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International Property Rights Index

2011 Report
Deutschsprachige Kurzfassung

Kyle Jackson, 2010 Hernando de Soto Fellow


mit Beiträgen von:
Marius Doksheim
Joseph Quesnel
Krishna Neupane
Marcos Hidding Olson und Martin Krause
Nicole Alpert

Ansprechpartner im Liberalen Institut, Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit:


Steffen Hentrich, steffen.hentrich@freiheit.org, Tel.: +49 331 7019 129

A Projekt of the Property Rights Alliance


Eigentumsrechte – Schlüssel zu Wohlstand und Fortschritt

„Es ist unmöglich die Verletzung von Eigentum mit einem Bekenntnis zur Zivilisation zu
verbinden. Beider Geschichte ist untrennbar miteinander verbunden.“
Sir Henry Maine
Wirtschaftliche Entwicklung ist gleichermaßen einfach erklärbar wie schwer zu erreichen. Die
einfache Antwort auf die Frage nach dem Antrieb wirtschaftlicher Entwicklung hat uns vor 235
Jahren Adam Smith gegeben: Arbeitsteilung. Bei einem Besuch einer Nadelmanufaktur
beobachtete der Vater der modernen Ökonomie, dass die sich die Arbeiter, statt jeden
Arbeitsgang der Herstellung einer Nadel einzeln nacheinander vom Anfang bis zum Ende der
Herstellung vorzunehmen, jeweils auf einen oder wenige Arbeitsschritte spezialisierten, um das
Ergebnis danach bis zur Vollendung an den nächsten weiter zu reichen. Das ermöglichte ihnen
trotz der wenigen Fertigungsschritte ihre Fertigkeiten zu vervollkommnen und ihre Produktivität
zu erhöhen. Smith erkannte, dass die so spezialisierten Arbeiter zusammen die Anzahl der
hergestellt Nadeln enorm steigern konnten. Das gleiche Prinzip gilt nicht nur für ein
Unternehmen, sondern für eine ganze Branche und die globale Weltwirtschaft. Mehr Produktion
bedeutet mehr Konsum und damit einen wichtigen Teil wirtschaftlicher Entwicklung. So einfach
ist das.
Doch das ist nicht die ganze Geschichte. Ganz sicher zeichnen sich wohlhabende Industrieländer
durch Spezialisierung und Arbeitsteilung aus. Doch ein großer Anteil der globalen Bevölkerung
lebt noch auf einem Subsistenzniveau. Tatsächlich ist die Existenz wohlhabender
Industriestaaten ein historisch junges Phänomen. Über den größten Teil der menschlichen
Geschichte konnte man das Leben nur als arm, unzivilisiert und kurz beschreiben. So leicht die
Grundlagen wirtschaftlicher Entwicklungen zu verstehen sind, so schwer ist es diesen
Mechanismus in Bewegung zu setzen. Auch in den armen und stagnierenden Ländern ließe sich
durch Spezialisierung, Arbeitsteilung und Handel Wohlstand realisieren. Doch was ist es, das
wohlhabende Industrieländer haben und andere nicht?
Die Antwort sind sichere Eigentumsrechte. Eigentumsrechte erzeugen Anreize zu sorgsamen
Umgang mit Ressourcen, denn sie sorgen dafür, dass der Eigentümer nicht nur die Erträge seines
Eigentums ernten kann, sondern auch Verantwortung für die Kosten im Umgang damit trägt. Ein
Landwirt geht mit seinem Grund und Boden und seinen Arbeitsgeräten sorgsamer um, wenn sie
sein Eigentum sind und er von den Früchten seiner Arbeit profitiert. Ein Bäcker wird eher Brot
und Brötchen backen, wenn er sich sicher gehen kann, dass niemand seine Bäckerei und seinen
Gewinn konfisziert. Es sind die Eigentumsrechte, die beiden einen Anreiz zur Arbeit geben.
Eigentumsrechte spielen auch eine bedeutsame Rolle bei der Verteilung produktiver Ressourcen
in Verwendungen, in denen sie den gesellschaftlich größten Nutzen erzeugen. Ludwig von Mises
wies darauf bereits während einer in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vehement
geführten Debatte über die Effizienz des Sozialismus hin. Der Preis privat gehandelter Güter
transportiert wichtige Informationen über deren relative Knappheit. Wird ein Gut knapper, weil
das Angebot sinkt oder die Nachfrage steigt, dann steigt der Preis und signalisiert der
Gesellschaft, dass der Wert gestiegen ist und eine höherwertige Verwendung geboten ist. Mises
wies jedoch darauf hin, dass ohne private Eigentumsrechte schwerlich Märkte entstehen können
und sich auch keine Preise bilden. Eine effiziente Allokation der Ressourcen ist damit unmöglich.
Sollen Autos aus Stahl oder Aluminium gebaut werden? Soll man in einem Restaurant
Wegwerfgeschirr verwenden oder die Speisen auf langlebigem Geschirr servieren? Ohne Preise
sind die Menschen auf Vermutungen über die Knappheit der Güter angewiesen. Am Ende werden

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die Ressourcen weniger effizient genutzt, so dass die Gesellschaft auf Wohlstand verzichten
muss.
Der Internationale Index der Eigentumsrechte (International Property Rights Index - IPRI) soll
helfen die Bedeutung der Eigentumsrechte für die Wohlstandsentwicklung zu illustrieren. Mit
Hilfe eines Länderrankings können Vergleiche zwischen den Ländern bezüglich der Qualität der
Eigentumsrechte angestellt werden, wobei sichtbar wird, welche Wirkungen ein konsequenter
Schutz oder eine eklatante Verletzung von Eigentumsrechten haben kann. Dabei werden neben
den materiellen und intellektuellen Eigentumsrechten (Physical Property Rights - PPR,
Intelectual Property Rights - IPR) auch die rechtliche und politische Situation (Legal and
Political Environment, LP) der 129 im Report erfassten Länder betrachtet. Aus allen drei
Einzelkomponenten, die sich jeweils aus einer Reihe von Subindizes ergeben, wird zur
Gesamtschau der IPRI-Index errechnet. Natürlich hat auch dieser Ansatz Grenzen. Fehlendes
Beispielsweise verhindert fehlendes Datenmaterial alle Länder in den vergleich einzubeziehen.
Doch die Grundaussage bleibt trotz fehlender Daten und methodischer Schwierigkeiten erhalten:
Es gibt einen positiven Zusammenhang zwischen dem Schutz von Eigentumsrechten und
wirtschaftlicher Entwicklung.

Skandinavische Länder nach wie vor Tabellenführer


Wie in den Jahren zuvor belegen skandinavische Länder die beiden Spitzenplätze der
Rangordnung. Schweden liegt mit Finnland, dem in allen Einzelwerten knapp führenden Land,
mit einem IPRI-Index von 8,5 von 10 möglichen Punkten gleichauf. Jedoch hat Singapur
Dänemark in diesem Jahr den Rang abgelaufen. Luxemburg und Kanada sind im aktuellen
Ranking unter den ersten zehn Ländern, Österreich dagegen nicht mehr. Deutschland liegt mit
Hongkong gleichauf hinter Österreich und vor Großbritannien auf Platz 13. Tabelle 1 listet die
zehn den Index anführenden Ländern in der Gesamtwertung und in den einzelnen Hauptindizes
auf.
IPRI LP PPR IPR

Finnland (1) 8,5 Finnland (1) 8,8 Finnland (1) 8,3 Finnland (1) 8,5

Schweden (1) 8,5 Neuseeland (1) 8,8 Norwegen (1) 8,3 Schweden (1) 8,5

Singapur (3) 8,3 Schweden (1) 8,8 Singapur (1) 8,3 USA (2) 8,4

Schweiz (4) 8,2 Dänemark (4) 8,7 Schweden (4) 7,7 Dänemark (4) 8,3

Norwegen (4) 8,2 Luxemburg (5) 8,5 Bahrain (5) 8,1 Luxemburg (4) 8,3

Neuseeland (4) 8,2 Norwegen (5) 8,5 Hongkong (6) 7,9 Singapur (4) 8,3

Luxemburg (4) 8,2 Schweiz (5) 8,5 Luxemburg (6) 7,9 Schweiz (4) 8,3

Dänemark (8) 8,1 Kanada (8) 8,4 Saudi Arabien (6) 7,9 Japan (8) 8,2

Niederlande(9) 8,0 Niederlande (8) 8,4 Oman (9) 7,8 Niederlande (8) 8,2

Kanada (9) 8,0 Australien (10) 8,3 Schweiz (9) 7,8 Österreich (10) 8,1

Australien (9) 8,0 Island (10) 8,3 Vereinigte 7,8 Kanada (10) 8,1
Arabische Emirate
(9)

Singapur (10) 8,3 Deutschland (10) 8,1

Tabelle 1: Top 10 der IPRI-Rangliste (Indexwerte, Rangordnung in Klammern)

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Schlusslicht Bangladesh – Die ärmsten Entwicklungsländer noch immer am Ende der
Rangliste
Veränderungen gegenüber dem Vorjahr hat es auch unter den Schlusslichtern der Rangliste
gegeben. Venezuela und Simbabwe sind ebenso wie Burundi noch weiter abgerutscht und teilen
sich jetzt die letzten drei Plätze. Obwohl sich die Gesamtindexwert auch in den Ländern am
Ende der Rangliste leicht erhöht haben wird klar, dass in nach wie vor weder die für eine
wirtschaftliche Entwicklung notwendigen rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen
herrschen, noch der Schutz materieller und intellektueller Eigentumsrechte ausreichend
gewährleistet ist. In Tabelle 2 sind die zehn rangniedrigsten Länder der jeweiligen Hauptindizes
aufgelistet.
IPRI LP PPR IPR

Bolivien (120) 3,9 Ecuador (120) 3,0 Bosnien/Herzegowina 4,9 Albanien (118) 3,3
(117)

Moldavien (120) 3,9 Kenia (120) 3,0 Tschad (117) 4,9 Bosnien/Herzegowina 3,3
(118)

Nigeria (120) 3,9 Nigeria (122) 2,9 Nikaragua (117) 4,9 Libanon (118) 3,3

Elfenbeinküste (123) 3,7 Paraguay (122) 2,9 Simbabwe (117) 4,9 Aserbaidschan (121) 3,2

Libyen (123) 3,7 Pakistan (124) 2,8 Burundi (121) 4,8 Kasachstan (121) 3,2

Angola (125) 3,6 Burundi (125) 2,6 Slowenien (122) 4,7 Serbien (121) 3,2

Bangladesh (125) 3,6 Tschad (126) 2,4 Nigeria (123) 4,6 Angola (124) 3,1

Burundi (125) 3,6 Elfenbeinküste (126) 2,4 Angola (124) 4,5 Bangladesh (125) 2,8

Simbabwe (128) 3,5 Venezuela (128) 2,3 Bangladesh (124) 4,5 Libyen (126) 2,6

Venezuela (129) 3,4 Simbabwe (129) 2,1 Bolivien (124) 4,5 Armenien (127) 2,5

Ukraine (127) 4,4 Georgien (128) 2,3

Venezuela (127) 4,4 Moldawien (128) 2,3

Libyen (129) 4,3

Tabelle 2: Tabellenletzte der IPRI-Rangliste (Indexwerte, Rangordnung in Klammern)

Deutschland rutscht auch 2010 weiter ab


Deutschland teilt sich in diesem Jahr mit Hongkong den dreizehnten Platz innerhalb der
Rangordnung. Mit 7,8 von 10 Punkten liegt das Land damit knapp vor Großbritannien, Japan,
Irland, den USA und einigen anderen wichtigen Industrienationen. Der Abstand zum
Ranglistenersten beträgt zwar in der Gesamtbewertung nur 0,7 Punkte, erreicht jedoch beim
Subindex der materiellen Eigentumsrechte (PPR) 1,2 Punkte. Bei den rechtlichen und politischen
Rahmenbedingungen und dem Schutz der intellektuellen Eigentumsrechte belaufen sich die
Abstände zum Spitzenreiter auf 0,7 bzw. 0,4 Punkte. Gegenüber dem vergangenen Jahr hat
Deutschland jedoch an Boden verloren. Der vorjährige Platz 12 der Rangliste mit einer
Gesamtwertung von 8,0 Punkten musste aufgrund einer Verschlechterung in allen
Einzelbewertungen aufgegeben. Die deutlichsten Verluste erlitt Deutschland beim Schutz der
physischen Eigentumsrechte (-0,4). Geringer waren die Verluste bei der politischen Stabilität (-
0,2) und beim Schutz intellektueller Eigentumsrechte (-0,1).
Einen Überblick über die vollständige Rangliste der erfassten Länder erhalten Sie in der
englischsprachigen Langfassung des Reports.

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Veränderungen gegenüber dem Vorjahr
Aufgrund der Aufnahme weiterer Länder in den Index (Angola, Libanon, Ruanda und Swaziland)
und der Nichtberücksichtigung der Kirgisischen Republik ist eine direkte Vergleichbarkeit der
Rangliste zum vergangenen Jahr nicht möglich. Vergleiche lassen sich jedoch bei den
Veränderungen der Indexwerte vornehmen. Erfreulicherweise sind die am meisten positiven
Veränderungen in Ländern mit sehr niedrigen Ausgangswerten im Vorjahr zu beobachten. Hierzu
zählen Brunei (+1,4), Indonesien (+0,9), Tschad (+0,8), Guayana, Montenegro, Bangladesh, Benin
und Uganda (0,7). Die überwiegende Anzahl der erfassten Länder konnte sich im letzten Jahr
beim Gesamtindex verbessern (94 Länder). Für elf Länder waren blieb der Gesamtindex
unverändert und 24 Länder mussten zum Teil spürbare Verluste einstecken. Besorgniserregend
erscheinen vor allem die Indexverluste in reichen Industrienationen wie Island (-0,6), den USA (-
0,5) sowie Dänemark, den Niederlanden und Irland (-0,4). Von den Verliererländern gelten
immerhin knapp 60 Prozent als hochentwickelte Industrienationen.

IPRI-Index mit Nord-Süd-Gefälle


Der IPRI-Index zeigt ein klares Nord-Süd-Gefälle (vgl. Abbildung 1), wobei Nordamerika und
Westeuropa mit 8,0 bzw. 7,7 Punkten führen, gleich auf gefolgt von Asien und Ozeanien sowie
dem Mittleren Osten und Nordafrika mit jeweils 5,7 Punkten. Die Länder Mittel- und Osteuropas
sowie die zentralasiatischen Staaten folgen mit 4,9 Punkten. Dem schließen sich Lateinamerika
und Ozeanien mit 4,7 Punkten an. Die afrikanischen Staaten erreichen im Durchschnitt nur 4,4
Punkte. Die günstigsten rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen (LP) lassen sich in
Nordamerika ausmachen. Ganz unten rangiert hier Afrika. Beim Schutz der materiellen
Eigentumsrechte (PPR) führt die nordamerikanische Region ebenso wie die afrikanischen Länder,
die hier die Schlussposition einnehmen. Das gleiche Bild ergibt sich für die regionale
Betrachtung des Index der intellektuellen Eigentumsrechte (IPR).

0
Alle Länder Afrika Asien & MOE & Lateinamerika Mittlerer Nordamerika Westeuropa
Ozeanien Zentralasien & Karibik Osten &
Nordafrika

IPRI LP PPR IPR


Abbildung 1: Durchschnittlicher Rang nach Regionen und Indizes

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Sichere Eigentumsrechte fördern wirtschaftliche Entwicklung
Wie in früheren Jahren bestätigt auch der diesjährige IPRI-Report den positiven Zusammenhang
zwischen dem Schutzniveau der Eigentumsrechte und der wirtschaftlichen Entwicklung. Länder
mit gesicherten Eigentumsrechten genießen ein hohes Wohlstandsniveau, wohingegen am
unteren Ende der Rangliste nach wie vor wirtschaftliche Entwicklungsdefizite vorherrschen.
Folglich sind dort sind die durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen erheblich geringer als in den
Ländern mit einem höheren Schutzniveau der Eigentumsrechte. Abbildung 2 illustriert diesen
Zusammenhang. Wie auch in den Jahren zuvor bestätigt sich auch der positive Zusammenhang
zwischen dem Schutz der Eigentumsrechte und dem Import von Investitionskapital. Auch die
Geschwindigkeit der wirtschaftlichen Entwicklung ist mit der Sicherheit von Eigentumsrechten
positiv korreliert. Hierbei zeigt sich, dass ein Anstieg des IPRI-Index um einen Punkt mit einer
Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens von rund 8.960 Dollar verbunden ist. Ähnlich
Zusammenhänge gelten auch für das Einkommen und die jeweiligen Einzelindizes.

45.000
Durschnittliches Pro-Kopf-Einkommen, PPP (2005 Dollar), 2005 - 2009

40.000 38.350

35.000

30.000

25.000

20.000 18.701

15.000

9.316
10.000

5.065 4.785
5.000

0
1. Quintil 2. Quintil 3. Quintil 4. Quintil 5. Quintil

Abbildung 2: Durchschnittliches Pro-Kopf-BIP nach IPRI-Quintilen

Zusammenhang zwischen Geschlechtergleichstellung und Eigentumsrechten


Eine inhaltliche Erweiterung erfährt der IPRI seit Jahren durch eine Berücksichtigung eines
Maßstabes für die Gleichstellung der Geschlechter. In das Maß der Geschlechtergleichstellung
gehen der generelle Zugang von Frauen zu materiellem Eigentum und Krediten, die
Berücksichtigung von Frauen in Erbrechtsfragen und die allgemeine soziale Stellung der Frau in
der Gesellschaft ein. Der sich aus diesen Gleichstellungsvariablen ergebende Index wird
gewichtet mit dem IPRI verknüpft. Berücksichtigt werden hierbei nur Nicht-OECD-Staaten, da in
den in der OECD vertretenden Industriestaaten von einer weitestgehenden
Geschlechtergleichstellung auszugehen ist. Diesjähriger Spitzenreiter des IPRI(GE) ist Singapur
(10,3), gefolgt von Hongkong (9,8), Taiwan (8,9) und Chile (8,4). Am unteren Ende der Rangliste
finden sich dagegen Länder wie Simbabwe (4,4), Tschad (4,4) und Bangladesh (4,6). Mit dem
IPRI(GE) existiert ein nützliches Werkzeug zur Bewertung des Einfluss der
Geschlechtergleichstellung im Bezug auf den Schutz der Eigentumsrechte auf das Niveau und
die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung.

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Verlässliche Rahmenbedingungen sind unerlässlich für Freiheit und Wohlstand
Klar abgegrenzte Eigentumsrechte sind eine wichtige Voraussetzung für wirtschaftliches
Wohlergehen und eine dynamisch wachsende Volkswirtschaft. Der IPRI-Report 2010 zeigt
anschaulich, dass wirtschaftlicher Wohlstand unter den untersuchten 125 Ländern vor allem
dort zu finden ist, wo der Schutz der Eigentumsrechte in einem stabilen institutionellen Umfeld
hohe Priorität genießt und demzufolge ein hoher IPRI-Rang erreicht wird. Obgleich diese
Beziehung auch für die einzelnen Komponenten des IPR, also die Indizes der materiellen und
intellektuellen Eigentumsrechte gilt, wird sehr deutlich, dass der Schutz des Eigentums nur in
einem stabilen rechtlichen und politischen Umfeld aufrecht erhalten werden kann.
Trotz der nach wie vor schwierigen weltwirtschaftlichen Situation gelingt es vielen Ländern die
institutionellen Rahmenbedingungen für den Schutz individueller Eigentumsrechte zu stärken,
um so auch weiterhin die Weichen für eine dynamische Wohlstandsentwicklung zu stellen. Dass
gerade wirtschaftlich gut entwickelte Länder in letzter Zeit den Schutz von Eigentumsrechten
vernachlässigt haben, ist kennzeichnend für den politischen Aktionismus der Politik im Umgang
mit den Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise. Die langfristige Stabilität der Wirtschaft dürfte
darunter eher leiden.

Fallstudien
Die Diskussion der Ergebnisse des IPRI-2010-Report wird durch eine Reihe von Fallstudien zu
materiellen und intellektuellen Eigentumsrechten ergänzt.
Marius Dorksheim diskutiert in seiner Fallstudie den Zusammenhang zwischen dem
Integrationserfolg von Einwanderern in Norwegen und der Bildung sicheren Eigentums. So ist in
Norwegen der Anteil von Eigenheimbesitzern unter den Immigranten gegenüber anderen
europäischen Ländern vergleichsweise hoch. Zudem wohnen Einwanderer in Norwegen in viel
stärkerem Maße in Wohngebieten, in denen sich auch einkommensstärkere Norweger
angesiedelt haben. Eigenheimbesitz kann, so der Autor, zu einer höheren Ersparnisbildung und
damit mehr sozialer Sicherheit führen. Die soziale Diversität ermöglicht vor allem den Kindern
der Einwanderer bessere Integrationsmöglichkeiten, da die Konzentration von Schülern mit
Sprachschwierigkeiten und einem auf den Lernerfolg negativ wirkenden sozialen Umfeld
reduziert sind. Obgleich dieser Aspekt die vergleichsweise gute Integration von Einwanderern
nach Norwegen nicht vollständig erklären kann, spricht jedoch einiges für eine förderliche
Wirkung dieses Zusammenhangs.
Joseph Quensel sieht eine Ursache für die Armut in Teilen der indigenen Bevölkerung Kanadas in
dem nach wie vor vorherrschenden Mangel an Rechtssicherheit im Zusammenhang mit der
Nutzung der bestehenden Einkommenstitel. Zwar wird der Grund und Boden der Reservate
häufig auf vertraglicher Basis verpachtet, doch verhindern die starren rechtlichen Regeln eine
vollständige Übertragbarkeit des Eigentums. Eine Folge davon ist die Wertminderung des
Eigentums und ein Mangel an Möglichkeiten die bestehenden Grundstückstitel optimal
wirtschaftlich zu verwerten.
Krishna Neupane berichtet von den überwiegend negativen Erfahrungen der Landreformen in
Nepal. Eine verteilungspolitische motivierte kleinteilige Segmentierung der landwirtschaftlichen
Flächen zog eine wenig produktive Bodennutzung nach sich und hat den wirtschaftlichen
Strukturwandel in Nepal beeinträchtigt. Defizite in der Registrierung der Eigentumsrechte haben
sich hier ebenso nachteilig auf die wirtschaftliche Nutzung der Flächen und damit auch auf die
Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln ausgewirkt.

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Marcos Hidding Olson und Martin Krause testen in ihrer Fallstudie die Voraussagen des Coase-
Theorems, nach dem Ressourcenkonflikte unter Abwesenheit von Transaktionskosten durch
kooperativen Markttausch in der Form beigelegt werden. Ronald Coase selbst schrieb in seinem
maßgeblichen Aufsatz „The Problem of Social Cost“, dass die Abgrenzung von Eigentumsrechten
stets durch Markttransaktionen verändert werden kann, wobei derartige Transaktionen immer
dann stattfinden, wenn dadurch der Wert der Eigentumsrechte erhöht werden kann. Die beiden
Wissenschaftler versuchen den empirischen Gehalt dieser These anhand einer Feldstudie in einer
Hüttensiedlung am Rand von Buenes Aires zu überprüfen. Ihr Fazit ist, dass trotz des Mangels
formaler Eigentumsrechte Verhandlungen über die Rechte informeller Eigentumsrechte geführt
werden. Dennoch zeigt sich auch hier, dass die fehlende Rechtssicherheit nur eine stark
eingeschränkte wirtschaftliche Nutzung des Eigentums zulässt. Ein begrenzter Zugang zu
Krediten, öffentlichen Dienstleistungen und formalen Arbeitsplätzen sind die Folge der hohen
Rechtsunsicherheit.
Nicole Alpert beschäftigt sich schließlich mit dem Einfluss von Eigentumsrechten auf den Schutz
historischer Bauwerke in Hongkong und stellt dabei fest, dass viele Auflagen und Restriktionen
mit dem Ziel des Schutzes historischer Bausubstanz aufgrund der Art ihrer Umsetzung zu einer
schleichenden Enteignung der Eigentümer führen. Viele der von Interessengruppen erst spät in
den Entwicklungsprozess von Immobilieninvestitionen eingebrachten Auflagen wären für die
Eigentümer oft nur schwer und nur unter hohem Kostenaufwand umsetzbar. Dies würde oft zu
erheblichen Verzögerungen in der Stadtentwicklung führen. Die einseitige Belastung der
Eigentümer mit den Kosten der Erhaltungsmaßnahmen würden überdies wenige Anreize setzen
den Denkmalsschutz schon in der Planungsphase von Entwicklungsprojekten zu berücksichtigen.
Daher schlägt die Autorin vor, durch eine Reihe von Reformen dem Schutz historischer
Bausubstanz und der Rechte der Eigentümer gleichermaßen gerecht zu werden.
Eine ausführliche Darstellung der oben genannten Ergebnisse erfolgt in der englischsprachigen
Langfassung des Reports.