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POLITISCHE

THEORIE

PROPÄDEUTIKUM POLITIKWISSENSCHAFT

MATTHIAS FLATSCHER
I. WOZU POLITISCHE THEORIE?

• Die Wahrnehmung von und die Reflexion über


Gesellschaft und Politik funktioniert notwendig über
Begriffe und Theorien.
• Politische Verhältnisse, politische Systeme und politische
Praxiskönnen nur in Rückgriff auf politischen
Theorien und ihre Ideengeschichte verstanden werden.
• Politische Theorien brauchen wir, um politische Begriffe
zu definieren, zu analysieren und zu kritisieren und in
ihrer Vielfältigkeit und historischen Veränderbarkeit in
den Blick zu nehmen.
• Mit der Anerkennung der Kontingenz der politischen
Ordnung brechen politische Alternativen auf.

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Matthias Flatscher - Politische Theorie
II. TEAM

• Oliver Marchart (Professur)


• Sara Gebh (Prae-Doc-Assistentin)
• Ina Sattlegger (Studien-Assistentin)
• Carina Maier (Tutorin)
• Matthias Flatscher (Post-Doc-Assistent)

• Reihe von (wechselnden) externen


Lehrveranstaltungsleiter*innen

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SCHWERPUNKTE DES BEREICHS

• Demokratietheorie(n)
(insb. Theorien radikaler Demokratie)
• Populismus-Theorie
• Soziale Bewegungsforschung / Prekarisierungsforschung
• Fragen der (politischen) Subjektkonstitution
• (Heterodoxe) Politische Ideengeschichte

• Postfundamentalistische und poststrukturalistische


Theorieansätze 

Vielfältige inhaltliche und methodische Überschneidungen mit
anderen Bereichen am Institut für Politikwissenschaft

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POLITISCHE THEORIE ALS
»SCHNITTMENGENDISZIPLIN«

Unterschiedliche methodische und inhaltliche Anleihen


aus benachbarten Disziplinen der Kultur-, Sozial- und
Geisteswissenschaften:
• Soziologie
• Jurisprudenz
• Geschichtswissenschaft
• Kunstwissenschaft
• Ökonomie
• Theologie
• Philosophie
• Etc.

• Vielfältige Kooperationen und Veranstaltungen (vgl. Vorträge,


Workshops, Tagungen)
• http://facebook.com/politicaltheoryuniwien/

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III. MAX ZIRNGAST

• Max Zirngast ist Studierender,


Journalist und Autor.
• Er studierte Politikwissenschaft
und Philosophie an der
Universität Wien.
• Mitübersetzer von J. Butler / E. Laclau /
S. Zizek: Kontingenz. Hegemonie. Univer-
salität. Wien: 2013.

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• Seit 2015 lebt, studiert und arbeitet er in der türkischen
Hauptstadt Ankara.
• Am 11. September 2018 wurde Zirngast in Ankara verhaftet.
• Zirngast wird beschuldigt, Mitglied einer „staatsfeindlichen
Organisation“ zu sein.
• Als „Beweise“ gelten Bücher des ehemaligen
kommunistischen Politikers Hikmet Kivilcimli, die in Zirngasts
Wohnung gefunden wurden.

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• Irritationen auf Posts nach Presseberichten (Forum im
Standard, Krone usw.)

• Ist unsere Gesellschaft durch einen Mangel an Solidarität


gekennzeichnet?
• Was ist überhaupt Solidarität?

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IV. SOLIDARITÄT

1. Definition
„Zusammengehörigkeitsgefühl, Kameradschaftsgeist,
Übereinstimmung“ (Duden, Fremdwörterbuch)

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Es finden sich keine Einträge zum Thema „Solidarität“ in:

Handbuch für Ethik (hg. Düwell/Hübenthal/Werner). Stuttgart


2011.

Politische Theorie. 25 umkämpfte Begriffe (hg.


Göhler/Iser/Kerner). Wiesbaden 2011.

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Fündig wird man in:

Handbuch der Politischen Philosophie und Sozialphilosophie


(hg. Gosepath/Hinsch/Celikates). Berlin 2008 (online über die
UB).

Lexikon der Politikwissenschaft. 2 Bd.e (hg. Nohlen/Schulze).


München 2010.

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a) Deskriptiv
Inbegriff des inneren Zusammenhalts einer Gruppe von
gleichgesinnten oder gleichgestellten Individuen
Gefühl wechselseitiger Verbundenheit aufgrund gemeinsamer
Werte

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b) Normativ
Reziproke Verpflichtung füreinander (für gemeinsame
Ziele/Wert oder Ziele/Werte anderer) einzustehen und sich
wechselseitig zu helfen

Wie können diese Verpflichtungen begründet werden?


Wem gegenüber werden diese Verpflichtungen artikuliert?

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2. Problem- und Begriffsgeschichte

Vorbemerkung:
Rückgang in die Geschichte ist kein Selbstzweck, sondern der
Aufweis der Genese und der (potentiellen) Veränderbarkeit.

Vgl. Ideengeschichte

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a) Zwei (konkurrierende) Etymologien

i) solidum (lat. fest, stark, ganz)


Herkunft aus dem römischen Recht: obligatio in solidum
„Verpflichtung im / gegenüber dem Ganzen“

Moralisch-juridischen Kategorie: Bringschuld gegenüber den


Anderen

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ii) sodalis (Gefährt*in, Kolleg*in)
Verweis auf eine gesellschaftliche Einheit, „deren Mitglieder
»sich selbst« im »Miteinander« entdecken“ (Benveniste,
Indoeuropäische Institutionen, 253)

Politisch-Subjektkonstitutive Kategorie: Subjektivität


konstituiert sich in der Interaktion mit anderen und bildet die
Grundlage für die Herausbildung personaler Identität.

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• Erst zu Beginn des 19. Jahrhundert wird der Begriff
generalisiert und (v.a. in Frankreich) auf das Gebiet
von Politik und Gesellschaft allgemein übertragen.
• Er verdrängt „ältere“ Begriffe (z.B. philia/Freundschaft
oder fraternité/Brüderlichkeit) und kann daher als genuin
moderner Begriff verstanden werden.

• Modifikation der Parole der Französischen Revolution:
Freiheit – Gleichheit – Solidarität (vgl. Grundwerte der
SPÖ)

These: Dennoch bleibt der Begriff im Verhältnis zu den


Begriffen der Freiheit und Gleichheit merklich
unterbestimmt.

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b) John Rawls (1921-2002)

„Gegenüber der Freiheit und Gleichheit hat der Gedanke der


Brüderlichkeit in der Demokratietheorie weniger Gewicht gehabt.
Er gilt als ein nicht so ausgesprochen politischer Begriff, der
selbst kein demokratisches Recht bestimmt, sondern bestimmte
Einstellungen und Verhaltensweisen anspricht, ohne die die
von jenen Rechten ausgedrückten Werte aus dem Blickfeld
geraten würden.“ (Rawls, Theorie der Gerechtigkeit, 126)

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c) Émile Durkheim (1858-1917)
• These: In jeder Gesellschaft existiert
ein kollektives Bewusstsein, die gegenüber dem Individuum ein
Eigenleben haben.
• (i) mechanische Solidarität
(völlige Unterordnung des Subjekts unter das Wertesystem und
den herrschenden Normen in prämodernen Gesellschaften)
• (ii) organische Solidarität
(notwendige soziale Verbindung in einer durch Arbeitsteilung
charakterisierten, funktional differenzierten Gesellschaften)

Paradox der Moderne: Individualisierung und Solidarisierung

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• Verträge und Arbeitsteilung wird von einem bereits
existierenden Gesellschaftssystem ermöglicht, das sich
durch wechselseitiges Vertrauen und Kooperation
bestimmt.
• Solidarität bildet Voraussetzung für den Kapitalismus, der
auf Ressourcen zurückgreift, die er selbst nicht bereit stellt.
• Ohne diese Form des Zusammenhalts würde Gesellschaft
sich zersetzen und auflösen.

• Solidarität erweist sich als Kampfbegriff gegen den


Kapitalismus.

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Arbeiter*innenbewegung
• Die gegenseitige Absicherung innerhalb
der Arbeiter*innenschaft gegen Ent-
wicklungen der kapitalistischen Indu-
strialisierung wurde zur Grundlage der
Bewegung.
• Arbeiter schlossen sich in solidarischen Vereinigungen (z.B.
Gewerkschaften) zusammen und kämpften gemeinsam für
bessere Arbeitsbedingungen, Verkürzung der Arbeitszeit und
höhere Löhne.
• Verschiebung in identitäts-
logischer Hinsicht.
• Vgl. katholische Soziallehre

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• Zwischenresümee

• Hanns Eisler - Solidaritätslied aus dem Film Kuhle Wampe


https://www.youtube.com/watch?v=G8AaG5SSrdQ

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3. Gegenwärtige Debatten normativer
Begründungen von Solidarität
a) Axel Honneth (* 1949)
• (Individuelle) Freiheit und (homogene)
Gleichheit werden zumeist als einander
widersprechende Begriffe gefasst.
• Dem gegenüber plädiert Honneth für eine dialektische
Verschränkung von Freiheit und Gleichheit:
• Gleichheit besteht darin, dass alle (gleich) frei sind
(wechselseitig als Autor*innen und Adressat*innen).
• Freiheit besteht darin, dass alle (in ihrer Freiheit/Verschiedenheit)
gleich sind.
• These: Solidarität bildet die Klammer von Freiheit und
Gleichheit.

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„Die Sozialisten […] begreifen offenbar die von ihnen umrissenen
Gemeinschaften nicht einfach nur als notwendige Voraussetzung
der Art von Freiheit, die sie gemeinsam vor Augen haben;
vielmehr soll das Kooperieren in der solidarischen
Gemeinschaft selbst erst als Vollzug von Freiheit gelten,
sodaß alles davor den Begriff noch gar nicht verdient. Dann heißt
soziale Freiheit, an der sozialen Praxis einer Gemeinschaft
teilzunehmen, in der die Mitglieder sich untereinander so viel
Anteilnahme entgegenbringen, daß sie sich um des jeweils
anderen willen wechselseitig zur Verwirklichung ihrer
begründeten Bedürfnisse verhelfen.“ (Honneth, Die Idee des
Sozialismus, 47)

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• Beispiel für soziale Freiheit.

• Fazit: Individuelle Freiheit nicht auf Kosten, sondern nur


mit Hilfe von Solidarität als soziale Freiheit.

• Rückfrage: Wird hier nicht ein zu harmonisches Bild von


Gesellschaft und von miteinander kooperierender
Subjekte gezeichnet?

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b) Judith Butler (* 1956)

• Jedes Subjekt ist aufgrund seiner Bedürftig-


keit auf Andere/s angewiesen.
• Jedes Subjekt ist von einer Undurchsichtig-
keit geschlagen (Selbstidentität wird als Illusion
entlarvt; vgl. Psychoanalyse).
• Dieser Mangel an Selbstidentität als ethisch-
politische Ressource:
Erfahrung geteilter Selbstentfremdung!

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• „Die Aussetzung der Forderung nach Selbstidentität oder
genauer nach vollständiger Kohärenz, so scheint mir, stellt
sich einer gewissen ethischen Gewalt entgegen, die verlangt,
dass wir jederzeit unsere Selbstidentität vorführen und
aufrechterhalten und von anderen dasselbe verlangen.“
(Butler, Kritik der ethischen Gewalt, 34)

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• Solidarität bezieht sich nicht in erster Linie auf eine (bereits
existierende homogene) Gesellschaft mit einer geteilten
Geschichte und Kultur („Binnensolidarität“), sondern:
• Solidarisch verhält man sich insbesondere jenen gegenüber,
deren Position sich von der eigenen unterscheidet.
• Muss von der Identifikation der eigenen Position abrücken
und sie relativieren.
• Bedingung der Solidarität mit dem Anderen ist folglich die
Entsolidarisierung vom Eigenen.
• Keine Assimilierung und Integration des Anderen, sondern
Anerkennung seiner Andersheit.

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• Von Max Zirngast, der für Menschenrechte und Demokratie in
der Türkei eingetreten ist, können wir diese posttraditionale
Verständnis von Solidarität lernen: Solidarität mit jenen,
deren Schicksal wir nicht teilen.
• Wir verhalten uns nur dann solidarisch, wenn wir es ihm
gleichtun.

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https://www.openpetition.eu/at/petition/online/solidaritaet-
mit-max-zirngast
https://www.facebook.com/freemaxzirngastsoli/

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