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G8 oder G9

1. Das Alter
G8
Eines der wichtigsten Argumente für die Einführung der verkürzten Schulzeit war, dass die
deutschen Abiturienten im internationalen Vergleich zu alt und deshalb nicht
wettbewerbsfähig sind. Seit der Einführung von G8 hat sich das Alter der Absolventen
international angeglichen. Zum Teil mag das allerdings auch an der Einführung des Bachelor-
Abschlusses an den deutschen Universitäten liegen. Damit ist ein früherer Eintritt ins
Berufsleben möglich, der bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt eröffnen soll. Ein Jahr mehr
Lebensarbeitszeit bedeutet auch, ein Jahr früher Geld zu verdienen und in die eigene Rente
einzuzahlen. Mit G8 ein Jahr früher das Abitur in der Tasche zu haben, ermöglicht eine Auszeit
nach dem Abi, ohne Zeit zu verlieren. Zum Jobben, zum Reisen, zum Nachdenken, für die
persönliche Entwicklung.
G9
Dennoch, im G9-System haben die deutschen Schüler mehr Zeit im Ausland verbracht.
Möglicherweise, weil der schulische Druck nicht so hoch war, oder weil die Stoffdichte Platz ließ
für den Schüleraustausch oder das Auslandsjahr. Von Arbeitgebern werden
Auslandserfahrungen als Katalysator für persönliche Entwicklung und Reife positiv bewertet.
Denn nicht nur das Alter und die Abschlussnote spielen eine Rolle, sondern auch die
Persönlichkeit.
G9
Mit G9 war das Abitur auch ein Reifezeugnis, die meisten Abiturienten waren volljährig.
G8
Durch G8 machen viele Schüler den Schulabschluss unter 18 Jahren. Folgt die Einschreibung an
der Uni im gleichen Jahr, starten sie minderjährig ins Studentenleben. Ob es der
Selbstständigkeit eines jungen Menschen dient, das Einschreibeformular und den ersten
eigenen Mietvertrag noch von den Eltern unterschreiben lassen zu müssen?
G9
Seit der Einführung von G8 klagen viele Schüler und Eltern über die hohe Lernbelastung im
Gymnasium. Doch normale Schüler tun sich oft schwer, den verkürzten Weg zum Abitur mit
den gleichen Anforderungen zu bewältigen. Sie bekommen damit ein Jahr mehr Zeit bis zum
Abitur, ohne gleich als „Schulversager“ stigmatisiert zu werden. Überhaupt gilt G8 als extrem
leistungsorientiertes Modell. Oft arbeiten G8-Schüler mit Schule und Hausaufgaben mehr
Stunden als ein Vollzeitangestellter – laut repräsentativen Befragungen zwischen 44 und 55
Stunden die Woche. Persönliche Freiräume für Persönlichkeitsentwicklung und Erholung sind
da zeitlich knapp bemessen.
G8
Für leistungsfähige Schüler ist das ein Vorteil, der „Leerlauf“ ist damit auf ein Minimum
reduziert.
Der Vorteil am derzeit häufig gemischten G8/G9-System: Durchfaller oder Schüler, die mit G8
überfordert sind, können problemlos ins G9-System wechseln.
G9
Erhöhter Druck und Stress sind nicht die einzigen Kritikpunkte von G8. Viele Lehrkräfte
bemängeln einen Qualitätsverlust im Vergleich zum Lehrstoff in G9. Tatsächlich sind mit der
Einführung von G8 zwischen 12 und 20 Jahreswochenstunden Unterricht ersatzlos
weggefallen. Das erfordert Prioritätensetzung in der Auswahl des Lehrstoffs, an den Lehrplänen
für G8 ist daher massiv der Rotstift angesetzt worden. G8-Schüler haben insgesamt 180
Stunden weniger Mathe und 200 Stunden weniger Englisch in ihrer Schulzeit.. Denn die
richtige Aussprache in Fremdsprachen oder das Verständnis für lateinische Originaltexte lassen
sich schlecht in Eigenregie lernen. Mit G9 bleibt mehr Zeit zum Üben und Vertiefen in der
Klasse - zur Freude von Lehrern und Schülern.
G8
Die teilweise längst überholten Lehrpläne zu entrümpeln ist sicher ein Vorteil, dennoch
machen sich auch die fehlenden Übungsstunden im Klassenzimmer bemerkbar
G9
Um die von der Kultusministerkonferenz geforderte Jahreswochenstundenzahl von insgesamt
265 Stunden in G8 halten zu können, hat sich der Unterricht auf den Nachmittag ausgedehnt.
Sechst- und Siebtklässler haben an einem Nachmittag in der Woche Unterricht, Acht-, Neunt-
und Zehntklässler an zwei bis drei Nachmittagen und Schüler der gymnasialen Oberstufe an
mindestens drei Nachmittagen.
((((G8 In der Stadt ist das für berufstätige Eltern ein Segen, ihre Kinder sind, ähnlich wie in einer
Ganztagesschule, zumindest einige Tage in der Woche über Mittag hinaus betreut.)))
Auf dem Land allerdings hat sich das G8- Modell zum Problem entwickelt. Da dort Busse ab
Nachmittags oft in großen Zeitabständen fahren, ist es nicht selten, dass Schüler nach dem Ende
des Unterrichts um drei Uhr zwei Stunden auf den Bus warten müssen und erst abends um
sechs zuhause eintreffen. Für viele Eltern ist das ein Grund, ihre Kinder trotz Eignung nicht aufs
Gymnasium sondern auf die näher gelegene Haupt- oder Realschule zu geben.
G9
Zusammen mit dem Nachmittagsunterricht auch noch das Pensum an Hausaufgaben zu
schaffen, ist in G8 für viele Schüler eine zeitliche Herausforderung. Freizeit, Familienleben oder
private Interessen und Hobbys wie der Sportverein oder das Spielen eines Instruments bleiben
auf der Strecke.
Nicht nur außerschulische Aktivitäten, auch das soziale Leben in der Schule und Angebote
neben dem regulären Unterricht leiden unter dem Zeitmangel in G8. Ob Theater, Schulchor
oder der Astronomiekurs – diese freiwilligen Wahlfächer sind meist Klassen- und
Jahrgangsstufenübergreifend. Seit in G8 alle Stufen an unterschiedlichen Nachmittagen
Unterricht haben, ist es schwierig, einen gemeinsamen Termin zu finden oder überhaupt Zeit zu
erübrigen. Im G9-System gab es diese organisatorische Problematik schlichtweg nicht. Doch
nicht nur das Schulleben leidet darunter, auch viele Sportvereine führen ihren
Mitgliederschwund auf den Zeitmangel der Schüler seit G8 zurück.
Zudem vermitteln Wahlfächer den Schülern wichtige Zusatzqualifikationen und praktische
Erfahrungen, die nicht durch den Regelunterricht im Gymnasium abgedeckt werden können
und ihnen für ihre spätere Berufswahl oder ihre persönliche Entwicklung dienen.

Eine Emnid-Umfrage aus dem Jahr 2012 kommt zu dem Ergebnis, dass acht von zehn Eltern (79
Prozent) mit schulpflichtigen Kindern G9 dem verkürzten Gymnasium vorziehen. Verständlich,
schließlich ist die Schulzeit nicht nur ein Etappenziel auf dem Weg zur beruflichen oder
akademischen Ausbildung, sondern auch prägend für die Persönlichkeitsentwicklung und das
eigene Verhältnis zur Bildung. Dennoch gibt es auch gute Gründe für G8, beispielsweise eine
bessere Vorbereitung der Schüler auf den späteren Leistungsdruck in der Uni und der
Arbeitswelt.