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Individuums- und

entwicklungspsychologische Grundlagen
von Bildung und Lernen
1. VO, am 5. März 2021
Ebbinghaus Illusion:
Beide Kreise sind gleich groß. Die Erfahrung zeigt, dass aber viele den rechten Kreis als größer erlebt
haben, d.h. eine Illusion die auf Ebbinghaus zurückgeht und auch Ebbinghaus Illusion genannt wird.

Ebbinghaus war ein deutscher Psychologe und Philosoph. Er ist ein gutes Beispiel für experimentelle,
psychologische Forschung, weil diese Unterschiedlichkeiten im Kreis nicht von allen gleich gut
wahrgenommen werden. Z.B. indigene Bevölkerungen wie die Himba aus dem Norden Namibias
erleben die Ebbinghaus Täuschung wesentlich schwächer als Europäer. Warum? Die Himba haben in
ihrer Sprache kein Wort für Kreis. Runde Objekte spielen in ihrem Alltag kaum eine Rolle, es gibt nur

wenig oder kaum wirklich runde Objekte und das lässt darauf schließen, dass visuelle Erfahrungen

scheinbar als optische Täuschungen das ganze beeinflussen, was wir im Leben schon sahen bzw. sehen.
Auch Kinder unter 7 Jahren erkennen die Kreise richtig und lassen sich weniger täuschen als

Erwachsene. Der Irrtum in der Wahrnehmung ist eine Folge der späteren Gehirnentwicklung. Der
Bildkontext wird definitiv miteinbezogen. Ersetzt man die inneren Kreise mit negativen Objekten wie

Waffen oder Spinnen und die äußeren mit etwas Erfreulichem wie Hasen oder einer Sonnenblume, fällt

die Täuschung geringer aus. Negative Reize verlangen besonders viel Aufmerksamkeit, Informationen
ringsum werden ausgeblendet. Im Nebeneffekt wird auch die Größe des Kreises dadurch konkreter

eingeschätzt.
Gesetz der Geschlossenheit

Forschungen haben gezeigt, dass viele berichten, hier ein Dreieck zu sehen, d.h. ein Dreieck
sowohl links als auch rechts. Eines ist meist ein bisschen stärker bzw. schwächer. Manche

berichten auch, einen offenen Kreis zu sehen. Die sind aber objektiv nicht hier. Es ist ein Gebilde,
das nicht geschlossen ist, es ist aber per se kein offener Kreis. Daraus kann man ableiten, dass es

bestimmte Gesetze gibt, wie man mit bestimmten Formen umgeht, wie unsere Wahrnehmung
Dinge ergänzt. Diese sogenannten Gestaltgesetze wurden daraus abgeleitet. Hier ist es das Gesetz
der Geschlossenheit, das verweist auf die Tendenz in geometrischen Gebilden diejenigen
Strukturen als Figur wahrzunehmen, die eher als geschlossen als offen wirken. Diese
Geschlossenheit kann durch tatsächlich vorhandene Linienzüge, aber auch nur durch die

Vorstellung von subjektiven Konturen bewirkt werden. Keine der subjektiv sichtbaren typischen
geometrischen Grundformen z.B. hier das Dreieck oder der nicht abgeschlossene Kreis, ist

wirklich objektiv vorhanden. Selbst wenn man gegen diese optische Täuschung ankämpft,
kommen wir nicht gegen das Bestreben unseres visuellen Systems an, Objekte zu erkennen.

Visuelle Wahrnehmung ist also nicht nur eine bloße passive Abbildung der Realität, d.h.
irgendetwas fällt in das Auge, sondern es ist ein ganz aktiver Vorgang. Eine frühe Erkenntnis der

wissenschaftlichen Psychologie war, dass bestimmte Dinge in der Wahrnehmung passieren, d.h.

man korrigiert Dinge kognitiv. Es ist nicht nur ein reales Abbild der Realität.
Die Gestaltgesetze beziehen sich nicht nur auf einfache geometrische Formen. Viele sehen auf dem Bild

ein Gesicht. Es handelt sich um ein Bild von der Cydonia am Mars 1976. Das Gesicht ist sehr berühmt
geworden. Es ist in der Populärkultur verarbeitet wurden. Viele glaubten, dass auf dem Mars Menschen
sind, Kulturen, Bauwerke, die quasi Dinge in Stein gehauen haben. Es gab auch einen Film dazu
„Mission to Mars“. 30 Jahre später wurde aber durch genauere Bilder gezeigt, dass es sich um kein
Gesicht handelt, sondern dass es einfach nur eine schlechte Auflösung gewesen ist. Wir haben durchaus
versucht das Ganze zu etwas Sinnvollem zu ergänzen. Auch in dem Kreis mit drei Strichen werden
einige ein Gesicht sehen, weil wir das Ganze zu sinnierenden Strukturen und Formen ergänzen. Das hat
es in die Pop-Kultur geschafft auch auf Instagram, gibt es viele Accounts die Gesichter in Essen, Häuser,

etc. suchen. Das Phänomen in Dingen und Mustern vermeintlich Gesichter, vertraute Wesen oder

Gegenstände zu erkennen, nennt sich Pareidolie. Das ist eine Form des überall Gesichtersehens.

→ Wir sehen Dinge, die nicht wirklich da sind.

Pareidolie (Erscheinung, Schattenbild)


• bezeichnet das Phänomen, in Dingen und Mustern vermeintliche Gesichter
und vertraute Wesen oder Gegenstände zu erkennen.
• besondere Form einer Clustering- Illusion oder Heuristik

Aber nicht alles lässt sich mit Pareidolien erklären,

z.B. "200 Gesichter von Lokesvara" Bayon Tempel in

Angkor Wat (Kambotscha). Die Gesichter sind dort allerdings


bewusst platziert wurden. D.h. nicht alles, wo wir ein Bild

sehen, ist eine Täuschung, sondern es gibt durchaus viele Beispiele, wo es bewusst eingesetzt wurde und
wo es keine reine Täuschung oder Vervollständigung unserer Wahrnehmung ist. Nicht immer ist es eine
Täuschung, sehr oft ist es auch bewusst eingesetzt.
Wir ergänzen Dinge, auf der anderen Seite filtern wir aber auch Dinge weg, die wir nicht brauchen.

Informationen die sinnlos sind, die man nicht braucht, filtern wir teilweise weg. Es passieren auch
bestimmte Dinge unbewusst, auch beim Lernen passieren Dinge, die ablaufen, ohne dass wir es bewusst
mitbekommen.
Die Psychologie hat auch herausgefunden, wie wir relativ einfach effizienter und effektiver lernen

können. Das sogenannte Testeffekt/retrieval practice ist ein Befund aus der
Gedächtnisforschung, der sagt, dass man sich viel besser an Informationen erinnert, wenn sie nach

dem Lesen in Selbsttests überprüft werden, anstatt sie nur noch einmal zu lesen. D.h. die
Zielsetzung wäre, nicht zu versuchen den Inhalt sich immer und immer wieder einzubläuen, den

Inhalt zu wiederholen und ihn so ins Gedächtnis zu bringen, sondern eher versuchen den Inhalt
relativ schnell abzurufen. D.h. mehr Zeit in den Output als in den Input investieren: Wenn die

Stoffmenge sehr groß ist, macht es durchaus Sinn, mehr Informationen versuchen (schnell)

abzurufen, Fragen an den Text zu stellen und diese versuchen zu beantworten, aus dem
Gedächtnis Dinge zusammenzufassen, anderen zu erzählen, was man gelernt hat.
Auch hierfür gibt es eigene Methoden z.B. die SQ3R Methode. Sie versuchen sich am Anfang

einen Überblick zu verschaffen, überfliegen der Überschriften, Verständnisfragen zu formulieren


und zu beantworten, sich beim lesen kritische Fragen zu stellen, Notizen anzufertigen, eine
Verbindung zum eigenen Leben herzustellen und dann die Hauptgedanken noch einmal aus dem

Gedächtnis abzurufen und zu testen. Anschließend noch einmal darüber nachdenken, sich Notizen
anschauen.

→ weg vom reinen Input, hin zum Output zum Versuchen des Abrufen, Reproduzieren der
Dinge, die man gerade gelesen hat.
PSYCHOLOGIE ALS WISSENSCHAFT

Was versteht man unter wissenschaftlicher Psychologie?


Was sind wichtige Meilensteine in der Entwicklung der Psychologie?
Was sind Aufgaben und Ziele der Psychologie?

Geburtsstunde
ForscherInnen über die Seele und über das Verhalten oder Leben von Menschen finden sich

bereits sehr früh in den Schriften aller Hochkulturen der Menschheit (Ägypten, China, Indien).
Die Geburtsstunde der wissenschaftlichen Psychologie, die auch empirisch orientiert ist und so wie
wir sie heute kennen, lässt sich auf die Gründung des Institut für empirische Psychologie an der
Uni Leipzig 1879 zurückführen. Der Gründer und auch die Leitung war damals der Philosoph und

Physiologie Wilhelm Wundt. Er war natürlich noch kein Psychologe, weil die Psychologie noch
nicht gegründet war. Er versuchte die „Elemente des Seelenlebens“ empirisch zu erfassen. Hier

lässt sich auch die Wortherkunft ablesen: Die Psychologie als Lehre von der Seele. Es entwickeln
sich auch schnell zwei Subdisziplinen: Strukturalismus + Funktionalismus. Der Strukturalismus

versucht die Elemente der Seele zu entdecken. Einer der wichtigsten Vertreter war Edward
Bradfort Titchener, ein Schüler von Wundt, der aber nach seiner Promotion in die USA emigrierte

und dort den Strukturalismus als Gegenposition zum Funktionalismus etablierte. Der
Funktionalismus versucht mehr Funktionen und nicht die Inhalte unserer Gedanken und Gefühle

zu betrachten. Warum denkt der Geist? Emotionen und Erinnerungen standen dadurch auch im
Forschungsfokus. Die Methode der Wahl war beim Strukturalismus Introspektion. Man hat
versucht sich selbst zu beobachten. Personen sollten berichten, welche Einzelheiten und
Erfahrungen sie erleben, wenn sie z.B. eine Rose betrachten, wenn man einem Metronom zuhört,
wenn man einen Duft riecht. Das Interessante war, dass Selbstbeobachtung/diese Methode nicht
sehr erfolgreich war. Man kann sich das vorstellen, es kamen immer wieder Kommentare wie „Sie

kennen ihren eigenen Geist nicht“. Diese erste Form der wissenschaftlichen Methode der
Introspektion war nicht sehr erfolgreich.

„Junge Wissenschaft“
Die Psychologie ist also eine relativ junge Wissenschaft, die noch keine 150 Jahre alt ist. Für
Wundt und William James wurde die Psychologie als die „Wissenschaft vom Seelenleben“
definiert, d.h. griechisch „psyche“ = Seele, Gemüt; „logos“ = Begriff, Wort, Lehre - also die Lehre
von der Seele und es ging vordergründig, um die Konzentration auf die inneren Empfindungen,

Bilder und Gefühle und um die handlungssteuernden Funktion des eigenen Bewusstseins. Das

erste umfassende Lehrbuch über diese Wissenschaft erschien 1890 „The principles of Psychology“
von William James. Angesetzt für zwei Jahre dauerte es letztendlich aber 12Jahre, um das Buch

fertigzustellen. Zufrieden war William James nicht, dass er nicht alles Wissen, was es damals
schon gab, unterbringen konnte.

Behaviorismus & Psychoanalyse


Ab 1920 beeinflussten und prägen hauptsächlich zwei neue Paradigmen die wissenschaftliche
Psychologie: Behaviorismus & Psychoanalyse. Im Behaviorismus wurde der Lernende als eine

Black Box betrachtet, dessen Motivation, Denken, Kreativität, Erinnerungsfähigkeit als eine

wissenschaftliche Untersuchung nicht zugänglich galt. Man dachte sich, alles, was in unserem
Kopf passiert, können wir eigentlich nicht untersuchen, das ist nicht zugänglich. Wichtig ist nur,

dass zuletzt das als erwünscht festgelegte Verhalten gezeigt wird. Der Fokus auf das Verhalten

war wichtig. Dieses Denken lässt sich auf den Positivismus zurückführen, das ist eine
wissenschaftstheoretische Position, die besagt, dass nur objektiv gewonnene Erfahrung, als

alleingültige der wissenschaftlichen Erkenntnis, möglich ist. Die dadurch ausgelöste Kritik ist die
der Introspektion. Dadurch dass man zuvor die Leute nur berichten ließ, was sie selbst denken

und das nicht als objektiv galt. Ab diesem Zeitpunkt war egal, was im Kopf passiert. Es ging nur
noch um das Verhalten - ein sehr enger Verhaltensbegriff noch dazu. Die zweite wichtige
Strömung ab den 1920er Jahren war die Psychoanalyse, durchaus für Wien bedeutend. Dabei
ging es um die Bedeutung der Psychodynamik. Im Vordergrund standen Dinge wie Wünsche,
Ängste, Sexualität, die für das Verhalten von Menschen und psychische Störungen wichtig waren.
Auch da gab es eine Einteilung in die Persönlichkeit: Sie besteht aus bewussten, unbewussten und

vorbewussten Bereichen - auch hier eine Form von Strukturierung. Auch hier hat man gesehen
einerseits geht es um die Funktion, andererseits aber auch um die Struktur von bestimmten
Dingen.

Abkehr vom Behaviourismus


Die Kritik die zuvor dem Strukturalismus & Funktionalismus galt, gekommen vom
Behaviorismus, das passiert auch sehr schnell dem Behaviorismus - immer mehr Kritik, unter
anderem auch in Form der Humanistischen Psychologie, die auch als dritte Richtung oder
Psychologie bezeichnet wird. Hier ging man von einem gleichartigen Menschenbild aus, d.h. im
Zentrum standen die Autonomie und soziale Interdependenz, die Ganzheit, die Selbstverwirklichung.

Es ging mehr um die Person, die eigenen Bedürfnisse und Wünsche. Wichtige Personen waren
Abraham Maslow, Carl Rogers und Charlotte Bühler. Insbesondere Charlotte Bühler ist spannend,
weil sie in Wien einen Lehrstuhl hatte, aber dann flüchten musste in den 1930er Jahren. Man kann sie
aber heute noch im Arkadenhof als Büste sehen. Sie war eine der fünf Frauen, die auch heute im
Arkadenhof als Büste sichtbar sind. Kritik kam auch von anderen bedeutsamen Persönlichkeiten wie
vom Sprachwissenschaftler Noam Chomsky, der den Behaviorismus stark kritisierte. Er sprach

davon, dass man in Romanen eher über das menschliche Leben und die menschliche Persönlichkeit

lernt, als von der wissenschaftlichen Psychologie. Er meint damit den Behaviorismus. Sehr berühmtes

Zitat:
„It is quite possible - overwhelmingly probable, one might guess - that we will always learn more

about human life and human personality from novels than from scientific psychology.“
Seine Kritik förderte auch den Aufstieg der Kognitionswissenschaft.

„Kognitive Wende“

Weg vom Behaviorismus, jetzt waren wieder mentale Prozesse im Fokus. Es ging darum, dass man
sich die Informationsverarbeitung anschaut, d.h. die Aufnahme, Verarbeitung und Bewertung von

Informationen. Verhalten nicht mehr nur als Reiz und Reaktion, d.h. es kommt nicht ein Input, man

macht etwas und nachher tut man etwas, sondern man hat die Komplexität der
Informationsverarbeitung als einen Prozess der kognitiv, geistig abläuft, begriffen. Dafür untersucht

man auch heute noch menschliche Wahrnehmung, Informationsverarbeitung, Emotion und Handeln,
Intelligenz, Sprache, Kreativität, Verstehen, Urteilen, Bewerten, Vorstellungen, Lernen, Gedächtnis.
Alle Dinge, die jetzt im Vordergrund stehen, sind eigentlich schon jahrzehntelang vernachlässigt

worden.

Begriffsbestimmung
Wenn man aber eigentlich über einen Begriff spricht, dann ist es üblich vorher genau zu bestimmen,

was man darunter versteht. Entsprechend der Herkunft und der ursächlichen Bedeutung des Wortes
Psychologie als Lehre von der Seele taten sich aber sehr früh wichtige Persönlichkeiten schwer, etwas
Konkretes zu sagen. So auch Aristoteles:

„Es ist in jeder Hinsicht ein schwieriges Unterfangen sich über die Seele eine feste Meinung zu
bilden.“ (Aristoteles, 384-322 v. Chr.)
Eine Definition blieb daher vorerst aus. Auch im 20. Jh. hat ein sehr angesehener Professor für
theoretische Psychologie durchaus versucht, eine Begriffsbestimmung vorzunehmen, hat aber dann
ganz pragmatisch zusammengefasst:
„Was Psychologie ‚ist‘ weiß man allenfalls, wenn man alle ihre Bereiche kennengelernt hat; aber
dann lässt es sich nicht mehr knapp sagen.“ (Döner & Selg, 1996)
—> Es ist durchaus nicht einfach, etwas ganz Spezifisches abzuleiten, aber man hat sich trotzdem
geeinigt. Es gibt nicht die eine exakte Definition, aber es gibt eine Definition, die durchaus

akzeptiert ist und auf die man sich in der wissenschaftlichen Gemeinschaft (Scientific community)

durchaus geeinigt hat:


„Gegenstand der Psychologie sind Verhalten, Erleben und Bewusstsein des Menschen, deren

Entwicklung über die Lebensspanne und deren innere (im Individuum angesiedelte) und äußere
(in der Umwelt lokalisierte) Bedingungen und Ursachen.“ (Zimbardo & Gerrig, 1999)

Die Betonung liegt auf Verhalten, Erleben und Bewusstsein, wie sich diese entwickeln und welche

Bedingungen und Ursachen es dafür gibt. Man könnte durchaus sagen, die Dinge die wir vorhin
gehört haben, die spiegeln sich auch heute in der modernen Psychologie wieder: Stukturalismus

und Funktionalismus leben fort und ergänzen sich sehr gut. Der Strukturalismus mit der Frage
nach den Inhalten und Strukturen im Erleben und Verhalten z.B. wenn wir das Gedächtnis
beschreiben würden, dann würden wir sagen, ein Gedächtnis besteht aus einem Kurzzeit-, einem
Langzeit- und einem sensorischen Gedächtnis - man kann das Gedächtnis in bestimmte Strukturen
einteilen, aber man könnte natürlich auf der Seite des Funktionalismus überlegen, wie funktioniert
ein Gedächtnis? Warum merkt man sich was gerade gesagt wurde und warum weiß man es in 2

Stunden vielleicht nicht mehr? Wie kann man Dinge encodieren? —> Darum macht es immer Sinn
sich sowohl die Struktur als auch die Funktionsweise ansieht.

Inhalte und Ziele

„Erleben“ und „Verhalten“ sind zentrale Elemente.


Wenn wir uns das „Erleben“ anschauen wollen, dann wäre das so etwas wie unsere Gedanken,
Gefühle, Wünsche. Diese sind aber nicht direkt beobachtbar, daher kann man als Auskünfte eine
Person hernehmen. Man könnte zwar durch bestimmtes Verhalten auf bestimmte Gefühle

schließen, aber wir wüssten es nicht zwingend. D.h. wir können vom Verhalten nicht direkt auf

das Erleben schließen. Wir können zwar Hypothesen annehmen, wir wissen es aber nicht 100%ig.
Das Verhalten sind komplexe Handlungen und Verhaltensweisen ebenso wie einfache

Äußerungen (z.B. Gestik, Atmung). Verhalten kann sehr komplex sein, es kann sich aber auch
durchaus relativ einfach äußern und es sollte auch für uns beobachtbar sein --> Verhalten können
wir von Außen beobachten, es ist von Außen zugänglich.

Hauptziele
Die Psychologie unterscheidet im Großen und Ganzen vier Dinge.

1. Beschreiben: Man möchte möglichst präzise, systematisch und nach bestimmten Theorien
Informationen bzgl. dem Erleben und Verhalten erlangen. Das kann durch Beobachtung,

Befragung, Texts, Textanalysen erfolgen.


2. Erklären: Man interpretiert diese Daten anhand von Hypothesen, Theorien und schaut, ob die

Dinge ursächlich zusammenhängen.


3. Vorhersagen: Man möchte versuchen etwas für die Zukunft vorhersagen zu können.

4. Verändern: Man möchte auch etwas verändern, d.h. die Entwicklung des Repertoirs von
bestimmten Bedingungen, die eine Veränderung bzw. Optimierung von bestimmten Dingen

erlauben.
Beispiel: Emotion Prüfungsangst!
Was ist denn Prüfungsangst? Man könnte eine Theorie haben, wie Prüfungsangst entsteht, wie sie
sich über die Zeit entwickelt, wie sie konstant gehalten wird. Wenn man das hat, könnte man

versuchen es empirisch zu überprüfen, indem man schaut, was mögliche Auslöser oder
Begleiterscheinungen oder Konsequenzen (z.B. Scham, peinliche Bemerkungen anderer) oder wie
zeigt sich Prüfungsangst (z.B. Menschen werden rot, Schweißausbrüche, Gedankenblockaden,
Hemmungen, man kann sich nicht mehr gut konzentrieren). Wenn man das erfasst hat, kann man

sich überlegen, wie das zusammenhängt z.B. wenn Sehkraft bestimmte Dinge macht - steigt
Prüfungsangst (Lehrer sagt, dass Prüfung extremst schwer wird --> Kinder haben stärkere
Prüfungsangst). Man wird anhand von bestimmten Parametern durchaus sehen, dass bestimmte

Dinge eintreten können, d.h. wir werden Dinge beschreiben, voraussagen könne, es wird
passieren, wenn man bestimmte Dinge macht. Das Phänomen Prüfungsangst könnte man so
versuchen zu erklären.
Hauptziele

Beispiel Freundschaftsmuster in multikulturellen Schulklassen


Man könnte sich anschauen, wie in multikulturellen Schulklassen Freundschaften entstehen. Zuerst
muss man sich anschauen, was multikulturell überhaupt ist. Eine Möglichkeit wäre, das Herkunftsland
zu erheben. Aber man könnte auch hier nicht nur eine Variante wählen, sondern verschiedene,
nämlich die Muttersprache, die Staatsbürgerschaft, wo ist man geboren, in welcher Generation ist die
Person schon im Land. Danach müsste man festlegen, was ist denn ein Freund. Viele Freunde - könnte
auch interessant sein. Dann könnte man anhand der Homophilie Hypothese erklären, dass
Freundschaften auf Ähnlichkeiten passieren. Im Normalfall findet man eher Freunde, die bestimmte

Ähnlichkeiten zu einem selbst aufweisen, als Personen, die ganz unterschiedlich sind. Im Einzelfall

kann das natürlich trotzdem so sein, aber im Großen und Ganzen entstehen Freundschaften anhand
von Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten. Aber natürlich muss diese Gegebenheit auch vorhanden

sein, wenn niemand da ist, der einem ähnlich ist, dann wird es auch schwieriger sein einen Freund zu
finden. Diese Opportunitätsstrukturen (Gibt es die Möglichkeit?) muss man natürlich

berücksichtigen. Was sich dann zeigt, ist, dass es durchaus so ist, dass aufgrund der Situation in den

Schulen mehr interkulturelle Freundschaften passieren als außerhalb. Im Privatleben hat man eher
den Kontext der Eltern, den Kontext der eher homogener ist, während der in der Schule eher

heterogen ist. Interkulturelle Freundschaften entstehen eher in der Schule als außerhalb der Schule.
Das 4. wäre, wenn man das unterstützen möchte, könnte man bestimmte Programme verwenden, die
z.B. soziale und interkulturelle Kompetenz unterstützen bzw. fördern.

Teil 3 - Psychologische Grundlagen für Bildung & Lernen


Was ist Plastizität? Was ist Entwicklung? Welche Rolle spielen Anlage und Umwelt?

Plastizität
Es ist sehr wichtig, eine Grundprämisse zu haben, etwas das immer dabei ist, nämlich die Annahme,
dass sich Menschen lebenslang verändern können, zumindest in einem bestimmten Grad. Denn sonst

würde es keinen Sinn machen, dass wir bei Menschen versuchen, eine Veränderung herbeizuführen.
D.h. Veränderung z.B. Lernprozesse, die sie auch täglich im Leben erfahren, die aber auch
insbesondere im Kontext von Schule sehr zielgerichtet passieren, gehen von der Annahme aus, dass

das möglich ist. Es ist auch möglich in einem bestimmten Grad - es ist nicht bei jedem oder in jedem
Alter gleich, aber Veränderung ist lebenslang möglich und diese Annahme haben wir auch im

Hintergrund. Ein zweites wesentliches Thema kann man sehr gut sehen durch Diskussion in der
Gesellschaft. Z.B. unter der Schlagzeile „Deutschlang wird immer ärmer und dümmer“. In der

Deutschen Bildzeitung wurde eine Kontroverse über die Thesen aus dem Buch von Thilo Sarrazin
„Deutschland schafft sich ab“ losgetreten. Das Buch, das sicher auch aufgrund der sehr intensiv

geführten Debatte zum Bestseller wurde, stellte einige Aussagen zur Erblichkeit von Intelligenz auf.
Eine zentrale Annahme war: Intelligenz und Bildungserfolg sind zu erheblichen Anteilen genetisch
bedingt. Deutschland schafft sich nun deshalb ab, weil bildungsferne Schichten mehr Nachwuchs

haben als gebildete Gruppen. Hinzu kam auch noch die Verknüpfung mit Aussagen über die
Zuwanderung, dass insbesondere die Zuwanderung auch passiert von Gruppen mit geringem
sozioökonomischen Hintergrund. Diese Argumentationslinie ist nicht neu, die gab es auch schon
20-25 Jahre davor im Buch „The Bell Curve“. Auch da ist es schon vorgetragen worden und auch da

wurde heftig diskutiert. Auch wenn in beiden Publikationen einzelne Aussagen durchaus den

aktuellen Forschungsstand wiedergeben, sind die darin postulierten Zusammenhänge und


insbesondere die politische Schlussfolgerung, die auch Thilo Sarrazin, der damals auch

Bildungssenator für die SPD war, so nicht mehr haltbar. Er wurde auch aus der SPD ausgeschlossen
und ist mehr auf politischen Veranstaltungen von eher rechtsextremen Parteien zu finden. Obwohl

seine einzelnen Aussagen durchaus nicht alle falsch sind, gab es doch Aussagen, die schlicht falsch
sind. Z.B. dass es keinen einfachen Zusammenhang gibt zwischen der Reproduktionsrate einer

Bevölkerungsgruppe und der Veränderung der Frequenz von bestimmten Genen, insbesondere nicht
im Kontext von komplexen Merkmalen wie Intelligenz und kontinuierlichen Genfluss. Die These,
dass sich die durchschnittliche Intelligenz von Bevölkerungsgruppen aufgrund unterschiedlicher

Reproduktionsraten insbesondere kurzfristig verschieben könnte, entbehrt eigentlich jeglicher


wissenschaftlicher Grundlage. Es kam auch zu einer unzureichenden Berücksichtigung von einer
sehr differenziellen Sichtlage, d.h. welche Bedingungen gibt es von genetischer Anlage und Umwelt

für die Unterschiede zwischen Menschen. D.h. wenn man das Individuum und die Beeinflussung
durch die Umwelt berücksichtigt, dann zeigt sich, dass man keine einfachen Aussagen treffen kann
von Herkunft, Reproduktionsraten und Veränderung von z.B. Intelligenz. Diese Debatte ist aber
zweifellos älter und hat nicht mit Thilo Sarrazin oder „The bell curve“ begonnen, sondern der

Einfluss der Gene auf die Ausbildung psychischer Merkmale und die Entwicklung von bestimmten
Verhaltensweisen, fand man schon in der Antike. Platon und Aristoteles haben hier schon diskutiert,
aber auch später Rene Descartes und John Locke. Diese Interaktion von Anlage und Umwelt gibt es

schon sehr lange. Man hat heute eine durchaus differenzielle Sichtweise, nämlich, dass sie natürlich

miteinander in Verbindung stehen, dass natürlich eine gewisse genetische Anlage gegeben ist, dass die
aber durch bestimmte Umweltfaktoren beeinflusst werden kann.

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ „Was einer nicht ist, kann er noch werden“
Auch ein Thema sind Redewendungen, Sprichwörter und Lieder. Diese verdeutlichen oft
Alltagsvorstellungen von abstrakten Konzepten und damit verbundene Normen + Handlungsimperative.
Pädagogisches Handeln dient der Veränderung von Menschen. Sei es durch die Förderung ihrer
Fertigkeiten und Kompetenzen oder durch die Unterstützung ihrer Entwicklung. Ein Begriff/Konzept,

das Veränderungsprozesse beschreibt, ist Entwicklung. Sie bezeichnet ziemlich relativ überdauernde
Veränderungen im Erleben und Verhalten einer Person, nicht als Entwicklung werden kurzfristige

Veränderungen von Menschen bezeichnet, die durch vorübergehende Zustände hervorgerufen gehen,
z.B. Veränderung der Befindlichkeit. Erfolgreiches Unterrichten erfordert differenziertes Wissen über

die Entwicklung von SchülerInnen z.B. Prävention von Schwierigkeiten in der Pubertät, alterstypische
Verhaltensweisen, Erkennen von Störungen im Entwicklungsverlauf.

Die Ergebnisse vom PISA 2000, welche 2001 publiziert wurden, sorgten für viel Aufregung in
Deutschland und Österreich. Man sprach vom PISA Schock oder der PISA Katastrophe. Es gab und

gibt, wie erst PISA 2012 zeigte, Probleme im singverstehenden Lesen, ca. 20% der 15-Jährigen

beherrschen das in Österreich nur unzureichend. Interessant ist, dass der PISA Schock in Österreich

gar nicht passiert ist, weil man zuerst besser als Deutschland war und das hat gereicht. Leider hat man
drei Jahre später in einer Reanalyse der Daten herausgefunden, dass ein Stichprobenfehler dabei war.
Dieser wurde korrigiert und man war gleich schlecht wie Deutschland. Aber trotzdem ist viel passiert

und auch in Österreich hat die Bildungsforschung seitdem extrem angezogen. Aber man sieht immer
wieder Befunde in diesen Bildungsstudien die durchaus zeigen, dass es nicht nur Defizite in der Leistung
sondern auch in der Motivation gibt z.B. fand man heraus, dass das Interesse und die Freude für

Mathematik die geringsten Werte der 15- und 16-jährigen österreichischen Schüler im internationalen
Vergleich hatten. 65 andere Länder zeigten somit ein höheres Interesse an Mathematik als die
österreichischen Schüler. Insbesondere Mädchen sehen oft keine sinnvolle Verwendung von Mathematik
und beurteilen die Brauchbarkeit von Mathematik für das spätere Leben am geringsten. Was man jetzt
hier versucht, ist, sich das anzusehen: Was man machen kann, ist die Ursachen und Ergebnisse zu

ergründen, das macht man durch Diagnostik. D.h. man schaut sich an, wo kommt das her, gibt es hier

ein Defizit und versucht das Ganze dann auch systematisch zu bearbeiten.

Eine Studie, die zu großen Veränderungen in der Forschung geführt hat, war die Pygmalion Studie
(Rosenthal und Jacobson, 1968) oder der „Pygmalion Effekt“, der dann da raus gekommen ist. Dort
wurde einem Lehrer suggeriert, dass einige Schüler besonders begabt sind und diese ein hohes
Leistungspotenzial haben. Lehrer haben dann begonnen diese Schüler unbewusst zu fördern. Am Ende
zeigten diese aufgrund von größerer persönlicher Zuwendung, höherer Leistungsanforderungen,
längerer Wartezeiten bei Antworten und häufigeren und verstärkten Lobes gesteigerte Leistungen.

Was hier passier ist, war durch eine vorweggenommene positive Einschätzung der „Pygmalion Effekt“.
Man hat die Schüler in subtiler Weise so gefördert, dass das was man davor geglaubt hat, was

passieren wird, dann tatsächlich eingetreten ist - eine sogenannte „Self-fulfilling prphecy“ oder der

„Pygmalion Effekt“ im Schulkontext. Diese Originalstudie hatte Mängel in Design und bei den
Messinstrumenten. Die Größe der Effekte waren so auch nicht replizierbar und sind auch abhängig

von anderen Einflussgrößen, die man damals nicht berücksichtigt hat z.B. Geschlechsteffekte, Effekte
der sozialen Herkunft, physische Merkmale. Aber die größte Errungenschaft dieser Studie war, dass

man sich mit der Erwartung von Lehrkräften beschäftigt hat: Welche Erwartungen haben Lehrkräfte,
welche werden subjektiv vermittelt? Soziale Interaktionen von Lehrkräften spielen bei diesen

Erwartungen immer mit.

Man hat immer wieder bestimmte Vorstellungen, nämlich, dass sich Menschen am Land und in der
Stadt unterscheiden. Dazu hat man sich die Topographie angesehen z.B. als Indikator für Stadt Land:
Wie ist die Beschaffenheit der Erdoberfläche, genauer die Gebirgigkeit? In der hier beschriebenen
Studie sieht man zwei Extrembeispiele aus den USA, nämlich die höchste und die geringste

Abweichung der Erhebung des Meeresspiegel. Man hat sich in diesen beiden Regionen angeschaut,
wie sich hier bestimmte Persönlichkeitsmerkmale unterscheiden. Man hat die Persönlichkeit
genommen, weil sie am meisten als Indikator herangenommen wird, in dem sich Menschen

unterscheiden. Es wurde die Persönlichkeit im Rahmen der Big Five untersucht = 5


Persönlichkeitsmerkmale, die bei Menschen immer wieder unterschieden werden. Man sieht das in der
Tabelle anhand der grünen Balken, die auch Effekte zeigen. Man erkennt z.B. dass Menschen in
gebirgigeren Gegenden geringere Werte an Gewissenhaftigkeit, Geselligkeit Neurotizismus und
Verträglichkeit haben, aber höhere Werte für Aufgeschlossenheit bzw. Offenheit für Erfahrungen. In

bestimmten Regionen sind bestimmte Persönlichkeitsmerkmale teilweise etwas mehr oder weniger
ausgeprägt. Unterschiede gibt es auch, je nachdem, ob diese Effekte mehr in ökologischen Regionen,
d.h. die Ökologie bei der Ansiedelung wichtiger war, oder in Regionen, wo soziokulturelle Effekte bei
der Ansiedelung wichtiger waren. Im Westen wo eher der Pioniergedanke war, wo die Bedingungen im
Gebirge sehr unwirklich waren, da haben sich eher besondere Personengruppen angesiedelt, die es
auch geschafft haben. D.h. das Ergebnis dieser Studie ist: Persönlichkeit ist unterschiedlich. Es gibt
verschiedene Persönlichkeitsaspekte und die sind unterschiedlich, wenn man sich bestimmte Regionen

ansieht.

Teil 3 - „Empirische Wende“ im Bildungskontext

Welche gängigen Mythen herrschen im Schulkontext vor? Was sind Grundlagen für
Lehrerentscheidungen?

Was kann die wissenschaftliche Psychologie zur Ausbildung und Professionalisierung von Lehrkräften

beitragen?

Es gibt keine Kochrezepte oder Zauberformeln im Umgang mit Schülern. Es gibt also für den
Einzelfall nicht immer die perfekte Lösung.

Reflektierender Praktiker
Es gibt aber eine solide Grundlage, auf der man Handlungsentscheidungen treffen kann. Weg von der
eigenen Intuition und Nachahmung, hin zu gesicherten Erkenntnissen, von denen wir wissen, dass die
keinen negativen Effekt haben, einen positiven Effekt haben können oder bei vielen Schülern die

Methode der Wahl sind. Man möchte eine reflektierte Routinebildung - Verhalten aufgrund von
bestimmten Evidenzen. Das soll so integriert sein, dass man dafür nicht immer erst in einem Buch
nachschlagen muss. Der Sinn soll sein, dass man bestimmte Dinge internalisieren und am Ende zu

einer reflektierten Routinebildung kommt.

Grundlagen für Lehrerentscheidungen


Entscheidungen basieren oft auf Dingen wie der eigenen Erfahrung, der Tradition, Mehrheitsmeinung
und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Weg von eigener Erfahrung, der Tradition und
Mehrheitsmeinung, hin zu wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die Bildungspolitik hat die empirische

Wende vollzogen. Schule im Unterricht muss sich daran messen lassen, welchen nachweislichen

Ertrag sie erzielt und da ist es wichtig, das mit bestem Gewissen zu machen und sich nicht täuschen
zu lassen.

Statement: Personen lernen besser mittels individuell bevorzugter Lernstile (z.B. visuell, auditiv,
kinästhetisch). Wahr oder falsch? Die Antwort ist relativ klar und zwar so klar, dass man sie selten
bei einem Bereich so findet. Erwachsene und Kinder nennen Vorlieben für bestimmte Lernmodi.

Führt das auch zu besserem Lernen? Hier könnte man die Analogie zum Essen bringen: Die meisten
Menschen präferieren fettiges, salziges oder süßes Essen, aber gesund ist es nicht. Es gibt Evidenzen

für unterschiedliche Neigungen oder Begabungen, aber es gibt keine Evidenz für bessere Leistungen
- keine oder negative Effekte. Die Studien, die es dazu gibt, sind meistens nicht gut, haben ein

schlechtes Design, aber wenn man sich welche ansieht, sieht man keine Evidenz für bessere
Leistungen. Es gibt keine diagnostischen Instrumente, die gut sind, es sind immer Selbstberichte.

Alles was man findet, was angeboten wird, ist schlecht - erfüllt keine wissenschaftlichen Kriterien.
Lerntypentests stimmen meistens nicht und führen meistens zu Mischtypen. Man weiß von 71

Lernstilen, würde man diese mit einander Kombinieren gäbe es 2^71 Kombinationen, was mehr ist,
als es Menschen auf der Welt gibt. Ignoriert man all diese Probleme, wie sollte man den Unterricht

am besten gestalten, um den Typen gerecht zu werden? Alle haben aber unterschiedliche Typen. Es

gibt keine klare Instruktionstheorie. Selbst wenn wir die Typen identifiziert haben, wissen wir nicht
was man damit anfangen soll. Für die Praxis haben Lernstile also KEINE Relevanz, die
Lernstilhypothese ist keine Instruktionstheorie. Es gibt eine Industrie, die macht sehr viel Geld mit

Büchern, Test und Fortbildungen, aber es gibt keine Evidenzen. Ganz klare Aussage: Machen Sie
keinen Lernstilytpenunterricht. Solange man keine Evidenzen hat, vergeudet man nur Zeit und im
schlimmsten Fall führt es zu negativen Ergebnissen.

Ein Vater und sein Sohn fahren gemeinsam im Auto und haben einen schrecklichen Autounfall. Der
Vater ist sofort tot. Der verletzte Sohn wird von der Rettung ins Krankenhaus gefahren und sofort
in den Operationssaal gebracht. Der diensthabende Arzt besieht ihn sich kurz und meint, man müsse

eine Koryphäe zu Rate ziehen. Diese kommt, sieht den jungen Mann auf dem Operationstisch und
meint: „Ich kann ihn nicht operieren. Er ist mein Sohn!“
Wie ist das möglich?

Koryphäen Problem:

Lösung: Die Koryphäe ist eine Expertin in einer bestimmten Domäne und die Mutter des jungen
Mannes.
Die Lösung ist durchaus nicht so schwer, aber 1/3 der Studierenden finden sie nicht. Würde man
einen Rollentausch vornehmen, nämlich die Mutter stirbt bei dem Autounfall, so schaffen es 81%,
weil dadurch dass die Koryphäe der Vater des Jungen ist, schien es so selbstverständlich, dass sie

überhaupt keine Problemstellung wahrnahmen. D.h. grundsätzlich gibt es Stereotype über


Geschlechterrollen, die dafür verantwortlich sind, dass viele hier die Lösung nicht finden (Frauen

sind nicht unbedingt Chirurginnen und schon gar nicht mit hoher Expertise in diesem Bereich
ausgestattet).

Buben sind für das Fach Mathematik begabter als Mädchen - Wahr oder falsch?

Auch da gibt es relativ klare Befunde und der klare Befunde ist, dass es keine Belege für

grundlegende Fähigkeitsunterschiede in Mathematik gibt. Grundlegend heißt über alle Domäne


hinweg, findet man keine Leistungsunterschiede bis zum Ende der Primarstufe (TIMSS Studie).

Aber es zeigen sich Unterschiede in der Leistung (PISA Studie) mit 15 Jahren, hauptsächlich in

westlichen Staaten. Gründe dafür sind sozialer Natur sind: Einfluss von Eltern und Lehrkräften

durch bewusste oder unbewusste Förderung von Stereotypen. Anstrengung bei Mädchen und
Können bei Burschen führt dazu, dass man ein geringeres Selbstkonzept in Mathematik und sich bei
Mädchen sinkendes Interesse zeigt. Diese Leistung sieht man aber nicht in den Schulnoten. Hier gibt

es mittlerweile keine Unterschiede über die Schulkarriere hinweg. Das ist so, weil Schulnoten oft
auch andere Dinge berücksichtigen wie Mitarbeit, Anstrengung und nicht mehr nur ein objektives
Abbild der Leistung sind.

Wir benutzen nur 10% unseres Gehirns? Das stimmt definitiv nicht. Wenn das Gehirn beschädigt
wird kommt es zu Ausfallserscheinungen, die teilweise relativ stark sind. Es gibt Gehirnschädigungen.
Dinge, die man nicht braucht, werden in der Evolution grundsätzlich mit der Zeit verändert. Ein

Gehirn, das zu 90% nicht benutzt wird, wäre evolutionstechnisch nicht zu erklären. Alles
Gehirnareale sind aktiv. Funktionalität ist ganz wichtig, alles was nicht funktioniert,
verschwindet. Das einzige was noch da ist, obwohl wir keine klare Funktionalität erkennen, sind
die Weisheitszähne. Aber im Normalfall verschwindet alles, was man nicht braucht. Ding, die

nicht aktiv sind, degenerieren.

Fokus mehr auf wissenschaftliche Theorien, weniger subjektive Theorien.

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