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Report | Soziale Robotik

S eit einigen Jahren hat auch


die Robotik den Dienstleis-
tungsbereich entdeckt.
Während früher nur Maschinen
von Experten für Experten ge-
baut wurden, will man heute
„soziale“ und „emotionale“ Ro-
boter für den alltäglichen Ge-
brauch entwickeln. Sie sollen als
Spielzeug, therapeutische Hilfe,
Assistent, Unterhaltungsgegen-
stand oder Liebesobjekt fun-
gieren. Parallel zu den steigen-
den Verkaufszahlen von Spiel-
zeugrobotern wie Aibo oder
Pino und der Diskussion um
Pflegeroboter steigt die Bedeu-
tung der Mensch-Roboter-Inter-
aktion (Human-Robot Interac-
tion) als Forschungsfeld [1].
In der auch als soziale Robotik
titulierten Forschung liegt die
Aufmerksamkeit primär bei den
Nutzerinnen und Nutzern der
neuen Dienstleistungstechnolo-
gien. Man will freundliche Ma-
schinen entwickeln, die als ver-
ständige und glaubhafte Interak-
tionspartnerinnen mit den Men-
schen natürlich kommunizieren,
von ihnen lernen und im Idealfall
sogar einen eigenen Weltzu-
gang entwickeln.
Ursprung und aktuelle Bedeu-
tung der Mensch-Roboter-Inter-
aktion sind mit einer kleinen Re-
volution in der Entwicklung auto-
nomer Systeme verbunden. In
den Anfängen der klassischen
Künstlichen Intelligenz wie auch
in der Robotik lag der Schwer-
punkt der Forschung lange auf
Algorithmen, auf Rech-
nen, Planen und dem
Prozessieren von Sym-
bolen. Erst in den achtzi-
ger Jahren wurde „Interak-
tion“ zunehmend zu einer Leit-
metapher bei der technischen
Gestaltung von Informationssys-
Jutta Weber temen. Heute international aner-
kannte Robotiker wie Rodney
Brooks vom AI Lab des US-ameri-

Der Roboter als kanischen Massachusetts Institu-


te of Technology (MIT), Luc Steels
von Sony in Paris oder Rolf Pfeifer
vom AI Lab der ETH Zürich läute-

Menschenfreund ten Mitte der achtziger Jahre eine


Trendwende ein hin zu verhal-
tensbasierten Ansätzen. Unter
dem Motto „Fast, cheap and out
of control“ (Brooks) entwickelten
Wie das neue Forschungsfeld Mensch-Roboter-Interaktion sie autonome und verkörperte
den Dienstleistungsbereich erobern will Systeme, die nicht mehr nur in
den Spielzeugwelten der Labore
agieren sollten, sondern in der
Der Industrieroboter ist Schnee von gestern. Das neue Zauberwort heißt soziale
realen physischen Umwelt.
Robotik. Gefühlvolle Roboter mit „sozialer Kompetenz“ und „eigener Persönlichkeit“ Neben der System-Umwelt-
sollen uns bald als kostengünstige Gefährten im Alltag unterstützen, sich mit Kopplung avancierten vor allem
unseren Kindern anfreunden oder uns im Altersheim die Einsamkeit vertreiben. Selbstorganisation, Evolution

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und Emergenz zu wichtigen Artefakten. Dies interpretierten die Überraschung durch Interes- verkörpert und mobil sind, ver-
Konzepten der Robotik. Die von sie als Hinweis auf unsere „natür- se ersetzt. Dass dieses Schema spricht man sich von ihnen eine
Biologie, Kybernetik und Artifi- liche“ Tendenz, Verhalten als wirklich das Gefühlsspektrum wesentlich höhere Überzeu-
cial-Life-Forschung inspirierte sinnhaft zu deuten – und zwar von Menschen abbildet, bezwei- gungskraft als bei anderen men-
Robotik hoffte, durch Anpassung einschließlich maschinellen Ver- feln auch viele Robotiker. Den- schenähnlichen Systemen. Ein
und das Evozieren von unerwar- haltens. noch benutzen sie es für die Mo- im strengen Sinne verkörperter
teten und qualitativ neuen Effek- Trotz vielfältiger Kritik an der dellierung von Emotionen. Un- Roboter kann anders als ein vir-
ten die Evolution von flexiblen methodisch teilweise fragwürdi- beantwortet ist bisher die Frage, tueller Agent die reale Welt mit
und dynamischen intelligenten gen Studie wird in der sozialen ob sich diese extrem simplifizier- seinen Sensoren registrieren und
Systemen voranzutreiben. Inter- Robotik häufig auf diese Annah- ten Schemata nicht irgendwann ein eigenes „Verhalten“ entwi-
aktives Verhalten der autono- men gebaut. Man will den ange- auch auf unsere alltäglichen ckeln. Aufmerksamkeit oder Ver-
men Systeme wurde zunächst nommenen Hang zur Sinnzu- Interaktionsmuster auswirken – ständnis könnten eher simuliert
primär als Schwarmverhalten, als schreibung nutzen, indem man gerade falls sich Dienstleistungs- werden und der Eindruck der Le-
Interaktion der Roboter unter- Roboter menschenähnlich, als roboter in all unseren Lebensbe- bendigkeit sei höher. So sei man
einander gedacht. Roboter kon- Comicfigur oder auch als niedli- reichen durchsetzen sollten. eher bereit, einem autonomen
kurrierten um Futter- bezie- che Roboterkreatur gestaltet. Ein In der Robotik sind Emotionen humanoiden Roboter, der bei
hungsweise Energieressourcen hilfloser Augenaufschlag, ein ge- beziehungsweise programmierte einem lauten Geräusch den Kopf
oder wurden als Kooperations- winnendes Lächeln oder gekräu- Vorlieben auch deshalb beliebt, dreht, die Augenbrauen hoch-
partner modelliert, die gemein- selte Augenbrauen sollen den weil sie die Entscheidungsfin- zieht und eine Frage stellt, über-
sam schwierige Aufgaben in für Nutzer glauben machen, dass dung bei komplexen und ambi- zeugende kognitive Fähigkeiten
den Menschen unzugänglichen Roboter eine Persönlichkeit auf- valenten Situationen unterstüt- zuzuschreiben als einem comi-
oder gefährlichen Bereichen wie weisen, gefühlvoll und sozial in- zen sollen. Da der Roboter nicht cähnlichen virtuellen Agenten,
dem Weltraum oder der Tiefsee telligent sind. immer rein logisch entscheiden dem man nur per Tastatur Fra-
erledigen sollten. Für die Modellierung von Ge- kann, ob er nun beispielsweise gen stellen könne.
fühlsausdrücken in humanoiden eine blaue oder grüne Tasse grei- Vor diesem Hintergrund er-
und anderen Roboterkreaturen fen soll, gibt man „Sympathien“ scheint vielen Forschern auch die
Partner statt Werkzeug wird zumeist auf Gefühlssche- oder „Abneigungen“ vor, die bei Vorstellung einer länger währen-
In der sozialen Robotik steht mata aus der Psychologie zu- alltäglichen Entscheidungen hel- den Beziehung mit einem (eige-
dagegen nicht die Interaktion rückgegriffen, um deren standar- fen sollen. Allerdings erscheint es nen?) Humanoiden plausibler als
mit der physischen Umwelt oder disierte Physiognomien und Per- etwas hoch gegriffen, diese Pro- mit virtuellen Agenten. Während
von Robotern untereinander im sönlichkeitsmodelle für Roboter grammierung mit Emotionen es den meisten Forscherinnen
Mittelpunkt, sondern die weiterzuentwickeln. Um die Ar- gleichzusetzen. und Forschern primär darum
Schnittstelle zwischen Nutzer beit zu vereinfachen, versucht Die Tendenz, Maschinen zu geht, Sozialität und Emotion zu
und Roboter. Die zentralen Kon- man essenzielle Emotionen und vermenschlichen, ist keines- simulieren, um damit soziales
zepte sind Sozialität, Emotion grundlegende Persönlichkeits- wegs neu. Speziell bei Embo- Verhalten bei Menschen auszulö-
und Mensch-Maschine-Interak- typen zu klassifizieren. Derzeit died Conversational Agents wie sen, gibt es auch eine kleine Frak-
tion. Der Schwerpunkt verlagert geht man in der Mensch-Robo- Avataren, aber auch generell in tion, die von Robotern träumt,
sich also vom „autonomen“ Ver- ter-Interaktion meist von sechs der Mensch-Computer-Interak- die eigene Intentionen, Sprachfä-
halten der Maschinen hin zur Basisemotionen – Ärger, Ekel tion wird dies schon seit einiger higkeit und Gefühle entwickeln.
Interaktion als partnerschaft- oder Abneigung, Furcht, Freude, Zeit erforscht und instrumentali- Der Traum der euphorischen
licher Kooperation mit den Men- Trauer und Überraschung – aus. siert. Da Roboter nicht nur vir- Fraktion der Community ist eine
schen. Dieser Wandel wird in der In manchen Variationen wird tuell auf einem Bildschirm agie- soziale Maschine, die sich in fer-
Robotik selbst als radikale Ver- der Ekel durch Langeweile oder ren, sondern in der realen Welt ner Zukunft zu einer eigenständi-
schiebung in der Konzeption gen Persönlichkeit mausert.
autonomer Systeme interpre-
tiert. Der Roboter ist nicht mehr
Werkzeug, sondern wird als Part-
Vorgetäuschte Gefühle
ner modelliert, an den Menschen Die bisher entwickelten sozialen
Aufgaben delegieren können [2]. Maschinen erreichen dieses Ziel
Vor diesem Hintergrund be- nicht einmal annähernd. In die
zieht sich die Robotik häufig auf unterste Kategorie ordnet man
Ansätze aus dem schon lange jene ein, die Sozialität lediglich
Ekel Freude
etablierten Bereich der Mensch- hervorrufen oder unterstützen
Computer-Interaktion. Beliebt ist sollen und damit nur in einem
hier vor allem die Studie „The eher eingeschränkten Sinne „so-
Ärger Über-
Media Equation“ von Byron Ree- raschung ziale“ Maschinen sind. Als ein-
ves und Clifford Nass. Die an der fachste und technisch am we-
Stanford University arbeitenden nigsten anspruchsvolle Variante
Forscher wollten empirisch bele- demonstrieren sie nicht gerade
Trauer Angst
gen, dass Menschen die Tendenz den „state of the art“ in der sozi-
Bild: Universität Freiburg

haben, Maschinen wie lebendige alen Robotik. Gute Beispiele für


oder gar intelligente Wesen zu diese Maschinen sind das Tama-
behandeln und ihnen Gefühle gochi oder einfache humanoide
oder Intentionen zuzuschreiben: Spielzeugroboter wie der un-
Wenn wir unserem bockigen längst von Tchibo für wenig Geld
Computer Hinterlist unterstellen verkaufte Pino.
oder kaputte Maschinen als un- „Ich kann fühlen wie ein
fähig beschimpfen, sei das ein Gefühlsschemata und Persönlichkeitstypen sollen die Mensch“, behauptet Pino zwar
eindeutiges Zeichen für die Ver- Modellierung von Gefühlsregungen und damit die soziale auf der Homepage von Tchibo,
menschlichung von technischen Interaktion erleichtern. auf der es weiter heißt: „Dieser

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Roboter freut sich über viel Zu- tefakte nur sehr indirekt: Es geht
wendung, ist lernfähig und nicht darum, Maschinen zu trai-
entwickelt nach und nach nieren oder zu „erziehen“, um sie
eine Persönlichkeit.“ Über intelligenter zu machen, son-
die Stimulation von Senso- dern Maschinen oder als Maschi-
ren soll man ihn „erzie- Spielzeugroboter nen verkleidete Menschen sollen
hen“ können und ihm wie Pino sollen als helfen, die Interaktion der autis-
damit auf Dauer ein etwas zu umsorgende tischen Kinder mit anderen Men-
interessanteres, angeblich Wesen das soziale schen zu fördern. Bisher ist aber
intelligentes Verhalten ab- Verhalten von noch unklar, ob diese Strategie
ringen. Konkret besitzt der Kindern fördern. wirklich therapeutisch sinnvolle
als „Freund fürs Leben“ an- Effekte zeitigen wird oder eher Aurora-Projekt: Der Kontakt
gepriesene humanoide Ro- die Begeisterung der Kinder mit Robotern soll autistischen

Bild: Tchibo GmbH


boter laut Bedienungsan- für völlig berechenbare Systeme Kindern helfen.
leitung zwei einfache me- noch verstärkt.
chanische Schalter in den
Handflächen als einzige Kuschelroboter für sentlich pflegeleichter als echte
taktile Sensoren sowie alte Menschen Tiere.
einen Geräusch- und Paro besitzt Lichtsensoren,
einen Lichtsensor. Fünf Auch der japanische Wissen- taktile Sensoren und kann Geräu-
Farben in seinem Headdisplay Autistische Kinder haben ex- schaftler Takanori Shibata will mit sche lokalisieren sowie rudimen-
zeigen abhängig von der Stimu- treme Schwierigkeiten, mit unbe- seinen „therapeutischen“ Service- tär Sprache erkennen. Zugleich
lation „Gefühle“ wie Unmut, Ein- rechenbaren Umgebungen um- Robotern das geistige und seeli- gibt er herzerweichende bezie-
samkeit oder gute Laune an. zugehen. Die Idee ist, Brücken sche Leben der Menschen stimu- hungsweise die Nerven strapa-
Obwohl Pino wohl ein Ver- zwischen der berechenbaren lieren und bereichern. Sie sollen zierende Heultöne von sich. Um
kaufsschlager war, ist das Verhal- Welt der Maschinen und der fle- die Kommunikation fördern, the- den körperlichen Kontakt mit
tensrepertoire recht mager: Mehr xibleren, dynamischen sozialen rapeutische Funktionen ausfül- Menschen registrieren zu kön-
als ein wenig vorwärts laufen, mit Welt der Menschen zu bauen. So len, erziehen oder auch Men- nen, ist Paro von einem Airbag
den Armen wedeln, den Kopf soll es gelingen, dass die Kinder schen bei der Ausführung be- ausgefüllt, wodurch er sich auch
drehen sowie Töne hervorbrin- sich immer weniger in ihre stimmter Aufgaben unterstützen. recht weich anfühlt. Möglichst
gen, die mehr an einen kaputten Traumwelt zurückziehen und zu- Shibata ist wie viele andere geräuschlose Servomotoren und
Flipper als an ein Lied erinnern, nehmend in ihre Umwelt inte- davon überzeugt, dass aufgrund lang vorhaltende Akkus sorgen
ist nicht drin. Von einem wirklich grieren. der zunehmenden Alterung in dafür, dass die Illusion von einer
sozial kommunikativen Roboter Robins konfrontierte sie dazu westlichen Gesellschaften der echten Robbe nicht gestört wird.
erwartet man mehr. mit einem humanoiden Roboter, Absatz „therapeutischer“ Roboter Den Nutzen seines Seehund-
der gleichmäßig wiederkehren- parallel zum Markt für soziale Ar- roboters für therapeutische Zwe-
Maschinen als de Bewegungsabläufe vollzog. beit und Emotionsarbeit rasant cke versucht Shibata durch eine
Therapiehelfer Als Reaktion darauf begannen wachsen wird. Evaluation zu verdeutlichen. Sei-
die Kinder manchmal, in einem Das berühmteste Beispiel ner Untersuchung zufolge verlo-
Auf den ersten Blick sinnvoller Spiel den Roboter nachzuah- dafür ist der schon tausendfach ren alte Menschen im Altersheim
erscheint die Anwendung der men. In einem anderen Experi- in japanischen Altersheimen auch über eine längere Zeitspan-
sozialen Robotik in der Therapie. ment imitierte ein als Roboter eingesetzte Seehundroboter ne nicht das Interesse an der Be-
Zu den führenden Gruppen in verkleideter Mensch die repetiti- Paro. In der therapeutischen Be- schäftigung mit Paro. Sie kom-
diesem Bereich gehört die Adap- ven Bewegungen des humanoi- handlung werden schon lange munizierten dadurch wesentlich
tive System Research Group an den Roboters. Wie zu erwarten, Tiere eingesetzt. Paro soll dort mehr miteinander sowie mit
der University of Hertfordshire in bringen die autistischen Kinder einspringen, wo keine echten dem Pflegepersonal. Sieht man
England. Im Aurora-Projekt füh- dem „theatralischen Roboter“ Tiere zugelassen sind – etwa in sich allerdings den Ausgangsort
ren Kerstin Dautenhahn, Ben Ro- mehr Interesse entgegen als Altersheimen. Allerdings hofft der Untersuchung an, relativie-
bins und ihre Kollegen länger- dem unverkleideten Menschen. man dabei auch, Kosten und Ar- ren sich die Ergebnisse recht
fristige Studien zu Robotern und Diese Spielart der sozialen Ro- beit zu sparen: Paro ist schon für schnell. Shibata beschreibt die
autistischen Kindern durch. botik nutzt ihre technischen Ar- 1000 Euro zu erwerben und we- Stimmung im Altersheim als ge-
drückt. Es hätte kaum Kommuni-
kation gegeben. Zusätzlich hatte
Bild: AIST

das Pflegepersonal (Kommuni-


kations-)Schwierigkeiten mit
ihren Patienten, angeblich weil
sie keine gemeinsamen Ge-
sprächsthemen hatten.
Wenn man weder die Aus-
gangssituation analysiert noch
Ein heulender theoretische Überlegungen zur
Seehund- Problemstellung berücksichtigt,
Roboter wird ist ein solcher „Therapieerfolg“
als „thera- natürlich recht einfach zu errei-
peutische“ Hilfe chen. Dieses Vorgehen ent-
für einsame spricht aber ganz offensichtlich
Menschen in nicht wissenschaftlichen Stan-
japanischen dards – was in der Forschung zur
Altersheimen Mensch-Roboter-Interaktion ein
eingesetzt. weit verbreitetes Problem ist. Ge-

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Report | Soziale Robotik

rade aufgrund ihrer Ausein- Tracking faces: funktional-technischen Körper


andersetzung mit Fragen der so- Mit Hilfe eines eine Mischform. Durch sein
zialen Interaktion wäre es wün- visuellen Objekt- sichtbares Innenleben wirkt er
schenswert, dass sich die soziale erkennungs- auf den Alltagsnutzer leicht
Robotik mehr mit sozialwissen- systems ortet durchschaubar.
schaftlichen Methoden und The- Fritz Gesichter Die Forschungsgruppe um Hi-
orien auseinander setzt. Doch und interagiert roshi Ishiguro an der Osaka
während das interdisziplinäre Ar- derzeit mit bis zu Universität versucht dagegen,
beiten in größeren Forschungs- drei Menschen den anthropomorphen Ansatz
gruppen zur Mensch-Roboter- gleichzeitig. weitestmöglich auszureizen: Sie
Interaktion Psychologen, Kogni- baut Kopien von konkreten
tionswissenschaftler oder auch Menschen. Als erstes Modell für
Verhaltensforscher durchaus mit dieses Projekt benutzte Ishiguro

Bilder: Universität Freiburg


einbezieht, sucht man Soziolo- seine fünfjährige Tochter. Eine
gen meist vergebens. weitere Androidin namens Q2 ist
die Kopie einer bekannten japa-
Anspruchsvolle nischen Nachrichtensprecherin.
Kommunikation Die Forscher überzogen in bei-
den Fällen einen dem mensch-
Sozial kommunikative Maschi- lichen Vorbild nachgeformten
nen, die mit Hilfe von mehr oder Roboter mit einer der jeweiligen
weniger fest programmierten das Repertoire der möglichen hängt Fritz an Strippen, die ihn Körperoberfläche nachgebilde-
Verhaltensweisen tatsächlich zu Antworten umfassender wird. mit einem leistungsstarken PC ten Silikonhaut und kleideten
sozialen Interaktionen mit Men- Die Ausrichtung der Aufmerk- verbinden. In Zukunft soll ein Ta- die Roboter wie Menschen.
schen fähig sind und damit der samkeit ist bei Fritz dagegen blet-PC in seinem Bauch einge- Zusätzlich versuchten sie, mög-
Vision von Robotern als Partnern schon ganz beeindruckend. Er baut werden. Dann muss man lichst menschenähnliche (Mikro-)
schon etwas mehr entsprechen, stellt Augenkontakt zu seinen di- auf manche Fähigkeiten des Sys- Bewegungen und ein entspre-
sind technisch weitaus an- versen Gegenübern her und tems verzichten oder per WLAN chendes Wahrnehmungssystem
spruchsvoller als Pino oder Paro. guckt gelegentlich von einem Daten übertragen – wobei letz- zu entwickeln. Die Mikrobewe-
Ein schönes Beispiel hierfür ist zum anderen. Ist man mehr als teres wieder Probleme beim gungen sollen Natürlichkeit ver-
der Museumsroboter Fritz, den zwei Meter entfernt, reagiert er Echtzeitverhalten produziert. mitteln, da Menschen auch im
die DFG-Forschungsgruppe Lear- nur noch, wenn man laut ruft. entspannten Zustand nicht ganz
ning Humanoid Robots von Die Steuerung der Aufmerksam-
Maren Bennewitz, Sven Behnke, keit von Fritz, die von Maren Ben-
Das unheimliche Tal
Michael Schreiber und ihren Kol- newitz entwickelt wurde, wird Der Sprung von Industrierobo-
legen an der Universität Freiburg aus seinem Abstand zu den Men- tern oder einfachen autonomen
entwickelt. Der 1,20 Meter große schen und der Häufigkeit und Systemen zu freundlichen Robo-
Fritz soll in ein bis zwei Jahren Dauer ihres Sprechens errechnet. tergefährten erscheint nicht nur
weit genug entwickelt sein, um Auch „Gefühle“ spielen bei aus solchen technischen Grün-
statt eines menschlichen Mitar- der Konstruktion von Fritz eine den sehr groß. Wie passt die Ent-
beiters Besucher durch ein Mu- Rolle. Er ist so programmiert, wicklung von freundlichen Mu-
seum zu führen. Ein besonderes dass die Mundwinkel nach oben seumsrobotern oder gar fürsorg-
Feature von Fritz ist, dass er mit gehen, wenn man sich viel mit lichen Krankenpflegerobotern zu
mehreren Menschen gleichzeitig ihm beschäftigt, sodass er einen unserem kulturgeschichtlichen
interagiert. Mit Hilfe eines visuel- fröhlichen Gesichtsausdruck be- Verständnis vom Roboter als ge-
len Objekterkennungssystems kommt. Ignoriert man ihn, fühllosem Monstrum, Termina-
ortet der Roboter Gesichter in sei- gehen die Mundwinkel nach tor oder sich selbstständig ma-
ner näheren Umgebung. Deren unten. Darf er auch nach mehr- chender Superintelligenz? Es ist
permanent aktualisierte Positio- facher Nachfrage seine Objekte zumindest im europäischen und
nen legt er in einer Datenbank ab. nicht erklären, zieht er ärgerlich anglo-amerikanischen Bereich
Mit Hilfe von zwei Mikrofonen seine Brauen zusammen. keine einfache Aufgabe, Roboter
und einem Programm zur Derzeit bringt Felix Faber dem als vertrauenswürdige Assisten-
Geräuschlokalisierung kann er Roboter Fritz das Laufen bei. So- ten und gefühlvolle Gefährten
seinen Blick auch dahin richten, bald er das kann, soll er auch mit zu verkaufen. Die soziale Robotik
wo gesprochen wird. Gemessen Kollisionsvermeidungssoftware, verwendet viel Zeit und Energie
an menschlichen Standards funk- Navigationskünsten und einem darauf, ihre Artefakte so zu ge-
tioniert das inhaltliche Erkennen größeren Sprachschatz ausge- stalten, dass sie das weit verbrei-
von Worten und Phrasen wie bei rüstet werden. Der Augenkon- tete Misstrauen unterlaufen und
den meisten Spracherkennungs- takt, seine Zeige-Gesten und die möglichst positive Reaktionen
systemen bisher aber noch eher relativ natürlichen Bewegungen hervorrufen.
schlecht. Steigt der Lärmpegel im machen zwar ein wenig die Entscheidend dafür ist vor
Raum, versteht Fritz noch häufi- mangelnde sprachliche Kompe- allem das Design von Robotern,
ger die Fragen seines Gegen- tenz wett. Wenn er auf lange bei dem sich vier Varianten her-
übers nicht. Das gleiche gilt für Sicht das Labor verlassen und ausgebildet haben: anthropo-
zu anspruchsvolle, schwierige ein echtes „Real-World-System“ morphe, tierähnliche, als Karika-
oder inhaltlich unsinnige Sätze, werden soll, bedarf es aber noch tur modellierte und rein funktio- Hiroshi Ishiguro möchte
wobei er letztere als solche nicht einer wesentlich besser arbeiten- nal gestaltete Roboter. Der Mu- lebensechte Androiden bauen.
identifizieren kann. Dominik den Spracherkennung. seumsroboter Fritz ist mit grob Der Roboter Q2 ist die Kopie
Joho arbeitet daran, dass die Das ist nicht das einzige noch karikierend-humanoiden Ge- einer bekannten japanischen
Spracherkennung besser und zu lösende Problem: Bisher sichtszügen und einem eher Nachrichtensprecherin.

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Report | Soziale Robotik

stillhalten. Während die Konstruk- ist einer der wenigen, der den
tion einer menschenähnlichen Sinn und Nutzen von menschen-
Wahrnehmung noch weitgehend gleichen Maschinen in Frage
Zukunftsmusik ist, sind die äußere stellt [3]. Zum einen geht Duffy
Gestaltung und die Mikrobewe- davon aus, dass es in absehbarer
gungen der von einem externen Zeit keine Maschinen geben
Rechner gesteuerten Androiden wird, die dem Vergleich mit dem
schon so gut, dass sie teilweise die Menschen im Bereich der sozia-
Illusion von einem echten Men- len Interaktion standhalten kön-
schen erzeugen. nen. Insofern würde humano-
Ishiguro unterzieht seine An- ides Design nur unhaltbare Er-
droiden einer neuen Art des Tu- wartungen bei den Nutzern und
ring-Tests. 20 Probanden wurden Nutzerinnen wecken. Er votiert
aufgefordert, sich die Farbe der dafür, Systeme zu entwickeln,
Kleidung eines „Menschen“ zu deren äußere Gestaltung auch
merken, den sie zwei Sekunden ihren Fähigkeiten entspricht.

Bilder: Sony
zu sehen bekamen. Sofern der Zudem würden Humanoide
Androide die erwähnten Mikro- den bruchlosen Übergang von
bewegungen ausführte, realisier- Mensch und Maschine unterstüt-
ten nur 30 Prozent der Proban- zen. Es wäre aber erst zu disku-
den, dass es sich um einen Robo- tieren, ob man die emotionalen Der Nachfolger von Aibo:
ter handelte. Ohne Mikrobewe- Bindungen zwischen Mensch Qrio, der kleine Humanoide,
gungen fiel dies 70 Prozent auf. und Maschine auf diese Weise hat die Sony-Labore noch
Diejenigen, die Unstimmig- verstärken sollte. Es ist ungeklärt, nicht verlassen.
keiten wahrnahmen, waren häu- ob die Nachahmung des Men-
fig unangenehm berührt. Die schen beim Design von Maschi-
Theorie zu diesem Problem des nen wirklich funktional ist. Duffy nicht nur simulieren, sondern Gefährte angepriesen. Er nutzt
„uncanny valley“, dem unheim- geht davon aus, dass Maschinen Artefakte mit dem Menschen eine Kamera, Infrarot- und Be-
lichen Tal, formulierte Mashiro andere Stärken als der Mensch vergleichbaren eigenen Inten- rührungssensoren sowie Mikro-
Mori schon 1970. Ihm zufolge haben und man dies nutzen soll- tionen, Sprachfähigkeit und Ge- fone und „kommuniziert“, indem
tritt häufig der Effekt der Verstö- te – wie bei den höchst funktio- fühlen entwickeln wollen. Eine er Musik abspielt, vorher einpro-
rung, wenn nicht gar der Ab- nalen Flugzeugen, die aus Vorstufe hierzu sind die soge- grammierte Sätze sagt, oder pas-
wehr von Maschinen ein, wenn gutem Grund nicht aussehen nannten sozial reagierenden send zu seinem farbig angezeig-
diese zu menschenähnlich ge- würden wie Vögel. Maschinen. Sie sollen von der ten „Gefühlszustand“ Geräusche
staltet werden. Die zunehmende Auch bei einem technischen Interaktion mit dem Menschen von sich gibt. Die Möglichkeit,
Annäherung beim Design des Artefakt wie einem Roboter sei profitieren und durch die Nach- durch intensive Auseinanderset-
Roboters an den Menschen ver- letztlich die Funktion entschei- ahmung des menschlichen Ver- zung mit dem Unterhaltungsro-
läuft nicht linear im Sinne einer dend: Durch Maschinenqualitä- haltens lernen. Interaktionen boter neue oder gar ungewöhn-
steigenden Vertrautheit. Im ten wie der perfekten Wiederho- zwischen Mensch und Maschine liche Bewegungsabläufe hervor-
Gegenteil: Bei zu großer Ähnlich- lung von Abläufen oder den Ein- greifen bei ihnen tiefer als bei zubringen, ist ein beliebtes
keit verschwindet das Gefühl der satz von Infrarotsensoren oder sozial evozierenden Maschinen Thema in den Diskussionsforen
Vertrautheit oder Glaubwürdig- Laserscannern können Roboter wie Pino oder sozial kommuni- der Aibo-Besitzer.
keit, stattdessen treten Fremd- andere Aufgaben erfüllen als der kativen wie Fritz. Aibo dient häufig auch als For-
heitsgefühle auf. Mensch. Darauf muss man ver- Die Interaktion könne unter schungsplattform. Intensive uni-
In der Forschung wird diese zichten, wenn sie eine perfekte anderem Auswirkungen auf tie- versitäre Forschung insbesonde-
Frage zumeist weniger mit Blick Kopie des Menschen darstellen fere Ebenen haben, wie etwa der re für das Fußballturnier Robocup
auf potenzielle Aufklärungsef- sollen. (Um-)Organisation des Motorsys- hat das Bewegungsverhalten von
fekte diskutiert, sondern eher tems. Stark beeinflusst von der Aibo wesentlich verbessert. Sein
hinsichtlich der Möglichkeiten, Artificial-Life-Forschung setzt humanoider Nachfolger Qrio ist
das „uncanny valley“ zu umge-
Pädagogische Träume dieser Ansatz auf das emergente bisher noch eine reine For-
hen. Der Robotiker Brian Duffy, Von solchen Einwänden gänz- Verhalten ihrer Roboter. Man ver- schungsstudie. Sony preist ihn als
der am Affective Social Compu- lich unbeeindruckt zeigen sich sucht, geeignete Rahmenbedin- zukünftigen Vertrauten an, der
ting Laboratory des französi- die Verfechter von Ansätzen, die gungen zu finden, in denen auto- mit seinem Menschen spricht, ihn
schen Institut Eurecom arbeitet, soziale Interaktion und Gefühle nome Maschinen selbstständig ermutigt und mit Hilfe einer Inter-
neue, nicht direkt programmier- netverbindung in allen Lebensla-
te Verhaltensmuster finden, die gen berät.
man dann teilweise durch Dieser Anspruch kommt den
Wiederholung und Verstärkung Vorstellungen von Cynthia Brea-
Mensch Nach der Theorie zu verstetigen sucht. zeal (MIT), die führend ist im Feld
00 %
von Mashiro Mori Der Theorie zufolge reagieren der Mensch-Roboter-Interaktion,
unheimliches
Tal steigt mit diese Maschinen zwar stärker auf sehr nahe: Sie erhofft sich von
Vertrautheit

wachsender das soziale Verhalten von Men- einem idealen sozialen Roboter,
Menschenähn- schen, aber sie werden nicht dass er auf persönliche Weise
lichkeit auch die „von sich aus“ aktiv. Als Parade- kommunizieren und interagie-
Spielzeug-
roboter Vertrautheit mit beispiel für sozial reaktive Ma- ren, uns verstehen und mit uns
dem Roboter. schinen gilt der Roboterhund eine langfristige Beziehung ein-
Wird er aber zu Aibo von Sony, der seit 1999 gehen kann. Wichtige Eigen-
0% ähnlich, ruft er hunderttausendfach in Japan, schaften eines solchen Roboters
Ähnlichkeit 100 %
Befremden oder den USA und Europa verkauft wären Anpassung, Autonomie
gar Angst hervor. wurde. Aibo wird wie Pino als sowie lebenslanges Lernen. Er

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Report | Soziale Robotik

sollte zudem in der Lage sein, Kinder tun, die Erfahrungen sam- langen Trainings bedarf, um Kis- Robots and Agents“ 2005 die
nicht nur Erfahrungen zu ma- meln und darauf aufbauend mets Handlungen einen Sinn ab- Frage nach nützlichen Anwen-
chen, sondern diese zu nutzen, neue Fähigkeiten entwickeln. zugewinnen [5]. dungen stellte, kamen kaum Ant-
um die eigene Persönlichkeit zu Durch „natürliche“ Reaktio- Dies macht das Dilemma der worten. Die Idee insbesondere
formen. Breazeal zufolge müsste nen wie Neugier, Angst, Ärger Vision vom wirklich sozialen Ro- der humanoiden Roboter scheint
ein sozialer Roboter auf mensch- oder Abwehr sollte er wie ein boter deutlich: Falls es über- viele zu faszinieren, doch scheint
liche Weise sozial intelligent Baby mit jedem Menschen haupt möglich ist, irgendwann kaum klar zu sein, wofür sie wirk-
sein [4]: „Die Krone einer solchen spontan kommunizieren kön- einem Roboter das Lernen im lich nütze sein könnten.
Entwicklungsleistung wäre es, nen und so sein eigenes Lernen obigen Sinne beizubringen, Angesichts recht üppiger För-
wenn wir uns mit den Robotern mitsteuern. Trotz des grob ver- braucht dieser nicht nur einen dertöpfe der Europäischen Union
anfreunden könnten und sie sich einfachten und eher stereoty- Programmierer, um sich weiter- oder auch der Deutschen For-
mit uns.“ pen Modells der Mutter-Kind- zuentwickeln. Für ihn ist auch schungsgemeinschaft für diese
Beziehung sowie des nur auf die eine menschliche Betreuungs- Forschung ist das eine erstaunli-
zentralen Elemente reduzierten person unverzichtbar, die ihn che Entwicklung – gerade in
Mutter-Kind-Spiele Gesichtes ist die in den Videos genau kennt und versteht. Wie einer Zeit, in der Wissenschaft
Bisher gehören solche sozial par- dokumentierte Interaktion von bei einem Kind muss sie auf ihn und Technik zunehmend ihre
tizipativen „Kreaturen“ mit eige- Breazeal und Kismet als Mensch- aufpassen und zu steuern versu- ökonomische und gesellschaftli-
nen internen Zielen und Motiva- Maschine-Interaktion beeindru- chen, was für Fähigkeiten der che Nutzbarkeit zu rechtfertigen
tionen in die Sparte Imagination ckend. In den Videos auf ihrer Roboter entwickelt – der anhand haben. Letztlich wäre eine infor-
oder doch in die der Zukunfts- Webpage hat man tatsächlich der Erfahrungen mit seiner Um- mierte und breite gesellschaftli-
musik. Cynthia Breazeal sieht den Eindruck, eine Mutter zu be- gebung möglicherweise ähnlich che Debatte darüber sinnvoll,
den Roboter Kismet, den sie von obachten, die sich angestrengt langsam lernt wie ein Kind. Für welche Anwendungen man wirk-
1997 bis 2000 während ihrer Dis- bemüht, mit Hilfe pädagogi- wie viele Menschen wird es da lich haben will und für welche
sertation am MIT entwickelte, als schen Spielzeugs ihrem begriffs- wirklich attraktiv sein, sich mit Forschung Geld gegeben wird.
den ersten Schritt auf dem lan- stutzigen Kind auf die Sprünge ihrer Maschine anzufreunden Auf dieser Grundlage wäre eine
gen Weg zum wahrhaft sozialen zu helfen. und sie mühsam zu erziehen? genauere Ausrichtung der sozia-
Roboter. Ziel war eine Kreatur, Allerdings scheint die Analo- len Robotik möglich und man
die physisch, affektiv und sozial gie weiter zu gehen als beab- Viele Fragen ohne könnte sich die eine oder andere
mit Menschen interagiert und sichtigt: Die Wissenschaftsfor- Antwort Entwicklung sparen. Vor allem
dabei lernt und sich weiterentwi- scherin und KI-Expertin Lucy wäre eine genauere Untersu-
ckelt. Inspiriert von der Mutter- Suchman berichtete von erfolg- Dieses kleine Panorama sozialer chung der Effekte von unter-
Kind-Beziehung modellierte sie losen Interaktionsversuchen mit Maschinen zeigt, wie unter- schiedlichen Weisen der Mensch-
die Beziehung zu Kismet als eine Kismet im Museum des MIT. schiedlich die Konzepte der sozi- Roboter-Interaktion wünschens-
„caregiver-infant relation“, in der Trotz kompetenter Anleitung alen Robotik sind: Es reicht vom wert, um so manch teuren Irrweg
Hoffnung, so das Problem zu und geduldiger Versuche hätte zoomorphen Kuschelroboter zu vermeiden. (anm)
lösen, dass Roboter mit den bis sie dem Roboter kein kohärentes Paro über die Idee des erwachse-
Jutta Weber ist Technikforscherin
dahin verwendeten Lernalgo- oder intelligentes Verhalten ent- nen, mehr oder weniger fest pro-
und Philosophin und arbeitet der-
rithmen nicht beliebig komplexe locken können. Sie vermutet grammierten Roboters Fritz bis
zeit in einem Forschungsprojekt
Fähigkeiten erwerben konnten. deshalb, dass die Ausdrucksfä- zu täuschend menschenähn-
zur sozialen Robotik am Institut
Kismet sollte auf die gleiche, im higkeiten Kismets nicht einfach lichen Androiden oder erzie-
für Wissenschaftstheorie der Uni-
Ergebnis nicht von vornherein durch die Maschine verkörpert hungsbedürftigen Roboterkrea-
versität Wien.
festgelegte Weise lernen, wie es werden, sondern dass es eines turen à la Kismet. Das Verspre-
chen der sozialen Robotik, dass
sich in Zukunft die Maschine an
Literatur
den Mensch anpassen soll und
nicht umgekehrt, lösen sie bis- [1]ˇSpezialausgaben zur Human-
her alle nicht ein. Robot Interaction, erschienen
Seriöse Untersuchungen, wel- u.ˇa. 2003 in Robotics and Auto-
ches Design die zukünftigen nomous Systems (42, 3–4) sowie
Nutzer und Nutzerinnen sozialer 2004 in Human-Computer Inter-
Maschinen eigentlich erstre- action (19) und IEEE Systems, Man
benswert finden, sucht man bis- and Cybernetics (34, 2)
her vergebens. In alter Manier [2]ˇTerrence Fong/Illah Nourbakhsh/
werden allerhöchstens schon Kerstin Dautenhahn (Hrsg.), A
entwickelte Prototypen an den Survey of Socially Interactive Ro-
Bild: Sam Ogden/Science Photo Library/Agentur Focus

Usern ausprobiert und „evalu- bots, Robotics and Autonomous


iert“. In die Technikentwicklung Systems 42 (2003), S. 235–243
selbst werden die Nutzer nicht [3]ˇBrian Duffy, Gina Joue, Why
mit einbezogen. Humanoids? 4th Chapter Confe-
Offen bleibt dabei nicht nur, rence on Applied Cybernetics 2005,
inwieweit das humanoide Design www.manmachine.org/brd/pub
von Dienstleistungsrobotern Sinn lications/WhyHumanoids-AC2005-
macht, sondern auch in welchem final.pdf
Bereich sie überhaupt sinnvoll [4]ˇCynthia Breazeal, Designing Soci-
eingesetzt werden können – ge- able Robots, MIT Press (Überset-
rade auch angesichts des Stands zung des Zitats: Jutta Weber)
der Forschung. Als Kerstin Dau- [5]ˇLucy Suchman, Replicants and Ir-
tenhahn bei der von ihr organi- reductions, Affective encounters
sierten Tagung „Social Intelli- at the interface, www.comp.lancs.
Freundschaft mit dem sozial intelligenten Roboter? gence and Interaction in Animals, ac.uk/sociology/soc106ls.htm c

c’t 2006, Heft 2 149


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