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TÜ.

BUS
Das Grundrecht auf Mobilität
in Zeiten von Krise und Klimawandel

FÜR
ALLE!
mit
gratis
te!
Fahrkar

Aktionsbeispiele, Interviews, Hintergründe


Gruppe ZAK Tübingen 3
ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 2€
1
Inhalt
Teil
0 Teil 1  Die Kampagne
2 Realpolitik mit utopischem Überschuss
Unsere Erfahrungen mit der Nulltarif-Forderung in Tübingen

7 „Hartz IV" zahlt 11,20 Euro für Fahrkarten
Ein Hearing über Nulltarif, Barrierefreiheit und
den Abschied vom privaten Auto

10 Freifahrscheine gegen Ausgrenzung


Die Kampagne für Bustickets für Flüchtlinge

13 „Da wollt Ihr ja hin“


ZAK-Interview mit Oberbürgermeister Boris Palmer

17 „Ein Tübinger Bürgerticket ist jetzt schon machbar“


Gespräch mit Axel Friedrich,
ehemaliger Abteilungsleiter Verkehr im Umweltbundesamt

Teil 2  Über den Tellerrand


20 Hier fährt niemand mehr „schwarz“
Wie die Städte Hasselt (Belgien) und
Aubagne (Frankreich) den Nulltarif eingeführt haben

23 Movimento Passo Livre


Nulltarif-Kampagnen in Brasilien als Teil sozialer Bewegungen

26 Links anklicken und abbiegen


Andere Initiativen und Umsonstfahraktionen

Teil 3  Hintergründe
28 Gegen das Ende von Politik
Der Ausbau der sozialen Infrastruktur als „Sozialpolitik von unten“/
von Joachim Hirsch (Frankfurt/Main)

32 Selbstverständlich frei
Das Thema Mobilität beim Ausbau der sozialen Infrastruktur / von ZAK3

34 Das gute Leben für alle


Bedingungsloses Grundeinkommen, Gemeingüter
und kostenloser öffentlicher Nahverkehr / von Werner Rätz (Bonn)

38 Sozialtickets und mehr


Auseinandersetzungen um die sozialen Voraussetzungen von Mobilität /
von Corinna Genschel (Berlin)

Teil 4  Dokumentation


Teil 5  Tagung / Impressum / Bestellen
2 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!
Vorwort

Fahrkarten-Automaten ins Museum! Eines Bei der Arbeit an dieser Broschüre haben
Tages werden uns die blöden Geräte an die graue uns viele Leute unterstützt – übrigens fast alle
Vorzeit des öffentlichen Nahverkehrs erinnern – zum Nulltarif! Wir danken unseren AutorInnen
an die Zeit so circa 2010, als wir noch umständlich und Interviewpartnern, den FotografInnen und
nach der richtigen Tarifstufe und dem nötigen der Genossin Korrekturleserin. Und wir danken
Kleingeld suchen mussten, bevor wir eine Fahrt Hanna Smitmans für ihr professionelles Layout.
mit dem Bus oder der S-Bahn antreten konnten.
Für großzügige finanzielle Unterstützung
Damals, 2010, war der öffentliche Nahver- danken wir dem Verein der Bundestagsfraktion
kehr für viele noch zu teuer und zu umständlich. Die Linke, der Tübinger Bundestagsabgeordne-
Die einen fuhren lieber mit dem Auto, die ande- ten Heike Hänsel, dem Tübinger Ortsverein der
ren blieben gleich zu Hause, weil sie sich die Fahrt Gewerkschaft Ver.di (Fachgruppe Medien) und
ins Stadtzentrum nicht leisten konnten. Ganz dem Verein Ökostadt Tübingen (teilAuto). Dank
anders mit dem Nulltarif: Das eigene Auto wird dieser Unterstützung können wir die Broschüre
überflüssig, und niemand mehr muss aus finanzi- für nur 2 Euro verkaufen – weit unter dem Her-
ellen Gründen auf Mobilität verzichten. Ein wirk- stellungspreis. Wem auch das zu teuer oder zu
samer Beitrag zum Klimaschutz und gegen sozi- umständlich sein sollte, kann das Heft im pdf-
ale Ausgrenzung. Format von unserer Internet-Seite herunterladen.
Alle anderen verweisen wir auf die Bestell-Infor-
Wir, die Tübinger Gruppe ZAK³ (Gruppe mation auf Seite 53.
gegen Kapitalismus, Krieg und Kohlendioxid),
fordern seit 2008 einen Nulltarif im Stadtverkehr: Und wir laden ein zu einer Tagung im Juli
TüBus umsonst! In dieser Broschüre stellen wir 2011. Dort wollen wir die Idee einer „sozialen Inf-
unsere Kampagne vor, interviewen Fachleute, rastruktur für alle“ diskutieren, nicht nur beim
beschreiben ähnliche Projekte in anderen Städ- Thema Verkehr, sondern auch in den Bereichen
ten und diskutieren die politischen Hintergründe Gesundheit, Bildung und Wohnen/Stadtentwick-
unserer Forderung. Wir wollen damit einen Bei- lung (siehe Seite 52).
trag leisten zur Debatte um „Klimagerechtigkeit“,
also um einen wirksamen Klimaschutz, der die
herrschende soziale Spaltung zumindest nicht
noch weiter verschärft – lokal wie global. Und wir ZAK³ Tübingen (Gruppe gegen Kapitalismus,
hoffen, dass unsere Forderung auch anderswo Krieg und Kohlendioxid)
aufgegriffen wird: vorwärts zu einem flächende-
ckenden Nulltarif in Nahverkehr! Für alle! Dezember 2010

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 1


Die Kampagne
Teil
1

Realpolitik mit utopischem Überschuss


Unsere Erfahrungen mit der Nulltarif-Forderung in Tübingen

Entstanden ist unsere Kampagne für einen unabhängig von Erwerbstätigkeit und ohne Vor-
kostenfreien öffentlichen Nahverkehr aus zwei bedingungen. Ein solcher radikaler Reformismus
zunächst getrennten Debatten, die uns die letz- muss nicht auf die Revolution warten, sondern
ten Jahre beschäftigt haben: Grundeinkommen kann heute anfangen.
und Klimawandel. In der Klimadebatte fiel uns auf, wie die
soziale Frage meist unter den Tisch fällt. Techno-
logische Fragen stehen im Vordergrund: erneuer-
bare Energien, Elektroautos etc.. Hierzulande ist
Umweltschutz etwas für Leute, die es sich leisten
können, im Bioladen einzukaufen und auf ihrem
Eigenheim (subventionierte) Solarzellen zu in-
stallieren. Bürgerliche und grüne Klimapolitik
setzt auf hohe Energiepreise und verlangt von
den „kleinen Leuten“, den Gürtel enger zu schnal-
len und zu „verzichten“. Dabei wird ignoriert, dass
die Armen (lokal wie global) am wenigsten zum
drohenden Öko-Kollaps beigetragen haben und
trotzdem am heftigsten die Folgen ausbaden
müssen. Die Klimakrise ist eben auch eine soziale
Frage.
Umgekehrt ignorieren keynesianistische
Wachstums-Hoffnungen ebenso wie die linksradi-
kale Forderung „Alles für Alle!“, dass unsere bishe-
rige Lebensweise an ihre ökologischen Grenzen
An der Debatte um ein bedingungsloses gestoßen ist. Wir können nicht mehr einfach
Grundeinkommen überzeugte uns vor allem das „alles“ verjubeln, sondern müssen tatsächlich
Konzept „Sozialpolitik als soziale Infrastruktur“ auch unsere Konsumgewohnheiten verändern.
(www.links-netz.de): Alle Menschen haben ein Uns geht es darum, die Strukturen so
Recht auf lebensnotwendige Güter wie Bildung zu ändern, dass eine umweltfreundlichere
oder Gesundheitsversorgung. Die Gesellschaft Lebensweise tatsächlich für alle möglich wird.
stellt diese Güter kostenlos zur Verfügung, Die Verhältnisse müssen das andere Verhalten

April‘08 • Auftakt der Kampagne bei der Tübinger Mayday-Parade. Ein gemieteter Stadtbus dient als Party-
Wagen.  Mai‘08 • Erstes Kampagnen-Plenum   Juli 08 • Podiumsdiskussion mit OB Boris Palmer und Werner
Rätz (attac): „Das Grundrecht auf Mobilität in Zeiten des Klimawandels“.  September‘08 • Aktion beim Tübinger
Stadtlauf: Wir verteilen Nulltarif-Fahrkarten. Gespräch mit Gemeinderatsfraktion AL/Grüne.  Oktober‘08 •
Hearing zum Nulltarif im Nahverkehr. Mit: Tübinger Arbeitslosentreff, Koordinationstreffen Tübinger

2 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


erst ermöglichen. Wir wollen die soziale und die
ökologische Perspektive nicht gegeneinander
ausspielen, sondern zusammenbringen. Das
wollen wir in Tübingen mit der Forderung „Nullta-
rif im Stadtverkehr!“ beispielhaft ausprobieren.

Für Umverteilung und Lebensqualität


Ein Nulltarif im öffentlichen Nahverkehr
hätte einen überdurchschnittlichen Nutzen für
Arme, für Familien mit Kindern etc. Das würde ein
Stückchen Umverteilung von oben nach unten
bedeuten. Dadurch würde die Mobilität erhöht –
für Leute, die auf den Bus angewiesen sind, aber
ihren Besuch im Stadtzentrum lieber auf morgen
verschieben, weil sie sich die Vier-Euro-Rückfahr-
karte nicht leisten können.
Gleichzeitig könnte ein Nulltarif dazu bei- BusfahrerInnen. Innerstädtischer Einzelhandel,
tragen, dass mehr Menschen das private Auto Gastronomie und Kultureinrichtungen würden
stehen lassen und auf den Stadtbus umsteigen. sogar von einem Nulltarif profitieren. Aber im
Diese Form von „Verzicht“ brächte einen Gewinn Sinne einer „Richtungsforderung“ weist der Null-
an Lebensqualität für alle: weniger Stress, weni- tarif auch über den Kapitalismus hinaus: Mobilität
ger Unfälle, weniger Lärm und Gestank, mehr würde nicht mehr als Ware gehandelt, sondern
Lebensqualität in der Stadt. Straßen und Plätze als soziales Grundrecht anerkannt.
würden als öffentlicher Raum zurück gewon- Wir agitieren nicht nur gegen Kohlendioxi-
nen. Eine wirksame Reduzierung des Autover- dausstoß, sondern auch gegen soziale Ausgren-
kehrs würde sehr viel schneller und viel mehr zung. Und wir wollen jetzt damit anfangen, mit
CO2 einsparen als alle Gebäudesanierungs-Pro- einem (real-)politisch umsetzbaren Projekt.
gramme (die trotzdem richtig sind). Angesichts
der immensen Folgekosten des motorisierten
Individualverkehrs (Straßenbau, Umweltschä- Unsere Kampagne
den, Unfallkosten) würde sich eine solche Redu-
zierung auch volkswirtschaftlich auszahlen. Vor- Im Frühjahr 2008 veröffentlichten wir den
aussetzung wäre allerdings ein kräftiger Aus- Vorschlag für eine Kampagne „TüBus umsonst:
bau des Bahn- und Bus-Angebots, vor allem auf Nulltarif im Stadtverkehr!“ und luden umwelt-
dem Land. Das erfordert einen politischen Kampf und verkehrspolitische Gruppen, soziale Initia-
gegen die Autolobby. tiven, linke Gruppen und Einzelpersonen dazu
Unsere Nulltarif-Forderung richtet sich „nach ein. Dabei ließen wir bewusst offen, was für uns
oben“, also an den Staat und an die kommunal- im Vordergrund steht: Die baldige Umsetzung
politisch Verantwortlichen. Sie müssen das Geld der Nulltarif-Forderung (oder etwaiger Kompro-
dafür zur Verfügung stellen. Aber unsere Forde- misslösungen wie z.B. preisgünstige Sozialtickets)
rung setzt auch „unten“ an, indem sie an jedeN oder die politische Bewusstseinsbildung und
appelliert, die eigenen Konsumgewohnheiten in Propaganda.
Frage zu stellen: kollektiv organisierte Mobilität Die politischen Rahmenbedingungen
statt individuelle Verbrennungsmotoren. erschienen uns in der Stadt Tübingen relativ
Ein örtlicher Nulltarif wäre bereits im Kapi- günstig. Die baden-württembergische Universi-
talismus machbar. Die bestehenden Produk- tätsstadt (85.000 EinwohnerInnen) hat bereits ein
tions- und Eigentumsverhältnisse blieben ebenso relativ gut ausgebautes Busnetz. Im Gemeinde-
unangetastet wie die Arbeitsbedingungen der rat gibt es rechnerisch eine Mehrheit aus Grünen,

Behindertengruppen, Asylzentrum, Personalrat Uniklinikum, Stadtseniorenrat, Asta-Verkehrsreferat,


Teilauto-Verein.  November‘08 • Aufruf an die Gemeinderatsfraktionen, den Nulltarif in ihre
Kommunalwahl-Programme für 2009 aufzunehmen.  Januar‘09 • TÜL-Wahlprogramm (Linke) fordert
Nulltarif.  Februar‘09 • „Dog Mob“-Aktion: Seit Jahresbeginn fahren Hunde im Bus umsonst. Deshalb
fahren wir mit Hundemasken und verteilen Flugblätter: TüBus umsonst auch für Frauchen und Herrchen!

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 3


SPD und Linken, und der grüne Oberbürger- den Nulltarif für Hunde einführte, zogen wir
meister Boris Palmer profiliert sich bundesweit Hundemasken auf und fuhren gemeinsam mit
als Umwelt- und Verkehrspolitiker. Palmer befür- dem Bus („Dog Mob“). Beim Tübinger Stadtlauf
wortet einen Nulltarif prinzipiell (unter anderem rannten wir mit und verteilten „Gratisfahrscheine“
bei einer von uns organisierten Podiumsdiskus- etc. Als die städtische Verkehrsgesellschaft im
sion und in seinem Buch „Eine Stadt macht blau“, Herbst 2009 einen befristeten Nulltarif an
2009), hält ihn aber kommunalpolitisch derzeit Samstagen verkündete (Begründung: Fahrplan-
nicht für durchsetzbar. Komplikationen wegen einer Großbaustelle und
Wir veranstalteten ein öffentliches Hearing Ankurbelung des Weihnachtsgeschäfts), verklei-
zu den möglichen Auswirkungen eines Null- deten wir uns als die rothaarige Kinderbuchfigur
tarifs für verschiedene Bevölkerungsgruppen „Sams“ und forderten: Jeder Tag soll ein Sams-Tag
(von Arbeitslosentreff bis Stadtseniorenrat). Für sein! Die meisten Aktionen erzielten ein erstaun-
Erwerbslose und Geringverdienende ist der Nut- lich großes Medien-Echo, und wir erhielten sehr
zen eines Nulltarifs offensichtlich. (Derzeit kos- viele positive Rückmeldungen.
tet eine einfache Busfahrt innerhalb von Tübin- In der Kommunalpolitik ist das Echo bisher
gen zwei Euro, eine Monatskarte 36,50 Euro, ein gemischt. Die Linksfraktion unterstützte die
Sozialticket 25 Euro – also mehr als das Doppelte Idee von Anfang an; die Grünen wollen nun
dessen, was „Hartz-IV“ für Mobilitätskosten zuge- immerhin das Sozialticket verbessern, und die
steht.) Klar wurde aber auch, dass für manche SPD signalisierte unverbindliches Interesse Die
Gruppen nicht die Ticketpreise das Problem sind, konservativen Fraktionen haben bisher über-
sondern der Service. Beispiele: Für Blinde und haupt nicht reagiert. Konkrete Abstimmungen
Gehbehinderte stehen die technischen Barrieren (etwa über eine Machbarkeitsstudie) hat es bisher
im Vordergrund. Und die Schichtarbeitenden des noch nicht gegeben; sie sind vorerst auch nicht
Uniklinikums müssten am späten Abend lange zu erwarten. Die Stadtverwaltung nahm uns in
auf ihren Bus warten und fahren deswegen lieber einen offiziellen Beirat „Mobilität 2030 Tübingen“
mit dem Auto. auf und erkannte uns damit als lokalen verkehrs-
politischen Akteur an. Die Nulltarif-Idee kommt in
diesem Beirat nun immer wieder zur Sprache und
wird auch von anderen Beteiligten aufgegriffen.
Oberbürgermeister und Beirat diskutieren
einen Nulltarif vor allem unter dem Aspekt „Kli-
maschutz“. Die soziale Komponente („Grundrecht
auf Mobilität“) fällt meist unter den Tisch. Punktu-
ell konnten wir dies durchbrechen. Beispielsweise
thematisierten wir mit einer Pressekonferenz,
dass viele Flüchtlinge in einer Sammelunterkunft
am Stadtrand untergebracht sind und sich von
ihren monatlich 40 Euro Taschengeld (nach
Asylbewerberleistungsgesetz) keine Bustickets
leisten können. Ihnen bleibt nichts anders übrig,
als „umsonst“ zu fahren, mit den bekannten
Folgen von Bußgeld bis hin zu daraus entste-
henden Problemen mit dem Aufenthaltsstatus.
Die naheliegende Forderung „Freie Fahrt für
Flüchtlinge!“ stieß in Tübingen auf breite
Wir organisierten mehrere öffentlich- Zustimmung. Die Verkehrsgesellschaft spendete
keitswirksame Umsonstfahr-Aktionen. Für die mehrere Jahrestickets ans Asylzentrum. Das war
Tübinger Euromayday-Parade mieteten wir einen zwar keine politische Lösung, aber erstmals seit
Stadtbus und funktionierten ihn zum Umsonst- vielen Jahren wurde die soziale Ausgrenzung der
Partybus um. Als der regionale Verkehrsverbund Flüchtlinge öffentlich problematisiert. Allerdings

Gespräch mit Gemeinderatsfraktion der SPD.  April‘09 • Vortrag im Tübinger Infoladen.  Mai‘09 •
Flugblatt zur Kommunalwahl im Juni: Ökologisch und sozial wählen. Das Klima ist reif für freie Bus-Fahrt
im Stadtgebiet!  September‘09 • TüBus fährt an allen Samstag bis Weihnachten kostenlos. Aktion beim
Stadtlauf: „Jeder Tag ist SAMStag: TüBus umsonst!“ Auf Initiative der Tübinger Linken (TÜL) wird das ZAK
in den Beirat zu „Mobilität 2030 Tübingen“ eingeladen.  Januar‘10 • Bürgerantrag im Gemeinderat:

4 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


gelang es nicht, vom spezifischen Interesse einer
bestimmten Gruppe wieder zurück zur allgemei-
nem Nulltarif-Forderung für alle zu kommen.

Viel Zustimmung,
aber lokal keine Mobilisierung
Trotz der vielen positiven Reaktionen ist
aus unserer Forderung in Tübingen keine breite
Kampagne geworden. Andere verkehrspolitische,
sozialpolitische oder linke Gruppen haben unsere
Forderung nicht aktiv aufgegriffen und zu ihrer
eigenen gemacht.
Den verkehrs- und umweltpolitischen
Gruppen einerseits war unser Ansatz zu radikal.
Sie wollen sich nicht mit einer „utopischen“
Forderung blamieren und beschränken sich
daher auf Ideen wie Elektrofahrräder. Allerdings Selbstverständlich spielt auch die Alltags-
hätten wir das verkehrspolitisches Know-how praxis eine Rolle, ob eine Forderung „zündet“
dieser Gruppen gut gebrauchen können. Denn oder nicht: In Tübingen bewegt sich zumindest
für die realpolitische Schiene unserer Kampagne der jüngere Teil der Szene überwiegend mit dem
hätte uns ein durchgerechnetes und juristisch Fahrrad oder mit dem billigen Studierenden-
haltbares Finanzierungsmodell sicher geholfen. Semesterticket durch die Stadt – und hätte daher
(Um den Verlust an Ticket-Einnahmen auszuglei- von einem Nulltarif persönlich keinen direkten
chen, müsste die Stadt Tübingen entweder die Nutzen. Das gilt auch für unser eigenes soziales
kommunalen Steuern erhöhen oder eine zweck- Umfeld (Berufstätige, AkademikerInnen): Für die
gebundene Mobilitätsabgabe einführen – die meisten von uns ist die Busnutzung keine Frage
allerdings rechtlich in Baden-Württemberg bisher des Fahrpreises.
nicht zugelassen ist. In der Größenordnung geht Allerdings konnten wir auch die Haupt-
es jährlich um 100 Euro pro erwachsenem Ein- NutznießerInnen eines Nulltarifs nicht aus
wohner.) Fast jedes Gespräch steuerte auf dieses der Reserve locken. Die Tübinger Sozial- und
Thema zu: „Wer soll das bezahlen?“ Erwerbslosen-Initiativen haben unsere Forderung
Dieses Verheddern in juristischen und fiska- nicht aufgegriffen. Vielleicht können sich viele
lischen Detaildiskussionen zeigt freilich auch, wie einfach nicht mehr vorstellen, dass substanzielle
schwach unsere utopische Kraft geworden ist. Verbesserungen möglich sind – und wer hat
Offenbar können viele Leute keine Wünsche und schon Zeit und Energie für utopische Kampag-
Forderungen mehr äußern, ohne sie sofort unter nen, wenn er oder sie mit dem Alltag kaum über
Finanzierungsvorbehalt zu stellen. die Runden kommt? Möglicherweise wäre eine
Der Tübinger linksradikalen Szene ande- pragmatischere Kampagne etwa für günstigere
rerseits erschien unsere Forderung, die früher Sozialtickets in diesem Milieu besser angekom-
oder später auf Mehrheiten in den kommunalen men. Wir sollten verstärkt die Diskussion mit
Gremien zielt, zu realpolitisch. Unser Argument den (zahlreichen) Sozialticket-Initiativen suchen,
überzeugte offenbar nicht, dass das Einklagen die zwar das Problem des Zugangs zu Mobilität
des Grundrechts auf Mobilität eine kapitalismus- thematisieren, aber den ökologischen Aspekt
kritische Perspektive aufmacht. Offenbar sind meist ignorieren.
die Aneignungs-Debatten der jüngeren Vergan- Auch aus den Gewerkschaften kam wenig
genheit ebenso schon wieder in Vergessenheit Echo. Deren Mitglieder können sich in der Regel
geraten wie beispielsweise die linken Rote-Punkt- ein Monatsticket leisten; für sie ist eher der Fahr-
Kampagnen in den 1970er Jahren. plan ein Problem (Schichtarbeit). Vermutlich sind

Kostenlose Monatstickets für Flüchtlinge.  Februar‘10 • Im Workshop zu „Mobilität 2030“ nehmen


alle Experten die Nulltarifidee positiv auf. Im Protokoll wird sie dann unterschlagen.  April‘10 • Beim
bundesweiten Treffen der Sozialticket-Initiativen in Berlin stellen stellen wir unsere Kampagne vor.  Mai‘10 •
BUKO33 Internationalismus-Kongress in Tübingen. Workshops zum Nulltarif (im Themenschwerpunkt
„Commons/Gemeingüter“) und eine Umsonstfahraktion mit „Umsonst & Drinnen“-Konzerten lokaler

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 5


die Gewerkschaften auch den herkömmlichen Mit unserer Nulltarif-Forderung und der Idee der
Wachstums- und Konsum-Modellen zu sehr „sozialen Infrastruktur“ versuchten wir dabei,
verhaftet, als dass sie mit unserem Ziel einer den „öffentlichen“ und „allgemeinen“ Aspekt
„anderen“ Mobilität viel anfangen können. der Gemeingüter stark zu machen (anstatt sich
Trotzdem ist es uns gelungen, in der öffent- nur auf gemeinschaftliche Alternativprojekte zu
lichen Diskussion immer wieder grundsätzliche beschränken). Ein wirklich öffentlicher (also all-
Fragen von Klimapolitik und sozialer Gerechtig- gemein zugänglicher) Nahverkehr erfordert auch
keit anzusprechen. Auf der Straße, in den Bussen neue Formen von öffentlicher/demokratischer
und in Leserbriefen stimmten uns viele Leute zu, Planung und Kontrolle durch seine NutzerInnen.
dass die Klimakrise radikale Antworten verlangt, Im globalen Süden stellt sich dabei die Frage
und dass dabei die Interessen der „kleinen Leute“ der Mobilität noch sehr viel schärfer als bei uns:
zu berücksichtigen sind. Die Nulltarif-Forderung In den ökologisch kollabierenden Metropolen
mit ihrem Appell, vom Auto auf öffentliche des 21. Jahrhunderts fliegen die einen mit dem
Verkehrsmittel umzusteigen, führte zu unzäh- Hubschrauber, während die anderen zu Fuß
ligen Diskussionen um eigene Prioritäten und gehen müssen. Umso wichtiger ist es, neue
Lebensweisen – und darüber, wie wir in einer Verkehrs-Formen zu entwickeln. Mobilität ist ein
post-kapitalistischen Gesellschaft Mobilität und (vielfach verweigertes) Grundrecht – weltweit.
andere Grundbedürfnisse organisieren werden. Die Nulltarif-Forderung erscheint uns weiterhin
Damit können wir auch an die Diskussion geeignet, Klimapolitik und Kapitalismuskritik
um Gemeingüter („Commons“) anknüpfen, die miteinander zu verbinden.
in jüngster Zeit bundesweit in linken und grünen
Zirkeln geführt wird – unter anderem auf dem Eine gekürzte Fassung dieses Beitrags ist erschie-
jährlichen Bundeskongress Internationalismus nen in: Luxemburg. Gesellschaftsanalyse und linke
(Buko), der im Mai 2010 in Tübingen stattfand. Praxis, Heft 3/2010, Seite 113-117.

Kulturschaffender in den Bussen.  Juli‘10 • Umsonstfahraktion: „Deutschland spart-Tübingen


spart-Wir sparen mit: Wir sparen uns den Fahrschein!“ (im Rahmen der Kampagne „Wir zahlen nicht
für eure Krise!“).  September‘10 • Vortrag von Joachim Hirsch (Frankfurt/Main) im Reutlinger
Kulturzentrum franz.K: Öffentliche Güter für alle! Soziale Infrastruktur: Ein Vorschlag für eine radikale
Reform.  Oktober‘10 • Präsentation der Kampagne auf dem Kongress „Auto.Mobil.Krise“ in Stuttgart.....

6 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


„„„ „„„„„„„„Hartz IV“ zahlt 11,20 Euro für Fahrkarten
Ein Hearing über
Nulltarif, Barrierefreiheit und den Abschied vom privaten Auto

Im Rahmen der Tübinger „Aktionswoche Welche Möglichkeiten hat man, wenn für die
gegen Armut und Ausgrenzung“ im Oktober Mobilität zu wenig Geld zur Verfügung steht? Ich
2008 luden wir wichtige soziale Interessengrup- sehe vier Strategien: Erstens: Zuhause bleiben,
pen zu einem Hearing ein. Wir baten die Grup- also Verzicht. Das bedeutet aber auch den Ver-
pen, darzustellen, welche Bedeutung der ÖPNV zicht auf kulturelle und soziale Kontakte. Mobili-
für die jeweilige Personengruppe hat, wie ein tät wird auch erwartet, um Arbeit zu finden oder
gutes ÖPNV-Angebot aussehen müsste und was um sich fortzubilden. Mobilität braucht man, um
sich bei einem Nulltarif im Stadtverkehr für diese fit und gesund zu bleiben, auch mental. Verzicht
Gruppe verändern würde. Wir dokumentieren die ist also nicht möglich und kann auch nicht
Statements in Auszügen. erwartet werden. Zweitens: ohne Fahrschein
fahren. Das wäre illegal. Dafür braucht man gute
Nerven. Wenn man erwischt wird, kann es richtig
Tübinger Arbeitslosentreff TAT teuer werden. Auf diese Variante wird wohl kaum
jemand einsteigen. Drittens: Kosten minimieren.
Der Verzicht auf das Auto fällt leichter, Laufen oder radeln. Laufen ist zeitaufwändig
wenn Alternativen existieren und wenn sie auch und kann oder will nicht jedeR. Rad fahren senkt
nutzbar, sprich bezahlbar sind. Schon allein das nur dann die Kosten, wenn man schon eins hat
Wissen, dass man ausweichen kann, macht ein und es in der Werkstatt des TAT reparieren lässt.
Stück Lebensqualität aus. Bleibt also: Bus fahren. Und da ist es schwer, am
Ein Hartz-IV-Empfänger erhält im Juli 2008 Monatsanfang abzuschätzen, ob man sich eine
einen Regelleistungssatz von 351 €. Im Bereich Monatskarte leisten kann oder ob man besser
Verkehr ermöglicht ihm der Regelsatz unter nur die Vierer-Karte oder nur Einzelfahrscheine
anderem Fahrkarten im Wert von 11,20 € oder löst.
68 Cent für den Kauf oder Reparatur eines Ich wollte damit verdeutlichen, mit welcher
Fahrrads. Eine Monatskarte für den Tü-Bus kostet Mobilitätsbremse man es zu tun hat, wenn
momentan für Bonuscardbesitzer 26,20 €. monatlich nur wenig Geld zur Verfügung steht.

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 7


Ein kostenloser ÖPNV würde sicherlich für uns das Mittagessen, das ich geplant habe. Um
Menschen mit wenig Geld zu einer Steigerung mobil zu sein, muss man das Fahrrad benutzen
der Lebensqualität führen. oder zu Fuß zu gehen. Es gibt immer wieder
Spendenaktionen, damit genügend Fahrräder
zur Verfügung stehen. Für Frauen mit Kindern ist
Koordinationstreffen Tübinger dies aber oft keine Option, zumal bei schlechtem
Behindertengruppen Wetter oder im Winter. Da bleiben die Leute dann
in der Unterkunft.
Ein barrierefreier ÖPNV hat für Menschen Eine andere Folge sehen wir bei unserer
mit einer Behinderung eine zentrale Bedeutung. Arbeit im Asylzentrum. Jede Woche kommt
Mobilität bedeutet Teilhabe am gesellschaft- jemand, der ein erhöhtes Beförderungsentgelt
lichen Leben: Teilhabe am Arbeitsleben, an von 40 € bezahlen soll, weil er ohne Ticket
Freizeitmöglichkeiten, Kontakten, Beziehungen erwischt wurde. Das macht uns richtig viel Arbeit,
usw. Ein barrierefreies ÖPNV-Angebot muss weil die Flüchtlinge ja auch diese Summe nicht
gut zu verstehen sein, eine gute Orientierung zahlen können. Wenn es öfter vorkommt, hat dies
gewährleisten und einfache Fahrplanauskünfte dann auch rechtliche und auch aufenthaltsrecht-
bieten (gute Hinweise dazu sind im Internet liche Konsequenzen. Für die Flüchtlinge bedeu-
erhältlich). Die Taktzeiten müssen attraktiv und tet dies: auf gesellschaftliche Teilhabe verzichten
der Transport von Hilfsmitteln und Blindenhund oder riskieren, dass man erwischt wird mit den
möglich sein. Viele Menschen mit Behinderung möglichen Konsequenzen für den Aufenthalt.
sind auf Grundsicherung bzw. auf Sozialhilfe Für Flüchtlinge wäre „Tü-Bus umsonst“
angewiesen. Allerdings fahren sie auch heute genial. Dies wäre die Lösung für ein gravierendes
schon umsonst. Bei einem Nulltarif im ÖPNV Problem, damit die Leute zumindest in Tübingen
könnte man die Wertmarke abschaffen und den überall dorthin kommen, wohin sie wollen.
damit verbundenen bürokratischen Aufwand
vermeiden. Allerdings nur, wenn dies auch in
anderen Städten und Verkehrsverbünden gelten Personalrat Uniklinikum
würde, denn der Besitz der Wertmarke ermöglicht
kostenlosen ÖPNV bundesweit. Zunächst ein paar Zahlen: Das Klinikum hat
Die Erfahrung, in einer anderen Stadt aus jährlich ca. 65.000 stationäre Patienten (mit
dem Zug zu steigen und dort den öffentlichen entsprechendem Besucheraufkommen) und
Nahverkehr zu nutzen, ohne über Tarife nachden- 240.000 ambulante Patienten. Beschäftigte gibt
ken zu müssen, ist eine gute Sache. Das ist eine es 8300, davon nutzen 1600 den ÖPNV, 1200 im
schöne Utopie für alle Menschen, die wir gerne Stadtverkehr Tübingen, 400 kommen von außer-
weiter unterstützen wollen. halb. 3.300 Parkplätze wurden an Beschäftigte
vermietet, wobei durch den Schichtdienst die
Parkplätze mehrfach belegt werden.
Asylzentrum Am Klinikum wird das Jobticket angeboten,
das durch Subventionierung durch den Arbeit-
Für die Flüchtlinge, die im Tübinger Teilort geber ein Drittel günstiger ist als die normale
Weilheim in der Sammelunterkunft unterge- TüBus-Karte. Im Jahr kostet die Karte für die
bracht sind, ist klar: Eine Teilhabe am gesell- Beschäftigten 324 €, der Zuschuss beträgt 105 €.
schaftlichen Leben scheint nicht erwünscht. Sie Beschäftigte aus dem Landkreis erhalten höchs-
können den Tü-Bus nicht nutzen. Es stehen keine ten 210 € Zuschuss jährlich. Für Saisonfahrer,
finanziellen Mittel zur Verfügung. Die Menschen die teilweise auch mit dem Fahrrad fahren, hat
erhalten monatlich 40 €, der Restbedarf wird man erreicht, dass die Monatskarte mit 8 € bezu-
durch Sachleistungen abgedeckt. Eine Fahrt ins 4 schusst wird, d.h. ca. 25% billiger.
km entfernte Tübingen ist nicht bezahlbar. Dort Bei 8000 Beschäftigten sind 1600 ÖPNV-
findet aber das Leben statt. NutzerInnen trotzdem nicht befriedigend. Das
Fahrten zum Deutschkurs für Flüchtlinge der liegt zum Teil daran, dass die Beschäftigten bei
evangelischen Kirche werden nur dann finanziert, teilprivatisierten Dienstleistungsunternehmen
wenn der Amtsarzt körperliche Beeinträchti- innerhalb des Klinikums kein Jobticket erhalten,
gungen attestiert. Vor allem Frauen mit kleinen obwohl sie am wenigsten verdienen. Zum
Kindern, die einen Arzt aufsuchen müssen und anderen sind die Taktzeiten der Busse oft nicht
nicht zu Fuß gehen können, sind auf den Bus kompatibel mit den Schichtzeiten und dem
angewiesen. Oft stehen sie vor der Wahl: Fahre Dienstschluss des Pflegepersonals, was lange
ich mit dem Kind zum Arzt – oder leisten wir Wartezeiten zur Folge hat.

8 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


Wenn der ÖPNV kostenlos wäre, würden
sicher mehr Beschäftigte umsteigen. Aber sicher Teilauto-Verein
nicht so viele, wie wir es uns wünschen würden,
weil neben dem Preis auch die Qualität (Taktzei- Momentan hat der Tübinger Verein 1200
ten, Wartezeiten, Abstimmung mit Dienstbeginn Mitglieder und 50 Fahrzeuge. Wenn man sich
und -ende etc.) stimmen muss. nachhaltige Mobilität als Puzzle vorstellt, dann ist
Carsharing ein wichtiger Baustein als Ergänzung
zum ÖPNV. Carsharing-KundInnen benutzen bei
Stadtseniorenrat 75 Prozent ihrer Wege nicht das Teilauto, sondern
ein Verkehrsmittel aus dem Umweltverbund:
Viele Senioren meiden den Bus, weil sie Sie gehen zu Fuß, fahren Fahrrad oder benutzen
Angst haben hinzufallen, wenn der Bus schon Bus und Bahn. Durch dieses Mobilitätsverhalten
anfährt, bevor sie sitzen oder weil die Taktzeiten der Kunden steht Teilauto in vielfältiger Wech-
auf bestimmten Linien ungünstig sind. Nulltarif selbeziehung zum ÖPNV. Zur Zeit arbeiten der
im Stadtverkehr wäre sehr gut. Allerdings haben Stadtverkehr (Stadtwerke) und Teilauto an einer
wir die Befürchtung, dass dann an anderer Stelle möglichen Kooperation, um beide Angebote
die fi nanzielle Belastung erhöht wird und dies besser zu verzahnen und somit attraktiver zu
wieder die wirtschaftlich Schwachen träfe. Daher machen. Für uns ist die schnelle und einfache
plädieren wir dafür, dass vor allem besondere Erreichbarkeit der Carsharing-Stationen wichtig.
Personengruppen wie Kinder, Asylsuchende, „TüBus umsonst“ würde dem Stadtverkehr
Behinderte, ältere Menschen mit kleiner Rente, zu ungeahnter Attraktivität verhelfen und auch
Hartz-IV-Empfänger umsonst fahren können. die Carsharing-Anbieter befl ügeln. Ein „Teilauto
Ein anderes Problem: wenn der Nulltarif nur umsonst“ dagegen würde der Zielsetzung, viele
den Tü-Bus betriff t, dann werden andere wieder Menschen zum ÖPNV zu bringen, zuwiderlaufen.
ausgegrenzt. Oft die, die es dringend benötigen Vor dem Hintergrund des Klimaschutzes ist es
würden. immer richtig, für jeden gefahrenen Kilometer
„TüBus umsonst“ würde sicher einige Men- mit dem (Teil)Auto den Betrag zu erheben, den er
schen glücklich machen, aber wohl nicht dazu auch kostet.
führen, dass viele Autos abgeschaff t würden. „TüBus umsonst“ hat aber vermutlich nur
Viele Senioren empfi nden das Auto als persönli- dann den Eff ekt, dass weniger Auto gefahren
che Freiheit. wird und damit wirklich das Klima geschont
wird, wenn Leute ihr Fahrzeug abschaff en. Diese
Entscheidung fällt leichter, wenn ergänzende
ASTA-Verkehrsreferat Angebote wie Teilauto existieren. Die Frage muss
daher sein, wie man das Carsharing-Angebot
Der ÖPNV hat für Studierende eine sehr für eine breitere Masse von BürgerInnen öff nen
wichtige Bedeutung. Von 23 000 Studierenden kann. Dazu müssten die momentanen Zugangs-
nutzen 18 000 das Semesterticket. Es kostet schwellen (Kaution, Aufnahmegebühr) abgesenkt
pro Semester 47,50 € (Anmerkung: 2010 sind es werden. Schon jetzt zahlen z.B. Studierende und
55,40 €) und gilt im ganzen Verkehrsverbund. Die BonuscardbesitzerInnen die halbe Grundgebühr
Studierenden sind mit diesem Preis-Leistungs- und Kaution und fahren im ermäßigten Tarif.
Verhältnis und dem Busangebot sehr zufrieden. Nicht im Angebot sind im Moment Fahrzeuge, in
Die Frage bleibt, wie man mehr Studierende dazu denen Rollstuhlfahrer mitfahren könnten. Solche
bewegt, auf das Auto zu verzichten und auf den speziellen Angebote sind dann eher möglich,
ÖPNV umsteigen. Neben dem Nulltarif müsste wenn die Gesamtnutzerzahl steigt.
auf Teilstrecken das Angebot verbessert werden.
In Verbindung mit attraktiven Angeboten von
Teilauto könnte man auf das Flexibilitätsbedürf-
nis eingehen.
Das kostengünstige Semesterticket kommt
dadurch zustande, dass alle Studierenden mit
den Semestergebühren einen Solidarbeitrag
(eine Kopfpauschale, nicht sozial diff erenziert)
für den ÖPNV leisten, egal ob sie ihn nutzen oder
nicht. Außerdem gibt es Subventionen vom Land
durch Steuermittel. Ähnlich sollte auch der Tü-
Bus umsonst fi nanziert werden.

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 9


„„„ „„„Freifahrscheine gegen Ausgrenzung
Die Kampagne für Bustickets für Flüchtlinge

Eine Gruppe, die in besonderer Weise auf Rechte wieder an. Das ist auch gut so. Allerdings
einen Nulltarif im Nahverkehr angewiesen ist, oft mit für alle Seiten problematischen Folgen.
sind die Flüchtlinge, die unter das Asylbewerber- Werden die Flüchtlinge beim „Schwarzfahren“
leistungsgesetz fallen (siehe auch Bericht über erwischt, kann dies fatale Folgen für ihren Aufent-
unser Hearing). In Baden-Württemberg erhalten haltsstatus haben.
sie monatlich nur 40,90 Euro Bargeld (Jugendli- Im Herbst 2009 stellten die Gruppe ZAK³
che 20 Euro) und unterliegen einem faktischen und das Asylzentrum in Absprache mit den
Arbeitsverbot. Tübinger Kirchengemeinden einen Bürgerantrag
an den Tübinger Gemeinderat: Die Stadt solle
den in Weilheim untergebrachten Flüchtlingen
In Tübingen sind zurzeit bis zu 90 Asylbe- kostenlose Jahrestickets zur Verfügung stellen.
werberInnen in einer Sammelunterkunft in dem Die Lokalzeitung und die regionale Rundfunk
Vorort Weilheim untergebracht, rund fünf Kilo- berichteten darüber (siehe Anhang). Es gab eine
meter von der Innenstadt entfernt. Fahrkarten Reihe von Leserbriefen. Die Linke-Fraktion unter-
bekommen sie für den Besuch von Sprachkursen, stützte den Antrag von Beginn an, die Aternative
dies aber auch nur im Winter. Leisten können Liste/Grüne-Fraktion (AL), die größte Fraktion im
sie sich die Bustickets nicht (Monatskarte: 25 Tübinger Gemeinderat, griff das Thema auf.
Euro, Viererkarte: 4 Euro). Damit haben sie einge- Unklar war allerdings die Zuständigkeit.
schränkte Möglichkeiten, am öffentlichen Leben Der Tübinger OB Palmer forderte den regionalen
teilzunehmen. Für den Einkauf im Tafelladen, den Verkehrsverbund Naldo auf, die kostenlose Nut-
Kontakt zu anderen Flüchtlingen im Asylzentrum, zung des Stadtverkehrs für Flüchtlinge zu ermög-
den Arztbesuch, den Anwaltstermin ist der Weg lichen. Dadurch seien keine finanziellen Einbußen
oft zu weit. zu erwarten, weil diese Personengruppe den
Manche Flüchtlinge fahren deswegen Stadtbus bisher nicht nutzt. Der Verkehrsverbund
auch ohne Fahrschein mit dem Bus in die Stadt. lehnte ab und forderte von der Stadt eine Aus-
Menschen eignen sich die ihnen vorenthaltene gleichszahlung, falls sie den Flüchtlingen einen

10 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


Nulltarif einräumen würde. Herkunft, Geschlecht, Religion, Behinderung,
Die Tübinger Stadtwerke, Betreiber des Alter und sexuelle Identität, gar nicht als Diskrimi-
Stadtverkehrs, reagierten umgehend auf den nierungsgrund genannt ist. „Somit kann eine Son-
Artikel in der Zeitung. In einem Brief an das derregelung für AsylbewerberInnen schon aus
Asylzentrum gestanden sie ein, dass „es die rechtlichen Gründen nicht als Diskriminierung
Betroffenen aufgrund der räumlichen Situation von anderen Gruppen gewertet werden“. Zudem
schwer haben, am Stadtleben teilzunehmen und regelt das Gesetz ausdrücklich, dass unterschied-
in der Regel nicht in der Lage sein werden, aus liche Behandlungen dann zulässig sind, wenn
ihrem geringen persönlichen Verfügungsbetrag „durch geeignete und angemessene Maßnahmen
in ausreichendem Umfang Busfahrkarten zu bestehende Nachteile ausgeglichen und verhin-
finanzieren. Es wäre ohne Zweifel wünschenswert dert werden sollen“. „Da die Stadtwerke nun aber
und im Sinne der Integration sinnvoll, diesen in ihrem Brief sowohl die Benachteiligung der
Menschen einen besseren Zugang zum ÖPNV zu Weilheimer Asylbewerber anerkennen, als auch
ermöglichen“. Die Stadtwerke spendeten daher das Verteilen von Freifahrscheinen als geeignet
dem Asylzentrum 1500 Euro zweckgebunden und angemessen bewerten, um diese Situation
für den Kauf von 60 Monatskarten bzw. fünf zu verbessern, wäre diese Maßnahme durch das
übertragbaren Jahreskarten mit der Bitte, sie AGG absolut abgedeckt. Deswegen ist auch die
„in eigener Verantwortung und je nach Bedarf Regelung, dass Schwerbehinderte umsonst fah-
den Asylbewerbern für Fahrten mit dem ÖPNV ren dürfen, logischer Weise keine Diskriminierung
zur Verfügung stellen“. Die Tübinger grüne von Nichtbehinderten. Ebenso wenig billigere
Landtagsabgeordnete legte noch ein Jahresticket Tickets für Bonuscard-Besitzer“, schrieben wir.
drauf. Die AL-Gemeinderatsfraktion machte einen Auch dem zweiten Argument der Stadt-
Spendenaufruf, der allerdings wenig einbrachte. werke, dass eine politische Lösung „auch unter
Die Fraktionen des Tübinger Gemeinderats ver- Gerechtigkeitsaspekten schwierig zu vermitteln
zichteten auf die Zuschüsse für Zeitungsabo, so (sei), da auch andere finanziell schlecht gestellte
kamen noch einmal 1330 Euro zusammen. Bevölkerungsgruppen nicht in den Genuss
Die auch für die Stadtwerke „naheliegende kostenloser Mobilität kommen“, widersprachen
Lösung, dass die Verkehrsunternehmen für diese wir ausdrücklich. „Es gibt keine andere Gruppe
Gruppe von ca. 90 Asylsuchende Freifahrscheine in Deutschland, die strukturell unter so prekären
ausstellen“, lehnten bis auf die Linke alle Fraktio- Bedingungen zu leben gezwungen ist, wie
nen ab, „weil Ausgleichszahlungen den Haushalt Asylbewerber. Der Lebensunterhalt liegt deutlich
belasten würden“. Die Stadtwerke wiesen auf unter dem Sozialhilfesatz, sie unterliegen einem
juristische Vorgaben hin, dass „die öffentlichen Arbeitsverbot und einer Residenzpflicht. Damit ist
Tarife diskriminierungsfrei angeboten werden keine andere Gruppe im vergleichbaren Maß von
müssen“. dem Grundrecht auf ein Mindestmaß an Mobilität
Dem widersprachen wir in einem Brief an ausgeschlossen“.
die Stadtwerke mit Durchschlag an Verwaltung So stehen wir im Herbst 2010 wieder vor
und Fraktionen. Das Allgemeine Gleichstel- der gleichen Situation wie vor einem Jahr. Es
lungsgesetz (AGG) kann die Argumentation geht uns nach wie vor um eine politische
der Stadtwerke nicht begründen, weil dort Lösung. Gemeinsam mit der Arbeitsgemein-
der rechtliche Status, anders als z.B. ethnische schaft Christlicher Kirchen in Tübingen, der

Die mit der Forderung für Freitickets für die Weilheimer Flüchtlinge losgetretene Debatte hatte zwei Gesichter.
Einerseits bot sie eine Bühne für die rassistische Normalität. Manche Leserbrief-SchreiberInnen forderten, dass die
Flüchtlinge doch laufen könnten, nach dem Krieg hätten die Deutschen auch laufen müssen. Andere bezogen
sich auf das in der Zeitung abgedruckte Foto, und sprachen den offenbar nicht leidend genug aussehenden
jungen Flüchtlingen die Hilfsbedürftigkeit ab. Aber auch die gut gemeinten Vorschläge aus der Verwaltung,
die Flüchtlinge sollten doch mit dem Rad fahren, oder man könne an der Sammel-Unterkunft einen Tramper-
Treffpunkt einrichten, gestehen den Flüchtlingen nicht die gleichen Rechte zu wie den anderen TübingerInnen.

Auf der anderen Seite erhielten wir viel positiven Zuspruch und wir werten es als großen Erfolg, dass die
Lebenssituation der Flüchtlinge für kurze Zeit wieder einmal an die Öffentlichkeit gelangte. Wir haben uns
gewöhnt an Esspakete, Residenzpflicht, Verweigerung von Zahnbehandlungen, einen Unterhalt unterhalb des
Sozialhilfesatzes, der seit 20 Jahren nicht mehr an die gestiegenen Lebenshaltungskosten angepasst wurde usw.
All dies rückte für kurze Zeit ins öffentliche Bewusstsein, die Verantwortlichen kamen unter Rechtfertigungsdruck.
Die Normalität des Schweigens über die Missachtung von Menschenrechten durch den Rassismus in der Mitte
unserer Gesellschaft, war kurz durchbrochen.

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 11


Kreisarmutskonferenz und dem Asylzentrum wird sind sie aus unserer Sicht alle. Die Stadt, weil sie
der Bürgerantrag wieder in den Gemeinderat für die stadtferne Unterbringung verantwortlich
eingebracht. Eine Unterschriftensammlung soll ist, der Landkreis, weil er als Sozialhilfeträger
dies politisch unterstützen. Es wird sich zeigen, den Flüchtlingen ein menschenwürdiges Leben
ob im Haushalt 2011 dieser Antrag auch von der ermöglichen muss, und der Verkehrsverbund
AL und der SPD unterstützt wird. Zusammen Naldo, der ohnehin nichts verlieren würde,
mit der Linken gäbe es eine Mehrheit und man da er von den Flüchtlingen auch jetzt kaum
müsste nicht jedes Jahr um die Finanzierung der Einnahmen erzielt.
Tickets betteln. Abgesehen davon: Wäre der Tübinger Stadt-
Die Verantwortlichen schieben sich bisher bus für alle umsonst, dann bräuchten wir auch
gegenseitig die Verantwortung zu. Zuständig keine Sonderregeln für Flüchtlinge.

12 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


„Da wollt Ihr ja hin“
ZAK3-Interview mit
Oberbürgermeister Boris Palmer

Boris Palmer, seit 2006 grüner Oberbürger- nie mit dem Bus fahren. Meine Einschätzung ist,
meister in Tübingen, hat sich sowohl in seinem dass wir weitere Umsteigeeffekte vom Auto auf
Buch „Tübingen macht blau“, als auch bei öffent- den Busverkehr kaum noch über konventionelle
lichen Auftritten positiv auf einen Nulltarif im Mittel erreichen können. Da sind wir schon sehr
Stadtverkehr bezogen. Im Juli 2008 diskutierte er gut in Tübingen. Ich bin aber überzeugt, dass
auf einem ZAK³-Podium mit Werner Rätz (attac) wir die, die wir bisher nicht erreichen, mit einem
über „Das Grundrecht auf Mobilität in Zeiten des kostenlosen Angebot reinlocken könnten. Der
Klimawandels“. Überregionale Aufmerksamkeit nächste Schritt nach Umweltkarten, günstigen
bekam Palmer Ende 2009 für die „Blauen Sams- Angeboten wie Semesterticket, deutlichen Ver-
tage“, einen befristeten Nulltarif für den Samstag. besserungen der Angebote (mehr Busse, größere
Dies bezeichnete er in einem ZDF-Interview als Busse, häufigere Fahrten, längere Bedienzeiten
„Pilotversuch“. Bereits als Landtagsabgeordneter in der Nacht und am Wochenende), der nächste
hat er sich für eine Nahverkehrsabgabe einge- Schritt müsste tatsächlich am Tarif ansetzen.
setzt, um den Kommunen den Spielraum für Wenn es nichts mehr kostet, werden sich viele
einen Nulltarif im ÖPNV zu eröffnen. überlegen, das Auto stehen zu lassen. Solange
sie für ein Strecke hin und zurück mit dem Bus
4 Euro, zahlen, heißt es meistens: Da fahre ich
Herr Palmer, angenommen, es wäre möglich, billiger mit dem Auto von Hagelloch in die Stadt.
in Tübingen einen Nulltarif für den öffentlichen
Nahverkehr einzuführen. Welche Chancen sehen Sie Was würde es denn allgemein für die Stadtent-
darin für die Stadt? wicklung bringen, wenn es gelingen würde, mehr
Leute mit dem Nulltarif in den Bus zu holen?
Boris Palmer: Wir haben heute in der Busnut-
zung eine Aufteilung in Dauerkartebesitzer, die   Palmer: Wenn es tatsächlich gelingt,
täglich den Bus nutzen, in relativ wenige Gele- wesentlich mehr Leute in den Bus zu locken,
genheitskunden und ziemlich viele Leute, die dann brauchen wir weniger Parkplätze in der

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 13


Stadt, dann können wir Flächen umwidmen für die Frage ist, wer bezahlt dann für den Bus? Dafür
Grün, für Spiel, für Begegnung. Also für Zwecke, gäbe es Lösungen. Eine Möglichkeit ist die Nah-
die dem Menschen dienlicher sind, als darauf verkehrsabgabe, seit zwanzig Jahren in der Politik
Autos abzustellen. Dann können wir möglicher- in der Diskussion. Alle zahlen von vornherein
weise auf Spuren von großen Straßen verzichten, einen Grundbeitrag und dafür wird der Bus dann
dann sinkt die Belastung mit Abgasen und Lärm. ohne Eintrittskarte benutzbar. Das ist ja auch das
Es wird also eine ganz andere Stadtentwicklung Prinzip vieler Semestertickets: Alle zahlen am
möglich als in der derzeitigen Situation, in der Anfang vom Semester und danach können sie
die Zahl der Autos in der Stadt gleich bleibt. den Bus benutzen, sooft sie wollen. Die Idee ist
Und das ist der Unterschied zwischen einer also weder dem Nahverkehr noch der Republik
auto- und einer menschengerechten Stadt: Je fremd, sie wird nur bisher auf eingegrenzte Per-
weniger Autos in der Stadt, umso besser für die sonenkreise angewandt und nicht auf eine ganze
Menschen. Stadtbevölkerung.

Bei der Nahverkehrsabgabe gibt es ja die


rechtliche Hürde, dass das Landesgesetz es gar nicht
zulässt, eine Nahverkehrsabgabe zu machen. Gibt
es da Bewegung?

Palmer: Ich sehe bisher keine. Es gibt keine


Initiative einer Landesregierung, dies zuzulassen.
Deswegen steht diese Möglichkeit uns als Stadt
nicht zur Verfügung. Wir hätten also nur die
Möglichkeit, den Nulltarif aus Steuermitteln zu
finanzieren. Das hätte zur Folge, dass es dann
einen Konkurrenzkampf mit anderen Aufgaben
wie Schule, Kinderbetreuung oder dem Erhalt
sozialer Angebote gerät. Diese Konkurrenz um
Steuermittel ist derzeit nach meiner Einschätzung
für den kostenlosen Nahverkehr bei der Mehrheit
der Leute nicht zu gewinnen. Eine Nahverkehrs-
abgabe wäre dagegen zweckgebunden und kann
Das ist ja das Eindrucksvolle an der belgischen also gar nicht in Konkurrenz stehen. Da muss man
Stadt Hasselt, in der der Nulltarif bereits eingeführt einmal entscheiden, ob man eine Nahverkehrsab-
ist. Dort wurden doppelspurige Straßen rückgebaut, gabe für einen kostenlosen Busverkehr machen
ein geplanter Stadtring gar nicht erst umgesetzt. will, oder auch für einen anderen Zweck. Dies ist
Ein gutes Beispiel dafür, wie es sich auswirkt, wenn eine politische Diskussion, die dann auch für die
mehr Menschen Bus fahren statt Auto. Umsonstidee ausgehen kann.

Palmer: Bei uns würde sich das Univiertel Was bräuchte es denn für Rahmenbedingun-
anbieten. Wenn man es schaffen könnte, den gen auf Landesebene, damit so eine Idee für die
Autoverkehr deutlich zu reduzieren, könnte die Kommunen attraktiv werden würde?
gesamte Wilhelmstraße abgesehen von Erschlie-
ßungsverkehr autofrei werden, indem man die Palmer: Es gibt zwei Landesgesetze, die
Hölderlin- und Rümelinstraße wieder in beiden riesige Veränderungen im Stadtverkehr in
Fahrtrichtungen befährt. Der Unicampus würde Baden-Württemberg bewirken könnten. Das eine
eine ganz neue Qualität gewinnen im Vergleich wäre eine Nahverkehrsabgabe: alle zahlen einen
zu heute, wo er von einer Straßenschneise zer- Grundbeitrag. In Tübingen wären das pro Kopf
schnitten ist. Das ist das sinnfälligste Beispiel in und Jahr ungefähr 100 Euro. Immer als Option,
Tübingen. keine Kommune sollte gezwungen werden, so
etwas zu machen. Das andere wäre die City-Maut,
Wir haben über die Chancen gesprochen, was also die Möglichkeit, dass man für Einfahrten mit
sind die Hindernisse? dem Auto Geld erhebt. Das könnte man einset-
zen, um den Nahverkehr auszubauen oder eben
Palmer: Es gibt nur ein Hindernis: Das Geld. auch, um einen kostenlosen Bus anzubieten.
Wenn die Leute nicht mehr für den Fahrschein Damit haben ja auch schon viele Städte in Europa
bezahlen, kostet der Bus ja immer noch Geld und sehr gute Erfahrungen gemacht. Der Preis steuert

14 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


eben doch besser als alles andere in dieser gehen, möglichst viele Gruppen in ein System
Gesellschaft. Wir haben mal für Tübingen durch- zu bringen, dass sie den Bus kostenlos nutzen
gerechnet, was dabei reinkäme. Wenn es auch können. Nach dem Vorbild des bereits solidarisch
nur 1 Euro pro Einfahrt am Tag kostet, haben wir finanzierten Semestertickets sind wir auf einem
ein Plus von netto 20 Millionen pro Jahr. Das ist guten Weg, mit den Kliniken ein Jobticket
in etwa die Höhe der derzeitigen Gewerbesteu- einzuführen, das dann allen Beschäftigten zu
ereinnahmen und mehr als die Grundsteuer. sehr günstigen Konditionen zur Verfügung steht.
Dies würde zum einen unsere Verkehrsprobleme Dann hätten wir neben den 25.000 Studierenden
deutlich entlasten und wir hätten zum anderen weitere 10.000 Menschen mit Dauerfahrkarte.
Mittel zur Verfügung, um den Nahverkehr kos- So könnten wir dann mit der Universität und
tenlos und noch deutlich verbessert anzubieten. auch mit einigen mittleren Unternehmen
Und das hätte auch den nicht unerklecklichen weitermachen.
Vorteil, dass die Leute, die von außen kommen
und in Tübingen nur Leistungen wie das Stra- Da unterscheiden sich unsere Positionen. Uns
ßennetz in Anspruch nehmen und gleichzeitig geht es ja nicht um die pragmatische Einführung,
„Negativleistungen“ wie Luftverunreinigung sondern wir wollen mit der Idee auch eine grund-
und Lärm hinterlassen, dass diese Leute auch zur sätzliche Diskussion. Die vermeiden Sie, indem
Finanzierung der Zentralstadt beitragen würden. Sie sagen, ich mache nicht die große Überschrift,
Das wäre meiner Meinung eine faire Form, einen sondern ich führe es schleichend ein.
Ausgleich zwischen Stadt und Umland zu finden.
Dann könnte man auch sagen, die Finanzierung Palmer: Da ist mir wichtiger, überhaupt
wird von allen gemacht, also kriegen auch alle einen Effekt zu erzielen, als nur Fensterreden zu
das Angebot und man könnte auf Kontrollen halten.
verzichten. Ohne eine solche Finanzierung wäre
es den Tübingern sicher nicht vermittelbar, dass Boris Palmer
sie für Einpendler zahlen müssten.

Aubagne, eine Stadt in der Nähe von Marseille,


hat seit einigen Jahren den Nulltarif und finanziert
ihn über die Frankreich vor zehn Jahren eingeführte
Nahverkehrsabgabe für Unternehmen. Müsste es
nicht auch bei uns ein Ziel sein, die Unternehmen
finanziell zu beteiligen?

Palmer: In Frankreich haben sie damit


Supereffekte erzielt, nur so waren die vielen
neuen Straßenbahnsysteme möglich. Aber sie
können das Geld auch für tarifliche Maßnahmen Foto: Martin Schreier / Stadt Tübingen
einsetzen, was sich in ländlichen Gebieten mehr
anbietet, weil man da keine Straßenbahnen Wir streiten mit der Idee eines Nulltarifes für
bauen wird. Das zeigt aber nur wieder, wie das Grundrecht auf Mobilität. Es geht uns um eine
wichtig es wäre, so ein Instrument für die grundsätzliche sozialpolitische Position. Wichtige
Kommunen zur Verfügung zu stellen. Diese Infrastrukturleistungen von Kommune, Land und
Nahverkehrsabgabe der Betriebe, die sich an der Bund wie Bildung, Gesundheit und eben Verkehr
Zahl der Beschäftigten orientiert, war bisher in werden allen Bürgern grundsätzlich umsonst zur
Deutschland nicht in der Diskussion, hat aber auf Verfügung gestellt. Ein komplett anderes soziales
jeden Fall seinen Reiz. Allerdings sind das faktisch System. Können Sie hier mitgehen?
neue Lohnnebenkosten, und es ist die Frage, ob
man den richtigen Ansatzpunkt hat, wenn man   Palmer: Ja, das finde ich grundsätzlich
Arbeitsplätze besteuert. Aber möglich ist das. richtig. Diese Angebote generell zur Verfügung
  zu stellen statt Geldleistungen, diese Diskussion
Nochmal zurück zu Tübingen. Wie könnte gibt es und die Entwicklung geht nach meiner
die Idee eines Nulltarifs in Tübingen denn konkret Einschätzung auch in die Richtung. Ich halte es
realisiert werden? auch für richtig, dass man nicht nur über Geldleis-
tungen, sondern tatsächlich über eine kostenlose
  Palmer: Solange wir keine Nahverkehrsab- Infrastruktur für alle wichtige Grundbedürfnisse
gabe machen können, sollte der der Weg dahin befriedigt.

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 15


Wir haben ja mit unserer Kampagne im letzten offensichtlich unberechtigte Forderung zu erfül-
Jahr auch unsere pragmatische Wendung gemacht, len. Umgekehrt – es brauchen auch nicht alle die
indem wir gesagt haben, dass noch nicht alle in ganze Zeit einen Monatsfahrschein. Von daher ist
nächster Zeit umsonst fahren können, aber zumin- diese pragmatische Lösung, dass die Stadtwerke
dest die sozial Benachteiligten hier in Tübingen. sagen, wir sponsern jetzt mal fünf Tickets, die
Mit dem Asylzentrum und den Kirchen haben wir aber übertragbar sind, und damit kann im
gefordert, dass Flüchtlinge umsonst fahren dürfen. Prinzip auch jede Person in die Stadt, wenn die
Das wurde prinzipiell von Ihnen und anderen wohl- sich entsprechend absprechen. Das finde ich
wollend aufgenommen, aber ist politisch noch nicht als Zwischenziel tragbar. Als kleiner Schritt zum
durchgesetzt. Die Stadtwerke haben gesagt, wir Fernziel.
sehen die Benachteiligung, wollen das aber nicht
übernehmen, und haben einige Tickets gespendet. Die gespendeten Tickets waren ja eine einma-
Das ist aber nicht die politische Lösung, wie wir sie lige eher humanitäre Aktion. Gibt es keine Idee, mit
wollen. dem Landkreis eine gemeinsame politische Lösung
zu finden?
Palmer: Ich habe dazu in meinem Brief ja
alles gesagt, dass ich das grundsätzlich für richtig Palmer: Der Kreistag könnte natürlich
halte und dass dem Naldo keine Einnahmeaus- beschließen: Wir machen das, wir verzichten auf
fälle entstehen, wenn er diesem Personenkreis diese Ersatzforderungen, wenn es um Flüchtlinge
Freifahrten gewährt, weil die es sich sowieso geht, das tun sie aber nicht. Die Mehrheit ist
nicht leisten können, also offensichtlich bisher anders, da gibt es eine klare Ablehnung der
nichts bezahlt haben. Aber genau aus dem Grund konservativ-bürgerlichen Seite, die sagt: Wenn
sehe ich auch nicht ein, warum jetzt die Stadt wir da anfangen, wo gehts weiter? Das ist immer
Tübingen an den Naldo viel Geld überweisen soll, das Argument „Schräge Ebene“, zuerst kommen
dafür dass er Einnahmeausfälle ersetzt bekommt, die Flüchtlinge, aber dann eben nicht nur in
die er nie hatte. Jetzt kann man sagen: Prinzipi- Tübingen, sondern dann müssen sie überall
enreiterei. Aber, wie gesagt, zur Zeit streichen umsonst fahren dürfen. Dann kommen die Hartz
wir Tausend-Euro-Beträge bei Kulturinitiativen, IV-Kinder, dann kommen die xy und dann würdet
um den Haushalt zu sanieren, und dann tut ihr jetzt sagen: „Ja genau, da wollen wir ja hin“ –
man sich halt schon extrem schwer, um so eine aber die anderen wollen das nicht.

16 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


„„„ „Ein Tübinger Bürgerticket ist jetzt schon
machbar“
Gespräch mit Axel Friedrich,
ehemaliger Abteilungsleiter Verkehr im Umweltbundesamt

  Wir haben Axel Friedrich kennen Größenordnung Bremen, und dann können wir
gelernt im Rahmen unserer Teilnahme am Projekt vielleicht irgendwann über Berlin nachdenken.“
„Mobilität 2030“ in Tübingen. In dem Projekt soll Würde ein Nulltarif in Tübingen umgesetzt,
mit wichtigen kommunalen Interessengruppen würde dies mit Sicherheit auf andere Städte
ein Konzept entwickelt werden, den CO2-Ausstoß ausstrahlen. Unseren Slogan „Tü-Bus umsonst!“
des Verkehrs in Tübingen bis zum Jahr 2030 um lehnt Friedrich ab. Was umsonst ist, wird nicht
50% zu reduzieren. Friedrich hatte das Projekt wert geschätzt. Außerdem sehen die Leute nicht
noch als Abteilungsleiter Verkehr im Umwelt- ein, für andere zu zahlen. Wenn die TübingerIn-
bundesamt (UBA) nach Tübingen gebracht, auch nen den städtischen Busverkehr finanzieren (über
weil hier die politischen Bedingungen und die Steuern oder Abgaben), dann können es auch
kommunale Kommunikationskultur gute Voraus- nur die TübingerInnen nutzen. Friedrich spricht
setzungen bieten, tatsächlich etwas zu bewegen. daher von einem „Bürgerticket“. Dieses Bürger-
Der Idee eines Nulltarifs im ÖPNV stand er immer ticket ist für ihn ein wesentliches Mittel, um die
sehr positiv gegenüber. Leute aus dem Auto in den ÖPNV zu bekommen.
Alle Tübinger EinwohnerInnen wären verpflich-
tet, ein solches Bürgerticket (Jahresticket) zu
Wir treffen Friedrich im Oktober 2010 in erwerben.
Berlin. Dabei ist auch ein Vertreter der Initiative
„Berlin fährt frei“. Schnell wird klar, dass Axel
Friedrich für Tübingen gute Chancen sieht, einen Ein Bürgerticket kann helfen!
Nulltarif umzusetzen. Dagegen sieht für Berlin
aktuell keine Chance – aufgrund der wesentlich Axel Friedrich sieht drei wesentliche Hürden
unübersichtlicheren Struktur des ÖPNV und bei der Busnutzung: Geld, Know-How und Zeit.
der unterschiedlichen Interessen der Akteure. Beginnen wir beim Geld: Der Autofahrer rechnet
„Erst müssen wir das in einer Stadt wir Tübingen oft nur die direkten Spritkosten. Da kann ein
hinkriegen, dann vielleicht einer Stadt in der Bürgerticket schon helfen, dass viele umsteigen.

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 17


Allerdings eher nicht, wenn es „umsonst“ aus- Verwaltung. Die Effekte in Frankfurt mit Park-
sieht, sondern wenn der Fahrgast einen geringen raumbewirtschaftung und Taktverlängerung
Betrag dafür zahlt. „Wir wissen, dass Monatskar- waren besser und billiger als in London.
tenbesitzer wesentlich eher den Bus benutzen,
weil sie ja ohnehin schon dafür gezahlt haben.“
Insbesondere für Gelegenheitsnutzer würde mit Zu jeder Zeit an jedem Ort ein Bus!
dem Bürgerticket auch eine weitere Hürde weg-
fallen: Mehrfach habe er in Tübingen Leute vor Wie lässt sich nun das Bürgerticket umset-
den Fahrkarten-Automaten gesehen, die an den zen? Die entscheidende Hürde, um Mehrheiten
vielen unterschiedlichen Tarifen gescheitert sind. zu gewinnen, sei nicht die Finanzierungsfrage,
Noch eine größere Rolle als das Geld spielt sondern eine überzeugende Botschaft. Starke
laut Friedrich allerdings ein anderer Faktor: die positive Bilder seien dabei wichtiger als rationale
Zeit. Darauf hätte die Einführung eines Nulltarifs Argumente. Friedrich sieht drei zentrale Aspekte.
keinen direkten Einfluss. Daher sollte man nicht Davon sei der Aspekt der Freiheit der wichtigste:
einfach nur das Bürgerticket einführen, sondern „Ihr müsst die Möglichkeit in den Mittelpunkt
gleichzeitig auch den Autoverkehr verlangsamen stellen, zu jeder Zeit an jedem Ort in jeden Bus
und verteuern. Manche Projekte seien genau einsteigen zu können! Der Bus ist für die Allge-
daran gescheitert, dass dies nicht getan wurde. meinheit da und ermöglicht allen Einwohnern
Da stiegen dann zwar die Fahrgastzahlen, aber Mobilität.“ Von der Strategie, ein Bürgerticket
nicht die Umsteigerzahlen von Auto auf ÖPNV. schrittweise einzuführen (beispielsweise über
So war es anfangs auch in Hasselt (siehe „Über immer mehr Job-Tickets, siehe unser Interview
den Tellerrand“). mit OB Palmer), hält Friedrich nicht viel. Damit
Um den Zeitfaktor zu Gunsten des ÖPNV zu wäre keine Vision, keine große Überschrift
verändern, gibt es verschiedene Möglichkeiten. verbunden.
Zum Beispiel beim Thema Parken: Wenn Park- Ein zweiter Aspekt ist die Sicherheit. Die
plätze weiter weg vom Zielpunkt sind, dann wird Wahrscheinlichkeit, als Mitfahrer im ÖPNV ver-
der Fußweg vom Parkplatz zum Arbeitsplatz als letzt zu werden, ist viel geringer als bei anderen
lästig empfunden. Wenn man von der Bushalte- Verkehrsmitteln – ebenso wie die Wahrscheinlich-
stelle aber nur fünf Minuten gehen muss, sinkt keit, jemand anderem eine Verletzung zuzufügen.
die Hürde zur Busnutzung. Auch Pförtnerampeln Durch moderne Bauweise und Airbags werden im
und Ampeltaktzeiten können die Fahrtzeiten für innerstädtischen Verkehr zwar viel weniger Auto-
den Individualverkehr verlängern und ihn damit Insassen verletzt als früher. Aber die Zahlen der
aus der Stadt drängen. Dies wurde zum Beispiel verletzten Fußgänger und Radfahrer sind nicht
in Frankfurt a.M. erfolgreich umgesetzt. Um wesentlich gesunken.
keine großen Widerstände hervorzurufen, wur- Dies wird – und das ist der dritte Aspekt –
den dabei die Rot-Zeit an den Ampeln an jedem verstärkt durch die Alterung der Gesellschaft.
Tag nur um eine Sekunde verlängert. „Wir werden in 20 Jahren einen wesentlich
Parallel zum billigen Busfahren muss das höheren Anteil an hochbetagten Verkehrsnutzern
Autofahren teurer werden. Eine Möglichkeit ist haben. Dies stellt ein zusätzliches Risiko dar. Ein
dabei die Parkraumbewirtschaftung. Derzeit Bürgerticket wäre also auch in dieser Hinsicht ein
wird das Parken gigantisch subventioniert. Ein Verkehrskonzept der Zukunft, in dem wir Mobili-
öffentlicher Parkplatz kostet in einer Stadt wie tätsmöglichkeiten schaffen.“
Tübingen schätzungsweise 5000 Euro jährlich. Unsere Vision, dass bei einem Nulltarif auch
Wenn öffentliche Verwaltungen ihren Mitar- Kontrollen und Automaten entfallen, hält Fried-
beitern Parkplätze unentgeltlich zur Verfügung rich nur für einen Nebenaspekt. Es müsse auch
stellen, wird der Autoverkehr indirekt von der weiterhin einen Fahrkartenverkauf für Einpendler
Allgemeinheit gestützt. Das UBA hat errechnet, geben, die ja vom Bürgerticket ausgeschlossen
dass jedes Privatauto mit 300 Euro monatlich von wären. Da diese aber fast alle Monatskarten
der Allgemeinheit subventioniert wird. besitzen, könne man auf Kontrollen weitgehend
Manche Verkehrspolitiker (z.B. der Tübinger verzichten. Einen Ausweis brauche auch
Oberbürgermeister Boris Palmer) favorisieren niemand mitführen. Die Jahreskarten werden
eine City-Maut, um die Autofahrer an den Kosten einmal im Jahr an alle TübingerInnen geschickt
zu beteiligen. Diesem Modell erteilt Friedrich und müssen dann ggf. bei einer Kontrolle gezeigt
aber eine klare Absage. Sie sei zumindest für werden. Auch Automaten brauche man kaum
Städte mit vielen Einfallstraßen nicht effektiv mehr, Tickets könnten über Handy bestellt wer-
zu bewirtschaften. In London gehe die Hälfte den. Solche technischen Fragen müsse man im
der Einnahmen aus der City-Maut in deren Versuch lösen.

18 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


Die Beschränkung auf Tübinger NutzerIn- Friedrich in zwei bis drei Jahren. Auch wenn die
nen und der Verzicht auf eine „Umsonst-Lösung“ Frage der Finanzierung nicht im Mittelpunkt der
zugunsten eines verpfl ichtend zu erwerbenden Argumentation stehen sollte, so müsse man hier
Bürgertickets haben auch Auswirkungen auf die doch belastbare Zahlen und gangbare Wege
Finanzierung. Zum einen werden die Landeszu- vorlegen.
schüsse für Studenten- und Schülertickets nicht Den einzig gangbaren Weg sieht Friedrich in
gefährdet, zum andern sinkt der umzulegende einer Verkehrsabgabe. Die ist derzeit gesetzlich
Betrag deutlich. „Neu erhobene Zahlen zeigen, nicht zugelassen. Doch könnte Tübingen beim
dass die Hälfte der Kosten in Tübingen von den Bundesverkehrsministerium eine Ausnahmege-
Einpendlern erbracht wird. Dies würde bedeuten, nehmigung bekommen (über eine so genannte
dass das Bürgerticket pro Monat für jeden Experimentalklausel). Dies wurde auch bei ande-
Tübinger deutlich unter 10 Euro im Monat kosten ren Projekten so gemacht. Der Bund sei immer
würde. Diese Zahl lässt auch wesentlich leichter interessiert an neuen innovativen Modellen.
vermitteln.“ Neben der Vermittlung von visionären
Eine soziale Staff elung lehnt Friedrich ab. Bildern gelte es nun, konkrete Modelle zu entwi-
Das eine sei Verkehrspolitik, das andere Sozialpo- ckeln. Dabei sollte man nicht darauf warten, bis
litik. Wenn die Stadt die Ticket-Kosten für sozial die Verwaltung aktiv wird, sondern selbst etwas
Schwächere übernimmt, sei das eine sozialpoliti- in Auftrag geben. Auch den grünen OB Palmer
sche Entscheidung. müsse man manchmal zum Jagen tragen.
Eine realistische Perspektive für die
politische Umsetzung eines Bürgertickets sieht

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 19


Über den Tellerrand
Teil
2

„„„ „„Hier fährt niemand mehr „schwarz“


Wie die Städte Hasselt (Belgien) und
Aubagne (Frankreich) den Nulltarif eingeführt haben

Hasselt, Hauptstadt der belgischen Provinz der Ticketpreise für den Bus? Der Restaurantbe-
Limburg, im Jahre 1995. 68.000 Einwohner, sitzer Steve Stevaert tritt zur Bürgermeisterwahl
Universität, Kathedrale, japanischer Garten, mit einem anderen Konzept an: Nulltarif im
Fachwerkhäuser und jährliches Rockfestival. ÖPNV, Verdrängung des Individualverkehrs aus
Ansonsten die gleichen Probleme wie in allen der Stadt, Steigerung der Lebensqualität und des
größeren Städten Westeuropas. Die Innenstadt Erlebniswertes in der Stadt. Stevaert wird zum
versinkt im Lärm und Dreck des Individualver- Bürgermeister eines linksliberalen Stadtrates
kehrs, ein zweiter Umgehungsring hatte in den gewählt und beginnt 1996 mit der Umsetzung
1980er Jahren nicht die erhoffte Entlastung des seines Programms.
innerstädtischen Verkehrs gebracht. Der üblichen Als besonders mutig oder revolutionär muss
Logik von Verkehrsplanern folgend soll deshalb sich Stevaert dabei nicht einmal gebärden. Der
nun ein dritter Ring gebaut werden. Allein – das ÖPNV in Hasselt liegt zu dieser Zeit vollkommen
Geld dafür fehlt, Hasselt ist quasi pleite, von den darnieder. Gerade einmal zwei Linien gibt es,
jahrelang regierenden Christdemokraten in den acht Busse befinden sich im Besitz der Stadt,
Bankrott getrieben. die jährlich insgesamt 500.000 km zurücklegen
Was läge in einer solchen Situation näher als und 360.000 Fahrgäste transportieren – ein Witz
der Versuch, die städtischen Einnahmen kurzfris- im Vergleich zu dem, was andere Städte dieser
tig zu erhöhen, zum Beispiel durch die Anhebung Größenordnung in den Busverkehr investieren.

20 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


Die Stadt verliert durch die Einführung des kos- Rückblick auf das Jahr 1997 gesagt: „Weil wir kein
tenlosen ÖPNV zunächst lediglich 300.000 Euro Geld hatten, fährt der Bus jetzt umsonst.“
an Ticket-Einnahmen – kein großer Posten im
städtischen Haushalt.
Doch das Konzept Stevaerts geht weiter. Hasselt ­‑ ein Modell für Tübingen?
Neben der Einführung des kostenlosen Busfah-
rens zum 1. Juli 1997 werden 800 Parkplätze Die Gründe, dass das „Modell Hasselt“ bis
im Stadtgebiet abgeschafft. Die Parkgebühren heute funktioniert, sind sicherlich vielschichtig
werden deutlich erhöht, die Einnahmen hieraus und reichen von einem als positiv wahrgenom-
fließen direkt in die Finanzierung des Ausbaus menen europaweiten Vorzeige-Image über eine
des ÖPNV. An der Peripherie entstehen kosten- günstige Finanzierungsstruktur bis hin zu einem
lose und bewachte Parkplätze, ein Teil der täglich intelligenten Gesamtkonzept, welches – auch
37.000 Einpendler fährt von hier aus weiter mit mittels PR-Kampagnen - Lust macht auf Busfah-
dem Bus in die Stadt. Eine Kampagne für das ren, Radfahren und Gehen.
Radfahren wird gestartet, in den Folgejahren Dennoch lässt sich das Modell Hasselt
schafft die Stadt kostenfreie Leih-Räder in der nicht einfach auf andere Städte übertragen. Zu
Innenstadt an. Die vierspurige Ringstraße, die unterschiedlich sind die Ausgangsbedingungen.
ursprünglich für den Autoverkehr ausgebaut So nutzen zum Beispiel in Tübingen (87.000
werden sollte, wird mit 400 Bäumen bepflanzt Einwohner) heute jährlich 17,4 Millionen Fahr-
und zum fußgänger- und radfahrerfreundlichen gäste den Bus – fast vier Mal so viel wie in Hasselt
„Grünen Boulevard“ umgestaltet. – und das, obwohl der Einzelfahrschein 2 Euro
Der Effekt lässt nicht lange auf sich warten. kostet. Die Einnahmen aus Ticketverkäufen des
Bereits im ersten Jahr vervierfacht sich die Zahl Stadtverkehrs spielen im Tübinger Haushalt eine
der Busnutzer auf 1,5 Millionen. Ein Jahr später wesentlich größere Rolle, als dies in Hasselt je der
transportiert der Stadtverkehr bereits 2,8 Milli- Fall war. Auch die rechtlichen Rahmenbedingun-
onen Menschen. Zu diesem Zeitpunkt ist jede gen sind in Tübingen komplizierter.
sechste Person in Hasselt vom Auto auf den Bus Bei allen Unterschieden aber gibt es auch
umgestiegen. Die Krankenhäuser registrieren Parallelen zwischen Hasselt 1997 und Tübingen
eine höhere Zahl an Besuchern, insbesondere 2010: Ein linksliberaler Stadtrat als politische
Senioren. Das Klinikpersonal fährt überwiegend Ausgangsbedingung und eine am finanziellen
mit dem Bus, so dass keine neuen Parkplätze am Krückstock gehende Kommune – aus der Not
Krankenhaus gebaut werden müssen. Deutlich wäre auch hier eine Tugend zu machen…
mehr Menschen kommen nach offiziellen Zäh-
lungen in die verkehrsberuhigte Innenstadt und
steigern die Umsätze des Einzelhandels. Was wir am Modell Hasselt kritisieren
In den weiteren Jahren wird das Busnetz
ausgebaut. Heute kommt alle 5 Minuten im Unser Zugang zum Thema „Nulltarif im
Innenstadtbereich ein Bus, die nächstgelegene Nahverkehr“ war immer ein doppelter. Das (offen-
Haltestelle befindet sich in maximal 250Meter sichtliche) ökologische Thema sollte verbunden
Entfernung. Das Wachstum des ÖPNV verläuft werden mit einer Idee von sozialer Gerechtigkeit
aber erwartungsgemäß nicht mehr so dynamisch im Kontext des Konzepts einer Sozialen Infra-
wie in den Anfangsjahren (2006: 4,6 Millionen struktur. Der Nulltarif in Hasselt wurde aber vor
Fahrgäste). Trotz der hohen Attraktivität des allem als ökologisches Projekt aufgezogen und
Busfahrens wird deutlich, dass viele Autofahrer wird auch in den Medien so wahrgenommen.
auch bei kostenloser Nutzung nicht bereit sind, Dadurch hat der Nulltarif seine politische
auf den Bus umzusteigen. Sprengkraft verloren, da das Thema Mobilität
Auch dank Zuschüssen des Landes Flandern nicht (auch) als soziales Thema gesehen und
bleibt die ÖPNV-Finanzierung trotz des Fahrgast- problematisiert wird. So reduziert liegt die Konse-
zuwachses für die Stadt Hasselt eine überschau- quenz nahe, dass das Recht auf Mobilität nicht als
bare Sache. Die Gratis-Busse kosten die Stadt selbstverständliches Gemeingut verstanden wird
heute gerade einmal 1,3 Millionen Euro jährlich, und somit das Thema Nulltarif in Hasselt auch
circa ein Prozent des städtischen Budgets. Umge- keine Strahlkraft auf weitere politische Felder
rechnt 18 Euro pro Kopf. Rechnet man dagegen, besitzt – Bildung, Wohnen, Kindererziehung,
wie viel die Stadt durch den Verzicht auf den Freizeit, Kultur. Nach den Sternen gegriffen wird
Bau neuer Straßen und Parkplätze einsparte, also auch in Hasselt nicht.
dürfte sich der kostenlose ÖPNV für die Stadt bei
weitem rechnen. Steve Stevaert hat einmal im

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 21


rung des Nulltarifs ist die Zahl der Fahrgäste um
Aubagne: 62 Prozent gestiegen. So soll insbesondere die
Gewerbesteuer für Nulltarif Umweltbelastung durch CO2-Emmission verrin-
gert werden. Gleichzeitig werden der Fuhrpark
Einen zumindest teilweisen Nulltarif im erneuert und das Straßenbahn-Netz ausgebaut.
öff entlichen Nahverkehr fi ndet man inzwischen Der Nulltarif nützt besonders den ärmeren
in einigen europäischen Städten. Die bekann- EinwohnerInnen. Nach Zahlen des französischen
teste Metropole dürfte Zagreb/Kroatien sein. Statistikamtes stehen die Ausgaben für Mobilität
Auf ein interessantes Finanzierungsmodell nach den Kosten für Miete und Ernährung
sind wir in der südfranzösischen Stadt Aubagne zumeist an dritter Stelle im Budget der Privat-
(bei Marseille) gestoßen. In Frankreich müssen haushalte. Den 45.000 Einwohnern und deren
alle Firmen mit mehr als neun Beschäftigten eine Gästen schaff t der Nulltarif einen direkten, unbü-
Pauschalsteuer für die Nutzung der Verkehrsinf- rokratischen Anreiz, Privatfahrten mit dem Auto
rastruktur bezahlen (0,6 Prozent der Bruttolohn- zu vermeiden. Das Beispiel stößt inzwischen auf
summe). Aubagne (45.000-Einwohner) hat diese Interesse in anderen, größeren Städten wie Dijon
Steuer auf 1,05 Prozent erhöht und bezahlt damit und Strasbourg. Von Schließungen einzelner
seit Mai 2009 die kostenfreie Nutzung des öff ent- Industriebetriebe aufgrund der „unzumutbaren“
lichen Nahverkehrs. Acht Monate nach Einfüh- Mehrbelastungen wurde bislang nicht berichtet.

Foto: Tourisme Hasselt „...fährt alle 5 Minuten“

22 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


„„„ „Movimento Passo Livre
Nulltarif-Kampagnen in Brasilien
als Teil sozialer Bewegungen

Seit den 1970er Jahren gibt es in Brasilien isolierte Bewegung war. Ihre Anfänge hatte sie
starke Kampagnen für einen kostenlosen öffent- in den Favela-Kämpfen der 1970er/80er Jahre.
lichen Nahverkehr. Ein ZAK³-Mitglied interviewte Wenn eine neue Favela entstand, forderten ihre
im August 2010 in São Paulo den Nulltarif- BewohnerInnen nicht nur deren Legalisierung,
Aktivisten Rafael Xavier Pacchiega. sondern auch Wasser, Elektrizität, Asphalt und
die Anbindung ans öffentliche Busnetz. Da die
FavelabewohnerInnen selten Geld hatten, lag die
Eine Karikatur auf einem Flugblatt des Forderung nahe, dass diese Infrastruktur kosten-
Movimento Passo Livre (MPL) bringt es auf den los oder zumindest für alle bezahlbar sein muss.
Punkt: „Eine Stadt existiert nur für die, die sich in Häufig hatten diese Kämpfe den Erfolg, dass die
ihr bewegen können“. Der Begriff „movimentar“ öffentlichen Strom- und Wasserversorger Sozial-
in der Bildunterschrift ist im Brasilianischen tarife für BewohnerInnen von Favelas einrichte-
doppeldeutig: Er bezeichnet sowohl die konkrete ten. Bei der Privatisierung der Dienstleistungen
Mobilität als auch die politische Bewegung. Das im Zuge des neoliberalen Rollbacks wurden diese
Drehkreuz, das die Teilhabe an der ganzen Infra- billigen Tarife jedoch wieder abgeschafft. Dies
struktur der Stadt verhindert, ist in Brasilien zum hatte zur Folge, dass die sozialen Bewegungen
Symbol der Bewegung für das Nulltarif-Fahren die Kämpfe für eine soziale Infrastruktur zwangs-
geworden. Es wird von allen BrasilianerInnen läufig zusammen denken und führen.
verstanden, da die Busse im Innenraum ein
Drehkreuz haben, das nur mit einem Fahrschein
passiert werden kann. Viele Unfälle geschehen, Kostenloses Busfahren…
weil UmsonstfahrerInnen durch die Eingangstür
wieder abspringen, um nicht durch das Dreh- 1991 gab es in São Paulo das erste
kreuz zu müssen. Experiment mit einem Nulltarif im öffentlichen
Schon die Entstehungsgeschichte des Nahverkehr: Bürgermeisterin Luiza Erundina
MPL zeigt, dass die Nulltarif-Bewegung nie eine von der Arbeiterpartei (PT) ließ nach einer breit

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 23


angelegten öffentlichen Debatte alle Busse im StudentInnen durchgesetzt worden. Sie können
großen und relativ armen Stadtteil Tiradentes ein am Wochenende auch für andere Fahrten
Jahr lang umsonst fahren - bis ihre Amtsperiode genutzt werden. In Cuiabá verringerte sich
zu Ende war. In jenem Jahr gab es deutlich weni- allerdings die Zahl der NutzerInnen, als in über
ger Vandalismus in den Bussen, der Umgang der 500 Schulen Umsonst-Ticket-Automaten zum
Passagiere miteinander war respektvoller. Siebzig Abstempeln installiert wurden, so dass die Fahrt
Prozent der Bevölkerung stimmten Umfragen nur umsonst ist, wenn man zur Schule fährt, nicht
zufolge der Steuerfinanzierung dieses Nulltarifs anderswohin.
zu, und viele beteiligten sich an der Planung von Andere Teile der Bevölkerung haben von
Linien und Takten. Ein Grund für die Akzeptanz den Kämpfen ebenfalls profitiert: Im Bundesstaat
des Nulltarifs war die Empörung anlässlich einer São Paulo konnte durchgesetzt werden, dass
Studie, laut der private Busunternehmen über Arbeitslose in den ersten sechs Monaten der
ihre hohen Tarife ein Vielfaches der tatsächlichen Arbeitslosigkeit umsonst fahren. Und Behinderte
Ausgaben erwirtschafteten. können sogar in ganz Brasilien umsonst mit dem
ÖPNV fahren. Diese Erfolge beruhen auf der
großen Öffentlichkeitswirksamkeit der Aktionen
zum Nulltarif. Vier Jahre in Folge wurde eine
„Bundesweite Woche für die Durchsetzung des
kostenlosen ÖPNV” durchgeführt, 2008 gab es in
deren Rahmen in São Paulo eine Großdemo unter
Beteiligung vieler städtischer und ländlicher
sozialer Bewegungen.
  Die Argumente des MPL sind teilweise
dieselben, mit denen in Deutschland die Diskus-
sion um die „Soziale Infrastruktur“ geführt wird.
Öffentlicher Transport wird dabei als Recht der
ganzen Bevölkerung verstanden. Und wenn er
öffentlich ist und ein Recht sein soll, kann man
keinen Tarif dafür erheben, sonst ist es für einen
großen Teil der Bevölkerung kein Recht, sondern
eine Ware wie jede andere. Nicht mit der Bereit-
stellung eines öffentlichen Gutes zu vereinbaren
ist auch, dass private Unternehmen die Tarife
2003/2004 gingen die Kämpfe in eine neue festlegen und an ihnen verdienen.
Runde, angefacht durch Buspreiserhöhungen in
Salvador de Bahia im Nordosten und Floriano-
polis im Süden von Brasilien. In beiden Städten … statt Ausschluss der Armen
gab es so genannte „Drehkreuz-Revolten“. Eine
wichtige Rolle spielten dabei SchülerInnen und Teilweise zeigen die Argumente des MPL
Studierende, die einen kostenlosen Schul- und aber auch die Unterschiede der gesellschaftli-
Uni-Bus gefordert hatten, sich dann aber der chen Rahmenbedingungen. So sind in Brasilien
allgemeinen Nulltarifforderung anschlossen. viele Kinder und Jugendliche vom Bildungssys-
In Florianopolis war die Drehkreuz-Revolte so tem ausgeschlossen, weil sie kein Geld für den
erfolgreich, dass die privaten Busunternehmen Bus haben. Insgesamt können laut dem Instituto
(eines davon gehörte dem Bürgermeister) die de Pesquisa Econômica Aplicada 37 Millionen
Fahrpreiserhöhungen zurücknehmen mussten. BrasilianerInnen den eigentlich benötigten ÖPNV
Die Bevölkerung hatte die Stadt tagelang mit nicht regelmäßig nutzen, weil sie ihn nicht bezah-
Demonstrationen blockiert und Bustüren gewalt- len können. Bei den Kosten für die Befriedigung
sam geöffnet, um umsonst zu mitzufahren. von Grundbedürfnissen steht Mobilität bereits an
Die Erfolge der Nulltarif-Bewegung sind zweiter Stelle, nach Wohnen und vor Ernährung.
beeindruckend: Allein in der Hauptstadt Brasilia Rafael Xavier Pacchiega, Aktivist der MPL
können 120.000 SchülerInnen und Studierende in São Paulo, sieht die Zukunft der Bewegung
kostenlos zur Schule und Uni fahren. Auch im im weiteren Zusammenführen der Kämpfe um
gesamten Bundesstaat Rio de Janeiro, in Cuiabá Mobilität, Wohnen, Gesundheit und allgemeine
(der Landeshauptstadt von Mato Grosso) und Bildung. Die MPL machte in den letzten Jahren
in weiteren vier Städten in Mato Grosso do Sul die Erfahrung, dass die Kampagne für den
sind Umsonst-Tickets für SchülerInnen und Nulltarif immer dann am stärksten war, wenn sie

24 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


verknüpft war mit den Kämpfen um verbesserten kostenlose Mahlzeit in der Schule ebenso wie
Zugang zu den öffentlichen Schulen, um Infra- bezahlbarer SchülerInnentransport. Die Akti-
struktur in den Favelas und um Gesundheitsstati- vistInnen drehen Videos, verteilen Flugblätter,
onen in der Peripherie der Städte. Deshalb treten diskutieren mit den Leuten auf Stadtteilversamm-
die AktivistInnen des MPL an die SchülerInnen, lungen und gehen zusammen mit ihnen auf die
Eltern und unterbezahlten LehrerInnen der Straße.
öffentlichen Schulen in den ärmeren Stadtvier-
teln heran, um gemeinsame Aktionen für bessere
Bildungschancen zu initiieren. Dazu gehören eine Dieser Artikel erscheint auch in der Zeitschrift
verlässliche Bezahlung der LehrerInnen und eine iz3w (Freiburg), Nr. 322, Januar/Februar 2011.

Rafael Xavier Pacchiega

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 25


„„„ „„„Links anklicken und abbiegen
Hamburg, Dezember 2010 Frankfurt, März 2010
Das Avanti-Projekt undogmatische Linke, Attac, „Unbekannte hatten Anfang der Woche in mehreren
Bildungsgemeinschaft SALZ und Gruppen des Stationen Flugblätter ausgelegt, die zumindest
Klimaplenums werben für ein breites Hamburger auf den ersten Blick aussehen wie eine offizielle
Bündnis für einen Gratis-HVV. Auf einer ganztägigen Information der VGF. Bus- und Bahnfahren sei
Aktionskonferenz „HVV umsonst“ diskutierten sie von nun an kostenlos, heißt es darin, niemand
Ideen und Ziele und entwickelten einen Fahrplan für werde mehr kontrolliert. Finanziert werde die
Aktionen. Verkehrsgesellschaft fortan von „Sponsoren aus
http://hvvumsonst.blogsport.de/ dem Bankensektor“. Das sei auch nötig, schließlich
könnten sich etwa HartzIV-Empfänger kein Ticket
mehr leisten, schreiben die Verfasser der Flugblätter
Berlin, November 2010 weiter. Und überhaupt führen viel zu viele Menschen
Ein öffentliches Hearing mit Umweltschutz-, mit dem Auto....“
Obdachlosen-, Anti-Hartz- und dem unabhängig http://www.fr-online.de/top_news/2458961_
links(-radikalen) Spektrum. Auftakt-Aktion zum Aprilscherz-im-Maerz-VGF-gratis.html
globalen Climate Justice Action Day am 12.10.2010.
www.berlin-faehrt-frei.de
Bremen, Mai 2009
Bereits im September gab es im Rahmen des Bereits im Vorfeld hatte der Bremer Umsonstfahrtag
bundesweiten Aktionstags „Wir zahlen nicht für Eure hohe Wellen in der lokalen Presse geschlagen
Krise“ unter dem Motto „Klimagerechte Mobilität für (http://de.indymedia.org/2009/05/250574.shtml).
Alle!“ die Umsonst-Fahr-Aktion „Wir bringen euch Entsprechend groß war auch am Umsonstfahrtag
hin!“ im öffentlichen Nahverkehr. das Medienecho - ein TV-Nachrichten-Team
http://www.gegenstromberlin.net/2009/09/16 von Radio Bremen begleitete sogar eine
Umsonstfahrgruppe in der Bahn. Nur die linke Szene
hat (einmal mehr) die politische Brisanz praktischer
Freiburg, Februar 2010 Aneignungsperspektiven völlig unterschätzt: Sie war
„Gut 45 Leute sind am Samstag, den 27. Februar gerade mal mit 100 Leuten in Bussen und Bahnen
2010 in Freiburgs Straßenbahnen schwarz gefahren am Start.
für das Sozialticket. Wir haben gemeinsam gezeigt, http://de.indymedia.org/2009/05/250697.shtml
dass wir entschlossen sind, unsere Ziele zu erreichen,
uns durch Hinweise auf angeblich kriminelles
Handeln nicht abbringen lassen von dem, was wir Köln, Dezember 2008
für dringend nötig halten: wir wollen das Recht Aktion „Zahltag! Tag 3 – Alles für alle und zwar
auf Mobilität durchsetzen für alle Menschen in umsonst! - Nee, Nee, Nee – keine/r mag die KVB!“
unserer Stadt und in der ganzen Region. Die - fast Im Rahmen der Aktion Zahltag XXL haben sich die
ausschließlich - positiven Reaktionen der anderen AktivistInnen die Kölner Verkehrsbetriebe (kurz KVB)
Fahrgäste machen Mut, die Unterstützung durch ausgesucht um auf soziale Ausgrenzungs-Praxen,
andere Gruppen auch, und es ist bemerkenswert, Kriminalisierungen und Kontrollwahn aufmerksam
dass sozusagen eine qualifizierte 2/3 Mehrheit zu machen. Sie bestiegen die Bahnen der KVB ohne
der OB-Kandidaten sich öffentlich klar für dieses zu bezahlen und fingen an Flugblätter zu verteilen,
Sozialticket ausgesprochen haben, einer davon fuhr in denen auf die Zumutungen der KVB aufmerksam
aktiv schwarz mit!“ gemacht wurde. Zudem erfolgte bei jedem Betreten
http://www.runder-tisch-freiburg.de/search/label/ eine kurze Erklärung an die Fahrgäste, dass dies
Sozialticket gerade eine „Umsonst-Fahraktion“ darstellt.
http://www.badische-zeitung.de/freiburg/ http://de.indymedia.org/2008/12/234684.shtml
kein-freibrief-fuer-einen-illegalen-protest

26 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


Andere Initiativen und Umsonstfahraktionen

Bayern Schottland
Auch ein CSU-Landrat fordert den Nulltarif im ÖPNV Ein sehr nettes Video der Scottish Socialist Party zu
http://www.mainpost.de/lokales/wuerzburg/ Free Public Transport:
BN-Verkehrsentlastung-durch-kostenlosen- http://www.youtube.com/watch?v=qD-hAuCBDLA
OePNV;art736,5326468

Ähnliche Aktionsideen
Umsonstfahrstädte weltweit Der Ubahnblitzer: das bislang einzige
http://www.freepublictransports.com/Cities Frühwarnsystem vor Kontrolleuren. Ähnlich der
Hier gibt es Links zu folgenden Städten Radiowarnungen vor Geschwindigkeitsblitzern am
Belgien: Hasselt Straßenrand.
England: Rotherham, Sheffield http://www.ublitzer.de/
Schweden: Jokkmokk , Övertårneå http://jungle-world.com/artikel/2010/34/41600.html
China: Changing, Changzhi County
Frankreich: Aubagne, Colomiers
Kroatien: Zagreb Schwarzfahr-Versicherung
Italien: Troia In einigen Städten, z.B. in Stockholm, Paris und
USA: Baltimore, Cache Valley, Chapel Hill, Hanover, Wien, gab oder gibt es Schwarzfahr-Versicherungen.
Park City, Watauga County, West Memphis, Whidbey http://www.stadtbekannt.at/de/wien/debatte/
Island schwarzfahrerversicherung.html
http://de.indymedia.org/2008/08/225737.shtml
Siehe auch: (Stockholm)
www.freepublictransit.org http://www.who-owns-the-world.org/2010/05/10/
Zur Free Rail Zone in Portland (USA): http://
en.wikipedia.org/wiki/Free_Rail_Zone
Interessante Web-Links zum Thema
Wikipedia:
Umsonstfahrinitiativen weltweit Recht auf Mobilität
Hier sind über 25 Initiativen aus Österreich, Schwarzfahrerversicherung
Frankreich, Schottland, Spanien, Weißrussland, http://www.who-owns-the-world.org/tag/mobility/
Deutschland, Brasilien, Neuseeland, Schweden,
Philippinen, Kanada und USA, England, Finnland,
Polen und Russland gelistet! Studien
http://www.freepublictransports.com/Organizations Nulltarifstudie Trier: http://berlin-faehrt-frei.de/
Texte/Nulltarif_Trier_Seydewitz_Tyrell.pdf
Studie zu Templin: http://berlin-faehrt-frei.de/Texte/
Schweden Templin_kostenfreier_OePNV.pdf
In Schweden gibt es ein Netzwerk (www.planka. Wirkungsanalyse des Nulltarifs im ÖPNV am Beispiel
nu/international/auf-deutsch), das Aktionen für der Stadt Darmstadt: http://berlin-faehrt-frei.de/
steuerfinanzierten Öffentlichen Verkehr macht. Texte/darmstaedter_studie_20seiten.pdf
Ein Bericht darüber ist zu finden in einer
Dokumentation zum Europäischen Sozialforum
2008 („From Thoughts to Action“) in dem Text
„Class, climate change and commons“ (auf Seite
4 des pdf-Dokuments: http://anarkisterna.com/
from-thoughts-to-action).

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 27


Hintergründe
Teil
3

„Gegen das Ende von Politik


Der Ausbau der sozialen Infrastruktur als Sozialpolitik von unten /
von Joachim Hirsch (Frankfurt)

Meine Überlegungen sind nicht realpoli- hinaus zu blicken und gesellschaftliche Möglich-
tisch dem Sinne, dass unmittelbar umsetzbare keiten zu erkennen. Dabei wird deutlich, dass
Politikkonzepte vorgestellt werden. Es geht nicht die heutige Organisation der Gesellschaft in
um Politikberatung. Realistisch sind sie aber eklatantem Gegensatz zu ihren technischen und
insofern, als von den tatsächlich vorhandenen menschlichen Möglichkeiten steht. Eine andere
Möglichkeiten der Gesellschaft ausgegangen Welt, d.h. andere Formen der Vergesellschaftung
wird und von ihren normativen Grundsätzen, und des gesellschaftlichen Zusammenlebens,
nämlich dass die Würde des Menschen oberstes sind nicht nur denkbar, sondern möglich.
Ziel ist. Allmählich wird die Einsicht deutlicher, dass
Das allgemeine Bewusstsein ist heute von die existierende Gesellschaft kaum zukunftsfähig
der Vorstellung geprägt, dass die bestehenden ist. Es werden also auf jeden Fall grundlegende
Verhältnisse – eben die des neoliberalen Kapi- Veränderungen notwendig sein. Die Frage ist nur,
talismus – im Grunde alternativlos sind und nur in welcher Richtung und mit welchen Zielen. Es
besser oder schlechter verwaltet werden können. geht um die Alternative zwischen mehr Demo-
Sachzwang-Argumentationen dieser Art bedeu- kratie und Selbstbestimmung oder dem weiteren
ten das Ende von Politik. Ausbau des autoritären Staates.
Dagegen besteht wirkliches politisches Den- Die mit Globalisierung und Deregulierung
ken darin, über den Tellerrand des Bestehenden bezeichnete neoliberale Restrukturierungspolitik

28 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


hat zu einer tiefgreifenden ökonomischen und
gesellschaftlichen Krise geführt. Mit ihr verbun-
den ist eine Privatisierungswelle, die dem Kapital
nach der Krise der 1970er Jahre neue Anlage-
und Profitmöglichkeiten erschließen sollte.
Dies bedeutete eine weitere Welle der inneren
Landnahme durch das Kapital, die David Harvey
als „Akkumulation durch Enteignung“ bezeichnet.
Ziel dieser Politik ist, bisher öffentliche, d.h.
frei oder kostengünstig verfügbare Güter und
Dienste in Privateigentum zu überführen. Damit
werden sie in der Regel schlechter und teurer.
Das reicht von der Privatisierung der sozialen
Sicherung bis hin zur Ökonomisierung des
Bildungswesens.
Die gesellschaftlichen Beziehungen haben
sich durch die Privatisierungs- und Deregulie-
rungspolitik tiefgreifend verändert. Sie sind in
hohem Maße kommodifiziert (warenförmig Der traditionelle Sozialstaat scheint daher kaum
gemacht) und ökonomisiert, d.h. den Gesetzen mehr eine Zukunft zu haben, zumal er auch ein
von Konkurrenz und Markt unterworfen worden. kontrollierendes, disziplinierendes und ausgren-
Das hat sich auch im allgemeinen Bewusstsein zendes System darstellt, nicht zuletzt in Bezug auf
niedergeschlagen. Werte wie Gleichheit, Solida- die Geschlechterverhältnisse.
rität oder gesellschaftliche Verantwortung sind Ein wachsender Teil der gesellschaftlichen
heute sozusagen ziemlich uncool. Arbeit wird für die Kompensation der Schäden
Die Realität ist: Selbst wenn das Sozial- verwandt, die der herrschende Modus von
produkt wächst, steigt gleichzeitig die Zahl Produktion und Konsum verursacht. Während
der Armen. Sozialleistungen werden gekappt, der private Warenkonsum mit allen Mitteln
Renten gekürzt und die öffentlichen Haushalte gefördert wird, herrscht ein eklatanter Mangel
auf Sparkurs gebracht. Dies trifft nicht zuletzt an Gütern und Dienstleistungen, die kollektiv
die Versorgung mit öffentlichen Gütern. Trotz und öffentlich besser und billiger erzeugt werden
Massenarbeitslosigkeit werden die Arbeitszeiten können. Privater Reichtum (wenn auch höchst
verlängert. Die Prekarisierung der Arbeitsver- ungleich verteilt) und öffentliche Armut sind ein
hältnisse schreitet voran. Ein wachsender Teil der grundlegendes Kennzeichen der bestehenden
Bevölkerung kann vom Lohneinkommen nicht Gesellschaft.
leben. Durch Rationalisierung werden für die Zweitens hat die gesellschaftliche Arbeits-
Produktion immer weniger Menschen gebraucht teilung einen Grad von Komplexität erreicht,
und gleichzeitig sind immer mehr damit beschäf- der es immer schwerer macht, das Einkommen
tigt, Produkte zu entwickeln und den Leuten individuellen Arbeitsleistungen zuzurechnen.
anzudrehen, deren Nutzwert fraglich, wenn nicht Hochbezahlte „Leistungsträger“ können nur
negativ ist. Man könnte die Liste noch erheblich funktionieren, weil sie Güter und Dienste in
verlängern. Jedenfalls wird die absolute Irrationa- Anspruch nehmen, deren Erzeugung miserabel
lität des bestehenden Wirtschaftssystems immer bezahlt wird. Das reicht von Fast Food bis zu den
offensichtlicher. Betrachtet man den gesellschaft- diversen Haushalts- und Pflegediensten. Infol-
lichen Produktions- und Arbeitsprozess, dann gedessen sind die bestehenden Einkommens-
wird zweierlei deutlich: unterschiede sachlich kaum zu rechtfertigen. Sie
Erstens ist zumindest in den entwickelten werden nur durch ein komplexes System von
Teilen der kapitalistischen Welt ein Maß an Pro- Ungleichheiten und Ausgrenzungen aufrecht
duktivität erreicht worden, das die zur Erzeugung erhalten, z.B. im Bildungsbereich oder durch das
der notwendigen Güter und Dienste erforderliche Geschlechterverhältnis.
Arbeit erheblich vermindert hat. Dies macht Anders gesagt: Wenn es heute um eine
es möglich, den herrschenden Arbeitszwang emanzipative Veränderung der Gesellschaft geht,
zu lockern und Raum zu schaffen für selbstbe- die den existierenden Möglichkeiten und Bedürf-
stimmte und gesellschaftlich sinnvolle Tätigkei- nissen gerecht wird, muss die Organisation der
ten. Die Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse gesellschaftlichen Arbeit im Zentrum stehen. Und
stellt die Bindung kollektiver sozialer Sicherun- in Verbindung damit das Verhältnis von privatem
gen an das Lohnverhältnis grundsätzlich in Frage. und öffentlichem Konsum. Was als öffentliche

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 29


Güter bezeichnet wird, ist zu einem zentralen einer Höhe verbunden werden, die nicht nur das
Konfliktbereich geworden. Es geht heute vor Existenzminimum abdeckt, sondern Persönlich-
allem um eine Entkommodifizierung, d.h. um die keitsentfaltung und gesellschaftliche Teilhabe
Schaffung gesellschaftlicher Beziehungen, die ermöglicht. Dieses Grundeinkommen könnte
nicht über Ware und Geld vermittelt sind. Die von an die Stelle der diversen Sozialversicherungen
der neoliberalen Politik auf die Spitze getriebene treten, deren Grundlage durch die Veränderung
marktförmige Vergesellschaftungsweise muss der Arbeitsverhältnisse immer stärker erodiert.
in wichtigen Bereichen zurückgenommen und Das Grundeinkommen ist zwar ein wichtiger
durch eine sozialere und solidarischere ersetzt Punkt, ändert für sich genommen zunächst
werden. D.h. universelle Rechte und die Befrie- einmal aber nichts an der Geld- und Warenför-
digung kollektiver Bedürfnisse müssen Vorrang migkeit der sozialen Beziehungen. Deshalb kön-
erhalten. Dass dies innerhalb kapitalistischer nen sich auch Neoliberale mit diesem Konzept
Verhältnisse geschehen soll, macht die Sache anfreunden – allerdings unter außerordentlich
schwierig, aber nicht aussichtslos. Die Geschichte restriktiven Bedingungen, die den Arbeitszwang
des Kapitalismus ist von Anfang an von solchen aufrecht erhalten sollen. Eben diesen gilt es zu
Kämpfen durchzogen. lockern. Je besser die soziale Infrastruktur ausge-
baut ist, desto geringer könnte ein allgemeines
Grundeinkommen sein. Die Einrichtungen der
Soziale Infrastruktur sozialen Infrastruktur wären so weit als möglich
dezentral zu organisieren, so dass sie von den
Dies ist der Hintergrund unserer Überle- Beteiligten unmittelbar und demokratisch und
gungen zur Sozialen Infrastruktur bzw. zu einem ihren Bedürfnissen gemäß gestaltet werden
Ausbau derselben. Der Begriff Infrastruktur können.
stammt aus der Wirtschaftstheorie und bezeich- Finanziert werden müssen die soziale Infra-
net die produktionsnotwendigen Einrichtungen, struktur und das Grundeinkommen aus allgemei-
die dem Kapital durch die Allgemeinheit kos- nen Steuermitteln. Das, was allen zur Verfgung
tenlos zur Verfügung gestellt werden und ohne steht, sollte auch von allen finanziert werden
die es sich nicht verwerten könnte, also z.B. das – allerdings nach Maßgabe der Leistungskraft.
Verkehrs-, Rechts- und Ausbildungssystem. Auch Das würde eine deutliche Erhöhung der Einkom-
die Menschen brauchen zum Erhalt ihres Lebens mens- und Unternehmenssteuern erfordern, die
eine solche Infrastruktur. Von ihrer Qualität hängt Wiedereinführung der Vermögenssteuer und evtl.
ab, was ein lebenswertes und würdiges Leben auch die Erhöhung der Steuern auf (umwelt-)
ausmacht. gefährliche oder sinnlose Produkte. Gleichzeitig
Wir ziehen diesen (wenn auch etwas würde der Ausbau der sozialen Infrastruktur
sperrigen) Begriff dem Begriff der öffentlichen erhebliche Ersparnisse bringen, z.B. durch den
Güter vor. Was als öffentliches Gut bezeichnet Verzicht auf disziplinierende Sozialbürokratien
wird, ist nicht natürlich vorgegeben, sondern oder durch eine dringend notwendige Reform
war immer umkämpft und wurde historisch sehr des Gesundheitswesens.
unterschiedlich definiert. Z.B. hat Umweltminister
Röttgen kürzlich selbst die Finanzmärkte als
öffentliches Gut bezeichnet. Das ist ja auch Beispiel Gesundheitswesen
nicht ganz falsch, wenn der Wert der Ersparnisse
oder die Sicherheit der Arbeitsplätze von ihnen Ich kann dies am Beispiel des Gesundheits-
abhängt. Der Begriff soziale Infrastruktur ist wesens einschließlich der Pflege etwas verdeutli-
konkreter. chen. In diesem Bereich werden aktuell die Kom-
Soziale Infrastruktur stellt für alle in zent- merzialisierung und Privatisierung besonders
ralen Lebensbereichen die notwendigen Güter deutlich vorangetrieben. Seine Eigenheit besteht
und Dienstleistungen zur Verfügung. Kostenlos in einem erheblichen Ungleichgewicht zwischen
oder kostengünstig. Über ein gewisses Minimum Anbietern und Experten einerseits und den
davon muss jede Gesellschaft verfügen. Heute Betroffenen andererseits. Das Gesundheitswesen
gilt es gilt es aus den angegebenen Gründen wird von einem Angebotskartell der Pharma- und
jedoch, sie umfassend auszubauen. Das betrifft Geräteindustrie und der mit ihnen kooperieren-
vor allem die Bereiche Bildung und Ausbildung, den Ärzte beherrscht, was erheblich zu seinen
Wohnen, Kultur, Verkehr und Gesundheit. immensen Kosten beiträgt.
Der Ausbau dieser sozialen Infrastruktur Veränderungen müssten hier auf meh-
müsste mit der Einführung eines allgemeinen reren Ebenen einsetzen. Auf zentraler Ebene
und bedingungslosen Grundeinkommens in ist eine öffentliche Kontrolle der Pharma- und

30 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


Gerätehersteller, die Einschränkung der Patentier- auf die Debatten zu einem Weltgesundheits-
barkeit von Medikamenten sowie die Erstellung fonds, der allen Menschen den Zugang zu einer
von Positivlisten notwendig. Entscheidend wäre medizinischen Grundversorgung ermöglichen
die Einrichtung von lokalen bzw. regionalen soll. Es gibt entsprechende Initiativen auch in der
Gesundheitszentren, bei denen das ärztliche kapitalistischen Peripherie, z.B. in Bangladesh,
und das Pflegepersonal angestellt ist. Einzel- Guatemala und Venezuela. Von diesen ist einiges
Abrechnungen würden sich dadurch erübrigen. zu lernen.
Im Gegensatz zu den vereinzelten Arztpraxen,
die notwendigerweise unternehmerisch tätig
sind und so zu Außenposten der Industrie und Was tun?
der Verwaltungen werden, können dort eher
die Bedingungen für eine sachliche Arbeit Überlegungen dieser Art können leicht als
geschaffen werden. Das betrifft die Kooperation utopisch abgetan werden. Aber wie gesagt: ohne
zwischen verschiedenen Fachrichtungen, die Utopie keine gesellschaftsverändernde Politik.
Ausnutzung des Maschinenparks, die Verbindung Dabei ist der Anspruch eigentlich eher noch
von Therapie und Pflege, die Koordination mit bescheiden: Es geht zunächst einmal um Verän-
örtlichen sozialen Diensten u.v.a.m. Die Finanzie- derungen innerhalb des Kapitalismus. Allerdings
rung müsste durch Steuermittel erfolgen. ist es auch eine historische Erfahrung, dass der
Lokale oder regionale Gesundheitszentren Kapitalismus je nach den bestehenden Kräfte-
– die es im Übrigen in einigen anderen Ländern verhältnissen sehr unterschiedliche Gestalten
bereits gibt – sind nicht nur eine Voraussetzung angenommen hat.
für eine Versachlichung der Gesundheitsfür- und Die vorgestellten Überlegungen gehen
vorsorge, sondern auch für eine demokratische jedoch über bloßen Reformismus hinaus. Denn
Beteiligung der Betroffenen. D.h. an ihrer Verwal- sie zielen auf die Grundlagen der kapitalistischen
tung sollten nicht nur unabhängige Experten, Gesellschaft. Damit könnte eine Dynamik in Gang
sondern auch VertreterInnen der Bevölkerung gesetzt werden, die auf eine grundsätzlichere
bzw. der lokalen und regionalen politischen Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse
Einheiten beteiligt sein. Dies ist eine wesentliche zielt.
Voraussetzung dafür, dass medizinische und Zu dieser Dynamik gehört auch, dass sich
pflegerische Bedürfnisse wirksam artikuliert, eine das gesellschaftliche Bewusstsein davon verän-
diesen angemessene Planung durchgeführt und dert, was gesellschaftlich sinnvoll und vernünftig
die Versorgung als Teil einer umfassenden, vor ist, wie das Zusammenleben organisiert sein soll
allem auch präventiv orientierten Gemeinwesen- und was ein gutes Leben ist. Deshalb ist es wich-
arbeit organisiert werden kann. Das nicht zuletzt tig, die Debatte über alternative gesellschaftliche
unter dem Gesichtspunkt, dass Gesundheit nicht Modelle voranzutreiben. Gesellschaftliche Ver-
nur eine medizinische Frage, sondern auch eine änderung ist immer eine Frage der Hegemonie,
der sozialen Umwelt- und Lebensbedingungen d.h. der herrschenden Vorstellungen von der
ist. Eine ausführlichere Darstellung dieser Gestalt und der Entwicklung der Gesellschaft.
Überlegungen lässt sich im Internet unter www. Dieser Kampf ist unter den Bedingungen einer
links-netz.de finden. zunehmenden Eindimensionalität von zentraler
Im Übrigen sind derartige Überlegungen Bedeutung. Die Tatsache, dass die Irrationalität
nicht neu, sondern bereits vielfach vorgestellt und Krisenhaftigkeit der bestehenden Verhält-
und in anderen Ländern z.T. auch realisiert. nisse immer deutlicher zutage tritt, bietet dafür
An den dabei gemachten Erfahrungen kann auch Chancen. Es kommt darauf an, konkrete
angeknüpft werden. Grundlegend ist dabei die Wege der Veränderung deutlich zu machen.
Erkenntnis, dass das hierzulande bestehende
Gesundheitssystem eine ziemlich irrationale Ein-
richtung ist, die ihre Existenz vor allem mächtigen
gesellschaftlichen Interessen verdankt, bei denen
das Menschenrecht auf Gesundheit bestenfalls Joachim Hirsch ist emeritierter Professor der
eine nachgeordnete Rolle spielt. Zu erinnern ist Politikwissenschaft an der Uni Frankfurt. Er hat
an die Bismarcksche Sozialgesetzgebung, die zahlreiche Bücher veröffentlicht (u.a. „Vom Sicher-
nicht zuletzt das Ziel hatte, selbstverwaltete heitsstaat zum nationalen Wettbewerbsstaat“,
soziale Einrichtungen zu zerstören. 1998) und ist Mitglied der Gruppe Links-Netz
Überlegungen dieser Art müssen sich im (www.links-netz.de). Auf Einladung der Gruppe
Übrigen nicht auf den nationalen Rahmen entwi- ZAK3 hielt er am 15. September 2010 im Reutlin-
ckelter Gesellschaften beschränken. Ich verweise ger Kulturzentrum franz.K diesen Vortrag.

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 31


„„„ „„„Selbstverständlich frei
Das Thema Mobilität
beim Ausbau der sozialen Infrastruktur / von ZAK3

Mobilität ist eine Grundlage für die Konsumbeschleuniger. Die Dominanz des Autos
Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Mobilität ist Ausdruck von Leistungszwang, Konkurrenz
bedeutet den Zugang zu sozialen Kontakten, und Aggressivität. Technische, ökologische und
Erwerbstätigkeit, Konsumgelegenheiten, kom- soziale Vernunft werden dem untergeordnet. Der
munalen Dienstleistungen und Kultur. Mobilität Autoverkehr trägt viel zur Klimaerwärmung und
ist ein Grundbedürfnis. ihren Folgen bei, seine weitere Ausweitung auf
Aber Mobilität wird auch erzwungen. Das Indien, China etc. würde die Klimakatastrophe
Funktionieren der kapitalistischen Arbeitswelt unvermeidbar machen. Allein deshalb müssen
setzt die räumliche Flexibilität der Arbeitskraft Alternativen zum herrschenden Mobilitäts-
voraus und fordert sie immer stärker ein. Deswe- Modell umgesetzt werden.
gen subventioniert der Staat die Mobilität von
Erwerbstätigen. Die realen (Folge-)Kosten werden
auf die Allgemeinheit umgelegt. Die Allgemeinheit zahlt für die Folgen
Dabei dominiert heute der Autoverkehr als
konsumintensivste und profitabelste Form der Zur Zeit besteht die gängige Antwort auf
Realisierung von Mobilität. Das war nicht immer die Krise darin, ökologische Kosten auf die Allge-
so. Aber die Auto- und Ölindustrie hat in den meinheit abzuwälzen bzw. innerhalb der Kon-
letzten 80 Jahren ihre Interessen nahezu weltweit sumlogik technische Lösungen anzubieten oder
durchgesetzt. Dadurch wurde und wird der sozial sogar vorzuschreiben. Vorschläge beispielsweise
und ökologisch angemessenere Bus- und Schie- zur Elektromobilität sollen das jetzige individuali-
nenverkehr zurückgedrängt. Die Autogesellschaft sierte Mobilitäts-Modell auch in der ökologischen
wurde zum Standardmodell mit den bekannten Krise erhalten.
destruktiven Folgen. Die Folge: Mobilität wird zum einen
Das private Auto gilt als Ausdruck per- verteuert, zum anderen eingeschränkt, z.B.
sönlicher Freiheit, Statussymbol, Spaßfaktor, durch die „Umweltzonen“. Dies benachteiligt
Grundlage für Erwerbstätigkeit und wichtiger jedoch ökonomisch schwache Gruppen, die sich

32 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


topmoderne Autos oder erhöhte Fahrpreise nicht Grundrecht auf Mobilität zu garantieren, wird es
leisten können. nicht ohne den Staat bzw. die öffentliche Hand
Das herrschende Bewusstsein akzeptiert, gehen.
dass immer neue Verkehrs-Investitionen vor Trotzdem wird es nicht ausreichen, einfach
allem in den Straßenbau notwendig sind für den kommunalen Verkehrsgesellschaften mehr
den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Steuergelder zu geben, damit sie den Nulltarif
Fortschritt – ungeachtet aller sozialen und öko- finanzieren und neue Busse oder Straßenbahnen
logischen Folgekosten. Aufgabe der öffentlichen kaufen können – und ansonsten alle Abläufe
Hand ist es aus dieser Sicht, private Unternehmen unverändert zu lassen. Eine allgemein zugäng-
dafür zu bezahlen, dass sie Verkehrsinfrastruktur liche und ökologische Form der Mobilität wird
bereit stellen. Diese Infrastruktur wiederum soll auch neue Formen der gesellschaftlichen Pla-
vorrangig dafür sorgen, privatwirtschaftliche nung erfordern. Wie das funktionieren kann, wird
Prozesse zu ermöglichen. Im Mittelpunkt dieser erst die Praxis zeigen. Wir werden viel ausprobie-
Logik stehen Bewegungen von Arbeitskräften ren und noch aus vielen Fehlern lernen müssen.
und Konsumenten statt Teilhabe am gesell- Wie Joachim Hirschs „Sozialpolitik von
schaftlichen Leben. Wirtschaftsstandorte statt unten“ ist auch „TüBus umsonst!“ schon unter
Lebensräume. kapitalistischen Verhältnissen realisierbar. Inso-
Das Zurückdrängen des Autoverkehrs bei fern ist es ein realpolitisches Projekt. Es zielt aber
gleichzeitigem Ausbau des öffentlichen Nahver- auch auf neue Formen der Vergesellschaftung.
kehrs würde mehr Lebensqualität durch weniger Damit ist die Kampagne Teil emanzipatorischer
Platzbedarf, Unfälle, Staus, Abgase, Staub und Gesellschaftsveränderung.
Lärm ergeben. Wirtschaftlich würde eine längst Einer Kampagne wie „TüBus umsonst“ wird
fällige und wünschenswerte Konversion der weit häufig entgegengehalten, dass ein solches Vor-
verzweigten Autoindustrie eingeleitet. Und der haben zwar wünschenswert sein mag, aber nicht
verbleibende Autoverkehr würde humanisiert: realisierbar sei. So begnügt sich beispielsweise
langsamer und sicherer. Das wäre ein weit wirk- der Tübinger Gemeinderat mit dem ohnmächti-
samerer Beitrag zum Klimaschutz als die sonst gen Verwalten von „Sparzwängen“ und bürokra-
dominierenden technischen Konzepte (Elektro- tischen Blockaden (etwa bei der Abrechnung mit
Autos etc.). dem regionalen Verkehrsverbund).
Entsprechenden öffentlichen Druck und
politischen Willen vorausgesetzt, sind diese
Neue Formen der Vergesellschaftung Schwierigkeiten aber prinzipiell überwindbar.
So gibt es bereits Beispiele für Kommunen
Ein Nulltarif würde den Waren-Charakter mit kostenlosem öffentlichem Nahverkehr, die
von Mobilität in Frage stellen. Sie würde Mobilität positive Erfahrungen vorweisen können. Einge-
als Grundbedürfnis anerkennen. Mobilität sollte fahrene Denkmuster beruhen auch auf unser aller
allen ohne Rücksicht auf sozialen Status, Erwerbs- Zustimmung bzw. passiven Akzeptanz. Kreative
tätigkeit, Einkommen und Staatsbürgerschaft zur Aktionen, die festgefahrene Vorstellungen in
Verfügung stehen. Die allgemeine Verfügbarkeit Bewegung bringen, verändern die öffentliche
von Mobilität würde allen eine Teilhabe am Wahrnehmung des Grundrechts auf Mobilität.
gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Weil Auch die Aneignung dieses Grundrechts durch
dies im Interesse der Allgemeinheit liegt, ist die organisiertes und öffentlich begleitetes Fahren
Mobilität grundsätzlich und umfassend aus Steu- ohne Fahrschein erzwingt eine Debatte über die
ermitteln zu finanzieren. Gestaltung von Mobilität.
Selbstverständlich gibt es auch andere Unsere Kampagne stellt die potentiell
Möglichkeiten, umweltverträglichere Formen der systemkritische Frage „Warum wird das eigentlich
Mobilität gemeinsam „von unten“ zu organisie- nicht längst gemacht? Wessen Interessen stehen
ren. Car-Sharing, Mitfahrzentralen, Leihfahrräder, dagegen?“ Damit wollen wir die Hegemonie der
Rote-Punkt-Aktionen und Schwarzfahr-Versiche- herrschenden Politik aufbrechen – nicht nur im
rungen können auf den Staat und auf die Stadt Bereich Mobilität.
verzichten – im Sinne von „Commons“ (Gemein-
gütern). Doch besteht dabei die Gefahr, dass die
Bedürfnisse derjenigen aus dem Blick geraten,
die eben nicht Auto bzw. Fahrrad fahren können,
sich keiner Community anschließen wollen oder
sich nicht erlauben können, beim Schwarzfah-
ren erwischt zu werden. Um das allgemeine

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 33


„„Das gute Leben für alle
Bedingungsloses Grundeinkommen, Gemeingüter
und kostenloser öffentlicher Nahverkehr / von Werner Rätz (Bonn)

In aller notwendigen Kürze muss eine gewünschten Ergebnis führt. Nicht nur stellt
Reflektion über unser Thema zwei Voraussetzun- Erwerbsarbeit im globalen Rahmen für Milliarden
gen sichtbar machen: Menschen kein Einkommen zur Verfügung
Erstens. In einer Gesellschaft, in der die – da könnte man noch argumentieren, dass
Einzelnen ihre Bedürfnisse zumindest sehr unmittelbare Zugänge zu Nahrung und anderen
weitgehend über Märkte befriedigen müssen, ist Versorgungsgütern die menschenrechtliche
ein Einkommen die unhintergehbare Bedingung Notwendigkeit abdecken. Vielmehr war selbst in
für jegliche Form der Teilhabe. Eine Marktgesell- den Hochzeiten des Sozialstaats und der Vollbe-
schaft, die Individuen ohne Einkommen lässt, schäftigung Erwerbsarbeit für viele Mitglieder
schließt sie von (vielen oder gar allen) Teilhabe- der Gesellschaft nicht gesichert. Vor allem Frauen,
Möglickeiten aus oder verweist sie auf Dritte, von aber auch beispielsweise Behinderte blieben
deren gutem Willen und materiellen Möglichkei- in Abhängigkeit von Ehemännern, Vätern oder
ten sie dann abhängig sind. Dies schafft nicht nur anderen. Heute haben immer weniger Men-
Zugangsprobleme zu notwendigen Gütern und schen einen (sicheren) Arbeitsplatz und immer
Dienstleistungen, sondern versetzt die Einzelnen weniger Arbeitsplätze sichern ein ausreichendes
in eine rechtlose Position. Ein solcher Zustand Einkommen.
ist aus menschenrechtlicher Sicht keinesfalls Herkömmliche Sozialhilfeprogramme
akzeptabel. Menschenrechtlich gesehen hat also können das Problem systematisch nicht lösen.
die Gesellschaft die Pflicht, dafür Sorge zu tragen, Sie folgen alle der Logik einer Bedarfsprüfung
dass jedes ihrer Mitglieder über ein Einkommen und sind mit Bedingungen verknüpft, üblicher-
verfügt, und zwar aus eigenem Recht, nicht in weise mindestens der nach Verfügbarkeit für
Abhängigkeit von Dritten. den Arbeitsmarkt. Das führt regelmäßig dazu,
In den kapitalistischen Industriegesell- dass Menschen, die auf ein Transfereinkommen
schaften soll diese Absicherung über die angewiesen sind, es nicht erhalten, sei es, weil
Integration in die Erwerbsarbeit erreicht werden. sie ihre Rechte nicht kennen, weil sie die mit den
Es ist offensichtlich, dass diese Form nicht zum Programmen verbundenen Diskriminierungen

34 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


vermeiden möchten oder weil die Transfers Teilhabe ermöglicht, dann gilt die Dynamik der
repressiv gehandhabt werden. Menschenrecht- ökologischen Zerstörung, oder der Ressourcen-
lichen Standards würde lediglich ein rechtlich verbrauch wird über hohe Preise gesenkt, dann
garantierter Anspruch auf eine bedingungslose sind Teilhabe-Ausschlüsse die notwendige Folge.
Zahlung an alle genügen. Das hat etwas mit der Marktlogik als solcher
zu tun. Märkte sind niemals neutrale Orte, wo
Zweitens. Teilhabe verlangt nicht nur ein alles möglich ist, sondern sie folgen einer inneren
Einkommen, sondern auch das tatsächliche, Ordnung. Im Kapitalismus ist dies die Ordnung
materielle Vorhandensein von Strukturen und der Kapitalvermehrung. Es wird auf kapitalisti-
Angeboten, die genutzt und wahrgenommen schen Märkten dauerhaft nur das geben, was
werden können. Das betrifft nicht nur die indivi- auch verkauft werden kann. Niemand investiert
duelle Versorgung mit Gütern und Dienstleistun- in die Produktion von irgendetwas, weil sie
gen, sondern auch vielfältige Voraussetzungen die konkreten Dinge (Häuser oder Panzer oder
an allgemeiner Infrastruktur, die gegeben sein Lebensmittel) so toll findet und riesige Mengen
müssen, damit die Dinge getan werden können, davon haben will, sondern um die Dinge zu
die gesellschaftlich notwendig sind. verkaufen und das eingesetzte Kapital mit einem
Sicherlich könnten sehr viele dieser Notwen- Zuschuss wieder herauszubekommen.
digkeiten so organisiert werden, dass sie jeweils Die Logik des kapitalistischen Marktes führt
auf den Märkten individuell zu kaufen wären. dazu, dass es dort nur das zu kaufen gibt, was
Am Beispiel der Mobilität kann man beobachten, zahlungskräftig nachgefragt wird, und nicht etwa
dass bei einer solchen Variante erheblich höhere das, was Leute noch so dringend benötigen,
Kapazitäten (in diesem Fall von privaten PKW) die über kein Geld verfügen. Die bleiben ausge-
vorgehalten werden müssen, als es rein zur schlossen. Und gleichzeitig führt sie dazu, dass all
zweckmäßigen Versorgung notwendig wäre. Ein das im Überfluss und jenseits aller Notwendigkeit
ausreichend hohes Einkommen vorausgesetzt, des Gebrauchs produziert wird, was irgendwer
wäre dies rein menschenrechtlich trotzdem nicht bezahlen könnte. Ein bedingungsloses Grundein-
zu beanstanden. kommen ändert an dieser Logik gar nichts. Wer
Das Menschenrechtskriterium reicht also eine Gesellschaft will, die menschenrechtliche
nicht aus, um zu einer gesellschaftlich rationalen Teilhabe und ökologische Verträglichkeit ver-
und umfassenden Form der Versorgung mit bindet, muss anderen Strukturen folgen als der
allem Notwendigen zu kommen. Ein Einkommen Marktlogik.
allein, auch ein bedingungslos als Recht an alle
gezahltes hohes Einkommen, führt in einer
Marktgesellschaft lediglich auf den Markt und Allgemeingüter und
lässt all dessen Irrationalitäten und Ungerechtig- öffentliche Infrastruktur
keiten bestehen. Verschärft wird dieses Problem
noch einmal durch die Tatsache der ökologischen Dazu ist es wichtig, nochmals an den ersten
Begrenztheit der Erde und ihrer Ressourcen, was oben gemachten Argumentationsschritt zu
hier aber nicht weiter diskutiert werden kann. erinnern. Nicht das Einkommen ist die men-
schenrechtlich begründete Forderung, sondern
die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und
Kapitalistische Ausschlüsse Reichtum. Die aber kann auch jenseits des Mark-
und Verschwendung tes gewährleistet werden. Es wurde schon darauf
hingewiesen, dass auch der eigene Zugang zu
Eine Gesellschaft, die die menschenrechtlich Überlebensmitteln und die Möglichkeit, sie selbst
gebotene Teilhabe über hohe Einkommen auf zu produzieren, Teilhabe sichern. Allerdings
dem Markt sicherstellen wollte, in der also jede würde das in den meisten Fällen zurück in eine
immer alles für sich selbst kaufen müsste, würde Gesellschaft der prekären Subsistenz weisen. Das
die Individuen dazu führen, dass jede immer kann kein emanzipatorisches Leitbild sein und
von allem soviel haben wollte, dass sie selbst auf wäre sicherlich auch nicht demokratisch unter
keinen Fall zu kurz kommt. Neben allen anderen breiter Beteiligung umsetzbar.
Widersprüchen müsste eine solche Gesellschaft Es wäre wichtig darüber nachzudenken, wie
vor allem Wachstum und ökologische Zerstörung denn selbstbestimmte und selbstgestaltete For-
absurd beschleunigen. Das Problem lässt sich men der Reproduktion und Produktion aussehen
auch nicht dadurch lösen, dass „Preise die ökolo- könnten, die sich auf der Höhe des technischen
gische Wahrheit sagen“, wie es oft formuliert wird. Fortschritts und eines umfassenden Versor-
Denn entweder haben alle ein Einkommen, das gungsniveaus bewegen würden. Die Debatte

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 35


um Allgemeingüter bietet hier eine Vielzahl Eine umfassende Durchsetzung eines solchen
interessanter Anknüpfungspunkte. 3-D-Drucker Konzepts würde große Teile des gesellschaft-
und andere technische Entwicklungen könnten lichen Reichtums in eine bedarfsorientierte
eine materielle Basis für völlig neue Möglichkei- Ökonomie lenken und den Kapitalkreisläufen
ten darstellen. Vieles in diesem Bereich ist offen zumindest teilweise entziehen. Damit hätte es
und schwer vorhersagbar und die Bewegung der auch eine deutliche Wirkung gegen die tatsächli-
Commons hat auch so manche eher esoterisch chen Ursachen der systemischen kapitalistischen
als zukunftsweisend anmutende Aspekte. Aber Krise.
sie hat einen unschätzbaren Vorteil: Sie bietet Aber so wie die Schwäche des Allgemein-
konkrete Projekte, an denen konkrete Gemein- güterdiskurses die Stärke des Infrastrukturkon-
schaften hier und jetzt anfangen können zu zeptes ist, so ist umgekehrt dessen Stärke seine
bauen. Schwäche: Gesellschaftliche Infrastruktur kann
Dieser Bezug auf Gemeinschaften ist man nicht einfach anfangen zu machen. Gesell-
gleichzeitig ihr Nachteil. Gemeinschaften sind schaftlichkeit muss immer allumfassend sein und
per definitionem Teilmengen von Gesellschaft. kann damit nur erkämpft werden. Ich möchte das
Was sie besitzen und benutzen, steht nicht allen insgesamt nicht als Nachteil gewertet sehen, im
und jeder zur Verfügung. Den Blick auf das Ganze Gegenteil. Zwar kann man mit Infrastruktur nicht
von Gesellschaft eröffnet die soziale Infrastruktur. einfach so beginnen, aber in einem Verständnis
Sie steht tatsächlich jeder zur Verfügung oder Globaler Sozialer Rechte gewinnen alle drei
kann dies zumindest grundsätzlich, wenn sie Elemente einen gemeinsamen Horizont.
barrierefrei organisiert wird. Es gibt auch keinerlei Menschenrechte gelten global und für alle.
Notwendigkeit, Infrastruktur auf das begrenzt zu Da kann niemand außen vor gedacht werden,
denken, was wir bisher darunter üblicherweise ohne die ganze Idee zu zerstören. Aber Trägerin-
verstehen, also öffentliche Verkehrswege und nen der Menschenrechte sind die Individuen, ihre
-mittel, Wasser- und Energieversorgung, kommu- globale Dimension besteht in der Addition jeder
nale Dienstleistungen, Gesundheitsversorgung, Einzelnen. In diesem Sinne ist es wichtig, dass
Bildung. Die genannten Beispiele sind aktuell genau die Individuen – in welcher Zusammen-
einem immensen Privatisierungsdruck ausgelie- setzung auch immer – damit anfangen können,
fert. Niemand weiß, ob und in welchem Umfang ihre Bedürfnisse zu verwirklichen, indem sie etwa
sie selbst in dem defizitären Zustand, in dem sie Allgemeingüter schaffen. Aber eine Addition
sich befinden, verteidigt werden können. Einzelner setzt neben allen Einschlüssen immer
Aber grundsätzlich ist eine Gesellschaft auch Ausschlüsse.
vorstellbar, in der all das an Voraussetzungen Dagegen adressiert „Sozial“ Gesellschaftlich-
öffentlich bereitgestellt wird, was erforderlich ist, keit schlechthin. Es geht nicht um bloße Interes-
damit das Notwendige und Sinnvolle getan wer- sen einer armen und unterprivilegierten Klientel,
den kann. Dazu gehören die komplette Mobilität, sondern darum, insgesamt eine Gesellschaft zu
Daseinsvorsorge im umfassenden Sinne, Wohnen denken, die aus anderen Quellen entsteht als
und vieles mehr als für die Benutzerinnen kos- dem faktischen Zwang zur Erwerbsarbeit zwecks
tenlose Infrastruktur. Probleme wie Ausschlüsse Erzielung eines Einkommens. Hier bleibt der
wegen Geld oder fehlender Aufenthaltserlaubnis Widerspruch zwischen Gerechtigkeit und Freiheit
gäbe es nicht mehr. außen vor, indem eine Gesellschaft aus freier
Übereinstimmung der in ihr Lebenden angezielt
wird. In diesem Sinne ist die umfassende Debatte
Globale soziale Rechte darüber, was das denn wäre, das gute Leben aller,
unumgänglich. Was wären denn die dafür not-
Ein solches Konzept wäre sozusagen ein wendigen Güter und Dienstleistungen, die also
nicht-monetäres Grundeinkommen, denn all die Not wenden? Und wie sollen sie produziert
das, was uns kostenlos zur Verfügung steht, werden? Damit sind die Macht- und die Eigen-
muss nicht mehr auf den Märkten eingekauft tumsfrage gestellt.
werden und verringert die Geldsumme, die zur Und schließlich geht es um Rechte. Die
Teilhabe erforderlich ist. Es könnte gleichzeitig Teilhabe an der Gesellschaft und ihrem Reichtum
als Einschränkung des kapitalistischen Wachs- soll einklagbar sein, sicher und durchsetzbar.
tumszwangs fungieren, da das Kriterium, nach Dazu bedarf es selbstverständlich einer recht-
dem produziert und Infrastruktur zur Verfügung lichen Kodifizierung. Aber wie wir alle wissen,
gestellt würde, nicht mehr darin bestünde, was kriegt man ein Recht noch lange nicht, nur weil
auf den Märkten verkaufbar ist, sondern darin, man es hat. Das Verständnis Globaler Sozialer
was die Menschen für ein gutes Leben brauchen. Rechte geht in diesem Sinne also weit über ein

36 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


Menschenrechtskonzept hinaus, als es gleich- Blick auf Gesellschaft eröffnet. Beide können
zeitig die Frage mit bedenkt, wie Rechte auch Gegenstand von Kämpfen sein. Und nicht zuletzt
tatsächlich angeeignet werden können. Damit ist würden beide, wären sie realisiert, alles einfacher
also die Frage der Kämpfe aufgerufen, ohne die machen, die Teilhabe einer jeden, eine andere
Rechte zwar nicht bedeutungslos, aber letztlich Gesellschaftlichkeit und den Kampf darum.
immer unsicher sind.

Was haben jetzt das bedingungslose


Grundeinkommen und der kostenlose öffentliche Werner Rätz ist in Attac aktiv (lange im bundes-
Nahverkehr hiermit und die beiden miteinander weiten Koordinierungskreis) und ist dort beson-
zu tun? Nun, beides sind Elemente Globaler ders mit sozialen Fragen beschäftigt. Er engagiert
Sozialer Rechte, sie sichern Teilhabe in bestimm- sich bei der Interventionistischen Linken und bei
ten Aspekten. Der kostenlose Nahverkehr der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn und
ermöglicht eine Kritik der Begrenztheit eines rein agitiert für ein bedingungsloses Grundeinkom-
menschenrechtlichen Verständnisses, während men. Im Rahmen der „TüBus Umsonst“-Kampagne
das Grundeinkommen den umfassenderen hielt er zwei Vorträge in Tübingen.

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 37


„Sozialtickets und mehr
Auseinandersetzungen um die sozialen Voraussetzungen von Mobilität /
von Corinna Genschel (Berlin)

Mobilität ist eine Grundbedingung dafür, Punkt Initiativen) stiegen die Fahrpreise jedoch
am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Wenn immer weiter.
ich mir keine Fahrkarte leisten kann, oder wenn In den 1970er Jahren entstanden die ersten
der Öffentliche Personen-Nahverkehr (ÖPNV) so Ideen von „Sozialtickets“: günstigere Fahrscheine
ausgedünnt ist, dass ich nicht vom Fleck komme, also für arme Menschen. Und tatsächlich führten
dann ist es nur schwer möglich, mich mit anderen einzelne Städte und Landkreise Sozialtickets
zu treffen, an Veranstaltungen teilzunehmen ein, zumeist für Sozialhilfe-Bezieher/innen. Nur
oder ganz alltägliche Dinge zu tun. Da Mobilität wenige konnten sich aber dauerhaft etablieren.
so zentral ist für das individuelle Wohlbefinden Andere wurden wieder abgeschafft oder von Jahr
und das gesellschaftliche Zusammenleben, zu Jahr teurer. Oft blieb nur noch die Erstattung
kämpfen soziale Bewegungen, linke Gruppen einzelner Fahrscheine für bestimmte Fahrten bei
und Einzelpersonen seit vielen Jahren für freie den Sozialhilfeämtern übrig.
oder zumindest bezahlbare Fortbewegung Mit den Hartz-Reformen von 2005 ver-
und gegen deren Einschränkungen, z.B. durch schlechterte sich die Lage derjenigen Menschen
Fahrpreiserhöhungen. dramatisch, die auf Sozialleistungen angewiesen
Die wohl bekannteste Aktion gegen Fahr- sind. Für Fahrkarten sind im Regelsatz von ALG-II
gelderhöhungen – die Rote Punkt Aktion - fand monatlich nur 11,04 Euro vorgesehen (Stand
im Juni 1969 in Hannover statt. Auszubildende, 2010). Angesichts der Tatsache, dass in vielen
Schüler/innen und Studierende protestierten Städten eine Monatskarte das Drei- bis Sechs-
gemeinsam gegen eine Erhöhung um zehn Pfen- fache kostet, wurde die Forderung nach einem
nig. Sie besetzten Straßenbahnen bzw. „boykot- Sozialticket lauter.
tierten“ sie. Viele klebten einen „Roten Punkt“ auf Sozialticket-Initiativen haben sich zwischen-
ihr Auto und boten damit kostenloses Mitfahren zeitlich in der gesamten Republik gegründet, oft
an – sozusagen ein alternatives Verkehrssystem. unter großem Zuspruch auch von Bürger/innen,
Trotz des damaligen Erfolgs in Hannover (so gab die nicht selber auf „Sozialtickets“ angewiesen
es auch in anderen Städten nachfolgend Rote sind. Die meisten Initiativen agieren auf lokaler

38 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


Ebene und richten ihre Forderungen an die Kom- Bündnispartner wie den DGB stärker. Gewerk-
munen. Manche Initiativen arbeiten aber auch schaften vor Ort betonen gleichzeitig oft, dass ein
auf regionaler und/oder Länderebene (z.B. Bran- Sozialticket nicht auf Kosten der Beschäftigten
denburg mit Erfolg; Sachsen in Arbeit). Die Zahl der Verkehrsbetriebe oder anderer kommunaler
der Initiativen ändert sich kontinuierlich. In der Einrichtungen gehen darf. Damit betten sie die
Übersicht „Sozialticket kommt in Fahrt“ von 2009 Auseinandersetzung um bezahlbare Mobilität
(Hg.: Bundestagsfraktion DIE LINKE) sind über 50 in einen größeren Rahmen gesellschaftlicher
Initiativen verzeichnet. Eine aktualisierte Über- Auseinandersetzungen ein.
sicht erscheint Anfang 2011 (siehe Anmerkung).

Vermeintliche Sachzwänge
Breite Bündnisse
Die engen fi nanziellen Spielräume der
Was macht den Zuwachs von Sozialticket- Kommunen, die immer wieder wie „naturgege-
Initiativen aus? Es ist zunächst die Not so ben“ von oben behauptet werden, sind in dieser
vieler Menschen, die konkrete Verbesserungen Auseinandersetzung gut als Verteilungsfragen
erfordert. Aber es ist mehr als die Not: Es gibt politisierbar. Zunächst scheint ja das Argument
ein konkretes fassbares Ziel, mit dem Armut der „leeren Kassen“ ein Totschlag-Argument zu
und sozialer Ausschluss thematisiert werden sein. Alle „wissen“: Es gibt keinen Spielraum. Es
können. Gruppen werden durch Erfolge anderer gibt aber jetzt neue Erfahrungen, dass solche
Initiativen ermuntert, Gleiches zu versuchen. Argumente nicht hingenommen werden müssen
Veränderungen lassen sich eben doch auch – leere kommunale Kassen sind keine Naturtat-
gegen all den politischen Stillstand erkämpfen. sache. So entschied auf Druck des Dortmunder
So wirkte beispielsweise die Durchsetzung des Bündnisses der dortige Rat 2007, dass das
Sozialtickets in Dortmund ab 2008 durch das Sozialticket mit den Gewinnen der Stadtwerke
dortige Bündnis wie eine Initialzündung für fi nanziert werden kann. Neue Töpfe wurden
viele neue Initiativen in NRW. Es entstanden die aufgetan, von denen man vorher nicht wusste,
ersten regionalen Bündnisse. Seit 2010 gibt es dass es sie gab.
für den Verkehrsverbund Ruhrgebiet/Rheinland
ein gemeinsames soziales Tarifsystem, allerdings
zu weitaus schlechteren Konditionen als sie
für Dortmund galten (die sich dort damit auch
verschlechterten).
Die hohe Zustimmung auch durch viele
„nicht betroff ene“ Leute deutet zudem darauf,
dass der Ausschluss von Mobilität (im Nahver-
kehr) off enkundig auf Kritik und Unverständnis
stößt. Oder positiv gesagt, Mobilität scheint für
viele als ein so selbstverständliches Gut, dass
davon niemand so richtig ausgeschlossen wer-
den darf.
So konnten an der Forderung nach
bezahlbarer Mobilität besser als bei vielen
Aus: Sitzungsprotokoll Deutscher Bundestag, 17. Wahlperiode,
anderen Themen, politische Bündnisse etabliert 64. Sitzung, Berlin, 6. Oktober 2010, S. 6736
werden, die auch für Menschen jenseits „linker“
Zusammenhänge und Gruppierungen attraktiv
waren. Breitere Bündnisse mit solch konkreten, Auch sollte man sich die Machbarkeits- und
vermittelbaren Anliegen wiederum erweitern Finanzierbarkeits-Studien, die Kommunen häufi g
Partizipationsmöglichkeiten (und ermöglichen in Auftrag geben, genau anschauen: Oft ist die
einen Einstieg in politische Praxis) wie auch Art der Datenerhebung (wer wird in Umfragen
das Repertoire an Aktionsformen: Jede/r kann wo befragt, ausgeschlossen, welche Folgekosten
Unterschriften sammeln (wie in Kassel oder werden berücksichtigt usw.) eher politischen
Dresden) und damit in der Öff entlichkeit für die Vorgaben geschuldet. Die Studien sollen am
Sache werben. Symbolische Straßenbahnblo- Ende nur bestätigen, was alle vorher wussten: Ein
ckaden, wie vor einigen Jahren in Berlin, können Sozialticket ist nicht zu fi nanzieren. Solche Stu-
Hemmschwellen abbauen. Druck auf Parteien, dien und Datenerhebungen kritisch und politisch
Verkehrsverbünde usw. wird durch größere zu lesen, können also auch Aktivist/innen und

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 39


„die Öffentlichkeit“ schulen, gesellschaftskritisch bestimmen. Einige Sozialticket-Initiativen
in herrschende Kosten/Nutzen-Analysen einzu- haben deswegen Initiativen auf regionaler oder
greifen und eine andere politische Verteilung Länderebene gestartet (Brandenburg, Sachsen,
der vorhandenen Gelder zu fordern. Die Bundes- Hessen). Darüber hinaus scheint es sinnvoll,
tagsfraktion DIE LINKE hat hierzu eine kritische sich auch in die „Bundespolitik“ hinsichtlich der
Auswertung kommunaler Studien veröffentlicht, Ausgestaltung der örtlichen sozialen Infrastruktur
inklusive Checkliste für Aktivist/innen (http:// einzumischen und nicht nur die Kommunen zum
dokumente.linksfraktion.de/download/7725012789. Adressaten für politischen Druck zu machen.
pdf). Ausgehend von der Frage des sozialen
Ausschlusses (von Mobilität) bringen sich einige
Initiativen auch in Auseinandersetzungen um
soziale Infrastruktur und öffentliche Güter ein.
Dies ist ein anderer Weg, sich mit den Erfahrun-
gen aus einem bestimmten Feld in eine breitere
politische Debatte einzumischen. In manchen
Städten (z.B. in Leipzig und Dresden) arbeiten
die Sozialticket-Initiativen in breiten städtischen
Anti-Privatisierungsbündnissen mit. Da geht es
erst einmal lediglich um einen Abwehrkampf
gegen die drohende Privatisierung öffentlicher
Güter und Unternehmen.
Aber potenziell geht es auch um mehr: um
das Recht auf soziale Infrastruktur, auf öffentliche
Kontrolle und Gestaltung. Hier lässt sich die
Frage nach den sozialen Voraussetzungen von
gesellschaftlicher Teilhabe (am Beispiel der
Foto: Shane Rankinsoon
Mobilität) verknüpfen mit dem Ringen um die
Interpretation dessen, welche Güter als notwen-
dige und gewünschte öffentliche Güter gelten,
Öffentliche Güter was wir uns unter sozialer Infrastruktur vorstellen
und wie wir diese gesellschaftlich durchsetzen
Einerseits konnte diese Form der lokalen und organisieren wollen. Damit eröffnet sich
Auseinandersetzung oder Ein-Themen-Politik also die Chance, die politische Auseinandersetzung
ziemlich erfolgreich in die Themen Armut, Mobili- gesellschaftskritisch zu erweitern und dennoch
tät und Verteilung öffentlicher Gelder eingreifen. die einzelnen konkreten Forderungen ernst zu
Andererseits zeigen sich auch deutlich die Gren- nehmen und gemeinsam durchzukämpfen.
zen der politischen Gestaltbarkeit von Mobilität
auf dieser Ebene. Kleine ehrenamtlich arbeitende
Initiativen werden auf einmal in (vermeintlich Sozial und ökologisch
unpolitische) Verwaltungsprozesse involviert, die
ihre Ressourcen auffressen. Müssen sie sich zu In genau diesen Debatten/Begegnungen
(Haushalts-) Experten kommunaler Verwaltungen liegt meines Erachtens die Chance, Brücken
machen, die wiederum ein Heer von Bürokrat/ zwischen verschiedenen Gruppen, Ansätzen und
innen zur Verfügung haben, die mit angeblichem politischen Notwendigkeiten zu schlagen, die
Expertenwissen und Sachzwangargumenten die neue gesellschaftliche Dynamiken ermöglichen.
Initiativen auflaufen lassen? Eine solche Gelegenheit bietet sich meines Erach-
Initiativen können diesem Dilemma nur tens in den derzeit nahezu getrennt geführten
begegnen, wenn es ihnen gelingt, über den Kämpfen für „bezahlbare Mobilität“ und für einen
kommunalen Tellerrand sowie über den Aus- „ökologischen Wandel“ (Klimabewegung).
gangspunkt „sozialer Ausschluss von Mobilität“ Es ist offensichtlich, dass vor dem Hinter-
hinauszublicken. grund der „Klimakatastrophe“ mit ihren globalen
So kann die wachsende reale Finanznot sozialen Verwerfungen das derzeitige Mobili-
der Kommunen ein hilfreiches „politisches Gut“ tätsmodell (Vorrang fürs private Auto bei wach-
für erweiterte Bündnisse oder tiefer gehende senden Mobilitätsanforderungen) zunehmend
Gesellschaftskritik werden. Denn es gibt ja durch- zum Problem wird und einer grundsätzlichen
aus politische Gründe jenseits der Kommunen, Lösung bedarf. Dabei ist jeglichen Forderungen,
die deren engen finanziellen Gestaltungsraum Mobilität „aus ökologischen Gründen“ generell

40 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


einzuschränken, eine dezidierte Absage zu Sozialticket-Initiativen stellen eine Antwort
erteilen. auf sozialen Ausschluss dar. Sie zeigen, dass eine
Es zeigt sich hier ein ökologisches „Problem“ solche erste Antwort unter Bedingungen von
ebenso wie ein soziales. Denn je mehr eine Hartz IV und dem Ausdünnen der öff entlichen
Gesellschaft die individuelle Mobilität ihrer Infrastruktur notwendig ist und auch kurzfristiger
Bürger/innen voraussetzt (weil die kollektive Lösungen bedarf. Der „politische Verdienst“ von
nicht bezahlbar ist), wird der Ausschluss von Sozialticket-Initiativen liegt darin, das Thema
Mobilitätsmöglichkeiten zum „sozialen Problem“. Mobilität als notwendiges Element einer sozialen
Der Ausbau und die (kostenfreie) Nutzung des Infrastruktur wieder auf die politische Bühne
ÖPNVs und der Abbau des individuellen PKW- geholt zu haben.
Verkehrs sind das Gebot der Stunde. Trotzdem Nun bietet die Debatte um die Klima-Katas-
kommen die verschiedenen Bewegungen bisher trophe die Gelegenheit, Machtfragen hinsichtlich
nur schwer zueinander. der Gestaltung und Verteilung dezidierter zu
Eine Ursache ist sicherlich in den sehr unter- formulieren und so eine zweite Antwort auf die
schiedlichen sozialen und politischen Kulturen gesellschaftlichen Bedingungen von Mobilität zu
begründet. Immerhin unternehmen die neu ent- geben. Vielleicht gelingt es durch die kritische
standenen „Umsonst-Initiativen“ (anders als die Thematisierung der sozialen Verteilung von
„grünen Vorläufer“) ernsthafte Anstrengungen, Mobilität, auch die Frage der gesellschaftlichen
„soziale Fragen“ als ökologische und umgekehrt Gestaltung und demokratischen Kontrolle von
zu thematisieren. Allerdings haben „Arme-Leute- Verkehr und Mobilität auf die Tagesordnung zu
Bewegungen“ (Poor People’s Movements) schon setzen.
oft die Erfahrung gemacht, dass sie es sind, die Dies wird nur unter Einschluss der Akteure
an „ihren“ Forderungen dran bleiben müssen, gelingen, die Mobilität überhaupt erst wieder
weil andere (sozial besser Gestellte) es nicht tun. auf die Bühne geholt haben. Die Sozialticket-
Was das für die Umsonst-Initiativen bedeutet, Initiativen wiederum müssen begreifen, dass eine
kann hier nur fragend aufgeworfen werden. Aber solche neue gesellschaftliche Dynamik gegen die
solche Widersprüche müssen ernsthaft thema- herrschaftliche Organisation von Mobilität auch
tisiert werden, damit hier eine neue Dynamik „ihrem Anliegen“ ein stärkeres Gewicht geben
verschiedener „Bewegungen“ entstehen kann. kann.

Machtfragen neu formulieren Corinna Genschel ist Mitarbeiterin der Kontakt-


stelle soziale Bewegungen bei der Fraktion DIE
In der Forderung nach einem Sozialticket LINKE. im Bundestag. Sie war aktiv im Kampf um
artikuliert sich der Wunsch und Bedarf nach den Erhalt des Sozialtickets in Berlin beteiligt und
sozialer Teilhabe hier und sofort. Hier geht es war eine der Initiatorinnen für die bundesweiten
nicht um die Veränderung von Mobilitätsweisen Treff en der Sozialticket-Initiativen.
sondern um den möglichst schnell umsetzbaren
Einschluss in die derzeit gegebenen Mobilitäts- Anmerkungen:
möglichkeiten (Bus, Bahn und gegebenenfalls Eine aktualisierte Übersicht von „Sozialticket kommt
auch das individuelle Auto). in Fahrt“ erscheint Anfang 2011 ( http://dokumente.
Dabei spielt eventuell auch die Erfahrung linksfraktion.de/download/7774690175.pdf). Weitere
eine Rolle, dass „reformistische“ oder kleinteilige Informationen gibt es u.a. auf den Webseiten der
Forderungen eher durchsetzbar sind, dass mehr Leipziger und Bochumer Initiativen ( http://www.
Bündnispartner/innen für eine Kritik an konkre- sozialticket-leipzig.de/ und http://www.sozialforum-
tem (sozialen) Ausschluss zu gewinnen sind als in bochum.de/category/sozialticket)/ oder bei der
der Forderung nach einer allgemeinen Umgestal- Kontaktstelle soziale Bewegungen: corinna.genschel@
tung der Verkehrsverhältnisse. linksfraktion.de.

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 41


Dokumentation
Teil
4
Vorschlag für eine Kampagne „TüBus umsonst“
TübingerInnen können umsonst Bus
ZAK3 Tübingen, März 2008 fahren. Und die auswärtigen Besucher
(Berufspendler, Studenten, Touristen,
Vision aber auch „nach unten“ auf individu- etc.) sind herzlich eingeladen, auf
elle Verhaltensänderungen zielen. unsere Kosten mitzufahren. (Wer
Ab 2010 fährt der TüBus zum „Null- Also Klimaschutz durch den Staat von einer anderen Naldo-Wabe nach
tarif“. Immer mehr Tübinger wechseln und durch jedeN EinzelneN. Beides Tübingen kommt, hat seine Busfahrt
vom Auto zum Bus. Auch Menschen, geht nur miteinander. Das Handeln in Tübingen sowieso schon bezahlt.)
die wenig Geld haben, werden mobi- des Einzelnen braucht entsprechende Alternative Modelle wären kostenlose
ler. Die dafür notwendige Infrastruk- Rahmenbedingungen, um massen- Jahrestickets für alle Tübinger Ein-
tur wird von allen getragen. Die Stadt haft möglich zu werden, staatliche wohnerInnen oder eine Art Semester-
wird lebenswerter, weil ruhiger und (Infrastruktur-)Politik braucht aktive ticket für TübingerInnen. Auswärtige
solidarischer. Über Tübingen hinaus Beteiligung, um nachhaltig wirksam müssten dann weiterhin reguläre
entsteht ein zukunftsfähiges Modell zu werden. Die Kampagne ist nicht Einzel-/Monatsfahrscheine kaufen.
für Mobilität für alle – als Ausweg aus nur ein Mittel zum Zweck, sondern Aus praktischen Gründen würden
der weltweiten Sackgasse des motori- ein Wert an sich: Bewusstseinsbil- wir uns zunächst auf Tübingen
sierten Individualverkehrs. dung und massenhafte Beteiligung. beschränken. Hier ist das politische
Kräfteverhältnis relativ günstig. Aber
Ziele 3. Global denken, lokal handeln wir hoffen natürlich, dass das Tübin-
Die beschriebene Vision ist die ger Nulltarif-Modell auf das gesamte
1. Ökologisch und sozial handeln Umsetzung einer konkreten Utopie. Naldo-Gebiet und auf andere Städte
Unser Ausgangspunkt ist der Ver- Ansätze von alternativen Gesell- ausstrahlt. Nachahmung ist ausdrück-
such, die ökologische und die soziale schaftsentwürfen statt Abwehrkampf lich gewünscht.
Perspektive nicht gegeneinander gegen Neoliberalismus. Mobilität und
auszuspielen, sondern zusammen gesellschaftliche Teilhabe als Grund- Erhoffte Folgen
zu bringen: Weg vom privaten Auto, recht für alle. Linke Klimapolitik als - erhöhte Mobilität auch für Leute mit
hin zu einer von der Allgemeinheit Menschenrechtspolitik. Ansetzen an wenig Geld
getragenen sozialen Infrastruktur. lokal möglichen und (real-)politisch - mehr Busse, kürzere Taktzeiten, bes-
Die Kampagne würde implizit die umsetzbaren Projekten und trotzdem serer Service, mehr Linien/Haltestellen
meisten bisherigen Klima-Appelle über den Tellerrand blicken. Dabei - weniger Autoverkehr, weniger
konterkarieren, die meist nur von den nicht von vorne beginnen, sondern Staus, bessere Luft, weniger Lärm,
„kleinen Leuten„ verlangen, den Gür- sich auf andere historische Bewegun- sichere Straßen (auch für Radler und
tel enger zu schnallen. Im Gegenteil: gen (militante Nulltarifkampagnen Fußgängerinnen)
diese klimapolitische Initiative hätte in den 70ern, ....) und auf aktuelle - weniger CO2-Ausstoß
einen überdurchschnittlichen Nutzen Umsonst-Kampagnen in anderen - mehr Besuche im Krankenhaus (diese
für Arme, für Kinder, für Familien, für Städten beziehen. Und die weltweite Erfahrung machte die belgische Stadt
SeniorInnen. Klimaschutz würde also Perspektive im Blick behalten – denn Hasselt mit ihrem Nulltarif)
nicht nur „Verzicht“ bedeuten, son- in den Städten der Zukunft droht der - Plus im Einzelhandel, Gewerbe,
dern auch einen „Gewinn“ bringen, an ökologische und soziale Kollaps, der Kultureinrichtungen
Lebensqualität, Mobilität und sozialer vor allem die Armen trifft und von - bundesweit besseres Image für
Gerechtigkeit. Und die Umsetzung gesellschaftlicher Teilhabe und Mobi- Tübingen
des Nulltarifs mit der Reduzierung des lität ausschließt.
Autoverkehrs würde sehr viel schnel- Finanzierung
ler und viel mehr CO2 einsparen als Entwurf des Modells Zur Zeit kassiert der Tübinger
alle Häuser-Sanierungsprogramme Stadtverkehr SVT jährlich gut 5 Millio-
(die natürlich trotzdem richtig sind). Geltungsbereich, NutzerInnen nen Euro an Ticketeinnahmen. (Hinzu
Zum 1.1.2010 werden in allen kommen 3 Millionen Euro Zuschüsse
2. Richtig politisch statt politisch Tübinger Bussen die Ticketautomaten und 2 Millionen Euro Transfer aus
richtig abgebaut. Es gibt keine Fahrkarten- den Stadtwerken.)Diese 5 Millionen
Die Kampagne würde sich „nach kontrollen mehr. Wer über das Stadt- müsste man also anderweitig auf-
oben“ an die politisch Verantwortli- gebiet hinaus fahren will, muss am bringen. Wenn (hoffentlich!) künftig
chen richten (OB und Gemeinderat), Bahnhof ein Naldo-Ticket kaufen. Alle mehr Busse fahren, dann braucht

42 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


man allerdings auch noch mehr Geld. der reellen Durchsetzung des Modells Fortsetzung beschließen oder eben
Größenordnung: Bis zu 10 Millionen braucht es Gremienarbeit, Gesprä- nicht.
Euro im Jahr? Andererseits würden che mit Gemeinderatsfraktionen, - Kampagnenhöhepunkt könnte
manche Kosten komplett entfallen OB-Verwaltung, Stadtwerken. Dafür im Juni 2009 der Kommunalwahl-
(Reparatur der Ticketautomaten!). notwendig sind Gutachten, konkrete kampf sein. Ziel wäre, alle Parteien/
Es sind verschiedene Modelle zur Berechnungen, usw. Auf der Ebene Listen (oder die meisten) auf die Null-
Finanzierung denkbar. Am plausi- der politischen Meinungsbildung tarif-Forderung zu verpflichten. Auch
belsten erscheint uns eine allgemeine braucht es Aktionen mit breiter Betei- danach müsste eine Fortsetzung neu
Mobilitätsabgabe (eine kommunale ligung. Dabei werden verschiedene entschieden werden.
Steuer, ähnlich wie die frühere Feu- Aktionsformen zum Einsatz kommen. - Bei positivem Verlauf müsste man
erwehrabgabe). Größenordnung: Bei Von Unterschriftensammlungen, nach der Wahl noch die Umsetzung
geschätzt 40.000 Tübinger Steuerzah- Infoveranstaltungen bis hin zu phan- begleiten. Das Ende der Kampagne
lerInnen wären das jährlich 200 Euro tasievollen und direkten Aktionen wäre dann ein rauschendes Silvester-
pro „erwachsene“ Person (macht 8 (Bushaltestellen dekorieren, kollek- fest 2009/2010, nach dem alle kosten-
Millionen Euro). Das müsste natürlich tives Schwarzfahren, usw.) ist vieles los mit dem Bus nach Hause fahren.
sozial gestaffelt werden. Zum Ver- denkbar. Die Aktionsformen sind zum
gleich: eine TüBus-Jahreskarte kostet einen auf die Einpunkt-Kampagne Die Akteure
heute 324 Euro, Schülermonatskarten „TüBus umsonst“ ausgerichtet, verwei- Das ZAK sieht sich – um im Bild
kosten 26,20 Euro. Ein Pfrondorfer sen aber immer wieder auf größere zu bleiben – eher als Anlasser und
Durchschnitts-Ehepaar mit zwei Zusammenhänge und zeigen damit nicht als Motor oder gar Steuerrad
Kindern würde also künftig 400 Euro das Exemplarische der Kampagne. Ein der Kampagne. Wir haben eine Idee,
im Jahr zahlen und bekäme vier Jah- Bürgerbegehren könnte die beiden aber wenig Ahnung. Das Feld der
reskarten – weniger als heute allein Ebenen miteinander verbinden. Verkehrspolitik ist für uns Neuland.
für die Schulbusfahrten der beiden Auch haben wir wenig Erfahrung in
Kinder. Zeitschiene der Kommunalpolitik. Eine Kampagne
- Wir schlagen vor, die diesjährige braucht erheblich mehr Know-how
Mögliche Kombination mit Teil-Auto Mayday-Parade am 30.4. mit einer und Engagement von anderen Grup-
Eine spannende Erweiterung Zwischenkundgebung vor den pen und Einzelpersonen.
könnte eine Kombination mit dem Stadtwerken als kleinen Kampag- Wir haben daher Kontakt aufge-
Car-Sharing sein. Das Ziel: Alle Tübin- nenauftakt zu nutzen, evtl. verbun- nommen (oder wollen es tun) zu
ger haben Zugriff auf die Teil-Autos, den mit einem Redebeitrag auf der verschiedenen Akteuren der Tübinger
ohne teure Vorbedingungen (Einlage, 1.Mai-Kundgebung am Tag darauf. Szene: VCD, Teil-Auto, BUND, Kreis-
etc.). Die entsprechenden Kosten wer- Damit wollen wir Mitstreiter/innen Seniorenrat und Kreisarmutskon-
den analog den ÖPNV-Kosten umge- gewinnen und ein erstes kleines ferenz, attac, Jugendgemeinderat,
legt (z.B. über eine Mobilitätsabgabe/ Stimmungsbild über die Wirksamkeit Elternbeiräte, Einzelpersonen aus
steuer). Durch eine erhöhte Nutzung bekommen. dem Gemeinderat ... Die bisherigen
sinken die Kosten und die Verfügbar- - Eine größere Veranstaltung Reaktionen haben uns sehr bestärkt.
keit wird attraktiver. Erst wenn das sollte dann als Kampagnenstart im Wir schlagen daher vor einen
eigene Auto nicht mehr vor der Tür Frühsommer eine größere Öffentlich- Trägerkreis für die Kampagne zu
steht und für den Individualverkehr keit und die Presse auf die Kampagne gründen. Dieser sollte aus Gruppen-
die reellen Kosten zu Buche schlagen aufmerksam machen. VertreterInnen und Einzelpersonen
(hohe Kilometerpreise bei Teil-Auto), - Eine erste heiße Phase wäre der bestehen. Die Kampagne lebt darüber
wird das Umsonst-Busfahren so Herbst mit den Haushaltsberatungen hinaus aber auch von den Aktivitäten
attraktiv, dass die Autofahrer umstei- im Gemeinderat. Hier könnte es bei- einzelner Gruppen, die in Absprache
gen. Allerdings würde damit die klare spielsweise um die Finanzierung von mit dem Trägerkreis aber selbständig
Ausrichtung der Kampagne auf ÖPNV Gutachten oder ähnlichem gehen. in der Durchführung Aktionen und
verwässert. - Danach sollten wir eine Zwi- Veranstaltungen verantworten kön-
schenbilanz ziehen und entscheiden, nen – je nach eigenen politischen und
Kampagnenstruktur ob wir auf der Ebene der Durchsetz- praktischen Schwerpunkten.
Entsprechend den Kampagnen- barkeit genug Chancen und auf der
zielen erfordert die Kampagne ein Ebene der Mobilisierung noch Spiel-
doppeltes Vorgehen: Auf der Ebene räume sehen. Dann sollten wir eine

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 43


Schwäbisches Tagblatt 02.05.2008

44 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


Schwäbisches Tagblatt 02.08.2008

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 45


Reutlinger Generalanzeiger 02.03.2009

46 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 47
48 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!
Umsonst und Drinnen TüBus umsonst!
Kultur im TüBus zum Nulltarif Nulltarif im Stadtverkehr! Immer und für alle!
Samstag, 15. Mai 2010
Abfahrt: 14 Uhr an der Neckarbrücke, Rückkehr gegen 15 Uhr Alles wird teurer. Auch der öffentliche Nahverkehr. So wird Mobilität
allmählich zum Luxus. Wer zum Beispiel von Hartz IV (359 Euro im
Monat) oder von einer kleinen Rente lebt, kann sich kaum ein
Monatsticket leisten. Eine vierköpfige Familie aus Pfrondorf muss
im Jahr 828 Euro ausgeben (Familienkarte), wenn sie auf das Auto
verzichten und trotzdem bequem in die Stadt gelangen will. Wie soll
da der Umstieg auf eine nachhaltige Lebensweise gelingen, die das
Klima nicht zerstört?

Wir fordern: TüBus umsonst! Nulltarif im Stadtverkehr! Damit


Als Fortsetzung der erfolgreichen Tübinger Kulturnacht laden wir zum könnte die Stadt Tübingen ein bundesweit sichtbares Signal setzen,
Kultur-Tag im Tübinger Stadtverkehr. In zehn TüBus-Linien werden dass sie es ernst meint mit einer neuen Klimapolitik.
MusikerInnen und andere Kulturschaffende für Sie singen, spielen und
rezitieren – und das alles zum Nulltarif! Die Aktion findet statt im Ein Nulltarif im Stadtverkehr wäre nicht billig. Derzeit kassiert der
Rahmen des derzeitigen „Bundeskongress Internationalismus“ im Stadtverkehr Tübingen im Jahr rund fünf Millionen Euro aus dem
Tübinger Sudhaus. Ticket-Verkauf. Dieses Geld müsste dann anderswo herkommen.
Mitwirkende Vielleicht muss die Stadt sogar die kommunalen Steuern erhöhen.
Ernst-Bloch-Chor-Ensemble (anregend unterhaltsame Lieder in
Aber der Autoverkehr ist insgesamt noch viel teurer: Straßenbau,
schwarz/rot), Leonhard und die Grüne Zora (politische Straßenmusik),
Umweltschäden, Unfälle, Zeitverlust (im Stau), Stress.
Eberhard Frohnmeyer (eigene Lieder und Musikkabarett), Ina Z. (spielt
und singt), Klikusch (clownesker Walk-Act), Peter Weiß (Akkordeon von
Bach bis Brubeck), Abdou Sarr/ Safnama (traditionelle Musik aus Mit einem Nulltarif im Stadtverkehr würden wir alle gewinnen:
Westafrika), Stammtisch Unser Huhn (Tübingen leuchtet), Ava Mobilität wäre für alle EinwohnerInnen erschwinglich. Weniger
Smitmans (Küchenlieder) Leute würden Auto fahren; es wäre stressfreier und leiser in der
Stadt, die Luft wäre besser, es gäbe weniger Unfälle. Und die
Damit zeigen wir: Was schön und gut und nützlich ist, muss nicht Ticketautomaten kämen ins Museum – als kuriose Relikte aus der
unbedingt Geld kosten. Und wir fordern: TüBus umsonst! Immer und grauen Vorzeit des individuellen Autoverkehrs und des
für alle (auch für Kulturbanausen)! Steigen Sie ein und tanzen Sie mit! kostenpflichtigen öffentlichen Nahverkehrs.

Bitte achten Sie auf die TüBus-Anzeigetafeln und auf weitere Durchsagen.
Kontakt: Gruppe ZAK, Tübingen. www.zak-tuebingen.org
Weitere Informationen: www.zak-tuebingen.org, www.buko.info

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 49


Schwäbisches
Tagblatt
26.01.2010

50 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


ST 26.01.2010 ST 08.02.2010 ST 02.02.2010

ST 25.02.2010

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 51


Tagung
Teil
5 Öffentliche Güter für Alle!
Soziale Infrastruktur - Ein Vorschlag für eine radikale Reform
8./9. Juli 2011
Kulturzentrum franz. K, Reutlingen

Mit dem Text „Sozialpolitik als Bereitstellung einer Eine gemeinsame Veranstaltung von ZAK³ (Gruppe
sozialen Infrastruktur“ hat die Frankfurter Gruppe gegen Kapitalismus, Krieg und Kohlendioxid);
links-netz eine radikale Alternative entworfen franz.K e.V. Reutlingen; Bundeskoordination
(siehe www.links-netz.de sowie den Vortrag Internationalismus (BUKO); medico international;
von Joachim Hirsch in dieser Broschüre). Die Redaktion links-netz; Attac-AG „genug für alle“
Gesellschaft stellt die notwendigen Mittel für die
wesentlichen Grundbedürfnisse zur Verfügung. Aktuelle Informationen ab Anfang 2011:
Für alle. www.zak-tuebingen.org
www.buko.info
Auf dieser Arbeitstagung wollen wir mit den Auto- www.franzk.net
rInnen sowie AktivistInnen aus den verschiedenen
Praxisfeldern diskutieren: Ausgangspunkt: http://www.links-netz.de/K_
texte/K_links-netz_sozpol.html
• Wie könnte das im Konkreten aussehen?
• Kann dieser Entwurf Ausgangpunkt für eine Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Wir könn(t)en
linke Praxis sein? auch anders“: Ideen für eine solidarische und naturver-
• Gibt es Anschlüsse an Kämpfe in den Ländern trägliche Gesellschaft
des Südens?

Programmentwurf
Freitagabend:
• Öffentliche Veranstaltung mit
einführenden Impulsen
Samstagvormittag:
• Praxisbezogene Foren zu den
Themenbereichen
• Bildung
• Gesundheit
• Mobilität/Stadtentwicklung
• Wohnen (...)
Samstagnachmittag:
• Zusammenführen der Praxisfelder,
Open Space
Samstagabend:
• Kulturprogramm im franz.K

mit: Joachim Hirsch, Oliver Brüchert, Eva-Maria


Krampe, Werner Rätz, Thomas Gebauer und ver-
schiedenen politischen Gruppen

52 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


Impressum / Bestellen

„TüBus umsonst! Das Grundrecht auf Mobilität in


Zeiten von Krise und Klimawandel“

Hrsg: ZAK³ (Gruppe gegen Kapitalismus, Krieg und


Kohlendioxid) Tübingen
www.zak-tuebingen.org

Layout: Hanna Smitmans, www.wagabundart.eu


Fotos: ZAK³-Anhang und andere
Druckerei: Druckerei Gassner, Reutlingen
Druck: Erste Auflage (500), Dezember 2010

Copyright bei Gruppe ZAK³ und bei den AutorInnen,


Nachdruck (mit Quellenangabe) erwünscht,
Belegexemplar erbeten

Bestelladresse:
Gruppe ZAK³, Belthlestr. 40, 72072 Tübingen
oder per E-Mail an: zak@zak-tuebingen.org

Mindestpreis: 1 Exemplar 3,50 Euro, 5 Exemplare 10


Euro (jeweils inklusive Porto).

Wir freuen uns über Aufrundungen und Spenden.


Bitte Briefmarken beilegen oder das Geld überwei-
sen an: Petra Seitz, Sonderkonto ZAK, Nr. 1558 726
Carsharing ist
bei der Kreissparkasse Tübingen, BLZ 641 500 20.
intelligente
Mobilität
nach Maß

www.teilauto-tuebingen.de

ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 53


nachrichten
aus
dem
prekären
leben

Mehr
Sinn!
Zeitung für linke Debatte und Praxis testen: 3 Ausgaben für 5 Euro
Infos und Bestellungen: www.akweb.de

Wer braucht
schon Freunde?

Lunapark21 erscheint vier Mal im Jahr mit 72 Seiten als „Zeitschrift zur Kritik der globalen
Ökonomie”. Zusätzlich erscheinen pro Jahr zwei Ausgaben LP21 Extra als Schwerpunkthefte.
Die Aboarten unterscheiden sich nach einfachen Abos (vier Ausgaben jährlich) und dem
AboPLUS (vier Ausgaben der Zeitschrift PLUS zwei Sonderhefte). Ein Förderabo enthält
immer die AboPLUS-Konditionen (vier Ausgaben der Zeitschrift PLUS zwei Sonderhefte).

Festung Europa
legal, illegal, kollateral...

Heft 12: Das EU-Grenzregime Frontex resultiert jährlich im Tod Tausender Flüchtlinge.
Doch die EU-Ökonomie funktioniert nur auf Basis des Millionenheers von halblegalen
und illegalen Migrantinnen und Migranten. LP21-Spezial zur Festung Europa: von Philipp
Hoffmann, Hannes Hofbauer, Ulla Jelpke und Winfried Wolf.
Außerdem: QaLü – Quartalslüge Renten // Abwertungswettlauf// Krise und Lange
Wellen // Arbeiterbewegung in Indien und China // Ökonomie des Iran
Autorinnen und Autoren: Daniel Behruzi / Patrizia Heidegger / Simone Holzwarth /
Georg Fülberth / Andrea Komlosy / Thomas Kuczynski / Bernhard Knierim / Andrea
Marczinski / Gisela Notz / Bernd Riexinger / Bernard Schmid / Kai-Eicker Wolf / Lucas
Zeise

54 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


# 321
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Außerdem: t Arabischer Sklavenhandel t Kalter Krieg in
Zypern t Wahlen in Ruanda t Landreform in Namibia t
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(An der Urania 17, Saalöffnung 10 Uhr)
Mit Beiträgen von Moshe Zuckermann, Publizist, (Israel); Christos Katsotis,
Vorstand der Gewerkschaft PAME (Griechenland); Carlos Lozano, Chefredakteur
VOZ (Kolumbien) und anderen.
Das komplette Programm finden Sie unter: www.rosa-luxemburg-konferenz.de
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Monatlich mit mindestens 24 Seiten
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SoZ-Verlag
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(02 21) 9 23 11 96 · redaktion@soz-verlag.de
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ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 55


Notizen gegen Kapitalismus, Krieg und Kohlendioxid

56 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!


ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst! 57
www.zak-tuebingen.org
58 ZAK3 Tübingen / TüBus umsonst!