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GEORG BÜCHNER

DANTON’S TOD

ZWEITER AKT, SZENE 7


AUDI ALTERAM PARTEM S. 50, 1-30
[Der Nationalkonvent: Eine Gruppe von Deputierten]
Legendre: Soll denn das Schlachten der Deputierten nicht
aufhören?
Ein andrer: Er muss vor den Schranken des Konvent‘s gehört
werden.
Ein andrer: Unmöglich, ein Dekret verhindert uns.
•  Dekrete vs. Grundforderung der Gerechtigkeit
Legendres Plädoyer gegen dieses Dekret
•  „…ich halte Danton für eben so rein, wie mich selbst…“
•  Unschuldsvermutung
•  „…gegründete Ursachen lassen mich fürchten, Privathass
und Privatleidenschaften könnten der Freiheit Männer
entreißen, die ihr die größten Dienste erwiesen haben.“
•  Möglichkeit des Missbrauchs des Gesetzes
•  „…er muss sich erklären dürfen, wenn man ihn des
Hochverrats anklagt.“
•  Das Recht der Verteidigung
POLITISCHE WERTKONFLIKTE
S. 50, 31 - S.51, 14
Legendres Vorschlag:
!  Das Recht auf Verteidigung
Ein andrer: Wollt ihr Privilegien? Das Beil des Gesetzes schwebt über
allen Häuptern.
!  Die Gleichheit vor dem Gesetz
Ein andrer: Wir können unseren Ausschüssen nicht erlauben, die
Gesetzgeber aus dem Asyl des Gesetzes auf die Guillotine zu
schicken.
!  Die parlamentarische Immunität
Die Verwechslung von parlamentarischer Immunität und Privilegien:
„Das Verbrechen hat kein Asyl, nur gekrönte Verbrechen finden eins
auf dem Thron.“
•  Suggerierte Argumentation der Gegner Legendres:
!  Das Recht auf Verteidigung stützt sich auf parlamentarische
Immunität.
!  Parlamentarische Immunität ist ein Privileg, das inkompatibel ist mit
der Gleichheit vor dem Gesetz.
!  Deshalb ist das Recht auf Verteidigung inkompatibel mit der
Gleichheit vor dem Gesetz.
ROBESPIERRE: DIE LÖSUNG VON POLITISCHEN
WERTKONFLIKTEN – HELDEN VS. SCHURKEN S. 51, 15 – S. 53, 9

„Wie könnt ihr eure Grundsätze weit genug verleugnen…“


!  Inkohärenz der Deputierten
„…wir fragen nach seiner ganzen politischen Laufbahn“
!  Nicht Handlungen sollen beurteilt werden, sondern Menschen
„[Legendres] Freund Lacroix ist [unter den Verhafteten]… nur die
Schamlosigkeit [kann] Lacroix verteidigen.“
!  Verteidiger von Angeklagten sind selber Verbrecher…
„[Dantons Anhänger] [reihten] sich um ihn, um in seinem Gefolge dem Glück
und der Macht in die Arme zu laufen.“
!  …weil sie aus egoistischen Motiven handeln
„Man will euch Furcht einflössen vor dem Missbrauche der Gewalt, die ihr
selbst ausgeübt habt. Man schreit über den Despotismus der Ausschüsse,
als ob das Vertrauen, welches das Volk euch geschenkt und das ihr diesen
Ausschüssen übertragen habt, nicht eine sichere Garantie ihres
Patriotismus wäre.“
!  Repräsentative Machtausübung fördert automatisch das Gemeinwohl
(„Patriotismus“)
„…wer in diesem Augenblick zittert, ist schuldig, denn nie zittert die
Unschuld vor der öffentlichen Wachsamkeit.“
!  Was bei der Feststellung der Schuld oder der Unschuld von Menschen
zählt, ist die persönliche Einstellung
(FORTSETZUNG)
„Man hat auch mich schrecken wollen“
„Man schrieb mir, Dantons Freunde hielten mich umlagert in der Meinung,
die Erinnerung an eine alte Verbindung, der blinde Glauben an erheuchelte
Tugenden könnten mich bestimmen, meinen Eifer und meine Leidenschaft
für die Freiheit zu mäßigen.“
!  Loyalität und Vertrauen als mögliche Gründe politischer Korruption
„Wir alle haben etwas Mut und etwas Seelengröße nötig. Nur Verbrecher und
gemeine Seelen fürchten Ihresgleichen an ihrer Seite fallen zu sehen…“
!  „Mut“ (Einstellung) und „Seelengröße“ (Tugend) als Schutz vor politischer
Korruption
„Wenn es dergleichen Seelen [= „Verbrecher und gemeine Seelen“] in dieser
Versammlung gibt, so gibt es auch heroische.“
!  Heroismus = Mut +Seelengröße; nicht heroische Seelen sind „Verbrecher
und gemeine Seelen“ (oder, gerade im nächsten Satz: „Schurken“
„Die Zahl der Schurken ist nicht groß. Wir haben nur wenige Köpfe zu treffen
und das Vaterland ist gerettet.“
!  Schurken schaden dem Gemeinwohl („Vaterland“)
!  Sie sind eine Minderheit
!  Die Lösung ist, sie zu töten

•  Robespierres Argumentation suggeriert, dass politische Wertkonflikte


deshalb entstehen, weil es Schurken gibt – und dass sie dadurch gelöst
werden, dass die Schurken vernichtet werden.
ST. JUST: DIE LÖSUNG VON POLITISCHEN WERTKONFLIKTEN – DER
TERROR ALS HISTORISCHE NOTWENDIGKEIT S. 53, 12 – S. 55, 10
„Es scheint in dieser Versammlung einige empfindliche Ohren zu
geben, die das Wort Blut nicht wohl vertragen können.“
!  Nachdem Danton die Deputierten davor gewarnt hat, falsch zu
denken („in dieser Versammlung unbekannte Verwirrung“), warnt sie
St. Just davor, falsch zu fühlen
•  These: Grausamkeit der Revolution Grausamkeit der Natur
•  Beweis:
„Die Natur folgt ruhig und unwiderstehlich ihren Gesetzen, der Mensch
wird vernichtet, wo er mit ihnen in Konflikt kommt.“ (Gas, Erdbeben,
Flutwellen, Seuche, Vulkanausbruch, Überschwemmung)
!  Naturgesetze können individuellen Interessen entgegengesetzt sein
!  Widerstand gegen Naturgesetze ist unmöglich
„Was ist das Resultat? Eine unbedeutende… Veränderung der
physischen Natur, die fast spurlos vorbeigegangen sein würde, wenn
nicht Leichen auf ihrem Wege lägen.“
!  Naturgesetze nehmen keine Rücksicht auf individuelle Interessen
!  Der Tod der Menschen beeinflusst den Lauf der Naturereignisse
nicht, er ist eine unbedeutende Konsequenz.
(FORTSETZUNG 1)
„Soll eine Idee nicht eben so gut wie ein Gesetz der Physik
vernichten dürfen, was sich ihr widersetzt?“
!  Analogie: Idee ≈ Naturgesetz
„Soll überhaupt ein Ereignis, was die ganze Gestaltung der
moralischen Natur d. h. der Menschheit umändert, nicht durch Blut
gehen dürfen?“
!  Ideen sollen keine Rücksicht auf individuelle Interessen nehmen
„Was liegt daran, ob [die Menschen] nun an einer Seuche oder an
der Revolution sterben?“
!  Wenn Revolution ≈ Naturgesetz, dann Konsequenzen von
Naturgesetzen ≈ Konsequenzen von Revolutionen
„Das Gelangen zu den einfachsten Erfindungen und Grundsätzen
hat Millionen das Leben gekostet, die auf dem Wege starben. Ist es
denn nicht einfach, dass zu einer Zeit, wo der Gang der Geschichte
rascher ist, auch mehr Menschen außer Atem kommen?“
!  Langsame Entwicklungen haben viele Tote zur Folge, schnelle
Entwicklungen haben mehr Tote zur Folge
(FORTSETZUNG 2)
„…Alle [werden] unter gleichen Verhältnissen geschaffen, so
sind alle gleich, die Unterschiede abgerechnet, welche die
Natur selbst gemacht hat.“ (Rousseau: „L'homme est né
libre…“)
! Gleichheit der sozialen Position ist eine natürliche
Tatsache (nicht einfach eine menschliche Erfindung, die
man in Frage stellen könnte)
„Es darf daher jeder Vorzüge [=„Unterschiede, welche die
Natur selbst gemacht hat“] und darf daher keiner Vorrechte [=
soziale Privilegien] haben. Jedes Glied dieses in der
Wirklichkeit angewandten Satzes hat seine Menschen getötet.
Er hatte vier Jahre Zeit nötig, um in der Körperwelt
durchgeführt zu werden [und nicht Jahrhunderte]…“
! Revolutionäre Ereignisse in der sozialen Welt gehorchen
dem Gesetz der Gleichheit der sozialen Position – da
Revolution nur kurze Zeit brauchte, hatte sie viele Opfer zur
Folge.
(FORTSETZUNG 3)
„Moses führte sein Volk durch das rote Meer und in die Wüste,
bis die alte, verdorbene Generation sich aufgerieben hatte, eh‘ er
den neuen Staat gründete. Gesetzgeber! Wir haben weder das
rote Meer, noch die Wüste, aber wir haben den Krieg und die
Guillotine.“
!  Revolution als Vernichtung der Verdorbenen
„Die Menschheit wird aus dem Blutkessel wie die Erde aus den
Wellen der Sündflut mit urkräftigen Gliedern sich erheben, als
wäre sie zum Erstenmale geschaffen.“
!  Die Vernichtung der Verdorbenen ermöglicht die Wiedergeburt
einer „natürlichen“ und starken Gesellschaft
•  St. Justs Argument suggeriert, (a) dass die neue „natürliche“
Gesellschaft kommen muss, da soziale Gleichheit wie ein
Naturgesetz wirkt, (b) dass Opfer auf dem Weg dazu
unvermeidlich sind, (c) dass der Weg zur neuen Gesellschaft
nicht eine Option ist, für die man verantwortlich ist, sondern
eine historische Notwendigkeit:
„Der Weltgeist bedient sich in der geistigen
[= gesellschaftlichen] Sphäre unserer Arme so, wie er in
der physischen Vulkane und Wasserfluten gebraucht.“