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Der von Kürenberg & das Nibelungenlied

Unter dem Namen Der von Kürenberg sind in der Großen Heidelberger Liederhandschrift
(Sigle: C; entstanden knapp nach 1300) 15 Strophen überliefert; von der etwas älteren
‚Budapester Liederhandschrift‘ (Sigle: Bu; Vizkelety stellte Gemeinsamkeiten im Lautstand
mit in den beiden letzten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts entstandenen Handschriften fest)
sind nur Fragmente, insgesamt drei Blätter, enthalten; darunter die Überschrift ‚Der Herr von
Kürenberg‘ und die ersten 9 der ‚Kürenbergerstrophen‘. Dem sprachlichen Befund nach
wurde Bu im bayrisch-österreichischen Dialekt im Donauraum zwischen Regensburg und
Wien geschrieben.

Ob dem Sammler ein Autorname vorlag oder er den Namen aus den Worten „in Kürenberges
wîse“ erschloss, ist unbekannt. Die Formel wird auch als Familienname gedeutet, wobei
darauf hingewiesen wurde, dass allein in der Überlieferung von Bu eine bereits für das 12.
Jahrhundert gebräuchliche Bildung vorliegt. Er übersetzt entsprechend: „in der Melodie der
Kürenberger“. Orte namens ‚Kürnberg‘ gibt es mehrere: sie sind zu kvern; kürn ‚Mühle‘
gebildet. Unter diesen „Mühlenbergen“ wurde des Öfteren der Kürnberger Wald westlich von
Linz an der Donau als Heimat des Dichters genannt. Als Argument wurde angeführt, dass die
stilistisch und thematisch nächstverwandten die Lieder Dietmars von Aist sind; die Aist
mündet bei Linz in die Donau.

Die überlieferten Strophen des Kürenbergers benutzen zwei verschiedene Strophenformen;


eine wurde vom Nibelungenlied übernommen und ist daher die bekannteste mittelalterliche
Strophenform. Sie besteht aus vier Langzeilen, von denen jede durch eine Zäsur in zwei
Halbzeilen getrennt ist. Die Anverse (erste Halbzeilen) sind vierhebig (= haben vier betonte
Silben); die Abverse der ersten drei Verse sind dreihebig, der vierte ist vierhebig. Durch die
längere Schlusszeile wird die Abgeschlossenheit der Strophe betont. Eine Melodie, auf die
diese Strophen gesungen werden könnten, ist nicht überliefert.

Außer der thematischen Verwandtschaft mit Liedern Dietmars von Aist ist der Bezug
auffällig, den das Nibelungenlied zum Kürenberger stiftet: es verwendet seine Strophenform,
und es lässt den Handlungsfaden mit einem Traum Kriemhilds von einem Falken beginnen,
was das ‚Falkenlied‘ des Kürenbergers herbeizitiert.

Die letzte Zeile beweist, dass der Falke Symbol für einen Menschen ist und nicht etwa ein
entflogener Jagdfalke gemeint ist. Peter Wapnewski fand heraus, dass in der Falknersprache
‚anderiu lant‘ „fremde Reviere“ bedeutet. Das ‚Ich‘ des Liedes ist als eine Frau zu denken, die
den Geliebten an sich zu fesseln versuchte; er riss sich los und ‚flog in fremde Reviere‘. Die
Spuren der alten Bindung trägt er aber noch an sich (einen Falken, der den Schmuck eines
fremden Besitzers trägt, könnte ein Falkner nicht wiedererkennen, auch wenn er über dem
alten Revier kreist), und daraus schöpft das weibliche ‚Ich‘ die Hoffnung, er könne
zurückkehren. Das Publikum wird diese Haltung als unrealistisch ansehen. Auch wird kaum
jemand der Frau die Einsicht zutrauen, dass ihr Versuch, den Mann an sich zu fesseln, seinem
Freiheitsdrang entgegensteht. „Die einander gerne lieben wollen“ ist nicht Realität und wird
nicht durch die Herrinnen der „anderen Länder“ (offensichtlich andere Frauen, für die er sich
interessiert, aber ohne sich von ihnen gleicherweise binden zu lassen) verhindert, sondern es
ist ein einseitiges Hoffen der Frau ohne Aussicht auf Erfüllung.

Der Interpretation Wapnewskis wurde mehrfach widersprochen, doch übersehen alle


Alternativversuche wichtige Details; entweder, dass die letzte Zeile den Symbolcharakter des
Falken klarmacht, oder dass das Wiedererkennen nur des eigenen, nicht des fremden
Schmuckes möglich ist, und dass die Lieder des frühen Minnesangs allgemein den
Widerspruch des männlichen Freiheitsdranges gegen die Bindungssehnsucht der Frau
thematisieren. Das Originalpublikum konnte in dem ‚Ich‘ nichts anderes als eine Frau sehen,
die über den Verlust des Geliebten spricht.

Die Strophenform „Kürenbergerstrophe“ wurde vom Nibelungenlied übernommen, das ihr


nicht nur formal entspricht, sondern auch in Kriemhilds Falkentraum nach allgemeiner
Meinung das ,Falkenlied‘ des Kürenbergers herbeizitiert; ältere Fassungen des
Nibelungenlieds enthalten noch genauere Details als die Hauptfassung ‚B‘ des
Nibelungenlieds, und zwar sowohl die Fassung ‚A‘ als auch der Reflex in altnordischer
Sprache in der deutsche Nibelungen-Dichtungen ins Altnordische übertragenden Völsunga
saga (13. Jh.). Die Texte lauten: Nibelungenlied Fassung ‚B‘, Strophe 11:

Nibelungenlied Hs. A hat stattdessen in den beiden ersten Zeilen:

Die Worte „manigen tac“ finden sich nicht im Nibelungenlied ‚B‘.


Die Völsunga saga, Kap. 25, lässt Gudrun/Kriemhild vor der Ermordung Sigurd/Siegfrieds
ihrer Vertrauten einen Angsttraum erzählen, der so beginnt:

Þat dreymdi mik, at ek sá einn fagran hauk mér á hendi. Fjaðrar hans váru með gulligum lit.
Das träumte mir, dass ich einen schönen Falken mir auf der Hand sah. Sein Gefieder war mit
Gold gefärbt.

Dieses Motiv des Kürenberger-Falkenliedes findet sich in keiner deutschen Fassung des
Nibelungenlieds. Diese Beobachtungen rücken die Tradition, in der das Nibelungenlied steht,
noch näher an die des Kürenbergers heran. Spekulationen, ob der Autor beider dieselbe
Person gewesen sein könnte, sind jedoch müßig.

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