten im wahrnehmbaren [sc. Be¬
reich] sieht: die gesamte Symmetrie, diese große Wohlgeordnetheit und das bei den
fernen Sternen aufscheinende Eidos - von daher nicht nachdenklich wird und ihn
keine Ehrfurcht ergreift, wie [sc. Schönes] von wie [sc. Schönem herstammt]'?403

Boethius führt mit beiden mathematischen Lehrbüchern in die natürliche


Wohlgeordnetheit der Zahlen und der Zahlenverhältnisse ein. Auch die
Schönheit dieser Ebene soll bemerkt und begriffen werden. Ausdrücke des
Staunens und Bewundems dieser Ordnung finden sich entsprechend v. a. im
Arithmetiklehrbuch.404 Lässt man sich um des Experimentes willen ausge¬
hend von der Arithmetikschrift auf Boethius’ Grundprämissen ein, dann
kann man nachvollziehen, wie er auch im Musiklehrbuch eine erstaunliche
Ordnung und Schönheit im Bereich der Zahlenverhältnisse entfaltet. Denn
dort entwickelt Boethius in Berechnungen ausgehend von den einfacheren
Zahlenverhältnissen komplexere Tetrachorde in drei verschiedenen Genera
und aus diesen wiederum Skalen. Die Systematik und Klarheit der Ordnung
springt ins Auge. Gleichzeitig kann man sich als Musiker vorstellen, dass
anhand dieser auf der rationalen Ebene präsentierten Inhalte eine reiche
Fülle von hörbarer Musik verfertigt werden könnte. »De institutione musi-
ca« enthält nämlich - z. B. aufgrund der drei Klanggeschlechter - nicht
weniger musikalische Möglichkeiten als die traditionelle, in der Neuzeit
über Jahrhunderte hinweg präsente Dur-Moll-Tonalität erlaubt, die unzähli¬
ge, in ihrem Charakter äußerst verschiedene Werke hervorgebracht hat.

402 Plot. II 9, 16, 39-56.


403 Vgl. Plat. pol. 395b3^403c8 zum Zusammenhang zwischen Mimesis, Musik, Ethos und
der aus der Schönheit entspringenden Liebe zum Schönen.
404 S.o. II. 1.2.
278 III. »De institutione musica«

Boethius verwirft die Wahrnehmung an keiner Stelle gänzlich, sondern


versteht sie als essentielles Erkenntnisvermögen, speziell für den Beginn
des Erkenntnisvorganges. Aufgrund ihrer beschränkten Kompetenz können
die Sinne nicht die rationale Erklärung der empirischen Phänomene leisten.
Zu diesem Zwecke ist Boethius’ Meinung nach die ratio vorzuziehen. Diese
Einschätzung teilt Augustinus,