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um 1200 Nibelungenlied

Mit dem Nibelungenlied ist das Heldentum als eines der zentralen Motive der
deutschsprachigen Kultur entstanden. Das Heldenepos ist in 10 vollständig erhaltenen und 22
unvollständig erhaltenen Handschriften überliefert. Die erhaltenen schriftlichen Denkmäler
werden in 3 Gruppen geteilt: (A) Hohenems-Münchener Handschrift, (B) St. Galler
Handschrift und (C) Hohenems-Lassbergische Handschrift. Die erhaltene St. Galler Variante
steht der Urfassung am nächsten. Die historische Grundlage für die Siegfried-Handlung ist
wahrscheinlich die Heirat eines Merowingers in das burgundische Königshaus und sein Tod.
Der Untergang der Burgunder ist historisch vermutlich an die Eroberung von Worms durch
die Burgunder (407) und den Sieg der Hunnen über die Burgunder (436) gebunden. Aber auch
an den Tod Attilas in der Hochzeitsnacht (453) mit einem germanischen Mädchen, das Hidiko
hieß. Resultat der geschichtlichen Ereignisse war die Vernichtung des Burgunderreichs durch
die Franken (538).
Zur Entstehungsgeschichte: Im 5./ 6. Jh. entstanden burgundisch-fränkische
Heldenlieder über die Gewinnung Brynhilds durch Siegfried und Gunther, und über den
Untergang der Burgunden verbunden mit der Rache der Schwester am Mörder Attila. Den
Urfassungen des Nibelungenstoffes sind die in der Älteren Edda überlieferten nordischen
Fassungen, das alte Sigurdlied und das alte Atlilied des 9. Jh., am nächsten. Vom 8.-11. Jh.
wanderten die burgundisch-fränkischen Lieder aus dem rheinischen in den bayrisch-
österreichischen Raum und wurden zu größeren Liedern ausgeweitet. Der Charakter Etzels
nahm die aus der dort heimischen Dietrichsage vertrauten sympathischen Züge an. Statt seiner
übernahm Kriemhild als Rächerin ihres ersten Gatten den Mord an den Burgunden. Dieses
neue Motiv der Gattenrache brachte die ursprünglich selbstständigen Lieder der Siegfried-
Handlung und des Burgundenuntergangs in eine beide verbindende Beziehung. In der 2.
Hälfte des 12. Jh. entstand in Österreich ein – allerdings nicht erhaltenes – Epos, das in der
Nibelungenstrophe den Untergang der Burgunden behandelt: die Ältere Not.
Die Nibelungenstrophe besteht aus vier achttaktigen Langzeilen mit klingender Zäsur
und ist paarweise gereimt. In den ersten drei Zeilen fällt der letzte Takt in die Pause.
Die Ältere Not, nunmehr auch die zur selben Zeit zu erschließenden Lieder der
Siegfried-Handlung spiegeln sich – so Andreas Heusler und Hermann Schneider – bis zu
einem gewissen Grade in der Wiedergabe des gesamten Nibelungenstoffes durch die
nordische Thidrekssaga (um 1250 in Bergen) wieder. Diese ist inzwischen aber auch – von
Friedrich Panzer – lediglich für eine durch nordische Bestandteile veränderte Nacherzählung
des Nibelungenliedes gehalten worden.
NIBELUNGEN: Literatur- und kunstgeschichtliche Rezeption:
1757 Erstausgabe von Kriemhilds Rache durch Johann Jacob Bodmer
1782-1785 erste Gesamtausgabe durch Christian Heinrich Müller
1826 kritische Ausgabe des Nibelungenliedes nach der Hohenems-Münchener Herausgabe
durch Karl Lachmann
1827 neuhochdeutsche Übersetzung durch Karl Simrock, 1866 kritische Ausgabe nach der St.
Galler Herausgabe durch Karl Bartsch
Weiterleben des Stoffes:
Im 16. Jh. das volkstümliche kurze Lied vom hürnen Seyfried. Hier Siegfried als Drachentöter.
1557 Hans Sachs: Tragedi des hürnen Sewfried um 1700 Volksbuch vom gehörnten Sigfrid. Auf das
Seyfriedslied zurückgehend.
1808-1810 Friedrich de la Motte Fouqué: Der Held des Nordens. Dramatische Trilogie.
1834 Ernst Raupach: Der Nibelungen Hort. Trauerspiel in enger Anlehnung an das
Nibelungenlied.
1843 Anastasius Grün (Anton Alexander Graf von Auersperg): Nibelungen im Frack. (politische
Dichtung)
1846 Emanuel Geibel: König Sigurds Brautfahrt. Epos in Nibelungenstrophe und 1861
Brunhild
1862 Friedrich Hebbel: Die Nibelungen. Dramatische Trilogie.
1863 Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen. Musikdrama in 4 Teilen: Rheingold, Die Walküre,
Siegfried, Götterdämmerung. Vorwiegend auf Edda fußend. Götter und
Halbgötter in die Tragödie vom Fluch des Goldes einbezogen. Einfluss des
Schopenhauerschen Pessimismus.
1869 Wilhelm Jordan: Nibelunge. Epos in alliterierenden Langzeilen.
1909 Paul Ernst: Brunhild. Tragödie. und 1918 Kriemhild. Tragödie.
1943 Max Mell: Die Nibelungen. Drama nach dem Nibelungenlied. Im Vordergrund ist Brünhild, die
Nachfahrin der Riesen. Nicht ihr, sondern der menschlicheren Kriemhild gehört die
Neigung des Göttersohnes Siegfried. 1951 Tragödie: Der Nibelunge Not.
1951 Reinhold Karl Werner Schneider: Die Tarnkappe. (Drama über Siegfried und die Nibelungen).
1987 Volker Braun: Siegfried, Frauenprotokolle, deutsch Furor. Das Stück handelt von dem in der
Nibelungensage überlieferten Untergang der Burgunder, die 436 den Hunnen unterlagen und 451 in
die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern verstrickt wurden. Das wird bei Braun zu einem
Gleichnis, zu einer Warnung „vor alten Mustern von Abläufen, die ins Nichts führen". I m
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