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Gerhard Danzer

Wer sind wir? – Auf der Suche nach der Formel des Menschen
Anthropologie für das 21. Jahrhundert - Mediziner,
Philosophen und ihre Theorien, Ideen und Konzepte
Gerhard Danzer

Wer sind wir?


Auf der Suche nach
der Formel des
Menschen
Anthropologie für das 21. Jahrhundert - Mediziner, Philosophen
und ihre Theorien, Ideen und Konzepte

1C
Professor Dr. med. et phil. Gerhard Danzer
Medizinische Klinik mit Schwerpunkt Psychosomatik
Charité Campus Mitte
Luisenstraße 13a
10117 Berlin

Ruppiner Kliniken
Fehrbellinger Straße 38
16816 Neuruppin

ISBN-13 978-3-642-16992-2
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SPIN: 80027004

Gedruckt auf säurefreiem Papier 18/5135 – 5 4 3 2 1 0


V

Gewidmet Josef Rattner – Humanist und Skeptiker,


Arzt und Lehrer der Kultur.
VII

Vorwort

z Ziel der Anthropologie


Anthropologie ist der Versuch des Menschen, sein Herkommen und seine Möglichkeiten zu
ergründen und nach seinem Wesen und seiner Natur zu fragen. Seit Jahrtausenden formu-
liert er dabei neue Erkenntnisse, welche die althergebrachten ergänzen, verändern oder über-
flüssig machen: Geschöpf Gottes, Zoon politikon, das sprechende und denkende Tier, Homo
sapiens, faber, ludens und consumens, Animal symbolicum oder das nicht festgestellte Tier
sind nur einige Formeln für die vielen bisherigen Anläufe von Wissenschaftlern und Philo-
sophen, Bilder, Lehren und Konzepte vom Menschen zu entwerfen.

z Entwicklung der Anthropologie


In den letzten zweieinhalb Jahrtausenden waren es in der Regel die Philosophen, die anth-
ropologischen Ehrgeiz zeigten und das menschliche Wesen erkennen und in Worte fassen
wollten. Immanuel Kant erachtete es geradezu als die hauptsächliche Aufgabe seiner Zunft,
die Frage »Was ist der Mensch?« lösen zu helfen.

Im 18. und 19. Jahrhundert gesellten sich zu den Philosophen anthropologisch interessierte
Ärzte und Naturforscher. Einer von ihnen war der Göttinger Physiker und Moralist Georg
Christoph Lichtenberg, der Ende des 18. Jahrhunderts in seinen Sudelbüchern Vorschläge
unterbreitete, wie man das Wesen des Homo sapiens beschreiben könne: »Der Mensch ist
vielleicht halb Geist und halb Materie, so wie der Polyp halb Pflanze und halb Tier ist. Auf
der Grenze liegen immer die seltsamsten Geschöpfe.«

Zweihundert Jahre später, nach umfänglichen wissenschaftlichen und philosophischen Be-


mühungen, stellen wir fest, dass Lichtenberg mit seiner witzigen Charakterisierung nicht
ganz schief lag. Der Mensch ist tatsächlich geistig und materiell zugleich, und dass es sich
bei ihm um ein zutiefst seltsames Geschöpf handelt, das auf prekären Grenzlinien existiert,
wird nach den turbulenten und erschütternden gesellschaftlich-historischen Ereignissen des
20. Jahrhunderts kaum jemand mehr bezweifeln wollen.

Vor allem die Lebenswissenschaften (Biologie, Biochemie, Medizin, Neurowissenschaf-


ten) haben in den letzten Jahrzehnten im Hinblick auf das Verständnis dieses seltsamen
Geschöpfes Mensch für ein Paradoxon gesorgt: Einerseits erklären sie mit immer feineren
Methoden, wie unser Organismus inklusive des Gehirns aufgebaut ist und funktioniert. So
können wir zum Teil sogar auf molekularer Ebene nachvollziehen, welche zellulären und
interzellulären Mechanismen beim Menschen für Fortpflanzung, Wachstum, Stoffwech-
sel, Reagibilität (vegetative und motorische Reaktionen) und Bewusstsein (Erinnerungen,
Wahrnehmungen, Emotionen, Kognitionen) notwendig sind.

Ausgehend davon sind wir in der Lage, medizinisch und biologisch hochkomplexe Proble-
me anzupacken und zu lösen: Aufklärung des Genoms und damit verbundene Gentherapie;
Transplantationsmedizin; Stammzellforschung, Biodesign und Fertilisationsmedizin bis hin
zum Klonen; Tele- und Robotermedizin; Gehirnprothetik und Gehirn-Computer-Interak-
tion. Berücksichtigt man noch andere technische Errungenschaften der letzten Jahrzehnte
(Weltraumfahrt, Tele- und Internetkommunikation, Atomphysik, Computertechnik), könn-
VIII Vorwort

te man wie Wagner zu Faust begeistert ausrufen, dass es der Mensch »zuletzt so herrlich
weit gebracht« hat.

Parallel zu diesem Zuwachs an Wissen und Können lässt sich jedoch ein zunehmendes Un-
behagen vieler Forscher konstatieren, über den Menschen etwas Eindeutiges und Substan-
zielles auszusagen. Je detaillierter und effektiver er vermessen wird, umso mehr scheinen
sich sein Wesen und seine Natur einem integral verstehenden Zugriff zu entziehen. Nicht
wenigen heutigen Wissenschaftlern und Philosophen ergeht es in dieser Hinsicht beinahe
noch wie Fjodor Dostojewski, der vor 150 Jahren feststellte:

» Die Ameise kennt die Formel ihres Ameisenhaufens, die Biene die Formel ihres Bienen-
stocks. Sie kennen sie zwar nicht auf Menschenart, sondern auf ihre Art. Aber mehr brauchen
«
sie nicht. Nur der Mensch kennt seine Formel nicht.

z Anthropologie im 20. Jahrhundert


Bei der Suche nach der Formel des Menschen beteiligten sich im 20. Jahrhundert neben Me-
dizin und Philosophie viele weitere Disziplinen. Im Handbuch Anthropologie (2009) werden
die Historiographie, Psychologie, Soziologie, Pädagogik, Ethnologie, Kultur- und Literatur-
wissenschaften, Theologie, Primatologie, Paläanthropologie, Kybernetik, Verhaltensgenetik
und Biologie erwähnt, die aus ihrer jeweiligen Perspektive heraus Beiträge zur Anthropologie
geliefert und dafür gesorgt haben, dass man heute im günstigen Fall von einer Pluralisierung
und im ungünstigen Fall sogar von einer Auflösung der Menschenbilder spricht. André Mal-
raux hat vor Jahrzehnten diesen Sachverhalt schon anvisiert, als er schrieb: »Der Mensch an
sich ist ein Nichts, ein Traum der Intellektuellen.«

Nicht wenige Wissenschaftler und Philosophen stellen sich daher die Frage, ob man guten
Gewissens diesen Traum weiterträumen und von der Natur und dem Wesen des Menschen
sprechen könne. Womöglich handelt es dabei um Verallgemeinerungen, die keiner empi-
rischen Überprüfung standhalten und lediglich von der Dominanz althergebrachter Vor-
urteile zeugen.

So haben die Ethnologen Franz Boas, Ruth Benedict, Margaret Mead und Clifford Geertz
gezeigt, wie leicht man als Anthropologe in die Falle universalistischer Aussagen tappt und
sich dann den Vorwurf einer eingeschränkten wissenschaftlichen Perspektive gefallen lassen
muss.

Daneben stimmt uns die moderne Biologie nachdenklich, indem sie uns anhand der Pri-
matenforschung demonstriert, dass einige bislang als spezifisch menschlich geltende Eigen-
schaften wie Werkzeuggebrauch, intentionales Bewusstsein, planendes Entwerfen in die
Zukunft oder Geistigkeit zumindest in Vorformen auch im Tierreich anzutreffen sind. An-
dererseits lassen uns wissenschaftliche Ergebnisse von evolutionären Anthropologen (z. B.
Michael Tomasello) vermuten, dass es Fähigkeiten geben könnte (wie etwa die Wir-Inten-
tionalität oder Kooperationskraft des Menschen), die unsere Gattung von anderen Tieren
unterscheidet und die Conditio humana charakterisiert.

Wenn Wissenschaftler oder Philosophen in der Vergangenheit von dem Menschen spra-
chen, machten sie sich jedenfalls nicht selten grober Simplifizierungen schuldig. In der Re-
gel zielten sie stillschweigend auf männliche, erwachsene, weißhäutige und innerhalb der
IX
Vorwort

westlichen Kultur sozialisierte Vertreter unserer Gattung ab. Ob ihre anthropologischen


Aussagen auch auf Frauen, Kinder, Afrikaner, Asiaten, Indios, Eskimos oder auf Menschen
anderer Zeiträume (Frühgeschichte, Antike, Mittelalter, Renaissance) zutreffend waren,
wurde keineswegs immer mit der gebotenen Selbstkritik untersucht. Und ob es sich dabei
um das spezifisch Menschliche handelte, das uns angeblich von Tier und Pflanze unter-
scheidet, war ebenfalls nicht immer erwiesen.

Die Situation stellt sich noch komplexer dar, sobald man einzelne wissenschaftliche Dis-
ziplinen auf ihre anthropologischen Positionen hin studiert. Allein in der Medizin des 20.
Jahrhunderts könnte man mühelos vierzig oder fünfzig Namen und Schulrichtungen auf-
zählen, welche die anthropologische Debatte mit zum Teil einander widerstreitenden Aus-
sagen über den Menschen bereichert haben. Mit Fug und Recht darf man sich fragen, ob
ihre »Wahrheiten« in einigen Jahren oder Jahrzehnten noch Gültigkeit besitzen, und welche
ihrer Beiträge die Diskussion über Menschenbilder im 21. Jahrhundert fruchtbar inspirieren
werden.

Es ist interessant zu beobachten, dass es im 20. Jahrhundert generell eine merkliche Hin-
wendung zu anthropologischen Themen gab, die sowohl von Philosophen als auch von
Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen ausging. In kritischer Distanz zum 19. Jahrhun-
dert, das sich in der westlichen Welt bevorzugt der Geschichte und den großen historischen
Erzählungen über Fortschritt und paradiesische Entfaltung der Menschheit zugewandt hat-
te, rückte nun der einzelne Mensch (Individuum, Person) mitsamt seinem Leib in den Fo-
kus der wissenschaftlich-philosophischen Aufmerksamkeit.

Ziel, Aufgabe und Inhalt unserer Existenz wurden dabei nicht mehr bevorzugt im schwer-
verständlichen oder absurden Geschichtsverlauf gesucht. Stattdessen entdeckte man die Na-
tur sowie den menschlichen Körper mit seinen bewussten (z. B. Neurowissenschaften) und
unbewussten Regungen (z. B. Psychoanalyse) als Sinn-, Wert- und Bedeutungsreservoir.
Zum Ende des 20. Jahrhunderts hin waren es für manche Forscher (zugespitzt ausgedrückt)
nur noch die neuronalen Aktivitätsmuster, anhand derer das Wesen des Menschen ablesbar
sein sollte.

z Medizinisch-philosophische Anthropologie
Diese Konzentration auf die Anthropologie unter Berücksichtigung des menschlichen Leibes
lässt es verständlich werden, warum sich seit einiger Zeit Bezugnahmen zwischen Medizin
und Lebenswissenschaften einerseits und der Philosophie andererseits zu etablieren begin-
nen. Diese interdisziplinären Beziehungen sind nicht frei von Rivalitäten und Konflikten; vor
allem die letzten Jahre waren von Auseinandersetzungen zwischen Neurowissenschaftlern
und Philosophen um die Deutungshoheit auf dem Gebiet der Conditio humana geprägt.

Dabei sind Wissenschaftler auf Philosophen eigentlich ebenso angewiesen wie umgekehrt.
Die Ersteren suchen positives Wissen über den Menschen, indes die Letzteren die Möglich-
keiten eines Kategorien und Sinnzusammenhang generierenden Blicks versprechen. Außer-
dem sind gegenseitige Kritik und Korrektur (z. B. in Bezug auf Begriffe und Modelle) bei so
komplexen Fragen wie nach der Natur des Menschen dringlich geboten.

Im letzten Jahrhundert waren am ehesten jene Ärzte, die sich als Tiefenpsychologen, Psych-
iater, Psychotherapeuten oder Psychosomatiker um eine mehrdimensionale Sicht des Men-
X Vorwort

schen bemühten, für philosophische Reflexionen offen und formulierten davon ausgehend
innovative anthropologische Konzepte. Um keine bloß spekulative Anthropologie zu ent-
wickeln, griffen im Gegenzug manche Philosophen medizinisch-biologische Forschungs-
ergebnisse auf und integrierten sie in ihre anthropologischen Überlegungen.

Aus dieser gegenseitigen Rezeption und Inspiration entwickelten sich die Grundlagen einer
interdisziplinären medizinisch-philosophischen Anthropologie, die in den vergangenen
Jahren interessante Beiträge für die derzeitige Debatte über Wesen, Sinn und Möglichkeiten
des Menschseins bereitgestellt hat. Im vorliegenden Buch wird anhand der biographischen
und werkanalytischen Erörterung von fünfunddreißig maßgeblichen Ärzten und Philoso-
phen des 20. Jahrhunderts diese Entwicklung nachgezeichnet und hinsichtlich ihrer Ergeb-
nisse kritisch bewertet.

z Zur Gliederung des Buches


Das Eingangskapitel stellt sechs Meisterdenker vor, die mehr oder minder unbeabsichtigt zu
Ideengebern der philosophischen Anthropologie geworden sind. In gewisser Weise war es
(nach Ludwig Feuerbach, Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche im 19. Jahrhundert)
vor allem Edmund Husserl, der mit seiner Phänomenologie die Initialzündung für eine Reihe
von Philosophen und Wissenschaftlern gab, sich direkt oder indirekt mit der Natur des Men-
schen zu beschäftigen. Neben und nach ihm haben Henri Bergson, Ernst Cassirer, Nicolai
Hartmann, Martin Heidegger und Jean-Paul Sartre ähnliche Wirkungen entfaltet.

Im zweiten Kapitel werden die Beiträge von wichtigen Vertretern der philosophischen
Anthropologie (Max Scheler, Karl Jaspers, Helmuth Plessner, Karl Löwith, Hans-Georg
Gadamer, Simone de Beauvoir, Maurice Merleau-Ponty) erörtert. Sie haben sich in ihren
Schriften dezidiert der Frage nach dem Wesen des Menschen gewidmet und dabei teilweise
neuartige Antworten gefunden.

Inspirationen und Material für ihre philosophisch-anthropologischen Reflexionen holten


sich nicht wenige dieser Denker aus der Medizin. Die Art und Weise, wie Ärzte als Tiefen-
psychologen, Psychosomatiker und Psychiater im 20. Jahrhundert den Homo patiens auf-
gefasst, verstanden, diagnostiziert und therapiert haben, schlug sich in ihren Aussagen zum
Homo sapiens und damit in unterschiedlichen anthropologischen Konzepten nieder.

Diese gegenseitig befruchtende Anregung zwischen Medizin und Philosophie wird anhand
der Disziplinen von Psychoanalyse und Tiefenpsychologie (Sigmund Freud, Alfred Ad-
ler, C. G. Jung, Karen Horney und Josef Rattner), Psychiatrie (Ludwig Binswanger, Viktor
Emil von Gebsattel, Erwin Straus, Viktor Frankl und Ronald D. Laing) und Psychosomatik
(Georg Groddeck, Medard Boss, Alexander Mitscherlich und Thure von Uexküll) demons-
triert.

Daneben haben die in der inneren Medizin, Urologie und Neurologie aktiven Ärzte Kurt
Goldstein, Viktor von Weizsäcker, Arthur Jores und Oswald Schwarz sowie die grundlagen-
wissenschaftlich tätigen Mediziner Frederik J. J. Buytendijk, Georges Canguilhem, Heinrich
Schipperges und Eric Kandel relevante Beiträge für eine medizinisch-philosophische Anth-
ropologie formuliert.
XI
Vorwort

z Zur Auswahl der Beiträge


Trotz der vielen hier berücksichtigten Philosophen und Ärzte blieb die getroffene Auswahl
notwendigerweise unvollständig. Die Liste der nicht erörterten Denker und Wissenschaftler
mag ähnlich lang sein wie diejenige der in diesem Band versammelten. So fehlen Hannah
Arendt, Arnold Gehlen, Michel Foucault, Hans Jonas und Hermann Schmitz ebenso wie
die Ärzte Ernst Kretschmer, Franz Alexander, Harry Stack Sullivan, Helen Flanders Dunbar,
Hans Selye und Aaron Antonowsky.

Da sich der Verfasser auf die medizinisch-philosophische Anthropologie konzentrierte,


sind auch ethnologisch orientierte Forscher wie Claude Lèvi-Strauss, Bronislaw Malinow-
ski, Margaret Mead und die weiter oben erwähnten Franz Boas, Ruth Benedict und Clifford
Geertz sowie die Vertreter der soziologischen, historischen, kulturellen, pädagogischen und
literarischen Anthropologie im Text nicht aufgeführt.

Außerdem weist die hier versammelte Gruppe von ärztlichen und philosophischen Beiträ-
gern zur Anthropologie einen Mangel an weiblichen Forschern und ein Überwiegen des
Eurozentrismus auf. Wer andere Publikationen von mir und Josef Rattner (mit dem zusam-
men ich in den letzten Jahren als Juniorpartner viele gemeinsame Buchprojekte verwirk-
lichen konnte) kennt, wird aber zugeben, dass dies nicht Ausdruck von männlichem oder
nationalem Chauvinismus ist.

Obwohl sich die vorliegende Untersuchung auf die medizinisch-philosophische Anthropo-


logie beschränkt, ist ihr Bogen weit gespannt – er reicht von der Phänomenologie bis zu
den Neurowissenschaften und von der Existenzphilosophie bis zur Psychosomatik und zur
Theorie der Medizin. Ihre hier zu Wort kommenden Vertreter repräsentieren eine wissen-
schaftliche und/oder philosophische Haltung, die für die anthropologische Forschung im
20. Jahrhundert wesentlich war, und die sich in die Formel kleiden lässt:

» Was der Mensch ist, erfährt er nur im grenzüberschreitenden Dialog zwischen Wissenschaft,
Kunst und Philosophie sowie unter dauernder Bezugnahme auf sein gelebtes Leben, das sich
stets vielschichtiger und komplexer als alle seine Erkenntnisbemühungen erweist.«
Gerhard Danzer
Berlin und Neuruppin, im Frühjahr 2011

z Weiterführende Literatur
5 Blumenberg H (2006) Beschreibung des Menschen. Suhrkamp, Frankfurt am Main
5 Bohlken E, Thies C (Hrsg) (2009) Handbuch Anthropologie – Der Mensch zwischen
Natur, Kultur und Technik. Metzler, Stuttgart
5 Böhme G (1985) Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. Suhrkamp, Frankfurt am
Main
5 Gadamer H-G, Vogler P (Hrsg) (1998) Neue Anthropologie in sieben Bänden. Beck,
München (Erstveröff. 1974)
5 Gebauer G (Hrsg) (1998) Anthropologie. Reclam, Leipzig
5 Geertz C (1990) Die künstlichen Wilden – Der Anthropologe als Schriftsteller. Hanser,
München (Erstveröff. 1988)
5 Janich P (Hrsg) (2008) Naturalismus und Menschenbild. Meiner, Hamburg
XII Vorwort

5 Krüger H-P, Lindemann G (Hrsg) (2006) Philosophische Anthropologie im 21. Jahr-


hundert. Akademie, Berlin
5 Landmann M (1971) Das Ende des Individuums – Anthropologische Skizzen. Klett,
Stuttgart
5 Lang H, Weiß H (Hrsg) (1992) Interdisziplinäre Anthropologie. Königshausen & Neu-
mann, Würzburg
5 Malinowski B (1986) Schriften zur Anthropologie. Syndikat, Frankfurt am Main
5 Marquard O (1997) Zur Geschichte des philosophischen Begriffs »Anthropologie« seit
dem Ende des 18. Jahrhunderts, in: Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie.
Suhrkamp, Frankfurt am Main
5 Meuter N (2006) Anthropologie des Ausdrucks – Die Expressivität des Menschen zwi-
schen Natur und Kultur. Fink, München
5 Schmitz H (2003) Was ist Neue Phänomenologie? Ingo Koch, Rostock
5 Steffens A (1999) Philosophie des 20. Jahrhunderts oder Die Wiederkehr des Menschen.
Reclam, Leipzig
5 Tomasello M (2009) Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation. Suhrkamp,
Frankfurt am Main (Erstveröffl. 2008)
5 Weiland R (Hrsg) (1995) Philosophische Anthropologie der Moderne. Beltz-Athenäum,
Weinheim
XIII

Inhaltsverzeichnis

Philosophie I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1

Edmund Husserl. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14

Henri Bergson . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29

Ernst Cassirer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42

Nicolai Hartmann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57

Martin Heidegger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71

Jean-Paul Sartre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85

Philosophie II . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87

Max Scheler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
XIV Inhaltsverzeichnis

Karl Jaspers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112

Helmuth Plessner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
Conclusio: ärztliches Denken und Erkennen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126

Karl Löwith . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140

Hans-Georg Gadamer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155

Simone de Beauvoir . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158
Die Totalität der Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159
Das andere Geschlecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
Das Alter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169

Maurice Merleau-Ponty . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182

Tiefenpsychologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185

Sigmund Freud . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199

Alfred Adler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202
XV
Inhaltsverzeichnis

Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213

C. G. Jung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227

Karen Horney . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241

Josef Rattner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254

Psychiatrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257

Ludwig Binswanger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270

Viktor Emil von Gebsattel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 274
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282

Erwin Straus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 284
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 286
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 294
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 294

Viktor Frankl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 296
Logotherapie und Existenzanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 298
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 304
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 306
XVI Inhaltsverzeichnis

Ronald D. Laing . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 310
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319

Psychosomatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321

Georg Groddeck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 334

Medard Boss. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 338
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 340
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 348

Alexander Mitscherlich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 351


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 352
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 354
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 360
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363

Thure von Uexküll . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 365


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 366
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 368
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377

Neurologie/Urologie/innere Medizin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 379

Kurt Goldstein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 381


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 382
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 386
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 392
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 393

Viktor von Weizsäcker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 395


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 396
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 400
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 404
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 406

Oswald Schwarz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 407


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 408
XVII
Inhaltsverzeichnis

Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 410
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 418
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 418

Arthur Jores . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 421


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 422
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 423
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 431
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 432

Theoretische und Grundlagenmedizin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 433

Frederik J. J. Buytendijk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 435


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 436
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 438
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 445
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 446

Georges Canguilhem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 447


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 448
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 450
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 457
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 458

Heinrich Schipperges . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 461


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 462
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 464
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 471
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 473

Eric Kandel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 475


Biographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 476
Werkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 478
Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 484
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 486

Abbildungsnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 487

Stichwortverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 489
1

Philosophie I
Edmund Husserl – 3

Henri Bergson – 17

Ernst Cassirer – 31

Nicolai Hartmann – 45

Martin Heidegger – 59

Jean-Paul Sartre – 73
3

Edmund Husserl
Biographisches – 4
Werkanalyse – 7
Conclusio – 12
Literatur – 14

G. Danzer, Wer sind wir? – Auf der Suche nach der Formel des Menschen,
DOI 10.1007/978-3-642-16993-9_1,
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2011
4 Kapitel • Edmund Husserl

Cantor und Dedekind zu den Vertretern einer »kri-


tischen Mathematik«. Er zielte in seinem Denken
auf klare Definitionen der Begriffe und logische
Strenge der Beweise ab. Diese wissenschaftliche
Haltung hat Husserl später für sich als vorbildlich
übernommen.
Nachdem Husserl mit einer Arbeit über Beiträ-
ge zur Theorie der Variationsrechnung 1882 promo-
. Abb. 1 Edmund Hus- viert wurde, erhielt er bei Weierstraß eine Assis-
serl (*1859; †1938). (Quelle: tentenstelle. Auch seine Habilitationsschrift Über
Wikipedia) den Begriff der Zahl (1887), die er beim Brentano-
Schüler Carl Stumpf in Halle anfertigte, fand die
Edmund Husserl war der Begründer der Phäno- Anerkennung von Weierstraß.
menologie. Diese Denk- und Forschungsrichtung Von 1884–1886 studierte Husserl in Wien bei
hat Künstler, Wissenschaftler und Philosophen in Brentano (1838–1917). Dieser war mit seinem Buch
ihren Bann gezogen. So war Jean-Paul Sartre so- über Psychologie vom empirischen Standpunkt
fort begeistert, als sein Kollege Raymond Aron (1874) bekanntgeworden, worin er die These ver-
schwärmte: »Wenn du Phänomenologe bist, mon trat, dass das wesentliche Merkmal des Psychischen
petit camarade, kannst du über einen Cocktail re- die Intentionalität ist. Das menschliche Bewusst-
den, und es ist Philosophie.« Die meisten phäno- sein sei kein bloßer Behälter, in dem sich Ideen
menologischen Forscher haben jedoch nicht nur oder Wahrnehmungen stapeln wie in einem Spei-
über Cocktails nachgedacht, und nicht wenige von cher; vielmehr sei es immer »Bewusstsein von et-
ihnen nutzten Husserls Philosophie für ihre anth- was« und damit aktiv und gerichtet. Für ein solches
ropologischen Überlegungen (. Abb. 1). Bewusstsein gibt es kein innen und außen, keine
Trennung von Dingen und Objekten einerseits und
den Gedanken des Subjekts andererseits. Mit die-
Biographisches ser Auffassung Brentanos wurde die tradierte »Ver-
dauungsphilosophie« (Jean-Paul Sartre), welche
Husserl wurde 1859 als zweiter Sohn jüdischer El- das Bewusstsein als einen Magen begriff, der mit
tern in Proßnitz (Mähren) geboren. Nach der Gym- Welt angefüllt wird, zumindest ansatzweise über-
nasialzeit in Olmütz studierte er von 1876–1878 in wunden.
Leipzig Astronomie, Mathematik und Philosophie. Der Gedanke der Intentionalität war das Wich-
Dort hörte er Vorlesungen von Wilhelm Wundt tigste, was Husserl in Wien auf philosophischem
(1832–1920), der für den Studenten aufgrund seiner Terrain hinzulernte. Da er mathematischen Frage-
psychologischen Forschungen wichtig wurde. stellungen nachhing, lag es nahe, die Idee der Inten-
Neben Wundt lernte Husserl in Leipzig auch tionalität zuerst auf Probleme der Mathematik und
Tomas Masaryk (1850–1937) kennen, der 1918 ers- Logik anzuwenden. So wie Brentano das Bewusst-
ter Staatspräsident der Tschechoslowakei wurde. sein als seelische Denkakte auffasste, wollte Husserl
Masaryk hatte bei Franz Brentano in Wien Philo- nun den Begriff der Zahl in psychischen Vorgän-
sophie studiert und erhielt ab 1882 eine Professur gen begründen. Demgemäß ist seine Habilitations-
für Philosophie an der Universität Prag. Auf seinen schrift Über den Begriff der Zahl, die er 1891 unter
Rat hin konvertierte Husserl vom jüdischen zum dem Titel Philosophie der Arithmetik publizierte,
protestantischen Glauben; außerdem riet er ihm, von dem Impuls durchdrungen, Mathematik und
ebenfalls Schüler bei Brentano zu werden. Logik auf Psychisches zurückzuführen.
Bevor sich Husserl nach Wien begab, verbrach- Diese als Psychologismus bezeichnete Haltung
te er die Jahre ab 1878 in Berlin, wo er bei Carl wurde von Gottlob Frege und Paul Natorp kriti-
Weierstraß Mathematik und bei Friedrich Paulsen siert. Der Erstere, Begründer der modernen Logik,
Philosophie studierte. Weierstraß gehörte neben rezensierte die Arbeit Husserls mit energischem
5
Biographisches

Widerspruch. Diese Reaktion trug mit dazu bei, se und in sich versunken und bohrte dabei seine
dass Husserl später selbst ein entschiedener Kriti- rechte Hand schraubend in die linke, so dass man
ker des Psychologismus wurde. ihn scherzhaft den Uhrmacher nannte. Er entwi-
Nach der Habilitation 1887 heiratete Husserl ckelte monologisierend seine Gedanken und stellte
Malwine Steinschneider, mit der er eine überwie- allenfalls rhetorische Fragen, die er sich selbst be-
gend harmonische Ehe führte. Aus der Ehe gingen antwortete. Als der junge Hans-Georg Gadamer in
die Tochter Elisabeth sowie die beiden Söhne Ger- Unkenntnis dieser Eigenart in einem Seminar Hus-
hard und Wolfgang hervor; der Letztere starb 1916 serls eine kurze Antwort gab, evozierte dies lange
als Soldat im Ersten Weltkrieg. Ausführungen des Meisters und zum Schluss der
Husserl war vierzehn Jahre als Privatdozent in Lehrveranstaltung den Kommentar: »Heute war es
Halle tätig. Während dieser Zeit entstanden die Lo- einmal wirklich eine anregende Diskussion!«
gischen Untersuchungen (1900/01), die als sein ers- Bei aller Versunkenheit ließ Husserl seine Phi-
tes Hauptwerk gelten. Darin unternahm er nichts losophie im konkreten Alltag und nicht in meta-
Geringeres als eine Begründung der reinen Logik, physischen Hinterwelten entspringen; er dachte
den Entwurf einer Erkenntnistheorie und die ers- etwa über so banale Dinge wie Tintenfässer oder
ten Schritte hin zur Phänomenologie. Wichtige Er- Zündholzschachteln nach. Als Jean-Paul Sartre
gebnisse dieser über tausend Seiten umfassenden später davon hörte, war er für die Phänomenologie
Schrift waren Husserls Distanzierung vom psycho- sofort gewonnen. Aber das Ausgehen von Triviali-
logistischen Standpunkt sowie die Betonung der täten war für Husserl nur der Auftakt zu den höchs-
Evidenz als Gradmesser für den Wahrheitsgehalt ten Fragen des Daseins.
von Aussagen. Penibel, zäh und mit der Energie zu stets neu-
Aufgrund der Logischen Untersuchungen galt em Beginnen widmete er sich dem Rhythmus von
Husserl als Hoffnungsträger modernen philosophi- Lesen, Schreiben und Dozieren. Intellektuelle Red-
schen Denkens; Wilhelm Dilthey etwa sprach vom lichkeit und Bescheidenheit waren ihm hohe Tu-
»ersten großen Fortschritt, den die Philosophie seit genden, und sobald Studenten und Schüler mit
Kant gemacht hat«. 1901 erhielt ihr Verfasser jedoch hochtrabenden Begriffen und hohlen Phrasen um
nur ein Extraordinariat für Philosophie in Göttin- sich warfen, kommentierte Husserl dies trocken:
gen. Es dauerte Jahre und erforderte die energische »Nicht immer große Scheine, meine Herren, Klein-
Fürsprache Diltheys, bis er dort philosophischer geld, Kleingeld!«
Ordinarius wurde. Husserl war ein ewiger Anfänger, der ein Manu-
In den Göttinger Jahren baute Husserl die Phä- skript nur selten als abgeschlossen oder druckreif
nomenologie weiter aus. In Lehrveranstaltungen, betrachtete und dementsprechend wenige Bücher
Dutzenden von Manuskripten und in Büchern wie veröffentlichte. So erklären sich das relativ schmale
Philosophie als strenge Wissenschaft (1911) sowie Oeuvre der publizierten Texte und die große Men-
Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phä- ge von über 40.000 Seiten Entwürfe, die sich im
nomenologischen Philosophie (1913) formulierte er Nachlass des Philosophen fanden. Bei den hohen
eine Haltung und Methode wissenschaftlichen For- Ansprüchen Husserls an sich selbst verwundert es
schens und Philosophierens, die bald als innovativ nicht, dass er über den forschen und publikations-
und wegweisend galten. munteren Max Scheler kritisch anmerkte: »Man
Um Husserl scharte sich ein Kreis von Schü- muss Einfälle haben; aber man darf sie nicht ver-
lern, die Kontakte zur Münchner Gruppe der Phä- öffentlichen!«
nomenologen (Theodor Lipps, Alexander Pfänder, Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zer-
Max Scheler) unterhielten. Zu seinen Studenten in brach der Göttinger Kreis. Husserl, der meist ohne
Göttingen gehörten neben vielen anderen Helmuth Unterstützung der Philosophischen Fakultät in
Plessner und Erwin Straus, die später wertvolle Bei- Göttingen gearbeitet hatte, übersiedelte 1916 nach
träge zur Anthropologie lieferten. Freiburg im Breisgau und trat dort die Nachfolge
Als Lehrer war Husserl eigentümlich und fas- von Heinrich Rickert an. Zum Ersten Weltkrieg
zinierend zugleich. Bei Vorlesungen sprach er lei- hatte sich der politisch unbedarfte Denker be-
6 Kapitel • Edmund Husserl

jahend eingestellt, und selbst als dieser Krieg un- dieser Schrift lautet, dass es eine Welt vor allen Wis-
zählige Opfer forderte, zeichnete er weiter Kriegs- senschaften gibt, einen Erfahrungsraum, in dem
anleihen, deren Verlust ihn ökonomisch beinahe wir leben und den wir aufgrund der prädikativen
ruinierte. (aussagenkräftigen) Urteile der Wissenschaften
In Freiburg bildete sich rasch ein neuer Kreis auf einige spezielle Ausschnitte verkleinern. Es sei
von Studenten um Husserl: Martin Heidegger, die vornehme Aufgabe der Phänomenologie, diese
Karl Löwith, Edith Stein, Hans-Georg Gadamer, vorprädikative Welt – das lebensweltliche Apriori –
Norbert Elias, Hans Jonas, Günter Anders, Ludwig zu erfassen und zu beschreiben.
Landgrebe, Emmanuel Lévinas, Eugen Fink, Rudolf Die kulturelle Krise der Neuzeit beruht nach
Carnap und Herbert Marcuse gehörten zu seinen Husserl auf der systematischen Ausblendung die-
Schülern. Husserl lehrte in der Dreisam-Stadt bis ser Lebenswelt. Seit dem Beginn des wissenschaft-
1928 und wurde dann emeritiert. lichen Zeitalters (Galilei und Descartes) gelten nur
Besondere Bedeutung für Husserl gewann Hei- noch jene Phänomene als wirklich, welche den ex-
degger, der seit 1920 als sein geistiger Ziehsohn galt. akt-wissenschaftlichen Methoden zugänglich und
In Gesprächen zwischen dem Meister und Malwine in Maß und Zahl auszudrücken sind. Die Wissen-
wurde Heidegger nicht selten als ihr »phänomeno- schaften haben der Welt ihr »Ideenkleid« aus physi-
logisches Kind« tituliert. Dieses setzte jedoch bald kalischen Idealisierungen, arithmetischen Formeln
eigene Akzente, die von Husserls Auffassungen ab- und geometrischen Mustern übergeworfen, das
wichen. Heideggers Art des Philosophierens und jedoch die darunter verborgene Welt nur unzurei-
Vortragens war viel pathetischer als diejenige Hus- chend abbildet.
serls. Mit hämmernder Sprache und expressionis- Husserl wandte sich in seiner Krisisschrift ent-
tischer Diktion lehrte der Jüngere vor einem Audi- schieden gegen diese Reduktion der Welt, wonach
torium, das innerhalb kurzer Zeit eine begeisterte allein wirklich ist, was mathematisiert werden
Anhängerschaft bildete. kann. Parallel zur Mathematisierung der Wirklich-
1928 erhielt Heidegger den Lehrstuhl Husserls keit kam es nämlich zur Sinnentleerung und Ent-
in Freiburg. Wenige Monate später brach das »phä- wertung des Daseins, das nun zwar in seinen Quan-
nomenologische Kind« den philosophischen Dia- titäten, nicht mehr jedoch in seinen Qualitäten und
log mit seinem Ziehvater ab. Diese Enttäuschung damit in seinem Wert und seiner Bedeutung erfasst
war jedoch erst der Auftakt zu einer Entwicklung, wird. So leben die Menschen in einer exakt vermes-
deren Höhepunkt 1933 erreicht war, als man Hus- senen, bezogen auf ihren Sinn aber stummen Welt.
serl aufgrund seiner jüdischen Abstammung die Einer lebendigen Philosophie komme die Aufga-
Venia Legendi entzog und ihm verbot, sich weiter be zu, die Welt wieder redend zu machen und die
akademisch zu betätigen. Heidegger war damals Sinndimensionen unserer Existenz freizulegen.
Rektor der Freiburger Universität; er stimmte in Die letzten Lebensjahre Husserl verliefen für
seiner Gesinnung mit den braunen Machthabern ihn entwürdigend. Das Reichsministerium für
überein und verriet seinen Lehrer. Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung zwang
Nach seiner Emeritierung unternahm Husserl den Emeritus, aus philosophischen Organisationen
Reisen ins Ausland, so nach Amsterdam, Straß- auszutreten. 1937 verbot man ihm die Teilnahme
burg und Paris, wo er seine Philosophie vorstellte. am IX. Internationalen Kongress für Philosophie in
Vor allem die Pariser Vorträge, die in französischer Paris, und man entblödete sich nicht, ihn als Pro-
Sprache 1931 als Méditations Cartésiennes (deutsch totyp jenes jüdischen Intellektuellen zu brandmar-
1950) veröffentlicht wurden, gelten als konzise Ein- ken, der durch »unfruchtbaren Geist ohne Geblüt
führung in seine Gedankenwelt. und Rasse« gekennzeichnet sei. Husserl starb 1938
1935 und 1936 hielt Husserl Vorträge vor dem nach einem Unfall in seinem 80. Lebensjahr.
Wiener Kulturbund und in Prag, woraus seine letz-
te wichtige Veröffentlichung Die Krisis der euro-
päischen Wissenschaften und die transzendentale
Phänomenologie (1936) entstand. Die Generalthese
7
Werkanalyse

Werkanalyse klapprig werden oder zusammenbrechen – ein


konkreter Stuhl in unserer Wohnung kann alles
Zum Zeitpunkt seines Todes war Husserl beinahe dies sehr wohl.
völlig aus der öffentlichen Diskussion verbannt, und Weil die Ideen den Phänomenen gegenüber als
seine Schriften wurden in Deutschland kaum mehr beständig und ewig imponierten, sah sich Platon
zitiert. Es ist dem Mut des Franziskanerpaters Leo zu einer unglücklichen Zuordnung veranlasst: Den
van Breda zu verdanken, dass der gesamte Nachlass konkreten Dingen, der Natur und den leibhaftigen
des Denkers, der über 40.000 meist stenographisch Menschen schrieb er die Qualitäten von Schein und
eng beschriebene Seiten umfasst, in einer heimli- Unwirklichkeit zu, wohingegen das eigentliche Sein
chen Aktion außer Landes geschmuggelt und vor für ihn im Bereich der Ideen beheimatet war. Die
der Vernichtung durch die Faschisten gerettet wer- reale, sinnlich wahrnehmbare Welt wurde damit
den konnte. Dieser Nachlass bildet auch heute noch entwertet, und die Ideenwelt, die nur mittels Ver-
den Grundstock des Husserl-Archivs, das in Löwen nunft zu erkennen ist, entsprechend aufgewertet.
(Belgien) errichtet wurde. In den letzten Jahrzehn- Diese Einteilung erfuhr im Christentum eine Be-
ten sind Teile daraus in über dreißig Bänden der kräftigung, da dieses das angeblich wertlose Dies-
Gesamtausgabe der Husserliana (Hua) erschienen; seits (die irdischen Phänomene) von einem idealen
hinzu kamen ein Dutzend publizierte Bände mit Jenseits (das himmlische Paradies) scharf trennte.
der Korrespondenz Husserls. Gegen eine solche Aufteilung der Welt wandten
In der Folge werden nur jene Denkfiguren und sich seit der Antike bedeutende Künstler, Wissen-
Begriffe aus der Philosophie Husserls beschrieben, schaftler und Philosophen. Zu ihnen zählte auch
die für die anthropologisch orientierte Forschungs- Goethe, von dem in seinen Maximen und Reflexio-
arbeit von Ärzten, Psychologen und Philosophen nen der Spruch stammt: »Man suche nur ja nichts
relevant geworden sind. Dabei wird hauptsächlich hinter den Phänomenen; sie selbst sind die Lehre.«
Bezug genommen auf die Publikationen Logische Sehr viel besser hätte Husserl das Programm
Untersuchungen (1900/01), Ideen zu einer reinen und die Stoßrichtung seiner Philosophie selbst
Phänomenologie und phänomenologischen Philo- nicht zusammenfassen können. Er registrierte, dass
sophie (1913), hier besonders das zweite Buch mit die abendländische Geistesgeschichte imposante
dem Untertitel Phänomenologische Untersuchungen Konzepte über Natur und Menschenwelt hervor-
zur Konstitution (Husserliana Band IV, 1952), Carte- gebracht, gleichzeitig aber weite Bereiche der Reali-
sianische Meditationen (1931/50) und Die Krisis der tät ausgeblendet hatte. Deshalb entwickelte er eine
europäischen Wissenschaften und die transzenden- Theorie und Methode des Erkennens, welche die
tale Phänomenologie (1936). Einengung der bisherigen Forschung überwinden
sollte. Seine Art wissenschaftlicher und philosophi-
z Phänomenologie scher Betrachtung der Welt stand unter dem Motto:
Im Terminus Phänomenologie steckt das grie- »Zu den Sachen selbst!«
chische Wort »phänomenon«. Dieses bedeutet So einfach dieser Satz klingt, so schwierig ist
soviel wie das Erscheinende oder etwas, das sich er umzusetzen. Husserl demonstrierte an Hunder-
zeigt. In der griechischen Philosophie vertrat vor ten von Themen, wie sehr jeder Denker aufgrund
allem Platon die Überzeugung, dass zwischen der von theoretischen und praktischen Überzeugun-
Erscheinung und dem Wesen einer Sache Unter- gen sowie weltanschaulichen und epochalen Rah-
schiede bestehen. Ein konkreter Stuhl etwa gehörte menbedingungen voreingenommen ist. Selbst in
zur Gruppe der Phänomene; die Idee eines Stuhles den Worten und Begriffen, die er gebraucht, um
jedoch bezog sich auf alle möglichen Stühle. Sachverhalte zu beschreiben, steckt eine Art Theo-
Ideen, meinte Platon, sind unveränderlich und rie oder Ideologie. Daher sehen sich nicht wenige
ewig. Phänomene hingegen sind mannigfaltig, Wissenschaftler und Philosophen bei ihren Unter-
unterschiedlich, den Gesetzen von Raum und Zeit suchungen immer wieder lediglich in ihren Vor-
und damit dem Wandel und der Endlichkeit unter- meinungen bestätigt, stoßen aber kaum je zur Sa-
worfen. Die Idee eines Stuhles kann nicht altern, che oder zu den Phänomenen selbst vor.
8 Kapitel • Edmund Husserl

Um diese Klippen zu umschiffen, entwickelte geltenden Wissenschaften und ihren Neubau ver-
Husserl ein ausgeklügeltes System von Beobach- «
suchen (Husserl 1992a, S. 4). 
tungen und Reflexionen, die eine zentrale Rolle im
Rahmen seiner Forschungen einnahmen. Ein wich- Husserl hielt Descartes zugute, dass er mit seiner
tiger Schritt für die phänomenologische Erfassung skeptischen Haltung die Evidenz als Wahrheitskri-
von Mensch und Welt besteht in der Einklamme- terium eingeführt hat. Leider habe er diesen Ge-
rung von Haltungen, Vorurteilen und Meinungen winn wieder verspielt, weil er nicht auch das »Co-
des Forschers – eine geistige Operation, die Husserl gito«, also das eigene denkende Ich, angezweifelt
als »Epoché« oder phänomenologische Reduktion hat. Husserl plädierte dafür, das Ich in die Rolle
bezeichnete. eines »transzendentalen Zuschauers« schlüpfen zu
Das griechische Wort »epoché« bedeutet so viel lassen, welcher die gesamte Welt einschließlich des
wie Anhalten oder an sich Halten. Mit diesem Be- eigenen natürlichen Selbst (Leib) als Phänomen
griff brachten die Stoiker und Skeptiker der Antike oder bloßes Korrelat begreift.
ihre Vorsicht im Hinblick auf Wert- und Sachurtei- In den Cartesianischen Meditationen wies Hus-
le zum Ausdruck. Husserl verwendete »Epoché« serl mit Nachdruck auf die Notwendigkeit der-
in einem ähnlichen Sinne: Nur wenn man die artiger phänomenologischer Reduktionen hin, die
tradierten Gewissheiten und Meinungen gedank- allein es dem Forscher ermöglichten, den »denkbar
lich ad acta lege, könne man damit rechnen, zum letzten Erfahrungs- und Erkenntnisstandpunkt« zu
Untersuchungsobjekt selbst und zu dessen Wesen erreichen. Wer zeitweise jeglichen konkreten Le-
vorzudringen. bensvollzug gedanklich zurückhalte, gewinne die
Mittels dieser phänomenologischen Enthalt- Position wirklich kritischer Reflexion, die auch das
samkeit wollte Husserl das Konglomerat (Verknüp- eigene Ich mit einschließt.
fung) aus Welt und Ich, aus Gegenständen und Be-
wusstseinszuständen entzerren. Eine strenge Wis- z Wesensschau
senschaft, die sich zu den Sachen selbst unterwegs Der mögliche Lohn solcher Anstrengungen besteht
weiß und das Wesen der Dinge ins Auge fassen will, nach Husserl in der Wesensschau. Um das Wesen
darf sich mit einem Gemenge aus Untersuchungs- (griechisch: »eidos«) einer Sache zu erkennen, ge-
objekt und Forscher nicht zufrieden geben. Dem nügt es nicht selten, bloß ein einziges Exemplar (In-
Philosophen schwebte stattdessen ein »reines Be- dividuum) geduldig zu erkunden. Daran könne ein
wusstsein« des Wissenschaftlers vor. Dieser sollte Phänomenologe oftmals Substanzvolleres beschrei-
sogar die natürliche Einstellung zur Welt einklam- ben als an einer großen Zahl von Gegenständen.
mern und als »transzendentales Ich« ohne seelische Auf eine solche Art des Erkenntnisgewinns zielten
(Phantasien, Wünsche) und körperliche Interaktio- übrigens schon manche Ärzte des 19. Jahrhunderts
nen (Begierden, Affekte) seine Forschungsobjekte ab, wenn sie nach dem Motto arbeiteten: »Nicht
untersuchen. viele Kranke sehen, sondern an einem Kranken
In den Cartesianischen Meditationen hat Hus- vieles sehen!«
serl die Forderung an Wissenschaftler und Philo- Husserl wollte seine Philosophie als eidetische
sophen, ihr Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Wissenschaft, also als eine Wesenswissenschaft in
Urteilen zu konzentrieren, noch weiter ausgeführt. Ergänzung oder auch im Gegensatz zu den Tat-
Der erste Schritt zum eigenen Philosophieren be- sachenwissenschaften verstanden wissen. Letztere
stand für ihn nun im radikalen Zweifel, in der werden vor allem durch die Naturwissenschaften
kritischen Infragestellung aller tradierten und an- und Medizin, teilweise aber auch durch die Sozial-,
geblich unumstößlichen Ideen, Schulmeinungen, Geistes- und Kulturwissenschaften repräsentiert.
Denkgewohnheiten und Vorurteile: Sie sammeln in der Regel eine Menge von Fakten
und erheben viele Befunde, ohne dass sie diese im-
»  Jeder, der ernstlich Philosoph werden will, muss mer in einen größeren, existentiell relevanten Zu-
sich »einmal im Leben« auf sich selbst zurück- sammenhang von Sinn und Bedeutung einstellen
ziehen und in sich den Umsturz aller ihm bisher können.
9
Werkanalyse

Husserl hingegen war an der Essenz (so der der menschlichen Existenz zu schildern und so
lateinische Ausdruck für Wesen) von Sachen, Er- wichtige Charakteristika der Conditio humana zu
eignissen sowie menschlichen oder kulturellen benennen. Die Duineser Elegien gerieten damit zu
Phänomenen interessiert und hoffte, mittels seiner einer Art Anthropologie des Poeten.
phänomenologischen Haltung und Methode zu ihr In gewisser Weise sind ernsthafte Künstler wie
vordringen zu können. Durch geduldige und wie- Rilke bis heute die überzeugendsten Phänomenolo-
derholte »Epoché«, so war er überzeugt, entwickeln gen der Kulturgeschichte, ohne dass sie sich selbst
sich Wissenschaftler und Philosophen zu eideti- als solche bezeichnen würden. Dies liegt darin be-
schen Forschern, die von sich absehen können und gründet, dass das Ziel bedeutender Kunst im syn-
zur Wesensschau fähig sind. thetisch schauenden und nicht im analytisch auf-
Der Begriff der Wesensschau, stets im Zusam- teilenden Erfassen von elementaren Strukturen der
menhang mit dem Begriff der Intuition gebraucht, Welt besteht.
verführt leicht zu Missverständnissen. Nicht eine Neben der Kunst wird in den Geistes- und Kul-
schlichte oder unmittelbare Schau ist damit ge- tur-, kaum aber in den Naturwissenschaften mit
meint. Um Wesen und Gehalt einer Sache oder Methoden der Phänomenologie versucht, einen
Situation zu erkennen, ist es unabdingbar, am kon- Erkenntniszuwachs zu ermöglichen. Besonders für
kret individuell Erlebten oder Gedachten jede nur Medizin, Psychologie und Soziologie als Lebens-
erdenkliche Variation dieses Erlebten oder Gedach- wissenschaften wäre eine solche Aufweitung ihrer
ten zusammenzuschauen. Das Gemeinsame dieser etablierten Forschungsmethoden wünschenswert,
Variationen kann als Wesen angenommen werden. um die Fülle ihrer Detailbefunde in einen umfas-
Forscher sollten emotional, sozial und intel- senden anthropologischen Zusammenhang zu in-
lektuell umfangreich gebildet sein, wenn sie phä- tegrieren.
nomenologische Wesensschau betreiben. Nur
jenen Menschen, die mit einem hohen Maß an z Lebenswelt
Selbst-, Menschen- und Weltkenntnis sowie ohne Weitere Vorteile phänomenologischen Forschens
einschränkende Ängste und Begierden ihre Mit- bestehen nach Husserl in der Wahrnehmung
menschen sowie Kultur und Natur betrachten, und Beschreibung nicht nur einiger weniger For-
kann sich das Wesen eines Sachverhalts kundtun. schungsgegenstände, sondern der gesamten Le-
Sobald sich eigene (uneingestandene) Interessen benswelt. Mit diesem Begriff, den vor ihm bereits
in Erkenntnisprozesse mischen, verstellen sie die Richard Avenarius, Ernst Mach und Georg Simmel
Sicht und verfälschen das Forschungsergebnis. verwendeten, zielte der Philosoph auf das alltäg-
Stimmungen wie Toleranz, Gelassenheit und Güte liche »Universum prinzipieller Anschaubarkeit«, in
sowie grundsätzliche Bejahung des Lebens sind un- dem jedermann lebt, ohne dass und noch bevor die
abdingbare Voraussetzungen für eine erfolgreiche Wissenschaften aus der Gesamtheit einige wenige
Wesensschau. sie interessierende Motive und Objekte herausge-
Als prominentes Beispiel dafür kann man die schält haben.
Arbeitsweise von Rainer Maria Rilke heranziehen. Unter Lebenswelt verstand Husserl die Welt der
Dieser Poet hat um 1900 eine Reihe von sogenann- »vorprädikativen Erfahrungen« im Gegensatz zur
ten Ding-Gedichten verfasst und dabei wie ein reduzierten Welt der »prädikativen Urteile«, wie sie
Phänomenologe im Husserl‘schen Sinn den wesen- uns von den Wissenschaften (besonders von den
haften Gehalt der von ihm beobachteten Tiere und messend zählenden Naturwissenschaften) vermit-
Dinge beschrieben. Zu diesen Gedichten zählen telt wird. Vorprädikative Erfahrungen meinen die
Der Panther, Die Gazelle, Das Einhorn, Römische ganze Weite des für einen Menschen vorgegebe-
Fontäne oder auch Das Karussell. nen Wahrnehmungsfeldes, dem er sich zuwendet,
In den 20er Jahren wandte Rilke die Fertigkei- und aus dem er ihn interessierende Themen, Mo-
ten der Wesensschau auf den Menschen und seine tive und Gegenstände auswählt. Die Atmosphäre
Welt an. In den Duineser Elegien gelang es ihm, mit eines nebligen Novembertages gehört ebenso zu
einem neuartigen und kühnen Ton Wesentliches diesem Horizont vorprädikativer Erfahrungen wie
10 Kapitel • Edmund Husserl

die Emotionen auslösende Begegnung zweier Men- Von diesen Qualitäten können uns Wissen-
schen oder die Lektüre eines Gedichts. schaftler kaum Auskunft geben. Ein Chemiker oder
Als Lebenswelt dürfen wir uns also die Totalität Physiker würde eventuell darauf verweisen, dass es
unserer Weltbezüge und -erfahrungen vorstellen, sich um 18°C kaltes H2O handelte, in dem wir uns
die Husserl unter dem Begriff der natürlichen Ein- bewegt haben, und ein Ernährungswissenschaftler
stellung zusammenfasste. Dabei haben und erleben kann den Gehalt von Mineralien und Spurenele-
wir die Welt, ohne sie »als« Welt zu besitzen oder menten angeben, die im Mineralwasser zu finden
zu erkennen. Wir befinden uns im Zustand des waren. Die Dimensionen subjektiver Emotionen,
Meinens und Glaubens, wofür Husserl den griechi- Wahrnehmungen, Empfindungen, Erinnerungen,
schen Ausdruck der »doxa« verwendete. Die Le- Phantasien und Wünsche bleiben dabei ebenso un-
benswelt bezeichnete der Denker auch als eine pri- berührt wie die landschaftlichen Schönheiten des
mordiale (ursprüngliche, die erste Ordnung oder Bergsees oder die Verhältnisse, in denen wir Mine-
das Ur-Ich betreffende) Sphäre, welche dem Men- ralwasser tranken.
schen konkret, sinnlich und anschaulich in einem Einen besonderen Aspekt der Lebenswelt bil-
vorwissenschaftlichen Modus gegeben ist. det die Zeitlichkeit, denn jedes gegenwärtige Ereig-
In diese lebensweltliche Universalität werden nis ist eingebettet in Vergangenheit und Zukunft,
die Menschen hineingeboren, und in ihr wachsen die sich auf ein Individuum ebenso wie auf Kol-
sie heran. Wie die Luft zum Atmen umgibt sie die lektive oder die gesamte Gesellschaft und Kultur
Lebenswelt, wobei sie selbst ebenso wie die Mit- beziehen können. Husserl sprach vom dreifachen
menschen Teil dieser Welt sind, diese dauernd as- Erlebnishorizont, der zum Zeitfeld des Ich beiträgt,
similieren und verändern oder umgekehrt von ihr wobei der Begriff des Zeithorizonts für ihn die Ge-
verändert werden. Wie ein großartiger materieller, schichte und Zukunft der gesamten Welt umfasste.
biopsychosozialer und geistiger Stoffwechsel er- Nur wenn man in solche Dimensionen vordringe,
scheint die Lebenswelt, wie eine grenzenlose Büh- lassen sich Realitäten und Potentialitäten einer
ne, auf der sich individuelle Menschenschicksale menschlichen Existenz erahnen und Sinn, Wert
ereignen, die umfänglich nur unter Berücksich- und Bedeutung von Situationen klären.
tigung des lebensweltlichen Hinter- und Unter- Nimmt der Phänomenologe dieses lebens-
grunds verstanden werden können. weltliche Apriori ernst und gelingt es ihm, dieses
Anders als einzelwissenschaftliche Untersu- zumindest teilweise in Worte zu fassen, kann er
chungen versucht die phänomenologische Analy- eventuell Antworten auf existentiell bewegende
se, Bezug auf diese weit dimensionierten Gegen- Fragen geben, welche die Einzelwissenschaften den
standsfelder zu nehmen und Dinge, natürliche Menschen schuldig bleiben. Weil Details und nicht
und kulturelle Phänomene sowie den Menschen der Zusammenhang der Lebenswelt von den Wis-
vor einem möglichst weiten räumlichen und zeitli- senschaften untersucht werden, können sie über
chen Horizont der Lebenswelt zu erforschen. Hus- Letztere nicht gehaltvoll urteilen:
serl verwendete dafür auch die Begriffe Hof und
Hintergrund: Jedes Objekt ist in eine Umgebung » In unserer Lebensnot – so hören wir – hat die-
integriert; jedes Ereignis weist ein Vorher und ein se Wissenschaft uns nichts zu sagen. Gerade die
Nachher auf; jeder Mensch existiert in einem sozia- Fragen schließt sie prinzipiell aus, die für den in
len und kulturellen Kontext. unseren unseligen Zeiten den schicksalsvollsten
Man kann sich das Verhältnis von Lebenswelt Umwälzungen preisgegebenen Menschen die
und Wissenschaften an einfachen Beispielen ver- brennenden sind: die Fragen nach Sinn oder Sinn-
deutlichen. Angenommen, wir schwimmen an losigkeit dieses ganzen menschlichen Daseins
einem heiß-schwülen Sommertag in einem Bergsee «
(Husserl 1992b, S. 4f.). 
oder trinken ein Glas Mineralwasser, so erleben wir
das umgebende oder getrunkene Nass womöglich Der Lebenswelt begegnen wir nach Husserl mit
als erfrischend, vitalisierend, Durst löschend und einer Einstellung, die er als »Urdoxa« benannte.
abkühlend. So sehr unser Ich sich auch bemühen mag, jeder
11
Werkanalyse

»doxa«, also jedem bloßen Glauben und Meinen gen (Plessner nannte dies »Leib sein«), wohinge-
zu entgehen, so sehr bleibt es als konkretes psycho- gen die letztere Modalität den Leib als materielles
logisches und leibhaftiges Ich doch innerhalb der Gegenüber meint (bei Plessner als »Körper haben«
Welt und seinem eigenen Dasein verfangen und ist bezeichnet).
felsenfest von deren Existenz überzeugt. Anders als Plessner fand Husserl kein stringen-
Maurice Merleau-Ponty, den man zu Recht als tes Modell, wie beide Seinsweisen ineinander über-
den eigentlichen Nachfolger Husserls in Frankreich gehen oder sich ablösen. Immer wieder stößt man
bezeichnet, hat in Die Phänomenologie der Wahr- in seinen Schriften stattdessen auf Formulierungen,
nehmung (1945) dieses Urdoxa-Konzept weiter- bei denen man spürt, wie sehr er mit der janusar-
entwickelt. Er konnte nachvollziehbar zeigen, dass tigen Doppelgesichtigkeit des menschlichen Leibes
sich zum Beispiel psychotisch Erkrankte aufgrund zu ringen hatte:
ihrer tiefen Überzeugung von der Glaubhaftigkeit
der Welt nur selten und unter großen Mühen von »  Derselbe Leib, der mir als Mittel aller Wahr-
ihren Trugwahrnehmungen distanzieren – so sehr nehmung dient, steht mir bei der Wahrnehmung
glauben sie an das Vorhandensein aller Phänome- seiner selbst im Wege und ist ein merkwürdig
ne, die ihnen begegnen, und seien es auch bloß hal- unvollkommen konstituiertes Ding (Husserl 1952,
luzinierte. «
S. 159). 

z Der Leib Diese Schwierigkeiten bei der Konstitution des


Ein Faktum, welches dem Menschen permanent eigenen Leibes versuchte Husserl mit Hilfe seiner
demonstriert, wie sehr er Teil der Welt ist und die- beiden Einstellungen – der transzendentalen und
selbe auch bei noch so geschickter intellektueller der natürlichen – zu lösen. Die transzendentale
Einklammerung und Reduktion nicht wirklich Einstellung jedoch (so lautet eine Kritik an Hus-
hinter sich zu lassen vermag, ist der eigene Leib. serls Theorien zum Leib) trifft sich bezüglich ihrer
Husserl hat sich diesem »sperrigen Stück Erfah- Erfassung des menschlichen Leibes mit der von den
rung« (wie er den Leib einmal charakterisierte) Naturwissenschaften oftmals praktizierten natura-
in vielen seiner Vorlesungen und Manuskripte ge- listischen Einstellung: Beide machen den Leib zum
widmet. Im zweiten Buch von Ideen zu einer reinen Körperobjekt, obwohl er in mancherlei Hinsicht
Phänomenologie und phänomenologischen Philoso- kein Objekt wie die anderen Gegenstände der Welt
phie, betitelt mit Phänomenologische Untersuchun- darstellt.
gen zur Konstitution (1952), das Husserl bereits um Der menschliche Leib als »Nullpunkt aller
1912 entworfen hatte, schrieb er dazu: Orientierungen« zeigt bei näherem Hinsehen näm-
lich immer wieder seine Sonderstellung. Während
» Der Leib konstituiert sich also ursprünglich auf er es uns ermöglicht, unsere Perspektive auf die
doppelte Weise: einerseits ist er physisches Ding, Dinge der Umwelt beliebig zu ändern, gelingt dies
Materie, er hat seine Extension, in die seine realen nicht im Hinblick auf ihn selbst. Er bleibt stets in
Eigenschaften … eingehen; andererseits finde ich der Rolle des »letzten zentralen Hier« und wird nie
auf ihm, und empfinde ich »auf« ihm und »in« ihm: eins mit den Objekten »dort«, auf die er bezogen
die Wärme auf dem Handrücken, die Kälte in den ist.
Füßen, die Berührungsempfindungen an den Fin- Ähnlich wie beim Leib mühte sich Husserl auch
«
gerspitzen (Husserl 1952, S. 145).  im Hinblick auf die Existenz anderer Menschen und
Bewusstseine lange Zeit vergeblich ab, diese phäno-
Ausgehend von solchen Beschreibungen hat der menologisch befriedigend zu beschreiben. Immer
Husserl-Schüler Helmuth Plessner in Die Stufen wieder stellte sich ihm die schwer zu lösende Frage
des Organischen und der Mensch (1928) das Kon- nach dem Erleben des Mitmenschen, wobei er ver-
zept zentrischen und exzentrischen Existierens schiedene Vorschläge unterbreitete, wie in einem
von Menschen entwickelt. Die erste Modalität ent- reinen Bewusstseinsstrom die Erfahrungen eines
spricht in etwa den Husserl‘schen Leibempfindun- fremden Bewusstseinsstroms auftreten können.
12 Kapitel • Edmund Husserl

Husserls Beschreibungen der Wahrnehmung » Wir sind also – wie könnten wir davon absehen –
und Erfahrung anderer Menschen wirken um- in unserem Philosophieren Funktionäre der Mensch-
ständlich. Angeblich erleben wir zunächst den an- heit. Die ganz persönliche Verantwortung für unser
deren als einen Körper, der sich bewegt. Nach und eigenes wahrhaftes Sein als Philosophen in unse-
nach bemerken wir, dass dessen Bewegungen keine rer innerpersönlichen Berufenheit trägt zugleich
beliebigen sind, sondern etwas zu bedeuten haben. in sich die Verantwortung für das wahre Sein der
So kommen wir schließlich zum Urteil, bei dem Menschheit, das nur als Sein auf ein Telos (Ziel)
sich bewegenden Körper müsse es sich ebenfalls hin ist und, wenn überhaupt, zur Verwirklichung
um einen Menschen handeln. Bestärkt werden wir nur kommen kann durch Philosophie – durch uns,
darin noch, wenn der andere auf ähnliche Themen wenn wir im Ernste Philosophen sind (Husserl
und Motive Bezug nimmt wie wir: «
1992b, S. 15). 

»  Es bilden sich so Beziehungen des Einverständ- An solchen Zeilen lässt sich ermessen, als wie be-
nisses … In diesen Beziehungen des Einverständ- deutend Husserl seine Arbeit und diejenige ande-
nisses ist eine bewusstseinsmäßige Wechselbezie- rer Meisterdenker ansah. Gleichzeitig wird daran
hung der Personen und zugleich eine einheitliche ersichtlich, was wohl eine wesentliche Ursache
Beziehung derselben zur gemeinsamen Umwelt seines großen Lehrerfolgs bei den Studenten war,
«
hergestellt (Husserl 1952, S. 192f.).  und weshalb er eine philosophische Schul- und
Forschungsrichtung gründen konnte, die ihn über-
Das Erlebnis des anderen wurde später vor allem dauerte: Was er sagte und wie er lebte war konkor-
von Jean-Paul Sartre in Das Sein und das Nichts dant, und daher bedurfte er (anders als Heidegger)
(1943) im Kapitel »Der Blick« bedeutend griffiger keiner rhetorischen Tricks und keiner schwer ver-
und realitätsnäher erörtert als bei Husserl. ständlichen Scheintiefe. Ethos, Pathos und Logos
entsprachen und ergänzten sich bei ihm bestens.
Wären es nur diese Qualitäten, hätten wir be-
Conclusio reits Grund genug, Husserl als Modell eines For-
schers und Denkers vorzustellen, das Anthropolo-
In Husserl begegnet uns ein Gelehrter, der mit unge- gen nachdenklich stimmen dürfte. Darüber hinaus
wöhnlich großem existentiellem Ernst nach Wahr- hat dieser Philosoph mit seiner von ihm begrün-
heit und Erkenntnis suchte. Sein Oeuvre ist durch- deten Phänomenologie ausgesprochen innovativ
drungen von einem Forschungs- und Arbeitsethos, gewirkt, wobei die methodischen wie inhaltlichen
das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur Neuerungen für die Anthropologie des 20. Jahr-
noch bei wenigen Denkern und Wissenschaftlern hunderts in vieler Hinsicht wie Initialzündungen
zu spüren war. Zu dieser Lebenshaltung passten Er- wirkten.
mahnungen an seine Freiburger Schüler wie: »Ein An einigen der eben erläuterten Begriffe wurde
Philosoph geht nicht zum Fasching!« – eine Auffor- bereits gezeigt, inwiefern sie für Husserl-Schüler
derung, die angesichts der mehrtägigen und inten- oder für Wissenschaftler aus anderen Disziplinen
siv gefeierten alemannischen Fasnacht im Breisgau anregend wirkten und sie zu weiterer Forschung
nicht ganz aus der Luft gegriffen schien. stimulierten. In den folgenden Kapiteln werden
Neben seinem Arbeits- und Lebensstil wirkte wir der Husserl‘schen Phänomenologie ebenso wie
Husserl auch in Bezug auf die Zielsetzung seines einzelnen von ihm angestoßenen Fragestellungen
Forschens und Philosophierens vorbildlich. Ihm immer wieder begegnen, wobei sich nicht nur an-
schwebte ein integraler Humanismus vor, in des- thropologisch interessierte Philosophen, sondern
sen Tradition er sich stellen und den er als inhalt- auch Mediziner und Psychologen auf ihn beriefen.
lichen wie formalen Maßstab seines Denkens und Husserl selbst wollte nie als Anthropologe miss-
Schreibens verstanden wissen wollte. Als dement- verstanden werden. Eine schlichte Umwandlung
sprechend wichtig umriss er die Rolle seriöser Wis- seiner phänomenologischen Ergebnisse in anthro-
senschaftler und Philosophen: pologische Aussagen hätte er wohl als Anthropo-
13
Conclusio

logismus gegeißelt, wie er denn auch dem Psycho- »  Husserl hat das Entsetzen und den Reiz wieder
logismus gegenüber kritisch eingestellt war. Der in die Dinge hineinversetzt. Er hat uns die Welt der
Übernahme einer phänomenologischen Haltung Künstler und Propheten zurückerstattet: fürchter-
und Methode in die Bereiche von Wissenschaft, lich, feindselig, gefährlich, mit Häfen der Anmut
Kunst und Anthropologie hätte er jedoch wahr- und der Liebe. Er hat für eine neue Abhandlung
scheinlich zugestimmt. über die Leidenschaften Platz geschaffen, die
Auf den vorangehenden Seiten haben wir Na- sich von dieser so simplen und so grundlegend
men von Philosophen aufgezählt, die hinsicht- von unseren Kennern verkannten Wahrheit leiten
lich ihrer methodischen Ausrichtung von Husserl lassen würde: Wenn wir eine Frau lieben, dann
stark beeinflusst waren (Scheler, Plessner, Sartre, darum, weil sie liebenswert ist … Nicht in irgend-
Merleau-Ponty). Daneben sind weitere Wissen- einem Schlupfwinkel werden wir uns entdecken:
schaftler, Ärzte und Philosophen erwähnenswert, sondern auf der Straße, in der Stadt, mitten in der
die im Geiste Husserls arbeiteten und partiell zu Menge, Ding unter Dingen, Mensch unter Men-
jener Gruppe von Forschern gehörten, die Herbert «
schen (Sartre 1982, S. 36f.). 
Spiegelberg (selbst ein zur Emigration gezwunge-
ner Phänomenologe) als Phenomenological Move- Im Bereich der Psychologie wurde die Phänomeno-
ment (1982) beschrieben hat. Für unsere Zwecke logie vor allem von den Gestaltpsychologen rezi-
noch informativer ist das Buch Phenomenology in piert. Spiegelberg erwähnte hierbei unter anderem
Psychology and Psychiatry (1972) desselben Autors. Max Wertheimer, Kurt Koffka, Wolfgang Köhler,
In diesem Buch untersuchte Spiegelberg einer- Aron Gurwitsch und Kurt Lewin. Die meisten von
seits den Einfluss der Phänomenologie Husserls auf ihnen wirkten auf die Phänomenologie zurück
die Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie des (z.  B. auf die Philosophie von Merleau-Ponty);
20. Jahrhunderts. Andererseits demonstrierte er, außerdem wurden sie von Ärzten wie Kurt Gold-
wie medizinische und psychologische Frage- und stein und Erwin Straus oder von Physiologen wie
Problemstellungen ihrerseits auf die phänomeno- Frederik Buytendijk mit Zustimmung zitiert.
logische Philosophie befruchtend wirkten. Aus der Die Tiefenpsychologen und hier besonders die
Fülle des auf über 400 Druckseiten ausgebreiteten Pioniere Sigmund Freud, Alfred Adler und C.  G.
Materials geben wir in der Folge einige Kostproben. Jung waren hinsichtlich einer offenkundigen Re-
Im ersten Kapitel stellte Spiegelberg wichtige zeption der Phänomenologie zurückhaltend. Spie-
Vertreter der phänomenologischen Philosophie gelberg zeigte jedoch, dass zum Beispiel Freud, in
vor. Neben Husserl erwähnte er für den deutsch- dessen Schriften der Name Edmund Husserl nicht
sprachigen Raum Alexander Pfänder, Moritz Gei- auftaucht, über Franz Brentano und Theodor Lipps
ger, Max Scheler und Martin Heidegger. Außerdem mit phänomenologischen Ideen in Kontakt ge-
zeigte er, inwiefern sich auch Nicolai Hartmann mit kommen war. Umgekehrt setzten sich zwar nicht
der Husserl‘schen Philosophie auseinandergesetzt Husserl selbst, wohl aber viele seiner Schüler und
hat. Anhänger mit psychoanalytischen Konstrukten
In Frankreich erfuhr die Phänomenologie auseinander.
ein lebhaftes Echo und eine originelle Weiterent- Die Psychoanalytikergeneration nach Freud
wicklung. An Namen wie Sartre, Merleau-Ponty, war bezüglich einer intellektuellen Debatte mit der
Gabriel Marcel und Paul Ricoeur verfolgte Spie- Phänomenologie durchlässiger und offener als der
gelberg die Traditionslinien und Wandlungen des in philosophischen Belangen skeptische Begründer
Husserl‘schen Denkens. Interessant waren dabei der Psychoanalyse. Paul Schilder, Heinz Hartmann
die Überlappungen mit dem nach dem Zweiten und Paul Federn oder in Frankreich Jacques Lacan
Weltkrieg stark in Mode gekommenen französisch- interessierten sich zum Teil ausgiebig für phänome-
sprachigen Existentialismus. Wie sehr Husserl mit nologische Vorgehensweisen. Im deutschsprachi-
seiner Phänomenologie die junge französische In- gen Raum hat in den letzten Jahrzehnten vor allem
telligenz begeisterte, macht ein Zitat Sartres offen- Josef Rattner Phänomenologie, Tiefenpsychologie
kundig: und Kulturanalyse fruchtbar aufeinander bezogen.
14 Kapitel • Edmund Husserl

Auf eine eigene Art und Weise wurde die Phä- lehrende Cassirer den bereits emeritierten Husserl
nomenologie in den Vereinigten Staaten von Ärz- in Freiburg besuchte.
ten, Psychologen und Psychotherapeuten aufge- Lässt man die von Spiegelberg dargelegten Ein-
nommen. Spiegelberg verfolgte in seinem Text die flüsse zwischen Phänomenologen, Psychologen,
diesbezüglichen Rezeptionsgeschichten bei Wil- Psychotherapeuten und Medizinern im 20. Jahr-
liam James, Gordon Allport, Carl Rogers und Rollo hundert Revue passieren, kommt man mit ihm zu
May. Letzterer hat in einer Reihe von Publikationen dem Schluss, dass es sich dabei um eine bemer-
die Phänomenologie und Existenzphilosophie mit kenswert fruchtbare Zusammenarbeit gehandelt
psychotherapeutischen und psychopathologischen hat. Husserl hat sich als Begründer einer interdis-
Problemfeldern und Fragen verknüpft. ziplinär wirksamen Forschungsrichtung erwiesen,
Mit der Psychopathologie sind wir bei jenen und seine Saat ist nicht nur im engeren Rahmen der
Ärzten angekommen, die sich als Psychiater haupt- Philosophie aufgegangen.
beruflich mit der Diagnostik und Therapie von see- Beim Studium von Husserls Biographie und
lischen, sozialen und geistigen Störungen befassen. Werk wird man jedoch auch wehmütig. Vor dem
In dieser Berufsgruppe hat die Phänomenologie inneren Auge des Lesers wird in Umrissen immer
ihren Einfluss bisher am nachhaltigsten geltend ge- wieder das alte Europa mit seiner niveauvollen
macht. Kultur sichtbar – mit jener Kultur, die von den Fa-
Man denke nur an Karl Jaspers, dessen psych- schisten radikal zerstört oder nachhaltig geschädigt
iatrisches Hauptwerk Allgemeine Psychopathologie wurde. Husserl gehörte hinsichtlich seines Lebens-
(1913) die Etablierung phänomenologischer Me- stils, seiner Gesinnung und Weltanschauung noch
thoden und Haltungen innerhalb der Nervenheil- vollumfänglich zu dieser einst- und einmaligen
kunde zum Hauptinhalt hatte. Weitere Nervenärzte Kultur Alteuropas, und seine Phänomenologie
von Rang, die sich einer phänomenologischen He- konnte auf diesem mit griechisch-antiker Philoso-
rangehensweise in Theorie und Praxis befleißigten, phie, Renaissance, Humanismus, Aufklärung und
waren Ludwig Binswanger, Eugène Minkowski, Klassik angereicherten kulturellen Nährmedium
Viktor Emil von Gebsattel , Erwin Straus, Medard besonders üppig wachsen und gedeihen.
Boss, Viktor Frankl und Ronald D. Laing. Man
sieht: Fast alle Psychiater, die sich als anthropolo-
gisch versierte Kliniker und Schriftsteller erwiesen, Literatur
sind direkt oder indirekt durch Husserls phänome-
nologische Schulung gegangen. Bernet K, Kern I, Marbach E (1996) Edmund Husserl – Dar-
stellung seines Denkens. Meiner, Hamburg
Von Spiegelberg nicht vergessen wurden die
Gander H-H (Hrsg) (2010) Husserl-Lexikon. Wissenschaftliche
psychosomatisch tätigen Neurologen Viktor von Buchgesellschaft, Darmstadt
Weizsäcker und Kurt Goldstein, die ebenfalls phä- Husserl E (1952) Ideen zu einer reinen Phänomenologie und
nomenologisches Gedankengut in ihre klinischen phänomenologischen Philosophie II – Phänomeno-
und/oder theoretischen Konzepte aufgenommen logische Untersuchungen zur Konstitution, Husserliana
Band IV, hrsg. v. Biemel M. Nijhoff, Den Haag
haben. Der Letztere war philosophisch ungewöhn-
Husserl E (1992) In: Ströker E (Hrsg) Gesammelte Schriften in
lich gebildet – war er doch der Cousin von Ernst acht Bänden. Meiner, Hamburg
Cassirer, der als eigenständiger Philosoph hervor- Husserl E (1992a) Cartesianische Meditationen. In: Ströker
getreten ist. E (Hrsg) Gesammelte Schriften 8. Meiner, Hamburg
Übrigens schätzten Husserl und Cassirer ein- (Erstveröff. 1931, dt. 1950)
Husserl E (1992b) Die Krisis der europäischen Wissenschaften
ander trotz divergenter philosophischer Ansichten
und die transzendentale Phänomenologie. In: Ströker
und Herangehensweisen sehr, was sich unter ande- E (Hrsg) Gesammelte Schriften 8. Meiner, Hamburg
rem an ihrem Briefwechsel ablesen lässt. Der Erste- (Erstveröff. 1936)
re versuchte während seiner Göttinger Zeit verge- Husserl E (1993) Arbeit an den Phänomenen. In: Waldenfels
bens, den Letzteren dorthin zu lotsen, um mit ihm B (Hrsg) Ausgewählte Schriften. Fischer, Frankfurt am
Main
gemeinsam zu philosophieren. Zu einer persönli-
Mayer V (2009) Edmund Husserl. Beck, München
chen Begegnung kam es 1932, als der in Hamburg
15
Literatur

Prechtl P (1991) Husserl zur Einführung. Junius, Hamburg


Schuhmann K (1977) Husserl-Chronik – Denk- und Lebens-
weg Edmund Husserls. Nijhoff, Den Haag
Sepp HR (Hrsg) (1988) Edmund Husserl und die Phänomeno-
logische Bewegung. Karl Alber, Freiburg
Spiegelberg H (1982) The Phenomenological Movement.
Nijhoff, Den Haag
Spiegelberg H (1972) Phenomenology in Psychology and
Psychiatry. Northwestern University Press, Evanston
Sartre J-P (1982) Eine fundamentale Idee der Phänomeno-
logie Husserls: die Intentionalität. In: Die Transzendenz
des Ego – Philosophische Essays 1931–1939. Rowohlt,
Reinbek bei Hamburg (Erstveröff. 1939)
Ströker E (1987) Husserls transzendentale Phänomenologie.
Klostermann, Frankfurt am Main
Waldenfels B (1983) Die Phänomenologie in Frankreich.
Suhrkamp, Frankfurt am Main
Wetz FJ (1995) Edmund Husserl. Campus, Frankfurt am Main
Zahavi D (2009) Husserls Phänomenologie. Mohr Siebeck,
Tübingen (Erstveröff. 2003)
17

Henri Bergson
Biographisches – 18
Werkanalyse – 20
Conclusio – 28
Literatur – 29

G. Danzer, Wer sind wir? – Auf der Suche nach der Formel des Menschen,
DOI 10.1007/978-3-642-16993-9_2,
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2011
18 Kapitel • Henri Bergson

reichte er in den Fächern Sprachen, Rhetorik und


Mathematik. Doch auch auf anderen Gebieten
wusste er immer wieder zu brillieren, so dass für
ihn die jährlichen Abschlussprüfungen regelmäßig
zu Triumphen wurden.
Dies ist umso erstaunlicher, wenn man be-
denkt, dass der Schüler Bergson ab seinem 11. Le-
bensjahr zwar in einem renommierten jüdischen
Internat, dem Institut Springer, untergebracht war,
. Abb. 1 Henri Bergson aber keinen direkten Kontakt mehr mit seinen El-
(*1859; †1941). (Quelle: tern halten konnte. Diese hatten nämlich 1870 auf-
Wikipedia) grund des deutsch-französischen Krieges ihre Zel-
te in Paris abgebrochen, ihr Domizil nach London
»Der Name Bergson durchtönt gegenwärtig in so verlegt und ihren Sohn den Lehrkräften am Institut
aufdringlich lauter Weise die Kulturwelt, dass die Springer anvertraut.
Eigentümer feinerer Ohren zweifelnd fragen mö- Aus dieser Zeit rührte ein melancholischer und
gen, ob man wohl solchen Philosophen lesen soll.« introvertierter Zug im Wesen Bergsons her, der
Mit diesen Worten reagierte vor beinahe Hundert sich in seinen Schriften ebenso wie auf den erhalte-
Jahren Max Scheler auf die Publikation von Henri nen Porträtaufnahmen des Philosophen erkennen
Bergsons Schöpferische Entwicklung (1907), die 1912 lässt. Bergson nahm kaum direkten Blickkontakt
in deutscher Übersetzung erschienen war. Obwohl zu anderen Menschen auf und schien durch alle
es zu Beginn des 21. Jahrhunderts ziemlich still um hindurchzusehen – wie einer, dem nicht die An-
den einstigen französischen Star- und Meisterden- gelegenheiten des Alltags, sondern komplexe und
ker der Lebensphilosophie geworden ist, möchte weit entfernte Themen am Herzen lagen.
man Schelers nicht nur rhetorisch gemeinte Frage Da Bergson ein glänzender Schüler war, be-
mit einem entschiedenen »Man soll!« beantworten stand er mit Bravour die Aufnahmeprüfung an der
(. Abb. 1). École normale supérieure (ENS), der Eliteschule
Frankreichs, an der er von 1878–1881 Philosophie
studierte. Zum selben Jahrgang der »Normaliens«
Biographisches wie Bergson gehörten der spätere Sozialistenfüh-
rer Jean Jaurès sowie Émile Durkheim, der in den
Henri Bergson wurde 1859 (im selben Jahr wie kommenden Jahren eine neue Disziplin, die »scien-
Edmund Husserl) in Paris geboren und starb dort ces sociales«, an Frankreichs Universitäten etablier-
während des Zweiten Weltkrieges im Jahre 1941. te und später als Soziologe zum rationalistischen
Er war der zweite Sohn jüdischer Eltern. Der aus Antipoden des antirationalistischen Philosophen
Polen stammende Vater Michel Bergson war als Bergson wurde.
Musiklehrer und Komponist tätig; die Mutter Ca- Nach Beendigung seines Studiums heiratete
therine Lewison war gebürtige Engländerin. Daher Bergson. Seine Frau Louise Neuburger war eine
wuchs der junge Henri zweisprachig auf und war Cousine von Marcel Proust, der als Page an der
von Kindheit an im Englischen beinahe genauso Hochzeit teilnahm. Die spätere Bezugnahme des
versiert wie in der französischen Sprache. Wäh- Dichters von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
rend der ersten Lebensjahre von Henri wohnte die auf die Philosophie Bergsons war also nicht nur in-
Familie in der Schweiz, und erst 1866 erfolgte die haltlich begründet, sondern erfolgte auch vor dem
Rückübersiedlung nach Paris, wo die Bergsons bis Hintergrund verwandtschaftlicher und persönli-
1870 blieben. cher Beziehungen.
Ab 1868 besuchte Henri das berühmte Lycée Aus der Ehe stammte die einzige Tochter Jeanne
Condorcet, an dem er als Schüler mehrfach Ehren- Bergson, die von früh auf körperlich behindert
auszeichnungen erhielt. Besondere Leistungen er- war. Das Kind konnte nicht hören und sprechen.
19
Biographisches

Gleichwohl verabsäumte man keine sorgfältige Er- Schriftstellerphilosoph an dieser Institution seine
ziehung, und so konnte Jeanne eine Ausbildung als neuartige Philosophie des Bergsonismus. Das Col-
Bildhauerin absolvieren. Auch nahm sie an der ge- lège de France beruft ihren Lehrkörper ohne jeg-
danklichen Welt ihres Vaters lebhaften Anteil; nach liche Lehrverpflichtung. Mitglieder des Instituts
dem Tod ihres Vaters verwaltete sie dessen Nach- können nach freiem Ermessen öffentliche Vor-
lass. lesungen halten; im Allgemeinen dürfen sie sich
Wie viele andere französische Intellektuel- jedoch ganz ihrer Forschung widmen.
le und Wissenschaftler (so Jules Michelet, Émile Bergson wollte durchaus nicht nur denken
Durkheim, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir) und schreiben, sondern auch dozieren. Vor allem
arbeitete auch Bergson nach seiner Zeit an der zu seinen legendären Freitagskollegs strömte »tout
ENS zuerst als Gymnasiallehrer in der Provinz (in Paris«, um den zart und in sich gekehrt wirkenden
Angers und Clermont-Ferrand und danach in Pa- Gelehrten zu hören, dessen Habitus und äußere Er-
ris, wo er eine Weile am Lycée Henri IV unterrich- scheinung an einen vornehmen und stets untadelig
tete). Während dieser Jahre verfasste er mehrere korrekt gekleideten Aristokraten erinnerte, und
kleinere Schriften (z. B. über Hypnose) sowie sein dessen Augenpartie von nicht wenigen mit derjeni-
erstes Buch, das 1889 unter dem Titel Essais sur les gen einer weisen Eule verglichen wurde.
données immédiates de la conscience (deutsch: Zeit Insbesondere die Atmosphäre der Weisheit
und Freiheit. Eine Abhandlung über die unmittelba- und Vornehmheit, die Bergson um sich verbrei-
ren Bewusstseinstatsachen, 1911) erschienen ist und tete, seine mehr vorsichtige denn zupackende Art
einen wichtigen Teil seiner später eingereichten des Denkens sowie seine feinsinnige und zartfüh-
Dissertation ausmachte. lende Intuition, mit der er die Welt erfasste und
Mit dieser Publikation gelang es Bergson zum beschrieb, waren für die meisten Zuhörer faszi-
ersten Mal, in der Öffentlichkeit auf sich aufmerk- nierend. Maurice Merleau-Ponty, der selbst einen
sam zu machen. Noch im selben Jahr wurde er mit zurückhaltenden Charakter hatte, hob jedenfalls
seiner Arbeit promoviert, die als Beginn des Berg- diese Seiten Bergsons als besonders auffällig und
sonismus und als wesentlicher Beitrag zur Lebens- angenehm hervor.
philosophie angesehen wurde. Ab der Mitte seines Lebens wurde Henri Berg-
Auch nach seiner zweiten größeren Veröffent- son mit Ehrungen und Auszeichnungen versehen:
lichung – Matière et mémoire. Essai sur la relation Man wählte ihn als Mitglied in die Académie Fran-
du corps et l‘esprit (1896, deutsch: Materie und Ge- çaise und betraute ihn während des Ersten Welt-
dächtnis. Eine Abhandlung über die Beziehung zwi- kriegs mit diplomatischen Aufgaben. Weil in den
schen Körper und Geist, 1919) – blieb Bergson vom USA der Philosoph William James zu seinen An-
Ziel seiner Bemühungen, eine Professur für Philo- hängern zählte, wurde ein Kontakt mit Woodrow
sophie an der Sorbonne zu erhalten, vorerst noch Wilson eingefädelt, bei dem Bergson den ameri-
weit entfernt. Der Soziologe Durkheim soll angeb- kanischen Präsidenten für den Eintritt der USA in
lich dazu beigetragen haben, dass die Bewerbun- den Krieg werben sollte.
gen seines ehemaligen Schulkameraden zunächst 1922 wurde Bergson für drei Jahre zum Präsi-
erfolglos verliefen. denten der Völkerbundkommission für geistige
Erst 1900 eröffnete sich für Bergson die Mög- Zusammenarbeit ernannt, der auch Albert Einstein
lichkeit, am hoch angesehenen Collège de France angehörte. Schon 1914 hatte der Vatikan die Schrif-
doch noch zu professoralen Ehren zu gelangen. Zu- ten des Philosophen auf den Index der verbotenen
nächst erhielt er den Lehrstuhl für griechische und Bücher gesetzt, da er in Schöpferische Entwicklung
lateinische Philosophie. 1904 konnte er auf den für keine theistischen Gottesvorstellungen vertrat. Als
ihn passenden Lehrstuhl für neuere Philosophie Höhepunkt seiner philosophisch-schriftstelleri-
wechseln, den er bis 1921, also bis in sein 62. Le- schen Arbeiten erkannte man dem Philosophen
bensjahr hinein, innehatte. 1927 den Nobelpreis für Literatur zu, den er vor
Über zwei Jahrzehnte lang lehrte der inzwi- allem für eben jene Publikation L‘Evolution créatri-
schen über Frankreich hinaus bekannt gewordene ce (1907, deutsch: Schöpferische Entwicklung, 1912)
20 Kapitel • Henri Bergson

und den exzellenten Stil seiner philosophischen blizierte Bergson eine diesbezügliche Abhandlung
Abhandlungen erhielt. mit dem Titel Durée et simultanéité, die bis heu-
Mit dieser Publikation war Bergson europaweit te nicht ins Deutsche übersetzt wurde, und deren
als Lebensphilosoph bekannt geworden. Er setzte Neuauflage vom Verfasser nicht gewünscht war.
sich darin tiefgründig mit den Problemen der Bio- Nach seiner Emeritierung 1921 blieb Bergson
logie und den Phänomenen des Lebens auseinan- als publizierender Philosoph aktiv. Besonders zu
der, wobei er über die Modelle von Charles Darwin erwähnen ist sein Alterswerk Les Deux sources de
und Jean Baptiste de Lamarck hinausging und als la morale et de la religion (1932), das 1933 unter dem
Erklärung für die Evolution eine biologische Ur- deutschen Titel Die beiden Quellen der Moral und
kraft postulierte, die er »élan vital« nannte – ein der Religion erschien. Nicht erst in diesem Buch
Begriff, der zum Markenzeichen der Philosophie liebäugelte der jüdische Intellektuelle mit der Reli-
Bergsons geworden ist. gion, vorrangig katholischer Couleur.
Dieser »élan vital«, die Lebensschwungkraft, Der späte Bergson soll immer wieder an eine
wurde von Bergson als Schöpferkraft interpretiert, Konversion gedacht, diese jedoch nie Realität ha-
die vegetatives (pflanzliches), instinktives (tie- ben werden lassen, da er aus Solidarität mit den
risches) und intelligentes (menschliches) Leben zunehmend ausgegrenzten jüdischen Mitbürgern
hervorbringen soll. Die schöpferische Aktivität des diese nicht verraten wollte. So kam es, dass Bergson
»élan vital« ist nicht der analytischen Vernunft und nach der Besetzung von Paris durch die deutschen
Reflexion, sondern der Intuition zugänglich, die Truppen im Zweiten Weltkrieg denselben Repres-
sich nicht auf Begriffe, Maß und Zahl, sondern auf salien wie andere Juden unterworfen wurde. Sein
Bilder und Atmosphären bezieht. Tod 1941 ist unter anderem darauf zurückzuführen,
Mittels philosophischer Intuition wollte Berg- dass sich der über 80-Jährige eine Lungenentzün-
son neben dem »élan vital« auch die Zeit als Dauer dung zuzog, als er im kalten Winter viele Stunden
(»durée«) sowie die Freiheit des Menschen erfas- lang in einer Warteschlange stand, um sich als Jude
sen. Auf einem internationalen Philosophenkon- registrieren zu lassen.
gress 1911 in Bologna hielt er einen Vortrag mit
dem Titel »Die philosophische Intuition«, der als
leidenschaftliches Plädoyer für ein philosophisches Werkanalyse
Denken und Forschen verstanden werden sollte,
das sich mit Themen des konkreten Lebens befasst: Selbst wenn die große Zeit des Bergsonismus vor-
bei ist und Bergson oftmals nur noch unter phi-
»  Philosophieren ist immer ein einfacher Akt. Je losophiehistorischer Perspektive betrachtet wird,
mehr wir uns von dieser Wahrheit durchdringen lohnt eine inhaltliche Beschäftigung mit manchen
lassen, umso mehr werden wir dazu neigen, die Gedanken des Gelehrten. In seinen Büchern hat er
Philosophie aus der Enge der Schulwissenschaft neben heute als abseitig eingestuften Ideen auch
zu befreien, um sie dem Leben wieder anzunähern Themen behandelt, die sich bis ins 21. Jahrhundert
«
(Bergson 1993a, S. 145).  als anthropologisch relevant erwiesen haben.

In den letzten Jahrzehnten seines Lebens war Berg- z Zeit und Freiheit
son in Frankreich und darüber hinaus in Europa In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten
eine Art Institution der Philosophie geworden, und die Naturwissenschaften, allen voran die Biologie
als solche nahm er Einfluss auf viele seiner Kol- (in Form des Darwinismus) und Physik, aber auch
legen, aber auch auf Schriftsteller, Wissenschaftler die Medizin, große Fortschritte zu verzeichnen
und Künstler. Spuren des Bergson‘schen Denkens und waren auf gutem Wege, mit Hilfe ihrer wissen-
finden sich etwa bei Marcel Proust und André Gide. schaftlichen Erkenntnisse eine Art Erklärungs- und
Des Weiteren kam es mit Albert Einstein zu Definitionsmonopol in Fragen von Menschsein,
intensiven und fruchtbaren Auseinandersetzungen Leben und Kosmos für sich zu reklamieren. Das
über den Begriff und das Wesen der Zeit. 1922 pu- szientistische Weltbild, das auf positivistischen und
21
Werkanalyse

materialistischen Grundannahmen fußt, schien Neben diesen Fähigkeiten verfügte Bergson vor
damals andere, etwa künstlerische oder geisteswis- allem über präzise Intuition. Der Intuition als er-
senschaftliche Versuche, die Conditio humana zu kenntnistheoretisches Fundament wird von den
bedenken, überflüssig zu machen. Wissenschaftstheoretikern meist kein sonderlich ho-
Vor allem in Frankreich und Deutschland her Stellenwert beigemessen. Oftmals versteht man
mehrten sich Ende des 19. Jahrhunderts jedoch unter Intuition eine Art Eingebung oder plötzliches
Stimmen, die auf Defizite und Unzulänglichkeiten ahnendes Erfassen von Verhältnissen, das sich re-
einer bloß szientistischen Weltsicht hinwiesen. Im flektierenden oder diskursiven Auseinandersetzun-
deutschsprachigen Raum trat eine Gruppe von Kri- gen entzieht. Solche unmittelbaren Gewissheiten,
tikern auf den Plan, welche die sogenannte Lebens- die sich aus intuitiven Erkenntnisweisen ergeben,
philosophie vertraten. Zu ihnen gehörten Friedrich mögen in Zirkeln von Mystikern oder Religiösen
Nietzsche, Wilhelm Dilthey, Georg Simmel, Ludwig Bedeutung haben, taugen jedoch wenig im Rahmen
Klages und Edmund Husserl. Der wichtigste Ver- wissenschaftlicher Fortschrittsbemühungen.
treter der Lebensphilosophie in Frankreich war un- Von einem derartigen Verständnis von Intui-
zweifelhaft Henri Bergson. tion distanzierte sich Bergson. Für ihn stellte die
Ihnen allen gemein war der Versuch, mit Hilfe Intuition keine Gefühlseingebung oder Erleuch-
des Phänomens Leben die reduktionistischen Ten- tung dar, sondern bedeutete vielmehr eine seriöse
denzen der (Natur-) Wissenschaften in die Schran- Methode des philosophischen Nachdenkens, die
ken zu weisen. Wie unscharf allerdings der Termi- Regeln gehorcht und daher von ihm mit dem Ad-
nus der Lebensphilosophie war, wird schon allein jektiv präzise versehen wurde. Im Unterschied zur
daran ersichtlich, dass manche Wissenschaftshisto- Methodik der Naturwissenschaften, Technik und
riker die Vorsokratiker und französischen Moralis- Mathematik schützt die präzise Intuition freilich
ten ebenso zu den Lebensphilosophen rechnen wie nicht vor systematischen Fehlern.
die Vertreter der Existenzphilosophie. Immerhin bietet sie ein relativ verlässliches Re-
Eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass flexionsverfahren, das nachvollziehbare Ergebnis-
Bergson zum Kritiker einer szientistischen Weltan- se liefert. Dabei sollen die Phänomene des Lebens
schauung werden konnte, bestand darin, dass er ein möglichst vorurteilsfrei und nicht gebunden an
versierter Kenner von Biologie, Physik, Evolutions- theoretische Prämissen erfasst werden. Das voll-
theorie und später der Relativitätstheorie war. Er ständig Gegebene und nicht die Einzelerfahrungen
wusste genau, wovon er sprach, wenn er die natur- oder -ergebnisse, welche die Wissenschaftler erst
wissenschaftlichen Erkenntnisse seiner Zeit zum sekundär wieder zum Ganzen vereinen, interessier-
Ausgangspunkt für seine eigenen Überlegungen ten den präzise intuitiv vorgehenden Philosophen.
wählte. In manchen Menschen dominiere diese hoch geis-
Vor allem seine ersten drei Bücher Zeit und tige intuitive Form von Einsicht und Verstehen. Es
Freiheit, Materie und Gedächtnis sowie Schöpferi- sind dies unter anderem die Künstler, Dichter und
sche Entwicklung enthalten viel Material der ex- – wie Bergson meinte – die Bahnbrecher einer ver-
akten Naturwissenschaften, das von Bergson mit innerlichten Religion.
leichter Feder aufs Papier gebracht wurde, und das Ein Phänomen, das Bergson mit Hilfe seiner
in entsprechenden Lehrbüchern der Physik oder intuitiven Methode besonders gründlich unter-
Biologie nicht eleganter hätte dargestellt werden suchte, war die Zeit. Seit Aristoteles gibt es philo-
können. Auch die Schrift Durée et simultanéité sophische und physikalisch-wissenschaftliche Tra-
(1922) bestätigt, dass Bergson auf der Höhe der ditionen des Nachdenkens über das Wesen und die
naturwissenschaftlichen Erkenntnisse seiner Zeit Eigenarten der Zeit. Für den griechischen Philo-
war und als Philosoph den inhaltlichen Debatten sophen war die Zeit eine zerteilte Bewegung. Auch
seiner Kollegen von der biologischen oder physika- Newton, Leibniz und andere Forscher verwendeten
lischen Zunft zu folgen vermochte. Im Hinblick auf einen erheblichen Anteil ihrer Arbeitskraft darauf,
Chemie und Medizin bewegte er sich mit ähnlicher die Zeit zu verstehen, wobei oft zum Bild des Stro-
Souveränität. mes gegriffen wurde, der mehr oder minder un-
22 Kapitel • Henri Bergson

abhängig vom Leben und Erleben eines Menschen Die Identität eines Menschen konstituiert sich
dahin fließt. nur aufgrund dieses Dauerns. Wenn wir morgens
Bergson vertrat diesen tradierten Modellen erwachen und innert kürzester Zeit wissen, wer
gegenüber einen radikal anderen Standpunkt. wir sind, meldet sich unsere »durée« im Sinne von
Zwar anerkannte er die physikalische Raumzeit, Bewahrung. Wenn wir abends zu Bette gehen und
die sich mit Uhren messen lässt, und der man die feststellen, dass uns das Leben neue Pinselstriche
Qualität einer zerteilten Bewegung (z. B. des Uhr- zur Skizze unserer Existenz hinzugefügt hat, mel-
zeigers) attestieren kann. Daneben jedoch gibt es det sich erneut unsere Dauer, dieses Mal jedoch im
dem Philosophen zufolge für uns Menschen die Er- Sinne von Veränderung.
fahrung einer gänzlich anderen Zeit, die sich nicht Im Laufe unseres Lebens sind wir stets diesel-
in Sekunden oder Minuten einteilen lässt, die nicht ben und zugleich doch andere – ein Paradoxon,
gemessen werden kann und die deshalb nicht mit das im Bergson‘schen Begriff der Dauer wesentlich
der Raumzeit vermischt oder verwechselt werden mit enthalten ist. Das Ich dauert an, indem es sich
darf. Diese andere Zeit nannte Bergson in Zeit und ständig bewahrt und verändert. Neben oder hinter
Freiheit im Gegensatz zu »le temps« (die Zeit) »la diesem Prozess gibt es keine Substanz, die man Ich
durée« (die Dauer). nennen kann; das Ich ist dieser Prozess, ist »durée«.
Die Dauer kann als individuell erlebte oder ge- Zumindest das eigentliche Ich kann mit »du-
lebte Zeit aufgefasst werden. Jeder kennt das Phä- rée« gleichgesetzt werden. Da jeder tagtäglich seine
nomen, dass sich manche Momente im Dasein Existenz mit den raumzeitlichen Gegebenheiten
aufblähen, wohingegen andere nur karg und blass vermengt, unterschied Bergson konventionelles
imponieren. Die Unterschiede dieser Erlebenszu- Ich (»le moi conventionnel«) und fundamentales,
stände sind nicht quantitativer, sondern qualitati- wahres Ich (»le moi intérieur«). Das konventionelle
ver Natur. Daher lassen sich diese Zeitphänomene Ich ist oberflächlich, für alle sichtbar, peripher, den
nicht (wie etwas Extensives) messen, sondern ledig- Verhältnissen angepasst. Dieses Ich kann von einer
lich (wie etwas Intensives) in Bildern, Metaphern, positivistischen oder analytischen Psychologie er-
Farben und Tönen beschreiben und erzählen. fasst und vermessen werden. Anders hingegen das
Die Zeitpunkte der gelebten Zeit darf man fundamentale Ich, das uns und den anderen nur
sich nicht wie Perlen nebeneinander aufgereiht auf intuitiv gegeben und in Maß und Zahl nicht kon-
einer Schnur vorstellen. Vielmehr schieben sie sich vertierbar, nach Bergson »inexprimable« (unaus-
ineinander und bilden ein Kontinuum, ein dau- drückbar) ist.
ernd wachsendes und sich veränderndes Ganzes. Diesem Tiefen-Ich kommen die Eigenschaften
Das menschliche Leben besteht nicht aus primär der Schöpferkraft, Freiheit und inneren Lebendig-
getrennten Momenten, die sekundär synthetisiert keit, kurz: des »élan vital« zu. Es lebt und wächst in
werden; es kann viel treffender eben als ein Dauern schöpferischer Entwicklung und entfaltet sich frei
verstanden werden. nach dem ihm innewohnenden Lebensdrang, der
So ragt das Gesamt der Vergangenheit als Stim- Lebensschwungkraft. In seinen späten Schriften hat
mung, Erinnerung, Erfahrung und Charakter eben- Bergson nicht nur den einzelnen Individuen, son-
so in die Gegenwart eines Individuums hinein wie dern sogar dem gesamten Universum zugestanden,
dessen Zukunft, die sich als Erwartung, Hoffnung, über »élan vital« zu verfügen und Formen des Dau-
Entwurf oder Vorwegnahme beschreiben lässt. Wie erns und des Gedächtnisses aufzuweisen.
ein weitgehend fertiges Kunstwerk (etwa ein Bild) Die Materialisten und Naturalisten gehen da-
alle Phasen des Entstehens, alle Pinselstriche, Kor- von aus, dass sich das Leben aus der Materie entwi-
rekturen und Übermalungen in sich trägt und zu- ckelt hat. Nach Bergson sollte man eher die geistige
gleich in seinen noch nicht ausgeführten Partien Energie des »élan vital« annehmen, die am Anfang
und in seiner Skizzenhaftigkeit die Potentialität der des kosmischen Evolutionsgeschehens stand. Die
Zukunft beinhaltet, so kann nach Bergson auch die Lebensschwungkraft sei spirituell, einer Feuerwoge
»durée« eines Menschen aufgefasst und verstanden ähnlich, die aus sich selbst heraus aktiviert wur-
werden. de. An ihren Rändern erkaltete sie und bildete die
23
Werkanalyse

Materie. Diese gehorcht dem Trägheitsprinzip; sie In der angelsächsischen Philosophie (z.  B. bei
kann als eine Bewegung des Fallens (Schwerkraft) Ludwig Wittgenstein, Karl Popper oder Bertrand
bezeichnet werden. Russell) überwogen die negativen Urteile über den
Nun seien die aufwärts drängende Vitalener- französischen Kollegen. Russell, der in Paris Vor-
gie und die Materie da und dort zusammengetrof- lesungen von Bergson gehört hatte, nannte ihn in
fen. Der »élan vital« bohrte sich in die materiel- seiner Philosophie des Abendlandes (1950) aufgrund
le Gegenbewegung ein und erzwang dadurch die seines Irrationalismus ein prächtiges Beispiel für
Fülle der Lebensformen. Bei der Gestaltung der eine gegen die Vernunft gerichtete Auflehnung. In
Organismen war er stets durch den vorgefundenen Deutschland erlebte der Bergsonismus hingegen
Stoff behindert. Er hat sich durch alle Widerstände in den Reihen der Phänomenologen, aber auch bei
hinaufgearbeitet, wobei sich die Geschichte seines Ernst Cassirer oder Georg Simmel wegen der tief-
Werdens in der Pflanzen- und Tierwelt der Erde gründigen Analysen der subjektiv erlebten Zeit ein
niederschlug. überwiegend positives Echo.
Die Pflanzen zeigen eine statische Existenz- Auch außerhalb der Philosophie wurde Berg-
form. Sie sind im Boden verwurzelt und benützen sons Idee der »durée« diskutiert. So haben in den
die Sonnenenergie, um Nahrungsstoffe für sich letzten Jahren die Naturwissenschaftler Ilja Pri-
und die Tiere herzustellen. Bei den Tieren teilte gogine (Das Paradox der Zeit, 1993) und Jacques
sich der Lebensschwung in zwei Bahnen. Auf der Monod (Zufall und Notwendigkeit, 1970) in ihren
einen Seite entstanden Insekten und Hautflügler, Schriften auf den französischen Philosophen Be-
die sich mit Hilfe des Instinkts an die Lebensauf- zug genommen. Ebenso hat sich die Dichtkunst
gaben anpassten. mit dem Bergsonismus beschäftigt, wobei vor allem
Die andere Entwicklungslinie führte über die Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen
Säugetiere zum Menschen. Bei ihm wurde der Zeit (1912ff.) als groß angelegter Versuch gewertet
Intellekt zum wichtigsten Instrument der Lebens- werden darf, die Vergangenheit als Dauer wieder-
gestaltung. Durch ihn waren vielfältige Antworten zugewinnen.
auf nahezu alle Lebensbedingungen möglich. Die Daneben profitierten die Tiefenpsychologie
Intelligenz macht stets neue Anläufe, um die Welt und Psychiatrie von den Gedanken Bergsons zur
und ihre Gesetzmäßigkeiten zu begreifen. Sie ist in »durée«. So hat der Psychiater Eugène Minkowski
der Dingwelt zu Hause und neigt dazu, alles me- in seinem Buch Le temps vécu (1933, deutsch: Die
chanisch zu interpretieren. Darum eignet ihr, wie gelebte Zeit) die Idee der Dauer als Identität stif-
Bergson sagte, eine natürliche Verständnislosigkeit tendes Werden und Bewahren auf verschiedene
für das Leben und seine inneren Wesensgestalten. Fragen der psychiatrischen Krankheitslehre ange-
Der Intellekt ist ein Mathematiker und will alles wandt.
zählen, wägen, messen und berechnen. Er ist ge- Man konnte feststellen, dass bei Menschen, die
schickt im Werkzeuggebrauch und schuf im Laufe an Neurosen, Psychosen, Süchten oder Perversio-
der Zeit die Technik, welche das Dasein weitgehend nen erkrankt sind, nicht selten Defizite hinsichtlich
erleichtert. Weniger tüchtig ist er, sobald er mit Le- der Fähigkeit des Dauerns zu beobachten sind. Ih-
bendigem zu tun hat, das Bergson zufolge intuitiv nen gelingt es nicht immer hinreichend, ihr Dasein
verstanden werden müsste. als Kontinuum zu erleben und zu gestalten und da-
Die Überlegungen Bergsons hinsichtlich des bei die drei Zeitdimensionen von Vergangenheit,
»élan vital«, der Intuition sowie der Zeit, die er Zukunft und Gegenwart zu einer einheitlichen
selbst als das Zentrum seiner Lehre bezeichnet Identität zu fusionieren.
hat, haben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhun- Bei manchen Kranken löst sich die Konsistenz
derts unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. ihres Tiefen-Ich in einem derart hohen Maße auf,
In Frankreich haben sich Jean-Paul Sartre, Mau- dass bei ihnen nur noch ihr jeweiliges Oberflächen-
rice Merleau-Ponty oder Emmanuel Lévinas zum Ich dominiert. Andere scheinen arretiert in einem
Teil ablehnend, zum Teil zustimmend, immer aber Zustand der Vergangenheit und des Bewahrens,
fruchtbar auf Bergson bezogen. der jegliches Werden und Verändern ausschließt
24 Kapitel • Henri Bergson

(z.  B. Patienten mit Zwangskrankheiten oder De- Seele-Problem und nicht so sehr zum Thema des
pressionen). Erinnerns und Vergessens zu liefern. Anhand des
Wieder andere bringen die Kraft und Fähigkeit Gedächtnisses wollte er lediglich Wechselwirkun-
nicht mehr auf, die Momente und Zeitpunkte ihres gen zwischen Materie und Geist untersuchen und
Daseins zu synthetisieren. Ihre Existenz erinnert an darstellen.
misslungene Werke von Pointillisten, bei denen die Unter der Hand jedoch war Bergson mit Mate-
einzelnen Farbpunkte ebenfalls keine kohärenten rie und Gedächtnis ein Text gelungen, welcher die
Bilder und Gestalten ergeben. Derartige Störungen Gedanken Nietzsches fortsetzte. Bergson unter-
können im Zuge von massiven Suchterkrankungen schied darin zwei Arten des Gedächtnisses: Das
oder bei chronisch schizophren Erkrankten auftre- mechanische oder habituelle Gedächtnis bedeutet
ten. die Gesamtheit von Gewohnheiten und Automatis-
men, welche den Lebensablauf eines Menschen in
z Materie und Gedächtnis Muster und fixierte Formeln verwandelt. Ein fes-
Ausgehend von Zeit und Freiheit hat Bergson einige ter Satz von erlernten Handlungen, Gedanken und
Jahre später ein weiteres Buch vorgelegt, in dem er Emotionen durchzieht und prägt als Resultat dieses
kosmologische und anthropologische Fragen auf Gedächtnisses die Momente der Gegenwart.
originelle Art miteinander verknüpfte und beant- Ohne sich an Situationen des Lernens und Ein-
wortete. In Materie und Gedächtnis werden seine prägens zu erinnern, sind die Ergebnisse dieses
Überlegungen zur »durée« aufgegriffen, erweitert Lernens dem Individuum reflexartig präsent. Berg-
und auf das Gedächtnis angewandt. son verdeutlichte dies am Beispiel des Auswendig-
Das Gedächtnis war ähnlich wie das Thema der lernens eines Gedichts: Der Erwachsene memoriert
Zeit in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts einzelne Strophen, normalerweise ohne dabei die
für Wissenschaftler und Philosophen interessant Geschichte des Einprägens und Wiederholens vor
geworden. In diesem Zusammenhang kann man Augen zu haben, die er als Kind oder Jugendlicher
auf Friedrich Nietzsche verweisen, der betonte, absolvierte. Irgendwann beherrscht sein habituelles
dass das Gedächtnis beim Menschen nur deshalb Gedächtnis das Gedicht, und er kann es automa-
so differenziert entwickelt wurde, weil er ein histo- tisch und ohne großes Nachdenken rezitieren.
risches und damit zeitliches Wesen ist. Die zweite Form menschlicher Erinnerungs-
In seiner frühen Schrift Vom Nutzen und Nach- möglichkeit bezeichnete Bergson als reines Ge-
teil der Historie für das Leben (1872) führte er weiter dächtnis. In ihm werde die gesamte Summe der
aus, dass die Tiere »kurz angepflockt an den Pflock Lebensereignisse gespeichert, selbst wenn meistens
des Augenblicks« scheinbar glücklich und selbst- weite Bereiche davon nicht direkt zugänglich sind.
vergessen ihr Dasein fristen und im Gegensatz zu Diesen Gedanken griff in gewisser Weise Sigmund
uns Menschen weder die Last der Vergangenheit Freud auf, als er davon sprach, dass im Unbewuss-
noch die Sorgen der Zukunft kennen. Die Fähig- ten nichts verloren geht.
keiten der Erinnerung und des bewussten Gedächt- Unter dem reinen Gedächtnis verstand der Phi-
nisses sind ihnen aufgrund dieses Verschmolzen- losoph die umfassende Erinnerung einer individu-
Seins mit dem jeweiligen Augenblick fremd. Erin- ellen Vergangenheit. Diese Art von Reminiszenz
nerung und Gedächtnis haben nach Nietzsche nur führe dazu, dass die Menschen ihre subjektive Zeit
für historisch-zeitliche Wesen einen Sinn und sind als »durée« und nicht nur als eine bloße Wieder-
deshalb nur bei ihnen umfänglich ausgebildet. holung oder Aneinanderreihung von Jetzt-Punkten
Wenige Jahre nach Nietzsches Ausführungen erleben.
über den Nutzen und die Nachteile der Historie Das Gedächtnis stellte für Bergson den Schnitt-
und des Erinnerns erschien das Buch Bergsons, das punkt zwischen Geist und Materie dar. An diesem
in seinem Titel eine Beschäftigung mit den Themen Schnittpunkt wollte er demonstrieren, wie Geist
des Gedächtnisses und des Erinnerns ankündigte. und Materie, Seele und Leib interagieren und auf-
Mit dieser Publikation beabsichtigte Bergson je- einander Einfluss ausüben. Dabei verwahrte er sich
doch vielmehr, einen Beitrag bevorzugt zum Leib- gegen jeglichen Materialismus, der davon ausgeht,
25
Werkanalyse

dass seelische und geistige Leistungen lediglich als z Das Lachen


Epiphänomene des Gehirns zu begreifen sind. Dem Das Lachen stellte für Bergson ebenso wie das Ge-
menschlichen Geist gestand Bergson einen hohen dächtnis ein Phänomen dar, an dem er Grundzüge
Grad an Freiheit und Gestaltungsspielraum zu, so seiner Philosophie erläutern konnte. Wann und
dass er nicht als vollständig vom Körper determi- warum Menschen lachen, ist oftmals eine Frage
niert erscheint: von Witz, Komik und Humor. Bergson erweiterte
diese Themen in Le rire (Das Lachen) um die für
» Es ist also in diesem Falle notwendigerweise der ihn wichtigen Begriffe von Leben und Geist.
Willkür ein gewisser Spielraum gelassen; und wenn Dass man anhand von Forschungen über Witz,
sich den die Tiere nicht zunutze machen, gefes- Komik und Humor Wesentliches über den Men-
selt wie sie sind von der materiellen Notdurft, so schen zutage fördern kann, hatten vor Bergson
scheint sich doch der menschliche Geist unaufhör- schon andere Denker gezeigt. Meist wurden die-
lich mit der Totalität seines Gedächtnisses gegen se Themen in der philosophischen Disziplin der
die Tür zu stemmen, die ihm der Körper halb öff- Ästhetik abgehandelt, und so wird der Titel eines
net: Daraus ergeben sich die Spiele der Phantasie Buches von Jean Paul verständlich (Vorschule der
und die Arbeit der Einbildungskraft – Freiheiten, Ästhetik, 1807), das geistreiche Überlegungen zum
die der Geist sich der Natur gegenüber heraus- Humor und zum Lachen beinhaltet.
«
nimmt (Bergson 1991, S. 175f.).  In Le rire erwies sich Bergson ebenfalls als ein
Autor, der sich über das alltägliche Lachen ver-
Ausgehend von seiner Einteilung in habituelles wunderte und es zugleich in den Rang eines philo-
und reines Gedächtnis hat Bergson im erwähnten sophischen Problems erhob. Über diese Art, sich
Buch noch weitere komplexe Überlegungen zum mitten im Leben die Themen seiner Spekulation zu
Verhältnis von Materie und Geist angestellt, die suchen, hat er später festgestellt, dass die meisten
hier nicht erörtert werden sollen. Erwähnenswert Denker diesbezüglich einen eklatanten Mangel auf-
jedoch ist, dass seine Vorstellungen von den zwei weisen:
Gedächtnistypen wenige Jahre nach der Veröffent-
lichung von Materie und Gedächtnis literarisch aus- »  Was der Philosophie am meisten gefehlt hat, ist
gestaltet wurden. die Präzision. Die philosophischen Systeme sind
So hat Marcel Proust an einer zentralen Stelle nicht auf die Wirklichkeit, in der wir leben, zuge-
seines Romans Auf der Suche nach der verlorenen schnitten. Sie sind zu weit für sie. Man prüfe nur
Zeit geschildert, wie habituelles und reines Ge- irgend ein passend ausgewähltes unter ihnen, so
dächtnis gleichsam aufeinandertreffen und ineinan- wird man sehen, dass es ebenso gut auf eine Welt
der übergehen: Er schilderte, wie er (respektive die passen würde, in der es weder Pflanzen noch Tiere,
Hauptperson) beim Nachmittagstee ein Madeleine- in der es nichts als Menschen gäbe, und in der sich
törtchen in die vor ihm stehende Schale tunkte und die Menschen des Essens und Trinkens enthielten,
ihm bei diesem habituellen Ritual jählings die Bil- in der sie weder schliefen noch träumten noch
der, Ereignisse und Atmosphären seiner Vergangen- ihre Gedanken ziellos schweifen ließen, in der sie
heit als Gesamtheit und Dauer vor Augen standen. altersschwach geboren würden, um als Säuglinge
Obwohl die Erinnerungen seines reinen Ge- zu enden, in der sich die Energie nicht zerstreute,
dächtnisses für ihn lange Zeit nicht präsent waren, sondern konzentrierte, kurzum auf eine Welt,
waren sie dennoch nicht verloren. Sie lagerten als in der alles gegen den Strich ginge und sich ins
Hinweise und Spuren in der ihn umgebenden Ma- «
Gegenteil verkehrte (Bergson 1993b, S. 21). 
terie und in seinem Körper, und sein reines Ge-
dächtnis (für Bergson gleichbedeutend mit Geist) Um dieser Gefahr einer vom Leben losgelösten
nutzte diese materiellen Engramme als Matrix für Philosophie nicht zu erliegen, war eine Untersu-
seine Erinnerungen. chung über die Komik und das Lachen bestens ge-
eignet. Der erste Teil von Bergsons Le rire handelt
von der Komik (nicht vom Witz oder Humor) im
26 Kapitel • Henri Bergson

Allgemeinen und von derjenigen der Formen und zen, dass ihnen auch das Element des Komischen
Bewegungen im speziellen. Ein zentraler Gedanke nicht fremd ist. Dies liegt unter anderem an der
dabei lautet: Komik und damit auch Lachen entste- permanenten Repetierung einer bestimmten und
hen immer dann, wenn da, wo wir Leben und Geist oft als störend erlebten Symptomatik (neurotischer
vermuten, uns ein ins Leben eingebauter und das Wiederholungszwang), die anstelle einer flexiblen
Leben imitierender Automatismus begegnet. Antwort auf die Lebensaufgaben zu beobachten ist.
Diese These belegte der Philosoph anhand Diese an Automaten und Maschinen gemahnende
vieler Beispiele. So lebt der Clown mit seinen pa- Wiederholung tritt besonders deutlich bei Zwangs-
rodistischen Slapstick-Einlagen ebenso wie der störungen zutage (Zwangsgedanken, -impulse und
Karikaturist mit seinen Zeichnungen von einer -handlungen).
»mécanisation de la vie«, einer Mechanisierung des Was bei einem komischen oder neurotischen
Lebendigen, die als Nachahmung, Wiederholung, Verhalten auf der Strecke bleibt, ist die Anmut. An-
Übertreibung, Verdoppelung, Versteifung oder Fi- mut nennen wir seit Friedrich Schiller die Freiheit
xierung eines ursprünglich lebendigen und damit in der Bewegung, und diese Freiheit wird bei der
sich permanent verändernden Prozesses imponie- Komik infrage gestellt. Statt im Sinne dieser Frei-
ren kann. heit agiert der menschliche Körper oder der ganze
Einige dieser Mechanismen lassen sich auch Mensch maschinenartig und erweckt in uns die
bei zerstreuten Menschen finden, über die man Empfindung von Komik. Ähnliches wird provo-
ähnlich lächelt wie über jenen Zeitgenossen, der ziert, wenn die Anmut, die ein unwillkürliches
mit der Brille auf der Nase seine Brille sucht. Man Phänomen ist, bewusst gewollt wird.
kann die Zerstreutheit als eine passagere oder per- Die häufigste Reaktion auf die Wahrnehmung
manente Lebenshaltung verstehen, bei welcher das von Komik ist das Lachen. Bergson hat in seinem
Bewusstsein eines Menschen in seiner Dichte und Buch dieser Reaktion einen wichtigen Part im so-
Konzentration reduziert ist; damit wirkt es den be- zialen Kontakt der Menschen untereinander zuge-
drängenden Verhältnissen gegenüber als zu wenig wiesen. Er betonte, dass im Lachen ein exquisiter
gewappnet. Korrekturfaktor verborgen sei: Wer über einen
So kommt es, dass die Dinge und Verhältnisse komischen Mitmenschen lache, gebe ihm zu ver-
der Umwelt eine relative Macht über den Betref- stehen, dass er bei ihm eine »Mécanisation de la
fenden erhalten und ihn zumindest partiell do- vie« wahrgenommen habe und diese als deplatziert
minieren. Nicht mehr die Person beherrscht ihre erachte.
Objekte, sondern die Objekte machen sich über Das Lachen verfolgt darüber hinaus auch einen
den Einzelnen her und bewirken, dass er sich an egalisierenden Zweck, welcher den komisch anmu-
sie verliert. Durch die Faszination und Dominanz tenden Menschen in die Region der Mitte und des
des Stofflichen kommt es zur Mechanisierung des Maßes zurückbringen soll. Wenn das Kleine sich als
Lebendigen und somit zu komischen Situationen. zu groß und das Große sich als zu klein gebärdet,
Doch nicht nur bei zerstreuten Menschen er- und wenn Anspruch und Wirklichkeit allzu sehr
lebt man Komisches. Oft genug lacht man auch auseinanderklaffen, kann es passieren, dass man
über diejenigen, die als körperlich zu schwer, zu mit einem lauten Lachen losprustet und das eben
groß oder zu klein, als plump, verwachsen, unpro- noch Erhabene ins Lächerliche verwandelt. Anders
portioniert oder schlicht als dysmorph erscheinen. als beim Witz, dessen Lachen meistens gegen einen
Auch bei diesen Menschen hat die Materie schein- imaginären oder realen Menschen gerichtet ist und
bar die Oberhand über ihr Seelisches und Geistiges sich aus dem Gefühl der Distanz zu ihm speist, will
errungen. das Lachen aufgrund von Komik den Betreffenden
Für die Tiefenpsychologie besteht eine enge wieder ins mittlere und lebendige Menschentum
Verwandtschaft zwischen Komik und Neurose. zurückholen und integrieren:
Sigmund Freud und Alfred Adler haben mehr-
mals darauf hingewiesen, dass seelische Störungen » Was das Lachen hervorheben und korrigieren
aufgebaut seien wie ein Witz; man kann ergän- möchte, das ist dieses Starre, Fixfertige, Mechani-
27
Werkanalyse

sche im Gegensatz zum Beweglichen, immerfort weiter oben bereits erwähnten Theorie der intuiti-
Wechselnden und Lebendigen, es ist Zerstreutheit ven Wahrnehmung und Beurteilung von anderen
im Gegensatz zur Aufmerksamkeit, Automatismus Personen in ihren biologischen, seelischen und
im Gegensatz zum freien Handeln (Bergson 1988a, geistigen Dimensionen.
«
S. 86).  Im kritischen Nachgang zu Le rire hat Georg
Simmel einige Jahre nach der Erstpublikation da-
Im großen Stil erfolgt diese Korrektur im Theater. rauf hingewiesen, dass im Lachen nicht nur Ko-
Die Komödie ist jene Kunstgattung, die sich inten- misches, sondern auch Tragisches enthalten sei.
siv mit Komik beschäftigt und hauptsächlich von Simmel bewunderte Bergson und dessen Texte
ihren Effekten lebt. In jeder Komödie findet sich sehr, was unter anderem in folgendem, Simmel
eine »Mécanisation de la vie«, über welche das Pu- zugeschriebenem Bonmot zum Ausdruck kommt:
blikum lacht. In Le rire hat Bergson daher dieser »Dass Bergson mehr kann als ich, darüber freue
Thematik breiten Raum gewidmet. ich mich; aber dass ich weniger kann als er, das ist
Diese »Mécanisation« kann als äußere Rah- doch schmerzlich.«
menhandlung imponieren, die durch Wiederho- An Le rire bemängelte Simmel, dass Bergson
lung einen maschinenartigen Eindruck hinterlässt; das Tragische der »Mécanisation de la vie« nicht
sie kann sich aber auch im Innern einer Figur als genügend herausgestellt habe. Zwar sei es richtig,
fixe Idee manifestieren. Des Weiteren wirken etwa das Lachen als Hinweis für Mechanisierung und
Inversion (Umkehrung der Verhältnisse), Interfe- Reduzierung von Leben zu interpretieren und an
renz (zwei unabhängige Handlungsstränge werden ihm das Wesen intuitiver Erkenntnis zu demonst-
ineinander verflochten und führen zu dauernden rieren. Gehe man dem Phänomen der »Mécanisati-
Verwechslungen) oder Transposition komisch. on« jedoch weiter nach, gelange man zur tragischen
Um Letzteres handelt es sich zum Beispiel, Dialektik, dass alles Leben irgendwann in Mecha-
wenn in einem Stück von Nikolai Gogol ein höhe- nisches und Totes umschlägt. Das Lachen und die
rer Beamter seinen Untergebenen mit den Worten Komik trösten über dieses Faktum hinweg, ohne es
zurechtweist: »Du stiehlst zu viel für einen Beamten angemessen zu erhellen.
deiner Klasse!« Hierbei wird ein qualitatives (ethi-
sches) Problem quantifiziert. z Die beiden Quellen der Moral und der
Es verwundert nicht, wenn bei so viel »Méca- Religion
nisation« in Komödien Typen und keine Indivi- Bergson hatte in seinen Schriften lange Zeit die
duen angetroffen werden. Bergson verwies darauf, politischen und sozialen Probleme der Menschen
dass wir von dem Menschenfeind, dem Geizigen ausgespart. In seinem Alterswerk Die beiden Quel-
oder dem Hypochonder sprechen. Das Schablo- len der Moral und der Religion versuchte er dieses
nenhaft-Repetierende dieser Figuren obsiegt über Versäumnis zu korrigieren. Darin unterschied
das Persönliche, welches die Figuren der Tragö- er zwei Formen von Moralität und Religion. Ge-
die auszeichnet und dazu beiträgt, dass wir uns schlossene Moralen gibt es in begrenzten Gesell-
als Zuschauer mitleidend in Don Carlos, Hamlet schaften, die nur die eigenen Mitglieder als ethische
oder Romeo einfühlen, wohingegen die Typen der Gemeinschaft empfinden. Jenseits ihrer Grenzen
Shakespeare‘schen, Molière‘schen oder Shaw‘schen sind Feinde lokalisiert, die meistens abgelehnt oder
Komödien allgemein bleiben und uns lachen las- grimmig bekämpft werden.
sen. Geschlossene Gesellschaften beruhen auf dem
Das Lachen ist jedoch nicht nur ein Indikator Begriff der Pflicht. Durch Letztere werden die Mit-
für eine komische Situation. Es zeigt auch an, dass glieder auf strenge Verhaltenskodizes eingeschwo-
sich der Lachende via Intuition in seinen Mitmen- ren. Wenn der verinnerlichte Zwang gut funktio-
schen einfühlt, dessen Freiheit und Lebendigkeit niert, wird man an Insektenstaaten erinnert, wo
er als reduziert und durch »Mécanisation« ersetzt alle Individuen im Dienste des Ganzen reagieren.
empfindet. Das Lachen bedeutete für Bergson da- Der Nachteil hiervon ist das Fehlen von Freiheit.
her einen neuerlichen indirekten Nachweis seiner Dazu kommt, dass der Zusammenhalt alle jene
28 Kapitel • Henri Bergson

ausschließt, die unter die Kategorie des Fremden Conclusio


und Anderen fallen. Solche Moralität ist kein allzu
hoher Wert. Blickt man beinahe ein Jahrhundert nach den be-
Daher propagierte Bergson eine offene Moral, deutenden Publikationen Bergsons auf dessen Le-
die auf allgemeiner Menschlichkeit und Liebe be- benswerk zurück, fällt das Urteil zwiespältig aus.
ruht. Sie wurde in der Geschichte von großen Per- Der introvertierte Denker war gewiss kein Kämp-
sönlichkeiten immer wieder geahnt und gepredigt. fer, der sich ein Ringen mit dem Widerstand der
Sie sei suprarational und gehe aus einem Gefühl stumpfen Welt zugetraut hätte. Eher finden sich bei
des Einsseins mit allem Lebendigen, speziell mit ihm die Tendenzen von Ausgleich, Versöhnlichkeit
der Menschheit, hervor. und friedlicher Koexistenz.
Einen ähnlichen Dualismus gäbe es im Bereich Staat, Kirche und gesellschaftliche Majorität
der Religionen. Hier sprach der Philosoph von sta- wurden als Autoritäten von ihm jedenfalls nie ra-
tischen und dynamischen Religionen. Die Erste- dikal infrage gestellt, und selbst zu den Naturwis-
ren sind Verteidigungsmaßnahmen des Menschen senschaften, die er im Hinblick auf ihre Ergebnisse
gegen den Tod und dienen ihrerseits der Aufrecht- wertschätzte, wegen ihres szientistischen Weltbil-
erhaltung der geschlossenen Moral. Auch sie gren- des jedoch kritisierte, versuchte er stets, (spirituel-
zen die Fremdgruppen aus und unterwerfen diese le) Brücken zu bauen. So ist es verständlich, dass
nicht selten der Verachtung oder Verfolgung. Bergson in der bürgerlichen Welt wohl gelitten war
Weit höher stehen offene Religionen. In ihnen und mit Ehrungen versehen wurde. Julien Benda
gehen Menschen vom Erlebnis der Intuition aus, zählte ihn folgerichtig zur Gruppe jener Intellek-
die sie mit dem Kosmos als Totalität verbindet. tuellen, die zu Macht und Herrschaft zu wenig kri-
Bergson sah in den offenen Religionen eine Religio- tische Distanz entwickeln.
sität der Lebensschwungkraft und ein Einswerden Anders als Husserl hat Bergson keine Schule
mit der spirituellen Energie am Werke, welche den begründet, und sein Denken erfuhr keine systema-
Kosmos und das Lebendige hervorgebracht hat. tische Weiterentwicklung. Allerdings haben immer
Merkwürdigerweise erachtete Bergson vor wieder Dichter, Wissenschaftler und Philosophen
allem die Mystiker der katholischen Kirche, mit (André Gide, Paul Valéry, Gabriel Marcel, Charles
denen er sich jahrelang beschäftigte, als die haupt- Péguy, Gaston Bachelard) betont, wie sehr sie von
sächlichen Bahnbrecher einer solchen universellen den Texten Bergsons und seiner sublim-poetischen
Verehrung von Göttlichkeit. Indem sich der Mysti- Art des Philosophierens beeinflusst wurden.
ker von der äußeren Wirklichkeit abwendet, spüre Wie gezeigt, lohnt die Beschäftigung mit Berg-
er die Gottheit, wobei das eigene Bewusstsein mit son immer noch, sobald man sich seinen Reflexio-
der Schöpfung harmonisch zusammenklinge. nen zuwendet, die er im Hinblick auf anthropolo-
Man kann verstehen, dass nicht wenige Kritiker gisch relevante Themen angestellt hat. Seine Über-
des Philosophen Die beiden Quellen der Moral und legungen zu Zeit, Gedächtnis, menschlicher Identi-
der Religion letztlich als Absage an die skeptische tät oder zum Lachen enthalten tief- und feinsinnige
Vernunft und als Bekenntnis zum Katholizismus Erkenntnisse über die menschliche Existenz, die bis
verstanden. Sir Karl Popper jedenfalls, der von in eine klinisch-medizinische Ebene hinein genutzt
Bergson immerhin die Terminologie der offenen werden können.
und geschlossenen Gesellschaft übernahm, attes- Vor allem seine Spekulationen zur Zeitlichkeit
tierte ihm in Die offene Gesellschaft und ihre Feinde des menschlichen Lebens und der gesamten Natur
(1957) eklatanten Irrationalismus, der zu seinem, wirkten inspirierend. Sein Ausspruch bleibt gültig:
Poppers eigenem kritischen Rationalismus in ent- Ȇberall, wo Leben ist, liegt ein Buch auf, worin
schiedenem Gegensatz stehe. Ähnlich distanziert sich die Zeit einschreibt.« Der Gedanke, dass die
urteilte Bertrand Russell in seiner Philosophie des innerste Substanz unseres Daseins die Zeitlichkeit
Abendlandes (1950) über Bergson, dessen Weltbild ist, hat im Existentialismus ebenso wie in der Anth-
er hohe poetische, dafür aber geringere philosophi- ropologie breite Wirkung entfaltet. Und Bergsons
sche Qualitäten bescheinigte. Einteilung in ein habituelles und reines Gedächtnis
29
Literatur

wird neuerdings sogar in den Neurowissenschaften


als ernstzunehmendes Modell diskutiert (Squire u.
Kandel 2009).

Literatur

Albert K (1998) Henri Bergson. Unterwegs zu einer Philoso-


phie des Lebens. In: Fleischer M (Hrsg) Philosophen des
19. Jahrhunderts. Primus, Darmstadt
Bergson H (1912) Schöpferische Entwicklung. Diederichs,
Jena 1912 (Erstveröff. 1907)
Bergson H (1980) Die beiden Quellen der Moral und der
Religion. Walter, Olten (Erstveröff. 1932)
Bergson H (1988a) Das Lachen – Ein Essay über die Bedeu-
tung des Komischen. Fischer, Frankfurt am Main 1988
(Erstveröff. 1900)
Bergson H (1988b) Einführung in die Metaphysik. Junghans,
Cuxhaven (Erstveröff. 1902)
Bergson H (1991) Materie und Gedächtnis. Meiner, Hamburg
(Erstveröff. 1896)
Bergson H (1993a) Die philosophische Intuition. In: Denken
und schöpferisches Werden. Libri, Hamburg (Erstveröff.
1911, dt. 1939)
Bergson H (1993b) Denken und schöpferisches Werden. Libri,
Hamburg (dt. 1934)
Bergson H (1994) Zeit und Freiheit. Europäische Verlagsan-
stalt, Hamburg (Erstveröff. 1889)
Deleuze G (1997) Henri Bergson zur Einführung. Junius,
Hamburg
Jurevics P (1949) Henri Bergson. Eine Einführung in seine
Philosophie. Alber, Freiburg
Kolakowski L (1985) Henri Bergson – Ein Dichterphilosoph.
Piper, München
Popper KR (1992) Die offene Gesellschaft und ihre Feinde.
JCB Mohr, Tübingen (Erstveröff. 1945)
Romanòs K (1988) Heimkehr. Henri Bergsons lebensphilo-
sophische Ansätze zur Heilung von erstarrtem Leben.
Athenäum, Frankfurt am Main
Russell B (1988) Philosophie des Abendlandes. Europa, Wien-
Zürich (Erstveröff. 1950)
Soulez Ph, Worms F (1997) Bergson. Presses Universitaires de
France, Paris
Spateneder P (2007) Leibhaftige Zeit – Die Verteidigung des
Wirklichen bei Henri Bergson. Kohlhammer, Stuttgart
Squire L, Kandel E (2009) Gedächtnis – Die Natur des Erin-
nerns. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg
Vollet M (2007) Die Wurzel unserer Wirklichkeit – Problem
und Begriff des Möglichen bei Henri Bergson. Alber,
Freiburg
Vrhunc M (2002) Bild und Wirklichkeit – Zur Philosophie
Henri Bergsons. Fink, München
Weinmann M (1989) Henri Bergson. In: Metzler Philosophen-
lexikon. Metzler, Stuttgart
31

Ernst Cassirer
Biographisches – 32
Werkanalyse – 34
Conclusio – 41
Literatur – 42

G. Danzer, Wer sind wir? – Auf der Suche nach der Formel des Menschen,
DOI 10.1007/978-3-642-16993-9_3,
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2011
32 Kapitel • Ernst Cassirer

kurze Zeit immatrikuliert. 1894 kehrte er nach


Berlin zurück, wo er in einer Vorlesung von Georg
Simmel über Immanuel Kant auf Hermann Cohen
(1842–1918) aufmerksam gemacht wurde.
Cohen zählte neben Paul Natorp (1854–1924)
zur Marburger Schule des Neukantianismus. Zu-
sammen mit der Südwestdeutschen Schule, der
Wilhelm Windelband (1848–1915) und Heinrich
. Abb. 1 Ernst Cassirer Rickert (1863–1936) angehörten, war die Marbur-
(*1874; †1945). (Quelle:
ger Schule bestrebt, die Philosophie Kants weiter-
Wikipedia)
zuentwickeln. Insbesondere die Verknüpfung von
Empirie und philosophischer Spekulation, die bei
Die Biographie und das Werk Ernst Cassirers wur- Kant noch gegeben und im deutschen Idealismus
den von den epochalen Bedingungen und Ereignis- ins Hintertreffen geraten war, wollten die Neukan-
sen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spürbar tianer neu beleben.
beeinflusst. Diese trugen wesentlich dazu bei, dass Cassirer ging 1896 nach Marburg und wurde
der Philosoph jahrzehntelang beinahe vergessen zum Lieblingsschüler Cohens. Sein großer Fleiß,
war. In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts seine außergewöhnliche Arbeitsfähigkeit und sein
kam es zu einer Cassirer-Renaissance, in deren scharfer Verstand ließen ihn als frühreifen Denker
Rahmen seine Texte zur Anthropologie in Philo- erscheinen, der von den Kommilitonen als Olym-
sophie, Psychologie und ansatzweise auch in der pier bezeichnet wurde. 1899 wurde er mit einer
Medizin rezipiert wurden (. Abb. 1). Arbeit über die Erkenntnistheorie Descartes’ pro-
moviert, welche das seltene Prädikat »opus eximi-
um« erhielt.
Biographisches Die Dissertation bildete einen Teil des ersten
Buches von Cassirer, das er 1902 unter dem Titel
Ernst Cassirer wurde 1874 in Breslau als viertes von Leibniz‘ System in seinen wissenschaftlichen Grund-
insgesamt sieben Kindern geboren. Er entstammte lagen veröffentlichte, und womit er ein Preisaus-
einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie, schreiben der Berliner Akademie der Wissenschaf-
die materiellen Reichtum und kulturelle Bildung zu ten gewann. Nach der Fertigstellung dieses Manu-
verbinden wusste. skripts versuchte er, sich zuerst in Berlin, dann in
Als 18-Jähriger immatrikulierte sich Cassirer Straßburg und im selben Jahr noch in Göttingen
1892 in Berlin, wohin die Familie übergesiedelt war, zu habilitieren. Doch diese Versuche schlugen fehl
zuerst für Rechtswissenschaften. Er sollte den Be- – vor allem wohl, weil Cassirer als Meisterschüler
ruf seines Vaters weiterführen, der als Rechtsanwalt Cohens galt, der wie er selbst jüdischer Abstam-
des Cassirer-Clans tätig war. Zur weitverzweigten mung war.
Familie zählten unter anderem der Komponist und Auf die vergeblichen Habilitationsversuche re-
Musikwissenschaftler Fritz Cassirer (1871–1926), agierte Cassirer mit großer Produktivität und er-
der Verleger Bruno Cassirer (1872–1941), die höhte noch sein Arbeitspensum; das Resultat wa-
Neurologen Richard Cassirer (1868–1925) und Kurt ren die vier voluminösen Bände über Das Erkennt-
Goldstein (1878–1965), der Galerist Paul Cassirer nisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der
(1871–1926) sowie Toni Bondy, die einer Wiener neueren Zeit, die in den Jahren 1906, 1907, 1920 und
Seitenlinie der Cassirers entstammte und später die postum 1950/57 erschienen, und in denen Cassirer
Ehefrau des Philosophen wurde. seine bei Cohen begonnenen Studien auf eindrück-
Bald nach dem Studienbeginn wechselte Cas- liche Art ausweitete.
sirer zur Philosophie und Literaturwissenschaft. In Auch die private Situation des Philosophen ver-
Leipzig hörte er den Psychologen Wilhelm Wundt, änderte sich damals grundlegend. Um 1900 hatten
und auch in Heidelberg und Münster war er für sich die Kontakte Cassirers zu seiner neun Jahre
33
Biographisches

jüngeren Wiener Cousine Toni Bondy intensiviert; Orientalist Hellmut Ritter, die klassischen Philolo-
nachdem sich eine Liebesbeziehung entspann, hei- gen Bruno Snell und Ulrich von Wilamowitz-Mo-
rateten die beiden 1902. Die Ehe mit Toni stellte ellendorf, der Romanist Ernst Robert Curtius, der
sich als glückliche Wahl heraus. Dem Paar wurden Religionsphilosoph Paul Tillich und der Talmud-
die Kinder Heinz, Georg und Anne geboren. In gelehrte Gershom Scholem.
ihrem Buch Mein Leben mit Ernst Cassirer (1981) Cassirer profitierte enorm sowohl von der Bi-
hat Toni Cassirer später ein einfühlsames und plas- bliothek als auch von den dort Forschenden. Ihm
tisches Porträt ihres Gatten vorgelegt. wurde bewusst, wie sehr Kultur weit mehr als nur
Die Cassirers zogen 1903 nach Berlin, wo sie philosophische Problemstellungen umfasst. My-
bis 1919 lebten. 1906 legte der junge Denker den thos, Religion, Technik, Sitten und Bräuche gehö-
ersten Band von Das Erkenntnisproblem vor, womit ren ebenso dazu wie Wissenschaft und Kunst. Will
er erneut den Versuch einer Habilitation wagte. Es man den Menschen und seine Welt umfänglich ver-
bedurfte letztlich der ganzen Autorität des greisen stehen, muss man diese Phänomene seines Daseins
Wilhelm Dilthey, um den Habilitanden an dieser angemessen berücksichtigen.
akademischen Hürde nicht scheitern zu lassen. In In den Jahren vor 1933 gelangen Cassirer noch
den Jahren danach folgten die drei weiteren Bände zwei gewichtige Publikationen, in denen er seinen
über Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und eigenen weltanschaulichen Standpunkt erläuterte:
Wissenschaft der neueren Zeit, in denen der Autor Individuum und Kosmos in der Philosophie der Re-
die Probleme der Erkenntnistheorie von der Re- naissance (1927) sowie Die Philosophie der Aufklä-
naissance bis in die Neuzeit auf imposante Weise rung (1932). Beide Bücher stellten für den Denker
erörterte. eine Art Selbstvergewisserung dar, die er als drin-
1916 veröffentlichte Cassirer das Buch Freiheit gend notwendig erlebte, weil damals der Antisemi-
und Form – Studien zur deutschen Geistesgeschichte, tismus und damit auch die aggressiven Anwürfe
worin ihm keine nur deutsche, sondern eine euro- gegen seine Person und Philosophie bedrohlicher
päische und weltbürgerliche Kultur als Ideal vor- und die totalitären Töne immer lauter wurden.
schwebte. Als prototypischen Vertreter einer der- 1933 emigrierten die Cassirers zuerst nach Zü-
artigen Geisteshaltung verwies er häufig auf Goe- rich, dann nach Wien und schließlich nach Oxford,
the, dem er in Freiheit und Form ein umfangreiches wo der Philosoph eine Dozentur am All Souls Col-
Kapitel widmete. 1918 folgte die Publikation von lege erhielt. 1935 bekam er einen Ruf als Professor
Kants Leben und Lehre. Diesen Text kann man als für Philosophie an die Högskola zu Göteborg, den
Rekapitulation der bis dahin erfolgten Entwicklung er gerne annahm. An dieser Hochschule waren
des Autors als Philosoph lesen. etwa 380 Studenten inskribiert; Cassirer hatte des-
Nach dem Ersten Weltkrieg, bei dem Cassirer halb oftmals nur wenige Zuhörer. Dennoch hielt
(er war aufgrund einer Hauterkrankung vom ak- er unbekümmert bis 1940 regelmäßig Vorlesungen
tiven Kriegsdienst befreit) anders als viele Intel- und Seminare, meist über Themen der Kulturphi-
lektuelle und Gelehrte nicht vom chauvinistischen losophie oder philosophischen Anthropologie.
und militaristischen Fieber angesteckt war, übersie- 1936 machten sich bei Cassirer ernsthafte Ge-
delte er nach Hamburg, wo er an der neu gegründe- sundheitsprobleme bemerkbar. Er erlitt eine Herz-
ten Universität eine Professur erhielt. attacke, und außerdem stellte man bei ihm eine
In der Hansestadt reifte Cassirers Hauptwerk Zuckerkrankheit fest. In Toni Cassirers Mein Leben
Philosophie der symbolischen Formen, das er in mit Ernst Cassirer kann man nachlesen, wie große
drei Bänden ausarbeitete (publiziert 1923, 1925 und Mühe der Philosoph damit hatte, seine Krankhei-
1929). Entscheidende Anregungen dafür erhielt ten diagnostizieren und behandeln zu lassen. Er
er im Umkreis von Aby Warburg, der mit seiner hatte sein Leben bevorzugt in der geistigen Sphäre
Bibliothek zum Mittelpunkt eines Intellektuellen- angesiedelt, und seine Beziehung zum eigenen Kör-
zirkels von Rang geworden war. Neben Cassirer per war distanziert. Dazu passt, dass er trotz massiv
trafen sich bei ihm der Altertumsforscher Gustav erhöhter Zuckerwerte noch Vorträge hielt, bis er
Pauli, der Kunstgeschichtler Erwin Panofsky, der beinahe komatös wurde.
34 Kapitel • Ernst Cassirer

Wie energisch sich Cassirer in fremde Kultu- zialismus geflohen waren. Daneben wurde er mit
ren einzuarbeiten verstand, bewies er eindrücklich Susanne Langer bekannt, die als Meisterschülerin
in Göteborg und später dann noch einmal in den des Denkers und Fortsetzerin seines Lebenswerks
USA. Er erlernte trotz mancher Schwierigkeiten die gilt. Es erfolgte dann ein nochmaliger Wechsel des
schwedische Sprache und wandte sich intensiv der Wohn- und Arbeitsbereiches Cassirers, der ab Mit-
skandinavischen Geistes- und Kulturgeschichte wie te 1944 eine Gastprofessur an der Columbia Uni-
auch der zeitgenössischen Philosophie des Landes versity in New York wahrnahm.
zu. So publizierte er Axel Hägerström – Eine Studie Trotz der äußerlichen Adaptation an die neuen
zur schwedischen Philosophie der Gegenwart (1939), Verhältnisse litt Cassirer innerlich unter dem Ver-
in der er sich mit dem damals wichtigsten schwedi- lust seiner Heimat. Manchmal, so Toni Cassirer, be-
schen Philosophen auseinandersetzte. half er sich mit sarkastisch klingenden Bemerkun-
Ebenfalls 1939 veröffentlichte Cassirer seine gen. Als bei einigen Exilierten die Idee entstand,
Untersuchung über Descartes. Lehre – Persönlich- von Amerika aus den zukünftigen Wiederaufbau
keit – Wirkung, die bald darauf auch in französi- Deutschlands zu unterstützen und die Schulen dort
scher Sprache erschien. Mit Descartes hatte der neu zu gestalten, soll der Philosoph trocken ange-
Philosoph eine Thematik gewählt, von der sich merkt haben: »Es kommt gar nicht darauf an, dass
seine Gastgeber ebenfalls angesprochen fühlten – die Deutschen jetzt viel lernen; es kommt darauf
hatte doch der französische Denker das letzte Jahr an, dass sie viel verlernen.«
seines Lebens auf eine Einladung der schwedischen Mit dem Faschismus hat sich Cassirer ausführ-
Königin Christina hin in Stockholm zugebracht. lich in seinem Buch The Myth of the State (Der
Wie produktiv Cassirer in Schweden war, lässt Mythus des Staates) auseinandergesetzt, das 1946
sich auch an den fünf Studien Zur Logik der Kultur- postum publiziert wurde. Eine zentrale These da-
wissenschaften (1942) ablesen. Diese Studien dürfen rin lautet, dass der Nationalsozialismus als Fusion
als wichtiges Bindeglied zwischen der Philosophie mythologischen und technizistischen Denkens und
der symbolischen Formen und dem Essay on Man Erlebens zu verstehen ist. Der Rückfall in die Bar-
(Versuch über den Menschen) angesehen werden, barei sei unter anderem als Rückgriff auf primitiv-
der 1944 in den USA erschien, wohin der Philo- aggressive Mythen möglich geworden.
soph 1941 emigrierte. Das letztere Buch markierte Im Frühjahr 1945, kurz nach der Publikation
den Durchbruch Cassirers als Anthropologe. seiner letzten Schrift über Rousseau, Kant, Goethe
Im Mai 1941 verließ das Ehepaar Cassirer Euro- (1945), erlitt Cassirer ein akutes Herzversagen. Der
pa und floh weiter in die USA. Der Verlauf des Philosoph starb einen Tag nach Roosevelts Tod, der
Zweiten Weltkrieges und die deutsche Expansions- ihn heftig erschütterte, da er den Präsidenten als
politik, welcher die skandinavischen Länder Däne- Repräsentanten einer besseren und humaneren Zu-
mark, Norwegen und Finnland bereits zum Opfer kunft empfunden hatte.
gefallen waren, ließen die Entscheidung, das Exil-
land neuerlich zu wechseln, als verständlich und
vernünftig erscheinen. Werkanalyse
In New Haven bekleidete der Philosoph an der
Yale University vorerst eine Gastprofessur. Er hielt Wie sehr Cassirer in der letzten Zeit wieder in den
Seminare und Vorlesungen über Immanuel Kant, Fokus eines wissenschaftlich-philosophischen In-
Erkenntnistheorie und Ästhetik ab. Darüber hin- teresses geriet, wird an einer Reihe von neu erschie-
aus arbeitete er an neuen Buchprojekten, wobei vor nenen Monographien über den Denker sowie an
allem die beiden Texte An Essay on Man (1944) und der Tatsache ersichtlich, dass der Meiner-Verlag in
Myth of the State (postum 1946) gesondert hervor- Hamburg seit Kurzem die Werke des Philosophen
gehoben zu werden verdienen. in 26 Bänden und seinen Nachlass in weiteren 18
In New York traf er auf alte Bekannte wie Er- Bänden komplett ediert – eine verlegerische Unter-
win Panofsky, Paul Tillich und Kurt Goldstein, nehmung, die erst in einigen Jahren abgeschlossen
die schon einige Zeit vorher vor dem Nationalso- sein wird.
35
Werkanalyse

Bei der Erörterung von Cassirers Beiträgen und sich darüber zu verständigen und dadurch auch
Anregungen zur medizinisch-philosophischen An- sich selbst besser zu verstehen.
thropologie wird hier bevorzugt Bezug genommen Die Bedeutungsvariationen von Symbolen
auf die drei Bände Philosophie der symbolischen For- unterscheiden sich von denen der Zeichen. Die
men, auf das Buch Versuch über den Menschen und Kommunikation von Tieren ist an Zeichen ge-
auf die Nachlassbände Metaphysik der symbolischen knüpft, deren Mitteilungsgehalt mehr oder minder
Formen (1995) und Vorlesungen und Studien zur gleich bleibt. Die Duftmarke etwa, mit der ein Tier
philosophischen Anthropologie (2005) sowie auf den sein Revier markiert, wird von anderen Tieren stets
Band Ausgewählter wissenschaftlicher Briefwechsel als eindeutiges Zeichen wahrgenommen und be-
(2009). antwortet. Tiere leben in einer Umwelt, die durch
Merken und Wirken (Johann Jakob von Uexküll),
z Philosophie der symbolischen Formen »challenge and response« charakterisiert ist.
Das Leben und Werk Cassirers kann als über- Menschen hingegen existieren in einer Welt der
zeugendes Beispiel dafür angesehen werden, wie Natur und der Kultur, wobei Letztere durch eine
sehr sich Medizin und Philosophie bei günstigen unüberschaubare Menge an Symbolen ausgezeich-
Bedingungen gegenseitig anzuregen vermögen. net ist. Symbole sind »sinnlich« wahrnehmbare
Im konkreten Fall waren dafür die verwandt- und Gegenstände, die zugleich »sinnhaft« sind. Anders
freundschaftliche Beziehung zwischen Cassirer als bloße Zeichen tragen sie ein Potential an Sinn
und Goldstein, aber auch deren gemeinsame wis- und Bedeutung in und an sich, das je nach indi-
senschaftlich-philosophische Fragestellungen (z. B. viduellen und kollektiven Gegebenheiten immer
hinsichtlich Symbol und Sprache) förderlich und wieder verschieden ausgeschöpft wird. Ein Wort,
hilfreich. ein Bild, eine Melodie, eine Strukturformel oder
So ist bekannt, dass Cassirer in den 20er Jahren eine mathematische Gleichung werden je nach
enge Kontakte mit seinem Cousin Kurt Goldstein Epoche, Landstrich oder Bildungsstand von Ein-
unterhielt, der als Neurologe in Frankfurt am Main zelnen unterschiedlich interpretiert und mit Sinn
tätig war und Patienten mit Gehirnverletzungen versehen.
betreute. Die klinischen Erfahrungen seines Vetters Die Kultur als Gesamtheit von Symbolberei-
nutzte Cassirer, um seine philosophischen Über- chen (z. B. von Kunst, Wissenschaften, Philosophie,
legungen zu Symbol- und Sprachgebrauch mit der Sitte, Recht, Mythos, Religion) bildet ein unermess-
konkreten Wirklichkeit abzugleichen. Ausgehend liches Reservoir von Sinn und Bedeutung, das lau-
von neurologischen Krankheitsbildern formulier- fend erweitert wird, da Menschen immer wieder
te Cassirer interessante Theorien zum Verlust von neue Symbole schaffen und damit ihre Sinn- und
Symbolverständnis, die in die Philosophie der sym- Werthorizonte ausweiten. Je weltoffener der Einzel-
bolischen Formen Eingang gefunden haben. ne lebt, umso mehr Zugang verschafft er sich zu
Was aber sind Symbole, und was versteht man Symbolbereichen, und umso heimatlicher fühlt er
unter Philosophie der symbolischen Formen? Cassi- sich in der ihn umgebenden Kultur.
rer ging bei der Beantwortung dieser Fragen von Eindrücklich lassen sich die Eigentümlichkei-
der Unterscheidung zwischen Zeichen und Symbol ten und Qualitäten von Symbolen an der menschli-
aus. Er beschrieb den Menschen als ein Wesen, das chen Sprache demonstrieren. Cassirer schätzte den
schon seit Jahrtausenden für Existenz- und Kultur- Stellenwert dieses Symbolbereichs besonders hoch
bereiche originelle Formen des Ausdrucks und der und widmete den ersten Band seiner Philosophie
Verständigung geschaffen hat. der symbolischen Formen gänzlich der Thematik
Tiere können lediglich auf festgelegte Reper- von Sprache, Sprachentstehung und Spracherwerb:
toires von Zeichen als Ausdrucksmöglichkeiten
zurückgreifen. Menschen hingegen verfügen neben »  So zeigt etwa der Prozess der Sprachbildung,
Zeichen auch über die Fähigkeit, mittels Symbolen wie das Chaos der unmittelbaren Eindrücke sich
einen Kosmos von Werten, Bedeutungen und Sinn- für uns erst dadurch lichtet und gliedert, dass wir
zusammenhängen zu benennen, neu zu schaffen, es benennen und es dadurch mit der Funktion des
36 Kapitel • Ernst Cassirer

sprachlichen Denkens und des sprachlichen Aus- Welt kaum, und eine Scheidung von Innen und
drucks durchdringen … So wird die Sprache zu Außen, wesentlich und unwesentlich, von Dauern-
einem der geistigen Grundmittel, vermöge dessen dem und Vergänglichem wird von ihnen nur rudi-
sich für uns der Fortschritt von der bloßen Empfin- mentär vorgenommen.
dungswelt zur Welt der Anschauung und Vorstel- Im mythologischen Erleben spielten die Be-
«
lung vollzieht (Cassirer 1988, S. 20).  ziehungen der Einzelnen oder eines Clans zum
Heiligen und zu den Göttern eine gewichtige Rolle.
Sprachliche Symbole ermöglichen den Kontakt Das Heilige galt in frühen Formen des Mythos als
zwischen den Menschen sowie zwischen dem das Dämonische, dessen bunte Mannigfaltigkeit
Einzelnen (personaler Geist) und der Kultur (ob- nur geringe Organisation aufwies. Je weniger das
jektiver Geist). Darüber hinaus kommen in ihnen Dämonische organisiert war, umso hilfloser und
die Sphären der Subjektivität und Objektivität zu ohnmächtiger erlebten sich die ihm ausgelieferten
einem Ausgleich. Aufgrund der großen Wand- Menschen, und umso größer musste die magische
lungsfähigkeit gesprochener Sprachen ist eine ste- Gewalt sein, die Gruppen oder Individuen aufzu-
te Veränderung des Symbol- und Kulturbereiches bringen hatten, um Dämonen in ihrem Sinne zu
Sprache zu beobachten. beeinflussen. Phänomene, für deren Ursprung man
Die Sprache erlaubt den Aufbau einer geistig- Dämonen verantwortlich machte, waren etwa der
kulturellen Welt, die durch Distanz und Differenz Tod sowie Krankheiten aller Art. Ihnen gegenüber
zum Sprechenden hin ausgezeichnet ist und diesem fühlten sich die Menschen ausgesprochen unterle-
die Entwicklung eines Innenraums mit eigenem gen:
Denken, Fühlen und Wollen sowie eigenen Frei-
heitsgraden ermöglicht. Der sprechende, fühlende » Das Ich sucht kraft der magischen Allgewalt des
und denkende Mensch emanzipiert sich von den Willens die Dinge zu ergreifen und sie sich gefügig
Verhältnissen und Dingen und gebraucht Worte für zu machen; aber eben in diesem Versuch zeigt es
die Charakterisierung seines Ich. Er ist nicht mehr sich von ihnen noch völlig beherrscht, noch völlig
wie das Tier vollständig in den Zirkel von Merken «
besessen (Cassirer 1987, S. 188). 
und Wirken eingespannt – zwischen Reiz und Re-
aktion schieben sich bei ihm Reflexion, Phantasie, Unter der Überschrift Die Dialektik des mythischen
Erinnerung und Entwurf, also jene Formen des Bewusstseins erörterte Cassirer den nächsten Ent-
Symbolgebrauchs, die ihn zu einem geistigen, ver- wicklungsschritt der symbolischen Formen, den
nunftbegabten und kulturellen Wesen machen. weite Teile der Menschheit in ihrer Zivilisations-
Im zweiten Band von Philosophie der symboli- und Kulturgeschichte durchlebten: die Religion.
schen Formen ging Cassirer den Fragen nach, wie Wiewohl Religionen noch Elemente mythologi-
Menschen früherer Kulturstufen mit Hilfe von My- schen Denkens und Erlebens in sich tragen, zeich-
then Anschauungen von Welt und eigener Existenz net sie zugleich ein mythenkritischer Zug aus. Statt
gewonnen haben, und inwiefern der Mythos daher der »Ausdrucksfunktion« von Dingen, Bildern und
ebenso wie Sprache, Kunst und Wissenschaft als Metaphern (in den Mythen) trifft man bei Religio-
symbolische Form begriffen werden kann. Dabei nen auf die »Darstellungsfunktion« von Begriffen
formulierte Cassirer die These, dass der Mythos (heilige Schriften).
den Mutterboden aller symbolischen Formen dar- Cassirer erwähnte darüber hinaus noch die
stellt; an ihm können Entstehung, Wesen und Dy- »Bedeutungsfunktion«, die vor allem die nächste
namik des Symbolischen gut demonstriert werden. Stufe der Kulturentwicklung kennzeichnet. Darun-
Im Mythos sind Dinge, Naturereignisse oder ter verstand er symbolische Formen, die von einem
Individuen noch nicht als Einheiten oder Vielhei- hohen Grad an Abstraktion, Freiheit, Differenz und
ten geschieden. Die Gegensätze zwischen Leben Veränderbarkeit charakterisiert sind. Wissenschaft
und Tod, Sein und Schein, Ich und Nicht-Ich, Vor- und Philosophie zum Beispiel greifen auf Symbo-
stellung und Realität existieren für die Menschen le zurück, die in fast losgelöster Beziehung zu den
im mythologischen Empfinden und Begreifen der bezeichneten Sachverhalten in einer funktiona-
37
Werkanalyse

len Reihe angeordnet sind. Der Bedeutungs- und Kranken schlug er eine Unterscheidung des Sym-
Wahrheitsgehalt, welcher den einzelnen Symbolen bolgebrauchs in kategorial (abstrakt) und konkret
zukommt, wird dabei permanent neu verhandelt vor. Diese Unterscheidung wurde später von Psy-
und unterliegt dauerndem Wandel. chiatern in Bezug auf schizophren Erkrankte ver-
Mit der Unterscheidung in Ausdrucks-, Darstel- wendet, um Defizite dieser Patienten zu charakte-
lungs- und Bedeutungsfunktion der symbolischen risieren.
Formen sind wir beim dritten Band der Philosophie So sind manche von ihnen zum Beispiel in der
der symbolischen Formen angelangt, den Cassirer Lage, Messer und Gabel sinnvoll zu gebrauchen
1929 veröffentlichte. In diesem Band beschäftigte und als solche zu benennen (konkretes Symbol-
er sich mit den Phänomenen der intuitiven Wahr- verständnis). Bittet man sie jedoch, »Besteck« (abs-
nehmung von Atmosphären und Stimmungen so- trakter Begriff ) auf den Tisch zu legen, kann es pas-
wie mit den Themen ungewöhnlichen oder krank- sieren, dass sie diesen Begriff nicht mit konkreten
haften Symbolwahrnehmens und -verstehens. Bei Vorstellungen verbinden und daher nicht adäquat
letzteren Fragestellungen griff er auf die klinischen reagieren. Ihr Umgang mit Symbolen ist – ähnlich
Forschungsergebnisse seines Cousins Kurt Gold- wie bei Kulturen mit vorrangig mythologischer
stein zurück. Ausrichtung – konkretistischer Natur, und je höher
Goldstein hatte die überraschende Feststellung der von ihnen geforderte Abstraktionsgrad, umso
gemacht, dass seine Patienten weniger Defizite auf- größer sind ihre Schwierigkeiten des Symbolver-
wiesen oder aber dieselben rascher überwanden, stehens.
als man es bei der Größe und der Lokalisation ihrer
neurologischen Defekte erwarten durfte. Dies ließ z Versuch über den Menschen
ihn die Theorie von der funktionellen statt der lo- Dieses Buch wurde 1944 zuerst in englischer Spra-
kalen Organisation des Gehirns formulieren, die er che unter dem Titel An Essay on Man – An Intro-
in den 1930er Jahren zu seinem Opus magnum Der duction to a Philosophy of Human Culture publi-
Aufbau des Organismus (1934) erweiterte. ziert. Wir beziehen uns auf die deutsche Überset-
Die Beobachtungen Goldsteins bedeuteten für zung Versuch über den Menschen – Einführung in
Cassirer eine reizvolle Anregung, seine Ideen über eine Philosophie der Kultur (1990). Aufgrund seiner
Symbolbewusstsein und -wahrnehmung in praxi eleganten Sprache und konzisen Gedankenführung
zu überprüfen. Dabei gelang es ihm, neuropatho- ist dieser Text inzwischen zu einem der beliebtesten
logische Phänomene wie Aphasie, Apraxie und und bekanntesten Bücher Cassirers geworden.
Agnosie jeweils als Unfähigkeit der Patienten ein- Im Versuch über den Menschen fasste der Autor
zuordnen, die Symbole in ihren vielfältigen Dimen- seine Thesen und Forschungsergebnisse der 20er
sionen richtig zu verstehen. und 30er Jahre im Hinblick auf den Symbolge-
Bei der Aphasie kann der Kranke Worte, die er brauch zusammen. Dabei ergänzte er seine Über-
eigentlich kennt, nicht situationsadäquat einsetzen. legungen um anthropologische Problemstellungen
Die Apraxie ist charakterisiert durch die Unfähig- und griff damit die kantische Frage nach dem »Was
keit der Patienten, Handlungen vollständig auszu- ist der Mensch?« auf.
führen, wenn sie keine konkreten Materialien zur Schon in Zur Logik der Kulturwissenschaften
Hand haben, die ihnen als Handlungsanweisung (1942) hatte der Autor einige Anläufe unternom-
dienen. Und bei der Agnosie kann der Betreffende men, die Philosophie der symbolischen Formen auf
zwar die Oberflächen seiner Umgebung regelrecht die Anthropologie hin auszuweiten. So bezeichnete
wahrnehmen und beschreiben, es gelingt ihm aber er die einzelnen symbolischen Formen als »Me-
nicht, den Sinn und die Tiefendimension der Dinge dien, die der Mensch sich erschafft, um sich kraft
und Sachverhalte zu benennen. ihrer von der Welt zu trennen und sich in eben die-
Diese Mängel im Umgang mit Symbolen hat ser Trennung um so fester mit ihr zu verbinden«
Cassirer im dritten Band seiner Philosophie der (Cassirer 1971, S. 25). Durch das Reich der Symbole,
symbolischen Formen ausführlich erörtert. Ausge- welche der Mensch erfindet, versteht, erweitert und
hend von seinen Beobachtungen bei neurologisch verändert, emanzipiert er sich von den Dingen und
38 Kapitel • Ernst Cassirer

der Natur und lebt nicht mehr, wie dies in der Theo- metaphysische oder physische Natur, sondern sein
retischen Biologie (1928) Johann Jakob von Uexkülls Wirken. Dieses Wirken, das System menschlicher
für die Tiere erläutert wurde, in einer instinktge- Tätigkeiten, definiert und bestimmt die Sphäre des
steuerten Merk- und Wirkwelt. Der Mensch wird «
»Menschseins« (Cassirer 1990b, S. 110). 
zu einem Wesen der Distanz und Ferne, welche die
Grundlage für die Entwicklung von Geist und den Sucht man nach einer Formel, die auf das Wirken
Aufbau der Kultur bedeuten. des Menschen abzielt und Spielarten dieses Wir-
Mithilfe der Symbole erobert er sich Möglich- kens berücksichtigt, stößt man laut Cassirer auf die
keiten distanzierender Reflexion und befreiender von ihm erläuterten Symbole und symbolischen
Imagination. Damit löst sich der Mensch von der Formen. Der Mensch ist ein »animal symbolicum«,
Dominanz des momentanen Existierens; er ist ein Symbole schaffendes und Symbole verstehen-
nicht mehr »kurz angepflockt an den Pflock des des Lebewesen, dessen Dasein maßgeblich durch
Augenblicks« (Nietzsche), sondern kann weit in die symbolhafte Gestaltung der Beziehungen zur
die Vergangenheit zurück- und in die Zukunft vo- Welt (Es), zum anderen (Du) und zu sich selbst
rausgreifen. Die Symbole und der Symbolgebrauch (Ich) charakterisiert ist.
machen den Menschen unter anderem zu einem Ich, Du und Es wurden von Cassirer als Ba-
geschichtlichen Wesen, dessen Identität mit den sisphänomene angesehen. Bezug nehmend auf
Ergebnissen seines Geschichtssinns und der Histo- Goethes Gedicht Urworte – Orphisch (1820) und
riographie eng verwoben ist: auf dessen Maximen und Reflexionen ordnete der
Philosoph dem Ich das Leben, dem Du das Wirken
»  Geschichtswissenschaft ist nicht Erkenntnis äu- und dem Es die Tat respektive das Werk zu. Le-
ßerer Fakten oder Ereignisse; sie ist eine Form der ben, Wirken und Werk seien nicht weiter ableitbare
Selbsterkenntnis. Wenn ich mich selbst erkennen Urphänomene, wobei man diese nicht als einzel-
will, darf ich nicht über mich hinweggehen, darf ne, wahrnehmbare Gegenstände, sondern eher als
ich nicht über meinen eigenen Schatten springen Medien oder Seinsweisen auffassen müsse, welche
… In der Geschichte kehrt der Mensch ständig dem Menschen den Zugang zur Wirklichkeit er-
zu sich selbst zurück; er versucht, seine gesamte möglichen:
Erfahrung der Vergangenheit in die Erinnerung
zu heben und zu aktualisieren (Cassirer 1990b, » Basisphänomene vermitteln uns nicht ein äu-
«
S. 291).  ßerlich Seiendes, das wir mittelbar mühselig »in
unseren Kreis hineinziehen« müssen. Sie sind der
Des Weiteren stellen Individuen über die symbo- Blick, den wir auf die Welt werfen – sozusagen
lischen Formen eine neue und im Vergleich zu das Auge, das wir aufschlagen. In diesem ersten
Tieren andersgeartete Nähe zur Welt und zu den Augenaufschlag erschließt sich uns das Phänomen
Mitmenschen her. Jeder verstehende Umgang mit «
»Wirklichkeit« (Cassirer 1995, S. 132f.). 
Symbolen verbindet sie mit dem darin ausgedrück-
ten und angedeuteten Sinn. Damit festigen und Im zweiten Teil von Versuch über den Menschen
erweitern sie das kommunikative Fundament, auf wird die Formel vom »animal symbolicum« auf
dem sich das menschliche Dasein abspielt. Im Ver- ihre generelle Anwendbarkeit hin untersucht. Cas-
such über den Menschen heißt es dazu: sirer griff auf seine Einteilung aus der Philosophie
der symbolischen Formen zurück und zeigte, inwie-
»  Die Philosophie der symbolischen Formen fern sich der Mensch im Bereich von Sprache, My-
geht von der Voraussetzung aus, dass, wenn es thos, Religion, aber auch von Kunst, Wissenschaft
überhaupt eine Definition des »Wesens« oder der und Geschichte immer schon als Symbole schaffen-
»Natur« des Menschen gibt, diese Definition nur des Lebewesen erwiesen hat und als solches seine
als funktionale, nicht als substantielle verstanden soziale und kulturelle Welt gestaltet.
werden kann … Das Eigentümliche des Menschen, So beschrieb der Autor die Möglichkeiten di-
das, was ihn wirklich auszeichnet, ist nicht seine verser Wissenschaften, dem Menschen die Gewiss-
39
Werkanalyse

heit einer konstanten Welt zu vermitteln; der Wahr- anderen … Heraklits Ausspruch, die Sonne sei neu
nehmungs-, Einordnungs- und Beurteilungspro- an jedem Tage, trifft für die Sonne des Künstlers
zess der Welt erfahre durch sie eine Konsolidierung gewiss zu, obwohl nicht für diejenige des Natur-
und Stabilisierung. Mittels der Wissenschaften «
wissenschaftlers (Cassirer 1990b, S. 222). 
entwickelte die Menschheit im Vergleich zu ihren
mythologischen oder religiösen Kulturstufen ein Die Kulturgeschichte beschrieb Cassirer als einen
neues Niveau und eine andere Idee von Wahrheit, Prozess fortschreitender Selbstaufklärung und
und mit Hilfe der wissenschaftlichen Terminologie Emanzipation des Menschen. Sprache, Kunst, My-
schuf sie sich ein Instrumentarium der Ordnung thos, Religion und Wissenschaft bildeten ihm zu-
und Übersicht, das seinesgleichen sucht. Cassirer folge unterschiedliche Phasen in diesem Prozess.
zitierte mit Zustimmung den Botaniker Carl von In allen diesen Symbolbereichen entdeckten Men-
Linné, der meinte: »Wenn man die Namen nicht schen ihre Kraft und Fähigkeit, eine ideelle Welt zu
kennt, misslingt auch die Erkenntnis der Dinge.« errichten und damit die Bedrängnisse und Begren-
Eine verlässliche Terminologie und Theorie lässt zungen der Wirklichkeit zumindest gedanklich,
aus dem Wahrnehmbaren das Begreifbare und all- manchmal aber auch real zu überschreiten.
fällige Verstehensprozesse erwachsen. Einer Philosophie der symbolischen Formen fällt
Geht es im Bereich der Wissenschaft um Wahr- nach Cassirer bei diesem Prozess die Aufgabe zu,
heit, so geht es im Bereich der Kunst um Schönheit. die grundlegende Einheit einer ideellen Welt auf-
Selbst wenn Schönheit stets Wahrheit ist, ist Wahr- zuspüren. Dabei darf sie jedoch die Spannungen
heit nicht notwendigerweise auch Schönheit. Um und Reibungen, Kontraste und Konflikte zwischen
hohe und höchste Schönheit zu erzielen, ist die Ab- den verschiedenen Kräften innerhalb des Men-
weichung von der Natur ebenso wesentlich wie ihre schen, der verschiedenen gesellschaftlichen und
Nachbildung. Der Philosoph kam an dieser Stelle politischen Gruppierungen sowie der jeweiligen
seiner Ausführungen einem Gedanken des Malers Symbolbereiche nicht übersehen. Alle ihre Funk-
Paul Klee nahe, der seine Arbeit unter dem Mot- tionen ergänzen einander, eröffnen Horizonte und
to verstanden wissen wollte: »Kunst gibt nicht das zeigen jeweils andere Aspekte von Kosmos, Leben
Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.« und Kultur:
Kunst relativiert die nicht selten vorhandene
Eindimensionalität der wissenschaftlichen Er- »  Denn diese Philosophie sucht die Ganzheit der
kenntnisse. Kant verkündete einst, die Mathematik perspektivischen Ansichten, in denen sich uns
sei der Stolz der menschlichen Vernunft, wobei die Wirklichkeit erschließt – sie entscheidet nicht von
Menschheit für diesen Stolz einen hohen Preis an vornherein über ihren Realitätscharakter, sondern
Abstraktion und teilweise an Verarmung der Welt sucht jede »Sicht« nach ihren eigenen Normen zu
zu entrichten hatte. Cassirer pflichtete Kant einer- verstehen. Jede Form der »Sicht« trägt den Maß-
seits bei und sah andererseits in der Kunst eine stab ihrer Realität in sich – wir müssen diesen
Möglichkeit, die Fesseln einer alleinigen wissen- Maßstab erst finden und verstehen lernen – so
schaftlichen Sicht der Welt zu sprengen: Sprache, Mythos, Wissenschaft (Cassirer 1995, S.
«
229f.). 
» Die Formen der Dinge, so wie sie in wissen-
schaftlichen Konzepten dargestellt werden,
geraten mehr und mehr zu bloßen Formeln … z Der Mythus des Staates
Es scheint, als sei die Wirklichkeit unseren wissen- Dass sich der Mensch, dieses »animal symboli-
schaftlichen Abstraktionen nicht nur zugänglich, cum«, im Laufe seiner Geschichte nicht auf einem
sondern als würde sie auch von ihnen ausge- geradlinigen Weg hin zu einem immer höheren
schöpft und geleert. Doch das erweist sich als Niveau von Geistigkeit, Vernunft, Humanität und
Täuschung, sobald wir uns der Kunst zuwenden. Freiheit bewegt, verdeutlichte Cassirer in seiner
Denn die Ansichten der Dinge sind zahllos, und letzten Buchpublikation Mythus des Staates – Philo-
sie verändern sich von einem Augenblick zum sophische Grundlagen politischen Verhaltens (1946).
40 Kapitel • Ernst Cassirer

Darin unternahm er den Versuch, die Gräueltaten » In verzweifelten Lagen will der Mensch immer
des Nationalsozialismus ebenso wie die für vie- Zuflucht zu verzweifelten Mitteln nehmen – und
le Deutsche von ihm ausgehende Faszination mit die politischen Mythen unserer Tage sind solche
Hilfe der Philosophie der symbolischen Formen ver- verzweifelten Mittel gewesen. Wenn die Vernunft
stehend einzuordnen. uns im Stiche gelassen hat, bleibt immer die ultima
Cassirer war von Hause aus kein politischer ratio, die Macht des Wunderbaren und Mysteriö-
Mensch, und es bedurfte massiver Erschütterun- «
sen (Cassirer 1985, S. 363). 
gen (Vertreibung, Exil, Holocaust, Weltkrieg), um
ihn zu der weit ausholenden politisch-philosophi- Der Faschismus und seine Führer wurden von vie-
schen Abhandlung Mythus des Staates zu bewegen. len als Personifizierung ihrer Wünsche und Sehn-
Die zentrale These dieses Buches lautet, dass der süchte nach Allmacht, Unverwundbarkeit, histori-
Faschismus vor dem Hintergrund einer heillosen scher Bedeutung sowie ungebremster Expansion
Fusion der Symbolbereiche Mythos und Technik verstanden. Hitler, Mussolini und Franco verkör-
entstanden ist. perten kollektive Größenphantasien der Majorität
Der Autor benannte eine Reihe von Vertretern und ließen sich ähnlich wie Gottheiten, Heilige
der europäischen Kulturtradition, die im 19. und oder Heroen als Projektionsflächen für zügellose
zu Beginn des 20. Jahrhunderts einem mytholo- Phantasien gebrauchen.
gisch-irrationalen Denken und Fühlen den Weg Auch die Sprache während der nationalsozia-
bereiteten: Thomas Carlyle mit der Inthronisation listischen Herrschaft änderte sich im Sinne mytho-
des mythologisch befrachteten Bildes vom Helden, logischen Erlebens – Cassirer diagnostizierte dies-
Graf Gobineau und Houston Stewart Chamberlain bezüglich ein Überwiegen ihrer magischen Funk-
mit ihrer Idee von der geschichtsträchtigen Kraft tionen. Neben dem mythologischen Beigeschmack
der (arischen) Rasse, Oswald Spengler mit der Pro- nahm die deutsche Sprache einen metallischen,
phezeiung vom Untergang des Abendlandes oder mechanistischen und gefühlskargen Klang an. Im
Martin Heidegger mit seinem Aufruf, sich dem Rundfunk und in den Zeitungen konnte man schon
dunklen Drama und der raunenden Tiefe eines an- die Trommelwirbel und den Stechschritt des kom-
geblich wahrhaft existentialistischen Lebens hinzu- menden Krieges ahnend heraushören und -lesen
geben. – eine stilistische Wandlung, die unter anderem
Neben der Tradition mythologischer Inhalte Victor Klemperer (1881–1960) in seinem Buch Lin-
sowie der reduzierten Kritikfähigkeit vieler deut- gua Tertii Imperii – Die Sprache des Dritten Reiches
scher Intellektueller benannte Cassirer weitere Fak- (1947) überzeugend nachgewiesen hat.
toren, welche die faschistische Katastrophe mit er- Eng mit bestimmten Begriffen verknüpft wa-
möglichten. So erlebte nach dem Ersten Weltkrieg ren Riten, welche den Faschismus ebenfalls als
die Nachrichtentechnik in Europa eine fulminante eine mythologische Bewegung erscheinen ließen.
Entwicklung. Diese bildete die Grundlage für das Vom Heil-Hitler-Gruß, den Ornamenten über die
gigantische Propagandaszenario, das von den Na- Fackelumzüge bis hin zu den Massenaufmärschen
tionalsozialisten schon vor 1933 in Gang gesetzt überließ der Nationalsozialismus nichts dem Zu-
worden war, und das dazu führte, bestimmte Bilder, fall, sondern plante bis ins Detail jene affektstimu-
Namen und Mythen schlagartig in ganz Deutsch- lierenden Bilder, welche die Menschen in Taumel
land publik zu machen. und Verzückung geraten ließen.
Einzelne wie Kollektive greifen bevorzugt in Mithilfe dieser Mechanismen konnten inner-
Zeiten von Krisen und historisch-gesellschaftli- halb weniger Jahre alte Mythen im kollektiven Aus-
chen Notlagen auf mythologische Weltanschau- maß reaktiviert werden, von denen man dachte, sie
ungen zurück. Wenn entsprechende Abwehr- und seien aufgrund der wissenschaftlichen und techni-
Kompensationsmöglichkeiten der Betreffenden schen Fortschritte der Neuzeit längst passé. Bilder
erschöpft und rationale Kalküle an ihre Grenzen und Götzen wie die germanische Rasse, Blut und
gekommen sind, suchen Menschen in Magie, Riten Boden, Führer, Volk und Vaterland, der Lebens-
und Beschwörungsformeln billige Lösungen: raum im Osten oder die Wacht am Rhein wurden
41
Conclusio

mit ihrer diffusen Unbestimmtheit und teilweise nehmheit verkörpert, und in ihnen erreichte das
harmlos klingenden Hülle scham- und mitleidlos Miteinander von Eros, Vernunft, Wissenschaft,
dazu benutzt, barbarische und inhumane Inhalte Kunst und Philosophie eine seither nicht mehr
in gigantischem Maße unters Volk zu streuen. Die- überbotene Intensität. Derartige Qualitäten aber
ses sog begierig die sagenhaft-legendären Verspre- sind erforderlich, um sich als Einzelner oder als
chungen seiner Führer auf, um eigene Empfindun- Gesellschaft auf einem einigermaßen verlässlichen
gen von Angst, Minderwertigkeit und Unterlegen- Boden des kulturell und sozial wertvollen Denkens
heit schlagartig zu kompensieren. und Handelns zu bewegen.
Cassirer attestierte der Politik (nicht nur in Renaissance und Aufklärung waren auch
Deutschland), noch weit davon entfernt zu sein, (neben der griechischen Antike) jene Zeiträume
eine positive Wissenschaft zu werden. Das schein- während der bisherigen Menschheitsgeschichte, in
bar plötzliche Aufkommen kollektiv wirksamer denen die Möglichkeiten des »animal symbolicum«
Mythen und dumpf-irrationaler Verhaltensweisen am eindrücklichsten verwirklicht wurden. Hier
verwies ihm zufolge darauf, dass die Gesellschaften demonstrierten Künstler, Wissenschaftler und Phi-
des 20. Jahrhunderts partiell noch tief in einem pri- losophen, wie großartig und innovativ der Mensch
mitiven Denken und Erleben aus der Frühzeit der Symbole und ganze Symbolbereiche interpretieren
Menschheitsgeschichte verfangen waren, das be- und schaffen kann und sich und seiner Gattung da-
vorzugt die Motive von Macht, Überlegenheit und mit Sinn, Wert und Bedeutung verleiht.
Gewalt anerkannte:

»  Ich zweifle nicht, dass spätere Generationen auf Conclusio


viele unserer politischen Systeme mit denselben
Gefühlen zurückblicken werden, mit denen ein Was macht nun den Reiz des Cassirer‘schen Den-
moderner Astronom ein astrologisches Buch oder kens für die medizinisch-philosophische Anthro-
ein moderner Chemiker einen alchimistischen pologie aus, und welche Anregungen können seine
Traktat studiert. In der Politik haben wir noch kei- Philosophie der symbolischen Formen und die For-
nen festen und zuverlässigen Boden gefunden. mel vom »animal symbolicum« der Heilkunde des
Hier scheint keine klar verankerte kosmische Ord- 21. Jahrhunderts geben?
nung zu bestehen; wir sind immer vom plötzlichen Diese Fragen lassen sich mit Verweis auf ver-
Rückfall in das alte Chaos bedroht (Cassirer 1985, schiedene Aspekte der Cassirer‘schen Philosophie
«
S. 386).  beantworten. Da ist zuallererst der Begriff des Sym-
bols, der nicht nur beim Denker, sondern auch in
In welche Richtung aber sollen sich Individuen der Medizin des 20. Jahrhunderts eine gewichtige
oder Gesellschaften bewegen, um vor neuerlichen Rolle gespielt hat. So entwickelte Sigmund Freud
Rückfällen in das alte Chaos einigermaßen gesi- seine psychoanalytische Theorie von der Entste-
chert zu sein? Wenn wir Cassirer und sein Oeuvre hung, Diagnostik und Therapie von Hysterien in
richtig verstehen, hätte der Philosoph zur Beant- großer Nähe zum Symbolbegriff.
wortung dieser Frage auf Kulturepochen und In- Der Begründer der Psychoanalyse war über-
dividuen verwiesen, die ihm bezüglich ihres gedie- zeugt, dass in den körperlichen Symptomen (sen-
gen-fortschrittlichen und humanen Umgangs mit sible und motorische Defizite) der hysterisch er-
Symbolen und Symbolbereichen modellhaft schie- krankten Patienten vor allem deren sexuelle und
nen: Die Renaissance und Aufklärung als kulturelle aggressive Triebkonflikte symbolhaft zum Aus-
Zeiträume sowie Immanuel Kant und Goethe als druck kommen. Werden diese Symbole vom The-
bedeutende Repräsentanten der Kultur. rapeuten wie auch vom Patienten richtig interpre-
In diesen Epochen und Personen sah der Den- tiert, erfolgt ein Rückgang der Beschwerden.
ker kosmopolitische Haltungen, tolerante Weltan- Einen ähnlichen Ansatz des Verstehens körper-
schauungen, hohes Bildungsniveau, universales licher Krankheiten vertrat Alfred Adler, der jedoch
Wissen, autonome Urteilskraft und elegante Vor- somatische Symptome weniger strikt als symbol-
42 Kapitel • Ernst Cassirer

hafte Darstellung von Triebkonflikten interpre- den verschwiegenen Andeutungen des menschli-
tiert wissen wollte. Stattdessen verwendete er die chen Körpers.
Begriffe Organsprache und Organdialekt, um zu Jeder Patient präsentiert stets eine Geschichte,
verdeutlichen, dass den körperlichen Zuständen die mit den kargen Daten einer bloßen Anamese
und Erkrankungen beim Menschen zwar ein Mit- kaum hinreichend wiedergegeben werden kann.
teilungscharakter zukommt, der aber jeweils eine Seine Zustände von Krankheit und Gesundheit
sehr individuelle (und keine generelle) Überset- spiegeln die langjährigen Beziehungen des Betref-
zungsarbeit erfordert. fenden zu jenen Bereichen seines Daseins wieder,
In den Jahrzehnten nach Freud und Adler wur- die Cassirer als Basisphänomene bezeichnet hat.
de in der tiefenpsychologisch orientierten Psycho- Der Bezug zu sich selbst (z.  B. Selbstwert, Ideale,
somatik das Symbolisierungskonzept bei körperli- Gewissensregungen) spielt dabei ebenso wie die
chen Krankheiten zum Teil maßlos überstrapaziert. Sphäre der Zwischenmenschlichkeit (Anerken-
Vor allem durch eine festgelegte Zuordnung von nung, Konflikte, Affekte) oder der Weltkontakte
psychosozialen Inhalten zu somatischen Zustän- (Ernährung, Klima, Umweltgifte, kulturelle Ver-
den wurde man den individuellen Krankheiten der hältnisse) eine entscheidende Rolle.
jeweiligen Patienten häufig nicht gerecht. Das »animal symbolicum« ist daher niemals
Weit treffender als der psychoanalytische Sym- nur durch seine Biologie (Genetik, Konstitution,
bolbegriff scheint in diesen Zusammenhängen der Triebkonstellation) oder psychosozialen Erlebnis-
Cassirer‘sche Symbolbegriff angewendet werden zu se und Gegebenheiten charakterisiert. Es zeichnet
können. Der Denker ging davon aus, dass alle kör- sich auch durch ein Kulturschicksal aus, und nur
perlichen Zustände in der Biologie (und Medizin) die Berücksichtigung des komplexen Zusammen-
sowohl »sinnlich« wahrnehmbar als auch »sinn- spiels von Biologie und Biographie lassen seine Er-
haft« sind und damit die Kriterien von Symbolen krankung und Gesundung verständlich und nach-
erfüllen. vollziehbar werden.
Das Sinnhafte des menschlichen Körpers, Eine Heilkunde, welche den Kranken als »ani-
seiner Organe und Erkrankungen kann man mit mal symbolicum« ernst nimmt, muss sich deshalb
den Begriffen Ausdruck, Geschichte und Bedeu- von der eindimensionalen Betrachtung einer vor-
tung umschreiben, wobei sich schablonenartige rangig naturwissenschaftlichen Zugangsweise zum
Zuschreibungen von Sinn-Inhalten zu Krankheit Patienten lösen und diese durch ein sozial- und
und Gesundheit eines Menschen von vorneher- kulturwissenschaftliches Sensorium ergänzen. Da-
ein verbieten. Alle Zellen, Organsysteme und der für dürfte sie neben der Technik auch Symbolberei-
gesamte menschliche Organismus weisen Formen che wie Kunst, Philosophie, Religion, Mythos und
und Gestalten auf und erleben eine Geschichte, die Geschichte als für sich relevant begreifen.
vom einzelnen Patienten wie auch vom Arzt in der
Regel immer nur bruchstückhaft erkannt und be-
nannt werden, und deren individueller Gehalt über Literatur
jede fixe interpretatorische Koppelung von körper-
lichem Symbol und existentiellem Inhalt hinaus- Cassirer E (1971) Zur Logik der Kulturwissenschaften. Fünf
Studien. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt
reicht.
(Erstveröff. 1942)
Der Mensch ist ein Lebewesen, das sich und Cassirer E (1985) Der Mythus des Staates – Philosophische
seine Stimmungen, Meinungen, Weltbezüge und Grundlagen politischen Verhaltens. Fischer, Frankfurt
schicksalhaften Daseinsverläufe in allen seinen am Main (Erstveröff. 1946)
Existenzvollzügen leibhaftig (und damit symbo- Cassirer E (1987) Philosophie der symbolischen Formen
Band II. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt
lisch) zum Ausdruck bringt. In gewisser Weise ist er
(Erstveröff. 1925)
belebte Materie, die dauernd nach ihrer Bedeutung Cassirer E (1988) Philosophie der symbolischen Formen
sucht und von den Ergebnissen ihrer Sinnsuche er- Band I. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt
zählt – sei es mit gesprochenen Worten oder mit (Erstveröff. 1923)
43
Literatur

Cassirer E (1990a) Philosophie der symbolischen Formen


(1923–1929). Primus, Darmstadt
Cassirer E (1990b) Versuch über den Menschen – Einführung
in eine Philosophie der Kultur. Fischer, Frankfurt am
Main (Erstveröff. 1944)
Cassirer E (1994) Zur Logik der Kulturwissenschaften – Fünf
Studien. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt
(Erstveröff. 1942)
Cassirer E (1995) Zur Metaphysik der symbolischen Formen
– Nachgelassene Manuskripte und Texte Band 1. Meiner,
Hamburg
Cassirer E (2005) Vorlesungen und Studien zur philosophi-
schen Anthropologie, Nachgelassene Manuskripte und
Texte Band 6. Meiner, Hamburg
Cassirer E (2009) Ausgewählter wissenschaftlicher Brief-
wechsel, Nachgelassene Manuskripte und Texte Band
18. Meiner, Hamburg
Cassirer T (2003) Mein Leben mit Ernst Cassirer. Meiner,
Hamburg (Erstveröff. 1981)
Ferrari M (2003) Ernst Cassirer – Stationen einer philosophi-
schen Biographie. Meiner, Hamburg
Graeser A (1994) Ernst Cassirer. Beck, München
Krois JM (1987) Cassirer – Symbolic Forms and History. Yale
University Press, New Haven-London
Meyer Th (2006) Ernst Cassirer. Ellert + Richter, Hamburg
Orth EW (1996) Von der Erkenntnistheorie zur Kulturphiloso-
phie - Studien zu Ernst Cassirers Philosophie der symbo-
lischen Formen. Königshausen & Neumann, Würzburg
Paetzold H (1995) Ernst Cassirer – Von Marburg nach New
York. Eine philosophische Biographie. Wissenschaftliche
Buchgesellschaft, Darmstadt
Recki B (2004) Kultur als Praxis – Eine Einführung in Ernst
Cassirers Philosophie der symbolischen Formen. Aka-
demie, Berlin
Rudolph E (2003) Ernst Cassirer im Kontext – Kulturphilo-
sophie zwischen Metaphysik und Historismus. Mohr
Siebeck, Tübingen
Schwemmer O (1997) Ernst Cassirer – Ein Philosoph der
europäischen Moderne. Akademie, Berlin
45

Nicolai Hartmann
Biographisches – 46
Werkanalyse – 48
Conclusio – 55
Literatur – 57

G. Danzer, Wer sind wir? – Auf der Suche nach der Formel des Menschen,
DOI 10.1007/978-3-642-16993-9_4,
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2011
46 Kapitel • Nicolai Hartmann

erkunden wollte, ob ihm dabei die Stimme Gottes


begegnen würde. Dies war nicht der Fall, worauf-
hin sich der junge Mann zum radikalen Atheisten
entwickelte. Von nun an war er überzeugt, dass alle
Menschen nur vom Hörensagen über transzenden-
te Mächte reden. Bestätigung für seine Religions-
kritik fand er später in den Schriften Ludwig Feu-
erbachs.
. Abb. 1 Nicolai Hart-
Ab 1902 studierte Hartmann in Dorpat Me-
mann (*1882; †1950). dizin, wechselte jedoch nach zwei Semestern zur
(©akg-images) Philosophie. Danach besuchte er zwei Jahre lang
Lehrveranstaltungen russischer Philosophiedozen-
ten in Petersburg. Als 1905 dort revolutionäre Un-
Nicolai Hartmann gehörte in der ersten Hälfte des ruhen ausbrachen, beschloss er, den Studienort zu
20. Jahrhunderts zu den bedeutendsten deutschen wechseln. Diese »Distanz zum Aktuellen« und zur
Philosophen. Er wurde meist in einem Atemzug Politik behielt Hartmann zeitlebens bei. Sie machte
mit Edmund Husserl, Ernst Cassirer und Martin sich später während der beiden Weltkriege und als
Heidegger genannt. Zu seinen Lebzeiten (1882– Haltung dem Faschismus gegenüber bemerkbar.
1950) meinten nicht wenige, dass er neben Husserl Aufgrund ihres guten philosophischen Rufs
sogar die Nummer eins der Philosophie sei. Seine ging Hartmann an die Universität Marburg. Dort
Beiträge zur Anthropologie sind vor allem in sei- stieß der 23-Jährige auf die Neukantianer Hermann
nen ontologischen Schriften sowie in dem Sammel- Cohen und Paul Natorp, die ihn gründlich schul-
band Kleinere Schriften I enthalten (. Abb. 1). ten und bald sein großes Talent und hohes Arbeits-
ethos erkannten. Rasch absolvierte er das Studium
und erwarb mit Arbeiten über Platon sowie die
Biographisches philosophischen Anfangsgründe der Mathematik
die akademischen Grade der Promotion und Ha-
Hartmann stammte aus dem Baltikum (Riga). Sein bilitation.
Vater war ein deutscher Ingenieur und Erfinder, Als Privatdozent blieb Hartmann weiterhin er-
die Mutter eine fromme Pfarrerstochter. Nicolai folgreich, so dass er von den damals üblichen Kol-
hing sehr an seinem Vater, der ihn schon als Kna- leggeldern, verbunden mit einem asketischen Le-
ben in die Naturbeobachtung einführte. Er bewies bensstil, sogar eine kleine Familie ernähren konnte.
ihm zum Beispiel die Erdrotation, indem er mit 1911 heiratete er Alice Stephanitz, die Tochter eines
ihm nachts Sterne betrachtete, die im Verhältnis Petersburger Gelehrten. 1912 kam seine Tochter
zu einer Kirchturmspitze wanderten, weil die Erde Dagmar zur Welt.
den Standort veränderte. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde
Leider starb der Vater 1890, als sein Sohn acht der junge Philosoph als Soldat eingezogen, wobei
Jahre alt war. Mit der Mutter ergaben sich für Nico- er aufgrund seiner Russischkenntnisse überwie-
lai Schwierigkeiten, so dass er froh war, als 15-Jähri- gend als Dolmetscher eingesetzt war. Er leistete
ger alleine nach Petersburg übersiedeln zu können, seinen Dienst ohne Widerstreben, aber auch ohne
um dort die Schule zu besuchen. Damals bestritt er Begeisterung. Deutlich wurde seine distanziert-
durch Nachhilfestunden weitgehend selbstständig platonische Haltung etwa in seinem Briefwech-
seinen Lebensunterhalt. Er war zweisprachig, be- sel (1907–1918) mit dem jüngeren Kollegen und
herrschte das Russische wie das Deutsche und fand Freund Heinz Heimsoeth.
früh Zugang zur russischen wie auch deutschen Bei seiner Rückkehr nach Marburg begann
Literatur. Hartmann ab 1919 mit der Ausarbeitung umfang-
Nach seinem Abitur 1901 unternahm Nicolai reicher Abhandlungen. Obwohl er eigentlich ein
lange und einsame Wanderungen, auf denen er Problemdenker war, sorgten der gediegene Stil
47
Biographisches

seiner Schriften sowie die Breite seiner Argumen- ne Umwelt ziemlich steif und würdevoll, daneben
tationsketten dafür, dass seinen Publikationen oft aber auch liebenswürdig und verbindlich gewirkt
das Prädikat des Systematischen verliehen wurde. haben. Er war vollständig seinen philosophischen
Das zeigte sich bereits 1921 in Grundzüge einer Problemen hingegeben, und wenn er sich einmal
Metaphysik der Erkenntnis. Dass Hartmann sich den Luxus leistete, im Marburger Café Vetter sei-
mit Erkenntnistheorie beschäftigte, war bei seiner nen Tee zu nehmen, konnte es passieren, dass er
Ausbildung an der Marburger Schule nicht überra- seinem Gegenüber (wie Gadamer berichtete) die
schend. Für diese bedeutete ganz im Sinne von Im- Kant‘schen Kategorientafeln auf den Caféhaustisch
manuel Kant das Studium der Erkenntnisvorgänge malte.
den Auftakt zu jeglicher Philosophie. Neben dem Philosophieren pflegte Hartmann
Als gelehriger Schüler des Neukantianismus als Hobbys Musik und Astronomie. Er war ein
befolgte Hartmann diese Anweisung, wobei er kenntnisreicher Beobachter des Sternenhimmels,
jedoch eigenwillige Akzente setzte. Vor allem die den er in wolkenlosen Nächten mit seinem Tele-
Phänomenologie Edmund Husserls, die Hegel‘sche skop beobachtete. Als Höhepunkt von Privatissi-
Dialektik sowie sein Hang zum Realismus, den mumveranstaltungen, die bis weit in die Nacht
Hartmann unter anderem seinen kurzen Medizin- gingen, galt es, wenn der Herr Professor seine Stu-
studien verdankte, sorgten letztlich dafür, dass er denten ebenfalls durch das Teleskop schauen ließ.
sich von den idealistischen Vorstellungen der Neu- Als Cellospieler brachte es Hartmann beinahe bis
kantianer distanzierte. zur Konzertreife; zu seinen sonstigen Erholungen
Bereits 1920 hatte man Hartmann zum Extra- gehörten Kinobesuche und Spaziergänge.
ordinarius in Marburg ernannt. Er lehrte mit gutem Aufgrund der zunehmenden Animositäten
Erfolg und wurde 1922 zum Nachfolger auf Natorps zwischen Heidegger und ihm war Hartmann froh,
Lehrstuhl berufen; Cohen war schon bei Kriegsen- als er 1925 auf das Betreiben von Max Scheler nach
de emeritiert worden. 1923 kam Martin Heidegger Köln berufen wurde. Dieser war wegen seiner Stu-
an die Universität Marburg, wo er bis 1928 (bis zu dien über die Sympathiegefühle und seines Haupt-
seiner Berufung auf den frei gewordenen Husserl- werks Der Formalismus in der Ethik und die mate-
Lehrstuhl in Freiburg) als Philosophiedozent blieb. riale Wertethik (1913) über die engere Philosophie
Obwohl sich Hartmann für das Kommen Hei- hinaus bekannt geworden. Eine seiner wichtigsten
deggers eingesetzt hatte, entwickelte sich zwischen Aufgaben sah er darin, die Phänomenologie auf die
den beiden angehenden Meisterdenkern bald eine Probleme von Ethik, Moral und menschlicher Ge-
merkliche Rivalität. Der Letztere verfügte über fühlswelt anzuwenden.
Charisma und wuchtig-expansives Auftreten, wo- Scheler erhoffte sich in Hartmann einen Bun-
durch zwar das Gros der Studenten angezogen, der desgenossen, engen Dialogpartner und womöglich
vornehm zurückhaltende Hartmann jedoch eher sogar Schüler. Obwohl Letzterer 1926 eine Ethik pu-
abgestoßen wurde. Außerdem war der Lebensstil blizierte, in der er streckenweise auf Scheler Bezug
der beiden grundverschieden. Heidegger war Früh- nahm, enthält dieses Werk derart viel eigenständi-
aufsteher und hielt seine Vorlesungen zu einem ge Gedanken, dass von einem Schüler-Lehrer-Ver-
Zeitpunkt, wo Hartmann gerade zu Bette ging. Weil hältnis der beiden Denker nicht gesprochen wer-
also die Lichter beim Ersteren früh morgens angin- den kann. Die Ethik gilt als eine der großartigsten
gen, wenn der Letztere sie gerade löschte, sprach Erörterungen ethischer Phänomene und Fragestel-
man spaßeshalber von der »philosophia perennis« lungen im 20. Jahrhundert. Ein intensiveres Zwie-
(von der ewigen Philosophie) in Marburg. gespräch mit Scheler kam übrigens auch deshalb
Hartmann stand gewöhnlich gegen Mittag auf nicht zustande, weil dieser bereits 1928 starb.
und bot nachmittags seine Lehrveranstaltungen an. Mitte der 20er Jahre geriet Hartmanns Ehe in
Nachts schrieb er an seinen voluminösen Manu- eine Krise; 1926 wurde sie geschieden. 1929 heirate-
skripten. Den Aussagen Hans-Georg Gadamers in te er Frida Rosenfeld, die Tochter eines Marburger
Philosophische Lehrjahre zufolge, der als junger Stu- Archivars. In dieser zweiten Ehe wurden die Kinder
dent Hartmann kennenlernte, muss dieser auf sei- Olaf und Lise geboren. Sie erhielten eine religions-
48 Kapitel • Nicolai Hartmann

freie und liberale Erziehung, wobei die Eltern sie prügelten. 1934 beteiligte sich Hartmann an einer
zwar taufen, aber nicht konfirmieren ließen. Kundgebung deutscher Gelehrter, in der sie eine
Um 1930 suchte man an der Berliner Univer- Erklärung »Deutsche Wissenschaftler hinter Adolf
sität einen Ordinarius für Philosophie. Zunächst Hitler« unterzeichneten. Seine Gattin gab zu, sie
entschieden sich die Behörden für Heidegger, der habe ihm den Eintritt in die NSDAP vorgeschlagen;
jedoch den Ruf ablehnte. Daraufhin kam Hart- das habe er jedoch abgelehnt.
mann zum Zug, der damit die Nachfolge von Fich- Hartmann scheint Abstand zu jedem weiteren
te, Hegel, Schelling und Dilthey antrat. Er wurde politischen und weltanschaulichen Engagement
zum Leiter des Philosophischen Seminars ernannt, gehalten zu haben. Nach Kriegsausbruch vergrub
womit er neben seinem großen Lehrpensum auch er sich in Lehre und Forschung. Sein Schüler Wolf-
administrative Aufgaben übernahm. gang Harich, später ein bekennender Kommunist,
Während seiner Professorenjahre in Berlin erzählte, er habe ihn in jenen Jahren gefragt, wie er
von 1931–1945 entstanden nahezu alle Hauptwer- den Krieg einschätze. Der vorsichtige und lebens-
ke Hartmanns, die zunehmend ein systematisch- kluge Philosoph soll geantwortet haben: »Diese Sa-
enzyklopädisches Format aufwiesen. 1933 erschien che ist mir zu speziell!«
Das Problem des geistigen Seins als Teilstück einer 1935 war Zur Grundlegung der Ontologie erschie-
Ontologie, welche die verschiedenen Bereiche der nen, und 1938 folgten als Zusatzbände Möglichkeit
Wirklichkeit untersuchte. Gleichzeitig wollte der und Wirklichkeit sowie Der Aufbau der realen Welt
Philosoph damit auf die damals aktuellen anth- (1940). Nimmt man Das geistige Sein hinzu, war
ropologischen Schriften Schelers (Die Stellung des damit das grandiose Ontologie-Werk konstituiert.
Menschen im Kosmos, 1928) und Helmuth Plessners 1950 erschien Philosophie der Natur, und aus dem
(Die Stufen des Organischen und der Mensch, 1928) Nachlass wurden Teleologisches Denken (1951), die
reagieren. Ästhetik (1953) sowie Kleinere Schriften in drei Bän-
Hartmann war einer der Wegbereiter der mo- den (1955ff.) herausgegeben. Ein umfangreiches
dernen philosophischen Ontologie. Dieser Fach- Manuskript über die Logik ging leider in den Nach-
ausdruck (griechisch: Seinswissenschaft) ist ein kriegswirren verloren.
Synonym für Metaphysik. Seit dem Aufklärer Weil die gesellschaftliche und politische Lage in
Christian Wolff, der im 18. Jahrhundert in Halle an Berlin nach dem Kriegsende unüberschaubar war,
der Saale lehrte, bezeichnet man damit die Unter- entschied sich Hartmann im Herbst 1945, ein An-
suchung und Beschreibung des Seins in seinen Ab- gebot auf eine Professur in Göttingen anzunehmen.
wandlungen und Erscheinungsarten. Ab dem Wintersemester 1945/46 lehrte er an der
Hartmann hatte sich in der Berliner Zeit in altehrwürdigen Alma Mater dieser Stadt. Im Som-
Potsdam-Babelsberg niedergelassen, wo er mit sei- mer 1950 erlitt Hartmann einen Schlaganfall. Im
ner Familie in einem eigenen Haus wohnte. Die für Bewusstsein der begrenzten Lebenszeit überarbei-
ihn wichtigsten Wohnräume waren seine Biblio- tete er noch einmal den Entwurf seiner Ästhetik. Im
thek und das Dachstübchen, in dem sein Fernrohr Herbst desselben Jahres starb der Philosoph.
stand – ansonsten war er wie stets bedürfnislos.
Die Distanz zur Universität bewältigte er mit der
S-Bahn oder dem Fahrrad. Werkanalyse
Nach der Machtübernahme der Nationalso-
zialisten stand Hartmann ihnen nicht ablehnend Bis auf die größere Abhandlung Naturphilosophie
gegenüber, brachte aber als unpolitischer Mensch und Anthropologie (1944) hat Hartmann keine dezi-
für solche Wandlungen in der Politik wenig Inte- diert anthropologischen Schriften verfasst. Gleich-
resse auf. Die spätere Psychoanalytikerin Ruth C. wohl enthalten seine Werke zur Ontologie und
Cohn, die bei ihm studierte, berichtete, dass er ta- Ethik viele Aussagen über den Menschen, so dass
ten- und kommentarlos zugesehen hätte, als SA- sie zu einer ergiebigen Fundgrube für Anthropolo-
Leute 1933 während einer Lehrveranstaltung ihre gen, Ärzte und Psychologen wurden. Hierin ähnelt
Brüder aufgrund ihrer jüdischen Abstammung ver- (bei ansonsten großen Unterschieden) die Hart-
49
Werkanalyse

mann‘sche Ontologie der Heidegger‘schen – beide und Begrenzungen des Erkennens Rechenschaft
Philosophen wollten das Wesen des Seins beschrei- ablegen.
ben und formulierten zuletzt doch immer wieder Im 19. und 20. Jahrhundert kam es zu einer
auch anthropologische Erkenntnisse. Rehabilitierung der Ontologie, wozu die wissen-
Um besser nachvollziehen zu können, wie Nico- schaftlichen Ergebnisse der Naturforschung eben-
lai Hartmanns Lehre vom Menschen (so ein Buch- so wie die Phänomenologie Edmund Husserls bei-
titel 1989) beschaffen war, werden zuerst seine on- trugen. Hartmann reihte sich mit seinen ontologi-
tologischen Überlegungen zum Aufbau der realen schen Untersuchungen in diese jüngere Tradition
Welt (1940) erörtert. In einem zweiten Schritt wird ein, wobei ihm von allem Anfang an eine Seinslehre
dann anhand von Das Problem des geistigen Seins vorschwebte, die sowohl die Fülle wissenschaftli-
(1933) und Ethik (1926) die Hartmann‘sche Sicht auf cher Erkenntnisse als auch die Kant‘sche Erkennt-
spezifische Wesensmerkmale des Menschen wie niskritik angemessen berücksichtigen sollte. Dem-
etwa dessen Geistigkeit und Wertorientierung dis- entsprechend sprach er von einer kritischen Onto-
kutiert. logie.
Nach Hartmann besitzt der Mensch als denken-
z Der Aufbau der realen Welt des Wesen von vornherein ein Seinswissen. Schon
Zu den ontologischen Schriften Hartmanns zählen im natürlichen Weltverhältnis geht jedermann da-
neben Der Aufbau der realen Welt – Grundriss der von aus, dass es Seinsmodi gibt, und niemand wird
allgemeinen Kategorienlehre auch Zur Grundlegung sich darüber hinwegtäuschen, dass die Seinsweisen
der Ontologie (1935), Möglichkeit und Wirklichkeit von Materie, Pflanze, Tier und Mensch verschie-
(1938) sowie Philosophie der Natur – Abriss der spe- den sind. Um dies jedoch auch philosophisch zu
ziellen Kategorienlehre (1950). Das Hauptwerk die- belegen, arbeitete der Denker seine umfangreichen
ser Schriftengruppe ist zweifellos das erstgenannte ontologischen Schriften aus.
Buch. Das Sein bedeutete für Hartmann einen letzten,
Ontologie bedeutet so viel wie Lehre vom Sein. nicht mehr definierbaren Begriff. Zwar könne man
Diese Disziplin der Philosophie geht bis auf Aris- einzelne Seinsbereiche (Materie, Natur, Mensch),
toteles zurück, der darunter die Untersuchung Seinsmomente, Seinsweisen oder Seinsmodi mit
des Seienden (Kosmos, Welt) wie auch das Nach- diversen Kategorien und Definitionen belegen –
denken über das höchste Seiende (Gott) verstand. nicht aber das Sein allgemein:
Dieses Konglomerat aus eigentlicher Ontologie
und Theologie wurde bis ins 18. Jahrhundert beibe- »  Sein ist ein Letztes, nach dem sich fragen lässt.
halten. Erst Christian Wolff sorgte dafür, die Seins- Ein Letztes ist niemals definierbar. Definieren kann
lehre (die er allgemeine Metaphysik nannte) von man nur auf Grund eines anderen, das hinter dem
theologischen Fragestellungen (spezielle Metaphy- Gesuchten steht (Hartmann 1965, S. 43).  «
sik) abzusondern. Wenn Hartmann von Ontologie
sprach, bezog er sich als Atheist auf die Wolff ‘sche Weil in Hartmanns Weltbild kein Platz für einen
allgemeine Metaphysik. Schöpfergott war, gab es für ihn auch kein Motiv,
Im 18. Jahrhundert erfuhr die Ontologie noch über ein das Sein verursachendes Prinzip zu speku-
eine zweite wesentliche Veränderung: Sie wurde lieren. Wie aber lassen sich nun die verschiedenen
ihrer Vormachtstellung innerhalb der Philosophie Seinsbereiche charakterisieren? In diesem Zusam-
beraubt, die sie seit Aristoteles innegehabt hatte. menhang ist Hartmanns ontologische These vom
Immanuel Kant gab der Erkenntnistheorie den Schichtenbau der Welt zu erwähnen. Ihm zufolge
Vorrang vor der Ontologie. In seiner Kritik der rei- weist die Realität eine geschichtete Struktur auf.
nen Vernunft (1781) ging er davon aus, dass es sich Die unterste und alles tragende Schicht des Uni-
bei den realontologischen Kategorien recht eigent- versums ist das Materiell-Gegebene. Hier walten
lich um Verstandeskategorien handelt. Wer über Naturgesetze, mittels derer Physik und Chemie die
das Wesen des Seins etwas Substantielles aussagen Geheimnisse der Materie erschließen. Die exakten
wolle, müsse sich zuerst über die Möglichkeiten Wissenschaften sind für diesen Bereich zuständig,
50 Kapitel • Nicolai Hartmann

dessen Qualitäten zum Beispiel als Dichte, Schwe- völlige Unabhängigkeit) der Geisteswelt darzustel-
re, Aggregatszustände und Strukturen beschrieben len, war ein zentrales Anliegen nicht nur von Hart-
werden. manns Denken, sondern vieler Philosophen im 20.
Vor Jahrmilliarden kam es, ohne dass bis heu- Jahrhundert.
te im Detail dessen Entstehungsbedingungen und Wenn man dem Geist eine gewisse Autonomie
-prozesse geklärt sind, zur Bildung von Leben in- zubilligt, erhebt sich die Frage, wie er denn in die
nerhalb der kosmischen Substanz. Damit entstand Welt gekommen ist. Für theologisch gebundene
eine zweite Schicht, welche auf der ersten aufruht Menschen ist dieses Problem leicht zu lösen. Schon
und sie, wie der Hartmann‘sche Ausdruck lautet, bei der Entstehung von Kosmos und Leben neh-
überformt. men sie im Willkürverfahren die Schöpfung durch
Das bedeutet, dass Materie und Leben ineinan- eine Gottheit an. Analog soll die Geistigkeit dem
der übergehen. Die Gesetze der materiellen Welt Menschen durch eine transzendente Macht einge-
reichen in die Lebewelt hinein. Aber es sind neue pflanzt worden sein. Solche religiösen Annahmen
Konfigurationen entstanden, welche man mit ledig- waren für den Atheisten Hartmann sowohl im
lich physikalischen Modellen nicht vollumfänglich Hinblick auf den Entwicklungsprozess der Welt als
begreifen kann. Das Lebendige verfügt über eigene auch des Geistes nicht akzeptabel.
Spontaneität und Zielstrebigkeit, Stoffwechsel, Re- Den Ursprung des geistigen Seins zu ergründen
aktionsfähigkeit, Wachstum und Fortpflanzung. war zu Hartmanns Zeiten noch kaum möglich, was
Außerdem hat die Kategorie der Kausalität von ihn jedoch nicht weiter anfocht. Für ihn stand fest,
der Schicht der Materie zur Schicht des Lebendi- dass der Geist ein Novum in der Entwicklungsge-
gen eine Akzentverschiebung erfahren. Physik und schichte des Kosmos darstellt, und er wollte sich
Chemie beschreiben mittels der Naturgesetze die darauf beschränken, die Seinsart des Geistigen in
kausalen Verhältnisse innerhalb der materiellen möglichst vielen Details exakt zu beschreiben. Ma-
Welt, wohingegen die Biologie von Kausalität im terielle und biologische Ableitungen waren für ihn
Sinne der Determination durch Anlage, Vererbung brauchbar und erwünscht, wenn sie sich an ihre
und Umwelteinflüsse auszugehen hat. ontologischen und kategorialen Grenzen hielten.
Die nächste Schicht im Realitätsaufbau über Hartmanns Ontologie ist hinsichtlich anthro-
der biologischen ist die psychische. Sie ist mit dem pologischer Aussagen insofern nützlich, als er am
Bios so eng verbunden, dass man von zwei Seiten Menschen eben jenen Schichtenaufbau als relevant
einer Medaille sprechen kann. Hier kommt keine annahm, den er im gesamten Kosmos als gegeben
Überformung, sondern eine Überlagerung zum erachtete. Am Menschen lassen sich Materie, Bios,
Tragen. Nach Hartmann darf man nicht behaup- Psyche und Logos (Geist) erkennen, wobei es sich
ten, dass das Seelische nur eine kausal erklärbare dabei keineswegs um eigene Wesenheiten handelt.
Wirkung des Biologischen sei. Es hat seine Eigen- Dem Philosophen schwebte ein holistisches anth-
existenz und -dynamik, wobei kontinuierliche und ropologisches Konzept vor, das sich allerdings nicht
vielfältigste Wechselwirkungen zwischen beiden in billigen Ganzheitspostulaten erging:
Schichten stattfinden. Die untere Schicht ist die
mächtigere, die obere behält ihr gegenüber jedoch » Das Seelenleben wird nicht als bewusste (und
eine relative Freiheit. unterbewusste) Innenwelt mit ihren Akten und
Sofern man den Menschen ins Auge fasst, muss Inhalten allein verstanden, sondern zusammen
man als letzte Seinsschicht die Geistigkeit anerken- und gleichsam ineins geschaut mit dem leiblichen
nen. Auch hier ist eine Überlagerung zu beobach- Leben und dessen physischen Lebensbedingun-
ten. Das Psychische trägt den Geist, aber es be- gen. Und das Geistesleben wird nicht allein als
stimmt ihn nicht durchgehend. Im Materialismus Ethos, Sprache, Kunst, Erkenntnis usf. verstanden,
wollte man diese Eigengesetzlichkeit leugnen, was sondern ineins geschaut mit dem seelischen Aktle-
zu ziemlich kruden philosophisch-theoretischen ben, dem organischen Leben und den physischen
Modellen in Bezug auf die geistige Dimension Lebensbedingungen der Individuen, die seine
führte. Die relative Eigenständigkeit (nicht aber «
Träger sind (Hartmann 1964, S. 451). 
51
Werkanalyse

z Das Problem des geistigen Seins heit interpretieren. Kunst, Philosophie und Reli-
Ausgehend von seinem Plan einer umfassenden gion spiegeln diese Entwicklung wider, deren Ende
Ontologie explizierte Hartmann das geistige Sein, gleichbedeutend mit der vollständigen Vergeisti-
dem er eine Schlüsselstellung zugestand, in einem gung der Materie ist.
eigenen Band seines ontologischen Werks, in Das Hartmann übernahm von Hegel das Konzept
Problem des geistigen Seins. Darin wird deutlich, eines Wechselspiels zwischen individuellem und
dass die langjährige Beschäftigung mit Hegel der kollektivem Geist, modifizierte allerdings dessen
Hartmann‘schen Geist-Philosophie ihre mächtigs- These vom absoluten Geist erheblich. Bei ihm fin-
ten Impulse gegeben hat. den sich daher die Begriffe des personalen, objek-
Wer das geistige Sein beschreibt, liefert beinahe tiven und objektivierten Geistes, mit denen er das
nolens volens eine philosophische Anthropologie. geistige Sein in seinen Verästelungen zu erfassen
Der Mensch ist wahrscheinlich das einzige Wesen, und zu beschreiben unternahm.
das man als umfänglichen Geistträger bezeichnen Bei der Erörterung des personalen Geistes hatte
kann. Indem er Vernunft, Selbstbezug und Welt- Hartmann das Problem zu lösen, dass es bei Tieren
offenheit aufweist, ragt er in die Sphäre des Geistes ähnlich wie bei Menschen Formen von Bewusst-
hinein. Inwiefern andere Primaten zu (schlichter) sein gibt. Die Tiere wollte er allerdings als triebge-
geistiger Tätigkeit in der Lage sind, wird in den bunden, vorrangig in der seelischen Schicht veran-
letzten Jahren durchaus kontrovers diskutiert. kert und geistlos verstanden wissen, indes sich das
Diese Debatte erhält durch die Ergebnisse der ver- menschliche Bewusstsein durch mehr oder minder
gleichenden Primatenforschung der jüngeren Zeit große Triebentbundenheit (ein ursprünglich von
immer wieder neue und teilweise überraschende, Scheler stammender Gedanke) sowie Geistigkeit
die Sonderstellung des Menschen in mancherlei auszeichnet. Das tierische Bewusstsein bezeichne-
Hinsicht auch relativierende Nahrung. te der Denker daher als dienend, das menschliche
Die Sphäre der Geistigkeit besteht, wie Hegel hingegen als herrschend.
es als Erster ausgeführt hat, nicht nur in einer in- Die geistige Schicht im Menschen hat im Ver-
dividuell gegebenen Eigenschaft, die er subjektiven gleich zur materiellen, biologischen und seelischen
oder personalen Geist nannte. Sie weist auch ein ein bedeutend größeres Maß an Variabilität und
kollektives Erscheinungsbild auf, das Hegel als ob- Vulnerabilität. Alle Inhalte und Qualitäten des
jektiven Geist bezeichnete. Die Wechselwirkungen personalen Geistes müssen von den betreffenden
zwischen dieser übergreifenden Geistesmacht und Individuen selbst erlernt, erobert und vertieft wer-
den Individuen bedeutet das Grundgeschehen jeg- den, wobei sich Weite und Höhe der Geistigkeit
licher Kultur. von Einzelnen immens unterscheiden können.
Neben dem objektiven Geist (Sitte, Brauchtum, Außerdem lassen sich merkliche intraindividuelle
Sprache, aktuelle Organisationsformen von Wirt- Schwankungen beschreiben: Das geistige Niveau
schaft, Technik, Wissenschaft, Recht und Staat), eines Menschen als Kleinkind, Jugendlicher, Er-
den man als Zeitgeist titulieren kann, postulierte wachsener oder Greis weist normalerweise große
Hegel noch den absoluten Geist (Gott). Dieser hat Differenzen auf, wobei durchaus nicht immer von
sich dem Philosophen zufolge aus einem Zustand einem stetigen Zuwachs ausgegangen werden darf.
der reinen Innerlichkeit vor der Erschaffung der Vor allem in Bezug auf die Geistigkeit gilt, dass
Welt in die Natur und in die Materie entäußert und sich die Person zu dem machen muss, was sie ist.
damit einen ungeheueren Widerspruch zwischen Hier hilft kein Hoffen auf Vererbung oder den
seinem Für-sich-Sein (Geist) und dem An-sich- glücklichen Zufall – jedem Menschen stellt sich in
Sein (Materie) »in die Welt gesetzt«. seinem Leben die Aufgabe neu und jeweils speziell
Wie These und Antithese stehen sich seither auf ihn bezogen, sich die Fülle der Kultur anzu-
angeblich Gott und sein Kosmos gegenüber. Nach eignen und womöglich noch durch eigene Beiträge
Hegel kann man den gesamten Geschichtsverlauf zu erweitern.
als einen Prozess der zunehmenden Vergeistigung Der Einzelne sollte dabei jedoch die biologi-
und damit des Zu-sich-Zurückkommens der Gott- schen, seelischen und sozialen Bedürfnisse seiner
52 Kapitel • Nicolai Hartmann

Existenz nicht vernachlässigen – ein Defizit, das Neben den kollektiven Phänomenen von Sprache,
Hartmann bei nicht wenigen geistig hoch gezüch- Moral, Recht und Weltanschauungen rechnete er
teten Intellektuellen vermutete. Seine diesbezügli- jedoch auch Kunst, Wissenschaft, Philosophie und
chen Überlegungen, die womöglich auch auf ihn Religion zur Sphäre des objektiven Geistes (Hegel
selbst gemünzt sein mochten, erinnern in man- ordnete diese dem absoluten Geist zu).
cherlei Hinsicht an Sigmund Freuds Das Unbeha- So findet die gesamte Denk- und Kommunika-
gen in der Kultur (1930), das Hartmann in seinem tionsfähigkeit eines Menschen nach Hartmann im
Werk leider ebenso wie andere psychoanalytische objektiven Geist ihr Fundament. Dieser prägt die
Texte nicht berücksichtigte: Individuen, ohne dass sich das Individuum seinem
Einfluss je ganz entziehen könnte. Allerdings ist es
»  Die Kulturhöhe der geschichtlich führenden ein Trugschluss zu glauben, dass der objektive Geist
Völker wird teuer bezahlt. Was wir unser Bildungs-, den Einzelnen vollständig determiniert:
Schul- und Lehrwesen nennen, unser ganzes mit
äußerstem Kraftaufwand hochgetriebenes Geistes- » Objektiver Geist ist nicht die Zwangsjacke des
leben, sieht unter diesem Gesichtspunkt bedenk- personalen Geistes, nicht Uniformierung der
lich nach Raubbau am Leben aus (Hartmann 1962b, Individuen. Er ist nur Basis, nur Niveau, und die
«
S. 106).  Grenzen, die er absteckt, lassen der individuellen
Mannigfaltigkeit eine Bewegungsfreiheit, der
Der personale Geist zeichnet sich Hartmann zu- keine Charaktertypik gerecht zu werden vermag
folge durch Voraussicht, Zwecktätigkeit, Wertge- «
(Hartmann 1962b, S. 255). 
fühl und Freiheit aus. Diese Eigenschaften ermög-
lichen es dem Menschen, den Kausalnexus seiner Der objektive Geist wird von Völkern getragen. Er
materiellen und natürlichen Welt in seinem Sinne lebt, ist individuell, weist Geschichtlichkeit auf und
zu verändern. Der Philosoph beschrieb, wie der verfügt über Macht und Einfluss. Dennoch wäre
Mensch mit seinem Ziele und Zwecke setzenden es verfehlt, ihm eigenes Wollen, unabhängige Ziel-
Planen und Handeln (Finalität, Teleologie) in die setzungen oder Bewusstsein zuzugestehen. Anders
unendliche Zahl von Kausalreihen, welche den als Hegel, der als Entdecker des objektiven Geistes
Kosmos und die Natur determinieren, erfolgreich diesem sogar die Kompetenz zuschrieb, Geschichte
und entscheidend einzugreifen vermag. Durch die zu machen und zu lenken, stellte Hartmann diesbe-
Geistigkeit des Menschen erfährt der zur Finalität zügliche Limitierungen des Zeitgeistes heraus. So
hin offene Kausalzusammenhang des Universums finden sich in ihm Wahrheit und Irrtum in bunter
immer wieder relevante Veränderungen. Mischung, und häufig erlaubt es nur der Zeitenlauf
Die Geistbegabung macht den Menschen zu den Menschen, das Echte vom Falschen zu diskri-
einem weltoffenen Wesen – ein Begriff, den Hart- minieren.
mann von Max Scheler übernahm. Über die ani- Die Summe der materiell-geistigen Produkte
malischen Reiz-Reaktions-Schemata hinaus ist der von Wissenschaft, Literatur, Philosophie, Kunst
Mensch in der Lage, sich mittels seiner geistigen und Architektur wurde von Hartmann als objek-
Fähigkeiten prinzipiell jedem nur möglichen The- tivierter Geist bezeichnet. Dieser ist anders als der
ma zuzuwenden. Er lebt daher nicht nur wie die objektive Geist an ihn tragende und darstellende
Tiere in einer Umwelt (Johann Jakob von Uexküll) Materie gebunden. Diese kann zum Beispiel aus
mit begrenztem Reizhorizont, sondern in einer Papier (Bücher), Kunststoff (Tonträger für Musik),
Welt, deren Dimensionen aufgrund der Geistigkeit Steinen (Gebäude, Skulpturen) oder Leinwand
als infinit imponieren. (Malerei) bestehen.
Deutlich zu erkennen sind diese Merkmale des Der objektive Geist ist geschichtlich, wohinge-
personalen Geistes, sobald man dessen Wechsel- gen der objektivierte Geist ins Zeitlose und Über-
wirkung mit dem objektiven und objektivierten geschichtliche hineinragt. Darum ist es wichtig,
Geist untersucht. Ähnlich wie Hegel subsumierte dass Künstler, Wissenschaftler und Philosophen
Hartmann den Zeitgeist unter den objektiven Geist. ihre Gedanken und schöpferischen Aktivitäten
53
Werkanalyse

einer Objektivierung (Materialisierung) anheim etwa »Tat twam asi« (Das bist du). Sie stammt aus
stellen. Nur wenn sie materielle Spuren hinterlas- den indischen Upanishaden und wurde von Scho-
sen, können zukünftige Generationen irgendwann penhauer als Grundsatz seiner Mitleids- und Sym-
den geistigen Gehalt, der in ihnen fixiert ist, wieder pathieethik angesehen.
zum Leben erwecken. Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte der eng-
Für sie wird der objektivierte Geist günstigen- lische Philosoph John Stuart Mill eine utilitaristi-
falls zur stimulierenden Tradition, im ungünstigen sche Ethik. Mill ging davon aus, dass die Sittlichkeit
Fall jedoch zur Fessel für gesellschaftlichen und einer individuellen Handlung daran zu ermessen
kulturellen Fortschritt. Der personale und objekti- sei, inwiefern sie dem sozialen Wohl aller dient. So
ve Geist sind potentiell progressiv, der objektivier- sehr der Einzelne bei seinem Tun und Lassen den
te Geist dagegen konservativ. Hartmann warnte eigenen Vorteil im Sinn haben mag – solange er
deshalb analog wie vor ihm schon Nietzsche vor damit der Allgemeinheit nützt (Utilitarismus, vom
einer Tyrannei historisch gewachsener Strukturen englischen »utility«), kann dessen Handeln letzt-
und objektivierter Kulturinhalte im Hinblick auf lich als gut bezeichnet werden.
die Gestaltung des gegenwärtigen und zukünftigen Einen nachhaltigen Einfluss auf die ethischen
Lebens. Diskussionen gegen Ende des 19. und im 20. Jahr-
hundert gewann Friedrich Nietzsche mit seiner
z Ethik fundamentalen Moralkritik. Dieser Denker ent-
Ähnlich wie in seinen Schriften zur Ontologie larvte viele bis dahin hoch gehandelte Werte wie
finden sich auch in Hartmanns Texten zur Ethik Nächstenliebe, Demut, Armut, Gehorsam und Al-
relevante anthropologische Aussagen. Das moral- truismus als überwiegend philiströs und dekadent.
philosophische Hauptwerk des Denkers ist dabei Gleichzeitig plädierte er für eine radikale Umwer-
zweifellos seine Ethik (1926), auf die wir uns im Fol- tung aller Werte und schlug als Ersatz für die tra-
genden hauptsächlich beziehen. dierten Normen neuartige ethische Haltungen und
Hartmanns Ausführungen zur Ethik sind vor Gesinnungen vor, die er als individuell und kultu-
dem Hintergrund jener Moraldebatte verständlich, rell förderlich erachtete (z. B. intellektuelle Redlich-
die von Immanuel Kant mit seiner Kritik der prak- keit, schenkende Tugend, Fernstenliebe, Pathos der
tischen Vernunft (1788) provoziert worden war, und Distanz).
die im 19. Jahrhundert zur Entwicklung divergenter Als Hartmann in den 20er Jahren des 20. Jahr-
ethisch-moralischer Ansichten und Systeme beige- hunderts daranging, ein eigenes Ethiksystem zu
tragen hat. verfassen, bezog er sich ausführlich auf diese jünge-
Kant hatte eine formale Pflicht- und Gesin- re Moraltradition und bereicherte diese um Moral-
nungsethik formuliert, die in den oft zitierten ka- vorstellungen aus der griechischen Antike (Platon,
tegorischen Imperativ (sinngemäß) einmündete: Aristoteles, Stoa, Epikur). Außerdem stützte er sich
»Handle so, dass die Maxime deines Willens jeder- auf Schelers Der Formalismus in der Ethik und die
zeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetz- materiale Wertethik (1913). Wie Scheler wollte auch
gebung gelten könne.« Hartmann eine Theorie von Wert und Sittlichkeit
An der Ethik des Königsberger Philosophen entwickeln, welche die Moralkritik Nietzsches
bemängelte man bald deren Formalismus. In Ent- ernst nehmen und gleichzeitig den darin enthalte-
scheidungssituationen lassen sich aus ihr nur nen Werterelativismus überwinden sollte.
schwer konkrete Handlungsanweisungen ableiten, Ein gewichtiger Kritikpunkt Hartmanns an der
um das eigene Tun mit hohen moralischen Stan- Ethik Kants bestand darin zu zeigen, dass nicht nur
dards zu versehen. Arthur Schopenhauer plädierte formale Prinzipien (wie etwa der kategorische Im-
dafür, sich statt des kategorischen Imperativs eher perativ als allgemeines Sittengesetz), sondern auch
auf Prinzipien zu stützen, in denen das Mitleid mit materiale Werte a priori bestehen. In Fortsetzung
anderen Menschen und der gesamten belebten Na- von Scheler sprach daher auch Hartmann von
tur im Mittelpunkt steht. Eine solche Formel lautet einem Werte-Apriori:
54 Kapitel • Nicolai Hartmann

»  Es gibt eben ein reines Wert-Apriori, das un- Machtgefühl, Durchsetzungskraft oder Überleben
mittelbar, intuitiv, gefühlsmäßig unser praktisches besteht, und dem Werte wie Solidarität, Mitgefühl,
Bewusstsein, unsere ganze Lebensauffassung Güte, Nachsicht, Gewaltfreiheit, Gerechtigkeit oder
durchzieht, und allem, was in unseren Gesichts- Würde fremd sind.
kreis fällt, die Wert-Unwert-Akzente verleiht (Hart- Weil jedermann nur Ausschnitte aus dem ge-
mann 1962a, S. 116). « samten Werthorizont erkennt und für sich als we-
sentlich erachtet, sind die sittlichen Niveaus und
Werte bedeuteten für Hartmann ein ideales Sein, Handlungen einzelner Personen verschieden. Wer
das unabhängig vom Menschen besteht. Ähnlich seine Mitmenschen oder sich selbst erkennen will,
wie die Platonischen Ideen kommt den Werten muss das fremde oder eigene Werteprofil und die
absolute Geltung zu – sie existieren, gleichgültig, Wertepyramide in Erfahrung bringen – ganz nach
ob Menschen sie erkennen, anerkennen und sie dem Motto: »Sage mir, welche Werte für dich rele-
realisieren oder aber kein Sensorium für manche vant sind, und ich sage dir, wer du bist.«
von ihnen besitzen und sie negieren. Selbst wenn Hartmann unterschied niedere, hohe und
es irgendwann die Menschheit nicht mehr geben höchste Werte, sittliche und außermoralische,
sollte, würde Hartmann zufolge das Reich der Wer- Grund- und spezielle Werte. Zu den Grundwer-
te weiter bestehen. ten rechnete er das Gute und Edle sowie die Fülle
Von Werten geht ein Sein-Sollen aus. Sobald und Reinheit. Bei den speziellen Werten erwähnte
der Einzelne einen Wert intuitiv spürt oder ihn er diejenigen der Antike (Gerechtigkeit, Weisheit,
bewusst erkennt, gerät er in dessen Bannkreis und Tapferkeit, Beherrschung), des Mittelalters (Nächs-
bemerkt die Aufforderung, den betreffenden Wert tenliebe, Wahrhaftigkeit, Treue, Demut) und der
zu verwirklichen. Als Wertsichtiger ist der Mensch Neuzeit (schenkende Tugend, Fernstenliebe, Per-
als Person das einzige Lebewesen, welches den sönlichkeit, Liebe). Als außermoralische Werte gal-
Werten zu ihrer Realisierung verhelfen kann. Per- ten ihm die Vital-, Sach- und Güterwerte (Leben,
sonen nämlich sind »Bürger zweier Welten« (Kant) Besitz, Bildung) sowie die ästhetischen Werte (zum
– der realen Welt des Seins und der idealen Welt Beispiel Anmut, Schönheit, Grazie und Erhabenheit).
der Werte. Man sieht: Hartmann integrierte in seiner Ethik
Man kann das Wertreich mit dem Firmament sehr verschiedene Werte und Tugenden zu einem
vergleichen, an dem potentiell eine Vielzahl von komplexen Kanon, wobei er bemüht war, axiologi-
Sternen und Planeten zu beobachten ist. Jeder sche (die Werte betreffende) Kernaussagen aus den
einzelne Mensch erblickt jedoch immer nur einen diversen weltanschaulich bedingten Wertvorstellun-
Ausschnitt aus der Wertfülle, und auch einzelne gen (etwa des Christentums) herauszuschälen. Weil
Epochen oder Kulturen erlauben stets lediglich se- er überzeugt war, dass alle bisher in der Mensch-
lektive Wertwahrnehmungen. heitsgeschichte entdeckten und beschriebenen Wer-
Ähnlich wie die Menschheit aufgrund verbes- te ein Recht auf Erwähnung und Einordnung in sein
serter optischer Geräte in der Vergangenheit im- System haben, gelang es ihm, die Nächsten- ebenso
mer mehr und immer neue Fixsterne entdeckt hat, wie die Fernstenliebe zu berücksichtigen, ohne sich
haben Individuen und Kollektive in ihrer bisheri- in Widersprüchen zu verfangen.
gen Geschichte einen Zuwachs an Werterkenntnis Als hochstehende Werte ordnete Hartmann
bewerkstelligt und werden zukünftig eventuell da- die personalen Werte ein. Würde, Freiheit, Indi-
mit fortfahren. vidualität, Autonomie, Vernunft, Solidarität und
Alle Menschen sind auf irgendwelche Wer- Humanität gehörten für ihn zum unverlierbaren
te hin orientiert, und ihr Tun – und sei dies von axiologischen Bestand von Personen. Hätte man
außen betrachtet auch noch so unverständlich oder den Denker nach auszeichnenden Fähigkeiten und
sogar böse – lässt sich als Konsequenz dieser Wert- Eigenarten des Homo sapiens gefragt, hätte er wohl
ausrichtung verstehen. So können die Taten eines auf diese Wertegruppe verwiesen, auf die hin sich
Verbrechers als Folgen eines Wertereigens einge- Menschen ausrichten können, wenn sie erfolgreich
ordnet werden, der aus Werten wie Überlegenheit, dazu angeleitet werden, und wenn die tägliche Not-
55
Conclusio

durft (Ernährung, Wohnen, Gesundheit) sie nicht tionsbedürfnis. Was er schrieb, war nüchtern, aber
allzu sehr okkupiert. beinahe überall erhellend.
Das Vermögen des Menschen, sich Werten zu- Sechs Jahrzehnte nach seinem frühen Tod kann
oder sich von ihnen abzuwenden, ist nur auf der man feststellen, dass sein Rang jenseits aller Denk-
Grundlage von Freiheit möglich. Personen greifen moden fest begründet bleibt. Wer die Geduld hat,
aufgrund ihrer axiologischen Orientierung in den seine streng systematische Philosophie durchzu-
Kausal- und Determinationsnexus der Materie und arbeiten, erfährt in allen Fragen erschöpfende Be-
Natur ein, wobei die Freiheit der Entscheidung für lehrung. Es ist erstaunlich, dass ein Philosoph des
oder gegen bestimmte Werte eine Voraussetzung 20. Jahrhunderts die Hauptgebiete seines Faches
für die Selbstbestimmung von Personen bedeutet. mit fast gleichbleibend tiefer Fundiertheit darzu-
Andererseits wird der Einzelne nach einer Wert- stellen vermochte. Er erinnert diesbezüglich an die
Entscheidung von dem betreffenden gewählten Systembauer des deutschen Idealismus, vor allem
Wert determiniert – seine Freiheit geht an die Bin- an Hegel, der ihm ein Vorbild war.
dung zu Werten und einer bestimmten Wertehier- Bei Hartmann war die Philosophie mit einem
archie verloren. Höchstmaß an Sachkenntnis und kritischem Geist
Erst mit dem Gesichtspunkt der Freiheit und verbunden. Sodann war er davon überzeugt, dass
daran anknüpfend der Verantwortung wird der die Arbeit an den Problemen das eigentliche Ge-
Mensch zu einem sittlich-moralischen Wesen. schäft des Philosophen sei. Im Grunde sind die
Hartmann vertrat diesbezüglich eine anthropo- uralten Fragen des Denkens, die seit 2500 Jahren
logische Position, die mit derjenigen der frühen die klügsten Köpfe des Abendlandes beschäftigt ha-
Existenzphilosophie Jean-Paul Sartres verwandt ben, noch in keiner Weise endgültig gelöst. Daher
war. Zugleich wandte er sich gegen materialisti- lohnt es sich, die Tradition aufzuarbeiten, sofern
sche, biologistische oder psychosoziale Determi- sie Problemgeschichte ist. Das besorgte Hartmann
nationslehren, welche die menschliche Freiheit in mit grenzenlosem Fleiß und durchdringendem
den ökonomisch-gesellschaftlichen Verhältnissen, Verstand.
in den psychosozialen Schicksalen des Einzelnen Trotz dieser Vorzüge wurde Hartmann im
oder im Neuronenfeuer des Gehirns untergehen deutschsprachigen Raum in den letzten Jahrzehn-
lassen wollen: ten wenig rezipiert. Vielleicht hat dazu beigetragen,
dass nach dem Zweiten Weltkrieg die anspruchs-
» Freiheit ist die Erhebung der Initiative über das volle Art seines Denkens zum abgesunkenen geis-
blinde Weltgeschehen. Diese Erhebung ist als sol- tigen Niveau selbst mancher Intellektueller und
che wertvoll, sie hebt den Menschen über die Na- Berufsphilosophen im deutlichen Kontrast stand.
turzusammenhänge hinaus, in denen er wurzelt, Da passten modische Philosophien wie Existentia-
lässt ihn, ohne ihn dort loszureißen, in das »zweite lismus, Sprachphilosophie, Strukturalismus und
Reich« hineinragen. Unfreiheit ist … die Knecht- manche Spielarten des Neomarxismus besser in die
schaft des Menschen unter den allgemeinen Ab- allgemeine Szenerie – eine Szenerie, in welcher das
lauf des Geschehens (Hartmann 1962a, S. 352).  « Feuilletonistische nicht selten die Oberhand über
solides Forschen und Philosophieren gewann.
Bezüglich der Anthropologie steht eine aus-
Conclusio führliche Rezeption und Weiterentwicklung des
Hartmann‘schen Denkens noch aus. Als Ausnah-
Hartmann hat keine Schule gebildet, so dass Nach- men erwähnenswert sind die Publikationen Nicolai
folger fehlten, die seine Lehre weitertrugen. Sodann Hartmanns Lehre vom Menschen (1989, von Arnd
ist sein Werk in seiner großen Gedankenfülle nur Grötz), Nicolai Hartmann zur Einführung (1997,
teilweise zeitgemäß. Mehr als viele seiner Kollegen von Martin Morgenstern) und Nicolai Hartmanns
legte er Wert auf Gelehrsamkeit, wissenschaftliche philosophische Anthropologie in systematischer Pers-
Akribie und zeitlose Gründlichkeit. Hartmann pektive (2003, von Gerhard Ehrl), denen die vorlie-
machte nirgendwo Konzessionen an das Sensa- gende Abhandlung wertvolle Anregungen verdankt.
56 Kapitel • Nicolai Hartmann

Außerdem enthalten die von Heinz Heimsoeth und erhaben wäre. Als Mangel wurde weiter oben bereits
Robert Heiß herausgegebene Gedenkschrift Nico- die fehlende Auseinandersetzung des Denkers mit
lai Hartmann – Der Denker und sein Werk (1952) den zu seiner Zeit modernen Strömungen der Psy-
sowie der von Alois Buch edierte Sammelband choanalyse sowie der Gestalt- und Tiefenpsycho-
Nicolai Hartmann – 1882–1982 (1987) interessante logie erwähnt. Anders als bei der französischspra-
Hinweise auf anthropologische Aussagen in Hart- chigen Phänomenologie und Existenzphilosophie
manns Werk. (Jean-Paul Sartre und Maurice Merleau-Ponty) gibt
Neben der sparsamen Rezeption innerhalb von es keine Stellungnahmen Hartmanns zu den von
Philosophie und philosophischer Anthropologie ist der Psychoanalyse so beredt beschriebenen und
auch eine bisher karge Kenntnisnahme von Hart- anthropologisch relevanten Phänomenen wie Un-
manns Lehre in den Lebens-, Sozial- und Kultur- bewusstes, Verdrängung, Narzissmus, Fehlleistung,
wissenschaften zu konstatieren. Dabei könnte etwa Trieb, Traum, Neurose, Perversion oder Sexualität.
seine Schichtenlehre inspirierend für Disziplinen Ausführungen zu diesen Themenfeldern aus der
wie Medizin, Psychologie und Psychosomatik wir- Feder Hartmanns wären auch deshalb reizvoll, weil
ken. Nicht wenige Ärzte oder Psychotherapeuten er im Hinblick auf die Beschreibung des Menschen
diagnostizieren und therapieren nämlich entweder ein strikt biperspektivisches Vorgehen wählte:
lediglich die materiell-biologischen oder die see-
lisch-geistigen Schichten an ihren Patienten und » Was hier Not tut, ist gerade das vollständige
vernachlässigen die jeweils korrespondierenden Loskommen von den einseitigen Ansätzen, vom
Dimensionen. idealistischen wie vom naturalistischen. Stattdes-
Auch im Hinblick auf Pädagogik, Psychohy- sen bedarf es vielmehr des doppelten Ansatzes,
giene, Soziologie und Politik sowie allgemein auf und zwar so, dass er das einheitliche Bild des
Gesellschaftswissenschaften und Geschichte wäre Menschen nicht zerreißt. Denn der Mensch ist ein
eine umfängliche Berücksichtigung der Hart- mehrschichtiges Wesen, und die heterogenen Ge-
mann‘schen Gedanken zum Begriff und Phänomen setzlichkeiten des Organismus, des Seelenlebens
der Person anregend. Gerade in den Bereichen von und des Geistes bestehen in ihm zusammen, sich
Erziehung und Bildung mangelt es in eklatanter in ihm überlagernd und mannigfach ineinander
Weise an orientierenden anthropologischen Kon- greifend. Man kann also das Ganze seines Wesens
zepten, die eine fundierte Diskussion über Metho- nur so fassen, dass man zum mindesten von bei-
den, Inhalte und Richtungen des Erziehungs- und den Seiten zugleich vorgeht, vom Naturwesen und
Bildungsgeschehens ermöglichen. Eine personale vom geistigen Wesen im Menschen (Hartmann
Pädagogik, Psychohygiene, Soziologie oder Politik «
1955a, S. 216). 
zu entwerfen, wäre daher ein reizvolles Desiderat
für die Zukunft. Bei diesen Versäumnissen Hartmanns (die in der
In diesen und benachbarten Disziplinen und deutschsprachigen Philosophie des 20. Jahrhun-
Kulturbereichen dürfte auch die axiologische De- derts nicht singulär sind) muss man jedoch einräu-
batte, die Hartmann in Weiterentwicklung von men, dass im Gegenzug auch weder die Gründer-
Schelers materialer Wertethik angestoßen hat, auf- väter der Tiefenpsychologie noch (bis auf wenige
genommen und fortgeführt werden. Zu Beginn des Ausnahmen, z.  B. Josef Rattner) ihre Nachfolger
21. Jahrhunderts ist allenthalben die Klage über die Philosophie Hartmanns adäquat zur Kenntnis
einen weitverbreiteten Wertewandel und Werte- genommen haben. Der Philosoph ebenso wie der
verlust zu vernehmen. Nur selten jedoch wird die überwiegende Teil der Psychoanalytiker, Tiefen-
Diskussion über deren Ursachen und mögliche psychologen, Psychiater und Mediziner haben uns
Überwindung derart seriös und tiefschürfend ge- im Hinblick auf einen interdisziplinären philoso-
führt, wie Hartmann dies in seiner Ethik vorbild- phisch-psychologisch-medizinischen Dialog um-
lich exemplifiziert hat. fängliche Aufgaben hinterlassen.
Es soll jedoch nicht der Eindruck erweckt wer-
den, als ob Hartmanns Philosophie über alle Kritik
57
Literatur

Literatur

Buch A (Hrsg) (1987) Nicolai Hartmann – 1882–1982. Bouvier,


Bonn
Ehrl G (2003) Nicolai Hartmanns philosophische Anthropolo-
gie in systematischer Perspektive. Junghans, Cuxhaven
Grötz A (1989) Nicolai Hartmanns Lehre vom Menschen.
Peter Lang, Frankfurt am Main
Harich W (2000) Nicolai Hartmann – Leben, Werk, Wirkung.
Königshausen & Neumann, Würzburg
Harich W (2004) Nicolai Hartmann – Größe und Grenzen.
Versuch einer marxistischen Selbstverständigung.
Königshausen & Neumann, Würzburg
Hartmann N (1955a) Naturphilosophie und Anthropologie.
In: Kleinere Schriften Band I. de Gruyter, Berlin (Erstver-
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Hartmann N (1955b) Kleinere Schriften Band I – Abhandlun-
gen zur systematischen Philosophie. de Gruyter, Berlin
Hartmann N (1962a) Ethik. de Gruyter, Berlin (Erstveröff. 1926)
Hartmann N (1962b) Das Problem des geistigen Seins. de
Gruyter, Berlin (Erstveröff. 1933)
Hartmann N (1964) Der Aufbau der realen Welt. de Gruyter,
Berlin (Erstveröff. 1940)
Hartmann N (1965) Zur Grundlegung der Ontologie. de
Gruyter, Berlin (Erstveröff. 1935)
Heimsoeth H, Heiß R (Hrsg) (1952) Nicolai Hartmann – Der
Denker und sein Werk. Vandenhoeck & Ruprecht,
Göttingen
Morgenstern M (1997) Nicolai Hartmann zur Einführung.
Junius, Hamburg
59

Martin Heidegger
Biographisches – 60
Werkanalyse – 63
Conclusio – 69
Literatur – 71

G. Danzer, Wer sind wir? – Auf der Suche nach der Formel des Menschen,
DOI 10.1007/978-3-642-16993-9_5,
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2011
60 Kapitel • Martin Heidegger

und begann daraufhin das Studium der Theologie


und Philosophie am Priesterseminar der Univer-
sität Freiburg. Sein Ziel war es, irgendwann einen
Theologielehrstuhl zu übernehmen.
Um 1911 geriet Heidegger in eine Glaubenskri-
se und brach das Theologiestudium ab. Stattdessen
studierte er Philosophie als Hauptfach, ergänzt um
einige naturwissenschaftliche Nebenfächer und
Mathematik. 1913 schloss er seine Studien mit einer
. Abb. 1 Martin Heideg- Dissertation über Die Lehre vom Urteil im Psycho-
ger (*1889; †1976). (Aus
Stumm et al. 2005)
logismus ab. Zwei Jahre später gelang ihm bei Hein-
rich Rickert mit einer Arbeit über Die Kategorien-
und Bedeutungslehre des Duns Scotus die Habilita-
Wenn wir bei Heidegger um sein Einverständnis tion. Duns Scotus war ein mittelalterlicher Denker
nachsuchen könnten, ihn in einen Sammelband aus der Gruppe der Nominalisten. Diese vertraten
über Anthropologie aufzunehmen, würde der Phi- die fortschrittliche Auffassung, dass die Allgemein-
losoph uns wahrscheinlich eine entrüstete Abfuhr begriffe Worte und keine Fakten sind – eine Posi-
erteilen. Er wollte Fundamentalontologe sein und tion, die seinerzeit von der Kirche bekämpft wurde.
als solcher die Geheimnisse des Seins belauschen. Im Ersten Weltkrieg wurde Heidegger aufgrund
Dass er dabei – vor allem in seinem bekanntesten seines schwachen Herzens zuerst zu einer Poststelle
Werk Sein und Zeit (1927) – auch Aussagen über in Freiburg eingezogen und später zur Wetterbeob-
den Menschen gemacht hat, war für ihn lediglich achtung abkommandiert; 1918 wurde er ausgemus-
ein notwendiger vorbereitender Schritt hin zu den tert. Ein Jahr zuvor hatte er Elfride Petri geheiratet,
großen ontologischen Erkenntnissen. Wie andere Tochter eines sächsischen Obersten. 1919 kam ihr
anthropologisch interessierte Ärzte (z.  B. Ludwig erster Sohn Jörg und im Sommer 1920 der Sohn
Binswanger oder Medard Boss) nehmen wir uns Hermann zur Welt. Der Vater von Hermann war
jedoch ebenfalls die Freiheit heraus, Heidegger als ein Jugendfreund Elfrides (der Arzt Friedel Cae-
Anthropologen zu lesen (. Abb. 1). sar), worüber in der Familie nie gesprochen wurde.
Ab 1916 lehrte Edmund Husserl als Nachfolger
von Rickert an der Universität Freiburg. Heidegger
Biographisches kam in Kontakt mit ihm, und weil der Philosophie-
ordinarius dessen Qualitäten erkannte, machte er
Martin Heidegger wurde 1889 als Sohn eines Mes- ihn zuerst zu seinem Assistenten und kurze Zeit
ners im süddeutschen Städtchen Meßkirch gebo- später zum Direktor seines philosophischen Semi-
ren. Die Familie war streng katholisch. 1892 kam nars. Heidegger ließ sich diese Förderung gefallen;
seine Schwester Maria und 1894 sein Bruder Fritz wenig später aber schrieb er an Karl Jaspers: »Hus-
zur Welt. Martin und Fritz blieben einander zeit- serl ist gänzlich aus dem Leim gegangen und sagt
lebens eng verbunden. Aufgrund der finanziell Trivialitäten, dass es einen erbarmen möchte.«
kargen Mittel der Familie war trotz der großen Be- Ab 1920 bahnte sich die Freundschaft Heideg-
gabung von Martin an den Besuch einer höheren gers mit Jaspers an, der in Heidelberg lehrte. Die
Schule vorerst nicht zu denken. beiden eröffneten eine Korrespondenz und bilde-
Da sich der Ortspfarrer für ihn einsetzte, er- ten eine »Kampfgemeinschaft«, die sich zum Ziel
hielt der Knabe ein Stipendium, mit dem er in gesetzt hatte, die tradierte Universitätsphilosophie
Konstanz an einer Schule für zukünftige Geistliche durch innovatives und revolutionäres Denken von
aufgenommen wurde. Ab 1906 besuchte er das bi- Grund auf zu erneuern.
schöfliche Seminar in Freiburg und absolvierte das Heidegger fühlte sich stark im süddeutschen
Gymnasium. Nach seinem Abitur wurde er 1909 Landleben verwurzelt. Es war daher folgerichtig,
für wenige Wochen Novize in einem Jesuitenorden dass seine Frau von ihren Ersparnissen ein Grund-
61
Biographisches

stück in Todtnauberg im Schwarzwald kaufte und Forschung, dessen Herausgeber Husserl war. Als
nach ihren Plänen darauf eine Hütte bauen ließ. Ab Widmung vermerkte der Autor: »Edmund Husserl
1922 diente sie als Refugium für den Denker, der in Verehrung und Freundschaft zugeeignet.«
in der ländlichen Abgeschiedenheit einen Großteil Das Werk erregte in der Fachwelt großes Auf-
seiner Werke verfasste. Eigenem Bekunden nach sehen. Hartmann sprach von einem sehr bedeu-
war seine »ganze Arbeit von der Welt dieser Berge tenden Buch, und der bereits schwerkranke Max
und Bauern getragen und geführt«. Scheler reiste nach Berlin, um dem zuständigen
Inzwischen setzte sich der akademische Auf- Minister anhand von Sein und Zeit zu erklären,
stieg Heideggers fort. 1923 wurde er Professor in warum Heidegger und kein anderer der geeignete
Marburg und blieb dort bis 1929. Marburg war lan- Nachfolger für Husserl wäre, der 1928 emeritiert
ge Zeit eine neukantianische Hochburg gewesen, werden sollte.
wofür die Namen Hermann Cohen, Paul Natorp Tatsächlich wurde Heidegger als Ordinarius für
und Ernst Cassirer standen. Der Erstere war damals Philosophie nach Freiburg berufen. Im Sommer
bereits emeritiert, indes der Letztere über Berlin 1929 hielt er seine Antrittsvorlesung »Was ist Meta-
nach Hamburg berufen worden war. physik?«, worin er seinen eigenwilligen Denkstil
So traf Heidegger, dessen Familie vorerst in präsentierte und metaphysische Forschung nicht
Freiburg wohnen blieb, in Marburg auf Natorp in Text-, sondern in Existenzanalysen des mensch-
sowie auf Nicolai Hartmann. Zu diesem baute er lichen Daseins verankerte. Im selben Jahr publi-
starke Rivalitätsgefühle auf, die ein gemeinsames zierte er Kant und das Problem der Metaphysik. In
Philosophieren unmöglich machten. An Jaspers Freiburg setzte sich sein Lehrerfolg fort; nun saßen
schrieb er im Hinblick auf Hartmann: »Ich werde unter anderem Ernesto Grassi, Eugen Fink, Karl
ihm – durch das Wie meiner Gegenwart – die Hölle Rahner und Emmanuel Lévinas im Auditorium.
heiß machen.« Im März 1929 war es bei den Davoser Hoch-
Heidegger galt als philosophischer Lehrer, von schultagen zu einem Gelehrtendisput zwischen
dem es hieß, dass man bei ihm tatsächliches Den- Heidegger und Cassirer gekommen; thematisch
ken lernen könne. In seinem eigens für ihn angefer- sollte es bei dieser Auseinandersetzung um die
tigten bäuerlich-sportlichen Dress (von Studenten Philosophie Immanuel Kants gehen. Der in zünf-
als »existentieller Anzug« bezeichnet) erläuterte tig-sportlicher Kleidung auftretende Heidegger
der kleinwüchsige Mann mit dramatisierend-pa- verteidigte dabei in bekannt schneidiger Manier
thetischer Stimme den Zuhörern seine Sicht der sein eigenes Denken, indes der weltmännisch-vor-
Welt. nehme Cassirer in distinguierter Form seine Argu-
Wie faszinierend Heidegger dabei gewirkt ha- mente vortrug. Die in der Mehrzahl radikalisierten
ben muss, macht die Liste seiner Studenten offen- Studenten applaudierten vor allem dem Ersteren,
kundig. Unter ihnen befanden sich Hans-Georg der damals schon antisemitisches Gedankengut
Gadamer, Gerhard Krüger, Wilhelm Szilasi, Karl in sich trug. In einem Brief an Victor Schwoerer
Löwith, Hans Jonas und Hannah Arendt. Letztere schrieb er:
war als 18-Jährige aus Königsberg nach Marburg
gekommen, um den Zauberer aus Meßkirch zu hö- »  Wir [stehen] vor der Wahl …, unserem deut-
ren. Bald entspann sich ein Liebesverhältnis zwi- schen Geistesleben wieder echte bodenständige
schen ihr und Heidegger, das beide lange Zeit ge- Kräfte und Erzieher zuzuführen oder es der wach-
heim hielten. Hannah wurde für den Denker nicht senden Verjudung im weiteren und engeren Sinne
nur wegen ihrer weiblichen Reize, sondern auch endgültig auszuliefern (Heidegger: Brief an Victor
aufgrund ihrer Fähigkeiten zum inspirierend-phi- Schwoerer vom 02.10.1929, zit. nach Thomä 2003,
losophischen Gedankenaustausch wichtig. «
S. 523). 
1927 wurde Sein und Zeit publiziert, das Heideg-
ger zum Großteil in seiner Hütte von Todtnauberg Wie berühmt und in akademischen Kreisen an-
konzipiert hatte. Es erschien als Band VIII der Rei- erkannt Heidegger in den 30er Jahren war, wird
he Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische an zwei Rufen deutlich, die er nach Berlin auf den
62 Kapitel • Martin Heidegger

ehemaligen Lehrstuhl von Fichte, Hegel, Schelling ihm im Schwarzwald, was den Philosophen sicht-
und Dilthey erhielt. Beide Male lehnte er ab. Als lich stabilisierte.
Begründung schrieb er, dass er nur auf dem hei- In den späten 40er Jahren kam es zu unter-
matlichen Boden wahrhaft denken könne. Und in schiedlichen Urteilen über die Rolle, die Heideg-
unfreiwillig komischer Wendung fügte er hinzu, er ger während des Dritten Reiches gespielt hatte. Ein
habe einen alten Bauern gefragt, wie er sich ange- Gutachten von Jaspers belastete ihn, wohingegen
sichts der Angebote aus der Hauptstadt verhalten andere Stimmen für eine harmlosere Einschätzung
solle. Der habe mit Kopfschütteln geraten: »Uner- seines Verhaltens plädierten. Zum Schluss erhielt er
bittlich nein!« 1951 seinen Professorentitel inklusive seiner Venia
Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 wurde Legendi und der Altersbezüge wieder zugespro-
Heidegger im April fast einstimmig zum Rektor der chen. Heidegger war rehabilitiert.
Freiburger Universität gewählt; wenige Tage später In den 50er Jahren erfuhr der Denker einen er-
trat er sehr zum Gefallen seiner Gattin Elfride in die staunlichen Zulauf. Der französische Existentialis-
NSDAP ein. Der konservativ-völkische Denker sah mus verehrte ihn als Erzvater; der Schweizer Psy-
eine große Zeit anbrechen, bei deren revolutionä- choanalytiker Medard Boss befreundete sich mit
rer Dynamik er an der Spitze der Bewegung stehen ihm und begann, die Existenzphilosophie auf me-
wollte. In blamabel-kitschigen Reden (Rektorats- dizinische Probleme anzuwenden; manche Geistes-
rede, Schlageter-Rede, Ansprache zur Sonnwend- wissenschaftler (z. B. der Germanist Emil Staiger)
feier) pries er die neuen politischen Verhältnisse entdeckten Heidegger für sich und übertrugen Sein
und machte keinen Hehl aus seiner Sympathie für und Zeit auf Gebiete ihrer Forschung. Auch Han-
die braunen Barbaren. nah Arendt suchte wieder Kontakt zu ihm, obgleich
1934 trat Heidegger gekränkt vom Rektorat zu- sie in Briefen an Jaspers ihre Ambivalenz zum Aus-
rück, weil seine ehrgeizigen Pläne (Dozentenakade- druck brachte.
mie in Berlin) nicht realisiert wurden, und weil er Heidegger genoss den Ruhm in vollen Zügen.
nicht (sein Wunschtraum) philosophischer Führer Er wurde Mitglied verschiedener wissenschaftli-
des Führers geworden war. Er brach den Kontakt cher und künstlerischer Akademien (Berlin, Hei-
zu Husserl ab und sah tatenlos zu, wie man diesem delberg, München). Außerdem erfolgten Einla-
die Venia Legendi und damit die Emeritusbezüge dungen nach Frankreich, wo sich der Lyriker René
entzog. Ab 1935 stellte er die Korrespondenz mit Char eng mit dem Philosophen angefreundet hatte,
Jaspers ein, dessen Frau Jüdin war. 1936 traf er in und wo der Denker einen elitären Kreis in Philo-
Rom auf Karl Löwith, der wegen seiner jüdischen sophie unterrichtete.
Abstammung dorthin emigriert war. Der »sensible In seinen letzten Jahren erfolgte bei Heidegger
Denker« trug dabei stolz sein Parteiabzeichen und eine Rückwendung zum Glauben seiner Kindheit.
schwärmte seinem ehemaligen Schüler vor, wie Das hatte sich schon in manchen seiner späten
sehr der Nationalsozialismus der für Deutschland Publikationen angedeutet (Unterwegs zur Sprache,
vorgezeichnete Weg sei. 1959; Die Frage nach dem Ding, 1962; Zur Sache des
Nach 1945 wollte sich Heidegger an all das Denkens, 1969), in denen er sich in einem mysti-
nicht mehr erinnern. Im Gegenteil: Er sprach von schen Stil über das Sein (bei ihm als Seyn stilisiert)
einem Kesseltreiben, das gegen ihn während der äußerte, das für ihn die maßgebliche kosmische
NS-Zeit veranstaltet worden war, und das ihn in und geistige Urmacht war. Als Heidegger 1976 im
die innere Emigration hatte gehen lassen. 1946 er- 87. Lebensjahr starb, wurde er in Meßkirch, wo er in
litt er einen seelischen Zusammenbruch, woraufhin der Zwischenzeit Ehrenbürger geworden war, auf
man ihn in die Klinik Viktor Emil von Gebsattels eigenen Wunsch kirchlich begraben.
nach Badenweiler brachte. Der erfahrene Arzt und
Menschenkenner verzichtete wohlweislich auf eine
psychotherapeutische Aufarbeitung von Heideg-
gers Lebensgeschichte. Stattdessen wanderte er mit
63
Werkanalyse

Werkanalyse sophische Disziplin oder Schulrichtung abzuheben


gedachte.
Ab 1975 war man darangegangen, eine Gesamtaus- Zum anderen machte er deutlich, dass der erste
gabe von Heideggers Werken zu realisieren. Von Schritt einer jeden Ontologie im Zugang zum alles
den geplanten über Hundert Bänden sind bisher entscheidenden Seienden – nämlich dem Dasein
etwa siebzig erschienen. Hinzu kamen Tausende respektive dem Menschen – besteht. Nur wer hin-
Seiten Briefe, die als Briefwechsel (z.  B. mit Karl länglich klärt, wie der Mensch als Untersucher und
Jaspers, Hannah Arendt, Heinrich Rickert) ediert Forscher des Seins beschaffen ist, und wie er sich
wurden. Berücksichtigt man noch die kaum zu und die Welt um sich her befragt, kann mit Aus-
überblickende Sekundärliteratur zu Leben und sicht auf Erkenntniszuwachs ontologische Studien
Werk Heideggers, wird man zugeben müssen, dass betreiben.
eine ausführliche oder gar lückenlose Bearbeitung Was aber soll der Zusatz »Hermeneutik der
dieses Materials einer Lebensaufgabe gleichkommt. Faktizität« bedeuten? Mit Faktizität bezeichnete
Da dies hier nicht im Sinne des Autors ist, sind Heidegger zu jener Zeit den Menschen, den er auch
die werkanalytischen Ausführungen beschränkt als Dasein titulierte. Die Faktizität oder das Dasein
auf Heideggers Hauptwerk Sein und Zeit und er- ist nun allerdings kein x-beliebiger Gegenstand,
gänzend dazu auf Schriften respektive Vorlesungs- sondern ein Lebewesen, das sich und die gesamte
manuskripte wie Hermeneutik der Faktizität (1923), Welt verstehen will. Für die Kunst des Verstehens
Was ist Metaphysik (1929), Kant und das Problem wurde schon lange der Begriff der Hermeneutik
der Metaphysik (1929), Die Grundbegriffe der Meta- verwendet, wobei sich der Alt- und Großmeister
physik (1929/30) und Über den Humanismus (1947). der Hermeneutik Wilhelm Dilthey mit diesem Ter-
minus vor allem auf das geisteswissenschaftliche
z Hermeneutik der Faktizität und historiographische Verstehen von Texten und
An Heideggers Schriften fällt auf, dass es trotz der geschichtlichen Ereignissen bezogen hatte.
großen Zahl von Bänden in der Gesamtausgabe nur Bei Heidegger erfuhr dieser Begriff eine ent-
wenige größere und in sich geschlossene Abhand- scheidende Erweiterung und Veränderung. Ihm
lungen gibt. Dazu zählen neben Sein und Zeit das ging es beim Verstehen nicht mehr primär um
Buch Kant und das Problem der Metaphysik sowie das Erkennen von Sinnzusammenhängen im Be-
die beiden Bände über Nietzsche (1936–46). An- reich von Kunst, Literatur und Geschichte, sondern
sonsten finden sich viele Aufsätze und Vorlesungs- um den Verstehenden selbst, der sich mithilfe der
manuskripte, bei denen nicht selten bereits in Ti- Hermeneutik Klarheit über sich selbst verschaf-
teln wie Wegmarken, Holzwege oder Unterwegs zur fen sollte. Verstehender, befrage und verstehe dich
Sprache das Fragende und Unvollendete im Den- selbst! – so könnte man eine wesentliche Botschaft
ken Heideggers angedeutet wird. Heideggers in seiner frühen Freiburger Vorlesung
Beim Band Hermeneutik der Faktizität handelt komprimieren:
es sich um den Text einer frühen Freiburger Vor-
lesung, die Heidegger im Sommersemester 1923 »  Die Hermeneutik hat die Aufgabe, das je eigene
gehalten hat. Einer seiner Studenten war damals Dasein in seinem Seinscharakter diesem Dasein
Hans-Georg Gadamer, für den diese Lehrveran- selbst zugänglich zu machen, mitzuteilen, der
staltung zum Erweckungserlebnis in Bezug auf das Selbstentfremdung, mit der das Dasein geschla-
Hauptthema seines eigenen späteren Philosophie- gen ist, nachzugehen. In der Hermeneutik bildet
rens geworden ist. sich für das Dasein eine Möglichkeit aus, für sich
Die genaue Überschrift des Vorlesungskonvo- selbst verstehend zu werden und zu sein (Heideg-
luts lautet Ontologie – Hermeneutik der Faktizität. «
ger 1988, S. 15). 
In seinem Vorwort erläuterte Heidegger zum einen
den Begriff der Ontologie, den er mit Lehre vom Welche Erkenntnisse über sich und die Welt ge-
Sein übersetzt wissen wollte. Dabei war ihm wich- winnt ein derart sich selbst befragendes Dasein?
tig zu betonen, dass er damit nicht auf eine philo- Heidegger meinte, dass ein solcher Hermeneutiker
64 Kapitel • Martin Heidegger

auf die Grunderfahrung stößt, nicht lediglich (wie Auslegungsmuster für das menschliche Existie-
alle anderen Dinge der Welt) zu sein, sondern sich ren müssten durchsichtig gemacht werden, wobei
dieses Seins gewahr zu werden. Ich bin nicht nur – sich in der Vergangenheit die Wissenschaften wie
ich vollziehe mein Dasein. Und diesen Vollzug be- die Philosophie als ergiebige Quellen für Gerede
zeichnete der Philosoph als Existenz: »Die eigenste herausgestellt haben. Mit ihren Formeln, angebli-
Möglichkeit seiner selbst, die das Dasein (Faktizi- chen Wahrheiten, wissenschaftlichen Ergebnissen
tät) ist, … sei bezeichnet als Existenz« (Heidegger und großartigen Denksystemen haben auch sie die
1988, S. 16). Selbstentfremdung der Menschen befördert und
Als Voraussetzungen solchen Existierens be- deren Flucht vor sich selbst mit guten Argumenten
nannte Heidegger die Wachheit oder den herme- gestützt.
neutischen Einsatz. Ein Dasein, das sich nicht um
sein eigenes Verstehen sorgt, döst oder schläft mehr z Sein und Zeit
oder minder im Zustand der Selbstentfremdung Heidegger ging es also weniger darum, Antwor-
vor sich hin. Der Philosophie komme die Aufgabe ten auf die Fragen nach dem Menschen und seiner
zu, die Menschen zu einem wachen Dasein aufzu- Welt zu liefern – das hatten in den vergangenen
rütteln und ihnen aufzuzeigen, dass sie und wie sie Jahrhunderten schon Generationen von Philoso-
sich selbst oftmals aus dem Wege zu gehen versu- phen vor ihm versucht, und oft genug endeten sie
chen. im bloßen Gerede. Statt Philosophiegelehrsamkeit
Das Heidegger‘sche Denken um 1923 wollte beabsichtigte er, die Fragen nach Mensch und Welt
also Unruhe stiften und die Menschen dazu auf- neu zu stellen und vor allem diese Fragen offen zu
rufen, ihre Bequemlichkeit und ihre Angst vor der halten.
Unwägbarkeit der eigenen Individualität zu über- Die Philosophiegeschichte hat sich Heidegger
winden. Die Existenz als Ausdruck ureigenster zufolge im Grunde als eine Geschichte der Verde-
Aufgaben und Möglichkeiten (später bezeichnete ckung von wesentlichen Fragen erwiesen. Sie habe
Heidegger diese als Freiheit) wirkt anstrengend nicht nur die Fragen nach dem Sein vergessen –
und unsicher – daher flüchten sich viele in die tra- auch das Faktum dieses Vergessens war ihr nicht
dierten und öffentlich verfügbaren Floskeln und mehr präsent. Daher müsse jedes fundamental-
Angebote, wie denn der Mensch, das Leben oder ontologische Denken die Aufhebung der Seinsver-
die Kultur sei: gessenheit wie auch ihres Ausblendens zum Ziel
haben: »Das Fragen ist die Frömmigkeit des Den-
»  Das Dasein bewegt sich (Grundphänomen) kens.«
in einer bestimmten Weise des Redens von ihm Heideggers Hermeneutik der Faktizität machte
selbst, das Gerede (Terminus) … Das Gerede be- darin einen beachtlichen Anfang und war gleich-
redet alles in einer eigentümlichen Unterschieds- zeitig doch nur ein Präludium für das kommende
unempfindlichkeit. Als solche Durchschnittlich- Hauptwerk Sein und Zeit. Hierin wollte der Philo-
keit, das ungefährliche »Zunächst«, Zunächst als soph radikale, also an die Wurzeln gehende Fragen
Zumeist, ist die Öffentlichkeit die Seinsweise des nach der Beschaffenheit des Seins und damit auch
»Man«: man sagt, man hört, man erzählt, man nach Sinn, Wert und Bedeutung von menschli-
vermutet, man erwartet, man ist dafür, dass … Das chem Dasein, Natur und Kultur und des gesamten
Gerede gehört niemand, niemand steht dafür ein, Kosmos stellen.
«
das Man hat es gesagt (Heidegger 1988, S. 31f.).  Nach Heideggers Konzept ist das nur mög-
lich, wenn man zuvor jenes Seiende untersucht,
Ein Dasein, das sich auf den Weg zu sich selbst welches die Frage nach dem Sein stellt und bereits
und seinen jeweiligen Möglichkeiten begibt, muss ein Vorverständnis vom Sein in sich trägt. Das ist
dieses Gerede als solches erkennen und zur Seite der Mensch, der in seinem alltäglichen Umgang
räumen. Heidegger erachtete eine Hermeneutik mit Dingen, Aufgaben und Verhältnissen der Welt
der Faktizität daher als einen primär abbauen- deutlich macht, dass er über ein hohes Maß an
den, destruierenden Vorgang. Die vorgegebenen Seinsverständnis verfügt. Daher eröffnete Heideg-
65
Werkanalyse

ger sein Nachdenken über das Sein mit einer Ana- Heidegger unterschied die zwei Formen der
lyse des menschlichen Alltagslebens. vorspringend befreienden und der einspringend
Dabei ging Heidegger nicht wie viele seiner beherrschenden Fürsorge. Im günstigen Fall der
Vorläufer von einem erkennenden »Cogito«, son- vorspringend befreienden Fürsorge ist das Dasein
dern von einem verstehenden Menschen mit vor- darum bemüht, dem Mitmenschen Freiräume an
reflexivem Verstehenshorizont aus. Dieser Mensch, die Hand zu geben, seine Existenz selbst zu ge-
den Heidegger als das Dasein bezeichnete, steht stalten; Rücksicht und Nachsicht sind die dazu
nicht wie ein einsames Subjekt seinen Objekten gehörigen Attribute. Einspringend beherrschende
gegenüber. Er lebt vielmehr immer schon draußen Fürsorge dagegen ist oft genug durch Rücksichts-
bei der Welt, wofür der Philosoph den Begriff der losigkeit geprägt. Dabei nimmt das Dasein seinem
Existenz wählte (vom lateinischen ek-sistere, was Mitmenschen die Last der Selbstverwirklichung ab
soviel wie draußen stehen bedeutet). – eine Form der Fürsorge, die man als Verwöhnung
Bei der Analytik des Daseins (Erforschung des oder Abhängigkeit bezeichnen kann.
Menschen in seiner Welt) stieß Heidegger auf ver- Neben dem Besorgen und der Fürsorge trifft
schiedene Seinscharaktere, die er – weil das Wesen man in Sein und Zeit auch auf den Begriff der Sorge.
des Daseins in seiner Existenz liegt – Existentiale Damit sind nicht die vielen kleinen oder größeren
nannte. Diese entsprechen den Kategorien, die sich Sorgen gemeint, mit denen sich Menschen immer
auf die nichtmenschlichen Dinge, Lebewesen und wieder herumschlagen müssen. Heidegger meinte
Verhältnisse beziehen. mit Sorge vielmehr eine Art gespannter Konzen-
Ein erstes wichtiges Existential bei der Be- tration des Menschen auf sein Sich-vorweg-Sein.
schreibung des Daseins ist sein In-der-Welt-Sein. Der Mensch ist ein Wesen der Zukunft. Zwar
Heidegger wollte damit zum Ausdruck bringen, wird er zufällig in bestimmte und ihn begrenzen-
dass Menschen nicht wie Gegenstände neben an- de Situationen hineingeboren – ein Faktum, das
deren Objekten in einem Behälter, sondern in steter Heidegger als die Geworfenheit bezeichnete. Auf
Bezugnahme auf die Totalität der Welt existieren. diese Geworfenheit antwortet er jedoch mit einem
Was immer die Erde zu bieten hat (Materielles, Entwurf: Er reagiert auf Begrenzungen, Einschrän-
Natur, Kultur, die Mitmenschen) – das jeweilige kungen, Chancen, Verlockungen usw. im Sinne von
Dasein hat damit potentiellen Umgang, sei es auf Akzeptanz, Kampf, Überschreitung, Rückzug, Re-
alltägliche, handwerkliche, mythologisch-religiöse, signation usw.
künstlerische, wissenschaftliche oder philosophi- Im Entwurf und in der konkreten Antwort des
sche Art. Daseins auf seine Geworfenheit sind Freiheitsmo-
Den tätigen Umgang mit der Welt bezeichne- mente enthalten. Der Mensch kann sich und seine
te Heidegger als das Besorgen. Dieses bezog er auf Individualität entwickeln oder stagnieren lassen,
vielerlei Alltagsverrichtungen, auf den Umgang er kann sich selbst verwirklichen oder verfehlen.
mit Materialien etwa oder auf die Aktivitäten zur Das Dasein sorgt sich um die Gestaltung seiner Zu-
Selbsterhaltung. Das Urverhältnis zur Wirklichkeit kunft, wenn möglich im Sinne einer Selbstauszeu-
ist demnach ein praktisches. Besonders die Um- gung der Person (Alexander Pfänder). Weil in der
sicht ist jene Haltung und Einstellung, welche für Regel das Besorgen und die Fürsorge zur Selbstver-
das Besorgen angemessen ist. wirklichung eines Daseins beitragen, sind sie beim
Das In-der-Welt-Sein bedeutet jedoch nicht nur Begriff der Sorge mitgemeint:
Umgang mit Dingen oder alltäglichen Aufgaben.
Darüber hinaus begegnen Menschen permanent »  Im Sich-vorweg-Sein als Sein zum eigensten
ihren Mitmenschen – ein Phänomen, das in Sein Seinkönnen liegt die existential-ontologische Be-
und Zeit unter dem Begriff des Mitseins figuriert dingung der Möglichkeit des Freiseins für eigent-
und als eigenes Existential gilt. Den Umgang des liche existentielle Möglichkeiten. Das Seinkönnen
Daseins mit anderen Menschen wollte Heidegger ist es, worumwillen das Dasein je ist, wie es
nicht unter den Terminus des Besorgens subsumie- faktisch ist. Sofern nun aber dieses Sein zum Sein-
ren; stattdessen bot sich derjenige der Fürsorge an. können selbst durch die Freiheit bestimmt wird,
66 Kapitel • Martin Heidegger

kann sich das Dasein zu seinen Möglichkeiten auch des Man, in welchen das betreffende Dasein hinein-
unwillentlich verhalten, es kann uneigentlich sein gezogen wird. Das bedauernswerteste Resultat des
und ist faktisch zunächst und zumeist in dieser Man-selbst-Seins aber ist der Selbstverlust: »Jeder
Weise (Heidegger 1986, S. 193). « ist der Andere und Keiner er selbst« (Heidegger
1986, S. 128).
Heidegger unterschied zwei Seinsweisen des Da- Aus solchen Sätzen lässt sich unschwer ablesen,
seins: eigentlicher und uneigentlicher Modus der dass Heidegger von der grundsätzlichen Möglich-
Existenzgestaltung. Den Ersteren bezeichnete er keit und Aufgabe des Daseins überzeugt war, im
als eigentliches Ich-selbst-Sein und stellte dies dem Modus des eigentlichen Ich-selbst-Seins existieren
uneigentlichen Man-Selbst-Sein gegenüber. Mit zu können und zu sollen. In diesem Sinne inter-
emotionaler Bewegtheit, die von den meisten Hei- pretierte er auch die Gewissensfunktion des Men-
degger-Experten nicht als selbstverständlich ange- schen, die in ihrem existentiellen Gehalt (anders
sehen wird, polemisierte er gegen jenes Man, über als das vulgäre Gewissen) eine Aufforderung zum
das er sich bereits in Hermeneutik der Faktizität Ich-selbst-Sein beinhaltet.
nicht gerade freundlich geäußert hatte: Allerdings darf man sich den Ruf dieses exis-
tentiellen Gewissens nicht allzu laut vorstellen. Im
»  Das Man hat selbst eigene Weisen zu sein … Gegenteil: »Das Gewissen redet einzig und stän-
Jeder Vorrang wird geräuschlos niedergehalten. dig im Modus des Schweigens« (Heidegger 1986,
Alles Ursprüngliche ist über Nacht als längst be- S. 173). Auch das vulgäre Gewissen mit seinen üb-
kannt geglättet. Alles Erkämpfte wird handlich. lichen Vorwürfen, Beschuldigungen und »Bissen«
Jedes Geheimnis verliert seine Kraft … Abständig- meldet sich stumm, wenngleich effektiv. Damit
keit, Durchschnittlichkeit, Einebnung konstituieren übertönt es aber ebenso wie das laute Gerede des
als Seinsweisen des Man das, was wir als »die Man die noch leisere Stimme des existentialen Ge-
Öffentlichkeit« kennen … Die Öffentlichkeit ver- wissens:
dunkelt alles und gibt das so Verdeckte als das
Bekannte und jedem Zugängliche aus (Heidegger » Dass man, nur lautes Gerede hörend und ver-
«
1986, S. 127).  stehend, keinen Ruf »konstatieren« kann, wird dem
Gewissen zugeschoben mit der Ausrede, es sei
Mit seiner Kritik am Man und damit am Massen- »stumm« und offenbar nicht vorhanden. Mit dieser
zeitalter griff Heidegger eine Denkfigur auf, die im Auslegung verdeckt das Man nur das ihm eigene
ersten Drittel des 20. Jahrhunderts vor allem von Überhören des Rufes und die verkürzte Reichweite
konservativer Seite als grundlegende Skepsis al- «
seines »Hörens« (Heidegger 1986, S. 296). 
len Kollektiven gegenüber formuliert worden war.
Entsprechend geißelte der Philosoph die Selbstver- Da sich das Man überall ausgebreitet hat und all-
gessenheit des Menschen im öffentlichen Man. Ein mächtig scheint, ist die vom existentiellen Gewis-
Leben in den Normen, Moden und Schablonen der sen empfohlene Emanzipationsbewegung hin zum
Majorität sei in keiner Weise menschenwürdig. Das Ich-selbst-Sein und zur Authentizität selten und
Man bedeutete für Heidegger eine Verfallsform der schwierig. Heidegger betonte, dass ein jedes Sich-
Existenz, in der fast alle Menschen permanent ver- Losreißen von der Majorität den Einzelnen verun-
fangen sind. sichert und ängstigt. Die Eigentlichkeit des Daseins
Spielarten des Verfallenseins an das Man sind sei nur um den Preis von Einsamkeit und Angst zu
das Gerede (bereits in Hermeneutik der Faktizität erringen.
erwähnt) sowie die Neugier und die Zweideutig- Mit der Angst sind wir beim Existential der Be-
keit. Heideggers durchaus schillernde und plasti- findlichkeit respektive der Stimmungen angelangt.
sche Wortwahl trug nicht unwesentlich dazu bei, Wenn Heidegger von Stimmungen sprach, zielte er
die ganze Tragik des Man-selbst-Seins zu verdeutli- nicht auf innerseelische Phänomene ab. Weil das
chen. Er sprach vom Absturz in die Bodenlosigkeit Dasein als In-der-Welt-Sein verstanden wird, sind
des uneigentlichen Seins oder von einem Wirbel Emotionen vielmehr als Tönungen des individuel-
67
Werkanalyse

len Weltbezugs und des Erschließens von Weltmo- an den Tod als überaus ernstes Thema zu denken)
tiven zu begreifen. vor allem die düster-wuchtige Diktion von Sein und
Diese Zusammenhänge exemplifizierte Hei- Zeit prägnant zum Ausdruck bringt. Die Studen-
degger in Sein und Zeit vorrangig an der Emotion ten in Marburg jedenfalls haben schon vor Jahr-
der Angst; im Vorlesungsmanuskript Die Grund- zehnten auf solche und ähnliche Töne Heideggers
begriffe der Metaphysik (1929/30) griff er auf die ironisierend reagiert, indem sie zu sagen pflegten:
Langeweile zurück, um seine diesbezüglichen An- »Ich bin wahnsinnig entschlossen, weiß aber noch
sichten zu verdeutlichen. In der Angst erfährt das nicht wozu!«
Dasein seine Ungeborgenheit und Heimatlosigkeit Wie dem auch sei: Ein tiefes Begreifen der eige-
in der Welt, die für es charakteristisch sind. Wenn nen Endlichkeit (in den ersten Lebensjahrzehnten
es nicht will, dass sich seine Existenz lediglich im sterben erfahrungsgemäß immer nur die anderen,
Verfallensein an das Man erstreckt, muss es gewär- indes man sich selbst unsterblich wähnt) trägt si-
tig sein, auf sich selbst und damit auf die Verein- cherlich dazu bei, das Dasein als einzig und ein-
zelung sowie auf die eigenen Möglichkeiten und malig wertzuschätzen. Des Weiteren wird man
Freiheitsgrade zurückgeworfen zu werden: angesichts der Todesthematik dazu angehalten, die
Lebenszeit zu nutzen und sich nicht an Nebensäch-
»  Die Angst offenbart im Dasein das Sein zum ei- lichkeiten zu verlieren.
gensten Sein-Können, das heißt das Freisein für die Damit kommt die Zeitlichkeit des Daseins in
Freiheit des Sich-selbst-wählens und -ergreifens. Sicht, die Heidegger als das zentrale Existential
Die Angst bringt das Dasein vor sein Freisein für … ansah. Ähnlich wie Henri Bergson unterschied
die Eigentlichkeit seines Seins als Möglichkeit, die auch er eine existentielle, subjektive Zeit und eine
es immer schon ist (Heidegger 1986, S. 188). « physikalische Raumzeit. Erstere wird erlebt, indes
Letztere gemessen und objektiviert werden kann.
Durch die Angst, durch dieses »Zurückweichen des Verglichen mit seinem französischen Vorgänger
Seienden im Ganzen«, wird sich das Dasein seiner sind die Zeitanalysen Heideggers noch subtiler und
selbst bewusst. So kann die Verängstigung zum tiefsinniger ausgefallen.
Ausgangspunkt einer Orientierung am eigentlichen Die für den Einzelnen relevante oder ursprüng-
Ich-selbst-Sein werden. Darüber hinaus macht sich liche Zeit ist seine individuelle Lebensspanne.
in der Angst jedoch auch ein Wissen oder Ahnen Letztlich bedeutet sie ihm die grundlegende Mög-
des Todes bemerkbar. Der Mensch ist das einzige lichkeit seiner Existenz, eine Art Feld oder Acker,
Wesen, das um den Tod weiß und gedanklich zum die er mittels seiner Sorge bestellen kann. Das Da-
möglichen Ende des Daseins vorstößt. sein hat dabei keine Zeit – vielmehr zeitigt sich die
In vielen Fällen reagiert der Betreffende auf Zeitlichkeit respektive der Mensch existiert zeit-
das Empfinden oder Bedenken dieser unerbittli- lich. Alle anderen Formen der Zeit – natürliche,
chen Begrenzung mit Ablenkungen aller Art oder kosmische, physikalische, lineare – sind von dieser
mit billigen Vertröstungen und Bagatellisierungs- existentialen Zeit abgeleitete kategoriale Varianten.
tendenzen. Der Tod war für Heidegger jedoch ein Die Zeitdimensionen von Vergangenheit,
existentielles Absolutum, mit dem sich jedes Da- Gegenwart und Zukunft bestimmen den Ablauf der
sein auseinandersetzen muss, wenn es das Wagnis Existenz. Heidegger demonstrierte, dass diese Di-
des Ich-selbst-Seins auf sich nehmen will. mensionen als solche nie rein oder abgeschlossen
Heidegger in seiner heroisierenden Art emp- erlebt werden. Stets ragt die Zukunft eines Men-
fahl sogar das (gedankliche) »Vorlaufen zum schen in seine Gegenwart hinein oder gewinnt das
Tode«. Dies sei eine Haltung und Qualität, die auf Vergangene seine Bewandtnis angesichts eines für
entschlossenes Existieren des Menschen schließen ihn neuen Zukünftigen. Das unmittelbare Ineinan-
lasse. Es gab so manche Interpretationen, wie ein der-Umschlagen dieser drei Zeitdimensionen be-
derartiges Vorlaufen zum Tode konkret aussehen zeichnete Heidegger mit dem Begriff der Ekstase.
sollte. Die meisten Exegeten sind heute der Mei- Die Zeitlichkeit wurde von Heidegger als der
nung, dass diese Formel (neben der Aufforderung, Sinn der Sorge und aller übrigen Daseinselemente
68 Kapitel • Martin Heidegger

und Existentialen definiert. In mehreren Kapiteln Stattdessen nahm er sich vor, vom Sein her das
führte er aus, inwiefern die im ersten Teil von Sein menschliche Dasein zu reflektieren. Nicht mehr die
und Zeit erläuterten Daseinsformen wie Verstehen, Frage, was denn die Welt für den Menschen, son-
Befindlichkeit und Stimmung, Verfallensein, Rede dern was der Mensch für die Welt zu bedeuten hat,
oder das Besorgen als zeitliche einzuordnen sind. stünde dann im Zentrum der philosophischen Spe-
Die Zeitlichkeit ist demnach als fundamentales kulation. Diese Veränderung der Perspektive des
und fundierendes Phänomen des menschlichen Nachdenkens, von der wir hier nicht diskutieren,
Daseins auszumachen. inwiefern sie überhaupt realisierbar ist (schließ-
Für Heidegger war die Zukunft die entschei- lich wären es doch wieder menschliche Augen, mit
dende zeitliche Dimension des Menschen. Auf sie denen »vom Sein her« der Mensch geschaut und
hin zielen seine Entwürfe, und sie hält für das Da- bewertet würde), bezeichnete Heidegger in Über
sein sowohl Freiheit als auch letztgültige Limitie- den Humanismus (1947) als Kehre.
rung (Tod) bereit. In sie hinein erfolgt auch jene Als Vorbereitung zu diesem Umdenken wur-
Bewegung der Veränderung und des Übertritts, de die Geschichte der abendländischen Metaphy-
die Heidegger als Transzendenz bezeichnet hat. sik auf ihre (wie Heidegger meinte) Irrtümer hin
Der Mensch ist ein Wesen, das dauernd den Sta- untersucht. So hielt er René Descartes vor, mit
tus quo transzendiert, wobei er sich immer wieder seinem »Ich denke, also bin ich« eine Inthronisa-
aus seinen Plänen und Ideen in die Gegenwart als tion des Menschen bewerkstelligt zu haben, welche
die alleinige zeitliche Dimension zurückholt, in der das Sein nur als sekundäres Phänomen erscheinen
konkrete und reale Metamorphosen erfolgen. ließ. Immanuel Kant wollte Heidegger nachweisen,
Mithilfe der Zeitlichkeit wollte Heidegger auch dass er mit seiner Kritik der reinen Vernunft eine
die Geschichtlichkeit des Menschen erhellen. Da- Abschwächung der metaphysischen Erkenntnis in
bei ging es ihm nicht darum, wie ein Historiker den Richtung auf eine Erkenntnistheorie induziert hat-
Geschichtsverlauf als wissenschaftliche Thematik te. Davon handelt das Buch Kant und das Problem
zu begreifen, der man gegenübersteht. Vielmehr ist der Metaphysik (1930).
das Dasein selbst geschichtlich und Teil dessen, was Aus jener Zeit gibt es eine Publikation, in der
man Weltgeschichte nennt – wie umgekehrt diese Heidegger sein Projekt der Kehre nicht weiter ver-
Historie das In-der-Welt-Sein des Einzelnen maß- folgte, sondern sich wie in Sein und Zeit daseinsana-
geblich prägt. lytisch und existentialanthropologisch einstellte: Es
sind dies die Vorlesungen aus dem Wintersemester
z Grundbegriffe der Metaphysik 1929/30, die unter dem Titel Die Grundbegriffe der
Ursprünglich hatte Heidegger geplant, Sein und Metaphysik – Welt, Endlichkeit, Einsamkeit ange-
Zeit mit einem dritten großen Abschnitt zu ver- kündigt und als eigener Band der Gesamtausgabe
sehen, den er mit Zeit und Sein betiteln wollte. publiziert wurden.
Dieser Teil wurde von ihm zwar verfasst, aber 1927 Darin finden sich ausführliche Erörterungen
nicht mit den anderen Abschnitten des Buches pu- der Langeweile, die Heidegger ähnlich wie die
bliziert. Angeblich haben ein Gespräch mit Jaspers Angst in Sein und Zeit als eine Befindlichkeit des
und die Nachricht vom Tod Rainer Maria Rilkes Daseins verstand, die eine exquisite Voraussetzung
(im Dezember 1926) dafür den Ausschlag gegeben. für ein originäres ontologisches Nachdenken be-
Im Nachhinein war Heidegger froh, sich so ent- deutet. Der Philosoph unterschied dabei das Ge-
schieden zu haben, da er die nicht veröffentlichten langweilt-Werden von etwas, das Sich-Langweilen
Passagen später als zu unausgegoren beurteilte. Das bei etwas sowie die tiefe Langeweile in Form von
damalige grundsätzliche Anliegen allerdings wur- »es ist einem langweilig«.
de für ihn in den Folgejahren zunehmend wichti- Schon Friedrich Nietzsche hatte in einem
ger. Er beabsichtigte nämlich, die Richtung seiner Aphorismus behauptet, dass der Mut zur Lange-
philosophischen Reflexion umzukehren und nicht weile ein Element des wirklichen Denkens sei. Nur
mehr – wie in Sein und Zeit geschehen – vom Da- wer sein Leben nicht dauernd mit Aktivitäten und
sein ausgehend das Wesen des Seins zu bedenken. Aufgeregtheiten aller Art zuschüttet, gewinnt Zeit
69
Conclusio

und Freiräume für autonome Reflexion. Neben der dieses Mal wollte er sie jedoch im Zuge einer ver-
Langeweile muss ein solcher Abenteurer der Ge- gleichenden Studie über Materie, Tier und Mensch
danken auch die Situationen der Einsamkeit ertra- bearbeiten, wobei er folgende Thesen als grundle-
gen lernen. gend ansah: »1. Der Stein (das Materielle) ist weltlos;
Heidegger argumentierte in Die Grundbegriffe 2. das Tier ist weltarm; 3. der Mensch ist weltbil-
der Metaphysik mit analoger Stoßrichtung, wobei dend« (Heidegger 1983, S. 263).
er die Langeweile auch als ein Phänomen der Zeit- Davon ausgehend beschrieb Heidegger das
lichkeit des menschlichen Daseins interpretierte. Materielle, Tierhafte und Menschliche anhand von
Vor allem jene Momente, in denen »es einem lang- deren jeweiligen Weltbezügen. Steine haben keine
weilig« wird, würden dem Betreffenden erfahrbar Welt. Sie sind für Tiere und Menschen da, aber um-
machen, dass die Zeit, die er erlebt, von ihm selbst gekehrt gibt es uns nicht für sie. Andere Verhält-
gezeitigt wird – wenngleich im Modus des Zögerns, nisse trifft man bei Tieren an, denen der Philosoph
Stockens oder Anhaltens. in Anlehnung an den Biologen Johann Jakob von
Wie die Angst verbringt auch die Langeweile Uexküll eine Umwelt zugestand.
das Dasein in eine außergewöhnliche, oftmals mit Diese Umwelt bildet laut Heidegger einen »Um-
Schreck einhergehende Situation, in der neuerlich ring«, der zur »Benommenheit« der Tiere beiträgt
die Leere und das Nichts erfahrbar werden. Es ent- und ihre grundsätzliche Weltoffenheit begrenzt.
sprach dem bereits erwähnten Hang zur heroisie- Heidegger zitierte mit Zustimmung den niederlän-
renden und dramatisierenden Denk- und Darstel- dischen Physiologen Frederik Buytendijk, der in
lungsweise Heideggers, dass er einem Dasein, das diesem Zusammenhang von einer innigen Verbun-
sich auf den Weg zum Ich-selbst-Sein macht, solche denheit des Tieres mit seiner Umgebung sprach,
Unannehmlichkeiten weder ersparen konnte noch von der es sich ebenso wenig distanzieren könne
mochte. wie von seinem Körper.
In einer merklich helleren Atmosphäre ist der Das Tier verfügt zwar über eine gewisse Offen-
zweite Teil dieser Vorlesungsmanuskripte verfasst. heit zur Welt – diese wird ihm jedoch im Unter-
In ihm wandte sich Heidegger der Thematik einer schied zum Menschen niemals offenbar. Dessen
naturphilosophisch inspirierten Anthropologie zu, Weltgebundenheit hat sich soweit gelockert, dass er
wie er sie sonst in seinem gesamten Oeuvre nicht zu sich wie zur Welt Distanz aufbauen und Bezug
mehr aufgegriffen hat. Diese Überlegungen ent- nehmen kann. Außerdem kennt der Mensch neben
standen als Replik auf die beiden damals viel dis- der realen Welt die Welt der Möglichkeiten und
kutierten Schriften Die Stellung des Menschen im Vorstellungen, der Verneinung und Bejahung, und
Kosmos (1928) von Max Scheler sowie Die Stufen er kann, wenn ihm dies beliebt, versuchen, all das
des Organischen und der Mensch (1928) von Hel- Mögliche im Wirklichen unterzubringen.
muth Plessner. Aus der Benommenheit animalischen Lebens
Scheler und Plessner schilderten in ihren phi- taucht das Dasein zur Freiheit und zum kommen-
losophisch-anthropologischen Schriften den Men- tierend erkennenden Blick auf das Sein auf. Im
schen in seinen geistigen wie auch organismischen Menschen gönnen sich Kosmos und Natur den Lu-
Aspekten, ohne ihn naturalistisch auf die bloße xus des Nachdenkens über sich. Heidegger nannte
Biologie zu reduzieren. Im Unterschied zu ihren das Dasein in Anlehnung an Schelling daher einen
Texten war in Sein und Zeit der biologische Ge- Lichtblick oder eine offene Stelle; man könnte auch
sichtspunkt beinahe gänzlich ausgespart geblieben, sagen, dass mit dem Heraufkommen des Menschen
so dass unter anderem Karl Löwith an Heideggers die Weltnacht endete.
Hauptwerk bemängelte, es erwecke den Anschein,
die menschliche Existenz käme ohne den Leib bes-
tens zurecht. Conclusio
In Die Grundbegriffe der Metaphysik beabsich-
tigte Heidegger diesen Eindruck zu korrigieren. In den Jahren nach 1930 wurden sowohl die Vor-
Zwar war ihm wieder an der Seinsfrage gelegen; lesungen als auch die publizierten Texte Heideggers
70 Kapitel • Martin Heidegger

zunehmend kryptischer und mystischer. Nach sei- » Schon im Vortrag über Das Ding wurde vom
ner Kehre schrieb der selbst ernannte Seinsdenker »Reigen des Ereignisses« gesprochen. Die Einheit
dem Seyn (wie er es nun meistens orthographisch des »Gevierts« von Himmel und Erde, Sterblichen
eigenwillig bezeichnete) immer mehr eine Art und Unsterblichen »west als das ereignende Spie-
Göttlichkeit zu. In einem Brief an Jean Beaufret aus gel-Spiel der einfältig einander Zugetrauten«. »Die
dem Jahre 1946, der ein Jahr später unter dem Titel Vierung west als das Welten von Welt. Das Spie-
Über den Humanismus publiziert wurde, führte der gel-Spiel von Welt ist der Reigen des Ereignens.
Philosoph aus: Deshalb umgreift der Reigen auch die Vier nicht
erst wie ein Reif. Der Reigen ist der Ring, der ringt,
»  Das Sein als das Vermögend-Mögende ist das indem er als das Spiegeln spielt« (Löwith 1960,
»Mög-liche«. Das Sein als das Element ist die »stille «
S. 42). 
Kraft« des mögenden Vermögens, das heißt des
Möglichen … Ob es und wie es erscheint, ob und Man versteht, warum Schriftsteller wie Oscar Maria
wie der Gott und die Götter, die Geschichte und Graf, Gabriel Marcel (»Die Birne birnt, der Apfel
die Natur in die Lichtung des Seins hereinkommen, apfelt«), Robert Minder und Theodor W. Adorno
an- und abwesen, entscheidet nicht der Mensch. satirische Kommentare zu Heidegger als angemes-
Die Ankunft des Seienden beruht im Geschick des sen empfanden.
Seins … Doch das Sein – was ist das Sein? Es »ist« Heideggers Spätphilosophie erfuhr teilweise
Es selbst. Dies zu erfahren und zu sagen, muss das großen Anklang. In ihr fand sich eine wenig ver-
künftige Denken lernen (Heidegger 1949, S. 8 u. pflichtende Technikkritik, die darauf verwies, dass
«
22f.).  die Neuzeit dem Maschinenwesen verfallen sei und
die Macht des Machbaren über alle Grenzen aus-
Um diese wortdrechselnde Seinsmystik zu unter- weite. Auch die verehrende Hinwendung zum Sein
mauern, suchte sich Heidegger dichtende und phi- wurde von vielen gern gesehen, weil sie in gewisser
losophierende Gewährsleute, die er in Meister Eck- Weise Religiosität im Gewande von Philosophie
hart ebenso wie in Schelling oder Friedrich Hölder- anbot und damit intellektuell anspruchsvoller er-
lin fand. Andere Denker wie Platon oder Friedrich scheinen ließ.
Nietzsche wurden von ihm (z. B. in seinem Werk Im Vergleich zu Heideggers frühen Werken
Nietzsche) teilweise gewaltsam so lange uminter- sind daher die Schriften nach 1929/30 für die An-
pretiert, bis sie zu seiner Argumentationslinie zu thropologie wie für andere wissenschaftliche Diszi-
passen schienen. plinen weniger anregend. Interessant ist allerdings
Dazu kam, dass Heidegger verstärkt Neologis- ihr Autor und dessen Biographie, an denen sich
men schuf und manchen deutschen Worten un- zeigen lässt, wie sehr Menschen im Hinblick auf ihr
gewöhnliche Bedeutungen zuschrieb. Der einst Denken und Verhalten vom tragfähigen Mitsein
scharf denkende Philosoph wurde mehr und mehr mit vernunftbegabten Anderen abhängen.
zu einem dunkel raunenden Mirakel, dessen Ver- Solange nämlich Heidegger unter der Patrona-
lautbarungen bevorzugt von seinen zahlreichen ge von Rickert und Husserl stand, entwickelte sich
Schülern und Anhängern goutiert wurden. Kriti- zumindest sein Denken auf den Bahnen von Geis-
schere Geister allerdings distanzierten sich vom tigkeit und »Common Sense«. Nach dem Bruch
Schwarzwälder Seinsmystiker, dessen Schriften mit Husserl fehlte dem nun selbstständigen Philo-
überquollen vom Jargon der Eigentlichkeit (Theo- sophen die notwendige Korrektur durch ein ethisch
dor W. Adorno). und intellektuell hoch stehendes Vorbild.
Karl Löwith jedenfalls zog in Heidegger – Den- Dann kamen Heideggers Verfehlungen wäh-
ker in dürftiger Zeit (1953) einen klaren Trennungs- rend des NS-Regimes, bei denen er sich hätte einge-
strich zu seinem ehemaligen Lehrer, aus dessen stehen müssen, tief im Morast des von ihm so sehr
Texten er zitierte, um die Haltlosigkeit und Inhalts- geschmähten Man-selbst-Seins versunken gewesen
leere von Heideggers Spätphilosophie eindrücklich zu sein. Doch statt eines solchen Eingeständnisses,
zu demonstrieren: das für sich genommen als Zeichen der Redlich-
71
Literatur

keit gegolten hätte, griff der bauernschlaue Denker Heidegger M (1969) Was ist Metaphysik? Klostermann, Frank-
furt am Main (Erstveröff. 1929)
zu fadenscheinigen Erklärungen und schlüpfte aus
Heidegger M (1983) Die Grundbegriffe der Metaphysik –
der Täter- und Mitläufer- in die Opferrolle. Nicht Welt, Endlichkeit, Einsamkeit. Klostermann, Frankfurt
dass er sich geirrt hat, war dabei sein Hauptversa- am Main (Erstveröff. 1929/30)
gen, sondern dass er seinen Irrtum nicht zugeben Heidegger M (1986) Sein und Zeit. Max Niemeyer, Tübingen
mochte. (Erstveröff. 1927)
Heidegger M (1988) Ontologie – Hermeneutik der Faktizität.
Die während und nach der Naziherrschaft bei
Klostermann, Frankfurt am Main (Erstveröff. 1923)
Heidegger zu beobachtende Verdunkelung seines Ludz U (Hrsg) (2002) Hannah Arendt – Martin Heidegger.
Denkens hatte wohl auch den Zweck, von seinen Briefe 1925–1975. Klostermann, Frankfurt am Main
charakterlichen und mitmenschlichen Defiziten (Erstveröff. 1998)
abzulenken und sie unsichtbar werden zu lassen. Neske G (Hrsg) (1977) Erinnerungen an Martin Heidegger.
Neske, Pfullingen
Letztlich versuchte er damit, seine persönlichen
Neske G, Kettering E (Hrsg) (1988) Martin Heidegger im Ge-
Schwächen und sein ethisches Versagen mit Mys- spräch. Neske, Pfullingen
tizismen zu kaschieren. Ott H (1988) Martin Heidegger – Unterwegs zu seiner Bio-
Wer mit sich und seinen Fehlern und Uneben- graphie. Campus, Frankfurt am Main
heiten nicht halbwegs offen und authentisch um- Pöggeler O (Hrsg) (1994) Heidegger – Perspektiven zur Deu-
tung seines Werkes. Beltz Athenäum, Weinheim
gehen kann, ist auf Verdrängungsmechanismen im
Rentsch Th (Hrsg) (2007) Martin Heidegger – Sein und Zeit.
Sinne der Psychoanalyse angewiesen. Zu Heideg- Akademie, Berlin
gers hauptsächlichen Verdrängungsmaßnahmen Safranski R (1994) Ein Meister aus Deutschland – Heidegger
nach 1945 gehörte das mystifizierende und unkla- und seine Zeit. Hanser, München
re Denken, mit dem er sich und seinem Publikum Stumm G, Pritz A, Gumhalter P, Nemeskeri N, Voracek M
(2005) Personenlexikon der Psychotherapie. Springer,
Scheintiefe und Scheingröße vorgaukelte, wo ein
Wien
schlichter und nüchterner Blick auf seine Vita das Thomä D (Hrsg) (2003) Heidegger-Handbuch – Leben, Werk,
Banale und Allzumenschliche freigelegt hätte. Wirkung. Metzler, Stuttgart
Zimmermann HD (2005) Martin und Fritz Heidegger – Philo-
sophie und Fastnacht. Beck, München
Literatur

Adorno TW (1964) Jargon der Eigentlichkeit. Suhrkamp,


Frankfurt am Main
Biemel W, Saner H (Hrsg) (1990) Martin Heidegger – Karl
Jaspers. Briefwechsel 1920–1963. Klostermann, Frankfurt
am Main
Ebeling H (1991) Martin Heidegger – Philosophie und Ideo-
logie. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg
Fariás V (1989) Heidegger und der Nationalsozialismus.
Fischer, Frankfurt am Main
Figal G (1992) Martin Heidegger zur Einführung. Junius,
Hamburg
Gethmann-Siefert A, Pöggeler O (Hrsg) (1988) Heidegger
und die praktische Philosophie. Suhrkamp, Frankfurt
am Main
Grunenberg A (2008) Hannah Arendt und Martin Heidegger
– Geschichte einer Liebe. Piper, München (Erstveröff.
2006)
Heidegger G (2005) »Mein liebes Seelchen« – Briefe Martin
Heideggers an seine Frau Elfride 1915–1970. Deutsche
Verlags-Anstalt, München
Heidegger M (1949) Über den Humanismus. Klostermann,
Frankfurt am Main (Erstveröff. 1947)
Heidegger M (1951) Kant und das Problem der Metaphysik.
Klostermann, Frankfurt am Main (Erstveröff. 1929)
73

Jean-Paul Sartre
Biographisches – 74
Werkanalyse – 76
Conclusio – 84
Literatur – 85

G. Danzer, Wer sind wir? – Auf der Suche nach der Formel des Menschen,
DOI 10.1007/978-3-642-16993-9_6,
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2011
74 Kapitel • Jean-Paul Sartre

(das Männchen), wie er von seinen Freunden ge-


nannt wurde, maß nur 1,57 Meter.
Weil er von Privatlehrern und dem Großvater
unterrichtet wurde, hatte Jean-Paul bis zu seinem
zehnten Lebensjahr kaum Kontakte außerhalb der
Familie. Später besuchte er das bekannte Lycée
Henri  IV, wo er sich mit Paul Nizan befreundete.
Schon als Kind hatte er Texte verfertigt, die von
seiner Familie bewundert wurden. Als Jugendli-
. Abb. 1 Jean-Paul
cher stand für ihn fest, dass er Schriftsteller werden
Sartre (*1905; †1980). (Aus
Stumm et al. 2005)
würde.
1917 heiratete seine Mutter den Industriellen Jo-
seph Mancy und zog mit ihm und ihrem Sohn nach
Vor einigen Jahren erschien eine Monographie La Rochelle. Jean-Paul, den man Poulou nannte,
über Sartre, die betitelt war mit Sartre – Der Philo- liebte den Stiefvater in keiner Weise. Dieser ver-
soph des 20. Jahrhunderts. Der Titel dieses Buches suchte, strenge Erziehungsmethoden anzuwenden,
von Bernard-Henri Lévy ist korrekturbedürftig. woraufhin das verwöhnte Einzelkind revoltierte
Zwar kann man Sartre zu Recht als bedeutenden, und Verwahrlosungserscheinungen entwickelte.
kaum aber als den Philosophen des letzten Jahr- Sartre kehrte 1920 nach Paris ans Lycée Hen-
hunderts bezeichnen. Und des Weiteren darf man ri IV zurück und kam 1924 an die École Normale
daran erinnern, dass er nicht nur Philosoph, son- Supérieure, wo er Philosophie studierte. Er stand
dern auch Romancier, Dramatiker, Biograph und mit einigen Kommilitonen in engem Kontakt, die
Autobiograph, Reiseschriftsteller, Zeitschriften- später berühmt wurden: Raymond Aron, Maurice
herausgeber, politischer Intellektueller, Drehbuch- Merleau-Ponty, René Maheu und vor allem Simo-
autor, Essayist und Miterfinder des Existentialis- ne de  Beauvoir (geboren 1908), die bald die Frau
mus war und in allen diesen Rollen erhellende Bei- seines Lebens wurde. 1929 schloss er seine Studien
träge zur Anthropologie geliefert hat (. Abb. 1). als Jahrgangsbester ab und absolvierte danach zwei
Jahre lang seinen Militärdienst als Meteorologe.
Ab 1931 verdiente sich Sartre sein Brot als
Biographisches Gymnasiallehrer für Philosophie in Le Havre. Auf
Empfehlung seines Freundes Aron ging er 1933
Sartre wurde 1905 in Paris als Sohn des Marineoffi- als Stipendiat für ein Jahr nach Berlin ans Institut
ziers Jean-Baptiste Sartre geboren. Der Vater starb Français. Dort studierte er bevorzugt phänomeno-
schon 15 Monate nach der Geburt seines Sohnes logische Texte von Edmund Husserl. Außerdem
an einer Infektionskrankheit. Die junge Mutter schrieb er an einem Romanmanuskript, das jedoch
Anne-Marie (1882–1969) zog daraufhin zurück zu erst 1938 im Verlag Gallimard unter dem Titel Der
ihren Eltern. Jean-Paul wuchs deshalb unter dem Ekel erschien.
Einfluss seines Großvaters Charles Schweitzer auf. Bei seiner Rückkehr nach Frankreich arbeitete
Dieser war Sprachlehrer, der in Paris Deutschkurse Sartre genauso wie de  Beauvoir weiter als Lehrer.
gab und an der Sorbonne lehrte. Sie unterrichteten in verschiedenen Städten (Mar-
Jean-Paul wurde von den Großeltern und sei- seille und Le Havre), so dass sie sich nur in den
ner Mutter liebevoll aufgezogen. Er entwickelte sich Ferien oder an Wochenenden in Paris trafen.
zu einer Art Wunderkind und begann früh zu lesen 1936 verfasste Sartre Die Mauer, eine Erzählung,
und zu schreiben. Allerdings erlitt er als Junge eine welche die Ereignisse des Spanischen Bürgerkriegs
Hornhauttrübung auf dem rechten Auge, das nach zu ihrem Inhalt hat, und von der André Gide so
und nach erblindete, so dass er später zu schielen begeistert war, dass er sie für die Nouvelle Revue
begann. Da er außerdem kleinwüchsig blieb, war er Française annahm. Noch im selben Jahr gab Sartre
äußerlich kein attraktiver Mann. »Le petit homme« die Abhandlung über Die Imagination heraus, die
75
Biographisches

von der Phänomenologie Husserls geprägt ist und hältnisse seiner Existenz hineingeboren wird und
ein grundlegendes anthropologisches Problem (die aktiv selbst versuchen muss, seinem Dasein einen
Vorstellungskraft) reflektiert. Außerdem schrieb er Sinn zu geben. Sartre war über diesen Ismus nicht
an der Romantetralogie Die Wege der Freiheit, de- glücklich, da er seine Gedankenwelt als strenge
ren vierter Band allerdings Fragment blieb. Philosophie ansah.
Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, muss- In den folgenden Jahren veröffentlichte der
te Sartre zum Militär. Er war zunächst im Elsass erstaunlich produktive Autor am laufenden Band
stationiert, wo er in seiner Meteorologenfunktion philosophische Traktate, Theaterstücke, Filmdreh-
viel freie Zeit hatte. Er wurde, wie er selbst sagte, bücher, Romane und Essays zu den verschiedens-
zum Kriegsgewinnler, indem er täglich fast zwanzig ten Themen. 1947 gab er seine Studie über Baude-
Seiten Text für seine Bücher entwarf. Dazu kamen laire sowie die Essaysammlung Situationen heraus.
Briefe an de Beauvoir sowie an manche junge Ge- Nebenbei hielt er viele Vorträge, in denen er seine
liebte. Sartre hatte mit Simone vereinbart, neben Form einer atheistischen Existenzphilosophie er-
der »notwendigen« Liebe zu ihr auch kontingente läuterte. In Genf, der Stadt des Reformators Cal-
(zufällige) erotische Abenteuer mit anderen Frau- vin, eröffnete er eine dort zu haltende Rede mit der
en einzugehen, was die Beziehung zwischen ihnen schlichten Feststellung: »Gott existiert nicht!«
aber nicht grundsätzlich in Frage stellen sollte. In den 50er Jahren kam es zu einer gesteiger-
1940 geriet Sartre in Kriegsgefangenschaft und ten Politisierung in Sartres Leben. Zusammen mit
war in einem Lager bei Trier interniert. 1941 gelang de  Beauvoir bereiste er eine Reihe von Ländern,
ihm die Flucht, und er kehrte nach Paris zurück. um sich vor Ort über die gesellschaftlichen Ver-
Dort gründete er die Widerstandsgruppe »Sozialis- hältnisse zu informieren. Dabei wandte er sich zu-
mus und Freiheit«, die aber nur kurze Zeit aktiv nehmend dem Marxismus und Kommunismus zu,
war und sich bald auflöste. was ihm die Kritik selbst wohlwollender Freunde
Im von den deutschen Truppen besetzten Paris einbrachte. Die Freundschaften sowohl mit Albert
arbeitete Sartre unverdrossen weiter an philosophi- Camus als auch mit Merleau-Ponty zerbrachen an
schen und literarischen Texten. 1943 erschien sein den differenten politischen Einschätzungen der
erstes Hauptwerk Das Sein und das Nichts. Schon Protagonisten, die vor gegenseitigen Entwertungen
zuvor hatte er das Theaterstück Die Fliegen beendet und Verletzungen nicht haltmachten. Nach ihrem
– ein Drama, dessen Aussage wie eine Aufforde- frühen Tod hat Sartre den beiden ehemaligen
rung an die französischen Landsleute wirkte, die Freunden großherzige Nachrufe gewidmet.
eigene Freiheit zu wagen. Daneben schloss er das Sartres Annäherung an den Kommunismus
Filmdrehbuch Das Spiel ist aus sowie das Stück Ge- hatte sich seit Langem angebahnt. 1946 war Mate-
schlossene Gesellschaft ab. rialismus und Revolution erschienen, worin der Au-
Nach der Befreiung von Paris im Sommer 1944 tor den Materialisten der Vergangenheit seine Re-
ließ sich Sartre, der inzwischen von seiner Schrift- verenz erwies. 1958 folgte Marxismus und Existen-
stellerei leben konnte, aus dem Schuldienst entlas- tialismus – ein Text, in dem Sartre den Existentialis-
sen. Zusammen mit Merleau-Ponty gründete er die mus und die marxistische Lehre fusionieren wollte.
Zeitschrift Les Temps Modernes; der Titel erinnerte In seinem 1960 erschienenen zweiten Hauptwerk
an Charlie Chaplins berühmten Film Moderne Zei- Kritik der dialektischen Vernunft schließlich ver-
ten. suchte er, die marxistische Dialektik mit der exis-
In den Nachkriegsjahren wurde Sartre zum tentialistischen Freiheitsidee zu verbinden.
tonangebenden französischen Intellektuellen. 1946 Neben den schriftstellerischen Aktivitäten sah
publizierte er Der Existentialismus ist ein Humanis- man Sartre damals als konkret politisch Handeln-
mus; zusammen mit Das Sein und das Nichts bildete den auf den Straßen und Plätzen vieler Länder der
dieser Text das philosophische Fundament für jene Erde. Er engagierte sich für die Unabhängigkeit Al-
berühmte Lebens- und Weltanschauung, die man geriens und die gesellschaftlich-kulturellen Verän-
Existentialismus nannte. Dessen Kernaussage be- derungen in China und Kuba. Seinen Protest gegen
stand darin, dass der Mensch zufällig in die Ver- die UdSSR vernahm man erst nach dem Ungarn-
76 Kapitel • Jean-Paul Sartre

Aufstand 1956; ansonsten war er dem Stalinismus der Familie gab. Auf insgesamt weit über 2000
gegenüber bemerkenswert unkritisch eingestellt. Druckseiten breitete der Verfasser seine schier un-
Ende der 60er Jahre nahm er am Russell-Tribunal begrenzten Kenntnisse in Psychoanalyse, Sozio-
teil, wo die Kriegsverbrechen der USA in Vietnam logie, Historiographie, Philosophie, Literatur und
angeprangert wurden. Politik aus. Wie die meisten Bücher Sartres ver-
Trotz seiner dauernden Reisen und politischen kauften sich auch die fünf Bände von Der Idiot der
Verpflichtungen kam Sartres Schriftstellerei nicht Familie bestens; ob sie von den vielen Käufern auch
zu kurz. Mitte der 50er Jahre begann er mit seiner gelesen wurden, darf bei ihrem Umfang bezweifelt
monumentalen, zuletzt auf drei Bände angewach- werden.
senen Flaubert-Biographie, die ihn beinahe zwei In Der Idiot der Familie wollte Sartre mit Hilfe
Jahrzehnte lang beschäftigen sollte. Viel konziser der existentiellen Psychoanalyse und einer mar-
geriet ihm seine Autobiographie Die Wörter (1964), xistischen Geschichtsdeutung den Charakter und
in der er mit einer neuartigen Darstellungsweise Lebensstil sowie allfällige neurotische Störungen
seine Kindheit als Hineinwachsen in die Welt der Flauberts lückenlos aus seiner Sozialisation erklä-
Sprache interpretierte. ren. Das Wertvolle an diesem Riesenwerk war die
Spätestens in den 60er Jahren wurde offen- konsequent durchgehaltene Zusammenschau von
kundig, dass Sartres Lebensstil unzweifelhaft Züge individueller Neurose des Dichters und kulturell-
von Selbstzerstörung aufwies. Alkohol- und Auf- gesellschaftlicher Neurose der Epoche. Der Idiot
putschmittelmissbrauch, Überarbeitung, Ketten- der Familie gilt als gelungenes Beispiel einer philo-
rauchen und opulente Mahlzeiten hatten seinem sophisch-historischen Anthropologie, die sich auf
Körper dauerhafte Schäden zugefügt. Neben der Existentialismus, Psychoanalyse und Marxismus
Augenkrankheit entwickelten sich bei ihm Durch- als ihre wichtigsten Inspirationsquellen bezog.
blutungsstörungen, erhöhter Blutdruck, Herz- Die letzten Jahre Sartres waren eine persönliche
rhythmusstörungen sowie neurologische Ausfälle. Tragödie. Er war fast völlig invalid, erblindet und
Trotz angeschlagener Gesundheit reduzierte er sein beinahe vollständig auf fremde Hilfe angewiesen,
Arbeitspensum nicht. um auch nur die einfachsten Verrichtungen des Da-
1964 wurde Sartre der Literaturnobelpreis zu- seins zu vollbringen. Zum Glück kümmerten sich
gesprochen, den er zum Erstaunen der Weltöf- neben de Beauvoir einige seiner früheren Schüler
fentlichkeit ablehnte. Offiziell gab er an, er wolle und Geliebten um ihn. Trotz seiner Behinderungen
sich nicht institutionalisieren lassen. Außerdem versuchte er weiter, politisch und geistig präsent zu
befürchtete er, dass im Rahmen des damals viru- bleiben. Er beteiligte sich an Pressekonferenzen,
lenten Kalten Krieges die Preisverleihung einem gab Interviews und erläuterte seine Ansichten zu
politischen Kalkül gefolgt war. Politik, Geschichte und Kultur in langen Gesprä-
1968 kam es vor dem Hintergrund weltweiter chen, die aufgezeichnet und veröffentlicht wurden.
Studentenunruhen auch in Frankreich zu heftigen Sartre starb 1980 in Paris. Wie sehr er zu einer
Zusammenstößen zwischen revoltierenden jungen Ikone im französischen und internationalen Geis-
Leuten und der Staatsgewalt. Sartre engagierte sich tesleben geworden war, wurde zu seinem Begräb-
lebhaft auf Seiten der Rebellierenden, gab eine re- nis offenkundig. Mehr als 50.000 Menschen folgten
volutionäre Zeitung heraus und ging zusammen dem Leichenzug, der eindrücklich demonstrierte,
mit de  Beauvoir auf die Straße, um sein Blatt zu dass hier ein »maître à penser« (Vor- und Meister-
verkaufen und um zu demonstrieren. Schon früher denker) zu Grabe getragen wurde.
sollte er bei einer Kundgebung (im Hinblick auf
den Algerienkonflikt) festgenommen werden. Im
Mai 1968 intervenierte der Staatspräsident Charles Werkanalyse
de  Gaulle gegen ein solches Ansinnen mit den
Worten: »Einen Voltaire verhaftet man nicht!« Es wäre zum Scheitern verurteilte Hybris, auf we-
1971 erschien das Riesenfragment von Sartres nigen Seiten die anthropologischen Aussagen Sar-
Flaubert-Monographie, der er den Titel Der Idiot tres kondensieren und sich dabei auf sein gesamtes
77
Werkanalyse

Oeuvre beziehen zu wollen. Neben den soeben er- »  Tatsächlich ist das Sein sich selbst opak, eben
wähnten Büchern gibt es aus seiner Feder Dutzen- weil es von sich selbst erfüllt ist. Das drücken wir
de weiterer Abhandlungen, Stücke und Essays, die besser aus, wenn wir sagen, das Sein ist das, was es
erhellende Ansichten zur Conditio humana enthal- «
ist (Sartre 1993, S. 42). 
ten – man denke nur an Die Kindheit eines Chefs
(1938), Bewusstsein und Selbsterkenntnis (1947), Ganz anders hingegen ist nach Sartre das Für-sich-
Überlegungen zur Judenfrage (1948), Entwürfe für Sein beschaffen. Als menschliches Bewusstsein ist
eine Moralphilosophie (postum 1983), an die Mono- es im Gegensatz zum An-sich-Sein nicht opak (fest,
und Biographien über Baudelaire (1947), Saint Ge- dicht, undurchdringlich), sondern luzide (klar,
net – Komödiant und Märtyrer (1952) und Mallarmé durchsichtig, zart, zerbrechlich). Das Für-sich weiß
(1953), an das Drehbuch über Sigmund Freud oder um sich und weist eine innere Entwicklung auf.
an die vielen Tagebuch- und Briefbände Sartres. Es ist dauernd bezogen auf das An-sich-Sein,
Angesichts der Fülle von Material bleibt die das seine Existenzbasis ist – jedes Für-sich wird, ob-
Werkinterpretation auf das erste philosophische wohl es eine eigene Seinregion darstellt, stets durch
Hauptwerk Sartres Das Sein und das Nichts (1943) ein An-sich bedingt. Die Welt (das An-sich) kann
beschränkt. Ergänzende Gedanken sind den Texten jederzeit und problemlos ohne das menschliche
Das Imaginäre (1940), Die Transzendenz des Ego – Bewusstsein bestehen; umgekehrt aber braucht das
Philosophische Essays 1931–1939, Der Existentialis- Für-sich die Welt, da es nur als Bezogensein auf sie
mus ist ein Humanismus (1946), dem Roman Der existiert.
Ekel (1938) sowie dem zweiten Hauptwerk Kritik Sartre nannte das Für-sich einen Riss im Sein,
der dialektischen Vernunft (1960) entnommen. eine Art Nichts, das zu allen Objekten materieller,
biologischer und psychischer Natur eine Distanz
z Das Sein und das Nichts aufweist. Das Für-sich, das Bewusstsein, ist nicht
Der Untertitel dieses Werks lautet Versuch einer (so wie die Dinge sind) – es existiert, denn es hält
phänomenologischen Ontologie. Sartre wollte darin immer Distanz zum Sein und zu sich selbst. Das
mit den Mitteln der Phänomenologie die Seinsfra- Für-sich ist zwar frei, wird aber im Vergleich zum
ge aufrollen. Der Titel erinnert an Martin Heideg- An-sich durch einen Seinsmangel charakterisiert.
gers Sein und Zeit (1927), wobei Sartre in vielerlei Dies führt dazu, dass das Für-sich stets mit einer
Hinsicht weit über seinen deutschen Vorläufer hi- Seinsbegierde einhergeht, die nie wirklich befrie-
nausgegangen ist. digt wird.
Neben Heidegger wirkten für die Ausarbeitung Dies macht die etwas eigenwillige Formel ver-
dieses Buches auch Hegel und Husserl inspirierend. ständlich, die Sartre für das Für-sich-Sein verwen-
Des Weiteren enthält Das Sein und das Nichts ein dete: »Es ist, was es nicht ist, und es ist nicht, was
großes Kapitel über »Die existentielle Psychoana- es ist.« Das Bewusstsein darf dabei nicht als Innen-
lyse«, so dass man auch Sigmund Freud zu jenen welt, Behälter oder verdauender Magen vorgestellt
maßgeblichen Denkern zählen darf, die für Sartre werden, worin Begierden, Vorstellungen, Bilder
damals anregend waren. und Gedanken aufbewahrt werden oder herum-
Ontologie bedeutet Seinslehre, und daher er- schwirren. Bewusstsein ist vielmehr (wie Husserl
öffnete Sartre seinen Text damit, nach den Arten und vor ihm schon Franz Brentano betonten) In-
des Seienden zu fragen. Er unterschied zwei Seins- tentionalität, also Gerichtetsein auf die Welt:
weisen, wobei er sich der Terminologie von Hegel
bediente, nämlich das An-sich-Sein und das Für- »  Es gibt keine Bilder (Gedanken, Vorstellungen,
sich-Sein. Der erstere Begriff bezeichnete bei He- Begierden usw.) im Bewusstsein, und es kann auch
gel die materielle Welt. Sie ist kompakt, hat keine keine geben. Sondern das Bild ist ein bestimmter
Innerlichkeit und kann keine Beziehung zu sich Bewusstseinstyp. Das Bild ist ein Akt und kein Ding.
selbst aufnehmen. Sartre charakterisierte deshalb Das Bild ist Bewusstsein von etwas (Sartre 1982a,
das An-sich-Sein recht lakonisch: «
S. 242). 
78 Kapitel • Jean-Paul Sartre

Das Für-sich-Sein ist stets draußen beim An-sich- deutlich, dass die Natur an wuchernden Lebens-
Sein, und darum ist das »Cogito« (in Form von phänomenen überquillt, denen das menschliche
Wahrnehmen, Urteilen, Wollen, Denken) mitten Bewusstsein in seiner Fragilität nicht gewachsen ist:
unter den Dingen. Zudem hat es eine Geschich-
te und ist ein ständiges Werden; daher kann man » Die Wurzel des Kastanienbaums bohrte sich in
es nicht auf sein jeweiliges Jetzt beschränken. Das die Erde, genau unter meiner Bank. Ich erinnerte
Für-sich-Sein ist Gewesenes und Zukünftiges; auch mich nicht mehr, dass das eine Wurzel war. Die
darauf spielte Sartre an, wenn er erklärte, das Für- Wörter waren verschwunden und mit ihnen die
sich sei, was es nicht ist. Die Vergangenheit ragt Bedeutung der Dinge, ihre Verwendungsweisen,
in seine Gegenwart hinein, und die Zukunft wirft die schwachen Markierungen, die die Menschen
einen Vorschein auf das aktuelle Leben und Erle- auf ihrer Oberfläche eingezeichnet haben … die
ben. Somit ist das Nicht-mehr und das Noch-nicht Vielfalt der Dinge, ihre Individualität waren nur
trotz seiner Irrealität im aktuellen Zustand anwe- Schein, Firnis. Dieser Firnis war geschmolzen, zu-
send. rück blieben monströse und wabbelige Massen,
Angesichts der kompakten Seinsweise des An- ungeordnet – nackt, von einer erschreckenden
sich erlebt sich das Für-sich immer als defizitär «
und obszönen Nacktheit (Sartre 1981, S. 197f.). 
(Seinsmangel). Es ist daher verständlich, dass der
Mensch am liebsten für-sich (also frei) und an-sich Dieses Ekelgefühl Roquentins erhob Sartre analog
(also unzerstörbar) wäre. Diese Kombination von der Angst bei Heidegger in den Rang einer Grund-
Attributen kommt der tradierten Überlieferung befindlichkeit des Daseins, worin die Conditio
nach nur Gott zu; so erklärt sich die Formulierung humana erkennbar wird. Ekel ist die Antwort auf
Sartres, der Mensch sei »grundlegend Begierde, das Faktum, dass der Mensch in der Welt heimatlos
Gott zu sein«. und ungeborgen ist – oder in Sartres Worten: »Das
Weil das menschliche Bewusstsein in der Regel Sein ist zuviel.« Es überwältigt das Bewusstsein, das
die Qualitäten des Luziden aufweist, war es für Sar- bei der Menge von Erscheinungen des An-sich an
tre nicht verwunderlich, wenn es dem kompakten bedrängende Klebrigkeit erinnert wird. Weil das
An-sich-Sein gegenüber Empfindungen von Angst, Für-sich stets Freiheit ist und bleiben will, sind ihm
Ohnmacht oder auch Überdruss entwickelt. Letzte- alle Formen der Arretierung in Situationen zuwi-
rer bildete einen wesentlichen Ausgangspunkt für der – es ekelt sich.
den Roman Der Ekel, der auf epischer Ebene jene Nun könnte man meinen, dass ein Meiden von
Existenzdeutung bieten sollte, wie sie in Das Sein Situationen die Freiheit des Für-sich garantiert.
und das Nichts auf philosophischer Ebene realisiert Sartre verwies in Das Sein und das Nichts jedoch
wurde. darauf, dass sich Freiheit nur innerhalb von Situa-
Die Hauptperson des Romans, der Schriftstel- tionen ereignet. Situation ist definiert als Verknüp-
ler Antoine Roquentin, scheint die grundlegenden fung des Einzelnen mit den Mitmenschen und der
Aussagen von Das Sein und das Nichts vorauszu- Welt. Wer phobisch Situationen umgeht, wähnt
ahnen. Er erlebt einige existentielle Krisen, die sich lediglich frei, kann aber tatsächliche Freiheit
ihn darin bestärken, das Dasein als überwiegend niemals realisieren:
sinnwidrig zu empfinden. Die ganze bürgerliche
Gesellschaft um ihn her hat sich in einem unbe- » So ahnen wir langsam das Paradox der Frei-
friedigenden Status quo eingerichtet, und selbst die heit: es gibt Freiheit nur in Situation, und es gibt
Natur erscheint Roquentin als wenig attraktiv und Situation nur durch die Freiheit. Die menschliche-
sinnvoll. Realität begegnet überall Widerständen und Hin-
Im Gegenteil: Angesichts der Fülle der Natur- dernissen, die sie nicht geschaffen hat; aber diese
schönheiten überfallen den Dichter eine merkwür- Widerstände und Hindernisse haben Sinn nur in
dige Distanz und ein Ekel vor der belebten Materie. der freien Wahl und durch die freie Wahl, die die
Er sieht einen Kastanienbaum, und dabei wird ihm «
menschliche-Realität ist (Sartre 1993, S. 845f.). 
79
Werkanalyse

Es gibt im Leben der Menschen immer wieder Si- bejahend reagieren können, verfügt der Mensch
tuationen, die ihnen als zu unangenehm, klebrig über die Möglichkeit des Negierens oder (wie Sart-
und einengend erscheinen, als dass sie sich mit ih- re es ausdrückte) des Nichtens.
nen anfreunden könnten. Wenn sie aufgrund des Die Verneinung ist eine Erscheinungsform des
Widerstandskoeffizienten nicht in der Lage sind, Nichts, und das Für-sich wirkt daher wie eine Lücke
die Verhältnisse zu verändern, bleibt ihnen nach im ansonsten fest geschlossenen An-sich der Welt.
Sartre immer noch der Ausweg in die Phantasie: Heidegger sprach in diesem Zusammenhang von
»Der Mensch ist wie Gas. Wird der Druck für ihn einer Lichtung des Seins, indes Sartre ein handfes-
zu groß, entweicht er – ins Imaginäre.« teres Bild für das Bewusstsein wählte: »Es nistet im
Beim Menschen sind verschiedene Formen der Herzen des Seins wie ein Wurm in einem Apfel.«
Phantasietätigkeit bekannt. Diese reicht vom Tag- Eine andere Konsequenz der Freiheit besteht in
und Nachttraum über die illusionäre Verkennung der Notwendigkeit des Menschen, Entwürfe für die
bis hin zum künstlerischen Schöpfertum. Sartre eigene Existenz wählen zu müssen. Sartre zufolge
beschäftigte sich in Das Imaginäre (1940) generell ist der Mensch im Gegensatz zu Tieren und Pflan-
mit der Einbildungskraft des Menschen, wobei sein zen durch seine Geburt wesensmäßig nicht voll-
Interesse auch einer Theorie von Kunstschaffen, ständig festgelegt. Es besteht ein (zugegebenerma-
Kunst und Ästhetik galt. ßen häufig kleiner) Spielraum der Entscheidung,
Für Sartre stand fest, dass diese Themen eng mit wer und wie der Einzelne in seinem Dasein sein
der menschlichen Phantasie und ihrem Freiheits- und werden will.
spielraum verknüpft sind. Seit jeher sprach man in Dieser Aufgabe begegnet der Mensch bereits
diesem Zusammenhang vom Möglichkeitssinn des in seinen ersten Lebensjahren. Lange bevor er als
Menschen. Nur weil er imaginieren kann, eröffnen Erwachsener rationale Entscheidungen trifft, hat er
sich ihm die Freiheitsgrade des Vorstellens und als Kind intuitiv einen bildhaft-emotionalen Plan
Schaffens, die es in der Tierwelt nicht gibt. entworfen, wie er später sein Leben bestehen könn-
Kunst bedeutete für Sartre eine produktive und te. Diese Urwahl findet auf einer prälogischen und
originelle Antwort auf die Zufälligkeit und Über- nonverbalen Ebene statt. Sie macht deutlich, dass
flüssigkeit des Seins. Das Kunstwerk erscheint als der Mensch zuerst existiert, um nach und nach mit-
etwas Freies und Notwendiges in einer unfreien tels seines Handelns zu entscheiden, welche Essenz
und kontingenten (zufälligen) Umgebung. Die er seiner Existenz verleiht:
Substanz des Werkes spiegelt, wenn es echt und ur-
sprünglich gelingt, die Freiheit und Selbstbestim- »  Der atheistische Existentialismus … erklärt:
mung des Künstlers wider. wenn Gott nicht existiert, so gibt es mindestens
Die Sartre‘sche Kunsttheorie mündete in die ein Wesen, bei dem die Existenz der Essenz vor-
Aufforderung ein, dass der Mensch dem Authen- ausgeht, ein Wesen, das existiert, bevor es durch
tizitätsmangel des Alltags entrinnen und sich Frei- irgendeinen Begriff definiert werden kann, und
heit erobern soll. Kunstschaffende kämpfen häufig dieses Wesen ist der Mensch oder, wie Heidegger
gegen Erstarrung und Kollektivismus an; sie wollen sagt, das Dasein. Was bedeutet hier, dass die Exis-
die Welt so sehen, hören und empfinden, wie es tenz der Essenz vorausgeht? Es bedeutet, dass der
ihrer Individualität entspricht. Weil ihnen die Maß- Mensch erst existiert, auf sich trifft, in die Welt ein-
stäbe der Majorität oft ein Gräuel sind, gaben sie für tritt, und sich erst dann definiert … Der Mensch ist
Sartre ein Modell ab für ein Menschsein, das sich in nichts anderes als das, wozu er sich macht (Sartre
Freiheit selbst entwirft und neu schafft. «
2000, S. 149f.). 
Eine weitere Variante menschlicher Freiheit
wird nach Sartre in der Fähigkeit des Für-sich zur Sartres Anthropologie kennt demnach keine fixier-
Verneinung offenkundig. Das Bewusstsein kann te menschliche Natur. Das Wesen des Menschen
Fragen stellen, zweifeln, Skepsis entwickeln oder ist weder festgelegt noch unabänderlich. Vielmehr
schlicht Nein sagen. Anders als alle anderen Lebe- schafft jeder einzelne Mensch seine eigene Essenz,
wesen, die auf die Reize ihrer Umwelt immer nur und damit entwirft er sich modellhaft für seine Mit-
80 Kapitel • Jean-Paul Sartre

menschen. Dem Philosophen zufolge muss man gekommen ist. In Das Sein und das Nichts widmete
anerkennen, dass jedermann den Aufbau seiner sich Sartre ausführlich diesem Thema und liefer-
Persönlichkeit in verantwortlicher Weise mitgestal- te eine viel beachtete Sozialanthropologie, die von
tet. Trotz der vielen zufälligen epochalen, sozialen, Medizinern (etwa von Psychiatern und Psychothe-
ökonomischen, biologischen und familiären De- rapeuten) ebenso wie von Psychologen und Sozio-
terminanten nimmt der Mensch zu allen Gegeben- logen aufgenommen und weiter entwickelt wurde.
heiten seiner Existenz stets Stellung und formt sich Unter der Überschrift Das Für-andere handelte
damit selbst. der Autor auf über zweihundert Druckseiten viele
Daher sollten Menschen niemals nur die Macht Varianten der Zwischenmenschlichkeit ab. Manche
der Umstände anklagen oder beschwören, wenn Sartre-Experten meinen, dass es sich bei diesen
sie bei sich Mängel oder Deformationen im Auf- Ausführungen um den eigentlichen Hauptteil von
bau von Persönlichkeit und Charakter bemerken, Das Sein und das Nichts handelt, in dem es dem
oder wenn ihr Lebenslauf nicht ihren Wünschen Verfasser gelungen ist, alle Argumente des Solipsis-
entspricht. mus zu widerlegen und das Faktum der Zwischen-
Greifen sie diesbezüglich dennoch zu Argu- menschlichkeit als gewichtiges Anthropinon zu
menten wie Vererbung, ungute Erziehung, widri- würdigen.
ge Umstände, undurchschaubare Beeinflussung Sartre ging von der Hegel‘schen Schilderung
durch schicksalhafte Mächte oder die Ungunst der zwischenmenschlicher Beziehungen aus, die die-
Mitmenschen, besteht der Verdacht, dass die Be- ser in Phänomenologie des Geistes (1806) im Ka-
treffenden womöglich sich selbst bemogeln. Sartre pitel Herr und Knecht hellsichtig erörtert hat. Man
bezeichnete diese Lebenslügen als »mauvaise foi« nimmt an, dass Hegel seinerseits durch den Roman
(Unaufrichtigkeit); bei ihr wird die menschliche Jakob, der Fatalist, und sein Herr (1775) von Denis
Wahlfreiheit mehr oder minder preisgegeben. Diderot zu seinen Überlegungen angeregt wurde.
In seiner Skizze einer Theorie der Emotionen Hegel zufolge kommt es beim Zusammentref-
(1939) verwies Sartre auf eine spezielle Spielart von fen von Menschen unwillkürlich zu einem Kampf
»mauvaise foi«: auf die Affekte. Wenn dem Einzel- der Selbstbewusstseine aller Beteiligten. Als über-
nen die Widerstände seiner Welt als unüberwind- legener Herr erweist sich in dieser Auseinander-
bar erscheinen, und wenn ihm der Mut und die setzung derjenige, dem die Freiheit wichtiger ist als
Fähigkeiten fehlen, die Verhältnisse aktiv zu verän- das Leben. Umgekehrt gerät jeder in die Knecht-
dern, kann er immer noch via Emotionen die Welt rolle und damit in Situationen von Abhängigkeit
zumindest in seinem Erleben magisch so lange mo- und Unterlegenheit, wenn er sich partout ans Le-
difizieren, bis sie zu seinen aktuellen Vorstellungen ben klammert und der Freiheit nur wenig Wert zu-
und Möglichkeiten zu passen scheint: schreibt. Dieser Kampf um die Überlegenheit ist
nach Hegel überall anzutreffen. Lediglich in gelin-
»  Emotionen werden wir einen abrupten Sturz genden Liebesbeziehungen gelten andere Gesetze:
des Bewusstseins ins Magische nennen. Oder, Liebe, so der Philosoph, ist die Anerkennung des
wenn man lieber will, es kommt zu einer Emotion, eines Bewusstseins durch das andere Bewusstsein
wenn die Welt der Utensilien abrupt verschwindet und vice versa.
und an ihrer Stelle die magische Welt erscheint. Sartre übernahm diese Hegel‘schen Gedanken,
Man darf also in der Emotion nicht eine vorüber- erweiterte sie aber um wesentliche sozialanthro-
gehende Störung des Organismus und des Geistes pologische Gesichtspunkte und erläuterte sie auf
sehen, die das psychische Leben von außen durch- ungewöhnlich realitätsnahe und anschauliche Wei-
einander brächte … Die Emotion ist kein Vorfall, se. Im Kapitel »Der Blick« führte er aus, dass sich
sie ist ein Existenzmodus des Bewusstseins (Sartre jedermann als freies Subjekt und als Mittelpunkt
«
1982b, S. 315f.).  seiner Welt erlebt, solange er alleine ist. Sartre ver-
wies als Beispiel auf die Situation eines einsamen
Als Adressaten von Emotionen gelten in der Regel Spaziergängers in einem Park: Er betrachtet die
die Mitmenschen, womit die soziale Welt in Sicht Schönheiten der Natur und entwickelt dabei Emp-
81
Werkanalyse

findungen von Souveränität und überlegenem Sub- namik vorherrscht. Hierbei ist die Rollenaufteilung
jekt-Sein in Bezug auf die Welt. zwischen einem souveränen Subjekt (welches die
Dieses Empfinden ändert sich schlagartig, so- Vorurteile formuliert) und einem unterlegenen Ob-
bald ein anderer Mensch auftaucht. Wenn jener jekt (das unter den Vorurteilen leidet) ebenfalls fi-
den einsamen Spaziergänger erblickt, ist dieser xiert, und ausgehend von den jeweiligen vorurteils-
nicht mehr das alleinige Subjekt, sondern wird vollen Meinungen etabliert sich zwischen Subjekt
zum taxierten Objekt für den anderen. Die Rollen und Objekt ein verfälschender Blick, welcher die
von Subjekt und Objekt werden jählings vertauscht Vorurteile jeweils noch zu bestätigen vorgibt.
– und mit ihnen das Erleben von Macht, Mittel- Max Frisch hat diese Problematik in seiner
punktstellung und Dominanz. Es kommt zum Dichtkunst ebenfalls aufgegriffen; von ihm stammt
»Auslaufen« des eigenen Subjekt-Seins hin zum Pol die Warnung: »Du sollst Dir von deinem Mitmen-
des anderen Subjekts und damit zu einer Art Ent- schen kein Bildnis machen!« Sartre hätte ihm si-
fremdung (»aliénation«). cherlich zugestimmt und gleichzeitig darauf ver-
Erblickt ein Subjekt irgendwelche Objekte, sind wiesen, dass eine solche Bilderarmut zwischen den
damit Beurteilungen und Bewertungen verbunden, Menschen eine Rarität darstellt. Vor allem der eige-
und nicht selten resultieren aus dem Blick Abwer- ne Narzissmus trägt dazu bei, die einmal angefer-
tung oder Entwertung. Im Zusammentreffen zweier tigten Bilder über die Mitmenschen nicht einmal in
oder mehrerer Personen geht es deshalb stets um Nuancen einer Korrektur zu unterziehen. Manche
die Frage, wer die Subjektrolle erobert und wer sich gehen sogar über Leichen, nur um ihre starren Vor-
in die Objektrolle schicken muss. Diese Spannung stellungen von anderen Menschen, Klassen, Reli-
und dieses Ringen um die Rolle des freien und bli- gionen und Völkern oder vom anderen Geschlecht
ckenden Subjekts durchzieht die gesamte Welt des nicht revidieren zu müssen.
Sozialen. Um nicht selbst zum Objekt, zum Es und Vor allem in Liebesbeziehungen und in
zum bloßen Ding vergegenständlicht zu werden, Freundschaften wird jedoch der Andere zu einem
versucht daher jeder, möglichst rasch den anderen Du, dessen Fremdheit und Freiheit mit Sympathie
zu verobjektivieren: und Zustimmung betrachtet wird. Man reduziert
ihn nicht auf seinen Ist-Bestand und seine realen
» Die Objektivierung des Anderen ist … eine Ver- oder vermeintlichen Defizite, sondern räumt ihm
teidigung meines Seins, das mich gerade von mei- Möglichkeiten von Wachstum und Entwicklung
nem Sein für Andere befreit, indem es dem Andern ein. Sartre betonte, dass nur die wechselseitige Ge-
«
ein Sein für mich verleiht (Sartre 1993, S. 483).  währung von Freiheit ein dauerhaft liebendes Mit-
einander begründet:
Beispiele für diese Dynamik finden sich im Sozial-
und Kulturleben der Menschen zuhauf. Man denke »  In der Liebe will der Liebende … für den Gelieb-
nur daran, dass in vielen Religionen ein Verbot be- ten »alles auf der Welt« sein: Das bedeutet, dass
steht, sich ein Bild der Gottheit zu machen – das er sich auf die Seite der Welt stellt; er ist das, was
Bild würde den Gott zum betrachteten Objekt ma- die Welt zusammenfasst und symbolisiert, er ist
chen und damit seine absolute Subjektrolle relati- ein Dieses, was alle anderen »Dieses« umschließt,
vieren. In manchen früheren Gesellschaften war er ist Objekt und willigt ein, es zu sein. Doch an-
es des Weiteren üblich, dass sich Sklaven, Diener, dererseits will er das Objekt sein, in dem sich zu
Frauen und Kinder in der Öffentlichkeit nur mit verlieren die Freiheit des Andern einwilligt, das
gesenktem Blick bewegen durften – damit wurden Objekt, in dem der andere sein Sein und seinen
sie als Objekte definiert, ohne dass ihnen im Gegen- Seinsgrund als seine sekundäre Faktizität zu finden
zug die Möglichkeit eröffnet worden wäre, selbst in «
einwilligt (Sartre 1993, S. 644). 
die Rolle eines blickenden Subjekts zu schlüpfen.
Sartre hat darüber hinaus in seinen Überlegun- Leider ergeben sich nur selten zwischenmenschli-
gen zur Judenfrage (1948) darauf hingewiesen, dass che Beziehungen, in denen die Beteiligten freiwillig
in diskriminierenden Vorurteilen eine analoge Dy- dazu bereit sind, ihre Freiheit durch ein Gegenüber
82 Kapitel • Jean-Paul Sartre

begrenzen zu lassen. Viel häufiger trifft man auf die sophischen Schriften zwar der Ratio des Menschen
hinlänglich bekannten Herr-Knecht- oder Subjekt- breiten Raum zugestanden haben, seinen Leib hin-
Objekt-Relationen, die zu vielfältigen Konflikten gegen völlig oder weitgehend vernachlässigten.
zwischen den Menschen führen und das Dasein Umso höher ist daher Sartres Leistung zu wür-
außerordentlich beschweren. Eine wesentliche digen, der in Das Sein und das Nichts den Leib in
Aufgabe von Erziehung und Bildung der Zukunft erstaunlich hohem Umfang einer phänomenologi-
wird es daher sein, den Menschen Chancen zu er- schen Betrachtungsweise zugänglich gemacht hat.
öffnen, den liebenden Blick (Nicolai Hartmann) zu Weder Husserl noch Heidegger hatten sich an diese
erlernen. Aufgabe herangewagt. Parallel zu Sartre war es in
Eine weitere Erschwerung der menschlichen Frankreich vor allem Merleau-Ponty, der mit ähn-
Existenz ergibt sich aus dem Faktum, dass jedes licher Entschiedenheit den menschlichen Organis-
Bewusstsein untrennbar mit einem Leib verknüpft mus in den Rang eines philosophischen Topos er-
ist. Dieser bildet als ein An-sich-Sein das materiell- hoben hat.
biologische Fundament, auf welchem das Für-sich- Seit Das Sein und das Nichts wurden zahlreiche
Sein existiert. weitere Studien über den Leib und seine Verhal-
Es ist den Menschen seit jeher schwergefal- tensanomalien veröffentlicht. Im Anschluss an Sar-
len, sich mit dieser Situation zu arrangieren. Seit tre ist auch die Sexualität als philosophisches The-
den Anfängen der Geschichte gibt es den Kampf ma aktuell geworden. Damit wurde eine Brücke zur
gegen den Leib, als ob dieser ein Feind der See- Tiefenpsychologie und Psychosomatik geschlagen,
le und des Bewusstseins wäre. Der eigene Körper die von Sartre selbst schon in Form der existentiel-
mit seinen Bedürfnissen und Eigengesetzlichkeiten len Psychoanalyse angelegt worden war.
wurde und wird häufig als Zumutung oder Krän- Sartres Beschreibungen der Leiblichkeit umfas-
kung für das stolze und vermeintlich autonome sen Analysen zu Schmerz, Müdigkeit, Schlaf und
Für-sich-Sein erlebt und entsprechend herablas- in Andeutungen zu psychosomatischen Erkran-
send behandelt. Dass das menschliche Bewusstsein kungen. Besonders in Krankheitszuständen be-
von so banalen Molekülen wie Blutsalzen, Fetten, merken Menschen ihren Leib und beginnen, über
Kohlenhydraten und Proteinen abhängen soll und ihn nachzudenken oder sich (in Maßen) mit ihm
sogar fundiert wird, hat der Homo sapiens bis heute zu beschäftigen. Normalerweise haben wir, solange
kaum verwunden. wir gesund sind, keinerlei Veranlassung, unser bio-
Die Medizin kennt seit Langem das Krankheits- logisches Fundament zum Thema von Reflexionen
bild der Magersucht (Anorexia nervosa). Dabei zu machen. Unser Bewusstsein ist draußen in der
weigern sich bevorzugt junge Mädchen beharrlich, Welt und kümmert sich um anderes denn um den
Nahrung zu sich zu nehmen, selbst wenn sie dabei eigenen Körper:
einen massiven Gewichtsverlust in Kauf nehmen.
Als ein Motiv neben anderen für ihr Verhalten hat » Das Bewusstsein (von dem) Körper ist lateral
man bei den Patienten gefunden, dass sie damit und retrospektiv; der Körper ist das Unbeachtete,
ihrer Ablehnung von Materie, Körperlichkeit und das »mit Stillschweigen Übergangene«, und doch ist
Natur (An-sich-Sein) und der angeblichen Autono- er das, was das Bewusstsein ist; es ist sogar nichts
mie ihres Bewusstseins (Für-sich-Sein) Ausdruck anderes als Körper, der Rest ist Nichts und Schwei-
verleihen wollen. «
gen (Sartre 1993, S. 583). 
Überträgt man diese Befunde auf die gesamte
Menschheit, ist in gewisser Weise die Mehrzahl der In Theorie der Emotionen hatte Sartre bereits da-
Menschen magersüchtig (im Sinne von Entwertung rauf verwiesen, dass in Notlagen der Existenz für
der leiblichen Basis ihrer Existenz bei gleichzeitiger die Betreffenden die Möglichkeit besteht, die an-
hybrider Überschätzung ihrer Bewusstseinsmög- stehenden Probleme durch Mobilisation von Affek-
lichkeiten, die sie als unbegrenzt und unabhän- ten auszuklammern oder zu lösen. Bei diesem (wie
gig einschätzen). Dies traf auch auf nicht wenige Sartre es nannte) magischen Vorgang kommt es zu
Denker der Vergangenheit zu, die in ihren philo- einer Regression in den Leib.
83
Werkanalyse

Greift der Mensch auf seine Leiblichkeit zu- Hinzu kommen bei der Sexualität die Phäno-
rück und wird affektiv, erhöht sich sein subjekti- mene von körperlicher Nacktheit und Begierde, die
ves Machtpotential. Außerdem erleichtert dies die von Sartre im Sinne der Magie eingeordnet wurden.
Durchsetzung von Eigeninteressen im sozialen Der eigene Leib wird ihm zufolge im sexuellen Akt
Raum, da Affekte aufgrund der starken Mitbetei- dafür eingesetzt, im Sexualpartner Leidenschaften
ligung des gesamten Organismus die Mitmenschen zu wecken, die bei ihm umso größer werden, je
beeindrucken. mehr er spürt, dass auch sein Gegenüber die Frei-
Ähnliches kann man bei Krankheiten beob- heit des Für-sich-Sein aufgibt und stattdessen ganz
achten, in denen sich der Körper ebenfalls in den Leib (also An-sich-Sein) wird. Höhepunkt dieses
Vordergrund des Erlebens schiebt. Aus dem unbe- sich gegenseitig in die Körperlichkeit Lockens ist
achteten und stillschweigenden Leib wird ein lär- der Orgasmus, welchen die Franzosen zu Recht als
miges und nicht zu übersehendes Geschehen, das »petit mort« (kleinen Tod) bezeichnen, da sich in
in den Fokus der Aufmerksamkeit für das eigene ihm das Für-sich-Sein für kurze Zeit im An-sich-
Bewusstsein wie auch für dasjenige der anderen Sein verliert.
rückt. Alleine dadurch schon kann sich ein ins Viel beachtet wurde auch Sartres Theorie der
Wanken geratener Mensch (z. B. im Rahmen einer Perversionen, die in wesentlichen Punkten von der
narzisstischen Krise) wieder stabilisieren. psychoanalytischen Lehre abweicht. Für ihn be-
Doch nicht nur in Situationen wie Krankheit, deuteten die sexuellen Deviationen ein ängstliches
Müdigkeit und Schmerz bemerken wir, dass wir Ausweichen vor der totalen Kommunikation auf
leibhaftig sind. Daneben bedeutet die Sexualität leib-seelischer Ebene. Weil ängstliche und selbst-
eine exquisite und – falls sie gelingt – überaus an- unsichere Menschen das Subjekt-Sein ihres Part-
genehme Möglichkeit, sich der eigenen und der ners nicht ertragen können, soll dessen Personsein
Körperlichkeit des anderen zu vergewissern. In ausgeschaltet werden. Zu diesem Zweck wird in
Das Sein und das Nichts widmete sich Sartre dieser der abwegigen Sexualpraxis das mehr oder minder
Thematik in gebührendem Ausmaß. komplette Objekt-Sein des Partners verlangt oder
Der Autor wandte sich gegen alle naturalisti- erzwungen.
schen oder atomistisch-psychologischen Erklä- Diese Interpretation der Perversionen er-
rungsmodelle, welche die sexuellen Beziehungen scheint realistischer als die fragwürdigen trieb-
der Menschen auf Triebe und deren Abreaktion zu theoretischen Ableitungen der Psychoanalyse. Sar-
reduzieren versuchen. Für ihn war der Sexus pri- tre demonstrierte die Tragweite seines Konzepts,
mär in die leib-seelische Kommunikation zweier indem er verschiedene sexuelle Deviationen wie
Menschen eingebettet. Das Du ist kein vorrangiges Sadismus, Masochismus, Exhibitionismus und Vo-
Sexualobjekt, sondern eine Person, der wir uns lie- yeurismus auf die in ihnen enthaltenen existentiel-
bend und begehrend zuwenden. Weil verschiedene len und sozialen Motive hin untersuchte.
Qualitäten des Gegenübers unsere Bewunderung Bei allen Perversionen konnte er zeigen, dass
erregen, verspüren wir den Wunsch, uns ihm auf in ihnen eine echte Ich-Du-Beziehung systematisch
möglichst allen Ebenen unserer Seins und damit verhindert werden soll. Die sexuelle Ekstase ent-
auch auf der leiblichen zu nähern. steht hierbei als Ausdruck von Allmachtsgefühlen
Man hat die gelingende Sexualität ein Gespräch zweier einsamer Subjekte, die aus Angst vor dem
zweier Menschen unter Einbeziehung des Leibes Objekt-Werden gängige zwischenmenschliche
genannt. Dem Koitus ist in der Regel die Zärtlich- Formen der Zärtlichkeit und des Sexus konsequent
keit vorgeordnet, welche die in die Welt verstreute vermeiden.
Aufmerksamkeit der Beteiligten in ihren Körper In den letzten Teil von Das Sein und das Nichts
zurückholen will. Sartre schilderte anschaulich, hat Sartre ein aufschlussreiches Kapitel über die
wie durch Streicheln, Küsse und Umarmungen der existentielle Psychoanalyse eingefügt, worin er
Weltkontakt des Für-Sich beider Sexualpartner ein- Freuds Theorien und Praxis in seinem Sinne um-
geschränkt wird und dadurch nach und nach ihr formen wollte. Wie beschlagen er im Hinblick auf
Bewusstsein im Leib versinkt. die Psychoanalyse war, hat er unter anderem in sei-
84 Kapitel • Jean-Paul Sartre

nem Filmdrehbuch über Freud um 1958 demons- felhaft an der Spitze der Existenzdenker des 20.
triert. Jahrhunderts. Dies liegt sowohl in seinen philoso-
Die von Sartre skizzierte existentielle Psycho- phischen Texten als auch in seinem gesamten son-
analyse korrigierte die Freud‘schen Lehren an vie- stigen literarischen Schaffen begründet.
len Punkten. Der Autor nahm Abschied von der Die von ihm formulierten Theorien und Ge-
Libidotheorie, welche das Seelische energetisch dankengebäuden haben, wie angedeutet, die an-
und kausal beschrieben hat. Eine strenge Kausali- thropologischen, medizinischen, psychologischen
tät im Psychischen lehnte Sartre ab, da seiner Mei- und soziologischen Debatten des 20. Jahrhunderts
nung nach die menschliche Freiheit trotz Traumen, nachhaltig beeinflusst. Als ein Beispiel für viele soll
Triebschicksalen und weiterer einschränkender auf eine Abhandlung des Neurologen und Psycho-
Rahmenbedingungen immer wieder Räume der somatikers Viktor von Weizsäcker verwiesen wer-
Veränderung eröffnet. Der Aufbau der Person wer- den, der 1947 einen Text über Jean-Paul Sartres
de durch Wahlhandlungen determiniert, welche »Sein und Nichts« publizierte, in dem er Aspekte
das faktisch Gegebene durch Sinngebungen final aus dessen Philosophie auf ihre Anwendbarkeit
und teleologisch verwerten. Selbst in Kritik der in klinisch-medizinischen Zusammenhängen hin
dialektischen Vernunft, die viel stärker als Das Sein überprüfte.
und das Nichts auf die gesellschaftlichen, ökonomi- Neben solchen Möglichkeiten, die Sartre‘sche
schen und historischen Rahmenbedingungen und Philosophie mit Gewinn in konkrete Alltagssi-
Determinanten der menschlichen Existenz abhebt, tuationen übertragen zu können, überzeugt der
gestand Sartre dem Einzelnen noch einen Rest von französische Denker auch heute noch durch sein
freiheitlicher Antwort auf die vorgefundenen Ver- gelebtes Leben, das als unbedingtes Bekenntnis
hältnisse zu. zu menschlicher Freiheit und Verantwortung ver-
Die Psychoanalytiker untersuchten bevorzugt standen werden kann. Selbst wenn er im Hinblick
das Pathologische am Menschen, wohingegen Sar- auf die Beurteilung politischer Situationen und ge-
tre dafür plädierte, auch die gesunden Anteile der sellschaftlicher Prozesse Irrtümern unterlag (so in
Persönlichkeit in die Analyse einzubeziehen. Über- Bezug auf den real existierenden Sozialismus und
haupt sollte man die Totalität von Personen und Kommunismus), blieb die dabei gezeigte Stoßrich-
ihrer Lebensläufe stets im Auge behalten und sich tung seines Engagements überwiegend eine huma-
durch Detailbefunde nicht allzu sehr ablenken las- nistische.
sen. Urwahl, Tat und Entwurf eines Menschen sei- Eine lange schon im Humanismus kolportier-
en bedeutsamer als seine allfälligen neurotischen te Überzeugung lautet, dass es keine Mächte über
Symptome, die Sartre nicht als Resultate eines un- oder unter dem Menschen gibt, die sein Schicksal
bewussten Seelenlebens verstanden wissen wollte: bestimmen. Weder Götter noch Dämonen lenken
sein Geschick – er selbst ist Maß und Münze seines
»  Und eben weil es das Ziel der Untersuchung Daseins.
sein muss, eine Wahl und nicht einen Zustand zu Sartres Leben und Werk wirken wie eine Be-
entdecken, muss diese Untersuchung … daran stätigung dieser Ansichten. Dieser »petit homme«
denken, dass ihr Gegenstand nicht eine in der dachte groß im Hinblick auf das Recht und die
Dunkelheit des Unbewussten verborgene Gege- Chancen des Menschen, seine Existenz autonom
benheit ist, sondern eine freie und bewusste Be- und (in Maßen) frei zu gestalten. Eine, wenn nicht
stimmung (Sartre 1993, S. 983).  « die zentrale Idee seiner existentialistischen Anth-
ropologie lautet daher, dass jeder Mensch, trotz
vielfältiger ihn determinierender Faktoren, mit
Conclusio Entwürfen, Wahl und Handlungen seinem Dasein
Sinn und Bedeutung verleiht und damit Vorschläge
Obwohl Sartres Rang in der Philosophiegeschichte unterbreitet, wie die Essenz, das Wesen eines Men-
eingangs etwas relativiert wurde, steht er unzwei- schen, beschaffen sein könnte.
85
Literatur

Literatur

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87

Philosophie II
Max Scheler – 89

Karl Jaspers – 101

Helmuth Plessner – 115

Karl Löwith – 129

Hans-Georg Gadamer – 143

Simone de Beauvoir – 157

Maurice Merleau-Ponty – 171


89

Max Scheler
Biographisches – 90
Werkanalyse – 92
Conclusio – 99
Literatur – 100

G. Danzer, Wer sind wir? – Auf der Suche nach der Formel des Menschen,
DOI 10.1007/978-3-642-16993-9_7,
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2011
90 Kapitel • Max Scheler

stalt. 1894 legte er am Ludwiggymnasium (ebenfalls


in München) das Abitur ab. Schon während sei-
ner Schulzeit kam er in Kontakt mit den Schriften
Friedrich Nietzsches, die ihn ziemlich begeisterten,
und die in ihm den Wunsch weckten, Philosoph
zu werden.
Ab 1894 studierte Scheler Philosophie und
Psychologie in München. Nach einem Semester
. Abb. 1 Max Scheler
(*1874; †1928). (Aus Stumm wechselte er sowohl die Fachrichtung als auch den
et al. 2005) Studienort. Er schrieb sich in Medizin ein und ging
bald darauf nach Berlin. Dort belegte er jedoch
keinerlei medizinische Studienangebote; stattdes-
Die Beiträge Schelers zur Anthropologie sind kom- sen hörte er Vorlesungen bei Wilhelm Dilthey und
plex und wurden in der Vergangenheit von Ärzten Georg Simmel. Wiederum ein Jahr später wurde er
wie Philosophen gleichermaßen geschätzt. So ha- Student in Jena, wo er 1897 als 23-Jähriger in Philo-
ben Viktor von Weizsäcker, Viktor Emil von Geb- sophie promovierte.
sattel, Hans Kunz, Dieter Wyss, Paul Christian und Hintergrund für diese raschen Wechsel war die
andere Mediziner mehrfach auf die vielfältigen An- Liebesbeziehung Schelers zur sieben Jahre älteren
regungen des Denkers verwiesen, die sie gewinn- Amélie von Dewitz-Krebs, die er auf seiner Abitur-
bringend auf Themen der Heilkunde anwenden reise in Südtirol kennengelernt hatte. Diese lebte
konnten (. Abb. 1). zusammen mit ihrer Tochter getrennt von ihrem
morphiumsüchtigen Mann in Berlin. Sie galt als
schwierige Frau, häufig kränkelnd, aber mit ziel-
Biographisches strebigen Vorstellungen versehen, wenn es um die
Gestaltung ihrer Beziehung mit dem jungen Philo-
Max Scheler wurde 1874 in München als Sohn sophen ging.
eines protestantischen Gutsverwalters und einer 1899 wurde Scheler in Jena bei Rudolf Eucken
jüdischen Mutter (verwandt mit Lion Feuchtwan- mit einer Arbeit über Die transzendentale und die
ger) geboren. Der Vater war Angestellter des bay- psychologische Methode (1900) habilitiert. Der Jün-
erischen Königs; er betreute dessen Güter in der gere schätzte am Älteren dessen engagierte Art des
Nähe von Bayreuth. Die Familie war auf Betreiben Philosophierens, seinen Personalismus und seine
der Mutter nach München gezogen, wo ihr gut si- Auseinandersetzungen mit der Philosophie Imma-
tuierter Bruder Hermann lebte, in dessen Nähe sie nuel Kants. Die von Eucken oft gestellte Frage nach
zu sein wünschte. der Stellung des Menschen innerhalb von Natur
Aufgrund der Orthodoxie seiner Gattin Sofie und Kultur wurde zu einem zentralen Thema der
war Vater Scheler zum jüdischen Glauben konver- späteren Scheler‘schen Anthropologie.
tiert. Weil auch Hermann streng gläubig war, wur- Ebenfalls 1899 heiratete Scheler nicht ganz frei-
de Max (der seinen Onkel später beerben sollte) willig Amélie, die von ihm schwanger war. Zwei
ebenfalls im jüdischen Glauben erzogen. Hermine, Wochen vor der Trauung konvertierte er zum Ka-
die jüngere Schwester von Max, die bereits 1903 tholizismus – ein Zugeständnis an seine künftige
starb (sie suizidierte sich mit 16 Jahren), war ana- Gattin, die selbst zwar jüdisch-orthodox aufge-
log sozialisiert worden. Über das Wesen von Sofie wachsen, von einer katholischen Mutter aber ihrer-
Scheler schrieb ihre Nichte Claire Goll: »Sie war seits zur Konversion gezwungen worden war.
eine sehr schöne Frau, aber orthodox genug, um So geriet Scheler in eine weltanschaulich und
einen Rabbiner zum Antisemiten zu machen.« sozial prekäre Situation, die mit dazu beitrug, dass
Scheler war ein mittelmäßiger bis schlechter seine Ehe mit Amélie nicht allzu lange hielt. Hinzu
Schüler. Eine Weile besuchte er das Luitpoldgym- kam, dass ihr gemeinsamer Sohn bald nach seiner
nasium in München und dann eine private Lehran- Geburt starb. 1900 musste Scheler noch den Tod
91
Biographisches

seines Vaters und drei Jahre darauf denjenigen sei- tiefgründige Studie zum Wesen von Emotionen
ner Schwester verkraften. Vor allem ihr Suizid er- und hier vor allem von Liebesgefühlen dar.
schütterte ihn sehr. Noch im selben Jahr veröffentlichte er den ers-
Um die Jahrhundertwende kam Scheler im ten Band von Der Formalismus in der Ethik und
Hause des Neukantianers Hans Vaihingers in Jena die materiale Wertethik; der zweite Band folgte 1916.
mit Edmund Husserl und der Phänomenologie in Die meisten Scheler-Experten beurteilen dieses
einen ersten Kontakt. Nachdem aufgrund von Affä- Werk als Opus magnum des Denkers. Darin ent-
ren und Streitigkeiten die Ehe mit Amélie in deut- wickelte er eine neben Nietzsches Wertrelativismus
liche Schieflage geraten war und Letztere in Jena für und Kants formalem Sittengesetz eigenständige
einen Eklat gesorgt hatte, beschloss Scheler, nach materiale Wertethik, welche die ethischen Debat-
München zu übersiedeln. 1906 gelang ihm unter ten im 20. Jahrhundert nachhaltig beeinflusste.
anderem durch die Fürsprache Husserls eine Um- 1915 erschien Schelers Abhandlung Das Ressen-
habilitierung. In der Isarmetropole schloss er sich timent im Aufbau der Moralen. Dabei vertiefte er
dem Kreis der dortigen Phänomenologen (Alexan- seine Überlegungen zu Ethik und Moral aus Der
der Pfänder, Moritz Geiger, Theodor Conrad, Hed- Formalismus in der Ethik und die materiale Wert-
wig Martius, Dietrich von Hildebrand) an. ethik und stellte den Begriff des Ressentiments in
Amélie, deren Mutter sowie der 1905 geborene den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Dieser Ter-
Sohn Wolfgang hatten Scheler nach München be- minus war von Nietzsche herangezogen worden,
gleitet. 1909 initiierte seine Gattin dort einen neu- um die Entstehung und Dominanz der christlichen
erlichen Skandal, in dessen Gefolge der Philosoph Moral in der Geschichte des Abendlandes begreif-
sogar seine Venia Legendi (Lehrerlaubnis) verlor. lich zu machen.
1910 musste er nach einigen für ihn ungünstig ver- Zu Beginn des Ersten Weltkriegs, an dem er
laufenden Prozessen und Zeitungsberichten (so im krankheitshalber nicht teilnehmen musste, vertrat
Hinblick auf die »Würde eines Hochschullehrers«) Scheler wie viele andere Intellektuelle eindeutig na-
trotz großem Lehrerfolg seine Dozentur aufgeben. tionale und patriotische Ansichten. In Der Genius
Scheler zog daraufhin zuerst nach Berlin und dann des Krieges und der Deutsche Krieg (1915) sprach er
nach Göttingen, wo er eine freie Lehrtätigkeit auf- davon, dass dieser Weltkrieg ein großartiger Aufruf
nahm. Zeitweise hielt er seine Seminare in einem zur geistigen Wiedergeburt des Menschen sowie
Hotelzimmer ab. eine Zerfallserscheinung des Kapitalismus sei. Da-
Um 1909 hatte er die 17 Jahre jüngere Märit mit setzte er sich heftiger Kritik einiger pazifistisch
Furtwängler kennengelernt, Tochter des Archäo- orientierter Schriftsteller (Franz Werfel, Max Brod,
logen Adolf Furtwängler und Schwester von Wil- Arnold Zweig) aus.
helm Furtwängler, dem späteren Chefdirigenten Im Laufe des Krieges revidierte er seine Äuße-
der Berliner Philharmoniker. Nach der Scheidung rungen und plädierte nunmehr für einen christ-
von seiner ersten Frau heiratete Scheler 1912 Märit, lichen Sozialismus als dritten Weg zwischen dem
mit der er einige Jahre in Berlin-Wilmersdorf lebte. westlichen Kapitalismus und dem östlichen Kom-
Er veranstaltete private Vorlesungen und gab zu- munismus. Spuren dieses veränderten Denkens
sammen mit Husserl, Geiger, Pfänder und Adolf finden sich in Krieg und Aufbau (1916) sowie in Die
Reinach das Jahrbuch für Philosophie und phänome- Ursachen des Deutschenhasses (1917). Außerdem
nologische Forschung heraus. fertigte er um 1919/20 ein Manuskript mit dem Ti-
Die Trennung von Amélie und die neue Liebes- tel Christlicher Sozialismus als Anti-Kapitalismus
beziehung mit Märit lösten bei Scheler einen merk- an, das unvollendet blieb. Darin machten sich seine
lichen philosophisch-literarischen Produktions- Studien der Schriften von Ernst Troeltsch, Max We-
schub aus. Nachdem es schon 1911 zu ersten phäno- ber und Werner Sombart bemerkbar, mit denen er
menologisch fundierten Publikationen gekommen zeitweise persönlich verkehrte.
war, folgte 1913 mit Zur Phänomenologie und Theo- 1919 holte Konrad Adenauer, der damalige
rie der Sympathiegefühle und von Liebe und Hass Oberbürgermeister von Köln, Scheler an die Uni-
sein erstes schwergewichtiges Buch. Es stellt eine versität der Rheinstadt, wo er neben zwei weiteren
92 Kapitel • Max Scheler

Direktoren das Institut für Sozialwissenschaften so in Bezug auf ethische oder wertphilosophische
leiten sollte. Dem Politiker galt er als katholischer Fragestellungen. Scheler allerdings urteilte über ihr
Denker, was sich jedoch weder im Hinblick auf Verhältnis bisweilen auch etwas lax und meinte zu
dessen Lebenswandel noch auf dessen Forschungs- Hartmann: »Ihr Sitzfleisch und mein Genie – das
und Lehrergebnisse bestätigte. Der Neuberufene ergäbe einen wahren Philosophen!«
sprengte auf vielfältige Weise das enge Korsett einer In den wenigen noch verbleibenden Jahren bis
christlichen Glaubenslehre. zu seinem Tod – Scheler starb 1928 als 54-Jähri-
Die Breite der Scheler‘schen Ideen, Interessen ger an einem neuerlichen Herzinfarkt – bearbeite-
und Ansichten lässt sich allein schon an der Liste te er bevorzugt anthropologische Fragestellungen.
seiner Brief- und Gesprächspartner illustrieren. Da Schon 1921 hatte er Vom Ewigen im Menschen pub-
gab es die religiös orientierten Martin Buber, Ro- liziert. Es folgten Schriften zur Soziologie und Welt-
mano Guardini und Paul Tillich; daneben zählten anschauungslehre (1923/24), Die Formen des Wis-
die Phänomenologen sowie Albert Einstein, Ernst sens und der Bildung (1925), Mensch und Geschichte
Bloch, Rainer Maria Rilke, Paul Valéry, Romain (1926) sowie Politik und Moral – Die Idee des ewigen
Rolland, Ernst Robert Curtius, Wolfgang Köhler, Friedens (1926/27).
Max Wertheimer, Frederik Buytendijk, Helmuth Die meist zitierte anthropologische Schrift
Plessner und Otto Dix dazu. Letzterer hat 1926 ein Schelers wurde jedoch das Manuskript eines Vor-
Porträt Schelers geschaffen, das ihn als kräftigen trags, den er 1927 in Darmstadt an Hermann Graf
Mann mit wuchtigem Schädel zeigt, und über wel- Keyserlings Schule der Weisheit hielt, und der ein
ches der Porträtierte aussagte, dass es ihn treu und Jahr später unter dem Titel Die Stellung des Men-
genau wiedergebe. schen im Kosmos herausgegeben wurde. Darin ge-
Zu Beginn seiner Kölner Jahre lernte Scheler lang dem Denker eine originelle Beschreibung der
Maria Scheu kennen, die zuerst bei ihm studier- Conditio humana, des menschlichen Wesens und
te und bald als Assistentin an seinem Institut an- seiner Aufgaben in Natur und Kultur.
gestellt wurde. Der Philosoph verliebte sich in sie, Es bleibt noch nachzutragen, dass sich Sche-
und eine Weile versuchten sich er, seine Frau Märit ler in den letzten Jahren seines Lebens mehrfach
und die junge Geliebte vergeblich in einer Art Drei- um eine Wegberufung aus Köln (nach Berlin oder
ecksbeziehung. Frankfurt am Main) bemühte. Erst in seinem To-
1920 erlitt Scheler einen ersten Herzinfarkt. Als desjahr 1928 war er diesbezüglich erfolgreich. Den
Risikofaktoren dafür müssen neben seinem maß- Ruf nach Frankfurt, den Adenauer dringlich befür-
losen Nikotinkonsum die wiederholfen Ehe- und wortet hatte, konnte er jedoch ebenso wenig mit
Liebeskalamitäten, die unstet-extravertierte Art der Leben füllen wie seine erneute Vaterschaft: Sein
Lebensgestaltung sowie eine langjährige depressive Sohn Max wurde Ende 1928 geboren, als sein Vater
Verstimmung benannt werden, die ihn manchmal bereits sieben Monate tot war.
in tiefe Verzweiflung bis hin zu Suizidgedanken
verbrachte. 1923 kam es zur Scheidung von Märit,
und ein Jahr später heirateten Scheler und Maria Werkanalyse
Scheu. Konservativ-katholische Kreise der Dom-
stadt sprachen daraufhin abschätzig vom labilen Schelers philosophisches Schrifttum ist breitge-
Charakter ihres Professors, der zwischen maßloser fächert; es reicht von der Erkenntnistheorie und
Triebhaftigkeit und geistigen Höhenflügen hin- Geschichtsphilosophie bis zur Ethik, Axiologie
und hertorkele. (Wertlehre) und Metaphysik. In unserem Zusam-
Mitte der 20er Jahre erhielt Nicolai Hartmann menhang interessieren jene Texte, die sich auf an-
von Marburg aus einen Ruf an die Alma Mater thropologische Fragen im engeren Sinne beziehen.
in Köln. Im Vergleich zu Scheler war dessen Le- Neben Wesen und Formen der Sympathie sowie Der
bens- und Arbeitsstil um vieles gediegener und Formalismus in der Ethik und die materiale Wert-
bürgerlicher. Die beiden Denker schätzten einan- ethik sind dies vor allem Die Stellung des Menschen
der hinsichtlich ihrer Forschungsschwerpunkte – im Kosmos und der Nachlass-Band  III, der ver-
93
Werkanalyse

schiedene Abhandlungen zur Anthropologie ver- der Mitfreude zu konstatieren, bei welcher die ge-
sammelt. hobene Stimmung eines Gegenübers nachvollzieh-
bar ist, ohne dass man selbst fröhlich, ausgelassen
z Wesen und Formen der Sympathie oder heiter zu sein braucht.
Als stark von der Husserl‘schen Phänomenologie Im Hinblick auf die Entstehung von Sympathie-
geprägter Philosoph tendierte Scheler stets dazu, gefühlen untersuchte Scheler diverse Theorien, die
seine philosophische Spekulation aus konkreten im Laufe der Geistes- und Kulturgeschichte for-
und lebensnahen Phänomenen entspringen und muliert wurden. Brahmanismus, Buddhismus, die
immer wieder in sie einmünden zu lassen. Dies Lehre von Laotse, die frühchristliche Liebesmystik,
trug dazu bei, dass er zu einem Problem- und nicht Spinozas amor dei intellectualis und Arthur Scho-
zu einem Systemdenker wurde. Seine Schriften ver- penhauers Mitleidsethik wurden von ihm heran-
mitteln meist den Eindruck, dass in ihnen relevante gezogen, um zu zeigen, inwiefern Spielarten der
menschliche Themen behandelt werden, von denen Sympathie als Wesenseigentümlichkeiten des Men-
beinahe jedermann betroffen ist. schen schon seit Jahrtausenden diskutiert werden.
In diesem Tenor ist sein frühes Buch Wesen und Im Rahmen dieser geschichtlichen Darlegun-
Formen der Sympathie verfasst. Ausgangspunkt der gen konnte Scheler nachweisen, dass es in vielen
Scheler‘schen Ausführungen waren menschliche Kulturen zu einengenden Differenzierungen der
Emotionen wie Mitgefühl, Mitfreude, Mitleid und Sympathiegefühle kam. So wurde die Einsfühlung
Liebe – emotionale Zustände, die allen Menschen mit Natur und Kosmos im Zuge der jüdischen und
irgendwie bekannt und für die Entwicklung ihrer christlichen Religion vernachlässigt; großenteils
Individualität wesentlich sind. Als gemeinsame war stattdessen eine Haltung der objektivierenden
Basis dieser Emotionen benannte Scheler eine teil- Dominanz (»macht euch die Erde untertan«) und
nehmende und teilhabende Einstellung des Men- der Entwertung alles Natürlichen zu beobachten.
schen in Bezug auf Welt, Mitmensch und Kultur Ähnliche Effekte gingen von den Naturwissen-
– eine Einstellung, die er mit dem Begriff der Sym- schaften und der Technik aus. Sie sorgten dafür, die
pathie bezeichnete. Natur unter den Kautelen von Beherrschung, Nut-
Scheler unterschied vier Formen des Mit- zen und Gewinn zu betrachten; die Einsfühlung
gefühls: Miteinanderfühlen (etwa gemeinsame störte dabei nur. Weltanschauungen und philoso-
Trauer beim Tod eines nahen Angehörigen); Mit- phische Strömungen wie Rationalismus, Materia-
und Nachfühlen als verstehendes Betrachten von lismus, Positivismus und Biologismus taten ein Üb-
Emotionen anderer Menschen; Gefühlsansteckung riges, um Erde, Leben und Mitmenschen auf bloße
als kollektivpsychologisches Phänomen innerhalb Sachverhalte zu reduzieren. Zum Schluss behielten
von großen Gruppen und Massen; Einsfühlen (z. B. laut Scheler im Abendland Begriffe wie Humanität
bei gelingender Sexualität oder – wie in der Ro- oder allgemeine Menschenliebe zwar eine gewisse
mantik oft beschrieben – als Verschmelzung mit Bedeutung, die aber um wesentliche Aspekte einer
der Natur). umfassend gedachten Sympathie ärmer geworden
Mitleid und Mitfreude sind vor dem Hinter- waren.
grund dieser Einteilung als Varianten des Mitfüh- Will man zurück (oder voraus) zur Fülle der
lens anzusehen. Wir können uns keinen emotiona- Sympathiegefühle, ist es dem Denker zufolge un-
len Zustand vorstellen, bei dem wir uns beispiels- erlässlich, die anthropologische Formel vom »ens
weise mit Schmerzgeplagten so sehr identifizieren, amans« (liebendes Wesen) ernst zu nehmen. Der
dass daraus eine Einsfühlung werden könnte. Aller- Mensch war für Scheler primär nicht »Homo fa-
dings können wir deren Schmerzen und die daraus ber« oder ein denkendes respektive sprechendes
erwachsenden Emotionen (Verzweiflung, Ärger, Tier. Die basale, dem Menschen gemäße Haltung
Groll, Hoffnungslosigkeit) derart intensiv miterle- und Einstellung zu sich selbst wie zu den anderen
ben, dass es gelingt, uns in sie einzufühlen und und zum Kosmos ist vielmehr die liebende Teil-
deren Affekte nachzufühlen, woraus Mitleid ent- nahme und Teilhabe an der Welt. Erst Liebe und
springt. Analoge Verhältnisse sind laut Scheler bei Sympathie lassen das eigene Wesen ebenso wie
94 Kapitel • Max Scheler

dasjenige von Mitmenschen, Natur und Kultur ver- nicht als Gefühl, sondern als Affekt bezeichnet
stehbar werden, so dass ein achtungs- und würde- wird, kann nur entstehen, wenn der Betreffende
voller Umgang mit ihnen möglich wird. niedere statt höhere Werte anstrebt. Das bedeutet,
Wollen, Erkennen, Fühlen, Denken und Han- dass im Hass wie in allen anderen Affekten ebenso
deln sind idealiter in der Liebe fundiert. Sie be- Werte eine entscheidende Rolle spielen. Allerdings
deutete für Scheler den Urakt des Menschen, mit ist hierbei das Wertniveau im Vergleich zu den Ge-
dessen Hilfe er den Brückenschlag einer sympathe- fühlen deutlich niedriger angesetzt.
tischen Beziehung zur natürlichen, sozialen und Es verwundert nicht, dass Scheler vor dem Hin-
geistig-kulturellen Welt verwirklichen kann. Liebe tergrund solcher Gefühls- und Affekttheorien ein
umfasst damit weit mehr als Romantik, Erotik, Se- naturalistisches Erklärungsmodell für Sympathie
xus oder anhimmelnde Verliebtheit; Liebe ist das und Liebe sowie Aggression und Hass, wie es die
Apriori eines menschlichen Daseinsvollzugs. Psychoanalyse angeboten hatte, ablehnen musste.
In Wesen und Formen der Sympathie hat Scheler Für Sigmund Freud bedeuteten Emotionen wie
im Zuge seiner phänomenologischen Beschreibung Mitgefühl, Liebe und Zuneigung oder Wut und
von Liebe (und Hass) bereits Begriffe wie Wert und Zorn bloße Spielarten der von ihm biologisch kon-
Person eingeführt, die er in Der Formalismus in der zipierten Libido und Destrudo, die sich entweder
Ethik und die materiale Wertethik weiter erläuterte, direkt als Sexualität oder Aggressivität oder in su-
und die daher im Detail erst im nächsten Abschnitt blimierter Form als Stimmung, Gefühl oder Affekt
erörtert werden. Darüber hinaus griff er auf eine bemerkbar machen. Kategorien wie Wert oder Per-
Definition Spinozas hinsichtlich Freude und Trauer son kamen in diesen psychoanalytischen Theorien
zurück, die sich in dessen Buch Ethik (1677) findet, Freuds nicht vor, was den entschiedenen Protest
und die Scheler auf die Thematik von Liebe und Schelers provozierte.
Hass übertrug: Im dritten Teil von Wesen und Formen der
Sympathie beschäftigte sich Scheler mit sozialphi-
»  Während die Liebe eine Bewegung ist, die vom losophischen Themen. Nimmt man Phänomene
niederen zum höheren Wert geht, und in der je- wie Mitgefühl, Gefühlsansteckung und Liebe ernst,
weilig der höhere Wert eines Gegenstandes oder werden alle Zweifel an der Existenz anderer Men-
einer Person erst zum Aufblitzen kommt, ist der schen (Solipsismus) ad absurdum geführt. Denn
Hass eine entgegengesetzte Bewegung … Die wer je liebte oder geliebt wurde, wird ohne wei-
Liebe richtet sich auf Setzung des möglichen hö- teres zugeben, dass es da einen anderen gab, dem
heren Wertes bzw. Erhaltung des höheren Wertes, zumindest zeitweise das seelisch-geistige wie auch
und auf Aufhebung des möglichen niedrigeren das vital-leibliche Interesse gegolten hat, und den
Wertes (die selbst ein positiver Wert ist) (Scheler man nicht erst künstlich und umständlich durch
«
1985, S. 155).  Analogieschlüsse als fremdes Ich groß detektieren
musste.
Für Scheler gab es drei Formen (Modi) der Liebe: Ausgehend vom Faktum der Zwischen- und
die geistige der Person, die seelische des Ich sowie Mitmenschlichkeit untersuchte Scheler die ge-
die vitale der Leidenschaft und des Bios. In den naueren Verhältnisse von Ich und Du. Als Säug-
diversen Liebesbeziehungen – Mutter-, Heimat-, ling wird der Mensch in einen seit Generationen
Geschlechtsliebe – sind diese drei Formen unter- bestehenden Sozialnexus hineingeboren; daher
schiedlich stark repräsentiert. In der Regel sind die besteht das Wir lange vor dem Ich. Erst im Alter
Liebesmodi mit Gefühlstönungen wie Wohlwol- von zwei oder drei Jahren bilden sich Personkerne
len, Dankbarkeit, Güte oder Freude verknüpft, mit aus, die zur Distanz zu den umgebenden Menschen
denen bestimmte Wertaspekte der geliebten Objek- beitragen. Trotz der heranwachsenden Individuali-
te speziell gemeint und realisiert werden. tät bleiben aber die Sphären von Du und Wir für
Die Scheler‘sche Beschreibung von Liebesge- den Einzelnen dominant und bestimmen via Er-
fühlen enthält auch Hinweise auf das Wesen des ziehung, Schulung, Zeitgeist und Weltanschauung
Hasses. Eine solche Emotion, die sinnvollerweise die Konturen des Ich wesentlich mit.
95
Werkanalyse

In späteren Texten und Vorträgen – so in Die Doch was ist ein Wert, und wie kann man hö-
Formen des Wissens und die Bildung (1925) – hat here von niedrigeren Werten unterscheiden? Unter
Scheler mehrfach darauf hingewiesen, dass Liebe Wert versteht man etwas Ideelles, welches dem Rea-
und Sympathie zu bestimmten Modi des Wissens len anhaftet, aber auch unabhängig von konkreten
und Erkennens beitragen. Er unterschied Herr- Lebewesen, Dingen, Sachverhalten oder Menschen
schafts-, Bildungs- und Erlösungswissen und existiert. Man kann etwa einem Tier Werte wie
meinte, dass Ersteres ohne größere Mit- und Eins- Schönheit oder Anmut attestieren, und sobald man
fühlung zu realisieren sei. Naturwissenschaft und es sieht, erkennt man an ihm diese Qualitäten. Al-
Technik, aber auch Institutionen wie Staat, Kirche, tert dieses Tier, verliert es womöglich einen Teil
Schule und Militär haben in den letzten Jahrhun- seiner Anmut, ohne dass jedoch dieser Wert per se
derten gezeigt, inwiefern sie Wissen zum Zwecke verlorengeht.
von Dominanz und Hierarchie gebrauchen, ohne Jeder Wert strahlt ein Soll-Sein aus. Erkennen
sich dabei immer liebend und sorgend um die Ob- Menschen Werte, verspüren sie einen Imperativ,
jekte ihrer Begierde oder um deren innere Entwick- die entsprechenden ideellen Qualitäten zu realisie-
lung zu bekümmern. ren und in die widerständige Wirklichkeit einzu-
Andere Verhältnisse finden sich beim Bil- fügen. Wer Werte wie Gerechtigkeit, Freiheit oder
dungswissen. Dieses ist darauf ausgerichtet, den Solidarität erschaut und anerkennt, ist unweiger-
Wert von Dingen, Menschen, Natur und Kultur zu lich mit deren Anspruch nach Verwirklichung kon-
erfassen, ohne dieselben in die Kategorien von Nut- frontiert. Werte gibt es zwar unabhängig von der
zen, Konsum, Genuss und Verbrauch einzustellen. Menschheit; sie brauchen jedoch die Menschen,
Dies gelingt am ehesten jenen, die emotional, sozial um erkannt und verwirklicht zu werden.
und intellektuell gebildet sind – eine seltene Kons- Scheler ging von einem gestuften System der
tellation, die nur zu erwarten steht, sofern der Ein- Werte aus und beschrieb vier Wertreihen. Die
zelne zur Person heranreift. Mit Erlösungswissen unterste bilden sinnliche Werte, die mit Adjektiven
schließlich hob Scheler auf ein Denken des Abso- wie angenehm, unangenehm oder nützlich belegt
luten und Göttlichen ab – ein Wissen und Denken, werden. Lebenskünstler oder Genussmenschen zie-
das seinem Streben nach metaphysischer Wahrheit len bevorzugt auf derlei Werte ab. Die nächste Stufe
ebenso wie seiner lange Zeit vorhandenen religiö- bilden die vitalen oder Lebenswerte, die Nietzsche
sen Orientierung geschuldet war. besonders hervorgehoben hat. Sie werden in Situa-
tionen von Krankheit, Gesundheit, Altern und Tod
z Der Formalismus in der Ethik und die erfahren. Der Personentypus, der diese Werte über
materiale Wertethik alles setzt und repräsentiert, ist Scheler zufolge der
Dieses Buch begründete Schelers Ruf als eigenstän- Held.
diger Ethiker und Wertphilosoph. Wir beschrän- Hierauf folgt die dritte Reihe der geistigen Wer-
ken uns in unserem Zusammenhang auf die Erörte- te: Schönheit, Wahrheit sowie das Gute und Rech-
rung einiger anthropologisch relevanter Gedanken te gehören ihnen an. Um sie zu erkennen und zu
daraus. realisieren, braucht es Künstler, Gesetzgeber oder
Die Tendenz Schelers ging dahin, statt der von Philosophen, welche die Fähigkeit zum geistigen
Kant erarbeiteten Pflicht- und Sollens- eine ma- Fühlen entwickelt haben. Die höchste Wertreihe
teriale Ethik zu formulieren. Diese orientiert sich wird von den Werten des Heiligen gebildet, die
nicht an einem allgemeinen Sittengesetz wie etwa in hohen Formen der Liebe verwirklicht sind. Zu
dem kategorischen Imperativ. Vielmehr will sie die ihrer Realisation sind Menschen mit ausgeprägter
moralischen Fragen nach Gut und Böse beantwor- Personalität nötig.
ten, indem sie auf eine Wertehierarchie verweist. Scheler verband diese Wertehierarchie mit Ty-
Eine sittlich hoch stehende Handlung wird rea- pen, Akten und Handlungen von Personen sowie
lisiert, indem der Einzelne hohe Werte anvisiert, mit Zuständen, an denen diverse Werte abgelesen
indes sich fragwürdige Taten oder »das Böse« aus werden können. Zusammen mit der Relativität von
einer Orientierung an niedrigen Werten ergeben. Werten, die sich in ihrer Gültigkeit auf Sphären und
96 Kapitel • Max Scheler

Lebensbereiche beziehen, bilden diese Hierarchien, Akten etwa Fühlen, Vorstellen, Planen, Erinnern,
Akte und Zustände den so genannten »Ordo amo- Verstehen, Urteilen und Werten subsumierte. Ein
ris« (die Ordnung der Liebe): Ich kennt ein Du und braucht eine Umwelt – ist also
relativ. Eine Person jedoch ist absolut und als Ein-
»  Denn das, was wir »Gemüt« oder in bildhafter heit sowohl aller ihrer Akte als auch mit der gesam-
Weise das »Herz« des Menschen nennen, ist kein ten Welt definiert. Der Leib und das Ich sind situa-
Chaos blinder Gefühlszustände, die sich nur nach tiv, auf den aktuellen Ort und Zeitpunkt sowie auf
irgendwelchen Kausalregeln mit anderen psychi- sinnliche und vitale Werte hin orientiert. Personen
schen Gegebenheiten verbänden und ablösten. Es sind im Gegensatz dazu an größeren Sinneinheiten
ist selbst ein gegliedertes Gegenbild des Kosmos sowie an geistigen und personalen Werten interes-
aller möglichen Liebenswürdigkeiten – es ist inso- siert. Leib und Ich sind gegenständlich und werden
fern ein Mikrokosmos der Wertewelt: Le coeur a von Biologie, Anatomie, Physiologie und Psycho-
«
ses raisons (Scheler 1957, S. 361).  logie erforscht. Die Person ist ungegenständlich; sie
wird von der Philosophie erfasst:
Der »Ordo amoris« bestand für Scheler innerhalb
und außerhalb des Menschen. Er weist die Struktur » Funktionen sind psychisch, Akte sind unpsy-
einer Pyramide auf, an deren Spitze das personale chisch. Akte werden vollzogen; Funktionen voll-
Sein und dessen Werte angesiedelt sind. Die Basis ziehen sich. Mit Funktionen ist notwendig ein Leib
dieser Pyramide setzt sich aus den sinnlichen Wer- gesetzt und eine Umwelt, der ihre »Erscheinun-
ten und damit aus der gesamten materiellen Ding- gen« angehören; mit Person und Akt ist noch kein
welt zusammen. Leib gesetzt, und der Person entspricht eine Welt
Um unterschiedliche Wertsphären erkennen und keine Umwelt. Akte entspringen aus der Per-
zu können, müssen die Betreffenden jeweils eige- son in die Zeit hinein; Funktionen sind Tatsachen
ne Gefühlsqualitäten entwickeln. Scheler erwähnte in der phänomenalen Zeitsphäre und indirekt
das sinnliche, vitale, geistige und personale Fühlen durch Zuordnung … auf die messbaren Zeitdau-
und betonte, dass nur damit sinnliche, vitale, geis- «
ern selbst messbar (Scheler 1980, S. 387). 
tige und personale Werte geschaut werden. Fühlen
bedeutet Werterkennen, und erkannte Werte indu- Die Person wurde von Scheler als einheitliches
zieren ihrerseits wieder Gefühle respektive Affek- Zentrum von Akten aufgefasst. Indem sie Akte
te – je nachdem, welche Gruppe von Werten als vollzieht, ereignet sie sich, wobei als ihr fundamen-
relevant empfunden wird. Bei Affekten kommt es taler Akt das Fühlen und damit das Werterkennen
in der Regel zu einem Überwiegen sinnlicher und bezeichnet werden darf. Je mehr der Einzelne vor
vitaler Wertsphären (Besitz, Kraft, Durchsetzungs- allem geistige und personale Werte erschaut und
vermögen usw.) sowie zu einer eingeschränkten deren Verwirklichung anstrebt, umso mehr wird er
Wahrnehmung in Bezug auf geistige und personale zu jenem »ens amans«, von dem Scheler überzeugt
Wertdimensionen. war, dass er mit diesem Begriff das Wesen des Men-
Neben einer Wertlehre (Axiologie) und der schen am treffendsten ausdrücken konnte.
daraus abgeleiteten Ethik enthält Der Formalismus Weil Menschen immer auf Wertsphären, -di-
in der Ethik und die materiale Wertethik eine aus- mensionen oder -stufen hin orientiert sind, konn-
führliche Erörterung der menschlichen Personali- te Scheler den lapidaren Satz formulieren: »Der
tät. Scheler unterschied am Menschen dessen Leib/ Mensch ist eine Richtung und kein Ding.« Schie-
Körper, Ich und Person. Der Leib ist durch phy- ben sich allerdings die sinnlichen und vitalen Wert-
siologische (Ernährung, Verdauung, Bewegung, gruppen beim Einzelnen in den Vordergrund, ent-
Schlafen, Wachen) und das Ich durch psychologi- steht bei ihm eine nur rudimentäre Personalität.
sche Funktionen (Wahrnehmung, Assoziationen, Ähnliche Verhältnisse finden sich, wenn Men-
Aufmerken) gekennzeichnet. schen keine oder nur wenige Akte vollziehen (im
Eine Person hingegen weist Scheler zufolge Schlaf; bei reduzierter Wachheit; im Rahmen von
nicht Funktionen, sondern Akte auf, wobei er unter Krankheiten; als Folge mangelhafter Erziehung,
97
Werkanalyse

Schulung und Bildung). Hierbei wird zu wenig Per- dem Zoologen Hans Driesch, stand, von deren na-
sonalität induziert; oder das personale Niveau eines turwissenschaftlichem Wissen er profitierte.
Individuums sinkt, und seine Person verkümmert. Scheler sah in der organischen Natur einen vier-
Diese Zusammenhänge zwischen Person, schichtigen Stufenbau als gegeben, dessen erste ba-
Wertdimensionen und Aktvollzug sind wesentlich sale Schicht er als Gefühlsdrang bezeichnete. Die-
für die Pädagogik. Scheler verwies im Vorwort zur sen konzedierte er bereits den Pflanzen, bei denen
dritten Auflage von Der Formalismus in der Ethik er ein »Hinzu« und ein »Vonweg«, eine objektlose
und die materiale Wertethik stolz darauf, dass ihn Lust und ein objektloses Leiden annahm. Pflan-
Gustav Kerschensteiner in dessen Theorie der Bil- zen weisen zwar weder Motorik und Sinnesorgane
dung (1926) erwähnte. Ebenso freute es ihn, dass noch ein Zentrum im Sinne eines Nervensystems
Ärzte wie Paul Schilder, Kurt Schneider und Viktor auf, und es mangelt ihnen daher an Empfindung
von Weizsäcker in ihren Schriften seine Gedanken und Bewusstheit. Auch vollziehen sie ihr Leben
zu Wert und Person als fruchtbare Anregungen zi- auf fast ausschließlich passive Weise (Ernährung,
tierten. Wachstum, Fortpflanzung). Der Gefühlsdrang je-
doch, der sie in bestimmte Richtungen wachsen
z Die Stellung des Menschen im Kosmos und unter günstigen Umwelteinflüssen gedeihen
Obwohl es sich bei dieser Schrift um ein Buch von lässt, qualifiziert sie als im weitesten Sinne beseelt:
lediglich Hundert Seiten handelt, werden die da- Sie zeigen die Urphänomene des Ausdrucks.
rin erörterten Ideen von Experten als Auftakt der Die nächste Stufe im Schichtenbau der Na-
modernen philosophischen Anthropologie im 20. tur bilden Scheler zufolge die Instinkte. Darunter
Jahrhundert bezeichnet. Gerechterweise muss man verstand er Verhaltensweisen, die sinnvoll und in
jedoch erwähnen, dass die Frage nach dem »Was einem festen Rhythmus ablaufen, wobei sich die
ist der Mensch?« zeitgleich von Martin Heidegger Sinnhaftigkeit auf den Erhalt der ganzen Art, nicht
(Sein und Zeit, 1927), Helmuth Plessner (Die Stufen aber auf das jeweilige Individuum bezieht. Ins-
des Organischen und der Mensch, 1928), Karl Lö- tinkte sind angeboren; sie brauchen nicht erlernt
with (Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen, werden und sind durch individuelle Erfahrungen
1928) und Ludwig Klages (Der Geist als Widersa- kaum moduliert. Instinkte sind an tierisches Leben
cher der Seele, 1929) gestellt wurde. gebunden und kommen bei Pflanzen nicht vor.
Zu Beginn seines Buches verwies Scheler auf Ebenso verhält es sich mit den nächsten beiden
die theologischen, philosophischen und natur- Stufen, für die Scheler die Begriffe »assoziatives Ge-
wissenschaftlichen Bemühungen, das Wesen des dächtnis« und »praktische Intelligenz« gebrauchte.
Menschen zu begreifen, ohne dass dies bis dahin Mit assoziativem Gedächtnis belegte er alle selbst
eine befriedigende und umfassende Anthropologie erlernten oder andressierten Verhaltensmuster. Als
ergeben hätte. Er empfand es deshalb als seine Auf- Paradebeispiel dafür verwies er auf den bedingten
gabe, mittels philosophischer Spekulation, die sich Reflex, den als erster Iwan Pawlow beschrieben
auf Ergebnisse aus Zoologie, Medizin, Psychologie hatte. Aber auch Nachahmung, Kopieren oder sen-
und Soziologie stützte, die Stellung des Menschen somotorische Gewohnheiten rechnete der Denker
im Vergleich zu Tier und Pflanze wie auch in Bezug zum assoziativen Gedächtnis, womit sich die be-
auf den gesamten Kosmos zu bedenken. treffenden Lebewesen zumindest partiell aus dem
Ähnlich wie Plessner in Die Stufen des Orga- engen Korsett ihrer Instinkte und damit ihrer Art-
nischen und der Mensch beschrieb Scheler im ers- gebundenheit lösen und individuell werden.
ten Drittel seines Buches das Wesen von Pflanze Dieser Prozess der Individualisierung wird for-
und Tier, um darauf aufbauend das Spezifische am ciert durch praktische Intelligenz, worunter Scheler
Menschen sichtbar werden zu lassen. Diesen Ab- die Fähigkeit von Lebewesen verstand, neue Situ-
schnitten merkt man an, dass ihr Verfasser in Köln ationen und die in ihnen auftretenden Aufgaben
im regen Austausch mit dem biologisch versierten ohne Probierversuche zu meistern. Eine gewisse
Plessner (den er Anfang der 20er Jahre in die Dom- Einsicht in Sach- und Wertverhalte ist dazu ebenso
stadt gelotst hatte) und dessen Habilitationsvater, nötig wie das Vermögen, zwischen Gütern, Mög-
98 Kapitel • Max Scheler

lichkeiten oder Artgenossen zu wählen. Außerdem Ablösbarkeit – oder doch die seines Daseins-
braucht es für praktisch-intelligente Handlungen zentrums – von dem Bann, von dem Druck, von
ein Minimum an Antizipation, also an Vorausschau der Abhängigkeit vom Organischen, vom »Leben«
über den momentanen Augenblick hinaus. und allem, was zum Leben gehört – also auch von
In Die Stellung des Menschen im Kosmos beton- seiner eigenen triebhaften »Intelligenz« (Scheler
te Scheler, dass die letztere Schicht nicht nur beim «
1988, S. 38). 
Menschen, sondern sehr wohl auch bei Primaten
vorhanden ist. So habe Wolfgang Köhler mit sei- Der Mensch ist ein Wesen, das sich in unbegrenz-
nen berühmten Schimpansenversuchen eindrück- tem Maße zur Welt hin öffnen und alles und jedes
lich nachgewiesen, dass diese Tiere in nuce über an ihr untersuchen, wertschätzen, erkennen und
jene Fertigkeiten verfügen, die zur praktischen einordnen sowie bisweilen auch verändern kann.
Intelligenz nötig sind. Auch die Auswahl von Ge- Tiere leben in einer Umwelt, aus der sie niemals
schlechtspartnern spreche dafür, dass sie nicht nur aussteigen und die sie nicht transzendieren kön-
von Trieben, sondern ebenso von Intelligenz ge- nen. Menschen hingegen sind in der Lage, sich
steuert sind. gedanklich soweit von der Welt und sich selbst zu
Alle vier Stufen der organischen Natur kann emanzipieren, dass sie sich und ihre Existenz als
man Scheler zufolge beim Menschen antreffen. So frag- und reflexionswürdig erleben.
sei im Schlaf der Gefühlsdrang dominant – eine Viele Tiere verfügen über Bewusstsein oder
Existenzform, die man zu Recht als vegetativ be- Vorstufen davon, indes nach Scheler nur der
zeichnet. Am schwächsten sei die zweite Stufe aus- Mensch Selbstbewusstsein aufweist. Damit werden
gebildet; beim Menschen könne man daher von allein für ihn seine vegetativen, animalischen und
relativer Instinktentbundenheit sprechen. Die drit- geistigen Funktionen zu den seinigen. Er bemerkt
te und vierte Schicht jedoch ähneln derjenigen im und reflektiert sie, und eventuell gelingt es ihm,
übrigen Tierreich. zu ihnen Distanz aufzubauen. In Ausnahmefällen
Was aber macht bei derart großer Übereinstim- kann er sogar seine Lebensbasis für angeblich hohe
mung mit Pflanze und Tier das spezifisch Mensch- und höchste Werte (Ehre, Würde, Treue, Vaterland)
liche am Menschen aus? Gibt es, wenn nicht die opfern.
Fähigkeit zu Ausdruck, Werkzeuggebrauch oder Dieses Etwas am Menschen, das zu alledem fä-
antizipierendem Planen das Spezifische an der hig ist, nannte Scheler Person. Personen verfügen
menschlichen Gattung bedeuten, darüber hinaus über Raum und Zeit, indem sie über diese Dimen-
noch Qualitäten, welche den Menschen grundsätz- sionen nachdenken und sie zu Objekten ihrer spe-
lich vom Tier unterscheiden? kulativen, künstlerischen oder wissenschaftlichen
In Die Stellung des Menschen im Kosmos be- Neugierde erheben können. Tiere leben in Raum
antwortete Scheler diese Fragen mit dem Verweis und Zeit, ohne in Gedanken je aus ihnen aussteigen
auf Begrifflichkeiten, die bereits in seinen früheren zu können.
Schriften Verwendung fanden: Akt, Person und Personen sind Aktzentren. Wie bereits unter
Geist. Die herausragende Wesenseigentümlichkeit Der Formalismus in der Ethik und die materiale
des Menschen, die ihn im Vergleich zu anderen Wertethik ausgeführt, ereignet sich Personalität im
Lebewesen auszeichnet, ist seine Geistigkeit, die Zuge ihrer Akte (Denken, Fühlen, Werten, Urtei-
auch als Weltoffenheit oder Vernunft charakteri- len, Handeln, Verstehen). Ebenso hat Scheler das
siert werden kann: Wesen der Geistigkeit beschrieben: als Aktualität
sowie als Ordnungsgefüge von Akten.
»  Stellen wir hier an die Spitze des Geistbegriffs Der Geist war für Scheler damit ebenso wenig
seine besondere Wissensfunktion, die Art Wissen, gegenständlich wie die Person, wobei es für ihn
die nur er geben kann, dann ist die Grundbe- unbestritten war, dass für beide Phänomene der
stimmung eines geistigen Wesens, wie immer es menschliche Leib eine Grundvoraussetzung dar-
psychophysisch beschaffen sei, seine existentielle stellt. Konstitutiv für den Menschen sind Spannun-
Entbundenheit vom Organischen, seine Freiheit, gen und Konflikte zwischen Geist und Bios, Per-
99
Conclusio

sonalität und Leib, Aktzentrum und psychophysi- allen seinen Spielarten (Kunst, Wissenschaft, Phi-
schem Trieb und Drang. losophie, die Kultur allgemein) ein Produkt von
Die geistige Dimension des Menschen erach- Triebsublimierung und -umwandlung sei.
tete Scheler dabei ursprünglich als ohnmächtig, Stattdessen seien der menschliche Geist sowie
aber ziel- und wertorientiert; die biologischen und die Personalität ebenso ursprünglich wie Bios und
psychischen Dimensionen seien dagegen mächtig Psyche. Daher irrten Scheler zufolge aber auch
und dämonisch, aber primär sinnarm. Trotz aller Denker wie Hegel, Fichte oder Schelling, welche
Hervorhebung von Geistigkeit und Personalität als der Geistigkeit (Vernunft, Logos, Gott) den Primat
auszeichnendes Anthropinon hütete sich der Den- zuschrieben und Kosmos sowie das Leben aus ihr
ker davor, hinter die von den europäischen Mo- entspringen ließen. Diese idealistischen Theorien
ralisten und besonders von Nietzsche begründete seien genauso wie die naturalistischen als einseitig
Vernunftkritik zurückzugehen. Auch für Scheler abzulehnen.
bedeutete der Leib die ältere und oftmals durchset- So sehr Scheler den Unterschied zwischen Le-
zungsfähigere Vernunft und das Ich, der Intellekt ben und Geist betonte, so sehr war er von der onto-
respektive das Selbstbewusstsein nur »ein Etwas am logischen Identität von Physis und Psyche, Körper
Leib«. und Seele überzeugt. Diese waren für ihn lediglich
Aufgrund einer permanenten gegenseitigen phänomenal geschiedene Ansichten oder Aspekte
Durchdringung komme es beim Einzelnen im des einen Leibes (beseelter Körper) oder Organis-
günstigen Fall zu einer Ermächtigung und Ver- mus:
lebendigung seines personalen Geistes sowie zu
einem Zuwachs an Sinn, Wert und Bedeutung im »  Was wir also »physiologisch« und »psycholo-
Bereich von dessen drängend erlebten psychophy- gisch« nennen, sind nur zwei Seiten der Betrach-
sischen Schichten: »Geist und Drang wachsen so an tung eines und desselben Lebens-Vorganges. Es gibt
sich selbst.« Eine Gegnerschaft von Bios und Geist, eine »Biologie von innen« und eine »Biologie von
wie sie von Ludwig Klages in Der Geist als Wider- außen« … Die Kluft, die Descartes, durch seinen
sacher der Seele beschrieben wurde, hat Scheler kei- Dualismus von Ausdehnung und Bewusstsein als
neswegs postuliert. Substanzen, zwischen Körper und Seele aufgerich-
Wohl aber ist der Mensch aufgrund seiner Geis- tet hatte, hat sich heute fast bis zur Greifbarkeit
tigkeit in der Lage, nein zum Leben und zu dessen der Einheit des Lebens geschlossen (Scheler 1988,
unzähligen situativen Aufforderungen und Ver- «
S. 74f.). 
suchungen zu sagen. Tiere sind zur andauernden
Bejahung ihrer Existenz verurteilt: Jeder für sie re-
levante Reiz verursacht eine Reaktion, ohne dass sie Conclusio
zwischen diese beiden jene kleine Sekunde der Re-
flexion schieben könnten, die schon von Nietzsche Mit diesen Beschreibungen wies Scheler Parallelen
als Voraussetzung für Geistentwicklung bezeichnet zu jenen Überlegungen zum Leib-Seele-Problem
wurde. Scheler zitierte in diesem Zusammenhang auf, welche die Psychosomatiker wie Viktor von
Buddha, der meinte, es sei herrlich, »jedes Ding zu Weizsäcker mit ihrem Aspektdualismus vertreten
schauen, furchtbar, es zu sein«. Und weiter führte haben. Es ist bemerkenswert, bei einem Philo-
er aus, dass der Mensch nur als Neinsager zu Aske- sophen bereits Ende der 20er Jahre des 20. Jahr-
se, Sublimierung und Versagung fähig ist. hunderts solche anthropologische Überzeugungen
Scheler wollte seine Theorie der Verlebendi- zu vernehmen, die selbst zu Beginn des 21. Jahr-
gung des Geistes und der Vergeistigung des Leibes hunderts noch nicht medizinisch-philosophisches
nicht mit psychoanalytischen Vorstellungen über Allgemeingut geworden sind. In Die Stellung des
Verdrängung und Sublimierung gleichgesetzt wis- Menschen im Kosmos erlaubte sich der Denker
sen. Freud und seine Schüler seien einem falschen sogar einen Ausflug ins Gebiet der Ätiologie von
naturalistischen Modell aufgesessen, als sie davon Krankheiten, den man mit Recht einen psychoso-
ausgingen, dass die Geistigkeit am Menschen mit matischen nennen darf:
100 Kapitel • Max Scheler

»  Es kann ein Magengeschwür nach unserer heu- Dieser Gedanke leitet über zur Frage, welche
tigen Erfahrung ebenso wohl psychisch bedingt Art von Heilkunde wir für das 21. Jahrhundert
sein wie durch einen gewissen chemisch-physikali- wünschen und entwerfen. Nimmt man Schelers
schen Prozess … Selbst der fundamentale Lebens- Lehren hinsichtlich Wert, Person und Geistigkeit
vorgang, der »Tod« heißt, kann durch einen plötz- ernst, darf und muss sich die Medizin zukünftig
lichen Affektschock ebenso wohl herbeigeführt energisch um eine Integration dieser Daseinsdi-
werden wir durch einen Pistolenschuss. Das alles mensionen in ihre Pathogenese-Theorien sowie
sind nur verschiedene Zugangsweisen, die wir in Diagnostik- und Therapiemodelle bemühen.
unserer Erfahrung und Lenkung zu ein und dem- Damit könnte sich die Medizin von einer vor-
selben ontisch einheitlichen Lebensprozess haben wiegend romantischen (um 1800), materialistisch-
«
(Scheler 1988, S. 77).  naturalistischen (um 1900), psychosomatischen
(um 1950) und molekulargenetischen (um 2000)
Ähnlich wie Schelers Beschreibungen des Leibes zu einer personalen Heilkunde entwickeln, welcher
als beseelter Körper, der als gesamter Organismus das Geist- und Kulturschicksal ihrer Patienten ähn-
erkrankt oder gesundet, selbst wenn sich seelische lich wichtig wird wie deren biologische Konstitu-
oder körperliche Aspekte in den Vordergrund tion und psychosoziale Lebensgeschichte.
schieben, lassen sich auch andere Begriffe aus
seiner Philosophie (etwa das Gegensatzpaar von
Herrschafts- und Bildungswissen) für die Heilkun- Literatur
de nutzbar machen.
So kann man sich fragen, inwiefern die Medizin Becker R, Bermes Ch, Leonardy H (Hrsg) (2007) Die Bildung
der Gesellschaft – Schelers Sozialphilosophie im Kon-
im Laufe der letzten Jahrhunderte analog zu ande-
text. Königshausen & Neumann, Würzburg
ren Wissenschaften vorrangig zum Instrument des Bermes Ch, Henckmann W, Leonardy H (Hrsg) (1998) Denken
Herrschaftswissens Zuflucht suchte. Zumindest die des Ursprungs – Ursprung des Denkens. Königshausen
Themen der Machbarkeit von Gesundheit und des & Neumann, Würzburg
Beherrschens von Krankheiten sind spätestens seit Bermes Ch, Henckmann W, Leonardy H (Hrsg) (2003) Ver-
nunft und Gefühl – Schelers Phänomenologie des emo-
der Mitte des 19. Jahrhunderts für die abendländi-
tionalen Lebens. Königshausen & Neumann, Würzburg
sche Heilkunde dominant geworden. Bermes Ch, Henckmann W, Leonardy H (Hrsg) (2005)
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind wir darü- Solidarität – Person und soziale Welt. Königshausen &
ber hinaus mit anspruchsvollen Problemstellungen Neumann, Würzburg
wie Machbarkeit und Modulation von Leben gene- Good P (Hrsg) (1975) Max Scheler im Gegenwartsgeschehen
der Philosophie. Francke, Bern
rell (Biodesign, genetische Manipulation, In-vitro-
Mader W (1980) Scheler. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg
Fertilisation, ästhetische Chirurgie, Nachzüchtung Sander A (1996) Mensch – Subjekt – Person. Die Dezent-
von Organen) und der Aufschiebung oder -hebung rierung des Subjekts in der Philosophie Max Schelers.
des Todes (reproduzierendes Klonen) konfrontiert. Bouvier, Bonn
Die psychosozialen, anthropologischen und kul- Sander A (2001) Max Scheler zur Einführung. Junius, Ham-
burg
turellen Dimensionen dieser Fragen beginnen uns
Scheler M Gesammelte Werke (GW) 1–15. Francke, Bern &
erst langsam bewusst zu werden. Bouvier, Bonn o. J.
Für einen humanen und konstruktiven Umgang Scheler M (1957) Ordo amoris. In: Schriften aus dem Nachlass
mit diesen Themen benötigen wir Ärzte, Psycho- I, GW 10. Francke, Bern (Erstveröff. 1916)
logen, Therapeuten, Philosophen, Wissenschaftler, Scheler M (1980) Der Formalismus in der Ethik und die mate-
riale Wertethik, GW 2. Francke, Bern (Erstveröff. 1913–16)
Politiker und nicht zuletzt Laien und Patienten, die
Scheler M (1985) Wesen und Formen der Sympathie. Bouvier,
über ein erhebliches Maß an Bildungswissen ver- Bonn (Erstveröff. 1913)
fügen und ausgehend davon die wissenschaftlich- Scheler M (1988) Die Stellung des Menschen im Kosmos.
technischen Möglichkeiten von Medizin, Biologie Bouvier, Bonn (Erstveröff. 1928)
und Biotechnik mit emotionaler und sozialer Klug- Stumm G, Pritz A, Gumhalter P, Nemeskeri N, Voracek M
(2005) Personenlexikon der Psychotherapie. Springer,
heit sowie mit vorausschauender Reflexionskraft
Wien
durchdringen.
101

Karl Jaspers
Biographisches – 102
Werkanalyse – 104
Conclusio – 112
Literatur – 112

G. Danzer, Wer sind wir? – Auf der Suche nach der Formel des Menschen,
DOI 10.1007/978-3-642-16993-9_8,
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2011
102 Kapitel • Karl Jaspers

jungen Mann als Ursache seiner angeschlagenen


Gesundheit ein Lungenleiden (Bronchiektasen,
also Erweiterungen der Bronchien und Alveolen,
die zu Ansammlung von Schleim und zu Entzün-
dungen führen) diagnostiziert, in dessen Gefolge es
zu einer Herzpumpschwäche gekommen war. Die
Lebenserwartung bei solcher Krankheit wurde da-
mals auf dreißig bis vierzig Jahre angesetzt.
Jaspers reagierte vernünftig und entschlossen
. Abb. 1 Karl Jaspers auf diese Situation und richtete sein Leben ganz auf
(*1883; †1969). (Stumm et
al. 2005)
die Bekämpfung des Krankseins aus. Durch per-
manentes Abhusten konnte er die Frequenz von
Fieberschüben reduzieren. Auch teilte er sich den
» Die Praxis des Arztes ist Philosophie. « Tag genau ein; Überanstrengungen wurden ver-
mieden. Nach einem Kuraufenthalt 1902 in Sils-
Nicht nur aufgrund dieser Überzeugung verdient Maria (Schweiz) entschloss sich Jaspers, Medizin
es Karl Jaspers, in einen Band über medizinisch- zu studieren.
philosophische Anthropologie aufgenommen zu Nach einigen Semestern in Berlin und Göttin-
werden. Schließlich hat er sich – was eine Seltenheit gen beendete Jaspers sein Medizinstudium in Hei-
darstellt – sowohl in der Medizin (Psychiatrie) als delberg mit Erfolg. 1908 wurde er mit einer Arbeit
auch in der Psychologie und Philosophie einen Na- über Heimweh und Verbrechen von Franz Nissl,
men gemacht. Dabei kreisen seine psychiatrischen dem Direktor der Psychiatrischen Universitäts-
Schriften ähnlich wie seine philosophischen Texte klinik, promoviert. Nissl war vorrangig an histo-
um Themen der menschlichen Existenz (. Abb. 1). logischen Untersuchungen interessiert, besaß aber
zugleich die innere Souveränität, seine Doktoran-
den und Assistenten auch in andere Richtungen
Biographisches forschen zu lassen.
Nach seiner Approbation wurde Jaspers Vo-
Jaspers wurde 1883 in Oldenburg geboren und lontärassistent in der Heidelberger Psychiatrischen
wuchs in eine großbürgerliche Familie hinein. Sei- Klinik. Nissl bot dem schonungsbedürftigen Jung-
ne Vorfahren waren Bauern, Kaufleute und Pasto- arzt entgegenkommende Arbeitsbedingungen: Jas-
ren; sein Vater hingegen war ein erfolgreicher Ju- pers musste keine klinischen Aufgaben überneh-
rist, Beamter und Bankdirektor. men, durfte aber an psychiatrischen Aktivitäten
Karls Kindheit war schwierig, denn er litt unter und Veranstaltungen der Klinik nach freiem Er-
einer schwachen Gesundheit, ohne dass vorerst die messen teilnehmen und konnte ansonsten unein-
Ursachen hierfür geklärt werden konnten. In der geschränkt forschen. 1909 lernte Jaspers den Sozio-
Schule war er solide, aber nicht überragend. Vom logen Max Weber kennen, der ihn beeindruckte,
Vater hatte er dessen Eigenwillen übernommen, und den er sich als Vorbild für sein wissenschaft-
so dass er sich weigerte, einer der nationalistisch liches und philosophisches Schaffen wählte.
und paramilitärisch geprägten Schülerverbindun- Bereits 1907 hatte Jaspers über seinen Studien-
gen beizutreten. Das erzürnte den Direktor, der ihn freund Ernst Mayer dessen Schwester und seine
nach dem Abitur mit der düsteren Prognose aus spätere Frau Gertrud kennengelernt. Die Familie
dem Oldenburger Gymnasium entließ: »Aus Ihnen der künftigen Gattin war jüdisch. Die Angehörigen
kann ja nichts werden, Sie sind organisch krank!« der beiden Brautleute kannten keine Vorurteile, so
Dennoch machte sich Jaspers 1901 daran, zuerst dass ihrer Eheschließung 1910 familiär nichts im
in Heidelberg und dann in München Jura zu studie- Wege stand. Die Ehe erwies sich als außerordent-
ren. Während der ersten Semester wurde bei dem lich stabil; Frau Gertrud starb 1974, fünf Jahre nach
hochgewachsenen (über 1,90 Meter) und hageren ihrem Gatten, im 97. Lebensjahr.
103
Biographisches

Das Arbeitspensum von Jaspers war trotz seiner Arbeiten (Nietzsche, 1936; Descartes, 1937) publizie-
chronischen Krankheit beachtlich. Nach einigen ren konnte, schloss man ihn von der Universitäts-
Detailuntersuchungen ging er an die Ausarbeitung verwaltung aus und verbot ihm zuletzt sogar noch
seiner voluminösen Allgemeinen Psychopathologie die Vorlesungen. Man zwang ihm den Ruhestand
(1913), in der er bei sorgfältiger Methodenklärung auf, so dass er sich ganz auf seine Privatexistenz
die Resultate der von Wilhelm Dilthey angebahnten zurückzog. Den besten Kommentar zu dieser trau-
geisteswissenschaftlichen Psychologie in die Psych- rigen Lage gab sein 80-jähriger Vater, der zu ihm
iatrie einführte. Das ergab ein neues Verständnis sagte: »Es ist gut, mein Junge, dass es so gekommen
für viele Krankheitsbilder, und die psychiatrische ist; in diese Gesellschaft passen wir nicht.« Nota
Fachwelt bekam den Eindruck, dass damit ein gro- bene: Der Junge war zu diesem Zeitpunkt bereits
ßer Fortschritt in Bezug auf Theoriebildung und 54 Jahre alt.
Diagnostik innerhalb der Psychiatrie gelungen war. Auf das Ehepaar Jaspers kamen viele Bedräng-
Nissl sorgte dafür, dass sein Ausnahmeassistent nisse zu. Weil sich die Pläne einer Emigration nicht
bei Wilhelm Windelband in der philosophischen realisieren ließen, trafen die Eheleute Vorkehrun-
Fakultät habilitiert wurde. Der frischgebackene gen für den Fall, dass Frau Gertrud in eines der
Privatdozent lehrte im Anschluss daran Psycho- Konzentrations- und Vernichtungslager abtrans-
logie am Philosophischen Seminar der Universität portiert würde: Sie hatten sich Gift besorgt und
Heidelberg, wo er 1916 zum Extraordinarius er- wollten gemeinsam in den Freitod gehen. Weil die
nannt wurde. Alliierten im April 1945 Heidelberg befreiten, kam
Jaspers hielt Vorlesungen über Sozial- und Völ- es nicht zu diesem tragischen Ende.
kerpsychologie, Ethik und Moralpsychologie, Reli- Während der NS-Herrschaft hatten sich viele
gionspsychologie, Psycho- und Pathographien so- Kollegen von Jaspers abgewandt. Das betraf auch
wie Psychologie der Weltanschauungen. Nebenher Martin Heidegger, mit dem er seit 1920 bekannt
studierte er intensiv die philosophische Tradition, und befreundet war. Ganz anders reagierte die exi-
und als er 1919 seine Psychologie der Weltanschauun- lierte Hannah Arendt, die ihrem ehemaligen Philo-
gen publizierte, musste man allgemein anerkennen, sophielehrer die Treue hielt; Jaspers hatte sie Ende
dass aus dem Psychologen Jaspers ein Philosoph der 20er Jahre promoviert, nachdem sie von Hei-
geworden war. 1920 übernahm er die Nachfolge degger (dessen Geliebte sie war) zum Zwecke der
von Hans Driesch, der nach Köln wegberufen wor- Dissertation an seinen Heidelberger Philosophen-
den war, und nachdem ihm andere Universitäten freund verwiesen worden war.
einen entsprechenden Lehrstuhl angeboten hatten, Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Heidel-
verlieh man ihm 1922 ein Ordinariat in Heidelberg. berger Hochschule neu aufgebaut, worauf Jaspers
Durch weitere Publikationen konsolidierte Jas- großen Einfluss nehmen konnte. Als er mit Reden
pers seinen Ruf. 1931 veröffentlichte er ein Bänd- und Schriften in die Öffentlichkeit trat (z.  B. mit
chen mit dem Thema Die geistige Situation der Zeit Die Schuldfrage, 1946 oder Von der Wahrheit, 1947),
– eine Kulturanalyse, die weithin beachtet wurde. empfand man ihn als »Praeceptor Germaniae«.
Fast gleichzeitig kam die dreibändige Philosophie Damals bot man ihm sogar das Amt des Bundes-
auf den Markt, die erstmals den Begriff Existenz- präsidenten an, was er mit Hinweis auf seine fragile
philosophie im Sinne von Existenzerhellung ge- Gesundheit ablehnte.
brauchte. Dieses Monumentalwerk wurde unter 1948 – Jaspers war inzwischen 65 Jahre alt – kam
der Mithilfe des Schwagers Ernst Mayer und der es zu einem Ruf auf einen philosophischen Lehr-
Ehefrau Gertrud ausgearbeitet. Nach Jaspers haben stuhl in Basel und zur Umsiedlung in die Schweiz.
diese beiden Helfer einen gewaltigen Beitrag zum In Deutschland reagierte man mit üblen Polemiken
Buch geleistet. auf seine Ausreise und warf dem Philosophen vor,
Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 war sein Land im Stich zu lassen. Dabei übersah man
Jaspers von den antisemitischen Verfolgungen geflissentlich, wie sehr das Ehepaar Jaspers in den
überrascht. Als Gatte einer jüdischen Frau erlitt er düsteren Jahren der Barbarei ständig in großer Ge-
selbst Repressalien. Wiewohl er noch bis 1937 einige fahr gelebt hatte.
104 Kapitel • Karl Jaspers

Die Basler Jahre waren hinsichtlich der Lehr- (1966) rechnete Jaspers mit unerfreulichen Erschei-
und Publikationstätigkeit für Jaspers fruchtbar. Er nungen in seiner früheren Heimat ab, was einen
fühlte sich wohl in dieser Stadt, die Erasmus von Sturm der Kritik auslöste; unter anderem empfahl
Rotterdam, Jacob Burckhardt, Friedrich Nietzsche er, man solle sich mit den beiden deutschen Staaten
und Franz Overbeck zu ihren herausragenden abfinden.
Denkern zählen darf. Vor allem schätzte er die Doch trotz mancher kritischen Stimmen über-
politische Unabhängigkeit in der Schweiz, indes er wog in der Basler Zeit die Anerkennung für Jas-
mit der Gestaltung der Bundesrepublik mehr oder pers. 1953 machte ihn die Universität Heidelberg
minder haderte. Seinen Arbeits- und Lebensstil der zum Ehrendoktor; ärztliche Sozietäten ernannten
damaligen Zeit brachte er in einem Bonmot auf den ihn zum Ehrenmitglied. 1958 erhielt er den Frie-
Punkt: »Ich arbeite immer; sonst tue ich nichts.« denspreis des deutschen Buchhandels und weitere
Die Schriften der Alterszeit entdeckten neue Ehrungen in Paris, Genf und Basel (Erasmuspreis).
Themenbereiche. Der eine war die Geschichtsphi- Auch seine Schüler Hannah Arendt, Jeanne Hersch
losophie, über die Jaspers Vom Ursprung und Ziel und Hans Saner äußerten sich in schönen Kom-
der Geschichte (1949) veröffentlichte. Darin findet mentaren und Darstellungen über ihren Lehrer, der
sich die These von der Achsenzeit, nämlich des 1969 in Basel im Alter von 86 Jahren starb.
Zeitraums von 800–600  v.  Chr., in welchem die So legen etwa Jeanne Herschs Karl Jaspers –
Menschheit an verschiedenen Orten der Erde die Eine Einführung in sein Werk (1980) ebenso wie
Dimension der Vernunft für sich eroberte. Die da- Hans Saners Jaspers (1970) Zeugnis von deren Ver-
mals erreichte Stufe der Hochkultur und Humani- bundenheit mit ihm ab. Hannah Arendt sagte über
tät hat für alle späteren Zeiten vorbildlich gewirkt. ihn: »Wenn Jaspers sprach, wurde es hell.« Das war
Einen anderen thematischen Schwerpunkt bil- auch der Eindruck, den seine Vorlesungen zu ma-
dete die Philosophie der Religion. Jaspers lehnte die chen pflegten. Jeanne Hersch meinte über sie: »In
kirchliche Glaubenspraxis ab und meinte, dass Ge- all diesem war etwas Festes und Unerschütterliches;
spräche mit Theologen nutzlos seien. In Der philo- man sah einen Mann, der sich auf die Wahrheit
sophische Glaube angesichts der Offenbarung (1962) stützte – und auf sie allein.«
findet sich daher Skepsis gegenüber der Offenba- Der Autor hat sechzig Jahre lang publiziert. Er
rungsreligion. Dennoch hielt der Autor an einer veröffentlichte über dreißig Bücher im Umfang von
vergeistigten Gotteslehre fest, womit er liberale mehr als 12.000 Druckseiten. Im Nachlass fanden
Gläubige versöhnte, wie er denn überhaupt kein sich noch weitere 35.000 Blätter und Tausende
radikaler Kämpfer war. Briefe. Die Texte wurden in vielen Übersetzungen
1957 publizierte Jaspers zwei Bände Die großen in den wichtigsten Fremdsprachen verbreitet. Man
Philosophen – ein Werk, das Tausend Druckseiten kann von einem gigantischen Lebenswerk spre-
umfasst. Es stellt zuerst Maßgebende Menschen (So- chen, das Jaspers, unterstützt von seiner Gattin, mit
krates, Buddha, Konfuzius, Jesus) vor und leitet zu unendlicher Klugheit und Disziplin seinem kran-
den Fortzeugenden Gründern des Philosophierens ken Körper abgerungen hat.
über. Weitere Kapitel erörtern Aus dem Ursprung
denkende Metaphysiker wie Kant, Spinoza und
andere. An allen Passagen erkennt man die groß- Werkanalyse
zügige Absicht, ein Gespräch der Denker über die
Jahrtausende hinweg zu führen. Zahlreiche philosophische Begriffe, die Jaspers ge-
In den 50er und 60er Jahren veröffentlichte prägt hat, werden heute in der Umgangssprache
der Philosoph einige politische Schriften. In Die verwendet: Existenzerhellung, Scheitern, Grenz-
Atombombe und die Zukunft des Menschen – Poli- situation, Kommunikation, Chiffre, Achsenzeit,
tisches Bewusstsein in unserer Zeit (1958) machte er Aufschwung des Daseins zum Selbstsein, das Um-
die Menschheit auf ihre Krisensituation aufmerk- greifende. In einigen dieser Termini sind medizi-
sam und setzte seine Hoffnung auf eine zukünftige nisch-anthropologische Aussagen mit enthalten.
Weltföderation. In Wohin treibt die Bundesrepublik? Diese werden ebenso erläutert wie das psychiatri-
105
Werkanalyse

sche Hauptwerk des Denkers, die Allgemeine Psy- Um die damals etablierten psychiatrischen
chopathologie, sowie seine Schriften zum Arztsein Krankheitskonzepte weiterzuentwickeln, empfahl
und zur Heilkunde, die unter dem Titel Der Arzt im Jaspers sich und seinen Ärztekollegen, philosophi-
technischen Zeitalter 1986 als Sammelband heraus- sches und wissenschaftstheoretisches Denken zu
gegeben wurden. erlernen. Auf diese Empfehlung reagierten die An-
gesprochenen recht unterschiedlich. Sein Psychiat-
z Allgemeine Psychopathologie riechef Nissl etwa meinte: »Schade um den Jaspers;
Schon als Volontärassistent in Heidelberg äußerte er beschäftigt sich mit lauter Unsinn.« Und ein äl-
Jaspers mehrfach Unbehagen über die offenkun- terer Nervenarzt forderte im Scherz sogar: »Man
digen Defizite der Psychiatrie (und Medizin). Ob- muss den Jaspers verprügeln!«
wohl Nervenärzte oft Patienten gegenüberstanden, Kurz nach dem Erscheinen von Allgemeine
die über seelische, soziale und geistige Beschwer- Psychopathologie sprach keiner mehr von Unsinn,
den klagten, tendierten die meisten seiner damali- und auch die Vorschläge, den Autor zu verprügeln,
gen Kollegen dazu, lediglich deren Körper und hier waren nicht mehr zu vernehmen. Im Gegenteil:
in der Regel das Gehirn zu untersuchen. Die meisten Leser spürten, dass Jaspers ein großer
In gewisser Weise hielten sich fast alle an die Wurf gelungen war, der zu einem neuen Verständ-
von Wilhelm Griesinger (Berlin) tradierte Formel: nis psychiatrischer Krankheiten und der Conditio
»Geisteskrankheiten sind Gehirnkrankheiten.« humana generell beitragen konnte.
Diese Formel war im 19. Jahrhundert durchaus pro- Im ersten Teil seines Buches handelte Jas-
gressiv gemeint, trug aber später zu einer merkli- pers subjektive und objektive Erscheinungen und
chen Vereinseitigung von psychiatrischer Diagnos- Leistungen des Seelenlebens ab. Zu den Ersteren
tik und Therapie bei. zählte er normale (Raum- und Zeiterleben, Leibbe-
Mit einem solchen körper- und gehirnzentrier- wusstsein, Ich-Bewusstsein, Realitätsbewusstsein,
ten Vorgehen erwiesen sich viele Nervenärzte des Wahrnehmungen) und pathologische (Trugwahr-
frühen 20. Jahrhunderts als Vertreter eines Men- nehmungen, Halluzinationen der Körpersinne,
schenbildes, das von Positivismus, Materialismus, psychotische Bewusstseinsveränderungen, Wahn-
Biologismus und Reduktionismus geprägt war. In ideen, phantastische Erlebnisse) psychische Phä-
ihrer diagnostischen und vor allem auch therapeu- nomene. Zur Gruppe der objektiven Leistungen
tischen Ratlosigkeit griffen sie zu vereinfachenden gehören dem Autor zufolge Reflexe, gestaltpsycho-
anthropologischen Konzepten, von denen eini- logische Gesetzmäßigkeiten, Intelligenz, Denken,
ge unter ihnen – so zum Beispiel auch Wilhelm Erinnern, Urteilen und die Sprache. Auch hierbei
Griesinger – spürten, dass sie den beobachteten lassen sich Normalität und Störungen unterschei-
Krankheitsphänomenen nicht vollumfänglich ge- den.
recht wurden. Gleichwohl stützten sie sich darauf, Den zweiten Teil von Allgemeine Psychopatho-
weil die biologistischen Theorien im Vergleich zu logie überschrieb Jaspers mit Die verständlichen Zu-
den spekulativ-romantischen Vorstellungen des 19. sammenhänge des Seelenlebens (verstehende Psycho-
Jahrhunderts immer noch spürbare Fortschritte logie), wohingegen der dritte Teil die Überschrift
bedeuteten. Die kausalen Zusammenhänge des Seelenlebens
Jaspers jedoch wollte sich damit nicht zufrie- (erklärende Psychologie) trägt. Beide Teile bilden
dengeben. Ausgehend von der ganzen Breite des das Kernstück des Werks und beinhalten eine aus-
Menschseins in Gesundheit und Krankheit suchte führliche Beschreibung des verstehenden und er-
er nach Untersuchungs- und Beschreibungsmetho- klärenden Vorgehens in der Psychiatrie und in den
den, welche die Lebenswirklichkeit psychiatrischer Wissenschaften vom Menschen.
Patienten wirklichkeitsgetreu erfassen sollten. Da- Mit den Erkenntniskategorien von Erklären
mit hoffte der Autor eine Grundlage für die Beant- und Verstehen nahm Jaspers auf Wilhelm Dilthey
wortung von medizinisch-philosophischen Frage- Bezug, von dem der Satz stammt: »In den Natur-
stellungen (Was ist krank, gesund? Was sind Leib, wissenschaften erklären und in den Geisteswissen-
Seele, Geist?) zu schaffen. schaften verstehen wir.« Die verstehende Metho-
106 Kapitel • Karl Jaspers

de hatte Dilthey im Rahmen der Hermeneutik zu Damit fallen möglicherweise manche Vormeinun-
einem hilfreichen Instrument der Geisteswissen- gen und Vorurteile über das Wesen und die Genese
schaften entwickelt. In Anlehnung an Diltheys von Krankheit und Gesundheit in sich zusammen:
hermeneutische Bemühungen strebte Jaspers eine
verstehende Psychologie an, mit deren Hilfe sich » Wo ein theoretisches Vorurteil herrscht, wird die
Psychiater und Psychologen, aber auch Ärzte gene- Auffassung der Tatbestände befangen. Man sieht
rell in ihre Patienten und deren fremde Persönlich- die Befunde immer schon im Schema der Theorie.
keiten einfühlen sollten. Was für sie gilt und sie bestätigt, das interessiert.
Jaspers machte seine Kollegen darauf aufmerk- Was keinen Bezug auf sie hat, das wird überhaupt
sam, dass der Umgang mit seelisch kranken und nicht wahrgenommen. Was gegen sie spricht, wird
gesunden Menschen mindestens so viel Verstehen verschleiert oder umgedeutet. Es ist daher ständig
wie Kausalanalyse erfordert. Beim Wahn zum Bei- unsere Aufgabe, von theoretischen Vorurteilen, die
spiel reichen biologische Überlegungen nicht aus, jederzeit in uns wirksam sind, absehen zu lernen,
um über Lokalisationen im Gehirn oder Störun- uns zu üben, rein die Befunde aufzufassen (Jaspers
gen des Hirnstoffwechsels die jeweiligen Sympto- «
1959, S. 15). 
me des Erkrankten zu erklären. Nimmt der Arzt
jedoch eine existentielle Beziehung zum Kranken Dieses Methodenkonzept half entscheidend mit,
auf und tritt mit ihm in einen offenen und intimen die Alltagsarbeit der Psychiatrie und in mancherlei
Dialog ein, kann er vieles an dessen Symptomatik Hinsicht der gesamten Medizin zu klären. Mit der
verstehen. Allgemeinen Psychopathologie wurde Jaspers einer
In langen Ausführungen machte Jaspers deut- der Begründer einer verstehenden Psychologie.
lich, dass es sich beim Verstehen um eine exakte Von ihr ausgehend verstärkte sich bei Ärzten und
wissenschaftliche Methode handelt, die zwar an- Psychologen das Interesse an Psycho- und Patho-
ders als das Erklären keine Maß- und Zahlenanga- graphien, von denen Jaspers selbst glanzvolle Bei-
ben, dafür aber Sinn und Bedeutung als Ergebnisse spiele gab.
ihrer Bemühungen präsentieren kann. Keinesfalls So stellte er in seiner Studie Strindberg und van
sei damit ein wildes Spekulieren oder ungefähres Gogh – Versuch einer pathographischen Analyse
Denken und Urteilen gemeint. Im Gegenteil: Wer unter vergleichender Heranziehung von Swedenborg
ernsthaft wissenschaftlich verstehend vorgehen und Hölderlin (1922) die Krankengeschichten die-
will, müsse mit langwieriger und harter Arbeit ser Künstler und Denker nebeneinander, wobei er
rechnen. bei diesen an Wahn Erkrankten sorgfältig zwischen
Neben den hermeneutischen Konzepten von jeweiligem Krankheitsprozess und Entwicklungen
Dilthey spielte bei den Jaspers‘schen Überlegun- ihrer Persönlichkeit unterschied. Später hat Erwin
gen auch die phänomenologische Methode von Straus in Geschehnis und Erlebnis (1930) mit ähn-
Edmund Husserl eine wichtige Rolle. Diese besagt, lichen Methoden das Zusammenwirken kausaler
dass sich ein Phänomenologe bevorzugt auf die Vorgänge und erlebter Gestaltungen im Kranksein
von ihm untersuchten Gegenstände (Phänomene), phänomenologisch dargestellt.
nicht aber auf die angeblich hinter oder in ihnen Man sollte meinen, dass Jaspers mit seinen her-
waltenden Ursachen und Dynamiken konzentrie- meneutischen und phänomenologischen Vorstößen
ren soll. Die meisten Wissenschaftler stürzen mit eine geistige Verwandtschaft mit der Psychoanalyse
vorgefertigten Meinungen und Theorien auf ihre zu entdecken vermochte. Das war jedoch nicht der
Objekte und übersehen dabei viele Gesichtspunk- Fall. Er hegte eine entschiedene Abneigung gegen
te, die an den Phänomenen selbst mit geduldigem Sigmund Freuds Lehre, deren deterministische und
Studium zu beobachten wären. triebpsychologische Sicht auf den Menschen ihn
Übertragen auf die Psychiatrie und Medizin all- abstieß. Jaspers spürte offenbar die fundamental-
gemein heißt dies, die Beschwerden und Symptome skeptische Haltung der psychoanalytischen Schule
der Patienten nicht sofort auf ihr Warum, sondern und attackierte sie mehrfach, so in einem Vortrag
auf ihr Wie hin zu untersuchen und zu erforschen. mit dem Titel Zur Kritik der Psychoanalyse (1950).
107
Werkanalyse

Darin warf er den Psychoanalytikern vor, die »  Im Erforschen des Menschen sind wir nicht nur
erwähnte Trennung von Erklären und Verstehen in Zuschauer eines uns Fremden, sondern selber
Theorie und Praxis zu wenig zu beachten. Sie wech- Menschen. Wir sind es selbst, das wir untersuchen,
selten willkürlich von Kausalanalysen zu Verste- wenn wir den anderen untersuchen. Es geht uns
hensvorgängen und umgekehrt. Die Freud-Schu- nicht nur das Wissen irgendwelcher Sachen an,
le meine, einen Menschen verstanden zu haben, sondern wir gewinnen ein Wissen nur durch unser
wenn sie seine seelischen Kindheitstraumen und eigenes Menschsein. Das Ansichsein des Menschen
Triebschicksale aufgedeckt oder konstruiert habe. ist an der Grenze des Erkennbaren im Erkennen-
Dabei interpretiere sie psychische Störungen den wie im Erkannten fühlbar gegenwärtig … Der
als Auswirkungen des Unbewussten, ohne ausrei- Mensch ist immer mehr, als er von sich weiß und
chend die personale Selbstgestaltung des Patienten wissen kann und als irgendein anderer von ihm
mit einzubeziehen. Auch der Gesundheitsbegriff «
weiß (Jaspers 1959, S. 641). 
der Psychoanalyse lasse zu wünschen übrig. Letzt-
lich werde jeder Psychotherapeut sein eigenes see-
lisches Zustandsbild auf die Maßstäbe des Gesund- z Existenz und Existenzerhellung
seins projizieren, was lediglich den Narzissmus des Die Entwicklung Jaspers’ von der Psychiatrie und
Therapeuten bestätige. Medizin zur Philosophie führte über die Psycho-
Nach Jaspers täuscht man sich, wenn man logie. Eine wichtige Etappe auf diesem Weg stell-
glaubt, durch die sogenannte Lehranalyse der Psy- te die Ausarbeitung von Psychologie der Weltan-
choanalytiker dieser Gefahr begegnen zu können. schauungen (1919) dar. Darin lieferte der Autor eine
Oft gestalte sich diese wie eine geistige Gleichschal- Übersicht über die möglichen Einstellungen des
tung des Lernenden, der die Gedankenwelt des Menschen zur Welt und die daraus erwachsenden
Lehrenden kritiklos übernehmen müsse, wenn er Welt- und Lebensanschauungen.
in seiner Ausbildung erfolgreich sein wolle. So ent- Erst wenn sich Einzelne auf den Weg der Selbst-
stehe eine Tendenz zur intellektuellen Monotonie, suche und -verwirklichung begeben, existieren sie
die man jedoch viel eher bei manchen Schülern im Jaspers‘schen Sinne eigentlich. In seinen Schrif-
denn bei den Gründervätern der Tiefenpsycholo- ten betonte der Autor, dass Menschen lediglich
gie finde. über die Möglichkeit des Existierens verfügen,
Auch das Jaspers‘sche Argument, therapeuti- die sie verfehlen oder realisieren können: »Ich bin
sche Qualitäten seien kaum oder nur in Grenzen nicht Existenz, sondern bin mögliche Existenz. Ich
lehrbar, ist nicht einfach von der Hand zu weisen. habe mich nicht, sondern komme zu mir.« Letz-
Selbst die gründlichste Schulung kann Person- und tere Formulierung ähnelt den Anfangssätzen der
Tugendwerte im Lernenden nicht mit Absicht er- Tübinger Vorlesungen von Ernst Bloch, der einige
zeugen. Manchmal geschieht dies wie durch Wun- Jahre nach Jaspers analog dozierte: »Ich bin, aber
derwirkung, wenn der belebende Funke von Per- ich habe mich nicht, also werde ich.«
son zu Person überspringt. Neben dem Begriff der Existenz gebrauchte
Fehlen jedoch Ethos und menschliches For- Jaspers denjenigen der Existenzerhellung. Damit
mat in der Therapie, setzt dies deren Wirksam- zielte er auf das Verstehen und Beschreiben von
keit unüberwindbare Grenzen. Vermutlich ist individuellen Aspekten der Existenz wie auch der
die Persönlichkeit des Therapeuten der stärks- Welt generell. Daraus ergab sich die Schwierigkeit,
te Therapiefaktor. Jaspers zitierte zustimmend das je Einzelne, Subjektive und Historische eines
die Überzeugung eines Psychiaters: »Man kann menschlichen Daseins in allgemeinen Worten und
niemanden weiter bringen als dorthin, wo man Sätzen zum Ausdruck zu bringen. Jaspers gelang
selber ist.« Denn nur ein um seine eigene Indi- dies, indem er in seinem Buch neben dem psycho-
vidualität wissender Arzt kann die spezifischen logischen und philosophischen Jargon auch die
Eigenarten seines Patienten erfassen und gebüh- Sphäre der Kunst zu Wort kommen ließ.
rend berücksichtigen:
108 Kapitel • Karl Jaspers

In Psychologie der Weltanschauungen wurde Daseins konfrontiert. Jaspers plädierte dafür, die
von vielen das Kapitel »Das Leben des Geistes« her- Fragilität der menschlichen Existenz (Niederlagen,
vorgehoben. Darin beschrieb Jaspers das mensch- Schwäche, Schmerz, Begrenzungen aller Art) voll-
liche Dasein hauptsächlich in seinen tragischen umfänglich anzuerkennen und nicht mit Gleich-
Dimensionen. Er ging davon aus, dass der Mensch gültigkeit oder Nihilismus darauf zu reagieren. Das
dauernd in Situationen lebt. Diese geben den Rah- häufig geäußerte Bedürfnis nach einem Halt in den
men für alle möglichen existentiellen Entscheidun- festen Gehäusen des Lebens und Denkens sei ver-
gen ab, die stets eine Mischung aus Determination ständlich; dennoch forderte der Autor seine Leser
und Freiheit darstellen. Ein mitunter winziger Rest auf, solchen Wünschen nicht nachzugeben und
von Freisein ist dem Autor zufolge in allen Lebens- stattdessen unter offenem Horizont zu existieren,
lagen mitenthalten. selbst wenn dies Verängstigung bedeutet.
Prekär wird die freie Wahl in den Grenzsitu- Die adäquateste Antwort auf Erschütterungen
ationen. Sie muten wie Mauern an, vor die man des Daseins lag für Jaspers im mutigen Versuch der
gerät, und an denen der Ernst und das Wesen der Selbstwerdung, die für ihn immer auch mit Selbst-
Conditio humana erfahrbar wird. Menschen leben erkenntnis und Existenzerhellung einherging. Den
oft leichtsinnig und oberflächlich eine uneigent- Prozess der Gesundung siedelte er auf einem ho-
liche Existenz. In die Eigentlichkeit werden sie hen philosophischen Niveau der permanenten Re-
hineingezwungen, wenn sich eine Grenzsituation flexion des Daseins und seiner Bedingungen an.
konstelliert. Solche krisenhaften Zuspitzungen Besserung oder sogar Heilung von Erkrankungen
ergeben sich aus Leiden, Krankheit, Kampf, Tod, waren für ihn nicht nur biomedizinische oder psy-
Zufall und Schuld. Aufgrund ihres tragischen Cha- chosoziale Phänomene, sondern stets mit Erkennt-
rakters versuchen viele, diese Grenzsituationen in nissen im Bereich der Conditio humana verknüpft.
ihrem existentiellen Gehalt zu relativieren oder zu 1922 war Jaspers Ordinarius für Philosophie ge-
verdrängen: worden. In den folgenden zehn Jahren schuf er sein
Monumentalwerk Philosophie (1932), das zunächst
»  Ähnlich ist wohl der heutige Gedanke, der statt in drei Bänden publiziert und später zu einem
der Zwecke Gottes biologische Zwecke als das 900-Seiten-Opus zusammengefasst wurde. Der
Übergeordnete ansieht und das Leiden als biolo- erste Teil ist mit Philosophische Weltorientierung
gisch zweckmäßig zu begreifen, zu verteidigen, zu überschrieben. Hierin werden die wissenschaftli-
bejahen, in Abhängigkeit zu bringen sucht, wobei chen Zugänge zur Wirklichkeit referiert, wobei Jas-
man den Hintergedanken hat, das Leiden sei der pers bestritt, dass diese ein vollständiges Weltbild
Potenz nach ganz abzuschaffen, wenn der Mensch begründen können. Wissenschaften untersuchen
erst sein biologisches Wissen so vertieft hat, dass Sektoren der Realität und bewegen sich innerhalb
er die Situationen, in denen das biologisch zweck- der Subjekt-Objekt-Spaltung. Wenn wissenschaftli-
mäßige Leiden entsteht, meiden kann (Jaspers che Zugänge verabsolutiert werden, darf und muss
«
1985, S. 251).  die Philosophie als Korrekturmittel eingreifen. Sie
intendiert die Totalität der Welterfahrung, die Jas-
Jaspers verwies bei der Schilderung von Grenzsitu- pers »das Umgreifende« nannte.
ationen unter anderem auf Arthur Schopenhauer, Der zweite Teil trägt den Titel Existenzerhel-
Sören Kierkegaard und Friedrich Nietzsche. Diese lung. Diese verwertet die mannigfachen Wissen-
Denker waren durch ihre persönlichen Schicksale schaften vom Menschen, ist aber grundsätzlich von
mit den genannten Grenzen des Daseins vertraut ihnen wesensverschieden. In ihr ist das Bewusst-
und haben sie in ihren Texten eindrücklich zum sein der Seins- und Sinnfrage lebendig. Sie begnügt
Ausdruck gebracht. Aus ihren Werken und Bio- sich nicht mit Faktenwissen, sondern stellt ein
graphien entnahm der Autor wichtige Anregungen. transzendierendes Denken dar, welches das rea-
Wer sich durch die lärmige und banale Lebens- le und mögliche Dasein in Betracht zieht und ein
welt nicht betäuben lässt, findet sich unweigerlich Verständnis für das menschliche Leben als einem
mit der Brüchigkeit und den Limitierungen des Spielraum potentieller Existenzformen entwickelt.
109
Werkanalyse

Bereits in Psychologie der Weltanschauungen Wahl und Entscheidung gehört stets zum mensch-
hatte Jaspers von den Grenzsituationen gespro- lichen Lebensprogramm. Daran zu appellieren und
chen, die für das Studium des Menschen und sei- dies ins Bewusstsein zu bringen, sei eine der vor-
ner Existenz aufschlussreich sind. In Philosophie nehmsten Aufgabe der Philosophie.
ergänzte er, dass diese im Grunde eine Art Schei- Der dritte Teil von Philosophie heißt Metaphy-
tern beinhalten. Der tragisch gestimmte Autor hielt sik. Darin versuchte Jaspers, mögliche Erfahrungen
eine Erweckung des Menschen aus seiner Seinsver- der Transzendenz präzise zu erfassen. Die Meta-
gessenheit nur im Erlebnis von Daseinskrisen für physik hat sich seit jeher dieser Frage angenom-
realisierbar. Wenn Krisen überhandnehmen, wer- men. Für den Autor war es nicht sinnvoll, in den
de der Mensch unwillkürlich auf das eigentliche Spuren der überlieferten Religionen zu wandeln,
Selbstsein hingelenkt: die eine Hinter- und Überwelt jenseits der wirk-
lichen Welt postulieren und diese anthropomorph
» In der Grenzsituation erst kann es das Leiden als Analogon zur Realität ausmalen. Eher schon
als unabwendbar geben. Jetzt ergreife ich mein strebte Jaspers wie sein Vorbild Immanuel Kant
Leiden als das mir gewordene Teil, klage, leide eine Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Ver-
wahrhaftig, verstecke es nicht vor mir selber, lebe nunft (1793) an.
in der Spannung des Ja-sagen-Wollens und des nie Unser Autor meinte, dass es existentielle Be-
endgültig Ja-sagen-Könnens … Jeder hat zu tra- züge zur Transzendenz gibt, die sich für den Hell-
gen und zu erfüllen, was ihn trifft. Niemand kann sichtigen in den Grenzsituationen und anderen
es ihm abnehmen. Wäre nur Glück des Daseins, seltenen Erlebnisweisen als Basis von Welt und
so bliebe mögliche Existenz im Schlummer. Es ist menschlicher Existenz offenbaren. Anhand von
wunderlich, dass das reine Glück leer wirkt (Jaspers Chiffren könne man erfahren, was der Sinn von
«
1948, S. 493).  Sein und Seiendem ist. Chiffren sind mehr als Sym-
bole, wobei alles zur Chiffre werden kann, wenn
Im Leid, in Krankheiten, Niederlagen und existen- der Einzelne die Fähigkeit des intuitiven Begreifens
tiellen Erschütterungen ist der Mensch alleine, und erworben hat, um die Sprache der Transzendenz
wenn er diese Situationen der Einsamkeit nutzt, zu verstehen. So gelangte Jaspers auf Umwegen zu
kann er daraus gereifter und mit dem Gespür für einer Seinsmystik, die ihm ein relativ religionsna-
seine individuelle Existenzform hervorgehen. In hes Philosophieren ermöglichte.
Philosophie betonte Jaspers, dass es neben solchen Ganz glücklich konnten religiöse Leser mit die-
Voraussetzungen der Selbstwerdung auch das Er- ser Philosophie aber nicht werden. Jaspers hat nie
lebnis von Zwischenmenschlichkeit und Kommu- an einen persönlichen Gott geglaubt, der sich in
nikation gibt, die ähnlich wie die Grenzsituationen geschichtlicher Weise offenbart. Eher schon dachte
zur Verwirklichung der eigenen Persönlichkeit bei- er an einen »Deus absconditus« im Sinne von Blaise
tragen. Pascal, einen verborgenen Gott, der irgendwie mit
Im liebenden und langanhaltenden Bemühen dem Sein im Ganzen identisch ist. Zu seiner Dis-
um wechselseitige Transparenz und Verständigung tanz den landläufigen Religionen gegenüber passte
geschieht nicht selten ein Aufschwung zu authenti- es, dass der Philosoph vor seinem Tod festgelegt
schen Daseinsformen, die auf andere Weise kaum hatte, nach seinem Ableben ohne Mitwirkung eines
zu realisieren wären. Diesbezüglich vertrat Jaspers Geistlichen beerdigt werden zu wollen.
eine dialogische Philosophie, wie sie auch von an- Erwähnenswert ist der Umstand, dass Jaspers
deren Autoren (Martin Buber, Franz Rosenzweig) nach dem Zweiten Weltkrieg die Themen von Exis-
thematisiert worden war. tenz und Existenzerhellung auch in ihren kollektiv-
Selbstsein ist zugleich auch Freiheit. Nach Jas- gesellschaftlichen und politischen Dimensionen
pers greifen die deterministischen Lehren zu kurz, untersuchte. Nun legte er Wert darauf, dass jede
weil sie das menschliche Freisein übersehen. Es ist Philosophie eine Bedeutung für die Politik besitzt.
richtig, die vielfältige Bedingtheit des Handelns Schon Platon hatte gezeigt, dass echte Selbstbesin-
und Verhaltens aufzuweisen, aber ein Rest von nung ein Nachdenken über Staat und Gesellschaft
110 Kapitel • Karl Jaspers

in sich schließt, und dass der Philosoph die Ver- In Die großen Philosophen vereinigte Jaspers fast
antwortung für das Politische übernehmen muss. alle wichtigen Gestalten der Philosophiegeschichte,
Ein Thema, das sich damals aufdrängte, war die deren Biographien und Werke er kenntnisreich
Frage nach der Kollektivschuld des deutschen Vol- und einfühlsam interpretierte. Obwohl der Autor
kes. In seinem Buch Die Schuldfrage – Für Völker- in seiner Philosophenenzyklopädie auch Figuren
mord gibt es keine Verjährung (1946) demonstrier- würdigte, die nur teilweise fortschrittlichen Werten
te Jaspers seinen Landsleuten, dass sich niemand verpflichtet waren, kann man seiner monumenta-
in Deutschland als total unschuldig betrachten len Gesamtschau der Weltphilosophie die grund-
konnte. Subtil unterschied er zwischen kriminel- sätzliche Hochachtung nicht versagen.
ler, moralischer und metaphysischer Schuld. Wer Abschließend sollen jene Schriften des Autors
bei einem Verbrechen ohne Protest oder Eingreifen erläutert werden, in denen er sich direkt zu Themen
lediglich zusieht, werde ethisch beinahe ebenso be- von Anthropologie, Medizin und Arztsein geäußert
lastet wie derjenige, der Mittäter ist. hat. Dabei greifen wir auf den Sammelband Der
Weit wichtiger als diese Publikation war das Arzt im technischen Zeitalter zurück. Ausgehend
Buch Die Atombombe und die Zukunft des Men- von seinen Erfahrungen mit der eigenen Krankheit
schen (1958), das von Experten als die politisch- wie auch im Rahmen der Psychiatrie vertrat Jaspers
philosophische Hauptschrift von Jaspers betrachtet darin ein Konzept der Heilkunde, das man mit dem
wird. Der Philosoph war höchst alarmiert durch die Adjektiv existentiell versehen kann.
atomare Aufrüstung und den Abwurf der Atom- Jaspers verfocht weder eine nur naturwissen-
bomben auf Hiroshima und Nagasaki. In seinem schaftlich orientierte Medizin noch eine ihm in
500-Seiten-Werk verknüpfte er das Problem der mancherlei Hinsicht unwissenschaftlich imponie-
Bombe mit demjenigen des Totalitarismus, wobei rende Psychosomatik und Psychotherapie. Statt-
es ihm gelang, diese beiden Gefahren in ihrer Des- dessen plädierte er für eine Heilkunde, welche die
truktivität transparent zu machen. Von Politikern Beziehung von Arzt und Patienten als Begegnung
erhoffte sich Jaspers nur bedingt Kompetenzen zweier Existenzen begreift und ihr diagnostisches
zur Lösung dieser Menschheitsfragen. Eher setzte und therapeutisches Vorgehen dementsprechend
er auf individuelle Selbstbesinnung als Grundlage gestaltet.
vernunftgeleiteter Politik. Um die existentiellen Aspekte der Arzt-Pa-
tienten-Beziehung wie der gesamten Medizin zu
z Der Arzt im technischen Zeitalter verdeutlichen, verwies Jaspers auf die Phänomene
Wir übergehen zwei umfängliche Publikationen der Grenzsituationen (Leid, Tod, Schuld) sowie auf
von Jaspers, die er nach dem Zweiten Weltkrieg die Widersprüche (Antinomien) zwischen Freiheit
veröffentlichte, und die zu seinem Ruf als bedeu- und Notwendigkeit, zwischenmenschlicher Kom-
tender Denker beitrugen: Vom Ursprung und Ziel munikation und Einsamkeit, die bei Kranken wie
der Geschichte (1949) sowie Die großen Philosophen Therapeuten, in Zuständen von Pathologie wie
(1956). Im ersteren Buch entwickelte der Autor die auch Gesundheit anzutreffen seien. Damit wollte
These von der Achsenzeit (zwischen 800 und 600 er zeigen, dass ärztlich-medizinische Handlungen
v. Chr.) – jener Epoche der Menschheitsgeschichte, und Reflexionen stets von philosophischen Fragen
in der parallel in mehreren Regionen der Erde die durchtränkt sind und in sie einmünden:
Weltvernunft erwachte.
In China wirkten damals Konfuzius und Lao- » Berühmt ist der Satz des Hippokrates: Iatros
tse, in Indien Buddha, in Persien Zarathustra, in philosophos isotheos – der Arzt, der Philosoph
Palästina die alttestamentarischen Propheten und wird, kommt einem Gotte gleich. Damit ist nicht
in Griechenland die Schar der Philosophen, die in etwa der philosophisch bloß Lehrende gemeint,
mustergültiger Weise die Probleme von Kosmos sondern der handelnde Arzt, der mit seinem Arzt-
und Leben durchdachten. In ihnen anerkennen wir sein denkend unter ewigen Normen im Strom
noch heute die Apologeten vernunftgemäßen Re- des Lebens Philosoph ist – das ist schwer (Jaspers
flektierens. «
1986a, S. 17). 
111
Werkanalyse

Jaspers unterschied mehrere Arzttypen, wobei er Die ersteren Qualitätsaspekte können angehende
seine Beispiele meist aus dem Bereich der Psychi- Ärzte in Vorlesungen, Praktika, Seminaren, Labo-
atrie und Psychotherapie wählte. So gibt es seiner ren und durch wissenschaftliche Lektüre lernen.
Meinung nach unter Medizinern die »gläubigen Seit Jahrzehnten wird zwar darüber debattiert, wel-
Flachköpfe«, die von der Wirksamkeit ihrer oft un- che Lernziele im Detail in die Curricula von Me-
begründeten Behandlungsmethoden schlicht und dizinstudenten und Jungassistenten aufgenommen
naiv überzeugt sind. Die redlichen wie auch die werden sollen. Dass man mittels solcher Lehrplä-
skeptischen Ärzte sind in dieser Hinsicht bedeu- ne einen gewichtigen Teil der ärztlichen Aus- und
tend kritischer veranlagt, ohne aber ihre Zweifel mit Weiterbildung erfolgreich abdecken kann, ist je-
effektiver philosophischer Reflexion zu versehen. doch unbestritten.
Wieder ein anderer Typus ist derjenige des na- Schwieriger stellt sich die Situation hinsichtlich
turwissenschaftlichen Arztes. Dieser findet Rück- der letzteren Merkmale eines Arztes dar. Persön-
halt und Orientierung in Physiologie, Biochemie liches Format, Wärme und Güte des Wesens, ver-
und Anatomie sowie in den klinisch-empirischen stehende Solidarität, Humanität, Hilfsbereitschaft,
Beobachtungen. Solche Heilkundige sind vor Dog- Empathie, existentielle Ernsthaftigkeit, Humor
matismus und Fanatismus ebenso wie vor Schwin- trotz Tragik des Lebens, hoffnungsvoll-realisti-
del und Scharlatanerie gefeit. Sie diagnostizieren sche Zuversicht und philosophisches Bedenken
und therapieren solide und nicht selten mit gro- der Conditio humana (Weisheit) – alle diese und
ßem Erfolg, wobei ihre Verankerung in der Jahr- manch weitere Züge charakterisieren den idealty-
tausende umfassenden Tradition der Medizin wie pischen Arzt im Jaspers‘schen Sinne.
in ihrer stimmig wirkenden biomedizinischen Ge- Wie aber können derlei Haltungen und Ein-
sundheits- und Krankheitslehre sie als sicher und stellungen erworben werden? Jaspers betonte, dass
kompetent erscheinen lässt. hierfür keine herkömmlichen Lehrpläne und -bü-
Dem Idealtypus eines Arztes kamen für Jas- cher ausreichen. Vielmehr braucht es eine lange
pers jedoch nur jene Heilkundigen nahe, die und intensive Beziehung zu einem oder mehreren
neben einer fundierten naturwissenschaftlichen Mentoren, die Persönlichkeiten sind und dies in
Ausbildung auch Fähigkeiten des geisteswissen- ihrem Dasein überzeugend zum Ausdruck brin-
schaftlichen Verstehens ihrer Patienten und des gen. Erst im erlebenden Mit- und Nachvollzug er-
philosophischen Einordnens von deren jeweiligen öffnen sich für Adepten der Heilkunde Möglichkei-
existentiellen Situation aufweisen, und die sich da- ten, ärztliches Ethos in Form von Hilfsbereitschaft,
rüber hinaus durch ein hohes humanitäres Ethos Mitgefühl, Einfühlungsvermögen, Wohlwollen,
auszeichnen: Wissen, Kompetenz, Güte, Weisheit und Takt von
ihren Lehrern zu übernehmen und in ihr eigenes
» Unbedingt zu fordern ist vom Nervenarzt Wesen zu integrieren.
eine somatisch-medizinische und eine psycho- Dabei handelt es sich um vielfältige emotiona-
pathologische Bildung, die in beiden Richtungen le und intellektuelle Austauschprozesse, die häu-
wissenschaftlich ist. Ohne diese Basis kann er nur fig unbewusst ablaufen und sich nicht selten auf
Scharlatan sein, aber mit dieser Basis ist er noch scheinbare Nebensächlichkeiten beziehen. Auftre-
kein Nervenarzt. Die Wissenschaft ist nur eines der ten, Mimik, Gestik, Stimme, Kleidung, Gesprächs-
Hilfsmittel. Es muss noch viel hinzukommen. Unter stil, diagnostischer und therapeutischer Zugang
den persönlichen Vorbedingungen spielt die Weite zum Patienten sowie Umgang mit Kollegen und
des Horizonts eine Rolle, die Fähigkeit, vorüber- Mitarbeitern können ebenso wie weltanschauli-
gehend ganz wertungsfrei, hingebend, wirklich che und soziale Stellungnahmen der betreffenden
vorurteilslos zu sein, … schließlich eine ursprüng- Meister und Mentoren als Modelle und Anregun-
liche Wärme und Güte des Wesens (Jaspers 1986b, gen dienen.
«
S. 103).  Zwischen ärztlichen Lehrern und Schülern
findet demnach nicht nur Wissens-, sondern vor
allem Existenzvermittlung statt, welche die Basis
112 Kapitel • Karl Jaspers

ihrer Lehrbeziehung darstellt. Damit üben sie para- Conclusio


digmatisch jene Art der Kontaktaufnahme und Be-
ziehungsgestaltung ein, die sich im günstigen Fall Jaspers bezeichnete ärztliches Tun als eine Form
auch zwischen Arzt und Patient ergibt, und die ein von konkreter Philosophie. Doch auch der umge-
entscheidendes »Agens movens« des Therapie- und kehrte Gedanke weist Gültigkeit auf: Philosophie
Gesundungsprozesses bedeutet. Dementsprechend ist im übertragenden Sinne eine Art abstrakte Heil-
fragte sich Jaspers in Die Idee des Arztes (1953), kunde. Diagnostiziert und therapiert werden da-
bei die Irrtümer, falschen und schiefen Lebensan-
»  ob nicht die ärztliche Persönlichkeit auf eine schauungen, Unwahrheiten und Vorurteile, welche
legitime Weise selber zu einer heilenden Kraft das Denken, Fühlen und Handeln der Menschheit
wird … Die Gegenwart einer Persönlichkeit … ist seit Jahrtausenden begleiten.
nicht nur unendlich wohltuend. Das Dasein eines Die seelisch-geistige Hygiene und Diätetik, die
vernünftigen Menschen mit der Kraft des Geistes man von einer derart heilkundigen Philosophie
und der überzeugenden Wirkung eines unbedingt erwarten darf, steht und fällt mit den jeweiligen
gütigen Wesens weckt im anderen, und so auch im Vertretern ihres Faches. Jaspers war sich dieser
Kranken, unberechenbare Mächte des Vertrauens, Dimension seines Berufs vollumfänglich bewusst:
des Lebenwollens, der Wahrhaftigkeit, ohne dass Er lehrte nicht nur Existenzphilosophie – er lebte
«
darüber ein Wort fällt (Jaspers 1986a, S. 18).  sie. Dies bestätigten zumindest all jene, die ihn als
Schüler, Studenten oder nahe Bekannte und Freun-
Eine derartige Existenzvermittlung gehörte für de kennenlernten.
Jaspers ebenso zur ernsthaften zwischenmensch- Als bedeutender Vermittler der »philosophia
lichen Beziehung wie die Existenzerhellung zum perennis« wollte er deren unendlichen Reichtum
unverzichtbaren Gehalt seiner Philosophie. Medi- sichtbar machen und bewahren. Die Überlieferung
zin und Philosophie haben seiner Meinung nach der Jahrtausende war der hohe Maßstab, den Jas-
die gemeinsame Aufgabe, sich um Menschen in pers an sich selbst anlegte. Gern verwies er auf So-
ihren möglichen Existenzformen zu kümmern und krates als Modell eines philosophischen Mentors:
deren Dasein zu verstehen. Jaspers empfahl daher
Ärzten wie Patienten ein philosophisches Studium, » Dem Drange der Schüler, den Lehrer zur Autori-
das jedoch weder staubtrockene Exerzitien noch tät und zum Meister zu machen, widersteht der
schwerverständliche Begriffsakrobatik bedeutete. sokratische Lehrer als der größten Verführung der
Ihm ging es vielmehr um Existenzerhellung und Schüler; er weist sie von sich auf sich selbst zurück;
-vermittlung, die beide das Leben von Arzt und er versteckt sich in Paradoxie, macht sich unzu-
Patient wie auch von philosophischem Lehrer und gänglich (Jaspers Die Idee der Universität, 1961, zit.
Schüler umgreifen sollten: nach Saner 2005, S. 126f.).  «
»  Man hört nicht selten: »Philosophie ist mir zu Zu dieser Einstellung passte die Aufforderung von
hoch«, »Philosophie verstehe ich nicht«. Man sagt, Jaspers, die er nicht selten an seine Studenten rich-
sie sei ein luftleerer Raum, in dem die Stimme tete: »Folge nicht mir nach, sondern dir.«
nicht trage. Die Antwort wäre: Nicht luftleer sei
der Raum, aber in der Tat wie bloße Luft, … die
Luft der Vernunft, ohne die wir im bloßen Verstand Literatur
ersticken. Sie wird der Lebensatem der Existenz …
In der Vereinigung der Aufgaben von Wissenschaft Hersch J (1980) Karl Jaspers. Eine Einführung in sein Werk.
Piper, München
und Philosophie liegt die wesentliche Bedingung,
Hersch J, Lochmann JM, Wiehl R (Hrsg) (1986) Karl Jaspers –
die heute zwar nicht die Forschung, aber die Be- Philosoph, Arzt, politischer Denker. Piper, München
wahrung der Idee des Arztes ermöglicht. Die Praxis Jaspers K (1931) Die geistige Situation der Zeit. de Gruyter,
des Arztes ist konkrete Philosophie (Jaspers 1986c, Berlin
«
S. 56). 
113
Literatur

Jaspers K (1948) Philosophie. Akademie, Berlin (Erstveröff.


1932)
Jaspers K (1959) Allgemeine Psychopathologie, 7. Aufl. Sprin-
ger, Berlin (Erstveröff. 1913)
Jaspers K (1960) Vernunft und Existenz. Piper, München
(Erstveröff. 1935)
Jaspers K (1963) Vom Ursprung und Ziel der Geschichte.
Piper, München (Erstveröff. 1949)
Jaspers K (1977) Strindberg und van Gogh – Versuch einer
vergleichenden pathographischen Analyse. Piper, Mün-
chen (Erstveröff. 1922)
Jaspers K (1974) Nietzsche. Springer, Berlin (Erstveröff. 1936)
Jaspers K (1983) Von der Wahrheit. Piper, München (Erstver-
öff. 1947)
Jaspers K (1984) Der philosophische Glaube angesichts der
Offenbarung. Piper, München (Erstveröff. 1962)
Jaspers K (1985) Psychologie der Weltanschauungen. Piper,
München (Erstveröff. 1919)
Jaspers K (1986) Der Arzt im technischen Zeitalter. Piper,
München
Jaspers K (1986a) Die Idee des Arztes. In: Der Arzt im techni-
schen Zeitalter. Piper, München (Erstveröff. 1953)
Jaspers K (1986b) Wesen und Kritik der Psychotherapie.
In: Der Arzt im technischen Zeitalter. Piper, München
(Erstveröff. 1955)
Jaspers K (1986c) Der Arzt im technischen Zeitalter. In: Der
Arzt im technischen Zeitalter. Piper, München (Erstver-
öff. 1958)
Jaspers K (1988) Die großen Philosophen. Piper, München
(Erstveröff. 1981)
Saner H (2005) Karl Jaspers. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg
(Erstveröff. 1970)
Stumm G, Pritz A, Gumhalter P, Nemeskeri N, Voracek M
(2005) Personenlexikon der Psychotherapie. Springer,
Wien
115

Helmuth Plessner
Biographisches – 116
Werkanalyse – 118
Conclusio: ärztliches Denken und Erkennen – 125
Literatur – 126

G. Danzer, Wer sind wir? – Auf der Suche nach der Formel des Menschen,
DOI 10.1007/978-3-642-16993-9_9,
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2011
116 Kapitel • Helmuth Plessner

Es gibt gute Gründe, Helmuth Plessner in einen penhauer und Nietzsche, Ranke und Droysen wa-
Band über Gestalten der medizinisch-philoso- ren dem Jugendlichen vertraut.
phischen Anthropologie aufzunehmen. In seinen Als Knabe bereits las er in der Bibliothek des
Schriften hat er sich mehrfach zu Grenzthemen Vaters Wilhelm Bölsches Die Abstammung des
zwischen Medizin und Philosophie, vor allem Menschen (1904). Zusammen mit Büchern von
zum menschlichen Leib und seinen verschiedenen Herbert Spencer und Ernst Haeckel lernte Pless-
Seinszuständen, geäußert. Darüber hinaus wirk- ner dadurch darwinistische Ideen kennen, für die
ten Teile seines Werks anregend sowohl auf Ärzte er sich zunehmend begeisterte. In ihm entstand der
und Medizintheoretiker wie auch auf Philosophen. entschiedene Wunsch, zukünftig als Biologe und
Letztere zählen ihn zu den Begründern der philo- Forscher wirken zu wollen.
sophischen Anthropologie. Als er 1910 die Universität Freiburg bezog, im-
matrikulierte er sich jedoch für Medizin. Er belegte
naturwissenschaftliche Fächer und wechselte ein
Biographisches Jahr später nach Heidelberg. Dort kam er mit dem
Biologen Hans Driesch in Kontakt, auf dessen neo-
Helmuth Plessner wurde 1892 in Wiesbaden als vitalistische Ansichten er mit skeptischem Interes-
einziges Kind seiner Eltern geboren. Sein Vater Fe- se reagierte: »Seine Kombination von Biologie und
dor Plessner stammte aus Berlin und arbeitete in Philosophie faszinierte mich«, schrieb Plessner in
der hessischen Badestadt als niedergelassener Arzt seiner Selbstdarstellung (1975), »auch wenn mich
und Leiter eines Sanatoriums. Das Klinikgebäude, sein Vitalismus nicht überzeugte.«
in dem die Plessners eine Zeitlang auch wohnten, In Heidelberg kam es für Plessner zu weiteren
lag direkt am Kurpark. Ein Jahr nach der Geburt Begegnungen mit nachhaltigen Folgen: Von Wil-
von Helmuth konvertierte der Vater vom jüdischen helm Windelband – neben Heinrich Rickert die
zum protestantischen Glauben; Helmuth selbst zweite herausragende Gestalt der Südwestdeut-
wurde ebenfalls getauft. schen Neukantianer – wurde er als Student in sein
Der Sohn wuchs unter günstigen Bedingungen Seminar aufgenommen, und bei Max Weber durfte
auf. Der Vater war ein angesehener und wohlha- er am sonntäglichen »Jour fixe« teilnehmen, wo
bender Mediziner und hatte einige Zeit sogar den sich unter anderem auch Georg Lukács und Ernst
Vorsitz der Ärztekammer Wiesbaden inne. Die Bloch tummelten. Außerdem ergaben sich Kontak-
Mutter Elisabeth Eschmann, die als Gesellschaf- te mit Johann Jakob von Uexküll, auf dessen die
terin bei einer reichen Dame tätig gewesen war, Umwelt eines Lebewesens berücksichtigende Bio-
brachte eine stattliche Mitgift in die Ehe ein. Sie logie sich Plessner später mit Zustimmung bezog.
soll ausnehmend schön gewesen sein, und sie ver- Während seiner Heidelberger Jahre beschäftig-
götterte ihr Kind über alles. te sich Plessner tagsüber mit naturwissenschaftli-
Den Besuch der Volksschule konnte Helmuth chen Studien. Nachts hingegen schrieb er an einem
aufgrund eines langwierigen Keuchhustens abkür- philosophischen Traktat, den er 1913 unter dem
zen: Er erhielt Privatunterricht. Ab 1905 ging er aufs Titel Die wissenschaftliche Idee – Ein Entwurf über
Gymnasium, das er bis zum Abitur 1910 absolvierte. ihre Form publizierte. Als er die Veröffentlichung
Er lernte leicht, vor allem Fremdsprachen, wobei Windelband zeigte, war dieser so sehr davon an-
der Vater monierte, dass sich sein Sohn kaum mit getan, dass er ihn damit in aller Kürze promovieren
Grammatik und Orthographie beschäftigte. Da- wollte.
neben eroberte er sich historisches, literarisches, Plessner zögerte, da er spürte, wie wenig er von
künstlerisches, politisches und philosophisches Philosophie wusste. Um dies zu ändern, teilte er
Grundwissen: Namen wie Haydn, Mozart und Windelband seinen Entschluss mit, Philosophie
Beethoven, Albrecht Dürer und Matthias Grüne- zu studieren – allerdings nicht bei ihm, sondern
wald, Shakespeare, Lessing, Schiller und Kleist, bei Edmund Husserl in Göttingen. Der gutmütige
Gottfried Keller, Theodor Storm, Adalbert Stifter Windelband war darüber fast nicht gekränkt und
und Theodor Fontane, Ibsen und Strindberg, Scho- kommentierte den Wunsch seines Studenten recht
117
Biographisches

nachsichtig: »Wenn Sie denn meinen, dass Sie bei ropologie) und philosophischen Schulrichtungen
diesem Phänomenalisten etwas lernen können.« (Neukantianismus, Phänomenologie Husserl‘scher
Im Sommer 1914 machte Plessner bei diesem und Scheler‘scher Prägung, Neovitalismus), ohne
Phänomenalisten in Göttingen seinen Antritts- dass für Außenstehende ersichtlich war, ob dieser
besuch – im Zylinder, wie er betonte. Husserl war Polyskribent (Vielschreiber) ein Philosoph, Zoolo-
liebenswürdig, hörte seinem Gegenüber jedoch nur ge, Soziologe, Anthropologe oder alles zusammen
kurz zu und begann bald, aus eigenen Manuskrip- sein wollte. Universitäten jedoch bevorzugen in der
ten vorzulesen. Solche Sitzungen beendete er regel- Regel eindeutige Kandidaten, die im Hinblick auf
mäßig mit dem aufmunternden Satz: »Machen Sie ihre weitere Entwicklung kein unkalkulierbares Ri-
nur so weiter!« siko darstellen.
Plessner studierte bis 1916 bei Husserl und ging Das Ausbleiben einer ordentlichen Professur
(nachdem der Phänomenologe nach Freiburg be- bedeutete für den Privatdozenten, weiterhin auf
rufen worden war) nach Erlangen, wo ein Windel- finanzielle Zuwendungen von Seiten seiner Eltern
band-Schüler seine philosophische Dissertation angewiesen zu sein. Dieses Faktum dämpfte ebenso
akzeptierte. Als frischgebackener Dr. phil. arbeitete wie die mangelnde Anerkennung seiner Arbeiten
er daraufhin als Volontärassistent am Germani- die Stimmung Plessners. Hinzu kam, dass sich die
schen Museum in Nürnberg. Für den Kriegsdienst Beziehung zu Scheler verschlechterte – und dies
war Plessner aufgrund einer Behinderung seines nicht nur, weil der Jüngere sich geweigert hatte,
rechten Arms untauglich, so dass ihm ein Einsatz Märit Furtwängler, die zweite Gattin des Älteren,
während des Ersten Weltkriegs erspart blieb. nach deren Scheidung von Scheler als Partnerin zu
Um 1919 lernte Plessner Max Scheler kennen, »übernehmen«, wie dieser es vorgeschlagen hatte.
der ihn einlud, an die damals soeben wieder ge- Plessner war daher froh, dass er 1924 zu einem
gründete Universität in Köln zu gehen: »Kommen längeren Studienaufenthalt nach Amsterdam reisen
Sie nach Köln, das neue Alexandrien.« Neben Sche- konnte. Dort forschte er zusammen mit Frederik
ler lehrte bald auch Driesch in der Rheinmetropole; J. Buytendijk in dessen Institut für Physiologie.
bei Letzterem gelang es Plessner, sich mit Untersu- Gemeinsam mit dem niederländischen Mediziner
chungen zu einer Kritik der philosophischen Urteils- und Anthropologen verfasste er eine Abhandlung
kraft (1920) für Philosophie zu habilitieren. Mitte über Die Deutung des mimischen Ausdrucks – Ein
der 20er Jahre kam noch Nicolai Hartmann in die Beitrag zur Lehre vom Bewusstsein des anderen Ich
Domstadt, mit dem sich für Plessner eine väterliche (1925), deren Inhalt erstaunliche Übereinstimmun-
Freundschaft ergab. gen mit entsprechenden, in den 30er und 40er Jah-
In den Jahren bis 1933 wirkte Plessner als Pri- ren erfolgten Publikationen von Jean-Paul Sartre
vatdozent und später als Titularprofessor an der und Maurice Merleau-Ponty aufweist.
Kölner Universität. In dieser Zeit publizierte er Bü- Die Machtergreifung der Nationalsozialisten
cher wie Die Einheit der Sinne – Grundlinien einer 1933 zog massive Veränderungen im Leben Pless-
Ästhesiologie des Geistes (1923), Grenzen der Ge- ners nach sich. In Wiesbaden hatte man begonnen,
meinschaft – Eine Kritik des sozialen Radikalismus die Praxis seines Vaters zu boykottieren; wenige
(1924), Die Stufen des Organischen und der Mensch Wochen darauf fand man diesen tot in seinen Pra-
(1928) sowie Macht und menschliche Natur (1931). xisräumen, ohne dass die Ursache dafür geklärt
Daneben verfasste er eine Reihe von Aufsätzen wurde. Dem Sohn hatte das Hitlerregime, wie er
und hielt viele Vorträge und Lehrveranstaltungen. ironisch schrieb, aufgrund seiner Abstammung
Allerdings verhalfen ihm seine regen publikatori- »liebenswürdigerweise empfohlen, für das Som-
schen und didaktischen Aktivitäten zu keinem Ruf mersemester nicht anzukündigen«.
auf einen Lehrstuhl. Plessner emigrierte nach Istanbul in der irrigen
Dafür können diverse Gründe namhaft gemacht Meinung, dort eine adäquate Anstellung zu erhal-
werden. Plessner befasste sich mit verschiedensten ten. Da sich dieses Abenteuer rasch als Fehlschlag
Themen (Biologie, Geschichte, Politik, Medizin, erwies, war er froh, als ihn ein Brief seines Freundes
Erkenntnistheorie, Kunst, Musik, Soziologie, Anth- Buytendijk erreichte, in dem ihn dieser für einen
118 Kapitel • Helmuth Plessner

Lehrauftrag in Soziologie nach Groningen einlud. trafen die Plessners auf Long Island, woraus sich
Ab 1934 lebte der Philosoph in den Niederlanden der Titel von Monika Plessners Erinnerungsbuch
und lehrte an verschiedenen Universitäten. Nach erklärt.
1940 tauchte Plessner aufgrund der deutschen Be- Ab 1963 lebten die Plessners abwechselnd in
satzung in Holland unter. Göttingen und in der Schweiz. In Erlenbach nahe
Aus einer Vorlesungsreihe 1935 entstand die Zürich hatten sie ein Domizil gefunden, von dem
Schrift Das Schicksal des deutschen Geistes im Aus- aus der Philosoph zwischen 1965 und 1971 regel-
gang seiner bürgerlichen Epoche, die 1959 unter dem mäßig zu Vorlesungen an die Universität der Lim-
Titel Die verspätete Nation – Über die politische Ver- matstadt aufbrach, wo er einen Lehrauftrag für Phi-
führbarkeit bürgerlichen Geistes neu herausgegeben losophie innehatte. Außerdem publizierte er weiter
wurde und die Berühmtheit Plessners als politi- Aufsätze und größere Abhandlungen zu anthropo-
scher Autor begründete. 1941 erschien Lachen und logischen, politischen, soziologischen und kunst-
Weinen – Eine Untersuchung der Grenzen menschli- theoretischen Fragestellungen.
chen Verhaltens, womit er seine anthropologischen Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte
Studien weiter vorantrieb. Im selben Jahr starb sei- Plessner bevorzugt in Göttingen, wo er 1985 im 93.
ne Mutter; das gesamte Vermögen der Plessners fiel Lebensjahr starb; begraben wurde er in Erlenbach
daraufhin an das Deutsche Reich. in der Schweiz. Durch die Herausgabe der zehn-
Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt Plessner bändigen Gesammelten Schriften (1980-85) sowie
in Groningen seine erste ordentliche Professur für die Gründung einer Helmuth-Plessner-Gesell-
Philosophie. 1952 erreichte ihn ein Ruf an die Uni- schaft (1999) in Freiburg im Breisgau wurden Werk
versität Göttingen, wo er Professor am neu gegrün- und Biographie dieses vielseitigen Philosophen in
deten Institut für Soziologie wurde. Zu jener Zeit den vergangenen drei Jahrzehnten verstärkt beach-
lernte er die zwanzig Jahre jüngere Anglistin Moni- tet und rezipiert.
ka Atzert kennen, die sich in der Erwachsenenbil-
dung engagierte; kurz darauf heirateten beide. Mit
ihrem Erinnerungsbuch Die Argonauten auf Long Werkanalyse
Island (1995) hat Monika Plessner ihrem Mann und
ihrer gemeinsamen Beziehung ein literarisches Im Rahmen dieses Buches beschränkt sich die
Denkmal gesetzt. Werkdarstellung auf die medizinisch-anthropolo-
In den 50er und 60er Jahren wurde Plessner gisch relevanten Abhandlungen und Bücher Pless-
zumindest teilweise jene Anerkennung zuteil, die ners. Dazu zählen Die Einheit der Sinne (1923) bzw.
er lange Zeit hatte entbehren müssen. 1952 über- die Anthropologie der Sinne (1970), Die Stufen des
nahm er in Frankfurt am Main die kommissarische Organischen und der Mensch (1928), Lachen und
Leitung des Instituts für Sozialforschung, das ge- Weinen (1941) sowie die Aufsätze Vitalismus und
meinhin als Frankfurter Schule (Max Horkheimer, ärztliches Denken (1922) und Über die Erkenntnis-
Theodor W. Adorno) bezeichnet wird. 1955 wählte quellen des Arztes (1923).
man ihn zum Präsidenten der Deutschen Gesell-
schaft für Soziologie und drei Jahre später zum z Anthropologie der Sinne
Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Phi- In der Medizin ist es seit langem üblich, die Sin-
losophie. 1960/61 wurde er Rektor der Universität nesorgane und -qualitäten des Menschen unter
Göttingen. physiologischen und anatomischen Aspekten zu
Eine besondere Ehre bedeutete es für Plessner, untersuchen. Damit können Leistungen wie auch
1962/63 die erste Theodor-Heuss-Gastprofessur an Defizite und Krankheiten von Sehen, Hören, Rie-
der New School for Social Research in New York zu chen, Schmecken und Tasten erfasst und quanti-
bekleiden. Diese Hochschule war während der fa- fiziert werden.
schistischen Herrschaft zum exquisiten Treffpunkt Diesem Vorgehen liegt ein Modell von Wahr-
und Arbeitgeber für viele deutschsprachige emi- nehmung zugrunde, das schon Jahrhunderte alt ist
grierte Intellektuelle geworden. Einige von ihnen und in der Philosophie ebenso wie in der Medizin
119
Werkanalyse

tradiert wird, ohne dabei immer kritisch hinterfragt Tiere bemerken Zeichen, die für sie lockend
zu werden. So unterschied John Locke in seinem (Annäherung) oder warnend (Abwehr und Flucht)
Versuch über den menschlichen Verstand (1690) die wirken. Menschen hingegen beziehen die bewusst
äußeren Erfahrungen und Reize (»sensations«) von erlebten Sinnesreize auf ihr Selbst, ihre Geschich-
den inneren Vorstellungen (»ideas«). te, die momentane Situation und ihre Zukunft, auf
Die sinnliche Wahrnehmung der »sensations« ihre Ziele, Werte und Weltanschauung. Sie fragen
wurde für Locke zur grundlegenden Voraussetzung nach dem Wahrheitsgehalt ihrer Wahrnehmungen
jeder Erkenntnis und zur unabdingbaren Quelle al- und ordnen dieselben in größere Zusammenhänge
ler Denkakte. Sein oberster Lehrsatz lautete: »Nihil ein:
est in intellectu, quod non ante fuerit in sensu« (»Es
gibt nichts in unserem Bewusstsein, das nicht zuvor »  Denn der Mensch beruhigt sich nicht bei dem
durch unsere Sinne aufgenommen worden wäre«). puren Faktum seiner sinnlichen Organisation, er
Das menschliche Bewusstsein verglich er mit einer sieht etwas darin, einen Sinn – und wenn er ihn
»tabula rasa«, einem leeren Buch, dessen Seiten all- nicht findet, gibt er ihm einen und macht etwas
mählich mit an »sensations« gebildeten »ideas« be- «
daraus (Plessner 1980a, S. 332). 
schrieben werden.
Mit seinen Überlegungen begründete Locke Analoge Gedanken finden sich in Erwin Straus’
den Empirismus und Sensualismus. Beide besagen, Vom Sinn der Sinne (1935/56). Plessner zitierte
dass Erkenntnisse auf Sinneseindrücke zurückzu- neben diesem Buch auch Straus’ Abhandlung Die
führen sind, wobei sich der erstere Begriff von der aufrechte Haltung (1960), um hervorzuheben, wie
Empirie (Erfahrung) und der zweite vom lateini- sehr die Wahrnehmung beim Menschen durch die
schen Wort »sensus« (Sinn) ableitet. Empirismus Aufrichtung des Organismus, das perspektivische
und Sensualismus waren im Bereich von Psycho- Sehen und das erweiterte Auge-Hand-Feld speziel-
logie und Medizin einflussreich. Das Modell der le Modifikationen erfuhr.
Seele als einer »tabula rasa«, die mit Sinneswahr- Durch die größere Entfernung von Mund und
nehmungen angefüllt wird und durch Assoziation Nase zu den Dingen der Welt traten beim aufrecht
komplexe Gedanken erzeugt, findet sich bis heute gehenden Menschen die Nahsinne (Tasten, Ge-
in psychologischen und neurologischen Theorien schmack, Geruch) in den Hintergrund; stattdessen
zur Funktion des Gehirns. schoben sich die Fernsinne Gesicht und Gehör in
In seinen Schriften zur Anthropologie der Sinne den Vordergrund. Eng mit dem Sehen assoziiert
demonstrierte Plessner die Begrenzungen von sol- sind nach Plessner beim Menschen das Einsehen
chen sensualistisch-empiristischen ebenso wie von oder die Einsicht, also Verstehens- und Erkennt-
rationalistischen Modellen. Letztere gehen in der nisprozesse. Ähnliches gilt für das Hören, das zum
Neuzeit vor allem auf René Descartes zurück und Gehorsam beiträgt.
besagen, dass es angeborene Ideen und Denkakte Die aufrechte Haltung sowie die Opponierbar-
geben soll, die unabhängig von äußeren Reizen und keit des Daumens vermittelten der menschlichen
Erfahrungen und deren Wahrnehmungen existie- Hand große Freiheitsgrade. Sie wurde zur Grundla-
ren. ge für Handlungen aller Art. Darüber hinaus ist sie
Über Empirismus, Sensualismus und Rationa- ein exquisites Ausdrucks- (Gestik), Orientierungs-
lismus hinaus betonte Plessner, dass Wahrnehmun- (Tastsinn) und Erkenntnisorgan (das Begreifen)
gen beim Menschen nicht nur durch ihre physio- geworden. An ihr lässt sich ablesen, was nach
logischen Funktionen und anatomischen Struktu- Plessner die Funktionen des menschlichen Körpers
ren beschrieben werden sollten. Im Unterschied generell ausmachen: Er stellt die Basis für Hand-
zu Tieren, bei denen sich Wahrnehmung in deren lungen (nicht nur für Reaktionen) dar, ermöglicht
bloßer und direkter Information (Zeichen, Signale) Ausdruck, Sprache und Denken und bedeutet da-
erschöpft, können Menschen zumindest einen Teil neben einen Resonanzboden für Emotionalität.
ihrer Wahrnehmungen (nicht ihre Empfindungen) Aufrechter Gang, perspektivisches Sehen sowie
bewusst erleben und interpretieren (Symbole). Dominanz der Fernsinne sind Voraussetzungen
120 Kapitel • Helmuth Plessner

für die geistigen Fähigkeiten des Menschen. Hin- natürliche Welt ist bevorzugt eine sicht- und hör-
zu kommt das Phänomen des Abstands, der durch bare; feine Nasen und Geschmäcker waren allen-
die Haltung des menschlichen Organismus mög- falls noch in der Frühgeschichte der Menschheit im
lich wird. Der Einzelne kann sich Reizen, Dingen, Hinblick auf deren vitale Nöte, Triebe und Interes-
Themen und Situationen zuwenden oder sich von sen wichtig und haben im Laufe der Kulturentwick-
ihnen abwenden, ihnen mit Zustimmung begeg- lung an Bedeutung verloren.
nen oder Distanz zu ihnen und zuletzt auch zu sich In diesem Zusammenhang bedachte Plessner
selbst einlegen. Er besitzt die Fähigkeit zur Objekti- eine alte Frage der Naturphilosophie, die Goethe
vierung und erlebt sich deshalb als Subjekt. schon bewegte. In den Zahmen Xenien findet sich
In gewisser Weise sind auch die zeitliche Ver- der Ausspruch: »Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,
fasstheit des Menschen und seine Geschichtlichkeit die Sonne könnt’ es nie erblicken.« Plessner ver-
mit dem aufrechten Gang und seiner speziellen Art trat einen ähnlichen Standpunkt und meinte, dass
des Sehens verknüpft. Der Mensch ist heutigem die Sicht- und Hörbarkeit der Welt zur Entstehung
Kenntnisstand zufolge das einzige Tier, das weit zu- von Auge und Ohr beigetragen habe und nicht um-
rück- und vorausblicken kann, womit sich ihm die gekehrt.
Dimensionen von Vergangenheit und Zukunft er- Die Welt weist nicht Klänge, Farben und Figu-
öffnen. Erinnerungen und gelebte Geschichte sind ren, Oberflächen, Geschmack und Gerüche auf,
der eine Teil der menschlichen Identität (Realität); weil Menschen oder andere Lebewesen entspre-
der andere Teil wird von den Plänen und Entwür- chende Sinnesorgane haben – die konträre Argu-
fen des Individuums (Potentialität) gebildet. mentation scheint richtig: Weil die Welt sicht-, hör-,
In Anthropologie der Sinne diskutierte Plessner riech-, schmeck- und tastbar ist, entstanden und
die Frage, weshalb es bei Tier und Mensch zur Ent- vervollkommneten sich (bei vorhandener biologi-
wicklung von Sinnesorganen gekommen ist. Zum scher Disposition) korrespondierend dazu sensible
einen verwies er auf den Zirkel von Merken und Zellverbände, die sich im Laufe der Entwicklungs-
Wirken, den Johann Jakob von Uexküll in den geschichte zu Sinnesorganen strukturierten:
20er Jahren als Funktionskreis beschrieben hatte:
Lebewesen nehmen nur jene Aspekte ihrer Umwelt » Nicht der Sinn in seiner Qualität führt und ent-
wahr und bilden dafür Sinnesorgane aus, auf die sie scheidet über die Physiognomie der Welt, sondern
sinnvoller Weise einwirken können. Ein Mäusebus- diese über jene, obwohl nur insoweit, als spezi-
sard etwa hat exzellente Sehfähigkeiten, mit denen fische und organbedingte Aufgeschlossenheit des
er effektiv nach Nahrung sucht. Ein guter Geruchs- jeweiligen Sinnes dafür da ist. Ob das Ding noch
sinn ist dafür nicht nötig und deshalb bei ihm auch aussieht, wenn kein Auge mehr es ansieht? Das
nicht forciert entwickelt. Wahrgenommene und Empfundene hängt nicht
Der Mensch hat sich vom Funktionskreis vom Wahrnehmen und Empfinden ab, aber darin,
emanzipiert, da er nicht mehr nur in einer streng wie es sich darstellt, ist es mit ihm, seiner Weise,
definierten und begrenzten Umwelt, sondern in seinem spezifischen Modus ununterscheidbar ver-
einer Welt existiert, in der er für potentiell alle «
bunden (Plessner 1980a, S. 372). 
Themen und Motive offen ist. Zwischen Reiz und
Reaktion, Merken und Wirken haben sich bei ihm
geistige Prozesse (Sinn- und Bedeutungszuschrei- z Die Stufen des Organischen und der Mensch
bungen, Phantasien, Urteile usw.) geschoben, die Bei diesem Buch handelt es sich um das anthropo-
in ihrer Gesamtheit die Entstehung der Kultur er- logische Hauptwerk Plessners. Als es 1928 erschien,
möglichten: Er lebt in einem Situationskreis (Thure stand es allerdings ganz im Schatten von Heideg-
von Uexküll). gers Sein und Zeit (1927) und wurde daher kaum re-
Für den Umgang mit Natur und Kultur war es zipiert. Außerdem machte man dem Autor Plagiat-
für den Homo sapiens ratsam, seine Fernsinne zu vorwürfe, da sich in seiner Schrift ähnliche Gedan-
schärfen und auf ein hohes Leistungsniveau seiner ken wie in Schelers Buch Die Stellung des Menschen
Nahsinne zu verzichten. Seine kulturelle wie auch im Kosmos finden, das ebenfalls 1928 veröffentlicht
121
Werkanalyse

wurde. Inzwischen haben sich die Plagiatswogen kann daher zumindest kurzfristig unterbunden
geglättet, und der hohe und eigenständige Wert von werden.
Plessners Text ist anerkannt. Die geschlossene Organisationsform machte es
In Die Stufen des Organischen und der Mensch nötig, dass sich bei Tieren spezielle Sinnesorgane
widmete sich Plessner einer Urfrage der philo- ausbildeten, welche deren Inneres (etwa ein Ner-
sophischen Spekulation: Was ist der Mensch? Er vensystem) von den Zuständen des Außen unter-
war überzeugt, dass es ohne eine Philosophie des richtet und zu adäquaten Reaktionen des Gesamt-
Menschen keine tragfähige Theorie seines Daseins organismus veranlasst. Neben den schon erwähn-
und ohne Philosophie der Natur keine sinnvollen ten Motiven für die Entstehung von Sinnesorganen
Überlegungen zum Wesen des Menschen gibt. Eine mag dafür also auch die geschlossene Organisa-
philosophische Anthropologie musste für den Au- tionsform ausschlaggebend gewesen sein. Die sen-
tor daher mit einer umfassenden Beschreibung der siblen Rezeptoren und Sinnesfelder ermöglichen
naturhaften Grundlage der menschlichen Existenz passives Merken, das zusammen mit dem aktiven
(Leib, Körper) sowie des Phänomens Leben begin- Wirken (muskuläre Effektoren, Aktionsfeld) den
nen. Uexküll‘schen Funktionskreis ergibt.
Das Lebendige unterscheidet sich von nicht Die geschlossene Organisationsform trug dazu
belebter Materie durch einige grundlegende Eigen- bei, dass Tiere sich als Gegenüber zu ihrem Um-
schaften: Reagibilität, Fortpflanzung, Vererbung feld positionieren. Sie bemerken ihre Umwelt als
und Selektion, Wachstum und Entwicklung, Stoff- Lockung oder Gefahr, Widerstand oder ihnen Ent-
wechsel, Anpassung, Altern und Tod, Individuali- gegenstehendes, auf das sie aus ihrem Zentrum
tät von Lebensprozess, -form und -gestalt (Typus), heraus reagieren. Plessner benannte dies mit dem
selektive Durchlässigkeit der Grenzflächen, Selbst- Ausdruck der Frontalität, welche das grundsätz-
organisation (Zellen, Gewebe, Organe, Organis- liche Eingelassensein des Tieres in seine Umwelt
mus) und autonome Selbstveränderung (Auf- und ergänzt:
Abbau), Trennung in innen und außen (eigen und
fremd) sowie Bezug zu Raum und Zeit, Welt und »  In seiner gegen das Umfeld fremder Gegeben-
Umwelt. heit gerichteten Existenz nimmt das Tier die Posi-
Einem Einteilungsvorschlag Drieschs folgend tion der Frontalität ein. Vom Umfeld geschieden
beschrieb Plessner offene und geschlossene Or- und zugleich auf es bezogen lebt es, seiner nur als
ganisationsformen von Lebewesen. Erstere Form Leib, als Einheit der Sinnesfelder und der Aktions-
charakterisiere die Pflanzen, die in allen ihren Le- felder bewusst, im eigenen Körper, dessen natür-
bensäußerungen unmittelbar in ihre Umgebung licher Ort die ihm verborgene Mitte seiner Existenz
eingegliedert sind, und deren Organismus ein un- «
ist (Plessner 1975, S. 291). 
selbständiger Abschnitt des ihm entsprechenden
Lebenskreises ist. Pflanzen weisen keine Zentren Im Gegensatz zum zentrisch in seinem Leib und
oder Kerne (Zentralorgane) auf, und ihre Aus- Hier und Jetzt lebenden Tier ist der Mensch fähig,
tausch- und Stoffwechselflächen liegen offen zu- ein Für-sich-Sein, einen Hiatus und eine Distanz
tage. Weil sie ortsständig sind, fehlen ihnen höher zur eigenen Mitte zu erleben. Er weiß um seine
entwickelte sensible und motorische Fähigkeiten – Existenz, seine mögliche Freiheit und gleichzeitig
diese sind schlicht überflüssig. um die Abhängigkeit seines Daseins von Bios und
Anders ist es beim Tier, das sich gegen seine Materie: »Ist das Leben des Tieres zentrisch, so ist
Umwelt abgrenzen kann und daher als geschlosse- das Leben des Menschen, ohne die Zentrierung
ne Organisationsform bezeichnet wird. Hier trifft durchbrechen zu können, zugleich aus ihr heraus
man auf Zentralorgane (Gehirn) als Verarbeitungs- exzentrisch. Exzentrizität ist die für den Menschen
zentren sensibler und motorischer Reize und Reak- charakteristische Form seiner frontalen Gestelltheit
tionen. Die stoffwechselaktiven Grenzflächen sind gegen das Umfeld.«
zum Beispiel als Lungen- oder Darmschleimhaut Phänomene wie Vernunft, Freiheit, Geist, Teil-
nach innen verlagert, ihr Kontakt mit der Umwelt habe am »Common Sense« und an der Kultur so-
122 Kapitel • Helmuth Plessner

wie das um sich selbst wissende Ich charakterisie- verständlich in seiner und aus seiner Mitte heraus
ren den Menschen, wenn er sich exzentrisch posi- lebende Homo sapiens wird sich selbst oftmals sein
tioniert. Tiere leben in einer begrenzten Umwelt, größtes Problem, seine heftigste Gefahr und sein
wohingegen Menschen im Modus exzentrischer ärgster Feind.
Positionalität in einer offenen Welt existieren, die Unter der Überschrift Die anthropologischen
potentiell keine Grenzen des Erkennens, Begreifens Grundgesetze fasste Plessner deshalb einige Konse-
und Verstehens vorschreibt. quenzen zusammen, die sich aus der exzentrischen
Anders als Tiere, die über Leiber als Konglo- Positionalität des Menschen für dessen Daseinsge-
merat von Zellen, Geweben und Organen verfügen staltung ergeben. Er erwähnte etwa das Gesetz der
und in die Kreisläufe und Nischen ihrer Umwelt natürlichen Künstlichkeit, womit er Formen der
eingelassen sind, kann der Mensch als exzentrisch Lebensführung meinte, die sich Menschen suchen
Positionierter sich respektive seinen Körper (den und erfinden, weil sie ihnen nicht wie den Tieren
er hat und dem er oft ein Gegenüber geworden durch Instinkte und biologische Programme gege-
ist) von den biologischen Mustern, Rhythmen ben sind.
und Regeln partiell freisetzen und Distanz zu den Sitte, Moral, individuelle Attitüden, soziale Re-
Themen Fortpflanzung, Ernährung, Stoffwechsel, geln und Normen, Lebensstil, Zeitgeist sowie die
Bewegung, Trieb und Instinkt einlegen. In diesen gesamte Zivilisations- und Kulturgeschichte zeu-
Momenten hat er mehr einen Körper, denn dass gen von den tausendfältigen Antwortmustern, die
er Leib ist. als Reaktionen auf die natürliche Unsicherheitslage
Normalerweise lässt sich beim Menschen ein des Menschen formuliert wurden. Wegen seiner
permanenter Wechsel von Körper-Haben und exzentrischen Positionalität kann der Homo sa-
Leib-Sein und damit von exzentrischer und zent- piens seine Impulse, Triebe und Bedürfnisse nicht
rischer Position beobachten. Das menschliche Le- schlicht ausagieren. Immer gesellt sich zu ihnen das
ben ist charakterisiert durch diesen Umschlag der irritierende Moment der Reflexion, das die Men-
Perspektiven oder – wie Plessner es nannte – den schen aus ihrer natürlichen Selbstverständlichkeit
Doppelaspekt unserer Existenz. Menschen, denen holt und ihre Existenz fragwürdig und schwierig,
das Wechselspiel von Körper-Haben und Leib-Sein aber auch kulturell produktiv werden lässt.
gelingt (z. B. in Situationen von Entspannung, Zärt- Mit dem Gesetz der vermittelten Unmittel-
lichkeit, Sexualität), und die eine Innen-, Außen- barkeit zielte Plessner auf die eigentümlichen Be-
und Mitwelt konstellieren, bezeichnete Plessner als ziehungsformen ab, die Menschen als exzentrisch
Personen. Positionierte zu ihrer Außen-, Innen- und Mitwelt
Beim Menschen verschränken sich nicht nur leben. Als Leib existiert der Mensch zentrisch wie
antagonistische Perspektiven, sondern auch viele andere Tiere und damit unmittelbar und direkt in
darauf fußende existentielle Themen und Motive. und mit seiner Welt. In der exzentrischen Position
Notwendigkeit, Zwang und Gesetz einerseits und jedoch drückt sein Körper ihn und seine Gedan-
Freiheit, Spontaneität und Impuls andererseits be- ken, Pläne, Hoffnungen, Erinnerungen und Phan-
deuten ebensolche Antinomien wie diejenigen, sich tasien mittelbar aus.
als Mensch zu dem machen zu müssen, was man Nun ist der Mensch immer beides: Sehender
schon ist, oder ein Leben zu gestalten, das man ebenso wie das Sehen und Gesehene Bedenkender,
schon lebt. Eine Verschränkung erfahren beim Subjekt ebenso wie die Subjektrolle Reflektieren-
Menschen auch die Begriffe von Natur und Kultur, der, melancholisch oder heiter Gestimmter ebenso
von Mittelbarkeit und Unmittelbarkeit, von Eksta- wie seine Stimmungen in Worte Kleidender. »Das
se/Transzendenz und Immanenz. Auge vergisst sich notgedrungen«, schrieb Plessner,
Aufgrund der exzentrischen Positionalität »wenn es sieht.«
zählt der Mensch zu den am meisten gefährdeten Nicht so der schauend Forschende, der seine
Lebewesen. Nicht so sehr Naturkatastrophen, das Eindrücke kritisch prüft und dabei sowohl seine
Klima oder natürliche Gegner, sondern der nicht Impressionen wie auch sich selbst als Wahrneh-
mehr wie die anderen Tiere unbedarft und selbst- menden, Denkenden, Urteilenden usw. beinahe
123
Werkanalyse

wie von außen betrachtet. Er könnte an der Unmit- Scheinlösungen zu vertrauen, sondern das kriti-
telbarkeit seines Wissens und seines Weltkontakts sche Geschäft von Geist, Vernunft und Freiheit zu
beinahe verzweifeln, vor allem, wenn ihm bewusst verfolgen:
wird, dass er faktisch nur Bewusstseinsinhalte hat,
und dass sein Wissen von den Dingen sich als ein »  Die Exzentrizität seiner Lebensform, sein Stehen
Etwas zwischen ihn und die Dinge schiebt. im Nirgendwo zwingt ihn (den Menschen), den
Dem Menschen bleibt als Möglichkeit und Auf- Zweifel gegen die göttliche Existenz, gegen den
gabe, diese wie alle anderen Facetten seines Lebens Grund für diese Welt und damit gegen die Einheit
verbal und mit nonverbalen Mitteln auszudrücken. der Welt zu richten. Gäbe es einen ontologischen
Tiere sind mit und in ihrem Leib dauernd expressiv Gottesbeweis, so dürfte der Mensch nach dem
– ihre momentanen Bedürfnisse, Emotionen und Gesetz seiner Natur kein Mittel unversucht lassen,
Antriebe kommen durch Blick, Laute, Mimik und «
ihn zu zerbrechen (Plessner 1975, S. 346). 
Körperhaltung authentisch zum Ausdruck.
Der Mensch hat darüber hinaus die Möglich-
keit, sich mit Worten und selbst geschaffenen Sym- z Lachen und Weinen
bolen mitzuteilen. Er ist, wie Ernst Cassirer dies Dieses Buch entstand unter erschwerten Bedin-
formuliert hat, ein »animal symbolicum«, wobei gungen im holländischen Exil und wurde 1941 pu-
diese Ausdrucksart ebenfalls auf seine exzentrische bliziert, als sein Autor bereits untergetaucht war.
Positionalität verweist. Die Sprache war für Pless- Gewidmet hat Plessner den Text Baukje Heerema
ner eine »Expression in zweiter Potenz«, an welcher (einer ehemaligen niederländischen Studentin, mit
die vermittelte Unmittelbarkeit besonders deutlich der er eine Liebschaft unterhalten hatte) und ihrem
ablesbar ist. Partner Casper Ras. Mit beiden hatte sich für Pless-
Nur nebenbei sei erwähnt, dass die exzentri- ner eine Freundschaft ergeben.
sche Positionalität auch die Grundlage dafür lie- In gewisser Weise bedeutete Lachen und Wei-
fert, dass Menschen hinsichtlich ihrer verbalen wie nen eine Fortsetzung von Die Stufen des Organi-
nonverbalen Kommunikation durchaus Authenti- schen und der Mensch. Anfangs rekapitulierte Pless-
zität vermissen lassen können. Eventuell flunkern ner in dieser Schrift daher seine Ausführungen zur
sie mit ihren Angaben, spielen Rollen und schützen exzentrischen Positionalität sowie zur vermittelten
oder verfehlen damit sich und den anderen. Einige Unmittelbarkeit und zur Expressivität des Leibes.
dieser Aspekte hat Plessner in seinen Aufsätzen Zur In diesem Zusammenhang hob er neben Gestik,
Anthropologie des Schauspielers (1948), Zur Her- Gebärden, Mimik und Haltung vor allem den Blick
meneutik nichtsprachlichen Ausdrucks (1967) oder (Gesicht) und die Stimme des Menschen als dessen
Ausdruck und menschliche Existenz (1957) weiter subtilste Ausdrucksinstrumente hervor.
ausgeführt. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man
Als drittes Gesetz beschrieb Plessner dasjenige meinen, dass Lachen und Weinen ähnlich wie an-
des utopischen Standorts. Zentrisch lebende Tiere dere Affektäußerungen bei Mensch und Tier (z. B.
nehmen in der Welt einen natürlichen Ort in Raum Wut, Angst, Melancholie) einzuordnen sind. La-
und Zeit ein, an dem sie gleichsam zu Hause sind. chen würde dabei den Pol des Lustig-Heiter-Seins
Nicht so der Mensch als exzentrisch Positionierter, und Weinen denjenigen des Traurig-Verzweifelt-
der sich zufällig in einen bereits vorhandenen Kos- Seins repräsentieren. Plessner jedoch betonte, dass
mos versetzt vorfindet und aufgrund dieser Kon- es sich dabei um eigene Zustandsformen mensch-
tingenz einen utopischen Standort einnimmt. lichen Daseins handelt, die für den Menschen spe-
Weil dieses Utopia wenig Halt, Geborgenheit zifisch sind und im Tierreich nicht vorkommen.
und Schutz verspricht, flüchten viele in den schein- Wohl könne man bei Primaten zum Beispiel Trä-
bar sicheren Hafen von Religionen oder pseudore- nenfluss, Fletschen der Zähne oder eine Art von
ligiösen Weltanschauungen. Plessner war in dieser Lächeln konstatieren. Alle diese Phänomene ergä-
Hinsicht skeptisch. Für ihn hieß Menschsein im ben aber nicht jenes Lachen und Weinen, welches
Sinne exzentrischer Positionalität, keinen billigen den Menschen auszeichnet.
124 Kapitel • Helmuth Plessner

Was geschieht bei Lachen und Weinen, so dass widmete er den Phänomenen Freude, Spiel, Komik,
man zu Recht von einer speziell menschlichen Witz und Humor, wobei er auf außergewöhnlich
Ausdrucks- und Reaktionsform sprechen darf? heitere Weise seine Gedanken präsentierte. Dies ist
Um diese Frage zu beantworten, holte Plessner in umso bemerkenswerter, wenn man die prekären
seiner Schrift weit aus und diskutierte diverse phi- Umstände bedenkt, unter denen dieser Text ent-
losophisch-anthropologische, ästhetische, ethnolo- standen ist.
gische, psychologische und physiologische Erklä- Nicht ganz so umfangreich sind die Erläute-
rungsmodelle für Lachen und Weinen. Begonnen rungen Plessners zu jenen Situationen, welche die
bei Charles Darwins Der Ausdruck der Gefühle bei Menschen weinen machen. Er erwähnte den oft
Mensch und Tier (1872) und den psychophysio- zitierten Ausspruch Johann Erdmanns, den man in
logischen Ansätzen von Weber und Fechner über dessen Buch Über Lachen und Weinen (1850) fin-
die verschiedenen Versuche, Lachen und Weinen det: »Man lacht über andere, und man weint über
als Gebärden zu interpretieren, bis hin zu den ent- sich selbst.« Auch Schopenhauers Idee vom Selbst-
sprechenden Texten von Arthur Schopenhauer, mitleid als Voraussetzung des Weinens wurde vom
Sigmund Freud, Henri Bergson und Ludwig Kla- Autor erörtert.
ges reicht die Palette der vorgestellten Theorien, die Des Weiteren stellte Plessner verschiedene Ein-
vom Autor als interessant oder anregend, nicht aber teilungsversuche vor, welche das Weinen klassifi-
als hinreichend eingestuft wurden, das Phänomen zieren sollten: Das elementare Weinen sei physio-
verständlich zu machen. logisch bedingt und vorrangig bei kleinen Kindern
Plessner gestand zwar wie manche seiner Vor- zu beobachten; das persönliche Weinen setze ein
läufer dem Lachen und Weinen eine Art Aus- höheres Niveau an Emotionalität und individueller
druckscharakter sowie eine gewisse Gesten- und Reife voraus; das geistig bestimmte Weinen werde
Gebärdenhaftigkeit zu. Entscheidend sei dabei im Sinne von Hingabe, Andacht, Sehnsucht oder
aber jeweils der Vorgang des jäh Ins-Lachen- oder Ergriffensein hervorgerufen, wofür ein ausgebilde-
-Weinen-Verfallens, das mit einem Verlust an tes Wertbewusstsein voraussetzend sei.
Selbstbeherrschung und einer Desorganisation Eine andere Einteilung des Weinens geht auf
des Menschen als Leib-Seele-Geist-Einheit parallel Wilhelm Wundt zurück, der hinsichtlich mensch-
geht. Der Körper schiebt sich als Kichern, Schallen, licher Emotionen die Polarität von Lösung und
Prusten, Zerbersten oder als Greinen, Schluchzen, Spannung als wesentlich erachtete. Dementspre-
Seufzen und Tränenfluss in den Vordergrund, ohne chend unterschied er gespanntes Weinen etwa
dass der Betreffende jedoch völlig den Kopf bzw. bei Schmerz und Zorn, Ohnmacht, Mutlosigkeit,
das Bewusstsein verliert: Trostlosigkeit und Verzweiflung, Kummer, Reue,
Gram und Enttäuschung. Gelöstes Weinen sei da-
»  Durch das entgleitende Hineingeraten und Ver- gegen bei Schwermut, Wehmut und linder Trauer,
fallen in einen körperlichen Vorgang, der zwang- aber auch bei Beglücktheit, Ergriffenheit, Rüh-
haft abläuft und für sich selbst undurchsichtig ist, rung und Begeisterung sowie nach ausgestandener
durch die Zerstörung der inneren Balance wird das Angst und Anstrengung zu erwarten.
Verhältnis des Menschen zum Körper ineins preis- Das Entscheidende sowohl bei Lachen wie auch
gegeben und wiederhergestellt. Die effektive Un- bei Weinen hervorrufenden Situationen ist nach
möglichkeit, einen entsprechenden Ausdruck und Plessner jedoch die Erfahrung von Begrenzungen
eine passende Antwort zu finden, ist zugleich der – eine Idee, welche den Untertitel von Lachen und
einzig entsprechende Ausdruck, die einzig passen- Weinen (Eine Untersuchung der Grenzen menschli-
de Antwort (Plessner 1982, S. 274).  « chen Verhaltens) verständlich werden lässt. Im Falle
des Lachens sind es Momente von Nonsense (Un-
In welchen Situationen verfallen nun Menschen sinn), Widersinnigkeit oder Überlagerung mehre-
in Lachen oder Weinen? Plessner zählte eine lange rer Bedeutungs- und Sinnebenen, auf welche der
Reihe situativer Momente auf, die uns zum Lachen Lachende keine andere und passendere Antwort
oder Weinen bewegen. Ausführliche Schilderungen findet als sein Gelächter.
125
Conclusio: ärztliches Denken und Erkennen

Beim Weinen sind es tragische und schicksal- Person, er verliert den Kopf. Symptome, die vom
hafte Erlebnisse, die als begrenzend erfahren wer- Drehschwindel her bekannt sind, wie Schweiß-
den, und denen gegenüber der Einzelne als Aus- ausbruch … Erbrechen und Ohnmacht, können,
druck seiner Ohnmacht und Schwäche seinen Trä- wie bekannt, in gleichen Existenzkrisen höherer
nen (und damit seinem Körper) freien Lauf lässt. Ordnung auftreten. Der Ausdruck »mir schwindelt«
Bei beiden Reaktionen lässt der Mensch schlagartig ist in solchen Lagen durchaus adäquat (Plessner
seine exzentrische Position hinter sich und stürzt «
1982, S. 275). 
gleichsam ins Leibhaftige, dessen vegetative Funk-
tionen für kurze Zeit die Führung übernehmen,
ohne dass sie in diesen Situationen willkürlich ge- Conclusio: ärztliches Denken und
steuert werden könnten: Der Betreffende muss la- Erkennen
chen oder weinen.
Anders stellen sich die Verhältnisse beim Lä- Mit diesem Zitat sind wir bei medizinischen Frage-
cheln dar: Das Individuum hält seine Autonomie stellungen im engeren Sinne angelangt, die Plessner
und exzentrische Position aufrecht und bleibt (wie verstreut über sein Werk immer wieder anklingen
Plessner 1950 in Das Lächeln überzeugend nach- ließ. In zwei frühen Aufsätzen über Vitalismus und
weisen konnte) überlegen. ärztliches Denken sowie Über die Erkenntnisquellen
Voraussetzung für Lachen und Weinen ist also des Arztes hat er sich jedoch ausführlich mit ärzt-
die exzentrische Positionalität des Menschen, die lichen Themen auseinandergesetzt, die beinahe
dazu führt, dass Einzelne ihre jeweilige Daseinssi- Inhalt seiner beruflichen Orientierung geworden
tuation als Schranke, Endlichkeit oder Unabwend- wären.
barkeit erleben, worauf sie antworten wollen und In der ersteren Abhandlung verwies Plessner
müssen. Da ihnen momentan keine adäquateren eindringlich auf die Tatsache, dass der Mensch
Reaktionen zur Verfügung stehen, retten sie sich, »Bürger zweier Welten« (Kant) ist. Aus dem Fak-
indem sie ihre exzentrische Position ebenso wie die tum, dass im Homo sapiens Natur und Kultur,
bedrängende Lage hinter sich und jählings ihren Körper und Geist, Leib und Seele ineinander ver-
Körper agieren lassen. Der Sturz aus der exzentri- flochten sind, erwachsen wichtige Konsequenzen
schen in die zentrische Position wird von Lachen für die medizinische Diagnostik und Therapie. In
oder Weinen begleitet. gewisser Weise plädierte der Autor schon in den
Weil Tiere keine exzentrische Positionalität auf- 20er Jahren des letzten Jahrhunderts für einen bi-
weisen, wird verständlich, warum es bei ihnen kein perspektivischen Zugang zum Patienten, der seine
Lachen und Weinen geben kann. Weder reflektie- biomedizinische ebenso wie seine psychosoziale
ren sie Begrenzungen als solche, noch könnten sie und geistige Situation diagnostisch und therapeu-
darauf mit einer jähen Preisgabe ihrer exzentri- tisch berücksichtigt:
schen Position reagieren – sie sind immer schon
zentrisch. »  Wo sinngesetzliche Verknüpfung möglich ist,
In Lachen und Weinen hat Plessner noch ande- hat die Naturwissenschaft nichts zu sagen, wo
re Formen von Desorganisation der menschlichen seinsgesetzliche stattfindet, schweigt die Psycho-
Leib-Seele-Geist-Einheit und des parallel gehenden logie. Aufgabe der Psychiatrie aber bleibt es, die
Verlusts von Autonomie und exzentrischer Posi- verschiedenen Seinsgesetze zu verbinden (Pless-
tion angedeutet. Ohne dies weiter auszuführen, «
ner 1985a, S. 24). 
erwähnte er Symptome wie Erröten (Scham), Er-
blassen, Übelkeit (Ekel), Schwindel und Schmerz, Ersetzt man den Ausdruck Psychiatrie durch Psy-
an denen ähnliche Prozesse wie bei Lachen und chosomatik (eine Form der Medizin, die sich in den
Weinen zu beobachten seien: 20er Jahren erst in Ansätzen herausbildete), kann
man Plessner als frühen Programmgeber für diese
» Unbeantwortbare und zugleich bedrohende La- anspruchsvolle Art der Heilkunde begreifen, wel-
gen erregen Schwindel. Der Mensch kapituliert als che die verschiedenen menschlichen Seinsdimen-
126 Kapitel • Helmuth Plessner

sionen tatsächlich zu erfassen und ihre Behand- Physiologie, Genetik oder Neurowissenschaften
lungsprozesse zu integrieren versucht. »zu Leibe rückt«.
In Über die Erkenntnisquellen des Arztes plä- Was einer solchen Form der Medizin entgeht,
dierte Plessner für eine gediegene naturwissen- sind die subjektiven Aspekte ihrer Patienten (zwei-
schaftliche, an Empirie, Maß und Zahl orientierte te Person). Denn jeder Mensch existiert im dau-
Ausbildung der Mediziner, die jedoch um natur- ernden Spiel von exzentrischen und zentrischen
philosophische und phänomenologische Studien Positionen sowie in individuellen und vielgestalti-
ergänzt werden sollte. Durch derartige Exerzitien gen Weltbezügen, die ihn als Person auszeichnen,
könne gewährleistet werden, dass Ärzte bei Phä- und die kaum je auf allgemeine Begriffe gebracht
nomenen wie Leben, Krankheit, Gesundheit oder oder lediglich in Maß und Zahl ausgedrückt wer-
Patientsein neben deren quantitativen auch die den können.
qualitativen Aspekte wahrnehmen lernen. Der Mensch ist ein Homo absconditus, ein ver-
Dies sei nötig, um Patienten als Subjekte und borgenes Wesen, wie Plessner dies in einem Auf-
Personen in ihrer individuellen Not- und Exis- satz 1969 beschrieben hat. Dieser verborgene und
tenzsituation zu verstehen. Wiederum meint man, nie ganz ergründete Mensch, das nicht festgestell-
einen Pionier der Psychosomatik zu vernehmen, te Tier (Nietzsche), kann nur unter Inkaufnahme
wenn man Plessners Ausführungen über die Grün- kräftiger Reduktionen fixiert, verkörpert und ob-
de dafür liest, warum Ärzte sich in der Kunst der jektiviert sowie in endgültige Formen und anth-
Hermeneutik menschlichen Daseins üben sollten: ropologische Formeln gegossen werden. Als stets
wechselnd erlebte, spontan gestaltete und dauernd
»  Um eine Person wahrzunehmen, ihren psycho- neu erzählte Geschichte darf menschliches Dasein
physischen Typus zu bestimmen, brauche ich stattdessen verstanden werden, als ein tastender
außer sinnlichen Erfahrungsquellen auch unsinnli- Aufbruch, Sinn und Bedeutung der eigenen Exis-
che, wozu Einfühlungsfähigkeit, seelisches und in- tenz zu suchen und notfalls auch zu schaffen.
tellektuelles Verständnis, schließlich eine gewisse Plessner war aufgrund seiner breiten Ausbil-
intuitive Gabe des Blicks für Menschen gehört … dung, vor allem aber aufgrund seiner weltoffenen,
Wo die Krankheit bei aller physischen Bedingtheit neugierigen, lebensbejahenden, heiter-charmanten
auch psychische Bedingtheiten hat, wo die ganze und toleranten Gangart bestens dazu geeignet, den
Person in Mitleidenschaft gezogen ist …, da muss Homo absconditus in seiner Vielschichtigkeit zu
die Diagnose unter Zuhilfenahme nichtnaturwis- beschreiben, ohne den falschen Ehrgeiz zu entwi-
senschaftlicher Wahrnehmungsquellen erfolgen ckeln, ihn in ein anthropologisches Korsett oder
«
(Plessner 1985b, S. 53f.).  System zwingen zu wollen. Seine Schriften waren
frei von Dogmatismus jeglicher Art, und sein Den-
Nicht nur aufgrund der Nähe mancher Gedanken ken fühlte sich keinem Ismus (und sei er auch wis-
Plessners zur Psychosomatik erachten wir seine senschaftlicher Provenienz) verpflichtet. Vielmehr
Beiträge zu einer medizinischen und philosophi- entzündete sich sein skeptischer Geist gerne an der
schen Anthropologie als gewichtig. Vor allem die eigenen exzentrischen Position und begann dabei
Überlegungen zur exzentrischen Positionalität des zu fragen, zu zweifeln und ins Offen-Ungewisse zu
Menschen eröffnen vielfältige Ideenhorizonte, die weisen.
für Theorie und Praxis der Medizin relevant sind.
So kann man als Grundtendenz der abendlän-
dischen Heilkunde die Haltung beschreiben, Pa- Literatur
tienten bevorzugt in der grammatikalisch dritten
Person (er, sie, es) als Körper und nicht als Leiber Dejung Ch (2003) Plessner – Ein deutscher Philosoph zwi-
schen Kaiserreich und Bonner Republik. Rüffer & Rub,
wahrzunehmen und zu behandeln. Körper kön-
Zürich
nen wie Dinge betrachtet und untersucht (Anato- Dietze C (2006) Nachgeholtes Leben – Helmuth Plessner
mie, Pathologie) oder als Teile der Natur erforscht 1892–1985. Wallstein, Göttingen
werden, denen man mit Methoden der Biochemie, Haucke K (2000) Plessner zur Einführung. Junius, Hamburg
127
Literatur

Krüger H-P (2000) Das Spiel zwischen Leibsein und Körper-


haben – Plessners Philosophische Anthropologie, in:
Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 48. Jahrgang, Heft
2, Akademie, Berlin
Plessner H (1975) Die Stufen des Organischen und der
Mensch. de Gruyter, Berlin (Erstveröff. 1928)
Plessner H (1980ff.) Gesammelte Schriften in zehn Bänden.
Suhrkamp, Frankfurt am Main
Plessner H (1980a) Anthropologie der Sinne. In: Gesammelte
Schriften III. Suhrkamp, Frankfurt am Main (Erstveröff.
1970)
Plessner H (1982) Lachen und Weinen. In: Gesammelte Schrif-
ten VII. Suhrkamp, Frankfurt am Main (Erstveröff. 1941)
Plessner H (1985a) Vitalismus und ärztliches Denken. In:
Gesammelte Schriften IX. Suhrkamp, Frankfurt am Main
(Erstveröff. 1922)
Plessner H (1985b) Über die Erkenntnisquellen des Arztes. In:
Gesammelte Schriften IX. Suhrkamp, Frankfurt am Main
(Erstveröff. 1923)
Plessner M (1995) Die Argonauten auf Long Island. Rowohlt,
Berlin
Pietrowicz S (1992) Helmuth Plessner – Genese und System
seines philosophisch-anthropologischen Denkens.
Alber, Freiburg im Breisgau
Schüßler K (2000) Helmuth Plessner – Eine intellektuelle Bio-
graphie. Philo, Berlin
129

Karl Löwith
Biographisches – 130
Werkanalyse – 132
Conclusio – 140
Literatur – 140

G. Danzer, Wer sind wir? – Auf der Suche nach der Formel des Menschen,
DOI 10.1007/978-3-642-16993-9_10,
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2011
130 Kapitel • Karl Löwith

Karl Löwith hat sich vor allem mit seinem Haupt- könne. Seine dramatische Art des Vortrags und
werk Von Hegel zu Nietzsche – Der revolutionäre sein undurchsichtiger Tiefgang (Löwith) trugen
Bruch im Denken des 19. Jahrhunderts (1941) sowie dazu bei, dass sich viele Studenten – so auch Lö-
als skeptischer Geschichtsdenker im letzten Jahr- with – vom schwerer zugänglichen Husserl ab- und
hundert einen Namen gemacht. Daneben sind stattdessen Heidegger zuwandten.
seine Texte zur philosophischen Anthropologie er- 1922 kehrte Löwith nach München zurück und
wähnenswert, die im ersten Band seiner Sämtlichen promovierte ein Jahr darauf bei Moritz Geiger mit
Schriften zusammengestellt wurden. der Studie Auslegung von Nietzsches Selbst-Inter-
pretation und von Nietzsches Interpretationen. Im
Anschluss daran übernahm er eine Hauslehrer-
Biographisches stelle auf einem mecklenburgischen Gut, die er
1924 gegen eine Assistentenstelle bei Heidegger
Karl Löwith wurde 1897 in München als einziges eintauschte. Dieser war in der Zwischenzeit nach
Kind des Kunstmalers Wilhelm Löwith und sei- Marburg übergesiedelt, wo Nicolai Hartmann und
ner Gattin Margarete geboren. Die Eltern waren Paul Natorp seine Kollegen waren. Hannah Arendt,
jüdischer Abstammung, wobei das Judentum für Hans-Georg Gadamer, Leo Strauss und Hans Jonas
sie keine religiöse Bedeutung hatte. Die Löwiths studierten dort bei ihm.
bewohnten eine großzügige Stadtwohnung in der Löwith fühlte sich in diesem Kreise schnell hei-
Isarmetropole und eine Villa am Starnberger See; misch, und bald stand fest, dass er sich bei Heideg-
die Kindheit Karls verlief wohlbehütet. ger mit einer phänomenologischen Arbeit über Das
Mit dreizehn Jahren las der Knabe bereits Fried- Individuum in der Rolle des Mitmenschen habilitie-
rich Nietzsches Also sprach Zarathustra. Außerdem ren wollte. Vor dem erfolgreichen Abschluss seiner
studierte er als Jugendlicher Texte von Kant, Fichte Habilitation 1928 verbrachte der junge Philosoph in
und Schleiermacher. Besonders beeindruckt war Rom und Florenz ein Studienjahr, das ihn für die
er von einem Biologielehrer am Gymnasium, der Schönheiten Italiens begeisterte.
ihm die Wunder der lebendigen Welt erschloss – Während seiner Assistentenzeit bei Heidegger
so drückte Löwith es später in seinem Curriculum begann Löwith, den »kleinen Zauberer von Meß-
vitae (1959) aus. kirch«, wie er von Studenten genannt wurde, für
1914 meldete sich der 17-Jährige als Freiwilli- sich zu entzaubern. Nach und nach bemerkte er,
ger für den Ersten Weltkrieg. An der italienischen dass die Vorlesungen seines Lehrers zwar außer-
Front wurde er 1915 schwer verwundet und geriet in gewöhnlich expressiv waren, ihre Inhalte aber mit
Kriegsgefangenschaft. Er erlitt einen Lungenschuss, dem eindrücklichen Sprachstil nicht immer Schritt
dessen Folgen ihm zeitlebens zu schaffen machten. zu halten vermochten. Eine Wucht der Diktion
Noch Jahrzehnte nach seiner Verletzung klang die ging von Heideggers Philosophie aus, welche die
Stimme des Philosophen im Gegensatz zur Brillanz Zuhörer magisch in ihren Bann zog, ohne dass je-
seiner Gedanken verhalten und matt. doch immer ersichtlich wurde, welchem Ziel der
Ab 1917 studierte Löwith zuerst in München ganze Aufwand dienen sollte.
und dann in Freiburg Philosophie und Biologie. In Nach seiner Habilitation blieb Löwith in Mar-
München gehörten die Phänomenologen Alexan- burg, indes Heidegger nach Freiburg ging, wo er
der Pfänder und Moritz Geiger sowie der Botani- den Lehrstuhl Husserls übernahm, der damals
ker Karl Ritter von Goebel zu seinen akademischen emeritiert wurde. Der Privatdozent Löwith erwies
Lehrern; in Freiburg zählten der Zoologe und spä- sich als Hochschullehrer mit breitem Interessenho-
tere Nobelpreisträger Hans Spemann und Edmund rizont: Er las über Hegel und Marx, Kierkegaard,
Husserl dazu. Nietzsche und Dilthey, philosophische Anthropo-
Neben Husserl traf Löwith in Freiburg auch auf logie, Soziologie und Psychoanalyse sowie Exis-
dessen Assistenten Martin Heidegger, der als ins- tenzphilosophie. Mit der Antrittsvorlesung »Jacob
pirierender philosophischer Dozent galt, von dem Burckhardts Stellung zu Hegels Geschichtsphilo-
es hieß, dass man bei ihm wirklich denken lernen sophie« machte er deutlich, dass er sich auch dem
131
Biographisches

Geschichtsproblem in seiner anthropologischen phie. Die fremde Kultur und die Kontakte zu ja-
Tragweite zuwenden wollte. panischen Kollegen, Studenten und anderen Uni-
1929 verlobte sich Löwith mit Adelheid Krem- versitätsangehörigen bedeuteten für ihn eine große
mer, die drei Jahre jünger als er und Tochter des Herausforderung, die er als Möglichkeit verstand,
Direktors des Berliner Arndtgymnasiums war. im Fernen Osten einige Facetten jener Lebens- und
Kurze Zeit später ließen sich die beiden in Berlin- Weltanschauungen zu studieren, von denen er ver-
Dahlem auf Wunsch der Schwiegereltern kirchlich mutete, dass sie einst in der griechischen und römi-
trauen. Ada (so nannte der Philosoph seine Gattin) schen Antike eine Rolle gespielt haben.
unterstützte ihren Mann in den kommenden Jahr- Zu den wichtigsten philosophisch-literarischen
zehnten; nach dem Tod Löwiths 1973 sorgte sie für Resultaten seines Japanaufenthalts rechnete Löwith
die Herausgabe seiner autobiographischen Schrift sein Buch Von Hegel zu Nietzsche, das 1941 erschien.
Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933. Sie Neben den geschichtsphilosophischen Abhandlun-
überlebte ihren Gatten sechzehn Jahre und starb gen wird dieser Text zu Recht als Hauptwerk des
1989. Philosophen und als Klassiker der Philosophiege-
Löwiths akademische Karriere wurde 1933 schichtsschreibung bezeichnet. Der Autor hat da-
unterbrochen, als ihm nach der Machtübernahme rin den geistes- und kulturgeschichtlichen Wandel
durch die Nationalsozialisten die Lehrbefugnis ent- und Bruch in Europa zwischen dem Ende des 18.
zogen und er mit einem Publikationsverbot belegt Jahrhunderts (Aufklärung, Klassik und Idealismus)
wurde. Aufgrund eines Stipendiums der Rockefel- und der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Links-
ler Foundation ergab sich für Löwith die Gelegen- hegelianer, Kierkegaard und vor allem Nietzsche)
heit, zusammen mit Ada nach Italien zu emigrie- souverän dokumentiert und interpretiert.
ren, wo sie von 1934 bis 1936 überwiegend in Rom Die zunehmende politische Orientierung Ja-
lebten. Während dieser Zeit arbeitete der Philosoph pans am deutschen und italienischen Totalitaris-
seine Vorlesungsmanuskripte zu größeren Mono- mus (man sprach von der Achse Rom-Berlin-To-
graphien um. 1935 publizierte er Nietzsches Philo- kio) sowie die Diskriminierung deutschstämmig
sophie der ewigen Wiederkehr des Gleichen, und ein jüdischer Emigranten ließen es Löwith angeraten
Jahr darauf erschien Jacob Burckhardt – Der Mensch erscheinen, sich nach einem neuen Exilland um-
inmitten der Geschichte. Beide Bücher blieben da- zusehen. Die Vereinigten Staaten galten seinerzeit
mals ohne öffentliche Resonanz, da sie in Deutsch- noch am ehesten als empfehlenswert für europäi-
land nicht verkauft werden durften. sche Exilanten, und daher machten sich die Lö-
Weil die Faschisten in Italien nach 1936 ähn- withs Anfang 1941 auf den Weg in die Neue Welt.
liche Rassengesetze erließen wie die Deutschen, Wie klug diese Entscheidung war, wurde einige
sahen sich die Löwiths zu weiterer Emigration ge- Monate später offenkundig: Nach dem militäri-
zwungen. Durch die Vermittlung vormaliger Schü- schen Überfall der Japaner auf die amerikanische
ler erhielt der Philosoph trotz diverser Einsprüche Flotte in Pearl Harbour (Hawaii) wäre eine Flucht
deutscher Dienststellen einen Ruf auf eine Profes- kaum mehr möglich gewesen.
sur an der Kaiserlichen Universität im japanischen Wie sinnvoll es seinerzeit gewesen war, sein Va-
Sendai, nördlich von Tokio gelegen. terland nach 1933 verlassen zu haben, wurde Löwith
Während der sechswöchigen Schiffsfahrt von 1943 drastisch vor Augen geführt. In diesem Jahr
Neapel durch den Suezkanal über Ceylon bis nach sollte seine Mutter, die noch in München wohnte
Hongkong, Shanghai und weiter in die japanische (ihr Gatte war bereits 1932 gestorben), aufgrund
Inlandsee führte Löwith ein Reisetagebuch, das ihrer jüdischen Abstammung deportiert werden.
postum 2001 zusammen mit seinem Bericht über Die alte Dame entzog sich der Verschleppung, in-
seine zweite große Reise aus dem Jahr 1941 unter dem sie in einem Sammellager bei München den
dem Titel Von Rom nach Sendai – Von Japan nach Freitod wählte.
Amerika veröffentlicht wurde. In den USA sorgten die Theologen Paul Tillich
Von Ende 1936 bis Anfang 1941 lehrte Löwith und Reinhold Niebuhr dafür, dass Löwith eine Do-
an der Kaiserlichen Universität in Sendai Philoso- zentur am Theologischen Seminar der Universität
132 Kapitel • Karl Löwith

Hartford in Connecticut erhielt, die er bis 1949 Erkenntnissen ab; der Philosophie hingegen fällt
innehatte. An dieser protestantischen Lehranstalt die Aufgabe zu, skeptisch und kritisch auf religiöse
fühlte sich der agnostische Denker jedoch nie hei- und wissenschaftliche Aussagen zu reagieren.
misch. In einem Brief an Leo Strauss beschrieb Im Buch Gott, Mensch und Welt in der Metaphy-
Löwith seine Situation als die »eines auf dem tro- sik von Descartes bis zu Nietzsche (1967) erörterte
ckenen Sand der protestantischen Theologie nach Löwith die Beziehung des Menschen zu Kosmos
Wasser und Luft schnappenden Fisches«. und Natur. In den letzten Jahren seines Lebens –
Trotz dieser Erschwerungen gelang es dem der Denker starb 1973 – wandte er sich dem fran-
Philosophen in Hartford schriftstellerisch aktiv zu zösischen Dichter Paul Valéry zu, der in seinen Ca-
bleiben. 1946 publizierte er in Jean-Paul Sartres Les hiers ein mehrbändiges kaleidoskopartiges Werk
Temps Modernes einen Aufsatz über Die politischen origineller Reflexionen geschaffen hatte. Löwith
Implikationen von Heideggers Philosophie der Exis- fühlte sich Valéry in Bezug auf dessen hochgeistig-
tenz, und 1949 veröffentlichte er das Buch Meaning nüchterne Lebens- und Weltanschauung wesens-
in History, das später in deutscher Sprache unter verwandt. Der Text Paul Valéry – Grundzüge seines
dem Titel Weltgeschichte und Heilsgeschehen (1953) philosophischen Denkens (1970) bezeugt die Nähe
erschien. Darin gelang dem Autor eine Kritik des Löwiths zu diesem französischen Dichter-Philo-
abendländischen Geschichtsdenkens, das er als sophen.
eine Weiterführung und Umformung der christli- Nach seiner Emeritierung 1964 lebte Löwith zu-
chen Heilsgeschichte bewertete. sammen mit Ada abwechselnd in Heidelberg und
1949 erhielt Löwith einen Ruf an die angesehe- im Tessin, wo er sich aufgrund seiner Italienliebe
ne New School for Social Research in New York, wo besonders wohl fühlte. Mehrfach suchten sie im
er bis 1952 lehrte. Im Rahmen eines internationalen Sommer Sils Maria auf. Hier trafen sie nicht selten
Philosophenkongresses in Mendoza (Argentinien) auf Helmuth Plessner und seine Gattin Monika und
traf er auf alte Kollegen aus Europa, die in ihm das führten mit ihnen lange Gespräche. Die Letztere
erste Mal wieder die Idee aufkeimen ließen, nach hat in ihrem Buch Die Argonauten auf Long Island
Deutschland zurückzukehren. Auf Betreiben von (1995) die freundschaftliche Beziehung der beiden
Hans-Georg Gadamer, der nach dem Krieg in Hei- Denker einfühlsam geschildert.
delberg Rektor an der Universität war, wurde aus
diesem Gedanken Wirklichkeit: 1953 übernahm
Löwith dort eine eigens für ihn geschaffene Pro- Werkanalyse
fessur.
Zum Auftakt der Heidelberger Zeit, dessen Bei der Erörterung von Löwiths Werk wird vor al-
Universitätsverhältnisse er im Vergleich zu 1933 lem Bezug genommen auf Das Individuum in der
»merkwürdig unverändert« vorfand, gab der Autor Rolle des Mitmenschen (1928) sowie auf den ersten
das Buch Heidegger – Denker in dürftiger Zeit (1953) Band seiner Sämtlichen Schriften, der unter dem
heraus. Darin sezierte er mit kühler und doch pole- Titel Mensch und Menschenwelt die anthropolo-
mischer Schärfe den Charakter und das Werk jenes gischen Texte des Denkers enthält. Zunächst aber
Mannes, der ihm einst als Zauberer erschienen war, werden Passagen seiner geschichtsphilosophischen
und von dem er sich nunmehr vollständig emanzi- Werke erläutert, in denen er den Wandel in der
piert hatte. europäischen Kulturgeschichte weg von einer re-
Drei Jahre darauf folgte der Band Wissen, Glau- ligiös-weltanschaulichen und historischen hin zu
be und Skepsis, worin sich Löwith mit christlichen einer anthropologischen Orientierung des Men-
Denkern wie Augustinus, Pascal und Kierkegaard schen nachzeichnete.
auseinandersetzte. Ziel dieser Studien war es, eine
klärende Grenzziehung zwischen religiösem Glau- z Von Hegel zu Nietzsche
ben und philosophischem Denken herbeizuführen. Ausgangspunkt für die Abfassung dieses Werks
Religionen vermitteln Glaubensinhalte; Wissen- waren die Vereinzelung des Menschen und seine
schaften zielen auf die Mehrung von Wissen und ideologische Heimatlosigkeit im 20. Jahrhundert,
133
Werkanalyse

die Löwith nicht als alleinige Folgen von Totalita- Rolle zu: Seine Herrschaft sollte das Ende der Ge-
rismus und Weltkrieg verstanden wissen wollte. schichte (im Sinne von Paradies auf Erden) mar-
Seine These war vielmehr, dass man die Wurzeln kieren.
dieser Phänomene bis in die erste Hälfte des 19. Nicht so sehr in gesellschaftlicher denn in re-
Jahrhunderts zurückverfolgen könne. ligionskritischer Absicht attackierte Ludwig Feu-
Löwiths Untersuchung hebt an mit einer Dar- erbach die Hegel‘sche Philosophie. Er nutzte die
stellung von deutscher Klassik und idealistischer Denkfiguren des Meisters, um mit ihrer Hilfe die
Philosophie. Um 1800 befanden sich in Europa und anthropologische Wende oder Reduktion durchzu-
besonders in Deutschland Dichtung und Philoso- führen. Darunter verstand er die Rücknahme je-
phie auf ihrem Zenit: Man denke an die Weimarer ner Attribute, welche die Menschen in den letzten
Klassik mit den Namen Wieland, Herder, Goethe Jahrtausenden den Göttern verliehen haben, auf sie
und Schiller, an den Jenaer Kreis mit Fichte, Schel- selbst.
ling, Hegel, Schlegel und Tieck, an Immanuel Kant Feuerbachs Grundthese war, dass sich die
in Königsberg oder an die Brüder Alexander und Menschen aufgrund von Hilflosigkeit, Ohnmacht
Wilhelm von Humboldt. und Angst einst Götter ausgedacht haben, denen
Die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts wa- sie Eigenschaften wie Allmacht, Allwissenheit und
ren geprägt vom grundsätzlichen Empfinden einer ewiges Leben andichteten. Sowohl die Götter als
Zusammengehörigkeit von Mensch und Welt. An auch ihre großartigen Qualitäten waren jedoch
zwei umfangreichen Abhandlungen – Hegels Vor- nichts weiter als Projektionen von Menschen, die
lesungen über die Philosophie der Geschichte und selbst gerne so gewesen wären, wie sie sich die
Goethes Anschauung des Weltgeschehens – demons- Himmlischen imaginierten.
trierte der Autor, dass damals noch ein Einheitser- Wenn die Menschheit den Mut aufbringt, sich
leben zwischen Individuum und Gesellschaft sowie diesen Entstehungsprozess von Göttern und Re-
von Sinnlichkeit (Realität, Körper) und Vernunft ligionen einzugestehen, verliert sie zwar den illu-
(Idealität, Geist) möglich war. sionären Schutz und Beistand von Gottheiten (was
Dieses Einheitserleben fußte auf verschiede- kein großer Verlust ist) und wird auf sich selbst zu-
nen Prinzipien. Goethe etwa betonte, dass die Ver- rückgeworfen. Zugleich fallen jedoch die ehemals
nunft alles Lebendigen in der Natur zu finden sei, den Göttern verliehenen Attribute an die Men-
wohingegen Hegel dem Geist oder der Idee diese schen zurück, was diese in ihrem Selbstwert und
Funktion zuwies. Der Philosoph erwartete die Ver- in ihren realen Möglichkeiten stärkt und potenter
vollkommnung des (absoluten) Geistes vom histo- werden lässt.
rischen Fortschritt, dessen Ende für ihn gleichbe- Mit anderer Stoßrichtung als Marx, Engels
deutend mit dem vollständigen Selbstbewusstsein und Feuerbach kritisierte Sören Kierkegaard die
von Weltgeist und Kultur war. Hegel‘sche Philosophie. Dem Dänen ging es nicht
Hegels Aussage allerdings, dass die Wirklich- um Fragen der Ökonomie und materiellen Lebens-
keit vernünftig und die Vernunft wirklich sei, er- verhältnisse oder um die Abschaffung der Religion.
schien angesichts der Ungerechtigkeiten in der Ausgehend von seiner eigenen Biographie war er
Welt vielen seiner Schüler als intellektuelle und vielmehr an einer authentischen Beschreibung des
moralische Zumutung. Die Junghegelianer David vereinzelten und nicht selten verzweifelten Indivi-
Friedrich Strauß, Ludwig Feuerbach, Arnold Ruge, duums interessiert, das vergeblich in einen Dialog
Bruno Bauer, Max Stirner, Karl Marx und Friedrich mit dem abwesenden und schweigenden Gott ein-
Engels lehnten sich in ihren Schriften gegen ihren zutreten versucht.
Lehrer auf. Kierkegaard ebenso wie Feuerbach, Marx, En-
Besonders Marx und Engels versuchten, das gels und die anderen Linkshegelianer standen Lö-
idealistische Konzept Hegels vom Kopf auf die with zufolge mit ihrer Hegelkritik für jenen Bruch
Füße zu stellen und in konkrete ökonomisch-ge- im Denken des 19. Jahrhunderts, der seither trotz
sellschaftliche Realitäten zu übersetzen. Dabei vielfältiger Bemühungen nicht mehr zu kitten
schrieben sie dem Proletariat eine entscheidende war. Die scheinbar selbstverständliche Einheit von
134 Kapitel • Karl Löwith

Mensch und Welt, Individuum und Gesellschaft, (Armut, Keuschheit, Gehorsam, Demut, Unter-
Sinnlichkeit und Geist, wie sie noch für die Goe- werfung) predigte. Parallel dazu kam es zur Ent-
thezeit charakteristisch war, ging damals unwieder- wertung jener Tugenden, die in der griechischen
bringlich verloren. und römischen Antike hochgeschätzt wurden
Stattdessen wurden die Menschen auf das äu- (Mut, Stolz, Durchsetzungsvermögen, Tapferkeit
ßerlich-materielle (Marx, Engels), das innerlich- und Seelengröße).
religiöse (Kierkegaard) oder das persönliche bio- Nietzsche sah die Notwendigkeit, diese vitali-
logisch-geistige Fundament ihrer individuellen tätswidrige Verkehrung von Gut und Böse rück-
Existenz (Feuerbach) geworfen. Diese kulturelle gängig zu machen, die er für dekadent hielt. Wolle
Entwicklung habe dem Existentialismus ebenso man am kulturellen Aufschwung arbeiten, müsse
wie dem anthropologischen Fragen im 20. Jahr- man der Ethik der Antike wieder höhere Bedeutung
hundert Vorschub geleistet. beimessen und darüber hinaus neue Werte und Tu-
Daneben war es vor allem Friedrich Nietzsche, genden (Fernstenliebe, Vornehmheit, intellektuelle
der laut Löwith mit seinem Denken den Schwenk Redlichkeit, Pathos der Distanz, Liebe zur Welt und
hin zur Anthropologie und weg von einer im zum Leben, Bejahung der Sinnlichkeit und der ver-
Geschichtsverlauf Sinn und Bedeutung suchen- nünftigen Eigenliebe) schaffen, welche das Wachs-
den Haltung der Menschen forciert hat. Zwar an- tum und die Höherentwicklung von Individuen hin
erkannte Nietzsche, dass sich der Mensch anders zum Übermenschen induzieren können.
als das Tier, das »kurz angepflockt an den Pflock Nachdem Nietzsche sogar den Tod Gottes ver-
des Augenblicks« sein Dasein fristet, erinnern kann kündet hatte, war jener Schlussstein entfernt, wel-
und daher einen historischen Sinn entwickelt hat. cher den Bogen der abendländischen Moral seit
Der Mensch solle sich jedoch durch eine kritische Jahrtausenden stabil gehalten hatte. Auf Gott be-
und monumentalische Historiographie von der riefen sich kirchliche wie weltliche Herrscher und
toten Geschichte emanzipieren, um nicht von Er- Institutionen, wenn sie ihre jeweiligen Wertbegrif-
eignissen, Denk- und Handlungsweisen angeleitet, fe legitimieren wollten. Gibt es keinen Gott mehr,
gehemmt oder erdrückt zu werden, die längst passé fehlt die letztgültige Begründung für eine Vielzahl
sind. von Wert- und Normvorstellungen, und damit ge-
Im Gegensatz zu Hegel und manchen seiner raten Sitten, Brauchtümer und Rechtsordnungen in
Schüler, die von einem zielgerichteten Ablauf der Erklärungsnot:
Historie ausgingen, die entweder in die Selbstbe-
wusstwerdung des Geistes (Hegel) oder die klas- » Was Nietzsche voraussah, indem er zurücksah,
senlose Gesellschaft (Marx, Engels) münden werde, war die Heraufkunft des europäischen Nihilismus,
vertrat Nietzsche ein zyklisches Geschichtskon- welcher besagt, dass nach dem Verfall des christ-
zept. Wie einige Denker der griechischen Antike lichen Glaubens und somit auch der Moral nichts
war auch er überzeugt, dass die Menschheitshis- mehr wahr und darum alles erlaubt ist … Diesen
torie nicht auf Fortschritt oder gar Erlösung hin europäischen Nihilismus hat Nietzsche … in allen
angelegt ist. Statt die Geschichte auf eine religiöse Erscheinungsweisen der Modernität, die »nicht aus
Art und Weise eschatologisch (auf die letzten Dinge und ein weiß«, mit psychologischer Meisterschaft
gerichtet) zu begreifen, müsse man ihr Auf und Ab philosophisch sichtbar gemacht: in Moral und Poli-
ähnlich wie die Bewegungsgesetze von Natur und tik, Philosophie und Religion, Literatur und Musik
Kosmos als Wiederkehr des ewig Gleichen inter- «
(Löwith 1987, S. 455). 
pretieren.
Wichtiger noch als in Bezug auf seine Ge- Nihilismus lässt sich in zweierlei Bedeutung ver-
schichtstheorie wurde Nietzsche für die Moderne stehen: als Symptom des Niedergangs, aber auch
aufgrund seiner fundamentalen Moralkritik. Im als Zeichen für notwendige Enttäuschung und Er-
Rückblick auf fast zwei Jahrtausende Christentum nüchterung, aus denen ein neuer Wille zum Dasein
stellte er fest, dass es sich dabei um eine Religion erwachsen kann. Für Löwith war Nietzsche zwei-
handelte, welche die Werte einer Sklavenmoral felsfrei in diesem letzteren Sinne zu interpretieren,
135
Werkanalyse

und in diesem Sinne fassten ihn in der Mehrzahl schenmenschlichkeit. Heidegger hatte zwar viele
auch jene Denker im 20. Jahrhundert auf, die sich Aspekte des Daseins bedacht und sie als Existen-
in ihren Abhandlungen zur Anthropologie und tialen und Modi der Existenz (Sorge, Zeitlichkeit,
Ethik auf Nietzsche und seine Formel vom Tod Räumlichkeit, Gestimmtsein, Ich-selbst-Sein und
Gottes beriefen. Man-selbst-Sein, Verfallen an die Welt, Rede und
Nietzsche wollte den Menschen durch seine Gerede) eindrücklich beschrieben. Die sozialen
Lehre von Geschichte und Moral neu in der Natur Bezüge aber handelte er unter den Schlagworten
und im Kosmos verankern und beheimaten. Wenn des Mitseins und der Fürsorge nur kurz ab.
der Mensch sich wieder in die kosmischen Gesetze Löwith hingegen erachtete die Bezugnahme
einfüge und sich nicht in den unwegsamen Laby- des Einzelnen auf seine Mitmenschen als einen
rinthen religiöser Geschichts- und Moralvorstel- außerordentlich wichtigen konstitutiven Faktor,
lungen verliere, gewänne er die Eigenschaften der welcher die Frage nach dem Wesen des Menschen
natürlichen Welt inklusive der Unschuld des Wer- entscheidend mitbestimmt. Er sah sich diesbezüg-
dens für sich zurück. Vor allem der eigene Leib als lich in Übereinstimmung mit Ludwig Feuerbach,
die »ältere Vernunft« könnte dann wieder als Ort der schon Mitte des 19. Jahrhunderts auf die Be-
potentiellen Wohlbefindens und der Lebensfreude deutung des Anderen für die Entwicklung des Ein-
definiert werden. zelnen hingewiesen hat: Der Mensch wird nur am
Mit solchen Gedanken wurde im 19. Jahrhun- Du zum Ich.
dert neben den Linkshegelianern auch Nietzsche Diese Grundthese untermauerte Löwith an-
zum wichtigen Vorläufer und Ideengeber für die hand weitläufiger und tiefsinniger Reflexionen.
Anthropologie. Dass im 20. Jahrhundert derart Menschen existieren stets in einem Verhältnis zur
nachhaltig die Natur und das Wesen des konkre- Welt, und sie sind die einzigen Lebewesen, die die-
ten leibhaftigen Menschen erforscht wurden, lag ses Verhältnis in zweifacher, ja sogar dreifacher
Löwith zufolge an der von Nietzsche (und vor ihm Richtung erleben und gestalten: als Verhältnis zu
bereits von Arthur Schopenhauer) erfolgreich ins anderen Menschen (Mitwelt), zu Dingen, Natur
Werk gesetzten Rehabilitierung eben dieses Men- und Kosmos (außermenschliche Welt) und zu sich
schen mitsamt seiner materiell-biologischen Exis- selbst. Nur unter Berücksichtigung dieser dreifa-
tenz. chen Relation kann der Mensch nach und nach sein
Wesen entdecken und über seine Natur etwas aus-
z Das Individuum in der Rolle des sagen. Löwith zitierte in diesem Zusammenhang
Mitmenschen Verse aus Goethes Torquato Tasso (1790):
Löwith hat nicht nur die geistesgeschichtliche Ent-
wicklung im 19. Jahrhundert beschrieben, die zum »  Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes
Aufkommen anthropologischer Fragestellungen Erkennen; denn er misst nach eignem Maß
einige Jahrzehnte später beigetragen hat. Daneben Sich bald zu klein und leider oft zu groß.
lieferte er – zum Beispiel in seiner Habilitations- Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur
schrift Das Individuum in der Rolle des Mitmen- Das Leben lehret jedem, was er sei. «
schen – eigene Beiträge zur philosophischen Anth-
ropologie, in denen er mit Hilfe der phänomeno- Im Hauptteil seiner Habilitationsschrift unternahm
logischen Vorgehensweise die Natur des Menschen Löwith eine Analyse des Miteinanderseins. Er griff
zu erkunden suchte. dabei auf den Strukturbegriff Wilhelm Diltheys
In Das Individuum in der Rolle des Mitmen- zurück, der davon ausging, dass das menschliche
schen nahm Löwith die Ausführungen Heideggers Seelenleben sinnvoll und ganzheitlich gegliedert
in Sein und Zeit (1927) zum Ausgangspunkt für ist. Das bedeutet, dass verschiedene Elemente zu-
seine eigenen Überlegungen. Ihm war aufgefallen, sammengenommen eine Totalität bilden und sich
dass sein Lehrer einen Gesichtspunkt der mensch- dabei gegenseitig stützen und beeinflussen. Löwith
lichen Existenz nicht genügend gewürdigt hatte, übertrug diesen Gedanken auf die Mitwelt und er-
den Löwith als essentiell ansah: die Sphäre der Zwi- läuterte deren Eigentümlichkeit:
136 Kapitel • Karl Löwith

»  Im Unterschied zu Etwas anderem sind die gelingende Ehe als ein lang dauerndes Gespräch
anderen dadurch ausgezeichnet, dass sie von charakterisiert.
derselben Seinsart, in derselben Weise da sind wie Der Andere als Mitmensch wird jedoch nicht
ich selbst. Unbeschadet dessen, dass sie andere nur im konkreten zwischenmenschlichen Dialog
sind, sind sie doch Meinesgleichen (Löwith 1981a, erfahrbar. Auch im Kontakt mit der Kultur lässt
«
S. 65).  sich erspüren, dass in der Fülle ihrer Zeichen, Sym-
bole und Sprachen (Kunst, Wissenschaft, Philoso-
Der Mensch ist ein Jemand und kein Etwas, und phie, Recht, Wirtschaft, Politik, Sitte, Brauchtum,
ein Verhältnis zwischen zwei oder mehreren Men- Mythologie, Religion) das Wirken der gesamten
schen besteht nur, wenn sie sich als Personen und Menschheit nachweisbar ist. Aus Kunstwerken
Subjekte begreifen und entsprechend behandeln. sowie Erkenntnissen des Alltags und der Wissen-
Leider definieren Menschen einander nicht selten schaft sprechen Einzelne, Gruppen und Epochen
als bloße Mittel zum Zweck oder als Sachen, die zu uns und erinnern uns, dass jede kulturelle Leis-
man kaufen, mieten, gebrauchen oder auch miss- tung aus dem sozialen Miteinander entspringt.
brauchen kann. Damit pervertieren sie die Ich-Du- So wird der Mitmensch zur regelrechten Mat-
zu Ich-Es-Beziehungen und verfehlen die Grund- rix für das Leben des Individuums, wie gleichzeitig
voraussetzung der Zwischenmenschlichkeit und der Einzelne sich immer in der Rolle des Mitmen-
der personalen Interaktion. schen befindet, selbst wenn er sie zu leugnen und
Ein weiteres Merkmal der Mitwelt ist das Phä- sein eigenes Dasein in der exklusiven Einsamkeit
nomen der Sprache. Menschen werden in eine zu fristen versucht. Das soziale Band zwischen den
Sprachwelt hineingeboren und darin sozialisiert. Menschen ist gleichsam unauflöslich und macht
Selbst wenn die konkreten sprachlichen Verlaut- eines jener wenigen Wesensmerkmale aus, das Lö-
barungen im Alltag dürftig und monoton sind, with nicht nur vielen einzelnen Individuen, son-
verweisen Worte und Begriffe, aber auch Mimik, dern dem Menschen universell zugeschrieben hat.
Gesten, Körperhaltung und sogar das Schweigen
ständig auf die Anwesenheit oder zumindest die z Mensch und Welt
prinzipielle Existenz der anderen. Als Löwith in den 60er Jahren ein Vorwort für die
Anhand einzelner Wörter lernen wir nicht Neuauflage von Das Individuum in der Rolle des
nur die Bezeichnung für Dinge oder Verhältnisse Mitmenschen verfasste, merkte er kritisch an, dass
kennen. Sie eröffnen uns vielmehr einen ganzen er drei Jahrzehnte nach der Erstpublikation den
Horizont von Sinn- und Bedeutungszusammen- Schwerpunkt seiner damaligen Untersuchung nun
hängen, die seit Generationen von Menschen ge- anders legen würde. Zwar habe er die Bedeutung
schaffen, tradiert und verändert wurden. In diesen des Mitseins als Anthropinon (Wesenseigentüm-
zwischenmenschlichen und zugleich kulturell- lichkeit des Menschen) richtig erfasst, was in den
geistigen Nexus werden wir hineingeboren, und er danach erschienenen Büchern von Martin Buber
wird jedes Mal bestätigt, wenn wir hören, sprechen, (Ich und Du), Paul Christian (Das Wesen der Bi-
lesen und schreiben. personalität), Alfred Schütz (Der sinnhafte Aufbau
Eine besondere Form der Kommunikation ist der sozialen Welt) oder Frederik Buytendijk (Das
das Spiel von Frage und Antwort. Je intensiver und Menschliche) bestätigt worden ist.
offener gefragt und geantwortet wird, umso intimer Er habe es damals aber versäumt, das Verhält-
werden der Dialog und damit die Beziehung der nis von Ich und Du in den Zusammenhang des
Gesprächspartner. Solange der Andere für uns eine Verhältnisses von Mensch und Welt zu stellen. Die
Frage darstellt, ist er interessant und neu. Gilt er Mitwelt gewinne ihre wahre Proportion nur, wenn
hingegen als ein fragloses Faktum, sterben Zuwen- man sie vor dem Hintergrund von Natur und Kos-
dung und Sympathie für ihn ab. Liebe und Freund- mos betrachte. Dabei müsse man jedoch zugeben,
schaft zeichnen sich durch lebendiges Fragen und dass »die eine und ganze Welt nicht eine Welt für
Antworten aus. Nietzsche hat daher zu Recht eine den Menschen, und der vergängliche Mensch nicht
137
Werkanalyse

das Ziel der gesamten, immerwährenden Schöp- »  Wir wissen zumeist nicht, wie tief und wie weit
fung« ist. die Physis des leibhaftigen Menschen in seine
In späteren Abhandlungen wie Welt und Men- bewusste Existenz hineinreicht. Kein Denken lässt
schenwelt (1960) oder Gott, Mensch und Welt in sich erdenken, und die Gedanken kommen auch
der Metaphysik von Descartes bis Nietzsche (1967) nicht aus einem leblosen und naturlosen Sein, das
hat Löwith diese Relativierung erläutert. Obwohl sich uns zudenkt und zuspricht. Wir müssen allem
der Mensch das einzige uns bekannte Lebewesen zuvor die Natur, die uns erzeugt hat, und den Zu-
ist, welches die Welt als Objekt erforschen kann, fall, dass wir zur Welt kamen, voraussetzen, damit
und in dem sich die Natur den Luxus gönnt, über sich ein Welt- und Selbstbewusstsein ausbilden
sich nachzudenken, dürfe man dennoch nicht von «
kann (Löwith 1981c, S. 341). 
einer Mittelpunktstellung der Gattung »Homo«
sprechen: Die systematische Geringschätzung von Materie
und Bios führte Löwith zufolge in den letzten Jahr-
» Welt und Menschenwelt sind nicht einander hunderten zu einseitigen anthropologischen Kon-
gleichgestellt. Die physische Welt lässt sich ohne zepten wie auch zu einer schiefen Ontologie oder
eine ihr wesentliche Beziehung zum Dasein von Metaphysik. Die beiden letzten Begriffe stehen für
Menschen denken, aber kein Mensch ist denkbar die philosophische Disziplin einer Seinslehre, die
ohne Welt. Wir kommen zur Welt und wir scheiden sich mit der Frage nach dem Wesen des Seins ge-
aus ihr; sie gehört nicht uns, sondern wir gehören nerell (und nicht nur des Menschen) beschäftigt.
zu ihr. Diese Welt ist nicht nur eine kosmologische
Idee (Kant) oder ein bloßer Total-Horizont (Husserl) z Gott, Mensch und Welt
oder ein Welt-Entwurf (Heidegger), sondern sie In Weltgeschichte und Heilsgeschehen (1949) hat Lö-
«
selbst, absolut selbständig (Löwith 1981b, S. 295).  with ebenso wie in Gott, Mensch und Welt in der
Metaphysik von Descartes bis Nietzsche (1967) auf
Diese eine und ganze Welt, welche die Natur und die theologisch-religiösen Denkfiguren aufmerk-
den gesamten Kosmos in ihrer stummen Größe sam gemacht, die sich ins geschichtliche wie auch
und Schönheit umfasst, empfahl Löwith in seinen metaphysische Denken der Neuzeit eingeschlichen
Spätschriften als mögliche Orientierung für den haben. Die Antworten auf ontologisch-metaphysi-
Menschen. Nicht die Geschichte und ihr fraglicher sche Fragen stützten sich in den letzten zweitau-
Fortschritt können (wie dies Historiker im Nach- send Jahren weitgehend auf religiöse Welterklä-
gang zu Hegel, Marx und Engels propagierten) uns rungsansätze.
Menschen darüber aufklären, wer wir sind oder In der griechischen Antike herrschte noch ein
werden; wer derlei versuche, wirke wie ein ver- kosmotheologisches Weltbild vor, das von Löwith
zweifelter Schiffbrüchiger, der sich vergeblich an wohlwollender beurteilt wurde als das christlich-
den Wogen der Geschichte festhalten will. religiöse. Die vorsokratischen Denker sowie Sokra-
Löwith zufolge sind es vielmehr die natürli- tes, Platon und Aristoteles waren davon überzeugt,
chen Verhältnisse und ihre Ordnung (griechisch: dass es das Universum immer schon gegeben hat,
»Kosmos«), welche Richtschnur, Maß und Mitte und dass dieses nicht die Schöpfung eines Gottes
unserer Existenz darzustellen vermögen. Der Phi- ist, sondern vielmehr selbst göttlich sei. Löwith zi-
losoph plädierte zwar keineswegs für eine bloße tierte zustimmend Heraklit, der über die Welt aus-
Renaissance der Kosmologie der Griechen. Was sagte:
ihm jedoch an deren Welt- und Selbstverständnis
imponierte, war ihr selbstverständliches Eingefügt- »  Diesen Kosmos hier vor uns, derselbe für Alles
sein in die Natur. Analoges wünschte sich Löwith und Alle, hat weder einer der Götter erschaffen
für das Menschenbild der Moderne, von dem er noch der Mensch. Er war schon immer, er ist und
meinte, dass in ihm die materielle und biologische er wird sein. Sein Logosfeuer ist ewig aufflammend
Basis der menschlichen Existenz keine angemesse- und wieder verlöschend nach festen Maßen (Hera-
ne Berücksichtigung findet: «
klit: 30. Fragment, zit. nach Löwith 1986, S. 6). 
138 Kapitel • Karl Löwith

Die Griechen stellten sich die Götter nicht als keinen bestimmten Ort mehr innerhalb einer na-
transzendente, sondern als immanente Wesen vor, türlichen oder übernatürlichen Ordnung hat, erst
die sich in Naturgewalten zu erkennen gaben und dann fängt er an, »inmitten« dieser ihm nicht mehr
ebenso wie die Menschen ins große Ganze des Alls zugeordneten Welt ohne Bezugsmitte, ekstatisch,
eingebunden waren. Wenn sich die Letzteren an die «
zu »existieren« (Löwith 1985, S. 262). 
universalen Ordnungsschemata hielten, erlebten
sie die Welt mit ihren kosmischen Rhythmen als In Gott, Mensch und Welt verwies Löwith auf zwei
verlässliche Orientierung für ihr Dasein, und die Denker, deren Lehren imstande sind, Auswege aus
Erde bedeutete ihnen Heimat und Harmonie. Als der verfahrenen Situation des neuzeitlichen Men-
höchsten Wert empfanden sie die ewig kreisenden schen aufzuzeigen. Im Kapitel »Nietzsches Versuch
Gestirne, denen sie die vollkommenste Göttlichkeit zur Wiedergewinnung der Welt« erklärte er, inwie-
zuerkannten. fern dessen Denken einen weltimmanenten Sinn
Mit dem Aufkommen des Christentums änder- schaffen könne. Zu den in diesem Zusammenhang
te sich dieses Erleben fundamental. Nun griff die zentralen Ideen des Philosophen zählte er die zyk-
bereits im Alten Testament beschriebene Überzeu- lische Geschichtstheorie (die Wiederkehr des ewig
gung um sich, es gäbe einen Gott im Jenseits, der Gleichen), seine Umwertung aller Werte sowie des-
ewig existiert und in einem Schöpfungsakt die Welt sen bedingungslose Bejahung des irdischen Lebens
bis hin zum Menschen erschaffen hat, welcher den (»amor fati«) und der eigenen Leiblichkeit.
angeblichen Gipfelpunkt der Schöpfung darstellt; Sodann gab es noch einen zweiten Denker, der
er wird dementsprechend in der Bibel aufgefordert, eine konsequente Immanenzphilosophie entwor-
sich die Erde untertan zu machen. fen hatte und damit die Welt als Heimat wiederzu-
Aufgrund solcher Glaubensartikel geriet die gewinnen trachtete, die im Gefolge des Christen-
Beziehung zwischen Mensch, Gott und Welt in eine tums für die Menschen verlorengegangen war: Spi-
Schieflage. Aus der griechisch-antiken Gäo- und noza. Dieser stellte sich außerhalb der Tradition der
Kosmophilie erwuchs nach und nach eine Entwer- Bibel und eröffnete mit seiner Formel »Deus sive
tung von Natur und Erde, bis diese als Jammertal natura« (Gott und die Natur sind eins) die Mög-
erschien, wo ein trostloses Leben geführt werden lichkeit eines pantheistischen Erlebens des Alls, wie
musste. Weltentsagung und Weltüberwindung es vor ihm schon manche Philosophen der Antike
galten darum als hohe Werte und Tugenden der propagiert hatten.
christlichen Religion. Damit wurde er zu einem Vorläufer atheisti-
Die Situation änderte sich nochmals, als in der scher Weltbilder ohne Hoffnung auf Sinngebung
Neuzeit im Rahmen der Aufklärung durch Wissen- und Erlösung durch transzendente Mächte. Spino-
schaften, Philosophie und Ideologiekritik die Men- za, den Löwith aufgrund seiner Immanenzphiloso-
schen ihren Glauben an das Jenseits, den Schöpfer- phie ähnlich hoch schätzte wie Nietzsche, war klug
gott und das ewige Leben zu verlieren begannen. genug, nicht wie sein Nachfahre den Tod Gottes
Die Menschen der Moderne sind letztlich aus dem zu verkünden; im 17. Jahrhundert wäre dies einem
Seinsgefüge sowohl der kosmischen als auch der Todesurteil für den Verkünder gleichgekommen:
himmlischen Ordnung herausgefallen und haben
kein Zentrum mehr. Diese Entwicklung wurde von » Vielleicht hat Spinoza nicht nur nicht alles ge-
Löwith im Detail erläutert, wobei er der Meinung sagt, was er dachte, sondern auch gar nicht alles
war, die daraus resultierenden Konsequenzen seien denken können, was für uns, die Erben der durch
im 20. Jahrhundert zum Hauptthema von Existen- ihn eröffneten Religionskritik, kaum noch des
tialismus und philosophischer Anthropologie ge- Denkens und Sagens wert ist: dass überhaupt
worden: kein Gott ist – weder ein glaubwürdiger, noch ein
denkwürdiger, weder ein anwesender noch ein
»  Wenn das Universum weder göttlich und ewig abwesender … Spinozas Deus sive natura steht
ist, wie es für Aristoteles war, noch vergänglich genau an der Grenze, an der das Vertrauen in Gott
und geschaffen, wenn der Mensch überhaupt erlischt und der kritische Überschritt zur Anerken-
139
Werkanalyse

nung eines gottlosen Weltalls geschieht, das ohne und dessen Humanität bis an die äußerste Grenze
Zweck und also ohne »Sinn« oder »Wert« ist (Lö- in Zweifel gezogen, ohne sie jedoch preiszugeben.
«
with 1986, S. 192f.).  Und indem er den Menschen als das nicht festge-
stellte Tier bezeichnete, wies er ihm zugleich einen
Platz im umfassenden Sein der physischen Welt
z Natur und Humanität des Menschen zu. Mit Bejahung zitierte Löwith in diesem Zu-
Spinoza und vor allem Nietzsche haben, obwohl sie sammenhang einen Passus aus Nietzsches früher
alle transzendenten Sinnquellen radikal in Frage Schrift über Homer:
stellten und strikt nur immanente Sinn- und Be-
deutungseinheiten gelten lassen wollten, an der »  Wenn man von Humanität redet, so liegt die
Idee der Humanität des Menschen festgehalten. Vorstellung zugrunde, es möge das sein, was den
Damit widerlegten sie jene religiösen Denker, die Menschen von der Natur abscheidet und aus-
davon überzeugt waren, dass die Menschlichkeit zeichnet. Aber eine solche Abscheidung gibt es in
massiven Schaden nehmen oder vollkommen ver- Wirklichkeit nicht: Die »natürlichen« Eigenschaften
lustig gehen würde, sobald man sie von der überir- und die eigentlich »menschlich« genannten sind
dischen Göttlichkeit abkoppelt. Nur die Bewegung untrennbar verwachsen. Der Mensch, in seinen
auf transzendente Mächte hin garantiere angeblich höchsten und edelsten Kräften, ist ganz Natur und
dem Menschen die Aufrechterhaltung seiner Hu- trägt ihren unheimlichen Doppelcharakter an sich
manität. «
(Nietzsche, zit. nach Löwith 1981d, S. 278). 
Löwith vertrat diesbezüglich eine dezidiert an-
dere Position. In Natur und Humanität des Men- Viele natürliche Vorgänge und Verrichtungen beim
schen (1957) kritisierte er alle Versuche als verfehlt, Menschen sind kulturell überformt und teilweise
das menschliche Wesen mitsamt seiner potentiel- bis zur Unkenntlichkeit denaturiert: Essen, Trin-
len Humanität an Göttern, transzendenten Ideen ken, Schlafen, Verdauung, Ausscheidung, Bewe-
oder (wie bei Heidegger) am Sein festzumachen. gung, Ruhen sowie die Sexualität. Sein gesamtes
Eine solche Tendenz sah der Autor übrigens auch Dasein führt er auf eine natürlich-kulturelle Art
in der Anthropologie von Max Scheler ansatzweise und Weise, bei der er alles Natürliche in Frage stel-
als gegeben. len, verändern oder sogar verneinen kann, ohne
Der Mensch war für Löwith kein extramun- dass er jedoch den Horizont von Natur und Welt je
danes Geschöpf und auch kein Ebenbild Gottes. hinter sich lassen könnte.
Dennoch zeichnen ihn Eigenschaften aus, die ihn Löwith erwähnte Hegel, welcher den Menschen
aus der übrigen Natur herausheben, ohne dass es als »negative Kraft des Geistes« charakterisierte;
dazu übernatürliche Einflussnahme braucht. So und Heidegger, der ihn als »Sorge um sein Ganz-
habe beispielsweise schon Johann Gottfried Herder seinkönnen« beschrieb; und Sartre, der ihm
in seinen Ideen zur Philosophie der Geschichte der schlicht attestierte, ein »Loch im Ganzen des An-
Menschheit (1784–91) gezeigt, dass die Humanität, sichseienden« zu sein. Mit dem Menschen kam ein
zu welcher der Mensch bestimmt sei, in ein und Riss in die Natur, eine nicht heilen wollende Wunde
dieselbe Ordnung wie die gesamte Materie, Natur und eine offene Frage, die sich dadurch auszeich-
und Kultur gehöre. Auch Goethe wurde in diesem net, über alle Antworten erhaben zu sein:
Zusammenhang vom Autor zitiert, der »seine un-
gewöhnliche Humanität nicht dem Studium der »  Nach etwas fragen und es damit in Frage stellen,
Geschichte verdankt, sondern seiner lebenslangen kann nur, wer über Gegebenes hinaus fragt. Wer
Bemühung um ein wahres Naturverständnis«. etwas fraglos hinnimmt, kann es nicht suchend
Als Hauptgewährsmann für eine in der Natur und untersuchend in Frage stellen. In Frage stellen
des Menschen und nicht im Göttlichen veranker- lässt sich nur das, wovon man Abstand genommen
ten Humanität diente Löwith der bereits mehrfach hat. Wer aber fähig ist, von aller Naturgegebenheit,
erwähnte Friedrich Nietzsche. Dieser habe wie kein auch seiner eigenen, Abstand zu nehmen, ist nicht
anderer vor ihm die überlieferte Idee des Menschen eindeutig eine Natur, sondern hat sie auf eine
140 Kapitel • Karl Löwith

mehrdeutige Weise – in den von Natur aus gesetz- Art so wirken, als wären sie von Denkern der grie-
«
ten Grenzen (Löwith 1981d, S. 285).  chischen oder römischen Antike verfasst, oder als
hätten ihnen Autoren wie Montaigne, Goethe und
Die Fähigkeit, Abstand zu sich, den Mitmenschen Nietzsche Pate gestanden.
und zur Welt einnehmen zu können, ist auch die In ihnen spürt man kontinuierlich eine leise-
Voraussetzung dafür, dass Menschen ihr Dasein energische Humanität, Liberalität, Skepsis und To-
nicht nur leben, sondern gestalten. Diese Gestal- leranz, die bedeutend menschlicher wirken als das
tung ereignet sich zwischen den Polen von Selbst- Pathos oder der Zynismus oder die nüchtern-kalt-
verwirklichung und Selbstverlust, Vollendung und objektive Sachlichkeit mancher zeitgenössischer
Vernichtung. Philosophen.
Gestaltend transzendiert der Mensch stets den Man kann daher vorbehaltlos mit der Beurtei-
Status quo, wobei es Löwith wichtig war zu beto- lung Hans-Georg Gadamers übereinstimmen, die
nen, dass das Woraufhin dieser Transzendenz in- dieser in seiner Autobiographie Philosophische
nerhalb von Welt und Natur und nicht in einem Lehrjahre (1977) über seinen alten Freund und
Jenseits angesiedelt ist. Das Humane am Menschen Weggefährten Löwith abgegeben hat:
sah er daher in der Möglichkeit gegeben, sich zu
vervollkommnen: »Ein geglückter oder vollende- » Karl Löwith war ein Mann von unverwechselba-
ter Mensch, wie ihn Aristoteles in der Gestalt des rer Eigenart … Ein unfasslicher Gleichmut schien
»Großmütigen« und Nietzsche im Bild des »Wohl- ihn zu beseelen. In der Gleichmäßigkeit seiner
geratenen« beschreibt, ist darum das Allerseltenste Stimme, die sich kaum je zu dem leisen Nachdruck
und doch die natürliche Norm alles menschlichen des Lehrers steigerte, war dieser Gleichmut wie
Strebens.« leibhafte Gegenwart. Selbst wenn er auf dem Ka-
theder sprach, war das fast eher ein ins Unendliche
gehendes Selbstgespräch (Gadamer 1977, S. 231).  «
Conclusio

Der Basler Religionshistoriker Franz Overbeck,


den Löwith aufgrund seiner agnostischen und Literatur
skeptischen Haltung zu Wissenschaft, Religion und
Philosophie schätzte, definierte die Letztere einmal Bormuth M, von Bülow U (Hrsg) (2008) Marburger Her-
meneutik zwischen Tradition und Krise. Wallstein,
als »Mut zum Problem«. Wer wirkliches Denken
Göttingen
und philosophische Reflexion erlernen wolle, müs- Braun H, Riedel M (Hrsg) (1967) Natur und Geschichte – Karl
se die seelisch-geistige Energie aufbringen, relevan- Löwith zum 70. Geburtstag. Kohlhammer, Stuttgart
te, ins Zentrum eines Themas vordringende Fragen Gadamer H-G (1977) Philosophische Lehrjahre – Eine Rück-
zu stellen und auf die dazugehörigen Antworten schau. Klostermann, Frankfurt am Main
Löwith K (Hrsg) (1962) Die Hegelsche Linke – Die Hegelsche
lange zu warten.
Rechte, zwei Bände. Frommann-Holzboog, Stuttgart-
In Löwiths Schriften begegnet man diesem Mut Bad Cannstadt
zum Problem. Wer sich den Luxus gönnt, Texte wie Löwith K (1981ff.) Sämtliche Schriften in neun Bänden. Metz-
Von Hegel zu Nietzsche, Weltgeschichte und Heils- ler, Stuttgart
geschichte, Das Individuum in der Rolle des Mit- Löwith K (1981a) Das Individuum in der Rolle des Mitmen-
schen. In: Sämtliche Schriften 1. Metzler, Stuttgart
menschen, Natur und Humanität des Menschen
(Erstveröff. 1928)
oder Welt und Menschenwelt intensiver zu studie- Löwith K (1981b) Welt und Menschenwelt. In: Sämtliche
ren, wird mit einer Fülle von Anregungen sowie Schriften 1. Metzler, Stuttgart (Erstveröff. 1960)
mit dem Erlebnis des soliden und souveränen Aus- Löwith K (1981c) Zur Frage einer philosophischen Anthro-
lotens von philosophischen und anthropologischen pologie. In: Sämtliche Schriften 1. Metzler, Stuttgart
(Erstveröff. 1975)
Fragestellungen belohnt.
Löwith K (1981d) Natur und Humanität des Menschen. In:
Bei Löwith finden sich originelle, schnörkellose Sämtliche Schriften 1. Metzler, Stuttgart (Erstveröff. 1957)
und hellsichtige Gedanken, die auf eine angenehme
141
Literatur

Löwith K (1985) Wissen, Glaube und Skepsis. In: Sämtliche


Schriften 3. Metzler, Stuttgart (Erstveröff. 1956)
Löwith K (1986) Gott, Mensch und Welt in der Metaphysik
von Descartes bis zu Nietzsche. In: Sämtliche Schrif-
ten 9, Metzler, Stuttgart. (Erstveröff. 1967)
Löwith K (1987) Nietzsche nach sechzig Jahren. In: Sämtliche
Schriften 6. Metzler, Stuttgart (Erstveröff. 1960)
Löwith K (2001) Von Rom nach Sendai – Von Japan nach
Amerika. Deutsche Schillergesellschaft, Marbach
Löwith K (2007) Mein Leben in Deutschland vor und nach
1933. Metzler, Stuttgart (Erstveröff. 1940)
Ries W (1992) Karl Löwith. Metzler, Stuttgart
Wuchterl K (1995) Bausteine zu einer Geschichte der Philo-
sophie des 20. Jahrhunderts. Haupt, Bern
143

Hans-Georg Gadamer
Biographisches – 144
Werkanalyse – 146
Conclusio – 152
Literatur – 155

G. Danzer, Wer sind wir? – Auf der Suche nach der Formel des Menschen,
DOI 10.1007/978-3-642-16993-9_11,
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2011
144 Kapitel • Hans-Georg Gadamer

Mit achtzehn Jahren legte Gadamer seine Rei-


feprüfung am Gymnasium zum Heiligen Geist in
Breslau ab. Wenige Wochen darauf immatrikulierte
er sich an der dortigen Universität für Germanistik,
wobei er während der nächsten drei Semester auch
Sanskrit, Kunstgeschichte, Psychologie, Philoso-
. Abb. 1 Hans-Georg phie, Geschichte, Musikwissenschaft und Orienta-
Gadamer (*1900; †2002). listik studierte.
(Foto: Philipp Rothe) Als sein Vater 1919 einen Ruf nach Marburg er-
hielt, folgte ihm sein Sohn und setzte in der Stadt an
Die Hermeneutik gehörte neben der Phänomeno- der Lahn seine Studien fort. Allerdings konzentrierte
logie, Lebens-, Sprach- und Existenzphilosophie er sich nun auf das Fach Philosophie, das ihm anfäng-
zu den am meisten zitierten philosophischen Rich- lich vor allem durch Paul Natorp und Nicolai Hart-
tungen im 20. Jahrhundert. Vor allem Hans-Georg mann nahe gebracht wurde. Daneben besuchte er
Gadamer und dessen Hauptwerk Wahrheit und Vorlesungen beim Kunsthistoriker Richard Hamann
Methode (1960) wurden einige Jahre derart breit (ein Schüler Wilhelm Diltheys und Georg Simmels)
besprochen, dass nicht zufällig der Begriff der Uni- und beim Romanisten Ernst Robert Curtius.
versalhermeneutik in Umlauf geriet. Was Herme- Die beiden Philosophen Natorp und Hartmann
neutik heißt und welche Verbindungen zwischen beeindruckten den jungen Studenten. Den Ersteren
ihr und der Anthropologie bestehen, wird im Fol- nannte er einen wunderbaren Schweiger, in dessen
genden erläutert (. Abb. 1). Gegenwart man verstummte, wenn man nicht et-
was sehr Gewichtiges zu sagen hatte. Bei diesem
Neukantianer hat Gadamer 1922 mit einer Arbeit
Biographisches über Das Wesen der Lust nach den platonischen Dia-
logen promoviert – eine Dissertation, die er später
Hans-Georg Gadamer wurde 1900 in Marburg als selbstkritisch als wenig substanzvoll einschätzte.
zweiter Sohn seiner Eltern Emma und Johannes Ungezwungeneren Umgang hatte er mit Nicolai
Gadamer geboren. Der Vater war ein angesehener Hartmann, mit dem er häufig im Marburger Café
Professor für pharmazeutische Chemie. 1902 er- Vetter saß, wo ihm der Ältere die Grundzüge sei-
hielt er einen Ruf an die Universität Breslau, wo ner Kategorien- und Wertelehre auf den Caféhaus-
er bis 1919 lehrte. Anschließend übernahm er den tisch malte. Hartmann stand notorisch erst gegen
Lehrstuhl für Pharmazie in Marburg. Dort war er Mittag auf, gab nachmittags seine Lehrveranstal-
bis 1927 zeitweise als Rektor der Universität aktiv; tungen und lud abends gegen 21.00 Uhr Studenten
er starb 1928. (so auch Gadamer) zum Privatissimum. Ab Mitter-
Bei aller väterlichen Strenge wuchs Hans-Georg nacht entfalteten diese Treffen ihren ganz besonde-
wohlbehütet auf. In Breslau bewohnten die Gada- ren Glanz, und wenn man zu den Lieblingen des
mers eine komfortable Villa, wobei es selbstver- Professors zählte, durfte man mit ihm seinem As-
ständlich war, dass ihnen Personal die Verrichtun- tronomiehobby frönen und durch sein Zeiß-Fern-
gen des Alltags abnahm. Als 1912 der Untergang rohr die Sterne betrachten.
der Titanic in der Familie diskutiert wurde und der Das Sommersemester 1921 verbrachte Gada-
Vater darauf verwies, dass dabei so viele Menschen mer in München, wo er bei den Phänomenologen
wie in einem großen Dorf umgekommen waren, Moritz Geiger und Alexander Pfänder Philosophie
kommentierte dies sein Jüngster mit der wenig ein- und bei Heinrich Wölfflin Kunstgeschichte studier-
fühlsamen Bemerkung: »Ach, die paar Bauern!« te. Damals hörte er das erste Mal den Namen Mar-
Und beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs soll tin Heideggers, und er traf auf Karl Löwith, mit dem
Hans-Georg ausgerufen haben: »Oh! Das ist fein!« ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte.
– woraufhin ihm sein Vater in die Parade fuhr und Kurze Zeit nach seiner Promotion befasste sich
meinte: »Du weißt nicht, wovon du redest!« Gadamer nicht ganz freiwillig erneut mit Heideg-
145
Biographisches

ger. Damals grassierte in Marburg die Poliomye- Todtnauberg wohnen ließ. Als Heidegger 1923 nach
litis (Kinderlähmung), von der auch der frischge- Marburg berufen wurde, war es für Gadamer keine
backene Dr. phil. erfasst wurde. Monatelang war Frage, dass er ihm dorthin folgte.
er deshalb gezwungen, als Kranker in Isolation zu In der Stadt an der Lahn war Gadamer Hilfs-
verbringen. Diese Zeit nutzte er, um ausführlich assistent bei Heidegger und in dieser Rolle mit der
Texte von Edmund Husserl (die tausend Seiten der Beschaffung von Büchern ebenso wie von Alltags-
Logischen Untersuchungen) und Heidegger zu stu- utensilien oder mit der Hörsaalbetreuung befasst.
dieren. Anfänglich war der Meister noch zufrieden mit
Die Krankheit verlief bei dem jungen Philo- den Leistungen seines Adlatus. Nach und nach aber
sophen einigermaßen glimpflich. Allerdings blieb machte er seinem Unmut über das unzulängliche
ihm als Residuum eine Schwäche des linken Beines, Wissen des Jüngeren Luft, und in einem Brief an
was dazu führte, dass Studienkollegen über ihn frot- ihn schrieb er: »Wenn Sie nicht genügend Härte
zelnd dichteten: »Der Gadamer, hinkt hinterher!« gegen sich selbst aufbringen, wird nichts aus Ih-
Weil die Rekonvaleszenz nur langsame Fortschritte nen.«
machte, beschlossen Hartmann und seine Frau, die Der erschütterte Gadamer beschloss daraufhin,
sich rührend um den Patienten kümmerten, dass ein zweites Mal zu studieren. Er inskribierte in klas-
dieser heiraten sollte; eine passende Gattin würde sischer Philologie, wozu ihm nicht nur Heidegger,
der Genesung sicherlich zuträglich sein. So kam es sondern auch der Marburger Theologe Rudolf Bult-
zur Heirat mit der zwei Jahre älteren Frida Katz, die mann geraten hatte. 1927 schloss Gadamer dieses
Gadamer bereits aus Breslau kannte; seine Zustim- Studium (unter anderem bei Paul Friedländer) mit
mung zu dieser Ehe soll mehr passiver denn aktiver der Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen
Natur gewesen sein. ab, was von seinem philosophischen Mentor hono-
Zusammen mit seiner Frau wechselte der frisch riert wurde. Nun war der Weg frei für eine Habili-
Vermählte 1923 von Marburg nach Freiburg. Dort tation bei Heidegger, die 1929 mit einer Arbeit über
lernte er sowohl Heidegger als auch dessen Lehrer Platons dialektische Ethik erfolgreich abgeschlossen
Husserl persönlich kennen. Von der Phänomenolo- wurde.
gie hatte der junge Student bereits 1920 durch Max Indes Gadamer sich einige Jahre der kulturel-
Scheler einiges vernommen. Scheler hielt damals len Welt der Antike zuwandte, kümmerte sich seine
zwei Vorträge in Marburg, die auf Gadamer als »dä- im Vergleich zu ihm lebenslustigere Gattin Frida
monische, ja beinahe satanische Ausführungen« um gesellschaftliche Kontakte. Auf »halberotische
wirkten. Weise« (so Gadamer) knüpfte sie Beziehungen zu
Verglich man Schelers Rhetorik mit Husserls Freunden und Kollegen ihres Mannes, etwa mit
Lehrveranstaltungen, schnitt der Letztere schlecht den Philosophen Karl Löwith und Gerhard Krüger
ab. Nüchtern, in sich versunken und stark mono- und Ende der 30er Jahre auch mit dem Romanisten
logisierend trug der Begründer der Phänomeno- Werner Krauss.
logie seine Ideen vor, die bei den Zuhörern nur Die Liaison von Frida mit Letzterem trug dazu
selten Begeisterung auszulösen vermochten. Die bei, dass Gadamer in den 40er Jahren eine neue
meisten wandten sich daher von Husserl ab und Partnerschaft mit der zwanzig Jahre jüngeren Stu-
seinem Schüler Heidegger zu, der mehr noch als dentin und späteren Assistentin Käte Lekebusch
Scheler sein Publikum mittels seiner Vortragskunst einging, die er 1950 ehelichte. Die 1926 geborene
in Bann zog. Tochter Jutta entstammte der gemeinsamen Ehe
Auch Gadamer gehörte bald zur Fraktion je- mit Frida; die Patenschaft für Jutta übernahm Karl
ner Studenten, die sich um Heidegger scharten und Löwith.
von dessen Vorlesungen begeistert waren. Es gelang Nach seiner Habilitation arbeitete Gadamer als
ihm, den Vortragenden auf sich aufmerksam zu Privatdozent an der Marburger Universität. Die
machen, und innerhalb weniger Monate wurde er Studenten erlebten seine Gedankengänge in den
zum Meisterschüler, den Heidegger zusammen mit Vorlesungen teilweise als so unverständlich, dass
Frau Frida sogar für vier Wochen in seiner Hütte in sie dafür eine neue Einheit (die »Gad«-Einheit) er-
146 Kapitel • Hans-Georg Gadamer

fanden. Den Grad ihres Nicht-verstehens drückten in einem Zeitraum von mehr als fünf Jahrzehnten
sie von nun an in »Gads« aus – für den zukünfti- entstanden sind.
gen Großmeister der Hermeneutik durchaus eine Nach seiner Emeritierung 1968 lehrte Gadamer
Kränkung, wie er später in seiner Autobiographie einige Semester als Vertreter des eigenen, vakant
Philosophische Lehrjahre (1977) zugab. gewordenen Lehrstuhls. In den 70er Jahren gab er
In den folgenden Jahren bekleidete Gadamer zusammen mit dem Mediziner Paul Vogler (der ihn
mehrere Professuren: 1934 eine Vertretungspro- als Arzt beriet) eine Neue Anthropologie in sieben
fessur in Kiel; 1937 eine außerplanmäßige Stelle Bänden heraus. Diese befassen sich mit Biologischer
in Marburg; und 1939 eine ordentliche Professur Anthropologie (Band 1 und 2), Sozialanthropologie
in Leipzig, wo er bis 1947 blieb. Während dieser (3), Kulturanthropologie (4), Psychologischer Anth-
ganzen Zeit will er innerliche Distanz zum faschis- ropologie (5) und Philosophischer Anthropologie (6
tischen Regime gehalten haben. Äußerlich aber und 7).
verhielt er sich immerhin so geschickt, dass er im Von 1985–1995 wurden im Verlag Mohr Sieb-
NS-Staat erfolgreich Karriere machte. In Philoso- eck in Tübingen die Gesammelten Werke Gadamers
phische Lehrjahre schrieb er über die letzte Phase in zehn Bänden publiziert. Damit sind die meisten
des Dritten Reichs und die Tage des Volkssturms: seiner Aufsätze und Manuskripte auch aus den 30er
»Wenn man sich einigermaßen vernünftig und un- und 40er Jahren wieder verfügbar. In den letzten
auffällig verhielt, war das Überleben nicht schwer Jahren seines Lebens – Gadamer starb hochbetagt
(Gadamer 1977a, S. 122).« 2002 – veröffentlichte er noch verschiedene klei-
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Gadamer nere Texte, unter anderem die Bücher Gedicht und
zuerst Dekan der Philosophischen Fakultät und Gespräch (1990), Über die Verborgenheit der Ge-
1947 Rektor der Universität Leipzig. Zwei Jahre da- sundheit (1993) sowie Die Moderne und die Grenze
rauf übernahm er in Heidelberg den Lehrstuhl von der Vergegenständlichung (1996). Auch als Vortra-
Karl Jaspers, der einem Ruf nach Basel gefolgt war. gender und Interviewpartner blieb der Denker bis
In der Neckarstadt lehrte Gadamer bis zu seiner zu seinem Tod aktiv.
Emeritierung 1968 und behielt dort danach seinen Seit den 70er Jahren wurde Gadamer mit
Wohnsitz bei. Enge Kontakte pflegte er mit den einer Reihe von Preisen und Ehrungen versehen:
Ärzten Viktor von Weizsäcker und Heinrich Schip- 1971 wurde ihm der Orden Pour le Mérite und der
perges sowie mit dem Philosophen Karl Löwith. Reuchlin-Preis zuerkannt; 1979 erhielt er den Sig-
Jahrelang war Gadamers Alltag durch um- mund-Freud- sowie den Hegel-Preis; 1986 folgte
fangreiche administrative, organisatorische und der Jaspers-Preis, und 1993 wurde ihm das Bundes-
didaktische Aufgaben geprägt, und so verwun- verdienstkreuz verliehen. Daneben wurden ihm
dert es nicht, dass er damals nur wenige größere von mehreren Universitäten Ehrendoktorate über-
schriftliche Arbeiten publizierte. Seine Stärke wa- reicht.
ren zunehmend das philosophische Gespräch und
eine rege Vortragstätigkeit geworden. Dass es trotz
vielfältiger Ablenkungen zur Abfassung des Haupt- Werkanalyse
werks Wahrheit und Methode (1960) gekommen
ist, verdanken wir Käte Lekebusch, die ihren Gat- Der wesentlichste Beitrag Gadamers zur Philoso-
ten immer wieder zu konzentrierter schriftlicher phie, zur Analyse der menschlichen Existenz und
Arbeit anhielt. damit auch zur Anthropologie liegt in seiner Aus-
Wahrheit und Methode ist sein einziges um- arbeitung der Hermeneutik. Deshalb liegt hier der
fangreiches Buch mit zusammenhängendem Text Schwerpunkt auf der Erörterung seiner hermeneu-
geblieben. Gadamers andere Bücher – etwa Hegel, tischen Schriften, vor allem auf seinem Hauptwerk
Husserl, Heidegger (1987), Griechische Philosophie Wahrheit und Methode (1960).
I–III (1985–1991), Ästhetik und Poetik I–II (1993) so- Wahrheit und Methode, von Studenten und Kol-
wie Hermeneutik im Rückblick (1995) – sind Mon- legen liebevoll Wum genannt, entwickelte sich in
tagen aus Vortragsmanuskripten und Essays, die den 60er Jahren zu einem Beststeller und ist inzwi-
147
Werkanalyse

schen zu einem Longseller geworden. In Deutsch- hunderte neben der philologischen auch der Zweig
land kam es im Zuge der Studentenunruhen Ende der theologischen Hermeneutik herausgebildet.
der 60er Jahre zu einer regen Debatte über dieses Einer der Ersten, der im 19. Jahrhundert das
Buch. Vor allem Karl-Otto Apel (geboren 1922) und Verstehen in einen wissenschaftstheoretischen
Jürgen Habermas (geboren 1929) standen an der Rahmen stellte, war Wilhelm Dilthey (1833–1911).
Spitze jener, die Gadamers Philosophie des Verste- Unter anderem mit seinen Ideen über eine beschrei-
hens um ideologiekritische und psychoanalytische bende und zergliedernde Psychologie (1894), seiner
Positionen erweitern wollten. Schrift Die Entstehung der Hermeneutik (1900) so-
wie dem zusammenfassenden Band Der Aufbau der
z Geschichte der Hermeneutik geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften
Die Tradition der in Wahrheit und Methode be- (1910) profilierte er sich als neuzeitlicher Begrün-
handelten Hermeneutik reicht weit über Gadamer der einer verstehenden Methodenlehre.
hinaus, und ihr Grundanliegen – das Verstehen von Ursprünglich wollte Dilthey ein methodologi-
Zeichen, Symbolen, Texten, Sprachen, historischen sches Fundament für die Geschichtswissenschaften
Begebenheiten, Kunstwerken, anderen Menschen formulieren. Bald stellte sich jedoch heraus, dass
und nicht zuletzt der eigenen Person – ist beinahe er mit seiner Hermeneutik eine Basis des metho-
so alt wie die Menschheit und ihre Kultur selbst. dischen Vorgehens für die Geistes- und Kultur-
Dennoch lässt sich eine Geschichte der Hermeneu- wissenschaften generell skizziert hatte. Diese be-
tik im engeren Sinne nachzeichnen. schäftigen sich anders als die Naturwissenschaften
So wurde bereits in der griechischen Antike im mit individuellen und einmaligen und nicht mit
Umgang mit Mythen das Problem des Verstehens regelhaften und allgemeinen Phänomenen. Na-
virulent. Die Griechen erkannten, dass sie mytho- turwissenschaften generalisieren und formulieren
logische Geschichten und Erzählungen nicht wört- Gesetzmäßigkeiten, wohingegen die Kulturwissen-
lich, sondern allegorisch auffassen mussten, um sie schaften individualisieren.
richtig zu verstehen. So waren etwa die Auskünfte Das Individuelle erfordert zu seiner wissen-
des Orakels von Delphi ausgesprochen interpreta- schaftlichen Erfassung einen eigenen Methoden-
tionsbedürftig. kanon, für den eine verstehende Psychologie die
Allegorien zu deuten war eine der ersten Auf- Grundlage bilden sollte. Ausgehend davon gelangte
gaben, für die sich das griechische Volk den Göt- Dilthey fast zwangsläufig auf hermeneutisches Ter-
terboten Hermes zur Unterstützung erdichtete. Er rain. Sein methodologisches Credo lautete sinn-
sollte den Sterblichen die Botschaften und Taten gemäß: »Die Natur erklären wir, das Seelenleben
der Götter verständlich machen und umgekehrt (und die Kultur) verstehen wir« – wobei sich das
die Reaktionen der Irdischen an die Himmlischen Verstehen nicht bloß auf einzelne psychische Funk-
weiterleiten. Im Begriff der Hermeneutik (das Grie- tionen bezog.
chische »hermeneuein« bedeutet soviel wie verste- Dilthey war vielmehr an der Erforschung grö-
hen, auslegen und übersetzen) ist der Namen dieser ßerer Zusammenhänge interessiert, die er im See-
mythologischen Gestalt mit enthalten. lenleben des Einzelnen ebenso wie in der Kultur
Eine Zuspitzung des Verstehensproblems soll vermutete. Das Ziel seiner Verstehensbemühungen
sich nach Gadamer ergeben haben, als sich im Zuge war die Aufdeckung sogenannter Strukturen und
von Luthers Protestantismus für die Gläubigen die der daraus entspringenden geistig-sozialen Leis-
Notwendigkeit ergab, Gottes Wort ohne Hilfestel- tungen. Für eine solche Psychologie, die tragende
lung durch Priester auslegen zu müssen. Die Bibel- und formende Funktionen für die gesamten Wis-
exegese sei ein Paradebeispiel für die hermeneuti- senschaften vom Menschen übernehmen sollte,
sche Tätigkeit geworden, und nicht ganz zufällig braucht es die Hermeneutik.
seien bedeutende Hermeneutiker wie Friedrich Will man etwa eine geschichtliche Epoche oder
Schleiermacher und Rudolf Bultmann Theologen ein literarisches Kunstwerk verstehen, muss sich
gewesen. Ausgehend von der Interpretation der der Interpret anders als in den Naturwissenschaf-
Heiligen Schrift hat sich im Laufe der letzten Jahr- ten mit seinen persönlichen Urteilen, Erfahrungen
148 Kapitel • Hans-Georg Gadamer

und Neigungen in den hermeneutischen Prozess sondern soll das »eigentliche Objekt der Geistes-
einbringen. Das Subjekt kann bei der Erforschung wissenschaften, das Leben selbst« erschließen; 3)
geisteswissenschaftlicher Themen nicht wie zum Letztes Ziel des hermeneutischen Verfahrens ist es,
Beispiel in der Physik oder Chemie aus dem For- Autoren, Künstler oder andere Menschen besser zu
schungsgeschehen ausgeklammert werden, son- verstehen, als sie sich selbst verstanden haben.
dern bildet einen gewichtigen Bestandteil des wis- Trotz aller Versuche, die Hermeneutik im
senschaftlichen Verstehens. menschlichen Dasein zu verankern, blieb sie für
Um dem Vorwurf des Subjektivismus ent- Dilthey überwiegend ein methodisches Thema, mit
gegenzuwirken, formulierte Dilthey Vorschriften, dem sich Geistes- und Kulturwissenschaftler ausei-
die jeder befolgen sollte, der hermeneutisch vorge- nandersetzen sollten. Eine Philosophengeneration
hen will. Der zentrale Gedanke dabei lautete, dass nach ihm hat Heidegger das Motiv des Verstehens
das Verstehen ein zirkuläres Geschehen ist, dessen auf die Existenz des Menschen im Ganzen ausge-
Bewegung keine Endpunkte kennt. Die Kunst und weitet. In seiner Vorlesung vom Sommersemester
Technik des Verstehens könne nur erlernen, wer 1923 (Hermeneutik der Faktizität) sowie in Sein und
diesen hermeneutischen Zirkel akzeptiere, in den Zeit (1927) entwickelte er Gedanken zum Verstehen,
hineinzugelangen nicht immer leicht sei. Ihn viele welche die Hermeneutik als eine für alle Menschen
Male zu wiederholen, erfordere außerdem ein ho- existentiell relevante Problematik definierten:
hes Maß an Geduld, Wissen und Können.
Konkret müsse ein Interpret gedanklich meh- » Die Hermeneutik hat die Aufgabe, … der Selbst-
rere Kreisbewegungen absolvieren: So solle er die entfremdung, mit welcher das Dasein geschlagen
einzelnen Elemente und Phänomene, die er befor- ist, nachzugehen. In der Hermeneutik bildet sich
sche, jeweils zum Ganzen seines Untersuchungs- für das Dasein eine Möglichkeit aus, für sich selbst
gegenstandes in Beziehung setzen und umgekehrt verstehend zu werden und zu sein (Heidegger
vom Ganzen zum Teil zurückkehren. Ähnliche «
1975, S. 12). 
zirkuläre Relationen bestehen zwischen dem Werk
einerseits und der Weltanschauung seines Urhe- Die hervorstechende Eigenschaft des Menschen ist
bers andererseits sowie zwischen dem Untersucher seine Fähigkeit zur Selbst- und Weltdeutung: Der
und seinem Forschungsobjekt. Die Beschäftigung Mensch versteht sich als Verstehender. In Sein und
mit Letzterem verändere den Ersteren, und dieser Zeit bezeichnete Heidegger diese Fähigkeit als ein
verstehe daraufhin neue Seiten an seinem Unter- Existential (menschliche Wesenseigentümlich-
suchungsgegenstand. keit). Sobald Menschen jedoch daran gehen, sich,
Um mittels Hermeneutik wissenschaftliche Er- andere oder die Welt zu verstehen, stoßen sie auf
gebnisse und nicht lediglich individuelle Spekula- eine Fülle von Vormeinungen und -urteilen, die sie
tionen zu generieren, forderte Dilthey die Geistes- nicht ohne weiteres abstreifen können. Im Gegen-
wissenschaftler auf, den hermeneutischen Zirkel teil: Heidegger zufolge gehört diese Vorstruktur
mit aller nur erdenklichen Redlichkeit zu prakti- wesentlich zu jedem Verstehensakt, und es sei eine
zieren. Ihm war daran gelegen, »Dämme gegen den Illusion zu glauben, dass man sich irgendwann vo-
Einbruch romantischer Willkür und skeptischer raussetzungslos, mit purem und nacktem Bewusst-
Subjektivität« zu errichten, und dementsprechend sein, der Natur, den Mitmenschen und den Dingen
hochgesteckt waren seine Zielvorgaben, die jedem nähern könne.
hermeneutischen Forschungsansatz zugrunde lie- Weil in jedem Verstehensakt die Erfahrungen,
gen sollten. Zu Diltheys Idealen im Hinblick auf das der Charakter, die Erwartungen und die Lebens-
Verstehen zählte: bedingungen des Verstehenden enthalten sind, sah
1) Hermeneutiker müssen die Resultate anderer es der Philosoph als eine hermeneutische Haupt-
Wissenschaftler bezüglich ihrer Forschungsthema- aufgabe an, diese Vorbedingungen sowie das Vor-
tik umfänglich kennen und schlüssig in ihre eige- verständnis des Menschen sich selbst betreffend
nen Interpretationen integrieren; 2) Hermeneutik durchsichtig zu machen. Dazu gehören zum Bei-
darf sich nicht in Nebensächlichkeiten ergehen, spiel alle Vorentwürfe über das Objekt des Verste-
149
Werkanalyse

hens, welche der Interpret in sich trägt, wenn er Hürden des Verstehens überwunden zu haben.
sich diesem zuwendet. Für Gadamer war wie für Heidegger jede herme-
neutische Bemühung stets mit Vormeinungen und
z Gadamers Universalhermeneutik -urteilen verknüpft. Wer zu verstehen sucht, ist der
Als Gadamer im Sommersemester 1923 in Freiburg Beeinflussung durch eine Fülle von Vorannahmen
bei Heidegger studierte, kam er in Kontakt mit des- ausgesetzt; die Qualität des Hermeneutikers besteht
sen Gedanken zur Hermeneutik, die ihn von da an deshalb darin, sich dieser Voreingenommenheit
nicht mehr losließen. Obwohl es über drei Jahr- bewusst zu sein, ohne sie je abstreifen zu können:
zehnte dauerte, bis er das Manuskript zu Wahrheit
und Methode in Angriff nahm, kann dieses Buch als »  Eben hier liegt der Punkt, an dem der Versuch
Fortsetzung Heidegger‘scher Verstehenskonzepte einer philosophischen Hermeneutik kritisch einzu-
der 20er Jahre gelesen werden. Jene Fragen, welche setzen hat. Die Überwindung aller Vorurteile, diese
der Lehrer damals nur angerissen und nicht weiter Pauschalforderung der Aufklärung, wird sich selber
verfolgt hatte, bildeten für seinen Schüler den Stoff, als ein Vorurteil erweisen, dessen Revision erst den
woraus seine eigene Philosophie erwuchs. Weg für ein angemessenes Verständnis der End-
Ähnlich wie Heidegger wandte sich Gadamer lichkeit freimacht (Gadamer 1986, S. 280). «
gegen die von Dilthey vertretene Meinung, die
Geistes- und Kulturwissenschaften hätten in der Gemeinhin wird angenommen, dass Vorurteile
Hermeneutik eine Methode gefunden, die ihnen das Verstehen behindern, und in vielen Fällen lässt
annähernd Objektivität und Allgemeingültigkeit sich diese Annahme auch bestätigen. Nicht zuletzt
gewähren könne. Verstehensprozesse ereignen deshalb kam es, wie Gadamer ein Kapitel in Wahr-
sich weder im Bereich von Philosophie und Wis- heit und Methode überschrieben hat, zur »Diskre-
senschaften noch im Alltag auf dem Boden von ditierung des Vorurteils durch die Aufklärung«.
Regelwerken. Mit methodischen Vorschriften die Daneben gibt es aber auch Vorurteile, welche das
Aufgabe der Deutung und Auslegung von Kunst- Verstehen eher befördern. So sei es in manchen
werken oder Mitmenschen bewältigen zu wollen, Situationen sinnvoll, sich dem Vorurteil beispiels-
führe lediglich zu sterilen Lösungen. weise eines Lehrers, Fachmanns, Vorgesetzten oder
Wesentliche Voraussetzungen für gelingendes anderer Autoritäten anzuvertrauen, um dadurch
Verstehen bilden Gadamer zufolge vielmehr Tu- ein Grundverständnis für einen zu erlernenden
genden wie Takt, Geschmack, Gemeinsinn, Bil- Stoff zu entwickeln:
dung und künstlerische Intuition. Im Eingangska-
pitel von Wahrheit und Methode zeigte er, welche »  Die Vorurteile, die sie einpflanzen, sind zwar
Bedeutung diese Tugenden als humanistische Leit- durch die Person legitimiert. Ihre Geltung verlangt
begriffe für die Geisteswissenschaften (und das All- Eingenommenheit für die Person, die sie vertritt.
tagsleben) haben. Wer Kultur, Mitmenschen und Eben damit werden sie zu sachlichen Vorurteilen,
sich selbst verstehen will, muss als Grundlage dafür denn sie bewirken die gleiche Eingenommenheit
eben diese zwischenmenschlichen und gefühlsmä- für eine Sache, die auf andere Weise zustande
ßigen Fertigkeiten entwickeln. kommen kann (Gadamer 1986, S. 285).  «
Statt einer Technik des Verstehens schwebte
Gadamer also eine hermeneutische Einstellung vor, Vorurteile eignen uns Menschen wie eine zweite
die eng mit der Persönlichkeit des Betreffenden ver- Haut; wir vermögen nicht, sie abzulegen, sondern
knüpft ist, und die mit Begriffen wie Selbst-, Men- nur, sie als wahr oder falsch zu differenzieren. Eine
schen- und Weltkenntnis; Intuition, Empathie und zentrale Frage der Hermeneutik lautet daher, wie
Solidarität; Geduld, Vorsicht und Skepsis; weltan- wahre von falschen Vorurteilen zu trennen sind.
schauliche und geistige Unabhängigkeit; Vornehm- Der Philosoph verwies diesbezüglich auf die Zeit
heit, Würde und Stil skizziert werden kann. und den Zeitenabstand, die es ermöglichen, Vor-
Doch selbst wenn Menschen derartige Eigen- meinungen nach Jahren oder Jahrzehnten als falsch
schaften aufweisen, sollten sie nicht meinen, die oder richtig zu klassifizieren. Darüber hinaus ge-
150 Kapitel • Hans-Georg Gadamer

stand Gadamer auch dem zwischenmenschlichen Verstehende lebt, und der andere, welcher dem
Dialog eine klärende, kritische und diskriminieren- Verstehensobjekt zugehörig ist. Je überlegener
de Funktion zu. und weit dimensionierter der Horizont des Ers-
Gadamer erachtete jedoch die Menschen als so teren ausgebildet ist, je mehr er über sein Nahes
unlösbar in das Denken und Empfinden des Zeit- und Gewohntes hinaussehen kann, umso leichter
geistes und der Wirkungsgeschichte eingebunden, wird er den Horizont des Gegenüber wahrnehmen
dass ihre angeblich kritischen Urteile über vergan- und sich in Maßen in diesen hinein versetzen kön-
gene Vorurteile ebenfalls schon wieder den Geruch nen. Dabei verlässt er aber seinen eigenen Hori-
von Vorurteilen an sich tragen. Einen archime- zont nicht; vielmehr kommt es im günstigen Fall
dischen Punkt, von dem aus ein ungetrübtes Er- zu einer temporären und punktuellen Fusion von
kennen und Verstehen möglich ist, gibt es nicht; Perspektiven und Gesichtskreisen.
stattdessen sind alle Menschen stets mitten in eine Wirkungsgeschichte, Situation, Horizont – an-
Wirkungsgeschichte gestellt, die sie nur sporadisch hand dieser Begriffe wollte Gadamer seine Leser auf
begreifen und überblicken. eine Art Überforderung aufmerksam machen, wel-
Daher plädierte Gadamer dafür, die Macht der che die Geschichte der Hermeneutik lange prägte.
Wirkungsgeschichte anzuerkennen und nicht ver- Dieses Problem ist dem Philosophen zufolge aus
geblich zu versuchen, sie abzuschütteln. Weil Men- dem überzogenen Ideal eines grenzenlosen Verste-
schen in ihr und in jeweiligen Situationen existie- hens und einer vollendeten Aufklärung erwachsen.
ren, ohne aus ihnen aussteigen und sie von außen Das geheime Ziel solcher Hermeneutik, die er bei
beurteilen zu können, werden sie immer auf die Schleiermacher ebenso wie bei Hegel, Wilhelm von
Grenze ihres momentanen Wissens und Verstehens Humboldt und Dilthey vermutete, sei die »Aufhe-
zurückgeworfen: bung der eigenen Endlichkeit in der Unendlichkeit
des Wissens«.
»  Wirkungsgeschichtliches Bewusstsein ist zu- Gadamer vertrat demgegenüber konsequent
nächst Bewusstsein der hermeneutischen Si- eine Hermeneutik der Begrenzung und der End-
tuation. Der Begriff der Situation ist ja dadurch lichkeit. Er verglich zwar den Verstehensprozess
charakterisiert, dass man sich nicht ihr gegenüber mit einem lange währenden oder unendlichen Ge-
befindet und daher kein gegenständliches Wissen spräch, dessen Spiel des Fragens und Antwortens
von ihr haben kann. Man steht in ihr, findet sich immer wieder neu überraschende Perspektiven
immer schon in einer Situation vor, deren Erhel- hervorbringt. So ausgiebig sich ein gegenseitiges
lung die nie ganz zu vollendende Aufgabe ist. Das Verständnis zwischen den Gesprächspartnern aber
gilt auch für die hermeneutische Situation (Gada- auch entwickelt haben mag, bleiben sie letztlich
«
mer 1986, S. 307).  doch immer mit einem Rest von ungelöstem Rätsel
behaftet.
Neben der Wirkungsgeschichte und den sich än- Das bedeutet im Umkehrschluss, dass alle For-
dernden Situationen darf man nach Gadamer noch mulierungen, die von einem angeblich vollstän-
den Horizont berücksichtigen, vor dem der Gegen- digen Verstehen eines Textes oder einer raschen
stand des Verstehens wie auch der Verstehende Übereinstimmung in zwischenmenschlichen Situ-
selbst angesiedelt sind. Mit Horizont meint man ationen berichten, unter den Verdacht von Miss-
alltagssprachlich den Gesichtskreis, der alles um- verstehen und Überschätzung hermeneutischer
greift, was von einem Punkt aus sichtbar ist. In der Potenzen fallen. Gadamer bezeichnete eine solche
Philosophie wird seit Nietzsche und Husserl die- Art der Hermeneutik als naiv oder als eine Spielart
ser Begriff verwendet, um die Gebundenheit des des Dominanz- und Distanzstrebens:
Denkens an seine endliche Bestimmtheit und das
Schrittgesetz der Erweiterung des Gesichtskreises » Der Anspruch, den anderen vorgreifend zu ver-
auszudrücken. stehen, erfüllt die Funktion, sich den Anspruch des
In der hermeneutischen Situation treffen zwei anderen in Wahrheit vom Leibe zu halten (Gada-
Horizonte aufeinander: der eine, in welchem der «
mer 1986, S. 366). 
151
Werkanalyse

Wer derart zu verstehen vorgibt, hält sich nicht nur Antwort sein will. Mit der Frage wird das Befragte
die Ansprüche des anderen vom Leibe – er bringt in eine bestimmte Hinsicht gerückt (Gadamer 1986,
sich auch um das, was Gadamer die hermeneuti- «
S. 368). 
sche Erfahrung nannte. Unter Erfahrung verstand
der Denker ein grundsätzlich negatives Erlebnis. Als Beispiele für ein solches Fragen verwies Gada-
So wie Arthur Schopenhauer meinte, dass Erfah- mer auf die sokratisch-platonischen Dialoge. Bei
rungen verlorene Illusionen sind, betonte auch Ga- diesen Gesprächen ging es nicht darum, siegreich
damer, dass man von Erfahrungen im eigentlichen gegen jemanden anzuargumentieren. Vielmehr
Sinne nur sprechen könne, wenn sie den Erwartun- versuchten die Gesprächspartner stets, die Ge-
gen des Betreffenden zuwiderlaufen. dankengänge des anderen verstehend nachzuvoll-
Nur im Zusammenprall mit der widerständigen ziehen und fragend ein gemeinsames Denken zu
Realität oder im Zuge von Enttäuschungen mache ermöglichen. Ziel der Dialoge war das Entdecken
man Erfahrungen. Als erfahren galt für Gadamer von Wahrheitspartikeln; dies geschah, wenn alle
derjenige, dem die Ereignisse seiner Lebensge- Beteiligten die Stärken einzelner Argumente her-
schichte zu verändernden Erkenntnissen und Ein- vorhoben, selbst wenn sie nicht die eigenen waren.
sichten verholfen haben – wobei sich die Verände- Die Platonischen Dialoge lehren, dass sich je-
rungen sowohl auf die eigene Person als auch auf des Fragen und Antworten und alle Verstehensakte
die Welt um sie her beziehen können. So oder so im Medium der Sprache ereignen. Selbst jene Mo-
wird der Betreffende aber mit Begrenzungen kon- mente, in denen man in einem stummen Blick oder
frontiert, was Gadamer dazu verleitete, das Erleben einer vielsagenden Geste des Gegenüber meint, et-
der menschlichen Endlichkeit als die Erfahrung was von ihm verstanden zu haben, sind nach Ga-
schlechthin zu bezeichnen, die in allen anderen als damer von Begriffen eingerahmt und durchsetzt.
existentielle Tönung mitenthalten ist. Sobald man interpretierend über diese Blicke oder
Ausgehend von diesen Überlegungen erörterte Gesten nachdenkt, setzt dies sprachliche Kompe-
Gadamer auch die hermeneutische Erfahrung. Bei tenzen voraus. Indem Menschen Sprachen lernen
ihr komme es ebenfalls zum aufrüttelnden Erleb- und in ihnen leben, sind sie automatisch in Kul-
nis der Widerständigkeit der Wirklichkeit, die sich turen mit allen ihren Vernunft- und Sinnanteilen,
dem Verstehenden hauptsächlich in zwei Formen aber auch mit allen ihren Sinnwidrigkeiten und
präsentiert: als Erfahrung des Du sowie als Erfah- Absurditäten eingewoben.
rung der Überlieferung. Sowohl der Mitmensch als Hermeneutik im Medium der Sprache hat zum
auch Bücher, Kunstwerke oder geschichtliche Epo- Ziel, sich potentiell am Verstehen der gesamten
chen sind eigen und anders. Sie präsentieren sich Welt und der Summe von Sinn, Wert und Bedeu-
dem Beobachter als mehr oder minder spröde Rea- tung zu versuchen. Die Sprachen und Symbolberei-
lität, in die er nur teilweise einzudringen vermag, che der Menschen und damit ihre Verstehenskapa-
und die ihn auf sich selbst zurückwirft. zitäten haben sich im Laufe der Geschichte immer
Am ehesten gelinge demjenigen ein verstehen- weiter ausdifferenziert, und dementsprechend plä-
der Zugang zur Welt, der über eine fragende Ein- dierte Gadamer dafür, Leben, Mitmenschen, Kul-
stellung verfügt. Gadamer betonte allerdings, dass tur und letztlich den ganzen Kosmos als Themen
nicht beliebige Fragen zum Verstehen beitragen. der hermeneutischen Bemühungen zu begreifen.
Im Alltag begegnen einem oberflächliche Fragen Ein solches Unterfangen bezeichnete er als Univer-
zuhauf, die kaum dazu dienen, Kunst, Kultur, Ge- salhermeneutik.
schichte oder Mitmenschen wirklich kennenzuler- Dieses universale Verstehen-Wollen wird zwar
nen: Mal um Mal von der Begrenztheit einzelner Ver-
stehensakte, von der wirkungsgeschichtlichen Si-
» Im Wesen der Frage liegt, dass sie einen Sinn tuation, den individuellen Vorurteilen und nicht
hat. Sinn aber ist Richtungssinn. Der Sinn der Frage zuletzt von der Sprache selbst limitiert. Doch trotz
ist mithin die Richtung, in der die Antwort allein dieser Limitierungen plädierte Gadamer für ein
erfolgen kann, wenn sie sinnvolle, sinngemäße Festhalten an der Aufgabe des Verstehens. Denn
152 Kapitel • Hans-Georg Gadamer

mit jedem auch noch so kleinen sprachlich-her- Des Weiteren machte der Autor darauf auf-
meneutischen Fortschritt festigt der Mensch seine merksam, dass in allen Wissenschaften vom
Zugehörigkeit zur Sphäre von Freiheit, Vernunft Menschen und seiner Kultur implizit immer an-
und Humanität und trägt damit zu seiner Selbst- thropologische Vorannahmen und Einstellungen
aufklärung bei. mitschwingen, welche die konkrete wissenschaft-
Die bisherige Geschichte ihres Fragens und liche oder soziale Praxis entscheidend prägen. Wir
Verstehens weist die Menschen als exquisite Sinn- können uns zum Beispiel keinerlei Formen der
sucher aus, die immer wieder Dimensionen von Heilkunde ausmalen, die ohne derlei meist unaus-
Wert und Bedeutung erkennen und benennen wol- gesprochene Menschenkunde auskommen.
len, selbst wenn sie zugeben müssen, dass ihr Da- So trägt jeder pflegend oder ärztlich Tätige im
sein stets vom Einbrechen des Sinnwidrigen und Gesundheitswesen Maßstäbe hinsichtlich Leib,
Absurden bedroht ist. Das Verstehen ihres Woher Seele, Krankheit, Gesundheit, Lebensqualität, Arzt-
und Wohin und das Benennen ihres Wesens, die Patienten-Beziehung, gegenseitiger Hilfe, Heil und
Hermeneutik ihrer Existenz treibt sie um, seit das Heilung und vieler anderer Aspekte in sich, die
Spiel der Evolution sie hervorgebracht hat, und sie sein konkretes Tun und Lassen enorm beeinflus-
wird erst enden, wenn die Gattung Homo irgend- sen. Fließen diese unreflektiert und unkorrigiert in
wann einmal in der stummen Weltnacht des Kos- seinen beruflichen Alltag ein, entstehen nicht selten
mos untergeht. Situationen, in denen sich Patienten zu Recht be-
Sinnverstehen und damit einhergehend Suche schweren, sie stießen auf zu wenig Verständnis und
nach Wahrheit und Vernunft sind die eigentlichen Menschlichkeit innerhalb der Medizin.
und tiefgründigen Aufgaben der Menschheit schon Hermeneutik im Sinne Gadamers kann dem
seit Jahrtausenden. Daher definierte Gadamer sei- Einzelnen helfen, seine anthropologischen Vor-
ne Form der Hermeneutik als ein existentielles und annahmen bewusster werden zu lassen und damit
anthropologisches Thema und nicht nur als metho- einer eventuell nötigen Korrektur anheimzustel-
dologisches Problem der Geistes- und Kulturwis- len. Ähnlich wie die von Francis Bacon initiierte
senschaften. und im 19. Jahrhundert favorisierte Ideologiekritik
(Ludwig Feuerbach, Karl Marx, Arthur Schopen-
hauer, Friedrich Nietzsche) sorgt die Hermeneutik
Conclusio dafür, die Rahmenbedingungen jeglichen Denkens
und Handelns (Zeitgeist, gesellschaftliche, ökono-
Was haben nun Gadamers Ausführungen zur Her- mische, geschichtliche, politische Gegebenheiten;
meneutik mit der Heilkunde und medizinischen persönliche Faktoren wie Charakter, Stimmung,
Anthropologie zu tun? Der Philosoph hat auf diese Lebensentwurf) transparenter zu machen. Damit
Frage vor allem in seinem 1993 publizierten Buch wirkt sie als …
Über die Verborgenheit der Gesundheit Antworten
formuliert. Außerdem finden sich im Eingangs- » kritisches Maß, das das Handeln des Menschen
kapitel zu seiner Neuen Anthropologie (Band 1) von vorschnellen Wertungen und Abwertungen
Hinweise auf die gegenseitige Beeinflussung von befreit und seinen Zivilisationsweg an sein Ziel er-
Hermeneutik, Medizin, Philosophie sowie Anth- innern hilft, der – sich selbst überlassen – weniger
ropologie. und weniger ein Weg zur Beförderung der Huma-
Darin betonte Gadamer, man müsse sich von nität zu werden droht. So dient die Wissenschaft
der Vorstellung lösen, mit Hilfe der Wissenschaf- über den Menschen dem Wissen des Menschen
ten und Philosophie ein Menschenbild entwerfen von sich selbst und seiner Praxis (Gadamer 1972,
zu können, das unverrückbar richtig und stabil ist. «
S. XXXVI). 
Allein das Faktum der Vorurteilsgebundenheit und
Geschichtlichkeit aller Meinungen und Urteile las- Hermeneutik ist für die Heilkunde und medizini-
se eine solche Hoffnung von vorneherein als illusio- sche Anthropologie jedoch noch in anderer Hin-
när erscheinen. sicht relevant. Seit dem Aufkommen von Psycho-
153
Conclusio

analyse, Tiefenpsychologie und Psychosomatik immer wieder Versuche, das Expressive und Ap-
einerseits sowie von Existenzphilosophie und So- pellative an ihm mittels systematischer Kategorien
zialpsychologie andererseits tendiert die anthropo- zu interpretieren. So kann man Ernst Kretschmers
logische Betrachtung des Menschen dazu, alles an Körperbau und Charakter (1921) als Typenlehre ein-
ihm als Formen des Ausdrucks und der Kommuni- ordnen, die allein an der organischen Konstitution
kation aufzufassen. von Menschen (leptosom, athletisch, pyknisch) de-
Dies betrifft auch und vor allem den mensch- ren Gangart, Weltanschauung und Temperament
lichen Leib. Wir können uns keinen Zustand und erahnen und in begriffliche Informationen über-
keinen Moment im Dasein eines Menschen vorstel- setzen wollte.
len, in denen der Betreffende nicht mit seiner Um- Die Tiefenpsychologie und Psychosomatik ging
und Mitwelt in irgendeiner Art kommuniziert. in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts
Selbst wenn der Einzelne schläft, schweigt, sich diesbezüglich differenzierter vor. Freud, Adler und
abwendet oder in die Einsamkeit flüchtet, drücken ihre Schüler versuchten ebenso wie etwa Franz
sein Blick, seine Körperhaltung, der Turgor und die Alexander, Viktor von Weizsäcker oder Arthur Jo-
Durchblutung seiner Haut oder die schlichte Tat- res, in den körperlichen Zuständen ihrer Patienten
sache seiner Abwesenheit etwas aus. individuelle Mitteilungen zu erkennen, die unter
In solchen Situationen kommuniziert der Be- Umgehung der gesprochenen Sprache lebensge-
treffende vorwiegend expressiv und appellativ, schichtliche oder charakterliche Details der Betref-
nicht aber sonderlich informativ. Diese Begriffe fenden offenbaren.
verwendete der Wiener Psychologe und Sprach- Die diesem Vorgehen zugrundeliegende tiefen-
forscher Karl Bühler, um verschiedene Dimen- psychologische und psychosomatische Hauptthese
sionen der menschlichen Kommunikation zu be- lautet, dass sich das Unbewusste eines Menschen
schreiben. Expressionen (Ausdruck) und Appelle des Leibes bedient, um sich auszudrücken. An-
(Aufforderungen an die Umwelt) werden von den ders formuliert: Das Unbewusste ist der Leib, und
Mitmenschen zwar wahrgenommen und intuitiv alle seine Wünsche, Begierden und Triebimpulse,
mehr oder minder korrekt eingeordnet – ihr Infor- Ängste, Affekte, Kränkungen und Konflikte, aber
mationsgehalt aber ist in der Regel diffus. auch die Lebensgeschichte eines Individuums so-
Der Mensch kann nicht nicht-kommunizie- wie seine Ziele, Werte und Zukunftsentwürfe wer-
ren – so lautet die oft zitierte Formel der Kommu- den daher zu einem erheblichen Teil nicht wörtlich,
nikationsforscher. Der Mitteilungscharakter der sondern körperlich zum Ausdruck gebracht.
menschlichen Existenz ist dabei leiblich begründet Besonders jene Aspekte der Existenz, welche
und in vielen Fällen expressiver und appellativer das eigene Selbstbild massiv in Frage stellen und
Natur. Da der menschliche Leib vielschichtige Aus- als anstößig oder ängstigend erlebt werden, fallen
drucksmöglichkeiten aufweist (Blässe, Erröten, Zit- häufig aus dem Rahmen der sprachlich-bewussten
tern, Blutdruck- und Herzfrequenzschwankungen, Kommunikation. Sie werden nicht mehr gelebt,
Hüsteln, Seufzen, Obstipation), die sich als vegeta- sondern unbewusst geleibt – wie es der Daseins-
tiv gesteuerte Phänomene kaum willkürlich modu- analytiker Medard Boss formuliert hat. Diese ex-
lieren lassen, kommuniziert jedermann nolens vo- kommunizierten Anteile des Daseins tragen oft-
lens mit seinen Mitmenschen, selbst wenn er keine mals wegen der mit ihnen einhergehenden vege-
Worte gebraucht. Besonders Affekte, Stimmungen, tativen Dysbalance zur Entstehung körperlicher
Atmosphären sowie Zustände von An- und Ent- Krankheiten bei.
spannung teilen sich auf diesem nonverbalen Weg Die Pioniere der Psychosomatik (Georg Grod-
wirkungsvoll mit. deck, Helen Flanders Dunbar, Franz Alexander)
Weil der menschliche Leib (der beseelte und setzten ihren Ehrgeiz darein, an den somatischen
eventuell vergeistigte Körper) in gewisser Weise Symptomen ihrer Patienten deren existentielle
wie ein »Lied ohne Worte« erscheint (so der Ti- Nöte und psychosoziale Belastungen wie vom Blatt
tel einiger lyrischer Klavierstücke von Felix Men- abzulesen. Vor allem Groddeck glänzte diesbe-
delssohn-Bartholdy), gab es in der Vergangenheit züglich mit zügellos phantasievollen und symbol-
154 Kapitel • Hans-Georg Gadamer

trächtigen Interpretationen, indes Alexander sich Naturgeschehens, die eine hoch entwickelte For-
mit seinem Spezifitätsmodell darauf beschränkte, schung mehr und mehr ans Licht bringt. Nun, mit
einzelnen körperlichen Krankheiten spezifische dem Unverständlichen und mit dem Verstehen der
seelische Konflikte zuzuordnen. Unberechenbarkeiten des seelisch-geistigen Le-
Die Psychosomatik am Anfang des 21. Jahr- benshaushaltes des Menschen hat es die Kunst des
hunderts ist skeptisch geworden in Bezug auf eine Verstehens zu tun, die man Hermeneutik nennt
fixe Koppelung von körperlichen Symptomen und «
(Gadamer 1993, S. 202f.). 
psychosozialen Inhalten, die darin unbewusst zum
Ausdruck gebracht werden sollen. Was sie jedoch Gadamer sprach in seinem Werk mehrfach von
anerkennt ist die Möglichkeit und oftmals auch Universalhermeneutik, um zu verdeutlichen,
die Notwendigkeit, in den Krankheitszuständen dass nicht nur einige wenige Geisteswissenschaft-
von Patienten deren individuellen Sinn- und Be- ler, sondern alle Forscher, Künstler, Philosophen,
deutungsgehalt zu erkennen und – falls gewünscht Techniker, Juristen, Lehrer, Erzieher, Psychologen
– mit den Betroffenen zu besprechen. und Ärzte, die sich mit dem Menschen und seiner
Denn Gesundheit wie Krankheit eines Men- Kultur beschäftigen, unwillkürlich mit dem Thema
schen sind eingebettet in dessen Lebensgeschichte des Verstehens konfrontiert sind.
und spiegeln deren Rahmenbedingungen und Ver- Gadamer selbst wählte aufgrund seiner konser-
lauf wieder. Genetische Ausstattung, Konstitution, vativen Lebens- und Weltanschauung eher harmlo-
biologische Matrix, Familienkonstellation, ökono- se kulturelle Bereiche aus, an denen er sein Verste-
mische und ökologische Einflüsse, Erziehung und henskonzept demonstrieren konnte: Lyrik und die
Bildung, politische und historisch-gesellschaftliche schönen Künste, altphilologische und philosophie-
Gegebenheiten und Prozesse, Triebschicksal und geschichtliche Fragestellungen sowie die Mytholo-
Charakterstruktur, Weltanschauung, soziale und gie und Theologie waren jene Disziplinen, in denen
kulturelle Verhältnisse, Belastungen durch Um- er sich mit seiner Hermeneutik am heimischsten
weltgifte und Erreger aller Art, Erfahrungen mit fühlte.
Eros und Sexus sowie die individuelle Wert- und Eine universale Hermeneutik der menschli-
Normorientierung – sie alle und weitere Faktoren chen Existenz bedeutet unserer Ansicht aber auch,
verschränken sich beim Einzelnen und ermögli- sich um das Verstehen von gesellschaftlich, histo-
chen dessen Krankheit und Gesundheit. risch und politisch brisanteren Phänomenen zu be-
Ausgehend von derart komplexen Bedingungs- mühen: soziale und ökonomische Ungerechtigkeit,
gefügen wird rasch deutlich, dass der Medizin im Unterdrückung, Ausbeutung, Patriarchat, Imperia-
Allgemeinen und den konkreten Ärzten im Be- lismus, Chauvinismus, religiöser und politischer
sonderen eine immense hermeneutische Aufgabe Fanatismus und Fundamentalismus, Krieg, Mili-
zufällt, sofern sie ihre Patienten umfassend verste- tarismus, Aberglauben, staatliche und kirchliche
hen wollen. Alle Ärzte – nicht nur Psychiater, Psy- autoritäre Hierarchien, Erziehungs- und Bildungs-
chotherapeuten und Psychosomatiker – sind auf- defizite.
gerufen, zumindest in Ansätzen jene Verstehens- Zu derlei Themen hat sich der Großmeister des
arbeit in Angriff zu nehmen, die unweigerlich auf Verstehens kaum geäußert. Wer jedoch als Arzt,
sie zukommt, sobald sie sich die Dimensionen des Psychologe, Psychotherapeut oder einfach nur als
Humanen in der Medizin vor Augen führen: Mitmensch seine Patienten und Zeitgenossen um-
fassend verstehen will, muss unweigerlich einige
»  Denn der Mensch ist nicht nur ein Naturwesen, oder viele dieser Phänomene bei seinen hermeneu-
sondern auch sich selbst und anderen geheimnis- tischen Bemühungen berücksichtigen, selbst wenn
voll fremd, als Person, als Mitmensch, in Familie ihn dies in Distanz und Kontrast zur Majorität der
und Beruf, mit unzähligen unwägbaren Einwirkun- »Insider« bringen sollte. Es steht zu vermuten, dass
gen und Einflüssen, Belastungen und Problemen. Gadamer aus Sorge, zum »Outsider« werden zu
Da gibt es noch ganz andere Unverständlichkeiten können, die delikateren Problemfelder der Univer-
als die zu erforschenden Gesetzlichkeiten des salhermeneutik nicht aktiv bearbeitet hat.
155
Literatur

Literatur

Gadamer H-G (1972) Theorie, Technik, Praxis – die Aufgabe


einer neuen Anthropologie. In: Neue Anthropologie
Band 1, Biologische Anthropologie. Thieme, Stuttgart
Gadamer H-G (1977a) Philosophische Lehrjahre. Kloster-
mann, Frankfurt am Main
Gadamer H-G (1977b) Selbstdarstellung. In: Philosophie
in Selbstdarstellung III, hrsg. von Pongratz L. Meiner,
Hamburg
Gadamer H-G (1986) Wahrheit und Methode, Band 1 und 2.
Mohr Siebeck, Tübingen (Erstveröff. 1960)
Gadamer H-G (1993) Hermeneutik und Psychiatrie. In: Über
die Verborgenheit der Gesundheit. Suhrkamp, Frankfurt
am Main
Gadamer H-G (1999) Gesammelte Schriften in 10 Bänden
(1985–1995). Mohr, Tübingen
Grondin J (1991) Einführung in die philosophische Herme-
neutik. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt
Grondin J (1999) Hans-Georg Gadamer – Eine Biographie.
Mohr Siebeck, Tübingen
Habermas J (1988) Erkenntnis und Interesse. Suhrkamp,
Frankfurt am Main (Erstveröff. 1968)
Heidegger M (1975) Hermeneutik der Faktizität. In: Gesamt-
ausgabe Band 63. Klostermann, Frankfurt am Main
(Erstveröff. 1923)
Ineichen H (1991) Philosophische Hermeneutik. Alber, Frei-
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Orozco T (2004) Platonische Gewalt – Gadamers politische
Hermeneutik der NS-Zeit. Argument, Hamburg (Erstver-
öff. 1995)
Stumm G, Pritz A, Gumhalter P, Nemeskeri N, Voracek M
(2005) Personenlexikon der Psychotherapie. Springer,
Wien
Tietz U (2005) Hans-Georg Gadamer zur Einführung, 3. Aufl.
Junius, Hamburg
157

Simone de Beauvoir
Biographisches – 158
Die Totalität der Welt – 159
Das andere Geschlecht – 161
Das Alter – 165
Conclusio – 168
Literatur – 169

G. Danzer, Wer sind wir? – Auf der Suche nach der Formel des Menschen,
DOI 10.1007/978-3-642-16993-9_12,
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2011
158 Kapitel • Simone de Beauvoir

Welt. Der konservativ gebildete Vater hatte viel Zeit


und las den Kindern gerne vor; er wählte die klas-
sische Literatur Frankreichs, von der er umfang-
reiche Partien auswendig wusste. Auch die Mutter
hatte Bildungsinteressen, die allerdings bei der
täglichen Sorge um das prekäre Wohl der Familie
unterdrückt wurden.
Ähnlich wie Jean-Paul Sartre entdeckte Simone
in ihrer Jugendzeit, dass Lesen und Schreiben Frei-
heitsräume eröffnen, in die sie mit Begeisterung
vorstieß. Ihr ganzer Lebenshunger ergoss sich da-
mals in die Literatur, von der sie in den höchsten
Tönen schwärmte. Mit Hilfe ihrer Lektüre eroberte
sie sich Wissen und Empfindungen von persönli-
cher Macht sowie Überschaubarkeit und Gestalt-
barkeit der Welt. Weil andere Formen der Expan-
sion für sie kaum zur Verfügung standen, konzen-
trierte sie sich auf die Themen des Lernens, der
intellektuellen Ausbildung sowie der aktiven und
passiven Teilhabe an Literatur.
De  Beauvoir wohnte bis zu ihrem Abitur bei
ihren Eltern; erst in den Jahren 1925 bis 1927, als sie
ihr Studium der Philologie am Institut Sainte-Ma-
rie, der Mathematik am Institut Catholique sowie
der Philosophie an der Sorbonne aufgenommen
hatte, konnte sie für sich konkrete Freiheitsgrade
. Abb. 1 Simone de Beauvoir (*1908; †1986) und Jean-Paul erobern. Sie war so streng erzogen worden, dass sie
Sartre am Denkmal von Balzac. (Quelle: Wikipedia) es bereits als Revolte erlebte, wenn sie es während
der Zeit ihres Studiums wagte, Nachtlokale von
De Beauvoir galt nach der Publikation von Das an- Montparnasse aufzusuchen.
dere Geschlecht (1949) als eine der wichtigsten exis- Innerlich hatte sie jedoch schon früh eine
tentialistischen Schriftstellerinnen weltweit. Zu- Emanzipationsbewegung vollzogen. Mit etwa vier-
sammen mit ihrem Buch über Das Alter (1970) lässt zehn Jahren verlor sie ihren Kinderglauben und
sich diese Autorin aber auch als philosophische war von da an überzeugt, dass es keinen Gott und
Anthropologin lesen. In den beiden Werken be- kein ewiges Leben gibt. Der Himmel war für die
handelte sie zwei zentrale und universell vorkom- junge Frau nun leer, und sie war zutiefst erschüttert,
mende Merkmale von Menschen: dass sie ein Ge- aber auch wachgerüttelt, als sie eines Nachmittags
schlecht besitzen und dass sie altern. Dabei zeigte die Entdeckung machte, dass sie »zum Tode ver-
sie, wie sehr beim Menschen diese Merkmale durch urteilt« (also sterblich) war.
Kultureinflüsse modifiziert werden (. Abb. 1). 1929 bereitete sie sich an der École Normale
Supérieure (ENS) auf die Lehrerlaubnis für Phi-
losophie vor. Zur selben Zeit studierten an dieser
Biographisches Eliteschule auch Maurice Merleau-Ponty, Claude
Lévy-Strauss, Raymond Aron, Georges Canguil-
Simone de Beauvoir wurde 1908 als älteste Tochter hem, Paul Nizan und Jean-Paul Sartre, die alle über
des Anwalts George de  Beauvoir und seiner Frau ein beträchtliches Wissen sowie Lust am Debattie-
Françoise, einer Bibliothekarin, in Paris geboren. ren verfügten und bei de Beauvoir sowohl Neid als
Zwei Jahre nach ihr kam die Schwester Hélène zur auch Bewunderung auslösten.
159
Die Totalität der Welt

Vor allem Sartre zog Simone in seinen Bann. wurf, Subjekt, Blick des anderen – Begriffe aus der
Dieser kleine, schielende und auf den ersten Blick Philosophie Sartres – begann sie, ihre eigene Situ-
fast hässliche junge Mann faszinierte seine Umge- ation und die ihrer Mitmenschen zu beschreiben,
bung, sobald er zu reden begann. Für die weitere wobei sie darauf abzielte, die Totalität des Individu-
Entwicklung de Beauvoirs war es von großer Be- ums und seiner Welt zu begreifen.
deutung, dass sie mit Sartre bald eine Liebesbe-
ziehung einging. Ihre Partnerschaft gestalteten sie
alles andere als konventionell: Sowohl bezüglich Die Totalität der Welt
ihrer gegenseitigen intellektuellen und literarischen
Förderung als auch hinsichtlich Treue und Mono- Die Totalität der Welt – das waren für de Beauvoir
gamie sprengte dieses Paar viele hergebrachten in den 30er Jahren europäische und nordamerika-
Vorstellungen. So hatten sie einen Pakt geschlos- nische Literatur, Philosophie, Kunst und Beziehung
sen, der eine offene Beziehung mit intimen Seiten- zu Künstlern, das Quartier Montparnasse mit sei-
und Nebenliebschaften als normal vorsah. nen Lokalen, das Café Flore und die Jazzkeller. Was
Von 1929–1943 war de Beauvoir als Lehrerin für ihr damals fehlte, war ein politisches Bewusstsein.
Philosophie tätig. In den ersten beiden Jahren be- Selbst im faschistischen Berlin der Jahre 1933/34
gnügte sie sich mit Privatstunden und einer halben wurde ihre gesellschaftliche Neugierde nicht son-
Lehrverpflichtung in Paris. Von 1931–1932 unter- derlich geweckt.
richtete sie in Marseille, wohingegen Sartre in Le Dies änderte sich mit dem Ausbruch des Zwei-
Havre als Philosophielehrer angestellt war. Von ten Weltkriegs. Nachdem sich de  Beauvoir zuerst
1932–1936 folgte eine Lehrtätigkeit in Rouen, und noch zögernd für die Ereignisse des Spanischen
von 1936–1943 lehrte de  Beauvoir Philosophie am Bürgerkriegs und für den Kampf gegen das Fran-
Lycée Molière sowie am Camille Sée in Paris. co-Regime interessiert hatte, war ihr nach dem
Mit Sartre zusammen entdeckte sie die damals September 1939 bewusst geworden, dass eine bloße
moderne Literatur, wie sie von Hemingway, Dos Weiterführung ihres Lebens nicht mehr möglich
Passos oder Faulkner repräsentiert wurde. Diese war.
Autoren beschrieben die Welt auf eine anschauli- Während der deutschen Besatzungszeit von
che Art, die zum Maßstab für ihre eigene künftige 1940–1944 blieb de  Beauvoir in Paris. Zusammen
Schriftstellerei wurde. Darüber hinaus begeister- mit Sartre, der 1941 aus der deutschen Kriegsge-
ten sich beide für die eigentümliche Romanwelt fangenschaft zurückgekehrt war, knüpfte sie neue
Kafkas, deren Atmosphären sie als typisch für das Beziehungen, so zu Albert Camus, Jean Genet, Al-
Lebensgefühl in Europa im ersten Drittel des 20. berto Giacometti und Pablo Picasso. Neben exis-
Jahrhunderts einstuften. tentialistisch-philosophischen Themen spielten
In den Jahren 1933 und 1934 weilte Sartre in Ber- für sie damals ideologische und historische Fragen
lin, um sich die Phänomenologie Edmund Husserls eine entscheidende Rolle. Vor allem die Bedeutung
anzueignen. De  Beauvoir besuchte ihn dort und von Sozialismus und Kommunismus für die Be-
begann, sich ebenfalls mit Phänomenologie zu be- kämpfung totalitärer Regime und für die Gestal-
schäftigen. Aus dieser Lektüre erwuchsen ihre ers- tung einer humaneren Gesellschaft erregte ihre
ten philosophischen Abhandlungen: Pyrrhus und Gemüter.
Cinéas (1944), Für eine Moral der Doppelsinnigkeit Aus de Beauvoir wurde eine Frau, die politische
(1947), Moralischer Idealismus und politischer Rea- Kategorien in ihr Denken und Handeln integrierte.
lismus (1948) sowie Der Existentialismus und die Dies machte sich auch in den Motiven ihrer schrift-
Volksweisheit (1948). stellerischen Aktivitäten bemerkbar. 1943 war sie
De Beauvoir kreierte keine eigenständige Phi- aus dem Schuldienst entlassen worden. Seit dieser
losophie, beteiligte sich aber intensiv an der Ent- Zeit arbeitete sie als freie Schriftstellerin; im selben
wicklung jener Gedankengebäude, die unter dem Jahr veröffentlichte sie ihren Roman Sie kam und
Schlagwort des Existentialismus bekannt wurden. blieb, der persönliche Nöte und Schicksale thema-
Mit Begriffen wie Freiheit, Verantwortung, Ent- tisierte.
160 Kapitel • Simone de Beauvoir

Ihr nächster Roman Das Blut der anderen (1945) Politikern suchten, die wirtschaftlichen, sozialen
befasste sich mit der deutschen Okkupation und und historischen Gegebenheiten der Länder stu-
dem französischen Widerstand. Einen nochma- dierten und überall da, wo sie auf Ungerechtigkei-
ligen Schwenk hin zur politischen und damit zur ten stießen, diese in Artikeln und Essays kenntlich
engagierten Literatur (wie Sartre diese Art von machten und die dafür Verantwortlichen öffentlich
Schriftstellerei nannte) unternahm de  Beauvoir beim Namen nannten.
nach 1945 als Mitarbeiterin der Zeitschrift Les Ein besonderes Engagement entwickelten die
Temps Modernes. In diesem von Sartre und Mer- beiden im Hinblick auf den Algerienkrieg. Frank-
leau-Ponty gegründeten Periodikum publizierte sie reich war nach dem Zweiten Weltkrieg nicht bereit
philosophische und kulturkritische Essays. gewesen, seine Kolonie in die Unabhängigkeit zu
De Beauvoir begann, sich für Nord- und Süd- entlassen. Ab 1954 kämpften die Algerier mit Waf-
amerika, Nordafrika, die UdSSR sowie für den fen für ihre Loslösung von Frankreich, was aber
nahen und fernen Osten zu interessieren. Es ist erst 1962 nach vielen Opfern gelang. Während die-
erstaunlich, in wie viele staatliche, ökonomische, ser Zeit ergriffen de Beauvoir und Sartre wiederholt
historische, ideologische und ethnische Fragestel- Partei für die Algerier.
lungen sie sich in den folgenden zwei Jahrzehnten Im Jahr des Beginns der militärischen Aus-
eingearbeitet und auf welch abenteuerlichen Rei- einandersetzungen in Algerien veröffentlichte
sen rund um den Globus sie ihre Überlegungen an de Beauvoir ihren Roman Die Mandarins von Pa-
konkreten Eindrücken überprüft hat. ris (1954). Für diesen Text über die französischen
Die meisten Reisen unternahm de Beauvoir mit Linksintellektuellen, denen die Autorin darin ein
Sartre zusammen. 1947 allerdings besuchte sie allei- literarisches Denkmal gesetzt hat, erhielt sie den
ne Nordamerika. Bald lernte sie dort den Schrift- »Prix Goncourt«, den höchsten Literaturpreis
steller Nelson Algren (1909–1981) kennen, mit dem Frankreichs.
sie aufgrund ihrer weltanschaulichen und künst- Eine herausragende politische Rolle übernah-
lerischen Übereinstimmungen geistige Verwandt- men de Beauvoir und Sartre im Rahmen des Rus-
schaft verspürte. Es entstand eine transatlantische sell-Tribunals 1967. Bertrand Russell hatte mit eini-
Liebe, die zu Briefen und Fahrten von Algren und gen Dutzend weiteren Intellektuellen dieses Tribu-
de Beauvoir über den Ozean führte. Im Reisetage- nal in Stockholm initiiert, um die Kriegsverbrechen
buch Amerika Tag und Nacht (1948) hielt die Auto- der Amerikaner während des Vietnam-Krieges zu
rin viele ihrer Eindrücke aus den USA fest. untersuchen.
Die bedeutendste Leistung de Beauvoirs jener 1970 trat de Beauvoir noch einmal als wissen-
Zeit war zweifellos ihr Werk Das andere Geschlecht schaftliche Autorin mit sozialem und humanitärem
(1949). Dieses Buch löste weltweit heftige Reaktio- Anspruch auf: Damals veröffentlichte sie Das Alter.
nen aus und wurde partiell massiv attackiert. Man Mit diesem Text hatte sie Anschluss gefunden an
titulierte es als Brechmittel, mit dem die Autorin ihre Studie über Das andere Geschlecht. Ähnlich
die Grenze der Verkommenheit erreicht habe: wie in ihrem ersten Hauptwerk gelang es ihr auch
Männerfressende Suffragette und Amazone, wel- mit dieser Schrift, persönliche Betroffenheit mit
che die eine Hälfte der Menschheit gegen die an- einer Fülle von Fakten und philosophischer Refle-
dere aufzubringen versuche, waren noch die harm- xion zu verknüpfen.
loseren Urteile über de Beauvoir, deren Text vom Noch bewegender liest sich Die Zeremonie des
Vatikan auf den »Index der verbotenen Bücher« Abschieds (1981), worin de Beauvoir das Siechtum
gesetzt wurde. und Sterben Sartres schilderte. Nach seinem Tod
In den 50er und 60er Jahren kümmerten sich 1980 brach sie zusammen und verbrachte einige
de  Beauvoir und Sartre um politische Probleme Wochen in einem Krankenhaus. Allmählich er-
und Konflikte, die nicht nur Europa betrafen, son- holte sie sich, wobei sie die Erschütterung, die sie
dern zum Teil Globus umspannend waren. Sie reis- durch das Ableben ihres Partners erlitten hatte, mit
ten nach Afrika, Russland, Kuba, Brasilien, Japan jener Strategie beantwortete, die sie seit ihrer Ju-
und China, wo sie Kontakte mit Intellektuellen und gend kannte: Sie schrieb.
161
Das andere Geschlecht

Das dabei entstandene Manuskript (Die Zere- nicht nur der Urheber des pythagoreischen Lehr-
monie des Abschieds) wurde der letzte Part jener satzes, sondern auch folgender grandioser Weisheit
autobiographischen Schriften, die de Beauvoir seit ist: »Es gibt ein gutes Prinzip, welches die Ordnung,
1958 herausgegeben hatte: Memoiren einer Tochter das Licht und den Mann, und ein schlechtes Prin-
aus gutem Hause (1958), In den besten Jahren (1960), zip, welches das Chaos, die Finsternis und die Frau
Der Lauf der Dinge (1963) sowie Alles in allem geschaffen hat.«
(1972). Zu dieser beeindruckenden Autobiographie Bedenkt man, dass vor und nach Pythagoras
gesellen sich eine Reihe von Brief- und Tagebuch- hunderttausendfach solche und andere Vorurteile
bände, welche das Leben der Autorin authentisch über das weibliche Geschlecht verbreitet wurden,
widerspiegeln. De  Beauvoir starb 1986 im 78. Le- kann man die Höhe und Steilheit jener Hürden
bensjahr in Paris. und Klippen erahnen, vor die sich jede anthropo-
logische Klärung des Wesens von Mann und Frau
gestellt sieht. Dieses Thema muss erst aus dem Um-
Das andere Geschlecht feld regelrechten Wahnsinns auf die Ebene wissen-
schaftlicher Erforschung und philosophischer Re-
Der Titel des ersten Hauptwerks de Beauvoirs ist flexion verpflanzt werden, bevor vernünftige und
in der deutschen Übersetzung mit dem Untertitel realitätsadäquate Urteile darüber erwartet werden
Sitte und Sexus der Frau versehen worden. Dafür können.
lassen sich gute Gründe namhaft machen. Ergän- Mit eben einer solchen nüchternen Standortbe-
zend kann man Das andere Geschlecht jedoch auch stimmung eröffnete de Beauvoir ihre Untersuchung
als eine Abhandlung über Sitte und Sexus des Men- in Das andere Geschlecht. Im ersten Kapitel referier-
schen lesen. te sie Erkenntnisse der damaligen Biologie, sofern
Zwar hat de Beauvoir aus einer weiblichen Per- sich diese mit Männlichkeit und Weiblichkeit bei
spektive heraus viele Aspekte der Frauenrolle wäh- den verschiedenen Tierarten befasste. Ausgehend
rend der letzten 2500 Jahre abendländischer Kul- von biologischen Befunden haben sich in der Ver-
turentwicklung beschrieben. Dabei dachte sie aber gangenheit diverse Metaphern im Hinblick auf die
gleichzeitig derart aufschlussreich über die Mann- menschlichen Verhältnisse etabliert, die in der Re-
Frau-Beziehung sowie über die Gestaltung von gel irreführend waren. So wurde und wird die Frau
Liebe und Sexualität nach, dass es gerechtfertigt nicht selten mit dem Ovulum (Eizelle) identifiziert,
erscheint, von einem Buch für beide Geschlechter das passiv die heranstürmenden männlichen Sa-
zu sprechen. menfäden erwartet und von ihnen penetriert wird;
Der französische Originaltitel dieses Werks lau- oder man assoziiert mit den Frauen die Affenweib-
tet Das zweite Geschlecht, womit deutlicher als im chen, die sich schamlos kokettierend den Männ-
deutschen Titel auf die entwertende Rangfolge der chen immer wieder anbieten und entziehen.
Frauen im Vergleich zu den Männern angespielt De  Beauvoir anerkannte voll die biologischen
wird. Das Neuartige an diesem Text lag in der Syn- Gegebenheiten und die Unterschiede zwischen
these von Psychoanalyse, Marxismus und Existen- Mann und Frau, war aber überzeugt, dass die ana-
tialismus. Mit Hilfe dieser drei Perspektiven sowie tomischen, physiologischen und hormonellen Be-
unter Rückgriff auf wissenschaftliche Ergebnisse sonderheiten nicht ausreichend verständlich ma-
aus Medizin, Biologie, Soziologie und Geschichte chen, warum die Frau seit Jahrhunderten als das
gelang der Autorin eine universelle Standortbe- andere, das zweitrangige Geschlecht taxiert wird.
stimmung der Frau im 20. Jahrhundert. Weil der Mensch nicht nur ein Geschöpf der Natur,
Seit Menschengedenken gelten Frauen in fast sondern auch der Kultur ist, wird alles an ihm –
allen Kulturen als das negative Gegenbild des Man- und damit auch seine Geschlechtlichkeit – durch
nes, der im Kontrast zu ihnen als Lichtgestalt er- kulturelle Traditionen und Selbstgestaltungen mo-
scheint. Ziemlich prägnant wurde diese Polarisie- difiziert. Eine nur biologisch orientierte Anthropo-
rung schon in der Frühzeit der abendländischen logie ermöglicht weder eine umfassende Sicht auf
Kultur von Pythagoras zum Ausdruck gebracht, der Mann und Frau noch auf den Menschen generell:
162 Kapitel • Simone de Beauvoir

»  Der Körper der Frau ist eines der wesentlichsten dahinter angelegte psychoanalytische Theorie der
Elemente für die Situation, die sie in der Welt ein- Weiblichkeit ihrer Meinung nach falsch.
nimmt. Aber andererseits genügt er auch nicht, Als dritte Perspektive untersuchte de Beauvoir
um sie zu definieren; er besitzt keine erlebte den Gesichtspunkt des historischen Materialismus.
Wirklichkeit außer durch das Bewusstsein, das Sie anerkannte, dass Karl Marx und Friedrich En-
ihn durch Handlungen und im Schoße der Gesell- gels in ihren Schriften als erste die Entwertung von
schaft einnimmt; die Biologie reicht nicht aus, um Frauen im Zusammenhang mit der Unterdrückung
uns die Antwort auf die uns beschäftigende Frage des Proletariats herausgearbeitet hatten. In der Fol-
zu geben: Warum ist die Frau die Andere? Es geht ge hat dann August Bebel in Die Frau und der So-
darum zu wissen, … was die Menschheit aus dem zialismus (1883) viele ihrer Erkenntnisse in einem
Menschenweibe gemacht hat (de Beauvoir 1987a, klassischen Text vereinigt.
«
S. 50).  Autoritäre Staatsformen und Weltanschau-
ungen (Diktaturen, Absolutismus, Feudalismus,
Mögliche Antworten auf diese Fragen formulierte Totalitarismus) haben in der Vergangenheit nicht
unter anderem die Psychoanalyse. Aufgrund ihres nur Frauen unterdrückt, sondern auch Sklaverei,
tiefenpsychologischen Konzepts und ihres ideolo- Ausbeutung der arbeitenden Volksmassen, hierar-
gie- und kulturkritischen Potentials verfügte die- chische Religionen und Vorurteile aller Art (Anti-
se eigentlich über gute Voraussetzungen für eine semitismus, Homosexuellenphobie) ausgebrütet.
realistische Theorie der Weiblichkeit. Allein – Sig- Im autoritären Weltbild bedarf man der Frau, um
mund Freud und die meisten seiner Schüler (auch den Mann als Inhaber von Macht, Göttlichkeit und
diejenigen weiblichen Geschlechts) nutzten diese Herrschaft zu einem Idol stilisieren zu können.
Chance schlecht. Die Väter des Sozialismus meinten daher zu
Der Begründer der Psychoanalyse nahm zwar Recht, dass man die Frauenfrage nur im Rahmen
an, dass viele seelische und womöglich auch kör- einer gesamthaft verstandenen sozialen, kulturel-
perliche Störungen und Erkrankungen auf Trieb- len, politischen und ökonomischen Umgestaltung
schicksal, Erziehung und biographische Einflüsse lösen kann. Eine gesellschaftliche Bewegung ledig-
zurückzuführen seien. Hinsichtlich der weiblichen lich unter feministischen Aspekten springt zu kurz
Psyche jedoch machte er beinahe ausschließlich die und verändert allenfalls die Oberfläche, ohne die
Biologie zum alleinigen verantwortlichen Faktor. tiefer liegenden Missstände zu beheben.
Für ihn legten die weibliche Anatomie und nicht Wie sehr sich das patriarchalische Denken und
die individuelle Biographie oder die kollektiven Empfinden in alle nur erdenklichen Winkel der
Kultureinflüsse den Charakter und das Schicksal Kulturen ausgebreitet hat, wies de Beauvoir in Das
einer Frau fest. andere Geschlecht in einem geschichtlichen Kapitel
Ihre seelischen Eigenschaften und Mängel wur- nach. Liest man diese Passagen, erscheinen psych-
den von ihm im Wesentlichen auf das Fehlen des iatrische Diagnosen wie Irrsinn, Wahn, Paranoia
Penis zurückgeführt. Der Penisneid galt für Freud und Massenpsychose für diese weltweit verbreite-
als Urtatsache, woraus die angebliche Neigung der ten Lebensformen nicht als übertrieben. Man den-
Frau zu Infantilismus, Masochismus und Narziss- ke nur an Phänomene wie Hexenverbrennungen,
mus abzuleiten sei. Klitorisbeschneidungen, Zwangsehen, Prostitution
Obwohl de Beauvoir die Psychoanalyse grund- oder die rechtliche Stellung von Frauen in vielen
sätzlich wertschätzte, entwickelte sie merkliche Kulturen, und man wird dem Urteil de Beauvoirs
Skepsis in Bezug auf Freuds Äußerungen über zustimmen müssen, dass es sich bei der Geschichte
die weibliche Charakterologie. Zu Recht hielt sie der Frauen bevorzugt um die Historie einer langen
ihm vor, dass er mit seinen Ausführungen die Frau und stetigen Sklaverei handelte.
als verstümmelten Mann (und damit erneut als Dass sich fragwürdige Meinungen über die Frau
die Andere, die Uneigentliche) auffasste. Obwohl bis in die Literatur der Neuzeit hinein tradiert ha-
er und seine Schüler viele Details des »typischen ben, zeigte de Beauvoir im Kapitel »Mythos«, worin
Frauenlebens« richtig beschrieben hatten, war die sie die Haltung von Schriftstellern zur Frauenfrage
163
Das andere Geschlecht

diskutierte. Erörtert wurden von ihr die Autoren pologisiert – immer ersetzt man das authentische
Henri de Montherlant, D. H. Lawrence, Paul Clau- Erleben und die Komplexität des Gegenüber durch
del, André Breton und Stendhal. Mit Ausnahme starre Projektionen, die selbständige Urteile und
von Stendhal erwiesen sie sich alle als Apologeten unvoreingenommene Handlungen nicht zulassen.
männlicher Überheblichkeit. Ein häufig bedientes Vorurteil ist das angebli-
In Wissenschaft, Philosophie, Kunst und Lite- che Überwiegen der Immanenz bei der Frau. Unter
ratur werden der Autorin zufolge geradezu Mythen Immanenz versteht man die Summe aller bewah-
über das Wesen der Frau formuliert und weiterge- renden und oft passiven Tendenzen beim Men-
geben. Im Zentrum der mythologischen Beschrei- schen: Fortpflanzung der Gattung, Aufzucht der
bungen steht fast immer das geheimnisvolle Bild Kinder, Stabilisierung von Familie und Haushalt.
von einer ganz und gar Anderen, die man selbst Der Immanenz gegenüber steht die Transzendenz,
bei noch so großer Anstrengung niemals verstehen also Bewegungen, die auf eine Überwindung des
wird: Status quo, auf Fortschritt, Veränderung sowie die
expansive Eroberung neuer Horizonte ausgerichtet
» In dem Geheimnis der Weiblichkeit, so wie es im sind.
mythischen Denken erscheint, zeichnet sich eine Die bisherigen Kulturen kannten eine einseiti-
tiefere Wirklichkeit ab. Tatsächlich ist es unmittel- ge Zuordnung von Immanenz zur Frau und von
bar in der Mythologie des Anderen als Absolutes Transzendenz zum Mann – eine Zuordnung, die
begründet … Natürlich kann man sich Träumerei- sich bis in das Liebesleben von Mann und Frau hi-
en über die positive Wirklichkeit des Mysteriums nein bemerkbar machte. Nach de Beauvoir ist die
nur im Dämmer des Selbstbetrugs hingeben; ähn- jahrhundertealte ungleiche Verteilung sexueller
lich wie bei gewissen Sehstörungen verflüchtigt Aktivitäten zwischen den Geschlechtern nicht so
es sich, sobald man es fixiert (de Beauvoir 1987a, sehr den biologischen Unterschieden als den Vor-
«
S. 258).  urteilen über weibliche Passivität und männliche
Expansivität geschuldet:
Solange man die Menschheit in »die Einen« und
»die Anderen« unterteilt und den Anderen alle un- »  Dass die Frau sexuell zu kurz kommt, damit
guten Attribute zuschreibt, die man bei sich selbst haben sich die Männer ganz bewusst abgefunden.
nicht wahrhaben will, wird es zwischen Menschen Wir haben gesehen, dass sie sich auf einen opti-
keine Solidarität geben. In diesem Zusammenhang mistischen Naturalismus stützen … Man begreift
ist es übrigens unerheblich, ob der Eine (wie im daher, dass die Männer nie Bedenken getragen
Patriarchat) durch Männer oder (wie im militanten haben, ihrer Genossin die sexuelle Befriedigung
Feminismus) durch Frauen verkörpert wird – im- «
abzustreiten (de Beauvoir 1987a, S. 409). 
mer wird der Andere nolens volens zum Träger von
Makeln und zum Ausbund des Bösen, das bekämpft Um den Begriff des Anderen noch in einem wei-
und sogar (wie während der Zeit der Hexenverfol- teren Zusammenhang zu problematisieren, griff
gung) eliminiert werden muss. de Beauvoir auf Ideen aus der Existenzphilosophie
Neben einer skeptischen Historiographie Jean-Paul Sartres zurück und übertrug sie auf die
braucht es demnach eine wirkungsmächtige My- Thematik des Mann-Frau-Verhältnisses. Sartre hat-
thenkritik, um in Ansätzen begreifen zu können, te in Das Sein und das Nichts (1943) im Kapitel »Der
wie vorurteilsbeladen die angeblichen Wahrheiten Blick« die zwischenmenschlichen Beziehungen
über das Wesen der Frauen sind. De Beauvoir be- weitgehend als eine Widerspiegelung von Herr-
zeichnete Mythen als Fallstricke falscher Objekti- schaft und Dominanz beschrieben. Jeder Mensch
vität, in welche der biedermännische Geist blind will Subjekt sein und als solches im Mittelpunkt
hineintappt, und in denen er sich regelmäßig ver- einer Welt stehen, an deren Peripherie er die Mit-
fängt. Egal, ob man die Frau als nährende Mutter, menschen als Objekte ansiedelt.
Nymphomanin, Amazone, Heilige, Hure, Neut- Der Blick entscheidet nach Sartre, wer freies
rum, Hexe oder dunkel-schwärenden Urgrund ty- und gestaltendes Subjekt ist und wer als Erblickter
164 Kapitel • Simone de Beauvoir

verobjektiviert und damit weniger frei wird. Diese lismus und Masochismus als psychosoziale Reflexe
Verteilung der Rollen wechselt im Normalfall dau- von Frauen einordnen, die es aufgegeben haben,
ernd einander ab: Subjekt und Objekt blicken und sich um die »männlichen Themen« einer vernünf-
werden gleichzeitig erblickt, so dass beiden immer tigen und autonomen Gestaltung der Wirklichkeit
wieder ein Mehr und ein Weniger an Freiheitsgra- zu kümmern. Stattdessen kreisen sie um ihren
den und Mittelpunktserleben zukommt. Körper, ihre Toilette, ihre kindlichen Ansprüche
Sobald das Hin und Her von Blicken und Er- nach Verwöhnung sowie um ihre von den Män-
blicktwerden, Subjekt- und Objektsein verlassen nern kaum zu erfüllenden Anlehnungsbedürfnis-
und die Rollen fixiert werden, mischt sich in die se. Ebenso interpretierte de Beauvoir die Tendenz
Zwischenmenschlichkeit das Gift von Überlegen- vieler Frauen, in ihren Ehen zu streiten oder sich
heit und Herrschaft. Ähnlich wie Hegel dies bereits unzufrieden zu geben, als Ressentiment geladene
in seiner Phänomenologie des Geistes (1806) als Racheaktionen auf Jahrhunderte lang erlittene Ent-
Herr-Knecht-Beziehung beschrieben hat, schilder- wertungen und Verobjektivierungen.
te auch Sartre derartige Verhältnisse als autoritär Vor diesem Hintergrund steht nicht zu er-
sowie auf Macht und Dominanz hin orientiert. warten, dass sich zwischen Männern und Frauen
De Beauvoir sah in der Geschichte von Mann problemlose Liebesbeziehungen ergeben. Schon
und Frau eben solche Relationen gegeben, wie Hegel hatte betont, dass Liebe die Anerkennung
ihr Lebensgefährte sie für die Menschen ganz ge- des einen Bewusstseins (Subjekts) durch ein an-
nerell beschrieben hatte. Wer die Geschichte der deres Bewusstsein bedeutet. Diese Formel findet
Geschlechter unter derartigen Kriterien studiert, sich abgewandelt bei de  Beauvoir wieder, wenn
wird feststellen müssen, dass die Subjektrolle bis- sie ausführt, dass alle Varianten von Ich-Es- (statt
her zum überwiegenden Teil den Männern zugefal- Ich-Du)-Beziehungen die Entstehung von Liebes-
len ist. Sie gerierten sich im großen Stil als Herren gefühlen verhindern. Dies sei besonders im Bereich
sowie als autonome Mittelpunkte ihrer Welt und der Prostitution nachzuweisen, an der sich trefflich
degradierten Frauen zu Mägden, Sklavinnen, Ge- demonstrieren lässt, dass kein Mensch auf Dauer
liebten, Püppchen und Objekten am Rande ihres die Rolle des Objekts erträgt. Die Hure rächt sich
Gesichtskreises. am Kunden auf ihre Weise, indem sie sich ihm nie
In der Vergangenheit wurde demnach das wirklich hingibt und ihn diese Täuschung auch
weibliche zum anderen, sprich zum objektivier- noch bezahlen lässt:
ten, erblickten Geschlecht, dem es grundlegend
an Macht, Subjektsein und Freiheit mangelte, und » Vielleicht meint er [der Mann], er besitze sie.
das häufig nicht nur in einer emotionalen, sondern Doch dieser sexuelle Besitz ist illusorisch. Sie be-
ebenso sehr in einer sozioökonomischen Abhän- sitzt ihn auf dem viel solideren wirtschaftlichen
gigkeit lebte. Viele Gesellschaften kannten das Hal- Gebiet. Seine Eigenliebe wird befriedigt … Die
ten von Frauen ähnlich wie den Besitz von Sklaven Lust lässt sie sich nicht aufnötigen, sie erscheint
und Lohnarbeitern. viel eher als ein zusätzlicher Vorteil. Sie wird nicht
Weil Frauen seit Jahrtausenden gezwungen wa- in Besitz genommen, da sie bezahlt wird (de Beau-
ren und sind, sich in einer Objektrolle einzurichten, «
voir 1987a, S. 546). 
haben sie jene Verhaltensweisen erlernt, mit denen
sich Diener, Knechte und Untergebene schon lange De  Beauvoir verwehrte sich in Das andere Ge-
an ihren Herren und Meistern rächen. De Beauvoir schlecht nicht nur gegen die Prostitution, sondern
zählte einen ganzen Strauß weiblicher Einstellun- gegen alle Formen von Besitzstreben im Bereich
gen und Handlungen auf, die inzwischen beinahe der Zwischenmenschlichkeit. Wie sie in ihrem Text
zur Natur der Frau gerechnet werden, obwohl sie hervorhob, war es Mitte des 20. Jahrhunderts selbst
eigentlich als Reaktion auf deren permanent unter- in Frankreich noch üblich, die Ehe als einen Kon-
legene Position zu verstehen sind. trakt anzusehen, welcher den Mann in die Lage ver-
So kann man die von Freud als typisch weiblich setzte, seine Gattin mehr oder minder zu besitzen.
denunzierten Eigenarten des Narzissmus, Infanti- Die Frau wurde durch Heirat ihrem Mann ange-
165
Das Alter

hörig, wobei ein Kanon von Rechten und Pflichten Das Alter
ihre Beziehungen zueinander gesetzlich regelte.
Trotz dieser Einschränkungen galt die Ehe lan- Neben dem Faktum, dass alle Menschen ein Ge-
ge als Sinnerfüllung der weiblichen Existenz. Sie schlecht aufweisen (selbst wenn sie dies zu negie-
war von Poesie umwoben, wurde als Keimzelle der ren versuchen oder durch hormonelle und chirur-
Gesellschaft gerühmt und von konservativen Auto- gische Maßnahmen verändern lassen wollen), ist
ren als Stätte von Liebe, Ordnung und Zufrieden- noch eine weitere Tatsache für das menschliche
heit glorifiziert. In der Tat könnte sie eine Variante Leben essentiell und unumstößlich: Dass wir wie
echter Partnerschaft zwischen Mann und Frau sein, alle anderen Lebewesen wachsen, reifen, älter und
die gemeinsam die Härten des Lebens bestehen alt werden und zuletzt sterben. Im Gegensatz zu
und in wechselseitiger Förderung eine lebenslange Tieren und Pflanzen allerdings unterliegen diese
Aufgabe erkennen. Alterungsprozesse analog wie bei der Geschlecht-
Doch das Patriarchat hat diese Situation zu- lichkeit des Menschen den kulturellen Einflüssen;
nehmend ins Unsinnige verschoben, und die Pres- außerdem ist der Mensch wahrscheinlich das ein-
tigepolitik der beiden Beteiligten deformierte und zige Lebewesen, das um die Unausweichlichkeit des
pervertierte ihr Zusammensein, so dass Aggres- Todes und seines Endes weiß.
sion, Angst und Paranoia auf beiden Seiten ins Un- In ihrem Buch Das Alter wandte sich de Beau-
ermessliche wuchsen. Sartre urteilte daher zu Recht voir der letzten Lebensspanne von Menschen zu.
über die Frauen und ihre historisch-gesellschaftli- Wie die meisten ihrer Schriften entstand auch die-
che Situation: »Halb Opfer, halb Mitschuldige, wie ser Text aus persönlicher Betroffenheit heraus. 1968
wir alle!« war sie sechzig Jahre alt geworden, wobei sich das
De  Beauvoir hat in Das andere Geschlecht an Problem des Alterns bei ihr schon vorher bemerk-
Hunderten Belegen aufgezeigt, wie diese Opfer- bar gemacht hatte. Gelegentlich erlitt sie physische
und Täterrolle bei Frauen zustande kommt. Es wäre Zusammenbrüche, und verschiedentlich stellten
falsch verstandene weibliche Emanzipationsbewe- sich körperliche Krankheitssymptome ein.
gung, in diesen Belangen lediglich die Männer als Auch häuften sich Todesfälle im Freundes- und
Verantwortliche zu benennen; und es wäre unexis- Verwandtenkreis: 1960 starb Albert Camus, erst
tentialistisch gedacht, den (zugegebenermaßen oft 46-jährig, bei einem Autounfall. Bald darauf erlag
geringen) Freiheitsspielraum der Selbstgestaltung, Merleau-Ponty, ebenfalls noch relativ jung, einem
den sich Frauen zumindest im 20. Jahrhundert in Herzleiden. De  Beauvoirs Mutter musste wegen
der westlichen Welt erobert haben, zu negieren. eines Schenkelhalsbruchs ins Spital eingeliefert
Trotz dieser Einschränkungen behält der häufig zi- werden. Dabei entdeckten die Ärzte ein Krebslei-
tierte Passus aus Das andere Geschlecht seine Rich- den, das bald zum Tode führte. De  Beauvoir hat
tigkeit: die letzten Monate ihrer Mutter eindringlich in Ein
sanfter Tod (1964) beschrieben.
» Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird Soweit die biographischen Verhältnisse der
es. Kein biologisches, psychisches, wirtschaftliches Autorin in den Jahren vor und während des Zeit-
Schicksal bestimmt die Gestalt, die das weibliche raums, in dem sie Das Alter verfasste. Doch die
Menschenwesen im Schoß der Gesellschaft an- persönlichen Aspekte waren nicht das allein Aus-
nimmt. Die Gesamtheit der Zivilisation gestaltet schlaggebende für das Zustandekommen dieses
dieses Zwischenprodukt zwischen dem Mann Werks. Viel dringlicher war für de  Beauvoir der
und dem Kastraten, das man als Weib bezeichnet Impuls, die Märchen und Mythen zu entzaubern,
«
(de Beauvoir 1987a, S. 265).  die sich in den westlichen Ländern im Hinblick auf
das Altern entwickelt hatten. Seit ihrer Jugend gab
es bei ihr das Ideal der Wahrhaftigkeit, und diesem
Wert wollte sie auch in Bezug auf das Altersthema
gerecht werden.
166 Kapitel • Simone de Beauvoir

Schönfärberische Literaten und Vertreter einer In der Regel gab und gibt es jedoch in vielen Ge-
Scheinmoral reden von den angeblichen Lichtsei- sellschaften den Kampf der Generationen. Die zu-
ten des Alters und wollen über dessen Tragik hin- nächst von den Älteren unterjochte und ausgebeu-
wegtäuschen. Sie verleugnen, dass die meisten alten tete Jugend rächt sich am absteigenden Geschlecht,
Menschen fast überall auf der Welt als Parias gelten indem sie ihrerseits Härte und Unmenschlichkeit
und große Mühe haben, den Ausklang ihres Lebens an den Tag legt. Der griechische Mythos erzählt da-
in Sicherheit, Ruhe und Würde zu vollziehen. In von Analoges: Wenn ein junges Göttergeschlecht
den derzeitigen Kulturen und Gesellschaften ist alt gewordene Götter ablöste, kam es zum rück-
das Altern für die Mehrzahl der Betroffenen hart sichtslosen Kampf der einen gegen die anderen.
und inhuman und bringt gewaltige Nöte und Sor- Andererseits erwähnte de Beauvoir auch Kulturen
gen mit sich. Besonders auf diese Aspekte wollte mit Gerontokratien, in denen Alte politisch und
de  Beauvoir mit der ihr eigenen Kraft zur Empö- ökonomisch den Ton angaben:
rung abheben.
Mit Leidenschaft und Akribie spürte de Beau- » Das Alter war mächtig im hierarchischen und
voir in ihrem Buch den biologischen, psychologi- auf Wiederholung ausgerichteten China; in Sparta
schen, soziologischen und kulturhistorischen Ge- und den griechischen Oligarchien; in Rom bis zum
sichtspunkten von Altern und Alter nach, wobei sie 2. Jahrhundert v. Chr. Es hat keinerlei politische
schockierende Details in ihre Erörterung einfließen Rolle gespielt in Zeiten der Veränderung, der Ex-
ließ. Die Art und Weise, wie die meisten zivilisier- pansion, der Revolution. In Zeiten, als das Eigen-
ten Länder mit den alten Menschen umgehen, ist tum institutionalisiert wurde, hat die herrschende
zutiefst entwürdigend. Klasse die Eigentümer respektiert … Wenn sie im
Im ersten Teil ihres Werks erörterte die Autorin Laufe ihres Lebens Grundbesitz, Waren oder Geld
die Außenansicht von Altern und Alter. Sie befrag- angehäuft hatten und reich waren, hatten die
te Wissenschaften wie Biologie, Medizin, Psycho- Greise im öffentlichen und privaten Leben großen
logie, Ethnologie und Historiographie nach deren «
Einfluss (de Beauvoir 1993, S. 181f.). 
Erkenntnissen hinsichtlich des von ihr untersuch-
ten Themas. So bedeutet Altern für die Menschen Medizin, Epidemiologie, Soziologie sowie Geron-
auf körperlicher Ebene in der Regel Rückbildung, tologie (Wissenschaft vom Alter), Geriatrie (Alters-
Schwächung und vermehrte Krankheitsanfällig- heilkunde), Gerontopsychologie (Psychologie des
keit. Die Medizin spricht in diesen Zusammen- Alters) und -psychiatrie kommen darin überein,
hängen von Involution und betont, dass diese bei dass eine der wichtigsten Tatsachen unserer Zeit in
vielen alten Menschen sowohl auf der somatischen der enormen Zunahme der Lebenserwartung von
als auch auf der psychosozialen und geistigen Ebe- Menschen in vielen Gesellschaften besteht. Bis um
ne stattfindet. 1700 betrug die Lebenserwartung eines Menschen
Ebenso enzyklopädisch wie das Kapitel über etwa dreißig Jahre. Im 18. und 19. Jahrhundert stieg
die biomedizinischen Veränderungen im Alter im- sie moderat an.
ponieren die geschichtlich-soziologischen Kapitel Doch erst durch die moderne Medizin, Hygie-
über »Das Alter in den historischen Gesellschaf- ne und Ernährung im 20. Jahrhundert konnte die
ten« sowie »Das Alter in der heutigen Gesellschaft«. Säuglings- und Kindersterblichkeit so effektiv be-
Das Spektrum der Reaktionsweisen von den Jungen kämpft und die Vorsorge für das Alter derart hin-
und Kräftigen auf die Alten und Schwachen war reichend realisiert werden, dass zu Beginn des 21.
in den letzten Jahrtausenden vielfältig: Bei armen Jahrhunderts die meisten Menschen in der west-
Naturvölkern pflegte man sich oft der hilflosen Al- lichen Welt eine Lebensspanne von achtzig und
ten zu entledigen, indem man sie tötete oder in der mehr Jahren erwarten. Das wirft neuartige öko-
Einsamkeit verließ. Höhere Kulturen ermöglichten nomische, soziale, psychologische und kulturelle
manchen alten Menschen bisweilen Formen eines Probleme auf, die von de Beauvoir in ihrem Buch
erträglichen Daseins, das stellenweise Selbstver- sorgfältig referiert oder hellsichtig prognostiziert
wirklichung und sogar Aufstieg im Alter bedeutete. wurden.
167
Das Alter

Anthropologisch noch interessanter als die »  Geistig arbeitende Menschen werden weniger
Außenansicht des Alterns sind de Beauvoirs Aus- als alle anderen durch physiologischen Abbau in
führungen über das In-der-Welt-Sein alter Men- ihrer Tätigkeit behindert. Manche von ihnen genie-
schen. Der zweite Teil ihres Werks stellt die Innen- ßen in ihrem Verhältnis zur Gesellschaft eine ein-
ansicht des Alters dar, die sie in Kapiteln wie »Die zigartige Unabhängigkeit: Es sind die schöpferisch
körperlich erlebte Erfahrung«; »Zeit, Aktivität und Tätigen. Sie sind nicht zahlreich, aber aufgrund
Geschichte«; »Alter und Alltag« sowie »Beispiele ihrer privilegierten Situation aufschlussreich für
und Folgerungen« abhandelte. die Fragen: Welches sind die praktischen Mög-
Die Autorin war sich bewusst, dass das Altern lichkeiten eines alten Menschen, wenn ihm ein
eine ontologische oder metaphysische Erfahrung Maximum an Chancen gewährt wird? Welches ist
ist; in ihm wird die Seinsverfassung des mensch- die Beziehung zwischen Alter und Schöpferkraft,
lichen Daseins transparent. Wer den Altersprozess und wie ist sie zu verstehen? (de Beauvoir 1993,
nicht dumpf über sich ergehen lässt, erkennt, dass «
S. 351). 
es im Menschenleben Endlichkeit, Einsamkeit und
Endgültigkeit gibt. Das Alter konfrontiert den Ein- Bei kulturell produktiven Menschen kommt es so-
zelnen mit dem Sterben-Müssen – das macht seine gar vor, dass sie erst in ihrer Altersphase die eigent-
Härte und Tragik aus. liche Höhe ihres Berufes erreichen. In den Küns-
Um das In-der-Welt-Sein alter Menschen zu ten und Wissenschaften ist bisweilen eine Alters-
erfassen, werden oft Umfragen durchgeführt und produktivität zu konstatieren, die in keiner Weise
diese statistisch ausgewertet. De Beauvoir berück- hinter den Jugendschöpfungen der kreativen Cha-
sichtigte solche Untersuchungen, legte jedoch den raktere zurücktreten muss. Andererseits besteht bei
Schwerpunkt ihres Essays auf biographische Dar- vielen Alten, denen geistig-kulturelle Aktivitäten in
stellungen, in denen sie narrativ die Situation im ihrem Dasein mehr oder minder fremd waren, das
Alter verdeutlichte. Dabei erläuterte sie über hun- Endergebnis ihres Lebens in Senilität und nicht in
dert Lebensläufe von bekannten Persönlichkeiten Weisheit, Reife und Vernunft.
aus Philosophie, Kunst, Wissenschaft und Politik Aus ihren biologischen und sozialen Schwäche-
im Hinblick auf deren Alterungsprozess. positionen resultieren oft gedrückte Lebensgefühle,
In zahlreichen Kurzbiographien explizierte sie vermehrte Angst, Lebensunlust und ein wachsen-
die Erlebnisweise, Produktivität und das Selbst- des Minderwertigkeitsgefühl. Diese Faktoren er-
verständnis dieser alternden Menschen. Sie be- schweren das soziale Miteinander und bekräftigen
richtete unter anderem über die Altersschicksale die allenfalls vorhandene Ich-Haftigkeit. Viele alte
von Madame de Sévigné, Casanova, Proust, Gide, Menschen werden eigentümlich, da sie das Gefühl
Flaubert, Yeats, Valéry, Goethe, Leonardo da Vinci, ihrer Bedeutungslosigkeit nicht selten in unkoope-
Clémenceau, Monet, Chateaubriand, Rodin, Swift, rative Charaktereigenschaften umsetzen. Sie füh-
Fontenelle, Whitman, Tolstoi, Renoir, Hemingway, len sich in ihrer Umgebung nicht eingebettet und
Freud, Lou Andreas-Salomé, Victor Hugo, H.G. haben damit Grund genug, die Welt als feindselig
Wells, Virginia Woolf, Chaplin, Michelangelo, Ver- zu empfinden. Dies lässt bei ihnen Ängste oder Ag-
di, Churchill, Andersen, Zola, Galilei, Newton, Ein- gressionen vermehrt hervortreten.
stein, Pétain, Platon, Kant und Monteverdi. Seit jeher hat man an alten Menschen die Cha-
Bei diesen Persönlichkeiten zeigten sich im rakterzüge von Geiz, Herrschsucht, kleinlicher
Schnitt viele jener Befunde, welche die Altersme- Gesinnung, Nörgelei und des Egozentrismus beob-
dizin, -psychologie und -psychopathologie zu er- achtet. Unter den bisherigen kulturellen und sozia-
heben pflegt, in geringerer Weise. Je produktiver len Bedingungen pflegte das Alter die Charaktere
und geistig wacher – so de Beauvoir – ein Mensch von Menschen ungünstig zu beeinflussen, da man
sein Leben führt, umso eher kann er Intelligenz ihnen viele körperliche, seelische und ökonomi-
und Schaffenskraft im Alter bewahren: sche Entbehrungen und Frustrationen zumutete.
168 Kapitel • Simone de Beauvoir

Ihre Hauptenttäuschung allerdings ist eine von der leute, Kulturschaffende und Intellektuelle. Darüber
Kultur nur indirekt zu moderierende: hinaus visierte sie jedoch den mehr oder minder
großen Freiheits- und Gestaltungsspielraum von
»  Der gesellschaftliche Kontext beeinflusst das Individuen an, wenn sie schrieb:
Verhältnis des alten Menschen zum Tod. In man-
chen Gesellschaften lassen sich alte Menschen » Wollen wir vermeiden, dass das Alter zu einer
gleichgültig zugrunde gehen … In anderen Ge- spöttischen Parodie unserer früheren Existenz
sellschaften ist der Tod im Alter von einem Ritual wird, so gibt es nur eine einzige Lösung, nämlich
umgeben, das ihn so stark aufwertet, dass er als weiterhin Ziele zu verfolgen, die unserem Leben
etwas Wünschenswertes erscheint … Trotzdem einen Sinn verleihen: das hingebungsvolle Tätig-
hat der Tod ein überhistorisches Element: Indem sein für einzelne, für Gruppen oder für eine Sache,
er unseren Organismus zerstört, nichtet er unser Sozialarbeit, politische, geistige oder schöpferi-
In-der-Welt-Sein … Wenn der Tod uns beunruhigt, sche Arbeit. Das Leben behält Wert, solange man
so deshalb, weil er die unvermeidliche Kehrseite durch Liebe, Freundschaft, Empörung oder Mitge-
unserer Entwürfe ist: Wenn man aufgehört hat zu fühl am Leben der anderen teilnimmt (de Beauvoir
handeln, etwas zu unternehmen, bleibt nichts, «
1993, S. 464). 
was er zunichte machen könnte (de Beauvoir 1993,
«
S. 377ff.). 

In Das Alter blieb de  Beauvoir nicht bei philoso- Conclusio


phisch-anthropologischen Reflexionen über das
Altern stehen. Mehrfach sprach sie davon, dass Wir werfen hier nochmals die bereits eingangs an-
die Alterspolitik in den allermeisten Staaten dieser gedeutete Frage auf, ob de Beauvoir zu Recht einen
Erde ein Skandal und Verbrechen sei. Leidenschaft- Platz in einem Buch über die medizinisch-philo-
lich plädierte sie für Erhöhung der Renten, für ge- sophische Anthropologie im 20. Jahrhundert ver-
sunde Wohnungen sowie Möglichkeiten der Frei- dient, und wir zögern nicht, sie entschieden zu be-
zeitgestaltung und Selbstverwirklichung im Alter. jahen. Wohl sind ihre Hauptwerke und die meisten
Ihre Botschaft wurde von vielen gehört, und ihrer Nebenarbeiten im Grenzland zwischen Phi-
alte Menschen wurden durch sie daran erinnert, losophie, Wissenschaft und Essayistik angesiedelt.
dass sie eine politische Macht darstellen, wenn sie Ihr Gehalt an anthropologischen Überlegungen ist
sich in Vereinigungen organisieren. Die in den USA jedoch so gewichtig, dass dies eine Darlegung in
einsetzende Bewegung der grauen Panther berief unserem Rahmen rechtfertigt.
sich ausdrücklich auf unsere Autorin, die mit ihrem In diesem Zusammenhang wollen wir daran
Buch über Das Alter ein beeindruckendes Zeugnis erinnern, dass Edmund Husserl das Studium der
für einen integralen Humanismus ablegte. alltäglichen Lebenswelt als wertvollen Beitrag zur
Es gehört mit zur schriftstellerischen Meister- Grundlegung vieler Probleme der Philosophie und
schaft de Beauvoirs, dass sie bei aller deprimie- – so kann man ergänzen – der Anthropologie er-
renden Schilderung des Alters ihr Buch nicht im achtete. Diese Qualität trifft man in den Schriften
Hoffnungslosen enden ließ. Trotz aller gesellschaft- de Beauvoirs zur Genüge an. Ihr Gesamt-Oeuvre
lichen und epochalen Limitierungen darf und soll und vor allem ihre Hauptwerke über Das andere
sich der Einzelne darauf besinnen, wie er seinem Geschlecht und Das Alter wirkten stimulierend im
Dasein auch im höheren Lebensalter eine tragfähi- Hinblick auf eine anthropologische Erhellung der
ge Bedeutung verleihen kann. Geschlechtlichkeit und des Alterns von Menschen.
In der Zusammenfassung ihres Werks forder- In diesen beiden Büchern gelang es de  Beau-
te de  Beauvoir merklich sozialere, solidarischere voir des Weiteren, einen bemerkenswerten Ansatz
und menschenwürdigere Formen des Alterns, als zur Selbsterforschung durchzuführen, der Wissen-
sie gemeinhin zu beobachten sind. Als Adressaten schaft und Philosophie in den Dienst von Selbst-
für ihr Plädoyer galten dabei Politiker, Wirtschafts- erkenntnis stellte. Ihre Texte sind bewundernswer-
169
Literatur

te Akte der Selbstverständigung, die sich zwar der de Beauvoir S (2004) Sie kam und blieb. Rowohlt, Reinbek
bei Hamburg (Erstveröff. 1943)
objektiven Sprache der Sachforschung bedienen,
Evans M (1986) Simone de Beauvoir – Ein feministischer
gleichzeitig aber die Sicht auf subjektive Meinun- Mandarin. Daedalus, Rheda-Wiedenbrück
gen und biographische Verhältnisse der Autorin Francis C, Gontier F (1986) Simone de Beauvoir – Die Biogra-
freigeben. phie. Quadriga, Weinheim (Erstveröff. 1985)
Überträgt man die Hauptaussagen von Das Madsen A (1980) Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir –
Die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe. Claassen,
andere Geschlecht und Das Alter auf anthropolo-
Düsseldorf
gische Fragestellungen generell, wird man allen Moi T (1996) Simone de Beauvoir – Die Psychographie einer
eindimensionalen Lösungsansätzen im Hinblick Intellektuellen. Fischer, Frankfurt am Main
auf die Conditio humana gegenüber skeptisch. Schwarzer A (1999) Simone de Beauvoir – Rebellin und Weg-
Egal, ob sich die Wissenschaften und Philosophie bereiterin. Kiepenheuer & Witsch, Köln
Zehl Romero C (1978) Simone de Beauvoir. Rowohlt, Reinbek
auf naturalistische, psychologische, soziologische,
bei Hamburg
ökonomische oder kulturalistische Perspektiven
berufen – das Wesen des Menschen verlangt nach
einer mehrdimensionalen Betrachtungsweise, wie
sie von de Beauvoir exemplarisch vorgelebt wurde.
Selbst wenn sich seit dem Erscheinen von Das
andere Geschlecht und Das Alter viele Einzelbefun-
de in Bezug auf die Geschlechtlichkeit und das Al-
tern des Menschen verändert haben mögen, bleibt
es das große Verdienst de Beauvoirs gezeigt zu ha-
ben, wie sehr die menschliche Biologie in histori-
sche und kulturelle Prozesse eingebettet ist, von ih-
nen moduliert wird und ihrerseits Einfluss auf die
Ausgestaltung von Geschichte und Kultur nimmt.

Literatur

Bair D (1990) Simone de Beauvoir – Eine Biographie. Knaus,


München
de Beauvoir S (1945) Drei Essays zur Moral des Existentialis-
mus. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg
de Beauvoir S (1976) Memoiren einer Tochter aus gutem
Hause. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg (Erstveröff. 1958)
de Beauvoir S (1978) Der Lauf der Dinge. Rowohlt, Reinbek
bei Hamburg (Erstveröff. 1963)
de Beauvoir S (1986a) Amerika: Tag und Nacht. Rowohlt,
Reinbek bei Hamburg (Erstveröff. 1948)
de Beauvoir S (1986b) Die Zeremonie des Abschieds.
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg (Erstveröff. 1981)
de Beauvoir S (1987a) Das andere Geschlecht. Rowohlt, Rein-
bek bei Hamburg (Erstveröff. 1949)
de Beauvoir S (1987b) Auge um Auge – Artikel zu Politik,
Moral und Literatur 1945–1955
de Beauvoir S (1988) In den besten Jahren. Rowohlt, Reinbek
bei Hamburg (Erstveröff. 1960)
de Beauvoir S (1993) Das Alter. Rowohlt, Reinbek bei Ham-
burg (Erstveröff. 1970)
de Beauvoir S (1999) Eine transatlantische Liebe – Briefe an
Nelson Algren 1947–1964. Rowohlt, Reinbek bei Ham-
burg (Erstveröff. 1997)
171

Maurice Merleau-Ponty
Biographisches – 172
Werkanalyse – 175
Conclusio – 181
Literatur – 182

G. Danzer, Wer sind wir? – Auf der Suche nach der Formel des Menschen,
DOI 10.1007/978-3-642-16993-9_13,
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2011
172 Kapitel • Maurice Merleau-Ponty

was wesentlich mit dazu beitrug, dass seine Frau


in La Rochelle, wo die Familie einige Zeit lebte, die
Geliebte eines Universitätsprofessors war.
Maurice und seine jüngere Schwester ent-
stammten dieser Liebesbeziehung; sein älterer
Bruder hingegen war leiblicher Sohn von Monsieur
Merleau-Ponty. 1911 starb dieser überraschend, und
die verwitwete Madame ging mit ihren drei Kin-
dern daraufhin zuerst nach Le Havre und dann
nach Paris. Maurice schloss sich in seinem weiteren
Leben eng an seine Mutter und die jüngere Schwes-
ter an.
Nachdem die Familie zuerst nach Le Havre und
dann nach Paris gezogen war, beendete Maurice
1924 seine Gymnasialausbildung mit dem »Bacca-
lauréat«. Über das Lycée Louis-le-Grand gelangte
er an die École Normale Supérieure (ENS), an der
er von 1926–1930 »Normalien« war und unter an-
derem Jean-Paul Sartre, Simone de  Beauvoir und
Claude Lévi-Strauss kennenlernte. Mit den beiden
Ersteren verband ihn viele Jahre lang eine intensive
Freundschaft und Zusammenarbeit.
. Abb. 1 Maurice Merleau-Ponty (*1908; †1961). (Aus Stumm An der ENS wandte sich Merleau-Ponty der
et al. 2005) Philosophie zu. Zu den für ihn wichtigen Lehrern
zählte Léon Brunschvicg (1869–1944), der eine
idealistische und am Neukantianismus orientierte
Obwohl selbst kein Arzt, hat der französische Phi- Philosophie vertrat. Daneben gehörte auch Henri
losoph Maurice Merleau-Ponty in seinen Büchern Bergson (1859–1941) zu den ihn prägenden Den-
und Vorlesungen wiederholt wichtige Fragen und kern. Dieser Lebensphilosoph dozierte am hoch-
Probleme der Humanmedizin aufgegriffen. Durch angesehenen Collège de France, wobei »tout Paris«
seine philosophischen Spekulationen trug er dazu zu den legendären Kollegs strömte, um den zart
bei, die Diskussionen innerhalb der Medizin über und in sich gekehrt wirkenden Gelehrten zu hören.
Krankheit, Gesundheit und den Menschen generell Die Atmosphäre der Weisheit, die Bergson um sich
zu bereichern. Aufgrund seiner vornehmen und verbreitete, sowie seine feinsinnige Intuition, mit
strikt an den Phänomenen orientierten Art des der er die Welt erfasste, wirkten für Merleau-Ponty
Philosophierens wurde er zu Recht als der eigent- vorbildlich.
liche Nachfolger und Statthalter Edmund Husserls Die Jahre nach seinem Studium sahen Merleau-
in Frankreich bezeichnet (. Abb. 1). Ponty zuerst als Philosophielehrer in der Provinz.
1935 kehrte er nach Paris zurück und übernahm die
Stelle eines Repetitors an der ENS, die er bis zum
Biographisches Zweiten Weltkrieg behielt. Er beschäftigte sich in-
tensiv mit der Phänomenologie, daneben aber auch
Merleau-Ponty wurde 1908 in der Kleinstadt Ro- mit der Gestalt- und Entwicklungspsychologie so-
chefort-sur-Mer als zweites von insgesamt drei Kin- wie mit Neurologie. Dabei nahm er auf den russi-
dern geboren. Sein Elternhaus und seine Vorfahren schen Gestaltpsychologen Adhémar Gelb und den
waren vom Katholizismus geprägt und wiesen als Neurologen Kurt Goldstein Bezug. Die Ergebnisse
Berufe vorrangig Ärzte und Offiziere auf. Der Vater seiner Studien fasste er in Die Struktur des Verhal-
von Maurice war als Marineoffizier oft aushäusig, tens (1942) zusammen.
173
Biographisches

Mit der Phänomenologie war Merleau-Ponty gliedern mit sehr divergenten Weltanschauungen
bereits 1929 in Kontakt gekommen. Damals hielt bestand, wurde über das Wie des Widerstands zwar
Edmund Husserl seine »Pariser Vorträge« an der heftig gestritten, ohne dass es jedoch zu effektiven
Sorbonne, um seine neuartige Philosophie in Aktionen gekommen wäre. Merleau-Ponty zählte
Frankreich bekannt zu machen. Im Auditorium unter ihnen zu jenen »Kämpfern«, die sich eher
saß seinerzeit auch Merleau-Ponty, dem in Hus- Gedanken über einen pädagogischen Umgang und
serl ähnlich wie bei Bergson ein Denker begegnete, damit über eine friedlichere Kontaktaufnahme mit
der kontinuierlich eine Aura seriösester philoso- den Besatzern denn über militärische Aktionen
phischer Spekulation um sich verbreitete. An ihm machten.
wollte er sich ebenso wie an Bergson ein Beispiel Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es ein Jahr-
nehmen. zehnt lang zu einer engen und fruchtbaren Zusam-
Diese beiden Denker waren Meister in der Inte- menarbeit Merleau-Pontys mit Sartre, die in der
gration positiven Wissens in ihre jeweiligen Philo- gemeinsamen redaktionellen Verantwortung für
sophien. Die Ergebnisse von Mathematik, Physik die Zeitschrift Les Temps Modernes ihren Ausdruck
und anderen Naturwissenschaften nutzten sie als fand. Ihre unterschiedlichen Charaktere und paral-
Ausgangspunkte oder Argumente für ihre philoso- lel dazu ihre differenten philosophisch-politischen
phischen Überlegungen. Daneben machte der Phi- Ansichten führten jedoch zu einer zunehmenden
losoph Aron Gurwitsch (1901–1973) Merleau-Ponty Distanzierung und – nach der Publikation von
auf die Zusammenhänge zwischen Phänomenolo- Merleau-Pontys Die Abenteuer der Dialektik (1955)
gie und den Wissenschaften (Biologie, Psychologie, – zum Bruch der Beziehung.
Linguistik, Medizin) aufmerksam. Merleau-Ponty war ursprünglich unter dem
Während des Zweiten Weltkriegs diente Mer- religiösen Einfluss des Katholizismus gestanden.
leau-Ponty kurze Zeit als Leutnant beim franzö- Doch schon in den 30er Jahren hatte er sich weitest-
sischen Heer. Als er 1940 nach Paris zurückkam, gehend vom Christentum gelöst und war ins Lager
wandte er sich erneut Husserl und der Phänome- der Agnostiker und Atheisten gewechselt. Dieser
nologie zu. Das daraus resultierende Buch Phäno- Gesinnungswandel war unter anderem durch die
menologie der Wahrnehmung (1945) brachte dem Vorlesungen des aus Russland stammenden Alex-
jungen Philosophen 1945 den Doktortitel ein und andre Kojève (1902–1968) angeregt worden.
markierte den Beginn seiner Universitätskarriere. Kojève dozierte an der École pratique des Hau-
Man war allgemein der Ansicht, dass ihm mit die- tes Études über Hegels seinerzeit noch nicht ins
sem Text ein Meisterwerk gelungen war. Französische übersetzte Phänomenologie des Geis-
Ende 1940 heiratete Merleau-Ponty seine tes. Er interpretierte den deutschen Meisterdenker
Freundin Simone Jolibois, die damals von ihm eigenwillig und in einem politisch-linkshegeliani-
schwanger war. Simone soll sehr auf diese Heirat schen Sinne. Merleau-Ponty lernte an ihm ein kri-
gedrängt haben, wohingegen Merleau-Ponty Skru- tisches Denken, das sich später in Büchern wie Hu-
pel verspürte, Verantwortung für Frau und Kind zu manismus und Terror (1947), Sinn und Nicht-Sinn
übernehmen. De Beauvoir, die damals enge Kon- (1948) und Die Abenteuer der Dialektik (1955) sowie
takte zum bindungsscheuen Philosophen unter- in seiner Vorlesung Die dialektische Philosophie
hielt, schrieb über das frisch vermählte Paar an Sar- (1956) bemerkbar machte.
tre: »Sie wohnen in zwei verschiedenen Hotels am Bei aller Sympathie für den Sozialismus ent-
Montparnasse und haben ein freundliches Verhält- wickelte sich Merleau-Ponty mehr und mehr zu
nis zueinander« (de Beauvoir 1998, S. 273). Später einem politischen Denker, der gegen die real exis-
wurde aus Merleau-Ponty doch noch ein liebevoller tierenden Formen des Staatssozialismus und -kom-
Vater und Lebensgefährte. munismus Stellung bezog und deren Totalitarismus
1941 engagierte sich Merleau-Ponty in der Wi- entschieden kritisierte. Diese Haltung führte zu
derstandsgruppe »Socialisme et Liberté«, wo er Auseinandersetzungen mit dem kommunismus-
wiederum auf den aus der Kriegsgefangenschaft freundlichen Sartre und schließlich zu einer nicht
entlassenen Sartre traf. Weil diese Gruppe aus Mit- mehr überbrückbaren Distanz. Im Zusammenhang
174 Kapitel • Maurice Merleau-Ponty

mit unterschiedlichen politischen Einschätzungen und spricht. Indes, der Mensch selbst enthält, nur
zerbrach auch die ursprünglich enge Beziehung schweigend, die Widersprüchlichkeiten der Philo-
Merleau-Pontys mit Albert Camus. sophie, denn um ganz Mensch zu sein, muss man
Obwohl sich Merleau-Ponty lange Zeit im Kreis etwas mehr und etwas weniger als Mensch sein
der Existentialisten, Künstler und Intellektuellen «
(Merleau-Ponty 1973, S. 47f.). 
von Paris bewegte, ist über seinen Lebenslauf be-
deutend weniger bekannt wie über diejenigen von Die Bücher, Manuskripte und Vorlesungsmit-
Sartre, de  Beauvoir oder Camus. Von ihm sind schriften Merleau-Pontys aus den 50er Jahren zei-
weder ein Briefwechsel noch Tagebücher oder gen, dass er zunehmend ein Autor wurde, der alles,
autobiographische Texte erhalten. Der Philosoph was er sah, erlebte und bedachte, in seiner Wider-
hat seine Privatsphäre gekonnt zu schützen ge- sprüchlichkeit und Ambiguität beschreiben wollte.
wusst und die öffentlichen Verlautbarungen seines In gewisser Weise erwies er sich dabei tatsächlich
Daseins auf Vorlesungen, Essays und Bücher be- als »hinkender Philosoph«, welcher die Vorläufig-
schränkt. keit seiner Gedanken nicht kaschierte, sondern das
1952 wurde Merleau-Ponty auf den ehemaligen experimentell Tastende und mäandernd Vorsichti-
Lehrstuhl Bergsons am Collège de France berufen. ge seines Denkens als Voraussetzung einer redli-
Zuvor hatte er kurzzeitig eine Professur an der Uni- chen Reflexion über Mensch, Kultur und Kosmos
versität Lyon sowie für Kinderpsychologie und Pä- begriff.
dagogik an der Sorbonne innegehabt. Im Rahmen Wie originell und produktiv Merleau-Ponty mit
dieser Lehrtätigkeit arbeitete er sich penibel in die dieser Einstellung war, zeigen seine Bücher Das Pri-
damals aktuellen psychologischen Schulrichtungen mat der Wahrnehmung (1933–46), Keime der Ver-
ein und präsentierte in seinen Vorlesungen und nunft (1949–52), Die Natur (1956–60), Das Sichtbare
Manuskripten zum Beispiel die Psychologie Jean und das Unsichtbare (1959–61), Zeichen (1960), Das
Piagets oder Sigmund Freuds ebenso eingängig Auge und der Geist (1964) sowie Die Prosa der Welt
und exakt wie die Sprachtheorien von Ferdinand (1969), die in der Mehrzahl postum veröffentlicht
de Saussure, Ernst Cassirer, Karl Bühler oder Ro- wurden. In ihnen wird die intellektuelle Experi-
man Jacobson. mentierfreudigkeit und Spannweite Merleau-Pon-
Am Collège de France lehrte und forschte der tys offenkundig, der die Kunst Cézannes ebenso
Philosoph bis zu seinem Tod 1961. Seine dortige bedachte wie die Naturphilosophie Schellings oder
Antrittsvorlesung wurde unter dem Titel Éloge de die Geheimnisse der menschlichen Sexualität.
la philosophie (Lob der Philosophie) 1953 publiziert. An diesen Publikationen kann man erkennen,
Merleau-Ponty widmete sie seiner Mutter, die da- wie sehr es sich bei Merleau-Ponty um einen wer-
mals gerade gestorben war. In Lob der Philosophie denden Philosophen handelte und sein Werk ein
skizzierte er eindrücklich das Wesen und die Auf- Denken »in statu nascendi« war, über das Paul
gaben eines philosophischen Denkers. Diesen cha- Ricœur nach dem frühen Tod Merleau-Pontys
rakterisierte er als einen bescheidenen und existen- traurig urteilte: »Die Unvollendetheit einer Phi-
tiell relevante Wahrheiten suchenden Menschen: losophie der Unvollendetheit macht doppelt fas-
sungslos« (siehe hierzu Ricœur in Métraux u. Wal-
»  Das Hinken des Philosophen ist seine Tugend. denfels 1986, S. 56ff.).
Was sagt er über das Verhältnis von Seele und Leib, Gestorben ist Merleau-Ponty wahrscheinlich
wenn nicht das, was allen bekannt ist, die ihre an einem Herzinfarkt, wozu sein jahrelanger Niko-
Seele und ihren Leib, ihre Schmerzen und Freu- tinabusus sicherlich mit beigetragen hat. Der Tod
den zugleich leben lassen. Was lehrt er über den kam für ihn und seine Umgebung völlig überra-
Tod, es sei denn, dass er im Leben verborgen ist schend und riss ihn mitten aus begonnenen Arbei-
wie der Leib in der Seele. Diese Erkenntnis, sagte ten. Neben dem Toten lag aufgeschlagen das Buch,
Montaigne, lässt »einen Bauern und ganze Völker- das er zuletzt noch gelesen hatte und das er sehr
schaften ebenso gewiss sterben wie den Philoso- bewunderte: die Dioptrik (Lehre von der Brechung
phen«. Der Philosoph ist ein Mensch, der aufwacht des Lichts) des René Descartes.
175
Werkanalyse

Werkanalyse
»  Der Philosoph erkennt sich selbst daran, dass er
Die Erläuterung von Merleau-Pontys Oeuvre bleibt unweigerlich den Sinn für Evidenz und Ambigui-
hier auf einige wenige für die medizinisch-philoso- tät besitzt. Wenn er sich mit dem Erdulden der
phische Anthropologie relevante Begriffe und Ge- Ambiguität zufrieden gibt, erhält diese den Namen
sichtspunkte beschränkt: Erkenntnistheorie (Am- Zweideutigkeit. Bei den Bedeutendsten wird sie
biguität), Verhalten, Wahrnehmung und der Leib. zum Thema und trägt, statt zur Bedrohung, zur
Begründung der Gewissheiten bei. In diesem Sin-
z Erkenntnistheorie ne müsste man zwischen einer guten und einer
Schon Friedrich Nietzsche hat auf die Bedeutung schlechten Ambiguität unterscheiden (Merleau-
verschiedener wissenschaftlicher und philosophi- «
Ponty 1973, S. 16). 
scher Haltungen für die Forschung hingewiesen.
Mit sinnvollen Ergebnissen können nur jene For- Merleau-Ponty favorisierte das Adjektiv doppel-
scher rechnen, die für die Beantwortung sie interes- deutig (»ambigue«) und grenzte es von zweideutig
sierender Fragen die adäquaten wissenschaftlichen (»équivoque«) ab. Die Schwierigkeiten eines Phi-
Methoden auswählen. Diese Auswahl entscheidet losophen und Forschers bestehen darin, die Viel-
wesentlich über die wissenschaftlichen und philo- zahl der Bezüge und Perspektiven, die Pluralität
sophischen Erkenntnisse, da Methode und Ergeb- der Dimensionen gelten zu lassen und das eigene
nisse zusammenhängen. Denken dementsprechend auszurichten. Sobald
Merleau-Pontys hauptsächlich praktizierte phi- die daraus resultierenden Spannungen zur Angst
losophische Haltung und Methode kann mit dem provozierenden Bedrohung für den Forscher wer-
Begriff der Ambiguität wiedergegeben werden. Der den, wird dieser versucht sein, das sichere Ufer der
niederländische Philosoph Alphonse de Waelhens Eindeutigkeit zu erreichen oder eventuell das ein
(1911–1981) hat sein Buch über Merleau-Ponty so- oder andere zweideutige Wortspiel mitzuspielen,
gar mit dem Titel Eine Philosophie der Ambiguität ohne selbst noch merklich involviert zu bleiben.
(1951) versehen und meinte, damit sowohl die phi- Dabei entsteht bestenfalls Scheintiefe.
losophische Haltung und Methode wie auch einen Der Begriff und vor allem die Haltung der Am-
Großteil der Forschungsergebnisse Merleau-Pon- biguität erfordern vom Forscher ein existentielles
tys prägnant auf den Punkt gebracht zu haben. Bekenntnis zur Vieldeutigkeit der Welt. Er muss
Unter Ambiguität versteht man soviel wie Dop- sich im Zwischenreich einrichten und permanent
peldeutigkeit. Vielen kulturellen und natürlichen neue Forschungs- und Beobachtungsstandpunkte
Phänomenen haftet etwas Janusgesichtiges an: dem einnehmen und wieder verlassen. Dabei wird es
Leib, dem Geist, der Kunst, dem Leben. Sobald ihn von den Natur- zu den Kulturwissenschaften,
man sich auf einen einzigen Aspekt beschränkt, von der philosophischen Reflexion zum künstleri-
um das Wesen dieser oder anderer Phänomene zu schen Ausdruck sowie vom positiven Wissen zum
charakterisieren, geht man fehl und reduziert deren nagenden Zweifel treiben. Doch nur wer den ge-
Komplexität. Nur im Akt des In-der-Schwebe-Hal- schützten Hafen der Eindeutigkeit verlässt und sich
tens verschiedenster Aspekte, im Sowohl-als-auch auf die hohe See der Doppeldeutigkeit begibt, wird
wird man ihnen gerecht. den vielschichtigen Phänomenen im Bereich des
Es besteht jedoch die Gefahr, mittels Ambigui- menschlichen Lebens, der Kultur und des gesamten
tät nicht Komplexität und Vieldeutigkeit, sondern Kosmos wirklich gerecht:
Verwirrung und Zweideutigkeit zu erzeugen –
denn nicht jedes Kaleidoskop ergibt schlussendlich »  Man muss … einerseits der spontanen Ent-
ein schillerndes und vielschichtiges Bild. Merleau- wicklung des positiven Wissens folgen, indem
Ponty hat sich mehrmals zu diesem Vorwurf der man sich fragt, ob hier wirklich der Mensch auf
Ambiguität gegenüber geäußert und diesbezüglich den Status eines Objekts reduziert wird, und man
eine gute von einer schlechten Ambiguität unter- muss andererseits die reflexive und philosophische
schieden: Einstellung überprüfen, indem man untersucht, ob
176 Kapitel • Maurice Merleau-Ponty

sie uns wirklich das Recht gibt, uns als unbeding- zum Modell einer Medizin der Zukunft werden, die
te und zeitlose Subjekte zu definieren. Vielleicht in Bezug auf ihre Erkenntnistheorie ganz im Sinne
werden diese konvergierenden Untersuchungen Merleau-Pontys neben den Natur- auch die Kultur-
am Ende dazu führen, dass wir ein Milieu vor uns wissenschaften, die Philosophie und die Künste mit
sehen, das der Philosophie und dem positiven Wis- einbezieht.
sen gemeinsam ist, und dass sich uns, diesseits des
reinen Subjekts und des reinen Objekts, so etwas z Das Verhalten
wie eine dritte Dimension eröffnet, wo unsere Akti- Bereits das Erstlingswerk Merleau-Pontys befasste
vität und unsere Passivität, unsere Autonomie und sich mit einem für die Medizin und Anthropologie
unsere Abhängigkeit einander nicht mehr wider- relevanten Thema: dem menschlichen Verhalten.
sprechen (Merleau-Ponty: Exposé Titres et travaux, An ihm glaubte der Philosoph die Tugenden und
«
1952, zit. nach Waldenfels 1983, S. 149f.).  Qualitäten der Ambiguität überzeugend demons-
trieren zu können.
In der Medizin wird die Notwendigkeit hoher Für das wissenschaftliche und philosophische
Ambiguitätsfähigkeit etwa im Bereich der Psycho- Verständnis des Menschen und seiner Welt sind
somatik offensichtlich. Allein der Name Psychoso- seit langem zwei Positionen von Bedeutung, die
matik macht schon deutlich, dass da zwei ungleiche von Merleau-Ponty ausführlich abgehandelt wur-
Wesenheiten »Soma« und »Psyche« vor einen ge- den: der szientistische Naturalismus, der die Wirk-
meinsamen Karren gespannt sind. Unter erkennt- lichkeit aus Materieelementen aufbaut und sie kau-
nistheoretischen Gesichtspunkten betrachtet hat sal erklärt, und der intellektualistische Kritizismus,
dies zur Folge, dass psychosomatisch tätige Wis- für den die Welt letztlich aus Bewusstseinsproduk-
senschaftler, Ärzte und Psychologen hinsichtlich ten besteht. Den Ersteren vertreten heutzutage die
der Erforschung, Diagnostik und Therapie von Er- meisten Naturwissenschaftler, Neurobiologen und
krankungen dauernd gezwungen sind, Perspektiv- Behavioristen, den Letzteren manche Psychologen
wechsel vorzunehmen. oder Philosophen.
So kann an Patienten und ihren Krankheitsbil- Beide Positionen, so Merleau-Ponty, sind in
dern abwechselnd Biologisches, Seelisches, Geisti- ihrer Radikalität nicht haltbar: Die Wahrheit lie-
ges, Soziales und Kulturelles oder auch Subjektives ge in der Mitte, im Sowohl-als-auch. Besonders
und Objektives, Krankes und Gesundes, Bewusstes eindrücklich lasse sich diese neutrale Position
und Unbewusstes wahrgenommen, beschrieben, zwischen den Polen des Physiologismus und des
erklärt, verstanden und im Therapieprozess be- Psychologismus am Phänomen des menschlichen
rücksichtigt werden. Psychosomatik bedeutet eine Verhaltens exemplifizieren, weshalb es sich gut als
Form der Medizin, die auf eindimensionale Lösun- Beispiel für Ambiguität eignet.
gen verzichtet und stattdessen eine Heilkunde pro- Wie lässt sich menschliches Verhalten am bes-
pagiert, bei der nicht das Entweder-oder, sondern ten verstehen, und wie kann man sich Prozesse des
das von Merleau-Ponty als Milieu oder dritte Di- Lernens und der Veränderung von Verhalten vor-
mension bezeichnete Sowohl-als-auch dominiert. stellen? Wie viel Freiheit oder Determination prä-
Patienten leiden nicht entweder an körperlichen gen das menschliche Verhalten, und welche Rolle
Krankheiten oder an psychosozialen Unpässlich- spielen dabei die Biologie, das ZNS, die Reflexe, die
keiten und Störungen. Vielmehr weisen sie stets alle Umwelt, die Erziehung oder auch das Wollen und
eben erwähnten Facetten und Aspekte auf, die bei Vorstellen eines Individuums? Verhalten wir uns
geeigneter erkenntnistheoretischer Haltung und kausal oder final oder zufällig, und gibt es Gesetze,
Einstellung umfänglich erkannt und diagnostiziert die unserem Verhalten zugrunde liegen?
sowie in die Behandlung integriert werden können. Einige dieser Fragen beantwortete Merleau-
Dazu ist es allerdings nötig, dass Ärzte, Thera- Ponty in Die Struktur des Verhaltens. Gegen die
peuten, Schwestern und das gesamte Medizinalsys- Auffassung vieler Reflexforscher (Thorndike, Paw-
tem die Bereitschaft und Fähigkeit zur Ambiguität low) und Behavioristen (Watson, Skinner), welche
aufbringen. Eine so verstandene Heilkunde kann die menschlichen Verhaltensmuster als Stimulus-
177
Werkanalyse

Response-Schema interpretierten, und denen ein all von seinen elementarsten bis zu seinen höchsten
Reiz nichts weiter als ein physisches Datum bedeu- Formen eine Einheit bildet und nicht aus Empfin-
tete, führte Merleau-Ponty ein Vielzahl von Fakten dungs- oder Gefühlsatomen besteht. Aus dieser
und Einwänden ins Feld. Einheit haben sich seelische Funktionen differen-
Dabei verwies er bevorzugt auf die Gestalt- ziert, verbleiben aber an ihren Zusammenhang ge-
psychologie (Wolfgang Köhler, Kurt Koffka, Max bunden und bilden damit Strukturen.
Wertheimer) sowie den Psychologen Gelb und den Als Beispiele für ganzheitliche Strukturen
Neurologen Goldstein, die alle statt der Begrif- nannte Dilthey die Einheit des Bewusstseins und
fe Stimulus und Response diejenigen von Gestalt die Einheit der Person; ergänzend ließe sich die
und Struktur bemühten, um den menschlichen Einheit des Leibes anführen. Sowohl beim Phäno-
Organismus, sein Verhalten, seine Beziehungen men des Bewusstseins wie demjenigen der Person
zu Natur und Kultur sowie seine Gesundheit oder und des Leibes erlebt der Betrachter primär keine
Krankheit zu beschreiben. Besonders eindrücklich atomistischen Elemente, sondern einen Struktur-
ist dies Goldstein in Der Aufbau des Organismus zusammenhang, der es ihm erlaubt, in einem zwei-
(1934) gelungen, worauf Merleau-Ponty wiederholt ten Schritt einzelne Teile als Verweise auf eine Sum-
Bezug nahm. me oder ein Ganzes zu interpretieren.
Der Begriff Gestalt wurde von Köhler, Koffka Merleau-Pontys Konzept des menschlichen
und Wertheimer verwendet, um den ganzheitli- Verhaltens stützte sich wesentlich auf die Termi-
chen Charakter biologischer, psychischer, sozialer ni Struktur und Gestalt, daneben aber auch auf
oder geistiger Gebilde und deren Wahrnehmung zu die Begriffe Ordnung, Sinn und Bedeutung. Jedes
betonen. Bei diesen Phänomenen könne man einen menschliche Verhalten wollte er als strukturierte,
Hintergrund beschreiben, vor dem sie im Vorder- gestalthafte, ganzheitliche und sinnvolle Antwort
grund wirken und positioniert sind. Falls man an des Individuums auf die Bedeutung einer Situa-
ihnen nur Teile oder kleinere Elemente wahrneh- tion verstanden wissen. Situationen bieten dem
me, ergänze man diese zu einer imaginierten Tota- Menschen potentiell Sinn oder Wert an, und sein
lität (Prägnanzprinzip). Verhalten darauf ist nicht bloße Reaktion auf einen
So wie die menschlichen Wahrnehmungsvor- Reiz, sondern Ergreifen oder Verfehlen von Bedeu-
gänge den Gesetzen von Ganzheit und prägnanter tungsmöglichkeiten.
Gestalt unterliegen, so sind normalerweise auch Wie aber können Situationen, also Materie, Na-
die Handlungen von Menschen auf den Erhalt oder tur, Mitmenschen und Kultur, auf ein Bewusstsein
die Entstehung von Gestalten hin ausgerichtet. Ein einwirken und für es sinnvoll sein? Merleau-Ponty
prominentes Beispiel für derartige Gestaltwahr- nahm zu dieser Frage folgendermaßen Stellung:
nehmung schilderte Goethe in seiner Italienischen
Reise: Als er in Verona die Überreste des antiken »  Die einzige Art und Weise, auf einen Geist zu
Theaters sah, ergänzte er vor seinem geistigen Auge wirken, besteht für ein Ding darin, ihm einen Sinn
das Oval zur architektonischen und atmosphäri- anzubieten, ihm zu erscheinen, sich vor ihm in
schen Ganzheit. seinen intelligiblen Zusammenhängen zu konstitu-
Neben dem Begriff der Gestalt verwendete «
ieren (Merleau-Ponty 1976, S. 230). 
Merleau-Ponty noch denjenigen der Struktur, um
menschliches Verhalten angemessen zu beschrei- Diese intelligiblen Zusammenhänge wurden von
ben. Dieser Terminus weist eine längere Vorge- Merleau-Ponty ebenfalls als Strukturen bezeich-
schichte auf. In den Ideen über eine beschreibende net, als eine unlösliche Verbindung zwischen einer
und zergliedernde Psychologie (1894) hatte Wilhelm Idee und einer Existenz, als ein zufälliges »Arran-
Dilthey von einer Struktur des Seelenlebens ge- gement, durch das Materialien vor unseren Augen
sprochen und damit diesen Begriff für die Psycho- einen Sinn annehmen«. Merleau-Ponty unterschied
logie und andere Humanwissenschaften fruchtbar zwischen den der Materie anhaftenden Strukturen
gemacht. Diltheys zentrale These lautete, dass der