Sie sind auf Seite 1von 20

Andreas Goltz

Gelehrte Barbaren?
Antike Bildung und germanische Oberschicht in der Spätantike

Mit dem Begriff ‚Barbar‘ verbindet man im allgemeinen nicht die Vorstellung von
einem gelehrten Menschen, der in Philosophie, Literatur, Wissenschaft und
Kunst bewandert ist. Vor dem inneren Auge erscheint vielmehr das Bild eines
kulturlosen und ungebildeten Rohlings, als dessen Tugenden allenfalls Mut,
Kraft, Anspruchslosigkeit und Sittenstrenge angeführt werden können, mitnich-
ten jedoch Gelehrsamkeit. Die Wurzeln dieses gerade in bezug auf Bildung und
Wissen überwiegend negativ geprägten Barbarenbildes liegen in Griechenland. 1
Zwar bedeutete das lautmalerische Wort b£rbaroj in frühgriechischer Zeit zu-
nächst einfach nur ‚der Fremdsprachige‘ bzw. in erweiterter Entsprechung ‚der
Fremde‘, ohne daß damit eine Wertung verbunden war. 2 Aber insbesondere nach
den Perserkriegen gewann der ursprüngliche Barbarenbegriff im Laufe des 5. und
4. Jahrhunderts v. Chr. zunehmend pejorativen Charakter und wurde in einem
kulturell und moralisch abwertenden Sinn verwendet. 3 In Abgrenzung der eige-
nen, als überlegen empfundenen Kultur gegen die Außenwelt bezeichneten die
Griechen die nicht zu ihrem Kulturkreis gehörenden Völker abfällig als ‚Barba-
ren‘ und unterstellten ihnen – von wenigen Ausnahmen abgesehen – mangelnde
Zivilisation, Bildungslosigkeit, Roheit, Grausamkeit, Wildheit sowie unterwür-
figes und hinterlistiges Verhalten. 4
Die Kulturwelt-Barbaren-Antithese bildete keineswegs das einzige Denk-
muster in der Auseinandersetzung der Griechen mit fremden Völkern, aber sie
war eine der beherrschenden Vorstellungen und tief im kollektiven Selbstver-
ständnis verankert. 5 Die Römer haben im Zuge ihrer spezifischen Aneignung
griechischer Kultur diese Auffassung übernommen und in ihrem Sinne modifi-
ziert: Das Gegensatzpaar Hellenen – Barbaren wurde auf seiten der ‚Kulturmen-
schen‘ um die Römer erweitert. 6 Die gewaltige Ausdehnung des Römischen
Reiches, der über die Grenzen hinausgreifende Einflußbereich römischer Macht
und Kultur, die weitgehende Romanisierung zumindest der Oberschicht der
unterworfenen Völker und die Verleihung des Bürgerrechts an alle freien Reichs-
angehörigen durch die Constitutio Antoniniana (212) trugen schließlich zur Etablie-
rung der Vorstellung bei, das Imperium Romanum umfasse die gesamte zivilisierte
Welt und bilde die Trennlinie zu den außerhalb lebenden, minderwertigen Barba-
renvölkern, die es als Feinde der Kultur zu bekämpfen gelte. 7 In der Spätantike
gewann die auf Römer – Barbaren reduzierte Antithese noch an Bedeutung und
Schärfe, da die gegen das Reich anstürmenden Germanen, Hunnen und Perser
nun eine echte Bedrohung darstellten.
Mit der Antinomie ‚Kulturmensch‘ – ‚roher Barbar‘ erschöpften sich die Ein-
stellungen der Römer zu den Barbaren keineswegs. Bemerkenswert ist allerdings,
daß – vereinfacht dargestellt – auch andere, im folgenden kurz skizzierte Denk-
298 Andreas Goltz

modelle, die ebenfalls auf griechischen Vorbildern beruhten, den Barbaren man-
gelnde Bildung und Kultur unterstellten. Nur die Akzente waren anders gesetzt:
Der Auffassung vom ‚Edlen Wilden‘ lag die Vorstellung zugrunde, daß die
verfeinerte Kultur der antiken Zivilisation, insbesondere der verschwenderische
Luxus, den Menschen verdarb, während die Barbaren ein zwar einfaches und
rauhes, aber natürliches, sittenstrenges und tugendhaftes Leben führten, dem der
Vorzug gebühre. Bildung im hellenistisch-römischen Sinn spielte in diesem Kon-
zept keine Rolle. Konsequent zu Ende gedacht, stellte sie als Bestandteil der
kritisierten, in die Dekadenz führenden Kultur letztlich sogar eine Gefahr dar. 8
Die vorrangig von kynischen und stoischen Ideen beeinflußte Haltung hinge-
gen, daß alle Menschen gleich seien und in allgemeiner Brüderlichkeit verbunden
sein sollten, richtete sich in erster Linie gegen den Vorwurf, Barbaren seien wilde
Tiere sowie geborene Sklaven und als solche zu behandeln. Die Verteidigung der
menschlichen Natur der Barbaren und das Plädoyer für einen humanen Umgang
mit ihnen bedeutete freilich nicht, daß man ihnen Bildung oder Kultur zugestand.
Vielmehr betrachtete man es als Aufgabe der kultivierten Menschen, die barba-
rischen ‚Brüder‘ zur Gesittung zu erziehen. 9
Barbarentum war in der spätantiken Vorstellungswelt kaum von Bildungs-
und Kulturlosigkeit zu trennen. 10 Auch die in früheren Zeiten unter Gebildeten
weitverbreitete Idee der ‚Barbarenphilosophie‘ – bestimmte Fremdvölker (Ägyp-
ter, Babylonier, Juden) verfügten über uraltes religiöses Wissen und der Ursprung
aller (religiösen) Weisheit liege im Osten – vermochte hieran wenig zu ändern. 11
Sie bezog sich in erster Linie auf alte Kulturvölker östlicher Provenienz, die zum
Teil bereits untergegangen, zum Teil in das Reich integriert waren. Allenfalls die
Perser konnten von dieser Auffassung profitieren. Für die aktuelle Auseinander-
setzung mit den exterae nationes aus dem Norden besaß sie jedoch keinerlei Be-
deutung.

Die Akzentuierung der Bildungslosigkeit in den gängigen Barbarenvorstellungen


gewann nun aufgrund der tiefgreifenden soziopolitischen Veränderungen in der
Spätantike eine besondere Brisanz und barg ein erhebliches Konfliktpotential für
die spätrömische Gesellschaft. Denn mit den Reformen Diocletians und Con-
stantins eröffneten sich an der Wende des 3. zum 4. Jahrhundert n. Chr. speziell
auf militärischem Gebiet erstaunliche Möglichkeiten für Angehörige barbarischer
Völker, in den Dienst des Römischen Reiches zu treten, Karriere zu machen und
sozial aufzusteigen. 12 Der erhöhte Bedarf an Rekruten und die Aufhebung bis-
heriger an Stand und ethnische Herkunft gebundener Beschränkungen des Auf-
stiegs führten dazu, daß sich Barbaren – in erster Linie Germanen – im
römischen Heer nach oben dienten und bis in die höchsten Militärämter vor-
drangen. 13 Auch die Trennung der zivilen von den militärischen Befugnissen trug
zu dieser Entwicklung bei, da Heerführer jetzt weit weniger zivile Kenntnisse
benötigten, für die erfahrungsgemäß eine längere Ausbildung erforderlich war. 14
Seit den Söhnen Constantins stellten Germanen, die als Heermeister (magistri
militum) an der Spitze der römischen Armee standen, eher die Regel als die Aus-
Gelehrte Barbaren? 299

nahme dar. Bei diesen erfolgreichen Militärs handelte es sich überwiegend um


Personen, die aus reichsunabhängigen Gebieten stammten, mehr oder minder
freiwillig ins Reich gekommen waren und in der Armee Karriere gemacht hatten,
bzw. um deren direkte Nachkommen. Ohne einen längeren Romanisierungs-
prozeß durchlaufen zu haben, gelangten sie in militärische Führungspositionen
und mitunter auch zu höchsten zivilen Würden. Dies bot zweifellos große An-
reize, sich im Heeresdienst zu engagieren, und sicherte dem Kaiser hochmoti-
vierte Soldaten, schuf aber bezüglich der Integration und Assimilation dieser
barbarischen Aufsteiger Probleme.
Denn obwohl die Germanen aufgrund ihrer führenden Stellung im Heer und
ihres Nahverhältnisses zum Kaiser zunehmend an Macht und Einfluß gewannen,
durch ihre militärischen Ämter zu den obersten Rangklassen der viri clarissimi und
viri illustrissimi gehörten, also zum senatorischen Erbadel, und sogar des krönen-
den Abschlusses jeder römischen Laufbahn, des ordentlichen Konsulats, für
würdig befunden wurden, gelang es ihnen nur schwer, sich in die römische Füh-
rungsschicht zu integrieren. 15 Im 4. Jahrhundert blieb der Wirkungskreis mächti-
ger Offiziere und Heermeister nicht selten auf die militärische Sphäre beschränkt.
Im politischen und vor allem sozialen Leben der römischen Oberschicht schei-
nen sie kaum eine Rolle gespielt zu haben. Weder Heiratsverbindungen noch
intensive Kontakte zu Angehörigen der Aristokratie werden in den Quellen er-
wähnt. Offenbar versanken sie mit der Beendigung ihres Heeresdienstes in der
Bedeutungslosigkeit, und nur eine Reaktivierung für militärische Aufgaben ver-
mochte ihnen noch einmal Gewicht zu verleihen. 16

Einer der Hauptgründe für die mangelnde Integration der Barbaren in die Ober-
schicht des Imperium Romanum war der – aus der Sicht der römischen Aristokratie
sicherlich nicht unberechtigte – Vorwurf der Bildungslosigkeit gegen diese Auf-
steiger. Wie sollte ein aus dem Barbaricum stammender Militär auch über das seit
frühester Jugend durch intensive Studien erworbene Bildungsniveau eines römi-
schen Senators verfügen? 17 Besonders schwer wog dieser Vorwurf, weil sich die
römische Oberschicht in der Spätantike ganz wesentlich über die Bildung defi-
nierte: Insbesondere literarische Bildung und rhetorische Fähigkeiten waren nach
spätrömischem Verständnis zentrale, unverzichtbare Eigenschaften des Adels. 18
Für den gallischen Aristokraten Sidonius Apollinaris stellte Bildung sogar das
einzige verbliebene Merkmal für nobilitas dar, als unter den Westgoten die senato-
rischen Ämter nicht mehr bestanden. 19 Die römische Oberschicht, vornehmlich
die stadtrömische und die gallische Senatsaristokratie, verstand sich als Bewahre-
rin des geistig-literarischen Erbes der Vergangenheit. Sie betrachtete die Beschäf-
tigung mit der klassischen Literatur und die Pflege einer gewandten Ausdrucks-
weise als wesentliche Bestandteile ihres Lebens. 20 Literarische Bildung und
rhetorisches Können dienten zur Abgrenzung als gesellschaftliche Elite, ließen
aber auch soziale Mobilität zu, da Gebildete nichtadliger Herkunft aufgrund ihrer
hervorragenden Kenntnisse Karriere machen konnten und dieser Weg des Auf-
stiegs im allgemeinen Anerkennung fand. 21 Entsprechend vertraten auch die über
300 Andreas Goltz

eine Laufbahn in der Reichs- und Hofverwaltung zu senatorischem Rang ge-


langten Personen weitgehend die Auffassung, daß Adel untrennbar mit Bildung
verbunden sei. 22
Für die im Heeresdienst aufgestiegenen Germanen stellte diese hohe Wert-
schätzung literarischer Kultiviertheit und rhetorischen Könnens eine nur schwer
zu überwindende Hürde für die Eingliederung in die römische Oberschicht dar.
In der Regel verfügten sie weder über das eine noch das andere, und ihre Her-
kunft verstärkte die ohnehin bestehenden Vorurteile der Oberschicht gegenüber
Militärangehörigen noch. 23
Aufgrund ihrer Tapferkeit und ihrer soldatischen Fähigkeiten, die durchaus
anerkannt und gewürdigt wurden, ließen sich Germanen im Heer und auch in
militärischen Führungspositionen akzeptieren, aber an einen persönlichen Um-
gang mit ihnen über das politisch Notwendige hinaus war nicht zu denken.
Distanz und Ablehnung prägten weitgehend das Verhältnis der römischen Ober-
schicht zu den barbarischen Aufsteigern. Auf wenig Gegenliebe stieß zudem, daß
die Germanen zunehmend das begehrte Ehrenamt eines Konsuls bekleideten:
Diese Würde beanspruchte die senatorische Oberschicht für sich.
Kaiser Julian versuchte, aus dieser ablehnenden Haltung politisches Kapital
zu schlagen, indem er in einem Brief an die römischen Senatoren Constantin dem
Großen vorwarf, er habe „als allererster Barbaren bis zu den Rutenbündeln und
Staatskleidern der Konsuln befördert“. 24 Der Historiker Ammianus Marcellinus,
der dem Kaiser sonst wohlgesonnen ist, kritisiert Julians Polemik scharf: „Das
war nur zu geschmacklos und leichtsinnig, denn er hätte selbst vermeiden müs-
sen, was er jenem vorwarf; aber wenig später ernannte er zusammen mit Mamer-
tinus den Nevitta zum Konsul, obwohl dieser weder an Vornehmheit noch an
Erfahrung noch an Ruhm mit denen zu vergleichen war, denen Constantin das
höchste Amt übertragen hatte. Vielmehr war er ungebildet und bäurisch und, was
noch unerträglicher ist, auf dem Gipfel der Macht grausam.“ 25 Neben dem klassi-
schen Barbarentopos der Grausamkeit war es gerade die Bildungs- und Kultur-
losigkeit des Germanen, die Nevitta in Ammians Augen als Konsul disqualifi-
zierte.
Besonders prägnant hat Sidonius Apollinaris die Vorbehalte der Senatsaristo-
kratie gegenüber der mangelnden Bildung der Barbaren formuliert. In einem
Brief, in dem er eine Reihe naturwidriger Zustände anführt, krönt Sidonius seine
Aufzählung von herumspazierenden Kranken und im Bett liegenden Ärzten, von
wachehaltenden Dieben und schlafenden Amtsträgern, von ballspielenden Alten
und würfelnden Jungen mit der absurden Vorstellung, daß sich foederati, d.h. mit
dem Reich verbündete Barbaren, mit Literatur beschäftigen würden. 26 Und an
anderer Stelle bedauert er, daß nie ein Philosoph die Barbaren mit seinen Lehren
zivilisierte, so daß deren Wildheit (ferocia) und Dummheit (stoliditas) den Römern
weiterhin Anlaß zu Hohn und Verachtung, aber auch Furcht geben würden. 27
Für die im Heeresdienst aufgestiegenen Germanen, die nicht nur als tapfere
und fähige Militärs Anerkennung finden wollten, sondern bestrebt waren, sich als
gleichwertige Mitglieder der Oberschicht in die römische Gesellschaft und Kultur
Gelehrte Barbaren? 301

einzugliedern, stellte der Vorwurf ihrer fehlenden Bildung ein ernstes Problem
dar, auf das es zu reagieren galt. 28 Immerhin dürfte im 4. Jahrhundert ein großer
Teil der germanischen Offiziere und Heermeister das Ziel der Integration ver-
folgt haben; ja selbst im 5. Jahrhundert, als die germanischen magistri militum
häufig zugleich Herrscher über große Stammesverbände waren, ihre Bindung zur
gentilen Welt also nicht verloren hatten, und mitunter sogar eigene Staaten
gründeten, blieben die Anerkennung durch die römische Oberschicht und die
Orientierung an deren Lebensstil erstrebenswerte Anliegen. In der Tat fehlt es in
der Spätantike nicht an Bemühungen integrationswilliger, zu Macht und Einfluß
gelangter Germanen, der Anschuldigung der Bildungslosigkeit offensiv entgegen-
zuwirken und auch auf diesem für die römische Oberschicht so wichtigen Gebiet
Profil zu gewinnen. Zwei Wege, die hierbei beschritten wurden, sollen im fol-
genden eingehender behandelt werden: der Kontakt zu Gelehrten und die Aus-
bildung der Nachkommen.

Nüchtern betrachtet, bestand für diejenigen germanischen Militärs, die außerhalb


des Reiches – eben im Barbaricum – geboren waren und im römischen Heer Kar-
riere gemacht hatten, keine Möglichkeit, während ihrer Dienstzeit eine Bildung
zu erwerben, die mit der eines Angehörigen der römischen Oberschicht ver-
gleichbar war. Wenn überhaupt, so konnten sie nur versuchen, sich diesem Bil-
dungsniveau anzunähern. Aber selbst eine Annäherung war unter den wenig
förderlichen Bedingungen des Heeresdienstes kein leichtes Unterfangen. Die
eigene militärische Ausbildung, die Aufsicht über die Truppen und die Erfüllung
militärischer Aufgaben (Grenzsicherung, Feldzüge etc.) beanspruchten einen
Offizier bzw. Heermeister sicherlich derart, daß für andere Belange kaum Zeit
blieb. 29 Neben der nötigen Muße (otium) für literarische und philosophische Stu-
dien dürften den germanischen Militärs oftmals auch weitere Voraussetzungen
für den erfolgreichen Wissenserwerb gefehlt haben – am Anfang ihrer Karriere
die finanziellen Mittel und in Militärlagern oder auf Feldzügen die Bibliotheken
und gebildeten Gesprächspartner. Die besten Bedingungen bot sicherlich noch
der Dienst am Hof, etwa als Angehöriger der Leibwache des Kaisers, oder die
Stationierung in einer der bedeutenden Städte des Reichs, da hier ein Zugriff auf
die jeweilige intellektuelle Infrastruktur möglich war. 30 Allerdings immer unter
der Maßgabe, daß keine militärischen Auseinandersetzungen die ohnehin knapp
bemessene Zeit in Anspruch nahmen.
Eine der Möglichkeiten, sich unter den gegebenen Umständen in die
griechisch-römische Bildungswelt zu integrieren, bestand darin, Kontakt zu be-
deutenden Gelehrten aufzunehmen und die Gesellschaft von Philosophen, Rhe-
toren, Dichtern und hochgebildeten Senatoren zu suchen. Diese Vorgehensweise
versprach in zweifacher Hinsicht Gewinn – auf einer konkret-praktischen und
einer symbolischen Ebene. Einerseits bot sich die Chance, durch den persön-
lichen Umgang mit führenden Repräsentanten der spätantiken Geisteswelt den
eigenen Wissenshorizont zu erweitern, die komplexen sprachlichen Umgangs-
formen der Oberschicht zu erlernen und Zugang zu deren weitverzweigtem Be-
302 Andreas Goltz

ziehungsnetzwerk zu erlangen. Andererseits, und dieser Aspekt war mindestens


ebenso bedeutsam, ließ sich auf diese Weise überaus öffentlichkeitswirksam
signalisieren, daß Interesse an der griechisch-römischen Kultur und Bildung zu
den ausgeprägten Charaktereigenschaften der eigenen Persönlichkeit gehörte und
man über Kenntnisse und geistige Fähigkeiten verfügte, die selbst bedeutenden
Vertretern antiker Gelehrsamkeit genügten.
So bemühte sich etwa der Franke Richomer, der in den siebziger Jahren des 4.
Jahrhunderts zunächst als comes domesticorum unter Kaiser Gratian im Westen ge-
dient hatte, später aber aufgrund militärischer Operationen in den östlichen
Reichsteil gelangt und hier zu einem der führenden Heermeister aufgestiegen
war, intensiv um die Bekanntschaft mit dem berühmten heidnischen Rhetor
Libanius. 31 In seiner autobiographischen ersten Rede berichtet Libanius über
Richomers Aufenthalt in Antiochia 383: Damals „[...] kam Richomeres als militä-
rischer Kommandant nach Antiocheia, ein Mann, der zu der Religion und den
Göttern hielt. Er hatte mich schon früher zu sehen gewünscht, wie wir damals
erfuhren; als er mich jetzt traf, kümmerte er sich um nichts anderes mehr, suchte
ständig meine Nähe und bewarb sich um meine Freundschaft, mit der Versiche-
rung, wenn er das erreiche, dann glaube er das Höchste erreicht zu haben.“ 32
Nun ist nicht auszuschließen, daß Libanius hier ein wenig zu seinen Gunsten
übertreibt, aber an der Grundsituation ist nicht zu zweifeln. Richomer suchte den
Kontakt zu dem berühmten Gelehrten. Und Libanius war keineswegs die einzige
geistige Größe der spätantiken Bildungswelt, mit der Richomer in Verbindung
stand. Der fränkische Heermeister korrespondierte auch mit Q. Aurelius Symma-
chus, dem hochgebildeten römischen Senator und bekannten Redner, der vor
allem als Anwalt des Heidentums im Streit um den Victoria-Altar Berühmtheit
erlangte. 33 Symmachus wiederum empfahl Richomer seinen Verwandten Virius
Nicomachus Flavianus, ebenfalls ein Heide und gelehrter Literat, und beide
pflegten offensichtlich Umgang miteinander. 34 Schließlich lernte der
Heermeister, als er sich im Zuge der Niederwerfung der Usurpation des Maximus
im Westen befand, den hochgebildeten Rhetor Flavius Eugenius kennen und
schätzen. 35 Eugenius war zwar Christ, aber dem neuplatonisch geprägten
Heidentum der Spätantike zumindest geistig verbunden. 36 Bevor Richomer in
den Osten zurückkehrte, stellte er Eugenius seinem Neffen Arbogast vor, dem
mächtigen Heermeister des jungen Westkaisers Valentinian II., und legte ihm ans
Herz, den Rhetor unter seine Vertrauten und Freunde aufzunehmen. Arbogast
befolgte den Rat seines Onkels und zählte nun ebenfalls einen Gelehrten zu
seiner näheren Umgebung. Später erhob er Eugenius sogar zum Kaiser, und mit
dessen Regierung (392-394) verband sich die letzte gewaltsame Erhebung des
Heidentums im Römischen Reich. 37
Auch Angehörige anderer Barbarenvölker bemühten sich offenkundig, durch
den Kontakt zu Gelehrten ihre Zugehörigkeit zur griechisch-römischen Bil-
dungswelt unter Beweis zu stellen. 38 Gerade ein Vergleich mit den berüchtigten
Isauriern weist bemerkenswerte Parallelen auf. Aufgrund ihrer zahlreichen Raub-
und Plünderungszüge durch Kleinasien und die angrenzenden Gebiete besaßen
Gelehrte Barbaren? 303

die aus dem Taurusgebirge stammenden Isaurier in Ostrom einen denkbar


schlechten Ruf und galten ungeachtet der Tatsache, daß sie Reichsbewohner
waren, als Barbaren. 39 Allerdings bildete die Krisenregion Isaurien auch ein wich-
tiges Rekrutierungsgebiet, und Mitte bzw. Ende des 5. Jahrhunderts stiegen An-
gehörige dieses Volkes im oströmischen Heer bis in höchste Führungspositionen
auf.
Bereits von dem älteren Zeno, der sich bis zum Heermeister hochdiente und
448 das Konsulat bekleidete, berichten die Quellen beiläufig, daß zu seinen Ver-
trauten der Heide Apollonius zählte, dessen hohe Bildung Theodoret in einem
Brief rühmt. 40 Ausführlichere Informationen bieten die Quellen zur Verbindung
des Isauriers Illus zu dem neuplatonischen Philosophen Pamprepius. Illus war
wie sein Freund und Landsmann, der jüngere Zeno, unter Kaiser Leo im Heeres-
dienst aufgestiegen. Als Zeno sogar die Kaiserwürde erlangte, profitierte auch
Illus davon. Obwohl sich das Verhältnis zum Kaiser überaus konfliktreich ge-
staltete, erhielt Illus vorübergehend höchste Staatsämter und Würden. 41 Bemer-
kenswert ist nun in unserem Kontext, daß Illus, obwohl orthodoxer Christ, in
engem Kontakt zu dem neuplatonischen Philosophen Pamprepius stand. Der aus
Ägypten stammende Pamprepius hatte in Athen studiert (u.a. bei Proclus) und
gelehrt, war dann aber in Konflikt mit lokalen Autoritäten geraten und nach
Konstantinopel gegangen. Hier wurde er von Illus protegiert, der ihn öffentlich
auftreten ließ, ihm ein Stipendium aus teils privaten, teils staatlichen Mitteln ge-
währte und später sogar seine Erhebung zum quaestor sacri palatii (479) veran-
laßte. 42 Bis zu seinem gewaltsamen Tod während der von Illus initiierten Usur-
pation des Leontius zählte Pamprepius zu den engen Vertrauten des Isauriers. 43
Die Außenwirkung dieser persönlichen Kontakte zu Repräsentanten der
spätantiken Geisteswelt dürfte beträchtlich gewesen sein. Wer im Haus eines
berühmten Rhetors ein- und ausging, einen Dichter oder Philosophen an seiner
Seite förderte, mit hochgebildeten Senatoren in Verbindung stand und sich wie
selbstverständlich in dieser Welt bewegte, der genoß in der öffentlichen Meinung
sicherlich den Ruf, über eine akzeptable Bildung zu verfügen. In diesem Kontext
ist es durchaus bemerkenswert, daß gerade Richomer in den antiken Quellen
nicht als ‚Barbar‘ bezeichnet wird. 44 Und auch die moderne Forschung gesteht
dem fränkischen Heermeister aufgrund seiner Kontakte einen höheren Bildungs-
grad als anderen germanischen Militärs zu. So bemerkt Karl Friedrich Stroheker
in seinem grundlegenden Aufsatz über die Heermeister fränkischer Abstammung:
„Wenigstens bei Richomer wird man annehmen dürfen, daß seine Begegnung mit
Libanius nicht nur äußerlich war, sondern er auch für sich selbst einen gewissen
Zugang zu den Werten der Bildung fand, die gerade von der Elite des spätantiken
Heidentums mit Hingabe gepflegt wurden [...].“ 45
Nicht nur die Senatoren, auch die Lehrstuhlinhaber für Rhetorik oder Philo-
sophie in den großen Städten des Reiches bzw. ihre frei lehrenden Kollegen ver-
fügten über einen hohen Bekanntheitsgrad und weitreichende Verbindungen. In
der Regel standen sie in engem Kontakt zur Oberschicht, und sie waren in der
Öffentlichkeit präsent. Ihre Lehrtätigkeit erstreckte sich zwar vorrangig auf An-
304 Andreas Goltz

gehörige der Aristokratie, wurde aber auch von breiteren Bevölkerungskreisen


wahrgenommen, zumal wenn sie an öffentlichen Orten stattfand. 46 Darüber
hinaus hielten Rhetoren und Philosophen nicht selten zu bedeutenden Anlässen,
etwa der Ankunft des Kaisers in der Stadt oder dem Konsulatsantritt einer pro-
minenten Person, kunstvolle Reden vor einem großen Publikum oder übernah-
men wichtige Aufträge für ihre Heimatstädte. 47 Ihren Bekanntheitsgrad steigerte
zudem, daß sie bisweilen spezielle Kleidung trugen, also auch äußerlich als Ge-
lehrte zu erkennen waren, und daß sie – wie etwa Pamprepius – aus ihren Nei-
gungen zur neuplatonischen Philosophie keinen Hehl machten. Dement-
sprechend besaßen sie in ihrer christlich geprägten Umwelt einen gewissen
Außenseiterstatus und erregten Aufmerksamkeit. 48 Die enge Verbindung zu ei-
nem barbarischen Militär dürfte daher sowohl von Standesgenossen als auch von
breiteren Bevölkerungskreisen aufmerksam registriert worden sein. Wesentlich
stärker als etwa der Kontakt zu einem gebildeten Bischof, der vielerlei Gründe
haben konnte – Frömmigkeit des Barbaren, christliche Nächstenliebe des
Bischofs, Bekehrungshoffnungen etc. –, legte der persönliche Umgang mit einem
Rhetor oder Philosophen die Vermutung nahe, daß der Barbar über eine an-
sprechende Bildung verfügte und als Mitglied der griechisch-römischen Geistes-
welt akzeptiert wurde.
Auch der Briefkontakt war in dieser Hinsicht nicht ohne Bedeutung. Die
spätantike Epistolographie war geprägt von dem Bestreben, wortgewandte und
stilistisch formvollendete Briefe zu verfassen, die das eigene hohe Bildungsniveau
unter Beweis stellten. 49 Auf den Inhalt kam es dabei weniger an. Zu den Adres-
saten eines so berühmten Stilisten wie Q. Aurelius Symmachus zu zählen, dessen
Schreiben eine derartige Wertschätzung genossen, daß sie nicht nur gesammelt
und imitiert, sondern auch gestohlen oder gefälscht wurden, bedeutete eine Ehre
und signalisierte, daß man zur geistig führenden Schicht gehörte. Entsprechenden
Eindruck dürfte es daher gemacht haben, wenn ein Germane dieses Kommuni-
kationsmittels für würdig befunden wurde. Darüber hinaus waren die Schreiben
von vornherein für eine breitere Öffentlichkeit bestimmt, da ihre spätere Publi-
kation in Briefsammlungen meist schon bei der Abfassung vorgesehen war. Ein-
zelstücke konnten sogar schon vorher kursieren und wurden zum Beispiel auf
dem Forum herumgezeigt. 50
Schwierig zu beurteilen ist hingegen, inwieweit diese Kontakte Aussagen zum
Bildungsgrad der barbarischen Militärs zulassen. Insbesondere die Werke der
spätantiken Epistolographen erweisen sich hier als überaus problematische
Quellen. Die Briefe eines Symmachus oder Libanius sind zwar bemerkenswerte
Zeugnisse für den literarischen Ehrgeiz und das rhetorische Können ihrer Ab-
sender, aber aufgrund ihres Formalismus und weitgehend banalen Inhalts erlau-
ben sie keine Rückschlüsse auf die Bildung des Adressaten. Im wesentlichen
bestehen sie aus elegant formulierten Sympathie- und Freundschaftsbekun-
dungen, Danksagungen, Klagen über ausbleibende Briefe, Empfehlungen von
Freunden und Bitten um die Erfüllung bestimmter Wünsche. 51 Intellektuelle
Probleme und Sachverhalte werden nicht verhandelt, zumindest nicht in den
Gelehrte Barbaren? 305

Schreiben an die Barbaren. Die Frage, inwieweit die kunstvollen Wendungen von
den Empfängern verstanden und gewürdigt wurden, läßt sich ebensowenig be-
antworten wie die nach der Form der Briefe, die von den Germanen geschrieben
wurden, denn diese sind bedauerlicherweise nicht überliefert. Darüber hinaus ist
keineswegs auszuschließen, daß ihre Schreiben von gebildeten Personen aus ihrer
Umgebung verfaßt wurden. 52 Letzteres hätte den Vorteil geboten, daß die Brief-
kultur und der damit verbundene Prestigegewinn auch einem germanischen
Militär offenstand, der kaum literarische und rhetorische Kenntnisse besaß.
Im Fall persönlicher Begegnungen mit Gelehrten liegt die Vermutung nahe,
daß die Barbaren zumindest über ein gewisses Bildungsniveau verfügten, um ein
Scheitern der Kommunikation zu verhindern, und daß sie von den gemeinsamen
Gesprächen intellektuell profitierten, vor allem in bezug auf die sprachlichen
Umgangsformen der römischen Oberschicht. Konkrete Aussagen lassen sich
aber aufgrund der dürftigen Quellenlage auch hier nicht treffen. Im Fall Richo-
mers erlaubt der persönliche Kontakt zu Symmachus, Flavianus und Libanius
immerhin den Schluß, daß Richomer sowohl Latein als auch Griechisch sprach –
eine bemerkenswerte und in dieser Zeit selbst für gebildete Schichten keineswegs
selbstverständliche Fähigkeit. 53 Aber über Form und Inhalt der Gespräche erfah-
ren wir auch bei ihm nichts. Letztlich muß es bei der oben formulierten Vermu-
tung bleiben, wobei mit starken individuellen Unterschieden zu rechnen ist.
Voraussetzung für den Kontakt zu Philosophen, Rhetoren und gebildeten
Senatoren war natürlich deren Bereitschaft, mit den Germanen in Verbindung zu
treten. Daß dies keineswegs selbstverständlich war, belegen neben den oben
zitierten Vorbehalten zahlreiche weitere barbarenfeindliche Äußerungen spätan-
tiker Gelehrter. 54 Eine entscheidende Rolle spielte in diesem Kontext zweifellos
das neuplatonisch geprägte Heidentum der Spätantike. Die traditionell enge Ver-
bindung von Bildung und Heidentum blieb auch im christlichen Imperium Roma-
num bestehen. 55 Das als vorbildhaft betrachtete antike Bildungsgut war heidnisch
geprägt und gerade die traditionsbewußten Anhänger der alten Kulte in der römi-
schen Oberschicht bemühten sich intensiv um die Pflege des kulturellen Erbes
der Vergangenheit. Zahlreiche bedeutende Gelehrte der Spätantike hielten am
alten Glauben fest, wobei ihr Heidentum kein primitiver Götterglaube war, son-
dern der intellektuell anspruchsvolle Neuplatonismus, der antike Philosophie und
Religion zu vereinen suchte. 56 Wie eng Bildung und Heidentum miteinander
verwoben waren, verdeutlicht nicht zuletzt, daß Christen aufgrund ihrer hohen
Bildung leicht in den Verdacht geraten konnten, dem alten Glauben anzuhän-
gen. 57
Die nicht wenigen Anhänger des Heidentums in den gebildeten Kreisen sa-
hen sich nun in der Spätantike mit einer zunehmend heidenfeindlichen Politik
der christlichen Kaiser und mit Angriffen seitens der Kirche und der christlichen
Bevölkerung konfrontiert. 58 Diese schwierige Situation förderte zweifellos die
Bereitschaft, sich mit mächtigen Germanen einzulassen und zu versuchen, auf sie
und über sie Einfluß auszuüben. 59 Beispiele hierfür sind etwa der Streit um den
Victoria-Altar, bei dem man die Unterstützung der Heermeister Bauto, Rumorid
306 Andreas Goltz

und Arbogast suchte, oder die Anliegen an Richomer bzw. andere germanische
Militärs in den Briefen des Symmachus und Libanius. 60
Andererseits war es auch für die Barbaren unter dem Bildungsaspekt beson-
ders attraktiv, mit heidnischen Gelehrten in Kontakt zu treten, da sich nach
spätantikem Verständnis mit ihnen am nachdrücklichsten die Vorstellung von
Wissen und Bildung verband. Daß die führenden Germanen im 4. Jahrhundert
häufig selber Heiden waren – wie etwa Richomer oder Arbogast –, erleichterte
den Zugang sicherlich, aber auch christliche Barbaren begegnen im Umkreis
altgläubiger Gelehrter. 61 Darüber hinaus läßt sich Ende des 4. Jahrhunderts, also
zur Zeit von Richomer, Bauto und Arbogast, generell eine höhere Akzeptanz der
unverzichtbaren germanischen Militärs in der römischen Führungsschicht beob-
achten, die unter anderem in Eheverbindungen mit dem Kaiserhaus ihren Aus-
druck fand. 62 Anzumerken ist allerdings, daß diese Tendenz Anfang des 5. Jahr-
hunderts wieder umschlug und antigermanische Ressentiments die Oberhand
gewannen, die zahlreiche Opfer forderten. 63 Schließlich empfahl es sich für einen
Gelehrten nicht, gegenüber den mächtigen Heermeistern im Reichsdienst oder
gegenüber den Herrschern der germanischen Nachfolgereiche des Imperium Ro-
manum allzu ablehnend aufzutreten, wenn es zu persönlichen Kontakten kam.
Selbst Sidonius Apollinaris verhielt sich bei der Begegnung mit dem Westgoten-
könig Theoderich II. wesentlich aufgeschlossener, als die barbarenfeindlichen
Äußerungen in seinen Briefen erwarten lassen. 64

Eine andere Möglichkeit für die hohen germanischen Militärs, sich in die grie-
chisch-römische Bildungswelt zu integrieren und ihre Akzeptanz in der römi-
schen Oberschicht zu erhöhen, bestand darin, ihren Kindern eine möglichst
umfassende Bildung zukommen zu lassen. Da die römische Umwelt, sensibilisiert
durch die negativen Barbarenbilder, in der Regel aufmerksam registrierte, wel-
chen Bildungsgrad Nachkommen germanischer Eltern besaßen, und diese selbst
daran interessiert waren, ihr Wissen und ihre Kenntnisse herauszustellen, sind wir
über die Anstrengungen und Erfolge dieses Bildungsstrebens verhältnismäßig gut
unterrichtet.
Von dem Heermeister und Usurpator Silvanus etwa, dem Sohn des Franken
Bonitus, der unter Constantin dem Großen gegen Licinius gekämpft hatte, heißt
es explizit, daß er, „obgleich der Sohn eines barbarischen Vaters, doch hinrei-
chend römische Bildung“ besaß. 65 Offensichtlich hatte Bonitus bei der
Erziehung seines Sohnes großen Wert darauf gelegt, daß dieser eine akzeptable
römische Bildung erhielt. Und offensichtlich verfügte er aufgrund seiner
Verdienste für Constantin auch über die nötigen finanziellen Mittel. Daß Silvanus
als ‚romanisiert‘ galt und seine Bildung keinen Grund für eine Ablehnung in der
römischen Oberschicht darstellte, verdeutlichen seine Kontakte zu führenden
Senatoren und der Umstand, daß der sicherlich zu Unrecht gegen ihn erhobene
Vorwurf, er strebe nach der Kaiserwürde, ernst genommen wurde, was bei einem
als barbarisch und ungebildet angesehenen Heermeister wohl kaum der Fall
gewesen sein dürfte. 66
Gelehrte Barbaren? 307

Auch der zweite germanische Militär und Usurpator des 4. Jahrhunderts, Fla-
vius Magnus Magnentius, hatte eine römische Erziehung erhalten. Magnentius
war der Sohn eines britannischen Vaters und einer fränkischen Mutter, die zum
Stand der laeti (im Reich angesiedelte Barbaren mit der Verpflichtung zum Wehr-
dienst) gehörten. Von ihm berichten die Quellen, er sei „eifrig im Lesen, lebhaft
im Sprechen“ gewesen und habe eine – aus oströmischer Perspektive betrachtet
– „lateinische Bildung genossen“. 67 Magnentius erfreute sich einer weitgehenden
und offensichtlich vorbehaltlosen Integration in die römische Oberschicht: Er
war mit der Römerin Justina verheiratet, die nach seinem Tod noch die Ehe mit
Kaiser Valentinian I. einging. Seine Erhebung fand im Westen Unterstützung
und wurde auch von zahlreichen Senatoren mitgetragen. 68 Seine Herkunft spielte
bei der Usurpation keinerlei Rolle – er nahm als ‚Römer‘ den Kaiserpurpur – und
wurde wohl erst ex eventu in den Quellen problematisiert. 69
Die beiden Beispiele verdeutlichen zum einen, wie sich die im Heer aufgestie-
genen Germanen darum bemühten, ihren Kindern eine römische Erziehung zu
verschaffen, zum anderen, daß es bereits der zweiten Generation gelingen
konnte, eine nach römischen Maßstäben ausreichende Bildung zu erwerben.
Allerdings deuten die Bemerkungen zu Silvanus und Magnentius auch auf ge-
wisse Einschränkungen hin: Sie erhielten eine zwar hinreichende, aber keine
überdurchschnittliche römische Bildung. Dies dürfte in erster Linie der Tatsache
geschuldet sein, daß die Söhne barbarischer Militärs in der Regel selbst in den
Heeresdienst traten 70 – sei es, daß sie hierzu erblich verpflichtet waren, sei es, daß
sie sich hier die besten Aufstiegschancen ausrechneten – und daher die militäri-
sche Ausbildung einen breiten Raum in ihrer Erziehung einnahm; dies ging na-
türlich auf Kosten der Unterweisung in Literatur und Rhetorik. Darüber hinaus
begann der Militärdienst bereits in relativ jungen Jahren, 71 und auf die dort herr-
schenden, für den Wissenserwerb nicht eben förderlichen Zustände ist bereits
hingewiesen worden. In gewisser Weise läßt sich dieses Phänomen, unter verän-
derten soziopolitischen Bedingungen, auch bei den militärisch wie politisch akti-
ven Söhnen von Germanenkönigen des 5. Jahrhunderts beobachten. Der West-
gotenkönig Theoderich II. etwa wuchs bereits als Königssohn in einem mehr
oder minder unabhängigen, auf Reichsterritorium befindlichen Germanenreich
auf, erhielt aber dennoch auf Drängen seines Vaters eine römische Ausbildung.
Der gallische Senator und spätere Kaiser Avitus unterrichtete ihn in römischem
Recht und römischer Literatur. Wie intensiv dies geschah, bleibt allerdings offen.
Im späteren Leben des Königs spielte die Literatur jedenfalls keine bedeutende
Rolle. Sidonius Apollinaris gesteht Theoderich zwar einen – zumindest für einen
Barbaren – kultivierten Lebensstil zu, erwähnt aber in seiner freundlich gehalte-
nen Beschreibung von dessen Tagesablauf mit keinem Wort literarische Interes-
sen oder Tätigkeiten des Herrschers – Jagd und Würfelspiel hingegen schon. 72
Ein anderes prägnantes Beispiel ist der Ostgotenkönig Theoderich der Große.
Als Geisel verbrachte er zehn Jahre seiner Jugend in Byzanz und erhielt hier
unter den günstigen Bedingungen des Kaiserhofes eine Ausbildung. Die Quellen
verweisen mehrfach auf seine Erziehung in Konstantinopel und rühmen seine
308 Andreas Goltz

geradezu sprichwörtliche Weisheit. 73 Gleichwohl fehlte ihm eine höhere literari-


sche, rhetorische und grammatische Bildung. 74 Der Schwerpunkt von Theode-
richs Erziehung und Interessen lag zweifellos auf den Gebieten Verwaltung und
Heer, und hier zeichnete er sich auch aus.
Ebenfalls großen Wert legten die barbarischen Heermeister und Germanen-
könige auf die Ausbildung ihrer Töchter, und im Unterschied zu den männlichen
Geschwistern scheint diese stärker literarisch und rhetorisch geprägt gewesen zu
sein. Zumindest berichten die Quellen vorrangig über diese Aspekte, und ange-
sichts der Tatsache, daß die Töchter keine militärische Ausbildung benötigten,
liegt diese Ausrichtung nahe. Allerdings ist zu beachten, daß wir nur Nachrichten
über Frauen besitzen, die zum Kaiserhaus oder einer germanischen Königs-
familie gehörten, also an der Spitze der Gesellschaft standen und über hervor-
ragende Möglichkeiten verfügten.
Claudius Claudianus beispielsweise bemerkt im Hochzeitsgedicht auf Kaiser
Honorius und seine Braut Maria voller Stolz, daß die Tochter des vandalischen
magister militum Stilicho und der Nichte des Kaisers Theodosius, Serena, sowohl
lateinische als auch griechische Autoren las. 75 Offenbar legte man am Hof
großen Wert darauf, die Zweisprachigkeit und klassisch griechisch-römische
Bildung der Braut zu betonen.
Auch bei Aelia Eudoxia, der Tochter des fränkischen Heermeister Bauto, darf
angenommen werden, daß sie über eine höhere Bildung verfügte. 76 Immerhin
wuchs sie nach dem Tod ihres Vaters in Konstantinopel in der Obhut der ein-
flußreichen, mit dem Kaiserhaus in Verbindung stehenden Familie des Heermei-
sters Promotus auf. 77 Der Kirchenhistoriker Sozomenos überliefert zudem, daß
der spätere Bischof von Nicomedia, Pansophius, ihr paidagwgÒj gewesen ist. 78
Weitere Informationen bieten die Quellen leider nicht. Bemerkenswert ist nun
aber, daß gerade ihre Tochter, Pulcheria, zu den gebildetesten Kaiserinnen der
Spätantike gehörte. 79 Nach dem frühen Tod ihrer Eltern kümmerte sie sich um
die Erziehung ihres jüngeren Bruders, des Kinderkaisers Theodosius II. Sie
wählte die besten Lehrer für ihn aus, unterrichtete ihn selbst im Hofzeremoniell
und sorgte anscheinend für seine religiöse Bildung sowie die ihrer beiden Schwe-
stern. Ihre perfekten Kenntnisse des Lateinischen und Griechischen in Wort und
Schrift werden gerühmt. Angeblich soll sie ihrem Bruder sogar seine hübsche
und vor allem hochgebildete Braut ausgesucht haben – Athenais, die bei ihrer
Taufe den Namen Aelia Eudocia erhielt. 80 Auch wenn Pulcherias Beteiligung an
der Brautsuche umstritten ist, 81 so läßt doch die ungewöhnliche Tatsache auf-
merken, daß Theodosius II. als einziger Kaiser der Spätantike die gelehrte Toch-
ter eines neuplatonischen Philosophen zur Frau nahm. Die Vermutung liegt
nahe, daß sich hinter der umfassenden Erziehung der Geschwister und der
ostentativen Betonung ihrer Bildung (auch) die Absicht verbarg, möglichen Vor-
würfen bezüglich ihrer ‚halbbarbarischen‘ Herkunft vorzubeugen bzw. entgegen-
zuwirken. 82
Erwähnung verdienen schließlich Amalaswintha und Amalaberga, Tochter
und Nichte des Ostgotenkönigs Theoderich des Großen. In einem Schreiben an
Gelehrte Barbaren? 309

den römischen Senat preist der praefectus praetorio Cassiodor, der unter den Ost-
goten zahlreiche hohe Staatsämter bekleidete, die hervorragenden griechischen,
lateinischen und gotischen Sprachkenntnisse Amalaswinthas und rühmt ihre
literarische Bildung, die ihr „die Weisheit der Alten“ vermittelt und „die könig-
liche Würde stetig vermehrt“. 83 Und als Amalaberga mit dem Thüringerkönig
Herminafrid vermählt wird, verkündet derselbe Cassiodor im Namen Theode-
richs voller Stolz, daß sich das Thüringerreich glücklich schätzen könne, da die
Braut schön, von untadeligem Charakter und hochgebildet sei. 84

Eine überdurchschnittliche Bildung besaß schließlich auch Amalabergas Bruder


Theodahad. Zumindest bei ihm und dem Vandalenkönig Thrasamund scheint die
Bezeichnung ‚gelehrte Barbaren‘ berechtigt. Theodahad, der Sohn von Theode-
richs Schwester Amalafrida, hatte sich durch seine intensive Beschäftigung mit
der Lehre Platos den Ruf eines Philosophen erworben, der so ausgeprägt war, das
er sogar in den Verhandlungen mit Byzanz als Argument diente. 85 Allerdings
dürften für Theodahads Gelehrsamkeit neben individuellen Neigungen vor allem
strukturelle Ursachen verantwortlich sein, denn seine Lebensumstände weisen
einige spezifische Charakteristika auf. Theodahad gehörte zur zweiten Genera-
tion der ostgotischen Oberschicht in Italien und wuchs in einem relativ friedli-
chen, konsolidierten Reich auf. Er verfügte über die nötigen finanziellen Mittel
für den Erwerb und die Pflege einer umfassenden Bildung, denn er besaß ausge-
dehnte Güter in Etrurien, die er zudem beständig erweiterte, und er konnte mit
einer römischen Oberschicht in Verbindung treten, in der die antike Bildung
immer noch fest verwurzelt war. Diese Voraussetzungen teilte er jedoch auch mit
anderen Angehörigen germanischer Königsfamilien. Entscheidend war, daß
Theoderich seinen Neffen nicht an der politischen Macht teilhaben ließ. Die
Gründe hierfür liegen im dunkeln. Theodahad lebte nicht am Hof von Ravenna,
sondern als reicher Privatmann in Etrurien, und da er weder für politische noch
für militärische Aufgaben herangezogen wurde, fand er sicherlich genügend
Muße für literarische und philosophische Studien. Letztlich war eine heraus-
ragende Bildung – neben Reichtum und Herkunft – für ihn die einzige Möglich-
keit, sich auszuzeichnen und Prestige und Anerkennung zu gewinnen. Daß sich
hierfür die neuplatonische Philosophie besonders eignete, ist bereits ausgeführt
worden. In gewisser Weise erinnert das Schicksal Theodahads an die spätrömi-
sche Senatsaristokratie, die ihren politischen Machtverlust durch die bewußte
Pflege der antiken Bildungs- und Kulturgüter zu kompensieren suchte. Daß
Theodahad schließlich doch zum König erhoben wurde, verdankte er nur seiner
amalischen Abstammung und der schwierigen Lage Amalaswinthas, die nach
dem Tod ihres Sohnes und Thronerben Athalarich ihre Herrschaft neu legitimie-
ren mußte.
Auch im Fall des gelehrten Vandalenkönigs Thrasamund, dessen Bildung und
wissenschaftliche Kenntnisse in den Quellen wiederholt gerühmt werden und der
selbst theologische Schriften verfaßte, lassen sich ähnliche Hintergründe vermu-
ten. 86 Die allgemeinen Voraussetzungen waren denen Theodahads vergleichbar,
310 Andreas Goltz

und in bezug auf die politische Machtausübung ergab sich ebenfalls eine proble-
matische Konstellation: Als König Geiserich 477 starb, verfügte er, daß die Kö-
nigswürde immer an den jeweils ältesten seiner unmittelbaren männlichen Nach-
kommen fallen solle. 87 Angesichts dieser Nachfolgeregelung und der zahlreichen
Kinder und Kindeskinder Geiserichs stellte sich für einen Enkel wie Thrasa-
mund, der allein drei ältere Brüder hatte, von seinen Onkeln und Cousins ganz zu
schweigen, die berechtigte Frage, ob er jemals an die Macht kommen würde. 88
Eine stärkere Konzentration auf die Ausbildung in den antiken Wissenschaften
lag aber noch aus einem anderen Grund nahe. Als Hunerich seinem Vater Geise-
rich auf den Thron folgte, versuchte er das Senioritätsprinzip zugunsten der di-
rekten Nachfolge seines Sohnes Hilderich zu beseitigen. Dabei schreckte er vor
keinem Gewaltmittel zurück und ließ potentielle Konkurrenten sowie politische
Gegner verbannen oder töten. 89 Angesichts dessen empfahl es sich, keinerlei
Ambitionen auf den Thron erkennen zu lassen und sich statt mit Politik und
Militär lieber mit Wissenschaft und Kultur zu beschäftigen. Ein Vergleich mit
Julians frühen Jahren liegt nicht fern.

‚Gelehrte Barbaren‘, die wie Theodahad und Thrasamund aus der politischen und
militärischen Führungsschicht stammten, blieben die Ausnahme. 90 Hochgestellte
Germanen im Reichsdienst wie Richomer bzw. die Angehörigen germanischer
Herrscherfamilien wie der Westgotenkönig Theoderich II. waren zwar bestrebt,
sich in die griechisch-römische Bildungswelt zu integrieren. Ihr Ziel bildete je-
doch nicht wirkliche Gelehrsamkeit, die sie zum einen weder für ihre militärische
und politische Funktion noch für ihre Ausübung von Herrschaft benötigten, und
die sie zum anderen wohl nur unter Aufgabe ihrer Machtstellung hätten erringen
können. 91 Vielmehr wollten sie in ihrer herausragenden Position als Heermeister
oder König von der römischen Oberschicht anerkannt werden. Ihnen ging es
also vorrangig um die soziale und politische Relevanz des Bildungsideals. Nach-
dem im Verlauf des 4. Jahrhunderts die germanischen Militärs zu einem unver-
zichtbaren Bestandteil der römischen Führungsschicht geworden waren, wurden
sie zu Adressaten der traditionell orientierten römischen Aristokratie, die, um
Einflußmöglichkeiten zu gewinnen, ihr mit Rhetorik und Panegyrik verbundenes
Bildungsideal auf die Barbaren übertrug und ihnen damit zu der gewünschten
Legitimation verhalf. Die ungebrochene Gültigkeit des antiken Bildungsideals
war so offenkundig, daß die germanischen Militärs der ersten Generation ein
großes Interesses daran haben mußten, ihrem eigenen Nachwuchs durch die Ver-
mittlung der herkömmlichen Bildungsinhalte eine bessere Ausgangssituation zu
verschaffen, als ihnen selbst gegeben war.

Anmerkungen

1 Zu den Barbarenvorstellungen in der Antike vgl. u.a. JÜTHNER 1923; CHRIST 1959; VOGT
1967; DAUGE 1981; NIPPEL 1990, DIHLE 1994; CHAUVOT 1998; SPEYER/OPELT 2001.
2 Vgl. VOGT 1967, 7; SPEYER/OPELT 2001, 818f.
3 Vgl. NIPPEL 1990, 36; DIHLE 1994, 33, 46ff.; SPEYER/OPELT 2001, 819f., 824, 834.
Gelehrte Barbaren? 311

4 DIHLE 1994, 49-51; SPEYER/OPELT 2001, 820, 822, 837-840.


5 Zu den Barbarenvorstellungen der Griechen allgemein vgl. u.a. JÜTHNER 1923; DIHLE
1994; SPEYER/OPELT 2001.
6 Vgl. CHRIST 1959, 277-280; VOGT 1967, 8; DIHLE 1994, 83f.; SPEYER/OPELT 2001, 829-
833, 837.
7 Vgl. VOGT 1967, 8 u. 12; DIHLE 1994, 83f.
8 Zur Vorstellung des ‚Edlen Wilden‘ vgl. u.a. VOGT 1967, 8 u. 58-60; DEMANDT 1989, 318;
DIHLE 1994, 89f.; SPEYER/OPELT 2001, 821, 825f., 831, 884.
9 VOGT 1967, 7f., 20-24; DEMANDT 1989, 318; SPEYER/OPELT 2001, 821, 826, 854f.
10 Vgl. VOGT 1967, 21; STROHEKER 1970, 235f.; SPEYER/OPELT 2001, 874f.
11 Vgl. generell zur Problematik der ‚Barbarenphilosophie‘ VOGT 1967, 7; DIHLE 1994, 106-
110, 122-124; SPEYER/OPELT 2001, 821f., 826-829, 845f., 851-854.
12 VOGT 1967, 16; WAAS 1971; DEMANDT 1980.
13 Zum Aufstieg der Germanen in der Spätantike vgl. u.a. VOGT 1967, 17; WAAS 1971;
DEMANDT 1980.
14 Für den Dienst in der Reichs- und Hofverwaltung benötigte man umfangreiche Rhetorik-
und Rechtskenntnisse, ohne die eine Amtsausübung nicht möglich war. Aus diesem Grund
begegnen auch kaum Germanen in der Zivilverwaltung. Vgl. SEECK 1921/1966, II 82; WAAS
1971, 28; DEMANDT 1989, 317.
15 Zu dieser Problematik vgl. VOGT 1967, 17; DEMANDT 1980, bes. 622f.
16 Von dem Germanen Gomoarius etwa, der als tribunus scholae scutariorum diente und zum
magister equitum (360-361) aufstieg, aber wahrscheinlich nach dem Tode des Constantius von
Julian entlassen wurde, erfährt man nichts weiter: Keine Nachricht über seine Familie, nichts
über Aktivitäten außerhalb des Amtes oder während seines sicherlich unfreiwilligen Ruhe-
standes. Für den Militärdienst reaktivierte ihn 365 der Usurpator Procopius. Vgl. PLRE I, 397
s.v. Gomoarius; WAAS 1971, 84f. Auch von dem magister equitum (361-363/4) und Konsul des
Jahres 362 Nevitta hört man nach dem Perserfeldzug, den er überlebte, nichts mehr. Vgl.
PLRE I, 626f. s.v. Flavius Nevitta und WAAS 1971, 99-101. Ein weiteres Beispiel ist der Franke
Malarichus; vgl. WAAS 1971, 90f.
17 Zu Bildung und Bildungswesen in der Spätantike allgemein vgl. JONES 1964/1973, 986-
1012; JOHANN 1976; DEMANDT 1989, 352-373; MARROU 1995; SCHLANGE-SCHÖNINGEN 1995;
FUHRMANN 1996, 81-107.
18 Vgl. u.a. DIHLE 1994, 102f.; NÄF 1995, 8f., 38f., 61f., 285f.; KAHLOS 1998, 151ff.
STROHEKER 1970, 235: „Wahrer Adel ließ sich nach spätrömischer Auffassung nicht vom
Gedanken der Bildung trennen [...]“.
19 Sid.Apoll., ep. 8,2,2: nam iam remotis gradibus dignitatum, per quas solebat ultimo a quoque summus
quisque discerni, solum erit posthac nobilitatis indicium litteras nosse. Vgl. NÄF 1995, 285f. Zu Sidonius
generell vgl. STROHEKER 1948, 217f.
20 CHRISTES, J., s.v. Bildung, DNP 2, 1997, 663-673, hier 668f.; DIHLE 1994, 101f.; NÄF
1995, 8f.; KAHLOS 1998, 158ff. Zu den sozialen Auswirkungen einer auf hoher Bildung beru-
henden Sprache vgl. vor allem BROWN 1995.
21 Vgl. NÄF 1995, 8f., 285f.
22 DIHLE 1994, 102; NÄF 1995, 81.
23 Zu den Vorbehalten vgl. u.a. Lib., or. 2,38 u. ep. 1464F; DEMANDT 1980, 623-625.
24 Amm.Marc. 21,10,8: [...] eum aperte incusans, quod barbaros omnium primus ad usque fasces auxerat
et trabeas consulares [...]. (Übers. W. Seyfarth).
25 Amm.Marc. 21,10,8: [...] insulse nimirum et leuiter, qui, cum uitare deberet id, quod infestius obiur-
gauit, breui postea Mamertino in consulatu iunxit Neuittam, nec splendore nec usu nec gloria horum similem,
quibus magistratum amplissimum detulerat Constantinus, contra inconsummatum et subagrestem et, quod
minus erat ferendum, celsa in potestate crudelem. (Übers. W. Seyfarth).
26 Sid. Apoll., ep. 1,8,2. Vgl. zum Vorwurf der Bildungsfeindlichkeit der Germanen auch
Fulg., myth. 1,17 (ed. Helm 9).
312 Andreas Goltz

27 Sid.Apoll., ep. 4,1,2.


28 Vgl. STROHEKER 1970, 237: „Einer der Wege, sie [die Kluft zwischen Römern und ger-
manischen Militärs, d.A.] zu überbrücken, war bezeichnenderweise die Anerkennung des
Bildungsideals, das der spätrömischen Gesellschaft so sehr am Herzen lag, durch diese fremd-
stämmigen Heerführer.“ Vgl. NELLEN 1977, 153 Anm. 4. Zum Verhältnis der Germanen zur
antiken Bildung generell vgl. STROHEKER 1970 u. WAAS 1971, 27-32.
29 Symmachus beklagt zwar wiederholt das Ausbleiben von Briefen Richomers, entschuldigt
es aber auch mit dessen Verpflichtungen; auch faßt er sich ihm gegenüber aus diesem Grund
kurz; Symm., ep. 3,56; 3,57; 3,60; 3,61.
30 Zu den Bildungsmöglichkeiten in den Residenz- bzw. Großstädten des römischen Reiches
vgl. u.a. DEMANDT 1989, 362-370; SCHLANGE-SCHÖNINGEN 1995. Richomer, der wohl gebil-
deste germanische Heermeister im 4. Jahrhundert, diente zunächst als comes domesticorum, also
Befehlshaber der Gardetruppen am Hof, unter Kaiser Gratian. Vgl. PLRE I, 765f. s.v. Flavius
Richomeres. Relativ gute Möglichkeiten boten sich auch den am Hof dienenden präsenta-
lischen Heermeistern (magistri militum praesentales) sowie den regionalen Heermeistern, wenn sie
sich längere Zeit in ihren Amtssitzen, wie z.B. Antiochia für den magister militum per Orientem,
aufhalten konnten.
31 Zu Richomer vgl. u.a. PLRE I, 765f. s.v. Flavius Richomeres; WAAS 1971, 101-103;
HAEHLING 1978, 261. Zu Libanius und seinem Umfeld vgl. PETIT 1955, speziell zu Richomer
180f.
32 Lib., or. 1,219 (Übers. P. Wolf). Richomer lud Libanius auch zu seinem Konsulatsantritt
nach Konstantinopel ein. Libanius reiste zwar nicht in die Hauptstadt, verfaßte aber einen
Panegyricus auf den fränkischen Heermeister; Lib., or. 1,219f.
33 Symm., ep. 3,54-69. Zu Symmachus vgl. u.a. PLRE I, 865-870 s.v. Quintus Aurelius
Symmachus Eusebius; KLEIN 1971; HAEHLING 1978, 390f.; FUHRMANN 1996, 67ff.
34 Symm., ep. 3,58 u. 3,66. Zu Flavianus vgl. PLRE I, 347f. s.v. Virius Nicomachus Flavianus
15; HAEHLING 1978, 304.
35 Zos. 4,54,1f.; Ioh.Ant., frg. 187. Vgl. PLRE I, 293 s.v. Fl. Eugenius 6; STROHEKER 1970,
237f.
36 Eugenius’ Christentum bezeugen Ambr., ep. 57 und Soz. 7,22,4. Auf seine Nähe zum
Heidentum deuten seine Kontakte zu führenden altgläubigen Senatoren; hinzu kommt, daß ihn
Philostorgius als Heide bezeichnet (11,2) und er einen Philosophenbart trug. Vgl. auch
DEMANDT 1989, 135.
37 Zos. 4,54. Vgl. STROHEKER 1955/1965, 27-29; WAAS 1971, 29f.
38 Eventuell läßt sich auch die Heirat des magister militum Ardabur iunior, des Sohnes des
mächtigen östlichen Heermeisters Aspar, mit der Wolkenprophetin Anthusa, in diese Reihe
einordnen. Anthusa war zwar Christin, entstammte aber sicher einem neuplatonischen Umfeld.
Vgl. GEFFCKEN 1929, 199 und vor allem DEMANDT 1986.
39 Vgl. die negative Darstellung und Bewertung der Isaurier bei HA, tyr.trig. 26,2-7, Prob.
16,5; Philost. 5,2; Theod, h.r. 10,5f.; Zu den Isauriern vgl. u.a. LENSKI 1999.
40 Prisc., frg. 23,3 (ed. Blockley); Theod., ep. 73. Apollonius ist evtl. um 488 Christ gewor-
den, wenn sich Theod., ep. 103 auf ihn bezieht. So PLRE II, 121 s.v. Apollonius 3.
41 Illus war magister officiorum, consul (478), patricius und magister militum per Orientem. Zu ihm vgl.
NAGL, A., s.v. Illos, RE IX 2, 1916, 2532-2541; PLRE II, 586-590 s.v. Illus 1.
42 Zu Pamprepius generell und seinem Verhältnis zu Illus speziell vgl. PLRE II, 825 s.v.
Pamprepius; ASMUS 1913 und den Beitrag von K. Feld in diesem Band.
43 Eventuell gehörte noch ein weiterer gebildeter Zeitgenosse, der isaurische Historiker Can-
didus, zum Kreis des Illus. Vgl. hierzu ROBERTO 2000, 726.
44 Seine fränkische Herkunft läßt sich nur über die Verwandtschaft zu Arbogast erschließen
(Ioh.Ant., frg. 187 = Eunap., frg. 58 [ed. Blockley]). Johannes von Antiochia bezeichnet in
unmittelbarem Kontext der Erwähnung Richomers den Arbogast als Barbaren, nicht aber
seinen Onkel. Auch Philostorgius, der besonders auf die barbarische Herkunft berühmter
Gelehrte Barbaren? 313

Persönlichkeiten achtet, bezeichnet ihn nicht als solchen, ebenso Ammianus Marcellinus und
Zosimus. Eine Rolle dürfte dabei allerdings auch gespielt haben, daß er sich niemals gegen das
Reich wandte.
45 STROHEKER 1955/1965, 27. Vgl. auch STROHEKER 1970, 237.
46 Vgl. SCHLANGE-SCHÖNINGEN 1995, 121-123.
47 Der Philosoph Synesius von Cyrene z.B. überbrachte im Auftrag seiner Heimatstadt das
aurum coronarium und sollte um Steuererleichterungen bitten. Vgl. LIEBESCHÜTZ 1990, 105f.
Libanius spielte eine entscheidende Rolle bei der verhältnismäßig milden Bestrafung der Bür-
ger Antiochias nach Unruhen, in deren Verlauf Kaiserbilder gestürzt worden waren; Lib., or
1,252-254; or. 19-23; Zos. 4,41,2f. Vgl. zu Libanius PLRE I, 505-507 s.v. Libanius I, wo auch
die von ihm gehaltenen öffentlichen Reden aufgeführt werden.
48 Zum Auftreten des Pamprepius vgl. Malchus, frg. 23 (ed. Blockley); SCHLANGE-
SCHÖNINGEN 1995, 130.
49 Zur spätantiken Epistolographie vgl. u.a. VOGT 1967, 28; NÄF 1995, 61f.; FUHRMANN

1996, 258ff.
50 NÄF 1995, 61f.; FUHRMANN 1996, 258f., 262 bringt das Beispiel, daß Symmachus einen
Verwandten beauftragte, mittels Abschriften und seines Siegels zu überprüfen, ob die auf dem
Forum gezeigten Schreiben tatsächlich aus seiner Feder stammten. Die Briefe gebildeter
Bischöfe an germanische Militärs wurden nicht berücksichtigt, da sie in der Regel nur die
Frömmigkeit und die Verdienste um die Kirche des Adressaten erwähnen und keinen Bezug zu
dessen Bildung aufweisen.
51 Vgl. die Briefe von Symmachus an Bauto (ep. 4,15 u. 16) und Richomer (ep. 3,54-69) so-
wie die des Libanius an Richomer (ep. 866, 972, 1007, 1024). Vgl. FUHRMANN 1996, 262-268.
52 Zwar ist die Situation Theoderichs des Großen und seiner Nachfolger Amalaswintha und
Theodahad als Herrscher eines Germanenreiches nur bedingt mit der eines Heermeisters des 4.
Jahrhunderts vergleichbar, bemerkenswert bleibt jedoch, daß selbst sie, die eine römische
Erziehung genossen hatten, sich ihre Briefe wie am Kaiserhof von hochgebildeten Beamten
formulieren ließen (u.a. von Urbicus und Cassiodor in ihrer Funktion als quaestor, letzterer auch
als magister officiorum und praefectus praetorio). Vgl. Cass., var.; ENSSLIN 1959, 87 u. 162f.
53 Richomer hatte seine Karriere im Westen begonnen und sprach als Franke und Militär
ganz sicher Latein. Da Libanius kein Latein verstand (or. 1,127; ep. 956), muß die Kommuni-
kation mit ihm in Griechisch stattgefunden haben. Die Hilfe eines Dolmetschers ist wenig
wahrscheinlich, da Richomer lang genug im Ostreich gedient hatte (seit 377/78), um sich
griechische Sprachkenntnisse anzueignen. Vgl. PLRE I, 765f. s.v. Flavius Richomeres; WAAS
1971, 101. Zum Rückgang der Zweisprachigkeit in der Spätantike vgl. FUCHS, H., s.v. Bildung,
RAC 2, 1954, 346-362, hier 349; NELLEN 1977, 123f.; CHRISTES, J., s.v. Bildung, DNP 2, 1997,
663-673, hier 668; KAHLOS 1998, 162.
54 Vgl. hierzu VOGT 1967, 24-26, 32, 49-53; CHAUVOT 1998, 329-341, 343-364, 429-458;
SPEYER/OPELT 2001, 859f.
55 Vgl. u.a. DEMANDT 1989, 427; DIHLE 1994, 129; FUHRMANN 1996, 83f.
56 So u.a. die Rhetoren Themistius, Himerius, Pacatus, Libanius oder die gebildeten Senato-
ren Q. Aurelius Symmachus, Virius Nicomachus Flavianus, Vettius Agorius Praetextatus. Vgl.
u.a. DEMANDT 1989, 427; DIHLE 1994, 127. Zum Neuplatonismus vgl. u.a. FUHRMANN 1996,
136ff.
57 Vgl. SCHLANGE-SCHÖNINGEN 1995, 141f., 145f.
58 Zu Lage der Heiden in der christlichen Spätantike vgl. u.a. GEFFCKEN 1929, 90ff.;
DEMANDT 1989, 414-430; CHUVIN 1991; SCHLANGE-SCHÖNINGEN 1995, 141-159.
59 Vgl. WAAS 1971, 29, 34; DEMANDT 1980, 623.
60 Zum Victoria-Altar und der Rolle der Germanen vgl. GEFFCKEN 1929, 146-152; WAAS

1971, 29f. Zu den Anliegen in den Briefen vgl. u.a. Symm., ep. 3,62; 3,66; 3,67 u. 3,69 und Lib.,
ep. 972.
314 Andreas Goltz

61 Zum Heidentum des Richomer und Arbogast vgl. HAEHLING 1978, 261, 464f.; CHUVIN

1991, 191. Libanius stand in Kontakt mit Hellebichos, einem Germanen, von dem nicht ganz
sicher ist, ob er Heide oder Christ war, und er korrespondierte mit dem Christen Victor, einem
Sarmaten (ep. 1525). Vgl. WAAS 1971, 32-34, 85f. u. 112.
62 DEMANDT 1980, 619f.
63 Beispiele hierfür sind der Gainas-Aufstand und die Ermordung Stilichos und seines
Sohnes Eucherius. Vgl. generell zu dieser Problematik VOGT 1967, 25f.; WAAS 1971, 37-41.
64 Sidonius befand sich wohl 455 im Zuge der Kaisererhebung des Avitus am Hof des West-
gotenkönigs in Toulouse. Hier verfaßte er nicht nur eine anschauliche und sympathiebe-
kundende Beschreibung des Tagesablaufes von Theoderich II., sondern pflegte auch freund-
lichen Umgang mit ihm; Sid.Apoll., ep. 1,2 (bes. 1,2,8). Vgl. auch WOLFRAM 1990, 208-211.
65 Epit. de Caes. 42,11: quamquam barbaro patre genitus, tamen institutione Romana satis cultus. Zu
seinem Vater Bonitus vgl. Amm.Marc. 15,5,33 und PLRE I, 163 s.v. Bonitus 1 u. evtl. Bonitus
2. Zu Silvanus vgl. PLRE I, 840f. s.v. Silvanus 2; WAAS 1971, 105-107.
66 Zu den Kontakten des Silvanus, seiner Bildung und Akzeptanz in der Oberschicht vgl.
WAAS 1971, 107; STROHEKER 1970, 237; NELLEN 1977, 153 Anm. 4. Zur eigentlich undenk-
baren Usurpation eines völlig ungebildeten Militärs vgl. z.B. Aurel.Vict., 41,26 über Vetranio.
67 Epit. de Caes. 42,7: legendi studio promptus, sermonis acer; Zos. 2,54,1: paide…aj te tÁj
Lat…nwn metascèn. Über die Stellung des Vaters ist nichts bekannt, doch ist anzunehmen,
daß er einen höheren Posten im Heer bekleidete. Darauf deuten der römische Name des
Magnentius, seine Bildung und die Integration in die römische Gesellschaft. Vgl. zu
Magnentius PLRE I, 532 s.v. Fl. Magnus Magnentius; WAAS 1971, 88-90; DEMANDT 1980, 619.
68 Vgl. WAAS 1971, 88; Zu Magnentius vgl. auch NELLEN 1977, 153 Anm. 4
69 So besonders in Julians Panegyricus auf Constantius; Iul., or. 1,33D-34A; 2,56B-C. Seine
barbarische Hekunft erwähnen aber auch Aurel.Vict., Caes. 41,25 und die Epit. de Caes. 42,7.
70 Vgl. DEMANDT 1980, 628f.
71 Der Militärdienst begann mit 20 bzw. 19 Jahren. Vgl. DEMANDT 1989, 263.
72 Zur Ausbildung Theoderichs II.: Sid.Apoll., carm. 7,495-498; zu seinem Tagesablauf:
Sid.Apoll, ep. 1,2. Zu Theoderich II. vgl. PLRE II, 1071-1073 s.v. Theodericus 3; WOLFRAM
1990, 208-211.
73 Vgl, u.a. Ennod., paneg. 11; Ioh.Mal. 15,9 (ed. Dindorf p. 383); Theoph A.M. 5977.
74 Vgl. Ennod., Paneg 11; Anon.Vales. 61 u. 79 sowie ENSSLIN 1940; ENSSLIN 1959, 87;
RICHÉ 1962, 96-98; STROHEKER 1970, 240; KÖNIG 1997, 149f.
75 Claud., Epithal. 232-237. Vgl. NELLEN 1977, 197.
76 So auch die Forschung: vgl. STROHEKER 1970, 238: WAAS 1971, 79: Zu Aelia Eudoxia vgl.
PLRE II, 410 s.v. Aelia Eudoxia 1; HOLUM 1982, 48-78.
77 Aelia Eudoxia lebte im Haushalt eines der beiden Söhne des Promotus. Diese waren zu-
sammen mit den Kindern von Kaiser Theodosius, Arcadius und Honorius, aufgewachsen, und
über diese Kontakte lernte Arcadius wohl auch Eudoxia kennen; Zos. 5,3,2-6. Vgl. HOLUM
1982, 52f. Zu Promotus vgl. PLRE II, 750f. s.v. Flavius Promotus.
78 Soz. 8,6,6.
79 Zu Pulcheria vgl. PLRE II, 929f. s.v. Aelia Pulcheria; HOLUM 1982, 79-147.
80 Vgl. zu Aelia Eudocia PLRE II, 408f. s.v. Aelia Eudocia 2; HOLUM 1982, 112-147.
81 Vgl. HOLUM 1982, 112-121, der eine komplexe Gegenthese entwirft.
82 Zumindest bei ihrer Mutter, Aelia Eudoxia, wurde die barbarische Herkunft durchaus
wahrgenommen; Philost. 11,6. Allerdings steht Philostorgius als Eunomianer dem orthodoxen
Kaiserhaus auch besonders kritisch gegenüber.
83 Cass., var. 11,1,6f. Vgl. auch Proc. BG 1,2,3 sowie ENSSLIN 1959, 263f.; RICHÉ 1962, 98;
WOLFRAM 1990, 330; MOORHEAD 1992, 87f. Amalaswintha wollte auch ihrem Sohn Athalarich
eine römische Bildung angedeihen lassen, allerdings scheiterte dies an der Opposition gotischer
Adliger, die größeren Wert auf dessen militärische Erziehung legten; Proc. BG 1,2,1-20.
84 Cass., var. 4,1. Vgl. ENSSLIN 1959, 147 u. 264; WOLFRAM 1990, 330; MOORHEAD 1992, 88.
Gelehrte Barbaren? 315

85 Proc. BG 1,3,1; 1,6,10 u. 15f. Vgl. zu Theodahad allgemein PLRE II, 1067 s.v. Theoda-
hadus; ENSSLIN 1959, s.n. im Register, zur Bildung 264; RICHÉ 1962, 98; WOLFRAM 1990, 337-
341; MOORHEAD 1992, 87f. und den Beitrag von St. Krautschick in diesem Band,
86 Zur Bildung Thrasamunds vgl. Proc., BV 1,8,9; Cass., var. 5,44; Fulg., adv. Thrasim. 1,2;
Florent., in laudem regis v. Tra 6ff. (Anthologia latina, ed. Riese I, v. 376); VFulg. cap. 20 (44-
45). Vgl. PLRE II, 1116f. s.v. Thrasamundus 1; SCHMIDT 1942, 111f.; RICHÉ 1962, 94f.;
DIESNER 1966, 88f., 142
87 Proc. BV 1,7,29; Iord., Get. 169; Vict.Vit. 2,12f. Vgl. SCHMIDT 1942, 99, 157-161;
COURTOIS 1955, 238-241; DIESNER 1966, 72 u. 75.
88 Vgl. das Stemma der vandalischen Königsfamilie in PLRE II, 1333.
89 Vgl. SCHMIDT 1942, 101, 160; COURTOIS 1955, 240f.; DIESNER 1966, 76-78. Auch von
einem anderen Enkel Geiserichs, den Hunerich beseitigen ließ, heißt es, er sei magnis litteris
institutus gewesen; Vict.Vit. 2,13. Vgl. hierzu bzw. generell zum geistigen Klima am vanda-
lischen Königshof SCHMIDT 1942, 190f. u. 193; DIESNER 1966, 140.
90 Gelehrte oder doch zumindest gebildete Barbaren aus anderen Schichten hat es durchaus
gegeben. Zunächst sind hier der arianische Klerus sowie orthodoxe Geistliche germanischer
Herkunft zu nennen, von denen wir aber oft nur die Namen kennen. Im Ostgotenreich ver-
fügten die gotischen Erzieher Athalarichs und die am Hof tätigen Geographen sicherlich über
eine gediegene Bildung, allerdings wissen wir auch über sie nicht näheres; Proc. BG 1,26f. u.
WOLFRAM 1990, 327. Der gebildete Lehrer Julians, der ‚Skythe‘ Mardonius, war Eunuch und
kam damit aus einem besonderen sozialen Milieu; Iul., misop. 352A-B; PLRE I, 558 s.v.
Mardonius 1.
91 Für die Herrschaftsausübung konnte eine überdurchschnittliche Bildung, die zu Lasten
militärischer Kenntnisse und Fähigkeiten ging, sogar gefährlich sein. Auf die Bedenken der
gotischen Führungsschicht in bezug auf die wenig martialische Erziehung Athalarichs ist schon
hingewiesen worden; Proc. BG 1,2,8-17. Der Ostgotenherrscher Theodahad und der Vanda-
lenkönig Hilderich verloren den Rückhalt bei ihren germanischen Untertanen nicht zuletzt
deswegen, weil sie aufgrund ihrer Bildungsinteressen keine militärische Kompetenz entwickelt
hatten; Proc. BG 1,11,1-10; Proc. BV 1,9,1 u. 8.

Literatur

ASMUS 1913, R.: Pamprepios, ein byzantinischer Gelehrter und Staatsmann des 5. Jahrhun-
derts, BZ 22, 1913, 320-347.
BROWN 1995, P.: Macht und Rhetorik in der Spätantike, 1995.
CHAUVOT 1998, A.: Opinions romaines face aux barbares. Au IVe siècle ap. J.-C., Paris 1998.
CHRIST 1959, K.: Römer und Barbaren in der hohen Kaiserzeit, Saeculum 10, 1959, 273-288.
CHUVIN 1991, P.: Chronique des derniers païens. La disparition du paganisme dans l’Empire
romain, du règne de Constantin à celui de Justinien, 2. Aufl. Paris 1991.
COURTOIS 1955, C.: Les Vandales et l’Afrique, Paris 1955.
DAUGE 1981, Y.-A.: Le Barbare. Recherches sur la conception romaine de la barbarie et de la
civilisation, Collection Latomus 176, Bruxelles 1981.
DEMANDT 1980, A.: Der spätrömische Militäradel, Chiron 10, 1980, 609-636.
DEMANDT 1986, A.: Der Kelch von Ardabur und Anthusa, DOP 40, 1986, 113-117.
DEMANDT 1989, A.: Die Spätantike. Römische Geschichte von Diocletian bis Justinian 284-
565 n. Chr., HdAW III 6, München 1989.
DIESNER 1966, H.-J.: Das Vandalenreich. Aufstieg und Untergang, Stuttgart u.a. 1966.
DIHLE 1994, A.: Die Griechen und die Fremden, München 1994.
ENSSLIN 1940, W.: Rex Theodericus inlitteratus?, HJ 60, 1940, 391-396.
ENSSLIN 1959, W.: Theoderich der Große, 2. Aufl. München 1959.
FUHRMANN 1996, M.: Rom in der Spätantike. Porträt einer Epoche, Reinbek bei Hamburg
1996 (Tb. der Ausg. 1994).
316 Andreas Goltz

GEFFCKEN 1929, J.: Der Ausgang des griechisch-römischen Heidentums, Heidelberg 1929.
HAEHLING 1978, R. v.: Die Religionszugehörigkeit der hohen Amtsträger des Römischen
Reiches seit Constantins I. Alleinherrschaft bis zum Ende der Theodosianischen Dynastie
(324-450 bzw. 455 n.Chr.), Antiquitas 23, Bonn 1978.
HOLUM 1982, K. G.: Theodosian Empresses. Women and Imperial Dominion in Late Anti-
quity, Berkeley/Los Angeles/London 1982.
JOHANN 1976, H.-Th. (Hg.): Erziehung und Bildung in der heidnischen und christlichen An-
tike, WdF 377, Darmstadt 1976.
JONES 1964/1973, A. H. M.: The Later Roman Empire 284-602. A Social Economic and
Administrative Survey, 2 Bde., ND der Ausg. 1964, Oxford 1973.
JÜTHNER 1923, J.: Hellenen und Barbaren. Aus der Geschichte des Nationalbewußtseins, Das
Erbe der Alten N.F. 8, Leipzig 1923.
KAHLOS 1998, M.: Saeculum Praetextati, Helsinki 1998.
KLEIN 1971, R.: Symmachus. Eine tragische Gestalt des ausgehenden Heidentums, Impulse der
Forschung 2, Darmstadt 1971.
KÖNIG 1997, I.: Aus der Zeit Theoderichs des Großen. Einleitung, Text, Übersetzung und
Kommentar einer anonymen Quelle, Texte zur Forschung 69, Darmstadt 1997.
LENSKI 1999, N.: Assimilation and Revolt in the Territory of Isauria, from the 1st Century BC
to the 6th Century AD, JESHO 42, 1999, 413-465.
LIEBESCHÜTZ 1990, J. H. W. G.: Barbarians and Bishops. Army, Church, and State in the Age
of Arcadius and Chryostom, Oxford 1990.
MARROU 1995, H.-I.: Augustin und das Ende der antiken Bildung, 2. erg. Aufl. Paderborn
1995.
MOORHEAD 1992, J.: Theoderic in Italy, Oxford 1992.
NÄF 1995, B.: Senatorisches Standesbewußtsein in spätrömischer Zeit, Paradosis 40, Freiburg
(Schweiz) 1995.
NELLEN 1977, D.: Viri litterati. Gebildetes Beamtentum und spätrömisches Reich im Westen
zwischen 284 und 395 nach Christus, Bochum 1977.
NIPPEL 1990, W.: Griechen, Barbaren und „Wilde“. Alte Geschichte und Sozialanthropologie,
Frankfurt a.Main 1990.
PETIT 1955, P.: Libanius et la vie municipale a Antioche au IVe siècle après J.-C., Paris 1955.
RICHE 1962, P.: Éducation et culture dans l’occident barbare VIe-VIIIe siècles, Patristica Sor-
bonensia 4, Paris 1962.
ROBERTO 2000, U.: Sulla tradizione storiografia di Candido Isaurico, MedAnt 3, 2000, 685-727.
SCHMIDT 1942, L.: Geschichte der Wandalen, 2. umgearb. Aufl. München 1942.
SEECK 1921/1966, O.: Geschichte des Untergangs der antiken Welt, 6 Bde., unveränd. ND der
Ausg. Stuttgart 1921, Darmstadt 1966.
SPEYER, W./OPELT, I. 2001: s.v. Barbar I, RAC Suppl. 1, 2001, 811-895.
STROHEKER 1948, K. Fr.: Der senatorische Adel im spätantiken Gallien, Tübingen 1948.
STROHEKER 1955/1965, K. Fr.: Zur Rolle der Heermeister fränkischer Abstammung im späten
vierten Jahrhundert, in: Ders.: Germanentum und Spätantike, Zürich 1965, 9-29 (erstmals
veröffentlicht in: Historia 4, 1955, 314-330).
STROHEKER 1970, K. Fr.: Zu den ersten Begegnungen der Germanen mit dem spätantiken
Bildungsgedanken, in: Silvae. Festschrift für Ernst Zinn zum 60. Geburtstag, Tübingen
1970, 233-243.
VOGT 1967, J.: Kulturwelt und Barbaren. Zum Menschheitsbild der spätantiken Gesellschaft,
Abh. d. Akad. d. Wiss. u. Lit. Mainz, geistes- u. sozialwiss. Kl. 1967,1, Wiesbaden 1967.
WAAS 1971, M.: Germanen im römischen Dienst (im 4. Jh. n. Chr.), Habelts Diss.drucke Reihe
Alte Geschichte 3, 2. durchges. Aufl. Bonn 1971.
WOLFRAM 1990, H.: Die Goten. Von den Anfängen bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts.
Entwurf einer historischen Ethnographie, 3. neubearb. Aufl. München 1990.