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Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse

Herausgegeben von Michael Schröter

26. Jahrgang
Heft 51
2013
LUZIFER-AMOR
Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse
26. Jahrgang – Heft 51 – 2013

Herausgegeben von Michael Schröter


www.luzifer-amor.de

Redaktion:
Dr. Michael Schröter, Taunusstr. 12, 12161 Berlin
Tel.: 030/82 70 84 85
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Thomas Aichhorn (Wien), Michael Giefer (Bad Homburg), Ludger M. Hermanns (Berlin),
Albrecht Hirschmüller (Tübingen), Klaus Hoffmann (Reichenau), Regine Lockot (Ber-
lin), Ulrike May (Berlin), Michael Molnar (London), Elke Mühlleitner (Gießen), Bernhard
Schlink (Berlin), Christfried Tögel (Magdeburg/Lausanne), Kaspar Weber (Rüfenacht b.
Bern), Herbert Will (München).

Die Redaktionsarbeit für LUZIFER-AMOR wird unterstützt durch die Blum-Zulliger-Stif-


tung (Bern).

Manuskriptzusendungen sind willkommen und werden an die Adresse der Redaktion


erbeten.

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edition diskord im Brandes & Apsel Verlag:


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ISSN 0933-3347 (gedruckte Version)
Informationen über LUZIFER-AMOR im Internet: www.brandes-apsel-verlag.de
Als E-Journal (ISSN 2191-7779) im Internet unter www.brandes-apsel.de

1. Auflage 2013
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tion und des Verlages wieder.

DTP: Caroline Ebinger, Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt a. M.


Druck: Steka Tisak d.d., Printed in Croatia
Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem und chlorfrei gebleichtem Papier
Inhalt

Editorial 5

Themenschwerpunkt: S. Freud, »Jenseits des Lustprinzips«.


Neu-Edition, Erstabdruck der Urfassung (1919) und Kommentar

Sigmund Freud
Jenseits des Lustprinzips.
Kritische Edition von Ulrike May und Michael Schröter 7
Anhang: Die Erstfassung von 1919 67

Ulrike May
Der dritte Schritt in der Trieblehre.
Zur Entstehungsgeschichte von Jenseits des Lustprinzips 92

I. Zwei Manuskript-Fassungen von Jenseits des Lustprinzips 93


1. Zur Datierung der Erstfassung:
Mitte März bis Mitte April 1919 94
2. Zur Datierung der Zweitfassung: Juli 1919 bis Juli 1920 96
3. Zur Datierung der Druckfassung: Juli und/oder August 1920 102
II. Der klinische Anstoß zur dritten Triebtheorie 103
III. Zum engeren Werkkontext 106
IV. Die Erstfassung: Die weitausholende Spekulation, oder:
Ein Jenseits des Lustprinzips ohne Todestrieb und Eros 109
1. Das erste Kapitel 112
2. Das zweite Kapitel 113
3. Das dritte Kapitel 113
4. Das vierte Kapitel 115
5. Das fünfte Kapitel 118
6. Das sechste (= siebte) Kapitel 124
V. Die Zweit- und Druckfassung:
Von der Spekulation zur dritten Triebtheorie 125
1. Die Todestriebe und der Todestrieb 128
2. Das neue sechste Kapitel 131
3. Der Weg von der Erst- zur Zweit- und Druckfassung 139
a. Entradikalisierung, Festhalten der alten,
Hinzufügung der neuen Triebtheorie 139
b. Zur Einführung des Eros 141
c. Zu den Todestrieben der Zweit- und Druckfassung 144
d. Das Problem der Aggression 146
VI. Schlussbemerkungen 148
1. Zum prozessualen Charakter von Freuds Theoriebildung 148
2. Vorschlag einer neuen Auslegung von Jenseits des Lustprinzips 150
3. Das Verhältnis der Triebtheorien zueinander 152
4. Das Traumatische als psychischer Prozess sui generis 153
Exkurs I: Freud, Ferenczi und die Urgeschichte des Psychischen 154
Exkurs II: Zu Freuds Umgang mit den Quellen im sechsten Kapitel 160
Literatur 163

Rezensionen und Anzeigen

Lieberman u. Kramer (Hg.): The letters of Freud and Rank (Bentinck van Schoonheten) 170
Menninger: Sigmund Freud als Autor in Villarets Handwörterbuch der
Gesamten Medizin von 1888–1891 (Holdorff) 172
Solinas: Via Platonica zum Unbewussten (Senarclens de Grancy) 174
Quinodoz: Freud lesen (Lessmann) 176
Welter: Ernst L. Freud, Architect (Schröter) 178
Makari: Revolution der Seele (Schröter) 180
Fuechtner: Berlin psychoanalytic (Bernhardt) 180
Dudek: »Er war halt genialer …«. Siegfried Bernfeld (Benetka) 182
Hermanns (Hg.): Psychoanalyse in Selbstdarstellungen, Bd. 9 (Danckwardt) 184
Jahrbuch der Psychoanalyse, Bd. 64: Psychoanalytiker in Kriegs-
und Nachkriegszeit (Imhorst) 185
Töpfer (Hg.): Die Boss-Mitscherlich-Kontroverse (Huppke) 187
Kanz (Hg.): Psychoanalyse in der literarischen Moderne,
Bd. III: Schriftstellerinnen (Angeloch) 188
Wininger: Rezeption der Psychoanalyse in der akademischen Pädagogik (Ertle) 190

Roman Krivanek
Thematisch geordnete Liste von Arbeiten zur
Psychoanalysegeschichte in deutschsprachigen Zeitschriften (2011)
online unter: www.luzifer-amor.de/downloads

Autorinnen und Autoren – Berichtigung zu Heft 50 194

Heft 52 von LUZIFER-AMOR erscheint im Herbst 2013 und hat den The-
menschwerpunkt »Eröffnung des Vereinskriegs. Der 4. psychoanalytische
Kongress in München 1913«.
Editorial

Das vorliegende Heft ist de facto eine Monographie und damit für LUZI-
FER-AMOR ein singulärer Fall. Im Fokus steht Jenseits des Lustprinzips, eine
der rätselhaftesten und meistdiskutierten Schriften Freuds, die eine bedeut-
same Weichenstellung in der Entwicklung seines Denkens: den Schritt zu
einer neuen Triebtheorie, markiert. Von ihr sind – eine Seltenheit in Freuds
Œuvre – zwei wesentlich verschiedene Manuskriptfassungen überliefert.
Auf diesen Sachverhalt beziehen sich die beiden umfangreichen, zusam-
mengehörigen Beiträge des Hefts. Ihr innovativer Charakter und ihr Ge-
wicht mögen ausnahmsweise den Verzicht auf die Vielfalt rechtfertigen,
die eine Zeitschrift an sich ihren Lesern schuldet.
Am Anfang steht eine Neu-Edition des Jenseits, vorbereitet von Ulrike
May und eingerichtet von Michael Schröter, die alle Textschichten von den
Manuskripten der Erst- und Zweitfassung über die verschiedenen Druck-
ausgaben bis zur Fassung letzter Hand abbildet. Diese Publikationsform
stellt eine Premiere dar: die erste kritische Ausgabe eines Freud’schen Tex-
tes, in der die bekannten Textvarianten vollständig, ohne editorisch-autori-
tative Vorentscheidung über ihren jeweiligen Wert oder Unwert präsentiert
werden. Im vorliegenden Fall lohnt sich ein solches Verfahren in besonde-
rem Maße, weil Jenseits des Lustprinzips in seinem Werdegang besonders
tiefgreifende Veränderungen erlebt hat. Mit der eigenständigen Wieder-
gabe der Erstfassung im Anhang der Edition wird außerdem ein bisher
unbekanntes Freud-Manuskript erstmals gedruckt.
Im zweiten Hauptbeitrag führt Ulrike May einen gründlichen Vergleich
der beiden erhaltenen Manuskripte des Jenseits durch. Sie hebt hervor, dass
in der Erstfassung bereits die Idee von Trieben, die zum Tode drängen,
vorkommt (nicht jedoch die Bezeichnung »Todestriebe«). Die Idee sollte ei-
nerseits dem klinischen Phänomen des im Kern analyseresistenten Wie-
derholungszwangs gerecht werden, der Freud vor allem an den traumati-
schen Neurosen aufgefallen war, und griff andererseits weit in die Biologie
aus. In dem spekulativen Einfall, dass allen Trieben ein konservativer Zug
eigne, der auf Wiederherstellung eines früheren Zustands und letztlich
auf den Tod ziele, sieht May das Zentrum der ersten Schicht von Freuds
Überlegungen. Dieser Einfall sei noch im Fortgang der Niederschrift der
Erstfassung zurückgezogen bzw. auf die Selbsterhaltungstriebe beschränkt
worden.
Die Zweitfassung des Jenseits, die als Vorlage für den Druck diente,
zeigt eine fortgeschrittene Stufe des Nachdenkens, und zwar hauptsächlich
6 Editorial

im sechsten Kapitel, das in den älteren Text eingeschoben wurde. Hier gab
Freud, so wieder May, auch den Gedanken auf, dass die Selbsterhaltungs-
triebe zum Tode drängen; für den Drang zum Tod schlug er eine eigene
Triebgruppe vor, »die Todestriebe«. Zu ihr trat als Gegenspieler der Eros,
unter den sowohl die Sexual- als auch die Selbsterhaltungstriebe subsu-
miert wurden. Die Einführung des Eros ist nach May die eigentliche und
wesentliche Neuerung, die bei der Überarbeitung der Schrift hinzukam.
Das neue Konzept habe (was durch eine frappante textliche Differenz
zwischen Erst- und Zweitfassung belegt wird) Freud aus einem Dilemma
geholfen: Er konnte so Phänomene der Verschmelzung oder Verbindung
von Zellen, Organismen und Menschen einschließlich der geschlechtlichen
Fortpflanzung theoretisch erfassen, die mit seinem Begriff der Sexualität,
dessen Bezugspunkt die autoerotische infantile Sexualität war, nicht in Ein-
klang zu bringen waren.
Ein Leitaspekt von Mays Untersuchung ist, dass Jenseits des Lustprinzips
als Dokumentation eines fortlaufenden Denkprozesses zu lesen sei. Es sei
eine generelle Eigenart von Freuds Theoriebildung, dass er frühere Stufen
seines Nachdenkens, wenn er über sie hinausging, nicht verwarf, sondern
neben den späteren Überlegungen stehen ließ, auch wenn sie diesen wider-
sprachen, dass er also auf eine glättende Synthese seiner theoretischen An-
sätze verzichtete. Viele Rätsel der Schrift lösen sich auf, wenn man versteht,
dass Freud darin tentative Thesen aufstellt, von denen er im selben Text
wieder Abstand nimmt – ohne sie jedoch zu streichen oder als unhaltbar
zu entwerten.
Soviel zum Thema des Hefts. Als eine Art Ersatz für die mangelnde
Vielfalt ist der Rezensionsteil umfangreicher gehalten als sonst.
Einen virtuellen Teil dieses Hefts bildet auch die »Thematisch geordne-
te Liste von Arbeiten zur Psychoanalysegeschichte in deutschsprachigen
Zeitschriften (2011)«, die nur als Überschrift im Inhaltsverzeichnis vertre-
ten ist, während ihr Text online publiziert wird. Nachdem die früheren
Bearbeiter die Verantwortung für die Vorgängerliste niedergelegt hatten,
erklärte sich Roman Krivanek aus Wien dankenswerterweise bereit, wenigs-
tens die deutschsprachigen Aufsätze weiter zusammenzustellen. Es wäre
begrüßenswert, wenn sich ein zweiter jüngerer Kollege oder eine Kollegin
fände, der/die zusätzlich die englische Abteilung übernimmt.
Zum Schluss noch ein Hinweis auf eine andere, wichtige Neuerung:
Seit letztem Jahr ist LUZIFER-AMOR als E-Journal, d. h. in elektronischer
Form, erhältlich. Das Angebot bezieht sich auf das Jahresabonnement, auf
ganze Hefte und auf Einzelbeiträge (ab Heft 45). Details sind der Website
des Verlags zu entnehmen (http://www.brandes-apsel.de/bookshop/la/).
Sigmund Freud
Jenseits des Lustprinzips
Kritische Edition von Ulrike May und Michael Schröter1a

Editorische Vorbemerkung

Der im Folgenden abgedruckte Text von Jenseits des Lustprinzips ist die erste kritische Edi-
tion einer Freud-Schrift – sofern »kritisch« heißt, dass alle fassbaren Bearbeitungsstufen
der Schrift berücksichtigt werden, vom Manuskript über die verschiedenen Auflagen bis
zur Ausgabe letzter Hand, mit einer Dokumentation sämtlicher Veränderungen, die der
Text auf diesem Entstehungs- und Publikationsweg erfahren hat.
Die Neu-Edition geht damit weit über die Arbeit hinaus, die James Strachey vor fün-
zig Jahren für die englische Standard Edition der Werke Freuds geleistet hat und die, mehr
oder weniger revidiert, in die deutsche Studienausgabe übernommen wurde (siehe Grub-
rich-Simitis 1993 = IGS, S. 74–77, 88–90). So schätzenswert und für ihre Zeit bahnbrechend
jene Arbeit auch war, sie genügt nicht mehr den Ansprüchen, die man an die Edition der
Werke eines theoretischen Klassikers stellen muss und kann. Das gilt nicht zuletzt für
die editorischen Vorbemerkungen, die heute, da Freuds Briefe, die wichtigste Quelle zur
Entstehungsgeschichte seiner Schriften, mit wenigen Ausnahmen zugänglich und gro-
ßenteils publiziert sind, hinter dem Stand unseres Wissens zurückbleiben. Auf diesen
Punkt geht der Aufsatz von Ulrike May in diesem Heft ein (siehe unten, S. 94–102). Für
die nachfolgende Ausgabe sind zwei weitere Aspekte zentral.
Der erste betrifft die Änderungen, die Freud bei einigen seiner Werke für verschiede-
ne Auflagen vorgenommen hat. Stracheys Generalaussage (SE 1, S. XV), er habe in solchen
Fällen »die früheren Fassungen in Anmerkungen« dargeboten, trifft nur eingeschränkt
zu. Korrekter sind Angaben in den Vorbemerkungen zu einzelnen Schriften, in denen
es etwa heißt, es seien »alle wichtigeren Zusätze« gekennzeichnet und datiert worden
(Strachey zu 1905d, S. 39; ähnlich zu 1920g, S. 215); Passagen, die Freud später gestrichen
oder substanziell verändert hat, seien entweder ignoriert (zu 1900a, S. 15) oder sie seien
dokumentiert worden, soweit sie »von besonderem Interesse« waren (zu 1905d, S. 39).
Der Pferdefuß liegt in den Worten »wichtig«, »von Interesse« u. ä. Die Leser der Standard
Edition wie der Studienausgabe sollen glauben, dass die Herausgeber zwischen »wichtig«
und »unwichtig« zu unterscheiden wussten. Eine solche Bevormundung wird das Fach-
publikum auf Dauer nicht akzeptieren. Wie lässt sich begründen, dass Streichungen ge-
nerell weniger bedeutsam seien als Zusätze? Und welcher Herausgeber ist imstande, alle
Fragen, die an einen Text herangetragen werden können, vorauszusehen? Bei Prüfungen
der Materiallage fallen immer wieder Stellen auf, an denen Strachey und seine Nachfolger
Druckvarianten unberücksichtigt gelassen haben, die unter bestimmten Aspekten durch-
aus »wichtig« erscheinen (ein Beispiel: unten, S. 135 f.). Man muss den Schluss ziehen,
dass die Standard Edition und in ihrem Gefolge auch die Studienausgabe nur mit einem gro-
ßen granum salis als »kritische« Ausgaben gelten können (gegen IGS, S. 74, 76). Die vor-
liegende Edition dagegen versucht, die philologischen Befunde neutral und vollständig,
ohne Vorentscheidungen über Wert oder Unwert der jeweiligen Varianten darzubieten.

1
Wir bedanken uns bei Magdalena Frank und Angelika Schönfeld für ihre Hilfe bei
den Kollationierungsarbeiten, die für diese Edition erforderlich waren. Ein weiterer
Dank geht an die Blum-Zulliger-Stiftung für finanzielle Unterstützung. – Die techni-
sche Einrichtung der Ausgabe und die Vorbemerkung stammen von Michael Schröter.
8 Sigmund Freud

Eine zweite wesentliche Neuerung gegenüber Standard Edition und Studienausgabe


besteht darin, dass auch die vorhandenen Manuskriptfassungen berücksichtigt werden,
die Strachey erklärtermaßen vernachlässigte (SE 1, S. XV). Dies erscheint im Fall des
Jenseits besonders sinnvoll und lohnend. Wie Ilse Grubrich-Simitis geschildert hat (IGS,
S. 117 f.), sind seit etwa 1913/14 zahlreiche Manuskripte von Texten Freuds erhalten. Es
handelt sich dabei in aller Regel um Reinschriften, die als Satzvorlage für die Publikation
dienten und die dementsprechend nur wenige Differenzen gegenüber der Druckfassung
zeigen (S. 323 f.). Werke, bei denen man Freud über mehrere Stufen hinweg, vom hand-
schriftlichen Entwurf oder einer Vorfassung bis zur ersten Druckauflage, sozusagen beim
Schreiben über die Schulter schauen und Einblick in seinen Denkprozess gewinnen kann,
sind dagegen selten (vgl. S. 173). Ein markantes Beispiel ist Der Mann Moses (S. 244–258;
vgl. Grubrich-Simitis 1991); ein zweites Das Ich und das Es (IGS, S. 180–187); das gewich-
tigste und aufschlussreichste aber Jenseits des Lustprinzips. Von dieser Schrift sind, worauf
wiederum Grubrich-Simitis erstmals aufmerksam gemacht hat (S. 234–244), zwei Manu-
skriptfassungen überliefert, niedergeschrieben im Abstand von über einem Jahr.2 Das
Bedeutsame und im Rahmen von Freuds Œuvre Einzigartige ist das Ausmaß, in dem sie
sich voneinander unterscheiden. Die zweite Fassung wurde gegenüber der ersten durch
mehrere Einschübe, darunter ein ganzes Kapitel (VI), erweitert und repräsentiert insge-
samt geradezu eine neue Stufe der Theoriebildung. a
Die Entdeckung dieser Unterschiede und die Erkenntnis ihrer Tragweite waren der
eigentliche Anlass für die vorliegende Edition. Eine Erörterung der Einsichten in Freuds
Theorie-Entwicklung, die aus einem genauen Vergleich der beiden Manuskriptfassun-
gen zu gewinnen sind, bietet der nachfolgende Aufsatz, der mit der Edition eine Einheit
bildet, sofern diese das Material präsentiert, auf der jener basiert. In dem Aufsatz (unten,
S. 93 f.) finden sich auch genauere Angaben zu Fundort, Beschaffenheit und Herkunft der
betreffenden Manuskripte.

Als Ausgangs- und Grundtext der Neu-Edition des Jenseits dient die Fassung letzter
Hand, die für Freuds Gesammelte Schriften (1924–1934) hergestellt wurde und auf der,
mit einigen sprachlichen Modernisierungen und technischen Anpassungen, auch der
Abdruck in den Gesammelten Werken und dann in der Studienausgabe beruht. In diesem
Grundtext werden alle Varianten gegenüber früheren Fassungen kenntlich gemacht. Um
den Lesern die Möglichkeit zu bieten, sich vom eigentümlichen Charakter der Erstfas-
sung einen direkten Eindruck zu verschaffen, wird diese im Anhang (unten, S. 67–91)
nochmals in toto wiedergegeben.
Bei der Erstellung der Edition waren sechs Bearbeitungs- und Publikationsstufen
einzubeziehen: die erste Manuskriptfassung von 1919; die Zweitfassung von 1920 – eine
maschinenschriftliche Kopie der Erstfassung, die von Freud per Hand korrigiert und er-
heblich erweitert wurde; die drei Auflagen, die das Werk von 1920 bis 1923 als Einzel-
veröffentlichung erfahren hat; der Abdruck in den Gesammelten Schriften. Die letzten drei
Druckfassungen wurden seinerzeit alle neu gesetzt und weisen gegenüber der jeweils vo-
rangegangenen Auflage zwar wenige und eher kleine, aber doch bisweilen substanzielle
Veränderungen auf (am meisten die 2. gegenüber der 1. Auflage). Diese Textschichten
werden in der Edition durch folgende Kürzel symbolisiert:
A: handschriftliche Erstfassung (1919);
B: Zweitfassung = Typoskript von A mit Korekturen und Einschüben (1920);
C: 1. Auflage. Leipzig–Wien–Zürich (Internationaler Psychoanalytischer Verlag) 1920,
60 Seiten (Beihefte der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse, Nr. II);

2
In beiden Fällen handelt es sich, in der Kategorisierung von Grubrich-Simitis (S. 115),
nicht um »Entwürfe«, sondern um »Reinschriften«.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 9

D: 2. durchgesehene Auflage (2. bis 4. Tausend). Leipzig–Wien–Zürich (Internationaler


Psychoanalytischer Verlag) 1921, 64 Seiten (Beihefte der Internationalen Zeitschrift
für Psychoanalyse, Nr. II);
E: 3., durchgesehene Auflage (5. bis 9. Tausend). Leipzig–Wien–Zürich (Internationaler
Psychoanalytischer Verlag) 1923, 94 Seiten;
F: Abdruck in: Gesammelte Schriften, Bd. VI, hg. von A. Freud u. A. J. Storfer. Leipzig–
Wien–Zürich (Internationaler Psychoanalytischer Verlag) 1925, S. 189–257.
In der Darbietung des edierten Textes sollten zwei divergente Ziele verbunden wer-
den: genaue Kennzeich nung der Textschichten bei möglichst glatter durchgehender
Lesbarkeit. D. h. die Edition soll einerseits bei der Lektüre einen raschen Eindruck vom
Ausmaß der Überarbeitungen vermitteln, ohne die Lektüre allzusehr zu behindern,
andererseits die Überarbeitungen im Detail dokumentieren. Zu diesem Zweck wurde
folgende Form gewählt: Im Grundtext (F) sind alle Abweichungen gegenüber der Erst-
fassung (A) grau unterlegt, mit Zufügung des Kürzels der Fassung, in der die betref-
fende Variante erstmals erscheint. Wenn es sich bei der Abweichung um einen bloßen
Zusatz handelt, wird keine weitere Erläuterung geboten; bei anderen Änderungen wird
in einer editorischen Anmerkung die frühere Variante genannt, wieder mit Angabe
der Fassung, in der sie erstmals auftaucht.3 Änderungen ersten Grades, gleichgültig in
welcher Fassung sie eingeführt wurden, sind hellgrau, Änderungen zweiten Grades,
also innerhalb einer hellgrauen Passage, mittelgrau, solche in einer mittelgrauen Passage
noch etwas dunkler eingefärbt. a
Im selben editorischen Apparat, der die Textvarianten verzeichnet, werden auch
Freuds Selbstkorrekturen etc. in B vermerkt. Um diese textkritischen Hinweise von denen
auf Varianten in B zu unterscheiden, wird im ersteren Fall auf »Ms. (B)« verwiesen, im
letzteren auf »B«. Alle verzeichneten Korrekturen und Zusätze in B sind handschrift-
licher Natur. Textkritische Angaben zu A sind in den vollständigen Abdruck der Erst-
fassung im Anhang eingearbeitet und werden im Apparat der eigentlichen Edition zu
dessen Entlastung ignoriert.
Um den Nutzwert der Edition zu erhöhen, wurde auch die Fassung in der Studien-
ausgabe berücksichtigt (Freud 1920g). Deren Seitenzahlen sind am Rand ausgeworfen.
Abweichungen dieser bisher besten Textform von der Fassung F, die ihr an sich ebenfalls
zugrunde liegt, werden in den Anmerkungen notiert (mit dem Kürzel »StA«), unter Ver-
nachlässigung aller redaktionellen Zusätze, z. B. Fußnoten mit begriffsgeschichtlichen
Erläuterungen oder ausgewählten Druckvarianten, sowie Modernisierungen der Litera-
turhinweise, der Rechtschreibung, Interpunktion u. dgl.
Die Wiedergabe des Grundtextes (F) folgt in allen Details der Fassung letzter Hand,
einschließlich der Literaturhinweise, der Rechtschreibung und Zeichensetzung. Beibe-
halten wird auch die Hervorhebung von Eigennamen – eine seinerzeit gängige Praxis,
die heute außer Gebrauch gekommen ist und bei Neupublikationen historischer Texte
(wie z. B. in StA) meist übergangen wird. Absatzeinschnitte, die in den Handschriften
vermutlich intendiert waren, aber bei der Abschrift in B oder beim Satz der 1. Auflage
nicht übernommen wurden (weil sie sich im Schriftbild nicht klar genug abheben), wer-
den zwar nicht durchgeführt, aber kenntlich gemacht.
Obwohl der Anspruch bestand, sämtliche Varianten aller Textschichten abzubilden,
mussten von diesem Prinzip pragmatische Abstriche gemacht werden, um den Apparat
nicht mit zu viel Ballast zu beladen. Nicht verzeichnet sind: handschriftliche Korrekturen

3
Zur Verdeutlichung: Wenn die frühere Variante z. B. bereits in A vorkommt, während
der im Haupttext wiedergegebene, grau unterlegte Wortlaut erstmals in F bezeugt
ist, bedeutet die Angabe »A« in der Fußnote, dass alle Fassungen bis einschließlich E
dieselbe Variante bieten.
10 Sigmund Freud

im Typoskript-Teil von B, die lediglich Abschreibefehler gegenüber A rückgängig ma-


chen; altertümliche Rechtschreibeformen (z. B. »thun« vs. »tun«; »analysiren« vs. »ana-
lysieren«), die Freud handschriftlich oft verwendet und die vom Setzer selbsttätig korri-
giert wurden; Abweichungen in der Interpunktion, außer wenn dadurch der Sinn einer
Aussage tangiert wird; Änderungen in der Zusammen- oder Getrenntschreibung (z. B.
»oben erwähnt« vs. »obenerwähnt«); Wechsel zwischen Abkürzung und Ausschreibung
(z. B. »Kl. Schr. z. Neurosenlehre« vs. »Kleine Schriften etc.«); Varianten in Bezug auf das
Genitiv- und Dativ-e, das Freud handschriftlich viel weniger gebraucht als der überlie-
ferte Drucktext (z. B. »dem Trieb« vs. »dem Triebe«); reine Druckfehler in der einen oder
anderen Auflage.
Entgegen dem sonstigen Prinzip der Textgestaltung werden eckige Klammern im Ma-
terial durch runde wiedergegeben. Alle Zusätze der Herausgeber, vor allem die Kürzel
zur Identifizierung des erstmaligen Auftretens einer Variante gegenüber der Erstfassung,
stehen in eckigen Klammern. Hervorhebungen durch Unterstreichung (im Manuskript)
oder Sperrung (im Druck) sind generell durch Kursivierung ersetzt. Anmerkungen im
originalen Freud-Text sind durch Zahlen, editorische Anmerkungen durch Kleinbuchsta-
ben bezeichnet. Die beiden Anmerkungsgruppen stehen in gesonderten Blöcken jeweils
am Fuß der Seite. Bei zitierten Freud-Schriften wird ein Hinweis auf einen rezenten Ab-
druck hinzugefügt. Angaben zu den von Freud erwähnten Werken finden sich in der
Bibliographie des nachfolgenden Aufsatzes (unten, S. 163–169).

Bei einigen Abweichungen von B (Typoskript) oder C gegenüber den Manuskripten (A


oder B), selten auch bei Varianten in späteren Druckauflagen, handelt es sich höchstwahr-
scheinlich um unerkannte und unkorrigiert gebliebene Abschreibe- oder Satzfehler. Dies
gilt ebenso für nicht übernommene Einschnitte bei neuen Absätzen. Alle Fälle, die eine
solche Vermutung nahelegen, die relativ sicheren wie die fraglicheren, sind im Apparat
der folgenden Edition vermerkt. Es bleibt eine Aufgabe für später, mit Hilfe dieser Doku-
mentation einen neuen Lesetext von Jenseits des Lustprinzips zu erstellen, der von solchen
Versehen bereinigt ist und der ursprünglichen Intention des Autors näher kommt als
die tradierte Textfassung, die – trotz aller Sorgfalt bei der Fahnenkorrektur (siehe IGS,
S. 322) – auch eine Reihe von Fehlern tradiert hat. In dieser verbesserten Fassung könnte
auch die Erweiterung vieler Genitive und Dative durch ein e, das nicht dem Sprachgefühl
Freuds, sondern dem eines anonymen Setzers gehorcht und das auch nach heutigem
Empfinden zu vollmundig wirkt, rückgängig gemacht werden.

Edition: Jenseits des Lustprinzips

217 I

In der psychoanalytischen Theorie nehmen wir unbedenklich an, daß der


Ablauf der seelischen Vorgänge automatisch durch das Lustprinzip regu-
liert wird, das [B]a heißt, wir glauben, daß er jedesmal durch eine unlust-
volle Spannung angeregt wird und dann eine solche Richtung einschlägt,
daß sein Endergebnis mit einer Herabsetzung [B]b dieser Spannung, also

a
In A eher: . Das.
b
In A folgt: oder Aufhebung. – Abschreibefehler in B?
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 11

mit einer Vermeidung von Unlust oder Erzeugung von Lust zusammen-
fällt. Wenn wir die von uns studierten seelischen Prozesse mit Rücksicht
auf diesen Ablauf betrachten, führen wir den ökonomischen Gesichts-
punkt in unsere Arbeit ein. Wir meinen, eine Darstellung, die neben dem
topischen und dem dynamischen Moment noch dies ökonomische [F]a zu
würdigen versuche, sei die vollständigste, die wir uns derzeit vorstellen
können, und verdiene es, durch den Namen einer metapsychologischen her-
vorgehoben zu werden.
Es hat dabei für uns kein Interesse zu untersuchen, inwieweit wir uns
mit der Aufstellung des Lustprinzips einem bestimmten, historisch festge-
legten, philosophischen System angenähert oder angeschlossen haben. Wir
gelangen zu solchen spekulativen Annahmen bei dem Bemühen, von den
Tatsachen der täglichen Beobachtung auf unserem Gebiete Beschreibung
und Rechenschaft zu geben. Priorität und Originalität gehören nicht zu den
Zielen, die der psychoanalytischen Arbeit gesetzt sind, und die Eindrücke,
welche der Aufstellung dieses Prinzips zugrunde liegen, sind so augen-
fällig, daß es kaum möglich ist, sie zu übersehen. Dagegen würden wir
uns gerne zur Dankbarkeit gegen eine philosophische oder psychologische
Theorie bekennen, die uns zu sagen wüßte, was die Bedeutungen [B]b der
für uns so imperativen Lust- und Unlustempfindungen sind. Leider wird
uns hier nichts Brauchbares geboten. Es ist das dunkelste und unzugäng-
lichste Gebiet des Seelenlebens, und wenn wir unmöglich vermeiden kön-
nen, es zu berühren, so wird die lockerste Annahme darüber, meine ich, die
beste sein. Wir haben uns entschlossen, Lust und Unlust mit der Quantität
der im Seelenleben vorhandenen – und nicht irgendwie gebundenen – Er-
regung in Be|ziehung zu bringen, solcherart, daß Unlust einer Steigerung, 218
Lust einer Verringerung dieser Quantität entspricht. Wir denken dabei
nicht an ein einfaches Verhältnis zwischen der Stärke der Empfindungen
und den Veränderungen, auf die sie bezogen werden; am wenigsten – nach
allen Erfahrungen der Psychophysiologie – an direkte Proportionalität;
wahrscheinlich ist das Maß der Verringerung oder Vermehrung in der Zeit
das für die Empfindung entscheidende Moment. Das Experiment fände
hier möglicherweise Zutritt, für uns Analytiker ist weiteres Eingehen in
diese Probleme nicht geraten, solange nicht ganz bestimmte Beobachtun-
gen uns leiten können.
Es kann uns aber nicht gleichgültig lassen, wenn wir finden, daß ein so
tiefblickender Forscher wie G. Th. Fechner eine Auffassung von Lust und

a
Die vier zuletzt markierten Wörter in A hervorgehoben.
b
A: Bedingungen. – Vermutlich Abschreibefehler in B.
12 Sigmund Freud

Unlust vertreten hat, welche im wesentlichen mit der zusammenfällt, die


uns von der psychoanalytischen Arbeit aufgedrängt wird. Die Äußerung
Fechners ist in seiner kleinen Schrift: Einige Ideen zur Schöpfungs- und Ent-
wicklungsgeschichte der Organismen, 1873 (Abschnitt XI, Zusatz, p. 94),
enthalten und lautet wie folgt: [/]a »Insofern bewußte Antriebe immer mit
Lust oder Unlust in Beziehung stehen, kann auch Lust oder Unlust mit
Stabilitäts- und Instabilitätsverhältnissen in psychophysischer Beziehung
gedacht werden, und es läßt sich hierauf die anderwärts von mir näher zu
entwickelnde Hypothese begründen, daß jede die Schwelle des Bewußt-
seins übersteigende psychophysische Bewegung nach Maßgabe mit Lust
behaftet sei, als sie sich der vollen Stabilität über eine gewisse Grenze hi-
naus nähert, mit Unlust nach Maßgabe, als sie über eine gewisse Grenze
davon abweicht, indes zwischen beiden, als qualitative Schwelle der Lust
und Unlust zu bezeichnenden Grenzen eine gewisse Breite ästhetischer In-
differenz besteht ...« [B]
Die Tatsachen, die uns veranlaßt haben, an die Herrschaft des Lust-
prinzips im Seelenleben zu glauben, finden auch ihren Ausdruck in der |
219 Annahme, daß es ein Bestreben des seelischen Apparates sei, die in ihm
vorhandene Quantität von Erregung möglichst niedrig oder wenigstens
konstant zu erhalten. Es ist dasselbe, nur in andere Fassung gebracht, denn
[C]b wenn die Arbeit des seelischen Apparates dahin geht, die Erregungs-
quantität niedrig zu halten, so muß alles, was dieselbe zu steigern geeignet
ist, als funktionswidrig, das heißt als unlustvoll empfunden werden. Das
Lustprinzip leitet sich aus dem Konstanzprinzip ab; in Wirklichkeit wurde
das Konstanzprinzip aus den Tatsachenc erschlossen, die uns die Annah-
me des Lustprinzips aufnötigten.d Bei eingehenderer Diskussion werden
wir auch finden, daß dies von uns angenommene Bestreben des seelischen
Apparates sich als spezieller Fall dem Fechnerschen Prinzip der Tendenz zur
Stabilität unterordnet, zu dem er die Lust- Unlustempfindungen in Bezie-
hung gebracht hat. [B]
Dann müssen wir aber sagen, es sei eigentlich unrichtig, von einer Herr-
schaft des Lustprinzips über den Ablauf der seelischen Prozesse zu reden.
Wenn eine solche bestände, müßte die übergroße Mehrheit unserer Seelen-
vorgänge von Lust begleitet sein oder zur Lust führen, während doch die
allgemeinste Erfahrung dieser Folgerung energisch widerspricht. Es kann

a
In B ist hier ein Absatz.
b
In A steht Punkt. – In B groß weiter: Denn. – Satzfehler in C?
c
Im Ms. (B) gestrichen, nach Komma: di.
d
Im Ms. (B) stand hier zunächst Absatz, durch Korrekturzeichen aufgehoben.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 13

also nur so sein, daß eine starke Tendenz zum Lustprinzip in der Seele be-
steht, der sich aber gewisse andere Kräfte oder Verhältnisse widersetzen,
so daß der Endausgang nicht immer der Lusttendenz entsprechen kann.
Vergleiche die Bemerkung Fechners bei ähnlichem Anlasse (ebenda, p. 90):
»Damit aber, daß die Tendenz zum Ziele noch nicht die Erreichung des
Zieles bedeutet und das Ziel überhaupt nur in Approximationen erreich-
bar ist ...« [B] Wenn wir uns nun der Frage zuwenden, welche Umstände
die Durchsetzung des Lustprinzips zu vereiteln vermögen, dann betreten
wir wieder sicheren und [B]a bekannten Boden und können unsere analy-
tischen Erfahrungen in reichem Ausmaße zur Beantwortung heranziehen.
Der erste Fall einer solchen Hemmung des Lustprinzips ist uns als ein
gesetzmäßiger vertraut. Wir wissen, daß das Lustprinzip einer primärenb
Arbeitsweise des seelischen Apparates eignet, und daß es für die Selbstbe-
hauptung des Organismus unter den Schwierigkeiten der Außenwelt so
recht von Anfang an unbrauchbar, ja in hohem Grade gefährlich ist. Unter
dem Einflusse der Selbsterhaltungstriebe des Ichs | wird es vom Realitäts- 220
prinzip abgelöst, welches, ohne die Absicht endlicher Lustgewinnung auf-
zugeben, doch den Aufschub der Befriedigung, den Verzicht auf mancher-
lei Möglichkeiten einer solchen und die zeitweilige Duldung der Unlust
auf dem langen Umwege zur Lust fordert und durchsetzt. Das Lustprinzip
bleibt dann noch lange Zeit die Arbeitsweise der schwerer »erziehbaren«
Sexualtriebe, und es kommt immer wieder vor, daß es, sei es von diesen
letzteren aus, sei es im Ich selbst, das Realitätsprinzip zum Schaden des
ganzen Organismus überwältigt.
Es ist indes unzweifelhaft, daß die Ablösung des Lustprinzips durch das
Realitätsprinzip nur für einen geringen und nicht für den intensivsten Teil
der Unlusterfahrungen verantwortlich gemacht werden kann. Eine andere,
nicht weniger gesetzmäßige Quelle der Unlustentbindung ergibt sich aus
den Konflikten und Spaltungen im seelischen Apparat, während das Ich sei-
ne Entwicklung zu höher zusammengesetzten Organisationen durchmacht.
Fast alle Energie, die den Apparat erfüllt, stammt aus den mitgebrachten
Triebregungen, aber diese werden nicht alle zu den gleichen Entwicklungs-
phasen zugelassen. Unterwegs geschieht es immer wieder, daß einzelne
Triebe oder Triebanteile sich in ihren Zielen oder Ansprüchen als unver-
träglich mit den übrigen erweisen, die sich zu der umfassenden Einheit
des Ichs zusammenschließen können. Sie werden dann von dieser Einheit
durch den Prozeß der Verdrängung abgespalten, auf niedrigeren Stufen der

a
A: , uns. – Vermutlich Abschreibefehler in B.
b
In StA kursiviert.
14 Sigmund Freud

psychischen Entwicklung zurückgehalten und zunächst von der Möglich-


keit einer Befriedigung abgeschnitten. Gelingt es ihnen dann, was bei den
verdrängten Sexualtrieben so leicht geschieht, sich auf Umwegen zu einer
direkten oder Ersatzbefriedigung durchzuringen, so wird dieser Erfolg, der
sonst eine Lustmöglichkeit gewesen wäre, vom Ich als Unlust empfunden.
Infolge des alten, in die Verdrängung auslaufenden Konfliktes hat das Lust-
prinzip einen neuerlichen Durchbruch erfahren, gerade während gewisse
Triebe am Werke waren, in Befolgung des Prinzips neue Lust zu gewinnen.
Die Einzelheiten des Vorganges, durch welchen die Verdrängung eine Lust-
möglichkeit in eine Unlustquelle verwandelt, sind noch nicht gut verstan-
den oder nicht klar darstellbar, aber sicherlich ist alle neurotische Unlust
von solcher Art, ist Lust, die nicht als solche empfunden werden kann.1 [F]a
221 Die beiden hier angezeigten Quellen der Unlust decken noch lange
nicht die Mehrzahl unserer Unlusterlebnisse, aber vom Rest wird man
mit einem Anschein von gutem Recht behaupten, daß sein Vorhandensein
der Herrschaft des Lustprinzips nicht widerspricht. Die meiste Unlust, die
wir verspüren, ist ja Wahrnehmungsunlust, entweder Wahrnehmung des
Drängens unbefriedigter Triebe oder äußere Wahrnehmung, sei es, daß
diese an sich peinlich ist, oder daß sie unlustvolle Erwartungen im seeli-
schen Apparat erregt, von ihm als »Gefahr« erkannt wird. Die Reaktion auf
diese Triebansprüche und Gefahrdrohungen, in der sich die eigentliche Tä-
tigkeit des seelischen Apparates äußert, kann dann in korrekter Weise vom
Lustprinzip oder dem es modifizierenden Realitätsprinzip geleitet werden.
Somit scheint es nicht notwendig, eine weitergehende Einschränkung des
Lustprinzips anzuerkennen, und doch kann gerade die Untersuchung der
seelischen Reaktion auf die äußerliche Gefahr neuen Stoff und neue Frage-
stellungen zu dem hier behandelten Problem liefern.

222 II

Nach schweren mechanischen Erschütterungen, Eisenbahnzusammenstö-


ßen und anderen, mit Lebensgefahr verbundenen Unfällen ist seit langem
ein Zustand beschrieben worden, dem dann der Name »traumatische Neu-
rose« verblieben ist. Der schreckliche, eben jetzt abgelaufene Krieg hat eine
große Anzahl solcher Erkrankungen entstehen lassen und wenigstens der
Versuchung ein Ende gesetzt, sie auf organische Schädigung des Nerven-

1
Das wesentliche ist wohl, daß Lust und Unlust als bewußte Empfindungen an das Ich
gebunden sind. [F]
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 15

systems durch Einwirkung mechanischer Gewalt zurückzuführen.1 Das


Zustandsbild der traumatischen Neurose nähert sich der Hysterie durch
seinen Reichtum an ähnlichen motorischen Symptomen, übertrifft diese
aber in der Regel durch die stark ausgebildeten Anzeichen subjektiven
Leidens, etwa wie bei einer Hypochondrie oder Melancholie, und durch
die Beweise einer weit umfassenderen allgemeinen Schwächung und Zer-
rüttung der seelischen Leistungen [B]a. Ein volles [D] Verständnis ist bis-
her weder für die Kriegsneurosen noch für die traumatischen Neurosen
des Friedens erzielt worden. Bei den Kriegsneurosen wirkte es einerseits
aufklärend, aber doch wiederum verwirrend, daß dasselbe Krankheitsbild
gelegentlich ohne Mithilfe einer groben mechanischen Gewalt zustande
kam [D]b; an der gemeinen traumatischen Neurose heben sich zwei Züge
hervor, an welche die Überlegung anknüpfen konnte, erstens, daß das
Hauptgewicht der Verursachung auf das Moment der Überraschung, auf
den Schreck, zu fallen schien, und zweitens, daß eine gleichzeitig erlittene
Verletzung oder Wunde zumeist der Entstehung der Neurose entgegen-
wirkte. [/]c Schreck, Furcht, Angst werden mit Unrecht wie synonyme Aus-
drücke gebraucht; sie lassen sich in ihrer Beziehung zur Gefahr gut ausein-
anderhalten. Angst bezeichnet einen gewissen Zustand wie [B]d Erwartung
der Gefahr und Vorbereitung auf dieselbe, mag sie auch eine unbekannte
sein; Furcht verlangt ein bestimmtes Objekt, vor dem man sich fürchtet; |
Schreck aber benennt den Zustand, in den man gerät, wenn man in Gefahr 223
kommt, ohne auf sie vorbereitet zu sein, betont das Moment der Überra-
schung. Ich glaube nicht, daß die Angst eine traumatische Neurose erzeugen
kann; an der Angst ist etwas, was gegen den Schreck und also auch gegen die
Schreckneurose schützt. Wir werden auf diesen Satz später zurückkommen.
Das Studium des Traumes dürfen wir als den zuverlässigsten Weg
zur Erforschung der seelischen Tiefenvorgänge betrachten. Nun zeigt das
Traumleben der traumatischen Neurose den Charakter, daß es den Kran-
ken immer wieder in die Situation seines Unfalles zurückführt, aus der er
mit neuem Schrecken erwacht. Darüber verwundert man sich viel zu we-
nig. Man meint, es sei eben ein Beweis für die Stärke des Eindruckes, den
das traumatische Erlebnis gemacht hat, daß es sich dem Kranken sogar im

a
A (Selbstkorrektur im Ms.): Leistung. – Vermutlich Abschreibefehler in B.
b
A: kommen konnte.
c
In A, wahrscheinlich auch B (Zeilenende) ist hier ein Absatz. – Nicht-Übernahme
vermutlich Satzfehler in C.
d
A: von. – Vermutlich Abschreibefehler in B.
1
Vgl. Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Mit Beiträgen von Ferenczi, Abraham,
Simmel und E. Jones. Band I der Internationalen Psychoanalytischen Bibliothek, 1919.
16 Sigmund Freud

Schlaf immer wieder aufdrängt. Der Kranke sei an das Trauma sozusagen
psychisch fixiert. Solche Fixierungen an das Erlebnis, welches die Erkran-
kung ausgelöst hat, sind uns seit langem bei der Hysterie bekannt. Breuer
und Freud äußerten 1893: Die Hysterischen leiden großenteils an Reminis-
zenzen. Auch bei den Kriegsneurosen haben Beobachter wie Ferenczi und
Simmel manche motorische Symptome durch Fixierung an den Moment
des Traumas erklären können.
Allein es ist mir nicht bekannt, daß die an traumatischer Neurose Kran-
kenden sich im Wachleben viel mit der Erinnerung an ihren Unfall beschäf-
tigen. Vielleicht bemühen sie sich eher, nicht an ihn zu denken. Wenn man
es als selbstverständlich hinnimmt, daß der nächtliche Traum sie wieder
in die krankmachende Situation versetzt, so verkennt man die Natur des
Traumes. Dieser würde es eher entsprechen, dem Kranken Bilder aus der
Zeit der Gesundheit oder der erhofften Genesung vorzuführen. Sollen wir
durch die Träume der Unfallsneurotiker nicht an der wunscherfüllenden
224 Tendenz des Traumes irre werden, so bleibt | uns etwa noch die Auskunft,
bei diesem Zustand sei wie so vieles andere auch die Traumfunktion er-
schüttert und von ihren Absichten abgelenkt worden, oder wir müßten der
rätselhaften masochistischen Tendenzen des Ichs gedenken [D].a
Ich mache nun den Vorschlag, das dunkle und düstere [B]b Thema der
traumatischen Neurose zu verlassen und die Arbeitsweise des seelischen
Apparates an einer seiner frühzeitigsten normalen Betätigungen zu studie-
ren. Ich meine das Kinderspiel.
Die verschiedenen Theorien des Kinderspieles sind erst kürzlich von S.
Pfeiferc in der »Imago« (V/4) [B]d zusammengestellt und analytisch gewürdigt
worden; ich kann hier auf diese Arbeit verweisen. Diese Theorien bemühen
sich, die Motive des Spielens der Kinder zu erraten, ohne daß dabei der öko-
nomische Gesichtspunkt, die Rücksicht auf Lustgewinn, in den Vordergrund
gerückt würde. Ich habe, ohne das Ganze dieser Erscheinungen umfassen zu
wollen, eine Gelegenheit ausgenützt, die sich mir bot, um das erste selbstge-
schaffene Spiel eines Knaben im Alter von 1½ Jahren aufzuklären. Es war mehr
als eine flüchtige Beobachtung, denn ich lebte durch einige Wochen mit dem
Kinde und dessen Eltern unter einem Dach, und es dauerte ziemlich lange,
bis das rätselhafte und andauernd wiederholte Tun mir seinen Sinn verriet.
Das Kind war in seiner intellektuellen Entwicklung keineswegs vorei-

a
In StA folgt Leerzeile.
b
A: düstere und dunkle. – Abschreibefehler in B?
c
A: Pfeiffer.
d
Zusatz ausnahmsweise mit Maschinenschrift.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 17

lig, es sprach mit 1½ Jahren erst wenige verständliche Worte und verfügte
außerdem über mehrere bedeutungsvolle Laute, die von der Umgebung
verstanden wurden. Aber es war in gutem Rapport mit den Eltern und dem
einzigen Dienstmädchen und wurde wegen seines »anständigen« Charak-
ters gelobt. Es störte die Eltern nicht zur Nachtzeit, befolgte gewissenhaft
die Verbote, manche Gegenstände zu berühren und in gewisse Räume zu
gehen, und vor allem anderen, es weinte nie, wenn die Mutter es für Stun-
den verließ, obwohl es dieser Mutter zärtlich anhing, die das Kind nicht nur
selbst genährt, sondern auch ohne jede fremde Beihilfe gepflegt und betreut
hatte. Dieses brave Kind zeigte nun die gelegentlich störende Gewohnheit,
alle kleinen Gegenstände, deren es habhaft wurde, weit weg von sich in eine
Zimmerecke, unter ein Bett usw. zu schleudern, so daß das Zusammensu-
chen seines Spielzeuges oft keine leichte Arbeit war. Dabei brachte es mit
dem Ausdruck von Interesse und Befriedigung ein lautes, langgezogenes
o–o–o–o [F]a her|vor, das nach dem übereinstimmenden Urteil der Mutter 225
und des Beobachters keine Interjektion war, sondern »Fort« [F]b bedeutete.
Ich merkte endlich, daß das ein Spiel sei, und daß das Kind alle seine Spiel-
sachen nur dazu benütze, mit ihnen »fortsein« zu spielen. [/]c Eines Tages
machte ich dann die Beobachtung, die meine Auffassung bestätigte. Das
Kind hatte eine Holzspule, die mit einem Bindfaden umwickelt war. Es fiel
ihm nie ein, sie zum Beispiel am Boden hinter sich herzuziehen, also Wagen
mit ihr zu spielen, sondern es warf die am Faden gehaltene Spule mit gro-
ßem Geschick über den Rand seines verhängten Bettchens, so daß sie darin
verschwand, sagte dazu sein bedeutungsvolles o–o–o–o [F]a und zog dann die
Spule am Faden wieder aus dem Bett heraus, begrüßte aber deren Erscheinen
jetzt mit einem freudigen »Da« [B]d. Das war also das komplette Spiel, Ver-
schwinden und Wiederkommen, wovon man zumeist nur den ersten Akt zu
sehen bekam, und dieser wurde für sich allein unermüdlich als Spiel wieder-
holt, obwohl die größere Lust unzweifelhaft dem zweiten Akt anhing.1 [B]

a
A: oooo. – In B korrigiert in: o–o–o–o. – In C nicht hervorgehoben.
b
In A hervorgehoben (unterstrichen; in C gesperrt).
c
In A, wahrscheinlich auch B (Zeilenende) ist hier ein Absatz. – Nicht-Übernahme
vermutlich Satzfehler in C.
d
In A ohne Anführungszeichen und unterstrichen.
1
Diese Deutung wurde dann durch eine weitere Beobachtung völlig gesichert. Als
eines Tages die Mutter über viele Stunden abwesend gewesen war, wurde sie beim
Wiederkommen mit der Mitteilung begrüßt: »Bebi o–o–o–o!« [F. In B: Bebi oooo!], die
zunächst unverständlich blieb. Es ergab sich aber bald, daß das Kind während die-
ses langen Alleinseins ein Mittel gefunden hatte, sich selbst verschwinden zu lassen
[gestrichen: , indem]. Es hatte sein Bild in dem fast bis zum Boden reichenden Stand-
spiegel entdeckt und sich dann niedergekauert, so daß das Spiegelbild »fort« war. [B]
18 Sigmund Freud

Die Deutung des Spieles lag dann nahe. Es war im Zusammenhang


mit der großen kulturellen Leistung des Kindes, mit dem von ihm zu-
stande gebrachten Triebverzicht (Verzicht auf Triebbefriedigung), das
Fortgehen der Mutter ohne Sträuben zu gestatten. Es entschädigte sich
gleichsam dafür, indem es dasselbe Verschwinden und Wiederkommen
mit den ihm erreichbaren Gegenständen selbst in Szene setzte. Für die
affektive Einschätzung dieses Spieles ist es natürlich gleichgültig, ob das
Kind es selbst erfunden oder sich infolge einer Anregung zu eigen ge-
macht hatte. Unser Interesse wird sich einem anderen Punkte zuwenden.
Das Fortgehen der Mutter kann dem Kinde unmöglich angenehm oder
auch nur gleichgültig gewesen sein. Wie stimmt es also zum Lustprin-
zip, daß es dieses ihm peinliche Erlebnis als Spiel wiederholt? Man wird
vielleicht antworten wollen, das Fortgehen müßte als Vorbedingung des
erfreulichen Wiedererscheinens gespielt werden, im letzteren sei die ei-
226 gentliche Spielabsicht gelegen. Dem würde die Beobachtung | widerspre-
chen, daß der erste Akt, das Fortgehen, für sich allein als Spiel inszeniert
wurde, und zwar ungleich häufiger als das zum [B]a lustvollen Ende fort-
geführte Ganze.
Die Analyse eines solchen einzelnen Falles ergibt keine sichere Ent-
scheidung; bei unbefangener Betrachtung gewinnt man den Eindruck, daß
das Kind das Erlebnis aus einem anderen Motiv zum Spiel gemacht hat
[B]b. Es war dabei passiv, wurde vom Erlebnis betroffen und bringt sich
nun in eine aktive Rolle, indem es dasselbe, trotzdem es unlustvoll war,
als Spiel wiederholt. Dieses Bestreben könnte man einem Bemächtigungs-
trieb zurechnen, der sich davon unabhängig macht, ob die Erinnerung an
sich lustvoll war oder nicht. Man kann aber auch eine andere Deutung
versuchen. Das Wegwerfen des Gegenstandes, so daß er fort ist, könnte
die Befriedigung eines im Leben unterdrückten Racheimpulses gegen die
Mutter sein, weil sie vom Kinde fortgegangen ist, und dann die trotzi-
ge Bedeutung haben: Ja, geh’ nur fort, ich brauch’ dich nicht, ich schick’
dich selber weg. Dasselbe Kind, das ich mit 1½ Jahren bei seinem ersten
Spiel beobachtete, pflegte ein Jahr später ein Spielzeug, über das es sich
geärgert hatte, auf den Boden zu werfen und dabei zu sagen: Geh’ in
K(r)ieg! Man hatte ihm damals erzählt, der abwesende Vater befinde sich
im Krieg, und es vermißte den Vater gar nicht, sondern gab die deutlichsten
Anzeichen von sich, daß es im Alleinbesitz der Mutter nicht gestört werden

a
A: bis zum. – Vermutlich Abschreibefehler in B.
b
A: als Spiel wiederholt. – In B korrigiert.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 19

wolle.1 [C] Wir wissen auch von anderen Kindern, daß sie ähnliche feind-
selige Regungen durch das Wegschleudern von Gegenständen an Stelle
der Personen auszudrücken vermögen.2 Man gerät so in Zweifel, ob der
Drang, etwas Eindrucksvolles psychisch zu verarbeiten, sich seiner voll zu
bemächtigen, sich primär und unabhängig vom Lustprinzip äußern kann.
Im hier diskutierten Falle könnte er einen unangenehmen Eindruck doch
nur darum im Spiel wiederholen, weil mit dieser Wiederholung ein an-
dersartiger, aber direkter Lustgewinn verbunden ist.
Auch die weitere Verfolgung des Kinderspieles hilft diesem unserem
Schwanken zwischen zwei Auffassungen nicht ab. Man sieht, daß die Kin-
der alles im Spiele wiederholen, was ihnen im Leben großen Eindruck ge-
macht hat, daß sie dabei die Stärke des Eindruckes abreagieren und sich
sozusagen zu Herren der Situation machen. Aber anderseits ist | es klar 227
genug, daß all ihr Spielen unter dem Einflusse des Wunsches steht, der die-
se ihre Zeit dominiert, des Wunsches: groß zu sein und so tun zu können
wie die Großen. Man macht auch die Beobachtung, daß der Unlustcharak-
ter des Erlebnisses es nicht immer für das Spiel unbrauchbar macht. Wenn
der Doktor dem Kinde in den Hals geschaut oder eine kleine Operation an
ihm ausgeführt [B]a hat, so wird dies erschreckende Erlebnis ganz gewiß
zum Inhalt des nächsten Spieles werden, aber der Lustgewinn aus anderer
Quelle ist dabei nicht zu übersehen. Indem das Kind aus der Passivität des
Erlebens in die Aktivität des Spielens [C]b übergeht, fügt es einem Spielge-
fährten das Unangenehme zu, das ihm selbst widerfahren war, und rächt
sich so an der Person dieses Stellvertreters.
Aus diesen Erörterungen geht immerhin hervor, daß die Annahme ei-
nes besonderen Nachahmungstriebes als Motiv des Spielens überflüssig
ist. Schließen wir noch die Mahnungen an, daß das künstlerische Spielen
und Nachahmen der Erwachsenen, das zum Unterschied vom Verhalten
des Kindes auf die Person des Zuschauers zielt, diesem die schmerzlichsten
Eindrücke zum Beispiel in der Tragödie nicht erspart und doch von ihm als
hoher Genuß empfunden werden kann. Wir werden so davon überzeugt,

a
A: gemacht. – In B korrigiert.
b
A: Spieles.
1
Als das Kind fünfdreiviertel Jahre alt war, starb die Mutter. Jetzt, da sie wirklich
»fort« (o–o–o) [F. In C nicht kursiv] war, zeigte der Knabe keine Trauer um sie. Aller-
dings war inzwischen ein zweites Kind geboren worden, das seine stärkste Eifersucht
erweckt hatte. [C]
2
Vgl. Eine Kindheitserinnerung aus »Dichtung und Wahrheit«. Imago V, 1917. (Ges.
Schriften, Bd. V.) [F. In A: Sammlg. kl. Schr. zur Neurosenlehre, IV. Folge] [Freud
1917b]
20 Sigmund Freud

daß es auch unter der Herrschaft des Lustprinzips Mittel und Wege genug
gibt, um das an sich Unlustvolle zum Gegenstand der Erinnerung und see-
lischen Bearbeitung zu machen. Mag sich mit diesen, in endlichen Lust-
gewinn auslaufenden Fällen und Situationen eine ökonomisch gerichtete
Ästhetik befassen; für unsere Absichten leisten sie nichts, denn sie setzen
Existenz und Herrschaft des Lustprinzips voraus und zeugen nicht für die
Wirksamkeit von Tendenzen jenseits des Lustprinzips, das heißt solcher,
die ursprünglicher als dies und von ihm unabhängig wären.

228 III

Fünfundzwanzig Jahre intensiver Arbeit haben es mit sich gebracht, daß


die nächsten Ziele der psychoanalytischen Technik heute ganz andere sind
als zu Anfang. Zuerst konnte der analysierende Arzt nichts anderes an-
streben, als das dem Kranken verborgene Unbewußte zu erraten, zusam-
menzusetzen und zur rechten Zeit mitzuteilen [C]. Die Psychoanalyse war
vor allem eine Deutungskunst. Da die therapeutische Aufgabe dadurch
nicht gelöst war, trat sofort die nächste Absicht auf, den Kranken zur Be-
stätigung der Konstruktion durch seine eigene Erinnerung zu nötigen. Bei
diesem Bemühen fiel das Hauptgewicht auf die Widerstände des Kran-
ken; die Kunst war jetzt, diese baldigst aufzudecken, dem Kranken zu zei-
gen und ihn durch menschliche Beeinflussung (hier die Stelle für die als
»Übertragung« wirkende Suggestion) zum Aufgeben der Widerstände zu
bewegen.
Dann aber wurde es immer deutlicher, daß das gesteckte Ziel, die Be-
wußtwerdung des Unbewußten, auch auf diesem Wege nicht voll erreich-
bar ist. Der Kranke kann von dem in ihm Verdrängten nicht alles erinnern,
vielleicht gerade das Wesentliche nicht, und erwirbt so keine Überzeugung
von der Richtigkeit der ihm mitgeteilten Konstruktion. Er ist vielmehr ge-
nötigt, das Verdrängte als gegenwärtiges Erlebnis zu wiederholen, anstatt
es, wie der Arzt es lieber sähe, als ein Stück der Vergangenheit zu erin-
nern.1 [D] Diese mit unerwünschter Treue auftretende Reproduktion hat
immer ein Stück des infantilen Sexuallebens, also des Ödipuskomplexes
und seiner Ausläufer, zum Inhalt und spielt sich regelmäßig auf dem Ge-
biete der Übertragung, das heißt der Beziehung zum Arzt ab. Hat man es in

1
S. Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse. II. Erinnern, Wiederholen und
Durcharbeiten. [D] (Ges. Schriften, Bd. VI.) [F. In D: Sammlung kleiner Schriften zur
Neurosenlehre, IV. Folge, S. 441, 1918] [Freud 1914g]
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 21

der Behandlung so weit gebracht, so kann man sagen, die frühere Neurose
sei nun durch eine frische Übertragungsneurose ersetzt. Der Arzt hat sich
bemüht, den Bereich dieser Übertragungsneurose möglichst einzuschrän-
ken, möglichst viel in | die Erinnerung zu drängen und möglichst wenig 229
zur Wiederholung zuzulassen. Das Verhältnis, das sich zwischen Erinne-
rung und Reproduktion herstellt, ist für jeden Fall ein anderes. In der Re-
gel kann der Arzt dem Analysierten diese Phase der Kur nicht ersparen;
er muß ihn ein gewisses Stück seines vergessenen Lebens wiedererleben
lassen und hat dafür zu sorgen, daß ein Maß von Überlegenheit erhalten
bleibt, kraft dessen die anscheinende Realität doch immer wieder als Spie-
gelung einer vergessenen Vergangenheit erkannt wird. Gelingt dies, so ist
die Überzeugung des Kranken und der von ihr abhängige therapeutische
Erfolg gewonnen.
Um diesen »Wiederholungszwang«, der sich während der psychoanalyti-
schen Behandlung der Neurotiker äußert, begreiflicher zu finden, muß man
sich vor allem von dem Irrtum frei machen, man habe es bei der Bekämp-
fung der Widerstände mit dem Widerstand des »Unbewußten« [D]a zu tun.
Das Unbewußte, das heißt das »Verdrängte« [C]b, leistet den Bemühungen
der Kur überhaupt keinen Widerstand, es strebt ja selbst nichts anderes
an, als gegen den auf ihm lastenden Druck zum Bewußtsein oder zur Ab-
fuhr durch die reale Tat durchzudringen. Der Widerstand in der Kur geht
von denselben höheren Schichten und Systemen des Seelenlebens aus, die
seinerzeit die Verdrängung durchgeführt haben. Da aber die Motive der
Widerstände, ja diese selbst erfahrungsgemäß [F]c in der Kur zunächst un-
bewußt sind, werden wir gemahnt, eine Unzweckmäßigkeit unserer Aus-
drucksweise zu verbessern. Wir entgehen der Unklarheit, wenn wir nicht
das Bewußte und das Unbewußte, sondern das zusammenhängende Ich
und das Verdrängte [D]d in Gegensatz zueinander bringen. Vieles am Ich ist
sicherlich selbst unbewußt, gerade das, was man den Kern des Ichs nennen
darf; nur einen geringen Teil [D]e davon decken wir mit dem Namen des
Vorbewußten. Nach dieser Ersetzung einer bloß deskriptiven Ausdrucks-
weise durch eine systematische oder dynamische können wir sagen, der
Widerstand der Analysierten gehe von ihrem Ich aus, und dann erfassen

a
A: »Widerstand des Unbewußten«. – In B ganz ohne Anführung; vermutlich Ab-
schreibefehler.
b
A: Verdrängte. – B: »das Verdrängte«. Hier zunächst nur öffnendes Anführungszei-
chen (Abschreibefehler), Schlusszeichen handschriftlich ergänzt.
c
A: erfahrungsmäßig.
d
In A keine Hervorhebungen.
e
A: mag selbst unbewußt sein; wahrscheinlich nur einen Teil.
22 Sigmund Freud

230 wir | sofort, der Wiederholungszwang ist dem unbewußten Verdrängten


zuzuschreiben. Er konnte sich wahrscheinlich nicht eher äußern, als bis die
entgegenkommende Arbeit der Kur die Verdrängung gelockert hatte.1 [E]
Es ist kein Zweifel, daß der Widerstand des bewußten und vorbewuß-
ten Ichs im Dienste des Lustprinzips steht, er will ja die Unlust ersparen,
die durch das Freiwerden des Verdrängten erregt würde, und unsere Be-
mühung geht dahin, solcher Unlust unter Berufung auf das Realitätsprin-
zip Zulassung zu erwirken. In welcher Beziehung zum Lustprinzip steht
aber der Wiederholungszwang, die Kraftäußerung des Verdrängten? Es
ist klar, daß das meiste, was der Wiederholungszwang wiedererleben läßt,
dem Ich Unlust bringen muß, denn er fördert ja Leistungen verdrängter
Triebregungen zutage, aber das ist Unlust, die wir schon gewürdigt haben,
die dem Lustprinzip nicht widerspricht, Unlust für das eine System und
gleichzeitig Befriedigung für das andere. Die neue und merkwürdige Tat-
sache aber, die wir jetzt zu beschreiben haben, ist, daß der Wiederholungs-
zwang auch solche Erlebnisse der Vergangenheit wiederbringt, die keine
Lustmöglichkeit enthalten, die auch damals nicht Befriedigungen, selbst
nicht von seither verdrängten Triebregungen, gewesen sein können.
Die Frühblüte des infantilen Sexuallebens war infolge der Unverträg-
lichkeit ihrer Wünsche mit der Realität und der Unzulänglichkeit der
kindlichen Entwicklungsstufe zum Untergang bestimmt. Sie ging bei den
peinlichsten Anlässen unter tief schmerzlichen Empfindungen zugrunde.
Der Liebesverlust und das Mißlingen hinterließen eine dauernde Beein-
trächtigung des Selbstgefühls als narzißtische Narbe, nach meinen Erfah-
rungen wie nach den Ausführungen Marcinowskis2 den stärksten Beitrag zu
dem häufigen »Minderwertigkeitsgefühl« der Neurotiker [B]. Die Sexual-
forschung, der durch die körperliche Entwicklung des Kindes Schranken
gesetzt werden [F]a, brachte es zu keinem befriedigenden Abschluß; daher
die spätere Klage: Ich kann nichts fertigbringen, mir kann nichts gelingen.
Die zärtliche Bindung, meist an den gegengeschlechtlichen Elternteil, erlag
der Enttäuschung, dem vergeblichen Warten auf Befriedigung, der Eifer-
sucht bei der Geburt eines neuen Kindes, die unzweideutig die Untreue
231 des oder der Geliebten | erwies; der eigene mit tragischem Ernst unter-

a
A: waren.
1
Ich setze an anderer Stelle auseinander, daß es die »Suggestionswirkung« der Kur ist,
welche hier dem Wiederholungszwang zu Hilfe kommt, also die tief im unbewußten
Elternkomplex begründete Gefügigkeit gegen den Arzt. [E]
2
Marcinowski, Die erotischen Quellen der [korrigiert aus: des] Minderwertigkeitsge-
fühle. Zeitschrift für Sexualwissenschaft, IV. 1918. [B]
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 23

nommene Versuch, selbst ein solches Kind zu schaffen, mißlang in beschä-


mender Weise; die Abnahme der dem Kleinen gespendeten Zärtlichkeit,
der gesteigerte Anspruch der Erziehung, ernste Worte und eine gelegent-
liche Bestrafung hatten endlich den ganzen Umfang der ihm zugefallenen
Verschmähung enthüllt. Es gibt hier einige wenige Typen, die regelmäßig
wiederkehren, wie der typischen Liebe dieser Kinderzeit ein Ende gesetzt
wird [B]a.
Alle diese unerwünschten Anlässe und schmerzlichen Affektlagen wer-
den nun vom Neurotiker in der Übertragung wiederholt und mit großem
Geschick neu belebt. Sie streben den Abbruch der unvollendeten Kur an,
sie wissen sich den Eindruck der Verschmähung wieder zu verschaffen,
den Arzt zu harten Worten und kühlem Benehmen gegen sie zu nötigen,
sie finden die geeigneten Objekte für ihre Eifersucht, sie ersetzen das heiß
begehrte Kind der Urzeit durch den Vorsatz oder das Versprechen eines
großen Geschenkes, das meist ebensowenig real wird wie jenes. Nichts von
alledem konnte damals lustbringend sein; man sollte meinen, es müßte
heute die geringere Unlust bringen, wenn es als Erinnerung oder in Träu-
men [E] auftauchte, als wenn es sich zu neuem [F]b Erlebnis gestaltete. Es
handelt sich natürlich um die Aktion von Trieben, die zur Befriedigung
führen sollten, allein die Erfahrung, daß sie anstatt dessen auch damals nur
Unlust brachten, hat nichts gefruchtet. Sie wird trotzdem wiederholt; ein
Zwang drängt dazu. [D]c
Dasselbe, was die Psychoanalyse an den Übertragungsphänomenen
der Neurotiker aufzeigt, kann man auch im Leben nicht neurotischer Per-
sonen wiederfinden. Es macht bei diesen den Eindruck eines sie verfol-
genden Schicksals, eines dämonischen Zuges in ihrem Erleben, und die
Psychoanalyse hat vom [F]d Anfang an solches Schicksal für zum großen
Teil selbstbereitet und durch frühinfantile Einflüsse determiniert gehalten.
Der Zwang, der sich dabei äußert, ist vom Wiederholungszwang der Neu-
rotiker nicht verschieden, wenngleich diese Personen niemals die Zeichen
eines durch Symptombildung erledigten neurotischen Konflikts geboten
haben. So kennt man Personen, bei denen jede menschliche Beziehung
den gleichen Ausgang nimmt: Wohltäter, die von jedem ihrer Schützlin-
ge nach einiger Zeit im Groll verlassen werden, so verschieden diese [E]e

a
A: sich regelmäßig wiederfinden und … setzen. – In B korrigiert.
b
A: zum neuen.
c
Anstelle dieser beiden Sätze in A: Aber ein Zwang drängt zum letzteren.
d
A: von.
e
A: sie.
24 Sigmund Freud

232 sonst auch sein mögen, denen also bestimmt scheint, alle | Bitterkeit [B]a
des Undankes auszukosten; Männer, bei denen jede Freundschaft den
Ausgang nimmt, daß der Freund sie verrät; andere, die es unbestimmt oft
in ihrem Leben wiederholen, eine andere Person zur großen Autorität für
sich oder auch für die Öffentlichkeit zu erheben, und diese Autorität dann
nach abgemessener Zeit selbst stürzen, um sie durch eine neue zu ersetzen;
Liebende, bei denen jedes zärtliche Verhältnis zum Weibe dieselben Pha-
sen durchmacht und zum gleichen Ende führt usw. [C]b Wir verwundern
uns über diese »ewige Wiederkehr des Gleichen« nur wenig, wenn es sich
um ein aktivesc Verhalten des Betreffenden handelt und wenn wir den sich
gleichbleibenden Charakterzug seines Wesens auffinden, der sich in der
Wiederholung der nämlichen Erlebnisse äußern muß. Weit stärker wirken
jene Fälle auf uns, bei denen die Person etwas passivc zu erleben scheint,
worauf ihr ein Einfluß nicht zusteht, während sie doch immer nur die Wie-
derholung [B]d desselben Schicksals erlebt. Man denke zum Beispiel an
die Geschichte jener Frau, die dreimal nacheinander Männer heiratete, die
nach kurzer Zeit erkrankten und von ihr zu Tode gepflegt werden mußten.1
Die ergreifendste poetische Darstellung eines solchen Schicksalszuges hat
Tasso im romantischen Epos »Gerusalemme liberata« gegeben. Held Tank-
red hat unwissentlich die von ihm geliebte Clorinda getötet, als sie in der
Rüstung eines feindlichen Ritters mit ihm kämpfte. Nach ihrem Begräbnis
dringt er in den unheimlichen Zauberwald ein, der das Heer der Kreuzfah-
rer schreckt. Dort zerhaut er einen hohen Baum mit seinem Schwerte, aber
aus der Wunde des Baumes strömt Blut und die Stimme Clorindas, deren
Seele in diesem [F]e Baum gebannt war, klagt ihn an, daß er wiederum die
Geliebte geschädigt habe [B]f.
Angesichts solcher Beobachtungen aus dem Verhalten in der Übertra-
gung und aus dem Schicksal der Menschen werden wir den Mut zur An-
nahme finden, daß es im Seelenleben wirklich einen Wiederholungszwang
gibt, der sich über das Lustprinzip hinaussetzt. Wir werden auch jetzt [B]g

a
A: Bitterkeiten. – Abschreibefehler in B?
b
A: usw. usw.
c
StA: kursiv.
d
A: Wiederholungen. – In B stand zunächst: Wiederholung (Abschreibefehler?); Arti-
kel handschriftlich (von fremder Hand?) eingefügt.
e
A: diesen. – So auch StA.
f
A: hat. – In B korrigiert.
g
A: jetzt auch.
1
Vgl. hiezu die treffenden Bemerkungen in dem Aufsatz von C. G. Jung, Die Bedeu-
tung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen. Jahrbuch für Psychoanalyse, I. 1909.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 25

geneigt sein, die Träume der Unfallsneurotiker und den Antrieb zum Spiel
des Kindes auf diesen Zwang zu beziehen. Allerdings müssen wir uns sa-
gen, daß wir die Wirkungen des Wiederholungszwanges nur in seltenen
Fällen rein, ohne Mithilfe anderer Motive, erfassen können. Beim Kinder-
spiel haben wir bereits hervorgehoben, welche andere Deutungen seine
Entstehung zuläßt. Wiederholungszwang und direkte lustvolle Triebbe-
friedigung scheinen sich dabei zu intimer Gemeinsamkeit | zu verschrän- 233
ken. Die Phänomene der Übertragung stehen offenkundig im Dienste des
Widerstandes von seiten des auf der Verdrängung beharrenden Ichs; der
Wiederholungszwang, den sich die Kur dienstbar machen wollte, [E] wird
gleichsam vom Ich, das am Lustprinzip festhalten will, auf seine Seite ge-
zogen [E]a. An dem, was man den Schicksalszwang nennen könnte, scheint
uns vieles durch die [D] rationelle Erwägung verständlich, so daß man ein
Bedürfnis nach der Aufstellung eines neuen geheimnisvollen Motivs nicht
verspürt. Am unverdächtigsten ist vielleicht der Fall der Unfallsträume,
aber bei näherer Überlegung muß man doch zugestehen, daß auch in den
anderen Beispielen der Sachverhalt durch die Leistung der uns bekannten
Motive nicht gedeckt wird. Es bleibt genug übrig, was die Annahme des
Wiederholungszwanges rechtfertigt, und dieser erscheint uns ursprüngli-
cher, elementarer, triebhafter als das von ihm zur Seite geschobene Lust-
prinzip. [/]b Wenn es aber einen solchen Wiederholungszwang im Seeli-
schen gibt, so möchten wir gerne etwas darüber wissen, welcher Funktion
er entspricht, unter welchen Bedingungen er hervortreten kann, und in
welcher Beziehung er zum Lustprinzip steht, dem wir doch bisher die
Herrschaft über den Ablauf der Erregungsvorgänge im Seelenleben zuge-
traut haben.

IV 234

Was nun folgt, ist Spekulation, oft weitausholende Spekulation, die ein
jeder nach seiner besonderen Einstellung würdigen oder vernachlässigen
wird. Im weiteren ein Versuch zur konsequenten Ausbeutung einer Idee,
aus Neugierde, wohin dies führen wird. [B]
Die psychoanalytische Spekulation knüpft an den bei der Untersu-
chung unbewußter Vorgänge empfangenen Eindruck an, daß das Bewußt-

a
A: von dem … zur Hilfe gerufen.
b
In A, wahrscheinlich auch B (Zeilenende) ist hier ein Absatz. – Nicht-Übernahme
vermutlich Satzfehler in C.
26 Sigmund Freud

sein nicht der allgemeinste Charakter der seelischen Vorgänge, sondern


nur eine besondere Funktion derselben [B]a sein könne. In metapsycho-
logischer Ausdrucksweise behauptet sie, das Bewußtsein sei die Leistung
eines besonderen Systems, das sie Bwb benennt. Da das Bewußtsein im
wesentlichen Wahrnehmungen von Erregungen liefert, die aus der Au-
ßenwelt kommen, und Empfindungen von Lust und Unlust, die nur aus
dem Innern des seelischen Apparates stammen können, kann dem System
W-Bw eine räumliche Stellung zugewiesen werden. Es muß an der Grenze
von außen und innen liegen, der Außenwelt zugekehrt sein und die an-
deren psychischen Systeme umhüllen. Wir bemerken dann, daß wir mit
diesen Annahmen nichts Neues gewagt, sondern uns der lokalisierenden
Hirnanatomie angeschlossen haben, welche den »Sitz« des Bewußtseins
in die Hirnrinde, in die äußerste, umhüllende Schicht des Zentralorgans
verlegt. [/]c Die Hirnanatomie braucht sich keine Gedanken darüber zu
machen, warum – anatomisch gesprochen – das Bewußtsein gerade an der
Oberfläche des Gehirns untergebracht ist, anstatt wohlverwahrt irgendwo
im innersten Innern desselben zu hausen. Vielleicht bringen wir es in der
Ableitung einer solchen Lage für unser System W-Bw weiter.
Das Bewußtsein ist nicht die einzige Eigentümlichkeit, die wir den Vor-
gängen in diesem System zuschreiben. Wir stützen uns auf die Eindrücke
235 unserer psychoanalytischen Erfahrung, wenn wir annehmen, daß | alle Er-
regungsvorgänge in den anderen Systemen [B]d Dauerspuren als Grundla-
ge des Gedächtnisses in diesen [B] hinterlassen, Erinnerungsreste also, die
nichts mit dem Bewußtwerden zu tun haben. Sie sind oft am stärksten und
haltbarsten, wenn der sie zurücklassende Vorgang niemals zum Bewußtsein
gekommen ist. Wir finden es aber beschwerlich zu glauben, daß solche Dau-
erspuren der Erregung auch im System W-Bw zustande kommen. Sie wür-
den die Eignung des Systems zur Aufnahme neuer Erregungen sehr bald
einschränken,1 wenn sie immer bewußt blieben; im anderen Falle, wenn sie
unbewußt würden, stellten sie uns vor die Aufgabe, die Existenz unbewuß-
ter Vorgänge in einem System zu erklären, dessen Funktionieren sonst vom
Phänomen des Bewußtseins begleitet wird. Wir hätten sozusagen durch
unsere Annahme, welche das Bewußtwerden in ein besonderes System ver-

a
A: unter denselben. – Abschreibefehler in B?
b
Diese Kürzel sind durchweg erst in F hervorgehoben.
c
In A, wahrscheinlich auch B (Zeilenende) ist hier ein Absatz. – Nicht-Übernahme
vermutlich Satzfehler in C.
d
In A folgt: daselbst. – In B gestrichen.
1
Dies durchaus nach J. Breuers Auseinandersetzung im theoretischen Abschnitt der
»Studien über Hysterie«, 1895. [Breuer u. Freud 1895]
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 27

weist, nichts verändert und nichts gewonnen. Wenn dies auch keine abso-
lut verbindliche Erwägung sein mag, so kann sie uns doch zur Vermutung
bewegen, daß Bewußtwerden und Hinterlassung einer Gedächtnisspur
für dasselbe System miteinander unverträglich sind. Wir würden so sagen
können, im System Bw werde der Erregungsvorgang bewußt, hinterlasse
aber keine Dauerspur; alle die Spuren desselben, auf welche sich die Erin-
nerung stützt, kämen bei der Fortpflanzung der Erregung auf die nächsten
inneren Systeme in diesen zustande. In diesem Sinne ist auch das Schema
entworfen, welches ich dem spekulativen Abschnitt meiner »Traumdeu-
tung« 1900 eingefügt habe. Wenn man bedenkt, wie wenig wir aus ande-
ren Quellen über die Entstehung des Bewußtseins wissen, wird man dem
Satze, das Bewußtsein entstehe an Stelle der Erinnerungsspur, wenigstens die
Bedeutung einer irgendwie bestimmten Behauptung einräumen müssen.
Das System Bw wäre also durch die Besonderheit ausgezeichnet, daß
der Erregungsvorgang in ihm nicht wie in allen anderen psychischen Sys-
temen eine dauernde Veränderung seiner [B]a Elemente hinterläßt, sondern
gleichsam im Phänomen des Bewußtwerdens verpufft. Eine solche Abwei-
chung von der allgemeinen Regel fordert eine Erklärung durch | ein Mo- 236
ment, welches ausschließlich bei diesem einen System in Betracht kommt,
und dies den anderen Systemen abzusprechende Moment könnte leicht die
exponierte Lage des Systems Bw sein, sein unmittelbares Anstoßen an die
Außenwelt.
Stellen wir uns den lebenden Organismus in seiner größtmöglichen
Vereinfachung [B]b als undifferenziertes Bläschen reizbarer Substanz vor;
dann ist seine der Außenwelt zugekehrte Oberfläche durch ihre Lage selbst
differenziert und dient als reizaufnehmendes Organ. Die Embryologie
als Wiederholung der Entwicklungsgeschichte zeigt auch wirklich, daß
das Zentralnervensystem aus dem Ektoderm hervorgeht, und die graue
Hirnrinde ist noch immer ein Abkömmling der primitiven Oberfläche und
könnte wesentliche Eigenschaften derselben durch Erbschaft übernommen
haben. Es wäre dann leicht denkbar, daß durch [D]c unausgesetzten An-
prall der äußeren Reize an die Oberfläche des Bläschens dessen Substanz
bis in eine gewisse Tiefe dauernd verändert wird, so daß ihr Erregungsvor-
gang anders abläuft als in tieferen Schichten. Es bildete sich so eine Rinde,
die endlich durch die Reizwirkung so durchgebrannt ist, daß sie der Reiz-
aufnahme die günstigsten Verhältnisse entgegenbringt und einer weiteren

a
A: ihrer. – In B korrigiert.
b
In A folgt: vor. In B ans Ende des Satzes verschoben.
c
A: durch den.
28 Sigmund Freud

Modifikation nicht fähig ist. Auf das System Bw übertragen, würde dies
meinen, daß dessen Elemente keine Dauerveränderung beim Durchgang
der Erregung mehr annehmen können, weil sie bereits aufs äußerste im
Sinne dieser Wirkung modifiziert sind. Dann sind sie aber befähigt, das Be-
wußtsein entstehen zu lassen. Worin diese Modifikation der Substanz und
des Erregungsvorganges in ihr besteht, darüber kann man sich mancherlei
Vorstellungen machen, die sich derzeit der Prüfung [F]a entziehen. Man
kann annehmen, die Erregung habe bei ihrem Fortgang von einem Element
zum anderen einen Widerstand zu überwinden und diese Verringerung
des Widerstandes setze eben die Dauerspur der Erregung (Bahnung); im
System Bw bestünde also ein solcher Übergangswiderstand von einem Ele-
ment zum anderen nicht mehr. Man kann mit dieser Vorstellung die Breu-
ersche Unterscheidung von ruhender (gebundener) und frei beweglicher
Besetzungsenergie in den Elementen der psychischen Systeme zusammen-
bringen;1 die Elemente des Systems Bw würden dann keine gebundene |
237 und nur frei abfuhrfähige Energie führen. Aber ich meine, vorläufig ist es
besser, wenn man sich über diese Verhältnisse möglichst unbestimmt äu-
ßert. Immerhin hätten wir durch diese Spekulation [F]b die Entstehung des
Bewußtseins in einen gewissen Zusammenhang mit der Lage des Systems
Bw und den ihm zuzuschreibenden Besonderheiten des Erregungsvorgan-
ges verflochten.
An dem lebenden Bläschen mit seiner reizaufnehmenden Rindenschich-
te haben wir noch anderes zu erörtern. Dieses Stückchen lebender Substanz
schwebt inmitten einer mit den stärksten Energien geladenen Außenwelt
und würde von den Reizwirkungen derselben erschlagen werden, wenn es
nicht mit einem Reizschutz versehen wäre. Es bekommt ihn dadurch, daß
seine äußerste Oberfläche die dem Lebenden zukommende Struktur auf-
gibt, gewissermaßen anorganisch wird und nun als eine besondere Hülle
oder Membran reizabhaltend wirkt, das heißt, veranlaßt, daß die Energien
der Außenwelt sich nun [F]c mit einem Bruchteil ihrer Intensität auf die
nächsten, lebend gebliebenen Schichten fortsetzen können. Diese können
nun hinter dem Reizschutz sich der Aufnahme der durchgelassenen Reiz-
mengen widmen. Die Außenschicht hat aber durch ihr Absterben alle tie-
feren vor dem gleichen Schicksal bewahrt, wenigstens so lange, bis nicht

a
A: der Prüfung derzeit.
b
A: Spekulationen.
c
A: nur. – Satzfehler in F?
1
Studien über Hysterie von J. Breuer und [A: S.] Freud, 4. unveränderte Auflage, 1922
[E. In A: 3. Aufl. … 1917]. (Ges. Schriften, Band I.) [F] [Breuer u. Freud 1895]
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 29

Reize von solcher Stärke herankommen, daß sie den Reizschutz durchbre-
chen. Für den lebenden Organismus ist der Reizschutz eine beinahe wich-
tigere Aufgabe als die Reizaufnahme; er ist mit einem eigenen Energievor-
rat ausgestattet und muß vor allem bestrebt sein, die besonderen Formen
der Energieumsetzung, die in ihm spielen, vor dem gleichmachenden, also
zerstörenden Einfluß der übergroßen, draußen arbeitenden Energien zu
bewahren. Die Reizaufnahme dient vor allem der Absicht, Richtung und
Art der äußeren Reize zu erfahren und dazu muß es genügen, der Außen-
welt kleine Proben zu entnehmen, sie in geringen Quantitäten zu verkos-
ten. Bei den hochentwickelten Organismen hat sich die reizaufnehmende
Rindenschicht des einstigen Bläschens längst in die Tiefe des Körperinnern
zurückgezogen, aber Anteile von ihr sind an der Oberfläche unmittelbar
unter dem allgemeinen Reizschutz zurückgelassen. Dies sind die Sinnes-
organe, die im wesentlichen Einrichtungen zur Aufnahme spezifischer
Reizeinwirkungen enthalten, aber außerdem besondere Vorrichtungen zu
neuerlichem Schutz gegen übergroße Reizmengen und zur Abhaltung un-
angemessener Reizarten. Es ist für sie charakteristisch, | daß sie nur sehr 238
geringe Quantitäten des äußeren Reizes verarbeiten, sie nehmen nur Stich-
proben der Außenwelt vor; vielleicht darf man sie Fühlern vergleichen, die
sich an die Außenwelt herantasten und dann immer wieder von ihr zu-
rückziehen.
Ich gestatte mir an dieser Stelle ein Thema flüchtig zu berühren, wel-
ches die gründlichste Behandlung verdienen würde. Der Kantsche Satz,
daß Zeit und Raum notwendige Formen unseres Denkens sind, kann heute
infolge gewisser psychoanalytischer Erkenntnisse einer Diskussion unter-
zogen werden. Wir haben erfahren, daß die unbewußten Seelenvorgänge
an sich »zeitlos« sind. Das heißt zunächst, daß sie nicht zeitlich geordnet
werden, daß die Zeit nichts von [F]a ihnen verändert, daß man die Zeit-
vorstellung nicht an sie heranbringen kann. Es sind dies negative Charak-
tere, die man sich nur durch Vergleichung mit den bewußten seelischen
Prozessen deutlich machen kann. Unsere abstrakte Zeitvorstellung scheint
vielmehr durchaus von der Arbeitsweise des Systems W-Bw hergeholt zu
sein und einer Selbstwahrnehmung derselben zu entsprechen. Bei dieser
Funktionsweise des Systems dürfte ein anderer Weg des Reizschutzes be-
schritten werden. Ich weiß, daß diese Behauptungen sehr dunkel klingen,
muß mich aber auf solche Andeutungen beschränken. [B]b

a
A: an. – So auch StA.
b
In A folgt: Die andere Abstraktion, die sich an das Funktioniren von Bw anknüpfen
läßt, ist aber nicht Raum, sondern Stoff: Substanz. – In B gestrichen.
30 Sigmund Freud

Wir haben bisher ausgeführt, daß das lebende Bläschen mit einem Reiz-
schutz gegen die Außenwelt ausgestattet ist. Vorhin hatten wir festgelegt,
daß die nächste Rindenschicht desselben als Organ zur Reizaufnahme von
außen differenziert sein muß. Diese empfindliche Rindenschicht, das spä-
tere System Bw, empfängt aber auch Erregungen von innen her; die Stel-
lung des Systems zwischen außen und innen und die Verschiedenheit der
Bedingungen für die Einwirkung von der einen und der anderen Seite wer-
den maßgebend für die Leistung des Systems und des ganzen seelischen
Apparates. Gegen außen gibt es einen Reizschutz, die ankommenden Erre-
gungsgrößen werden nur in verkleinertem Maßstab wirken [C]a; nach innen
zu ist der [F]b Reizschutz unmöglich, die Erregungen der tieferen Schichten
setzen sich direkt und in unverringertem Maß auf das System fort, indem
gewisse Charaktere ihres Ablaufes die Reihe der Lust-Unlustempfindun-
239 gen erzeugen. Allerdings wer|den die von innen kommenden Erregungen
nach ihrer Intensität und nach anderen qualitativen Charakteren (eventu-
ell nach ihrer Amplitude) der Arbeitsweise des Systems adaequater sein
als die von der Außenwelt zuströmenden Reize. Aber zweierlei ist durch
diese Verhältnisse entscheidend bestimmt, erstens die Praevalenz der Lust-
und Unlustempfindungen [B]c, die ein Index für Vorgänge im Innern des
Apparates sind, über alle äußeren Reize, und zweitens eine Richtung des
Verhaltens gegen solche innere Erregungen, welche allzu große Unlustver-
mehrung herbeiführen. Es wird sich die Neigung ergeben, sie so zu behan-
deln, als ob sie nicht von innen, sondern von außen her einwirkten, um
die Abwehrmittel des Reizschutzes gegen sie in Anwendung bringen zu
können. Dies ist die Herkunft der Projektion, der eine so große Rolle bei der
Verursachung pathologischer Prozesse vorbehalten ist.
Ich habe den Eindruck, daß wir durch die letzten Überlegungen die
Herrschaft des Lustprinzips unserem Verständnis angenähert haben; eine
Aufklärung jener Fälle, die sich ihm widersetzen, haben wir aber nicht er-
reicht. Gehen wir darum einen Schritt weiter. [/]d Solche Erregungen von
außen, die [B]e stark genug sind, den Reizschutz zu durchbrechen, heißen
wir traumatische. Ich glaube, daß der Begriff des Traumas eine solche Bezie-
hung auf eine sonst wirksame Reizabhaltung erfordert. Ein Vorkommnis
wie das äußere Trauma wird gewiß eine großartige Störung im Energie-

a
A: wirksam.
b
A: ein.
c
A: Lust-Unlustempfindungen. – Abschreibefehler in B?
d
In A ist hier vermutlich ein Absatz. – Nicht-Übernahme Abschreibefehler in B?
e
A: welche.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 31

betrieb des Organismus hervorrufen und alle Abwehrmittel in Bewegung


setzen. Aber das Lustprinzip ist dabei zunächst außer Kraft gesetzt. Die
Überschwemmung des seelischen Apparates mit großen Reizmengen ist
nicht mehr hintanzuhalten; es ergibt sich vielmehr eine andere Aufgabe,
den Reiz zu bewältigen, die hereingebrochenen Reizmengen psychisch zu
binden, um sie dann der Erledigung zuzuführen.
Wahrscheinlich ist die spezifische Unlust des körperlichen Schmerzes
der Erfolg davon, daß der Reizschutz in beschränktem Umfange durch-
brochen wurde. Von dieser Stelle der Peripherie strömen dann dem see-
lischen Zentralapparat kontinuierliche Erregungen zu, wie sie sonst nur
aus dem Innern des Apparates kommen konnten.1 Und was kön|nen wir 240
als die Reaktion des Seelenlebens auf diesen Einbruch erwarten? Von allen
Seiten her wird die Besetzungsenergie aufgeboten, um in der Umgebung
der Einbruchstelle entsprechend hohe Energiebesetzungen zu schaffen.
Es wird eine großartige »Gegenbesetzung« hergestellt, zu deren Guns-
ten alle anderen psychischen Systeme verarmen, so daß eine ausgedehnte
Lähmung oder Herabsetzung der sonstigen psychischen Leistung erfolgt.
Wir suchen aus solchen Beispielen zu lernen, unsere metapsychologischen
Vermutungen an solche Vorbilder anzulehnen. Wir ziehen also aus diesem
Verhalten den Schluß, daß ein selbst hochbesetztes System imstande ist,
neu hinzukommende strömende Energie aufzunehmen, sie in ruhende
Besetzung umzuwandeln, also sie psychisch zu »binden«. Je höher die ei-
gene ruhende Besetzung ist, desto größer wäre auch ihre bindende Kraft;
umgekehrt also, je niedriger seine Besetzung ist, desto weniger wird das
System für die Aufnahme zuströmender Energie befähigt sein, desto ge-
waltsamer müssen dann die Folgen eines solchen Durchbruches des Reiz-
schutzes sein. Man wird gegen diese Auffassung nicht mit Recht einwen-
den, daß die Erhöhung der Besetzung [F]a um die Einbruchstelle sich weit
einfacher aus der direkten Fortleitung der ankommenden Erregungsmen-
gen erkläre. Wenn dem so wäre, so würde der seelische Apparat ja nur
eine Vermehrung seiner Energiebesetzungen erfahren, und der lähmende
Charakter des Schmerzes, die Verarmung aller anderen Systeme bliebe un-
aufgeklärt. Auch die sehr heftigen Abfuhrwirkungen des Schmerzes stören
unsere Erklärung nicht, denn sie gehen reflektorisch vor sich, das heißt, sie
erfolgen ohne Vermittlung des seelischen Apparats. Die Unbestimmtheit

a
A: Besetzungen.
1
Vgl. Triebe und Triebschicksale. (Ges. Schriften, Bd. V.) [F. In A: Sammlg. kl. Schriften
zur Neurosenlehre IV. 1918]. [Freud 1915c]
32 Sigmund Freud

all unserer Erörterungen, die wir metapsychologischea heißen, rührt natür-


lich daher, daß wir nichts über die Natur des Erregungsvorganges in den
Elementen der psychischen Systeme wissen und uns zu keiner Annahme
darüber berechtigt fühlen. So operieren wir also stets mit einem großen X,
welches wir in jede neue Formel mit hinübernehmen. Daß dieser Vorgang
sich mit quantitativ verschiedenen Energien vollzieht, ist eine leicht zuläs-
sige Forderung, daß er auch mehr als eine Qualität (zum Beispiel in der
Art einer Amplitude) hat, mag uns wahrscheinlich sein; als neu haben wir
die Aufstellung Breuers in Betracht gezogen, daß es sich um zweierlei For-
men der Energieerfüllung handelt, so daß eine freiströmende, nach Abfuhr
drängende, und eine ruhende Besetzung der psychischen Systeme (oder
241 ihrer Elemente) zu | unterscheiden ist. Vielleicht geben wir der Vermutung
Raum, daß die »Bindung« der in den seelischen Apparat einströmenden
Energie in einer Überführung aus dem frei strömenden in den ruhenden
Zustand besteht.
Ich glaube, man darf den Versuch wagen, die gemeine traumatische
Neurose als die Folge eines ausgiebigen Durchbruchs des Reizschutzes
aufzufassen. Damit wäre die alte, naive Lehre vom Schock in ihre Rech-
te eingesetzt, anscheinend im Gegensatz zu einer späteren und psycholo-
gisch anspruchsvolleren, welche nicht der mechanischen Gewalteinwir-
kung, sondern dem Schreck und der Lebensbedrohung die ätiologische
Bedeutung zuspricht. Allein diese Gegensätze sind nicht unversöhnlich,
und die psychoanalytische Auffassung der traumatischen Neurose ist mit
der rohesten Form der Schocktheorie nicht identisch. Versetzt letztere das
Wesen des Schocks in die direkte Schädigung der molekularen Struktur,
oder selbst der histologischen Struktur der nervösen Elemente, so suchen
wir dessen Wirkung aus der Durchbrechung des Reizschutzes für das See-
lenorgan und aus den daraus sich ergebenden Aufgaben zu verstehen.
Der Schreck behält seine Bedeutung auch für uns. Seine Bedingung ist das
Fehlen der Angstbereitschaft, welche die Überbesetzung der den Reiz zu-
nächst aufnehmenden Systeme miteinschließt [E]b. Infolge dieser niedrige-
ren Besetzung sind die [D]c Systeme dann nicht gut imstande, die ankom-
menden Erregungsmengen zu binden, die Folgen der Durchbrechung des
Reizschutzes stellen sich um so vieles leichter ein. Wir finden so, daß die
Angstbereitschaft mit der Überbesetzung der aufnehmenden Systeme die
letzte Linie des Reizschutzes darstellt. Für eine ganze Anzahl von Trau-

a
A: metapsychologisch. – In B korrigiert.
b
A: einschließt.
c
A: diese.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 33

men mag der Unterschied zwischen den unvorbereiteten und den durch
Überbesetzung vorbereiteten Systemen das für den Ausgang entscheiden-
de Moment sein; von einer gewissen Stärke des Traumas an wird er wohl
nicht mehr ins Gewicht fallen. [/]a Wenn die Träume der Unfallsneurotiker
die Kranken so regelmäßig in die Situation des Unfalles zurückführen, so
dienen sie damit allerdings nicht der Wunscherfüllung, deren halluzina-
torische Herbeiführung ihnen unter der Herrschaft des Lustprinzips zur
Funktion geworden ist. Aber wir dürfen annehmen, daß sie sich dadurch
einer anderen Aufgabe zur Verfügung stellen, deren Lösung vorangehen
muß, ehe das Lustprinzip seine Herrschaft beginnen kann. Diese Träume
suchen die Reizbewältigung unter Angstentwicklung nachzuholen, deren
| Unterlassung die Ursache der traumatischen Neurose geworden ist. Sie 242
geben uns so einen Ausblick auf eine Funktion des seelischen Apparats,
welche, ohne dem Lustprinzip zu widersprechen, doch unabhängig von
ihm ist und ursprünglicher scheint als die Absicht des Lustgewinns und
der Unlustvermeidung.b
Hier wäre also die Stelle, zuerst eine Ausnahme von dem Satze, der
Traum ist eine Wunscherfüllung, zuzugestehen. Die Angstträume sind kei-
ne solche Ausnahme, wie ich wiederholt und eingehend gezeigt habe, auch
die »Strafträume« nicht, denn diesec setzen nur an die Stelle der verpönten
Wunscherfüllung die dafür gebührende Strafe, sind also die Wunscher-
füllung des auf den verworfenen Trieb reagierenden Schuldbewußtseins.
Aber die obenerwähnten Träume der Unfallsneurotiker lassen sich nicht
mehr unter den Gesichtspunkt der Wunscherfüllung bringen, und ebenso-
wenig die in den Psychoanalysen vorfallenden Träume, die uns die Erin-
nerung der psychischen Traumen der Kindheit wiederbringen. Sie gehor-
chen vielmehr dem Wiederholungszwang, der in der Analyse allerdings
durch den von der »Suggestion« geförderten[E]d Wunsch, das Vergessene
und Verdrängte heraufzubeschwören, unterstützt wird. So wäre also auch
die Funktion des Traumes, Motive zur Unterbrechung des Schlafes durch
Wunscherfüllung der störenden Regungen zu beseitigen, nicht seine ur-
sprüngliche; er konnte sich ihrer erst bemächtigen, nachdem das gesam-
te Seelenleben die Herrschaft des Lustprinzips angenommen hatte. Gibt
es ein »Jenseits des Lustprinzips«, so ist es [C]e folgerichtig, auch für die

a
In A, wahrscheinlich auch B (Zeilenende) ist hier ein Absatz. – Nicht-Übernahme
vermutlich Satzfehler in C.
b
In A schließt der übernächste Absatz fortlaufend an.
c
Im Ms. (B) wie nachträglich am Anfang der Zeile eingefügt.
d
B: – nicht unbewußten –.
e
In B folgt: nur. – Satzfehler in C?
34 Sigmund Freud

wunscherfüllende Tendenz des Traumes eine Vorzeit zuzulassen. [/]a Da-


mit wird seiner späteren Funktion nicht widersprochen. [D] Nur [E]b er-
hebt sich, wenn diese Tendenz einmal durchbrochen ist, die weitere Frage:
Sind solche Träume, welche im Interesse der psychischen Bindung trau-
matischer Eindrücke dem Wiederholungszwange folgen, nicht auch außer-
halb der Analyse möglich? Dies ist durchaus zu bejahen. [B]
Von den »Kriegsneurosen«, soweit diese Bezeichnung mehr als die
Beziehung zur Veranlassung des Leidens bedeutet, habe ich an anderer
Stelle ausgeführt, daß sie sehr wohl traumatische Neurosen sein könnten,
243 die durch einen Ichkonflikt erleichtert worden sind.1 Die auf | Seite 15c
erwähnte Tatsache, daß eine gleichzeitige grobe Verletzung durch das
Traumad die Chance für die Entstehung einer Neurose verringert, ist nicht
mehr unverständlich, wenn man zweier von der psychoanalytischen For-
schung betonter Verhältnisse gedenkt. Erstens, daß mechanische Erschüt-
terung als eine der Quellen der Sexualerregung anerkannt werden muß
(vgl. die Bemerkungen über die Wirkunge des Schaukelns und Eisenbahn-
fahrens in »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie« Ges. Schriften, Bd. V
[F]f), und zweitens, daß dem schmerzhaften und fieberhaften Kranksein
während seiner Dauer ein mächtiger Einfluß auf die Verteilung der Libi-
do zukommt. So würde also die mechanische Gewalt des Traumasg das
Quantum Sexualerregung frei machen, welches infolge der mangelnden
Angstvorbereitung traumatisch wirkt, die gleichzeitige Körperverletzung
würde aberh durch die Anspruchnahme einer narzißtischen Überbesetzung
des leidenden Organs den Überschuß an Erregung binden (s. »Zuri Einfüh-
rung des Narzißmus«, Ges. Schriften, Bd. VI [F]j). Es ist auch bekannt, aber
für die Libidotheorie nicht genügend verwertet worden, daß so schwere
Störungen in der Libidoverteilung wie die einer Melancholie durch eine

a
In B ist hier ein Absatz. – Nicht-Übernahme Satzfehler in C?
b
B: Nun.
c
In B steht anstelle einer Seitenzahl: x. Die Seitenzahl ist in C–F (und StA) der jeweili-
gen Ausgabe angepasst; so auch hier.
d
Im Ms. (B) sind die letzten drei Worte unter der Zeile eingefügt.
e
Im Ms. (B) korrigiert für: den Einfluß.
f
B: 4 Aufl, 1920, S. x. [Freud 1905d]
g
Im Ms. (B) gestrichen: die.
h
Im Ms. (B) über der Zeile eingefügt.
i
Im Ms. (B) unter der Zeile eingefügt.
j
B: Kleine Schriften zur Neurosenlehre, 4. Folge, 1918. [Freud 1914c]
1
Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Einleitung. Internationale Psychoanalytische
Bibliothek, Nr. 1, 1919. (Ges. Schriften, Bd. IX.) [F] [Freud 1919d]
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 35

interkurrente organische Erkrankung zeitweiliga aufgehoben werden, ja,


daß sogar der Zustand einer voll entwickelten Dementia praecox unter der
nämlichen Bedingung einer vorübergehenden Rückbildung fähig ist. [B]

V 244

Der Mangel eines Reizschutzes für die reizaufnehmende Rindenschicht


gegen Erregungen von innen her wird die Folge haben müssen, daß diese
Reizübertragungen die größere ökonomische Bedeutung gewinnen und
häufig zu ökonomischen Störungen Anlaß geben, die den traumatischen
Neurosen gleichzustellen sind. Die ausgiebigsten Quellen solch innerer
Erregung sind die sogenannten Triebe des Organismus, die Repräsentan-
ten aller aus dem Körperinnern stammenden, auf den seelischen Apparat
übertragenen Kraftwirkungen, selbst das wichtigste wie das dunkelste Ele-
ment der psychologischen Forschung.
Vielleicht finden wir die Annahme nicht zu gewagt, daß die von den
Trieben ausgehenden Regungen nicht den Typus des gebundenen, son-
dern den des frei beweglichen, nach Abfuhr drängenden Nervenvorganges
einhalten. Das Beste, was wir über diese Vorgänge wissen, rührt aus dem
Studium der Traumarbeit her. Dabei fanden wir, daß die Prozesse in den
unbewußten Systemen von denen in den (vor-)bewußten gründlich ver-
schieden sind, daß im Unbewußten Besetzungen leicht vollständig über-
tragen, verschoben, verdichtet werden können, was nur fehlerhafte Resul-
tate ergeben könnte, wenn es an vorbewußtem Material geschähe, und was
darum auch die bekannten Sonderbarkeiten des manifesten Traums ergibt,
nachdem die vorbewußten Tagesreste die Bearbeitung nach den Gesetzen
des Unbewußten erfahren haben. Ich nannte die Art dieser Prozesse im Un-
bewußten den psychischen »Primärvorgang« zum Unterschied von dem
für unser normales Wachleben gültigen Sekundärvorgang. Da die Trieb-
regungen alle an den unbewußten Systemen angreifen, ist es kaum eine
Neuerung zu sagen, daß sie dem Primärvorgang folgen, und anderseits
gehört wenig dazu, um den psychischen Primärvorgang mit der frei be-
weglichen Besetzung, den Sekundärvorgang mit den [D] Veränderungen
an der gebundenen oder tonischen Besetzung Breuers zu identifizieren.1
Es wäre dann die Auf|gabe der höheren Schichten des seelischen Appa- 245

a
Im Ms. (B) gestrichen: rückg.
1
Vgl. den Abschnitt VII, Psychologie der Traumvorgänge in meiner »Traumdeutung«.
(Ges. Schriften, Bd. II.) [F] [Freud 1900a]
36 Sigmund Freud

rates, die im Primärvorgang anlangende Erregung der Triebe zu binden.


Das Mißglücken dieser Bindung würde eine der traumatischen Neurose
analoge Störung hervorrufen; erst nach erfolgter Bindung könnte sich die
Herrschaft des Lustprinzips (und seiner Modifikation zum Realitätsprin-
zip) ungehemmt durchsetzen. Bis dahin aber würde die andere Aufgabe
des Seelenapparates, die Erregung zu bewältigen oder zu binden, voran-
stehen, zwar nicht im Gegensatz zum Lustprinzip, aber unabhängig von
ihm und zum Teil ohne Rücksicht auf dieses.
Die Äußerungen eines Wiederholungszwanges, die wir an den frü-
hen Tätigkeiten des kindlichen Seelenlebens wie an den Erlebnissen [B]a
der psychoanalytischen Kur beschrieben haben, zeigen im hohen Grade
den triebhaften, und wo sie sich im Gegensatz zum Lustprinzip befinden,
den dämonischen Charakter. Beim Kinderspiel glauben wir es zu begrei-
fen, daß das Kind auch das unlustvolle Erlebnis darum wiederholt, weil
es sich durch seine Aktivität eine weit gründlichere Bewältigung des star-
ken Eindruckes erwirbt, als beim bloß passiven Erleben möglich war. Jede
neuerliche Wiederholung scheint diese angestrebte Beherrschung zu ver-
bessern, und auch bei lustvollen Erlebnissen kann sich das Kind an Wie-
derholungen nicht genug tun und wird unerbittlich auf der Identität des
Eindruckes bestehen. Dieser Charakterzug ist dazu bestimmt, späterhin zu
verschwinden. Ein zum zweitenmal angehörter Witz wird fast wirkungs-
los bleiben, eine Theateraufführung wird nie mehr zum zweitenmal den
Eindruck erreichen, den sie das erstemal hinterließ; ja, der Erwachsene
wird schwer zu bewegen sein, ein Buch, das ihm sehr gefallen hat, sobald
nochmals durchzulesen. Immer wird die Neuheit die Bedingung des Ge-
nusses sein. Das Kind aber [B]b wird nicht müde werden, vom Erwach-
senen die Wiederholung eines ihm gezeigten oder mit ihm angestellten
Spieles zu verlangen, bis dieser erschöpft es verweigert, und wenn man
ihm eine schöne Geschichte erzählt hat, will es immer wieder die nämliche
Geschichte, anstatt einer neuen hören, besteht unerbittlich auf der Identität
der Wiederholung und verbessert jede Abänderung, die sich der Erzähler
zuschulden kommen läßt, mit der er sich vielleicht sogar ein neues Ver-
dienst erwerben wollte. Dem Lustprinzip wird dabei nicht widersprochen;
es ist sinnfällig, daß die Wiederholung, das Wiederfinden der Identität,
selbst eine Lustquelle bedeutet. Beim Analysierten hingegen wird es klar,
246 daß der Zwang, | die Begebenheiten seiner infantilen Lebensperiode in der

a
A: Ergebnißen. – Vermutlich Abschreibefehler in B.
b
A: ; das Kind. – In B korrigiert.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 37

Übertragung zu wiederholen, sich in jeder [F]a Weise über das Lustprinzip


hinaussetzt. Der Kranke [B]b benimmt sich dabei völlig wie infantil und
zeigt uns so, daß die verdrängten Erinnerungsspuren seiner urzeitlichen
Erlebnisse nicht im gebundenen Zustande in ihm vorhanden, ja gewisser-
maßen des Sekundärvorganges nicht fähig sind. Dieser Ungebundenheit
verdanken sie auch ihr Vermögen, durch Anheftung an die Tagesreste eine
im Traum darzustellende Wunschphantasie zu bilden. Derselbe [B]c Wie-
derholungszwang tritt uns so oft als therapeutisches Hindernis entgegen,
wenn wir zu Ende der Kur die völlige Ablösung vom Arzte durchsetzen
wollen, und es ist anzunehmen, daß die dunkle Angst der mit der Analyse
nicht Vertrauten, die sich scheuen, irgend etwas aufzuwecken, was man
nach ihrer Meinung besser schlafen ließe, im Grunde das Auftreten dieses
dämonischen Zwanges fürchtet.
Auf welche Art hängt aber das Triebhafte mit dem Zwang zur Wie-
derholung zusammen? Hier muß sich uns die Idee aufdrängen, daß wir
einem allgemeinen, bisher nicht klar erkannten – oder wenigstens nicht
ausdrücklich betonten – [D] Charakter der Triebe, vielleicht alles organi-
schen Lebens überhaupt, auf die Spur gekommen sind. Ein Trieb wäre also
ein dem belebten Organischen innewohnender Drang zur Wiederherstellung eines
früheren Zustandes [B]d, welchen dies Belebte unter dem Einflusse äußerer
Störungskräfte aufgeben mußte, eine Art von organischer Elastizität, oder
wenn man will, die Äußerung der Trägheit im organischen Leben.1 [B]
Diese Auffassung des Triebes klingt befremdlich, denn wir haben uns
daran gewöhnt, im Triebe das zur Veränderung und Entwicklung drängen-
de Moment zu sehen, und sollen nun das gerade Gegenteil in ihm erken-
nen, den Ausdruck der konservativen [E]e Natur des Lebenden. Anderseits
fallen uns sehr bald jene Beispiele aus dem Tierleben ein, welche die his-
torische Bedingtheit der Triebe zu bestätigen scheinen. Wenn gewisse Fi-
sche um die Laichzeit beschwerliche Wanderungen unternehmen, um den
Laich in bestimmten Gewässern, weit entfernt von ihren sonstigen Auf-
enthalten [F]f, abzulegen, so haben sie nach der Deutung vieler Biologen
nur die früheren Wohnstätten ihrer Art aufgesucht, die sie im Laufe der

a
In A keine Hervorhebung. – In C–E auch »in« gesperrt.
b
A: Er. – In B korrigiert.
c
A: ; derselbe. – In B korrigiert.
d
In A nicht hervorgehoben. Unterstreichung in B hinzugefügt.
e
In A nicht hervorgehoben.
f
A: Wohnorten.
1
Ich bezweifle nicht, daß ähnliche Vermutungen über die Natur der »Triebe« bereits
wiederholt geäußert worden sind. [B]
38 Sigmund Freud

Zeit gegen andere vertauscht hatten. Dasselbe soll für die Wanderflüge der
247 Zugvögel gelten, aber der Suche nach | weiteren Beispielen enthebt uns
bald die Mahnung, daß wir in den Phänomenen der Erblichkeit und in den
Tatsachen der Embryologie die großartigsten Beweise für den organischen
Wiederholungszwang haben. Wir sehen, der Keim eines lebenden Tieres
ist genötigt, in seiner Entwicklung die Strukturen all der Formen, von de-
nen das Tier abstammt – wenn auch in flüchtiger Abkürzung – zu wieder-
holen, anstatt auf dem kürzesten Wege zu seiner definitiven Gestaltung
zu eilen, und können dies Verhalten nur zum geringsten Teile mechanisch
erklären, dürfen die historische Erklärung nicht beiseite lassen. Und eben-
so erstreckt sich weit in die Tierreihe hinauf ein Reproduktionsvermögen,
welches ein verlorenes Organ durch die Neubildung eines ihm durchaus
gleichen ersetzt.
Der naheliegende Einwand, es verhalte sich wohl so, daß es außer den
konservativen Trieben, die zur Wiederholung nötigen, auch andere gibt,
die zur Neugestaltung und zum Fortschritt drängen, darf gewiß nicht un-
berücksichtigt bleiben; er soll auch späterhin in unsere Erwägungen einbe-
zogen werden [D]. Aber vorher mag es uns verlocken, die Annahme, daß
alle Triebe Früheres wiederherstellen wollen, in ihre letzten Konsequenzen
zu verfolgen. Mag, was dabei herauskommt, den Anschein des »Tiefsinni-
gen« erwecken oder an Mystisches anklingen, so wissen wir uns doch von
dem Vorwurf frei, etwas Derartiges angestrebt zu haben. Wir suchen nüch-
terne Resultate der Forschung oder der auf sie gegründeten Überlegung,
und unser Wunsch möchte diesen keinen anderen Charakter als den der
Sicherheit verleihen.1 [F]
Wenn also alle organischen Triebe konservativ, historisch erworben
und auf Regression, [B] Wiederherstellung von Früherem, gerichtet sind,
so müssen wir die [E]a Erfolge der organischen Entwicklung auf die Rech-
nung äußerer, störender und ablenkender Einflüsse setzen. Das elementare
Lebewesen würde sich von seinem Anfang an nicht haben ändern wollen,
hätte unter sich gleichbleibenden Verhältnissen stets nur den nämlichen
Lebenslauf wiederholt. Aber im letzten Grunde [B]b müßte es die Entwick-
lungsgeschichte unserer Erde und ihres Verhältnisses zur Sonne sein, die

a
A: alle.
b
A: Aber in der Außenwelt war alles in Veränderung begriffen; im letzten Grunde. –
Abschreibefehler in B?
1
Man möge nicht übersehen, daß das folgende die Entwicklung eines extremen Ge-
dankenganges ist, der späterhin, wenn die Sexualtriebe in Betracht gezogen werden,
Einschränkung und Berichtigung findet. [F]
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 39

uns in der Entwicklung der Organismen ihren Abdruck hinterlassen hat.


Die konservativen organischen Triebe haben jede dieser aufgezwungenen
Abänderungen des Lebenslaufes aufgenommen | und zur Wiederholung 248
aufbewahrt und müssen [B]a so den täuschenden Eindruck von Kräften
machen, die nach Veränderung und Fortschritt streben, während sie bloß
ein altes Ziel auf alten und neuen Wegen zu erreichen trachten. Auch dieses
Endziel alles organischen Strebens ließe sich angeben. Der konservativen
Natur der Triebe widerspräche es, wenn das Ziel des Lebens ein noch nie
zuvor erreichter Zustand wäre. Es muß vielmehr ein alter, ein Ausgangs-
zustand sein, den das Lebende einmal verlassen hat, und zu dem es über
alle Umwege der Entwicklung zurückstrebt. Wenn wir es als ausnahms-
lose Erfahrung annehmen dürfen, daß [B]b alles Lebende aus inneren [B]c
Gründen stirbt, ins Anorganische zurückkehrt, so können wir nur sagen:
Das Ziel alles Lebens ist der Tod, und zurückgreifend: Das Leblose war früher
da als das Lebende.
Irgend einmal wurden in unbelebter Materie durch eine noch ganz
unvorstellbare Krafteinwirkung die Eigenschaften des Lebenden erweckt.
Vielleicht war es ein Vorgang, vorbildlich ähnlich jenem anderen, der in
einer gewissen Schicht der lebenden Materie später das Bewußtsein ent-
stehen ließ. Die damals entstandene Spannung in dem vorhin unbelebten
Stoff trachtete darnach sich abzugleichen; es war der erste Trieb gegeben,
der, [B]d zum Leblosen zurückzukehren. Die damals lebende Substanz hat-
te das Sterben noch leicht, es war wahrscheinlich nur ein kurzer Lebens-
weg zu durchlaufen, dessen Richtung durch die chemische Struktur des
jungen Lebens bestimmt war. Eine lange Zeit hindurch mag so die lebende
Substanz immer wieder neu geschaffen worden und leicht gestorben sein,
bis sich maßgebende äußere Einflüsse so änderten, daß sie die noch über-
lebende Substanz zu immer größeren Ablenkungen vom ursprünglichen
Lebensweg und zu immer komplizierteren Umwegen bis zur Erreichung
des Todeszieles nötigten. Diese Umwege zum Tode, von den konservativen
Trieben getreulich festgehalten, böten [D]e uns heute das Bild der Lebens-
erscheinungen. Wenn man an der ausschließlich konservativen Natur der
Triebe festhält, kann man zu anderen Vermutungen über Herkunft und
Ziel des Lebens nicht gelangen.

a
A: müssen uns. – Abschreibefehler in B?
b
A: Da nach unserer ausnahmslosen Erfahrung. – In B korrigiert.
c
In A nicht hervorgehoben. Unterstreichung in B hinzugefügt.
d
A: um. – In B korrigiert.
e
A: bieten.
40 Sigmund Freud

Ebenso befremdend wie diese Folgerungen klingt dann, was sich für
die großen Gruppen von Trieben ergibt, die wir hinter den Lebenserschei-
nungen der Organismen statuieren. Die Aufstellung der Selbsterhaltungs-
triebe, die wir jedem lebenden Wesen zugestehen, steht in merkwürdigem
Gegensatz zur Voraussetzung, daß das gesamte Triebleben der Herbeifüh-
rung des Todes dient. Die theoretische Bedeutung der Selbsterhaltungs-,
Macht- und Geltungstriebe schrumpft, in diesem Licht gesehen, [B]a ein; es
249 sind Partialtriebe, dazu bestimmt, den eigenen Todes|weg des Organismus
zu sichern und andere Möglichkeiten der Rückkehr zum Anorganischen
als die immanenten fernzuhalten, aber das rätselhafte, in keinen Zusam-
menhang einfügbare Bestreben des Organismus sich aller Welt zum Trotz
zu behaupten, entfällt. Es erübrigt, daß der Organismus nur auf seine Wei-
se sterben will; auch diese Lebenswächter sind ursprünglich Trabanten des
Todes gewesen. Dabei kommt das Paradoxeb zustande, daß der lebende
Organismus sich auf das energischeste gegen Einwirkungen (Gefahren)
sträubt, die ihm dazu verhelfen könnten, sein Lebensziel auf kurzem Wege
(durch Kurzschluß sozusagen) zu erreichen, aber dies Verhalten charakte-
risiert eben einc rein triebhaftes im Gegensatz zu einem intelligenten Stre-
ben.d [B]
Aber besinnen wir uns, dem kann nicht so sein! [B] In ein ganz anderes
Licht rücken die Sexualtriebe, für welche die Neurosenlehre eine Sonder-
stellung in Anspruch genommen hat. Nicht alle Organismen sind dem äu-
ßeren Zwang unterlegen, der sie zu immer weiter gehender Entwicklung
antrieb [B]e. Vielen ist es gelungen, sich auf ihrer niedrigen Stufe bis auf
die Gegenwart zu bewahren; es leben ja noch heute, wenn nicht alle, so
doch viele Lebewesen, die den Vorstufen der höheren Tiere und Pflanzen
ähnlich sein müssen. Und ebenso machen nicht alle Elementarorganismen,
welche den komplizierten Leib eines höheren Lebewesens zusammenset-
zen, den ganzen Entwicklungsweg bis zum natürlichen Tode mit. Einige
unter ihnen, die Keimzellen, bewahren wahrscheinlich die ursprüngliche
Struktur der lebenden Substanz und lösen sich, mit allen ererbten und neu
erworbenen Triebanlagen beladen, nach einer gewissen Zeit vom ganzen
Organismus ab. Vielleicht sind es gerade diese beiden Eigenschaften, die

a
A: sozusagen. – In B korrigiert.
b
Im Ms. (B) korrigiert für: paradoxe Verhalten.
c
Im Ms. (B) korrigiert aus: eine.
d
Im Ms. (B) schließt nach Gedankenstrich der unterstrichene Satz an: Vgl. übrigens die
später folgende Korrektur dieser extremen Auffassung der Selbsterhaltungstriebe. –
Der Satz steht in C–E an dieser Stelle als Fußnote.
e
A: antreibt. – In B korrigiert.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 41

ihnen ihre selbständige Existenz ermöglichen. Unter günstige Bedingun-


gen gebracht, beginnen sie sich zu entwickeln, das heißt, das Spiel, dem
sie ihre Entstehung verdanken, zu wiederholen, und dies endet damit, daß
wieder ein Anteil ihrer Substanz die Entwicklung bis zum Ende fortführt,
während ein anderer als neuer Keimrest von neuem auf den Anfang der
Entwicklung zurückgreift. So arbeiten diese Keimzellen dem Sterben der
lebenden Substanz entgegen und wissen für sie zu erringen, was uns als
potentielle Unsterblichkeit erscheinen muß, wenngleich es vielleicht nur
eine Verlängerung des Todesweges bedeutet. Im höchsten Grade bedeu-
tungsvoll [B]a ist uns die Tatsache, daß die Keimzelle für diese Leistung
durch die Ver|schmelzung mit einer anderen, ihr ähnlichen und doch von 250
ihr verschiedenen, gekräftigt oder überhaupt erst befähigt wird.b
Die Triebe, welche die Schicksale dieser das Einzelwesen überleben-
den Elementarorganismen in acht nehmen, für ihre sichere Unterbringung
sorgen, solange sie wehrlos gegen die Reize der Außenwelt sind, ihr Zu-
sammentreffen mit den anderen Keimzellen herbeiführen usw., bilden
die Gruppe der Sexualtriebe. Sie sind in demselben Sinne konservativ wie
die anderen, indem sie frühere Zustände der lebenden Substanz wieder-
bringen, aber sie sind es in stärkerem Maße, indem sie sich als besonders
resistent gegen äußere Einwirkungen erweisen, und dann noch in einem
weiteren Sinne, da sie das Leben selbst für längere Zeiten erhalten.1 [E] Sie
sind die eigentlichen Lebenstriebe; dadurch, daß sie der Absicht der ande-
ren Triebe, welche durch die Funktion zum Tode führt, entgegenwirken,
deutet sich ein Gegensatz zwischen ihnen und den übrigen an, den die
Neurosenlehre frühzeitig [E] als bedeutungsvoll erkannt hat. Es ist wie ein
Zauderrhythmus im Leben der Organismen; die eine Triebgruppe stürmt
nach vorwärts, um das Endziel des Lebens möglichst bald zu erreichen,
die andere schnellt an einer gewissen Stelle dieses Weges zurück, um ihn
von einem bestimmten Punkt an nochmals zu machen und so die Dauer
des Weges zu verlängern. Aber wenn auch Sexualität und Unterschied der
Geschlechter zu Beginn des Lebens gewiß nicht vorhanden waren, so bleibt
es doch möglich, daß die später als sexuell [C]c zu bezeichnenden Triebe
von allem Anfang an in Tätigkeit getreten sind und ihre Gegenarbeit gegen

a
A: Völlig unverständlich. – In B korrigiert.
b
In B ist am Rand ein Einfügungszeichen, wie es sonst für handschriftliche Zusätze
verwendet wird, gestrichen.
c
B: sexuelle. – Satzfehler in C?
1
Und doch sind sie es, die wir allein für eine innere Tendenz zum [F] »Fortschritt« und
zur [F] Höherentwicklung in Anspruch nehmen können! (S. u.) [E]
42 Sigmund Freud

das Spiel der »Ichtriebe« [D]a nicht erst zu einem späteren Zeitpunkte auf-
genommen haben. [B]b1 [F]
Greifen wir nun selbst ein erstes Mal [B] zurück, um zu fragen, ob nicht
alle diese Spekulationen der Begründung entbehren. Gibt es wirklich, ab-
gesehen von den Sexualtrieben [B/D],c keine anderen Triebe als solche, die
einen früheren Zustand wiederherstellen wollen, nicht auch andere, die
nach einem noch nie erreichten streben? Ich weiß in der organischen Welt
kein sicheres Beispiel, das unserer vorgeschlagenen Charakteristik wider-
spräche. Ein allgemeiner [D] Trieb zur Höherentwicklung in der Tier- und
251 Pflanzenwelt läßt sich gewiß nicht feststellen, wenn auch eine solche | Ent-
wicklungsrichtung tatsächlich unbestritten bleibt. Aber einerseits ist es viel-
fach nur Sache unserer Einschätzung, wenn wir eine Entwicklungsstufe für
höher als eine andere erklären, und anderseits zeigt uns die Wissenschaft
des Lebenden, daß Höherentwicklung in einem Punkte sehr häufig durch
Rückbildung in einem anderen erkauft oder wettgemacht wird. Auch gibt
es Tierformen genug, deren Jugendzustände uns erkennen lassen, daß
ihre Entwicklung vielmehr einen rückschreitenden Charakter genommen
[B]d hat. Höherentwicklung wie Rückbildung könnten beide Folgen der
zur Anpassung drängenden äußeren Kräfte sein und die Rolle der Triebe
könnte sich für beide Fälle darauf beschränken, die aufgezwungene Verän-
derung als innere Lustquelle [B]e festzuhalten.2 [B]

a
In B keine Anführungsstriche.
b
Ursprüngliche Fassung in A: Aber Sexualität und Unterschied der Geschlechter wa-
ren zu Anfang des Lebens gewiß nicht vorhanden, und der geschilderte Ablauf er-
scheint uns als spätere Komplikation eines ursprünglich einfacheren und selbst als
Wiederholung eines uns unbekannten aber gewiß sehr wichtigen Moments in der
Geschichte der lebenden Substanz, von dem an sie gelernt hat, ihr Leben zu verlän-
gern, ein zweites und ein dem ersten entgegengesetzes Ziel zu erwerben. – In B zu
Beginn handschriftlich korrigiert, dann Neuformulierung über die alte geklebt. Am
Ende der neuformulierten Passage steht: *; offenbar als Zeichen einer intendierten
Fußnote, die aber nicht geschrieben wurde. Dafür spricht auch ein blaues Fragezei-
chen, vermutlich des Setzers, und eine ebenfalls mit blauem Stift geschriebene Notiz
am Fuß der Seite: Note fehlt.
c
Einschub in B. – Hervorhebung in D.
d
A: gewonnen. – In B (von anderer Hand?) korrigiert.
e
A: Kraftquelle. – Vermutlich Abschreibefehler in B.
1
Es sollte aus dem Zusammenhange verstanden werden, daß »Ichtriebe« hier als eine
vorläufige Bezeichnung gemeint sind, welche an die erste Namengebung der Psycho-
analyse anknüpft. [F]
2
Auf anderem Wege ist Ferenczi zur Möglichkeit derselben Auffassung gelangt (Ent-
wicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes, Internationale Zeitschrift für Psychoanaly-
se, I, 1913): »Bei konsequenter Durchführung dieses Gedankenganges muß man sich
mit der Idee einer auch das organische Leben beherrschenden Beharrungs-, respek-
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 43

Vielen von uns mag es auch schwer werden, auf den Glauben zu ver-
zichten, daß im Menschen selbst ein Trieb zur Vervollkommnung wohnt,
der ihn auf seine gegenwärtige Höhe geistiger Leistung und ethischer Su-
blimierung gebracht hat, und von dem man erwarten darf, daß er seine
Entwicklung zum Übermenschen besorgen wird. Allein ich glaube nicht
an einen solchen inneren Trieb und sehe keinen Weg, diese wohltuende
Illusion zu schonen. Die bisherige Entwicklung des Menschen scheint mir
keiner anderen Erklärung zu bedürfen als die der Tiere, und was man an
einer Minderzahl von menschlichen Individuen als rastlosen Drang zu
weiterer Vervollkommnung beobachtet, läßt sich ungezwungen als Fol-
ge der Triebverdrängung verstehen, auf welche das Wertvollste an der
menschlichen Kultur aufgebaut ist. Der verdrängte Trieb gibt es nie auf,
nach seiner vollen Befriedigung zu streben, die in der Wiederholung ei-
nes primären Befriedigungserlebnisses bestünde; alle Ersatz-, Reaktions-
bildungen und Sublimierungen sind ungenügend, um seine anhaltende
Spannung aufzuheben, und aus der Differenz zwischen der gefundenen
und der geforderten Befriedigungslust ergibt sich das treibende Moment,
welches bei keiner der hergestellten Situationen zu verharren gestattet,
sondern nach des Dichters Worten »ungebändigt immer vorwärts dringt«
(Mephisto im »Faust«, I, Studierzimmer). Der Weg nach rückwärts, zur vol-
len Befriedigung, ist in der Regel durch die Widerstände, welche die Ver-
drängungen auf|recht halten, verlegt, und somit bleibt nichts anderes üb- 252
rig, als in der anderen, noch freien Entwicklungsrichtung fortzuschreiten,
allerdings ohne Aussicht, den Prozeß abschließen und das Ziel erreichen
zu können.a Die Vorgänge bei der Ausbildung einer neurotischen Phobie,
die ja nichts anderes als ein Fluchtversuch vor einer Triebbefriedigung ist,
geben uns das Vorbild für die Entstehung dieses anscheinenden »Vervoll-
kommnungstriebes«, den wir aber unmöglich allen menschlichen Indivi-
duen zuschreiben können. Die dynamischen Bedingungen dafür sind zwar
ganz allgemein vorhanden, aber die ökonomischen Verhältnisse scheinen
das Phänomen nur in seltenen Fällen zu begünstigen.
Nur mit einem Wort sei aber auf die Wahrscheinlichkeit [F]b hingewie-

a
In B steht hier ein Einfügungszeichen; am Rand wiederholt mit dem Zusatz: Ferenczi.
Eine Bemerkung mit blauem Stift, vermutlich vom Setzer, sagt: fehlt. Wahrscheinlich
ist hier die Anmerkung gemeint, die auf der vorigen Seite Platz gefunden hat..
b
E: Möglichkeit.
tive Regressionstendenz vertraut machen, während die Tendenz nach Fortentwick-
lung, Anpassung usw. nur auf äußere Reize hin lebendig wird.« (S. 137) [B. Der Satz
»Auf anderem Wege etc.« steht im Ms. unter dem Zitat, durch Umstellungszeichen
an den Anfang verschoben.]
44 Sigmund Freud

sen, daß das Bestreben des Eros, das Organische zu immer größeren Ein-
heiten zusammenzufassen, einen Ersatz für den nicht anzuerkennenden
»Vervollkommnungstrieb« leistet [F]a. Im Verein mit den Wirkungen der
Verdrängung würde es die dem letzteren zugeschriebenen Phänomene er-
klären können. [E]

253 VIb

Unser bisheriges Ergebnis, welches einen scharfen Gegensatz zwischen


den »Ichtrieben« und den Sexualtrieben aufstellt, die ersteren zum Tode
und die letzteren zur Lebensfortsetzung [E]c drängen läßt, wird uns gewiß
nach vielen Richtungen selbst nicht befriedigen. Dazu kommt, daß wir ei-
gentlich nur für die ersteren den konservativend oder besser regredieren-
den, einem Wiederholungszwang entsprechenden Charakter des Triebes
in Anspruch nehmen konnten. Denn nach unserer Annahme rühren die
Ichtriebe von der Belebung der unbelebten Materie her und wollen die Un-
belebtheit wieder herstellen. Die Sexualtriebe hingegene – es ist augenfäl-
lig, daß sie primitive Zustände des Lebewesens reproduzieren, aber ihr mit
allen Mitteln angestrebtes Ziel ist die Verschmelzung zweier in bestimmter
Weise differenzierter Keimzellen. Wenn diese Vereinigung nicht zustande
kommt, dann stirbt die Keimzelle wie alle anderen Elemente des vielzel-
ligen Organismus. Nur unter dieser Bedingung kann die Geschlechts-
funktion das Leben verlängern und ihm den Schein der Unsterblichkeit
verleihen.f Welches wichtige Ereignis im Entwicklungsgang der lebenden
Substanz wird aber durch die geschlechtliche Fortpflanzung oder ihren
Vorläufer, die Kopulation zweier Individuen unter den Protisten, wieder-
holt? Das wissen wir nicht zu sagen, und darum würden wir es als Erleich-
terung empfinden, wenn unser ganzer Gedankenaufbau sich als irrtümlich
erkennen ließe. Der Gegensatz von Ich(Todes-)trieben und Sexual(Lebens-)
trieben würde dann entfallen, damit auch der Wiederholungszwang die
ihm zugeschriebene Bedeutung einbüßen.
Kehren wir darum zu einer von uns eingeflochtenen Annahme zurück,
in der Erwartung, sie werde sich exakt widerlegen lassen. Wir haben auf

a
E: leisten kann.
b
Alle textkritischen Angaben in diesem Kapitel beziehen sich auf das Ms. (B).
c
B: Lebenserhaltung.
d
Korrigiert aus: die konservative.
e
Korrigiert für: aber.
f
Nicht identifizierbare Streichung.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 45

Grund der Voraussetzung weitere Schlüsse aufgebaut, daß alles Lebende


aus inneren Ursachen sterben müsse. Wir haben diese Annahme so sorg-
los gemacht, weil sie uns nicht als solche erscheint. Wir sind gewohnt, so
zu denken, unsere Dichter bestärken uns darin. Vielleicht | haben wir uns 254
dazu entschlossen, weil ein Trost in diesem Glauben liegt. Wenn man schon
selbst sterben und vorher seine Liebsten durch den Tod verlieren soll, so
will man liebera einem unerbittlichen Naturgesetz, der hehren ̉Ανάγκη, er-
legen sein, als einem Zufall, der sich etwa noch hätteb vermeiden lassen.
Aber vielleicht ist dieser Glaube an die innere Gesetzmäßigkeit des Ster-
bens auch nur eine der Illusionen, die wir uns geschaffen haben, »um die
Schwere des Daseins zu ertragen«. Ursprünglich ist er sicherlich nicht, denc
primitiven Völkern ist die Idee eines »natürlichen Todes« fremd; sie führen
jedes Sterben unter ihnen auf den Einfluß eines Feindes oderd eines [D]
bösen Geistes zurück.e Versäumen wir es darum nicht, uns zur Prüfung
dieses Glaubens an die biologische Wissenschaft zu wenden.
Wenn wir so tun, dürfen wir erstaunt sein, wie wenig die Biologen in
der Frage des natürlichen Todes einig sind, ja, daß ihnen der Begriff des To-
des überhaupt unter den Händen zerrinnt. Die Tatsache einer bestimmten
durchschnittlichen Lebensdauer wenigstens bei höheren Tieren spricht na-
türlich für den Tod aus inneren Ursachen, aber der Umstand, daß einzelne
große Tiere und riesenhafte Baumgewächse ein sehr hohes und bisher nicht
abschätzbares Alter erreichen, hebt diesen Eindruck wieder auf. Nach der
großartigen Konzeption von W. Fließ sind alle Lebenserscheinungen – undf
gewiß auch der Tod – der Organismen an die Erfüllung bestimmter Ter-
mine gebunden, in denen die Abhängigkeit zweier lebenden Substanzen,
einer männlichen und einer weiblichen, vom Sonnenjahr zum Ausdruck
kommt. Allein die Beobachtungen, wie leicht und bis zu welchem Ausmaß
es dem Einflusse äußerer Kräfte möglich ist, die Lebensäußerungen insbe-
sondere der Pflanzenwelt in ihrem zeitlichen Auftreten zu verändern, sie
zu verfrühen oder hintanzuhalten, sträuben sich gegen die Starrheit der
Fließschen Formeln und lassen zum mindesten an der Alleinherrschaft der
von ihm aufgestellten Gesetze zweifeln.

a
Korrigiert für: wenigstens.
b
Freud setzte zuerst an mit: h; schrieb dann: vermeiden ließe; und korrigierte schließ-
lich wie oben wiedergegeben.
c
Ms.: denn. – Vermutlich Satzfehler in C.
d
Gestrichen: boße.
e
Der vorstehende Satz nachträglich eingefügt.
f
Mit dem Gedankenstrich über der Zeile eingefügt; davor Komma. Auch der Gedan-
kenstrich am Ende der Parenthese, statt Komma, nachträglich eingefügt.
46 Sigmund Freud

Das größte Interesse knüpft sich für uns an die Behandlung, welche
das Thema von der Lebensdauer und vom Tode der Organismen in den
Arbeiten von A. Weismann gefunden hat.1 Von diesem Forscher rührt die
Unterscheidung der lebenden Substanz in eine sterbliche und unsterbli-
che Hälfte her; die sterbliche ist der Körper im engeren Sinne, das Soma
[F]a, sie allein ist [C]b dem natürlichen Tode unterworfen, die Keimzel-
255 len aber sind potentia [F]c unsterblich, insofern sie imstande | sind, unter
gewissen günstigen Bedingungen sich zu einem neuen Individuum zu
entwickeln, oder anders ausgedrückt, sich mit einem neuen Soma zu um-
geben. [C]d2
Was uns hieran fesselt, ist die unerwartete Analogie mit unserer ei-
genen, auf so verschiedenem Wege entwickelten Auffassung. Weismann,
der die lebende Substanz morphologisch betrachtet, erkennt in ihr einen
Bestandteil, der dem Tode verfallen ist, das Soma, den Körper abgesehen
vom Geschlechts- und Vererbungsstoff, und einen unsterblichen, eben die-
ses Keimplasma, welches der Erhaltung der Art, der Fortpflanzung, dient.
Wir haben nicht dene lebenden Stoff, sondern die in ihm tätigen Kräfte ein-
gestellt, und sind dazu geführt worden, zwei Arten von Trieben zu unter-
scheiden, jene, welche das Leben zum Tod führen wollen,f die anderen, die
Sexualtriebe, welche immer wiederg die Erneuerung des Lebens anstreben
und durchsetzen. Das klingt wie ein dynamisches Korollar zu Weismanns
morphologischer Theorie.
Der Anschein einer bedeutsamen Übereinstimmung verflüchtigt sich
alsbald, wenn wir Weismanns Entscheidung über das Problem des Todes
vernehmen. Denn Weismann läßth die Sonderung von sterblichem Soma
und unsterblichem Keimplasma erst bei den vielzelligen Organismen gel-
ten, bei den einzelligen Tieren sind Individuum und Fortpflanzungszelle
noch ein und dasselbe.3 Die Einzelligen erklärt er also für potentiell un-

a
In B hervorgehoben. – Satzfehler in F?
b
B: sind.
c
In B nicht als Fremdwort markiert. – Vor dem Wort steht ein (schwer erkennbares)
Anführungszeichen (Zitatbeginn). – Vermutlich Satzfehler in C.
d
Im Ms. folgt nach dem Punkt Schlusszeichen (Zitatende).
e
Korrigiert aus: die.
f
Gestrichen: und.
g
Über der Zeile eingefügt.
h
Korrigiert für: macht.
1
Über die Dauer des Lebens, 1882; Über Leben und Tod, [2. Aufl.] 1892; Das Keimplas-
ma, 1892, u. a.
2
Über Leben und Tod, 2. Aufl. 1892, S. 20.
3
Dauer des Lebens, S. 38.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 47

sterblich, der Tod tritt erst bei den Metazoen, den Vielzelligen, auf. Dieser
Tod der höheren Lebewesen ist allerdings ein natürlicher, ein Tod aus in-
neren Ursachen, aber er beruht nicht auf einer Ureigenschaft der lebenden
Substanz,1 kann nicht als eine absolute, im Wesen des Lebens begründete
Notwendigkeit aufgefaßt werden.2 Der Tod ist vielmehr eine Zweckmä-
ßigkeitseinrichtung, eine Erscheinung der Anpassung an die äußeren Le-
bensbedingungen, weil von der Sonderung der Körperzellen in Soma und
Keimplasmaa an die unbegrenzte Lebensdauer des Individuums ein ganz
unzweckmäßiger Luxus geworden wäre. Mit dem Eintritt dieser Differen-
zierung bei den Vielzelligen wurde der Tod möglich und zweckmäßig.
Seither stirbt das Soma der höheren Lebewesen aus inneren Gründen zu
bestimmten Zeiten ab, die Protisten aber sind unsterblich geblieben. Die
Fortpflanzungb hingegen ist nicht erst mit dem Tode eingeführt worden, sie
ist vielmehr eine Ur|eigenschaft der lebenden Materie wie das Wachstum, 256
aus welchem sie hervorging, und das Leben ist von seinem Beginn auf Er-
den an kontinuierlich geblieben.3
Es ist leicht einzusehen, daß das Zugeständnis eines natürlichen Todes
für die höheren Organismen unserer Sache wenig hilft. Wenn der Tod eine
späte Erwerbung der Lebewesen ist, dann kommen Todestriebe, die sich
vom Beginn des Lebens auf Erden ableiten, weiter nicht in Betracht. Die
Vielzelligen mögen dann immerhin aus inneren Gründen sterben, an den
Mängeln ihrer Differenzierung oder an den Unvollkommenheitenc ihres
Stoffwechsels; es hat für die Frage, die uns beschäftigt, kein Interesse. Eine
solche Auffassung und Ableitung des Todes liegt dem gewohnten Denken
der Menschen auch sicherlich viel näher als die befremdende Annahme
von »Todestrieben«.
Die Diskussion, die sich an die Aufstellungen von Weismann ange-
schlossen, hat nach meinem Urteil in keiner Richtung Entscheidendes er-
geben.4 Manche Autoren sind zum Standpunkt von Goette zurückgekehrt
(1883), der in dem Tod die direkte Folge der Fortpflanzung sah. Hartmann

a
So in B und F. In C–E: Keimplasmen (Satzfehler).
b
Gestrichen: abe.
c
Gestrichen: eines.
1
Leben und Tod, 2. Aufl., S. 67.
2
Dauer des Lebens, S. 33.
3
Über Leben und Tod, Schluß.
4
Vgl. Max Hartmann, Tod und Fortpflanzung, 1906. Alex. Lipschütz, Warum wir ster-
ben, Kosmosbücher, 1914. Franz Doflein, Das Problem des Todes und der Unsterblich-
keit bei den Pflanzen und Tieren, 1919 [in F und StA falsch: 1909].
48 Sigmund Freud

charakterisiert den Tod nicht durch [C]a Auftreten einer »Leiche«, eines ab-
gestorbenen Anteiles der lebenden Substanz, sondern definiert ihn als den
»Abschluß der individuellen Entwicklung«. In diesem Sinne sind auch die
Protozoen sterblich, der Tod fällt bei ihnen immer mit der Fortpflanzung
zusammen, aber er wird durch diese gewissermaßen verschleiert, indem
die ganze Substanz des Elterntieres direkt in die jungen Kinderindividuen
übergeführt werden kann (l. c., S. 29).
Das Interesse der Forschung hat sich bald darauf gerichtet, die behaup-
tete Unsterblichkeit der lebendenb Substanz an den Einzelligen experimen-
tell zu erproben. Ein Amerikaner, Woodruff, hat ein bewimpertes Infuso-
rium, ein »Pantoffeltierchen«, das sich durch Teilung in zwei Individuen
fortpflanzt, in Zucht genommen und es bis zur 3029sten Generation, wo er
den Versuch abbrach, verfolgt, indem er jedesmal das eine der Teilproduk-
te isolierte und in frisches Wasser brachte. Dieser späte Abkömmling des
ersten Pantoffeltierchens war ebenso frisch wie der Urahn, ohne alle Zei-
chen des Alterns oder der Degeneration; somit [C]c schien, wenn solchen
Zahlen bereits Beweiskraft zukommt, die Unsterblichkeit der Protisten ex-
perimentell erweisbar.1
257 Andere Forscher sind zu anderen Resultaten gekommen. Maupas, Cal-
kins und andere haben im Gegensatz zu Woodruff gefunden, daß auch diese
Infusorien nach einer gewissen Anzahl von Teilungen schwächer werden,
an Größe abnehmen, einen Teil ihrer Organisation einbüßen und endlich
sterben, wenn sie nicht gewisse auffrischende Einflüsse erfahren. Demnach
stürben die Protozoen nach einer Phase des Altersverfalles ganz wie die hö-
heren Tiere, sod recht im Widerspruch zu den Behauptungen Weismanns, der
den Tod [C]e als eine späte Erwerbung der lebenden Organismen anerkennt.
Aus dem Zusammenhang dieser Untersuchungen heben wir zwei Tatsa-
chen heraus, die uns einen festen Anhalt zu bieten scheinen. Erstens: Wenn
die Tierchen zu einem Zeitpunkt, da sie noch keine Altersveränderung zei-
gen, miteinander zu zweit verschmelzen, »kopulieren« können – worauf sie
nach einiger Zeit wieder auseinandergehen, – so bleiben sie vom Alter [C]f
verschont, sie sind »verjüngt« worden. Diese Kopulation ist doch wohl der
Vorläufer der geschlechtlichen Fortpflanzung höherer Wesen; sie hat mit der

a
In B folgt: das. – Satzfehler in C?
b
Gestrichen: St [?].
c
B: . Somit. – Vermutlich Satzfehler in C.
d
Über der Zeile eingefügt.
e
In B folgt: erst. – Vermutlich Satzfehler in C.
f
B: Altern. – Vermutlich Satzfehler in C.
1
Für dies und das Folgende vgl. Lipschütz l. c., S. 26 und 52 ff.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 49

Vermehrung noch nichts zu tun, beschränkt sich auf die Vermischung der
Substanzen beider Individuen (Weismanns Amphimixis). Der auffrischende
Einfluß der Kopulation kann aber auch ersetzt werden durch bestimmte
Reizmittel, Veränderungen in der Zusammensetzung der Nährflüssigkeit,
Temperatursteigerung oder Schütteln. Man erinnert sich an dasa berühmte
Experiment von J. Loeb, der Seeigeleier durch gewisse chemische Reize zu
Teilungsvorgängen zwang, die sonst nur nach der Befruchtung auftreten.
Zweitens: Es ist doch wahrscheinlich, daß die Infusorien durch ihren
eigenen Lebensprozeß zu einem natürlichen Tod geführt werden, denn
der Widerspruch zwischen den Ergebnissen von Woodruff und von ande-
ren rührt daher, daß Woodruff jede neue Generation in frische Nährflüssig-
keit brachte. Unterließ er dies, so beobachtete er dieselbenb Altersverän-
derungen der Generationen wie die anderen Forscher. Er schloß, daß die
Tierchen durch die Produkte des Stoffwechsels, die sie an die umgebende
Flüssigkeit abgeben, geschädigt werden, und konnte dann überzeugend
nachweisen, daß nur die Produkte des eigenen Stoffwechsels diese zum Tod
der Generation führende Wirkung haben. Denn in einer Lösung, die mit
den Abfallsprodukten einer entfernter verwandten Art übersättigt war, ge-
diehen dieselben Tierchen ausgezeichnet, die, in ihrer eigenen Nährflüs-
sigkeit angehäuft, sicher zugrunde | gingen. Das Infusor stirbt also, sich 258
selbst überlassen, eines natürlichen Todes an der Unvollkommenheit der
Beseitigung seiner [C]c eigenen Stoffwechselprodukte; aber vielleicht ster-
ben auch alle höheren Tiere im Grunde an dem gleichen Unvermögen.
Es mag uns da der Zweifel anwandeln, ob es überhaupt zweckdienlich
war, die Entscheidung der Frage nach dem natürlichen Tod im Studium
der Protozoen zu suchen. Die primitive Organisation dieser Lebewesen
mag uns wichtige Verhältnisse verschleiern, die auch bei ihnen statthaben,
aber erst bei höheren Tieren erkannt werden können, wo sie sich einen
morphologischen Ausdruck verschafft haben. Wenn wir den morphologi-
schen Standpunkt verlassend, um den dynamischen einzunehmen, so kann
es uns überhaupt gleichgültig sein, ob sich der natürliche Tod der Proto-
zoen erweisen läßt oder nicht. Bei ihnen hat sich die später als unsterblich
erkannte Substanz von der sterblichen [D]e noch in keiner Weise gesondert.
Die Triebkräfte, die das Leben in den Tod überführen wollen, könnten auch

a
Korrigiert aus: die … Be.
b
Gestrichen: S.
c
B: ihrer.
d
Über der Zeile eingefügt.
e
B: sterblich … unsterblichen.
50 Sigmund Freud

ina ihnen von Anfang an wirksam sein, und doch könnte ihr Effekt durch
den der lebenserhaltenden Kräfte so gedeckt werden, daß ihr direkter
Nachweis sehr schwierig wird. Wir haben allerdings gehört, daß die Be-
obachtungen [C]b der Biologen uns die Annahme solcher zum Tod führen-
den inneren Vorgänge auch für die Protisten gestatten. Aber selbst wenn
die Protisten sich als unsterblichc im Sinne von Weismann erweisen, so gilt
seine Behauptung, der Tod sei eine späte Erwerbung, nur für die manifes-
ten Äußerungend des Todes und macht keine Annahme über die zum Tode
drängenden Prozesse unmöglich. Unsere Erwartung, die Biologie werde
diee Anerkennung der Todestriebe glatt beseitigenf, hat sich nicht erfüllt.
Wir können uns mit ihrer Möglichkeit weiter beschäftigen, wenn wir sonst
Gründe dafür haben. Die auffällige Ähnlichkeit der Weismannschen Sonde-
rung von Soma und Keimplasma mit unserer Scheidung derg Todestriebe
von den Lebenstrieben bleibt aber bestehen und erhält ihren Wert wieder.
Verweilen wir kurz bei dieser exquisit dualistischen Auffassung des
Trieblebens. Nach der Theorie E. Herings von den Vorgängen in der leben-
den Substanz laufen in ihr unausgesetzt zweierlei Prozesse entgegengesetz-
ter Richtung ab, die einen aufbauend – assimilatorisch, die anderen abbau-
259 end – dissimilatorischh. Sollen wir es wagen, in diesen bei|den Richtungen
der Lebensprozesse die Betätigung unserer beiden Triebregungen [C]i, der
Lebenstriebe und der Todestriebe,j zu erkennen? Aber etwas anderes kön-
nen wir uns nicht verhehlen: daß wir unversehens in den Hafen der Philo-
sophie Schopenhauers eingelaufen sind, für den ja der Tod »das eigentliche
Resultat« und insofern der Zweck des Lebens [C]k ist,1 der Sexualtrieb aber
die Verkörperung des Willens zum Leben.

a
Korrigiert für: bei.
b
In B folgt: und Versuche. – Satzfehler in C?
c
Die letzten drei Worte folgen im Ms. nach »Weismann«; durch Korrekturzeichen
hierher verschoben.
d
Korrigiert für: Wirkungen.
e
Gestrichen: Ann.
f
Die letzten beiden Worte korrigiert für: unmöglich machen.
g
Gestrichen: Le.
h
Im Ms.(B) eher: aufbauend-assimilatorisch … abbauend-dissimilatorisch. – Anfangs-
buchstaben von »di[ssimilatorisch]« korrigiert aus: a. – In StA folgt nach »assimilato-
risch« Gedankenstrich.
i
B: Triebgruppen. – Vermutlich Satzfehler in C.
j
Gestrichen: wa [?].
k
In B steht das schließende Anführungszeichen (Zitatende) nach »Lebens«. – Vermut-
lich Satzfehler in C.
1
»Über die anscheinende Absichtlichkeit im Schicksale des Einzelnen«, Großherzog
Wilhelm Ernst-Ausgabe, IV. Bd., S. 268.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 51

Versuchen wir kühn, einen Schritt weiter zu gehen. Nach allgemeiner


Einsicht ist die Vereinigung zahlreicher Zellen zu einem Lebensverband,
die Vielzelligkeit der Organismen, ein Mittel zur Verlängerunga ihrer Le-
bensdauer geworden. Eine Zelle hilft dazu, das Lebenb der anderen zu er-
halten, und der Zellenstaat kann weiterleben, auch wenn einzelne Zellen
absterben müssen. Wir haben bereits gehört, daß auch die Kopulation, die
zeitweilige Verschmelzung zweier Einzelliger, lebenserhaltend und verjün-
gend auf beide wirkt. Somit könnte man den Versuch machen, die in der
Psychoanalyse gewonnene Libidotheorie auf das Verhältnis der Zellen zu
einander zu übertragen und sich vorzustellen, daß es diec in jeder Zelle
tätigen Lebens- oder Sexualtriebe sind, welche die anderen Zellen zum Ob-
jekt nehmen, deren Todestriebe, das ist die von diesen angeregten Prozes-
se, teilweise neutralisieren und sie so am Leben erhalten, während andere
Zellen dasselbe für sie besorgen und noch andere in der Ausübung dieser
libidinösen Funktion sich selbst aufopfern. Die Keimzellen selbst würden
sich absolut »narzißtisch« benehmen, wie wir es in der Neurosenlehre zu
bezeichnen gewohnt sind, wenn ein ganzes Individuum seine Libido im
Ich behält und nichts von ihr für Objektbesetzungen verausgabt. Die Keim-
zellen brauchen ihre Libido, die Tätigkeit ihrer Lebenstriebe, für sich selbst
als Vorrat für ihre spätere, großartig aufbauende Tätigkeit.d Vielleicht darf
man auch die Zellen der bösartigen Neugebilde, die den Organismus zer-
stören, für narzißtisch in demselben Sinne erklären. Die Pathologie ist ja
bereit, ihre Keime für mitgeboren zu halten und ihnen embryonale Eigen-
schaften zuzugestehen. [D] So würde also die Libido unserer Sexualtriebe
mit dem Eros der Dichter und Philosophen zusammenfallen, der alles Le-
bende zusammenhält.
An dieser Stelle finden wir den Anlaß, die langsame Entwicklung unse-
|rer Libidotheorie zu überschauen. Die Analyse der Übertragungsneu- 260
rosen zwang uns zunächst den Gegensatz zwischen »Sexualtrieben«, die
auf das Objekt gerichtet sinde, und anderen Trieben auf, die wir nur sehr
ungenügend erkannten und vorläufig als »Ichtriebe« [D]f bezeichneten.
Unter ihnen mußten Triebe, die der Selbsterhaltung des Individuums die-
nen, in erster Linie anerkannt werden. Was für andere Unterscheidungen

a
Gestrichen: ih. Neuer Ansatz: de [?]; korrigiert zu: ihrer.
b
Gestrichen: einer.
c
Über der Zeile eingefügt.
d
Im Ms. war hier zunächst ein Absatz vor »So würde«; durch Korrekturzeichen aufge-
hoben.
e
Korrigiert für: werden.
f
In B bei »Sexual-« und »Ichtrieben« keine Anführungsstriche.
52 Sigmund Freud

da zu machen waren, konnte man nicht wissen. Keine Kenntnis wäre für
die Begründung einer richtigen Psychologie so wichtig gewesen, wie eine
ungefähre Einsicht in die gemeinsamea Natur und die etwaigen Besonder-
heiten der Triebe. Aber auf keinem Gebiete der Psychologie tappte man so
sehr im dunkeln. Jedermann stellte so viele Triebe oder »Grundtriebe« auf,
als ihm beliebte, und wirtschaftete mit ihnen, wie die alten griechischen
Naturphilosophen mit ihren vier Elementen: dem Wasser, der Erde, dem
Feuer und der Luft. Die Psychoanalyse, die irgend einer Annahme über
die Triebe nicht entraten konnte, hielt sich vorerst an die populäre Trieb-
unterscheidung, für die das Wort von »Hunger und Liebe« vorbildlich ist.
Es war wenigstens kein neuer Willkürakt. Damitb reichte man in der Ana-
lyse der Psychoneurosen ein ganzes Stück weit aus. Der Begriff der »Sexu-
alität« [D]c – und damit der eines Sexualtriebes – mußte freilich erweitert
werden, bis er vieles einschloß, was sich nicht der Fortpflanzungsfunktion
einordnete, und darüber gab es Lärm genug in der strengen, vornehmen
oder bloß heuchlerischen Welt.
Der nächste Schritt erfolgte, als sich die Psychoanalyse näher an das
psychologische Ich herantasten konnte, das ihrd zunächst nur alse verdrän-
gende, zensurierende und zu Schutzbauten, Reaktionsbildungen [C]f befä-
higte Instanz bekannt geworden war. Kritische und andere weitblickende
Geister hatten zwar längst gegen die Einschränkung des Libidobegriffes
auf die Energie der dem Objekt zugewendeten Sexualtriebe Einspruch er-
hoben. Aber sie versäumten es mitzuteilen, woher ihnen die bessere Ein-
sicht gekommen war, und verstanden nicht, etwas für die Analyse Brauch-
bares aus ihr abzuleiten. In bedächtigerem Fortschreiteng fiel es nun der
psychoanalytischen Beobachtung auf, wie regelmäßig Libido vom Objekt
abgezogen und aufs Ich gerichtet wird (Introversion), und indem sie dieh
Libidoentwicklung des Kindes in ihren frühesten Phasen studierte, kam sie
261 zur Einsicht, daß das Ich das | eigentliche und ursprüngliche Reservoir der
Libido sei, die erst von da aus auf das Objekt erstreckt werde. Das Ich trat
unter die Sexualobjekte und wurde gleich als das vornehmste unter ihnen

a
Unter der Zeile eingefügt.
b
Gestrichen: lo [?].
c
In B bei »Sexual-« und »Ichtrieben« keine Anführungsstriche.
d
Am Ende des Worts unklare Korrektur.
e
Gestrichen: ze.
f
In B steht nach diesem Wort ein Komma. – Vermutlich Satzfehler in C.
g
Korrigiert aus: bedächtigeren Fortschritten.
h
Über der Zeile eingefügt.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 53

erkannt. Wenn die Libido so im Ich verweilte, wurde sie narzißtisch [C]a
genannt.1 Diese narzißtische Libido war natürlich auch die Kraftäußerung
von Sexualtrieben im analytischen Sinne, die man mit den von Anfang
an zugestandenen »Selbsterhaltungstrieben« identifizieren mußte. Somit
war der ursprüngliche Gegensatz von Ichtrieben und Sexualtrieben un-
zureichend geworden. Ein Teil der Ichtriebe war als libidinös erkannt; im
Ich waren – neben anderen wahrscheinlich – auch Sexualtriebe wirk-
sam, doch ist man berechtigt zu sagen [C]b, daß die alte Formel, die Psycho-
neurose beruhe auf einem Konflikt zwischen den Ichtrieben und den Sexu-
altrieben, nichts enthielt, was heute zu verwerfen wäre. Der Unterschied
der beiden Triebarten, der ursprünglich irgendwie qualitativ gemeint
war, ist jetzt nur anders, nämlich topisch zu bestimmen. Insbesondere die
Übertragungsneurose, das eigentliche Studienobjekt der Psychoanalyse,
bleibt das Ergebnis eines Konflikts zwischen dem Ich und der libidinösen
Objektbesetzung.
Um so mehr müssen wir den libidinösen Charakter der Selbsterhaltungs-
triebe jetzt betonen, da wir den weiteren Schritt wagen, den Sexualtrieb als
den allesc erhaltenden Eros zu erkennen und die narzißtische Libido des
Ichsd aus den Libidobeiträgen ableiten,e mit denen die Somazellen aneinan-
der haften. Nun aber findenf wir uns plötzlich folgender Frageg gegenüber:
Wenn auch die Selbsterhaltungstriebe libidinöser Natur sind, dann haben
wir vielleicht überhaupt keine anderen Triebe als libidinöse. Es sind we-
nigstens keine anderen zu sehen. Dann muß man aber doch den Kritikern
recht geben, die von Anfang an geahnt haben, die Psychoanalyse erkläre
alles aus der Sexualität, oder den Neuerern wie Jung, die, kurz entschlossen,
Libido für »Triebkraft« überhaupt gebraucht haben. Ist dem nicht so?
Inh unserer Absicht läge [C]i dies Resultat allerdings nicht. Wir sind ja
vielmehr von einer scharfen Scheidung zwischen Ichtrieben = Todestrie-
ben und Sexualtrieben = Lebenstrieben ausgegangen. Wir waren ja bereit,

a
In B unterstrichen.
b
B: . Doch ist es berechtigt.
c
B: alles Leben. – Satzfehler in C?
d
Die letzten beiden Worte am Anfang der Zeile eingefügt.
e
Gestrichen: w.
f
Korrigiert für: sehen.
g
Korrigiert für: in folgender Weise.
h
Am Anfang des Absatzes gestrichen: U.
i
B: lag.
1
Zur Einführung des Narzißmus. Jahrbuch der Psychoanalyse, VI, 1914. (Ges. Schrif-
ten, Bd. VI.). [F. In B: und Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, IV. Folge,
1918.] [Freud 1914c]
54 Sigmund Freud

262 auch die angeblichen Selbsterhaltungstriebe des Ichs zu den | Todestrieben


zu rechnen, was wir seither berichtigend zurückgezogen haben. Unsere
Auffassung war von Anfang eine dualistische und sie ist es heute schärfer
denn zuvor, seitdem wir die Gegensätze nicht mehr Ich- und Sexualtriebe,
sondern Lebens- und Todestriebe benennen. Jungs Libidotheorie ist dage-
gen eine monistische; daß er seine einzige Triebkraft Libido geheißen hat,
mußte Verwirrung stiften, soll uns aber weiter nicht beeinflussen. [D]a Wir
vermuten, daß im Ich noch andere als die libidinösen [D] Selbsterhaltungs-
triebe tätig sind; wir sollten nur imstande sein, sie aufzuzeigen. Es ist zu
bedauern, daß die Analyse des Ichs so wenig fortgeschritten ist, daß dieser
Nachweis uns recht schwer wird. Die libidinösen Triebe des Ichs mögen
allerdings in besonderer Weise mit den anderen, uns noch fremden Ichtrie-
ben verknüpft sein [D].b Noch ehe wir den Narzißmus klar erkannt hatten,
bestand bereits in der Psychoanalyse die Vermutung, daß die »Ichtriebe«
libidinöse Komponenten an sich gezogen haben. Aber das sind recht unsi-
chere Möglichkeiten, denen die Gegner kaum Rechnung tragen werden. Es
bleibt mißlich, daß uns die Analyse bisher immer nur in den Stand gesetzt
hat, libidinöse Triebe nachzuweisen. Den Schluß, daß esc andere nicht gibt,
möchten wir darum doch nicht mitmachen.
Bei dem gegenwärtigen Dunkel der Trieblehre tun wir wohl nicht gut,
irgend einen Einfall, der uns Aufklärung verspricht, zurückzuweisen. Wir
sind von der großen Gegensätzlichkeit von Lebens- und Todestrieben aus-
gegangen. Die Objektliebe selbst zeigt uns eine zweited solche Polarität,
die von Liebe (Zärtlichkeit) und Haß (Aggression). Wenn es uns [E]e ge-
länge, diese beiden Polaritäten in Beziehung zu einander zu bringen, die
eine auf die andere zurückzuführen! Wir haben von jeher eine sadistische
Komponente des Sexualtriebes anerkannt;1 sie kann sich, wie wir wissen,
selbständig machen und als Perversion das gesamte Sexualstreben der
Person beherrschen. Sie tritt auch in einer der von mir sogenannten »prä-
genitalen Organisationen« als dominierender Partialtrieb hervor. [D]f Wie
soll man aber den sadistischen Trieb, der auf die Schädigung des Objekts
zielt, vom lebenserhaltenden Eros ableiten können? Liegt da nicht die An-

a
B: was wir jetzt berichtigend zurückziehen müßen.
b
B: verknüpft, nach dem Ausdruck von Alf. Adler »verschränkt« sein.
c
Gestrichen: darum.
d
Vor dem Zeilenanfang eingefügt.
e
In B folgt: nun.
f
B (wohl verschrieben): Fragezeichen. – C: Ausrufungszeichen.
1
»Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie«, von der I. Auflage, 1905, an. (Ges. Schriften,
Bd. V.) [F] [Freud 1905d]
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 55

nahme nahe, daß dieser Sadismus eigentlich ein Todestrieb ist, der durch
den Einfluß der narzißtischen Libido | vom Ich abgedrängt wurde, so daß 263
er erst am Objekt zum Vorschein kommt? Er tritt dann in den Dienst der
Sexualfunktion; im oralen Organisationsstadium der Libido fällt die Lie-
besbemächtigung noch mit der Vernichtung des Objekts zusammen, später
trennt sich der sadistische Trieb ab und endlich übernimmt er auf der Stufe
des Genitalprimats zum Zwecke der Fortpflanzung die Funktion, das Se-
xualobjekt so weit zu bewältigen, als es die Ausführung des Geschlechts-
aktes erfordert. Ja, man könnte sagen, der aus dem Ich herausgedrängte
Sadismus habea den libidinösen Komponenten des Sexualtriebs den Weg
gezeigt; späterhin drängen diese zum Objekt nach. Wo der ursprüngliche
Sadismus keine Ermäßigung und Verschmelzung erfährt, ist die bekannte
Liebe-Haß-Ambivalenz des Liebeslebens hergestellt.b
Wenn es erlaubt ist, eine solche Annahme zu machen, so wäre die For-
derung erfüllt, ein Beispiel eines – allerdings verschobenen – Todestriebes
aufzuzeigen. Nur daß diese Auffassung von jeder Anschaulichkeit weit
entfernt ist und einen geradezu mystischen Eindruck macht. Wir kommen
in den Verdacht, um jeden Preis eine Auskunft aus einer großen Verlegen-
heit gesucht zu haben. Dann dürfen wir uns [C]c darauf berufen, daß eine
solche Annahme nicht neu ist, daß wir sie bereits früher einmal gemacht
haben, als von einer Verlegenheit noch keine Rede war. Klinische Beobach-
tungen haben uns seinerzeit zur Auffassung genötigt, daß der dem Sadis-
mus komplementäre Partialtrieb des Masochismus als eine Rückwendung
des Sadismus gegen das eigene Ich zu verstehen sei.1 Eine Wendung des
Triebes vom Objekt zum Ich ist aber prinzipiell nichts anderes als die Wen-
dung vom Ich zum Objekt, die hier als neu in Frage steht. Derd Masochis-
mus, die Wendung des Triebes gegen das eigene Ich, wäre dann in Wirk-
lichkeit eine Rückkehr zu einer früheren Phase desselben, eine Regression.
In einem Punkte bedürfte die damals vom Masochismus gegebene Dar-
stellung einer Berichtigung als allzu ausschließlich; der [C]e Masochismus
könnte auch, was ich dort bestreiten wollte, ein primärer sein.2

a
Korrigiert für: zeige.
b
Die beiden letzten Sätze als Einschub in das Manuskript geklebt.
c
In B folgt: aber. – Satzfehler in C?
d
Gestrichen: Sadismus, di.
e
B: . Der.
1
Vgl. Sexualtheorie, 4. Aufl., 1920, und »Triebe und Triebschicksale«. (Ges. Schriften,
Bd. V.) [F. In B stattdessen: in Sammlung kleiner Schriften, Vierte Folge] [Freud 1905d;
1915c]
2
In einer inhalts- und gedankenreichen [»und gedanken« unter der Zeile eingefügt],
56 Sigmund Freud

264 Aber kehren wir zu den lebenserhaltenden Sexualtrieben zurück.


Schon aus dera Protistenforschung haben wir erfahren, daß die Ver-
schmelzung zweier Individuen ohne nachfolgende Teilung, die Kopu-
lation, auf beide Individuen, die sich dann bald von einander lösen,b
stärkend und verjüngend wirkt. (S. o. Lipschütz.) Sie zeigen in weiteren
Generationen keine Degenerationserscheinungen und scheinen befähigt,
den Schädlichkeiten ihres eigenen Stoffwechsels länger zu widerstehen.
Ich meine, daß diese eine Beobachtung als vorbildlich für den Effekt auch
der geschlechtlichen Vereinigung genommen werden darf. Aber auf wel-
che Weise bringt die Verschmelzung zweier wenig verschiedener Zellen
eine solche Erneuerung des Lebens zustande? Der Versuch, der die Kopu-
lation [C]c bei den Protozoen durch die Einwirkung chemischer, ja selbst
mechanischer Reize (l. c.) ersetzt, gestattet wohl eine sichere Antwort zu
geben: Es geschieht durch die Zufuhr neuer Reizgrößen. Das stimmt nun
aber gut zur Annahme, daß der Lebensprozeß des Individuumsd aus in-
neren Gründen zur Abgleichung chemischer Spannungen, das heißt zum
Tode führt, während die Vereinigung mit einer individuell verschiedenen
lebenden Substanz diese Spannungen vergrößert, sozusagen neue Vital-
differenzen einführt, die dann abgelebt werden müssen. Für diese Verschie-
denheit muß es natürlich ein oder mehrere Optima geben. Daß wir als die
herrschende Tendenz des Seelenlebens, vielleicht des Nervenlebens über-
haupt, das Streben nach Herabsetzung, Konstanterhaltung, Aufhebung
der innerene Reizspannung erkanntenf (das Nirwanaprinzip nach einem
Ausdruck von Barbara Low [C]g), wie es im Lustprinzip zum Ausdruck
kommt, das ist ja eines unserer stärksten Motive, an die Existenz von To-
destrieben zu glauben.

a
Gestrichen: F [?] oder E [?].
b
Gestrichen: v [?].
c
B: Konjugation.
d
Die letzten beiden Worte über der Zeile eingefügt.
e
Gestrichen: Spa.
f
Gestrichen: wie es sich.
g
B: englischen Autor.
für mich leider nicht ganz durchsichtigen Arbeit hat Sabina Spielrein ein ganzes Stück
dieser Spekulation vorweggenommen. Sie bezeichnet die sadistische Komponente
des Sexualtriebs als die »destruktive«. (Die Destruktion als Ursache des Werdens.
Jahrbuch für Psychoanalyse, IV, 1912.) In noch anderer Weise sucht [F. In C: suchte]
A. Stärcke (Inleiding by de vertaling von S. Freud, De sexuele beschavingsmoral etc.,
1914) den Libidobegriff selbst mit dem theoretisch zu supponierenden biologischen
Begriff eines Antriebes zum Tode zu identifiziren. (Vgl. auch Rank, Der Künstler.) Alle
diese Bemühungen zeigen [StA: zeugen. Vermutlich Satzfehler in C], wie die im Tex-
te, von dem Drang | nach einer noch nicht erreichten Klärung in der Trieblehre. [C]
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 57

Als empfindliche Störung unseres Gedankenganges verspüren wir es


aber noch immer, daß wir gerade für den Sexualtrieb jenen Charakter ei-
nes Wiederholungszwanges nicht nachweisen können, der uns zuerst zur
Aufspürung der Todestriebe führte. Das Gebiet der embryonalen Entwick-
lungsvorgänge ist zwar überreich an solchen Wiederholungserscheinun-
gen, die beiden Keimzellen der geschlechtlichen Fortpflanzung und ihre
Lebensgeschichte sind selbst nur Wiederholungen der An|fänge des orga- 265
nischen Lebens; aber das Wesentliche an den vom Sexualtrieb intendierten
Vorgängen ist doch die Verschmelzung zweier Zelleiber. Erst durch diese
wird bei den höheren Lebewesen die Unsterblichkeit der lebenden Sub-
stanz gesichert.
Mit anderen Worten: wir sollen Auskunft schaffen über die Entstehung
der geschlechtlichen Fortpflanzung und die Herkunft der Sexualtriebe
überhaupt, eine Aufgabe, vor der ein Außenstehender zurückschrecken
muß, und die von den Spezialforschern selbst bisher noch nicht gelöst
werden konnte. In knappster Zusammendrängung sei darum aus all den
widerstreitenden Angaben und Meinungen hervorgehoben, was einen An-
schluß an unseren Gedankengang zuläßt.
Die eine Auffassung benimmt dem Problem der Fortpflanzung seinen
geheimnisvollen Reiz, indem sie die Fortpflanzung als eine Teilerschei-
nung des Wachstumsa darstellt (bVermehrung durch Teilung, Sprossung,
Knospung). Die Entstehung der Fortpflanzung durch geschlechtlich diffe-
renzierte Keimzellen könnte man sich nach nüchterner Darwinscher Den-
kungsart so vorstellenc, daß der Vorteil der Amphimixis, der sich dereinst
bei der zufälligen Kopulation [C]d zweier Protisten ergab, in der fernerene
Entwicklung festgehalten und weiter ausgenützt wurde.1 Das »Geschlecht«
wäre also nicht sehr alt, und die außerordentlich heftigen Triebe, welche
die geschlechtliche Vereinigung herbeiführen wollen, wiederholten dabei
etwas, was sich zufällig einmal ereignet und seither als vorteilhaft befestigt
hat.

a
Gestrichen: auffa.
b
Gestrichen: Teil.
c
Die letzten beiden Worte am Rand nachgetragen.
d
B: Konjugation.
e
Korrigiert für: weiteren.
1
Obwohl Weismann (Das Keimplasma, 1892) auch diesen Vorteil leugnet: »Die Be-
fruchtung bedeutet keinesfalls eine Verjüngung oder Erneuerung des Lebens, sie
wäre durchaus nicht notwendig zur Fortdauer des Lebens, sie ist nichts als eine
Einrichtung, um die Vermischung zweier verschiedener Vererbungstendenzen möglich zu
machen.« Als die Wirkung einer solchen Vermischung betrachtet er aber doch eine
[gestrichen: gest] Steigerung der Variabilität der Lebewesen.
58 Sigmund Freud

Es ist hier wiederum wie beim Tod die Frage, ob man bei den Protisten
nichts anderes gelten lassen solla, als was sie zeigen, und ob man anneh-
menb darf, daß Kräfte und Vorgänge, die erst bei höheren Lebewesen sicht-
bar werden, auch bei diesen zuerst entstanden sind. Für unsere Absich-
ten leistet die erwähnte Auffassung der Sexualität sehr wenig. Man wird
gegen sie einwenden dürfen, daß sie die Existenz von Lebenstrieben, die
schon im einfachsten Lebewesen wirken, voraussetzt, denn sonst wäre ja
die Kopulation [C]c, die dem Lebenslauf [F]d entgegenwirkt und die Aufga-
be des Ablebens erschwert, nicht festgehalten und ausgearbeitet, sondern
vermieden worden. Wenn man also die Annahme von Todestrieben nicht
266 fahren lassen will, muß man ihnen von allem | Anfang an Lebenstriebe
zugesellen. Aber man muß es zugestehen, wir arbeiten da an einer Glei-
chung mit zwei Unbekannten. [/]e Was wir sonst in der Wissenschaftf über
die Entstehung der Geschlechtlichkeit finden, ist so wenig, daß man dies
Problem einem Dunkel vergleichen kann, in welches auch nicht der Licht-
strahl einer Hypothese gedrungen ist. An ganz anderer Stelle begegnen
wir allerdings einer solchen Hypothese, die aber von so phantastischer
Art ist, – gewiß eherg ein Mythus als eine wissenschaftliche Erklärung –
daß ich nicht wagen würde, sie hier anzuführen, wenn sie nicht gerade
die eine Bedingung erfüllen würde, nach deren Erfüllung wir streben. Sie
leitet nämlich einen Trieb ab von dem Bedürfnis nach Wiederherstellung eines
früheren Zustandes.
Ich meine natürlich die Theorie, die Plato im Symposion durch Aristopha-
nes entwickeln läßt undh die nicht nur die Herkunft des Geschlechtstriebes,
sondern auch seiner wichtigsten Variation in bezug auf das Objekt behan-
delt.1
»Unser Leib war nämlich zuerst gar nicht ebenso gebildet wie jetzt;
er war ganz anders. Erstens gab es drei Geschlechter, nicht bloß wie jetzt
männlich und weiblich, sondern noch ein drittes, das die beiden vereinigte
... das Mannweibliche ...«[E]i Alles an diesen Menschen war aber doppelt,

a
Korrigiert aus: sollen [?].
b
Gestrichen (Buchstabenanfang): s [?].
c
B: Konjugation.
d
B: Lebensablauf. – Satzfehler in F?
e
In B ist hier ein Absatz. – Nicht-Übernahme vermutlich Satzfehler in C.
f
Korrigiert für: Literatur.
g
Gestrichen: als.
h
Über der Zeile eingefügt, statt Komma.
i
B: »Die menschliche Natur war ja einst ganz anders. Ursprünglich gab es drei Ge-
1
Übersetzung von U. v. Wilamowitz-Moellendorff (Platon I, S. 366 f.) [E. In B: von Rud.
Kassner]
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 59

sie hatten also vier Hände und vier Füße, zwei Gesichter, doppelte Scham-
teile usw. Da ließ sich Zeus bewegen, jeden Menschen in zwei Teile zu
teilen, »wie man die Quitten zum Einmachen durchschneidet ... Weil nun
das ganze Wesen entzweigeschnitten war, trieb die Sehnsucht die beiden
Hälften zusammen: sie umschlangen sich mit den Händen, verflochten sich
ineinander im Verlangen, zusammenzuwachsen ...« [E]a1 [D]
Sollen wir, dem Wink des Dichterphilosophen folgend, die Annahme 267
wagen, daß die lebende Substanz bei ihrer Belebung [C]b in kleine Parti-
kel zerrissen wurde, die seither durch die Sexualtriebe ihre Wiederverei-
nigung anstreben? Daß diese Triebe, in denen sich die chemische Affinität
der unbelebten Materie fortsetzt, durch das Reich der Protisten hindurch

schlechter, drei und nicht wie heute zwei: neben dem männlichen und weiblichen
lebte ein drittes Geschlecht, welches an den beiden ersten gleichen Anteil hatte, ….«
a
B: »wie man Birnen, um sie einzukochen, entzwei schneidet ….« »Als nun auf diese
Weise die ganze Natur entzwei war, kam in jeden Menschen die Sehnsucht nach sei-
ner eigenen anderen Hälfte, und die beiden Hälften schlugen die Arme um einander
und verflochten ihre Leiber und wollten wieder zusammenwachsen ….«
b
In B folgt: gleichzeitig.
1
Prof. Heinrich Gomperz (Wien) verdanke ich die nachstehenden Andeutungen über
die Herkunft des Platonischen Mythus, die ich zum Teil in seinen Worten wiedergebe:
Ich möchte darauf aufmerksam machen, daß sich wesentlich dieselbe Theorie auch
schon in den Upanishaden findet. Denn Brihad-Āraņyaka-Upanishad, I, 4, 3 (Deussen,
60 Upanishads des Veda, S. 393 [StA: 595]), wo das Hervorgehen der Welt aus dem
Ātman (dem Selbst oder Ich) geschildert wird, heißt es: »... Aber er (der Ātman, das
Selbst oder das Ich) hatte auch keine Freude; darum hat einer keine Freude, wenn er
allein ist. Da begehrte er nach einem Zweiten. Nämlich er war so groß wie ein Weib
und ein Mann, wenn sie sich umschlungen halten. Dieses sein Selbst zerfällte er in
zwei Teile: daraus entstanden Gatte und Gattin. Darum ist dieser Leib an dem Selbst
gleichsam eine Halbscheid, so nämlich hat es Yājñavalkya erklärt. Darum wird dieser
leere Raum hier durch das Weib ausgefüllt.«
Die Brihad-Āraņyaka-Upanishad ist die älteste aller Upanishaden und wird wohl von
keinem urteilsfähigen Forscher später angesetzt als etwa um das Jahr 800 v. Chr. Die
Frage, ob eine, wenn auch nur [E. In D: sehr] mittelbare Abhängigkeit Platos von die-
sen indischen | Gedanken möglich wäre, möchte ich im Gegensatz zur herrschenden
Meinung nicht unbedingt verneinen, da eine solche Möglichkeit wohl auch für die
Seelenwanderungslehre nicht geradezu in Abrede gestellt werden kann. Eine solche,
zunächst durch Pythagoreer vermittelte Abhängigkeit würde dem gedanklichen Zu-
sammentreffen kaum etwas von seiner Bedeutsamkeit nehmen, da Plato eine derarti-
ge ihm irgendwie aus orientalischer Überlieferung zugetragene Geschichte sich nicht
zu eigen gemacht, geschweige denn ihr eine so bedeutsame Stellung angewiesen hät-
te, hätte sie ihm nicht selbst als wahrheitshältig eingeleuchtet.
In einem Aufsatz [E. In D: einer Schrift] von K. Ziegler, Menschen- und Weltwerden
(Neue Jahrbücher für das klassische Altertum, Bd. 31, S. 529 ff. [E. In D statt Sei-
tenzahl: Sonderabdruck], der sich planmäßig mit der Erforschung des fraglichen
Gedankens vor Plato beschäftigt, wird dieser auf babylonische Vorstellungen zu-
rückgeführt. [D]
60 Sigmund Freud

allmählich die Schwierigkeiten überwinden, welche eine [C]a mit lebens-


gefährlichen Reizen geladene Umgebung diesem Streben entgegensetztb,
die sie zur Bildung einer schützenden Rindenschicht nötigt? Daßc diese
zersprengten Teilchen lebender Substanz so die Vielzelligkeit erreichen
und endlich den Keimzellen den Trieb zur Wiedervereinigung in höchster
Konzentration übertragen? Ich glaube, es ist hier die Stelle, abzubrechen.
Doch nicht, ohne einige Worte kritischer Besinnung anzuschließen.
Man könnte mich fragen, ob und inwieweit ich selbst von den hier entwi-
ckelten Annahmen überzeugt bin. Meine Antwort würde lauten, daß ich
weder selbst überzeugt bin, noch bei anderen um Glauben für sie werbe.
Richtiger: ich weiß nicht, wie weit ich an sie glaube. Es scheint mir, daß
das [C]d affektive Moment der Überzeugung hier gar nicht in Betracht zu
kommen braucht. Man kann sich doch einem Gedankengang hingeben,
ihn verfolgen, soweit er führt, nur aus wissenschaftlicher Neugierde oder,
wenn man will, als advocatus diaboli [F]e, der sich darum doch nicht dem
Teufel selbst verschreibt. Ich verkenne nicht, daß der dritte Schritt in der
Trieblehre, den ich hier unternehme, nicht dieselbe [D]f Sicherheit bean-
spruchen kann wie die beiden früheren, die Erweiterung des Begriffs der
Sexualität und die Aufstellung des Narzißmus. Diese Neuerungen waren
direkte Übersetzungen der Beobachtung in Theorie, mit nicht größereng
Fehlerquellen behaftet, als in all solchen Fällen unvermeidlich ist. Die Be-
hauptung des regressiven Charakters der Triebe ruht allerdings auch auf
268 beobachtetem Material, nämlichh auf den Tat|sachen des Wiederholungs-
zwanges. Allein vielleicht habe ich deren Bedeutung überschätzt. Die
Durchführung dieser Idee ist jedenfalls nicht anders möglich, als daß man
mehrmals nacheinander Tatsächliches mit bloß Erdachtem kombiniert und
sich dabei weit von der Beobachtung entfernt. Man weiß, daß das Ender-
gebnis um so unverläßlicher wird, je öfter man dies während des Aufbaues
einer Theorie tut, aber der Grad der Unsicherheit ist nicht angebbar. Man
kann dabei glücklich geraten haben oder schmählich in die Irre gegangen
sein. Der sogenannten Intuition traue ich bei solchen Arbeiten wenig zu;

a
B: ein. – Schreibfehler?
b
Die letzten drei Worte folgten zunächst auf »nötigt«; durch Korrekturzeichen hierher
verschoben.
c
Gestrichen: sie. Ersetzt durch die folgenden fünf Worte, die nach »endlich« nachge-
tragen und und durch Korrekturzeichen hierher verschoben wurden.
d
B: der.
e
In B nicht als Fremdwort markiert.
f
B: die.
g
Korrigiert aus: anderen.
h
Unter der Zeile hinzugefügt.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 61

was ich von ihr gesehen habe, schien mir eher der Erfolg einer gewissen
Unparteilichkeit des Intellekts. Nur daß man leider selten unparteiisch ist,
wo es sicha um die letzten Dinge, die großen Probleme der Wissenschaft
und des Lebens handelt. Ich glaube, ein jeder wird da von innerlich tief
begründeten Vorlieben beherrscht, denen er mit seiner Spekulation un-
wissentlich in die Hände arbeitet. Bei so guten Gründen zum Mißtrauen
bleibt wohlb nichts anderes als ein kühles Wohlwollen für die Ergebnisse
der eigenen Denkbemühung möglich. Ich beeile mich nur hinzuzufügen,
daß solche Selbstkritik durchaus nicht zu besonderer Toleranz gegen ab-
weichende Meinungen verpflichtet. Man darf unerbittlich Theorienc ab-
weisen, denen schon die ersten Schritte in der Analyse der Beobachtung
widersprechen, und kann dabei doch wissen, daß die Richtigkeit derer, die
man vertritt, doch nur eine vorläufige ist. [/]d In der Beurteilung unserer
Spekulation über die Lebens- und Todestriebe würde es uns [C]e wenig
stören, daß so viel befremdende und unanschaulichef Vorgänge darin vor-
kommen, wie ein Trieb werde von [C]g anderen herausgedrängt, oder er
wende sich vom Ich zum Objekt und dergleichen. Dies rührt nur daher,
daß wir genötigt sind, mit den wissenschaftlichen Terminish, das heißt mit
der eigenen Bildersprache der Psychologie (richtig: der Tiefenpsychologie)
zu arbeiten. Sonst könnten wir die entsprechenden Vorgänge überhaupt
nicht beschreiben, ja, würden sie gar nicht wahrgenommen haben. Die
Mängel [C]i unserer Beschreibung würden wahrscheinlich verschwinden,
wenn wir anstatt der psychologischen Termini schon die physiologischen
oder chemischen einsetzen könnten. Diese gehören zwar auch nur einer
Bildersprache an, aber einer uns seit längerer Zeit vertrauten und vielleicht
auch einfacheren.
Hingegen wollen wir uns recht klar machen, daß die Unsicherheit un-
serer Spekulation zu einem hohen Grade durch die Nötigung gesteigert
wurde, Anleihen bei der biologischen Wissenschaft zu machen. Die Bio-
logie ist wahrlich ein Reich der unbegrenzten Möglichkeiten, wir haben
|die überraschendsten Aufklärungen von ihr zu erwarten und können 269

a
Im Ms. versehentlich wiederholt: es.
b
Gestrichen: als.
c
Korrigiert für: Lehren.
d
In B ist hier ein Absatz. – Nicht-Übernahme vermutlich Satzfehler in C.
e
B: mich.
f
Korrigiert aus: anschauliche.
g
B: vom. – Satzfehler in C?
h
StA: Termini.
i
In B folgt: in. – Satzfehler in C?
62 Sigmund Freud

nicht erraten, welche Antworten sie auf die von uns an sie gestellten Fra-
gena einige Jahrzehnte später geben würde. Vielleicht gerade solche, durch
die unser ganzer künstlicher Bau von Hypothesen umgeblasen wird. [/]b
Wenn dem so ist, könnte jemand fragen, wozu unternimmt man also solche
Arbeiten, wie die in diesem Abschnitt niedergelegte, und warum bringt
man sie doch zur Mitteilung? Nun, ich kann nicht in Abrede stellen, daß
einige der Analogien, Verknüpfungen und Zusammenhänge darin mir der
Beachtung würdig erschienen sind. [B]1 [C]

270 VII [B]c

Wenn es wirklich [B] ein so allgemeiner Charakter der Triebe ist, daß sie ei-
nen früheren Zustand wiederherstellen wollen, so dürfen wir uns nicht da-
rüber verwundern, daß im Seelenleben so viele Vorgänge sich unabhängig

a
Gestrichen: in.
b
In B ist hier möglicherweise ein Absatz.
c
A: VI. – In B korrigiert.
1
Anschließend hier einige Worte zur Klärung unserer Namengebung, die im Laufe
dieser Erörterungen eine gewisse Entwicklung durchgemacht hat. Was »Sexualtrie-
be« sind, wußten wir aus ihrer Beziehung zu den Geschlechtern und zur Fortpflan-
zungsfunktion. Wir behielten dann diesen Namen bei, als wir durch die Ergebnisse
der Psychoanalyse genötigt waren, deren Beziehung zur Fortpflanzung zu lockern.
Mit der Aufstellung der narzißtischen Libido und der Ausdehnung des Libidobe-
griffes auf die einzelne Zelle wandelte sich uns der Sexualtrieb zum Eros, der die
Teile der lebenden Substanz zueinanderzudrängen und zusammenzuhalten sucht,
und die gemeinhin so genannten Sexualtriebe erschienen [D. In C: erscheinen] als der
dem Objekt zugewandte Anteil dieses Eros. Die Spekulation läßt dann diesen Eros
vom Anfang des Lebens an wirken und als »Lebenstrieb« im [StA: in] Gegensatz zum
»Todestrieb« treten, der durch die Belebung des Anorganischen entstanden ist. Sie
versucht das Rätsel des Lebens durch die Annahme dieser beiden von Uranfang an
miteinander ringenden Triebe zu lösen. [C] Unübersichtlicher ist vielleicht die Wand-
lung, die der Begriff der »Ichtriebe« erfahren hat. Ursprünglich nannten wir so alle
jene von uns nicht näher gekannten Triebrichtungen, die sich von den auf das Objekt
gerichteten Sexualtrieben abscheiden lassen, und brachten die Ichtriebe im [StA: in]
Gegensatz zu den Sexualtrieben, deren Ausdruck die Libido ist. Späterhin näherten
wir uns der Analyse des Ichs und erkannten, daß auch ein Teil der »Ichtriebe« libi-
dinöser Natur ist, das eigene Ich zum Objekt genommen hat. Diese narzißtischen
Selbsterhaltungstriebe mußten also jetzt den libidinösen Sexualtrieben zugerechnet
werden. Der Gegensatz zwischen Ich- und Sexualtrieben wandelte sich in den zwi-
schen Ich- und Objekttrieben, beide libidinöser Natur. An seine Stelle trat aber ein
neuer Gegensatz zwischen libidinösen (Ich- und Objekt-) Trieben und anderen, die
im Ich zu statuieren und vielleicht in den Destruktionstrieben aufzuzeigen sind. Die
Spekulation wandelt diesen Gegensatz in den von Lebenstrieben (Eros) und von To-
destrieben um. [D]
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 63

vom Lustprinzip vollziehen. Dieser Charakter würde sich jedem Partial-


trieb mitteilen und sich in seinem Falle auf die Wiedererreichung einer be-
stimmten Station des Entwicklungsweges beziehen. Aber all dies, worüber
das Lustprinzip noch keine Macht bekommen hat, brauchte darum noch
nicht im Gegensatz zu ihm zu stehen, und die Aufgabe ist noch ungelöst,
das Verhältnis der triebhaften Wiederholungsvorgänge zur Herrschaft des
Lustprinzips zu bestimmen.
Wir haben es als eine der frühesten und wichtigsten Funktionen des see-
lischen Apparates erkannt, die anlangenden Triebregungen zu »binden«,
den in ihnen herrschenden Primärvorgang durch den Sekundärvorgang
zu ersetzen, ihre frei bewegliche Besetzungsenergie in vorwiegend ruhen-
de (tonische) Besetzung umzuwandeln. Während dieser Umsetzung kann
auf die Entwicklung von Unlust nicht Rücksicht genommen werden, allein
das Lustprinzip wird dadurch nicht aufgehoben. Die Umsetzung geschieht
vielmehr im Dienste des Lustprinzips; die Bindung ist ein vorbereitender
Akt, der die Herrschaft des Lustprinzips einleitet und sichert.
Trennen wir Funktion und Tendenz schärfer voneinander, als wir es
bisher getan haben. Das Lustprinzip ist dann eine Tendenz, welche im
Dienste einer Funktion steht, der es zufällt, den seelischen Apparat über-
haupt erregungslos zu machen, oder den Betrag der Erregung in ihm
konstant oder möglichst niedrig zu erhalten. Wir können uns noch für
keine dieser Fassungen sicher entscheiden, aber wir merken, daß die so
bestimmte Funktion Anteil hätte an dem allgemeinsten Streben alles Le-
benden, zur Ruhe der anorganischen Welt zurückzukehren.a Wir haben
alle erfahren, daß die größte uns erreichbare Lust, die des Sexualaktes, mit
dem momentanen Erlöschen einer hochgesteigerten Erregung verbunden
ist. Die Bindung der Triebregung wäre aber eine vorbereitende Funktion,
welche die Erregung für ihre endgültige Erledigung in der Abfuhrlust zu-
richten soll.
Aus demselben Zusammenhang erhebt sich die Frage, ob die Lust- und 271
Unlustempfindungen von den gebundenen wie von den ungebundenen
Erregungsvorgängen in gleicher Weise erzeugt werden können. Da er-
scheint es denn ganz unzweifelhaft, daß die ungebundenen, die Primär-
vorgänge, weit intensivere Empfindungen nach beiden Richtungen erge-
ben als die gebundenen, die des Sekundärvorganges. Die Primärvorgänge
sind auch die zeitlich früheren, zu Anfang des Seelenlebens gibt es keine

a
In A folgt: Der alles seelische Leben beherrschende Lusttrieb unterschiede sich in
diesem Charakter nicht von den anderen organischen Trieben, welche die somatische
Erregung ans Seelische heranbringen. – In B gestrichen.
64 Sigmund Freud

anderen, und wir können schließen, wenn das Lustprinzip nicht schon bei
ihnen in Wirksamkeit wäre, könnte es sich überhaupt für die späteren nicht
herstellen. Wir kommen so zu dem im Grunde nicht einfachen Ergebnis,
daß das Luststreben [B]a zu Anfang des seelischen Lebens sich weit inten-
siver äußert als späterhin, aber nicht so uneingeschränkt; es [B]a muß sich
häufige Durchbrüche gefallen lassen. In reiferen Zeiten ist die Herrschaft
des Lustprinzips sehr viel mehr gesichert, aber dieses [B]b selbst ist der
Bändigung so wenig entgangen wie die anderen Triebe überhaupt [B]c.d
Jedenfalls muß das, was am Erregungsvorgange die Empfindungen von
Lust und Unlust entstehen läßt, beim Sekundärvorgang ebenso vorhanden
sein wie beim Primärvorgang. [B]e
Hier wäre die Stelle, mit weiteren Studien einzusetzen. Unser Bewußt-
sein vermittelt uns vonf innen her nicht nur die Empfindungen von Lust
und Unlust, sondern auch von einer eigentümlichen Spannung, die selbst
wieder eine lustvolle oder [C]g unlustvolle sein kann. Sind es nun die ge-
bundenen und die ungebundenen Energievorgänge, die wir mittels dieser
Empfindungen von einander unterscheiden sollen, oder ist die Spannungs-
empfindungh auf die absolute Größe, eventuell das Niveau der Besetzung
zu beziehen, während die Lust-Unlustreihe auf die Änderung der Beset-

a
A: der Lusttrieb … er – In B korrigiert.
b
A: der Trieb. – In B korrigiert.
c
Handschriftlich eingefügt; dafür vor »Triebe« gestrichen: anderen. Diese Streichung
vielleicht versehentlich in C nicht übernommen.
d
In A ist hier ein Absatz. In B rückgängig gemacht.
e
In A folgt: Vielleicht sind die sogenannten Spannungsempfindungen, die uns das
Bewußtsein neben den Lust-Unlustempfindungen von innen her vermittelt, eher auf
die gebundenen, die direkten Lust-Unlustempfindungen aber auf die ungebundenen
und auf die Abfuhrvorgänge zu beziehen. Vielleicht wird das Vorkommen von lust-
voller wie von unlustvoller Spannung durch diese Zuteilung unserem Verständnis
näher gebracht. / [Absatz] Ich halte es für überflüßig, die Zaghaftigkeit wie die Unsi-
cherheit dieser Spekulationen entschuldigen zu wollen. Wer das Tatsächliche hinter
ihnen herausgreifen will, der möge die Erscheinungen des Wiederholungszwanges
seiner Aufmerksamkeit würdigen.
In B wurde die vorstehende Passage gestrichen. Danach ebenfalls gestrichen hand-
schriftlicher Zusatz: Mit dieser Auffassung konkurriert aber eine andere, welche
die Empfindungen von Spannung auf die absolute Größe und auf das Niveau der
Energiebesetzung, Lust und Unlust dagegen auf die Änderung dieser Größe in der
Zeiteinheit beziehen möchte. Die beiden Möglichkeiten sind nicht unvereinbar mitei-
nander und … [Text bricht ab; vgl. Faksimiles auf S. 65 f.].
f
Gestrichen: ih. – Diese und die folgenden textkritischen Noten beziehen sich auf das
Ms. (B).
g
In B folgt: eine.
h
Nach »Spannungs« eineinhalb Buchstaben gestrichen, beginnend mit »h«.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 65
66 Sigmund Freud
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 67

zungsgröße in der Zeiteinheita hindeutet? Es muß uns auch auffallen, daß


die Lebenstriebe so viel mehr mit unserer inneren Wahrnehmung zu tun
haben, da sie als Störenfriede auftretenb, unausgesetzt Spannungen mit sich
bringen, deren Erledigung als Lust empfunden wird, während die Todes-
triebe ihre Arbeit unauffällig zu leisten scheinen. Das Lustprinzip scheint
geradezu im Dienste der Todestriebe zu stehen; es wacht allerdings auchc
über die Reize von außen, die von beiderlei Triebarten als Gefahren einge-
schätzt werden, aber ganz besonders über die Reizsteigerungen von innen
her, die eine Erschwerung der Lebensaufgabe erzielen. Hieran knüpfen
sich ungezählte andere | Fragen, deren Beantwortung jetzt nicht möglich 272
ist. Man muß geduldig sein und auf weitere Mittel und Anlässed zur For-
schung warten. Auch bereit bleiben, einen Weg wieder zu verlassen, den
man eine Weile verfolgt hat, wenn er zu nichts Gutem zu führen scheint.
Nur solche Gläubige, die von der Wissenschaft einen Ersatz für den aufge-
gebenen Katechismus fordern, werden dem Forscher die Fortbildung oder
selbst die Umbildung seiner Ansichten verübeln [F]e. Im übrigen magf uns
ein Dichter (Rückert in den Makamen des Hariri) [E]g über die langsamen
Fortschritte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis trösten:

»Was man nicht erfliegen kann, muß man erhinken.


..............................................
Die Schrift sagt, es ist keine Sünde zu hinken.« [B]

Anhang: Die Erstfassung von 1919

Der folgende Abdruck bietet eine Transkription nach der Handschrift (siehe oben, S. 8).
Es werden alle Eigenheiten des Manuskripts wiedergegeben, also auch alte Rechtschreib-
formen, Unterstreichung von Eigennamen, Platzierung von Fußnoten mitten im Text,
Verdoppelungsstriche über m und n etc. Die Seitenzahlen, die im Original links oben
eingefügt sind, erscheinen in eckigen Klammern im Text. Ebenso eingeklammert sind
seltene redaktionelle Ergänzungen, z. B. Kommata, die um der Lesbarkeit willen gegen
das Original eingefügt wurden (in Freuds Manuskripten ersetzt das Zeilenende öfters
ein Komma). Alle Selbstkorrekturen des Autors sind verzeichnet, und zwar in der Re-

a
Gestrichen: zu beziehen.
b
Die letzten drei Worte später geschrieben (nach »ihre Arbeit«); durch Korrekturzei-
chen hierher verschoben.
c
Wie nachträglich am Anfang der Zeile eingefügt.
d
Im Ms. sind »Anläße« und »Mittel« durch Korrekturzeichen vertauscht.
e
B: verübeln dürfen.
f
Am Anfang der Zeile hinzugefügt; davor gestrichen: tröstet.
g
In B steht diese Angabe nach dem Zitat als Fußnote.
68 Sigmund Freud

gel nicht als Anmerkung, sondern im Text. Gestrichene Wörter und Buchstaben sind
doppelt durchgestrichen, wobei unsichere Lesungen mit [?], unlesbare Buchstaben mit
[x] bzw. bei zwei und mehr Buchstaben mit [xx] etc. bezeichnet sind. Einfügungen ste-
hen zwischen Schrägstrichen (/) ohne Unterscheidung, ob sie im Ms. über oder unter
der Zeile (gelegentlich auch zwei Zeilen später) oder am Rand stehen. In Schrägstrichen
stehen auch Korrekturen, die Freud nachträglich, zumeist über der Zeile vorgenommen
hat, d. h. nicht als Sofortkorrekturen beim fortlaufenden Schreiben. Umlautstriche oder
-punkte, die Freud gelegentlich weglässt oder falsch platziert (z. B. »aüßere« für »äuße-
re«), wurden stillschweigend ergänzt bzw. berichtigt.

[1] Jenseits des Lustprinzips


von
Sigm. Freuda

I.

In der psychoanalytischen Theorie nehmen wir unbedenklich an, daß der Ablauf
der seelischen Vorgänge automatisch durch das Lustprinzip regulirt wird. Das
heißt, wir glauben, daß er jedesmal durch eine unlustvolle Spannung angeregt wird
und dann in eine solche Richtung einschlägt, daß sein Endergebnis mit einer Her-
absetzung oder Aufhebung dieser Spanung, also mit einer Vermeidung der /von/
Unlust oder Erzeugung von Lust zusamenfällt. Wenn wir die von uns studirten see-
lischen Prozeße mit Rücksicht auf diesen Ablauf betrachten, führen wir den oeko-
nomischen Gesichtspunkt in unsere Arbeit [x] ein. Wir meinen, eine Darstellung,
die neben dem topischen und dem dynamischen Moment noch dies oekonomische
zu würdigen versuche, sei die vollständigste, die wir uns derzeit vorstellen können,
und verdiene /es,/ durch den Namen einer metapsychologischen hervorgehoben zu
werden.
Es hat dabei für uns kein Interesse zu untersuchen, in wie weit wir uns mit der
Aufstellung des Lustprinzips einerm bestimten, historisch festgelegten, philoso-
phischen Theorie /System/ angenähert oder angeschloßen haben. Wir gelangen zu
solchen spekulativen Annahmen bei dem Bemühen, von den Tatsachen der tägli-
chen Beobachtung auf unserem Gebiet Beschreibung und Rechenschaft zu geben.
Priorität und Originalität gehören nicht zu den Zielen, die der psychoanalytischen
Arbeit gesetzt sind, und die Eindrücke, welche der Aufstellung dieses Prinzips
zu Grunde liegen, sind so augenfällig, daß es kaum möglich ist, sie zu überse-
hen. Dagegen würden wir uns gerne zur Dankbarkeit gegen eine philosophische
oder psychologische Theorie bekennen, die uns zu sagen wüßte, welches /was/ die
Bedingungen der für uns so imperativen Lust- und Unlustempfindungen sind.
Leider wird uns hier nichts Brauchbares geboten. Es ist das dunkelste und unzu-
gänglichste Gebiet des Seelenlebens, und wenn wir unmöglich vermeiden können,
es zu berühren, so wird die lockerste Annahme darüber, meine ich, die beste sein.

a
Vor der paginierten Seite 1 findet sich ein Deckblatt mit der Aufschrift: Jenseits / des
Lustprinzips. / 1920.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 69

Wir haben uns entschloßen, Lust und Unlust mit der Quantität der im Seelenleben
vorhandenen – und nicht irgendwie gebundenen – Erregung in Beziehung zu brin-
gen, solcher Art, daß Unlust einer Steigerung, Lust einer Verring[2]erung dieser
Quantität entspricht. Wir denken dabei nicht an ein einfaches Verhältnis zwischen
der Stärke der Empfindungen und den Veränderungen, auf die sie bezogen wer-
den; am wenigsten – nach allen Erfahrungen der Psychophysiologie – an direkte
Proportionalität; wahrscheinlich ist das Maß der Verringerung oder Vermehrung
in der Zeit das für die Empfindung entscheidende Moment. Das Experiment fän-
de hier möglicher Weise Zutritt, für uns Analytiker ist weiteres Eingehen in diese
Probleme nicht geboten/raten/, so lange nicht ganz bestimte Beobachtungen uns
leiten können.
Die Tatsachen, die uns veranlaßt haben, an die Herrschaft des Lustprinzips im
Seelenleben zu glauben, finden auch ihren Ausdruck in der Annahme, daß es ein
Bestreben des seelischen Apparats sei, die in ihm vorhandene Quantität von Erre-
gung möglichst niedrig oder wenigstens konstant zu erhalten. Es ist dasselbe, nur
in andere Fassung gebracht.
Dann müßen wir aber sagen, es sei eigentlich unrichtig von einer Herrschaft des
Lustprinzips über den Ablauf der seelischen Prozeße zu reden. Wenn eine solche
bestände, müßte die übergroße Mehrheit unserer Seelenvorgänge von Lust begleitet
sein und /oder/ zur Lust führen, während doch die allgemeinste Erfahrung dieser
Folgerung energisch widerspricht. Es kann also nur so sein, daß eine starke Ten-
denz zum Lustprinzip in der Seele besteht, der sich aber gewiße andere Kräfte oder
Verhältniße widersetzen, so daß der Endausgang der Lusttendenz nicht immera
entsprechen kann. Wenn wir uns nun der Frage zuwenden, welche Umstände die
Durchsetzung des Lustprinzips zu vereiteln vermögen, dann betreten wir wieder
sicheren, uns bekannten Boden und können unsere analytischen Erfahrungen in
reichem Ausmaß zur Beantwortung heranziehen.
Der erste Fall einer solchen Hemmung des Lustprinzips ist uns als ein gesetz-
mäßiger vertraut. Wir wissen, daß das Lustprinzip einer primären Arbeitsweise
des seelischen Apparats eignet, und daß es für die Selbsterhaltung/behauptung/
des Organismus unter den Schwierigkeiten der Außenwelt so recht von Anfang an
unbrauchbar, ja in hohem Grade gefährlich ist. [3] Unter dem Einfluß der Selbst-
erhaltungstriebe des Ichs wird es vom Realitätsprinzip abgelöst, welches ohne die
Absicht endlicher Lustgewinnung aufzugeben, doch den Aufschub der Befriedi-
gung, den Verzicht auf mancherlei Möglichkeiten einer solchen, und die zeitweilige
Duldung der Unlust auf dem langen Umwege zur Lust fordert und durchsetzt. Das
Lustprinzip bleibt dann noch lange Zeit die Arbeitsweise der schwerer »erziehba-
ren« Sexualtriebe, und es komt immer wieder vor, daß es, sei es von diesen letzteren
aus, sei es im Ich selbst, das Realitätsprinzip zum Schaden des ganzen Organismus
überwältigt.
Es ist indeß unzweifelhaft, daß /die Ablösung des Lustprinzips durch/ das
Realitätsprinzip nur für einen geringen und nicht für den intensivsten Teil der

a
Im Ms. zunächst: nicht immer der Lusttendenz. Durch Umstellungszeichen korri-
giert.
70 Sigmund Freud

Unlusterfahrungen verantwortlich gemacht werden kann. Eine andere, nicht


weniger gesetzmäßige, Quelle der Unlustentbindung ergiebt sich aus den Kon-
flikten und Spaltungen im seelischen Apparat, während das Ich seine Entwick-
lung zu höher zusamengesetzten Organisationen durchmacht. Fast alle Energie,
die den Apparat erfüllt, stamt aus den mitgebrachten Triebregungen, aber diese
werden nicht alle zur /den/ gleichen Entwicklungsphasen zugelassen. Unterwegs
geschieht es immer wieder, daß einzelne Triebe oder Triebanteile sich in ihren
Zielen oder Ansprüchen als unverträglich mit den übrigen erweisen, die sich zu
der umfassenden Einheit des Ichs zusamenschließen können. Sie werden dann
von dieser Einheit durch den Prozeß der Verdrängung abgespalten, auf niedrige-
ren Stufen der psychischen Entwicklung zurückgehalten und zunächst von der
Möglichkeit einer Befriedigung abgesch nitten. Gelingt es ihnen dann, was bei den
verdrängten Sexualtrieben so leicht geschieht, sich auf Umwegen zu einer direk-
ten oder Ersatzbefriedigung durchzuringen, so wird dieser Erfolg, der sonst eine
Lustmöglichkeit gewesen wäre, vom Ich als Unlust empfunden. Infolge des alten
in die Verdrängung auslaufenden Konflikts hat das Lustprinzip einen neuerli-
chen Durchbruch erfahren, gerade während gewiße Triebe am Werke waren, in
Befolgung des Prinzips neue Lust zu gewinnen. /Die/ Einzelheiten des Vorganges,
durch welchen die Ver[4]drängung eine Lustmöglichkeit in eine Unlustquelle ver-
wandelt, sind noch nicht gut verstanden oder nicht klar darstellbar, aber sicherlich
ist alle neurotische Unlust von solcher Art, ist Lust, die nicht als solche empfunden
werden kann.
Die beiden hier angezeigten Quellen der Unlust decken noch lange nicht die
Mehrzal unserer Unlusterlebniße, aber vom Rest wird man mit einem Anschein von
gutem Recht behaupten, daß sein Vorhandensein der Herrschaft des Lustprinzips
nicht widerspricht. Die meiste Unlust, die wir verspüren, ist ja Wahrnehmungs-
unlust, entweder Wahrnehmung des Drängens unbefriedigter Triebe oder äußere
Wahrnehmung, sei es, daß diese an sich peinlich ist, oder daß sie unlustvolle Erwar-
tungen im seelischen Apparat erregt[,] von ihm als »Gefahr« erkannt wird. Die Re-
aktion auf diese Triebansprüche und Gefahrdrohungen, in der sich die eigentliche
Tätigkeit des seelischen Apparats äußert, kann dann in korrekter Weise vom Lust-
prinzip oder dem es modifizirenden Realitätsprinzip geleitet werden. Somit scheint
es nicht notwendig, eine weitergehende Einschränkung des Lustprinzips anzuer-
kennen, und doch kann gerade die Untersuchung der seelischen Reaktion auf die
äußerliche Gefahr neuen Stoff und neue Fragestellungen zu derm hier behandelten
Frage /Problem/ liefern.

II.

Nach schweren mechanischen Erschütterungen, Eisenbahnzusamenstößen und


anderen mit Lebensgefahr verbundenen Unfällen ist seit langem ein Zustand be-
schrieben worden, dem dann der Name »traumatische Neurose« verblieben ist. Der
schreckliche, eben jetzt abgelaufene Krieg hat eine große Anzal solcher Erkrankun-
gen entstehen lassen und wenigstens der Versuchung ein Ende gesetzt, sie auf or-
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 71

ganische Schädigung des Nervensystems durch Einwirkung mechanischer Gewalt


zurückzuführen.* Das Zustandsbild der traumatischen Neurose nähert sich der

* Vgl. Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen, mit Beiträgen von Ferenczi, Abra-
ham, Simmel und E. Jones. Band I der Internat. psychoanalytischen Bibliothek,
1919

Hysterie durch seinen Reichtum an ähnlichen motorischen Symptomen, übertrifft


diese /aber/ in der Regel durch die stark ausgebildeten Anzeichen subjektiven Lei-
dens, etwa wie bei[x] einer Hypochondrie oder Melancholie, und durch die Beweise
einer weit umfassenderen allgemeinen [5] Schwächung und Zerrüttung der seeli-
schen Leistungen. Ein Verständnis ist bisher weder für die Kriegsneurosen noch
für die traumatischen Neurosen des Friedens erzielt worden. Bei den Kriegsneuro-
sen wirkte es einerseits aufklärend, aber doch wiederum verwirrend, daß dasselbe
Krankheitsbild gelegentlich ohne Mithilfe einer groben mechanischen Gewalt zu
Stande komen konnte; an der gemeinen traumatischen Neurose heben sich zwei
Züge hervor, an welche die Überlegung anknüpfen konnte, erstens daß das Haupt-
gewicht der Verursachung auf das Moment der Überraschung, auf den Schreck, zu
fallen schien, und zweitens, daß eine gleichzeitig erlittene Verletzung oder Wunde
zumeist der Entstehung der Neurose entgegenwirkte.
Schreck, Furcht, Angst werden mit Unrecht wie synonyme Ausdrücke ge-
braucht; sie lassen sich in ihrer Beziehung zur Gefahr gut auseinanderhalten. Angst
bezeichnet einen bestimten /gewißen/ Zustand von Erwartung der Gefahr und Vor-
bereitung auf dieselbe, mag sie auch eine unbekannte sein; Furcht verlangt ein be-
stimtes Objekt, vor dem man sich fürchtet; Schreck aber benennt den Zustand, in
den man gerät, wenn man in Gefahr komt, ohne auf sie vorbereitet zu sein, betont
das Moment der Überraschung. Ich glaube nicht, daß die Angst eine traumatische
Neurose erzeugen kann; an der Angst ist etwas, was gegen den Schreck und also
auch gegen die Schreckneurose schützt. Wir werden auf diesen Satz später zurück-
komen.
Das Studium des Traumes dürfen wir als den zuverlässigsten Weg zur Erfor-
schung der seelischen Tiefenvorgänge betrachten. Nun zeigt das Traumleben der
traumatischen Neurose den Charakter, daß es den Kranken immer wieder in die
Situation seines Unfalles zurückführt, aus der er mit neuem Schreck erwacht. Dar-
über verwundert man sich viel zu wenig. Man meint, es sei eben ein Beweis für die
Stärke des Eindrucks, den das traumatische Erlebnis gemacht hat, daß dies /es/ sich
dem Kranken sogar im Schlaf imer wieder aufdrängt. Der Kranke sei an das Trau-
ma sozusagen psychisch fixirt. Solche Fixirungen an das Erlebnis, welches die Er-
krankung ausgelöst hat, sind uns seit langem bei der Hysterie bekannt. Breuer und
Freud äußerten 1893: Die Hysterischen leiden großenteils an Reminiszenzen. Auch
bei den Kriegsneurosen haben [6] Beobachter wie Ferenczi und Simmel manche mo-
torische Symptome durch Fixirung an den Moment des Traumas erklären können.
Allein es ist mir nicht bekannt, daß die an traumatischer Neurose Krankenden
sich im Wachleben viel mit der Erinnerung an ihren Unfall beschäftigen. Vielleicht
bemühen sie sich eher, nicht an ihn zu denken. Wenn man es /als/ selbstverständ-
lich hinnimt, daß der nächtliche Traum sie wieder in die krank/machende/ Situation
72 Sigmund Freud

versetzt, so verkennt man die Natur des Traumes. Dieser würde es eher entspre-
chen dem Kranken Bilder aus der Zeit der Gesundheit oder der erhofften Gene-
sung vorzuführen. Sollen wir durch die Träume der Unfallsneurotiker nicht an der
wunscherfüllenden Tendenz des Traumes irre werde, so bleibt uns etwa noch die
Auskunft, bei diesem Zustand sei wie so vieles andere auch die Traumfunktion er-
schüttert und von ihren Absichten abgelenkt worden.
Ich habe nun die Absicht mache nun den Vorschlag, das düstere und dunklea
Thema der traumatischen Neurose zu verlassen und die Arbeitsweise des seelischen
Apparats an einer sehr /seiner/ frühzeitigsten normalen Betätigungen zu studieren.
Ich meine das Kinderspiel.
Die verschiedenen Theorien des Kinderspiels sind erst kürzlich von S. Pfeiferb in
der Imago zusamengestellt und analytisch gewürdigt worden; ich kann hier auf die-
se Arbeit verweisen. Diese Theorien bemühen sich, die Motive des Spielens der Kin-
der zu erraten, ohne daß dabei der oekonomische Gesichtspunkt, die Rücksicht auf
Lustgewinn, in den Vordergrund gerückt würde. Ich habe, ohne das Ganze dieser
Erscheinungen umfassen zu wollen, eine Gelegenheit ausgenützt, die sich mir bot,
um das erste selbstgeschaffene Spiel eines Knaben im Alter von 1½ Jahren aufzu-
klären. Es war mehr als eine flüchtige Beobachtung, denn ich lebte durch einige Wo-
chen mit dem Kinde und dessen Eltern unter einem Dach, und es dauerte ziemlich
lange, bis das rätselhafte und ausdauernd wiederholte Thun mir seinen Sinn verriet.
Das Kind war in seiner intellektuellen Entwicklung keineswegs voreilig, es
sprach mit 1½ Jahren erst wenige verständliche Worte und verfügte außerdem über
mehrere bedeutungsvolle Laute, die von der Umgebung verstanden wurden. Aber
es war in gutem Rapport mit den Eltern und dem einzigen Dienst[7]mädchen und
wurde wegen seines »anständigen« Charakters gelobt. Es störte die Eltern nicht zur
Nachtzeit, befolgte gewissenhaft /die/ Verbote, manche Gegenstände zu berühren
und in gewiße Räume zu gehen, und vor allem anderen, es weinte nie, wenn die
Mutter /es/ für Stunden verließ, obwol es dieser Mutter zärtlich anhieng, die das
Kind nicht nur selbst genährt, sondern auch ohne jede fremde Beihilfe gepflegt und
betreut hatte. Dieses brave Kind zeigte nun die gelegentlich störende Gewohnheit,
alle kleinen Gegenstände, deren es habhaft wurde, weit weg von sich in eine Zimer-
ecke, unter ein Bett u.s.w. zu schleudern, so daß das Zusamensuchen seines Spiel-
zeugs oft keine leichte Arbeit war. Dabei brachte es mit dem Ausdruck von Interesse
und Befriedigung ein lautes, lang gezogenes oooo hervor, das nach dem übereinsti-
menden Urteil der Mutter und des Beobachters /keine Interjektion war/ /sondern/
»Fort« bedeutete. Ich merkte endlich, daß das ein Spiel sei, und daß all das Kind all
seine Spielsachen nur dazu benütze, mit ihnen »sie sind fort« /»fortsein«/ zu spielen.
Eines Tages machte ich dann eine /die/ Beobachtung, die meine Auffassung be-
stätigte. Das Kind hatte eine Holzspule, die mit einem Bindfaden umwickelt war. Es
wurd fiel ihm nie ein,c sie /zB./ am Boden hinter sich herzuziehen, also Wagen mit

a
Im Ms. zunächst: dunkle und düstere. Durch Umstellungszeichen korrigiert.
b
Ms.: Pfeiffer.
c
Gestrichen: zB.; das folgende »Wagen mit ihr zu spielen« durch Umstellungszeichen
verschoben.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 73

ihr zu spielen; sonderna es warf die am Faden gehaltene Spule mit großem Geschick
über den Rand seines verhängten Bettchens, sagte d so daß sie darin verschwand,
sagte dazu sein bedeutungsvolles oooo und zog dann die Spule am Faden wieder
aus dem Bett heraus, begrüßte aber deren Erscheinen /jetzt/ mit einem freudigen:
Da. Das war also das komplette Spiel, Verschwinden und Wiederkomen, wovon
man zumeist nur den ersten Akt zu sehen bekam, und dieser wurde für sich allein
unermüdlich als Spiel wiederholt, obwol die größere Lust unzweifelhaft dem zwei-
ten Akt anhieng.
Die Deutung des Spieles lag dann nahe. Es war im Zusamenhang mit der gro-
ßen kulturellen Leistung des Kindes, mit dem von ihm zu Stande gebrachten Trieb-
verzicht (Verzicht auf Triebbefriedigung), das Fortgehen der Mutter ohne Sträuben
zu gestatten. Es entschädigte sich gleichsam dafür, indem es dasselbe Verschwin-
den und Wiederkomen selbst mit den ihm [8] erreichbaren Gegenständen selbst in
Szene setzte. Für die affektive Einschätzung dieses Spieles ist es natürlich gleich-
giltig, ob das Kind es selbst erfunden oder /sich/ infolge einer Anregung zu eigen
gemacht hatte. Unser Interesse wird sich einem anderen Punkte zuwenden. Das
Fortgehen der Mutter kann dem Kinde unmöglich angenehm oder auch nur gleich-
giltig gewesen sein. Wie stimt es also zum Lustprinzip, daß es dieses ihm peinliche
Erlebnis als Spiel wiederholt? Man wird vielleicht antworten wollen, das Fortge-
hen müßte als Vorbedingung des erfreulichen Wiedererscheinens gespielt werden,
im letzteren sei die eigentliche Spielabsicht gelegen. Dem würde die Beobachtung
widersprechen, daß der erste Akt, das Fortgehen, für sich allein als Spiel inszenirt
wurde und zwar ungleich häufiger als das bis zum lustvollen Ende fortgeführte
Ganze.
Die Analyse eines solchen einzelnen Falles ergiebt keine sichere Entscheidung.
Bei unbefangener Betrachtung gewinnt man den Eindruck, daß das Kind das Er-
lebnis aus einem anderen Motiv /als Spiel/ wiederholt:b Es war dabei passiv, wurde
vom Erlebnis betroffen und bringt sich nun /in/ eine aktive Rolle, indem es dassel-
be, trotzdem es unlustvoll war, als Spiel wiederholt. Dieses Bestreben könnte man
einem Bemächtigungstrieb zurechnen, der sich davon unabhängig macht, ob die
Erinerung an sich lustvoll war oder nicht. Man kann aber auch eine andere Deu-
tung versuchen. Das Wegwerfen des Gegenstandes, so daß er »fort« ist, könnte die
Befriedigung eines im Leben unterdrückten Ha[?] Racheimpulses gegen die Mutter
sein, weil sie vom Kinde fortgegangen ist, und dann die trotzige Bedeutung haben:
Ja, geh nur fort, ich brauch dich nicht, ich schick dich selber weg. Diesselbe Kind,
das ich mit 1½ Jahren bei seinem ersten Spiel beobachtete, pflegte ein Jahr später ein
Spielzeug, über das es sich geärgert hatte, auf den Boden zu werfen und dabei zu
sagen: Geh in K(r)ieg! Man hatte ihm damals erzält, der abwesende Vater befinde
sich im Krieg, und es vermißte den Vater gar nicht, sondern gab die deutlichsten
Anzeichen von sich, daß es im Alleinbesitz der Mutter nicht gestört werden wolle.
Wir wissen auch von anderen [9] Kindern, daß sie ähnliche feindselige Regungen

a
Im Ms.: Sondern.
b
Doppelpunkt undeutlich; vielleicht nur Punkt.
74 Sigmund Freud

durch das Wegschleudern von Gegenständen, an Stelle der Personen, auszudrücken


vermögen.* Man gerät so in Zweifel, ob der Drang etwas Eindrucksvolles psychisch

* Vgl: Eine Kindheitserinnerung aus »Dichtung und Wahrheit«, Imago 1917,


Samlg kl. Schr. zur Neurosenlehre, IV. Folge.

zu verarbeiten, sich seiner voll zu bemächtigen, sich primär und unabhängig vom
Lusttrieb äußern kann. Im hier diskutirten Falle könnte er einen unangenehmen
Eindruck doch nur darum im Spiel wiederholen, weil mit dieser Wiederholung ein
andersartiger, aber direkter Lustgewinn verbunden ist.
Auch die weitere Verfolgung des Kinderspiels hilft diesem unseren Schwanken
zwischen zwei Auffassungen nicht ab. Man sieht, daß die Kinder alles im Spiel wie-
derholen, was ihnen im Leben großen Eindruck gemacht hat, daß sie dabei die Stär-
ke des Eindrucks abreagiren und sich sozusagen zu Herren der Situation machen.
Aber anderseits ist es klar genug, daß all ihr Spielen unter dem Einfluß des Wun-
sches steht, der diese ihre Zeit dominirt, des Wunsches: groß zu sein und so thun zu
können wie die Großen. Man macht auch die Beobachtung, daß der Unlustcharakter
des Erlebnißes es nicht immer für das Spiel unbrauchbar macht. Wenn der Doktor
dem Kind in den Hals geschaut oder eine kleine Operation an ihm gemacht hat, so
wird dies erschreckende Erlebnis ganz gewiß zum Inhalt des nächsten Spieles wer-
den, aber der Lustgewinn aus anderer Quelle ist dabei nicht zu übersehen. Indem
das Kind aus der Passivität des Erlebens in die Aktivität des Spieles übergeht, fügt
es einem Spielgefährten das Unangenehme zu, das ihm selbst widerfahren war, und
rächt sich so an der Person dieses Stellvertreters.
Aus diesen Erörterungen geht imerhin hervor, daß die Annahme eines besonde-
ren Nachahmungstriebes als Motiv des Spielens überflüßig ist. Schließen wir noch
die Mahnung an, daß das künstlerische Spielen und Nachahmen der Erwachsenen,
/das/ zum Unterschied vom Verhalten des Kindes,a auf die Person des Zuschau-
ers weist zielt, diesem die schmerzlichsten Eindrücke zB. in der Tragödie [10] nicht
erspart, und doch von ihm als hoher Genuß empfunden werden kann. Wir wer-
den so davon überzeugt, daß es auch unter der Herrschaft des Lustprinzips Mit-
tel und Wege genug giebt, um das an sich Unlustvolle zum Gegenstand der Erin-
nerung und seelischen Bearbeitung zu machen. Mag sich mit diesen in endlichen
Lustgewinn auslaufenden Fällen und Situationen eine oekonomisch gerichtete
Aesthetik befassen; für unsere Absichten leisten sie nichts, denn sie setzen Existenz
und Herrschaft des Lustprinzips voraus, und zeugen nicht für die Wirksamkeit von
Tendenzen jenseits des Lustprinzips, d. h. solcher die ursprünglicher als dies und
von ihm unabhängig wären.

a
Dieses Komma blieb versehentlich stehen, als die Parenthese »zum Unterschied etc.«
in einen Relativsatz umgewandelt wurde.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 75

III.

Fünfundzwanzig Jahre intensiver Arbeit haben es mit sich gebracht, daß die nächs-
ten Ziele der psychoanalytischen Technik heute ganz andere sind als zu Anfang. Zu-
erst konnte der analysirende Arzt nichts anderes er/an/streben, als das dem Kranken
verborgene Unbewußte erraten, zusamensetzen und zur rechten Zeit mitteilen. Die
Psychoanalyse war vor allem eine Deutungskunst. Da die therapeutische Aufgabe
dadurch nicht gelöst war, trat sofort die nächste Absicht auf, den Kranken zur Be-
stätigung desr Konstruktion durch seine eigene Erinnerung zu bewegen /nötigen/.
Bei diesem Bemühen fiel das Hauptgewicht auf die Widerstände des Kranken; die
Kunst war jetzt, diese baldigst aufzudecken, dem Kranken zu zeigen und ihn durch
menschliche Beeinflußung (hier die Stelle für die durch /als/ »Übertragung« wirken-
de Suggestion) zum Aufgeben der Widerstände zu bewegen.
Dann aber wurde es immer deutlicher, daß das gesteckte Ziel, die Bewußtwer-
dung des Unbewußten, auch auf diesem Wege nicht voll erreichbar ist. Der Kran-
ke kann von dem in ihm Verdrängten nicht alles erinnern, vielleicht gerade das
Wesentliche nicht, und erwirbt so keine Überzeugung von der Richtigkeit der ihm
mitgeteilten Konstruktion. Er ist vielmehr genötigt, das Verdrängte als gegenwär-
tiges Erlebnis zu wiederholen, anstatt es, wie der Arzt es lieber sähe, als ein Stück
der Vergangenheit zu erinnern. [11] Diese mit unerwünschter Treue auftretende Re-
produktion hat immer ein Stück des infantilen Sexuallebens, also des Oedipuskom-
plexes und seiner Ausläufer, zum Inhalt, und spielt sich regelmäßig auf dem Gebiet
der Übertragung, d. h. der Beziehung zum Arzt ab. Hat man es in der Behandlung
so weit gebracht, so kann man sagen, die frühere Neurose sei nun durch eine frische
Übertragungsneurose ersetzt. Der Arzt hat sich bemüht, das /den/ Bereich dieser
Übertragungsneurose möglichst einzuschränken, möglichst viel in die Erinnerung
zu drängen und möglichst wenig zur Wiederholung zuzulassen. Das Verhältnis das
sich zwischen Erinnerung und Reproduktion herstellt, ist für jeden Fall ein anderes.
In der Regel kann der Arzt dem Analysirten diese Phase der Kur nicht ersparen; er
muß ihn diese ein gewißes Stück seines vergessenen Lebens wiedererleben lassen
und hat dafür zu sorgen, daß ein Maß von Überlegenheit erhalten bleibt, kraft des-
sen die anscheinende Realitäta doch imer wieder als Spiegelung einer vergessenen
Vergangenheit erkannt wird. Gelingt dies, so ist die Überzeugung des Kranken und
der von ihr abhängige therapeutische Erfolg gewonnen.
Um diesen »Wiederholungszwang«, der sich während der psychoanalytischen
Behandlung der Neurotiker äußert, begreiflicher zu finden, muß man sich vor allem
von dem Irrtum frei machen, man habe es bei der Bekämpfung der Widerständes
mit dem »Widerstand des Unbewußten« zu thun. Das Unbewußte d. h. das Ver-
drängte leistet den Bemühungen der Kur überhaupt keinen Widerstand, es strebt ja
selbst nichts anderes an, als sich gegen den auf ihm lastenden Druck zum Bewußt-
sein und /oder/ zur Abfuhr durch die reale That durchzudringen. Der Widerstand
in der Kur geht [von] denselben höheren Schichten und Systemen des Seelenlebens
aus, die seinerzeit die Verdrängtenung durchgeführt haben. Da aber die Motive

a
Die Reihenfolge der beiden letzten Wörter war zunächst umgekehrt; korrigiert.
76 Sigmund Freud

der Widerstände, ja diese selbst erfahrungsmäßig in der Kur zunächst unbewußt


sind, werden wir gemahnt, eine Unzweckmäßigkeit unserer Ausdrucksweise zu
verbessern. Wir entgehen der Unklarheit, wenn wir nicht das Bewußte und das
Unbewußte, sondern das zusamenhängende Ich und das Verdrängte in Gegensatz
zu einander bringen. Vieles am Ich mag selbst unbewußt [12] sein; wahrscheinlich
nur einen Teil /davon/ decken wir mit dem Namen des Vorbewußten. Nach dieser
Ersetzung einer blos deskriptiven Ausdrucksweise durch eine systematische oder
dynamische können wir sagen, der Widerstand der Analysirten gehe von ihrem Ich
aus, und dann erfassen wir sofort, der Wiederholungszwang ist dem unbewußten
Verdrängten zuzuschreiben. Er konnte sich wahrscheinlich nicht eher äußern, als bis
die entgegenkomende Arbeit der Kur die Verdrängung gelockert hatte.
Es ist kein Zweifel, daß der Widerstand des bewußten und vorbewußten Ichs
im Dienste des Lustprinzips steht, er will ja die Unlust ersparen, die durch das Frei-
werden des Verdrängten erregt würde, und unsere Bemühung geht dahin, solcher
Unlust unter Berufung auf das Realitätsprinzip Zulassung zu erwirken. In welcher
Beziehung zum Lustprinzip steht aber der Wiederholungszwang, die Kraftäuße-
rung des Verdrängten? Es ist klar, daß das Meiste, was der Wiederholungszwang
wiedererleben läßt, dem Ich Unlust bringen muß, denn er fördert ja T Leistungen
verdrängter Triebregungen zu Tage, aber das ist Unlust, die wir schon gewürdigt
haben, die dem Lustprinzip nicht widerspricht, Unlust für das eine System und
gleichzeitig Befriedigung für das andere. Die neue und merkwürdige Tatsache aber,
die wir jetzt zu beschreiben haben, ist, daß der Wiederholungszwang auch solche
Erlebniße der Vergangenheit wiederbringt, die keine Lustmöglichkeit enthalten, die
auch damals nichta Befriedigungen, selbst nicht von seither verdrängten Triebre-
gungen, gewesen sein können.
Die Frühblüte des infantilen Sexuallebens war infolge der Unverträglichkeit
ihrer Wünsche mit der Realität und der Unzulänglichkeit der kindlichen Entwick-
lungsstufe zum Untergang bestimmt. Sie gieng bei den peinlichsten Anläßen unter
tief schmerzlichen Empfindungen zu Grunde; der Liebesverlust und das Mislingen
hinterließen eine dauernde Beeinträchtigung des Selbstgefüls als narzißtische Nar-
be. Die Sexualforschung, der durch die Konstitution /körperliche Entwicklung/ des
Kindes Schranken gesetzt waren, brachte es zu keinem befriedigenden Abschluß;
daher die spätere Klage: Ich kann nichts fertig bringen, mir kann nichts gelingen.
Die Li zärtliche Bindung, /meist/ an den gegen[ge]schlechtlichen Elternteil, erlag
der Enttäuschung, dem vergeblichen Warten [13] auf Befriedigung, der Eifersucht
bei der Geburt eines neuen Kindes, die unzweideutig die Untreue des oder der Ge-
liebten erwies; das/er/ eigene mit tragischem Ernst unternomene Versuch, selbst ein
solches Kind zu schaffen, mislang in beschämender Weise, die Abnahme der dem
Kleinen gespendeten Zärtlichkeit, der gesteigerte Anspruch der Erziehung, ernste
Worte und eine gelegentliche Bestrafung hatten endlich den ganz/en/ Umfang der
ihm zugefallenen Verschmähung enthüllt. Es giebt hier einige wenige Typen, die
sich regelmäßig wiederholen/finden/ und der typischen Liebe dieser Kinderzeit ein
Ende setzen.

a
Die Reihenfolge der beiden letzten Wörter war zunächst umgekehrt; korrigiert.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 77

Alle diese so unerwünschten Anläße und schmerzlichen Affektlagen werden


nun vom Neurotiker in der Übertragung wiederholt und mit großem Geschick neu
belebt. Sie streben den Abbruch der unvollendeten Kur an, sie wissen sich den
Eindruck der Verschmähung wieder zu verschaffen, den Arzt zu harten Worten
und kühlem Benehmen gegen sie [zu] nötigen, sie finden die geeigneten Objekte
für ihre Eifersucht, sie ersetzen das heiß begehrte Kind der Urzeit durch den Vor-
satz oder das Versprechen eines großen Geschenks, das meist ebensowenig real
wird wie jenes. Nichts von alledem konnte damals lustbringend sein; man sollte
meinen, es müßte heute die geringere Unlust bringen, wenn es als Erinnerung
auftauchte, als wenn es sich zum neuen Erlebnis gestaltete. Aber ein Zwang drängt
zum letzteren.
Dasselbe, was die Psychoanalyse an den Übertragungsphänomenen der Neuro-
tiker aufzeigt, kann man auch im Leben nicht neurotischer Personen wiederfinden.
Es macht bei diesen den Eindruck eines sie verfolgenden Schicksals, eines dämoni-
schen Zuges in ihrem Erleben, und die Psychoanalyse hat von Anfang an, solches
Schicksal für zum großen Teil selbstbereitet und durch frühinfantile Einflüße deter-
minirt gehalten. Der Zwang, der sich dabei äußert ist vom Wiederholungszwang
der Neurotiker nicht verschieden, wengleich diese Personen niemals die Zeichen
eines durch Symptombildung erledigten neurotischen Konflikts geboten haben.
So kennt man Personen, bei denen jede menschliche Beziehung den gleichen Aus-
gang nimt:a Woltäter, die von jedem ihrer Schützlinge, nach einiger Zeit, im Groll
verlassen werden, /so verschieden sie sonst auch sein mögen,/ denen also bestimt
scheint, alle Bitterkeiten des Undanks auszukosten; [14] Männer, bei denen jede
Freundschaft den Ausgang nimt, daß der Freund sie verrät; andere, die es unbe-
stimt oft in ihrem Leben wiederholen, eine andere Person zur großen Autorität für
sich oder auch für die Öffentlichkeit zu erheben, und diese Autorität dann nach
abgemessener Zeit selbst stürzen, um sie durch eine neue zu ersetzen; Liebende, bei
denen jedes zärtliche Verhältnis zum Weib dieselben Phasen durchmacht und zum
gleichen Ende führt usw. usw. Wir verwundern uns über diese »ewige Wiederkehr
des Gleichen« nur wenig, wenn es sich um ein aktives Verhalten des Betreffenden
handelt, und wenn wir den sich gleichbleibenden Charakterzug seines Wess We-
sens auffinden, der sich in der Wiederholung der nämlichen Ergebniße äußern muß.
Weit stärker wirken jene Fälle auf unsb, bei denen die Person etwas passiv zu erleben
scheint, worauf ihr ein Einfluß nicht zusteht, während sie doch immer nur Wieder-
holungen desselben Schicksals erlebt. Man denke zB. an die Geschichte jener Frau
die dreimal nach einander Männer heiratete, die nach kurzer Zeit erkrankten und
von ihr zu Tode gepflegt werden mußten.* Die ergreifendste poetische Darstellung
eines solchen Schicksalszuges hat Tasso im »Befreiten Jerusalem« /romantischen

* Vgl. hiezu die treffenden Bemerkungen in dem Aufsatz von C. G. Jung, Die Be-
deutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen, Jahrb. f. Psychoanalyse I
1909

a
Im Ms. wohl zuerst Komma; nicht gestrichen.
b
Die Reihenfolge der beiden letzten Wörter war zunächst umgekehrt; korrigiert.
78 Sigmund Freud

Epos/ /»Gerusalemme liberata«/ gegeben. Held Tankred hat unwissentlich die von
ihm geliebte Clorinda getödtet als sie in der Rüstung eines feindlichen Ritters mit
ihm kämpfte. Nach ihrem Begräbnis dringt er in den unheimlichen Zauberwald
ein, der das Heer der Kreuzfahrer schreckt. Dort zerhaut er einen hohen Baum mit
seinem Schwerte, aber aus der Wunde des Baumes strömt Blut, und die Stimme
Clorinda’s deren Seele in diesen Baum gebannt war, klagt ihn an, daß er wiederum
die Geliebte geschädigt hat.
Angesichts solcher Beobachtungen aus dem Verhalten in der Übertragung und
aus dem Schicksal der Menschen werden wir den Mut zur Annahme finden, daß
es im Seelenleben wirklich einen Wiederholungszwang giebt, der sich über das
Lustprinzip hinaussetzt. Wir werden jetzt auch geneigt sein, die Träume der Un-
fallsneurotiker und den Antrieb zum Spiel des Kindes auf diesen Zwang zu bezie-
hen. Allerdings müßen wir uns sagen, daß wir [15] die Wirkungen des Wiederho-
lungszwanges nur in seltenen Fällen rein, ohne Mithilfe anderer Motive, erfassen
können. Beim Kinderspiel haben wir bereits hervorgehoben, welche anderen Deu-
tungen seine Entstehung zuläßt, Wiederholungszwang und direkte lustvolle Trieb-
befriedigung scheinen sich dabei zu intimer Gemeinsamkeit zu verschränken. Die
Phänomene der Übertragung [xx] stehen offenkundig im Dienst des Widerstandes
von Seiten des auf der Verdrängung beharrenden Ichs; der Wiederholungszwang ist
/wird/ gleichsam von dem Ich, das am Lustprinzip festhalten will, zur Hilfe gerufen.
An dem, was man den Schicksalszwang nennen könnte, scheint uns vieles durch
rationelle Erwägung verständlich, so daß man ein Bedürfnis nach der Aufstellung
eines neuen geheimnisvollen Motivs Motivs nicht verspürt. Am unverdächtigsten
ist vielleicht der Fall der Unfallsträume, aber bei näherer Überlegung muß man
doch zugestehen, daß auch in den anderen Beispielen der Sachverhalt durch die
Leistung der uns bekannten Motive g nicht gedeckt wird. Es bleibt genug übrig, was
die Annahme des Wiederholungszwanges rechtfertigt, und dieser erscheint uns ur-
sprünglicher, elementarer, als das triebhafter als /das/ von ihm zur Seite geschobene
Lustprinzip.
Wenn es aber einen solchen Wiederholungszwang im Seelischen giebt, so möch-
ten wir gerne etwas darüber wissen, welcher Funktion er entspricht, unter welchen
Bedingungen er hervortreten kann, und in welcher Beziehung er zum Lustprinzip
steht, dem wir doch bisher die Herrschaft über den Ablauf der Erregungsvorgänge
im Seelenleben zugetraut haben.

IV.

Was nun folgt, ist Spekulation, oft weitausholende Spekulation, die ein jeder nach
seiner besonderen Einstellung würdigen oder vernachläßigen wird.
Die psychoanalytische Spekulation knüpft an den bei der Untersuchung unbe-
wußter Vorgänge empfangenen Eindruck an, daß das Bewußtsein nicht der allge-
meinste Charakter der seelischen Vorgänge, sondern nur eine besondere Funktion
/unter/ dernselben sein könne. In metapsychologischer Ausdrucksweise behauptet
sie, das Bewußtsein sei die Leistung eines besonderen Systems, das sie Bw benennt.
Da das Bewußtsein im Wesentlichen Wahrnehmungen von Erregungen liefert, [16]
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 79

die aus der Außenwelt komen, und Empfindungen von Lust und Unlust, die nur
aus dem Inneren des seelischen Apparates stamen können, wird /kann/ dem System
Bw=W eine räumliche Stellung zu [xx] zugewiesen werden. Es muß an der Grenze
von außen und innen liegen, der Außenwelt zugekehrt sein und die anderen psychi-
schen Systeme umhüllen. Wir bemerken dann, daß wir mit diesen Annahmen nichts
Neues gewagt, sondern uns der lokalisirenden Hirnanatomie angeschlossen haben,
welche den »Sitz« des Bewußtseins in die Hirnrinde, in die äußerste, umhüllende
Schicht des Zentralorgans verlegt.
Die Hirnanatomie braucht sich keine Gedanken darüber zu machen, warum –
anatomisch gesprochen – das Bewußtsein gerade an der Oberfläche des Gehirns
untergebracht ist anstatt wolverwahrt irgendwo im innersten Inneren desselben zu
hausen. Vielleicht bringen wir es in der Ableitung einer solchen Lage für unser Sys-
tem W=Bw weiter.
Das Bewußtsein ist nicht die einzige Eigentümlichkeit, die wir den Vorgängen in
diesem System zuschreiben. Wir stützen uns auf die Eindrücke unserer psychoana-
lytischen Erfahrung, wenn wir annehmen, daß alle Vorgänge Erregungsvorgänge in
den anderen Systemen daselbst dauernde Dauerspuren als Grundlage des Gedächt-
nißes hinterlassen, Erinnerungsreste also, die nichts mit dem Bewußtwerden zu
thun haben. Sie sind oft am stärksten und haltbarsten, wenna der sie zurücklassende
Vorgang niemals zum Bewußtsein gekomen ist. Wir finden es aber beschwerlich zu
glauben, daß solche Dauerspuren der Erregung auch im System Bw=W zu Stan-
de komen. Sie würden die Eignung des Systems zur Aufnahme neuer Erregungen
sehr bald einschränken,b* Wenn dies auch kein absolut verbindliches Argument ist,

/* Dies durchaus nach J. Breuers Auseinandersetzung im theoretischen Abschnitt


der »Studien über Hysterie«, 1895./

so mag es uns doch wenn sie imer bewußt blieben; im anderen Falle, wenn sie un-
bewußt würden, stellten sie uns vor die Aufgabe, die Existenz unbewußter Vor-
gänge in einem System zu erklären, deßen Funktioniren sonst vom Phänomenc des
Bewußtseins begleitet wird. Wir hätten sozusagen durch unsere Annahme, welche
das Bewußtwerden in ein besonderes System verweist, nichts verändert und nichts
gewonnen. Wenn dies auch keine absolut verbindliche Erwägung sein mag, so kann
sie uns doch zur Vermutung bewegen, daß Bewußtwerden und Hinterlassung einer
Gedächtnisspur für dasselbe System mit einander unverträglich sind. Wir würden
[17] so sagen können, im System Bw werde der Erregungsvorgang bewußt, hinter-
lasse aber keine Dauerspur; alle die Spuren desselben, auf welche sich die Erine-
rung stützt, kämen bei der Fortpflanzung der Erregung auf die nächsten /ineren/
Systeme in diesen zu Stande. In diesem Sinne ist auch das Schema entworfen, wel-
ches ich dem spekulativen Abschnitt meiner »Traumdeutung« 1900 eingefügt habe.
Wenn man bedenkt, wie wenig wir aus anderen Quellen über die Entstehung des
Bewußtseins wissen, wird man dem Satze, das Bewußtsein entstehe an Stelle der

a
Im Ms.: wo. Darüber steht, ohne dass »wo« gestrichen wurde: wenn.
b
Im Ms: Punkt. – Die Fußnote wie nachträglich auf den linken Rand geschrieben.
c
Ms: Phänomens.
80 Sigmund Freud

Erinnerungsspur wenigstens die Bedeutung einer irgendwie bestimten Behauptung


einräumen müßen.
Das System Bw wäre also durch die Besonderheit ausgezeichnet, daß der Erre-
gungsvorgang in ihm nicht wie in allen anderen psychischen Systemen eine dau-
ernde Veränderung der ihrer Elemente hinterläßt, sondern gleichsam im Phänomen
des Bewußtwerdens verpufft. Eine solche Abweichung von der allgemeinen Regel
fordert eine Erklärung durch ein Moment, welches ausschließlich bei diesem einen
System in Betracht komt, und dies bei den anderen Systemen abzusprechende Mo-
ment könnte leicht die exponirte Lage des Systems Bw sein, sein unmittelbares An-
stoßen an die Außenwelt.
Stellen wir uns den lebenden Organismus in seiner größtmöglichen Vereinfa-
chung vor als undifferenzirtes Bläschen /reizbarer,/ lebender Substanz; dann ist
seine der Außenwelt zugekehrte Oberfläche durch seine /ihre/ Lage selbst diffe-
renzirt und dient als reizaufnehmendes Organ. Die Embryologie als Wiederholung
der Entwicklungsgeschichte zeigt auch wirklich, daß das Zentralnervensystem aus
dem Ectoderm hervorgeht, und die graue Hirnrinde ist noch imer ein Abkömling
der primitiven Oberfläche und könnte wesentliche Eigenschaften derselben durch
Erbschaft übernomen haben. Es wäre dann leicht denkbar, daß durch den unausge-
setzten Anprall der äußeren Reize an die Oberfläche des Bläschens dessen Substanz
bis zu in eine gewiße Tiefe dauernd verändert wird, so daß ihr Erregungsvorgang
anders abläuft als in tieferen Schichten. Es bildete sich so eine Rinde, die endlich
durch die Reizwirkung so durchgebrannt ist, daß sie der Reizaufnahme die günstigs-
ten Verhältniße entgegenbringt und einer weiteren Modifikation nicht fähig ist. Auf
das System Bw [18] übertragen, würde dies h meinen, daß dessen Elemente keine
Dauerveränderung beim Durchgang der Erregung mehr annehmen können, weil sie
bereits aufs äußerste im Sinne dieser Veränderung /Wirkung/ modifizirt sind. Dann
sind sie aber befähigt das Bewußtsein entstehen zu lassen. Worin diese Modifikation
der Substanz und des Erregungsvorganges in ihr besteht, darüber kann man sich
mancherlei Vorstellungen machen, die sich der Prüfung derzeit entziehen. Man kann
annehmen, die Erregung habe bei ihrem Fortgang von einem Element zum anderen
einen Widerstand zu überwinden und diese Verringerung des Widerstandes setze
eben die Dauerspur der Erregung (Bahnung); im System Bw bestünde also ein sol-
cher Übergangswiderstand zum[?] von einem Element zum anderen nicht mehr. Man
kann mit dieser Vorstellung die Breuer’sche Unterscheidung von ruhender (gebun-
dener) und frei beweglicher Besetzungsenergie in den Elementen der psychischen
Systeme zusammenbringen;* die Elemente des Systems Bw würden dann keine

* Studien über Hysterie von J. Breuer u S. Freud 3 Auflage, 1917.

gebundene und /nur/ frei abfuhrfähige Energie führen. Aber ich meine, vorläufig
ist es besser, wenn man /sich/ über diese Verhältniße möglichst unbestimt äußert.
Immerhin hätten wir durch diese Spekulationen die Entstehung des Bewußtseins in
einen gewißen Zusamenhang mit der Lage des Systems Bw und demn ihm zuzu-
schreibenden Besonderheiten des Erregungsvorganges verflochten.
An dem lebenden Bläschen mit seiner reizaufnehmenden Rindenschichte ha-
ben wir noch anderes zu erörtern. Dieses Stückchen lebender Substanz schwebt in-
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 81

mitten einer mit den stärksten Energien geladenen Außenwelt und würde von den
Reizwirkungen derselben erschlagen werden, wenn es /nicht/ mit einem Reizschutz
versehen wäre. Es bekommt ihn dadurch, daß seine äußerste Oberfläche die dem
Lebenden zukommende Struktur aufgiebt, gewißermaßen anorganisch wird und
nun als eine besondere Hülle oder Membran reizabhaltend wirkt, d. h. veranlaßt,
daß die Energien der Außenwelt sich nur mit einem Bruchteil ihrer Intensität auf die
nächsten, lebend gebliebenen Schichten fortsetzen können. Diese können nun hin-
ter dem Reizschutz sich der Aufnahme der durchgelassenen Reizmengen widmen.
Die Außen[19]schicht hat aber durch ihr Absterben alle tieferen vor dem gleichen
Schicksal bewahrt, wenigstens so lange, bis nicht Reize von solcher Stärke heran-
komen daß sie den Reizschutz durchbrechen. Für den lebenden Organismus ist der
Reizschutz eine beinahe wichtigere Aufgabe als die Reizaufnahme; er ist mit einem
eigenen Energievorrat ausgestattet und muß vor allem bestrebt sein, die besonde-
ren Formen der Energieumsetzung, die in ihm spielen, vor dem /gleichmachenden,
also/ zerstörenden Einfluß der übergroßen, draußen arbeitenden Energien zu be-
wahren. Die Reizaufnahme dient vor Allem der Absicht, Richtung und Quali Art
der äußeren Er Reize zu erfahren, und dazu muß es genügen, der Außenwelt kleine
Proben zu entnehmen, sie in geringen Quantitäten zu verkosten. Bei den hochent-
wickelten Organismen hat sich die reizaufnehmende Rindenschicht des einstigen
Bläschens längst in die Tiefe des Körperinnern zurückgezogen, aber Anteile von ihr
sind an der Oberfläche unmittelbar unter dem allgemeinen Reizschutz zurückgelas-
sen. Dies sind die Sinnesorgane, die im Wesentlichen Einrichtungen zur Aufnahme
beson spezifischer Reizeinwirkungen enthalten, aber außerdem besondere Vorrich-
tungen zum neuerlichem Schutz gegen übergroße Reizmengen und zur Abhaltung
unangemessener Reizarten. Es ist für sie charakteristisch, daß sie nur sehr geringe
Quantitäten des äußeren Reizes verarbeiten, sie nehmen nur Stichproben der Au-
ßenwelt vor, vielleicht darf man sie Fühlern vergleichen, die sich an die Außenwelt
herantasten und dann imer wieder von ihr zurückziehen.
Ich gestatte mir an dieser Stelle, ein Thema flüchtig zu berühren welches die
gründlichsten Behandlung verdienen würde. Der Kant’sche Satz, daß Zeit und
Raum notwendige Fo[x] Formen unseres Denkens sind, kann heute infolge gewißer
psychoanalytischer Erkenntniße einer Diskussion unterzogen werden. Wir haben
erfahren, daß die unbewußten Seelenvorgänge an sich »zeitlos« sind. Das heißt zu-
nächst, daß sie nicht zeitlich geordnet werden, daß die Zeit nichts an ihnen verän-
dert, daß man die Zeitvorstellung nicht an sie heranbringen kann. Es sind dies nega-
tive Charaktere, die man sich nur durch Vergleichung mit den bewußten seelischen
Prozeßen deutlich machen kann. Unsere abstrakte Zeitvorstellung scheint vielmehr
durchaus an[?] von der Arbeitsweise [20] des Systems Bw=W hergeholt zu sein und
einer Selbstwahrnehmung derselben zu entsprechen. Die Bei dieser Funktionsweise
des Systems dürfte ein anderer Weg des Reizschutzes beschritten werden. Ich weiß,
daß diese Behauptungen sehr dunkel klingen, muß mich aber auf solche Andeutun-
gen beschränken. [(]Die andere Abstraktion, die sich an das Funktioniren von Bw
anknüpfen läßt, ist aber nicht Raum, sondern Stoff, Substanz.)a

a
Die Platzierung der fehlenden, diese Schlussklammer ergänzenden Anfangsklam-
82 Sigmund Freud

Wir haben bisher ausgeführt, daß das lebende Bläschen mit einem Reizschutz
gegen die Außenwelt ausgestattet ist. Vorhin hatten wir festgelegt, daß die nächste
Rindenschicht desselben als Organ zur Reizaufnahme von außen differenzirt sein
muß. Diese empfindliche Rindenschicht, das spätere System Bw, empfängt aber
auch Erregungen von innen her; die Stellung des Systems zwischen außen und [xx]
innen, und die Verschiedenheit der Bedingungen für die Einwirkung von der einen
und der anderen Seite werden maßgebend für die Leistung des Systems und des
ganzen seelischen Apparats. Gegen außen giebt es einen Reizschutz, die ankomen-
den Erregungsgrößen werden nur in verkleinertem Maßstab wirksam; nach inen
zu ist ein Reizschutz unmöglich, die Erregungen der tieferen Schichten setzen sich
direkt und in unverringertem Maß auf das System fort, indem sie gewiße Charak-
tere ihres Ablaufs die Reihe der Lust-Unlustempfindungen erzeugen. Allerdings
werden die von inen komenden Erregungen /nach/ ihrer Intensität und nach an-
deren qualitativen Charakteren (eventuell nach ihrer Amplitude) der Arbeitsweise
des Systems adaequater sein als die von der Außenwelt zuströmenden Reize. Aber
zweierlei ist durch diese Verhältniße entscheidend bestimmt, erstens die Praevalenz
der Lust-Unlustempfundenenindungen, die ein Index für Vorgänge im Innern des
Apparats sind, über alle äußeren Erreg Reize, und zweitens eine Richtung des Ver-
haltens gegen /solche/ innere Erregungen, welche allzu große Unlustvermehrung
herbeiführen. Es wird sich die Neigung ergeben, sie so zu behandeln, als ob sie
nicht von außen /inen/ sondern von außen her einwirkten, um die Abwehrmittel des
Reizschutzes gegen sie in Anwendung bringen zu können. Dies ist die Herkunft der
Projektion, der eine so große Rolle bei der Verursachung pathologischer Prozeße
vorbehalten ist.
[21] Ich habe den Eindruck, daß wir /uns/ durch die letzten Überlegungen die
Herrschaft des Lustprinzips unserem Verständnis angenähert haben; eine Aufklä-
rung jener Fälle, die sich ihm widersetzen, haben wir aber nicht erreicht. Gehen wir
darum einen Schritt weiter.
Solche Erregungen /von Außen/, welche stark genug sind, den Reizschutz gegena
zu durchbrechen, heißen wir traumatische. Ich glaube, daß der Begriff des Traumas
eine solche Beziehung auf einen sonst wirksame Reizabhaltung erfordert. Ein Vor-
komnis wie das äußere Trauma wird gewiß eine großartige Störung im Energiebe-
trieb des Organismus hervorrufen und alle Abwehrmittel in Bewegung setzen. Aber
das Lustprinzip ist dabei zunächst außer Kraft gesetzt. Die Überschwemung des
seelischen Apparates mit großen Reizmengen ist nicht mehr hintanzuhalten; es er-
giebt sich vielmehr eine andere Aufgabe, /den Reiz zu bewältigen,/ die hereingebro-
chenen Reizmengen psychisch zu binden, um sie dann der Erledigung zuzuführen.
Wahrscheinlich ist die spezifische Unlust des körperlichen Schmerzes der Er-
folg der R davon, daß der Reizschutz an einer einzelnen Stelle /in beschränktem
Umfang/ durchbrochen wurde. Von dieser Stelle der Peripherie strömen dann dem

mer ist unklar; denkbar wäre auch vor »Substanz«. Das Satzzeichen nach »Stoff« lässt
sich nicht sicher bestimmen.
a
Im Ms. folgt hier »Außen«, das durch »von« ergänzt mit Korrekturzeichen in die
Zeile darüber verschoben wurde.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 83

seelischen Zentralapparat kontinuirliche Erregungen zu, wie sie sonst nur aus dem
Inneren des Apparats kommen konnten.* Und was können wir als die Reaktion des

* Vgl Triebe und Triebschicksale. Samlg kl. Schriften zur Neurosenlehre IV. 1918.

Seelenlebens auf diesen Einbruch erwarten? Von allen Seiten her wird die Beset-
zungsenergie aufgeboten, um in der Umgebung der Einbruchstelle entsprechend
hohe Energiebesetzungen zu schaffen. Es wird eine großartige »Gegenbesetzung«
hergestellt, zu deren Gunsten alle anderen psychischen Systeme verarmen, so daß
eine ausgedehnte Lähmung oder Herabsetzung der p sonstigen psychischen Leis-
tung erfolgt. Wir suchen aus solchen Beispielen zu lernen, unsere metapsychologi-
schen Vermutungen an solche Vorbilder anzulehnen. Wir ziehen also aus diesem
Verhalten den Schluß, daß ein selbst hochbesetztes System im Stande ist, neu hinzu
komende strömende Energie aufzunehmen, sie in ruhende Besetzung umzuwan-
deln, also sie psychisch zu »binden«. Je höher die eigene ruhende Besetzung ist,
desto größer [22] wäre auch ihre bindende Kraft; umgekehrt also, je niedriger di[?]
seine Besetzung ist, desto weniger wird das System für die Aufnahme zuströmen-
der Energie befähigt sein, desto gewaltsamer müßen dann die Folgen eines solchen
Durchbruches des Reizschutzes sein. Man wird gegen diese Auffassung nicht mit
Recht einwenden, daß die Erhöhung der GegenbBesetzung/en/ um die Einbruchs-
stelle sich weit einfacher aus der direkten Fortleitung der ankomenden Erregungs-
mengen erkläre. Wenn dem so wäre, so würde der seelische Apparat ja nur eine
Vermehrung seiner Energiebesetzungen erfahren, und der lähmende Charakter des
Schmerzes, die Verarmung aller anderen Systeme bliebe unaufgeklärt. /Auch/ Ddie
sehr heftigen Abfuhrwirkungen des Schmerzes stören unsere Erklärung nicht, denn
sie gehen reflektorisch vor sich, d. h. sie erfolgen ohne Vermittlung des seelischen
Apparats. Die Unbestimtheiten all unserer Erörterungen, die wir metapsychologi-
sche heißen, rührt d natürlich daher, daß wir nichts über die Natur des Erregungs-
vorganges in den Elementen der psychischen Systeme f wissen und uns zu keiner
Annahme darüber berechtigt fühlen. So operiren wir also stets mit einem großen X,
welches wir in jede neue Formel mit hinübernehmen. Daß dieser Vorgang sich mit
quantitativ verschiedenen Energien vollzieht, ist eine leicht zulässige Forderung,
daß er auch mehr als eine Qualität (z. B. in der Art einer Amplitude) hat, mag uns
wahrscheinlich sein; als neu haben wir die Aufstellung Breuers b in Betracht gezo-
gen, daß es sich um zweierlei Arten Formen der Energieerfüllung handelt, so daß
eine frei strömende, nach Abfuhr drängende und /[xx]/ eine ruhende Besetzung der
psychischen Systeme (oder ihrer Elemente) zu unterscheiden ist. Vielleicht geben
wir der Vermutung Raum, daß die »Bindung« der in den seelischen Apparat ein-
strömenden Energie in einer Überführung aus dem frei strömenden in den ruhen-
den Zustand besteht.
Ich glaube, man darf den Versuch wagen, die gemeine traumatische Neurose als
die Folge eines ausgiebigen Durchbruchs des Reizschutzes aufzufassen. Damit wäre
die alte, naive Lehre vom Schoka in ihre Rechte eingesetzt, anscheinend im Gegen-
satz zu einer späteren und psychologisch anspruchsvolleren, welche [23] nicht der

a
Korrigiert aus: Shok.
84 Sigmund Freud

mechanischen Gewalteinwirkung sondern dem Schreck und der Lebensbedrohung


die aetiologische Bedeutung zuspricht. Allein diese Gegensätze sind nicht unver-
söhnlich, und die psychoanalytische Auffassung der traumatischen Neurose ist mit
der rohesten Form der Shoktheorie nicht identisch. Versetzt letztere das Wesen des
Shoks in die direkte Schädigung der molekularen Struktur, der oder selbst der his-
tologischen Struktur der nervösen Elemente, so suchen wir dessen Wirkung aus der
Durchbrechung des Reizschutzes für das Seelenorgan und aus den daraus sich erge-
benden Aufgaben zu verstehen.a Der Schreck behält seine Bedeutung auch für uns.
Seine Bedingung ist das Fehlen der Angstbereitschaft, welche die Überbesetzung
der den Reiz zunächst aufnehmenden Systeme einschließt. In Folge dieser niedri-
geren Besetzung sind diese Systeme dann nicht gut im Stande die ankomenden Er-
regungsmengen zu binden, der Durchbruch des die Folgen der Durchbrechung des
Reizschutzes stellen sich um sovieles leichter h ein. Wir finden so, daß die Angst-
bereitschaft mit der Überbesetzung der aufnehmenden Systeme die letzte Linie des
Reizschutzes darstellt. Für eine ganze Anzal von Traumen mag der Unterschied
zwischen demn unvorbereiteten und den durch Überbesetzung vorbereiteten Sys-
temen das für den Ausgang entscheidende Moment sein; von einer gewißen Stärke
des Traumas an wird er wol nicht mehr ins Gewicht fallen.
Wenn die Träume der Unfallsneurotiker die Kranken so regelmäßige in die Si-
tuation des Unfalls zurückführen, so dienen sie damit allerdings nicht der Wunsch-
erfüllung, deren halluzinatorische Herbeiführung ihnen unter der Herrschaft des
Lustprinzips zur Funktion geworden ist. Aber wir dürfen annehmen, daß sie sich
dadurch einer anderen Aufgabe zur Verfügung stellen, deren Lösung vorangehen
muß, ehe das Lustprinzip seine Herrschaft beginnen kann. Diese Träume suchen
die Reizbewältigung unter Angstentwicklung nachzuholen, deren Unterlassung die
Ursache der traumatischen Neurose geworden ist. Sie geben uns so einen Ausblick
auf eine Funktion des seelischen Apparats, welche, ohne dem Lustprinzip zu wi-
dersprechen doch unabhängig von ihm ist und ursprünglicher scheint als die Ab-
sicht des Lustgewinns und der Unlustvermeidung. [24] Von den »Kriegsneurosen«,
soweit diese Bezeichnung mehr als die Beziehung zur Veranlassung des Leidens
bedeutet, habe ich an anderer Stelle ausgeführt, daß sie sehr wol traumatische Neu-
rosen sein könnten, die durch einen Ichkonflikt erleichtert worden sind.*

* Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Einleitung. Internationale psychoanaly-


tische Bibliothek Bd I. 1919.

V.

Der Mangel eines Reizschutzes für die reizaufnehmende Rich Rindenschichtb gegen
Erregungen von innen her wird die Folge haben müßen, daß diese Reizübertragun-
gen die größere oekonomische Bedeutung gewinnen und häufig zu oekonomischen

a
Im Ms. folgt möglicherweise ein neuer Absatz.
b
Am Ende des Worts zwei weitere Buchstaben. Der zweite (nicht zu identifizieren)
sicher, der erste (ein e) möglicherweise gestrichen.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 85

Störungen Anlaß geben, die den traumatischen Neurosen gleichzustellen sind. Die
ausgiebigsten Quellen solch innerer Erregung sind die sogenannten Triebe des Or-
ganismus, die Repraesentanten aller aus dem Körperinnern stamenden, auf den
seelischen Apparat übertragenen Kraftwirkungen, selbst das wichtigste wie das
dunkelste Element der psychologischen Forschung.
Vielleicht finden wir die Annahme nicht zu gewagt, daß die von den Trieben
ausgehenden Regungen nicht den Typus des gebundenen, sondern den des frei be-
weglichen, nach Abfuhr drängenden Nervenvorganges einhalten. Das Beste, was
wir über diese Vorgänge wissen, rührt aus dem Studium der Traumarbeit her. Dabei
fanden wir, daß die Prozeße in den unbewußten Systemen von denen imn /den/
(vor)bewußten gründlich verschieden sind, daß im Unbewußten Besetzungen leicht
/vollständig/ übertragen, verschoben, verdichtet werden können, was nur fehlerhaf-
te Resultate ergeben könnte, wenn es an vorbewußtem Material geschähe, und was
darum auch die bekannten Sonderbarkeiten des manifesten Traumes ergiebt, nach-
dem die vorbewußten Tagesreste die Bearbeitung nach den Gesetzen des Unbewuß-
ten erfahren haben. Ich nannte die Art dieser Prozeße im Unbewußten den /psychi-
schen/ »Primärvorgang« zum Unterschied von dem für unser normales Wachleben
giltigen Sekundärvorgang. Da die Triebregungen alle an dema unbewußten System
angreifen, ist es kaum eine Neuerung zu sagen, daß sie dem Primärvorgang [25]
folgen, und anderseits gehört wenig dazu, um den psychischen Primärvorgang mitb
der frei beweglichen Besetzung, den Sekundärvorgang mit Veränderungen an der
gebundenen oder tonischen Besetzung Breuers zu identifiziren.* Es wäre dann die

* Vgl. den Abschnitt VII Psychologie der Traumvorgänge in meiner »Traumdeu-


tung.«

Aufgabe der höheren Schichten des seelischen Apparates, die im Primärvorgang


anlangende Erregung der Triebe zu binden. Das Misglücken dieser Bindung würde
eine der traumatischen Neurose analoge Störung hervorrufen; erst nach erfolgter
Bindung könntec /würde/ sich die Herrschaft des Lustprinzips (und seiner Modifi-
kation zum Realitätsprinzip[)] ungehemmt durchsetzen. Bis dahin aber würde die
andere Aufgabe des Seelenapparats, die Erregung zu bewältigen oder zu binden,
voranstehen, zwar nicht im Gegensatz zum Lustprinzip aber unabhängig /von ihm/
und zum Teil ohne Rücksicht auf dieses.
Die Äußerungen eines Wiederholungszwanges, die wir an den frühen Tätig-
keiten des kindlichen Seelenlebens und wie an den Ergebnißen der psychoanaly-
tischen Kur beschrieben haben, zeigen im hohen Grad den triebhaften, und wo sie
sich im Gegensatz zum Lustprinzip befinden, den daemonischen Charakter. Beim
Kinderspiel glauben wir es zu begreifen, daß das Kind auch das unlustvolle Erleb-
nis darum wiederholt, weil es sich durch seine Aktivität eine weit gründliche[re] Be-
wältigung des starken Eindruckes erwirbt, als beim blos passiven Erleben möglich
war. Jede W neuerliche Wiederholung scheint diese angestrebte Beherrschung zu

a
Schriftbild eher: den.
b
Dieses Wort versehentlich doppelt.
c
Zuerst gestrichen, dann Streichung rückgängig gemacht.
86 Sigmund Freud

verbessern, und auch bei lustvollen Erlebnißen kann sich das Kind an Wiederho-
lungen nicht genug thun und wird unerbittlich auf der Identität des Eindruckes be-
stehen. Dieser Charakterzug ist dazu bestimt, späterhin zu verschwinden. Ein zum
zweiten Mal angehörter Witz wird fast wirkungslos bleiben, die Wiederholung eine
Theateraufführung wird nie mehr zum zweiten Mal den Eindruck erreichen, den sie
das erste Mal hinterließ; ja der Erwachsene wird schwer zu bewegen sein, ein Buch,
das ihm sehr gefallen hat, so bald nochmals durchzulesen. Imer wird die Neuheit
die Bedingung des Genußes sein; das Kind wird nicht müde werden, vom Erwach-
senen die Wiederholung eines ihm gezeigten oder mit ihm angestellten Spieles zu
verlangen, bis dieser erschöpft es verweigert, und wenn man ihm [26] eine schöne
Geschichte erzält hat, will es imer wieder die nämliche Geschichte anstatt einer neu-
en hören[,] besteht unerbittlich auf der Identität der Wiederholung und verbessert
jede Abänderung, die sich der Erzäler zu Schulden komen läßt, mit der er sich viel-
leicht sogar ein neues Verdienst erwerben wollte. Dem Lustprinzip wird dabei nicht
widersprochen; es ist sinnfällig, daß die Wiederholung, das Wiederfinden der Iden-
tität selbst eine Lustquelle bedeutet. Beim Analysirten hingegen wird es klar, daß
der Zwang, die Begebenheiten seiner infantilen Lebensperiode in der Übertragung
zu wiederholen, sich in jeder Weise über das Lustprinzip hinaussetzt. Er benimt sich
dabei völlig wie infantil und zeigt uns so, daß die verdrängten Erinnerungsspuren
seiner urzeitlichen Erlebniße nicht im gebundenen Zustande in ihm vorhanden, ja
gewißermaßen dens Sekundärvorgangs nicht fähig sind. Dieser Ungebundenheit
verdanken sie auch ihr Vermögen, durch U[?] Anheftung an die Tagesreste eine im
Traum darzustellende Wunschphantasie zu bilden; derselbe Wiederholungszwang
tritt uns so oft als therapeutisches Hindernis entgegen, wenn wir zu Ende der Kur
die völlige Ablösung vom Arzte durchsetzen wollen, und es ist anzunehmen, daß
die dunkle Angst der mit der Analyse nicht Vertrauten, die sich scheuen irgend
etwas aufzuwecken, was man nach ihrer Meinung besser schlafen ließe, im Grunde
das Auftreten dieses daemonischen Zwanges meint. fürchtet.
Auf welche Art hängt aber das Triebhafte mit dem Zwang zur Wiederholung
zusammen? Hier muß sich uns die Idee aufdrängen, daß wir einem allgemeinen,
bisher nicht klar erkannten Charakter der Triebe, vielleicht alles organischen Lebens
überhaupt auf die Spur gekommen sind. Ein Trieb wäre also ein dem belebten Or-
ganischen innewohnender Drang zur Wiederherstellung eines früheren Zustandes,
welchen dies Belebte unter dem Einfluß äußerer Störungskräfte aufgeben mußte,
eine Art von organischer Elastizität, oder wenn man will, die Äußerung der Trägheit
im organischen Leben.
[27] Diese Auffassung des Triebes klingt befremdlich, denn wir haben uns daran
gewöhnt, im Trieb das zur Veränderung und Entwicklung drängende Moment zu
sehen, und sollen nun das gerade Gegenteil in ihm erkennen, den Ausdruck der
konservativen Natur im /des/ Lebenden. Anderseits fallen uns sehr bald jene Bei-
spiele aus dem Thierleben an /ein/, welche die historische Bedingtheit der Triebe zu
bestätigen scheinen. Wenn gewiße Fische um die Laichzeit beschwerliche Wande-
rungen unternehmen, um den Laich in bestimten Gewässern weit entfernt von ihren
sonstigen Wohnorten abzulegen so haben sie nach der Mein Deutung vieler Biolo-
gen nur die früheren Wohnstätten ihrer Art aufgesucht, die sie im Laufe der Zeit
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 87

gegen andere vertauscht hatten. Dasselbe soll für die Wanderflüge der Zugvögel
gelten, aber der Suche nach weiteren Beispielen enthebt uns bald der die Mahnung,
daß wir in den Phänomenen der Erblichkeit und in den Tatsachen der Embryolo-
gie die großartigsten Beweise für den organischen Wiederholungszwang haben.
Wir sehen, der Keim eines lebenden Thieres ist genötigt, in seiner Entwicklung die
Strukturen all der Formen, von denen das Thier abstammt – wenn auch in flüchtiger
Abkürzung – zu wiederholen,a anstatt auf dem kürzesten Wege zu seiner definiti-
ven Gestaltung zu eilen, und können dies Verhalten nur zum geringsten Teil mecha-
nisch erklären, dürfen die historische Erklärung nicht bei Seite lassen. Und ebenso
erstreckt sich weit in die Thierreihe hinauf ein Reproduktionsvermögen, welches
ein verlorenes Organ durch die Neubildung eines ihm durchaus gleichen ersetzt.
Der naheliegende Einwand, es verhalte sich wol so, daß es außer den konservati-
ven Trieben, die zur Wiederholung nötigen, auch andere giebt, die zur f Neugestal-
tung und zum Fortschritt drängen, darf gewiß nicht unberücksichtigt bleiben. Aber
vorher mag es uns verlocken, die Annahme, daß alle Triebe Früheres wiederher-
stellen wollen, in ihre letzten Konsequenzen zu verfolgen. Mag, was dabei heraus-
kommt, den Anschein des »Tiefsinnigen« erwecken oder an Mystisches anklingen,
so wissen [28] wir uns doch von dem Vorwurf frei, etwas derartiges angestrebt zu
haben. Wir suchen nüchterne Resultate der Forschung oder der auf sie gegründeten
Überlegung, und unser Wunsch möchte diesen keinen anderen Charakter als den
der Sicherheit verleihen.
Wenn also alle organischen Triebe konservativ, historisch erworben und auf
Wiederherstellung von Früherem gerichtet sind, so müßen wir alle Erfolge der or-
ganischen Entwicklung auf die Rech nung äußerer, störender und ablenkender Ein-
flüße setzen. Das elementare Lebewesen würde sich von seinem Anfang an nicht
haben ändern wollen, hätte unter sich gleichbleibenden Verhältnißen stets nur den
nämlichen Lebenslauf wiederholt. Aber in der Außenwelt war alles in Verände-
rung begriffen; im letzten Grunde müßte es die Entwicklungsgeschichte unserer
Erde, und ihres Verhältnißes zur Sonne sein, die uns in der Entwicklung der Or-
ganismen ihren Abdruck hinterlassen hat. Die konservativen organischen Triebe
haben jede dieser aufgezwungenen Abänderungen des Lebenslaufes aufgenomen
und zur Wiederholung aufbewahrt und müßen uns so den täuschenden Eindruck
von Kräften machen, die nach Veränderung und Fortschritt streben, während sie
blos ein altes Ziel auf alten /und neuen/ Wegen zu erreichen trachten. Auch dieses
Endziel alles organischen Strebens ließe sich angeben. Der konservativen Natur
der Triebe widerspräche es, wenn das Ziel des Lebens ein noch nie zuvor erreich-
ter Zustand wäre. Es muß vielmehr ein alter, ein Ausgangszustand sein, den das
Lebende einmal verlassen hat, und zu dem es über alle Umwege der Entwicklung
zurückstrebt. Da nach unserer ausnahmslosen Erfahrung alles Lebende aus inne-
ren Gründen stirbt, ins Unbe Anorganische zurückkehrt, so können wir nur sagen:
Das Ziel alles Lebens ist der Tod, und zurückgreifend: Das Leblose war früher da
als das Lebende.

a
Die vorangehende Parenthese folgte zunächst nach »wiederholen,«; durch Korrek-
turzeichen umgestellt.
88 Sigmund Freud

Irgend einmal wurden in unbelebter Materie durch eine noch ganz unvorstell-
bare Krafteinwirkung die Eigenschaften des Lebenden erweckt. Vielleicht war es
ein Vorgang vorbildlich ähnlich jenem anderen, der in der lebenden einer gewißen
Schicht der lebenden Materie später das Bewußtsein entstehen ließ. Die damals ent-
standene Spannung in derm vorhin unbelebten Stoff trachtete danach sich abzu-
gleichen, /es war der erste Trieb gegeben,/ um zum Leblosen zurückzukehren. Die
damals lebende Substanz hatte das Sterben noch leicht, [29] es war wahrscheinlich
nur ein kurzer Lebensweg zu durchlaufen, dessen Richtung durch die chemische
Struktur des jungen Lebens bestimt war. Eine lange Zeit hindurch mag so die le-
bende Substanz imer wieder neu geschaffen worden und leicht gestorben sein, bis
sich maßgebende äußere Einflüße /so/ änderten, daß sie die /noch über/lebende
Substanz zu immer größeren Ablenkungen vom ursprünglichen Lebensweg und zu
imer komplizirteren Umwegen /bis/ zur Erreichung des Todesziels nötigten. Diese
Umwege zum Tode, von den konservativen Trieben getreulich festgehalten, bieten
uns heute das Bild der Lebenserscheinungen. Wenn man an der ausschließlich kon-
servativen Natur der Triebe festhält, kann man zu anderen Vermutungen über Her-
kunft und Ziel des Lebens nicht gelangen.
Ebenso befremdend wie diese Folgerungen klingt dann, was sich für die großen
Gruppen von Trieben /ergiebt/, die wir hinter den Lebenserscheinungen der Orga-
nismen statuieren. Die Aufstellung der Selbsterhaltungstriebe, die wir jedem leben-
den Wesen zugestehen, steht in merkwürdigem Gegensatz zur Voraussetzung, daß
das gesamte Triebleben der Herbeiführung des Todes dient. Die theoretische Bedeu-
tung der Selbsterhaltungs- Macht- und Geltungstriebe schrumpft sozusagen ein; es
sind Partialtriebe, dazu bestimt, den eigenen Todesweg des Organismus zu sichern
und andere Möglichkeiten der Rückkehr zum Anorganischen als die immanenten
fernzuhalten, aber das rätselhafte, in keinen Zusamenhang einfügbare Bestreben
des Organismus, sich aller Welt zum Trotz zu behaupten, entfällt. Es erübrigt, daß
der Organismus /nur/ auf seine Weise sterben will; auch diese Lebenswächter sind
ursprünglich Trabanten des Todes gewesen.
In ein ganz anderes Licht rücken die Sexualtriebe, für di welche die Neurosen-
lehre eine A Sonderstellung in Anspruch genomen hat. Nicht alle Organismen sind
dem äußeren Zwang unterlegen, der sie zu imer weiter gehender Entwicklung an-
treibt. Vielen ist es gelungen, sich auf ihrer niedrigen Stufe bis auf die Gegenwart
zu bewahren; es leben ja noch heute, wenn nicht alle, so doch viele Lebewesen, die
den Vorstufen der höheren Thiere und Pflanzen ähnlich sein müßen. Und ebenso
machen nicht alle Elementarorganismen, welche den komplizirten Leib eines hö-
heren Lebewesens ausmachen /zusamensetzen/, den ganzen Entwicklungsweg bis
zum natürlichen Tode mit. Einige unter ihnen, die Keimzellen, h bewahren wahr-
scheinlich die ursprüngliche Struktur der lebenden Substanz und lösen sich, mit
allen ererbten und [30] neu erworbenen Triebanlagen beladen, nach einer gewißen
Zeit vom ganzen Organismus ab. Vielleicht sind es gerade diese beiden Eigenschaf-
ten, die ihnen ihre selbständige Existenz ermöglichen. Unter günstige Bedingungen
gebracht beginnen sie sich zu entwickeln d. h. das Spiel, dem sie ihre Entstehung
verdanken, zu wiederholen, und dies endet damit, daß wieder ein Anteil ihrer
Substanz die Entwicklung bis zum Ende fortführt, während ein anderer als neuer
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 89

Keimrest von Neuem auf den Anfang der Entwicklung zurückgreift. So arbeiten
diese Keimzellen dem Sterben der lebenden Substanz entgegen und wissen für sie
/zu/ erringen was uns als potentielle Unsterblichkeit erscheinen muß, wengleich es
vielleicht nur eine Verlängerung des Todesweges bedeutet. Völlig unverständlich
ist uns die Tatsache, daß die Keimzelle für diese Leistung durch die Verschmelzung
mit einer anderen, ihr ähnlichen und doch von ihr verschiedenen, gekräftigt oder
überhaupt erst befähigt wird.
Die Triebe, welche die Schicksale dieser das Einzelwesen überlebenden Ele-
mentarorganismen beh in Acht nehmen, für ihre sichere Unterbringung sorgen,
solange sie wehrlos gegen die Reize der Außenwelt sind, ihr Zusamentreffen mit
den anderen Keimzellen herbeiführen u.s.w. bilden die Gruppe der Sexualtriebe.
Sie sind in demselben Sinne konservativ wie die anderen, indem sie frühere Zu-
stände der lebenden Substanz wiederbringen, aber sie sind es in stärkerem Maße,
indem sie sich als besonders resistent gegen äußere Einwirkungen erweisen, und
dann noch in einem weiteren Sinne, da sie das Leben selbst für längere Zeiten
aus/er/halten. Sie sind die eigentlichen Lebenstriebe; dadurch, daß sie der [x] Ab-
sicht der anderen Triebe, welche durch die Funktion zum Tode führt, entgegenwir-
ken, deutet sich ein Gegensatz zwischen ihnen und den übrigen an, den die Neuro-
senlehre als bedeutungsvoll erkannt hat. Es ist wie ein Zauderr[h]ythmus im Leben
der Organismusen; die eine Triebgruppe stürmt nach vorwärts, um das Endziel des
Lebens möglichst bald zu erreichen, die andere schnellt an einemr gewißen Punkt
/Stelle/ dieses Weges zurück, um /ihn/ von einem bestimten Punkt an nochmals zu
machen und so die Wegstre Dauer des Weges zu verlängern. Aber Sexualität und
Unterschied der Geschlechter waren zu Anfang des Lebens gewiß nicht vorhan-
den, und der geschilderte Ablauf erscheint uns als spätere Kom[31]plikation eines
ursprünglich einfacheren und selbst als Wiederholung eines uns unbekanten aber
gewiß sehr wichtigen Moments in der Geschichte der lebenden Substanz, von dem
an sie gelernt hat, ihr Leben zu verlängern, ein zweites und ein dem ersten entge-
gengesetzes Ziel zu erwerben.
Greifen wir nun selbst zurück um zu fragen ob nicht alle diese Spekulationen
der Begründung entbehren: Giebt es wirklich keine anderen Triebe als solche, die
einen früheren Zustand wiederherstellen wollen, nicht auch andere, die nach einem
noch nie erreichten streben? Ich weiß in der organischen Welt kein sicheres Beispiel,
das unserer vorgeschlagenen Charakteristik widerspräche. Ein Trieb zur Höherent-
wicklung in der Thier- und Pflanzenwelt läßt sich gewiß nicht feststellen, wenn auch
eine solche Entwicklungsrichtung tatsächlich unbestritten bleibt. Aber einerseits ist
es vielfach nur Sache unserer Einschätzung, wenn wir eine Entwicklungsstufe für
höher als eine andere erklären, und anderseits zeigt uns die Wissenschaft des Le-
benden, daß Höherentwicklung in einem Punkte sehr häufig durch Rückbildung in
einem anderen erkauft oder wettgemacht wird. Auch giebt es Thierformen genug,
deren Jugendzustände uns erkennen laßen, daß ihre Entwicklung vielmehr einen
rückschreitenden Charakter gewonnen hat. Höherentwicklung wie Rückbildung
könnten beide Folgen der zur Anpassung drängenden äußeren Kräfte sein und die
Rolle der Triebe könnte sich für beide Fälle darauf beschränken, die aufgezwungene
Veränderung als innere Kraftquelle festzuhalten.
90 Sigmund Freud

Vielen von uns mag es auch schwer werden, auf den Glauben zu verzichten, daß
im Menschen selbst ein Trieb zur Vervollkomnung wohnt, der ihn bis zu auf seine
gegenwärtige Höhe geistiger Leistung und ethischer Sublimirung gebracht hat, und
von dem man erwarten darf, daß er seine Entwicklung zum Übermenschen besor-
gen wird. Allein ich glaube nicht an einen solchen inneren Trieb und sehe keinen
Weg, diese schöne /wolthuende/ Illusion zu schonen. Die bisherige Entwicklung
des Menschen scheint mir keiner anderen Erklärung zu bedürfen als die der Thiere,
und was man an einer Minderzal von menschlichen Individuen als rastlosen Drang
zu weiterer Vervollkomnung beobachtet, läßt sich ungezwungen [32] als Folge der
Triebverdrängung verstehen, auf welche das Wertvollste an der menschlichen Kul-
tur aufgebaut ist. Der verdrängte Trieb giebt es nie auf, nach seiner vollen Befriedi-
gung zu streben, die in der Wiederholung eines primären Befriedigungserlebnißes
bestünde; alle Ersatz-, Reaktionsbildungen und Sublimirungen sind ungenügend
um seine anhaltende Spanung aufzuheben, und aus der Differenz zwischen der ge-
fundenen und der geforderten Befriedigungslust ergiebt sich das treibende Moment,
welches bei keiner der hergestellten Situationen zu verharren gestattet, sondern nach
des Dichters Worten »ungebändigt immer vorwärts dringt« (Mephisto im Faust I
Studirzimmer). Der Weg nach rückwärts, zur vollen Befriedigung ist in der Regel
durch die Widerstände, welche die Verdrängungen aufrechthalten, verlegt, und so-
mit bleibt nichts anderes übrig als in der anderen noch freien Entwicklungsrichtung
fortzuschreiten, allerdings ohne Aussicht, den Prozeß abschließen und das Ziel errei-
chen zu können. /Die/ Vorgänge bei der Ausbildung einer neurotischen Phobie, die
ja nichts anderes als ein Fluchtversuch vor einer Triebbefriedigung ist, geben uns das
Vorbild für die Entstehung dieses anscheinenden »Vervollkomnungstriebes«, den
wir aber unmöglich allen menschlichen Individuen zuschreiben können. Die dyna-
mischen Bedingungen dafür sind zwar ganz allgemein vorhanden, aber die oekono-
mischen Verhältniße scheinen das Phänomen nur in seltenen Fällen zu begünstigen.

VI.

Wenn es ein so allgemeiner Charakter der Triebe ist, daß sie einen früheren Zustand
wiederherstellen wollen, so dürfen wir uns nicht darüber verwundern, daß im See-
lenleben soviele Vorgänge sich unabhängig vom Lustprinzip vollziehen. Dieser
Charakter würde sich jedem Partialtrieb mitteilen und sich in seinem Falle auf die
Wiedererreichung einer bestimten Station des Entwicklungsweges beziehen. Aber
all dies, worüber das Lustprinzip noch keine Macht bekommen hat, brauchte darum
noch nicht im Gegensatz zu ihm zu stehen, und die Aufgabe ist noch ungelöst, das
Verhältnis der triebhaften Wiederholungsvorgänge zur Herrschaft des Lustprinzips
zu bestimmen.
[33] Wir haben /es/ als eine der frühesten und wichtigsten Funktionen des see-
lischen Apparates erkannt, die anlangenden Triebregungen zu »binden«, den in ih-
nen herrschenden Primärvorgang durch den Sekundärvorgang zu ersetzen, ihre frei
bewegliche Besetzungsenergie in vorwiegend ruhende (tonische) Besetzung umzu-
wandeln. Während dieser Umsetzung kann /auf/ die Entwicklung von Unlust nicht
Rücksicht genomen werden, allein das Lustprinzip wird dadurch nicht aufgehoben.
Jenseits des Lustprinzips. Kritische Edition 91

Die Umsetzung geschieht vielmehr im Dienste des Lustprinzips; die Bindung ist ein
vorbereitender Akt, der die Herrschaft des Lustprinzips einleitet und sichert.
Trennen wir Funktion und Tendenz schärfer von einander, als wir es bisher
gethan haben. Das Lustprinzip ist dann eine Tendenz, welche im Dienste einer
Funktion steht, der es zufällt, den seelischen Apparat überhaupt erregungslos zu
machen, oder den Betrag der Erregung in ihm konstant oder möglichst niedrig zu
erhalten. Wir können uns noch für keine dieser Fassungen sicher entscheiden, aber
wir merken, daß die so bestimte Funktion Anteil hätte an dem allgemeinsten Stre-
ben alles Lebenden, zur Ruhe der anorganischen Welt zurückzukehren. Der alles
seelische Leben beherrschende Lusttrieb unterschiede sich in diesem Charakter
nicht von den anderen organischen Trieben, welche die somatische Erregung ans
Seelische heranbringen. Wir haben alle erfahren, daß die höchste /größte/ uns er-
reichbare Lust, /die des Sexualaktes,/ mit dem momentanen Erlöschen jede einer
hoch gesteigerten Erregung verbunden ist. Die Bindung der Trieberregung wäre
aber eine vorbereitende Funktion, welche die Erregung für ihre endgiltige Erledi-
gung in der Abfuhrlust zurichten soll.
Aus demselben Zusamenhang erhebt sich die Frage, ob die U Lust- und Unlust-
empfindungen von den gebundenen wie von den ungebundenen Erregungsvorgän-
gen in gleicher Weise erzeugt werden können. Da erscheint es denn ganz unzweifel-
haft, daß die ungebundenen, die Primärvorgänge weit intensivere Empfindungen
nach beiden Richtungen ergeben als die gebundenen, die des Sekundärvorgangs.
Die Primärvorgänge sind auch die zeitlich früheren, zu Anfang des Seelenlebens
giebt es [34] keine anderen, und wir können schließen, wenn das Lustprinzip nicht
schon bei ihnen in Wirksamkeit wäre, könnte es sich überhaupt für die späteren nicht
herstellen. Wir komen so zu dem im Grunde nicht einfachen Ergebnis, daß der Lust-
trieb zu Anfang des seelischen Lebens sich weit intensiver äußert als späterhin, aber
nicht so uneingeschränkt; er muß sich häufige Durchbrüche gefallen laßen. In reife-
ren Zeiten ist die Herrschaft des Lustprinzips sehr viel mehr gesichert, aber der Trieb
selbst ist der Bändigung so wenig entgangen wie die anderen Triebe.
Jedenfalls muß das, was am Erregungsvorgang die Empfindungen von Lust und
Unlust entstehen läßt, beim Sekundärvorgang ebenso vorhanden sein wie beim Pri-
märvorgang. Vielleicht sind die sogenanten Spanungsempfindungen, die uns das
Bewußtsein neben den Lust-Unlustempfindungen von innen her vermittelt, eher
auf die gebundenen, die direkten Lust-Unlustempfindungen aber auf die unge-
bundenen und auf die Abfuhrvorgänge zu beziehen. Vielleicht wird das Vorkomen
von lustvoller wie von unlustvoller Spannung durch diese Zuteilung unserem Ver-
ständnis näher gebracht.
Ich halte es für überflüßig, die Zaghaftigkeit wie die Unsicherheit dieser Speku-
lationen entschuldigen zu wollen. Wer das Tatsächliche hinter ihnen herausgreifena
/würdigen/ will, der möge die Erscheinungen des Wiederholungszwanges seiner
Aufmerksamkeit
. würdigen.
―――――――――――――――――

a
Zuerst gestrichen (und durch »würdigen« ersetzt), dann Streichung rückgängig ge-
macht.
Ulrike May
Der dritte Schritt in der Trieblehre.
Zur Entstehungsgeschichte von Jenseits des Lustprinzips1

Vor zwanzig Jahren berichtete Ilse Grubrich-Simitis (1993, S. 232–244) von


einem Fund im Freud-Archiv in der Library of Congress (Washington)2. Sie
hatte dort zwei Manuskript-Fassungen von Freuds Jenseits des Lustprinzips
(1920g) entdeckt. Grubrich-Simitis’ Mitteilung wurde in Rezensionen ihres
Buchs und in mehreren Aufsätzen erwähnt;3 niemand aber ist bisher dem
Wink gefolgt und hat jene Fassungen einer genaueren Betrachtung unter-
zogen. Das soll hier geschehen.
Im Folgenden wird zunächst eine Identifizierung und Datierung der
beiden Manuskripte versucht. Danach stelle ich die Hauptthese des Jenseits
kurz vor, umreiße den Werkkontext, in den die Schrift gehört, und wid-
me mich schließlich der Hauptaufgabe dieser Arbeit, dem Vergleich der
beiden Fassungen miteinander und mit dem später in mehreren Auflagen
gedruckten Text. Welche Überzeugungskraft meiner Auslegung auch zu-
kommen mag, es wird sich jedenfalls zeigen, dass der langwierige und nun
zum ersten Mal sichtbar gewordene Entstehungsprozess des Jenseits einen
Einblick in die treibenden Kräfte von Freuds Theoriebildung erlaubt.
Auf die Literatur über Jenseits des Lustprinzips gehe ich in der vorliegen-
den Arbeit nur sehr selektiv ein und bedaure, dass ich mich nicht mit den
vielen Beiträgen zum Todestrieb und zu Freuds Text auseinandersetzen
konnte, weder mit der frühen kontroversen Rezeption noch mit Aufsätzen
und Büchern aus späterer Zeit.4 Ich hoffe, dies bald an einem anderen Ort
nachholen zu können.

1
Ich danke den Teilnehmern an den Freudianischen Liebhabereien II (St. Gilgen 2012),
den Freunden vom Alpenländischen Forum für Geschichte der Psychoanalyse, den
Mitgliedern der Berliner Freud-Gruppe sowie Friedl Früh, Thomas Aichhorn und
Jean-Daniel Sauvant für ihr Interesse an meiner Arbeit. Mein besonderer Dank gilt
Dr. Leonard Bruno (LoC) für seine engagierte Unterstützung meiner Recherchen.
2
Die Sammlung der Sigmund Freud Papers in Washington wird im Folgenden abge-
kürzt mit SFP/LoC.
3
Siehe z. B. Solms 1994; Schacht 1995; Eickhoff 1995; Aichhorn 2006, S. 159; Falzeder
2007, S. 207; Assoun 2009, S. 223.
4
Stellvertretend möchte ich den Band aus der Reihe Contemporary Freud (Akhtar u.
O’Neil 2011) mit neuesten Beiträgen über Freuds Schrift nennen; ferner Kernberg
2009; Laplanche 1986, 1996; Schmidt-Hellerau 2006; Sulloway 1982; aus dem deut-
schen Sprachraum neben vielen anderen: Aichhorn 2006; Beland 2008; Danckwardt
2011; Frank 2011; Früh 2011; Hock 2000; Kimmerle 1988; Kirchhoff 2011; Krause 2012;
Müller-Pozzi 2008; Reiter 1996.
Der dritte Schritt in der Trieblehre 93

I. Zwei Manuskript-Fassungen von Jenseits des Lustprinzips

Der gedruckte und bisher allein bekannte Text von Jenseits des Lustprinzips erschien
Ende November 1920 (F/G, S. 134)5. Er wurde für die 2. (1921) und die 3. Auflage
(1923) sowie für die Veröffentlichung in den Gesammelten Schriften (1925) von Freud
selbst korrigiert und ergänzt. Die Veränderungen, die der Text bei diesen Gelegen-
heiten erfuhr, wurden mit einigen Ausnahmen in der englischen Standard Edition
sowie in der auf ihr beruhenden Studienausgabe von Freuds Werken dokumentiert.
Wie hingegen die beiden eben erwähnten Manuskript-Fassungen des Jenseits aus
dem Washingtoner Archiv lauten und wie sie sich zur publizierten Version verhal-
ten, war bisher nicht bekannt und kann nun anhand der in diesem Heft abgedruck-
ten kritischen Edition (oben, S. 10–67) nachvollzogen werden; sie gibt alle bisher
abgrenzbaren Stufen der Textbearbeitung wieder.
Die beiden Manuskripte des Jenseits stammen mit Sicherheit aus verschiedenen
Zeiten.6 Bei der früheren Fassung, im Folgenden »Erstfassung« genannt, handelt es
sich um eine Reinschrift von Freuds Hand; sie wird im Katalog der SFP/LoC, der im
Internet einsehbar ist, als »holograph manuscript« geführt (Teichroew u. Bauman
2011).7 Sie umfasst 34 Seiten und ist in sechs Kapitel gegliedert; das Schriftbild ent-
hält nur wenige Korrekturen.8 Auf der ersten Seite werden als Überschrift Titel und
Autor genannt. Davor befindet sich ein offenbar später hinzugefügtes Deckblatt, auf
dem in Freuds Handschrift vermerkt ist: »Jenseits des Lustprinzips. 1920«. Dieser
Vermerk könnte bei flüchtiger Betrachtung zu der Annahme verleitet haben, das
Manuskript sei 1920 entstanden, was jedoch nicht der Fall ist.
Bei der zweiten Manuskript-Fassung von Jenseits des Lustprinzips, im Katalog
der SFP/LoC als »holograph and typewritten manuscript, bound« bezeichnet und
im Folgenden »Zweitfassung« genannt, handelt es sich um ein gebundenes Konvo-
lut, das sowohl rein handschriftliche (31) als auch getippte Seiten (42) enthält (vgl.
IGS, S. 234). Auch dieses Manuskript ist mit »Jenseits des Lustprinzips / von / Sigm.

5
Die Abkürzungen F/A, F/A-S, F/AF, F/E, F/Fer, F/G und F/Jo bezeichnen in dieser Ar-
beit Freuds publizierte Briefwechsel mit Karl Abraham (2009), Lou Andreas-Salomé
(1980), Anna Freud (2006), Max Eitingon (2004), Sándor Ferenczi (1993–2005), Georg
Groddeck (2008) und Ernest Jones (1993); bei F/Fer folgt die Bandnummer. Die Rund-
briefe des Geheimen Komitees (Wittenberger u. Tögel 1999–2006) werden mit Rbr. abge-
kürzt, Zurück zu Freuds Texten von Grubrich-Simitis (1993) mit IGS, der dritte Band
der Freud-Biographie von Jones (1962) mit Jo III. – Das Jenseits selbst (Freud 1920g)
wird mit JL plus Seitenanzahl der Studienausgabe (= StA) zitiert. Wenn es auf Textvari-
anten ankommt, die in der vorstehenden Edition ausgewiesen sind, wird das Kürzel
JL/E verwendet und neben der Seitenzahl der StA die der Neu-Edition angegeben (in
der auch die Seitenzahlen der StA zu finden sind).
6
Zu ihrer Herkunft ist anzumerken, dass die Erstfassung 1986 im Zuge der Überfüh-
rung des Freud-Nachlasses in die LoC dorthin gelangt sein muss (IGS, S. 122). Die
Zweitfassung wurde dem Freud-Archiv 1970 übergeben (Gumbel 1995, S. 61). Sie
stammt aus dem Nachlass von Max Eitingon, der sie von Freud geschenkt bekom-
men hatte (F/E, S. 884). Vermutlich ließ er sie so binden, wie sie heute erhalten ist.
7
Sigel beider Vorfassungen: Box OV 7, Reel 3.
8
Ein Faksimile der ersten Seite bei IGS, S. 235. Siehe den Abdruck oben, S. 67–91.
94 Ulrike May

Freud« überschrieben. Es hat sieben Kapitel, also ein Kapitel mehr als die Erstfas-
sung. Die getippten Seiten sind zusätzlich mit eingeklebten handschriftlichen Ein-
schüben und handschriftlichen Korrekturen versehen.
Vergleicht man die Erst- mit der Zweitfassung, erkennt man rasch, dass der ge-
tippte Teil der Letzteren mit der Ersteren identisch ist. Freud schrieb also eine erste
Fassung mit der Hand, ließ sie mit der Maschine abtippen und bearbeitete das Ty-
poskript wieder handschriftlich, vermutlich in mehreren Arbeitsgängen.9 Für die so
entstandene Zweitfassung schrieb er ein ganzes Kapitel neu und fügte es zwischen
das fünfte und sechste Kapitel der Erstfassung ein. Das neue Kapitel erhielt die Zif-
fer VI, während das ehemalige sechste Kapitel in der Zweitfassung zu Kapitel VII
wurde.
Um den Unterschied zwischen der Erst- und der Zweitfassung zu verdeut-
lichen: Erstere umfasst ca. 74.000, Letztere ca. 120.000 Zeichen (jeweils mit Leer-
zeichen und einschließlich der Fußnoten). Die Erstfassung macht also nur ca. 60
Prozent des Textbestands der Zweitfassung aus. Ich schließe mich Grubrich-Simitis’
Einschätzung an, dass Erst- und Zweitfassung so stark differieren, dass sie als »zwei
Manifestationen eines ›work in progress‹« gelten können (IGS, S. 238).10 Die Diffe-
renzen beziehen sich, wie später deutlich werden wird, nicht nur auf den Umfang,
sondern vor allem auf den Inhalt.
Während sich Erst- und Zweitfassung erheblich voneinander unterscheiden,
sind die Differenzen zwischen der Zweit- und der Druckfassung, d. h. der 1. Aufla-
ge, vergleichsweise gering; sie haben in etwa das Ausmaß der Differenzen zwischen
den späteren Auflagen. Sowohl quantitativ als auch dem Inhalt nach ist der Unter-
schied zwischen der Erst- und der Zweitfassung der weitaus gravierendste.

Im Folgenden stelle ich zusammen, was wir über die Entstehungsgeschichte des
Jenseits wissen. Seit den großen Darstellungen von Jones (1962), Schur (1973) und
Grubrich-Simitis (1993) sind der Forschung neue Quellen zugänglich geworden,
die Hinweise auf Freuds Arbeit am Jenseits enthalten, vor allem die vollständi-
gen Briefwechsel mit Abraham, Ferenczi und Eitingon sowie mit seiner Tochter
Anna.

1. Zur Datierung der Erstfassung: Mitte März bis Mitte April 1919
Der Beginn der Niederschrift der Erstfassung des Jenseits ist gut belegt. Am 17. März
1919 erwähnt Freud das Projekt zum ersten Mal, und zwar in einem Brief an Feren-
czi: »Ich habe eine […] Arbeit über die Genese des Masochismus abgeschlossen,
die den Titel führt: Ein Kind wird geschlagen. Eine zweite mit der geheimnisvollen
Überschrift: Jenseits des Lustprinzips ist im Entstehen« (F/Fer II/2, S. 214). Danach

9
So auch IGS, S. 238; Tinte und/oder Schreibwerkzeug variieren.
10
Grubrich-Simitis gibt an, dass es außer dem Jenseits nur noch einen einzigen Text
Freuds gibt, nämlich Der Mann Moses (1939a), von dem eine Vorfassung erhalten ist,
die sich stark vom publizierten Text unterscheidet (IGS, S. 232; vgl. Grubrich-Simitis
1991).
Der dritte Schritt in der Trieblehre 95

hören wir in weiteren, ebenfalls an Ferenczi gerichteten Briefen von Ende März,
dass Freud sich sehr mit dem Jenseits »amüsiere« und die Arbeit »abschreiben« las-
sen wolle, »um Ihre Meinung über sie zu hören« (S. 219); er sage darin »vieles recht
unklar, woraus der Leser das Richtige machen muß. Man kann ja manchmal nicht
anders« (S. 221). Beendet wurde die Niederschrift vermutlich noch vor dem 18. Ap-
ril, da Freud an diesem Tag in einem Brief an Jones schon in der Vergangenheits-
form vom Jenseits spricht. Er bedankt sich für einen Füllfederhalter, den er von Jones
erhalten hatte, und fährt fort: »My last two productions, ›Ein Kind wird geschlagen‹
und ›Jenseits des Lustprinzips‹ which you will have to criticise one day, were written
under bodily pain caused by a bad pen« (F/Jo, S. 341). Auf diese Bemerkung stützt
sich meine vorstehende Annahme über die Zeit des Abschlusses der Niederschrift.
Ich halte sie für aussagekräftig, weil Freud sich immer präzise ausdrückt. Hätte er
das Manuskript am 18. April noch nicht beendet gehabt, hätte er nicht die Vergan-
genheitsform »were written« benutzt.11
Der Hinweis auf die Füllfeder bietet noch ein weiteres Indiz zur Datierung der
Niederschrift. Jones war im März 1919 in die Schweiz gereist, wo er sich mit Rank
und Sachs traf. Aus Bern schrieb er am 17. März an Freud, er habe ihm von London
eine Füllfeder mitgebracht (F/Jo, S. 337). Am 11. April traf Rank wieder in Wien ein
(F/Fer II/2, S. 226), am 18. bedankte sich Freud bei Jones für die Füllfeder, die ihm
wohl Rank übergeben hatte (F/Jo, S. 341). Freud hätte also die letzten Seiten des
Jenseits zwischen dem 11. und 18. April mit dem neuen Füller schreiben können. Ein
erster Augenschein, der anhand der Originale noch zu überprüfen wäre, spricht da-
gegen. Das Manuskript hat ein einheitliches Schriftbild und scheint in der Tat insge-
samt eher mit einer »schlechten Feder«, wie gegen einen mechanischen Widerstand,
geschrieben, so dass man die Annahme aufrechterhalten kann, die Niederschrift sei
spätestens bis zum 18. April abgeschlossen worden. In jedem Fall hat Freud die Erst-
fassung innerhalb nur weniger Wochen zu Papier gebracht. Man mag sich darüber
wundern, wie das neben der Vollzeitpraxis möglich war; weiter unten komme ich
auf diese Frage zurück (siehe Exkurs I).
Am 12. Mai berichtete Freud an Ferenczi von einer Hemmung seiner Produkti-
vität, die sich am 6. Mai eingestellt habe, nachdem er von Lajos Lévy erfahren hatte,
dass die Krebserkrankung von Anton v. Freund wieder ausgebrochen war. Er fügte
hinzu: »Ich hatte nicht nur den Entwurf zum ›Jenseits des Lustprinzips‹, das für Sie
abgeschrieben wird, vollendet, sondern auch die Kleinigkeit über das ›Unheimli-
che‹ wieder vorgenommen und mit einem simplen Einfall eine psa. Begründung
der Massenpsychologie versucht« (F/Fer II/2, S. 236). Hier bestätigt Freud also nicht
nur, dass der Entwurf des Jenseits am 6. Mai bereits fertig war, sondern vermerkt
auch, dass das Manuskript für Ferenczi abgeschrieben werde, eine Absicht, die er
Ende März angekündigt hatte. Alles spricht dafür, dass dieser »Entwurf« mit der
oben vorgestellten Erstfassung identisch ist, von der ja nicht nur eine handschriftli-

11
Im Unterschied zu Strachey (zu Freud 1920g, S. 215) und Grubrich-Simitis (IGS,
S. 236), die den Abschluss des Manuskripts auf »Mai« oder »Anfang Mai« datieren,
wird er hier also einige Wochen früher angesetzt. Beide Autoren stützen sich offenbar
auf Freuds im übernächsten Absatz angeführten Brief an Ferenczi.
96 Ulrike May

che, sondern auch eine getippte Version vorliegt, die im zusammengeklebten Manu-
skript der Zweitfassung noch als solche erhalten ist.12
Dass das Manuskript für Ferenczi und nicht für einen anderen Schüler abge-
tippt wurde und dass sich Freud vor allem mit ihm über das Jenseits austauschen
wollte und auf sein »Verständnis« hoffte, das ihn »noch in keiner Lage verlassen«
habe (F/Fer II/2, S. 221), hat mit den Projekten zu tun, die beide verfolgten. Ich wer-
de sie in einem Exkurs (unten, S. 151–159) ausführlicher erörtern.13
Nach Abschluss der Erstfassung schrieb Freud, wie aus dem eben zitierten Brief
an Ferenczi hervorgeht, »Das Unheimliche« (1919h), das am 10. Juli 1919, noch wäh-
rend der Praxiszeit, abgeschlossen war (F/Fer II/2, S. 247). Danach begab er sich
in Urlaub. Er verbrachte ihn ab 15. Juli in Bad Gastein, wohin er die Erstfassung
des Jenseits mitnahm (ebd.). Nun begannen die Monate des Nachdenkens und der
Überarbeitung.

2. Zur Datierung der Zweitfassung: Juli 1919 bis Juli 1920


Während man Beginn und Abschluss der Erstfassung relativ gut datieren kann,
lassen sich über die Entstehung der Zweitfassung nur wenige gesicherte Angaben
machen. Vor allem haben wir keine Hinweise darauf, wann genau die einzelnen
Einschübe und das neue sechste Kapitel entstanden sind. Es wird also offenbleiben
müssen, wann sich Freud dazu entschloss, die Bezeichnung »Todestrieb« einzufüh-
ren, die im neuen Kapitel zum ersten Mal im Druck erscheint.

12
Da der Briefverkehr mit Budapest im Frühjahr 1919 besonders unsicher war und am
ehesten noch durch Boten funktionierte (vgl. z. B. F/Fer II/2, S. 208, 222; Huppke u.
Schröter 2011, S. 91 f.), wird Freud das Typoskript nicht an Ferenczi geschickt haben.
Zu wechselseitigen Besuchen kam es im Frühjahr und Sommer 1919 nicht. Wahr-
scheinlich sah Ferenczi das Typoskript also erst im Herbst, als er zu Besuch nach
Wien kam (F/Fer II/2, S. 252). So würde verständlich, warum er sich in seinen Briefen
zwischen Mai und Anfang September 1919 nicht über das Jenseits äußerte.
13
Die Erstfassung selbst enthält zwei Bemerkungen, die etwas über das Entstehungs-
datum aussagen und somit zur Kontrolle der Datierung dienen können. Die erste
ist Freuds Hinweis auf den Band über die Kriegsneurosen, der schon in der Erstfas-
sung mit allen bibliographischen Details genannt wird (JL/E, S. 71; vgl. JL, S. 222).
Da der Band im Mai 1919 ausgeliefert wurde, sich aber schon Anfang April 1919 im
Druck befand (F/E, S. 151; F/A, S. 620), ergeben sich keine Widersprüche zum oben
vermuteten Datum. Die zweite Bemerkung bezieht sich auf einen Aufsatz über das
Kinderspiel, der »kürzlich von S. Pfeifer in der Imago« publiziert worden sei (JL/E,
S. 224/16). Freud hatte diesen Aufsatz im Juni 1918 gelesen und damals schon ange-
kündigt, es sei zu dem Thema »noch etwas anderes, Umfassenderes zu sagen« (F/Fer
II/2, S. 161). Der Text wurde dann im 4. Heft des 5. Bandes der Imago abgedruckt, das
mit der Jahreszahl 1919 versehen ist. Diese Heftangabe fehlt in der handschriftlichen
Erstfassung und wurde erst im Typoskript nachgetragen (a. a. O.). Wann das Heft
vorlag, ist nicht bekannt. Mit Sicherheit aber war es im Februar noch nicht im Druck,
weil Freud Ferenczi am 13. 2. um eine stilistische Durchsicht des Beitrags von Pfeifer
bat (F/Fer II/2, S. 211). Das heißt, die Angabe, das Heft sei »kürzlich« erschienen,
könnte sich durchaus auf März oder April 1919 beziehen, lässt sich also ebenfalls mit
dem hier rekonstruierten Entstehungszeitraum der Erstfassung vereinbaren.
Der dritte Schritt in der Trieblehre 97

Gleichwohl lohnt es sich festzuhalten, wann und wie sich Freud in der Zeit zwi-
schen Juli 1919 und Juli 1920 über die Arbeit am Jenseits äußerte und welchen Fragen
sein Interesse galt. Er bearbeitete in diesem Jahr mehrere Publikationen für Neu-
auflagen und bereitete das nächste große Thema vor, die Massenpsychologie (1921c),
schrieb aber nur einen einzigen neuen Aufsatz, nämlich »Die Psychogenese eines
Falles von weiblicher Homosexualität« (1920a) (mehr zum Werkkontext unten). Das
zeigt meines Erachtens bereits, wie sehr ihn das Nachdenken über das Jenseits in
Beschlag nahm. – Nun zur Dokumentation von Freuds Äußerungen über seine Ar-
beitsvorhaben aus dem Zeitraum zwischen Juli 1919 und Juli 1920.
In vier Briefen aus den Sommerferien 1919 berichtete Freud, womit er sich ge-
rade beschäftigte, und jedes Mal handelte es sich um das Jenseits. Aus Bad Gastein
schrieb er am 21. Juli an Anna, er widme seine Zeit »dem mitgenommenen Manu-
skript ›Jenseits des Lustprinzips‹, das hier gut gedeiht« (F/AF, S. 217). Eine Woche
später teilte er ihr mit, er lese nun Schopenhauer, dessen Schriften ihm Rank auf
seine Bitte hin geschickt habe. Die Lektüre helfe ihm »in der Arbeit« weiter, die er
mitgenommen habe (S. 232). Er erzählte in diesen Tagen auch Jones und Andreas-
Salomé, dass er am Jenseits arbeite (F/Jo, S. 353; F/A-S, S. 109). An Letztere schrieb
er, er habe »als Altenteil das Thema des Todes ausgewählt« und müsse nun »allerlei
lesen, was dazu gehört, z. B. zum ersten Mal Schopenhauer«. Auf Schopenhauer,
der in der Erstfassung des Jenseits noch nicht erwähnt worden war, bezog sich Freud
dann auch in der Zweitfassung (JL, S. 259).
Am 13. August 1919 verließ Freud Gastein (F/AF, S. 245). Seinen Urlaub setz-
te er in Badersee (bei Garmisch-Partenkirchen) fort, von wo aus er Pfister für die
Zusendung eines Buches dankte, das er eben lese, weil er »Ruhe« habe (Freud u.
Pfister 1963, S. 74).14 Dort besuchte ihn Eitingon, der sich mit seiner Frau in der Nähe
eingemietet hatte, und nahm »Einblick« in das Manuskript des Jenseits (F/E, S. 209).
Eitingon dürfte somit der erste Schüler gewesen sein, der das neue Werk bzw. des-
sen Erstfassung zu lesen bekam. Er äußerte sich später mehrmals über die Schrift,
die seine philosophischen Neigungen ansprach. Vielleicht hat ihm Freud deswegen
das Original der Zweitfassung geschenkt (siehe oben, Anm. 6).
Am 9. September 1919 brach Freud mit den Eitingons von Badersee nach Ham-
burg auf, um seine Tochter Sophie zu besuchen. Auf der Rückreise machte er am
23. September Station in Berlin, traf Abraham und Eitingon und verbrachte den
Nachmittag im Hause Abraham, um am Abend mit dem Schlafwagen nach Wien
zurückzukehren (F/E, S. 160; F/A, S. 627 f. mit Anm. 1). Damals gab er, wie er später
Wittels mitteilte, »mehreren Freunden in Berlin« ein Manuskript des Jenseits zur
Lektüre; der Text sei noch nicht fertig gewesen: »es fehlte daran nur der Teil über die
Sterblichkeit oder Unsterblichkeit der Protozoen« (Freud 1987a, S. 758). Offenbar
ist hier die Erstfassung gemeint, in der noch das sechste Kapitel fehlt, das von den
Ein- und Mehrzellern handelt. Freud hat also den Berliner Kollegen das Typoskript
der Erstfassung des Jenseits, vielleicht einen Durchschlag der für Ferenczi herge-
stellten Abschrift, bei der Fahrt nach Hamburg oder vielleicht erst bei der Rückreise

14
Es handelte sich um The erotic motive (1919) von Albert Mordell, das keinen erkennba-
ren Bezug zur Thematik des Jenseits hat (siehe Jo III, S. 513).
98 Ulrike May

ausgehändigt. In jedem Fall hatte nun auch Abraham Gelegenheit, den Text zu le-
sen. Das ist von Belang, weil weder seine Privatbriefe an Freud noch seine späteren
Rundbriefe aus Berlin Bemerkungen zum Jenseits enthalten, und zwar auch nicht in
den Monaten, in denen die Schrift innerhalb des Komitees intensiv und kontrovers
diskutiert wurde.15
Anders verhält es sich mit Ferenczi. Als Freud nach Wien zurückgekehrt war
und am 1. Oktober 1919 wieder mit der Praxis begann, war das Reiseverbot zwi-
schen Ungarn und Österreich aufgehoben worden. Ferenczi besuchte Freud Ende
September für einige Tage, möglicherweise auch länger, Anfang November für min-
destens eine Woche.16 Aus einem Brief vom 20. November geht hervor, dass die
Gespräche für Ferenczi sehr belebend waren. Er und Freud hätten »eine solche Fülle
von Einsichten austauschen« können »wie vielleicht nie zuvor«. Er habe bereits die
beiden Referate über die »biologischen Arbeiten« geschrieben, um die ihn Freud
gebeten hatte (F/Fer II/2, S. 253). Gemeint ist ein Aufsatz von Schaxel über Grundfra-
gen der theoretischen Biologie (1919) und das Buch von Lipschütz Die Pubertätsdrüse
und ihre Wirkungen (1919); beide hat Ferenczi für die Internationale Zeitschrift für Psy-
choanalyse referiert (1920a; b).
Die soeben zitierten Bemerkungen liefern einen Schlüssel zu Freuds dama-
ligen Interessen. Zusammen mit Ferenczi beschäftigte er sich mit der Frage des
Verhältnisses von Psychoanalyse und Biologie, ein Interesse, das sie schon lange
miteinander teilten (siehe unten, Exkurs I). Aufschlussreich ist die Wahl der von
Ferenczi referierten Arbeiten. Alexander Lipschütz, Schüler von Eugen Steinach in
Wien und damals Privatdozent in Bern, hatte in seinem Buch den neuesten Stand
der biologischen Sexualforschung dargestellt und sich dabei insbesondere auf die
Aufsehen erregenden Forschungen von Steinach gestützt, dem es gelungen war, das
manifeste Geschlecht von Tieren und Menschen durch die operative Verpflanzung
von Hoden und Ovarien zu verändern; unter anderem hatte er männliche Homo-
sexuelle »feminisiert«. Eher nebenbei hatte sich Lipschütz auch anerkennend über
Freuds Sexualtheorie geäußert (1919, S. 125, 127), worauf Ferenczi in seiner Rezen-
sion natürlich hinwies (1920b, S. 136 f.). Freud erörterte seinerseits auf den beiden
letzten Seiten des Aufsatzes Ȇber die Psychogenese eines Falles von weiblicher
Homosexualität« (1920a, S. 280 f.) Steinachs Arbeiten, die ihn nicht gleichgültig las-
sen konnten, weil sie Grundannahmen der Sexualtheorie, nämlich die der konstitu-
tionell gegebenen Bisexualität, berührten. Hier also liegt eine Verbindung zwischen
jenem Aufsatz – der einzigen Arbeit, die Freud in den Monaten schrieb, in denen er
über die Erstfassung des Jenseits nachdachte – und seinen damaligen beherrschen-
den Denkinteressen.
Zu den Publikationen des Entwicklungsbiologen Julius Schaxel, Lehrstuhlinha-
ber in Jena, hier nur so viel, dass sie für Ferenczi und Freud wegen seiner Betonung

15
Natürlich muss offenbleiben, ob das nicht schlicht darauf zurückzuführen ist, dass
die entsprechenden Quellen nicht überliefert sind. Festzuhalten bleibt, dass das Jen-
seits nicht in Abrahams Theoriebildung einfloss; Abraham konnte oder wollte es für
sein eigenes Denken nicht nutzen.
16
F/Fer II/2, S. 252; Freud u. Pfister 1963, S. 74; Freud 2010, S. 549; Fallend 1995, S. 183.
Der dritte Schritt in der Trieblehre 99

der Bedeutung der Sexualität und wegen seines Verständnisses von Leben und Tod
von großem Interesse waren.17
Die Beschäftigung mit der Sexualbiologie schlug sich, um das noch kurz ein-
zuschalten, auch in der 4. Auflage der Drei Abhandlungen nieder, die Freud im Mai
1920 bearbeitete. Er fügte ein neues Kapitel (»Chemische Theorie«) sowie zwei lan-
ge Zusätze in Fußnoten ein, in denen er sich mit Lipschütz und Steinach über die
biologischen Grundlagen der Geschlechtsunterschiede auseinandersetzte (1905d,
S. 119 f., 58 f., 84 f.). Auf Arbeiten von Lipschütz wird aber vor allem in Jenseits des
Lustprinzips Bezug genommen (JL, S. 256, 264). Seine zusammenfassende Darstel-
lung (1914) der biologischen Forschung über Sterblichkeit und Unsterblichkeit, Tod
und Leben bildet einen wichtigen Bezugspunkt des neuen, sechsten Kapitels. Freud
lehnt sich in manchen Passagen erstaunlich eng an ihn an, wie unten in Exkurs II
(S. 160–163) dokumentiert wird.18 Dort gehe ich auch auf andere Biologen ein, mit
denen sich Freud im sechsten Kapitel des Jenseits, und nur hier, befasste.
Ferenczis Bemerkungen in seinem Brief vom 20. November 1919 unterstützen
jedenfalls die Vermutung, dass Freud im Herbst 1919 weiterhin den Fragen nach-
ging, die er in der Erstfassung des Jenseits aufgeworfen hatte. Ich halte es für wahr-
scheinlich, dass er in den Gesprächen mit Ferenczi neue Impulse für die Überarbei-
tung des Texts und vor allem für das sechste, das »biologische« Kapitel erhielt (so
auch IGS, S. 242).
Anfang Dezember liegen uns wieder Nachrichten von Freud selbst vor. In einem
Brief an Eitingon schreibt er: »Ich studiere sehr langsam Trieb- und Massenpsycho-
logie« (F/E, S. 176). Das scheint sich auf die Lektüre biologischer und soziologischer
Arbeiten zu beziehen. Sicher ist, dass Freud in diesen Tagen Ferenczis Referate von
Schaxel und Lipschütz mit »vollem Beifall« las (F/Fer II/2, S. 256). Im Januar 1920
schrieb er dann den erwähnten Aufsatz über die weibliche Homosexualität (Jo III,
S. 57).
Ende Januar 1920 starben kurz nacheinander Anton v. Freund (20. 1.) und Freuds
Tochter Sophie (25. 1.). Erst eineinhalb Monate später, am 8. März 1920, erfahren wir
wieder etwas über Freuds Arbeitsprojekte. Mit ähnlichen Worten wie im Dezember-
Brief berichtet er an Eitingon: »Zwischendurch arbeite ich noch Massenpsychologie
und Todestriebe, woraus wahrscheinlich ein Inhalt für den noch ganz schleierhaf-
ten Sommer werden wird« (F/E, S. 194). An dieser Stelle erscheint die Bezeichnung
»Todestriebe« zum ersten Mal in einem Brief, und es ist auch das erste Mal seit An-

17
Julius Schaxel (1887–1943), Schüler von Ernst Haeckel und damals Professor für Zoo-
logie und Botanik in Jena, hatte am 24. März 1919 an der Neugründung der Schwei-
zerischen Gesellschaft für Psychoanalyse als Gast teilgenommen, bei der auch Jones,
Rank und Sachs anwesend waren (Internat. Zschr. Psychoanal., 6 [1920], S. 104). Er
war in erster Ehe mit der späteren Psychoanalytikerin Hedwig Schaxel verheiratet
(Mühlleitner 1992, S. 155 f.). In der von Ferenczi (1920b) referierten Schrift vertrat
er, hierin Freud ähnlich, einen strikt mechanisch-materialistischen Standpunkt (Reiss
2007). Zu seinem Leben, das von seinem sozialistischen Engagement geprägt war,
siehe Reiss et al. 2008.
18
Später erinnerte sich Freud in einem Brief an Lipschütz an dessen Buch über die Pu-
bertätsdrüse, aus dem er »soviel Belehrung geschöpft« habe (Freud 1960a, S. 424).
100 Ulrike May

fang August 1919, dass Freud das Jenseits, genauer: einen zentralen Begriff daraus,
explizit erwähnt – abgesehen von dem nicht eindeutigen Hinweis auf die »Trieb-
psychologie« gegenüber Eitingon vom Dezember 1919. Neu war die Bezeichnung
»Todestriebe« übrigens nicht, wie weiter unten dargestellt wird. Gleichwohl ist der
zuletzt zitierte Brief ein klarer Beleg dafür, dass sich Freud im März 1920 mit der
Thematik des Jenseits beschäftigte.19
Mitte Mai 1920 bearbeitete er, wie schon gesagt, die Drei Abhandlungen zur Se-
xualtheorie für die 4. Auflage, fügte die Passagen über Lipschütz ein und bezog sich
im Vorwort (1905d, S. 46) auf Schopenhauer und auf Platos Eros, also auf Autoren
und Begriffe, die im Jenseits eine Rolle spielen – nicht in der Erst-, sondern in der
Zweitfassung, und zwar im neuen sechsten Kapitel. Da Freud nun bereits die Eck-
punkte und zentrale Referenzen der Zweit- und der ihr entsprechenden Druckfas-
sung erwähnt – Lipschütz, Schopenhauer, Plato –, nehme ich an, dass er die theo-
retische Neuorientierung, die das sechste Kapitel des Jenseits kennzeichnet, damals
in etwa abgeschlossen hatte. Vom 24. Mai 1920 datiert dann auch seine Mitteilung
an Jones, der eben in Wien zu Besuch gewesen war, er wende sich nun, nach Fertig-
stellung der Neuauflage der Drei Abhandlungen, dem Jenseits zu (F/Jo, S. 382 f.). An
Eitingon erging wenig später die gleiche Meldung: »Ich korrigiere und vervollstän-
dige jetzt das ›Jenseits‹, das des Lustprinzips nämlich, und befinde mich wieder in
einer leistungsfähigen Phase« (F/E, S. 207).
Nun also, Ende Mai 1920, begann Freud mit Sicherheit die abschließende Arbeit
am Manuskript des Jenseits.20 Einige Wochen später fühlte er sich weiterhin »recht
wohl und leistungsfähig« (F/Fer III/1, S. 77). Er plante, den Text im Juni und Juli zu
Ende zu bringen; es hätten sich noch »merkwürdige Fortsetzungen ergeben« (ebd.).
Am 18. Juli 1920 endlich war es so weit, dass er an Ferenczi und Eitingon, die sich
am stärksten für die Thematik des Jenseits interessiert hatten, den Abschluss der
Arbeit bekannt geben konnte: »Das ›Jenseits‹ ist fertig« (F/Fer III/1, S. 80; vgl. F/E,
S. 213).21, 22

19
In beiden Briefen an Eitingon erscheinen »Massenpsychologie« und »Todestriebe«
bzw. »Triebpsychologie« unmittelbar nebeneinander, ein Zusammenhang, der zu
denken gibt.
20
Auf Jones geht die Behauptung zurück, Freud habe in der Wiener Gruppe am 16. Juni
1920 eine Zusammenfassung des Jenseits vorgetragen (Jo III, S. 57). Die Protokolle
der Wiener Vereinigung (Fallend 1995, S. 202 ff.) vermerken jedoch keinen solchen
Vortrag an diesem oder einem anderen zeitnahen Abend.
21
Grubrich-Simitis erwägt, ob sich diese Mitteilung auf einen noch stichworthaften
Entwurf des sechsten Kapitels beziehen könnte (IGS, S. 243, Anm. 2). Wenn das
zuträfe, hätte Freud das Konzept des umfangreichen und gewichtigen Kapitels in-
nerhalb kurzer Zeit ausschreiben müssen, da sich das ganze Manuskript des Jenseits
bereits am 3. August im Satz befand (F/E, S. 215).
22
Für die Datierung der Zweit- und Druckfassung lässt sich keine ähnliche Kontrolle
durchführen wie für die Erstfassung, weil die Erwähnung des Todes von Sophie (in
der Druckfassung), der neuen Auflage der Drei Abhandlungen (in der Zweitfassung)
und andere Bemerkungen keine zwingenden Schlüsse auf die Datierung erlauben.
Das gilt auch für die Einfügung des Namens von Barbara Low, die bekanntlich die
Bezeichnung »Nirwanaprinzip« vorgeschlagen hatte, in die Druckfassung anstelle
Der dritte Schritt in der Trieblehre 101

Im Brief an Eitingon findet sich die Bemerkung: »Sie werden bestätigen kön-
nen, daß es [das Manuskript; U. M.] halbfertig war, als Sophie lebte und blühte«
(F/E, S. 213). Freud stellte also von sich aus die Verbindung zwischen dem Jenseits
und dem Tod der Tochter her, die später von Fritz Wittels und anderen vermutet
wurde. Zu den Autoren, die seinen Einspruch gegen diese Deutung, den er Ende
1923 gegenüber Wittels vorbrachte (1987a, S. 758), »nicht stichhaltig« fanden, ge-
hörte auch Jones. Er meinte, Freud habe »nicht wahrhaben« wollen, dass die neu-
en Gedanken über Sterblichkeit und Unsterblichkeit, die im Zentrum des sechsten
Kapitels stehen, »vom Kummer um seine Tochter beeinflußt« waren (Jo III, S. 57).
Im Unterschied dazu halte ich Freuds Darstellung für zutreffend. Denn Eitingon
hatte im Sommer 1919 in Badersee tatsächlich »Einblick« in den Entwurf des Jenseits
genommen und ihn im September 1919 gelesen; und dieser Entwurf, d. h. die Erst-
fassung, enthält bereits die Grundzüge des Todestriebkonzepts, obwohl das Wort
»Todestrieb« darin noch nicht auftaucht (siehe unten).
Auch den Verlauf des fraglichen Jahres (Juli 1919 – Juli 1920) sehe ich anders als
Jones. Er erklärt, Freud sei mit dem ersten Entwurf »nicht zufrieden« gewesen und
scheine die Arbeit am Jenseits »bis zum folgenden Sommer […] fallengelassen« zu
haben (Jo III, S. 57). Ich hingegen vermute, dass Freuds Hauptinteresse zwischen
Juli 1919 und Juli 1920 dem Jenseits galt und dass er die Zweitfassung zwischen Mai
und Juli 1920, möglicherweise schon früher, herstellte. Wie später beschrieben, wa-
ren die Veränderungen der Zweitfassung, nämlich die Einführung der sogenannten
dritten Triebtheorie, so einschneidend, dass es längere Zeit gedauert haben dürfte,
bis Freud sich dazu durchrang.23
Im Übrigen halte ich die Wiederaufnahme der »bio-analytischen« Gespräche
mit Ferenczi im Herbst 1919 für einen wichtigen Faktor der Neugestaltung des Jen-
seits, denn erst in der Zweitfassung setzte sich Freud ausführlich mit Autoren wie
Weismann, Lipschütz oder Doflein auseinander, bekannten Vertretern der biolo-

des anonymen »englischer Autor« (JL/E, S. 264/56). Freud hatte Lows Psycho-Analysis
(1920) am 24. Mai 1920 von Jones erhalten, der ein auf den 30. August 1919 datiertes
Vorwort dazu geschrieben hatte (F/Jo, S. 383). – Low war Mitglied der englischen
Gruppe und stand in vielfacher privater, analytischer und professioneller Beziehung
zu Jones, Ferenczi und Freud (siehe King u. Steiner 2000, Bd. 1, S. 19 f.; F/Fer III/1,
S. 68). Es sei darauf hingewiesen, dass Low mit dem Nirwanaprinzip etwas anderes
meinte als Freud. Sie schreibt: »It is possible that deeper than the Pleasure-principle
lies the Nirvana-principle, as one may call it – the desire of the newborn creature to
return to that stage of omnipotence, where there are no non-fulfilled desires, in which
it existed within the mother’s womb« (1920, 2. Aufl., S. 73). Sie bezieht das Nirwana-
prinzip also auf den Wunsch nach Rückkehr in den Mutterleib, in den Zustand der
(pränatalen) Omnipotenz, ähnlich wie Ferenczi (1913) es beschrieben hatte. Wie in
anderen Fällen (Groddeck: »Es«; Näcke: »Narzissmus«, vgl. May[-Tolzmann] 1991)
hatte Freud also nur das Wort »Nirwanaprinzip« übernommen, nicht aber dessen
Bedeutung.
23
Die Nummerierung der Triebtheorien wird unterschiedlich gehandhabt. Manche
Autoren verstehen die Theorie von Todestrieb und Eros als die dritte (z. B. Fenichel
1983, Bd. 1, S. 87 ff.), andere als die zweite Triebtheorie (z. B. Quinodoz 2011, S. 313),
je nachdem, welche Eigenständigkeit der Narzissmustheorie zuerkannt wird.
102 Ulrike May

gischen Wissenschaften. Möglicherweise war sich Jones nicht darüber im Klaren,


wie eng Freud und Ferenczi in dieser Zeit verbunden waren und wie intensiv sie
sich schon jahrelang über die Beziehung zwischen Biologie und Psychoanalyse
ausgetauscht hatten, wobei beide nicht vor Gedankengängen zurückscheuten, die
Jones selbst als »höchst spekulativ« und »tief im Persönlichen verwurzelt« empfand
(Jo III, S. 58, 316). Das mag dazu beigetragen haben, dass er zu der Auffassung ge-
langte, Freud habe »die Sache fallengelassen«.

3. Zur Datierung der Druckfassung: Juli und/oder August 1920


Die Zweit- und die Druckfassung des Jenseits24 unterscheiden sich nur gering-
fügig voneinander. Ich vermute, dass die betreffenden Änderungen relativ spät
vorgenommen wurden, wohl erst nach dem 18. Juli, als Freud das Manuskript
schon als fertig bezeich net hatte. In Frage käme Anfang August. Damals war die
Schrift bereits »im Satz« (F/E, S. 215). Wenn Freud am 7. August an Anna schreibt,
er korrigiere die »alte« Arbeit, so wird damit das Jenseits gemeint sein (F/AF,
S. 262 f. mit Anm. 7) – nämlich die Druckfahnen, die wenig später auch von Jones
erwähnt werden (F/Jo, S. 389). Ich nehme also an, dass Freud in seinem Urlaub,
den er vom 29. Juli bis Ende August 1920 wieder in Bad Gastein verbrachte, in die
Fahnen jene Korrekturen eintrug, durch die sich die Druck- von der Zweitfassung
unterscheidet. Anfang Oktober befand sich das Jenseits in der Produktion (Rbr. 1,
S. 57); es erschien Ende November als Beiheft II zur Internationalen Zeitschrift (F/G,
S. 134).

So viel zur Entstehung von Jenseits des Lustprinzips. Insgesamt dauerte es fast einein-
halb Jahre, von März 1919 bis Juli/August 1920, bis der Text zur Publikationsreife
gediehen war. Freud begab sich nicht einfach an den Schreibtisch und schrieb seine
Texte in einem Zug nieder, wie die Reinschriften seiner Manuskripte vielleicht sug-
gerieren. Im Falle des Jenseits scheint mir vielmehr sicher, dass er sich monatelang
– eigentlich, wie wir später sehen werden: jahrelang – mit der Thematik beschäftigte
und sich eingehend in die relevante Literatur einarbeitete, bevor er überhaupt an-
fing, einen ersten Entwurf zu Papier zu bringen.25
Bevor ich die verschiedenen Fassungen des Jenseits schildere und miteinan-
der vergleiche, soll ein kurzer Blick auf die Reaktionen einiger Schüler Freuds
geworfen werden. Sie enthüllen, wie ich meine, den wichtigsten Grund für die
kontroverse Rezeption des Textes, nämlich die empirische Grundlage von Freuds
Hauptthese.

24
Mit »Druckfassung« ist in diesem Text immer die 1. Auflage gemeint.
25
Das trifft auch auf die Massenpsychologie zu: Im Mai 1919 erwähnt Freud eine erste
Idee (F/Fer II/2, S. 236), im Herbst/Winter 1919 und im Frühjahr 1920 »studierte« er
Arbeiten zur Massenpsychologie (F/Jo, S. 369, 373; F/E, S. 176, 194), und im August
1920 verfasste er den ersten Entwurf (F/Fer III/1, S. 82).
Der dritte Schritt in der Trieblehre 103

II. Der klinische Anstoß zur dritten Triebtheorie

Die Frage nach der Entstehung von Jenseits des Lustprinzips hat die psy-
choanalytische community seit jeher beschäftigt, beginnend mit Wittels,
der in seiner Freud-Biographie als Erster die Vermutung äußerte, Freud
habe den Text als Reaktion auf den Tod seiner Tochter Sophie im Januar
1920 verfasst (1924, S. 231). Freuds oben erwähnter Einspruch blieb wir-
kungslos. Weitere Spekulationen über den biographischen Hintergrund
des Jenseits folgten – vielleicht bedingt durch den besonderen Charakter
des Textes, der schon gleich nach der Niederschrift auch die treuesten
Schüler befremdet und beunruhigt hat und der bis heute sowohl wegen
der Einführung des Todestriebs als auch wegen der Art und Weise dieser
Einführung umstritten ist.26
Ferenczi, der Freuds Theorie-Entwicklung in diesen Jahren am mühe-
losesten folgen konnte, sprach die Befürchtung aus, das Jenseits werde eine
»philosophisch-spekulative Sturzwelle« auslösen, die der Psychoanalyse
abträglich sei (Rbr. 2, S. 124). Diese Vorhersage fand Freud bestätigt, als er
im September 1922 nach dem Berliner IPV-Kongress an Eitingon schrieb,
er sei während einiger »spekulativer« Vorträge vom Gefühl »arg verfolgt«
worden, der »Schuldige durch ›Jenseits des Lustprinzips‹ zu sein« (F/E,
S. 301 f.). Ferenczi betonte außerdem (a. a. O.), dass sich Freud im Jenseits
nicht genügend von Jung abgegrenzt habe. Die Jung-Schule könne nun
triumphieren und ihren Meister als »verfolgte Unschuld« hinstellen, weil
Freud die Libido mit den Lebenstrieben oder einem »lebenserhaltenden
Prinzip« gleichgesetzt und damit ähnlich wie Jung definiert habe. Die glei-
chen Bedenken äußerten Jones (Rbr. 2, S. 133) und der holländische Ana-
lytiker August Stärcke.27 Sogar Eitingon hielt mit den Problemen, die ihm
das Jenseits bereitete, nicht hinter dem Berg und ließ Freud wissen, dass
ihm dieser Text »sehr zu schaffen« mache (F/E, S. 217). Zwar könne er die
Unterscheidung zwischen dem Todes- und dem Lebenstrieb nachvollzie-
hen, aber: »was den regressiven Charakter der Triebe begründen soll, der
Wiederholungszwang, will mir jetzt noch ebenso wenig recht einleuchten
wie am Badersee, wo ich zum ersten Male von ihm hörte, und in Holland

26
Zu meiner eigenen ersten Einschätzung des Textes siehe May 2013.
27
Auf Stärckes Bericht über diesbezügliche Diskussionen in der holländischen Gruppe
reagierte Freud von September bis November 1922 mit mehreren Briefen (SFP/LoC,
Box 47, Folder 7). – Den Bedenken von Ferenczi und Jones trug er dadurch Rechnung,
dass er in die 2. Auflage des Jenseits, die er im Mai 1921 vorbereitete, zwei Sätze ein-
fügte, in denen er betonte, seine Konzeption habe einen dualistischen Charakter, da
er neben den Lebens- auch Todestriebe postuliere (JL/E, S. 262/54).
104 Ulrike May

[sc. beim Kongress in Den Haag]. Auf allen drei angeführten Gebieten, in
der traumatischen Neurose, im Kinderspiel und auch in den Phänomenen
der Übertragung, sehe ich ihn noch immer zu sehr im Bereich des Lustprin-
zips« (ebd., S. 229).28 Ebenso Jones: Er habe das Jenseits »with mixed feel-
ings« gelesen: »Of the two main ideas, one is quite clear to me: the tendency
of the instincts to repeat an old situation and if possible restore an equilib-
rium […]. The second idea, that this is independent of the Lustprinzip, I
have so far only imperfectly digested« (F/Jo, S. 389).29
Die Abgrenzung von Jung und vom Vitalismus ist für uns, soweit ich
sehen kann, nicht mehr von Belang. Aber ergeht es uns nicht wie Eitingon
und Jones, dass es uns schwerfällt, den Kerngedanken des Jenseits aufzu-
nehmen, nämlich dass es primäre psychische Prozesse oder Kräfte oder
Bereiche gibt, die nicht dem Lustprinzip folgen, so wie das für die libidi-
nösen Regungen angenommen worden war? Sie sollten nach Freuds neuer
Annahme nicht nach Lust und Befriedigung drängen, sondern letzten En-
des zum anorganischen Zustand, zum Tod. Sie wiederholten unbeirrbar
und unbeeinflussbar unlustvolle Erfahrungen, wollten keine Veränderung,
sondern allenfalls Rückkehr zu früheren Entwicklungsstufen. Diese psy-
chischen Prozesse, Funktionsweisen, Kräfte konnten durchaus psychischen
Symptomen zugrunde liegen, operierten aber nicht nach dem vertrauten

28
Eitingon brachte in einem mehrseitigen handschriftlichen Exzerpt aus Jenseits des
Lustprinzips genau an der Stelle, an der er Freuds Kernaussage über den Wiederho-
lungszwang festhielt (siehe JL, S. 230), am linken Rand zwei Fragezeichen an (Nach-
lass Eitingon, Israel State Archives, Jerusalem; mit Dank an M. Schröter).
29
Jones behielt seine Skepsis bzw. Ablehnung eines »Jenseits« des Lustprinzips bei und
setzte sich 1930 und 1935 noch einmal in Briefen mit Freud darüber auseinander,
nun im Spannungsfeld der Differenzen zwischen der sog. britischen und der Wiener
Schule (F/Jo, S. 667 ff., 740 ff.). – Von Abrahams Reaktion sind, wie schon gesagt,
keine Spuren erhalten. Wir wissen nur, dass er sich für die Zusendung des Jenseits
bedankte (Rbr. 2, S. 23). Allerdings ist nicht ganz auszuschließen, dass sich folgende
Stelle in einem Brief vom Oktober 1919 auf das Jenseits (und zwar dessen Erstfassung)
bezieht: »Ein Wort noch über Ihren letzten Aufsatz! Ich bin ganz begeistert von ihm.
Es scheint mir, als wären Sie nie zuvor so in die letzten Tiefen eines Problems einge-
drungen. Dazu ist die Darstellung so wundervoll faßlich und klar, daß die Lektüre
ein ganz ausgewählter intellektueller und ästhetischer Genuß ist« (F/A, S. 631). Die
Herausgeber des Briefwechsels geben an, dass hier »Das Unheimliche« gemeint sei,
was gut möglich ist, weil es in Heft 5/6 der Imago erschienen war, das im Herbst 1919
herauskam (Strachey zu Freud 1919h). Außerdem trifft die Beschreibung »wunder-
voll faßlich und klar« eher auf das »Unheimliche« zu als auf das Jenseits. Das einzige
Indiz für die Eventualität, dass Abraham die letztere Schrift im Auge hatte, ist ein
Brief vom 13. März 1920. Er schreibt dort:»›Das Unheimliche‹ hat mich sehr gefes-
selt« (F/A, S. 650). Diese Formulierung erweckt den Anschein, als habe er den Text
erst zu diesem Zeitpunkt gelesen und nicht schon im Oktober 1919. – Zur Reaktion
von Andreas-Salomé siehe F/A-S, S. 116 f.
Der dritte Schritt in der Trieblehre 105

Muster der Suche nach Lust/Befriedigung und Vermeidung von Unlust


und entzogen sich folglich dem analytischen Zugriff.
Jenseits des Lustprinzips handelt meiner Auffassung nach vom Jenseits
der Analysierbarkeit oder von den Grenzen der Psychoanalyse, von denen
wir, ähnlich wie damals Eitingon und Jones, nicht gerne reden hören. In
Arbeiten über diese Schrift wird häufig betont, dass wir die psychischen
Phänomene, denen Freud nicht gewachsen war – agierendes Erinnern und
selbstdestruktives Verhalten –, längst besser verstünden. Wir hätten inzwi-
schen große Fortschritte in Theorie und Technik erzielt und könnten im
Unterschied zu Freud schwere Störungen durchaus behandeln.30 Ob das
zutrifft, muss ich offenlassen. Jedenfalls arbeitete Freud, so wie ich ihn ver-
stehe, im Jenseits seine Erfahrungen mit dem Scheitern von Analysen neu
durch und versuchte, sie in der Theorie zu verankern.31
Neu war die Erfahrung der Grenzen der Psychoanalyse nicht. Freud
achtete immer darauf, welche psychischen Störungen sich als analysierbar
erwiesen und welche nicht, und erhob das Kriterium der psychischen Be-
einflussbarkeit zum obersten Merkmal seiner Klassifizierung jener Störun-
gen. Außerdem sicherte er sich so gegen den Vorwurf ab, er halte seine
Behandlungsmethode für universell anwendbar. In den 1890er Jahren fass-
te er die psychisch nicht behandelbaren Phänomene in der Gruppe der so-
matisch bedingten Störungen zusammen (May[-Tolzmann] 1996), nach der
Jahrhundertwende in der Gruppe der narzisstischen Störungen, die er den
behandelbaren Übertragungsneurosen gegenüberstellte. Im Jenseits fand er,
wie ich meine, ein weiteres Mal eine Antwort auf die Frage nach den Grün-
den der Resistenz gegen die Analyse und verdichtete die ihr entgegenste-
henden Kräfte im Konzept des Todestriebs, das wenig später zum Konzept
der negativ-therapeutischen Reaktion führte (Freud 1923b). Am stärksten
schlug sich der zunehmende therapeutische Pessimismus Freuds vielleicht
in »Die endliche und die unendliche Analyse« (1937c) nieder. Dort werden

30
So z. B. Joseph 1982; Feldman 2011.
31
Auch Schur vertritt die Ansicht, dass das Jenseits nicht zuletzt auf die Analysen von
schwergestörten Patienten wie dem Wolfsmann zurückzuführen sei (1973, S. 381 f.),
der nach über tausend Stunden Analyse (1910–1914) im Frühjahr 1919 Freud erneut
aufsuchte und von November 1919 bis März 1920 eine kurze Nachanalyse erhielt
(siehe Freud 1918b, S. 231; 1937c, S. 358 f.; May 2007, S. 614 f.). Ein weiterer schwieri-
ger, u. a. an einer von Freud als »masochistisch« bezeichneten Problematik leidender
Analysand war Viktor v. Dirsztay, dessen vieljährige, ebenfalls über tausend Sitzun-
gen dauernde Analyse Anfang 1920 zu Ende ging (May 2007, S. 612 f.; 2010b; 2011b).
Die vieljährige Analyse Elfriede Hirschfelds schließlich (siehe Falzeder 1995; May
2007, S. 615–617) war 1914 zu Ende gegangen und, wie Freud selbst schrieb, »in Un-
heilbarkeit abgelaufen« (Freud u. Binswanger 1992, S. 148).
106 Ulrike May

die Kräfte, die sich gegen die Heilung wehren und Analysen zum Scheitern
bringen, vom Todestrieb abgeleitet (S. 382 f.). Er sei, wie Strachey in seiner
Vorbemerkung Freud referiert, »das mächtigste und überdies gänzlich un-
kontrollierbare Hindernis« der Analyse (zu Freud 1937c, S. 353).
Freuds ernüchterndes Urteil über die begrenzten Möglichkeiten der
Analyse war im Übrigen ein starker und unerwarteter Eindruck, den ich
von meinem letzten Aufenthalt im Freud-Archiv in Washington mit nach
Hause nahm, nachdem ich eine große Zahl unveröffentlichter Briefe aus
den Jahren 1920–1939 gelesen hatte. Als ich mich danach mit den Vorfas-
sungen des Jenseits beschäftigte, fiel mir dieser empirische Bezug des Textes
deutlicher auf, und ich behaupte: Im Jenseits publizierte Freud eine theore-
tische Wende, zu deren Kern eine Neukonzeptualisierung der Wirksamkeit
der Psychoanalyse gehört – auch wenn die Schrift noch andere, ebenso be-
deutsame Funktionen im Blick auf die Aufgaben und Projekte erfüllte, die
Freud sein Leben lang verfolgte (siehe May 2012b).

III. Zum engeren Werkkontext

Unmittelbar vor der Niederschrift der Erstfassung des Jenseits, während


der Beschäftigung mit dem Text und nach dem Abschluss der Druckfas-
sung schrieb Freud insgesamt sechs weitere Arbeiten (nach Auskunft der
Freud-Bibliographie von Meyer-Palmedo u. Fichtner 1999).32
Die ersten zwei entstanden in den Wochen vor der Erstfassung: im Janu-
ar oder Februar 1919 die »Einleitung« zum Heft über die Kriegsneurosen
(1919d) sowie »Ein Kind wird geschlagen« (1919e), das erstmals Ende Ja-
nuar erwähnt wird und am 17. März bereits fertig war.33 Anfang Mai, nach
Beendigung der Erstfassung des Jenseits, taucht zum ersten Mal »Das Un-

32
Außer Acht gelassen sind bei dieser Angabe Nachrufe, Vorreden sowie kleinere, für
den Stand der Theorie irrelevante Stücke. – Auch in den Neuauflagen, die Freud zwi-
schen Januar 1919 und August 1920 bearbeitete (z. B. die 6. und 7. Auflage der Psycho-
pathologie des Alltagslebens) finden sich keine neuen theorierelevanten Bemerkungen,
mit Ausnahme der 4. Auflage der Drei Abhandlungen, die im Mai 1920 entstand (siehe
F/Fer III/1, S. 67; F/Jo, S. 382 f.).
33
Zur Datierung der Einleitung zu den Kriegsneurosen liegen keine genauen Anga-
ben vor, auch nicht bei Strachey (zu Freud 1919d). Da Freud am 2. Februar in der
Wiener Psychoanalytischen Vereinigung in Bezug auf die Ätiologie der Kriegsneu-
rosen genau die Position vortrug, die sich auch in der Einleitung findet (Fallend 1995,
S. 158 f.), dürfte der Text kurz vor oder nach diesem Termin entstanden sein. – Zur
Datierung von »Ein Kind wird geschlagen«: F/Fer II/2, S. 208, 214; Freud 2012a,
S. 29.
Der dritte Schritt in der Trieblehre 107

heimliche« (1919h) auf, das am 10. Juli 1919 abgeschlossen war. Während
des Jahres der Arbeit am Jenseits-Manuskript und -Thema schrieb Freud,
wie schon erwähnt, nur einen einzigen Aufsatz, »Über die Psychogenese
eines Falles von weiblicher Homosexualität« (1920a), der Ende Januar 1920
fertig wurde. Danach verfasste er bis zum Abschluss der Druckversion des
Jenseits keinen neuen Text mehr – außer den Einschüben in die 4. Auflage
der Drei Abhandlungen (1905d). In den Wochen nach Beendigung des Jenseits
entstanden zwei weitere Arbeiten: der erste Entwurf von Massenpsychologie
und Ich-Analyse (1921c), der am 20. August 1920 fertig vorlag, sowie die
»Ergänzungen zur Traumlehre« (1920f).34
Bei all diesen Texten finden sich enge Zusammenhänge zum Jenseits.
Das ist auch nicht anders vorstellbar, denn Freud kann bei ihrer Nieder-
schrift nicht vom jeweils erreichten Stand seiner Forschung abgesehen
haben. Generell sind Freuds Ausführungen nicht verständlich ohne den
Kontext, in den sie jeweils gehören. Sie repräsentieren keine festen, unver-
rückbaren »Ergebnisse« oder Summen von Eindrücken und Folgerungen,
die sich aus dem jeweiligen Zusammenhang des Theoretisierens heraus-
lösen lassen, sondern sind Stationen einer Kette von Einsichten, die nicht
beliebig aufeinanderfolgen, sondern vom Standpunkt des Autors aus einen
kontinuierlichen, wohlbegründeten Erkenntniszuwachs darstellen. – Fol-
gende Zusammenhänge zwischen dem Jenseits und den in seinem Umfeld
entstandenen Arbeiten lassen sich erkennen:
– Freud setzte im Jenseits seine Überlegungen zur Entstehung der trau-
matischen Neurose fort. Von seinen frühen Publikationen an hatte er
über die traumatische Neurose und über die Stellung des Traumas
in der Ätiologie der Neurosen nachgedacht. In der »Einleitung« zum
Heft über die Kriegsneurosen hatte er den letzten Stand seiner Einsich-
ten festgehalten; im Jenseits wurden sie einen kleinen Schritt vorange-
bracht.35
– Bei der Arbeit am Text drängte sich ihm eine Modifizierung seiner Sicht
des Masochismus auf, die er eben in »Ein Kind wird geschlagen« entwi-

34
Zur Datierung des »Unheimlichen«: F/Fer II/2, S. 236, 247. – Zur »Psychogenese«:
F/Fer III/1, S. 48. – Zu den Drei Abhandlungen: F/Jo, S. 382 f. – Zur Massenpsychologie:
F/Fer II/2, S. 236, F/AF, S. 274, F/Fer III/1, S. 82.
35
Wobei im Jenseits ebenjene Zugangsweise zur Kriegs- und traumatischen Neurose
beiseitegelassen wurde, die in der Kriegsneurosen-Einleitung entwickelt worden
war. Im Sinne dieses sozusagen »strukturellen« Ansatzes war die Kriegsneurose eine
narzisstische Neurose, d. h. eine Ichstörung, da ihre Entstehung durch den Konflikt
zwischen einem »alten« und einem »neuen« Ichideal »ermöglicht oder begünstigt«
wurde (Freud 1919d, S. 323; vgl. auch F/Fer II/2, S. 180; Fallend 1995, S. 159).
108 Ulrike May

ckelt hatte. Die neuen Anschauungen wurden später in Das Ich und das
Es (1923b), vor allem aber in »Das ökonomische Problem des Masochis-
mus« (1924c) weitergeführt.
– Im Jenseits entwickelte Freud das Konzept des Wiederholungszwangs
weiter und verstand ihn nun anders als in »Erinnern, Wiederholen
und Durcharbeiten« (1914g). Eine Vorstufe seiner neuen Sicht präsen-
tierte er in »Das Unheimliche«, das nach der Erstfassung des Jenseits
abgeschlossen wurde. Dort schilderte er den Wiederholungszwang in
einer besonders anschaulichen Form und verwies bereits auf das Jen-
seits als eine »bereitliegende, ausführliche Darstellung« (1919h, S. 261).
Vertieft wurde der Begriff dann in der Zweit- und Druckfassung des
Jenseits.
РDer Zusammenhang zwischen dem Jenseits und Ȇber die Psychogene-
se eines Falles von weiblicher Homosexualität« ist schwächer, aber doch
greifbar. Wie oben dargelegt, bezog Freud in diesem Aufsatz, ebenso
wie in der 4. Auflage der Drei Abhandlungen, Stellung zu biologischen
Aspekten, ein Anliegen, das weite Strecken des Jenseits, vor allem das
sechste Kapitel, beherrscht. Diese Erweiterung des Blickwinkels auf das
»Leben« und den Organismus nimmt Tendenzen zur biologischen Fun-
dierung psychoanalytischer Konzepte auf, die sich von Anfang an in
Freuds Schriften, vor allem in der Trieblehre und in der Theorie des
psychischen Apparats, finden lassen. Insofern stellt das Jenseits mit sei-
ner neuen Triebtheorie und den neuen Überlegungen zur Theorie des
psychischen Apparats eine gewichtige Fortsetzung der metapsycho-
logischen Arbeiten von 1915 dar (besonders 1915c; 1915e; 1985a), die
ihrerseits natürlich ihre Vorläufer haben, beispielsweise in den »Zwei
Prinzipien« (1911b), der 1. Auflage der Drei Abhandlungen (1905d), dem
siebten Kapitel der Traumdeutung (1900a) und dem »Entwurf« (1950c
[1895]).36
Ebenso wie das Jenseits frühere Fäden und Linien der Theorie-Entwicklung
aufnimmt und fortsetzt, führen die Arbeiten, die danach entstanden sind,
die in jener Schrift enthaltenen Überlegungen weiter.

36
Vielleicht handelte Freud in den Publikationen auch verschiedene Aspekte eines The-
menkomplexes ab: des Komplexes von Masochismus und Wiederholungszwang.
Ähnlich wie er früher in »Charakter und Analerotik« (1908b) die normale Analerotik
dargestellt hatte und im »Rattenmann« (1909d) eine neurotische Variante, könnte er
in »Ein Kind wird geschlagen« den klinisch-neurotischen Aspekt von Masochismus
und Wiederholungszwang und im »Unheimlichen« die Normalität dieses Zwangs
beschrieben haben, um die Phänomene dann im Jenseits metapsychologisch zu erfas-
sen bzw. in die allgemeine Theorie einzuarbeiten.
Der dritte Schritt in der Trieblehre 109

– So bieten die »Ergänzungen zur Traumlehre«, Freuds Vortrag auf dem


IPV-Kongress in Den Haag, der nur als Autoreferat überliefert ist, eine
erste klinische Anwendung der Einsichten, zu denen Freud im Jenseits
gelangt war. Eine Fortsetzung findet sich in den »Bemerkungen zur
Theorie und Praxis der Traumdeutung« (1923c) und in Das Ich und das
Es (1923b), vor allem in der Konzeption des Über-Ichs als »einer Art
Sammelstätte der Todestriebe« (ebd., S. 320).
– Noch dunkel sind die Beziehungen zwischen Jenseits des Lustprinzips
und Massenpsychologie und Ich-Analyse. Mir scheint, dass Freuds Vorstel-
lungen von der Entstehung der Vielzeller und der Funktion des Eros
seiner Konzeption der Gruppenbildung und der kohäsiven Funktion
der Identifizierung nahe stehen.
Diese knappe Skizze ist ein Versuch, die sach- und problembezogenen
Verbindungen zwischen den Schriften aus den Jahren 1919–1921 aufzuzei-
gen. Das Jenseits ist kein Solitär und keine Verirrung Freuds, die man tun-
lichst ignorieren sollte, sondern stellt einen Schritt in seinem fortlaufenden
Theoretisieren dar, den er selbst für zwangsläufig hielt. Die darin vorge-
schlagenen Veränderungen waren vielfacher Art, bezogen sich sowohl auf
die klinische als auch auf die metapsychologische Theorie und auf praxis-
nahe Konzepte wie den Wiederholungszwang. Sie entwickelten den The-
oriestand weiter, den Freud Anfang 1919 erreicht hatte, und bildeten die
Basis für die danach vollzogenen Veränderungen. Ohne Kenntnis der im
Jenseits vorgetragenen Theorie, genauer: der vielen Teiltheorien, sind die
nachfolgenden Entwicklungen weniger verständlich.

IV. Die Erstfassung: Die weitausholende Spekulation, oder:


Ein Jenseits des Lustprinzips ohne Todestrieb und Eros

Man kann Freuds Texte als Antworten auf Fragen lesen, die ihn ein Leben
lang beschäftigten. Eine erste solche Frage betraf die Ursache der Neurosen
und Psychosen. Ihr galt das Arbeitsprojekt einer ätiologischen, eng mit der
Praxis verknüpften Theorie der Neurosen und Psychosen, der sogenannten
klinischen Theorie (siehe May[-Tolzmann] 1996). Ein zweites Projekt, das
Freud mit gleicher Beharrlichkeit verfolgte, war die Metapsychologie, d. h.
eine allgemeine, Pathologie und Normalität umfassende Theorie des psy-
chischen Funktionierens. Ein drittes Projekt hatte zum Ziel, die Psychoana-
lyse zu einer Grundwissenschaft zu erheben, die anderen Wissenschaften
übergeordnet ist und ihnen entscheidende Vorgaben machen oder sie zu-
mindest mitgestalten kann, z. B. die Psychiatrie, die Biologie, die Psycho-
110 Ulrike May

logie, die Soziologie, die Literatur-, Religions- und Kunstwissenschaften


oder die Philosophie.
Im Blick auf diese Projekte war das Jenseits insofern ein Beitrag zur
klinischen Theorie, als die traumatische Neurose und das Phänomen des
therapieresistenten Wiederholungszwangs einem neuen Verständnis zu-
geführt werden sollten.37 Unter der Hand wurde der Text dann in erster
Linie ein Beitrag zur Metapsychologie, denn Freud entwickelte neue Vor-
stellungen über die Funktionsweise des psychischen Apparats und über
die Schicksale und Merkmale von Energien und Trieben. Bei der Überar-
beitung der Erstfassung wurde das Jenseits dann auch zu einem Beitrag zur
Eroberung der Biologie, einem Teil des dritten Projekts. Vermutlich gibt es
keine andere Publikation Freuds, in der der Mensch so entschieden als ein
biologisches Wesen gesehen wird, das Leben weitergibt und selbst stirbt –
wobei man im Kopf behalten muss, dass Freud den Menschen mehr oder
weniger gleichzeitig auch primär als soziales Wesen betrachtete, nämlich in
der Massenpsychologie.
Der wichtigste Unterschied zwischen der Erst- und der Zweitfassung
des Jenseits besteht, wie schon mehrfach hervorgehoben, darin, dass die
Erstfassung nur sechs Kapitel enthält, die Zweit- (und die Druck-)fassung
sieben. In der Erstfassung fehlt das Kapitel, in dem sowohl der »Todes-
trieb« als auch sein Gegenspieler »Eros« zum ersten Mal erscheinen. Eben-
so wenig ist in der Erstfassung vom Sadismus oder vom Masochismus die
Rede; sie werden erst in der Zweitfassung erwähnt. Bei der Erstfassung
handelt es sich also um ein Jenseits ohne Todestrieb und ohne Eros.
Vom Lese-Eindruck her wirkt die Erstfassung ruhiger und überlegter,
ist aber ebenso dramatisch inszeniert wie die Zweit- und Druckfassung.
Freud gibt sich große Mühe, unsere Neugier und unser Interesse zu we-
cken, kündigt neue Prinzipien und neue Zusammenhänge an und offen-
bart sie am Höhepunkt der Abhandlung. Anders als in der zweiten ist
Freud in der ersten Fassung noch allein mit sich selbst. Er nennt nur wenige
Arbeiten von Kollegen und Schülern38 und stellt noch keine Bezüge zu Bio-

37
Kürzlich hat auch Krause (2012) daran erinnert, dass das Jenseits die durchaus mo-
derne Vorstellung enthält, die mit der Traumatisierung verbundenen psychischen
Prozesse hätten den Charakter »eigenständiger Regulationsvorgänge«, die nicht dem
Lust-Unlust-Prinzip unterliegen (ebd., S. 14). Ähnlich knüpft Fernando (2012) mit
seiner Konzeption der »Zeroprozesse« ausdrücklich an Freuds Ausführungen im
Jenseits über die Existenz von psychischen Prozessen an, die weder mit den primären
noch mit den sekundären Prozessen identisch sind. Beide Arbeiten scheinen mir so
wichtig, dass ich sie erwähnen möchte, obwohl ich mich sonst mit der Literatur über
das Jenseits nicht auseinandersetzen kann.
38
Die Autoren von Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen (1919): Ferenczi, Abraham,
Der dritte Schritt in der Trieblehre 111

logen und Philosophen her: weder Schopenhauer und Plato noch Fechner,
Weismann, Lipschütz, Doflein, Max Hartmann oder Fließ kommen in der
Erstfassung vor. Es geht zunächst einmal nur um Freuds eigene Beobach-
tungen und Überlegungen.
Trotzdem wird in der Erstfassung schon die große Wende vollzogen,
der Abschied von einer metapsychologischen Grundannahme des bisheri-
gen Theoretisierens, nämlich jener, dass das Psychische in seinen Anfängen
und in primitiven Schichten vom Lust-Unlust-Prinzip beherrscht sei. Aus-
nahmslos alle Arbeiten Freuds waren bisher von dieser Annahme geprägt
und getragen worden, sie lag der Neurosentheorie, der Traumtheorie, der
Theorie von den Beziehungen zur Realität und der Theorie der Technik
zugrunde.
Begleitet wird die Wende von einer großen Anstrengung, das Neue ne-
ben dem Alten zur Geltung zu bringen, das heißt: einen Weg zu finden, wie
sich die Veränderung mit dem vereinbaren ließ, was bisher behauptet wor-
den war – oder: eine Wende zu vollziehen, ohne die bisherigen Einsichten
aufzugeben. Insofern handelt es sich nicht um eine Korrektur oder dar-
um, dass nun eine neue Theorie an die Stelle der alten tritt. Freud versucht
vielmehr, die neuen Einsichten und Annahmen so in die bisherige Theorie
zu integrieren, dass diese erhalten bleibt. Dass ihm das in der Erstfassung
nicht zu seiner Zufriedenheit gelungen war, räumt er am Ende der Ab-
handlung selbst ein.
Gewiss macht Freud in der Erstfassung des Jenseits (wie in der Zweit-
und Druckfassung) einander widersprechende Aussagen. Das aber heißt
nicht, dass er sich nicht um gedankliche Integration seiner Annahmen
bemühte. Er ließ Widersprüchliches nicht etwa deswegen nebeneinander
bestehen, weil das Psychische widersprüchlich ist, sondern versuchte, Wi-
dersprüche aufzulösen, was manchmal gelang, manchmal auch nicht. Um
es zuzuspitzen: Freud kann nicht für den Standpunkt in Anspruch genom-
men werden, es zeuge von psychoanalytischem Geist, die theoretische An-
strengung zu lockern und sich mit Ungeklärtem zufriedenzugeben. Konfu-
sion und Theorielosigkeit waren gerade nicht das Ziel seiner Bemühungen
um eine Theorie der Neurosen und Psychosen oder um ein Modell des
psychischen Funktionierens. –
Ich beschreibe nun die großen Linien des Gedankengangs der Erstfas-
sung des Jenseits (siehe oben: JL/E, S. 67–91). Dabei werde ich bereits die
wichtigsten Korrekturen, die Freud bei der späteren Überarbeitung vor-

Simmel und Jones (JL, S. 222, Anm. 1); Pfeifer 1919 (S. 224); Jung 1909 (S. 232, Anm. 1);
Breuer 1895 (S. 235, Anm. 1, und S. 240).
112 Ulrike May

nahm, nennen und kurz erörtern. Der große Eingriff in die Erstfassung, das
neue Kapitel, wird im Anschluss daran gesondert behandelt.
Vorauszuschicken ist noch, dass ich mich, wie in der Überschrift ange-
kündigt, auf Freuds Überlegungen zu den Triebkräften konzentrieren wer-
de; alles, was die psychische Energie betrifft, wird im Hintergrund bleiben.
Meine Arbeit legt also absichtlich und aus rein pragmatischen Gründen
den Schwerpunkt auf den dynamischen Aspekt.39

1. Das erste Kapitel


Es beginnt behutsam mit der Erinnerung an eine Grundannahme der The-
orie, die sich bisher bewährt hatte: dass es im Seelenleben eine starke Ten-
denz zur Lust gibt, das Lustprinzip, dem andere Kräfte entgegenstehen.
Das Lustprinzip werde vom Realitätsprinzip abgelöst – auch das nichts
Neues, denn spätestens seit den »Zwei Prinzipien« (1911b), dem Sinn nach
natürlich schon seit der Traumdeutung (1900a) und dem »Entwurf« (1950c),
arbeitete Freud mit dieser Grundvorstellung von der Funktionsweise des
Seelenlebens und des psychischen Apparats.
Es komme, fährt Freud fort, im Seelenleben zu starker Unlust, wenn
sich verdrängte Triebansprüche über die Abwehr hinwegsetzen. Sie waren
einmal verdrängt worden, weil sie nicht vertragen wurden, und wenn sie
trotzdem einen Weg ins Bewusstsein finden, wird wieder Unlust empfun-
den. Das wiederholt Freud mit den alten Worten, so dass man nach der
Lektüre des ersten Kapitels der Erstfassung noch nichts erfahren hat, was
den bisherigen Anschauungen widerspricht. Noch kann man sich keine
klare Vorstellung davon machen, worin das im Titel angekündigte »Jen-
seits« des Lustprinzips bestehen soll.
Angemerkt sei, dass sich die Zweit- und die Druckfassung des ers-
ten Kapitels nur geringfügig von der Erstfassung unterscheiden, näm-
lich durch drei Passagen, die Freud bei der Überarbeitung einfügte (JL/E,
S. 218 f./11–13). Sie beziehen sich auf Ausführungen Fechners (1873) über
die Bedeutung von Lust und Unlust und ihre Beziehung zu quantitativen
Veränderungen der Erregung sowie zur »Tendenz zur Stabilität«.40 Meines
Erachtens sollen diese Einschübe Freuds Überlegungen nur unterstützen;
sie ändern nichts an der gedanklichen Substanz des ersten Kapitels.

39
Zum ökonomischen Aspekt siehe z. B. Holt 1962, 1968; Sulloway 1982; Hock 2000;
Früh 2011.
40
Sulloway vertritt die Auffassung, dass Freud Fechners Theorie nicht adäquat wieder-
gab (1982, S. 554 f.).
Der dritte Schritt in der Trieblehre 113

2. Das zweite Kapitel


Ähnliches gilt für das zweite Kapitel. Erst-, Zweit- und Druckfassung sind
mit Ausnahme von zwei Fußnoten, die Freud bei der Überarbeitung der
Erstfassung einfügte, nahezu gleichlautend.41
Freud beginnt das Kapitel mit einer Beschreibung der Kriegsneurose
und der traumatischen Neurose. Als Besonderheit hebt er hervor, dass in
den Träumen der traumatischen Neurose der Unfall wiederholt werde.
Dann bricht er die Darstellung ab und wendet sich den Wiederholungen
zu, die das kindliche Spiel kennzeichnen. Wenn passiv Erlittenes im Spiel
aktiv wiederholt werde, diene die Wiederholung oft der Befriedigung der
Rachlust. Insofern führten diese Wiederholungen zu einem Lustgewinn
und bestätigten den alten Satz von der Herrschaft des Lustprinzips. Zwar
wohne dem Kinderspiel eine Tendenz zur Wiederholung inne, aber sie sei
nicht so irritierend wie die Wiederholungen des Unfalls in den Träumen
der traumatischen Neurose.42
Weiter geht Freud im zweiten Kapitel nicht. Wir befinden uns noch im-
mer auf vertrautem Boden. Freud beginnt jedoch, uns auf das Kommen-
de vorzubereiten. Er zeigt uns Phänomene, die er für erklärungsbedürftig
hält, die ihn irritieren und die auch uns irritieren sollen. Irritierend ist für
ihn, dass in den Träumen der traumatischen Neurose das Trauma wieder
erscheint. Diese Art der Wiederkehr ist für ihn, das ist im zweiten Kapitel
schon spürbar, etwas fundamental anderes als die Wiederkehr verdrängter
libidinöser Triebregungen.

3. Das dritte Kapitel


Auch dieses Kapitel unterscheidet sich in der Zweit- und der Druckfassung
nur geringfügig von der Erstfassung. Freud fügte bei der Überarbeitung
der Erstfassung einen Verweis auf eine Arbeit von Marcinowski (1918) ein
(JL, S. 230), eine Freundlichkeit gegenüber einem Kollegen, den er vermut-
lich enger an die psychoanalytische Bewegung binden wollte (siehe Bern-
hardt 2011). Ansonsten veränderte er nichts.

41
Beide Fußnoten beziehen sich auf Freuds Enkel Ernst und schildern anschaulich und
bewegend zwei »Fort-da«-Episoden, ändern aber nichts am Gang der Argumentati-
on. Die erste Fußnote wurde in der Zweitfassung eingefügt (JL/E, S. 225/7), die zweite,
die den Tod von Ernsts Mutter (Sophie) erwähnt, erst in der Druckfassung (S. 226/9).
42
Das Spiel des Kindes wird oft als Beleg für den Wiederholungszwang angeführt –
meines Erachtens in klarem Gegensatz zu Freuds Ausführungen hier und an anderen
Stellen. So heißt es weiter unten zu den Wiederholungen im Spiel: »Dem Lustprinzip
wird dabei nicht widersprochen« (JL, S. 245).
114 Ulrike May

Am Anfang des dritten Kapitels erinnert Freud daran, dass es auch in


der Analyse zu Wiederholungen kommt. Sie seien notwendig, weil sie die
Möglichkeit bereitstellen, konflikthafte Triebregungen adäquat zu verar-
beiten. Auch das ist natürlich nicht neu. In »Erinnern, Wiederholen und
Durcharbeiten« (1914g) waren Bedeutung und Funktion der Wiederho-
lung ausführlich erörtert worden. Nun aber wird betont, dass der Wieder-
holungszwang in der Analyse etwas Besonderes sei, und zwar deswegen,
weil er – hierin ähnlich wie die Träume der Unfallneurosen – auch Ereig-
nisse wiederhole, die »keine Lustmöglichkeit enthalten, die auch damals
nicht Befriedigungen, selbst nicht von seither verdrängten Triebregungen,
gewesen sein können« (JL, S. 230). Freud wird nun kategorisch. Er ist an
einem ersten Punkt angelangt, den er angesteuert hat.
Seine Behauptung lautet: Es gibt psychisch relevante »drängende« Vor-
gänge, die nicht auf libidinöse Regungen zurückgeführt werden können.
Sie haben gleichwohl einen drängenden Charakter, und vom Drang hatte
Freud eben in »Triebe und Triebschicksale« (1915c) gesagt, er sei kennzeich-
nend für den Trieb. Diese anderen drängenden Vorgänge aber sind nicht
identisch mit libidinösen Triebregungen. Das war der Punkt, an dem Jones,
Eitingon und andere nicht mehr mitgingen. Ihre Reaktion ist verständlich,
denn Freud verlangte eine radikale Veränderung des analytischen Blicks.
Man war daran gewöhnt, angesichts von Symptomen nach verdrängten
Befriedigungen Ausschau zu halten. Das sollte nun obsolet sein. Es sollte
wichtige Ereignisse und Phantasien des infantilen Lebens geben, die zur
Symptombildung führen, deren Drang aber nicht auf libidinöse, darunter
natürlich auch lustvoll-sadistische, Wunschregungen zurückzuführen ist.
Der Begriff des Wiederholungszwangs hatte plötzlich eine andere, neue
Bedeutung. Wegen des Widerstands gegen diese Wendung fügte Freud in
die 2. Auflage von 1921 einen Satz ein, der deutlich machen sollte, dass es
ihm mit seiner Neuerung ernst war (JL/E, S. 231/23).
Am Ende des Kapitels holt Freud noch einmal aus, um zu bekräftigen,
wie wichtig ihm das Moment des Wiederholungszwangs ist. Der Wieder-
holungszwang verschränke sich im Kinderspiel mit anderen, libidinösen
(sadistisch-lustvollen) Motiven und sei hier nicht in seiner Reinform fass-
bar. Auch in der Analyse trete er nie rein in Aktion, und doch nötigten uns
die Wiederholungen des Unlustvollen in der Analyse den Eindruck auf, es
gehe hier etwas Merkwürdiges vor sich. In den Träumen der Unfallsneuro-
se schließlich manifestiere sich der Zwang am deutlichsten, unabweisbar-
sten. Das Bestreben, Unlustvolles zu wiederholen, sei – und nun fällt das
entscheidende Wort – »ursprünglicher, elementarer, triebhafter als das von
ihm zur Seite geschobene Lustprinzip« (JL, S. 233).
Der dritte Schritt in der Trieblehre 115

Freud bezeichnet hier den Wiederholungszwang als »triebhaft« und


deutet damit schon an, dass er auf dem Weg war, die Triebe neu zu bestim-
men, neben den libidinösen und den Selbsterhaltungstrieben andere Triebe
in Betracht zu ziehen.

4. Das vierte Kapitel


Man muss das vierte und fünfte Kapitel (sowohl der Erst- als auch der
Zweit- und Druckfassung) zusammen lesen, da sich die wichtigste Mittei-
lung, die »weitausholende Spekulation« (JL, S. 234), über beide erstreckt.
Mit deren Ankündigung leitet Freud das vierte Kapitel ein. Die Spekula-
tion ist also bereits Gegenstand der Erstfassung. Freud warnt uns vor ihr,
und dabei ist weder im vierten noch in den folgenden Kapiteln der Erstfas-
sung vom Todestrieb die Rede. Was aber ist dann mit der weitausholenden
Spekulation gemeint?
Zunächst handelt Freud vom Bewusstsein und vom Gedächtnis, wie
wir es von ihm kennen, vor allem aus dem »Entwurf« (1950c). Er selbst
verweist auf seine Ausführungen in der Traumdeutung und bricht dann ab,
um die Entwicklung des Organismus aus »Bläschen reizbarer Substanz«
(JL, S. 236) zu schildern, die allmählich eine Rinde bilden, d. h. eine Stelle,
die sich nicht mehr verändert und als Reizschutz wirkt; die Stelle selbst ist
abgestorben, tot, anorganisch. Dieses Modell überträgt Freud probehalber
auf die Entstehung des Bewusstseins; aber auch das ist noch nicht die an-
gekündigte Spekulation. Er fährt fort, über die Entstehung der Sinnesor-
gane nachzudenken, und bestimmt das Trauma als ein Durchbrechen des
»Reizschutzes« (S. 237).43 Aber noch immer sind wir nicht bei der »weit-
ausholenden Spekulation« angelangt. Freud begibt sich vielmehr gerade
erst auf den Weg zu etwas Neuem. Zu diesem Neuen gehört die Aussage,
dass das Trauma das Lustprinzip außer Kraft setzt. Das Trauma zeige, dass
der Organismus Aufgaben durchzuführen hat, die wichtiger sind als die
Suche nach Lust und die Vermeidung von Unlust. Reize müssten erst psy-
chisch gebunden werden, bevor sie abgeführt werden können. Die psychi-
sche Bindung entspreche einer Verwandlung in ruhende Besetzung. Also:
Erst wenn einströmende Reize gebunden sind, unterliegen sie dem Lust-

43
Laplanche u. Pontalis verweisen auf den Begriff des »Quantitätsschirms« im »Ent-
wurf« als Vorläufer des Reizschutzes (1972, S. 440). Ob Freuds Bestimmung des Trau-
mas gängig oder innovativ war, kann hier nicht untersucht werden. Menninger zeigt
auf, dass das Trauma bereits von Autoren vor Freud als ein Zuviel an plötzlicher
Erregung definiert wurde (siehe 2011, S. 137 f., 156 f.).
116 Ulrike May

Unlust-Prinzip. Die Bindung entspricht einem Prinzip, das »unabhängig«


vom Lustprinzip ist und »ursprünglicher« als dieses (JL, S. 242). Mehr wird
im vierten Kapitel nicht gesagt.
Um Freud folgen zu können, darf man sich nicht daran stören, dass er
den Begriff der »Bindung« im vierten Kapitel des Jenseits anders gebraucht
als zuvor (z. B. 1911b, S. 20; 1915e, S. 147).44 Er meint nicht mehr den Vor-
gang der Transformation von primären in sekundäre Prozesse oder die
Verwandlung von nach Abfuhr drängender in gebundene Energie. Diese
Vorgänge waren bisher als später Erwerb gedacht, als eine sich erst all-
mählich herausbildende Funktionsweise des psychischen Apparats. Nun
hingegen wird mit »Bindung« eine Transformation (in »ruhende« Beset-
zung) bezeichnet, die eine Voraussetzung für den Primärvorgang bildet. Es
erleichtert das Verständnis dieser neuen Konzeptualisierung, wenn man
sich auf den empirischen Bezugspunkt, den klinischen Kern der metapsy-
chologischen Darlegungen besinnt, der lautet: Traumata haben besondere
psychische Wirkungen, die Aufgabe ihrer Bewältigung ist dem Bestreben,
Lust zu gewinnen und Unlust zu vermeiden, vorgeordnet. So gesehen er-
scheint der neue Bindungsbegriff immerhin sinnvoll, auch wenn er nicht
identisch ist mit dem alten.
Als Freud das vierte Kapitel der Erstfassung überarbeitete, fügte er am
Ende zwei längere Passagen ein (JL/E, S. 242 f.).45 Sie wiederholen die neue
These und bekräftigen sie: Die traumatischen Neurosen seien einem Be-
reich jenseits des Lustprinzips zuzuordnen, weil die Träume der Unfalls-
neurotiker nichts mit Wunscherfüllung zu tun haben. Auch die Träume
von Analysanden, die »Traumen der Kindheit wiederbringen«, passten
nicht zur Wunscherfüllungstheorie (JL, S. 242). Deshalb gelte das »Jenseits«
des Lustprinzips auch für den Traum. Auch für ihn gebe es eine »Vorzeit«,
in der er anderen Funktionen als der Wunscherfüllung diene, nämlich der
psychischen Bewältigung traumatischer Eindrücke. Träume, die traumati-
sche Erinnerungen enthielten, kämen, wie Freud zögernd einräumt, auch
außerhalb der Analyse vor (ebd.).
Freud zögert, weil er zu dem Schluss gekommen war, dass er die The-
orie des Traums verändern musste; da war behutsames Vorgehen ange-

44
Darauf hat Holt (1962, S. 92) als einer der Ersten aufmerksam gemacht. Vielleicht
hat er Freuds Texte, wie er später selbst anmerkte (1989, S. 108 f.), zu genau gele-
sen, sozusagen einen zu feinen Maßstab gewählt. Manches, was wir heute als einen
»Begriff« verstehen, wie z. B. »Bindung«, war nicht immer einer. Freud verwendet
die Bezeichnung bisweilen wie ein Wort der Umgangssprache, das je nach Kontext
Verschiedenes bedeuten kann.
45
Einen weiteren Einschub gibt es am Anfang des Kapitels (JL/E, S. 234/116).
Der dritte Schritt in der Trieblehre 117

bracht. Es ist nicht so, dass er nie zuvor den Gedanken gehabt hätte, Träu-
me könnten primär der psychischen Verarbeitung von (traumatischen)
Eindrücken dienen. Bereits im September 1918, in seinem Budapester
Vortrag über die Kriegsneurosen, hatte Ferenczi gesagt, er folge »einem
Winke Freuds«, wenn er die Schreckträume traumatischer Neurosen als
»selbsttätige Heilungsversuche« auffasse (1919a, S. 117). Freud aber zögerte.
Er musste überlegen und entscheiden, wie diese Tendenz, der Heilungs-
oder Bewältigungsversuch, in die Theorie zu integrieren war. Das war keine
Frage der Empirie. Aus der Analyse traumatischer Neurosen allein ergab
sich keine Entscheidung, hatte sich jedenfalls bis 1919 keine ergeben. Freud
fasste nun, im Jenseits, den Entschluss, die neue Funktion in die Traum-
theorie aufzunehmen, und zwar durch die Annahme, es gebe eine »Vor-
zeit« des Traums, die der Bewältigung von Traumen diene. Sie lag chrono-
logisch und logisch vor der Wunscherfüllung, d. h. sie fand früher statt als
diese und bildete ihre Voraussetzung. Damit hatte Freud die (alte) Tendenz
zur Wunscherfüllung gerettet und zugleich eine neue Tendenz eingeführt –
ein Beispiel für die Art und Weise, wie er bei Modifikationen seiner Theorie
vorging.
In der ersten der beiden Passagen, die bei der Überarbeitung der Erst-
fassung hinzukamen, werden auch die Strafträume kurz erwähnt (JL/E,
S. 242/33 f.). Freud erweckt hier den Anschein, als ob sie für die Theorie kein
Problem darstellten. Davon nahm er im August 1920 Abstand, in dem nach
Abschluss des Jenseits verfassten Vortrag für den Kongress in Den Haag,
wo die Strafträume als Erfüllung von Wünschen der »kritischen Instanz im
Ich (Ichideal, Zensor, Gewissen)« erklärt werden (1920f, S. 622). Noch einen
Schritt weiter ging Freud bald darauf in seiner Revision der Traumtheorie
(1923c), die explizit an die Ausführungen im Jenseits anknüpfte.46
Bevor ich zum fünften Kapitel komme, möchte ich darauf aufmerk-
sam machen, dass im Text bisher noch nicht von Trieben die Rede war, die
dem späteren Todestrieb ähnlich sind; auch die Sexual- und die Selbster-
haltungstriebe waren noch nicht Thema. Nur an einer Stelle und passager
verglich Freud die Reizmengen des Traumas mit den ebenso bedrohlichen
Reizmengen, die »von innen« kommen (JL, S. 239). Ansonsten handeln die
ersten vier Kapitel ausschließlich vom Trauma. Das Phänomen des Trau-

46
In der zweiten Ergänzung am Kapitelende (JL/E, S. 243/34 f.) erinnert Freud an sei-
ne These aus den Drei Abhandlungen, dass mechanische Erschütterung sexuelle Er-
regung freisetze. Gleichzeitige reale Verletzungen aber, so überlegt er nun weiter,
wirkten deshalb nicht traumatisch, weil die dadurch ausgelöste Erregung durch die
narzisstische Besetzung der betroffenen Körperstelle »gebunden« werde.
118 Ulrike May

mas begleitete Freud von seinen ersten Versuchen der Theoriebildung an,
d. h. mindestens seit der Begegnung mit Charcot. Es spielte in allen theo-
retischen Ansätzen eine zentrale Rolle, sowohl in der klinischen Theorie
als auch in der Metapsychologie. Im Jenseits machte Freud einen neuen
Versuch, das Trauma klinisch zu verstehen und es in die Theorie einzuord-
nen, und zwar nicht jene Traumata, die, wie er oft gesagt hatte, den Kern
der analysierbaren Übertragungsneurosen bilden;47 sie sind psychisch
aufgefangen oder »gebunden« worden. Im Jenseits geht es vielmehr um
Traumata, die traumatische Neurosen einschließlich der Kriegsneurosen
hervorrufen, d. h. klinische Bilder, zu deren Hauptsymptomatik die unver-
änderbare Wiederkehr der traumatischen Situation gehört und die sich in
besonderem Maß der analytischen Behandlung widersetzen.48 Wie so oft,
war das Trauma für Freud das Rätsel, das es zu lösen galt, und der Trieb die
Antwort (bzw. eine von mehreren möglichen Antworten).

5. Das fünfte Kapitel


Ähnlich wie in Kapitel I bis IV korrigierte Freud bei der Überarbeitung der
Erstfassung des fünften Kapitels nur wenig Substanzielles – mit einer Aus-
nahme, auf die ich weiter unten zurückkomme. Der Gedankengang bleibt
also durch alle Fassungen hindurch nahezu der gleiche.
In diesem Kapitel tat Freud den Schritt, den er selbst für den spekula-
tivsten hielt. Er war im vierten Kapitel zu dem Schluss gelangt, es müsse
ein Prinzip geben, das dem Primär- und Sekundärvorgang und dem Lust-
Unlust- (mitsamt dem Realitäts-)Prinzip vorhergehe – das den Ablauf der

47
Siehe z. B. Freuds Brief an Jones vom 18. 2. 1919, unmittelbar vor der Niederschrift
des Jenseits: »a traumatic neurosis [is] thus to be found at the bottom of every case of
Übertraggs-neurose« (F/Jo, S. 334).
48
Überraschenderweise äußerte sich Freud wiederholt schroff und verneinend über die
Analysierbarkeit der traumatischen Neurose. Beispielsweise schrieb er 1909 an Abra-
ham, die traumatische Neurose sei »schwer angreifbar« (F/A, S. 166). Eine ähnliche
Bemerkung findet man in den Vorlesungen (1916–17a, S. 274) oder in »Hemmung,
Symptom und Angst« (1926d, S. 271f.), wo Freud behauptet, es liege »nicht eine ein-
zige verwertbare Analyse« einer traumatischen Neurose vor – und das nach dem
Versuch, die Kriegsneurosen für die Analyse zu erschließen. Im gleichen Sinn heißt
es im späten »Abriss«, die Beziehungen der traumatischen Neurose zur »infantilen
Bedingung« hätten sich »bisher der Untersuchung entzogen« (1940a, S. 111). Freuds
Beharren auf der Besonderheit der traumatischen Neurose und der Eigenständigkeit
traumatischer Vorgänge, sein Bestehen auf dem »Jenseits« des Lustprinzips, eröffne-
te meiner Auffassung nach einen Zugang zu einem neuen psychischen Bereich. Die
Geschichte der psychoanalytischen Theorie nach Freud hat gezeigt, wie »modern«
sein Festhalten an diesem »Jenseits« war, auch wenn ihm viele Schüler darin nicht
folgen konnten oder wollten (vgl. oben, Anm. 37).
Der dritte Schritt in der Trieblehre 119

psychischen Vorgänge reguliere, bevor das Lustprinzip in Aktion treten


könne. Das allein bedeutete, wie schon erwähnt, eine massive Verände-
rung seiner bisherigen Grundvorstellungen von der Funktionsweise des
Psychischen. Nun aber kam Freud auf die Phänomene zurück, die ihn
nicht ruhen ließen: das Spiel der Kinder und die Wiederholungen in der
Analyse. Ersteres mache die Annahme eines Wiederholungszwangs nicht
erforderlich, wohl aber das in der Analyse zu beobachtende »therapeuti-
sche Hindernis« des Wiederholungszwangs (JL, S. 246). Und nun folgt eine
weitere Enthüllung, auf die der Text zusteuert, nämlich: Der Wiederho-
lungszwang liegt zwar »jenseits« des Lustprinzips, ist aber selbst Merkmal
eines Triebes, mehr noch: aller Triebe. Die Triebe sind anders beschaffen als
bisher angenommen, sie drängen nicht nur nach Abfuhr, sie streben nicht
nur nach Lust und Befriedigung, wie wenig früher in »Triebe und Trieb-
schicksale« (1915c) oder in den Vorlesungen zur Einführung in die Psycho-
analyse (1916–17a) dargestellt worden war. Die Triebe wollen vielmehr in
erster Linie einen früheren Zustand wiederherstellen; sie wollen sozusagen
gar keine Triebe sein, sondern streben zurück in den Zustand der Trägheit
(JL, S. 246).
Das ist aber noch nicht der Höhepunkt der Mitteilung. Freud unter-
bricht den Text und verweist auf das biologische Prinzip der Wiederholung
der Phylogenese in der Ontogenese. Danach teilt er uns die eigentliche
Spekulation mit (JL, S. 247 f.). Er wolle nun die »letzten Konsequenzen«
ziehen, auch auf die Gefahr hin, »den Anschein des ›Tiefsinnigen‹ [zu] er-
wecken«: Das Leben sei entstanden, obwohl es gar nicht entstehen wollte;
die Organismen hätten sich höherentwickelt, obwohl sie es nicht wollten;
Leben und Höherentwicklung seien nur »aufgezwungen«, Folge äußerer
Einwirkungen. Was die Organismen eigentlich wollten, sei – der Tod: »Das
Ziel alles Lebens ist der Tod […]. Das Leblose war früher da als das Lebende«
(JL, S. 248). Beide Sätze hebt Freud durch Unterstreichung bzw. Sperrdruck
hervor. Mit der Entstehung des Lebens sei ein erster »Trieb« entstanden,
der zum Leblosen zurückkehren wolle, das Leben sei nur ein Umweg zum
Tod, das gesamte Triebleben diene der Herbeiführung des Todes.
Nach Mitteilung dieser »weitausholenden Spekulation« besinnt sich
Freud auf den Stand seiner Theorie und überlegt, wie die neuen Gedan-
ken damit zu vereinbaren wären. Bisher standen ja die Sexual- und die
Selbsterhaltungstriebe im Zentrum seiner Vorstellungen vom Seelenleben,
genauer: der Ätiologie der Neurosen und Psychosen. Jetzt hatte er sich von
seinen Spekulationen bis zum Endpunkt tragen lassen, an dem es um die
Entstehung des Lebens aus der anorganischen Materie ging und um die
nach seiner Auffassung eo ipso damit verbundene Tendenz, in den anorga-
120 Ulrike May

nischen Zustand zurückzukehren. Wie ließen sich die Sexual- und Selbst-
erhaltungstriebe mit diesen neuen Vorstellungen zusammendenken?
Die Sexualtriebe konnten, das war sofort einleuchtend, nicht mit den
Trieben gleichgesetzt werden, die zum Tode drängten. Das wäre ein zu
großer Widerspruch zur bisherigen Konzeption gewesen. Also blieb Freud
nichts anderes übrig, als die zum Tode drängenden Triebe den Selbst-
erhaltungstrieben zuzuordnen. Eine gewagte Entscheidung, die mit Hilfe
einer Zusatzannahme ein gewisses Maß an Plausibilität erhielt, nämlich:
Die Selbsterhaltungstriebe sollten für einen sozusagen optimalen, dem
Organismus am meisten entsprechenden, seiner konstitutionell vorgege-
benen optimalen Lebensdauer am nächsten kommenden Tod sorgen (JL,
S. 248 f.). Schon hier sei angemerkt, dass diese heute abwegig erscheinende
Idee damals anders verstanden worden sein dürfte. Denn in der Biologie
war es eine stehende Redewendung, vom Tod der Lebewesen aus »inne-
ren Gründen« oder vom »richtigen Tod« zu sprechen, wenn man den Tod
meinte, der das Lebewesen nicht auf Grund zufälliger widriger Umstände
ereilt.
Wenn die Sexualtriebe also nicht mit den neuen Trieben, die eine Rück-
kehr zum anorganischen Zustand anstrebten, gleichgesetzt werden konn-
ten, so hatten sie doch, so Freud, bestimmte Eigenschaften mit ihnen ge-
meinsam. Auch die Sexualtriebe strebten nach der Rückkehr zu früheren
Zuständen. Sie waren sogar in gewissem Sinn »konservativer« als die zum
Tode strebenden Regungen (JL, S. 250). Die Phänomene, die Freud hier im
Auge hatte, waren die relative Resistenz der Sexualtriebe gegenüber äuße-
ren Einwirkungen und der in der Analyse zu beobachtende regressive Zug
oder die Klebrigkeit der Libido, d. h. alle jene Tendenzen, die sich gegen
Veränderungen richten, jener Widerstand in Analysen, der sich nicht auf-
lösen lässt, die »Kraft«, die »hinter« der Wiederholung unlustvoller, trau-
matischer Situationen steht. Einerseits wiesen die Sexualtriebe also Eigen-
schaften der zum Tode drängenden Triebe auf, und andererseits arbeiteten
sie dem Tod entgegen, weil sie für Vermehrung und Fortpflanzung sorgten
und auf diese Weise das Leben »für längere Zeiten« erhielten (ebd.).
An dieser Stelle, in der Mitte des fünften Kapitels, stieß Freud, wie ich
meine, auf ein ernstes Problem, das er selbst nicht als solches benannte,
das aber meines Erachtens weitreichende Folgen hatte. Ich erschließe es
aus der oben schon erwähnten kleinen, aber gewichtigen Korrektur, die
bei der Überarbeitung der Erstfassung vorgenommen wurde. Sie bezieht
sich auf eine Stelle, an der die Fortpflanzung, d. h. die Erhaltung des Le-
bens, erörtert wird, die durch die Verschmelzung von Keimzellen zustande
kommt. In der Erstfassung des Jenseits hatte Freud geschrieben: »Völlig un-
Der dritte Schritt in der Trieblehre 121

verständlich ist uns die Tatsache, dass die Keimzelle für diese Leistung [sc.
die Erhaltung des Lebens] durch die Verschmelzung mit einer anderen, ihr
ähnlichen und doch von ihr verschiedenen, gekräftigt oder überhaupt erst
befähigt wird« (JL/E, S. 89). Beim Lesen dieses Satzes stutzt man und wun-
dert sich darüber, dass Freud die Verschmelzung von Keimzellen für »un-
verständlich« hielt. Er selbst war mit dieser Aussage offenbar auch nicht
glücklich, denn er korrigierte sie bei der Überarbeitung der Erstfassung.
Danach lautete sie: »Im höchsten Grade bedeutungsvoll ist uns die Tatsache,
daß die Keimzelle etc.« (JL/E, S. 249/41; Hervorhebung U. M.).
Aus der anfänglichen Wendung »völlig unverständlich« wurde also in
der Zweit- und Druckfassung »im höchsten Grade bedeutungsvoll«. Ich
vermute, dass Freud die Verschmelzung der Keimzellen zunächst als un-
verständlich bezeichnete, weil sie in seiner bisherigen Konzeption der in-
fantilen Sexualität keinen Platz hatte. Natürlich hatte er immer im Blick
gehabt, dass der Sexualität unter anderem auch die Funktion der Fort-
pflanzung zukommt, aber dieser Aspekt war dem Erwachsenenleben zu-
geordnet und nicht dem Inbegriff der Sexualität, der infantilen Sexualität,
die durch den Autoerotismus und die Suche nach Lust gekennzeichnet war
(1905d, S. 89). Auch in der Triebtheorie von 1915 hatte Freud daran fest-
gehalten, und zwar in der Formulierung, dass die Beziehung des Triebes
zum »Objekt« locker sei, das Objekt austauschbar, das »variabelste« am
Trieb und primär von Interesse wegen der Befriedigungsmöglichkeiten,
die es bietet (1915c, S. 86). Das Objekt war also, vom Standpunkt der in-
fantilen Sexualität aus betrachtet, alles andere als ein Etwas, mit dem man
verschmelzen möchte. Wie immer man Freuds Konzeption der infantilen
Sexualität verstehen mag, die Vorstellung, sie handle von einem Wunsch
oder Trieb nach »Verschmelzung« mit einem anderen Wesen, ist das Ge-
genteil dessen, was Freud bisher vorgeschwebt war. Deshalb, so meine ich,
bezeichnete er die Vereinigung in der Erstfassung als »völlig unverständ-
lich«. Die Verschmelzung passte nicht zum Kern dessen, was Freud unter
Sexualität verstand; sein Begriff von Sexualität sollte sich ja gerade nicht
an der Sexualität des Erwachsenen orientieren, in der die genital-sexuelle
Vereinigung im Zentrum steht.
Die Vereinigung oder Verschmelzung wurde in der Zweitfassung zu
etwas »im höchsten Grade Bedeutungsvollen«, und das war möglich, weil
Freud hier, im neuen sechsten Kapitel, den »Eros« einführte (JL, S. 259).
Ich würde sogar sagen, dass er den Eros einführte, weil er das Konzept der
infantilen Sexualität aufrechterhalten wollte. Dem Eros wird in der Zweit-
fassung die Tendenz zur Verschmelzung, Zusammenführung oder Verei-
nigung zugeschrieben. Auf diesem Weg wurde die Verschmelzung (von
122 Ulrike May

Zellen, Organismen, Menschen) sozusagen aus der Konzeptualisierung


der Sexualtriebe ausgeklammert. Damit ist auch ausgesprochen, dass es in
der Erstfassung des Jenseits noch keinen Eros gibt.49 Nicht nur dass Freud
das Wort nicht verwendete, sondern alles, was später den Eros kennzeich-
net, wird in der Erstfassung, wie eben dargestellt, noch den Sexualtrieben
zugeschlagen.
Ich resümiere: In der Erstfassung von Jenseits des Lustprinzips verwen-
dete Freud die Bezeichnung »Todestrieb« noch nicht, aber er führte bereits
eine neue Definition der Triebe ein, deren zentrales Bestimmungsstück der
Drang nach Rückkehr zu einem früheren Zustand war, und sprach aus-
führlich von jenen Trieben, deren Ziel es ist, den Organismus zum Tode
zu führen. Insofern ist seine Bemerkung gegenüber Wittels, er habe die
wichtigsten Gedanken des Jenseits schon gehabt, als seine Tochter Sophie
»gesund und blühend« war, meines Erachtens zutreffend. Den Eros hinge-
gen findet man in der Erstfassung weder dem Wort noch der Sache nach. Er
ist hier noch ein unausgegliederter Bestandteil der Sexualtriebe. Erst in der
Zweitfassung wird er als nicht dem Sexuellen im engeren Sinn zugehörig
aus den Sexualtrieben ausgeklammert und als eigenständiger Trieb oder
als Triebgruppe eingeführt.
Dass Freud die Frage umtrieb, wie die Verschmelzung oder die Zusam-
menführung von mehreren Einheiten zu »höheren« Organismen, »Höher-
entwicklung« überhaupt, auch Höherentwicklung des Menschen, zu ver-
stehen seien, ist im Jenseits an vielen Stellen der Erst- wie der Zweit- und
Druckfassung zu spüren, insbesondere im fünften Kapitel (JL, S. 250 f.).
Mit einem auffällig starken Affekt, vielleicht könnte man von einer Denk-
vorliebe sprechen, lehnt Freud einen »Drang« zur Höherentwicklung ab
und betont, dass sich im Organischen Höherentwicklung nur gegen den
Willen der Organismen ereigne und nur durch die Einwirkung äußerer,
störender Einflüsse zustande komme.50 Auch beim Menschen gebe es kei-
nen wirklichen Drang zum Höheren, alle Kulturleistungen seien nur ein
sozusagen mechanisches Resultat von Verdrängung und Sublimierung.51

49
Der letzte Absatz des fünften Kapitels, in dem »Eros« bereits vorkommt, wurde erst
1923 in der 3. Auflage eingefügt (JL/E, S. 252/43 f.).
50
Freud verweist in diesem Zusammenhang (JL, S. 251, Anm. 1) auf Ferenczi, der eben-
falls von einer »Beharrungs-, resp. Regressionstendenz« im organischen Leben ge-
sprochen hatte und wie Freud jegliche Höherentwicklung auf die Notwendigkeit,
sich äußeren Einwirkungen anzupassen, zurückführte (1913, S. 81, Anm. 2); siehe
unten, Exkurs I.
51
In der 3. Auflage des Jenseits (1923) besserte Freud noch nach und schlug in einer
Einfügung am Ende des fünften Kapitels vor, den Eros als eine Art »Ersatz für den
nicht anzuerkennenden ›Vervollkommnungstrieb‹« zu betrachten (JL/E, S. 252/44).
Der dritte Schritt in der Trieblehre 123

Am Ende des fünften Kapitels angelangt, kann man sich kaum noch
daran erinnern, was Freud eigentlich vorgehabt hatte. Rekapitulieren wir:
Er wollte die einem inneren Zwang folgende, unkorrigierbar scheinende
Wiederholung unlustvoller Erlebnisse in den Träumen der traumatischen
Neurose, in der Analyse (und im Leben) erklären. Seine Antwort lautete in
der Erstfassung, dass die Wiederholung auf einen Trieb zurückzuführen
sei. Sie sei nicht nur Folge eines Traumas, das eine psychische Verarbeitung
einströmender »Reizmassen« unmöglich macht, nicht nur Folge oder Aus-
druck eines Defekts der Funktionsweise des psychischen Apparats, son-
dern zugleich in irgendeiner Weise Ausdruck oder Funktion eines Triebs,
»diene« einem Trieb, dessen Ziel es ist, jegliches Funktionieren zum Still-
stand zu bringen.
Ich sehe hier eine Denkbewegung, die vom Trauma zum Trieb führt.
Was zuerst eine Schwäche des Apparats, des Organismus oder des Ichs
ist, verkehrt sich zur Befriedigung einer Triebregung zur Selbstzerstörung.
Ein ähnlicher Vorgang lässt sich bei Freuds Bearbeitung der Schrift für die
2. Auflage von 1921 beobachten. Hier fügte er in das zweite Kapitel einen
Halbsatz ein, der eine Beziehung zwischen der Wiederholungsneigung
und den »rätselhaften masochistischen Tendenzen des Ichs« herstellte
(JL/E, S. 224/16). Auch dieser kleine Einschub aus späterer Zeit zeigt die
eben erwähnte Eigenheit von Freuds Theoriebildung: Aus der Schwäche
des psychischen Apparats, die das Auftauchen unlustvoller Erinnerungen
zur Folge hat, wird im zweiten theoretischen Zugriff ein Triebgeschehen
oder ein Triebwunsch. Vielleicht ist es ein Grundzug von Freuds Denken,
dass es ums Trauma kreist, das Trauma in den Blick nimmt und dann von
ihm wegführt, in manchen Zeiten der Theoriebildung zum Konflikt, in an-
deren zu schon geschehenen, vererbten Traumen und in wieder anderen
zum Trieb oder den Trieben, sei es den sexuellen oder den Todestrieben.
Und sobald Freud beim Trieb angekommen ist, drängt sich ihm dessen
prinzipiell oder potenziell traumatischer, überwältigender Charakter auf,
das »Triebpassive«, wie Andreas-Salomé es nach der Lektüre des Jenseits
nannte (F/A-S, S. 116), so dass man wieder beim Trauma angelangt ist.52

Das heißt: Höher- und Weiterentwicklung können nicht auf das Wirken der Sexual-
triebe zurückgeführt werden, sondern nur auf die Mitwirkung des Eros, der darauf
drängt, »das Organische zu immer größeren Einheiten zusammenzufassen« (ebd.).
– Hier bestätigt sich meine Vermutung, das Konzept des Eros sei zum Zweck der
Übernahme jener Funktionen geschaffen worden, die Freud nicht mit dem Sexuellen
in Verbindung gebracht haben wollte.
52
Zum Verhältnis zwischen Trauma und Trieb in Freuds Theoretisieren siehe vor allem
Grubrich-Simitis 1987; 2007.
124 Ulrike May

In der Erstfassung des Jenseits beginnt die Bewegung beim Trauma


und führt zum Wiederholungszwang, der als Trieb definiert und als
Repräsentant einer Gruppe von Trieben gesehen wird, die sich gegen
Veränderung sträuben und letzten Endes zum Tode drängen. Sie stre-
ben Zerstörung und Stillstand des eigenen Lebens an, nicht aber dessen
Fortsetzung. Diese Triebgruppe setzt Freud in der Erstfassung mit den
Selbsterhaltungstrieben gleich, was er, um das vorwegzunehmen, in der
Zweit- und Druckfassung korrigieren wird. Zunächst einmal wollte er,
wie ich vermute, die alte Theorie beibehalten, in der die Sexualtriebe den
Selbsterhaltungstrieben gegenübergestellt waren, und hier gab es für
Triebe, die zum Tode drängen, erst einmal keinen anderen Platz als den
der Selbsterhaltungstriebe. Mit dieser Lösung fühlte sich Freud unwohl.
Er distanzierte sich bei der Überarbeitung der Erstfassung explizit von ihr
(JL/E, S. 247/38 bzw. 249/40) und behandelte die Frage nach der Platzierung
der Triebe, die zum Tode drängen, ausführlich im neuen sechsten Kapitel,
wo er dann auch eine alternative Lösung vorschlug: die sogenannte dritte
Triebtheorie.

6. Das sechste (= siebte) Kapitel


Das sechste und letzte Kapitel der Erstfassung, das in der Druckfassung
zum siebten wurde, ist kurz; es umfasst in der getippten Abschrift nur
zweieinhalb Seiten. Freud war mit ihm offensichtlich besonders unzufrie-
den, denn er strich die beiden letzten Absätze der Erstfassung bei der Über-
arbeitung zuerst durch, fing an, sie durch einen neuen Text zu ersetzen,
den er wieder durchstrich, und schrieb erst dann den endgültigen Schluss
(siehe JL/E, S. 271 f./64–67 mit Faksimiles). Nicht nur den mehrfachen Kor-
rekturen, sondern auch dem Text selbst merkt man das Unbehagen des
Autors an. Er fand, dass es ihm nicht gelungen war, die Arbeit zu einem
guten Ende zu bringen.
Am Anfang des Kapitels fasst Freud zusammen, wohin ihn sein Nach-
denken über die traumatische Neurose geführt hatte, und wiederholt sein
wichtigstes Resultat, die Revision des Triebbegriffs: Alle Triebe zeichnen
sich primär durch einen Drang nach Rückkehr zu früheren Zuständen aus
und erst sekundär, d. h. erst dann, wenn die Bedingungen für die Herrschaft
des Lust-Unlust-Prinzips hergestellt sind, durch den Drang nach lustvol-
ler Befriedigung. So lautete die neue Definition der Triebe. Freud empfand
sie selbst als Problem. Seiner Auffassung nach war die Frage, wie sich das
Lust-Unlust-Prinzip und die »triebhaften Wiederholungsvorgänge« zuein-
ander verhalten, »noch ungelöst« (JL, S. 270). Damit war meines Erachtens
Der dritte Schritt in der Trieblehre 125

gemeint, dass sich Lustprinzip und Wiederholungszwang in der metapsy-


chologischen Theorie nicht miteinander vereinbaren ließen.53
Im Fortgang versucht Freud ein letztes Mal, die neuen Auffassungen
in die alte Theorie einzuordnen, dieses Mal mit der Formulierung, dass
das Lust-Unlust-Prinzip dem Prinzip der Konstanterhaltung der Erregung
oder dem Prinzip, das Erregungsniveau möglichst niedrig zu halten, diene
und insofern den Prinzipien oder Trieben, die zum Tod führen, unterge-
ordnet sei (ebd.). Aber auch damit war er nicht zufrieden. Er stellte noch
weitere Überlegungen an und brach dann abrupt ab. Das Kapitel endet
recht unvermittelt mit den Worten (die später gestrichen wurden): »Ich hal-
te es für überflüssig, die Zaghaftigkeit wie die Unsicherheit dieser Spekula-
tionen entschuldigen zu wollen. Wer das Tatsächliche hinter ihnen heraus-
greifen will, der möge die Erscheinungen des Wiederholungszwanges seiner
Aufmerksamkeit würdigen« (JE/L, S. 91).
Mit dem Eingeständnis, dass es ihm nicht gelungen sei, das Lust-
Unlust-Prinzip mit den Trieben, die zum Tode drängen, zu vereinbaren,
schließt die Erstfassung von Jenseits des Lustprinzips. Das heißt nicht, dass
Freud jenes Phänomen, das ihm den Anstoß zu all seinen Überlegungen
geliefert hatte, den Wiederholungszwang, für invalide erklärt hätte. Ganz
im Gegenteil: Freud hielt am Phänomen fest, nämlich an der Besonderheit
und Theorieresistenz des Wiederholungszwangs. Auch das erscheint mir
als eine Eigenheit seines Denkens, dass er im kritischen Fall eher die theo-
retische Ebene, das Spekulieren, das Theoretisieren aufgibt oder für nicht
durchführbar erklärt, als dass er irritierende Phänomene ignoriert. Freud
blieb also dabei, dass es einen merkwürdigen, Unlust reproduzierenden
Wiederholungszwang gibt, der nicht dem Lust-Unlust-Prinzip folgt und
sich nicht in die Theorie einordnen lässt.

V. Die Zweit- und Druckfassung: Von der Spekulation zur dritten Triebtheorie

Für die Zweit- und Druckfassung schrieb Freud ein neues Kapitel, das er
zwischen das vorletzte und das letzte Kapitel der Erstfassung einschob.
Dieses sechste Kapitel hat einen besonderen Status, denn Freud bezieht

53
Die Kapitulation vor der metapsychologischen Formulierung der neuen Triebdefini-
tion wird gern übersehen, obwohl Freud selbst sie eingesteht. Ein anderes Beispiel
für das Versagen der Metapsychologie ist die Identifizierung. Obwohl sie zu den
wichtigsten klinisch-praktischen Konzepten gehört und problemlos in die klinische
Theorie eingeordnet werden kann, widersetzte sie sich der metapsychologischen
Darstellung (1921c, S. 99, 129 f.).
126 Ulrike May

hier Stellung zu seinen Ausführungen in den vorangegangenen Kapiteln


und teilt uns mit, an welchen Überlegungen, Spekulationen und »Ergeb-
nissen« er festhalten und welche er aufgeben will. Das ist nicht auf den
ersten Blick zu erkennen, weil er die Kehrtwendung, die er im neuen Ka-
pitel vollzieht, herunterspielt. Sie steckt bereits in den ersten Sätzen und
enthält den Schlüssel zum Verständnis des Kapitels und, wie ich meine, der
gesamten Schrift über das Jenseits des Lustprinzips.
Freud beginnt mit folgender Mitteilung: »Unser bisheriges Ergebnis,
welches einen scharfen Gegensatz zwischen den ›Ichtrieben‹ und den Se-
xualtrieben aufstellt, die ersteren zum Tode und die letzteren zur Lebens-
fortsetzung drängen läßt, wird uns gewiß nach vielen Richtungen selbst
nicht befriedigen« (JL, S. 253). Er nennt keine Gründe, warum »uns« die
Gegenüberstellung, die er eben noch mit großem Nachdruck vertreten
hatte, »gewiß« nicht mehr zufriedenstellen soll. Man versteht den Satz zu-
nächst einmal so, dass Freud nun die Irritation, die er mit seinen Ausfüh-
rungen im fünften Kapitel ausgelöst hatte, beim Namen nennt und dar-
an gehen wird, plausibler zu machen, was ihm vorgeschwebt hatte. Es ist
aber, wie ich meine, ganz anders. Er war in den Monaten, die zwischen der
letzten Zeile des fünften und der ersten Zeile des sechsten Kapitels lagen,
unzufrieden geworden und hatte sich zu einer neuen Definition und Grup-
pierung der Triebe durchgerungen. Das kann man den ersten Zeilen des
neuen Kapitels nicht entnehmen.
Ebenso verhält es sich mit dem darauf folgenden Satz (ebd.), in dem
Freud ohne jede Begründung behauptet, »eigentlich« unterlägen nur die
Ich- oder Selbsterhaltungstriebe dem Wiederholungszwang – wo er doch
ein paar Seiten vorher, im fünften Kapitel, gesagt hatte, der Wiederholungs-
zwang sei ein Charakteristikum aller Triebe und die Sexualtriebe seien so-
gar noch »konservativer« als die Ichtriebe (S. 250). Wiederum konfrontiert
uns Freud mit einer Folgerung, die er in der Zwischenzeit gezogen hatte,
ohne uns über die Gründe für die Revision seiner These zu unterrichten.
Die Infragestellung wird auch im späteren Text nicht wirklich begründet.
Freud wird jedenfalls im sechsten Kapitel sowohl eine Hauptthese des
fünften Kapitels – alle Triebe unterliegen dem Wiederholungszwang – zu-
rücknehmen und sie durch eine neue ersetzen, als auch eine zweite – die
Ichtriebe drängen zum Tod, die Sexualtriebe nicht – zum Teil aufgeben,
zum Teil stark modifizieren.
Ich würde also sagen: Nachdem Freud die Erstfassung abgeschlossen
hatte, waren seine Zweifel an seinen wichtigsten Thesen so stark gewor-
den, dass er sich dazu entschloss, sie weitgehend zurückzuziehen. Er lässt
uns jedoch nicht an dem Prozess teilnehmen, der ihn zur Umkehr veran-
Der dritte Schritt in der Trieblehre 127

lasst hatte, sondern stellt neue Thesen in den Raum, die den bisherigen
explizit widersprechen, wobei er suggeriert, uns ergehe es doch gewiss ge-
nauso wie ihm, uns hätten die bisherigen Ausführungen doch auch nicht
überzeugt.
In dieser Lesart werden viele Widersprüche, die zwischen den Aussa-
gen des sechsten und denen der vorangegangenen Kapitel bestehen, auf-
lösbar. Sie rühren daher, dass Freud es sich anders überlegt hatte, aber den
alten Text, d. h. die Erstfassung, nicht beiseitelegen wollte. Er wollte kei-
nen neuen Text schreiben, sondern hoffte, er könne durch Bemerkungen
wie die eben genannten das alte Manuskript retten und weiter mit ihm
arbeiten. An einem relativ späten Punkt des sechsten Kapitels spricht er
offen aus, dass er eine Hauptthese (Ich- bzw. Selbsterhaltungstriebe = To-
destriebe) »berichtigend zurückgezogen« habe (JL, S. 262; vgl. dazu unten,
Anm. 63), aber da ist es für diesen Hinweis sozusagen schon zu spät. Er
verwirrt den Leser mehr, als dass er ihm durch den Text hilft. Außerdem
schob Freud eine Fußnote ins fünfte Kapitel ein, die den Leser auf die Um-
kehr vorbereiten sollte, die ihm im sechsten Kapitel bevorstand. Sie lautete:
»Vgl. übrigens die später folgende Korrektur dieser extremen Auffassung
der Selbsterhaltungstriebe« (JL/E, S. 249/40). Später (1925) zog Freud die
Note weiter nach vorn, unmittelbar vor die Mitteilung seiner großen Spe-
kulation, und formulierte sie so: »Man möge nicht übersehen, daß das fol-
gende die Entwicklung eines extremen Gedankenganges ist, der späterhin,
wenn die Sexualtriebe in Betracht gezogen werden, Einschränkung und
Berichtigung findet« (ebd., S. 247/38).
Trotz dieser Erläuterungen konnte man dem Text bisher nicht ansehen,
welche Dynamik ihm zugrunde liegt: dass Freud im sechsten Kapitel zent-
rale Thesen, die er in den ersten Kapiteln, vor allem im fünften, vorgetragen
hatte und die Teil seiner »weitausholenden Spekulation« waren, einfach
fallen ließ, weil er nicht mehr hinter ihnen stand. Erst jetzt, wo wir wissen,
dass das sechste Kapitel lange nach Abschluss der Erstfassung geschrieben
wurde, eröffnet sich die Möglichkeit dieser neuen Auslegung des Jenseits.
Dabei ist zu beachten, dass die Spekulationen oder Thesen, die Freud
manchmal, z. B. in der ersten Zeile des sechsten Kapitels, als »Ergebnis«
bezeichnet, rein theoretischer Natur sind. Das heißt, ihre Plausibilität wird
nicht oder kaum durch Beobachtungen, empirische Sachverhalte, Eindrü-
cke, oder wie immer man den Bezug zur psychischen und objektiven Rea-
lität nennen mag, gestützt. Es gibt, wie Freud gegen Ende des Textes selbst
sagt, nur eine einzige empirische Verankerung seiner im Jenseits vorgetra-
genen Thesen, nämlich die »Tatsachen des Wiederholungszwanges« (JL,
S. 267 f.), das heißt jene Wiederholungen des Unlustvollen, die sich nicht
128 Ulrike May

auf die Enttäuschung, Frustration, Versagung etc. von Triebwünschen zu-


rückführen lassen. Ihre Integration in die Theorie war die Aufgabe, vor
der er stand. Er versuchte verschiedene Lösungen, und diese sind insofern
theoretischer Natur, als sie beliebig sind; es sind Denkmöglichkeiten, nicht
mehr und nicht weniger. Jeder Autor wird letztlich an der Denkmöglich-
keit oder theoretischen Formulierung festhalten, die am besten passt und
die ihm am besten passt. Wenn man solche Entscheidungen »Ergebnisse«
nennt, trägt man dem optionalen, fiktiven oder subjektiven Faktor jeder
Theoriebildung zu wenig Rechnung (siehe unten).
Im sechsten Kapitel geschieht noch mehr. Freud trennt sich nicht nur
von Hauptthesen der Erstfassung, sondern vollzieht darüber hinaus die
Wende zur sogenannten dritten Triebtheorie, genauer: zum »dritten Schritt
in der Trieblehre« (S. 267). Er führt zwei neue Triebe oder Triebgruppen
ein, die Todestriebe und den Eros, wobei die »alten« Triebgruppen, näm-
lich die Ich- oder Selbsterhaltungstriebe und die Sexualtriebe, unter den
Eros subsumiert werden. Was das im Einzelnen heißt, wird weiter unten
geschildert. Zuvor einige Bemerkungen zum Begriff des Todestriebs, der
als wichtigste Neuerung und Kernstück von Jenseits des Lustprinzips gilt.

1. Die Todestriebe und der Todestrieb


Der Todestrieb oder die Todestriebe waren für Freud keine Neuheit. Er
verwendete die Bezeichnung bereits mit einiger Selbstverständlichkeit in
einem Brief an Eitingon vom 8. März 1920 (F/E, S. 194).54 Außerdem hatte
er sie in einer Notiz benutzt, die vermutlich von 1918 stammt.55 Von Todes-
trieben hatten Stekel und andere Mitglieder der Wiener Vereinigung schon
früher gesprochen, worauf Freud selbst hinwies (JL, S. 263, Anm. 3).56 Das

54
Ob der Brief vor oder nach der Niederschrift des sechsten Kapitels geschrieben wur-
de, läßt sich nicht entscheiden.
55
Die undatierte Notiz, die zu einer Gruppe ähnlicher Blätter gehört, ist als Faksimile
in Freuds Kürzester Chronik wiedergegeben (Molnar 1996, S. 19). Molnar, der Heraus-
geber, hat als Datum den Juli 1918 vorgeschlagen, was mir plausibel erscheint (siehe
Anm. 57). Dagegen verlegt Grubrich-Simitis die Notizen ins Jahr 1920, in die Zeit,
als Freud das sechste Kapitel des Jenseits schrieb. Sie erwägt auch 1919 als Entste-
hungsjahr, verwirft das aber mit dem Argument, die Notizen bezögen sich auf die
»Sterblichkeit bzw. Unsterblichkeit der Protozoen«, jenes Thema, das Freud, wie er
Wittels gegenüber behauptete, erst nach dem Tod von Sophie behandelte (IGS, S. 243,
Anm. 2). – Das Notizenwerk Freuds wurde bisher nicht publiziert; einen ersten Ein-
druck vermitteln IGS (S. 125–171) sowie Fichtner u. Hirschmüller 2011.
56
Freud nennt Rank (1907), Spielrein (1912; vgl. Protokolle, Bd. 3, S. 314–320) und
Stärcke (1914; mit Dank an Harry Stroeken), nicht aber Stekel, mit dem er zu diesem
Zeitpunkt verfeindet war; zu Stekel siehe z. B. Protokolle, Bd. 1, S. 165–171. – In die-
Der dritte Schritt in der Trieblehre 129

Wort war also nicht neu, neu war die hochrangige Stellung, die das Konzept
bei der Überarbeitung der Erstfassung von Jenseits des Lustprinzips erhielt.
Freuds eben erwähnte Notiz, die zu einer kleinen Serie von Notizen auf
ungarischen Kalenderblättern gehört, ist von besonderem Interesse für das
Jenseits. Die Stelle, an der »Todestriebe« vorkommen, lautet: »In sex Verei-
nigg wiederholt sich in Andeutung das Urereignis der Belebung des Leblo-
sen. / Todestriebe maskirt als Lebenstriebe. Sextr [Sexualtriebe] scheinen zu
Tod zu führen. Gegenteil tatsächlich« (Molnar 1996, S. 19).57
Dazu ist Folgendes zu bemerken: Die Frage, welches Ereignis der Ent-

sem Zusammenhang wäre auch Ferenczis Konzept der »Todestendenzen« zu nen-


nen, über das er 1913 mit Andreas-Salomé sprach (siehe unten, Exkurs I).
57
Mit Dank an Stefan Marianski vom Freud Museum London, der mir Kopien der No-
tizen zur Verfügung stellte, sowie an Michael Schröter für seine Hilfe bei der Tran-
skription. – Es handelt sich um elf Blätter eines ungarischen Tageskalenders (11,6
x 15,5 cm), auf dem nur Tag und Monat gedruckt sind, nicht aber das Jahr. Die er-
sten sieben Blätter tragen den Aufdruck »Április 9«, »Április 10« usw. bis »Április
15«, die restlichen vier »Május 12« bis »Május 15«. Nach Auskunft von Marianski
(E-Mail vom 8. 2. 2012) sehen die Kalenderblätter so aus, als stammten sie aus einem
Kalenderblock. Wie Freud in ihren Besitz kam, ist unbekannt (vielleicht hatten ihm
ungarische Freunde den Kalender geschenkt). – Die Notizen der April-Serie unter-
scheiden sich von jenen der Mai-Serie. In den Ersteren hielt Freud vor allem klinische
Einfälle fest (zur Homosexualität, zum Vaterkomplex etc.) und erwähnte explizit drei
Patienten: Anton v. Freund, Rudolf Kriser und N. N. Am Ende der letzten Notiz der
April-Serie findet sich ein Datum von seiner Hand: »29. 6. 1918«. Da die drei Analy-
sanden, wie Freuds Patientenkalender (May 2006; 2007) zu entnehmen ist, nur wäh-
rend eines einzigen Zeitraums, nämlich von Februar bis Ende Juni 1918, zur gleichen
Zeit bei Freud waren, liegt die Annahme nahe, dass die Notizen aus ebendieser Zeit
stammen; dazu würde auch das handschriftlich notierte Datum passen (an diesem
29. 6. hatten zudem alle drei ihre letzte Stunde vor der Sommerpause). Die grobe
Datierung der sieben April-Blätter ist also gesichert: die Notizen stammen aus der
Zeit zwischen Februar und Juni 1918, die letzte Eintragung vermutlich vom 29. Juni.
– Auf den vier Mai-Kalenderblättern hielt Freud ausschließlich Einfälle fest, die ins
Themenfeld von Jenseits des Lustprinzips gehören. Sie beziehen sich unter anderem
auf die Sexual- und Todestriebe, die Abgleichung der Triebspannung, die Ein- und
Vielzeller und Lipschütz. Auf den Blättern der Mai-Serie notierte Freud handschrift-
lich drei Daten: den »15. Juli«, »16. Juli« und »17. Juli«; leider ohne Jahreszahl. Wenn
der Eindruck zutrifft, dass alle Blätter aus einem einzigen Kalender stammen, käme
auch für die Mai-Serie das Jahr 1918 infrage. Dann würden die Notizen, die in der
April-Serie mit dem 29. Juni 1918 enden, in der Mai-Gruppe mit dem 15. Juli 1918
fortfahren. In diesen Tagen, zwischen dem 5. Juli und Ende September 1918, hielt sich
Freud in Ungarn auf, zuerst in Budapest, dann in Csorbató; die Notizen könnten also
– immer vorausgesetzt, sie stammen von 1918 – der Vorbereitung der Arbeit am La-
marck-Projekt gedient haben, die Freud und Ferenczi für den Sommer planten (siehe
unten, Exkurs I). Weshalb Freud die Kalenderblätter sowohl in Wien (April-Serie)
als auch in Budapest (Mai-Serie) verwendete, muss offenbleiben, wie überhaupt die
Datierung der Mai-Serie und damit des Erscheinens der Bezeichnung »Todestriebe«
in diesen Notizen nicht mit letzter Sicherheit feststeht.
130 Ulrike May

wicklungsgeschichte sich in der sexuellen Vereinigung wiederholt, wird


auch im Jenseits aufgeworfen und erörtert (JL, S. 253, 264, 267), und den
Gedanken »Todestriebe maskirt als Lebenstriebe« kennen wir bereits aus
der Erstfassung. Gemeint sind die Selbsterhaltungstriebe, die so aussehen,
als dienten sie dem Leben im Sinne der Selbsterhaltung, die aber in Wirk-
lichkeit zum »richtigen« Tod führen. Auch die Vorstellung, die geschlecht-
liche Vereinigung sei ein belebender Faktor (»Gegenteil tatsächlich«), fin-
det man im Jenseits (S. 257, 259, 264). In der übernächsten Notiz ist vom
»Sichsträuben der Triebe gegen Spannungszuwachs« die Rede, das »aus
der Natur der Triebe« folge, die »auf Abgleichung arbeiten«; zuvor wer-
den die »Vitaldifferenzen« erwähnt (Faksimile in Molnar 1996, S. 19). Diese
Formulierungen erscheinen zum Teil in der Erst-, vor allem aber in der
Zweit- und Druckfassung des Jenseits (JL, S. 248, 264). Desgleichen bezieht
sich Freud in seinem Text auf die Schrift Warum wir sterben (1914), deren
Autor, Lipschütz, ebenfalls in den Notizen (auf einem Blatt der Mai-Serie)
genannt wird (siehe unten, Exkurs II).
Wenn also die letztgenannten Notizen aus dem Jahr 1918 stammen,
würde das bedeuten, dass Freud sich schon länger mit Fragestellungen
beschäftigte, die er im Jenseits abhandelte. Trotzdem ist Strachey zuzustim-
men, wenn er auf der ersten Seite des sechsten Kapitels des Jenseits nach
dem Wort »Ich(Todes-)triebe« die Anmerkung einschaltet, dass Freud hier
die Bezeichnung »Todestrieb« zum ersten Mal benutze (zu Freud 1920g,
S. 253, Anm. 2). Die Aussage ist zutreffend, weil das Wort an dieser Stelle
erstmals in Freuds publiziertem Werk auftaucht – obwohl nicht in seiner ka-
nonisierten Form, sondern in einer Umkleidung, nämlich als »Ich(Todes-)
triebe«, und auch nicht im Singular, sondern im Plural. Einige Seiten später
erscheint dann erstmals die exakte Bezeichnung, aber weiter in ihrer plu-
ralischen Form und in Anführungszeichen gesetzt: »Todestriebe« (S. 256).
Der Terminus wird eher beiläufig eingeführt, als sei er nur eine bequeme
Abkürzung für das umständlichere »Ich(Todes-)triebe«. Die unauffällige
terminologische Veränderung enthält natürlich den großen Schritt, die gro-
ße theoretische Entscheidung: weg von den Ich-Todestrieben des fünften,
hin zu den neuen Todestrieben des sechsten Kapitels, die nun nicht mehr
als Garanten, sondern als Gegenspieler der Selbsterhaltung definiert wer-
den.
Bevor ich auf die Frage eingehe, wie sich die »Todestriebe« des sechsten
Kapitels zu den »Trieben, die zum Tode drängen« des fünften verhalten,
möchte ich unterstreichen, dass Freud hier wie dort den Plural »Triebe«
oder »Todestriebe« verwendet und nicht den Singular »Todestrieb« (so
auch Akhtar 2011, S. 8). Das gilt für das gesamte sechste Kapitel: die plu-
Der dritte Schritt in der Trieblehre 131

ralische Form erscheint 17-mal, ein echter Singular nur ein einziges Mal,
nämlich in der langen erklärenden Fußnote am Schluss, die erst nach Fertig-
stellung der Zweitfassung bei der Fahnenkorrektur eingefügt wurde (JL/E,
S. 269/62).58 Erst dort spricht Freud vom »Todestrieb« im Singular und stellt
ihn dem Eros gegenüber. Die Einengung der Todestriebe auf den Todestrieb
war also eine späte Entscheidung, so dass man, wenn man sich auf Jenseits
des Lustprinzips bezieht, streng genommen nicht vom »Todestrieb«, son-
dern von »den Todestrieben« reden müsste. In Publikationen nach dem
Jenseits benutzte Freud zunächst noch häufig den Plural, um später den
Singular vorzuziehen, so in Das Ich und das Es (1923b), der expliziten Fort-
setzung und klinischen Anwendung des Jenseits (ebd., S. 282).
Im Folgenden wird versucht, den Gedankengang des sechsten Kapitels
wiederzugeben. Er führt in eine »intellektuelle Hölle«, um eine Formulie-
rung aus Freuds Briefen an Fließ aufzugreifen (1986, S. 463). Dieser Effekt
ist, wie ich meine, größtenteils darauf zurückzuführen, dass Freud den Le-
ser mit einer stillschweigenden Weiterentwicklung seiner Theoriebildung
konfrontiert, die nicht klar genug als solche ausgewiesen wird.

2. Das neue sechste Kapitel


Das neue Kapitel zeichnet sich dadurch aus, dass sich Freud ins Gespräch
mit Autoren der Biologie und Entwicklungsbiologie begibt (JL, S. 254–259,
264 f.), um von ihnen zu hören, was sie zu seinen Spekulationen zu sagen
haben. Am ausgiebigsten bezieht er sich auf August Weismann (1882; 1884;
1892), daneben auf Max Hartmann (1906), Alexander Goette (1883), Wil-
helm Fließ (1906) und passager auf Ewald Hering (1878). Aus der Literatur
der neueren Zeit verwendet er vor allem Theodor Lipschütz’ Broschüre
Warum wir sterben (1914) und Franz Dofleins Buch Das Problem des Todes
und der Unsterblichkeit bei den Pflanzen und Tieren (1919), das den letzten
Stand der Forschung über Weismanns Thesen zusammenfasste. Außerdem
führt er experimentelle Arbeiten von Loeb, Woodruff, Maupas, Calkins
und Hertwig an.59
Eine irritierende Auffälligkeit im Umgang mit den genannten Autoren

58
Solche Zählungen können heute mittels eines Suchbefehls in Freuds Gesammelten Wer-
ken in den PEP-Archives leicht durchgeführt werden. Dem Buchstaben nach kommt
der Todestrieb dreimal im Singular vor. An zwei dieser Stellen aber sagt Freud vom
Sadismus, er sei »ein« Todestrieb (JL, S. 262, 263), also einer von mehreren.
59
Auf die experimentellen Arbeiten gehe ich im Folgenden nicht ein. Lipschütz’ Warum
wir sterben (1914) könnte Freud bereits im Sommer 1918 studiert haben (siehe oben
die Bemerkungen zu Freuds Kalenderblatt-Notizen).
132 Ulrike May

sei en passant erwähnt: Freud übernimmt nicht nur einzelne Formulierun-


gen, sondern auch längere Passagen aus der biologischen Literatur, ver-
weist dabei fast immer in einer Fußnote auf die Quelle, im Text aber fehlen
öfters die Anführungszeichen, so dass man meint, Freud zu lesen, wo es
sich um Sätze oder Wendungen von Weismann, Hartmann etc. handelt.
Es mischen sich also in das sechste Kapitel Stimmen anderer Autoren, die
nicht von Freuds Stimme zu unterscheiden sind. Näheres zu diesem be-
fremdlichen Fund schildere ich unten in Exkurs II (S. 160–163).
Bevor ich mit dem Referat des Kapitels beginne, möchte ich betonen,
dass es mir, ähnlich wie früher, darauf ankommt, die Linien der Gedanken-
führung und die Hauptakzente herauszustellen, wobei vieles undiskutiert
bleiben muss. Auf die erwähnten biologischen Arbeiten werde ich kaum
eingehen. Die Passagen über den Sadismus und den Masochismus in der
Mitte des Kapitels (JL, S. 262 f.) behandle ich später für sich.
Am Anfang des sechsten Kapitels nennt Freud, wie oben dargelegt, die
beiden Spekulationen, von denen er nach der Abfassung des fünften Ka-
pitels Abschied genommen hat, und stellt dann die Frage, ob nach Auffas-
sung der Biologie alle Lebewesen sterben müssen (S. 253). Er stellt diese
Frage, so würde ich erläutern, weil er den Anspruch hat, eine Theorie zu
formulieren, die allgemeingültig ist: Nur wenn alle Lebewesen sterben
müssen, erscheint es ihm sinnvoll, von Trieben zu sprechen, die zum Tode
drängen. Als ersten Sachverständigen ruft er Fließ auf, mit dem er sich frü-
her über derartige Fragen ausgetauscht hatte. Er spricht von dessen »groß-
artigem« Versuch, den Zeitpunkt von Tod und Zeugung mathematisch zu
bestimmen, um das System gleich darauf mit wenigen Worten seiner Starr-
heit wegen als nicht überzeugend abzulehnen (S. 254).60
Danach wendet sich Freud August Weismann zu, und zwar dessen Un-
terscheidung zwischen dem sterblichen und dem unsterblichen Teil des
Organismus (ebd.). Ersteren hatte Weismann »Soma«, Letzteren »Keim-
plasma« genannt und die These aufgestellt, die Sterblichkeit komme erst
den höheren Organismen zu; die Einzeller seien sozusagen unsterblich
(z. B. Weismann 1882). Freud schließt zunächst hier an und meint, dass die

60
Dazu ist anzumerken, dass sich Fließ damals mit ähnlichen Fragen wie Freud be-
schäftigte, nämlich mit Sterblichkeit, Unsterblichkeit und dem Ursprung der ge-
schlechtlichen Fortpflanzung. Er erörtert in seinem Büchlein Vom Leben und vom Tod
(1909), das 1919 in 4. Auflage erschienen war, die gleichen Autoren wie Freud im
Jenseits (Loeb, Hartmann, Maupas, Woodruff; siehe 4. Aufl., S. 77 f., 86 f., 92 f.). Das
deutet darauf hin, dass wir uns im sechsten Kapitel von Freuds Schrift innerhalb
eines regulären Diskurses der Zeit im Grenzgebiet zwischen Medizin und Biologie
bewegen.
Der dritte Schritt in der Trieblehre 133

Unterscheidung zwischen Soma und Keimplasma als Analogon zu seiner


eigenen Gegenüberstellung von Lebens- oder Sexualtrieben und Ich- oder
Todestrieben gesehen werden könne; diese sei geradezu ein »dynamisches
Korollar zu Weismanns morphologischer Theorie« (JL, S. 255). Die Annah-
me einer späten Entstehung der Sterblichkeit weist Freud zurück, einfach
weil seiner Auffassung nach Tod, Sterblichkeit und Todestriebe »vom Be-
ginn des Lebens auf Erden« an vorhanden gewesen sein müssen (S. 256).
Das wird nicht näher begründet.
Nach der Ablehnung von Fließ und Weismann berichtet Freud aus
der Diskussion, die in der Biologie über Weismanns Behauptung von der
Unsterblichkeit der Einzeller entstanden war. Er zitiert Funde und Über-
legungen von Hartmann, Lipschütz, Doflein und Goette, um sie am Ende
zu verwerfen; sie hätten »in keiner Richtung Entscheidendes ergeben«
(ebd.). Nur zwei Beiträge finden sein Interesse: einer, der zeigte, dass die
Verschmelzung der Einzeller unter bestimmten Umständen eine verjün-
gende Wirkung ausübt, und ein zweiter, der Belege für die Sterblichkeit
der Einzeller erbrachte (S. 257 f.). Beide Arbeiten waren in der Diskussion
nicht unwidersprochen geblieben. Dass Freud sie hervorhob, liegt vermut-
lich daran, dass sie zu seinen eigenen Vorannahmen passten. Insbesondere
auf die These von der Verjüngung durch Kopulation kommt er im sechsten
Kapitel mehrere Male zurück. Sie gehörte wohl zu seinen eigenen Denk-
vorlieben, von denen er selbst sagte (S. 268), dass sie in die Theoriebildung
unweigerlich einfließen.61
Den ersten Teil des sechsten Kapitels, der von der Sterblichkeit der Or-
ganismen handelt (S. 253–258), beendet Freud mit einer wegwerfenden
Äußerung über die Arbeit der Biologen. Letzten Endes sei es »gleichgül-
tig«, zu welchen Ergebnissen sie gekommen sind, denn es könne alles an-
ders sein, als die Biologie meint (S. 258). Er räumt ein, dass die Biologie
keine Anhaltspunkte für die Gegenüberstellung von Lebens- und Todes-
trieben liefere und auch nicht dafür, dass man von Beginn der organischen
Entwicklung an von Tod und Leben (oder von Todes- und Lebenstrieben)
sprechen könne, aber das spiele keine Rolle. Denn wenn wir den »dyna-
mischen« Standpunkt einnehmen, d. h. Phänomene auf das Wirken von

61
Im Fall der Verjüngung wurde diese Vorliebe auch in die Tat umgesetzt. Freud unter-
zog sich bekanntlich im November 1923 einer Steinach’schen Operation (Jo III, S. 123).
Die Durchtrennung der Samenleiter sollte laut Steinach die Hormonproduktion an-
regen, dadurch zu einer Verjüngung führen und ein Rezidiv der Krebserkrankung
aufhalten. Wie Schur berichtet, erhielt Freud nach der Krebsdiagnose außerdem »in
regelmäßigen Abständen Injektionen eines männlichen Hormons, hauptsächlich we-
gen dessen aufbauender Wirkung« (1973, S. 530; vgl. Molnar 1996, S. 311).
134 Ulrike May

Triebkräften zurückführen, dann kann eine Triebkraft durch eine andere


so »gedeckt« oder verdeckt werden, dass nicht zu erkennen ist, ob und
welche Triebkraft am Werk ist (ebd.). Diese irritierende Haltung gegenüber
Erkenntnissen der biologischen Wissenschaften, die der Psychoanalyse so-
zusagen eine prinzipielle Überlegenheit zuschreibt, nimmt Freud später im
selben Kapitel in Bezug auf die Entstehung der Sexualtriebe ein weiteres
Mal ein (S. 265).
Bevor ich mit dem Referat des sechsten Kapitels fortfahre, möchte ich
darauf aufmerksam machen, dass Freud bisher die Konzeption der Erst-
fassung beibehalten hat: Noch stellt er Sexualtriebe und Triebe, die zum
Tod drängen, einander gegenüber, noch setzt er die Sexual- mit den Le-
benstrieben gleich und die Triebe, die zum Tod drängen, mit den Ich- oder
Selbsterhaltungstrieben.62 Nur eine kleine Verschiebung der Terminolo-
gie ist bereits zu erkennen: Freud verwendet nun häufig die Bezeichnung
»Todestriebe« (meint damit aber noch die »alten« Todestriebe, d. h. jene
Triebe aus der Erstfassung, die zum Tod drängen und der Gruppe der
Selbsterhaltung zugeordnet werden), und beginnt, auch die Sexualtriebe
häufiger »Lebenstriebe« zu nennen (meint damit aber noch die Sexualtrie-
be der Erstfassung).
Zurück zum Text: Freud wendet sich nun den Vielzellern zu. Wieder
fasziniert ihn der Aspekt der Verjüngung und Lebensverlängerung durch
Kopulation (JL, S. 259, 264), wozu anzumerken ist, dass in der damaligen
Diskussion beide Vermutungen kursierten: sowohl dass die Vereinigung
zweier oder mehrerer Zellen zu einem Zellverband schädlich sei und zum
Tod führe als auch dass sie lebensverlängernd wirke. Freud stimmt letzte-
rer Auffassung zu und setzt dann zu einer neuen »kühnen« Spekulation an
(S. 259). Sie betrifft den Eros – und erst damit gerät die Grundkonzeption
der Erstfassung ins Wanken. Von jetzt an ist der Text des Jenseits schwieri-
ger und undurchsichtiger als je zuvor. Klar ist nur, dass Freud im weiteren
Verlauf des Kapitels, wie gesagt, zwei zentrale Thesen der Erstfassung ex-
plizit aufgibt: die Gleichsetzung von Todestrieben und Selbsterhaltungs-
oder Ichtrieben sowie die Annahme, der Wiederholungszwang sei ein
Merkmal aller Triebe.
An der Spitze des neuen theoretischen Gebäudes sehe ich Eros. Er hat,
wie ich meine, den stärksten Anstoß zur Renovierung der in der Erstfassung
entfalteten Theorie gegeben. Was aber war die neue »kühne« Spekulation,

62
Man muss zwischen der Selbsterhaltung einerseits und der Fortpflanzung bzw. der
Erhaltung des Lebens andererseits unterscheiden. Erstere wird den Ichtrieben zuge-
ordnet, Letztere den Sexualtrieben.
Der dritte Schritt in der Trieblehre 135

die Freud bewog, den Eros in die Theorie, und zwar auf deren oberster
Ebene, aufzunehmen? Sie bestand darin, dass Freud die »in der Psychoana-
lyse gewonnene Libidotheorie auf das Verhältnis der Zellen zueinander«
übertrug (S. 259). Er stellte sich vor, die Zellen verhielten sich zueinander
wie Menschen oder psychische Kräfte im Menschen. Die Spekulation lau-
tete: In der Zelle sind Todes- und Lebenstriebe »tätig«; die Lebenstriebe
einer Zelle »neutralisieren« die Todestriebe anderer Zellen (nicht die der
eigenen) und machen sie dadurch unschädlich; auf diese Weise erhalten
Zellen einander am Leben. Zellen (oder ihre Sexualtriebe oder ihre Ener-
gie), die Neutralisierungsarbeit leisten, können dabei zugrunde gehen.
Nicht alle Zellen beteiligen sich an der Neutralisierung; manche benehmen
sich »narzisstisch«, nämlich die Keimzellen. Sie geben keine Energie oder
Kraft an andere Zellen ab, kümmern sich sozusagen nicht um sie, ähnlich
wie das narzisstische Ich nichts »für Objektbesetzungen verausgabt«. Die
Keimzellen brauchen ihre Kraft oder Energie als »Vorrat für ihre spätere,
großartig aufbauende Tätigkeit«. An diese spekulativ-fiktive Vorstellungs-
reihe schließt Freud die Mitteilung an: »So würde also die Libido unserer
Sexualtriebe mit dem Eros der Dichter und Philosophen zusammenfallen,
der alles Lebende zusammenhält« (ebd.).
Auf diese Weise wird der Eros in die Theorie eingeführt, ohne Vorbe-
reitung, sehr unvermittelt und ohne dass die Relation zwischen ihm und
der Libido bzw. den Sexualtrieben genauer bestimmt wird. Wir können aus
der zitierten Mitteilung nur erschließen, dass dem Eros, der wohl zunächst
eher als biologische Kraft gedacht war, die Aufgabe zufällt, Zellen und Or-
ganismen am Leben zu erhalten, und dass er den Sexualtrieben sehr nahe
steht, wenn er nicht mit ihnen identisch ist.
Unmittelbar nach der ersten Erwähnung des Eros bricht Freud den
Gedankengang ab, wechselt das Thema und rekapituliert im Folgenden
(S. 259–261) die Entwicklung seiner Libidotheorie, beginnend mit der Ge-
genüberstellung von Sexualtrieben und Ich- oder Selbsterhaltungstrieben,
die er 1910 zum ersten Mal explizit formuliert hatte (1910i). Diese rück-
blickende Einschaltung ist meines Erachtens daraus zu erklären, dass mit
der Erwähnung des Eros sozusagen ein historischer Schritt getan war: Die
Wende zur neuen, dritten Triebtheorie begann. Freud sagt es vielleicht
nicht ganz klar und explizit, aber er bewegt sich schon während der Retro-
spektive in die Richtung der neuen Theorie und nimmt Abstand von den
Thesen der Erstfassung des Jenseits. Die erste große Revision vollzog er in
Bezug auf die Gleichsetzung der Ich-/Selbsterhaltungs- mit den Todestrie-
ben. Bedauerlicherweise ist das in der uns vertrauten Fassung des Jenseits
nicht gut zu erkennen, weil ausgerechnet an dieser Stelle (JL, S. 262) in der
136 Ulrike May

2. Auflage eine Korrektur am Text vorgenommen wurde, die den Vorgang


verschleierte. Während Freud in der 1. Auflage noch geschrieben hatte, er
werde »jetzt« die Gleichsetzung der Todes- mit den Ich-/Selbsterhaltungs-
trieben aufgeben, hieß es ab der 2. Auflage, er habe diese These schon auf-
gegeben.63 Freud revidierte sie aber erst »jetzt«, an dieser Stelle des Textes,
erst hier nahm er sie explizit zurück. Aus welchem Grund?
Meine Antwort lautet: Freud hatte in der Zeit zwischen Erst- und
Zweitfassung die Überzeugung gewonnen, dass das, was er sich unter
Selbsterhaltung vorstellte, doch einen vorwiegend libidinösen Charakter
hatte. Oder: Nachdem er den Eros in den Blick gefasst hatte und auf die
Idee gekommen war, ihn als zuständig für die Selbsterhaltung zu erklären,
schien ihm seine vormalige Idee, in der Selbsterhaltung einen Umweg zum
Tod zu sehen, nicht mehr haltbar. Oder: Freud gefiel seine Spekulation, wie
die Zellen einander mit Hilfe libidinöser Kräfte am Leben erhalten, so gut,
dass er sie zu einem Bestandteil seiner Theorie erheben wollte, auch wenn
sie das genaue Gegenteil von dem postulierte, was er im fünften Kapitel
behauptet hatte. In seinem Denken, so würde ich sagen, hatte sich wieder
einmal die Priorität des Libidinösen durchgesetzt.
Nun wurden also (ab S. 262) die Selbsterhaltungstriebe wieder zu dem,
was sie vor dem Jenseits gewesen waren. Sie wurden von der Todesfunk-
tion entlastet und wieder zu primär libidinösen Kräften erklärt, die in en-
ger Relation zum Eros standen. Diese Umstrukturierung der Theorie hatte
eine Folge, die Freud an der hier erörterten Stelle nicht erwähnt: Der Drang
zum Tod war jetzt an keine Triebgruppe mehr gebunden. In der alten The-
orie waren die Todestriebe nicht unterzubringen gewesen. Wenn man an
ihnen festhalten wollte, musste ein neuer Platz für sie gefunden werden.
Freud fand diesen Platz, er schuf einen neuen Platz für die Todestriebe,
indem er sie als eine neue, selbständige Triebgruppe einführte. So stellte
er es auch in der Fußnote am Ende des sechsten Kapitels dar, die er ganz
zuletzt, nämlich auf den Fahnen, anbrachte (JL/E, S. 269/62).
Ich wende mich nun gleich der zweiten großen Revision der theore-
tischen Positionen der Erstfassung zu, die Freud schon eingangs des
sechsten Kapitels angedeutet hatte und die er im Fortgang des Kapitels

63
In der tradierten Fassung letzter Hand steht: »Wir waren ja bereit, auch die angeb-
lichen Selbsterhaltungstriebe des Ichs zu den Todestrieben zu rechnen, was wir seit-
her berichtigend zurückgezogen haben.« In der 1. Auflage (1920) hingegen hatte der
letzte Halbsatz noch gelautet: »was wir jetzt berichtigend zurückziehen müssen« (sie-
he JL/E, S. 262/54; Hervorhebungen U. M.). Dies ist eine wichtige Textvariante, die in
StA nicht dokumentiert ist.
Der dritte Schritt in der Trieblehre 137

(ab S. 264) durchführte.64 Sie betrifft die Sexualtriebe und ihr Verhältnis
zum Wiederholungszwang. Hatte Freud im fünften Kapitel behauptet, der
Wiederholungszwang sei ein allgemeines Merkmal der Triebe, so meint er
nun, dass die Sexualtriebe ihm nicht unterlägen. Das Wesentliche an ihnen
sei die geschlechtliche Vereinigung, die Fortsetzung des Lebens (S. 264 f.);
der Wiederholungszwang charakterisiere nur die Todestriebe. Damit war
auch diese zentrale These der vorangegangenen Kapitel und der Erstfas-
sung des Jenseits vom Tisch. Gründe für die Revision gibt Freud nicht an.
Er beschränkt sich auf die Mitteilung, er habe den Wiederholungszwang
für die libidinösen Triebe »nicht nachweisen können« (S. 264) – ohne dass
aus dem Text zu ersehen wäre, dass er einen solchen Nachweis irgendwo
versucht hätte.
In diesem Zusammenhang wendet sich Freud ein letztes Mal an die
Biologie, um sich Auskunft darüber zu holen, was sie zur Entstehung des
Lebens und der geschlechtlichen Vereinigung zu sagen habe (S. 265). Um es
kurz zu machen: Weismann und andere vertraten die wohl vorherrschen-
de Auffassung, dass sich die Einzeller oder »Protisten« ungeschlechtlich
durch Zellteilung vermehren und die geschlechtliche Fortpflanzung erst
spät in der Entwicklungsreihe der Lebewesen vorkommt. Freud nimmt
dazu in ähnlicher Weise Stellung wie zuvor zur Frage der Sterblichkeit.
Er schreibt: »Es ist hier wiederum wie beim Tod […] die Frage, ob man bei
den Protisten nichts anderes gelten lassen soll, als was sie zeigen«, oder ob
man annehmen dürfe, dass »Kräfte und Vorgänge, die erst bei höheren Le-
bewesen sichtbar werden«, auch bei den einfacheren schon vorhanden sind
(ebd.). Das heißt: Auch wenn Kräfte wie die Sexualtriebe erst bei höheren
Lebewesen zu erkennen sind, sollten oder könnten sie doch bei niederen
schon vorhanden sein – eine für Freud typische Argumentation, die bei al-
lem Interesse fürs Historische und Genetische den Gedanken der Entwick-
lung selbst negiert.65 Hinzu kommt, dass die Annahme, die geschlechtliche
Fortpflanzung sei ein später Erwerb der Phylogenese, für Freud sozusagen
prinzipiell nicht akzeptabel war, ähnlich wie beispielsweise für Fließ, der
meinte, unser »Instinkt« sage uns, »daß die Antwort unserer Biologen nicht
richtig sein kann« (41909, S. 77; siehe dazu Exkurs II).
Nachdem die Biologie im sechsten Kapitel als Stütze mehrmals versagt
hatte, schien sich am Ende nur Platos Fabel von der Entstehung der beiden

64
Dazwischengeschaltet sind Überlegungen zum Sadismus (JL, S. 262 f.), die ich weiter
unten behandle.
65
Vgl. Sulloway 1982, S. 503 ff. sowie meine Bemerkungen über die Kategorie der »Vor-
stufe« (May 2011a, S. 135 f.).
138 Ulrike May

Geschlechter als Bestätigung zu eignen (JL, S. 266).66 Die Fabel hatte Freud
schon lange begleitet, man findet sie auf den ersten Seiten der Drei Abhand-
lungen (1905d, S. 48). Auch im Vorwort zur 4. Auflage dieser Schrift vom
Mai 1920 wird die Nähe der Sexualtriebe zum Eros »des göttlichen Plato«
erwähnt (ebd., S. 46), vielleicht um die Leserschaft schon auf das Jenseits des
Lustprinzips, seine nächste Publikation, vorzubereiten. Auch Ferenczi be-
zeichnete in seinem Kongressvortrag über die Kriegsneurosen Platos Eros,
der alle zärtlichen und sinnlichen Strebungen umfasse, als Nachbarschafts-
begriff zum Sexuellen (1919a, S. 113).
Zuletzt weitet Freud die Fabel aus: Nicht die geschlechtliche Fortpflan-
zung und die Geschlechter seien auf dem von Plato beschriebenen Weg
entstanden, sondern das Leben selbst (JL, S. 267). Man könne die Sexual-
triebe als eine Art Fortsetzung der chemischen Affinität sehen. Wie man-
che chemische Stoffe zueinanderdrängen, seien die Sexualtriebe Träger des
Wunsches nach Wiedervereinigung – und damit nach Wiederherstellung
eines früheren Zustands. Insofern decke sich, so Freud, Platos Mythos mit
seiner eigenen Theorie. Generelles Merkmal der Triebe sei nicht der Wie-
derholungszwang, sondern das regressive »Bedürfnis nach Wiederherstellung
eines früheren Zustandes« (S. 266). Der eigentliche und echte Wiederholungs-
zwang komme, wie gesagt, nur den Todestrieben zu.
Mit selbstkritischen Bemerkungen beendet Freud das sechste Kapitel.
Er habe sich nicht dem Teufel verschrieben, sondern nur einem Gedan-
kengang hingegeben (S. 267). Gewiss könne die neue Triebtheorie »nicht
dieselbe Sicherheit beanspruchen« wie die früheren. Bei der Aufstellung
der Todes- und Lebenstriebe handle es sich um Spekulationen und um
»Anleihen bei der biologischen Wissenschaft«, während die ersten beiden
Triebtheorien aus »direkten Übersetzungen der Beobachtung in Theorie«
hervorgegangen seien. Allerdings beziehe sich auch die dritte Triebtheorie
auf »beobachtetes Material«, nämlich die »Tatsachen des Wiederholungs-
zwanges« (ebd.). –
Bevor ich mich der Erörterung der dritten Triebtheorie zuwende, noch
ein paar Worte zum letzten, nun siebten Kapitel. Wie oben dargestellt,
stammen die ersten drei Absätze der Druckfassung aus der Erstfassung,
der vierte wurde bei der Überarbeitung neu geschrieben. In ihm bringt
Freud weitere Gedanken über die Beziehung von Lust und Unlust zu den

66
Im »Abriss« distanziert sich Freud allerdings wieder von ihr (1940a, S. 71). Vgl. auch
die Notiz vom September 1938 über den Ursprung von Eros und Tod, die zeigt, dass
Freud die im Jenseits aufgeworfenen Fragen nicht für abschließend beantwortet hielt
(IGS, S. 126).
Der dritte Schritt in der Trieblehre 139

Lebens- und Todestrieben und deutet unter anderem an, dass der Todes-
trieb der inneren Wahrnehmung nicht so zugänglich sei wie die »Stören-
friede« der Lebenstriebe, denn die Todestriebe manifestierten sich weniger
in Spannungen oder in Lust und Unlust. Es blieben aber »ungezählte« Fra-
gen offen, »deren Beantwortung jetzt nicht möglich ist« (S. 271 f.).

3. Der Weg von der Erst- zur Zweit- und Druckfassung


a. Entradikalisierung, Festhalten der alten, Hinzufügung der
neuen Triebtheorie
Die dritte Triebtheorie entstand im Zuge von Freuds Überarbeitung der
Erstfassung des Jenseits. Schon bei der Niederschrift dieser Fassung hatte
er gefunden, dass er mit seiner »weitausholenden Spekulation« zu weit
gegangen war. Denn er hatte ja zunächst behauptet, das gesamte Triebleben
dränge zum Tod, d. h. alle Triebe unterlägen dem Wiederholungszwang.
Diese radikale Formulierung hatte er teilweise zurücknehmen müssen,
weil sie sich nicht in die alte, d. h. in die erste und zweite Triebtheorie inte-
grieren ließ. Er musste also schon in der Erstfassung den Geltungsbereich
des Todesdrangs auf die Selbsterhaltungstriebe beschränken und in Bezug
auf die Sexualtriebe die radikale Version der großen Spekulation abmil-
dern. Bestehen blieb nur, dass die Sexualtriebe einen Drang zur Rückkehr
zu früheren Zuständen aufweisen, nicht aber einen Todesdrang. Obwohl
Freud alles dies schon in der Erstfassung korrigiert hatte, war er mit dem
Text nicht zufrieden und berichtigte sich in der Zweit- und Druckfassung
noch einmal. Er zog nun fast alles zurück: Der Todesdrang wurde auch
den Selbsterhaltungstrieben nicht mehr zugeordnet, und weder Selbster-
haltungs- noch Sexualtriebe sollten dem Wiederholungszwang unterlie-
gen. Eigentlich bedeutete das eine völlige Umkehr. Die Spekulation, die
im Zentrum der Erstfassung des Jenseits gestanden hatte, erschien in jeder
Hinsicht unhaltbar.
Die Situation, in der sich Freud mit dem Manuskript der Erstfassung
befand, könnte ähnlich gewesen sein wie bei jenem »Umsturz aller Werte«
in den 1890er Jahren, als er erkannte, dass es sich bei den Missbrauchs-
Mitteilungen seiner Analysanden oft um Phantasien handelte und nicht
um Erinnerungen an wirklichen Missbrauch. Damals drohte ein Zusam-
menbruch der Theorie, wie sie nun der großen Spekulation des Jenseits
bevorzustehen schien. Freud fand jedoch, damals wie jetzt, eine Lösung.
Im Fall des Jenseits war es die dritte Triebtheorie. Sie wurde im neuen, für
die Zweit- und Druckfassung geschriebenen sechsten Kapitel vorgestellt.
Die neue Theorie erlaubte Freud, an der alten Theorie festzuhalten und
140 Ulrike May

das Neue, den Kern seiner weitausholenden Spekulation, unterzubringen.


Deshalb sprach er vom »dritten Schritt in der Trieblehre« (JL, S. 267). Dieser
dritte Schritt war ein neuer Schritt, bedeutete aber nicht die Aufhebung des
ersten und des zweiten. Mit anderen Worten: Die dritte Triebtheorie trat
nicht an die Stelle der ersten und zweiten Theorie, sie ersetzte sie nicht,
sondern führte sie weiter – so wie die Verführungstheorie nie ganz auf-
gegeben wurde, sondern einen Platz in der ätiologischen Theorie der psy-
chischen Störungen behielt. Das ist die Art und Weise, wie Freud generell
bei der Theoriebildung vorging. Für das Jenseits hieß es: Die erste und die
zweite Triebtheorie behielten ihre Gültigkeit, sie bekamen nur einen neuen
Rahmen: den von Todestrieb und Eros.67
Die Todestriebe bzw. »der« Todestrieb, wie er in einem letzten Zusatz
vor der Drucklegung genannt wurde (siehe oben), war nun ein selbständi-
ger Trieb. Er wurde nicht mehr den Selbsterhaltungstrieben zugeordnet,
sondern erhielt zusammen mit dem Eros einen Platz über den beiden Trieb-
gruppen (Sexual- und Selbsterhaltungstrieben) der alten Theorie. Freud
wollte am Todestrieb festhalten, weil er den Eindruck hatte, dass in Analy-
sen (und in Träumen traumatischer Neurosen) Unlustvolles in einer Weise
wiederkehrt, die nicht als Wiederkehr des Verdrängten zu verstehen ist.
Er wollte dieses Phänomen, genauer: die Art, wie er es sah, auf die Ebene
der Theorie heben. Oder: Das Phänomen des nicht ans Lust-Unlust-Prinzip
gebundenen Wiederholungszwangs schien ihm so bedeutsam, dass er ihm
einen Platz in der Theorie verschaffen wollte. Dass er den Wiederholungs-
zwang auf einen Trieb, den Todestrieb, zurückzuführen suchte, liegt, wie
ich vermute, an seiner Grundüberzeugung, dass unveränderbare, unbeein-
flussbare psychische Phänomene nur auf einen Trieb zurückgehen können.
Der Todestrieb wurde also in der Theorie über das alte Paar, die Selbst-
erhaltungs- und die Sexualtriebe, und über den Narzissmus platziert, und
er erhielt einen Partner oder Gegenspieler: Eros oder die »Lebenstriebe«.
So sehe ich die Hauptlinie der Überarbeitung der Erstfassung von Jenseits
des Lustprinzips. Diese Linie wird nur dadurch erkennbar, dass die Erstfas-
sung des Textes erhalten geblieben ist und dass wir uns bei ihrem Vergleich
mit der Zweit- und Druckfassung ein neues Bild von der Entstehung und
Stellung der dritten Triebtheorie machen können.
Man könnte sagen, dass es sich bei der Druckfassung des Jenseits um das

67
Ähnlich verhält es sich mit der Revision der ersten Angsttheorie. Freud wies diese
zunächst explizit zurück (1926d, S. 253), um danach zu dem Schluss zu kommen, sie
müsse nicht aufgegeben, sondern »bloß mit den neueren Einsichten in Verbindung«
gebracht werden (S. 281).
Der dritte Schritt in der Trieblehre 141

Produkt einer Entradikalisierung handelt, vielleicht im Sinne des Diktums


von der »Aufeinanderfolge von kühn spielender Phantasie und rücksichts-
loser Realkritik«, wie Freud die Methodik der Wissenschaft oder den »Me-
chanismus der Produktion« in einem Brief an Ferenczi einmal beschrieb
(F/Fer II/1, S. 116). Aus diesem Grund bin ich nicht der Meinung, dass das
sechste Kapitel den Kern oder das »Herzstück« der ganzen Abhandlung
darstellt (so IGS, S. 243). Das Herzstück ist meines Erachtens die weitaus-
holende Spekulation des fünften Kapitels der Erstfassung, der Gedanke,
dass das gesamte Triebleben dazu diene, den Organismus zum Tod zu füh-
ren. Vielleicht ließ Freud den Text der Erstfassung bei der Überarbeitung
auch deshalb weitgehend unberührt und packte die neuen Gedanken in
ein neu geschriebenes Kapitel, weil er den ersten Wurf, die große Speku-
lation in all ihrer Radikalität stehen lassen wollte – obwohl er im sechsten
Kapitel teilweise Abschied von ihr nehmen musste.
Freuds Behauptung, er habe den Todestrieb nicht erst nach dem Tod
seiner Tochter Sophie eingeführt, trifft also insofern zu, als der Grundein-
fall des Jenseits bereits in der Erstfassung vom Frühjahr 1919 enthalten war.
Zur theoretischen Einordnung, d. h. zur dritten Triebtheorie, dem Ergebnis
der Durcharbeitung des Einfalls, kam es vermutlich erst nach Februar 1920.
Wenn das richtig ist, würde es bedeuten, dass der Eros nach dem Tod von
Sophie eingeführt wurde, und dann hätte dieser gedankliche Schritt, wenn
man überhaupt solche Überlegungen anstellen will, mehr mit dem Tod der
Tochter zu tun als die Konzeptualisierung des Todestriebs.

b. Zur Einführung des Eros


An der Textstelle, an der Freud die oben zitierte neue, kleinere Spekulati-
on über die Austauschprozesse zwischen den Zellen mitteilt, in denen er
recht unvermittelt Eros am Werk sieht (JL, S. 259), spürt man förmlich seine
Erleichterung. Warum war er erleichtert? Ich glaube, es gab mehrere ver-
nünftige Gründe und einen weniger vernünftigen. Der weniger vernünf-
tige war, dass der Begriff des Eros einer Denkvorliebe Freuds entsprach,
nämlich der Überzeugung oder Vision von der Priorität des Libidinösen,
die sein Theoretisieren von Anfang an beherrschte (May[-Tolzmann] 1996).
Der Einfall, die Funktion der Zellen werde von Eros regiert, schien den
dunklen Gedanken des Todesdrangs halbwegs aufzuheben. Das führte
aber zu dem neuen Problem, dass nun alle Kräfte, von denen die Theorie
handelte, libidinösen Charakter hatten, worauf Freud selbst hinwies (JL,
S. 261); ich komme weiter unten darauf zurück.
Einen Grund, der mir vernünftiger scheint, habe ich oben schon dar-
gelegt und wiederhole ihn hier: Ich vermute, dass Freud über seinen Ein-
142 Ulrike May

fall erleichtert war, weil der Eros ein Konzept oder eine Kraft war, die den
Sexualtrieben nahe stand, ohne mit ihnen identisch zu sein. Er repräsen-
tierte, wie aus der kleinen Spekulation hervorgeht, (zunächst) eher den
biologischen Aspekt von Zusammenhalten und Zueinanderdrängen, die
Vereinigung von Zellen zu Zellverbänden und ihr Aneinanderhaften, die
Vereinigung von Keimzellen und den Aufbau neuer Organismen, das Her-
stellen von Verbindungen, Assimilation,68 Neutralisierung und Unschäd-
lichmachen der zum Tod und zur Selbstzerstörung drängenden Kräfte.
Dieses Sammelsurium von Funktionen, die Freud im Jenseits mit dem Eros
zusammenbringt, war ein Novum in der Geschichte seines Theoretisierens.
Es war, soweit ich sehe, bisher kein expliziter Bestandteil der Theorie gewe-
sen, weder in der Erstfassung des Jenseits noch in den Schriften vor 1920.69
Freud hatte natürlich immer von der Funktion der Fortpflanzung (und
Arterhaltung) gesprochen und sie der erwachsenen Sexualität zugeord-
net.70 Dass es bei der Fortpflanzung, biologisch gesehen, ganz konkret zu
einer »Vereinigung« oder »Verschmelzung« (von Zellen) kommt, hatte er
noch in der Erstfassung als »völlig unverständlich« bezeichnet. Er korri-
gierte die Stelle, wie oben gezeigt, bei der Überarbeitung und schrieb in
der Zweit- und Druckfassung stattdessen »im höchsten Grade bedeutungs-
voll« (JL/E, S. 249/41). Diese Korrektur ist die einzige wirklich gewichtige
inhaltliche Veränderung, die Freud an der Erstfassung vornahm – abgese-
hen natürlich vom kompletten sechsten Kapitel. Sie weist darauf hin, was
bei der Überarbeitung dieser Fassung in ihm vorgegangen sein mag. Ich
meine, dass er einen Weg gefunden hatte, die geschlechtliche Vereinigung
bedeutungsvoll zu finden: Sie wurde bedeutungsvoll, wenn und weil sie
eine Funktion des Eros war. Zuvor war sie »unverständlich«, weil sie nicht
in die Sexualtheorie passte, denn die Sexualtriebe hielt Freud für vorwie-
gend autoerotisch, egoistisch, narzisstisch; sie suchten in seinem Verständ-
nis keineswegs nach Verbindung und Verschmelzung mit einem Objekt.
Ich denke also, dass die Einsetzung des Eros Freud die Möglichkeit
gab, das dem Erwachsenenleben zugewiesene Zueinanderdrängen dem
Eros zuzuschreiben, so dass die alte Konzeption der infantilen Sexualität

68
Freud erwähnt Ewald Hering (1878), der zwischen Assimilation/Aufbau und Dissi-
milation/Abbau unterschied, kurz im Jenseits (JL, S. 258).
69
Die elektronische Suche in Freuds Gesammelten Werken mit Hilfe von PEP führt zu
einer einzigen Erwähnung von »Eros« vor 1920: in der Leonardo-Studie (1910c, S. 97).
70
In den Drei Abhandlungen heißt es über die Pubertät: »Der Sexualtrieb war bisher
vorwiegend autoerotisch, er findet nun das Sexualobjekt« und: »Der Sexualtrieb stellt
sich jetzt in den Dienst der Fortpflanzungsfunktion; er wird sozusagen altruistisch«
(1905d, S. 112).
Der dritte Schritt in der Trieblehre 143

beibehalten und gleichzeitig der Weg zur theoretischen Einordnung jener


Prozesse gebahnt werden konnte, für die bisher kein Platz gewesen war,
nämlich aller Vorgänge, die mit Verschmelzung, mit Aufbau und Verbin-
dung, vielleicht auch mit Identifikation, Höherentwicklung und Massen-
bildung zu tun hatten.
So wie Freud am Eros bei dessen Einführung das Biologische betonte, so
tat er es gleichermaßen beim Todestrieb; es handelt sich hier, wie ich mei-
ne, zunächst um ein Kennzeichen der gesamten dritten Triebtheorie. Erst
nach Beendigung des Jenseits versuchte Freud, die psychischen Anschlüs-
se für Eros und Todestrieb zu finden. Bekanntlich fand er sie auch, und
zwar nicht nur auf dem Weg einer schlichten Analogisierung, d. h. einer
Übertragung der Beschreibung der vermeintlich biologischen Vorgänge
aufs Psychische. Im Jenseits selbst fing er bereits damit an, den Rückweg ins
Psychische zu suchen, als er Sadismus und Masochismus probehalber der
neuen Theorie zuordnete (siehe unten).71 Gleichwohl war die Grundkon-
zeption des Jenseits eine eher biologische. In der langen Fußnote am Ende
des sechsten Kapitels sagt Freud selbst, die dritte Triebtheorie versuche,
»das Rätsel des Lebens« durch die Annahme dieser beiden »von Uranfang
an miteinander ringenden Triebe« zu lösen (JL, S. 269). Ähnlich schrieb er
an Arthur Schnitzler, er habe Eros und Todestrieb als »die Urkräfte auf-
zuzeigen [versucht], deren Gegenspiel alle Rätsel des Lebens beherrscht«
(1960a, S. 357). Dass seine Lehre von Eros und Todestrieb den »Anspruch
auf biologische Geltung« stelle, heißt es in der »Endlichen und unendli-
chen Analyse« (1937c, S. 385), ähnlich wie Freud im »Abriss« erklärt, Eros
und Todestrieb wirkten »in den biologischen Funktionen« zusammen und
gegeneinander, und das ergebe »die ganze Buntheit der Lebenserscheinun-
gen« (1940a, S. 71).
Dass die Einführung des Eros dem Wunsch nach einer Ausweitung
der psychoanalytischen Theorie ins Biologische entsprach, habe ich bereits
mehrfach betont. So gesehen gehört das Jenseits in die Reihe der Großpro-
jekte, die Freud gemeinsam mit Ferenczi betrieb (siehe Exkurs I). Wir neh-
men diesen Aspekt des Freud’schen Denkens heute nicht mehr gerne wahr,
weil er sich nicht mit zeitgenössischen Trends der Theoriebildung deckt.
Wir hätten gerne einen Freud, der nicht an die Vererbung erworbener Ei-

71
Vom Somatischen ins Psychische greifen auch Formulierungen wie die, dass sich die
narzisstische Libido des Ichs »aus den Libidobeiträgen [ableitet], mit denen die So-
mazellen aneinanderhaften« (JL, S. 261), oder die These von der »Neutralisierung«
der Todestriebe (S. 259). – Das Wort vom »Rückweg« ist einem Brief Ferenczis an
Freud entnommen: »[…] ich verrannte mich in biologische Probleme und finde den
Rückweg zur Psychologie nicht!« (F/Fer II/1, S. 106).
144 Ulrike May

genschaften, an angeborene Urphantasien oder an die Bedeutsamkeit des


phylogenetischen Erbes glaubte. Freud arbeitete aber mit diesen Vorstel-
lungen, weil er meinte, sich die Wirkungsweise des Psychischen nicht an-
ders erklären zu können.72

c. Zu den Todestrieben der Zweit- und Druckfassung


Wie eben ausgeführt, wurden die Todestriebe im sechsten Kapitel zu einer
selbständigen Triebgruppe. Darin besteht wohl der deutlichste Unterschied
zwischen den Trieben, die zum Tode drängen, wie sie in der Erstfassung
beschrieben werden, und den Todestrieben der Zweitfassung. Erstere soll-
ten mit der Selbsterhaltung identisch sein, letztere waren als deren Gegen-
spieler gedacht. Sie repräsentierten nun, in der Zweit- und Druckfassung,
sozusagen in Reinform die dunkle Tendenz zum Niveau Null, und zwar
auf mehreren Ebenen: der mechanisch-physikalischen, der biologischen
und, ansatzweise, der psychischen. Diese Tendenz hatte Freud schon im-
mer im Blick gehabt, spätestens seit dem »Entwurf« von 1895. Neu war im
Jenseits ihre Auslegung und Konkretisierung. Sie stand nun für die (physi-
kalische und biologische) Tendenz zur Rückkehr zum anorganischen Zu-
stand, aber auch, in ihrer abgemilderten Form, für die psychische Tendenz
zur Rückkehr zu früheren Zuständen, d. h. zur Regression, sowie für alles,
was der (auch psychischen) Veränderung widerstrebt und unveränderli-
che Wiederholung bevorzugt, d. h. dem Wiederholungszwang unterliegt.
Wie Freud in der Druckfassung des Jenseits betonte, waren die Sexualtrie-
be, die Selbsterhaltungstriebe sowie der Eros vom Wiederholungszwang
frei (nicht aber von der Regressionstendenz). Auch in dieser Hinsicht stellt
die Druckfassung des Jenseits eine abgemilderte Variante der Erstfassung
dar: Das Neue, der Wiederholungszwang, und seine Kraftquelle, der To-
destrieb, wurden beibehalten, ihr Wirkungskreis aber eingeengt.
In der Zweit- und Druckfassung war also der massive Impuls der Erst-
fassung gebändigt, alle wertvollen Errungenschaften waren in Sicherheit
gebracht und die Neuerungen auf eine in etwa stimmige Weise in die The-
orie integriert worden. Mit anderen Worten: Der bedrohliche Einfall der
Erstfassung vom Ende des Primats des Lustprinzips und des Primats der
Sexualtriebe war einer Bearbeitung unterzogen worden und hatte zur drit-
ten Triebtheorie geführt. Gleichwohl schrieb Freud im siebten Kapitel des

72
Besonders eindrucksvoll wird das in »Das Unheimliche« (1919h) ausgeführt, wo
vom »Widerhall« die Rede ist, der manchen psychischen Vorgängen (der Kastrati-
onsangst, dem Ödipuskomplex etc.) eine besondere, nicht aus der individuellen Ent-
wicklung rührende Wirkung verleihe.
Der dritte Schritt in der Trieblehre 145

Jenseits, die Aufgabe, das Neue mit dem Alten zu verbinden, sei »ungelöst«
(JL, S. 270). Soweit ich sehe, meinte er damit die ökonomische Darstellung.
Auch davon abgesehen war die neue Theorie komplexer geworden, we-
niger handhabbar, weniger übersichtlich – u. a. deswegen, weil Eros und
Sexualtriebe einander sehr ähnlich waren und sich zugleich fundamental
unterschieden, was Freud aber nicht offen aussprach.
Ein zweites Problem war die Konkretisierung des Konzepts der Todes-
triebe. Sie schienen Freud unverzichtbar – und doch konnte er einstweilen
nur wenig über sie sagen. Es war nicht einmal sicher, ob sie im gleichen
Sinn »drängend« waren wie die anderen Triebe; Freud fand, dass sie ihre
Arbeit eher »unauffällig« leisteten (S. 271). Auch war, wie eben erwähnt,
ganz offen, in welchem Verhältnis sie zu Lust und Unlust standen. Sie hat-
ten somit womöglich mit dem, was bisher Trieb genannt worden war, nur
wenig gemeinsam, und doch sollten sie als Triebe gelten und als solche in
die Theorie aufgenommen werden, weil sie für die (psychische und biolo-
gische) Regressionsneigung, die Starrheit, die Unveränderbarkeit, die Ver-
änderungsunwilligkeit des Menschen standen, daneben auch für die Sterb-
lichkeit oder für die Lebensbahn, die, wie Freud 1917 an Ferenczi schrieb,
keine Gerade war, sondern eine »unzweideutige Richtung« hin zum Tod
aufwies (F/Fer II/2, S. 119).
Zu Freuds Überzeugung von der empirischen Fundiertheit des Todes-
triebs gesellten sich möglicherweise noch andere Motive, die wenig mit Be-
obachtung, Praxis oder Klinik zu tun hatten. In diese Richtung weist eine
Bemerkung gegenüber Andreas-Salomé. Freud erzählte ihr im Sommer
1919 von der Arbeit am Jenseits und meinte, er sei »über eine merkwürdige
Idee von den Trieben aus gestolpert« (F/A-S, S. 109), so als habe ihn das
pure Nachdenken darüber, was es mit den Trieben auf sich hat, auf den
Gedanken der Todestriebe gebracht.
Für diese Annahme sprechen auch die oben erwähnten Notizen von
(vermutlich) Juli 1918. Dort heißt es, dass sich die Triebe naturgemäß ge-
gen Spannungszuwachs »sträuben«, auf »Abgleichung« arbeiten und dass
die Todestriebe sich als Lebenstriebe »maskieren« (Molnar 1996, S. 19). Das
war eigentlich schon der Kerngedanke der Erstfassung des Jenseits.73 Viel-
leicht begann Freud damals, aus dem Abgleich und dem Sichsträuben der

73
Er entsprach dem durchgängigen Bestreben Freuds, den schönen Schein – in die-
sem Fall: die Selbsterhaltung – als trügerisch zu enthüllen, das scheinbar Harmlose
und Lebensfreundliche als sein Gegenteil zu entlarven. So hatte er im »Motiv der
Kästchenwahl«, einer Art Vorläufer des Jenseits, vom ablenkenden Ersatz der Todes-
durch die Liebesgöttin gesprochen (1913f, S. 191).
146 Ulrike May

Triebe gegen Spannungszuwachs zunehmend etwas anderes herauszuhö-


ren als früher. Bisher war er fasziniert gewesen von den Trieben und von
ihrem Inbegriff: den Sexualtrieben, die auf allen möglichen Wegen nach
Befriedigung drängen, in Konflikt mit Interessen des Ichs geraten und ent-
scheidend zur Symptombildung beitragen. Sie waren die »Störenfriede«
(JL, S. 271), die Bewegung und Dynamik in die psychischen Prozesse brin-
gen und sich auf vielfältige, verkleidete und symbolisierte Art und Weise
manifestieren. In den Jahren um 1918 könnte es zu einer Akzentverschie-
bung gekommen sein, die »nur« darin bestand, dass Freud nun mehr da-
rauf achtete, dass das Streben nach Lust das Streben nach der Ruhe von
der Lust mit einbegreift oder: dass der Höhepunkt der Lust zugleich die
höchste Lust ist und ihr Ende. Das sogenannte »Problem der Erregung«,
das Freud kontinuierlich beschäftigte, hatte immer mit dem Ineinander
von Lust und Unlust zu tun, d. h. mit der Tatsache, dass das Anwachsen
der Erregung sowohl lust- als auch unlustvoll ist und dass auf den Gipfel
der Lust unmittelbar deren Ende folgt. Im Jenseits hätte Freud dann erst-
mals die »andere« Seite des Triebes fokussiert, wäre über die andere Seite
»gestolpert«, das Streben nach dem Niveau Null, dessen Bedeutung sich
ihm immer größer darstellte, bis er schließlich in der Erstfassung (einen
Moment lang) den ganzen Organismus und alle Triebkräfte von diesem
Streben beherrscht fand.

d. Das Problem der Aggression


Die Einführung des Eros als der Kraft, die das Leben erhält, hatte, wie
Freud selbst angibt, den gravierenden Nachteil, dass es nun so aussah, als
seien alle psychisch relevanten Triebkräfte libidinöser Natur (JL, S. 261).74
Freud hoffte, einen Ausweg gefunden zu haben, als er im sechsten Kapitel
den Sadismus den Todestrieben zuordnete, d. h. die psychische Triebkraft
des Sadismus als ein mögliches Triebschicksal des Todestriebs definier-
te. Diesen Schritt hatte ich bisher ausgeklammert, weil er im Text wie ein
Fremdkörper wirkt. Denn seit im vierten Kapitel des Jenseits das Trauma
behandelt worden war, hatte sich der Text ja vorrangig auf biologische und
nicht auf psychische Phänomene bezogen.
Die Einordnung der Aggression war bekanntlich ein Problem, das

74
Was im Übrigen die Annahme bestätigt, dass Freud den Todestrieb zunächst als bio-
logische Kraft sah. – Das gleiche Problem hatte sich Freud bei der Einführung des
Narzissmus, d. h. bei der Formulierung der zweiten Triebtheorie, gestellt (JL, S. 261).
Soweit ich sehen kann, ist dieses Problem sozusagen hausgemacht, da sich Freud ja
selbst dazu entschlossen hatte, die Selbsterhaltung als vorwiegend libidinösen Vor-
gang zu bestimmen.
Der dritte Schritt in der Trieblehre 147

Freud von Anfang an bedrängte (May 2010a; 2011a; 2012a). Seine Grund-
konzeption vom Primat des Sexuellen/Libidinösen schloss eine führende
Rolle der Aggression aus. Immer wieder jedoch stieß er auf die Aggression
bzw. auf die Frage, ob aggressive Wünsche auch primären Charakter ha-
ben, d. h. der »letzte« Grund für psychische Vorgänge sein können. Es be-
ginnt mit dem Ödipuskomplex in seiner ersten, einfachen Fassung, der in
der Traumdeutung (1900a) über die Todeswünsche eingeführt wird, die sich
auf Eltern oder Geschwister richten und die auf die Enttäuschung von Lie-
beswünschen zurückgehen – nicht umgekehrt. Die Auseinandersetzung
mit dem Stellenwert der Aggression endet im »Abriss«, wo die Frage auf-
geworfen wird, ob die Befriedigung aggressiver Wünsche im gleichen Sinn
als lustvoll erlebt wird wie die Befriedigung libidinöser Wünsche; Freud
lässt die Frage mehr oder weniger offen (1940a, S. 76, Anm. 1). Ähnlich
zurückhaltend äußert er sich darüber, ob aggressive Wünsche pathogen
wirken, d. h. verdrängt werden können. Es gebe hier eine »interessante
Dissonanz zwischen Theorie und Erfahrung«: Theoretisch könnten alle
Triebregungen verdrängt werden, die Beobachtung zeige jedoch, dass die
pathogenen Erregungen regelmäßig »von Partialtrieben des Sexuallebens
herrühren«. Sie träten in Legierung mit aggressiv/destruktiven Regungen
auf, aber es sei unzweifelhaft, dass »die Triebe, welche sich physiologisch
als Sexualität kundgeben, eine hervorragende, unerwartet grosse Rolle in
der Verursachung der Neurosen spielen; ob eine ausschliessliche, bleibe
dahingestellt« (ebd., S. 112).
Ohne auf die Geschichte des Aggressionsbegriffs eingehen zu können,
erinnere ich daran, dass der Sadismus bis zum Jenseits als »Komponente
des Sexualtriebs«, d. h. als libidinöser Partialtrieb mit einer »Beimischung«
von Aggression, Bemächtigung oder Selbstbehauptung gegolten hatte.
Im sechsten Kapitel des Jenseits versuchte Freud nun eine andere Platzie-
rung und ordnete ihn den Todestrieben zu, mit der Einschränkung, dass
es sich um einen aus dem Ich »herausgedrängten« und dadurch zum Sa-
dismus gewordenen Todestrieb handle (JL, S. 263). Das Herausdrängen
sollte im Übrigen von narzisstischen Kräften bewerkstelligt werden: Aus
Selbstschutz werde der Todestrieb vom Ich/Selbst/Organismus, seinem
eigentlichen »Objekt« oder seinem eigentlichen Wohn- und Wirkungsort,
abgelenkt und nach außen gerichtet. Mit anderen Worten: Um sich nicht
selbst zu zerstören, zerstört man andere. Damit wurde ein neuer Ansatz
zum klinischen Verständnis der Aggression gebahnt; er ist im Jenseits noch
nicht ausgeführt und erst im Rückblick als Anfang erkennbar (siehe dazu
vor allem Kris 1997).
Bereits im Jenseits erkennbar ist, dass die neue Verortung der Aggres-
148 Ulrike May

sion den Todestrieb im Psychischen mit dem Masochismus in Beziehung


brachte, was Freud aus zwei Gründen zufriedenstellte. Zum Ersten wurde
der Sadismus dann doch wieder zu einem sekundären, abgeleiteten Phä-
nomen. Das stand zwar im Gegensatz zu der Position, die er eben in »Ein
Kind wird geschlagen« bezogen hatte (1919e, S. 245), entsprach aber seiner
Überzeugung vom Primat des Libidinösen. Zum Zweiten bestätigte es die
sozusagen tragische Konstitution des Menschen, dem sowohl Regungen
eingepflanzt sind, die nach Lust und Befriedigung streben, als auch sol-
che, die sich ab ovo diesen Wünschen entgegenstellen und andere Ziele
haben. Das deutete einerseits auf einen primären Masochismus hin, den
Freud einige Jahre später einführte; und es wies andererseits in die Rich-
tung konstitutionell gegebener, phylogenetisch verfestigter triebhemmen-
der und triebfeindlicher Kräfte, wie Freud sie immer angenommen hatte,
beginnend mit der Dreiheit von Scham, Ekel, Moral aus den 1890er Jahren,
dann fortgesetzt mit den Instanzen des Triebverbots, des Gewissens, der
Selbstbeobachtung und Selbstkritik aus der Zeit nach 1900 und den beiden
Ichs ab 1914/15, die nach Jenseits des Lustprinzips über die Zwischenstufe
der Massenpsychologie als Neuerung in der Ichtheorie zum Begriff des
Über-Ichs in Das Ich und das Es führten. Insofern schien sich die neue Posi-
tionierung von Sadismus und Masochismus gut in die Theorie und in das
Gewebe der Freud’schen Denkvorlieben einzufügen.

VI. Schlussbemerkungen

1. Zum prozessualen Charakter von Freuds Theoriebildung


Nachdem wir nun wissen, dass das sechste Kapitel und andere Teile von
Jenseits des Lustprinzips lange nach der Niederschrift des sonstigen Texts
entstanden sind, bietet sich eine neue Auslegung an, die viele eklatante
Widersprüche auflöst. Diese Widersprüche, so kann man nun sagen, sind
dadurch bedingt, dass das Werk nebeneinander unterschiedliche Stufen
von Freuds Denkprozess darbietet. Mit anderen Worten: Freud dachte
im Jenseits über die Frage nach, wie sich bestimmte klinische Phänomene,
nämlich jene mit starker Unlust verbundenen Wiederholungen, die nicht
auf ehemals Lustvolles zurückgeführt werden können, mit der bis 1919 er-
arbeiteten Theorie vereinbaren ließen, und gelangte dabei zu Resultaten,
die er zunächst noch in der Erstfassung und dann erneut im später für die
Zweitfassung geschriebenen sechsten Kapitel revidierte.
Freud hat zwar selbst auf die laufende Veränderung seiner Ansichten,
Überzeugungen oder Evidenzen hingewiesen, aber diese Hinweise waren
Der dritte Schritt in der Trieblehre 149

so knapp, beiläufig oder undeutlich, dass meines Wissens kein Leser bisher
auf den Gedanken kam, sie ernst zu nehmen und den Text nicht als »Ergeb-
nis« von Freuds Nachdenken zu lesen, sondern als Dokumentation eines
Denkprozesses. Ich wiederhole: Das erste bis fünfte Kapitel bilden die erste
Etappe des Nachdenkens ab, während sich die nächste Etappe hauptsäch-
lich im sechsten Kapitel einschließlich einiger nachgetragener Passagen im
vorangegangenen Text findet. Das sechste Kapitel enthält also weitgehend
eine Kommentierung oder Korrektur der zuvor festgehaltenen Ansichten.
Solche Selbstkorrekturen sind zwar generell für Freuds Theoriebildung
typisch, selten aber führte er innerhalb eines Textes eine Revision grundle-
gender Annahmen durch, die er im Text bereits entfaltet hatte. Jenseits des
Lustprinzips nimmt insofern eine Sonderstellung ein, als Freud darin mit
voller Überzeugung nacheinander sich widersprechende Auffassungen
vertritt, und zwar ohne den Leser davon so in Kenntnis zu setzen, dass er
den Vorgang hätte nachvollziehen können.
Dieses Verfahren wirft Fragen auf, darunter die, wieweit es dann über-
haupt möglich ist, sich auf Freud zu berufen, d. h. sich selbst oder ande-
re als Freudianer zu bezeichnen. Der prozesshafte Charakter von Freuds
Theoriebildung scheint dem entgegenzustehen.75 Alle Stufen der Theorie-
bildung »freudianisch« zu nennen, ist zwar formal korrekt, aber praktisch
unmöglich, weil man dann von gegensätzlichen Positionen sagen müsste,
sie seien freudianisch. Nur die chronologisch letzte Stufe so zu bezeich-
nen, entspricht ebenfalls nicht dem Sinn der Unternehmung, die ja darauf
angelegt ist, den Erkenntnisprozess offenzuhalten und voranzutreiben.
Wie kann jemand, der ihn nach der letzten noch von Freud erreichten Stu-
fe weiter vorantreibt, für sich in Anspruch nehmen, das im Sinne Freuds
zu tun? Welcher Interpret wäre dann Freudianer und wer nicht, und wer
entscheidet das? Muss man daraus nicht den Schluss ziehen, dass es nur so
lange eine Freud’sche Theorie gab, wie Freud lebte und als Autorität ange-
sehen wurde, wobei die »gültige« Theorie immer die jeweils letzte gewesen
wäre? Und dass mit dem Erlöschen von Freuds Autorität, d. h. spätestens
nach seinem Tod, niemand mehr im Ernst behaupten kann, er sei Freudia-
ner? Oder gibt es doch Stücke der Theorie, die man »festhalten« kann, die
sich im Fortgang der Theoriebildung nicht auflösen, die nicht verschwin-
den und nicht der Vergänglichkeit unterliegen? Könnte das auf die soge-

75
Die Beobachtung, dass es nach den Revisionen, die Freud ab 1914 an seiner Theorie
vornahm, nicht mehr eindeutig war, was als »freudianisch« zu gelten hatte, wodurch
sich der Psychoanalyse die Chance eines neuen, fruchtbaren Pluralismus eröffnete,
ist ein Leitgedanke der Geschichte der Psychoanalyse von Makari (2008).
150 Ulrike May

nannten »Grundpfeiler« zutreffen, die Freud wiederholt benannt hat (mit


leichten Variationen: die Annahmen des Unbewussten, der Verdrängung,
der infantilen Sexualität, des Ödipuskomplexes)? Und in welchem Verhält-
nis stünden diese dann zur Theorie? Oder sind es nicht die Grundpfeiler,
sondern andere Elemente der Theorie, denen wir eine gewisse Konstanz
zusprechen können? Ich weiß keine Antwort auf diese Fragen, halte aber
fest, dass man noch einmal neu überlegen könnte, welche Theorieteile ver-
änderbar, disponibel, korrigierbar sind und welche nicht – falls es solche
geben sollte.76
Der prozessuale Charakter von Freuds Theoriebildung wird zu wenig
gesehen, wenn einzelne Schritte darin global als »Ergebnisse«, »Funde«
oder »vielfach gesicherte Beobachtungen« verstanden werden. Freud war
sich des gebrechlichen und subjektiven Charakters seiner Theorie meistens
bewusst, genauer: wenn er sich dessen bewusst war, konnte er es über-
zeugend darstellen, so etwa im Jenseits auf den letzten Seiten des sechs-
ten Kapitels, wo er sagt, dass das Denken jedes Autors von »innerlich tief
begründeten Vorlieben beherrscht« wird, denen er in der Theoriebildung
»unwissentlich in die Hände arbeitet« (JL, S. 268). Dieses prozessuale, flie-
ßende und hochgradig subjektive Wissenschaftsverständnis ging in der
Nachfolge Freuds häufig verloren. In den Texten der Schüler wird die The-
orie, und zwar in allen Teilen, zu einer gesicherten, über jeden Zweifel er-
habenen Angelegenheit (vgl. May 2011a, S. 148).

2. Vorschlag einer neuen Auslegung von Jenseits des Lustprinzips


Die Einsicht in den prozessualen Charakter von Freuds Theoriebildung hat
mir den Hauptschlüssel zu einem neuen Verständnis des Jenseits geliefert.
Ich bin also der Ansicht, dass Freud in der ersten Hälfte des fünften Kapi-
tels, die zur Erstfassung vom Frühjahr 1919 gehört, seinen Haupteinfall
vortrug, den er als »weitausholende Spekulation« bezeichnete. Er besagte,
dass alles Lebendige zum Zustand des Anorganischen und alle Triebe zum
Tod drängen. In der zweiten Hälfte des fünften Kapitels, noch im selben
Arbeitsgang, versuchte er, diesen Einfall mit seinen bisherigen Vorstellun-
gen über das Triebleben in Einklang zu bringen, und kam zu dem Schluss,
dass er ihn nicht aufrechterhalten konnte. Vor allem mit der Konzeption
der Sexualtriebe war er nicht vereinbar. Freud meinte, dass man den Se-

76
Wie ich in einer früheren Arbeit (May[-Tolzmann] 1996) entwickelt habe, halte ich
den Bereich der intrapsychischen Verarbeitungsprozesse (u. a. der Abwehrmechanis-
men) für einen solchen »festen« Bestandteil.
Der dritte Schritt in der Trieblehre 151

xualtrieben zwar in mehrfacher Hinsicht einen konservativen Charakter


zusprechen könne, dass sie aber doch nicht eigentlich auf eine Rückkehr
zum anorganischen Zustand oder auf den Tod hin angelegt seien. Ferner
schien ihm, dass die Sexualtriebe nicht voll dem Wiederholungszwang un-
terlägen. Er nahm also bereits in der Erstfassung seinen Grundeinfall, die
»weitausholende Spekulation«, zur Hälfte – nämlich in Bezug auf die Se-
xualtriebe – wieder zurück. Diese Korrektur ist dem Text noch relativ klar
zu entnehmen.
Dass Freud damit nicht zufrieden war, kann man gut nachvollziehen.
Denn die große Spekulation schien nun weitgehend gescheitert. Noch ein-
mal: Der Versuch, dem selbstzerstörerischen Charakter der unveränderli-
chen Wiederholung des Unlustvollen gerecht zu werden und ihn auf ein
generelles Drängen zur Nichtveränderung, zur Leblosigkeit, zum Tod oder
zum Anorganischen zurückzuführen, vertrug sich nicht mit dem Eindruck,
den das Wirken der Sexualtriebe auf ihn machte. Evidenz stand gegen Evi-
denz. Die einzige Lösung, die blieb, lag darin, den Todesdrang den Selbst-
erhaltungstrieben zuzuschreiben. Das war natürlich auch nicht überzeu-
gend, obwohl die Konzeption in ihrer Hintersinnigkeit: das Lebendige als
nur lebendig Scheinendes und bloße Maskerade des Todes, auch etwas für
sich hatte. – So viel zur Erstfassung und zu Freuds Bemühen, die jenseits
des Lustprinzips liegenden Prozesse in die Theorie zu integrieren.
Nach Abschluss der Erstfassung im April 1919 dachte Freud weiter
und lange darüber nach, wie er den mit Unlust verbundenen und nicht
auf ein lustvolles Erleben reduzierbaren Wiederholungszwang und den
Drang zum Tod – die beiden Momente, die in seiner Vorstellung eng mit-
einander verknüpft waren – in die Theorie einordnen könne. Das Ergebnis
dieses Nachdenkens war das sechste Kapitel, das er im Frühsommer 1920
schrieb. Er nahm nun erstens von der Annahme Abschied, dass die Selbst-
erhaltungstriebe dem Tod zuarbeiteten. Zweitens vertrat er, ebenfalls ent-
gegen der Erstfassung, die Ansicht, dass weder die Sexual- noch die Selbst-
erhaltungstriebe dem Wiederholungszwang unterlägen. Das Phänomen
des Wiederholungszwangs, so schien es Freud im Frühsommer 1920, lag
nicht nur jenseits des Lustprinzips, sondern überhaupt jenseits der bisher
supponierten Triebgruppen und psychischen Prozesse. Es ließ sich nicht in
die Theorie integrieren, sondern war, wie Freud nun fand, ein psychischer
Prozess sui generis, d. h. etwas total anderes als die bisher supponierten
primären und sekundären Prozesse (die dem Lustprinzip unterliegen).
Desgleichen zeigte der Trieb, den Freud dem Wiederholungszwang zuord-
nete, nämlich der Todestrieb, keine ausreichend starke Ähnlichkeit mit den
Sexual- und den Selbsterhaltungstrieben. Gleichwohl war er, zusammen
152 Ulrike May

mit dem neuen psychischen Prozess des Wiederholungszwangs, für Freud


von so großer Bedeutung, dass er ihn nicht unberücksichtigt lassen konnte.
Der Wiederholungszwang und der ihn »erklärende« Todestrieb mussten
einen Platz in der Theorie erhalten. Die einzige Möglichkeit, die es noch
gab, war die, den Todestrieb (einschließlich des Wiederholungszwangs) als
selbständigen Trieb einzuführen. An seine Seite stellte Freud den Eros, der
die »alten« Triebgruppen, nämlich die Sexual- und die Selbsterhaltungs-
triebe, umfasste.
Diese Konzeption der psychischen Triebkräfte, die Freud auf der letz-
ten Stufe der Theoriebildung im sechsten Kapitel des Jenseits entwickelte,
behielt er, auch wenn er noch Details änderte, bis in seine letzten theoreti-
schen Schriften bei.

3. Das Verhältnis der Triebtheorien zueinander


Der prozessuale Charakter von Freuds Theoriebildung wird durch ein an-
deres Moment quasi gebremst, nämlich dadurch, dass bei ihm spätere Stu-
fen des Denkprozesses die früheren nicht aufheben. Die erste Triebtheorie
(Sexual- vs. Selbsterhaltungstriebe) wurde durch die zweite (Narzissmus-
theorie) ebenso wenig ungültig gemacht, wie die dritte Triebtheorie (To-
destrieb vs. Eros) die vorangegangenen ersetzte. Dieses besondere Ver-
hältnis der Theorien zueinander scheint mir, wie gesagt, ein Merkmal von
Freuds Denken zu sein. Die Stufen der Theoriebildung schließen einander
nicht aus, sondern es handelt sich um einen Prozess, in dessen Verlauf die
»alten« Erkenntnisstufen in die jeweils neuen integriert werden; zumindest
war das die Absicht. Insofern gibt es hier keine falschen und wahren Theo-
rien, sondern immer nur Teilwahrheiten mit vorläufigem Charakter, wobei
die späteren Theorien die früheren an Komplexität übertreffen und in den
Augen Freuds einen fortgeschrittenen Stand des Wissens repräsentieren.77
Man hat stets gesehen, dass Freud die Verführungstheorie nicht auf-
gab, sondern sie in seine späteren Theorien einbaute; desgleichen wurde
die erste Angsttheorie ein Bestandteil der zweiten. In Bezug auf die Trieb-
theorien scheint mir die herrschende Meinung bisher anders zu sein; es
wird wohl allgemein angenommen, sie lösten einander ab. Im Unterschied

77
Jeanne Lampl de-Groot berichtet, dass Freud die Entwicklung seiner Theorie einmal
mit einer »italienischen Renaissance-Kirche« verglichen habe, die »im Lauf der Jahre
(Jahrhunderte) so verändert wurde, dass die ursprüngliche Kirche das Querschiff
wurde und ein Längsschiff darum herumgebaut wurde. Der Raum wurde so erwei-
tert, aber die ursprüngliche Kirche blieb erhalten« (Freud 2012b, S. 204; i. O. hollän-
disch).
Der dritte Schritt in der Trieblehre 153

dazu behaupte ich, dass Freud der Ansicht war, die erste und die zweite
Triebtheorie seien unter die dritte zu subsumieren. Das entnehme ich dem
Jenseits, und das hat Freud meines Erachtens bis zuletzt so vertreten, wie
man im späten »Abriss der Psychoanalyse« sehen kann, wo er schreibt,
dass die erste und zweite Triebtheorie »noch innerhalb des Eros« fallen
(1940a, S. 71), oder genauer: dass die Unterscheidungen zwischen Sexual-
und Selbsterhaltungstrieben sowie zwischen »Ich-« und »Objektliebe« dem
Eros untergeordnet sind, während die Todestriebe auf einer Ebene mit dem
Eros angesiedelt werden. Sie sind das »ganz Andere« und haben am we-
nigsten oder gar keine Ähnlichkeit mit den Sexual- und Selbsterhaltungs-
trieben oder mit dem Narzissmus.
Für die Gültigkeit aller Triebtheorien spricht auch, dass Freud sie an
wohldefinierte Phänomenbereiche band. Die erste Triebtheorie war nach
seiner Auffassung hauptsächlich auf die Übertragungsneurosen oder auf
die neurotischen Aspekte psychischer Störungen bezogen, die zweite auf
die sogenannten narzisstischen Neurosen (und Psychosen) bzw. die nar-
zisstischen Aspekte psychischer Störungen und die dritte auf psychische
Vorgänge und Störungen, in denen die unlustvolle Wiederholung des nie-
mals Lustvollen, d. h. traumatische Aspekte eine wichtige Rolle spielen.
Auch so gesehen lösen die einzelnen Triebtheorien einander nicht ab, son-
dern erfassen unterschiedliche klinische Phänomene.

4. Das Traumatische als psychischer Prozess sui generis


Abschließend möchte ich hervorheben, dass Freuds Beharren auf der Exis-
tenz psychischer Prozesse, die nicht dem Muster von Lustsuche und Un-
lustvermeidung folgen und die deshalb der Analyse, wie sie bislang betrie-
ben wurde, nicht zugänglich waren, die Tür zu einem neuen psychischen
Bereich öffnete. Einerseits war der Raum des Traumatischen nicht neu,
weil Freuds Interesse von Anfang an und bis in die letzten Schriften (1939a;
1940e) dem Trauma gegolten hatte. Meistens war es für ihn das Rätsel ge-
wesen, das es zu lösen galt, und der Trieb war oft die Antwort, so auch in
Jenseits des Lustprinzips, wo die Untersuchung beim Trauma ansetzt und
zum Todestrieb führt, der die traumatische Wiederholung erklären soll.
Andererseits wird das Traumatische im Jenseits zum ersten Mal als eine
eigenständige Funktionsweise aufgefasst, die sich grundsätzlich von den
Funktionsweisen unterscheidet, die Freud bis dahin ins Auge gefasst hat-
te. Viele Jahre später können wir heute beanspruchen, uns einem tieferen
Verständnis des Traumatischen genähert zu haben (vgl. Bohleber 2000). So
gesehen erweist sich Freuds Schrift über das Jenseits des Lustprinzips zu-
154 Ulrike May

letzt als eine geradezu moderne Arbeit, auch wenn sie damals und seitdem
viel Widerspruch und Ablehnung hervorgerufen hat.

Exkurs I:
Freud, Ferenczi und die Urgeschichte des Psychischen (1913–1919)

In diesem Exkurs soll kurz dargelegt werden, dass Jenseits des Lustprinzips in die
Reihe der Schriften zur »Eroberung« der Biologie gehört, in denen Freud versuch-
te, die biologische Vor- und Urgeschichte des Psychischen zu erhellen.78 An diesem
Projekt beteiligte sich Ferenczi, nach dem Ende der Freundschaft mit Wilhelm Fließ
Freuds wichtigster Gesprächspartner in Fragen der Anwendung der Psychoanalyse
auf die Biologie. Freud und Ferenczi hatten viele Interessen gemeinsam, z. B. das an
der Paranoia, der Homosexualität, dem Narzissmus, der Ichentwicklung, der Hypo-
chondrie, der Telepathie – und eben auch an der Ur- und Vorgeschichte des Psychi-
schen, d. h. an der Entwicklungsbiologie, der Menschheits- und der Erdgeschichte.
Mit keinem anderen Schüler tauschte sich Freud über diese Themen so intensiv und
kontinuierlich aus, nicht mit Abraham, nicht mit Jones oder Eitingon und vermut-
lich auch nicht mit Rank. Ferenczis Rolle in der Entwicklung von Freuds Theorie
ist bisher, mit Ausnahme seiner Arbeiten zur Technik (Haynal 1989), noch wenig
bearbeitet worden (siehe aber Grubrich-Simitis 1985). Sein eigener Beitrag zur Fra-
ge nach den paläobiologischen Ursprüngen des Psychischen war der Versuch einer
Genitaltheorie (1924), der explizit ans Jenseits anknüpfte und sich wie dieses zum Ziel
setzte, die phylogenetische Herkunft und Bedeutung der sexuellen Triebkräfte und
insbesondere der sexuellen Vereinigung zu bestimmen.79
Als Freuds erster Beitrag zur Urgeschichte des Psychischen kann Totem und Tabu
(1912–13a) gelten. Im Zentrum dieser Schrift stand die Ableitung des Gewissens,
der Moral und der Religion sowie des magischen Denkens oder der Allmacht der
Gedanken aus der Frühgeschichte der Menschheit. Ein zweiter Versuch, das Psy-
chische als Produkt einer langen Vorgeschichte zu erhellen, war die Ȇbersicht der
Übertragungsneurosen« (1985a [1915]). Hier wurden klinische Bilder, d. h. Formati-
onen von Fixierungen und Dispositionen der Libido- und Ichentwicklung, von Re-
gressionsmodalitäten und Abwehrprozessen, auf einen mehrstufigen »Kampf mit
der Not der Eiszeiten« und danach auf eine verschiedene Formen annehmende »Be-
drängung durch den Vater« zurückgeführt (S. 649); der Ödipuskomplex mit den in
ihm wurzelnden Kulturerwerbungen (Moral und Religion) wurde in den größeren
Zusammenhang der Geschichte der Menschheit gestellt. Freuds dritter Beitrag zu

78
Freuds Interesse an der Biologie sowie die enge Verbindung zwischen seiner Theorie
und Theorien der biologischen Wissenschaften sind vor allem von Sulloway (1982),
Grubrich-Simitis (1985), Ritvo (1990) und Burkholz (1995) untersucht worden.
79
Grubrich-Simitis hat ebenfalls darauf hingewiesen, dass es eine »Fülle impliziter und
expliziter Querverbindungen« zwischen dem Jenseits und Ferenczis Genitaltheorie
gibt (1985, S. 106; vgl. auch 2007). Zum Versuch einer Genitaltheorie siehe ferner Butzer
u. Burkholz 1991 und Bukholz 1995, S. 174 f.
Der dritte Schritt in der Trieblehre 155

dem Unternehmen, das Psychische, und nun vor allem die Triebkräfte, unter einem
die individuelle Entwicklung transzendierenden Blickwinkel zu sehen, war, wie ich
meine, Jenseits des Lustprinzips. Hier wurde die Perspektive noch einmal erweitert
und bis zur Entstehung des Lebens auf der Erde ausgedehnt. An all diesen Versu-
chen nahm Ferenczi Anteil und begleitete sie mit eigenen Einfällen und Arbeiten.
Einige Stationen auf dem Weg sollen kurz geschildert werden, beginnend mit seiner
Arbeit über den Wirklichkeitssinn (1913).
Schon in dieser Schrift geht Ferenczi souverän und selbstverständlich mit dem
historisch-phylogenetischen Ansatz um. So spricht er davon, dass die Entwick-
lungsstufen der Realitätsprüfung, wie er sie vorgeschlagen hatte, eines Tages als
Niederschläge von »Etappen der Stammesgeschichte der Menschheit« verstanden
werden könnten, und zwar als Reaktionen auf »geologische Veränderungen der
Erdoberfläche« (1913, S. 81). Genau wie Freud stellte auch er sich Entwicklung als
einen Prozess vor, der nicht »spontan« erfolgt, sondern nur als Reaktion auf Einwir-
kungen von außen, auf Not und Versagung. Das hieß dann auch, dass das »Leben«
als etwas gedacht wurde, das sich gegen Veränderung sträubt; in Ferenczis Worten:
es wird von einer »Beharrungs-, resp. Regressionstendenz« beherrscht (ebd.; vgl. JL,
S. 251). Diese Tendenz war von Ferenczi durchaus als »Todestendenz« gemeint, wie
aus einem Tagebucheintrag von Andreas-Salomé vom September 1913 hervorgeht
(1965, S. 133). Sie hat ferner klar erkannt, dass die »›Todes‹- und ›Ruhe‹-Tendenz«
auch in Freuds Theorie von Anfang an enthalten war; bei ihm sei das Lebendige
ein »nur ungern Aufgestörtes«.80 Hier zeigt sich also, dass das Konzept von Todes-
tendenzen oder Todestrieben im Rahmen psychobiologischer Spekulationen lange
vor dem Jenseits im Gespräch war und bereits 1913 als dem Freud’schen Denken
inhärent gesehen wurde. 81
Aus dem Jahr 1914 ist der gemeinsame Oster-Urlaub bekannt, den Freud, Rank
und Ferenczi in Brioni verbrachten, wo man sich, wie Freud später schrieb, »mit
Phantasien über die psa. Urgeschichte« unterhielt (F/Fer II/1, S. 117). Danach berich-
tete Ferenczi von Einfällen zu seiner Genital- oder Koitustheorie; auch nach seiner
ersten kurzen Analyse bei Freud im Oktober 1914 arbeitete er weiter an dieser und
las »Embryologisches, Zoologisches und Vergleichend-Physiologisches« (F/Fer II/1,
S. 121; vgl. I/2, S. 301; II/1, S. 104, 106, 114 f.). Freud behielt die Vorgeschichte des
Psychischen ebenfalls fest im Blick. Im Vorwort zur 3. Auflage der Drei Abhandlungen
vom Oktober 1914 hob er die Bedeutung der phylogenetischen Anlage hervor und
definierte die psychischen Dispositionen im Sinne von Lamarck als »Niederschlag
eines früheren Erlebens der Art« (1905d, S. 44), ähnlich wie er in der Wolfsmann-
Studie, die er im November 1914 abschloss, die Existenz von phylogenetisch erwor-

80
Die Stelle lautet: »Man kann den Gedanken nicht ganz abweisen, daß in jener ›To-
des‹- und ›Ruhe‹-tendenz, die Freud allem Lebenden, als einem nur ungern Auf-
gestörten, eingeboren sein läßt als dessen wahres Wesen, selber schon eine etwas
neurotische Lebenswertung steckt« (Andreas-Salomé 1965, S. 133).
81
Burkholz (1995, S. 144 f.) macht darauf aufmerksam, dass der »Konservatismus« der
Triebe und der Gedanke des von außen erzwungenen Charakters jeder Höherent-
wicklung den theoretischen Ansichten von Ewald Hering und August Pauly naheste-
hen.
156 Ulrike May

benen Schemata behauptete, die dem Erleben des Ödipuskomplexes zugrunde lie-
gen (1918b, S. 200 f., 229 f.). Ferenczi griff diese Andeutungen in seinem Referat der
Drei Abhandlungen auf (deren 3. Auflage er ins Ungarische übersetzte) und wies da-
rauf hin, dass Freud einen »Umsturz alles Hergebrachten« versuche, denn niemand
habe jemals daran gedacht, dass eine »psychologische, und zwar eine ›introspektive‹
Methode ein biologisches Problem erklären helfen könnte« (1915, S. 239 f.). Freud
vertrete zu Recht die Auffassung, dass die Psychoanalyse imstande sei, ein Stück
Biologie, nämlich die Hintergründe der Sexualfunktion, zu »erraten«. Vielleicht wer-
de man einmal »auch den letzten Schritt erleben […]: die Verwertung der Kenntnisse
von den psychischen Mechanismen im organischen und anorganischen Geschehen
überhaupt« (S. 241).82 Auf diese Weise kündigte Ferenczi an, in welche Richtung
Freud und auch er selbst die Psychoanalyse weiterzuentwickeln gedachten.
Nach der Niederschrift der Wolfsmann-Geschichte begann Freud, an den (zwölf)
metapsychologischen Abhandlungen zu arbeiten. Im Juli 1915 bereitete er als letztes
Stück die schon erwähnte »Übersicht der Übertragungsneurosen« vor, in der sein
paläobiologischer Ansatz extensiv verwirklicht wurde (siehe dazu Grubrich-Simitis
1985; 2007). Der Text knüpft im zweiten Teil an Ferenczis oben zitierte Bemerkun-
gen in der Arbeit über den Wirklichkeitssinn (1913) an, auf die ausdrücklich Bezug
genommen wird (1985a, S. 642 f., 647), und elaboriert sie zu einer umfassenden The-
orie. An Ferenczi schrieb Freud, dessen »Urheberrecht« an der Schrift sei »evident«
(F/Fer II/1, S. 129). Zunächst habe er »die phylogenetische Reihe nur kurz« andeuten
wollen »unter Hinweis auf Ihre Arbeit und gebührender Anpreisung Ihrer frucht-
baren und originellen Idee vom Einfluß der geologischen Schicksale« (S. 132). Dann
aber habe ihm Ferenczis Reaktion »Lust zu einer ausführlicheren Darstellung« ge-
macht (S. 137). Ende Juli schloss er den Text ab (gegen die Publikation entschied er
sich im November 1917: F/Fer II/2, S. 117). Ferenczi freute sich darüber, dass sein
Wirklichkeitssinn-Aufsatz in Freuds Text eine »phylogenetische Schwester« erhal-
ten habe, und steuerte eigene Einfälle und Einwände bei, die Freud zum Teil be-
rücksichtigte (F/Fer II/1, S. 134, 139). Im Oktober 1915 plante Ferenczi eine eigene
Serie mit dem Titel »Bioanalytische Aufsätze« (S. 151), kam damit aber nicht voran.
Im April 1916 stellten sich bei ihm wieder Einfälle ein (F/Fer II/1, S. 197 f.). Freud
ermutigte ihn: die »biologischen Spekulationen« seien sein »wirkliches Arbeitsge-
biet«, auf dem er »ohne Konkurrenz« sein werde (S. 199). Im Juli und Oktober des
Jahres hatte Ferenczi zwei weitere Analysentranchen bei Freud; gelegentlich berich-
tete er von neuen Einfällen zur Urgeschichte des Psychischen (z. B. S. 206). Ende De-
zember 1916 machte Freud einen nächsten Vorstoß und teilte Ferenczi mit, er habe
sich »den Lamarck« in der Bibliothek bestellt, und da sei ihm »unser Arbeitsvorsatz
›Lamarck und die PsA‹ plötzlich als hoffnungsvoll und inhaltsreich in den Sinn« ge-
kommen; er »sehe da allerlei voraus« und sei »eigentlich davon schon überzeugt«.
Nun wolle er von Ferenczi die »Sicherheit« haben, dass er seine »Mitarbeiterschaft
aufrechthalten und schon in nächster Zeit ernst betreiben« wolle (S. 243).
Auch im folgenden Jahr hielten Freud und Ferenczi an ihrem Vorhaben fest. Im

82
Auf diesem Hintergrund ist auch Freuds »kühner« Versuch im Jenseits zu lesen, die
Funktionen der Zelle zu »erraten« (JL, S. 259).
Der dritte Schritt in der Trieblehre 157

Januar 1917 verfasste Freud einen Entwurf, erörterte die Arbeitsteilung, begann mit
der Lektüre von Lamarck und anderen relevanten Schriften und legte eine Literatur-
liste an (F/Fer II/2, S. 23, 26, 29). Ferenczi schickte erste Notizen (S. 27, 30), erkrankte
dann und verbrachte einige Monate zur Kur auf dem Semmering. Ende Mai sagte
Freud die für den Sommer geplante Lamarck-Arbeit ab, er wolle Ferenczi am liebs-
ten »das Ganze abtreten« (S. 71). Ein paar Tage später aber erhielt er den ersten Brief
von Groddeck, den »interessantesten Brief eines deutschen Arztes«, den er je be-
kommen habe, und fand, dass sich dessen Inhalt ausgiebig mit der »Lamarckidee«
berührte (S. 73).83 Groddeck ging ja davon aus, dass das »Es« einen formenden Ein-
fluss auf die Gesamtperson, auf Körper und Seele, ausübt, ähnlich wie man im Sin-
ne Lamarcks vom Unbewussten sagen konnte, es bilde das »missing link« zwischen
dem Körperlichen und dem Psychischen (F/G, S. 62). Die Nähe des Groddeck’schen
Ansatzes zu seinen eigenen lamarckistischen Bemühungen motivierte Freud zur
Fortsetzung des Projekts. Im Sommer verbrachte er mit Ferenczi zwei Wochen in
Ungarn (F/A, S. 559); möglicherweise versuchten sie zusammenzuarbeiten. Nach
dem Urlaub kündigt Freud an: »Vielleicht packe ich selbst unsere große Lamarck-
arbeit« an (F/Fer II/2, S. 106), was sich so anhört, als habe er erwogen, nun doch
initiativ zu werden und das Thema allein zu bearbeiten. Er bat Ferenczi um ein
»wohlwollendes Referat« einer Arbeit von Groddeck, die zu »unserer Lamarck-
Idee« passe (S. 108), und auch Ferenczi lieferte wieder eigene Einfälle (S. 110, 114).
Was die beiden im Lamarck-Projekt in etwa vorhatten, wird in einem Freud-
Brief an Abraham vom November 1917 deutlich (F/A, S. 569). Die Lamarck-Idee
sei, so Freud, »zwischen Ferenczi und mir entstanden, aber keiner von uns hat jetzt
Zeit und Stimmung, sie auszuführen. Die Absicht ist, L. ganz auf unseren Boden
zu stellen und zu zeigen, daß sein ›Bedürfnis‹, welches die Organe schafft und
umschafft, nichts anderes ist als die Macht der unbewußten Vorstellung über den
eigenen Körper, wovon wir Reste bei der Hysterie sehen, kurz die ›Allmacht der
Gedanken‹. Die Zweckmäßigkeit wäre dann wirklich psychoanalytisch erklärt, es
wäre die Vollendung der Psychoanalyse. Zwei große Prinzipien der Veränderung
(des Fortschritts) würden sich herausstellen«, die auto- und die alloplastische An-
passung.84 Ferenczi bearbeitete Ende 1917 ein Teilproblem im Lamarck’schen Sinn,
nämlich die hysterische Symptombildung (1919b), aber bald darauf erlosch sein In-
teresse erneut. Auch Freud meinte wieder, er könne sich »zum Lamarck […] nicht
entschließen« (F/Fer II/2, S. 124).
Im Mai 1918 schlug Ferenczi vor, sich im Sommer noch einmal am Lamarck zu
versuchen (ebd., S. 153). Freud sagte zu, war aber besorgt, weil er die »Literatur
über Lam[arck]-Darwin« wegen der Gepäckbeschränkungen nicht in den Urlaub
mitnehmen könne. Ferenczi versicherte, dass man in den örtlichen Bibliotheken
finden werde, was man brauche (S. 161 f.). Am 29. Juni war Freuds letzter Arbeits-
tag, danach begab er sich zuerst in die Budapester Villa der Familie v. Freund, wo

83
Zum Lamarckismus und Psycho-Lamarckismus siehe insbesondere Giefer 2008, But-
zer u. Burkholz 1991 und Burkholz 1995, S. 172 ff.
84
Wieder eine Stelle, an der Freuds Wunsch zu spüren ist, die Biologie, d. h. die Ent-
wicklung der Organe, auf psychische Prozesse zurückzuführen.
158 Ulrike May

ihn Ferenczi häufig besuchte (siehe Huppke u. Schröter 2011, S. 63–69; Lévy 2012,
S. 54). Man hatte ihm ein eigenes Arbeitszimmer eingerichtet, und möglicherwei-
se verfasste er dort die oben erwähnten Notizen auf ungarischen Kalenderblättern.
Am 1. August fuhr er zusammen mit Ferenczi nach Csorbató, wo er mit diesem
viel Zeit verbrachte.85 In einem Brief vom Oktober 1918 hören wir von Ferenczis
Enttäuschung, »daß die geplante gemeinsame Arbeit unterblieb«, und zwar wegen
seiner, wie er an Freud schrieb, eigenen »lächerlichen kleinen Empfindlichkeiten«
(F/Fer II/2, S. 170). Er verglich den Urlaub in Csorbató mit jenem von 1910 in Pa-
lermo, als das gemeinsame Paranoia-Projekt an persönlichen Unverträglichkeiten
gescheitert war, setzte aber darauf, dass er und Freud sich auf dem Boden der Wis-
senschaft »sicher immer finden« würden.
Damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Zwar scheint es Freud und Feren-
czi im Sommer 1918 (vielleicht ähnlich wie 1917) nicht gelungen zu sein, sich auf
eine gemeinsame Linie zu verständigen, aber beide verfolgten das Lamarck-Thema
weiter. Nach Ferenczis Abreise meldete Freud am 13. September 1918, er habe »un-
vermutet« einen Einfall »zu unseren lamarckistischen Phantasien, seit zwei Mona-
ten die erste Regung der Art« (F/Fer II/2, S. 166). Bei dem zwei Monate zurücklie-
genden Einfall könnte es sich um einen der Gedanken gehandelt haben, die er auf
den Kalenderblättern festgehalten hatte, vor allem um jenen schon zitierten von der
»Maskierung« der Todestriebe als Lebenstriebe und der sexuellen Vereinigung als
Wiederholung der ursprünglichen Belebung des Unbelebten. Möglicherweise sind
diese Notizen, wie oben angedeutet, der früheste Beleg für den Kerngedanken von
Jenseits des Lustprinzips. Dass Freud von »lamarckistischen« Phantasien spricht, die
Notiz aber nicht exakt diese Bezeichnung verdienen würde, kann man vielleicht
vernachlässigen. Nach meinem Eindruck meint Freud mit »lamarckistisch« all jene
Gedanken, die sich auf die Urgeschichte des Psychischen und auf dessen Prägung
durch urzeitliche Ereignisse beziehen.
Nach September 1918 kommt Freud einige Monate lang nicht mehr auf das
Lamarck-Projekt zurück. Stattdessen berichtet er Ferenczi vom »Traumgebilde« der
zwei Ichs (F/Fer II/2, S. 180), seiner ersten Antwort auf die Frage der Ätiologie der
Kriegsneurosen (1919d). Im Oktober 1918 begann er zudem mit der Analyse seiner
Tochter Anna, die ihn wahrscheinlich zum Aufsatz über den Masochismus (1919e)
anregte, den er Anfang 1919 verfasste und nach dessen Beendigung Mitte März er
schließlich zum ersten Mal seine neue Arbeit mit der »geheimnisvollen Überschrift:
Jenseits des Lustprinzips« erwähnte (F/Fer II/2, S. 214).
Ich halte es für möglich, dass es sich mit diesem Text ähnlich verhielt wie im
Sommer 1915 mit der »Übersicht der Übertragungsneurosen«. Damals griff Freud
Anregungen von Ferenczi auf, die dieser zwei Jahre vorher publiziert hatte, und
hatte »Lust« zu einer »ausführlicheren Darstellung« (F/Fer II/1, S. 137). Einen ähn-
lichen Verlauf hatte schon das für Palermo geplante Paranoia-Projekt genommen:

85
Siehe Kata Lévys Erinnerungen an diese Zeit (2012, bes. S. 55 f.; ferner Freud 2012a,
S. 20). Wie lange sich Ferenczi in Csorbató aufhielt, ist nicht bekannt; dass es min-
destens zwei Wochen waren, geht aus Freuds Brief an seinen Bruder Alexander vom
13. 8. 1918 (SFP/LoC) hervor.
Der dritte Schritt in der Trieblehre 159

Auch hier war es zu keiner gedeihlichen Zusammenarbeit gekommen, so dass sich


Freud sein eigenes Bild von der Ätiologie der Paranoia machte, das er in der Arbeit
über den Fall Schreber (1911c) veröffentlichte.86 Genauso könnte er sich nach dem
erneuten Scheitern der Kooperation mit Ferenczi Anfang 1919 entschlossen haben,
das Lamarck-Projekt allein in die Tat umzusetzen und seine eigene Antwort auf die
Frage nach der Urgeschichte des Psychischen zu finden. Das Ergebnis wäre Jenseits
des Lustprinzips mit seiner Theorie von der Entstehung der Triebe gewesen, auf die
Ferenczi ein paar Jahre später mit dem Versuch einer Genitaltheorie (1924) reagierte.
Im Nachruf auf Ferenczi charakterisierte Freud diese Schrift als Anwendung der
Psychoanalyse auf die »Biologie der Sexualvorgänge, des weiteren auf das organi-
sche Leben überhaupt, vielleicht die kühnste Anwendung der Analyse, die jemals
versucht worden ist« (1933c, S. 268).87 Ferenczi habe die »konservative Natur der
Triebe« betont, die Symbole »als Zeugen alter Zusammenhänge erkannt« und ge-
zeigt, »wie die Eigentümlichkeiten des Psychischen die Spuren uralter Veränderun-
gen der körperlichen Substanz bewahren«.
Man hört hier heraus, was Freud und Ferenczi verband: das Interesse an der
Ableitung des Psychischen aus einer Geschichte, die weiter zurückreicht als die on-
togenetische Entwicklung. Vielleicht war Ferenczi »kühner« als Freud, wenn nicht
in Bezug auf die Genitaltheorie so doch auf das Verhältnis zwischen Psychoanaly-
se und Biologie. Auch Freud behandelte, wie oben beschrieben, die Biologie nicht
eben als gleichrangigen Gesprächspartner. Ferenczi jedoch hinterließ Bemerkungen,
die von der Vorstellung geprägt sind, die Psychoanalyse sei allen anderen Wissen-
schaften übergeordnet. In diesem Sinn schrieb er beispielsweise in einem Rundbrief:
»Ich bin überzeugt, daß die Psychoanalyse das Kristallisationszentrum einer neuen
Weltanschauung bildet, das alle naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftli-
chen Gebiete zu einer Einheit zusammenfassen wird« (Rbr. 1, S. 200). So imperial
hätte Freud sich wahrscheinlich nicht ausgedrückt, jedenfalls nicht in einer Publika-
tion. Die Haltung Ferenczis gegenüber den biologischen Wissenschaften ist aber der
von Freud im Jenseits vertretenen nicht unähnlich.
So viel zur Vorgeschichte von Jenseits des Lustprinzips. Ich hoffe, deutlich ge-
macht zu haben, dass dieser Text Themen behandelt, die Freud schon jahrelang
beschäftigt hatten. Viele misslungene Versuche hatte er gemeinsam mit Ferenczi
bereits hinter sich gebracht, beginnend mit der »Übersicht der Übertragungsneuro-
sen«, die er selbst zurückzog, wohl weil er von ihrer Triftigkeit nicht überzeugt war.
Es folgten mehrere Jahre der zunächst ergebnislosen Auseinandersetzung mit der
Frage nach dem Wesen und der Herkunft der Triebregungen. So erklärt sich auch,
dass Freud im März 1919 nach dieser langen Zeit der Vorarbeit nur wenige Wochen
brauchte, um die erste Fassung des Jenseits zu Papier zu bringen.

86
Ferenczi publizierte seine Gedanken zur Paranoia ebenfalls selbständig (1911a;
1911b).
87
Grubrich-Simitis gibt an, dass sich die »schriftstellerischen Interessen« von Freud
und Ferenczi im Sommer 1918 getrennt hätten (1985, S. 106); Burkholz (1995, S. 174)
meint, das Lamarck-Projekt sei aufgegeben worden. Im Unterschied dazu betone ich
die langfristige Kontinuität der gemeinsamen Interessen.
160 Ulrike May

Exkurs II:
Zu Freuds Umgang mit den Quellen im sechsten Kapitel

Im sechsten Kapitel des Jenseits bezieht sich Freud auf eine Reihe von Autoren, die
über die Sterblichkeit und Unsterblichkeit der Lebewesen und über die Entstehung
der geschlechtlichen Fortpflanzung gearbeitet haben. Meistens nennt er ihre Schrif-
ten und gibt den Fundort (Jahres- und Seitenzahl) in einer Fußnote an. Es entsteht
somit der Eindruck, als habe er die Gedanken der Autoren paraphrasiert, d. h. mit
seinen eigenen Worten wiedergegeben. Wenn man dann die Belegorte aufsucht,
stellt man fest, dass Freud Formulierungen, Satzteile und ganze Sätze anderer
Autoren wörtlich übernommen oder sich eng an sie angelehnt hat, ohne dass das
hinreichend kenntlich gemacht worden wäre. Das soll im Folgenden an einigen Bei-
spielen gezeigt werden (die sich vermehren ließen), bezogen auf Texte von August
Weismann, Max Hartmann, Alexander Lipschütz und Richard Avenarius.88
Eingangs sei vermerkt, dass die schöne Formulierung von der geschlechtlichen
Fortpflanzung, die dem Leben einen »Schein der Unsterblichkeit« verleiht – Freud
verwendet sie auf der ersten Seite des sechsten Kapitels (JL, S. 253) –, von Johannes
Müller (1801–1858) stammt. Sie wurde oft zitiert, z. B. von den eben erwähnten Au-
toren Weismann (1882, S. 1), Hartmann (1906, S. 37) oder auch von Franz Doflein
(1919, S. 3). Das »einfache, aber inhaltsschwere Wort«, wie Weismann es nannte,
stammt aus Müllers Handbuch der Physiologie des Menschen. Um einen Eindruck vom
Stil der damaligen biologischen Wissenschaft zu vermitteln, sei die Formulierung
im Kontext wiedergegeben. Müller schreibt (1837, Bd. I/1, S. 33):

Nun bleibt uns noch die Vergänglichkeit der organischen Körper und der organischen Ma-
terie zu untersuchen übrig. Die organischen Körper sind vergänglich, indem sich das
Leben mit einem Schein von Unsterblichkeit von einem zum andern Individuum erhält,
vergehen die Individuen selbst, aber mit der Vertilgung aller Individuen stirbt auch eine
Pflanzen- oder Thierspecies aus, wie die Geschichte der Erde beweist. Die organische
Kraft ergiesst sich gleichsam in einem Strom von den producirenden Theilen aus in im-
mer neu producirte, während die alten absterben.

Freud übernahm hier eine Formulierung, deren Autor er nicht angeben musste, weil
sie gängig war. Anders verhält es sich mit den Publikationen von August Weismann
(1834–1914). Auf ihn bezieht sich Freud im sechsten Kapitel am häufigsten (siehe JL,
S. 254–256, 265), und zwar auf drei Schriften: Über die Dauer des Lebens (1882), Über
Leben und Tod (1884) und Das Keimplasma (1892). Die erste der Bezugnahmen lautet
(JL/E, S. 254 f./46):

Von diesem Forscher [Weismann] rührt die Unterscheidung der lebenden Substanz in
eine sterbliche und unsterbliche Hälfte her; die sterbliche ist der Körper im engeren Sin-
ne, das Soma, sie allein ist dem natürlichen Tode unterworfen, die Keimzellen aber sind
potentia unsterblich, insofern sie imstande sind, unter gewissen günstigen Bedingungen

88
Die meisten der im Folgenden genannten Arbeiten (nämlich Müller 1837; Weismann
1882, 1884, 1892; Lipschütz 1919) sind im Bestand von Freuds Bibliothek nachweisbar
(siehe Davies u. Fichtner 2006).
Der dritte Schritt in der Trieblehre 161

sich zu einem neuen Individuum zu entwickeln, oder anders ausgedrückt, sich mit einem
neuen Soma zu umgeben.

Im handschriftlichen Manuskript des Jenseits bzw. des sechsten Kapitels finden sich
vor »potentia« und nach »umgeben« Anführungsstriche sowie ein vollständiger
Hinweis auf die Quelle, nämlich: »Über Leben und Tod, 2. Aufl. 1892, S. 20« (siehe
JL/E, S. 46).89 In der Druckfassung des Jenseits aber wurden die Anführungszeichen
weggelassen, vermutlich vergessen, was auch bei der Fahnenkorrektur unbemerkt
blieb. Dass an der Stelle jenes Quellenhinweises ein längeres Zitat endet, ist daher
nicht mehr zu erkennen, so dass der Text, mit dem wir alle vertraut sind, den An-
schein erweckt, als stamme er von Freud. Er stammt aber von Weismann. Bei ihm
steht zu lesen (1884, S. 22 = 21892, S. 20):

Es ist nöthig hier zu unterscheiden zwischen der sterblichen und der unsterblichen Hälf-
te des Individuums, dem Körper (Soma) im engeren Sinne und den Keimzellen; nur der
erstere ist dem natürlichen Tode unterworfen, die Keimzellen aber sind potentia unsterb-
lich, insofern sie im Stande sind, unter gewissen günstigen Bedingungen sich zu einem
neuen Individuum zu entwickeln, oder anders ausgedrückt, sich mit einem neuen Soma
zu umgeben.

Während es sich in diesem Fall um eine Nachlässigkeit bei der Drucklegung handeln
dürfte, brachte Freud selbst im übernächsten Absatz des Jenseits (JL/E, S. 255 f./46 f.),
in dem er viermal auf Weismann verweist, keine Anführungszeichen an. Er nann-
te in den Fußnoten korrekt die Quellen mit Erscheinungsjahr und Seite, also z. B.
»Dauer des Lebens, S. 38«. Gleichwohl ist man überrascht, dass bei Weismann so
viele Formulierungen auftauchen, die Freud im Kern unverändert wiedergibt. Al-
lein in diesem einen Absatz heißt es beispielsweise, dass »bei den einzelligen Tieren
[…] Individuum und Fortpflanzungszelle noch ein und dasselbe« sind (= Weismann
1882, S. 38); dass der Tod »nicht als eine absolute, im Wesen des Lebens begründete
Notwendigkeit aufgefaßt werden [kann]« (= ebd., S. 33); der Tod sei vielmehr »eine
Zweckmäßigkeitseinrichtung«, weil »die unbegrenzte Lebensdauer des Individu-
ums ein ganz unzweckmäßiger Luxus« wäre (= ebd., S. 32). Der Absatz endet so:
»Die Fortpflanzung hingegen ist nicht erst mit dem Tode eingeführt worden, sie ist
vielmehr eine Ureigenschaft der lebenden Materie wie das Wachstum, aus welchem
sie hervorging«. Bei Weismann steht: »[…] dass auch umgekehrt die Fortpflanzung
nicht erst mit dem Tod eingeführt wurde, dass sie vielmehr in Wahrheit eine Urei-
genschaft der lebenden Materie ist, wie das Wachsthum, aus welchem sie hervor-
ging« (1884, S. 84). Obwohl also aus Freuds Fußnoten zu ersehen ist, dass er sich auf
Weismann bezog, hätte man nicht gedacht, dass er sich in einem solchen Ausmaß
an ihn anschloss.
Wenig später nennt Freud die Schrift Tod und Fortpflanzung (1906) von Max Hart-
mann (1876–1962), referiert kurz dessen Position, wobei er zwei für Hartmann cha-
rakteristische Formulierungen in Anführungszeichen setzt, und gibt die Quelle mit

89
Diese Präzision ist in der StA verloren gegangen, wo nur auf die (anders paginier-
te) 1.Auflage der Schrift von 1884 hingewiesen wird, ohne Seitenangabe (S. 255,
Anm. 1).
162 Ulrike May

Jahres- und Seitenzahl exakt an. Die textliche Übereinstimmung aber geht weiter,
als dieser Befund erwarten lässt. Im Jenseits heißt es (JL, S. 256):

Hartmann charakterisiert den Tod nicht durch Auftreten einer »Leiche«, eines abgestor-
benen Anteiles der lebenden Substanz, sondern definiert ihn als den »Abschluß der in-
dividuellen Entwicklung«. In diesem Sinne sind auch die Protozoen sterblich, der Tod
fällt bei ihnen immer mit der Fortpflanzung zusammen, aber er wird durch diese gewis-
sermaßen verschleiert, indem die ganze Substanz des Elterntieres direkt in die jungen
Kinderindividuen übergeführt werden kann [Verweis auf Hartmann 1906, S. 29].

Bei Hartmann selbst liest man an der angegebenen Stelle (deren Formulierung z. T.
auf eine frühere Passage zurückgreift; siehe ebd., S. 22):

In den letztgenannten Fällen verschleiert die Fortpflanzung gewissermaßen den Tod, in-
dem die gesamte Substanz des Eltertieres direkt in die jungen Kindindividuen überge-
führt werden kann. Als das Wesentliche des Individuentodes ist mithin nicht die Leiche, sondern
der Abschluß der individuellen Entwicklung anzusehen […].

Im Anschluss daran bezieht sich Freud auf Alexander Lipschütz (1883–1980), mit dem
er sich auch anderswo, in der 4. Auflage der Drei Abhandlungen, intensiv auseinan-
dergesetzt hat (siehe oben). In einer Fußnote (JLE, S. 256/48) verweist er auf dessen
Broschüre Warum wir sterben (1914): »Für dies und das Folgende vgl. Lipschütz l. c.,
S. 26 und 52 ff.« Der Verweis ist mehr als angemessen. Die folgenden Passagen des
Jenseits bestehen zum Teil aus wörtlichen Übernahmen, zum Teil aus Paraphrasen
von Lipschütz’ Ausführungen. Ich greife zwei Beispiele heraus.
– Freud: »Wenn die Tierchen zu einem Zeitpunkt, da sie noch keine Altersverän-
derung zeigen, miteinander zu zweit verschmelzen, ›kopulieren‹ können – wo-
rauf sie nach einiger Zeit wieder auseinandergehen –, so bleiben sie vom Alter
verschont, sie sind ›verjüngt‹ worden« (JL/E, S. 257/48).
– Lipschütz: »Wenn zwei Tiere zu einem Zeitpunkt, wo die ›Altersveränderungen‹
noch nicht bemerkbar waren, miteinander verschmolzen, ›kopulierten‹, um
nach einiger Zeit wieder auseinander zu gehen, so wurden sie ›verjüngt‹, sie
wurden vom ›Altern‹ verschont« (1914, S. 56).
Oder:
– Im Jenseits heißt es, dass die günstige Wirkung der Kopulation »ersetzt werden
[kann] durch bestimmte Reizmittel, Veränderungen in der Zusammensetzung der
Nährflüssigkeit, Temperatursteigerung oder Schütteln« (JL, S. 257).
– Bei Lipschütz findet man: »[…] daß nicht nur die Kopulation die Tiere den schlim-
men Zustand überwinden läßt, sondern auch noch allerlei einfache Reizmittel, wie
Veränderungen in der Zusammensetzung der Nährflüssigkeit, Temperatursteige-
rungen und Schütteln« (1914, S. 56).90
Zuletzt sei Richard Avenarius (1843–1896) angeführt, ein deutscher Philosoph, der als
Begründer des Empiriokritizismus gilt. Avenarius (1888) entwarf eine biomechani-

90
Auf S. 59 f., 64 f. und 80 f. von Warum wir sterben findet man weitere Beschreibun-
gen von Funden der Protistenforschung, die Freud mit ähnlichen Worten im Jenseits
(S. 256 f. und 259) wiedergibt.
Der dritte Schritt in der Trieblehre 163

sche, streng logische Grundlegung der Lebensprozesse und prägte unter anderem
den Begriff der »Vitaldifferenzen« und deren »Optimum«. Ihm zufolge entstehen
Vitaldifferenzen durch die Vereinigung mit anderen Organismen; sie müssen »abge-
lebt« und »abgeglichen« werden. Diese Konzepte – Vitaldifferenzen, die durch Ver-
einigung entstehen, deren Optimum und Abgleichung – verwendet Freud im Jenseits
(JL, S. 264) als Erläuterung für das Streben zum Niveau Null, ohne den Autor zu nen-
nen, was in diesem Fall ähnlich wie bei Müllers »Schein der Unsterblichkeit« darauf
zurückzuführen sein könnte, dass die Herkunft der Begriffe allgemein bekannt war.91
Bei diesen Beispielen will ich es belassen. Sie zeigen, wie nah Freuds Gedanken
den Ideen der zeitgenössischen Biologie standen. Es ist der gleiche Ton, in dem über
Leben, Tod und Fortpflanzung gesprochen wird, und manche poetische oder präg-
nante Formulierung, die wir Freud zugeschrieben haben, stammt von einem Autor
der damaligen biologischen Wissenschaft oder der Philosophie, ohne dass das im
Text von Jenseits des Lustprinzips, wie wir ihn aus den Gesammelten Werken oder der
Studienausgabe kennen, sichtbar wäre.

Literatur92

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91
Die Stichworte »Optimum der Vitaldifferenz« und »Abgleichen« von Spannungen
erscheinen im Übrigen auch, wie schon gesagt, in den ungarischen Kalendernotizen
vom Juli 1918 (?); desgleichen der Name von Lipschütz in dem Notat: »Unsterblich-
keit d. Substanz giebt es ja übhpt nicht. Lipschütz«. Das könnte sich auf Warum wir
sterben beziehen, wo es einmal heißt: »es gibt keine Unsterblichkeit im Sinne einer
unveränderten Fortdauer der lebendigen Substanz« (Lipschütz 1914, S. 29).
92
Die folgende Liste dient zugleich als Bibliographie für die vorstehende Edition.
164 Ulrike May

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Anschrift d. Verf.: Dr. Ulrike May, Taunusstr. 12, D-12161 Berlin.


E-Mail: may.tolzmann@t-online.de.
Rezensionen und Anzeigen

E. James Lieberman und Robert Kramer Erzählung einbetteten: eine neue Rank-
(Hg.): The letters of Sigmund Freud and Biographie, in der alle Briefe vorkom-
Otto Rank. Inside psychoanalysis. Baltimore men. In den Zwischentexten wird viel
(Johns Hopkins Univ. Pr.) 2012, 365 Seiten. aus anderen Korrespondenzen zitiert,
Ca. 20–30 Euro. die in der letzten Zeit erschienen sind.
Die Briefe, die Freud und Rank einander
Der Briefwechsel zwischen Freud und geschrieben haben, werden in diesem
Rank ist ein wichtiger Briefwechsel. Es Format nur sehr beschränkt annotiert.
ist sehr erfreulich, dass er nun endlich So werden z. B. die vorkommenden Per-
vorliegt, wenn auch vorerst nur in eng- sonen nicht erläutert.
lischer Übersetzung. Damit sind alle Im Übrigen haben die Herausgeber
Korrespondenzen, die Freud mit den etwas Merkwürdiges getan. Sie haben
Mitgliedern des »geheimen Komitees« für den Leser entschieden, welche Briefe
geführt hat (außer Sachs), veröffentlicht. wichtig sind und welche nicht. Die letz-
Einer der Bearbeiter der neuen Edition teren »minor letters« werden am Ende
ist James Lieberman, der 1985 eine Bio- des Bandes abgedruckt, weil sie den
graphie von Rank publizierte. Gang der Erzählung gestört hätten. Ich
Otto Rank, geboren 1884, war ein fand diesen Eingriff nicht klug, und das
Maschinentechniker, der in seiner Frei- umso weniger, als manche nach meiner
zeit alles las, was er in die Finger bekam, Ansicht wichtige Briefe im Anhang ge-
darunter auch die Traumdeutung. 1905 landet sind. Die kurzen Berichte z. B.,
wurde er von Adler in die »Mittwoch- die Rank im Ersten Weltkrieg an Freud
Gesellschaft« eingeführt und Freud vor- schickte, verdeutlichen, wie depressiv
gestellt. 1906 legte er ein Manuskript er in dieser Zeit war. Ebenfalls in der
»Der Künstler« vor, von dem Freud Gruppe der »minor letters« erscheint
sehr beeindruckt war. Freud sorgte da- Ranks Brief an Ferenczi und Eitingon
für, dass Rank mit einem Stipendium vom 3. April 1924, in dem er das Ende
das Gymnasium besuchen konnte, und des Komitees deklariert – ein historisch
machte ihn im Oktober 1906 zum Sekre- zentraler Moment.
tär der Mittwoch-Gesellschaft. Tatsäch- Es gibt in dem Buch einige histo-
lich fungierte Rank seitdem als Freuds rische Irrtümer. So wollte Freud beim
persönlicher Sekretär. Münchener Kongress 1913, um nur
Damit ist ein Problem der Herausge- ein Beispiel von mehreren anzuführen,
ber des vorliegenden Bandes benannt. durchaus eine neue IPV-Präsidentschaft
Von 1906 bis 1926 lebten Freud und von Jung verhindern.
Rank meist am gleichen Ort. Sie schrie- Die ersten Mitteilungen, beginnend
ben sich nur, wenn einer von ihnen oder mit einem Rank-Brief vom 20. April
beide verreist waren, also sehr unregel- 1911, sind Ferienbriefe, in denen ein
mäßig. Es gibt lange Perioden, in denen dankbarer Rank erzählt, was er tut. In
kein einziger Brief zwischen ihnen ge- den folgenden Jahren wird immer deut-
wechselt wurde. Die Herausgeber ha- licher, dass die beiden Männer ein psy-
ben dieses Problem so gelöst, dass sie choanalytisches Geschäft betreiben, mit
die vorhandenen Briefe in eine eigene Freud als Herausgeber der Internationa-
Rezensionen und Anzeigen 171

len Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse ma der Geburt von 1924. In dieser Zeit,
und Rank als Hauptredakteur. Dieser die letztlich zu ihrem Bruch führte, ha-
Aspekt verstärkt sich nach dem Ersten ben sich Freud und Rank viele Briefe ge-
Weltkrieg, als Rank Leiter des neuge- schrieben. Rank überreichte Freud das
gründeten psychoanalytischen Verlags 200-seitige Manuskript des Buchs, das
wurde. Er hatte damals eine sehr zentra- er in wenigen Wochen diktiert hatte, als
le und wichtige Position. 1921 ist in den Geburtstagsgeschenk zum 6. Mai 1923.
Briefen erstmals davon die Rede, dass Freud hatte eben seine erste Krebsope-
Rank nun auch selbst Analysen durch- ration durchgemacht und befand sich in
führt. Anders aber als in anderen Freud- schlechter Verfassung. Wie Hitschmann
Briefwechseln geht es zwischen Freud später erzählte, sah er damals so müde
und Rank nie um Patienten. Besprochen und blass aus, dass sie mit seinem Ende
werden, auf einem abstrakteren Niveau, rechneten.
psychoanalytische Deutungen von My- Die Briefe aus dieser Zeit sind fas-
then, Träumen und Ereignissen der zinierend. Am Anfang ein manischer
Frühgeschichte oder auch Schriftsteller Rank, der sich von den Komitee-Freun-
u. a. m. Der Nachkriegs-Rank ist ein an- den, außer Ferenczi, und auch von
derer Mensch als zuvor. Er ist nicht mehr Freud missverstanden fühlt. Später ein
höflich und dankbar, sondern selbstbe- sehr depressiver Rank. Und auf der an-
wusst und außerdem oft übermüdet. Er deren Seite Freud, der Rank mit Zäh-
hat zu viel zu tun und wird schlecht be- nen und Klauen verteidigt und den die
zahlt, weil der Verlag ständig finanzielle ganze Situation beunruhigt, weil sein
Probleme hat. Rank braucht seine vier Herzensprojekt, der psychoanalytische
Patienten zum Lebensunterhalt. Verlag, mit Rank steht und fällt.
Die veränderte Beziehung zwischen Tatsächlich hatte Rank Pech gehabt.
Rank und Freud zeigt sich ganz deutlich Freud sagte später, dass er das Trauma
im Juli 1922. Freud vermied es gewöhn- der Geburt zunächst nur halb gelesen
lich, seine Anhänger zu kritisieren, um habe, was Rank zornig machte. Wahr-
sie nicht zu hemmen. An Rank jedoch scheinlicher ist, dass der kranke und
übte er in einem Brief vom 10. Juli 1922 dann nach dem Tod seines Enkels Hei-
doch Kritik. Er fand dessen Vortrag nerle depressive Freud das Buch zuerst
für den bevorstehenden Kongress (in gar nicht las; andernfalls hätte er Rank
Berlin) über »Psychische Potenz« un- vor der Schädigung seines Rufs bewah-
geschickt. »Wenig Neues und dies sehr ren können. Nun erschien es 1924 und
klar« sei die Bedingung für einen wirk- wurde von vielen Zeitgenossen abge-
samen Kongressvortrag; dagegen sei lehnt. Als Freud es endlich doch las,
Ranks Text voll neuer Ideen und wenig war sein Urteil vernichtend. Er sagte
durchsichtig. Rank erträgt die Kritik zu Franz Alexander, das Buch habe ihn
nicht gut und antwortet am 14. Juli, dass enttäuscht und sogar erbost, weil alle
er nun einmal seit fast 20 Jahren eine Entdeckungen der Psychoanalyse über
anti-didaktische Schreibweise habe, ge- die Bedeutung der Familieneinflüsse
gen die anzugehen sinnlos sei. Hier hat nicht mehr gelten sollten. Nach Ranks
sich in seinen Ton ein gewisser kränkba- Theorie entstand jede Neurose durch
rer Hochmut eingeschlichen. das mechanische Geschehen der Geburt,
Ein gehöriger Teil des Buches han- was Freud, wie er gegenüber Alexander
delt von den Problemen um Ranks Trau- betonte, unsinnig fand.
172 Rezensionen und Anzeigen

Alles in allem ist dies ein wichtiger rologisch-neuroanatomische Beiträge


Briefwechsel, dargeboten in einer frag- dagegen (z. B. »Gehirn. II. Physiologie«)
würdigen Form.1 werden überzeugend anderen Autoren
Anna Bentinck van Schoonheten zugeordnet (vgl. Menninger 2012).
(Amsterdam) / Aus dem Niederländischen Einige der mit Sicherheit Freud
von Hertha Wollenberg zugewiesenen Artikel wie »Aphasie«,
»Hysterie« oder »Lähmungen« berüh-
ren sich eng mit späteren Freud-Schrif-
Anneliese Menninger: Sigmund Freud als ten, etwa der Aphasie-Monographie von
Autor in Villarets Handwörterbuch der 1891 oder der Studie »Quelques consi-
Gesamten Medizin von 1888–1891. Ham- dérations« von 1893. Sie werden von
burg (Kovač) 2011, 667 Seiten. 138 Euro. Menninger an den Anfang von Freuds
theoretischem Entwicklungsprozess
Die Mitarbeit Freuds an Villarets Hand- gestellt, der zunächst durch seine »Ver-
wörterbuch der Gesamten Medizin ist wicklungen« in die Theorien seiner Leh-
durch das Mitarbeiterverzeichnis be- rer Theodor Meynert wie Jean-Martin
zeugt. Die Beiträge sind aber unsigniert. Charcot gekennzeichnet war und in ei-
Nach ersten Hinweisen auf Freuds Au- ner »sukzessiven Loslösung« auf die ei-
torschaft bei bestimmten Artikeln, zu- gene Theoriebildung zusteuerte (S. 38).
nächst durch ihn selbst für »Gehirnana- In »Quelques considérations« findet
tomie« und »Aphasie«, folgten weitere sich auch eine Schlüsselaussage des
Zuschreibungen für Beiträge wie »Hys- Villaret-Artikels »Facialis«: das Fehlen
terie« oder »Lähmung« durch Ernst der Facialislähmung bei der Hysterie sei
Kris, den Heidelberger Neurologen Paul das entscheidende Moment gegenüber
Vogel und durch Johann Georg Reiche- der organischen Hemiplegie. Auch an-
neder. Manche davon blieben strittig. dere dort aufgeführte Beobachtungen
Die Dissertationsarbeit von A. Mennin- Freuds, die die Abgrenzung hysterischer
ger (Medizinerin und erfahrene Psycho- von den organischen motorischen Läh-
therapeutin) unter der Mentorschaft des mungen definieren und ihre psychische
kürzlich verstorbenen Medizinhistori- Genese beschreiben, lassen seine Eigen-
kers Gerhard Fichtner widmet sich vor ständigkeit erkennen (auf die Charcot
allem den Artikeln über die Hirnnerven kurz vor seinem Tod mit Überraschung
»Abducens«, »Accessorius« und »Faci- reagierte). In der Gründerzeit der Neu-
alis«. Mit Hilfe einer Textanalyse, dem rologie war bei der zeittypischen Häu-
Vergleich mit anderen Freud-Schriften fung hysterischer Manifestationen ein
und werkhistorischen Bezügen gelingt beträchtlicher Aufwand in der Abgren-
es der Autorin, Freud als Urheber die- zung gegen organneurologische Krank-
ser Artikel zu identifizieren (bei »Fa- heiten betrieben worden. Heute sind
cialis« speziell für den Abschnitt »Die diese Auseinandersetzungen nur noch
zentrale Facialisparese« und den Unter- als historische Fußnote zu werten, etwa
artikel »Facialiskrampf«). Andere neu- der von Charcot erstmals 1887 beschrie-

1
Im Text wird auf zwei Interviews von K. R. Eissler mit Hitschmann und Alexander
hingewiesen, deren Transkripte sich in der Sigmund Freud Collection der Library of
Congress (Washington) befinden.
Rezensionen und Anzeigen 173

bene hysterische »Hémispasme glosso- Hypnose anzusehen, so war es Briquet


labié« bei Hemiparese, von Freud als für Benedikt und Charcot bezüglich der
»Zungenlippenkrampf« übersetzt und Hysterie. Benedikts Therapie der Hyste-
u. a. in seinem Hysterie-Artikel in Villa- rie bewegte sich in den folgenden Jahr-
rets Handwörterbuch beschrieben. Dieses zehnten von der Elektrotherapie über
Unikum wird noch lange aufgeführt, so die Hypnose zur Metallotherapie i. S.
von Hermann Oppenheim in mehreren des Mesmerismus. Seine Überlegungen
Auflagen seines Lehrbuchs (z. B. 1908) zur künstlichen Kataleptisierung durch
und in Max Lewandowskys Hysterie- Hypnose, Begriffe der krankhaften Zu-
Monographie bzw. Handbuch-Kapitel stände des »Traumwachens« (Breuer:
von 1914, dürfte aber eine inkonsistente »hypnoider Zustand«), »halluzinatori-
und heute kaum mehr nachvollziehba- scher Erinnerungsbilder«, der pathoge-
re Beobachtung gewesen sein. – Auch nen Bedeutung von Schreck und Schock
das erst unlängst publizierte Freud- (»Schock-Neurose«) führten ihn – paral-
Manuskript »Kritische Einleitung in die lel zu Breuers und Freuds Hysterie-Ar-
Nervenpathologie« von 1885–87 (Freud beiten – zur Anerkennung psychischer
2012), das Menninger in der Handschrift und lebensgeschichtlicher Faktoren wie
heranzieht, weist Parallelen zu Freuds Kränkungen und geheimes Geschlechts-
Villaret-Beiträgen auf, hier zu dem über leben junger Mädchen und Frauen (»pa-
»Gehirn I. Anatomie«. thogenes Geheimnis«, 1889). Benedikts
Alle diese Artikel-Beschreibungen, »doppeltes Bewusstsein« entsprach
die Diskussion der jeweiligen Autor- etwa Freuds hysterischer Dissoziation.
schaft und die Hinweise auf die theore- Menninger befindet, dass »die ›Beichte‹
tische Entwicklung des voranalytischen eines zumeist sexuellen Geheimnisses«,
Freud hätten allein schon den Wert einer wie von Benedikt beschrieben, auf die
Dissertation ausmachen können. Men- Entwicklung von Breuers und Freuds
ninger jedoch bietet darüber hinaus, mit Theorie der kathartischen Methode
Bezug auf das Thema »Hysterie« und »inspirierend wirken konnte« (S. 152).
die Lähmung der Facialismuskulatur Breuers Rede von einer »anomalen Er-
bzw. den Facialiskrampf bei Hysterie, regbarkeit des Nervensystems« bei der
eine umfangreiche Schriftenanalyse Hysterie stehe im Zusammenhang mit
von Freuds Vorläufern (Robert Bentley Benedikts »physikalisch energetischem
Todd) und Zeitgenossen (Moriz Bene- Theorie-Ansatz« und dem »dynami-
dikt, Josef Breuer, Jean-Martin Charcot), schen Hysterieverständnis Charcots, die
die sie zusammen mit Hippolyte Bern- Hysterie beruhe auf physiologischen
heim und Auguste-Ambroise Liébault Modifikationen des Nervensystems«.
auf rund 250 Seiten in einem großen Indem er einen »psychischen Ursprung«
Abschnitt »Zur Theoriegeschichte der dieser Erregbarkeit erwog, habe Breuer
Hysterie« behandelt. sich auf der »Suche nach einer ätiologi-
Im Gefolge von Pierre Briquets schen Formel der Hysterie vom Gebiet
Hysterie-Arbeit (1859) war 1864 die der Physiologie in das der Psychologie«
Hysterie-Studie des Wiener Neuro- begeben. »Die Lösung dieses Rätsels ob-
logen und Elektrotherapeuten Moriz lag jedoch Freud« (S. 156).
Benedikt erschienen, noch vor Char- Die weiteren Kapitel des Buches zu
cots Hysterie-Arbeiten. War Lasègue referieren, würde den Rahmen dieser
als Vorgänger Charcots bezüglich der Rezension sprengen:
174 Rezensionen und Anzeigen

– Josef Breuers kathartische Methode können. Der Leser jedenfalls findet da-
und Lehre von den psychischen Ur- rin eine Fülle von Originalquellen und
sachen der Hysterie (S. 167–220), konzisen Text-Interpretationen, die
– Charcots Hysterie-Lehre in den Vor- das Umfeld des voranalytischen Freud
lesungen 1870–1893 (S. 221–289), authentisch und ohne viel Sekundärli-
– Hippolyte Bernheims Hypnose-Leh- teratur darstellen, wobei immer noch
re (S. 291–321), rund 370 (wirklich gelesene) Literatur-
– August-Ambroise Liébault und des- Referenzen zusammenkommen. Viel-
sen Hypnose- und Schlafforschung fach nicht übersetzte originale Textaus-
(S. 323–341). schnitte mögen den der französischen
Liébault sah in der hypnotischen Sug- Sprache Unkundigen bei der Lektüre
gestion nichts Neues: »Offenbar un- behindern. Trotz dieser Einschränkung
abhängig von Braid« war er »allein bleibt der Eindruck eines imponieren-
durch seine Beschäftigung mit dem den Werks, das einen festen Platz in der
thierischen Magnetismus zu seiner historischen Freud-Hysterie-Forschung
›Schlaftheorie‹ und seiner Methode der verdient.1
›Suggestionstherapie‹ gelangt« (S. 330). Bernd Holdorff (Berlin)
Seine Beobachtungen »zur assoziativen
Wiederkehr schmerzlicher Erinnerun-
gen im Traum wie im nervösen Anfall Marco Solinas: Via Platonica zum Unbe-
bestätig[t]en Freuds Gedankengang, der wussten. Platon und Freud. Aus dem Ita-
Kern des hysterischen Anfalls sei die Re- lienischen von Antonio Staude. Wien–Ber-
miniszenz eines psychischen Traumas« lin (Turia + Kant) 2012, 201 Seiten. 24 Euro.
(S. 339). Und: »Im Traum finden wir die
Hypermnesie wieder, die zuvor als Be- Freuds zahlreiche Bezugnahmen auf
sonderheit in der Anwendung der Hyp- antike Autoren sind von der Forschung
nose beschrieben war« (ebd.), womit die als eine starke Traditionslinie der Psy-
Anwendung der Hypnose obsolet wur- choanalyse gewürdigt worden. Obwohl
de und Freuds Traumdeutung als thera- Freud in Massenpsychologie und Ich-Ana-
peutische Methode geboren war. lyse die psychoanalytische »Libido« mit
Der Titel von Menningers Buch dem platonischen »Eros« gleichsetzt,
lässt eine trockene neuroanatomisch- zitiert er Platon – etwa im Vergleich zu
neurologische Quellen-Studie erwarten, Aristoteles – selten unmittelbar. Marco
was aber nicht zutrifft. Vielleicht hät- Solinas’ Parallellektüre untersucht, wie
te ein Untertitel in Anlehnung an den viel tatsächlich vom Corpus Platonicum
Abschnitt »Zur Theoriegeschichte der in Freuds Texten steckt. Insbesondere in
Hysterie« (S. 89–341) diesem falschen Platons Traum- und Wunschtheorie aus
Eindruck abgeholfen; vielleicht hätten dem achten und neunten Buch des Staa-
die hier enthaltenen Ausführungen so- tes erkennt er eine theoretische Grund-
gar als ein separates Buch erscheinen lage von Freuds Denken. Damit eröffnet

1
Literatur: Freud, S. (2012): Kritische Einleitung in die Nervenpathologie (1885–87), hg.
von K. Guenther, G. Fichtner und A. Hirschmüller. Luzifer-Amor, 25 (49): 33–82. –
Menninger, A. (2012): Zu den Beiträgen Sigmund Freuds in Villarets Handwörterbuch
der Gesamten Medizin (1888–91). Ebd.: 83–105.
Rezensionen und Anzeigen 175

sich für Solinas hinter Freuds wichtigs- rigen und verbannten Wünsche, von
ter Entdeckung, der via regia zum Unbe- denen Platon ausgeht, ohne indes die
wussten, eine bislang nicht ausreichend Frage nach deren Ort und Bedingung
erforschte via platonica. Zahlreiche Paral- zu klären. Um die Vernunft nicht zu
lelen und Analogien zeugen von einer gefährden, müssen diese Wünsche von
komplexen Wirkungsgeschichte plato- der Akropolis als dem metaphorischen
nischer Motive bei Freud. So etwa die Entscheidungszentrum der psyché fern-
Bedeutung von Konflikten, die immer gehalten werden, was durch ihre Ver-
dort auftreten, wo Menschen aufeinan- sklavung geschieht, einem zwanghaf-
dertreffen, in Staat und Familie. Platons ten Zustand, der ähnlich wie in Freuds
metapsychologisches Gebäude radi- Verdrängungskonzept nur im Traum
kalisiert die Psyche als den Bezugsort aufgehoben wird. Tatsächlich geht es
des inneren Menschen, wo sich Wahr- beiden Theorien um die unterdrückten
nehmung und Vernunft mit der Staats- bzw. verdrängten, vom Denken und
verfassung verbinden. Auch der als Handeln fernzuhaltenden Wünsche.
unpolitisch verkannte Freud vergleicht Der gnostische Wert, den Träume für
die Seele mit dem modernen Staat. Bei die Psychoanalyse haben, kommt ih-
diesen Metaphorisierungen geht es Pla- nen auch in Platons Staat zu, insofern
ton wie Freud darum, die innerpsychi- hier jene Wünsche offenbar werden,
sche Funktion der Selbstbeherrschung die sonst dem Bewusstsein unzugäng-
begreifbar zu machen; entdeckt wird lich bleiben. Allerdings kennt Platons
dabei die Funktion des Wächters, der Traum nicht die Unterscheidung von
die »Burg in der Seele« (Platon) bewacht manifesten und latenten Vorstellungen,
oder das »Tor« der innerpsychischen wohingegen Freud durchaus Träume
»Festung« (Freud) unter Kontrolle hält. kennt, die »wirklich bedeuten, was sie
Auch das synthetisierende Stre- ankündigen«. Dass auch Ödipales bei
ben des Freud’schen Ichs lässt sich auf Platon vorkommt, dessen Träumer wie
Platon zurückführen: Während Freud derjenige Freuds seiner Mutter beiwoh-
in der Neuen Folge der Vorlesungen da- nen will, bekräftigt die wichtige Rolle
von spricht, dass das Ich sich durch ein der Sexualität beziehungsweise des Eros
»merkwürdiges Streben nach Verein- in beiden Entwürfen.
heitlichung, nach Synthese« auszeich- In Solinas’ vergleichender Betrach-
net, tritt diese Tendenz bei Platon im tung wird deutlich, dass Platons Ana-
Idealzustand der Mäßigung auf, in dem logie zur Sklaverei und Freuds »relative
das Subjekt in Einklang (synphonía) mit Befreiung« der Triebe zwar vom Um-
sich selbst lebt. Die Symmetrie beider gang mit problematischen Wünschen
Entwürfe der Psyche endet jedoch dort, handeln, der aber nur in der Psycho-
wo Freud seinem Über-Ich ein Gewis- analyse zu einem einheitlichen Begriff
sen zuschreibt, das dem Ich »gegen- für die Unzugänglichkeiten des Be-
übersteht«, das »betrachtet, lenkt und wusstseins ausformuliert wurde. Die
droht«, während bei Platon Gewissen Bedeutung der Freud’schen Traumdeu-
und Vernunft ineinander übergehen. tung erschöpft sich, wie auch Solinas
Die interessante Frage, ob auch bemerkt, nicht in einer Philosophie,
Platon schon ein Unbewusstes kannte, sondern beansprucht, eine Zeichenlehre
untersucht Solinas am Unterdrücken zu sein, die den Traum als ein Übertra-
und Fortbestehen der gesetzeswid- gungsphänomen auffasst, das metho-
176 Rezensionen und Anzeigen

disch ausgedeutet wird. Dieses Denken von ihm entwickelte Wissenschaft vom
ist Platon fremd, weil es, wie mit Blick Unbewussten, die Psychoanalyse. Die
auf die therapeutische Übertragungs- kräftigen und kleineren Äste des Bau-
beziehung deutlich wird, das rationale mes entsprächen den jeweiligen Weiter-
Moment schwächt. Während die sokra- entwicklungen. Wenn die Psychoanaly-
tische therapeía an die Besonnenheit ap- se den substanziellen Kontakt zu ihrem
pelliert, versucht Psychoanalyse gerade, Stamm, ja ihren Wurzeln verliere, sei sie
von »vorgefassten Reden« zu befreien. von der Gefahr der Zersplitterung be-
Demgemäß erweist sich Nichtwissen bei droht, formulierte er eine Befürchtung,
Platon auch als ein anderes als bei Freud: die viele von uns teilten. – Nun, fünf
Das sokratisch-platonische Nichtwissen Jahre später, liegt die vorzüglich über-
muss ethisch-moralische Erkenntnis er- setzte deutsche Fassung des Buches vor.
langen, um zu genesen, während es bei Zum Auftakt sagt Quinodoz: »Es
Freud darum geht, von falschem Wissen gibt verschiedene Möglichkeiten, Freud
frei zu werden und den Verdrängungs- zu lesen; jede hat ihre Vor- und Nachtei-
zusammenhang unbewusster Wünsche le, doch sie ergänzen sich. Man kann für
aufzudecken. seine Freud-Lektüre einzelne Schwer-
Platon hat Freuds Psychoanalyse punkte setzen, indem man sozusagen
somit nicht vorweggenommen. Jedoch ›à la carte‹ einen Aufsatz oder ein Buch
geht aus Solinas’ Untersuchung hervor, auswählt oder sich ein Thema und die
wie nachhaltig platonische Ideen Freuds dafür relevanten Werke herausgreift.«
Theorieentwicklung geprägt haben. Er lässt anklingen, dass sich Freuds
Dass Freud sich nicht klarer zu Platons Schriften durchaus für eine »talmudi-
psychisch-politischer Charakterlehre sche« Lektüre eignen – um dann jedoch
bekannt hat, mag an seinem steten Be- für eine chronologische Lektüre der
streben gelegen haben, Psychoanalyse Hauptwerke einzutreten. Um es gleich
als Naturwissenschaft zu etablieren. vorneweg zu sagen: In meinen Augen
Auf diese Schieflage in Freuds Werk ist es ihm gut gelungen, dem heute eher
hinzuweisen ist auch ein Verdienst von üblichen »à la carte«-Lesen seine Al-
Solinas’ Buch. ternative entgegenzustellen, indem er
Moritz Senarclens de Grancy (Berlin) Freuds Werk sozusagen von A bis Z und
ergänzend die Entwicklungen und Wei-
terentwicklungen der Hypothesen ver-
Jean-Michel Quinodoz: Freud lesen. Eine ständlich aufbereitet. Das Ergebnis liest
chronologische Entdeckungsreise durch sein sich erstaunlich leicht, oft spannend.
Werk. Aus dem Französischen von Petra Zunächst erzählt der Autor, dass das
Willim. Gießen (Psychosozial) 2011, 477 Buch aus einer langjährigen Zusammen-
Seiten. 39,90 Euro. arbeit in Seminaren mit Ausbildungs-
kandidatInnen des Centre de psych-
Als ich Jean-Michel Quinodoz 2006 auf analyse Raymond de Saussure in Genf
einer Meet-the-author-Veranstaltung in hervorgegangen ist. Die Seminarstruk-
Athen traf, erläuterte er die Motive, die tur war jeweils verbindlich auf 3 Jahre
ihn bewogen hatten, Lire Freud zu schrei- angelegt und dementsprechend Freuds
ben: Er malte einen großen liegenden Werk in drei große Abschnitte aufgeteilt:
Baum auf ein Flipchart. Der Stamm, so I. Die Entdeckung der Psychoanalyse (1895–
erläuterte er, stelle Freuds Werk dar, die 1910), II. Die Jahre der Reife (1911–1920),
Rezensionen und Anzeigen 177

III. Neue Perspektiven (1920–1939). Er- »Destruktionstriebs« als Gegenspieler


gänzend zu den Arbeiten Freuds hat des Lebenstriebs, des Eros. Quinodoz
Quinodoz zudem Rubriken eingefügt, wirft dann einen Blick über die Wende
die er zur besseren Orientierung je nach von 1920 hinaus auf die zweite Topik
Inhalt farbig bzw. in der deutschen Aus- von Ich, Es und Über-Ich, die sich 1923
gabe in verschiedenen Grauabstufun- mit der neuen Triebtheorie verbinden
gen unterlegte. Die Rubrik »Biographie wird. Anschließend an diese abrissarti-
und Geschichte« bettet das jeweilige ge Darstellung der Kerngedanken des
Werk in Freuds Lebensgeschichte ein. Jenseits fügt er unter der Rubrik »Biogra-
Unter »Postfreudianer« wird die Wei- phie und Geschichte« Gedanken zum
terentwicklung der Erkenntnisse gleich »Schatten des Todes über Freud« und
den Ästen und Zweigen in der heutigen zur »zweiten Triebtheorie« an. Dann
Psychoanalyse verfolgt. Um die Fülle geht es, wie in jedem Kapitel, zur »Er-
der Ideen- und Erkenntnisentwicklung kundung des Werkes«, wobei Freuds
dynamisch greifbar und in ihrer Ent- Kapiteleinteilung übernommen wird:
wicklung nachvollziehbar zu machen, »Das Lustprinzip und seine Grenzen«;
wird jedes Kapitel durch eine »Chrono- »Traumatische Neurose und Kinder-
logie der Freud’schen Begriffe« ergänzt, spiel: Zwei Quellen der Wiederholung«;
d. h. durch eine Liste der im jeweiligen »Wiederholungszwang und Übertra-
Werk zentralen Begriffe, und in eini- gung«; »Die Rolle des Reizschutzes:
gen Abschnitten wird unter der Über- den traumatischen Durchbruch bewäl-
schrift »Diachrone Entwicklung der tigen«; »›Das Ziel alles Lebens ist der
Freud’schen Begriffe« deren Weiterent- Tod‹«; »Hat der Dualismus zwischen
wicklung bei Freud über seine gesamte Lebens- und Todestrieb Entsprechun-
Schaffenszeit verfolgt, z. B. die des Be- gen?«; »Ein Paradox: Das Lustprinzip
griffs »Ödipuskomplex«. Quinodoz will im Dienste des Todestriebes«. Es folgen
also Freuds Werk sowohl inhaltlich als die Abschnitte »Diachrone Entwicklung
auch strukturell beschreiben: ein ehrgei- der Freud’schen Begriffe« mit dem Un-
ziges Projekt. tertitel »Ergänzungen Freuds nach 1920
Hier ein sehr gekürztes Beispiel, zum Konflikt zwischen Lebens- und
um die Systematik des Buchs vor Au- Todestrieb« und »Postfreudianer«, in
gen zu führen: Den dritten Abschnitt dem es um Fragestellungen geht, die
über »Neue Perspektiven« eröffnet der ebenfalls in den Titeln der Unterkapitel
Autor mit Jenseits des Lustprinzips von formuliert werden: »Warum sträuben
1920. Er titelt: »Die Wende der 20er sich die Psychoanalytiker so sehr gegen
Jahre im Denken Freuds«. Bis dahin die Annahme des Todestriebs?«; »Der
hatte Freud sich am Modell des Lust- Triebdualismus in der kleinianischen
Unlust-Prinzips orientiert, wie er es bei Technik und Der Todestrieb heute: Eine
den Neurosen beobachten konnte. Nun Vielzahl unterschiedlicher Standpunk-
fragt er immer differenzierter nach den te« und »Die Apoptose: Ein biologisches
Hintergründen spezieller Widerstän- Regulationsmodell«. Beendet wird das
de, gar des Scheiterns mancher seiner Kapitel wie alle anderen mit dem Ab-
Analysen. Er findet die Antwort im schnitt »Chronologie der Freud’schen
Wiederholungszwang, dessen verschie- Begriffe«.
dene Formen er ausarbeitet. Das bringt Zum Ausklang seines Buchs fragt
ihn zur Aufstellung eines »Todes-« oder Quinodoz: »Freud lesen – heute?« und
178 Rezensionen und Anzeigen

lässt Freud antworten: »Man versteht Volker Welter schildert zum ei-
die Psychoanalyse immer noch am bes- nen die berufliche Laufbahn von Ernst
ten, wenn man ihre Entstehung und ihre Freud: sein Studium in Wien und
Entwicklung verfolgt.« Er fragt dann München, seine Architektentätigkeit in
weiter: »Ist Freud heute noch aktuell? Berlin (1920–1933) und in London (ab
Haben seine Gedanken ihren allgemei- 1933). Die Berliner Jahre erscheinen als
nen Wert bewahrt? Und die therapeu- eine Glanzzeit zahlreicher Aufträge,
tische Methode, die aus ihm folgt, die die sowohl Häuser (insgesamt 8), ein
psychoanalytische Behandlung – wel- Fabrikgebäude und Renovierungen als
chen Platz hat sie in unserer Zeit?« Sei- auch innenarchitektonische Ausstat-
ne Antwort in diesem Buch zeigt, wie tungen bis hin zu einzelnen Möbelstü-
kraftvoll und lebendig Freuds Gedan- cken umfassten. Ernst Freuds Kunden
ken heute noch sind und welches schier rekrutierten sich überwiegend aus
unerschöpfliche Potenzial zur Weiter- dem gehobenen jüdischen Bürgertum.
entwicklung sie bieten. Einen Teil seiner Aufträge verdank-
Am Ende sei eine Kritik gestattet: te er den durch seine Heirat mit einer
Die sehr systematische Darstellung ist reichen Kaufmannstochter gestifteten
ein Verdienst des Buches, aber auch sei- Verbindungen; ein anderer kam aus
ne Schwäche. Das Ringen, das in Freuds Psychoanalytikerkreisen. So schuf er
Schriften so spürbar ist, kommt so, wohl ein Haus für Hans Lampl, entwarf für
unvermeidlich, geglättet daher. Aber Ernst Simmel die Innenausstatt ung
das wiederum führt glücklicherweise des Tegeler Sanatoriums oder für den
dazu, dass sich, um im Duktus zu blei- Industriellen Johannes Ruths, während
ben, immer mehr Appetit auf Freud im dessen Analyse bei Freud, eine Büro-
Original entwickelt.1 ausstatt ung. In England konnte Ernst
Karla Lessmann (Frankfurt a. M.) Freud nochmals beruflich Fuß fassen;
in den sechs Jahren bis 1939 baute er
je zwei Privat- und Multi-Apartment-
Volker M. Welter: Ernst L. Freud, Architect. Häuser; hinzu kamen 13 Renovierun-
The case of the modern bourgeois home. gen. Dann aber brachte der Krieg einen
New York–Oxford (Berghahn), 214 Seiten. Einsch nitt: in den 25 Jahren von 1940
Ca. 34 Euro. bis 1965 kamen nur noch 3 Privathäu-
ser, 4 Multi-Apartment-Häuser und 11
Unter den Töchtern und Söhnen Freuds Renovierungen hinzu. Die wichtigsten
waren jeweils die jüngsten am erfolg- seiner Arbeiten, soweit sie bekannt
reichsten. Nun ist nicht nur Anna, son- sind, werden in einem Anhang von
dern auch ihr Architektenbruder Ernst Welters Buch aufgelistet (S. 173–205),
einer Monographie für würdig erachtet einige im Text genauer beschrieben.
worden. Darüber hinaus verortet Welter

1
Wer sich noch mehr in Freuds Werke vertiefen möchte, speziell unter dem Aspekt
der Weiterentwicklung seiner Gedanken in der zeitgenössischen britischen und fran-
zösischen Literatur, der sei auf ein bislang nur auf Englisch erschienenes Buch von
Rosine J. Perelberg: Freud – a Modern Reader (2005) hingewiesen. Dieses Buch trägt
sowohl dem Wunsch nach Chronologie als auch der Möglichkeit des »talmudischen«
Studiums Rechnung.
Rezensionen und Anzeigen 179

den Architekten Ernst Freud in der Ge- Familie begründete. Besonders wert-
schichte seines Fachs. Er diskutiert den voll sind seine Auftraggeber-Analysen
Einfluss von Adolf Loos, vergleicht sei- (S. 60 f., 122 f.). Aber über Ernst Freud
ne Arbeiten mit denen von Kollegen wie als Kind oder Studenten, als Ehemann,
Le Corbusier, Mies van der Rohe und Vater oder, ab den 1950er Jahren, als
Erich Mendelssohn. In seiner Darstel- Herausgeber von Schriften seines Vaters
lung erscheint Ernst Freud als eine Art erfahren wir wenig. Das hängt teilweise
Gegentyp zum »Modernismus«; charak- damit zusammen, dass Welter die Editi-
teristisch für ihn sei nicht eine radikale on der Briefe von Sigmund an Ernst und
persönliche Handschrift gewesen, son- Lucie Freud,1 obwohl er sie in seiner
dern eine Bereitschaft, auf die Wünsche Bibliographie anführt, de facto nicht ge-
und Bedürfnisse seiner Kunden einzu- nutzt hat; sogar die Briefe selbst zitiert
gehen, bei denen es sich größtenteils um er nach ihrem archivalischen Fundort.
Privatleute aus seinem Bekanntenkreis Diese Selbstbeschränkung beschädigt
handelte. Durchweg zielte er auf wohn- dann auch sein Bild vom Architekten
lich-bequeme Funktionalität. Dies kam Ernst Freud, insofern er z. B. nichts
nicht zuletzt in seinen Entwürfen für darüber sagt, dass dieser während der
»psychoanalytische Räume« zum Aus- Weltwirtschaftskrise vom Geld seiner
druck (er hat mindestens sechs Privat- Schwiegermutter abhing und dass er
praxen und vier Behandlungszimmer in auch in den Jahren zuvor eine Fassade
Kliniken gestaltet), deren klare Sachlich- aufrechterhielt, die etwas glanzvoller
keit einen markanten Gegensatz zum war als die Wirklichkeit (Freud 2010,
plüschig-überladenen Ordinationszim- S. 264–266). Die letztere Tatsache ist ei-
mer seines Vaters bildete. nem der zahllosen Briefe zu entnehmen,
Welters reich bebildertes Buch ist im die Lucie Freud vor allem in Ferienzei-
Wesentlichen eine architekturhistorische ten an ihren Mann geschrieben hat und
Arbeit mit dem allgemeineren Ziel, das die Welter unverständlicherweise igno-
bürgerliche Privathaus als Gegenstand riert.
der Architekturgeschichte aufzuwerten. Man muss dem Autor zugestehen,
Nach dieser fachlichen Seite kann es hier dass es nicht seine Absicht war, eine
nicht gewürdigt werden; hier muss das Biographie zu schreiben. Innerhalb sei-
Schwergewicht auf dem biographischen ner selbstgesetzten Grenzen bietet er
Aspekt liegen. Als Biographie aber wird eine sehr solide Arbeit, die über die be-
das Buch Leser unbefriedigt lassen, die rufliche Laufbahn von Ernst Freud und
an Freuds jüngstem Sohn auch jenseits über dessen (innen-)architektonisches
seines Berufslebens interessiert sind. Im Werk zuverlässige detaillierte Auskunft
professionellen Bereich bringt Welter gibt. Eine Frage jedoch bleibt unbeant-
viele neue Informationen, wertet aussa- wortet: War dieses Werk, professionell
gekräftige Quellen aus wie z. B. Briefe gesehen, wirklich so herausragend, dass
aus den Frühlings- und Sommermo- es eine Monographie verdient? Oder
naten 1933, als Ernst Freud in England hat Welter den Architekten Ernst Freud
eine neue Existenz für sich und seine vielleicht auch deshalb aus einer Mehr-

1
Siehe S. Freud: »Unterdeß halten wir zusammen«. Briefe an die Kinder, hg. von M.
Schröter. Berlin (Aufbau) 2010, S. 255–445.
180 Rezensionen und Anzeigen

zahl von gleichwertigen Berufsgenossen das Feld von seinem Begründer ab und
hervorgehoben, weil er der Sohn seines wurde zu einer lebendig-produktiven
berühmten Vaters war? Disziplin von Berufsanalytikern. Die
Michael Schröter (Berlin) Durchführung dieser Thesen ergibt eine
reichhaltige, aufschlussreiche, auch zum
Widerspruch animierende Lektüre.
George Makari: Revolution der Seele. Die Allerdings: Die jetzt vorliegende
Geburt der Psychoanalyse. Aus dem Ame- deutsche Übersetzung ist kein Ruhmes-
rikanischen von Antje Becker. Gießen (Psy- blatt für den Verlag. Man kann Interes-
chosozial) 2011, 648 Seiten. 49,90 Euro. senten nur raten, nach dem glänzend
geschriebenen Original zu greifen.
»Dieses Buch ist ein großer Wurf. Ich Michael Schröter (Berlin)
kenne keine andere derart umfassende,
lesbare und informierte Ideengeschichte
der Psychoanalyse.« So hat Ernst Fal- Veronika Fuechtner: Berlin psychoanalytic.
zeder in Heft 43 (2009) von LUZIFER- Psychoanalysis and culture in Weimar Re-
AMOR die 2008 unter dem Titel Revolu- public Germany and beyond. Berkeley–Los
tion in Mind publizierte Originalfassung Angeles–London (Univ. Calif. Pr.) 2011,
des hier angezeigten Werks gewürdigt. 241 Seiten. Ca. 40 Euro.
Man kann seinem Lob nur zustim-
men – obwohl zu ergänzen bleibt, dass Arnold Zweig träumt im Exil 1934. Er
sich die »Lesbarkeit« von Makaris Dar- steigt in einen Zug nach Glogau, seinem
stellung einem narrativ-gestaltenden Geburtsort in der Nähe von Kattowitz.
Zugriff verdankt, der weniger auf eine Doch als er endlich mitten in der Nacht
getreue Wiedergabe belegbarer Sachver- ankommt, sieht er eine bengalische
halte als auf oft anregende, aber doch ei- Kirche und ist unter japanischen Men-
genwillige Deutungen zielt (siehe meinen schen. Er ist ein Fremder. Deutschland
Essay »Glanz und Elend einer großen ist Zweig fremd geworden, Palästina
Erzählung. George Makaris Geschichte wird ihm fremd bleiben. Zweig hat die
der Psychoanalys«, der demnächst in Psychoanalyse aus Deutschland mitge-
der Psyche erscheint). Dass die Erzäh- nommen, er setzt auf ihre Hilfe, er nutzt
lung 1938 endet, entspricht einem rea- sie für sein Schreiben und: Im inneren
len Epocheneinschnitt. Die Gliederung psychoanalytischen Zirkel Palästinas
in drei Teile, die der Entstehung »der fühlt er sich zu Hause!
Freud’schen Theorie«, »der Freudianer« Zweig ist einer der acht Protagonis-
und »der Psychoanalyse« gewidmet ten in Fuechtners Buch. Das Anliegen
sind, folgt den Thesen, die das Gesamt- von Berlin Psychoanalytic ist, die leben-
bild des Autors prägen: Bis 1905, dem dige Entwicklung, welche die Psycho-
Erscheinungsjahr der Drei Abhandlun- analyse in Berlin und in Deutschland
gen, arbeitete Freud zwar im Anschluss in der Zwischenkriegszeit nahm, zu
an andere Autoren, aber im Wesentli- beschreiben. Die Erfahrungen des Ers-
chen allein an der Grundlegung seiner ten Weltkriegs prägten Künstler wie
Lehre; bis zum Ersten Weltkrieg war das Psychoanalytiker dieser Zeit. Fuechtner
dominante Thema die Einschwörung zeichnet nach, dass gerade in Berlin eine
seiner Anhänger auf eine gemeinsame besondere Mischung aus diesen Kriegs-
Theorie und Praxis; danach löste sich erfahrungen und modernen kulturellen,
Rezensionen und Anzeigen 181

politischen, ideologischen und wis- kollaboriert. So gibt es in Berlin nicht


senschaftlichen Strömungen entstand. nur Abbrüche durch die Vertreibung
Die Psychoanalyse konnte damals po- der jüdischen Psychoanalytiker, son-
litische Mission, Philosophie oder auch dern auch Kontinuitäten. Fuechtner be-
Teil der kulturellen Avantgarde sein. Sie greift die Psychoanalyse als Phänomen
beeinflusste Dadaisten, die Frankfurter der Moderne mit Widersprüchen. Das,
Schule, die Sexualwissenschaftler, die was in der Weimarer Republik als fort-
sozialistischen Ärzte, die frühe Frau- schrittlich gedacht wurde, muss es heu-
enbewegung, Geschlechterdiskussion, te nicht mehr sein. Auch gaben Analy-
Traumakonzepte und umgekehrt. Diese tiker zweifelhafte Impulse. So hatte die
Aufzählung lässt sich immer und immer Psychoanalyse Einfluss auf rassistische
wieder erweitern, so wie es in dem Buch Theorien, Sozialdarwinismus, auf euge-
auch geschieht. Es entsteht ein Kaleido- nisches Denken, christliche Mythologie
skop, neue Personen, neue Ideen, neue und verborgene Formen von Antisemi-
Facetten von bereits Gedachtem. Es tismus. Die Widersprüche finden sich
überrascht, wie gegensätzlich vieles ist oft in den Protagonisten selbst. Hier for-
und bleibt. dert Fuechtner zur Weiterforschung auf.
Um dieses Netzwerk zu fassen, ent- Die Weimarer Republik ist oft verklärt
wirft Fuechtner vier psychoanalytisch- worden, ein Traum von nostalgischer
kulturelle Protagonistenpaare, die Brief- Gegenkultur. Fuechtner benennt über-
wechsel hinterließen. So finden sich der zeugende Gründe dieser Idealisierung.
psychoanalytisch denkende Schriftstel- Und doch, beim Lesen kommen Fragen:
ler Alfred Döblin und der linke Psycho- Gibt es dieses kreative Netzwerk von
analytiker Ernst Simmel, der wilde Psy- Politik, Film, Sexualwissenschaft, Lite-
choanalytiker und Schriftsteller Georg ratur und Psychoanalyse auch heute?
Groddeck und der Philosoph Graf Her- Wie wird unsere Zeit einmal beschrie-
mann von Keyserling mit seiner Schule ben werden?
der Weisheit, der Schriftsteller Arnold Das Berliner Psychoanalytische In-
Zweig und der große Organisator der stitut spielt in dieser Diskussion eine
Psychoanalyse, der Analytiker Max wichtige Rolle. Zum ersten Mal wurden
Eitingon, der Dadaist Richard Huel- Regeln für die Ausbildung geschaffen,
senbeck und die Analytikerin Karen die sich weltweit durchsetzten. Aber sie
Horney. Immer wieder schließen sich bedeuteten auch Ausschluss von kreati-
Kreise, um sich neu zu öffnen. ven Denkern, die sich der Ausbildung
Es geht Fuechtner um mehr als eine nicht unterziehen wollten. Um Georg
bloße Schilderung dieses Netzwerks, Groddeck sammelte sich eine Gegenbe-
dessen Zentrum das 1920 gegründete wegung mit dem Wunsch, die Psycho-
Berliner Psychoanalytische Institut war. analyse nicht in dieser strengen Weise
Sie zeigt Entwicklungsstränge, die sich zu institutionalisieren. Was wäre, wenn
nach der Machtergreifung Hitlers in sie sich hätte durchsetzen können?
anderen Teilen der Welt fortsetzen, wei- Was war das Besondere des Berliner
terentwickeln, aber auch abbrechen. Sie und deutschen Netzwerks der Psycho-
beschreibt, wie sich die institutionali- analyse, das Einmalige von »Berlin Psy-
sierte Psychoanalyse in Deutschland mit choanalytic«? Fuechtner vergleicht dazu
ihren nichtjüdischen Protagonisten an Berlin mit Wien, London und Paris. Die
den Nationalsozialismus anpasst und Antworten, die sie findet, sind das Er-
182 Rezensionen und Anzeigen

gebnis ihrer umfangreichen Recherchen. Schranken zu ermitteln, die ihr die Tra-
Man wünscht diesem schönen, interes- dition setzt. Sei es, dass seine Sprung-
santen Buch Leser, die Lust haben, sich kraft zu klein ist, sei es, dass die Gren-
auf die vielfältigen Sichtweisen und ge- zen zu fern sind, er fühlte sich nirgends
genseitigen Befruchtungen einzulassen, auf fremdem Gebiet.«
und die dabei auch die größeren Zu- Sein Lebenslauf liest sich entspre-
sammenhänge erkennen. chend: Der am 7. Mai 1892 in Lemberg
Mit Max Eitingons Tod verliert geborene Siegfried Bernfeld, der nach
Zweig in der Psychonalytischen Ver- Abschluss seiner Gymnasialstudien in
einigung in Palästina an Einfluss, er Wien an den Universitäten Wien und
fühlt sich nicht verstanden, ist isoliert. Freiburg Pädagogik und Zoologie stu-
Er kehrt zurück nach Berlin, schaut sich diert hatte, wird zeit seines Lebens ein
die Stelle an, wo das psychoanalytische Suchender bleiben, gleichermaßen ge-
Institut gestanden hatte, und ist tief er- trieben von Wissbegier wie – in den
schüttert, dass von der Berliner Psycho- Jahren vor seiner Emigration – von
analyse, wie er sie kannte, nichts geblie- Empörung gegen die Ungerechtigkeit
ben war. Er findet keinen Anschluss. Als der herrschenden Klassengesellschaft.
Mirra Eitingon 1947 in Palästina stirbt, Vom führenden Aktivisten der Jugend-
schreibt er in sein Notizbuch: Die Tür kulturbewegung zum kämpferischen
hat sich für alle Zeit verschlossen. Zionisten, vom Leiter des nachmals le-
Heike Bernhardt (Berlin) gendären Erziehungsexperiments »Kin-
derheim Baumgarten« zum Sekretär
Martin Bubers, aus bürgerlichem El-
Peter Dudek: »Er war halt genialer als die ternhaus, aber stets in prekären Le-
anderen«. Biografische Annäherungen an bensverhältnissen – Bernfeld hat sich in
Siegfried Bernfeld. Gießen (Psychosozial) vielem schon versucht und dabei vieles
2012, 646 Seiten. 59,90 Euro. erfahren, als er sich, noch keine 30 Jah-
re alt, als Nichtarzt in freier Praxis als
Siegfried Bernfelds Affinität zum Wort Psychoanalytiker niederlässt, wobei er
»Grenze« ist auffallend. Er verwendet von Freud nicht nur ermutigt, sondern
es oft und in verschiedenen Zusammen- ganz praktisch unterstützt wurde (siehe
hängen. Sein bekanntestes Buch, der Si- Freud 2012).
syphos, handelt von Grenzen, vor allem Trotz lebenslanger Skepsis gegen-
von den durch die gesellschaftlichen über der Verschulung der Ausbildung
Bedingungen begrenzten Möglichkeiten engagiert sich Bernfeld in den Einrich-
der Erziehung. In diesem Sinn impliziert tungen der psychoanalytischen Be-
die Grenze eine absolute Trennung: Da- wegung in Wien und dann ab 1925 in
hinter gibt es nichts, ist nichts möglich. Berlin gerade auch in der Lehre, vor
Anders verhält es sich, wenn Bernfeld allem in Kursen zur außertherapeuti-
das Wort auf die Psychoanalyse bezieht. schen psychoanalytischen Fortbildung
Hier kann er schreiben (1930, S. 109): von Lehrern. Als seine zweite Ehe mit
»Der Verfasser des ›Sisyphos‹, der ›Psy- der Schauspielerin Elisabeth Neumann
chologie des Säuglings‹, der ›Heutigen scheitert, kehrt er nach Wien zurück. Im
Psychologie der Pubertät‹ bekennt ger- September 1934 geht er – Österreich ist
ne, dass er versucht hat, die Grenzen der damals schon längst kein demokrati-
Psychoanalyse durch Sprünge über jene sches Land mehr – nach Menton in Süd-
Rezensionen und Anzeigen 183

frankreich. Nachdem seine Aufenthalts- Peter Dudek hat Leben und Werk Sieg-
genehmigung abgelaufen war, emigriert fried Bernfelds in seiner umfangreichen
Bernfeld schließlich über London 1937 Biografie dokumentiert. Wer in Zukunft
in die USA, wo er bis zu seinem Tod im über Bernfeld forschen und schreiben
Jahr 1953 in San Francisco leben wird. will, wird von dem hier zusammenge-
Gleich in mehrerer Hinsicht hat tragenen Material ausgehen müssen.
Bernfeld mit seinen wissenschaftlichen Allzu viel Neues wird sich nicht mehr
Arbeiten über knapp 40 Jahre hinweg finden lassen – so gründlich ist Dudek
die Grenzen der Psychoanalyse zu er- den Spuren, die Bernfeld in Archiven,
weitern versucht: Er schreibt unzählige Büchern und Zeitschriften hinterlassen
Arbeiten zur Psychologie des Kindes- hat, nachgegangen. Dem Willen zur
und Jugendalters, gilt den Zeitgenossen Vollständigkeit fällt allerdings die Ge-
als ein Pionier der psychoanalytischen schlossenheit der Darstellung zum Op-
Pädagogik und Theoretiker der sozia- fer. Letztlich gelingt es dem Autor nicht,
listischen Erziehung, er verfasst einen die Fülle seines Stoffes literarisch zu be-
Drehbuchentwurf zur Verfilmung der wältigen. »Es sind Mosaiksteine oder
Psychoanalyse, sucht in Berlin und Wien wenn man will, Teile eines unvollende-
die Auseinandersetzung mit akademi- ten Puzzles« schreibt Dudek (S. 108) zur
schen Psychologen, wird Mitglied der Einleitung eines Kapitels, in dem er in
Deutschen Gesellschaft für Psychologie Zitaten Erinnerungen von Zeitgenossen
und – eine seltene Ausnahme unter den aneinanderreiht. Der Satz charakteri-
Psychoanalytikern – publiziert Arbei- siert sein ganzes Buch. Was Dudek fehlt,
ten in Fachzeitschriften und Schriften- ist der Mut zur knappen Zusammen-
reihen der universitären Psychologie. fassung, die Kühnheit, die Biografie in
Mit seinem Begriff des »sozialen Orts« einem Bogen durchzuzeichnen. So droht
versucht der unorthodoxe Marxist die die Lektüre mühselig, ja langweilig zu
Psychoanalyse in Richtung Soziologie werden, obwohl das, wovon im Text er-
zu öffnen, während er zur selben Zeit zählt wird, alles andere als langweilig
sein Projekt der Libidometrie als Beitrag ist.
zu einer streng naturwissenschaftlichen Störend ist der kleinliche Ton, der
Psychologie in den Kontext der »Ein- sich gelegentlich einschleicht, vor allem
heitswissenschaft« im Sinne der Logi- dann, wenn Dudek sich von Vorläufer-
schen Positivisten stellt. Noch gegen Projekten abgrenzen will (z. B. S. 24,
Ende seines Lebens versucht Bernfeld 424). Wer nicht müde wird, auf die Feh-
Neues: Der europäischen Wurzeln sei- ler anderer hinzuweisen, darf sich nicht
nes Denkens versichert er sich, indem er verwundern, wenn ihm die eigenen vor-
– gemeinsam mit seiner dritten Ehefrau, gehalten werden. Und deren gibt es ei-
Suzanne Cassirer-Paret – biografische nige: Der für die Geschichte der Psycho-
Forschungen über Kindheit, Jugend logie so bedeutsame Ebbinghaus heißt
und die wissenschaftlichen Anfänge nicht Hans, sondern Hermann (S. 72);
Sigmund Freuds aufnimmt. das Geburtsjahr von Charlotte Bühler ist
Der Erziehungswissenschaftler und 1893, nicht 1883 (S. 98); der Geschäfts-
durch zahlreiche Publikationen zur führende Präsident des Stadtschulrats
Wissenschaftsgeschichte der Pädagogik für Wien vermag vieles zu bewirken,
bzw. zur Sozialgeschichte von Bildung aber sicher keine ordentlichen Univer-
und Erziehung ausgewiesene Experte sitätsprofessoren zu ernennen (S. 131);
184 Rezensionen und Anzeigen

etc. Schwerer als solche Details wiegt, Frau, sowie deren berufliche Lebenswe-
dass Dudek nicht immer das Ausmaß ge. In eindringlichen Texten der 1926,
seiner Verpflichtung gegenüber der frü- 1933, 1934 und 1938 Geborenen spiegeln
heren Literatur kenntlich macht; man sich frühe Stadien der Entwicklung, der
merkt das naturgemäß am meisten, Zerstörung, des erneuten Aufbruchs,
wenn man selbst der Betroffene ist (vgl. der Weiterentwicklung und Anwen-
etwa S. 505–510 mit Benetka 1992). dung der Psychoanalyse in einem Jahr-
Diese Art von Ungenauigkeit ist hundert voller Kulturbrüche. Dies wird
deshalb schade, weil Dudek sie eigent- in Hans Müller-Braunschweigs persön-
lich nicht notwendig hat. Sein Buch licher Zusammenschau zum Thema
birgt viel Neues und bisher Unbekann- »Nazi-Zeit, Carl Müller-Braunschweig
tes. Und sicher hat er darin recht, dass und die Psychoanalyse« besonders ein-
man Bernfeld mit großem Gewinn auch drucksvoll entwickelt.
anders als »aus dem Blickwinkel des Mit den Beiträgen zu diesem Band
psychoanalytischen Kreises um Freud« liegt jetzt ein unermesslicher Schatz von
(S. 27) betrachten kann – z. B., wie Du- insgesamt 52 Selbstdarstellungen vor.
dek selbst es tut, mehr aus der Perspek- Sie sind der wissenschaftlichen Aus-
tive der Geschichte der Pädagogik.1 wertung zugänglich, beispielsweise zu
Gerhard Benetka (Wien) Fragen der Bezogenheit von Leben und
Werk, der Bezogenheit von eigenen frü-
hen Entwicklungsverstörungen (z. B.
Ludger M. Hermanns (Hg.): Psychoanalyse Adoption, Kriegsausbruch, berufliche
in Selbstdarstellungen, Bd. 9: Beiträge von narzisstische Projektion der Eltern, NS-
Peter Dettmering, Tilo Held, Hans Mül- Verfolgung) und Ausbildungsschicksal
ler-Braunschweig, Evelyne A. Schwaber. bzw. endgültiger beruflicher Spezialisie-
Frankfurt a. M. (Brandes & Apsel) 2012, rung sowie zu Fragen der Determinan-
258 Seiten. 24,90 Euro. ten von Konkurrenz und Komplemen-
tarität zwischen (Sozial-)Psychiatrie,
Der Herausgeber der vor 20 Jahren ge- Psychoanalyse und Psychotherapien in
starteten Buchreihe, Ludger M. Her- ihren verschiedenen Anwendungsfel-
manns, ist aufgrund seiner vielfältigen dern und schließlich zwischen Psycho-
Tätigkeiten auf dem Feld der Psycho- analyse und Kulturanalyse. Den Rezen-
analysegeschichte vorzüglich sachver- senten drängt es, schon an dieser Stelle
ständig für die Präsentation des nun- einen der Schätze zu heben:
mehr 9. Bandes. Darin finden sich keine Überraschenderweise gestattet die
eigentlichen Autobiografien, sondern Zusammenstellung des vorliegenden
die Ergobiografien von vier renommier- Bandes eine eindrucksvolle Kompara-
ten Psychoanalytikern, darunter eine tistik. Dadurch, dass Evelyne Schwaber

1
Literatur: Benetka, G. (1992): Psychoanalyse und akademische Psychologie. In: Fal-
lend, K. u. Reichmayr, J. (Hg.): Siegfried Bernfeld oder Die Grenzen der Psychoana-
lyse. Materialien zu Leben und Werk. Frankfurt a. M. (Stroemfeld/Nexus): 222–263. –
Bernfeld, S. (1930): »Neuer Geist« contra »Nihilismus«. Die Psychologie und ihr Pub-
likum. Psychoanal. Bewegung, 2: 105–122. – Freud, S. (2012): Briefe an Siegfried Bern-
feld (1921–1936), hg. von A. Peglau und M. Schröter. Luzifer-Amor, 25 (50): 112–121.
Rezensionen und Anzeigen 185

ihre lebenslange »Reise ins Zuhören« in das sich Symptome einordnen lassen
schildert und das Gebiet der genuinen und das so die therapeutischen Techni-
psychoanalytischen Datengewinnung, ken ausrichtet.
die Suche nach der »maßgebenden psy- Die Zusammenstellung der vier
chischen Realität«, detailgenau begrün- Autoren erlaubt also eine komparatisti-
det und ausführt, stellt sie implizit eine sche Kategorisierung psychoanalytisch-
Referenzgröße auf. Diese erlaubt dem psychotherapeutischen Arbeitens nach
Leser Abgleiche mit der Datengewin- den verschiedenen Modi des Zuhörens.
nung in den drei übrigen geschilderten Das ist eine hilfreiche Orientierung im
psychoanalytisch abgeleiteten Feldern: Babel der gegenwärtigen psychothera-
im (sozial-)psychiatrischen Bereich (Tilo peutischen Verfahren. Sehr eindrucks-
Held: Psychiatrie im Pariser 13. Arron- voll sind in diesem Zusammenhang
dissement und in der Rheinischen Lan- auch Schilderungen des Ausbildungs-
desklinik Bonn), im Bereich der Kunst-, erlebens auf dem Weg zur Kunst des
Körper- und Bewegungstherapie sowie Zuhörens. Die Ausbildung kann dann
Filmarbeit in der frühen Mutter-Kind- zu extremen Belastungen oder gar zum
Beziehung (Hans Müller-Braunschweig) Scheitern führen, wenn sie erlebt wird
und im Bereich der Literatur- und Film- als Resultat narzisstischer Projektionen
analyse (Peter Dettmering). Im Gegensatz von Lehranalytikern, Supervisoren und
zu diesen Gegenständen des Zuhörens/ Institutsphilosophien auf Kandidaten.
Zusehens und der Aufmerksamkeit Dem 9. Band der Psychoanalyse in Selbst-
richtet sich die gleichschwebende Auf- darstellungen sind ausführliche Lektüre
merksamkeit in der analytischen Si- und Diskussion in Ausbildungs- und
tuation idealiter auf die unbewusste Weiterbildungsinstitutionen zu wün-
innere psychische Realität und deren schen.
unbewusste innere Bedeutung, die Ver- Joachim F. Danckwardt (Tübingen)
halten motivieren und steuern. In den
von der Psychoanalyse abgeleiteten Ver-
fahren hingegen richtet sich das Zuhö- Jahrbuch der Psychoanalyse, Bd. 64: Psy-
ren stärker theoriegeleitet entweder auf choanalytiker in Kriegs- und Nachkriegs-
die schon vermutete psychische Realität zeit. Stuttgart–Bad Cannstatt (frommann-
oder auf erinnerte Realität und deren holzboog) 2012, 266 Seiten. 52 Euro.
vermutete Bedeutung. Dabei benutzen
sie Psychoanalyse eher als Raster, in das Dieses Jahrbuch ist ein aufregendes Buch
die erhobenen Daten eingeordnet wer- über Psychoanalyse und Politik. Ich be-
den. Das gilt auch für psychoanalytisch schränke mich im Folgenden auf das
gestützte oder psychoanalytisch infor- Schwerpunktthema und lasse auch hier
mierte Traumatherapien. Man unter- den theoriegeschichtlichen Beitrag von
sucht schwerpunktmäßig nicht die un- Uta Gerhardt über die Psychoanalyse-
bewussten innerpsychischen Prozesse Rezeption des bedeutenden US-ameri-
auf ihre unbewussten Bedeutungen hin, kanischen Soziologen Talcott Parsons
sondern benutzt die mitgeteilten histo- außer Acht.
rischen (Kon-)Texte oder Erlebnisse mit Der Band beginnt mit einer Arbeit
den Selbstobjekten (Klang, Form, Bild, des Historikers Daniel Pick mit dem
Bewegung in der körperorientierten Titel »Die Nazi-Seele im Visier?«. Ihn
Psychotherapie) als Bedeutungsraster, interessiert, ob und wie sich Psychoana-
186 Rezensionen und Anzeigen

lytiker im Kampf gegen Hitler-Deutsch- differenzierte Theorie darüber, wie sich


land engagiert haben. Er schildert die der autoritäre Charakter seit der Zeit
Bemühungen englischer Psychoanalyti- Friedrichs des Großen in Deutschland
ker, sich ein Bild von der Persönlichkeit entwickelt haben könnte und wieso ihm
von Rudolf Heß zu machen, der 1941 auch eher liberal und demokratisch ge-
mit dem Fallschirm über England abge- sinnte Menschen verfielen. Eine überaus
sprungen war, um dort eine »Ein-Mann- lohnende Lektüre!
Friedensmission« (S. 27) zu starten. Er Aber Müllers Recherchen zeigen,
wurde ein privilegierter Gefangener dass es keineswegs nur hehre Moti-
und interessanter Patient. Psychoana- ve waren, die Psychoanalytiker dazu
lytiker, darunter der deutschsprechen- brachten, im Geheimdienst mitarbeiten
de Henry Dicks, redeten mit ihm und zu wollen, auch nach dem Ende des
versuchten, Zugang zu seiner inneren Zweiten Weltkrieges; sie zeigen, wie
Welt zu bekommen. Leider sagt uns erschreckend bruchlos der Übergang
Pick nichts zu den Ergebnissen dieser zu Menschenversuchen war. George H.
Untersuchung, die 1947 von Rees et al. White, der in dem bereits zu Kriegs-
als Fallstudie veröffentlicht wurde. zeiten gegründeten geheimen Wahr-
Die zweite Arbeit stammt von Knuth heitsdrogen-Komitee mitarbeitete, das
Müller, einem angehenden Psychoana- erforschen wollte, »welche Substanzen
lytiker, der über das Thema »Psycho- eine Person so beeinträchtigen können,
analytiker in US-Nachrichtendiensten« daß diese der Kontrolle eines ande-
geforscht hat und in nüchtern wissen- ren vollkommen ausgesetzt und damit
schaftlicher Prosa höchst irritierende nicht mehr fähig ist, Entscheidungen
Befunde auflistet. In der Kriegszeit war zum Selbstschutz treffen zu können«
es zunächst darum gegangen, »sowohl (S. 57 f.) – er sagte später über seine Zeit
den deutschen Faschismus als auch die beim Geheimdienst: »I was a very mi-
japanische Bedrohung besser verstehen nor missionary, actually a heretic, but I
zu lernen, Möglichkeit der Verteidigung toiled wholeheartedly in the vineyards,
zu evaluieren, Strategien zur Bekämp- because it was fun, fun, fun. Where else
fung zu sondieren und einzusetzen could a redblooded American boy lie,
sowie Pläne für die Nachkriegszeit zu kill, cheat, steal, rape, and pillage with
erarbeiten« (S. 44). Die Liste derer, die the sanction and blessing of the All-
interessiert waren, an dieser ehrenvol- Highest?« (S. 57)
len Aufgabe mitzuarbeiten, liest sich Wir lesen bei Müller auch, dass
denn auch wie ein Who is who der IPA- die US-Geheimdienste offenbar ohne
Psychoanalyse. Es entstanden wichtige Skrupel »das Wissen über die Nazi-
Arbeiten wie die ebenfalls in diesem Experimente in den Konzentrations-
Jahrbuch veröffentlichte Studie von Ro- lagern Deutschlands« für ihre eigenen
ger E. Money-Kyrle: »Anmerkungen zu »Drogenversuche am Menschen« nutz-
Staat und Charakter in Deutschland« ten (S. 59). Während ein US-Untersu-
aus dem Jahr 1951. Money-Kyrle war chungsausschuss, der sich in den 70er
1945, zusammen mit Militärpsychia- Jahren mit dem amerikanischen »Miß-
ter Henry Dicks, für sechs Monate in brauch von Gefangenen für medizini-
Deutschland gewesen. Er entwirft, ba- sche Experimente« (ebd.) beschäftigte
sierend auf kleinianischen Annahmen und die irritierende Ähnlichkeit mit den
zur Entwicklung des Über-Ichs, eine Menschenversuchen unter Hitler und
Rezensionen und Anzeigen 187

Stalin herausstrich, gibt es innerhalb der nahmen zu bitten, die dann ebenfalls
organisierten Psychoanalyse offenbar in der Psyche abgedruckt wurden. Im
bis heute kein Bewusstsein dafür, ge- Hintergrund wechselten die Akteure
schweige denn eine kritische Diskussion natürlich Briefe, von denen einige in
darüber, wie viele ihrer active members den hier anzuzeigenden Band, der die
in derlei unethischen Projekten enga- Kontroverse nochmals dokumentiert,
giert waren. aufgenommen wurden. Der Vorgang ist
Nicht zufällig fällt einem Amílcar auch deshalb ungewöhnlich, weil der
Lobo ein, der als psychoanalytischer Vortrag von Boss keinem der 24 Auto-
Ausbildungskandidat in Brasilien zur ren, die sich dazu äußerten, vorlag. Es
Zeit der Militärdiktatur an Folterungen gab schlicht kein Exemplar mehr, nach-
beteiligt war. Und nicht zufällig fällt ei- dem das einzige vorhandene von dem
nem ein, dass Psychologen an der Ent- Kollegen, der es als Erster erfragt hatte,
wicklung der neuesten Foltermethoden nicht zurückgeschickt worden war. Alle
in den USA während der Bush-Ära be- anderen orientierten sich an Mitscher-
teiligt waren, was eine heftige Debatte in lichs kritischem Bericht und der Erwi-
der APA auslöste. derung von Boss. Wir heutigen Leser
Das vorliegende Jahrbuch, besonders sind leider in keiner besseren Lage, da
die Arbeit von Knuth Müller, liefert Ma- der Originaltext auch im vorliegenden
terial zu einer Forsetzung dieser sehr Band fehlt.
notwendigen Debatte. Worum aber ging es eigentlich?
Elisabeth Imhorst (Köln) Das ist nicht leicht zu beantworten und
hängt von der Perspektive ab. Formal
ging es um den Fall eines psychoanaly-
Frank Töpfer (Hg.): Verstümmelung oder tischen Patienten, der auch nach 50 Stun-
Selbstverwirklichung? Die Boss-Mitscher- den analytischer Arbeit darauf bestand,
lich-Kontroverse. Stuttgart–Bad Cannstatt sich den Penis und die Hoden amputie-
(frommann-holzboog) 2012, XXXVIII+140 ren und künstliche Labien formen zu
Seiten. 38 Euro. lassen. Daneben aber war und blieb er
Familienvater. Sein Analytiker Boss be-
Im Jahr 1950 fand ein für heutige Ver- fand, es handle sich um eine »naturhaft-
hältnisse ungewöhnlicher Schlagab- konstitutionell fixierte Perversion«, der
tausch unter Psychoanalytikern statt. mit Psychotherapie nicht beizukommen
Ungewöhnlich deshalb, weil er deutlich sei und die einer körperlichen Operati-
die persönliche Ebene berührte, den- on bedürfe, um suizidale Folgen abzu-
noch in der Öffentlichkeit der Zeitschrift wenden. Die Tatsache, dass Boss seine
Psyche geführt wurde und 24 Kollegen Entscheidung daseinsanalytisch begrün-
mit einbezog. Alexander Mitscherlich dete, brachte ihm viel Kritik ein. Mit-
hatte ein Referat des Schweizer Psycho- scherlich aber stellte auch die scheinbare
analytikers und Daseinsanalytikers Me- Unveränderbarkeit der Symptomatik in
dard Boss auf einer Psychiater-Tagung Frage, da die psychoanalytische Bemü-
in Badenweiler im Juni 1950 scharf kriti- hung zu kurz gewesen sei. Auf seinen
siert und seine Kritik in der Psyche veröf- Aufruf zur Meinungsäußerung antwor-
fentlicht. Boss verteidigte sich am selben teten viele namhafte Psychotherapeuten,
Ort, woraufhin Mitscherlich beschloss, darunter C. G. Jung, H. Schultz-Henke,
eine Reihe von Kollegen um Stellung- W. Seitz, M. Bleuler, G. Bally, A. Dührs-
188 Rezensionen und Anzeigen

sen, R. Brun, H. Meng, L. Binswanger, V. chen Identität aufzulösen, anstatt sich


v. Weizsäcker. Da die Badenweiler-Ta- mit dem Thema Schuld zu beschäfti-
gung, auf der Boss aufgetreten war, ei- gen. Das klingt wie ein guter Vorschlag
nen daseinsanalytischen Bezugsrahmen – der aber außer Acht lässt, dass etwa
hatte, war auch Martin Heidegger zuge- die Hälfte der Beteiligten einschließlich
gen gewesen, den mit Boss eine Freund- Boss in der Schweiz lebten und keine In-
schaft verband. Heidegger schaltete sich fragestellung ihrer beruflichen Identität
sogar insofern in die Kontroverse ein, als durch die Nazi-Diktatur und ihre Folgen
er an Gustav Bally einen Antwortbrief erlebt hatten. Wer also eine Idee hat zu
schrieb, der im vorliegenden Band abge- dieser Episode der deutsch-schweize-
druckt ist. Darin bedauert er sowohl den rischen Psychoanalysegeschichte, der
Boss´schen Vortrag als auch die Rund- nehme als Dokumentation Töpfers gut
frage von Mitscherlich. aufbereiteten Band zur Hand.
Im Grunde ist der eben erschienene Andrea Huppke (Berlin)
Band etwas für Spezialisten: Daseinsana-
lysehistoriker, Mitscherlich- und Boss-
Biographen oder Heideggerforscher. Für Psychoanalyse in der literarischen Moderne.
uns Übrige könnte er zeithistorisch in- Eine Dokumentation, Bd. III: Schriftstelle-
teressant sein, wenn man sich die Frage rinnen und das Wissen um das Unbewuss-
stellt, warum fünf Jahre nach dem Ende te, hg. von Christine Kanz. Marburg/Lahn
der nationalsozialistischen Diktatur un- (LiteraturWissenschaft.de) 2011, 215 Sei-
ter Psychoanalytikern mit derartiger ten. 19,80 Euro.
Leidenschaft um einen so seltenen Aus-
nahmefall wie den des Transvestiten-Pa- »Psychoanalyse in der literarischen Mo-
tienten von Boss gestritten wurde. Dieser derne« betitelt zweierlei: Ein von dem
Frage aber wird unverständlicherweise Marburger Germanisten Thomas Anz ge-
in der 31-seitigen Einleitung von Frank leitetes DFG-Forschungsprojekt, das sich
Töpfer, die ansonsten gut recherchiert vor dem Hintergrund der These, dass die
und klar analysiert, mit keinem Wort Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts
nachgegangen. Töpfer rechtfertigt die ohne die Rezeption der Psychoanalyse
neuerliche Veröffentlichung der Kont- und umgekehrt die Psychoanalyse ohne
roverse nach 62 Jahren mit einem Zitat ihre Auseinandersetzung mit Literatur
aus einem Brief von Hans Kunz an Boss: nicht angemessen zu begreifen sind, die
dass »doch mancherlei Interessantes an »systematische Darstellung und Doku-
den Äußerungen« zu finden sei. Der mentation der Psychoanalyserezeption
Umstand, dass dieses »Interessante« in in der deutschsprachigen Literatur zwi-
der Einleitung nicht benannt wird, hin- schen ca. 1900 und 1939« zum Ziel ge-
terlässt nach dem Lesen des Bandes ein setzt hat (www.psychoanalyse-literatur.
Gefühl von Unzufriedenheit. Man muss de). Und zum anderen eine Buchreihe, in
an anderer Stelle suchen und wird bei der die Forschungsergebnisse publiziert
Regine Lockot fündig. Sie hatte in Die werden. Schriftstellerinnen und das Wissen
Reinigung der Psychoanalyse (1994) aus- um das Unbewusste ist der dritte Band in
führlich von der Kontroverse berichtet dieser Reihe.
und deren unbewusste Motivation in Anhand von Texten, »die aussage-
dem Versuch gesehen, eine tiefe Orien- kräftig für die Interpretationsweisen der
tierungslosigkeit bezüglich der berufli- Psychoanalyse durch Schriftstellerinnen
Rezensionen und Anzeigen 189

des gewählten Zeitraums sind« (S. 207), darf man solcherlei Erwägungen voraus-
soll ein repräsentativer Einblick in »psy- setzen. Die vorliegende Dokumentation
choanalytisches Wissen« weiblicher Au- aber stellt bedenkenlos alles neben- und
toren »zwischen Boheme, Expressionis- durcheinander, präsentiert es weitge-
mus und Exil« eröffnet werden (S. 9 ff.). hend außerhalb jedes Kontextes und
Berühmten Autorinnen wie Lou Andreas- meist so stark gekürzt, dass nur mehr
Salomé und Else Lasker-Schüler wird Schnipsel übrigbleiben, die nicht mehr
dabei nicht mehr oder weniger Platz ein- »aussagekräftig«, sondern nur schal
geräumt als zu ihrer Zeit bekannteren sind: Zu Anekdotischem über Psycho-
und heute vergessenen wie Franziska zu analyse kleingeschnitten, gehen den Tex-
Reventlow, Regina Ullmann, Mechtilde ten ihre historischen Indizes verloren,
Lichnowsky, Margarete Susman, Bess von ihrem etwaigen literarischen Wert
Brenck Kalischer, Mela Hartwig, Alice zu schweigen.
Rühle-Gerstel, Grete Meisel-Hess oder Die Kommentierung der Doku-
einer gänzlich unbekannten wie Klara mente verbleibt in Allgemeinplätzen,
Blum/Zhu Bailan. Kriterium für die Aus- ist lieblos, repetitiv (vgl. etwa die zehn
wahl war vielmehr »die offensichtliche wortgleichen Kommentare zu Otto
Rezeption psychoanalytischer Theorien Gross und seiner Frau auf S. 69–78) und
durch die jeweilige Autorin bzw. deren so rudimentär, dass jede Google-Suche
Auseinandersetzung mit Persönlichkei- interessantere und fruchtbarere Ergeb-
ten, die entweder selbst psychoanaly- nisse zeitigt. Auch die kurzen einleiten-
tisch gearbeitet haben oder sich sonst in- den Notizen zur jeweiligen Autorin blei-
tensiv mit der Psychoanalyse beschäftigt ben oberflächlich; wer Näheres über die
haben und mit der jeweiligen Verfasserin Gründe für das Interesse an der Psycho-
womöglich darüber kommunizierten« analyse oder Spezifika ihrer Rezeption
(S. 207). erfahren möchte, wird – vielleicht mit
Bei einem so breiten, abstrakt-äußer- Ausnahme der Ausführungen zu Fran-
lichen Auswahlkriterium verwundert ziska zu Reventlow – enttäuscht.
es nicht, dass die in dem Band versam- Worin liegt der sachliche Grund für
melten Dokumente allen möglichen die Begrenzung auf Frauen? Der zweite
Textgattungen entstammen: Erzählun- Fokus der Herausgeberin, neben der Psy-
gen und Gedichten, Briefen und Tage- choanalyserezeption, ist die »Geschlech-
büchern, Essays und wissenschaftlichen terdifferenz« – genauer: die »Konstruk-
Abhandlungen, Rezensionen und Zei- tion von Geschlecht in der literarischen
tungsartikeln. Jeder Textform jedoch Moderne« – und die implizite Frage,
eignen spezifische Ausdrucksmöglich- »[i]nwiefern die Psychoanalyse an der
keiten und -beschränkungen, sie sind in (Re-)Produktion von Geschlechterdif-
jeweils ganz unterschiedlichen Weisen ferenzen in der Moderne beteiligt« war
adressatenbezogen, und ob Gedanken (S. 15) oder aber helfen konnte, »Ein-
und Motive in einem fiktiven, einem sicht in die Variabilität von Geschlech-
fiktionalen, faktualen oder realen Rah- terstereotypen« (S. 17) zu eröffnen.
men verhandelt werden, mag als ein Maßgebliches ist auch hier nicht zu er-
feiner Unterschied erscheinen, doch es fahren. Aussagen wie die, »dass man
ist einer ums Ganze – erst recht, wenn Freuds komplexen, oft widersprüchli-
es um das Unbewusste geht. Bei einer chen Überlegungen nicht ganz [sic] ge-
literaturwissenschaftlichen Publikation recht wird, wenn man sie schlichtweg
190 Rezensionen und Anzeigen

als misogyn kategorisiert« (S. 17), ope- akademischen Pädagogik, wie sie sich
rieren mit dem Nimbus des Informier- vor allem seit Beginn des 20. Jahrhun-
ten, kommen aber über akademisches derts als eigenständige Wissenschaft
Raunen ebensowenig hinaus wie die herausgebildet hatte. Mit der Einrich-
Rede vom »Wissen des Unbewussten«, tung universitärer Lehrstühle in den
die den Eindruck erweckt, als handle deutschsprachigen Ländern wuchs das
es sich bei der psychoanalytischen Auf- Bemühen, Wissensbestände aus dem
fassung des Unbewussten um ein ge- eigenen Fachgebiet für Lehre und For-
schlossenes System mit einem definito- schung zugänglich zu machen und sich
risch gesicherten Wissen von einem klar damit auch für den wissenschaftlichen
umgrenzten Gegenstand. Entsprechend Disput mit anderen Disziplinen auszu-
die Auswahl der Dokumente, aus denen weisen. Diesem zweifachen Ziel: Selbst-
kein Gesamtbild entsteht, nicht zu Le- vergewisserung innerhalb des jungen
ben und Werk der Autorinnen und nicht Fachs und Präsentation von Fachwissen
zu den beiden Themengebieten. in den interdisziplinären Dialog hinein,
»Die Zusammenschau zweier derart dienten neben monographischen und
komplexer, kulturhistorisch gleicherma- systematischen Arbeiten vor allem ein-
ßen relevanter, miteinander verknüpfter schlägige Handbücher, Wörterbücher
Themenbereiche dient in erster Linie und Enzyklopädien mit ihren breiten
der Markierung von Berührungspunk- Themenspektren. Wininger hat aus die-
ten«, vermerkt die Herausgeberin (S. 15) sem gelehrten Fundus sechs Werke un-
– auch eine Ausdrucksweise dafür, dass terschiedlicher religiöser bzw. weltan-
weder in die eine noch in die andere schaulicher Prägung ausgewählt, wobei
Richtung Neues oder Entscheiden- er auf ausgeglichene Repräsentanz der
des aus diesem zusammengestückel- drei deutschsprachigen Länder Wert
ten Band zu erfahren ist. Statt um eine legte.
»Dokumentation« handelt es sich eher Die Arbeit ist in fünf Teile geglie-
um eine mit Textversatzstücken und dert. Während Teil I Problemstellung
pixeligen Bildern aufgebesserte Aus- und methodisches Vorgehen beschreibt
wahlbibliographie. Als solche kann sie, und Teil II einen historischen Abriss der
wer mag, konsultieren; das versproche- akademischen Pädagogik innerhalb des
ne Bergen »einige[r] überraschende[r] Zeitfensters 1900–1945 bietet, steht die
Schätze« (S. 34) aber bleibt der Primär- Untersuchung der Psychoanalyserezep-
textlektüre vorbehalten. tion in der Pädagogik entlang der aus-
Dominic Angeloch (Berlin) gewählten Werke als Teil III im Mittel-
punkt der Arbeit. Einer vergleichenden
Auswertung der Ergebnisse und dem
Michael Wininger: Steinbruch Psychoana- Ausblick auf Forschungsdesiderate sind
lyse? Zur Rezeption der Psychoanalyse in die Teile IV und V gewidmet.
der akademischen Pädagogik des deutschen Wininger behandelt vor allem
Sprachraums zwischen 1900–1945. Opla- Stichwortartikel aus dem Umfeld frü-
den–Farmington Hills, MI (Budrich) 2011, her psychoanalytischer Darstellungen,
289 Seiten. 29,80 Euro. dann auch verwandte Begriffe aus Tie-
fenpsychologie, Individualpsychologie,
Wininger untersucht in seiner Arbeit analytischer Psychologie, Psychiatrie
die Rezeption der Psychoanalyse in der und Pädiatrie, ferner aus Nachbarwis-
Rezensionen und Anzeigen 191

senschaften und der Pädagogik zuge- mer mehr oder weniger subjektiv sein,
wachsenem allgemeinem Wissen bis zu doch erscheint das Bemühen schlüssig,
expliziten Nennungen der Psychoanaly- wenn der Autor den Bezug zum zentra-
se und ihrer Begriffe. Dabei zeigt er, wie len Punkt seines Vorhabens, einer Un-
anfangs Neugier vereinzelt »auftaucht«, tersuchung der Psychoanalyserezeption
noch ohne erkennbaren systematischen in der Pädagogik in möglichst ganzer
Zusammenhang, sich dann allerdings Bandbreite, vorstellt. Dabei zeigt sich,
fachliches Interesse am Denken der dass selbst in den beiden insgesamt
Psychoanalyse durchsetzt. Der Leser differenziertesten Lexika von Schwartz
der untersuchten Werke findet sach- und Spieler die pädagogische Relevanz
kundige und anregende Inhalte bei ins- der Psychoanalyse wenig ausgeprägt
gesamt eher zurückhaltenden Signalen zu Wort kommt. Einerseits Erwähnung
bezüglich einer Kooperation zwischen und Beschreibung der Psychoanalyse
Pädagogik und Psychoanalyse, dane- als solcher in vielen Nuancen soliden
ben indifferente und formale Beschrei- Wissens, andererseits keine ausdrück-
bung, z. T. auch schroffe Ablehnung lich benannte pädagogische Relevanz
mit Begriffen wie »Unwissenschaftlich- – die Ansätze klaffen auseinander. Es
keit« und »sexueller Reduktionismus«; bietet sich an, diese Kluft als Ausdruck
schließlich, am Ende der Weimarer unterschiedlichen wissenschaftlichen
Republik und zu Beginn der Naziherr- Verständnisses zu betrachten, vor allem
schaft, Angebote aus Rassenideologie im Blick auf das Verhältnis von Theorie
und Antisemitismus. Nicht zu überse- und Praxis.
hen sind Zeichen glühender Verehrung Bei Schwartz ist hervorzuheben,
der Psychoanalyse oder empfindsame dass erstmals der Bereich Heilpäd-
und sprachlich fein nachempfundene agogik aufgenommen wird und die
Beschreibungen psychoanalytischer inhaltliche Gestaltung nicht nur Be-
Grundlagen und Vorstellungen über rufskollegen, sondern auch einer aufge-
erzieherische Aufgaben in Artikeln be- klärten Laienleserschaft zugutekommt.
sonders aus sozialpädagogischer Sicht. Auf psychoanalytischer Seite lässt sich
Allerdings war damals die Sozialpäda- eine vergleichbare Tendenz im Psy-
gogik mit bedeutenden psychoanalyti- choanalytischen Volksbuch von Federn
schen Autoren und Praktikern wie Au- und Meng mit seinem allgemein infor-
gust Aichhorn und Siegfried Bernfeld mierenden und psychohygienischen
vertreten. Bei der weiteren Sachanalyse Anspruch erkennen – beide Veröffent-
stützt sich Wininger auf die Kategorien lichungen fast gleichzeitig (1928/29)
»Textvolumen«, »Rezeptionshaltungen« erschienen. Bei Schwartz und bei Spie-
und »Ausweis der pädagogischen Rele- ler erhalten Arbeiten von Oskar Pfister
vanz«, für diese Untersuchung die wohl besondere Beachtung. Zu vermuten ist,
wesentliche Kategorie. dass Pfisters Rezeption der Psychoana-
Angesichts der immensen Datenfül- lyse mit seiner Fähigkeit zur Empathie,
le und unterschiedlicher Zugangswege seiner Neigung zur Arbeit mit Kindern
zu deren Erschließung und Auswer- und seiner Nähe zur Praxis zusam-
tung wird die Lektüre durch Winingers menhing, die, bei aller Zurückhaltung
sprachliche Sorgfalt und Textgliederung gegenüber seinem Amalgam »Pädana-
erleichtert. Auswahl und Zuordnung lyse«, bereits früh in der Geschichte der
einzelner Stichwortartikel werden im- Anwendung einen ursprünglichen, viel-
192 Rezensionen und Anzeigen

leicht einfältigen und zugleich wertvol- an einer Stelle verwendet; kaum anders
len Zugang zur kindlichen Vorstellungs- zu Beginn der zwanziger Jahre. Später
welt eröffnete. Pfister konnte in seinem hingegen, vor allem im Pädagogischen
persönlichen Entwicklungsprozess als Lexikon (1928–1931, Hg. H. Schwartz)
Forschungsprozess unter Freuds stren- und im Lexikon der Pädagogik der Ge-
ger Begleitung allmählich erkennen, genwart (1930–1932, Hg. J. Spieler), ist
dass Motiverkundung im Umgang mit dann von Psychoanalyse ausdrücklich
seinen jungen Patienten gegenüber der die Rede. Man mag der Vermutung des
Vermittlung erzieherischer Inhalte Vor- Autors zustimmen, wonach die Päd-
rang hat. Es ist Wininger zuzustimmen, agogik zunächst mit der Suche nach
wenn er eine »wirkungsgeschichtli- eigener Identität als akademischem
che Aufarbeitung« von Pfisters Werk Arbeitsbereich und mit der universi-
als »notwendig und lohnend« ansieht tären Etablierung beschäftigt war und
(S. 170, 208). erst allmählich auch im Austausch mit
Als Nebenertrag ergibt sich, über Nachbarwissenschaften Fuß fasste.
die Suche nach psychoanalytisch Rele- So gesehen spiegelt sich darin zuneh-
vantem hinaus, ein neuer Blick auf einen mender Gedankenreichtum wider, der
Zeitraum der Geschichte der Pädagogik anziehend auch auf die Psychoanaly-
im Umfeld ihrer Nachbarwissenschaf- se wirken sollte. Zu einer fachlichen
ten. Geschichte, wie sie Wininger vor- Konfrontation und kreativer Weiter-
stellt, verbindet sich auf einer Zeitleiste führung ist es allenfalls in Ansätzen
als Geschichte von Menschen mit ihren gekommen. Vielleicht hat auf die Psy-
Interessen, Urteilen und Abhängigkei- choanalyse gerade die Wissensfülle der
ten. Ich habe mit besonderem Gewinn Pädagogik, auch in psychoanalytischer
Teil III gelesen, der in übersichtlicher Theorie, eher wie eine Panzerung ge-
Form jedes der sechs Nachschlagewerke genüber einer Beschäftigung mit Vor-
für sich behandelt, mit einer einleiten- stellungen und unbewussten Phanta-
den, quasi monographischen Editions- sien gewirkt, die zugleich in inneren
geschichte, die auch Angaben zu He- Objekten, Affektbesetzungen und per-
rausgebern und Autoren enthält, und sönlicher Bedeutungsverleihung nahe
einer abschließenden Zusammenfas- und wirksam sind.
sung, aus deren Zahlenprofilen (»Aus- Das Pädagogische Wörterbuch schließ-
wertungsübersicht«) die Anzahl der lich (1931–1941, Hg. W. Hehlmann), an
Belege u. a. für unterschiedliche Rezep- der Nahtstelle zwischen Demokratie
tionshaltungen oder für pädagogische und Diktatur erschienen, kurz nach dem
Relevanz hervorgeht. Werk von Schwartz, ist als Beispiel für
Entlang der Erscheinungsjahre der willfährige Unterwerfung einer Wissen-
herangezogenen Werke macht Winin- schaft zu sehen.
ger auf Epochen von Pädagogik und Veränderungen in der Theorieent-
Psychoanalyse aufmerksam, die aus wicklung der Psychoanalyse wurden
zweifacher Perspektive imponieren. So von den Pädagogen nur zögernd zur
enthält das Enzyklopädische Handbuch Kenntnis genommen, so dass z. T. ge-
der Pädagogik (1903–1910, Hg. W. Rein) radezu von einem Beharren auf Rück-
als das früheste in der Reihe zwar eini- ständigkeit gesprochen werden kann,
ge der Psychoanalyse nahe Stichwort- etwa in Bezug auf das kathartische
artikel, doch wird der Begriff selbst nur Abreagieren. Es gab ein eigentümliches
Rezensionen und Anzeigen 193

Verharren im Sinne einer Verleugnung verschiedenen Einzeluntersuchungen


von Veränderungen. Das wird dort fol- zu Fragen von interdisziplinärer Koope-
genreich, wo es darum geht, was denn ration im Bereich praktischer Anwen-
bei solchen Einwänden gegen die Psy- dung der Psychoanalyse stand bisher
choanalyse für die Pädagogik übrig keine Arbeit zur akademischen Pädago-
bleibt. Wininger weist zu Recht mehr- gik von vergleichbarer Sorgfalt im me-
fach auf die bruchstück hafte Rezeption thodischen Konzept, Differenziertheit
psychoanalytischer Theorie hin. So ist im Detail bzw. in der Zuordnung zu Ka-
z. B. von »thematisch isolierter« Über- tegorien und schließlich Zurückhaltung
nahme die Rede; drastisch sein Ver- in der Aussage gegenüber.
gleich, wenn er die Psychoanalyse wie Wininger hat das Bild vom Stein-
einen Fremdkörper behandelt sieht, bruch aufgegriffen und damit einen
der isoliert, abgekapselt und kritischer wesentlichen Tenor der Psychoanalyse-
Potenz beraubt wird. Wininger kriti- rezeption in der Pädagogik vorweg-
siert den Verzicht auf die Chance, mit genommen bzw. mit dem Buch seine
Hilfe der Psychoanalyse im fachlichen Vermutung bestätigt. Dass es Freud
Streit eigene Positionen vor allem in der gewesen war, der in seinem Geleitwort
Kleinkindererziehung durchzuarbei- zu Aich horns Verwahrloster Jugend mit
ten, die damals, der Reformpädagogik den zentralen Begriffen »analytische
zum Trotz, weiter dem überkommenen Situation« und »intuitive Einfühlung«,
Modell des Erzieher-Kind-Gefälles an- bei aller Mahnung zur Zurück haltung,
hing. Und der von L. Bopp empfohlene die Pädagogen ermutigt hatte, konnte
Weg, mit Erkenntnissen »aus der psy- zwar von der akademischen Pädagogik
choanalytischen Theorie herausgebro- als Vorstellung von praktischer Rele-
chen« und »jeder Pädagogik vorteilhaft vanz aufgefasst werden, zur Kultivie-
eingefügt« zu arbeiten, verstärkt die rung und wissenschaftlichen Durch-
Zweifel an Chancen gedeihlicher Zu- dringung pädagogischer Positionen
sammenarbeit (S. 261). Insofern trifft gegenüber der Psychoanalyse ist es
der von Wininger im Anschluss an nicht gekommen. Die Nähe zur Pra-
Storfer formulierte polemische Impuls xis und noch viel mehr zur klinischen
im Buchtitel ins Schwarze – als »Stein- Praxis der Psychoanalyse musste für
bruch« konnte sich die Psychoanalyse die akademische Pädagogik ein kom-
nicht hergeben. Offenbar war Ambiva- promittierendes Moment enthalten.
lenz selbst in ihrem zuversichtlichen Dass dann von Wininger im Blick auf
Anteil verworfen und zugunsten von »künftige Forschungen« (S. 273) bei
Gleichgültigkeit aufgegeben worden. Nohl, Spranger, Litt und Flitner aus-
Die Psychoanalyse widmete sich in der sichtsreiche Ansätze einer erneuten Re-
Folge einerseits der Weiterentwicklung zeption der Psychoanalyse in der aka-
der Kinderanalyse, blieb andererseits demischen Pädagogik gesehen werden,
dem Themenbereich Psychoanalyse stimmt nachdenklich. Ob es ausreicht,
und Pädagogik vor allem bei praxisna- zu prüfen, »ob und wenn ja inwiefern,
hen Themen verbunden. einzelne Theorien, Konzepte, Begriffe
Winingers Buch schließt eine Lücke und Ergebnisse der einen Disziplin für
in der Erforschung des Wirkungsver- die jeweils andere von Relevanz sein
hältnisses zwischen Psychoanalyse und können« (S. 274), erscheint zweifelhaft.
Pädagogik nach beiden Richtungen. Den Da rückt die Verlockung »Steinbruch«
194 Rezensionen und Anzeigen

doch wieder nahe. Dann schon eher und Bildender Kunst, und unter tasten-
gemeinsames Interesse ausloten, z. B. der Annäherung und Ruhenlassen von
bei Fragen der Kulturtheorie, z. B. zu Vereinnahmungswünschen nach neuen
Schule, Lehrerbildung und Kleinkin- Anfängen suchen.
derbetreuung oder in Literatur, Film Christoph Ertle (Jettenburg)

Autorinnen und Autoren

Ulrike May, Dr. phil., Psychoanalytikerin (DPV). Zahlreiche Publikationen zur Geschichte
der Psychoanalyse, in jüngster Zeit vor allem über Freuds Patienten und über die Ent-
wicklung der psychoanalytischen Theorie. Letzte Buchveröffentlichung, als Mit-Her-
ausgeberin (mit E. Mühlleitner): Edith Jacobson. Leben, Werk, Erinnerungen (Psychosozial
2005). Siehe www.may-schroeter.de.

Michael Schröter, geb. 1944, Dr. phil. (Soziologie), freier Autor, Herausgeber von Luzifer-
Amor. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Freud-Biographik und zur Geschichte der Psy-
choanalyse. Letzte Buchveröffentlichung (als Herausgeber): S. Freud u. E. Bleuler: »Ich bin
zuversichtlich, wir erobern bald die Psychiatrie«. Briefwechsel 1904–1937 (Schwabe 2012). Sie-
he www.may-schroeter.de.

Berichtigung zu Heft 50

In der Edition von Freuds »Tegel-Briefen« an Frau und Schwägerin ist bei Brief 42 (S. 98)
im Zuge des Satzes leider die Datumszeile verloren gegangen. Sie lautet: »[Briefkopf
Wien] Tegel 1. 6. 1930«.
In der Literaturliste zum selben Beitrag ist folgender Titel zu ergänzen:
Hermanns, L. M. u. Schultz, U. (1990): »Und doch wäre ich . . . beinahe Berliner gewor-
den«. Sigmund Freud im Sanatorium Schloß Tegel. Zschr. psychoanal. Theor. Prax., 5:
78–88.
Ludger M. Hermanns / Albrecht Hirschmüller (Hrsg.)
VOM SAMMELN, BEDENKEN UND DEUTEN IN GESCHICHTE,
KUNST UND PSYCHOANALYSE
Gerhard Fichtner zu Ehren. – Jahrbuch der Psychoanalyse. Beiheft 25. 2013.
408 S., 18 Abb. € 78,-; Vorzugspreis für Mitglieder der IPV und deren Zweige,
der DPG und DGPT € 66,-. ISBN 978 3 7728 2640 5. Lieferbar
Der Gedenkband für den 2012 verstorbenen Tübinger Medizin- und Psycho-
analysehistoriker Gerhard Fichtner enthält vielfältige wissenschaftliche, erstmals
publizierte Beiträge von Weggefährten, Freunden und Schülern und umreißt
pointiert das Feld der Medizingeschichte und der Geschichte der Psychoana-
lyse. Eine biographische Würdigung, persönliche Erinnerungen von Peter Härt-
ling und Wolfgang Bartelke, eine Personalbibliographie Gerhard Fichtners sowie
ein vom Originalstock gedruckter Holzschnitt HAP Grieshabers bereichern
den Band. – Mit Beiträgen von: Thomas Aichhorn, Eva Maria Christel, Joachim
F. Danckwardt, Claudia Frank, Günter Gödde, Oonagh Hayes, Ludger M.Her-
manns, Albrecht Hirschmüller, Jens Kolata, Richard Kühl, Katrin Esther Lörch-
Merkle, Ulrike May, Thomas Müller, Pia Daniela Schmücker, Heinz Schott,
Michael Schröter, Christfried Tögel, Henning Tümmersund Johannes Michael
Wischnath.
Eric Brenman
VOM WIEDERFINDEN DES VERLORENEN
GUTEN OBJEKTS
Herausgegeben von Claudia Frank und Sibylle Ohr. Aus dem Englischen über-
setzt von Antje Vaihinger. – Jahrbuch der Psychoanalyse. Beihefte 26. ISBN
978 3 7728 2657 3. In Vorbereitung
In diesem Band erscheint erstmals in deutscher Sprache eine Sammlung von
klinisch wie theoretisch höchst anregenden und hilfreichen Arbeiten des kleini-
anischen Psychoanalytikers Eric Brenman. Analytiker und Patient werden in
seinen klinischen Beschreibungen lebendige Menschen, die gemeinsam darum
ringen, ein Verständnis für die innere Welt des Patienten zu erlangen. In seinem
Anliegen der Wiederherstellung des guten inneren Objekts vertieft der Autor
unser Nachdenken über menschliche Destruktivität und deren Handhabung in
der analytischen Situation und bietet damit einen wichtigen Beitrag zur psycho-
analytischen Technik.

frommann-holzboog
vertrieb@frommann-holzboog.de . www.frommann-holzboog.de
König-Karl-Straße 27 . D-70372 Stuttgart-Bad Cannstatt
Der Frankfurter Verlag
für Psychoanalyse

Mitchell G. Ash (Hrsg.) Anna Freud / August Aichhorn

Materialien »Die Psychoanalyse


kann nur dort gedeihen,
zur Geschichte wo Freiheit des Gedankens herrscht«
der Psychoanalyse in Wien Briefwechsel 1921 – 1949
1938 – 1945

Herausgegeben und kommentiert


von Thomas Aichhorn
Brandes & Apsel

Brandes & Apsel

Mitchell G. Ash (Hrsg.) Anna Freud/August Aichhorn


Materialien »Die Psychoanalyse kann
zur Geschichte der nur dort gedeihen,
Psychoanalyse in Wien wo Freiheit des
1938–1945 Gedankens herrscht«
Briefwechsel 1921–1949
688 S., Pb., € 49,90 Herausgegeben und kommentiert
ISBN 978-3-86099-945-5 von Thomas Aichhorn
Beiträge von T. Aichhorn, M. G. Ash, 556 S., geb., € 39,90
E. Brainin, C. Diercks, B. Johler, ISBN 978-3-86099-899-1
C. Rothländer und S. Teicher
D as beherrschende Thema in die-
sen historischen Dokumenten ist
D ie Vertreibung der Familie Freud
1938 bedeutete keineswegs das
Ende der Psychoanalyse an ihrem
das Engagement für die Psychoanalyse
sowie ihre Anwendung in Pädagogik
Entstehungsort Wien. Eingehende und Sozialarbeit.
und sorgfältige Arbeit mit historischen
Quellen gibt Einblicke in einen Teil
der Geschichte der Psychoanalyse,
E ine Brief-Edition, die an Sorgfalt
und Kenntnisreichtum keine
Wünsche offen lässt und zwei
der bisher nur in Ansätzen Pionieren der Psychoanalyse Gestalt
aufgearbeitet wurde. verleiht.

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