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1 Allgemeine Embryologie

Mind Map
Ziel der Fortpflanzung ist eine möglichst weitgehen- sie dies nicht tut, geht sie als Abortivei meist unbe-
de Heterogenität der neu zusammengesetzten Gene, merkt ab. Die Dunkelziffer dieser Frühaborte soll etwa
ohne dass die Chromosomen einfach nur addiert wer- 30% betragen.
den. Bei der sexuellen Fortpflanzung vereinigen sich Die Plazenta ist das Verbindungsglied zwischen
daher haploide väterliche und mütterliche Chromo- zwei fremden Individuen und besteht entsprechend
somensätze zu einem neuen diploiden Chromo- aus mütterlichen und kindlichen Anteilen (Placenta
somensatz. conjuncta). Da in der reifen menschlichen Plazenta
Von der Ovulation bis zur Implantation in der fetale Bereiche (Zotten) direkt in der mütterlichen Blut-
Uterusschleimhaut vergehen 6 lange Tage. Die be- wanne baden, spricht man von einem hämochorialen
fruchtete Eizelle (Zygote) teilt sich fortlaufend und er- Plazentatyp. An der Zotten-Blut-Grenze (Plazenta-
reicht nach 3–4 Tagen im 16-Zell-Stadium als Morula schranke) findet der Stoffaustausch statt. Die Hormon-
den Uterus. Sie benötigt noch 2 weitere Tage, um sich bildung übernimmt allein der kindliche Teil: Zytotropho-
als freie Blastozyste in der Dunkelheit zu orientieren, blast und Synzytiotrophoblast.
ehe sie sich zum längeren Verweilen entscheidet. Falls
4 Kapitel 1 · Allgemeine Embryologie

1.1 Grundlagen der Reproduktion Merke


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1.1.1 Keimzellen Die Anzahl von Eizellen ist während des 5. Entwick-
lungsmonats am größten und sinkt bis zur Geburt
auf etwa 1 Mio ab. Zu Beginn der Geschlechtsreife
Urkeimzellen (primordiale Geschlechtszellen) sind Ab-
sind noch ca. 40.000 Zellen vorhanden, von denen
kömmlinge der Zygote und Vorläuferzellen der Keim-
sich »nur« etwa 450 zu einer haploiden Eizelle
zellen (Gameten). Sie wandern ab der 4. Woche aus
(Ovum) entwickeln können. Alle restlichen dege-
dem Dottersack in die noch indifferente Gonadenan-
nerieren in allen Stadien (Follikelatresie).
lage. Dort erfolgen die weitere Vermehrung im Zölom-
epithel sowie ihre Differenzierung in weibliche (Oogo-
nien) oder männliche (Spermatogonien) Urkeimzellen.
Vermehrung, Geschlechtsdifferenzierung und spe- Stadien der Follikelreifung
zifisches Verhalten (Aktivitäts- und Ruhephasen) wäh- (s. a. Mikroskopische Anatomie)
rend der Embryonalperiode, Geburt, Pubertät und er- Die sich differenzierenden Eizellen befinden sich in der
neuter Zygotenbildung wird in der Keimbahn beschrie- Rinde des Ovars und werden von einer zunehmenden
ben. Die Geschlechtsdetermination erfolgt in den Anzahl von assoziierten Zellen zu Follikeln organisiert
somatischen Zellen der Gonadenanlage. Bei fehlendem (. Abb. 1.1). Traditionsgemäß werden 4 Stadien unter-
Y-Chromosom entsteht ein Ovar, bei Vorliegen eines schieden: Primordial-, Primär-, Sekundär- und Tertiär-
Y-Chromosoms ein Hoden. follikel.
Primordialfollikel sind der ruhende Pool von Oo-
zyten, umgeben von einer Schicht flacher Epithelzellen;
1.1.2 Oogenese und weiblicher ein Teil dieser Follikel transformiert sich in Primärfol-
Genitaltrakt likel (höheres umgebendes Epithel). Diese Vorgänge
(bis zur Pubertät) sind unabhängig von Gonadotropin.
Die Entwicklung weiblicher Keimzellen (Oogenese) Sekundärfollikel zeichnen sich durch ein höheres,
findet im Ovar in mehreren Stadien statt. Nach einer 2- bis mehrschichtiges Follikelepithel aus. Die Eizelle
Vermehrungsphase bis etwa zum 5. Entwicklungsmo- bildet eine glycoproteinreiche Hülle (Zona pellucida),
nat (bis zu 7 Mio Zellen) vergrößern und differenzieren und Bindegewebszellen legen sich dem Follikelepithel
sich die Oogonien zu Oocyten 1. Ordnung (tetraploid: als Theca folliculi an. In der Mitte des Follikels reißt der
4n) in Primär- und Sekundärfollikeln. Die Follikelepi- Verband der Epithelzellen auf, und es entsteht das
thelzellen bilden eine die Meiose inhibierende Sub- Antrum folliculi, in das Sekret der Follikelepithelzellen
stanz, sodass die Follikel im Diktyotän bis frühestens (Liquor folliculi) einströmt.
zur Pubertät arretiert sind. Im Tertiärfollikel werden diese Prozesse weiterge-
Während der Pubertät differenzieren sich die führt: Follikel und Eizelle vergrößern sich, das Antrum
Oocyten I. Ordnung (4n) innerhalb der 1. Reifeteilung folliculi nimmt das größte Volumen ein. Um die dezen-
in Oocyten II. Ordnung (2n). Dieser Vorgang ist erst tral liegende Eizelle haftet eine Anzahl von Follikelepi-
kurz vor der Ovulation mit der Bildung eines Oocyten thelzellen (Corona radiata). Beides zusammen wird als
II. Ordnung (2n) sowie einem Polkörperchen (zunächst Eihügel (Cumulus oophorus) bezeichnet. Die Theca
auch 2n) beendet. folliculi differenziert sich in die epithelähnliche Theca
Die 2. Reifeteilung (Äquationsteilung) beginnt kurz interna und bindegewebige Theca externa. Die Theca
vor oder während der Ovulation, wird aber nur beim interna besitzt östrogenbildende Zellen. Erst in diesem
Eindringen eines Spermiums vollendet. Das haploide Stadium führt der Einfluss von follikelstimulierendem
Ovum (n) entsteht also nur im Ernstfall. Erst durch die Hormon (FSH) zur Auswahl eines dominanten Fol-
Fusion der Zellkerne beider Gameten (Schwanger- likels, der schließlich als Graaf-Follikel Sprungreife er-
schaftsbeginn!) entsteht die Zygote. Beide Reifetei- hält.
lungen bringen ein Ovum und 3 Polkörperchen her-
vor. Ovulation. Aufgrund der Größenzunahme des Tertiär-
follikels verschlechtert sich die trophische Situation
des umliegenden Bindegewebes. Letztlich sorgt ein
LH-Peak ca. 24 h vor der Ovulation für die Ablösung
des Cumulus oophorus von umliegenden Follikelepi-
thelzellen und für die »Explosion« des Follikels. Eizelle
und Cumulus oophorus werden in die Bauchhöhle ge-
1.1 · Grundlagen der Reproduktion
5 1

. Abb. 1.1. Synopsis der Follikelreifung, Befruchtung und Implantation der Blastozyste. (nach Benninghoff 2003)

schleudert, und vom Staubsauger, dem Fimbrientrich- zeichnet man den Reifungsprozess von der Spermato-
ter des Eileiters, vor einem ungewissen Schicksal gonie bis zum Spermium (. Abb. 1.2). Es gilt bei der
im Dunkel der Bauchhöhle bewahrt. Der restliche Fol- Spermatogenese die Abfolge:
likel kollabiert; ggf. sorgen erodierte Blutgefäße für ein 1. Vermehrung (Mitosen, auch schon pränatal),
»Corpus rubrum«. 2. Reifung (Meiose) und
3. Differenzierung (erst von der Pubertät an).
Bildung des Gelbkörpers (Corpus luteum)
Die ehemaligen Granulosaepithelzellen wandeln sich 1. Vermehrung: Die Teilung einer Spermatogonie A
nach der Ovulation in das Corpus luteum um. Dieses (Stammzelle) ergibt eine residente Spermatogonie A
erhält seine gelbliche Farbe durch zunehmende Aktivi- und eine Spermatogonie B, die Vorläuferzelle für die
tät von steroidbildenden Zellen, den Theca-Luteinzellen weiteren Stadien ist und in die 1. Reifeteilung eintritt.
(aus der Theca interna, peripher) und Granulosa-Lute- 2. Reifung der Spermatozyten: B-Spermatogonien
inzellen. Beide Zellpopulationen produzieren Gestage- verdoppeln ihren DNS-Gehalt und heißen jetzt Sperma-
ne (Progesteron), in geringeren Mengen auch Östro- tozyten I oder primäre Spermatozyten. Bei Abschluss
gene. Erfolgt keine Befruchtung, bildet sich das Corpus der 1. Reifeteilung liegen Spermatozyten II oder sekun-
luteum graviditatis in das Corpus albicans (Narbe) zu- däre Spermatozyten (Präspermatiden) vor. Aus 2 se-
rück; bei erfolgter Befruchtung erhält sich das Corpus kundären Spermatozyten entstehen 4 Spermatiden.
luteum graviditatis so lange, bis die Funktion komplett 3. Differenzierung der Spermatiden (Spermioge-
von der Plazenta übernommen wird (ca. 4. Monat). nese). Um die männlichen Samenzellen betriebsfähig
Ovarialzyklus, Menstruationszyklus (GK Physio- zu machen, ist die Bildung einer Geißel (Schwanz) und
logie, 7 Kap. 11). des Akrosoms notwendig. Der Kern kondensiert. Von
einem Spermium (Spermatozoon) spricht man, sobald
die späte Spermatide aus dem Verband des Hodenepi-
1.1.3 Spermatogenese und männlicher thels entlassen ist.
Genitaltrakt Die Zellen der Spermatogenesestadien sind auch
nach Kernteilungen nie vollständig voneinander ge-
Spermatogenese trennt. Sie stehen bis zur Spermiogenese mit zyto-
Männliche Samenzellen differenzieren sich in den Tu- plasmatischen Gewebebrücken miteinander in Verbin-
buli seminiferi des Hodens. Als Spermatogenese be- dung und bilden ein Synzytium (. Abb. 1.2).
6 Kapitel 1 · Allgemeine Embryologie

. Abb. 1.2. Reifung der Spermatogonien. Aus einer Primä- setzung des Spermiums durch Interzellularbrücken synzytial
ren Spermatozyte werden 4 Spermatiden, die bis zur Frei- in Verbindung stehen. (Schiebler 2005)

Spermium (Spermatozoon) das von einer Ringfaserscheide umgebene Axonema,


Spermien bestehen aus Kopf (4 μm) und Schwanz (ca. dessen Ordnung sich im Endstück verliert.
50 μm) (. Abb. 1.3). Der Kopf enthält Akrosom (aus Zur Zusammensetzung des Ejakulats, Funktion der
dem Golgi-Apparat) und Zellkern. Das Akrosom männlichen Genitalorgane 7 Kap. 8.8.
gleicht dem Hitzeschild eines Space Shuttles und ent-
hält Enzyme zur Penetration durch die Zona pellucida
sowie Rezeptoren, von denen einige mit Riechrezep- 1.1.4 Verlauf von Schwangerschaft
toren identisch sind. und Geburt
Der Schwanz besteht aus Hals-, Mittel-, Haupt,- und
Endstück. Das Halsstück enthält die Andockstation des 7 Kap. 1.4, 7 Kap. 1.6 und 7 Kap. 8.14; Frühentwicklung,
zilienartig konstruierten Geißelapparats an die Kopf- Embryonalperiode, Fetalperiode.
zentrale (Mikrotubuli und Dynein; 9u2+2-Struktur:
Axonema). Das Mittelstück enthält den »Düsen«apparat Dauer der Schwangerschaft, Berechnung
(Mitochondrien), die vor dem Eintauchen in die des Geburtstermins
»Oosphäre« in der Regel abgeworfen werden. Deshalb Die normale Tragzeit beträgt (gerechnet ab 1. Tag der
enthält die Zygote lediglich die Mitochondrien der letzten Regelblutung) 280 Tage, d. h. 40 Wochen. Der
Mutter. Der längste Abschnitt, das Hauptstück, besitzt tatsächliche Beginn der Schwangerschaft (Konzeption)
1.2 · Grundlagen der Embryologie
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. Abb. 1.3. Ultrastruktur der


menschlichen Samenzelle (Schema).
(Schiebler 2005)

lässt sich nicht genau ermitteln. Daher wird der Ovula- die sich in alle Zellen differenzieren können (toti- oder
tionstermin (auf 24 h genau) herangezogen: 280 Tage omnipotente Stammzellen), bzw. solche, die ein einge-
–14 Tage = 266 Tage = 38 Wochen. schränktes Spektrum besitzen (pluripotente Stamm-
Die Naegele-Regel gibt den voraussichtlichen Ge- zellen). Omnipotente Stammzellen (aus der Zygote
burtstermin an: Tag der letzten Regel+1 Jahr‒3 Kalen- bzw. Morula) sind fetale Stammzellen; pluripotente
dermonate+7 Tage±x Tage (wobei x die Anzahl der Tage findet man in allen späteren Stadien.
angibt, die der tatsächliche Zyklus von einem 28-tägi- Adulte Stammzellen sind in zahlreichen Organen
gen Zyklus abweicht. vorhanden und dienen der ständigen Erneuerung der
Tatsächlich entbinden 4% aller Frauen präzise am jeweiligen Organe (z. B. Knochenmark, Riechepithel,
errechneten Termin. Skelettmuskulatur, usw.). Die Fähigkeit von Zellverbän-
den, sich in alle möglichen Richtungen fortzuent-
wickeln, wird im Verlauf der Entwicklung zunehmend
1.2 Grundlagen der Embryologie eingeschränkt. Induktion bezeichnet die Einfluss-
nahme eines Keimbereichs auf einen anderen, um einen
1.2.1 Grundlagen bestimmten Differenzierungsvorgang einzuleiten. Die
der Embryonalentwicklung Festlegung von Zellen auf ein bestimmtes Schicksal
wird als Determination bezeichnet. Störende bzw.
Eine der Grundlagen der individuellen Entwicklung ist nicht benötigte Gene werden während dieses Prozesses
die Präsenz von Stammzellen, d. h. Ursprungszellen, supprimiert.
8 Kapitel 1 · Allgemeine Embryologie

Genregulation durch Induktion. Die Expression der Nach der vollendeten 2. Reifeteilung der Eizelle ver-
1 Gene wird durch Wachstumsfaktoren und Cell adhe- doppeln männlicher und weiblicher Vorkern ihre DNA.
sion molecules (CAMs) gesteuert. Sie stimulieren die Die Kernhüllen lösen sich auf, und die Zygote führt nach
Proliferation, determinieren das Genom irreversibel etwa 24 h die erste Furchungsteilung in 2 Blastomere
(Aktivierung von Homeobox-[HOX-]Genen). Bei dif- durch.
ferenzierten Zellen ist der Zellzyklus ausgeschaltet.

1.3.2 Furchung
1.3 Befruchtung, Furchung
und Implantation Die Zygote teilt sich auf ihrer Wanderstrecke Richtung
Uterus fortlaufend. Tochterzellen dieser Teilungen
1.3.1 Befruchtung heißen Blastomeren. Die Teilungen können asynchron
verlaufen, sodass zu bestimmten Zeiten auch Blasto-
Als Befruchtung (Fertilisation) bezeichnet man die mere gefunden werden, die 3, 7 oder 12 Zellen besitzen.
Vereinigung beider Gameten sowie die Verschmelzung Als Morula erreicht der Zellhaufen im 16-Zell-Stadium
ihrer Kerne zur diploiden befruchteten Eizelle (Zygote). die Uterushöhle, wo er sich polarisiert und den Namen
Sie findet meist in der Pars ampullaris der Tuba uterina in »Blastozyste« ändert.
statt, etwa 12 h nach der Ovulation. Eizelle und Samen-
zelle können jedoch bis zu 24 h in der Tuba uterina KLINIK
überleben (Samenzellen noch länger). Die häufigste Ursache für Infertilität ist der Ver-
Die Spermien werden auf ihrem Wege im weib- schluss des Eileiters, z. B. nach Entzündungen.
lichen Genitaltrakt durch chemische Veränderungen
ihrer Oberfläche befruchtungsfähig gemacht (Kapa-
zitation). Die Bindung des Spermiums an die Zona 1.3.3 Blastozyste
pellucida löst die Akrosomreaktion des Spermiums
aus. Das Akrosom produziert Hyaluronidase und pro- Zunächst bildet sich eine Blastozystenhöhle aus, in der
teolytische Enzyme und dringt durch die Zona pellucida sich die Blastomeren in eine innere Zellmasse (Embryo-
in die Eizelle ein. Diese sezerniert daraufhin Glycopro- blast) und einen umhüllenden Trophoblasten segre-
teine, die das Eindringen weiterer Spermien verhindern gieren. Jetzt schlüpft die Blastozyste aus der Zona pellu-
(Zona-Reaktion). cida und nimmt Flüssigkeit auf.

. Abb. 1.4a, b. Implantation des Keims an Tag 8 (a) und Tag 13 (b). (Schiebler 2005)
1.4 · Plazentation
9 1
1.3.4 Implantation
tieren. Am häufigsten ist die Tubenschleimhaut,
Voraussetzung der Implantation der Blastozyste ist die aber auch das Peritoneum kommt in Frage. Die
Adhäsion der Trophoblastzellen an das sezernierende Tubargravidität ist ein Notfall: Aufgrund des infil-
Endometrium. Sie beginnt zwischen dem 5. und 6. Tag trierenden Wachstums des Synzytiotrophoblasten
post ovulationem und endet mit der Etablierung des kann die A. ovarica arrodiert werden, was zu
uteroplazentaren Kreislaufs am 12. Tag. Zunächst heftet lebensgefährlichen Blutungen führt.
sich die freie Blastozyste an die Uterusschleimhaut an,
dann vergräbt sie sich im Interstitium des Endome-
triums (interstitielle Implantation) (. Abb. 1.4a, b).
Trophoblastzellen differenzieren in den Zytotropho- 1.4 Plazentation
blasten und den Synzytiotrophoblasten. Währenddes-
sen differenziert sich der Embryoblast in 1.4.1 Ausbildung des uteroplazentaren
4 Ektoderm (der Blastozystenhöhle zugewandt) Kreislaufs
und
4 Entoderm (dem Uterus zugewandt). Außen liegende, mehrkernige, verschmolzene Tropho-
blastzellen (Synzytiotrophoblast) stoßen schnell in die
Aber auch die Mutter arbeitet hart: Bindegewebszellen Tiefe vor und fressen sich infiltrativ in die Zona com-
des zunehmend ödematösen Endometriums wandeln pacta des Endometriums hinein. Treibender Faktor
sich in Deziduazellen um und beginnen den Eindring- für die embryonale Invasion ist u. a. die Hypoxie.
ling zu umzingeln (deziduale Reaktion). Durch flächige Invasion entstehen Hohlräume in der
Zona compacta (Lakunen), in die schließlich mütter-
KLINIK liches Blut einströmt. Mit der Arrosion mütterlicher
Meist siedelt sich die Blastozyste an der oberen Gefäße ist die kritische hypoxische Phase überstanden;
Rückwand des Uterus an. Unter bestimmten Be- es bildet sich ein primitiver uteroplazentarer Kreislauf
dingungen kann sich die Blastozyste auch an ab- aus (12. Tag).
weichenden Orten (Extrauterin-Gravidität) implan- Vom Zytotrophoblasten, der durch Auskleidung
6 mit Mesoderm zum Chorion wird, wachsen epitheliale
Zellsäulen in das Synzytium ein. Sie gewinnen an Ober-

. Abb. 1.5a–c. Plazentation und


Eihautbildung zu Beginn des 2. Mo- a
a
nats (a), Ende des 2. Monats (b),
Ende des 4. Schwangerschaftsmo-
nats (c). (Schiebler 2005)

b c
b c
10 Kapitel 1 · Allgemeine Embryologie

. Abb. 1.6a–e. Stadien der Plazenta-


1 bildung. Stadien mit Lakunen und
Trabekel im primären Chorion (a, b).
Primärzotten (c). Sekundärzotten; die
Haftzotten bestehen noch aus Zell-
säulen (d). Tertiärzotten mit Blutgefä-
ßen und zunehmender Verzweigung
der Zottenbäume (e). (Schiebler 2005)
1.4 · Plazentation
11 1

fläche und bilden die Chorionzotten: Primär-, Sekun- Mit fortschreitender Größenzunahme des Fetus ver-
där- und Tertiärzotten (. Abb. 1.5a–c, . Abb. 1.6a–e). schmelzen Decidua capsularis und Decidua parietalis
Primärzotten sind relativ plumpe Zellsäulen. Ein- unter Verlust der zwischen ihnen liegenden Chorionhöh-
wachsen von Mesoderm, das mit dem Chorionmeso- le (. Abb. 1.6a–e). Ab dem 4. Entwicklungsmonat wird
derm kommuniziert, charakterisiert die Sekundär- der Zytotrophoblast abgebaut, und viele der fetalen Kapil-
zotten. Tertiärzotten entstehen durch Auftauchen von laren grenzen insbesondere in den nun beerenförmigen
Blutinseln und ersten kindlichen Gefäßen (20. Tag). Zottenenden (Terminal- oder Endzotten) direkt an das
Die Tertiärzotten ramifizieren sich immer weiter und Synzytium. Dadurch kommt es zu einer Verkürzung der
gewinnen an Oberfläche (bis 14 qm); sie ragen in den fetomaternalen Transportstrecke und in Folge zu einem
mütterlichen Blutraum, den intervillösen Raum. deutlich effizienteren Stoffaustausch zwischen Mutter
Die Zottenbildung findet zunächst an der gesamten und Kind. In der reifen Plazenta beträgt die gesamte Aus-
Außenhülle des Embryos statt, aber ab dem 3. Monat tauschfläche zwischen 10 und 15 m2. Der geburtsreife
beschränkt sie sich auf die Decidua basalis. Hier ent- Fetus (3 kg) schickt sein gesamtes Blutvolumen (ca.
steht das Chorion frondosum; der zottenfreie Bereich 350 ml) einmal pro Minute durch die Plazenta.
wird Chorion laeve genannt. Die Plazenta wird letzt- Die Plazentaschranke besteht aus:
lich von Chorion frondosum und Decidua basalis 4 Kapillarendothel,
gebildet. 4 Synzytiotrophoblast,
Einige Zottenstämme verankern die Plazenta an der 4 gemeinsamer Basalmembran (reif) und
mütterlichen Seite, der Decidua basalis (Haftzotten), 4 ggf. Mesenchym und Zytotrophoblast (unreif).
und bilden eine Zytotrophoblastschale, mit deren Bil-
dung die »tumorartige«, infiltrative Invasion des Tro- Funktion: Die Transportleistungen des Synzytiotropho-
phoblasten abgeschlossen ist. Die Plazenta vergrößert blasten lassen sich wie folgt charakterisieren:
sich dann nur noch durch verdrängendes Wachstum. 4 Diffusion: Gase, fettlösliche Stoffe, viele Medika-
mente (Schlafmittel, Contergan!),
KLINIK 4 erleichterter Transport über Carrier (z. B. für
Ein zu tiefes Einwachsen der Zytotrophoblastschale, Glucose, Laktat),
z. B. in das Myometrium, führt zu Problemen bei der 4 aktiver Transport (unter Energieumsatz) für Elek-
Plazentalösung nach der Geburt (Placenta accreta); trolyte und viele Aminosäuren,
eine unvollständige Bildung der Zytotrophoblast- 4 rezeptorvermittelte Transzytose: z. B. IgG (das
schale kann zur mangelhaften Zottenbildung bzw. unverändert durch die Plazentaschranke durch-
vorzeitigen Plazentalösung führen. kommt und für passive Immunisierung des Feten
und Neugeborenen durch Antikörper der Mutter
sorgt) und
4 natürlich die bekannten unklaren Prozesse (z.B:
1.4.2 Form, Feinbau und Funktion Durchschleusungsmechanismen für Vitamine B2,
der reifen Plazenta B12, C; Adrenalin, Viren und Bakterien).

Die fetale Seite der reifen Plazenta besteht aus der Cho- KLINIK
rionplatte mit zahlreichen Zottenverästelungen, die in Von großem Nachteil ist die passive Immunisierung
den mütterlichen intervillösen Raum hineinragen durch Pinocytose jedoch bei der Rhesusinkom-
(. Abb. 1.6a, b). Die fetale Oberfläche der Chorionplatte patibilität. Falls die Mutter Rhesus-negativ und der
ist von Amnionepithel ausgekleidet, das die Amnion- Fetus Rhesus-positiv ist, können Antikörper, die die
höhle begrenzt, in der die Frucht schwimmt. Der Fetus Mutter in einer früheren Schwangerschaft gegen
ist über die Nabelschnur mit der Chorionplatte ver- das Rhesusantigen gebildet hatte, in das Blut eines
bunden. Rhesus-positiven Feten geraten. Die attackieren
Die mütterliche Seite der Plazenta ist die Decidua, und zerstören dessen rote Blutkörperchen.
die zunächst aus 3 abgrenzbaren Abschnitten besteht:
4 Decidua basalis mit der anliegenden Zytotropho-
blastenschale und den Haftzotten, Plazenta als endokrines Organ: Hauptproduzent von
4 Decidua capsularis, die die Implantationsstelle um- Hormonen ist der Synzytiotrophoblast. Er bildet hu-
gibt, und manes Plazentalactogen (hPL), humanes Choriongona-
4 Decidua parietalis, die den restlichen Teil des Ute- dotropin (hCG), Östrogene, Progesteron, Prostaglandine,
rus auskleidet. Somatostatin.
12 Kapitel 1 · Allgemeine Embryologie

Merke Zellen des Hypoblasten (Heuser-Membran) wan-


1 dern nach lateral und bilden den primären Dottersack.
Bin ich schwanger? Der Nachweis von hCG ist
Dieser spielt in der späteren menschlichen Entwicklung
Grundlage für den hormonellen Schwanger-
wohl keine bedeutende trophische Rolle und bildet sich
schaftstest. hCG ist im Serum bereits am 8. Tag
weitgehend zurück. Zunächst aber liegt die zweiblätt-
post conceptionem nachweisbar, im Urin ist hCG
rige Keimscheibe platt wie eine Flunder in der Mitte
nach etwa 14 Tage positiv.
zwischen der Amnionhöhle und dem primären Dotter-
sack (. Abb. 1.4a).
KLINIK
Ein Schwangerschaftstest kann falsch positiv
bei Vorliegen eines Chorionkarzinoms oder einer 1.5.2 Entwicklung des Dottersacks
Blasenmole sein. Hierbei entwickelt sich ein
pathologischer Trophoblast ohne Embryonalan- Im Verlauf der 3. Woche werden die embryonalen
lage. Höhlen umorganisiert: Der primäre Dottersack wächst
wesentlich langsamer als der Trophoblast, d. h. er zer-
reißt (Dottersackknall), schrumpelt zusammen, und
wird zum sekundären Dottersack. Aus ihm faltet sich
1.4.3 Ablösung der Plazenta später das primitive Darmrohr ab. Als Verbindung zwi-
schen Darmrohr und Dottersack kann der Dottergang
Das Ende der Schwangerschaft wird der Plazenta durch übrig bleiben.
zunehmenden Sauerstoffmangel, Verkalkungen etc.
signalisiert. Etwa 30 min nach der Geburt entsteht KLINIK
unter der Basalplatte ein Blutsee, der zur Plazentalö- Als Relikt des Dotterganges kann das Meckel-
sung führt. Bei der Inspektion soll die Plazenta »voll- Divertikel ca. 80 cm proximal der Ileozäkalklappe
ständig« sein, d. h. die Eihäute (Amnion, Chorion) so- gefunden werden. Da es oft ektopisches Drüsen-
wie Teile der Plazentazotten dürfen nicht zurückbleiben gewebe aus Magen oder Pankreas enthält, wird es
(Blutungsgefahr!). Die mütterliche Seite ist durch matt bei Appendektomien nebenbei mitentfernt.
erscheinende Kotyledonen (Plazentasepten der Basal-
platte) kompartimentiert, die kindliche Seite ist vom
glänzenden Amnion überzogen. Die Nabelschnur (ca.
50 cm lang) inseriert meist zentral. 1.5.3 Extraembryonales Mesoderm
und Chorionhöhle

1.5 Frühentwicklung Der bald entstehende mesenchymale Raum zwischen


Trophoblast und den beiden Höhlen wird als extra-
Unter Frühentwicklung versteht man die Entwicklung embryonales Mesoderm bezeichnet. Durch weiteres
der ersten 3 Wochen post conceptionem. Im Folgenden Wachstum des Trophoblasten reißt dieser Innenraum
wird die Bildung der zweiblättrigen Keimscheibe auf, und es bildet sich die Chorionhöhle (extraembryo-
(2. Woche) und der dreiblättrigen Keimscheibe (3. Wo- nales Coelom). Dadurch werden die mesenchymalen
che) dargelegt. Zellen in 2 Blätter auseinander geschoben:
4 ein viszerales Blatt, das auf Amnion und Dottersack
liegt (extraembryonales viszerales Mesoderm),
1.5.1 Entwicklung der Keimscheibe und
4 ein parietales Blatt, das dem Trophoblasten anliegt
Noch kurz vor der Implantation entstehen das Ento- (extraembryonales parietales Mesoderm).
derm (innere, der Blastozystenhöhle zugewandte Zell-
reihe; Hypoblast) und das Ektoderm (äußeres Blatt; Zytotrophoblast, Synzytiotrophoblast und extraem-
Epiblast). Der Spaltraum zwischen dem Epiblasten und bryonales parietales Mesoderm bilden das Chorion
der inneren Schicht der Trophoblastzellen weitet sich (. Abb. 1.5).
zur Amnionhöhle aus (. Abb. 1.4 und . Abb. 1.5).
Deren auskleidende Zellen (Amniozyten) sezernieren
das Fruchtwasser, das gegen Ende der Schwangerschaft
etwa 1 l beträgt.
1.5 · Frühentwicklung
13 1

KLINIK
Chorionbiopsie und Amniozentese: Zur pränatalen pathologischen Veränderungen im Erwachsenen-
Diagnostik von Anomalien kann kindliches Gewe- alter wiederholen. So nehmen epitheliale Tumoren
be auf zweierlei Art beurteilt werden: Chorion- oft die zytologischen Charakteristika von Mesen-
biopsie (9.–12. Schwangerschaftswoche) und chymderivaten (z. B. Intermediärfilamente) an.
Amniozentese (erst 15.–16. SSW).

Chorda dorsalis, Chordafortsatz, Chordabildung


Haftstiel und Allantoisdivertikel Die Entwicklung des Achsenskeletts wird dann durch
Durch die »Überschwemmung« mit Wassermassen in di- einen mesodermalen Zellstrang manifest, dem Chorda-
versen Höhlen ist die Frucht nun glänzend isoliert (Tag 14). fortsatz, der aus der Medianebene nach kranial wächst.
Sie ist nur noch mit einem schmalen extraembryonalen Dies ist die Anlage der Chorda dorsalis. Das Ektoderm
Mesodermdamm mit dem Festland verbunden, dem über dem Chordafortsatz senkt sich als Neuralrinne
Haftstiel. Am hinteren Ende der Keimscheibe entwickelt ein (. Abb. 1.7a, b).
sich aus dem Entoderm eine wurstartige Auftreibung, die
Allantois, in den Haftstiel hinein. Sie dient bei anderen Merke
Spezies als Harnspeicher, beim Menschen bildet sich Die Chorda dorsalis ist die Anlage der primitiven
dieses Divertikel zurück. Überbleibsel ist das Lig. umbili- Körperachse und stellt ein wichtiges Induktions-
cale medianum an der Innenseite der Bauchwand. organ dar.

KLINIK
Bei offen gebliebenem Allantoisdivertikel (Urachus- Somiten
fistel) kann Harn aus dem Bauchnabel austreten. Somiten sind vorübergehende embryonale Organe, die
sich im paraxialen Mesoderm, lateral der Chorda dor-
salis und dem Neuralrohr (s. u.) bilden und die Meta-
In der 4.Woche wird der Haftstiel zusammen mit dem merie des Organismus begründen (. Abb. 1.8c). Sie
Allantoisdivertikel und rudimentären Nabelgefäßen enthalten das Zellmaterial für die Wirbelsäule (Sklero-
zur Nabelschnur integriert. tom), das subkutane Gewebe (Dermatom) sowie die
Skelettmuskulatur der Leibeswand und Extremitäten
(Myotom). Mit der Auswanderung der Zellen in ihre
1.5.4 Bildung und Gliederung Zielgebiete lösen sich die Somiten alsbald auf. Außen
des intraembryonalen Mesoderms, liegt das Seitenplattenmesoderm, das die Verbindung
axiale Differenzierung zum extraembryonalen Mesoderm herstellt.

Es geht weiter. Nach der Bildung des extraembryonalen


Mesoderms erfolgt die Bildung des intraembryonalen
Mesoderms, also des 3. Keimblatts. Diesen Vorgang
bezeichnet man als Gastrulation.

Dreiblättrige Keimscheibe, Primitivstreifen


Zunächst senkt sich der Epiblast ein und bildet den
Primitivstreifen, von dessen medianer Invagination,
der Primitivrinne, ektodermale Zellen auswachsen und
das Mesoderm bilden. Schließlich trennt das Meso-
derm die beiden anderen Blätter fast vollständig
voneinander (Ausnahme: Rachenmembran, vorn, und
Kloakenmembran, hinten).

KLINIK
Die Transformation von ektodermalen in meso-
dermale Zellen während dieser Phase kann sich bei
6 . Abb. 1.7a, b. Bildung der Chordaplatte (a) und der Chorda
dorsalis (b). (Schiebler 2005)
14 Kapitel 1 · Allgemeine Embryologie

entwickelt sich das zentrale Nervensystem. Gleichzei-


1 tig wandern von den seitlichen Abschnitten der Neural-
rinne Zellen aus, die in ihrer Gesamtheit als Neural-
leiste bezeichnet werden.

Neuralleiste und Derivate


Aus der Neuralleiste entwickeln sich:
4 peripheres Nervensystem,
4 vegetative Ganglienzellen,
4 Spinalganglienzellen,
4 periphere Glia (Schwann-Zellen),
4 Merkelzellen (umstritten!),
4 Kopfmesenchym,
4 Odontoblasten,
4 Melanozyten und
4 C-Zellen der Schilddrüse.

1.5.6 Abfaltung der Embryonalanlage

Unterschiedlich schnelles Wachstum sorgt dafür, dass die


flache Keimscheibe an unterschiedlichen Stellen Reliefs
ausbildet. Der embryonale Körper beginnt sich C-förmig
zu winden und zu krümmen. Die vordere Darmbucht
(Mundbucht, Stomatodeum) kennzeichnet die kraniale
Abfaltung, und die hintere Darmbucht (Afterbucht, Prok-
todeum) die kaudale. Dabei dient die Rachenmembran
(aus der Prächordalplatte) als vordere Abgrenzung zur
Amnionhöhle, und die Kloakenmembran als hintere.
Die ursprünglich breite Verbindung zum Tropho-
. Abb. 1.8a–d. Ausbildung des intraembryonalen Meso-
blasten wird auf den Haftstiel eingeengt, und der Em-
derms, der dritten Keimscheibe am 18. (a), 20. (b), 22. (c) und
bryo wölbt sich deutlich über den Dottersack hinaus.
25. Tag (d). Es entstehen um diese Zeit auch das Neuralrohr
und die Neuralleiste. (Schiebler 2005) Da die Hirnbläschen jetzt wie verrückt wachsen, über-
wölbt die Kopffalte die Herzanlage, und hinten ver-
steckt die Schwanzfalte den Abgang der Allantois.

1.5.5 Anlage des Nervensystems


1.6 Organogenese und Ausbildung
Weiterer Meilenstein auf dem Wege in die Vollkom- der äußeren Körperform
menheit ist die ektodermale Differenzierung in das
periphere und zentrale Nervensystem. Fokal wirkende 1.6.1 Stadieneinteilung, Alters-
Wachstums- und Transkriptionsfaktoren sorgen jedoch und Längenangaben, Embryonal-
dafür, dass nicht das gesamte Ektoderm für die Ausbil- periode – Fetalperiode
dung des Nervengewebes verschwendet wird.
Die pränatale Entwicklung wird in die Frühentwick-
Neurulation: Neuralplatte, Neuralwülste lung (1.–3. Woche), Embryonalzeit (bis 8. Woche) und
Grundlage für die Ausbildung des Nervensystems ist anschließend in die Fetalzeit eingeteilt.
die Bildung von Neuralplatte, Neuralwülsten und
Neuralrohr (Neurulation). Die Bildung des Neural- Altersbestimmung von Keimlingen
rohrs wird als Individualisation bezeichnet. Die von Das Alter von Keimlingen wird biologisch (post ovula-
den Neuralwülsten umgebene Neuralrinne schließt tionem, [Schwangerschaftswochen]), oder klinisch
sich zum Neuralrohr, das im weiteren Verlauf wieder (post menstruationem: Achtung: 2 Wochen abziehen)
von Ektoderm überlagert wird. Aus dem Neuralrohr angegeben.
1.6 · Organogenese und Ausbildung der äußeren Körperform
15 1

Die Stadienbestimmung bis zum Ende der Embryo-


nalperiode ist in sog. Carnegie-Stadien erfasst (1–23), (Sonographie) im Vordergrund. Chorionbiopsie
in der normierte Angaben zur Anzahl der Somiten, von bzw. Amniozentese (7 Kap. 1.5.3) sind invasive
Länge und Alter zusammengestellt sind. Eingriffe und werden nur bei Vorliegen einer Risiko-
Im Unterschied hierzu beruhen Angaben der Fetal- schwangerschaft in Erwägung gezogen.
periode nicht auf definierten Stadien, sondern be-
schränken sich auf Größenangaben, die in Norm-
tabellen dem Schwangerschaftsalter zugeordnet wer-
den. Üblich sind Messung der Scheitel-Steiß-Länge 1.6.2 Entwicklung des Embryos und Fetus
(SSL), der größten Länge (GL), des biparietalen Durch-
messers und der Scheitel-Fersen-Länge (SFL). Diese Embryonaler/fetaler Kreislauf 7 Kap. 2.10.
Messungen werden im pränatalen Ultraschall er-
hoben. Heterochrones Wachstum: Die Wachstumsprozesse
laufen diskontiniuerlich ab, d. h. in unterschiedlichen
KLINIK Organ-/Gewebeabschnitten kommen große Unter-
Aufgabe der pränatalen Diagnostik ist die möglichst schiede der Wachstumsgeschwindigkeiten vor. Auffäl-
frühzeitige Erkenntnis über Abweichungen von der ligstes Beispiel für Veränderungen der Proportionen ist
Norm. Hier steht als nichtinvasive, routinemäßige die relative Größe des Kopfs, der zur Geburt den größ-
Methode in erster Linie die Ultraschalldiagnostik ten Umfang hat.
6 Eine Übersicht über die Ereignisse während der
Embryonal- und Fetalperiode gibt die . Tabelle 1.1.

. Tab. 1.1. Terminplan der Entwicklung


Alter (Tage) Somiten Gesamtlänge Anlage und Bildung von
20 1–4 Neuralrohr
25 17–20 2,5 mm Herzanlage pulsiert (22. Tag)
30 34–35 4 mm kraniokaudale Krümmung; Branchialbögen; Urniere; Herzschleife
und embryonaler Kreislauf; vordere Extremitätenknospe
35 42–44 5 mm Lungenknospe, Nachniere, Septierung der Herzen
Alter (Wochen) Scheitel-Steiß-Länge
5. Wo 5 mm Augenbecher, Linsenbläschen; hintere Extremitätenknospe
6. Wo 10 mm Nabelschleife, Branchialbogenapparat umgestaltet, Handplatte;
20 mm Gesichtsbildung
7. Wo 25 mm weibliche bzw. männliche Gonade differenziert; Gaumen-
8. Wo 30 mm bildung; Zahnglocke

10. Wo 50 mm
Alter (Monate) Scheitel-Fersen-Länge
3. Mo 7–9 cm äußeres Genitale differenziert sich, Nabelhernie rückgebildet;
4. Mo 16 cm Muskelreflexe auslösbar
5. Mo 25 cm
6. Mo 30 cm
7. Mo 35 cm Gyrusbildung im Gehirn
8. Mo 40 cm extrauterin lebensfähig
9. Mo 45 cm
10. Mo 50 cm Reifezeichen
Bis einschließlich der 8. Woche spricht man von Embryonalperiode, anschließend von Fetalperiode. Mo: Lunarmonate;
die Zahl der Somiten bezieht sich auf die Somitenpaare. (Schiebler 1997)
16 Kapitel 1 · Allgemeine Embryologie

. Abb. 1.9a–c. Bildung eineiiger


1 Zwillinge. (Schiebler 2005)

1.6.3 Reifezeichen höhlen. Sie verhalten sich so wie bei zweieiigen Zwil-
lingen (. Abb. 1.9a).
Reifezeichen eines Neugeborenen sind: Bei Trennung in der Blastozyste entwickeln sich
4 Mädchen: große Schamlippen überdecken kleine; Zwillinge mit getrennten Amnionhöhlen, aber einer
Jungs: Hoden im Hodensack tastbar, gemeinsamen Chorionhöhle und Plazenta (häufigste
4 Körperlänge: 52–54 cm, Variante, . Abb. 1.9b).
4 Körpergewicht: 3000–3400 g, Bei einer Trennung erst nach Bildung der Amnion-
4 Lage des Nabels: in der Mitte zwischen Proc. xipho- höhle teilen sich die beiden Embryonen alles: die Am-
ideus und Oberrand der Symphyse, nionhöhle, Chorionhöhle und Plazenta (. Abb. 1.9c).
4 Schädelknochen sind hart, Knochenkern-Durch- Zweieiige Zwillinge entwickeln sich durch gleich-
messer in der distalen Femurepiphyse: 4–5 mm. zeitige Befruchtung zweier verschiedener Eizellen. Ge-
netisch verhalten sie sich wie normale Geschwister.

1.7 Mehrlingsbildung,
Mehrfachbildung, Fehlbildung 1.7.2 Mehrfachbildung

1.7.1 Zwillinge, Mehrlinge Bei einer unvollständigen Trennung des Embryoblasten


können die Zwillinge miteinander verwachsen sein
Ein Prozent aller Geburten sind Zwillinge, davon sind (siamesische Zwilllinge).
30% eineiig und 70% zweieiig.
Eineiige Zwillinge entstammen aus einer einzel-
nen befruchteten Eizelle. Sie sind genetisch iden- 1.7.3 Fehlbildungen, Teratologie
tisch.
Bei Trennung im Morula-Stadium entwickeln sich Fehlbildungen sind angeborene morphologische De-
die Embryonen in 2 getrennten Chorion- und Amnion- fekte, die im Prinzip irreversibel sind. Sie kommen ent-
1.7 · Mehrlingsbildung, Mehrfachbildung, Fehlbildung
17 1

weder durch eine Störung bei der Determination des KLINIK


Genoms oder durch exogene, toxische Ursachen zu- Teratome sind Proliferationen von pluripotenten
stande. (embryonalen) Zellen, die sich zu allerlei unter-
schiedlichen Geweben differenzieren können, z. B.
Ursachen und Phasenspezifität aufgrund einer Embryonalentwicklung von Keim-
von Fehlbildungen zellen ohne Befruchtung. (z. B. Zähne im Ovar).
Genetische Ursachen umfassen spontane Genmuta-
tionen, dominant oder rezessiv vererbte Leiden (oft we-
niger morphologisch als biochemische Veränderungen) Intrauterine Infektionen
oder Chromosomenanomalien. Auch Fehlbildungen Bei der Röteln-Embryopathie liegt die sensible Phase
mehrerer Organsysteme sind möglich (Fehlbildungs- für Augenerkrankungen in der 6. Woche, für Herzfehl-
syndrome), z. B. das Down-Syndrom (Trisomie 21). bildungen zwischen der 5. und 10. Woche, für Taubheit
Exogene Schädigungen können auf Medikamente/ um die 9. Woche. Weitere teratogene Wirkungen
Drogen oder intrauterine Infektionen zurückgeführt können sich entfalten sich bei Infektionen mit dem
werden (s. u.). Zytomegalie-Virus, Windpocken (Varicella), Toxoplas-
Allerdings sind die Reaktionen und Auswirkungen mose (Katzen!), HIV, oder Herpes-simplex-Virus.
einer jeweiligen Noxe vom Entwicklungsalter abhän-
gig. Während der Frühentwicklung gilt die Alles-oder- Medikamente/Drogen
nichts-Regel, d. h. entweder stirbt die Frucht ab oder Paradebeispiel ist die teratogene Wirkung von Thalido-
ein Defekt wird durch andere noch pluripotenten Zel- mid (Contergan) für die Entwicklung der Extremitäten.
len ausgeglichen. Der Organismus ist während der Em- Alkoholabusus der Mutter kann zu geistiger Retardie-
bryonalperiode generell am anfälligsten, da dort die rung und kraniofazialen Abnormitäten des Kindes
Organe angelegt werden, sich also in ihrer sensiblen führen. Nikotinabusus führt zur intrauterinen Hypoxie
Entwicklungsphase befinden. mit Minderdurchblutung der Plazenta und resul-
tierender Wachstumsretardierung. Auch radioaktive
Strahlung kann, dosis- und isotopabhängig, Fehlbil-
dungen induzieren (Hiroshima, Tschernobyl).

Fallbeispiel
Eine 25 Jahre junge Frau kommt abends in die Am- Transports in den Operationssaal geht es der Patientin
bulanz und klagt über massive Schmerzen im rechten deutlich schlechter, und während der Narkose-Einlei-
Unterbauch. Sie wird der chirurgischen Abteilung tung durch den Anästhesisten kommt es zum Kreislauf-
zugeteilt. Die diensthabende Assistentin tastet ein schock, der allerdings durch Volumen- und Medikamen-
bretthartes Abdomen und erfährt von der Patientin, tengabe rasch abgefangen werden kann.
dass die Schmerzen plötzlich im rechten Unterbauch Nach Platzierung der Instrumente zeigt sich eine
vor ungefähr einer Stunde begonnen haben. Die deutliche Blutansammlung im Douglas-Raum (dadurch
Schmerzen würden nun immer schlimmer. Auf Nach- die Reizung des Peritoneums) und eine völlig unauffäl-
frage gibt sie an, ihren »Blinddarm« noch zu haben. lige Appendix. Bei weiterer Inspektion zeigt sich eine
Die Patientin krümmt sich auf der Untersuchungs- rupturierte Tuba uterina bei Extrauteringravidität. Die
liege, sodass sich die Ärztin entscheidet, ihr Schmerz- sofort verständigte Oberärztin der Gynäkologie führt
mittel zu verabreichen. die Operation fort und muss die betroffene rechte Tube
Aufgrund der akuten Symptomatik wird die Indi- entfernen. Die linke Tube ist völlig unauffällig. Nach
kation für eine sofortige, zunächst laparoskopische einigen Tagen Krankenhausaufenthalt zur Überwachung
(endoskopische) Operation mit dem Verdacht einer und Antibiotikatherapie kann die Patientin beschwer-
akuten Appendizitis gestellt. Noch während des defrei das Krankenhaus verlassen.
2
19 2

2 Allgemeine Anatomie, Gewebelehre


und Histogenese

Mind Map
Eigentlich beschreibt der Begriff »Anatomie« lediglich Bindegewebe ist das heterogenste Gewebe. Es
eine Methodik, nämlich die Technik des Aufschnei- entsteht aus dem Mesoderm. Es verbindet, was zusam-
dens, während die meisten Anatomen hier eine mengehört (Organe und Gewebe), ist die Stütze des
Gleichsetzung mit »Morphologie« vornehmen. Wie Körpers (Knorpel,- Knochenskelett), unterhält Polizei-
auch immer, gemeint sind wohl die allgemeinen und Geheimdienste (Immunsystem) sowie Speicher-
strukturellen Grundlagen für das Verständnis der systeme (Fettgewebe).
Funktion des Körpers. Dies schließt den makros- Die Spezialität von Muskelgewebe liegt in der
kopischen und mikroskopischen Aufbau ein. aktiven Kontraktionsfähigkeit seiner Zellen, die auf der
Die Gewebelehre (Histologie) beschreibt Form außergewöhnlich hohen Konzentration und dem be-
und Funktionen der unterschiedlichen Gewebearten sonderen Arrangement von kontraktilen filamentären
sowie ihre Entstehung. Zur Zeit unterscheiden wir Proteinen beruht: Aktin und Myosin.
Epithelgewebe, Binde- und Stützgewebe, Muskel- Nervengewebe sind die Spezialisten der Kommuni-
gewebe und Nervengewebe. kation. Ihre Zellen, Neurone, sind geeignet, auch weit
Epithelgewebe sind Oberflächen auskleidende auseinander liegende Regionen miteinander wie eine
Zellverbände. Sie umfassen Oberflächenepithel und Hardware zu verbinden. Sie benötigen ein Heer von
in der Tiefe liegendes Drüsenepithel. Helfern: die Gliazellen.
20 Kapitel 2 · Allgemeine Anatomie, Gewebelehre und Histogenese

2.1 Allgemeine Anatomie

2.1.1 Gestalt
2
Begegnen wir einem Patienten, so fällt auf, dass sich sein
Körper in Kopf (Caput), Hals (Collum), Stamm (Trun-
cus), und Gliedmaßen (Extremitates) gliedern lässt. Bei
der Inspektion können wir eine Vorderseite (Beugeseite)
und eine Hinterseite (Streckseite) unterscheiden. Die
Formen dieser Körperteile begrenzen die Gestalt.

2.1.2 Allgemeine Begriffe

Norm und Variabilität. Körpermaße stehen in einem


bestimmten Verhältnis zur Gesamtmasse des Organis-
mus und unterliegen einer statistischen Normalvertei-
lung. Streuungen können erheblich sein (Variabilität
innerhalb der Norm) und Strukturen können unter-
schiedlich angelegt sein (Varietäten). Dies kann, muss
aber nicht Krankheitswert besitzen. Gewisse Struk-
turen können in einem Organismus normal sein, in
einem anderen sind sie dafür ungewöhnlich (Ge-
schlechtsmerkmale). Der Rüssel ist beim Elefanten
Standard, beim Pantoffeltierchen eher selten.

Symmetrie. Im Prinzip sind wir achsensymmetrisch . Abb. 2.1. Schematische Darstellung des Körpers, der
aufgebaut (nicht genau hinsehen!), was die Einführung 3 Hauptebenen und Hauptachsen. 1 Transversalachse,
2 Sagittalachse, 3 Longitundinalachse, dunkelgraues Raster:
der Begriffe »links« und »rechts« jeweils lateral der
Transversalebene (= Horizontalebene), hell: Median-Sagittal-
Wirbelsäule erfordert. Äußerlich sichtbare Abweichun- ebene, hellgraues Raster: Frontalebene. (Schiebler 1997)
gen von der Symmetrie können Krankheitswert besit-
zen (fehlender Arm), aber auch Ausdruck unterschied-
licher funktioneller Beanspruchung sein. Als Latera- Die Achsen verlaufen wie folgt:
lisation bezeichnet man die funktionelle Dominanz 4 die Sagittalachse auf der Transversalebene von
einer Hälfte. vorne nach hinten,
4 die Transversalachse von rechts nach links (oder
Metamerie. Grundlage des Achsenskeletts ist die Wir- umgekehrt) und
belsäule, deren Segmente das Grundprinzip der Meta- 4 die Longitudinalachse von proximal nach distal (Ex-
merie verdeutlichen. tremitäten) bzw. von oben nach unten (Rumpf).

Achsen und Ebenen. Da die Körperteile im Raum be- Lage- und Richtungsbezeichnungen
weglich sind, wird der Umfang dieser Beweglichkeit zur Es gibt eine Unmenge lateinischer Wortfetzen, die Rich-
Orientierung in Ebenen und Achsen erklärt, die senk- tung und relative Lage beschreiben, die zum Teil nicht
recht aufeinander stehen (. Abb. 2.1). Für die Ebenen einmal eindeutig sind. . Tabelle 2.1 gibt eine Auswahl.
gilt:
4 die Medianebene teilt den Körper in 2 symme-
trische Hälften, 2.1.3 Postnatale Änderung der Gestalt
4 die Sagittalebene ist die Ebene parallel zur Median-
ebene, Körperproportionen; Körpermaße
4 die Frontalebene stellt die Ebene parallel zur Stirn und Geschlechtsdimorphismus
(Frons) dar und Wachstum. Die Volumenzunahme einzelner Zellen
4 die Transversalebene ist die Querschnittsebene zur (Hypertrophie) wird während des Wachstums von ei-
Längsachse. ner Zunahme der Zellzahl begleitet (Hyperplasie).
2.2 · Allgemeine Gewebelehre – Begriffsdefinitionen – Methoden
21 2

. Tab. 2.1. Richtungsbezeichnungen


Allgemeine Richtungsbegriffe Extremitäten
superior oberer Proximalis rumpfnah
inferior unterer Distalis rumpffern
anterior vorderer Ulnaris ellenseitig (kleinfingerwärts)
posterior hinterer Radialis speichenseitig (daumenwärts)
dorsalis rückenwärts (hinten) Palmaris handflächenwärts
ventralis bauchwärts (vorne) Plantaris fußsohlenwärts
cranialis schädelwärts Fibularis zur Wadenbeinseite hin
caudalis schwanzwärts Dorsalis zur Hand-/Fußrücken hin
dexter rechts Nasalis nasenwärts
sinister links Occipitalis zum Hinterkopf hin
internus innen Temporalis schläfenwärts
externus außen
centralis zentral
superficialis oberflächlich
profundus tief
lateralis von der Medianebene weg, seitlich
medialis zur Medianebene hin
medianus in der Medianebene gelegen
longitudinalis längs
transversalis quer

Differenzierung ist ein Prozess, der zu dauerhaften 2.2 Allgemeine Gewebelehre –


Unterschieden zwischen den Zellen eines Individuums Begriffsdefinitionen –
führt (totipotent, pluripotent). Methoden

Änderung der Proportionen. Nach der Geburt ver- Merke


schiebt sich die Wachstumsgeschwindigkeit des Körpers Definition Gewebe: Verband gleichartig differen-
zugunsten des Stamms und der Extremitäten. Beim Er- zierter Zellen mit gleicher Funktion sowie ihrer
wachsenen beträgt die Kopflänge etwa ein Neuntel Abkömmlinge.
der Gesamtlänge; beim Kind aber etwa ein Viertel. Die
relative Körperoberfläche (zum Gesamtvolumen) ist
beim Kind kleiner als beim Erwachsenen. Dies ist ein Histogenese: Ausbildung von Geweben, Entwicklung
Grund dafür, warum Kleinkinder Stürze aus Wolken- undifferenzierter Zellen aus einer Keimschicht zu spe-
kratzern besser überstehen als Erwachsene. zifischen Zellen und Geweben.
Sämtliche Gewebe unterliegen ständigen Verände-
Geschlechtsdimorphismus. Dieser Begriff ist ein feines rungen, die zum Teil auf Anpassungen an veränderte
Wort für die strukturellen Unterschiede zwischen Mann Rahmenbedingungen zurückgeführt werden können
und Frau. Sie basieren auf der Anlage sich unterschied- (. Tab. 2.2).
lich differenzierender primärer Geschlechtsmerkmale
(Geschlechtsorgane). Sekundäre Geschlechtsmerkmale Nekrose, Apoptose: GK Biologie, 7 Kap. 1.16.
bilden sich nach Einsetzen der Geschlechtsreife heraus.
Hierzu zählen: Form der weiblichen Brust, Bartwuchs,
unterschiedliche Verteilung des subkutanen Fetts.
22 Kapitel 2 · Allgemeine Anatomie, Gewebelehre und Histogenese

. Tab. 2.2. Veränderungen von Gewebe mit Beispielen


Begriff Bedeutung Beispiel

2 Hypertrophie Zunahme des Zellvolumens Schwarzeneggers Skelettmuskeln nach Trainingseinheit


Hyperplasie Zunahme der Zellzahl Schilddrüsenfehlfunktionen
Involution Rückbildung eines Gewebes Thymus ab 16. Lebensjahr
Atrophie Abnahme des Zellvolumens Schwarzeneggers Skelettmuskeln nach Wahl zum Gouverneur
Metaplasie Umwandlung einer differenzierten Zell- Bronchialepithel bei Rauchern
population in eine andere
Regeneration Ersatz von Gewebeverlusten Constitutio ad integrum
Degeneration Ersatz vollwertiger Substanz durch eine Leberzirrhose, Narbenbildung
minderwertige

2.2.1 Histologische Techniken nur in Histologiekursen verwendet, weil sie schön bunt,
aber recht aufwändig in der Herstellung sind. Ausnah-
men davon sind die Pappenheim-Färbung von Blut-
Fixierung, Einbettung, Färbung ausstrichen und die Papanicolaou-Färbung in der gynä-
Zunächst müssen die Objekte der Begierde (im folgen- kologischen Zytodiagnostik.
den Präparate genannt) haltbar und gleichmäßig kon- Von einer spezifischen Färbereaktion reden wir
sistent gemacht werden. Gewebe werden nach Ent- erst dann, wenn wir wirklich verstehen, worauf eine
nahme chemisch (z. B. mit formalinhaltigen Lösungen) Anfärbung im Einzelnen beruht, z. B. bei enzymhisto-
oder physikalisch (mit Kälte) fixiert, ggf. gespült, ent- chemischen oder immunhistochemischen Reaktionen
wässert und in ein geeignetes Schneidemedium (z. B. oder der In-situ-Hybridisierung (s. u.).
Paraffin; Tissue Tec) gebracht. Fixierung mit Formalin
führt zu reversibler Vernetzung von Proteinketten und Immunhistochemie
Arretierung von Stoffwechselvorgängen. Nebenwir- Bei immunhistochemischen Verfahren wird ein Antikör-
kungen: Schrumpfung, Entwässerung durch Ethanol per gegen nachzuweisendes Antigen (meist (Glyco-)Pro-
sorgt für Herauslösung lipophiler Substanzen, weshalb tein) aufgebracht, das spezifisch an das Gewebsantigen
z. B. Fettzellen leer oder steroidproduzierende Zellen bindet. Der Antigen-Antikörper-Komplex kann sodann
wabig aussehen (Artefakt!). mit enzymgekoppeltem Zweitantikörper und anschlie-
ßendem Enzymnachweis sichtbar gemacht werden.
Einbettung. Letztlich muss das Objekt in ein Medium Alternativ kann man einfach Fluoreszeine (z. B. FITC,
eingebettet werden, das die Konsistenzunterschiede TRITC) an den Zweitantikörper koppeln (Immunfluo-
unterschiedlicher Gewebe im Präparat ausgleicht. reszenz). Da viele moderne Labors keine Fenster besit-
Frisches Brot mit einer harten Kruste lässt sich schwerer zen, erfreut sich diese Methode zunehmender Beliebt-
schneiden als Brot, das in Paraffin eingegossen ist. heit (Dunkelheit).
Färbung nutzt die Eigenschaft von Gewebskom-
ponenten aus, gewisse chemische Gruppen selektiv zu In-situ-Hybridisierung
binden. Geht es nicht um den Proteinnachweis, sondern z. B.
um den Nachweis eines Gen-Transskripts (mRNA, das
Basophilie – Eosinophilie. Zu den populärsten konven- aber nicht unbedingt in ein Protein translatiert werden
tionellen Routinefärbungen gehört die Hämatoxylin- muss), kommt die In-situ-Hybridisierung zum Einsatz.
Eosin(H.E.-)-Färbung. Hämatoxylin verhält sich wie Komplementäre Einzelstrang-Sequenzen der RNA
eine Base und bindet an basophile Substrate (z. B. Zell- (probes, Sonden) werden »in situ« aufgetragen, d. h. im
kern), Eosin verhält sich wie eine Säure und bindet in Gewebsschnitt. Sie binden an die gesuchte RNA-
abgestuften Rottönen an eosinophiles (azidophiles) Sequenz in der Zelle (Hybridisierung). Diese Nukleo-
Material. tidsequenz muss natürlich markiert werden, damit man
Bindungsaffinitäten anderer Farblösungen (z. B. sie wiederfindet. Der Marker dient als Antigen und
Azan, Mallory-Goldner, etc.) sind etwas schwieriger kann dann in der nachfolgenden immunhistoche-
zu erklären. Diese Trichromfärbungen werden meist mischen Reaktion sichtbar gemacht werden.
2.3 · Epithelgewebe
23 2
Zellkulturen Prüfungsfallstricke
Zellkulturen werden angelegt, um Auswirkungen be-
Achtung Nomenklatur! Es gibt zahlreiche Inkon-
stimmter Eingriffe experimentell an isolierten Zell-
sistenzen im Gebrauch der Nomenklatur; z. B. wird
populationen zu studieren. Einer der Grundgedanken
die Basallamina in den nomina histologica (1989)
war, auf Dauer Tierversuche überflüssig zu machen
anders definiert, hat sich aber nicht durchgesetzt.
bzw. erheblich einzuschränken. Der Vorteil von solchen
Endothel, das auch dem Mesoderm entstammt
Experimenten liegt in der Reduktion »störender« Para-
und eine innere Oberfläche (Blutgefäße) auskleidet,
meter (z. B. Beeinflussung des experimentellen An-
wird von vielen Anatomen (cave: mündl. Prüfung!)
satzes durch andere Zellen oder Kompartimente als die
nicht zu den Epithelien im engeren Sinne gerech-
untersuchten), was aber zugleich ein Nachteil sein
net. Weiterhin wird die Hinterseite der Cornea (be-
kann, denn in vivo verhalten sich die Zellen durch In-
deckt mit einschichtigem flachen Plattenepithel)
teraktionen mit ihren lieben Nachbarn ganz anders.
im klinischen Gebrauch fälschlicherweise mitunter
Neuerdings werden daher »tissue slices« propagiert,
als »Cornea-Endothel« bezeichnet.
die diese Zell-Zell- bzw. Zell-Matrix-Interaktionen be-
rücksichtigen. Allerdings kosten sie jedes Mal wieder
ein Mäuseleben. Ein großer Fortschritt der letzten Jahre
besteht darin, dass man die Reaktionen der Zellen mit Die Basalmembran ist das lichtmikroskopische Äqui-
geeigneten mikroskopischen Verfahren auch lebend valent der elektronenmikroskopisch sichtbaren Basal-
betrachten kann (Vital-Mikroskopie). lamina. Ihre Aufgaben sind: mechanische Halterung,
Diffusionsbarriere für negativ geladene Moleküle (z. B.
Niere). Außer Epithelzellen besitzen noch Muskelzellen
2.3 Epithelgewebe und teilweise Gliazellen eine Basalmembran. Sie glie-
dert sich in:
2.3.1 Prinzipieller Aufbau, Klassifikation 4 Lamina lucida (rara): direkt unterhalb der Plasma-
und Funktion von Epithelien membran, mit der sie durch Laminin und Integrine
verankert ist. Sie erscheint optisch leer.
Epithelien sind Zellverbände mit wenig Interzellular- 4 Lamina densa: gut sichtbar, enthält u. a. Laminin
raum. Sie lassen sich grob in Oberflächenepithel und und Kollagen IV.
Drüsenepithel einteilen, dementsprechend weitgefasst 4 Lamina fibroreticularis: Verbindungszone mit
ist ihr funktionelles Spektrum. dem Bindegewebe. Feine Kollagenfibrillen (Typ III,
Im Vordergrund der Aktivitäten der Oberflächen- reticulär). Gut ausgeprägt im oberen Atemtrakt.
epithelien stehen Abschottungsmaßnahmen (EU-Außen-
grenze; physikalische, chemische Barriere), aber auch KLINIK
selektive Resorption. Bei malignen Entartungen des Epithelzellverban-
Epithelzellen sind polarisiert. Entsprechend unter- des (Karzinomen) durchbrechen die Epithelzellen
scheiden sich die apikalen und basalen Zelloberflächen/ ohne Pass und Visum die Basalmembran (invasives
Zellmembranen. An der Oberfläche werden beispiels- Wachstum).
weise Mikrovilli und Kinozilien unterschieden. Die
basale Seite ruht immer auf einer Basallamina und
kommuniziert mit dem Untergrund (Bindegewebe: Oberflächendifferenzierungen
Lamina propria). Kinozilien: Aufbau aus Mikrotubuli, die innerhalb des
Epithelgewebe leiten sich aus allen 3 Keimblättern Zellkörpers als Triplett in einem Kinetosom verankert
ab. Beispielsweise entstammen die Keratinozyten der sind: 9x3-Struktur. Außerhalb des Zellkörpers befindet
Epidermis dem Ektoderm, das Darmepithel dem Ento- sich der Zilienschaft: 9u2+2-Struktur. Die Mikrotubuli-
derm, und Pleura- bzw. Peritonealepithel dem Meso- Paare sind durch Dynein-Arme verbunden, die die
derm (dann Mesothel genannt). Beweglichkeit garantieren (ATP-abhängig). Im Ver-
Als charakteristische histochemische Marker für band erfolgt eine metachrome Schlagbewegung. Kino-
Epithelzellen gelten Zytokeratine, eine Klasse von Inter- zilien sind ca. 5 μm lang, haben einen Durchmesser
mediärfilamenten (GK Biologie, 7 Kap. 1.13.2). von 250 nm. Vorkommen: z. B. Respirationstrakt, Tuba
uterina.

Mikrovilli: Fingerförmige Ausstülpungen der Zelle bis


zur 30fachen Oberflächenvergrößerung. Mikrovilli die-
24 Kapitel 2 · Allgemeine Anatomie, Gewebelehre und Histogenese

. Tab. 2.3. Zellhaften


Struktur Adhäsions/Brücken- Assoziierte Zyto- Funktion
2 proteine skelettproteine
Tight junction Occludin, Claudin Aktinfilamente Abschottung des Interzellularraums
(Zonula occludens) von Oberflächen
Gap junction (Nexus) Connexine Ionentransfer von Zelle zu Zelle; Aus-
tausch niedermolekularer Substanzen
Desmosom Cadherine: Desmoplakin, Intermediärfilamente Mechanische Kopplung
Desmoglein
Hemisdesmosom Integrine Intermediärfilamente Befestigung von Zellen an der Basal-
membran
Zonula adhaerens, Cadherine/Catenine Aktinfilamente Mechanische Kopplung
Fascia adhaerens
Fokaler Kontakt z. B. Vinculin, Talin Aktinfilamente Zelladhäsion auf Oberflächen
(Punctum adhaerens)

nen meist der Resorption. Einen besonders dichten Merke


Rasen bilden sie im Darmepithel (lichtmikroskopisch
Unterschied Mehrreihigkeit – Mehrschichtigkeit:
als Bürstensaum erkennbar) und in den proximalen
Bei einem mehrreihigen Epithel haben alle Zellen
Nierentubuli. Mikrovilli enthalten Aktinfilamente, sie
Kontakt zur Basalmembran (z. B. Trachea). Bei einem
sind ca.1–2 μm lang und 100 nm dick.
mehrschichtigen Epithel haben die apikalen Zell-
lagen diesen Kontakt verloren (z. B. Epidermis).
Stereozilien: lange (10 μm), unregelmäßig konturierte
Mikrovilli. Sie kommen im Nebenhoden, Samenleiter
und Innenohr vor.
Einschichtige Epithelien
Zellhaften (Junktionen) Einschichtiges Plattenepithel. Niedrige Zellen, im Licht-
Epithelzellen sind durch eine Reihe von Zellhaften mit mikroskop oft nur durch vorgebuckelten Zellkern er-
benachbarten Epithelzellen bzw. der Basalmembran kennbar. Beispiele sind Alveolarepithel (Typ 1), Endo-
verbunden. Sie werden wie in . Tabelle 2.3 dargestellt thel (s. o.), Auskleidungen seröser Häute (Pleura, Peri-
unterschieden. kard, Peritoneum).
Den Komplex von apikalen Zellhaften (Tight junc-
tions, Zonula adhaerens und Desmosomen) kann man Einschichtiges isoprismatisches Epithel. Polygonale
lichtmikroskopisch bei Tangentialschnitten als Schluss- Zellform, Kern mittständig, Vorkommen in Nieren-
leistennetz erkennen. tubuli und Drüsenausführungsgängen.

Einschichtiges hochprismatisches Epithel. Unter-


2.3.2 Oberflächenepithel schiedliche Oberflächendifferenzierung ist möglich.
Mit Kinozilien besetzt findet sich solches Epithel in der
Nach Schichtung der Zellen werden folgende Ober- Tuba uterina; mit dicht stehenden Mikrovilli (Bürsten-
flächenepithelarten unterschieden, die jeweils nach saum) ausgestattet als Darmepithel und in den proxi-
ihrer Form dann weiter differenziert werden können: malen Nierentubuli.
einschichtiges, mehrschichtiges und mehrreihiges
Oberflächenepithel (. Abb. 2.2a–g). Mehrschichtige Epithelien
Einschichtige Epithelien können flach, prisma- Mehrschichtiges unverhorntes Plattenepithel. Nur die
tisch oder hochprismatisch sein. unterste Lage aus prismatischen Zellen hat Kontakt mit
der Basalmembran. Schichtung in Stratum basale, para-
basale, intermedium, superficiale. Vorkommen als Wand-
auskleidung der Körperöffnungen: Mundschleimhaut,
2.3 · Epithelgewebe
25 2

. Abb. 2.2a–g. Übersicht über verschiedene Epithelarten. (Schiebler 1997)


26 Kapitel 2 · Allgemeine Anatomie, Gewebelehre und Histogenese

Ösophagus, Anus, Vestibulum nasi, Vagina; Cornea,


Conjunctiva. 5 Heterogenität der Anfärbbarkeit (Hetero-
Mehrschichtiges verhorntes Plattenepithel ist meist chromasie),
2 flacher als das unverhornte Plattenepithel. Besonders bei 5 Erhöhte Kern-Plasma-Relation (je größer der
strapazierten Oberflächen: Epidermis (7 Kap. 12.1). Kern, desto größer die Proliferationstendenz),
Schichtung in Stratum basale, spinosum (mehrere Lagen 5 Durchbruch durch die Basalmembran (ja/nein)
polygonaler Zellen), granulosum (2–3 Lagen gekörnter und
Zellen: Keratohyalingranula), lucidum und corneum (ab- 5 Anzahl von Mitosefiguren.
gestorbene Keratinozyten).

KLINIK
Ein Übergang von unverhorntem in verhorntes 2.3.3 Drüsenepithelien und Sekretion
Plattenepithel kann Frühstadium einer bösartigen
Entwicklung (Präkanzerose) sein (klinisch: Leuko- Drüsen im klassischen Sinne sind Formationen von Epi-
plakie); kann aber auch auf vermehrte physika- thelzellen, deren Lieblingsbeschäftigung die Bildung
lische Belastung zurückzuführen sein. Eine häufige und Abgabe von Sekreten ist. Unter Sekretion versteht
Ursache für Leukoplakie kann auch oder Pilzbefall man die Ausschleusung von Molekülen aus der Zelle.
(Soor) sein. Häufigste Form der Sekretion ist die Exozytose (ekkri-
ne bzw. merokrine Sekretion), die sich auf hydrophile
Substrate spezialisiert (GK Biologie, 7 Kap. 1.8). Wei-
Mehrschichiges Übergangsepithel (Urothel). Beson- tere Möglichkeit sind die apokrine Sekretion, bei der
derheit: Oberflächliche Schicht ist größer, oft kommen Teile der Zelle zugrunde gehen, oder holokrine Sekre-
polyploide Deckzellen vor, die sich besonders gut den tion, bei der sich die Zelle ganz (holo…) opfert.
großen Volumenveränderungen im Harntrakt (Harn- Sekretion beschränkt sich also nicht auf Epithelzel-
blase) anpassen können. Sie besitzen im apikalen Zell- len, sondern ist eine Leistung nahezu aller Zellen.
kompartiment eine Verdichtung von harnresistenten Sekrete können in Vesikeln zur Plasmamembran
Glycoproteinen (Uroplakine; früher oft missverständ- verfrachtet und kontinuierlich (konstitutionelle Se-
lich »Crusta« genannt). Die »Schichtigkeit« des Uro- kretion) oder aber nur auf besondere Bestellung, d. h.
thels ist allerdings umstritten, da beim Menschen noch zuerst auf Vorrat in Sekretgranula gespeichert und nach
nicht definitiv nachgewiesen wurde, dass die Deck- Stimulation abgegeben werden (regulierte Sekretion).
zellen mit feinen Ausläufern mit der Basalmembran in Letztlich ist jeder Stofftransfer, sei es transmembranale
Kontakt stehen. Ausschleusung lipophiler Substanzen oder Ionentrans-
fer über Pumpen oder Gap junctions, eine Form der
Mehrreihige Epithelien Sekretion.
Mehrreihiges prismatisches Epithel. Zellkerne erschei-
nen in verschiedenen Höhen. Präsenz von Basalzellen Speichermöglichkeiten. Eine Sonderleistung besteht
und undifferenzierten Zellen. Beispiel: Respirations- in der Eigenschaft der Zelle, manche hochwirksamen
epithel. Stoffe (z. B. Hormone) zu hamstern, sie nur bei Bedarf
abzugeben. Insbesondere endokrine Zellen können ne-
KLINIK ben Sekretgranula auch extrazelluläre Pools anlegen,
Epitheliale Tumore sind unterschiedlich weit diffe- z. B. Schilddrüsenfollikel, zum Teil Sekrete auch in
renziert. Eines der Hauptprobleme der Zellkinetik Drosselvenen des Nebennierenmarks für kurze Zeit
von Epithelgeweben ist deren unkontrolliertes zwischenparken.
Wachstum (Proliferation). Verdrängendes Wachs-
tum verläuft meist gutartig, d. h. nicht invasiv und
nicht metastasierend (z. B. Papillome, Adenome). 2.4 Allgemeine Anatomie
Kriterien für Bösartigkeit von epithelialen Tumoren der exokrinen
(Karzinomen) sind: und endokrinen Drüsen
5 zunehmende Dedifferenzierung der Zellen,
5 zunehmende Unterschiede der Zellformen Drüsen sind epitheliale Zellen bzw. Zellverbände meist
(Zellpolymorphie), ektodermaler Herkunft, die Sekret in den Extrazel-
6 lulärraum ausschütten. Exokrine Drüsen sind Ab-
senkungen des Oberflächenepithels ins Bindegewebe.
2.4 · Allgemeine Anatomie der exokrinen und endokrinen Drüsen
27 2

. Abb. 2.3. Drüsenentstehung aus


dem Oberflächenepithel. Exokrine
Drüsen behalten ihre Ausführungs-
gänge. Endokrine Drüsen haben sie
verloren. (Schiebler 2005)

Sie geben ihr Sekret direkt über ein Ausführungsgang- Gestalt der Drüsenendstücke:
system an äußere oder innere Oberflächen ab. Endo- 4 Tubulöse Drüsen verfügen über schlauchförmige,
krine Drüsen haben die direkte Kommunikation mit zum Teil verzweigte Enden; das Lumen ist gut er-
der Außenwelt verloren, hocken in der Tiefe des Binde- kennbar: Beispiel: Endometrium, Schweißdrüsen.
gewebes und geben ihr Sekret als Hormone an das 4 Azinöse Drüsen zeichnen sich durch beerenartige
Blut ab. Endstücke aus. Das Lumen ist kaum erkennbar.
Beispiel: Pankreas.
4 Alveoläre Drüsen: hier ist das Lumen etwas weiter
2.4.1 Exokrine Drüsen als bei azinösen Drüsen. Beipiel: Mamma. Außer-
dem gibt es Kombinationsformen, z. B. tubulo-al-
Die Klassifizierung exokriner Drüsen kann nach veoläre Drüsen.
Art der Sekretausschleusung, der Gestalt der Drüsen
(. Abb. 2.3) und nach Beschaffenheit des Sekrets vorge- Sekretzusammensetzung: Sekrete unterschiedlicher
nommen werden. Drüsen variieren in ihrem Anteil an Wasser, Ionen,
Proteinen, und Muzinen. Dies ist zum Teil morpholo-
Art der Sekretausschüttung: gisch auch in konventionellen Anfärbungen sichtbar:
4 Ekkrine (merokrine) Sekretion. Ausschleusung 4 Seröse Drüsen enthalten wenig Muzine, viel Was-
durch Exozytose (die meisten exokrinen Drüsen ser und besitzen aufgrund der niedrigen Viskosität
verfahren so). eher azinöse Endstücke, und zentral stehende Zell-
4 Apokrine Sekretion: Teilverlust des apikalen An- kerne. Das basale Zytoplasma reagiert basophil;
teils der Zelle. Dies ist gut sichtbar bei den an Fett- apikal sind Sekretgranula sichtbar. Beispiele: Pan-
tropfen reichen Drüsenzellen der laktierenden kreas, Parotis, Tränendrüse.
Mamma. Diese Sekretion wird in manchen Lehr- 4 Muköse Drüsen sind blass und wabig, Zellkerne
büchern auch für die Duftdrüsen (Axilla) beschrie- sind an den basalen Rand gedrückt, das Lumen ist
ben ‒ dort ist sie beim Menschen in den gängigen weit (alveolär bis tubulös). Beispiele: Becherzellen,
histologischen Präparaten jedoch nicht überzeu- Ösophagusdrüsen, Glandula sublingualis. Je vis-
gend nachweisbar (7 Kap. 12.4). köser das Sekret ist, desto schwieriger lässt es sich
4 Holokrine Sekretion geht mit Totalverlust der ausschütten. Als Hilfseinrichtungen dienen seröse
Talgdrüsenelle einher und ist das Paradebeispiel für Drüsenzellen, die in die Endstücke eingelegt sind
den programmierten Zelltod (Apoptose). (sog. Ebner-Halbmonde) und/oder Myoepithel-
28 Kapitel 2 · Allgemeine Anatomie, Gewebelehre und Histogenese

zellen, die (noch innerhalb der Basalmembran) die Wirkungen an Zielzellen entfalten. Die meisten Hor-
Endstücke umzingeln und sie bei Stimulation wie mone sind
eine Zitrone ausquetschen können. 4 Glycoproteine (z. B. Gonadotropine),
2 4 Polypeptide (z. B. Insulin, ADH),
Ausführungsgänge sind nicht einfach nur Schläuche, 4 Steroide (z. B. Geschlechtshormone) oder
die zum Abtransport dienen, sondern auch Modifi- 4 biogene Amine (z. B. Dopamin, Adrenalin).
zierungseinheiten, z. B. für die Zusammensetzung der
Ionen oder Addition wirksamer Substanzen (z. B. Lyso- Allerdings werden auch andere Botenstoffe im weiteren
zym, IgA). Sie besitzen meist ein größeres Lumen und Sinne zu den Hormonen gerechnet, z. B. Zytokine. Vo-
klarer voneinander abgrenzbare Epithelzellen. raussetzung für ihre Wirkung sind Rezeptoren an den
Drüsen sind in Bindegewebe eingebettet und in Zellmembranen (hydrophile Hormone) bzw. im Zyto-
Läppchen abgepackt. Die Gesamtheit der (epithelialen) plasma (Steroidhormone) der Zielzellen.
sekretorisch aktiven Drüsenanteile bezeichnet man als
Drüsenparenchym, das lockere kollagene Bindege-
webe mit Blutgefäßen und Nerven dazwischen als 2.5 Binde- und Stützgewebe
Stroma.
2.5.1 Grundlagen

2.4.2 Endokrine Drüsen (7 Kap. 8.5) Prinzipiell besteht Bindegewebe aus Zellen und im
Unterschied zu anderen Geweben viel Interzellularsub-
Endokrine Drüsen haben während der Entwicklung stanz (extrazelluläre Matrix). Ausnahme ist das Fettge-
den Kontakt zur Oberfläche verloren und geben ihr Se- webe.
kret (Hormone) an das Blut ab (. Abb. 2.3). Endokrine 4 Ortsständige Zellen: Fibrozyten, Fibroblasten, Re-
Drüsen können auftreten als tikulumzellen vom fibroblastischen Typ, Fettzellen.
4 Einzelzellen (z. B. als disseminierte endokrine Zel- Sie bilden die extrazelluläre Matrix. Ein »XYblast«
len des Darm- oder Atemtrakts), ist immer aktiver als ein »XYzyt«, der in differen-
4 eigenständigeendokrineOrgane(z. B.Adenohypo- zierten Geweben nur für den Unterhalt zuständig
physe, Schilddrüse, Nebenniere) oder ist. Im Knochen- bzw. Knorpel übernehmen dies
4 als Teilhaber anderer Funktionseinheiten, z. B. spezialisierte Osteoblasten bzw. Chondroblasten
integriert in Pankreas (Langerhans-Inseln), Gehirn (. Abb. 2.4).
(neuroendokrine Sekretion von Nervenzellen), Re- 4 Freie Bindegewebszellen: Leukozyten, Makropha-
produktionsorganen (Ovar: Follikelepithel; Hoden: gen, Plasmazellen, Mastzellen (. Abb. 2.4).
Leydig-Zwischenzellen). 4 Extrazelluläre Matrix (ECM), deren Zusammen-
setzung das Bindegewebe entscheidend charakteri-
Zu den Begriffen parakrine und autokrine Sekretion siert (. Abb. 2.5). Je nach Spezialisierung muss die
GK Biologie, 7 Kap. 1.17.1. Matrix druckfest, zugfest, rotationsstabil, durch-
lässig und pflegeleicht sein. Sie besteht aus Grund-
Merke substanz und Fasern.
Charakteristisch für endokrine Drüsen ist das
Fehlen von Ausführungsgängen. Steroidbildende Grundsubstanz
Zellen besitzen glattes endoplasmatisches Retiku- Die Grundsubstanz der extrazellulären Matrix (ECM)
lum, sind wabig und hell. Glycoprotein-syntheti- ist lichtmikroskopisch strukturell nicht weiter auflösbar
sierende Drüsenzellen haben einen gut ausgebil- und besteht aus hochmolekularen wasserbindenden
deten Syntheseapparat (raues endoplasmatisches Proteoglycanen: An einer zentralen Polypeptidkette
Retikulum und Golgi-Apparat). sind regelmäßig Polymere von Disaccharideinheiten
angebracht(Glykosaminoglycane;sog.Flaschenbürsten-
struktur) (. Abb. 2.5).
Funktionen der Grundsubstanz sind Wasserspei-
2.4.3 Hormon-Stoffklassen und ihre cher (Aufrechterhaltung des Turgors), Druckresistenz,
morphologischen Korrelate Schmiermittel, Platzhalter für auswandernde Zellen
(Hyaluronan). Vermittler zwischen ECM und Zellen
Hormone sind Verbindungen unterschiedlichster che- sind Adhäsionsproteine (ECM-Glycoproteine), z. B.
mischer Zusammensetzung, die in geringsten Mengen Fibronectin, Laminin, Tenascin.
2.5 · Binde- und Stützgewebe
29 2

. Abb. 2.4. Vereinfachte Übersicht über die Entstehung der die nicht dargestellten Muskelzellen. Die Größenverhältnisse
»freien Zellen« des Bindegewebes (oben) und der ortsständi- der Zellen sind nicht berücksichtigt, z. B. sind Fettzellen,
gen Zellen des Bindegewebes (unten) aus den entsprechen- Megakaryozyten und Osteoklasten relativ viel größer. (Mod.
den Stammzellen. Zu den mesenchymalen Abkömmlingen nach Junqueira 2005)
gehören auch die Endothel- und Mesothelzellen (links) und
30 Kapitel 2 · Allgemeine Anatomie, Gewebelehre und Histogenese

. Abb. 2.5. Schematische Übersicht über die Zusammensetzung von Proteoglycanen am Beispiel der extrazellulären Matrix
des Knorpels

Fasern: Kollagenfasern, Retikulinfasern, genfasern. Die Querstreifung kommt dadurch zustan-


elastische Fasern de, dass die einzelnen Fibrillen jeweils um 67 nm
Kollagenfasern haben einen Durchmesser von ca. versetzt an die Nachbarfibrille angelagert und durch
2–20 μm (. Abb. 2.6). Sie stellen das wichtigste ECM- kovalente Bindungen quervernetzt werden. Nur Kol-
Protein dar, zur Zeit sind 20 verschiedene Kolla- lagene vom Typ I, II, III, V, XI können Fibrillen
gentypen bekannt (. Tab. 2.5, . Abb. 2.6). Synthese bilden.
(GK Biochemie, 7 Kap. 6.11.2): Kollagenmonomere Eigenschaften der Kollagenfasern: sie sind zugfest,
werden von Fibroblasten als Prokollagen zu Dreifach- kaum dehnbar (5% incl. 2% Vordehnung), erscheinen
Helices assembliert und ausgeschleust. Extrazellulär etwas gewellt; unterliegen der größten Zugspannung
erfolgt die Bildung von Kollagenfibrillen (elektro- im Gewebe.
nenmikroskopisch sichtbar) und schließlich zu Kolla- Retikuläre Fasern (Kollagen Typ III; 1 μm Durch-
messer) sind locker und netzartig angeordnet; sie
werden von Retikulumzellen vom fibroblastischen Typ
. Tab. 2.4. Glykosaminoglykane und Proteoglycane gebildet (bilden keine besonders stabilen Faserbündel).
Proteoglycane Vorkommen Selektive Färbung: Silbersalze.
Aggrecan Knorpel
Merke
Perlecan Basallamina
Verwechslungsmöglichkeit Retikulumzelle und
Syndecan Plasmamembran-assoziiert Retikulozyt! Letztere sind kernhaltige Vorläufer
Glycosaminoglycane Vorkommen der Erythrozyten!
Hyaluronan weit verbreitet, z. B. Glaskörper
des Auges
Elastische Fasern (Durchmesser ca. 2 μm) besitzen
Chondroitinsulfat Knorpel
keine ausgeprägte Zugfestigkeit, dafür sind sie dehnbar.
Keratansulfat Knorpel Schlüsselproteine sind Elastin und Fibrillin. Besonders
Dermatansulfat Haut wichtig sind sie als Lamellenwerk in der Arterienwand
(Druckregulation) und als Fasern in vielen anderen
Heparansulfat Basallamina
Organen (z. B. Lunge, Haut, Lig. flavum der Wirbel-
2.5 · Binde- und Stützgewebe
31 2

. Abb. 2.6. Kollagenfaserbildung. Fibroblasten produzieren Prokollagen, das extrazellulär in Tropokollagen umgewandelt
wird. Aggregation bis zu Kollagenfasern. (Schiebler 2005)

. Tab. 2.5. Kollagentypen

Typ Vorkommen (Beispiele) Fibrillen- Vererbliche Defekte resultieren


bildend in z. B.
I Knochen, Sehnen, Bänder, Dentin ja Osteogenesis imperfecta (»Glasknochen-
krankheit«)

II Hyaliner Knorpel, Glaskörper des Auges ja

III Retikuläre Fasern ja Ehlers-Danlos-Syndrom (zerreißbare,


überdehnbare Fasern)

IV Lamina densa der Basalmembran nein

V Bestandteil der retikulären Fasern ja Ehlers-Danlos-Syndrom

VI Muskel-Sehnen-Übergang, Endomysium, Blutgefäße nein

VII Dermo-epidermale Verbindung (ja) Epidermiolysis bullosa (Ablösung der


(Ankerfibrillen) Epidermis; blasenbildend)

VIII Netzwerke; z. B. Descemet-Membran der Cornea nein

IX Hyaliner Knorpel nein

X Wachstumszone des Knorpels (hypertrophe Zone) nein

XI In Fibrillen vom Typ II ja

XII Oberfläche von Typ-I-Fibrillen nein

säule). Sie dienen der Retraktion. Selektive Färbung: Mesenchymales (embryonales) BG ist für die
Resorcin-Fuchsin. pränatale Entwicklung charakteristisch. Mesenchy-
male Zellen sind undifferenziert; aus ihnen können
Muskel-, Endothel- und Vorläuferzellen für Bindege-
2.5.2 Bindegewebsarten webszellen werden. Das mesenchymale BG ist locker,
zellreich und faserarm. Pluripotente mesenchymale
Der überwiegende Faseranteil gibt dem jeweiligen Stammzellen überleben die Geburt und können sich in
Bindegewebe (BG) den Namen: Kollagenes, retikuläres Muskel-, Fett-, Bindegewebs-, Knorpel- oder Knochen-
oder elastisches BG. zellen differenzieren. Sonderform ist das gallertige
32 Kapitel 2 · Allgemeine Anatomie, Gewebelehre und Histogenese

Bindegewebe der Nabelschnur, das bereits mehr Fa- Druckpolsterung (Fußsohle), Wärmeisolation
sern enthält und mechanisch stabiler ist. (Nierenlager), Strukturgebung. Regulation des Li-
Kollagenes BG ist entweder locker oder straff orga- pidstoffwechsels, GK Biochemie, 7 Kap. 4.2.
2 nisiert. 4 Braunes (plurivakuoläres) Fettgewebe. Die pluri-
4 Lockeres kollagenes BG findet man als Verschie- vakuolären Zellen bestehen aus mehreren Fett-
be- und Verbindungsschicht der parenchymatösen vakuolen, sind insgesamt kleiner und für die Wär-
Organe, Gefäß-Nerven-Straßen; seine kollagenen meproduktion zuständig (die braune Farbe beruht
Fasern (überwiegend Typ I) sind locker oder wellig auf dem hohen Gehalt von Cytochromen der vielen
strukturiert. Fibrozyten des ausdifferenzierten kol- Mitochondrien). Vorkommen hauptsächlich bei
lagenen BG nehmen im Vergleich zur Matrix wenig Neugeborenen und Winterschläfern.
Volumen ein, lichtmikroskopisch sind meist nur
die Kerne erkennbar. Die Verteilung des Fettes ist u. a. ein Kennzeichen des
4 Straffes kollagenes BG findet man als Organ- Geschlechtsdimorphismus, ein Hinweis auf die hormo-
und Gelenkkapsel, Sklera, Perichondrium, Periost, nelle Regulation des Fettstoffwechsels.
Muskelfaszien, sowie, in stur paralleler Anordnung
ihrer Faserbündel, auch in Bändern und Sehnen. KLINIK
Fibrozyten kann man hier mit der Lupe suchen, Adipositas: Krankhafte Vermehrung von Fettge-
leider ändern sie auch ihren Namen in Ten(d)ozyten webe (Hypertrophie und Hyperplasie von Fett-
(Flügelzellen). Die hohe Faserdichte sorgt für ver- zellen). Ursachen können Überernährung, Stoff-
minderte Diffusion von Nährstoffen und ist eine wechselstörungen oder persistierende Disziplinie-
Ursache für die schlechte Regenerationskapazität rung von Kleinkindern (und auch Erwachsenen)
der Sehnen bei Rupturen. mit kohlenhydratreichen Genussmitteln sein.

Retikuläres BG ist das Fahndungsnetz der Polizei, d. h.


das Bindegewebe der Organe der Abwehr (lymphoreti-
kuläre Organe). Es besteht aus retikulären Fasern (Kol- 2.5.4 Knorpelgewebe
lagen Typ III) und fibroblastischen Retikulumzellen.
Bewohner des Abwehrnetzes sind freie Zellen (u. a. Knorpelgewebe besteht aus Chondroblasten/Chon-
Lymphozyten, Plasmazellen, Makrophagen), die wie die drozyten und extrazellulärer Matrix. Der hohe Gehalt
Spinne im Netz schnell durch die Maschen eilen kön- von Proteoglycanen (Aggrecan), Hyaluronan und Fa-
nen. Lymphoretikuläre Organe sind Tonsillen, Lymph- sern sorgt für seine Druckelastizität. Chondroitinsul-
knoten, Milz, Knochenmark. Stellenweise kann auch die fat als wichtiges Glycosaminoglycan verursacht maß-
Lamina propria der Schleimhäute (insbesondere der geblich die Basophilie im histologischen Präparat.
Darmschleimhaut) dazugerechnet werden, soweit sie als
oberflächennahes Gewebe an erkennungsdienstlichen Herkunft und Entstehung. Knorpel entsteht direkt aus
Aufgaben mit o. g. Strukturelementen beteiligt ist. dem Mesenchym. Spezialisierte Fibroblasten differen-
zieren sich zu Chondroblasten, die Knorpelmatrix pro-
duzieren. Die noch teilungsaktiven Zellen gruppieren
2.5.3 Fettgewebe sich zu kleinen isogenen Gruppen (interstitielles Wachs-
tum). Diese in ihrer Matrix »eingemauerten« Chondro-
Fettgewebe besteht aus Fettzellen (Adipozyten) und für zyten sind nicht mehr teilungsfähig. Außen umhüllt den
Bindegewebe sehr wenig extrazellulärer Matrix. Adipo- Knorpel eine Bindegewebsschicht (Perichondrium), von
zyten sind von einer Basalmembran und retikulären dem Knorpelzellen nach innen abtropfen (apositionelles
Fasern umgeben, daher im Lichtmikroskop sehr gut Wachstum). Knorpelzellen besitzen einen gut entwickel-
abgrenzbar. ten Syntheseapparat (endoplasmatisches Retikulum und
Golgi-Apparat). Unmittelbar um die Knorpelzellen ist die
Entstehung. Fettgewebe entsteht aus mesenchymalen ECM besonders stark gefärbt (Knorpelhof).
Präadipozyten, die als Stammzellen lebenslang neue Knorpelzellen sind in isogenen Gruppen zusam-
Fettzellen bilden können. Es gibt 2 Formen: mengefasst. Eine solche isogene Gruppe von Knorpel-
4 Weißes (univakuoläres) Fettgewebe. Große zellen plus Knorpelhof heißt auch Chondron bzw.
(100 μm Durchmesser) Zellen, deren Kerne und »Territorium«, die ECM zwischen den Territorien
Organellen siegelringartig an den Rand gedrückt »Interterritorium«. Die Kollagenfibrillen (Typ II) sind
sind; häufigste Form. Aufgaben: Energiespeicher, beim hyalinen Knorpel (s. u.) lichtmikroskopisch nicht
2.5 · Binde- und Stützgewebe
33 2

sichtbar (maskiert), weil sie den gleichen Brechungs- Zellen des Knochens sind:
index wie die ECM haben. Erst bei Wasserentzug (Alter, 4 Mesenchymale Vorläuferzellen, zeitlebens vor-
Degeneration) werden sie als »Asbestfasern« sichtbar. handen,
Dies ist ein Zeichen der Degeneration. 4 Osteoblasten: Funktion: Synthese der organischen
Bestandteile,
Merke 4 polarisierte Zellen: Synthese an der Seite mit Ma-
Knorpel besitzt in der Regel keine Blutgefäße. Er trix, feine zytoplasmatische Fortsätze,
ist ganz auf Diffusion angewiesen (bradytroph). Bei 4 Osteozyten: Zellen von Knochengrundsubstanz
Beschädigung erholt er sich nur langsam, wenn eingeschlossen (Knochenzellhöhle), Fortsätze in
überhaupt. Dies soll nicht darüber hinwegtäuschen, Knochenkanälchen,
dass Chondrozyten enorm aktive Zellen sind! 4 Osteoblastische Osteozyten: Ca-Aufnahme,
4 Osteolytische Osteozyten: Ca-Freisetzung,
4 Osteoklasten: Riesenzellen (8–20 und mehr Zell-
Knorpelarten kerne): Angehörige des mononucleären Phagozy-
Hyaliner Knorpel ist die häufigste Form. Er ist umge- ten-Systems (MPS) sorgen mithilfe saurer Hydro-
ben von einer bindegewebigen Hülle (Perichondrium) lasen (Enzyme zur Auflösung der Knochenmatrix)
bestehend aus Stratum fibrosum und Stratum chondro- für »Fraßspuren« (Howship-Lakunen, s. u).
genicum. Ausnahme: Gelenkknorpel, denn dort würde
ein Bindegewebe nur reiben (7 Kap. 2.7.2). Weiteres Osteoblasten und Osteozyten
Vorkommen: z. B. Obere Atemwege, Rippenknorpel, Osteoblasten und Osteozyten sind die eigentlichen
primitives (embryonales) Skelett. knochenbildenden Zellen. Herkunft: Mesenchym. Sie
Elastischer Knorpel ist zellreicher als hyaliner differenzieren sich unter dem Einfluss von Wachs-
Knorpel und besitzt sichtbare elastische Fasernetze. tumsfaktoren (z. B. fibroblast growth factor; FGF; oder
Eigenschaften: druck- und biege-elastisch. Vorkommen: von Familienmitgliedern der bone morphogenetic
z. B. Epiglottis, Nasenknorpel, Ohrmuschel. proteins; BMPs). Reife Osteoblasten liegen als kons-
Faserknorpel ist der stabilste Knorpel. Er verfügt truktive Bautrupps perlschnurartig am Rande schon
über massive, sichtbare Einlagerungen kollagenen Bin- fertigen Knochens und sezernieren Bestandteile
degewebes (Kollagen Typ I !), nur vereinzelt Chondro- der Knochenmatrix: Kollagen-Typ I-Fibrillen, Proteo-
zyten. Faserknorpel ist zugfest und druckelastisch. Vor- glycane. Sie regulieren die Mineralisation und den
kommen: Anulus fibrosus der Zwischenwirbelscheiben, Knochenumbau (s. a. Osteoklasten). Maß ihrer Syn-
Disci, Menisci, Schambeinsymphyse. theseleistung ist die alkalische Phosphatase. Im Zuge
dieses Bildungsprozesses bilden sie lange Fortsätze aus,
um in der späteren Einmauerung als Osteozyten nicht
2.5.5 Knochengewebe gänzlich isoliert zu sein. Mit diesen Fortsätzen kom-
munizieren sie mit anderen Osteozyten über Gap junc-
Knochengewebe besteht aus knochenbildenden Zellen tions und sind für den Unterhalt des Knochens zu-
(Osteoblasten) bzw. fertigen, »eingemauerten« Knochen- ständig.
zellen (Osteozyten) und mineralisierter extrazellulärer
Matrix. Die Matrix enthält Kollagenfasern (Typ I), Pro- Osteoklasten
teoglycane, und spezifische Glycoproteine (z. B. Osteo- Am anderen Ende nagen knochenabbauende Zellen an
calcin, Osteopontin, Osteonectin). Alle diese organischen der Substanz. Diese Osteoklasten sind mehrkernige
Bestandteile des Knochens werden Osteoid genannt. (8–20 Kerne) Riesenzellen, die aus von Osteoblasten
Das Osteoid wird durch Anlagerung von Kristallen an aktivierten Monozyten-Vorläufern des Blutes fusio-
den Kreuzungsstellen der Kollagenfibrillen mineralisiert. nieren (also ein Synzytium). Sie sezernieren an der
Dadurch bildet sich die fertige Knochensubstanz. knochenzugewandten Seite osteolytische Enzyme (sau-
re Hydrolasen), graben sich wie ein Schlägertrupp in
Merke die Substanz und erzeugen Resorptionslakunen (How-
Der Knochen lebt! Er ist reichlich vaskularisiert und ship-Lakunen).
enorm regenerationsfreudig. Es finden auch am
»fertigen« Knochen ständige Umbauvorgänge
durch Zusammenspiel von Osteoblasten und Osteo-
klasten statt.
34 Kapitel 2 · Allgemeine Anatomie, Gewebelehre und Histogenese

KLINIK
Östrogene hemmen Osteoklasten (und damit
den Knochenabbau). Östrogenmangel wird als ein
2 Faktor bei der Entstehung der Osteoporose im
höheren Lebensalter oder nach Menopause verant-
wortlich gemacht.

Organisation des Knochens

Merke
Zusammensetzung des Knochengewebes:
25% organische Verbindungen (Kollagen-Typ I,
Glycosaminoglycane, Osteocalzin, Osteonectin),
50% Mineralien (50% Phosphat, 35% Calcium –
1 kg!, Knochen enthält 99% des Gesamtkörper-
Calciums, Rest: Mg, Na, F),
25% Wasser (an Apatitkristalle gebunden) und
natürlich Osteoblasten, Osteozyten, Osteo-
klasten (s. u.).

Je nach Entwicklungsstand und Beanspruchung als


tragende Hartsubstanz kann Knochen unterschiedlich
organisiert sein: Geflechtknochen oder Lamellen-
knochen (. Abb. 2.7a).
Lamellenknochen entstehen aus dem Umbau aus
Geflechtknochen und besitzen die höchste Stabilität.
Die funktionelle Einheit ist das Osteon (Havers-System);
vorhanden sind Grundlamellen, 3–7 mm dicke Spezial-
lamellen, Schaltlamellen (angeknabberte Speziallamel-
len). Die Osteone werden durch Volkmann-Kanäle ver-
bunden. Die Kollagenfasern sind in gegenläufigen Spi- . Abb. 2.7a, b. Lamellenknochen (a). Zwischen den Osteonen
ralen angeordnet, was eine Rotationsstabilität bewirkt. befinden sich angefressene alte Elemente, die Schaltlamellen.
Die Osteozyten befinden sich in Knochenkanälchen. Die Ausläufer der Knochenzellen stehen in Kontakt zueinander.
Die Pfeile geben die Richtung des Stoffwechsels an (b). (Schieb-
Lamellenknochen liegt vorwiegend in Kompakta der
ler 2005)
Röhrenknochen vor; die Spongiosa zeichnet sich durch
angeknabberte Lamellen ohne Osteone aus.
Geflechtknochen stellt ein wenig tragfähiges Kno-
chenmodell dar. Die Kollagenfasern sind ungerichtet, chymzellen differenzieren sich zu Osteoblasten, diese
es gibt keine Lamellen und wenig Mineralien. bilden Osteoid, welches anschließend mineralisiert
Das Periost ist die gefäß- und nervenführende wird. Beispiele: Schädelkalotte (nicht Gesichtsschädel!)
(Schmerzfasern) Knochenhaut (7 Kap. 2.7.1). Von hier sowie perichondrale Knochenbildung der Röhren-
aus wächst der Knochen in die Breite (appositionell, knochen (s. u., . Abb. 2.8a).
s. u.) und regeneriert nach Frakturen (Frakturhei- Chondrale Ossifikation bezeichnet die indirekte
lung). Knochenbildung über knorpelige Vorläufer. Sie stellt
die Form der Knochenbildung während der Wachs-
Knochenbildung tumsperiode bei Röhrenknochen dar. Mesenchym-
Herkunft und Entstehung. Knochenbildende Zellen zellen differenzieren sich zu Chondroblasten, diese
(Osteoblasten) kommen aus dem Mesenchym über dif- bauen ein plumpes Knorpelmodell des zukünftigen
ferenzierte fibroblastische Vorläuferzellen. Knochens.
Desmale Ossifikation wird die direkte Knochen- Enchondrale Ossifikation ist die Transformation
bildung aus bindegewebigen Vorstufen genannt. Mesen- des Knorpels in Knochen innerhalb des Knorpels, z. B.
2.5 · Binde- und Stützgewebe
35 2

. Abb. 2.8a, b. Stadien aus der


Entwicklung eines Röhrenknochens.
a Perichondrale Knochenbildung,
b enchondrale Knochenbildung.
(Schiebler 2005)

in der Wachstumsplatte während des Längenwachs- eine desmale Ossifikation, ausgehend vom Stratum
tums der Röhrenknochen. Diese Ossifikation verläuft osteogenicum des Periosts (Dickenwachstum und Aus-
wie folgt: formung der Substantia compacta).
1. Proliferation von Knorpelzellen und Anordnung in Die Wachstumsplatte, sichtbar als Epiphysenzone
Säulen (Säulenknorpel), im heranwachsenden Knochen, bleibt bis zum ca. 18.–
2. Hypertrophie der Chondrozyten (Blasenknor- 22. Lebensjahr unter Einfluss des somatotropen Hor-
pel), mons (STH, GH) geöffnet. Verschlussfördernde Hor-
3. Beginn der Mineralisation der Knorpelmatrix, mone sind z. B. Geschlechtshormone.
4. Eröffnung der Knorpellakunen (Eröffnungszone)
durch Sekretion abbauender Enzyme und VEGF KLINIK
(für Neubildung der Blutgefäße). Anschließend Beim Riesenwuchs bleibt die Epiphysenfuge we-
folgt die Invasion von Osteoblasten und Abwick- gen somatotroper Tumoren der Hypophyse länger
lung des maroden Knorpelrestgewebes durch Chon- als normal geöffnet; das Wachstum läuft beschleu-
droklasten und deren Ersatz durch Spongiosa- nigt ab. Bei der Pubertas praecox schließt sie sich
Bälkchen. vorzeitig. Tumoren der Hypophyse, die sich erst
nach Abschluss des Längenwachstums manifes-
Mit der Perichondralen Ossifikation (»um den Knor- tieren, resultieren nicht in Riesenwuchs, sondern in
pel herum«) ist die Knochenbildung um die primitive Akromegalie (unbotmäßiges Wachstum der Akren:
Knorpelanlage an der Diaphyse der Röhrenknochen Ohren, Unterkiefer, Finger, Nase).
gemeint. Nach Abschluss der Entwicklung ist dies aber
36 Kapitel 2 · Allgemeine Anatomie, Gewebelehre und Histogenese

Kallusbildung
Nach einem Knochenbruch versuchen osteoblastische
Zellen im Periost die Kontinuität des Knochens durch
2 Ausbildung einer bindegewebigen Narbe (Kallus) wie-
derherzustellen. Später erfolgt der Umbau in knorpe-
ligen Kallus und die vollständige Regeneration des knö-
chernen Lamellensystems.

KLINIK
Bei Störungen der Durchknöcherung, etwa durch
übermäßige Bewegungen der Frakturenden oder
Durchblutungsstörungen, kann es zu einer patholo-
gischen Gelenkbildung kommen (Pseudarthrose).

Regulation des Knochenumbaus


Die Knochensubstanz ist der Calciumspeicher (99%
des Calciums); zu beachten ist die große mechanische
Beanspruchung! Parathormon bewirkt eine Calcium-
Mobilisierung (u. a. Osteoklastenaktivierung) aus
dem Knochen. Vitamin D3 dagegen fördert die Osteo-
blastenaktivierung und Calciumresorption in den
Knochen.

KLINIK
Rachitis: Mangel des Vitamin-D-Komplexes führt
zur ungenügenden Mineralisierung des angelegten
Osteoids und reaktiver Vermehrung des Osteoids.

. Abb. 2.9a–c. Vergleich der Muskelzelltypen. a Glatte


Muskelzellen, b quergestreifte Muskelzellen, c Herzmuskel-
2.5.6 Zahnhartsubstanzen (7 Kap. 5.4.4) zellen (Schiebler 2005)

2.6 Muskelgewebe und Myosin sowie assoziierten Proteinen (. Abb.


2.10a–g). Diese sind so arrangiert, dass im Längsschnitt
Herkunft. Muskelzellen entstehen aus differenzierten eine Querstreifung aus anisotropen und isotropen
Mesenchymzellen (Myoblasten) (. Abb. 2.9a–c). Aus- Banden (A-Bande, I-Bande) entsteht. Die dunkle
nahmen: Ektodermale Mm.sphincter und dilatator A-Bande enthält überwiegend Myosin-, aber auch die
pupillae sowie Mm. arrectores pilorum). Enden der Aktinfilamente, die Mitte der A-Bande ist
durch die M-Linie gezeichnet (hier nur Myosinfila-
mente). Die helle I-Bande enthält Aktinfilamente,
2.6.1 Skelettmuskulatur die in der Mitte in der Z-Linie vernetzt sind. Die
Strecke zwischen 2 Z-Linien ist das Sarkomer (Länge
Skelettmuskelzellen sind lang, dick, und vielkernig ca. 2,5 μm). Die Sarkomerketten sind an der Plasma-
(. Tab. 2.6). Sie entstehen aus der Fusion von Myoblas- membran (= Sarkolemm) der Muskelfaser mit dem
ten, sind also Synzytien. Aufgrund ihrer Größe (bis Intermediärfilament Desmin befestigt. Reihenfolge der
150 μm dick und 50 cm lang) wird eine Skelettmuskel- Streifung: Z-I-A-H-M-A-I-Z.
zelle auch als Muskelfaser bezeichnet.
Kontraktionsvorgang: Etwas vereinfacht kann man
Molekularer Aufbau der Myofibrille sich die Kontraktion der Myofibrille als ein Ineinan-
Eine Myofibrille ist die Funktionseinheit der Skelett- dergleiten der benachbarten Aktin- und Myosinfila-
muskelfaser; sie besteht aus den Myofilamenten Aktin mente vorstellen. Dies ist möglich durch die rever-
2.6 · Muskelgewebe
37 2

. Abb. 2.10a–g. Skelettmuskulatur. a Quergestreifte Skelett- te sind miteinander verzahnt. d Querschnitte durch die ver-
muskelzelle. N: Nucleus, I: helle Streifen einer Myofibrille, schiedenen Segmente (I, M, H, A). e Molekularer Aufbau von
A: dunkle Streifen einer Myofibrille. b Myofibrille mit I-, A-, Aktin- und Myosinfilamenten. f Sarkomere in Ruhestellung
H- und Z-Streifen. c Sarkomere von Z- zu Z-Streifen mit ihrer und g bei Kontraktion. (Schiebler 2005)
Gliederung. Dünne Aktinfilamente und dicke Myosinfilamen-

sible Fixierung des beweglichen, aktiven Myosinköpf- motorische Einheiten finden wir in der mimischen
chens an das passive Aktinfilament. Maximal kann Muskulatur oder in den Augenmuskeln; große moto-
sich ein Sarkomer um ca. 50% seiner Ausgangslänge rische Einheiten in der Oberschenkel- oder Rücken-
verkürzen. Dies gelingt aber nicht auf einen Schlag, muskulatur.
sondern durch eine Kette von vielen Schlägen. Jede Unmittelbarer Initiator der Kontraktion der Skelett-
Myosinköpfchenbewegung (hin und zurück) erzeugt muskulatur ist ein ankommendes Aktionspotenzial.
eine Verkürzung des Sarkomers um ca. 10 nm. Nähe- Dies entsteht an der neuromuskulären Synapse, der mo-
res zur »sliding filament theory« GK Physiologie, torischen Endplatte. Jede Muskelfaser besitzt eine mo-
7 Kap. 13.1.1. torische Endplatte. Die Endfüßchen des motorischen
Axons legen sich wie Tellerminen an das Sarkolemm an;
KLINIK die Übertragung des Impulses geschieht durch Poten-
Die Lösung des Myosinköpfchens vom Aktinfila- zialänderung der präsynaptischen Membran. Diese
ment ist leider ATP-abhängig. Kann die dafür not- entlässt Acetylcholin (ACh) in den synaptischen Spalt.
wendige Energie nicht bereitgestellt werden, bleibt Auf der anderen Seite warten ACh-Rezeptoren auf ihr
der Muskel starr (z. B. Totenstarre). Medical Detec- Substrat. Die Bindung an die Rezeptoren führt zu einem
tives können anhand des Einsetzens bzw. Lösens Natriumeinstrom und Kaliumausstrom aus der Muskel-
der Totenstarre, die für jede Muskelgruppe unter- faser.
schiedlich ist, Angaben zum vermutlichen Eintritt Innerhalb der Muskelfaser wird Calcium aus
des Todes machen. dem longitudinal orientierten sarkoplasmatischen Re-
tikulum (L-System) freigesetzt, und es kommt zur
Kontraktion. Das tief in die Faser hineingestülpte
Motorische Einheit – Motorische Endplatte Transversale(T-)System gewährleistet die nahezu
und Elektromechanische Kopplung simultane Kontraktion aller Sarkomere (elektrome-
Eine motorische Einheit besteht aus dem Motoneuron chanische Kopplung) (. Abb. 2.11) (GK Physiologie,
und den von ihm innervierten Muskelfasern. Kleine 7 Kap. 13).
38 Kapitel 2 · Allgemeine Anatomie, Gewebelehre und Histogenese

Regeneration und Wachstum der Skelettmuskel-


fasern. Vorläuferzellen (Satellitenzellen) befinden sich
innerhalb der Basalmembran der Muskelfaser und
2 können bei erhöhtem Bedarf mit der Muskelfaser syn-
zytial verschmelzen.

Muskelspindeln
Muskelspindeln sind Dehnungsrezeptoren, die inner-
halb der Skelettmuskelfaser Informationen über den
Muskeltonus aufnehmen und über Afferenzen (Grup-
pe Ia und II-Fasern) an das Rückenmark weiterleiten.
Intrafusale Fasern der Muskelspindeln sind von einer
bindegewebigen Hülle (Perimysium) umgeben. Zell-
kerne liegen im Zentrum der Fasern, daher auch die
Bezeichnungen »Kernsackfasern« für haufenartige
Anordnung, oder »Kernkettenfasern« für aufgereihte
Anordnung. Efferente Innervation (z. B. Vordehnung
zur Erhöhung der Empfindlichkeit) erfolgt über A-γ-Fa-
sern in der Polnähe der intrafusalen Fasern. Die neuro-
muskulären Synapsen in diesen Tonusfasern sind rela-
tiv primitiv aufgebaut.

2.6.2 Herzmuskulatur
. Abb. 2.11. Aufbau einer quergestreiften Skelettmuskel-
faser. T: transversales System, L: longitudinales System (sarko-
plasmatisches Retikulum). (Schiebler 2005) Herzmuskelzellen (Kardiomyozyten) sind wesentlich
kürzer (ca. 100 μm) als Skelettmuskelfasern (. Tab. 2.6).
Der Kern liegt im Zentrum, das Zytoplasma um die
Merke Kernpole herum sind frei von Myofibrillen (sog. »Sarko-
Im Skelettmuskel wird jeder T-Tubulus von zwei er- plasmakegel«). Manche Myozyten können sich ver-
weiterten Zisternen des L-Tubulus begleitet: Triade. zweigen. Einzelne Muskelzellen sind fingerförmig mit-
Im Herzmuskel trifft nur ein Schlauch des einander verbunden (sog. »funktionelles Synzytium«).
sarkoplasmatischen Retikulums auf einen Lichtmikroskopisch imponiert dies durch Glanzstrei-
T-Tubulus: Dyade. fen (Disci intercalares). Diese mechanischen Kontakte
sind Adhärens-Kontakte (assoziiert mit Aktinfilamen-
ten), gelegentlich Desmosomen (assoziiert mit Des-
Muskelfaserarten min-Filamenten).
Es gibt 2 Arten von Muskelfasern, die in allen Mus- Die Reizübertragung erfolgt über Gap junctions
keln in unterschiedlicher Gewichtung vorkommen. Sie (elektrische Kopplung). Die unterschiedlichen Erre-
können histochemisch über das Vorkommen von mi- gungsleitungsgeschwindigkeiten sind offensichtlich
tochondrialen Enzymen, z. B. Succinatdehydrogenase, durch verschiedene Gap-junction-Proteine (Connexine)
differenziert werden. bedingt.
1. Rote (langsame) Muskelfasern (Typ I) enthalten Vorhofmyozyten sind etwas dünner als die Kam-
nur wenige Myofibrillen, aber viele Mitochondrien mermyozyten. Manche von ihnen sezernieren gefäß-
(viel Succinatdehydrogenase). Sie dienen lang erweiternde Hormone, z. B. das atriale natriuretische
anhaltenden Kontraktionen und kommen z. B. in Peptid (ANP) und beteiligen sich somit an der Blut-
der Rückenmuskulatur vor (und bei Enten: rotes druckgegulation (Vasodilatation und Natriurese).
Fleisch, lange Flüge). Erregungsleitungssystem (7 Kap. 7.5.2, GK Phy-
2. Weiße (schnelle) Muskelfasern (Typ II) enthalten siologie, 7 Kap. 3). Aktionspotenziale werden im Sinus-
viele Myofibrillen und wenige Mitochondrien. Sie knoten des Vorhofs generiert und gelangen über spe-
dienen der schnellen Kontraktion, z. B. in Augen- zialisierte Muskelzellen zum Atrioventrikularknoten
muskeln (und kommen bei Hühnchen vor: weißes (AV-Knoten). Von dort gelangen die Impulse über
Fleisch). AV-Bündel (His-Bündel) zu Kammerschenkeln und
2.7 · Allgemeine Anatomie des Bewegungsapparats
39 2
Sekretion von Extrazellulärmatrix
. Tab. 2.6. Übersicht über Eigenschaften der unterschied-
lichen Muskelzellarten
Komponenten der Extrazellulärmatrix (z. B. Tro-
poelastin, Fibrillin und Kollagen) können in vielen
Skelett- Herzmusku- Glatte Organen von den glatten Muskelzellen anstelle von
muskulatur latur Muskulatur Fibroblasten synthetisiert werden. Entsprechende
Durch- 50–100 μm 10–20 μm 5–10 μm Übergänge von Myozyten zu Fibroblasten (Myofibro-
messer blasten) sind in der arteriellen Gefäßwand von Bedeu-
Zellkerne viele Kerne, zentral, Sarko- zentral tung.
95% sind plasmakegel
randständig
Erregung motorische Erregungslei- Synapsen
2.7 Allgemeine Anatomie
Endplatte tungssystem; »en passant«
des Bewegungsapparats
Gap junctions
Der passive Bewegungsapparat des Menschen besteht
Kontraktion schnell, schnell, nicht langsam,
ermüdbar ermüdbar nicht aus 208–214 Knochen, sowie einer Reihe von Knochen-
ermüdbar verbindungen (Gelenke, Bänder). Diesen passiven Ele-
menten des Halteapparats steht als aktives Element die
Quer- querge- quergestreift nicht quer-
Skelettmuskulatur gegenüber.
streifung streift gestreift
Intermediär- Desmin Desmin Desmin,
filament Vimentin 2.7.1 Knochen
(Gefäßmus-
kelzellen)
Es werden folgende Knochentypen unterschieden:
4 Lange Knochen (Ossa longa), z. B. Röhrenknochen:
Humerus, Femur,
den terminalen Purkinje-Fasern der Kardiomyozyten 4 kurze Knochen (Ossa brevia), z. B. Wirbelkörper,
des Wandmyokards und der Papillarmuskeln. Die re- Handwurzelknochen,
lativ hellen Purkinje-Fasern liegen unter dem Endo- 4 platte Knochen (Ossa plana), z. B. Sternum,
kard und enthalten wenig Myofibrillen und viel Gly- Scapula,
cogen. 4 unregelmäßige Knochen (Ossa irregularia), z. B.
Felsenbein,
4 lufthaltige Knochen (Ossa pneumatica), z. B. Ma-
2.6.3 Glatte Muskulatur xilla und
4 Apophysen, Knochenvorsprünge, die epiphysen-
Glatte Muskelzellen sind spindelförmig, besitzen nah aus eigenständigen Knochenkernen entstan-
den kleinsten Durchmesser (5–10 μm) und einen den sind, Kontakt zum Hauptknochen bekommen
zentralen Zellkern (. Tab. 2.6). »Ursprung« und »An- und als Ansatz für Sehnen dienen, z. B. Trochanter
satz«, d. h. Aufrechterhaltung von Zugspannungen, major des Femur.
ist durch Ankopplung an die Extrazellulärmatrix
durch Integrine gewährleistet. Glatte Muskelzellen ent- Knochenarchitektur. Das Knochengewebe ist an
halten Aktin- und Myosinfilamente, die jedoch nicht verschiedenen Stellen abhängig von der Belastung
so komplex durchorganisiert sind wie bei Skelett- unterschiedlich organisiert. Beispiel Röhrenknochen
muskelzellen. Die Filamente sind in Verdichtungs- (. Abb. 2.12):
zonen im Zytoplasma und an der Zellmembran (An- 4 Epiphysen: Knochenenden mit Gelenkkopf bzw.
heftungsplaques) verankert, insgesamt geflechtartig Gelenkpfanne. Die lamelläre Struktur des belaste-
organisiert. Es gibt keine Sarkomere und keine Quer- ten Knochens ist hier nur ansatzweise in Form eines
streifung. schwammartigen Trabekelwerkes erhalten: Sub-
Die Innervation erfolgt überwiegend neurogen stantia spongiosa.
über das autonome Nervensystem (Transmitter: Nora- 4 Metaphysen (Epiphysenfuge). Im Wachstumsalter
drenalin). Fast jede Zelle ist innerviert. Gap junctions knorpelig verbleibender Übergangsbereich zur
zur elektrischen Kopplung sind im Allgemeinen selten, 4 Diaphyse (Knochenschaft). Diese besteht aus dem
kommen aber bei hormonell regulierter Muskelaktivi- massivsten Anteil des Knochens, der lamellären
tät häufiger vor (Uterus). Substantia compacta.
40 Kapitel 2 · Allgemeine Anatomie, Gewebelehre und Histogenese

. Abb. 2.12. Langer demineralisier-


ter Röhrenknochen nach einem Bad
in verdünnter Kalilauge

4 Die Markhöhle befindet sich inmitten der Dia- Synarthrosen:


physe und enthält beim Erwachsenen Fettgewebe 4 Syndesmosen. Bandhafte Knochenverbindung,
(gelbes Knochenmark) und beim Fetus und Klein- z. B. Membrana interossea (Unterarm- und Unter-
kind blutbildendes Gewebe (rotes Knochenmark; schenkelknochen). Ein Spezialfall sind die Schädel-
7 Kap. 2.11.2). nähte (Suturae). Bänder sind keine Syndesmosen,
sondern dienen meist der Absicherung von echten
Periost (Knochenhaut) Gelenken (s. u.).
Das Periost umgibt den Knochen mit Ausnahme der 4 Synchondrosen. Knorpelhafte Knochenverbin-
Gelenkflächen. Es besteht aus einer äußeren binde- dung, z. B. Zwischenwirbelscheiben, Schambeinsym-
gewebigen Schicht, Stratum fibrosum, und einer dem physe, Epiphysenfugen.
Knochen anliegenden Schicht mit sich differen- 4 Synostosen. Verknöcherte, ehemalig bandhafte
zierenden Osteoblasten, Stratum osteogenicum (Cam- Verbindungen, die überhaupt keine Bewegung
biumschicht). mehr zulassen, z. B. verknöcherte Epiphysenfugen
oder Schädelsuturen.
Blutgefäßversorgung und Nerven des Knochens
Im Periost verlaufen die Blutgefäße, die dann über Diarthrosen (echte Gelenke). Obligate Bestandteile
Foramina nutricia ins Knocheninnere abtauchen und eines echten Gelenks sind:
sich in den Havers-Kanälen der Osteone und den kom- 4 Mindestens 2 Knochenenden (meist Kopf und
munizierenden Volkmann-Kanälen aufzweigen. Pfanne),
Das Knochengewebe enthält keine Schmerzfasern. 4 Gelenkknorpel,
Der Knochenschmerz bei Frakturen oder Entzündun- 4 Gelenkspalt,
gen entsteht durch Beschädigung des Periosts. Gleich- 4 Gelenkschmiere (Synovia) und
wohl verlaufen im Havers-Kanal Nervenfasern zur Re- 4 Gelenkkapsel.
gulierung der Gefäßweite.
Gelenkknorpel ist hyaliner Knorpel, der den Knochen
an den Stellen überzieht, an denen potenzielle Reibungs-
2.7.2 Knochenverbindungen kräfte wirken können (. Abb. 2.13). Er besitzt kein
Perichondrium.
Knochen können mehr oder weniger fest (über Syn- Die Synovia ist eine proteinreiche, hochvisköse
arthrosen) oder beweglich (über Diarthrosen) mitei- Flüssigkeit, die den Gelenkspalt ausfüllt. Sie dient dem
nander verbunden sein. Aufbau von hydrostatischen, möglichst gleichförmig
2.7 · Allgemeine Anatomie des Bewegungsapparats
41 2

. Abb. 2.13. Die Anordnung der Kollagenfasern im Gelenk- möglichen Krafteinwirkung an). Oberflächennah verlaufen
knorpel ist entscheidend für die möglichst ausgeglichene die Fasern bogenförmig, in der Tiefe dann tangential. (Schieb-
Kraftüberleitung auf den Knochen (Pfeile geben Richtung der ler 1997)

Drucken, die auf den distalen Knochenabschnitt wir- KLINIK


ken, sowie als Gleit- und Nährmedium. Da kollagene Fasern bei nachlassendem Zug zur
Die Gelenkkapsel umgibt den Gelenkspalt voll- Schrumpfung neigen, sollten Gelenke nach Frak-
ständig, dichtet ihn gegen die Atmosphäre ab. Sie be- turen besonders bei älteren Patienten nicht allzu
steht aus der äußeren Membrana fibrosa und der lange immobilisiert werden.
inneren Membrana synovialis, die die Synovia pro-
duziert. Je schlaffer die Gelenkkapsel, desto größer der
Bewegungsspielraum im Gelenk. Die Gefäßversorgung erfolgt aus einem periartiku-
Als Hilfseinrichtungen des Gelenks gelten: lären Gefäßnetz, das viele kleinere Gefäße durch die
4 Bänder (Ligamenta). Die meisten Bänder bestehen Kapsel in die Synovialmembran entlässt.
aus kollagenem Bindegewebe und verstärken die
Gelenkkapsel. Sie sind im Periost der beteiligten Gelenktypen
Knochen verankert. Sie hemmen Bewegungen und Wenn Knochenenden, die miteinander artikulieren,
führen das Gelenk. Auch können Sehnen in die Ge- passen, spricht man von einem »kinematischen Paar«.
lenkkapsel einstrahlen, sodass sie diese spannen Die geometrische Form der Gelenke bestimmt ihre
und davor bewahren, etwa selbst im Gelenkspalt Freiheitsgrade, d. h. die Möglichkeiten, sich im Raum
eingequetscht zu werden (z. B. Schultergelenk). über Achsen zu bewegen. Es werden 3 Achsen und ent-
Binnenbänder ziehen durch den Gelenkspalt, z. B. sprechend 3 Freiheitsgrade unterschieden:
Lig. capitis femoris im Hüftgelenk oder die Kreuz- 4 Sagittalachse, für Abduktion und Adduktion,
bänder im Kniegelenk (diese sind jedoch nicht von 4 Longitudinalachse, für Rotationsbewegungen,
Synovialmembran bedeckt). und
4 Disci und Menisci sind faserknorpelige Zwischen- 4 Transversalachse, für Flexion und Extension.
scheiben, die – von hyalinem Knorpel überzogen –
Inkongruenzen von Gelenkflächen auskleiden, z. B. Beim Kugelgelenk (Articulatio spheroidea, z. B. Schul-
Menisci semilunares im Kniegelenk. Auch können tergelenk, oder Hüftgelenk als Sonderform des Kugel-
große Gelenkhöhlen durch Disci kompartimentiert gelenks) stehen alle 3 Achsen im rechten Winkel zu-
werden, z. B. Kiefergelenk oder Radiocarpalgelenk. einander.
4 Faserknorpelige Gelenklippen (Labra articularia)
setzen die knöcherne Gelenkpfanne bei manchen
Gelenken fort und vergrößern die Kontaktfläche
von Kopf und Pfanne (z. B. Schultergelenk und
Hüftgelenk).
42 Kapitel 2 · Allgemeine Anatomie, Gewebelehre und Histogenese

Merke
notiert, wenn bei der Bewegung die Neutral-
Nicht alle anatomischen Kugelgelenke besitzen
Null-Stellung durchlaufen werden kann (also ist
auch 3 Freiheitsgrade; z. B. haben die Metacarpo-
2 pharyngealgelenke zwar eine Kugelform, können
die zweite Zahl eine »0«).Die dritte Zahl bezieht
sich auf den maximalen Ausschlag der Bewe-
sich aufgrund der Hemmung der Seitenbänder
gung, die zum Körper hin aus der Neutral-Null-
aber nur um 2 Achsen bewegen. Die Rotation der
Stellung heraus ausgeführt werden kann.
Finger ist physiologisch nicht möglich.

Ellipsoidgelenk (Articulatio ellipsoidea, Eigelenk, z. B. 2.7.3 Skelettmuskeln


Atlanto-occipitalgelenk, Carporadialgelenk): Die senk-
recht aufeinander stehenden Achsen sind unterschied- Allgemeiner Muskelaufbau, Ursprung, Ansatz
lich lang; eine Rotationsbewegung ist ausgeschlossen. Ein Skelettmuskel besteht aus einem Muskelbauch,
Walzengelenke (Articulatio cylindricae; z. B. Schar- dessen Faserbündel von einer bindegewebigen Hülle
niergelenk, Radgelenk): (Faszie) umgeben sind. Diese läuft in Sehnen aus, die
4 Scharniergelenk (Ginglymus): einachsiges Gelenk den Muskel über Ursprung und Ansatz befestigen
mit einem Freiheitsgrad, z. B. Articulatio humero- (meist an Knochen). Ursprung (Punctum fixum) und
ulnaris, Ansatz (Punctum mobile) sind grundsätzlich aus-
4 Radgelenk (Articulatio trochoidea): ebenfalls ein- tauschbar.
achsig, jedoch um Longitudinalachse drehbar (Ro-
tation; z. B. Articulatio radioulnaris proximalis). Bindegewebe der Skelettmuskulatur
Skelettmuskelfasern sind bindegewebig kompartimen-
Ebene Gelenke (Articulatio plana) haben keine Dreh- tiert. Innerhalb der Faszie liegt das etwas lockerere Epi-
achse, Bewegungen sind aber in allen Richtungen be- mysium dem Muskel auf. Größere Muskelgruppen
schränkt möglich (z. B. Articulatio intervertebrales) können in Muskellogen kompartimentiert werden.

KLINIK KLINIK
Zur Funktionsprüfung der Gelenke bedient man Das lockere subfasziale Bindegewebe kann als
sich der Neutral-Null-Methode. Sie dokumentiert Leitstruktur für Abszesse oder Hämatome dienen,
die Gelenkstellung und die Gelenkbeweglichkeit die sich entlang dieser Strukturen ausbreiten.
in Grad. Als Ausgangsstellung steht oder liegt der
Patient, die Arme hängen herab oder sind fußwärts
gerichtet, die Beine und Füße liegen parallel zu- In die Tiefe einstrahlende Bindegewebsblätter umge-
einander, beide Daumen sind nach ventral gerich- ben als Perimysium die Sekundärbündel von Muskel-
tet. Für die Untersuchung gelten folgende Regeln: fasern. Diese sind als Primärbündel durch Endomysium
5 Sagittal-Frontal-Transversal-Regel (SFT): Als abgeteilt.
Ausgang gilt die Neutral-Null-Stellung. Von
hier aus werden die Bewegungen zuerst in Bau der Sehnen und Aponeurosen
der Sagittalebene (Vorführen und Rückführen Sehnen (Tendines) übertragen die Kraft des Muskels
der Extremität), dann in der Frontalebene auf den Knochen. Ihre Form ist variabel, zeichnet sich
(Heranführen der Extremität an den Körper aber immer durch Zugfestigkeit aus. Flächenhafte
und seitwärts Wegführen vom Körper) und Sehnen heißen Aponeurosen. Bindegewebsfasern der
schließlich in der Transversalebene (rotierende Sehnen inserieren über das Periost als Sharpey-Fasern
Bewegung) ausgeführt. in die Corticalis des Knochens.
5 Weg-Hin-Regel: Die Bewegungen in den ein- Hypomochlien sind knöcherne Widerlager, die
zelnen Ebenen müssen dann mit 3 Zahlen den Verlauf der Sehne umlenken, um eine Änderung
dokumentiert werden. Die erste Zahl bezieht der Zugrichtung oder die Lage der Sehne zu der Längs-
sich auf den maximalen Ausschlag der Bewe- achse des Muskels zu verändern (z. B. Patella).
gung, die vom Körper weg (aus der Ausgangs- Schleimbeutel (Bursae synoviales) enthalten Syno-
stellung) ausgeführt wird. Die zweite Zahl wird vialflüssigkeit und vermindern Reibungen, insbeson-
6 dere an Stellen, wo sich Richtungsänderungen der Seh-
nenführung ergeben (Gelenknähe).
2.8 · Nervengewebe
43 2

Sehnenscheiden (Vaginae tendinum) umgeben Muskelmechanik


Sehnen röhrenförmig über eine längere Strecke hoher Die Hubkraft ist proportional zur Anzahl der Muskel-
Beanspruchung. Synovialflüssigkeit befindet sich in fasern. Die Hubhöhe dagegen hängt von der Länge der
einem Spalt zwischen dem inneren und äußeren Blatt Fasern ab.
des Stratum synoviale. Umgeben wird das Gleitpolster Der physiologische Querschnitt entspricht der Quer-
vom Stratum fibrosum, das mit dem Periost des Kno- schnittsfläche aller Fasern eines Muskels. Aus ihm lässt
chens fest verbunden ist. sich die Muskelkraft berechnen (im M. biceps brachii
Retinacula sind bindegewebige Quervernetzungen entspricht ca. 1 cm2 der Kontraktionskraft von 50 N).
zur effektiven Sehnenführung, z. B. Retinaculum exten- Der anatomische Querschnitt entspricht dem
sorum digitorum. Muskeldurchmesser an seiner dicksten Stelle (Muskel-
bauch). Er nimmt auf Verlauf und Anzahl der Muskel-
Faszien fasern keine Rücksicht und ist daher kein Maß für die
Faszien sind Mäntel aus straffem kollagenen Bindege- Muskelkraft. Lediglich in spindelförmigen Muskeln ist
webe, die die Muskeln einkleiden und einreibungsfreies der physiologische Querschnitt mit dem anatomischen
Gleiten gegenüber anderen benachbarten Strukturen identisch.
ermöglichen, z. B. Haut oder andere Muskeln. An den Die Muskelarbeit ist das Produkt aus Hubhöhe
Extremitäten geben sie Septen in die Tiefe ab und kom- und Sehnenkraft (die von Muskelkraft und Fiederungs-
partimentieren so Muskellogen. winkel abhängt).
Der Tonus ist die Spannung der Muskelfasern. Er
Merke wird über Muskelspindeln reguliert.
Die mimische Muskulatur besitzt keine 4 Bei einer isometrischen Kontraktion bleibt die Län-
Faszien! ge des Muskels konstant, der Tonus verändert sich.
4 Bei einer isotonischen Kontraktion verändert sich
die Länge, der Tonus bleibt gleich.
Muskelformen, Fiederung
Abhängig vom Verlauf der Muskelfasern werden ge- Haltemuskeln gewährleisten eine gleich bleibende
fiederte und nichtgefiederte Muskeln unterschie- Länge des Skelettabschnittes, z. B. kleine Fußmuskeln,
den. Die meisten der ca. 300 Muskeln sind nichtge- autochthone Rückenmuskeln, Bauchmuskeln. Bewe-
fiedert. gungsmuskeln dienen der Fortbewegung bzw. Längen-
Zu den nichtgefiederten Muskeln gehören: veränderung, z. B. Armbeuger.
1. Spindelförmiger Muskel (M. fusiformis). Spezial- Bei aktiver Insuffizienz reicht die Verkürzungs-
formen sind spindelförmige Muskeln, die mehrere fähigkeit eines meist mehrgelenkigen Muskels nicht
Ursprungsköpfe und eine Ansatzsehne besitzen aus, um Bewegungen in allen Gelenken durchzuführen.
(mehrköpfige Muskeln): M. biceps, triceps, qua- Beispiel: M. deltoideus (eingelenkig) benötigt zur Ab-
driceps. Zweibäuchige Muskeln sind durch eine duktion des Oberarms den M. supraspinatus. Allein
Zwischensehne getrennt: M. digastricus. schafft er es nicht. Ischiocrurale Muskeln (zweige-
2. Platter Muskel (M. planus). Platte Muskeln sind lenkig) können bei Streckung des Beins im Hüftgelenk
flach, meist viereckig (M. quadratus), gehen in flä- das Kniegelenk nicht vollständig beugen.
chenhafte Sehnen, Aponeurosen, über.
3. Ringmuskeln (M. orbicularis) und Sphinkteren Passive Insuffizienz: Ein Muskel kann nicht maximal
(M. sphincter) sind ringförmig um Körperöff- kontrahieren, weil der Antagonist nicht ausreichend
nungen gruppiert, dienen der Mimik (z. B. M. or- gedehnt werden kann. Beispiel: Beugung des Beins im
bicularis oculi) bzw. dem Organverschluss Hüftgelenk wird behindert durch die mangelhafte Deh-
(M. sphincter ani externus). nungsfähigkeit der ischiocruralen Muskelgruppe.
Synergisten sind Muskeln, die auf ein Gelenk
Gefiederte Muskeln. Bei einfach gefiederten (M. uni- gleichsinnig einwirken; Antagonisten sind Muskeln,
pennatus) oder doppelt gefiederten Muskeln (M. bi- die demgegenüber eine gegensinnige Aktion auslösen.
pennatus) verlaufen die Fasern nicht parallel, sondern
in einem bestimmten Winkel zur Ansatzsehne. Je
größer dieser Winkel (Fiederungswinkel) ist, desto ge- 2.8 Nervengewebe
ringer ist die Hubkraft.
Die Strukturen des Nervensystems entwickeln sich aus
dem Ektoderm, sind also Derivate von Epithelgeweben.
44 Kapitel 2 · Allgemeine Anatomie, Gewebelehre und Histogenese

Aus dem Neuralrohr entwickelt sich das zentrale Ner-


vensystem um die späteren Ventrikel des Gehirns. Ab-
tropfende Zellen des dorsolateralen Randes des Neural-
2 rohrs bilden die Neuralleiste, aus dem das periphere
Nervensystem sowie einige andere Zellen, u. a. sämt-
liche Strukturen des Kopfmesenchyms, hervorgehen.
Die wichtigsten zellulären Bestandteile stammen
von Vorläuferzellen ab: Neuroblasten und Glioblasten,
die sich teilen und in postmitotische Nervenzellen und
Gliazellen differenzieren. Nervenzellen sind generell
nicht mehr teilungsfähig. Ausnahmen: Zellen des olfak-
torischen Systems wie Riechepithelzellen und Neurone
des »rostral migratory stream« sowie hippocampale
Neurone.

Merke
Gliazellen bleiben teilungsfähig und können ent-
arten (Gliome, Glioblastome).

Weg- und Zielfindung der Wachstumsrichtung von


Neuronen wird durch anlockende (z. B. Netrine) bzw.
abstoßende (z. B. Semaphorine) Signale reguliert. Wei-
terhin sezernieren ektodermale oder mesenchymale
Zellen der Zielgebiete eine Reihe von Nervenwachs-
tumsfaktoren, z. B. BDNF, NGF, NT3, bFGF, deren
. Abb. 2.14. Elektronenmikroskopische Darstellung des
Rezeptoren in den Wachstumskegeln der Neurone
Perikaryons einer multipolaren Nervenzelle. 1: Axodendriti-
liegen.
sche Synapse, 2: Axosomatische Synapse, 3: axoaxonale
Synapse. (Schiebler 2005)
Merke
Neurone brauchen zum Erreichen des Zielgebiets
sowie zur Verhinderung ihrer eigenen Degenera- dem Initialsegment des Axons. Neurone bilden Struk-
tion Wachstumsfaktoren. turproteine für die Erhaltung der Zelle und Transmitter
(Überträgerstoffe), die über Neurotubuli an die Endver-
zweigungen des Axons transportiert werden, um dann
an den Synapsen Signale chemisch weiterzuleiten.
2.8.1 Neurone
Synapsen
Es werden nach der Anzahl der Fortsätze folgende Neu- Es gibt elektrische Synapsen (im Prinzip gehören Gap
rone unterschieden: junctions dazu; besonders effiziente Dichte entwickeln
1. Unipolare Neurone (selten), diese beim Zitteraal) sowie chemische Synapsen. Che-
2. pseudounipolare Neurone (z. B. Spinalganglien), mische Synapsen sind die Orte, an denen die Reiz-
3. bipolare Neurone (z. B. Sinnesrezeptorzellen) und weiterleitung von einer Zelle auf die andere mithilfe
4. multipolare Neurone (am häufigsten) (. Abb. 2.14). einer Transmittersubstanz erfolgt.

Mittelpunkt des Neurons ist der Zellleib, das Perikaryon. Merke


Afferente Zellausläufer, also solche, die zu ihm hinfüh- Eine Synapse besteht aus einer präsynaptischen
ren, heißen Dendriten, und der (einzige!) efferente Aus- Membran, einer postsynaptischen Membran und
läufer, der also von ihm wegführt, ist das Axon. einem synaptischen Spalt.
Neurone besitzen einen gut ausgeprägten Synthese-
apparat, den man mit bestimmten Farbstoffen als Nissl-
Substanz (raues ER) sichtbar machen kann. rER befin- Je nach Partner des Axons werden folgende Synapsen
det sich in Dendriten, jedoch nicht im Ursprungskegel, unterschieden:
2.8 · Nervengewebe
45 2

4 neuro-muskuläre Synapsen (auch Motorische End- KLINIK


platte genannt), »Falsche« Transmitter können den Rezeptor
4 neuro-epitheliale (Nerv- Epithelzelle) und blockieren. Von südamerikanischen Pfeilgiftjägern
4 neuro-neuronale Synapsen. und zivilisierten Anästhesisten gern genutzte
Substanz ist Curare, das den Rezeptor für den
Letztere können sich praktisch an allen Ecken und Enden Transmitter Acetylcholin an der postsynaptischen
des Nerven ausbilden und sind höchst plastisch: Membran besetzt, ohne eine Wirkung hervorzu-
4 axosomatische Synapsen, rufen (kompetitive Hemmung).
4 axodendritische Synapsen,
4 axoaxonale Synapsen, und
4 dendrodendritische Synapsen. Neurotransmitter gehören verschiedenen chemischen
Klassen an und können die synaptische Wirkung be-
Weiter gibt es Synapsen en passant, die als kleine Knöt- stimmen.
chen (Varikositäten) entlang dem Nerventerminal auf-
treten. Degeneration und Regeneration. Nervenzellen kön-
Synapsen en distant zeichnen sich durch einen viel nen in der Regel nicht regenerieren, da sie postmito-
breiteren synaptischen Spalt aus. Sie kommen oft im tisch sind (s. o.). Als sichtbares Zeichen degenerativer
vegetativen Nervensystem vor (z. B. autonome Inner- Vorgänge werden paraplasmatische Einschlüsse gehor-
vation der glatten Muskulatur). tet, z. B. Lipofuszin. Bestandteile des Neurotubulussys-
tems, tau-Proteine werden bei der Alzheimer-Krank-
Gemeinsame Merkmale: Präsynaptische Auftreibung heit angehäuft.
des Axons mit präsynaptischen Vesikeln, die Trans-
mitter enthalten (. Tab. 2.7). Diese gelangen nach Depo- Axonaler Transport. Es gibt einen vorwärtsgerichteten
larisierung der Axonmembran und nachfolgendem (anterograden) und einen rückwärtsgerichteten (retro-
Calciumeinstrom in die präsynaptische Endigung in graden) axonalen Transport:
den synaptischen Spalt. Von dort können sie an geeig- 4 schneller anterograder Transport: Mitochondrien,
nete Rezeptoren der postsynaptischen Membran bin- Vesikel, Neurotubuli-vermittelt: 40 cm/Tag,
den und so den »Schlüssel ins Schloss stecken«. Dreht 4 langsamer anterograder Transport: gelöste Proteine:
er sich um, gibt es eine Depolarisation der Membran 4 mm/Tag und
der Partnerzelle, d. h. es kommt zu einer Exzitation. 4 retrograder Transport: Recycling von Axonmüll:
Dreht er sich nicht um, gibt es eine Hyperpolarisation, 20 cm/Tag.
d. h. eine Inhibition. Anschließend wird der Trans-
mitter im synaptischen Spalt enzymatisch zerlegt und
recycelt. 2.8.2 Gliazellen

Gliazellen haben vielfältige Ernährungs- und Stützfunk-


. Tab. 2.7. Transmitter, ihre Rezeptoren und Wirkungen tionen. Es gibt etwa 10-mal mehr Gliazellen als Nerven-
zellen, mit denen sie eine unzertrennliche Symbiose
Transmitter Rezeptor Wirkung
bilden.
Acetylcholin nikotinisch Exzitation
muscarinisch Exzitation, Inhibition Merke
GABA GABA A schnelle Inhibition Gliazellen werden in Makroglia (Astrozyten, Oligo-
GABA B langsame Inhibition dendrozyten) sowie Mikroglia (Hortega-Zellen,
Dopamin D1 Zunahme der Erregbarkeit Mesoglia: Abwehrzellen, aus dem Mesoderm ein-
D2 Abnahme der Erregbarkeit gewandert) unterteilt.
Serotonin 5-HT1 Inhibition
5-HT2 Zunahme von Inhibition
und Exzitation Die häufigsten Gliazellen im ZNS sind Astrozyten. Sie
Noradrenalin α1, ß1, ß2 Zunahme der Erregbarkeit
enthalten GFAP (glial fibrillary acidic protein), betei-
α2 Abnahme der Erregbarkeit ligen sich bei Energieversorgung von Neuronen, ionaler
Balance und bilden Wachstumsfaktoren.
Glutamat AMPA, Exzitation
NMDA
46 Kapitel 2 · Allgemeine Anatomie, Gewebelehre und Histogenese

. Abb. 2.15. Entwicklung der Markscheide im peripheren Nervenssystem. (Schiebler 2005)

Merke 2.8.3 Nervenfaser


Die Blut-Hirn-Schranke wird im Wesentlichen durch
Tight junctions des Kapillarendothels definiert, »Nervenfasern« sind lange Nervenzellfortsätze, die ab-
weniger durch Astrozyten! hängig von ihrem Durchmesser zunächst meist myeli-
nisiert sind und in der Peripherie kurz vor ihrem Ziel-
gebiet die Markscheide verlieren.
Oligodendrozyten sind Gliazellen, die Myelinscheiden
(Markscheiden) bilden. Ihr Zellkörper ist kleiner als Merke
der von Astrozyten. Sie besitzen mehrere markschei- Die Markscheide eines peripheren Nerven wird
denbildende Fortsätze, im Gegensatz zur myelinisie- von Schwann-Zellen gebildet, und die des ZNS von
renden Schwann-Zelle des Peripheren Nervensystems Oligodendrozyten.
(PNS), die nur einen markscheidenbildenden Fort-
satz hat.
Schwann-Zellen sind Gliazellen des PNS. Sie Der Einhüllungsbereich einer einzelnen Gliazelle
können entweder Markscheiden bilden (. Abb. 2.15) entspricht dem Internodium, welches von 2 Ranvier-
oder verhalten sich als »nicht-markscheidenbildende« Schnürringen begrenzt ist (. Abb. 2.16). Dort ist die
Schwann-Zelle ähnlich wie Astrozyten des ZNS. Eine Natriumkanaldichte extrem hoch, die Erregung springt
Sonderform der nichtmyelinisierenden Schwann-Zelle von Schnürring zu Schnürring (saltatorische Erre-
ist die Ammenzelle (Mantelzelle, Satellitenzelle) der gungsleitung).
Spinalgangien. Die Stärke der Myelinisierung hat Einfluss auf die
Mikrogliazellen (Hortegazellen) gehören als Ma- Leitungsgeschwindigkeit (. Tab. 2.8). Bis zu einer ge-
krophagen dem mononucleären phagozytären System wissen Grenze gilt: je dicker die Markscheide, desto
(MPS) an. schneller die Leitungsgeschwindigkeit (GK Physio-
Ependymzellen sind kinozilientragende Epithel- logie, 7 Kap. 15). Auch unmyelinisierte Nervenfasern
zellen, die die Ventrikelwand auskleiden. Sie sind das genießen die Ummantelung durch Gliazellen, aller-
morphologische Substrat der Blut-Liquor-Schranke dings ohne Mehrfachwicklungen.
(nicht so dicht wie die Blut-Hirn-Schranke).

Glia und Degeneration 2.9 Allgemeine Anatomie


Bei Durchtrennung eines peripheren Nerven kommt es des Nervensystems
zur anterograden Degeneration (d. h. der distale Axon-
anteil degeneriert, mit Einwanderung von Makropha- Das Nervensystem arbeitet als großer Kommunikator
gen; Waller-Degeneration), evtl. auch zur retrograden zwischen den Körperwelten, um lang- und kurzfris-
Degeneration. Als Reaktion vermehren sich überleben- tige Änderungen in den Beziehungen zur Außenwelt
de Schwann-Zellen und bilden ein Gliagerüst für die Rechnung tragen zu können, aber auch bei internen
Neuaussprossung der Axone, vorausgesetzt, das Perika- Konflikten zu vermitteln. Es bedient sich dabei einer
ryon hat die Attacke überlebt. »Rechenzentrale« (Gehirn, Rückenmark), einigen
2.9 · Allgemeine Anatomie des Nervensystems
47 2

. Abb. 2.16. Ranvier-Schnürring


(oben rechts lichtmikroskopisch,
sonst elektronenmikroskopisch).
(Schiebler 2005)

. Tab. 2.8. Klassifizierung der Nervenfasern nach Durchmesser (nach Erlanger u. Gasser)
Fasertyp Nervenfaserdurch- Leitungsge- Vorkommen
messer (μm) schwindigkeit (m/s)
Aα 10–20 70–120 Motorische Fasern zur Skelettmuskulatur
Aβ 8 30–70 Hautafferenzen Berührung/Druck
Aγ 5 15–30 Motorische Fasern zu Muskelspindeln
Aδ 2–4 12–30 Hautafferenzen Temperatur/Schmerz
B 1–3 3–15 Viszeroefferenzen, Viszeroafferenzen
C 1 0,5–2,5 Postganglionäre Viszeroefferenzen

peripheren Relaisstationen (periphere Ganglien) sowie 2.9.1 Übergeordnete Gliederungen


einer Reihe von Mechanismen, die Kunden (Zielge- und allgemeine Begriffe
biete) miteinander verbinden: Zu dieser Hardware ge-
hören Kabelleitungen (Nervenfasern) und persönlicher Nervengewebe organisiert sich im zentralen Nerven-
Service (»Neurosekretion« über Hormone). system (ZNS: Gehirn und Rückenmark) und periphe-
Zur Effizienzsteigerung und antibürokratischen ren Nervensystem (PNS: restliches Nervengewebe).
Entflechtung erlaubt das System einen gewissen Föde- Weiterhin kann man darin ein somatisches (anima-
ralismus, z. B. lokale Autonomien wie Reflexe, deren lisches) gegen ein viszerales (vegetatives, autonomes)
Auswirkungen freilich sekundär der Zentrale mitgeteilt Nervensystem abgrenzen.
werden. Als zusätzliche Betriebssysteme sind autonome Afferente Neurone (meist sensible) führen Infor-
Programme installiert, auf die der normale User keine mation von der Peripherie in die Zentrale, und effe-
direkte Zugriffsberechtigung hat (z. B. autonomes Ner- rente Neurone (motorische oder autonome) führen
vensystem). Information von der Zentrale in die Peripherie.
Das ZNS besteht aus Rinde (Cortex, sog. graue
Substanz) und Mark (Medulla, sog. weiße Substanz).
48 Kapitel 2 · Allgemeine Anatomie, Gewebelehre und Histogenese

Der Cortex ist je nach Herkunft und Alter des Hirn- 4 5 Sakralnerven und
areals unterschiedlich geschichtet (laminiert). Die 4 1–3 Cocczygealnerven.
makroskopisch weiße Erscheinung der Medulla ist
2 auf die Markscheiden der Bahnen zurückzuführen, Diese Nervenpaare übernehmen die Innervation des
die in der grauen Substanz weitgehend fehlt. Kern- Rumpfs und der Extremitäten. Ein Spinalnerv setzt sich
gebiete (Nuclei) sind Ansammlungen von Nerven- aus 2 Wurzeln zusammen: eine efferente Radix ante-
zellen im ZNS, die nicht kontinuierlich mit Rinden- rior und eine afferente Radix posterior, deren Peri-
gebieten zusammenhängen. Dagegen heißen Ansamm- karya im Spinalganglion liegen (. Abb. 2.17). Aus dem
lungen von Nervenzellen in der Peripherie Ganglien. gemischten Spinalnerven entspringen folgende Äste:
Faserverbindungen heißen im ZNS Faszikel oder 1. R. meningeus: für die Rückenmarkshäute,
Bahnen (Fasciculi, Tractus) und außerhalb Nerven 2. R. dorsalis (posterior): zur autochthonen Rücken-
(Nervi). muskulatur und der Rückenhaut,
Die vom ZNS zu- oder wegführenden Kabelver- 3. R. ventralis (anterior): zu Extremitäten, Rumpf-
bindungen sind als Spinalnerven (Rückenmark) oder muskulatur und entsprechenden Hautarealen und
Hirnnerven (Spinalnerven) organisiert. 4. R. communicans: zum sympathischen Grenzstrang.

Die Spinalnerven bilden in Höhe der Extremitäten Ge-


2.9.2 Periphere Organisation flechte (Plexus), die sich aus Ästen mehrerer Segmente
und Projektion speisen:
4 Plexus cervicalis (C1–C5),
Spinalnerven (Nervi spinales) 4 Plexus brachialis (C5–Th1),
Es entspringen 31 Spinalnervenpaare aus dem Rücken- 4 Plexus lumbalis (Th12–L5) sowie
mark: 4 Plexus sacralis (L4–S5).
4 8 Zervikalnerven,
4 12 Thorakalnerven, Das Hautareal, das von den Nervenfasern eines Seg-
4 5 Lumbalnerven, ments innerviert wird, bezeichnet man als Dermatom.

. Abb. 2.17. Organisation zweier benachbarter Spinalnervenpaare. (Schiebler 2005)


2.9 · Allgemeine Anatomie des Nervensystems
49 2

KLINIK sympathischen sowie einen enterischen (darmspezi-


Bei der Gürtelrose breitet sich das in einem be- fischen) Anteil.
stimmten Spinalganglion residierende Herpes- Viszeroafferente Perikaryen aller Anteile liegen in
Zoster-Virus (Varizellen-Zoster-Virus) entlang den den sensiblen Ganglien des PNS, sie informieren über
Hautarealen des betroffenen Segments aus, sicht- Druck, Temperatur, Schmerz und besitzen trophische
bar an Rötung, Bläscheneruptionen und meist sehr Eigenschaften.
starken Schmerzen. Viszeroefferente Neurone sind funktionell über
unterschiedliche Transmittersubstanzen sowie Ver-
schaltungsstrecken (prä-/postganglionär) unterscheid-
Head-Zonen sind Hautareale, deren sensible Nerven bar (. Tab. 2.9). Zellkörper der efferenten postganglio-
auf dieselben Rückenmarksganglienzellen verschaltet nären Neurone liegen in vegetativen Ganglien.
werden wie afferente viszerosensible Fasern innerer Ganglien sind von Stützzellen (Mantelzellen) um-
Organe. geben (Gliazellen). Sie sind entweder pseudounipolar
(Spinalganglien), bipolar (sensorische Ganglien des
KLINIK Hirnnerven VIII) oder multipolar (z. B. sympathischer
Organschmerz kann aufgrund der Organisation Grenzstrang) konstruiert.
der Head-Zonen auf bestimmte Hautareale loka- Sympathische Nervenfasern folgen den Arterien-
lisiert werden, z. B. Herzschmerz in den linken wänden, parasympathische reisen auf eigenen Bahnen,
Arm oder Gallenblasenschmerz in die rechte im Kopfbereich mitunter sensiblen Hirnnervenästen
Schulter. angelagert.
Das enterische Nervensystem ist ein vom sym-
pathischen und parasympathischen Nervensystem
Hirnnerven unabhängiges System, das die Darmtätigkeit regu-
Hirnnerven können als kraniale Spinalnerven be- liert. Bestandteile sind u. a. der Plexus myentericus
trachtet werden. Von den 12 Nervenpaaren sind nur (Auerbach) und der Plexus submucosus (Meissner)
10 (Nn. III–XII) echte Hirnnerven; die ersten beiden (7 Kap. 8.2).
(Tractus olfactorius, N. opticus) sind Projektions-
bahnen des Gehirns (7 Kap. 5.5). Die Kerngebiete der Somatische und viszerale Reflexe
Hirnnerven liegen im Hirnstamm, nicht im Dience- Reflexe sind unwillkürliche Reaktionen, zunächst ohne
phalon und Telencephalon. Beteiligung höherer Zentren. Reine monosynaptische
Reflexe sind selten. Es sind folgende Instanzen im sog.
Reflexbogen beteiligt:
2.9.3 Neuronale Gliederung des peripheren 1. Erregung eines Sensors (z. B. Muskelspindel),
autonomen Nervensystems 2. afferentes Neuron mit Perikaryon im Spinal-
ganglion,
Das autonome Nervensystem dient der Regulation von 3. Umschaltung auf efferentes Neuron im Rücken-
inneren Organen, die dem Willen weitgehend entzogen mark (motorische Vorderhornzelle) und
ist. Es gliedert sich in einen sympathischen und para- 4. Aktivierung des Effektors, z. B. eines Muskels.

. Tab. 2.9. Organisation des vegetativen Nervensystems

Anteil des vegetativen Urprungsganglien/Transmitter 2. Neuron/Transmitter


Nervensystems
Parasympathisch kranialer Anteil: Langes präganglionäres Neuron zu intramuralen
Hirnnervenkerne III, VII, IX, X im Hirnstamm bzw. parasympathischen Ganglien, dort Um-
kaudaler Anteil: schaltung auf postganglionäres Neuron
Nuclei parasympathici, S2–S4 Acetylcholin Acetylcholin (muscarinisch)
(nikotinisch)

Sympathisch Ncl. intermediolateralis (Seitenhorn) des Kurzes präganglionäres Neuron zum Grenzstrang,
Brustmarks (C8–L2) dort Umschaltung auf postganglionäre Fasern an
die Organe
Acetylcholin Noradrenalin
50 Kapitel 2 · Allgemeine Anatomie, Gewebelehre und Histogenese

Monosynaptische Reflexe spielen sich in einer Etage mehreren Faszikeln, die wiederum von Perineurium
(Segment) ab. Sie sind Eigenreflexe, da Rezeptorzelle (= Perineuralscheide, Fortsetzung des Neurothels der
und Effektor in einem Organ liegen. Beispiel: Patellar- Arachnoidea) eingehüllt werden. Dieses riegelt den
2 sehnenreflex. Endoneuralraum durch Tight junctions hermetisch ab,
Polysynaptische Reflexe laufen über mehr als 2 ähnlich der Blut-Hirn-Schranke (7 Kap. 2.8.2). Binde-
Neurone, d. h. im Rückenmark sind Interneurone zwi- gewebsfasern im Endoneuralraum werden als Endo-
schengeschaltet, die die Reflexantwort auf eine andere neurium bezeichnet. Hier verlaufen Kapillaren, und es
Ebene leiten. Der Effektor liegt in einer anderen Re- wachen auch einzelne Makrophagen.
gion, z. B. Haut, Drüsen (daher Fremdreflex genannt).
Sie sind oft mit Schmerz- oder Schutzreaktionen ver-
bunden. Beispiel: Hand wegziehen von heißer Herd- 2.10 Allgemeine Anatomie
platte, Niesreflex, Kremasterreflex. des Kreislaufsystems
Im Unterschied zu den o. g. somatischen Reflexen
sind viszerale Reflexe immer polysynaptisch. Sie ver- Leistungsträger und Versorgungsempfänger sind in
mitteln innerhalb des autonomen Nervensystems und einem vielzelligen Organismus auf effiziente Verkehrs-
nutzen Leitungsbögen zwischen viszerosensiblen bzw. infrastruktur angewiesen. Den Stofftransport überneh-
viszerosensorischen Afferenzen, Rückenmarksinter- men zwei in sich geschlossene Blut führende Röhren-
neuronen, und 2 hintereinander geschalteten prä- und systeme, die über eine gemeinsame Pumpe, das Herz,
postganglionären viszeroefferenten Neuronen. Bei- miteinander verbunden sind. Die Tatsache, dass einer-
spiel: Speichelfluss als Geschmacksantwort nach Aus- seits ausreichend hoher Druck aufgebracht werden
lutschen einer richtig leckeren Zitrone. muss, um den peripheren Widerstand zu überwinden
und noch den letzten Winkel zu erreichen, und ande-
rerseits niedrige Fließeigenschaften des Blutes notwen-
2.9.4 Mikroskopische Anatomie dig sind, um den peripheren Stoff-/Gasaustausch zu
des peripheren Nervensystems gewährleisten, macht die Konstruktion dieser Röhren
nicht trivial. Diese müssen folglich für die Erforder-
Hüllen und Bindegewebsräume des peripheren nisse eines Hochdruck- und eines Niederdruckbereichs
Nerven; Blut-Nerven-Schranke morphologisch gerüstet sein.
Nervenzellfortsätze bündeln sich in der Peripherie und
werden mitsamt ihrer Myelinscheiden (7 Kap. 2.8.2)
von einem hierarchischen Hüllensystem, ähnlich dem 2.10.1 Gliederung des Kreislaufsystems
der Muskulatur, umgeben (. Abb. 2.18).
Das Epineurium umgibt als Fortsetzung der (zen- Im großen Kreislauf kursiert das Blut von der linken
tralen) Dura mater den gesamten Nerven. Er besteht aus Herzkammer über Aorta, Arterien, Arteriolen zu den
Kapillaren, und zurück geht’s über Venolen, Venen und
V. cava in den rechten Vorhof (. Abb. 2.19).
Eine Besonderheit des Körperkreislaufs sind Pfort-
adersysteme. Darunter versteht man zwei hinter-
einander geschaltete venöse Kapillarsysteme (sog. ve-
nöse Wundernetze). Ein Beispiel hierfür ist der venöse
Bluttransport unpaarer Bauchorgane, die das nährstoff-
reiche Blut nicht direkt an die Hohlvenen abgeben,
sondern einen Umweg über die V. portae über die Le-
ber gehen, wo sich die Wege noch einmal kapillar-
ähnlich verzweigen. Ein ähnliches Prinzip gibt es in der
Hypophyse, allerdings aus anderen Gründen (s. dort).
Der kleine Kreislauf (Lungenkreislauf) beschreibt
den Weg des Bluts von der rechten Kammer über den
Truncus pulmonalis, Lungenarterien, Lungenkapilla-
ren, und zurück entlang den Lungenvenen in den lin-
ken Vorhof (. Abb. 2.19).
. Abb. 2.18. Organisation eines peripheren Nerven. Beide Kreisläufe sind hintereinander geschaltet,
(Schiebler 2005) sodass oxygeniertes Blut aus der Lunge im Körper-
2.10 · Allgemeine Anatomie des Kreislaufsystems
51 2

4 Zum Niederdrucksystem gehören alle anderen


AbschnitteeinschließlichdesgesamtenLungenkreis-
laufs (durchschnittlicher Blutdruck: 5–25 mmHg).

Fetaler Kreislauf
Da der Fetus seinen Gasaustausch über die Mutter er-
ledigt, ist in der pränatalen Periode der kleine Kreislauf
bis auf die notwendige Eigenversorgung funktionell
abgeklemmt. Dies geschieht durch zusätzliche Kurz-
schlussverbindungen (Shunts), die sich nach der Ge-
burt in der Regel schließen (obliterieren):
1. Ductus arteriosus (Botalli; eigentlich: Harvey!)
zwischen linker A. pulmonalis und Aorta.
2. Foramen ovale zwischen den beiden Vorhöfen des
Herzens.
3. Ductus venosus (Arantii; eigentlich: Galeni!) zwi-
schen V. umbilicalis und V. cava inf. (unter weitge-
hender Umgehung der Pfortader wegen des anfangs
hohen Perfusionswiderstandes der Leber).

Das aus der Plazenta kommende Blut nimmt also fol-


genden Weg: V. umbilicalis (Mischblut), Ductus veno-
sus/V. portae, V. cava inf., rechter Vorhof, Foramen ovale,
linker Vorhof, linke Kammer, Körperkreislauf, Aa. um-
bilicales (desoxygeniert) zur Plazenta (. Abb. 2.20).
Das Blut, das aus der oberen Körperhälfte über die
V. cava sup. in den rechten Vorhof kommt, wird über-
wiegend über den Truncus pulmonalis und den Ductus
arteriosus in die Aorta geleitet.

Umstellung des Kreislaufs nach der Geburt


Der entscheidende Faktor zur Änderung der hämody-
namischen Eigenschaften sind veränderte Gassättigun-
gen während und unmittelbar nach der Geburt:
1. Unterbindung der Nabelschnur: Anstieg des aor-
talen Druckes durch Abklemmung der Aa. umbili-
cales und Einstellung der Blutzufuhr aus der Pla-
zenta durch Abklemmung der V. umbilicalis.
. Abb. 2.19. Vereinfachtes Schema des Kreislaufs; a: rechter 2. Erhöhung des CO2-Partialdrucks und Erniedri-
Vorhof, b: rechte Kammer, c: linker Vorhof, d: linke Kammer, gung des O2-Partialdrucks: Der Atemreflex setzt
1: rechte Atrioventrikularklappe (Tricuspidalis), 2: Pulmonal- ein, die Lunge dehnt sich aus und der Widerstand
klappe, 3: Aortenklappe, 4: linke Atrioventrikularklappe im Lungenkreislauf wird dramatisch gesenkt. Da-
(Mitralis). (Schiebler 2005) durch wird der Weg durch den Ductus arteriosus
unattraktiv. Der gleichzeitig erhöhte Blutdruck im
kreislauf verteilt wird, und entsprechend desoxyge- linken Vorhof führt zum funktionellen Verschluss
niertes Blut aus dem Köperkreislauf in der Lunge auf- des Foramen ovale.
getankt werden kann.
Hinsichtlich der Druckverhältnisse in den Kreis- Kollateralkreislauf
laufabschnitten wird eine Unterteilung in Hochdruck- Unter Kollateralkreislauf versteht man die Möglichkeit
und Niederdrucksystem vorgenommen: des Blutes, bei Passagehindernissen einen Umweg zu
4 Zum Hochdrucksystem gehören linke Herz- nehmen, der auch ins Zielgebiet führt (vergleichbar
kammer sowie die Arterien des großen Kreislaufs einer Umleitung bei Stau auf der Autobahn). Wege für
(durchschnittlicher Blutdruck: 90–100 mmHg). Kollateralkreisläufe sind meist präformiert, können
52 Kapitel 2 · Allgemeine Anatomie, Gewebelehre und Histogenese

2.10.2 Blutgefäße

Allgemeiner Wandaufbau
2 Die Stärke der Wandung von Blutgefäßen richtet sich
nach den Druckverhältnissen im jeweiligen Abschnitt.
Man unterscheidet 3 Schichten, von innen nach außen:
4 Tunica intima (»Intima«),
4 Tunica media (»Media«) und
4 Tunica externa (»Adventitia«).

Die Intima besteht aus Endothel und subendothelia-


lem Bindegewebe. Das Endothel erfüllt in den einzel-
nen Abschnitten der Blutbahn höchst unterschiedliche
Aufgaben. Es ist die wichtigste selektive Barriere zwi-
schen Gefäßlumen und Hinterland. Es enthält anti-
thrombogene Substanzen (von Willebrand-Faktor in
Weibel-Palade-Körperchen) und vasoaktive Substan-
zen, z. B. Stickoxid (NO, Vasodilatation) und Endo-
thelin (Vasokonstriktion). Das subendotheliale Binde-
gewebe ist Durchwanderungsstrecke von Fibrozyten
bzw. Myofibroblasten der Media.

Merke
Die Intima trägt den metabolischen Erfordernissen
des jeweiligen Gefässabschnitts am meisten
Rechnung. Ihre dauerhafte Schädigung hat weit-
reichende Folgen (Arteriosklerose).

Die Media besteht aus ringförmig angeordneten glatten


Muskelzellen und einem Netzwerk kollagenen und/
oder elastischen Bindegewebes. Die Dicke der Media
sowie die Relation zwischen Muskelzellen und binde-
gewebigen Anteilen gibt Aufschluss über die Druckver-
hältnisse im vorliegenden Gefäßabschnitt.
. Abb. 2.20. Fetaler Kreislauf. Die Intensität der Graustufe Die Adventitia besteht aus lockerem Bindegewebe,
entspricht dem Sauerstoffgehalt des Bluts und kennzeichnet das Nerven und bei größeren Gefäßen auch Blutgefäße
nicht die Arterien oder Venen; an * zweigt die A. vesicalis sup.
enthält (Vasa vasorum).
ab. (Schiebler 2005)
Arterien

aber bei Bedarf schnell ausgebaut werden (z. B. Aorta, Merke


Schulter, Oberschenkel). Arterien sind Gefäße, die Blut vom Herzen weg-
führen, egal, ob es oxygeniert ist oder nicht.
KLINIK
Benachteiligt sind Organe, die im Krisenfall (In-
farkt!) nicht durch eine solche Baumaßnahme Es werden folgende Typen von Arterien unterschieden:
abgesichert sind. Die Koronararterien des Herz-
muskels sind funktionelle Endarterien, d. h. es gibt Arterien vom elastischen Typ
keine nennenswerten Kollateralen, sodass diese Dies sind die sog. »herznahen« Arterien (Aorta, A. ca-
bei Stenosen künstlich gelegt werden müssen rotis, A. subclavia), in denen sich Blutdruckunter-
(Bypass). schiede zwischen Systole und Diastole besonders aus-
wirken würden, falls sich das Gefäß allein auf seine
2.10 · Allgemeine Anatomie des Kreislaufsystems
53 2

Muskulatur verlassen müsste. Die elastischen Lamellen KLINIK


der Media sorgen durch die passive Abschnürung wäh- Die Zentralisation des Kreislaufs bei Schockzu-
rend der Diastole dafür, dass der Blutdruck nicht un- ständen (z. B. Physikum) beruht auf einer
gebührlich absinkt (Windkesselfunktion). Besonders Hochregulation des Sympathikotonus mit Vaso-
gut sichtbar ist die Tunica elastica interna (Grenze In- konstriktion der o. g. Arteriolen und arteriovenöser
tima-Media) und die Tunica elastica externa (Grenze Anastomosen (Blässe, kalter Schweiß). Sinn der
Media-Adventitia). Sache ist es, Blutvolumen vor dem Versacken
ins Kapillargebiet zu bewahren und somit den
Arterien vom muskulären Typ Blutdruck für zentral wichtige Organe ausreichend
Diese Gefäße haben einen relativ niedrigen Anteil elas- hoch zu halten.
tischer Lamellen in der Media. Sie besitzen überwie-
gend k-(kontraktile) Myozyten. Zu ihnen gehören die
sog. »herzfernen« Arterien (z. B. A. radialis, A. renalis Kapillaren
etc.). Die Zuordnung zur Herznähe ist funktionell Die Kapillarwand besteht lediglich aus Endothel, einer
gemeint, denn die Koronararterien sind auch vom Basallamina, und gelegentlich Perizyten. Der Stoffaus-
muskulären Typ. Für sie wäre es unsinnig, sich während tausch ist durch den geringen Perfusionsdruck sowie
der Diastole zu kontrahieren, da dies die Herzaktion ist, die kurze Diffusionsstrecke leicht. Der Kapillardurch-
während der der Muskel selbst am effektivsten mit Blut messer schwankt extrem: 4–20 μm. Es gibt 3 Kapillar-
versorgt wird. typen, die sich nach dem Aufbau des Endothels unter-
scheiden (. Abb. 2.21a–c):
Sperrarterien 1. Geschlossenes Endothel und geschlossene Basal-
Dies sind Arterien, deren Innenpolster selbst zu einer membran. Abdichtung der Endothelzellen durch
Lumenverlegung führen kann (Beispiel: Fingerhaut, tight junctions. Vorkommen: Muskel, Gehirn (au-
Genitalorgane). ßer neuroendokrine Organe: Hypophyse, Eminen-
tia mediana), Lunge.
Arteriolen 2. Gefenstertes Endothel mit oder ohne sog. Dia-
Arteriolen sind dem Kapillarbett vorgeschaltete kleine phragma (sehr durchlässige »Fensterscheiben« aus
Arterien mit hohem peripheren Widerstand. Sie regu- glycoproteinartiger Zusammensetzung). Das Endo-
lieren das Blutvolumen, das tatsächlich in die Kapilla- thel hat »Löcher«, es handelt sich nicht um er-
ren hineinströmen darf. weiterte Interzellularspalten! Die Basallamina ist

Arteriovenöse Anastomosen
Arteriovenöse (AV-) Anastomosen sind Kurzschlüsse
zwischen Arteriolen und Venolen unter Umgehung des
Kapillargebiets. Sie sind in den Akren (knäuelförmige,
Glomus-AV-Anastomosen: Finger, Kaninchenohren,
Nasenschleimhaut, Lippen) ausgeprägt. Ihre Öffnung
führt zu erhöhter Wärmeabgabe.

Innervation
Blutgefäße werden autonom innerviert. Sympathische
viszeroefferente Fasern begleiten die Arterien geflecht-
artig. Sie sind in der präkapillären Strecke besonders
dicht und können Noradrenalin-(bzw. NPY-)assozi-
ierte Vasokonstriktion der Arteriolen induzieren (z. B.
Schutz vor Wärmeverlust). Sensible Viszeroafferenzen
(CGRP, SP) sorgen für die Weiterleitung von Schmerz
und Temperatur.

. Abb. 2.21a–c. Endothelverhältnisse der Kapillarwand.


a geschlossenes Endothel, b Fenestrierung mit Diaphragmata
(links) und ohne Diaphragmata (rechts), c sinusoidaler Typ
(»alles ist offen, es zieht«). (Schiebler 2005)
54 Kapitel 2 · Allgemeine Anatomie, Gewebelehre und Histogenese

durchgängig. Vorkommen: Endokrine Organe, Glo-


meruluskapillaren der Niere, Dünndarm.
3. Sinusoidale Kapillaren. Hier haben die Endothel-
2 zellen einen nennenswerten Abstand zueinander,
sind weitmaschig offen. Die Basallamina ist unter-
brochen. Vorkommen: Milz, Leber, Knochenmark.

Venen

Merke
Venolen und Venen sind Gefäße, die Blut zum
Herzen hinleiten.

Venen gehören zum Niederdrucksystem, sind aber


im Prinzip gleich aufgebaut wie Arterien. Ihre Media
ist weitaus unruhiger, enthält mehr Bindegewebe. Das
Verhältnis von Wandstärke zu Lumenweite ist geringer
als bei Arterien. Einige Venen haben so gut wie keine
Muskulatur, nämlich tendenziell dort, wo die Schwer-
kraft die Arbeit abnimmt: Kopf (außer Schwellkörper
der Nase) inklusive Gehirn, wo es aus denselben Grün-
den auch keine Klappen gibt.
Folgende Mechanismen verhindern den Rückfluss
des venösen Blutes in die distalen, herzabgewandten
Körperpartien:
1. Venenklappen. Mit Endothel ausgekleidete Intima-
Ausstülpungen, die sich schließen, wenn das Blut
zurückfließen möchte.
2. Arteriovenöse Kopplung: Die Pulswelle unmittel-
bar benachbarter Arterien sorgt für die Fortbe- . Abb. 2.22. Schematischer Überblick über die Lymphdrai-
wegung der Blutsäule in Venen. Voraussetzung für nage. Die blauen Pfeile kennzeichnen die Lymphfiltration aus
den subkutanen Kapillaren des Blutgefäßsystems (schwarz);
den gerichteten Strom sind natürlich funktionie-
die Lymphgefäße sind blau dargestellt. (Schiebler 2005)
rende Venenklappen.
3. Muskelpumpe: Muskeln drücken Gefäße an benach-
barte, Widerstand bietende Strukturen, z. B. andere des Blutkreislaufs abgepresste extravasale Gewebsflüs-
Muskeln oder Knochen. sigkeit, die durch eine Art Reusensystem drainiert wird
4. Vis a tergo: ausreichender arterieller Blutdruck. und über regionale Lymphbahnen in die großen Kör-
pervenen zurückgeleitet wird (. Abb. 2.22). Der täg-
Drosselvenen liche Lymphtransport beträgt etwa 2 l.
Drosselvenen sind Venen, die mithilfe eines Wulsts Lymphstämme (Trunci lymphatici) vereinigen sich
glatter Wandmuskulatur den Blutrückfluss drosseln, um in Lymphgängen (Ductus lymphatici), die in den linken
bestimmte Substrate zurückzuhalten, Beispiel: Neben- (Körperstamm, Beine, linker Arm) bzw. rechten (obe-
nierenmark. Auch an Orten stark wechselnder Blutfülle rer rechter Körperquadrant) Venenwinkel einmünden.
haben Venen mitunter eine außergewöhnlich starke In regelmäßigen Abständen sind Kontrollstationen in
Media. die Lymphwege eingebaut: Lymphknoten (7 Kap. 2.11).
Der gerichtete Abfluss wird durch Kontraktion glatter
Muskelzellen in Zusammenarbeit mit Klappen in den
2.10.3 Lymphgefäßsystem Lymphgefäßen gewährleistet.

Lymphzirkulation Lymphstämme:
Im Unterschied zur Blutzirkulation ist die Lymphzirku- 4 Truncus jugularis (beidseitig),
lation nicht geschlossen. Lymphe ist im Kapillargebiet 4 Truncus subclavius (beidseitig),
2.11 · Blut und Knochenmark
55 2

4 Truncus lumbalis (beidseitig), Im peripheren Blut kursieren Erythrozyten, Leuko-


4 Truncus bronchomediastinalis (beidseitig) und zyten und Thrombozyten. Vorläuferzellen sind unter nor-
4 Truncus intestinalis (unpaar). malen Bedingungen nicht im Blutausstrich zu finden.

In der Nähe des Hiatus aorticus befindet sich im Abdo- Erythrozyten (rote Blutkörperchen)
men die Cisterna chyli, eine Erweiterung der Lymph- Erythrozyten sind bikonkav, kernlos und spezialisiert auf
stämme aus den Lumbalstämmen und dem Intestinal- Sauerstofftransport. Ihre von der Kugel abweichende
stamm (. Abb. 2.22). Diese geht in den größten Lymph- Form wird durch ein Spektrinfilamentnetz aufrechterhal-
weg, Ductus thoracicus (Milchbrustgang) über, der in ten. Erythrozyten besitzen transmembrane Glycopro-
den linken Venenwinkel mündet. teine, die die Blutgruppeneigenschaften determinieren.
Erythrozyten werden ständig in der Milz überprüft und
KLINIK nach dem Erreichen der Altersgrenze »gemausert«, d. h.
Verlegungen oder Unterbrechungen der Lymph- der Zirkulation entzogen. Ihre Einzelteile (Hämoglobin,
wege (z. B. chirurgische Eingriffe, Tumoren, Wurm- Eisen) werden in Milz oder Leber recycelt. Bei erhöhter
erkrankungen) führen zu einem Lymphödem im Proliferation, z. B. nach Blutverlust, erscheinen kernhal-
Interstitium des entsprechenden Entsorgungs- tige Vorstufen im peripheren Blut: Retikulozyten (bitte
gebiets. nicht verwechseln mit »Retikulumzellen«!).

Leukozyten (weiße Blutkörperchen)


Zu den Leukozyten gehören Granulozyten, Lympho-
2.11 Blut und Knochenmark zyten und Monozyten. Sie stehen allesamt im Dienst der
Abwehr (Spionage, Archiv, Liquidation) und können die
Blut ist ein flüssiges Organ, das aus gelösten Bestandtei- Blutgefäßwand aktiv durchwandern.
len, Zellen und Wasser besteht (GK Physiologie, 7 Kap. 2).
Seine Zellen werden größtenteils im Knochenmark ge- Granulozyten
bildet. Das Gesamtvolumen beträgt etwa 60 ml/kg Kör- Es werden nach der Anfärbbarkeit ihrer Granula 3 Po-
pergewicht. Seine Aufgaben umfassen: pulationen unterschieden: neutrophile, eosinophile
1. Transport von Nährstoffen, Stoffwechselproduk- und basophile Granulozyten:
ten, Hormonen, Gasen, 1. Neutrophile Granulozyten besitzen wenig an-
2. Abwehr; Mobilisierung von immunkompetenten färbbare Granula, die bakteriozide Substanzen und
Zellen, Antikörpern, Enzyme enthalten. Der Kern unreifer Neutrophiler
3. Maßnahmen zum Eigenschutz, Blutgerinnung ist gelappt: stabkernig; der Kern der reifen, aus-
sowie gewachsenen Zellen ist polymorph, er besteht aus
4 Wärmeregulation. 3–4 Segmenten, die über kleine Brücken in Verbin-
dung stehen: segmentkernig. Neutrophile Granu-
Merke lozyten sind schnelle Polizisten. Als Mikrophagen
Einige Begriffe: fressen sie Bakterien auf und gehen dann noch am
5 Überstand nach Zentrifugation: Plasma, Tatort zugrunde. Sie sind der Eiter bei bakteriellen
5 Plasma ohne Fibrinogen: Serum, Entzündungen.
5 Verhältnis von Sediment zu Gesamtvolumen: 2. Eosinophile Granulozyten besitzen einen seg-
Hämatokrit (ca. 44%). mentierten Kern. Relativ große Granula färben sich
rot. Sie enthalten zytotoxische Enzyme (major basic
protein) und sind toxisch für Parasiten (Würmer!).
Sie bremsen allergische und entzündliche Prozesse.
2.11.1 Blutzellen Bei allergischen Erkrankungen und Wurminfek-
tionen ist ihre Anzahl erhöht.
Die Blutzellen entstehen aus pluripotenten hämato- 3 Basophile Granulozyten besitzen ebenfalls einen
poetischen Stammzellen im Knochenmark. Aus dieser gelappten Kern und Granula, die vasoaktive Subs-
Population entwickeln sich determinierte Vorläufer- tanzen (Histamin) und sulfatierte Proteoglycane
zellen (Progenitorzellen). Die weitere Differenzie- (Heparin, Chondroitinsulfat) enthalten. Sie sind
rung wird durch Wachstumsfaktoren (Erythropoietin, den Gewebsmastzellen sehr ähnlich. Bei Exozytose
Interleukin-3, Stammzellfaktor, Thrombopoietin) ge- ihrer Inhaltsstoffe entstehen Juckreiz und Quaddel
steuert. (Insektenstiche).
56 Kapitel 2 · Allgemeine Anatomie, Gewebelehre und Histogenese

Monozyten 2.11.2 Rotes Knochenmark


Monozyten sind die größten weißen Blutzellen; sie
haben einen blassblauen nierenförmigen Kern und Das rote Knochenmark (rot für Erythrozyten) ist der
2 kleine rötliche Granula. Wenn sie die Blutbahn verlas- Raum des Knochens, in dem die Blutbildung stattfin-
sen, werden sie zu Gewebsmakrophagen (Histiozyten) det. Beim Erwachsenen umfasst dieses im wesentlichen
und sind dort als Vertreter des Monozytären (= mono- Sternum, Wirbelkörper, Rippen, Beckenkamm, Schädel-
nucleären) Phagozytotischen Systems (MPS) an der knochen. Das gelbe Knochenmark (gelb für Fett) ist
unspezifischen Abwehr beteiligt. Gemeinsame Merk- beim Erwachsenen nicht mehr blutbildend aktiv. Ge-
male trotz organabhängiger Spezialisierung ist, dass meinsam ist beiden das retikuläre Bindegewebe, deren
sie von Monozyten abstammen und so gut wie alles Retikulumzellen im gelben Knochemnark durch Fett-
fressen. tröpfchen imponieren und als Platzhalter fungieren. Es
gibt ein raffiniert ausgebautes sinusoidales System, das
Merke im roten Mark als maschenreiches Netzwerk die frisch
Einige Phänotypen der Makrophagen des MPS gebildeten Blutzellen aufnimmt und in die allgemeine
sind: Zirkulation leitet.
5 Kupffer-Sternzellen: Lebersinusoide
5 Alveolarmakrophagen: Lunge Blutbildung. Man unterscheidet 3 pränatale Phasen
5 Langerhanszellen: Epidermis der Blutbildung:
5 Hortega-Glia: ZNS 1. Mesoblastische (megaloblastische) Phase (bis 3.
5 Uferzellen: Lymphknoten Monat).
5 Mesangiumzellen: Niere 2. Hepatische Phase (ab 6. Woche bis Geburt).
5 Osteoklasten: Knochen. 3. Medulläre Phase (ab. 5. Monat im Knochenmark).

Postnatal findet Blutbildung ausschließlich im roten


Lymphozyten Knochenmark statt.
Lymphozyten besitzen einen fast kugelrunden dunklen
Zellkern, der beinahe das gesamte Zellvolumen ein- Merke
nimmt. Man unterscheidet kleine (8 μm) und große Aus Stammzellen entwickeln sich Vorläuferzellen
(12 μm) große Lymphozyten. für die Erythropoiese, Granulopoiese, Thrombo-
Im gewöhnlichen nach Pappenheim gefärbten poiese. Diese bilden »colony forming units« (CFU).
Blutausstrich lassen sich die 3 funktionellen Typen:
B-Lymphozyten (15% der zirkulierenden Lympho-
zyten), T-Lymphozyten (75%) und NK-Zellen (natural Im Einzelnen entstehen folgende Zellreihen
killer cells, 10%) nicht voneinander unterscheiden (. Tab. 2.10):
(7 Kap. 2.12). 1. Myeloische Vorläufer (CFU-GEMM: Granulozyt,
Erythrozyt, Monozyt, Megakaryozyt) und lympha-
Thrombozyten tische Vorläufer für B- und T-Lymphozyten.
Thrombozyten sind keine kompletten Zellen, sondern 2. Aus CFU-GEMM differenzieren sich Zelllinien
Fragmente der Megakaryozyten. Sie enthalten Lysoso- für Erythrozyten (CFU-E), Megakaryozyten (CFU-
men, verschiedene Speichergranula und Mitochon- Mega), Granulozyten (CFU-G, CFU-Eo, CFU-
drien und spielen bei der primären Blutstillung eine Baso). In der Lymphozytenreihe differenzieren sich
zentrale Rolle (Thrombozytenaggregation bei Verlet- B- und T-Lymphozyten aus entsprechenden Vor-
zung eines Blutgefäßes) (GK Physiologie, 7 Kap. 2). läuferzellen.
Im Differenzialblutbild werden die o. g. Subpopu-
lationen in Prozent aller weißen Blutkörperchen ange-
geben: 2.12 Allgemeine Anatomie
4 Neutrophile Granulozyten: 50–60%, des Immunsystems
5 davon Stabkernige 5% (jugendliche Formen)
4 Eosinophile Granulozyten: 2–3%, Das Immunsystem ist kein einheitliches Gewebe oder
4 Basophile Granulozyten: 1%, Organ, sondern ein aus vielen funktionellen und mor-
4 Monozyten: 6% und phologischen Bausteinen bestehender Apparat, der als
4 Lymphozyten: 20–30%. »Werkschutz« des Körpers gedacht ist. Gegenstand
seiner Kontrolle sind Zuwanderer, d. h. körperfremde
. Tab. 2.10. Blutbildung: Pluripotente Stammzellen und ihre Endprodukte
CFU-GEMM B-Stammzelle T-Stammzelle
CFU-E CFU-Mega CFU-G CFU-M CFU-Eo CFU-Baso Prä-B-Zelle Prothymozyt
Proerythroblast Megakaryozyt Myeloblast Monoblast Eosinophiler Myelozyt Basophiler Myelozyt B-Lymphoblast T-Lymphoblast
Reticulozyt Neutrophiler Eosinophiler Basophiler B-Lymphozyt T-Lymphozyt
Granulozyt Granulozyt Granulozyt
Erythrozyt Thrombozyt Monozyt
Anzahl: 4–6 Mio/μl Anzahl: 300.000/μl Anzahl: 3000/μl Anzahl: 300/μl Anzahl: 150/μl Anzahl: <50/μl Anzahl: 1000–4000/μl
2.12 · Allgemeine Anatomie des Immunsystems

Ø: 7,4 μm Ø: 2 μm Ø: 10–12 μm Ø: 12–20 μm Ø: 12 μm Ø: 10 μm Ø: 8–10 μm


Lebensdauer: 120 d Lebensdauer: 10 d Lebensdauer: <1 d Lebensdauer: 1–3 d Lebensdauer: 10–14 d Lebensdauer: Lebensdauer: wenige Tage
T1/2: 6–7 h T1/2: 15–20 h T1/2: 8 h 1–2 Jahre bis lebenslang
T1/2:5–6 h
http://pol.med.
tu-dresden.de/
hemosurf/BM/
Watch/IndexD.htm

Makrophage Mastzelle Plasmazelle


57

(7 farbige Abb. S. 332)


2
58 Kapitel 2 · Allgemeine Anatomie, Gewebelehre und Histogenese

Partikel oder Organismen, die sich Zutritt ins Körper- (s. u.). In den Thymus wandern während der Fetalzeit
innere verschafft haben. Eine der groben Unterteilun- Vorläuferzellen (Thymozyten) aus dem Knochenmark
gen besteht in der Differenzierung in »unspezifische ein und reifen unter Beteiligung von Epithelzellen des
2 Abwehr« und »spezifische Abwehr«. Thymus zu T-Lymphozyten.

Aufbau und Funktion: Gliederung in Mark und Rinde,


2.12.1 Allgemeine Aspekte diese ist von Bindegewebssepten in Pseudoläppchen
(GK Biochemie, 7 Kap. 10) unterteilt. Die Thymozyten liegen in der dichten Rinde,
Thymusepithelzellen mit Hassall-Körperchen bevor-
Die unspezifische Abwehr ist angeboren und dumm. zugt im lockeren Mark. Rindengefäße sind von Epithel-
Sie lernt nicht hinzu. Zu ihr gehören: zellausläufern umscheidet (geschlossenes Kapillar-
1. Neutrophile Granulozyten (Mikrophagen, 7 Kap. 2.11) endothel): Dies ist das morphologische Korrelat der
und sog. Blut-Thymus-Schranke. Grund: Die zur Schule
2. Makrophagen (7 Kap. 2.11). gehenden T-Lymphozytenanwärter sollen nicht durch
Pausenlärm und rauchende Lehrer (d. h. Fremdanti-
Die spezifische Abwehr ist erworben und intelligent. gene) gestört werden. Im Mark gibt es diese Barriere
Sie lernt hinzu, lässt sich bisweilen aber auch austrick- nicht, denn ausgereifte Lymphozyten müssen ja irgend-
sen. Zu ihr gehören Lymphozyten, in enger Koopera- wie in die Zirkulation gelangen.
tion mit informellen Mitarbeitern, den Makrophagen. Nach der Pubertät degeneriert der Thymus allmäh-
Lymphozyten haben folgende Aufgaben: lich (Involution).
4 Humorale Abwehr, organisiert von B-Lympho-
zyten.
4 Zellvermittelte Abwehr, organisiert von T-Lym- 2.12.3 Milz
phozyten.
7 Kap. 8.4
B-Lymphozyten differenzieren sich in Plasmazellen,
die spezifische Antikörper (Immunglobuline) gegen
Antigene bilden können. T-Lymphozyten unterteilen 2.12.4 Lymphknoten
sich in T-Helferzellen (Zytokinproduktion, Marker:
CD4, GK Biochemie, 7 Kap. 10.1.8) und zytotoxische In den Lymphknoten werden Bestandteile der Extra-
Lymphozyten (Abtöten von erkannten und markierten zellulärflüssigkeit kontrolliert, die über die Lymph-
Zellen, Marker: CD8). bahnen Zutritt zur Blutzirkulation erlangen wollen.
Lymphozyten sind zwar mobil, sie halten sich aber Dies betrifft täglich etwa 2 l.
bevorzugt in sog. lymphatischen Organen auf: Thymus, Lymphknoten sind bohnenförmige, von einer bin-
Milz, Lymphknoten, Mukosa-assoziiertes lymphati- degewebigen Kapsel umgebene lymphoretikuläre
sches Gewebe (MALT). Organe. Von der Kapsel ziehen bindegewebige Septen,
Abgesehen von den freien Zellen gibt es »Polizeista- Trabekel, ins Landesinnere. Lymphe tritt über Vasa
tionen«, d. h. Organe, in denen sich lymphatisches Ge- afferentia in die Kapsel ein, verteilt sich über den sub-
webe bevorzugt exprimiert. Hier unterscheidet man kapsulären Randsinus gleichmäßig über die konvexe
zwischen Primären und Sekundären lymphatischen Oberfläche. Sie passiert sodann 3 Regionen:
Organen: 1. Cortex mit Follikeln, die überwiegend von B-Lym-
4 Primäre lymphatische Organe: Knochenmark, phozyten bevölkert sind (B-Zone),
Thymus, fetale Leber. 2. den Paracortex, der der T-Zone entspricht. Hier
4 Sekundäre lymphatische Organe. Lymphknoten, rezirkulieren Lymphozyten über die high endothe-
Milz, Mukosa-assoziiertes lymphatisches Gewebe. lial venules (HEV).
3. Mark (Medulla, Markstränge: B-Lymphozyten),
Retikulumzellen, Makrophagen (Uferzellen).
2.12.2 Thymus
Anschließend gelangt die Lymphe in den Bereich des
Der Thymus liegt im oberen Mediastinum vor dem Hilus und wird über Vasa efferentia abgeleitet.
Herzbeutel. Er ist das prägende Organ für T-Lympho-
zyten und besitzt ein epitheliales Grundgewebe, also
kein retikuläres wie die anderen lymphatischen Organe
2.12 · Allgemeine Anatomie des Immunsystems
59 2
2.12.5 Mukosa-assoziiertes lymphatisches Gaumenmandeln (Tonsillae palatinae: Plattenepithel).
Gewebe (MALT) Epitheleinsenkungen, Krypten, sind von retikulärem
Bindegewebe umgeben, in denen sich Follikel formie-
Überall dort, wo äußere oder innere Oberflächen po- ren. Follikel repräsentieren B-Zonen, und interfolliku-
tentielle Eintrittspforten für Erreger darstellen, gibt es läre Areale entsprechen den T-Zonen. In der Tiefe der
lokale Sicherheitszonen, die histologisch als Lamina Krypten tritt der Epithelzellverband zugunsten retiku-
propria unterhalb des Epithels imponieren. Im Oro- lären Bindegewebes zurück. Hier kommen Langer-
pharynx sind diese Organe als Tonsillen verdichtet, im hans-Zellen und M-Zellen vor (s. u.).
Endbereich des Dünndarms als Peyer-Plaques. Ge- Das lymphatische Gewebe der Lamina propria des
meinsam ist allen Zonen dieser Schleimhaut-assozi- Darms wird als Darm-(gut-)assoziiertes lympha-
ierten lymphatischen Organe retikuläres Bindegewebe, tisches Gewebe (GALT) bezeichnet. Es gibt zahlreiche
in dem sich Abwehrzellen schnell fortbewegen und an solitäre und aggregierte lymphatische Follikel, die kup-
den Einsatzort gelangen können. pelartig von Epithel überzogen sind (Domareale). Letz-
tere sind im Ileum als Peyer-Plaques und im Appendix
Tonsillen zur Perfektion getrieben. Zwischen den kaum resorp-
Tonsillen (Mandeln) sind von Epithel überzogene lym- tiven Enterozyten ihrer Oberflächen lauern M-Zellen,
phatische Organe. Unpaar sind die Rachenmandel die als Schleuser fungieren und Antigene den darunter
(Tonsilla pharyngea: Respirationsepithel) und die liegenden Lymphozyten, Makrophagen, oder dendri-
Zungenmandel (Tonsilla lingualis), paarig sind die tischen Zellen anbieten.

Fallbeispiel
Eine 21 Jahre junge, bisher gesunde Frau sucht ihren tientin in eine neurologische Klinik ein. Hier wird
Hausarzt auf, da sie seit einigen Tagen ein leichtes aufgrund des klinischen Bildes und der Anamnese
Zittern in der rechten Hand verspürt, das bei zielge- die Verdachtsdiagnose »akuter Schub einer Multiplen
richteter Bewegung stärker wird (Intentionstremor). Sklerose« gestellt. Bei der Multiplen Sklerose kommt es
Da die Frau keine weiteren Beschwerden hat und der- zu einer fokalen Zerstörung der Markscheiden mit ent-
zeit erheblichem privaten und beruflichem Stress sprechenden Störungen der Reizweiterleitung. In der
ausgesetzt ist, bespricht der Arzt eine weitere Beo- durchgeführten Liquorpunktion zeigen sich typisch
bachtung der Symptome mit der Patientin. Die Be- transformierte Lymphozyten und IgG-Banden in der
schwerden bessern sich nach einigen Tagen und ge- Elektrophorese des Liqours. In der Bildgebung mittels
raten in Vergessenheit. Einige Monate später bemerkt MRT zeigen sich einige dezente Entmarkungsherde. Un-
die Patientin plötzlich einen schwarzen Fleck im ter der durchgeführten Therapie mit Corticosteroiden
zentralen Gesichtsfeld rechts (Zentralskotom) und kommt es rasch zur Besserung (da die Rate der Spontan-
heftige, bewegungsabhängige Schmerzen im rechten remission hoch ist, ist oft nicht ganz klar, ob das Corti-
Auge. Der erneut konsultierte Hausarzt untersucht son hilft oder die Spontanremission). Die Patientin wird
die Patientin mittels eines Augenspiegels, sieht aber in eine ambulante hausärztliche/neurologische Behand-
keinen pathologischen Befund. Zur weiteren Ab- lung entlassen und informiert sich umfassend über ihre
klärung überweist er die Patientin zu einem Oph- Erkrankung.
thalmologen, der ebenfalls keinen pathologischen Die Ätiologie ist bis heute nicht klar, aber es werden
Befund sieht (»die Patientin sieht nichts und der autoimmune Faktoren vermutet. Die mittlere Krank-
Arzt auch nicht«). Den ebenfalls veranlassten Termin heitsdauer beträgt >25 Jahre und in 30% der Fälle
bei einem Neurologen nimmt die Patientin nicht kommt es trotz langem Verlauf nicht zu wesentlichen
mehr wahr, da die Beschwerden schnell rückläufig Behinderungen. Sehr wichtig für den Gesamtverlauf ist
sind. sicher die aktive Mitarbeit des Patienten bei der Thera-
Als die Beschwerden allerdings nach 2 Wochen pie (z. B. Physiotherapie), aber in 5–10% der Fälle ver-
zusammen mit dem oben beschriebenen Intentions- läuft die Erkrankung rasch progredient und endet nach
tremor erneut auftreten, weist der Hausarzt die Pa- Monaten bis Jahren tödlich.
3
61 3

3 Obere Extremität

Mind Map
Unter der oberen Extremität verstehen wir den Schul- arm (Brachium), Unterarm (Antebrachium), und Hand
tergürtel, bestehend aus Schlüsselbein (Clavicula) (Manus). Da die Hand vornehmlich als filigranes Greif-
und Schulterblatt (Scapula), an dem die Arme auf- werkzeug fungiert, muss auch die ihr vorgeschaltete
gehängt sind. Letztere wiederum bestehen aus Ober- Gliedmaßenkette äußerst beweglich konstruiert sein.
62 Kapitel 3 · Obere Extremität

3.1 Grundkenntnisse KLINIK


der Entwicklung Schulterschmerz. Bei der Hälfte älterer Menschen
findet man degenerative Veränderungen der
Die paddelförmigen Extremitätenknospen entstehen schlecht durchbluteten Sehnenansätze des
aus der Randleiste, einer ektodermalen Verdickung der M. supraspinatus, die zu Schulterschmerzen führen
ventrolateralen Leibeswand. Ab der 5. Woche gelangen können (»painful arc syndrome«). Ursache sind u. a.
3 die Rami anteriores der Spinalnerven der Segmente Verkalkungen der Sehne.
C5–Th1 in die Armknospen und formen den Plexus
brachialis. Ab der 6. Woche entwickeln sich Muskulatur
und die Knorpelmanschette der späteren Extremitäten- Oberarmknochen (Humerus)
knochen. Im Mesenchym entwickeln sich von proximal Der Humerus ist ein langer Röhrenknochen. Das
nach distal zentrale Knorpelkerne, aus der später durch proximale Ende (proximale Epiphyse) bildet mit dem
apoptotisch bedingte Einschnürungen die 5 Segmente Schulterblatt das Schultergelenk, das distale Ende mit
der Fingerstrahlen entstehen. Als erstes Skelettelement den Unterarmknochen das Ellenbogengelenk. Das
verknöchert die Scapula, als letzte die Handwurzel- Caput humeri wird durch das Collum anatomicum
knochen. Dieser Prozess ist erst mit dem 12. Lebensjahr von der Diaphyse, dem Knochenschaft, abgegrenzt.
abgeschlossen. Ossifikationskerne der Epiphysen und Lateral befinden sich 2 Höcker für Muskelansätze, das
der Handwurzelknochen können als Kriterium der Tuberculum majus und das Tuberculum minus, die
Skelettreifung radiologisch herangezogen werden. durch den Sulcus intertubercularis getrennt sind.

KLINIK
3.2 Knochen Klinisch ist das distal der Tubercula quer ziehende
Collum chirurgicum von Bedeutung, da dort
Schultergürtel: Schlüsselbein, Scapula proximale Humerusfrakturen auftreten können.
Das Schlüsselbein (Clavicula) ist S-förmig gebogen und Schaftfrakturen können den N. radialis in Mit-
verbindet das Brustbein (Manubrium sterni) mit dem leidenschaft ziehen, da dieser direkt auf dem
Schulterblatt (Extremitas acromialis scapulae). Knochen im Sulcus n. radialis verläuft.
Das Schulterblatt ist ein dreieckiger Knochen, der
auf einer bindegewebigen Platte der dorsalen Thorax-
wand verschieblich anliegt. Er ist begrenzt von der Der Knochenschaft (Corpus humeri) besitzt zwei
Margo lateralis (seitlicher Rand), Margo medialis Randleisten (Margo lateralis und Margo medialis) so-
(mittlerer Rand) und Margo superior (oberer Rand). wie eine Furche für den N. radialis (Sulcus nervi radia-
Die 3 Ecken des Dreiecks sind Angulus medialis, lis). Die lateral gelegene Tuberositas deltoidea ist die
Angulus inferior und Angulus lateralis. Ansatzstelle für den M. deltoideus.
Die Spina scapulae (Schulterblattgräte) grenzt die Die distale Epiphyse imponiert durch 2 seitliche Hö-
Fossa supraspinata von der Fossa infraspinata ab. Sie cker, den größeren Epicondylus medialis (Ursprung für
läuft nach lateral in das Acromion (Schulterhöhe) aus. die kräftigeren Beuger) und den kleineren Epicondylus
Dort befindet sich das Gelenk für das Schlüsselbein lateralis (Ursprung für die schwächeren Strecker). Der
(Facies articularis acromii). Der Proc. coracoideus Humerus endet als Condylus humeri, der auf der Dor-
(Rabenschnabelfortsatz) liegt ventromedial vor dem salseite die Fossa olecrani für das Olecranon der Ulna
Acromion und überdacht Plexus brachialis und A. sub- beherbergt. Die Vorderseite enthält die Fossa coronoidea
clavia. Seine Prominenz basiert auf seiner Eigenschaft für den Processus coronoideus ulnae und die Fossa ra-
als Muskelbefestigung. dialis für das Caput radii. Darunter liegen als Gelenkrol-
Medial vom Acromion liegt die Incisura scapulae, len für Radius und Ulna das laterale Capitulum hume-
eine von einem Band überbrückte Einkerbung der ri und die mediale Trochlea humeri.
Margo sup., durch die der N. suprascapularis verläuft.
A./V. suprascapularis laufen über das Band hinweg. Unterarmknochen: Elle (Ulna)
Die Cavitas glenoidalis ist die Gelenkpfanne für und Speiche (Radius)
das Schultergelenk (Art. humeri). Über ihr liegt das Das proximale Ende der Ulna ist massiv. Es bildet das
Tuberculum supraglenoidale (Ursprung für Caput Olecranon nach hinten, 2 Inzisuren für die Trochlea
longum des M. biceps brachii), und unter ihr das Tuber- und das Caput radii, sowie den Proc. coronoideus nach
culum infraglenoidale (Ansatz für Caput longum des vorn. Nach distal verjüngt sich die Ulna und mündet
M. triceps brachii). distal in den Ulnakopf (Caput ulnae) sowie den Pro-
3.3 · Gelenke
63 3

cessus styloideus ulnae zur Befestigung des Discus arti- 4 Die Mittelhandknochen (Ossa metacarpi I–V)
cularis im proximalen Handgelenk. sind lange Röhrenknochen, die eine Basis, ein Cor-
Der Radius endet proximal mit dem Caput radii. pus, und ein Caput ossis metacarpi besitzen.
Dagegen ist das distale Ende mit der Gelenkpfanne für 4 Die Fingerknochen bestehen aus jeweils 3 Phalan-
die Handwurzelknochen (Kahnbein und Mondbein) gen, dem Grundglied, Mittelglied und Endglied
massiver. Es läuft mit dem Proc. styloideus radii aus. (Ausnahme: Daumen [Pollex] mit einem Grund-
Die Incisura ulnaris nimmt die Circumferentia arti- und Endglied).
cularis ulnae für das distale Radioulnargelenk auf.
Beide Unterarmknochen sind in der anatomischen
Grundstellung supiniert, d. h. die Daumen zeigen nach 3.3 Gelenke
außen (»Suppe fassen«). In der physiologischen Nor-
mal-Null-Stellung sind sie proniert, d. h. die Daumen 3.3.1 Gelenke des Schultergürtels
zeigen nach innen (»Prot« schneiden). Die Speiche
dreht sich um die Elle. Am Schlüsselbein werden laterales und mediales
Schlüsselbeingelenk unterschieden:
Handknochen (Ossa manus) 4 Laterales Schlüsselbeingelenk (Schultereckge-
Das Handskelett besteht aus den Handwurzelknochen lenk): Art. acromioclavicularis. Es artikuliert das
(Ossa carpi), Mittelhandknochen (Ossa metacarpi), und Schlüsselbein mit der Facies articularis acromialis.
den Fingerknochen (Ossa digitorum). Obwohl die Kno- Im Gelenkspalt liegt ein Discus articularis.
chen der Hand nebeneinander angeordnet sind, kann die 5 Gelenktyp und Bewegungsmöglichkeiten: Ku-
Hand greifen, weil der Daumen opponiert werden kann. gelgelenk, eingeschränkt durch das Lig. acro-
4 Die Handwurzelknochen liegen in 2 Reihen hin- mioclaviculare und das kräftige Lig. coraco-
tereinander. Die proximale Reihe besteht aus dem claviculare. Dieses ist in ein mediales Lig. co-
Kahnbein (Os scaphoideum), Mondbein (Os luna- noideum und ein laterales Lig. trapezoideum
tum), Dreieckbein (Os triquetrum) und Erbsen- unterteilt.
bein (Os pisiforme). Letzteres ist ein Sesambein, 4 Mediales Schlüsselbeingelenk: Art. sternoclavi-
das in die Sehne des M. flexor carpi ulnaris einge- cularis. Dieses verbindet das Manubrium sterni
lassen ist. Die insgesamt leicht S-förmig gebogene mit dem medialen Ende der Clavicula. Ein Discus
Kontur artikuliert mit Ulna und Radius im proxi- articularis teilt das Gelenk in 2 Kammern, wo-
malen Handwurzelgelenk (Art. radiocarpalis und durch funktionell ein Kugelgelenk entsteht. Abge-
Art. mediocarpalis). Die distale Knochenreihe sichert und gehemmt wird dieses Gelenk durch
besteht aus dem Trapezbein (Os trapezium), Tra- Ligg. sternoclaviculare anterior/posterior,Lig. in-
pezoidbein (Os trapezoideum), Kopfbein (Os ca- terclaviculare und Lig. costo-I-claviculare.
pitatum) sowie dem Hakenbein (Os hamatum) 5 Es sind folgende Bewegungen möglich: He-
(. Tab. 3.1). Diese ist mit der proximalen Reihe ben/Senken des Schultergürtels, Rückführen
durch die Artt. carpometaparpales verbunden. und Vorwärtsführen sowie eine ganz geringe
Rotation. Die Clavicula beschreibt durch eine
Kombination dieser Bewegungen einen Kegel-
. Tab. 3.1. Merkspruch der Handwurzelknochen von
mantel, deren Spitze im Sternoclaviculargelenk
radial nach ulnar und von proximal nach distal: liegt. Der Durchmesser der Basis im Schulter-
gelenk beträgt 15 cm (wichtig als Kompensa-
Proximale Reihe
tion bei Versteifung des Schultergelenks!).
Ein Kahn, der fährt Kahnbein (Os scaphoideum)
im Mondenschein Mondbein (Os lunatum)
im Dreieck um das Dreieckbein (Os triquetrum)
Erbsenbein. Erbsenbein (Os pisiforme) o
3.3.2 Schultergelenk (Art. humeri)
Sesambein
Distale Reihe Im Schultergelenk artikulieren das Caput humeri mit
Vieleckig groß, Großes Vieleckbein der Cavitas glenoidalis scapulae. Den großen Bewe-
vieleckig klein, (Os trapezium) gungsumfang erreicht das Gelenk durch lockere Bän-
der Kopf der muss am Kleines Vieleckbein der und eine fast nicht vorhandene Knochenführung.
Haken sein. (Os trapezoideum) Der Kopf ist 4-mal größer als die Pfanne, was diese nur
Kopfbein (Os capitum)
zum Teil durch eine ringförmige Faserknorpellippe
Hakenbein (Os hamatum)
(Labrum glenoidale) ausgleichen kann.
64 Kapitel 3 · Obere Extremität

Gelenktyp: Kugelgelenk mit Muskelführung. Bewe- 5 Bewegungsmöglichkeiten: Rotation des Ra-


gungsmöglichkeiten sind: dius, ermöglicht die Pronation/Supination um
4 Abduktion/Adduktion um die Sagittalachse, die Ulna.
4 Retroversion/Anteversion um die Transversalachse
und Gelenkkapsel
4 Rotation um die Longitudinalachse. Alle Teilgelenke werden von einer gemeinsamen Ge-
3 lenkkapsel umschlossen. Der Condylus humeri ist ein-
Die weite Gelenkkapsel wird vorn und oben durch Ge- geschlossen, die Epikondylen bleiben draußen. Da die
lenkbänder verstärkt: Lig. glenohumerale superius/ Kapsel teilweise recht schlaff ist, sorgen Kapselansätze
medium/inferius und Lig. coracohumerale. Bei Ab- des M. triceps brachii und M. brachialis dafür, dass sie
duktion des Arms entsteht ein oberer Reservespalt bei Beuge- und Streckbewegungen nicht im Gelenk-
(Recessus); bei Herunterhängen des Arms entsteht ein spalt eingeklemmt wird. Entsprechendes leistet der
solcher Recessus am unteren Umfang durch Einfaltung M. anconeus bei Pronation/Supination.
der Kapsel.
Durch die Gelenkhöhle verläuft die Sehne des lan- Bänder
gen Bicepskopfs. Sie ist unter dem Gelenkdach mit Der Bandapparat des Ellenbogengelenks besteht
Synovialmembran überzogen. Außerhalb des Gelenk- aus kräftigen Seitenbändern (Ligg. collateralia), dem
raums läuft sie im Sulcus intertubercularis in einer Lig. anulare radii sowie dem Cooper-Band:
Sehnenscheide (Vagina tendinis intertubercularis). 4 Lig. collaterale laterale (= radiale) und mediale
(= ulnare) sichern das Gelenk vor Ab- und Adduk-
Schleimbeutel (Bursae) tionsbewegungen. Sie führen zudem die Beuge-
Die Bursa subtendinea musculi subscapularis kom- und Streckbewegungen.
muniziert mit der Gelenkhöhle und mit der Bursa 4 Das Lig. anulare radii entspringt durch Fixierung
musculi coracobrachialis, die zwischen M. subscapu- am Lig. collaterale lat. vom Epicondylus lat. hume-
laris und Spitze des Proc. coracoideus (»Bursa subco- ri und setzt überknorpelt beidseits an der Incisura
racoidea, »subacromiales Nebengelenk»«) liegt. trochlearis ulnae an. Dadurch umschlingt es den
Radiuskopf, der somit nicht zur Seite abdriften
kann.
3.3.3 Ellenbogengelenk 4 Das Cooper-Band ist eine Verstärkung des me-
dialen Kollateralbandes, das vom Olecranon zum
Das Ellenbogengelenk ist ein zusammengesetztes Ge- Proc. coronoideus der Ulna zieht.
lenk (Drehscharniergelenk). Es besteht aus 3 Teilgelen-
ken, der Art. humeroradialis, sowie Art. humeroulna-
ris, Art. radioulnaris proximalis. 3.3.4 Verbindungen der Unterarmknochen
1. Art. humeroradialis:
5 Gelenkflächen: Capitulum humeri, Caput ra- Ulna und Radius sind durch 2 Gelenke und die Mem-
dii. brana interossea miteinander verbunden.
5 Gelenkart: Kugelgelenk mit 2 Freiheitsgraden 4 Art. radioulnaris proximalis: s. o.
(Trochoginglymus). 4 Die Membrana interossea antebrachii ist eine
5 Bewegungsmöglichkeiten: Rotation, Flexion/ Syndesmose, die an den Margines interossei der
Extension. Die Seitwärtsbewegung wird durch Unterarmknochen fixiert ist. Eine proximale Lücke
das Lig. anulare radii und die Membrana inte- gewährleistet bei Umwendbewegungen (Supina-
rossea verhindert. tion/Pronation) das Eintauchen der Tuberositas
2. Art. humeroulnaris: radii mit der langen Bizepssehne. Distal zieht ein
5 Gelenkflächen: Trochlea humeri, Incisura tro- Verstärkungsband nach schräg oben zur Ulna
chlearis ulnae. (Chorda obliqua). Darunter befinden sich Lücken
5 Gelenkart: Scharniergelenk. für Leitungsbahnen. Die Führung der kollagenen
5 Bewegungsmöglichkeiten: Flexion/Extension. Fasern sorgen für eine teilweise Kraftübertragung
3. Art. radioulnaris proximalis: vom Radius auf die Ulna bei Stößen auf die Hand.
5 Gelenkflächen: Circumferentia articularis des 4 Die Art. radioulnaris distalis bildet sich zwischen
Caput radii, Incisura radialis ulnae. Incisura ulnaris radii (Gelenkpfanne) und der
5 Gelenkart: einachsiges Rad- oder Zapfenge- Circumferentia raticularis capitis ulnae aus. Der
lenk (Art. trochoidea). Gelenkspalt ist rechtwinklig abgeknickt und be-
3.3 · Gelenke
65 3

rührt ebenfalls den Discus articularis ulnocarpa- Bänder


lis des proximalen Handgelenks. Die Handgelenke werden erheblich durch Bänder stabi-
5 Gelenkart: einachsiges Radgelenk (Art. tro- lisiert.
choidea). Verbindung der Unterarmknochen mit der Hand-
5 Bewegungsmöglichkeit: Zirkumduktion (»Tür- wurzel:
flügelbewegung«) des Radius um die Ulna. Dies 4 Ligg. collateralia carpi radiale und ulnare,
ist nur möglich bei entsprechender Umwendbe- 4 Ligg. radiocarpale dorsale und palmare und
wegung im proximalen Radioulnargelenk. 4 Lig. ulnocarpale palmare.

Verbindungen der Handwurzelknochen und Basis


3.3.5 Handgelenke der Metacarpalknochen:
4 Lig. carpi arcuatum,
Es werden ein proximales und ein distales Handwurzel- 4 dorsale und palmare Flächenbänder sowie
gelenk unterschieden, die den quer verlaufenden Bewe- 4 Binnenbänder. Ligg. intercarpalia interossea und
gungsachsen entsprechen. Echte Gelenke gibt es zudem Ligg. metacarpalia interossea.
zwischen allen benachbarten Handwurzelknochen
(Artt. intercarpalia). Distal davon liegen die Gelenke
zwischen Handwurzel und Mittelhandknochen (Karpo- 3.3.6 Fingergelenke
metakarpalgelenke).
4 Art. radiocarpalis (Proximales Handwurzelgelenk): Die sehr beweglichen Fingergelenke gliedern sich in
5 Es artikulieren Radius und Discus articularis Grund-, Mittel-, und Endgelenk.
carpalis mit den Knochen der proximalen Für das Grundgelenk gilt:
Handwurzelreihe (Os scaphoideum, Os luna- 4 Artikulierende Flächen: Caput ossis metacarpi
tum, und Os triquetrum). und Basis der Phalanx proximalis (Grundglied).
5 Gelenktyp: zweiachsiges Ellipsoidgelenk. 4 Gelenkart: anatomisch: Kugelgelenk; physiolo-
5 Bewegungsmöglichkeiten: Palmarflexion/Ex- gisch: Kugelgelenk mit 2 Freiheitsgraden.
tension (radioulnare Achse), Radialabduktion/ 4 Gelenkkapsel: relativ schlaff, verstärkt durch Kol-
Adduktion (dorsopalmare Achse). lateralbänder.
4 Art. mediocarpalis (Distales Handwurzelgelenk): 4 Bänder: Ligg. collateralia, die dorsal des Drehmit-
5 Es artikulieren die Knochen beider Handwur- telpunkts entspringen. Dadurch straffen sie sich bei
zelreihen in einem S-förmigen Verlauf mitei- Beugung der Finger.
nander. 4 Bewegungsmöglichkeiten: Palmarflexion/-exten-
5 Gelenktyp: verzahntes Scharniergelenk. sion (radioulnare Achse), Abduktion/Adduktion
5 Bewegungsmöglichkeiten: geringe Flexions-/ (dorsopalmare Achse), bezogen auf die Achse der
Extensionsbewegungen, Wackelbewegungen Mittelphalangen. Bei vollständiger Beugung ist eine
über die kommunizierenden Interkarpalge- Abduktion kaum mehr möglich, weil sich die Seiten-
lenke (Amphiarthrosen). bänder zunehmend straffen (Sicherheit des Hand-
4 Artt. carpometacarpales (Karpometakarpalge- griffs). Das Grundgelenk des Daumens ist jedoch
lenke): kaum beweglich (Scharniergelenk).
5 Karpometakarpalgelenke sind relativ unbe-
wegliche Gelenke zwischen den Knochen der Für das Mittel- und Endgelenk gilt:
distalen Handwurzelreihe und den Mittelhand- 4 Artikulierende Flächen: Caput der proximalen
knochen. Da sie mit straffen Bändern fixiert mit Basis der distalen Phalanx.
sind, nennt man sie Amphiarthrosen. 4 Gelenkart: Scharniergelenk, ein Freiheitsgrad.
5 Ausnahme ist das Sattelgelenk des Daumens: 4 Gelenkkapsel: straff, dorsal verstärkt durch die
Artikulierende Flächen: Os trapezium und os Dorsalaponeurose der Fingerstrecker.
metacarpale I. 4 Bänder: Kollateralbänder verhindern Spreizbewe-
5 Bewegungsmöglichkeiten des Daumens: gungen bei Beugung und bei Streckung.
Adduktion/Abduktion, Extension/Flexion. Die 4 Bewegungsmöglichkeiten: Flexion, Extension.
kombinierte Bewegung aus Adduktion, Flexion
und geringer Rotation ergibt die Oppositions-
bewegung des Daumens auf den kleinen Fin-
ger zu. Die Rückführung heißt Reposition.
66 Kapitel 3 · Obere Extremität

. Tab. 3.2. Schultergürtelmuskeln


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion Besonderheiten
Kraniale Gruppe:
7 Kap. 5.3.5
(Halsmuskeln)
3 Kostale Gruppe
M. serratus ant. Margo 1.–9. Rippe N. thoracicus lon- dreht den Angulus inf. Hält die Scapula am
medialis gus scapulae nach lateral Rumpf. Bei Lähmung
scapulae des Nerven hebt sie
sich ab (Engelflügel!)
M. pectoralis Proc. coracoi- 3.–5. Rippe Nn. pectorales zieht die Scapula
minor deus (C5–Th1) herunter
M. subclavius 1. Rippe Unterfläche N. subclavius hält die V. subclavia
der Clavicula (C5– C6) offen durch Spannnung
der Fascia clavipectora-
lis; sichert die Art. ster-
noclavicularis
Vertebrale
Gruppe
M. levator Querfortsätze Angulus sup. N. dorsalis Anheben und Drehen
scapulae von C1–C4 scapulae, scapulae (Plexus der Scapula
Margo med. brach: C3–C5);
Rami musculares
(Plexus cervicalis:
C3–C4)
Mm. rhomboidei M. rhomb. Margo med. N. dorsalis Zurückziehen und
maj.: Dorn- Scapulae scapulae (C4–C5) Drehen der Scapula
fortsätze
C6–C7
M. rhomb.
min.: Dorn-
fortsätze
Th1–Th4
M. trapezius: Protuberantia lat. Drittel der N. accessorius, zieht den Schultergürtel Beidseits der Dorn-
Pars descendens: occipitalis ext. Clavicula Plex. cervicalis hoch fortsätze (C7–Th3)
(C2–C4) breitet sich der
rautenförmige Seh-
nenspiegel aus. Diese
Stelle hatte Siegfried
unvorsichtigerweise
nicht mit Blut be-
deckt.
Pars transversa Lig. nuche, Acromion zieht den Schultergürtel
Dornfortsätze nach hinten
C7–Th12,
Lig. supra-
spinale
Pars ascendens Spina scapulae zieht den Schultergürtel
herunter
3.4 · Muskeln
67 3
3.4 Muskeln 4 Kraniale Gruppe: M. trapezius, M. sternocleido-
mastoideus (7 Kap. 5.3.5).
Oft werden die Schultergürtelmuskeln und die Schul- 4 Kostale Gruppe: M. serratus anterior, M. pectora-
tergelenkmuskeln durcheinander gebracht. Muskeln lis minor, M. subclavius.
des Schultergürtels setzen entweder an Scapula oder 4 Vertebrale Gruppe: M. levator scapulae, Mm.
Clavicula an, aber sie haben keinen direkten Einfluss rhomboidei, M. trapezius.
auf die Bewegung des Oberarms.

3.4.2 Schultergelenkmuskulatur
3.4.1 Schultergürtelmuskeln
Die Muskeln des Schultergelenks bewegen den Ober-
Muskeln, die auf den Schultergürtel wirken, können arm gegenüber dem Schulterblatt. Man unterscheidet
nach ihren Ursprüngen folgenderweise eingeteilt wer- eine dorsale von der ventralen Gruppe (. Tab. 3.3).
den (. Tab. 3.2).

. Tab. 3.3. Schultergelenkmuskeln

Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion Besonderheiten


Dorsale Gruppe
M. supraspinatus Fossa supraspinata Tuberculum N. supraspinatus Abduktion, Au- Anfälligster Schul-
scapulae majus humeri (C4–C6) ßenrotation des termuskel. Ansatz-
Humerus sehne verkalkt leicht
im Gelenkdach.

M. infraspinatus Fossa infraspinata Tuberculum ma- N. supraspinatus Außenrotation


scapulae jus humeri (C4–C6)

M. teres minor Margo lat. scapulae Tuberculum ma- N. axillaris Außenrotation,


jus humeri (C5–C6) Adduktion,

M. teres major Angulus inf. scapulae Crista tuberculi N. thoracodorsalis Innenrotation,


minoris humeri (C6–C8) Adduktion,
Nn. subscapulares Retroversion
(C5–C6)

M. subscapularis Fossa subscapularis Tuberculum N. subscapularis Innenrotation


scapulae minus (C5–C6)

M. latissimus dorsi Pars scapularis: Crista tuberculi N. thoracodorsalis Innenrotation,


Angulus inf. minoris (C6–C8) Retroversion,
Pars vertebralis: Fascia Adduktion
thoracolumbalis
Pars iliaca: Crista iliaca
Pars costalis: 10.–12.
Rippe

M. deltoideus Pars spinalis: spina Tuberositas N. axillaris (C5–C6) Retroversion, Er abduziert nur mit
scapulae deltoidea humeri Außenrotation Hilfe des M. supra-
spinatis bis zur
Pars acromialis: Abduktion
Horizontale. Dar-
Acromion
über hinaus besorgt
Pars clavicularis: Anteversion, die Elevation des
Clavicula Innenrotation, Arms der M. serra-
Alle 3 Ab- tus ant. (nicht
schnitte: Adduk- öffentlich demons-
tion trieren!)
68 Kapitel 3 · Obere Extremität

. Tab. 3.3 (Fortsetzung)

Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion Besonderheiten


Ventrale Gruppe
M. coracobrachialis Proc. coracoideus mittleres vor- N. musculocuta- Anteversion, Er wird durchbohrt

3 scapulae deres Drittel des


Humerus, Ver-
neus (C6–C7) Adduktion,
Haltemuskel für
vom N. musculo-
cutaneus
längerung der den Arm
Crista tuberculi
minoris
M. pectoralis major Pars clavicularis: Crista tuberculi Nn. pectorales Adduktion,
Clavicula majoris humeri (C5–Th1) Anteversion,
Pars sternocostalis: Führen des
Vorderfläche des Arms zur Ge-
Sternum genseite (Speer
Pars abdominalis: werfen), Heben
Vorderes Blatt der der Rippen (Pct.
Rektusscheide fixum: Humerus)

. Tab. 3.4. Oberarmmuskeln


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion Besonderheiten
Beuger (ventral)
M. biceps brachii Caput longum: Tuberositas radii, N. musculocuta- Beugung des Unter- Bei gebeugtem
Tuberculum mit einer Apo- neus (C5–C7) arms, Supination (in Ellenbogengelenk
supraglenoidale neurose Beugung), Antever- ist der Bizeps der
humeri an der Fascia sion, Innenrotation, kräftigste Supinator
Caput breve: antebrachii Adduktion (nur Caput
Proc. coracoideus breve)
M. brachialis Distales Drittel Tuberositas N. musculocuta- Beugung des Unter-
des Humerus, ulnae neus (C5–C7) arms
Vorderfläche
M. brachioradialis Laterale Kante Proc. styloideus N. radialis Beugung des Unter- Dieser Muskel ist
des unteren radii (C5–C6) arms, Pronation bei von der Strecker-
Humerusdrittels (von dorsal supiniertem Unter- seite nach vorn ge-
nach ventral arm, und Supination wandert, wird also
ausgewandert) bei proniertem Unter- ausnahmsweise
arm, bis zur Neutral- als Beuger vom
0-Stellung N. radialis innerviert.
Strecker (dorsal)
M. triceps brachii Caput longum: Olecranon der N. radialis Streckung des Unter-
Tuberculum Ulna (C6–C8) arms; Adduktion und
infraglenoidale Retroversion des
scapulae Oberarms (nur Caput
Caput mediale longum)
und caput late-
rale: Hinterfläche
des Humerus
M. anconeus Epicondylus lat. Prox. dorsale N. radialis Streckung im Ellenbo-
humeri, Lig. colla- Fläche der Ulna (C7–C8) gengelenk; Straffung
terale lat. der Gelenkkapsel
3.4 · Muskeln
69 3

. Tab. 3.5. Unterarmbeuger

Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion Besonderheiten


Oberflächliche Beuger
M. flexor carpi Epicondylus med. Basis des Mittel- N. medianus Palmarflexion, Epicondylitis me-
radialis handknochens II (C6–C8) Radialabduktion; dialis. Bei Dauerstra-
Beugung u. pazen können sich die
Pronation im Usprungssehnen ent-
Ellenbogengelenk zünden: »Golfarm«

M. flexor carpi Caput ulnare: Erbsenbein, Basis N. ulnaris Palmarflexion,


ulnaris Olecranon des Mittelhand- (C7–Th1) Ulnarabduktion;
Caput humerale: knochens V Beugung im
Epicondylus med. Ellenbogengelenk

M. palmaris Epicondylus med., Palmaraponeu- N. medianus Palmarflexion Nur bei 10% vorhan-
longus Fascia antebrachii rose (C7–Th1) den, wird als Sehnen-
transplantat ver-
wendet.

M. pronator Caput ulnare: Mittl. Drittel des N. medianus Pronation, Beu-


teres prox. Ulnaende Radius (C6–C7) gung im Ellen-
Caput humerale: bogengelenk
Epicondylus med.

M. flexor Caput radiale: Mittelglied der N. medianus Beugung der Ansatzsehne wird vom
digitorum Vorderfläche des 2.–5. Finger (C7–Th1) Finger, Handge- M. flexor digitorum
superficialis Radius lenk, Ellenbogen profundus durchbro-
Caput humero- chen (M. perforatus)
ulnare: Epicondy-
lus med. humeri,
Proc. coronoideus
ulnae

Tiefe Beuger
M. flexor Palmarfläche der Basis der End- N. medianus, Fingergelenke: Ansatzsehne durch-
digitorum Ulna (proximal), phalangen des N. ulnaris Beugung bricht den M. flexor
profundus Membrana inte- 2.–5. Fingers (C6–Th1) Handgelenk: Pro- dig. superficialis
rossea nation, Ulnarab- (M. perforans); dient
duktion als Urprung für
Mm. lumbricales

M. pronator Palmarfläche der Palmarfläche des N. medianus Pronation


quadratus Ulna (distal) Radius (distal) (N. interosseus,
C6–Th1)

M. flexor pollicis Palmarfläche des Basis der End- N. medianus Beugung im


longus Radius, Membrana phalanx des (C6–C8) Handgelenk und
interossea Daumens des Daumens
70 Kapitel 3 · Obere Extremität

. Tab. 3.6. Unterarmstrecker

Oberflächliche Ursprung Ansatz Innervation Funktion Besonderheiten


Streckergruppe
M. extensor carpi Epicondylus lat., Basis des Mittel- N. radialis Palmarextension Sog. »Faustschlusshel-
radialis brevis Lig. collaterale lat. handknochens III (C6–C7) (= Dorsalflexion) fer«
3 im Handgelenk

M. extensor carpi Epicondylus lat., Basis des Mittel- N. radialis Palmarextension,


radialis longus Margo lat. humeri handknochens II (C6–C7) Beugung im Ellen-
bogengelenk

M. extensor carpi Epicondylus lat. Basis des Mittel- N. radialis Ulnarabduktion, Epicondylitis lateralis.
ulnaris handknochens V (C6–C7) Palmarextension Bei Überbeanspru-
chung der Strecker
können sich die Ur-
spungssehnen am
Epicondylus lat. ent-
zünden: »Tennisarm«

M. extensor Epicondylus lat. Dorsalaponeuro- N. radialis Streckung der


digitorum sen der 2.-5. Finger (R. prof., Finger und des
C7–C8) Handgelenks

M. extensor digiti Epicondylus lat. Dorsalaponeurose N. radialis Streckung des


minimi des 5. Fingers (R. prof., 5. Fingers, Ulnar-
C7–C8) abduktion,
Palmarextension
im Handgelenk

Tiefe Streckergruppe
M. supinator Epicondylus lat., Radius (distal der N. radialis Supination Durchtritt des N. radia-
Crista M. supinato- Tuberositas radii) (R. prof., lis (R. profundus) im
ris ulnae C5–C7) Supinatortunnel

M. abductor Membrana Basis des Mittel- N. radialis Handgelenk: Die Sehnen dieser
pollicis longus interossea handknochens I (R. prof., Palmarflexion, Muskeln bilden die
C6–C8) Radialabduktion, Begrenzung der Taba-
Karpometakarpal- tière (Fovea radialis)
gelenk. Abduk- und unterstützen die
tion, Streckung nasale Einnahme
stigmatisierter Genuss-
M. extensor Radius, Membrana Basis der Grund- N. radialis Streckung u.
mittel
pollicis brevis interossea phalanx (R. prof., Abduktion des
C6–C8) Daumens

M. extensor Hinterfläche der Endphalanx des N. radialis Dorsalflexion,


pollicis longus Ulna, Membrana Daumens (R. prof., Adduktion,
interossea C7–C8) Streckung
3.4 · Muskeln
71 3

Rotatorenmanschette
. Tab. 3.7. Sehnenfächer der Extensoren
Die »Rotatorenmanschette« ist ein klinischer Begriff.
Es handelt sich um 4 Muskeln, deren Sehnen erstens 1. Fach M. extensor pollicis brevis
in der Kapsel des Schultergelenks verlaufen, somit das M. abductor pollicis longus
Gelenk sichern, und die zweitens den Oberarm ro- 2. Fach M. extensor carpi radialis longus
tieren. Demzufolge kommen nur folgende Muskeln M. extensor carpi radialis brevis
infrage: 3. Fach M. extensor pollicis longus
4 M. teres minor,
4. Fach M. extensor digitorum
4 M. supraspinatus, M. extensor indicis
4 M. infraspinatus,
5. Fach M. extensor digiti minimi
4 M. subscapularis.
6. Fach M. extensor carpi ulnaris
Merke
Muskeln, die nur eines dieser Kriterien erfüllen
(z. B. M. biceps brachii), gehören nicht zur Rotato- Retinacula
renmanschette. Die Sehnen der langen Muskeln werden durch quer
verlaufende bindegewebige Halterungen (Retinacula)
dicht am Handgelenk geführt. Dorsal erstreckt sich das
Retinaculum extensorum und palmar das Retinaculum
3.4.3 Oberarmmuskulatur flexorum. Das Retinaculum extensorum komparti-
mentiert den unter ihm liegenden Raum in Sehnen-
Die Muskeln am Oberarm lassen sich in eine ventrale fächer (. Tab. 3.7).
Muskelgruppe und eine dorsale Muskelgruppe eintei-
len (. Tab. 3.4). Sie wirken zum größten Teil auf das Karpaltunnel (Canalis carpi)
Ellenbogengelenk, sind daher gleichzeitig Beuger und Das Retinaculum flexorum teilt nur einen großen
Strecker des Unterarms. Zwei Oberarmmuskeln (Caput Raum ab, den Karpaltunnel. Durch ihn ziehen die Beu-
longum des M. biceps brachii und Caput longum des gesehnen und der N. medianus. Ausnahme: M. flexor
M. triceps) sind zweigelenkig, d. h. sie wirken auch auf carpi ulnaris mit N. ulnaris, und, falls vorhanden,
das Schultergelenk. M. palmaris longus.

Karpale und digitale Sehnenscheiden


3.4.4 Unterarmmuskulatur Sehnenscheiden dienen der möglichst reibungslosen Ar-
beit der langen Handmuskeln. Sie sind an der Palmar-
Die Hand ist nur deshalb ein optimales Werkzeug, weil seite wichtiger als an der Dorsalseite. Im Karpaltunnel ist
ihre Muskelbäuche überwiegend in den Unterarm aus- es besonders eng und dunkel, daher besitzen die Sehnen
gelagert sind. Ihre Sehnen überspringen zum Teil meh- der Fingerbeuger dort eine gemeinsame Sehnenscheide;
rere Gelenke. Fast alle langen Muskeln entspringen an meist sind die Sehnen des M. flexor pollicis longus und
den Epikondylen des Humerus und wirken somit auch des M. flexor carpi radialis extra abgeteilt. Die langen
auf das Ellenbogengelenk. Fingerbeuger 2–4 haben distal individuelle, isolierte
Wie am Oberarm gibt es auch am Unterarm eine Scheiden, während die des kleinen Fingers mit der ge-
vordere Gruppe (Beuger) (. Tab. 3.5) und eine hintere meinsamen Karpalsehnenscheide kommuniziert.
Gruppe (Strecker) (. Tab. 3.6). Unterteilt werden diese Demgegenüber besitzt auf der Streckseite jedes
nochmals in oberflächliche und tiefe Gruppen. Fach eine Sehnenscheide unabhängig von der Zahl der
Weiterhin sind am Unterarm Umwendbewegungen hindurch ziehenden Sehnen.
der Speiche um die Elle möglich. Aus diesem Grunde
können die Pronatoren und Supinatoren nur am Ra- KLINIK
dius ansetzen. Karpaltunnelsyndrom: Bei diesem Syndrom
kommt es zur Kompression des N. medianus unter
Merke dem Retinaculum flexorum mit anfänglichen Paräs-
Die meisten langen Strecker am Unterarm ent- thesien und Dauerschmerz sowie Thenaratrophie
springen am Epicondylus lateralis, die Beuger am im Endstadium.
Epicondylus medialis. 6
72 Kapitel 3 · Obere Extremität

nächst in den Grundgelenken beugen, dann würm-


V-Phlegmone: Entzündungen können sich über chenhaft die Seite wechseln und die Endgelenke der
die Sehnenscheiden des Daumens bis zum Hand- Finger strecken (s. u.). Die raubtierhafte Natur der
gelenk ausbreiten und von dort die Hypothenar- menschlichen Hand zeigt sich in der besonders kräfti-
seite erreichen. gen Ausstattung mit Flexoren (Faustschluss zum Aus-
teilen von Schlägen) sowie der Oppositionsmöglich-
3 keit des Daumens (Besitzergreifen und Festhalten von
Subventionen und Privilegien). Es werden folgende
3.4.5 Handmuskeln Gruppen unterschieden:
4 Muskeln des Daumenballens (. Tab. 3.8),
Die kurzen Handmuskeln (Handbinnenmuskeln) die- 4 Muskeln des Kleinfingerballens (. Tab. 3.9) und
nen der Feinmotorik. Im Prinzip gehören alle zu den 4 Hohlhandmuskeln (. Tab. 3.10).
Beugern, mit Ausnahme der Mm. lumbricales, die zu-

. Tab. 3.8. Muskeln des Daumenballens (Thenarmuskeln)


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion Besonderheiten
M. abductor Os scaphoideum, Radiales Sesam- N. medianus Abduktion, Reposi-
pollicis brevis Retinaculum bein (C6–C7) tion im Karpometa-
flexorum karpalgelenk;
Beugung im Grund-
gelenk
M. flexor pollicis Ossa capitatum, Basis der Grund- N. ulnaris (R. prof., Karpometakarpal-
brevis: trapezoideum, phalanx C7–Th1) gelenk: Opposition,
Caput super- trapezium Adduktion, Grundge-
ficiale lenk: Beugung Die Daumen-
ballenmuskeln
Caput pro- Retinaculum N. medianus atrophieren bei
fundum flexorum (C7–Th1) Schädigung des
M. opponens Retinaculum Corpus ossis N. medianus Opposition, Rotation, N. medianus
pollicis flexorum, metacarpi I (C6–C7) Adduktion, Beugung
Os trapezium
M. adductor Ossa metacarpi II, Basis der Grund- N. ulnaris (R. prof., Karpometakarpal-
pollicis: III, capitatum phalanx (ulnares C8–Th1) gelenk: Adduktion,
Caput obliquum Sesambein) Opposition; Grund-
gelenk: Beugung
Caput trans- Os metacarpi III
versum (palmar)

. Tab. 3.9. Muskeln des Kleinfingerballens


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion Besonderheiten
M. opponens Retinaculum Os metacarpi V N. ulnaris (R. prof., Beugung, Opposition
digiti minimi flexorum C8–Th1)
Die Muskeln
M. flexor digiti Retinaculum Basis Grund- N. ulnaris (R. prof., Beugung
des Hypothenar
minimi brevis flexorum phalanx V C8–Th1)
atrophieren
M. abductor Retinaculum Basis Grund- N. ulnaris (R. prof., Grundgelenk: Ab- bei Lähmung
digiti minimi flexorum, phalanx V C8–Th1) duktion, Beugung; des N. ulanris
Os pisiforme Mittel- u. Endgelenk:
Streckung
M. palmaris Palmaraponeu- Haut des N. ulnaris (R. superf., Spannung der Pal- Schutz der Lei-
brevis rose, Retinaculum Hypothenar C8–Th1) maraponeurose tungsbahnen im
flexorum Canalis ulnaris
3.5 · Nerven der oberen Extremität
73 3

. Tab. 3.10. Muskeln der Hohlhand


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion Besonderheiten

Mm. lumbricales Sehnen der tiefen Dorsalaponeu- I+II: N. medianus Beugung im Grund- Kusshandmus-
Fingerbeuger rosen des (C8–Th1) gelenk, Streckung keln, sie ähneln
(M. flexor digitorum 2.–5. Fingers III+IV: N. ulnaris in Mittel- und End- den Würmern,
prof.) (R. prof., C8–Th1) gelenk daher der Name
Mm. interossei Ulnarfläche des Dorsalaponeu- N. ulnaris (R. prof., Grundgelenk:
palmares Os metacarpale II, rosen d. C8–Th1) Beugung,
Radialflächen d. 2.,4.,5. Finger Mittel-Endgelenk:
Ossa metacarpalia Streckung,
IV+V Adduktion des Zeige-
fingers, Ringfingers,
Kleinfingers zum
Mittelfinger
Mm. interossei Ulnar- u. Radial- Dorsalaponeu- N. ulnaris (R. prof., Grundgelenk:
dorsales flächen benach- rosen d. C8–Th1) Beugung,
barter Ossa meta- 2.–4. Finger Mittel-Endgelenk:
carpalia Streckung,
Abduktion des Zeige-
fingers u. Ringfingers
vom Mittelfinger
(Spreizung)

KLINIK 3.5 Nerven der oberen Extremität


Bei einer Medianuslähmung kommt es zur
Atrophie des Daumenballens, bei einer Ulnaris- Schultergürtel und Arm werden von Ästen des Plexus
lähmung zu einer Atrophie des Hypothenar. brachialis innerviert. Ventrale Äste der Spinalnerven
treten aus den Foramina intervertebralia aus und bilden
ein Dickicht von kurzen Leitungsbahnen, die den
Hohlhandmuskeln Gleisen eines Verschiebebahnhofs ähneln. Dabei wer-
Die Muskeln der Hohlhand füllen den Raum zwischen den zunächst 3 Hauptstämme, Trunci, gebildet, die sich
den Mittelhandknochen (Mm. interossei palmares anschließend wiederum in Bündel, Fasciculi, umgrup-
und dorsales) und den Mittelraum der Palma manus pieren. Erreicht wird damit eine gewisse »Durchmi-
(Mm. lumbricales). schung« der Nervenversorgung von Zielgebieten, so-
dass sich z. B. ein Muskel niemals allein auf das Derivat
Palmaraponeurose eines einzigen Segments verlassen muss.
Die Palmaraponeurose ist eine Sehnenplatte der Hohl-
hand, ein obligates Relikt des nur in ca. 10% erhaltenen
M. palmaris longus. Sie erstreckt sich vom Retinaculum 3.5.1 Plexus brachialis
flexorum in die Tiefe bis zu den Fingergrundgelenken.
Sie verspannt sich zwischen den Urspungsmuskeln des Rami ventrales der Segmente C5–Th1 gruppieren sich
Thenar und Hypothenar. Längsgerichtete Faszikel zu einem dicken Bündel und ziehen gemeinsam mit der
werden distal von Querverstrebungen durchflochten A. subclavia durch die hintere Scalenuslücke (zwischen
(Lig. metacarpale transversum). den Mm. scalenus anterior und medius). Im weiteren
Verlauf lässt sich der Plexus brachialis in 2 größere Por-
KLINIK tionen einteilen, nämlich die Pars supraclavicularis
Wenn gespannt, ist die Palmaraponeurose brett- (Anteile oberhalb der Clavicula) und die Pars infracla-
hart und lässt kaum etwas durch. Ödeme bilden vicularis.
sich daher eher auf dem Handrücken aus.
74 Kapitel 3 · Obere Extremität

. Tab. 3.11. Nerven der Pars supraclavicularis des Plexus brachialis


Nerv Verlauf Innervationsgebiet Besonderheiten/Ausfälle
N. dorsalis scapulae Durch M. scalenus med. zum M. scalenus med.,
C3–C5 Angulus sup. der Scapula. M. levator scapulae,
Margo med. bis zu Mm. rhomboidei Mm. Rhomboidei
3 N. thoracicus longus Durch M. scalenus med, mit M. serratus ant. Druckschädigung kann zum
C5–C7 A. thoracica lat. auf dem Ausfall des M. serratus ant.
M. serratus ant. führen: Scapula alata
(Engelflügelzeichen)
N. suprascapularis Mit A. suprascapularis in die Incisura Mm. supra- und infra-
C5–C6 scapulae (unter dem Band!) zur Fossa spinatus
supra- und infraspinata
N. subclavius C4–C6 M. subclavius

Merke Pars infraclavicularis


Äste der Pars supraclavicularis gehen direkt aus Anschließend verzetteln sich die Stämme erneut in Äste,
den Trunci oberhalb der Clavicula hervor. Äste der die als Nerven der Pars infraclavicularis neue Koalitionen
Pars infraclavicularis gehen aus den Fasciculi in den Faszikeln eingehen (. Tab. 3.12, . Tab. 3.13):
unterhalb der Clavicula hervor.
Fasciculus medialis
Dieser Faszikel setzt sich aus folgenden Nerven zusam-
men:
Pars supraclavicularis 4 Radix medialis des N. medianus (s. u.),
Die Rami ventrales der Pars supraclavicularis bilden in 4 N. pectoralis medialis,
der seitlichen Halsregion 3 Trunci aus und ziehen zum 4 N. ulnaris,
Hals, Schultergürtelmuskeln, Thoraxwand und zum 4 N. cutaneus brachii medialis,
Teil zum Zwerchfell (. Tab. 3.11): 4 N. cutaneus antebrachii medialis.
4 Truncus superior: Segmente C5–C6,
4 Truncus medius: Segment C7 und Der N. pectoralis medialis zieht (wie der N. pectoralis
4 Truncus inferior: Segmente C8–Th1. lateralis) hinter der Clavicula nach caudal, durch die

. Tab. 3.12. Nerven der Pars infraclavicularis des Plexus brachialis

Nerv Innervationsgebiet Besonderheiten/Ausfälle


Nn. subscapulares C6–C8: M. teres major
C5–C7: M. subscapularis

Dieser Nerv verläuft ungeschützt in der


N. thoracodorsalis
M. latissimus dorsi, M. teres major Axilla, kann von Operateuren der Mamma
(C6–C8)
beschädigt werden.

N. pectoralis lateralis M. pectoralis major, M. pectoralis minor


(C5–C7)

N. pectoralis medialis
(C8–Th1)

N. musculocutaneus Motorisch:
(C5–C7) Beuger am Oberarm: M. coracobrachialis, M. biceps
brachii, M. brachialis
Sensibel:
Haut am radialen Unterarm
3.5 · Nerven der oberen Extremität
75 3

. Tab. 3.12 (Fortsetzung)

Nerv Innervationsgebiet Besonderheiten/Ausfälle


N. medianus (C6–Th1) Motorisch: Kompressionsgefahr im Karpaltunnel:
Beuger an Unterarm (Ausnahmen: M. flexor carpi Karpaltunnelsyndrom (Armschmerzen
ulnaris, Caput ulnare des M. flexor digitorum prof.). um 5 Uhr morgens)
M. pronator teres (N. interosseus)
M. pronator quadratus (N. interosseus) Kompression auch möglich im Bereich des
Daumenballen (Ausnahme: M. adductor pollicis, M. pronator teres.
Caput prof. des M. flexor pollicis brevis). Bei Totalausfall: Schwurhand (z. B. durch
Mm. lumbricales I,II suprakondyläre Humerusfraktur)
Sensibel:
Palma manus (R. palmaris),
Haut der radialen 3 Finger und der Hälfte des Achtung: keine Innervationsgebiete am
4. Fingers Oberarm!

N. ulnaris (C6–Th1) Unterarm: M. flexor carpi ulnaris Verletzungsgefahr im Sulcus Nervi ulnaris.
Bei Totalausfall: Krallenhand wegen Ausfall
Endäste der Hand: der Mm. interossei.
Muskeln des Hypothenar, Mm. Interossei,
Mm. Lumbricales III, IV, M. adductor pollicis und Häufiger ist die Ulnarisschwäche mit mangel-
Caput prof. des M. flexor pollicis brevis, M. palmaris hafter Adduktion der Hypothenar- und Inte-
brevis rossei-Muskeln (Blatt Papier zwischen den ul-
naren Fingern kann nicht gehalten werden).
R. superficialis: Fingerhaut der ulnaren 1,5 Finger

N. cutaneus brachii Haut der Innenseite des Oberarms Anastomosen mit den 2. und 3. Interkostal-
medialis (C8–Th1) nerven: Nn. interocostobrachiales, die sich
bei Tumoren der Mamma schmerzhaft
melden können.

N. cutaneus antebra- Haut der medialen (ulnaren) Unterarmseite


chii medialis (C8–Th1)

N. radialis (C5–C7) Motorisch: alle Strecker am Arm Radialislähmung.


Bei Totalausfall Schwurhand durch Ausfall
M. brachioradialis (Beuger!) der Fingerstrecker. Häufigste Ursache: Hume-
M. supinator russchaftfraktur im Bereich des Sulcus nervi
radialis.
Sensibel: Streckseite des Arms, Distale Lähmungen (nach Verzeigung vor
R. superficialis: radiale Hälfte des Handrückens dem Supinatortunnel) sind entweder sensi-
(radiale 2,5 Finger) bel oder motorisch:
R. profundus: Dissoziierte Radialislähmung:
Motorische Symptome
(Supinatortunnelsyndrom)
R. superficialis: Druckschäden am Radius.
Rein sensible Ausfälle

N. axillaris (C5–C7) Motorisch: M. deltoideus, M. teres minor Lähmung des Deltamuskels bei Läsion des
N. axillaris:
Fraktur des Collum chirurgicum oder
Schultergelenkluxation
76 Kapitel 3 · Obere Extremität

Fascia clavipectoralis in den M. pectoralis minor und 4 N. radialis,


major. 4 N. axillaris.
Der N. ulnaris ist der Hauptstamm des Fasciculus
medialis am Arm. Er zieht im Sulcus bicipitalis medi- Die Nn. suprascapulares kommen aus C6–C8 sowie
alis zur Streckseite des Humerus und passiert im Sulcus C5–C7 (2 Äste, die nach dorsal laufen).
n. ulnaris des Epicondylus medialis das Ellenbogenge- Der N. thoracodorsalis zieht mit der A. thoraco-
3 lenk. Leitmuskel zur Hand ist der M. flexor carpi ulna- dorsalis an die Innenfläche des M. latissimus dorsi.
ris. Der N. ulnaris zieht ulnar über das Retinaculum Der N. radialis kommt aus dem Fasciculus poste-
flexorum und erreicht mit der A. ulnaris im Ulnartun- rior, windet sich von hinten im Sulcus nervi radialis
nel neben dem Os pisiforme die Hand. um den Humerus (Tricepskanal) und erscheint zwi-
4 Endäste der Hand: R. profundus: Zieht in die Tiefe schen dem M. brachialis und M. brachioradialis
bogenförmig unter die Beugersehnen in Richtung vorn in der Ellenbeuge. Dort teilt er sich in 2 Äste,
Daumen. den R. superficialis (total sensibel, unter dem M. bra-
4 Der gemischte R. superficialis zieht über die Basis chioradialis) und den R. profundus (überwiegend
des Hypothenar. motorisch).
4 Die restlichen sensiblen Verzweigungen des R. su- 4 Der R. profundus verschwindet im Supinatortun-
perficialis. ziehen zu den Hautarealen der ulnaren nel und gelangt dadurch wieder auf die Streckseite
1,5 Finger (N. digitalis palmaris communis mit 2 zurück. Nach zahlreichen Abzweigungen erreicht
Nn. digitales palmares proprii). der Hauptstamm als N. interosseus das proximale
Handgelenk.
Fasciculus lateralis 4 Der R. superficialis zieht mit der A. radialis unter
Dieser Faszikel umfasst folgende Nerven: dem Rand des M. brachioradialis auf die Dorsal-
4 N. pectoralis lateralis, seite der Hand. Endäste erreichen die 2,5 radialen
4 N. musculocutaneus, Finger (den 2. und 3. Finger nur bis zum Mittel-
4 Radix lateralis des N. medianus. glied).

Der N. pectoralis lateralis zieht (wie der N. pectoralis Der N. axillaris kommt aus dem Fasciculus posterior. Er
medialis) hinter der Clavicula nach caudal, durch die zieht mit der A. circumflexa humeri posterior durch die
Fascia clavipectoralis in M. pectoralis minor und major. laterale Achsellücke, am Collum chirurgicum vorbei,
Der N. musculocutaneus durchbohrt den M. co- direkt auf dem Knochen liegend zum M. deltoideus.
racobrachialis (Leitmuskel); zieht in der Beugerloge
zwischen M. brachialis und M. biceps brachii. Der sen- Die Tunnel und die Armnerven
sible Hautast (N. cutaneus antebrachii lat.) kommt in Die Weichteile des Unterarms und der Hand verhalten
der Ellenbeuge nach vorn radial. sich wie ein Gebirge, durch die die Leitungsbahnen
N. medianus: Anteile aus Fasciculus medialis und irgendwie durchmüssen. Es gibt für jeden der 3 großen
lateralis umgabeln in der Achselhöhle die A. brachialis Nerven einen Tunnel, in denen schreckliche Dinge
(Medianusgabel). Der N. medianus verläuft im Sulcus passieren können: Kompression mit nachfolgenden
bicipitalis med. mit A. brachialis u. N. ulnaris. Unter- Ausfällen bzw. Schmerzen.
halb der Ellenbeuge durchbohrt er den M. pronator 4 N. medianus: Karpaltunnel,
teres und zieht zwischen den Sehnen der Mm. flexor 4 N. ulnaris. Ulnartunnel,
digitorum superf. und prof. durch das Retinaculum fle- 4 N. radialis: Supinatortunnel.
xorum in die Hand. Er besitzt folgende Äste:
4 N. interosseus anterior zieht distal des M. pronator
teres an die Dorsalseite des Unterarms. . Tab. 3.13. Merkspruch: Plexus brachialis, Pars infracla-
4 Nn. digitales palmares communes I–III: Weiter- vicularis:
aufzweigung unter der Palmaraponeurose in Marylin N. musculocutaneus
Nn. digitales proprii für Hohlhand- und Thenar- Monroe N. medianus
muskeln. und N. ulnaris
King N. cutaneus brachii medialis
Fasciculus posterior Kong N. cutaneus antebrachii me-
Hier werden folgende Nerven zusammengefasst: retten die dialis
Anatomie N. radialis
4 Nn. suprascapulares,
N. axillaris
4 N. thoracodorsalis,
3.6 · Arterien
77 3

Merke
Obere Plexuslähmung (Erb-Lähmung): Aus-
Systematik bei Totalausfall der 3 motorischen Arm-
fall der Segmente C5–C6, Deltamuskellähmung,
nerven:
Supination).
N. medianus: Schwurhand.
Untere Plexuslähmung (Klumpke-Lähmung,
N. radialis: Fallhand.
seltener): Ausfall der Segmente C8–Th1, Ausfall
N. ulnaris: Krallenhand.
der Handmuskeln, evtl. Horner-Syndrom durch
Beteiligung des sympathischen Grenzstrangs;
Maximalgebiete – Autonomgebiete der Armnerven Rr. communicantes.
Aufgrund der Durchflechtungsstrategie der Armnerven-
wurzeln gibt es große Überlappungen der sensiblen
Versorgungsgebiete der Hautnerven. Das vollständige
Ausbreitungsgebiet eines Hautnerven heißt Maximal- 3.6 Arterien
gebiet, in das jedoch auch andere Nerven mit hinein-
schnüffeln. Die tatsächliche, ausschließlich von einem Die Arterien des Arms kommen aus der A. subclavia,
und sonst keinem Nerven versorgte Zone ist das Auto- die sich im Bereich der Achselhöhle in die kurze
nomgebiet. A. axillaris umbenennt. Ihre Fortsetzung ist die A. bra-
chialis des Oberarms. Distal des Ellenbogengelenks
Plexuslähmungen teilt sie sich in die A. radialis und A. ulnaris auf. Die
Der Plexus brachialis zieht, bevor er sich so raffiniert Hand vereint beide in 2 arteriellen Bögen, den Arcus
aufzweigt, durch einen sehr engen Hohlweg zwischen palmaris superficialis und profundus.
Clavicula und erster Rippe (den Erb-Punkt).

KLINIK 3.6.1 A. sub clavia (7 Kap. 5.8.1)


Einerseits kann man den Plexus am Erb-Punkt
effektiv lahm legen (Plexusanästhesie), anderer-
seits können ihn dort schwere Rucksäcke kompri- 3.6.2 A. axillaris
mieren (neurovaskuläres Kompressionssyndrom).
6 Die A. axillaris beginnt lateral der 1. Rippe und endet
unterhalb des M. pectoralis major an der vorderen Ach-

. Abb. 3.1. Arterien der Schultergegend; nicht bezeichnet ist die hinter der Clavicula entspringende A. thoracia sup.
(Schiebler 2005)
78 Kapitel 3 · Obere Extremität

selfalte. Sie ist zunächst begleitet vom Plexus brachialis,


später gesellt sich die V. axillaris hinzu und distal um-
greift sie der mediale und laterale Faszikel des Plexus
brachialis (Medianusgabel). Ihr Blut versorgt die Schul-
ter einschließlich des Gelenks sowie die vordere und
seitliche Brustwand (. Abb. 3.1).
3 Die A. axillaris gibt folgende Äste ab:
4 A. thoracoacromialis führt durch die Fascia clavi-
pectoralis in die Mohrenheim-Grube. Äste versor-
gen den Deltamuskel, M. subclavius und Mm. pec-
torales.
4 A. thoracia lateralis zieht zur medialen Wand der
Achselhöhle mit Abgängen für die Brustdrüse
(Rr. mammarii laterales).
4 A. subscapularis verläuft zur Scapula mit A. cir-
cumflexa scapulae, die durch die mediale Achsel-
lücke zur Fossa infraspinata verschwindet. Der
andere Endast, die A. thoracodorsalis, zieht zum
M. latissimus dorsi.
4 Aa. circumflexae humeri gelangen zum Hume-
rus, wie der Name sagt. A. circumflexa humeri
anterior zieht zur langen Bizepssehne, zur Schul-
tergelenkskapsel und zum Deltamuskel. Die grö-
ßere A. circumflexa humeri posterior zieht hin-
ten herum zusammen mit dem N. axillaris in die
laterale Achsellücke, und dann ebenfalls zum
Deltamuskel. Leider können diese Arterien bei
einer Fraktur des Collum chirurgicum verletzt
. Abb. 3.2. Arterien der Ellenbogengegend. (Schiebler 2005)
werden.

3.6.3 A. brachialis 3.6.4 A. radialis

Die A. brachialis verläuft im Sulcus bicipitalis medialis, Die A. radialis ist die radiale Fortsetzung der A. brachi-
begleitet von gleichnamigen Venen und vom N. medi- alis distal der Ellenbeuge. Sie verläuft über dem M. pro-
anus. Hier ist sie tastbar und kann gegen den Humerus nator teres mit dem R. superficialis des N. radialis am
abgedrückt werden, wenn es sein muss. Unterrand des M. brachioradialis entlang, taucht an der
Die A. brachialis gibt folgende Äste ab (. Abb. 3.2): Handwurzel unter die Fascia antebrachii auf, wo sie
4 A. profunda brachii kommt vom Unterrand des zwischen den Sehnen der M. flexor carpi radialis und
M. teres major, tritt zusammen mit dem N. ra- M. brachioradialis tastbar ist. Falls der Puls hier nicht
dialis n die Extensorenloge, den er im bekann- tastbar ist, kann man in der Tabatiére nachfühlen, in die
ten Sulcus nervi radialis begleitet und entspre- sie sich unter den Sehnen des M. abductor pollicis
chende Risiken teilt (s. o.). Kollateralarterien longus und M. extensor pollicis brevis windet.
führen distal zum Rete articulare cubiti in die Ellen- Die A. radialis besitzt folgende Äste (. Abb. 3.3):
beuge. 4 A. radialis recurrens läuft zum Rete articulare
4 A. collateralis ulnaris superior zieht hinter das cubiti zurück.
Septum intermusculare brachii mediale auf die 4 A. palmaris superficialis: gedacht für die Daumen-
Streckseite. Sie begleitet den N. ulnaris zur hinteren ballenmuskulatur. Sie ist der radiale Beitrag zum
Ellenbogenregion und beteiligt sich am Rete articu- Arcus palmaris superficialis, der überwiegend aus
lare cubiti. der A. ulnaris gespeist wird.
4 A. collateralis ulnaris inferior entspringt etwas 4 A. carpalis dorsalis: vorgesehen für die Mm. inte-
oberhalb des Epicondylus medialis humeri und rossei und die Versorgung der Finger (Aa. digitales
zieht ebenfalls zum Rete articulare cubiti. dorsales).
3.7 · Venen
79 3

4 A. princeps pollicis: ist der Hauptast für den Dau-


men.
4 Arcus palmaris profundus: Sicherheitskurzschluss
mit dem R. palmaris prof. der A. ulnaris; er liegt
direkt auf den Mittelhandknochen.

3.6.5 A. ulnaris

Die A. ulnaris verläuft unter dem M. pronator teres an


der Ulnarseite des Unterarms. Entlang des M. flexor carpi
ulnaris zieht sie mit dem N. ulnaris über das Retinaculum
flexorum in den Canalis ulnaris (Ulnartunnel). Sie bildet
an der Hohlhand den Arcus ulnaris superficialis.
Die Äste der A. ulnaris sind (. Abb. 3.3):
4 A. recurrens ulnaris: Rückwärts zum Rete articu-
lare cubiti.
4 A. interossea communis mit Aufteilung unter dem
M. pronator teres in A. interossea anterior: Zu-
sammen mit N. interosseus (aus N. medianus) auf
der Membrana interossea zum M. pronator qua-
dratus. Die A. interossea posterior gelangt durch
ein Loch in der Membrana interossea zur Streck-
. Abb. 3.3. Arterien der Hand, von palmar. (Schiebler 2005)
seite und zieht zum Handgelenk.
4 R. palmaris palmaris profundus: verläuft vom Os
pisiforme in die Tiefe und beteiligt sich mit dem
R. palmaris profundus der A. radialis am Arcus 3.7 Venen
palmaris profundus.
4 Arcus palmaris superficialis: direkte Fortsetzung Die Venen gliedern sich in tiefe (subfasciale) und ober-
der A. ulnaris, bildet den oberflächlichen Hohl- flächliche (epifasciale) Gefäße.
handbogen mit dem R. palmaris superficialis der
A. radialis unmittelbar unter der Palmaraponeu-
rose. Von ihm gehen Äste zur palmaren Versorgung 3.7.1 Tiefe Venen
der Finger ab: Aa. digitales palmares propriae.
Tiefe Venen begleiten die Arterien und sind namens-
Kollateralkreisläufe im Bereich der oberen gleich. Zwei Vv. brachiales vereinigen sich zur V. axilla-
Extremität ris, die sich in die V. subclavia fortsetzt.
Umgehungskreisläufe spiegeln das Sicherheitsbedürf-
nis der Greifwerkzeuge wider. Die Schulter ist durch
das Rete scapulare und Rete acromiale gesichert. Im 3.7.2 Oberflächliche Venen
Ellenbogenbereich stehen 4 Kollateralarterien von pro-
ximal und 3 rekurrente von distal zur Verfügung. Die V. basilica – ulnare Seite. Die V. basilica drainiert
Hand ist besonders gut durch Kollateralen und Anas- das Blut der ulnaren Unterarm- und Handseite und
tomosen versorgt. Im Kapillarbereich gibt es in den leitet es zur Ellenbeuge. Weiter proximal tritt sie durch
Fingerspitzen zahlreiche arteriovenöse Anastomosen, die Fascia brachialis in die Tiefe zu den Vv. brachi-
die der Temperaturregelung dienen. ales.

KLINIK V. cephalica – radiale Seite. Die V. cephalica nimmt


Zwischen der A. profunda brachii und den Aa. cir- das Blut der radialen Unterarm- und Handseite auf,
cumflexae humeri gibt es keine Anastomosen oder anastomosiert in der Ellenbeuge über die V. mediana
Kollateralen. Daher darf man die A. brachialis dort cubiti mit der V. basilica. Im Sulcus bicipitalis medialis
nicht unterbinden. zieht sie nach proximal zwischen M. deltoideus und
M. pectoralis major. Im trigonum clavipectorale durch-
80 Kapitel 3 · Obere Extremität

bricht sie die Fascia clavipectoralis, verschwindet in dexter (rechts) und in den Ductus thoracicus (links).
der Tiefe der Mohrenheim-Grube und mündet in die Beide münden dann in ihre entsprechenden Venenwin-
V. axillaris. kel (7 Kap. 2.10.3).

KLINIK
Vorsicht beim Blut abnehmen in der V. mediana 3.9 Angewandte und topografische
3 cubiti! Unter ihr liegt, von der Fascia brachii Anatomie
getrennt, die A. brachialis. Als Varietät kommt
eine hohe Teilung der A. brachialis vor. In diesen 3.9.1 Oberflächenanatomie
Fällen liegt ein Ast der A. brachialis auf der Fascie
(A. brachialis superficialis). Inspektion: was ist sichtbar?
Palpation: was ist tastbar?
Schulter. Auf ersten Blick fällt bei einem gut trainierten
Menschen die Schulterwölbung auf, die im Wesent-
3.8 Lymphknoten lichen durch das vom M. deltoideus überdeckte Tuber-
und Lymphgefäße culum majus aufgeworfen wird. Nach vorn sichtbar ist
die Clavicula, nach hinten die medialen und oberen
Die Lymphe des Arms wird in oberflächlichen und Ränder des Schulterblatts. Bei Hebung des Arms sieht
tiefen Lymphbahnen drainiert. man die vordere und hintere Achselfalte, die erste
markiert durch den Rand des M. pectoralis major, die
hintere durch den kräftigen M. teres major, und seinen
3.8.1 Oberflächliche Lymphbahnen schwächelnden Bruder, den M. latissimus dorsi. Im
Winkel zwischen Deltamuskel und M. pectoralis major
Diese Gefäße begleiten zumeist die oberflächlichen und dem Schlüsselbein ist die Fossa infraclavicularis
Venen. Ihre Lymphe fließt dann im Sulcus bicipitalis (Mohrenheim-Grube).
medialis zur Achselhöhle, wo sie in den oberflächlichen Am Oberarm fallen in anatomischer Grundstel-
Lymphknoten gecheckt wird. lung, d. h. bei Supination der Unterarmknochen, die
Epikondylen auf. Medial ist die Einziehung über dem
Sulcus bicipitalis medialis zu sehen, der Puls der A. bra-
3.8.2 Tiefe Lymphbahnen chialis ist dort in der Tiefe tastbar. Die Ansatzsehne des
Bizeps ist in der Ellenbeuge gut tastbar. An der Streck-
Wie der Name suggeriert, verlaufen diese Gefäße sub- seite sieht und tastet man das Olecranon der Ulna, auch
fascial und enden dann ebenfalls in den oberflächlichen die daran befestigte Ansatzsehne des Trizeps. Mutige
axillären Lymphknoten. können auch den N. ulnaris im Sulcus nervi ulnaris
durch einen geschickten Schlag des medialen Epicon-
dylus auf eine Tischkante zum Schwingen bringen
3.8.3 Lymphknoten der Achselhöhle (Musikantenknochen).

Die oberflächlichen axillären Lymphknoten liegen Unterarm und Hand. Am Unterarm sind tastbar: Die
direkt unter der Fascie der Axilla. Sie gliedern sich in gesamte Rückseite der Ulna mit Caput und Processus
3 Gruppen: styloideus ulnae, aber vom Radius nur der Proc. stylo-
1. Nodi lymphatici axillares laterales begleiten die ideus. An der Handwurzel tastet man in der Tiefe der
V. axillaris und ziehen die Armlymphe auf sich. Tabatière (. Tab. 3.6) das Os scaphoideum. Bei Frak-
2. Nodi lymphatici axillares pectorales erhalten die turen des Kahnbeins, die mitunter nicht gleich im
Lymphe der Brustwand und der Mamma (Mam- Röntgenbild zu erkennen sind, tut ein gezielter Druck
makarzinom). an dieser Stelle weh.
3. Nodi lymphatici axillares subscapulares kontrol-
lieren die Lymphe der Schulterregion.
3.9.2 Regio supraclavicularis
Die tiefen axillären Lymphknoten sind die nächste
Station und liegen um die A. axillaris und den Plexus Die seitliche Halsregion wird lateral oberhalb der Cla-
brachialis. Von hier aus gelangt die Lymphe dann über vicula durch die Regio supraclavicularis eingenommen.
den Truncus subclavius in den Ductus lymphaticus Merkenswert sind hier die Skalenuslücken:
3.9 · Angewandte und topografische Anatomie
81 3

4 Die vordere Skalenuslücke ist der Raum zwischen 3.9.3 Regio infraclavicularis, deltoidea
M. scalenus anterior und dem M. sternocleidoma- und scapularis
stoideus, durch den die V. subclavia zieht.
4 Die hintere Skalenuslücke ist der Raum zwischen Die Regio infraclavicularis ist die schmale längs ver-
den Mm. scalenus anterior und medius, durch den laufende Region zwischen Clavicula und M. pectoralis
Plexus brachialis und A. subclavia ziehen. major. Nach lateral endet sie im Trigonum clavipecto-
rale, deren Absenkung – die Fossa infraclavicularis
Der Plexus brachialis tritt dann zwischen Clavicula und (Mohrenheim-Grube) – durch die Fascia clavipectora-
der 1. Rippe in die Achselhöhle ein. lis abgedeckt wird. In der Tiefe verläuft der Gefäß-Ner-
Mitunter (1%) inseriert am Querfortsatz des 7. ven-Strang.
Halswirbels eine zusätzliche Rippe, eine sog. Halsrippe. Die Regio deltoidea ist die Region des Deltamus-
Diese kann dann Plexus brachialis und A. subclavia kels. Dieser bedeckt das Schultergelenk, dazwischen
komprimieren. ist ein Verschieberaum (Spatium subdeltoideum) mit
2 Schleimbeuteln (Bursa subdeltoidea und subacromi-
KLINIK alis). Diese funktionieren als »Nebengelenke« des
Die V. subclavia eignet sich wegen ihres weiten Schultergelenks und ermöglichen ein komfortables
Kalibers und der Oberflächennähe besonders zum Gleiten des Humeruskopfs gegen das Schulterdach
Legen zentraler Venenkatheter. Die Vene kolla- (gebildet von Acromion, Proc. coracoideus und das
biert nicht, da ihre Adventitia am Periost und an der Lig. coracoacromiale).
Fascia clavipectoralis fixiert ist. Man gewinnt Raum
für die Punktion, indem man den Kopf (des Patien-
ten natürlich) zur Gegenseite drehen und den Arm 3.9.4 Fossa axillaris (Spatium axillare)
nach unten ziehen lässt. Die Vene wird an der
Grenze des medialen und mittleren Drittels unter Die Achselhöhle wird durch Achselfalten begrenzt:
der Clavicula punktiert. Kenner kennen das Risiko: Vorn durch den M. pectoralis major, nach hinten
Die V. subclavia läuft auf der Pleurakuppel, sodass durch den M. teres major, M. latissimus dorsi. Die
man einen Pneumothorax setzen kann, wenn die Spitze dieses pyramidenförmigen Transitraums für
Nadel zu sehr nach caudal geführt wird. Daher ist Leitungsbahnen ist das Schultergelenk, die Basis die
nach Anlage(versuch) immer eine Kontrolle durch Haut der Achselgrube. Medial grenzt der M. serratus
eine Röntgenaufnahme des Thorax nötig. anterior und lateral der Humerus und der M. coraco-
brachialis.

. Abb. 3.4. Mediale und laterale Achsellücke rechts. (Tillmann 2005)


82 Kapitel 3 · Obere Extremität

Fascia axillaris
Die Fascia axillaris spannt sich zwischen der Fascia
pectoralis nach vorn, der Fascia brachialis zur Seite und
der Rückenfaszie nach hinten aus. Sie ist derb, aber
durchlöchert wie ein Sieb für Lymphgefäße und kleine
Blutgefäße. Bei Adduktion des Arms lassen sich am be-
3 sten die unter ihr liegenden Lymphknoten palpieren.

3.9.5 Schulter

Achsellücken
Die viereckige laterale Achsellücke wird begrenzt
durch das Caput longum des M. triceps brachii, die
Sehnen der Mm. teres minor und teres major, sowie
den Humerus (Collum chirurgicum) (. Abb. 3.4). Hier
treten der N. axillaris und die Vasa circumflexa poste-
rioria humeri durch.
Die dreieckige mediale Achsellücke wird begrenzt
durch den M. teres minor, teres major und den langen
Bizepskopf (. Abb. 3.4). Hier treten die Vasa circum-
flexa scapulae hindurch. . Abb. 3.5. Querschnitt durch den rechten Oberarm. Ansicht,
wie in der Computertomographie, von distal. (Schiebler 2005)

3.9.6 Oberarm

Die Beugeseite des Oberarms (Regio brachialis anterior) lateralis. Von lateral kommen die A. radialis und die
wird von der Streckseite (Regio brachialis posterior) A. collateralis radialis, von medial die A. brachialis und
durch ein Septum intermusculare getrennt, welches sei- der N. medianus.
nerseits durch den Humerus in ein Septum intermuscu-
lare laterale und mediale geteilt wird (. Abb. 3.5). KLINIK
Vor dem Septum intermusculare mediale liegt einer Bei Beugung des Unterarms bilden die Verbin-
der beiden Haupttransitstraßen für Gefäße und Nerven. dungslinien zwischen den Epikondylen und dem
Er enthält den N. medianus, N. musculocutaneus und Olecranon ein gleichschenkliges Dreieck. Bei
die A. brachialis samt Begleitvenen. Dorsal dieses Sep- Streckung liegen die 3 Punkte in einer Linie. Diese
tums liegt die Straße für den N. ulnaris und die A. colla- Geometrie verändert sich bei Frakturen und Dis-
teralis ulnaris. Dorsal vom Humerus liegt der Passier- lokationen in diesem Bereich.
weg für den N. radialis und A. profunda brachii.

3.9.7 Fossa cubitalis 3.9.8 Unterarm

Die Regio cubitalis gliedert sich in eine vordere und Die Fascia antebrachii untergliedert den Unteram durch
eine hintere Region. Vorn geht die Fascia brachialis in Septa intermuscularia in 3 Muskellogen, in denen 5
die Fascia antebrachii über. Straßen für Leitungsbahnen entlangführen (. Tab. 3.14).
Die Y-förmige Regio cubitalis anterior (Ellen- Für jede von ihnen gibt es Leitmuskeln.
beuge) wird von 3 Muskeln begrenzt: M. biceps brachii
nach oben, M. brachioradialis nach radial, und M. pro-
nator teres nach ulnar. Bedeckt wird diese Region durch 3.9.9 Regio carpalis anterior
die Aponeurosis bicipitalis (Lacertus fibrosus). Auf der
Faszie verlaufen die Venen zum Blut abnehmen. Unter Diese Region enthält die unter dem Retinaculum flexo-
der Faszie vereinigen sich die beiden proximalen Bin- rum liegenden Strukturen, nämlich den Karpaltunnel
degewebsstraßen des Sulcus bicipitalis medialis und mit den Sehnen des M. flexor digitorum superf., M. fle-
3.9 · Angewandte und topografische Anatomie
83 3

. Abb. 3.6. Querschnitt durch den rechten Unterarm, mittle- Extensorenloge. Vier der 5 Gefäßnervenstraßen verteilen sich
res Drittel. Die Flexorenloge nimmt mehr Raum ein als die in der Flexorenloge. (Schiebler 2005)

. Tab. 3.14. Gefäß-Nerven-Straßen des Unterarms


Straßenname Leitmuskel Leitungsbahnen
Radiale Unterarmstraße M. brachioradialis N. radialis (R. superf.)
A. radialis
Vv. radiales
Ulnare Unterarmstraße M. flexor carpi ulnaris N. ulnaris
A. ulnaris
Mittlere Unterarmstraße zwischen den beiden Köpfen des M. pronator teres; N. medianus mit Begleitgefäßen
am Eingang zum Canalis carpi zwischen Sehnen des
M. flexor carpi radialis und M. flexor digitorum superf.
Interossäre Unterarmstraße in der Tiefe entlang der Membrana interossea N. interosseus antebrachii ant.,
A. interossea antebrachii ant.
Dorsale Unterarmstraße zwischen oberflächlicher und tiefer Schicht der N. radialis (R. prof.), N. interosseus
Streckergruppe; distal auf der Membrana interossea antebrachii post. mit Gefäßen

xor digitorum prof., M. flexor pollicis longus sowie durch die die Strecker der Hand ziehen (7 Kap. 3.4).
dem N. medianus. Der M. flexor carpi ulnaris zieht mit Daumenwärts wird die Tabatière durch die Sehnen der
N. und A. ulnaris über das Retinaculum in den Ulnar- Mm. abductor pollicis longus und brevis (radial) und
tunnel (Guyon-Loge). M. extensor pollicis longus begrenzt.

3.9.10 Regio carpalis posterior 3.9.11 Palma manus

Über die Dorsalseite der Handwurzel spannt sich das Über die Hohlhandseite erstreckt sich die Palmarapo-
Retinaculum extensorum mit seinen Sehnenfächern, neurose (7 Kap. 3.4). Unter ihr liegen die Logen für
84 Kapitel 3 · Obere Extremität

Thenar, Hypothenar und die Mittelhand, die mit den 3.9.13 Anatomische Korrelate bildgebender
Unterarmräumen kommuniziert. Wahrsager und Hand- Verfahren
chirurgen orientieren sich in ihren Metiers an den ge-
netisch determinierten Handlinien: Thenarfurche, Konventionelle radiologische Verfahren eignen sich
Mittelfurche, proximale und distale Hohlhandfurchen zur Diagnostik von pathologischen Deformitäten der
geben Auskunft über Erfolgsaussichten bei diversen Knochen (z. B. Frakturen), aber auch zur Korrelation
3 Staatsexamina. von biologischem und tatsächlichen Knochenalter auf
Grundlage der unterschiedlichen Ossifizierung der
Handwurzelknochen (Wachstumsstörungen). Zuneh-
3.9.12 Abgrenzung der sensiblen mend spielen auch Sonographie und Dopplerverfahren
Innervationsgebiete an Hand eine Rolle (Pathologie der Sehnenscheiden bzw. arte-
und Fingern rielle Durchflussstörungen).

. Tab. 3.12.

Fallbeispiel
Eine 32-jährige Erzieherin sucht ihren Hausarzt auf werden. Als Engstelle kommen der Spalt zwischen 1.
und berichtet über immer wieder auftretende Rippe und Clavicula (Costoclavicularspalt), die Skalenus-
Schmerzen im rechten Arm, die von Parästhesien bis lücken und Coracopectoralraum in Betracht.
hin zu stärksten Schmerzen variieren. Das Problem Aufgrund der Schmerzsymptomatik und aufgrund
bestehe schon seit ca. einem Jahr und eine Verletzung des zeitlichen Zusammenhangs mit der körperlichen
hätte sie nicht erlitten. Wohl aber falle ihr auf, dass die Belastung vermutet der Hausarzt, dass es sich um eine
Beschwerden im Urlaub nicht vorhanden seien, dafür Engstelle in der hinteren Skalenuslücke handelt. Als
bei körperlicher Belastung aber um so mehr. Da die Provokationsmanöver lässt er die sitzende Patientin den
Beschwerden zwischenzeitlich immer wieder ver- Kopf nach hinten und zur erkrankten Seite beugen und
schwinden, sei sie erst jetzt zum Arzt gegangen. gleichzeitig tief einatmen (Adson-Test). Der Schmerz
Die Untersuchung zeigt einen schmerzhaften nimmt hier deutlich zu. Der Arzt schlägt der Patientin
rechten Arm und im Vergleich zur Gegenseite kalte, zunächst Schonung und eine Physiotherapie vor. Bei
»weiße« Finger. Es zeigen sich keinerlei Bewegungs- fehlender Besserung lässt sich die Diagnose durch die
einschränkungen der Schulter oder Stellungen des Messung der Nervenleitgeschwindigkeit beweisen und
Schultergelenks, die schmerzhaft sind. als Ultima ratio die Skalenuslücke operativ erweitern.
Der Arzt äußert den Verdacht eines Thoracic Laut verschiedener Aufzeichnungen hat wahr-
Outlet Syndroms (TOS), bei dem die den Arm ver- scheinlich schon Michelangelo an TOS gelitten, denn er
sorgenden Gefäße und Nerven nach Verlassen der hatte bei seinen Arbeiten an der Decke der Sixtinischen
oberen Thoraxapertur an einer Engstelle komprimiert Kapelle stärkste Schmerzen im Arm.
4
87 4

4 Untere Extremität

Mind Map
Im Unterschied zum Schultergürtel dient der Becken- gen Muskeln wider. Gleichzeitig zollt aber auch die
gürtel mit den beiden Beinen weniger der Ausfüh- Beweglichkeit der erforderlichen Standhaftigkeit Tribut.
rung komplexer Feinmotorik als vielmehr der Auf- Die Gelenke sind mit kräftigen Bandapparaten abge-
nahme der Körpermasse und der Fortbewegung. Die sichert, zum Teil behindern auch Weichteile die Bewe-
notwendige Stabilität spiegelt sich in soliden, teils gungsmöglichkeiten.
massiv konstruierten Skelettelementen und in kräfti-
88 Kapitel 4 · Untere Extremität

4.1 Grundkenntnisse 4 Tuber ischiadicum (Sitzbeinhöcker): nach hinten


der Entwicklung gerichtete Verdickung, bekannt als Ursprung für
die Streckmuskeln des Oberschenkels (Ischiocru-
Die Entwicklung der Beinknospen liegt zeitlich etwa rale Muskulatur).
1–2 Tage hinter der der Armknospen zurück, folgt aber 4 Die Incisura ischiadica major ist eine Bucht zwi-
den gleichen Prinzipien (7 Kap. 3.1). schen Spina iliaca posterior inferior und der Spina
ischiadica, die durch das Lig. sacrospinale und
das Lig. sacrotuberale zum Foramen ischiadicum
4.2 Knochen majus verschlossen wird.
4 4 Die Incisura ischiadica minor ist die Knochen-
4.2.1 Beckengürtel ausbuchtung zwischen dem Tuber ischiadicum und
der Spina ischiadica. Die Ligg. sacrospinale und
Der Beckengürtel besteht aus dem Kreuzbein (Os sacrotuberale verschließen diese Inzisur zu einem
sacrum) und den beiden Hüftbeinen (Ossa coxae). Loch, dem Foramen ischiadicum minus.
Dorsal sind die 3 Knochen durch die Iliosakralgelenke
und ventral mit der faserknorpeligen Schambeinsym- Os pubis (Schambein)
physe verbunden. Das Schambein besteht aus dem Ramus ossis pubis
und dem Corpus ossis pubis. Der obere Teil des Scham-
Os sacrum (7 Kap. 6.1) beinasts besitzt eine scharfe Kante neben der Symphyse,
Pecten ossis pubis, und das Tuberculum pubicum, an
Os coxae dem das Leistenband inseriert. Der untere Scham-
Das Hüftbein besteht aus 3 Knochen, die sich Y-förmig beinast verbindet sich mit dem Ramus ossis ischii und
im Acetabulum, der Hüftgelenkpfanne, vereinigen. bildet den unteren Bogen des Foramen obturatum.
Beide Schambeine werden durch den Discus interpu-
Os ilium (Darmbein) bicus miteinander verbunden (Schambeinsymphyse).
Das Darmbein besteht aus dem Corpus ossis ilii und
der Ala ossis ilii, die durch die Linea arcuata getrennt
werden. Nach dorsal setzt sich die Linie ins Promonto- 4.2.2 Knochen des Oberschenkels
rium und nach vorn in die Oberkante der Symphyse
fort und bildet somit die Grenze zwischen großem Femur
und kleinem Becken oder die Beckeneingangsebene. Der Oberschenkelknochen ist ein langer Röhrenkno-
Von außen sichtbar ist die Facies glutea für die Ur- chen mit massiven Knochenenden. Er besteht aus dem
spünge der 3 Glutealmuskeln; nach innen gerichtet Caput femoris, Collum femoris, Corpus femoris und
ist die Facies sacropelvina mit der Facies auricularis, der distalen Epiphyse.
der Gelenkfläche mit dem Os sacrum. Prägnante Vor- Der Oberschenkelkopf (Caput femoris) bildet mit
sprünge sind: dem Acetabulum die knöcherne Basis des Hüftgelenks,
4 Crista iliaca (Darmbeinkamm) für den Ansatz der verbunden sind Kopf und Pfanne durch das Lig. capitis
schrägen Bauchmuskeln, femoris.
4 Spina iliaca anterior superior (vorderer oberer Der Oberschenkelhals (Collum femoris) verbindet
Darmbeinstachel) als Ursprung für den M. tensor den Schaft mit dem Kopf. Da die proximale Epiphysen-
fasciae latae, M. sartorius, und das Leistenband, fuge zwischen Kopf und Hals liegt, ist der Hals eigent-
4 Spina iliaca anterior inferior (vorderer unterer lich ein Teil des Schafts. Er ist in einem bestimmten
Darmbeinstachel) als Ursprung für den M. rectus Winkel (dem Collodiaphysenwinkel, ca. 127°) zum
femoris und das Lig. iliofemorale, Knochenschaft (Diaphyse), angebracht. Wird dieser
4 Spina iliaca posterior superior (hinterer oberer Winkel steiler als 135°, spricht man von einer Coxa
Darmbeinstachel) und valga, ist er kleiner als 120°, liegt eine Coxa vara vor
4 Spina iliaca posterior inferior (hinterer unterer (. Abb. 4.1a–c).
Darmbeinstachel).
KLINIK
Os ischii (Sitzbein) Bei einem zu steilen Winkel nimmt die Biegebe-
Das Sitzbein ist das Bein, auf dem man sitzt. Es besteht anspruchung auf den Oberschenkelhals und damit
aus dem Corpus ossis ischii und dem Ramus ossis ischii. die Gefahr einer Fraktur, besonders im Alter, zu.
Prägnante Knochenvorsprünge sind:
4.2 · Knochen
89 4

. Abb. 4.1a–c. Collodiaphysen-


winkel. a normal, b Coxa valga, c Coxa
vara. (Schiebler 2005)

a b c

Der Oberschenkelschaft (Corpus femoris) ist in der 4.2.3 Knochen des Unterschenkels
Sagittalebene leicht gebogen. Proximale Knochenvor-
sprünge sind: Der Unterschenkel besitzt 2 Knochen, die Tibia und
4 Trochanter major (Ansatzstelle für die Mm. glute- die Fibula.
alis medius und minimus, M. piriformis).
4 Trochanter minor (Innenseite; Ansatz für den Tibia (Schienbein)
M. iliopsoas). Die Crista intertrochanterica verbin- Das Schienbein ist der kräftigere der beiden Unter-
det beide Trochanteren auf der Dorsalseite, und die schenkelknochen und der einzige, der im Kniegelenk
Linea intertrochanterica entsprechend auf der Ven- artikuliert und somit die Körpermassen aufnimmt.
tralseite. Entsprechend breit sind die proximalen Kondylen des
4 Die Linea aspera ist eine gedoppelte Knochenleiste Tibiakopfs (Caput tibiae). Der dreikantige Tibiaschaft
für die flächenhaften Ansätze des M. vastus latera- (Corpus tibiae) besitzt einen gut tastbaren Schien-
lis (Labium laterale) und M. vastus medialis (Labi- beinkamm (Margo anterior), an deren oberen Teil die
um mediale). Tuberositas tibiae als Ansatz für das Lig. patellae
auffällt. Am Margo interosseus setzt die Membrana
Distal verbreitert sich das Femur zu den Gelenkknorren: interossea zur Fibula an. Der Margo medialis ist, wie
Condylus medialis und lateralis, vor denen sich die die Facies anterior, vorne tastbar.
Facies patellaris als Gelenkfläche für die Kniescheibe An der distalen Epiphyse läuft die Tibia in den
befindet. Nach hinten verschmälern sich die Kondylen Malleolus medialis (Innenknöchel) aus. Dieser bildet
derart, dass eine Grube zwischen ihnen frei bleibt, die mit dem Malleolus lateralis der Fibula die sog. Malleo-
Fossa intercondylaris. Die Gelenkflächen der Kondy- lengabel.
len sind bikonvex, weisen aber vorn und hinten ver-
schiedene Krümmungsradien auf. Bei gestrecktem Un- Fibula (Wadenbein)
terschenkel artikulieren Tibia und Femur stabil, haben Die schlanke Fibula liegt lateral der dicken Tibia. Ihre
bei Beugung jedoch eine geringere Kontaktoberfläche, tragende Bedeutung ist minimal, und das sieht man ihr
was die Rotation erleichtert. auch an. Proximal liegt das Fibulaköpfchen (Caput
fibulae), das mit der Tibia gelenkig verbunden ist, sich
Patella (Kniescheibe) aber dort nicht bewegen kann (Amphiarthrose). Der
Die dreieckige Patella ist das größte Sesambein des Kör- Schaft (Corpus fibulae) endet distal im Malleolus
pers und in die Sehne des M. quadriceps femoris ein- lateralis (Außenknöchel), der äußeren Forke der Malle-
gelegt. Die Spitze der rauen Vorderfläche ist der Ansatz olengabel. Medial befindet sich die Gelenkfläche für
für das Lig. patellae. Die Rückseite ist überknorpelt und das obere Sprunggelenk.
dient als Gelenkfläche (Facies articularis patellae) für
das Kniegelenk.
4.2.4 Fußknochen

Das Fußskelett besteht aus den Fußwurzelknochen


(Ossa tarsi), Mittelfußknochen (Ossa metatarsi), und
den Zehen (Ossa digitorum).
90 Kapitel 4 · Untere Extremität

Fußwurzelknochen Pfanne absichert. Das Gelenk ist ein Nussgelenk, d. h. der


Die Fußwurzelknochen organisieren sich in 2 Reihen Femurkopf steckt bis über den Äquator in der Pfanne.
4 Proximale Reihe:
5 Sprungbein (Talus), Gelenktyp: Kugelgelenk
5 Fersenbein (Calcaneus) und
5 Kahnbein (Os naviculare). Bewegungsmöglichkeiten: 3 Freiheitsgrade, Abduk-
4 Distale Reihe: tion/Adduktion, Anteversion/Retroversion und Rota-
5 Mediales Keilbein (Os cuneiforme mediale), tion.
5 mittleres Keilbein (Os cuneiforme interme-
4 dium), Gelenkkapsel: Die Kapsel setzt vorn an der Linea inter-
5 laterales Keilbein (Os cuneiforme laterale) trochanterica, hinten erst an der Mitte des Schenkel-
und halses an, um ein Einklemmen zu vermeiden.
5 Würfelbein (Os cuboideum).
Bandapparat: Obwohl der Kopf allein durch den Luft-
Talus. Der Talus liegt über den anderen Fußwurzel- druck in der Pfanne gehalten wird, sind die 3 Bänder
knochen. Er besteht aus dem Corpus tali mit der Ge- besonders kräftig und sicher. Das stärkste, das Lig. ilio-
lenkfläche für Tibia und Fibula im oberen Sprungge- femorale (Bertini), verläuft ventral von der Spina iliaca
lenk, dem Collum tali und dem nach vorne weisenden anterior inferior bis zur Linea intertrochanterica. Es
Caput tali mit der Gelenkfläche für das Kahnbein im hemmt die Retroversion und das Zurückkippen des Be-
unteren Sprunggelenk. ckens. Nach medial zieht das Lig. pubofemorale. Die
dorsale Seite sichert das Lig. ischiofemorale mit dem
Calcaneus. Der Calcaneus ist der bizarrste und größte Ansatz am Trochanter major. Das Lig. capitis femoris
aller Fußwurzelknochen. Er leitet einen Großteil der verläuft von der Fovea capitis femoris ins Acetabulum
Körperlast auf das Tuber calcanei. Das Sustentaculum und führt Blutgefäße zur Versorgung des Femurkopfs.
tali liegt medial unter dem Talus. Er bildet voneinander
getrennte Gelenkflächen für den Talus und für das KLINIK
Os cuboideum. Die angeborene Hüftluxation beruht auf einer
Dysplasie des Pfannendachs, sodass der Kopf bei
Os naviculare, Ossa cuneiformia. Das Os naviculare Zug der Glutealmuskeln nach oben herausrutscht.
liegt zwischen dem Talus und den 3 Ossa cuneiformia, Sie ist bei Mädchen häufiger als bei Jungen.
die das Fußquergewölbe bilden. Lateral grenzt das Os
cuboideum an, das Gelenkflächen für das Kahnbein
und das laterale Keilbein besitzt.
4.3.2 Kniegelenk (Art. genus)
Mittelfußknochen (Ossa metatarsi)
Die Knochen des Metatarsus sind ähnlich wie die Fin- Das Kniegelenk ist ein großes zusammengesetztes
ger der Hand konstruiert. Sie besitzen eine proximale Gelenk. Beteiligt sind Femur, Tibia und Patella. Die
Basis, ein Corpus, und ein distales Caput. Pfanne der Tibia ist so flach, dass halbmondförmige Ge-
lenkscheiben (Menisci) versuchen, diese Inkongruenzen
Zehen (Digiti pedis) zur Wölbung des Kopfs auszugleichen. Dadurch kann
Die Zehen sind kurz und dreigliedrig mit Grund-, die Art. femorotibialis funktionell in 2 Teilgelenke un-
Mittel-, und Endglied. terteilt werden: Art. meniscofemoralis und Art. menis-
cotibialis. Das dritte Teilgelenk, die Art. femoropatel-
laris hat für die Gelenkführung keine Bedeutung.
4.3 Gelenke
Merke
4.3.1 Hüftgelenk (Art. coxae) Die Fibula ist nicht am Kniegelenk beteiligt!

Artikulierende Flächen sind Acetabulum des Hüft-


beins und Femurkopf. Das Acetabulum enthält eine Artikulierende Flächen des Kniegelenks sind:
halbmondförmige umknorpelte Fläche (Facies lunata). 4 Art. femorotibialis: Condylus medialis und latera-
Am Rande ist eine knorpelige Gelenklippe (Labrum lis femoris sowie Condylus medialis und lateralis
acetabulare) angebracht, die den Femurkopf in der tibiae.
4.3 · Gelenke
91 4

4 Art. femoropatellaris: Facies articularis patellae Bandapparat. Es werden intraartikuläre von extraarti-
und Facies patellaris femoris. Die Fossa intercon- kulären Bändern unterschieden:
dylaris des Femur und die Eminentia intercondy- 4 Intraartikuläre Bänder:
laris der Tibia sind knorpelfrei. 5 Vorderes Kreuzband (Lig. cruciatum anterius):
Das vordere Kreuzband zieht zwischen der
Gelenktypen: Innenseite des Condylus lateralis femoris und
4 Art. meniscofemoralis: Dreh-Scharniergelenk (Tro- der Area intercondylaris anterior der Tibia,
choginglymus), d. h. von hinten oben lateral nach vorne unten
4 Art. meniscotibialis: Schiebegelenk (Art. plana), medial.
4 Art. femoropatellaris: Schiebegelenk. 5 Hinteres Kreuzband (Lig. cruciatum poste-
rius): Das hintere Kreuzband zieht zwischen
Menisken: Menisken sind intraartikuläre Faserknorpel, der Innenseite des Condylus medialis femoris
die von hyalinem Knorpel überzogen sind. Der Menis- und der Area intercondylaris posterior der
cus medialis gleicht einem offenen »C«. Er ist mit der Tibia, d. h. von vorne oben medial nach hinten
Gelenkkapsel und dem medialen Kollateralband (Lig. unten lateral.
collaterale tibiale) verwachsen. Der Meniscus lateralis 4 Extraartikuläre Bänder:
ist stärker gewölbt, fast kreisförmig. Im Querschnitt 5 Laterales Seitenband (Lig. collaterale fibulare/
sind beide Menisken keilförmig. laterale) zieht vom Epicondylus lat. femoris
zum Caput fibulae; es beteiligt sich nicht an der
KLINIK Gelenkkapsel.
Läsionen des inneren Meniscus sind häufiger als 5 Mediales Seitenband (Lig. collaterale tibiale/
die des lateralen, da der innere Meniscus mit dem mediale) zieht vom Epicondylus medialis femo-
medialen Seitenband verwachsen ist. ris zum Condylus medialis tibiae. Es verankert
die Gelenkkapsel und den inneren Meniscus.

Bewegungsmöglichkeiten: Art. meniscofemoralis: Beu- KLINIK


gung/Streckung um die Querachse. In Beugung ist eine Kann die Tibia bei Beugung vom Untersucher nach
Schlussrotation der Tibia von ca. 5–10° möglich. vorn gegenüber dem Femur herausgezogen wer-
den, ist das vordere Kreuzband lädiert (vorderes
Gelenkkapsel: Die größte Gelenkkapsel des Körpers Schubladenphänomen). Kann die Tibia aber nach
umfasst die Kondylen von Femur und Tibia, lässt hinten verschoben werden, ist das hintere Kreuz-
von dorsal aber die Eminentia intercondylaris tibiae band verletzt (hinteres Schubladenphänomen)
frei. In diesem eingestülpten Bereich liegen somit (Hallo Skiläufer!)
außerhalb der Gelenkkapsel die eingewanderten An-
satzstellen der Kreuzbänder. Die Gelenkhöhle besitzt
folgende Recessus (Kommunikation mit Schleim- Die Seitenbänder sind bei Beugung entspannt und bei
beuteln): Streckung gespannt.
4 Rec. suprapatellaris (bis 2 cm oberhalb des oberen Das Lig. patellae ist die Ansatzsehne des M. quadri-
Randes der Patella): Kommunikation mit der Bursa ceps femoris zwischen Patella und Tuberositas tibiae.
suprapatellaris unter dem M. quadriceps femoris.
4 Rec. subpopliteus: Zwischen Condylus lat. tibiae
und Sehne des M. popliteus. Kommunikation mit 4.3.3 Verbindung der Unterschenkel-
Bursa subpolitea. knochen

Merke Tibia und Fibula sind durch folgende Strukturen mit-


Die Kreuzbänder sind von dorsal in das Kniegelenk einander verbunden:
hereingewachsen. Sie haben keinen direkten Kon-
takt zur Gelenkhöhle. Sie werden als intraartikuläre, Articulatio tibiofibularis: echtes Gelenk mit sehr ein-
aber extrakapsuläre Bänder bezeichnet. geschränkter Beweglichkeit (Amphiarthrose).
Bei Beugung ist eine Außenrotation der Tibia
eher möglich als eine Innenrotation, da sich die Syndesmosis tibiofibularis: straffe kollagenfasrige Syn-
Kreuzbänder voneinander abwickeln. desmose im distalen Drittel des Unterschenkels. Es
gewährleistet den Zusammenhalt der Malleolengabel
92 Kapitel 4 · Untere Extremität

und ist zusätzlich durch die Ligg. tibiofibulare anterius (Lig. collaterale mediale/deltoideum) gliedert sich in
und posterius gesichert. Es inseriert in die Kapsel des folgende 4 Abschnitte:
oberen Sprunggelenks. 4 Pars tibiotalaris posterior,
4 Pars tibiotalaris,
Membrana interossea: Syndesmose zur Befestigung 4 Pars tibionavicularis und
der beiden Unterschenkelknochen. Sie dient weniger 4 Pars tibiocalcanea.
der Kraftübertragung, sondern trennt vielmehr die Ex-
tensoren- und Flexorenlogen des Unterschenkels. Der laterale Seitenbandzug (Lig. collaterale laterale)
besteht aus 3 selbstständigen Bändern:
4 4 Lig. talofibulare anterius,
4.3.4 Sprunggelenke 4 Lig. talofibulare posterius und
4 Lig. calcaneofibulare.
Oberes Sprunggelenk (Art. talocruralis)
Artikulierende Flächen: Trochlea tali, die gabelartig Unteres Sprunggelenk (Art. subtalaris
von den Facies articulares malleoli der Fibula und Tibia und Art. talocalcaneonavicularis)
eingefasst wird. Die lateinischen Namen dieses Gelenks suggerieren
eine komplizierte Achsenführung, verraten aber auch
Gelenktyp: Scharniergelenk. die artikulierenden Knochen. Das untere Sprungge-
lenk besteht aus 2 getrennten Kammern. Die vordere ist
Bewegungsmöglichkeiten: Dorsalflexion, Plantar- die Art. talocalcaneonavicularis und die hintere die
flexion (insgesamt etwa 80°) ganz einfach um eine Art. subtalaris (. Abb. 4.2).
Querachse. Artikulierende Flächen des unteren Sprungge-
lenks sind:
Gelenkkapsel: Die Kapsel ist ziemlich schlaff und be- 4 Art. subtalaris: Facies articularis talaris posterior
zieht die Knöchel nicht mit ein. des Calcaneus mit der Facies articularis calcanea
posterior des Talus.
Bandapparat: Die Kollateralbänder sichern das Gelenk 4 Art. talocalcaneonavicularis: Facies articularis
und ziehen fächerförmig von Tibia oder Fibula zum media, Facies articularis anterior und Facies articu-
Calcaneus und Os naviculare. Das mediale Seitenband laris navicularis des Talus mit der Facies articularis

. Abb. 4.2. Unteres Sprunggelenk,


artikulierende Gelenkflächen.
(Schiebler 1997)
4.3 · Gelenke
93 4

talaris media und der Facies articularis talaris schied zur Hand sind aber hier kaum noch Abduktions-
anterior des Calcaneus, der Facies articularis talaris und Adduktionsbewegungen möglich. Kollateralbän-
des Os naviculare und dem überknorpelten Lig. cal- der verstärken die Kapseln.
caneonaviculare plantare (Pfannenband).
KLINIK
Gelenktyp: Beide Teilgelenke zusammengenommen Die große Zehe kann im Grundgelenk stark zur
bilden ein Kugelgelenk mit eingeschränkter Beweglich- Kleinzehenseite adduziert sein (Hallux valgus).
keit. Die Achse verläuft von hinten unten außen nach
vorn oben innen. Für sich allein ist die Art. subtalaris
ein Scharniergelenk.
4.3.7 Statik des Fußes
Bewegungsmöglichkeiten: Pronation (Hebung des
äußeren Fußrandes) und Supination (Hebung des Der federnde Gang wird dadurch gewährleistet, dass
inneren Fußrandes). Eigentlich sind dies Kombina- die Fußsohle nicht plan auf der Unterfläche aufliegt,
tionsbewegungen aus Adduktion und Plantarflexion sondern durch Reserveräume nach unten »Luft« be-
bzw. Adduktion und Dorsalflexion. kommt. Am wichtigsten sind hier die Stellungen der
Fußwurzelknochen, die sich im Längs- und Querge-
Gelenkkapsel: Die Kapseln sind vollständig getrennt, wölbe organisieren.
aber funktionell handelt es sich um ein Gelenk, da der
Talus in beiden Teilgelenken mitbeteiligt ist. Längsgewölbe: Am meisten Platz nach unten und so-
mit das größte Federpotenzial hat der Fuß an der
Bandapparat: Das Pfannenband (Lig. calcaneonavi- medialen Kante, da der mediale Fußstrahl vom Susten-
culare plantare) unterstützt das Sustentaculum tali und taculum calcanei getragen wird. Der laterale Fußstrahl
zieht zum Os naviculare. Das Lig. talocalcaneum in- liegt kontinuierlich auf.
terosseum verbindet Talus und Calcaneus zwischen Das Quergewölbe entsteht durch die fast roma-
den beiden Teilgelenken. nische Verkantung der Keilbeine.
Die Gewölbe werden durch passive und aktive
Komponenten stabilisiert. Zu den passiven zählen fol-
4.3.5 Weitere Gelenke der Fußwurzel gende Bänder (. Abb. 4.3):
und des Mittelfußes 4 Lig. calcaneonaviculare plantare (Pfannenband),
4 Lig. plantare longum und
Fersenbein-Würfelbein-Gelenk (Art. calcaneo- 4 Plantaraponeurose.
cuboidea)
Dieses Gelenk ist eine Amphiarthrose. Obwohl es ein Die kurzen Flexoren der Fußsohle halten die Fußge-
eigenständiges Gelenk ist, bildet der Spalt die Fortset- wölbe aktiv:
zung der Art. talonavicularis des unteren Sprungge- 4 M. abductor hallucis, M. flexor hallucis brevis,
lenks nach lateral. Diese Linie heißt Chopart-Gelenk- M. adductor hallucis
linie. 4 M. abductor digiti minimi, M. flexor digiti minimi
brevis und
Gelenke zwischen Fußwurzel und Mittelfuß: 4 M. flexor digitorum brevis.
Artt. tarsometatarsales
Ein jedes Teilgelenk zwischen den Ossa cuneiformia Wichtig sind die Sehnen der langen Unterschenkel-
und den Mittelfußknochen hat seine eigene Kapsel. muskeln, die die Gewölbe halten. Folgende bilden mus-
Die etwas Zickzack laufende Linie heißt auch Lisfranc- kuläre Steigbügel:
Gelenklinie (Amputationsstelle des Vorfußes). Ver- 4 M. tibialis anterior und M. peroneus longus (Längs-
spannt ist alles durch kräftige Bänder. gewölbe) und
4 M. tibialis posterior und M. peroneus longus
(Quergewölbe).
4.3.6 Zehengelenke

Die Mittel und Endglieder der Zehen sind durch


Scharniergelenke verbunden, die Grundglieder sind
bewegungseingeschränkte Kugelgelenke. Im Unter-
94 Kapitel 4 · Untere Extremität

. Abb. 4.3. Ansicht des Fußes von


medial. Verspannungsmechanismen
des Längsbogens. Sehnen sind blau,
Bänder schwarz. (Schiebler 2005)

KLINIK 4.4.1 Muskeln der Hüfte


Klinik: Bei Ermüdung der Muskulatur leiten sich
die Erschütterungen des Gehens direkt auf das Hüftmuskeln verbinden das Hüftbein mit dem Ober-
Skelett fort; als Folge können bei lang andau- schenkel, wirken also auf das Hüftgelenk, das einzige
ernden Märschen (religiöse Prozessionen, Militär- frei bewegliche Gelenk des Beckengürtels. Auch hier
märsche, Dienstwege) Ermüdungsfrakturen, gilt die Weisheit, dass Ursprung und Ansatz im Prinzip
meist im Os metatarsale II, auftreten. austauschbar sind. Wählt man das Becken als Punc-
Verlust des Längsgewölbes: Da der mediale tum fixum, bewegen diese Muskeln den Oberschenkel;
Fußrand hoch steht, kann er auch tief sinken. wählt man den Oberschenkel als Punctum fixum,
Dies ist der Fall, wenn sich bei Insuffizienz des wirken diese Muskeln auf das Becken. Im Weiteren
M. flexor hallucis longus der Calcaneus nach werden die Muskeln nach funktionellen Gesichtspunk-
medial abwinkelt (proniert) und der Talus dann ten unterschieden (. Tab. 4.1):
nach innen absinkt. Das Ergebnis ist ein Platt- 1. vordere Gruppe (Beuger des Oberschenkels),
Senk-Fuß. 2. hintere Gruppe (Strecker und Außenrotatoren des
Verlust des Quergewölbes: Der Spreiz-Senk- Oberschenkels),
Fuß entsteht bei Insuffizienz des Quergewölbes. 3. laterale Gruppe (Abduktoren des Oberschenkels)
Dadurch kommt es zu erhöhter Druckbelastung und
der 2.–4. Metatarsalknochen sowie der Grund- 4. mediale Gruppe (Adduktoren des Oberschenkels).
gelenke.
Die Einteilung »innere versus äußere Hüftmuskeln«
macht funktionell weniger Sinn.

4.4 Muskeln Vordere Hüftmuskeln. Die vorderen Hüftmuskeln um-


fassen den M. ilipsoas, bestehend aus dem M. iliacus
In den folgenden Abschnitten werden Lage, Form, Ver- und M. psoas major. Er ist der wichtigste Beuger der
lauf (Ursprung, Ansatz), Verlauf der Sehnen, Inner- Hüfte und ein kräftiger Außenrotator des Femur.
vation und Blutversorgung und Funktion der Muskeln
der unteren Extremität dargestellt. Außerdem geht es Hintere Hüftmuskeln. Die kleinen Außenrotatoren
um Lähmungen von Muskelgruppen. (M. piriformis, Mm. obturatorius internus und exter-
4.4 · Muskeln
95 4

. Tab. 4.1. Muskeln der Hüfte: Vordere, hintere, seitliche Gruppe


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
Vordere Hüftmuskeln:
M. iliopsoas
M. iliacus Fossa iliaca Trochanter minor Rr. musculares des
Plexus lumbalis Anteversion des Oberschenkels
(L1–L3) Außenrotation, Entspannung der
M. psoas major Wirbelkörper Trochanter minor Rr. musculares des Hüftgelenkbänder
Th12–14, Procc. Plexus lumbalis Schonhaltung bei Entzündungen
costarii L1–L5 (L1–L3)
Hintere Hüftmuskeln
M. piriformis Facies pelvica des Ventralseite des Rr. musculares Außenrotation, Abduktion, Retro-
Os sacrum Trochanter major des Plexus sacralis version
(S1–S2)
M. obturatorius Innenseite der
int. Membrana
obturatoria Rr. musculares des
Plexus sacralis, Außenrotation, Adduktion, Retro-
Mm. gemelli M. gemellus sup.: Fossa trochanterica
N. gluteus inf. version
Spina ischiadica (L4–S2)
M. gemellus inf.:
Tuber ischiadicum
M. obturatorius Außenfläche Fossa trochanterica N. obturatorius Außenrotation, Adduktion
ext. der Membrana (L3–L4)
obturatoria
M. quadratus Tuber ischiadicum Crista intertro- N. ischiadicus Außenrotation, Adduktion
femoris chanterica (L1–L3)
M. gluteus max. Linea glutealis Tuberositas N. gluteus inf. Streckung des Oberschenkels,
posterior, glutealis femoris, (L5–S2) Beckenfixierung auf dem Standbein;
Os sacrum, Tractus iliotibialis Außenrotation, Abduktion
Lig. sacrotuberale
Laterale Hüftmuskeln
M. gluteus M. gluteus medius: Trochanter major N. gluteus sup. Abduktion des Spielbeins,
medius und Darmbeinschaufel (L4–S1) Geradehalten des Beckens über
minimus (zwischen Linea dem Standbein, Innenrotation
glutealis ant. und (vorderer Teil), Außenrotation
post.) (hinterer Teil)
M. gluteus mini-
mus: Darmbein-
schaufel (zwischen
Linea glutealis ant.
und inf.)
M. tensor fasciae Spina iliaca ant. sup. Tractus iliotibialis N. gluteus sup. Anteversion, Abduktion, Innen-
latae (L4–S1) rotation
96 Kapitel 4 · Untere Extremität

nus, Mm. gemelli, und M. quadratus femoris) werden


von dem kräftigsten Strecker im Hüftgelenk bedeckt,
dem M. gluteus maximus. Dieser wird auch als »Trep-
pensteigermuskel« bezeichnet.

Laterale Hüftmuskeln. Zu den seitlichen Hüftmuskeln


zählen die unter dem M. gluteus max. liegenden
Mm. glutei medius und minimus sowie der M. tensor
fasciae latae. Die beiden kleineren Glutealmuskeln
4 sorgen dafür, dass das Becken nicht auf die Spielbein-
seite kippt, wenn man wie ein Storch auf einem Bein
steht.

Merke
Die Mm. gluteus medius und minimus werden vom
N. gluteus superior innerviert

KLINIK
Bei einer beidseitigen Lähmung der Mm. gluteus
medius und minimus kann das Becken beim Gehen
nicht waagrecht gehalten werden: Es entsteht ein
»Watschelgang« (Trendelenburg-Zeichen)
. Abb. 4.4. Dieser Patient leidet offensichtlich unter einer
(. Abb. 4.4). Insuffizienz des linken M. gluteus medius (möglicherweise
auch des rechten). Die Linie zeigt die ungefähre Beckenachse.

Mediale Hüftmuskeln. Die medialen Hüftmuskeln ver-


laufen vom Os pubis und Os ischii zur Innenseite des Merke
Femurs (. Tab. 4.2). Folglich adduzieren sie das Spiel- Die Adduktoren werden überwiegend vom N. ob-
bein, sind aber auch bei der Stabilisierung des Stand- turatorius innerviert.
beins aktiv.

. Tab. 4.2. Muskeln der Hüfte: Mediale Gruppe (Adduktoren)


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. adductor magnus Ramus inf. ossis pubis Linea aspera (Labium N. obturatorius
med.), Epicondylus (R. post., L3–L4),
med. N. ischiadicus
(L4–L5) Adduktion, Innen-
rotation, Stabilisierung
M. adductor brevis Ramus inf. ossis pubis Linea aspera (Labium N. obturatorius
des Beckens über dem
med.) (R. ant., L2–L4)
Standbein
M. adductor longus Ramus sup. ossis pubis, Linea aspera (Labium N. obturatorius
Schambeinsymphyse med.), Aponeurose (L2–L4)
des M. vastus med.
M. pectineus Pecten ossis pubis Linea aspera, Linea N. femoralis, Anteversion, Adduktion,
pectinea N. obturatorius Außenrotation
(R. ant., L2–L3)
M. gracilis Ramus inf. ossis pubis Tuberositas tibiae, N. obturatorius Bei gestrecktem Knie:
Pes anserinus (R. ant., L2–L4) Adduktion und Beugung
im Hüftgelenk; bei ge-
beugtem Knie: Beugung
und Innenrotation
4.4 · Muskeln
97 4
4.4.2 Oberschenkelmuskeln

Die Muskeln des Oberschenkels werden in 3 Gruppen


eingeteilt (. Abb. 4.5):
4 ventrale Muskelgruppe (Strecker im Kniegelenk,
Beuger in der Hüfte),
4 dorsale Muskelgruppe (Beuger im Kniegelenk,
Strecker in der Hüfte) und
4 Adduktoren (7 Kap. 4.4.1).

Merke
Es gibt nur einen Muskel, der im Hüftgelenk und
im Kniegelenk beugt: M. sartorius; es gibt keinen,
der in beiden Gelenken streckt.

Einige Muskeln der dorsalen und ventralen Gruppen


sind zweigelenkig, d. h. sie üben gegensätzliche Akti-
onen im Hüftgelenk und im Kniegelenk aus.
Die ventral gelegenen Extensoren des Kniegelenks
inserieren allesamt über die Patella als Hypomochlion
und das Lig. patellae am Tibiakopf (. Tab. 4.3). Der
größte Strecker ist der M. quadriceps femoris, dessen
M. rectus femoris auch im Hüftgelenk beugt.
Die dorsale Gruppe, gemeinhin als Flexoren des
. Abb. 4.5. Querschnitt durch den rechten Oberschenkel, Oberschenkels bezeichnet, besteht aus der Ischiocru-
Ansicht von distal. Abzugrenzen sind die Logen für die Exten- ralen Muskulatur, die die Hüfte streckt und das Knie
soren (oben), die Flexoren (unten) und die Adduktoren (rechts beugt (. Tab. 4.4).
unten). (Schiebler 2005) Im dritten Kompartiment, der Adduktorenloge,
verlaufen die Adduktoren (7 Kap. 4.4.1). Fast alle Mus-
keln besitzen noch individuelle rotatorische Kompo-
nenten, je nach Verlauf zur Rotationsachse des Ober-
schenkels.

. Tab. 4.3. Extensoren des Oberschenkels (Ventrale Gruppe)


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. sartorius Spina iliaca ant. sup. Tuberositas tibiae, N. femoralis Hüftgelenk: Beugung,
fascia cruris: Pes anserinus (L2–L3) Abduktion, Außenrotation
Kniegelenk: Beugung,
Innenrotation
M. rectus femoris: Streckung im Knie,
Spina iliaca ant. inf. Beugen in der Hüfte
M. vastus medialis: Streckung im Knie, Innen-
Linea aspera femoris Tuberositas tibiae (über rotation im Kniegelenk
(Labium mediale) das Lig. patellae),
M. quadriceps N. femoralis
M. vastus lateralis: Condylus med. und lat. Streckung im Knie, Außen-
femoris (L2–L3)
Linea aspera femoris (über die Retinacula rotation im Kniegelenk
(Labium laterale) patellae)

M. vastus intermedius: Streckung im Knie


Vordere u. seitliche Fläche
des Femurs
98 Kapitel 4 · Untere Extremität

. Tab. 4.4. Flexoren des Oberschenkels (Dorsale Gruppe)


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. popliteus Epicondylus lat. Proximale N. tibialis Innenrotation der
Tibiahinterseite (L4–S1) Tibia, Beugung im
Kniegelenk
Caput breve: Linea Caput breve:
aspera (Labium lat.) N. fibularis Streckung im Hüft-
Caput fibulae
Caput longum: Tuber (L5–S1) gelenk, Beugung
4 Ischiocrurale
M. biceps femoris
ischiadicum
(Condylus lat.
tibiae)
Caput longum: und Außenrotation
Muskeln N. tibialis im Kniegelenk
(S1–S2)
N. tibialis Streckung im Hüft-
M. semimembranosus Tuber ischiadicum Pes anserinus
(L4–S1) gelenk, Beugung
M. semitendinosus Tuber ischiadicum Tuberositas und Innenrotation
tubiae im Kniegelenk

4.4.3 Unterschenkelmuskeln die Zehen (. Tab. 4.6). Die beiden Peroneusmuskeln


strecken den Fußrücken, wirken aber noch pronie-
Die Muskeln des Unterschenkels lassen sich ebenfalls rend (. Tab. 4.5).
in 3 Gruppen gliedern, die beide Sprunggelenke über-
springen (. Abb. 4.6). Es gibt am Unterschenkel keine Merke
Muskeln, die den Mm. flexores/extensores carpi des Die Muskeln, die vor der Achse des oberen
Unterarms entsprechen. Sprunggelenks ansetzen, heben die Fußspitze
An der Vorderseite liegen die Extensoren, auf (Dorsalflexion), und diejenigen, die hinter dieser
der Rückseite die Flexoren, und lateral die fibulare Achse ansetzen, senken sie.
Muskelgruppe (Peroneusgruppe). Die Extensoren Die Muskeln, die medial der Achse des unte-
beugen den Fußrücken (Dorsalflexion) und strecken ren Sprunggelenks ansetzen, supinieren den Fuß
die Fußsohle (Plantarextension) bzw. die Zehen und alle diejenigen, die lateral dieser Achse anset-
(. Tab. 4.5). Die in 2 Logen liegenden Flexoren stre- zen, pronieren ihn.
cken den Fußrücken und beugen die Fußsohle bzw.

. Abb. 4.6. Querschnitt durch den


rechten Unterschenkel, Ansicht von
distal. (Schiebler 2005)
4.4 · Muskeln
99 4

. Tab. 4.5. Extensoren des Unterschenkels und Peroneusgruppe


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion Besonderheiten
Extensoren (Vordere Gruppe)
M. tibialis ant. Condylus lat. tibiae, Os cuneiforme N. peroneus Oberes Sprunggelenk:
Membrana med. (fibularis) prof. Dorsalflexion
interossea, (L4) Unteres Sprunggelenk:
Fascia cruris Supination
M. extensor Caput fibulae, Dorsalapo- N. peroneus Oberes Sprunggelenk:
digitorum Condylus lat. tibiae, neurosen der (fibularis) prof. Dorsalflexion, Grund-
longus Membrana inter- 2.–5. Zehe (L4–S1) gelenk: Streckung
ossea der Zehen
Unteres Sprunggelenk:
Pronation
M. extensor Membrana Endphalanx N. peroneus Oberes Sprunggelenk:
hallucis longus interossea der Großzehe (fibularis) prof. Dorsalflexion, Grund-
(L4–L5) gelenk: Streckung der
Großzehe
Peroneusgruppe (laterale Gruppe)
M. peroneus Distale 2/3 der Os metatarsi V N. peroneus Oberes Sprunggelenk: Bei Peroneusläh-
(fibularis) Fibula (fibularis) Plantarflexion mung kommt es
brevis superf. (L5–S1) Unteres Sprunggelenk: zum »Steppergang«
Pronation
M. peroneus Caput fibulae, Os metatarsi I, N. peroneus Oberes Sprunggelenk: Verspannung des
(fibularis) Condylus lat. Plantarfläche (fibularis) Plantarflexion Quergewölbes
longus Tibiae des superf. (L5–S1) Unteres Sprunggelenk: durch Steigbügel
Os cuneiforme Pronation mit: M. tibialis post.
med. und M. tibialis ant.

. Tab. 4.6. Flexoren des Unterschenkels


Muskel Ursprung Ansatz Inner- Funktion Besonderheiten
vation
Tiefe Flexorengruppe
M. tibialis post. Membrana Os naviculare, N. tibialis Oberes Sprunggelenk:
interossea, Ossa cunei- (L4–S1) Plantarflexion
Tibia, Fibula formia, Unteres Sprung-
Os metatarsi I gelenk: Supination

M. flexor digitorum Tibia, Fascia Endphalangen N. tibialis Oberes Sprunggelenk: Dieser Muskel stört
longus cruris prof. der 2.–5. Zehe (S1–S2) Plantarflexion irgendwie: Er muss
(»perforans«) Unteres Sprung- die Sehne des M. tibi-
gelenk: Supination alis post. im Unter-
schenkel (Chiasma
crurale) und die des
M. flexor hallucis
longus auf der Fuß-
sohle (Chiasma
plantare) kreuzen
M. flexor hallucis Fibula, Endphalanx N. tibialis Oberes Sprunggelenk:
longus Membrana der Großzehe (S1–S2) Plantarflexion,
interossea Grundgelenk: Beu-
gung der Großzehe,
Unteres Sprung-
gelenk: Supination
100 Kapitel 4 · Untere Extremität

. Tab. 4.6 (Fortsetzung)


Muskel Ursprung Ansatz Inner- Funktion Besonderheiten
vation
Oberflächliche Flexorengruppe
M. soleus Fibula, Tibia, N. tibialis Oberes Sprunggelenk: Plötzliche Dehnung
Arcus tendineus (L5–S1) Plantarflexion kann eine vorge-
m. solei Unteres Sprung- schädigte Achilles-
M. triceps surae

gelenk: Supination sehne auf eine


4 Mm. gastro- Caput mediale: N. tibialis Oberes Sprunggelenk:
Zerreißprobe stellen
Tuber calcanei (die sie oft verliert)
cnemii Condylus med. (L5–S2) Plantarflexion
(über Achilles-
femoris Unteres Sprung-
sehne)
Caput laterale: gelenk: Supination
Condylus lat. Kniegelenk: Beugung
femoris
M. plantaris Condylus Schutz der A./V. pop-
(inkonstant) lat. femoris litea vor Abknickung

Alle Muskeln werden vor der Fußwurzel unter straffen 1. Plexus lumbalis (Th12‒L4),
Querverstrebungen der Fascia cruris geführt, und zwar 2. Plexus sacralis (L4‒S4) und
eine jede Gruppe unter ein ganz privates Retinaculum: 3. Plexus coccygeus (S4‒Co3).
4 Die Beugersehnen kriechen unter das Retinaculum
musculorum flexorum,
4 die Strecksehnen unter die hintereinander geschal- 4.5.1 Plexus lumbosacralis
teten Retinacula musculorum extensorum superius
und inferius. Nerven des Plexus lumbalis versorgen vornehmlich die
4 Die Peroneusgruppe wird unter dem Retinaculum ventrale Oberschenkelvorderseite (Strecker) und die
musculorum fibularium superius und inferius Adduktoren. Nerven des Plexus sacralis erreicht die
geführt. Strecker der Hüfte, die Oberschenkelrückseite sowie
den gesamten Unterschenkel und Fuß.

4.4.4 Fußmuskeln Plexus lu mbalis


Zum Plexus lumbalis gehören folgende Nerven
Die kurzen Fußmuskeln lassen sich in eine dorsale und (. Tab. 4.8):
plantare Gruppe einteilen. Letztere gliedern sich in 4 N. iliohypogastricus,
Muskelgruppen für die Großzehe, Kleinzehe und das 4 N. ilioinguinalis,
Mittelfach (. Tab. 4.7). 4 N. genitofemoralis,
Die beiden kurzen Zehstrecker (M. extensor digi- 4 N. cutaneus femoris lateralis,
torum brevis und dem M. extensor hallucis brevis) 4 N. femoralis und
werden von der Fascia dorsalis pedis eingehüllt. Die 4 N. obturatorius (7 Kap. 8.14.6).
Flexoren sind weit kräftiger als die Strecker, und dazu
geeignet, das Längs- und Quergewölbe zu sichern. Sie Der N. iliohypogastricus verläuft durch den M. psoas
sind typische isometrische Muskeln. Durch Training major hinter der Niere zur Crista iliaca. Er zieht zwi-
kann man es auch zu erstaunlicher Fußfertigkeit brin- schen dem M. transversus abdominis und M. obliquus
gen (Fußmalerei). internus abdominis nach vorn und hat (neben motori-
schen Ästen) folgende Äste:
4 R. cutaneus lat. und
4.5 Nerven 4 R. cutaneus anterior (Endast).

Die Nerven der unteren Extremität entstammen den Der N. ilioinguinalis verläuft parallel zum N. ilio-
ventralen Ästen des Plexus lumbosacralis. Dieser glie- hypogastricus, tritt in den Leistenkanal ein zum Scro-
dert sich wie folgt auf: tum bzw. großen Schamlippen und gibt folgende sen-
4.5 · Nerven
101 4

. Tab. 4.7. Kleine Fußmuskeln


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
Zweiköpfig: Calcaneus Dorsalapo- N. peroneus Strecken der Zehen im
Extensorengruppe
(Dorsale Gruppe)

neurose der (fibularis) prof. Grundgelenk (Dorsalflexion)


2.–5. Zehe (L4–S1)
M. extensor Calcaneus Grundglied N. peroneus Strecken der Großzehe im
hallucis brevis der Großzehe (fibularis) prof. Grundgelenk (Dorsalflexion)
(L4–S1)
Muskeln der Großzehe
M. abductor Tuber calcanei Grundphalanx N. plantaris med. Grundgelenk: Plantarflexion,
hallucis (S1–S2) Abduktion
Halten des Längsgewölbes
M. flexor hallucis Os cuneiforme Grundphalanx, N. plantaris med. Grundgelenk: Plantarflexion
brevis med. med. und lat. (L5–S1), Halten des Längsgewölbes
Sesambein N. plantaris lat.
(S1–S2)
M. adductor Caput obliquum: Caput trans- N. plantaris lat. Grundgelenk: Plantarflexion,
hallucis Ossa metatarsi versum: (S1–S2) Adduktion
2–4, Lig. plantare Ligg. plantaria Halten des Längsgewölbes
longum d. 3.–5. Zehe (caput obliquum) und Quer-
gewölbes (caput transversum)
Muskeln der Kleinzehe
M. abductor Tuber calcanei Grundphalanx N. plantaris lat.
Flexorengruppe (Plantare Gruppe)

digiti minimi der 5. Zehe (S1–S2) Grundgelenk: Plantarflexion


Halten des Längsgewölbes
M. flexor digiti Lig. plantare Grundphalanx N. plantaris lat.
minimi brevis longum der 5. Zehe (S1–S2)
M. opponens Os metatarsi V, Grundphalanx N. plantaris lat. (Adduktion)
digiti minimi Lig. plantare der 5. Zehe (S1–S2)
longum (lateral)
Muskeln des Mittelfachs
M. quadratus Zweiköpfig: Sehne des N. plantaris lat. Unterstützung für den
plantae Unterfläche M. flexor digi- (S1–S2) M. flexor digitorum longus
des Calcaneus torum longus
Mm. lumbricales Sehnen des Grundphalanx N. plantaris lat. Adduktion zur Großzehe
M. flexor digitorum 2–5 (S1–S2)
longus
M. flexor digito- Plantaraponeurose, Mittelphalanx N. plantaris med. Grundgelenk: Plantarflexion,
rum brevis Tuber calcanei (»perforatus«) (L5–S1) Halten des Längsgewölbes
Mm. interossei Plantarfläche der Medialseite d. N. plantaris lat. Grundgelenk: Plantarflexion
plantares II–IV Ossa metatarsi 3–5, Grundphalanx (S1–S2) 2–5, Adduktion an den
Lig. plantare desselben 2. Strahl
longum Strahls
Mm. interossei Zugewandte Grundphalanx N. plantaris lat. Grundgelenk: Plantarflexion
dorsales I–IV Flächen der ossa der 2.–4. Zehe S1–S2) 2–5, Abduktion vom 2. Strahl
metatarsi 1–5 an die Großzehe
102 Kapitel 4 · Untere Extremität

. Tab. 4.8. Plexus lumbalis


Nerv Innervationsgebiet Besonderheiten/Ausfälle
N. iliohypogastricus Rr. musculares: Muskulatur der seitlichen und Merkspruch: In Indien gibt’s kein
vorderen Bauchwand frisches Obst
R. cutaneus lat.: Haut der seitlichen Hüftregion,
R. cutaneus ant. : Haut der Regio pubica
N. ilioinguinalis Motorisch: Bauchmuskeln
4 Sensibel: Scrotalhaut (Mann)
Haut der Labia majora (Frau)
N. genitofemoralis R. genitalis: M. cremaster (Mann), Haut der Labia Vermittelt den Kremasterreflex!
majora (Frau)
R. femoralis: Haut um den Hiatus saphenus
N. cutaneus femoris lat. Haut des lateralen Oberschenkels
N. femoralis Motorisch: Durch oberflächliche Lage unmittelbar
M. pectineus, M. sartorius, M. quadriceps femoris unter dem Leistenband leicht zu
Sensibel: schädigen. Bei Ausfall: Erlöschen des
Rr. cutanei anteriores: Haut der Vorder- und Patellarsehnenreflexes.
Medialseite
N. saphenus: Haut der Medialseite von Ober-
schenkel und Fuß
N. obturatorius N. obturatorius: M. obturatorius int./ext. Gefahr bei Beckenringbrüchen, da der
R. anterior: Adduktoren: Mm. adductor brevis und N. obturatorius knochennah verläuft
longus, M. gracilis, M. pectineus. Sensibel: kleiner
Bezirk an der Medialseite des Oberschenkels;
R. posterior: M. adductor magnus und M. adductor
minimus. Sensibel: Hüftgelenk, Kniegelenk

sible Äste ab: Rr. scrotales anterior bzw. labiales ante- Der N. obturatorius zieht medial des M. psoas major
rior. unter der Linea terminalis in den Canalis obturatorius.
Der N. genitofemoralis verläuft auf dem M. psoas Er tritt unter dem M. pectineus an die mediale Seite
major und teilt sich in 2 Äste: des Oberschenkels und hat folgende Äste:
4 R. genitalis: Durch den Leistenkanal ins Scrotum 4 R. anterior und
(Mann) und zu den großen Schamlippen (Frau). 4 R. posterior.
4 R. femoralis zieht durch die Lacuna vasorum
ins Trigonum femorale, dann weiter durch den Plexus sacralis
Hiatus saphenus zur Haut der Oberschenkelvor- Die dorsale Seite der Hüfte und des Oberschenkels wird
derseite. von folgenden Nerven des Plexus sacralis, des kräftigs-
ten Nervenstamms, versorgt (. Tab. 4.9):
Der N. cutaneus femoris lateralis zieht schräg über 4 N. gluteus superior,
den M. iliacus in die Lacuna vasorum ins Trigonum 4 N. gluteus inferior,
femorale. Durchtritt durch die Fascia lata nach lateral. 4 N. cutaneus femoris posterior,
Der N. femoralis zieht zwischen M. iliacus und 4 N. pudendus und
M. psoas major durch die Lacuna musculorum ins 4 N. ischiadicus.
Trigonum femorale. Dort teilt er sich in folgende Äste:
4 Rr. musculares, Der N. gluteus superior vereinigt sich aus 3 Wurzeln
4 Rr. cutanei anteriores und und zieht durch das Foramen suprapiriforme und folgt
4 N. saphenus: Dieser zieht mit der A. femoralis dem Verlauf der A. glutealis sup zwischen M. gluteus
durch den Adduktorenkanal und tritt aus der med. und minimus.
Membrana vastoadductoria mit der V. saphena Der N. gluteus inferior zieht durch das Foramen
magna zur medialen Seite des Unterschenkels. infrapiriforme zum M. gluteus max.
4.5 · Nerven
103 4

. Tab. 4.9. Plexus sacralis


Nerv Innervationsgebiet Besonderheiten/Ausfälle
N. gluteus superior M. gluteus medius, M. gluteus minimus, Trendelenburg-Zeichen bei Ausfall (s. o.)
(L4–S1) M. tensor fasciae latae
N. gluteus inferior (L5–S2) M. gluteus maximus,
Hüftgelenkkapsel
N. cutaneus femoris Haut der Oberschenkelrückseite
posterior
N. pudendus M. sphincter ani ext., Analhaut Führt Nerven des sakralen Parasympathikus.
(S2–S4) M. levator ani
Dorsalfläche des Scrotums bzw. hintere
Region der Schamlippen
Dammmuskeln: M. transversus perinei prof/
superf., M. bulbospongiosus, M. ischiocaver-
nosus, M. sphincter urethrae
sensible Äste: Penis bzw. Klitoris
N. ischiadicus (L4–S3) Flexoren am Oberschenkel, distaler Teil des Schädigung bei Beckenfrakturen oder
(bis zur Aufteilung in M. adductor magnus falscher i.m. Injektion
N. tibialis und N. peroneus sensibel: Kniegelenk Überdehnung des Nerven in Hüftgelenk
communis) und Knie kann das Lasegue-Zeichen aus-
lösen: Schmerz der Oberschenkelrückseite
bei Beugung in der Hüfte und Streckung
im Knie
N. tibialis Rr. musculares: M. tibialis post., M. flexor N. suralis: Sensibler Ast für den dorsolateralen
digitorum longus, M. flexor halllucis longus Bereich des Unterschenkels, setzt sich aus den
N. cutaneus surae lat. und med. zusammen
N. plantaris medialis: Muskeln der Großzehe,
Haut der 3,5 medialen Zehen,
N. plantaris lateralis: Muskeln der Mittelfuß-
loge, Haut der 1,5 lateralen Zehen
N. peroneus (fibularis) Caput breve des M. biceps femoris, alle Der Nerv ist leicht verletzbar lateral am
communis Extensoren an Unterschenkel und Fuß. Fibulaköpfchen. Bei Totalausfall resultiert
N. peroneus superficialis: Mm. peronei eine Lähmung der Peroneusmuskeln
N. peroneus profundus: Extensoren, Haut- (fehlende Pronation) und der Fußstrecker;
innenflächen der 1. u. 2. Zehe Plantarflexion: Steppergang oder Hahnentritt

Der N. cutaneus femoris posterior zieht auf dem Fascia obturatoria: Alcock-Kanal. Er besitzt folgende
N. ischiadicus, durch das Foramen infrapiriforme vor Äste:
dem M. gluteus max. subfascial unter den langen Bi- 4 Nn. rectales inferiores,
zepskopf. In der Kniekehle verläuft er subkutan. Er hat 4 Rr. musculares und
folgende Äste: 4 sensible Äste.
4 Rückläufige Rr. clunium inferiores zur Haut der
unteren Glutealregion und Der N. ischiadicus (bis zur Aufteilung in N. tibialis
4 Rr. perineales für die Haut des Damms. und N. peroneus communis) tritt aus dem Foramen
infrapiriforme im Stratum subgluteum aus. Am Ober-
Der N. pudendus tritt aus dem Foramen infrapiriforme schenkel befindet er sich hinter dem M. adductor
aus, zieht dann mit der A. pudenda int. über die Spina minimus und verläuft kurz subfaszial am Unterrand
ischiadica zwischen Lig. sacrotuberale und Lig. sacro- des M. gluteus max. Der N. ischiadicus ist in seinen
spinale durch das Foramen ischiadicum majus wieder Wurzeln bereits in den N. tibialis und N. peroneus
in den Beckenraum. Er verläuft abschließend an der (fibularis) communis geteilt. Ihre Wege trennen sich
Wand der Fossa ischianalis in einer Duplikatur der meist erst sichtbar in der Tiefe der Kniekehle.
104 Kapitel 4 · Untere Extremität

Der N. peroneus communis zieht nach lateral um der Streckseite des Femurs noch vor der Fossa poplitea
das Fibulaköpfchen direkt unter der Haut in die Exten- auf die Beugeseite wechseln. Die A. femoralis endet im
sorenloge des Unterschenkels, aber kurz nach dem Ein- Hiatus adductorius, wo sie in die A. poplitea übergeht.
tauchen in die seitliche Unterschenkelmuskulatur ver- Sie versorgt den Oberschenkel und Fuß, außerdem
zweigt er sich: Teile der Bauchwand.
4 Der N. peroneus prof. wechselt den Logenplatz, in- Äste der A. femoralis sind:
dem er durch das Septum intermusculare nach 4 A. epigastrica superficialis: Sie entspringt unter
vorn medial zu den Streckern zieht. Von dort ge- dem Leistenband und verläuft subkutan nach cra-
langt er zusammen mit der A. tibialis anterior an nial Richtung Bauchnabel.
4 den Fußrücken. 4 A. circumflexa iliaca (ilium) superficialis zieht
4 Der N. peroneus superficialis bleibt lateral seinen zur Spina iliaca anterior superior und versorgt die
Peroneusmuskeln treu. Haut der Leistengegend.
4 Zudem gibt er den sensiblen Ast N. cutaneus surae 4 Aa. pudendae externae: Rami scrotales bzw. labia-
lateralis ab. les anteriores sind Äste zur Versorgung der äußeren
Genitalien
Der N. tibialis innerviert die Beuger (Laufmuskeln, 4 A. descendens genus: dünner Ast, der im Addukto-
Wade) und kümmert sich um die tiefen Fußsohlenmus- renkanal entspringt und zum Knie herabzieht.
keln. Als Fortsetzung des N. ischiadicus zieht er mit der 4 A. profunda femoris: großkalibriger Ast, der 4 cm
A. tibialis post unter der Soleusarkade in die Flexoren- unterhalb des Leistenbandes nach lateral in die
straße des Unterschenkels. Sensibler Ast in der Fossa Tiefe des Trigonum femorale zieht und mit seinen
poplitea ist der: Ästen alle Oberschenkelmuskeln erreicht:
4 N. cutaneus surae medialis, der zusammen mit 4 A. circumflexa femoris medialis zieht zwischen
dem N. cut. surae lat den N. suralis erzeugt. M. iliopsoas und dem M. pectineus zurück zur
Fossa trochanterica des Femurhalses. Äste versor-
Im medialen Malleolarkanal teilt er sich in folgende gen Hüftkopf und Acetabulum.
Endäste: 4 A. circumflexa femoris lateralis zieht nach lateral
4 N. plantaris medialis und zwischen M. rectus femoris und dem M. vastus
4 N. plantaris lateralis. medalis und anastomosiert mit der A. circumflexa
femoris medialis.
4 Aa. perforantes: Fortsetzungen der A. profunda
4.6 Arterien femoris, durchbohren die Adduktorensehnen und
gelangen so zur ischiocruralen Muskulatur.
Die Arterien des Beins entstammen der A. iliaca exter-
na, die sich auf dem Wege durch die Lacuna vasorum
in A. femoralis umbenennt. Im kurzen Abschnitt durch 4.6.2 A. poplitea
die Kniekehle nennt sie sich A. poplitea, bevor sie sich
am Unterschenkel in die A. tibialis anterior und die Die A. poplitea liegt zwischen dem Hiatus adductorius
A. tibialis posterior aufteilt. und der Aufspaltung in A. tibialis anterior und A. tibia-
lis posterior am Unterrand des M. popliteus. Sie liegt
direkt auf dem Knochen und gibt natürlich auch lokale
4.6.1 A. femoralis Äste für die arterielle Versorgung des Knies (Rete arti-
culare genus) ab:
Die A. femoralis beginnt unterhalb des Leistenbandes 4 Aa. superior medialis und lateralis genus,
beim Durchtritt durch die Lacuna vasorum lateral der 4 A. media genus,
V. femoralis und medial des Arcus iliopectineus, der 4 Aa. inferior medialis und lateralis genus und
sie vom N. femoralis abgrenzt. 4 Aa. surales.
Merke
Lacuna vasorum: IVAN = Innen – Vene – Arterie – 4.6.3 A. tibialis anterior
Nerv
Die A. tibialis anterior kriecht durch die Membrana
Da Arterien grundsätzlich die Beugeseiten der Gelenke interossea in die Extensorenloge des Unterschenkels. Sie
als Passage lieben (Schutz!), muss die A. femoralis von liegt in einer Rinne neben dem N. peroneus profundus
4.7 · Venen
105 4

entlang dem M. tibialis anterior und zieht unter dem KLINIK


Retinaculum extensorum als A. dorsalis pedis zwischen Fußpulse werden zum Ausschluss von arteriellen
dem 1. und 2. Zehenstrahl auf den Fußrücken. Durchblutungsstörungen palpiert. Den Puls der
Äste der A. tibialis anterior sind: unteren Extremität kann man im Seitenvergleich
4 A. recurrens tibialis anterior gelangt nach proxi- an folgenden Stellen tasten:
mal zum Rete articulare genus. 5 A. femoralis unterhalb des Leistenbandes
gleich distal der Lacuna vasorum.
4 Rr. musculares für die vorn liegenden Extenso-
5 A. poplitea: Wenn diese überhaupt zu tasten
ren.
ist, dann bei schlanken Menschen in der Tiefe
4 A. malleolaris anterior lateralis zieht seiltich zum der Kniekehle.
Malleolus lateralis, beteiligt am lateralen Knöchel- 5 A. dorsalis pedis als Fortsetzung der A. tibialis
netz (Rete malleolare laterale) anterior: auf dem Fußrücken, zwischen dem
4 A. malleolaris anterior medialis macht das Glei- 1. und 2. Zehenstrahl, proximal.
che am medialen Knöchel. 5 A. tibialis posterior unterhalb des Innen-
knöchels.

4.6.4 A. dorsalis pedis

Die A. dorsalis pedis ist die natürliche Fortsetzung der 4.7 Venen
A. tibialis anterior auf dem Fußrücken. Sie gibt folgende
Äste ab: Die Venen der unteren Extremität spielen eine herausra-
4 Aa. tarsalis medialis und lateralis biegen vom gende Rolle, weil in ihnen das Blutvolumen meist entge-
Tarsus in Richtung Rete dorsale pedis ab. gen der Schwerkraft wieder zum Herzen zurückgeführt
4 A. arcuata läuft bogenförmig über die Tarsome- werden muss. Die Entfernung zum Herzen und die un-
tarsalgelenke und gibt 4 Aa. metatarsales dorsales günstigen Bedingungen der Schwerkraft, mit denen wir
ab, aus denen die dorsalen Zehenarterien ent- als aufrecht Gehende auf der Erde konfrontiert sind,
springen. bringen zwangsweise auch klinische Probleme mit sich.
4 R. plantaris profundus gelangt auf die Plantar-
seite des Fußes und anastomosiert mit dem Arcus Merke
plantaris der Fußsohle. Der venöse Abfluss erfolgt durch oberflächliche
und tiefe Beinvenen.

4.6.5 A. tibialis posterior


Die oberflächlichen Venen drainieren das Blut im sub-
Die A. tibialis posterior läuft, wie der Name suggeriert, kutanen Fettgewebe. Die tiefen Venen verlaufen mit
nach hinten zwischen die beiden Schichten der Waden- den Arterien, meist als doppelte Begleitvenen (Aus-
muskeln. Er zieht dann in den Tarsalkanal, also zum nahme: V. poplitea, V. femoralis).
medialen Knöchel, und teilt sich dort in die Fußsohlen-
endäste auf.
Äste der A. tibialis posterior: 4.7.1 Oberflächliche Venen
4 A. fibularis (peronea): Abgang distal des Arcus
tendineus des M. soleus, der Fibula entlang zum Die V. saphena magna sammelt das epifasziale Blut der
Calcaneus. medialen Seite von Fuß und Unterschenkel. Sie zieht
4 A. plantaris medialis: Zwischen M. abductor hal- mit dem N. saphenus hinter dem medialen Kondylus
lucis und M. flexor digitorum brevis, der die zur Vorderseite des Oberschenkels und durchbricht
Großzehenloge versorgt und eine Anastomose die Fascia lata im Hiatus saphenus, um kurz darauf in
bildet mit dem Arcus plantaris aus der A. plantaris die V. femoralis zu münden.
lateralis.
4 A. plantaris lateralis verläuft als Fortsetzung der Venenstern. Auf den Hiatus saphenus laufen zahlreiche
A. tibialis posterior zum lateralen Fußrand. Am oberflächliche Venen in die V. saphena magna, u. a. die:
Mittelfuß gibt sie den Arcus plantaris profundus 4 Vv. pudendae externae aus dem Genitalbereich,
ab, der mit der A. plantaris medialis anastomosiert. 4 V. circumflexa iliaca superficialis und
Je 2 Aa. digitales plantares propriae verlaufen an 4 V. epigastrica superficialis (von oberhalb des Leis-
den Innen- und Außenkanten der Zehen. tenbandes).
106 Kapitel 4 · Untere Extremität

Die V. saphena accessoria ist ein inkonstanter Seitenast 4.8 Lymphknoten


der V. saphena magna. und Lymphgefäße
Die V. saphena parva entsteht am lateralen Fuß-
rand, zieht hinter dem Außenknöchel zur Beugeseite, Auch die Lymphbahnen verlaufen in oberflächlichen
taucht in der Kniekehle durch die Fascia lata und und tiefen Systemen, die miteinander in Verbindung
mündet zwischen den beiden Mm. gastrocnemii in die stehen. Die oberflächlichen begleiten die Vv. saphenae
(tiefe) V. poplitea. magna und parva, die tiefen laufen gemeinsam mit den
tiefen Beinvenen.
KLINIK In der Regio poplitea geben die Nodi lymphatici
4 Der Nachteil der epifaszialen Lage dieser Venen ist popliteales superficiales die Lymphe weiter in die Nodi
der fehlende Gegendruck unter der Haut, sodass lymphatici popliteales profundi.
die Vv. saphenae oftmals erweitert und geschlän- In der Leistengegend unterscheidet man die manch-
gelt sichtbar werden (Varizen). Die Erweiterung mal sogar von außen sichtbaren 5–20 Nodi lymphatici
verursacht eine Klappeninsuffizienz, es kommt inguinales superficiales (aus der vorderen Bauchwand,
zu Stase und Rückstau des Bluts, u. U. mit lästigen Dammregion, äußerem Genitale und Oberfläche des
Entzündungen verbunden (Ulcus cruris). Die Venen Beins) von den bis zu 3 Nodi lymphatici inguinales
können operativ entfernt werden, wenn sicher- profundi. Diese liegen unter der Fascia lata entlang der
gestellt ist, dass die tiefen Beinvenen, mit denen V. femoralis, u. a. der Rosenmüller-Lymphknoten in
die oberflächlichen Venen durch Vv. perforantes in der Lacuna vasorum.
Verbindung stehen, auch durchgängig sind.

4.9 Angewandte und topografische


Anatomie
4.7.2 Tiefe Beinvenen
4.9.1 Oberflächenanatomie
Die Vv. tibiales anteriores, tibiales posteriores und
Vv. peroneae (fibulares) sind doppelt angelegte Begleit- Tastbare Knochenpunkte
venen ihrer Arterien. Sie münden in der Kniekehle in die Becken: Crista iliaca, Spina iliaca anterior superior,
V. poplitea, die zudem Blut aus den Vv. geniculares auf- Spina iliaca posterior inferior, Tuberculum pubicum,
nimmt. Sie zieht in den Adduktorenkanal und nennt sich Tuber ischiadicum, Spina ischiadica (von vaginal).
fortan V. femoralis. Diese erhält Zulauf durch die
V. femoralis profunda und im Hiatus saphenus durch die Femur: Trochanter major, Patella, Epicondylus medialis
V. saphena magna und zieht medial der A. femoralis und lateralis des Femur.
durch die Lacuna vasorum als V. iliaca externa ins
Becken. Tibia: Tuberositas tibiae, Vorderkante (margo anterior),
Malleolus medialis (Innenknöchel).
KLINIK
Die tiefen Beinvenen sind berüchtigte Orte für die Fibula: Caput fibulae, Malleolus lateralis (Außen-
Entstehung von Thrombosen (intravasale, patho- knöchel).
logische Gerinnungsprozesse), gefördert durch
mangelhafte Perfusion infolge langer Bettruhe, Fuß: Tuber calcanei, Caput tali, Tuberositas ossis navi-
und/oder ungenügender Thromboseprophylaxe. cularis.
Beim Aufstehen kann sich dann ein Teil des Throm-
bus lösen, gerät ins rechte Herz und von dort über
den Truncus pulmonalis in eine Lungenarterie. Die 4.9.2 Regio inguinalis
Folge ist eine Lungenembolie.
Die Leistenregion ist die Grenze zwischen Bauch
und Bein. Sichtbare Grenze ist das sog. Leistenband,
Lig. inguinale, eigentlich eine Faszienverstärkung am
Übergang von Fascia lata und der Externusaponeu-
rose. Es verbindet die Spina iliaca anterior superior
mit dem Tuberculum pubicum. Zwischen dem Leis-
tenband und dem Beckenknochen breiten sich nach
4.9 · Angewandte und topografische Anatomie
107 4

unten die Lacuna musculorum und die Lacuna va- 5 cm. Er hat 2 Öffnungen: Den inneren Leistenring
sorum aus, getrennt durch den Arcus iliopectineus: (Anulus inguinalis profundus) und den äußeren Leis-
Durch sie entkommen folgende Strukturen vom Be- tenring (Anulus inguinalis superficialis).
cken ins Bein: Der Anulus inguinalis profundus projiziert sich
1. Lacuna musculorum (lateral): Ein Muskel, zwei etwa auf halber Höhe und 1 cm oberhalb des Leisten-
Nerven: M. iliopsoas, N. femoralis, N. cutaneus bandes auf die Bauchwand. Begrenzt wird er vom
femoris lateralis, 4 Lig. interfoveolare,
2. Lacuna vasorum (medial): Zwei Gefäße, ein Nerv: 4 Lig. inguinale und
A./V. femoralis, R. femoralis des N. genitofemoralis. 4 Plica umbilicalis lateralis (die von den epigastri-
schen Gefäßen aufgeworfen wird).
Die Lacuna vasorum ist zum Os pubis durch ein scharf
gebogenes Band begrenzt, das Lig. lacunare. Der Anulus inguinalis superficialis wird begrenzt von
4 Crus laterale und Crus mediale der Externusapo-
KLINIK neurose sowie das
Der Raum zwischen V. femoralis und Lig. lacunare 4 Lig. reflexum am Boden (rückläufige Faserzüge des
ist durch das bindegewebige Septum femorale be- Crus laterale).
grenzt, durch das gelegentlich Femoralhernien
(Schenkelhernien) treten können. Diese sind bei Merke
Frauen häufiger als bei Männern. Der Leistenkanal verläuft oberhalb des Leistenban-
des. Er wird begrenzt durch folgende Strukturen:
5 unten: Lig. inguinale,
Leistenkanal (Canalis inguinalis) 5 oben: M. transversus abdominis, M. obliquus
In der Bauchwand entsteht während des Descensus tes- internus abdominis,
tis eine vorübergehende physiologische Leistenhernie 5 hinten: Fascia transversalis, Peritoneum und
(. Abb. 4.7). Der Weg für die Kommunikation des 5 vorn: Aponeurose des M. obliquus externus
Hodens mit der Außenwelt bleibt jedoch mit dem Leis- abdominis, Fascia abdominalis superficialis,
tenkanal bestehen. Dieser verläuft schräg von lateral Fibrae intercrurales.
unten nach medial oben auf einer Strecke von etwa

. Abb. 4.7. Leistengegend und Leistenbrüche. A: direkter Leistenbruch durch den offenen Processus vaginalis peritonei
Leistenbruch (medial der epigastrischen Gefäße). B: indirekter (lateral der epigastrischen Gefäße). (Schiebler 2005)
108 Kapitel 4 · Untere Extremität

Durch den Leistenkanal verlaufen folgende Struk-


turen:
4 Bei der Frau: Lig. teres uteri mit Begleitgefäßen,
inseriert in den großen Schamlippen.
4 Beim Mann: Funiculus spermaticus mit
5 Ductus deferens mit Begleitgefäßen,
5 A./V. testicularis,
5 A./V. cremasterica, Ligamentum
5 Fascia spermatica interna, inguinale
4 5 Fascia spermatica externa und Spina iliaca
5 M. cremaster. ant.sup.

Bei beiden Geschlechtern: N. ilioinguinalis, R. genita-


M. sartorius
lis des N. genitofemoralis.
M. gracilis
KLINIK
Leistenhernien sind wegen der Weite des Kanals
überwiegend männliche Errungenschaften. Ur-
sachen: Bindegewebsschwächen der Faszien (er- . Abb. 4.8. Begrenzung des Trigonum femorale an der
worben) oder Offenbleiben des Processus vaginalis Lebenden.
peritonei, durch das einst der Hoden abgestiegen
war (angeboren). hinten und vom M. adductor longus nach medial be-
Erworbene Leistenhernien verlaufen ent- grenzt wird (. Abb. 4.8). Dort liegen in der ventralen
weder schräge von lateral, durch den Leistenkanal Gefäß-Nerven-Straße von medial nach lateral: V. femo-
selbst (indirekte) (Merkhilfe: Lia) oder geradewegs, ralis, A. femoralis, N. femoralis.
von medial, auf den Anulus inguinalis superf. zu, Diese Grube hat ein Guckloch nach oben: den
unter Umgehung der Kanalpassage (direkte) (Merk- Hiatus saphenus, durch dessen siebartig durchlöcher-
hilfe: med). te Faszienbedeckung (Lamina cribrosa) die V. saphena
Angeborene Leistenhernien verlaufen immer magna zieht. Im Übrigen können hier auch große Leis-
indirekt. tenhernien auftauchen und dann unter der Haut zum
Beide Hernien treten in das Trigonum femorale Vorschein kommen.
aus.

4.9.4 Regio glutealis


Merke
Die Bruchpforte der Schenkelhernien liegt unter Unter der derben Faszie liegt der M. gluteus maximus,
dem Leistenband. unter ihm der M. gluteus medius und minimus. In der
Die Bruchpforte der Leistenhernien liegt über Tiefe liegt das Foramen ischiadicum majus, das durch
dem Leistenband. den M. piriformis geteilt wird in:
4 Foramen suprapiriforme mit A./V. glutea superior
und N. gluteus superior und
4 Foramen infrapiriforme mit A./V. glutea inferior,
4.9.3 Trigonum femorale und Fossa N. gluteus inferior, N. ischiadicus,. N. pudendus,
iliopectinea A./V. pudenda interna, N. cutaneus femoris pos-
terior.
Das Trigonum femorale wird begrenzt vom (. Abb. 4.8):
4 Lig. inguinale nach oben, Die A./V. pudenda interna und der N. pudendus sehen
4 M. sartorius nach lateral und nur kurz das Tageslicht des äußeren Beckens. Sie ver-
4 M. gracilis nach medial. schwinden um die Ecke der Spina ischiadica, zwischen
den Ligg. sacrotuberale und sacrospinale durch das
Fossa iliopectinea (Fossa subinguinalis) Foramen ischiadicum minus wieder zur Beckeninnen-
Proximal im Trigonum femorale liegt die Fossa ilio- seite, schleichen am Rand der Fossa ischioanalis im
pectinea, die vom M. iliopsoas und M. pectineus nach Alcock-Kanal bis zur Dammregion.
4.9 · Angewandte und topografische Anatomie
109 4
4.9.5 Hüfte KLINIK
Die »Corona mortis« ist eine riskante Anomalie
Bei Normalstellung der Hüfte im Stehen sollte die Spina der A. obturatoria: In diesem Falle übernimmt ein
iliaca anterior superior in der Frontalebene mit der aberranter R. pubicus Versorgungsgebiete der
Symphyse stehen. A. obturatoria. Er anastomosiert mit der A. epiga-
Fehlstellungen im Hüftgelenk sind bedingt durch strica inferior. Wenn er bei Operationen übersehen
pathologischen Collodiaphysenwinkel des Oberschen- wird, kann es das Aus bedeuten (»Mors«).
kelknochens: Eine Coxa vara (»O-Hüfte«) entsteht bei Bei Obturatoriushernien tritt der Bruchsack
einem Winkel von weniger als 120°, eine Coxa valga in den Canalis obturatorius ein und bedrängt Ge-
von mehr als 135° (. Abb. 4.1). fäße und Nerven. Dies tut weh und kann zu Sensibi-
litätsstörungen führen (»Reithosenanästhesie«).
Merke
Varum passt der Hund zwischen die Beine?
Canalis adductorius. Durch den Adduktorenkanal
treten die großen Leitungsbahnen des Beins zur Knie-
Zur Funktionsprüfung von Stand- und Spielbein: kehle (Beugeseite) über. Er wird begrenzt durch die
7 Kapitel 4.4.1. Adduktoren (Mm. adductor magnus und longus)
sowie den M. vastus medialis. Sein distaler Ausgang
KLINIK ist der Adduktorenschlitz, der Hiatus adductorius. Der
Beliebt ist die Hüftregion für intramuskuläre In- N. saphenus kann es nicht abwarten: Er zieht schon
jektionen. Tiefe i.m.-Injektionen sollten in den auf halber Strecke mit der A. descendens genus durch
M. gluteus medius gesetzt werden, keinesfalls in die Membrana vastoadductoria davon.
den M. gluteus maximus (Gefahr der Verletzung
des N. ischiadicus). Der Hochstetter-Handgriff
(Zeigefinger auf die Spina iliaca anterior superior, 4.9.7 Regio genus posterior:
Mittelfinger auf die Crista iliaca: Das Dreieck zwi- Fossa poplitea
schen den Fingern entspricht der seitlichen vor-
deren Glutealregion) hilft dabei. Die Fossa poplitea hat eine rautenförmige Begren-
zung:
4 M. semimembranosus und M. semitendinosus
(nach oben medial),
4.9.6 Oberschenkel 4 M. biceps femoris (nach oben lateral),
4 Caput mediale des M. gastrocnemius (nach unten
Der Oberschenkel wird durch die Fascia lata (ent- medial) und
spricht einer Zuggurtung) eingehüllt, besondere Ver- 4 Caput laterale des M. gastrocnemius (nach unten
stärkungen sind nach lateral der Tractus iliotibialis, lateral).
nach kranial das Sitzhalfter zur Glutealregion. Septa
intermuscularia ziehen von der Fascia lata in die Tiefe Nach hinten ist sie durch eine Faszie bedeckt, durch
und unterteilen die Logen für die 3 Muskelgruppen. die die V. saphena parva, ein paar Lymphbahnen und
In der Vorderen Leitungsbahnstraße zwischen die Nn. cutanei surae medialis und lateralis ziehen.
Fossa iliopectinea und Fossa poplitea verlaufen die In der Mitte der Kniekehle liegt der N. tibialis,
Femoralgefäße und Lymphbahnen; der N. femoralis lateral davon, meist noch in einem gemeinsamen Epi-
verliert sich durch verzettelte Äste auf der Oberschen- neurium, der N. peroneus (fibularis) communis, da-
kelvorderseite (abgesehen vom N. saphenus). Die hin- runter auf dem Knochen die V. poplitea, darunter die
tere Leitungsbahnstraße verbindet das Stratum subglu- A. poplitea. Angeblich soll man sie tasten können.
teum mit der Kniekehle. Dort zieht nur der N. ischiadi-
cus entlang, ganz allein. KLINIK
Der Canalis obturatorius erstreckt sich vom kra- Die A. poplitea ist bei Frakturen des distalen Femur-
nialen Rand der Membrana obturatoria des Foramen endes gefährdet.
obturatum bis in die mediale Seite des Oberschenkels.
Unterhalb des M. pectineus gelangen durch ihn die
A./V. obturatoria und der N. obturatorius in die Frei-
heit.
110 Kapitel 4 · Untere Extremität

4.9.8 Regio genus anterior Der M. tibialis posterior unterkreuzt im distalen Drittel
des Unterschenkels den fibular gelegenen M. flexor
Die vordere Knieregion ist der Zugang zum Knie- digitorum longus und kreiert damit das Chiasma cru-
gelenk. rale. Die Transitstraße zur Fußsohle stellt der Mediale
Malleolarkanal (Tarsaltunnel) dar, der hinter und unter
KLINIK dem medialen Knöchel liegt.
Bei Entzündungen kann sich vermehrt Synovia
bilden, die durch Kompression der Komplementär-
räume (Bursae suprapatellaris, subcutanea prae- 4.9.11 Fuß
4 patellaris) in die Hauptkammer gelangt und dann
die Patella bei Druck in Streckstellung »tanzen« Deformitäten (7 Kap. 4.3.7).
lässt.

4.9.12 Planta pedis

4.9.9 Unterschenkel Die Fußsohle ist zunächst durch ein Kompartiment-


system von Druckpolstern unter der Haut gekenn-
Die Muskellogen (Beuger, Strecker und Peroneusgrup- zeichnet. Darunter erstreckt sich die derbe Plantar-
pe) sind durch Septa intermuscularia getrennt. Hinten aponeurose. Ihre Quer- und Längsfaserzüge ziehen
verläuft die Flexorenstraße, in der die A. tibialis posteri- vom Tuber calcaneum bis zu den Sehnenscheiden der
or und der N. tibialis vom M. triceps surae bedeckt Zehen. Sie ist die wirksamste Halterung des Längs-
werden. In der Extensorenstraße ziehen die A. tibialis gewölbes (. Abb. 4.3).
anterior mit dem N. peroneus (fibularis) profundus,
gleich lateral der Tibiavorderkante zwischen dem M. ex- Chiasma plantare. Der M. flexor hallucis longus ent-
tensor hallucis longus und dem M. tibialis anterior. springt am weitesten lateral (Fibula), muss aber ganz
Die fibulare Straße beherbergt nur den N. peroneus nach medial, um das Sustentaculum tali zu stützen.
(fibularis) communis. Der tiefe Ast wird dann logen- Dabei kreuzt er unten den M. flexor digitorum longus,
flüchtig und zieht mit der A. tibialis anterior nach dem es genau anders herum geht: er zieht von medial
vorn. (Tibia) und muss nach lateral.
Die Leitungsbahnen kommen von hinten durch
den medialen Malleolarkanal. Unter dem M. abductor
4.9.10 Regio malleolaris hallucis teilen sie sich in ein mediales und laterales Bün-
del auf. Die medialen Leitungsbahnen (A./V. plantaris
In der Knöchelregion verdichten sich alle Sehnen und medialis und N. plantaris medialis) ziehen zur Groß-
Leitungsbahnen, die den Fuß von der Beugeseite errei- zehloge, und die lateralen Leitungsbahnen (A./V. plan-
chen sollen. Dazu gehören: taris lateralis und N. plantaris lateralis) finden ihren
Weg durch den Mittelraum zur Kleinzehenloge.
Mediale Knöchelregion:
4 V. saphena magna,
4 Lymphgefäße,
4 Gefäß-Nerven-Bündel mit A. tibialis posterior und
Begleitvenen,
4 N. tibialis und
4 Sehnen der tiefen Beuger (M. tibialis posterior,
M. flexor digitorum longus, M. flexor hallucis
longus).

Laterale Knöchelregion:
4 V. saphena parva,
4 N. suralis,
4 Lymphgefäße und
4 Sehnen des M. peroneus (fibularis) longus und
brevis.
4.9 · Angewandte und topografische Anatomie
111 4

Fallbeispiel
Ein 27-jähriger Fußballspieler wird von seinem Trainer der Patient über immer stärker werdende Schmerzen
Sonntagnachmittag in die chirurgische Ambulanz ge- im Unterschenkel und der verständigte Dienstarzt stellt
bracht. Er ist während des Spiels mit einem Mitspieler einen deutlich gehärteten und im Vergleich zur vor-
zusammen gestoßen. Der Patient berichtet, er habe angegangenen Untersuchung geschwollenen Unter-
während der Fahrt zum Krankenhaus erbrochen und schenkel fest. Weiterhin nehmen die Schmerzen bei
habe jetzt starke Kopfschmerzen. Muskeldehnung deutlich zu.
Bei der näheren Untersuchung durch den Chirur- Der Dienstarzt äußert den Verdacht eines mani-
gen fällt eine Prellmarke am Kopf und eine große festen Kompartmentsyndroms und nach Konsultation
Prellmarke am lateralen, medialen Unterschenkel auf. des Oberarzts wird die Indikation für eine sofortige OP
Der Unterschenkel ist an dieser Stelle druckschmerz- gestellt. Bei dieser OP werden durch eine laterale Inzi-
haft. Alle weiteren Untersuchungen ergeben keinen sion am Unterschenkel alle 4 Kompartments erreicht
pathologischen Befund. Insbesondere sind keine und zur Druckentlastung alle Logen mittels Fasziotomie
neurologischen Auffälligkeiten zu erheben und der gespalten.
Patient hat keine Amnesie. Intraoperativ wird sichtbar, dass es durch einen
Der Chirurg äußert den Verdacht einer Gehirner- Abriss eines kleinen Gefäßes zu einer Einblutung in
schütterung (Commotio cerebri) und nimmt den Pa- eine Muskelloge gekommen ist. Aufgrund der straffen
tienten nach einer Röntgenkontrolle des Unterschen- Strukturen der Faszien baut sich so großer Druck auf,
kels, die keinen pathologischen Befund zeigt, für eine dass Nerven und Gefäße komprimiert werden.
24 h-Überwachung stationär auf. Auf der Station klagt
5
113 5

5 Kopf und Kragen

Mind Map
Der Kopf (Caput) ist Radarstation und Leuchtturm Posten der Nahrungsaufnahme und Ventilation sowie
des Organismus. In ihm sammeln sich die Botschaften die mit ihr assoziierten Sinne finden im Gesichtsschä-
der Außenwelt, gleichzeitig informiert er die Um- del, dem Viscerocranium, ihren Platz.
gebung über den Funktionszustand des eigenen Der Hals (Collum) ist das Instrument, das den Kopf
Körpers. Diese informativen Aufgaben werden im trägt und im Raum dreht. Gleichzeitig ist er Transitweg
Neurocranium, dem Gehirnschädel, koordiniert. für Leitungsbahnen, Luft und Speise, und trägt ent-
Grundlage der Existenz sind jedoch nach wie vor scheidend zur Phonation bei.
Ernährung und frische Luft, und die vorgeschobenen
114 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

5.1 Entwicklung und Wachstum Zu den Schädelnähten gehören:


4 Sutura frontalis zwischen den Ossa frontalia,
Knöcherner Schädel. Die Knochen des Schädels 4 Sutura lambdoidea zwischen dem Os occipitale
entwickeln sich aus dem paraxialen Mesoderm, den und den Ossa parietalia,
okzipitalen Somiten, dem prächordalen Mesoderm 4 Sutura coronalis zwischen dem Os frontale und Os
und, größtenteils, aus der Neuralleiste. Sie entstehen parietale und
zum Teil durch desmale, zum Teil durch chondrale 4 Sutura sagittalis zwischen den beiden Ossa parie-
Ossifikation. Die desmal entstandenen Knochen be- talia.
zeichnet man als Desmocranium, die chondral
entstandenen als Chondrocranium. Das Neurocra- Fontanellen. Fontanellen des kindlichen Schädels sind
nium besteht aus Schädeldach und Schädelbasis, und (. Abb. 5.1):
5 das Viszerocranium aus Derivaten der Kiemen- 4 Fonticulus anterior: vordere, große Fontanelle
bögen. Rautenförmig liegt sie zwischen den Ossa frontalia
Folgende Knochen sind desmal ossifiziert: Kno- und den Ossa parietalia. Sie schließt sich nach etwa
chen der Calvaria (Os frontale, Os parietale, Squama 10‒14 Monaten.
occipitalis, Squama temporalis), Maxilla, Mandibula, 4 Fonticulus posterior: hintere, kleine Fontanelle.
Zwischenkiefersegment, Gaumen- und Jochbein. Dreieckig befindet sie sich zwischen dem Os oc-
Folgende Knochen sind chondral ossifiziert: Kno- cipitale und den Ossa parietalia. Sie schließt sich
chen der Schädelbasis: Ala major ossis sphenoidalis, nach etwa 3 Monaten.
Siebbeinplatte, Ohrkapsel, sowie Os hyoideum, das 4 Fonticulus sphenoidalis (Keilbeinfontanelle): Die-
Kehlkopfskelett und die Gehörknöchelchen. se paarige Fontanelle liegt zwischen Os frontale,
Os parietale und Os sphenoidale.
4 Fonticulus mastoideus (Warzenfontanelle): Diese
5.1.1 Neurocranium paarige Fontanelle befindet sich zwischen dem
Os temporale, Os occipitale und Os parietale.
Der Hirnschädel entsteht also teils aus desmal, teils aus
chondral verknöcherten Elementen. Die Schädelbasis . Abbildung 5.2 gibt einen Überblick über die Schädel-
ist überwiegend chondral entstanden, die Schuppen knochen beim Erwachsenen.
der großen Knochen der Calvaria sind desmal ent-
standen. Diese Knochenanlagen sind bindegewebig
durch Schädelnähte (Suturae) verbunden, die eine Zeit
lang als Fontanellen (Fonticuli) nach der Geburt offen
bleiben.

. Abb. 5.1a, b. Fontanellen des kindlichen Schädels. a Ansicht von der linken Seite, b Ansicht von oben. (Schiebler 2005)
5.1 · Entwicklung und Wachstum
115 5

. Abb. 5.2. Schädelknochen beim Erwachsenen. (Tillmann 2005)

KLINIK 5.1.2 Viscerocranium


Bedeutung der Fontanellen für die pädiatrische
Untersuchung: Einziehung oder Vorwölbung der Schlundbögen, Schlundtaschen, Schlund-
Fontanellen gibt Auskunft über den Wasserhaushalt furchen
eines Säuglings (z. B. Dehydrierung: eingesunkene Die Schlundbögen (Branchialbögen; bei Fischen Kie-
Fontanelle). Die nicht verschlossenen Schädelnähte menbögen) liefern das Material für die Entwicklung des
erlauben eine kontinuierliche Ausdehnung des Gesichtsschädels. Regionale Mesenchymverdickungen
Gehirns, insbesonderebei Raumforderungen wie ziehen bogenförmig nach vorn. Ihnen sind Skelettan-
z. B. Hydrocephalus. Umgekehrt führt der seltenere teile, Muskeln, Arterien und Hirnnerven zugeordnet
vorzeitige Verschluss der Suturen (Craniosynostose) (. Tab. 5.1).
zu Kompressionserscheinungen des Gehirns. Zwischen den Branchialbögen stülpen sich von
innen tiefe Furchen hervor, die Schlundtaschen, deren
Entoderm direkt dem Ektoderm der Schlundbögen
Die Schädelbasis (Basis cranii) (7 Kap. 5.2.2) entsteht anliegt. Aus den Schlundtaschen entwickeln sich fol-
aus folgenden Knorpelelementen: gende Strukturen (. Abb. 5.3a–b):
4 Basalplatte (wird zum Clivus), 1. Schlundtasche: proximal: Ohrtrompete, distal:
4 okzipitale Sklerotome (umgibt das Foramen mag- Paukenhöhle.
num), 2. Schlundtasche: Tonsillarbucht mit dem Epithel
4 Ohrkapsel (wird zum Felsenbein), der Gaumenmandeln.
4 kleiner und großer Flügel (werden zu Ala major 3. Schlundtasche: ventral: Thymus, dorsal: untere
und minor des Os sphenoidale), Epithelkörperchen.
4 Hypophysenknorpel (wird zum Keilbeinkörper, 4. Schlundtasche: dorsal: obere Epithelkörperchen.
Os sphenoidale), 5. Schlundtasche: Ultimobranchialkörper.
4 Trabeculae cranii (werden zur Siebbeinplatte, La-
mina cribrosa, knorpeliges Nasenseptum) sowie Schlundfurchen sind 4 nach außen hin sichtbare Ein-
4 Nasenkapsel (wird zum Nasenbein). ziehungen des Ektoderms, die den Schlundtaschen ge-
genüberliegen. Bis auf die erste Schlundfurche, die den
(Ohr: 7 Kap. 10, Auge: 7 Kap. 11) äußeren Gehörgang bildet, bilden sie sich zurück.
116 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

. Tab. 5.1. Derivate der Schlundbögen


Kiemenbogen Knorpel Knochen Muskulatur Schlundbogennerv
1. Schlundbogen Meckel-Knorpel Hammer und Amboss Kaumuskeln, M. tensor N. mandibularis (N. V3)
(Mandibularbogen) (Malleus und Incus) tympani, Venter ant.
M. digastrici, M. mylo-
hyoideus, M. tensor veli
palatini
2. Schlundbogen Reichert-Knorpel Steigbügel (Stapes), Gesichtsmuskulatur, N. facialis (N. VII)
(Hyoidbogen) Proc. styloideus, Cornu M. stapedius, M. stylo-
minus des Zungenbeins, hyoideus, Venter post.
5 Zungenbeinkörper M. digastrici
3. Schlundbogen Cornu majus des Zungen- M. stylopharyngeus N. glossopharyngeus
beins, Zungenbeinkörper (N. IX)
4.–6. Schlundbogen Kehlkopfskelett Larynxmuskulatur, 4. Schlundbogen:
M. levator veli palatini, N. laryngeus sup.
M. constrictor pharyngis 6. Schlundbogen:
N. laryngeus inf. aus
N. vagus (N. X)

. Abb. 5.3a–b. Entwicklung der Schlundfurchen und Sinus cervicalis zurück (b). Aus den (inneren) Schlundtaschen
Schlundtaschen. Die Schlundbögen (= Kiemenbögen) sind entstehen Paukenhöhle, Tonsilla palatina, Nebenschilddrüsen,
mit römischen Ziffern gekennzeichnet. Der 2. Schlundbogen Thymus und Ultimobranchialkörper. (Mod. nach Sadler 2003)
stülpt sich über die 2.–4. Schlundtasche (a) und lässt nur den
5.1 · Entwicklung und Wachstum
117 5

KLINIK Sekundärer Gaumen und sekundäre Choanen


Laterale Halszyste: Mangelhafte Rückbildungen Der definitive (sekundäre) Gaumen setzt sich aus dem
der Schlundfurchen führen zu äußeren branchio- primären Gaumen und 2 lateralen Gaumenfortsätzen
genen Halszysten. Kommunizieren sie mit der des Oberkieferwulstes (Gaumenplatte) zusammen. Der
Oberfläche, entsteht eine Fistel, deren Öffnungen vordere Teil verknöchert (harter Gaumen), der hintere
am Vorderrand des M. sternocleidomastoideus bildet den weichen Gaumen mit Zäpfchen.
liegen. Nach dem Einreißen der Membrana bucconasalis
Mediane Halszyste: hat nichts mit den Schlund- öffnen sich die primitiven Nasenhöhlen in die Mund-
furchen zu tun. Sie sind Relikte des Ductus thyro- höhle und bilden die sekundäre Choanen.
glossus (7 Kap. 5.1.5).
KLINIK
Fehlbildungen
Das Stomatodeum (Mundbucht) ist eine Einsenkung Unterbleibt die Mesenchymeinwanderung
des Ektoderms zwischen den kranialen Anteilen der zwischen den Wülsten im Lippen-Kiefer-Gaumen-
Hirnanlage, der Herzanlage und den seitlichen Schlund- Bereich, entstehen Spalten. Häufigste Formen
bögen. Es ist zunächst mit der Rachenmembran vom sind:
Entoderm (Schlunddarm) getrennt. Seine angrenzen- 4 Laterale Lippenspalte (Cheiloschisis, Hasen-
den Mesenchymverdichtungen setzen sich aus folgen- scharte), meist einseitig (. Abb. 5.4a).
den Teilen zusammen: 4 Lippen-Kiefer-Spalte (Cheilognathoschisis),
4 Stirnfortsatz, Spaltbildung zwischen dem primären und
4 Oberkieferwülste (paarig) und sekundären Gaumen (. Abb. 5.4b).
4 Unterkieferwülste (paarig). 4 Gaumenspalte (Palatoschisis): Die beiden
Gaumenfortsätze wachsen nicht zusammen
Riechplakode (. Abb. 5.4c).
An den Seiten des Stirnwulsts entstehen die ektoderma- 4 Lippen-Kiefer-Gaumenspalte (Cheilognatho-
len Einziehungen der Riechplakoden, aus der später palatoschisis, doppelseitig als Wolfsrachen
die Neurone für das olfaktorische System und den bezeichnet), Kombinationsfehlbildung
N. terminalis (»Nullter Hirnnerv«, LHRH-Neurone) (. Abb. 5.4d).
auswandern. In der 5. Woche verdicken sich die Ränder
der Riechplakode zum medialen und lateralen Nasen-
wulst. Die Riechplakoden vertiefen sich zur Riechgrube Nasennebenhöhlen
und erreichen das Dach der primären Mundhöhle. Die Nasennebenhöhlen (Sinus paranasales) sind Diver-
tikel der Schleimhaut der seitlichen Nasenwand. Sie
Primärer Gaumen und Primäre Choanen stülpen sich gegen Ende der Fetalzeit in die Gesichts-
Der mediale Nasenwulst liefert den Bereich des Ober- knochen (Pneumatisation) und sind erst mit dem
kiefers, der die 4 Schneidezähne enthält sowie einen 18. Lebensjahr vollständig ausgebildet.
dreieckigen Abschnitt, den primären Gaumen (Zwi-
schenkiefersegment).
Hinter dem primären Gaumen entsteht eine Ver- 5.1.3 Hirnnerven, Sinnesorgane
bindung zwischen primärer Mundhöhle und den pri-
mären Nasengängen: Primäre Choanen. 7 Kap. 5.5.

. Abb. 5.4a–d. Häufige genetisch bedingte Fehlbildungen Kiefer-Spalte, c Gaumenspalte, d Lippen-Kiefer-Gaumen-


im Gesichts- und Gaumenbereich. a Lippenspalte, b Lippen- Spalte. (Schiebler 2005)
118 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

5.1.4 Gesicht 5.2.1 Calvaria

7 Kap. 1.2. Die Calvaria (Schädelkalotte) ist etwa 5 mm dick;


am dünnsten ist sie am »Dreiländereck« zwischen Os
Tränennasengang frontale, Os parietale und Os temporale (Pterion)
Oberkieferwulst und lateraler Nasenwulst sind durch (. Abb. 5.2).
eine tiefe Furche getrennt (Tränennasenfurche). Das Die Calvaria besitzt folgende Schichten:
Ektoderm am Boden dieser Furche bildet einen Epithel- 4 Lamina externa, kompakte äußere Schicht,
strang aus, aus dem der Tränennasengang (Ductus 4 Diploe, dünnere, spongiöse Schicht, sowie
nasolacrimalis) entsteht. 4 Lamina interna, innere kompakte Schicht.

5 Gefäße des Schädeldachs


5.1.5 Hals Vv. diploicae und Vv. emissariae
Die Diploe sieht aus wie ein Schweizer Käse, da in sie
zahlreiche Kanälchen für kleinere Venen (Vv. diploicae)
Schilddrüse führen. Sie sind zusätzliche Abflusswege des Gehirns
Die Schilddrüsenanlage entsteht als Epithelknospe am und stehen mit den Sinus durae matris in Verbindung.
Boden des Schlunddarms in Höhe der 1. und 2. Schlund- Die etwas größeren Vv. emissariae können ebenfalls
tasche. Sie entscheidet sich zur Wanderung nach kau- Blut aus den Sinus direkt in die äußeren Kopfvenen ab-
dal; letztlich können als Relikt noch der Ductus thyro- leiten. Angeblich verhindern sie einen Überdruck in
glossalis und das Foramen caecum am Zungengrund den Sinus.
übrig bleiben. Die parafollikulären Zellen (C-Zellen)
wandern aus der Neuralleiste in den Ultimobranchial- Innenrelief des Schädeldachs
körper ein. Sie produzieren Calcitonin. Die Schilddrüse Die Innenseite liefert die Fußabdrücke der Gefäße,
startet ihre Aktivität am Ende des 3. Monats. besonders der Sinus durae matris, einiger Arterien,
z. B. der A. meningea media, sowie Abdrücke der Gra-
KLINIK nulationes arachnoidales neben der Rinne des Sinus
Versprengtes (ektopes) Schilddrüsengewebe ist sagittalis superior. Bisweilen erkennt man die Impres-
das Resultat einer unordentlichen, diffusen Wande- sionen der Gehirnwindungen, z. B. auf dem Orbita-
rung. Häufig ist ektopes Schilddrüsengewebe am dach.
Zungengrund, aber auch retrosternal anzutreffen.
Knochen des Neurocraniums
Hierzu gehören:
Nebenschilddrüsen und Thymus 4 Hinterhauptsbein (Os occipitale),
Die Nebenschilddrüsen (Gll. parathryoideae, »Epithel- 4 Keilbein (Os sphenoidale),
körperchen«) entstehen aus der 3. und 4. Schlundta- 4 Stirnbein (Os frontale),
sche. Dabei überkreuzen sich ihre Wanderwege nach 4 Schläfenbein (Os temporale) und
kaudal: Die Nebenschilddrüsenanlagen der 3. Schlund- 4 Scheitelbein (Os parietale).
tasche ziehen zum späteren unteren Schilddrüsenpol,
und die Anlagen der 4. Schlundtasche ziehen zum Os occipitale
oberen Schilddrüsenpol. Sie produzieren Parathormon Das Hinterhauptsbein besteht aus Squama occipitalis,
(PTH). Partes laterales und Pars basilaris.
Der Thymus wandert aus der ventralen Ausstül- Die Squama occipitalis (Hinterhauptsschuppe) ist
pung der 3. Schlundtasche in Richtung oberes Media- über die Lambdanaht (Sutura lambdoidea) syndesmo-
stinum. tisch (ab 40. Lebensjahr: synostotisch) mit dem Proces-
sus mastoideus und dem Os parietale verbunden. Au-
ßen tastbar ist die Protuberantia occipitalis externa. Die
5.2 Cranium Knochenleisten (Lineae nuchae suprema, superior und
inferior) dienen als Muskelbefestigungen. An der In-
Der Schädel besteht aus 20 Einzelknochen, die meist nenseite befinden sich die Impressionen der Blutleiter
über Schädelnähte (Suturae) miteinander verbunden (Sinus venosi):
sind. Die Mandibula ist über das Kiefergelenk (ein 4 Sulcus sinus transversi und
echtes Gelenk) mit dem Schläfenbein verbunden. 4 Sulcus sinus sagittalis superioris.
5.2 · Cranium
119 5

Die Partes laterales bilden die seitliche Begrenzung Pars squamosa. Von innen zeigt die Schläfenbein-
des Foramen magnum. Es ist der Teil des Schädels, der schuppe tiefe Impressionen für die A. meningea media.
über die Condyli laterales mit dem Atlanto-Occipital- Außen vorn grenzt der Proc. zygomaticus an. Darunter
gelenk an der Halswirbelsäule (Atlas) artikuliert. An liegt die Fossa mandibularis für das Kiefergelenk.
der Grenzfläche zum Felsenbein bildet es das Foramen
jugulare aus. Pars petrosa: Dies ist der härteste Knochen des Kör-
Die Pars basilaris ist die vordere Begrenzung des pers. Er gleicht einer Pyramide, die mit der Spitze zum
Foramen magnum. Nach vorn oben grenzt sie an den Keilbeinkörper zeigt. Die Basis zeigt nach außen, bildet
Keilbeinkörper und bildet mit ihm den Clivus. den Proc. mastoideus (Warzenfortsatz) nach unten.
Das Felsenbein hat folgende Kanten und Flächen:
Os sphenoidale 4 Facies anterior: Vorderfläche mit einer Mulde für
Das Keilbein besteht aus Keilbeinkörper (Corpus), das Ganglion trigeminale (Insider sagen gern:
großen und kleinen Keilbeinflügeln (Alae majores und Cavum Meckeli),
alae minores) und flügelförmigen Fortsätzen (Procc. 4 Facies posterior: Hinterfläche mit dem Porus acus-
pterygoidei). ticus internus,
Das Corpus ossis sphenoidalis grenzt hinten 4 Facies inferior: Unterfläche mit dem Proc. styloi-
an das Hinterhauptsbein, bildet somit einen Teil des deus,
Clivus. Auffälligster Anteil ist die Sella turcica, vor- 4 Margo superior: Pyramidenkante mit der Impres-
gesehen für die Hypophyse, die sich an das Dorsum sion des Sinus petrosus superior und
sellae hinten anlehnen kann. Darunter liegt die Keil- 4 Margo posterior: Hinterrand, Grenze zum Os occi-
beinhöhle, der Knochen ist somit pneumatisiert. pitale mit einem gemeinsamen Loch, dem Foramen
Nach vorn gehen 2 Flügel ab: ein massiver unterer jugulare.
(Ala major) und ein besser sichtbarer, kleiner Flügel
Pars tympanica: Sie bildet die äußere Umfassung des
(Ala minor) als Grenze zwischen vorderer und mitt-
äußeren Gehörganges (Meatus acusticus externus). Die
lerer Schädelgrube. Zwischen beiden Flügeln liegt eine
Fissura petrotympanica (Glaser-Spalte) ist Durchtritts-
Spalte, die Fissura orbitalis superior. Durch die Ala
stelle für die Chorda tympani.
minor zieht der Canalis opticus und gibt Licht-
Der Warzenfortsatz enthält die Cellulae mastoi-
blicke in die Orbita. Die Ala major bildet folgende
deae, ist also ein pneumatisierter Knochen.
Flächen aus:
4 Facies orbitalis, nach vorn der Augenhöhle zuge- Os frontale
wandte Fläche, Das Stirnbein besteht der Pars orbitalis, dem Dach der
4 Facies cerebralis, die Innenfläche, Augenhöhle, der Pars nasalis, eines Teils der Begren-
4 Facies maxillaris, nach vorne unten dem Ober- zung der Nasenhöhle, und der Squama frontalis, die
kiefer zugewandt. Dorsal begrenzt sie die Flügel- die vordere Schädelgrube abgrenzt.
gaumengrube (Fossa pterygopalatina), und Die Pars orbitalis enthält:
4 Facies temporalis, laterale Außenfläche. 4 ein Foramen ethmoidale anterius (für N./A. eth-
moidalis anterior),
Die Processus pterygoidei ziehen paarig von der 4 ein Foramen ethmoidale posterius für den N. eth-
Unterfläche des Keilbeinkörpers nach vorn. Horizon- moidalis posterior, und eine
tal zieht durch jeden der Fortsätze der Canalis pterygoi- 4 Mulde für die Tränendrüse, die Fossa glandulae
deus für den N. petrosus major. Zwei sagittal gestell- lacrimalis.
te Platten, Lamina medialis und Lamina lateralis,
grenzen die Fossa pterygoidea ein. An der Lamina Die Stirnbeinschuppe (Squama frontalis) bildet den vor-
medialis befindet sich unten der Hamulus pterygoideus, deren Teil des Schädeldachs. Hier sind bemerkenswert:
um den sich die Sehne des M. tensor veli palatini 4 Foramen supraorbitale, kann auch eine Inzisur
schlingelt. sein, am Oberrand der Orbita,
4 Foramen/incisura frontale, ist medial gelegen und
Os temporale größer,
Das Schläfenbein lässt sich einteilen in eine Pars squa- 4 Glabella, ein abgeflachtes Knochenfeld zwischen
mosa, als Seitenwand, Pars petrosa, in der Innen-, Mit- den Leisten für die Augenbrauen (Arcus supra-
telohr und Gleichgewichtsorgan untergebracht sind ciliares) sowie
und Pars tympanica, die den vorderen Teil des äußeren 4 Proc. zygomaticus, reicht in Richtung Os zygoma-
Gehörgangs bildet. ticum
120 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

5.2.2 Basis cranii 4 Gaumenbein (Os palatinum),


4 Oberkiefer (Maxilla),
Das Außenrelief der Schädelbasis gliedert sich in 4 Nasenbein (Os nasale),
einen: 4 Tränenbein (Os lacrimale),
4 vorderen Abschnitt mit dem harten Gaumen, 4 untere Nasenmuschel (Concha inferior),
4 mittleren Abschnitt mit Teilen des Keilbeins und 4 Jochbein (Os zygomaticum) und
den Schläfenbeinen und 4 Unterkiefer (Mandibula).
4 hinteren Abschnitt, gebildet von Teilen des Hinter-
hauptbeins um das Foramen magnum. Siebbein (Os ethmoidale)
Das Siebbein bildet die unpaare Mittelachse des Ge-
Die innere Schädelbasis ähnelt einer Terrassenland- sichtsschädels. Es hat folgende Teile:
5 schaft. Natürlich haben die Terrassen auch Namen: 4 Lamina cribrosa,
4 Vordere Schädelgrube (Fossa cranii anterior). Sie 4 Crista galli,
wird durch die Squama frontalis nach vorn be- 4 Lamina perpendicularis sowie
grenzt und die Ala minor des Keilbeins nach hin- 4 Siebbeinlabyrinth (Cellulae ethmoidales).
ten. Mittig liegt das Siebbein mit der Lamina cri-
brosa und der medianen Crista galli. In der vor- Die Lamina cribrosa enthält ca. 20 Löcher für den
deren Schädelgrube ruht das Frontalhirn. Durchtritt der olfaktorischen Rezeptorneurone (Fila
4 Mittlere Schädelgrube (Fossa cranii media). Sie olfactoria). Geteilt ist sie durch die sagittal gestellte
wird vorn begrenzt durch die Ala minor des Keil- Crista galli. Sie ist Ansatz der Falx cerebri, einem Dura-
beins, temporal durch die Squama temporalis und blatt, das die beiden Großhirnhemisphären abgrenzt.
nach hinten durch die Margo superior des Felsen- Vor ihr versenkt sich übrigens ein blind endendes
beins. Mittig liegt die Sella turcica, die die mittlere Loch, das Foramen caecum (Achtung! Hat nichts zu
Schädelgrube in 2 Kuhlen für die Temporallappen tun mit dem Zungengrund!), ein rudimentärer Kanal
teilt. für eine Verbindungsvene zwischen dem Sinus sagit-
4 Hintere Schädelgrube (Fossa cranii posterior). Sie talis superior und Venen der Nasenhöhle. Bei Kindern
wird nach vorn begrenzt von der Facies posterior des ist diese Verbindung manchmal noch offen.
Felsenbeins, sodann rutscht man über den Clivus in Die Lamina perpendicularis senkt sich median
die Tiefe. Die hintere Begrenzung ist die Squama sagittal, orthogonal zur Siebbeinplatte, nach unten ab
ossis occipitalis. Sie beherbergt basal das Kleinhirn, und verbindet sich mit dem Vomer. Es bildet somit den
standesgemäß abgetrennt vom Hinterhauptslappen kranialen Anteil des knöchernen Nasenseptums.
des Großhirns durch das Tentorium cerebelli. Das Siebbeinlabyrinth besteht aus einer ganzen
Reihe von luftgefüllten, schleimhautausgekleideten Räu-
KLINIK men seitlich unterhalb der Siebbeinplatte. Lateral gren-
Frakturen der Schädelbasis: zen sie mit einer dünnen Knochenwand zur Orbita. Die
Bei seitlichen Gewalteinwirkungen läuft die Frak- Siebbeinzellen kommunizieren mit der Nasenhöhle.
turlinie meist am äußeren Rand des Felsenbeins Weiter gehören zum Siebbein:
entlang. Leitsymptom: Liquor, der aus dem äuße- 4 Die mittlere Nasenmuschel (Achtung! Die obere
ren Gehörgang austritt. Nasenmuschel ist nur ein kärglich ausgebildeter
Bei frontalen Erschütterungen beobachtet Weichteilvorsprung in die Nasenhöhle, und die un-
man eher eine longitudinale Frakturlinie, medial tere Muschel ist selbstständig!).
entlang dem Keilbeinkörper nach vorn zum Sieb- 4 Processus uncinatus (hakenförmiger Fortsatz vor
bein (Lamina cribrosa). Dabei können die Riech- der Öffnung der Kieferhöhle).
nerven reißen. Symptome: Anosmie, Austritt von 4 Das Infundibulum ethmoidale ist ein Vorhof des
Liquor aus der Nase. mittleren Nasenganges, lateral vom Hiatus semi-
lunaris, dem Eingang zur Kieferhöhle.

Pflugscharbein (Vomer)
5.2.3 Viscerocranium Das Pflugscharbein verlängert die Lamina perpendicu-
laris des Siebbeins nach kaudal. Es ist der größere Anteil
Folgende Knochen gehören zum Gesichtsschädel: der knöchernen Nasenscheidewand. Nach hinten teilt
4 Siebbein (Os ethmoidale), es die Choanen, nach unten setzt es auf der Gaumen-
4 Pflugscharbein (Vomer), platte auf.
5.2 · Cranium
121 5
Gaumenbein (Os palatinum) Jochbein (Os zygomaticum)
Der knöcherne Gaumen besteht aus einer horizontalen Das Jochbein setzt den Proc. zygomaticus des Oberkie-
(Lamina horizontalis) und einer senkrecht auf ihr fers fort und grenzt die Fossa temporalis nach vorn ab.
stehenden Platte (Lamina perpendicularis). Vorn dockt Zudem ist er mit der Facies orbitalis ein kleines biss-
er an den Oberkiefer an, hinten an die Processus ptery- chen am Aufbau der Orbita beteiligt. Einige Löcher
goidei des Keilbeins. Die Lamina perpendicularis be- lassen Nerven (N. zygomaticofacialis und N. zygoma-
sitzt 2 Fortsätze: den Proc. sphenoidalis und den Proc. ticotemporalis) aus dem Schädel hindurchtreten.
orbitalis, der sich am Orbitaboden beteiligt.
Unterkiefer (Mandibula)
Oberkiefer (Maxilla) Der Unterkiefer ist der einzige Knochen, der gegenüber
Der Oberkieferknochen ist pneumatisiert und am den anderen eine größere Beweglichkeit gestattet. Dies
Aufbau der Orbita, sowie Nasen- und Mundhöhle betei- wundert nicht, denn er wird zum Kauen gebraucht. Er
ligt.Er hat folgende Anteile: Corpus maxillae, Proc. fron- gliedert sich in:
talis, Proc. zygomaticus, Proc. palatinus und Proc. alveo- 4 Corpus mandibulae und
laris. 4 Ramus mandibulae.
Der Körper (Corpus maxillae) besitzt 4 Flächen:
4 Facies orbitalis, bildet den Boden der Orbita, Beide Anteile sind im Angulus mandibulae miteinan-
4 Facies anterior, bildet die vordere Fläche mit dem der verbunden. Der Kinnvorsprung ist die Stelle, an der
Foramen infraorbitale. die beiden Unterkieferanlagen durch eine Synostose
4 Die Facies infratemporalis ist der Fossa infratem- miteinander verbunden sind. An der Oberseite des
poralis zugewandt. Ramus mandibulae sind die Alveolen untergebracht.
4 Die Facies nasalis bildet einen Teil der seitlichen Jede Alveole steht mit dem Canalis mandibulae in Ver-
Nasenwand. bindung, der auf der Innenseite des Ramus mandibulae
als Foramen mandibulae in den Knochen eintritt und
Der Processus frontalis zieht zum Os frontale und Gefäße und Nerven führt (N. alveolaris inerior und
grenzt an das Os nasale und Os lacrimale. A./V. alveolaris inferior).
Der Processus zygomaticus zieht zum Os zygo-
maticum. KLINIK
Die Processus palatini inserieren median aneinan- Das Foramen mandibulae liegt 2 cm hinter und
der und bilden die vorderen beiden Drittel des harten 1 cm oberhalb der Krone des 3. Molaren. In dieser
Gaumens. Im unpaaren Foramen incisivum münden Gegend kann man den N. alveolaris inferior um-
die beiden von der Nasenhöhle nach schräg unten ver- spritzen, um eine Leitungsanästhesie für die untere
laufenden Canales incisivi. Hälfte der Zahnreihe zu erzielen.
Der Processus alveolaris enthält die Alveolen für
die Zähne. Diese sind durch Septa interalveolaria von-
einander getrennt. An der Innenseite liegt der Sulcus nervi mylohyoidei
für den gleichnamigen Nerven, der von der Pars mo-
Nasenbein (Os nasale) torica des N. trigeminus (über N. mandibularis) zum
Das Nasenbein bildet das knöcherne Dach der Nasen- M. mylohyoideus und vorderen Bauch des M. digastri-
höhle. cus zieht und eine Zeit lang mit dem sensiblen N. alveo-
laris inferior verläuft.
Tränenbein (Os lacrimale) Der Unterkieferast läuft nach kranial in 2 Fortsätze
Das Tränenbein ist klein, viereckig, bildet einen Teil der aus, und zwar
lateralen Nasenwand und gleichzeitig einen Teil der 4 vorne in den Proc. coronoideus (Muskelansatz)
medialen Orbitawand. Am vorderen Rand befindet und
sich eine Rinne, die in den Canalis nasolacrimalis mit 4 hinten in den Proc. condylaris (Fortsatz für das
dem Ductus nasolacrimalis (Tränennasengang) zum Kiefergelenk).
unteren Gang der Nasenhöhle fortsetzt.
Orbita
Untere Nasenmuschel (Concha nasalis inferior) 7 Kap. 10.2
Sie ist selbstständig und paarig. Der Processus maxil-
laris engt die Öffnung zur Kieferhöhle ein. Unterhalb Nasenhöhle (Cavitas nasi)
der unteren Muschel mündet der Tränennasengang. 7 Kap. 5.4.1
122 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

Nasennebenhöhlen (Sinus paranasales) Fossa infratemporalis


7 Kap. 5.4.2 Die Fossa infratemporalis setzt die Fossa temporalis
nach unten innen fort. Ihre Grenze ist die Crista infra-
Mundhöhle (Cavitas oris) temporalis. Zum Inhalt 7 Kap. 5.10.4.
7 Kap. 5.4.3
Fossa pterygopalatina (Flügelgaumengrube)
Schläfengrube (Fossa temporalis) In der Tiefe der Fossa infratemporalis liegt die enge
Die Schläfengrube ist eine leicht eingesenkte Kno- Fossa pterygopalatina. In ihr verlaufen u. a. A. und
chenplatte aus der Squama ossis temporalis und der N. maxillaris mit ihren Abzweigungen. Von hier aus
Ala major des Keilbeins (. Tab. 5.2). Auf ihr liegt der sind über Löcher, Spalten und Kanäle andere Kom-
M. temporalis. Ihre Grenzen sind: partimente (Orbita, Nasenhöhle, Mundhöhle, vordere
5 4 Kranial und dorsal die Linea temporalis superior, und mittlere Schädelgrube) zu erreichen, die leider
4 kaudal die Crista infratemporalis, auch reichlich von Gefäßen und Nerven in Anspruch
4 ventral das Os zygomaticum und genommen werden (. Tab. 5.3).
4 medial die Pars squamosa des Os temporale und
Ala major des Os sphenoidale.

. Tab. 5.2. Tiefe Gesichtsregionen

Region Inhalt Begrenzung


Fossa temporalis Fett, Gefäße und Nerven für den lateral: Fascia temporalis
M. temporalis medial: Os temporale, Os parietale, Os fronatale,
Ala major des Keilbeins
unten: Fossa infratemporalis an der Crista infratemporalis
oben/hinten: Ansatz der Fascia temporalis am Periost
der Schädelkalotte

Fossa infratemporalis Mm. pterygoideus lateralis et medial: Fossa pterygopalatina


medialis; Bichat-Fettpropf (zwischen lateral: Arcus zygomaticus, Ramus mandibulae
M. buccinator und Ramus mandibulae; oben: Ala major des Keilbeins
Alete-Bäckchen), unten: Ansatz des M. pterygoideus medialis
A. maxillaris, Plexus pterygoideus, vorne: Corpus maxillae
Ggl. oticum, N. mandibularis, hinten: Fossa retromandibularis
Chorda tympani

Fossa pterygopalatina Ggl. pterygopalatinum, Endäste oben: Corpus des Keilbeins


der A./V. maxillaris medial: Lamina perpendicularis des Gaumenbeins
hinten: Proc. pterygoideus des Keilbeins
vorne: Proc. orbitalis des Gaumenbeins, Corpus maxillae

Fossa retromandibularis Gl. parotidea, A. carotis externa, Zwischen Ramus mandibulae und Meatus acusticus
V. retromandibularis, N. facialis externus

. Tab. 5.3. Wege in die Fossa pterygopalatina und wieder hinaus

Öffnung Wohin? Was zieht durch?


Foramen rotundum mittlere Schädelgrube N. V2 (N. maxillaris)

Canalis pterygoideus zur äußeren Schädelbasis N. petrosus major, N. petrosus prof.

Foramen sphenopalatinum medial zur Nasenhöhle Aa. nasales post., sensible Nerven aus V2

Canalis palatinus major Mundhöhle A. palatina descendens, Nn. palatini

Fissura orbitalis inf. Orbita A./V./N. infraorbitalis, N. zygomaticus, V. ophthalmica inf.

Fissura pterygomaxillaris Fossa infratemporalis A. maxillaris aus der Fossa infratemporalis


5.2 · Cranium
123 5
5.2.4 Kiefergelenk 4 Schiebebewegung (Translation): Vor- und Zu-
(Art. temporomandibularis) rückschieben (Protrusion, Retrusion) bzw. Seit-
wärtsschieben (Laterotrusion und Mediotrusion:
Das Kiefergelenk verbindet den Unterkiefer mit dem Kamel!) des Unterkiefers (obere Kammer)
Schläfenbein. Es sorgt nicht nur für genussreiche und 4 Mahlbewegung: Abwechselnde Bewegung des Un-
kraftvolle Nahrungszerkleinerung, sondern spielt auch terkiefers schräg nach rechts oder links. Der Ge-
bei der Lautgebung (Singen, Sprechen) eine Rolle. lenkkopf der einen Seite macht eine Rotationsbe-
wegung, während der der anderen Seite eine Trans-
Artikulierende Flächen: Caput mandibulae des Proc. lationsbewegung nach vorn und unten macht.
condylaris mandibulae und Fossa mandibularis sowie
das Tuberculum articulare des Os temporale. Im Ge- KLINIK
lenkspalt befindet sich ein Discus articularis, der das Zähneknirschen kommt durch permanente Akti-
Gelenk in 2 Räume teilt: eine obere discotemporale vierung der Kaumuskulatur (z. B. bei psychischer An-
und eine untere discomandibulare Kammer. spannung oder in Stresssituationen) zustande, die
zu chronischen Verspannungen und Schmerzen im
Gelenktyp: Schiebegelenk (obere Kammer), Scharnier- craniofaszialen und im Schulterbereich führen kön-
gelenk (untere Kammer); insgesamt: Drehgleitgelenk nen. Andererseits führt die permanente Belastung
des Kiefergelenks zu degenerativen Veränderungen
Gelenkkapsel: die Kapsel ist relativ schlaff, reicht hin- des als Stoßdämpfer wirkenden Discus articularis.
ten bis zur Fissura petrotympanica. Unten langt sie bis Schmerzhafte Knack- oder Reibegeräusche
zur Fovea pterygoidea des Collum mandibulae. im Kiefergelenk bei Bewegungen des Unterkiefers
sind wahrscheinlich auf eine pathologische Ver-
Bandapparat: lagerung des Faserknorpels zurückzuführen.
4 Lig. laterale: vom Proc. zygomaticus bis zum Col-
lum mandibulae,
4 Lig. mediale. Kapselverstärkendes Band an der Kaumuskulatur
medialen Seite,
4 Lig. stylomandibulare: vom Proc. styloideus bis Merke
zum Angulus mandibulae sowie Die Kaumuskeln werden vom N. mandibularis (V3)
4 Lig. sphenomandibulare: von der Spina ossis sphe- innerviert.
noidalis zur Innenseite des Ramus mandibulae.

Bewegungsmöglichkeiten: Zu den Kaumuskeln gehören (. Tab. 5.4):


4 Öffnungsbewegung (Abduktion, Senken des Un- 4 M. temporalis,
terkiefers): Öffnen und Schließen des Mundes (un- 4 M. masseter,
tere Kammer). Hierbei verschieben sich die Ge- 4 M. pterygoideus medialis und
lenkköpfe und die Disci articulares nach vorn. 4 M. pterygoideus lateralis.

. Tab. 5.4. Kaumuskeln


Muskel Ursprung Ansatz Funktion
M. temporalis Os temporale, Proc. coronoideus kräftigster Muskel;
Fascia temporalis mandibulae einseitig: Mahlbewegung, neidseitig:
Kieferschluss, Retrusion (hinterer Teil)
M. masseter Arcus zygomaticus Außenfläche des Synergist des M. temporalis und
Angulus mandibulae M. pterygoideus medialis
M. pterygoideus Fossa pterygoidea Innenfläche des Angulus einseitig: Mahlbewegung,
medialis (Os sphenoidale) mandibulae beidseitig: Protrusion, Kieferschluss
M. pterygoideus Crista infratemporalis Fovea pterygoidea des einseitig: Mahlbewegung,
lateralis der Ala major ossis Proc. condylaris manibulae beidseitig: Protrusion
sphenoidalis
124 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

5.3 Kopf- und Halsmuskeln, Faszien Merke


Die mimischen Muskeln werden vom N. facialis
Während die Muskeln des Kopfs hauptsächlich die (N. VII) innerviert.
Mimik bestimmen und kulinarischen Freuden dienen,
sorgen die Halsmuskeln für Richtungsänderungen des
Kopfs. Während sich die mimischen Muskeln vorwiegend im
Gesicht und Hals (Platysma) gruppieren, ist die Schä-
delkalotte mit einem besonderen Muskel bedeckt, der
5.3.1 Gesichtsmuskulatur in seiner Gesamtheit als M. epicranius bezeichnet
wird. Er besteht aus dem
Die mimische Muskulatur inseriert direkt in der Haut, 4 M. occipitofrontalis und
5 wodurch wir Tonusänderungen der Muskulatur der 4 M. temporoparietalis.
Umwelt durch Aufwerfen von Sorgenfalten unmittelbar
sichtbar kundtun. Die mimischen Muskeln des Ge- Der M. occipitofrontalis besitzt 2 Muskelbäuche über
sichts sind im Wesentlichen damit beschäftigt, Öff- Stirn und Hinterhaupt, zwischen denen sich eine flächen-
nungen zirkulär bzw. radiär zu umgeben. hafte Sehne ausspannt: die Galea aponeurotica. Diese

. Tab. 5.5. Mimische Muskeln


Muskel Ursprung Ansatz Funktion
M. orbicularis oculi: Muskeln der Lidspalte
Pars palpebralis Lig. palpebrale mediale Lig. palpebrale laterale Lidschluss
Pars orbitalis Crista lacrimalis ant. Konzentrisch um Zukneifen des Auges
Orbitarand herum
Pars lacrimalis Crista lacrimalis post., Pars palpebralis Erweiterung des Tränensacks
Saccus lacrimalis
Muskeln der Nase
M. procerus Os nasale Haut zwischen den Nase rümpfen
Augenbrauen
M. nasalis:
Pars transversa Haut über Eckzahn Nasenrücken Verengung des Nasenlochs
Pars alaris Haut über Schneidezahn Nasenflügelrand
Muskeln des Mundes
M. orbicularis oris
umschließt ringförmig
Pars marginalis Schließen des Mundes
die Mundöffnung
Pars labialis
M. levator labii superioris über dem Foramen infra- M. orbicularis oris Heben des Mundwinkels
orbitale
M. levator labii superioris medial der Orbitawand Nasenflügel und Heben des Mundwinkels, Erweite-
alaeque nasi Oberlippe rung der Nasenöffnung, Schnüffeln
M. zygomaticus major, Außenseite des Os zygo- Mundwinkel Heben der Oberlippe u. Mund-
M. zygomaticus minor maticum winkel (Lachen)
M. levator anguli oris Fossa canina corporis Mundwinkel zieht Mundwinkel aufwärts
maxillae
M. risorius Fascia parotidea Mundwinkel zieht Mundwinkel zur Seite
(müdes Lächeln)
M. buccinator Raphe pterygomandibularis, M. orbicularis oris Backenaufblaser,
Maxilla, Mandibula Trompetenmuskel,
Saugmuskel
5.3 · Kopf- und Halsmuskeln, Faszien
125 5

ist mit der Kopfhaut fest verwachsen, jedoch auf dem 4 Lamina praetrachealis. Das mittlere Blatt liegt
Periost der Schädelkalotte frei verschieblich. Dieser vor den Halseingeweiden, spannt sich dreieckig
Umstand erleichtert das Skalpieren (Indianerweisheit). zwischen den kranialen Abschnitten der beiden
Mm. omohyoidei, dem Schlüsselbein und dem
Sternum aus. Es umhüllt die infrahyale Muskulatur
5.3.2 Kaumuskulatur und inseriert an der Gefäß-Nerven-Scheide (in der
A. carotis communis, V. jugularis interna und
7 Kap. 5.2.4 N. vagus eingebettet sind). Sie hält die V. jugularis
interna offen. Die Lamina praetrachealis hat keine
Verbindung zur Nackenfaszie.
5.3.3 Faszien am Kopf und Hals 4 Lamina praevertebralis. Das tiefe Blatt liegt vor
der Wirbelsäule und geht nach kaudal in die Fascia
Faszien am Kopf endothoracica über. Sie bedeckt den Halsgrenz-
Im Unterschied zum faszienfreien Gesicht gibt es im strang, die Skalenusmuskeln und damit auch den
lateralen Kopfbereich 3 Faszien, die jeweils aus tiefen Plexus brachialis, die A. subclavia und den N. phre-
und oberflächlichen Blättern bestehen. nicus.

Fascia temporalis. Die Fascia temporalis bedeckt mit


beiden Blättern den M. temporalis. Die Lamina super- 5.3.4 Zungenbein und Zungenbein-
ficialis macht an der Außenseite des Arcus zygomati- muskulatur
cus fest, während das innere Blatt an die Innenseite
zieht. Dazwischen liegen von Fettgewebe eingehüllt die Das Os hyoideum schwebt wie ein Mobile unter dem
A./V. temporalis profundae. Mundboden. Es hat keine direkte Verbindung zu ande-
ren Knochen, sondern wird nur von Bändern und Mus-
Fascia masseterica. Die Fascia masseterica umhüllt keln im Raum gehalten.
den M. masseter. Das tiefe Blatt legt sich an die mediale Es besteht aus dem Zungenbeinkörper (Corpus),
Fläche des M. pterygoideus medialis. einem großen Zungenbeinhorn (Cornu majus) und
einem kleinen Zungenbeinhorn (Cornu minus). Das
Fascia parotidea. Das oberflächliche Blatt der Fascia Lig. stylohyoideum hält es, wie der Name sagt, am
parotidea legt sich auf die Glandula parotidea als Fort- Proc. styloideus der Schädelbasis.
setzung des oberflächlichen Blattes der Halsfaszie
(s. u.), das tiefe setzt sich hinter der Ohrspeicheldrüse KLINIK
in die Fascia masseterica fort. Das Lig. stylohyoideum kann verknöchern und bei
bestimmten Drehbewegungen des Kopfs die A. ca-
KLINIK rotis interna einengen.
Schwellungen innerhalb der beiden Faszienblätter
komprimieren die Ohrspeicheldrüse und sorgen
für Schmerzen. Dieses Ereignis tritt gern bei Folgende Muskeln halten/verändern die Stellung des
Mumps (Parotitis epidemica) auf. Zungenbeins (. Tab. 5.6):
4 Suprahyale (obere) Zungenbeinmuskeln und
4 infrahyale (untere) Zungenbeinmuskeln.
Halsfaszie (Fascia cervicalis)
Der Hals wird vorne und seitlich durch das apart ent- Die suprahyalen Muskeln verbinden das Zungenbein
wickelte Gefüge der Fascia cervicalis zusammen gehal- mit dem Unterkiefer und der Schädelbasis, die infra-
ten. Verschieberäume sorgen dafür, dass die kräftige hyalen Muskeln spannen sich zwischen Zungenbein,
Muskulatur nicht den Eingeweideschlauch »erwürgt«. Larynx und Sternum aus.
Die Halsfaszie hat 3 Blätter:
4 Lamina superficialis. Das oberflächliche Blatt liegt
unter dem Platysma, umscheidet den M. sterno- 5.3.5 Halsmuskulatur
cleidomastoideus und inseriert im Nacken in der
derben Fascia nuchae. Sie setzt sich nach kranial Es gibt oberflächliche und tiefe Halsmuskeln. Zu
in die Fascia masseterica und kaudal in die Fascia den oberflächlichen zählen das Platysma, M. sterno-
pectoralis fort. cleidomastoideus sowie die Zungenbeinmuskeln
126 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

. Tab. 5.6. Zungenbeinmuskeln


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
Suprahyale (obere) Muskeln
M. geniohyoideus Spina mentalis Zungenbein- Rr. anteriores der Vorwärtsziehen des Zungen-
mandibulae körper Nn. cervicales beins
(C1, C2)
M. mylohyoideus Linea mylohyoi- Zungenbein- N. mylohyoideus Heben des Zungenbeins beim
dea mandibulae körper (aus V3) Schlucken, Kieferöffnung
M. digastricus Venter ant. Innenseite der Zwischensehne N. mylohyoideus Heben des Zungenbeins,
5 Mandibula ist am Zungen-
beinkörper
(aus V3) Kieferöffnung
Venter post. Os temporale, R. digastricus des
fixiert
incisura mastoi- N. facialis (N. VII)
dea
M. stylohyoideus Proc. styloideus Zungen- R. stylohyoideus Heben des Zungenbeins
beinkörper, des N. facialis beim Schlucken
Cornu majus (N. VII)
Infrahyale Muskeln
M. sternohyoideus Hinterfläche Unterrand Ansa cervicalis Herunterziehen des Zungen-
des Manubrium des Zungen- (C1–C3) beins
sterni beinkörpers
M. sternothyroideus Hinterfläche Schildknorpel Ansa cervicalis Senken des Kehlkopfes
des Manubrium (C1–C3)
sterni
M. thyrohyoideus Schildknorpel Zungen- Ansa cervicalis Herunterziehen des Zungen-
beinkörper, (C1–C2) beins, Heben des Kehlkopfes
Cornu majus
M. omohyoi- Venter sup. Margo sup. Zwischen- Ansa cervicalis Herunterziehen des Zungen-
deus scapulae sehne (C1–C3) beins, Spannen der Lamina
praetrachealis der Halsfaszie,
Venter inf. Zungenbein-
damit Erweiterung des Lumens
körper
der V. juguaris int.

(. Tab. 5.6, . Tab. 5.7). Zu den tiefen Halsmuskeln KLINIK


rechnet man die Skalenusgruppe und die präverte- Bei angeborenen oder erworbenen Kontrakturen
bralen Muskeln. des M. sternocleidomastoideus ist der Kopf zur er-
krankten Seite gedreht (Schiefhals, Torticollis).
Platysma
Das Platysma ist ein Hautmuskel, der sich beidseits
vom Unterkieferrand bis über die Clavicula erstreckt. Mm. scaleni
Er ist sehr variabel in Ausdehnung und Stärke. Unter Die 3 »Treppenmuskeln« des Halses verbinden die
ihm liegt die V. jugularis externa. Halswirbelsäule mit den ersten beiden Rippen und
legen sich so über die obere Thoraxapertur. Wenn der
M. sternocleidomastoideus Hals durch die Nackenmuskulatur stabilisiert ist, kön-
Der M. sternocleidomastoideus (Kopfwender) ist ent- nen sie bei Atemnot die obersten Rippen und somit den
scheidend für die Drehung des Kopfes. Bei einseitiger gesamten Brustkorb anheben. Ihre Wirkung ist deut-
Kontraktion neigt er den Kopf zur gleichen Seite und lich größer als die der Interkostalmuskulatur. (Für
dreht ihn zur Gegenseite. Bei beidseitiger Kontraktion Embryologie-Sammler: Sie stammen von der Interkos-
legt er den Hinterkopf überheblich nach hinten und talmuskulatur ab und gehören zu den autochthonen
zieht die Nase nach oben (Mussolini-Blick). ventralen Muskeln.)
5.4 · Kopf- und Halseingeweide
127 5

. Tab. 5.7. Halsmuskeln


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
Oberflächliche Muskeln (außer Zungenbeinmuskeln)
Platysma Gesichtshaut unterhalb Haut im Brust- R. colli N. facialis Spannen der Halshaut,
der Mandibula, Schulterbereich (N. VII) Verscheuchen von Fliegen
Parotisfaszie auf dem Hals
M. sternocleido- Proc. mastoideus des Manubrium N. accessorius einseitig: Kopfwendung
mastoideus Os temporale sterni, Extremitas (N. XI), Rr. anterio- und Neigung zur Gegen-
sternalis clavi- res von C2–C4 seite
culae beidseitig: Heben des
Gesichts

Tiefe Muskeln: Skalenusgruppe


M. scalenus anterior Tubercula ant. 1. Rippe Rr. anteriores der
der Querfortsätze Nn. cervicales
des 3.–6. Halswirbels (C5–C8)
einseitig: Seitwärtsneigung
M. scalenus medius Querfortsätze des 1. Rippe Rr. anteriores der
des Halses
3.–7. Halswirbels Nn. cervicales
beidseits: Heben der
(C4–C8)
Rippen (Inspiration)
M. scalenus posterior Tubercula post. 2. Rippe R. anterior des
der Querfortsätze N. cervicalis
des 5.–6. Halswirbels (C7/C8)

Tiefe Muskeln: Präverbebrale Muskeln


M. rectus capitis ant. Massa lat. atlantis Os occipitale R. ant. des Seitwärtsneigung und
N. cervicalis (C1) Beugen des Kopfs
M. longus capitis Querfortsätze Os occipitale Rr. anteriores Beugen des Kopfs
des 3.–6. Halswirbels der Nn. cervicales
(C1–C3)
M. longus cervicis Wirbelkörper des 5. Hals- Wirbelkörper des Rr. anteriores Beugen der Halswirbel-
bis 3. Brustwirbels 2.–4.Halswirbels der Nn. cervicales säule, Drehen zur gleichen
(C2–C6) Seite

Skalenuslücken. Die beiden vorderen Skalenusmus- Merke


keln bilden Spalträume für den Durchtritt wichtiger
Die prävertebralen Muskeln werden von den Rami
Leitungsbahnen:
anteriores der Spinalnerven versorgt!
4 Durch die vordere Skalenuslücke zwischen Schlüs-
selbein und M. scalenus anterior schlüpft die
V. subclavia.
4 Die hintere Skalenuslücke zwischen den Mm.
scalenus anterior und medius wird vom Plexus 5.4 Kopf- und Halseingeweide
brachialis und der A. subclavia ausgenutzt.
Zu den Eingeweiden des Kopfs zählen die Nasenhöh-
Prävertebrale Muskulatur len, Nasennebenhöhlen sowie die Mundhöhle.
Diese longitudinal verlaufende Muskelgruppe füllt die Zu den Eingeweiden des Halses zählen Rachen,
Rinne zwischen den Querfortsätzen und den Körpern Kehlkopf, Schilddrüse, und die Nebenschilddrüsen
der Halswirbel aus. Zu ihnen gehören: (Epithelkörperchen).
4 M. longus capitis
4 M. longus cervicis und
4 M. rectus capitis anterior.
128 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

5.4.1 Äußere Nase, Nasenhöhlen Zu etwa 60% findet man ungefähr 1 cm hinter dem Ein-
gang in die Nasenhöhle und 1 cm oberhalb des Bodens
Äußere Nase den Eingang zum Ductus vomeronasalis, einem Teil des
An der äußeren Nase lassen sich Nasenwurzel, Nasen- beim Menschen zurückgebildeten Vomeronasalorgans
rücken, Nasenspitze und Nasenflügel unterscheiden. Die (VNO, 7 Kap. 5.5.1).
Nasenwurzel wird von Knochen gebildet, die übrigen
Anteile sind knorpelig miteinander verbunden und Innervation und Gefäßversorgung
verschieblich. Die sensible Innervation der Schleimhäute wird über-
wiegend von Ästen des N. maxillaris (N. V2) besorgt.
Nasenhöhlen Lediglich die vordere seitliche Nasenwand und des
Die Nasenhöhlen sind der Eingang zum Atemtrakt. Nasenseptums werden vom N. ethmoidalis anterior
5 In ihnen sind Rezeptorsysteme für olfaktorische und (aus N. V1, N. ophthalmicus) übernommen.
trigeminale Stimuli, sowie ein Heizungs- und Befeuch- Die sekretorische Innervation der Nasendrüsen
tungssystem eingefügt. (Gll. nasales) übernehmen parasympathische Fasern
Die Luft betritt die innere Nase durch die Nasen- aus dem Ggl. pterygopalatinum (N. petrosus major).
löcher; Nares. Die Nasenhöhle gliedert sich in einen Die olfaktorischen Rezeptorneurone werden in
Vorraum (Vestibulum nasi) und die eigentliche Nasen- den Fila olfactoria gebündelt (N. I).
höhle (Cavitas nasi propria). Die beiden Nasenräume Die arterielle Blutversorgung erfolgt über Äste der
werden durch die Nasenscheidewand (Septum nasi) in Aa. ethmoidalis anterior und posterior (aus A. ophthal-
2 Hälften geteilt. Eine jede wird durch 2 knöcherne Vor- mica: vorne und oben), sowie über die A. sphenopala-
sprünge der lateralen Wand (Nasenmuscheln, Conchae tina (aus A. maxillaris: hinten).
nasales) kompartimentiert. Dies vergrößert die Ober-
fläche für die einströmende Luft, die durch 3 Nasen- KLINIK
gänge geleitet wird: Meatus nasi inferior, medius und Ein weitmaschiger Venenplexus besonders in der
superior (. Tab. 5.8). Der obere Nasengang führt die Schleimhaut des Septums besitzt zahlreiche arte-
Luft in der engen Riechspalte unter die Lamina cribrosa. riovenöse Anastomosen (Locus Kiesselbachii).
Die obere Nasenmuschel ist meist kaum ausgebildet. Bei Verletzung oder erhöhtem Druck kann es hier
Nach hinten münden die Nasengänge über die Choanen zu Nasenbluten kommen.
(Choanae) im Epipharynx.
Das Nasenseptum besteht aus einem
4 knöchernen Anteil (Vomer, Lamina perpendicu- Nasenschleimhaut
laris des Siebbeins), Die Nasenhöhle ist mit unterschiedlichen Epithelien
4 knorpeligen Anteil, der nach vorn gerichtet ist und ausgekleidet.
sich bis zur Grenze zwischen Vorhof und eigent-
licher Nasenhöhle erstreckt und einem Mehrschichtiges verhorntes und unverhorntes
4 häutigen Anteil, der die beiden Nasenvorhöfe von- Plattenepithel
einander abgrenzt. Diese Art Epithel kleidet das Vestibulum nasi aus. Die
manchmal aus den Nares hervorsprießenden Haare
(Vibrissae) dienen der Filterung von Staubpartikeln.
. Tab. 5.8. Öffnungen der Nasenhöhle zu den Nasen-
Olfaktorisches Epithel
nebenhöhlen
Olfaktorisches Epithel findet sich in den kranialen Ab-
Nasengang Durchgang zu schnitten der Nasenhöhle. Dazu gehören die obere
Meatus nasi sup. hinteren Siebbeinzellen Nasenmuschel, obere Schleimhautbezirke beidseits des
(Cellulae ethmoidales post.) Septums, mit Unterbrechungen bis zum vorderen An-
Meatus nasi superior Keilbeinhöhle (Recessus satz der mittleren Nasenmuschel. Das olfaktorische
sphenoethmoidalis) Epithel ist kein zusammenhängender Verband, sondern
»patchwork-artig« verteilt und immer wieder von re-
Meatus nasi medius vorderen Siebbeinzellen,
Kieferhöhle (über Hiatus
spiratorischem Epithel unterbrochen. Ausdehnung und
semilunaris), Stirnhöhle Integrität schwanken interindividuell stark. Daher ist
es nicht gerechtfertigt, von einer »Regio olfactoria« zu
Meatus nasi inf. Tränennasengang (Ductus
sprechen. Keinesfalls sollte man sich auf die schönen
nasolacrimalis)
Präparate aus der Histologie verlassen, die meist von
5.4 · Kopf- und Halseingeweide
129 5
5.4.2 Nasennebenhöhlen

Die Nasennebenhöhlen sind mit der Nasenhaupthöhle


kommunizierende Räume (. Tab. 5.8), die sich erst
nach der Geburt vollständig entwickeln. Sie sind von
Schleimhaut ausgekleidet (meist respiratorisches Epi-
thel).
4 Sinus maxillaris (Kieferhöhle),
4 Sinus frontalis (Stirnhöhle),
4 Sinus sphenoidalis (Keilbeinhöhle) und
4 Cellulae ethmoidales (Siebbeinzellen).

Die Kieferhöhle ist die größte Nasennnebenhöhle.


Wenn man Pech hat, ragen die Wurzeln der Oberkiefer-
. Abb. 5.5. Olfaktorisches Epithel der Ratte. Pfeile: reife zähne in den Boden der Höhle hinein (Achtung Zahn-
olfaktorische Rezeptorneurone. B: Basalzellen. A: Axonbündel extraktion oder Wurzelspitzenresektion!). Zugänglich
in der Lamina propria. Immunhistochemische Markierung mit
ist sie über den Hiatus semilunaris des mittleren Nasen-
Olfactory Marker Protein.
gangs.
Die Stirnhöhlen liegen ziemlich asymmetrisch
Makrosmatikern (Hund oder Ratte) stammen im unteren Os frontale. Ihr Ausführungsgang mündet
(. Abb. 5.5)! ebenfalls im Hiatus semilunaris.
Zelltypen des olfaktorischen Epithels sind: Die Keilbeinhöhle liegt unter der Sella turcica im
4 Olfaktorische Rezeptorzellen, deren Axone in den Keilbeinkörper. Sie ist meist unvollständig septiert und
Bulbus olfactorius projizieren. Apical besitzen sie somit (fast) nicht mehr paarig. Die Apertura sinus
»olfactory knobs«, von denen unbewegliche Zilien sphenoidalis öffnet den Weg in die obere Nasenhöhle.
mit Riechrezeptoren in den Schleim ragen.
4 Stützzellen: Hochprismatische große Zellen mit KLINIK
Microvilli. Funktion: Ionenbalance, Stressantwort, Durch die Keilbeinhöhle muss man durch, wenn
Entgiftung. man transseptal an einen Hypophysentumor heran
4 Basalzellen: Stammzellen. »horizontal basal cells« will.
für die epitheliale Zelllinie, »globose basal cells« für
die neuronale Zelllinie.
4 Mikrovilläre Zellen: unklare Bedeutung. Die Siebbeinzellen liegen beidseits zwischen der media-
len Orbitawand und der lateralen Nasenwand. Die vor-
In der Lamina propria der Riechschleimhaut liegen: deren und mittleren Zellen münden über den Hiatus
Bowman Drüsen und die gebündelten Axone der Re- semilunaris in den mittleren Nasengang, die hinteren
zeptorneurone, die von peripherer Glia (»ensheathing Siebbeinzellen münden in den oberen Nasengang.
cells«, keine Schwann-Zellen!) umgeben sind.
KLINIK
Respiratorisches Epithel Die Wände der Siebbeinzellen sind papierdünn.
Das respiratorische Epithel macht flächenmäßig den Frakturen der Orbita können die durchziehende
größten Anteil der Schleimhautauskleidung aus. Es A. ethmoidalis anterior (aus der A. ophthalmica)
handelt sich um mehrreihiges hochprismatisches zilien- verletzen.
tragendes Epithel, mit oder ohne Becherzellen. Einge-
streut sind außerdem solitäre chemorezeptive Zellen,
die keine olfaktorische, sondern trigeminale Reize
wahrnehmen (z. B. CO2, Menthol, Capsaicin o. ä.). Sie 5.4.3 Mundhöhle
haben eine chemische Wächterfunktion, besonders im
vorderen Nasenhöhlenbereich. Die Mundhöhle dient der Nahrungsaufnahme, der
Sprache und der Expression von Mundgeruch.
Der Eingangsbereich ist durch einen Sphinkter-
muskel (M. orbicularis oris, Lippen) willkürlich ver-
sperrbar, genauso wie das distale Ende des Verdauungs-
130 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

trakts (M. sphincter ani externus). Der Übergang zum 4 Schneidezähne (Dentes incisivi), meißelförmig,
Pharynx ist durch die Schlundenge, Isthmus faucium, 4 Eckzähne (Dentes canini), dreikantig, lange Zahn-
definiert. Zwischen den Lippen und Wangen sowie wurzel
den beiden Zahnreihen erstreckt sich ein Vorraum, das 4 Backenzähne (Prämolaren, Dentes praemolares),
Vestibulum oris. Es klingt trivial, aber es muss gesagt mit 2 Höckern, oben gefurchte Wurzel, unten ein-
werden: Wir unterscheiden eine Oberlippe von einer wurzelig und
Unterlippe, die sich beide in den Mundwinkeln (An- 4 Mahlzähne (Molaren, Dentes molares), 4- bis
gulus oris) begegnen. Die Wangen (Buccae) bilden die 5-höckrig. Die beiden ersten Molaren des Ober-
seitliche Begrenzung des Vestibulum oris. kiefers besitzen 3 divergierende Wurzeln, die des
Unterkiefers haben nur 2 Wurzeln.
Merke
5 Gegenüber dem 2. Mahlzahn der maxillären Zahn- Das Gebiss des Kindes besteht aus 20 Milchzähnen,
reihe mündet der Ausführungsgang der Gl. paro- pro Kieferhälfte gibt es 2 Schneidezähne, 1 Eckzahn
tidea. und 2 Milchmolaren. Die Zahnformel des Milchge-
bisses lautet:

Hinter (mesial) dem Gehege der Zähne befindet sich 212/212 = 5/5u2 = 20 Zähne.
dann die eigentliche Mundhöhle, Cavitas oris propria.
Das Gebiss des Erwachsenen besteht aus 32 blei-
Begrenzung der Mundhöhle benden Zähnen, pro Kieferhälfte sind dies 2 Schneide-
Das Dach der Mundhöhle wird vom harten und zähne, 1 Eckzahn, 2 Backenzähne und 3 Mahlzähne.
weichen Gaumen (Palatum durum et molle) gebildet, die Zahnformel des bleibenden Dauergebissses lautet
der Untergrund vom Mundboden (Diaphragma oris). also:
Seitlich grenzen die Wangen, in deren Mucosa genauso
wie im Gaumen zahlreiche kleine gemischte Drüsen 2123/2123 = 8/8u2 = 32 Zähne.
eingelegt sind.
Der Mundboden besteht aus dem (von innen nach Der maxilläre Zahnbogen läuft wie eine halbe Ellipse,
außen) während der mandibuläre Zahnbogen wie eine Parabel
4 M. geniohyoideus, verläuft. Bei Kieferschluss (Okklusion) überragt daher
4 M. mylohyoideus und der Oberkiefer die Frontzähne des Unterkiefers ein
4 M. digastricus (venter anterior). wenig (Überbiss).

Vorn münden auf der Caruncula die Ausführungsgänge KLINIK


der Gll. sublingualis und submandibularis. Direkt hinter Von Prognathie spricht man, wenn die Oberkiefer-
ihr inseriert über das Zungenbändchen (Frenulum zähne die Unterkieferzähne deutlich überragen.
linguae) die Zunge (Lingua), die man ob ihrer Größe
fast nicht übersehen kann.
Innervation und Gefäßversorgung
Innervation und Gefäßversorgung Wichtig für die Anästhesie ist die Nervenversorgung:
Die arterielle Versorgung des Gaumens erfolgt durch Die Nerven für die Versorgung des Unterkiefers stam-
4 A. palatina ascendens (aus der A. facialis), men aus dem N. alveolaris inferior (aus dem N. mandi-
4 A. palatina descendens (aus der A. maxillaris) und bularis, N. V3), der in der Nähe des Foramen mandi-
4 A. pharyngea ascendens (aus der A. carotis bulae umspritzt werden kann (7 Kap. 5.2.3). Eine solche
externa). Leitungsanästhesie erwischt alle Zähne einer Seite. Da-
gegen muss bei Betäubung im Oberkieferbereich eine
Die arterielle Versorgung des Mundbodens erfolgt Infiltrationsanästhesie an der labialen und lingualen
durch die A. lingualis und ihre Äste. Schleimhaut der Zähne durchgeführt werden, da die
Nn. alveolares superiores (aus dem N. maxillaris, N. V2)
einzeln an jeden Zahn heranführen.
5.4.4 Zähne (Dentes)
Arterielle Versorgung. Die maxillären Zähne werden
Die Zähne lassen sich in unterschiedliche Zahnformen über einzeln abgehende Äste der Aa. alveolares superio-
einteilen: res (aus der A. maxillaris) versorgt. Die Unterkiefer-
5.4 · Kopf- und Halseingeweide
131 5

zähne werden aus Ästen der A. alveolaris inferior ver-


sorgt (auch aus der A. maxillaris).

Zahnentwicklung
Die Zähne entwickeln sich zum Teil aus dem Ektoderm
(Schmelzorgan), zum Teil aus Mesoderm (Dentin und
Zahnhalteapparat).

Prüfungsfallstricke
Auch das Kopfmesenchym stammt ursprünglich
aus dem Ektoderm (Neuralleistenderivat!).

Aus der Zahnleiste bilden sich 5 epitheliale Zahnknos-


pen als Anlage der Milchzähne. Im 3. Monat bilden sich . Abb. 5.6. Zahnanlage im Glockenstadium, 8. Embryonal-
die Zahnknospen zu glockenartigen Gebilden um, und woche. ZL: Zahnleiste, SP: Schmelzpulpa, Pu: Zahnpulpa mit
die Verbindung mit der Zahnleiste verschwindet. An Odontoblasten-Vorläufern; ÄSE: äußeres Schmelzepithel,
der lingualen Seite wächst die Zahnleiste jedoch weiter ISE: inneres Schmelzepithel mit Adamantoblasten-Vorläufern
und bildet als Ersatzzahnleiste das Reservoir für die
späteren bleibenden Zähne. Das ektodermale Schmelz-
organ besteht aus folgenden Anteilen (. Abb. 5.6):
4 Schmelzpulpa (bestehend aus Stratum interme-
dium und Stratum reticulare), umgeben von
4 äußerem Schmelzepithel und
4 innerem Schmelzepithel.

Aus dem inneren Schmelzepithel differenzieren sich


Adamantoblasten (Enameloblasten, Ameloblasten), die
später den Schmelz bilden. Die mesenchymale Zahn-
papille ist die Anlage der Zahnpulpa (nicht Schmelz-
pulpa!). Die innerste Schicht besteht aus Odontoblasten,
die später Dentin bilden.

Zahndurchbruch und Zahnwechsel . Abb. 5.7. Dentin- und Schmelzbildung beim Feten (Azan-
Die Dentition (Zahndurchbruch) ist ein schmerzhaftes Färbung): Odontoblasten (Od) bilden Dentin (D) (blau-blau/
Erlebnis. Im 6. Lebensmonat erscheint der erste untere rot); Adamantoblasten (Ad) bilden Schmelz (S). Die Fortsätze
Schneidezahn. Das Milchgebiss ist gegen Ende des der Odontoblasten sind als Tomes-Fasern zu erahnen (Pfeile),
2. Lebensjahres komplett. die Fortsätze der Adamantoblasten sind als Tomes-Fortsätze
sichtbar (Pfeilköpfe). SP: Schmelzpulpa (7 farbige Abb. S. 333)
Der Zahnwechsel erfolgt zwischen dem 6. und
14. Lebensjahr. Ursache für den Zahnwechsel ist das
rasche Wachsen der Ersatzzähne, die die Wurzeln der lange Hydroxylapatitkristalle parallel angeordnet sind
Milchzähne »abgraben«. Der erste permanente Zahn (. Abb. 5.7). Schmelz umschließt die Zahnkrone und
ist der untere erste Mahlzahn. Die 3. Mahlzähne (Weis- grenzt unmittelbar ans Dentin.
heitszähne) können noch spät im Greisenalter (um die Merke
30 Jahre) durchbrechen.
Organisatoren: Adamantoblasten. Sie verschwin-
den nach dem Zahndurchbruch! Zahnschmelz wird
Schmelzbildung
Histologie: Hochprismatische Epithelzellen sezernieren einmal angelegt und kann nicht regenerieren.
organische Schmelzmatrix, später auch Calcium und Cave: Zahnarzt!
Phosphat. Sie bilden lange Fortsätze aus, Tomes-Fort-
sätze (Achtung! Nicht verwechseln mit »Tomes-Fasern« Dentinbildung
der Odontoblasten!), und organisieren organische und Histologie: Hochprismatische Zellen liegen an der
anorganische Matrix zu Schmelzprismen, in denen Grenze zur Pulpa. Ihre langen Fortsätze (Tomes-Fa-
132 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

sern; Achtung! Nicht verwechseln mit »Tomes-Fort- ist. Sichtbar ist das äußere mehrschichtig unverhornte
sätzen« der Adamantoblasten) ragen ins Dentin hinein Saumepithel.
und sezernieren extrazelluläre Matrix (. Abb. 5.7). Die
nichtmineralisierte Zone heißt Prädentin. Das defini- Merke
tive Dentin ist von Kanälchen durchzogen und minera- Symptom »Zahnfleischbluten«
lisiert (Hydroxylapatit). Der kleine Spalt zwischen äußerem Saumepithel
und Zahn (Sulcus gingivalis; normal 0,5 mm) kann
Merke durch schlechte Mundhygiene und Plaquebildung
Organisatoren des Dentins sind: Odontoblasten. zu einer ordentlichen »Zahnfleischtasche« aus-
Sie verschwinden nie. Dentin kann lebenslang wachsen, die durch die Ablösung des inneren Saum-
nachgebildet werden. epithels zu trophischen Störungen des Zahnhalte-
5 apparts führt: Zahnfleischbluten, Parodontose,
Insuffizienz des Halteapparats, Zahnausfall, Exitus.
Zement
Im Bereich der Zahnwurzel liegt dem Wurzeldentin
direkt eine Schicht von Zement an, löst mithin die
Schmelzschicht ab. Zement ist mit Knochen ver- 5.4.5 Zunge
gleichbar.
Die Zunge (Lingua) nimmt fast den gesamten Innen-
Merke raum der Mundhöhle in Beschlag. Wenngleich sie sich
Organisatoren des Zements sind Zementoblasten/ nicht mehr bedeutend aus dem Mundraum heraus-
zyten (apikal), die in die Kollagenfibrillen einge- schleudern lässt (Ranidae!), entwickelt sie wegen ihrer
mauert sind und den Zahn mit dem Alveolarkno- kunstvoll angelegten Binnenmuskulatur eine heutzu-
chen verankern (Halteapparat!). tage gern gesehene Flexibilität (. Abb. 5.8). Sie ist ver-
antwortlich für die Artikulation (Lingua!), Nahrungs-
weiterleitung gen Rachen, Mechanorezeption und Per-
Zahnaufbau zeption des guten Geschmacks.
Der fertige Zahn besteht aus:
4 Zahnkrone (Corona dentis): sichtbarer Teil des Makroskopischer Aufbau der Zunge
Zahns, Die Zunge lässt sich einteilen in:
4 Zahnhals (Cervix dentis): bedeckt von innerem 4 Zungenspitze (Apex linguae),
Saumepithel und 4 Zungenkörper (Corpus),
4 Zahnwurzel (Radix dentis): liegt in der Alveole 4 Zungenrücken (Dorsum) und
und enthält die Zahnpulpa (Pulpa dentis) mit 4 Zungengrund (Radix).
Nerven und Blutgefäßen.
Zungenkörper und Zungengrund werden durch den
Zahnhalteapparat V-förmigen Sulcus terminalis abgegrenzt. Dahinter
Der Zahnhalteapparat (englisch: Periodontium, deutsch: liegt in der Medianlinie das Foramen caecum, von dem
Parodontium) besteht aus aus einst die Schilddrüse in den Hals abgewandert
4 Zement, war.
4 Wurzelhaut (Desmodontium),
4 Alveolarknochen und
4 Zahnfleisch (Gingiva).

Die Wurzelhaut führt Kollagenfasern vom Zement in


den Alveolarknochen und verankert sie dort (Sharpey-
Fasern). Sie sind dazu gedacht, den unterschiedlichen
Druck-Torsionsbelastungen des Zahns beim Kauen
oder Beißen entgegenzuwirken. Mechanorezeptoren
im Desmodont messen den Kaudruck.
Das Zahnfleisch liegt an der Wetterecke des Zahns,
dem Bereich des Zahnhalses. Es ist von mehrschich- . Abb. 5.8. Demonstration der Plastizität der Binnenmus-
tigem Plattenepithel überzogen, das nach oral verhornt keln mancher Zungen
5.4 · Kopf- und Halseingeweide
133 5
Zungenmuskulatur 4 Papillae fungiformes: »Pilzpapillen« der Zungen-
spitze und der Randregionen, auf deren mehr-
Merke schichtig unverhornter epithelialer Oberfläche Ge-
Die Muskeln der Zunge werden allesamt vom schmacksknospen eingelagert sind.
N. hypoglossus (N. XII) innerviert. 4 Papillae foliatae (»Blattpapillen«), einer Reihe von
parallel angeordneten Gräben, an deren Rändern
ebenfalls Geschmacksknospen liegen.
Muskeln, die außerhalb der Zunge selbst ansetzen, sind 4 Papillae vallatae (»Wallpapillen«), beim Menschen
Außenmuskeln. Zu diesen gehören: 5‒6 Papillen, die fast durchgängig von einem Wall
4 M. genioglossus, umgeben sind. Sie sind entlang dem Sulcus ter-
4 M. hyoglossus und minalis angeordnet und besitzen die meisten Ge-
4 M. styloglossus. schmacksknospen.

Die auf die Zunge beschränkten Muskeln heißen Bin- KLINIK


nenmuskeln. Sie bilden vertikale, longitudinale und Eine belegte Zunge entsteht durch mangelnden
transversale Muskelstränge (. Abb. 5.8). Abrieb des verhornenden Epithelzellbelags bei
Menschen, die 12–24 h die Zunge nicht zum Essen
KLINIK benutzt haben (Unwohlsein o. ä.)
Bei einseitiger Lähmung des N. hypoglossus Bei Scharlach löst sich die oberflächliche Epi-
weicht die Zunge zur erkrankten Seite ab. thelschicht der besonders gut durchbluteten Papil-
len ab. Dies imponiert als sog. Himbeerzunge.

Zungenoberfläche
Die Zungenoberfläche ist von einer rauen Schleimhaut Ebner-Drüsen
überzogen. Bei genauerem Hinsehen (Mikroskop ein- In die Gräben der Papillae foliatae und vallatae münden
schalten!) erkennen wir Spezialisierungen, die Zungen- Ausführungsgänge der serösen Ebner-Drüsen (. Abb.
papillen. 5.9). Sie enthalten Bindungsproteine, die die Rezeption
Papillen sind Ausstülpungen der Dermis, die von von Geschmacksstimulanzien an den Sinneszellen der
Epithel überzogen sind. Folgende Papillen werden un- Geschmacksknospen vermitteln. Zudem sorgen sie für
terschieden: eine spülende Strömung aus den Gräben heraus. Die
4 Papillae filiformes: Fadenförmige Papillen, die Geschmacksknospen der Papillae fungiformes sind
überall auf dem Zungenrücken vorkommen. Die nicht mit serösen Drüsen, sondern mit mukösen
derbe, gräulich erscheinende, bei Kamelen ver- (Nuhn-) Drüsen assoziiert. Deren Bedeutung für die
hornte Oberfläche soll dem Tastsinn dienen. Geschmacksperzeption ist unbekannt.

. Abb. 5.9. Papilla foliata (Kanin-


chen), Azan und immunhistochem.
Reaktion für Neuronen-spezifische
Enolase (NSE). Im Epithel der Papillen
(Pap) liegen Geschmacksknospen
(GK), deren afferente Fasern (braun)
mit dem N. IX zum Hirnstamm ge-
leitet werden. Der untere Pfeil zeigt
auf ein parasympath. Ganglion des
N. IX für die postganglionären Fasern
für die Ebner-Drüsen (E, mit Ausfüh-
rungsgang), M: quergestreifte Muskel-
zelle der Zungenbinnenmuskulatur
(7 farbige Abb. S. 333)
134 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

. Tab. 5.9. Unterschiede zwischen gustatorischen und olfaktorischen Rezeptorneuronen


Riechzellen Schmeckzellen
Erste Verschaltung Bulbus olfactorius (primäre Sinneszelle) lokal (sekundäre Sinneszelle)
Rezeptoren/Ionenkanäle Jede Sinneszelle trägt nur einen Rezeptor Jede Sinneszelle kann mehrere Modalitäten
haben

Geschmacksknospen Afferente Innervation der Zunge


Geschmacksknospen entwickeln sich etwa in der 8. Grundsätzlich gilt: Die vorderen beiden Drittel der
5 Embryonalwoche aus lokalem Epithel an Zungenober- Zunge werden vom N. lingualis und der Chorda tym-
fläche, Gaumen, Epiglottis und Uvula. Die meisten (ca. pani erreicht, das hintere Drittel vom N. glossopharyn-
3000–8000) liegen auf der Zunge und sind in Papillen geus.
(s. o., . Abb. 5.9) organisiert, die übrigen liegen frei in 4 Papillae fungiformes: sensibel: N. lingualis (aus
der Schleimhautoberfläche. N. V3), sensorisch (d. h. Geschmackssinn): Chorda
tympani (aus N. intermedius),
Mikroskopischer Aufbau: Geschmacksknospen be- 4 Papillae foliatae und vallatae: sensibel, sensorisch
stehen aus 50–80 bipolaren neuroepithelialen Zellen, und parasympathisch (Ebner!): N. glossopharyn-
die mit Mikrovilli in den Geschmacksporus ragen. geus und
Man unterscheidet Sinneszellen und Stützzellen. In 4 Papillae filiformes: sensibel: vordere zwei Drittel:
den Membranen der Mikrovilli von Sinneszellen sind N. lingualis, dahinter: N. glossopharyngeus.
Rezeptoren bzw. Ionenkanäle für chemische Stimuli in-
tegriert (. Tab. 5.9). Die Sinnesqualitäten »süß – sauer Die sensorische Innervation der extralingualen Ge-
– bitter – salzig – umami« können von allen Sinnes- schmacksknospen erfolgt über den N. glossopharyn-
zellen wahrgenommen werden, sie sind omnipotent. geus (Pharynx), N. vagus (Uvula, Epiglottis, Larynx),
Basal sind Synapsen mit afferenten Nervenfasern aus- N. petrosus major (Gaumen) (. Abb. 5.10).
gebildet.
Die Schmeckempfindungen werden im Wesent- Zungenbälge (Zungentonsille)
lichen dadurch geprägt, dass im Speichel gelöste che- Die Schleimhaut hinter dem Sulcus terminalis be-
mische Stimuli retronasal aus der Mundhöhle in die zeichnet man als Zungentonsille. Grund ist die Dif-
Nasenhöhle zum Riechepithel gelangen (retronasales ferenzierung in lymphatisches Gewebe, das Teil des
Riechen). lymphatischen Rachenringes ist.

. Abb. 5.10. Innervation der Mund-


höhle. Rot: Motorische Nerven des
Schlunds und der Zunge: N. glosso-
pharyngeus (IX) und N. hypoglossus
(X). Der motorische Anteil des N. VII ist
unvollständig. iG: Ganglion inferius.
Blau: Sensible Äste aus N. IX und N. X
und dem N. trigeminus (N. V; V1 und
V2 sind unvollständig; LN: N. lingualis),
Gelb: Geschmacksafferenzen der
Chorda tympani (CT) N. petrosus
major (am Gaumen), sowie aus N. IX
und N. X. Grün: parasympathische
Ganglien, sG: Ggl. submandibulare,
pG: Ggl. pterygopalatinum
(7 farbige Abb. S. 333)
5.4 · Kopf- und Halseingeweide
135 5

Gefäßversorgung Der 5 cm lange Ausführungsgang (Ductus paroti-


Die Zunge wird von der A. lingualis (aus der A. carotis deus) verläuft ca. 1 cm unter dem Jochbogen über dem
externa) versorgt. M. masseter, taucht durch den M. buccinator hindurch
und mündet gegenüber dem 2. Molaren in das Vestibu-
lum oris. Schlagende Verbindungsleute sollten aufpas-
5.4.6 Speicheldrüsen sen, denn er verläuft knapp unter der Haut.
Histologie und Innervation: . Tab. 5.10.
Speicheldrüsen werden v. a. zur Nahrungsaufbereitung
benötigt (Lösung für Geschmacksubstanzen, Gleit- Gl. sublingualis (Unterzungenspeicheldrüse)
fähigkeit der Nahrung, bakterizide Vorbehandlung, Die Gl. sublingualis liegt auf dem M. myohyoideus. Sie
Einleitung von verdauungstechnischen Maßnahmen: hat keine einheitliche Kapsel. Ihre Ausführungsgänge
Amylase) (. Tab. 5.10). (Ductus sublingualis major und kleinere Ductus sub-
linguales minores) münden unter dem Zungenbänd-
Gl. parotidea (Ohrspeicheldrüse) chen auf der Caruncula.
Die »Parotis« liegt teilweise vor dem Ohr, teilweise in Histologie und Innervation: . Tab. 5.10.
der Fossa retromandibularis. Zwischen den beiden An-
teilen der Drüse (Pars superficialis, Pars profunda) ver- Gl. submandibularis
laufen die A. carotis externa mit Beginn ihrer Endäste Die Gl. submandibularis liegt zwischen der Mandibula
sowie die V. retormandibularis. Zudem verzweigen sich und dem vorderen Bauch des M. digastricus unter dem
hier motorische Äste des N. facialis zum Plexus intra- Mundboden (. Abb. 5.11). Ihr Ausführungsgang ver-
parotideus. Die Parotis wird von der derben Fascia pa- läuft um den Hinterrand des M. mylohyoideus und
rotidea umgeben. Nach medial ist sie von einer zarteren wendet sich an der medialen Seite der Gl. sublingualis
Faszie eingehüllt. Der Raum, in dem sich die Drüse be- nach vorn. Er mündet gleich neben dem Ausführungs-
findet, heißt Parotisloge. gang der Gl. sublingualis ebenfalls auf der Caruncula.

. Tab. 5.10. Speicheldrüsen der Mundhöhle


Drüse Ort Sekretions- Ausführungsgang- Sekretorische Innervation
art system
Gl. parotis Parotisloge, rein serös Endstücke – Schaltstücke – Ncl. salivatorius inf., N. petrosus minor
z. T. Fossa Streifenstücke – Ausfüh- aus N. glossopharyngeus (N. IX),
retromandi- rungsgang Jacobson-Anastomose zur Umschal-
bularis tung im Ggl. oticum auf postganglio-
näre Fasern. Begleitet N. auriculo-
temporalis (V3) (7 Kap. 5.5.5)
Gl. submandibularis Trigonum seromukös seröse/muköse Endstücke Ncl. salivatorius sup., Chorda tympani
submandi- teils mit serösen Endkappen (N. VII-intermedius), Umschaltung
bulare – Schaltstücke – Streifen- im Ggl. submandibulare auf post-
stücke – Ausführungsgänge ganglionäre Fasern (7 Kap. 5.5.4)
Gl. sublingualis Mundbo- mukoserös Überwiegend muköse
den, unter Endstücke mit serösen
der Zunge Endkappen – keine Schalt-
stücke – Ausführungsgänge
Ebner-Drüsen Papillae rein serös wie Parotis N. glossopharyngeus , Umschaltung
foliatae und auf postganglionäre Neurone in der
Kleine Speicheldrüsen

vallatae der Zunge (Remak-Ganglien)


Zunge
Gll. buccales, (Namen mukoserös Wie Gl. sublingualis Gll. palatinae: N. petrosus major (aus
palatinae, sagen alles) N. intermedius)
pharyngeales, Gll. pharyngeales: N. glossopharyn-
labiales geus
Gll. buccales, labiales: Äste aus N. pe-
trosus major und Chorda tympani
136 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

. Abb. 5.11. Gl. submandibularis:


gemischte seromuköse Drüse, Azan-
färbung (7 farbige Abb. S. 334)

Sie produziert das meiste Sekret aller großen Drüsen 5.4.8 Isthmus faucium
der Mundhöhle.
Histologie und Innervation: . Tab. 5.10 Der hintere Ausgang der Mundhöhle zum Rachenraum
ist die Schlundenge (Isthmus faucium). Die seitliche Wand
Histologie der Speicheldrüsen (7 Kap. 2.4.1) des Ausgangs bilden 2 hintereinander liegende Gaumen-
Das Sekret der Speicheldrüsen wird in den acinären bögen, zwischen denen in der Tonsillarbucht die Tonsilla
Endstücken produziert und im Ausführungsgang- palatina (Gaumenmandel) eingeklemmt ist.
system modifiziert. Quer geschnittene Acini ähneln 4 Hinterer Gaumenbogen (Arcus palatopharyngeus)
einer Torte. Ihre Zellen sind die Tortenstücke, deren mit M. palatopharyngeus.
Spitze auf das Lumen zulaufen. Je visköser das Sekret 4 Vorderer Gaumenbogen (Arcus palatoglossus)
ist, desto weiter ist das Lumen und desto weiter ist der mit M. palatoglossus.
Zellkern basal zurückgedrängt. Dementsprechend
lassen sich die Speicheldrüsen in seröse, muköse und Die arterielle Versorgung erfolgt über Äste aus der
gemischte Drüsen einteilen. A. carotis externa sowie ihren Abgängen A. facialis und
A. maxillaris:
Merke 4 A. palatina ascendens (aus A. facialis),
Die meisten großen und kleinen Drüsen in der 4 A. palatina descendens (aus A. maxillaris) und
Mundhöhle sind gemischte Drüsen. Nur die Gl. pa- 4 A. pharyngea ascendens (aus A. carotis externa).
rotidea und die Ebner-Drüsen der Zunge sind rein
serös. Tonsilla palatina
Das paarige lymphatische Organ liegt zwischen dem
vorderen und hinteren Gaumenbogen, deren Ränder
sie im Normalfall nicht überragt. Die Tonsilla palatina
5.4.7 Gaumen gehört mit der Tonsilla pharyngealis zu einem Abwehr-
ring lymphatischen Gewebes (lymphatischer Rachen-
Der Gaumen besteht aus einem harten, knöchernen ring) im oropharyngealen Raum.
und weichen, muskulären Anteil, der nach hinten im Arterielle Versorgung: R. tonsillaris aus der A. pa-
Gaumensegel (Velum palatinum) endet. Beim Schluck- latina ascendens; selten verläuft die A. facialis in un-
akt wird das Gaumensegel durch folgende Muskeln mittelbarer Nähe.
gespannt bzw. angehoben: Mikroskopische Anatomie: 7 Kap. 2.11.5.
4 M. tensor veli palatini,
4 M. levator veli palatini und
4 M. uvulae. 5.4.9 Pharynx

Der Pharynx (Rachen) ist ein etwa 13 cm langer


muskulöser Transitweg für Nahrung und Luft. Er reicht
5.4 · Kopf- und Halseingeweide
137 5

von der Schädelbasis bis zum Ringknorpel. Er besteht Ösophagus. Imponierend ist nach vorn der Kehlkopf
aus 3 Abschnitten: (Larynx), in dem der Luftweg im Aditus laryngis nach
4 Epipharynx (Nasopharynx, Pars nasalis pharyngis), vorn abzweigt, sodass der Hypopharynx fast ausschließ-
4 Mesopharynx (Oropharynx, Pars oralis pharyngis) lich Speiseweg darstellt. Im Larynxbereich »mogelt«
und sich der Speisebrei am Kehlkopfeingang seitlich durch
4 Hypopharynx (Laryngopharynx, Pars laryngea beidseitige Schleimhautbuchten, Recessus piriformes,
pharyngis). vorbei.

Epipharynx Schlundschnürer, Schlundheber


Der Epipharynx grenzt an die Schädelbasis und steht
mit den Choanen mit den Nasenhöhlen in Verbindung. Merke
Seitlich münden die Tubae auditivae, die von 2 Schleim- Die Pharynxmuskulatur gliedert sich in eine äußere
hautwülsten umgeben werden: Ringmuskulatur (Schlundschnürer) und eine
4 Torus tubarius, gebildet vom Tubenknorpel, geht innere Längsmuskulatur (Schlundheber).
nach unten in die Plica salpingopharyngea.
4 Torus levatorius, nimmt von der Unterseite des
Tubenostiums seinen Ausgang und wird vom Die Innervation der Pharynxmuskulatur übernehmen
M. levator veli palatini aufgeworfen. Äste aus dem Plexus pharyngeus (N. glossopharyngeus
und N. vagus).
Hinter dem Torus tubarius liegt der Recessus pharyngis Entscheidend für den Schluckakt sind die Schlund-
(Rosenmüller). In der Medianlinie liegt im Winkel zwi- schnürer (Mm. constrictores pharyngis). Wie immer
schen dem Rachendach und der Hinterwand des Epi- gibt es 3:
pharynx die unpaare Rachenmandel (Tonsilla pharyn- 4 M. constrictor pharyngis superior,
gealis). Weitere Tonsillen gibt es im Bereich des Tube- 4 M. constrictor pharyngis medius und
nostiums (Tonsilla tubaria) und als »Seitenstrang« 4 M. constrictor pharyngis inferior.
entlang der Plica salpingopharyngea.
Der M. constrictor pharyngis superior (oberer Schlund-
KLINIK schnürer) zieht vom Proc. pterygoideus über die Raphe
Wucherungen des lymphatischen Gewebes der pterygomandibularis in die Wangenmuskulatur.
Rachenmandel (Hyperplastische Rachenmandel; Der M. constrictor pharyngis medius entspringt
Adenoide) v. a. bei Schulkindern führen zu 2 Prob- vom Zungenbein, und der M. constrictor pharyngis
lemen: inferior entspringt vom Kehlkopfskelett.
1. die nasale Atmung wird behindert (Nähe zu Alle 3 ziehen in die Mittellinie (Raphe pharyngis),
Choanen); die oben an der Schädelbasis verankert ist. Die Mus-
2. die Belüftung des Mittelohrs ist gestört (Ver- keln überlappen sich dachziegelartig, verlaufen mehr
legung des Ostium tubae auditivae). oder weniger quer, lediglich die Fasern des mittleren
Schlundschnürers sind relativ steilgestellt.

Die untere Begrenzung ist das Gaumensegel, das den Merke


Epipharynx zum Mesopharynx hermetisch abdichten Der obere Schlundschnürer wirft bei Kontraktion
kann. einen Wulst (Passavant-Wulst) auf, der gegen das
Gaumensegel drückt und die Nasenhöhlen vor auf-
Mesopharynx steigenden Nahrungsbestandteilen schützt.
Der Mesopharynx ist die Etage zwischen dem Gau-
mensegel und dem freien Rand des Kehldeckels, also
der Abschnitt, der dem Isthmus faucium entgegensieht. Zu den Schlundhebern (Mm. levatores pharyngis) ge-
Die Grenze zur Mundhöhle beschreibt der vordere hören:
Gaumenbogen (Arcus palatoglossus). Im Mesopharynx 4 M. stylopharyngeus (Leitmuskel für den N. glosso-
kreuzen sich Luft- und Speisewege. pharyngeus): vom Proc. styloideus in die Pharynx-
wand,
Hypopharynx 4 M. salpingopharyngeus: von der Tuba auditiva und
Der Hypopharynx reicht vom hinteren Rand der Epi- 4 M. palatopharyngeus: von der Aponeurose des
glottis bis an den Ringknorpel mit dem Übergang zum Gaumensegels.
138 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

Schluckakt 5.4.11 Larynx


Am Schluckakt sind angeblich 24 Muskeln beteiligt. Ein
solches Schluckunternehmen kann nur effektiv und Der Kehlkopf ist die prominenteste Struktur in der
ungestört verlaufen, wenn es überwiegend reflektorisch vorderen Halsregion in Höhe des 4.–6. Halswirbels. Als
abläuft und nicht durch Willkürprogramme durchein- separatistisches Organ zwischen dem Verdauungs- und
andergebracht wird. Der Schluckreflex wird eingeteilt Atemtrakt besitzt er ein komplexes knorpeliges Skelett,
in 3 Phasen: dessen Elemente aber im Laufe d es Lebens verknö-
4 Orale Phase, chern können. Die Knorpel sind teils syndesmotisch,
4 pharyngeale Phase und teils gelenkig miteinander verbunden und können mit
4 ösophageale Phase. kleinen Muskeln gegeneinander bewegt werden.

5 Orale Phase. Zungenbewegung, Zurückstempeln des Kehlkopfskelett


Bissens führt zur Druckerhöhung in der Mundhöhle. Das Kehlkopfskelett besteht aus:
Die orale Phase ist willkürlich gesteuert: man kann 4 Ringknorpel (Cartilago cricoidea),
kauen, solange man will. Hier findet die Hauptaktivität 4 Schildknorpel (Cartilago thyroidea),
der Zungenbinnenmuskeln statt. 4 Stellknorpel (Cartilagines arytenoideae) und
4 Kehldeckel (Cartilago epiglottica).
Pharyngeale Phase. Mit dem Berühren der Pharynx-
wand: Uvula, Arcus palatopharyngeus, beginnt der re- Der siegelringförmige Ringknorpel trägt die Gesamt-
flektorische Teil. Es gibt keinen Weg zurück. Verschluss konstruktion. Die hintere Platte besitzt 2 kleine seitliche
des Rückwegs in die Mundhöhle wird gewährleistet äußere Gelenke für den Schildknorpel und 2 kleine
durch die Kontraktion des Muskelsystems im Bereich obere Drehgelenke für die Stellknorpel. Der vordere
des Isthmus faucium: Mm. palatoglossi, M. transversus Ring ist gleich unterhalb des Schildknorpels tastbar.
linguae, Gaumensegel. Den Nasopharynx verriegelt Der Schildknorpel imponiert durch seine Promi-
der Passavant-Wulst (gebildet durch Vorwölbung des nentia laryngea (bei Männern »Adamsapfel«), von der
M. constrictor pharyngis superior). Die unteren Atem- schiffsbugartig 2 Platten schräg nach hinten abgehen.
wege werden verschlossen durch Anheben des Zun- Sie enden in je ein oberes und unteres Horn, die als
genbeins und Kehlkopfs: suprahyale Muskeln. Damit Ansatzpunkte für Bänder dienen.
wird die Epiglottis gegen den Aditus laryngis gedrückt. Die Stellknorpel verstellen die Position der
Es folgt ein reflektorischer Glottisverschluss und kurz- Stimmbänder. Die pyramidenförmigen Knorpel besit-
fristiger Atemstillstand. zen 3 Flächen, eine Basis mit Fortsätzen (Proc. vocalis
und Proc. muscularis) und jeweils ein kleines knorpe-
Ösophageale Phase. Im Hypopharynx nimmt der liges Hörnchen auf der Spitze (Cartilago corniculata).
Bolus Geschwindigkeit auf, wobei der Pharynx durch Der mantarochenähnliche Kehldeckelknorpel
reflektorische Hebung dem Bissen gewissermaßen ent- (Epiglottis) ist aus elastischem Knorpel, dessen Stiel
gegenkommt. Die Kontraktionswelle setzt sich im (Petiolus) an der Innenseite des Schildknorpelein-
Ösophagusmund auf die anfangs quergestreifte, dann schnitts (Incisura thyroidea superior) eingelassen ist.
glatte Muskulatur der Ösophaguswand fort.
Bänder
Innere Kehlkopfbänder (in ihrer Gesamtheit Mem-
5.4.10 Halsteil des Ösophagus brana fibroelastica laryngis) verbinden die Kehlkopf-
knorpel untereinander. Äußere Kehlkopfbänder hän-
Im oberen Teil des Ösophagus geht die äußere Ring- gen den Larynx im Hals zwischen Zungenbein und
muskulatur des Hypopharynx in die innere glatte Ring- Luftröhre auf.
muskulatur des Ösophagus über, die innere Längsmus- Innere Kehlkopfbänder sind:
kulatur kreuzt entsprechend zur äußeren, anfangs noch 4 Der Conus elasticus (Membrana cricovocalis) be-
quergestreiften äußeren Ösophagusmuskulatur. Da- ginnt an der Innenseite des Ringknorpels und zieht
durch entsteht ein muskelfreier rautenförmiger Bezirk als Lig. cricothyroideum an die Unterkante des
(Laimer-Dreieck), durch das Ausstülpungen der ge- Schildknorpels. Hinzu zählen die oberen Enden
samten Speiseröhrenwand nach außen treten können: des Conus elasticus: Ligg. vocalia, die beidseits der
Zenker-Divertikel. Mittellinie sagittal in Richtung Processus vocales
der Stellknorpel ziehen. Die Stimmbänder bilden
mit dem M. vocalis die Begrenzung der Stimmritze.
5.4 · Kopf- und Halseingeweide
139 5

4 Membrana quadrangularis: oberer Teil der Mem-


brana fibroelastica laryngis. Deren Verstärkung am
Unterrand ist das Lig. vestibulare.

Äußere Kehlkopfbänder sind:


4 Membrana thyrohyoidea: Flächenhaftes Band vom
oberen Rand des Schildknorpels bis zum Zungen-
bein. Verstärkungen sind das Lig. thyrohyoideum
mediale und die Ligg. thyrohyoidea lateralia. Dieses
Band überträgt alle Verschiebungen des Zungen-
beins (z. B. Schlucken). Auf jeder Seite der Membran
ist ein kleines Löchlein für die A. und V. laryngea
superior und für den R. internus des N. laryngeus
superior (aus dem N. vagus).

Kehlkopfmuskeln
Es gibt einen paarigen Außenmuskel, den M. cricothy-
roideus (»Externus«), und zahlreiche innere Muskeln,
die die Stimmritze verengen oder erweitern (. Tab. 5.11).
Zu ihnen gehören die Stellmuskeln (. Abb. 5.12):
4 M. cricoarytenoideus posterior (»Postikus«), . Abb. 5.12. Schematische Darstellung der Wirkung der
4 M. cricoarytenoideus lateralis, Mm. arytenoideus transversus, cricoarytenoideus lateralis und
4 M. arytenoideus (M. interarytenoideus) und cricoarytenoideus posterior auf die Form der Stimmritze.
4 M. thyroarytenoideus. (Tillmann 2005) (7 farbige Abb. S. 334)

. Tab. 5.11. Kehlkopfmuskulatur


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
Äußerer Kehlkopfmuskel
M. cricothyroideus äußere Fläche des unterer Rand und Unterhorn R. ext. N. laryngei Spannen der Stimm-
(»Externus«) Ringknorpelbogens des Schildknorpels sup. (aus N. X) lippen
Innere Kehlkopfmuskeln
M. cricoarytenoideus Hinterfläche der Proc. muscularis des gleich- N. laryngeus inf. Erweiterung der
posterior (»Postikus«) Ringknorpelplatte seitigen Stellknorpels (aus N. laryngeus Stimmritze:
recurrens des einziger Öffner!!
N. X)
M. cricoarytenoideus oberer Rand des Proc. muscularis des gleich- Verengung der
lateralis Ringknorpelbogens seitigen Stellknorpels Stimmritze,
Phonationsmuskel
M. arytenoideus laterale Kante und Laterale Kante und hintere Verengung
transversus hintere Fläche des Fläche des Stellknorpels der Stimmritze
Stellknorpels der anderen Seite
M. arytenoideus Proc. muscularis Spitze des anderen Stell- Verengung
obliquus des Stellknorpels knorpels der Stimmritze
M. thyroarytenoideus Innenfläche der Proc. muscularis und laterale Verengung
Schildknorpelplatte Fläche des Stellknorpels der Stimmritze
M. vocalis Innenfläche Proc. vocalis des Spannen der Stimm-
des Schildknorpels, Stellknorpels lippen, Verengung
Medianlinie der Stimmritze
140 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

KLINIK Die Schleimhautauskleidung der Pars laryngea


Der M. cricoarytenoideus posterior ist der ein- pharyngis (linguale Seite der Epiglottis, Rec. piriformis)
zige Öffner der Stimmritze. Wenn »sein« Nerv, der besteht aus mehrschichtigem unverhornten Plattenepi-
N. laryngeus recurrens, ausfällt, gibt es bei Einseitig- thel. Dies geht unterhalb der Taschenfalte in mehr-
keit Krächzen und Heiserkeit, bei Doppelseitigkeit reihiges Flimmerepithel mit Becherzellen über. Die
kommt es zu lebensbedrohlicher Atemnot. Plica vocalis besitzt mehrschichtiges unverhorntes
Plattenepithel.

Zu denjenigen, die die Spannung der Stimmbänder Kehlkopffunktion beim Atmen, Husten, Niesen,
verändern (Spannmuskeln), zählen: bei der Stimmbildung und bei der Bauchpresse
4 M. cricothyroideus (Anspannung), Voraussetzung für eine zivilisierte Stimmgebung (Pho-
5 4 M. vocalis (Anspannung, Feinabstimmung) und nation) ist ein ausreichender Abstand des Kehlkopfs
4 medialer Anteil des M. thyroarytenoideus (Erschlaf- vom Zungenbein bzw. dem Mundboden. Der Prozess
fung). des Abstiegs des Zungenbeins ist bei der Geburt noch
nicht abgeschlossen.
Maximale Anspannung der Stimmlippen (Plicae vo- Die Glottis ist der Abschnitt des Kehlkopfs, der sich
cales) durch den M. vocalis kann nur bei einer Vor- bei Respiration weit öffnen muss (Respirationsstel-
spannung durch das Lig. vocale erreicht werden. Erst lung) und bei Geräuschproduktion eher verengt wird
dann kann der M. vocalis dafür sorgen, dass die Saiten (Phonationsstellung).
dicker oder dünner werden, und den Ton modulieren. Bei normaler Atmung ist nur die Pars intercartila-
ginea geöffnet, bei Forcierung der Atmung öffnen sich
Merke alle Anteile der Stimmritze. Beim Niesen oder Husten
Alle inneren Muskeln werden vom N. laryngeus öffnet sich die Stimmritze nach Aufbau eines hohen
inferior aus dem N. laryngeus recurrens (aus N. X) Drucks explosionsartig.
versorgt. Der M. cricothyroideus wird vom N. laryn-
geus superior versorgt. Phonation: Die Spannung der Stimmfalten kann über
den M. sternohyoideus und M. cricothyroideus vor-
eingestellt werden. Zunächst wird die Stimmritze ver-
Die arterielle Versorgung erfolgt aus der A. laryngea schlossen und der Verschluss dann durch Expiration
superior (aus der A. thyroidea superior) und der A. la- gesprengt. Dadurch geraten die Stimmlippen in Schwin-
ryngea inferior (aus der A. thyroidea inferior). gung. Die Änderung der Schwingungszahl und damit
der Tonhöhe gelingt über die Feineinstellung durch den
Etagengliederung M. vocalis.
Der Binnenraum des Kehlkopfs ist durch 2 Schleim-
hautfalten eingeengt: Plica vestibularis und Plica vo-
calis. Dadurch entstehen folgende Etagen: 5.4.12 Halsteil der Trachea
4 Vestibulum laryngis: Raum zwischen dem Aditus
laryngis und den Plicae vestibulares (Taschenbän- 7 Kap. 7.2.1
der, sog. »falsche Stimmbänder«).
4 Glottis: schmaler Bezirk von den Taschenbändern
(Taschenfalte) bis zu den richtigen Stimmbändern, 5.4.13 Schilddrüse
Plicae vocales. Die Glottis verfügt auf jeder Seite
über eine tiefe Bucht, Ventriculus laryngis, von der Lage
sich ein Blindsack, Sacculus laryngis (Morgagni), Die Schilddrüse (Glandula thyroidea) ist eine endo-
nach oben erstrecken kann. Einkaufstasche der krine Drüse, die beidseits vor dem Ringknorpel und
Pelikane. etwas unter dem Schildknorpel liegt. Ihre beiden Lap-
4 Cavitas infraglottica: Raum zwischen Glottis und pen (Lobus dexter und Lobus sinister) werden durch
Exitus laryngis. einen schmalen Steg (Isthmus) verbunden. Von diesem
kann sich als entwicklungsbedingtes Relikt des Ductus
Mikroskopische Anatomie thyroglossalis (7 Kap. 5.1.5) in der Medianlinie ein
Die Kehlkopfknorpel sind mit Ausnahme des ela- Lobus pyramidalis nach kranial erstrecken. Die Schild-
stischen Kehldeckels hyalin. Das Lig. vocale besteht aus drüse ist von infrahyalen Muskeln überzogen. Sie selbst
überwiegend elastischen Bindegewebsfasern. ist von 2 Bindegewebshüllen eingepackt: Die innere
5.4 · Kopf- und Halseingeweide
141 5

Kapsel, die eigentliche Organkapsel, ist mit der Drüse


verwachsen und teilt sie durch Septen ins Innere in
Läppchen ein. Die äußere Kapsel ist Bestandteil der
Lamina praetrachealis der Halsfaszie. Zwischen den
beiden Blättern liegen die Epithelkörperchen sowie die
Arterien und Venenplexus des Organs. Nachbarn sind
folgende Strukturen:
4 Die A. carotis communis liegt an ihrem hinteren
inneren Rand,
4 der Ösophagus liegt dorsal und
4 in der Rinne zwischen beiden Organen findet man
den N. laryngeus recurrens.
. Abb. 5.13. Schilddrüsenfollikel, teilweise mit erhaltenem
KLINIK Kolloid (Ko). Das Epithel in diesem Falle ist isoprismatisch bis
Die Schilddrüse vergrößert sich gern zunächst abgeflacht (eher Ruhephase). Azanfärbung (7 farbige Abb.
nach hinten, da die Faszienumhüllung dort am S. 334)
nachgiebigsten ist. Bei einer Struma kann die Tra-
chea eingeengt werden (Säbelscheidentrachea). tion, Sekretion, Resorption. Extremfall: Hyperthyreo-
se). Zwischen den Follikeln liegen, noch innerhalb der
Basalmembran, flache C-Zellen. Sie haben keinen An-
Gefäßversorgung schluss zur Follikelhöhle, sondern nur an Kapillaren.
Die Schilddrüse wird aus 4, manchmal 5 Arterien ver-
sorgt: Funktion
4 A. thyroidea superior (paarig, aus. A. carotis ex- Die Follikelepithelzellen der Schilddrüse produzieren:
terna), 4 Trijodthyronin (T3) und
4 A. thyroidea inferior (paarig, aus dem Truncus 4 Tetrajodthyronin (Thyroxin, T4).
thyrocervicalis) und
4 A. thyroidea ima (10%, unpaar, aus der Aorta oder Beide Hormone benötigen Jodid, das die Schilddrüse
dem Truncus brachiocephalicus. aquiriert. Schilddrüsenhormone werden an Thyro-
globulin, ein Trägerprotein, gebunden und in den Fol-
Aus dem oberflächlichen ausgedehnten Venenplexus likeln zwischengespeichert, also nicht direkt ans Blut
(Blutungen!) ergeben sich folgende Venen: abgegeben. Bei Bedarf wird der Komplex zurück-
4 V. thyroidea superior (in die V. facialis oder V. jugu- resorbiert, wobei Thyroglobulin abgekoppelt wird. T3
laris interna), oder T4 gelangen dann über fenestrierte Kapillaren in
4 V. thyroidea media (in die V. jugularis interna) den Kreislauf. Die Produktion wird vom hypophysären
und Thyrotropin (Thyroidea-stimulierendes Hormon, TSH)
4 Plexus thyroideus impar (V. thyroidea inferior in sowie dem hypothalamischen Thyroliberin gesteuert.
die linke V. brachiocephalica). Ein weiteres Hormon ist Calcitonin, das in den C-Zel-
len gebildet wird. Es ist an der Regulation des Calcium-
Die Lymphe der Schilddrüse wird drainiert in Phosphat-Haushalts beteiligt.
4 Nll. thyroidei (vorn),
4 Nll. submentales (oben),
4 Nll. praetracheales (unten) und 5.4.14 Epithelkörperchen
4 Nll. retropharyngeales (seitlich hinten).
Die 4 Nebenschilddrüsen (Glandulae parathyroideae)
Mikroskopische Anatomie liegen paarig an den Dorsalflächen des oberen und un-
Unter der bindegewebigen Kapsel liegt das aus Folli- teren Schilddrüsenpols. Der Name »Epithelkörperchen«
keln aufgebaute Parenchym. Die Follikel sind kugelige rührt von der bescheidenen Unauffälligkeit ihrer Zellen:
Hohlräume, die von einschichtigem Epithel ausge- 4 Hauptzellen: Sie produzieren das Hormon Para-
kleidet sind (. Abb. 5.13). Die Höhe der Epithelzellen thyrin (Parathormon, PTH). Es gibt dunkle und
schwankt je nach Aktivität zwischen platt (Untätigkeit, helle Hauptzellen.
z. B. Hypothyreose oder Winterschlaf oder einfach nur 4 Oxyphile Zellen: Vielleicht sind sie degenerierte
Speicherung) und hochprismatisch (Hormonproduk- Hauptzellen.
142 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

Parathormon erhöht den Calciumspiegel im Blut »sensibilitäts- bzw. afferenzassoziiert, einschließlich


durch der spezifischen Sinne).
4 Mobilisierung von Calcium aus dem Knochen
durch Osteoklasten und N. terminalis (Nullter Hirnnerv, N. 0)
4 Hemmung der Phosphatrückresorption und För- Er ist ebenso wie N. I und N. II kein echter Hirnnerv
derung der Calciumrückresorption in der Niere. und auch kein »sensorischer« Nerv. Seine Ursprungs-
ganglien liegen in der Riechplakode (damit indirekt
Neuralleistenderivat) und wandern bis zur 8. Fetal-
5.4.15 Glomus caroticum woche als LHRH-enthaltende (gonadotrope) Zellen
am Bulbus olfactorius vorbei zur Eminentia mediana
Das Glomus caroticum ist ein kleines chemorezeptives des Diencephalon. Wenn diese Neurone ihr Zielgebiet
5 Organ, das auf der Carotisgabel sitzt (Aufzweigung erreicht haben, degeneriert der Nerv. Er ist beim Er-
der A. carotis communis in A. carotis externa und wachsenen nicht mehr nachweisbar.
A. carotis interna) und sich seine Zeit damit vertreibt,
den Sauerstoffgehalt des Blutes zu messen. Es ist an Merke
einen Ast des N. glossopharyngeus angeschlossen Der N. terminalis ist in der Entwicklung Wander-
(7 Kap. 5.8.2). weg für gonadotropinhaltige Zellen und somit
verantwortlich für die Fortpflanzungsfähigkeit
höherer Organismen. Die gonadotropen Zellen des
5.5 Hirnnerven Zwischenhirns kommen aus der Nase!

Es gibt kaum über eine andere Frage so viel Streit in der


Neuroanatomie wie über die Frage, welche Strukturen KLINIK
sich als »Hirnnerven« qualifizieren. Traditionell wer- Bei einer gestörten Wanderung der Riechplakoden-
den sie als kraniale Spinalnerven aufgefasst, was des zellen nach zentral kommt es zum sog. Kallmann-
Pudels Kern nicht ganz trifft. Im Unterschied zu peri- Syndrom (Anosmie, Hypogonadismus, Fehlen des
pheren Spinalnerven vereinigen sich die Fortsätze der Bulbus olfactorius)
Neurone in Hirnnervenkerngebieten, die unterschied-
liche Qualitäten führen, nicht zu einem Bündel, son-
dern verlaufen als individuelle Fasern (Individuali- Nn. olfactorii (N. I, 7 Kap. 9.7.1)
sation). Die Nervi olfactor ii sind Axone der olfaktorischen Re-
Weiterhin übernehmen die Hirnnerven Spezialauf- zeptorneurone. Sie entwickeln sich aus der Riechplakode
gaben, z. B. bedient der N. trigeminus (N. V) ganz und ziehen gebündelt als Fila olfactoria im Nasensep-
überwiegend sensible Wünsche, während der N. facia- tum und z. T. an der lateralen Nasenwand durch die La-
lis (N. VII) sich überwiegend auf die mimische Musku- mina cribrosa des Siebbeins zum Bulbus olfactorius.
latur eingespielt hat (Spezialisation).
Man hat die Hirnnerven römisch durchnumme- Merke
riert (von I‒XII), aber manchmal wurden dem Katalog Die Neurone der Nn. olfactorii regenerieren sich
Anteile hinzugefügt (z. B. »N. intermedius«, der zwi- ständig aus Basalzellen des Riechepithels.
schen N. VII und N. VIII liegt und funktionell weder
mit dem einen noch dem anderen etwas zu tun hat)
oder schlicht vergessen, wie der N. terminalis (sog. N. vomeronasalis
»Nullter Hirnnerv«). Zur Komplettierung der Inkonse- Dieser Nerv ist ein Sonderling beim Menschen und
quenz erscheinen aber 2 Nerven im Hirnnervenkatalog, ebenfalls Derivat der Riechplakode. Er ist Teil des
die gar keine peripheren Nerven sind: Nn. olfactorii Vomeronasalen Organs (Jacobson-Organ), das ab der
und N. opticus, s. u. (. Abb. 5.14) (. Tab. 5.12). 8. Embryonalwoche Zellen des beidseits im Nasen-
septum gelegenen Ductus vomeronasalis mit dem Bul-
bus olfactorius verbindet. Bis zur 17. Woche degeneriert
5.5.1 Sensorische Nerven er beim Menschen bis auf den Ductus vomeronasalis.

Die Einteilung in »sensorische Nerven« ist unglücklich, N. opticus (N. II, 7 Kap. 10.3.5)
weil dies eine international nicht übliche Klassifizie- Der N. opticus ist eine afferente Projektionsbahn des
rung ist (»sensory« bedeutet im Englischen allgemein Gehirns, und kein Hirnnerv. Er leitet die Afferenzen
5.5 · Hirnnerven
143 5

. Abb. 5.14. Hirnnerven und ihre Innervationsgebiete. (Tillmann 2005)


144 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

des 3. Neurons der Sehbahn von der Retina bis zum N. abducens (N. V)
Corpus geniculatum laterale des Thalamus. Er ver- Der N. abucens verlässt den Hirnstamm zwischen
lässt die Orbita durch den Canalis nervi optici. Tem- Brücke und Pyramide und verschwindet am Clivus
porale Fasern kreuzen im Chiasma opticum zur an- unter der Dura. Er kriecht unter der Dura durch den
deren Seite. Zudem ist er afferenter Schenkel für die Sinus cavernosus und erreicht die Orbita durch die
Pupillenreflexe. Fissura orbitalis superior. Er innerviert den M. rectus
lateralis. Er ist der Hirnnerv mit dem längsten extra-
N. vestibulocochlearis (N. VIII, 7 Kap. 11.4) duralen intrakraniellen Verlauf.
Der N. vestibulocochlearis leitet Afferenzen der Sinnes-
zellen der Bogengänge (Gleichgewichtsorgan, also
Relikt der dorsolateralen Plakoden: Pars vestibularis) 5.5.3 N. trigeminus (N. V)
5 und der Schnecke (Cochlea, Hörorgan, Derivat der
Ohrplakode: Pars cochlearis). Die Perikaryen liegen im Der N. trigeminus ist ein großer gemischter Nerv. Er
Ganglion vestibulare und im Ganglion cochleare besitzt überwiegend somatoafferente (sensible), aber
(spirale). Beide Anteile verlaufen durch den Meatus auch somatoefferente (motorische) Fasern. Er inner-
acusticus internus zusammen mit dem N. facialis und viert die Haut des Gesichts und Scheitels, Schleimhäute
dem N. intermedius aus dem Felsenbein und ver- der Mund- und Nasenhöhle sowie die Zähne sensibel,
schwinden im Kleinhirnbrückenwinkel. und die Kau- und Mundbodenmuskeln motorisch.
Als 1. Kiemenbogennerv innerviert er außerdem den
Nerven für die Geschmacksorgane (7 Kap. 5.4.5, 7 Kap. M. tensor tympani motorisch. Er verlässt den Hirn-
5.5.5 und 7 Kap. 5.5.6) stamm seitlich der Brücke und zieht nach vorn in das
Cavum trigeminale (Meckel) der mittleren Schädel-
grube. Dort passiert folgendes:
5.5.2 Augenmuskelnerven
Ganglion trigeminale
N. oculomotorius (N. III) Im Ganglion trigeminale (Ggl. semilunare, Gasseri) be-
Der N. oculomotorius verläßt den Hirnstamm in der finden sich nur die Perikaryen der somatoafferenten
Fossa interpeduncularis, verläuft durch den Sinus ca- (sensiblen) Fasern. Die motorischen Fasern ziehen,
vernosus und tritt durch die Fissura orbitalis superior ähnlich wie in einem Spinalganglion, ohne Kontakt zu
in die Orbita ein, wo er sich in einen R. superior und ihnen an ihnen vorbei, sind aber von einer gemein-
R. inferior aufzweigt. samen Kapsel umgeben.
Er innerviert alle äußeren Augenmuskeln mit Aus- Im Weiteren verzweigt sich der Trigeminus in fol-
nahme des M. rectus lateralis und des M. obliquus su- gende Äste:
perior. Mit ihm zusammen verlaufen parasympathische 4 N. ophthalmicus, N. V1: zieht durch die Fissura
Äste aus dem Ncl. oculomotorius accessorius (Edinger- orbitalis superior in die Orbita.
Westphal) für die Innervation der inneren Augen- 4 N. maxillaris, N. V2: zieht durch das Foramen
muskeln: M. ciliaris und M. sphincter pupillae. Diese rotundum in die Fossa pterygopalatina.
Äste aus dem R. inferior werden im Ggl. ciliare umge- 4 N. mandibularis, N. V3: zieht durch das Foramen
schaltet. ovale in die Fossa infratemporalis.

KLINIK N. ophthalmicus (V1)


Bei erhöhtem Hirndruck kann der N. III durch den Der erste (rein somatoafferente = sensible) Trigeminus-
Uncus des Temporallappens an der Oberkante des ast teilt sich noch vor dem Eintritt in die Orbita in
Felsenbeins komprimiert werden. Erste Symptome 4 Äste:
sind Störungen der Pupillenreflexe. 4 R. tentorius: Ast für die Dura mater.
4 N. frontalis verläuft in der oberen Orbita auf
dem M. levator palpebrae. Aufteilung in N. supra-
N. trochlearis (N. IV) orbitalis für den medialen Augenwinkel, und
Der N. trochlearis ist der einzige Hirnnerv, der den N. supratrochlearis für das obere Augenlid und
Hirnstamm von dorsal verlässt. Er ist sehr dünn, zieht die Stirn- und Scheitelhaut. Nach außen treten
durch den Sinus cavernosus und betritt die Orbita der R. lateralis durch die Fissura (oder Foramen)
durch die Fissura orbitalis superior. Er innerviert den supraorbitalis, und der R. medialis durch das
M. obliquus superior. Foramen frontale.
5.5 · Hirnnerven
145 5

4 N. lacrimalis zieht zur Tränendrüse und innerviert 4 N. auriculotemporalis zieht um die A. meningea
den lateralen Augenwinkel einschließlich Binde- media herum nach außen zur Regio temporalis und
haut. begleitet die A. temporalis superficialis unter der
4 N. nasociliaris zieht zum medialen Augenwinkel Haut. Äste versorgen die Parotis, den äußeren Ge-
und zur Schleimhaut der Nasenhöhle, zu den Sieb- hörgang, Trommelfell, und das Kiefergelenk.
beinzellen und zur Keilbeinhöhle. 4 N. lingualis, verdammt wichtiger Ast (wer ist das
nicht?), verläuft zwischen den Pterygoideusmus-
N. maxillaris (N. V2) keln nach kaudal. Am Mundboden unterkreuzt er
Der sensible N. maxillaris zieht durch das Foramen ro- den Ductus submandibularis und zieht seitlich in
tundum in die Fossa pterygopalatina. Dort teilt er sich den Zungenkörper hinein. Außer der sensiblen
auf in: Versorgung der vorderen zwei Drittel der Zunge
4 R. meningeus zieht noch vor dem Durchtritt durch gibt er Äste zum weichen Gaumen und zum Mund-
das Foramen rotundum zur Dura. boden ab. Ihn benutzt die (sensorisch-parasympa-
4 N. zygomaticus schleicht sich von unten über die thische) Chorda tympani als Trittbrettfahrerin.
Fissura orbitalis inferior in die Orbita hinein. Er 4 N. alveolaris inferior zieht annähernd parallel
teilt sich dann in den N. zygomaticofacialis, der zum N. lingualis in den Canalis mandibulae hinein,
über das Jochbein zur Haut zieht, und den N. zygo- um von dort aus die Unterkieferzähne zu versor-
maticotemporalis, der die Haut der Schläfengegend gen. Ihr Endast, der N. mentalis, tritt am Foramen
versorgt. mentale zur Gesichtshaut des Kinns aus.
4 Rr. ganglionares ziehen kurz und bündig von der
Peripherie unverschaltet durch das Ggl. pterygo- Prüfungsfallstricke
palatinum. Die Nn. palatini kommen von der Als Additiv lagert sich der motorische N. mylo-
Schleimhaut des Gaumens, der Gaumenbögen, der hyoideus streckenweise dem N. alveolaris inferior
Tonsillen und der Uvula. Die Rr. alveolares supe- an, gehört aber, streng genommen, nicht zu ihm
riores posteriores innervieren die oberen Mahl- (Achtung Fangfragen!).
zähne. Der N. nasopalatinus zieht vom Ggl. ptery-
gopalatinum zur Schleimhaut des Nasenseptums
nach vorn zum Canalis incisivus. Er versorgt Der motorische Teil umfasst:
die vordere Gaumenschleimhaut und die oberen 4 Kaumuskel-Nerven: N. massetericus, Nn. tem-
Schneidezähne. porales profundi, Nn. pterygoideus lateralis und
4 N. infraorbitalis: dicker Endast, der durch die medialis,
Fissura orbitalis inferior über den Canalis infra- 4 N. mylohyoideus schmiegt sich eine Zeit lang an
orbitalis durch das Foramen infraorbitale zur Ge- den N. alveolaris inferior, verlässt ihn aber recht-
sichtshaut seitlich der Nasenflügel zieht. Im Canalis zeitig vor dem Foramen mandibulae, und zieht
infraorbitalis zweigen ab: zum M. mylohyoideus und dem Venter anterior
5 R. alveolaris superior medius und des M. digastricus.
5 Rr. alveolares superiores anteriores für die
Zähne des Oberkiefers. Merke
Die für die orientierende neurologische Unter-
N. mandibularis (N. V3) suchung einfach zugänglichen Trigeminusdruck-
Der N. mandibularis ist ein gemischter Nerv. Sein punkte sind die Hautbezirke über
größerer Teil ist sensibel, die kleinere Radix motoria 4 dem Foramen supraorbitale (N. supraorbitalis,
verläßt die mittlere Schädelgrube durch das Foramen aus V1),
ovale. In der Fossa infratemporalis teilt sich der Nerv 4 dem Foramen infraorbitale (N. infraorbitale,
gleich medial des von ihm unberührten Ggl. oticum aus V2) und
folgendermaßen auf: 4 dem Foramen mentale (N. mentalis, aus V3).
Der sensible Teil hat folgende Äste:
4 R. meningeus zieht sich gleich wieder über das
Foramen spinosum in die mittlere Schädelgrube
zurück. 5.5.4 N. intermediofacialis (N. VII)
4 N. buccalis innerviert die Haut auf der Außenflä-
che des M. buccinator (der wiederum motorisch Diese Bezeichnung suggeriert ein gemeinsames Kern-
vom N. facialis versorgt wird!). gebiet und gemeinsame Funktionen eines irgendwie
146 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

zusammengesetzten Nerven, des N. facialis und N. in-


termedius. Keines von beiden ist wahr. Der N. facialis major betroffen (Test: erhöhte Geräuschempfind-
ist ein motorischer Nerv für die mimische Muskula- lichkeit beim Telefonieren, Hyperakusis, bzw. uni-
tur, den Venter posterior des M. digastricus und den laterale Schmeckempfindungsstörungen).
M. stylohyoideus. Der N. intermedius hingegen ist ein Die zentrale Parese (Ursache oberhalb des
gemischter parasympathisch-sensorischer Nerv. Facialiskerns) hat dieselben Symptome, außer der
Lähmung der Stirnmuskeln, denn diese werden
N. facialis noch durch die andere Seite versorgt (Kontralate-
Der N. facialis (N. VII) im strengeren Sinne ist moto- rale Versorgung; Kreuzung).
risch. Sein Kerngebiet liegt im Rhombencephalon.
Dort macht er einen scharfen Bogen um den Abducens-
5 kern (Inneres Facialisknie) und zieht dann zusammen N. intermedius
mit dem N. intermedius und dem N. vestibulocochlearis Der N. intermedius enthält Fasern für die parasym-
aus dem Kleinhirnbrückenwinkel in den Meatus acus- pathische (sekretorische, efferente) Versorgung einiger
ticus internus. Er verlässt die Schädelbasis durch das Drüsen sowie sensorische, afferente Fasern für die
Foramen stylomastoideum und zieht durch die Paro- Geschmacksknospen der Zunge und des Gaumens. Er
tisloge zur mimischen Muskulatur (7 Kap. 5.3.1). Seine verläuft unter dem N. facialis im Meatus acusticus
Äste sind: internus, schlägt im Felsenbein dann einen Haken. Am
4 N. stapedius, bleibt noch im Felsenbein für die Ganglion geniculi (äußeres Facialisknie) teilen sich
motorische Innervation des M. stapedius, die Wege in:
4 N. auricularis posterior, für den M. epicranius, 4 N. petrosus major und
4 R. digastricus, für den hinteren Bauch des M. digas- 4 Chorda tympani.
tricus.
4 R. stylohyoideus, für den gleichnamigen Muskel Der N. petrosus major führt an der Vorderfläche des
4 Plexus parotideus, mit Rr. temporales, zygomatici, Felsenbeins herab ins Foramen lacerum. In der Fossa
buccales, R. marginalis mandibulae für die mimi- pterygopalatina trifft er das Ggl. pterygopalatinum, wo
sche Muskulatur. parasympathische postganglionäre Fasern für die In-
4 R. colli, für das Platysma. nervation der Tränendrüse (entlang dem N. zygomati-
cofacialis und dem N. lacrimalis) umgeschaltet werden.
Merke Sensorische Afferenzen der Gaumengeschmacksknos-
Ausnahme: Es gibt einen ganz kleinen sensiblen pen legen sich an den N. petrosus major an, ihre Peri-
Anteil des N. facialis: Es sind dies Rr. communi- karyen liegen in den pseudounipolaren Zellen des
cantes mit dem R. auricularis N. vagi und dem Ggl. geniculi. (. Abb. 5.10).
Plexus tympanicus des N. glossopharyngeus für Die Chorda tympani, so benannt, weil sie sichtbar
die Versorgung des äußeren Gehörgangs und das als feine »Saite« über das Trommelfell zieht, begibt sich
Trommelfell. über die Fissura sphenotympanica (Glaser-Spalte) in
die Fossa infratemporalis, und bandelt mit dem N. lin-
gualis an. Parasympathische Fasern für die Gll. sub-
KLINIK mandibularis und sublingualis werden im Ggl. sub-
Fazialisparese. Bei einer Schädigung des N. facialis mandibulare umgeschaltet. Sensorische Fasern von den
kann es je nach Höhe der Störung zu einem Ausfall Geschmacksknospen der vorderen 2∕3 der Zunge wer-
der Zielorgane kommen. Schädigungen, die zur den geradewegs über das Ggl. geniculi in den Nucleus
peripheren Parese führen, können überall distal tractus solitarii im Hirnstamm geleitet.
des Facialiskerns liegen. Bei der peripheren Parese
distal des Foramen stylomastoideum erlahmt die KLINIK
gesamte Gesichtsmuskulatur der betroffenen Seite Manipulationen oder Erkrankungen im Mittelohr
(Test: Mund aufblasen, Dackelfalten [Stirn], Pfeifen: können wegen der Exposition der Chorda tympani
negativ). Sensorische und parasympathische Leis- auf dem Trommelfell zu einer Schmeckstörung
tungen sind nicht betroffen. Bei einer höheren (Hypogeusie, Ageusie) führen.
Schädigung, z. B. Crash im Felsenbein, sind auch
Zielgebiete der Chorda tympani und des N. petrosus
6
5.5 · Hirnnerven
147 5
5.5.5 N. glossopharyngeus (N. IX) 4 sensibel (Kerngebiet: Ncl. posterior nervi vagi)
Zungengrund, Pharynx, Larynx, Ohrmuschel, Teile
Der N. glossopharyngeus führt motorische, parasym- des äußeren Gehörgangs, Dura mater der hinteren
pathische, sensorische und sensible Fasern durch Kopf Schädelgrube;
und Hals. 4 sensorisch (Geschmacksfasern; Kerngebiet: Ncl.
Er verläuft zusammen mit dem N. vagus und tractus solitarii): Larynx;
N. accessorius durch das Foramen jugulare. Oberhalb 4 parasympathisch (Kerngebiet: Ncl. posterior nervi
und unterhalb der Schädelbasis liegen die oberen und vagi): Für die glatte Muskulatur der Bauch- und
unteren Ganglien (sensibles Ggl. superius und senso- Brustorgane bis zum Cannon-Böhm-Punkt (Flexu-
risches Ggl. inferius). Er legt sich an den M. stylopha- ra coli sinistra) (7 Kap. 7 und 8).
ryngeus und gibt folgende Äste ab:
4 N. tympanicus führt sensible Fasern für die Pau- Der N. vagus verläuft dann in der Nerven-Gefäß-
kenhöhle und äußeren Gehörgang. Parasympa- Scheide des Halses zusammen mit der A. carotis interna
thische Fasern für Gl. parotis und Zungendrüsen und der V. jugularis interna und tritt seitenverschieden
gelangen zur Paukenhöhle. Die Verlängerung, der in den Brustraum ein. Auf der rechten Seite zieht er
N. petrosus minor, zieht durch die Vorderseite des vor die A. subclavia und zwischen V. brachiocephalica
Felsenbeins in die mittlere Schädelgrube, die er dextra und Truncus brachiocephalicus hinter die Lun-
durch die Fissura petrosquamosa wieder verlässt. genwurzel. Links zieht er über den Arcus aortae, hinter
Im Ggl. oticum der Fossa infratemporalis werden die Lungenwurzel und verliert sich zusammen mit dem
die sekretorischen Fasern umgeschaltet und gelan- rechten Vagus im Plexus oesophageus. Der Truncus
gen mit dem N. auriculotemporalis (aus V3) zur vagalis anterior sammelt den Hauptteil dieser Fasern
Gl. parotis. Die Kommunikation zwischen Pauken- (Fortsetzung dieser spannenden Geschichte in 7 Kap. 7).
höhle und Ggl. oticum heißt auch Jacobson-Anas- Für den Kopf-Hals-Bereich sind die somatischen und
tomose. sensorischen Äste relevant.
4 Rr. pharyngei führen motorische und sensible Fa- Somatische Äste des N. vagus sind:
sern zur Muskulatur und Schleimhaut der hinteren 4 R. meningeus verläuft gleich wieder durch das
Pharynxwand (Mm. constrictores pharyngis). Foramen jugulare zurück zur occiptalen Dura.
4 Rr. tonsillares sind sensible Fasern für die Tonsilla 4 R. auricularis ist rein sensibel und (Achtung
palatina. Sammler!) der einzige Hautast des Vagus. Er küm-
4 R. sinus carotici leitet chemosensorische Informa- mert sich um die hintere Ohrmuschel und einen
tionen des Glomus caroticum sowie pressosen- Teil des äußeren Gehörgangs.
sorische Informationen des Sinus caroticus in den 4 Rr. pharyngei zeichnet verantwortlich für die mo-
Hirnstamm. torische Versorgung des Pharynx (hauptsächlich
4 Rr. linguales enthalten sensible Fasern für die M. constrictor pharyngis medius und inferior). An
Schleimhaut des hinteren Zungendrittels sowie der hinteren Rachenwand bildet er zusammen mit
Geschmacksfasern der Papillae vallatae und dem N. glossopharyngeus den Plexus pharyngeus.
foliatae. 4 N. laryngeus superior, ein dicker Ast, teilt sich
in den sensiblen R. internus und den gemischten
R. externus. Der R. internus durchbohrt die Mem-
5.5.6 N. vagus (N. X) brana thyrohyoidea, schleicht sich zur Schleimhaut
des Rec. piriformis und versorgt von dort aus mit
Der N. vagus kann ebenfalls alles bieten: er führt moto- Endverzweigungen die Kehlkopfschleimhaut bis
rische, sensible, parasympathische und sekretorische zur Stimmritze und die Epiglottis. Der motorische
Fasern. Als einziger Hirnnerv führt er parasympathi- Anteil innerviert den einzigen äußeren Kehlkopf-
sche Anteile bis in den Brust- und Bauchraum. muskel, den M. cricothyroideus.
Er verlässt die Medulla oblongata und tritt mit den 4 N. laryngeus recurrens, eines der Highlights va-
Nn. IX und XI aus dem Foramen jugulare und hinter- galer Verlaufskunst. Auf der rechten Seite windet
lässt ebenso wie der N. IX beidseits der Schädelbasis ein sich ein Teil des Vagushauptstamms, kaum dass er
Ggl. superius (sensibel) und Ggl. inferius (sensorisch). die Brusthöhle erreicht hat, als N. laryngeus recur-
Seine Innervationsgebiete sind: rens unter der A. subclavia hindurch in den Hals
4 motorisch (Kerngebiet: Ncl. ambiguus): Pharynx- zurück. In der Rinne zwischen Trachea und Öso-
muskulatur, Larynxmuskulatur, M. levator veli phagus erreicht er den Kehlkopf von unten. Dem
palatini, oberes Drittel des Ösophagus; linken ergeht es nicht besser, er verschwindet je-
148 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

doch in der Nähe des Lig. arteriosum unter dem boden aus erreicht. Obwohl er als kranialer Spinalnerv
Aortenbogen und flieht vor dem Herzen in den aufgefasst werden kann, wird er als Hirnnerv bezeich-
Kehlkopf (in Wirklichkeit ist das Herz »wegge- net, weil er sich so einzigartig spezialisiert hat und aus
laufen«: Descensus cordis). Der Endast ist der einem Schädelkanal austritt, dem Foramen nervi hypo-
N. laryngeus inferior, der alle Kehlkopfmuskeln glossi. Danach verläuft er zwischen der V. jugularis
versorgt (außer dem M. cricothyroideus). interna und dem N. vagus in das Trigonum caroticum.
Er zieht dann bogenförmig nach medial zum Mund-
KLINIK boden und gelangt unter dem M. mylohyoideus durch
Durch seinen Verlauf hinter dem unteren Pol der den M. hyoglossus zur Zunge.
Schilddrüse kann der N. laryngeus recurrens von Verschiedene Äste des Plexus cervicalis (C1, C2)
einer Struma komprimiert werden. Außerdem kann legen sich an den N. hypoglossus an und bilden mit ihm
5 er auch chirurgisch bei Schilddrüsenresektionen die Ansa cervicalis.
verletzt werden. Symptome: Heiserkeit (einseitig),
Erstickung durch Lähmung des einzigen Öffners Merke
der Stimmritze, des M. arythenoideus posterior Merkspruch zur Sequenz der Hirnnerven: Onkel
(beidseitig). Otto Orgelt tagtäglich, Aber Freitags verspeisst er
Gerne Viele Alte Hamburger.

Sensorische Äste. Die Geschmacksknospen des Aditus


laryngis werden von sensorischen Ästen des R. inter-
nus aus dem N. laryngeus superior versorgt (der ge- 5.6 Halsnerven
bildete Laie fragt sich: Geschmacksknospen am Kehl-
kopf?? Hier reagieren Geschmacksknospen nicht auf Die Nerven des Halses, die nicht zu den Hirnnerven ge-
klassische Geschmacksreize (süß-sauer-bitter-salzig- hören, speisen sich aus den Zervikalsegmenten C1–C8.
umami), sondern eher auf die Ionenstärke der Lösung
und auf den pH). Merke
Nur die vorderen Äste (Rr. anteriores) aus C1–C4
Merke werden im Plexus cervicalis (7 Kap. 5.6.2) zusam-
Der N. laryngeus superior innerviert den Kehlkopf mengefasst.
sensibel und den M. cricothyroideus motorisch.

5.6.1 Rr. posteriores


5.5.7 N. accessorius (N. XI)
Grundsätzlich sind die zur Rückenhaut und zur auto-
Der N. accessorius innerviert den M. sternocleidomas- chthonen Rückenmuskulatur ziehenden Äste der Spi-
toideus und den M. trapezius. nalnerven schwächer als die vorderen (Rr. anteriores).
Dieser zusätzliche, accessorische, Hirnnerv hat aus-
gedehnte hohe spinale Ursprungssäulen (Ncl. n. acces- Merke
sorii von der Medulla oblongata bis C5). Er ist überwie- Vielfach wird noch die alte Nomenklatur verwen-
gend motorisch, und sein Hauptstamm zieht zusam- det, so benutzt auch der GK anstelle »R. anterior«
men mit dem N. vagus und dem N. glossopharyngeus und »R. posterior« die nicht offiziellen Begriffspaare
durch das Foramen jugulare. Er zieht seitlich nach hin- »R. ventralis« und R. dorsalis«.
ten und innerviert den M. sternocleidomastoideus,
von dort überquert er im lateralen Halsdreieck den
M. levator scapulae und begibt sich an die Unterfläche Die Rr. posteriores der Segmente C1‒C3 besitzen Eigen-
des M. trapezius, den er auch innerviert. namen:
4 C1: N. suboccipitalis,
4 C2: N. occipitalis major und
5.5.8 N. hypoglossus (N. XII) 4 C3: N. occipitalis tertius.

Der letzte im Bunde ist der N. hypoglossus. Sein Ziel- Der N. occipitalis major ist der stärkste Ast, durch-
gebiet ist die Zungenmuskulatur, die er vom Mund- bohrt den M. trapezius, innerviert ihn aber nicht und
5.7 · Vegetative Innervation am Kopf und Hals
149 5

zieht zur Haut der Hinterhauptregion, die er sensibel Der rechte Phrenicus verläuft zwischen Perikard
versorgt. Gelegentlich innerviert er auch den Tractus und Pleura mediastinalis zum Zwerchfell. Der
lateralis der (autochthonen) Nackenmuskeln. linke N. phrenicus ist wegen der Linienführung
Die Nerven aus C1 und C3 sind überwiegend mo- des Herzens etwas länger. Am Hals innerviert der
torische Äste für die tiefen Nackenmuskeln. N. phrenicus nichts.
5 Sensible Versorgung: Perikard, Pleura, Perito-
neum.
5.6.2 Rr. anteriores 5 Motorische Versorgung: Zwerchfell.

Der Plexus cervicalis stammt aus den Rr. anteriores Plexus brachialis (7 Kap. 3.5.1)
der Zervikalnerven C1‒C4. Diese treten im lateralen
Halsdreieck in der Tiefe zwischen dem M. scalenus me-
dius und dem M. levator scapulae aus. 5.7 Vegetative Innervation
am Kopf und Hals
Merke
Die sensiblen Äste treten im Punctum nervosum 5.7.1 Pars sympathica
(Erb-Punkt) am Hinterrand des M. sternocleidomas-
toideus an die Oberfläche. Die motorischen Äste Im Kopf und Hals werden folgende Gewebe/Organe
sind die Ansa cervicalis und der N. phrenicus. sympathisch versorgt:
4 Wände der Blutgefäße,
4 Mm. arrectores pilorum der Haut,
Sensible Äste 4 Schweißdrüsen,
Vom Punctum nervosum (Erb-Punkt), einem Bezirk 4 M. dilatator pupillae,
am Hinterrand des M. sternocleidomastoideus, verlau- 4 M. ciliaris und
fen die sensiblen Äste des Plexus cervicalis subkutan: 4 Mm. tarsales.
4 N. occipitalis minor, C2‒C4, zieht zur Haut des Hin-
terkopfs lateral an das Feld des N. occipitalis major. Merke
4 N. auricularis magnus, C2‒C3, überkreuzt den Postganglionäre sympathische Nervenfasern
M. sternocleidomastoideus, innerviert die Gegend folgen grundsätzlich dem Verlauf von Arterien.
über dem Kieferwinkel (R. anterior) und die Hin-
terseite der Ohrmuschel (R. posterior).
4 N. transversus colli, C2‒C3, zieht ebenfalls über Leider besitzt das Halsmark selbst keine sympathischen
den M. sternocleidomastoideus, und innerviert die Ursprungsganglien. Dafür stellt das Brustmark über
Haut in der Mitte des Halses im supra- und infra- den sympathischen Grenzstrang 3 wirbelsäulennahe
hyalen Bereich. Äste dieses Nerven nehmen Ana- sympathische Ganglien sowie eine Leiter aus dem Brust-
stomosen des N. facialis (R. colli) für die moto- bereich an den Hals. Die 3 »Leitersprossen« sind fol-
rische Innervation des Platysma mit. gende Strukturen:
4 Nn. supraclaviculares, C3‒C4, verlaufen unter 4 Ganglion cervicale inferius, verschmolzen mit
dem Platysma nach kaudal und verzweigen sich dem obersten Ganglion des thorakalen Grenz-
dann oberhalb des Schüsselbeins unter der Haut. strangs als »Ganglion stellatum« (Ggl. cervico-
thoracicum). Es liegt gleich oberhalb der Pleura-
Motorische Äste kuppel vor dem Köpfchen der 1. Rippe. Postganglio-
Die motorischen Äste umfassen: näre Fasern gehen zum Plexus cardiacus und zum
4 Ansa cervicalis: wird aus einer Radix superior und Plexus vertebralis um die A. vertebralis.
einer Radix posterior gebildet. Die Radix superior 4 Ganglion cervicale medium liegt auf Höhe des
kommt aus C1‒C2 und hatte sich bekanntlich dem 6. Halswirbels, gibt Fasern an den Plexus cardiacus
N. hypoglossus angelegt (s. o.). Sie verläuft inner- ab.
halb der Gefäß-Nerven-Scheide und gesellt sich zur 4 Ganglion cervicale superius, liegt auf Höhe des
Radix inferior (C2‒C3), um gemeinsam die infra- 2. Halswirbels, gibt Fasern an den Plexus cardiacus,
hyale Muskulatur zu versorgen. Plexus caroticus ab. Weiterhin werden hier Pro-
4 N. phrenicus, aus C4, mit Nebenästen aus C3 und jektionen von Retina-Ganglienzellen über mehrere
C5, verläuft auf dem M. scalenus anterior, zieht Neuronenketten zum Pinealorgan (Epiphyse) ver-
dann zwischen A. und V. subclavia in den Thorax. schaltet (Tag-Nacht-Rhythmus, 7 Kap. 9.6).
150 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

Diese Ganglien sind untereinander mit Rami inter- benutzen sie allerdings vielfach deren Fasersysteme
ganglionares verbunden. als »Trittbrettfahrer für Mietnerven«. Näheres ist aus
. Tab. 5.12 ersichtlich.
KLINIK
Eine Kompression oder Verletzung des Ganglion
stellatum kann zu einem Ausfall postganglionärer 5.8 Arterien und Venen
sympathischer Versorgungsgebiete führen: Das
Vollbild des Horner-Syndroms zeigt: Die Arterien von Kopf und Hals kommen aus der
1. Miosis (enge Pupillen), Ausfall des M. dilatator A. subclavia und der A. carotis communis (die A. caro-
pupillae, tis communis hat in der Regel keine direkten Abgänge).
2. Ptosis (herabhängendes Oberlid), Ausfall des Die V. subclavia, Vv. jugularis interna und externa lei-
5 M. tarsalis und ten das Blut in die Vv. brachiocephalicae.
3. Enophthalmus (eingesunkener Augapfel):
der Ausfall des M. orbitalis ist allerdings kaum
sichtbar; der Enophthalmus wird durch die 5.8.1 A. subclavia
Ptosis nur vorgetäuscht.
Die A. subclavia sinistra geht aus dem Arcus aortae her-
Weitere mögliche Symptome sind Anhidrosis (ver- vor, die rechte aus dem Truncus brachiocephalicus
minderte Schweißsekretion) und Vasodilatation. (. Tab. 5.13).

Äste der A. subclavia


Die A. thoracica interna versorgt den vorderen Brust-
5.7.2 Pars parasympathica korb (7 Kap. 7).
Die A. vertebralis zieht zunächst vor der Hals-
Parasympathische Kerngebiete des Hirnstamms sind wirbelsäule in das Foramen transversarium des 6. Hals-
im Prinzip unabhängig von Kerngebieten anderer Hirn- wirbels und beschreibt hinter der Massa lateralis des
nerven (. Abb. 5.15). Aufgrund der Nähe zu ihnen Atlas einen Bogen, dringt in das Cavum subarachnoi-

. Tab. 5.12. Parasympathische Innervation von Kopf und Hals


Zuordnung Name Kerngebiet 2. Ganglion Verlauf, Anlagerung Zielgebiet,
zu Hirnnerv (1. Ganglion) an nichtparasympathi- Funktion
schen »Miet«nerv
N. oculomotorius Radix oculo- Ncl. oculomotoius Ggl. ciliare Obere Orbita, M. ciliaris,
(N. III) motoria accessorius N. oculomotorius M. sphincter
Edinger-Westphal pupillae; Nahein-
stellung, Pupillen-
verengung
N. intermedius N. petrosus Ncl. salivatorius Ggl. pterygo- Äußeres Facialisknie, Tränendrüse,
(Teil des N. VII) major superior palatinum N. zygomaticofacialis, Gaumendrüsen:
N. lacrimalis (V2) Sekretion
Chorda Ncl. salivatorius Ggl. subman- Fossa infratemporalis: Gl. submandi-
tympani superior dibulare N. lingualis (V3) bularis, Gl. sublin-
gualis, Sekretion
N. glossopharyn- N. petrosus Ncl. salivatorius Ggl. oticum Fossa infratemporalis: Gl. parotis:
geus (N. IX) minor inferior N. auriculotemporalis Sekretion
(Jacobson- (V3)
Anastomose)
N. vagus (N. X) Ncl. posterior Hals. Glatte Muskulatur
n. vagi Plexus pharyngeus (mit und Drüsen der
N. glossopharyngeus) Thorax- und
Bauchorgane
(7 Kap. 7)
5.8 · Arterien und Venen
151

. Abb. 5.15. Versorgungsgebiet des Parasympathicus im Kopf-/Halsbereich. (Nach Tillmann 2005) (7 farbige Abb. S. 335)
5
152 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

dorsi. Als eigenständige Arterie heißt sie »A. dorsa-


. Tab. 5.13. Äste der A. subclavia
lis scapulae«.
Hauptast Seitenäste 4 A. suprascapularis versorgt das Schultergelenk
A. thoracica int. Rr. mediastinales und die umgebenden Muskeln. Sie zieht über
Rr. thymici dem Lig. transversum scapulae in die Fossa supra-
A. pericardiacophrenica spinata. Manchmal entspringt sie direkt aus der
Rr. mammarii A. subclavia.
Rr. intercostales anteriores
A. musculophrenica
Der Truncus costocervicalis entspringt hinter dem
A. epigastrica superior
M. scalenus anterior mit 2 Ästen:
A. vertebralis Rr. spinales 4 A. cervicalis profunda, die zwischen den Quer-
5 R. meningeus
Aa. spinales posteriores
fortsätzen von C7 und Th1 zur tiefen Nackenmus-
kulatur zieht.
A. spinalis anterior
4 A. intercostalis suprema, die als Stamm für die
A. inferior posterior cerebelli
A. basilaris
ersten beiden Intercostalarterien fungiert.
5 A. inferior anterior cerebelli
5 Rr. ad pontem
5 A. superior cerebelli 5.8.2 A. carotis communis
5 A. cerebri posterior
Truncus thyrocervicalis A. thyroidea Die rechte A. carotis communis verlässt den Truncus
A. cervicalis ascendens brachiocephalicus, die linke den Arcus aortae. Sie wird
A. cervicalis superficialis zunächst vom M. sternocleidomastoideus bedeckt, liegt
A. suprascapularis aber im Trigonum caroticum frei, nur bedeckt von der
A. intercostalis suprema Halsfaszie und dem Platysma. Sie läuft zusammen mit
Truncus costocervicalis A. cervicalis profunda dem N. vagus und der V. jugularis interna in der Gefäß-
A. intercostalis suprema Nerven-Scheide des Halses und teilt sich in Höhe von
C4/C5 (unterer Schildknorpelrand) in ihre Endäste, die
A. transversa cervicis R. superficialis
R. profundis A. carotis interna und A. carotis externa (Bifurcatio ca-
(A. dorsalis scapulae) rotidis).

Sinus caroticus
An der Aufteilungsstelle ist die Wand der A. carotis
dale und gelangt durch das Foramen magnum in die communis etwas erweitert und trägt den Namen Sinus
hintere Schädelgrube. Auf dem Clivus laufen die beiden caroticus. Hier liegen 2 Rezeptororgane:
oft asymmetrischen Aa. vertebrales nach oben und ver- 4 Glomus caroticum: Cluster von chemorezeptiven
einigen sich am unteren Brückenrand zur A. basilaris. Zellen, die Informationen vornehmlich über den
Diese beteiligt sich an der Versorgung des Gehirns Sauerstoffgehalt des Bluts über einen Ast des N. IX
(7 Kap. 9.11.1). ans Atem-/Kreislaufzentrum in der Formatio reti-
Der Truncus thyrocervicalis verlässt die A. sub- cularis und Kollateralen an den Ncl. dorsalis n. vagi
clavia am medialen Rand des M. scalenus anterior. Er weiterleiten.
teilt sich in: 4 Pressorezeptoren liegen direkt in der Arterien-
4 A. thyroidea inferior, die zum unteren Pol der wand und registrieren den arteriellen Druck.
Schilddrüse zieht. Versorgungsgebiete sind Schild-
drüse, Teile des Pharynx, Ösophagus, Trachea und KLINIK
Larynx (A. laryngea inferior). Falls die Carotiden an dieser Stelle beidseitig
4 A. cervicalis ascendens zieht auf dem M. scalenus plötzlich abgedrückt werden, kann dies reflekto-
anterior nach oben und versorgt Skalenusmuskeln risch zum Herzstillstand führen (z. B. Tod durch
und tiefe Nackenmuskeln sowie Teile des Rücken- Erhängen; über den N. IX als afferenten und N. X als
marks (Rr. spinales). efferenten Schenkel). Den Carotis-Druck-Versuch
4 A. transversa cervicis (colli) zieht nach lateral darf man daher niemals beidseitig und ohne Re-
und teilt sich in einen R. superficialis für den animationsausrüstung durchführen; keine hero-
M. trapezius sowie einen R. profundus zur Versor- ischen Selbstversuche!
gung der Mm. rhomboidei und des M. latissimus
5.8 · Arterien und Venen
153 5
5.8.3 A. carotis interna (7 Kap. 9.11.1 und 5.8.4 A. carotis externa
7 Kap. 10.2.2 und 7 Kap. 10.3.4)
Das Einflussgebiet der A. carotis externa erstreckt sich
Die A. carotis interna hat am Hals keine Abgänge. Kra- außerhalb der Schädelhöhle an Hals und Gesicht. Aus-
nial der Bifurkation liegt sie seitlich hinter der A. caro- gehend vom Trigonum caroticum gelangt sie hinter den
tis externa. Sie steigt durch den Canalis caroticus in den Unterkiefer, bedeckt von der Ohrspeicheldrüse und
Schädelraum, schmiegt sich an den Rand des Keil- seitlich überkreuzt vom M. digastricus und M. stylo-
beinkörpers und zieht durch den Sinus cavernosus hyoidues. Medial vom Ramus mandibulae teilt sie sich
im Sinus caroticus nach vorn. Medial unterhalb in ihre Endäste, die A. maxillaris und A. temporalis
des Ala minor des Keilbeins macht sie einen schar- superficialis auf (. Abb. 5.16) (. Tab. 5.14).
fen Knick nach oben hinten (Carotis-Siphon). Im
Subarachnoidalraum verzweigt sie sich und versorgt
das Gehirn.
. Tab. 5.14. Äste der A. carotis externa
Einziger externer Ast der A. carotis interna ist die
A. ophthalmica, der intrakraniell noch unter der Dura Hauptast Seitenäste
durch den Canalis opticus in die Augenhöhle führt. A. thyroidea superior A. laryngea superior
Ihre Äste sind:
A. lingualis A. sublingualis
4 A. centralis retinae für die Netzhaut,
A. profunda linguae
4 A. lacrimalis zieht mit dem M. rectus lateralis zur
Tränendrüse, A. facialis A. palatina ascendens
Rr. tonsillares
4 mehrere Äste für den Augapfel,
A. submentalis
4 Aa. ethmoidales anterior und posterior. Die
A. labialis sup. et inf.
A. ethmoidalis anterior zieht durch das Foramen A. angularis
ethmoidale anterius in der medialen (nasalen) Or-
A. pharyngea Rr. pharyngei
bitawand durch die Siebbeinzellen und kriecht mit
ascendens A. meningea posterior
einem Ast in die vordere Nasenhöhle. Ein Ast zieht
A. tympanica inferior
durch die Lamina cribrosa zur Dura des Siebbeins
und vermutlich zum Bulbus olfactorius. A. occipitalis
4 Aa. palpebrales mediales, für die beiden Augen- A. auricularis posterior A. stylomastoidea
lider, A. tympanica posterior
4 A. supratrochlearis, Ast zur Stirn, und R. auricularis
4 A. dorsalis nasi zieht zum Nasenrücken und ana- A. temporalis super- A. transversa faciei
stomosiert mit der A. angularis aus der A. facialis ficialis Rr. parotidei
(Anastomose zwischen A. carotis externa und A. zygomaticoorbitalis
A. carotis interna). A. temporalis media
Rr. auriculares anteriores
R. frontalis
R. parietalis
A. maxillaris A. auricularis profunda
A. tympanica anterior
A. alveolaris inferior
mit R. mylohyoideus
und A. mentalis
A. meningea media
A. masseterica
Rr. pterygoidei
Aa. temporales profundae
A. buccalis
A. alveolaris superior posterior
A. palatina descendens
A. canalis pterygoidei
A. sphenopalatina
A. infraorbitalis mit Aa. alveolares
superiores medii et anteriores
. Abb. 5.16. Äste der A. carotis externa. (Schiebler 2005)
154 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

Merke Die A. maxillaris ist der stärkere Endast der A. ca-


rotis externa. Sie zieht von der Ohrspeicheldrüse nach
Die Astfolge lässt sich folgendermaßen beschrei-
innen an der Medialseite des Unterkiefers in die Fossa
ben: Theo Lingen fabriziert phantastische Ochsen-
infratemporalis (Pars mandibularis). Dort legt sie sich
schwanzsuppe aus toten Maeusen.
zwischen die Pterygoideusmuskeln (Pars pterygoidea)
und hält auf die Fossa pterygopalatina (Pars pterygo-
Die A. thyroidea superior verläuft geschlängelt zum palatina) zu. Sie gibt 13 (dreizehn!) Äste ab.
oberen Pol der Schilddrüse. Vorher gibt sie die A. laryn- Pars mandibularis der A. maxillaris hat folgende
gea superior für den Kehlkopf ab, die sie gemeinsam Äste:
mit dem N. laryngeus superior durch die Membrana 4 A. auricularis profunda zum Kiefergelenk und
thyroidea erreicht. äußeren Gehörgang,
5 Die A. lingualis zieht nach medial und gelangt zwi- 4 A. tympanica anterior kommt der Chorda tympani
schen dem M. hyoglossus und M. genioglossus zur aus der Paukenhöhle entgegen,
Zunge. Da sie stark geschlängelt verläuft, hat sie genug 4 A. alveolaris inferior ist der Kardinalast für die
Reserven, um der Zunge auch bei kuriosen Bewe- Versorgung der Zähne des Unterkiefers. Äste sind
gungen zu folgen. Äste versorgen die Gl. sublingualis. der R. mylohyoideus und die A. mentalis, die durch
Die A. facialis versorgt die mimische Gesichts- das Foramen mentale zum Kinn führt, und
muskulatur, sowie Gaumen, Mundboden und Pha- 4 A. meningea media, wichtiges Gefäß, das durchs
rynx. Sie kommt aus dem Trigonum caroticum und Foramen spinosum in die mittlere Schädelgrube
klettert am Vorderrand des M. masseter über den Un- zieht und dort die temporale Schädelwand ver-
terkieferrand, wo sie auch tastbar ist. Sie durchquert sorgt.
die mimische Muskulatur und hält sich medial bis
zur Nasenwurzel, wo sie in die A. angularis übergeht. Pars pterygoidea der A. maxillaris umfasst folgende
Diese anastomosiert dann mit der A. ophthalmica der Äste:
A. carotis interna. Weitere Äste sind: 4 Äste für die Kaumuskeln: A. masseterica, Rr. ptery-
4 A. palatina ascendens, die an der Seitenwand des goidei, Aa. temporales profundae zu den jeweiligen
Pharynx zum Gaumen zieht. Sie bildet eine Anasto- Muskeln,
mose zur A. palatina descendens der A. maxillaris. 4 A. buccalis schwacher Ast für den M. buccinator.
4 Rr. tonsillares versorgen die Gaumenmandel.
4 A. submentalis, führt zur Gl. submandibularis und Pars pterygopalatina der A. maxillaris gibt folgende
den suprahyalen Muskeln, Äste ab:
4 A. labialis superior und A. labialis inferior ver- 4 A. alveolaris superior posterior für die Kiefer-
sorgen die Ober- und Unterlippe. Sie treffen sich im höhle und die Molaren des Oberkiefers,
M. orbicularis oris. 4 A. palatina descendens führt durch den Canalis
palatinus major zum Gaumen. Dort anastomosiert
Die A. pharyngea ascendens verläuft an der Seiten- sie mit der A. palatina ascendens der A. facialis,
wand des Rachens, wo sie folgende Äste abgibt: 4 A. canalis pterygoidei zieht zur Tuba auditiva und
4 Rr. pharyngei an die Muskulatur, zum Rachen,
4 A. tympanica inferior für die Paukenhöhle und 4 A. sphenopalatina zieht durch das Foramen
4 A. meningea posterior für die Dura der hinteren sphenopalatinum in die hintere Nasenhöhle und
Schädelgrube. verzweigt sich für die Versorgung der Nasen-
höhle in Aa. nasales posteriores mediales und
Die A. occipitalis begibt sich zur Hinterhauptsregion. laterales.
Lateral der Protuberantia occipitalis externa durch- 4 A. infraorbitalis gelangt durch die Fissura orbitalis
bohrt sie den Ursprung des M. trapezius und gelangt inferior in die Orbita. Durch das Foramen infra-
zur Oberfläche. orbitale versorgt sie das dortige Hautareal, die
Die A. auricularis posterior zieht über den M. stylo- Oberlippen und das untere Augenlid. Ihre Äste
hyoideus und führt Äste zur Ohrmuschel sowie zum Aa. alveolares superiores medii et anteriores ver-
Mittel- und Innenohr. sorgen zusammen mit Ästen der A. alveolaris supe-
Die A. temporalis superficialis ist die gerade Fort- rior posterior die Zähne des Oberkiefers.
setzung der A. carotis externa nach kranial. Obwohl ein
eher schwacher Ast, ist sie manchmal deutlich geschlän-
gelt in der Schläfenregion unter der Haut zu sehen.
5.9 · Lymphknoten und Lymphgefäße
155 5

KLINIK 4 V. retromandibularis: Zusammenfluss der Vv. tem-


Bei Verletzung der A. meningea media kann es zur porales superficialis, V. temporalis media und V. trans-
Ausbildung eines epiduralen Hämatoms kommen. versa faciei sowie aus dem Plexus pterygoideus (aus
Fossa infratemporalis).

Oberflächliche Halsvenen liegen auf der Halsfaszie un-


5.8.5 V. jugularis interna ter der Haut. Die V. jugularis externa drainiert das
venöse Blut aus der Regio occipitalis und der V. jugu-
Die V. jugularis interna führt das Blut aus dem Gehirn laris anterior, die wiederum das Blut der Mundboden-
über die Sinus durae matris (7 Kap. 9.11.2) ab. Ein klei- region einsammelt.
ner Teil des Bluts aus dem Schädelinneren kommt über
die Vv. emissariae und Vv. diploicae. Weiterhin ist sie KLINIK
für den venösen Rückfluss von den Weichteilen von Kopf Ein günstiger Ort für die Verlegung eines zentralen
und Hals zuständig. Sie beginnt offiziell im Foramen Venenkatheters ist die V. jugularis interna. Man
jugulare mit einer Erweiterung der Sinus sigmoideus punktiert sie auf halber Strecke am Hinterrand des
und Sinus petrosus inferior, dem Bulbus venae jugu- M. sternocleidomastoideus. Da sie in der Gefäß-
laris. Am Hals zieht sie in der Gefäß-Nerven-Scheide mit Nerven-Scheide am weitesten vorne und lateral
der A. carotis communis und dem N. vagus in die V. sub- liegt, ist das Risiko, die A. carotis communis zu ver-
clavia, und zwar am Venenwinkel (Angulus venosus). letzen, relativ gering.
Zuflüsse der V. jugularis interna sind:
4 V. lingualis,
4 V. thyroidea superior, 5.9 Lymphknoten
4 V. facialis anastomosiert am medialen Augenwin- und Lymphgefäße
kel über die V. angularis mit der V. ophthalmica
(die mit dem Sinus cavernosus in Verbindung steht) Die Lymphe der Kopfschwarte und des Gesichts wird
und über regional verschiedene Wege abgeleitet (. Tab. 5.15).

. Tab. 5.15. Lymphabfluss an Kopf und Hals


Einzugsgebiet Lymphknoten Lokalisation Abfluss
Kopf
Gesicht Nodi lymphatici auf dem M. buccinator Ndd. submandibulares
buccinatorii
Wange und vordere Kopf- Ndd. parotidei super- vor dem äußeren Gehörgang Ndd. submandibulares
schwarte bis zum Ohr ficiales et profundi
Hintere Kopfschwarte, Ndd. mastoidei auf dem Proc. mastoideus Ndd. cervicales prof.
Haut hinter dem Ohr
Hinterer Bereich der Kopf- Ndd. occipitales Höhe der Linea nuchalis inf. Ndd. cervicales prof.
schwarte
Wange Ndd. mandibulares um die V. facialis Ndd. cervicales prof.
Kinn und Unterlippe, Gingiva Ndd. submentales unter dem Kinn Ndd. cervicales prof.
Gesicht, Zunge, Ndd. submandibulares Trigonum submandibulare Ndd. cervicales prof.
Tonsillen, Zähne
Hals
Haut des Halses Ndd. cervicales super- entlang der V. jugularis ant.
ficiales und V. jugularis ext.
Lymphe des gesamten Kopfs Ndd. cervicales entlang der V. jugularis int. Truncus jugularis, dann
profundi superiores Ductus lymphaticus dexter/
sinister, zieht von dorsal in
den Venenwinkel
156 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

Die dazugehörigen Lymphknoten können in entspre- 5.10 Angewandte und topografische


chende Gruppen zusammengefasst werden. Anatomie

5.10.1 Oberflächenanatomie von Kopf


5.9.1 Lymphknoten an der Kopf-Hals- und Hals
Grenze
Das Oberflächenrelief des Kopfs ist recht eindeutig: Am
Hierzu gehören die Nodi lymphatici submentales, Hirnschädel sind wenige Knochenvorsprünge tastbar,
submandibulares, parotidei, mastoidei, occipitales z. B. der Processus mastoideus oder die Protuberantia
(. Tab. 5.16). Sie drainieren die Lymphe in die tiefen occipitalis externa. Im Gesichtsschädel sind tastbar:
Lymphbahnen am Hals. Übergang des Os nasale in den knorpeligen Anteil der
5 Nasenflügel, die Orbitaränder, die Jochbögen sowie
Unterkiefer und das Kiefergelenk.
5.9.2 Oberflächliche und tiefe Hals-
lymphknoten
5.10.2 Kopfregionen
Die Nodi lymphatici cervicales superficiales nehmen
die Lymphe entlang der V. jugularis anterior der Haut Die Kopfregionen werden nach den Knochen benannt,
des Halses auf, die Nodi lymphatici cervicales profundi die unter ihnen liegen:
liegen entlang der V. jugularis interna als zweite Kon- 4 Regio frontalis,
trollstation diejenige des gesamten Kopfs. Hierhin ge- 4 Regio parietalis,
langt ebenfalls die regionäre Lymphe der Halsorgane 4 Regio temporalis und
(Ndd. tracheales, oesophagei, retropharyngeales, thy- 4 Regio occipitalis.
roideae, linguales). Nodi lymphatici supraclaviculares
sind ober- und hinter der Clavicula liegende Lymph- Bei Kopfplatzwunden erkennt man die Schichtung des
knoten, die mit den axillären Lymphknoten in Verbin- Skalps besonders schön. Von außen nach innen sind
dung stehen. dies folgende Schichten:
4 Kopfhaut, evtl. noch mit Haaren,
4 Galea aponeurotica (flächenhafte Sehne des M. epi-
5.9.3 Lymphbahnen cranius),
4 verschiebliches Bindegewebe und
Die Lymphe aus den überregionalen Zuflüssen sam- 4 Periost der Schädelknochen.
melt sich im Truncus jugularis, der wiederum kurz vor
seinem Ende im Angulus venosus (Venenwinkel) in Nach innen setzt sich die Schichtung wie folgt fort:
den Ductus lymphaticus dexter mündet. Dieser nimmt 4 Calvaria (Schädelkalotte) mit kompaktem äußeren
noch den Truncus subclavius dexter und den Truncus Knochen (Lamina externa), Diploe, und kompak-
bronchomediastinalis auf. Auf der linken Seite münden tem inneren Knochen (Lamina interna),
der Truncus jugularis sinister, der Truncus broncho- 4 inneres Periost,
mediastinalis sinster und der Truncus subclavius sinster 4 Spatium epidurale,
in den Ductus thoracicus ein. 4 Dura mater,
4 Arachnoidea (Achtung! Ein Spatium subdurale gibt
Merke es nicht; dies entsteht erst im Falle (pathologischer)
Etwa ein Drittel aller Lymphknoten des Körpers Raumforderung durch Einblutung),
liegen am Hals. Dies spiegelt die offensichtliche 4 Spatium subarachnoidale (Subarachnoidalraum),
Mühe des Immunsystems wider, die zahlreichen 4 Pia mater und
Körperöffnungen am Kopf abzusichern. 4 Gehirn.

5.10.3 Oberflächliche Gesichtsregionen

Die oberflächlichen Gesichtsregionen sind:


4 Regio frontalis,
4 Regio orbitalis (7 Kap. 10.1),
5.10 · Angewandte und topografische Anatomie
157 5

4 Regio temporalis, Abschnitt enthält die A. carotis interna, V. jugularis


4 Regio nasalis, interna, die Vagusgruppe der Hirnnerven (IX, X,
4 Regio oralis, XI) und den N. hypoglossus. Ein ventraler Ab-
4 Regio buccalis und schnitt enthält den N. lingualis, N. alveolaris infe-
4 Regio parotideomasseterica. rior, und Chorda tympani.

KLINIK
5.10.4 Tiefe Gesichtsregionen Vom Peripharyngealraum können sich Entzün-
dungen, die z. B. von der Tonsilla palatina ausgehen,
Bei den tiefen Gesichtsregionen handelt es sich um verbreiten, z. B. Einbruch in V. jugularis (Sepsis!),
(. Tab. 5.16): in den Liquorraum (Meningitis!) oder ins Mediasti-
4 Fossa temporalis, num (Senkungsabszess)
4 Fossa infratemporalis,
4 Fossa pterygopalatina,
4 Fossa retromandibularis und
4 Orbita (7 Kap. 10.2). 5.10.6 Mundboden

Die Regio sublingualis liegt zwischen den Unter-


5.10.5 Spatium peripharyngeum kieferbögen oberhalb des M. mylohyoideus. Sie ent-
hält:
Die Räume, die den Pharynx umgeben, werden Spa- 4 die Gl. sublingualis,
tium peripharyngeum genannt. Man kann sie in 4 den hinteren Teil der Gl. submandibularis sowie
ein Spatium parapharyngeum (lateropharyngeum) und den
Spatium retropharyngeum unterteilen (. Abb. 5.17): 4 N. lingualis, der hier den Ductus submandibularis
4 Das Spatium retropharyngeum ist der Raum hin- unterkreuzt.
ter dem Pharynx, zwischen dem tiefen und mitt- 4 Der N. hypoglossus tritt am Hinterrand des
leren Blatt der Halsfaszie. M. mylohyoideus ein.
4 Das Spatium lateropharyngeum steht nach lateral 4 Das Ggl. submandibulare lagert sich dem N. lin-
mit der Parotisloge in Verbindung. Ein dorsaler gualis an.

. Tab. 5.16. Tiefe Gesichtsregionen


Region Inhalt Begrenzung
Fossa temporalis Fett, Gefäße und Nerven für den lateral: Fascia temporalis
M. temporalis medial: Os temporale, Os parietale, Os frontale,
Ala major des Keilbeins
unten: Fossa infratemporalis an der Crista infra-
temporalis
oben/hinten: Ansatz der Fascia temporalis am
Periost der Schädelkalotte
Fossa infratemporalis Mm. pterygoideus lateralis et medialis; medial: Fossa pterygopalatina
Bichat-Fettpropf (zwischen M. buccinator lateral: Arcus zygomaticus, Ramus mandibulae
und Ramus mandibulae; Alete-Bäckchen), oben: Ala major des Keilbeins
A. maxillaris, Plexus pterygoideus, unten: Ansatz des M. pterygoideus medialis
Ggl. oticum, N. mandibularis, Chorda vorne: Corpus maxillae
tympani hinten: Fossa retromandibularis
Fossa pterygopalatina Ggl. pterygopalatinum, Endäste der oben: Corpus des Keilbeins
A./V. maxillaris medial: Lamina perpendicularis des Gaumenbeins
hinten: Proc. pterygoideus des Keilbeins
vorne: Proc. orbitalis des Gaumenbeins, Corpus
maxillae
Fossa retromandibularis Gl. parotidea, A. carotis externa, zwischen Ramus mandibulae und Meatus
V. retromandibularis, N. facialis acusticus externus
158 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

. Abb. 5.17. Spatium retropharyn-


geum und lateropharyngeum in
einem Horizontalschnitt in Höhe
des Axis. Beide Räume sind durch ein
sagittales Septum voneinander ge-
trennt (e). I: Spatium retropharyn-
geum, II: Spatium lateropharyngeum,
a: Fascia masseterica, b: Fascia: paro-
tidea, c: Fascia buccopharyngea,
d: Lamina prevertebralis fasciae
cervicalis, f: Aponeurosis stylopha-
ryngea. (Schiebler 2005)
5

Das Trigonum submandibulare und das Trigonum sub- Regio cervicalis anterior
mentale breiten sich zwischen dem Unterkiefer und Die Regio cervicalis anterior wird begrenzt durch die
dem Zungenbein aus (. Tab. 5.17). Vorderränder des M. sternocleidomastoideus, dem
Sternum und der Mandibula. Sie ist unterteilbar in
4 Regio mediana cervicalis, wird nach oben vom
5.10.7 Bildgebende Verfahren Zungenbein, nach unten vom Manubrium sterni,
nach lateral vom M. omohyoideus (oben) und
Deutung einfacher orthologischer Röntgenbilder und M. sternocleidomastoideus (unten) begrenzt. Auf
CT- und MR-Tomogramme (. Abb. 5.18). sie projizieren sich der Larynx, die Schilddrüse und
die infrahyale Muskulatur.
4 Trigonum submandibulare (s. o., Mundboden).
5.10.8 Halsregionen 4 Trigonum submentale (s. o., Mundboden).
4 Trigonum caroticum, wird vom Vorderrand des
Offizielle Grenzen des Halses nach kranial ist die Man- M. sternocleidomastoideus, hinterem Digastricus-
dibula nach vorn und die Protuberantia occipitalis ex- bauch und oberem Bauch des M. omohyoideus
terna hinten. Die Linie zwischen Acromion und Manu- begrenzt. Im Karotisdreieck liegen die Aa. carotis
brium sterni markiert die Grenze zum Rumpf. Diese interna und externa (samt einiger Äste), N. hypo-
Markierungen sind rein äußerlich, sie werden durch glossus, N. vagus, N. accessorius und der Hals-
folgende Regionen präzisiert: grenzstrang.

. Tab. 5.17. Trigonum submandibulare und submentale


Region Inhalt Begrenzung
Trigonum Gl. submandibularis, Ductus submandibularis, lateral-oben: Mandibula
submandibulare N. transversus colli, A./V. facialis, A./V./N. lingualis medial-vorne: Venter anterior des M. digastricus
und Ggl. submandibulare, Lymphknoten hinten: Venter post. des M. digastricus,
M. tylohyoideus
Trigonum bedeckt von der Lamina superficialis der Halsfaszie, oben: Mandibula
submentale Lymphknoten unten: Os hyoideum
lateral: Mm. digastrici
5.10 · Angewandte und topografische Anatomie
159 5

. Abb. 5.18. MRT der Kopf- und Halsregion, T1-gewichtet, Sph: Sinus sphenoidalis, H: Hypophyse, MO: Medulla oblon-
32-jährige Probandin vor dem WM-Finale 2006, leicht gata, III: III. Ventrikel, IV: IV. Ventrikel
paramedian-sagittale Schnittführung. SF: Sinus frontalis,

4 Regio sternocleidomastoidea, beschränkt sich auf Regio cervicalis lateralis


den Verlauf des Muskels, begrenzt so die vordere Die seitliche Halsregion erstreckt sich nach vorn zum
von der seitlichen Halsregion. M. sternocleidomastoideus, und nach hinten zum
Oberrand des M. trapezius. Nach unten macht ihr
KLINIK das Schlüsselbein ein Ende. Der hintere Bauch des
Bei plötzlicher Verlegung der Atemwege (z. B. Aspi- M. omohyoideus teilt es in ein
ration, Wespenstich o. Ä.) kann man im Notfall fol- 4 vorderes Trigonum omoclaviculare. Dieses be-
genderweise verfahren: grenzt die Clavicula nach unten. Es ist der Ort,
Koniotomie: Quere Durchtrennung des Lig. crico- in dem die Skalenuslücken ihr Unwesen treiben
thyroideum medianum zwischen Unterrand des (7 Kap. 5.3.5) und
Schildknorpels und Ringknorpel (gut tastbar). Die 4 hinteres Trigonum omotrapezoideum. Hier fin-
Gefahr, Blutgefäße zu verletzen, ist gering. Risiko: det man den Erb-Punkt, wenn man ihn sucht
Evtl. Verletzung des Lobus pyramidalis bzw. per- (7 Kap. 5.6.2).
sistierenden Ductus thyroglossus.
Obere Tracheotomie: Vertikale Durchtrennung
in Höhe des 2.–4. Trachealknorpels oberhalb der
Schilddrüse.
Untere Tracheotomie: Luftröhrenschnitt unter-
halb der Schilddrüse durch 6.–7. Trachealknorpel.
Hier nur in OP-Bedingungen. Gefahr der Verletzung
median verlaufender Venen (z. B. Plexus thyroideus
impar bzw. Arcus venosus jugularis).
160 Kapitel 5 · Kopf und Kragen

Fallbeispiel
Eine 89-jährige Frau sucht ihren Hausarzt auf und Computertomographie (»Angio-CT«) durchgeführt, die
schildert ihm, sie habe nun schon zum zweiten Mal in eine 98%ige Stenose der linken A. carotis interna zeigt.
dieser Woche eine deutliche Kraftlosigkeit im rechten Aufgrund der Gefahr eines totalen Verschlusses des
Arm und im rechten Bein, wodurch sie sich nur noch Gefäßes entschließt sich die Patientin zusammen mit
unsicher bewegen könne. Das erste Ereignis sei inner- den behandelden Ärzten zu einer Intervention. Hier
halb weniger Stunden wieder verschwunden. kommt neben einer Operation zur Einbringung einer
Bei der Untersuchung stellt der Arzt eine deut- Gefäßprothese auch eine endoluminale Gefäßaufdeh-
liche Kraftminderung der rechten Seite im Vergleich nung und das Einbringen einer Gefäßstütze (Stent) in
zur linken Seite fest. Bis auf eine medikamentös gut Betracht. Aufgrund des geringeren Risikos und der ge-
eingestellte arterielle Hypertonie hat die Patientin ringeren Belastung für die Patientin entschließt man
5 keinerlei Erkrankungen. Da der Arzt eine vorüber- sich gemeinsam für diese Option.
gehende Unterversorgung des Gehirns vermutet Ein in die A. femoralis eingebrachter Katheters wird
(TIA = Transitorische Ischämische Attacke) weist er über die A. iliaca, die Aorta, die linke A. carotis commu-
die Patientin zur stationären Aufnahme in ein Kran- nis bis hin zur linken A. carotis interna geführt. Dort
kenhaus ein. Hier zeigt sich die Kraftminderung bei wird mittels eines an der Katheterspitze befindlichen
der Aufnahme schon wieder rückläufig. Zur diffe- Ballons die Engstelle gedehnt und dann der Stent an
renzialdiagnostischen Abklärung der Ursache wird dieser Stelle entfaltet, sodass er die Engstelle offen hält.
zunächst eine farbkodierte Duplexsonographie Ein am nächsten Tag zur Kontrolle durchgeführtes CT
(»Doppler«) der Halsgefäße durchgeführt, um den zeigt ein sehr gutes Ergebiss, sodass die Patientin schon
Blutfluss zu quantifizieren. Hier zeigt sich eine deut- nach wenigen Tagen beschwerdefrei nach Hause ent-
liche Flussminderung in der linken A. carotis interna. lassen werden kann.
Zur genaueren Diagnostik wird eine Kontrastmittel
6
163 6

6 Leibeswand

Mind Map
Der Stamm des Körpers (Truncus) besitzt zwar, ge- zwar einzupanzern, kommt aber andererseits den He-
messen an seinem Inhalt, eine relativ geringe Ober- rausforderungen der ständigen Volumenveränderun-
fläche; dennoch erfordert eine rücksichtslose Umwelt gen von Herz und Lungen entgegen. Zugleich widmet
zusätzliche Maßnahmen, um innere Organe ausrei- der Organismus der unbewachten Rückseite des Kör-
chend abzuschirmen. Im Aufbau des Brustkorbs (Tho- pers (Dorsum) mit der stabilen Wirbelsäule mehr Für-
rax) sind die Prinzipien der Metamerie von allen Sei- sorge als der Bauchseite (Abdomen), die er im Gesichts-
ten noch gut zu erkennen: das relativ starre Arrange- feld gut im Griff hat und lediglich muskulär mit einer
ment der Rippen scheint die Organe des Brustkorbs Schale umgibt.
164 Kapitel 6 · Leibeswand

6.1 Rücken Die nach dorsal zusammenwachsenden Wirbel-


bögen, die das Wirbelloch umschließen, erkennt man
6.1.1 Entwicklung der Wirbelsäule nur noch bei den Halswirbeln als geteilten Processus
spinosus.
Organisator der zentralen Körperachse ist die Chorda
dorsalis. In der 4. Woche halten es die Sklerotomzellen KLINIK
der ehemaligen Somiten nicht mehr aus, wandern in Spina bifida. Wenn der Schluss der Wirbelbögen
Richtung Chorda und bilden um sie herum einen me- nicht vollständig erfolgt, bleibt der Wirbelkanal
senchymalenZellverband.DiebenachbartenSklerotom- nach hinten offen, und die Dornfortsätze fehlen:
segmente verschmelzen in der 8. Woche miteinander es entsteht das Bild der Spina bifida. Anteile des
und verdrängen das Chordagewebe. Lediglich im Be- Rückenmarks bzw. seiner Häute können dann
reich der Zwischenwirbelscheiben bleiben Chordareste hervortreten (7 Kap. 9).
übrig, um Platz für die Entwicklung als Nucleus pulpo- Einen Defekt der Wirbelbögen nennt man
sus freizuhalten. Spondylolyse (oft im Lendenwirbelbereich). Da-
6 Die ebenfalls segmental angelegten, aber längs ver- rauf kann der Wirbel samt Zwischenwirbelscheibe
laufenden Myotome überspringen die Zwischenwir- über dem anschließenden Segment hervorgleiten
belscheiben und verbinden die Fortsätze benachbarter (Spondylolisthesis).
Wirbelanlagen. Diese Einheit benachbarter Weichteile
und dazugehöriger Skelettelemente bezeichnet man
später als Bewegungssegment. Zunächst bilden die
Anlagen der Wirbel, die noch offenen Wirbelbögen 6.1.2 Skelettelemente der Wirbelsäule
und Querfortsätze und Rippen eine zusammenhän-
gende Struktur aus hyalinem Knorpel. In der 10. Woche Ein Standardwirbel besteht aus (. Abb. 6.1):
taucht der segmentale Spinalnerv in Höhe des späteren 4 Wirbelkörper (Corpus vertebrae),
Foramen intervertebrale auf. Die ersten Knochen- 4 Wirbelbogen (Arcus vertebrae),
kerne erscheinen in der 12. SSW. 4 Dornfortsatz (Processus spinosus),

. Abb. 6.1. Aufbau zweier Brustwirbel (Th5–Th6). (Tillmann 2005)


6.1 · Rücken
165 6

4 2 Querfortsätzen (Processus transversi) und Der Dornfortsatz des 7. Halswirbels ist gut tastbar
4 4 Gelenkfortsätzen (Processus articulares). (»Vertebra prominens«) und als einziger nicht ge-
spalten.
Der Wirbelbogen umschließt das Wirbelloch (Foramen
vertebrale), deren Gesamtheit den Wirbelkanal (Ca- KLINIK
nalis vertebralis) bildet. An den Fortsätzen setzen Tod durch Erhängen. Der Tod durch den Strang
Muskeln an. Mit 2 oberen Gelenkfortsätzen steht ein (in Deutschland bis 1951 nach den Nürnberger
Wirbel mit den unteren Gelenkfortsätzen des benach- Prozessen, in den USA bis 1996, in Singapur bis
barten oberen Wirbels in Verbindung. Seitlich formen heute praktiziert) kann durch folgende Ursachen
2 Incisurae vertebrales zweier übereinander liegender eintreten:
Wirbel ein Foramen intervertebrale (eigentlich einen 1. Ruptur des Lig. dentis axis, Verschieben des Axis
Kanal, durch den der Spinalnerv zieht). gegenüber dem Atlas und Kompression der Me-
Die Wirbelkörper werden nach kaudal massiver, dulla oblongata mit Kreislauf/Atemzentrum.
weil sie zunehmend mehr tragen müssen, und die Wir- 2. Fraktur des Dens axis, Effekt wie 1)
bellöcher werden nach kaudal enger, weil sie zuneh- 3. Langsamer Tod durch Abschnüren der Atemwe-
mend weniger denken müssen, d. h. weil das Rücken- ge, Fraktur und Impression des Os hyoideum.
mark schmaler wird. Die Ränder sind verstärkt, ebenso 4. Beidseitige Kompression der Pressorezeptoren
die horizontalen Flächen (Deckplatten). der Carotiswand und reflektorischer Herzstill-
Die Wirbel sind in Gruppen sortiert und geben den stand.
Abschnitten der Wirbelsäule ihren Namen. Man unter-
scheidet:
Brustwirbelsäule
Merke Die Brustwirbel erkennt man an der dachziegelähnlichen
Halswirbelsäule: 7 Halswirbel Neigung ihrer Dornfortsätze. Außer den Intervertebral-
Brustwirbelsäule: 12 Brustwirbel gelenken gibt es Gelenke für die Rippen (Artt. costo-
Lendenwirbelsäule: 5 Lendenwirbel transversariae sowie die Artt. capitis costae), die Dreh-
Kreuzbein: 5 verschmolzene Kreuzbeinwirbel Kipp-Bewegungen während der Respiration zulassen.
Steißbein: 2–3 Steißwirbel
Lendenwirbelsäule
Lendenwirbel sind die massivsten aller Wirbel. Sie
Halswirbelsäule haben ein kleines Wirbelloch und einen massiven Wir-
Die Halswirbelsäule ist insgesamt nach vorn geneigt belkörper. Das Rippenrudiment bezeichnet man als
(Lordose). Ihre Wirbel fallen durch folgende Eigen- Proc. costalis, der mit dem eigentlichen Querfortsatz
heiten auf: (Proc. accessorius) teilweise verschmolzen ist. An den
Der Atlas ist mit einem wannenförmigen Gelenk Gelenkfortsätzen findet sich der Proc. mamillaris als
mit dem Os occipitale verbunden (s. o.). Anstelle eines zusätzliche Muskelansatzstelle.
Wirbelkörpers besticht ein kümmerliches Tuberculum
anterius, an dessen Innenfläche der Dens axis zapfen- Kreuzbein
artig eingelassen ist. Die Last des Kopfs tragen die Mas- Das dreieckige Kreuzbein ist das Bindeglied zwischen
sae laterales atlantis. den Hüftbeinen und somit ein Teil des Beckengürtels.
Der Axis trägt als Wirbelkörper-Äquivalent den Seine 5 Wirbel sind miteinander verschmolzen. Die
Dens axis, den er in die Fovea dentis axis in den Atlas Gelenkfläche zu den Hüftbeinen (Facies auricularis)
stülpt. Zum Wirbelkanal ist dieser durch ein quer ver- ist Teil der Art. sacroiliaca (Iliosakralgelenk), einer
laufendes Band (Lig. dentis axis) fixiert. Amphiarthrose. Nach oben hin bildet sich die Basis
Die übrigen Halswirbel zeichnen sich durch fol- ossis sacri aus, nach unten die Apex ossis sacri.
gende Gemeinsamkeiten aus: Die Vorderfläche ist konkav gekrümmt, die Hinter-
4 Gespaltener Dornfortsatz, fläche logischerweise konvex. Dort sind die Knochen-
4 Foramen transversarium (durch das die A. verte- vorsprünge in 5 Leisten verschmolzen, die Crista sacra-
bralis zieht), lis mediana (Procc. spinosi), 2 Cristae sacrales inter-
4 weites Wirbelloch und mediae (Procc. articulares), und 2 Cristae sacrales
4 kleiner Wirbelkörper. laterales (Procc. accessorii). Der Canalis sacralis ist
nach unten hin knöchern geöffnet (Hiatus sacralis),
aber durch Weichteile verschlossen.
166 Kapitel 6 · Leibeswand

KLINIK 4 Brustwirbelsäule: Die Gelenkflächen stehen in der


Im Hiatus sacralis kann man eine örtliche Betäu- Frontalebene, sodass Seitwärts- und Rotationsbe-
bung setzen und damit die Spinalnerven ausschal- wegungen der Wirbelsäule möglich sind.
ten (Sakralanästhesie). 4 Lendenwirbelsäule: Die Gelenkflächen stehen in
der Sagittalebene, die vornehmlich »Jawohl-Herr-
Oberarzt-Bewegungen« der Wirbelsäule ermög-
Der ventrale Oberrand des Kreuzbeins ragt am wei- licht.
testen ins kleine Becken hinein (Promontorium). Die
Foramina sacralia sind zu jeweils 5 Paaren ventral und Zwischenwirbelscheiben (Disci intervertebrales,
dorsal angeordnet. »Bandscheiben«)
Die Zwischenwirbelscheiben sind wie Berliner (in
KLINIK Sachsen: Pfannkuchen) konstruiert. Ein innerer galler-
Der genetisch bedingte Morbus Bechterew be- tiger Kern, Nucleus pulposus (an der Stelle der ehema-
ginnt mit einer Entzündung des Iliosakralgelenks, ligen Chorda dorsalis), wird umgeben von gegenläu-
6 dessen Bänder lockerer werden und Schmerzen figen Lamellensystemen des faserknorpeligen Anulus
verursachen. Die entzündlichen Veränderungen fibrosus. Die Faserzüge verankern sich in der Boden-
greifen dann zunehmend auf die kranialen Wir- und Deckplatte des benachbarten Wirbelkörpers. Sie
belgelenke über. Folge ist eine Schonhaltung der sind, je nach der Stellung der Wirbelkörper in der
Wirbelsäule mit teilweise extremer Vorneigung Sagittalebene, keilförmig gestaltet. Es gibt keine Disci
des Rumpfs und Streckung der Halswirbelsäule, intervertebrales zwischen den Wirbelkörpern von C1
um das Gesichtsfeld zu erhalten (Vogelblick). und C2 sowie L5 und dem Kreuzbein.

Merke
Bewegungssegmente
6.1.3 Verbindungen der Wirbel Ein Bewegungssegment besteht aus jeweils 2 be-
nachbarten Wirbeln mit der dazwischen liegenden
Wirbelgelenke Bandscheibe, den dazugehörigen Wirbelbogen-
Echte Gelenke existieren zwischen den Wirbeln C1‒L5/ gelenken, Bändern und Muskeln. Es ist die »Funk-
S1. Weiterhin sind die Rippen mit den Querfortsätzen tionelle Einheit« der Wirbelsäule.
und Körpern der Brustwirbel verbunden. Die Wirbel-
körper bilden mit den faserknorpeligen Zwischenwir-
belscheiben Synchondrosen aus. Da die Zwischenwirbelscheiben gefäßfrei sind, werden
sie ausschließlich über Diffusion versorgt. Dies gelingt
Zwischenwirbelgelenke (Artt. zygoapophysiales) im Liegen unter Entlastung des Nucleus pulposus
Die Zwischenwirbelgelenke verbinden die Wirbelbögen besser als im Stehen. Der erleichterte Wassereinstrom
zwischen einem oberen und einem unteren Gelenk- in den Nucleus pulposus ist der Grund, weshalb Sie
fortsatz. Sie lassen im Einzelnen nur geringe Be- morgens (vorausgesetzt, Sie haben im Liegen geschlafen)
wegungsmöglichkeiten zu, wirken aber summarisch. In gut 2‒3 cm größer sind als abends (vorausgesetzt, Sie
den Abschnitten der Wirbelsäule stehen die Gelenk- haben den Tag stehend verbracht).
flächen der Gelenkfortsätze unterschiedlich zueinan-
der, sodass auch die Summationsbewegung charakte- KLINIK
ristisch für den gesamten Abschnitt ist: »Bandscheibenvorfall«: Im Alter (ab 30. Lebensjahr)
4 Halswirbelsäule: Die Gelenkflächen stehen dorsal kommt es durch Abbau der wasserbindenden Glyko-
etwas abgeflacht zueinander. Insgesamt sind Be- saminoglykane des Knorpelgewebes zu einem Was-
wegungen wie in einem Kugelgelenk möglich. Die serverlust. Zudem bewirkt der Druck des nicht kom-
Kopfgelenke nehmen eine Sonderstellung ein: Die primierbaren Nucleus pulposus degenerative Verän-
Art. atlantooccipitalis ist ein Eigelenk mit einer derungen der umgebenden Faserstrukturen, und es
schlaffen Gelenkkapsel. Nickbewegungen und Seit- kann durch Abbau des Fasermaterials zum Hervor-
wärtsneigen des Kopfs sind zugelassen. Die 6 Arti- gleiten (Protrusion oder Prolaps) des Gallertkerns
culationes atlantoaxiales zwischen den ersten in den Wirbelkanal kommen. Dies geschieht meist
beiden Halswirbeln bilden eine funktionelle Ein- nach lateral, da dort der Wirbelkanal nicht durch das
heit und dienen hauptsächlich der Rotation Lig. longitudinale posterius abgesichert ist.
(Eule).
6.1 · Rücken
167 6

4 Ligg. flava, elastische (gelbe) Bänder, die die Wir-


belbögen miteinander verbinden. Sie helfen der
autochthonen Rückenmuskulatur beim Aufrichten
der Wirbelsäule.

6.1.4 Wirbelsäule als Ganzes

Die Wirbelsäule ist keine Säule, sondern eine biegungs-


elastische Kette von Bewegungssegmenten. Sie federt
Stöße beim Springen oder Gehen durch ihre doppelte
S-Form elegant ab. Wenn man sie von der Seite, also in
der Sagittalebene, betrachtet, fallen physiologische
Krümmungen auf: Lordosen sind Krümmungen nach
vorn (ventral konvex) und Kyphosen sind Krüm-
mungen nach hinten (dorsal konvex). Beim aufrecht
gehenden Menschen findet man:
4 Halslordose,
4 Brustkyphose,
4 Lendenlordose und
4 Kreuzbeinkyphose.

Merke
Das war nicht immer so. Als Hund, Ratte, oder
Neugeborenes hatten wir eine kyphotische Wirbel-
säule, erst der aufrechte Gang bzw. Kopfkontrolle
machte die typische Krümmung (und die Fuß-
gewölbe!) sinnvoll.

. Abb. 6.2. Bänder der Brustwirbelsäule. (Schiebler 2005)


Eine Krümmung in der Frontalebene (Skoliose) ist im
Bandapparat Brustbereich normal, wenn sie geringfügig bedingt ist
Die Wirbelsegmente werden durch folgende Bänder durch die Lateralisierung der oberen Extremität, d. h.
stabilisiert (. Abb. 6.2): durch die rechts meist besser ausgebildeten Schulter-
4 Lig. longitudinale anterius, vorderes Längsband, gürtelmuskeln (bei Rechtshändern).
das vom Hinterhaupt bis zum Steißbein die antero- Mit den Wirbelbögen und dem Canalis vertebralis
laterale Fläche der Wirbelkörper und Zwischenwir- umschließt die Wirbelsäule das Rückenmark, deren
belscheiben verbindet. Wurzeln für die Spinalnerven durch die Foramina
4 Lig. longitudinale posterius, hinteres Längsband, intervertebralia in die Peripherie ziehen (7 Kap. 9.2).
analog zum vorderen, bedeckt die dorsale Fläche
der Wirbelkörper, ist aber wesentlich schmaler. Es Abweichungen
ist mit den Zwischenwirbelscheiben verwachsen Im Halswirbelbereich kann der Atlas mit dem Os oc-
und sichert so die Position des Anulus fibrosus. cipitale verschmolzen sein (Atlasassimilation, selten).
4 Ligg. interspinalia, kurze Bänder zwischen den Die Halswirbelsäule besitzt Rippenrudimente, sodass
Dornfortsätzen der einzelnen Wirbel. eine zusätzliche »Halsrippe« auftreten kann. Dies führt
4 Lig. supraspinale zieht über die Dornfortsätze von zu Verengungen und Sensibilitäts- bzw. Durchblu-
C7 bis zum Kreuzbein hinweg. tungsstörungen.
4 Lig. nuchae, Nackenband, derbe sagittal gestellte Im lumbosakralen Übergangsbereich kann der
Bindegewebsplatte, die sich zwischen der Protu- 5. Lendenwirbel ins Kreuzbein integriert sein: Sakra-
berantia occipitalis externa und den Procc. spinosi lisation. Dies hat Konsequenzen für die Geburtshilfe
der Halswirbel erstreckt. Es entspricht den Ligg. su- (langes Becken). Seltener kommt auch die Eingliede-
praspinale und interspinalia der kaudalen Wirbel- rung des 1. Sakralwirbels in die freie Lendenwirbelsäule
säulensegmente. vor: Lumbalisation.
168 Kapitel 6 · Leibeswand

. Tab. 6.1. Tiefe Nackenmuskeln


Nr. in Muskel Ursprung Ansatz Funktion
Abb.
1 M. rectus capitis post. Tuberculum post. Linea nuchae inf. Rückwärtsneigung im Atlantookzipitalgelenk
minor atlantis
2 M. rectus capitis post. Proc. spinosus axis Linea nuchae inf., Rückwärtsneigung im Atlantookzipitalgelenk,
major lateral von 1. Drehung des Kopfs zur gleichen Seite
3 M. obliquus capitis inf. Proc. spinosus axis Proc. transversus Drehung des Atlas mit Kopf zur gleichen Seite
atlantis
4 M. obliquus capitis sup. Proc. transversus Ansatz des Rückwärtsneigung im Atlantookzipitalgelenk,
(zum lateralen Trakt) atlantis M. rectus capitis Drehung des Kopfs zur kontralateralen Seite
post. major
6
6.1.5 Autochthone Rückenmuskulatur Grundsätzlich sind die kurzen Muskeln (Steaks im
Lendenbereich) am kräftigsten; sie haben den größten
Im Unterschied zur eingewanderten Extremitätenmus- physiologischen Querschnitt und dienen dem Aus-
kulatur des Rückens (z. B. M. latissimus dorsi, M. tra- gleich kleiner Bewegungsveränderungen gegenüber
pezius) ist die autochthone Rückenmuskulatur an Ort der »Meeresoberfläche«. Man unterscheidet, je nach
und Stelle entstanden. Sie wird insgesamt als M. erector Ursprung und Ansatz, 2 verschiedene Systeme:
spinae bezeichnet; dieser wird in 2 Untergruppen ein- 4 spinales System: kurze Muskeln, die die Dornfort-
geteilt: sätze miteinander verbinden. Zu ihnen gehören die
4 medialer Trakt mit kurzen Muskelzügen, die um Mm. spinales und Mm. interspinales.
die Dornfortsätze und Querfortsätze der Wirbel 4 transversospinales System: Muskeln unterschied-
gruppiert sind und licher Länge, die schräg von den Querfortsätzen zu
4 lateraler Trakt mit langen Muskelzügen, die ein- den höher gelegenen Dornfortsätzen ziehen. Zu
zelne Segmente überspringen, z. T. auch zu den ihnen gehören die Mm. rotatores, Mm. multifidi
Rippen ziehen. und der M. semispinalis.

Medialer Trakt Hinzu kommt die tiefe Nackenmuskulatur: kurze


Man kann die gesamte autochthone Muskulatur mit tiefe Muskeln des Halses, auch »Rektussystem des
einem Verspannungssystem eines Segelboots verglei- Halses« genannt. Diese 4 Muskeln nehmen eine präzise
chen. Die Wirbelsäule ist der Mast, der durch verschie- Feineinstellung des Kopfs vor und verspannen gern
dene Rahen und Tampen im Wind gehalten wird. (. Tab. 6.1) (. Abb. 6.3).

. Abb. 6.3. Tiefe Nackenmuskulatur


(»Rektussystem des Halses«); Numme-
rierung ist aus . Tabelle 6.1 ersicht-
lich. (Mod. nach Tillmann 2005)
6.1 · Rücken
169 6
Lateraler Trakt Arterien
Die Muskeln des lateralen Trakts sind länger, sie ent- Die arterielle Blutversorgung übernehmen Äste der
springen am Beckenkamm bzw. dem Kreuzbein und A. cervicalis profunda und dorsaler Äste aus den
ziehen parallel zur Wirbelsäule mehr oberflächlich zu Aa. lumbales und Aa. intercostales.
den Rippen (M. iliocostalis, lateraler Anteil) oder ganz
hoch zum Hals sowie zum Hinterhaupt (M. longis- Venen
simus, medialer Anteil). Sie arbeiten eher isotonisch, Der venöse Abfluss der autochthonen Rückenmus-
also dynamisch im Gegensatz zu den eher isome- keln erfolgt über entsprechende segmentale Venen, die
trischen Haltemuskeln des medialen Trakts. in die V. azygos (rechts) bzw. hemiazygos (links) mün-
4 M. iliocostalis, dieses longitudinale System ver- den. Das Blut der Nackenmuskeln drainiert über den
läuft bogenförmig zu den Rippen, um sich an den Plexus venosus suboccipitalis in die V. vertebralis und
Tubercula posterioria der Halswirbelsäule zu be- V. cervicalis profunda.
festigen. Einseitig rotiert er die Wirbelsäule (vor- Der venöse Abfluss aus den spongiösen Wirbelkör-
nehmlich im Brust- und Halsbereich), doppelseitig pern erfolgt über die Vv. basivertebrales in den
wirkt er als »Erector spinae«. 4 Plexus venosus vertebralis internus auf der Rück-
4 M. longissimus, verläuft von der Crista iliaca und seite der Wirbelkörper im Wirbelkanal, und
dem Os sacrum medial des M. iliocostalis. 4 Plexus venosus vertebralis externus anterior, auf
4 Spinotransversales System: Im Hals/Kopfbereich der Vorderseite der Wirbelkörper.
setzt sich der M. splenius (cervicis bzw. capitis)
nach lateral Richtung Proc. mastoideus ab.
6.1.7 Angewandte und
Fascia thoracolumbalis topografische Anatomie
Die Züge des M. erector spinae verlaufen vom Becken-
rand bis zum Hinterhaupt. Im Lendenbereich sind Oberflächenrelief
sie in einer osteofibrösen Führungsrinne eingela- Ein schöner Rücken kann auch entzücken: das liegt
gert und werden von der zwiebelschalenähnlichen hauptsächlich an den in gerader Linie von C6‒L1 ab-
Fascia thoracolumbalis umgeben. Diese besteht aus zählbaren Dornfortsätzen, den konturgebenden Schul-
einem oberflächlichen und einem tiefen Blatt. Kaudal terblättern und den besonders im Lumbalbereich kräf-
sind sie fest mit der Aponeurosis erectoris spinae ver- tigen autochthonen Rückenmuskeln, die lediglich im
bunden, die als Fascia thoracolumbalis im engeren Nacken und Schultergürtel vom kräftigen M. trapezius
Sinne gilt. Im Halsbereich trennt sie sie als Fascia überdeckt werden. Dessen mittlerer Anteil bildet den
nuchae von den Abkömmlingen der ventralen Hals- mitunter sichtbaren Sehnenspiegel (7 Kap. 3). Kaudal
seite ab. prägt der M. latissimus dorsi die Aponeurose des ober-
flächlichen Blatts der Fascia thoracolumbalis.
Merke
Die autochthone Rückenmuskulatur begleitet die Schichtengliederung des Nackens, tiefes Nacken-
Wirbelsäule und ist nicht von den Extremitäten dreieck
eingewandert. Sie wird von der Fascia thoracolum- Die Nackenhaut ist derb und mit der Subkutis ziemlich
balis eingehüllt und von den Rami posteriores der fest verbunden. Zu den Schichten der Nackenmusku-
Spinalnerven versorgt. latur gehören:
4 M. trapezius,
4 Mm. splenius cervicis et capitis,
4 M. semispinalis capitis, teilweise überlagert vom
6.1.6 Nerven und Gefäße M. semispinalis cervicis,
4 Mm. longissimus cervicis et capitis und
Die vorderen und hinteren Wurzeln der Spinalnerven 4 kurze tiefe Nackenmuskeln (. Tab. 6.1).
vereinigen sich im Foramen intervertebrale zum Spi-
nalnerven (7 Kap. 2.9.2). Die Rami posteriores versor- Das tiefe Nackendreieck (Trigonum suboccipitale)
gen den medialen Trakt (R. medialis) und den lateralen liegt in der Regio cervicalis posterior und wird begrenzt
Trakt der autochthonen Rückenmuskeln (R. lateralis). vom M. rectus capitis posterior major, M. obliquus
Die tiefen Nackenmuskeln werden vom N. suboccipi- capitis superior und M. obliquus capitis inferior. Man
talis (R. posterior aus C1) und N. occipitalis major (C2) findet dort die A. vertebralis, den N. suboccipitalis und
innerviert. einen Teil des Plexus venosus vertebralis.
170 Kapitel 6 · Leibeswand

Michaelisraute 6.2.1 Grundzüge der Entwicklung


Anhaltspunkt für die Symmetrie des lumbosakralen des Thorax
Übergangs bietet die Michaelisraute. Sie markiert die
Hauteinziehungen über Knochenvorsprüngen des Entwicklung von Rippen, Brustbein
Dornfortsatzes des 5. Lendenwirbels (nach oben), der und Zwerchfell
beiden Spinae iliacae posteriores superiores des Darm- Die Rippen entstehen aus den Processus costales,
beins (zur Seite) sowie den Beginn der Analfurche Derivaten der Sklerotome, gemeinsam mit den Wirbel-
(nach unten). Bei Frauen ist die Symmetrie der Raute anlagen, bleiben aber selbstständig im thorakalen Be-
ein Hinweis auf die Anatomie des Geburtskanals. reich, während sie am Hals und Lendenbereich ru-
dimentär bleiben und mit den Wirbelanlagen ver-
KLINIK schmelzen. Die Knochenbildung der Rippen beginnt
Lumbalpunktion im 2. Embryonalmonat im Angulus costae über mesen-
Zu diagnostischen Zwecken kann man aus dem chymale und knorpelige Vorstufen. Der Rippenansatz
Subarachnoidalraum unterhalb des Rückenmarks zum Brustbein bleibt unverknöchert.
6 Liquor cerebrospinalis gewinnen. Hierzu führt man Das Brustbein (Sternum) entsteht durch mediane
bei katzengebuckeltem Rücken eine Nadel zwi- Verschmelzung der beiden knorpeligen Sternalleisten.
schen den Wirbelbögen von L3 und L4 in den Sub- Die Verknöcherung des Brustbeins beginnt im 4. Fetal-
arachnoidalraum. Dabei braucht bei etwas schräg monat durch Bildung von Knochenkernen jeweils im
paramedianem Anstich kein Band durchbohrt zu Manubrium sterni, Corpus sterni und Processus xipho-
werden. Weiter geht’s durch das äußere Durablatt ideus. An den Grenzen der o. g. Anteile bleiben mitun-
in den Epiduralraum, in dem sich der Plexus veno- ter zeitlebens Knorpelfugen erhalten, die Symphysis
sus vertebralis internus befindet. Aspirieren! Durch- manubriosternalis und Symphysis xiphosternalis.
stößt man das innere Blatt der Dura, macht es
knack, und es müsste Liquor erscheinen. KLINIK
Komplikationen bestehen im Liquorunter- Es kann vorkommen, dass die Sternalleisten nicht
drucksyndrom (Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbre- fusionieren. Es resultiert dann eine Brustkorbspalte:
chen), Blutung aus dem venösen Plexus und im Sternum bifidum.
allgemeinen Infektionsrisiko infolge unsauberen Rachitis. Bei mangelnder Zufuhr von Vit.-D-Komplex
Vorgehens. Das Rückenmark selbst kann bei der in früher Kindheit kommt es zu ungenügender Mine-
Lumbalpunktion in Höhe von L3/L4 nicht verletzt ralisierung der Knochen. Die organische Knochen-
werden, da es beim Erwachsenen nur bis etwa L1 vorstufe, Osteoid, denkt dann, es könnte dies mit
reicht. hypertrophischer Aktivität kompensieren. Vor den
Zeiten der Vit.-D-Prophylaxe imponierte eine ver-
Epiduralanästhesie mehrte rachitische Osteoidbildung als »Rosenkranz«
Die Epiduralanästhesie (auch Periduralanästhesie, der Knorpel-Knochen-Grenze am Sternalrand.
PDA) ist eine Leitungsanästhesie, bei der ein Kathe-
ter in den Epiduralraum geschoben wird. Der Sub-
arachnoidalraum wird nicht verletzt. Bei versehent- Das Zwerchfell (Diaphragma) trennt die Pleurahöhlen
licher Injektion des Betäubungsmittels in den von der Leibeshöhle. Es entsteht aus
Subarachnoidalraum muss man auf die Lagerung 4 Dem Septum transversum über der Leber,
achten, da das Lokalanästhetikum schnell bis zur 4 der Pleuroperitonealfalte, die von der dorsalen Lei-
Medulla oblongata gelangen kann. beswand auf das Septum transversum zuwächst,
4 quergestreifter Muskulatur aus von den zervika-
len Myotomen eingewanderten Myoblasten und
4 dem N. phrenicus (C4), der in der Pleuroperikar-
6.2 Brustwand dialfalte zum Zwerchfell zieht.

Die Brustwand umschließt den Brustraum (Cavitas


thoracis). An der Konstruktion des Thorax sind Rip- 6.2.2 Skelettelemente und Verbindungen
pen, Brustbein und Weichteile, v. a. Muskeln beteiligt.
Die Knochen der Brustwand bilden den Brustkorb. Rippen
Die 12 Rippenpaare bestehen aus einem knöchernen
Teil, der gelenkig mit der Wirbeln verbunden ist, und
6.2 · Brustwand
171 6

. Abb. 6.4. Knöcherner Thorax mit


Interkostalmuskeln. (Schiebler 2005)

einem knorpeligen Teil, der mit dem Sternum in Ver- Rippen-Brustbein-Gelenke


bindung steht. Man unterscheidet: Diese Verbindungen sind äußerst variabel. Die 1. Rippe
4 Rippenkopf (Caput costae) mit der Gelenkfläche ist mit dem Manubrium sterni synchondrotisch ver-
für den Wirbelkörper, bunden, die 2. Rippe besitzt eine echtes Gelenk mit
4 Rippenhals (Collum costae), mit dem Tuberculum 2 Gelenkkammern, getrennt durch ein Gelenkband.
costae mit der Gelenkfläche für den Wirbelquer- Die übrigen Gelenke sind zwar Synovialgelenke, be-
fortsatz und sitzen aber kaum einen Gelenkspalt.
4 Rippenkörper (Corpus costae).

An der Innenfläche verläuft eine kleine Rinne, Sulcus 6.2.3 Thorax als Ganzes
costae, unter der die Interkostalgefäße verlaufen. Der
Angulus costae ist der am weitesten dorsal ausladende Die ersten 5 Rippenpaare verlaufen zunächst fast hori-
Teil der Rippe, hier ändert sie ihre Richtung nach vorn. zontal, erst die 6.–12. Rippen haben einen steilen Ver-
Die erste Rippe ist jedoch etwas kürzer und besitzt lauf. Sie münden nach vorn auch nicht direkt an das
2 Rinnen für die A. subclavia (nach lateral) und die Brustbein, sondern erreichen es über einen knorpe-
V. subclavia (nach medial). ligen Abschnitt, dessen mediale Kante der Arcus costae
(Rippenbogen) darstellt. Beide Rippenbögen bilden zur
Wirbelrippengelenke Mitte hin den epigastrischen Winkel. Nach kaudal
Jede Rippe besitzt 2 getrennte Gelenke mit jedem Wir- wird der so geformte Raum weiter, sodass die Form
bel, die Artt. costovertebrales: einer Glocke entsteht, die oben offen ist (. Abb. 6.4):
4 Art. costotransversariae sind nur bis zur 10. Rippe 4 Die obere Thoraxapertur (Apertura thoracis su-
vorhanden. Gesichert wird dieses Gelenk durch perior) ist die Grenze zwischen Brust und Hals, es
das Lig. costotransversarium und ein zusätzliches gibt aber keine Grenzkontrolle, der Übergang ist
Sicherheitsband, zum nächsthöheren Querfortsatz. durch die offenen Transitstraßen des Halses ge-
4 Art. capitis costae haben variable Formen. Die währleistet.
2.–10. Gelenke sind zweikammrig mit einem Dis- 4 Die untere Thoraxapertur (Apertura thoracis infe-
cus articularis und einem durch die Gelenkspalte rior) hingegen ist als Grenze zum Bauchraum durch
ziehendem Band. Gesichert wird das Gelenk durch das Zwerchfell mehr oder weniger abgedichtet.
das Lig. capitis costae radiatum. Dieses wölbt sich tief konvex in den Thorax hinein.
172 Kapitel 6 · Leibeswand

Altersabhängigkeit. Kinder haben noch einen ziem-


lich breiten Brustkorb. Der phänotypische kurze Hals
ist durch die geringe Neigung der oberen Thoraxapertur
bedingt. Dies verstreicht auf dem Wege ins Erwachse-
nenalter. Der alte Mensch neigt zu einer vermehrten
Brustkyphose und gesenkten Rippen.
Die Elastizität des Brustkorbs ist gewährleistet
durch die Aufhängung der Rippen an der Wirbel-
säule sowie durch die Biegsamkeit des Knorpels,
die bei Atemexkursionen von Bedeutung ist. Durch
Hebung und Senkung der Rippen wird das Volumen
des Brustkorbs verändert: Bei Inspiration heben
sich die Rippen, der Brustraum erweitert sich. Dabei
verschiebt sich das Brustbein parallel zur Rippenex-
6 kursion.

6.2.4 Interkostalmuskulatur
. Abb. 6.5. Anordnung der Leitungsbahnen im Interkostal-
Die Interkostalmuskeln (Zwischenrippenmuskeln) ge- raum. Der Pfeil zeigt die Führung der Nadel bei einer Pleura-
hören zu den autochthonen Brustwandmuskeln, weil punktion an. (Schiebler 2005)
sie immer schon dort waren und nicht von den Extre-
mitäten eingewandert sind. Sie werden von den Rami
anteriores der Spinalnerven innerviert. Allerdings Weitere Atemhilfsmuskeln sind:
werden sie von den oberflächlich liegenden Extremi- 4 Mm. pectorales,
tätenmuskeln optisch verdrängt. Ein prächtiger M. pec- 4 Mm. scaleni (entsprechen den Interkostalmuskeln,
toralis major lässt nicht mehr viel von den Interkos- da sie von den Rippenrudimenten der Halswirbel-
talmuskeln ahnen. säule entspringen) und der
4 M. levator scapulae.
Anordnung und Funktion
Die Interkostalmuskeln liegen noch in metamerer Der M. transversus thoracis zieht von der Innenseite
Reinheit zwischen den einzelnen Rippen und füllen die des Schwertfortsatzes zu den Unterrändern der 3.–6.
Interkostalräume fast ganz aus. Sie verlaufen überei- Rippenknorpel. Er wirkt rippensenkend.
nander in 3 Schichten: Die Mm. serratus posterior superior und inferior
4 Mm. intercostales externi verlaufen von außen lassen sich ebenfalls von den Interkostalmuskeln ablei-
oben nach innen unten. ten, gehören mithin zu den autochthonen Brustwand-
4 Mm. intercostales interni verlaufen von innen muskeln. Sie liegen direkt auf der Fascia thoracolum-
oben nach außen unten. balis und unterstützen die Rippenhebung, wenn sie
4 Mm. intercostales intimi: Abspaltung der Mm. in- einen guten Tag haben (sie sind sehr dünn).
tercostales interni.

Zwischen den beiden letzten liegt ein tunnelartiger 6.2.5 Zwerchfell


Raum, der für die interkostalen Leitungsbahnen freige-
halten wird: Interkostaltunnel (. Abb. 6.5). Das Zwerchfell (Diaphragma) ist eine weitgehend
Die Funktion der Interkostalmuskeln besteht muskuläre Platte, die sich in den Brustraum hinein-
in der Verspannung der Interkostalräume, die bei stülpt und damit das Abdomen vom Brustraum ab-
Inspiration ohne den Muskel aufgrund des nega- trennt (. Abb. 6.6). Die doppelte Kuppelform ermög-
tiven Drucks im Thorax einsinken würden. Weiterhin licht bei Kontraktion gegensinnige Volumenverände-
dienen die Mm. intercostales externi als Einatem- rungen in beiden Körperhöhlen. Das Zwerchfell ist der
muskeln (Rippenheber), die Mm. intercostales in- wichtigste und effektivste Einatemmuskel, weil sich
terni als Ausatemmuskel (Rippensenker). Dies ist bei Kontraktion der Thoraxraum vergrößert. Der resul-
meist erst bei forcierter Atmung relevant: Atemhilfs- tierende negative Druck wird durch einströmende Luft
muskeln. in die Lunge wieder ausgeglichen. Gleichzeitig kann
6.2 · Brustwand
173 6

. Abb. 6.6. Zwerchfell in der Ansicht von vorne unten. Der unter dem Lig. arcuatum mediale dextrum die Verlaufsrich-
Pfeil unter dem Lig. arcuatum laterale dextrum beezeichnet tung des M. psoas. (Schiebler 2005)
die Verlaufsrichtung des M. quadratus lumborum, der Pfeil

das Zwerchfell bei Schluss der oberen Körperöffnungen fellschenkeln (Crus dextrum, sinistrum), die zu-
(Glottis) als Bauchpresse verwendet werden. sammen mit dem Lig. arcuatum medianum den
Durchlass für die Aorta bilden (Hiatus aorticus).
Aufbau Der laterale Anteil entspringt von 2 Sehnenbögen,
Wäre das Zwerchfell tatsächlich eine Platte (wie das dem Lig. arcuatum mediale (Psoasarkade) und
ehem. Septum transversum), würde es bei radiärem dem Lig. arcuatum laterale (Quadratusarkade).
Muskelfaserverlauf entweder wie ein Dilatator die in- 4 Pars sternalis, Ursprung vom Proc. xipohoideus
neren Durchlasspforten öffnen oder aber die äußere sterni.
Taille einschnüren. Um dies zu verhindern, sind 2 ana- 4 Pars costalis, Ursprung vom 7.–12. Rippen-
tomische Voraussetzungen notwendig: knorpel.
1. Die untere Thoraxapertur soll starr sein, was durch
den Brustkorb gegeben ist und Innervation und Gefäßversorgung
2. die Muskelfaserzüge dürfen nicht horizontal ver- Innerviert wird das Zwerchfell vom N. phrenicus
laufen. (aus C4).

Tatsächlich ziehen die Muskeln von ihrer äußeren KLINIK


kreisförmigen Ursprungslinie am Skelett bogenförmig Lähmung des N. phrenicus führt zum Zwerchfell-
nach kranial, um allesamt in einer zentralen Aponeurose, hochstand. Beidseitige Lähmung führt zum Tod.
dem Centrum tendineum, einzustrahlen. Da mehrere
Skelettelemente beteiligt sind, gliedert sich der Muskel
wie folgt auf: Arterielle Versorgung des Zwerchfells wird gewährlei-
4 Pars lumbalis, Ursprung von den Lendenwirbel- stet durch:
körpern, Ligg. arcuatum medianum, mediale, late- 4 A. pericardiacophrenica und A. musculophrenica
rale. Der mediane Anteil kommt von den Zwerch- (aus der A. thoracica interna).
174 Kapitel 6 · Leibeswand

4 A. phrenica superior, letzter Ast der Brustaorta, das Blut in die V. subclavia. Die dorsalen intercosta-
für die Pars lumbalis des Zwerchfells und len Venen drainieren über die V. azygos (rechts) und
4 A. phrenica inferior (erster Ast der Bauchaorta) die V. hemiazygos bzw. hemiazygos accessoria (links)
versorgt die abdominale Fläche. in die V. cava inferior.
Die Vv. thoracoepigastricae führen das Blut der
seitlichen Brustwand in die V. axillaris.
6.2.6 Nerven und Gefäße

Weiteres Highlight der Metamerie ist der pedantische 6.2.7 Mamma


und zuverlässige segmentale Verlauf der Blutgefäße in
den Interkostalräumen (. Abb. 6.5). Diese ziehen von Die Mamma besteht aus einem Bindegewebs-/Fett-
dorsal aus der Aorta thoracica bzw. der Vv. azygos/he- körper und einem Drüsenkörper, der bei beiden Ge-
miazygos in den schützenden Sulcus costae. Weil sie schlechtern angelegt ist.
offensichtlich mit dieser hoheitlichen Aufgabe allein
6 nicht fertig werden, anastomosieren sie mit analog ver- Entwicklung
laufenden Gefäßen, die von ventral aus den A./V. tho- An der ventralen Leibeswand entsteht bis zur 6. Embryo-
racica interna bzw. ihrem Endast A. musculophrenica nalwoche eine ektodermale Verdickung, die Milch-
kommen. leiste, die beidseits von der Axilla bis zur Inguinalregion
verläuft. Aus der Milchleiste gehen Knospen der Milch-
KLINIK drüsen hervor. Später bilden sich die Anlagen der
Eine Pleurapunktion nimmt man am besten von Knospen bis auf ein Paar in Höhe des 5. Interkostal-
dorsal vor. Die Nadel wird auf der Rippenoberkante raums zurück (. Abb. 6.7). Kurz vor der Geburt stülpen
in die Pleura gestochen, um Gefäße und Nerven im sich die Ausführungsgänge auf der Brustwarze aus
Sulcus costalis zu schonen (. Abb. 6.5). (Eversion der Brustwarze).
Die im Bindegewebe einwachsenden Drüsengänge
erleben erst in der Pubertät unter dem Einfluss von Ös-
A. thoracica interna trogenen einen Wachstumsschub. Während Östrogene
Die A. thoracica interna ist der erste thorakale Ast der weitgehend das duktale Wachstum einleiten, kümmern
A. subclavia. Sie verläuft etwa einen Daumen breit vom sich Progesteron und weitere Wachstumsfaktoren um
Sternalrand nach Süden zwischen der Fascia endo- die Proliferation der apokrinen Drüsenendstücke. Bei
thoracica und den Rippenknorpeln. Sie gibt folgende Männern bleibt die Entwicklung der Brustdrüse im
Äste ab: präpubertären Stadium stehen, kann aber unter beson-
4 A. pericardiacophrenica zur Versorgung des Peri- deren Bedingungen (z. B. Leberzirrhose und vermin-
kards und Teilen des Zwerchfells,
4 Rr. mediastinales,
4 Rr. thymici,
4 Rr. bronchiales,
4 Rr. perforantes, parasternal durch den 1.–6. Inter-
kostalraum zur vorderen Brustwand mit Rr. mam-
marii mediales zur Mamma,
4 Rr. intercostales anteriores (für die 1.–7. Inter-
costalräume),
4 A. musculophrenica, ein Endast mit den Rr. inter-
costales anteriores für die 8.‒12. Interkostalräume)
und
4 A. epigastrica superior, Endast, verlässt die Brust-
wand durch die Larrey-Spalte und gelangt in die
Rektusscheide des Abdomens.

Vv. thoracicae internae


Der venöse Abfluss erfolgt entsprechend über gleich-
namige Venen. Die A. thoracica interna wird dabei von . Abb. 6.7. Stadien der Brustdrüsenentwicklung. (Schiebler
2 begleitenden Venen bewacht. Diese transportieren 2005)
6.2 · Brustwand
175 6

dertem Östrogenabbau) eine gewisse Proliferation er- Die Aufrechterhaltung der Milchproduktion (Ga-
fahren (Gynäkomastie). laktogenese) ist durch einen neurosekretorischen Re-
flex gesteuert (. Abb. 6.8c). Afferenter Schenkel sind
KLINIK sensible Nervenfasern nach intermittierendem Saug-
Überzählige Brustwarzen nennt man Polythelie, reiz. Prolaktin unterhält als Hypophysenvorderlappen-
überzählige Anlagen der gesamten Brust Poly- hormon die Milchproduktion.
mastie. Beide sind im Verlauf der Milchleiste an- Der Milchausschuss (Galaktokinese) wird ebenfalls
zutreffen. durch einen neurosekretorischen Reflex gesteuert
(. Abb. 6.8d). Der efferente Schenkel ist jedoch Oxytocin
aus dem Hypothalamus, das die glatte Muskulatur kontra-
Lage und Aufbau hieren lässt, sodass die Milch geradezu herausschießt.
Die Mamma der erwachsenen Frau liegt in Höhe der
4.‒6. Rippe. Beide Gewebeanteile, der Drüsenkörper Gefäßversorgung
und der Bindegewebs-/Fettkörper liegen verschieblich Die arterielle Versorgung erfolgt über die Rr. mammarii
auf der Faszie des M. pectoralis major. Die Brustwarze mediales (2.‒5. Interkostalarterien) sowie über Rr. mam-
(Papilla mammaria, Mamille) inmitten der pigmen- marii laterales direkt aus der A. thoracica interna.
tierten Areola mammae ist leicht nach oben gerichtet.
Merke
Histologie Viele Kliniker (Herzchirurgen!) sprechen immer
Die Drüse selbst (Glandula mammaria) besteht aus noch von einer A. mammaria interna. Sie meinen
Arealen alveolärer Drüsenendstücke, die wie Inseln im damit die A. thoracica interna.
Fettkörper der Mamma versteckt sind. Sie besteht ins-
gesamt aus etwa 12–20 Läppchen, deren Ausführungs-
gänge sich in den Milchgängen (Ductuli lactiferi) sam- Lymphabflusswege und regionäre Lymphknoten. Es
meln. Kurz vor deren Mündung auf der Brustwarze gibt folgende Evakuierungswege der Lymphe:
erweitern sich die Milchgänge zu »Milchseen« (Sinus 4 Lateraler Abflussweg (80%): Die Lymphe gelangt
lactiferi). zu folgenden Lymphknoten, die über die tiefen
Im Falle einer Schwangerschaft vermehren sich axillären Lymphknoten zu den infra- und supra-
die Zellen der Drüsen (Hyperplasie), die Gesamtlänge klavikulären Lymphknoten leiten.
ihrer Ausführungsgänge vergrößert sich ebenso. Der 5 Nll. paramammarii am lateralen Rand der
größte Parenchymzuwachs stellt sich während der Lak- Mamma,
tation ein (. Abb. 6.8a). Die Brustwarze ist von einem 5 Nll. pectorales am Unterrand des M. pectoralis
Ring glatter Muskulatur umgeben, die bei entspre- major (Sorgius-Gruppe) und
chender Reizung das umgebende Gewebe zusammen- 5 Nll. centrales und Nll. apicales auf der Unter-
zieht und die Brustwarze eregieren lässt. Am Rande der fläche und dem Ansatz des M. pectoris minor.
Areola mammae befinden sich modifizierte Brust- 4 Medialer Abflussweg. Hierzu gehören:
drüsen (Montgomery), deren talgiges Sekret im Ernst- 5 Nll. Interpectorales,
fall (Stillen) den Mund-zu-Brust-Kontakt des Säuglings 5 Nll. infra- und supraclaviculares,
absiegelt, um den Unterdruck beim Saugen aufrechtzu- 5 Nll. parasternales, gruppiert entlang der A./
erhalten. V. thoracica interna und
5 Nll. intercostales, paravertebral vor den Rippen-
Milchbildung und Sekretion köpfchen.
Der Beginn der Milchbildung (Laktogenese) setzt u. a.
auf Prolaktinbefehl nach dem Progesteronabfall unmit- Zudem kann die Lymphe auch die Wege der Gegenseite
telbar nach der Geburt ein. Jetzt »darf« Prolaktin ge- erreichen.
bildet werden, das vorher von Progesteron gehemmt
worden war (. Abb. 6.8b). Vormilch (Kolostrum) ist KLINIK
kein Drüsensekret, sondern ein proteinreiches Trans- Lymphabflusswege sind gängige Metastasierungs-
sudat durch die Interzellularspalten der Drüsenepi- routen bei Mammakarzinomen. Da die häufigsten
thelzellen. Karzinome im oberen äußeren Quadranten vor-
Die reife, fettreiche Milch wird apokrin abgeson- kommen (60%), ist der Abfluss in die axillären
dert (7 Kap. 2). Myoepithelzellen helfen beim Transport Lymphknoten entscheidend.
des Sekrets in die Sinus lactiferi.
176 Kapitel 6 · Leibeswand

Laktogenese

Prolactin


Progesteron

Östrogen –

b α-Lactalbumin

Galaktogenese Galaktokinese

+
PIF VIP?
+

+

Prolactin

Oxytocin

+ +

c d

. Abb. 6.8a–d. Laktation. Laktierende Mamma, Azan-Fär- Prolaktinbildung nach Abfall von Progesteron nach der Ge-
bung (a). Oben: beachte den geringen Anteil des Stroma (S) burt (Einzelheiten im Text). Galaktogenese (c): Der Saugreiz
und die vielen Drüsenläppchen. D: Ausführungsgang. Unten: führt zu einem neuroendokrinen Reflex. Am Ende wird Pro-
Ausschnitt bei hoher Vergrößerung. Alveolen mit blasigen laktin ausgeschüttet. Galaktokinese (d): Der Ausschuss von
Sekretvakuolen (Pfeilköpfe), die apokrin abgeschnürt werden. Milch wird über einen neurosekretorischen Reflex vermittelt,
Pfeile: Kerne der Myoepithelzellen, innerhalb der Basalmem- an dessen Ende Oxytocin die Kontraktion der glatten Musku-
bran des Epithels (7 farbige Abb. S. 336). Laktogenese (b): latur besorgt
6.3 · Bauchwand
177 6
6.3 Bauchwand 6.3.2 Bauchmuskulatur

Im Unterschied zur Brustwand ist die Bauchwand nicht Die Bauchwandmuskeln bilden ein umfangreiches
mit Skelettelementen ausstaffiert. Einerseits können Schlingensystem, das eine funktionelle Fortsetzung der
sich damit auch abdominale Raumforderungen Platz Brustwandmuskeln und der Rückenmuskulatur dar-
verschaffen (Schwangerschaft, Bierbauch), andererseits stellt. Sie wirkt als Antagonist der Rückenmuskeln, hilft
helfen die Bauchmuskeln zusammen mit dem Zwerch- bei der Expiration, Defäkation und Geburt. Man kann
fell, abdominalen Inhalt per vias naturales nach kaudal sie wie folgt einteilen:
abzuschieben. 4 Anterolaterale Bauchwandmuskeln: M. rectus
abdominis (paramedian) und die seitlichen Mus-
keln: M. transversus abdominis, Mm. obliquus in-
6.3.1 Grundzüge der Entwicklung ternus/externus abdominis.
und Nabelbildung 4 Hinterer Bauchmuskel: M. quadratus lumborum.

Herkunft der Bauchmuskulatur Anterolaterale Bauchmuskeln


Zunächst sind die Muskeln der Bauchwand als Myo- und ihre Aponeurosen
tome segmental angelegt. Da die Rippen jedoch bis M. rectus abdominis
auf Rudimente (Procc. costarii der Lendenwirbel) ver- Der M. rectus abdominis verläuft beidseits der Mittel-
schwunden sind, verschmelzen die Segmentgrenzen, linie vom epigastrischen Winkel bis zur Schambein-
sodass großflächige Muskelplatten entstehen. Letztes symphyse. Anatomisch besteht er aus mehreren Bäu-
sichtbares Zeichen metamerer Urzeiten ist der Verlauf chen, die durch meist 3 Zwischensehnen (Intersectiones
der Nerven des Plexus lumbalis. tendineae) voneinander getrennt sind. Der Muskel liegt
in einer straffen Führungsröhre, der bindegewebigen
Nabelbildung, Nabelzölom Rektusscheide, die aus den Blättern der schrägen und
Die Nabelschnur bedeutete die elementare Verbindung queren Bauchmuskeln gebildet wird (s. u.).
des Embryos/Feten mit seiner Versorgungseinheit, der Die Fasern des vorderen und hinteren Blatts der
Mutter. Das Verbindungskabel mit Nabelvene und den Rektusscheide überkreuzen sich in der Medianlinie.
beiden Nabelarterien hinterlässt zwangsläufig eine Das vordere Blatt überzieht den Muskel in seiner ge-
Lücke in der Bauchwand, den bindegewebigen Nabel- samten Länge, die Linea alba ist die sehnenartige, weiß-
ring: Anulus umbilicalis. Dies ist der Ort des ehema- liche Durchflechtungszone. Das hintere Blatt wird un-
ligen physiologischen Nabelbruchs, der durch vorü- terhalb des Nabels in einer bogenförmigen Linie (Linea
bergehende Auslagerung von Darmschlingen in das arcuata) nur noch von der untersten Faszie (nämlich
extraembryonale Zölom der Nabelschnur bedingt war. des queren Bauchmuskels) umgeben (. Abb. 6.9). Mit-

. Abb. 6.9a, b. Aufbau der Bauch-


wand. a Ausschnitte aus der vorderen
Bauchwand oberhalb der Linea
arcuata und b unterhalb der Linea
arcuata. (Schiebler 2005)
178 Kapitel 6 · Leibeswand

unter wird das kaudale Ende des M. rectus abdominis


noch von einem kleinen M. pyramidalis garniert. den. Der typische Appendektomieschnitt in Höhe
des McBurney-Punkts ist der Wechselschnitt, der
M. obliquus externus und M. obliquus internus den wechselnden Verlaufsrichtungen der schrägen
abdominis und queren Bauchwandmuskeln unter Schonung
Die beiden schrägen Bauchmuskeln verlaufen ähnlich des N. iliohypogastricus und N. ilioinguinalis folgt.
wie die Interkostalmuskeln: Der äußere M. obliquus Weiterhin kann bei ausgedehnten Operationen
externus abdominis verläuft schräg von oben lateral auch ein Schnitt parallel zur Rektusscheide in der
nach unten medial, und der innere M. obliquus inter- Bauchaponeurose geführt werden. Der klassische
nus abdominis entgegengesetzt von oben medial nach Schnitt zur operativen transabdominalen Entbin-
unten lateral. dung (Sectio caesarea) ist der Pfannenstielschnitt:
Wenn man beide Hände bequem auf den Bauch suprasymphysärer Querschnitt durch die Bauch-
legt, die Fingerspitzen in der Mittellinie einander zuge- decke.
wandt, simuliert man die Faserrichtung des M. obli-
6 quus externus (entsprechend dem M. intercostalis ex-
ternus). Schiebt man nun die rechte Hand unter die Hintere Bauchwand
linke, entspricht der Verlauf der Finger dem M. obli- Der M. quadratus lumborum sitzt an der hinteren
quus internus (der linken Seite natürlich). Die Fasern Bauchwand seitlich des Extremitätenmuskels M. psoas
münden vor der Rektusscheide in eine nach kaudal major. Er wird von der Fascia transversalis nach ventral
breiter werdende Aponeurose, die sich an beiden Blät- umgeben.
tern der Rektusscheide beteiligt. M. psoas (7 Kap. 4.4.1)
Leistenband, Leistenkanal, Hernien (7 Kap. 4.9.2)
M. transversus abdominis
Der M. transversus abdominis ist der Dritte im Bunde.
Er liegt am tiefsten, mit seinem hinteren Faszienblatt un- 6.3.3 Nerven und Gefäße der Bauchwand
mittelbar auf dem Bauchfell (Peritoneum). Auch er ist
flächenhaft und bildet nach medial vor der Rektusscheide Nerven
eine breite halbmondförmige Linie (Linea semilunaris), Die Nervenversorgung erfolgt durch die Rr. anteriores
die in eine Aponeurose übergeht. Etwa in halber Höhe der Spinalnerven VII‒XII, die zwischen dem M. trans-
des Leistenbandes endet er, sodass ein relativ großes mus- versus abdominis und dem M. obliquus internus ver-
kelfreies Dreieck entsteht, durch das Inguinalhernien laufen. Kaudal geben der N. iliohypogastricus und
durchbrechen können (7 Kap. 4.9.2). Dorsal beteiligt er N. ilioinguinalis auch Äste zur motorischen Versor-
sich zusammen mit dem M. obliquus internus an dem gung aller Bauchmuskeln ab.
tiefen Blatt der Fascia thoracolumbalis.
Die Faszienblätter dieser 3 Muskeln beteiligen sich Vasa epigastrica
folgenderweise am Aufbau der Linea alba: Die arterielle Versorgung der vorderen Bauchwand
Oberhalb der Linea arcuata: erfolgt über die:
4 vorderes Blatt: Externusaponeurose, vorderes Blatt 4 A. epigastrica superior, der Verlängerung der
der Internusaponeurose, A. thoracica interna. sie verläuft an der Rückseite
4 hinteres Blatt: hinteres Blatt der Internusaponeu- des M. rectus abdominis in der Rektusscheide und
rose, Transversusaponeurose. anastomosiert mit der
Unterhalb der Linea arcuata: 4 A. epigastrica inferior, die aus der A. iliaca externa
4 vorderes Blatt: Externusaponeurose, Internusapo- entspringt. Sie gibt einen R. pubicus zur Symphyse
neurose, Transversusaponeurose (ist nach vorn ab, der wiederum mit der A. obturatoria anasto-
gewechselt!), mosiert.
4 hinteres Blatt: Fascia transversalis. 4 Die Venen verlaufen als gleichnamige Begleitvenen
ihrer Arterien. In die obere Hohlvene gelangt das
KLINIK venöse Blut über die Vv. thoracoepigastricae und
Schnittführung bei Operationen das Azygossystem.
Grundsätzlich sollte versucht werden, immer paral- 4 In die untere Hohlvene gelangt das Blut über die
lel zur Verlaufsrichtung der Muskelfasern zu schnei- V. epigastrica superficialis via V. saphena magna
6 und über die V. epigastrica inferior via V. iliaca
externa.
6.4 · Becken, Beckenwände
179 6

KLINIK Geschlechtsunterschiede
Gefährdung bei Hernienoperationen und Die geschlechtsspezifischen Unterschiede werden durch
Appendektomie. die Wirkung der Geschlechtshormone erklärt.
Bei Operationen von Schenkelhernien kann der 4 Das weibliche Becken ist breiter als das männliche.
R. pubicus aus der A. epigastrica inferior über- Die Beckeneingangsebene ist queroval, beim Mann
sehen werden (»Corona mortis«) (7 Kap. 4.9.6, eher herzförmig. Der Abstand der Trochanteren
7 Kap. 8.9.7). zueinander ist demnach auch größer.
Die Nn. iliohypogastricus und ilioinguinalis 4 Der Winkel der unteren Schambeinäste (Arcus
verlaufen im Appendektomiegebiet annähernd pubis) ist bei der Frau weiter (100°) gegenüber dem
parallel zum Leistenband schräg von lateral nach des Mannes (70°).
medial und können bei ungeschickter Schnittfüh- 4 Das Promontorium ragt bei Männeren weiter ins
rung durchtrennt werden (Störungen der Motorik kleine Becken hinein als bei Frauen.
und Sensibilität im Operationsgebiet).
Innere Beckenmaße
Wichtig für den Geburtsvorgang sind die Maße der
Beckeneingangsebene. Man unterscheidet:
6.4 Becken, Beckenwände 4 Conjugata anatomica: Abstand Symphysenober-
rand – Promontorium: 11,5 cm.
6.4.1 Skelettelemente, Verbindungen 4 Conjugata vera (obstetrica): Abstand Symphysen-
(7 Kap. 4) hinterseite (Eminentia retropubica) – Promonto-
rium: 11 cm.
6.4.2 Becken als Ganzes 4 Diameter transversa: weitester Abstand zwischen
den Lineae terminales: 13 cm.
Das Becken fungiert einerseits als Aufhängeapparat für 4 Diameter obliqua I und II: Abstand von Art. sac-
die untere Extremität, dient also der Fortbewegung roiliaca zur Eminentia iliopubica der Gegenseite:
bzw. der Standhaftigkeit des Individuums (7 Kap. 4). 12,5 cm.
Andererseits fängt es die gesamte Last des Verdauungs-
apparats auf, was allein der Terminus »Darmbeinschau- Äußere Beckenmaße
fel« suggeriert. Schließlich ist er bei Frauen als Geburts- Es gibt 2 äußere Beckenmaße:
kanal gefragt. 4 Distantia spinarum: Abstand zwischen den Spinae
Das knöcherne Becken lässt sich in 2 Etagen glie- iliacae anteriores superiores: 24–26 cm.
dern: 4 Distantia intertrochanterica: Abstand zwischen
4 großes Becken und den Trochanteren: 31–32 cm.
4 kleines Becken.
Geburtsvorgang
Das große Becken ist der nach oben offene Raum, der Nach Einsetzen der Wehen tritt der kindliche Kopf
nach lateral von den Darmbeinschaufeln (Alae ossis in das kleine Becken ein (Eröffnungsperiode). Da der
ilii) und nach kaudal von der Linea terminalis, genauer: Beckeneingang queroval und der Beckenausgang
der Beckeneingangsebene, am Übergang von Corpus längsoval orientiert ist, muss sich der Kopf im Becken-
zu Ala ossis ilii begrenzt wird. Sie ist beim aufrecht kanal um 90° drehen. Nach Drehung des Kopfs (meist
Stehenden um einen Winkel von etwa 65° geneigt (Be- mit dem Gesicht nach coccygeal) tritt der Kopf aus
ckenneigungswinkel). dem Beckenausgang aus (Austreibungsperiode). Da-
Das kleine Becken ist nach kaudal trichterförmig bei muss sich der enge Abstand zwischen Steißbein-
ausgelegt und wird knöchern durch den Becken- spitze und Symphysenunterrand erweitern. Auch die
ausgang begrenzt: von der Spitze des Steißbeins, den Iliosakralfugen sind aufgrund der lang dauernden Wir-
Ligg. sacrotuberalia und dem Arcus pubis. Muskulär kung der Geschlechtshormone etwas aufgelockert und
wird der Beckenausgang durch die Beckenboden- können nachgeben.
muskeln abgesichert (s. u.). Da es vollständig von Kno-
chen umgeben ist, wird es auch Beckenkanal (Canalis
pelvis) genannt. Das kleine Becken enthält das Rec-
tum, die Harnblase und einige Geschlechtsorgane
(Uterus mit Anhangsorganen bzw. Prostata, Ductus
deferens).
180 Kapitel 6 · Leibeswand

KLINIK
Wenn der kindliche Kopf zu groß oder das mütter-
liche Becken (Eingangs- oder Ausgangsebene) zu
klein ist, spricht man von relativem bzw. absolu-
tem Missverhältnis zwischen Kopf und Beckenein-
gängen. Dies erfordert dann eine Schnittentbindung
(Sectio caesarea).
Clevere Erdenbürger (selten!) schonen den
dicken Kopf und schicken den schmalen Hintern
voran (Beckenendlage). Dies ist ebenfalls eine Indi-
kation zur Sectio, da der breiteste Körperteil, der Kopf
zuletzt kommt und aufgrund der nicht gut vorge-
dehnten Weichteile »hängen bleiben« könnte (Gefahr
des Sauerstoffmangels bei verschleppter Geburt).
6 Bei einer Querlage geht gar nichts mehr (Sectio!).

. Abb. 6.10. Dammregion der Frau, Ansicht von unten-


hinten. Diaphragma pelvis: 1, M. levator ani; 2, M. coccygeus;
Diaphragma urogenitale: 3, M. transversus perinei prof.;
6.4.3 Innere Beckenmuskulatur
Sphinkterenschicht: 4, M. transversus perinei superf.,
5, M. bulbospongiosus; 6, M. sphincter ani ext. (Mod. nach
M. iliacus, M. obturatorius internus, M. piriformis Tillmann 2005)
(7 Kap. 4.4.1).

6.4.4 Beckenbodenmuskulatur 4 Die subdiaphragmale Etage ist ein keilförmig ver-


senkter Fett-Bindegewebsraum, die Fossa ischio-
Der Bauchraum wird nach kaudal ebenso sicher abge- analis. In ihr verlaufen die Leitungsbahnen für die
dichtet wie nach kranial. Obwohl die Beckenboden- Versorgung des äußeren Genitale und des unteren
muskulatur eine trichterförmige Ausstülpung nach Uterinsegments (Vasa pudenda, N. pudendus).
kaudal beschreibt, sind ausladende Bewegungen, ähn-
lich der des Zwerchfells, die das Bauchvolumen ver- Diaphragma urogenitale
schieben, nicht möglich. Da das Levatortor noch frei ist, wird es von einer
Der Beckenboden besteht aus 3 muskulären Schich- horizontal verlaufenden, dreieckigen fibromuskulären
ten (. Abb. 6.10): Platte abgesichert, dem Diaphragma urogenitale. Es
4 Diaphragma pelvis, besteht bei der Frau aus dem M. transversus perinei
4 Diaphragma urogenitale, und die profundus. Diese Platte spannt sich zwischen den
4 Sphinkterenschicht. Scham- und Sitzbeinästen aus (. Abb. 6.11).

Diaphragma pelvis Sphinkterenschicht


Das Diaphragma pelvis besteht im Wesentlichen aus Die Sphinkterenschicht besteht aus
dem M. levator ani; nach dorsal wird er durch den 4 M. transversus perinei superficialis, der die
M. coccygeus ergänzt. Das Diaphragma pelvis ist eine Schwachstelle zwischen den beiden Öffnungen,
trichterförmige Konstruktion, die nach vorn hin schlitz- Vulva und Anus, am freien Rand des M. transver-
förmig durch das Levatortor offen gelassen ist. Dieser sus perinei profundus verstärkt.
dient als Durchtritt für die Urethra und ggf. Vagina. 4 M. bulbospongiosus umgibt sphincterartig die
Vulva.
Beckenetagen 4 M. sphincter ani externus ist der äußere Schließ-
Das Diaphragma pelvis gliedert das Becken in Etagen muskel des Anus und gibt achtertourenartig Mus-
ein: kelfasern in die Schlinge des M. bulbospongiosus.
4 In die supradiaphragmale Etage wölbt sich der Auf diese Weise wird die Dammregion (Regio peri-
Boden der Bauchhöhle, außerdem dient der da- nealis) muskulär verstärkt.
runter liegende Bindegewebsraum als Ausbreitungs- 4 M. ischiocavernosus liegt entlang dem Sitzbeinast
gebiet für den Halteapparat des Uterus. unter dem Schenkel der Clitoris.
6.4 · Becken, Beckenwände
181 6
6.4.5 Nerven und Gefäße

Der Plexus sacralis setzt sich aus den Wurzeln von


L3–4 bis Co4 zusammen.
Ventrale Gefäßnervenstraße (Schenkelpforte):
A. und V. femoralis ziehen durch die Lacuna vasorum,
der N. femoralis, N. cutaneus femoris lateralis ziehen
durch die Lacuna musculorum in das Trigonum fe-
morale.
Mediale Gefäßnervenstraße (Canalis obturato-
rius): A./V./N. obturatorius ziehen durch den Canalis
obturatorius zu den Adduktoren des Beins.

Dorsale Gefäßnervenstraße. Das Foramen ischiadicum


. Abb. 6.11. Beckenetagen. Frontalschnitt durch ein weib-
majus teilt sich in eine supra- und eine infrapiriforme
liches Becken im Bereich von Vagina und Uterus, Ansicht der Abteilung):
hinteren Schnittfläche. V: Vagina; A: Alcock-Kanal, 1 M. levator 4 Durch das Foramen suprapiriforme ziehen A. und
ani; 2 M. transversus perinei prof., 3 M. obturatorius int.; I V. glutea superior zusammen mit dem N. gluteus
supradiaphragmale Etage; II Fossa ischioanalis. (Mod. nach superior.
Tillmann 2005) 4 Durch das Foramen infrapiriforme ziehen die A.
und V. glutea inferior, N. gluteus inferior, N. ischia-
dicus, N. cutaneus femoris posterior.
Regio perinealis
Die Dammregion ist der rautenförmige Bezirk zwi- Gefäßnervenstraße zur und in der Fossa ischioanalis
schen der Symphyse und den Schambeinästen, den (Foramina ischiadica major et minor, Canalis puden-
Tubera ischiadica, den Ligg. sacrotuberalia und dem dalis): die A./V. pudenda, und N. pudendus verlassen
Os coccygis. das Becken durch das Foramen infrapiriforme, zie-
hen dann aber gleich zwischen dem Lig. sacrotuberale
KLINIK und sacrospinale durch das Foramen ischiadicum
Der Bereich zwischen Anus und Äußerem Genitale minus ins kleine Becken zurück, um durch den Al-
ist der Damm (Perineum). cock-Kanal in die Fossa ischioanalis herabzugleiten
(. Abb. 6.11).

Fallbeispiel
Ein 14-jähriger Junge verspürt einen plötzlichen Tuberculum pubicum und oberhalb des Leistenbandes.
Schmerz in der Leiste beim Versuch, ein schweres Wenn er viel Fantasie hätte, würde er den Puls der
Gewicht zu heben. Er legt sich auf den Rücken und A. epigastrica inferior medial dieser an den Finger an-
beobachtet, wie die Schwellung, die offensichtlich schlagenden Strukturen tasten.
den Schmerz verursacht hat, kleiner wird und ganz
verschwindet. Er geht dann nach Hause. Probleme:
Auf dem Heimweg presst er die Luft gegen seine 1. Wie lautet die Diagnose?
versuchsweise verschlossene Epiglottis und verspürt 2. Wie lautet die Differenzialdiagnose, d. h. gegen
den Schmerz erneut. Seine Eltern rufen den Arzt her- welche Erkrankungen müssen wir diese Befunde
bei. Dieser legt seinen kleinen Finger in den Anulus abgrenzen?
inguinalis superficialis entlang des Leistenkanals in 3. Erläutern Sie die embryologische Basis für diesen
Richtung des Anulus inguinalis profundus. Erst, als Befund.
er den Jungen bittet zu husten, spürt er, wie sich 4. Welche Strukturen umhüllen den Funiculus sper-
Weichteile an die Fingerspitze stülpen. In Horizontal- maticus?
lage verschwindet diese Schwellung, im Stehen 5. Welche Strukturen sind bei der operativen Korrek-
jedoch tritt sie wieder hervor, und zwar lateral des tur gefährdet?
6
182 Kapitel 6 · Leibeswand

Antworten:
1. Indirekte Leistenhernie. höhle heraus nach oben medial treten. Die Hernie
2. Direkte Leistenhernie, Femoralishernie. liegt also innerhalb der Hüllen des Funiculus sper-
3. Der Processus vaginalis, ene Ausstülpung des maticus.
Bauchfells, an der der Hoden nach unten ge- 4. Fascia spermatica interna, M. cremaster. Der Ductus
wandert ist und den Leistenkanal geformt hat, ist deferens liegt gleich hinter der Hernie.
bei indirekten, angeborenen Leistenhernien nicht 5. R. genitalis n. genitofemoralis (zieht durch den
obliteriert. Anteile der Bauchhöhle (z. B. Darm- Leistenkanal und tritt durch den Anulus inguinalis
schlingen) können entlang dieser Ausstülpung superficialis wieder aus); N. ilioinguinalis; Plexus
durch den gesamten Leistenkanal aus der Bauch- pampiniformis; Ductus deferens.

6
7
185 7

7 Brusteingeweide

Mind Map
Die Eingeweide der Brust bewohnen einen Raum, der nalen Leitungsbahnen: Aorta, V. cava, Trachea und
von einem relativ starren Skelett, dem knöchernen Ösophagus. Die großen Organe, Herz und Lungen,
Thorax, umgeben wird. Dieser Raum ist nach unten sind zwar funktionell als eine Einheit zu betrachten,
hin einigermaßen hermetisch durch das Zwerchfell liegen anatomisch aber in unterschiedlichen Kompar-
abgeschlossen. Die obere Thoraxapertur jedoch timenten: Das Herz liegt den mediastinalen Leitungs-
lässt die Passagewege aus dem Hals ungehindert bahnen in einem eigenen Sack, dem Herzbeutel, auf,
in den Brustraum herein. Dieses Gebiet, das Media- gehört mithin zum Mediastinum. Die Lungen sind je-
stinum (Mittelfellraum), enthält somit die interregio- doch in die beiden Pleurahöhlen ausgegrenzt worden.
186 Kapitel 7 · Brusteingeweide

7.1 Entwicklung von Pleurahöhlen, 4 der Lamina epithelialis, einem einschichtigen


Herz und Lunge Plattenepithel,
4 der Lamina propria, der darunterliegenden Binde-
In der 4. Entwicklungswoche kommt es im lateralen gewebsschicht mit Gefäßen und Nerven, sowie
Mesoderm zu Spaltbildungen, die sich bei der Abfal- 4 der Tela subserosa, der Bindegewebsschicht, die ent-
tung des Embryos zum intraembryonalen Zölom er- weder der Leibeswand oder der Organwand direkt
weitern. aufliegt.

Merke
7.1.1 Pleurahöhlen und Zwerchfell Aus dem parietalen Mesoderm stammt:
5 Pleura parietalis, Brustfell, das die innere
Die Leibeshöhlen gehen aus dem intraembryonalen Brustwand (Pleurahöhle) bedeckt,
Zölom hervor, aus dessen seitlichen Teilen die Pleura- 5 Perikard, das den Herzbeutel auskleidet, und
höhlen sowie die Peritonealhöhle entstehen. Aus dem 5 Peritoneum parietale,das die innere Bauch-
kranialen Abschnitt des Zöloms bildet sich die Perikard- und Beckenwand auskleidet.
höhle.
7 Die »Spaltung« des Mesoderms führt zu der Aus- Aus dem viszeralen Mesoderm stammt:
bildung in 2 Abschnitte, deren Oberflächen von einer 5 Pleura viscerale (pulmonale), Lungenfell,
serösen Haut (Serosa) überzogen sind: 5 Epikard, das das Herz als viszerale Schicht des
4 parietales Mesoderm (Somatopleura), das die In- Herzbeutels umgibt, und das
nenwand der Leibeshöhlen auskleidet, und 5 Peritoneum viscerale, das die Organe der
4 viszerales Mesoderm (Splanchnopleura), das dem Bauch- und Beckenhöhle auskleidet.
Entoderm anliegt.

Serosa Entstehung von Perikardhöhle, Pleurahöhle


Die Serosa erleichtert später die weitgehend reibungs- und Peritonealhöhle
freie und schmerzlose Verschieblichkeit der »Höhlen- Zunächst bildet sich die Perikardialspalte über der Herz-
bewohner« zueinander. Sie besteht aus: anlage, die mit 2 seitlichen Zölomkanälen (Perikardio-

. Abb. 7.1a, b. Abgrenzung der Pleurahöhlen von der dialis (a). Es hat sich eine Pleuroperikardialmembran gebildet:
Perikardhöhle. Embryo der 5. Woche; offene Verbindung zur damit sind die Anlagen von Pleura- und Perikardhöhle ge-
Anlage der Perikardhöhle durch den Hiatus pleuropericar- trennt (b). (Schiebler 2005)
7.1 · Entwicklung von Pleurahöhlen, Herz und Lunge
187 7

peritonealkanäle) mit der späteren Peritonealhöhle in 7.1.2 Herz


Verbindung steht.
Die Lungenknospen stülpen sich in die Zölom- Das Herz-Kreislauf-System stammt aus dem Meso-
kanäle hinein. Durch zunehmendes Wachstum erfährt derm. In der Nähe der Prächordalplatte sammeln sich
das Zölom eine Unterteilung in die primitiven Leibes- Blutinseln und verschmelzen zu Endokardschläuchen.
höhlen. Dies wird insbesondere bedingt durch eine Ihnen legt sich von außen ein Myokardmantel an. Am
Mesenchymplatte, das Septum transversum, zwischen 22. Tag vereinigen sich die noch paarigen Gefäße zu
Herzanlage und Leberanlage. Die aufeinander zuwach- einem leicht gebogenen Herzschlauch. Erste Kontrak-
senden Platten verschließen die Perikardioperitoneal- tionen (Punctum saltans, der berühmte »springende
kanäle. Punkt«) sind am 23. Tag zu sehen. Am 24. Tag steigt das
Herz vom Hals in den Thorax ab (Descensus cordis).
KLINIK
Falls diese Zölomkanäle nicht geschlossen werden, Herzschleife und ihre Gliederung
liegt eine angeborene Zwerchfellhernie vor. Der Herzschlauch spannt sich zwischen dem Septum
transversum über die Perikardanlage aus. Es sind folgen-
de Erweiterungen zu sehen, die das noch nicht gekam-
Die primitiven Leibeshöhlen werden weiterhin durch merte Herz gestalten (Cor commune):
folgende Entwicklungen unterteilt: Die Zölomkanäle 4 Sinus venosus (Einstrombahn aus den Venen des
oberhalb des Septum transversum erweitern sich zur Embryos),
Anlage der Pleurahöhle. Es kommt zu Auffaltungen 4 Atrium primitivum (Vorhof),
zwischen den Anlagen der Pleurahöhlen und der Peri- 4 Ventriculus primitivus (Kammer) und
kardhöhle (Plicae pleuropericardiales). In diesen Falten 4 Bulbus cordis primitivus (Ausstrombahn; Über-
verlaufen die Vv. cardinales (Vorläufer der großen Kör- gang in den Truncus arteriosus).
per- und Herzvenen) und der N. phrenicus. Beide Plicae
pleuropericardiales vereinigen sich zur Membrana Entwicklung der Herzschleife
pleuropericardialis. Damit werden Perikard- und Pleu- Durch das schnellere Wachstum dieser Anteile als des
rahöhlen voneinander getrennt (. Abb. 7.1a, b). umgebenden Gewebes biegt sich der Herzschlauch
Im seitlichen Septum transversum bilden sich die S-förmig (Cor sigmoideum). Da sich der Abstand
Plicae pleuroperitoneales, in die Myoblasten einwan- zwischen Truncus arteriosus und Sinus venosus nicht
dern. Damit entsteht die Muskulatur des Zwerchfells. verändert, knickt der Schlauch ein. Dadurch ergeben
Die Peritonealhöhle entsteht durch die kaudalen sich die beiden Einengungen zwischen
Schenkel des intraembryonalen Zöloms, das sich vom 4 Atrium primitivum und Ventriculus primitivus
extraembryonalen Zölom (Chorionhöhle) durch Ver- (Atrioventrikularkanal), sowie
schluss der ventralen Bauchwand getrennt hat. 4 dem kaudalen und kranialen Anteil der primitiven
Kammer (Sulcus interventricularis), die die späte-
re Septierung zwischen rechter und linker Kammer
ahnen lässt (. Abb. 7.2).

. Abb. 7.2a–e. Herzentwicklung nach Vereinigung der Endo- cordis primitivus, C : Conus arteriosus, Tr : Truncus arteriosus.
kardschläuche zum 4-kammrigen Herz. Sv. Sinus cavernosus, Ansicht von vorne (a, b, d), Ansicht von der Seite (c), Ansicht
A: Atrium primitivum, V: Ventriculus primitivus, B : Bulbus von hinten (e). (Schiebler 2005)
188 Kapitel 7 · Brusteingeweide

Bildung von Herzsepten KLINIK


Im Atrioventrikularkanal und im Truncus/Conus- Eine fehlgesteuerte Trennung der Ausflussbahnen
bereich bilden sich Endokardkissen, die ins Lumen kann zu allerlei Anomalien führen, z. B. Transpo-
vorwachsen. sition der großen Gefäße, Pulmonalisatresie.
Die Fallot-Tetralogie geht mit folgenden
KLINIK Fehlbildungen einher: Pulmonalstenose, Ventrikel-
Viele Fehlbildungen des Herzens gehen auf eine septumdefekt, reitende Aorta, Hypertrophie des
mangelhafte Ausführung der Endokardkissen zu- rechten Ventrikels. Die Folgen sind Rechts-Links-
rück. Shunt, Zyanose, ungenügende Oxygenierung des
Bluts.

Die Septierung beginnt im Vorhof. Eine sichelartige


Leiste (Septum primum) wächst vom Dach des Vor-
hofs herunter und unterteilt ihn bis auf eine Öffnung, 7.1.3 Embryonale Aortenbögen
das Ostium primum. Während das Septum primum
auf das Endokardkissen zuwächst, entsteht in ihm ein Aus dem geteilten Truncus arteriosus des Herzschlauchs
7 zweites Loch, das Ostium secundum. Dieses wird duch gehen die Schlundbogenarterien hervor, dies sind 6
eine neue Trennwand, dem Septum secundum, fast Aortenbögen auf jeder Seite. Allerdings entstehen sie
komplett abgedeckt. Die ovale verbleibende Öffnung alle zu verschiedenen Zeiten und obliterieren zum Teil.
bezeichnet man als Foramen ovale (. Abb. 7.3). Sie machen einen Bogen um den Schlunddarm und
Der physiologische Rechts-Links-Shunt durch das münden in die dorsalen Aorten, die sich aber bald in
Foramen ovale ist im fetalen Kreislauf notwendig, einen Stamm vereinigen (. Abb. 7.4).
da der Lungenkreislauf noch nicht aktiv ist (7 Kap. 2). Was passiert mit den 6 paarigen Aortenbögen?
Normalerweise werden durch die dramatische Druck- 4 1. Aortenbogen: verschwindet bis auf die spätere
erhöhung im postnatalen linken Vorhof die beiden A. maxillaris.
Septen gegeneinander gedrückt, sodass sich das Fora- 4 2. Aortenbogen: verschwindet bis auf die A. hyoi-
men ovale schließt. dea und A. stapedia.
Die Kammern werden durch das Septum inter- 4 3. Aortenbogen: Aus ihm wird etwas Ordentliches:
ventriculare an der Stelle des Sulcus interventricularis A. carotis communis (A. carotis ext. kommt aus der
getrennt. Auch hier sind Defekte möglich (Foramen ventralen Aorta).
interventriculare). 4 4. Aortenbogen: Seitenverschieden! Links: Teil des
Die Unterteilung der Ausstrombahn wird mit der definitiven Aortenbogens zwischen A. carotis
Bildung von Ventilen, den Taschenklappen, perfektio- communis und A. subclavia; rechts: prox. Abschnitt
niert. Die Septen wachsen aus Endokardpolstern auf- der A. subclavia.
einander zu und vereinigen sich zum spiralenförmigen 4 5. Aortenbogen: ist kümmerlich und geht ein.
Septum aorticopulmonale. Durch die Trennung entste- 4 6. Aortenbogen, Pulmonalbogen: Rechts: rechte
hen die Aorta ascendens und der Truncus pulmonalis. Pulmonalarterie; links: linke Pulmonalarterie,
Ductus arteriosus Botalli, obliteriert zum Lig. arte-
riosum.

Merke
Die ventrale Aorta teilt sich nach rechts in den
Truncus brachiocephalicus und nach links in den
definitiven Aortenbogen.

Weitere Ereignisse sind: Die dorsale Aorta zwischen


dem 3. und 4. Aortenbogen obliteriert. Die rechte dor-
. Abb. 7.3. Foramen ovale. Der Pfeil gibt die Richtung des sale Aorta verschwindet. Außerdem rutscht das Herz
embryonalen Blutstroms an, durch den der untere Abschnitt vom Hals in die Brust und zieht die A. carotis und den
des Septums zur Seite gebogen wird. Bei der Umstellung Truncus brachiocephalicus wie ein Kaugummi in die
auf den bleibenden Kreislauf schließt sich das Foramen ovale Länge. Die Nn. laryngei recurrentes werden durch die
durch Überlappung der Ränder. (Schiebler 2005) asymmetrische Aortenbogenentwicklung unterschied-
7.1 · Entwicklung von Pleurahöhlen, Herz und Lunge
189 7

. Abb. 7.4. Branchialarterie und ihre Derivate (Ventralan- zeitig vorhanden zu sein (a), Umbildung. Einzelheiten im Text
sicht). Ausgangssituation: auf jeder Seite verbinden 6 Aorten- (b), und Zustand nach der Geburt (c). (Schiebler 2005)
bögen die ventrale und dorsale Aorta, ohne jemals gleich-

lich in den Thorax mitgezogen. Der linke N. recurrens In der 3. Entwicklungswoche bildet sich hinter dem
zieht vor dem Lig. arteriosum um die Aorta, der rechte Schlunddarm die Laryngotrachealrinne, von der sich
um die A. subclavia »zurück« zu ihrem ursprünglichen ein Divertikel für die Anlage der Luftröhre nach vorn
Versorgungsgebiet, dem Kehlkopf. unten ausbildet. Distal zweigen dann die beiden Lungen-
knospen zur Seite in die Pleuroperikardialkanäle ab,
Isthmus aortae und begründen den sich dichotom verzweigenden
Der Aortenisthmus ist der Abschnitt der Aorta zwischen Bronchialbaum. Für eine saubere Trennung zwischen
dem Beginn der linken A. subclavia und der Einmün- Luft- und Speisewegen kaudal des Kehlkopfs sorgt das
dungsstelle des Ductus arteriosus. Septum oesophagotracheale.

KLINIK KLINIK
Bei der relativ häufigen Aortenisthmusstenose Eine unvollständige oder fehlende Ausbildung des
kommt es zu Durchblutungsstörungen der Septum oesophagotracheale (Ösophagotracheal-
unteren Körperregion, niedrigem Blutdruck fistel) kann zu einer Aspirationspneumonie des
der unteren Körperhälfte und Zyanose, jedoch Neugeborenen führen. Epitheliale Wucherungen
zu einer übermäßigen Durchblutung der im nicht abgetrennten Ösophagus können eine
oberen Körperregion, erhöhtem Blutdruck Ösophagusatresie bewirken.
der oberen Körperhälfte und keiner Lippen-
zyanose!
Lungenreifung
Da die Lunge aus dem Verdauungstrakt stammt und
bis zur Geburt mit Luft nichts zu tun hat, gleichen die
7.1.4 Trachea und Lunge sich entwickelnden Endstücke des Bronchialsystems
(Alveolen) eher einer Verdauungsdrüse als einer alve-
Merke olären Wabe (. Abb. 7.5). Man unterscheidet folgende
Das Entoderm des Darmrohrs liefert die epitheliale Abschnitte der Lungenreifung:
Auskleidung der unteren Atemwege und Drüsen. 4 Pseudoglanduäre Phase: 5.–16. Woche. Anlage
Blutgefäße, Knorpel, glatte Muskulatur und Binde- der Bronchi und Bronchioli terminales.
gewebe gehen aus dem Mesoderm hervor. Später 4 Kanalikuläre Phase: 16–26 Wochen. Aufweitung
wandern vegetative Nerven (Vagusäste) aus der zu Bronchioli respiratorii, Auftreten der Alveolar-
Neuralleiste ein. epithelzellen. Beginn der Surfactantproduktion
(7 Kap. 7.2.2).
190 Kapitel 7 · Brusteingeweide

. Abb. 7.5. Lungenentwicklung,


Blick von unten. Pseudoglanduläre
Phase (8. Woche). Die Lungenanlage
(Lu) arbeitet sich in die Pleurahöhle
(ehem. Pleuroperikardialspalt, Pfeile)
herein. Links ist die Anlage von 2,
rechts von 3 Lappen erkennbar. Das
Septum transversum (Dia) ist schon
geschlossen und grenzt die Leber (Le)
nach kaudal in der Peritonealhöhle
ab. RM: Rückenmark, WK: Wirbel-
körper, A: Aorta, Ös: Ösophagus,
VCI: V. cava inferior

4 Primäre Alveolen: 26 Wochen bis Geburt. Abfla- KLINIK


chung des Epithels der Drüsenendstücke, Ausbil- Da der rechte Stammbronchus steiler verläuft als
dung der Sacculi alveolares, Kontakt zu Kapillaren. der linke (Herz!), landen aspirierte Fremdkörper
Ab 7. Monat ist die Diffusionsbarriere klein genug (oder der zu tief geschobene Tubus) meist im rech-
und die Surfactant-Produktion ausreichend zum ten Stammbronchus.
Überleben.
4 Alveoläre Differenzierung: 8. Monat bis frühe
Kindheit. Nachbarschaftsbeziehungen, Aufbau
Im Hals wird die Trachea von den Lappen der Schild-
drüse umzingelt. Distal des Larynx zieht sie über dem
7.2 Atmungsorgane Ösophagus von der Oberfläche unter das Sternum in die
Tiefe. In der Rinne zwischen Ösophagus und Trachea
Zu den Organen des Unteren Atemtrakts zählen Trachea liegt der N. laryngeus recurrens. Links zieht der Aorten-
und Lunge. Die Trachea und das Bronchialsystem der bogen an ihr vorbei und verdrängt sie etwas nach
Lunge dienen der Luftleitung, die Alveolen der Lunge rechts.
sorgen für den Gasaustausch sowie die respiratorische
Kompensation metabolischer Stresssituationen. Mikroskopische Anatomie: Wandbau,
Schleimhaut
Da die Luftröhre große Luftdruckschwankungen aus-
7.2.1 Trachea halten muss, sollte ihre Wand starr aufgebaut sein. An-
dererseits zwingt sie die hinter ihr liegende Speiseröhre
Lage, Form, Länge zu einem Kompromiss. Falls diese eine dicke unzerkau-
Die Luftröhre ist 10–12 cm lang mit einem Durch- te Kartoffel nach kaudal transportieren muss, erlaubt
messer von etwa 2–3 cm. Sie gliedert sich in: die Rückwand der Trachea eine Einbeulung. Die in die
4 Pars cervicalis, ab 6. Halswirbel unterhalb des Ring- Wand eingearbeiteten etwa 10–20 hyalinen Knorpel-
knorpels des Kehlkopfs, bis zur Oberen Thorax- spangen sind also nach hinten hin offen (. Abb. 7.6).
apertur. Dieser Teil wird von einer Muskelplatte (Pars membra-
4 Pars thoracica, von der Oberen Thoraxapertur bis nacea) abgesichert. Von innen nach außen sieht die
zur Bifurcatio tracheae (4. Brustwirbel). Wandschichtung folgendermaßen aus:
4 Tunica mucosa:
Die Bifurcatio tracheae ist die Aufzweigungsstelle der 5 Lamina epithelialis mit mehrreihigem hoch-
Luftröhre in 2 Stammbronchien (ein steiler Bronchus prismatischen Epithel mit Kinozilien, einge-
principalis dexter, und ein flacher, längerer Bronchus streuten Becherzellen,
principalis sinister). 5 Lamina propria mit seromucösen Drüsen.
7.2 · Atmungsorgane
191 7
Organisation der Lunge
Die Lunge ist nach der dichotomen Aufteilungsweise
der Bronchien und der sie begleitenden Arterien hierar-
chisch gegliedert in:
4 Lappen (Lobi),
4 Lungensegmente (Segmenta bronchopulmonalia),
4 Lungenläppchen (Lobuli) und
4 Acini.

Lungenlappen (Lobi pulmonis), Hilum


Die rechte Lunge hat 3 Lappen, die linke nur 2 Lappen.
Die Leitungsbahnen treten aus dem Mediastinum in
das Hilum ein.
4 Linke Lunge: Lobus superior, Lobus inferior, ge-
trennt durch die Fissura obliqua. Medial sieht man
die Eindellung durch das Herz (Impressio cardia-
ca), von Ösophagus und Aorta. Im Hilum liegen
vorne unten die Lungenvenen, oben die A. pulmo-
nalis und in der Mitte hinten die Bronchien.
4 Rechte Lunge: Lobus superior, Lobus inferior,
Lobus medius. Der hinteren Brustwand liegen nur
die Ober- und Unterlappen an, der Mittellappen
schiebt sich seitlich dazwischen. Die Fissura obliqua
liegt zwischen Ober- und Unterlappen, die Fissura
. Abb. 7.6. Querschnitt durch die Trachealwand. BM: Basal- horizontalis zwischen Ober- und Mittellappen.
membran unter dem respiratorischen Epithel, D: seromucöse Impressionen nach medial: V. cava superior, V. azy-
Drüsen in der Lamina propria, HK: Hyaliner Knorpel. Binde- gos, Ösophagus. Im Hilum liegen vorne unten die
gewebsfasern des Perichondriums gehen in die Adventitia Lungenvenen, in der Mitte die A. pulmonalis und
(Ad) über
hinten oben die Bronchien.

4 Tunica fibromusculocartilaginea: Lungensegmente


5 M. trachealis oder Die keilförmigen Segmente begrenzen das Ausbreitungs-
5 Tunica fibrocartilaginea gebiet eines größeren Bronchus (Segmentbronchus)
4 Tunica adventitia. und der ihn begleitenden Segmentarterie. Die rechte
Lunge hat 10, die linke hat 9 Segmente, da das 7. fehlt.
Zwischen den Segmenten läuft die V. pulmonalis, die
7.2.2 Lungen O2-haltiges Blut zum Herzen zurückbringt.

Lage, Form Lungenläppchen


Die Lungen nehmen den größten Teil des Brustraums Lungenläppchen sind durch feine Bindegewebssepten
(Cavitas thoracis) ein. Sie werden nach Abschluss der voneinander getrennt. Dies gilt nur für die Peripherie;
Entwicklung vom viszeralen Blatt der Pleura (Pleura im Zentrum des Lappens fehlt diese Untergliederung.
pulmonalis) umgeben, das am Lungenhilum (Hilum
pulmonis) in das parietale Blatt der Pleura (Pleura Acini
parietalis bzw. mediastinalis) umschlägt. Die Pleura- Ein Acinus besteht aus einer Gruppe von Alveolen mit
höhle (Cavitas pleuralis) ist durch diese Invagination den ihnen vorangestellten terminalen Bronchien.
der Lungen bis auf einen schmalen kapillaren Spalt, den
Pleuraspalt verkleinert. Bronchialbaum
Beide Lungen haben ein Volumen von etwa 1,8 l, die Der Bronchialbaum teilt sich etwa 10- bis 20-mal dicho-
linke ist wegen der Raumforderung durch das Herz etwa tom auf. An jedem Bronchiolus terminalis hängen
150 ml kleiner. Mit der Basis (Basis pulmonis) liegen die ca. 200 Alveolen; die Gesamtzahl der Alveolen beträgt
Lungen dem Zwerchfell auf. Die Spitzen (Apices pul- etwa 300 Mio. Die Gesamtoberfläche für den Gasaus-
monis) wölben sich bis über die obere Thoraxapertur. tausch beträgt 100 m2 Der Bronchialbaum besteht aus:
192 Kapitel 7 · Brusteingeweide

. Abb. 7.7. Lappenbronchien mit


Arterie, Kn: Knorpelspange Azan

4 Bronchus principalis sinister et dexter (s. o.), In den Alveolen erfolgt der Gasaustausch. Diese
4 Bronchi lobares: rechts 3, links 2; liegen noch im Räume sind durch dünne Interalveolarsepten vonei-
Hilum, nander getrennt. Sie stehen auch mit Poren untereinan-
4 Bronchi segmentales: entsprechen der Zahl der der in Verbindung.
Segmente, Die Alveolarepithelzellen stammen wahrschein-
4 Bronchioli: Durchmesser ca 1 mm. Sie besitzen lich aus
keine Knorpelspangen mehr, sondern nur noch 4 Typ-II-Pneumozyten, rund bis prismatisch, die
glatte Muskulatur, und sich noch teilen können. Aus ihnen gehen Typ-I-
4 Bronchioli terminales: Durchmesser zwischen Pneumozyten hervor. Sie liegen in den Nischen
0,5–1 mm. Zunehmend flaches Epithel. der Alveolen (»Nischenzellen«). Sie produzieren
Surfactant.
Mikroskopische Anatomie
Die Bronchien besitzen prinzipiell den gleichen Wand- Merke
aufbau wie die Trachea. Ihr Lumen ist jedoch einge- Surfactant (surface acting agent) ist ein Lecithin-
faltet. Arterien verlaufen immer in ihrer unmittelba- haltiges Phospholipid, ohne den die Oberflächen-
ren Umgebung (. Abb. 7.7). Die Bronchioli besitzen spannung die Alveolen wie ein schneebedecktes
nur noch z. T. schraubig verlaufende glatte Muskulatur, Dach kollabieren ließe (Atelektase). Surfactant-
Knorpel fehlen ab hier, das Epithel wird niedriger (pris- assoziierte Proteine dienen u.a. der Opsonierung
matisch bis flach) und verliert allmählich den Zilien- von pathogenen Keimen. Surfactant ist erst ab
besatz. Am Beginn der Acini liegen nur noch einzelne der 35. Schwangerschaftswoche ausreichend vor-
Muskelzellen der Wand, Drüsen sind nicht mehr zu handen.
finden. Das interstitielle Bindegewebe ist extrem reich
an elastischen Fasern. Sie sind die treibende Kraft
der Expiration, wenn der Muskelzug des Zwerchfells 4 Typ-I-Pneumozyten, absolut flach und speziali-
nachlässt. siert angeblich auf nichts anderes, als den Atem-
gasen eine möglichst geringe Diffusionsstrecke
KLINIK entgegenzustellen. Sie nehmen etwa 95% der Alveo-
Leider schnurrt die Lunge auch zu einem faust- laroberfläche ein und beteiligen sich an der Blut-
großen Etwas zusammen, wenn die Adhäsions- Luft-Schranke (s. u.).
kräfte der Pleura zusammenbrechen. Dies kann bei 4 Alveolarmakrophagen, freie Zellen, die zum MPS
Eindringen von Luft in den Pleuraspalt geschehen gehören. Sie wandern auf dem Epithel herum und
(Pneumothorax). beseitigen unverdauliche Staubpartikel oder in den
Alveolarraum ausgepresste Blutbestandteile (z. B.
7.2 · Atmungsorgane
193 7

»Herzfehlerzellen«, d. h. mit Hämatin beladene KLINIK


Makrophagen, die bei Linksherzinsuffizienz aus- Lungenödem. Bei erhöhtem kapillärem Perfu-
gehustet und im Sputum nachgewiesen werden sionsdruck können Flüssigkeit oder feste Blutbe-
können). Abgefangenen Ruß nehmen sie mit in das standteile in den Alveolarraum gelangen. Geschieht
Interstitium und deponieren es als anthrakotisches dies akut (z. B. dekompensierte Linksherzinsuffi-
Pigment in den Septen oder Lymphknoten. Diese zienz), kann ein Lungenödem entstehen. Geschieht
bleibenden Ablagerungen prägen das schwarze dies langsam, chronisch, halten Fibroblasten des
Lungenbild des Großstadtbewohners. Interstitiellen Bindegewebes dagegen und produ-
zieren vermehrt Matrix. Dadurch kommt es zu einer
Weitere Zelltypen sind: Verbreiterung der Diffusionsstrecke für Atemgase.
4 Clara-Zellen liegen im Epithel des Übergangs von
Bronchien zu Bronchioli. Aufgabe: Vorläuferzellen
des Bronchialepithels, vermutlich Surfactant-Pro- Lungengefäße
duktion. Das Kapillarnetz, das die Alveolen umgibt, kommt
4 Neuroendokrine Zellen: sitzen einzeln oder als aus der A. pulmonalis. Diese verlaufen immer mit den
Cluster (Neuroepithelkörperchen, neuroepithelial Bronchien, während die Lungenvenen immer zwischen
bodies) an Verzweigungsstellen des Bronchialsy- den Segmentgrenzen als Vv. pulmonales zum linken
stems. Sie messen die Sauerstoffkonzentration. Vorhof ziehen. Neben den o. g. Vasa publica gibt es
ein innerbetriebliches Gefäßnetz, die Vasa privata:
Blut-Luft-Schranke Aa. bronchiales kommen aus der Aorta thoracica bzw.
Die Barriere zwischen Luft und Blut muss niedrig ge- den 3. oder 4. interkostalarterien (rechts). Hilumnahe
nug sein, um die Atemgase entlang ihren Konzentra- Vv. bronchiales drainieren in die Vv. azygos und hemia-
tionsgradienten hindurchzulassen. Sie ist zwischen 200 zygos; die anderen münden in die Vv. pulmonales.
und 600 nm dick und besteht aus (. Abb. 7.8):
4 Alveolarepithelzellen (Typ-I-Pneumozyten), Lymphabfluss und regionäre Lymphknoten
4 gemeinsame Basalmembran mit Es gibt ein subpleural gelegenes Lymphgefäßnetz und
4 Kapillarendothel (geschlossener Typ). ein tiefes Lympfgefäßnetz, das sich an den Bronchien

. Abb. 7.8. EM-Abbildung der


Bestandteile der Blut-Luft-Schranke.
Roter Pfeil: Typ-I-Pneumozyt, Blauer
Pfeil: Endothelzelle. Länge des Dop-
pelpfeils: ca. 200 nm; der Pinguin
weist auf den myelinartigen Surfac-
tant hin. EM-Abb. von Prof. Fehren-
bach, Marburg (7 farbige Abb. S. 336)
194 Kapitel 7 · Brusteingeweide

orientiert. Die Lymphe passiert folgende Lymph- Beide Pleurablätter umschließen den Pleuraspalt
knoten: (Cavitas pleuralis), der mit einer serösen Flüssigkeit
4 Nll. pulmonales: in den Segmentsepten. benetzt ist. Pleura parietalis und pulmonalis können
4 Nll. bronchopulmonales: im Bereich des Lungen- sich aufgrund der Kapillarkräfte nicht voneinander
hilum. abheben, sondern nur aneinander entlang gleiten (ver-
4 Nll. tracheobronchiales: im Bereich der Bifurcatio gleichbar zweier aufeinander liegender flüssigkeitsbe-
tracheae. netzter Glasplatten). Zudem herrscht ständig ein Un-
4 Nll. tracheales: entlang der Trachea zum Ductus terdruck im Pleuraspalt. Da beide Blätter fest mit ihren
thoracicus. Unterlagen verwachsen sind und sich andererseits nicht
voneinander abheben können, bleibt der Lunge nichts
Vegetative Innervation anderes übrig, als bei Volumenvergrößerung des Tho-
Durch den Plexus pulmonalis kommt die Lunge in den rax (Inspiration) dem Diktat der Pleurablattphysik
Genuss sympathischer und parasympathischer Inner- nachzugeben, mitzugleiten und sich passiv mit Luft zu
vation. Der N. vagus spendiert parasympathische Äste füllen.
für die Muskulatur (Bronchiokonstriktion), zur Ver- Als einziger lungenbewehrter Vertebrat besitzt der
sorgung der Drüsen, sensible Fasern für Schmerz und Elefant keinen Pleuraspalt. Grund: Er benutzt seinen
7 Temperatur. Chemosensorische Afferenzen von den langen Rüssel gern als Schnorchel unter Wasser. Wei-
Neuroepithelialkörperchen laufen ebenfalls im Vagus. tere Einzelheiten sind bitte nachzulesen in: News Phy-
Sympathische Nerven sind für die Bronchodilatation siol Sci 17: 47–50, 2002.
verantwortlich.
Recessus pleurales
Das Zwerchfell hinterlässt aufgrund seiner kuppel-
7.2.3 Pleura artigen Struktur im Brustraum jedoch einige Spalten,
die bei tiefer Einatmung als Reserveräume (Kompleman-
Die Pleura besteht aus Pleura visceralis und Pleura pa- tärräume) für die Ausdehnung der Lunge benutzt wer-
rietalis. den können. Es sind dies:
Wenn man die Faust in einen etwas schlaff auf- 4 Recessus costodiaphragmaticus,
geblasenen Luftballon stülpt, dann ist die Schicht des 4 Recessus costomediastinalis und
Ballons, die den Fingern aufliegt, vergleichbar mit der 4 Recessus phrenicomediastinalis.
Pleura visceralis, die die Lunge umkleidet. Die Luft im
Luftballon entspricht dem Kapillarspalt zwischen den
Pleurablättern, und der hintere, von der Faust unbe- 7.3 Ösophagus
rührte Teil entspricht der Pleura parietalis. Am Hand-
gelenk wäre die Umschlagstelle beider Blätter. Der Arm, Als Ösophagus bezeichnet man den muskulösen
an der die Faust hängt, ist das Lungenhilum mit den Schlauch, der im hinteren Mediastinum eingeklemmt
großen ein- und ausführenden Gefäßen. zerkaute und mit Speichel versetzte Speisen vom Rachen
in den Magen treibt.
Pleura parietalis
Die Pleura parietalis kleidet die innere Brustwand aus. Aufbau und Verlauf
Sie besteht aus: Die Speiseröhre ist etwa 25–30 cm lang. Man kann
4 Pleura mediastinalis, nach medial zum Medias- 3 Abschnitte unterscheiden:
tinum. 4 Die Pars cervicalis (Halsteil) ist knapp 10 cm lang
4 Pleura costalis; sie liegt verschieblich der Fascia und liegt hinter der Trachea auf der Wirbelsäule
endothoracica auf. zwischen C6 und Th1.
4 Pleura diaphragmatica, sie liegt dem Zwerchfell 4 Die Pars thoracica (Brustteil) ist etwa 16 cm lang,
auf. zieht zwischen Bifurcatio tracheae und Aorta nach
links und überkreuzt die Pars descendens aortae.
Pleura visceralis (pulmonalis) 4 Die Pars abdominalis (Bauchteil) ist 2–3 cm lang
Wenn wir meinen, die Lunge zu sehen, sehen wir nur die und tritt durch den Hiatus oesophageus des
Pleura visceralis, denn sie schmiegt sich der Lungen- Zwerchfells (in Höhe Th10/11), bis zum Ostium
oberfläche an. Umschlagstellen beider Blätter gibt es am cardiacum, dem Mageneingang.
Lungenhilum und einer Duplikatur kaudal des Hilum,
dem Lig. pulmonale.
7.3 · Ösophagus
195 7

Der Ösophagus hat folgende Krümmungen: KLINIK


4 Im Halsteil liegt er leicht linksgerichtet, Ösophagusvarizen. Die Vv. oesophageales haben
4 Im Brustteil durch den Aortenbogen nach rechts nach lumenwärts kein ausreichendes Widerlager
gedrängt, dann aber wieder nach links gebogen. und können sich, ähnlich wie Unterschenkelvarizen,
bei Druckerhöhung ausdehnen und platzen, wenn
In der Sagittalebene passt er sich der Halslordose der eine scharfe Kartoffel an ihnen kratzt. Die Ösopha-
Halswirbelsäule und der Brustkyphose der Brustwir- gusvarizenblutung ist lebensgefährlich (portoca-
belsäule an. vale Anastomosen, 7 Kap. 8).
Bedeutender sind die Engstellen, denn dort kann
einem schon einmal ein Bissen im Halse (Fremdkör-
per) stecken bleiben: Mikroskopische Anatomie
4 Obere Ösophagusenge: »Ösophagusmund«, hinter Die Wand des Ösophagus zeigt den typischen Wand-
dem Ringknorpel, bedingt durch den Tonus der aufbau des Intestinaltrakts (7 Kap. 8), allerdings mit
Ringmuskulatur und dem M. constrictor pharyngis einigen Besonderheiten (. Abb. 7.9).
inferior sowie die Füllung des submukösen Venen-
plexus Sie lässt sich auf etwa 15 mm weiten. Tunica mucosa
4 Mittlere Ösophagusenge (»Aortenenge«), hinter Die Tunica mucosa setzt sich zusammen aus:
der Bifurcatio tracheae: bedingt durch die Nähe der 4 Lamina epithelialis mucosae: Mehrschichtig un-
Aorta. verhorntes Plattenepithel.
4 Untere Ösophagusenge (»Zwerchfellenge«), im 4 Lamina propria mucosae: Wie üblich aus reti-
Hiatus oesophageus. kulärem Bindegewebe, hier und da eingestreute
solitäre Lymphfollikel (die aber auch in anderen
Außerhalb der Schluckphase sind die Engstellen ge- Schichten vorkommen können).
schlossen. Die obere Enge wirkt als echter Sphincter, 4 Lamina muscularis mucosae: Außergewöhnlich
während der Übergang zur Cardia durch spiralige dick! Bitte nicht mit der Tunica muscularis ver-
Muskelfasern eher einem Schraubverschluss ähnelt wechseln!
(geht nur bei Längendehnung).
Tela submucosa
KLINIK Die Tela submucosa ist eine breite Schicht aus kollage-
Falls der Übergangsbereich zum Magen nicht aus- nem Bindegewebe, Blutgefäßen, besonders ausgedehn-
reichend verschlossen wird, kann Magensaft in tem Venenplexus, Nerven, gelegentlich mit Ganglien-
den unteren Ösophagusabschnitt eindringen. Das zellen des Plexus submucosus (Meißner).
mag die Schleimhaut nicht: Refluxösophagitis,
Sodbrennen.

Gefäßversorgung, Innervation und regionäre


Lymphknoten
Die arterielle Versorgung übernehmen Äste der:
4 A. thyroidea inferior und A. subclavia (Halsteil),
4 Aorta (Rr. oesophagei, Brustteil) und
4 A. phrenica inferior und A. gastrica sinistra
(Bauchteil).

Das venöse Blut wird über die Vv. oesophageales in die


V. azygos und V. hemiazygos abgeleitet. Ein Teil ge-
langt über die kleinen Magenvenen oder die V. gastrica
sinistra in die Pfortader. . Abb. 7.9. Querschnitt durch den Ösophagus, unteres
Drittel, HE. E: Lamina epithelialis, LP: Lamina propria, MM:
Lamina muscularis mucosae, S: Tela submucosa, TM: Tunica
muscularis mit innerer Ring- und äußerer Längsmuskulatur.
Ganglien sind nicht zu sehen, auch die Adventitia ist entfernt
196 Kapitel 7 · Brusteingeweide

Tunica muscularis 7.5 Herz


Im oberen Drittel besteht sie aus Skelettmuskulatur, in
den unteren Abschnitten aus glatter Muskulatur. Diese Das Herz (Cor) ist ein Hohlmuskel, dessen Hauptauf-
gliedert sich in eine gabe darin besteht, Blut in den beiden Kreisläufen zu
4 Innere Ringmuskelschicht (Stratum circulare) verschieben. Um ein effektives Pumpsystem aufrecht-
und eine zuerhalten, hat es sich bewährt, diesen Muskel zu kom-
4 Äußere Längsmuskelschicht (Stratum longitudi- partimentieren und mit Ventilen auszustatten. Nicht
nale). Zwischen beiden Schichten liegen Ganglien- zufällig ist das Herz den beiden metabolisch wichtigsten
zellen des Plexus myentericus (Auerbach). Organen in unmittelbarer Nähe zwischengeschaltet: der
Lunge als Oxygenierungsorgan und der Leber als wich-
Tunica adventitia tigster Eiweißproduzent, Blutspeicher und Entgiftungs-
Die Tunica adventitia besteht aus lockerem kollagenen apparat. Liebhaber eher romantischer Konnotationen
Bindegewebe, das im Übergangsbereich zur Cardia des müssen an dieser Stelle (GK!) leider enttäuscht werden.
Magens von einer Serosa umgeben ist.

7.5.1 Gestalt, Bau, Lage


7 7.4 Thymus
Lage, äußere Form, Größe
Entwicklung Der kegelförmige Herzmuskel liegt im mittleren Me-
7 Kap. 5.1.5, (. Abb. 7.10) diastinum. Die Herzbasis zeigt nach hinten oben, die
Herzspitze nach vorn links unten und erreicht auf
Lage, Größe, Nachbarschaftsbeziehungen Höhe des 5. Interkostalraums die innere Brustwand.
Der aus 2 Lappen bestehende Thymus liegt im oberen Die Herzachse verläuft somit schräg. Das Herz ist etwa
vorderen Mediastinum (Trigonum thymicum) zwi- so groß wie die Faust seines Inhabers, das Gewicht be-
schen dem Manubrium sterni und dem Herzbeutel. Bei trägt ca. 250–350 g. Allerdings sind Größe und Gewicht
der Geburt ist er etwa 5 cm lang und wiegt 10–15 g. Bis abhängig von der Belastung bzw. vom Trainingszu-
zur Pubertät erreicht er sein Höchstgewicht von etwa stand. Das Gesamtauswurfvolumen pro Herzschlag
40 g. Danach wird er nicht mehr gebraucht; es kommt beträgt etwa eine halbe Schnabeltasse (ca. 70 ml).
zur Involution.
KLINIK
Mikroskopische Anatomie und Funktion Das kritische Herzgewicht beträgt etwa 500 g.
7 Kap. 2.12.2. Jenseits dieser Grenze kann die vergrößerte
Muskelmasse von den Herzkranzgefäßen nicht
mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden,
weil die Diffusionsstrecke zu groß wird.

Herzoberflächen
Das Herz grenzt direkt an die vordere Brustwand, das
Zwerchfell und die Lungen. Entsprechende Oberflächen
heißen:
4 Facies sternocostalis: Vorderfläche, zum größten
Teil eingenommen vom rechten Ventrikel. Die
Oberfläche des linken Ventrikels geht allmählich
über in die
4 Facies pulmonalis, also der linken Lunge zuge-
wandt. Die rechte Facies pulmonalis belegt der
. Abb. 7.10. Fetaler Thymus, HE. Dunkle Rinde (R) mit rechte Vorhof.
T-Lymphozyten, helles Mark mit (epithelialen!) Thymozyten. 4 Facies diaphragmatica, Unterfläche zum Zwerch-
Inset zeigt ein Hassall-Körperchen. fell, gebildet vom rechten und linken Ventrikel.
7.5 · Herz
197 7
Vorhöfe, Kammern Der sich anschließende Truncus pulmonalis ver-
Das Herz hat 2 Vorhöfe (Atrium dextrum, Atrium lässt die rechte Kammer und teilt sich in die beiden
sinistrum) und 2 Kammern (Ventriculus dexter, Ven- Aa. pulmonalis dextra et sinistra auf, die zur Lunge
triculus sinister). Ein- und Ausgang zu diesen Räumen führen.
liegen in einer Ebene, der Ventilebene. Beide Hälften
des Herzens werden durch die Kammerscheidewand Merke
(Septum interventriculare, Kammerseptum) und die Gefäße, die das Herz verlassen (Arterien):
Vorhofscheidewand (Septum interatriale, Vorhof- 1. Aus der rechten Kammer: Truncus pulmonalis,
septum) voneinander getrennt. Vorhöfe sind von den 2. aus der linken Kammer: Aorta.
Kammern durch den Sulcus coronarius abgeho-
ben, durch den die Stämme der Herzkranzgefäße ver- Gefäße, die zum Herz hinführen (Venen):
laufen. 1. In den rechten Vorhof: V. cava inferior, V. cava
Von vorn betrachtet, liegt die rechte Kammer größ- superior, sinus coronarius,
tenteils vor der linken Kammer, der linke Vorhof liegt 2. in den linken Vorhof: 4 Lungenvenen.
hinten, und der rechte Vorhof bildet die rechte Kontur
des Herzens. Die rechte Kammer wird von der linken
durch den Sulcus interventricularis abgegrenzt. Blutstrom durch das Herz: Einstrom in den linken
Vorhof
KLINIK Gefäße, die in den linken Vorhof münden, sind die
Bei Dilatationen oder Hypertrophie der linken Vv. pulmonales dextrae et sinistrae. Nun ist das Blut
Kammer oder des linken Vorhofs kann der Öso- in der Lunge frisch oxygeniert worden und kann dem
phagus komprimiert werden. Symptome können Körperkreislauf zugeführt werden. Zunächst schleicht
Schluckbeschwerden sein. es sich über die paarigen Lungenvenen (Vv. pulmona-
les dextrae et sinistrae) von hinten an das Herz heran.
Da diese fast horizontal verlaufen, bilden sie zu den
Blutstrom durch das Herz: Einstrom in den rechten beiden Vv. cavae des rechten Vorhofs das Venenkreuz
Vorhof des Herzens. Durch die 4 Eingänge strömt das Blut in
Gefäße, die in den rechten Vorhof münden, sind: den linken Vorhof (Atrium sinistrum). Dieser besitzt
4 V. cava superior, ebenfalls ein Herzohr.
4 V. cava inferior und Der Ausgang aus dem Vorhof geht über die zwei-
4 Sinus coronarius. zipflige Segelklappe (Mitralklappe, s. u.) in die linke
Kammer. Diese ist erheblich dicker als die rechte, da
Zur näheren Erkundung des Herzens werden wir jetzt hier mit höheren Drücken gearbeitet wird. In der Ein-
dem Blut vom Einstrom in den rechten Vorhof folgen. strombahn befinden sich kräftige Faserzüge der Papil-
Das Blut aus der V. cava superior strömt dabei direkt larmuskeln (s. u.); die Ausstrombahn leitet das Blut
auf die Segelklappe zur rechten Kammer zu, während durch die Aortenklappe in den Sinus aortae (Valsal-
das Blut der V. cava inferior auf das Gebiet des ehe- vae), dem Anfangsteil der Aorta ascendens.
maligen Foramen ovale zuhält, der Fossa ovalis. Hier
befinden sich Reste einer embryonalen Klappe, der KLINIK
Valvula venae cavae inferioris. Unterschätzt das Herzohr nicht! Als schlecht
Ein weiteres in den rechten Vorhof einmündendes perfundierter Blindsack kann Blut dort gerinnen
Gefäß ist der Sinus coronarius, der Venenstamm der (z. B. bei Vorhofflimmern). Herausgeschwemmte
Koronargefäße. Im rechten Vorhof liegt als blinde Aus- Thromben führen dann zu unangenehmen Embo-
stülpung noch das rechte Herzohr. lien in Arterien des Körperkreislaufs (z. B. Gehirn-
Nächste Station ist die rechte Herzkammer. Sie embolie: Schlaganfall).
besitzt die Form einer dreiseitigen Pyramide. Das Blut
strömt durch die Öffnung der dreizipfligen Segelklappe
(s. u.) ein und beschreibt einen schleifenartigen Verlauf Wandbau, Konstruktion der Muskelwand,
auf dem Wege zur anderen Öffnung, dem Conus arte- Herzskelett
riosus, der durch die Pulmonalklappe, einer Taschen- Die Herzwand besteht, analog zu der Wand der Blutge-
klappe (s. u.), weiter vorn charakterisiert ist. Ein- und fäße, aus 3 Schichten (von innen nach außen):
Ausstrombahn sind durch eine Leiste (Crista supraven- 4 Endokard: Endothel mit subendokardialem Bindege-
tricularis) voneinander getrennt. webe. Es kleidet den gesamten Herzinnenraum aus.
198 Kapitel 7 · Brusteingeweide

4 Myokard: Arbeitsmuskulatur des Herzens. Es be- Taschenklappen


steht aus einer inneren Längsschicht, einer mittleren Taschenklappen sind enger als Segelklappen. Während
Ringschicht und einer äußeren Schrägschicht. Die der Kammersystole strömt das Blut an ihnen vorbei in
äußeren Fasern biegen an der Herzspitze in die die Arterien. Beide Taschenklappen, die Valva pulmo-
inneren Längsfasern um. Papillarmuskeln gehören nalis und die Valva aortae sind gleich aufgebaut.
zur inneren Längsschicht. Vorhof- und Kammer- Sie arbeiten wie 3 Einkaufstaschen (Valvula semilu-
myokard sind durch eine bindegewebige Faserplatte, naris anterior, dextra, sinistra: Pulmonalklappe; Valvula
den Anulus fibrosus, vollständig voneinander semilunaris posterior, destra und sinistra: Aorten-
getrennt. Dieses Bindegewebegerüst der Herzbasis klappe), die ringförmig arrangiert sind. In der Mitte
dient gleichzeitig als Ursprung für die Kammer- kann man sich y-förmig das Lumen der Ausstrombahn
muskulatur, sodass bei jeder Kontraktion die Herz- vorstellen, das durch die Henkel (in Wirklichkeit:
spitze zur Herzbasis hochgezogen wird. Noduli valvularum semilunarium) verstärkt wird.
4 Epikard: Blatt des Herzbeutels, das der Herzwand Kommt Blut aus den Kammern hindurch, öffnen sie
aufliegt (viszerales Blatt). Es umgibt das gesamte sich; strömt jedoch ein Teil des Bluts während der
Herz bis zu den Anfangsabschnitten von Aorta und Erschlaffungsphase, Diastole, zurück, füllen sich die
Truncus pulmonalis. Im fettreichen subepikardia- 3 Tüten und machen das Lumen dicht. Einkaufstaschen
7 len Bindegewebe verlaufen die Herzkranzgefäße können nicht in die Kammer durchschlagen.
sowie Äste des autonomen Nervensystems (Plexus
cardiacus). Mikroskopische Anatomie
7 Kap. 2.6.2
Herzklappen (Taschenklappen, Segelklappen)
Herzklappen sind gefäßfreie Endokardduplikaturen,
die in den bindegewebigen Faserringen des Herz- 7.5.2 Erregungsleitungssystem
skeletts befestigt sind. Sie liegen in einer Ebene, der
Ventilebene. Man unterscheidet: Das Erregungsleitungssystem gewährleistet die elek-
4 Segelklappen (Valvae atrioventriculares): Ventile trische Autonomie des Herzens. Grundlage sind spezi-
zwischen Vorhöfen und Kammern. Sie verhindern, fische Muskelzellen, aber keine Nerven! Das Erregungs-
dass Blut während der Systole aus den Kammern in leitungssystem besteht aus folgenden Stationen:
die Vorhöfe zurückfließt. 4 Sinusknoten (Keith-Flack-Knoten), liegt im Dach
4 Taschenklappen (Valvae semilunares): Ventile zwi- des rechten Vorhofs, zwischen dem Herzohr und
schen Ausstrombahnen und Kammern. Sie verhin- der Einmündung der V. cava superior. Er gilt als
dern, dass Blut während der Diastole aus den großen Schrittmacher (Frequenz: 70 Pulse/min).
Ausstrombahnen in die Kammern zurückfließt. 4 Atrioventrikularknoten (AV-, Aschoff-Tawara-
Knoten), liegt am Boden des rechten Vorhofs, an
Segelklappen der Vorhof-Kammer-Grenze. Die Erregung vom
Segelklappen sind weitlumig. Durch sie wird das Blut in Sinusknoten wird wahrscheinlich über das Arbeits-
der Füllungsphase der Diastole in die Kammern ein- myokard, möglicherweise aber auch über spezi-
gesogen. In der Systole treibt der Blutdruck die Segel fische internodale Fasern zum AV-Knoten geleitet.
(2 oder 3) wieder in Richtung Anulus fibrosus zurück, Da Vorhof- und Kammermuskulatur durch den
wodurch sie sich schließen. Die Segel dürfen während Anulus fibrosus voneinander getrennt sind, erfolgt
der Systole jedoch nicht in den Vorhof zurückflattern. die Überleitung vom AV-Knoten auf das Kammer-
Deshalb sind sie an »Tampen«, Chordae tendineae myokard durch spezifische Fasern des
(Sehnenfäden), befestigt, die wiederum an Deck der 4 His-Bündels (Truncus fasciculi atrioventricularis).
Ventrikelwände über Papillarmuskeln verankert sind. Dies liegt im Kammerseptum und zieht vom un-
4 Trikuspidalklappe (Valva tricuspidalis, Valva atrio- teren Anteil des AV-Knotens im subendokardialen
ventricularis dextra). Sie trennt den rechten Vorhof Bindegewebe und teilt sich in
von der rechten Kammer. Sie besteht aus 3 Segeln 4 Rechten und linken Kammerschenkel (Crus dex-
(Cuspis anterior, posterior, septalis). trum/sinistrum fasciculi atrioventricularis). Der
4 Bikuspidalklappe (Mitralklappe, Valva atrioven- rechte Kammerschenkel zieht im Septum zur
tricularis sinistra). Sie trennt den linken Vorhof von Spitze des rechten Ventrikels. Der linke Kammer-
der linken Kammer. Sie besteht aus 2 Segeln (Cuspis schenkel gelangt über 2 Äste zu den Papillar-
anterior und posterior). Angeblich sieht sie einer muskeln des linken Ventrikels. Diese Fasern ver-
Bischofsmütze (Mitra) ähnlich. zweigen sich zu
7.5 · Herz
199 7

4 Purkinje-Fasern, die sich im Arbeitsmyokard ver-


zweigen.

KLINIK
Bei Ausfall des Sinusknoten oder einer Blockade
der Erregungsleitung zwischen Sinusknoten und
AV-Knoten springt der letztere selbst an, aller-
dings mit einer sehr niedrigen Frequenz:
40–60 Pulse/min. Dies muss, wenn es länger
besteht, durch einen Schrittmacher korrigiert
werden. Selten kann es eine zusätzliche Verbin-
dung zwischen Erregungszentren des Vorhofs
zur Kammer geben. Ein solches zusätzliches Bün-
. Abb. 7.11. Herzmuskel. P: blasse Purkinje-Fasern in der sub-
del kann kreisende Erregungen und Tachyar-
endokardialen Schicht, M: Arbeitsmyokard (7 farbige Abb. S. 337)
rhythmien hervorrufen (Wolff-Parkinson-White-
Syndrom; WPW).
Koronararterien
Die beiden Koronararterien sind Arterien vom musku-
Mikroskopische Anatomie lären Typ. Beide entspringen im Sinus aortae unmittel-
Die Purkinje-Myozyten haben keine Glanzstreifen. bar über der Aortenklappe (. Abb. 7.12). Wenn also die
Die Zellen enthalten viel Glycogen und wenig Myo- Blutsäule während der Diastole durch die verschlossene
fibrillen, sind daher blasser (. Abb. 7.11). Sie werden Klappe daran gehindert wird, in die linke Kammer zu-
folgenderweise aneinander gekoppelt: rückzufließen, wird wenigstens ein Teil in die Eingänge
4 mechanisch mit Desmosomen, der Koronararterien abgelenkt.
4 elektrisch mit Gap junctions (Nexus).
Merke
In der Diastole kann der Herzmuskel selbst am
7.5.3 Gefäße besten mit Sauerstoff versorgt werden, weil der
Muskeltonus reduziert und die Perfusion der Kranz-
Da die Ventrikelwand selbst nur zu einem Teil mit dem arterien aus der Aorta am höchsten ist. Jede Ver-
Sauerstoff des Bluts der Kammern versorgt werden kürzung der Diastole (z. B. bei Tachykardie oder
kann, muss eine weitere Unterstützung her, die den Kammerflimmern) geht auf Kosten der Eigenver-
Vasa vasorum der großen Arterien entspricht: die sorgung des Herzens mit Sauerstoff.
Herzkranzgefäße (Koronararterien).

. Abb. 7.12. Herzkranzarterien. An-


sicht von vorn (Mod. nach Tillmann
2005) (7 farbige Abb. S. 337)
200 Kapitel 7 · Brusteingeweide

Die linke Herzkranzarterie (Arteria coronaria sinistra) Sinus coronarius, der wiederum in den rechten Vorhof
teilt sich in 2 Stämme: zieht.
4 R. circumflexus zieht im Sulcus coronarius sinister
zur Unterseite des Herzens und gibt Äste an den
linken Vorhof und die linke Kammer ab. 7.5.4 Nerven, Hormone
4 Ramus interventricularis anterior (RIVA) zieht
im Sulcus interventricularis anterior zur Herzspitze Nerven. Im Prinzip ist das Herz autonom. Die Erregung
und gibt Äste zum größten Teil des Septums und des Kammermyokards erfolgt über spezifische Herz-
zur Vorderwand der linken Kammer ab. muskelzellen (s. o.). Jedoch haben vegetative Fasern die
Möglichkeit, die Schrittmacherfrequenz und die Fort-
Die rechte Herzkranzarterie(Arteria coronaria dextra) leitungsgeschwindigkeit zu erhöhen (der Sympathikus
entspringt aus dem rechten Teil des Sinus aortae unter ist positiv chronotrop und dromotrop) oder zu ernied-
dem rechten Herzohr im Sulcus coronarius um die rigen (der Parasympathikus ist negativ chronotrop
rechte Herzhälfte herum. Ihr Hauptast, R. interventri- und dromotrop).
cularis posterior, verläuft im Sulcus interventricularis
posterior nach hinten. Äste der A. coronaria dextra ver- Hormone: Vorhofmyozyten synthetisieren das atriale
7 sorgen den größten Teil der rechten Herzhälfte, ein- natriuretische Peptid (ANP), das eine periphere Vaso-
schließlich des Erregungsleitungssystems. dilatation bewirkt und das Herz entlastet. Ein ähnlich
wirkendes Peptid wird in der Kammer gebildet: Brain
Versorgungstypen natriuretic peptide (BNP).
Die Versorgungsgebiete unterliegen großen interindi-
viduellen Schwankungen. Neben dem oben skizzierten
»Normaltyp« gibt es einen »Rechtstyp«, bei dem die 7.5.5 Herzbeutel
Versorgung auch größerer Teile des linken Herzens von
der A. coronaria dextra übernommen wird. Beim Zur spannungsfreien rhythmischen Bewegung erfreu-
»Linkstyp« jedoch dominiert die A. coronaria sinistra. en sich das Herz und die unmittelbar herznahen Ab-
Die Versorgungstypen dürfen nicht verwechselt wer- schnitte der großen Gefäße einer eigenen serösen
den mit den Lagetypen des Herzens, die mit dem EKG Höhle, des Herzbeutels (Cavitas pericardialis). Das
erfasst werden können! Prinzip ist das gleiche wie bei Lunge und Bauchor-
ganen. Ein viszerales Blatt, Epikard, liegt dem Herzen
KLINIK unmittelbar auf. Es ist vom parietalen Blatt, dem eigent-
Herzinfarkt. Die Herzkranzarterien sind funktio- lichen Perikard, durch einen kapillären Spalt getrennt,
nelle Endarterien. Sie können im Allgemeinen in dem sich ca. 20 ml seröser Flüssigkeit befinden. Bei-
keine Umgehungskreisläufe bilden, wenn irgend- de Blätter werden als Pericardium serosum zusam-
wo eine Einengung des Gefäßlumens auftritt. Die mengefasst. Die submesothelialen Gewebe dieser Blät-
Folgen einer längeren Passagehinderung des Bluts ter enthalten viel Fett und sind stark kapillarisiert.
sind lokaler oder globaler Sauerstoffmangel, ab-
hängig von dem Ort des Geschehens, das man Parietales Blatt, Perikard
Infarkt nennt. Am häufigsten betroffen ist der Der seröse Überzug des parietalen Blatts wird außen
R. interventricularis anterior (Vorderwandinfarkt). von einer bindegewebigen Schicht, dem Pericardium
Da sich Herzmuskelzellen nicht mehr teilen können, fibrosum, umgeben und stabilisiert. Diese bindege-
reagieren die umliegenden überlebenden Zellen webige Schicht ist im Bereich des Centrum tendineum
mit einer Hypertrophie, und das untergegangene fest mit dem Zwerchfell verwachsen. Nach lateral ver-
Gewebe wird bindegewebig ersetzt (Narbe). wächst es mit der Pleura mediastinalis zum Septum
pleuropericardiale. Hinten gerät es an das Bindege-
webe des Ösophagus.
Herzvenen (Vv. cordis) Die Übergänge des parietalen in das viszerale Blatt
Die Herzvenen verlaufen mit den Arterien. Die größte sind durch die getrennten Einstrom- und Ausstrom-
ist die V. cordis (= cardiaca) magna, als Fortsetzung der bahnen des Herzens charakterisiert. Öffnet man den
V. interventricularis anterior (also von links). Weiterhin Herzbeutel, kann man einen Finger in den Raum
steuern die V. cordis parva (am rechten Herzrand) so- zwischen den oben liegenden Arterien und den unteren
wie die V. cordis media (aus der V. interventricularis Venen legen (Sinus transversus pericardii). Eine blind
posterior) zur venösen Entsorgung bei. Sie münden im endende Nische entsteht durch die länglich schräg
7.6 · Arterien, Venen und Lymphgefäße des Thorax
201 7

. Abb. 7.13. Umschlagfalten des Perikards. Ansicht von vorn. Der obere Pfeil zeigt den Sinus transversus pericardii, der untere
Pfeil den Sinus obliquus pericardii. (Tillmann 2005)

nach unten laufenden Umschlagfalten zwischen der 7.6 Arterien, Venen


rechten V. pulmonalis und V. cava inferior einerseits und Lymphgefäße des Thorax
und den linken Lungenvenen: Sinus obliquus pericardii
(. Abb. 7.13). 7.6.1 Aorta im Thorax

Intraperikardiale Gefäßabschnitte Die Pars ascendens aortae befindet sich noch im


Innerhalb des Perikards liegen: Herzbeutel. Im Anfangsteil hinter der Aortenklappe ist
4 Truncus pulmonalis, bis zur Aufzweigung in die sie zum Sinus aortae erweitert. Sobald sie den Herz-
rechte und linke Lungenvene, beutel verlässt, biegt sie nach links um und heißt nun
4 Lungenvenen; über das gemeinsame Septum pleu- Aortenbogen (Arcus aortae). Dieser zieht dann nach
ropericardiale reicht das Perikard direkt an das links und reitet auf dem linken Stammbronchus. Auf
Lungenhilum heran. seiner konvexen Seite entspringen die großen Gefäße:
4 Pars ascendens aortae, nach rechts der Truncus brachiocephalicus, nach links
4 die kurzen Endabschnitte der Vv. cava superior die A. carotis communis sinistra und die A. subclavia
und inferior. (. Abb. 7.14). Vom darunter liegenden Truncus pul-
monalis und seiner linken Lungenarterie zieht das
KLINIK Lig. arteriosum (der ehemalige Ductus arteriosus) zur
Perikarderguss: Seröse Flüssigkeit kann sich im Aorta.
Herzbeutel sammeln (z. B. Tumorexsudat, bei Nie- Die sich anschließende Pars thoracica aortae
renerkrankungen) und das Herz komprimieren. (Aorta descendens) nähert sich von links wieder der
Wirbelsäule und hält hinter dem Ösophagus auf
das Zwerchfell zu. Etwa in Höhe von Th12 verschwin-
det sie durch den Hiatus aorticus im Retroperitoneal-
202 Kapitel 7 · Brusteingeweide

. Abb. 7.14. Kontrastmittelverstärkte Magnetresonanzangiographie der großen Gefäße im Brustraum. (Tillmann 2005)

raum als Aorta abdominalis. Auf dem Wege dorthin Die V. azygos und V. hemiazygos laufen als Verlän-
gibt sie Äste ab gerung der Vv. lumbales ascendentes des Bauchraums
4 an die Lunge (Rr. bronchiales), parallel zur Wirbelsäule nach kranial. Sie nehmen das
4 den Ösophagus (Rr. oesophagei), Blut der Interkostalvenen und der Wirbelsäule auf. Die
4 das Perikard (Rr. pericardiaci) und V. azygos mündet rechts in Höhe von Th4 in die V. cava
4 weitere mediastinale Äste. superior. Die V. hemiazygos verläuft auf der linken
Seite, überkreuzt die Wirbelsäule in Höhe von Th7–10
Weiterhin gibt sie 10 dorsale Interkostalarterien sowie und mündet in die V. azygos. Die oberen linken Interkos-
die A. subcostalis und die Aa. phrenicae superiores talvenen sammeln ihr Blut in der V. hemiazygos acces-
ab. soria, die es wiederum in die V. hemiazygos abliefert.
Die V. cava inferior mündet unmittelbar nach dem
Durchtritt durch das Foramen venae cavae des Zwerch-
7.6.2 V. cava superior und inferior fells in den rechten Vorhof.

Die V. cava superior sammelt das Blut der gesamten


oberen Körperregion. Sie entsteht aus dem Zusammen- 7.6.3 Pulmonalgefäße
fluss der beiden Vv. brachiocephalicae. Kurz vor ihrer
Einmündung gesellt sich von unten die V. azygos dazu. Der Truncus pulmonalis zieht aus dem rechten Ventrikel
Die Vv. brachiocephalicae sammeln das Blut der V. jugu- vor der Aorta ascendens hinweg in die Aa. pulmonalis
laris interna und V. subclavia. Dabei überkreuzt die dextra und sinistra. Von der linken A. pulmonalis zieht
linke V. brachiocephalica den Aortenbogen. Sie ist etwa noch das Lig. arteriosum zur Aorta. Sie begibt sich ober-
5 cm länger als die rechte. halb des linken Stammbronchus in das Lungenhilum.
Weitere Venen, die direkt in die V. brachiocephalica Die etwas längere rechte A. pulmonalis zieht unter
einmünden, sind: V. vertebralis, V. thyroidea inferior, der Pars ascendens aortae nach rechts zum Lungen-
Vv. thoracicae internae. hilum unterhalb des Stammbronchus.
7.8 · Angewandte und topografische Anatomie
203 7

Die Vv. pulmonales dextrae und sinistrae führen N. vagus


das sauerstoffreiche Blut aus der Lunge zum linken Vor- Der N. vagus verlässt die Gefäß-Nerven-Scheide des
hof des Herzens. Halses und zieht medial vom N. phrenicus ins Mediasti-
num. Links zieht er über den Aortenbogen, rechts über
der A. subclavia zum Ösophagus. Dort verliert sich der
7.6.4 Lymphgefäße Stamm, es bildet sich ein Nervengeflecht, aus dem wei-
ter kaudal der Truncus vagalis anterior und Truncus
Die Hauptgefäße für den Lymphtransport sind der Duc- vagalis posterior hervorgehen. Beide Trunci flüchten
tus thoracicus (links) und der Ductus lymphaticus durch den Hiatus oesophageus zum Magen.
dexter (rechts). Der linke N. laryngeus recurrens verlässt den
N. vagus unmittelbar distal des Lig. arteriosum und
Ductus thoracicus zieht unter dem Aortenbogen zum Larynx. Der rechte
Der Ductus thoracicus (»Milchbrustgang«) emp- N. laryngeus recurrens täte das am liebsten auch, aber
fängt die Lymphe des Bauchraums (Chylus), aus den da es rechts keine Aorta mehr gibt, zieht er unter der
Trunci lumbales dexter et sinister und den Trunci A. subclavia entlang. Er führt parasympathische Fasern
intestinales in Höhe des Hiatus aorticus und zieht für die Drüsen von Trachea und Ösophagus und moto-
im hinteren Mediastinum auf der Wirbelsäule zwi- rische Fasern für die Kehlkopfmuskulatur.
schen der Aorta und der V. azygos hinter dem Öso-
phagus nach kranial. Im oberen Mediastinum wittert Truncus sympathicus
er den linken Venenwinkel und zieht daher bogen- Der Truncus sympathicus des Brustraums besteht
förmig über die linke Pleurakuppel hinweg. Kurz vor aus etwa 10–13 Ganglien, die mit Rami interganglio-
der Einmündung nimmt er noch folgende Lymph- nares untereinander verbunden sind. Das erste tho-
stämme auf: rakale Ganglion ist mit dem unteren Halsganglion
4 Truncus bronchomediastinalis sinister, zum Ganglion stellatum (Ggl. thoracocervicale) ver-
4 Truncus subclavius sinister und schmolzen.
4 Truncus jugularis sinister. Grenzstrangganglien enthalten die zweiten Neu-
rone (d. h., erste Umschaltung) sympathischer Efferen-
Die Wand des Ductus thoracicus ist dünn, besitzt zen. Postganglionäre, markscheidenlose adrenerge
zirkulär angeordnete glatte Muskulatur und Klappen. Fasern ziehen mit den Arterien in die Peripherie. Eini-
Die Namen »Milchbrustgang« und »Chylus« deuten ge postganglionäre Fasern ziehen als Rami communi-
auf die milchig trübe Natur der Darmlymphe hin, die cantes grisei mit den Spinalnerven zur Haut und inner-
auf den hohen Gehalt von Chylomikronen (Weih- vieren Gefäße, Drüsen und Mm. arrectores pilorum
nachtsgans) zurückgeht. (Gänsehaut).
Zu den Bauchorganen ziehen:
Ductus lymphaticus dexter 4 N. splanchnicus major von den thorakalen Ggl. 5–
Der Ductus lymphaticus dexter ist nur etwa 1 cm lang. 9. Er zieht mit der V. azygos zwischen dem media-
Er bildet sich aus der Vereinigung von: len und lateralen Schenkel des Zwerchfells und
4 Truncus jugularis dexter, begrüßt die Ggl. coeliaca sowie das Ggl. mesente-
4 Truncus subclavius dexter und ricum superius.
4 Truncus bronchomediastinalis dexter. 4 N. splanchnicus minor vom thorakalen Ggl. 10
und 11. Er nimmt den gleichen Unterschlupf wie
der N. splanchnicus major.
7.7 Nerven

N. phrenicus 7.8 Angewandte und topografische


Die Nn. phrenici gleiten auf dem M. scalenus anterior Anatomie
des Halses in die obere Thoraxapertur. Zwischen Herz-
beutel und Pleurahöhle verläuft er beidseits in einem 7.8.1 Oberflächenanatomie
dünnen bindegewebigen Blatt, dem Septum pleuro-
pericardiale, zum Zwerchfell. Er innerviert motorisch Tastbare Skelettanteile sind Rippen und Sternum an der
das Zwerchfell und sensibel Perikard, Pleura mediasti- Vorderwand sowie die Dornfortsätze der Wirbel an der
nalis et diaphragmatica, parietales Peritoneum nahe der Rückseite. Die Vertebra prominens (7. Halswirbel) ist
Leber und der Gallenblase. der zweite tastbare Dornfortsatz.
204 Kapitel 7 · Brusteingeweide

. Tab. 7.1. Lungengrenzen und Pleuragrenzen


Sternallinie Medioklavikularlinie Mittlere Axillarlinie Scapularlinie
Lungengrenze 6. Rippe 6. Rippe 8. Rippe 10. Rippe
Pleuragrenze 6. Rippe 7. Rippe 9. Rippe 11. Rippe

Orientierungslinien des Thorax sind: 8 cm. Bei maximaler Einatmung steht die rechte
4 Vordere Medianlinie: Vordere Mittellinie, Zwerchfellkuppel in Höhe der 7. Rippe, bei maximaler
4 Sternallinie: Linie am seitlichen Sternalrand, Ausatmung auf Höhe der 4. Rippe.
4 Medioclavicularlinie (kann mit der Mammillar-
linie zusammenfallen): vertikale Linie, die in der Herz und große Gefäße
Mitte des Schlüsselbeins nach unten zieht, Da das Herz im Allgemeinen nicht mit Luft, sondern
4 Parasternallinie: Linie in der Mitte zwischen Ster- mit Flüssigkeit gefüllt ist, hinterlässt es einen gedämpf-
nallinie und Medioclavicularlinie, ten Klopfschall gegenüber dem sonoren Klopfschall der
4 vordere Axillarlinie liegt auf der vorderen Achsel- Lungen. Die absolute Herzdämpfung umfasst das
7 falte (M. pectoralis major), Gebiet, das nicht von Lungengewebe bedeckt ist. Die
4 mittlere Axillarlinie: In der Mitte zwischen vorde- relative Herzdämpfung erklingt etwas heller, da sich
rer und hinterer Axillarlinie, Lungengewebe überlagert.
4 hintere Axillarlinie liegt auf der hinteren Achsel-
falte (M. teres major und M. latissimus dorsi), Herzkonturen im Röntgenbild
4 Scapularlinie: vertikale Linie durch den Angulus Der linke Herzrand zeigt folgende Bögen (. Abb. 7.15):
inferior scapulae, 4 Aortenbogen (Aortenknopf),
4 hintere Medianlinie: Rumpfmittellinie durch die 4 Truncus pulmonalis (Pulmonalisbogen),
Dornfortsätze der Wirbel. 4 linkes Herzohr (linker Vorhofbogen) und
4 linker Ventrikel (Ventrikelbogen).

7.8.2 Projektion der Thoraxorgane Der rechte Herzrand zeigt folgende Konturen
auf die Thoraxwand (Skeletotopik) (. Abb. 7.15):
4 Rechter Vorhof (rechter Vorhofbogen) und
Lunge 4 V. cava superior (Cava-Bogen).
Die Projektionslinien der Pleura liegen etwas weiter
kaudal als die der Lunge (. Tab. 7.1). Pleuragrenzen Der rechte Ventrikel ist nicht konturbildend.
sind fixiert, während die Lungengrenzen sich um 2–4
Querfinger verschieben können. Die Lunge ist inner- Herztöne
halb der Recessus verschieblich. Die praktisch wich- Man kann durch die Auskultation zwei Herztöne er-
tigste Verschieblichkeit kann in der Scapularlinie durch lauschen:
Perkussion festgestellt werden. 4 1. Herzton: Ton der Kammerkontraktion.
Die Lungenspitzen und die Pleurakuppeln ragen 4 2. Herzton: Verschlusston der Taschenklappen.
aus der oberen Thoraxapertur in Höhe von Th1, etwa Wenn man genau hinhört, ist der Ton gespalten, da
2 cm über dem Schlüsselbein heraus, liegen streng ge- die Pulmonalklappe sich etwas später schließt als
nommen also im seitlichen Halsdreieck. die Aortenklappe.
Auf die dorsale Thoraxwand projizieren sich nur der
obere und untere Lungenlappen. Die Fissura horizonta- Projektionsstellen der Herzklappen
lis folgt etwa der 4. Rippe, die Fissura obliqua projiziert Die Herzklappen liegen in der Ventilebene (. Abb. 7.16).
sich etwa vom Ansatz der 3. Rippe bis zur 5. Rippe. Der Die Projektionsorte sind jedoch nicht identisch mit den
Mittellappen projiziert sich keilförmig mit der Spitze nach Auskultationsstellen (. Tab. 7.2). Sie werden mit dem
hinten auf die Mitte der seitlichen rechten Brustwand. Blutstrom fortgetragen und sind an den Orten nah der
Brustwand besonders gut zu hören (»punctum maxi-
Zwerchfellkuppeln und Atemverschieblichkeit mum«), an denen der Strom Turbulenzen verursacht,
Die rechte Zwerchfellkuppel steht durch die Leber etwa an denen also die Flussrichtung umgelenkt wird.
einen Interkostalraum höher als die linke (5. ICR). Bei Im 3. ICR parasternal (Erb-Punkt) können alle
tiefer Inspiration senken sich die Kuppeln um bis zu Klappen auskultiert werden (. Abb. 7.16).
7.8 · Angewandte und topografische Anatomie
205 7

. Abb. 7.15. Röntgenaufnahme des Thorax eines 35-jährigen Mannes, anterioposteriorer Strahlengang. (Tillmann 2005)

. Abb. 7.16. Projektion der Herzklappen und ihrer Auskultationsstellen auf die vordere Brustwand. (Mod. nach Tillmann 2005)
206 Kapitel 7 · Brusteingeweide

. Tab. 7.2. Herzklappen mit Projektions- und Auskultationsorten


Klappe Projektionsort Auskultationsort (punctum maximum)
Aortenklappe linke Sternalhälfte in Höhe des 3. ICR 2. ICR rechts parasternal
Pulmonalklappe linker Sternalrand in Höhe des 3. ICR 2. ICR links parasternal
Mitralklappe linker Sternalrand in Höhe der 4. Rippe 5. ICR links Medioklavikularlinie
Trikuspidalklappe Mitte des Sternums in Höhe der 5. Rippe 5. ICR rechts parasternal

7.8.3 Gliederung der Thoraxhöhle


und Topografie der Thoraxorgane

Die Brusthöhle besteht aus 2 Pleurahöhlen und einem


sagittal gestellten Bindegewebsraum, dem Mediastinum.
7 Dieses kann man unterteilen in
4 oberes Mediastinum: oberhalb der Bifurcatio
tracheae und
4 unteres Mediastinum: unterhalb der Bifurcatio
tracheae. Dieses lässt sich weiter unterteilen in
4 hinteres Mediastinum, zwischen Wirbelsäule
und Herzbeutel,
4 mittleres Mediastinum: Herz,
4 vorderes Mediastinum: zwischen Herzbeutel
und Sternum.
. Abb. 7.17. Schemazeichnung des Stichkanals des Messers.
Ansicht entgegen der Konvention von kranial. Einzelheiten im
Text (Fallbeispiel)
7.8.4 Atemmechanik

GK Physiologie 7 Kap. 5.4.

Fallbeispiel
Während eines Ehestreits versetzt eine 29-jährige 5 Wohin wird sich die Blutung erstreckt haben?
Sparkassenangestellte ihrem 44-jährigen Mann (Hartz 5 Was wird den Tod herbeigeführt haben?
IV) mit einem 9 cm langen Küchenmesser eine lang
herbeigesehnte, aber kaum blutende Wunde im Die durchgeführte Sektion ergibt folgende Aufschlüs-
4. ICR links parasternal. Nach dem ersten Schock se: An dieser Stelle folgt keine Verletzung der Lunge.
verständigt die Ehefrau den Rettungsdienst, der den Das Messer penetrierte den Conus arteriosus des
Patienten ins Krankenhaus bringt. Während des Trans- rechten Ventrikels und das Vestibulum aortae des
ports ist er noch bei vollem Bewusstsein. In der Klinik linken Ventrikels direkt unterhalb des Ostium aortae
angekommen, wird er somnolent, zeigt das Bild eines (. Abb. 7.17).
Kreislaufschocks und schnappt nach Luft. Trotz sofort Das Blut lief in die Perikardhöhle und verursachte
eingeleiteter medikamentöser und Volumentherapie eine schwere Kompression des Herzens und der zu-
sowie Intubation und Reanimation erlangt der Patient führenden Venen (Herztamponade). Der Druck stieg, bis
das Bewusstsein nicht mehr wieder und stirbt. Für die er den Venendruck übertraf und so ein Nachströmen
Behandler (und die Ehefrau sowie die Staatsanwalt- von Blut ins Herz verhinderte. Dies verhinderte ein
schaft) stellen sich folgende Fragen: normales Ausstoßvolumen in die Lungen und in den
5 Was wird das Messer an dieser Stelle durchtrennt großen Kreislauf, sodass der Patient vor seinem Tod in
haben? den Schock und in Atemnot geriet.
8
209 8

8 Bauch- und Beckeneingeweide

Mind Map
Der Bauchraum (Cavitas abdominis) ist ein Container Verdauung. Von Ausnahmen abgesehen, schwimmen
für eine ganze Reihe von unterschiedlichen Organen. sie im Meer der von Peritoneum ausgekleideten
Er ist nach kranial vom Zwerchfell begrenzt, wölbt Peritonealhöhle (Cavitas peritonealis). Sie sind nur
sich also tief bikonkav in den Thorax hinein. Seitlich durch schmale Stege (Mesenterien) mit dem Ufer der
kaudal begrenzt der knöcherne Beckengürtel den dorsal liegenden Versorgungswege verbunden. Diese
anschließenden Beckenraum (Cavitas pelvis). Zudem großen Leitungsbahnen sowie die Nieren liegen im
ist das kompliziert konstruierte muskuläre Platten- Retroperitonealraum (Spatium retroperitoneale).
system des Beckenbodens (Diaphragma pelvis Reproduktionsorgane sind recht heterogen verteilt:
et urogenitale) für den kontrollierten Verschluss zur die der Frau liegen noch weitgehend intraperitoneal,
Außenwelt zuständig. Die meisten Organe, die auch während sich die männlichen auf und davon gemacht
die Fülle des Abdomens ausmachen, widmen sich der haben.
210 Kapitel 8 · Bauch- und Beckeneingeweide

8.1 Entwicklung von Darmtrakt, Das Mesenterium ventrale gliedert sich in:
Harn- und Sexualorganen 4 Mesooesophageum ventrale (geht in das Lig. pul-
monale im Mediastinum über),
8.1.1 Verdauungsorgane 4 Mesogastrium ventrale und Mesoduodenum
ventrale entwickeln das kleine Netz (zwischen Le-
Entwicklung des Intestinaltrakts ber und Magen), den Peritonealüberzug der Leber
Am Anfang war das Darmrohr. Es ging aus Anteilen und das Lig. falciforme hepatis. Es endet an dessen
des sekundären Dottersacks hervor, der in der 4. Woche Unterrand, der Nabelvene, dem späteren Lig. teres
in den Körper mit einbezogen wurde. Zunächst war hepatis. Durch die Drehung der kleinen Kurvatur
das primitive Darmrohr ein blindes Rohr, da es kra- des Magens nach rechts gelangt das kleine Netz von
nial durch die Rachenmembran und kaudal durch die der zunächst sagittalen in eine frontale Position.
Kloakenmembran verschlossen war. Da es bis zum
Ende des Wachstums auf fast 8 m Länge expandieren Das Mesenterium dorsale untergliedert sich in
wird, war eine Abweichung aus der Medianebene und 4 Mesooesophageum dorsale: wird zum hinteren
eine komplizierte Drehung notwendig, ohne dass es Mediastinum,
den Kontakt zu den dorsalen Versorgungsbahnen in 4 Mesogastrium dorsale: verbindet die große Kur-
den Mesenterien verlieren durfte. vatur des Magens mit der hinteren Leibeswand,
gelangt durch die Magendrehung nach links. Aus
Merke ihm gehen das große Netz und die Bursa omentalis
8 Das Oberflächenepithel des primitiven Darmrohrs hinter dem Magen hervor. Die Milz teilt das Meso-
entsteht aus dem Entoderm. Der Peritonealüber- gastrium dorsale in ein Lig. gastrosplenium und ein
zug, Muskulatur und Bindegewebe stammen aus Lig. splenorenale.
dem Mesoderm. 4 Mesoduodenum: Hier sprießt die Bauchspeichel-
drüse. Sie verliert ihren primären Sitz in der
Bauchhöhle dadurch, dass das Mesoduodenum
Der Darm gliedert sich in: mit dem parietalen Peritoneum verschmilzt: Da-
4 Vorderdarm, aus ihm entstehen: Pharynx, Ösopha- durch nimmt sie eine sekundär retroperitoneale
gus, Trachea, Bronchialbaum, Duodenum superius, Lage ein.
Pankreas, Leber und Gallengänge. 4 Mesenterium der Nabelschleife: Achsenstruktur
4 Mitteldarm, aus ihm entstehen: Rest des Duo- ist die A. mesenterica superior, die Dünndarm und
denums, Jejunum, Ileum, Caecum mit Appendix Dickdarm bis zur Flexura coli sinistra versorgen
vermiformis, Colon ascendens, rechter Teil des wird.
Colon transversum. 4 Mesenterium des Enddarms: hier verläuft die
4 Enddarm, aus ihm entstehen: linke Hälfte des A. mesenterica inferior. Das Mesenterium wird
Colon transversum, Colon descendens, Colon sig- während der Darmdrehung nach links verlagert.
moideum, Rectum bis zum Analkanal. Im Bereich des späteren Colon descendens ver-
wächst es mit der hinteren Leibeswand, im späteren
Entwicklung der Mesenterien Sigmoid und oberen Teil des Rectum bleiben Me-
Man kann sich den Darm (und seine Aussprossungen) senterien bestehen.
wie eine Insel in der Nordsee vorstellen, die von Dei-
chen oder Sandstrand (Peritoneum) umgeben ist und Lageentwicklung des Magens
noch eine Dammverbindung zum Festland unterhält. Die längliche Auftreibung des proximalen Darmrohrs,
Die Straßen, Feldwege und Eisenbahnschienen (Sylt!) später Magen genannt, macht folgende Veränderungen
entsprechen den Mesenterien, die während der Sturm- durch:
fluten der Entwicklung außerordentlich flexibel sein 4 Drehung von 90° um seine vertikale Achse nach
mussten, um nicht weggespült (abgewürgt) zu werden. rechts: Dadurch verlagert sich das Mesogastrium
Die breiten sagittal gestellten Mesenchymblöcke dorsale nach vorn links, und der Hinterrand wird
verbinden das Darmrohr mit der hinteren und zum Teil zur großen Kurvatur. Das Mesogastrium ventrale
auch vorderen Leibeswand. wird zur kleinen Kurvatur und wandert nach rechts.
Das Mesenterium dorsale bedient alle Darmab- Dadurch wird übrigens der linke Ast des N. vagus
schnitte, vom Ösophagus bis zum Rectum. Das Mesente- nach vorn (Truncus vagalis anterior) und der
rium ventrale reicht nur bis zur Nabelvene, die im freien rechte Ast (Truncus vagalis posterior) nach hinten
Rand des späteren Lig. falciforme hepatis verläuft. gezogen.
8.1 · Entwicklung von Darmtrakt, Harn- und Sexualorganen
211 8

4 Drehung um eine sagittale Achse (Kippung), d. h. Das endokrine Pankreas (Inselorgan) entwickelt sich
der Eingang wird nach links unten, und der Aus- in der 10. Woche aus Abschnitten des exokrinen Aus-
gang nach rechts oben gezogen. führungsgangssystems.

Merke Darm
Praktische Übung zu den Magendrehungen: Der Mitteldarm wächst mit affenartiger Geschwindig-
Man halte beide Handflächen aneinandergelegt keit zur Nabelschleife, und findet bald (6. Woche)
vor den Bauch, die Daumen nach vorn, die Finger- keinen Platz mehr im intraembryonalen Zölom, sodass
spitzen nach unten. Dann drehe man die Daumen- Darmschlingen in das extraembryonale Zölom heraus-
seite nach rechts, sie werden plötzlich zur kleinen brechen: Zur Zeit dieses physiologischen Nabelbruchs
Kurvatur, die kleinen Finger werden zur großen beginnt die Darmdrehung. Nach 10–12 Wochen ist
Kurvatur. Dann ziehe man die Fingerspitzen nach offensichtlich wieder genug Platz, sodass die Migranten
oben: sie können nur nach rechts driften, Richtung in die Bauchhöhle zurückgeholt werden.
Leber. Am Scheitelpunkt der Nabelschleife besteht vo-
rübergehend Kontakt mit dem Dottergang (Ductus
omphaloentericus).
Duodenum
Aufgrund der sagittalen Magendrehung wird der An- KLINIK
fangsteil des sich anschließenden Darmrohrs (präpapil- Der Ductus omphaloentericus kann selten offen
lärer Abschnitt) ein Stück nach rechts hochgezogen. bleiben. Ein Relikt kann als Divertikel des Ileum
Dieser Anteil wird auch durch Magengefäße (Truncus (ca. 80 cm proximal der Ileocaecalklappe) verblei-
coeliacus) versorgt. Der postpapilläre Abschnitt wächst ben (Meckel-Divertikel). Es wird bei Appendekto-
auch und haut nach links ab, bis zur Flexura duodeno- mien mit entfernt, wenn es da ist.
jejunalis. Das Mesoduodenum kommt in eine Frontal-
lage, verschmilzt mit der Hinterwand und ist ab dann
sekundär retroperitoneal. In der Nähe der Papilla du- Darmdrehung
odeni wird es aber spannender: Die Nabelschleife dreht sich gegen den Uhrzeigersinn
um etwa 270°. Achse der Drehung ist die A. mesen-
Leber terica superior. Dadurch rutscht das Caecum zunächst
Die Leberknospe startet als Leberdivertikel aus dem unter die Leber. Durch den Abstieg an seine definitive
Duodenum. Ein kurzer Abschnitt verläuft als Ductus Position fasst das gesamte Colon das Dünndarmkon-
hepatopancreaticus, der sich alsbald teilt in die ventrale volut wie ein Bilderrahmen ein.
Pankreasanlage und das Leberdivertikel, deren Zell-
stränge nach kurzem Lauf im Ductus heptopancrea-
ticus auf das Septum transversum zuhalten. Diese 8.1.2 Organe im Retroperitonealraum
Wanderwege bleiben später als extrahepatische Gallen-
wege erhalten. Die Hepatozyten der Leber entstehen Die Urogenitalorgane entwickeln sich zum Teil ge-
aus Entoderm, der Peritonealüberzug sowie mesen- meinsam in enger topografischer Nähe an der hinteren
chymale Komponenten wie Zellen der Blutbildung Leibeswand. Ihre endgültigen Positionen nehmen sie
stammen aus dem Mesoderm. Aus dem distalen Teil erst nach ganz unterschiedlichen Wanderungsbewe-
des Leberdivertikels entsteht der Ductus cysticus mit gungen ein. Die definitive Nierenanlage wandert nach
Gallenblase. oben und landet im Retroperitonealraum. Die weib-
lichen Keimdrüsen (Ovarien) wandern nach vorn
Pankreas (Bauchspeicheldrüse) unten und werden intraperitoneal, während die männ-
Die Bauchspeicheldrüse hat 2 Anteile: lichen Keimdrüsen (Hoden) ganz aus dem Bauchraum
4 Ventrale Pankreasanlage. Sie zweigt aus dem Le- auswandern und extraperitoneal im Hodensack Platz
berdivertikel ab, umschlingt das Duodenum von nehmen.
hinten und legt sich an die
4 Dorsale Pankreasanlage. Diese ist größer; aus Entwicklung der Niere
ihr entsteht der größte Teil des Pankreas: Caput, Die Entwicklung der Niere zeichnet sich durch ein auf-
Corpus, und Cauda pancreatis. Allerdings bildet einander folgendes Auftreten von 3 Organanlagen aus:
sich der Einmündungsgang (Ductus pancreaticus Vorniere, Urniere und Nachniere. Während die ersten
minor) meist zurück. beiden nur vorübergehende Zeitgeister sind, bleibt die
212 Kapitel 8 · Bauch- und Beckeneingeweide

Nachniere als Anlage für die definitive Niere übrig. Alle


3 nephrogenen Komponenten entstehen im nephro-
genen Strang, den fusionierten Ursegmentstielen an
der dorsalen Leibeswand. Dieser Strang wölbt sich zu-
sammen mit der Gonadenanlage zum Urogenitalwulst
auf. Gemeinsamer Nenner aller dieser Komponenten
ist der Wolff-Gang (Urnierengang).

Vorniere (Pronephros)
Die Vorniere entsteht in der 3. Woche im Zervikal-
bereich. Sie ist unproduktiv und wird in der 5. Woche
abgewickelt. Einzig der Vornierengang geht als Erb-
masse in den Wolff-Gang ein.

Urniere (Mesonephros)
Die lang gestreckte Urniere entwickelt sich in der
4. Woche kaudal der Vorniere im thorakalen und lum-
balen Bereich. Etwa 80 Urnierenkanälchen vereinigen
sich nach lateral zum Wolff-Gang. In die medialen
8 Blindsäcke dieser Kanälchen stülpen sich von der Aorta
kommend kleine Gefäße ein, die Vorgänger der Glome-
ruli. Diese Anlage ist teilfunktionsfähig, gibt aber
am Ende der Embryonalperiode (8. Woche) auf und
verschmilzt mit der Keimdrüsenanlage zur Urogenital-
leiste.

Nachniere
Der dritte Versuch ist von Erfolg gekrönt. Die Nach-
niere entsteht auf Höhe des unteren Lumbal- und ers-
ten Sakralsegments aus 2 Anteilen:
4 Ureterknospe (epithelial) und . Abb. 8.1. Einstülpung der Glomerulusschlingen in den
4 metanephrogenes Blastem (mesenchymal). Tubulus: Es entsteht das Nierenkörperchen (Malpighi).

Die Ureterknospe wächst aus dem distalen Abschnitt


des Wolff-Gangs nach hinten oben. Hieraus entwickelt
sich ein drüsenähnliches Ausführungsgangsystem mit Definition »Nephron« (Gangabschnitte vom Glo-
Ureter, Nierenbecken und Kelchen, und den Sammel- merulus bis zum Verbindungstubulus) weicht aus
rohren. Die Ureterknospe induziert die Differenzie- embryologisch-morphologischer Sicht daher von
rung des metanephrogenen Blastems. Um sie »wu- der physiologischen Sichtweise ab (Achtung:
chern« mesenchymale Zellen, die sich zunächst als mündliche Prüfung!).
Bläschen verdichten und dann als Tubuli mit den Sam-
melrohren fusionieren. Die Kapillarknäuel der Aorten-
abgänge stülpen sich in die beginnenden Tubuli hinein Die Niere beginnt ihre Funktion ab der 8. Woche. Zu-
und kreieren die Bowman-Kapsel (. Abb. 8.1). Die vis- nächst wird der Harn in die Amnionflüssigkeit abge-
zerale Membran dieser Mesothelzellen besteht aus den geben.
späteren Podozyten.
Ascensus der Nieren
Merke Zwar entsteht die Nachniere im unteren Lumbalseg-
Das Epithel der Tubulusabschnitte der definitiven ment, jedoch kommt sie durch das Längenwachstum
Niere ist daher mesenchymalen Ursprungs, das des Feten und Säuglings definitiv am oberen Lenden-
Epithel der Sammelrohre aber entodermalen. Die und unteren Brustwirbelbereich zu liegen. Diese rela-
6 tive Verschiebung nennt man Ascensus (Aufstieg). Auf
diesem Wege werden neue Gefäßverbindungen gelegt.
8.1 · Entwicklung von Darmtrakt, Harn- und Sexualorganen
213 8

Dies ist auch der Grund für die zahlreichen Varianten KLINIK
und Fehlbildungen im Harnsystem. Da sich die chromaffinen Ganglienzellen des NNM
im Unterschied zu »gemeinen« sympathischen
Harnblase und Harnröhre Nervenzellen noch teilen können, sind hier
Aus dem Sinus urogenitalis gehen Harnblase und Harn- auch Tumoren möglich: Beispiel: Phäochromo-
röhre hervor. Er ist der terminale Anteil der Kloake, in zytom.
die 3 Gänge einmünden:
4 Allantoisdivertikel,
4 Wolff-Gang und
4 Schwanzdarm, eine Ausstülpung des Enddarms. 8.1.3 Geschlechtsorgane

Zwischen Enddarm und Allantois bildet sich bis zur Obwohl das genetische Geschlecht bereits durch das
7. Woche eine mesodermale Leiste, das Septum uro- fehlende oder vorhandene Y-Chromosom bei der Be-
rectale. Damit wird die Kloake in 2 Abschnitte ge- fruchtung determiniert ist, ist die sexuelle Differenzie-
trennt: rung zunächst nicht erkennbar. Man spricht daher von
4 Sinus urogenitalis und einem indifferenten Stadium (5.–7. Woche).
4 Canalis anorectalis (Anorektalkanal).
Indifferente Gonadenanlage
Aus dem Sinus urogenitalis entstehen Die indifferenten Gonaden bilden sich aus:
4 Pars vesicalis: Harnblase und Urachus (Relikt aus 4 Zölomepithel: Entwicklung der primären Keim-
dem Allantois-Divertikel), stränge,
4 Pars pelvica: Harnröhre und Prostata (Mann) und 4 subepithelialem Mesenchym und
4 Pars phallica: Bartholindrüsen, Scheidenvorhof 4 Primordialen Geschlechtszellen, die aus der Hin-
(Frau), Pars spongiosa der Harnröhre und Cow- terwand des Dottersacks in die Keimstränge des
per-Drüsen (Mann). Zölomepithels einwandern.

Aus dem Anorektalkanal entstehen: Histogenese von Ovar und Hoden


4 Rektum und Schlüssel zur Geschlechtsdifferenzierung ist die Ex-
4 obere zwei Drittel des Analkanals. pression des testisdeterminierenden Gens (SRY) auf
dem Y-Chromosom. Falls es fehlt, wird der ursprüng-
Nebenniere liche Weg der weiblichen, ovariellen Entwicklung ein-
Die Nebenniere besteht aus 2 entwicklungsgeschicht- geschlagen.
lich völlig verschiedenen Anlagen:
4 Nebennierenrinde (Cortex glandulae suprarenalis) Entwicklung des Hodens
und Die primären Keimstränge verzweigen sich und verbin-
4 Nebennierenmark (Medulla glandulae suprare- den sich zum Rete testis. Über die Urnierenkanälchen
nalis). (jetzt wissen wir, wozu die Urniere gut ist!), die späte-
ren Ductuli efferentes testis, bekommen sie Anschluss
Die Nebennierenrinde (NNR) entsteht in der 5. Woche an den Wolff-Gang, dem späteren Ductus deferens. Die
aus dem intermediären Mesoderm. Die primäre fetale anderen Enden der Hodenstränge sind Anlagen für die
NNR ist bereits ab der 8. Embryonalwoche endokrin Tubuli seminiferi. Diese beherbergen:
aktiv. Die massive Steroidproduktion lässt nach der 4 Primordiale Geschlechtszellen und
Geburt nach, sodass sich die fetale NNR zurückbildet 4 Vorläufer der Sertoli-Zellen. Einige von ihnen
(Involution). Erst mit Abschluss der Pubertät erreicht bilden Anti-Müller-Hormon, um sicherzugehen,
sie ihr definitives Volumen. dass in der Hodenanlage das Weibliche mit Stumpf
Das Nebennierenmark (NNM) ist als ein sympa- und Stiel ausgerottet wird (d. h. Rückbildung der
thisches Paraganglion aufzufassen, dessen Zellen in der Müller-Gänge).
7. Woche aus der Neuralleiste in die Anlage der NNR
eingewandert sind. Sie stehen mit präganglionären sym- Im Interstitium entwickeln sich aus Mesenchym ab
pathischen Efferenzen in Verbindung und produzieren der 8. Woche die Leydig-Zellen. Diese bilden Testos-
Adrenalin (80%) und Noradrenalin (20%). teron für die Umdifferenzierung des Wolff-Gangs in
den Ductus deferens sowie die Entwicklung der sekun-
dären männlichen Geschlechtsorgane.
214 Kapitel 8 · Bauch- und Beckeneingeweide

Merke Embryonale Genitalgänge


(Wolff- und Müller-Gänge)
Achtung! Nach der Geburt fallen die Leydig-Zellen
Die paarigen Geschlechtsgänge bestehen in der indif-
in einen Testosteron-Tiefschlaf, bevor sie in der Pu-
ferenten Phase aus
bertät wachgeküsst werden.
4 Wolff-Gang (Ductus mesonephricus) und
4 Müller-Gang (Ductus paramesonephricus)
Descensus testis (. Tab. 8.1).
Während des schnellen Skelettwachstums wandert der
Hoden entlang des kaudalen Keimdrüsenbands (Gu- Der Wolff-Gang bleibt nach dem Untergang der Urniere
bernaculum) zunächst ins kleine Becken, und dann erhalten. Der Müller-Gang entsteht aus einer Einstül-
durch den Leistenkanal ins Skrotum. Dieser Abstieg pung des Zölomepithels und verläuft parallel zum Urnie-
ist hormonell gesteuert (zunächst über Anti-Müller- rengang. Er bleibt distal offen (spätere Tuba uterina).
Hormon, dann über Androgene). Der Hoden schleppt
einen Teil seiner epithelialen Zölomhülle mit sich, das KLINIK
Epiorchium. Dies bildet eine Aussackung, den Proces- Eine inkomplette Verschmelzung beider Müller-
sus vaginalis peritonei in der Leistengegend. Dieser Gänge zum Canalis uterovaginalis (aus dem später
relative Abstieg des Hodens soll bei der Geburt voll- Uterus und Vagina entstehen) kann zu einer Verdopp-
ständig abgeschlossen sein (Reifezeichen!). lung bzw. Septierung der Uterusanlage führen (z. B.
Uterus duplex, Uterus bicornis, Uterus septatus).
8 Entwicklung des Ovars
Die Keimstränge der weiblichen Gonaden lösen sich
nicht vom Epithel ab, sondern degenerieren allmählich. Äußere Genitalorgane
Sie werden ab der 10. Woche durch eine neue Genera- Die äußeren Geschlechtsorgane leiten sich aus der Pars
tion von Keimsträngen ersetzt, die aber in der Rin- genitalis des Sinus urogenitalis ab. Es kommt zur Aus-
denzone liegen bleiben. Hier wandern dann die pri- bildung der zunächst paarigen Genitalhöcker.
mordialen Geschlechtszellen ein und bilden die Pri-
mordialfollikel (7 Kap. 1). Männliche Differenzierung
Der Genitalhöcker verlängert sich zum Phallus primi-
Descensus ovarii tivus, der späteren Eichel (glans penis). Seitlich ziehen
Auch das Ovar hält es nicht an der hinteren Leibes- sich die Urogenitalfalten aus und werden zur Harn-
wand. Es schnappt sich das »kraniale Keimdrüsenband« röhre im Penis. Lateral bildet sich der Genitalwulst, aus
und steigt ab, allerdings nur bis knapp unter die spätere dem das Scrotum entsteht.
Beckeneingangsebene, bleibt also im kleinen Becken
liegen. Das Gubernaculum wird durch das Lig. latum in Weibliche Differenzierung
2 Abschnitte geteilt: Der Genitalhöcker bleibt im Wachstum zurück und
4 kranial: Lig. ovarii proprium, entwickelt sich zur Clitoris. Die Urogenitalfalten ver-
4 kaudal: Lig. teres uteri. schmelzen nicht, sondern bilden die kleinen Schamlip-
pen (Labia minora). Die Genitalwülste mausern sich
Zu guter Letzt dreht sich die Gonade noch um 90°, zu den großen Schamlippen (Labia majora) und über-
sodass die Längsachse schließlich horizontal in der decken schließlich die kleinen Schamlippen (Reife-
Beckenhöhle (also intraperitoneal) zu liegen kommt. zeichen bei der Geburt!).

. Tab. 8.1. Ausdifferenzierung von Wolff- und Müller-Gang


Mann Indifferentes Stadium Frau
Ductus epididymidis Urnierengang (Wolff-Gang) Evtl. Epoophoron,
Ductus deferens, Vesicula seminalis, Gartner-Gang (Ductus deferens paravaginalis)
Ductus ejaculatorius
Ureter, Pelvis renalis, Calices renales, Ureter, Pelvis renalis, Calices renales, Sammelrohre
Sammelrohre
Evtl. Appendix testis, Müller-Gang Tuba uterina,
Utriculus prostaticus Uterus,
Vagina
8.2 · Organe des Magen-Darm-Kanals
215 8
8.2 Organe des Magen-Darm-
Kanals
Lamina epithelialis
8.2.1 Allgemeiner Schichtenaufbau
der Darmwand Tunica mucosa
Lamina propria
Die Organe des Magen-Darm-Trakts sind nach einem
allgemeinen Bauplan konstruiert, der von Organ zu
Lamina muscularis m
Organ etwas abweicht. Wir haben es im Prinzip mit
einem muskulären Schlauchsystem zu tun, dessen in-
nere Oberfläche epithelial ausgekleidet ist. Damit kein
Malheur passiert, sind an den Ein- und Ausgängen des
Schlauchs Sphinktersysteme angebracht (Mundver- Tela submucosa
schluss, Analverschluss).
Selbstverständlich muss der Nahrungsbrei transpor-
tiert, aufbereitet, resorbiert werden. Was das System
nicht braucht, wird ausgeworfen. Histologie-Experten
sehen der Darmwand diese anspruchsvolle und sen-
Stratum circulare
sible Tätigkeit auf ersten Blick an. Man unterscheidet
die in . Abbildung 8.2 schematisch dargestellten Wand- Tunica muscularis
schichten. Stratum longitudinale
Die Tunica mucosa umfasst:
Tunica serosa
4 Lamina epithelialis: Oberflächenauskleidung. Sie
ist nach spezifischer Aufgabe des jeweiligen Darm-
abschnitts spezialisiert (Aufgabe: z. B. Resorption, . Abb. 8.2. Schichten der Darmwand; oben wäre das Darm-
Sekretion, Oberflächenvergrößerung). lumen
4 Lamina propria: Schicht retikulären Bindegewebes
mit vielen freien Zellen (Aufgabe: Abwehr, GALT,
7 Kap. 2), Blutkapillaren und glatten Muskelzellen. 8.2.2 Magen
4 Lamina muscularis mucosae: Ein bis zwei Schich-
ten glatter Muskulatur. Aufgabe: Muskelpumpe der Der Magen (gaster, ventriculus) ist der erste Zwischen-
Schleimhaut. speicher des Nahrungsbreis. Er ist aber nicht faul, son-
dern beginnt mit der Verdauung der Proteine (Pepsin,
Die Tela submucosa ist eine relativ dicke Schicht locke- Kathepsin). Desinfektion (pH 1–1,5 durch hohe Proto-
ren kollagenen Bindegewebes. Hier liegen die größeren nensekretion) ist im Preis inbegriffen. Er gibt die Speise
Blutgefäße sowie der Plexus submucosus. Aufgabe: Lo- kontrolliert in Schüben an das Duodenum weiter.
gistische Unterstützung, zusammenhalten, was zusam-
mengehört. Lage und Aufbau
Die Tunica muscularis besteht aus 2 Schichten, Der Magen liegt im linken Oberbauch und erfreut sich
einer inneren Ringmuskelschicht und einer äußeren einer intraperitonealen Lage. Er projiziert sich auf die
Längsmuskelschicht glatter Muskulatur. Zwischen Regio epigastrica und die Regio hypochondriaca sinis-
beiden sind die Ganglienzellen des Plexus myentericus tra. Der Hauptanteil des Magens liegt zwischen L2 und
aufzufinden. Aufgabe: Lumenverengung, Gesamtver- L3 links der Wirbelsäule. Man kann ihn einteilen in:
kürzung des Darmrohrs (»Peristaltik«). 4 Pars cardiaca (Ösophagusmündung, Magenein-
Die Tunica serosa liegt nur intraperitoneal oder gang). Das untere Verschlusssegment verhindert
teilweise intraperitoneal liegenden Darmabschnitten einen Reflux von Speisebrei in den Ösophagus.
auf. Sie besteht aus: 4 Corpus gastricum, eigentlicher Speisesaal mit he-
4 Lamina propria serosae, sowie der äußeren terokriner Schleimhaut (s. u.). Die Muskulatur ist
4 Lamina epithelialis serosae, ein einschichtiges erschlafft, wenn neue Speise über den Ösophagus
Mesothel (Peritoneum viscerale). Aufgabe: schmerz- nachgefüllt wird.
freie Verschieblichkeit der Darmschlingen, Resorp- 4 Pars pylorica, die wiederum eingeteilt wird in ein
tion und Sekretion des serösen Flüssigkeitsfilms, Antrum pyloricum und einen Canalis pyloricus.
evtl. Phagozytose durch Makrophagen. Dieser ist durch einen Ringmuskel (M. sphincter
216 Kapitel 8 · Bauch- und Beckeneingeweide

pyloricus) verschließbar. Er sowie die gesamte Ma- Als unpaares Bauchorgan liefert er sein venöses Blut
genmuskulatur behalten den Speisebrei für 2–3 h, an die Pfortader ab. Genauer:
geben ihn aber portioniert ins Duodenum ab. 4 V. gastrica sinistra,
4 V. gastrica dextra,
Physiologische Formveränderungen 4 V. gastroomentalis sinistra (zur V. splenica) und
Im Stehen ist das Organ lang gestreckt, die Magenachse 4 V. gastroomentalis dextra (auch zur V. splenica).
nahezu vertikal, das Corpus steht senkrecht. Kranial ist
im Fundus gastricus die luftgefüllte Magenblase zu Inneres Oberflächenrelief und mikroskopische
sehen (Röntgen). Im Liegen hängt der Magen nicht so Anatomie
tief herab, die Magenachse steht schräger. Wenn man den Magen aufschneidet, sieht man die
längsorientierte Faltenstruktur der Innenauskleidung
Einbau in die Bauchhöhle, Nachbarschaft (Plicae gastricae). Allerdings sind dies keine perma-
Der Magen besitzt eine Vorderwand, eine Hinterwand nente, sondern dynamische Strukturen, die aufgrund
und ist gekrümmt. Sein linker Rand ist die große Kur- der Kontraktion der Tunica muscularis und Lamina
vatur (Curvatura gastrica major), der rechte Rand die muscularis mucosae zustande kommen und variabel
kleine Kurvatur (Curvatura gastrica minor). Von der sind.
kleinen Kurvatur zieht das Omentum minus zur Le- Von den Areae gastricae (pflastersteinartige Are-
berpforte. Die rechte Verstärkung des kleinen Netzes ale) der Oberfläche ziehen schlitzförmige Magengrüb-
ist das Lig. hepatoduodenale. Unterhalb des kleinen chen (Foveolae gastricae) als Ausführungsgänge der
8 Netzes liegt die Bursa omentalis, die über das Foramen verzweigt-tubulären Magendrüsen (Gll. gastricae) in
omentale mit der eigentlichen Bauchhöhle in Verbin- die Tiefe. Das Besondere am Magen ist der spezielle
dung steht. Ventrales und dorsales Blatt der Perito- Aufbau der Mucosa sowie die muskuläre Auskleidung
nealauskleidung beteiligen sich am Aufbau des großen des nicht-tubulären Hohlkörpers. Die Magenwand des
Netzes, das vom Colon transversum herabhängt. Die Corpus ist folgendermaßen aufgebaut (. Abb. 8.3,
große Kurvatur dient als Ansatz des Lig. gastrocolicum, . Abb. 8.4):
das wiederum in das große Netz (Omentum majus)
übergeht. Mucosa
Das Oberflächenepithel der Areae gastricae ist hoch-
Innervation prismatisch, produziert hochmolekulare Mucine als
Sympathische Fasern (postganglionär) kommen aus Anti-Säure-Bollwerk. Den Bereich der Aufzweigung
dem Ggl. coeliacum, das präganglionäre Fasern aus den bezeichnet man als Drüsenhals. Dort liegen gehäuft:
Nn. splanchnici erhält. 4 Nebenzellen, die einen etwas alkalischen Schleim
Parasympathische Fasern stammen aus den Trun- produzieren. Weiter distal liegen
cus vagalis anterior (für die Vorderwand) und Truncus 4 Belegzellen (Parietalzellen). Sie sind rund bis poly-
vagalis posterior (für die Hinterwand). gonal, eosinophil und produzieren Protonen (H+)
Parasympathische Stimulation verstärkt die Drü- und den Intrinsic Factor. Letzterer ist für die Re-
sentätigkeit und die Peristaltik, umgekehrt wird diese sorption von Vit. B12 im Jejunum wichtig.
vom Sympathikus gehemmt. 4 Hauptzellen sind, wie der Name sagt, die Haupt-
zellen der Schleimhaut. Sie liegen vornehmlich am
Blutgefäßversorgung Drüsengrund, sind blässlich, etwas basophil (RER!)
Der Magen erhält sein arterielles Blut aus dem Trun- und produzieren u. a. Pepsinogen für die Eiweiß-
cus coeliacus (A. gastrica sinistra, A. splenica, A. hepa- verdauung.
tica communis). 4 Endokrine Zellen sind ebenfalls in die Schleim-
4 A. gastrica sinistra (an der kleinen Kurvatur), haut eingestreut. Sie gehören dem gastroentero-
4 A. gastrica dextra (aus der A. hepatica communis; pankreatischen System an und sezernieren ihre
ebenfalls an der kleinen Kurvatur, sie anastomo- Hormone über die Lamina propria in Blutgefäße.
siert mit der A. gastrica sinistra), Die meisten dieser Zellen befinden sich im An-
4 A. gastroomentalis sinistra, aus der A. splenica, trum/Pylorus. Man unterscheidet:
linke Hälfte der großen Kurvatur. Diese anastomo- 5 G-Zellen (für die Anregung der Säureproduk-
siert mit der tion durch Gastrin),
4 A. gastroomentalis dextra, aus der A. gastro- 5 D-Zellen (für Somatostatin, das die Freiset-
duodenalis (aus der A. hepat