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Fabian Rengier, Christoph Jaschinski, Henrik Holtmann

Last Minute Anatomie


In der Reihe Last Minute erscheinen folgende Titel:

• Last Minute Anatomie


• Last Minute Biochemie
• Last Minute Biologie
• Last Minute Chemie
• Last Minute Chirurgie
• Last Minute Gynäkologie und Geburtshilfe
• Last Minute Histologie
• Last Minute Infektiologie, Immunologie und Mikrobiologie
• Last Minute Innere Medizin
• Last Minute Neurologie
• Last Minute Pädiatrie
• Last Minute Pathologie
• Last Minute Pharmakologie
• Last Minute Physik
• Last Minute Physiologie
• Last Minute Psychiatrie
Fabian Rengier, Christoph Jaschinski, Henrik Holtmann

Last Minute
­Anatomie
1. Auflage


Zuschriften und Kritik an:


Elsevier GmbH, Urban & Fischer Verlag, Hackerbrücke 6, 80335 München
E-Mail: medizinstudium@elsevier.de

Wichtiger Hinweis für den Benutzer


Die Erkenntnisse in der Medizin unterliegen laufendem Wandel durch Forschung und klinische Erfah-
rungen. Herausgeber und Autoren dieses Werkes haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass die in
diesem Werk gemachten therapeutischen Angaben (insbesondere hinsichtlich Indikation, Dosierung
und unerwünschter Wirkungen) dem derzeitigen Wissensstand entsprechen. Das entbindet den Nutzer
dieses Werkes aber nicht von der Verpflichtung, anhand weiterer schriftlicher Informationsquellen zu
überprüfen, ob die dort gemachten Angaben von denen in diesem Buch abweichen und seine Verord-
nung in eigener Verantwortung zu treffen.
Anastomosen von Arterien und Venen sind mit einem Doppelpfeil (↔) gekennzeichnet. Eine Steigerung
der Funktionstätigkeit oder Sekretion wird mit einem aufwärts zeigenden Pfeil (↑) verbildlicht.
Für die Vollständigkeit und Auswahl der aufgeführten Medikamente übernimmt der Verlag keine
Gewähr.
Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden in der Regel besonders kenntlich gemacht (®). Aus
dem Fehlen eines solchen Hinweises kann jedoch nicht automatisch geschlossen werden, dass es sich um
einen freien Warennamen handelt.

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
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1. Auflage 2012

© Elsevier GmbH, München


Der Urban & Fischer Verlag ist ein Imprint der Elsevier GmbH.

12 13 14 15 4 3 2 1

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rung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Um den Textfluss nicht zu stören, wurde bei Berufsbezeichnungen die grammatikalisch maskuline Form
gewählt. Selbstverständlich sind in diesen Fällen immer Frauen und Männer gemeint.

Planung: Julia Baier, Dr. Katja Weimann, Sabine Hennhöfer, Elsevier Deutschland, München
Lektorat: Christine Stockert, Prinz 5 GmbH, Augsburg
Herstellung: Peter Sutterlitte, Elsevier Deutschland, München
Satz: abavo GmbH, Buchloe/Deutschland; TnQ, Chennai/Indien
Druck und Bindung: Printer Trento, Italien
Umschlaggestaltung: Spiesz Design, Neu-Ulm
Titelfotografie: © GettyImages/Kick Images/Tsoi Hoi Fung
ISBN Print 978-3-437-43001-5
ISBN eBook 978-3-437-59041-2

Aktuelle Informationen finden Sie im Internet unter www.elsevier.de und www.elsevier.com


Vorwort
Liebe Leserinnen und Leser! • Übersichtlichkeit und Anschaulichkeit: Ei-
ne klare systematische Gliederung, ein ein-
Die Anatomie – wohl kein anderes vorklinisches heitlich strukturierter Text, unterschiedlich
Fach ruft so gemischte Gefühle hervor: gehasst hervorgehobene Kästen mit Merksätzen und
für die scheinbar unendliche Menge an Lern- Klinikbezügen sowie farbige Abbildungen!
stoff, geliebt für den direkten Bezug zum Men- • Studentenfreundlichkeit: Geschrieben in
schen. Wie kann dieser Konflikt gelöst werden? einfacher, verständlicher Sprache von erfah-
Wie kann der relevante Stoff in einem begrenz- renen Studierenden für Studierende!
ten Zeitraum so vermittelt werden, dass die • Klinikbezug: Klinische Bezüge, die entspre-
Menge des Materials den Spaß an der Anatomie chend der neuen Approbationsordnung im
nicht trübt? schriftlichen und mündlichen Physikum ge-
prüft werden, werden in Klinikkästen präsen-
Wir haben die Prüfungsinhalte in mühevoller tiert.
Kleinstarbeit analysiert und uns vor allem dazu • Prüfungsvorbereitung: Für jedes Kapitel ist
Gedanken gemacht, was bei der Prüfungsvorbe- die Prüfungsrelevanz angegeben. Wem die
reitung helfen könnte. Dabei konnten wir zum Zeit davon rennt, der kann sich auf die Kapi-
einen auf unsere lebhaften Erinnerungen an die tel mit hoher Prüfungsrelevanz fokussieren.
Vorklinik aufbauen. Zum anderen konnten wir Merksätze und Merkhilfen heben besonders
auf unsere wertvollen Erfahrungen als Autoren wichtige Inhalte hervor. Zur Überprüfung des
von Titeln der Basics-Reihe sowie als Tutoren in Lernerfolgs befinden sich am Ende jeden Ka-
Präparierkursen und Anatomie-Repetitorien zu- pitels Fragen zum jeweiligen Lernstoff. Zu-
rückgreifen. sätzlich können online typische mündliche
Physikumsfragen beantwortet und Lösungs-
Entstanden ist das Last Minute Anatomie, das vorschläge angehört werden.
Anatomiewissen effizient vermittelt und ein Unser besonderer Dank gilt Frau Dr. Katja Wei-
Leitfaden durch das Dickicht des Lernstoffs ist. mann, Frau Julia Baier und Frau Sabine Henn-
Egal, wie viel Zeit Sie zum Lernen zur Verfügung höfer vom Verlag Elsevier, Urban & Fischer, für
haben, mit diesem Buch werden Sie die Zeit op- die fruchtbare Zusammenarbeit und die Unter-
timal nutzen können! Dabei helfen Ihnen die stützung in allen Phasen der Entstehung dieses
verschiedenen didaktischen Elemente des Last Buches.
Minute Anatomie. Besonders hervorheben Wir möchten betonen, dass wir uns über jede
möchten wir folgende Punkte: Rückmeldung, Kritik und Anregung aus dem
• Relevanz und Verständnis: Wir konzentrie- Leserkreis freuen (E-Mail: fabian-rengier@web.
ren uns auf das Wissen, das für Anatomie- de).
prüfungen und das Physikum relevant ist, Schließlich wünschen wir viel Erfolg und Freude
orientiert am aktuellen Gegenstandskatalog. bei der Arbeit mit diesem Buch und eine erfolg-
Gleichzeitig fördern wir das Verständnis reiche Prüfung!
durch einfache und prägnante Erklärungen.
Heidelberg und Homburg,
Fabian Rengier, Christoph Jaschinski,
Dr. Henrik Holtmann
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So nutzen Sie das Buch
Prüfungsrelevanz Lerneinheiten
Die Elsevier-Reihe Last Minute bietet Ihnen die
Inhalte, zu denen in den Examina der letzten
1 Das gesamte Buch wird in Tages-Lernein-
heiten unterteilt. Diese werden durch eine
fünf Jahre Fragen gestellt wurden. Eine Farbken- „Uhr“ dargestellt: Die Ziffer gibt an, in welcher
nung gibt an, wie häufig ein Thema gefragt wur- Tages-Lerneinheit man sich befindet.
de, d. h., wie prüfungsrelevant es ist:
• Kapitel in violett kennzeichnen die Inhalte, 1 Jede Tages-Lerneinheit ist in sechs Ab-
schnitte unterteilt: Der ausgefüllte Bereich
die in bisherigen Examina sehr häufig geprüft zeigt, wie weit Sie fortgeschritten sind.
wurden. Und online finden Sie zum Buch
• Kapitel in grün kennzeichnen die Inhalte, • Original-IMPP-Fragen
die in bisherigen Examina mittelmäßig häufig • Zu jedem Kapitel typische Fragen und Ant-
geprüft wurden. worten aus der mündlichen Prüfung.
• Kapitel in blau kennzeichnen die Inhalte,
die in bisherigen Examina eher seltener, aber
immer wieder mal geprüft wurden.

■ CHECK-UP
Check-up-Kasten: Fragen zum Kapitel als Selbsttest.

Merkekasten: Zusatzwissen zum Thema, z. B. zusätzliche


wichtige Fakten, Merkregeln. klinische Informationen
Adressen
Fabian Rengier Dr. Henrik Holtmann
Abteilung Diagnostische und Interventionelle Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie,
Radiologie Gebäude 71.1
Universitätsklinikum Heidelberg Universitätsklinikum des Saarlandes
Im Neuenheimer Feld 110 Kirrberger Straße 100
69120 Heidelberg 66421 Homburg an der Saar
E-Mail: fabian-rengier@web.de E-Mail: henrik.holtmann@uniklinikum-­
saarland.de
Christoph Jaschinski
Husarenstraße 12a
69121 Heidelberg
E-Mail: christophjaschinski@yahoo.de
Abkürzungen

A., Aa. Arteria, Arteriae MCL Medioclavikularlinie


ANP atrial natriuretic peptide N., Nn. Nervus, Nervi
APUD amine precursor uptake and Ncl., Ncll. Nucleus, Nuclei
decarboxylation Nl., Nll. Nodus lymphaticus, Nodi
BNP brain natriuretic peptide lymphatici
BWK Brustwirbelkörper PNS peripheres Nervensystem
C zervikales Rückenmarksegment Proc., Procc. Processus (Sg.), Processus (Pl.)
Co kokzygeales Rückenmarkseg- PVL Paravertebrallinie
ment R., Rr. Ramus, Rami
DNES diffuses neuroendokrines Rec., Recc. Recessus (Sg.), Recessus (Pl.)
System S sakrales Rückenmarksegment;
EM Entwicklungsmonat allgemein-somatosensibel (je
ET Entwicklungstag nach Zusammenhang)
EW Entwicklungswoche S-S speziell-somatosensibel
Gl., Gll. Glandula, Glandulae S-VM speziell-viszeromotorisch
HAL hintere Axillarlinie S-VS speziell-viszerosensibel
HWK Halswirbelkörper SGA small for gestational age
i. H. in Höhe SL Skapularlinie
ICR Interkostalraum SSW Schwangerschaftswoche
IUGR intrauterine growth restriction Th thorakales Rückenmarksegment
L lumbales Rückenmarksegment V., Vv. Vena, Venae
LH luteinisierendes Hormon VAL vordere Axillarlinie
Lig., Ligg. Ligamentum, Ligamenta VM allgemein-viszeromotorisch
LWK Lendenwirbelkörper VNS vegetatives Nervensystem
M somatomotorisch VS allgemein-viszerosensibel
M., Mm. Musculus, Musculi ZNS zentrales Nervensystem
MAL mittlere Axillarlinie
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Abbildungsnachweis

Der Verweis auf die jeweilige Abbildungsquelle R255 F. Rengier: Basics Anatomie –
befindet sich bei allen Abbildungen im Buch am Leitungsbahnen, 1. Aufl., Elsevier
Ende des Legendentextes in eckigen Klammern. Urban & Fischer, 2009
Alle nicht besonders gekennzeichneten Grafiken R256 I. Steinbrück, D. Baumhoer, Ph. Henle:
und Abbildungen © Elsevier GmbH, München. Intensivkurs Anatomie, 1. Aufl.,
Elsevier Urban & Fischer, 2008
E482 L. P. Gartner, J. L. Hiatt: Colour R257 M. Buchta, A. Sönnichsen: Das
Textbook of Histology, 3rd ed., Elsevier Physikum, 2. Aufl., Elsevier Urban &
Saunders, 2007 Fischer, 2010
E483 R. Liebsch: Kurzlehrbuch Neurologie, S002–7 H. Lippert: Lehrbuch Anatomie,
2. Aufl., Elsevier Urban & Fischer, 2001 7. Aufl., Elsevier Urban & Fischer, 2006
E484 J. Weir, P. H. Abrahams: Imaging Atlas S007–1–23 F. Paulsen, J. Waschke: Sobotta,
of Human Anatomy, Elsevier Mosby, Atlas der Anatomie des Menschen,
2003 Bd. 1 Allgemeine Anatomie und
E486 M. J. Aminoff, R. B. Daroff (Hrsg.): Bewegungsapparat, 23. Aufl., Elsevier
Encyclopedia of the Neurological Urban & Fischer, 2010
Sciences, 2nd ed., Elsevier Science, 2003 S007–2–23 F. Paulsen, J. Waschke: Sobotta,
L141 St. Elsberger, Planegg Atlas der Anatomie des Menschen,
R144 G. Souza-Offtermatt: Intensivkurs Bd. 2 Innere Organe, 23. Aufl., Elsevier
Chirurgie, 1. Aufl., Elsevier Urban & Urban & Fischer, 2010
Fischer, 2004 S007–3–23 F. Paulsen, J. Waschke: Sobotta,
R249 K. Moore, T. V. N. Persaud, Ch. Viebahn Atlas der Anatomie des Menschen,
(Hrsg.): Embryologie: Entwicklungs- Bd. 3 Kopf, Hals, Neuroanatomie,
stadien – Frühentwicklung – Organo- 23. Aufl., Elsevier Urban & Fischer, 2010
genese – Klinik, 5. Aufl., Elsevier S010–2–16 A. Benninghoff, D. Drenckhahn:
Urban & Fischer, 2007 Anatomie Bd. 2, 16. Aufl., Elsevier
R254 N. Garzorz: Basics Neuroanatomie, Urban & Fischer, 2003
1. Aufl., Elsevier Urban & Fischer, 2008 V485 Prinz 5 Medien GmbH, Augsburg
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Inhaltsverzeichnis
1 Tag 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1 Embryologie (H) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
Entwicklung der Gameten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
Befruchtung, Furchung und Implantation beim Menschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
Grundlagen der Embryologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
Plazentation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Frühentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
Organogenese und Ausbildung der äußeren Körperform . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
Mehrlingsbildung, Mehrfachbildung, Fehlbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
2 Allgemeine Anatomie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
Allgemeine Anatomie (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
Bewegungsapparat (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
Nervensystem (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
Kreislaufsystem (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
Immunsystem (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
3 Obere Extremität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
Grundkenntnisse der Entwicklung (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
Schultergürtel (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
Oberarm und Unterarm (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
Hand (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
Nerven (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52

2 Tag 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
Arterien (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
Venen (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
Lymphknoten und Lymphgefäße (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
Angewandte und topografische Anatomie (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
4 Untere Extremität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
Grundkenntnisse der Entwicklung (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
Hüfte (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
Oberschenkel (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
Unterschenkel (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
Fuß (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
Nerven (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
Arterien (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
Venen (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
Lymphknoten und Lymphgefäße (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
Angewandte und topografische Anatomie (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
5 Leibeswand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
Rücken (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
Brustwand (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
Bauchwand (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
Becken (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
Leitungsbahnen (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
Inhaltsverzeichnis

2 Tag 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
6 Brusteingeweide . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
Entwicklung von Pleuraperikardhöhle, Herz und Lunge (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
Atmungsorgane (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
Speiseröhre (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
Thymus (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
Herz (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
Nerven und Nervengeflechte (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
Arterien und Pulmonalgefäße (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
Venen (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
Lymphknoten und Lymphgefäße (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
Angewandte und topografische Anatomie (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
7 Bauch- und Beckeneingeweide . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
Entwicklung von Darmtrakt, Harn- und Geschlechtsorganen (J) . . . . . . . . . . . . . . 133
Organe des Magen-Darm-Kanals (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
Leber, Gallenblase und Pankreas (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
Milz (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
Endokrine Organe (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
Harnorgane (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
Weibliche Geschlechtsorgane (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152
Männliche Geschlechtsorgane (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
Nerven und Nervengeflechte (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
Arterien (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162
Venen (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167
Lymphknoten und Lymphgefäße (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169
Peritoneum (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170
Angewandte und topografische Anatomie (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171

4 Tag 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
8 Kopf und Hals . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
Entwicklung von Kopf und Hals (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
Schädel (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
Kopf- und Halsmuskulatur (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186
Kopf- und Halseingeweide (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193
Hirnnerven (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203
Halsnerven (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
Vegetative Innervation an Kopf und Hals (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214
Arterien (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216
Venen (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218
Lymphknoten und Lymphgefäße (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218
Angewandte und topografische Anatomie (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219
9 Zentralnervensystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225
Entwicklung des Zentralnervensystems (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225
Rückenmark (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228

5 Tag 5 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234
Rautenhirn (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234
Mittelhirn (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239
Kleinhirn (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243

XIV
Zwischenhirn (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
Großhirn (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
Systeme (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253
Innere Liquorräume (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257
Hirn- und Rückenmarkshäute, äußere Liquorräume (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
Gefäßversorgung (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261
Angewandte und topografische Anatomie (R) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265
10 Sehorgan (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
Entwicklung des Sehorgans . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
Augenhöhle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
Bulbus oculi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272
Zusätzliche Einrichtungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277
Sehbahn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279
11 Hör- und Gleichgewichtsorgan (J) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283
Entwicklung des Hör- und Gleichgewichtsorgans . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283
Äußeres Ohr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 284
Mittelohr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 286
Innenohr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 288
Hörbahn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290
Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293

* H = H. Holtmann
J = C. Jaschinski
R = F. Rengier

XV
This page intentionally left blank
     
1
1  Embryologie
Entwicklung der Gameten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1

Befruchtung, Furchung und Implantation beim Menschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5

Grundlagen der Embryologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6

Plazentation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

Frühentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10

Organogenese und Ausbildung der äußeren Körperform . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15

Mehrlingsbildung, Mehrfachbildung, Fehlbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16

Entwicklung der Gameten


■ Weiblicher Genitaltrakt funktionsloses, haploides Polkörperchen
(1. Polkörperchen).
In der 5. Entwicklungswoche (EW) wandern Ur- Vor der Ovulation durchlaufen mehrere Pri-
keimzellen aus der Wand des Dottersacks in die mordialfollikel die Follikelphase. Diese Phase
Genitalleiste ein, vermehren sich durch mitoti- geht über die 1. Reifeteilung hinaus und endet
sche Teilung und differenzieren schließlich zu nach Beginn der 2. Reifeteilung.
Oogonien (Ureizellen).
Oogonien haben einen diploiden Chromoso-
mensatz: 44 Autosomen und 2 Gonosomen. Die weiblichen Keimzellen in den Ovarien
sind von somatischen Begleitzellen, dem Fol-
1. Reifeteilung (Meiose I) der Oogonien
likelepithel, umgeben. Der Verbund aus
Beginnt um den 4. Embyonalmonat. Im Dip-
Keimzelle und Follikelepithel wird als Folli-
lotän der Prophase I hält die Teilung an. Als nun kel bezeichnet.
primäre Oozyten (primäre Ovozyten), weibliche
Keimzellen der 1. Ordnung, verharren sie für 12–
50 Jahre in einem Ruhestadium, Diktyotän ge- 2. Reifeteilung (Meiose II)
nannt. Die primäre Oozyte verfügt über einen Während der Ovulation beginnt die sekundäre
diploiden Chromosomensatz. Sie wird von einer Oozyte mit der 2. Reifeteilung (Meiose II). In
einzelligen Schicht flacher Epithelzellen überzo- der Metaphase der 2. Reifeteilung wird die
gen und als Primordialfollikel bezeichnet. ­Oozyte erneut in eine jetzt aber nur kurze Ruhe-
Das Diktyotän endet kurz vor dem Eisprung zu phase versetzt. Unmittelbar nach dem Eindrin-
Beginn der Ovulationsphase. Dabei entsteht aus gen eines Spermatozoons in die Zelle wird die 2.
der ruhenden primären Oozyte eine große, mit Reifeteilung beendet. Es entsteht das große, mit
nährstoffreichem Zytoplasma angefüllte sekun- nährstoffreichem Zytoplasma gefüllte Ovum (Ei-
däre Oozyte (sekundäre Ovozyte), auch weibli- zelle im engeren Sinne) und ein weiteres kleines
che Keimzelle 2. Ordnung genannt. Der Chro- Polkörperchen, wobei die Eizelle das gesamte
mosomensatz hat sich nun halbiert und besteht Zytoplasma behält. Die Oozyte muss innerhalb
aus 22 Autosomen und 1 Gonosom (haploider von 24 h nach der Ovulation befruchtet werden,
Satz), weswegen die 1. Reifeteilung auch als Re- sonst stirbt es ab.
duktionsteilung bezeichnet wird. Die meioti- Ovum und Polkörperchen sind haploid, aller-
sche Zellteilung verläuft ungleich (inäqual): Ne- dings besteht ihr Chromosomensatz nur noch
ben der großen Oozyte entsteht ein kleines, aus einzelnen Chromatiden, da bei der 2. Reife-

1
1  Embryologie

teilung, auch Äquationsteilung genannt, die Corona radiata bilden. Oozyte und Corona ra-
beiden replikationsidentischen DNA-Stränge diata ragen als Cumulus oophorus (Eihügel) ins
der Chromosomen getrennt werden. Antrum folliculi hinein.
Das 1. Polkörperchen teilt sich währenddessen Die Theca folliculi differenziert sich in die:
ebenfalls, sodass am Ende der Oogenese insge- • Theca interna: innere Schicht aus mehreren
samt 3 Polkörperchen existieren, die jedoch für Schichten epitheloider Zellen, produziert An-
die Fortpflanzung irrelevant sind. drogene
• Theca externa: äußere Schicht aus konzent-
Im 5. Fetalmonat beträgt die Keimzellzahl in risch geordneten Myofibroblasten.
beiden Ovarien ca. 6–7 Mio. Diese Zahl re- Die Reifung der Primärfollikel zum Tertiärfolli-
duziert sich bis zur Geburt auf 2 Mio. und kel dauert etwa 6 Monate. Wird der Tertiärfolli-
bis zum Beginn der Pubertät auf 400.000. kel nicht in den Zyklus einbezogen, vernarbt er
und wird zum atretischen Follikel.

Follikelphase Gonadotropinabhängige Reifung.  Das FSH


Die Follikel durchlaufen folgende Stadien: (follikelstimulierendes Hormon) bewirkt, dass
• Primärfollikel mit Zona pellucida um die eine Kohorte (Gruppe) von 10–20 Tertiärfolli-
­Oozyte keln rasch an Größe zunimmt und innerhalb
• Sekundärfollikel mit Granulosazellen und 1 Woche auf je 8 mm Durchmesser anwächst.
Theca folliculi Das LH (luteinisierendes Hormon) veranlasst die
• Tertiärfollikel mit Antrum folliculi, Theca in- Theca-interna-Zellen jener Follikel zur Synthese
terna und Theca externa von Androgenen. Diese werden dann in den
• Graaf-Follikel, aus dem das Ovum mit seiner Granulosazellen in Östrogene, insbesondere Es­
Corona radiata herausgespült wird. Dieser tradiol, umgewandelt. Das FSH ruft bei den Gra-
Vorgang wird als Ovulation bezeichnet. nulosazellen die Ausschüttung des Enzyms Aro-
Die Follikelentwicklung teilt sich in eine gona- matase hervor, das die Umwandlung von An­
dotropinunabhängige und eine anschließende drogenen in Östrogene vollzieht.
gonadotropinabhängige Phase: In der 1. Woche des weiblichen Zyklus syntheti-
sieren alle Follikel einer Kohorte Östrogene, was
Gonadotropinunabhängige Reifung.  Oozy- über eine negative Rückkopplung den FSH-Spie-
tenvergrößerung und Proliferation des Follikel­ gel abfallen lässt. Nur in dem am weitesten fort-
epithels. Der Primärfollikel hat einen Durchmes- geschrittenen Follikel (dominanter Follikel) ist
ser von ca. 100 μm. Sein Epithel besteht aus einer die Empfindlichkeit der FSH-Rezeptoren derart
einzigen Schicht kubischer bis zylindrischer Zel- hoch, dass er weiterhin große Mengen Östrogen
len. Zwischen Oozyte und Follikelepithel bildet produziert, was die negative Rückkopplung auf
sich eine transparente Basalmembran (Zona den FSH-Spiegel weiter steigert. Inhibin, ein im
pellucida). fortgeschrittenen Follikel produziertes Peptid,
Der Sekundärfollikel mit einem Durchmesser verstärkt den Effekt.
von ca. 200 μm hat ein mehrschichtiges Epithel Durch die mangelnde Stimulation bilden sich in
(Stratum granulosum) aus Granulosazellen. der 2. Zykluswoche alle Follikel bis auf den do-
Die Zona pellucida wird deutlicher sichtbar. Die minanten Follikel zurück. Während in den zu-
in der Umgebung des Sekundärfollikels befindli- rückgebildeten Follikeln (atretische Follikel)
chen Stromazellen ordnen sich zu einer eigenen Oozyte und Granulosazellen durch Apoptose
Schicht an, der Theca folliculi. untergehen, hypertrophiert die Theca interna
Der so entstandene Tertiärfollikel (antraler Fol- und entwickelt sich zu sekundären interstitiellen
likel, Bläschenfollikel) hat einen Durchmesser Zellen, dem Thekaorgan. Sie produzieren An­
von 2–5 mm. Zwischen den Epithelzellen des drogene, die den vitalen Tertiärfollikeln zur Ös-
Tertiärfollikels entsteht ein mit Liquor follicula- trogensynthese zur Verfügung stehen. In den
ris gefüllter Raum, das Antrum folliculi. Der Li- atretischen Follikeln kollabiert das Antrum folli-
quor ist reich an Proteoglykanen und Hyaluron- culi, und die ehemalige Basalmembran zwischen
säure. Von der Zona pellucida umgeben, bleibt Theca interna und untergegangenen Granulosa-
die Oozyte an einem Pol des Follikels liegen. Sie zellen erscheint verdickt und geschlängelt (Slav-
ist weiterhin von Epithelzellen umgeben, die die janski-Membran).

2
1
Der dominante Follikel steigert bis zum Ende tröpfchen ein, was die makroskopische Gelb-
der 2. Zykluswoche seine Östrogensynthese bis färbung und die Namensgebung bedingt.
zum Maximum und wächst zum sprungreifen Diese als Granulosa-Luteinzellen bezeichne-
etwa 15–25 mm großen Graaf-Follikel heran. ten Zellen bilden außer Östrogen auch Pro-
Die Vorgänge werden in ihrer Gesamtheit als gesteron aus Cholesterin. Diese Zellen ma-
Follikelphase des ovariellen Zyklus bezeichnet. chen die Hauptmasse des Corpus luteum aus.
Die Zellen der Theca interna wachsen eben-
Die von den Granulosazellen produzierten falls und entwickeln sich durch Lipideinlage-
Östrogene wirken proliferativ auf Uterus rung zu gelblichen Theka-Luteinzellen. Aus
und Brustdrüsen. der Theca interna sprossen feine Blutgefäße
ins Stratum granulosum, über welche die
dort gebildeten Hormone in den Blutkreislauf
Ovulation gelangen.
Die drastische Erhöhung des Östrogenspiegels Das Corpus luteum hat zwei Entwicklungsmög-
durch den dominanten Follikel bedingt am Ende lichkeiten:
der 2. Zykluswoche einen steilen Anstieg des • Corpus luteum menstruationis (➜ Abb. 1.1):
LH-Spiegels (LH-Peak). Dieser führt nach ca. Nimmt die LH-Stimulation ab Mitte der
24 h zur Ovulation. 2. Zyklushälfte allmählich ab, geht das Cor-
• Die Oozyte beendet die 1. Reifeteilung und pus luteum unter. Über einen Zeitraum von
beginnt sofort mit der 2. Reifeteilung. 8 Wochen bildet es sich zu einer bindegewe-
• Im Graaf-Follikel direkt unter der Tunica al- bigen Narbe (Corpus albicans) zurück.
buginea zerfällt der Cumulus oophorus, und • Corpus luteum graviditatis: Übernimmt in
die Oozyte schwimmt mit ihrer Corona radia- der Frühschwangerschaft das LH-ähnliche
ta frei im Liquor follicularis. HCG (humanes Choriongonadotropin) die
• Durch den LH-Peak kommt es präovulato- weitere Stimulation, bleibt das Corpus lute-
risch zu einem Anstieg der Progesteronkon- um bestehen und entwickelt sich zum bis zu
zentration, woraufhin proteolytische Enzyme 30 mm großen Corpus luteum graviditatis.
synthetisiert werden. Diese führen zusam- Sein Progesteron stellt den Uterus ruhig und
men mit Prostaglandinen, der Tätigkeit der hält somit eine Frühschwangerschaft auf-
Myofibroblasten der Theca externa und dem recht. Es degeneriert ebenfalls zum Corpus
Druck des Liquor follicularis zum Zerreißen albicans, wenn die Plazenta nach der
der Follikelwand, der Tunica albuginea und 4. Schwangerschaftswoche (SSW) die Hor-
des Oberfächenepithels des Ovars. monproduktion übernimmt.
• Die Oozyte mit ihrer Corona radiata wird
ausgeschwemmt. Die Fimbrien nehmen mit-
hilfe chemotaktischer Steuerung die Oozyte
■ Männlicher Genitaltrakt
in die Tuba uterina (Eileiter) auf. Auch die männlichen Keimzellen (Spermien)
sind Abkömmlinge der Urkeimzellen, die in der
Lutealphase
5. Embryonalwoche in die Genitalleiste einwan-
Die postovulatorische Lutealphase dauert im Zy-
dern. Die Spermatogenese (Spermienbildung)
klus 2 Wochen. Hier entstehen das:
gliedert sich in die Schritte:
• Corpus haemorrhagicum oder rubrum: 1. Vermehrungsphase mit mitotischen Teilun-
Thrombus, der aus dem Blut entsteht, das
gen
beim Sprung der Oozyte in das ehemalige
2. Reifungsphase mit meiotischen Teilungen
Antrum folliculi eindringt. Der Thrombus
3. Differenzierungsphase, auch Spermiogenese
wird durch mesenchymales Bindegewebe er-
genannt.
setzt.
• Corpus luteum: Die Lutealphase ist durch ei- Vermehrungsphase (Spermatozytogenese)
nen hohen LH-Spiegel gekennzeichnet, der Vermehrungsphase:
innerhalb weniger Tage zur Luteinisierung • Findet im basalen Kompartiment des Keim­
des im Ovar zurückbleibenden Follikelrests epithels statt
führt. Die Granulosazellen wachsen und ex- • Aus den Spermatogonien (Samenstammzel-
primieren verstärkt LH-Rezeptoren an ihrer len) entwickeln sich durch Mitose Spermato-
Oberfläche. Sie lagern mehr und mehr Lipid- gonien vom Typ A.
3
1  Embryologie

Abb. 1.1  Corpus luteum


menstruationis: Granulosa-
Luteinzellen (G), Theka-Lute-
inzellen (T) (H. E., 132-fach)
[E482]

• Das Spermatogonium Typ A vermehrt sich Differenzierungsphase (Spermio[histo]


durch mitotische Teilung. Dabei entwickelt genese)
sich die eine Tochterzelle zu einem A-Sper- Differenzierungsphase:
matogonium, die andere Tochterzelle hinge- • Findet wie die Reifungsphase im adluminalen
gen teilt sich mitotisch weiter. Kompartiment des Keimepithels statt
• Aus diesen Zellen entstehen die Spermatogo- • Die Spermatiden wandeln sich in Spermato-
nien vom Typ B, die in die Reifungsphase zoen um, ohne dass eine weitere Teilung
übergehen. Sie haben einen diploiden Chro- stattfindet.
mosomensatz und sind durch zytoplasmati- • Zum einen werden die zytoplasmatischen
sche Brücken miteinander verbunden. So Brücken getrennt, zum anderen entwickelt
entsteht ein Klon, dessen Geschwisterzellen sich innerhalb des Spermatids aus dem Golgi-
alle Stadien der Entwicklung gemeinsam Apparat das Akrosom, das sich wie eine Kap-
durchlaufen. pe über den Kern legt. Es ist angefüllt mit hy-
Reifungsphase (Meiose): drolytischen Enzymen, z. B. Akrosin, das dem
• Findet im adluminalen Kompartiment des späteren Spermium beim Durchtritt durch
Keimepithels statt die Zona pellucida hilft.
• Das Spermatogonium Typ B wird durch star- • Daneben kommt es zur Kernkondensation
ke Volumenzunahme zum primären Sper- und es wird ein Schwanz ausgebildet, der das
matozyten (Spermatozyt I). Spermatozoon bewegt.
• Aus dem primären Spermatozyten gehen in • Die Entwicklung ist abgeschlossen, wenn die
der 1. Reifeteilung zwei haploide sekundäre Spermatiden in das Lumen der Samenkanäl-
Spermatozyten (Spermatozyten II, mit X- chen freigesetzt werden (Spermiation). Nun
oder Y-Chromosom) hervor. spricht man nicht mehr von Spermatiden,
• Es beginnt sofort die 2. Reifeteilung, bei wel- sondern von Spermatozoen.
cher sich die beiden Spermatozyten II in je Spermatozoon, Spermium und Sperma
zwei Spermatiden aufteilen, die von jedem Reife Spermatozoen setzen sich aus einem ca.
Chromosom des haploiden Spermatozyts II je 4–5 μm langen und 2–3 μm breiten Kopf sowie ei-
einen DNS-Strang enthalten. nem ca. 60 μm langen Schwanz zusammen. Im
• So entstehen aus 1 primären Spermatozyt Kopf befinden sich das Akrosom und der Zellkern.
2 sekundäre Spermatozyten und letztlich Die Spermatozoen verlassen über Tubuli recti, Re-
4 Spermatiden. te testis und Ductuli efferentes den Hoden und ge-

4
1
langen in den Nebenhoden. Dort reifen sie endgül-
tig aus, erlangen ihre volle Beweglichkeit und wer- Die gesamte Spermatogenese dauert im Mit-
den gespeichert. Nun spricht man von Spermien. tel 60–74 Tage. Weitere 14 Tage reifen die
Als Sperma wird die Vermengung von Sperma- Spermatozoen im Nebenhoden aus.
tozoen mit den Sekreten aus Bulbourethraldrü-
sen, Prostata und Samenblase bezeichnet.

■ CHECK-UP
Beschreiben Sie die zentralen Schritte der gonadotropinabhängigen Follikulogenese!
Beschreiben Sie den Aufbau des Corpus luteum!
Woraus entsteht das Akrosom beim Spermatid und was enthält es?

Befruchtung, Furchung und Implantation beim Menschen


Keimbahnlehre: Gameten (Keimzellen) durch- • Nach etwa 4 Tagen erreicht die Zygote im
laufen eine von den somatischen Zellen des Or- 8–32-Zell-Stadium als Morula (Maulbeere)
ganismus separate Entwicklung. den Uterus.
Blastozyste
■ Befruchtung der Eizelle Am 4.–5. Tag wandelt sich die Morula durch
Der auch als Fertilisation oder Konzeption be- Flüssigkeitsaufnahme zu einer hohlen Zellkugel,
zeichnete Prozess findet gewöhnlich in der Am- der Blastozyste (Keimblase). Der Hohlraum
pulle der Tuba uterina statt. Die Spermien stei- wird als Blastozystenhöhle bezeichnet.
gen durch Uterus und Tube auf und verändern Die Blastomere differenzieren sich in:
sich im Milieu des weiblichen Genitaltrakts der- • Trophoblast: Blastomeren der äußeren
art, dass sie in die Oozyte eindringen können Schicht, die Zellkontakte ausbilden und
(Kapazitation). Bei der Eizelle angekommen, sich verbinden (Kompaktierung). Aus dem
dringt das schnellste Spermium in die Oozyte Trophoblast entwickeln sich später die Pla-
ein (Imprägnation). zenta wie auch die Eihäute (sekundäre Ei-
Durch Verschmelzung von Spermium und hüllen).
­Oozyte entsteht die Zygote. • Embryoblast: innere Blastomer-Zellmasse,
der Vorgänger des Embryos. Der Embryo-
blast legt sich an einer Stelle an die Innenseite
■ Blastogenese des Trophoblasts an. Diese Stelle wird als Em-
Entwicklungsschritte bis zum Erreichen des bryonalpol bezeichnet. Die Zellen des Em­
Uterus bryoblasten sind pluripotent.
• In der Oozyte wird unmittelbar nach der Implantation in die Uterusschleimhaut
Imprägnation die 2. Reifeteilung abgeschlos- Etwa am 6. Entwicklungstag (ET) kommt es
sen. zum Eindringen (Implantation) des Keimlings
• Alle Inhaltsstoffe des Spermiums außer dem in die Uterusschleimhaut. Der Trophoblast glie-
Chromatin werden enzymatisch aufgelöst. dert sich nun in:
• Es bilden sich ein mütterlicher und väterli- • Synzytiotrophoblast: Das vielkernige Synzy-
cher haploider Vorkern. Sie formen eine ge- tium entsteht durch Fusion der Trophoblast-
meinsame Mitosespindel und sind das Zent- zellen am Embryonalpol, die am mütterlichen
rum der diploiden Zygote. Gewebe anliegen und in das Endometrium
• Die Zygote, die noch von Zona pellucida und (Uterusschleimhaut) vordringen.
Corona radiata umgeben ist, wandert zum • Zytotrophoblast: Zellschicht, die an der höh-
Uterus und fängt an, sich zu teilen (Furchun- lenzugewandten Seite des Embryoblasts an-
gen). Die Tochterzellen (Blastomere) wer- liegt. Sie liefert den Zellnachschub für den
den immer kleiner. Bis zum 8-Zell-Stadium Synzytiotrophoblast.
sind alle Zellen totipotent.
5
1  Embryologie

Erhalt der Schwangerschaft


Die HCG-β-Kette (β-HCG) lässt sich etwa ab
Der Synzytiotrophoblast beginnt, das mit LH ver-
dem 6. – 7. ET im Blut und dem 14. ET im
wandte Hormon HCG (humanes Choriongonado-
Urin der werdenden Mutter nachweisen und
tropin) zu produzieren, das die weitere Entwick-
lässt sich deshalb für einen aussagekräftigen
lung des Gelbkörpers zum Corpus luteum gravidi-
Schwangerschaftstest nutzen.
tatis unterhält und somit die Abstoßung der Funk-
tionalis der Gebärmutterschleimhaut verhindert.

■ CHECK-UP
Beschreiben Sie die Imprägnation des Spermiums in die Eizelle!
Wodurch kommt es zum Polyspermieblock?
Wann – zeitlich gesehen nach der Befruchtung – erreicht der Keimling den Uterus und wie
kommt es zu seiner Implantation in die Uteruschleimhaut?

Grundlagen der Embryologie


■ Grundlagen der entwickeln können. Zu diesen Mechanismen
Embryonalentwicklung zählen:
• Differenzierung: Spezialisierung der Zellen
Stammzellen
durch Aktivierung und gleichzeitige Deakti-
Stammzellen haben die unterschiedlich stark vierung bestimmter Gene
ausgeprägte Fähigkeit, sich zu verschiedensten • Determination: irreversible Festlegung der
Typen von Zellen und Gewebsverbänden aus- Entwicklung von Zellen/Zellverbänden zu be-
zudifferenzieren. Die Tochterzellen, die die stimmten Geweben
Stammzellen hervorbringen, können entweder • Induktion: Beeinflussung der Differenzierung
ebenfalls Stammzelleigenschaften aufweisen eines Gewebeverbands durch Zellen eines be-
oder aber sich terminal differenzieren, d. h., nachbarten Gewebeverbands.
sie spezialisieren sich und verlieren dadurch Aus diesen Zellen gehen schließlich Zellen mit
ihre Potenz, bei weiteren Teilungen den Zell- speziellen Fähigkeiten hervor, welche ihre Po-
typ neu zu variieren. Die Fähigkeit, sich weiter tenz zur weiteren Ausdifferenzierung in andere
vermehren zu können, wird unter anderem Zelltypen weitestgehend verloren haben. Das
durch Enzyme wie die Telomerase ermög- zentrale Instrument ist die Gensuppression,
licht, die eine von Zellteilung zu Zellteilung d. h. die Aktivierung und Deaktivierung be-
voranschreitende Verkürzung der Chromoso- stimmter Genabschnitte im Genom einer jeden
menenden verlangsamt und damit einen Zelle. Diese Vorgänge bezeichnet man als Gen-
zwangsläufigen Zelltod durch Apoptose hin- regulation.
auszögert.
Embryonale Stammzellen.  Die pluripotenten
Omnipotente Stammzellen.  Die durch Mito- Stammzellen des Embryoblasten werden in der
se entstandenen Zellen der Zygote bis zum Forschung auch als embryonale Stammzellen
8-Zell-Stadium. Diese Zellen sind omni- bzw. to- bezeichnet. Sie werden in der Regel aus Zellen
tipotente Stammzellen, d. h., jede dieser Zellen
des Embryoblasten, die von überzähligen, durch
hat die Fähigkeit, sich in jede beliebige Zelle des In-vitro-Fertilisation entstandenen Embryonen
zukünftigen Körpers zu entwickeln. stammen, im Stadium der Blastozyste gewon-
Multipotente Stammzellen.  Im Embryoblas- nen. Durch sie erhofft man sich z. B. die Mög-
ten entwickeln sich durch verschiedene Mecha- lichkeit, zukünftig fehlende Körpergewebe und
nismen zunächst multi- bzw. pluripotente Organe heranzüchten zu können.
Stammzellen, die sich nur noch in eine be-
Adulte Stammzellen.  Der Körper eines erwach-
grenzte Anzahl spezialisierter Zelltypen weiter- senen Menschen hat zur Regeneration seiner Ge-
webe Stammzellen, die sich nur noch in einige we-
6
1
nige Zelltypen umwandeln können. Solche Zellen und dadurch die Proteinbiosynthese bestimmter
werden als adulte Stammzellen bezeichnet und die- Proteine beginnt. Dies geschieht entweder auf
nen der Therapie (Stammzelltherapie) bösartiger direktem Weg, indem das Regulatorgen selbst-
Erkrankungen des Bluts, z. B. von Leukämien. ständig an bestimmte DNA-Abschnitte bindet
Zellbewegung oder indirekt, indem es sich an ein intrazellulä-
Neben diesen genetischen Mechanismen spielt res Protein bindet, welches an die DNA andockt.
in der frühen Embryonalentwicklung die Zell- Beispiele für Regulatorgene, die Transkriptions-
migration eine zentrale Rolle. Durch Ausbil- faktoren kodieren, sind:
dung fußförmiger, beweglicher Zellausläufer • Homöobox- bzw. HOX-Gene
(Pseudopodien) wandern bestimmte Zellen an • Paired-Box- bzw. PAX-Gene
ihren Bestimmungsort im Embryo. • Zinkfinger-Gene.
Klonen Wachstumsfaktoren
Pflanzt man den Zellkern einer Körperzelle in eine Wachstumsfaktoren binden an die Zellmemb-
entkernte und unbefruchtete Eizelle ein, so entsteht ranrezeptoren, z. B. an Rezeptor-Tyrosin-Kina-
eine artifizielle (künstlich hergestellte) Zygote. sen, ihrer Zielzellen. Dies evoziert Signalkaska-
den, an deren Ende die Aktivierung oder Deakti-
Reproduktives Klonen.  Pflanzt man die artifi- vierung bestimmter Gene steht. Daher haben
zielle Zygote in die Gebärmutter einer Leihmutter auch diese Faktoren eine wichtige Rolle in der
ein, und es wächst hieraus ein im Vergleich zum Embryonalentwicklung. Beispiele:
Zellkernspender genetisch identisches Lebewesen • Epidermal growth factor (EGF)
heran, spricht man von reproduktivem Klonen. • Fibroblast growth factor (FGF)
• Insulin-like growth factor (IGF)
Therapeutisches Klonen.  Züchtet man aus • Transforming growth factor β (TGFβ).
der artifiziellen Zygote unter dem Einfluss von
Wachstumsfaktoren bestimmte Gewebe heran, Zelladhäsionsmoleküle
handelt es sich um therapeutisches Klonen. Die Zelladhäsionsmoleküle (CAM, Cell adhesion
molecule) dienen einerseits dem Zusammenhalt
■ Molekularbiologische Grundlagen der Zellen eines Gewebes – sowohl untereinan-
der als auch zum Nachbargewebe – und sind an-
der Entwicklung
dererseits entscheidend für die Kommunikation
Transkriptionsfaktoren der Zellen eines Gewebes untereinander. Man
Transkriptionsfaktoren sind Proteine, die von unterscheidet:
Regulatorgenen kodiert werden. Sie werden auf • Zell-Zell-Adhäsionsmoleküle: Cadherine
hormonelle Reize hin von Zellen gebildet und (Ca2+-abhängige Adhäsionsmoleküle) und
bewirken, dass in den Zielzellen DNA-Abschnit- N-CAM (Nerve-cell adhesion molecule)
te durch die DNA-Polymerase abgelesen werden • Zell-Matrix-Adhäsionsmoleküle: Integrine.

■ CHECK-UP
Was unterscheidet omni- von multipotenten Stammzellen?
Welche Formen des Klonens gibt es und was charakterisiert sie jeweils?

Plazentation
Die Plazenta (Mutterkuchen) dient dem Stoff- • HPL (humanes plazentares Laktogen)
austausch zwischen mütterlichem und fetalem • HCG
Blut, der Ernährung und dem Wachstum des • Östrogen
Embryos bzw. des späteren Fetus. Ihr Synzytio- • Progesteron.
trophoblast produziert Hormone, die für den Die Nabelschnur verbindet den embryonalen/fe-
Fortgang der Schwangerschaft wichtig sind: talen Kreislaufs mit der Plazenta.
• Chorionsomatomammotropin
7
1  Embryologie

■ Entwicklungsschritte bis zur Primäres Chorion und Primärzotten.  Das


reifen Plazenta zeitlich als erstes gebildete primäre Chorion geht
direkt aus dem Trophoblasten der Blastozyste
Phasen der Ernährung des Keimlings
hervor. Etwa ab dem 13. ET wachsen Zellen des
Histiotrophe Phase.  Der Synzytiotrophoblast Zytotrophoblasten säulenartig in den Synzytio-
wächst durch das Epithel in das Stroma der Ute- trophoblasten vor, führen zu seiner Ausbuch-
russchleimhaut vor. Die Stromazellen der Funk- tung und dünnen ihn aus. Die Auswüchse/Aus-
tionalis entwickeln sich als Reaktion auf die Im- buchtungen werden Primärzotten (Villi) ge-
plantation zu glykogen- und lipidreichen Dezi- nannt. Diese Villi ragen in die blutgefüllten La-
duazellen, deren Inhaltsstoffe durch enzymati-
kunen ein, weswegen der Lakunenraum auch als
schen Aufschluss dem jungen Keim etwa bis intervillöser Raum bezeichnet wird. Diese nur
zum 12. ET als Nahrung dienen. Die Funktiona- aus Zyto- und Synzytiotrophoblast bestehende
lis wird nun als Dezidua bezeichnet. Zottenhaut wird auch primäres Chorion ge-
Hämatotrophe Phase.  Durch zunehmendes nannt (➜ Abb. 1.2).
Wachstum des Synzytiotrophoblasten entste- Sekundäres Chorion und Sekundärzot-
hen in ihm um den 12. ET Hohlräume, Laku- ten.  Ab dem 15. ET entwickelt sich ein Teil der
nen, die den Zwischenzottenraum bilden. Par-
Zellen des Zytotrophoblasten zu mesenchyma-
allel dazu wächst der Synzytiotrophoblast wei- len Zellen, die das extraembryonale Mesen-
ter in die Funktionalis ein und eröffnet müt- chym bilden. Dieses wächst nun in die Primär-
terliche arterielle Kapillaren. Das mütterliche zotten vor, sodass diese eine mesenchymale
Blut strömt in die Lakunen ein und verlässt sie Komponente erhalten. Aus dem Randbereich
wieder über eröffnete venöse Blutgefäße der der Keimscheibe faltet sich außerdem das Amni-
Mutter. Die Ernährung des Keimlings ge- on (Schafshaut), die innerste Fruchthülle, in das
schieht ab jetzt über das mütterliche Blut, der Chorion hinein. Durch das Wachstum des Em­
noch primitive uteroplazentare Kreislauf ist bryos entwickeln sich im extraembryonalen Me-
entstanden. soderm Spalträume. Diese Räume vergrößern
Chorion (Zottenhaut) sich und konfluieren zu einem einzigen großen
Das Chorion ist die mittlere Schicht der Frucht- Hohlraum, dem extraembryonalen Zölom. Er
hüllen von Embryo und später Fetus. teilt das extraembryonale Mesenchym in:

Extraembryonales Maternaler Lakunäres Primäre


parietales Mesoderm Sinusoid Netzwerk Chorionzotte

Endometrium

Chorion

Primärer
Extraembryonales Extraembryonales Dottersack Abb. 1.2  Stand der Plazenta-
viszerales Mesoderm Zölom (Chorionhöhle) tion und Embryonalentwick-
lung um den 13. ET [R249]

8
1
• Viszeraler Teil (Splanchnopleuramesen- die Zottenbäume über Nitabuch-Fibrinoid mit der
chym): überzieht die Außenseite von Amni- Dezidua. Dieser Teil des Trophoblasten wird als
on- und Dottersackepithel extravillöser Trophoblast bezeichnet. Er bildet
• Parietaler Teil (Somatopleuramesenchym): die Zytotrophoblastschale, die die mütterliche
unterfüttert von innen den Zytotrophoblas- Dezidua überzieht. Sie ist die basale Begrenzung
ten. der embryonalen Plazenta und lässt nur mütterli-
Beide Teile sind nur durch den Haftstiel, eine che Spiralarterien und abführende Venen in und
mesenchymale Brücke des extraembryonalen aus dem intervillösen Raum passieren, der allseits
Mesoderms, miteinander verbunden. vom Synzytiotrophoblasten ausgekleidet ist.
Parietales extraembryonales Mesenchym, Zyto-
und Synzytiotrophoblast werden gemeinsam als Fibrinoid-Ansammlungen in der Plazenta
sekundäres Chorion (sekundäre Chorionplatte) bestehen aus abgestorbenen Trophoblastzel-
bezeichnet, weswegen das extraembryonale Zö- len, plazentaren Sekreten und Fibrin. Sie
lom auch den Namen Chorionhöhle trägt. nehmen mit zunehmender Länge der
Schwangerschaft an Masse zu und machen
• Mesenchym = histologischer Begriff zum Ende der Schwangerschaft maximal
• Mesoderm = entwicklungsgeschichtlicher 20–30 % des Plazentavolumens aus.
Begriff. Das Fibrinoid spielt eine Rolle bei der Ab-
dichtung, Verankerung und Ablösung der
Plazenta und hält die immunologische
Tertiäres Chorion und Tertiärzotten.  Etwa Schranke zwischen fetalem und mütterli-
ab dem 19. ET wachsen in die Sekundärzotten chem Gewebe mit aufrecht.
Blutgefäße ein bzw. entwickeln sich dort selbst
aus proliferierenden Mesenchymzellen, die
häm­angiogenetische Blutinseln bilden. Die Bestandteile der reifen Plazenta
Gefäße gewinnen über den Haftstiel, in dem sich Während die Zotten am Embryonalpol wachsen
ebenfalls hämangiogenetische Blutinseln bilden, – dieser Bereich wird Chorion frondosum ge-
Anschluss an intraembryonale Blutgefäße. Mit nannt–, bilden sie sich in allen übrigen Bereichen,
Auswachsen der Allantois in das Chorion wird unter dem Begriff Chorion laeve zusammenge-
aus dem sekundären das tertiäre Chorion. fasst, zurück. Der Anteil des Chorions, der die
Plazentazotten trägt, wird auch als Chorionplatte
bezeichnet. Die unter dem Chorion frondosum
Das Chorion bildet die innere, das Amnion liegende Decidua basalis bildet den mütterlichen
die mittlere und die Dezidua (Siebhaut) die Anteil der Plazenta. Zusammen mit der Zytotro-
äußere der drei Eihäute. phoblastschale formt sie um den 21. ET die Ba-
salplatte. Die Übergangszone zwischen Decidua
Weitere Entwicklung der Zotten.  Die tertiä- basalis und Zytotrophoblastschale wird als feto-
ren Zotten verzweigen sich immer weiter, sodass maternale Durchdringungszone bezeichnet.
regelrechte Zottenbäume, die sich unterschied- Andere Deziduabereiche, die nicht an der Pla-
lich stark aufzweigen, entstehen: zentabildung beteiligt sind:
• Stammzotten: geringere Verzweigung. Ent- • Decidua capsularis: Teil der Dezidua, der
halten die fetalen Arterien und Venen unter dem nicht zottentragenden Chorion
• Intermediärzotten: entwickeln sich aus den (Chorion laeve) liegt
Stammzotten. Enthalten Arteriolen und Ve- • Decidua parietalis: übriger Teil der Uterus-
nolen sowie vereinzelte Kapillaren zum Stoff- schleimhaut, der nicht an der Schwanger-
austausch der Zotten untereinander schaft „beteiligt“ ist. Liegt getrennt vom Ute-
• Terminalzotten: gehen aus den Intermediär- ruscavum gegenüber der Decidua capsularis.
zotten hervor. Enthalten die Kapillaren, über Parallel steigert das Epithel des Amnions die
die der Stofftransfer zwischen mütterlichem Fruchtwasserproduktion, wodurch sich die Am-
und fetalem Blut läuft. nionhöhle zunehmend vergrößert. Sie umwächst
Mittels einer Sonderform der Stammzotten, den den Embryo und lässt die Chorionhöhle oblite-
Haftzotten, überholt der Zytotrophoblast den rieren. Sie legt sich außen an den Haftstiel an,
Synzytiotrophoblasten und verbindet sich bzw. der sich zur Nabelschnur entwickelt.

9
1  Embryologie

■ Ablösung der Plazenta bei der Zentrum nach außen hin ab, wobei es zur Aus-
Geburt bildung eines retroplazentaren Hämatoms
kommt. Für weitere Informationen wird auf die
Die Plazenta wird in der Nachgeburtsphase zu- einschlägigen Lehrbücher der Gynäkologie und
sammen mit den Eihäuten (s. o.) abgestoßen. Geburtsmedizin verwiesen.
Am häufigsten löst sich die Plazenta von ihrem

■ CHECK-UP
Beschreiben Sie die hämatotrophe Phase!
Aus welchen Anteilen setzt sich die reife Plazenta zusammen?

Frühentwicklung
In der Blastozyste befinden sich Tropho- und • Viszerales Blatt. Überzieht Keimscheibe,
Embryoblast. Der Trophoblast, aus dem sich Dottersack und Amnionhöhle.
Plazenta und Eihäute entwickeln, umgibt den
Embryoblast. Aus diesem entsteht zunächst eine Entstehung des Dottersacks. 
Keimscheibe. Von der 4.–8. Entwicklungswo- • Primärer Dottersack: entsteht aus der Blas-
che (EW) spricht man vom Embryo, von der 9.– tozystenhöhle zu Beginn der 2. EW. Zellen
38. EW vom Fetus. des Hypoblasts wandern in die Blastozysten-
höhle ein und kleiden diese allseits nach in-
■ Entwicklung der Keimscheibe nen aus. Sie bilden jetzt das Dottersackepi-
thel, auch als Heuser-Membran bezeichnet.
Zweiblättrige Keimscheibe • Sekundärer Dottersack: geht noch innerhalb
Epi- und Hypoblast.  In der 2. EW nach der der 2. EW aus dem primären Dottersack her-
Konzeption entwickelt sich aus dem Embryo- vor. Vom primären Dottersack bleibt ledig-
blasten eine zweiblättrige Keimscheibe. Die bei- lich eine Exozölzyste unterhalb des sekun-
den Blätter werden als Epiblast und Hypoblast dären Dottersacks übrig, die im weiteren Ent-
bezeichnet. wicklungsverlauf obliteriert. Auch ein Groß-
teil des sekundären Dottersacks obliteriert bis
Entstehung der primären Amnionhöhle.  Zwi- zum Ende des 2. Entwicklungsmonats. Ledig-
schen dem Epiblast und dem Trophoblast ent- lich der zur Keimscheibe ausgerichtete Teil
steht ein Spaltraum, den epiblastäre Zellen umge- des sekundären Dottersacks wird in die Ent-
ben. Dieser Raum ist die primäre Amnionhöhle. wicklung des primitiven Darmrohrs mitein-
Das auskleidende Epithel wird als Amnionepithel bezogen (➜ Kap. 7). Über den Ductus vitelli-
oder innere Eihaut bezeichnet. Dieses Epithel nus (D. omphaloentericus, Dottergang)
produziert die Amnionflüssigkeit (Fruchtwas- bleibt dieses primitive Darmrohr temporär
ser), womit die Amnionhöhle gefüllt ist. mit dem sekundären Dottersack verbunden,
Extraembryonales Mesoderm.  Bezeichnung bis sich der Ductus vitellinus, gewöhnlich ab
für das extraembryonale Mesenchym, das aus Zy- der 6. EW, zurückbildet.
totrophoblast und zu einem geringen Teil aus Epi-
blast hervorgeht. Es umwächst die gesamte Keim- Bleibt die Obliteration des D. vitellinus aus
scheibe und unterfüttert das Dottersackepithel. (bei 2–4 % d. Bevölkerung) bleibt post partum
häufig ein Meckel-Divertikel zwischen Dünn-
Chorionhöhle.  Höhle, die im extraembryona- darm und Nabel bestehen. Medizinisch rele-
len Mesenchym durch Spaltbildung entsteht. Sie vant ist eine Entzündung des Divertikels, die
trennt das Mesenchym in: klinisch leicht mit einer Appendizitis zu ver-
• Parietales Blatt. Bildet zusammen mit den wechseln ist, oder sich atope, säurebildende
beiden Teilen des Trophoblasten das Chori- Magenschleimhaut darin befindet, die zu blu-
on, den embryonalen Teil der späteren Pla- ten beginnt.
zenta
10
1

Entstehung von Dottersackgefäßen.  Im Von lateral wandern epiblastäre Epithelzellen in


Splanchnopleuramesenchym, das den Dottersack die Rinne/Grube hinab, spalten sich ab und bil-
unterfüttert, entwickeln sich ab dem 13. ET häm- den eine eigene Struktur: Zwischen Hypo- und
angiogenetische Blutinseln, deren mesenchymale Epiblast entwickelt sich das intraembryonale
Stammzellen sich zunächst differenzieren in: Mesoderm (Mesoblast, primäres Mesenchym),
• Hämangioblasten: entwickeln sich zu Blut- das sich nach lateral mit dem extraembryonalen
gefäßstammzellen weiter Mesoderm verbindet.
• Hämozytoblasten: differenzieren sich zu
Blutstammzellen weiter. Die Transformation epithelialer epiblastärer
Die Blutstammzellen wandern im weiteren Ver- Zellen zu mesenchymalen wandernden Zel-
lauf der Entwicklung in die Leber- und Milzan- len, die die Primitivrinne/-grube durchwan-
lage aus, wo etwa bis zum 5. Entwicklungsmonat dern, bezeichnet man als epithelial-mesen-
die Blutzellbildung stattfindet. chymale Umwandlung (EMT, Epithelial-me-
Das Gefäßsystem des Dottersacks mit Vasa vitel- senchymal transition) oder kurz Ingression.
lina und Vasa omphalomesenterica differenziert
sich aus den Stammzellen in der 3. EW. Es oblite-
riert fast vollständig gegen Ende des 2. Entwick- Urkeimzellen.  In der 2. EW spalten sich au-
lungsmonats mit Entstehung des Plazentakreis- ßerdem die Urkeimzellen vom Epiblast ab, die
laufs. Von der Obliteration ausgenommen sind: bis zur 4. EW zunächst in das extraembryonale
• Dottersackarterien: Hieraus entstehen der Mesenchym von Allantois und sekundärem Dot-
Truncus coeliacus sowie die Aa. mesenteri- tersack einwandern, um dann in der 5. EW in
cae sup. und inf. den Gonadenanlagen anzukommen.
• Dottersackvenen: Aus ihnen gehen die Entoderm (Endoderm, inneres Keim-
V. portae hepatis sowie Lebersinusoide
blatt).  Am 17.–18. ET wandert, ebenfalls aus
hervor.
dem Epiblast hervorgehend, eine weitere Zellpo-
Allantois.  Bei der Allantois handelt es sich um pulation zunächst durch Rinne und Grube, dann
einen blind endenden Gang, der sich um den durch die intraembryonalen mesodermalen Zel-
16. ET aus dem kranialen Teil des sekundären len hindurch und spalten sich zu einer eigenen
Dottersacks in den Haftstiel vorstülpt. Während Schicht ab, das Entoderm. Durch Wachstum
sie z. B. bei Vögeln als Harnreservoir und der At- drängen diese Zellen den Hypoblasten zuneh-
mung dient, ist sie beim Menschen für die Gefäß- mend zur Seite. Vom Primitivknoten aus wan-
ausbildung des Plazentakreislaufs wichtig. Beim dern ebenfalls Epithelzellen des Epiblasts durch
menschlichen Embryo ist die Allantois nur vorü- die mesodermalen Zellen hindurch nach kranial
bergehend existent und verschließt sich wieder. in die Primitivgrube und bilden einen Zell-
strang, den Chordafortsatz. Die lateralen Zellen
Dreiblättrige Keimscheibe
des Fortsatzes verhalten sich sehr teilungsaktiv.
Die Entwicklung vom zwei- zum dreiblättrigen
Sie drängen die Hypoblastzellen nach allen Sei-
Keimblatt wird als Gastrulation bezeichnet. Der
ten ab, und das Entoderm entsteht.
Begriff Gastrulation gründet auf der Bildung ei-
ner magenähnlichen, doppelwandigen Kugel bei Ektoderm (äußeres Keimblatt).  Nach Aus-
der Entstehung der dreiblättrigen Keimscheibe. wanderung der Zellen des späteren Mesoderms
und Entoderms wird der zurückbleibende Epi-
Intraembryonales Mesoderm (mittleres Keim-
blast als Ektoderm bezeichnet.
blatt).  Am 15. ET verdichten sich epiblastäre
Zellen vom kaudalen Pol ausgehend nach krani- Derivate der drei Keimblätter.  Aus den
al bandartig zum Primitivstreifen (Hensen- Keimblättern gehen im weiteren Verlauf der
Streifen), der die Längsachse des Epiblasts und Entwicklung hervor:
späteren Embryos definiert. Das verdickte krani- • Ektoderm: Epithelien, die den Körper nach
ale Ende des Streifens in der Mitte des Keim- außen begrenzen bzw. den Kontakt zur Au-
blatts bildet den Primitivknoten. Streifen und ßenwelt herstellen
Knoten senken sich mittig zu Primitivrinne und – Zentrales und peripheres Nervensystem
-grube ein. Dieser Vorgang wird auch als Inva- – Sinnesepithelien von Auge, Nase und Ohr
gination bezeichnet.

11
1  Embryologie

– Haut und Anhangsorgane wie Haare, Nägel membran (Buccopharyngealmembran), die kra-
und subkutane Drüsen (inkl. Milchdrüsen) nial der Prächordalplatte liegt und mit dieser nicht
– Pigmentzellen identisch ist, und die kaudale Kloakenmembran.
– Hypophyse und Nebennierenmark Im Fortsatz faltet sich eine Rinne auf, deren
– Zahnschmelz, Dentin und Zahnzement Ränder schließlich zu einem Rohr verschmelzen,
• Mesoderm: der Chorda dorsalis, die sie letzlich vollständig
– Binde- und Stützgewebe vom Entoderm ablöst. Sie dient zunächst als
– Quer gestreiftes und glattes Muskelgewebe Platzhalter für das Achsenskelett und induziert
– Herzwände, Wände von Blut- und Lymph- später die Faltung des Neuralrohrs.
gefäßen sowie Blut- und Lymphzellen
– Nieren und Ausführungsgänge des Harn-
Nur für kurze Zeit verbinden sich in der Pri-
systems
mitivgrube die oberhalb des Embryos gele-
– Keimdrüsen mit Ausführungsgängen
gene Amnionhöhle und der unterhalb gele-
– Nebennierenrinde und Milz
gene sekundäre Dottersack zum Canalis
• Entoderm: Epithelien, die den Körper nach neurentericus.
innen auskleiden
– Epithelauskleidung der Atmungsorgane
– Gewebe von Tonsillen, Schild- und Neben- Paraxiales Mesoderm
schilddrüse, Thymus, Leber und Pankreas Durch das von der Chorda dorsalis gebildete Sig-
– Epithelauskleidung von Harnblase und nalmolekül SHh (Sonic Hedgehog) verdichtet
-röhre sich das Mesoderm zu beiden Seiten der Chorda
– Epithelauskleidung von Mittelohr und Tu- und wird zum paraxialen Mesoderm. Aus diesem
ba auditiva entstehen ab der 3. EW regelmäßige knotenför-
– Epithelauskleidung des Darms. mige Verdichtungen, die Ursegmente (Somiten).
Während bis zum Ende der 3. EW gerade einmal
bis zu 4 Somiten entstanden sind, liegen bis zum
Entgegen früherer Vorstellungen gehen alle
Ende der 5. EW bereits bis zu 44 vor. Mit der
drei Keimblätter sowie die Urkeimzellen aus
Bildung der Somiten beginnt die segmentale
dem Epiblast hervor.
Gliederung des Organismus.
Sklerotom.  Besteht aus mesenchymalen Zel-
■ Axiale Differenzierung len, die sich aus den ventromedialen Somiten
Axiales Mesoderm entwickeln. Es ist die Grundlage für das embryo-
Mesodermale Zellen, die ausgehend von der Pri- nale Bindegewebe (Mesenchym), aus dem sich
mitivgrube in der Mediansagittalebene nach alle Zellen des Binde- und Stützgewebes diffe-
kranial wandern, formen den flachen Chorda- renzieren.
fortsatz (Chordaplatte), den Ursprung der spä-
teren Chorda dorsalis (Notochorda, Rückensai- Dermatomyotom.  Gesamtheit der Zellen, die
te). Der kranialste Teil des Fortsatzes wird auch aus dem dorsolateralen Somiten-Segment ent-
als Prächordalplatte bezeichnet. Dieser lagert stehen. Das Dermatomyotom besteht aus:
sich zunehmend auch in den Hypoblast ein. • Myotom: enthält die Vorläuferzellen für die
Parallel dazu entwickeln sich die weiteren meso- Myoblasten (Muskelzellen), die aus dem
dermalen Anteile kaudolateral, und das Entoderm Sklerotom zugewandten Zellen entstanden
beginnt damit, sich nach Ablösung vom Epiblast sind. Es spaltet sich ab der 5. EW in einen
am vorderen Ende des Primitivstreifens wie auch epaxialen und hypaxialen Teil.
am Primitivknoten, allerdings lateral des Chorda- – Epaxialer Teil (Epimer): dorsale Ansamm-
fortsatzes, in den Hypoblast einzulagern. Hier- lung aus Myoblasten, aus der sich Nacken-
durch kommt es zu einer Verbindung von und Rückenmuskulatur entwickeln
Chordafortsatz und Entoderm. Da das Entoderm – Hypaxialer Teil (Hypomer): ventrale An-
den Fortsatz nach kranial überholt und weit kau- sammlung von Myoblasten, aus der Hals-,
dal ebenfalls keine mesodermalen Strukturen in- Brust-, Bauch- und Extremitätenmuskula-
terponieren, entstehen zwischen Ento- und Ekto- tur hervorgehen
derm Verbindungszonen: die kraniale Rachen- • Dermatom. Enthält die Vorläuferzellen für
das Unterhautbindegewebe (Dermis), die
12
1

sich aus dem Oberflächenektoderm zuge- die sich dann zum Neuralrohr verschließt. Die-
wandten Zellen entwickelt haben. ser Vorgang wird als Neurulation bezeichnet.
Augrund der gemeinsamen segmentalen Anlage In diesem neuroektodermalen Rohr entstehen
und Wanderrichtung von Haut- und Muskelzel- Neuroblasten und Glioblasten, die später das
len haben später benachbarte Muskeln und Haut- Gehirn einschließlich des 1. und 2. Hirnnervs
areale häufig eine gemeinsame segmentale nerva- und das Rückenmark bilden.
le (sensible) Innervation durch einen Spinalnerv.
Neuralleisten.  Die Zellen der Neuralrinne, die
Intermediäres Mesoderm vor dem Schluss der Neuralrohrs mit dem Ekto-
Jeweils lateral des paraxialen Mesoderms liegt derm in Kontakt standen, wandern lateral aus
das intermediäre Mesoderm. Hieraus entwickeln und bilden zu beiden Seiten des Neuralrohrs die
sich Ursegmentstiele, die sich im weiteren Ver- Neuralleisten. Das Ektoderm verschließt sich
lauf zu Nephrotomen segmentieren. Diese bil- wieder über Rohr und Rinnen. Ausgewanderte
den den Grundstein für den nephrogenen Zellen der Neuralleisten bringen folgende Ab-
Strang, aus dem sich ein Teil des Urogenitalsys- kömmlinge hervor:
tems einschließlich der Nieren entwickelt. • Ganglienzellen, die Hirnnerven-, Spinal- und
Seitenplattenmesoderm vegetative Ganglien hervorbringen
Jeweils lateral des intermediären Mesoderms • Gliazellen wie Schwann- und Mantelzellen
entsteht das Seitenplattenmesoderm (Seitenplat- sowie Zellen der Arachnoidea und Pia mater
tenmesenchym), auch als laterales Mesoderm (weiche Hirn- und Rückenmarkshaut)
bezeichnet. Es gliedert sich in ein parietales Blatt • Chromaffine Zellen des Nebennierenmarks,
(Somatopleura) und ein viszerales Blatt des Glomus caroticum und der Paraganglien
(Splanchnopleura). Dazwischen bildet sich • Enterochromaffine Zellen
durch laterale Abfaltung des Embryos in der • Melanozyten (Pigmentzellen) und Merkel-
4. EW eine primitive Leibeshöhle aus, das intra- Zellen der Haut
embryonale Zölom, aus der die spätere Körper- • Parafollikuläre Zellen der Schilddrüse
höhle hervorgeht. • Trunkus- und Konuswülste des Herzens
• Kopfmesenchym: Das Bindegewebe im
Somatopleura.  Liegt dem Ektoderm an. Aus Kopfbereich stammt zum größten Teil von
dem äußeren Blatt entwickeln sich: der Neuralleiste ab; nur ein geringer Teil ent-
• Knochen und Bindegewebe der Extremitäten springt aus dem paraxialen Mesenchym. So
• Glatte Muskulatur der Eingeweide gehen auf die Neuralleiste u. a. direkt zurück:
• Mesothel der serösen Häute von Peritoneum, Odontoblasten, Chondrokranium, Kiemen-
Pleura und Perikard. bogenknorpel.
Splanchnopleura.  Liegt dem Entoderm an. Abfaltung der Keimanlage
Aus dem inneren Blatt gehen hervor: In der 4. EW faltet sich die Keimanlage sowohl
• Herz, Blutgefäße und hämatopoetische in der Quer- als auch in der Längsachse ab, so-
Stammzellen dass sich aus der planen Keimscheibe allmählich
• Lymphknoten und -gefäße der spätere Embryonalkörper ausformt. Durch
• Bindegewebige Anteile der Lunge diesen Prozess wandert ein Teil des Oberflä­chen­
• Bindegewebe und glatte Muskulatur der ektoderms samt Somatopleura nach ventral und
Darmwand formt zunehmend die ventrale Leibeswand.
• Milz, Nebennierenrinde Erste Entwicklungsschritte des Magen-
• viszerales Blatt der serösen Körperhöhlen Darm-Trakts
• Knochen, Dermis, Bindegewebe und Musku- Zu Beginn der 4. EW wird ein Teil des sekundär-
latur der ventrolateralen Körperwand. en Dottersacks, der an das Entoderm anschließt,
in die Leibeshöhle integriert. Aus diesem intra-
■ Entwicklung des Nervengewebes embryonalen Segment bildet sich das primitive
Darmrohr. Seine Entwicklung ist eng verbunden
Neurulation
Neuralrohr.  In der 4. EW entsteht im Ekto- mit der Abfaltung der Keimanlage in kraniokau-
derm eine Neuralplatte mit lateralen Neural- daler und lateraler Richtung: Die seitliche Ein-
wülsten. Diese faltet sich zur Neuralrinne auf, faltung von Entoderm und intraembryonalem
Mesoderm macht aus der zunächst flachen
13
1  Embryologie

Darmrinne einen Hohlschlauch, das primitive plattenmesoderms. Bei der Abfaltung der Keim-
Darmrohr, das sich in die Bereiche Vorderdarm anlage kommt der Haftstiel auf der Ventralseite
(kranial), Mitteldarm und Hinterdarm (kaudal) des Keims zu liegen. Sein Mesenchym differen-
gliedert. Der enge Vorderdarm ist zum weiten, ziert sich zu gallertigem Bindegewebe, der
noch mit dem sekundären Dottersack in Verbin- Wharton-Sulze.
dung stehenden Mitteldarm durch die vordere Zunehmend dehnt sich ab dem 16.–21. ET auch
Darmbucht offen begrenzt, Mittel- und Hinter- die Amnionhöhle aus (➜ Abb. 1.3) und um-
darm analog durch die hintere Darmbucht. Die wächst den späteren Embryo. Sie lässt die Chori-
Verbindung von Mitteldarm und sekundärem onhöhle bis auf einen schmalen Spalt obliterie-
Dottersack geht zunehmend verloren und bleibt ren. In der 37. SSW hat die Amnionhöhle ein
dann nur noch als Dottergang im Bereich des maximales Volumen von 1.000 ml.
späteren Nabels bestehen, der dann gewöhnlich
auch obliteriert. Fruchtwasser.  Gebildet wird das Fruchtwas-
Die kraniokaudale Abfaltung führt zur Ausbil- ser (Amnionflüssigkeit) zunächst ausschließlich
dung von Mund- (Stomatodeum) und After- durch das Amnionepithel. In der Spätschwan-
bucht (Proktodeum). Hier kommen die kraniale gerschaft (37. SSW) produzieren aber v. a. die
Rachen- und die kaudale Kloakenmembran zu kindliche Haut, bis diese verhornt, sowie Lungen
liegen, welche das Darmrohr zunächst noch ver- und Nieren insgesamt bis zu 800–1.000 ml Am-
schließen. Die Kloakenmembran untergliedert nionflüssigkeit. Sie wird zum einen über die Ei-
sich dann weiter in Anal- und Urogenitalmem- häute vom mütterlichen Kreislauf und zum an-
bran. An diesen Membranen liegen Ekto- und deren über die Nabelschnur vom kindlichen
Entoderm direkt aufeinander und grenzen das Kreislauf aufgenommen. Auch nimmt der Fetus
primitive Darmrohr dicht gegen die Amnion- ab dem 5. Schwangerschaftsmonat Fruchtwasser
höhle und das sie füllende Fruchtwasser ab. auf, das im kindlichen Magen-Darm-Trakt re-
Nach Einreißen dieser Membranen, was bis zum sorbiert wird. In der Spätschwangerschaft wird
Ende der 8. EW geschieht, kann der Embryo das gesamte Fruchtwasser etwa alle drei Stunden
Fruchtwasser aufnehmen und wieder ausschei- komplett erneuert. Die wichtigsten Funktionen
den. des Fruchtwassers sind:
• Verhindern, dass der Keim mit den Eihäuten
Genesis der Fruchthöhlen verwächst
Die Chorionhöhle dehnt sich zwischen dem • Stoßdämpfung
12. und 14. ET aus und umhüllt Keimscheibe, • Temperaturregulator
Amnionhöhle und sekundären Dottersack. Das • Bewegungsmöglichkeiten für den Embryo
extraembryonale parietale und viszerale Meso- • Unterstützung der Lungenreifung
derm sind nun nur über den dünnen Haftstiel • Schutz gegen Infektionserreger und Unter-
miteinander verbunden. Dieser befindet sich am stützung bei der intrauterinen Wundheilung
Übergang vom Amnionmesenchym, das als vis- • Aufrechterhaltung der Elektrolyt- und Flüs-
zerales extraembryonales Mesenchym die Amni- sigkeitshomöostase.
onhöhle unterfüttert, zum Splanchnopleura-
mesenchym, dem viszeralen Blatt des Seiten-

Wachsende Amnionhöhle
(Expansionsrichtung angedeutet
durch Pfeilköpfe)
Haftstiel

Embryonaler Darm

Dottersack

Chorionhöhle
Abb. 1.3  Entwicklung der
Fruchthöhlen [R249]
14
1

• Amniozentese: Transabdominelle Punk- • Chordozentese: Transabdominelle Punk-


tion der Fruchtblase ab der 13. SSW un- tion der Nabelschnur ab der 20. SSW unter
ter Ultraschallkontrolle zur Gewinnung Ultraschallkontrolle zur Gewinnung von
von Fruchtwasser, das fetale Zellen ent- fetalem Blut. Dient ebenfalls vorwiegend
hält. Wird v. a. zur pränatalen Diagnostik zur Diagnostik von Chromosomenschäden
von Gendefekten beim Embryo durchge- und spezifischer Bluterkrankungen sowie
führt. bei Verdacht auf Infektionen.

■ CHECK-UP
Was umschreibt der Begriff Gastrulation?
Woraus geht das Kopfmesenchym hervor?
Welche Strukturen sind die Hauptproduzenten des Fruchtwassers?

Organogenese und Ausbildung der äußeren Körperform

■ Stadieneinteilung – Infektionen der Mutter: z. B. Rötelnvi-


Vorembryonalperiode.  Die auch als Blastu- rus, Zytomegalievirus, Toxoplasma gon-
laphase bezeichnete Zeitspanne dauert vom 1.– dii, Listeria monocytogenes
7. ET und umfasst die Entwicklungsschritte von • Fetopathie: Schädigung des Ungeborenen
der Befruchtung bis zur Implantation. in der Fetalperiode, was v. a. zu Ausrei-
fungsstörungen und Funktionseinschrän-
Embryonalperiode.  Diese zeitliche Phase kungen führt. Wie auch bei den Embryo-
zieht sich von der 2.–8. EW hin. In der Embryo- pathien erfolgt die Übertragung der Noxe
nalperiode finden die wesentlichen Schritte der diaplazentar. Ursachen sind neben den be-
Organogenese statt, und die Grundzüge der spä- kannten Embryopathie-Noxen auch Blut-
teren Körperform bilden sich aus. gruppeninkompatibilitäten zwischen Mut-
ter und Kind.
Fetalperiode.  Diese Periode beginnt mit der
9. EW und endet mit der Geburt. Zunächst domi-
nieren schnelles Längenwachstum sowie Wachs- ■ Entwicklung zu Embryo und Fetus
tum und Differenzierung der Organe. Einzelne Induziert durch die Entwicklung des Neural-
Teile des Körpers wachsen dabei deutlich schnel- rohrs krümmt sich in der 4. EW die zunächst
ler als andere (heterochrones Wachstum); z. B. flache Keimscheibe in kraniokaudaler Richtung,
verläuft das Kopfwachstum langsamer als das wodurch die Grundform des späteren Rumpfs
Körperwachstum. Ab dem 6. Schwangerschafts- entsteht.
monat nimmt der Fetus deutlich an Gewicht zu. • Ab der 5. EW: Extremitätenknospen für
die unteren und oberen Extremitäten
• Embryopathie: Schwere Entwicklungsstö- wachsen aus. Entwicklung des Kraniums
rungen aufgrund einer Schädigung des beginnt
Embryos während der sensiblen Phase der • Ab der 6. EW: Knochenkerne entstehen
Organogenese. Häufige Ursachen: und die Genitalienentwicklung setzt ein,
– in den meisten Fällen Alkohol sodass eine Geschlechtsbestimmung mög-
– Zytostatika und andere Medikamente lich wird
– Chemikalien wie z. B. Blei • 8. EW: Kranium nimmt die Hälfte der Ge-
– Strahlenbelastung samtlänge des Embryos ein; in der Fetogene-
– Stoffwechselstörungen wie z. B. Diabetes se tritt aber seine Wachstumsgeschwindigkeit
mellitus hinter der des Rumpfs zurück.

15
1  Embryologie

■ Das reife Neugeborene Lebensfähigkeit: Bezeichnet die Fähigkeit


Ein voll entwickeltes Neugeborenes weist be- des Fetus zum Überleben außerhalb des Mut-
stimmte Reifezeichen auf: terleibs. Mit aktuellen intensivmedizinischen
• Körpermaße: Methoden ist sie etwa ab der 22. EW und ei-
– Kopfumfang 33,5–37 cm nem Geburtsgewicht von 500 g gegeben.
– Körperlänge 47–55 cm
– Gewicht 2.700–4.250 g IUGR, SGA: Eine normale Geburt findet etwa
• Haut rosig und gleichmäßige Ausprägung des 38 Wochen bzw. 268 d nach der Konzeption
subkutanen Fettgewebes (post conceptionem, p. c.; Befruchtungs- oder
• Lanugobehaarung (Wollhaarflaum aus em­ Ovulationsalter) statt. Das entspricht einer
bryonalen Haaren) nur noch in Resten an den Dauer von ca. 40 Wochen bzw. 280 Tagen seit
Streckseiten der Arme und am Rücken vor- der letzten physiologischen Menstruation
handen (post menstruationem, p. m., Menstruations-
• Nägel überragen Finger- und Zehenkuppen oder Gestationsalter).
• Durchgehende Furchung der Fußsohlen Ist das Gewicht des Säuglings bei der Geburt
• Junge: Hoden deszendiert und tastbar im Ho- zu gering, d. h. ≤2.500 g, ist zu unterscheiden
densack; Mädchen: große Labien überragen zwischen:
die kleinen Labien • Niedriges Gewicht bei termingerechter
• Die Vernix caseosa (Käseschmiere) ist wei- Geburt (SGA, Small for gestational age)
testgehend verschwunden. z. B. aufgrund einer intrauterinen
Wachstumsverzögerung (IUGR, Intraute-
Vernix caseosa (Käseschmiere): Die Vernix rine growth restriction) durch eine Pla-
setzt sich aus Wasser, Lipiden, abgeschilferten zentainsuffizienz (wichtigster Faktor: Ni-
Epithelzellen, entfallenen Lanugohaaren zu- kotin!)
sammen. Sie schützt den Fetus intrauterin vor • Niedriges Gewicht aufgrund einer Frühge-
der mazerierenden Wirkung der Amnionflüs- burt.
sigkeit (Fruchtwasser) und der schädlichen
Wirkung des fetalen Vorstuhls (Mekonium).

■ CHECK-UP
Wie ist die Fetalperiode zeitlich definiert und welche wesentlichen Entwicklungsschritte wer-
den in ihr vollzogen?
Nennen Sie morphologische Kriterien eines reifen Neugeborenen!

Mehrlingsbildung, Mehrfachbildung, Fehlbildung


■ Mehrlingsschwangerschaften, Für die Häufigkeit von Mehrlingsgeburten –
Mehrfachbildungen
ohne moderne reproduktive Maßnahmen –
Mehrlingsgeburten sind meistens Zwillingsge- gilt die Hellin-Regel:
burten. Von den in der Frühschwangerschaft so- • Zwillinge: 1:85
nographisch diagnostizierten Zwillingsschwan- • Drillinge: 1: 852
gerschaften werden nur etwa zwei Drittel gebo- • Vierlinge: 1:853.
ren. Stirbt ein Zwilling zu einem frühen Zeit- Zwei Drittel der Zwillingsgeburten sind
punkt ab, findet er sich bei der Geburt seines zweieiig, ein Drittel eineiig. Obgleich höhere
lebenden Geschwisters häufig in den Eihäuten Mehrlingsgeburten als Vierlinge aktuell ei-
als Vanishing twin. nen äußerst geringen Prozentsatz ausma-
chen, ist ihre Tendenz durch die Reproduk-
tionsmedizin steigend.
16
1

Eineiige Zwillinge Die Entwicklung höhergradiger Mehrlinge ver-


Eineiige Zwillinge entstehen aus 1 befruchteten läuft analog.
Eizelle, die sich innerhalb der ersten 12 ET teilt. Mehrfachbildungen
Je früher dies geschieht, desto eher bilden die Trennen sich die Keimlinge erst am oder nach
Zwillinge eigene Strukturen aus und müssen dem 13. ET, geschieht dies oftmals unvollstän-
sich nicht Chorion (Plazenta) bzw. Amnion (Ei- dig. Am häufigsten bleibt eine Verbindung am
häute) teilen. Sternum bestehen. Die Folge ist eine Doppel-
Am häufigsten geschieht die Teilung im Blasto- fehlbildung; es kommt zu siamesischen Zwillin-
zystenstadium. In diesem Fall teilen sich die gen.
Zwillinge eine Plazenta, haben aber getrennte Diese Trennungsstörung betrifft ca. jede 600.
Eihäute (monochorial, diamnional). Zwillingschwangerschaft (ca. 1 von 50.000 Ge-
Eineiige Zwillinge sind genetisch identisch. burten). In der Regel sind die Kinder lebensfä-
hig.
Fetofetales Transfusionssyndrom (FFTS):
Teilen sich eineiige Zwillinge ein Chorion
(Monochorie), kann es zu Anastomosen in ■ Teratologie
den Plazentakreisläufen der Embryos kom- Teratologie bezeichnet die Lehre von den Fehl-
men, mit der möglichen Folge, dass das Blut bildungen. Ca. 2–3 % aller Neugeborenen sind
in nur eine Richtung vom einen Zwilling (Do- von Fehlbildungen betroffen. Die Ursachen kön-
nor) zum anderen (Akzeptor) fließt. Dadurch nen sein:
kommt es zu einem diskordanten Wachstum • Endogen (ca. 25 %), u. a. durch:
der Zwillinge: Der Donor ist anämisch und – Chromosomenabberation: größere nume-
häufig wachstumsretardiert, der Akzeptor rische oder strukturelle Anomalien bei ein-
entwickelt eine Polyglobulie. zelnen Chromosomen, z. B. Trisomie 21,
Down-Syndrom
Zweieiige Zwillinge und höhergradige – Genmutation: Mutationen einzelner Gene,
Mehrlinge z. B. Sichelzellanämie, Phenylketonurie
Zweieiige Zwillinge entwickeln sich aus getrennt • Exogen (ca. 10 %): Noxen sind u. a. Alkohol,
befruchteten Eizellen, weswegen sie genetisch Nikotin, Drogen (z. B. Kokain), Medikamen-
nicht identisch sind und unterschiedlichen Ge- te, Mangelernährung und Stoffwechseler-
schlechts sein können. Die Zygoten nisten sich krankungen der Mutter (z. B. Diabetes melli-
an unterschiedlichen Stellen im Uterus ein, so- tus), ionisierende Strahlung und mikrobielle
dass jeder Zwilling eine eigene Eihaut und eine Erreger.
eigene Plazenta hat (dichorial, diamnional). Die • Nicht abschließend zu klärende Ursachen bei
Plazenten können allerdings miteinander ver- ca. 2⁄3 aller Fälle.
wachsen (dichorial verwachsen).

■ CHECK-UP
Was lässt sich mit der Hellin-Regel berechnen?
Was versteht man unter einer Doppelfehlbildung?

17
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1
2  Allgemeine
Anatomie
Allgemeine Anatomie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19

Bewegungsapparat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22

Nervensystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27

Kreislaufsystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31

Immunsystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33

Allgemeine Anatomie
■ Gestalt ■ Richtungs- und
Lagebezeichnungen
Der menschliche Körper besteht aus dem
Stamm sowie den beiden oberen und unteren Zur Kennzeichnung der Richtung und Lage von
Extremitäten. Der Stamm wird in Kopf (Caput), Körperteilen werden im anatomischen Sprach­
Hals (Collum) und Rumpf (Truncus) unterglie­ gebrauch spezielle Begriffe verwendet
dert. Der Rumpf lässt sich weiter in Rücken (➜ Tab. 2.1, ➜ Abb. 2.1).
(Dorsum), Brustkorb (Thorax), Bauchraum (Ab-
domen) und Becken (Pelvis) unterteilen.
Allen Bezeichnungen liegt die anatomische
Grundstellung zugrunde: aufrecht stehen­
■ Allgemeine Begriffe der Körper mit herabhängenden Armen und
Um eine internationale Verständlichkeit und nach vorne geöffneten Handinnenflächen. In
Einheitlichkeit zu erreichen, wurden die anato­ der Chirurgie verwendet man die chirurgi-
mischen Begriffe erstmals 1895 in der Nomina sche Grundstellung, welche der anatomi­
anatomica katalogisiert. Die neueste Fassung schen bis auf die Armhaltung entspricht.
heißt Terminologia anatomica und stammt aus Hier zeigen die Daumen nach vorne und die
dem Jahr 1998. Sie umfasst ca. 7.500 Begriffe. Handinnenflächen zum Körper.

• Norm: statistisch am häufigsten vorkom­ ■ Körperachsen und Körperebenen


mende Variante 3 Körperachsen sind grundlegend:
• Variabilität: Möglichkeit der Variation, • Sagittalachse: verläuft in ventrodorsaler
also der Ausbildung einer Bandbreite von Richtung durch den Körper
Varianten, die von der Norm abweichen • Transversalachse: verläuft von einer zur an­
• Metametrie: eine in der Biologie vor­ deren Seite quer durch den Körper. Sie steht
kommende Symmetrieform, bei der senkrecht zur vertikalen Achse.
ähnliche Elemente hintereinander ge­ • Longitudinalachse: verläuft in kraniokauda­
staffelt sind, z. B. bei der Somitenseg­ ler Richtung durch den Körper. Sie steht
mentierung. senkrecht zur horizontalen Achse.

19
2  Allgemeine Anatomie

Außerdem unterscheidet man folgende Körper­ ■ Allgemeine Zellbiologie


ebenen:
• Medianebene (Mediansagittalebene): verti­ Siehe ➜ Tabelle 2.2.
kale Ebene durch die Körpermitte
• Sagittalebene (Paramedianebene): vertikale ■ Postnatale Änderung der Gestalt
Ebene parallel zur Medianebene, teilt den • Zunahme der Körpergröße
Körper in rechts und links von ihr liegende • Wandlung der Körperproportionen: z. B.
Strukturen Kopf eines Säuglings ¼ der Körperoberfläche,
• Transversalebene: horizontale Ebene, teilt Kopf eines Erwachsenen nur 1⁄8
den Körper in über und unter ihr liegende • Geschlechtsdimorphismus: Unterschiede im
Strukturen Erscheinungsbild zwischen weiblichen und
• Frontalebene: Ebene parallel zur Stirn (Os männlichen Körper durch primäre Ge-
frontale), teilt den Körper in vor und hinter schlechtsorgane und Ausbildung der sekun-
ihr liegende Strukturen. dären Geschlechtsmerkmale, z. B. Bart­
wuchs beim Mann bzw. Entwicklung der
Brüste bei der Frau.

Tab. 2.1  Übersicht über Orientierungsbegriffe


Fachbegriff Umgangssprache
dexter rechts
sinister links
kranial (lat. cranium = Schädel) zum Kopfende hin
kaudal (lat. cauda = Schwanz) zum Steißende hin
superior obere(r)
inferior untere(r)
ventral (lat. venter = Bauch) zum Bauch hin
dorsal (lat. dorsum = Rücken) zum Rücken hin
anterior nach vorne
posterior nach hinten
rostral (lat. rostrum = Schnabel) zur Nase hin
occipital (lat. occiput = Hinterhaupt) zum Hinterhaupt hin
Anwendung nur im Gehirn
proximal rumpfnah
distal rumpffern
medial auf die Medianebene zu
lateral von der Medianebene weg
median in der Medianebene
zentral zum Körperinneren hin
peripher zur Körperoberfläche hin
superficialis zur Oberfläche hin
profundus in die Tiefe
radial (lat. radius = Speiche) zur Speichenseite (Daumenseite) hin
ulnar (lat. ulnar = Elle) zur Ellenseite (Kleinfingerseite) hin
tibial (lat. tibia = Schienbein) zur Schienbeinseite (Großzehenseite) hin
fibular (lat. fibula = Wadenbein) zum Wadenbeinseite (Kleinzehenseite) hin
palmar (lat. palma = Handinnenfläche) zur Handinnenfläche hin
dorsal zum Handrücken hin
plantar (lat. planta = Fußsohle) zur Fußsohle hin
dorsal zum Fußrücken hin

20
1
5 1
7

4
6
5 5 5
6
6
6
5 5 5

7
2
a 7 b c

1 Sagittalebene
2 Mediansagittalebene
3 Frontalebene
4 Transversalebene
5 Sagittalachse
6 Transversalachse
7 Longitudinalachse

Abb. 2.1  Die wichtigsten Ebenen, Lagebezeichnungen und Bewegungsrichtungen [S007-1-23]

Tab. 2.2  Allgemeine Fachbegriffe der Zelllehre


Fachbegriff Definition
Proliferation Wachstum von Zellen und Zellverbänden durch Hyperplasie und Hypertrophie
Hyperplasie Wachstum durch Zunahme der Zellzahl
Hypertrophie Wachstum durch Zunahme des Zellvolumens
Atrophie Rückbildung einer Struktur/eines Organs durch Reduktion des Zellvolumens
(einfache Atrophie) oder der Zellzahl (zelluläre Atrophie)
Apoptose Programmierter physiologischer Zelltod, entweder durch umgebende Immunzel-
len oder durch ein Selbstmordprogramm der betroffenen Zelle angeregt
Nekrose Pathologischer Zelluntergang, ausgelöst durch chemische, physikalische und bio-
logische Noxen, die von außen auf die Zelle einwirken; geht immer mit einer Ent-
zündungsreaktion einher
Differenzie- Entwicklung hoch spezialisierter Zellen aus weniger spezialisierten Zellen, zu-
rung meist Stammzellen

21
2  Allgemeine Anatomie

Tab. 2.2  Allgemeine Fachbegriffe der Zelllehre (Forts.)


Fachbegriff Definition
Dysplasie Abweichung einer histologischen Gewebestruktur vom physiologischen Bild. Bei
gehäuftem Auftreten und starker Abweichung auch als Präkanzerose bezeichnet
(Vorstufe eines bösartigen Tumors)
Anaplasie Entdifferenzierung eines Gewebes
Metaplasie Reversible Umwandlung eines differenzierten Gewebes in ein anderes Gewebe
(zumeist über Stammzellen)
Transdifferen- Umwandlung von Zellen eines Keimblatts zu Zellen eines anderen Keimblatts
zierung
Tumor Zunahme des Gewebsvolumens. Entweder entzündlich oder im Rahmen von neu
gebildeten Körpergeweben (Neoplasien); je nach biologischem Verhalten (Digni-
tät) in gutartig (benigne) und bösartig (maligne) zu unterscheiden

■ CHECK-UP
Was versteht man unter Norm, Variabilität und Metametrie?
Nennen Sie 5 gegensätzlich Richtungs- und Lagebezeichnungen!
Wie verläuft die Sagittalebene?
Was versteht man unter Geschlechtsdimorphismus?

Bewegungsapparat
■ Knochen • Diaphyse: bildet das Mittelstück des Kno­
chens. Man nennt sie auch Schaft.
Die Knochen (lat. Ossa) übertragen die Kontrak­
tionskraft der Muskeln. Sie schützen die Einge­
• Metaphyse: ist die trichterförmige Erweite­
rung des Schafts zwischen Diaphyse und Epi­
weide, z. B. als Schädelknochen oder als Brust­
physenfuge
korb, und sind Ionenspeicher für Kalzium, Mag­
nesium, Phosphat und Natrium. I.d.R. besteht
• Epiphysenfuge: ist die Längenwachstumszo­
ne. Sie liegt zwischen Metaphyse und Epiphy­
der menschliche Körper aus ca. 210 Knochen,
se und verknöchert nach Abschluss des Län­
die entsprechend ihrer Funktion und Lage ver­
genwachstums zur Linea epiphysialis.
schiedene Erscheinungsformen besitzen:
• Ossa longa (lange Knochen, Röhrenkno­ • Epiphyse: bildet das Endstück des Röhren­
knochens
chen): z. B. Oberarmknochen, Oberschenkel­
knochen
• Apophyse: ist ein metaphysärer Knochen­
vorsprung, der als Ansatzpunkt für Muskeln
• Ossa brevia (kurze Knochen): z. B. Hand- dient und als Processus, Tuberositas oder Tu­
und Fußwurzelknochen
berculum bezeichnet wird.
• Ossa plana (flächenhafte Knochen): z. B. Gewebsschichten bei einem reifen Knochen von
Schädeldach, Schulterblatt oder Darmbein
außen nach innen:
• Ossa pneumatica (lufthaltige Knochen): z. B. • Periost (Knochenhaut): überzieht die gesam­
Oberkiefer oder Stirnbein mit Nasenneben­
te äußere Oberfläche des Knochens mit Aus­
höhlen
nahme der Gelenk- und Sehnenansatzflächen
• Ossa sesamoidea (in Sehnen eingelagerte • Substantia compacta: solider Teil des Kno­
Knochen): z. B. Kniescheibe
chens
• Ossa accessoria (zusätzliche, überzählige • Substantia spongiosa: gitterförmiger Teil
Knochen): z. B. am Fuß.
des Knochens, der sich aus parallel zum
Aufbau eines Knochens am Beispiel der Röhren­
Druck- oder Biegungsmoment ausgerichteten
knochen:
Knochenbälkchen (Trabekeln) zusammen­

22
1
setzt. Dieser Teil ist für die Leichtbauweise • Muskuläre Zuggurtung: z. B. M. biceps bra­
des Knochens verantwortlich und beherbergt chii am Oberarm oder M. brachioradialis am
das Knochenmark. Unterarm.
• Endost: bedeckt die innere Oberfläche des
Knochens und liegt den Trabekeln der Mark­
höhle und den Gefäßkanälen auf.
■ Gelenke
Knochen sind über Gelenke (lat. Articulatio,
Knochenmark
Abk. Art.) miteinander verbunden.
Beim Knochenmark unterscheidet man rotes
und gelbes Knochenmark. Das rote Knochen­ Synarthrosen
mark (Medulla ossium rubra) besteht aus blut­ Synarthrosen (unechte Gelenke) verbinden die
bildendem Gewebe und findet sich beim Neuge­ Knochen mit Füllgewebe bei geringer bis mittel­
borenen noch in fast allen Knochen. Beim Er­ gradiger Beweglichkeit. Man unterscheidet:
wachsenen wird das rote Knochenmark insbe­ • Syndesmosen: Bandgelenke (Art. fibrosa)
sondere in den Diaphysen der langen findet man als Membrana interossea an Un­
Röhrenknochen durch das fetthaltige, gelbe terarm und Unterschenkel, als Fontallen am
Knochenmark (Medulla ossium flava) ersetzt. Kopf des Neugeborenen oder als Gomphosis
zur Verankerung der Zähne in Ober- und
Unterkiefer.
• Rotes Knochenmark findet man in: • Synchondrosen: Knorpelgelenke (Art. carti-
– Epiphysen der langen Röhrenknochen laginea) sind die Epiphysenfugen, der Rip­
– Rippen, Brustbein penknorpel und die Schambeinfuge.
– Schulterblatt, Schlüsselbein • Synostosen: verknöcherte Synarthrosen sind
– Wirbelkörper das Kreuzbein (Os sacrum), die Hüftknochen
– Becken- und Schädelknochen (Os coxae) und nach Verknöcherung die ge­
• Gelbes Knochenmark findet man in Dia­ schlossenen Epiphysenfugen.
physen der langen Röhrenknochen.
Diarthrosen
In den echten Gelenken (Diarthrosen, Art. syn-
ovialis) trennt ein Gelenkspalt die beiden Kno­
Das gesamte Knochenmark macht etwa 5 %
des Körpergewichts aus, wobei paritätisch chenenden. Diarthrosen bilden daher eine dis­
2,5 % auf gelbes und rotes Knochenmark kontinuierliche Verbindung aus und haben eine
entfallen. gute Beweglichkeit.

• Ankylose: pathologische Verknöcherung


• Arthrose: Verschleißerscheinung, die oft eines Gelenks
durch überstarke Belastung und Fettleibig­ • Arthrodese: operative Gelenkversteifung
keit hervorgerufen wird. als Therapieform
• Arthritis: Eine Gelenkentzündung kann • Pseudarthrose: Falschgelenk nach miss­
grundsätzlich bakteriell oder abakteriell glückter Frakturheilung
verursacht sein. Die häufigste Form ist die • Hemiarthrose: Übergangsformen von
rheumatoide Arthritis, eine rheumatolo­ Symphysen zu Diarthrosen
gische Erkrankung. • Amphiarthrose: Diarthrosen, die auf­
grund kräftiger Bandführung in ihrer Be­
Zuggurtung weglichkeit stark eingeschränkt sind. Bei­
Der Knochen besitzt eine geringe Stabilität gegen­ spiel: Iliosakralgelenk.
über Biegespannung. Bänder und Muskeln, die in
nahezu paralleler Richtung zum Knochen verlau­ Diarthrosen lassen sich in Gelenke, in denen nur
fen, minimieren die Biegespannung, indem sie 2 Skelettelemente miteinander artikulieren,
entweder durch Kontraktion ein der Biegespan­ Art. simplex, und solche, in denen mehr als
nung entgegengesetztes Drehmoment bewirken 2 Skelettelemente miteinander artikulieren,
oder einen Teil der Biegespannung aufnehmen. Art. composita, unterteilen. In den meisten ech­
• Ligamentäre Zuggurtung: z. B. Tractus ilioti­ ten Gelenken artikuliert ein konvex geformter
bialis am Oberschenkel
23
2  Allgemeine Anatomie

Gelenkkopf mit einer konkav geformten Gelenk­ Bewegungen


pfanne. Entsprechend ihrer Form lassen sich Di­ Jede Gelenkbewegung (➜ Tab. 2.3) kann auf
arthrosen gliedern: 2 Grundbewegungen zurückgeführt werden:
• Kugelgelenk (Art. spheroidea): halbmond­ • Translation: alle Punkte des bewegten Kör­
förmiger Gelenkkopf in einer dazu passend pers bewegen sich in dieselbe Richtung. Der
ausgehöhlten Gelenkpfanne, z. B. Schulterge­ Körper bewegt sich geradlinig.
lenk. Sonderform: Nussgelenk (Art. cotyli­ • Rotation: alle Punkte des bewegten Körpers
ca), bei dem die Gelenkpfanne mehr als die beschreiben eine Kreisbahn um eine Rotati­
Hälfte des Gelenkkopfs umschließt, z. B. onsachse. Der Köper vollführt eine Drehbe­
Hüftgelenk wegung.
• Eigelenk (Art. ellipsoidea): ellipsoid ge­
krümmter Gelenkkopf in einer dazu passend Man verwendet die sog. Neutral-0-Methode
ausgehöhlten Gelenkpfanne, z. B. proximales zur standardisierten Beurteilung des Bewe-
Handgelenk gungsausmaßes eines Gelenks. Sie bezieht
• Sattelgelenk (Art. sellaris): Beide Skelettele­ sich auf die chirurgische Grundstellung und
mente sind sattelförmig geformt, z. B. Dau­ wird als Code in Winkelgraden ausgedrückt.
mensattelgelenk. Dabei gibt der erste Winkel die Auslenkung in
• Bikondyläres Gelenk (Art. bicondylaris): die körperferne Richtung (Extension, Abduk­
2 Rollen auf einer planen Gelenkpfanne. Bi­ tion, Außenrotation) an. Der zweite Winkel
kondyläre Gelenke können in einer gemein­ lautet im Normalfall 0° (=Neutralstellung),
samen Gelenkhöhle, z. B. Kniegelenk, oder der dritte Winkel beschreibt die Auslenkung
voneinander getrennt liegen, z. B. Atlantook­ in die körpernahe Richtung (Flexion, Adduk­
zipitalgelenk. tion, Innenrotation).
• Scharniergelenk (Art. ginglymus): walzen­
förmiger Gelenkkopf in einer zangenförmi­
gen Gelenkpfanne, z. B. ulnarer Teil des El­ Im Raum kann sich ein Körper – den 3 Ach­
lenbogengelenks oder oberes Sprunggelenk sen des Koordinatensystems entsprechend –
• Rad-, Zapfengelenk (Art. trochoidea): rad­ geradlinig in 3 Richtungen verschieben bzw.
förmiger Gelenkkopf in einem osteofibrösen um 3 Achsen rotieren. Daher unterscheidet
Halterungsapparat, z. B. radialer Teil des El­ man 3 Freiheitsgrade der Translation und
lenbogengelenks 3 Freiheitsgrade der Rotation.
• Planes Gelenk (Art. plana): 2 plane Gelenk­
flächen, die sich in äußerst begrenztem Maße Den Freiheitsgraden der Rotation entsprechend
gegeneinander verschieben lassen, z. B. Inter­ lassen sich die Diarthrosen einteilen:
vertebralgelenke. • 1 Freiheitsgrad: Scharniergelenk, Rad-/Zap­
fengelenk
Tab. 2.3  Allgemeine Fachbegriffe der Gelenk- • 2 Freiheitsgrade: Eigelenk, Sattelgelenk, bi­
bewegungen kondyläres Gelenk
• 3 Freiheitsgrade: Kugelgelenk.
Begriff Bedeutung
Zusatzeinrichtungen der Gelenke
Anteversion/  Vorheben/Rückführen • Disci articulares: scheibenförmige Zwi­
Retroversion
schenscheiben bestehend aus straffem Binde­
Extension/Flexion Streckung/Beugung gewebe oder Faserknorpel. Sie dienen der Ge­
Abduktion/  Abspreizen/Heranführen lenkführung und optimieren die Druckvertei­
Adduktion lung. Z.B. im proximalen Handgelenk zwi­
Elevation Anheben der Arme über schen Elle und Handwurzelknochen und in
die Horizontale heraus den Artt. sternocostales
Außenrotation/  Drehbewegung vom Kör- • Menisci articulares: halbmondförmige
Innenrotation per weg/Drehbewegung Strukturen im Kniegelenk. Dort gleichen sie
zum Körper hin die Unebenheiten des Schienbeinplateaus aus
Pronation/  Einwärtsdrehung/ und vergrößern die Kontaktfläche zwischen
Supination Auswärtsdrehung Schienbein und Oberschenkelknochen.

24
1
• Labrum articulare: Gelenklippen, welche die • Muskelfaserriss: Zerreißen einzelner
Gelenkfläche vergrößern und den Gelenkkopf Muskelfasern infolge starker Belastung
in der Gelenkpfanne stabilisieren, z. B. Schul­ • Muskelkater: ausgelöst durch Mikrotrau­
ter- und Hüftgelenk mata im Bereich der Z-Scheibe
• Intrartikuläre Bänder: haben verschiedenste • Myasthenie: im Rahmen verschiedenster
Funktionen. Das Lig. capitis femoris führt die Krankheiten auftretende Muskelschwäche,
A. capitis femoris, die im Kindes- und Ju­ z. B.:
gendalter den Oberschenkelkopf versorgt. Die – Myasthenia gravis: Autoimmunantikör­
Kreuzbänder, Ligg. cruciata, stabilisieren das per gegen nikotinischen Acetylcholinre­
Kniegelenk. zeptor
– Lambert-Eaton-Rooke-Syndrom: Au­
■ Skelettmuskeln toimmunantikörper gegen präsynapti­
Gliederung der Skelettmuskeln nach unter­ sche Kalziumkanäle
schiedlichen Formen (➜ Abb. 2.2): – Botulismus: Infektion mit Clostridium
• M. planus: liegt dem Skelett flächenhaft auf, botulinum
z. B. M. obliquus externus abdominis – Amyotrophe Lateralsklerose: degenera­
• M. fusiformis: besitzt den klassischen volumi­ tive Erkrankung des motorischen Ner­
nösen Muskelbauch, z. B. M. palmaris longus vensystems.
• Ringförmiger Verschlussmuskel dient dem
Verschluss der Körperöffnungen, Zusatzeinrichtungen der Muskeln und
z. B. M. sphincter ani externus und M. orbicu­ Sehnen
laris oculi • Faszien: straffes Bindegewebe, das den Mus­
• Mehrbäuchiger Muskel: Sehnige Zwischen­ kel umschließt. Sie minimieren Reibungs­
stücke, Intersectiones tendineae, grenzen kräfte und unterteilen die Muskeln in funkti­
die Bäuche voneinander ab, z. B. M. rectus ab­ onelle Kompartimente.
dominis und M. omohyoideus. • Bursae (Schleimbeutel): liegen als Verschie­
• Mehrköpfiger Muskel: Seine Köpfe inserie­ bekissen an den Stellen, wo Sehnen oder
ren an unterschiedlichen Stellen, z. B. M. bi­ Weichteile gegen feste Strukturen verschoben
ceps brachii. werden. Ihr Wandaufbau ähnelt mit Stratum
Zur Bezeichnung der Muskelfunktion werden fibrosum und Stratum synoviale dem Aufbau
im anatomischen Sprachgebrauch spezielle Be­ von Gelenkkapseln.
griffe verwendet (➜ Tab. 2.4). • Vagina tendinum (Sehnenscheiden): rohr­
Die Muskelfiederung bezeichnet den Winkel, in förmige Schleimbeutel, welche die Sehnen
dem die Muskelfasern zur Sehne ziehen. Die vollständig umhüllen. Den von der Sehnen­
Muskelfasern können entweder annähernd par­ scheide umschlossenen Spaltraum nennt man
allel (parallelfaserig) oder schräg (gefiedert) ver­ Cavitas synovialis tendinis.
laufen. Parallelfaserige Muskeln können sich • Retinacula: Rückhaltebänder, die Sehnen am
stärker verkürzen, gefiederte Muskeln mehr Knochen fixieren. Z.B. an der Hand als Reti­
Kraft entwickeln. naculum mm. extensorum oder Retinaculum
mm. flexorum
• Der physiologische Querschnitt verläuft • Hypomochlion (Widerlager): Knochenab­
schnitte oder Retinacula, welche die Verlaufs­
senkrecht zur Verlaufsrichtung der Mus­
richtung von Sehnen, Bändern oder Muskeln
kelfasern und erlaubt direkte Rückschlüs­
ändern.
se auf die absolute Kontraktionskraft.
• Der anatomische Querschnitt teilt den
Muskel hingegen an dessen dickster Stel­
le. Bei parallelfaserigen Muskeln ent­
spricht der anatomische dem physiologi­
schen Querschnitt.

25
2  Allgemeine Anatomie

a b

c d

Abb. 2.2  Muskeltypen der


Skelettmuskulatur: a – ein-
köpfig, parallelfaserig;
b – zweiköpfig, parallelfase-
rig; c – zweibäuchig, parallel-
faserig; d – mehrköpfig,
flach; e – mehrbäuchig,
durch Zwischensehnen unter-
teilt; f – einfach gefiedert;
g – mehrfach gefiedert
e f g
[S007-1-23]

26
1
Tab. 2.4  Allgemeine Fachbegriffe der Muskellehre
Begriff Bedeutung
Bewegungsmuskeln bewegen ein Gelenk
Haltemuskeln stabilisieren ein Gelenk
Aktive Muskelinsuffizienz Das Verkürzungsvermögen eines Muskels reicht nicht aus, um
ein Gelenk maximal zu bewegen
Passive Muskelinsuffizienz Unzureichende Dehnungsfähigkeit der Antagonisten verhin-
dert ein Gelenk maximal zu bewegen
Agonisten Muskeln, welche die gewünschte Bewegung ausführen
Antagonisten Muskeln, die der gewünschten Bewegung entgegenwirken
Synergisten unterstützen die Arbeit der Agonisten

■ CHECK-UP
Welche Knochenabschnitte kennen Sie?
In welchem Knochenabschnitt findet die Blutbildung zwar im Kleinkindesalter statt, nicht
aber im Erwachsenenalter?
Wie viel Prozent des Körpergewichts entfallen auf das rote Knochenmark?
Welche Aufgabe erfüllt die Zuggurtung?
Nennen Sie die Zusatzeinrichtungen von Sehnen und Muskeln und beschreiben Sie deren
Funktion!

Nervensystem
■ Übergeordnete Gliederungen stantia alba) aus den Fortsätzen der Nervenzel­
len.
Topographisch wird das Nervensystem in das Das Rückenmark wird in 31–33 Rückenmarkseg­
zentrale Nervensystem (ZNS) mit Gehirn und mente unterteilt:
Rückenmark sowie das periphere Nervensystem • 8 Zervikalsegmente (C1–C8)
(PNS) mit den verschiedenen Nerven gegliedert. • 12 Thorakalsegmente (Th1–Th12)
Funktionell teilt man das Nervensystem in zwei • 5 Lumbalsegmente (L1–L5)
Anteile: • 5 Sakralsegmente (S1–S5)
• Somatisches (animalisches) Nervensystem: • 1–3 Kokzygealsegmente (Co1–Co3).
zur willkürlichen Steuerung der Skelettmus­ Die ins Rückenmark ein- und austretenden, teils
kulatur und zur überwiegend bewussten gebündelten Nervenfasern werden Nervenwur-
Wahrnehmung von Sinnesreizen zel genannt. Aus jedem Rückenmarksegment
• Vegetatives (autonomes, viszerales) Nerven- treten die paarigen Vorder- und Hinterwurzeln
system (VNS): zur meist unbewussten und (Radices anterior und posterior) aus.
unwillkürlichen Steuerung der Körperfunkti­
onen und der Organtätigkeit.
■ Peripheres Nervensystem (PNS)
■ Zentrales Nervensystem (ZNS) Das periphere Nervensystem umfasst 12 paarige
Hirnnerven, 31–33 paarige Spinalnerven, von
Das zentrale Nervensystem umfasst Gehirn (En­ Spinalnerven gebildete Plexus (Nervengeflechte)
cephalon) und Rückenmark (Medulla spinalis). und periphere Nerven, des Weiteren vegetative
Makroskopisch gliedert sich das ZNS in die graue Nerven und vegetative Nervengeflechte sowie
Substanz und die weiße Substanz. Die graue vegetative und sensible Ganglien.
Substanz (Substantia grisea) besteht aus den
Nervenzellkörpern, die weiße Substanz (Sub­
27
2  Allgemeine Anatomie

Tab. 2.5  Faserqualitäten der Nervenfasern Spinalnerven


Faserqualität Abkür- Aufgabe Die 31–33 Spinalnervenpaare entstehen im Fora-
zung men intervertebrale aus der Vereinigung der ef­
ferent leitenden Vorderwurzel und der afferent
Somatoeffe- M Willkürliche Inner- leitenden Hinterwurzel eines Rückenmarkseg­
rent vation der Skelett-
(somatomoto- muskulatur ments. Die Vorderwurzel (Radix anterior) führt
risch, moto- somato- und viszeromotorische Fasern, die im
risch) Sulcus anterolateralis (Vorderseitenfurche) das
Allgemein-vis- VM Meist unwillkürliche, Rückenmark verlassen. Die Hinterwurzel (Radix
zeroefferent vegetative Innervati- posterior) enthält sensible Fasern, die vor ihrem
(-viszeromoto- on von Organen, Ge- Eintritt in das Rückenmark im Sulcus posterola­
risch) fäßen und Drüsen teralis (Hinterseitenfurche) das Spinalganglion
Speziell-vis- S-VM Nur bei Hirnnerven; (Ggl. sensorium nervi spinalis) mit den Perika­
zeroefferent Innervation der Ab- rya der pseudounipolaren Neurone bilden. Der
(-viszeromoto- kömmlinge der ent- sehr kurze Spinalnerv teilt sich in 4 Äste:
risch) wicklungsgeschicht- • R. anterior: sensible und motorische Innervati­
lichen Kiemenbo-
genmuskulatur on der vorderen und seitlichen Rumpfwand (Rr.
anteriores aus Th1–Th12) und Bildung der Ple­
Allgemein-so- S Leitung von Reizen xus cervicalis, brachialis, lumbalis und sacralis
matoafferent aus Hautrezeptoren
(-somatosen- oder anderen Re- • R. posterior: sensible und motorische Inner­
sibel) zeptoren zum ZNS vation von Rücken und Hinterkopf
• R. meningeus: sensible Innervation der Rü­
Speziell-so- S-S Nur bei Hirnnerven;
matoafferent Fasern im N. opti- ckenmarkshäute
(-somatosen- cus (II. Hirnnerv) • R. communicans albus: präganglionäre sym­
sibel) aus dem Auge und pathische Nervenfasern, die zu den paraver­
im N. vestibulo- tebralen Ganglien des Grenzstrangs (Truncus
cochlearis sympathicus) führen. Teilweise laufen sie
(VIII. Hirnnerv) aus
dem Gleichge-
nach Umschaltung in dem entsprechenden
wichts- und Höror- Grenzstrangganglion als R. communicans
gan im Innenohr griseus zurück zum Spinalnerv.
Allgemein-vis- VS Leitung meist unbe-
zeroafferent wusst bleibender ■ Segmentale und periphere
(-viszerosensi- Reize aus den Orga- Innervation
bel) nen und Blutgefä-
ßen zum ZNS Segmentale Innervation.  Innervation, die
Speziell-vis- S-VS Nur bei Hirnnerven; von einem Rückenmarksegment ausgeht. Ein
zeroafferent Geruchs- und Ge- Dermatom ist der Hautbezirk, der von einem
(-viszerosensi- schmacks-Nerven- Rückenmarksegment sensibel innerviert wird
bel) fasern (➜ Abb. 2.3).
Periphere Innervation.  Innervation, die von
Nerven setzen sich aus vielen, meist unter­
einem peripheren Nerven ausgeht. Der Hautbe­
schiedlichen Nervenfasern zusammen. Nerven­
zirk, der von einem peripheren Nerven sensibel
fasern können Erregungen in der Regel nur in
innerviert wird, wird als Maximalgebiet be­
eine Richtung leiten. Man unterscheidet daher
zeichnet. Die Maximalgebiete überlappen sich
afferente Nervenfasern, die Erregungen aus der
stark. Das Autonomgebiet eines Nervs ist der
Peripherie in das ZNS leiten, und efferente Ner-
Teilbereich des Maximalgebiets, der ausschließ­
venfasern, die Erregungen aus dem ZNS in die
lich von diesem einen Nerven sensibel versorgt
Peripherie leiten.
wird. Im Rumpfbereich stimmen segmentale
Nach ihrer Funktion werden die Nervenfasern in
und periphere Innervation überein. Im restli­
7 Faserqualitäten (➜ Tab. 2.5) eingeteilt, von
chen Körper kommt es durch die Plexusbildung
denen 3 nur bei Hirnnerven vorkommen (die
zu Verflechtungen. Plexusnerven enthalten sen­
Abkürzungen werden bei der Darstellung des
sible und motorische Nervenfasern mehrerer
Nervensystems in diesem Buch verwendet):
Rückenmarksegmente. Dadurch sind sie an der
28
1
Begrenzungen
C2 der Trigeminus-
kernareale

C3 C2

C3
C4 C4
C5 Th2 Th2 C5
Th3 Th3
Th4 Th4
Th5
Th5
Th2 Th6
Th6
Th1 Th7
Th7
Th8
C6 Th9 Th8
C6
Th10 Th9
C7 Th11 Th10 Th1 L1
Th12 Th11 L2
C8 L3
L1 Th12 C8
C6 L1
L2 C7 S2
C6
L2
L3 S2 L 2
L4 L1 L3 L4
S2 L1
L2 L4
L5 L2

L3
L3

S1 L5
L5
L4 S1 S2

L4

L5
L5 L5
L 5 S1

dorsal ventral lateral medial

Abb. 2.3  Schema der Dermatome. Das Rückenmarksegment C1 besitzt kein Dermatom, da aus C1
meist nur motorische Nervenfasern hervorgehen [E483]

sensiblen Innervation mehrerer Dermatome be­ • Viszeroefferenten System: dazu gehören


teiligt. Die meisten Muskeln werden durch zwei Sympathikus und Parasympathikus
oder mehr Rückenmarksegmente innerviert • Viszeroafferenten System
(multisegmentale Innervation). Kennmuskeln • Intramuralem Nervensystem.
werden ausschließlich oder überwiegend von ei­
Viszeroefferentes System
nem Rückenmarksegment versorgt.
Das viszeroefferente (viszeromotorische) System
Läsionen.  Segmentale und periphere Innerva­ gliedert sich in zwei funktionell meist gegensätz­
tion erklären die Unterschiede im klinischen lich wirkende Anteile: den Sympathikus (Pars
Bild bei Läsionen der Spinalnervenwurzel (Wur- sympathica) und den Parasympathikus (Pars
zelkompressionssyndrom) und Läsionen peri­ parasympathica, ➜ Tab. 2.7). Im Unterschied
pherer Nerven (➜ Tab. 2.6). zum somatomotorischen System setzt sich die
efferente Strecke im viszeromotorischen System
■ Vegetatives Nervensystem (VNS) aus zwei Neuronen zusammen. Die Umschal­
tung vom 1. auf das 2. Neuron erfolgt in den ve­
Das vegetative Nervensystem besteht aus dem: getativen Ganglien.
29
2  Allgemeine Anatomie

Tab. 2.6  Wurzelkompressionssyndrom und Tab. 2.7  Sympathikus und Parasympathikus


periphere Nervenläsion im Überblick im Überblick
Wurzelkompres- Periphere Sympathikus Parasympathi-
sionssyndrom Nervenläsion kus
Mögliche • Wirbelkörper- • Schnittver- Lage der Thorakolum- Hirnstamm und
Ursachen fraktur letzung 1. Neurone balmark Sakralmark
• Bandscheiben- • Druckein- (Th1–L2) (S2–S4) → kra-
vorfall wirkung → thorako- niosakrales Sys-
• Zerrung lumbales tem
• Quet- System
schung
Lage der Paravertebral Überwiegend
Sensibi- Im entsprechen- Im entspre- Ganglien (Grenzstrang) ­organnah
litätsstö- den Dermatom chenden Ma- und präverte-
rungen ximalgebiet bral
Motori- • Komplette Läh- Komplette Neuro- Acetylcholin Acetylcholin
sche Stö- mung des ent- Lähmung der transmitter
rungen sprechenden vom Nerv in- 1. Neuron
Kennmuskels nervierten
• Inkomplette Muskulatur Neuro- Noradrenalin Acetylcholin
Lähmung weite- transmitter
rer vom Seg- 2. Neuron
ment mitver- Wirkung „Fight or „Rest and di-
sorgter Muskeln flight“ (akti- gest“ (Regene-
Vegetati- Keine V. a. Schweiß- vierend und ration)
ve Stö- sekretions- leistungsstei-
rungen störungen im gernd)
entsprechen- Signaldi- Stark → oft Gering → selek-
den Maximal- vergenz unselektive tive Ansteue-
gebiet Aktivierung rung einzelner
Organe
Viszeroafferentes System Innervati- Organe, V. a. Organe
Das viszeroafferente (viszerosensible) System onsgebiete Rumpfwand,
vermittelt vegetative Informationen wie Sauer­ Extremitäten
stoff- und Kohlenstoffdioxidgehalt, pH-Wert des
Bluts oder Dehnungszustand der glatten Musku­ der Wand zahlreicher Organe, z. B. von Darm,
latur von Gefäßen und Organen. Lunge, Gallenblase oder Beckenorganen, liegen.
Die viszeroafferenten Nervenfasern verlaufen Die größte Ausdehnung besitzt das intramurale
meist gemeinsam mit viszeroefferenten Nerven­ Nervensystem in Ösophagus und Magen-Darm-
fasern. Erkrankungen innerer Organe können zu Trakt. Dort bildet es mit den Plexus myentericus
Schmerzen in bestimmten Hautarealen, den und submucosus das enterische Nervensystem
Head-Zonen, führen (übertragener Schmerz). (ENS, ➜ Kap. 13).
Betroffen sind die Dermatome derjenigen Seg­ Das enterische Nervensystem steuert eigenstän­
mente, die von dem erkrankten Organ Visze­ dig die Motilität und Drüsentätigkeit und wird
roafferenzen erhalten (➜ Abb. 7.8). vom viszeroefferenten System (Sympathikus
und Parasympathikus) reguliert.
Intramurales Nervensystem
Als intramurales Nervensystem werden die Ner­
vengeflechte (Plexus) zusammengefasst, die in

■ CHECK-UP
Wie unterscheiden sich Läsionen einer Spinalnervenwurzel von Läsionen eines peripheren
Nervs?
Aus welchen Teilen besteht das vegetative Nervensystem?
Wie unterscheiden sich Sympathikus und Parasympathikus?

30
1
Kreislaufsystem
■ Gliederung Abgangs der A. subclavia sinistra liegt. Die bei­
den Aa. umbilicales führen gemischtes Blut von
Der Blutkreislauf gliedert sich in den Lungen­ den Aa. iliacae zur Plazenta zurück.
kreislauf (kleiner Kreislauf) und den Körper­ Durch das Abbinden der Nabelschnur, die ein­
kreislauf (großer Kreislauf): setzende Lungenatmung und die Eröffnung des
Lungenkreislauf.  Besteht aus dem rechten Lungenkreislaufs wird nach der Geburt die Um­
Herz, dem Truncus pulmonalis, den Aa. pulmo­ stellung auf den adulten Blutkreislauf ausgelöst.
nales einschließlich ihrer Äste, den Lungenka­ Durch den Druckanstieg im linken Vorhof des
pillaren, sowie den Vv. pulmonales und ihren Herzens wird das weiche Septum primum
Zuflüssen. Im Lungenkreislauf wird das Blut in (➜ Kap. 6) gegen das steifere Septum secundum
der Lunge mit Sauerstoff angereichert. gedrückt, wodurch sich das Foramen ovale
schließt. Bei den meisten Menschen verwächst
Körperkreislauf.  Umfasst das linke Herz, die in den ersten Lebenswochen das Septum pri­
Aorta, Arterien, Arteriolen, Kapillaren, Venolen, mum mit dem Septum secundum.
Venen und Hohlvenen. Zur Blutversorgung der Nach Verschluss des Foramen ovale verschlie­
Organe. Nach dem vorherrschenden Druck un­ ßen sich auch Ductus arteriosus, Ductus veno­
terscheidet man in Hoch- und Niederdrucksys­ sus, Aa. umbilicales und V. umbilicalis. Sie obli­
tem: terieren jeweils zu Lig. arteriosum, Lig. veno-
• Das Hochdrucksystem mit einem mittleren sum, rechtem und linkem Lig. umbilicale medi-
Blutdruck von ca. 60–100 mmHg wird durch ale und Lig. teres hepatis.
den arteriellen Schenkel des Körperkreislaufs
gebildet.
• Das Niederdrucksystem mit einem mittleren
■ Blutgefäße
Blutdruck von weniger als 20 mmHg umfasst Blutgefäße unterteilt man in Arterien und Ve­
den venösen Schenkel des Körperkreislaufs nen:
und den Lungenkreislauf. Weil es ca. 85 % des • Arterien transportieren das Blut vom Herzen
gesamten Blutvolumens enthält, nennt man weg.
das Niederdrucksystem auch Sammelsystem • Venen führen das Blut zum Herzen hin.
und Venen auch Kapazitätsgefäße.
Vasa publica und privata.  Vasa publica sind
Gefäße, die Allgemeinaufgaben für den Organis­
■ Fetaler Blutkreislauf mus haben, und Vasa privata solche, die nur ein
Im fetalen Blutkreislauf (➜ Abb. 2.4) gelangt einzelnes Organ versorgen.
das sauerstoffreiche Blut von der Plazenta über Anastomosen.  Verbindungen zwischen zwei
die V. umbilicalis („Nabelvene“) in der Nabel­ Gefäßen. Kollateralen sind über Anastomosen
schnur zum Fetus. Von der V. umbilicalis fließt verbundene Gefäße, die dasselbe Gebiet versor­
ein Großteil des Bluts über den Ductus venosus gen. Diese können bei Verschluss eines Haupt­
direkt in die V. cava inferior (untere Hohlvene), gefäßes einen Kollateralkreislauf ausbilden und
nur ein kleiner Teil in die Leber. In der V. cava so die Versorgung des betroffenen Gebiets ge­
inferior mischt sich das sauerstoffreiche Blut mit währleisten. Dies gilt nicht für Endarterien. (In
sauerstoffarmen Blut aus den Vv. iliacae. Das diesem Buch sind die Anastomosen von Arteri­
Mischblut gelangt dann überwiegend durch das en und Venen mit einem Doppelpfeil [↔] ge­
Foramen ovale direkt vom rechten in den linken kennzeichnet.)
Vorhof, während das sauerstoffarme Blut aus
der V. cava superior (obere Hohlvene) größten­ Endarterien.  Funktionelle Endarterien wei­
teils in die rechte Herzkammer strömt. Von der sen anatomisch zwar Kollateralen auf, die aber
rechten Kammer fließt das meiste Blut, nach­ nicht zur Versorgung des Gewebes beim Ver­
dem es in den Truncus pulmonalis ausgeworfen schluss der Endarterie ausreichen, wie dies z. B.
wurde, über den Ductus arteriosus Botalli in bei den Koronararterien der Fall ist. Anatomi-
die Aorta descendens, die unmittelbar distal des sche Endarterien haben überhaupt keine Kolla­

31
2  Allgemeine Anatomie

Arcus aortae Aa. pulmonales

Ductus arteriosus
Truncus pulmonalis
V. cava superior
Atrium sinistrum

Foramen ovale
Atrium dextrum
Ventriculus sinister
Septum
interventriculare
V. cava inferior
Ventriculus dexter

Vv. hepaticae
Aorta thoracica

Ductus venosus
Hepar

Vesica biliaris

V. umbilicalis

V. cava inferior

V. umbilicalis
Aa. umbilicales

A. iliaca communis

A. iliaca externa

A. iliaca interna

Placenta Vesica urinaria

Abb. 2.4  Schema des fetalen Blutkreislaufs: rot = sauerstoffreiches Blut, blau = sauerstoffarmes
Blut, lila = gemischtes Blut [S007-2-23]

32
1
teralen, so z. B. die A. centralis retinae oder die einen Blutrückfluss verhindern, in Richtung
A. renalis. Herz gepresst wird.
• Arteriovenöse Kopplung: Die pulsierende
Sperrarterien und Drosselvenen.  Kleine Ge­ Arterie drückt auf die mit der Arterie verlau­
fäße, deren Gefäßlumen sich vollständig ver­ fenden Venen.
schließen kann. Im Fall von Sperrarterien führt • Sogwirkung des Herzens durch Ventilebe­
das zur Drosselung der Durchblutung des nach­ nenmechanismus in den herznahen Venen.
geschalteten Kapillargebiets, bei Drosselvenen
zur Anstauung von Blut im vorgeschalteten Ka­
pillargebiet. ■ Lymphgefäßsystem
Das Lymphgefäßsystem ist dem venösen System
Venöser Rückstrom.  Der Rückstrom des
parallel geschaltet. Täglich führt es dem Blut­
Bluts durch die Venen zum Herzen wird durch
kreislauf wieder ca. 2 Liter filtrierte Flüssigkeit
folgende Mechanismen erreicht:
zu. Die Lymphe fließt über Lymphkapillaren, die
• Venenklappen: sorgen dafür, dass das Blut
blind im Interzellularraum beginnen, zu größe­
nur in Richtung Herz fließt
ren Lymphgefäßen und weiter zu Lymphknoten.
• Muskelpumpe: Kontrahierende Muskeln
Über die großen Lymphstämme gelangt die Lym­
drücken auf angrenzende Venen, in denen
phe schließlich im rechten und linken Venen­
das Blut wegen der Venenklappen, die sich
winkel wieder in den Blutkreislauf (➜ Kap. 6).
nur in eine Richtung öffnen können und so

■ CHECK-UP
Welche Kurzschlussverbindungen weist der fetale Blutkreislauf im Unterschied zum adulten
Blutkreislauf auf?
Führen Sie die wichtigen Gefäße des fetalen Blutkreislaufs und ihren Sauerstoffgehalt auf!
Welche Mechanismen bewirken den venösen Rückstrom zum Herzen?

Immunsystem
Das Immunsystem dient der Abwehr körper­ Anschließend besiedeln die Lymphozyten die
fremder Stoffe. Lymphozyten bilden die spezifi­ sekundären lymphatischen Organe: Milz,
sche Immunabwehr. In den primären lymphati- Lymphknoten, MALT (Mucosa associated lym­
schen Organen Thymus und Knochenmark fin­ phatic tissue) und Tonsillen. In den sekundären
det die Bildung, Reifung und Prägung der Lym­ lymphatischen Organen laufen beim Eintritt von
phozyten statt. Im Thymus entwickeln sich die Krankheitserregern die entscheidenden Vorgän­
T-Lymphozyten und im Knochenmark die B- ge der spezifischen Immunabwehr ab.
Lymphozyten.

■ CHECK-UP
Nennen Sie alle primären und sekundären lymphatischen Organe!
Welche grundsätzliche Funktion haben die primären und sekundären lymphatischen Organe?

33
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1
3  Obere Extremität
Grundkenntnisse der Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35

Schultergürtel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36

Oberarm und Unterarm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41

Hand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48

Nerven . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52

Arterien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57

Venen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58

Lymphknoten und Lymphgefäße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59

Angewandte und topografische Anatomie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59

Grundkenntnisse der Entwicklung


Die Extremitäten entwickeln sich auf beiden anlage am Unterarm oder bei der Bildung von
Körperhälften aus je einer mesenchymalen Leis­ Diarthrosen von entscheidender Bedeutung.
te (Extremitätenleiste), die an der ventrolatera­ Im Zeitraum der 7.‑12. EW beginnt die Verknö­
len Rumpfwand liegt. Gegen Ende der 4. EW er­ cherung des knorpeligen Vorläuferskeletts durch
scheinen an den kranialen Enden der Extremitä­ primäre Knochenkerne in den Diaphysen. Eine
tenleisten die kranialen Extremitätenknospen Besonderheit bildet das Schlüsselbein. Es entsteht
(Armknospen). Die Armknospen bestehen aus rein durch desmale Ossifikation. Die Muskulatur
einem mesenchymalen Kern der Somatopleura der oberen Extremität stammt von Zellen der
des Seitenplattenmesoderms, der von Ektoderm ventralen Dermatomyotomen der kaudalen zer-
umhüllt ist. Das Ektoderm bildet das Ursprungs­ vikalen Somiten ab, die in die Extremitätenknos­
gewebe für die Entwicklung von Haut und Haut­ pen einwandern. Diese muskelbildenden Zellen
anhangsgebilden, wie z. B. Haaren, Fingernägeln ordnen sich zu dorsalen und ventralen Vormus­
und Drüsen. Im Laufe der Entwicklung verdickt kelmassen an. Aus den dorsalen Vormuskelmas­
sich die ektodermale Hülle distal zur Randleis- sen entstehen die Extensoren, aus den ventralen
te. Die Randleiste regt durch die Expression des Vormuskelmassen die Flexoren. Erst postnatal bil­
Fibroblastic Growth Factor (FGF) den mesen­ den sich sekundäre Knochenkerne in den Epiphy­
chymalen Kern der Armknospen zum Längen­ sen. Durch die Fusion zwischen den primären
wachstum an. Unter dem Einfluss des Entwick- und sekundären Knochenkern ist das Wachstum
lungsfaktors Sonic Hedgehog formt sich da­ der oberen Extremität abgeschlossen.
nach aus dem mesenchymalen Kern ein mesen­
chymales Vorläuferskelett (Primordialskelett). Die Gabe des Schlafmittels Thalidomid (Con­
In der 6. EW beginnt das Primordialskelett zu tergan®) führte in den frühen 60er-Jahren zu
verknorpeln. Des Weiteren bilden sich zu die­ schweren Extremitätenfehlbildungen. Abhän­
sem Zeitpunkt durch apoptotischen Zellunter­ gig vom Zeitpunkt der Einnahme reichten
gang die Finger heraus. Der Vorgang der Apop­ diese von einem partiellen Fehlen von Glied­
tose ist bei der Extremitätenentwicklung u. a. maßen (Meromelie) bis hin zu einem voll­
auch bei der Trennung der Speichen- und Ellen­ ständigen Fehlen von Gliedmaßen (Amelie).

35
3  Obere Extremität

■ CHECK-UP
Aus welchen Anteilen bestehen die Extremitätenknospen?
Durch welchen Vorgang entstehen die Finger?
Woher stammen die Vorläuferzellen der Muskulatur der oberen Extremität?

Schultergürtel
■ Knochen • Unterhalb der Spina scapulae liegt die große
Fossa infraspinata, welche dem M. infraspi­
Schulterblatt (Scapula)
natus als Ursprungsfläche dient.
• Man unterscheidet 3 Ränder (lat. Margo) und
3 Winkel (lat. Angulus):
• Die Spina scapulae läuft in Richtung lateral
zum Schultereck (Acromion) aus.
– Margo superior, Margo medialis et Margo
lateralis
• Auf der Vorderseite des Schulterblatts (Fa-
cies costalis) entspringt der M. subscapula­
– Angulus superior, Angulus lateralis et An­
ris in der Fossa subscapularis.
gulus inferior
• Der Margo superior geht nach lateral in die In-
cisura scapulae über, eine Rinne, durch die Incisura-Scapulae-Syndrom: Bei einer Ver­
der N. suprascapularis zur Innervation der knöcherung des Lig. transversum scapulae su­
Mm. supraspinatus et infraspinatus nach kau­ perius entsteht ein knöcherner Kanal, der den
dal zieht. N. suprascapularis komprimieren kann. Infol­
• Die Incisura scapulae wird durch das Lig. trans- gedessen kann es zu Atrophien der von die­
versum scapulae superius überspannt. sem Nerv innervierten Muskeln kommen.
• Lateral der Incisura scapulae wölbt sich der
mächtige Rabenschnabelfortsatz (Processus
Zwischen Acromion und Processus coraco­
coracoideus) nach ventral. Er dient den
ideus spannt sich das Lig. coracoacromiale
Mm. pectoralis minor, biceps brachii et cora­
aus. Gemeinsam bilden diese 3 Strukturen
cobrachialis als Ursprung.
das sog. Dach des Schultergelenks.
• Der Margo lateralis verdickt sich kranialwärts
zum Collum scapulae. Hier inseriert die Ge­
lenkkapsel des Schultergelenks. Schlüsselbein (Clavicula)
• Das Collum scapulae erweitert sich zur Schul­ • S-förmiger Knochen, verbindet das Acromion
terblattgelenkpfanne (Cavitas glenoidalis), des Schulterblatts mit dem Brustbein
die kranial durch das Tuberculum supragle­ • Man unterscheidet dementsprechend ein
noidale und kaudal durch das Tuberculum dem Brustbein zugewandtes Ende (Extre-
infraglenoidale begrenzt ist. mitas sternalis) und ein dem Acromion zu­
• Vom Tuberculum supraglenoidale ent­ gewandtes Ende (Extremitas acromialis).
springt die lange Bizepssehne, vom Tubercu- • Auf der Unterseite des Schlüsselbeins impo­
lum infraglenoidale die lange Trizpessehne niert nahe der Extremitas sternalis die Im-
• Die Hinterseite des Schulterblatts (Facies pressio ligamenti costoclavicularis als An­
posterior scapulae) formt ein gebirgsähnli­ satzpunkt des Lig. costoclavicularis.
ches Relief, in dessen Mitte die Schulterblatt­ • In der Nähe der Extremitas acromialis erhebt
gräte (Spina scapulae) imponiert. sich – ebenso auf der Unterseite des Schlüs­
• Zwischen Margo superior und Spina scapulae selbeins – die Tuberositas ligamenti coraco-
liegt die kleine Fossa supraspinata, von wel­ clavicularis. Sie setzt sich aus dem Tubercu­
cher der M. supraspinatus entspringt. lum conoideum und der Linea trapezoidea

36
1
zusammen, welche als Ansatzstellen für die • Lig. sternoclaviculare anterius: begrenzt die
entsprechenden Bänder fungieren. Retroversion der Schulter
• Zwischen Impressio und Tuberositas liegt der • Lig. sternoclaviculare posterius: begrenzt
Sulcus musculi subclavii. Hier entspringt die Anteversion der Schulter
der M. subclavius. • Lig. costoclaviculare: begrenzt die Elevation
der Schulter
■ Gelenke und Bänder • Lig. interclaviculare: begrenzt die Senkung
der Schulter.
Mediales Schlüsselbeingelenk
Art. sternoclavicularis: zwischen Extremitas Laterales Schlüsselbeingelenk
sternalis des Schlüsselbeins und Incisura cla­ Art. acromioclavicularis (AC-Gelenk, Schulter­
vicularis des Brustbeins. eckgelenk): zwischen Extremitas acromialis des
Schlüsselbeins und Acromion des Schulterblatts.
Ebenfalls ein Kugelgelenk, das durch folgende
Das Art. sternoclavicularis ist die einzige Bandzüge in seiner Beweglichkeit beschränkt
echte gelenkartige Verbindung zwischen wird:
Schultergürtel und Rumpf. • Lig. acromioclaviculare: verstärkt den krani­
alen Teil der Gelenkkapsel
Im Gelenkspalt des Art. sternoclavicularis findet • Lig. coracoclaviculare:
sich ein faserknorpeliger Discus articularis, der – besteht aus dem medialen, kegelförmig aus­
unten am Brustbein und oben am Schlüsselbein strahlenden Lig. conoideum und dem late­
befestigt ist (➜ Abb. 3.1). Das Art. sternocla­ ralen, trapezförmigen Lig. trapezoideum
vicularis ist ein Kugelgelenk, das durch folgen­ – zieht das Schlüsselbein nach kaudal und
de Bänder in seinem Bewegungsumfang stark wirkt somit antagonistisch zum Zug der
eingeschränkt ist: Pars descendens des M. trapezius.

Articulatio acromioclavicularis,
Lig. acromioclaviculare
Acromion

Lig. coracoacromiale Lig. coracoclaviculare,


Lig. trapezoideum
M. supraspinatus, Tendo Bursa synovialis

Lig. coracoclaviculare,
Proc. coracoideus Lig. conoideum
Lig. coracohumerale Lig. transversum
scapulae superius
Tuberculum majus Incisura scapulae

Bursa subtendinea
M. subscapularis, musculi subscapularis
Tendo

Capsula articularis,
M. biceps brachii, Ligg.
Caput longum glenohumeralia:
– (superius)
– (medium)
– (inferius)

(Recessus axillaris)

Abb. 3.1  Bänder des Schultergürtels, Ansicht von ventral [S007-1-23]

37
3  Obere Extremität

• Teilweise findet sich im Gelenkspalt ein Dis- • Die Gelenkhöhle besitzt 2 Nebenkammern,
cus articularis. mit denen sie kommuniziert:
– Bursa subcoracoidea an der Wurzel des
Das Ausmaß von Verletzungen des lateralen Korakoids
Schlüsselbeingelenks wird gemäß Tossy ein­ – Bursa subtendinea m. subscapularis un­
geteilt: ter der Ansatzsehne des M. subscapularis
• Tossy I: Überdehnung der Ligg. acromio­ • Weitere Schleimbeutel: Bursa subacromialis
claviculare et coracoclaviculare unter dem Schulterdach und Bursa subdelto­
• Tossy II: Ruptur des Lig. acromioclavicula­ idea unter dem M. deltoideus. Diese Bursen
re und unvollständige Verrenkung (Sublu- arbeiten wie ein Gelenkspalt und werden
xation) des Art. acromioclaviculare auch als subakromiales Nebengelenk be­
• Tossy III: Ruptur der Ligg. acromioclavicu­ zeichnet.
lare et coracoclaviculare und vollständige
Luxation des Art. acromioclaviculare führt Schultergelenkluxation: Trotz der ligamentä­
zu einem Hochstand der Klavikula durch ren und muskulären Sicherungen mit 50 %
den Zug der Mm. sternocleidomastoideus der Fälle die häufigste Luxation beim Men­
et trapezius („Klaviertastenphänomen“). schen. Dabei verschiebt sich der Oberarmkopf
meistens unter den Proc. coracoideus scapulae
Schultergelenk (Luxatio subcoracoidea). Eine Schulterge­
Das Schultergelenk (Art. humeri) ist das Haupt­ lenkluxation sollte möglichst rasch und scho­
gelenk des Schultergürtels: nend eingerenkt werden. Sie wird gewöhnlich
• Das 4:1-Verhältnis von Oberarmkopf zu Cavi­ mit einer kurzen Analgesie oder in i. v.-Kurz­
tas glenoidalis scapulae macht das Schulter­ narkose durchgeführt. Grundsätzlich lassen
gelenk zum beweglichsten Kugelgelenk des sich traumatische und habituelle Luxationen
menschlichen Körpers. unterscheiden. Habituellen Luxationen liegt
• Eine faserknorpelige Gelenklippe (Labrum häufig ein Abriss der Ligg. glenohumeralia et
glenoidale) entspringt vom Rand der Cavitas coracohumerale, ein Abriss des Labrum gle­
glenoidalis scapulae und vergrößert die Ge­ noidale (Bankart-Läsion) oder eine angebore­
lenkpfanne. ne Bandhyperlaxität zu Grunde.

Die Gelenkkapsel des Art. humeri reicht vom Impingement-Syndrom: Die Sehne des M. su­
Collum scapulae bis zum Collum anatomi­ praspinatus verläuft durch einen kleinen, en­
cum des Oberarmknochens, sodass die Tu­ gen Spalt zwischen Oberarmkopf und Schul­
bercula major und minor des Oberarmkno­ terdach. Dort kann sie insbesondere beim He­
chens außerhalb der Gelenkkapsel liegen. ben des Arms eingeengt werden. Die Folge
sind Verschleißerscheinungen, wie z. B. chro­
nische Entzündungen und Verkalkungen
Insgesamt ist die Gelenkkapsel des Schulterge­ (Tendinosis calcarea). Typisch sind Schmer­
lenks sehr weit und schlaff. Sie bildet kaudal ei­ zen bei der Abduktion zwischen 60° und 120°
nen Reserveraum, den Recessus axillaris. Fol­ („schmerzhafter Bogen“).
gende Bänder verstärken die Gelenkkapsel:
• Lig. coracohumerale: zieht vom Proc. cora­ Schulterblatt-Thorax-Gelenk
coideus scapulae in den posterioren Ab­ Kein echtes Gelenk. Es handelt sich hier um Ver­
schnitt der Gelenkkapsel. Es hemmt die Au­ schiebespalten zwischen M. serratus anterior
ßenrotation bei adduziertem Arm. und der Thoraxwand sowie zwischen M. serra­
• Ligg. glenohumeralia: verstärken v. a. ante­ tus anterior und M. subscapularis.
rior die Gelenkkapsel und hemmen die Au­
ßenrotation und z. T. auch die Abduktion.
Besonderheiten: ■ Muskulatur
• Die lange Bizepssehne verläuft innerhalb der Zu den Rumpfmuskeln, die am Schultergürtel
Gelenkhöhle zu ihrem Ursprung am Tuber­ ansetzen, siehe ➜ Tabelle 3.1 und ➜ Tabelle 3.2.
culum supraglenoidale. Zur Rotatorenmanschette siehe ➜ Tabelle 3.3,

38
1
Tab. 3.1  Dorsale Rumpfmuskeln mit Ansatz am Schultergürtel
Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. rhombo­ Dornfortsätze der Margo medialis N. dorsalis • Fixierung der Scapula
ideus minor HWK 6–7 scapulae scapulae • Rückführung des elevierten
Arms
M. rhombo­ Dornfortsätze der Margo medialis
ideus major BWK 1–4 scapulae
M. levator Querfortsätze der Angulus superior • Punctum fixum an den
scapulae HWK 1–4 scapulae HWK: .
Rückführung des elevierten
Arms
• Punctum fixum an der Sca-
pula: .
Neigung des Halses zur ip-
silateralen Seite

Tab. 3.2  Ventrale Rumpfmuskeln mit Ansatz am Schultergürtel


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. sub- 1. Rippe Sulcus m. subcla- N. subcla- • Zug der Clavicula nach kau-
clavis vii an der Unter- vius dal
seite der Clavicula • Sicherung der Art. sterno-
clavicularis
M. pecto- 3.–5. Rippe Proc. coracoideus Nn. pecto- • Verschieben des Schulter-
ralis mi- scapulae rales medi- blatts nach medial-kaudal
nor ales et la- • Punctum fixum am Proc. co-
terales racoideus: .
Hilfseinatemmuskel
M. pecto- • Pars clavicularis:Crista tuberculi • Gesamter Muskel:
ralis ma- mediale Hälfte majoris des Ober- Adduktion und Innenrotati-
jor der Clavicula armknochens on im Schultergelenk
• Pars sternocosta- • Partes clavicularis et
lis: . sternocostalis: .
Brustbein und Anteversion im Schulterge-
2.–6. Rippe lenk
• Pars abdominalis: • Punctum fixum am Ober-
Lamina anterior armknochen: .
der Rektusscheide Hilfseinatemmuskel
M. cora- • Proc. coracoideus Oberarmknochen N. muscu- • Anteversion, Adduktion, In-
cobrachi- scapulae locutaneus nenrotation im Schulterge-
alis lenk
M. serra- Partes superior, in- • Pars superior: N. thoraci- • Gesamter Muskel:
tus ante- termedia et inferior: Angulus superi- cus longus – Punctum fixum an den
rior 1.–9. Rippe or scapulae Rippen: Verschieben des
• Pars intermedia: Schulterblatts nach late-
Margo medialis ral-ventral
scapulae – Punctum fixum an der
• Pars inferior: Scapula: Hilfseinatem-
Angulus inferior muskel
scapulae • Pars superior:
Rückführung des elevierten
Arms
• Pars inferior:
Ermöglichung der Elevation

39
3  Obere Extremität

Tab. 3.3  Schultergelenkmuskulatur: Rotatorenmanschette


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. supraspinatus Fossa supraspi- Tuberculum ma- N. suprasca- Abduktion im Schul-
nata scapulae jus des Oberarm- pularis tergelenk („Starter-
knochens funktion“)
M. infraspinatus Fossa infraspina- Außenrotation im
ta scapulae Schultergelenk
M. teres minor Margo lateralis N. axillaris Adduktion und Au-
scapuale ßenrotation im Schul-
tergelenk
M. subscapularis Fossa subscapu- Tuberculum mi- N. subscapu- Innenrotation im
laris scapulae nus des Oberarm- laris Schultergelenk
knochens („Schürzengriff“)

zur übrigen Muskulatur des Schultergelenks sie­ • Jede Muskelschlinge besteht aus 2 Kompo­
he ➜ Tabelle 3.4. nenten. Diese wirken i. S. agonistisch-antago­
nistischer Gegenspieler zusammen, sodass
• M. pectoralis major: wichtigster Muskel nur bei Entspannung des einen das Schulter­
der Anteversion blatt in die Richtung des anderen verschoben
• M. pectoralis major: wichtigster Muskel werden kann. Wenn sich beide Komponen­
der Adduktion ten einer Schlinge gleichzeitig kontrahieren,
• M. serratus anterior: wichtigster Muskel wird das Schulterblatt an den Thorax ge­
der Elevation. presst.
Rotatorenmanschette
• Umfasst eine Gruppe von 4 Muskeln
Scapula alata: Bei einer Lähmung der (➜ Tab. 3.3): M. supraspinatus, M. infra-
Mm. rhomboidei oder des M. serratus anteri­ spinatus, M. subscapularis und M. teres
or wölbt sich der Margo medialis scapulae flü­ minor.
gelartig nach hinten. • Die Ansatzsehnen der Muskeln umgreifen
den Oberarmkopf und fixieren ihn in der Ge­
Schulterblattschlingen lenkpfanne des Schulterblatts.
• Unter dem Begriff Schulterblattschlingen ver­ • Sie entspringen alle am Schulterblatt und
steht man 4 Muskelschlingen, welche die Sca­ strahlen in den dorsosuperioren und ventra­
pula im Schulterblatt-Thorax-Gelenk bewe­ len Abschnitt der Gelenkkapsel des Schulter­
gen: gelenks ein. Dadurch spannen sie die Gelenk­
• Kraniokaudale Muskelschlinge: M. trapezi­ kapsel und verhindern ein Einklemmen von
us, Pars ascendens – M. levator scapulae. Kapselanteilen.
Verhindert das Absinken der Schulter beim • Rotatorenintervall: Abschnitt zwischen Sup­
Tragen von Lasten raspinatus- und Subscapularissehne. Hier in­
• Transversale Muskelschlinge: M. trapezius, serieren die lange Bizepssehne sowie die
Pars transversa – M. serratus anterior, Partes Ligg. coracohumerale et glenohumerale supe­
superior et intermedia rius.
• Obere schräge Muskelschlinge: M. trapezi­
us, Pars descendens – M. pectoralis minor
• Untere schräge Muskelschlinge: • M. infraspinatus: wichtigster Muskel der
Außenrotation
Mm. rhomboidei – M. serratus anterior, Pars
inferior. Besonders wichtig für die Elevation,
• M. subscapularis: wichtigster Muskel der
Innenrotation.
da sie den Angulus inferior scapulae nach la­
teral vorn bewegt, wodurch die Cavitas gleno­
idalis scpaulae nach lateral oben zeigt.

40
1
Tab. 3.4  Schultergelenkmuskulatur im Überblick (ohne Rotatorenmanschette)
Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. delto­ • Pars clavicularis: Tuberositas N. axillaris • Pars clavicularis:
ideus laterales Drittel der deltoidea des Anteversion, Addukti-
Clavicula Oberarmkno- on und Innenrotation
• Pars acromialis: chens im Schultergelenk
Acromion • Pars acromialis:
• Pars spinalis: Abduktion im Schul-
Spina scapulae tergelenk
• Pars spinalis:
Retroversion, Adduk-
tion und Außenrotati-
on im Schultergelenk
M. teres Angulus inferior sca- Crista tuber- • N. thoracodorsa- Retroversion, Addukti-
major pulae culi minoris lis on und Innenrotation
des Oberarm- • z. T. auch N. sub­ im Schultergelenk
knochens scapularis
M. latissi- • Pars vertebralis: N. thoracodorsalis • Retroversion, Adduk-
mus dorsi – Dornfortsätze der tion und Innenrotati-
BWK 7–12 on im Schultergelenk
– Fascia thoraco- • Hilfsausatemmuskel
lumbalis („Hustenmuskel“)
• Pars iliaca:
Crista iliaca
• Pars costalis:
9.–12. Rippe
• Pars scapularis:
Angulus inferior

Die Ruptur einer gesunden Sehne der Rotato­ M. deltoideus: wichtigster Muskel der Ab­
renmanschette tritt nur in 8 % der Fälle auf. duktion.
Deutlich häufiger entstehen Rupturen aufgrund
degenerativer Veränderungen. Charakteristi­
sche Symptome sind Schmerzen in der Nacht
und bei Überkopfarbeit.

■ CHECK-UP
Beschreiben Sie die wichtigsten anatomischen Strukturen des Schulterblatts!
Beschreiben Sie das System der Schulterblattschlingen!
Welche Muskeln gehören zur Rotatorenmanschette?
Welche Funktionen hat der M. teres major?
Welche Bewegungen im Schultergelenk sind bei einer Schädigung des N. thoracodorsalis am
ehesten eingeschränkt?

Oberarm und Unterarm


Oberarm (Brachium) und Unterarm (Antebra- ■ Knochen
chium) ähneln in ihrem Aufbau stark Ober- und
Oberarmknochen (Humerus)
Unterschenkel, besitzen allerdings größere Be­
wegungsfreiheit und ein differenzierteres Mus­
• Caput humeri
kelsystem.
• Collum anatomicum: Hier inseriert die Ge­
lenkkapsel des Schultergelenks.
41
3  Obere Extremität

• Nächste Knochenabschnitte i. S. apophysärer artikuliert mit der Elle, das lateral gelegene
Vorsprünge sind die Tubercula majus et minus. Capitulum humeri ist mit der Speiche ver­
• Das Tuberculum majus ist nach lateral aus­ bunden.
gerichtet, das Tuberculum minus zeigt nach Auf der Vorderseite liegen 2 Gruben, die Fos-
ventral. sa coronoidea, die bei Beugung im Ellenbo­
• Sulcus intertubercularis: Rinne zwischen gengelenk den Kronenfortsatz der Elle (Pro­
den beiden Tubercula, durch welche die lange cessus coronoideus ulnae) aufnimmt, und da­
Bizepssehne verläuft und die durch das neben die Fossa radialis für den Speichen­
Lig. transversum humeri bedeckt ist. kopf (Caput radii).
• Tuberculum majus und Tuberculum minus Auf der Dorsalfläche liegt eine breite, tiefe
laufen nach kaudal zu den Muskelleisten Grube, die Fossa olecrani, welche das Ole­
Cristae tuberculi majoris et minoris aus: cranon der Elle aufnimmt.
– An der Crista tuberculi majoris entspringt Elle (Ulna)
der M. pectoralis major. • Medialer Unterarmknochen
– Die Crista tuberculi minoris dient den • Proximal über das Olecranon mit der Troch­
Mm. latissimus dorsi et teres major als An­ lea humeri verbunden
satz. • Das Olecranon läuft über die Incisura troch-
• Die Cristae tuberculi majoris et minoris lau­ learis nach ventral zum Kronenfortsatz der
fen distal aus zur Tuberositas deltoidea, Elle (Processus coronoideus ulnae) aus.
dem Ansatzpunkt des M. deltoideus. • Distal des Processus coronoideus ulnae liegt
eine rauhe Erhebung, die Tuberositas ulnae.
Unmittelbar distal der Tuberculi majus et Hier setzt der M. brachialis an.
minus verjüngt sich der Humerus zum Col- • Lateral, zur Speiche hin gelegen, befindet sich
lum chirurgicum. Hier bricht der Humerus die Incisura radialis als Gelenkfläche des
am häufigsten. proximalen Radioulnargelenks.
• Von der Incisura radialis zieht die Crista
mus­culi supinatoris distalwärts, welche dem
• Corpus humeri: bildet mit dem Collum ana­ M. supinator als Ursprungsfeld dient.
tomicum den sog. Kollodiaphysenwinkel • In Richtung distal verjüngt sich das Olecra­
(Centrum-Collum-Diaphysen-Winkel, CCD- non zunächst zum Corpus ulnae. Es ist drei­
Winkel). Der Winkel beträgt zwischen 150– seitig prismatisch, sodass man Facies anteri­
180°. or, Facies posterior et Facies medialis sowie
Am Corpus humeri unterscheidet man 3 Flä­ Margo anterior, Margo interosseus et Margo
chen (lat. Facies) und 2 Ränder: Facies ante­ posterior unterscheidet.
romedialis, Facies anterolateralis et Facies • Das Corpus ulnae läuft nach distal zum Ca-
posterior sowie Margo medialis et Margo la­ put ulnae aus. Dieses formt einen Griffelfort­
teralis. satz (Processus styloideus ulnae), dem in
Auf der Facies posterior zieht der N. radialis Richtung Handgelenke ein intraartikulär ge­
im gewundenen Sulcus nervi radialis nach legener Diskus aufliegt, der Discus ulnocar­
distal. Von den Rändern des Sulcus n. radialis palis. Er ist auf der einen Seite am Proc. stylo­
entspringen Capites mediale et laterale des ideus ulnae befestigt und auf der anderen Sei­
M. triceps brachii. te an der Speiche. Er steht mit Mondbein (Os
• Epicondylus lateralis: Ursprung einiger Ex­ lunatum) und Dreiecksbein (Os triquetrum)
tensoren in Verbindung.
• Epicondylus medialis: Ursprung eines Teils • Radial artikuliert das Caput ulnae über die
der Flexoren Circumferentia articularis ulnae mit der In­
• Im Sulcus nervi ulnaris zieht oberflächen­ cisura ulnaris der Speiche im distalen Ra­
nah der N. ulnaris um den Epicondylus medi­ dioulnargelenk.
alis („Musikantenknochen“).
• Condylus humeri: setzt sich aus der Ober­ Der Discus ulnocarpalis trennt die Gelenk­
armrolle (Trochlea humeri) und dem Ober­
kapsel des distalen Radioulnargelenks vom
armköpfchen (Capitulum humeri) zusam­
proximalen Handgelenk ab.
men. Die medial gelegene Trochlea humeri
42
1
Speiche (Radius) ■ Gelenke und Bänder
• Lateraler Unterarmknochen
• Das Caput radii trägt 2 Gelenkflächen: Ellenbogengelenk
– Fovea articularis: eine kleine Vertiefung, Im Ellenbogengelenk (Art. cubiti) bilden Hume­
über die es mit dem Capitulum humeri rus, Radius und Ulna 3 Teilgelenke:
verbunden ist • Art. humeroulnaris: Scharniergelenk zwi­
– Circumferentia articularis radii: kreisför­ schen Trochlea humeri und Incisura troch­
mige Gelenkfläche, die sich lateral in die learis ulnae
Incisura radialis der Elle einschmiegt und • Art. humeroradialis: Kugelgelenk zwischen
somit das proximale Radioulnargelenk bil­ Capitulum humeri und Caput radii
det. • Art. radioulnaris proximalis: Radgelenk zwi­
• Am Übergang vom Collum radii zum Corpus schen Caput radii und Incisura radialis ulnae.
radii liegt die kräftige Tuberositas radii, die In seiner Gesamtheit bildet das Art. cubiti ein
als Ansatzstelle des M. biceps brachii dient. funktionelles Drehscharniergelenk (Trochogin-
glymus).
• Man unterscheidet am Corpus radii Facies
anterior, Facies posterior et Facies lateralis
sowie Margo anterior, Margo interosseus et Chassaignac-Lähmung: Wenn am Arm eines
Margo posterior. Kleinkinds bei gleichzeitiger Pronation zu
• Etwa in der Mitte der Facies lateralis liegt die stark gezogen wird, kann das Radiusköpfchen
Tuberositas pronatoria. An ihr inseriert der aus dem Lig. anulare radii herausluxieren
M. pronator teres. (perianuläre Luxation). Dabei wird das Band
• Der Margo interosseus läuft distalwärts in die zwischen Caput radii und Capitulum humeri
Incisura ulnaris aus. Sie steht mit der Cir­ eingeklemmt, sodass Pro- und Supination fe­
cumferentia articularis ulnae in Verbindung. dernd eingeschränkt sind. Typischer Unfall­
• Das Corpus radii verbreitert sich in Richtung mechanismus ist der Versuch, ein stolperndes
Handgelenke zum radialen Griffelfortsatz Kind durch rasches Hochziehen an der Hand
(Processus styloideus radii), der im Ver­ am Sturz zu hindern. Die Reposition erfolgt
gleich zum gleichnamigen Fortsatz der Elle durch Zug am Unterarm bei gleichzeitiger Ro­
mächtiger und stumpfer ist und als Ansatz­ tation und Druck auf das Radiusköpfchen.
stelle für den M. brachioradialis dient.
Gemeinsam mit dem Discus ulnocarpalis bil­ • Die Gelenkkapsel des Ellenbogengelenks um­
det der Proc. styloideus radii die kelchartige hüllt alle 3 Teilgelenke. Die Epikondylen des
Gelenkpfanne des proximalen Handgelenks Oberarmknochens sowie die Muskelansätze
(Facies articularis carpalis). Die Facies arti­ an Elle und Speiche liegen außerhalb.
cularis carpalis ist eine konkave, in 2 Felder • Mm. brachialis et anconeus spannen die
geteilte Fläche, die mit dem Kahnbein (Os Gelenkkapsel des Ellenbogengelenks und ver­
scaphoideum) und dem Os lunatum in direk­ hindern ein von Kapselanteilen.
tem Kontakt steht. Folgende Bänder sind von Bedeutung:
• Lig. anulare radii: zieht um die Circumferen­
tia articularis radii und befestigt den Radius
Böhler-Winkel: Die Facies articularis car-
proximal an der Ulna. Der distal des Ring­
palis radii steht nicht senkrecht auf der
bands gelegene Recessus sacciformis proxi-
Schaftachse, sondern ist um ca. 20–25° nach malis dient als Reservefalte bei Pro- und Su­
distal und 10–15° nach palmar gekippt. pinationsbewegungen des Unterarms.
• Lig. collaterale radiale: entspringt vom Epi­
condylus lateralis humeri und strahlt in das
Die distale Radiusfraktur ist mit 25 % der
Lig. anulare radii ein, sodass es die Rotations­
Fälle der häufigste Knochenbruch des Men­
bewegungen des Radius nicht behindert. Es
schen. Sie tritt besonders häufig auf, wenn
verhindert die Ablenkung der Speiche nach
man sich während eines Sturzes reflexartig
medial (Varisierung).
mit der Hand abstützt.
• Lig. collaterale ulnare: zieht als dreieckiges
Band vom Epicondylus medialis humeri so­
wohl zum Proc. coronoideus ulnae (Pars an­

43
3  Obere Extremität

terior) als auch zum Olecranon ulnae (Pars Syndesmosis radioulnaris


posterior). Es verhindert eine Ablenkung der • Zwischen Margo interosseus radii und Mar­
Elle nach lateral (Valgisierung). go interosseus ulnae spannt sich die Memb-
rana interossea antebrachii auf. Sie wird
Hueter-Dreieck: Bei Streckstellung liegen das proximal durch einen entgegengesetzt ver­
Olecranon der Elle und die beiden Epikondy­ laufenden Faserzug, die Chorda obliqua,
len des Oberarmknochens auf einer Linie. Bei verstärkt. Diese bindegewebigen Verbindun­
Beugestellung bilden diese anatomischen Ori­ gen wirken im Sinne einer Bandhaft und
entierungspunkte ein gleichschenkliges Drei­ werden daher auch als Syndesmosis ra-
eck. Abweichungen von dieser Regel weisen dioulnaris bezeichnet.
auf pathologische Verschiebungen, z. B. durch
eine Fraktur, hin. ■ Muskulatur
• Oberarmmuskulatur: ➜ Tabelle 3.5
Distales Radioulnargelenk • Unterarmmuskulatur:
Art. radioulnaris distalis: – Oberflächliche Extensoren: ➜ Tabelle 3.6
• Radgelenk zwischen Circumferentia articu­ – Tiefe Extensoren: ➜ Tabelle 3.7
laris ulnae und Incisura ulnaris radii – Oberflächliche Flexoren: ➜ Tabelle 3.8
• ermöglicht Pronation und Supination im Zu­ – Tiefe Flexoren: ➜ Tabelle 3.9
sammenspiel mit dem proximalen Radioul­ – Radialisgruppe: ➜ Tabelle 3.10.
nargelenk. Oberarm
Die Oberarmfaszie (Fascia brachii) umgibt die
• Pronation: Brot schneiden Muskeln des Oberarms. Septum intermusculare
• Supination: Suppe löffeln. brachii mediale et Septum intermusculare bra­
chii laterale ziehen von der Fascia brachii zum

Tab. 3.5  Oberarmmuskulatur


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. biceps • Caput longum: • Tuberositas radii N. muscu- • Gesamter Muskel:
brachii Tuberculum suprag- • Über Aponeurosis locutaneus – Anteversion im
lenoidale scapulae musculi bicipitis Schultergelenk
• Caput breve: brachii (Lacertus fib- – Flexion im Ellen-
Proc. coracoideus rosus) an der Unter- bogengelenk
scapulae armfaszie („Schnelligkeits-
beuger“)
– Supination bei
gebeugtem Arm
in den Radioul-
nargelenken
• Caput longum:
– Abduktion und
Innenrotation im
Schultergelenk
M. brachi- • Facies anterior hu- Tuberositas ulnae Flexion im Ellenbo-
alis meri gengelenk („Kraft-
• Septa intermuscula- beuger“)
ria brachii mediale
et laterale
M. anco- Epicondylus lateralis Facies posterior ulnae • Extension im Ellen-
neus humeri bogengelenk
• Spannen der Ge-
lenkkapsel des El-
lenbogengelenks

44
1
Tab. 3.5  Oberarmmuskulatur (Forts.)
Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. triceps • Caput longum: Olecranon ulnae N. radialis • Gesamter Muskel:
brachii Tuberculum infra­ Extension im Ellen-
glenoidale scapulae bogengelenk
• Caput laterale: • Caput longum:
– proximal des Sul- Retroversion und
cus n. radialis Adduktion im
– Septum inter­ Schultergelenk
musculare laterale
• Caput mediale:
– distal des Sulcus
n. radialis
– Septum inter­
musculare media-
le
M. anco- Epicondylus lateralis Facies posterior ulnae • Extension im Ellen-
neus humeri bogengelenk
• Spannen der Ge-
lenkkapsel des El-
lenbogengelenks

Oberarmknochen und unterteilen die Muskula­


tur in eine ventrale Beugerloge und eine dor- • Mm. biceps brachii und brachialis: wich­
sale Streckerloge. Die Beuger werden vom tige Muskeln der Flexion
N. musculocutaneus innerviert, die Strecker • M. biceps brachii: wichtigster Muskel der
vom N. radialis. Supination bei gebeugtem Arm
• M. triceps brachii: wichtigster Muskel der
Extension.

Tab. 3.6  Oberflächliche Extensoren


Muskel Ursprung Ansatz Inner­ Funktion
vation
M. extensor Epicondylus latera- Dorsalaponeurosen N. radialis • Dorsalextension in
­digitorum lis humeri der Finger 2–5 End-, Mittel- und
Grundgelenken der
Finger 2‑5 sowie in
den Handgelenken
• Spreizen der Finger

M. extensor digiti Epicondylus latera- Dorsalaponeurose • Dorsalextension in


minimi lis humeri des Kleinfingers Kleinfingerend-,
Kleinfingermittel-,
Kleinfingergrund-
und Handgelenken
• Ulnarabduktion in
den Handgelenken
• Abspreizen des
Kleinfingers
M. extensor carpi • Caput humerale: Basis ossis meta- Dorsalextension und
ulnaris Epicondylus la- carpi V Ulnarabduktion in
teralis humeri den Handgelenken
• Caput ulnare:
Facies posterior
ulnae
45
3  Obere Extremität

Tab. 3.7  Tiefe Extensoren


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. abductor • Facies posterior ulnae Basis ossis N. radialis • Radialabduktion in
pollicis longus • Membrana interossea metacarpi I den Handgelenken
antebrachii • Abduktion im Dau-
• Facies posterior radii mensattelgelenk
M. extensor • Facies posterior ulnae Basis der • Radialabduktion in
pollicis longus • Membrana interossea Phalanx dis- den Handgelenken
antebrachii talis I • Adduktion im Dau-
mensattelgelenk
• Dorsalextension im
Daumengrund- und
Daumenendgelenk
M. extensor • Facies posterior radii Basis der • Radialabduktion in
pollicis brevis • Membrana interossea Phalanx den Handgelenken
antebrachii proximalis I • Dorsalextension im
Daumensattel- und
Daumengrundgelenk
M. extensor Facies posterior ulnae Dorsalapo- Dorsalextension in End-,
­indicis neurose des Mittel- und Grundgelen-
Zeigefingers ken des Zeigefingers
sowie in den Handge-
lenken
M. supinator • Epicondylus lateralis Distal der Supination in den Ra-
humeri Tuberositas dioulnargelenken
• Olecranon ulnae radii
• Lig. collaterale radiale
• Lig. anulare radii

Unterarm
• Epicondylitis lateralis: entzündungsbe­
dingte Schmerzen an den Ursprüngen eini­
• M. extensor digitorum: wichtigster Mus­ ger Extensoren aufgrund einer chroni­
kel der Extension in den Fingergrund- schen Überbelastung. Da diese Beschwer­
und -mittelgelenken. den oft bei Tennisspielern auftreten, wird
die Erkrankung umgangssprachlich als
Tennisellenbogen bezeichnet.
• M. supinator: wichtigster Muskel der Su­ • Epicondylitis medialis: entzündliche Rei­
pination bei gestrecktem Arm. zung der Ursprungssehnen einiger Flexo­
ren, sog. Golferellenbogen.

Sehnenfächer
• M. pronator teres: wichtigster Muskel der
Das Retinaculum musculorum extensorum
Pronation.
manus ist ein verstärkte Teil der Unterarmfas­
zie (Fascia antebrachii), durch den die Exten­
sorensehnen in systematischer Staffelung nach
• M. flexor pollicis longus: wichtigster distal treten. Von radial nach ulnar ordnen
Muskel der Flexion im Daumenendgelenk sich folgende Extensorensehnen nebeneinan­
• M. flexor digitorum profundus: wichtigs­ der an:
ter Muskel der Flexion in den Fingerend­ • 1. Sehnenfach: M. abductor pollicis longus,
gelenken II–V M. extensor pollicis brevis
• Mm. flexor digitorum profundus und su­ • 2. Sehnenfach: M. extensor carpi radialis bre­
perficialis: wichtigste Muskeln der Flexi­ vis, M. extensor carpi radialis longus
on in den Fingermittelgelenken.

46
1
• 3. Sehnenfach: M. extensor pollicis longus • 5. Sehnenfach: M. extensor digiti minimi
• 4. Sehnenfach: M. extensor digitorum, M. ex­ • 6. Sehnenfach: M. extensor carpi ulnaris.
tensor indicis
Tab. 3.8  Oberflächliche Flexoren
Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. prona- • Caput humerale: Facies lateralis ra- N. media- • Flexion im Ellenbo-
tor teres Epicondylus medialis hu- dii nus gengelenk
meri • Pronation in den
• Caput ulnare: Radioulnargelen-
Proc. coronoideus ulnae ken
M. flexor Epicondylus medialis hu- Basis ossis meta- • Palmarflexion und
carpi ra- meri carpi II Radialabduktion in
dialis den Handgelenken
• Pronation in den
Radioulnargelenken
M. pal- Epicondylus medialis hu- Palmaraponeurose • Flexion im Ellenbo-
maris meri gengelenk
longus • Palmarflexion in
den Handgelenken
• Spannen der
Palmaraponeurose
M. flexor • Caput humerale: Phalanges me- • Flexion im Ellenbo-
digito- Epicondylus medialis hu- diae II–V gengelenk
rum su- meri • Palmarflexion in
perficia- • Caput ulnare: Mittel- und Grund-
lis Proc. coronoideus ulnae gelenken der Fin-
• Caput radiale: ger 2–5 sowie in
distal der Tuberositas radii den Handgelenken
M. flexor • Caput humerale: • Os pisiforme N. ulnaris Palmarflexion und
carpi ul- Epicondylus medialis hu- • Über Lig. pisoha- Ulnarabduktion in
naris meri matum am Ha- den Handgelenken
• Caput ulnare: mulus ossis ha-
Olecranon ulnae mati
• Über Lig. piso-
metacarpale an
der Basis ossis
metacarpi V

Tab. 3.9  Tiefe Flexoren


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. pronator Facies anterior ulnae Facies anterior N. medianus Pronation in den Ra-
quadratus radii dioulnargelenken
M. flexor polli- • Facies anterior Basis der Pha- • Palmarflexion im
cis longus r­ adii lanx distalis I Daumenend- und
• Membrana inter­ Daumengrundge-
ossea antebrachii lenk
• Opposition im Dau-
mensattelgelenk
• Palmarflexion und
Radialabduktion in
den Handgelenken
M. flexor digi- • Facies anterior Basis der Pha- • Finger 2 und 3: Palmarflexion in End-,
torum profun- ­ lnae
u langes dista- N. medianus Mittel- und Grundge-
dus • Membrana inter­ les II–V • Finger 4 und 5: lenken der Finger 2–5
ossea antebrachii N. ulnaris sowie in den Handge-
lenken
47
3  Obere Extremität

Tab. 3.10  Radialisgruppe


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. brachioradialis • Margo lateralis hu- Proc. styloide- N. radialis • Flexion im Ellenbo-
meri us radii gengelenk
• Septum intermuscu- • Pronation in den Ra-
lare brachii laterale dioulnargelenken
M. extensor carpi • Crista supracon- Basis ossis • Flexion im Ellenbo-
radialis longus dylaris lateralis metacarpi II gengelenk
• Septum intermus- • Dorsalextension und
culare brachii late- Radialabduktion in
rale den Handgelenken
M. extensor carpi Epicondylus lateralis Basis ossis
radialis brevis humeri metacarpi III

■ CHECK-UP
Nennen Sie die wichtigsten anatomischen Strukturen des Oberarmknochens und die Muskeln,
die von ihnen entspringen und an ihnen inserieren!
Erläutern Sie den Aufbau des Ellenbogengelenks!
Welche Extensoren entspringen nicht vom Epicondylus lateralis?
Was versteht man unter einem Tennisellenbogen, was unter einem Golferellenbogen?
Welche Muskeln ziehen durch welches Sehnenfach?

Hand
■ Knochen Sulcus carpi: knöcherne Rinne auf der Handin­
nenfläche. Sie wird gebildet durch:
Handwurzelknochen
• Eminentia carpi radialis: Höckerchen des
Proximale Reihe der Ossa carpi von radial nach
Kahnbeins (Tuberculum ossis scaphoidei)
ulnar:
und des Trapeziums (Tuberculum ossis tra­
• Kahnbein (Os scaphoideum) pezii)
• Mondbein (Os lunatum) • Eminentia carpi ulnaris: Os pisiforme und
• Dreiecksbein (Os triquetrum) der kleine Haken des Hakenbeins (Hamulus
• Erbsenbein (Os pisiforme). ossis hamati).
Distale Reihe von radial nach ulnar:
• Durch das Retinaculum musculorum flexo­
• Großes Vielecksbein (Os trapezium) rum zum Karpaltunnel (Canalis carpi) er­
• Kleines Vielecksbein (Os trapezoideum) gänzt. Der Canalis carpi umschließt Beuger­
• Kopfbein (Os capitatum) sehnen und den N. medianus.
• Hakenbein (Os hamatum).
Mittelhandknochen
Ossa metacarpi von proximal nach distal:
Es fuhr ein Kahn im Mondenschein im • Basis ossis metacarpi
Dreieck um das Erbsenbein, von Vieleck • Corpus ossis metacarpi
groß nach Vieleck klein, am Kopf muss der • Caput ossis metacarpi.
Haken sein.
Besonderheit.  Das Os metacarpi III besitzt
dorsal einen Griffelfortsatz (Processus styloide­
us ossis metacarpi III).

48
1
Fingerknochen Folgende Bänder schnüren die Handwurzelkno­
Die Ossa digitorum (Phalanges) setzen sich chen aneinander:
zusammen aus: • Ligg. intercarpalia interossea: begrenzen
• Fingergrundglied (Phalanx proximalis) Kipp- und Schiebebewegungen
• Fingermittelglied (Phalanx media) • Ligg. intercarpalia dorsalia und palmaria:
• Fingerendglied (Phalanx distalis). z. B. Lig. carpi radiatum auf Palmarseite ver­
klammert die Handwurzelknochen, Lig. carpi
arcuatum auf Dorsalseite begrenzt die
Am Daumen (Pollex) fehlt die Phalanx me­
Palmarflexion.
dia.

Im Art. mediocarpalis finden 1⁄3 der Palmar­


■ Gelenke und Bänder flexion, 2⁄3 der Dorsalextension sowie ¼ der
Proximales Handgelenk radialen und ulnaren Abduktion statt.
Art. radiocarpalis:
• Zwischen Facies articularis radii, Discus ulno­ Die distalen Verstärkungen der Unterarmfaszie
carpalis und den Handwurzelknochen Os sca­ (Fascia antebrachii) – das dorsale Retinaculum
phoideum, Os lunatum und Os triquetrum. musculorum extensorum manus und das ventra­
• Funktionell ein Eigelenk le Retinaculum flexorum manus – begrenzen die
• Gelenkkapsel entspringt vom distalen Ende Bewegungsmöglichkeiten der Karpalknochen.
der Knorpel-Knochen-Grenze des Corpus ra­ Da die dorsalen Bänder schwächer sind als die
dii. palmaren, hat die Palmarflexion einen größeren
• Wenn man die Hand palmarwärts beugt, ent­ Bewegungsumfang als die Dorsalextension.
stehen Beugefurchen, von denen die proxi­
malste Restricta heißt, die distalste Rascet- Interkarpalgelenke
ta. Das proximale Handgelenk liegt auf Höhe Artt. intercarpales:
der Restricta. • Verzweigungen des distalen Handgelenks,
Folgende Bänder stützen die Gelenkkapsel: daher auch als karpale Nebengelenke be­
• Ligg. radiocarpalia dorsale und palmare: zeichnet
hemmen die Ulnarabduktion • Funktionell Amphiarthrosen.
• Lig. collaterale carpi radiale: hemmt die Ul­ Karpometakarpalgelenke
narabduktion • Artt. carpometacarpales II–V: zwischen dis­
• Ligg. collaterale carpi ulnaria: hemmen die taler Reihe der Handwurzelknochen und den
Radialabduktion. Basen der Ossa metacarpi II–V. Durch fol­
gende Bänder werden diese Gelenke zu Am­
Im Art. radiocarpalis finden 2⁄3 der Palmar­ phiarthrosen eingeschränkt:
flexion, 1⁄3 der Dorsalextension sowie ¾ der – Ligg. carpometacarapalia dorsalia
radialen und ulnaren Abduktion statt. – Ligg. carpometacarpalia palmaria
• Art. carpometacarpalis pollicis: zwischen
Os trapezium und Os metacarpi I. Bewegli­
Überbeine (Ganglien): Aussackungen von cher als die anderen. Funktionell ein Sattelge­
Gelenkkapseln oder Sehnenscheiden, die mit lenk (Daumensattelgelenk)
Synovialflüssigkeit gefüllt sind.
Rhizarthrose: Arthrose des Daumensattelge­
Distales Handgelenk lenks.
Art. mediocarpalis:
• Zwischen der proximalen und distalen Reihe Intermetakarpalgelenke
der Handwurzelknochen • Artt. intermetacarpales: gelenkige Verbin­
• Funktionell ein „verzahntes Scharniergelenk“ dung der Basen der Ossa metacarpi II–V.
• Projiziert sich auf die Höhe der Rascetta Durch die Ligg. metacarpalia dorsalia, palma­
• Gelenkspalt verläuft wellenförmig. ria et interossea in ihrem Bewegungsausmaß
• Gelenkkapsel entspringt an den Handwurzel­ zu Amphiarthrosen begrenzt.
knochen.

49
3  Obere Extremität

• Die Capites der Ossa metacarpi II–V besit­ • Auslösende Faktoren: Alkoholabusus, Dia­
zen keine gelenkigen Verbindungen, sind je­ betes mellitus, Einnahme bestimmter Me­
doch über die Ligg. metacarpale transversum dikamente, z. B. Antiepileptika
profundum und transversum superficiale • Gelegentlich tritt die Dupuytren-Kon­
(„Schwimmhautband“) miteinander verbun­ traktur mit anderen Fibromatosen, z. B.
den. Morbus Ledderhose (Verhärtung der
Fingergrundgelenke Plantaraponeurose) oder der Induratio
• Artt. metacarpophalangeales II–V (MCP): penis plastica (Verhärtung der Penisfas­
– Morphologisch Kugelgelenke, durch starke zie), auf.
Seitenbänder (Ligg. collateralia) zu funk­
tionellen Scharniergelenken eingeengt Dorsalaponeurose
– Die Ligg. collateralia sind bei Extension Aponeurosis dorsalis:
entspannt und bei Flexion angespannt. Da­ • Verflechtung verschiedener Sehnenfasern zu
her können Finger nur im gestreckten Zu­ derben Bindegewebszügeln auf der Dorsalsei­
stand gut ab- und adduziert werden. te der Fingerknochen
• Art. metacarpophalangea pollicis: morpho­ • Die Aponeurosis dorsalis lässt sich in einen
logisch ein Kondylengelenk, das funktionell mittleren Trakt (Tractus intermedius) und
am ehesten einem Scharniergelenk ähnelt. einen lateralen Trakt (Tractus lateralis) glie­
Lateral und medial sind Sesambeine in die dern.
Gelenkkapsel eingelagert. • In den Tractus intermedius strahlen vorwie­
Fingermittel- und -endgelenke gend die Endsehnen der langen Extensoren,
Die Artt. interphalangeales proximales (proxi­ Mm. extensor indicis, extensor digitorum et
male Interphalangealgelenke, PIP) und distales extensor digiti minimi, ein.
(distale Interphalangealgelenke, DIP) sind Schar­ • Im Tractus lateralis vereinigen sich die End­
niergelenke, die palmar durch das Lig. palmare, sehnen der Mm. lumbricales mit denen der
seitlich durch die Ligg. collateralia und dorsal Mm. interossei.
durch die Dorsalaponeurose gesichert werden.
Palmaraponeurose • Eine Zerreißung der Dorsalaponeurose
Aponeurosis palmaris: führt abhängig von ihrer Lokalisation zu
• Derbe Kollagenfaserplatte, die über straffes einem charakteristischen klinischen Er­
Bindegewebe mit der Haut der Hohlhand ver­ scheinungsbild: Durch eine Ruptur der
wachsen ist. Sie schützt die Hohlhandgefäße Dorsalaponeurose über dem Grundgelenk
und -nerven. kann der betroffene Finger nicht mehr im
• Entspringt proximal am Retinaculum mus­ Grundgelenk, jedoch noch im Mittel- und
culorum flexorum manus und endet distal Endgelenk gestreckt werden. Reist die
am Lig. metacarpale transversum profun­ Dorsalaponeurose hingegen über dem
dum und an den Sehnenscheiden der Finger­ Mittelgelenk rutscht der Tractus lateralis
beuger palmarwärts ab, sodass das Grundgelenk
• Durch das Lig. metacarpale transversum su­ überstreckt und das Mittelgelenk dauer­
perficiale wird die Palmaraponeurose quer haft gebeugt ist (Knopflochdeformation).
verspannt. Wenn die Dorsalaponeurose über dem
• Die Mm. flexor palmaris brevis und longus Endgelenk reist, kommt es zu einem
ziehen die Aponeurosis palmaris stramm. kompletten Streckverlust des Endgelenks
mit hängender Phalanx distalis (Ham-
merfinger).
Dupuytren-Kontraktur:
• Knotenartige Verhärtung (Fibrosierung)
und Verkürzung der Palmaraponeurose. ■ Muskulatur
Führt zunächst zu einer Krümmung und • Thenargruppe: ➜ Tabelle 3.11
danach bis zur vollständigen Beugung ins­ • Hypothenargruppe: ➜ Tabelle 3.12
besondere des Ring- und Kleinfingers • Mittelhandgruppe: ➜ Tabelle 3.13.

50
1
Tab. 3.11  Thenargruppe
Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. oppo- • Os trapezium Os metacarpi I N. medianus Opposition im Dau-
nens polli- • Retinaculum muscu­ mensattelgelenk
cis lorum flexorum manus
M. abductor • Os scaphoideum Phalanx proxima- • Abduktion im Dau-
pollicis bre- • Retinaculum muscu­ lis des Daumens mensattelgelenk
vis lorum flexorum manus • Flexion im Daumen-
grundgelenk
M. flexor • Caput superficiale: Über radiales Se- • Caput su- • Gesamter Muskel:
pollicis bre- Retinaculum muscu­ sambein an der perficiale: . – Flexion im Dau-
vis lorum flexorum manus Phalanx proxima- N. media- mengrundgelenk
• Caput profundum: lis des Daumens nus – Extension im Dau-
– Os trapezium • Caput pro- menendgelenk
– Os capitatum fundum: . • Caput superficiale:
N. ulnaris Abduktion im Dau-
mensattelgelenk
• Caput profundum:
Adduktion im Dau-
mensattelgelenk
M. adductor • Caput obliquum: Über ulnares Se- N. ulnaris • Adduktion und Op-
pollicis – Os capitatum sambein an der position im Dau-
– Os metacarpi II Phalanx proxima- mensattelgelenk
• Caput transversum: lis des Daumens • Flexion im Daumen-
Os metacarpi III grundgelenk

Tab. 3.12  Hypothenargruppe


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. opponens • Hamulus ossis Os metacarpi V N. ulnaris • Opposition im Karpometa-
digiti minimi hamati karpalgelenk V
• Retinaculum
M. flexor digi- musculorum fle- Phalanx proxi- • Flexion im Kleinfinger-
ti minimi bre- xorum manus malis des Klein- grundgelenk
vis fingers
M. abductor • Os pisiforme • Phalanx pro- • Flexion und Abduktion im
digiti minimi • Retinaculum ximalis des Kleinfingergrundgelenk
musculorum fle- Kleinfingers • Extension im Kleinfinger-
xorum manus • Dorsalapo- mittel- und -endgelenk
neurose des
Kleinfingers
M. palmaris • Aponeurosis Haut des KIein- N. ulnaris • Spannen der Haut im Be-
brevis palmaris fingerballens reich des Kleinfingerballens
• Schutz der ulnaren Lei-
tungsbahnen

• Mm. lumbricales: wichtigste Muskeln der


Extension in den Fingerendgelenken
• Mm. interossei dorsales: wichtigste Mus­
keln beim Spreizen der Finger
• Mm. interossei palmares: wichtigste Mus­
keln beim Schließen der gespreizten Finger
• Mm. interossei palmares et dorsales:
wichtigste Muskeln der Flexion in den
Fingergrundgelenken.

51
3  Obere Extremität

Tab. 3.13  Mittelhandgruppe


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
Mm. lum- Einköpfig von radia- Radiale Sei- N. media- • Flexion in den Fingergrundge-
bricales I ler Seite der Sehnen te der Dor- nus lenken II–V
und II des M. flexor digito- salaponeu- • Extension in den Fingermittel-
rum profundus rosen der und Fingerendgelenken II–V
Finger 2–5
Mm. lum- Zweiköpfig von ein- N. ulnaris
bricales III ander zugewandten
und IV Seiten der Sehnen
des M. flexor digito-
rum profundus
Mm. inter­ Ossa metacar- Dorsalapo- • Flexion in den Fingergrundge-
ossei pi II, IV und V neurosen lenken II, IV und V
palmares   der Fin- • Extension in den Fingermittel-
I–III ger 2, 4 und Fingerendgelenken II, IV
und 5 und V
• Adduktion der Finger 2, 4
und 5 zum Mittelfinger (Schlie-
ßen der gespreizten Finger)
Mm. inter­ Zweiköpfig von ein- Dorsalapo- • Flexion in den Fingergrundge-
ossei ander zugewandten neurosen lenken II–IV
­dorsales   Seiten der Ossa me- der Fin- • Extension in den Fingermittel-
I bis IV tacarpi I–V ger 2–4 und Fingerendgelenken II–IV
• Abduktion der Finger 2 und 4
vom Mittelfinger (Abspreizen
der Finger)
• Ab- und Adduktion des Mittel-
fingers

■ CHECK-UP
Welche Knochen bilden die distale Reihe der Handwurzelknochen?
Nennen Sie alle Gelenke der Hand! Welchen funktionellen Gelenktypen lassen sie sich zuordnen?
Welchen anderen Namen hat das Daumensattelgelenk, welchen das Daumengrundgelenk?
Welche Funktionen besitzen die Muskeln der Mittelhandgruppe?

Nerven
■ Plexus brachialis (C5–Th1) Die Trunci teilen sich dorsal der Klavikula je­
weils in einen ventralen und einen dorsalen An­
• Gebildet durch die Rr. anteriores der Spinal­ teil (Divisiones anteriores und posteriores), aus
nerven der Segmente C5–Th1 gebildet denen drei Fasciculi hervorgehen, die entspre­
(➜ Abb. 3.2) chend ihrer Lage zur A. axillaris benannt wer­
• Innerviert sensibel und motorisch die obere den:
Extremität einschließlich der Schultermusku­ • Fasciculus posterior: geht aus den dorsalen
latur mit Ausnahme der Mm. trapezius, Anteilen aller drei Trunci hervor. Aus ihm
sternocleidomastoideus und omohyoideus. entspringen die Nn. subscapularis, thoraco­
Die Rr. anteriores lagern sich im Bereich der dorsalis, axillaris und radialis.
Skalenuslücke zu 3 Trunci um: • Fasciculus lateralis: geht aus den ventralen
• Truncus superior (C5 + C6) Anteilen der Trunci superior und medius
• Truncus medius (C7) hervor. Aus ihm entspringen die Nn. pectora­
• Truncus inferior (C8 + Th1)

52
1
C4

IV
*
C5
* Nn. spinales, Rr. anteriores
+ a Truncus superior
V
b Truncus medius
c Truncus inferior *
C6
a Fasciculus lateralis
b Fasciculus posterior 2 1
c Fasciculus medialis VI
*
3
Pars 4 +a C7
supraclavicularis
Divisiones anteriores
Divisiones posteriores 5 VII
*
3
+b
C8
*
6 +c I
11 *
T1
a b
Pars A. axillaris 7 II
infraclavicularis
c 9 10

N. musculocutaneus

N. medianus N. cutaneus brachii medialis


N. cutaneus antebrachii medialis
N. axillaris
N. ulnaris
8
N. radialis

1 N. phrenicus (Plexus cervicalis) 7 N. subscapularis


2 N. dorsalis scapulae 8 N. thoracodorsalis
3 Rr. musculares 9 N. pectoralis medialis
4 N. suprascapularis 10 N. thoracicus longus
5 N. subclavius 11 N. intercostalis
6 N. pectoralis lateralis

Abb. 3.2  Aufbau und Äste des Plexus brachialis (C5–T1), rechts [S007-1-23]

lis lateralis und musculocutaneus sowie die Obere Plexuslähmung (Läsion des Truncus
Radix lateralis des N. medianus. superior):
• Fasciculus medialis: wird vom ventralen • Parese der Abduktoren und Außenrotato­
Anteil des Truncus inferior gebildet. Von ihm ren der Schulter sowie der Flexoren und
gehen die Nn. pectoralis medialis, cutaneus Supinatoren des Unterarms
brachii medialis, cutaneus antebrachii media­ • Sensibilitätsstörungen im Hautareal über
lis, ulnaris sowie die Radix medialis des dem M. deltoideus.
N. medianus ab.

53
3  Obere Extremität

Untere Plexuslähmung (Läsion des Truncus Läsionen des N. thoracodorsalis und führen
inferior): zu Innenrotations- und Adduktionsschwäche.
• Parese der kurzen Handmuskeln und der
Fingerbeuger: Faustschluss ist nicht möglich. N. axillaris (C5 + C6)
• Sensibilitätsstörungen am medialen Unter­ Verlauf.  Zunächst unterhalb des Schulterge­
arm. lenks, tritt dann gemeinsam mit der A. und
V. circumflexa humeri posterior durch die late­
Pars supraclavicularis rale Achsellücke und gelangt um das Collum
Die Äste der Pars supraclavicularis sind rein chirurgicum des Humerus zum M. deltoideus.
motorisch und entspringen entweder direkt den
Rr. anteriores der Spinalnerven oder dem Trun­ Innervationsgebiet: 
cus superior: • M: M. teres minor und M. deltoideus
• Rr. musculares (M, C5 + C6): innervieren • S: Schultergelenkkapsel und über den N. cu­
die Mm. scaleni taneus brachii lateralis superior die Haut
• N. dorsalis scapulae (M, C3–C5): durch­ über dem M. deltoideus.
bohrt den M. scalenus medius und innerviert
den M. levator scapulae sowie die Mm. rhom­ Läsionen des N. axillaris, z. B. durch Schul­
boidei major und minor tergelenkluxationen oder Humerushalsfraktu­
• N. suprascapularis (M, C4–C6): verläuft ren: Abduktionsstörung, Außenrotations­
durch die Incisura scapulae und innerviert schwäche sowie Sensibilitätsstörungen über
die Mm. supraspinatus und infraspinatus dem M. deltoideus.
• N. thoracicus longus (M, C5–C7): durch­
bohrt den M. scalenus medius und innerviert N. radialis (C6–Th1)
den M. serratus anterior Verlauf.  Gelangt durch den Trizepsschlitz in
• N. subclavius (M, C5 + C6): versorgt den den Sulcus n. radialis, in dem er spiralig um
M. subclavius. die Rückseite des mittleren Drittels des Hume­
russchafts verläuft. In der Ellenbeuge teilt er
• Läsionen des N. suprascapularis führen sich in
zu Abduktions- und Außenrotations­ • R. profundus: durchdringt den M. supinator
schwäche. im Supinatorkanal und läuft weiter zwischen
• Läsionen des N. thoracicus longus ma­ oberflächlichen und tiefen Extensoren des
chen sich mit Scapula alata, bei welcher Unterarms
der Margo medialis scapulae absteht, und • R. superficialis: zieht in der radialen Gefäß-
Elevationsschwäche bemerkbar. Nerven-Straße zum Handrücken.
Innervationsgebiet N. radialis: 
Kurze Äste der Pars infraclavicularis • M:
Es gibt 6 kurze Äste: – Die Rr. musculares, die den M. triceps bra­
• N. pectoralis lateralis (M, C5–C7): zum chii innervieren, zweigen vor Eintritt in
M. pectoralis major den Sulcus n. radialis ab.
• N. pectoralis medialis (M, C8 + Th1): zum – Die Rr. musculares zum M. brachioradia­
M. pectoralis minor lis, zu den Mm. extensor carpi radialis lon­
• N. cutaneus brachii medialis (S, Th1): zieht gus und brevis und zum M. anconeus ge­
durch die Achselhöhle und versorgt die Haut hen nach Austritt aus dem Sulcus n. radia­
des medialen Oberarms lis ab.
• N. cutaneus antebrachii medialis (S, C8 + • S:
Th1): verläuft an der Medialseite des Ober­ – Der N. cutaneus brachii posterior zweigt
arms und innerviert die Haut des medialen vor dem Trizepsschlitz zur Haut des dorsa­
Unterarms len Oberarms ab.
• Nn. subscapulares (M, C5–C8): zum – Der N. cutaneus brachii lateralis inferior,
M. subscapularis, häufig M. teres major der die Haut des lateralen Oberarms inner­
• N. thoracodorsalis (M, C6–C8): zum M. la­ viert, spaltet sich vor Eintritt in den Sulcus
tissimus dorsi und M. teres major. n. radialis ab.
54
1
– Der N. cutaneus antebrachii posterior geht • Zwischen den Köpfen des M. flexor carpi ul­
im Sulcus n. radialis zur Haut des dorsalen naris tritt er wieder auf die Beugeseite
Unterarms hin ab. • Zieht entlang des M. flexor carpi ulnaris zum
Handgelenk
Innervationsgebiet R. profundus: 
• M – alle Extensoren des Unterarms: Mm. supi­ • Überkreuzt das Retinaculum flexorum radial
des Os pisiforme in der Guyon-Loge
nator, extensor digitorum, extensor digiti mini­
mi, extensor carpi ulnaris, extensor carpi radia­
• Teilt sich in den R. profundus und R. superfi­
cialis.
lis brevis, extensor pollicis longus und brevis,
extensor indicis sowie abductor pollicis longus Innervationsgebiet N. ulnaris: 
• S: über den N. interosseus antebrachii poste­ • M: M. flexor carpi ulnaris und ulnarer Teil
rior das Handgelenk. des M. flexor digitorum profundus
Innervationsgebiet R. superficialis: 
• S: über den R. dorsalis n. ulnaris die Haut des
ulnaren Handrückens und die Haut der Dor­
• S: Haut des radialen Handrückens und über salseite der ulnaren 2½ Finger bis zur Mittel­
meist 5 Nn. digitales dorsales die Haut der
phalanx; über den R. palmaris n. ulnaris die
Dorsalseite der radialen 2½ Finger bis zur
Haut des ulnaren Handgelenks und des Hy­
Mittelphalanx
pothenars.
• Autonomgebiet: 1. Interdigitalraum dorsal.
Innervationsgebiet R. profundus. 
Läsionen.  Siehe ➜ Tabelle 3.14.
M: Mm. abductor, flexor und opponens digiti
N. musculocutaneus (C5–C7) minimi, Mm. interossei palmares und dorsales,
Verlauf.  Durchbohrt den M. coracobrachialis Mm. lumbricales III + IV, M. adductor pollicis,
und läuft zwischen M. brachialis und M. biceps Caput profundum des M. flexor pollicis brevis.
brachii zur Ellenbeuge.
Innervationsgebiet R. superficialis: 
Innervationsgebiet:  • M: M. palmaris brevis
• M: M. coracobrachialis, M. biceps brachii, • S: über Nn. digitales palmares proprii die
M. brachialis Haut der Palmarseite der ulnaren 1½ Finger
• S: über den N. cutaneus antebrachii lateralis sowie der Dorsalseite der entsprechenden
die Haut des radialen Unterarms. Endphalangen
• Autonomgebiet: Endglied des kleinen Fin­
Läsionen des N. musculocutaneus treten am gers.
häufigsten in der Ellenbeuge auf und betreffen
in diesem Fall nur den sensiblen Endast mit Läsionen.  Siehe ➜ Tabelle 3.15.
Sensibilitätsstörungen am radialen Unterarm. N. medianus (C6–Th1)
Verlauf: 
N. ulnaris (C8 + Th1) • Entsteht aus zwei Wurzeln, der Radix latera­
Verlauf:  lis und Radix medialis, die als Medianusga-
• Zunächst im Sulcus bicipitalis medialis bel die A. axillaris umfassen
• Dann im Sulcus n. ulnaris hinter dem Epi­ • Im Sulcus bicipitalis medialis ohne Astabgabe
condylus medialis humeri zur Ellenbeuge

Tab. 3.14  Klinik bei Läsionen des N. radialis abhängig vom Läsionsort (+ = ja, – = nein)
Klinisches Bild Proximale Läsion Mittlere Läsion Distale Läsion
Typische Läsion im/in der Axilla Sulcus n. radialis Supinatorkanal
Parese des M. trizeps brachii + – –
Fallhand (durch Parese der langen + + –
Hand- und Fingerstrecker)
Parese der Fingerstrecker + + +
Sensibilitätsstörungen im Autonom- + + –
gebiet

55
3  Obere Extremität

• Zwischen den Köpfen des M. pronator teres – Über den N. digitalis palmaris communis I
in die mittlere Gefäß-Nerven-Straße die Mm. lumbricales I + II, M. abductor
• Durch den Canalis carpi zur Hohlhand. pollicis brevis, M. opponens pollicis und
Caput superficiale des M. flexor pollicis
Innervationsgebiet:  brevis
• M: – Über den N. interosseus antebrachii anteri­
– Über Rr. musculares die Mm. pronator te­ or der M. flexor pollicis longus, den radia­
res, flexor carpi radialis, palmaris longus, len Teil des M. flexor digitorum profundus
flexor digitorum superficialis und der M. pronator quadratus.

Tab. 3.15  Klinik bei Läsionen des N. ulnaris abhängig vom Läsionsort (+ = ja, – = nein)
Klinisches Bild Proximale Läsion Mittlere Läsion Distale Läsion
Typische Läsion im/in der Sulcus n. ulnaris Guyon-Loge Hohlhand
Parese des M. flexor carpi ulnaris + – –
Krallenhand durch Parese der Mm. interos- + + +
sei und der Mm. lumbricales III + IV: Finger-
grundgelenke überstreckt und die Mittel-
und Endgelenke leicht gebeugt
Daumen-Kleinfinger-Probe: gegenseitige negativ negativ negativ
Berührung der beiden Finger nicht mehr
möglich
Froment-Zeichen: Daumenendglied wird positiv positiv positiv
beim Halten eines Papiers kompensatorisch
gebeugt
Sensibilitätsstörungen im Autonomgebiet + + –

Tab. 3.16  Klinik bei Läsionen des N. medianus vom Läsionsort (+ = ja, – = nein)
Klinisches Bild Proximale Läsion Distale Läsion
Typische Läsion am/im Ellenbogen Karpaltunnel
Schwurhand: beim Versuch des Faustschlusses keine Beu- + –
gung des Daumens und der radialen Finger möglich
Daumen-Kleinfinger-Probe negativ negativ
Sensibilitätsstörungen im Autonomgebiet + +
Atrophie der Thenarmuskulatur + +

Tab. 3.17  Kennmuskeln, Reflexe und Dermatome wichtiger Rückenmarksegmente (RS) für die obe-
re Extremität
RS Kennmuskel Reflex mit beteiligtem Nerv Dermatom
C5 M. biceps brachii Bizepssehnenreflex: N. muscu- Außen- und Rückseite der
locutaneus Schulter, proximaler lateraler
Oberarm
C6 M. brachioradialis Radiusperiostreflex: N. radialis, Distaler lateraler Oberarm,
N. musculocutaneus radialer Unterarm, Daumen
und Zeigefinger
C7 M. triceps brachii Trizepssehnenreflex: N. radialis Mittlere drei Finger, dorsal
mittig am Unterarm
C8 M. abductor digiti mi- Trömner-Reflex: N. ulnaris, Ring- und Kleinfinger, dorsa-
nimi, Mm. interossei N. medianus ler ulnarer Unterarm

56
2
• S: – Autonomgebiet: Fingerkuppen des 2. und
– Über den R. palmaris n. mediani die Haut 3. Fingers.
von Handwurzel, Thenar und die radialen
Läsionen.  Siehe ➜ Tabelle 3.16.
zwei Drittel der Hohlhand
– Über die Nn. digitales palmares proprii die
Haut der Palmarseite der radialen 2½ Fin­ ■ Dermatome, Kennmuskeln und
ger sowie der Dorsalseite der Zeigefinger- Reflexe
Endphalanx Siehe ➜ Tabelle 3.17 und ➜ Abbildung 2.3.

■ CHECK-UP
Wie kommen die Trunci und Fasciculi des Plexus brachialis zustande?
Welche Folgen haben obere bzw. untere Plexuslähmungen?
Welches klinische Bild entsteht bei Läsionen des N. suprascapularis, des N. thoracicus longus
und des N. thoracodorsalis?
An welchen Stellen und mit welchen klinischen Zeichen treten Läsionen des N. axillaris, des
N. radialis, des N. ulnaris und des N. medianus auf?
Benennen Sie Kennmuskeln und Dermatome für die Rückenmarksegmente, die den Plexus
brachialis bilden!

Arterien
■ A. subclavia ■ A. axillaris
Verlauf:  Verlauf.  Sie verläuft unterhalb der Mm. pecto­
• Die A. subclavia dextra entspringt aus dem rales, an deren Unterrand sie sich in die A. bra­
Truncus brachiocephalicus, die A. subclavia chialis fortsetzt. Der Puls der A. axillaris ist tief
sinistra aus dem Aortenbogen. in der Achselhöhle tastbar.
• Die A. subclavia verläuft dann beidseits über
die Pleurakuppel durch die Skalenuslücke Äste: 
und weiter zwischen Klavikula und 1. Rippe • A. thoracica superior: zu den Mm. pectora­
hindurch in die Achselhöhle les
• Setzt sich in die A. axillaris fort. • A. thoracoacromialis: zu den Mm. subclavi­
us, deltoideus und pectorales.
Äste:  • A. thoracica lateralis: zu M. serratus anteri­
• A. vertebralis: zum Gehirn or und Brustdrüse.
• A. thoracica interna: zur Brustwand • A. subscapularis:
• Truncus thyrocervicalis: zur Brustwand – A. thoracodorsalis, die zum M. latissimus
– A. thyroidea inferior: zur Schilddrüse dorsi und M. serratus anterior zieht
– A. cervicalis ascendens: zum Hals – A. circumflexa scapulae durch die mediale
– A. suprascapularis ↔ A. circumflexa scapu­ Achsellücke ↔ A. suprascapularis und
lae ↔ A. dorsalis scapulae.
– A. transversa cervicis mit A. dorsalis sca­ • A. circumflexa humeri anterior: vorne um
pulae ↔ A. circumflexa scapulae. das Collum chirurgicum zum M. deltoideus.
• Truncus costocervicalis: zum Hals • A. circumflexa humeri posterior: durch die
laterale Achsellücke unter den M. deltoideus.
Die A. subclavia kann bei Blutungen als Erste-
Hilfe-Maßnahme zwischen Klavikula und ■ A. brachialis
1. Rippe durch kräftigen Zug am Arm nach
hinten komprimiert werden. Verlauf.  Sie verläuft im Sulcus bicipitalis me­
dialis, wo ihr Puls getastet werden kann. Ver­

57
3  Obere Extremität

sorgt die Beugeseite des Oberarms. In der Ellen­ • Setzt sich in den Arcus palmaris profundus
beuge teilt sie sich in die A. radialis und die fort ↔ R. palmaris profundus der A. ulna­
A. ulnaris. ris.
Äste:  Versorgungsgebiet.  Die A. radialis versorgt
• A. profunda brachii: zieht mit N. radialis die radiale Muskelgruppe, die radial gelegenen
durch den Trizepsschlitz und den Sulcus Flexoren und den Radius.
n. radialis und versorgt die Streckseite des
Oberarms.
• Aa. collaterales ulnares superior und infe- ■ A. ulnaris
rior: zum Rete articulare cubiti. Verlauf: 
• Tritt zwischen oberflächlichen und tiefen
■ A. radialis Beugern in die ulnare Gefäß-Nerven-Straße,
wo ihr Puls proximal des Handgelenks tast­
Verlauf:  bar ist
• Verläuft in der radialen Gefäß-Nerven-Stra­ • Zieht in der Guyon-Loge radial des Os pisi­
ße, wo ihr Puls zwischen dem distalen Ra­ forme über das Retinaculum flexorum
dius­ende und der Sehne des M. flexor digito­ • Setzt sich in den Arcus palmaris superficialis
rum profundus tastbar ist fort ↔ R. palmaris superficialis der A. radialis.
• Gelangt nach dorsal in die Tabatiere
• Durch den M. interosseus dorsalis I in die Versorgungsgebiet.  Die A. ulnaris versorgt
Hohlhand die ulnar gelegenen Flexoren und die Ulna.

■ CHECK-UP
Wo können die Pulse der großen Arterien der oberen Extremität getastet werden?
Welche Anastomosen existieren im Schulterbereich?

Venen
Die venöse Drainage der oberen Extremität er­ ■ Oberflächliche Venen
folgt über:
• Tiefe, subfaszial gelegene Venen, die mit den • Rete venosum dorsale manus: drainiert den
gleichnamigen Arterien verlaufen, und größten Anteil der Hand. Als Fortsetzung bil­
• Oberflächliche, epifaszial gelegene Venen oh­ det es radial die V. cephalica und ulnar die
ne arterielle Entsprechung. V. basilica.
• V. cephalica: verläuft entlang der radialen
Unterarmseite und der lateralen Bizepsfur­
■ Tiefe Venen che, bevor sie im Trigonum clavipectorale
Bis auf die V. axillaris und die V. subclavia paa- durch die Faszie tritt und in die V. axillaris
rig angelegt. mündet
Arcus venosus palmaris profundus und superfi­ • V. basilica: zieht entlang der ulnaren Unter­
cialis → Vv. radiales und Vv. ulnares → Vv. bra­ armseite und der medialen Bizepsfurche, wo
chiales → V. axillaris → V. subclavia, verläuft vor sie in der Oberarmmitte durch die Faszie tritt
dem M. scalenus anterior nach medial, mit der und in eine der Vv. brachiales mündet
V. jugularis interna im Venenwinkel → V. bra­ • V. mediana cubiti: verbindet die V. cephalica
chiocephalica. und die V. basilica in der Ellenbeuge.

■ CHECK-UP
Welche grundlegenden Unterschiede weisen die zwei venösen Systeme der oberen Extremität auf?
Beschreiben Sie Entstehung und Verlauf der V. cephalica und der V. basilica!

58
2
Lymphknoten und Lymphgefäße
Es gibt ein oberflächliches, epifasziales und ein • Einen Teil des unteren Halsabschnitts.
tiefes, subfasziales System. Von den axillären Lymphknoten fließt die
Lymphknotenstationen: Nll. cubitales in der El­ Lymphe in den Truncus subclavius. Dieser
lenbeuge und Nll. axillares in der Achselhöhle. führt sie:
Die 20–50 axillären Lymphknoten drainieren: • → rechts über den Ductus lymphaticus dexter
• Obere Extremität zum → Blutkreislauf
• Ca. 75 % der Lymphe der Mamma • → links über den Ductus thoracicus zum →
• Den überwiegenden Teil der oberen Rumpf­ Blutkreislauf.
wand

■ CHECK-UP
Aus welche Körperregionen erhalten die Nll. axillares Lymphe?

Angewandte und topografische Anatomie


Skalenuslücke.  Ventral begrenzt durch M. sca­ – Zentral und medial: A. brachialis mit Auf­
lenus anterior, dorsal durch M. scalenus medius zweigung
und kaudal durch die 1. Rippe. Durch sie treten der – Medial der A. brachialis: N. medianus
Plexus brachialis und die A. subclavia hindurch. • Im oberflächlichen Kompartiment liegen:
– Lateral: N. cutaneus antebrachii lateralis
Schulter.  Siehe ➜ Abbildung 3.3. und V. cephalica
Achselhöhle (Fossa axillaris):  – Diagonal über die Fossa cubitalis ziehend:
• Begrenzungen der Achselhöhle: V. mediana cubiti
– Eingang: 1. Rippe, Klavikula, Oberrand der – Medial: N. cutaneus antebrachii medialis
Skapula und V. basilica.
– Boden: Haut der Armbeuge, Fascia axillaris Karpaltunnel (Canalis carpi): 
– Vorderwand: Mm. pectorales • Dorsal durch den von den Handwurzelkno­
– Hinterwand: M. subscapularis, M. teres chen gebildeten Sulcus carpi und ventral
major, M. latissimus dorsi durch das Retinaculum flexorum begrenzt
– Mediale Wand: M. serratus anterior • Enthält: N. medianus, Sehnen der Mm. flexor
– Laterale Wand: Caput breve des M. biceps digitorum superficialis und profundus,
brachii, M. coracobrachialis, Humerus M. flexor pollicis longus und des M. flexor
• Gefäß-Nerven-Bündel in der Achselhöhle: carpi radialis.
– A. und V. axillaris
– Pars infraclavicularis des Plexus brachialis Guyon-Loge: 
– Nn. intercostobrachiales, N. thoracicus • Eingang wird dorsal durch das Retinaculum
longus und N. thoracodorsalis. flexorum, ventral durch das Lig. carpi palma­
• Die Achselhöhle steht über zwei Achsellücken re und ulnar durch das Os pisiforme begrenzt
mit der Regio scapularis und über den Tri- • Enthält N. ulnaris, A. ulnaris und Begleitvenen.
zepsschlitz mit dem Oberarm in Verbindung
(➜ Tab. 3.18). Tabatière:
• Radial durch die Sehnen des M. abductor pol­
Ellenbeuge (Fossa cubitalis).  Wird durch die licis longus und des M. extensor pollicis bre­
Fascia antebrachii in ein tiefes und ein ober­ vis begrenzt, ulnar durch die Sehne des
flächliches Kompartiment geteilt: M. extensor pollicis longus
• Im tiefen Kompartiment liegen: • Boden wird zum Großteil durch das Os sca­
– Lateral: N. radialis mit Teilung in seine phoideum und das Os trapezium gebildet
Endäste • A. radialis und Begleitvenen ziehen durch.
59
3  Obere Extremität

Abb. 3.3  MRT-Frontalschnitt durch die Schulter. 1 = Cavitas glenoidalis, 2 = Acromion, 3 = Tubercu-
lum majus humeri, 4 = Collum anatomicum humeri, 5 = M. trapezius, 6 = M. supraspinatus, 7 =
M. deltoideus, 8 = M. subscapularis, 9 = M. teres major [E484]

Tab. 3.18  Achsellücken und Trizepsschlitz


Durchtritt Begrenzungen
Mediale Achsellücke • Kranial: M. teres minor
• A. und V. circumflexa scapulae • Kaudal: M. teres major
• Lateral: Caput longum des M. triceps brachii

Laterale Achsellücke • Kranial: M. teres minor


• A. und V. circumflexa humeri posterior • Kaudal: M. teres major
• N. axillaris • Medial: Caput longum des M. triceps brachii
• Lateral: Collum chirurgicum des Humerus

Trizepsschlitz • Kranial: M. teres major


• A. profunda brachii und Begleitvenen • Medial: Caput longum des M. triceps brachii
• N. radialis • Lateral: Humerusschaft

■ CHECK-UP
Welche Strukturen begrenzen die Achsellücken und den Trizepsschlitz?
Welche Strukturen treten durch die Achsellücken und den Trizepsschlitz?
Welche Strukturen begrenzen die Tabatière?

60
2
4  Untere Extremität
Grundkenntnisse der Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61

Hüfte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61

Oberschenkel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64

Unterschenkel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67

Fuß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72

Nerven . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77

Arterien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82

Venen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83

Lymphknoten und Lymphgefäße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84

Angewandte und topografische Anatomie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84

Grundkenntnisse der Entwicklung


Die Entwicklung der unteren Extremität läuft genwachstum anregt. Unter Einfluss des Ent-
prinzipiell genauso ab wie die Entwicklung der wicklungsfaktors Sonic Hedgehog formt sich
oberen. Allerdings ist der gesamte Entwicklungs- danach aus dem mesenchymalen Kern ein mes-
prozess um etwa 2 Tage verzögert. Am Anfang enchymales Vorläuferskelett (Primordialske-
der 5. EW erscheinen die kaudalen Extremitäten- lett), das ab der 7. EW zu verknöchern beginnt.
knospen (Beinknospen) an den kaudalen Enden Die Knochen der unteren Extremität entstehen
der Extremitätenleisten (➜ Kap. 3). Sie bestehen rein durch chondrale Ossifikation. Die Vor-
aus einem mesenchymalen Kern der Somato- läuferzellen der Muskulatur stammen aus den
pleura des Seitenplattenmesoderms, der von ei- ventralen Dermatomyotomen der lumbosak-
ner ektodermalen Hülle umgeben ist. Distal ver- ralen Somiten. Im Gegensatz zur oberen Extre-
dickt sich das Ektoderm zur Randleiste, die mität entwickeln sich aus den dorsalen Vormus-
durch Expression des Fibroblastic Growth Fac- kelmassen die Flexoren und aus den ventralen
tor (FGF) den mesenchymalen Kern zum Län- die Extensoren.

■ CHECK-UP
Welche Unterschiede gibt es zwischen der Entwicklung der oberen und unteren Extremität?

Hüfte
■ Knochen ■ Gelenke und Bänder
Hüftbein (Os coxae) Hüftgelenk
Siehe ➜ Kapitel 5. Das Hüftgelenk (Art. coxae) ist ein Nussgelenk
(Art. cotylica), da die Gelenkpfanne mehr als
61
4  Untere Extremität

die Hälfte des Gelenkkopfs umschließt. In ihm • Lig. ischiofemorale: entspringt vom aceta-
artikuliert die knorpelige Facies lunata der bulären Bereich des Os ischii und inseriert in
Hüftpfanne (Acetabulum) mit dem Kopf des der Fossa trochanterica (Pars superior) und
Oberschenkelknochens (Caput femoris). Das fa- an der Linea intertrochanterica (Pars inferi-
serknorpelige Labrum acetabuli entspringt am or). Gemeinsam begrenzen die Partes die Ad-
Rand des Acetabulum und erweitert die Auflage- duktion. Die Pars superior hemmt darüber
fläche der Hüftpfanne. hinaus die Innenrotation. Das Lig. ischiofe-
morale strahlt dorsal in die Gelenkkapsel ein.
Die Gelenkkapsel des Hüftgelenks entspringt • Lig. pubofemorale: hat seinen Ursprung am
proximal des Labrum acetabuli ebenfalls Ramus superior ossis pubis und seine Ansät-
vom Acetabulum und schließt nahezu den ze an der Linea intertrochanterica und am
gesamten Schenkelhals des Oberschenkel- Trochanter minor femoris. Es begrenzt die
knochens (Collum femoris) ein, sodass so- Außenrotation in Extensionstellung und die
wohl das Labrum als auch die Epiphysenfuge Abduktion bei jeglicher Beinstellung.
intrakapsulär liegen. Der große und kleine Die genannten Bänder vereinigen sich distal in
Rollhügel des Oberschenkelknochens (Tro- einem Faserring (Lig. arcuatum femoris, Zona
chanteres major et minor femoris) sowie die orbicularis), der den gesamten Schenkelhals
Fossa trochanterica liegen hingegen extra- umschließt und einer Luxation des Hüftkopfs
kapsulär. vorbeugt.
Zwischen Fovea capitis des Oberschenkelkno-
chen und Fossa acetabuli spannt sich intraarti-
Die Gelenkkapsel ist am entspanntesten, wenn kulär das Lig. capitis femoris auf. Es besitzt kei-
der Oberschenkel etwas gebeugt, abduziert und nerlei mechanische Haltefunktion, sondern ent-
auswärts gedreht ist. Diese Stellung nehmen Pa- hält den R. acetabularis der A. obturatoria zur
tienten unwillkürlich bei einer Entzündung des arteriellen Versorgung des Oberschenkelkopfs.
Hüftgelenks (Coxitis) ein.
Das Hüftgelenk ist durch straffe Bänder gesichert:
• Lig. iliofemorale (Bertini-Band): stärkstes ■ Muskulatur
Band des menschlichen Körpers. Es zieht von Der M. iliopsoas setzt sich zusammen aus
der Spina iliaca anterior inferior zum Tro- M. iliacus, M. psoas major et M. psoas minor
chanter major (Pars transversa), zum Tro- (➜ Tab. 4.1).
chanter minor (Pars longitudinalis) sowie zur
Linea intertrochanterica.
M. iliopsoas: wichtigster Muskel der Flexion.
– Pars transversa: limitiert Adduktion und
Außenrotation
– Pars longitudinalis: limitiert Extension und
Innenrotation M. gluteus maximus (➜ Tab. 4.2): wichtigs-
• Das Lig. iliofemorale strahlt in den ventralen ter Muskel der Extension und Außenrotati-
Kapselabschnitt ein. Es ist bei Extension an- on
gespannt und verhindert so eine Überstre- Mm. glutei medius et minimus: wichtigste
ckung im Hüftgelenk oder ein Rückwärtskip- Muskeln der Abduktion.
pen des Rumpfs.

Tab. 4.1  Innere Hüftmuskeln


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. iliacus Fossa iliaca Trochanter • N. femoralis • Punctum fixum an der Wirbelsäule:
ossis ilii minor femo- • direkte Äste Flexion und Außenrotation im Hüft-
ris des Plexus gelenk
M. psoas • BWK 12
­lumbalis • Punctum fixum am Oberschenkel-
major • LWK 1–4
knochen:
M. psoas • BWK 12 • Lateralflexion der LWS (einseitig)
minor • LWK 1 • Aufrichten des Rumpfs aus hori-
zontaler Ruhelage (beidseitig)

62
2
Tab. 4.2  Äußere Hüftmuskeln
Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion im Hüftgelenk
M. tensor Spina iliaca anterior Tractus ilioti- N. gluteus • Flexion, Abduktion und
­fasciae latae superior bialis superior Innenrotation im Hüft-
gelenk
• Spannen des Tractus
iliotibialis
M. gluteus • Os sacrum • Tractus ilio-N. gluteus • Gesamter Muskel:
­maximus • Os coccygis tibialis i­ nferior Extension und Außen-
• Lig. sacrotuberale • Tuberositas rotation im Hüftgelenk
• Fascia thoraco- glutea femo- • Laterokranialer Teil:
lumbalis ris Abduktion im Hüftge-
lenk
• Mediokaudaler Teil:
Adduktion im Hüftge-
lenk
M. gluteus Ala ossis ilii zwi- Trochanter N. gluteus • Gesamter Muskel:
­medius schen Crista iliaca major femoris superior Abduktion im Hüftge-
und den Lineae glu- lenk
tea anterior et pos- • Vordere Fasern:
terior Flexion und Innenrota-
tion im Hüftgelenk
M. gluteus Ala ossis ilii zwi- • Hintere Fasern:
­minimus schen Linea glutea Extension und Außen-
anterior und Linea rotation im Hüftgelenk
glutea inferior
M. piriformis Os sacrum Direkte Äste Extension, Abduktion und
des Plexus Außenrotation im Hüftge-
sacralis lenk
M. obturatorius Innenfläche der Fossa trochan- • Außenrotation im Hüft-
internus Membrana obtura- terica femoris gelenk
toria • Adduktion im Hüftge-
lenk (bei gestrecktem
M. gemellus Spina ischiadica os- Bein)
superior sis ischii • Abduktion im Hüftge-
M. gemellus Tuber ischiadicum lenk (bei gebeugtem
­inferior ossis ischii Bein)
M. quadratus Crista intertro- N. ischiadi- Adduktion und Außenro-
femoris chanterica fe- cus tation im Hüftgelenk
moris

• Bei einseitiger Läsion des N. gluteus su- die Patienten den Rumpf zur kranken Seite
perior kommt es zum Ausfall des M. tensor hin neigen, versuchen sie das Gleichgewicht
fasciae latae und der Mm. glutei medius et zu halten.
minimus. Betroffene Patienten können beim • Bei beidseitiger Läsion des N. gluteus
Stehen auf dem kranken Bein das Becken superior laufen die Patienten infolge des
nicht gerade halten. Es sinkt zur gesunden steten Wechsels zwischen absinkender
Seite hin ab (Trendelenburg-Zeichen). Spielbeinseite und gegenläufiger Aus-
Durch das sog. Duchenne-Hinken, bei dem gleichbewegung im Watschelgang.

■ CHECK-UP
Welche Bänder sichern das Hüftgelenk?
Welche Funktionen hat der M. gluteus maximus, welche der M. iliopsoas?
Wie kommt es zum Trendelenburg-Zeichen?

63
4  Untere Extremität

Oberschenkel
■ Knochen 2 Lippen: Labium mediale et Labium latera-
le. Letztere beginnt an der Tuberositas glu-
Oberschenkelknochen (Femur)
tea, wo der M. gluteus maximus ansetzt.
• Längster und mächtigster Röhrenknochen • Die Labia mediale et laterale konvergieren
des menschlichen Skeletts
zur Mitte des Corpus femoris und divergieren
• Artikuliert kranial über seinen nahezu kugel- in Richtung seines distalen Endes. Dort verdi-
förmigen Schenkelkopf (Caput femoris) im
cken sie sich zu den Lineae supracondylares
Hüftgelenk mit der Facies lunata des Hüft-
medialis et lateralis, welche die dreieckige
knochens.
Facies poplitea begrenzen.
• Caput femoris: auf ihm befindet sich eine • Die Lineae supracondylares medialis et late-
rundliche Vertiefung (Fovea capitis femo-
ralis verdicken sich weiter zu den Epicondyli
ris), von der das gefäßführende Lig. capitis
medialis et lateralis. Auf dem Epicondylus
femoris zur Hüftpfanne zieht.
medialis liegt das Tuberculum adductorium,
• Das Caput femoris verjüngt sich distal zum an dem der M. adductor magnus inseriert.
Schenkelhals (Collum femoris).
• Condyli medialis et lateralis: distales Ende
• Nächste Knochenabschnitte i. S. apophysärer des Femurs. Massive Gelenkknorren. Sie sind
Vorsprünge sind die beiden Rollhügel (Tro-
im Kniegelenk mit dem Schienbein verbunden.
chanteres major et minor).
Zwischen ihnen liegt die Fossa intercon-
– Trochanter major: nach lateral ausgerich-
dylaris, die dorsal durch die flache Linea inter-
tet. An seinem Fuß liegt die Fossa trochan-
condylaris begrenzt wird. Vereinigen sie sich
terica, die den Mm. obturatorii externus et
ventral zur Facies patellaris, der hyalinen Flä-
internus sowie gemelli superior et inferior
che zur Gelenkverbindung mit der Kniescheibe.
als Ansatzfläche dient.
– Trochanter minor: nach dorsal ausgerich-
tet. Läuft distal zur Linea pectinea aus, dem • Coxa vara: verkleinerter CCD (<120°).
Ansatzpunkt des M. pectineus. Führt zu einer erhöhten Biegebeanspru-
– Ventral sind die Trochanteren über eine chung des Femurs
feine Knochenlinie (Linea intertrochante- • Coxa valga: vergrößerter CCD (>135°).
rica) miteinander verbunden. Hier ent- Führt zu einer erhöhten Druckbelastung
springt der M. vastus medialis. des Femurs.
– Die scharfkantige Crista intertrochanteri-
ca verbindet die beiden Rollhügel dorsal
miteinander. Hier entspringt der M. quad- • Oberschenkelhalsfraktur: Ein Bruch des
ratus femoris. Collum femoris ist die typische Fraktur des
• Gelenkkapsel des Hüftgelenks: umschließt alten Menschen. Sie resultiert meist aus ei-
fast vollständig den Schenkelhals und zieht nem Sturz auf den Oberschenkel oder die
ventral bis zur Linea intertrochanterica und Hüfte. Das charakteristische Indiz einer
dorsal bis ca. 1 cm an die Crista intertrochan- Oberschenkelhalsfraktur ist das verkürzte,
terica heran. außenrotierte Bein der betroffenen Seite.
• Corpus femoris: beginnt distal der Trochan- Die Oberschenkelhalsfraktur lässt sich mit-
teren. Es bildet mit dem Collum femoris den hilfe von Spongiosaschrauben oder Prothe-
Kollodiaphysenwinkel (Centrum-Collum- sen – Hemiendoprothese (HEP) oder To-
Diaphysen-Winkel, CCD-Winkel). Im Laufe talendoprothese (TEP) – behandeln.
des Lebens verkleinert sich der CCD-Winkel
von 150° beim Neugeborenen auf 120° bei al- Kniescheibe (Patella)
ten Menschen. • Größtes Sesambein des menschlichen Körpers
Auf der Dorsalseite des Corpus femoris im- • In die Ansatzsehne des M. quadriceps femo-
poniert die Linea aspera. Sie ist eine Verstär- ris eingelagert
kung des Corpus femoris und Ansatzleiste • Fungiert als Hypomochlion, wodurch die
der Adduktoren. Die Linea aspera besteht aus Quadrizepssehne in einem günstigeren Win-

64
2
kel ins Schienbein einstrahlt und einen effek- vom Beckenkamm (Crista iliaca) bis zum Con-
tiveren Hebelarm entfalten kann dylus lateralis des Schienbeins erstreckt. Ent-
• Facies anterior: beginnt proximal als Basis steht durch die Sehnenfasern des M. tensor fa-
patellae und endet distal spitzzulaufend im sciae latae und des kranialen Anteils des M. glu-
Apex patellae teus maximus. Reduziert gemäß dem Zuggur-
• Facies articularis patellae: steht mit der Facies tungsprinzip die Biegebeanspruchung des
patellaris femoris in Verbindung Femurs (➜ Kap. 2).
• Lig. patellae: distal des Apex patellae liegen-
der Abschnitt der Ansatzsehne des M. quad-
riceps femoris. Inseriert an der Tuberositas • Pes anserinus superficialis: bezeichnet
tibiae des Schienbeins.
die Vereinigung der Ansatzsehnen des
M. sartorius, M. gracilis und M. semiten-
dinosus an der medialen Schienbeinseite
■ Muskulatur kaudal des Schienbeinkopfs
Die Muskeln des Oberschenkels (➜ Tab. 4.3, • Pes anserinus profundus: bezeichnet die
➜ Tab. 4.4, ➜ Tab. 4.5) werden von der Ober- 3-teilige Ansatzsehne des M. semimemb-
schenkelfaszie (Fascia lata) umgeben. Von ihr ranosus. Sie inseriert am Condylus medi-
ziehen 3 bindegewebige Septen – Septum inter­ alis des Schienbeins, an der Faszie des
musculare femoris mediale, Septum inter­ M. popliteus und als Lig. politeum obli-
mus­culare femoris laterale und Septum inter­ quum am lateralen Schienbeinkopf.
musculare vastoadductorium – zum Ober-
schenkelknochen. Dadurch wird die Oberschen-
kelmuskulatur in eine ventrale Streckerloge, • M. quadriceps femoris: einziger Strecker
eine dorsale Beugerloge und eine mediale Ad- im Kniegelenk
duktorenloge unterteilt. • M. articularis genus: Abspaltung des
M. vastus intermedius.
Tractus iliotibialis.  Derbe Verdickung der
Fas­cia lata am seitlichen Oberschenkel, die sich

Tab. 4.3  Extensoren des Oberschenkels


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. sartorius Spina iliaca anterior supe- Über Pes anse- N. femoralis • Flexion, Abduk-
rior rinus superficia- tion und Außen-
lis medial der Tu- rotation im Hüft-
berositas tibiae gelenk
• Flexion und In-
nenrotation im
Kniegelenk
M. quadriceps • M. rectus femoris: Über Lig. patellae • Gesamter Mus-
femoris – Spina iliaca anterior an der Tuberosi- kel: .
inferior tas tibiae Extension im
– Acetabulum Kniegelenk
• M. vastus medialis: • M. rectus femo-
– Linea intertrochante- ris: .
rica Flexion im Hüft-
– Labium mediale der gelenk
Linea aspera femoris
• M. vastus intermedius:
Vorderseite des Femurs
• M. vastus lateralis:
– Labium laterale der
Linea aspera femoris
– Trochanter major
M. articularis Vorderseite des distalen Kniegelenkkap- Spannen der Knie-
genus Femurs sel gelenkkapsel

65
4  Untere Extremität

Tab. 4.4  Adduktoren des Oberschenkels


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. obturatorius Außenfläche Fossa trochanterica N. obturatorius Adduktion und Au-
externus der Membrana femoris ßenrotation im
obturatoria Hüftgelenk
M. pectineus Pecten ossis Linea pectinea fe- • N. femoralis Flexion, Adduktion
pubis moris • N. obturatorius und Außenrotation
im Hüftgelenk
M. adductor Ramus superior Labium mediale der N. obturatorius Flexion und Adduk-
longus ossis pubis Linea aspera femo- tion im Hüftgelenk
ris
M. adductor Ramus inferior
brevis ossis pubis
M. gracilis Über Pes anserinus • Flexion und Ad-
superficialis medial duktion im Hüft-
der Tuberositas tibi- gelenk
ae • Flexion und In-
nenrotation im
Kniegelenk
M. adductor • Ramus inferi- • Oberflächlicher • Oberflächlicher • Oberflächlicher
magnus or ossis pubis „sehniger“ Ansatz: . „sehniger“ An- „sehniger“ An-
• Ramus ossis Tuberculum ad- satz: . satz: .
ischii ductorium des N. tibialis Innenrotation im
• Tuber ischia- Epicondylus me- • Tiefer „fleischi- Hüftgelenk
dicum dialis femoris ger“ Ansatz: . • Tiefer „fleischi-
• Tiefer „fleischi- N. obturatorius ger“ Ansatz: .
ger“ Ansatz: . Extension, Ad-
Labium mediale duktion und Au-
der Linea aspera ßenrotation im
femoris Hüftgelenk
M. adductor Ramus inferior Labium mediale der N. obturatorius Flexion, Adduktion
minimus ossis ischii Linea aspera femo- und Außenrotation
ris im Hüftgelenk

Tab. 4.5  Flexoren des Oberschenkels


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. biceps fe- • Caput longum: Caput fibulae • Caput longum: • Gesamter Muskel:
moris Tuber ischiadi- N. tibialis Flexion und Außenrota-
cum • Caput breve: tion im Kniegelenk
• Caput breve: N. fibularis • Caput longum:
Labium latera- communis Extension im Hüftgelenk
le der Linea
aspera femoris
M. semiten- Tuber ischiadi- Über Pes anse- N. tibialis • Extension im Hüftgelenk
dinosus cum rinus superfi- • Flexion im Kniegelenk
cialis medial • Innenrotation im Knie-
der Tuberosi- gelenk (bei gebeugtem
tas tibiae Knie)
M. semimem- Pes anserinus
branosus profundus
M. popliteus Condylus latera- Hinterseite des • Flexion im Kniegelenk
lis femoris Schienbeins • Innenrotation im Knie-
gelenk (bei gebeugtem
Knie)
• Spannen der Gelenk-
kapsel des Kniegelenks
66
2
• M. adductor magnus: wichtigster Muskel • M. biceps femoris: wichtigster Muskel der
der Adduktion Außenrotation im Kniegelenk
• M. adductor minimus: Abspaltung des • Mm. semitendinosus et semimembrano-
M. adductor magnus. sus: wichtigste Muskeln der Innenrotati-
on im Kniegelenk.

■ CHECK-UP
Nennen Sie die wichtigsten anatomischen Strukturen des Oberschenkels!
Welche zweigelenkigen Oberschenkelmuskeln gibt es?
Welche Oberschenkelmuskeln werden doppelt innerviert?
Welche Oberschenkelmuskeln vereinigen sich im Pes anserinus superficialis?

Unterschenkel
■ Knochen • Malleolus medialis: distales Ende der Tibia
mit 2 Gelenkflächen:
Schienbein (Tibia)
– Facies articularis inferior: mit dem
• Mediale und dickere der beiden Unterschen-
Sprungbein (Talus) verbunden
kelknochen
– Facies articularis malleoli: mit dem Mal-
• Proximal zum Schienbeinkopf (Caput tibiae)
leolus lateralis des Wadenbeins verbunden
verbreitert
• Caput tibiae: setzt sich aus den beiden Tibia- • Auf der Rückseite des Malleolus medialis ver-
läuft der Sulcus malleolaris medialis, in
gelenkknorren (Condyli medialis et lateralis)
dem die Sehnen des M. tibialis posterior und
zusammen, zwischen denen 2 Flächen liegen:
M. flexor digitorum longus nach distal ziehen.
– Area intercondylaris anterior
– Area intercondylaris posterior Wadenbein (Fibula)
– Mittig erhebt sich die Eminentia intercon- • Laterale und dünnere der beiden Unterschen-
dylaris, auf der die Tubercula intercon- kelknochen
dylaria mediale et laterale liegen. Insge- • Caput fibulae: verdicktes proximales End-
samt bezeichnet man das hügelige Relief stück des Wadenbeins. Es läuft proximal in
auf der proximalen Oberfläche des Caput den Apex capitis aus, der auf seiner media-
tibiae als Tibiaplateau. Es ist mit Knorpel len Seite eine kleine ovale Gelenkfläche zur
bedeckt und bildet die Facies articularis su- Verbindung mit der Tibia trägt (Facies arti-
perior, die mit den beiden Gelenkknorren cularis capitis fibulae).
des Femurs artikuliert. • Das Caput fibuale verjüngt sich distal zum
• Etwas distal des Tibiaplateau liegt auf der Vor- sehr schmalen Corpus fibulae.
derseite des Schienbeins die Tuberositas tibiae, • Am Corpus fibulae unterscheidet man 3 Flä-
die als Ansatzpunkt für das Lig. patellae dient. chen und 3 Ränder:
Lateral liegt die Facies articularis fibularis für – Facies medialis, Facies lateralis et Facies
die Verbindung mit dem Wadenbeinköpfchen. posterior. Auf letzterer befindet sich die
• In Richtung distal schließt sich als nächster Crista medialis, die dem M. tibialis posteri-
Knochenabschnitt das Corpus tibiae an. Man or als Ansatzleiste dient.
unterscheidet 3 Flächen und 3 Ränder: – Margo anterior, Margo interosseus et Mar-
– Facies medialis, Facies lateralis et Facies pos- go posterior.
terior. Letztere weist im proximalen Bereich • Malleolus lateralis: verdicktes distales End-
eine flache Knochenlinie (Linea musculi sol- stück der Fibula. Er trägt an seiner medialen
ei) auf, von der der M. soleus entspringt. Seite die Gelenkfläche zur Verbindung mit
– Margo anterior, Margo medialis et Margo dem Sprungbein (Facies articularis malleo-
interosseus li). Dahinter liegt die Fossa malleoli latera-
67
4  Untere Extremität

lis, eine Grube für die Insertion des Lig. ta- • Kniescheibenzügel (Retinacula patellae):
lofibulare posterius des oberen Sprunggge- entstehen aus Sehnenzügen des M. quadriceps
lenks. Über die Außenseite zieht der Sulcus femoris, die direkt zur Tibia ziehen. Man un-
malleolaris lateralis, eine Furche für die terscheidet Retinaculum patellae mediale et
Sehnen der Mm. fibulares longus et brevis. laterale. Verstärken die Gelenkkapsel ventral.
• Gemeinsam mit dem Malleolus medialis bil-
det der Malleolus lateralis eine knöcherne
Ober- und Unterschenkel bilden normaler-
Gabel, die sog. Malleolengabel. Sie bildet die
weise einen nach lateral offenen Winkel von
Gelenkpfanne des oberen Sprunggelenks.
ca. 175°.
• X-Beine (Genu valgum): zeichnen sich
■ Gelenke und Bänder durch einen verkleinerten Winkel aus,
Kniegelenk was zu einer erhöhten Belastung des
Das Kniegelenk (Art. genus) ist das größte Ge- Knies im Lateralbereich führt
lenk des menschlichen Körpers. Es besteht aus • O-Beine (Genu varum): sind durch einen
2 Teilgelenken: vergrößerten Winkel gekennzeichnet,
• Art. femoropatellaris: zwischen Facies patel- wodurch das Knie im Medialbereich stär-
laris femoris und Facies articularis patellae ker belastet wird.
• Art. femorotibialis: zwischen Femur- und
Tibiakondylen.
• Anatomisch gesehen handelt es sich beim Als Knickbein (Genu recurvatum) bezeich-
Art. genus um ein bikondyläres Gelenk (Art. bi- net man eine Überstreckung des Kniege-
condylaris, ➜ Kap. 2), funktionell betrachtet um lenks infolge einer Lähmung des M. quadri-
ein Drehscharniergelenk (Trochoginglymus). ceps femoris.
Die beiden Teilgelenke werden von einer ge-
meinsamen Gelenkkapsel umschlossen. Die Fi- Im Bereich des Kniegelenks finden sich zahlrei-
bula liegt extrakapsulär. 2 Besonderheiten der che Schleimbeutel. Die Wichtigsten sind:
Kniegelenkskapsel: • Bursa suprapatellaris: kommuniziert häufig
• Plicae alares: Variabel gestaltete Falten auf mit der Gelenkkapsel des Kniegelenks, des-
der ventralen Innenseite wegen auch als Recessus suprapatellaris
• Corpus adiposum infrapatellare (Hoffa-Fett- bezeichnet
körper): eingelagert zwischen Membrana syno- • Bursa subpoplitea: liegt unterhalb des
vialis und Membrana fibrosa. Ist über eine zar- M. popliteus. Wird wegen ihrer Verbindung
te Synovialfalte (Plica synovialis infrapatellaris) mit der Gelenkkapsel des Kniegelenks auch
mit dem vorderen Kreuzband verbunden. Recessus subpopliteus genannt. Kommuni-
Folgende Bänder strahlen in die Gelenkkapsel ziert teilweise auch mit dem proximalen Ti-
des Art. genus ein: biofibulargelenk, sodass über die Bursa sub-
• Mediales Seitenband (Lig. collaterale tibia- poplitea das Kniegelenk mit dem proximalen
le): zieht vom Epicondylus medialis femoris Tibiofibulargelenk verbunden sein kann.
zum Tibiakopf. Ist mit der Gelenkkapsel und • Bursa infrapatellaris: befindet sich zwischen
dem medialen Meniskus verwachsen Lig. patellae und Tuberositas tibiae
• Laterales Seitenband (Lig. collaterale fibula- • Bursa praepatellaris: liegt vor der Knie-
re): spannt sich zwischen Epicondylus latera- scheibe.
lis femoris und dem Wadenbeinkopf auf. Hat
weder Kontakt mit der Gelenkkapsel noch
mit dem lateralen Meniskus • Kniegelenksergüsse: können als Schwel-
• Lig. popliteum obliquum: Abspaltung der lungen oberhalb der Kniescheibe imponie-
Ansatzsehne des M. semimembranosus, die ren. Streicht man in proximodistaler Rich-
zum lateralen Tibiakopf zieht und die Rück- tung die Bursa suprapatellaris aus, vibriert
seite der Gelenkkapsel stützt die Patella beim Anstupsen („tanzende Pa-
• Lig. popliteum arcuatum: überspannt den tella“). Ergüsse punktiert man am ein-
M. popliteus und zieht zum Fibulakopf. Ver- fachsten von lateral am äußeren Rand der
stärkt ebenfalls die Rückseite der Gelenkkapsel Patella in die Bursa suprapatellaris.

68
2
Kreuzbänder (Ligg. cruciata genus).  Stabili- mig. Bei Beugung im Kniegelenk rutschen die
sieren das Kniegelenk. Sie sind mit der Membra- Menisken auf dem Tibiaplateau nach dorsal, bei
na fibrosa des Kniegelenks überzogen, nicht aber Streckung nach ventral.
mit der Membrana synovialis. • Meniscus medialis: größer als der laterale,
• Vorderes Kreuzband (Lig. cruciatum anteri- C-förmig und mit dem medialen Kollateral-
us): entspringt vom Condylus lateralis femo- band verwachsen. Über das Lig. meniscotibi-
ris und zieht zur Area intercondylaris anteri- alis anterius ist er mit der Area intercon-
or. Verläuft somit von hinten-oben-lateral dylaris anterior verbunden, über das Lig. me-
nach vorne-unten-medial niscotibialis posterius inseriert er am Tuber-
• Hinteres Kreuzband (Lig. cruciatum posteri- culum intercondylare mediale.
us): entspringt vom Condylus medialis femo- • Meniscus lateralis: nahezu kreisförmig. Da
ris und zieht zur Area intercondylaris poste- er keinen Kontakt zum lateralen Kollateral-
rior. Verlauf von vorne-oben-medial nach band hat, ist er bei Bewegungen im Kniege-
hinten-unten-lateral. lenk verschiebbarer als der mediale Menis-
Bei Beugung ist das vordere Kreuzband ge- kus. Über das Lig. meniscofemorale anterius
spannt, bei Streckung beide Kreuzbänder. Bei bzw. Lig. meniscofemorale posterius ist er
Innenrotation wickeln sich die Kreuzbänder um- mit dem vorderen bzw. hinteren Kreuzband
einander und hemmen somit die Innenrotation. verwachsen.
Über das Lig. transversum genus sind die Me-
Die Kreuzbänder liegen intrakapsulär, aber nisken ventral miteinander verbunden.
extrasynovial.
Meniskusschädigungen: Eine der häufigsten
Sportverletzungen. Sie treten insbesondere
Kreuzbandruptur: Bei einem Riss des nach einer Kombinationsbelastung aus Rota-
Lig. cruciatum anterius lässt sich das Schien- tion und axialer Stauchung auf, bei der die
bein gegen den Oberschenkelknochen nach Menisken zwischen den artikulierenden Ge-
ventral verschieben („vordere Schublade“). lenkflächen eingeklemmt werden. Das Knie
Reißt das Lig. cruciatum posterius, lässt sich weist bei der klinischen Untersuchung klassi-
das Schienbein gegen den Oberschenkel nach scherweise eine aktive und passive Bewe-
dorsal durchdrücken („hintere Schublade“). gungsblockade auf. Als sog. „unhappy triad“
Rupturierte Kreuzbänder lassen sich bisher bezeichnet man eine gleichzeitige Verletzung
nicht erfolgreich rekonstruieren. Daher ver- von Innenmeniskus, vorderem Kreuzband
wendet man als Kreuzbandersatzplastik bei- und medialem Seitenband.
spielsweise die Semitendinosus-, Grazilis-
oder Patellarsehne. ■ Proximales Tibiofibulargelenk
Menisken.  Halbmondförmige Strukturen aus Das proximale Tibiofibulargelenk (Art. tibio-
Stützgewebe, welche die Inkongruenz zwischen fibularis) bildet sich zwischen der Facies articu-
den Femur- und Tibiakondylen ausgleichen und laris fibularis des Schienbeins und der Facies ar-
die Kontaktfläche der artikulierenden Gelenkflä- ticularis capitis des Wadenbeins aus. Über die
chen vergrößern, sodass sich die einwirkenden Ligg. capitum fibulae anterius et posterius wird
Kräfte besser verteilen („Stoßdämpferfunkti- die Gelenkkapsel verstärkt. Funktionell gesehen
on“). Die Menisken bestehen aus 2 Anteilen, die handelt es sich um eine Amphiarthrose.
unterschiedlich ernährt werden: Am Randbe-
reich bestehen sie aus kollagenem Bindegewe- ■ Membrana interossea cruris
be, das über die Aa. articulares inferior medialis
Die Membrana interossea cruris spannt sich
et lateralis aus der A. poplitea versorgt wird. Der zwischen den Margines interossei tibiae et fibu-
innere Anteil besteht aus Faserknorpelgewebe, lae auf. Sie dient sowohl den Extensoren als auch
das gefäßfrei ist und ausschließlich durch Diffu- den Flexoren des Unterschenkels als Ursprungs-
sion aus der Synovialflüssigkeit ernährt wird. feld.
Das vordere Ende der Menisken bezeichnet man
als Vorderhorn, das hintere als Hinterhorn. Im
Querschnitt sind die beiden Menisken keilför-
69
4  Untere Extremität

■ Syndesmosis tibiofibularis lare cruris anterius und Septum intermuscula-


re cruris posterior –, die von der Fascia cruris
Die Syndesmosis tibiofibularis verbindet die bei- zum Wadenbein sowie zur Membrana interos-
den Facies articulares malleoli des Schien- und sea ziehen, unterteilen die Oberschenkelmusku-
Wadenbeins miteinander. Durch die Syndesmo- latur in eine:
senbänder (Ligg. tibiofibulares anterius et poste- • Streckerloge
rius) wird diese Bandhaft noch verstärkt. • Oberflächliche Beugerloge
• Tiefe Beugerloge
Weber-Frakturen: • Fibularisloge.
• Typ A: Fraktur unterhalb der Syndesmosis Analog zur oberen Extremität (➜ Kap. 3) finden
tibiofibularis sich folgende Rückhaltebänder:
• Typ B: Fraktur in Höhe der Syndesmosis • Retinaculum musculorum extensorum su-
tibiofibularis perius: verläuft horizontal, oberhalb der Mal-
• Typ C: Fraktur oberhalb der Syndesmosis leolengabel
tibiofibularis mit zusätzlicher Ruptur der • Retinaculum musculorum extensorum infe-
Membrana interossea cruris. rius: hat einen X-förmigen Verlauf. Seine bei-
• Eine Weber-Fraktur-Typ A wird normaler- den Anteile entspringen vom Malleolus me-
weise konservativ behandelt, wohingegen dialis bzw. lateralis, überkreuzen sich und
die Weber-Frakturen-Typ B und -Typ C ziehen dann zum lateralen bzw. medialen
aufgrund der Gefahr einer Stellungsände- Fußrand. Gemeinsam mit dem Retinaculum
rung der Bruchstücke zumeist operativ be- musculorum extensorum superius über-
handelt werden müssen. kreuzt es die M. tibialis anterior, M. extensor
hallucis longus, M. extensor digitorum longus
■ Muskulatur und M. fibularis tertius.
• Retinaculum musculorum flexorum: er-
Die Muskeln des Unterschenkels (➜ Tab. 4.6, streckt sich vom Malleolus medialis zum Fer-
➜ Tab. 4.7, ➜ Tab. 4.8) werden von der derben senbein (Calcaneus)
Unterschenkelfaszie (Fascia cruris) umgeben.
2 bindegewebige Septen – Septum intermuscu-

Tab. 4.6  Extensoren des Unterschenkels


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. tibialis • Facies latera- • Os cuneiforme N. fibularis • Dorsalextension im obe-
­anterior lis tibiae mediale profundus ren Sprunggelenk
• Membrana • Os metatarsi I • Inversion (Supination) im
interossea unteren Sprunggelenk
• Fascia cruris

M. extensor • Facies media- • Dorsalaponeu- • Dorsalextension im obe-


hallucis lon- lis fibulae rose der Groß- ren Sprunggelenk
gus • Membrana zehe • Dorsalextension der
interossea • Phalanx distalis Großzehe in Großzehen-
• Fascia cruris der Großzehe grund- und Großzehen-
endgelenk
M. extensor • Condylus la- • Dorsalaponeu- • Dorsalextension im obe-
digitorum teralis tibiae rosen der ren Sprunggelenk
longus • Caput fibulae ­Zehen 2–5 • Eversion (Pronation) im
• Membrana • Phalanges dis- unteren Sprunggelenk
interossea tales der • Dorsalextension der Ze-
• Fascia cruris ­Zehen 2–5 hen 2–5 im Grund-, Mit-
tel- und Endgelenk
M. fibularis Margo anterior Os metatarsi V • Dorsalextension im obe-
tertius fibulae ren Sprunggelenk
• Eversion (Pronation) im
unteren Sprunggelenk

70
2
Tab. 4.7  Fibularisgruppe des Unterschenkels
Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. fibularis • Caput fibulae • Os cuneifor- N. fibularis • Plantarflexion im obe-
longus • Facies lateralis fibulae me mediale superficialis ren Sprunggelenk
• Septa intermuscularia • Os metatar- • Eversion (Pronation) im
• Fascia cruris si I unteren Sprunggelenk
• Längs- und Querver-
M. fibularis • Facies lateralis fibulae Tuberositas spannung des Fußge-
brevis • Septa intermuscularia ossis metatar- wölbes
si V

Tab. 4.8  Flexoren des Unterschenkels


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. triceps • M. gastrognemicus, Tuber calcanei N. tibialis • M. gastrocnemicus:
surae Caput mediale: . – Flexion im Kniegelenk
Epicondylus medi- – Plantarflexion im obe-
alis femoris ren Sprunggelenk
• M. gastrocnemi- – Inversion (Supination)
cus, Caput laterale: . im unteren Sprungge-
Epicondylus late- lenk
ralis femoris • M. soleus:
• M. soleus: – Plantarflexion im obe-
– Linea solei tibiae ren Sprunggelenk
– Caput fibulae – Inversion (Supination)
im unteren Sprungge-
lenk
M. plantaris Epicondylus lateralis • Verhinderung der Kom-
femoris pression der Vasa tibialia
posteriora bei Knieflexion
M. flexor Facies posterior tibi- Phalanges dista- • Plantarflexion im oberen
­digitorum ae les der Ze- Sprunggelenk
longus hen 2–5 • Inversion (Supination) im
unteren Sprunggelenk
• Plantarflexion der Ze-
hen 2–5 im Grund-, Mit-
tel- und Endgelenk
• Längsverspannung des
Fußgewölbes
M. tibialis • Facies posterior ti- • Tuberositas • Plantarflexion im oberen
posterior biae ossis navicu- Sprunggelenk
• Membrana interos- lare • Inversion (Supination) im
sea • Os cuneiforme unteren Sprunggelenk
• Facies posterior fi- mediale • Längs- und Querverspan-
bulae • Os cuneiforme nung des Fußgewölbes
intermedium
• Os cuneiforme
laterale
• Ossa metatar-
si II–IV
M. flexor • Membrana interos- Phalanx distalis • Plantarflexion im oberen
hallucis sea der Großzehe Sprunggelenk
longus • Facies posterior fi- • Inversion (Supination) im
bulae unteren Sprunggelenk
• Plantarflexion der Groß-
zehe in Großzehengrund-
und -endgelenk
• Längsverspannung des
Fußgewölbes

71
4  Untere Extremität

• Retinaculum musculorum fibularium supe-


rius: zieht vom Malleolus lateralis zum Cal- M. triceps surae: wichtigster Muskel der
caneus Plantarflexion im oberen Sprunggelenk und
• Retinaculum musculorum fibularium inferi- Inversion (Supination) im unteren Sprung-
us: geht aus dem Retinaculum musculorum gelenk.
extensorum inferius hervor und überkreuzt
gemeinsam mit dem Retinaculum fibularium
superius die Mm. fibulares longus et brevis. • Chiasma cruris: Oberhalb des Malleolus
medialis überkreuzt die Sehne des M. fle-
xor digitorum longus die Sehne des M. ti-
M. tibialis anterior: wichtigster Muskel der
bialis posterior.
Dorsalextension im oberen Sprunggelenk
• Chiasma plantare: Auf der Fußsohle
M. fibularis tertius: Abspaltung des M. ex-
überkreuzt die Sehne des M. flexor digito-
tensor digitorum longus.
rum longus zudem die Sehne des M. fle-
xor hallucis longus.
M. fibularis longus: wichtigster Muskel der Ever-
sion (Pronation) im unteren Sprunggelenk.

■ CHECK-UP
Beschreiben Sie den Aufbau des Kniegelenks!
Wie verläuft das vordere Kreuzband, wie das hintere?
Wo ist der mediale Meniskus verankert, wo der laterale?
Wenn sich bei der körperlichen Untersuchung der Unterschenkel gegen den Oberschenkel
schubladenartig nach vorne verschieben lässt, welche Struktur des Kniegelenks ist dann ver-
mutlich beschädigt?
Welche Sehnen kreuzen im Chiasma plantare?

Fuß
■ Knochen der Proc. posterior tali aus, auf dem die Tu-
bercula mediale et laterale sitzen. Sie begren-
Fußwurzelknochen
zen eine Furche für die Sehne des M. flexor
Der Mensch besitzt 7 Fußwurzelknochen (Ossa hallucis longus (Sulcus tendinis musculi fle-
tarsi), die in 2 Reihen – z. T. übereinander ge-
xoris hallucis longi).
türmt – liegen. Die proximale Reihe besteht aus: • Fersenbein (Calcaneus): ist der größte Fuß-
• Sprungbein (Talus): artikuliert über seine wurzelknochen. Kranial ist er über 3 Gelenk-
Gelenkrolle (Trochlea tali) im oberen Sprung- flächen – Facies articulares talares anteri-
gelenk mit der Malleolengabel. Die Trochlea or, media et posterior – mit dem Talus ver-
tali verbreitet sich in Richtung distal zum bunden. Zwischen den Facies articulares tala-
Corpus tali. Dieser läuft über das Collum tali
res anterior et media und der Facies
nach anterior zum Caput tali aus. articularis talaris posterior verläuft der Sul-
Das Sprungbein ist über die Facies articularis cus calcanei, der durch den darüberliegen-
navicularis mit dem Kahnbein und über die
den Suclus tali zu einem geschlossenen Kanal
Facies articulares calcanea anterior, media
(Canalis tarsi) ergänzt wird.
et posterior mit dem Fersenbein verbunden.
In Richtung posterior läuft das Fersenbein
Zwischen den Facies articulares calcaneae an- zum mächtigen Fersenbeinhöcker (Tuber
terior et media und der Facies articularis cal- calcanei) aus. Am Tuber calcanei inseriert
canea posterior verläuft der Sulcus tali. die kräftige Ansatzsehne des M. triceps su-
An der Hinterseite des Corpus tali stülpt sich rae ‑ die berühmte Achillessehne. Des Wei-
72
2
teren lassen sich auf dem Tuber calcanei ximalis), Zehenmittelglied (Phalanx media) und
Proc. medialis tuberis calcanei und Proc. late- Zehenendglied (Phalanx distalis) zusammen. An
ralis tuberis calcanei unterscheiden. Sie die- jeder Phalanx lassen sich wiederum Basis, Cor-
nen der Plantaraponeurose als Ursprung. pus und Caput unterscheiden.
Die anteriore Oberfläche des Calcaneus bildet
die Gelenkfläche zum Würfelbein (Facies ar-
An der Großzehe (Hallux) fehlt die Phalanx
ticularis cuboidea). Medial ragt ein ausla-
media.
dender Knochenvorsprung hervor, welcher
das Sprungbein aufnimmt und daher als Su­
stentaculum tali bezeichnet wird. An der
• Hallux valgus: übermäßige Abduktion der
Unterseite des Sustentaculum tali setzt sich Großzehe im Grundgelenk, die zu einem
Sulcus tendinis musculi flexoris hallucis longi nach medial herausstehenden Caput des
des Sprungbeins fort. Os metatarsi I führt (Pseudoexostose)
Die distale Reihe setzt sich wie folgt zusammen: • Hammerzehe: Beugekontraktur im Zehen-
• Mediales Keilbein (Os cuneiforme mediale): end- bzw. Zehenmittelgelenk.
ist mit Os metatarsi I verbunden
• Mittleres Keilbein (Os cuneiforme interme-
dium): ist mit Os metatarsi II verbunden ■ Gelenke und Bänder
• Laterales Keilbein (Os cuneiforme laterale): Oberes Sprunggelenk
ist mit Os metatarsi III verbunden Im oberen Sprunggelenk (Art. talocruralis) ist
• Würfelbein (Os cuboideum): ist mit den Ossa die Malleolengabel mit der Trochlea tali des
metatarsi IV et V verbunden und trägt an sei- Sprungbeins verbunden. Funktionell gesehen
ner Unterseite eine Rinne für die Sehne des handelt es sich um ein Scharniergelenk, in dem
M. fibularis longus (Sulcus tendinis musculi Plantarflexion und Dorsalextension möglich
fibularis longi) sind. Die Gelenkkapsel reicht von den Gelenk­
Zwischen der proximalen und distalen Reihe rändern der Malleolengabel bis zum Collum tali.
liegt das Kahnbein (Os naviculare). Malleoli medialis et lateralis liegen extrakapsu-
Mittelfußknochen lär. Folgende Bänder strahlen in die Gelenkkap-
Jeder der 5 Mittelfußknochen (Ossa metatarsi) sel ein:
lässt sich von proximal nach distal in Basis, Cor- • Ligg. tibiofibulare anterius et posterius
pus und Caput ossis metatarsi gliedern. • Lig. mediale (deltoideum): besteht aus
4 Anteilen – Ligg. tibiotalares anterior et
Besonderheit.  Das Os metatarsi V besitzt late- posterior, Lig. tibiocalcanea und Lig. tibio-
ral die Tuberositas ossis metatarsi V, welche navicularis
dem M. fibularis brevis als Ansatzpunkt dient. • Ligg. talofibuaria anterius et posterius
• Lig. calcaneofibulare.
Am Fußskelett unterscheidet man 2 Gelenk­ Unteres Sprunggelenk
linien, entlang derer Fußamputationen mög- Im unteren Sprunggelenk (Art. talotarsalis) er-
lich sind. Sie sind nach 2 französischen Chir- folgen Supination (Anheben des medialen Fuß-
urgen benannt: rands, Inversion) und Pronation (Anheben des
• Chopart-Linie: zwischen Talus und Cal- lateralen Fußrandes, Eversion). Es besteht aus
caneus auf der einen Seite und Os navicu- 2 Kammern, die jeweils von einer eigenständi-
lare und Os cuboideum auf der anderen gen Gelenkkapsel umgeben sind:
Seite • Hintere Kammer: bildet das Art. subtalaris,
• Lisfranc-Linie: zwischen Ossa tarsi und in dem sich die Facies articularis talaris pos-
Ossa metatarsi. terior des Fersenbeins mit der Facies articula-
ris calcanea posterior des Sprungbeins ver-
Zehenknochen bindet. Folgende Bänder unterstützen die Ge-
Die Zehenknochen (Ossa digitorum pedis, lenkkapsel des Art. subtalaris:
Phalanges) setzen sich an jeder Zehe – außer der – Lig. talocalcaneum interosseum: verläuft
Großzehe – aus Zehengrundglied (Phalanx pro- innerhalb des Canalis bzw. Sinus tarsi und

73
4  Untere Extremität

bildet die Grenze zwischen vorderer und lateralia schließen sich in der Tiefe zum
hinterer Kammer. Lig. metatarsale transversum profundum zu-
– Lig. talocalcaneum mediale sammen.
– Lig. talocalcaneum laterale Zehenmittel- und -endgelenke
– Lig. talocalcaneum posterius Die Zehenmittelgelenke (Artt. interphalangea-
– Lig. calcaneofibulare les proximales, PIP) sind ebenso wie die Zehen-
• Vordere Kammer: bildet das Art. talocalca- endgelenke (Artt. interphalangeales distales,
neonavicularis, in dem die Facies articulares DIP) typische Scharniergelenke. Sie werden
talares anterior et media des Fersenbeins als plantar durch Ligg. plantaria und seitlich durch
Gelenkkopf mit der 4-teiligen Gelenkpfanne Ligg. collateralia gesichert.
aus Facies articulares calcaneae anterior et
media des Sprungbeins, Os naviculare und Längsverspannung des Fußgewölbes
Lig. calcaneonaviculare plantare (Pfannen- Die Längsverspannung des Fußgewölbes wird
band) artikulieren. Das Pfannenband zieht von dorsal nach plantar durch folgende Struktu-
vom Sustentaculum tali zum Os naviculare. ren gewährleistet:
Neben dem Pfannenband stabilisieren noch • Lig. calcaneonaviculare plantare
folgende Bänder die Gelenkkapsel des Art. ta- • M. fibularis longus
localcaneonavicularis: • Lig. plantare longum
– Lig. talonaviculare • M. tibialis posterior
– Lig. plantare longum: spannt sich zwi- • Plantaraponeurose (Aponeurosis planta-
schen Sustenatculum tali und den Basen ris): entspringt von den Procc. medialis et la-
der Ossa metatarsalia II–V auf. teralis des Tuber calcanei, endet am Lig. me-
tatarsale transversum profundum und an den
Intertarsalgelenke Sehnenscheiden der Zehenbeuger. Querver-
Durch die Einschnürungen der Ligg. tarsi dorsa- spannung durch das Lig. metatarsale trans-
lia, plantaria et interossea sind in den Intertar- versum superficiale
salgelenken (Artt. intertarsales) nur minimale • M. abductor hallucis
Bewegungen möglich. • M. adductor hallucis (Caput obliquum)
Tarsometatarsalgelenke • Mm. flexor hallucis brevis et longus
In den Tarsometatarsalgelenken (Artt. tarsome- • Mm. flexor digitorum brevis et longus
tatarsales I–V) ist die distale Reihe der Fußwur- • M. abductor digiti minimi
zelknochen mit den Basen der Ossa metatarsi • M. flexor digiti minimi brevis.
verbunden. Durch die Ligg. tarsometatarsalia Querverspannung des Fußgewölbes
dorsalia, plantaria et interossea werden diese Die Querverspannung des Fußgewölbes wird
Gelenke in ihrer Beweglichkeit zu Amphiarthro- von dorsal nach plantar durch folgende Struktu-
sen eingeschränkt. ren gebildet:
Intermetatarsalgelenke • Lig. cuboideonaviculare plantare
Die Intermetatarsalgelenke (Artt. intermetatar- • Lig. metatarsale transversum profundum
sales) entstehen durch die gelenkige Verbin- • M. adductor hallucis (Caput transversum)
dung zwischen den Basen der Ossa metatarsi. • Sehnen des M. fibularis longus, M. tibialis
Sie sind ebenfalls durch die Einschnürung der posterior.
Ligg. metatarsalia dorsalia, plantaria et inter­ Dorsalaponeurose
ossea in ihrem Bewegungsausmaß zu Amphi­ Im Gegensatz zu den Dorsalaponeurosen der
arthrosen begrenzt. Finger entstehen die Dorsalaponeurosen der Ze-
Zehengrundgelenke hen nicht durch die komplexe Verflechtung ver-
Die Zehengrundgelenke (Artt. metatarsopha- schiedener Sehnenfasern. Sie entstehen aus-
langeales, MTP) sind morphologisch Kugel- schließlich aus den aponeurotisch endenden An-
gelenke, die allerdings durch starke Seitenbän- satzsehnen des M. extensor digitorum longus.
der (Ligg. collateralia) zu funktionellen Schar- An der Großzehe fehlt die Dorsalaponeurose
niergelenken eingeengt werden. Die Ligg. col- vollständig.

74
2
Fußfehlstellungen zählen zu den wichtigsten • Spitzfuß (Pes equinus): dauernde Plantar-
orthopädischen Krankheitsbildern: flexion. Resultiert aus einer Läsion des
• Plattfuß (Pes planus): verminderte Längs- N. fibularis profundus, der die Extensoren
verspannung des Fußgewölbes am Unterschenkel versorgt
• Hohlfuß (Pes excavatus): verstärkte Längs- • Hackenfuß (Pes calcaneus): dauernde Dor-
verspannung des Fußgewölbes salextension. Resultiert aus einer Läsion
• Spreizfuß (Pes transversus): verminderte des N. tibialis, der die Flexoren am Unter-
Querverspannung des Fußgewölbes. Häu- schenkel versorgt
fig mit einem Hallux valgus vergesell- • Plattknickfuß (Pes planovalgus): Kombi-
schaftet nation aus Platt- und Knickfuß
• Knickfuß (Pes valgus): X-Stellung von Un- • Spitzklumpfuß (Pes equinovarus): Kom-
terschenkel zu Fersen mit einer Senkung bination aus Spitz- und Klumpfuß, resul-
des medialen Fußrands und einer Anhe- tierend aus einer Läsion des N. fibularis
bung des lateralen communis
• Klumpfuß (Pes varus): O-Stellung von Un- • Sichelfuß (Pes adductus): Adduktion der
terschenkel zu Fersen mit einer Senkung Ossa metatarsi und Phalanges.
des lateralen Fußrands und einer Anhe-
bung des medialen. Ein Pes varus kann aus
einer Schwäche der pronierenden Musku- ■ Muskulatur
latur (Mm. fibulares longus et brevis) oder • Extensoren des Fußes: ➜ Tabelle 4.9
einer Läsion des innervierenden N. fibula- • Muskeln des Großzehenballens: ➜ Tabelle 4.10
ris superficialis resultieren. • Mittlere Fußmuskelgruppen: ➜ Tabelle 4.11
• Muskeln des Kleinzehenballens: ➜ Tabelle 4.12.
Tab. 4.9  Extensoren des Fußes
Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. extensor hal- Dorsalseite des Phalanx proximalis N. fibularis Dorsalextension
lucis brevis Calcaneus der Großzehe profundus der Großzehe im
Grundgelenk
M. extensor digi- Dorsalseite des • Phalanges media- Dorsalextension
torum brevis Calacaneus les der Zehen 2–4 der Zehen 2–4 im
• Dorsalaponeuro- Grundgelenk
sen der Zehen 2–4

Tab. 4.10  Muskeln des Großzehenballens


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. abductor • Tuber calcanei Über mediales Se- N. plantaris • Plantarflexion
hallucis • Aponeurosis sambein an der ­medialis und Abduktion
plantaris Phalanx proximalis der Großzehe
der Großzehe im Grundgelenk
• Längsverspan-
nung des Fuß-
gewölbes
M. flexor • Os cuneiforme • Caput mediale: • Caput mediale: • Plantarflexion
­hallucis mediale Über mediales Se- N. plantaris der Großzehe
­brevis • Os cuneiforme sambein an der medialis im Grundgelenk
intermedium Phalanx proximalis • Caput laterale: • Längsverspan-
• Lig. calcaneo- der Großzehe N. plantaris nung des Fuß-
cuboideum • Caput laterale: ­lateralis gewölbes
plantare Über laterales Se-
sambein an der
Phalanx proximalis
der Großzehe

75
4  Untere Extremität

Tab. 4.11  Mittlere Muskelgruppen


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. adductor • Caput transversum: Über laterales Se- N. plantaris • Gesamter Muskel:
hallucis – Gelenkkapsel der sambein an der lateralis Plantarflexion und
Zehengrundge- Phalanx proxima- Adduktion der
lenke 3–5 lis der Großzehe Großzehe im
– Lig. metatarsale Grundgelenk
transversum pro- • Caput transversum:
fundum Querverspannung
• Caput olbiquum: des Fußgewölbes
– Ossa metatar- • Caput obliquum:
si II–IV Längsverspannung
– Os cuboideum des Fußgewölbes
– Os cuneiforme
laterale
M. flexor digi- • Tuber calcanei Phalanges media- N. plantaris • Plantarflexion der
torum brevis • Aponeurosis plan- les der Zehen 2–5 medialis Zehen 2–5 im
taris Grund- und Mittel-
gelenk
• Längsverspannung
des Fußgewölbes
Mm. lumbri- Mediale Sehnensei- Dorsalaponeuro- • Plantarflexion der
cales I–II ten des M. flexor digi- sen der Zehen 2–5 im
torum longus ­Zehen 2–5 Grundgelenk
Mm. lumbri- N. plantaris • Dorsalextension
cales III–IV lateralis der Zehen 2–5 im
Mittel- und Endge-
lenk
Mm. interos- Ossa metatarsi III–V • Phalanges pro- • Plantarflexion der
sei planta- ximales der Zehen 3–5 im
res I–III ­Zehen 3–5 Grundgelenk
• Dorsalaponeu- • Dorsalextension
rosen der der Zehen 3–5 im
­Zehen 3–5 Mittel- und Endge-
lenk
• Adduktion der Ze-
hen 3, 4 und 5 zu
Zehe 2 (Schließen
der gespreizten Ze-
hen)
Mm. interosei Ossa metatarsi I–V • Phalanges dis- • Plantarflexion der
dorsales I–IV tales der Zehen 2–4 im
­Zehen 2–4 Grundgelenk
• Dorsalaponeu- • Dorsalextension
rosen der der Zehen 2–4 im
­Zehen 2–4 Mittel- und Endge-
lenk
• Abduktion der Ze-
hen 3 und 4 von
Zehe 2 (Abspreizen
der Zehen)
M. quadratus Tuber calcanei Lateraler Rand Unterstützung der
plantae der Sehne des Funktion des M. fle-
M. flexor digito- xor digitorum longus
rum longus

76
2
Tab. 4.12  Muskeln des Kleinzehenballens
Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. abductor • Tuber calcanei Phalanx pro- N. plantaris • Plantarflexion und Ab-
­digiti • Aponeurosis ximalis der lateralis duktion der Kleinzehe im
minimi plantaris Kleinzehe Grundgelenk
• Längsverspannung des
Fußgewölbes
M. flexor digiti • Lig. plantare lon- • Plantarflexion der Klein-
minimi brevis gum zehe im Grundgelenk
• Os metatarsi V • Längsverspannung des
Fußgewölbes
M. opponens Lig. plantare lon- Os metatar- Opposition der Kleinzehe
digiti minimi gum si V

■ CHECK-UP
Auf welcher Seite des Calcaneus liegt das Sustentaculum tali?
Wo verläuft die Chopart-Linie, wo die Lisfranc-Linie?
Erläutern Sie den Aufbau der Sprunggelenke!
Welche Strukturen tragen zur Verspannung des Fußgewölbes bei?

Nerven
■ Aufbau des Plexus lumbosacralis N. iliohypogastricus (Th12+L1)
(Th12–S4) Verlauf.  Zieht zunächst hinter der Niere über
den M. quadratus lumborum, dann zwischen
Der Plexus lumbosacralis wird durch die Rr. an- M. transversus abdominis und M. obliquus in-
teriores der Spinalnerven der Segmente Th12–L4 ternus abdominis und parallel zum Lig. inguina-
gebildet. Er gliedert sich in den Plexus lumbalis le nach ventral.
(Th12–L4) und den Plexus sacralis (L4–S4). Sie
sind über den Truncus lumbosacralis, einen Ast Innervationsgebiet: 
aus L4, verbunden. • M: Kaudale Anteile der Mm. transversus, ob-
liquus internus und obliquus externus abdo-
■ Äste des Plexus lumbalis (Th12– minis
• S: Über die Rr. cutanei lateralis und anterior
L4)
die Haut über der Hüfte und oberhalb des
Der Plexus lumbalis liegt zwischen den Ur- Leistenkanals.
sprüngen des M. psoas major.
N. ilioinguinalis (L1)
Verlauf.  Verläuft etwas unterhalb des N. ilio-
Merkspruch für die Hauptäste des Plexus hypogastricus parallel zu diesem, bevor er durch
lumbalis: den Leistenkanal tritt.
In Indien gibt’s kein frisches Obst – N. ilio- Innervationsgebiet: 
hypogastricus, N. ilioinguinalis, N. genitofe- • M: Kaudale Anteile der Mm. transversus, ob-
moralis, N. cutaneus femoris lateralis, N. fe- liquus internus und obliquus externus abdo-
moralis und N. obturatorius. minis
• S: Über Nn. scrotales anteriores ♂ bzw.
Neben den Hauptästen versorgen kurze direkte Nn. labiales anteriores ♀ die Haut der Leis-
Rr. musculares (Th12–L4) den M. psoas major tenregion und des Skrotums bzw. der Labia
und minor und den M. quadratus lumborum. majora.

77
4  Untere Extremität

N. genitofemoralis (L1+L2)
Läsionen des N. femoralis können durch
Verlauf.  Durchbohrt den M. psoas, verläuft
Leistenbruchoperationen i. H. des Lig. ingui-
anschließend auf diesem nach kaudal und teilt
nale verursacht werden. Sie führen zu Sensibi-
sich schließlich in seine zwei Äste:
litätsstörungen an der Oberschenkelvorder-
• R. genitalis (M, S): zieht durch den Leisten- seite und am medialen Unterschenkel sowie
kanal entlang des Samenstrangs in das Skro-
zur Parese der Kniestrecker, wodurch der Pa-
tum ♂ bzw. entlang des Lig. teres uteri in die
tellarsehnenreflex ausfällt.
Labia majora ♀
• R. femoralis (S): gelangt lateral der A. femo-
N. obturatorius (L2–L4)
ralis durch die Lacuna vasorum und weiter
durch den Hiatus saphenus hindurch zur Verlauf. 
Haut. Verläuft am medialen Rand des M. psoas major
nach kaudal. Vor Durchtritt durch den Canalis
Innervationsgebiet:  obturatorius liegt er in Nachbarschaft zum Ovar.
• R. genitalis: Seine zwei Endäste, die Rr. anterior und posteri-
– M: M. cremaster ♂ or, umfassen sandwichartig den M. adductor
– S: Haut des Skrotums ♂ bzw. der Labia brevis ventral und dorsal.
majora ♀
• R. femoralis – S: Haut um den Hiatus saphe- Innervationsgebiet: 
nus. • N. obturatorius (M): M. obturatorius exter-
nus
N. cutaneus femoris lateralis (L2+L3) • R. anterior:
Verlauf.  Zieht diagonal über den M. iliacus – M: Mm. adductor brevis, adductor longus,
und tritt durch die Lacuna musculorum zum gracilis, pectineus
Oberschenkel. – S: Hautstreifen an der Innenseite des dista-
len Oberschenkels
Innervationsgebiet.  S: laterale und ventrola-
terale Oberschenkelhaut bis zum Knie.
• R. posterior (M): M. adductor magnus.
N. femoralis (L2–L4) Läsionen des N. obturatorius können bei Be-
Verlauf.  Verläuft in einer Rinne zwischen ckenfrakturen, Eierstockentzündungen oder
M. psoas und M. iliacus durch die Lacuna mus- Obturatumhernien auftreten. Sie äußern sich
culorum ins Trigonum femorale, wo er sich fä- in Adduktionsausfall, wobei eine geringe
cherförmig in seine Äste aufteilt. Der N. saphe- Restfunktion durch Doppelinnervation der
nus setzt die Verlaufsrichtung des N. femoralis Mm. pectineus und adductor magnus gegeben
fort. Er gelangt mit den Vasa femoralia in den ist, und in Sensibilitätsstörungen an der In-
Adduktorenkanal, den er, indem er die Memb- nenseite des distalen Oberschenkels.
rana vastoadductoria durchbricht, zur Innensei-
te von Knie und Unterschenkel verlässt. Dort
verläuft er gemeinsam mit der V. saphena mag- ■ Äste des Plexus sacralis (L4–S4)
na nach kaudal. Der Plexus sacralis (L4–S4) liegt an der Rück-
Innervationsgebiet:  und Seitenwand des kleinen Beckens vor dem
• N. femoralis: M. piriformis. Seine Äste verlassen das kleine
– M: M. iliopsoas und über Rr. musculares Becken größtenteils durch das Foramen ischia-
die Mm. pectineus, sartorius und quadri- dicum majus entweder ober- oder unterhalb des
ceps femoris M. piriformis, d. h. entweder durch das Fora-
– S: über Rr. cutanei anteriores die ventrale men suprapiriforme oder das Foramen infrapi-
und mediale Oberschenkelhaut bis zum riforme.
Knie
• N. saphenus (S): Über den R. infrapatellaris
die Haut der Innen- und Vorderseite des
Knies, über die Rr. cutanei cruris medialis die
Haut des medialen Unterschenkels.

78
2
über Nn. clunium inferiores die untere Gesäß-
Merkspruch für die Hauptäste des Plexus haut, über Nn. perineales die Haut der Dammre-
sacralis: gion und des Skrotums ♂ bzw. der Labia majo-
Gutes Geld kommt ins Portemonnaie – ra ♀.
N. gluteus superior, N. gluteus inferior,
N. cutaneus femoris posterior, N. ischiadicus N. ischiadicus (L4–S3)
und N. pudendus. Verlauf.  Ist der dickste Nerv des menschli-
chen Körpers. Nach Durchtritt durch das Fora-
men infrapiriforme zieht er zwischen M. quad-
Der N. pudendus wird in einigen Lehrbüchern ratus femoris und M. gluteus maximus nach
nicht als Teil des Plexus sacralis, sondern als ei- kaudal zum Oberschenkel. Dort teilt er sich in
genständiger Plexus pudendus aufgeführt. Ne- variabler Höhe in seine beiden Anteile, den
ben den Hauptästen versorgen kurze direkte N. tibialis und den N. fibularis communis.
Rr. musculares (L4–S2) den M. quadratus femo-
ris, den M. obturatorius internus, die Mm. ge- Innervationsgebiet: 
melli superior und inferior sowie den M. pirifor- • M – mit N. tibialis-Anteil (➜ Abb. 4.1): Caput
mis. longum des M. biceps femoris, M. semimem-
branosus, M. semitendinosus, M. adductor
N. gluteus superior (L4–S1)
magnus
Verlauf.  Zieht als einziger Nerv durch das Fo-
• M – mit N. fibularis-Anteil: Caput breve des
ramen suprapiriforme und verläuft anschlie-
M. biceps femoris.
ßend zwischen den Mm. glutei medius und mi-
nimus. N. tibialis (L4–S3)
Verlauf.  Verläuft dorsolateral der Vasa popli-
Innervationsgebiet.  M: M. gluteus medius, tea durch die Kniekehle, wo er den N. cutaneus
M. gluteus minimus, M. tensor fasciae latae. surae medialis entlässt. Dieser verbindet sich
mit dem R. communicans fibularis zum N. sura-
Läsionen des N. gluteus superior, etwa durch lis, der oberflächlich neben der V. saphena par-
fehlerhafte intragluteale Injektionen, führen va liegt.
zur Abduktionsschwäche im Hüftgelenk. Da- Der N. tibialis verläuft weiter zwischen ober-
durch kippt das Becken beim Gehen auf die flächlichen und tiefen Flexoren des Unterschen-
gesunde Spielbeinseite ab, was als Trendelen- kels, gemeinsam mit der A. tibialis posterior.
burg-Zeichen bezeichnet wird. Dorsal des Malleolus medialis zweigt er sich in
seine beiden Endäste auf, die Nn. plantares me-
N. gluteus inferior (L5–S2) dialis und lateralis.
Verlauf.  Tritt durch das Foramen infrapirifor-
Innervationsgebiet (➜ Abb. 4.1): 
me zum M. gluteus maximus.
• N. tibialis:
Innervationsgebiet.  M: M. gluteus maximus. – M: Mm. gastrocnemius, soleus, plantaris,
popliteus, tibialis posterior, flexor digito-
Läsionen des N. gluteus inferior können rum longus und flexor hallucis longus
ebenfalls durch fehlerhafte intragluteale In- – S: über den N. interosseus cruris die Tibia,
jektionen verursacht werden und schränken das Sprunggelenk und die Haut der media-
die Streckfähigkeit im Hüftgelenk stark ein. len Ferse
Dadurch sind etwa Treppensteigen oder Fahr- • N. cutaneus surae medialis und N. suralis –
radfahren nahezu unmöglich. S: dorsale Unterschenkelhaut, Haut der late-
ralen Ferse und des lateralen Fußrands
N. cutaneus femoris posterior (S1–S3) • N. plantaris medialis:
Verlauf.  Zieht nach Durchtritt durch das Fo- – M: M. abductor hallucis, M. flexor digito-
ramen infrapiriforme nach kaudal zur Ober- rum brevis, Caput mediale des M. flexor
schenkelrückseite, wo er sich in mehrere kleine hallucis brevis und Mm. lumbricales I + II
Äste aufzweigt. – S: mediale Fußsohlenhaut, plantare Haut
und Nagelbett der medialen 3½ Zehen
Innervationsgebiet.  S: Haut des dorsalen • N. plantaris lateralis:
Oberschenkels und proximalen Unterschenkels,
79
4  Untere Extremität

N. ischiadicus
Lig. sacrotuberale

Rr. musculares aus


dem Tibialisanteil des
N. ischiadicus
• äußere Hüftmuskeln
• M. adductor magnus
• M. biceps femoris
(Caput longum)
• M. semitendinosus
• M. semimembranosus
• M. popliteus

N. tibialis

Rr. musculares
• M. gastrocnemius
• M. soleus
• M. tibialis posterior
Arcus tendineus m. solei • Mm. flexor digitorum longus
M. popliteus und flexor hallucis longus

N. suralis
(Haut der Ferse und des
lateralen Fußrandes)

N. plantaris lateralis
N. plantaris medialis R. profundus
Rr. musculares (Muskeln der Groß- und Kleinzehe,
(Muskeln der Großzehe, M. quadratus plantae,
M. flexor digitorum brevis, Mm. lumbricales III und IV,
Mm. lumbricales I und II) Mm. interossei)

Nn. digitales plantares R. superficialis → Nn. digitales


communes und proprii plantares communes und proprii
(plantare Haut der medialen (plantare Haut der lateralen 11/2 Zehen)
31/2 Zehen)

Abb. 4.1  Verlauf des N. tibialis [R254]

80
2
– M: M. adductor longus, Caput laterale des
M. flexor hallucis brevis, M. quadratus
• Läsionen des N. fibularis communis am
Collum fibulae äußern sich mit Pes equi-
plantae, M. abductor digiti minimi, M. fle-
novarus durch die Parese der Extensoren
xor digiti minimi brevis, M. opponens digi-
und Pronatoren, mit Steppergang, bei dem
ti minimi, Mm. lumbricales III + IV,
der Fuß beim Gehen aufgrund einer herab-
Mm. interossei plantares I–III und Mm. in-
hängenden Fußspitze übermäßig angeho-
terossei dorsales I–IV
ben wird, und mit Sensibilitätsstörungen
– S: Haut der lateralen Fußsohle, plantare
am Fußrücken.
Haut und Nagelbett der lateralen 1½ Ze-
hen.
• Läsionen des N. fibularis superficialis
resultieren in der Supinationsstellung des
Fußes aufgrund einer Pronationsschwä-
Läsionen des N. tibialis, etwa am Malleolus che und Sensibilitätsstörungen am Fußrü-
medialis, machen sich mit Sensibilitätsstörun- cken.
gen an der Fußsohle bemerkbar. Seltenere • Läsionen des N. fibularis profundus ver-
komplette Schädigungen führen zusätzlich zu ursachen Spitzfuß, Steppergang und eine
Hackenfuß, Ausfall des Achillessehnenrefle- selektive Sensibilitätsstörung zwischen der
xes und Sensibilitätsstörungen am dorsalen 1. und 2. Zehe.
Unterschenkel.
N. pudendus (S2–S4)
N. fibularis communis (L4–S2) Verlauf.  Zieht durch das Foramen infrapiri-
Verlauf.  Zieht am medialen Rand der Bizeps- forme, dann um das Lig. sacrospinale herum
sehne durch die Kniekehle, wo er den N. cutane- und durch das Foramen ischiadicum minus in
us surae lateralis abgibt. Dieser verläuft ent- die Fossa ischioanalis. Dort verläuft er gemein-
lang des lateralen Unterschenkels und steht über sam mit den Vasa pudenda interna im Canalis
den R. communicans fibularis mit dem N. sura- pudendalis (Alcock-Kanal), einer Fasziendupli-
lis in Verbindung. Der N. fibularis communis katur des M. obturatorius internus.
gelangt weiter um das Collum fibulae, wo er
dicht unter der Haut liegt, in die Fibularisloge, Innervationsgebiet: 
wo er sich in seine beiden Endäste, die Nn. fibu- • M: über verschiedene Muskeläste Mm. leva-
lares superficialis und profundus, aufteilt. Der tor ani, coccygeus, sphincter ani externus,
N. fibularis superficialis bleibt in der Fibularis- ischio­cavernosus, bulbospongiosus, transver-
loge, der N. fibularis profundus tritt in die Ex- sus perinei profundus und transversus peri-
tensorenloge ein. nei superficialis
• S: über verschiedene Hautäste Analhaut,
Innervationsgebiet:  Haut der Dammregion, bei ♂ dorsale Skro-
• N. fibularis communis: N. cutaneus surae talhaut sowie Haut von Penis, Glans und Pre-
medialis – S: laterale Unterschenkelhaut putium, bei ♀ hintere Bereiche der Labia ma-
• N. fibularis superficialis: jora und minora sowie Klitoris.
– M: Mm. fibularis longus und fibularis bre-
vis
– S: Haut des medialen Fußrands, des medi- ■ Dermatome, Kennmuskeln und
alen und lateralen Fußrückens sowie der
Reflexe
Zehen und Interdigitalräume Siehe ➜ Tabelle 4.13 und ➜ Abbildung 2.3.
• N. fibularis profundus:
– M: Mm. tibialis anterior, extensor digito-
rum longus, extensor hallucis longus, fibu-
laris tertius, extensor digitorum brevis und
extensor hallucis brevis
– S: Haut des 1. Interdigitalraums.

81
4  Untere Extremität

Tab. 4.13  Kennmuskeln, Reflexe und Dermatome wichtiger Rückenmarksegmente (RS) für die un-
tere Extremität
RS Kennmuskel Reflex mit beteiligtem Nerv Dermatom
L2 M. cremaster, . Kremasterreflex . Ventraler proximaler Oberschenkel,
M. iliopsoas (N. genitofemoralis) Skrotum
L3 M. quadriceps Patellarsehnenreflex . Oberschenkelvorderseite vom Trochan-
­femoris (N. femoralis) ter schräg abwärts zur Knieinnenseite
L4 M. tibialis anterior Adduktorenreflex . Lateraler Oberschenkel, Knievordersei-
(N. obturatorius) te, Vorderinnenseite des Unterschen-
kels, medialer Knöchel
L5 M. tibialis posterior, Tibialis-posterior-Reflex Lateraler Oberschenkel, Knieaußensei-
M. extensor hallucis (N. tibialis) te, Vorderaußenseite des Unterschen-
longus kels, medialer Fußrücken, 1. + 2. Zehe
S1 M. gastrocnemius Achillessehnenreflex . Dorsolateraler Ober- und Unterschen-
(N. tibialis) kel, laterale(r) Knöchel, Fußrücken und
Fußsohle, 3.–5. Zehe

■ CHECK-UP
Welche Muskeln und Hautareale werden vom N. femoralis und seinen Ästen innerviert?
Welche Folgen hat eine Läsion des N. gluteus superior im Unterschied zur Läsion des N. gluteus
inferior?
Welche Muskeln werden vom N. ischiadicus, N. tibialis und N. fibularis innerviert?
Wo liegen die Sensibilitätsstörungen bei Läsionen des N. fibularis superficialis im Unterschied
zu Läsionen des N. fibularis profundus?
Welche motorischen Funktionsausfälle und welche Sensibilitätsstörungen sind bei Läsionen
des Rückenmarksegments L5 bzw. S1 zu erwarten?

Arterien
■ A. femoralis wie den Femurkopf und anastomosiert mit
der ↔ A. circumflexa femoris medialis und
Die A. femoralis setzt die A. iliaca externa nach den ↔ Aa. gluteae.
Durchtritt durch die Lacuna vasorum unter dem – Aa. perforantes: Sie durchbohren und ver-
Leistenband fort. Sie verläuft zunächst ober- sorgen die Adduktoren und die ischiokru-
flächlich im Trignonum femorale. Ihr Puls kann ralen Muskeln.
direkt unterhalb des Leistenbands getastet wer- • A. descendens genus.
den. Durch den Canalis adductorius gelangt sie
in die Kniekehle, wo sie sich in die A. poplitea
Bei Verschluss oder Unterbindung der A. fe-
fortsetzt. Sie gibt folgende Äste ab:
moralis proximal (!) des Abgangs der A. pro-
• A. epigastrica superficialis funda femoris kann sich über die Anastomo-
• A. circumflexa ilium superficialis sen zwischen den Ästen der A. iliaca interna
• Aa. pudendae externae und der A. profunda femoris ein Kollateral-
• A. profunda femoris: entlässt folgende Äste: kreislauf ausbilden.
– A. circumflexa femoris medialis: Sie ver-
sorgt die Adduktoren sowie den Femur-
kopf und anastomosiert mit der ↔ A. obtu-
ratoria, ↔ A. glutea inferior und ↔ A. cir-
■ A. poplitea
cumflexa femoris lateralis. Die A. poplitea ist die in der Kniekehle am tiefs-
– A. circumflexa femoris lateralis: Sie ver- ten liegende Leitungsbahn. Sie entlässt die:
sorgt die Extensoren des Oberschenkels so- • A. media genus
82 • Aa. surales
2
• Aa. superiores medialis et lateralis genus Tibialis-Anterior-Syndrom (Kompartment-
• Aa. inferiores medialis et lateralis genus. Syndrom): Bei diesem Syndrom kommt es
Die 4 zuletzt genannten Arterien, d. h. die durch Muskelschwellungen in der Extenso-
Aa. superiores et inferiores genus, speisen das renloge nach Verletzungen oder langen Fuß-
Rete articulare genus. Am Arcus tendineus mus- märschen zur Kompression der A. tibialis an-
culi solei teilt sie sich in ihre beiden Endäste, die terior, wodurch Muskelnekrosen entstehen
Aa. tibiales anterior und posterior. können.

■ A. tibialis anterior ■ A. tibialis posterior


Die A. tibialis anterior zieht durch eine Ausspa- Die A. tibialis posterior verläuft gemeinsam mit
rung der Membrana interossea cruris in die Ex- dem N. tibialis zwischen oberflächlichen und tie-
tensorenloge, in der sie gemeinsam mit dem fen Flexoren, dann dorsal des Malleolus medialis,
N. fibularis profundus nach distal verläuft. Sie wo ihr Puls tastbar ist, zur Fußsohle. Dort zweigt
hat folgende Äste: sie sich in ihre beiden Endäste, die Aa. plantares
• Aa. recurrentes tibiales anterior et posteri- medialis und lateralis, auf. Ihre Äste sind:
or: zum Rete articulare genus
• A. fibularis: in der tiefen Flexorenloge. Ent-
• Aa. malleolares anteriores medialis et late- lässt Rr. malleolares laterales zum Rete mal-
ralis: zum Rete malleolare mediale bzw. laterale
leolare laterale
• A. dorsalis pedis: Ihr Puls ist auf dem Fuß- • Rr. malleolares mediales: zum Rete malleo-
rücken zwischen der Sehne des M. extensor lare mediale
hallucis longus medial der A. dorsalis pedis • A. plantaris medialis: entlang des medialen
und der Sehne des M. extensor digitorum Fußrands
longus lateral der A. dorsalis pedis tastbar. • A. plantaris lateralis: zum lateralen Fußrand
– A. arcuata: versorgt die Zehen. – Arcus plantaris (Arcus plantaris profundus).

■ CHECK-UP
Welche Versorgungsgebiete haben die A. profunda femoris und ihre Äste?
Was ist das Kompartment-Syndrom?
Wo lassen sich die Pulse der A. femoralis, A. poplitea, A. tibialis posterior und A. dorsalis pe-
dis zur vollständigen Bestimmung des Pulsstatus der unteren Extremität tasten?

Venen
Die tiefen, subfaszial gelegenen Venen verlaufen ■ Oberflächliche Venen
in Begleitung zu den gleichnamigen Arterien.
Die oberflächlichen, epifaszial gelegenen Venen • Das Rete venosum dorsale pedis drainiert
haben keine arterielle Entsprechung. den Großteil des venösen Bluts am Fuß. Aus
diesem Venengeflecht gehen letztlich die bei-
den großen oberflächlichen Venen der unte-
■ Tiefe Venen ren Extremität, die V. saphena magna und
Die tiefen Venen sind am Unterschenkel paarig die V. saphena parva, hervor.
angelegt. Die Vv. tibiales posteriores et anterio- • Die V. saphena parva beginnt am lateralen
res vereinigen sich zur V. poplitea. Die V. popli- Fußrand und verläuft hinter dem Malleolus la-
tea liegt in der Kniekehle zwischen der tieflie- teralis begleitet vom N. suralis zur Wade und
genden A. poplitea und den weiter oberflächlich Kniekehle, wo sie in die V. poplitea mündet.
gelegenen Nerven. Sie setzt sich in die V. femo- • Die V. saphena magna entsteht am medialen
ralis fort, die schließlich medial der A. femoralis Fußrand und zieht vor dem Malleolus media-
durch die Lacuna vasorum zieht. lis zum medialen Unterschenkelrand, wobei
sie vom N. saphenus begleitet wird. Hinter
83
4  Untere Extremität

dem Epicondylus medialis femoris gelangt • Im Venenstern fließen die V. epigastrica su-
die V. saphena magna zum Oberschenkel, wo perficialis, die V. circumflexa iliaca superfi-
sie knapp unterhalb des Leistenbands im Ve- cialis und die Vv. pudendae externae stern-
nenstern in die V. femoralis mündet. förmig entweder in der V. saphena magna
oder direkt in der V. femoralis zusammen.

■ CHECK-UP
Wie liegen die Vv. saphena parva et magna im Verhältnis zu den Knöcheln?
Welche Nerven begleiten die Vv. saphena parva et magna?

Lymphknoten und Lymphgefäße


Die Lymphgefäße bilden ein tiefes, subfasziales Nll. popliteales. Die oberflächlichen Lymphgefä-
System und ein oberflächliches, epifasziales Sys- ße entlang der V. saphena magna drainieren in
tem. Lymphknotenstationen sind: die Nll. inguinales. Von den Nll. inguinales pro-
• Nll. popliteales superficiales et profundi fundi fließt die Lymphe über den Rosenmüller-
• Nll. inguinales superficiales et profundi. Lymphknoten in der Lacuna vasorum, die Be-
Die oberflächlichen Lymphgefäße entlang der ckenlymphknoten und die Nll. lumbales in die
V. saphena parva leiten die Lymphe in die paarigen Trunci lumbales.

■ CHECK-UP
Welche Lymphknotengruppen drainieren die Lymphe der unteren Extremität?
Welche Lymphstämme sammeln zunächst die Lymphe der unteren Extremität?

Angewandte und topografische Anatomie


Intragluteale Injektion: Intramuskuläre In- • Mediale Lacuna vasorum – enthält von late-
jektionen in den M. gluteus medius. Die In- ral: R. femoralis des N. genitofemoralis, A. fe-
jektionsnadel wird lateral des M. gluteus ma- moralis, V. femoralis, Lymphgefäße und gele-
ximus in den M. gluteus medius eingeführt, gentlich einen Lymphknoten (Rosenmüller-
um Schädigungen des N. gluteus superior und Lymphknoten). Die Lymphgefäße treten da-
des N. ischiadicus sowie Verletzungen der bei durch das Septum femorale hindurch, das
A. glutea superior zu vermeiden. die Lücke zwischen der V. femoralis und dem
Lig. lacunare, der medialen Begrenzung der
Lacuna vasorum, ausfüllt.
■ Oberschenkel
Lacuna musculorum und Lacuna vasorum Der Rosenmüller-Lymphknoten lässt sich er-
Zwischen dem oberen Beckenrand und dem tasten, wenn er sich als Wächterlymphknoten
Leistenband befindet sich eine Durchtrittsstelle aufgrund von Metastasen bei Tumoren oder
für Muskeln und Leitungsbahnen. Sie wird durch Infektionen im Beinbereich vergrößert.
durch den bindegewebigen Arcus iliopectineus
unterteilt in die:
Durch das Septum femorale können sich
• Laterale Lacuna musculorum – enthält von Bauchhöhleninhalte vorwölben und so einen
lateral: N. cutaneus femoris lateralis, M. ilio­
Kanal, den Canalis femoralis, bilden. Man
psoas und Bursa iliopectinea, N. femoralis

84
2
spricht von einer Schenkelhernie (Hernia fe- adductorius, in die A. und V. poplitea über.
moralis). Schenkelhernien können bis zum N. saphenus und A. descendens genus treten in
Hiatus saphenus, einer Aussparung der Fascia den Kanal ein, verlassen diesen jedoch zur In-
lata, vordringen, wo sie dann mediokranial nenseite des Knies hin, indem sie die Membrana
des Venensterns liegen. vastoadductoria durchbrechen.

■ Kniekehle
Trigonum femorale
Begrenzungen.  Die rautenförmige Kniekehle
Im Trigonum femorale setzt der Gefäß-Nerven-
(Fossa poplitea) ist begrenzt durch:
Strang aus der Lacuna vasorum und der Lacuna
musculorum seinen Verlauf fort.
• Kranial
– Medial: M. semimembranosus, M. semi-
Begrenzungen:  tendinosus
• Kranial: Lig. inguinale – Lateral: M. biceps femoris
• Lateral: M. sartorius • Kaudal
• Medial: M. adductor longus – Medial: Caput mediale des M. gastrocne-
• Boden: lateral der M. iliopsoas und medial mius
der M. pectineus. – Lateral: Caput laterale des M. gastrocnemius
• Dach: Fascia poplitea
Inhalte.  Von lateral nach medial: N. femora- • Boden: Kniegelenkskapsel, Facies poplitea fe-
lis, A. femoralis, V. femoralis und Lymphgefäße. moris.
Canalis adductorius
Inhalte.  Neben Fettkörpern, Lymphknoten
Der Canalis adductorius verbindet das Trigo-
und Lymphgefäßen hat die Kniekehle folgende
num femorale mit der Kniekehle.
weitere Inhalte vom Dach zum Boden hin (Mer-
Begrenzungen:  ke: NiVeA):
• Ventral: Membrana vastoadductoria • N. fibularis communis
• Dorsal: M. adductor longus • N. tibialis
• Lateral: M. vastus medialis • V. poplitea
• Medial: M. adductor magnus. • A. poplitea.
A. und V. femoralis verlaufen durch den Kanal
und gehen an der distalen Öffnung, dem Hiatus

■ CHECK-UP
Welche Strukturen verlaufen durch die Lacuna musculorum und durch die Lacuna vasorum
von lateral nach medial?
Welche Strukturen begrenzen den Canalis adductorius?
Welche Strukturen liegen im Canalis adductorius und welche davon ziehen tatsächlich durch
ihn hindurch?
Welche Inhalte hat die Fossa poplitea und wie liegen sie zueinander?

85
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2
5  Leibeswand
Rücken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87

Brustwand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97

Bauchwand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101

Becken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104

Leitungsbahnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109

Rücken
■ Entwicklung Lig. apicis dentis zurück. Der Wirbelkörper ent-
steht letztendlich durch chondrale Ossifikation,
Wirbelsäule
d. h. aus knorpelhaltigen Übergangsformen bil-
Die Wirbelsäule entsteht aus dem paraxialen
det sich Knochengewebe. Es gibt ab der 7. EW
Mesoderm, das sich entlang der kraniokaudalen
3 primäre Knochenkerne: einen im Zentrum der
Körperachse nach dem Muster der Metametrie
Wirbelkörperanlage und zwei im Wirbelbogen.
in Somiten unterteilt. Die Somiten gliedern sich
in die ventromedial gelegenen Sklerotome und
die dorsolateral gelegenen Dermatomyotome. Bei der Geburt bestehen die Wirbelkörper
Aus den Sklerotomen gehen die knöchernen Ele- aus Knochenteilen, die über Knorpel mitein-
mente der Wirbelsäule hervor, aus den Dermato- ander verbunden sind. Die Ossifikation der
myotomen die Dermis, Subcutis und die Musku- Wirbelsäule ist erst mit dem 25. Lebensjahr
latur. Ein Sklerotom untergliedert sich in einen abgeschlossen.
kranialen Teil mit locker angeordneten Zellen
und einen kaudalen Teil mit dicht gepackten Rückenmuskulatur
Zellen. Der einzelne Wirbelkörper entsteht
Die Myotome der Somiten lassen sich unterglie-
durch die Verbindung eines kaudalen Teils mit dern in:
dem kranialen Teil des kaudal angrenzenden • Epimer: dorsaler Teil, aus dem sich die ep­
Sklerotoms. Dadurch bleiben letztlich ein krania- axone Muskulatur entwickelt, die durch die
ler und ein kaudaler Teil übrig. Diese verschmel- Rr. dorsales der Spinalnerven innerviert
zen mit der Schädelbasis bzw. dem Kreuzbein. wird. Die autochthone Rückenmuskulatur
Zwischen zwei Sklerotomen verläuft jeweils eine stammt vom Epimer ab.
Intersegmentalarterie, die später zur ernähren-
• Hypomer: ventraler Teil, aus dem die hyp­
den A. nutricia des Wirbelkörpers wird. Im Tho- axone Muskulatur entsteht, die von den
rax entstehen aus den Intersegmentalarterien zu- Rr. ventrales der Spinalnerven innerviert
sätzlich die Aa. intercostales. In der 4. EW wan- wird.
dern Mesenchymzellen aus den Sklerotomen
nach dorsal, als Grundlage der Wirbelbögen, und
nach ventrolateral, wo sie Rippen und Rippenru- ■ Skelettelemente der Wirbelsäule
dimente bilden. Andere Zellen wandern zur Die Wirbelsäule (Columna vertebralis) trägt die
Chorda dorsalis. Diese degeneriert dort, wo sie gesamte Körperlast und gewährleistet dabei ma-
von den späteren Wirbelkörpern umgeben ist. ximale Beweglichkeit. Ihre doppelte S-Form ent-
Als Rest bleibt der Nucleus pulposus, der gal- steht durch die Abfolge ventral-konvexer Krüm-
lertartigen Kern der Zwischenwirbelscheiben mungen – Lordosen – auf dorsal-konvexe
(Bandscheiben, Disci intervertebrales), und das Krümmungen – Kyphosen:
87
5  Leibeswand

• Halslordose: Halswirbelkörper (HWK) 1 bis 6 Zwischen 2 Wirbelkörpern liegen die Zwischen-


• Brustkyphose: HWK 7 bis Brustwirbelkörper wirbelkörperlöcher (Foramina intervertebra­
(BWK) 9 lia), die durch 2 Einschnürungen an den an-
• Lendenlordose: BWK 10 bis Lendenwirbel- grenzenden Wirbeln (Incisurae vertebrales su­
körper (LWK) 5 perior et inferior) entstehen. Durch die Forami-
• Sakralkyphose: Kreuzbein (Os sacrum) bis na intervertebralia treten die Spinalnerven
Steißbein (Os coccygis). (Nn. spinales) und Gefäßstrukturen hindurch.
Vollständig bilden sich die Lordosen und Ky- Besonderheiten der einzelnen Wirbel
phosen erst postnatal durch die physiologische 1. HWK = Atlas: 
Belastung des Achsenskeletts aus. Der Säugling • Ein klassischer Wirbelkörper fehlt.
hat eine kyphosierte Wirbelsäule ohne Lordo- • Besteht aus 2 Bögen – Arcus anterior und
sen. posterior –, die jeweils spitz zu 2 Erhebun-
gen (Tubercula anterius und posterius) aus-
Skoliose: Wenn die Wirbelsäule seitlich ge- laufen
krümmt und zudem in sich verdreht ist, be- • Steht über die Massae laterales kranial mit
zeichnet man das als Skoliose. Beim Vorbeu- dem Os occipitale in Verbindung (Facies arti-
gen entsteht dann abhängig von der Lokalisa- cularis superior) und kaudal mit dem Axis
tion der Skoliose auf der Kovexseite ein Rip­ (Fascies articularis inferior)
penbuckel bzw. ein Lendenwulst. Das • Fovea dentis: Gelenkfläche auf der Innensei-
Ausmaß der Skoliose wird mithilfe des Cobb- te des Arcus anterior für den zapfenartigen
Winkels anhand eines Röntgenbilds be- Fortsatz des Axis (Dens axis)
stimmt. • Die Procc. transversi atlantis enthalten beid-
seits ein Foramen transversarium, durch das
Die Wirbelsäule besteht aus 33‑34 Wirbelkör- A. und V. vertebralis ziehen.
pern:
2. HWK = Axis: 
• 7 Halswirbeln (Vertebrae cervicales) • Facies articularis anterior: vordere Gelenk-
• 12 Brustwirbeln (Vertebrae thoracicae) fläche des Dens axis, artikuliert mit der Fovea
• 5 Lendenwirbeln (Vertebrae lumbales) dentis des Atlas
• 5 Sakralwirbeln (Vertebrae sacrales) • Facies articularis posterior: hintere Gelenk-
• 4–5 Steißwirbeln (Vertebrae coccygeae). fläche des Dens axis, steht mit dem Lig. trans-
Der allgemeine Wirbel besteht aus einem ventral
versum atlantis in Kontakt
gelegenen, breiten Wirbelkörper (Corpus verte-
brae). Auf diesem steht dorsal der Wirbelbogen
• Auch durch seine Foramina transversaria
verlaufen beidseits A. und V. vertebralis.
(Arcus vertebrae) und bildet das Wirbelloch (Fo­
ramen vertebrale). Die Gesamtheit aller Wir- 3.–6. HWK: 
bellöcher bildet den Wirbelkanal, Canalis verte­ • Im Bereich der Halswirbelsäule fallen insbe-
bralis, in dem das Rückenmark verläuft. Der sondere die gespaltenen Dornfortsätze und
Wirbelbogen lässt sich in einen Pediculus arcus die Hakenfortsätze (Procc. uncinati) auf.
vertebrae und eine Lamina arcus vertebrae un- Letztere entstehen erst im Laufe der Kindheit,
terteilen. liegen seitlich in den kranialen Deckplatten
Jeder Wirbelkörper besitzt 2 Processus articu­ und kommunizieren mit der kaudalen Deck-
lares superior und 2 Processus articulares in­ platte des darüber liegenden Wirbelkörpers.
ferior, über die er mit dem kranial und kaudal Diese Verbindung bezeichnet man auch als
angrenzenden Wirbelkörper verbunden ist. Zu- Unkovertebralgelenke.
dem strahlen nach lateral die beiden Querfort- • Auch hier bilden die Querfortsätze Foramina
sätze, Processus transversi, aus. Sie dienen als transversaria für den Durchtritt von
Ursprungs- und Ansatzpunkt für die Bauch- und A. und V. vertebralis.
Rückenmuskulatur. An den Dornfortsätzen • Die Querfortsätze bestehen in diesem Bereich
(Processus spinosi) entspringen und inserieren aus einer vorderen und hinteren Spange, die
Rückenmuskeln. jeweils in einen kleinen Höcker (Tuberculum
anterius bzw. Tuberculum posterius) aus-

88
2
laufen. Das Tuberculum anterius ist als Rip- Os sacrum (Kreuzbein): 
penrudiment zu betrachten. • Entsteht durch Verschmelzung von 5 Kreuz-
• Zwischen Tuberculum anterius und Tubercu- wirbeln
lum posterius zieht der Spinalnerv in einer • Besteht kranial aus einer planen Basis ossis
Rinne nach lateral (Sulcus nervi spinalis). sacri, die nach lateral über die Alae ossis
• Das Tuberculum anterius des 6. HWK ist be- sacri in die fächerförmigen Partes laterales
sonders kräftig ausgeprägt. Wegen seiner Nä- ausläuft.
he zur A. carotis communis wird es auch als • Verjüngt sich kaudal zum Apex ossis sacri
Tuberculum caroticum bezeichnet. • Hat über ohrenförmige Gelenkflächen, Facies
auriculares, Kontakt mit den Darmbein-
7. HWK:  schaufeln.
• Der Processus spinosus des 7. HWK ist be- • Auf der Facies dorsalis fallen 3 Leisten ins
sonders lang, daher der Eigenname Vertebra Auge:
prominens – Crista sacralis mediana: entsteht durch
• Durch seine Foramina transversaria verläuft die Vereinigung der Procc. spinosi
nur die V. vertebralis. – Crista sacralis medialis: wird durch die
BWK:  verschmolzenen Procc. articulares aufge-
• 2.–10. BWK haben je 2 Gelenkflächen, Foveae worfen. Allein die obersten Procc. articula-
costales superior und inferior, über die sie res superiores persistieren und artikulieren
mit den Rippen verbunden sind. mit dem 5. LWK
• 1., 11. und 12. BWK mit nur 1 Gelenkfläche, die – Crista sacralis lateralis: bilden die Über-
im Zentrum des Wirbelkörpers liegt reste der Procc. costales
• Eine weitere Gelenkverbindung ergibt sich • Auf der ventralen Facies pelvica erhebt sich
über die Procc. transversi des 1.–10. BWK kranial das Promotorium. Zudem verlaufen
und den Tubercula costae der 1.–10. Rippe hier horizontale Querleisten, die Linea trans­
(Artt. costotransversaria). versae, welche die ursprünglichen Wirbel-
• Dornfortsätze überlappen dachziegelartig den grenzen markieren
kaudal angrenzenden Wirbelbogen, sodass • Aus den angrenzenden Foramina sacralia
das Dornfortsatzende einen Wirbelkörper tie- anteriora et posteriora treten Spinalnerven
fer liegt. und Gefäße.
• Der Wirbelkanal setzt sich bis ins Kreuzbein
LWK:  als Canalis sacralis fort.
• Kennzeichnend ist der massive Wirbelkör­ • Im Bereich des ehemaligen 5. Sakralwirbels
per ist der Schluss des Wirbelbogens unterblie-
• Haben eine Reihe von Fortsätzen. Von medial ben, wodurch sich der Hiatus sacralis eröff-
nach lateral: net.
– Procc. spinosi: kräftig ausgebildet und
beidseits abgeplattet Os coccygis (Steißbein): 
– Procc. articulares superior und inferior: • Charakteristische Wirbelmerkmale hat meist
stehen in nahezu sagittaler Richtung nur der 1. Steißbeinwirbel:
– Procc. mammillares: rudimentärer Fort- – Seine Procc. articulares superiores stehen
satz auf den Procc. articulares superio- als hornartige Auftreibungen (Cornua coc-
res. Bilden den Ursprungs- bzw. Ansatz- cygea) mit den Ausläufern der Crista sacra-
punkt für die autochthone Rückenmus- lis medialis (Cornua sacralia) in Verbin-
kulatur dung.
– Procc. accessorii: liegen zwischen den – Bildet oft kurze Querfortsätze aus
Procc. articulares und den Procc. costales. • Über das Art. sacrococcygea bindegewebig
Sind Reste der Querfortsätze mit dem Kreuzbein verbunden. Diese Verbin-
– Procc. costales: rudimentäre Rippenanla- dung ist insbesondere bei der Geburt von Be-
gen, die deutlicher ausgeprägt sind als an deutung, da durch die passive Beweglichkeit
der Halswirbelsäule. des Steißbeins der Geburtskanal geweitet
werden kann.

89
5  Leibeswand

In kraniokaudaler Richtung nimmt die Grö- Übergangswirbel (Assimilationswirbel): Eine


ße der Wirbelkörper zu. Im Gegensatz dazu atypische numerische Variation am Übergang von
werden die Wirbellöcher kleiner und wan- 2 Wirbelbereichen. Am häufigsten treten auf:
deln ihr Aussehen: HWK haben ein dreiecki- • Lumbalisation: Hier ist der 1. Sakralwirbel
ges Foramen vertebrale, BWK ein rundes nicht zum Kreuzbein verwachsen und ent-
und LWK ein dreieckiges. spricht eher einem freien 6. Lumbalwirbel.
Auch die Dornfortsätze ändern ihr Erschei- • Sakralisation: Hier ist der 5. Lumbalwir-
nungsbild von gespalten im Bereich der bel mit dem Kreuzbein verschmolzen.
Halswirbel, über dachziegelartig im Bereich Beide Formen der Übergangswirbel können
der Brustwirbel zu massiv im Bereich der Rückenschmerzen auslösen.
Lendenwirbel.
■ Bänder der Wirbelsäule
Spondylophyten: Die langjährige Belastung • Ventral legt sich den Wirbelkörpern das
des Skeletts führt zu Verschleißerscheinun- Lig. longitudinale anterius an (➜ Abb. 5.1).
gen und einer reaktiven Knochenneubil- Es ist Ansatzpunkt der prävertebralen Mus-
dung, die eine größere Auflagefläche schaf- keln. Das Lig. longitudinale posterius klei-
fen und dadurch den Druck auf Knochen det den Canalis vertebralis ventral aus und
und Gelenke vermindern soll. Diese knö- rahmt somit den Wirbelkörper gemeinsam
chernen Ausstülpungen nennt man allge- mit dem Lig. longitudinale anterius ein.
mein Osteophyten und speziell an der • Dorsal wird der Canalis vertebralis von den
Wirbelsäule Spondylophyten: Sie können Ligg. flava umschlossen. Ihre gelbe Farbe resul-
auf den Procc. uncinati (Unkarthrose) die tiert aus dem hohen Anteil elastischer Fasern.
A. vertebralis und den Spinalnerven in den • Zwischen den Dornfortsätzen verlaufen die
Foramina intervertebralia komprimieren Ligg. interspinalia und auf den Dornfortsät-
oder im Bereich der Lendenwirbelsäule zen das Lig. supraspinale, welches kranial in
den Spinalkanal einengen (Spinalkanalste­ das Lig. nuchae übergeht.
nose). • Zwischen den Querfortsätzen den Wirbelkör-
per spannen sich die Ligg. intertransversa­
ria auf und stabilisieren die Wirbelsäule in
der Frontalebene.

Epiphysis anularis
Proc. articularis superior

Foramen intervertebrale
Lig. flavum
Lig. longitudinale
anterius Lig. supraspinale
Facies intervertebralis
Lig. interspinale
Discus
inter- Anulus fibrosus
verte- Nucleus pulposus
bralis
Fascia
thoracolumbalis

Foramen venae
basivertebrali(s)
Pediculus arcus vertebrae
Proc. spinosus

Lig. longitudinale posterius


Lamina arcus vertebrae
Proc. articularis inferior

Abb. 5.1  Bänder der Wirbelsäule: Lumbalregion. Ansicht von links lateral, teilweise median aufge-
schnitten [S007-1-23]
90
2
■ Gelenke der Wirbelsäule vorderen Atlasbogens verbunden ist und
nach dorsal an das Lig. transversum atlantis
Die Wirbelkörper artikulieren über die Wirbel- grenzt. Dieses bildet mit den Längsfasern der
körpergelenke (Artt. zygapophysiales, Facet- Fasciculi longitudinales das Kreuzband des
tengelenke), in denen sich die Procc. articulares Atlas (Lig. cruciforme atlantis). Auf dem
superior und inferior miteinander verbinden. Lig. cruciforme atlantis liegt die Membrana
Durch die unterschiedliche Ausrichtung der Ge- tectoria, eine verbreiterte Fortsetzung des
lenksfortsätze ändern sich die Bewegungsmög- Lig. longitudinale posterior. Der mächtige
lichkeiten der einzelnen Wirbelsäulenabschnitte: Dens axis ist zudem über die Flügelbänder
• Halswirbelsäule: Die Gelenkflächen der (Ligg. alaria) und das Spitzenband (Lig. api­
Procc. articulares superior und inferior wei- cis dentis) mit der Schädelbasis verbunden.
sen nach hinten unten, sodass die Halswirbel • Art. atlantoaxialis lateralis: in ihm kommu-
zu allen Seiten hin gut beweglich sind. nizieren die Facies articulares inferiores des At-
• Brustwirbelsäule: Die Gelenkfortsätze sind las mit den oberen Gelenkfortsätzen des Axis.
frontal ausgerichtet, wodurch Beugung und
Streckung nur wenig, Drehung und seitliche
Neigung hingegen gut möglich sind. Art. atlantooccipitalis und Art. atlantoaxialis
• Lendenwirbelsäule: Die Gelenkfortsätze ste- wirken im Zusammenspiel wie ein Kugelge-
hen in sagittaler Richtung. Hier sind Beugung lenk.
und Streckung gut, Drehung und seitlich
Beugung nur begrenzt möglich. Bandscheiben
Kopfgelenke Die Bandscheiben (Disci intervertebrales) wir-
Das Atlantookzipitalgelenk (Art. atlantooccipita­ ken wie Stoßdämpfer und tragen ¼ zur Gesamt-
lis) ist ein Ellipsoidgelenk, welches die Verbin- länge der Wirbelsäule bei. Sie bestehen aus ei-
dung zwischen rechtem und linkem Condylus des nem faserknorpeligen Ring, Anulus fibrosus,
Hinterhauptbeins (Os occipitale) und den Facies und einem zentral gelegenen, gallertartigen
articulares superiores des Atlas bildet. Es wird Kern, Nucleus pulposus. Dieser ist verformbar,
rundum durch Bindegewebsstränge gestützt: aber nicht komprimierbar und übt so durch das
• Membrana atlantooccipitalis anterior: Ver- Körpergewicht einen konstanten Druck auf den
längerung des Lig. longitudinale anterius Anulus fibrosus aus.
• Membrana atlantooccipitalis posterior: Bei der Halswirbelsäule sind die Disci interverte-
Verlängerung der Ligg. flava brales am höchsten, danach nehmen sie von kra-
• Lig. atlantooccipitalis lateralis. nial nach kaudal an Größe ab. Im Bereich der
Das Atlantoaxialgelenk (Art. atlantoaxialis) Hals- und Lendenwirbelsäule sind die Band-
fungiert in seiner Gesamtheit als Zapfengelenk scheiben vorne höher, im Bereich der Brustwir-
und besteht aus (➜ Abb. 5.2): belsäule vorne niedriger als hinten. Durch ihre
• Art. atlantoaxialis mediana: ist ein Radzap- keilförmige Gestalt stabilisieren sie die doppelte
fengelenk, das ventral mit der Rückseite des S-Form der Wirbelsäule.

Fasciculi longitudinales Os occipitale, Pars basilaris

Ligg. alaria Canalis nervi hypoglossi

Sulcus sinus sigmoidei

Capsula articularis Articulatio atlantooccipitalis

Lig. transversum atlantis Atlas, Arcus posterior


Lig. cruciforme Articulatio atlantoaxialis lateralis
atlantis Fasciculi longitudinales
Axis

Abb. 5.2  Kopfgelenk mit tiefen Bändern, Ansicht von dorsal [S007-1-23]
91
5  Leibeswand

• Bandscheibendegeneration: Schon ab des Anulus fibrosus, auf, die sich zu dem


dem 20.–30. Lebensjahr können horizontal volkstümlich bekannten Bandscheibenvor-
verlaufende Spalten als Zeichen degenera- fall (Bandscheibenprolaps) mit Austritt
tiver Veränderungen in den Bandscheiben des Nucleus pulposus erweitern kann.
der Halswirbelsäule auftreten. Sie liegen Die typischen Symptome eines Bandschei-
auf Höhe der Procc. uncinati und werden benprolapses sind ein in die Extremitäten
daher als unkovertebrale Spalten (Lusch­ ausstrahlender Schmerz, eine Einschrän-
ka-Gelenke) bezeichnet. kung der Wirbelsäulenbeweglichkeit sowie
Am häufigsten tritt die Bandscheibenpro­ normalerweise einseitige Ausfälle der Sen-
trusion, eine degenerative Erschlaffung sibilität und Muskeleigenreflexe. Es können
M. trapezius
M. sternocleidomastoideus

M. splenius capitis

M. levator scapulae
M. rhomboideus minor
M. splenius cervicis

M. trapezius
Fascia deltoidea

M. teres major

M. rhomboideus
M. serratus posterior major
superior
M. infraspinatus,
Costae Fascia infraspinata
Scapula, Angulus
inferior
M. erector spinae

M. latissimus dorsi

M. latissimus dorsi
M. serratus anterior

M. serratus posterior inferior Fascia thoracolumbalis

M. obliquus externus abdominis


M. obliquus externus
(Trigonum lumbale superius) abdominis
M. obliquus internus
abdominis;
M. obliquus internus abdominis
(Trigonum lumbale
inferius)
Crista iliaca

Abb. 5.3  Rückenmuskulatur, oberflächliche Schicht [S007-1-23]


92
2
auch Schwierigkeiten beim Wasserlassen ■ Muskulatur
und der Stuhlentleerung bestehen. Zumeist Das muskuläre System des Rückens besteht aus
tritt ein Bandscheibenprolaps i. H. Muskeln (➜ Abb. 5.3, ➜ Abb. 5.4, ➜ Abb. 5.5),
LWK 4/5 und LWK 5/SWK 1 auf. die entwicklungsgeschichtlich im Bereich des Rü-
• Morbus Scheuermann: juvenile Kyphose. Es ckens entstanden sind (autochthone Rückemus­
handelt sich um eine aseptische Osteochon­ kulatur) und eingewanderten Muskeln
drose infolge einer Überbelastung im Kindes- (➜ Tab. 5.1). Die autochthone Rückenmuskula-
alter. Die vorwiegend männlichen Patienten tur wird von den Rr. dorsales der Spinalnerven
zeigen im Röntgenbild die charakteristischen versorgt. Die eingewanderte Muskulatur wird
Schmorl-Knorpelknötchen, Aussackungen von den Rr. ventrales des Segments innerviert,
der Wirbeldeckplatten und -grundplatten, dem sie entwicklungsgeschichtlich entstammt.
die sich mit Bandscheibenmaterial füllen.
M. semispinalis capitis Lig. nuchae
M. splenius capitis
M. splenius capitis

M. sternocleidomastoideus
M. longissimus capitis M. splenius cervicis

M. splenius cervicis M. scalenus posterior

M. levator scapulae
M. trapezius
M. longissimus
M. teres major
cervicis
M. semispinalis M. serratus posterior
cervicis superior
M. iliocostalis cervicis
M. rhomboideus major
M. infraspinatus,
Fascia infraspinata
M. iliocostalis thoracis

M. spinalis thoracis M. latissimus dorsi

M. longissimus thoracis
M. iliocostalis thoracis

M. serratus anterior
M. longissimus thoracis
M. serratus posterior inferior
M. iliocostalis lumborum

M. obliquus externus abdominis

Fascia thoracolumbalis

M. obliquus internus abdominis M. erector spinae

Abb. 5.4  Rückenmuskulatur, mittlere Schicht [S007-1-23]


93
5  Leibeswand

Autochthone Rückenmuskulatur beinkamm. Das tiefe Blatt ist an den Quer-


Die autochthone Rückenmuskulatur bzw. Rippenfortsätzen und am Darmbeinkamm
(➜ Tab. 5.2, ➜ Tab. 5.3, ➜ Tab. 5.4, befestigt.
➜ Tab. 5.5, ➜ Tab. 5.6) lässt sich in einen late-
ralen und einen medialen Trakt unterteilen. Sie
Die Gesamtheit der kräftigen longitudinalen
wird von der Fascia thoracolumbalis umgeben.
Muskelsysteme aus M. iliocostalis, M. lon-
Diese besteht aus einem oberflächlichen und ei-
gissimus und M. spinalis bezeichnet man
nem tiefen Blatt. Das oberflächliche Blatt ent-
auch als M. erector spinae.
springt an den Dornfortsätzen und am Darm-

M. semispinalis capitis
M. obliquus capitis superior
M. rectus capitis posterior minor
M. splenius capitis
M. rectus capitis posterior major
Atlas, Tuberculum posterius M. longissimus capitis
I M. digastricus, Venter posterior
Atlas, Proc. transversus
II
M. obliquus capitis inferior
M. semispinalis capitis Mm. intertransversarii posteriores cervicis
Mm. multifidi
M. semispinalis cervicis
Ligg. intertransversaria
VII
Mm. interspinales cervicis I Ligg. interspinalia; Lig. supraspinale

M. spinalis capitis Mm. rotatores thoracis breves

Mm. intertransversarii thoracis

Mm. levatores costarum breves


Mm. rotatores thoracis longi
M. semispinalis thoracis
Lig. costotransversarium superius

Mm. intercostales externi, Fascia Lig. intertransversarium

Mm. levatores costarum breves


Membrana intercostalis interna

Mm. levatores costarum longi


XII
Mm. intertransversarii thoracis
I M. quadratus lumborum, Fascia
Costa XII
Fascia thoracolumbalis Mm. intertransversarii mediales
lumborum
M. obliquus internus abdominis
M. transversus abdominis
Mm. intertransversarii laterales
Mm. interspinales lumborum
lumborum
Fascia transversalis Ligg. intertransversaria
M. obliquus externus abdominis Lig. iliolumbale
V

Spina iliaca posterior superior


Mm. multifidi Lig. sacrotuberale

Abb. 5.5  Rückenmuskulatur, tiefe Schicht [S007-1-23]

94
2
Tab. 5.1  Eingewanderte Rückenmuskulatur
Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. serratus Dornfortsätze der 2.–5. Rippe Rr. ventrales Hebt die Rippen (Hilfseinatem-
posterior HWK 6–7 und der Nn. inter- muskel)
superior BWK 1–2 costales 1–4
M. serratus Fascia thoraco- 9.–12. Rip- Rr. ventrales Senkt die Rippen (Hilfsausatem-
posterior lumbalis pe der Nn. inter- muskel)
inferior costales 9–11
M. trapezi­ • Pars descen- • Pars de- • N. accesso- • Gesamter Muskel:
us dens: scen- rius (XI) Fixierung der Scapula am Tho-
– Linea nucha- dens: • Plexus cer- rax
lis superior Clavicula vicalis • Pars descendens:
des Os occi- • Pars – Punctum fixum an der Wir-
pitale transver- belsäule: Zug der Claviucla
– Dornfortsätze sa: nach medial-kranial
aller HWK Acromion – Punctum fixum am Schulter-
• Pars transversa: scapulae gürtel:
Dornfortsätze • Pars as- – Lateralflexion des Kopfs zur
der BWK 1–4 cendens: ipsilateralen Seite
• Pars ascen- Spina – Rotation des Kopfs zur kont-
dens: scapulae ralateralen Seite
Dornfortsätze • Pars transversa:
der BWK 5–12 Zug der Scapula nach medial
• Pars ascendens:
Zug der Scapula nach medial-
kaudal

Tab. 5.2  Sakrospinales System


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. ilio­ • M. iliocostalis cervicis: • M. iliocostalis Laterale • Lateralflexion zur
costalis 3.–6. Rippe cervicis: ­Äste der i­ psilateralen Seite
• M. iliocostalis thoracis: Querfortsätze Rr. dorsales (einseitig)
7.–12. Rippe der HWK 4–6 der Spinal- • Dorsalextension
• M. iliocostalis lumbo- • M. iliocostalis nerven (beidseitig)
rum: thoracis:
– Fascia thoracolumba- 1.–6. Rippe
lis • M. iliocostalis
– Crista iliaca lumborum:
– Os sacrum – 7.–12. Rippe
– Querfortsätze
der LWK 1–3
– Fascia thora-
columbalis
M. lon­ • M. longissimus capitis: • M. longissimus • Gesamter Muskel:
gissimus Querfortsätze der capitis: – Lateralflexion zur
HWK 3–7 und BWK 1–3 Proc. mastoide- ipsilateralen Seite
• M. longissimus cervicis: us des Os occi- (einseitig)
Querfortsätze der pitale – Dorsalextension
HWK 5–7 und BWK 1–6 • M. longissimus (beidseitig)
• M. longissimus thora- cervicis: • M. longissimus capi-
cis: Querfortsätze tis:
– Querfortsätze der der HWK 2–5 – Lateralflexion und
BWK 7–12 und • M. longissimus Rotation des Kopfs
LWK 1–2 thoracis: zur ipsilateralen
– Dornfortsätze der – 2.–12. Rippe Seite (einseitig)
BWK 7–12 und – Querfortsätze – Dorsalextension
LWK 1–5 der des Kopfs (beidsei-
– Crista iliaca BWK 1–12 tig)
– Os sacrum
95
5  Leibeswand

Tab. 5.3  Spinotransversales System


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. spleni­ Dornfortsätze • Linea nuchalis superior Laterale Äste • Lateralflexion und Ro-
us capitis der HWK 3–7 • Proc. mastoideus des der Rr. dorsa- tation zur ipsilateralen
und BWK 1–3 Os occiptiale les der Spi- Seite (einseitig)
nalnerven • Dorsalextension (beid-
M. spleni­ Dornfortsätze Tubercula posteriora der seitig)
us cervicis der BWK 3–6 HWK 1–3

Tab. 5.4  Intertransversales System


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
Mm. in­ Verlauf zwischen benachbarten Rr. ventrales der Spinal­ • Lateralflexion der
tertrans­ Tubercula anteriora der HWK 1–7 nerven HWS und BWS zur
versarii ipsilateralen Seite
anterio­ (einseitig)
res cervi­ • Dorsalextension
cis der HWS und BWS
(beidseitig)
Mm. in­ Verlauf zwischen benachbarten Rr. dorsales der Spinal-
tertrans­ Tubercula posteriora der nerven
versarii HWK 1–7
posterio­
res cervi­
cis
Mm. in­ Verlauf zwischen benachbarten
tertrans­ Querfortsätzen der BWK 1–12
versarii
thoracis
Mm. leva­ Querfortsätze Angulus costae Rr. ventrales und dorsa­ • Punctum fixum an
tores des HWK 7 und der Rippen les der Spinalnerven den Rippen:
costarum der BWK 1–11 – Lateralflexion der
BWS zur ipsilate-
ralen Seite (ein-
seitig)
– Rotation der BWS
zur kontralatera-
len Seite (einsei-
tig)
• Punctum fixum an
der Wirbelsäule:
– Fixierung der Rip-
pen (einseitig)
– Dorsalextension
der BWS (beid-
seitig)
Mm. in­ Verlauf zwischen benachbarten Rr. dorsales der Spinalner- • Lateralflexion der
tertrans­ Procc. mamillares und Procc. ac- ven LWS zur ipsilatera-
versarii cessorii der LWK 1–5 len Seite (einseitig)
mediales • Dorsalextension
lumbo­ der LWS (beidsei-
rum tig)
Mm. in­ Verlauf zwischen benachbarten Rr. ventrales der Spinal­
tertrans­ Procc. costales der LWK 1–5 nerven
versarii
laterales
lumbo­
rum

96
2
Tab. 5.5  Spinales System
Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. spinalis • M. spinalis cervicis: • M. spinalis cer- Rr. dorsales • Lateralflexion zur
Dornfortsätze der vicis: der Spinalner- ipsilateralen Seite
HWK 6–7 und Dornfortsätze ven (einseitig)
BWK 1–2 der HWK 2–4 • Dorsalextension
• M. spinalis thora- • M. spinalis tho- (beidseitig)
cis: racis:
Dornfortsätze der Dornfortsätze
BWK 10–12 und der BWK 2–8
LWK 1–3
Mm. interspi­ Verlauf zwischen benachbarten Dornfort- Dorsalextension der
nales cervicis sätzen der HWK HWS
Mm. interspi­ Verlauf zwischen benachbarten Dornfort- Dorsalextension der
nales lumbo­ sätzen der LWK LWS
rum

Tab. 5.6  Transversospinales System


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
Mm. rotatores Verlauf zwischen Quer- und Dornfortsätzen der Rr. dorsa- • Lateralflexion
breves BWK les der Spi- zur ipsilatera-
nalnerven len Seite (ein-
Mm. rotatores seitig)
longi • Rotation zur
M. mulitfidus Verlauf zwischen Quer- und Dornfortsätzen al- kontralateralen
ler Wirbelsäulenabschnitte Seite (einseitig)
• Dorsalextensi-
M. semispina­ Querfortsätze der • Os occipitale on (beidseitig)
lis capitis HWK 3–7 und
BWK 1–6
M. semispina­ Querfortsätze der • Dornfortsätze der
lis cervicis BWK 1–6 HWK 2–7
M. semispina­ Querfortsätze der • Dornfortsätze der
lis thoracis BWK 6–12 HWK 6–7 und der
BWK 1–5

■ CHECK-UP
Beschreiben Sie die Entwicklung der Wirbelsäule!
Was sind die Besonderheiten der einzelnen Wirbelgruppen?
Welche Bänder stabilisieren die Wirbelsäule?
Welche Muskeln bilden den M. errector spinae?

Brustwand

■ Entwicklung der Brustwand Beim Neugeborenen stehen die Rippen hori-


Rippen zontal, sodass der sagittale Durchmesser des
Die Rippen (Costae) entstehen aus den mesen- Brustkorbs – im Gegensatz zum Erwachse-
chymalen Kostalfortsätzen der Brustwirbelkörper. nen – größer ist als der transversale.
Diese hyalinen Knorpelspangen verknöchern in
der Fetalperiode von dorsal nach ventral.

97
5  Leibeswand

Akzessorische Rippen: Ausbildung von abnor-


Begrenzungspfeiler. Da das primitive
men Rippenfortsätzen der Hals- oder Lenden- Zwerchfell auf Höhe der zervikalen Somiten
wirbelkörper jeglicher Größe, d. h. die akzesso- liegt, wandern Myoblasten aus den Halsmyo-
rische Rippe kann von einem marginal vergrö- tomen und Nervenfasern aus den zugehöri-
ßerten Rippenrudiment bis zu einer vollständig gen Zervikalsegmenten des Rückenmarks ein.
ausgebildeten Rippe reichen. Am häufigsten ist Im Laufe der Entwicklung steigt das Zwerch-
eine Lendenrippe, die meist keine Beschwerden fell nach kaudal ab (Zwerchfelldeszensus).
verursacht. Im Gegensatz dazu kann eine Hals­ Dabei behält es aber seine Innervation aus
rippe den Plexus brachialis und die A. subclavia
C3–C5 über den N. phrenicus bei, sodass die-
in der Skalenuslücke beeinträchtigen. ser Nerv beim Erwachsenen bis zu 30 cm lang
werden kann.
Brustbein
In der ventralen Somatopleura entstehen zwei C3, 4, 5 keep the diaphragma alive!
mesenchymale Sternalleisten, die verknorpeln,
aufeinander zuwachsen und schließlich in kra- Weibliche Brüste
niokaudaler Richtung miteinander verschmel- Die weiblichen Brüste (Mammae) entwickeln
zen. sich aus verdicktem Epithel des Oberflächenek-
toderms, den Milchleisten. Diese reichen zwi-
• Sternale Spaltbildungen: Oft finden sich schenzeitlich auf beiden Körperhälften von den
im Processsus xiphoideus des Brustbeins oberen Extremitätenknospen bis in die Leisten-
Lücken und Löcher. Ein unvollständiger gegend. Allerdings bleiben nur zwei Reste im
Verschluss im Bereich des Corpus sterni be- Bereich der Mm. pectorales majores erhalten.
zeichnet man auch als Foramen sternale. Infolge der plazentaren Sekretion von Sexual-
• Pectus excavatum: Eine häufige Anomalie hormonen bilden sich geschlechtsunabhängig
ist die Trichterbrust, die durch verstärktes bis zur Geburt 12–20 Milchgänge, die Ductus
Wachstum des Rippenknorpels verursacht lactiferi, aus, die sich jeweils zu einem Milch-
wird, sodass der untere Sternalbereich ein- säckchen, Sinus lactifer, aufweiten und schließ-
gedrückt wird. lich einzeln auf der Brustwarze münden.
• Pectus carinatum: Als Hühnerbrust be- Aus dem die Milchleisten umgebenden Mesen-
zeichnet man eine Vorwölbung des Brust- chym bildet sich zellreiches Bindegewebe (Man-
beins. Die Ursachen sind noch unklar. telgewebe), faserreiches Bindegewebe und Fett-
Auch hier wird über ein übermäßiges gewebe. Während der Pubertät führen eine er-
Wachstum des Rippenknorpels als möglich höhte Konzentration an Östrogen, Prolaktin,
Ursache diskutiert. Kortikoiden und Wachstumshormonen zum
Wachstum des Drüsen- und Fettgewebes (Thel­
Brustwandmuskulatur arche). Bis zum 20. Lebensjahr ist die Entwick-
Die Brustwandmuskulatur entstammt dem Hy­ lung der Brust gewöhnlich abgeschlossen. Im
pomer. Daher wird die Brustwandmuskulatur Falle einer Schwangerschaft induziert das Man-
auch als hypaxone Muskulatur bezeichnet. telgewebe die Vermehrung des Drüsengewebes.
Zwerchfell Beim Mann unterdrückt das Testosteron die
Das Zwerchfell entsteht aus 4 verschiedenen An- Brustentwicklung.
teilen:
• Septum transversum ■ Skelettelemente der Brustwand
• Plicae pleuroperitoneales Rippen
• Mesenterium oesophagei Die Rippen (Costae) schützen die Brusteinge-
• Mesoderma parietale. weide und verändern bei Ein- und Ausatmung
• Durch das Zusammenwachsen von Septum das Brustkorbvolumen. Sie lassen sich untertei-
transversum und Plicae pleuroperitoneales len in:
entsteht um die 6. EW das primitive Zwerch­ • Costae verae („echte Rippen“): 1.–7. Rippe
fell. Aus dem Mesenterium oesophagei ent-
besitzen eine direkte Verbindung mit dem
stehen die Zwerchfellschenkel, aus dem Me- Brustbein. 1., 6. und 7. Rippe sind synchond-
soderma parietale die dorsalen und lateralen
98
2
rotisch, 2.–5. Rippe sind über ein Gelenk mit Brustbein
dem Brustbein verbunden, Artt. sternocosta- Das Brustbein (Sternum) ist ein platter Kno-
les. chen. Es enthält rotes Knochenmark und besteht
• Costae spuriae („falsche Rippen“): 8.– aus 3 Anteilen, die zunächst synchondrotisch –
10. Rippe stehen nur in indirekter Verbin­ im Alter dann synostotisch – miteinander ver-
dung zum Brustbein und lagern sich der bunden sind:
nächsthöher gelegenen Rippe synchondro- • Manubrium sterni: enthält kranial die In­
tisch an. cisura jugularis, die auf der Haut die Dros-
• Costae fluctuantes („fliegende Rippen“): selgrube (Fossa jugularis) hervorruft. Lateral
11. und 12. Rippe verlaufen frei, ohne Kon- liegen die Incisurae claviculares, die mit der
takt zum Brustbein, in der Brustwand. Extremitas sternalis des Schlüsselbeins arti-
Jede Rippe besteht aus Rippenknorpel, Cartila- kulieren. Zwischen den beiden Schlüsselbei-
go costalis, und Rippenknochen, Costa. Der nen spannt sich entlang der Incisura jugularis
Rippenknochen gliedert sich in: das Lig. interclaviculare auf.
• Caput costae: bildet über seine Facies articu- Kaudal finden sich die Incisurae costales I
laris capitis costae mit der Fovea costalis des und II, über die das Brustbein mit der 1. und
entsprechenden BWK jeweils ein Rippen- 2. Rippe verbunden ist. Die Incisura costa-
kopfgelenk, Art. capitis costae. Dabei artiku- lis II wird sowohl vom Manubrium sterni als
lieren die 2.–10. Rippe jeweils mit 2 BWK, die auch vom Corpus sterni gebildet. Die Verbin-
1., 11. und 12. Rippe mit nur 1 BWK. Das dung vom Manubrium sterni zum Corpus
Lig. capitis costae radiatum stützt die Gelenk- sterni wirft einen Winkel auf, den man auch
kapsel von ventral. Dorsal verläuft das als Brustbeinwinkel (Angulus sterni) bezeich-
Lig. costotransversarium. net.
• Collum costae: kurzes Verbindungsstück • Corpus sterni: verjüngt sich von kranial nach
zwischen Caput costae und Corpus costae kaudal. Lateral bilden sich über die Incisurae
• Corpus costae: beginnt am Tuberculum cos­ costales III–VII Verbindungen mit der
tae, das mit den Querfortsätzen der ­3.–7. Rippe aus.
BWK 1–10 je ein Rippenhöckergelenk • Processus xiphoideus (Schwertfortsatz):
(Art. costotransversaria) unterhält. Bindege- knorpeliger Fortsatz, der häufig durchlöchert
webig wird die Gelenkkapsel durch die ist.
Lig. costotransversarium, Lig. costotransver-
sarium laterale und Lig. costotransversarium
superius (zieht zum nächsthöheren Querfort-
• Die 2. Rippe steht mit dem Angulus sterni
in Verbindung.
satz) unterstützt.
Am Angulus costae beschreibt der Rippen-
körper einen Bogen nach ventromedial, um Die Knochen der ventralen Brustkorbseite sind
sich mit dem Sternum zu verbinden. durch einen ausgeprägten Bandapparat mitein-
Am kaudalen Rand der Rippen verlaufen im ander verbunden:
Sulcus costae die Interkostalgefäße und • Ligg. sternocostalia radiata bzw.
-nerven (von oben nach unten V., A. und Lig. costoxiphoideum: zwischen Brustbein
N. intercostalis). Bei der 11. und 12. Rippe und Rippen
fehlt ein Sulcus costae. • Ligg. sternoclaviculare anterius et posteri­
us: zwischen Brustbein und Schlüsselbein
Besonderheiten.  • Lig. costoclaviculare: zwischen Schlüssel-
Die 1. Rippe hat durch die vorbeiziehenden Ge- bein und Rippen.
fäße 2 Einkerbungen – Sulcus arteriae subcla­
viae und Sulcus venae subclaviae – sowie ein
Höckerchen, das Tuberculum musculi scaleni ■ Muskulatur der Brustwand
anterioris, das dem M. scalenus anterior als An- Seziert man von der Körperoberfläche ausge-
satz dient. Auf der 2. Rippe liegt eine Erhebung, hend in die Tiefe, so liegen folgende Gewebs-
Tuberositas musculi serrate anterioris, von schichten aufeinander:
welcher der M. serratus anterior entspringt. • Kutis
• Subkutanes Fett- und Bindegewebe
99
5  Leibeswand

• Fascia pectoralis: umschließt den M. pecto­ tum transversum hervorgegangene bindegewe-


ralis major bige Teil, das Centrum tendineum.
• Fascia clavipectoralis: umfasst den M. pec­ Zwerchfellöffnungen. 
toralis minor
• Fascia thoracia: liegt den Rippen und der • Trigonum sternocostale sinistrum (Larrey
Spalte): Vasa thoracica interna
Interkostalmuskulatur von außen auf
• Fascia endothoracica: legt sich den Rippen • Trigonum sternocostale dextrum (Morgag­
ni-Loch): Vasa thoracica interna
und der Interkostalmuskulatur von innen an,
sodass sie ans Rippenfell, Pars costalis pleu-
• Foramen venae cavae: V. cava, R. phrenico-
abdominalis des rechten N. phrenicus
rae (➜ Kap. 6), grenzt.
• Hiatus oesophageus: Ösophagus, R. phreni-
Interkostalmuskulatur coabdominalis des linken N. phrenicus
Die Interkostalmuskeln (➜ Tab. 5.7) spannen • Hiatus aorticus: Aorta, Ductus thoracicus
sich zwischen den Rippen auf. Sie sind neben • Medialer Lumbalspalt: V. azygos (rechts)
dem Zwerchfell die wichtigsten Atemmuskeln u. V. hemiazygos (links), N. splanchnicus ma-
und werden insbesondere bei körperlicher Be- jor
lastung aktiviert. Sie verändern die Gelenkstel- • Lateraler Lumbalspalt: N. splanchnicus mi-
lung in den Kostovertebralgelenken, deren Ge- nor, Truncus sympathicus.
lenkachse durch den Rippenhals verläuft (Rip­
penatmung). • Hernie: ist durch 4 Eigenschaften charak-
terisiert:
■ Zwerchfell – Bruchpforte: beschreibt die Durchtritts-
Das Zwerchfell (Diaphragma) ist eine fibromus- stelle der Hernie
kuläre Trennwand zwischen Brust- und Bauch- – Bruchsack: beschreibt die innere Ober-
höhle. Es ist der wichtigste Atemmuskel und fläche der Hernie – meistens Perito-
wirkt über eine Absenkung des Zwerchfells in­ neum
spiratorisch (Bauchatmung). Im Ruhezustand – Bruchinhalt: am häufigsten Dünndarm-
wird vorwiegend mittels Bauchatmung eingeat- schlingen oder das große Netz
met. – Bruchhüllen: beschreiben die umgeben-
Die rechte Zwerchfellkuppel steht gewöhnlich den Gewebeschichten.
einen halben ICR höher als die linke – etwa auf • Zwerchfellhernien: Muskelfreie Bereiche
Höhe des 4. ICR. Unter der rechten Zwerchfell- des Zwerchfells bilden eine Schwachstelle.
kuppel liegt die Leber, unter der linken befinden Durch sie können sich Bauchorgane in die
sich Magen und Milz. Brusthöhle verlagern. Das geschieht beson-
Das Diaphragma lässt sich in Anlehnung an sei- ders im Bereich des Trigonum lumbocos-
ne angrenzenden Strukturen in die Partes ster­ tale (Bochdalek-Lücke) und des Hiatus oe-
nalis, costalis und lumbalis unterteilen. Im
sophageus. Dementsprechend nennt man
Zentrum des Zwerchfells liegt der aus dem Sep- die Brüche: Bochdalek-Hernie und Hia­
tushernie (➜ Kap. 6).

Tab. 5.7  Interkostalmuskulatur im Überblick


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
Mm. intercosta­ schräger Verlauf in den Zwischenrippenräu- Nn. intercos- Rippenheber
les externi men von hinten-oben nach vorne-unten tales I–XI (Inspiration)
Mm. intercosta­ schräger Verlauf in den Zwischenrippenräu- Rippensenker
les interni men von hinten-unten nach vorne-oben (Exspiration)
Mm. intercosta­ Abspaltung der Mm. intercostales interni
les intimi
Mm. subcostales
Mm. transversus Knorpel-Knochengren- Rückseite des Ster- Nn. intercos-
thoracis ze der 2.–6. Rippe nums tales II–VI

100
2
■ Weibliche Brust unterteilen die Brust in einzelne Läppchen. Die
Milchgänge münden auf der Brustwarze (Papil­
Die weibliche Brust (Mamma) ist ein sekundäres la mammaria), die vom stark pigmentierten
Geschlechtsorgan, das der Milchbildung (Lakta- Brustwarzenvorhof (Areola mammae) umgeben
tion) und als erogene Zone der sexuellen Stimu- ist. Die Areola mammae ist mit Talg- und
lation dient. Sie besteht zu 80 % aus Fett- und Schweißdrüsen (Gll. areolares, Montgomery-
Bindegewebe und zu 20 % aus Drüsengewebe Drüsen) zur Befeuchtung und Einfettung der
(Gl. mammaria). Die Mamma liegt auf der Fas­ weichen Haut des Warzenhofs durchsetzt.
cia pectoralis. Sog. Ligg. suspensoria mammaria

■ CHECK-UP
Nennen Sie die 4 verschiedenen Anteile, aus denen das Zwerchfell entsteht!
Durch welches Rückenmarksegment wird das Zwerchfell in der Regel innerviert?
Welche Strukturen treten durch den Hiatus aorticus, welche durch den lateralen Zwerchfell-
schlitz?
Durch welche Öffnung zieht der N. splanchnicus minor?

Bauchwand
Die Bauchwand ist eine Muskel-Sehnen-Platte, schnur, wenn sich ringförmige Kollagenfasern,
die die Brustwand mit der Beckenregion verbin- Anulus umbilicans, zusammenziehen.
det. Sie dient als Atemhilfsmuskulatur bei der
Ausatmung und unterstützt mittels der Bauch­
presse die Defäkation und Miktion. Außerdem
■ Muskulatur
schützt die Bauchwand die Bauchorgane und ge- Die Bauchmuskulatur lässt sich in 3 Muskel-
währleistet gleichzeitig eine enorme Beweglich- gruppen unterteilen:
keit des Rumpfs. In der Bauchwand liegen von • Oberflächliche laterale Bauchmuskeln:
der Oberfläche in die Tiefe folgende Gewebs- ➜ Tabelle 5.8
schichten aufeinander: • Oberflächliche mediale Bauchmuskeln:
• Kutis ➜ Tabelle 5.10
• Subkutanes Fett- und Bindegewebe • Tiefe Bauchmuskeln: ➜ Tabelle 5.11.
• Fascia abdominis superficialis Oberflächliche laterale Bauchmuskulatur
• Bauchmuskulatur
• Fascia transversalis
• Peritoneum parietale. Die Mm. obliquus internus abdominis et
transversus abdominis spalten den
M. cremaster (Innervation: R. genitalis des
■ Entwicklung der Bauchwand N. genitofemoralis) ab.
Die Muskulatur der Bauchwand entsteht aus
Myoblasten, die aus den Myotomen der Somiten Die 3 oberflächlich gelegenen lateralen Bauch-
in die ventrale Rumpfwand einwandern. Die muskeln bilden mit ihren Aponeurosen die Rek­
Myoblasten differenzieren sich und lagern sich zu tusscheide (Vagina musculi recti abdominis),
den verschiedenen Bauchmuskelgruppen zusam- die den M. rectus abdominis umgreift. Dabei
men. Bis zur 10. EW liegt ein physiologischer Na- entstehen ein vorderes und ein hinteres Blatt der
belbruch vor, der die differenzierte Entwicklung Rektusscheide, Laminae anterior und posteri­
des Darmkanals ermöglicht (➜ Kap. 7). or, die sich abhängig von der Höhe aus unter-
Bis zur Geburt ziehen durch den Bauchnabel schiedlichen Anteilen zusammensetzen
(Umbilicus) die Aa. umbilicales und V. umbili- (➜ Tab. 5.9). Den Übergang markiert die bo-
calis. Der Bauchnabel entsteht in seiner endgül- genförmige Linea arcuata auf der Innenseite
tigen Form erst nach dem Abfallen der Nabel- der Bauchwand.
101
5  Leibeswand

Tab. 5.8  Oberflächliche laterale Bauchmuskulatur


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. obliqu­ 5.–12. Rippe • Rektus- • Nn. intercosta- • Lateralflexion zur ipsilate-
us exter­ scheide les V–XII ralen Seite und
nus abdo­ • Lig. ingui- • N. iliohypogast- • Rotation zur kontralatera-
minis nale ricus len Seite (einseitig)
• Labium ex- • Ventralflexion des Rumpfs,
ternum der Aufrichtung des Beckens,
Crista iliaca Bauchpresse und Ausat-
mung (beidseitig)
M. obliqu­ • Fascia thoraco- • 9.–12. Rip- • Nn. Intercosta- • Lateralflexion zur ipsilate-
us inter­ lumbalis pe les VIII–XII ralen Seite und Rotation
nus abdo­ • Lig. inguinale • Rektus- • N. iliohypogast- zur ipsilateralen Seite (ein-
minis • Linea interme- scheide ricus seitig)
dia der Crista • N. ilioinguinalis • Ventralflexion des Rumpfs,
iliaca • N. genitofemo- Aufrichtung des Beckens,
ralis Bauchpresse und Ausat-
mung (beidseitig)
M. trans­ • 7.–12. Rippe • Rektus- • Nn. Intercosta- • Rotation zur ipsilateralen
versus ab­ • Fascia thoraco- scheide les V–XII Seite (einseitig)
dominis lumbalis • N. iliohypogast- • Bauchpresse und Ausat-
• Labium inter- ricus mung (beidseitig)
num der Crista • N. ilioinguinalis
iliaca • N. genitofemo-
• Lig. inguinale ralis

Tab. 5.9  Anteile der zweiblättrigen Rektus- In der Mitte der Rektusscheide überkreuzen sich
scheide die Aponeurosen der oberflächlichen lateralen
Lamina anterior Lamina posterior Bauchmuskeln. Dadurch entsteht zwischen dem
rechten und linken M. rectus abdominis eine
Kranial • Aponeurose • Dorsales Blatt
bindegewebige Leiste, die Linea alba, die vom
der Li­ des M. obliqu- der Aponeuro-
nea ar­ us externus se des M. obli- Proc. xiphoideus des Sternums bis zur Symphy-
cuata abdominis quus internus se reicht.
• Ventrales abdominis
Blatt der Apo- • Aponeurose Rektusdiastase: Durch einen dauerhaft er-
neurose des von M. transver-
M. obliquus sus abdominis
höhten intraabdominellen Druck können die
internus ab- • Fascia trans- Bindegewebszüge der Linea alba erschlaffen,
dominis versalis und sodass die Mm. recti abdominis auseinander-
Peritoneum stehen. Diese Bindegewebsschwäche tritt
parietale häufig im Rahmen einer Schwangerschaft
Kaudal Aponeurosen Fascia transver- oder bei adipösen Patienten auf. Wenn betrof-
der Li­ der Mm. obliqu- salis und Perito- fene Patienten die Bauchpresse einsetzen,
nea ar­ us externus/in- neum parietale wölbt sich die Bauchwand im insuffizienten
cuata ternus/transver- Bereich vor.
sus abdominis

Oberflächliche mediale Bauchmuskulatur


• Unterhalb der Linea arcuata bilden nur Der M. rectus abdominis ist durch Intersectio­
die Fascia transversalis und das Perito- nes tendineae in mehrere hintereinander ge-
neum das hintere Blatt der Rektusschei- staffelte Bäuche untergliedert. Die Intersectiones
de. tendineae sind nur mit dem vorderen Blatt der
• Oberhalb der Linea arcuata verstärken Rektusscheide verbunden und bilden bei athleti-
Fasern des M. obliquus internus abdomi- schen Konstitutionstypen gemeinsam mit der
nis und M. transversus abdominis das Linea alba ein Muster, das oberflächlich als „Six-
hintere Blatt der Rektusscheide. pack“ oder „Waschbrettbauch“ ins Auge fällt.

102
2
Tab. 5.10  Oberflächliche mediale Bauchmuskulatur
Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. rectus • 5.–7. Rippe Schambein Nn. intercosta- • Ventralflexion des Rumpfs
abdominis • Proc. xiphoide- les V–XII • Aufrichtung des Beckens
us des Ster- • Bauchpresse
nums • Ausatmung

M. pyrami­ Schambein Linea alba N. intercosta- Spannen der Linea alba


dalis lis XII (N. sub-
costalis)

Tab. 5.11  Tiefe Bauchmuskulatur


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. quad­ Labium in- • 12. Rippe N. intercosta- • Lateralflexion zur ipsilateralen Seite
ratus ternum der • Proc. cos- lis XII (N. sub- (einseitig)
lumbo­ Crista iliaca tales der costalis) • Bauchpresse, Ausatmung und Stabi­
rum LWK 1–4 lisation der freien Rippen bei Kon­
traktion des Zwerchfells (beidseitig)

Tiefe Bauchmuskulatur Tab. 5.12  Begrenzungen des Leistenkanals


Siehe ➜ Tabelle 5.11. Richtung Begrenzung durch

■ Leistenband und Leistenkanal Vorder­


wand
Aponeurose des M. obliquus ex-
ternus
Das Leistenband (Lig. inguinale, Poupart- Dach M. obliquus internus und
Band) spannt sich von der Spina iliaca anterior M. transversus abdominis
superior zum Tuberculum pubicum auf. Kranial Rückseite Fascia transversalis (+ Verstär-
des Lig. inguinale liegt der Leistenkanal (Cana­ kungszug [Lig. interfoveolare])
lis inguinalis), eine 4–5 cm lange Bindegewebs- Boden Lig. inguinale und Lig. reflexum
röhre, die von dorsolateral nach ventromedial (Aponeurose des M. obliquus ex-
zieht. Der Leistenkanal verbindet den inneren ternus abdominis)
(Anulus inguinalis profundus) mit dem äußeren
Leistenring (Anulus inguinalis superficialis). Bei der Frau ist der Leistenkanal wesentlich kür-
Letzterer wird durch 2 Schenkel, Crura mediale zer und schmaler. Er enthält:
und laterale, der bindegewebigen Aponeurose • N. ilioinguinalis
des M. obliquus externus begrenzt. Von ent- • R. genitalis des N. genitofemoralis
scheidender Prüfungsrelevanz sind die Begren- • Lig. teres uteri
zungen des Leistenkanals (➜ Tab. 5.12). • A. und V. ligamenti teretis uteri
Die den Leistenkanal durchziehenden Struktu- • Lymphgefäße.
ren unterscheiden sich bei den Geschlechtern.
Beim Mann wird der Leistenkanal durch den
Deszensus der Hoden aufgeweitet. Hier beinhal-
■ Plicae umbilicales
tet der Leistenkanal: Auf der Innenseite der Bauchwand prägen 5 Pe-
• N. ilioinguinalis ritonealfalten (➜ Abb. 5.6), die Plicae umbilica-
• Samenstrang (Funiculus spermaticus) mit les, ein charakteristisches Erscheinungsbild. In
– R. genitalis des N. genitofemoralis der Mediansagittalebene liegt die Plica umbili­
– Ductus deferens calis mediana, die den obliterierten Urachus
– A. und V. ductus deferentis enthält. Nach lateral folgen zu beiden Seiten die
– A. und V. testicularis Plicae umbilicales mediales, welche die oblite-
– Plexus pampiniformis rierten Aa. umbilicales enthalten. Nach lateral
– A. und V. cremasterica schließen sich beidseits die Plicae umbilicales
– Vegetative Nervenfasern laterales an, welche die Vasa epigastrica inferi-
– Lymphgefäße. ora beherbergen. Auch die Flächen zwischen
den Plicae umbilicales besitzen Namen: So liegt
103
5  Leibeswand

Lig. falciforme(hepatis)

Linea arcuata Chorda arteriae


umbilicalis
Plica umbilicalis
mediana M. rectus abdominis
Plica umbilicalis N. cutaneus femoris
medialis lateralis
Plica umbilicalis A.; V. epigastrica
lateralis inferior
M. iliopsoas Lacuna musculorum
N. femoralis
A.; V. femoralis Anulus inguinalis profundus
Fossa inguinalis lateralis Arcus iliopectineus
Lacuna vasorum
Fossa inguinalis medialis
Ductus deferens Vasa testicularia
Lig. interfoveolare
Fossa supravesicalis
N. obturatorius; A.; V. obturatoria
Ureter Trigonum inguinale
Vesica urinaria

Abb. 5.6  Vordere Bauchwand, Ansicht von innen [S007-1-23]

zwischen den beiden Plicae umbilicales mediales


die Fossa supravesicalis. Zwischen den Plicae
ist die Bruchpforte. Der Bruchsack besteht
aus Fascia transversalis und Peritoneum.
umbilicales mediales und laterales liegt je eine
Die Vasa epigastrica liegen lateral der
Fossa inguinalis medialis (Hesselbach-Drei-
Bruchpforte. Mediale Leistenhernien sind
eck), in welcher der Anulus inguinalis superfi-
immer erworben.
cialis liegt. Lateral der Plicae umbilicales latera-
les folgt jeweils eine Fossa inguinalis lateralis.
• Laterale Leistenhernie (indirekte Leisten-
hernie): bricht durch den Anulus inguina-
Hier liegt der Anulus inguinalis profundus.
lis profundus, zieht durch den Leistenka-
nal und tritt durch den Anulus inguinalis
• Leistenhernie (Hernia inguinalis): ein superficialis aus. Ihr Bruchsack wird aus-
Bruch im Bereich des Leistenkanals. Man schließlich von Peritoneum gebildet. Die
unterscheidet: Vasa epigastrica liegen medial der Bruch-
• Mediale Leistenhernie (direkte Leisten- pforte. Laterale Leistenhernien können so-
hernie): Der Anulus inguinalis superficialis wohl angeboren als auch erworben sein.

■ CHECK-UP
Beschreiben Sie den Aufbau der Rektusscheide kranial und kaudal der Linea arcuata!
Aus welchem Muskel spaltet sich der M. cremaster ab?
Welche Funktionen hat der M. quadratus lumborum?
Nennen Sie die Begrenzungen des Leistenkanals!
Welche Strukturen befinden sich in den Plicae umbilicales?

Becken

Das knöcherne Becken formiert sich zu einem men. Der Beckengürtel trägt durch den aufrech-
massiven Beckengürtel (Cingulum membri pel­ ten Gang die Körperlast und ist Auflagefläche
vini) aus Kreuzbein, Steißbein und den beiden der Bauchorgane. Er verbindet die Beine mit
Hüftbeinen (Ossa coxae). Die Ossa coxae setzen dem Rumpf und gewährleistet so einen sicheren
sich jeweils aus Darmbein (Os ilium), Sitzbein Stand und eine effektive Kraftübertragung von
(Os ischii) und Schambein (Os pubis) zusam- den Beinen auf den Körper. Kräftige Bauchmus-
104
2
kelzüge inserieren am Becken und verhindern Ursprungs- und Ansatzflächen für die ober-
somit ein Abkippen des Beckens nach vorne. flächliche laterale Bauchmuskulatur.
Sitzbein (Os ischii)
■ Entwicklung des Beckens Es besteht ebenfalls aus 2 Teilen:
Entstehung des knöchernen Beckens • Corpus ossis ischii (Sitzbeinkörper)
Gegen Ende der 4. EW entwickeln sich die 3 Be- • Ramus ossis ischii (Sitzbeinarm): bildet die
ckenknochen als Teil des Extremitätenskeletts beiden bedeutsamen Ausstülpungen des Sitz-
(Skeleton appendiculare) aus Mesenchymver- beins:
dichtungen der Somatopleura des Seitenplatten- – Tuber ischiadicum (Sitzbeinhöcker)
mesoderms. Nachdem sich knorpelige Vorläu- – Spina ischiadica (Sitzbeindorn): liegt zwi-
ferformen gebildet haben, verknöchert ab dem schen Incisura ischiadica major und mi-
2.–3. EM zunächst das Os ilium, später folgen Os nor.
ischii und Os pubis. Die 3 Beckenknochen ver- • Zudem begrenzt der Ramus ossis ischii das
schmelzen etwa mit dem 15. Lebensjahr über ei- Foramen obturatum nach kaudal. Das Fora-
ne Y-förmige Knorpelfuge im Bereich der Hüft- men obturatum ist mit der bindegewebigen
pfanne. Membrana obturatoria verschlossen und hat
kraniomedial eine Öffnung, durch die
Entstehung der Beckenmuskulatur A., V. und N. obturatorius treten.
Die Beckenmuskulatur entsteht aus Myoblasten-
zellen der lumbosakralen Myotome. Schambein (Os pubis)
Es liegt kraniomedial des Foramen obturatum
und besteht aus:
■ Skelettelemente des Beckens • Corpus pubis (Schambeinkörper)
Darmbein (Os ilium) • Rami superior und inferior pubis (oberer
Es gliedert sich in: und unterer Schambeinast): Der Ramus supe-
• Corpus ossis ilii (Darmbeinkörper): läuft in rior ossis pubis wird dorsal durch den
Richtung Os pubis zur Eminentia iliopubica Schambeinkamm (Pecten ossis pubis) ver-
aus stärkt und erhebt sich medial zum Tubercu­
• Ala ossis ilii (Darmbeinflügel): dient einer- lum pubicum, dem Befestigungspunkt des
seits über die Fossa iliaca den Bauchorganen Lig. inguinale.
als Auflage und andererseits der Glutäenmus-
kelgruppe als Ursprungsfeld (Facies glutae). Die Verbindungslinie von Promontorium,
Makroskopisch lassen sich auf der Facies glu- Linea arcuata und Pecten ossis pubis bildet
tae Lineae glutealis anterior, posterior und die Linea terminalis. Sie unterteilt das Be-
inferior als Markierungen der Ursprungsfel- cken in das große und kleine Becken.
der der Glutäenmuskelgruppe unterscheiden.
• Die Trennlinie zwischen Corpus ossis ilii und
Ala ossis ilii bildet die horizontal verlaufende Die Corpores der 3 Hüftknochen bilden die
Linea arcuata. Hüftpfanne, Acetabulum, die kranial von einem
• Des Weiteren hat der Darmbeinflügel 2 Spit- Wulst (Limbus acetabuli) überdacht ist und kau-
zen auf der Vorderseite und 2 auf der Rück- dal eine auffällige Einkerbung (Incisura acetabu-
seite: li) besitzt. Die Incisura acetabuli wird vom
– Spinae iliacae anteriora superior et infe­ Lig. transversum acetabuli überdeckt. Die Ge-
rior lenkfläche, Fossa acetabuli, liegt i. S. eines Nuss-
– Spinae iliacae posteriora superior et in­ gelenkes in den Hüftknochen eingegraben. Sie
ferior. ist rundum mit der knorpeligen Facies lunata
• Zwischen Spina iliaca anterior superior und ausgekleidet.
Spina iliaca posterior superior verläuft der
Darmbeinkamm (Crista iliaca), dessen Ober- ■ Gelenke und Bänder des Beckens
fläche geriffelt ist. Auf der Crista iliaca verlau-
fen von außen nach innen Labium externum, In der Art. sacroiliaca artikulieren die ohrenför-
Linea intermedia und Labium internum als migen Facies auriculares des Kreuz- und Darm-
beins miteinander. Es handelt sich infolge der

105
5  Leibeswand

Tab. 5.13  Foramina des Beckens im Überblick Tab. 5.14  Kennzeichen des männlichen und
weiblichen Beckens
Foramen Begrenzung Durchziehende
Strukturen Kenzeichen Weibliches Männliches
Foramen • Dach/Vor- • Foramen suprapi­
Becken Becken
ischiadi­ derseite: riforme: Darmbein­ seitlich ausla- steil
cum ma­ Incisura – A. und V. glu- schaufeln dend
jus ischiadica tea superior
major – N. gluteus su- Beckenein­ queroval herzförmig
• Boden: perior gang
Lig. sacro- • Foramen infrapi­ Form des niedrig, breit, hoch, schmal,
spinale riforme: Beckenrings weit eng
• Rückseite: – A. und V. glu-
Os sacrum tea inferior Promontori­ ragt nur wenig dringt deutlich
– N. gluteus infe- um ins Beckenin- ins Beckenin-
rior nere vor nere ein
– A. und V. pu- Kreuzbein­ stumpfwink- spitzwinklig,
denda interna form lig, breit schmal
– N. pudendus
– N. ischiadicus Symphyse niedrig, breit hoch, schmal
– N. cutaneus fe- Foramen dreieckig oval
moris posterior ­obturatum
Foramen • Dach: • A. und V. puden-
Schambein­ Schambein- Schambein-
ischiadi­ Lig. sacro- da interna winkel bogen (Arcus winkel (Angu-
cum mi­ spinale • N. pudendus
pubis): 100° lus pubis): 70°
nus • Vordersei- • M. obturatorius
te: Incisu- internus Beckenaus­ weit schmal
ra ischia- gang
dica minor
• Boden/
Rückseite: Morbus Bechterew: Erkrankung des rheuma-
Lig. sacro- tisch-entzündlichen Formenkreises. Durch
tuberale chronische Entzündung insbesondere von
Iliosakral- und Intervertebralgelenken,
starken Fixierung durch ein ausgeprägtes Band- kommt es zur reaktiven Verknöcherungen,
system um eine Amphiarthrose. Von kraniome- welche die Beweglichkeit der Patienten stark
dial nach kaudolateral fixieren folgende Bänder einschränken. Daher wird die Erkrankung
das Kreuzbein fest mit dem Darmbein: auch als ankylosierende Spondylitis be-
• Lig. iliolumbale zeichnet.
• Ligg. sacroiliaca ventralia, interossea und
dorsalia
• Lig. sacrospinale ■ Geschlechtsspezifische
• Lig. sacrotuberale. Unterschiede
Die Ligg. sacrospinale und sacrotuberale hem- Es gibt deutliche Unterschiede zwischen dem
men Drehbewegungen im Art. sacroiliaca und weiblichen und männlichen Becken
bilden mit den Incisurae ischiadiacae major und (➜ Tab. 5.14). Da das weibliche Becken auch als
minor die Foramina ischiadica majus und mi- Gebärkanal dient, werden bei der Geburtsvorbe-
nus. Der M. piriformis untergliedert das Fora- reitung die Beckenmaße der werdenden Mutter
men ischiadicum majus in ein Foramen suprapi- bestimmt (➜ Tab. 5.15, ➜ Tab. 5.16).
riforme und infrapiriforme (➜ Tab. 5.13).
Ventral verbindet die Schambeinfuge (Symphy­
sis pubica) die beiden Schambeinkörper über Wenn die Conjugata vera obstetrica kleiner
eine faserknorpelige Synchondrose mit eingela- als 10 cm ist, können Geburtshindernisse
gertem Diskus (Discus interpubicus) und auftreten.
schließt somit den Beckenring. Die Schambein-
fuge wird durch die beiden Bänder Lig. pubicum
superius und Lig. arcuatum pubis verstärkt.

106
2
Tab. 5.15  Innere Beckenmaße im Überblick
Maß Bezeichnet den größten Abstand zwischen Referenzwert
Diameter transversa der den beiden Linea terminales 13,5 cm
­Beckeneingangsebene
Conjugata vera anatomica Oberrand Symphyse – Promontorium 11–11,5 cm
Conjugata vera obstetrica Hinterfläche Symphyse – Promontorium 10–11 cm
Conjugata diagonalis Unterrand Symphyse – Promontorium 12,5–13 cm
Conjugata recta Unterrand Symphyse – Spitze des Os coccygis 9–11 cm
Diameter obliqua I Art. sacroiliaca dextra – Eminentia iliopectinea si- 12,5 cm
nistra
Diamter obliqua II Art. sacroiliaca sinistra – Eminentia iliopectinea 12,5 cm
dextra
Diameter transversa der den beiden Spinae ischiadicae 11 cm
­Beckenausgangsebene

Tab. 5.16  Äußere Beckenmaße im Überblick


Maß Bezeichnet den größten Abstand zwischen Referenzwert
Conjugata externa Oberrand Symphyse – Proc. spinosus von LWK 5 20–21 cm
Distantia interspinosa Den beiden Spinae iliacae anteriores superiores 24–26 cm
Distantia intercristalis Den beiden Cristae iliacae 28–29 cm
Distantia intertrochanterica Den beiden Trochanteres majores femoris 31–32 cm

1 Urethra feminina
2 Vagina
3 Rectum
4 Canalis obturatorius
5 Lig. anococcygeum
6 M.obturatorius internus
7 Arcus tendineus musculi
levatoris ani
8 M.ischiococcygeus
9 Lig. sacrospinale
10 M.piriformis

Abb. 5.7  Beckenboden der Frau, vom Bauchraum her gesehen [S002-7]

107
5  Leibeswand

■ Muskulatur – Hiatus urogenitalis: für die Urethra beim


Mann, bzw. für Urethra und Vagina bei der
Die Beckenmuskeln fügen sich zum kräftigen Frau.
Beckenboden (➜ Abb. 5.7) zusammen, der – Hiatus ani: für das Rektum.
trichterförmig die Endstücke des Harn-, Genital- • Diaphragma urogenitale: 
und Verdauungssystems umschließt und somit • liegt kaudal des Diaphragma pelvis, um die
deren Öffnung steuert. Gleichzeitig trägt der Be- große Öffnung des Levatortors abzustützen
ckenboden einen Großteil der Eingeweidelast. Er (➜ Tab. 5.18).
lässt sich wie folgt untergliedern. • Seine Muskelfasern inserieren am Centrum
Diaphragma pelvis:  tendineum (Corpus perineale), eine Sehnen-
• Besteht aus M. levator ani (M. puborectalis, platte, in die auch die Mm. sphincter ani ex-
M. pubococcygeus, M. iliococcygeus) und ternus und bulbospongiosus Fasern abgeben
M. ischiococcygeus (➜ Tab. 5.17). (➜ Tab. 5.19). Das Centrum tendineum bil-
• Die Strukturen des Harn-, Genital- und Verdau- det den mechanischen Mittelpunkt des mus-
ungssystem treten durch das Levatortor. Prärek- kulären Beckenbodens.
tale Fasern unterteilen das Levatortor weiter in:
Tab. 5.17  Diaphragma pelvis im Überblick
Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. puborectalis Hinterwand des Os pubis Lig. anococcygeum Direkte Äs- Sicherung der
te des Ple- Lage der Be-
M. pubococcy­ Hinterwand des Os pubis • Os sacrum
xus sacralis ckenorgane
geus (lateral des M. puborecta- • Os coccygis
lis) • Lig. anococcyge-
um
M. iliococcy­ Verstärkung der Faszie des
geus M. obturatorius internus
(Arcus tendineus m. levato-
ris ani)
M. ischiococcy­ Innenfläche der Spina • Os sacrum Entlastung der
geus (M. coccy­ ­ischiadica • Os coccygis Ligg. sacrospi-
geus) nale und sac-
rotuberale

Tab. 5.18  Diaphragma urogenitale im Überblick


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. transversus • R. inferior ossis • Wand der Vagi- N. pudendus • Abdeckung des
perinei profundus pubis na bzw. Prosta- Levatortors
• R. ossis ischii ta • Sicherung der
• Centrum tendi- Lage der Be-
neum ckenorgane
M. transversus Centrum tendine-
perinei superfi­ um
cialis

Tab. 5.19  Schließ- und Schwellkörpermuskeln im Überblick


Muskel Ursprung Ansatz Innervation Funktion
M. bulbospon­ Centrum tendine- Raphe penis (♂) N. puden- Umhüllt Bulbus penis (♂)
giosus um bzw. Klitoris (♀) dus bzw. Bulbus vestibuli (♀)
M. ischioca­ R. ossis ischii Crus penis (♂) Umhüllt Corpus caverno-
vernosus bzw. Crus clitori- sum penis (♂) bzw. Corpus
dis (♀) cavernosum clitoridis (♀)
M. sphincter Lig. anococcyge- Centrum tendine- Verschluss des Anus
ani externus um um (Stuhlkontinenz)

108
2
■ CHECK-UP
Welche spezifischen Merkmale trägt ein weibliches Becken, welche ein männliches?
Welche Entfernung bezeichnet die Conjugata vera?
Nennen Sie weitere innere Beckenabstände!
Wie lässt sich der Beckenboden untergliedern?

Leitungsbahnen
■ Nerven ■ Arterien
Rücken.  Die autochthone Rückenmuskulatur Systematik
und die Haut der hinteren Leibeswand werden Aa. intercostales posteriores und Aa. lumbales: 
durch die Rr. posteriores der Spinalnerven • Aa. intercostales posteriores I und II: aus
(M, S) innerviert. der A. intercostalis suprema, einem Ast des
Truncus costocervicalis
Brustwand.  Sie wird motorisch und sensibel • Aa. intercostales posteriores III–XII: aus
durch folgende Nerven innerviert: der Pars thoracica der Aorta descendens. Die
• Nn. intercostales (M, S): Dies sind die A. intercostalis posterior XII wird als A. sub-
Rr. anteriores der zwölf thorakalen Spinalner- costalis bezeichnet.
ven (Nn. thoracici), die am Unterrand der • Aa. lumbales I–IV: aus der Pars abdominalis
Rippe verlaufen und sensibel Brustwand, der Aorta descendens.
Mamma, Bauchwand, Pleura parietalis und Alle Aa. intercostales posteriores und Aa. lum-
Peritoneum innervieren sowie motorisch In- bales entlassen zwei Äste, einen R. dorsalis zum
terkostal-, Thorax- und Bauchmuskulatur. Rücken und einen R. cutaneus lateralis zur seitli-
Der N. intercostalis XII wird auch als N. sub­ chen Leibeswand. Die Aa. intercostales posterio-
costalis bezeichnet. res anastomosieren mit den ↔ Aa. intercostales
• Nn. supraclaviculares (S) aus dem Plexus anteriores.
cervicalis: Sie innervieren die Haut über Kla-
vikula und Schulter bis zur 2. Rippe.
• N. thoracicus longus (M) und N. thoraco­ Am Unterrand jeder Rippe verlaufen im Sul-
dorsalis (M) aus dem Plexus brachialis: Sie cus costae zwischen dem M. intercostalis in-
innervieren den M. serratus anterior und die ternus und dem M. intercostalis intimus von
Mm. latissimus dorsi und teres major. kranial nach kaudal: V. intercostalis, A. in-
tercostalis, N. intercostalis (Merke: IVAN).
Bauchwand.  Die Bauchmuskulatur und die
Haut der Bauchwand werden durch folgende
Nerven versorgt: Bei Pleurapunktionen oder Thoraxdrainagen
• Nn. intercostales V–XII (M, S) muss die Nadel immer am Oberrand, nie am
• N. iliohypogastricus (M, S) und N. ilioingui­ Unterrand der Rippe vorgeschoben werden, da-
nalis (M, S) aus dem Plexus lumbalis mit die Leitungsbahnen nicht verletzt werden.
(➜ Kap. 4).
A. thoracica interna.  Entspringt aus der
Die Nn. intercostales II und III sind über die A. subclavia und verläuft etwa 1 cm parasternal
Nn. intercostobrachiales, die mit dem N. cu- abwärts.
taneus brachii medialis anastomosieren, an Dabei entlässt sie folgende Äste:
der sensiblen Innervation der Innenseite des • Rr. viscerales: zu Mediastinum, Thymus,
Oberarms beteiligt. Trachea und Hauptbronchien
• A. pericardiacophrenica
• Aa. intercostales anteriores I–VI: anasto-
mosieren mit den ↔ Aa. intercostales posteri-
ores I–VI.
109
5  Leibeswand

Dann zweigt sich die A. thoracica interna in ihre Brustwand.  Über die Äste der A. thoracica
2 Endäste auf: interna und die Aa. intercostales posteriores.
• A. musculophrenica: verläuft unterhalb des
Rippenbogens zum Zwerchfell Bauchwand.  Über folgende Arterien:
– Aa. intercostales anteriores VII–XII: • Aa. intercostales posteriores VI–XII
↔ Aa. intercostales posteriors VII–XII • Aa. lumbales
• A. epigastrica superior: tritt im Trigonum • A. epigastrica superior und inferior
sternocostale durch das Zwerchfell zur vorde- • A. epigastrica superficialis
ren Bauchwand. • A. circumflexa ilium superficialis.

Bei Bypass-Operationen am Herzen wird be- ■ Venen


vorzugt die linke A. thoracica interna ver- Die Venen der Leibeswand verlaufen größten-
wendet. Dabei muss sie zunächst von allen teils in Begleitung von Arterien und sind ihnen
Ästen befreit werden, die aufgrund der Ana­ entsprechend benannt. Die Vv. intercostales
stomosenkreisläufe aber weiter durchblutet posteriores drainieren rechts direkt oder indi-
werden. Anschließend wird das freie kaudale rekt in die V. azygos, links überwiegend in die
Ende mit der betroffenen Koronararterie ver- V. hemiazygos bzw. die V. hemiazygos accesso-
bunden. ria.
Die Vv. thoracoepigastricae anastomosieren
Versorgung mit der V. epigastrica superficialis, sammeln das
Rücken.  Über die Rr. dorsales der Aa. inter- Blut der lateralen Brustwand und münden in die
costales posteriores und Aa. lumbales. V. axillaris.

■ CHECK-UP
Wo und in welcher Reihenfolge verlaufen die Aa., Vv. bzw. Nn. intercostales?
Welche Äste entspringen der A. thoracica interna?

110
3
6  Brusteingeweide
Entwicklung von Pleuraperikardhöhle, Herz und Lunge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111

Atmungsorgane . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114

Speiseröhre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117

Thymus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118

Herz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119

Nerven und Nervengeflechte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124

Arterien und Pulmonalgefäße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127

Venen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127

Lymphknoten und Lymphgefäße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128

Angewandte und topografische Anatomie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129

Entwicklung von Pleuraperikardhöhle, Herz und Lunge


■ Pleuraperikardhöhle mehrere Gefäßplexus, die schließlich zu 2 En-
dokardrohren zusammenwachsen. Die Endo-
Die Pleuraperikardhöhle formt sich gegen Ende kardrohre vereinigen sich zum unpaaren Herz-
der 3. EW durch das Vorwachsen der Plicae schlauch, der sich in einen venösen Einfluss-
pleuroperitoneales und Plicae pleuropericar- trakt und einen arteriellen Ausflusstrakt unter-
diales. Während die Plicae pleuroperitoneales teilen lässt. Im Laufe der Entwicklung folgt die
die Pleuraperikardhöhle gegen die Peritoneal- Untergliederung in (➜ Abb. 6.1): Sinus venosus,
höhle abgrenzen, unterteilen die Plicae pleuro- Atrium commune, Ventriculus communis, Co-
pericardiales die Pleuraperikardhöhle in die un- nus arteriosus (Bulbus cordis) und Truncus ar-
paare Perikardhöhle und die beiden Pleurahöh- teriosus.
len.
Über die Ductus pericardioperitoneales steht Septierung der Vorhof-Kammer-Grenze
die Pleuraperikardhöhle mit dem intraembryo- Durch das schnelle Längenwachstum des fixier-
nalen Zölom in Verbindung. Die Ductus pericar- ten Herzschlauches entsteht eine S-förmige
dioperitoneales verengen sich im Laufe der Ent- Krümmung, die sog. Herzschleife. Diese besitzt
wicklung durch das Vorwachsen der Plicae pleu- 2 von außen sichtbare Furchen, den Sulcus ar­
roperitoneales zu den Hiatus pleuroperitonea- trioventricularis und den Sulcus conoventricula-
les. ris. Im Sulcus artrioventricularis proliferiert das
Die finale Abtrennung der Pleuraperikardhöhle Mesenchym zu 4 Endokardkissen. Durch die
von der Peritonealhöhle entsteht durch die Aus- Verschmelzung des oberen mit dem unteren En-
bildung des Zwerchfells (➜ Kap. 5). dokardkissen entstehen ein rechter und linker
Atrioventrikularkanal.
■ Herz Septierung der Vorhöfe
Im primitiven Vorhof wächst von kraniodorsal
Aus dem Mesoderm der Splanchnopleura stam- eine Membran, das Septum primum, in Rich-
mende Angioblasten bilden ab dem 21. Tag tung der beiden verschmolzenen Endokardkis-
111
6  Brusteingeweide

1 Truncus arteriosus
2 Bulbus cordis
3 Ventriculus primitivus
4 Sulcus bulbo-
ventricularis
6 Ventriculus dexter
7 Ventriculus sinister
8 Atrium dextrum
9 Atrium sinistrum

Abb. 6.1  Entwicklung der äußeren Form des Herzens durch Schleifenbildung [S002-7]

sen. Dabei bleibt zunächst eine Öffnung zwi- Tab. 6.1  Derivate der Schlundbogenarterien
schen dem Septum primum und den Endokard- Schlundbogen- Derivate
kissen, das Foramen primum. Nachdem dieses arterie (SBA)
vollkommen verschlossen ist, treten Perforatio-
nen im oberen Teil des Septum primum auf, die 1. SBA verschwindet größtenteils.
Bildet die A. maxillaris
sich zum Foramen secundum erweitern. Dieses
wird durch ein rechts des Septum primum vor- 2. SBA bildet sich bis auf die
wachsendes Septum secundum verkleinert, je- A. stapedia weitgehend zu-
rück
doch nicht verschlossen. Da das Septum secun-
dum das Foramen secundum nur unvollständig 3. SBA formt beidseits die Aa. caro-
verschließt, bleibt als Verbindung der beiden tides communes, externae
und internae
Vorhöfe das Foramen ovale offen.
4. SBA bildet links den Arcus aor-
Septierung der Ventrikel tae und rechts die proxima-
Zunächst schnürt die vorwachsende Pars mus- le A. subclavia
cularis des Septum interventriculare den pri-
5. SBA ist oft nicht angelegt
mitiven Ventrikel in 2 Hälften. Am oberen Ende
verbleibt dabei eine Öffnung, das Foramen in- 6. SBA links Ductus arteriosus (Bo-
talli), rechts Aa. pulmonales
terventriculare. Dieses wird später durch die
Pars membranacea des Septum interventricu- 7. SBA bildet beidseits die distalen
lare, die sich aus dem Konusseptum entwickelt, Anteile der Aa. subclaviae
verschlossen.
wird der Truncus arteriosus durch 3 Wulstsyste-
Septierung der Ausflussbahn
me halbiert:
Während der Conus arteriosus weitgehends in • das unpaare Septum aorticopulmonale
die Ausstrombahn des rechten Ventrikels einge- • die paarigen Trunkussepten
zogen wird, entsteht aus dem Truncus arteriosus • die paarigen Konussepten.
der spätere Truncus pulmonalis und die Aorten- Für die Septierung ist die Einwanderung von
wurzel. Um diese voneinander abzutrennen, Neuralleistenzellen über die Schlundbögen not-
wendig.

112
3
3. Schlundbogenarterie 4. Schlundbogenarterie 6. Schlundbogenarterie

Truncus arteriosus Saccus aorticus Dorsale Aorten

Linke dorsale Aorta

Linke dorsale Aorta


A. carotis externa A. carotis interna
3
3
4
4 Saccus aorticus
Schlundbogenarterie 5
5 6 6
Ductus arteriosus
Truncus arteriosus
(teilweise unterteilt Linke dorsale Aorta
Saccus
aorticus in Aorta und Truncus A. subclavia dextra
pulmonalis)
A. pulmonalis

a b A. subclavia sinistra
7. Intersegmentalarterie

A. carotis interna

A. carotis communis
sinistra
A. carotis externa

Truncus brachiocephalicus
A. subclavia sinistra
A. subclavia dextra et sinistra
Aortenbogen
Aorta A. pulmonalis dextra
ascendens
Lig. arteriosum

Ductus arteriosus
Aorta ascendens
A. pulmonalis sinistra
A. pulmonalis sinistra

c Aorta descendens d
Truncus pulmonalis

Abb. 6.2  Schematische Darstellung der Arterien, die sich durch Umformung aus Truncus arterio-
sus, Saccus aorticus, Schlundbogenarterien und dorsaler Aorta bilden. a = 6. EW, b = 7. EW,
c = 8. EW, d = 6. EM [R249]

■ Schlundbogenarterien ■ Lunge
Die Schlundbogenarterien (Pharyngealbogen- Die Atmungsorgane entwickeln sich aus der La-
arterien), ➜ Abb. 6.2) entwickeln sich nachein- ryngotrachealrinne. Diese stülpt sich zu Beginn
ander, sodass die ersten beiden schon wieder der 4. EW aus dem Entoderm der Vorderdarm-
verschwunden sind, wenn die anderen Schlund- bucht nach kaudal aus. In der 5. EW entwickeln
bogenarterien erscheinen. Ihre Derivate sind in sich die Lungenknospen, aus denen die Lungen
➜ Tabelle 6.1 aufgeführt. entstehen. Die weitere Differenzierung der Lun-
ge lässt sich in 3 Abschnitte unterteilen:
• Pseudoglanduläre Phase: in dem Zeitab-
schnitt zwischen der 5.‑17. EW entwickeln
113
6  Brusteingeweide

sich die luftleitenden Abschnitte bis zu den zum Zeitpunkt der Geburt bis auf
Bronchioli terminales. Die Bezeichnung re- 3­ 00–400 Millionen im 8. Lebensjahr.
sultiert aus der morphologischen Ähnlichkeit
der Lunge mit einer exokrinen Drüse. Ob ein Neugeborenes tot zur Welt kam oder
• Kanalikuläre Phase: durch dichotome Aus- kurze Zeit gelebt hat, lässt sich herausfinden,
sprossung bilden sich in der Zeit von der indem man die Lungen der Schwimmprobe
­13.–26. EW die Bronchioli respiratorii und unterzieht. Da die Lungen sich erst bei den
Ductus alveolares. ersten Atemzügen mit Luft füllen, sinken die
• Alveoläre Phase: ab der 24. EW entstehen flüssigkeitsgefüllten Lungen einer Totgeburt
die Lungenbläschen (Alveolen), ab der bei der Schwimmprobe ab. Wohingegen die
28. EW wird in den Alveolen Surfactant gebil- Lungen einer Lebendgeburt schwimmen.
det. Die Alveolenzahl steigt von 50 Millionen

■ CHECK-UP
Beschreiben Sie die Herzentwicklung!
In welche Phasen lässt sich die Entwicklung der Lunge gliedern?

Atmungsorgane
Zu den Atmungsorganen gehören Luftröhre M. trachealis liegt. Durch den untersten Trache-
(Trachea), Bronchialbaum, Lunge (Pulmo) und alknorpel wölbt sich ein halbmondfömiger Kiel,
Brustfell (Pleura). Carina tracheae, in das Trachealumen der Bi-
furkation vor. Die Membrana bronchopericar-
■ Luftröhre diaca zieht von der Vorderseite der Bifurcatio
tracheae über die Rückseite des Perikards so-
Die Trachea ist 10–13 cm lang. Atemabhängig wohl zum Zwerchfell als auch zum Lungenhilus
verändert sich ihre Länge um bis zu 5 cm. Die und fixiert somit die Luftröhre im Brustkorb.
Trachea leitet die Luft vom Kehlkopf zu den
Hauptbronchien im Brustkorb. Topografie
Der Pars cervicalis tracheae liegen ventral der
Makroskopischer Aufbau Schilddrüsenisthmus und lateral beidseits die
Die Luftröhre lässt sich in eine kraniale Pars Schilddrüsenlappen auf. Die Pars thoracica tra-
cervicalis und eine kaudale Pars thoracica un- cheae grenzt ventral an den Truncus brachioce-
tergliedern. Die Pars cervicalis tracheae reicht phalicus, der dorsal der V. brachiocephalica
vom Unterrand der Ringknorpels i. H. HWK 6–7 dextra und des Thymus liegt. Die V. azygos zieht
bis zur oberen Thoraxapertur. Als Pars thoracica über den rechten Hauptbronchus nach ventral
tracheae bezeichnet man den Abschnitt von der und drainiert von dorsal in die V. cava superior.
oberen Thoraxapertur bis zur Bifurcatio tra- Links liegt die Pars thoracica tracheae in unmit-
cheae, der Aufgabelung der Luftröhre in die telbarer Nachbarschaft zur Aorta, die über den
beiden Hauptbronchien. linken Hauptbronchus nach dorsal zieht. In der
Rinne zwischen Luft- und Speiseröhre verläuft
Die Bifurcatio tracheae liegt i. H. BWK 4. beidseits der N. laryngeus recurrens zur Kehl-
Das entspricht dem 2. ICR der vorderen kopfmuskulatur. Dorsal liegt der Trachea im ge-
Thoraxwand. samten Verlauf der Ösophagus an.

Auf der ventralen Seite der Luftröhre imponie- ■ Bronchialbaum


ren 16–20 hufeisenförmige Knorpelspangen, Es gibt einen proximalen, luftleitenden (kon-
Cartilagines tracheales. Sie sind über Ringbän- duktiven) und einen distalen, gasaustauschen-
der, Ligg. anularia, miteinander verbunden. Die den (respiratorischen) Abschnitt:
Hinterwand der Luftröhre bildet die bindegewe- • Bronchi principales dexter et sinister: Der
bige Paries membranaceus, in welcher der rechte Hauptbronchus ist weitlumiger und
114
3
verläuft steiler. Der linke Hauptbronchus ist
englumiger, länger und hat einen horzionta- • Mehrere Azini bilden ein Lungenläpp-
leren Abgang. Daher gelangen aspirierte chen (Lobulus pulmonis), das durch fei-
Fremdkörper häufiger in den rechten als in ne Bindegewebssepten von den anderen
den linken Hauptbronchus. Läppchen getrennt ist.
Der Winkel zwischen den beiden Haupt-
bronchien beträgt zwischen 55–65°. Bei Ein-
atmung verkleinert sich der Winkel durch
■ Lunge
das Tiefertreten der Lunge, bei Ausatmung Die Lunge (Pulmo) dient dem Gasaustausch
wird er größer. Durch das Lig. interbronchi- zwischen Atemluft und Blut. Bei maximaler
ale, das die beiden ersten Knorpelspangen Ausatmung (Exspiration) haben die beiden Lun-
der beiden Hautbronchien miteinander ver- genflügel ein Gesamtvolumen von 2–3 l, bei tie-
bindet, wird der Winkel stabil gehalten. fer Einatmung (Inspiration) sogar 5–8 l. Ein
• Bronchi lobares: Aus dem rechten Haupt- Lungenflügel wiegt etwa 400 g. Insgesamt hat
bronchus zweigen 3 Bronchi lobares ab und die Lunge eine Oberfläche von 70–140 m2.
bilden das Grundgerüst des rechten Ober-, Makroskopischer Aufbau
Mittel- und Unterlappen. Aus dem linken Kranialwärts verjüngt sich jeder Lungenflügel
Hauptbronchus entspringen hingegen nur zur Lungenspitze (Apex pulmonis), die über die
2 Bronchi lobares. Sie bilden das Fundament obere Thoraxapertur hinausragt. Kaudal sitzt die
des linken Ober- und Unterlappens. konkave Lungenbasis (Basis pulmonis) dem
• Bronchi segmentales: Auf der rechten Seite Zwerchfell auf.
gehen aus den Bronchi lobares 10 und auf der Es lassen sich an den Lungenflügeln 3 Flächen
linken Seite 9 Segmentalbronchien hervor. unterscheiden: Facies diaphragmatica, Facies
• Bronchi lobulares: Die Bronchi segmentales mediastinalis und Facies costalis. Auf der Fa-
verzweigen sich weiter in mittlere und kleine cies mediastinalis liegt der Lungenhilus (Hilum
Läppchenbronchien. pulmonis), an dem die Gefäße, Bronchien, Ner-
• Bronchioli terminales: Als letzter Abschnitt ven und Lymphgefäße als Lungenwurzel (Radix
des luftleitenden Abschnitts entsprechen pulmonis) ein- bzw. austreten. Dabei liegen die
sie in etwa der 16. Teilungsgeneration. Vv. pulmonales stets ventrokaudal. Die Lage des
• Bronchioli respiratorii: Sie bilden den 1. Ab- Hauptbronchus und der Aa. pulmonales unter-
schnitt des gasaustauschenden Abschnitts. scheiden sich zwischen rechter und linker Seite:
Folgerichtig finden sich ab den Bronchioli re- Rechts liegt der Hauptbronchus kranial der
spiratorii vereinzelt Lungenbläschen (Alveo- A. pulmonalis (eparterielle Lage). Links liegt
len) für den Gasaustausch. Häufig teilen sich der Hauptbronchus kaudal der A. pulmonalis
die die Bronchioli respiratorii noch ungefähr (hyparterielle Lage).
3-mal. Dadurch entstehen nomenklatorisch Bei äußerer Betrachtung lassen sich die Lappen
Bronchioli respiratorii I.–III. Ordnung. der Lungenflügel durch Spalten, die Fissurae in-
• Ductus alverolares: Sie enden oft in 2 Sacculi terlobares, voneinander abgrenzen. Den Ober-
alveolares. und den Unterlappen trennt auf beiden Seiten die
• Sacculi alveolares: Sie bestehen aus mehre- Fissura obliqua. Sie zieht von dorsal i. H. der
ren Alveolen und ihrer gemeinsamen Mün- 4. Rippe schräg nach ventral i. H. der 6. Rippe. Auf
dung. Die Sacculi alveolares entsprechen in der rechten Seite wird der Oberlappen vom Mittel-
etwa der 24. Teilungsgeneration. lappen noch zusätzlich durch die Fissura horizon-
Während Bronchien Knorpelspangen und distal talis, die parallel zur 4. Rippe verläuft, getrennt.
Knorpelplatten enthalten, sind die Bronchiolen Analog zur Struktur des Bronchialbaums besteht
knorpelfrei. die rechte Lunge aus 10 Segmenten und die linke
Lunge aus 9 Segmenten. Dabei besitzt der rechte
• Azinus: umfasst alle von einem termina- Oberlappen 3 Segmente, der rechte Mittellappen
len Bronchiolus ausgehenden gasaustau- 2 Segmente und der rechte Unterlappen 5 Seg-
schenden Strukturen des Bronchial- mente. Der linke Oberlappen besteht aus 5 Seg-
baums. Er mündet in 1.500–4.000 Alveo- menten, der linke Unterlappen aus 4 Segmenten.
len. Somit entspricht der linke Oberlappen dem
rechtem Ober- und Mittellappen.
115
6  Brusteingeweide

Dem linken Lungenflügel fehlt i. d. R. das Die Pleura parietalis wird durch die Nn. in-
7. Segment. tercostales und den N. phrenicus sensibel
innerviert und ist schmerzempfindlich. Im
Gegensatz dazu ist die Pleura visceralis nicht
• Bronchialkarzinom: ist die am häufigsten sensibel innerviert und vermittelt auch keine
zum Tode führende Krebserkrankung bei Schmerzempfindung.
Männern und Frauen in der westlichen
Welt. Jährlich erkranken ca. 50.000 Men- Am Lungenhilus geht die Pleura visceralis in die
schen in Deutschland an einem Bronchial- Pleura parietalis über und bildet dabei eine kau-
karzinom. Typische Symptome sind: bluti- dale Umschlagfalte, das Lig. pulmonale. Den
ger Husten, rezidivierende Bronchitiden, Übergang von Pleura visceralis in Pleura parie­
Gewichtsverlust und Abgeschlagenheit. talis bezeichnet man als Mesopneumonium.
Das Risiko an einem Bronchialkarzinom Die Pleuraflächen werden nach den angrenzen-
zu erkranken ist bei Rauchern im Ver- den Strukturen benannt. So untergliedert man in
gleich zu Nichtrauchern um das 28-fache Pars costalis, Pars mediastinalis und Pars dia-
erhöht. phragmatica. In der Cavitas pleuralis finden sich
stets 5 ml seröse Gleitflüssigkeit. Ein Ultrafiltrat
Bronchoarterielle Einheit des Blutes (Transsudat), das ein reibungsarmes
Der Segmentbronchus und die ihn begleitenden Gleiten der Lungen ermöglicht und Adhäsions-
Strukturen bilden eine abgeschlossene At- kräfte hervorruft, welche die Lunge an die Tho-
mungseinheit, die man auch als bronchoarteriel- raxwand drücken. In der Pleurahöhle herrscht
le Einheit bezeichnet. abhängig von der Atemlage ein Unterdruck von
Im Zentrum der Einheit verlaufen der Segment- −5 bis −8 cmH2O (Donders-Unterdruck).
bronchus, ein Ast der A. pulmonalis sowie Da sich das Lungenvolumen bei Einatmung ver-
Nerven und Lymphgefäßen. Feinste Äste der größert, besitzt die Pleurahöhle Reserveräume
A. pulmonalis folgen der Aufteilung des Bron- (Recessus), um die Volumenzunahme aufneh-
chialbaums und ziehen als Kapillaren zum Gas- men zu können. Man unterscheidet:
austauschs in die Alveolen. • Recessus costodiaphragmaticus: ist der
Die rückführenden Äste der V. pulmonalis und größte und klinisch bedeutsamste Reserve-
begleitende Lymphgefäße bilden den Rand der raum. Er reicht rechts bis hinter den rechten
bronchoarteriellen Einheit und laufen zwischen Leberlappen und links bis hinter Magen und
den Segmenten in den Bindegewebssepten zu- Milz. Teilweise kann er sich links sogar bis zur
rück zum Hilum pulmonis. linken Niere ausdehnen. An seiner breitesten
Topografie Stelle beträgt der Durchmesser ca. 6 cm. Auf-
Die Lunge liegt in den beiden Pleurahöhlen. Sie grund seiner kaudalen Lage bietet es sich an,
grenzen kaudal an das Zwerchfell, lateral an die Flüssigkeiten im Recessus costodiaphragmatics
Rippen und medial an das Mediastinum. Medial zu punktieren. Eine Punktion erfolgt meistens
trifft der linke Lungenflügel auf linke Herzkam- im 7./8. ICR in der hinteren Axillarlinie (HAL).
mer, linkes Herzohr, Aortenbogen, A. subclavia • Recessus costomediastinalis: liegt dorsal
sinistra und Ösophagus. Der rechte Lungenflü- des Sternums zwischen Perikard und Brust-
gel liegt in unmittelbarer Nacharschaft zum wand. Der linke Recessus costomediastinalis
rechten Vorhof, V. cava superior, V. azygos, ist größer als der rechte, weil die linke Lunge
V. subclavia dextra und Ösophgaus. kleiner ist.
• Recessus phrenicomediastinalis: wird dor-
■ Pleura sal von Zwerchfell und Mediastinum gebildet.
• Nach kranial besitzt die Lunge kaum Ausdeh-
Die Pleura kleidet als seröse Haut die Pleura- nungsmöglichkeiten, da die Pleurakuppel,
höhle, Cavitas pleuralis, aus. Als Lungenfell Cupulae pleurae, über die Membrana sup-
(Pleura visceralis) überzieht sie die Lunge bis rapleuralis bindegewebig fixiert ist. Die
in die Tiefe der Fissurae interlobares, als Membrana suprapleuralis ist die Fortsetzung
Brustfell (Pleura parietalis) liegt sie dem Tho- der Fascia endothoracica und befestigt die
rax an. Pleurakuppel an der ersten Rippe und der
116
3
Clavicula. Die Pleurakuppel ragt 2–3 cm über getrennt sind, sprechen doppelseitige Ergüsse
die obere Thoraxapertur. für eine systemische Ursache, wie z. B. Herz-
insuffizienz oder Verminderung der Blutpro-
Die Ansammlung von Flüssigkeit in der Pleu- teine. Einseitige Pleuraergüsse können bei
rahöhle bezeichnet man als Pleuraerguss. Da Lungenentzündungen oder als inflammatori-
die Pleurahöhlen nicht miteinander kommu- sche Reaktion auf ein Bronchialkarzinom ent-
nizieren und auch vom Herzbeutel vollständig stehen.

■ CHECK-UP
Beschreiben Sie die Aufspaltung des Bronchialbaums!
Wie viele Segmente hat der Mittellappen der rechten Lunge?
Benennen Sie die 3 Reserveräume der Pleura!

Speiseröhre
Die Speiseröhre (Ösophagus) ist ein ca. 25 cm Sollte das Lig. phrenicooesophageale zu
langer Muskelschlauch, der den Rachen mit dem schlaff sein, kann der Ösophagus aufgrund
Magen verbindet. Aufgenommene Nahrungsbis- seiner enormen Längsspannung Teile des Ma-
sen und Flüssigkeiten werden über den Ösopha- gen durch den Hiatus oesophageus in die
gus mittels peristaltischer Wellen in den Magen Brusthöhle ziehen (Hiatushernie). Eine Hia-
transportiert. tushernie ist zu 90 % ursächlich für eine Re-
fluxösophagitis.
■ Makroskopischer Aufbau
Der Ösophagus reicht vom Unterrand des Ring- Die Speiseröhre hat einen kranialen und einen
knorpels i. H. HWK 6–7 bis zur Mündung in den kaudalen Sphinkter. Während es sich bei dem
Magen i. H. BWK 10–11. Er lässt sich in 3 Ab- kranialen um einen echten Sphinkter handelt,
schnitte untergliedern: der von Zirkulärfasern des M. cricopharyngeus
• Pars cervicalis: liegt der Wirbelsäule unmit- und oberen Ösophagus gebildet wird, ist der
telbar an und reicht bis zum Eintritt in den kaudale nur ein funktioneller Sphinkter. Er be-
Thorax. Sie zieht am Unterrand des linken steht aus der schraubenartig verlaufenden
Schilddrüsenlappens vorbei, sodass sie als Längsmuskulatur des Ösophagus und einem Ve-
suspekte Struktur bei der Schilddrüsensono- nenplexus (angiomuskulärer Dehnverschluss).
grafie imponieren kann. Der kaudale Ösophagussphinkter verschließt in
• Pars thoracica: legt sich der Aorta i. H. Verbindung mit dem His-Winkel und dem ge-
BWK 4 von medial an, verläuft dorsal des lin- genüber dem Brustraum erhöhten Innendruck
ken Hauptbronchus und zieht bis zum des Bauchraums die Speiseröhre gegen den sau-
Zwerchfell. Charakteristisch ist das ampulläre ren Magensaft.
Erscheinungsbild der Pars thoracica in der
Röntgenkontrastmitteldarstellung. ■ Topografie
• Pars abdominialis: nennt man den Anteil Im Bereich der Pars cervicalis verläuft in der
zwischen Zwerchfellschlitz (Hiatus oesopha-
Rinne zwischen Luft- und Speiseröhre beidseits
geus) und Mageneingang. Sie liegt intraperito-
der N. laryngeus recurrens zur Kehlkopfmus-
neal und ist daher mit Peritoneum überzogen.
kulatur. Auf Herzhöhe liegt die Speiseröhre
Das Lig. phrenicooesophageale bildet die
rechts in unmittelbarer Nachbarschaft zur rech-
bindegewebige Brücke zwischen Diaphragma
ten Lunge. Ventral ist sie nur durch das Peri-
und Ösophagus. Der Ösophagus mündet in ei-
kard vom linken Vorhof getrennt. Links grenzt
nem spitzen Winkel von ca. 55° (His-Winkel)
sie an die linke Lunge und dorsal an die Wirbel-
in den Magen. Der His-Winkel stabilisiert den
säule.
Ösophagus im Zwerchfellschlitz.
117
6  Brusteingeweide

Im weiteren Verlauf nach kaudal legt sich die Aorta • Mittlere Enge (Constrictio aortica): entsteht
der Speiseröhre zunächst von lateral an, unter- durch die räumliche Nähe zur Aorta i. H. BWK 4
kreuzt sie und liegt ihr schließlich von dorsal an. • Untere Enge (Constrictio diaphragmatica):
Bereits auf Höhe der Bifurcatio tracheae legt sich wird durch den Zwerchfellschlitz i. H.
der N. vagus der Speiseröhre an. Beim Durch- BWK 10 hervorgerufen.
tritt durch den Hiatusschlitz wird die Speiseröh-
re von den Trunci vagales anterior und poste- Die Nähe zum linken Vorhof lässt sich klinisch
rior sowie vom R. phrenicoabdominalis sinis- in der transösophagealen Echokardiografie
ter des N. phrenicus begleitet. (TEE) nutzen, bei der ein Endoskop mit einem
Durch die Nähe zu den umliegenden Strukturen eingebauten Schallkopf in die Speiseröhre ein-
entstehen 3 Ösophagusengen: geführt wird. Das TEE eignet sich, um Throm-
• Obere Enge (Constrictio cricoidea): ist die ben im linken Vorhof auszuschließen und die
engste Stelle der Speiseröhre i. H. HWK 6. Funktion der Mitralklappe zu beurteilen. Um-
Hier bleiben verschluckte Gegenstände be- gekehrt kann eine Vergrößerung des linken
vorzugt stecken. Vorhofs zu Schluckbeschwerden führen.

■ CHECK-UP
Benennen Sie die Ösophagusabschnitte und ihre Besonderheiten!
Aus welchen Anteilen besteht der obere und untere Ösophagussphinkter?
Welche Beschwerden kann eine Vergrößerung des linken Vorhofs hervorrufen?

Thymus
Der Thymus ist ein primär lymphatisches Organ. rungsprozess vielmehr einem Umbau, bei dem
In ihm findet die Vermehrung und Selektion von das Thymusgewebe nach und nach durch Fettge-
T-Lymphozyten statt. Diese wandern danach in webe ersetzt wird, sodass beim Erwachsenen
die sekundären lymphatischen Organe, wie Milz, makroskopisch nur noch ein retrosternaler
Lymphknoten und Lymphfollikel im Darm, und Fettkörper zu sehen ist. Mikroskopisch bleibt
bilden somit die Grundlage der zellulären Im­ aber immer etwas Mark- und Rindengewebe er-
mun­abwehr. Der Thymus produziert zudem die halten. Dieses lässt sich durch eine vermehrte
Hormone Interleukin-2 und Thympoetin. Gefäßdichte vom umliegenden Fettgewebe un-
terscheiden.
Eine tumoröse Entartung der epithelialen An-
teile des Thymus bezeichnet man als Thymom ■ Topografie
(). Thymome führen zu einer Mediastinalver-
breiterung im Röntgenbild. Der Thymus projiziert sich in der Sternallinie
vom Oberrand des Sternums bis zum Oberrand
der 4. Rippe. Der Thymus liegt dem Sternum
■ Makroskopischer Aufbau auch räumlich direkt von dorsal an (Trigonum
Der Thymus besteht aus 2 asymmetrischen thymicum). Somit liegt er im oberen, vorderen
Lappen. Beim Kleinkind besitzt der Thymus die Mediastinum. Bei einer Mediastinoskopie, z. B.
größte Ausdehnung. Mit zunehmendem Alter zur Beurteilung des Tumorstadiums bei Bron-
kommt es zu der in der Literatur häufig als Al- chialkarzinomen, fällt der Thymus zwischen
tersinvolution beschriebenen kompletten Rück- dem Periost des Sternums und der V. brachioce-
bildung des Thymus. Allerdings gleicht der Alte- phalica sinistra ins Auge.

■ CHECK-UP
Welche Funktion hat der Thymus?
Beschreiben Sie die Lage des Thymus im Thorax!

118
3
Herz
• Das Herz ist ein muskuläres Hohlorgan. mit dem Sulcus interventricularis posterior in
• Es besteht aus 2 Vorhöfen (Atrien, Sg. Atri- Verbindung und fasst den R. interventricula-
um) und 2 Kammern (Ventriculi, Sg. Ventri- ris anterior des linken Herzkranzgefäßes ein.
culus). • Sulcus interventricularis posterior: bildet
• Es ist ungefähr faustgroß und wiegt abhängig gemeinsam mit dem Sulcus interventricularis
von Geschlecht und Trainingszustand zwi- anterior die Grenze zwischen rechter und lin-
schen 250 und 320 g. ker Kammer. In ihm verläuft der R. interven-
• Die rechte Kammer pumpt sauerstoffarmes tricularis posterior des rechten Herzkranzge-
Blut in den kleinen Kreislauf (Lungenkreis- fäßes.
lauf), die linke sauerstoffreiches Blut in den Bei der äußeren Betrachtung fallen die beiden
großen Kreislauf (Körperkreislauf). Herzohren (Auriculae) als Ausstülpungen der
Vorhöfe auf. Sie sind mit sog. Kammmuskeln
■ Makroskopischer Aufbau (Mm. pectinati) ausgekleidet. Bei Dehnung des
Vorhofs scheiden diese ANP (atrial natriuretic
Das Herz besitzt eine Kegelform. Die Herzspitze peptide) aus, das über eine gesteigerte Ausschei-
(Apex cordis) bildet die Spitze des Kegels und dung von Natrium in der Niere eine osmotische
liegt hinter dem 5. ICR. Die Kegelgrundfläche Wasserausscheidung bewirkt und somit den
wird von der Herzbasis (Basis cordis) gebildet, Blutdruck senkt. Eine ähnliche Wirkung besitzt
die auf Höhe des BWK 6–9 projiziert. BNP (brain natriuretic peptide), das aus den
Herzmuskelzellen des Ventrikels bei Dehnung
Das Herz liegt zu allen 3 Raumebenen in ei- sezerniert wird. Somit wirken ANP und BNP im
nem Winkel von 45°. Seine Längsachse ver- Sinne endogener Diuretika.
läuft von rechts dorsal oben nach links vent-
ral unten. ■ Innenrelief der Herzräume
Rechter Vorhof
In Anlehnung an die angrenzenden Strukturen Der rechte Vorhof besteht entwicklungsge-
unterscheidet man 4 Herzflächen: schichtlich aus 2 Teilen. Aus der venösen Ein-
• Facies sternocostalis: wird vor allem vom strombahn, Sinus venosum, entwickelt sich der
rechten Ventrikel gebildet und von den Lun- Vorhofsinus (Sinus venarum cavarum). Diesen
genflügeln überlagert. Weitere Anteile der grenzt der Sulcus terminalis in Richtung vent-
Facies sternocostalis bilden der rechte Vorhof ral von dem Teil des Vorhofs ab, der aus dem
und ein kleiner Teil des linken Ventrikels. Atrium commune hervorgeht und wegen der
Die Facies sternocostalis bildet im Übergang Mm. pectinati eine unregelmäßige Oberflächen-
zur Facies diaphragmatica einen scharfkanti- struktur aufweist. Rechts des Truncus pulmona-
gen Übergang (Margo dexter, Margo acutus). lis liegt das rechte Herzohr (Auricula dextra).
• Facies diaphragmatica: Die Wände des Der Sulcus terminalis wölbt sich im Inneren als
rechten und linken Ventrikels bilden die Crista terminalis vor. Weiterhin findet sich im
dem Zwerchfell zugewandte Seite. rechten Vorhof die Valvula venae cavae inferi-
• Facies pulmonalis dexter: wird vom rech- oris (Eustachii). Sie leitet im pränatalen Kreis-
ten Vorhof gebildet. lauf das sauerstoffreiche Blut aus der V. cava in-
• Facies pulmonalis sinister: wird vom linken ferior über das Foramen ovale in den linken
Vorhof gebildet. Sie bildet im Übergang zur Vorhof und somit in den Körperkreislauf. Als
Facies sternocostalis den stumpfen Margo si- Derivat des Foramen ovale bleibt die Fossa ova-
nister (Margo obtusus). lis zurück, an deren Rand ein Relikt des Septum
Das makroskopische Erscheinungsbild des secundums, der Limbus fossae ovalis (Vieus-
Herzmuskels ist durch 3 Furchen geprägt: senii), auffällt. Neben dem venösen Blut aus der
• Sulcus coronarius: trennt die Vorhöfe von oberen und unteren Körperhälfte mündet auch
den Kammern. das venöse Abflusssystem des Herzen, der Sinus
• Sulcus interventricularis anterior: steht an coronarius, über die Valvula sinus coronarii
der Herzspitze über die Incisura apicis cordis (Thebesii) in den rechten Vorhof.

119
6  Brusteingeweide

Rechter Ventrikel ■ Herzkranzgefäße


Der rechte Ventrikel lässt sich in eine unregel-
mäßig konturierte Einstrombahn und eine glatt- Aufgrund der enormen Pumpleistung des Her-
wandige Ausstrombahn unterteilen. Die Trabe- zens – 100.000 Schläge pro Tag – benötigt die
cula septomarginalis (Moderatorband) und die Herzmuskulatur eine umfassende Versorgung
Crista supraventricularis begrenzen nach kau- mit Sauerstoff und Nährstoffen. Diese stellt das
dal bzw. kranial die Einstrombahn des rechten Kapillarnetz der Herzkranzgefäße (Koronarien)
Ventrikels. Die gesamte Einstrombahn ist mit sicher. Die Koronarien sind die Vasa privata des
Muskelbalken, Trabeculae carneae, durchsetzt. Herzens.
3 Papillarmuskeln, Mm. papillares, geben Seh- Koronararterien
nenfäden, Chordae tendineae, zur Valva atrio- Direkt distal der Aortenklappen gehen die bei-
ventricularis dexter ab. Die 3 Papillarmuskeln den Herzkranzarterien aus der Aorta ab. Die
heißen: Mm. papillares anterior, posterior et rechte Koronararterie (A. coronaria dextra,
septalis. Jenseits der Crista supraventricularis RCA = right coronary artery) zieht im Sulcus co-
beginnt der glattwandige Conus ateriosus. ronarius um das Herz und legt sich dorsal in den
Linker Vorhof Sulcus interventricularis posterior. Wichtige Ab-
Der linke Vorhof ist ebenso wie der rechte größ- gänge der A. coronaria dextra zum Erregungs-
tenteils glattwandig ‑ nur im linken Herzohr bildungs- und Erregungsleitungssystem bilden
(Auricula sinistra) bilden die Mm. pectinati eine der R. nodus sinuatrialis, der zum Sinusknoten
höckrige Oberfläche. Das linke Herzohr liegt zieht, und der R. nodus atrioventricularis, der
links der Aorta, sodass die beiden Herzohren den AV-Knoten versorgt.
sich den ventrikulären Ausflussbahnen anlegen. Die linke Koronararterie (A. coronaria sinistra,
In den linken Vorhof münden die 4 Vv. pulmo- LCA = left coronary artery) versorgt vorwiegend
nales. Als Relikt des Septum primum erhebt die kräftige Muskulatur des linken Ventrikels.
sich die Valvula foraminis ovalis. Kurz nach ihrem Abgang aus der Aorta spaltet
sie sich in den R. circumflexus (RCX) und den
R. interventricularis anterior (RIVA, LAD =
Bei etwa einem Viertel aller Menschen ist left anterior descending artery).
das Foramen ovale nur unvollständig ver- Beide Koronararterien geben einen Seitenast,
schlossen und daher im Herzkatheter son- R. marginalis, ab.
dendurchgängig. Dieser unvollständige Ver- Anastomosen zwischen den beiden Herz-
schluss ist allerdings nur in wenigen Aus- kranzarterien bestehen zwischen den Rr. inter-
nahmefällen von hämodynamischer Rele- ventriculares anterior und posterior über die
vanz. Rr. septales und ggf. über die Herzspitze. Zudem
bestehen Anastomosengebiete im Bereich des
Linker Ventrikel Sinusknoten ‑ auch die linke Koronararterie gibt
Die Muskelwand des linken Ventrikels ist wegen einen Ast zum Sinusknoten ab ‑ und über die
des höheren Widerstands im Körperkreislauf Rr. coni arteriosii.
ungefähr 3-mal so dick wie die Wand des rech-
ten Ventrikels. Jedoch entwickelt sich die Wand- Bei einem Herzinfarkt (Myokardinfarkt) ist
stärke des linken Ventrikels erst postnatal. Zum eine Koronararterie z. B. durch arterioskleroti-
Zeitpunkt der Geburt hat der rechte Ventrikel sche Verengungen oder einen Embolus ver-
den größeren Durchmesser. Entsprechend der schlossen. In den letzten Jahren war ein akuter
2-teiligen Valva atrioventricularis sinistra finden Myokardinfarkt die 2. häufigste Todesursa-
sich 2 Papillarmuskeln: Mm. papillares anterior che nach einer chronischen ischämischen
et posterior. Herzkrankheit. Jährlich versterben in Deutsch-
land zwischen 60.000–70.000 Menschen an ei-
■ Topografie nem akuten Myokardinfarkt. Da es sich bei
den Koronararterien um funktionelle Endar-
Das Herz liegt im mittleren Mediastinum. Es terien handelt, rutschen die Herzmuskelzellen
grenzt an die Strukturen des vorderen, hinte- bei einem Verschluss der Koronararterien zu-
ren und oberen Mediastinums sowie ans nächst in eine Sauerstoffschuld, die – falls der
Zwerchfell.
120
3
Verschluss nicht aufgehoben wird – bereits sinistra entspringt nur ein zarter R. posterior
nach wenigen Minuten zum irreversiblen ventriculi sinistrii.
Verlust von Herzgewebe führt. Die Patienten
schildern typischerweise einen drückenden, Die Koronarien werden während der Diasto-
retrosternalen Vernichtungsschmerz und le perfundiert.
zeigen durch Stress ausgelöste vegetative Be-
gleiterscheinungen wie Blässe und Kalt- Koronarvenen
schweißigkeit. Teilweise wird auch ein Bren-
Das venöse System des Herzens verläuft in enger
nen beschrieben. Abhängig von der Lokalisati- Beziehung zu den Koronararterien. Dabei sam-
on des Verschluss strahlen die Schmerzen in melt die V. cardiaca magna das Blut aus dem
den Kopfbereich (Vorderwand), in den Arm Stromgebiet der A. coronaria sinistra, die V. car-
(Seitenwand) oder in den Bauch (Hinterwand) diaca media das venöse Blut aus dem Bereich
aus. Ein Myokardinfarkt kann durch eine Min- des R. interventricularis posterior und die
derversorgung des Erregungsbildungs- und V. cardiaca parva aus dem Teil des rechten
Erregungsleitungssystem lebensbedrohliche Ventrikels. So sammeln sich 2⁄3 des venösen Ab-
Herzrhythmusstörungen hervorrufen. Diese
fluss im Sinus coronarius an der Herzhinter-
Gefahr besteht insbesondere bei einem Ver- wand. Der Rest fließt über das transmurale und
schluss der rechten Koronararterie. Durch die endomurale System direkt in die Herzhöhle zu-
Brustwandableitungen nach Wilson lässt sich rück. Zum transmuralen System zählt man die
schon vor der Herzkatheteruntersuchung die Vv. ventricului dextri anteriores und die Vv. art-
Lokalisation des Verschlusses abschätzen. So riales. Die Vv. cardiacae minimae (Thebesius-
weisen beispielsweise ST-Strecken-Hebungen Venen) bilden das endomurale System und
als typische Zeichen einer Durchblutungsstö- münden in den rechten Vorhof.
rung in den Ableitungen V5, V6 auf einen Ver-
schluss des R. circumflexus der A. coronaria
sinistra oder ihres R. marginalis hin. Die Dia­ ■ Herzklappen
gnose Myokardinfarkt stellt man mittels der Die Herzklappen fungieren als Ventile und füh-
Trias aus Klinik (Beschwerdesymptomatik des ren zu einem gerichteten Blutstrom. Das Herz
Patienten), EKG-Veränderungen (ST-Stre- besitzt 2 verschiedene Klappentypen, Segelklap-
cken-Hebungen) und Labor (erhöhte Tropo- pen und Taschenklappen.
ninwerte). Bei Diabetikern kann infolge der di-
abetischen Polyneuropathie die Schmerzsymp- Segelklappen.  werden wegen ihrer anatomi-
tomatik fehlen. Therapeutisch geht man wie schen Lage auch als Atrioventrikularklappen
folgt vor: strikte Immobilisation des Patienten, (Valvae atrioventriculares dextra et sinistra) be-
30°-Oberkörperhochlage, Sauerstoffgabe, zeichnet. Sie schließen sich während der Systole
Schmerzmedikation, ggf. präklinische Lyse, durch die Kontraktion der Papillarmuskeln und
Dilatation und Stenteinsatz im Herzkatheter. dichten den Ventrikel in Richtung Vorhof ab.
Über Chordae tendinae wird die Kraft der Pa-
Die Koronararterien sind bei jedem Menschen pillarmuskeln auf die Segelklappen übertragen.
individuell ausgeprägt. Abhängig von der Aus- In der Diastole öffnen sich die Segelklappen pas-
prägung der Koronararterien unterscheidet man siv durch die Druckunterschiede zwischen Vor-
3 Versorgungstypen: hof und Kammer. Wenn sich die Segelklappen
• Linksversorgungstyp: Der R. interventricu- öffnen, entsteht beim Gesunden eine Klappen-
laris posterior entspringt aus dem R. circum- öffnungsfläche von ca. 4–6 cm2. Die Valva
flexus der A. coronaria sinistra. atrio­ventricularis dextra besteht aus 3 Segeln.
• Ausgeglichener Versorgungstyp: Der R. in- Man nennt sie daher auch Trikuspidalklappe
terventricularis posterior geht aus der A. co- (Valva tricuspidalis). In Anlehnung an die
ronaria dextra hervor. Die A. coronaria sinis- Form eines Bischofshut nennt man die 2-teilige
tra stellt einen R. posterior ventriculi sinistrii. Valva atrioventricularis sinistra auch Mitral-
• Rechtsversorgungstyp: Die A. coronaria klappe (Valva mitralis).
dextra gibt einen sehr kräftigen R. interven- Taschenklappen.  finden sich in den ventriku-
tricularis posterior ab. Aus der A. coronaria lären Ausflusstrakten als Valva trunci pulmona-

121
6  Brusteingeweide

lis im Truncus pulmonalis und als Valva aortae generieren können (➜ Abb. 6.3). Der Taktge-
in der Aorta. Sie bestehen jeweils aus 3 Klappen ber ist hierbei der subepikardial gelegene Si-
(Valvulae semilunares). Ihre Spitzen sind zu nusknoten (Nodus sinuatrialis). Er liegt im
Knötchen verdickt, Noduli valvarum semiluna- Sulcus terminalis im Bereich der Mündung der
rium (Arrantii), welche die Taschenklappen V. cava superior und erzeugt die Ruhefrequenz
während der Diastole verschließen. Distal der von 60–80 Schlägen pro Minute. Nächster Erre-
Klappen finden sich Aufweitungen (Sinus) in gungspunkt ist der AV-Knoten (Nodus atrio-
der Gefäßwand: Den Sinus aortae nennt man ventricularis, Aschoff-Tawara-Knoten). Er
auch Bulbus aortae. In diesem Bereich zweigen verzögert die Erregungsweiterleitung und ge-
die beiden Koronararterien ab. Entsprechend währleistet, dass sich die Vorhöfe vor den Ven-
den Abgängen bezeichnet man die einzelnen trikeln kontrahieren und sich die Ventrikel ad-
Aortenklappen als: Valvula coronaria dextra, äquat füllen können. Der AV-Knoten initiali-
Valvula coronaria sinsitra und Valvula noncoro- siert einen Eigenrhythmus von 40–50 Schlägen
naria. Bei der Pulmonalklappe heißen sie Valvu- pro Minute. Da diese Frequenz jedoch von der
lae semilunaris anterior, dexter et sinister. Die des Sinusknotens übertroffen wird, kommt sei-
Pulmonalklappe liegt an der Grenze zwischen ne Schrittmachertätigkeit im gesunden Herzen
Conus arteriosus und Truncus pulmonalis. Die nicht zum Tragen.
normale Klappenöffnungsfläche beträgt
ca. 3 cm2. Der AV-Knoten liegt in der Basis des Vor-
hofseptums (Septum interatriale) im Koch-
Klappen sind Ausstülpungen des Endokards Dreieck.
und frei von Blutgefäßen.
Die Kanten des Koch-Dreiecks bilden die Mün-
■ Herzskelett dung des Sinus coronarius, der Trikuspidalklap-
penrand und die Todaro-Sehne, eine sehnenarti-
Der Begriff Herzskelett bezeichnet das straffe, ge Verbindung zwischen der Valvula venae ca-
bindegewebige Gerüst des Herzens, das die vae inferioris (Eustachii) und dem Trigonum fi-
Vorhöfe von den Kammern elektrisch isoliert. brosum dextrum. Der AV-Knoten leitet die
Zudem dient das Herzskelett als Veranke- Erregung weiter zum His-Bündel.
rungspunkt für den Klappenapparat und bildet
dadurch das Fundament der Ventilebene. In
den beiden großen Ringen, Anulus fibrosus Das His-Bündel besteht aus einem Vorhof­
dexter und Anulus fibrosus sinister, liegen abschnitt und einem perforierenden Ab-
die Valvae atrioventriculares dexter et sinister. schnitt.
Das Trigonum fibrosum dextrum besitzt den
Durchtrittspunkt des His-Bündels. Das schma- Auch das His-Bündel hat eine Eigenfrequenz
le Trigonum fibrosum sinistrum verbindet und kann 20–30 Schläge pro Minute erzeugen.
den Anulus fibrosus sinsiter mit dem Aorten- Es überbrückt die elektrische Isolation zwi-
ring. Über die Konussehne (Tendo infundibu- schen Vorhöfen und Kammern, indem es
li) hängt der Pulmonalisring am Anulus fibro- durch das Trigonum fibrosum dextrum hin-
sus sinister. Sowohl der Aorten- als auch der durchtritt. In der Pars membranacea des Kam-
Pulmonalisring besitzen eine gezackte Struk- merseptums (Septum interventriculare) teilt
tur. sich das His-Bündel in die beiden Tawara-
Schenkel auf. Die Tawara-Schenkel (Crus dex-
■ Erregungsbildungs- und trum und Crus sinistrum) verjüngen sich zu
Erregungsleitungssystem den subendokardial gelegenen Purkinjefasern,
die die Erregung auf die Herzmuskelzellen
Um einen gerichteten Auswurf zu erreichen, übertragen. Die ventrikuläre Erregungsausbrei-
muss die Herzmuskelkontraktion koordiniert tung beginnt im apikalen Drittel des Septum
werden. Dies erreicht das Herz mittels modifi- interventriculare.
zierter Herzmuskelzellen, die Aktionspotentiale

122
3

Nodus sinuatrialis

Crus sinistrum

Nodus atrioventricularis

Fasciculus atrioventricularis
Crus dextrum

Abb. 6.3  Erregungsbildungs- und -leitungssystem des Herzens [S007-2-23]

den Durchtrittspunkten befinden sich die Um-


Über das Moderatorband ziehen Purkinjefa- schlagfalten, an denen die Lamina visceralis pe-
sern zur Innervation des M. papillaris ante- ricardii in die Lamina parietalis pericardii über-
rior nach ventral. geht. Dadurch entstehen 2 charakteristische
Rinnen (➜ Abb. 6.4):
■ Herzbeutel • Sinus transversus pericardii: trennt die
Porta arteriosa von der Porta venosa.
Der Herzbeutel (Perikard) umschließt das • Sinus obliquus pericardii: liegt zwischen
Herz. Er hat ein Volumen von ca. 1.000 ml den zum Herz führenden Vv. pulmonales.
und enthält stets 10–15 ml seröse Flüssigkeit,
ein Ultrafiltrat des Blutes, als Gleitmittel. Das • Herzbeuteltamponade: Blut- oder Flüs-
Perikard lässt sich in ein kollagenfaserreiches sigkeitsansammlung im Herzbeutel, wel-
Pericardium fibrosum und ein Pericardium che die Pumpfunktion des Herzens lebens-
serosum unterscheiden. Das Pericardium se- bedrohlich einschränken kann.
rosum lässt sich weiter in eine Lamina pari- • Panzerherz (Pericarditis calcarea): Ver-
etalis und eine Lamina visceralis differenzie- härtung des Herzbeutels infolge einer
ren. Herzbeutelentzündung (Perikarditis).

Die Lamina visceralis pericardii bildet das Im Bereich des Centrum tendineum ist das Peri-
Epikard. kard fest mit dem Diaphragma verwachsen. Es
bestehen über die Membrana bronchopericar-
Durchtrittspunkte zur Brusthöhle bilden die diaca bindegewebige Verbindungen zur Luft-
Einmündungen der Vv. cavae superior und infe- röhre und über die Ligg. sternopericardiaca
rior und die Vv. pulmonales (Porta venosa). zum Sternum. In der Kontaktfläche zwischen
Austrittspunkte ergeben sich über den Truncus Perikard und Pleura (pleuroperikardialer Spalt)
pulmonalis und die Aorta (Porta arteriosa). An verlaufen Nn. phrenici und Vasa pericardiaphre-
nica.

123
6  Brusteingeweide

Arcus aortae
N. phrenicus
A.; V. pericardiaco-
phrenica
Pulmo sinister
V. cava superior
Plexus aorticus thoracicus
Pleura parietalis, N. vagus [X]
Pars mediastinalis
N. laryngeus recurrens
Pulmo dexter A. pulmonalis
sinistra Bifurcatio
Sinus transversus
trunci
pericardii A. pulmonalis pulmonalis
dextra

V. pulmonalis
dextra superior Pleura parietalis,
Pars mediastinalis
V. pulmonalis V. pulmonalis sinistra
dextra inferior
superior
V. pulmonalis sinistra
inferior
Sinus obliquus
pericardii
Pericardium serosum,
Pleura parietalis, Lamina parietalis
Pars diaphragmatica

V. cava inferior
Pericardium fibrosum

Abb. 6.4  Anatomie des Herzbeutels und seiner epikardialen Umschlagfalten, Ansicht von ventral
[S007-2-23]

■ CHECK-UP
Beschreiben Sie das Innenrelief der Herzräume!
Welche Koronararterie versorgt in der Regel den AV-Knoten?
Wohin strahlt der Schmerz bei einem Vorder-/Seiten-/Hinterwandinfarkt aus? Welche
Koronaräste sind betroffen?
Nennen Sie die Stationen des Erregungssystems!
Was ist der Sinus transversus pericardii?

Nerven und Nervengeflechte


■ Somatische Innervation N. phrenicus
Verlauf.  Siehe auch ➜ Abbildung 6.5.
Über die Nn. phrenici und die 12 thorakalen Spi- • Entsteht im Plexus cervicalis aus Fasern der
nalnerven. Rückenmarksegmente C3–C5.
• Verläuft beidseits auf der Vorderfläche des
Die Partes mediastinalis und diaphragmatica M. scalenus anterior nach kaudal zur oberen
der Pleura parietalis werden sensibel über Thoraxapertur, durch die er zwischen A. und
den N. phrenicus versorgt, die Pars costalis V. subclavia lateral des N. vagus hindurchtritt.
der Pleura parietalis über die Nn. intercosta- • Liegt im Mediastinum superius rechts zwi-
les. Die Pleura visceralis wird nicht sensibel schen V. cava superior und dem Oberlappen
innerviert und ist damit auch nicht schmerz- der rechten Lunge, links zwischen Aortenbo-
empfindlich. gen und dem Oberlappen der linken Lunge.

124
3
M. scalenus anterior

N. phrenicus
A. subclavia dextra

V. subclavia dextra
Costa I

V. cava superior

N. phrenicus,
Pericardium
R. pericardiacus

Diaphragma
N. phrenicus,
Rr. phrenicoabdominales

Abb. 6.5  Verlauf des N. phrenicus [S007-2-23]

• Verläuft im Mediastinum medium beidseits nehmen die Seitenhörner in C8–Th4 die Versor-
begleitet von den Vasa pericardiacophrenicae gung der Brusteingeweide.
ventral des Lungenhilus und zwischen Peri-
Truncus sympathicus.  11–12 paarige Ganglia
cardium fibrosum und der Pars mediastinalis
thoracica beidseits der Wirbelsäule vor den Rip-
der Pleura parietalis zum Zwerchfell.
penköpfchen. Die Ganglien des Truncus sympa-
• Tritt rechts mit der V. cava inferior durch das thicus nennt man auch Grenzstrangganglien
Foramen venae cavae, links variabel im Be-
oder paravertebrale Ganglien.
reich der Herzspitze oder durch den Hiatus
oesophageus in den Bauchraum. Umschaltung.  In den thorakalen und zervika-
len Grenzstrangganglien.
Innervation: 
• Motorisch: Zwerchfell Postganglionäre Strecke.  Die postganglionä-
• Sensibel: Partes mediastinalis et diaphragma- ren sympathischen Fasern bilden gemeinsam
tica der Pleura parietalis, Perikard. mit dem parasympathischen Fasern organnahe
Plexus wie die Plexus pulmonalis, oesophageus
■ Vegetative Innervation und cardiacus.
Sympathikus Parasympathikus
Ursprung.  Von den Ursprungskerngebieten Ursprung.  Der Parasympathikus hat einen kra-
des Sympathikus, den Seitenhörnern des thora- nialen und einen sakralen Anteil. Die Ursprungs-
kolumbalen Rückenmarks ([C8] Th1–L2), über- kerngebiete des kranialen Anteils liegen im Hirn-

125
6  Brusteingeweide

stamm, die des sakralen Anteils im Sakralmark wirkt eine Bronchokonstriktion (Verengung
(S2–S4). Die Brusteingeweide werden über den der Bronchien), Vasodilatation (Erweiterung
N. vagus aus dem kranialen Anteil versorgt. Seine der Blutgefäße) und gesteigerte Drüsensekreti-
Perikarya liegen im Ncl. dorsalis n. vagi. on. Der Sympathikus wirkt genau entgegenge-
setzt. Die sensorische Innervation übernehmen
N. vagus (N. X).  Er gelangt über die Vagina ca- überwiegend Fasern des N. vagus.
rotica zur oberen Thoraxapertur, durch die er me-
dial der Nn. phrenici und dorsal der V. brachioce- Ösophagus über den Plexus oesopha-
phalica hindurch tritt. Der rechte N. vagus verläuft geus.  Eine Aktivierung des Parasympathikus
im Mediastinum superius am rechten Umfang der bewirkt eine Zunahme der Peristaltik und eine
Trachea weiter, der linke N. vagus zunächst zwi- Steigerung der Drüsensekretion. Der Sympathi-
schen A. subclavia sinistra und A. carotis commu- kus wirkt genau entgegengesetzt.
nis sinistra, dann am linken Umfang des Aortenbo-
gens. Im Mediastinum posterius angekommen, Herz über den Plexus cardiacus.  Der Plexus
ziehen beide Nn. vagi dorsal des Lungenhilus zum cardiacus erhält Rr. cardiaci cervicales und tho-
Ösophagus, wo sie unter gegenseitigem Faseraus- racales aus dem N. vagus sowie sympathische
tausch den Plexus oesophageus ausbilden. Nn. cardiaci cervicales und thoracales aus den
Der Plexus oesophagus setzt sich schließlich in zervikalen und oberen thorakalen Grenzstrang-
die Trunci vagales anterior et posterior fort, ganglien. Über die vegetative Innervation kann
wobei der Truncus vagalis posterior überwie- das eigenständige Erregungsbildungs- und Erre-
gend Fasern des N. vagus dexter enthält (merke: gungsleitungssystem entsprechend der aktuellen
dexter = dorsal). Die Trunci vagales treten zu- Bedürfnisse beeinflusst werden.
sammen mit dem Ösophagus im Hiatus oeso- Der Sympathikus erhöht die Herzfrequenz (positi-
phageus durch das Zwerchfell ins Abdomen. ve Chronotropie), die Erregungsleitungsgeschwin-
digkeit (positive Dromotropie), die Kontraktions-
N. laryngeus recurrens.  Der rechte N. laryn- kraft des Myokards (positive Inotropie) sowie die
geus recurrens zweigt vom N. vagus dexter ober- elektrische Erregbarkeit des Myokards (positive
halb der oberen Thoraxapertur ab und zieht um Bathmotropie) und erweitert die Koronargefäße.
die A. subclavia dextra herum. Der Parasympathikus wirkt entgegengesetzt,
Der linke N. laryngeus recurrens geht im Media­ und dies überwiegend an den Vorhöfen: negati-
stinum superius vom N. vagus sinister ab und ve Chronotropie und Dromotropie sowie Veren-
schlingt sich lateral des Lig. arteriosum Botalli gung der Koronararterien. Dabei innerviert der
um den Aortenbogen. rechte N. vagus v. a. den Sinusknoten, der linke
Beide Nn. laryngei recurrentes verlaufen an- N. vagus den AV-Knoten.
schließend in der Rinne zwischen Trachea und Viszerosensible Fasern gelangen von Dehnungs-
Ösophagus zum Kehlkopf. rezeptoren über den N. vagus in den Hirnstamm
und von herzmuskeleigenen Schmerzrezeptoren
Umschaltung.  In organnahen Ganglien der über sympathische Fasern in die oberen thora-
organnahen Plexus. kalen Rückenmarksegmente.
Postganglionäre Strecke.  Die postganglionä-
re Strecke ist aufgrund der Umschaltung in or- Über die Verbindung zum thorakalen Rü-
gannahen Ganglien im Unterschied zum Sympa- ckenmark werden beim Herzinfarkt Schmer-
thikus kurz. zen in die linke Brust, den linken Arm und die
linke Schulter projiziert. Diese Gebiete sind
Vegetative Innervation der Organe
die Head-Zone des Herzens.
Bronchialbaum und Pulmonalgefäße über den
Plexus pulmonalis.  Der Parasympathikus be-

■ CHECK-UP
Beschreiben Sie den Verlauf und die Innervationsgebiete des N. phrenicus!
Aus welchen Rückenmarksegmenten stammt der N. phrenicus?
Durch welche Nerven werden welche Anteile der Pleura parietalis innerviert?
Wie verlaufen die Nn. vagi im Mediastinum?
Wie verlaufen die Nn. laryngei recurrentes?
126
3
Arterien und Pulmonalgefäße
■ Aorta ci, Rr. mediastinales, paarige A. phrenica su-
perior
Aorta ascendens:  • Parietale Äste: Aa. intercostales posteriores I–
• Direkt oberhalb der Aortenklappe gehen die XI, A. subcostalis (A. intercostalis posterior XII).
Aa. coronariae dextra und sinstra ab.
• Zieht dann nach rechts, vorne und oben
• Liegt nahezu vollständig intraperikardial und ■ Pulmonalgefäße
somit im Mediastinum medium. Dienen dem Gastaustausch in den Lungenalveo-
len, sind Bestandteil des Lungenkreislaufs und des
Arcus aortae (Aortenbogen): 
Niederdrucksystems (Vasa publica der Lunge).
• Verläuft im Mediastinum superius zunächst
vor und dann links-lateral der Trachea. Truncus pulmonalis.  Geht aus dem rechten
• Zieht über den linken Hauptbronchus links Ventrikel hervor und verläuft im Mediastinum
neben den Ösophagus. medium intraperikardial nach oben, hinten und
• Ist am Übergang zur Aorta descendens und links. Liegt zunächst vor, dann links der Aorta
distal des Abgangs der A. subclavia sinistra ascendens. I. H. BWK 5/6 teilt er sich in die
i. H. BWK 4 durch das Lig. arteriosum Botalli Aa. pulmonales dextra und sinistra.
geringgradig zum Isthmus aortae eingezogen.
• Im Regelfall entspringen 3 Äste aus dem Aor- Aa. pulmonales: 
tenbogen: • A. pulmonalis dextra zieht hinter der Aorta as-
– Truncus brachiocephalicus: teilt sich nach cendens und der V. cava superior sowie vor dem
kurzem Verlauf in die A. carotis communis rechten Hauptbronchus zur rechten Lunge.
dextra und die A. subclavia dextra • A. pulmonalis sinistra verläuft unterhalb des Ar-
– A. carotis communis sinistra cus aortae sowie vor dem linken Hauptbronchus
– A. subclavia sinistra und der Aorta descendens zur linken Lunge.

Pars thoracica der Aorta descendens (Aorta Vv. pulmonales: 


thoracica):  • Nachdem das Blut in der Lunge mit Sauerstoff
• Verläuft zunächst links, dann links-ventral angereichert wurde, gelangt es über die Vv. pul-
der Wirbelsäule im Mediastinum posterius monales zum linken Vorhof des Herzens.
zum Zwerchfell, welches sie im Hiatus aorti- • Es gibt rechts und links jeweils 2 Vv. pulmo-
cus i. H. BWK 11/12 durchtritt. nales.
• Viszerale Äste: Rr. bronchiales (Vasa privata • Die Vv. pulmonales und deren Zuflüsse ha-
der Lunge), Rr. oesophageales, Rr. pericardia- ben keine Venenklappen.

■ CHECK-UP
Welche Lagebeziehungen hat der Arcus aortae?
Welche Lagebeziehungen haben die beiden Aa. pulmonales?

Venen
■ Azygos-System fangs der Wirbelsäule, wobei sie zum rechten
N. vagus und zum Ductus thoracicus Kontakt
Sammelt Blut aus den Brusteingeweiden, vom hat. Zieht dann über den rechten Hauptbron-
Zwerchfell und über die Vv. intercostales poste- chus nach ventral. Mündet i. H. BWK 4 von dor-
riores aus den Interkostalräumen. sal in die V. cava superior.
V. azygos.  Fortsetzung der V. lumbalis ascen- V. hemiazygos.  Fortsetzung der V. lumbalis
dens dextra nach deren Durchtritt durch das ascendens sinistra nach deren Durchtritt durch
Zwerchfell. Verläuft entlang des rechten Um-
127
6  Brusteingeweide

das Zwerchfell. Verläuft links auf der Wirbelsäu- – V. thyroidea inferior: unpaare Vene zur
le nach kranial und mündet i. H. BWK 10–7 in Drainage des Plexus thyroideus impar,
die V. azygos. mündet meist in die V. brachiocephalica
sinistra.
V. hemiazygos accessoria.  Kraniale Entspre-
chung der V. hemiazygos. Verläuft von kranial V. cava superior (obere Hohlvene).  Entsteht
links auf der Wirbelsäule nach kaudal und mün- aus der Vereinigung der beiden Vv. brachioce-
det in die V. azygos. phalicae.
• Zieht senkrecht im Mediastinum superius
■ Hohlvenen nach kaudal und liegt kurz vor der Mündung
in den rechten Vorhof intraperikardial und
Vv. brachiocephalicae.  Entstehen aus der dort somit im Mediastinum medium
Vereinigung der V. jugularis interna und der • Liegt dorsal des Thymus, ventral der A. pul-
V. subclavia im Venenwinkel. Sie befinden sich monalis dextra und der Trachea bzw. des
im Mediastinum superius direkt hinter dem Bronchus principalis dexter, rechts-dorsal
Thymus. der Aorta sowie medial des N. phrenicus dex-
• Die V. brachiocephalica sinistra verläuft ter und des Oberlappens der rechten Lunge.
schräg vor den Ursprüngen der Aortenbogen­
äste. V. cava inferior (untere Hohlvene).  Gelangt
• Die Vv. brachiocephalicae nehmen u. a. fol- mit dem Durchtritt durch das Foramen venae
gende Zuflüsse auf: cavae ins Medastinum medium. Hat eine kurze
– V. intercostalis suprema intraperikardiale Verlaufsstrecke, bevor sie in
– V. thoracica interna den rechten Vorhof mündet.

Lymphknoten und Lymphgefäße


■ Lymphabfluss und Lymphknoten • Entsteht knapp unterhalb des Zwerchfells aus
der Vereinigung der Trunci lumbales und des
Lunge und Bronchien.  Nll. intrapulmonales
Truncus intestinalis in einer häufig erweiter-
und Nll. bronchopulmonales → Nll. tra-
ten Stelle, der Cisterna chyli
cheobronchiales inferiores → Nll. tracheobron-
chiales superiores → Nll. paratracheales → Trun-
• Tritt im Hiatus aorticus durch das Zwerchfell
ci bronchomediastinales und jugulares.
• Verläuft im Mediastinum posterius und im
Mediastinum superius dorsal des Ösophagus
Ösophagus.  Von der Pars cervicalis und der direkt vor der Wirbelsäule nach kranial
Pars thoracica fließt die Lymphe über die • Gelangt durch die obere Thoraxapertur zum
Nll. juxtaoesophageales in die Trunci jugulares Hals und dort in einem Bogen zum linken
und bronchomediastinales. Die Pars abdomina- Venenwinkel. Eine Klappe im Mündungsbe-
lis drainiert über die Nll. juxtaoesophageales in reich verhindert den Übertritt von venösem
die Lymphknoten des Magens. Die Lymphab- Blut in den Ductus thoracicus.
flusswege der Pars thoracica und der Pars abdo- • Vor der Mündung nimmt der Ductus thoraci-
minalis sind über feine Lymphgefäße verbun- cus noch die Trunci bronchomediastinalis,
den. subclavius und jugularis sinister auf.
Ductus lymphaticus dexter
■ Lymphstämme • Etwa 1 cm lang. Entsteht aus dem Zusam-
menfluss der Trunci bronchomediastinalis
Ductus thoracicus
dexter, subclavius dexter und jugularis dexter
• Sammelt die Lymphe der beiden unteren • Sammelt Lymphe des rechten oberen Körper-
Körperquadranten sowie des linken oberen
quadranten und führt sie im rechten Venen-
Körperquadranten, also ca. ¾ der gesamten
winkel durch eine Klappe dem Blutkreislauf
Lymphflüssigkeit
zu.

128
3
■ CHECK-UP
Durch welche Anteile des Mediastinums verläuft der Ductus thoracicus?
Welche Lymphstämme nimmt der Ductus thoracicus auf, welche der Ductus lymphaticus dexter?

Angewandte und topografische Anatomie


■ Oberflächenanatomie • Die linke Zwerchfellkuppel liegt etwa einen
halben ICR tiefer.
Zur Lagebeschreibung verwendet man folgende
Pleurafreie Dreiecke an der vorderen Brust-
gedachte senkrecht nach unten verlaufende Li-
wand:
nien:
• Medioklavikularlinie (MCL): von der Mitte • Trigonum thymicum: vor dem Thymus und
hinter dem Manubrium sterni
der Klavikula ausgehend
• Vordere Axillarlinie (VAL): von der vorde- • Trigonum cardiacum: vor dem Herzen und
hinter dem Corpus sterni, seitlich begrenzt
ren Begrenzung der Axilla, den Mm. pectora-
durch die Recc. costomediastinales der Pleu-
les, ausgehend
rahöhlen. Entspricht dem Feld der absoluten
• Mittlere Axillarlinie (MAL): von der Mitte Herzdämpfung.
der Axilla ausgehend
• Hintere Axillarlinie (HAL): von der hinteren Herz
Begrenzung der Axilla, dem M. latissimus Im p. a. Röntgenbild des Thorax (➜ Abb. 6.6)
dorsi, ausgehend hat der Herzschatten zwei Ränder:
• Skapularlinie (SL): vom Angulus inferior der • Rechter Herzrand: V. cava superior und rech-
Skapula ausgehend ter Vorhof
• Paravertebrallinie (PVL): durch die Quer- • Linker Herzrand: Aortenbogen, A. pulmona-
fortsätze der Wirbelsäule. lis sinistra, linkes Herzohr des linken Vor-
hofs, linker Ventrikel.
■ Organprojektionen
Lunge, Pleura und Zwerchfell
Die Projektion der unteren Grenzen von Lunge
und Pleura (➜ Tab. 6.2) ist atemabhängig.
Das Zwerchfell hat eine Atemverschieblichkeit
von ca. 7 cm.
• Die rechte Zwerchfellkuppel liegt bei Exspi-
ration im 4. ICR, bei Inspiration i. H. der
7. Rippe.
Tab. 6.2  Projektion der unteren Lungen- und
Pleuragrenzen auf den Thorax in Atemruhelage
Linie Lunge Pleura
MCL 6. Rippe 7. Rippe
VAL 7. Rippe 8. Rippe
MAL 8. Rippe 9. Rippe Abb. 6.6  Röntgen-Thorax p. a. (Strahlengang
HAL 9. Rippe 10. Rippe von posterior nach anterior). 1 = Herzschatten,
2 = Trachea, 3 = Zwerchfell, 4/5 = linke/rechte
SL 10. Rippe 11. Rippe
Lunge, 6 = Klavikula, 7 = Rec. costodiaphrag-
PVL 11. Rippe 12. Rippe maticus, 8 = rechter Vorhof, 9 = linker Ventri-
kel, 10 = Aortenbogen, 11 = A. pulmonalis sinis-
tra. Das linke Herzohr hebt sich hier nicht ab
[R144]
129
6  Brusteingeweide

Bei der Auskultation der Herzklappen ist zu Ganglion cervicothoracicum, den N. laryngeus
beachten, dass die Auskultationsstellen auf recurrens, den N. phrenicus, Rippen, Wirbel
akustischen Fortleitungsphänomenen beru- und Halsorgane infiltrieren und schädigen.
hen:
• Aortenklappe: 2. ICR rechts parasternal Mediastinum
• Pulmonalklappe: 2. ICR links parasternal Siehe ➜ Tabelle 6.3.
• Trikuspidalklappe: 4. ICR rechts paraster- • Dehnt sich nach kranial bis zur oberen Tho-
nal raxapertur aus und geht kontinuierlich in die
• Mitralklappe: 5. ICR links in der Mediokla- Bindegewebsräume des Halses über.
vikularlinie • Nach kaudal durch das Zwerchfell verschlos-
• Erb-Punkt (alle Klappen gleichzeitig): sen mit Zwerchfelllücken als Verbindung
3. ICR links parasternal zum Bauchraum.
Merkspruch: Anton Pulmo trinkt Milch um
22:45 Uhr. Die Trachealbifurkation und die beiden
Hauptbronchien sitzen dem linken Vorhof di-
■ Thoraxhöhle rekt auf. Daher kann es bei einer Vergröße-
rung des linken Vorhofs zu einer Aufweitung
Ein Pancoast-Tumor (bösartiger Tumor der des Winkels zwischen den beiden Hauptbron-
Lungenspitze) kann aufgrund der engen chien kommen.
Nachbarschaft den Plexus brachialis, das Außerdem liegt der linke Vorhof dem Öso-
phagus direkt an.

Tab. 6.3  Definition und Inhalt der Abschnitte des Mediastinums


Mediastinum superius Mediastinum inferius
Raum zwischen der Rückfläche Raum zwischen der Rückfläche des Corpus sterni und der Vor-
des Manubrium sterni und der derfläche der thorakalen Wirbelsäule ab BWK 4/5
Vorderfläche der thorakalen Wir-
belsäule bis BWK 4/5
Organe: Mediastinum anterius: Raum zwischen der Rückfläche des
• Thymus Corpus sterni und der Vorderfläche des Herzbeutels
• Trachea, Pars thoracica Gefäße: Aa. und Vv. thoracicae internae
• Ösophagus, Pars thoracica
Gefäße: Mediastinum medium: vom Herzen und Herzbeutel eingenom-
• Arcus aortae
mener Raum
• Truncus brachiocephalicus
Organe: Herz und Herzbeutel
• Anfangsabschnitte der A. caro-
Gefäße:
tis communis sinistra und Intraperikardial:
• Aorta ascendens
A. subclavia sinistra
• Truncus pulmonalis
• Aa. thoracicae internae
• Endabschnitte von V. cava superior, V. cava inferior und
• V. cava superior
• Vv. brachiocephalicae
V. azygos
• Vv. pulmonales
• Vv. thoracicae internae
Nerven: Extraperikardial: Vasa pericardiacophrenica
• Nn. vagi
Nerven: Nn. phrenici
• N. laryngeus recurrens sinister Mediastinum posterius: Raum zwischen der Rückfläche des
• Nn. phrenici Herzbeutels und der Vorderfläche der thorakalen Wirbelsäule
• Nn. cardiaci ab BWK 4/5
• Truncus sympathicus Organe: Ösophagus, Pars thoracica
Lymphstämme: Gefäße:
• Ductus thoracicus • Aorta descendens, Pars thoracica mit Ästen
• Ductus lymphaticus dexter • V. azygos und V. hemiazygos
• Trunci bronchomediastinales Nerven:
• Nn. vagi bzw. Trunci vagales
• Truncus sympathicus
• Nn. splanchnici
Lymphstämme: Ductus thoracicus

130
3
■ Atemmechanik Lunge. Die aktive Expiration für die endexspira-
torische Phase und die verstärkte Atmung erfol-
Bauchatmung.  Inspiration durch Kontraktion gen v. a. durch die Mm. intercostales interni, die
des Zwerchfells. Bauchmuskeln über die Bauchpresse und den
Brustatmung.  Hebung der Rippen durch die M. latissimus dorsi.
Mm. scaleni, die Mm. intercostales externi und
den M. sternocleidomastoideus. Bei fixiertem Das Zwerchfell ist der wichtigste Atemmus-
Arm unterstützen die Mm. pectorales und der kel bei normaler Atmung.
M. serratus anterior die Brustatmung als Atem- Die Mm. intercostales externi wirken inspi-
hilfsmuskeln. ratorisch, die Mm. intercostales interni ex-
Exspiration.  Bei Ruheatmung überwiegend spiratorisch.
passiv durch die Rückstellkräfte von Thorax und

■ CHECK-UP
Welche Strukturen bilden den rechten und linken Herzrand?
Wo werden die Herzklappen üblicherweise auskultiert?
Benennen Sie die Abschnitte des Mediastinums und ihre Inhalte!

131
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3
7  Bauch- und
Beckeneingeweide
Entwicklung von Darmtrakt, Harn- und Geschlechtsorganen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133

Organe des Magen-Darm-Kanals . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137

Leber, Gallenblase und Pankreas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141

Milz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145

Endokrine Organe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146

Harnorgane . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148

Weibliche Geschlechtsorgane . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152

Männliche Geschlechtsorgane . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156

Nerven und Nervengeflechte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161

Arterien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162

Venen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167

Lymphknoten und Lymphgefäße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169

Peritoneum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170

Angewandte und topografische Anatomie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171

Entwicklung von Darmtrakt, Harn- und Geschlechtsorganen


■ Darmtrakt Magen
In der 5. EW bildet sich im kaudalen Teil des
Vorderdarms die Magenanlage. Die Hinter­
Aus … entsteht …: wand der Magenanlage wächst schneller als die
• Vorderdarm: Pharynx, Ösophagus, Tra­ Vorderwand. So entstehen die Curvaturae major
chea, Bronchialbaum, Magen, Pars supe­ und minor. Danach vollzieht der Magen 2 Dre-
rior des Duodenums, Leber, Gallenblase hungen: Zunächst dreht sich die Magenanlage
und Pankreas um 90° um die Längsachse von kranial gesehen
• Mitteldarm: Rest des Duodenums, Jeju­ nach rechts. Dadurch gelangt der Truncus vaga­
num, Ileum, Zäkum mit Appendix vermi­ lis posterior aus dem rechten N. vagus auf die
formis, Colon ascendens, rechter Teil des Magenrückseite und der Truncus vagalis anteri­
Colon transversum or aus dem linken N. vagus auf die Vorderseite.
• Enddarm: linke Hälfte des Colon trans­ Schließlich kippt die Magenanlage um eine sa­
versum, Colon descendens, Colon sigmo­ gittale Achse, deren Mittelpunkt im Magenkor­
ideum, Rektum bis zum Analkanal. pus liegt.

133
7  Bauch- und Beckeneingeweide

Darmkanal Pankreas
In der 4. EW beginnt der Mitteldarm rasant zu Die Bauchspeicheldrüse entwickelt sich aus ei­
wachsen. Es bildet sich eine U-förmige, nach ner ventralen und einer dorsalen Knospe des
ventral ausgerichtete Nabelschleife. Vom Schei­ Vorderdarms. Aus dem kleineren ventralen Teil
telpunkt der Nabelschleife geht der Ductus om­ entsteht der Processus uncinatus, aus dem grö­
phaloentericus (Ductus vitellinus) ab. Nach ßeren dorsalen Teil entstehen Caput, Corpus
2 Wochen ist im intraembryonalen Zölom nicht und Cauda pancreatis. Die beiden Anteile ver­
mehr genug Platz, sodass es zum physiologi- schmelzen schließlich miteinander, sodass sich
schen Nabelbruch kommt. Zu dieser Zeit dreht die exokrinen Ausführungsgänge der beiden An­
sich die Nabelschleife um 270° von ventral gese­ teile vereinigen. Aus Abschnitten der exokrinen
hen entgegen den Uhrzeigersinn. Dadurch liegt Ausführungsgänge entwickelt sich in der 10. EW
die Anlage des Zäkums kurzweilig kaudal der das endokrine Pankreas.
Leber an. Später wandert das Zäkum an seine Milz
endgültige Position in die Fossa iliaca dextra. Die Milz entsteht ab der 5. EW im Mesogastri-
um dorsale. In den ersten Entwicklungsmona­
• Meckel-Divertikel: Relikt, wenn der Duc­ ten ist die Milz für die Blutbildung zuständig.
tus omphaloentericus teilweise offen Im Laufe der weiteren Entwicklung wandern zu­
bleibt. Persistiert der Ductus omphaloente­ nächst Lymphozyten ein, die sich zu Follikeln
ricus auf seiner ganzen Länge, entsteht ei­ formieren. Zeitgleich sprießen Blutgefäße ein.
ne Fistel zwischen Bauchnabel und Darm Erst nach der Geburt entwickelt sich die rote
(Dottergangsfistel). Pulpa.
• Omphalozele (Nabelschnurbruch): Durch
Peritoneum
diesen Defekt können Bauchorgane, v. a.
Das viszerale Peritoneum entsteht aus dem vis-
Darmschlingen, durch den Nabel hervor­
zeralen Mesoderm (Splanchnopleura), das pa­
treten und in der Nabelschnur verbleiben.
rietale Peritoneum aus dem parietalen Meso-
derm (Somatopleura). 2 Gewebeplatten aus vis­
Enddarm zeralem Mesoderm verbinden das Darmrohr mit
Der Enddarm mündet gemeinsam mit dem Uro­ der Vorder- und Hinterwand der Bauchhöhle,
genitaltrakt in die Kloake. In der 5. EW teilt das dem ventralen und dorsalen Mesenterium. Sie
Septum urorectale die Kloake in den ventralen versorgen die intraperitoneal gelegenen Organe
Sinus urogenitalis und den dorsalen Canalis
mit Nerven, Blut- und Lymphgefäßen. Im Un­
analis, auch Anorektalkanal genannt. Aus dem
terbauch fehlt ein ventrales Mesenterium.
Anorektalkanal entstehen das Rektum und die
oberen 2⁄3 des Analkanals.
Aus … entsteht …:
Leber
• Mesogastrium ventrale: Lig. hepatoduo­
Die späteren Leberepithelzellen (Hepatozyten)
denale und Lig. hepatogastricum (Omen­
gehen aus dem Entoderm des Vorderdarms her­
tum minus), Peritonealüberzug der Le­
vor. Sie wandern über den Ductus hepatopan-
ber, Lig. falciforme hepatis, Lig. teres he­
creaticus in das Septum transversum ein und
patis
sammeln sich zu Leberläppchen. Die dazwi­
• Mesogastrium dorsale: Omentum ma­
schenliegenden bindegewebigen Anteile der Le­
jus, Peritoneum der Bursa omentalis,
ber sowie die blutbildenden Zellen entstammen
Lig. gastrophrenicum, Lig. gastrospleni­
dem Mesoderm. Die Blutbildung findet in der
cum, Lig. gastrocolicum, Lig. splenorena­
Leber bis zum 7. EM statt.
le, Lig. phrenicocolicum.
Gallenblase
Die Gallenblase und der Ductus cysticus entwi­
ckeln sich aus dem Entoderm des Vorderdarms. ■ Harnorgane
Die Gallenblasenanlage, Diverticulum cysticum, Niere
liegt kaudal der Leberanlage und ventral der Die Niere entsteht zu Beginn der 5. EW aus der
vorderen Pankreasknospe. Nachniere (Metanephros). Diese geht aus dem
intermediären Mesoderm des unteren Lumbal-
und ersten Sakralsegments hervor. Sie besteht
134
3
aus 2 Anteilen: der Ureterknospe und dem me- • Pars phallica: ♂ Pars spongiosa der Harn­
tanephrogenen Blastem. Aus der Ureterknospe röhre und Cowper-Drüsen (Gll. bulboureth­
entstehen der Ureter, das Nierenbecken, die Kel­ rales) bzw. ♀ Scheidenvorhof und Bartholin-
che des Nierenbeckens und die Sammelrohre. Drüsen (Gll. vestibulares majores)
Die Nierenkörperchen, der proximale, interme­ • Pars genitalis: äußere Genitalorgane.
diäre und distale Tubulus sowie das Nierenstro­
ma bilden sich aus dem metanephrogenen Blas­ Beim Mann kann die Mündung der Harnröhre
tem. Von der Aorta kommende, kleine Gefäße fehlgebildet sein. Bei der Hypospadie befindet
stülpen sich in die Nierenkörperchen ein, sodass sich die Urethralöffnung auf der Penisunter­
in der Gesamtheit die Glomeruli entstehen. Ab seite. Tritt die Urethra auf der Oberseite des
der 8. EW sezerniert die Niere Harn in die Am­ Penis aus, bezeichnet man das als Epispadie.
nionflüssigkeit.
Der Entwicklung der Nachniere gehen 2 em­bryo­
nale Probeformen voraus: die Vorniere (Prone­ ■ Geschlechtsorgane
phros) und die Urniere (Mesonephros). Wäh­ Gonadenanlage
rend die Vorniere unproduktiv ist, funktioniert In der 5. EW entwickeln sich medial der Urnie­
die Urniere schon teilweise. Aus ihr entspringt ren durch Proliferation des Zölomepithels und
auch der Urnierenkanal (Ductus mesonephrici, des darunter liegenden Mesenchyms die Geni-
Wolff-Gang). talleisten.
Beim Mann wandern in diese primären Keim­
Im Laufe der embryonalen Entwicklung stränge Urkeimzellen (primordiale Ge-
steigt die Niere aus dem Becken bis in Höhe schlechtszellen) aus dem Endoderm des Dot­
des 12. Thorakalsegments auf (Aszensus der tersacks ein. Unter dem Einfluss der ge­
Niere). Dieser relative Aufstieg kommt schlechtsbestimmenden Region auf dem kurzen
durch das Längenwachstum des Fetus bzw. Arm des Y-Chromosoms (SRY-Gen) differenzie­
Säuglings zustande. ren sich die Genitalleisten ab der 7. EW zu Ho­
den.
Bei der Frau entwickeln sich etwas verzögert –
Nebenniere ab der 10. EW – unter dem Einfluss mehrerer
Die Nebennierenrinde entstammt dem beidseits autosomaler und gonosomaler Chromosomen
der Aorta in enger Nachbarschaft zur Gonaden­ aus den Genitalleisten die Eierstöcke.
anlage gelegenen Mesoderm. Die Nebenniere
erreicht ihre größte Ausdehnung in der Fetalpe­
riode: Zu dieser Zeit ist sie etwa 20-mal größer Die Gene bestimmen die Entwicklung des
als die Nebenniere eines Erwachsenen. Schon gonadalen Geschlechts.
perinatal findet eine erhebliche Rückbildung
statt (Involution). Deszensus der Gonaden
Bis zur Geburt produziert die Nebennierenrinde Durch das Längenwachstum des Embryos wan­
Östrogenvorstufen, die in der Plazenta zu Östro­ dern die Keimdrüsen im Laufe der Entwicklung
gen umgewandelt werden. Erst postnatal bilden relativ betrachtet nach kaudal. Als Leitstruktu­
sich die 3 Schichten der Rinde aus. Zuvor sind ren dienen dabei die sog. Keimdrüsenbänder.
nur 2 Zonen differenzierbar. In der 7. EW wan­ Beim Mann bildet sich das obere Keimdrüsen­
dern Zellen aus der Neuralleiste in die wach­ band (Zwerchfellband) zurück. Das untere
sende Nebenniere ein. Sie bilden die späteren Keimdrüsenband (Gubernaculum testis) lei­
Nierenmarkszellen und produzieren Adrenalin tet den Hoden bei seinem Abstieg aus dem
und Noradrenalin. Bauchraum über den Leistenkanal in den Ho­
Harnblase und Harnröhre densack. Dabei zieht der Hoden einige Gewe­
Die Harnblase wächst aus dem oberen Teil des beschichten mit sich, sodass sich von innen
Sinus urogenitalis. Der Sinus urogenitalis glie­ nach außen eine charakteristische Schichtung
dert sich in 4 Teile: ergibt (➜ Tab. 7.1).
• Pars versicalis: Harnblase und Urachus (Re­
likt aus dem Allantois-Divertikel)
• Pars pelvina: Harnröhre und Prostata
135
7  Bauch- und Beckeneingeweide

Tab. 7.1  Die Hüllen des Hodens als Abkömm- Tab. 7.2  Entwicklung embryonaler Anlagen
linge der Bauchwand bei Mann und Frau
Hodenhülle Entspricht in der Embryonale Mann Frau
Bauchwand Anlage
Tunica vaginalis testis Peritoneum Wolff-Gang • Ductus epi- Gartner-Gang
• Lamina visceralis • Lamina visceralis didymidis (Rudiment)
(Epiorchium) • Lamina parietalis • Ductus de-
• Lamina parietalis ferens
(Periorchium) • Glandula
vesiculosa
Fascia spermatica Fascia transversalis
­interna Müller-Gang Appendix tes- • Fimbriae tu-
tis (Rudiment) bae uterinae
M. cremaster mit M. obliquus internus • Tuba uterina
­Fascia cremasterica abdominis mit Faszie • Uterus
Fascia spermatica Faszie des M. obliqu- • Vagina
­externa us externus abdomi-
nis + äußere Körper-
faszie (Fascia investi- Testosteronproduktion bis zur Pubertät wieder
ens superficialis) ein. Sertoli-Zellen produzieren das Anti-Müller-
Hormon, das zu einer Rückbildung des Müller-
Tunica dartos Tela subcutanea
Gangs führt.
Skrotalhaut Bauchhaut
Ist die Verschmelzung der Müller-Gänge un­
Maldescensus testis: Bleibt der Hoden in der vollständig, kann es zu einem Uterus bicor-
Bauchhöhle (Kryptorchismus) oder im Leis­ nis (Uterus mit 2 Hörnern) kommen.
tenkanal liegen, werden meistens aufgrund
der dort höheren Temperatur keine Spermien Äußere Genitalorgane
gebildet. Im Zeitraum der 4.‑7. EW formen sich bei bei­
den Geschlechtern aus der Pars genitalis des Si­
Bei der Frau vollziehen die Eierstöcke auch ei­ nus urogenitalis die Vorläuferstrukturen der äu­
nen Deszensus, wenn auch nur geringfügig bis ßeren Genitalorgane: Genitalhöcker, Genital-
ins kleine Becken. Das obere Keimdrüsenband falte (Urethralfalte) und Genitalwulst.
bleibt als Lig. suspensorium ovarii erhalten. Unter dem Einfluss von Testosteron entwickelt
Das untere Keimdrüsenband wird durch das sich beim männlichen Embryo aus dem Genital­
Lig. latum uteri in 2 Abschnitte geteilt: Lig. ova- höcker die Eichel (Glans penis). Die Genitalfal­
rii proprium und Lig. teres uteri. ten vereinigen sich zur Harnröhre und die Geni­
talwülste wachsen zum Hodensack (Skrotum)
Genitalwege
heran.
Bei der Frau ist der Ductus paramesonephricus Beim weiblichen Geschlecht steht die weitere
(Müller-Gang) die Vorläuferstruktur der Geni­ Entwicklung maßgeblich unter dem Einfluss des
talwege (➜ Tab. 7.2). Der Müller-Gang entsteht Östrogens aus Plazenta und Eierstöcken. Aus
lateral des Wolff-Gangs aus Zölomepithel. Als dem Genitalhöcker entsteht der Kitzler (Clito­
Ausstülpung, die nach distal offen ist, über­ ris). Die Genitalfalten differenzieren sich zu den
kreuzt er kaudal den Wolff-Gang und fusioniert kleinen Schamlippen (Labia minora pudendi)
in der Medianebene mit dem Müller-Gang der und die Genitalwülste zu den großen Schamlip­
Gegenseite. So entsteht der Uterovaginalkanal, pen (Labia majora pudendi).
aus dem sich der Uterus und der obere Teil der
Vagina bilden.
Beim Mann entwickeln sich die Genitalwege aus Hormone bestimmen die Entwicklung der
dem Wolff-Gang. Treibende Kraft sind dabei die Genitalwege und äußeren Genitalorgane
Leydig- und Sertoli-Zellen der männlichen (geschlechtsspezifischer Phänotyp).
Keimstränge. Leydig-Zellen bilden bis zum
5. EM Testosteron, das die Differenzierung des
Wolff-Gangs vorantreibt. Danach stellen sie die

136
3
■ CHECK-UP
Was ist das Meckel-Divertikel und wie entsteht es?
In welchen Zellen wird Testosteron produziert?
Welche Strukturen entstehen aus dem Wolff-Gang, welche aus dem Müller-Gang?

Organe des Magen-Darm-Kanals


■ Allgemeiner Aufbau Das Peritoneum viscerale ist ein einschichti­
Der Magen-Darm-Trakt ist ein muskuläres ges Mesothel, das eine schmerzfreie Ver­
Röhrensystem, dessen Oberfläche mit Epithel schiebbarkeit der Darmschlingen ermög­
bedeckt ist. Der Ein- und Ausgang ist mithilfe licht, sowie den serösen Flüssigkeitsfilms der
von Ringmuskelsystemen (Sphinktern) ver­ Bauchhöhle sezerniert und resorbiert. Das
schlossen, die bei Bedarf – Schlucken und Defä­ Peritoneum parietale kleidet die Bauchwand
kation – geöffnet werden. aus. Es wird über den N. phrenicus und Äste
Im Bauch- und Beckenraum unterscheidet man der Spinalnerven innerviert und ist daher
in Bezug auf das Peritoneum 3 verschiedene La­ schmerzempfindlich.
getypen:
Intraperitoneale Lage.  Intraperitoneale Orga­ ■ Magen
ne sind mit Peritoneum viscerale überzogen
und an einem Mesenterium (Meso) aufgehängt. • Der Magen (Gaster) verbindet Ösophagus
Die Mesos sind Bauchfellduplikaturen, die Ner­ und Duodenum. Die aufgenommene Nah­
ven, Blut- und Lymphgefäße enthalten. rung wird durch die Salzsäureproduktion
Intraperitoneal liegen: Magen, Pars superior des des Magens und den damit verbundenen
Duodenums, Jejunum, Ileum, Zäkum, Appendix niedrigen pH-Wert (bis zu 1,5) desinfiziert.
vermiformis, Colon transversum, Colon sigmoi­ Zudem beginnt die Verdauung der Eiweiße
deum, Leber, Gallenblase, Milz, Eierstöcke, Ei­ durch Pepsin und Kathepsin. Schubweise
leiter und ein Teil der Gebärmutter. wird der so entstandene Nahrungsbrei (Chy-
mus) zerkleinert, durchmischt und schließ­
Sekundär retroperitoneale Lage.  Zunächst lich weitertransportiert. Im Durchschnitt ver­
liegen die Organe des sekundär retroperitonea­ bleibt der Chymus für 2‑3 Stunden im Magen.
len Lagetypus intraperitoneal. Im Laufe der Ent­
Makroskopischer Aufbau
wicklung verwachsen die Organe fest mit der
Man unterteilt den Magen in 4 Abschnitte:
dorsalen Bauchwand und sind schließlich nur
• Pars cardiaca (Magenmund): verhindert den
von Peritoneum parietale überzogen. Das eins­
Rückfluss (Reflux) von saurem Chymus.
tige Meso bildet sich zurück.
• Fundus gastricus: Hier sammelt sich die ver­
Sekundär retroperitoneal liegen: Duodenum
schluckte Luft. Auf dem Röntgenbild erkennt
(außer Pars superior), Pankreas, Colon ascen­
man diese als charakteristische schwarze Ma­
dens, Colon descendens und der größte Teil des
genblase unter der linken Zwerchfellkuppel.
Rektums.
Zwischen Pars cardiaca und Fundus gastricus
Primär retroperitoneale Lage.  Organe, die liegt der His-Winkel (➜ Kap. 6). Als mor­
seit ihrer Entstehung an der dorsalen Bauch­ phologisches Korrelat findet sich auf der Ma­
wand befestigt und nur mit Peritoneum parieta­ geninnenseite an dieser Stelle das Magenknie
le überzogen sind. (Genu gastricum).
Dazu zählen: Nieren, Nebennieren, Harnleiter, • Corpus gastricus: größter Teil des Magens
Aorta abdominalis, V. cava inferior, sympathi­ und der eigentliche Mischer des Chymus. Auf
scher Grenzstrang und Ductus thoracicus. der Mageninnenseite liegen die Magenstra­
ßen (Plicae gastricae), auf denen der Chymus
in Richtung Dünndarm geleitet wird.

137
7  Bauch- und Beckeneingeweide

• Pars pylorica (Magenpförtner): besteht aus ist durch das Lig. hepatoduodenale mit der
Antrum pyloricum und Canalis pyloricus. Die Leberpforte verbunden.
engste Stelle (ca. 2 mm Ø) bildet am Über­ • Pars descendens: Ab der Flexura duodeni
gang zum Duodenum ein Ringmuskel, superior steigt das Duodenum in den Retro­
M. sphincter pyloricus. peritonealraum ab. Hier hat es topografische
Beziehungen zur rechten Niere.
Topografie
In der Pars descendens liegt die Papilla duo-
Der Magen liegt intraperitoneal und projiziert
deni major, die gemeinsame Mündung der
auf die Regio epigastrica und Regio hypochond­
sekretausführenden Gangsysteme von Pan­
riaca sinistra. Der Mageneingang liegt i. H.
kreas und Gallenblase. Als anatomisches Kor­
BWK 10–12, der Hauptanteil des Magens i. H.
relat findet sich eine längs verlaufende
LWK 2–3, der Magenausgang i. H. LWK 1–2.
Schleimhautfalte (Plica longitudinalis duo-
Den linken Rand des Magens bildet die große
deni). Diese liegt etwa i. H. LWK 2. Teilweise
Kurvatur (Curvatura major), den rechten die
findet sich etwas weiter oral gelegen die Pa-
kleine Kurvatur (Curvatura minor). Von der Cur­
pilla duodeni minor als Mündung eines ak­
vatura minor zieht das kleine Netz (Omentum
zessorischen Ausführungsgang des Prankreas.
minus) zur Leber. Es setzt sich aus dem Lig. he-
patoduodenale und dem Lig. hepatogastricum
zusammen. Letzteres kann bei chirurgischen Ein­ Für eine endoskopische retrograde Cholan­
griffen ohne Schaden für den Patienten durch­ giopankreatikografie (ERCP) muss der
trennt werden. Wohingegen das Lig. hepatoduo­ Schlauch bis in die Pars descendens duodeni
denale wichtige arterielle und venöse Blutgefäße vorgeschoben werden.
zur Leber sowie den Hauptgallengang führt.
Gleichzeitig bildet dieses Band die Eingangspforte • Pars horizontalis: Die Flexura duodeni infe­
(Foramen epiploicum) zur Bursa omentalis. rior markiert den Übergang zur Pars horizon­
Analog dazu entspringt das große Netz (Omentum talis. Über die Vorderfläche verlaufen die
majus) embryonal von der Curvatura major. Es ist A. mesenterica superior und die V. mesente­
ein Relikt des Mesogastrium dorsale. Im Laufe der rica superior. Auf der Rückseite findet sich
Entwicklung verwächst das große Netz mit dem die V. cava inferior.
Colon transversum und allein das Lig. gastrocoli­ • Pars ascendens: schließt sich an die Pars ho­
cum erinnert an die Verbindung zum Magen. Das rizontalis an und bildet den Übergang ins Je­
große Netz enthält Abwehrzellen (Macula lactea, junum. Ab dem Jejunum liegt der Dünndarm
Milchflecken), mit denen Entzündungen intrape­ wieder intraperitoneal. Morphologischer
ritoneal bekämpft werden können. Grenzpunkt für den Lagetypenwechsel ist die
Über das Lig. gastrosplenicum ist der Magen mit Flexura duodenojejunalis. In diesem Bereich
der Milz und über das Lig. gastrophrenicum mit kann es durch Einstülpungen des Jejunums in
dem Zwerchfell verbunden. Bauchfelltaschen (Recessus duodenalis superi­
or und inferior) zu inneren Hernien kommen.
■ Duodenum Über das Lig. suspensorium duodeni (Treitz-
Band) ist die Pars ascendens mit der Aorta
Das Duodenum (Zwölffingerdarm) beginnt am verbunden. Um dieses Band können sich
Pylorus und umrandet C-förmig den Kopf der Dünndarmschlingen wickeln, was erst zur
Bauchspeicheldrüse. Der Name ergibt sich aus Einklemmung (Treitz-Hernien) und schließ­
der Länge dieses Darmabschnitts. Er ist ca. 25 cm lich zum Darmverschluss (Ileus) führen kann.
lang, was in etwa 12 Fingerbreiten entspricht. Im
Duodenum werden die für die Verdauung essen­
tiellen Sekrete der Bauchspeicheldrüse und Gal­
• Ulcus duodeni: Durch Stress, Rauchen
oder auch Medikamente kann es zu einem
lenblase ins Darmlumen sezerniert:
• Pars superior: hat eine ampulläre Aufwei­ Zwölffingerdarmgeschwür kommen. Die
tung (Bulbus duodeni), die in Kontakt mit häufigste Ursache, in 99 % der Fälle, ist je­
der Gallenblase steht. Hinter der Pars superi­ doch die Infektion mit dem Bakterium He-
or duodeni verlaufen Ductus choledochus, licobacter pylori. Typisch für diese Erkran­
V. portae und A. gastroduodenalis. Zudem kung ist der Nüchternschmerz mit Besse­
rung nach Nahrungsaufnahme.
liegt dieser Dünndarmteil intraperitoneal und
138
3
■ Jejunum und Ileum Die Lage der Appendix in der Bauchhöhle ist
Die Flexura duodenojejunalis markiert den Be­ häufig individuell verschieden. Bei rund
ginn des Jejunums (Leerdarm). Hier kehrt der 64 % der Menschen liegt die Appendix auf­
Dünndarm in eine intraperitoneale Lage zurück. steigend hinter dem Zäkum (retrozäkale La­
Das Jejunum hat daher auch ein eigenes Meso, ge); in etwa 31 % der Fälle reicht sie abstei­
das es sich mit dem Ileum (Krumm- oder Hüft- gend bis ins kleine Becken hinein.
darm) teilt. Über die Radix mesenterii sind Me­
sojejunum und Mesoileum an der hinteren
Bauchwand befestigt. Zusammen sind Jejunum Appendizitis: Entzündung des Wurmfortsat­
und Ileum ca. 4 m lang, wobei das Ileum etwa zes. Sie wird umgangssprachlich fälschlicher­
60 % der gesamten Dünndarmlänge ausmacht. weise auch „Blinddarmentzündung“ genannt.
Der Übergang zwischen den beiden Bereichen Die größte Gefahr ist eine Perforation des ent­
ist makroskopisch nicht zu erkennen. Als Orien­ zündeten Wurmfortsatzes, bei der Bakterien
tierungshilfe dienen die Plicae circulares (Kerck- und Darminhalt in die freie Bauchhöhle ge­
ring-Falten) und die Schleimhautdurchblutung. langen. Als diagnostische Hilfsmittel werden
Beide nehmen in Richtung Ileozäkalklappe (Val­ in der klinischen Praxis 2 Punkte verwendet,
va ileocaecalis, Bauhin-Klappe) ab. an denen im Fall einer Appendizitis ein
Druckschmerz verspürt wird:
■ Zäkum und Appendix vermiformis • McBurney-Punkt: liegt auf halber Strecke
der Verbindungslinie zwischen rechter
Das Zäkum (Blinddarm) liegt unterhalb der Val­ Spina iliaca anterior superior und Bauch­
va ileocaecalis in der Fossa iliaca dextra rechts nabel. Markiert den posteromedialen Ab­
des M. psoas major. Die Valva ileocaecalis gang der Appendix vom Zäkum
dient als Ventil zwischen Dünndarm und Dick­ • Lanz-Punkt: rechtes Drittel der gedachten
darm. Ihre Lippen sind durch Muskelfaserzüge Verbindungslinie zwischen der linken und
verstärkt. Dadurch wird eine regelmäßige Wei­ rechten Spina iliaca anterior superior. Ent­
terleitung des Darminhalts gewährleistet und spricht der Spitze des herabhängenden
zugleich ein Übertritt von Keimen des Dick­ Wurmfortsatzes.
darms in das vorwiegend keimfreie Ileum ver­ • Eine laparoskopische Entfernung der Ap­
hindert. pendix ist die bevorzugte Therapie (Ap-
Befindet sich das Zäkum komplett intraperito­ pendektomie). Die Appendizitis ist der
neal, wird es als Caecum mobile bezeichnet, häufigste Grund für einen abdominellen
liegt es sekundär retroperitoneal, als Caecum fi- chirurgischen Eingriff in Europa
xum. Während am Zäkum die Längsmuskel­
schicht wie beim Kolon auf 3 Streifen (Taenien)
reduziert ist, hat der Wurmfortsatz (Appendix
vermiformis) eine komplette Längsmuskel­
■ Kolon
schicht. Dadurch lässt sich die Appendix bei Das Kolon (Grimmdarm) ist ungefähr 1,5 m lang.
operativen Eingriffen leicht auffinden. Man Es umrahmt das Dünndarmkonvulut und be­
muss nur den 3 Taenien bis zu ihrer Vereini­ steht aus:
gung folgen. • Colon ascendens: reicht von der Valva ileo­
Die Appendix findet sich typischerweise im caecalis bis unter den rechten Leberlappen.
rechten Unterbauch, liegt intraperitoneal und Hier hinterlässt die rechte Colonflexur (Fle­
weist dementsprechend ein eigenes Meso, das xura coli dextra) einen Abdruck (Impressio
Mesoappendix, auf. Im Mesoappendix verlau­ colica). Es liegt dem M. quadratus lumborum
fen die A. und V. appendicularis. Im Durch­ auf. Seine Rückseite ist mit der dorsalen
schnitt ist die Appendix ca. 8 cm lang, jedoch Bauchwand verwachsen. Seine Vorderseite ist
kann sie in Einzelfällen auch deutlich länger mit Peritoneum überzogen (sekundär retro­
sein. Sie enthält reichlich lymphatisches Gewebe peritoneale Lage).
und wird daher auch als Darmtonsille bezeich­ • Colon transversum: zieht von der Flexura
net. coli dextra bis zur Flexura coli sinistra.
Längster Abschnitt des Dickdarms. Es ist
über das Mesocolon transversum an der
139
7  Bauch- und Beckeneingeweide

dorsalen Bauchwand verankert (intraperi­ Morbus Hirschsprung: Fehlen des intramu­


toneale Lage). In das Mesocolon transver­ ralen Nervensystems (Plexus submucosus
sum strahlen das Lig. hepatocolicum, und Plexus myentericus) in Teilen des Kolons
Lig. gastrocolicum und Lig. phrenicocoli­ oder Rektums. Dadurch fehlt die Peristaltik
cum ein. und es kommt zur krankhaften Aufweitung
• Colon descendens: reicht von der Flexura des Darmlumens (Megakolon).
coli sinistra bis zur Fossa iliaca sinistra. Ana­
log zum Colon ascendens liegt es sekundär
retroperitoneale. Das Colon descendens zieht ■ Rektum
am lateralen Rand der linken Niere über den Das Rektum (Mastdarm) beginnt i. H. SWK 3
M. quadratus lumborum nach kaudal. und endet am Anus. Es gliedert sich in Ampulla
• Colon sigmoideum: hat die Form einer S- recti und Analkanal (Canalis analis). Seine
Kurve und verläuft von der Fossa iliaca si­ Aufgabe ist die Zwischenlagerung unverdauli­
nistra bis i. H. SWK 3. Durch den S-förmi­ cher Nahrungsreste. Das Rektum ist entgegen
gen Verlauf entsteht eine Bauchfelltasche, seines Namens nicht gerade, sondern zeigt
der Recessus intersigmoideus. Das Colon Krümmungen in der Sagittal- und Frontalebene:
sigmoideum liegt intraperitoneal. Distal ge­ Bei Eintritt in das kleine Becken bildet es die
hen die 3 Tänien des Kolons in die vollstän­ Flexura sacralis, beim Durchtritt durch den Be­
dige Längsmuskelschicht des Rektums ckenboden die Flexura perinealis.
über. Das Rektum liegt zunächst retroperitoneal, spä­
ter extraperitoneal. Auf der Innenseite finden
Zwischen rechter lateraler Bauchwand und sich 3 konstante Querfalten (Plicae transversae
Colon ascendens sowie zwischen linker late­ recti). Die sog. Kohlrauschfalte ist die mittlere
raler Bauchwand und Colon descendens fin­ der Plicae transversae recti. Sie ist zudem die
den sich die parakolischen Rinnen. Sie sind Größte, wölbt sich von rechts in das Rektum vor
der wichtigste Drainageweg zwischen sub­ und liegt ca. 5–8 cm vom Anus entfernt. Ihr liegt
phrenischem Raum und Becken. beim Mann nach ventral die Prostata an. Bei
der Frau befindet sich auf dieser Höhe der Dou-
glas-Raum (Excavatio rectouterina), der tiefste
Sigmadivertikulitis: Entzündete Schleim­ Punkt im Bauchraum.
hautausstülpungen des Colon sigmoideum. Der Canalis analis wird unterteilt in:
Wegen des charakteristischen Schmerzes im
Zona columnaris.  besteht abwechselnden aus
linken Unterbauch bezeichnet man sie auch
Säulen (Columnae anales) und Buchten (Sinus
als Linksappendizitis.
anales). Die Säulen wirken durch die darunter­
liegenden Gefäßknäule (Corpus cavernosum
Das Kolon zeichnet sich durch 4 charakteristi­ recti) wie Schwellkörper. Ihre Füllung leistet ei­
sche makroskopische Merkmale aus: nen wesentlichen Beitrag zur Stuhlkontinenz. In
• Taenien: 3 äußere Längsmuskelstreifen – den Sinus anales finden sich schleimproduzie­
Taenia mesocolica, Taenia omentalis, Taenia rende Drüsen (Proktodealdrüsen), welche die
libera Defäkation erleichtern. Den Übergang zur Zona
• Plicae semilunares: innen sichtbare Falten, intermedia bilden quer verlaufende Schleim­
die nur bei Muskelkontraktion halbmondför­ hautfalten (Valvulae anales), die in ihrer Ge­
mig in das Lumen vorragen – im Gegensatz samtheit die Linea pectinata formen.
zu den dauerhaften Plicae circulares des
Dünndarms Zona intermedia (Zona alba).  In diesem Be­
• Haustren: außen sichtbare Ausbuchtungen reich liegt ein klinisch relevantes Venengeflecht.
der Dickdarmwand zwischen 2 Plicae semilu­ Hier wechselt das hochprismatische Epithel in
nares ein nicht verhorntes mehrschichtiges Epithel. Es
• Appendices epiploicae: mit Fettgewebe ge­ finden sich keine Drüsen. Diese Zone ist durch
füllte Anhängsel der Subserosa. die sensible Innervation über die Nn. rectales in­

140
3
feriores sehr schmerzempfindlich. Die kaudale ■ Defäkation
Grenze bildet die Linea alba.
Eine kontrollierte Darmentleerung wird durch
Zona cutanea.  letzte Zone des Verdauungs­ das koordinierte Zusammenspiel von Muskel-
trakts, in der sich das Epithel zum verhornten und Gefäßsystem gewährleistet:
mehrschichtigen Plattenepithel wandelt. Sie ist • Zunächst führt eine Druckerhöhung in der
mit apokrinen Schweiß- und Talgdrüsen durch­ Ampulla recti zur Erregung parasympathi­
setzt und stärker pigmentiert als die vorange­ scher Fasern des Sakralmarks.
gangenen Zonen. • Diese vermitteln danach die Erschlaffung des
M. sphincter ani internus, der normalerwei­
• Hämorrhoiden: Aufweitung des Corpus se durch seine sympathische Koinnervation
cavernosum recti in der Zona columnaris. dauerkontrahiert ist.
Das Corpus cavernosum recti wird norma­ • Gleichzeitig erschlaffen die durch den N. pu­
lerweise durch den M. canalis ani an der dendus willkürlich innervierten M. puborec-
Schleimhaut gehalten. Wenn dieser Mus­ talis und M. sphincter ani externus.
kel reißt, kann es zum Prolaps der Hämor­ • Das Corpus cavernosum recti entleert sich.
rhoiden kommen. • Durch den Parasympathikus ausgelöste peri­
• Perianale Thrombosen: entstehen im Ve­ staltische Kontraktionen der Rektummusku­
nengeflecht der Zona alba. Irrtümlicher­ latur bewirken die Austreibung des Kots.
weise wurden sie früher als äußere Hämor­ • Unterstützt wird die Defäkation durch die
rhoiden bezeichnet. Bauchpresse.
• Die Defäkation unterliegt einer Kontrolle
durch das Großhirn.

■ CHECK-UP
Welche Organe liegen intraperitoneal?
Beschreiben Sie die anatomischen und topographischen Besonderheiten der Dünndarmabschnitte!
Was ist ventral der Kohlrauschfalte bei Frauen bzw. bei Männern tastbar?

Leber, Gallenblase und Pankreas


■ Leber rale überzogen. Lediglich an der Area nuda, der
Leberpforte, der Fossa vesicae biliaris und dem
Die Leber (Hepar) ist die größte Drüse des Sulcus venae cavae ist die Leber nicht mit Peri­
menschlichen Körpers. Sie hat ein Gewicht von toneum bedeckt. Wird die Leber dem Körper
ca. 1,5 kg. Jegliche Nährstoffe, die aus dem Darm entnommen, schimmert sie rotbraun und ist
aufgenommen werden, gelangen über die Por­ von weicher bis brüchiger Konsistenz. Sie glie­
talvene zur Leber. Aufgrund ihrer zahlreichen dert sich in 4 Lappen:
Stoffwechsel- und Speicherfunktionen wird • Lobus hepatis dexter: liegt unterhalb des
sie auch als Mutter des Organismus bezeichnet. rechten Rippenbogens. Beim Gesunden ist er
So finden in der Leber u. a. die Synthese und in Atemruhelage nicht tastbar
Speicherung von Glucose, die Bildung von Galle, • Lobus hepatis sinister: deutlich kleiner als
Gallensäuren, Cholesterin sowie Blut- und Ge­ der Lobus hepatis dexter. Projiziert auf die
rinnungsproteinen statt. Von herausragender Regio epigastrica
Bedeutung ist die Leber auch bei Abbau und • Lobus caudatus: einer der beiden kleinen
Entgiftung körpereigener und körperfremder Leberlappen. Liegt kranial der Leberpforte
Substanzen. und bildet einen Teil der Leberrückseite
Makroskopischer Aufbau • Lobus quadratus: liegt kaudal der Leberpfor­
Der größte Teil der Leber liegt intraperitoneal te und wird medial vom Lig. teres hepatis
und ist dementsprechend mit Peritoneum visce­ und lateral von der Gallenblase umrandet.

141
7  Bauch- und Beckeneingeweide

den Furche (Fissura lig. teretis) auf die Rück­


Lage und Ausdehnung der Leber lassen sich seite der Leber bis zur Leberpforte
durch Tasten (Palpation), Beklopfen (Per- • Lig. hepatoduodenale: verbindet die Leber­
kussion) und Bestreichen der Bauchdecke pforte mit der Pars superior duodeni. Enthält
(Kratzauskultation) ermitteln. Die gesunde die Gefäße der Leberpforte: von medial nach
Leber hat in der rechten MCL eine maximale lateral sind das A. hepatica propria, V. portae
kraniokaudale Ausdehnung von 13 cm. Bei und Ductus choledochus. Man bezeichnet sie
regelmäßigem Alkoholabusus oder Überer­ auch als portale Trias.
nährung kann eine Fettleber (Steatosis he- • Lig. venosum: dünner Rest des obliterierten
patis) Ductus venosus. Überspannt die Fissura
entstehen. Diese tritt unter dem rechten Rip­ lig. venosi und bildet auf der Leberrückseite
penbogen hervor und ist dann dort auch in die makroskopisch sichtbare Grenze zwi­
Atemruhelage tastbar. schen Lobus dexter und Lobus sinister
• Lig. coronarium hepatis: bezeichnet die
Die Vorderfläche der Leber bezeichnet man als Gesamtheit der Umschlagfalte von Perito­
Facies diaphragmatica. Sie ist glatt und konvex neum viscerale in das Peritoneum parietale
nach vorne gewölbt. Auf der Rückseite der Leber an der Area nuda. Besteht aus dem Lig. tri-
(Facies visceralis) finden sich am fixierten Or­ angulare dextrum und Lig. triangulare si-
gan eine Reihe charakteristische Abdrücke (Im- nistrum. Letzteres läuft in einen bindege­
pressiones), die durch die topographische Nähe webigen Fortsatz, Appendix fibrosa, aus,
zu anderen Organen entstehen (➜ Abb. 7.1). der die Leber zusätzlich am Zwerchfell fi­
Der Unterrand der Leber (Margo inferior) ist xiert.
scharfkantig. Segmentierung.  Die Leber wird nach Claude
Die Leber weist einige Bandstrukturen auf: Couinaud in 8 funktionelle Segmente
• Lig. falciforme hepatis: geht aus dem ehe­ (➜ Abb. 7.2) gegliedert. Die Nummerierung der
maligen Mesogastrium ventrale hervor, zieht Segmente beginnt am Lobus caudatus und
zur Vorderseite der Leber und unterteilt diese schreitet von dort aus ‑ bei ventraler Betrach­
in Lobus dexter und Lobus sinister tung ‑ im Uhrzeigersinn fort. Die Gliederung be­
• Lig. teres hepatis: enthält die obliterierte ruht auf dem Verzweigungsmuster der intrahe­
linke V. umbilicalis. Zieht durch die Incisura patischen Blut- und Gallengefäße und ist für Le­
lig. teretis weiter in einer sagittal verlaufen­

V. cava inferior
(Lig. venae cavae) Area nuda
Appendix fibrosa hepatis
Lig. venosum Impressio suprarenalis
Impressio oesophagea
Lobus caudatus
Lig. coronarium
Impressio gastrica
V. portae hepatis

Impressio renalis

A. hepatica propria Ductus choledochus


[biliaris]

Lobus hepatis sinister A. lobi caudati


Impressio duodenalis
Porta hepatis
Margo inferior A. cystica
Impressio colica
Fissura ligamenti teretis
Lobus hepatis dexter
Incisura ligamenti teretis
Vesica biliaris [fellea]
Lig. teres hepatis Lobus quadratus

Abb. 7.1  Leber und Leberpforte, Ansicht von dorsokaudal [S007-2-23]


142
3
berteilresektionen von entscheidender Bedeu­
tung. Die abführenden Lebervenen verlaufen Die Head-Zone der Leber liegt unter dem
unabhängig von den Aufzweigungen der porta­ rechten Rippenbogen i. H. der Dermato-
len Trias. me T8–T11.

Es ist wichtig, zwischen den Begriffen Le­ ■ Gallenblase


berlappen und Leberhälften zu unterschei­
Die Gallenblase (Vesica biliaris, Vesica fellea)
den. Die Grenze zwischen den makrosko­
ist ein ca. 10 cm langes sackförmiges Hohlorgan.
pisch unterscheidbaren Leberlappen bildet
Sie liegt auf der Facies visceralis der Leber in der
das Lig. teres hepatis auf der Lebervorder­
Fossa vesicae biliaris. Ihr Fassungsvermögen
seite und das Lig. venosum auf der Leber­
liegt bei 40–70 ml.
rückseite.
Die Galle wird von der Leber sezerniert, fließt
Die Grenze zwischen den beiden Leberhälf-
dann durch die intra- und extrahepatischen Gal­
ten bildet der zentrale Ast der portalen Tri­
lengänge in Richtung Duodenum und staut sich
as. Er teilt sich in 2 große Äste auf, wobei der
schließlich in diesem Gangsystem, weil der Aus­
eine die rechte Leberhälfte (Pars hepatis dex­
fluss durch Ringmuskeln gewöhnlich verschlos­
tra) und der andere die linke Leberhälfte
sen ist. Durch den Rückstau gelangt etwa die
(Pars hepatis sinistra) versorgt. Die Aufzwei­
Hälfte der sezernierten Gallenflüssigkeit in die
gung liegt in etwa auf der gedachten Linie
Gallenblase. Hier wird die Gallenflüssigkeit auf
zwischen V. cava inferior und Gallenblase
das 5- bis 10-fache konzentriert, sodass stets
(Kava-Gallenblasen-Linie).
neue Galle einströmen kann.
Die Ausschüttung von Cholezystokinin bewirkt
Topografie eine Kontraktion der Gallenblasenmuskulatur,
Die Leber liegt direkt unter der Zwerchfellkup­ die in Verbindung mit einer Erschlaffung der
pel. Bei maximaler Exspiration befindet sich die Ringmuskeln am Ende der Gallengänge eine
Leber etwa i. H. der 4. Rippe. Auch in ihrer wei­ Ausscheidung der Galle ermöglicht. Die Gallen­
teren kaudalen Ausdehnung liegt sie unmittel­ sekretion ist abhängig von der Verdauungsfunk­
bar dem Zwerchfell bzw. der ventralen Bauch­ tion und der Leberdurchblutung.
wand an. Sie reicht kaudal rechts bis zur 10. Rip­
Makroskopischer Aufbau
pe, kaudal links bis zur 7. Rippe. Der rechte un­
Von ventral sichtbar ist der Fundus vesicae bi-
tere Leberrand verläuft mit dem Rippenbogen
liaris der Gallenblase. Dieser ragt in der MCL
aufwärts. Ab der MCL ist er in der Regio epigas­
unter dem unteren Leberrand hervor. Der Fun­
trica tastbar. Transversal reicht die Projektion
dus vesicae biliaris setzt sich in den Corpus vesi­
der Leber von der Regio hypochondriaca dextra
cae biliaris fort und mündet im Collum vesicae
über die Regio epigastrica bis zur Regio hypo­
biliaris. Dort beginnt die Plica spiralis (Heiste-
chondriaca sinistra.
ri), eine Schleimhautfalte, die sich spindelförmig
nach peripher windet und so bei Anstieg des in­

Lobus
VII VIII IVa II sinister
Lobus
dexter

VI V IVb III

Abb. 7.2  Lebersegmente in


der Übersicht [S007-2-23]
143
7  Bauch- und Beckeneingeweide

traabdominellen Drucks einen unkontrollierten Farbe. Ein Teil der sezernierten Galle wird er­
Abfluss der Galle verhindert. neut resorbiert, der Leber zugeführt und zu Gal­
le prozessiert. Diesen Recycling-Zyklus bezeich­
Cholezystitis: Eine Entzündung der Gallen­ net man als enterohepatischen Kreislauf.
blase entsteht in 90 % der Fälle durch Gallen­
steine in der Gallenblase (Cholezystolithia- ■ Pankreas
sis) oder dem Ductus choledochus (Choledo-
cholithiasis). Die meisten Steine bestehen Die Bauchspeicheldrüse ist die wichtigste Ver­
aus Cholesterin. Beschwerden treten auf, dauungsdrüse des menschlichen Körpers. Sie ist
wenn Gallensteine durch den Ductus cysticus 40–120 g schwer und liegt sekundär retroperito­
wandern oder in der Papilla duodeni major neal am Boden der Bursa omentalis. Ihre Vor­
stecken bleiben. Die Patienten leiden unter derseite ist mit Peritoneum parietale überzogen.
kolikartigen Schmerzen im rechten und mitt­ An der Rückseite ist sie mit der dorsalen Bauch­
leren Oberbauch. Oft strahlen die Schmerzen wand verwachsen.
in den Rücken und die rechte Schulter – die Sie produziert sowohl ein exokrines als auch ein
Head-Zonen der Gallenblase – aus. endokrines Sekret. Verdauungsenzyme, Chlorid-
und Bikarbonat-Ionen sowie parazellulär Was­
ser sind die wichtigsten Bestandteile des exokri-
Intrahepatische Gallengänge.  Ausgangs­
nen Sekrets. Dadurch wird die Säure des Ma­
punkt der intrahepatischen Gallengänge sind die
gens neutralisiert und die Verdauung angesto­
Canaliculi biliferi. Diese liegen jeweils zwischen
ßen. Zum Schutz vor Selbstverdauung werden
2 Leberzellen und haben keine eigene Wand.
die Verdauungsenzyme als inaktive Vorstufen
Über die Ductuli biliferi (Hering-Kanäle) sind
ins Darmlumen sezerniert.
sie mit den interlobulären Gallengängen verbun­
Die Inselgruppen der Bauchspeicheldrüse sind
den. Diese fließen zu immer größeren Einheiten
die Produktionsstätten des endokrinen Sekrets.
zusammen, sodass schließlich ein rechter und
In den Langerhans-Inseln werden u. a. Insulin
ein linker Ductus hepaticus entstehen.
und Glukagon synthetisiert und bei Bedarf in die
Extrahepatische Gallengänge.  An der Leber­ Blutbahn abgegeben.
pforte vereinigen sich die beiden Hauptsämme
zum Ductus hepaticus communis, der im Ver­ Pankreatitis: Eine Entzündung der Bauchspei­
lauf den aus der Gallenblase kommenden Duc- cheldrüse ist auch heute noch ein ernsthaftes
tus cysticus aufnimmt. Ab diesem Zeitpunkt Krankheitsbild. Durch die Entzündung werden
nennt man ihn Ductus choledochus. Nach ei­ die Verdauungsenzyme innerhalb der Drüse
nem extraperitonealen Verlauf hinter dem Duo­ aktiviert. Dadurch kommt es zur Selbstverdau­
denum und dem Pankreaskopf fusioniert der ung des Pankreas. Eine akute Pankreatitis ist
Ductus choledochus oft im Endstück des Gang­ häufig mit Gallenwegserkrankungen, z. B. Cho­
systems mit dem Ductus pancreaticus major, ledocholithiasis, assoziert. Chronischen Pan­
dem Hauptausführungsgang der Bauchspeichel­ kreatiden liegt häufig Alkoholabusus zu Grunde.
drüse. Das gemeinsame erweiterte Endstück
wird als Ampulla hepatopancreatica bezeich­ Makroskopischer Aufbau
net und mündet auf der Papilla duodeni major. An der Bauchspeicheldrüse werden 5 Abschnitte
In der gemeinsamen Endstrecke finden sich der unterschieden:
M. sphincter ductus pancreati und der • Caput pancreatis: schmiegt sich der C-Form
M. sphincter ductus choledochi. Letzterer glie­ des Duodenums innenseitig an. Über die In­
dert sich in eine Pars superior und eine Pars in­ cisura pancreatis vom Processus uncinatus
ferior, die auch unter dem Namen M. sphincter abgrenzbar
ampullae (Oddi) bekannt ist. • Processus uncinatus: entwickelt sich aus der
Enterohepatischer Kreislauf ventralen Pankreasknospe und wird ventral
Die Gallenflüssigkeit enthält als wichtigste Be­ von den Vasa mesenterica superior überlagert
standteile konjugierte Gallensäuren und Biliru­ • Collum pancreatis: bezeichnet den Abschnitt
bin. Die konjugierten Gallensäuren ermögli­ des Pankreas am Übergang vom Caput zum
chen die Aufnahme langkettiger Fettsäuren. Das Corpus, der ventral der Vasa mesenterica su­
Bilirubin verleiht dem Stuhlgang seine braune perior liegt
144
3
• Corpus pancreatis: nimmt von der Incisura ge ist sie weniger atemverschieblich als die an­
pancreatis einen horizontalen Verlauf im Ober­ deren Bauchorgane. Kranial, rechts und kaudal
bauch. Sein am weitesten nach ventral vorge­ ist der Pankreaskopf vom Duodenum umrahmt.
wölbter Teil wird als Tuber omentale bezeichnet. In ihrem Querverlauf durch den Oberbauch
• Cauda pancreatis: lässt sich nur schwer vom wird die Bauchspeicheldrüse kranial von der
Corpus pancreatis abgrenzen. Verläuft nach A. splenica und kaudal vom Mesocolon trans­
lateral-dorsal, reicht bis zum Milzhilum und versum begleitet. Dorsal liegt häufig die Milzve­
wird ventral von der Facies visceralis der Milz ne, die dorsal des Pankreashalses in die V. me­
überlagert. Hier tritt der Pankreasschwanz in senterica superior drainiert.
eine intraperitoneale Lage über.
Topografie An der Incisura pancreatis treten A. und
Die Bauchspeicheldrüse liegt etwa i. H. V. mesenterica superior vor das Pankreas.
LWK 1–2. Aufgrund ihrer retroperitonealen La­

■ CHECK-UP
Welche Impressiones finden sich auf der Leber?
Welche Strukturen bilden die portale Trias?
Beschreiben Sie den Weg, den die Galle von ihrer Entstehung bis zur Mündung im Dünndarm
nimmt!
Nennen Sie die verschiedenen Pankreasabschnitte!

Milz
Aufbau Ein ausgeprägter Bandapparat hält die Milz in ih­
Die Milz ist bohnenförmig und wiegt beim jun­ rer Nische im linken Oberbauch. Hierzu zählen:
gen Erwachsenen ca. 150 g. Sie ist etwa 4 cm • Lig. gastrosplenicum: Verbindung zwischen
dick, 7 cm breit und 11 cm lang. Ihre Längsachse der großen Kurvatur des Magens und dem
folgt dem Verlauf der 10. Rippe. Milzhilum
• Lig. splenorenale: zieht von dorsokaudal an
die Milz heran. Es enthält die A. und V. splenica
„4711“ – die Messgrößen der Milz entspre­
und wird auch Lig. phrenicosplenicum genannt.
chen der Abkürzung des Duftwassers „Echt
Kölnisch Wasser“.
• Lig. phrenicocolicum: bildet den Boden der
Milzbucht. Es verbindet die linke Kolonflexur
mit dem Zwerchfell.
Topografie
Die Milz liegt intraperitoneal und hat 4 Facies: Milzruptur: Die Milz ist ein besonders gut
• Facies diaphragmatica: ist die dem Zwerch­ durchblutetes Organ: Obwohl sie nur etwa
fell zugewandte Seite 0,3 % des Körpergewichts ausmacht, erhält sie
• Facies gastrica: grenzt ventral oben an den Ma­ 3–5 % der Körpergesamtdurchblutung. Daher
gen und wird auch vorderer oberer Pol genannt wird bei Unfällen immer mittels Ultraschall
• Facies colica: grenzt ventral kaudal an die eine Milzruptur ausgeschlossen.
linke Kolonflexur und wird auch vorderer Im Falle einer Blutung wird heutzutage versucht
unterer Pol genannt die Milz zu erhalten. Sollte ein Erhalt nicht
• Facies renalis: reicht dorsal bis an die linke möglich sein, wird die Milz entfernt, wobei im
Niere. Folgenden insbesondere gegen kapseltragende
Die Grenze zwischen der Facies gastrica und der Bakterien wie Pneumokokken, Meningokokken
Facies renalis bildet der Milzhilus. Hier treten und Haemophilus influenzae geimpft wird.
die Milzarterie, die Milzvene und die innervie­ Besondere Beachtung gilt der zweizeitigen
renden Fasern in die Milz ein und aus. Milzruptur bei der zunächst das Parenchym reißt
und dann infolge der Einblutung die Kapsel.
145
7  Bauch- und Beckeneingeweide

Funktion
Die Milz ist normalerweise nicht palpabel.
Die Milz dient sowohl als lymphatisches Organ Tritt sie jedoch unter dem linken Rippenbo­
als auch der Blutmauserung. Schon makrosko­ gen hervor, ist dies ein abklärungsbedürftiger
pisch werden durch die unterschiedlichen Milz­ Befund, da eine Milzvergrößerung (Spleno-
areale ihre verschiedenen Funktionen deutlich. megalie) auch ein Zeichen einer hämolyti­
Die rote Pulpa ist wegen der vielen Erythrozy­ schen Anämie bei Erythrozytenanomalien, ei­
ten dunkelrot gefärbt. Hier werden alte Erythro­ ner Malaria-Infektion oder einer Viruserkran­
zyten durch phagozytierende Zellen eliminiert. kung (z. B. Epstein-Barr-Virusinfektion) sein
In der weißen Pulpa finden sich die Immunzel­ kann. Sollte in diesem Zusammenhang die
len. Dort läuft die antigeninduzierte Differenzie­ Milz entfernt werden, ist auf Nebenmilzen zu
rung und Vermehrung von B- und T-Lympho­ achten. Diese können die Aufgaben der
zyten ab. Während der Embryonalentwicklung Hauptmilz übernehmen, was zu erneuten Be­
ist die Milz zudem für die Blutbildung verant­ schwerden führen kann.
wortlich (hepatolienale Phase).

■ CHECK-UP
Auf welcher Höhe liegt die Milz?
Welche Struktur bildet den Boden der Milzbucht?
Welche Funktion hat die Milz?

Endokrine Organe
■ Nebenniere Funktion
Jede Nebenniere besteht aus 2 funktionell ver­
Aufbau schiedenen Anteilen:
Die paarigen Nebennieren (Gll. suprarenales) • Nebennierenmark (Medulla): bildet Adrena­
sitzen dem oberen Pol der beiden Nieren auf. Sie lin und Noradrenalin
liegen retroperitoneal und sind in die Fettkap­ • Nebennierenrinde (Cortex): sezerniert Mine­
seln der Nieren (Capsula adiposa renalis) einge­ ralokortikoide, Glukokortikoide und Vorstu­
bettet. Die Nebennieren projizieren auf die hin­ fen von Sexualhormonen.
tere Rumpfwand i. H. BWK 11–12. Die rechte Ne­
benniere hat eine dreieckige, die linke eine py-
ramidenförmige Gestalt. Jede Nebenniere wiegt • Morbus Addison: Nebennierenrindeninsuf­
etwa 4 g und hat eine Länge von ca. 5 cm. Die fizienz. Die mangelnde Hormonproduktion
Breite beträgt 1–2 cm, die Höhe 3 cm. der Nebennierenrinde führt zu körperlicher
und geistiger Schlaffheit, Pigmentierung der
Topografie Haut („Bronzehaut“) und Gewichtsverlust.
Siehe ➜ Tabelle 7.3. • Morbus Cushing: übermäßige Glukokorti­
koidkonzentration im Blut. Charakteris­
Tab. 7.3  Topografie der Nebennieren tisch für die Krankheit sind Fettstoffwech­
Begrenzung Rechte Neben- Linke Ne- selveränderungen („Vollmondgesicht“,
nach niere benniere „Stiernacken“ und Stammfettsucht) sowie
Osteoporose.
Ventral Leber Bursa
omentalis
Dorsal Zwerchfell Zwerchfell ■ Paraganglien
Lateral-kaudal Rechte Niere Linke Niere Paraganglien erkennen eine für den Körper kri­
tische Sauerstoffunterversorgung (Hypoxie) und
Medial V. cava inferior Aorta abdo-
minalis aktivieren entgegensteuernde Mechanismen.
Unter dem Begriff Paraganglien subsumiert man
2 verschiedene Typen:
146
3
Retroperitonealen Paraganglien.  Lassen sich exokrinen Pankreas und sezernieren Insulin,
aufgrund ihres hohen Katecholamingehalts mit Glukagon und Somatostatin.
Chromsalzen anfärben (chromaffine Paragang­
lien). Sie sind besonders während der Fetalent­ Diabetes mellitus: Diabetiker leiden unter ei­
wicklung und des Geburtsvorgangs lebenswich­ nem absoluten oder relativen Mangel an Insu­
tig. Wird der Fetus hypoxisch, verbessern sie lin im Blut. Man unterscheidet den autoim­
über eine Erhöhung der Herzfrequenz und des munologisch bedingten Typ I von dem zu­
Blutdrucks den Sauerstofftransport zu den Orga­ meist auf dem Boden eines metabolischen
nen. Größter Vertreter ist das Paraganglion Syndroms sich entwickelnden Typ II. Darüber
aorticum abdominale (Zuckerkandl-Organ), hinaus gibt es weitere Diabetesformen. Alle
das regelmäßig paarig unterhalb des Abgangs Typen besitzen ein deutlich erhöhtes Risiko,
der A. mesenterica inferior liegt. einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erlei­
den.
Glomera.  Enthalten kaum Katecholamine
(nicht-chromaffine Paraganglien). Sie messen
chemosensorisch Sauerstoff-, Kohlenstoffdioxid­ ■ Gastro-entero-pankreatisches
partialdruck und pH-Wert des Blutes. Die bei­ System
den wichtigsten Vertreter sind das Glomus ca- Das gastro-entero-pankreatische System ist ein
roticum, das bei Abfall des Sauerstoffpartial­
Teil des diffus verteilten APUD(Amine precursor
drucks zu einer gesteigerten Atmung führt und uptake and decarboxylation)-Systems
die Glomera aortica, deren hypoxische Stimula­ (➜ Tab. 7.4). Dieses wird auch als diffuses neu­
tion mit einer Erhöhung der Herzfrequenz und roendokrines System (DNES) bezeichnet. Im
des Blutdrucks beantwortet wird. Magen-Darm-Trakt modulieren die APUD-Zel­
len, die alle der Neuralleiste entstammen, die
■ Endokrines Pankreas Verdauung.
Den endokrinen Teil des Pankreas bilden die
Langerhans-Inseln. Diese liegen innerhalb des

Tab. 7.4  APUD-System im Überblick


Zelltyp Hormon Ort Wirkung
A Glukagon Pankreas Erhöhung des Blutzuckerspiegels
B Insulin Pankreas Senkung des Blutzuckerspiegels
D Somatostatin Pankreas, Dünndarm, Hemmung der Freisetzung ande-
Magen rer Hormone (Generalhemmung)
Enterochrom- Serotonin Pankreas, Magen, Darm Erhöhung der Darmmotilität
affin
Enterochrom- Histamin Magen Erhöhung der Kapillarpermeabili-
affin-like tät
G Gastrin Magen, Duodenum Steigerung der Magensäurepro-
duktion
I, CCK Cholezystokinin Duodenum Gallenblasenkontraktion
K Gastric inhibitory Duodenum, Jejunum Steigerung der Insulinfreisetzung,
peptide (GIP) Hemmung der Darmmotilität
NPY Neuropeptide Y Hypothalamus, Darm Erzeugung des Hungergefühls
F Pankreatisches Pankreas Hemmung der Pankreassekretion
Polypeptid (PP)
S Sekretin Duodenum Stimulation von Gallensaft- und
Bikarbonatsekretion
VIP Vasoactive intes- Non-adrenergic non-cho- Vasodilatation
tinal peptide (VIP) linergic neurons (NANC)

147
7  Bauch- und Beckeneingeweide

■ CHECK-UP
Beschreiben Sie die räumliche Lage der Nebennieren!
Welche Funktion haben Paraganglien?

Harnorgane
Die Harnorgane lassen sich in 2 Gruppen unter­ • Capsula adiposa renalis: Aufgrund der wei­
teilen: chen Konsistenz des Fetts bei Körpertempe­
• Harnbereitende Organe: Nieren ratur sagt man, dass die Niere in der Fettkap­
• Harnableitende Organe: Nierenbecken, sel „schwimmt“. Wird bei Abmagerung das
Harnleiter, Harnblase und Harnröhre. Fettpolster abgebaut, kann die Niere bis ins
kleine Becken wandern. Das bezeichnet man
■ Niere auch als Senk- oder Wanderniere (Ren mobi­
lis) bezeichnet wird.
Die Nieren (Ren) filtern das Blut und scheiden • Fascia renalis (Gerota-Faszie): setzt sich aus
Abfallprodukte mit dem Urin aus. Pro Tag produ­ einer dünnen Fascia praerenalis und einer di­
zieren sie 150 l Primärharn. Dieser wird größten­ cken Fascia retrorenalis zusammen, die nach
teils wieder resorbiert, sodass nur 1,5 l Restharn oben und seitlich verschlossen sind. Nach
täglich ausgeschieden werden. Jedoch resorbieren mediokaudal ist die Fascia renalis jedoch ge­
die Nieren nicht nur, sondern sezernieren auch. öffnet, sodass Gefäße und Harnleiter hin­
Somit tragen sie einen wesentlichen Teil zu einer durchtreten können. Verbunden ist sie nach
ausgeglichenen Stoffwechsellage und einem aus­ oben mit der Zwerchfellfaszie und seitlich
gewogenen Elektrolythaushalt bei. Die Nieren mit der Fascia transversalis.
produzieren zudem die blutdrucksteigernde Pro­
tease Renin sowie Eryhtropoetin, das im Kno­
Hufeisenniere: Fusionsanomalie, bei der die
chenmark die Differenzierung der Stammzellen
Nieren zumeist am unteren Pol miteinander
zu Erythrozyten stimuliert.
verwachsen sind. Sie tritt bei 1:500 Geburten
Makroskopischer Aufbau auf. Normalerweise ist die Funktion der Nie­
Nieren sehen in der Regel bohnenförmig aus. Ei­ ren nicht beeinträchtigt. Schlicht der embryo­
ne Niere wiegt in etwa 150 g und ist ca. 12 cm nale Aszensus ist beeinträchtigt, weil die fusi­
lang, 5–6 cm breit und 4 cm dick. Morphologisch onierten Nieren am Stamm der A. mesenteri­
lassen sich der konvexe laterale Rand (Margo la- ca inferior „hängen bleiben“. Eine Hufeisen­
teralis) und der konkave mediale Rand (Margo niere kann mit weiteren Anomalien des
medialis) unterscheiden. Am Margo medialis Urogenitaltrakts oder systemischen, geneti­
befindet sich die Nierenpforte (Hilum renale), schen Erkrankungen, z. B. dem Ullrich-Tur­
an der die Gefäße und die Harnleiter ein- und ner-Syndrom, vergesellschaftet.
austreten. Des Weiteren wird die Niere in eine
Vorderfläche (Facies anterior) und eine Rück­ Topografie
fläche (Facies posterior) sowie einen oberen Pol Die Nieren liegen retroperitoneal im Nierenlager
(Extremitas superior) und einen unteren Pol zwischen dem M. psoas major und dem M. quadra­
(Extremitas inferior) eingeteilt. tus lumborum. Sie liegen i. H. BWK 12‑LWK 3, wo­
bei die rechte Niere aufgrund der Leber etwa einen
Am Nierenhilum reihen sich von dorsal nach halben Wirbelkörper tiefer steht. Die Längsachsen
ventral: A. renalis, V. renalis und Ureter. beider Nieren konvergieren nach kranial, sodass
sich die oberen Pole näherstehen als die unteren.
Vor der rechten Niere befinden sich der rechte
Die Niere wird von 3 Hüllen umgeben. Von in­ Leberlappen, die Pars descendens duodeni, das
nen nach außen sind das: Colon ascendens und die Flexura coli dextra. Die
• Capsula fibrosa renalis: Die Faserkapsel linke Niere hat Kontakt zum Magen, zur Milz,
liegt der Nierenrinde auf. zum Pankreas, zum Colon descendens sowie zur
148
3
Flexura coli sinistra. Hinter dem muskulären ■ Harnblase
Nierenlager laufen die N. subcostalis, N. iliohy­
pogastricus und N. ilioinguinalis, die bei Niere­ Die Harnblase (Vesica urinaria) fungiert als Re­
nirritationen die Schmerzen bis in die Leistenge­ servoir, indem sie den kontinuierlich eintrop­
gend fortleiten können. fenden Harn zunächst sammelt und ihn erst ab
einer größeren Menge über die Harnröhren ab­
gibt. Zudem wird durch das Urothel eine Rück­
■ Nierenbecken resorption verhindert.
Das Nierenbecken (Pelvis renalis) liegt i. H. Makroskopischer Aufbau
LWK 1 in der Nierenbucht (Sinus renalis). Diese Die Harnblase liegt subperitoneal im kleinen Be­
enthält neben dem Pelvis renalis auch Gefäße, cken. Als muskuläres Hohlorgan hat sie ein Fas­
Nerven, Lymphbahnen und Fettgewebe. Die 10– sungsvermögen von 500 ml, jedoch setzt schon
30 Papillengänge münden in den Markpapillen ab 300 ml der Harndrang ein.
(Papillae renales), die jeweils von einem Nieren­ Die Harnblase besteht von kranial nach kaudal
kelch (Calyx renalis minor) umschlossen werden. betrachtet aus:
Jeweils zwei Calices renales minores vereinigen • Blasenspitze (Apex vesicae): Hier setzt das
sich zu einem Calyx renalis major, der dann in Lig. umbilicale medianum an und zieht bis
das Nierenbecken mündet. Das Nierenbecken ver­ zum Nabel. Es enthält den obliterierten
jüngt sich am Nierenhilum zum Harnleiter, über Urachus.
den der Urin weiter zur Harnblase fließt. Prinzipi­ • Blasenkörper (Corpus vesicae): stellt den
ell lassen sich 2 verschiedene Typen unterscheiden: größten Teil der Blase
• Ampullärer Typ: zeichnet sich durch kurze, • Blasengrund (Fundus vesicae): In diesen
plumpe Kelche aus, die direkt in ein weites Bereich münden die beiden Harnleiter.
Nierenbecken münden • Blasenhals (Collum vesicae): trichterförmi­
• Dendritischer Typ: hat lange, verzweigte Kel­ ger Übergang in die Harnröhre.
che, die in einem wesentlich kleineren Nie­ Das Innenrelief der Harnblase ist im entleerten
renbecken zusammenlaufen. Zustand faltig. Nur der Bereich des Trigonum ve-
Zwischen den beiden Extremformen gibt es ver­ sicae ist stets glatt. Es ist das gedachte Dreieck
schiedenste Mischformen. zwischen den Ostia ureterum und dem Ostium
urethrae internum. Nach dorsokranial wird das
■ Harnleiter Dreieck durch die Plica interureterica begrenzt.
Die glatte Oberfläche des Trigonum vesicae ent­
Die Harnleiter (Ureteren) liegen retroperitoneal steht durch das feste Verwachsen der Schleimhaut
und sind jeweils ca. 25–30 cm lang. Der Durch­ mit der darunterliegenden Muskelschicht. Ent­
messer beträgt etwa 5 mm. Sie transportieren wicklungsgeschichtlich stammt dieser Bereich
den Harn mittels peristaltischer Wellen vom vom Urnierengang ab, wohingegen die übrige
Nierenbecken zur Harnblase. Auf dem schrägen Harnblase aus dem Sinus urogenitalis hervorgeht.
Weg über den M. psoas major unterkreuzen sie Eine weitere morphologische Besonderheit ist
die Vasa testicularia beim Mann bzw. die Vasa die Uvula vesicae. Sie ist ein längsgestellter
ovarica bei der Frau, überkreuzen die Vasa ilia­ Wulst an der Spitze des Trigonum vesicae, der
cae communis und unterkreuzen den Ductus einen Venenplexus enthält und die Harnröhre
deferens beim Mann bzw. die A. uterina bei der verschließt.
Frau. Durch den schrägen Eintrittswinkel in die
Blasenwand wird ein Verschluss der Ureteren Topografie
bei Blasenkontraktion gewährleistet. Die Harnblase liegt hinter der Symphyse auf
dem Beckenboden. Der Raum zwischen Sym­
physe und Harnblase wird als Spatium retropu-
Die Ureteren haben 3 physiologische Engen: bicum (Retzius-Raum) bezeichnet und ist mit
• Abgang des Ureters aus dem Nierenbe­ Bindegewebe gefüllt. Er setzt sich nach kranial
cken vor dem Peritoneum bis zum Nabel fort und bie­
• Überkreuzungsstelle mit den Vasa iliacae tet so eine ideale Nische bei Füllungsschwan­
communis kungen der Harnblase. Kaudal wird das Spatium
• Durchtritt durch die Harnblasenwand. retropubicum durch das Lig. pubovesicalia ♀
Hier bleiben Harnsteine besonders oft stecken. bzw. Lig. puboprostatica ♂ begrenzt.
149
7  Bauch- und Beckeneingeweide

Verlauf wird die Harnröhre als Harnsamen­


Da die Harnblase ventrokaudal des Perito­ röhre bezeichnet.
neums liegt, lässt sich eine gefüllte Harnbla­ • Pars membranacea (Pars diaphragmatica):
se problemlos knapp oberhalb der Symphyse liegt im Diaphragma urogenitale und enthält
punktieren (suprapubische Punktion), oh­ den willkürlich innervierten M. sphincter
ne gleichzeitig eine ungewollte Eröffnung urethrae, der aus dem M. transversus perinei
der Bauchhöhle zu riskieren. profundus abgeht. Sie ist der Abschnitt, der
am stärksten am Beckenboden fixiert ist. Zu­
Seitlich wird die Harnblase von Fett und Binde­ dem ist dieser 1–2 cm kurze Teil der engste
gewebe umgeben. Dieses wird auch als Parazys- der Harnröhre.
tium bezeichnet. Neben der Fixation durch das • Pars spongiosa: bezeichnet den Abschnitt
umliegende Gewebe halten folgende Bänder die der Harnröhre nach dem Durchtritt durch
Harnblase an Ort und Stelle: das Diaphragma urogenitale bis zum Ostium
• Lig. pubovesicalia ♀ bzw. puboprostati- urethrae externum. Er wird vom Corpus
ca ♂: zieht von der Symphysenrückseite zur spongiosum ummantelt und enthält zwei
Harnblase bzw. Prostata und bildet die kau­ physiologische Weiten: Zum einen die Am­
dale Begrenzung des Spatium retropubicum pulla urethrae, in die auch die Gll. bulboure­
• Lig. rectovesicalia ♀ bzw. rectoprostati- thrales (Cowper-Drüsen) münden und zum
ca ♂: zieht vom Rektum zur Harnblase bzw. anderen die Fossa navicularis.
Prostata.
Apex und Corpus vesicae sind mit Peritoneum
Die 3 physiologischen Engstellen der
überzogen. Dorsal der Harnblase findet sich eine
männlichen Harnröhre sind:
Umschlagfalte des Peritoneums, die Excavatio
• Ostium urethrae internum (M. sphincter
rectovesicalis ♂ bzw. Excavatio vesicouteri-
vesicae)
na ♀. Hier unterkreuzt der Ureter den Ductus
• Pars membranacea (M. sphincter ure­
deferens bzw. die A. uterina.
thrae)
• Ostium urethrae externum.
■ Männliche Harnröhre
Die männliche Harnröhre (Urethra masculina,
➜ Abb. 7.3) ist ca. 20–25 cm lang. Sie ist der
■ Weibliche Harnröhre
letzte Teil der harnableitenden Organe und ver­ Die weibliche Harnröhre (Urethra feminina) ist
bindet den inneren Harnröhrenmund (Ostium mit ca. 3–5 cm Länge deutlich kürzer als die
urethrae internum) am Boden der Harnblase männliche. Vom Ostium urethrae internum
mit dem äußeren Harnröhrenmund (Ostium zieht sie zwischen Symphyse und der Vorder­
urethrae externum) an der Glans penis. Man wand der Vagina zum Scheidenvorhof (Vestibu­
unterscheidet 4 Abschnitte: lum vaginae). Als längliches, schlitzförmiges Os­
• Pars intramuralis: ist der kurze Teil in der tium urethrae externum mündet die weibliche
Harnblasenwand Harnröhre dorsal der Glans clitoridis. Rechts
• Pars prostatica: ist etwa 4 cm lang, spindel­ und links neben dem Ostium urethrae externum
förmig aufgeweitet und auf ihrer gesamten münden die Gll. urethrales als Ductus paraure­
Länge von der Prostata umgeben. Die Uvula thrales (Skene-Gänge). Die engste Stelle der
vesicae findet hier in einer längs verlaufenden weiblichen Harnröhre ist das Ostium urethrae
Schleimhautfalte (Crista urethralis) ihre Fort­ externum.
setzung. Auf der Crista urethralis imponiert
der Samenhügel, Colliculus seminalis, in den Aufgrund der wesentlich kürzeren weiblichen
die Ductus ejaculatorii münden. Diese sind Harnröhre und dem damit verbundenen kür­
die gemeinsamen Ausführungsgänge der zeren Weg, den Infektionserreger zurücklegen
Ductus deferentes und der Samenbläschen müssen, treten Harnwegsinfektionen bei
(Gll. vesiculosae). Frauen viel häufiger auf als bei Männern.
Neben der Crista urethralis findet sich beid­
seits eine Rinne (Sinus prostaticus), in welche
die Prostata ihr Sekret sezerniert. Im weiteren

150
3
Vesica urinaria

Ampulla ductus
deferentis Glandula vesiculosa
Glandula vesiculosa

Prostata
Os pubis, Ramus inferior
Urethra, Pars
membranacea
Glandula bulbourethralis
Crus penis
Bulbus penis

Corpora cavernosa penis

Corpus spongiosum penis

Corona glandis
Glans penis

Abb. 7.3  Männliche Harnröhre mit Fundus vesicae und Drüsen, Ansicht von ventral [S007-2-23]

151
7  Bauch- und Beckeneingeweide

■ Miktion wodurch die Uvula vesicae das Ostium ure­


thrae internum freigibt.
Die Harnblasenentleerung folgt auf spinaler Ebe­ • Der in der Uvula vesicae gelegene Venenple­
ne einem festgelegten Schema (Miktionsreflex): xus entleert sich.
• Eine erhöhte Wandspannung wird über vis­ • Gleichzeitig erschlaffen der sympathisch in­
zerosensible Fasern der Nn. splanchnici pel- nervierte M. sphincter urethrae internus und
vici erfasst (afferenter Schenkel des Miktions­ der durch den N. pudendus willkürlich inner­
reflexes). vierte M. sphincter urethrae externus.
• Die Nn. splanchnici pelvici aktivieren dann • Unterstützt wird die Miktion durch die
parasympathische Fasern des sakralen Rü- Bauchpresse.
ckenmarks, welche die Kontraktion des • An der Regulation der Miktion sind außerdem
M. detrusor vesicae initiieren (efferenter das pontine Miktionszentrum (➜ Kap. 9) und
Schenkel des Miktionsreflexes). übergeordnete Zentren des Großhirns betei­
• Dies hat zur Folge, dass sich die Uretermün­ ligt. Daher bezeichnet man den Miktionsreflex
dungen passiv verschließen und das Trigo­ auch als supraspinalen Reflex.
num vesicae nach kraniodorsal angehoben,

■ CHECK-UP
Welche Funktionen haben die Nieren?
Mit welchen Nachbarorganen stehen die Nieren in Kontakt?
Beschreiben Sie den Verlauf der Ureteren. Welche Strukturen unter- bzw. überkreuzen sie?
Wie funktioniert die Miktion?

Weibliche Geschlechtsorgane
Die weiblichen Geschlechtsorgane werden in in­ liegen den Eierstöcken Dünndarm- oder Dick­
nere und äußere Genitale eingeteilt. darmschlingen an. Zur lateralen Seite hin (Fa-
• Innere Geschlechtsorgane: Eierstöcke (Ova­ cies lateralis) verlaufen im Boden der Fossa
riae), Eileiter (Tubae uterinae), Gebärmutter ovarica A. und V. obturatoria sowie der N. obtu­
(Uterus) und Scheide (Vagina) ratorius.
• Äußere Geschlechtsorgane: große und klei­
ne Schamlippen (Labia majores et minores Aufgrund der räumliche Nähe zum N. obtu­
pudendi), Scheidenvorhof (Vestibulum vagi­ ratorius können Schmerzen bei entzündli­
nae), Vorhofdrüsen (Glandulae vestibulares) chen Erkrankungen des Ovars bis zur Innen­
und Kitzler (Clitoris). fläche des Oberschenkels ausstrahlen.
Das Jungfernhäutchen (Hymen) trennt die äu­
ßeren von den inneren Geschlechtsorganen ab.
Jeder Eierstock hat einen apikalen und eine kau­
■ Eierstock dalen Pol. Der apikale Pol wird als Extremitas
tubaria, der kaudale als Extremitas uterina be­
Der Eierstock (Ovar) ist die weibliche Keimdrü­ zeichnet. Des Weiteren unterscheidet man einen
se (Gonade). In den Eierstöcken reifen die Eizel­ freien hinteren Rand (Margo liber ovarii) von
len (Oozyten) in Follikeln heran. Zum Zeitpunkt einen vorderen Rand (Margo mesovaricus), an
des Eisprungs (Ovulation) werden die Oozyten dem die Gefäße und Nerven ein- und austreten
in die Eileiter abgegeben. Die Eierstöcke produ­ (Hilum ovarii).
zieren zudem Östrogene und Gestagene.
Topografie
Makroskopischer Aufbau Die Eierstöcke liegen intraperitoneal in der Fos­
Die Eierstöcke sind jeweils ca. 3–4 cm lang, sa ovarica des kleinen Beckens. Somit liegen sie
1–2 cm breit und 1 cm hoch. Das Ovar hat eine auch ventral des Ureters, der Gabelung der
Pflaumenform. Nach medial (Facies medialis) Aa. Iliacae communis in Aa. Iliacae externae und
152
3
Aa. Iliacae internus und dem Art. sacroiliaca. Sie dern auch der weiteste Teil der Tube. Hier
werden durch einen ausgeprägten Bandapparat findet zumeist die Befruchtung der ovulierten
fixiert: Eizelle statt.
• Lig. suspensorium ovarii (Lig. uteroovari­ • Isthmus tubae uterinae: In Richtung Uterus
cum): verbindet den oberen Pol mit der seitli­ verjüngt sich die Tube zum 3–6 cm langen
chen Beckenwand und enthält die A. ovarica Isthmus, dem medialen Drittel der Tube. Er
• Lig. ovarii proprium (Lig. uteroovaricum): bildet gemeinsam mit dem Uterus den Tu­
verläuft vom unteren Pol zum Uterus und ben-Uterus-Winkel
führt den R. ovaricus der A. uterina • Pars uterina tubae: Dieser intramurale Ab­
• Mesovarium: Teil des Lig. latum uteri. schnitt der Tube wird durch das Ostium ute­
rinum gebildet und ist mit 0,1–1 mm Durch­
■ Eileiter messer zugleich engste Stelle der Tube.

Der Eileiter (Tuba uterina, Tube) ist ein ca. 10– Topografie


14 cm langer Muskelschlauch, der die vom Ovar Die Tuba uterina zieht vom Uterus ventral am
abgegebenen Oozyten auffängt und in die Ge­ Ovar vorbei und kommt kraniodorsal des Ovars
bärmutter transportiert. Der Eileiter ist auch der zum Liegen. Sie befindet sich intraperitoneal am
Ort der Befruchtung. oberen Rand des Lig. latum uteri. Dieser Teil des
Lig. latum uteri wird analog zum Mesovar auch
Mesosalpinx genannt. Zusätzlich ist die Ampulla
Tuben und Ovarien werden auch als Adnexe tubae uterinae über das Lig. suspensorium ovarii
des Uterus bezeichnet. an der seitlichen Beckenwand befestigt.

Makroskopischer Aufbau Salpingitis (Eileiterentzündung): Der Isth­


Der Eileiter lässt sich in 4 Abschnitte einteilen mus tubae uterinae hat bei Anteflexion des
(➜ Abb. 7.4): Uterus Kontakt zu Harnblase, sodass es bei ei­
• Infundibulum tubae uterinae: Der 1–2 cm ner Salpingitis zur Reizung der Harnblasen­
lange Tubentrichter beginnt am Ostium ab­ wand und somit zu verstärktem Harndrang
dominale und ist mit 20–30 fransenartigen kommen kann.
Fortsätzen (Fimbriae tubae) bestückt. Einer
dieser Fortsätze steht in direktem Kontakt Durch die intraperitoneale Lage stehen die Tu­
mit dem Ovar (Fimbria ovarica). bae uterinae mit Dünn- und Dickdarmschlingen
• Ampulla tubae uterinae: Die Ampulle stellt in Kontakt. Dabei kann eine ins kleine Becken
mit einer Länge von ca. 7–8 cm die lateralen herabhängende Appendix vermiformis die rech­
2
⁄3 der Tube. Sie ist nicht nur der größte, son­ te Tube berühren.

Lig. ovarii proprium


Isthmus tubae uterinae Mesosalpinx
Fundus uteri Ampulla tubae uterinae

Infundibulum tubae
Tunica serosa uterinae;
[Perimetrium] Fimbriae tubae uterinae
Cavitas uteri; Tunica
mucosa [Endometrium] Fimbria ovarica
Tunica muscularis Vv. ovaricae; A. ovarica
[Myometrium]
Folliculi ovarici Ovarium
Canalis cervicis uteri Corpus luteum
Fornix vaginae Lig. latum uteri
Pars uterina;
Portio vaginalis cervicis Tuba uterina
Ostium uterinum
Corpus uteri
Ostium uteri
Isthmus uteri
Rugae vaginales Vagina Portio supravaginalis cervicis

Abb. 7.4  Gebärmutter, Eierstock und Eileiter, Ansicht von dorsal [S007-2-23]
153
7  Bauch- und Beckeneingeweide

■ Gebärmutter Topografie
Der Uterus liegt im kleinen Becken zwischen
Die Gebärmutter (Uterus) ist ein muskuläres Harnblase und Rektum. Er teilt das kleine Be­
Hohlorgan. In der Schwangerschaft dient sie cken in eine vordere (Excavatio vesicouterina)
dem Schutz und der Ernährung des ungebore­ und eine hintere Bauchfelltasche (Excavatio
nen Kinds. rectouterina, Douglas-Raum). Letztere ist der
Makroskopischer Aufbau tiefste Punkt der Peritonealhöhle, sodass sich
Der birnenförmige Uterus ist ca. 7–8 cm lang, Ergüsse, Abszesse und Peritonealblutungen dort
5–7 cm breit und 2–3 cm dick. Während der sammeln und punktieren lassen.
Schwangerschaft kann der Uterus bis zu 30 cm Kaudal grenzt die Excavatio rectouterina an das
groß werden. Man gliedert ihn in 2 Abschnitte hintere Scheidengewölbe. Nach kranial besteht
(➜ Abb. 7.4): eine direkte Nachbarschaft des Uterus zu Dünn­
• Gebärmutterkörper (Corpus uteri): bildet darm und Colon sigmoideum. Fundus und Cor­
die kranialen 2⁄3 des Uterus. Er besitzt eine pus uteri sind aufgrund ihrer intraperitonealen
ventrale Facies vesicalis und eine dorsale Fa­ Lage mit Peritoneum überzogen. Die Cervix ute­
cies intestinalis. Innerhalb des Corpus uteri ri hingegen liegt extraperitoneal.
liegt die Gebärmutterhöhle (Cavitas uteri).
Sie wird bei ventraler Ansicht kuppelartig Descensus uteri: Der Uterus liegt gewöhnlich
vom Fundus uteri überdeckt. Die Cavitas auf Höhe der beiden Spinae iliacae anteriores
uteri verjüngt sich in Richtung der Eileiter zu superiores. Sollte der Uterus unter dieser Li­
den beiden Gebärmutterhörnern (Cornua nie liegen, spricht man von einem Descensus
uteri dextra und sinistra). Nach kaudal en­ uteri. Meist ist dies die Folge einer Schwä­
det das Corpus uteri im inneren Muttermund chung des Diaphragma pelvis.
(Ostium uteri internum).
• Gebärmutterhals (Cervix uteri): In Richtung Uterus-Position.  Von klinischer Bedeutung
Scheide schließt sich dem Corpus uteri die und Prüfungsrelevanz ist die Lage des Uterus:
Portio supravaginalis cervicis an. Sie ist von • Versio: Stellung des Uterus im Verhältnis zur
Bindegewebe umgeben, das man auch als Pa- Vagina, gewöhnlich 90° nach ventral
razervix bezeichnet. • Flexio: Stellung des Corpus uteri im Verhältnis
Als nächster Abschnitt folgt die Portio vagi- zum Uterushals, gewöhnlich 100° nach ventral
nalis cervicis. Sie wölbt sich halbmondför­ • Positio: Lage des Uterus relativ zur Median­
mig bis in die Scheide hinein. In der Portio ebene – z. B. zentropositioniert, dextropositi­
vaginalis cervicis liegt der äußere Mutter­ oniert oder sinistropositioniert.
mund (Ostium uteri externum). Bei einer
Nullipara erscheint dieser bei gynäkologi­
scher Betrachtung rund bis oval. Hat eine Die normale Lage des Uterus ist durch eine
Frau bereits vaginal geboren (Primipara, Bi­ Anteversio-Anteflexio gekennzeichnet. Eine
para, bzw. Multipara), formt das Ostium uteri Retroversio uteri ist nicht pathologisch,
externum eine quere Spalte. kann aber beim Austragen des Kindes prob­
Innerhalb des Gebärmutterhalses liegt zwi­ lematisch werden, wenn dieses in der Exca­
schen innerem und äußerem Muttermund vatio rectouterina eingeklemmt wird.
der Zervixkanal (Canalis cervicis). Er ist
ca. 3–4 cm lang, spindelförmig und mit Fal­ Bandapparat.  Der Uterus wird durch ver­
ten (Plicae palmatae) ausgekleidet. Physio­ schiedenste Haltebänder fixiert:
logischerweise ist der Canalis cervicis mit • Lig. ovarii proprium
dem Kristeller-Schleimpropf durchsetzt, der • Lig. suspensorium ovarii
von den Gll. cervicales des Canalis cervicis • Lig. teres uteri (Lig. rotundum): zieht vom
gebildet wird. Tuben-Winkel durch den Leistenkanal bis zu
• Das Corpus uteri wird von der Cervix uteri den großen Schamlippen und verhindert die
durch den Isthmus uteri getrennt. Man rech­ Retroversion des Uterus
net ihn zwar zur Cervix uteri. Allerdings ent­ • Lig. latum uteri: eine annähernd vertikale
hält er Korpusendometrium. Bindegewebsplatte, die nach kranial in Meso­
salpinx und Mesovar ausläuft
154
3
• Lig. cardinale (Lig. transversum cervicis, terior wirft die ventral verlaufende Harnröhre
Mackenroth-Band): fixiert die Cervix uteri eine Längsfalte, Carina urethralis, auf.
an der seitlichen Beckenwand Topografie
• Lig. vesicouterinum: zieht als Fortsetzung Die Vagina liegt subperitoneal im kleinen Be­
des Lig. pubovesicale von der Symphyse über cken. Sie zieht in der Mediansagittalebene lie­
den Blasenhals zur Cervix uteri gend von ventrokaudal durch den Hiatus uroge-
• Lig. sacrouteriunum: zieht vom Os scarum nitalis des Diaphragma urogenitale (➜ Kap. 5)
zum Uterus nach dorsokranial. Ventral ist sie durch weiches
• Lig. rectouterinum: wirft beidseits die Plica Bindegewebe (Septum vesicovaginale) mit der
rectouterina, die die Excavatio rectouterina Harnröhre und der Harnblase verbunden. Nach
lateralwärts begrenzt. lateral verbindet das Parakolpium die Vagina
Die bindegewebigen Verbindungen des Uterus mit dem Beckenbindegewebe. Das nur wenige
zur Umgebung werden unter dem Begriff Para- Millimeter dicke Septum rectovaginale grenzt
metrium zusammengefasst. die Vagina nach dorsal vom Rektum und
Analkanal ab. Das hintere Scheidengewölbe
■ Scheide grenzt an den Douglas-Raum.
Die Scheide (Vagina) ist ein ca. 10 cm langer fib­
romuskulärer Schlauch. Sie ist gleichzeitig Ko­ ■ Äußere Geschlechtsorgane
pulationsorgan, Geburtskanal und Ausführungs­ Die äußeren weiblichen Genitalien (Vulva) rei­
gang für die abgestoßenen Endometriumsbe­ chen vom Unterrand der Symphyse bis zum
standteile. Milchsäurebakterien, die physiologi­ Dammbereich (Perineum) sowie in der Tiefe bis
scherweise die Scheide besiedeln bilden ein zum Hymen, wo die inneren Genitalien begin­
saures Scheidenmilieu zum Schutz vor Infekti­ nen.
onen.
Schamberg
Makroskopischer Aufbau Der Schamberg (Mons pubis) wird durch ein
Die Scheide verbindet den Scheidenvorhof (Ves- subkutanes Fettpolster gebildet, das ventral der
tibulum vaginae) mit dem Uterus. Sie umfasst Symphyse liegt. Auffällig ist die Schambehaa­
zirkulär die Einmündung des Uterus in die rung (Pubes).
Scheide (Portio vaginalis uteri). Dadurch ent­
steht das Scheidengewölbe (Fornix vaginae), Große Schamlippen
das sich in die Pars anterior, Pars posterior und Die großen Schamlippen (Labia majora puden-
die beiden Partes laterales unterteilen lässt. Das di) sind breite, längliche Hautfalten, die vom
Jungfernhäutchen (Hymen) verschließt meist Mons pubis zum Perineum ziehen. Sie umfassen
inkomplett den Scheidenmund (Ostium vagi- die Schamspalte (Rima pudendi) und sind an
nae, Introitus vaginae), sodass der Scheiden­ der Außenseite pigmentiert und behaart. An der
vorhof von der Scheide abgetrennt ist. Innenseite erscheinen sie rötlich und sind unbe­
haart. Des Weiteren finden sich Talg-, Schweiß-
und Duftdrüsen, die an der Innenseite zahlrei­
Beim ersten Geschlechtsverkehr (Deflorati- cher sind als an der Außenseite.
on) reißt das Hymen ein. Als narbiger Rest Die Labia majora pudendi enthalten Fettgewebe
bleiben warzenförmige Erhebungen (Carun­ und Venengeflechte, die den weiblichen Schwell­
culae hymenales) zurück. Es besteht nun über körper (Bulbus vestibuli) bilden. Dieser ist
die Vagina und den Uterus eine direkte Ver­ durch den M. bulbospongiosus bedeckt und ent­
bindung zwischen Bauchhöhle und Umwelt. spricht dem Corpus spongiosum penis beim
Mann.
Die Oberfläche der Vagina ist querfaltig aufge­ Über eine Hautfalte sind die beiden Labia majo­
worfen (Rugae vaginales). An der Vorderseite ra pudendi ventral an der Commissura labiorum
imponiert als säulenförmige Erhebung die Co­ anterior (vordere Schamlippenverbindung) und
lumna rugarum anterior, an der Hinterseite die dorsal an der Commissura labiorum posterior
Columna rugarum posterior. Beide entstehen (hintere Schamlippenverbindung) miteinander
durch darunterliegende Venengeflechte. Als verbunden. In den Labia majora pudendi enden
kaudale Erweiterung der Columna rugarum an­ zudem die Ligg. teretes uteri.

155
7  Bauch- und Beckeneingeweide

Kleine Schamlippen ebenfalls den Scheidenvorhof bei sexueller


Die kleinen Schamlippen (Labia minora puden- Erregung.
di) sind dünne, gerunzelte Hautfalten, die den • Glandulae paraurethrales (Skene-Drüsen):
Scheidenvorhof begrenzen. Sie sind im Gegen­ liegen direkt lateral der Urethramündung
satz zu den großen Schamlippen unbehaart und und gleichen entwicklungsgeschichtlich der
fettfrei. Am vorderen Ende verjüngen sich die Prostata.
Labia majora pudendi zu den Kitzlerzügeln (Fre-
nula clitoridis) und gehen schließlich ventral Bartholinitis: Entzündung der Bartholin-
der Klitoris ins Praeputium clitoridis über. Am Drüsen. Meistens ist nur der Ausführungs­
hinteren Ende vereinigen sich die kleinen gang betroffen, der dann als roter Punkt ma­
Schamlippen zu den Frenula labiori pudendi kro­skopisch sichtbar ist.
und umfassen so die Fossa vestibuli pudendi.
Scheidenvorhof Kitzler
Der Scheidenvorhof (Vestibulum vaginae) wird Der Kitzler (Clitoris) dient der sexuellen Erre­
meistens erst nach Spreizen der kleinen Scham­ gung und entspricht den Corpora cavernosa pe­
lippen sichtbar. Er beherbergt: nis beim Mann. Die Clitoris besteht aus 2 erek­
• Ostium urethrae externum: liegt ca. 2 cm tilen Schwellkörper (Corpora cavernosa clitori-
dorsal des Kitzlers. dis), die den Klitoriskörper (Corpus clitoridis)
• Ostium vaginae bilden. Dieser endet in der Eichel (Glans clito-
• Glandulae vestibulares majores (Bartho- ridis).
lin-Drüsen): liegen lateral des Ostium vagi­ Ventral wird der Kitzler durch eine Vorhaut
nae und entsprechen den Gll. bulbourethrales (Praeputium clitoridis) überzogen. Über die
beim Mann. Sie dienen der Befeuchtung vor 2 Klitorisschenkel (Crura clitoridis), die von den
und während des Geschlechtsverkehrs (Lub- Mm. ischocavernosi bedeckt sind, ist die Clitoris
rikation). an den unteren Schambeinästen fixiert. Zudem
• Glandulae vestibulares minores: liegen in befestigt das Lig. supensorium clitoridis die Cli­
der Tiefe der kleinen Schamlippen und sind toris am Symphysenunterrand.
makroskopisch nicht sichtbar. Sie befeuchten

■ CHECK-UP
Beschreiben Sie die Abschnitte des Eileiters!
In welcher Lage befindet sich gewöhnlich der Uterus?
Nennen Sie die verschiedenen Haltebänder des Uterus!
Welche Drüsen lassen sich im Scheidenvorhof unterscheiden?

Männliche Geschlechtsorgane
Die männlichen Geschlechtsorgane lassen sich • Äußere Geschlechtsorgane: Glied (Penis)
in innere und äußere Geschlechtsorgane und Hodensack (Skrotum).
unterteilen:
• Innere Geschlechtsorgane: Hoden (Testis),
Nebenhoden (Epididymis), Samenleiter
■ Hoden
(Ductus deferens), Samenstrang (Funiculus Der Hoden (Testis, ➜ Abb. 7.5) ist die männli­
spermaticus) und die akzessorischen Ge­ che Keimdrüse (Gonade). Er ist der Ort der
schlechtsdrüsen. Zu den akzessorischen Ge­ Spermienbildung und produziert das Ge­
schlechtsdrüsen zählen: Vorsteherdrüse schlechtshormon Testosteron. Nach der em­
(Pros­tata), Bläschendrüse (Glandula vesicu­ bryo­nalen Entwicklung in der Bauchhöhle wan­
losa), Cowper-Drüsen (Glandula bulboure­ dert er durch den Leistenkanal in den Hoden­
thrales) und weitere kleinere Drüsen (Littré- sack (Deszensus des Hodens).
Drüsen, Glandulae praeputiales).
156
3
Makroskopischer Aufbau vermindert werden. Zur Kühlung dienen
Der Hoden ist ein eiförmiges Gebilde mit etwa Schweißdrüsen der Skrotalhaut.
4–5 cm Länge und 2–3 cm Durchmesser. Das • Skrotalhaut: ist eine gerunzelte und zumeist
Gewicht beträgt inklusive Nebenhoden ca. 20– stärker pigmentierte Haut.
30 g. Am oberen Pol (Extremitas superior) findet
sich die Appendix testis, ein Rudiment des Mül­ Hydrozele: Größere Flüssigkeitsansammlung
ler-Gangs. Am unteren Pol (Extremitas inferior) zwischen Epiorchium und Periorchium, in
inseriert das Gubernaculum testis. Des Weiteren der sog. Cavitas scroti, z. B. infolge entzünd­
lassen sich eine mediale (Facies medialis) und licher Prozesse.
eine laterale Seite (Facies lateralis) sowie ein
vorderer (Margo anterior) und ein hinterer
Rand (Margo posterior) unterscheiden. ■ Nebenhoden
Am Margo posterior liegt das Mesorchium, wo Der Nebenhoden (Epididymis) dient der Sa­
die Gefäße und Nerven des Samenstrangs ein- menzellreifung und ist Speicherort für die Sa­
und austreten. Der Hoden besteht aus 200– menzellen.
250 Läppchen (Lobuli testis). Diese bestehen aus
Makroskopischer Aufbau
aufgeknäuelten Samenkanälchen (Tubuli semi-
niferi contorti), die zunächst in die gestreckten
Der Nebenhoden ist ein 5–10 mm langes, gewun­
Tubuli seminiferi recti übergehen, dann ins Re-
denes Geschlechtsorgan, das die aus dem Hoden
te testis münden und schließlich über die Duc-
kommenden Ductuli efferentes aufnimmt und
tuli efferentes testis zum Nebenhoden ziehen.
über die Ductuli epididymidis in den Ductus de­
ferens weiterleitet. Makroskopisch lassen sich
Topografie 3 Abschnitte unterteilen:
Das Septum scroti teilt den Hoden in 2 Kam­ • Nebenhodenkopf (Caput epididymidis): liegt
mern. Die Raphe scroti – als Verlängerung der kranial den Hodens und nimmt die 10–
Raphe perinei – bildet das von außen sichtbare 20 Ductuli efferentes des Hodens auf. Die Ap­
Korrelat dieser Unterteilung. Die beiden Hoden pendix epididymidis sitzt ihm als Fortsatz auf
stehen meistens auf unterschiedlicher Höhe, um und ist ein Relikt des Wolff-Gangs.
zwischen den Oberschenkeln mehr Platz zu ha­ • Nebenhodenkörper (Corpus epididymidis):
ben. Jeder Hoden wird von innen nach außen sitzt dem Hoden überwiegend dorsal auf und
von folgenden Hüllen umgeben: dient der Samenzellspeicherung
• Tunica albuginea: ist eine derbe Bindege­ • Nebenhodenschweif (Cauda epididymidis):
webskapsel, von der Septen (Septula testis) ist auch Ort der Samenzellspeicherung.
ins Hodeninnere ziehen. Durch die Septula
Topografie
testis entsteht die Läppchenstruktur.
• Epiorchium: schlägt dorsal über das Mesoor­ Der Nebenhoden legt sich dem Hoden in kranio­
chium in das Periorchium um und ist das vis­ dorsaler Verlaufsrichtung an. Ihn umgeben die
zerale Blatt der Tunica vaginalis testis gleichen Hüllstrukturen wie den Hoden. Über
• Periorchium: ist das parietale Blatt der Tuni­ die Ligg. epididymidis superior et inferior ist der
ca vaginalis testis Nebenhoden am Hoden befestigt. Zwischen Ne­
• Fascia spermatica interna: Fortsetzung der benhodenkörper und Hinterrand des Hodens
Fascia transversalis liegt ein kleiner Spaltraum, der Sinus epididymi­
• M. cremaster mit Fascia cremasterica: Ab­ dis.
spaltung des M. obliquus internus abdominis.
Er kann den Hoden anheben. ■ Samenleiter
• Fascia spermatica externa: Verlängerung Der Samenleiter (Ductus deferens) ist ca. 35–
der Faszie des M. obliquus externus abdomi­ 40 cm lang und etwa 3 mm dick. Er verbindet
nis und der äußeren Körperfaszie (Fascia in­ den Nebenhoden mit der Harnröhre und be­
vestiens superficialis) ginnt an der Cauda epididymidis (Pars epididy­
• Tunica dartos: für die Temperaturregulation mica). Er zieht durch den Samenstrang (Pars fu-
im Hoden von zentraler Bedeutung. Grund­ niculi spermatici), den Leistenkanal (Pars in-
sätzlich wird ein Wert von 2 °C unter Körper­ guinalis) und durch den inneren Leistenring in
temperatur angestrebt. Durch Kontraktion die Fossa inguinalis lateralis. Diese liegt subperi­
der Tunica dartos kann die Wärmeabgabe
157
7  Bauch- und Beckeneingeweide

Fascia cremasterica;
M. cremaster

Fascia spermatica interna

Tunica vaginalis testis,


Lamina parietalis Caput epididymidis

Appendix testis
Lig. epididymidis superius
(Appendix epididymidis)

Sinus epididymidis
Extremitas superior

Corpus epididymidis
Facies lateralis

Margo posterior
Testis

Lig. epididymidis inferius Margo anterior

Cauda epididymidis

Extremitas inferior

Abb. 7.5  Linker Hoden mit Nebenhoden und Hodenhüllen [S007-2-23]

toneal zwischen Peritoneum parietale und der blütenartigen Geruch. Die Proteasen verflüssi­
Fascia transversalis (Pars pelvina). Danach gen das Ejakulat.
überkreuzt der Ductus deferens die Vasa epigas­ Makroskopischer Aufbau
trica inferiora und die Ureteren bis er sich zur Die Prostata ist ca. 3 cm lang, 4 cm breit und
Ampulla ductus deferentis erweitert. Im weite­
2 cm dick. Sie wiegt etwa 20 g. Die ca. 30 Drüsen
ren Verlauf nimmt der Samenleiter die Ausfüh­ der Prostata münden in der Umgebung des Col­
rungsgänge der Samenbläschen auf und mündet liculus seminalis. Anatomisch wird die Prostata
schließlich als Ductus ejaculatorius auf dem in 3 Lappen gegliedert:
Colliculus seminalis in der Prostata. • Lobus dexter: Lappen rechts der Harnröhre
• Lobus sinister: Lappen links der Harnröhre
■ Prostata • Lobus medius: verbindet den linken mit dem
Die Prostata (Vorsteherdrüse) ist eine kastani­ rechten Lappen.
engroße Drüse. Sie steuert 15–25 % des Ejakulats Zusätzlich wird die Prostata klinisch in 3 Zonen
bei. Darin enthalten sind u. a. Zink, Spermin und gegliedert:
Proteasen. Zink beeinflusst den Testosteronme­ • Periurethrale Mantelzone: umgibt die Harn­
tabolismus in der Prostata. Spermin erhöht die röhre und enthält Mukosadrüsen
Beweglichkeit der Spermien und verleiht dem • Innenzone: zieht keilförmig von der Basis
Ejakulat seinen charakteristischen, kastanien­ über den Colliculus seminalis bis zum Apex.
Sie enthält Submukosadrüsen.

158
3
• Außenzone: legt sich der Innenzone von kau­ sen. Der Ductus excretorius der Bläschendrüse
dal an und bildet den Hauptteil der Drüse. mündet seitlich in die Ampulla ductus deferen­
tis, wodurch der Ductus ejaculatorius entsteht.
Prostataerkrankungen: Die beiden wichtigs­ Dieser mündet auf dem Colliculus seminalis in
ten Erkrankungen der Prostata sind die beni- die Prostata.
gne Prostatahyperplasie (BPH, Prostataade­
nom) und das Prostatakarzinom. Die BPH ■ Cowper-Drüsen
verändert vor allem die Innenzone und führt
Die beiden erbsengroßen Cowper-Drüsen
somit zu einer Verengung der Harnröhre. Das
(Gll. bulbourethrales) liegen dorsal der Harn­
Prostatakarzinom hingegen liegt zumeist in
röhre im Diaphragma urogenitale.
der Außenzone, sodass es bei einer digital-
Das Sekret der Cowper-Drüsen wird volkstüm­
rektalen Untersuchung (DRU) als höckrig,
lich auch als Lusttropfen bezeichnet, da es vor
derbe Knoten in der Prostata auffallen kann.
der Ejakulation abgesondert wird und als Gleit­
Die DRU der Prostata wird erst durch die en­
mittel dient.
ge Verbindung zwischen Rektum und Prosta­
ta möglich. Neben der Prostata Untersuchung
prüft man bei der digital-rektalen Untersu­ Die Ausführungsgänge der Cowper-Drüsen
chung die Morphologie der Rektumschleim­ münden in die Pars spongiosa der Harnröhre.
haut, die Stuhlfarbe, die Stuhlkonsistenz und
das Vorhandensein von Blut.
■ Littré-Drüsen
Topografie Die Littré-Drüsen (Gll. urethrales) sind kleine
Die Prostata liegt extraperitoneal. Ihre Basis ist Schleimdrüsen, deren Ausführungsgänge im Be­
mit dem Boden der Harnblase verwachsen. Nach reich der Pars spongiosa der Harnröhre mün­
ventral verjüngt sich die Prostata zum Apex, der den.
dem Diaphragma urogenitale aufsitzt. Ventral
ist die Facies anterior der Prostata über das
Lig. puboprostatcium mit der Symphyse verbun­
■ Glandulae praeputiales
den. Die Facies posterior ist durch die Fascia Bei den Glandulae praeputiales handelt es sich
rectoprostatica (Denonvillier-Faszie) vom Rek­ um kleine Talgdrüsen, die auf den Innenseite
tum abgegrenzt. der Vorhaut liegen.

■ Bläschendrüse ■ Äußere Geschlechtsorgane


Das Sekret der Bläschendrüse (Gl. vesiculosa) Die äußeren Geschlechtsorgane sind der Hoden­
bildet mit 50–70 % den größten Teil des Ejaku­ sack (Skrotum) und das männliche Glied (Pe-
lats. Es ist schwach alkalisch, fruktosereich und nis). Der Penis ist der letzte Abschnitt der Harn­
enhält Prostaglandine. Die Fruktose dient den samenröhre.
Spermien als Energiequelle. Die Prostglandine Penis
wirken auf die Muskelzellen der Gebärmutter Das männliche Glied ist im erschlafften Zustand
und unterstützen somit die Spermien auf ihrem ca. 10 cm lang, im erigierten etwa 16 cm. Der Pe­
Weg in Richtung Eileiter. nis besteht aus einem Schwellkörpersystem.
Makroskopischer Aufbau Dieses setzt sich zusammen aus:
Die Bläschendrüse ist ca. 5–10 cm lang, 1 cm • Paarigen Penisschwellkörpern (Corpora
breit und 1 cm hoch. Kennzeichnend ist ihre cavernosa penis): Sie entspringen als paari­
bucklig vorgewölbte Oberfläche. Früher ging ge Penisschenkel (Crura penis), umgeben
man davon aus, dass in der Bläschendrüse Sa­ von den Mm. ischiocavernosi, von den bei­
men gespeichert würde. Daher wurde lange Zeit den unteren Schambeinästen des Beckens.
auch die Bezeichnung Samenblase verwendet. Im weiteren Verlauf vereinigen sich die Crura
penis und sind nur noch durch das Septum
Topografie
pectiniforme penis getrennt. Gemeinsam mit
Die Bläschendrüse liegt subperitoneal und ist
dem Harnröhrenschwellkörper bilden sie den
fest mit der Rückseite der Harnblase verwach­
Penisschaft (Corpus penis).
159
7  Bauch- und Beckeneingeweide

Die Corpora cavernosa penis enthalten viele arterien, Aa. helicinae, und füllt die Kavernen
Bindegewebs- und Muskelgeflechte, die der Corpora cavernosa penis.
Hohlräume, Cavernae, bilden. Zudem sind sie • Verminderung des venösen Rückstroms:
von einer derben Tunica albuginea umhüllt. Muskelpolster in den Venen wirken als Dros­
• Unpaarem Harnröhrenschwellkörper (Cor- selvorrichtungen und behindern den venösen
pus spongiosum urethrae): Er beginnt als Rückstrom.
Bulbus penis, der vom M. bulbospongiosus • Kontraktion der Bindegewebs- und Mus-
(➜ Kap. 5) umgeben ist und zwischen den kelgeflechte: Durch das Zusammenziehen
beiden Corpora cavernosa penis zur Eichel der fibromuskulären Trabekel wird der Penis
(Glans penis) ausläuft. versteift.
Die Glans penis wird zirkulär von der Corona So wird in den Corpora cavernosa penis ein In­
glandis begrenzt und ist mit der Vorhaut nendruck von bis zu 1.200 mmHg erreicht. Im
(Präputium) bedeckt. Die Vorhaut ist über Corpus spongiosum urethrae herrscht hingegen
das Frenulum praeputii fest mit der Eichel ein deutlich geringerer Innendruck. Dies ist für
verbunden und dient als Reservefalte bei der die Ejakulation von entscheidener Bedeutung
Erektion. und lässt sich durch das Fehlen der Aa. helicinae
Das Corpus spongiosum urethrae besitzt kei­ und der Bindegewebs- und Muskelgeflechte er­
ne Bindegewebs- oder Muskelgeflechte und klären.
wird auch nur von einer relativ dünnen Tuni­ Die Erektion wird durch die Nn. erigentes aus
ca albuginea begrenzt. dem parasympathischen Kernzentrum i. H.
Die Seite, auf der die Penisschwellkörper liegen, S2–S4 gesteuert.
nennt man Penisrücken (Dorsum penis). Als
Facies urethralis bezeichnet man die Seite des Erektile Dysfunktion: Die Füllung der Corpora
Harnröhrenschwellkörpers. cavernosa beruht im Wesentlichen auf der Frei­
setzung von NO durch parasympathische Ner­
Phimose: Die Vorhaut hat eine zu enge Öff­ venfasern. Dies führt intrazellulär zur Aktivie­
nung oder lässt sich nicht über die Eichel zu­ rung der Guanylatzyklase und somit zu einem
rückstreifen. Eine Behandlungsindikation be­ Anstieg von cGMP. Sildenafiil (Viagra®) inhi­
steht, da sich unter der Vorhaut das Smegma biert den Abbau von cGMP durch die Phospho­
bildet. Dieses Gekröse aus abgeschilferten diesterase 5, sodass es auch bei niedrigen
Epithelzellen, Sperma- und Urinresten sowie cGMP-Spiegeln zur Erektion kommen kann.
Bakterien ist kanzerogen.
Emission
Topografie Unter Emission versteht man die Bereitstellung
Der Penis ist oberflächlich über das Lig. fundi- des Ejakulats in der Urethra. Nacheinander wer­
forme penis, das zur Bauchwand zieht, fixiert. den das Sekret der Prostata und die Spermien in
In der Tiefe ist er über das Lig. suspensorium der Pars spongiosa der Harnröhre freigesetzt.
penis an der Symphyse verankert. Die Emission kennzeichnet den Beginn der Or­
Die Schwellkörper werden von der Fascia penis gasmusphase.
profunda umgeben, die A., V. und N. dorsalis Ejakulation
penis mit einschließt. Darüber liegen die Durch die Emission des Samens wird das sym-
Vv. dorsales penis in der Fascia penis superfi- pathische Ejakulationszentrum i. H. L2–L3 sti­
cialis. Die beiden Faszien dienen als Verschie­ muliert. Seine efferenten Impulse führen zu ei­
beschicht zwischen den Schwellkörpern und der ner Kontraktion der glatten Muskelfasern des
Außenhaut bei Erektion. Ductus deferens und der Bläschendrüse. Es fol­
Erektion gen mehrere rhythmische Kontraktionen des
Bei sexueller Erregung richtet sich der Penis auf. Beckenbodens, vor allem durch die M. ischioca­
Gleichzeitig wird er länger, dicker und steif. Die­ vernosus und M. bulbospongiosus, sodass das
sen Vorgang bezeichnet man als Erektion. Sie Sperma stoßweise herausspritzt. Die Blase wird
beruht auf verschiedenen Prinzipien: durch die Kontraktion des inneren Schließmus­
• Füllung der Corpora cavernosa: Über die kels zur Urethra hin verschlossen und verhin­
A. profunda penis strömt Blut in die Ranken­ dert so eine retrograde Ejakulation.

160
3
■ Ejakulat Das Ejakulat lässt sich in 3 Fraktionen einteilen:
• Vorfraktion: entstammt der Prostata und hat
Das Ejakulat (Sperma) hat zumeist ein Volumen eine weißliche Farbe
zwischen 2–6 ml. Es ist leicht alkalisch (pH 7–7,8), • Hauptfraktion: enthält die Spermatozoen
was die Beweglichkeit der Spermien fördert und • Schlussfraktion: ist leicht gelblich, von gal­
vor dem sauren Scheidenmilieu schützt. Normaler­ lertartiger Konsistenz und entstammt der
weise enthält das Ejakulat 80–100 Millionen Sper­ Bläschendrüse.
mien/ml. Enthält das Ejakulat weniger als 20 Milli­ Das Ejakulat besteht aus:
onen Spermien/ml, spricht man von einer Oligo­ • 10 % Spermien
zoospermie. Für die Beurteilung der Fertilität sind • 15–25 % Prostatasekret
neben der Spermienzahl die Beweglichkeit und die • 50–70 % Bläschendrüsensekret
Morphologie der Spermien von Bedeutung. • 1–3 % Sekret der Cowper-Drüsen.

■ CHECK-UP
Beschreiben Sie den Hüllenaufbau des Hodens!
Welche Funktion haben die Nebenhoden?
Wo münden die Ausführungsgänge der Prostata?
Wo münden die Ausführungsgänge der Cowper-Drüsen?
Beschreiben Sie die Zusammensetzung des Ejakulats!

Nerven und Nervengeflechte


■ Vegetative Innervation • Die Nn. splanchnici thoracici major (Th5–
9), minor (Th10 + 11) und imus (Th12) ziehen
Das vegetative Nervensystem besteht aus dem
durch das Zwerchfell zum Plexus aorticus ab­
viszeroefferenten System, dem viszeroafferen-
dominalis.
ten System und dem intramuralen Nervensys­
tem. Die viszeroafferenten Fasern verlaufen
• Die Nn. splanchnici lumbales und sacrales
enden im Plexus aorticus abdominalis und in
meist gemeinsam mit den viszeroefferenten Fa­
den Plexus hypogastrici.
sern. Das viszeroefferente System gliedert sich in
Sympathikus (Pars sympathica) und Parasym­ Umschaltung.  Die präganglionären Fasern
pathikus (Pars parasympathica). werden in den vor und neben der Aorta abdomi­
Sympathikus nalis sowie im Becken gelegenen Nervengeflech­
Ursprung.  Von den Ursprungskerngebieten ten auf das 2. (postganglionäre) Neuron umge­
des Sympathikus im thorakolumbalen Rücken­ schaltet. Das um die Aorta abdominalis gelegene
mark ([C8] Th1–L2) übernehmen diejenigen in Nervengeflecht wird in der Gesamtheit als Ple­
Th5–L2 die Versorgung der Bauch- und Becken­ xus aorticus abdominalis bezeichnet und enthält
eingeweide. die Plexus coeliacus, mesentericus superior/infe­
rior und renalis. Im Becken liegen die Plexus hy­
Truncus sympathicus.  Meist 4 paarige Gang­ pogastrici superior und inferior. Die in diesen
lia lumbalia und 4–5 paarige Ganglia sacralia Nervengeflechten lokalisierten Ganglien (Gang­
bilden den Truncus sympathicus im Abdomen lia coeliaca, mesentericum superius/inferius,
und Becken. Die beiden Grenzstränge laufen im aortorenalia, renalia und pelvica) nennt man
median gelegenen unpaaren Ganglion impar zu­ prävertebrale Ganglien.
sammen. Die Ganglien des Truncus sympathicus
nennt man auch Grenzstrangganglien oder pa-
ravertebrale Ganglien. Die sympathischen präganglionären Fasern
für die Bauch- und Beckeneingeweide wer­
Präganglionäre Strecke.  Die präganglionären den in den prävertebralen Ganglien umge­
Fasern aus Th5–L2 gelangen ohne Umschaltung schaltet.
durch die paravertebralen Ganglien hindurch
und bilden dann die Nn. splanchnici:
161
7  Bauch- und Beckeneingeweide

Postganglionäre Strecke.  Von den Nervenge­ • Die Fasern des sakralen Anteils ziehen als
flechten gelangen die postganglionären sympathi­ Nn. splanchnici pelvici zu dem seitlich von
schen Fasern meist gemeinsam mit prä- oder Rektum, Prostata bzw. Cervix uteri gelegenen
postganglionären parasympathischen Fasern ent­ Plexus hypogastricus inferior.
lang von Arterien zum Erfolgsorgan. Dort bilden
die postganglionären Fasern organnahe Plexus Umschaltung.  Erfolgt zum überwiegenden Teil
(Plexus gastricus, hepaticus, splenicus usw.). in organnahen Ganglien der organnahen Plexus.

Funktion.  Eine Aktivierung des Sympathikus Postganglionäre Strecke.  Aufgrund der über­
bewirkt im Magen-Darm-Trakt die Abnahme wiegenden Umschaltung in organnahen Ganglien
der Darmmotilität, die Kontraktion der Sphink­ ist die postganglionäre Strecke meist kurz. Der kra­
teren, eine Verringerung der Drüsensekretion niale Anteil versorgt Leber, Gallenblase, Pankreas,
sowie eine Vasokonstriktion. Beim Mann wird Milz, Niere, Nebennierenrinde, Duodenum, Dünn­
durch Sympathikusaktivierung zudem die Eja­ darm sowie Colon ascendens bis zum aboralen
kulation herbeigeführt. Drittel des Colon transversum, also proximal des
Canon-Böhm-Punkts. Der sakrale Anteil versorgt
Parasympathikus das aborale Drittel des Colon transversum, also di­
Ursprung.  Der Parasympathikus hat einen stal des Canon-Böhm-Punkts, Colon descendens,
kranialen und einen sakralen Anteil. Die Perika­ Colon sigmoideum, Rektum, Anus, Harnblase,
rya der 1. parasympathischen Neurone des kra­ Harnröhre sowie innere und äußere Genitale.
nialen Anteils liegen im Ncl. dorsalis n. vagi, die
des sakralen Anteils in den Seitenhörnern des
sakralen Rückenmarks (S2–4). Der N. vagus übernimmt die parasympathi­
sche Innervation aller Hals- und Brusteinge­
Präganglionäre Strecke:  weide, der Organe des Oberbauchs (Drüsen­
• Die Fasern des kranialen Anteils verlaufen in bauch), der Nieren sowie des Magen-Darm-
den Nn. vagi zum Ösophagus, wo sie unter ge­ Trakts bis zum Canon-Böhm-Punkt.
genseitigem Faseraustausch den Plexus
­oesophageus ausbilden. Dieser setzt sich
schließlich in die Trunci vagales anterior und Funktion.  Eine Aktivierung des Parasympa­
posterior fort, wobei der Truncus vagalis pos­ thikus führt im Magen-Darm-Trakt zur Zunah­
terior überwiegend Fasern des N. vagus dexter me der Motilität, zur Erschlaffung der Sphinkte­
enthält (Merke: dexter = dorsal). Die Trunci ren und zur Steigerung der Drüsensekretion; im
vagales treten mit den Ösophagus im Hiatus Urogenitalsystem bewirkt eine Parasympathi­
oesophageus durch das Zwerchfell. Während kusaktivierung die Erektion von Penis bzw. Kli­
der Truncus vagalis anterior am Magen im toris und die Miktion.
Plexus gastricus anterior endet, gelangen die
Fasern des Truncus vagalis posterior zum Ple­ Bei Prostataoperationen kann es zur Schädi­
xus aorticus abdominalis. Dort schließen sie gung des Plexus prostaticus und somit zur
sich postganglionären sympathischen Fasern erektilen Dysfunktion der Corpora cavernosa
an und ziehen mit ihnen zum Erfolgsorgan. kommen.

■ CHECK-UP
Wo erfolgt die Umschaltung beim Sympathikus und Parasympathikus?
Wo treten die Nn. splanchnici thoracici und die Trunci vagales durch das Zwerchfell?

Arterien
Die arterielle Versorgung der Baucheingeweide ■ Aorta abdominalis
erfolgt über Äste der Aorta abdominalis, die der
Beckeneingeweide über Äste der Aa. iliacae. Die Aorta abdominalis (Pars abdominalis der
Aorta descendens) setzt die Aorta thoracica
162
3
(Pars thoracica der Aorta descendens) nach – A. gastrica dextra: verläuft im Omentum
Durchtritt durch das Zwerchfell im Hiatus aor- minus entlang der kleinen Magenkurvatur,
ticus i. H. BWK 11/12 fort. Die Aorta abdominalis wo sie mit der ↔ A. gastrica sinistra anas­
liegt links der V. cava inferior, ihr Anfangsteil tomosiert.
dorsal des Pankreas. Sie entlässt drei große un­ – A. cystica: kleiner Ast zur Gallenblase
paare Stämme – den Truncus coeliacus, die A. – A. gastroduodenalis: zieht hinter der Pars
mesenterica superior und inferior – sowie paari­ superior duodeni nach kaudal und entlässt
ge parietale und viszerale Äste, bevor sie sich in folgende Äste:
der Bifurcatio aortae in die Aa. Iliacae commu­ – A. gastroomentalis dextra: verläuft im
nes und die A. sacralis mediana aufzweigt. Lig. gastrocolicum entlang der großen Ma­
genkurvatur, wo sie mit der ↔ A. gastro­
Aneurysma: Lokal begrenzte, krankhafte omentalis sinistra anastomosiert.
Ausweitung eines arteriellen Gefäßes. Ursa­ – Aa. pancreaticoduodenales superiores an­
che sind oft arteriosklerotische Gefäßwand­ terior und posterior: steigen ventral bzw.
veränderungen. Häufig betroffen ist die Aorta dorsal des Pankreaskopfs ab und anasto­
abdominalis. mosieren mit dem R. anterior bzw. dem
R. posterior der A. pancreaticoduodenalis
■ Truncus coeliacus inferior. Sie versorgen Pankreaskopf und
Duodenum.
Der Truncus coeliacus (➜ Abb. 7.6) entspringt
ventral aus der Aorta abdominalis. Der kräftige
Stamm liegt am Oberrand des Pankreas. Er ver­
• Die Aa. gastricae sinistra und dextra
anastomosieren an der kleinen Magen­
sorgt den gesamten Drüsenbauch (Oberbauch).
kurvatur im Omentum minus.
Nach sehr kurzem Verlauf teilt er sich in 3 Äste:
• A. gastrica sinistra: verläuft zunächst nach • Die Aa. gastroomentales sinistra und
dextra anastomosieren an der großen
kranial in der Plica gastropancreatica zur Kar­
Magenkurvatur im Lig. gastrocolicum.
dia des Magens, dann im Omentum minus
entlang der kleinen Magenkurvatur, wo sie
mit der ↔ A. gastrica dextra anastomosiert. ■ A. mesenterica superior
– Rr. oesophagei: kleinere Äste zur Pars ab­
dominalis des Ösophagus Die A. mesenterica superior geht unmittelbar
• A. splenica: zieht retroperitoneal am Ober­ kaudal des Truncus coeliacus ventral aus der
rand des Pankreas nach links. Sie erreicht die Aorta abdominalis hervor. Sie versorgt große
Milz über das Lig. splenorenale, in dem sie Abschnitte des Darmbauchs (Unterbauch) bis
sich in mehrere Rr. splenici aufzweigt. Auf fast zur linken Kolonflexur.
dem Weg entlässt sie folgende Äste: In ihrem Verlauf liegt sie zunächst dorsal des
– Rr. pancreatici: Äste zum Pankreaskörper Corpus pancreatis, dann ventral des Proc. unci­
und -schwanz, u. a. A. pancreatica dorsalis, natus des Pankreas. Nach Eintritt in die Radix
A. pancreatica magna, A. pancreatica inferior mesenterii (Mesenterium) überkreuzt sie die
– Aa. gastrici breves: im Lig. gastrospleni­ Pars horizontalis oder die Pars ascendens duo­
cum zum Magenfundus deni, bevor sie folgende Äste abgibt:
– A. gastroomentalis sinistra: zieht im • A. pancreaticoduodenalis inferior: teilt sich
Lig. gastrocolicum entlang der großen Ma­ in einen R. anterior und einen R. posterior,
genkurvatur, wo sie mit der ↔ A. gastro­ die ventral bzw. dorsal des Pankreaskopfs mit
omentalis dextra anastomosiert. den Aa. pancreaticoduodenales superiores
• A. hepatica communis: verläuft nach rechts anastomosieren.
kaudal am Oberrand des Pankreas in der Pli­ • Aa. jejunales und ileales: bilden mehrere
ca gastropancreatica. Gefäßarkaden (Anastomosenkreisläufe) aus.
– A. hepatica propria: zieht im Lig. hepa­ Die von den Endarkaden ausgehenden Vasa
toduodenale zur Leberpforte, wo sie sich in recta sind jedoch Endarterien und versorgen
einen R. dexter und einen R. sinister für jeweils ein Dünndarmsegment.
die beiden funktionellen Leberlappen auf­
teilt. Ihre Äste sind:
163
7  Bauch- und Beckeneingeweide

Truncus
A. gastrica sinistra
coeliacus
Aa. gastricae breves
A. cystica

A. hepatica propria

A. hepatica communis

A. pancreaticoduodenalis
superior posterior
A. splenica
A. gastrica dextra

A. gastroduodenalis A. gastroomentalis sinistra

A. pancreaticoduodenalis A. gastroomentalis dextra


superior anterior

Abb. 7.6  Truncus coeliacus [R255]

• A. ileocolica: entlässt den R. ilealis zum ter­ ■ A. mesenterica inferior


minalen Ileum, den R. colicus zum proxima­
Die A. mesenterica inferior entspringt i. H.
len Colon ascendens, die A. caecalis anterior
LWK 3/4 ventral aus der Aorta abdominalis. Sie
und posterior zur Vorder- und Rückseite des
entlässt folgende Äste:
Zökums sowie die A. appendicularis zum Ap­
pendix vermiformis
• A. colica sinistra: zum Colon descendens.
Anastomosiert mit Ästen der ↔ A. colica me­
• A. colica dextra: zum Colon ascendens dia (Riolan- und Drummond-Anastomosen)
• A. colica media: zieht im Mesocolon trans­ • Aa. sigmoideae: gelangen im Mesocolon sig­
versum zum Colon transversum und anasto­
moideum zum Colon sigmoideum
mosiert distal mit Ästen der ↔ A. colica sinis­
tra (Riolan- und Drummond-Anastomosen),
• A. rectalis superior: zum oberen Drittel des
Rektums. Anastomosiert mit der ↔ A. rectalis
proximal mit Ästen der ↔ A. colica dextra.
media (aus der A. iliaca interna) und mit der
↔ A. rectalis inferior (aus der A. pudenda in­
Über die Riolan-Anastomose sind die terna). Speist das Corpus cavernosum recti.
Aa. mesentericae superior und inferior mit­
einander verbunden. ■ Paarige laterale Äste
Die Aorta abdominalis gibt folgende paarigen
Mesenterialinfarkt: Akuter Verschluss meist Äste ab:
der A. mesenterica superior durch einen Em­ • A. phrenica inferior: zur Unterseite des
bolus. Dies ist ein lebensbedrohlicher Notfall, Zwerchfells
da es bereits nach 6 Stunden zum Absterben – A. suprarenalis superior: zu den Nebennie­
der Darmwand und nach 12 Stunden zur dif­ ren
fusen Bauchfellentzündung mit Schock • A. suprarenalis media: zu den Nebennieren.
kommt. • A. renalis: Abgang i. H. LWK 1/2. Die rechte
A. renalis unterkreuzt die V. cava inferior.
– A. suprarenalis inferior: zu den Nebennie­
ren

164
3
• Aa. lumbales: auf jeder Seite 4 Aa. lumbales, • A. circumflexa iliaca profunda: entlang von
deren Äste den Ästen der Aa. intercostales Leistenband und Darmbeinkamm zur Bauch­
entsprechen. Sie versorgen Wirbelkanal und wand.
Rücken einschließlich der Rückenmuskeln
und -haut. Ist diese Anastomose zwischen A. obturato­
• A. testicularis ♂ bzw. ovarica ♀: zieht auf ria und A. epigastrica inferior stark ausge­
dem M. psoas nach kaudal und überkreuzt prägt, nennt man sie auch „Corona mortis“.
den Ureter. Die A. testicularis verläuft im Sa­ Der Name stammt aus Zeiten, in denen es
menstrang zu Hoden und Nebenhoden, die häufig zur Verletzung dieser Anastomose bei
A. ovarica im Lig. suspensorium ovarii zum Operationen von Schenkelhernien kam. Da
Ovar. dies eine lebensgefährliche Blutung bedeu­
tet, war damals die Mortalitätsrate entspre­
■ Bifurcatio aortae und Aa. iliacae chend hoch.
communes
Die Aorta abdominalis zweigt sich i. H. LWK 4
in der Bifurcatio aortae (Aortenbifurkation) in
■ A. iliaca interna
die A. iliaca communis dextra und sinistra auf. Die A. iliaca interna (➜ Abb. 7.7) zweigt sich im
Die Aa. iliacae communes teilen sich nach kur­ Regelfall in einen vorderen und einen hinteren
zem Verlauf ohne Abgabe von Ästen jeweils in Stamm auf. Der vordere Stamm gibt zwei parie­
eine A. iliaca externa und eine A. iliaca interna. tale und sechs viszerale Äste ab, der hintere
Die A. iliaca communis dextra verläuft ventral Stamm drei parietale Äste.
der Vv. iliacae communes. Parietale Äste
• A. iliolumbalis: teilt sich in drei kleinere Äs­
Leriche-Syndrom: Hochgradige arterioskle­ te, die zu M. iliacus, M. psoas und Rücken­
rotische Verengung oder Verschluss der Aor­ mark verlaufen.
tenbifurkation. Aufgrund der oft langsamen • Aa. sacrales laterales: zur dorsalen Becken­
Entstehung können sich Kollateralkreisläufe wand
insbesondere zwischen A. mesenterica inferi­ • A. glutea superior: verläuft durch das Fora­
or und A. iliaca interna über die Aa. rectales men suprapiriforme zur Glutealmuskulatur
ausbilden. • A. obturatoria: verlässt das Becken gemein­
sam mit dem N. obturatorius durch den Ca­
■ A. iliaca externa nalis obturatorius. 4 Äste zweigen ab:
– R. pubicus: anastomosiert mit dem
Die A. iliaca externa unterkreuzt in ihrem An­ ↔ R. pubicus der A. epigastrica inferior
fangsabschnitt den Ureter und ruft so die mitt­ (Corona mortis)
lere Ureterenge hervor. Bevor sie mit Durchtritt – R. anterior: zu den Adduktoren
durch die Lacuna vasorum unterhalb des Leis­ – R. posterior: zur Glutealmuskulatur
tenbands zur A. femoralis wird, entlässt sie – R. acetabularis: im Lig. capitis femoris zum
2 Äste: Caput femoris
• A. epigastrica inferior: verläuft nach Durch­ • A. glutea inferior: gelangt durch das Fora­
tritt durch die Rektusscheide dorsal des men infrapiriforme zum M. gluteus maxi­
M. rectus abdominis in der Plica umbilicalis mus.
lateralis aufwärts und anastomosiert mit der
↔ A. epigastrica superior. Abzweigungen Viszerale Äste
sind: • A. umbilicalis: Ihr längerer distaler Ab­
– R. pubicus: zur Symphyse; anastomosiert schnitt (Pars occlusa) obliteriert nach der
mit dem ↔ R. pubicus der A. obturatoria. Geburt zum Lig. umbilicale mediale, das die
– A. cremasterica ♂ bzw. A. ligamenti teretis Plica umbilicalis medialis aufwirft. Ihr offe­
uteri ♀: zum Samenstrang über den Leis­ ner Anfangsabschnitt (Pars patens) hat
tenkanal bzw. zum Lig. teres uteri. 2 Äste:

165
7  Bauch- und Beckeneingeweide

Bifurcatio aortae

A. iliaca communis
R. iliacus

R. spinalis
A. iliolumbalis
R. lumbalis A. iliaca interna
Aa. sacrales laterales
A. glutea superior

A. umbilicalis
Rr. spinales
A. glutea inferior

A.rectalis media
A. ductus deferentis
A. obturatoria A. vaginalis
A. uterina
A. vesicalis inferior
A. vesicalis superior

R. pubicus

Abb. 7.7  A. iliaca interna und ihre parietalen Äste [R255]

– A. ductus deferentis ♂: zum Ductus defe­ • A. pudenda interna: zieht durch das Foramen
rens infrapiriforme, dann um die Spina ischia­dica
– A. vesicalis superior: zum Harnblasenapex herum und durch das Foramen ischia­dicum
• A. vesicalis inferior: zum Harnblasengrund. minus in die Fossa ischioanalis. Dort gelangt
Entlässt Rr. prostatici ♂ zur Prostata bzw. die sie durch den Canalis pudendalis (Alcock-­
A. vaginalis ♀ zur Vagina Kanal) zum Beckenboden.
• A. uterina ♀: überkreuzt den Ureter. Gelangt – A. rectalis inferior: zum After. Anastomose
in der Basis des Lig. latum uteri zur Cervix mit der ↔ A. rectalis media
uteri, wo sie sich in Rr. vaginales nach kaudal – A. perinealis: zum Damm. Rr. scrotales ♂
zur Vagina und Rr. helicini aufteilt. Letztere bzw. labiales ♀ posteriores zum Skrotum
verlaufen geschlängelt entlang der Seitenflä­ bzw. zu den großen Schamlippen
che des Uterus nach kranial zum Tubenwin­ – A. bulbi penis ♂ bzw. vestibuli ♀: zum
kel. Endäste: R. ovaricus im Lig. ovarii prop­ Bulbus penis bzw. vestibuli
rium zum Ovar, wo er mit der ↔ A. ovarica – A. urethralis: zur Harnröhre
anastomosiert, und R. tubarius in der Meso­ – A. profunda penis ♂ bzw. clitoridis ♀: zu
salpinx zur Tuba uterina. den Corpora cavernosa
• A. rectalis media: erreicht die Ampulla recti – A. dorsalis penis ♂ bzw. clitoridis ♀: zur
oberhalb des M. levator ani. Anastomosiert Rückseite des Penis bzw. zum Praeputium
mit den ↔ Aa. rectales superior und inferior. clitoridis.

166
3
■ CHECK-UP
Welche Arterien anastomosieren an der kleinen bzw. großen Magenkurvatur?
Welche Arterie entspringt aus der A. hepatica communis nach kaudal?
Durch welche anastomosierenden Arterien werden Pankreaskopf und Duodenum versorgt?
Was ist die „Corona mortis“?
Nennen Sie die viszeralen und die parietalen Äste der A. iliaca interna!

Venen
Die V. portae hepatis drainiert das Blut aller un­ • Vv. lumbales: 4 Venen auf jeder Seite, die
paaren Bauchorgane (mit Ausnahme der Leber) über die ↔ Vv. lumbales ascendentes unterei­
sowie des oberen Abschnitts des Rektums. Die nander und mit den ↔ Vv. azygos und he­
Leber, alle paarigen Bauchorgane, der unterste miazygos verbunden sind.
Abschnitt des Rektums sowie alle weiteren Be­
ckenorgane drainieren in die Vv. iliacae und die Durch Abflussstörungen im Bereich der Ein­
V. cava inferior. mündung der V. testicularis sinistra in die
V. renalis sinistra kann es zur Vergrößerung
■ V. cava inferior des linken Plexus pampiniformis (Varikoze-
le) kommen.
I. H. LWK 4/5 fließen die beiden Vv. iliacae com­
munes zur V. cava inferior zusammen. Die
V. cava inferior verläuft retroperitoneal rechts ■ Vv. iliacae communis, externa und
der Aorta abdominalis nach kranial. Sie tritt im interna
Foramen venae cavae durch das Centrum tendi­
Die V. iliaca communis entsteht vor dem Iliosa­
neum des Zwerchfells hindurch und mündet an­
kralgelenk aus der Vereinigung der Vv. iliacae
schließend nach sehr kurzem intraperikardialen
externa und interna. Die Zuflüsse der Vv. iliacae
Verlauf (< 1 cm) in den rechten Vorhof. Sie hat
verlaufen meist gemeinsam mit den entspre­
folgende Zuflüsse:
chenden Arterien. Um die Beckenorgane herum
• Vv. phrenicae inferiores dextra und sini­ befinden sich miteinander in Verbindung ste­
stra: an der Zwerchfell-Unterseite
hende Venengeflechte, die das venöse Blut in die
• Vv. hepaticae: 3 Venen von der Leber viszeralen Venen weiterleiten:
• V. suprarenalis dextra: von der rechten Ne­ • Plexus venosus rectalis
benniere
• Plexus venosus vesicalis
• V. renalis sinistra: von der linken Niere. • Plexus venosi uterinus und vaginalis ♀
Verläuft ventral der Aorta und dorsal der
bzw. Plexus venosus prostaticus ♂.
A. mesenterica superior. Im Unterschied zur
rechten V. renalis erhält sie Blut über:
– V. testicularis sinistra ♂ bzw. ovarica sini­ Der Plexus venosus prostaticus steht mit dem
stra ♀: Von Hoden und Nebenhoden über Plexus venosus vertebralis in Verbindung. So
den Samenstrang bzw. vom Ovar über das können bei einem Prostatakarzinom Metasta­
Lig. suspensorium ovarii. Beide überkreu­ sen in die Wirbelsäule gelangen, was sich durch
zen den Ureter. Rückenschmerzen bemerkbar machen kann.
– V. suprarenalis sinistra: von der linken Ne­
benniere ■ V. portae hepatis
• V. renalis dextra: verläuft ventral der A. re­
nalis dextra Die V. portae hepatis (Pfortader, V. portae) führt
• V. testicularis dextra ♂ bzw. ovarica dext- das Blut aller unpaaren Bauchorgane (mit Aus­
ra ♀: münden im Unterschied zur linken Sei­
nahme der Leber) sowie des oberen Rektumab­
te direkt in die V. cava inferior schnitts zur Leber. Über die V. portae erhält die

167
7  Bauch- und Beckeneingeweide

Leber insbesondere das nährstoffreiche Blut aus ■ Anastomosen


dem Magen-Darm-Trakt zur Verstoffwechselung.
Kavokavale Anastomosen
Die V. portae entsteht durch den Zusammen­
fluss der V. splenica, der V. mesenterica superi­ Kavokavale Anastomosen verbinden die V. cava
or und inferior. Dabei nimmt meist die V. sple­ inferior und die V. cava superior miteinander:
nica die V. mesenterica inferior auf, bevor Vor dem M. rectus abdominis.  V. cava inferi­
V. splenica und V. mesenterica superior hinter or ↔ V. iliaca communis ↔ V. iliaca externa ↔
dem Pankreaskopf zur V. portae zusammenflie­ V. femoralis ↔ V. epigastrica superficialis ↔
ßen: Vv. thoracoepigastricae ↔ V. axillaris ↔ V. sub­
• V. splenica (V. lienalis): drainiert Milz, Ma­ clavia ↔ V. brachiocephalica ↔ V. cava superior
genfundus und Teile des Pankreas. Vom
Milzhilum schlängelt sie sich am Oberrand Hinter dem M. rectus abdominis.  V. cava in­
des Pankreas nach rechts. ferior ↔ V. iliaca communis ↔ V. iliaca externa
– Zuflüsse: Vv. gastricae breves vom Magen­ ↔ V. epigastrica inferior ↔ V. epigastrica su-
fundus, V. gastroomentalis sinistra von der perior ↔ V. thoracica interna ↔ V. subclavia ↔
großen Magenkurvatur, Vv. pancreaticae V. brachiocephalica ↔ V. cava superior
vom Pankreas.
Über das Lumbalvenensystem.  V. cava infe­
• V. mesenterica superior: verläuft gemein­ rior ↔ Vv. lumbales/V. iliaca communis ↔
sam mit der A. mesenterica superior in der
V. lumbalis ascendens ↔ V. azygos/hemiazy-
Radix mesenterii über die Pars horizontals
gos ↔ V. cava superior
duodeni, dann hinter den Pankreaskopf
– Zuflüsse: V. gastroomentalis dextra von Über die Venengeflechte im Wirbelka-
der großen Magenkurvatur, Vv. pancreati­ nal.  V. cava inferior ↔ Vv. lumbales/V. iliaca
coduodenales von Pankreaskopf und Duo­ communis ↔ V. lumbalis ascendens ↔ Vv. lum-
denum, V. colica media vom Colon trans­ bales ↔ Plexus venosi vertebrales ↔ Vv. inter-
versum, V. colica dextra vom Colon ascen­ costales posteriores ↔ V. azygos/hemiazygos
dens, Vv. jejunales und ileales von Jejunum ↔ V. cava superior.
und Ileum, V. ileocolica mit Zuflüssen ent­
sprechend der Arterie (z. B. V. appendicu­ Wenn sich eine der Hohlvenen verschließt
laris von der Appendix vermiformis) (obere oder untere Einflussstauung), können
• V. mesenterica inferior: mündet meist in die kavokavale Anastomosen den Blutrückfluss
V. splenica zum rechten Vorhof weiter gewährleisten.
– Zuflüsse: V. colica sinistra vom Colon de­ Dies führt zu einer Erweiterung der an den
scendens, Vv. sigmoideae vom Colon sig­ Anastomosen beteiligten Venen, was insbe­
moideum, V. rectalis superior vom Rektum sondere an der vorderen Rumpfwand auch
(Portokavale Anastomosen) von außen sichtbar werden kann.
• V. portae hepatis: zieht hinter der Pars supe­
rior duodeni, dann im Lig. hepatoduodenale Portokavale Anastomosen
zusammen mit der A. hepatica propria und Portokavale Anastomosen sind Verbindungen
dem Ductus choledochus zur Leberpforte. zwischen der V. portae hepatis und den Vv. cavae:
Neben den indirekte Zuflüssen über die
Vv. splenica, mesenterica superior und mes­ Über Ösophagusvenen.  V. portae ↔ Vv. gast­
enterica inferior hat die V. portae hepatis ricae ↔ Vv. oesophageales ↔ V. azygos/hemia­
auch direkte Zuflüsse. zygos ↔ V. cava superior
– Direkte Zuflüsse: V. cystica von der Gallen­
blase, Vv. paraumbilicales von der vorderen Über Venen der ventralen ­Rumpfwand. 
Bauchwand (anastomosieren mit den V. portae ↔ V. umbilicalis (offener Anteil) ↔
↔ Vv. epigastricae), Vv. gastricae sinistra Vv. paraumbilicales ↔ ab hier sind nun 4 wei­
und dextra von der kleinen Magenkurvatur tere Verläufe (a–d) zu den ↔ Vv. cavae möglich:
und dem abdominellen Ösophagusabschnitt a. V. epigastrica superior
(anastomosieren mit den ↔ Vv. oesophage­ b. V. epigastrica inferior
ales). Die Anastomosen sind Bestandteil c. Vv. thoracoepigastricae
portokavaler Anastomosen. d. V. epigastrica superficialis

168
3
Zu den Verbindungen zwischen den unter a–d Bei einem erhöhten Strömungswiderstand in
genannten Venen der vorderen Rumpfwand und der Leber (portale Hypertension), z. B. in
den Vv. cavae siehe oben, ➜ Kavokavale Anas­ Folge einer Leberzirrhose, erweitern sich die
tomosen. an den portokavalen Umgehungskreisläufen
Über den rektalen Venenplexus.  V. portae ↔ beteiligten Venen. Dies kann zu einem typi­
V. mesenterica inferior ↔ V. rectalis superior ↔ schen klinischen Bild führen mit:
Plexus venosus rectalis ↔ Vv. rectales media/ • Ösophagusvarizen: erweiterte Ösopha­
inferior ↔ V. iliaca interna ↔ V. cava inferior gusvenen, die die Gefahr einer Ruptur und
einer lebensbedrohlichen Blutung mit sich
Über Venen der hinteren Rumpfwand.  bringen.
V. portae ↔ V. mesenterica superior und inferi­ • Caput medusae: erweiterte oberflächliche
or ↔ Vv. colicae ↔ Vv. lumbales ascendentes ↔ Bauchwandvenen
V. cava inferior oder ↔ V. azygos/hemiazygos ↔ • Hämorrhoiden: erweiterte Rektalvenen
V. cava superior. • Aszites: Flüssigkeitsaustritt in die Bauch­
höhle.

■ CHECK-UP
Drainiert das Blut aus den Ovarien zunächst in die Leber oder in die Lunge?
Worin unterscheidet sich der Blutabfluss aus dem rechten und linken Plexus pampiniformis?
Wie und wo entsteht die V. portae hepatis?
Benennen Sie vier portokavale Anastomosen!
Welches klinische Bild kann als Folge portaler Hypertension entstehen?

Lymphknoten und Lymphgefäße


Im Bauch- und Beckenraum folgen die Lymph­ • Nll. iliaci communes: sammeln die Lymphe
gefäße überwiegend den Arterien. aus den Nll. iliaci externi und den Nll. iliaci
interni.
■ Lymphabfluss und Lymphknoten Alle Nll. iliaci erhalten Lymphe der Harnblase,
der Pars pelvica des Ureters sowie der inneren
Nll. inguinales (Leistenlymphknoten) Genitale mit Ausnahme von Hoden, Nebenho­
Alle Nll. inguinales sind regionäre Lymphknoten den und Ovar.
für Urethra und äußere Genitale (Penis, Skro­
tum ♂ bzw. Mons pubis, Labia majora und mi­ Nll. lumbales
nora pudendi, Klitoris ♂). Nll. lumbales sind die letzte Sammelstation für
Man unterscheidet die: die Lymphe der unteren Extremität, des gesam­
• Nll. inguinales superficiales: sind zudem ten Urogenitalsystems und der Bauch- und Be­
regionäre Lymphknoten für die unteren Ab­ ckenwand. Gleichzeitig sind sie regionäre
schnitte von Vagina und Rektum sowie über Lymphknoten für Hoden, Nebenhoden und
das Lig. teres uteri auch für den Fundus uteri Ovar sowie für Niere, Nebenniere und die Pars
und die Tube. abdominalis des Ureters. Nll. lumbales werden
• Nll. inguinales profundi: sammeln die Lym­ in 3 größere Gruppen unterteilt:
phe der Nll. inguinales superficiales und der • Nll. lumbales sinistri (paraaortale Lymph­
unteren Extremität. knoten): um die Aorta abdominalis
• Nll. lumbales dextri (parkavale Lymphkno­
Nll. iliaci (Beckenlymphknoten) ten): um die V. cava inferior
Die Nll. iliaci werden in 3 Gruppen gegliedert: • Nll. lumbales intermedii (interaortokavale
Nll. iliaci communes, externi und interni: Lymphknoten): zwischen Aorta abdominalis
• Nll. ilaci externi: sammeln die Lymphe aus und V. cava inferior.
den Nll. inguinales profundi.

169
7  Bauch- und Beckeneingeweide

Intestinale Sammellymphknoten ■ Lymphstämme


Die Lymphe aus dem Verdauungstrakt und der
Milz wird von 3 großen Lymphknotengruppen Die Lymphe fließt von den großen Sammel­
gesammelt: lymphknoten weiter in 3 Lymphstämme:
• Nll. coeliaci: unteres Ösophagusdrittel, Ma­ • Truncus lumbalis dexter: erhält Lymphe
gen, Omentum majus, Partes superior und überwiegend von den Nll. lumbales dextri
descendens duodeni, Pankreas, Milz, Leber, • Truncus lumbalis sinister: erhält Lymphe
Gallenblase vor allem von den Nll. lumbales sinistri sowie
• Nll. mesenterici superiores: Darmabschnit­ den Nll. mesenterici inferiores
te von der Pars horizontalis duodeni bis zum • Truncus intestinalis: sammelt die Lymphe
Colon transversum der Nll. coeliaci und der Nll. mesenterici su­
• Nll. mesenterici inferiores: Darmabschnitte periores.
vom Colon descendens bis zur oberen Rek­ Diese Lymphstämme vereinigen sich in Höhe
tum­etage. des Hiatus aorticus in der Cisterna chyli. Von
dort fließt die Lymphe über den Ductus thoraci­
cus in den linken Venenwinkel.
Äußere Genitale und Tubenwinkel (über das
Lig. teres uteri) drainieren in die Nll. ingui­
nales. Hoden und Ovar drainieren direkt in
die Nll. lumbales.

■ CHECK-UP
Nennen Sie die regionären Lymphknoten von Penis, Skrotum, Hoden, Ovar und Fundus uteri!
Benennen Sie die Lymphstämme im Bauch- und Beckenraum und listen Sie die Organe auf,
die von den einzelnen Lymphstämmen drainiert werden!

Peritoneum
Hinsichtlich des Peritoneums lässt sich die • Omentum minus: besteht aus dem Lig. hepa­
Bauch- und Beckenhöhle in die Peritonealhöhle togastricum und dem Lig. hepatoduodenale
und in den Extraperitonealraum unterteilen. • Lig. hepatogastricum: zieht vom Lig. veno­
• Die Peritonealhöhle (Cavitas peritonealis) wird sum der Leber zur kleinen Magenkurvatur
vom Peritoneum parietale ausgekleidet und un­ • Lig. hepatoduodenale: verläuft von der Le­
tergliedert sich in die Cavitas peritonealis abdo­ berpforte, die zwischen Lobus caudatus und
minis und die Cavitas peritonealis pelvis. Lobus quadratus liegt, zur Pars superior des
• Der Extraperitonealraum (Spatium: extrape­ Duodenums. Begrenzt das Foramen omentale
ritoneale) liegt zwischen Peritoneum parieta­ ventral und enthält von ventral nach dorsal den
le und den Wandungen der Bauch- und Be­ Ductus choledochus, die A. hepatica pro­pria
ckenhöhle und besteht aus einem: und die V. portae. Führt außerdem Lymphge­
– Retroperitonealen Anteil (Spatium retro­ fäße, Lymphknoten und Nervenfasern
peritoneale, Retroperitonealraum) • Lig. falciforme hepatis und Lig. teres hepa-
– Subperitonealen Anteil (Spatium extraperi­ tis: zieht von der vorderen Bauchwand zur
toneale pelvis) Leber. Am freien Unterrand des Lig. falcifor­
– Präperitonealen Anteil. me hepatis verläuft das Lig. teres hepatis, wel­
ches die obliterierte V. umbilicalis darstellt.
■ Peritonealstrukturen
• Omentum majus: ist mit der großen Magen­ ■ Peritonealtaschen
kurvatur und dem Colon transversum ver­ Das Peritoneum bildet Recessus, Ausstülpungen
wachsen der Peritonealhöhle, von denen einige klinisch ei­
170
3
ne große Rolle spielen. Tiefster Punkt der Perito­ • Vestibulum mit Recessus superior
nealhöhle im Stehen ist die Excavatio rectouterina • Hauptraum mit Recessus inferior und bis
(Douglas-Raum) zwischen Uterus und Rektum zum Milzhilum reichendem Recessus spleni­
bei der Frau bzw. die Excavatio rectovesicalis zwi­ cus.
schen Harnblase und Rektum beim Mann. Die Grenze zwischen den beiden Anteilen ist die
Zwischen Harnblase und Uterus bei der Frau be­ Plica gastropancreatica, unter der die A. hepati­
findet sich die Excavatio vesicouterina. ca communis und die A. gastrica sinistra verlau­
Im Liegen bilden der Recessus hepatorenalis fen. Von besonderer Bedeutung sind die Be-
(Morrison-Tasche) zwischen Leber und rechter grenzungen der Bursa omentalis:
Niere sowie der Recessus splenorenalis (Koller- • Ventral: Magenhinterwand, beide Abschnitte
Tasche) zwischen Milz und linker Niere die des Omentum minus (d. h. Ligg. hepatoga­
tiefstgelegenen Punkte der Peritonealhöhle. stri­cum und hepatoduodenale)
Bursa omentalis.  Größter Recessus. Liegt dor­
• Dorsal: Pankreas, Aorta, linke Nebenniere,
oberer Pol der linken Niere
sal von Magen und Omentum minus. Einziger na­
türlicher Zugang ist das Foramen omentale (Fora­
• Kranial: Leber mit Lobus caudatus
men epiploicum), das ventral durch das Lig. he­
• Kaudal: Mesocolon transversum und
Lig. gastrocolicum
patoduodenale, dorsal durch die V. cava inferior,
kranial durch den Lobus caudatus hepatis und
• Links: Milz mit den Ligg. gastrosplenicum
und gastrophrenicum
kaudal durch die Pars superior duodeni begrenzt
wird. Die Bursa omentalis gliedert sich in:
• Rechts: Leber, Bulbus duodeni.

■ CHECK-UP
Aus welchen Bändern setzt sich das Omentum minus zusammen? Wie verlaufen diese genau
und welche Strukturen enthalten sie?
Wie verläuft das Lig. teres hepatis und wie entsteht es?
Nennen Sie die Begrenzungen der Bursa omentalis!

Angewandte und topografische Anatomie


■ Oberflächenanatomie ■ Organprojektionen und
Tastbarkeit
Die vordere Bauchwand kann topografisch
durch die beiden Medioklavikularlinien, die Leber.  Der Unterrand des rechten Leberlap­
Subkostalebene und die Intertuberkularebene in pens folgt dem rechten Rippenbogen. Der rechte
neun Regionen eingeteilt werden, von kranial Leberlappen kann in der Regio hypochondriaca
nach kaudal: mittig die Regiones epigastrica, dextra blind oder gezielt unter Ultraschall- oder
umbilicalis und pubica; rechts und links die Re­ Computertomografie-Kontrolle punktiert wer­
giones hypochondriaca, lateralis und inguinalis. den. Der linke Leberlappen ist oft in der Regio
Klinisch unterteilt man das Abdomen in 4 Qua­ epigastrica zu tasten und reicht bis in die Regio
dranten mit dem Bauchnabel als Mittelpunkt. hypochondriaca sinistra.
Tastbare knöcherne Landmarken sind der Rip­
penbogen, die Spina iliaca anterior superior und Gallenblase.  Der Fundus der Gallenblase pro­
das Tuberculum pubicum. Das Lig. inguinale jiziert sich auf den Schnittpunkt von rechter Me­
zieht von der Spina iliaca anterior superior zum dioklavikularlinie und rechtem Rippenbogen.
Tuberculum pubicum und bildet den Boden des Magen.  Er projiziert sich auf Abschnitte der
Leistenkanals. Direkt oberhalb lateral des Tuber­ Regio epigastrica und der Regio hypochondriaca
culum pubicum befindet sich der Anulus ingui­ sinistra.
nalis superficialis als äußere Öffnung des Leis­
tenkanals. Milz.  Sie projiziert sich links auf die Rippen
9–11 und ist physiologisch nicht tastbar.
171
7  Bauch- und Beckeneingeweide

T1
T2
T3 Diaphragma (C4)
T4
T5 Ösophagus
(T4,T5)

Cor (T3,T4)

T6
T7

T8
Gaster (T8)

Hepar; Vesica biliaris


T10 (T8–T11)

T11 Intestinum tenue


(T10)
T12
Intestinum crassum
L1 (T11)

Ren; Testis
(T10–L1)

Vesica urinaria
(T11–L1)

Abb. 7.8  Head-Zonen [S007-1-23]

Harnblase.  Die leere Harnblase liegt hinter gliedert. Die Grenze zwischen beiden Abschnit­
der Symphysis pubis. Bei mäßiger bis starker ten ist das Mesocolon transversum.
Füllung projiziert sich die Harnblase auf die Re­ Der Oberbauch (Drüsenbauch) enthält Leber,
gio pubica und kann dort zu diagnostischen Gallenblase, Milz, Pankreas, Magen und Duode­
Zwecken oder zur Einlage eines Blasenkatheters num. Im Unterbauch (Darmbauch) liegen
punktiert werden. Dünn- und Dickdarm. Zur Schnittbildanatomie
siehe ➜ Abbildung 7.9.
■ Head-Zonen
Erkrankungen der inneren Organe können zu ■ Beckenhöhle
Schmerzen in bestimmten Hautarealen, den Head- Die Beckenhöhle (Cavitas pelvis) gliedert sich
Zonen, führen (➜ Abb. 7.8). Diesen übertragenen in 3 Etagen:
Schmerzen liegen Verschaltungen zwischen Visze­ • Cavitas peritonealis pelvis: Beckenteil der
roafferenzen der Organe und Schmerzafferenzen Peritonealhöhle, unten begrenzt durch das
im selben Rückenmarksegment zugrunde. Peritoneum parietale
• Spatium extraperitoneale pelvis: Subperi­
■ Bauchhöhle tonealraum, unten begrenzt durch den mus­
kulären Beckenboden
Die Bauchhöhle (Cavitas abdominis) wird to­ • Dammregion.
pografisch in Oberbauch und Unterbauch ge­
172
3
Hepar, Lobus sinister M. rectus abdominis
Gaster
Colon transversum
Lig. falciforme
Lig. teres hepatis Jejunum

Pancreas
Hepar, Lobus caudatus
Colon descendens
Hepar, Lobus dexter
V. portae hepatis Aorta
V. cava inferior
Vertebra lumbalis,
Pars lumbalis diaphragmatis Corpus vertebrae
Costa X Splen [Lien]
M. latissimus dorsi Ren sinister
Costa XI
Ren dexter M. erector spinae

Costa XII

Abb. 7.9  Computertomografischer Querschnitt des Abdomens i. H. LWK 1 [S007-2-23]

■ Dammregion Penisschenkel beim Mann bzw. Bulbus vestibuli


und Klitoris bei der Frau.
Die Dammregion (Regio perinealis) ist ein rau­
tenförmiges Areal zwischen Symphyse, Sitzbein­ Fossa ischioanalis
höckern und Os coccygis. Sie wird in 2 Anteile Die Fossa ischioanalis ist ein durch einen Fett­
gegliedert: körper ausgefüllter pyramidenförmiger Raum
• Regio urogenitalis: vorderer Anteil mit äuße­ seitlich des M. sphincter ani externus.
ren Geschlechtsorganen sowie tiefem und Begrenzungen: 
oberflächlichem Dammraum (Spatium profun­ • Lateral: M. obturatorius internus und Tuber
dum perinei und Spatium superficiale perinei) ischiadicum
• Regio analis: hinterer Anteil um den Anus • Medial und kranial: M. levator ani
mit der Fossa ischioanalis • Kaudal: Diaphragma urogenitale und Fascia
Spatium profundum perinei.  Der tiefe perinei
Dammraum erstreckt sich zwischen M. trans­ • Dorsal: M. gluteus maximus und Lig. sacrotu­
versus perinei profundus und Membrana peri­ berale.
nei. Beim Mann enthält er Urethra und Gll. bul­ Die Fossa ischioanalis liegt somit außerhalb des
bourethrales, bei der Frau Urethra, Gll. vestibu­ Beckenbodens.
lares und Vagina. Canalis pudendalis.  Auch als Alcock-Kanal
Spatium superficiale perinei.  Der oberfläch­ bezeichnet. Er ist eine Faszienduplikatur des
liche Dammraum schließt sich außen an die M. obturatorius internus an der lateralen Wand
Membrana perinei an. Er enthält die Mm. ischio­ der Fossa ischioanalis. In ihm verlaufen A. und
cavernosus und bulbospongiosus und damit die V. pudenda interna sowie der N. pudendus.

■ CHECK-UP
Welche Organe projizieren sich auf die Regio epigastrica?
Wo ist der Anulus inguinalis superficialis tastbar?
Benennen Sie die Begrenzungen und Inhalte der Fossa ischioanalis!

173
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4
8  Kopf und Hals
Entwicklung von Kopf und Hals . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175

Schädel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181

Kopf- und Halsmuskulatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186

Kopf- und Halseingeweide . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193

Hirnnerven . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203

Halsnerven . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213

Vegetative Innervation an Kopf und Hals . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214

Arterien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216

Venen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218

Lymphknoten und Lymphgefäße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218

Angewandte und topografische Anatomie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219

Entwicklung von Kopf und Hals


■ Schädel • Scheitelbein (Os parietale)
Die Schädelknochen entstehen aus Kopfmesen-
• Oberer Teil der Pars squamosa des Hinter-
hauptsbeins (Os occipitale).
chym, das sich von der Prächordalplatte, dem
Zum Chondrocranium rechnet man:
paraaxialen Mesoderm der 4 kranialsten Somi-
ten (postotische Somiten) und hauptsächlich
• Untere Nasenmuschel (Concha nasalis inferi-
or)
von der Neuralleiste ableitet.
Der Großteil des Kopfmesenchyms wandelt sich
• Siebbein (Os ethmoidale): entsteht aus den
Cartilagines trabeculares (Trabeculae cra-
durch desmale Ossifikation direkt in Knochen-
nii)
gewebe um (Desmocranium), der kleinere Teil
entwickelt sich durch chondrale Ossifiaktion
• Keilbein (Os sphenoidale): Die Alae minores
entwickeln sich aus den knorpeligen Alae or-
über die Zwischenstufe eines knorpeligen Vor-
bitales, die Alae majores aus den knorpeli-
läuferskeletts (Chondrocranium).
gen Alae temporales.
Zum Desmocranium zählt man:
• Stirnbein (Os frontale) • Partes mastoidea, petrosa et tympanica des
Os temporale
• Nasenbein (Os nasale) • Unterer Teil der Pars squamosa sowie Pars
• Tränenbein (Os lacrimale) basilaris und Partes laterales des Os occipita-
• Oberkiefer (Maxilla) le: Die Vorläuferstruktur der Pars basilaris
• Gaumenbein (Os palatinum) entsteht aus der Vereinigung des Parachor­
• Pflugscharbein (Vomer) dal­knorpels mit dem paraaxialen Mesoderm
• Unterkiefer (Mandibula) der postotischen Somiten.
• Jochbein (Os zygomaticum) • Zungenbein (Os hyoideum).
• Pars squamosa des Schläfenbeins (Os tempo-
rale)

175
8  Kopf und Hals

Die Schädelknochen sind durch die bindegewe- rior verknöchert als erste der Fontallen in et-
bigen Schädelnähte (Suturen) miteinander ver- wa im 3. Lebensmonat.
bunden. Man unterscheidet: • Keilbeinfontanelle (Fonticulus sphenoida-
• Stirnnaht (Sutura frontalis): zwischen den lis): spannt sich beidseits zwischen Os parie­
beiden Ossa frontalia tale, Os sphenoidale und Os frontale auf. Sie
• Kranznaht (Sutura coronalis): beidseits zwi- verknöchert im 6. Lebensmonat.
schen Os frontale und Os parietale • Warzenfontanelle (Fonticulus mastoideus):
• Pfeilnaht (Sutura sagittalis): zwischen den liegt beidseits zwischen dem Warzenfortsatz
beiden Ossa parietalia (Processus mastoideus) des Os temporale
• Lambdanaht (Sutura lamboidea): beidseits und dem Os occipitale. Sie verknöchert nach
zwischen Os occipitale und Os parietale. etwa 1,5 Lebensjahren.
Die Sutura frontalis verknöchert bereits innerhalb Sowohl Suturen als auch Fontanellen gewähr-
der ersten beiden Lebensjahre, wodurch die beiden leisten die nötige Verschieblichkeit der Schä-
Stirnbeine (Ossa frontalia) zum Stirnbein (Os fron- delknochen während des Geburtsvorgangs, so-
tale) verschmelzen. Die übrigen Suturen verknö- dass sich der kindliche Kopf beim Durchtritt
chern gewöhnlich im 3.–4. Lebensjahrzehnt. durch das mütterliche Becken den knöchernen
Konturen anpassen kann. Gleichzeitig nimmt
Ein vorzeitiger Verschluss der Suturen (Kra- der Schädel aufgrund der Suturen und Fonta-
niosynostose) führt zu typischen Schädelde- nellen den postnatalen Volumenzuwachs des
formitäten: Gehirns (sekundäre Altrizialität) problemlos
• Dreiecksschädel (Trigonocephalus): auf.
durch frühzeitigen Verschluss der Sutura
frontalis. Es entsteht eine kielförmige ■ Schlundbögen
Stirn.
• Turmschädel (Turricephalus): bei verfrüh- In der 4. EW formt das Mesoderm des kranialen
ter Verknöcherung der Sutura coronalis. Endes des Vorderdarms (Schlunddarm) trans-
Es bildet sich ein extrem hoher Schädel, versal verlaufende Wülste, die Schlundbögen
der zu Stirn und Hinterhaupt steil abfällt. (Pharyngealbögen, Brachialbögen). Sie beste-
• Kahnschädel (Scaphocephalus): durch ab- hen aus einem/r (➜ Tab. 8.1):
norm schnelle Verknöcherung der Sutura • Knorpelteil
sagittalis. Es formt sich ein langer, schma- • Mesenchymteil
ler Schädel mit hoher Stirn und hervorste- • Muskulaturteil
hendem Hinterkopf. • Schlundbogennerv
• Schlundbogenarterie.
Ausführliche Erläuterungen zu den Schlundbo-
An bestimmten Stellen bilden die Suturen breite genarterien finden sich in ➜ Kapitel 6.
Bindegewebsplatten, Fontanellen:
• Stirnfontanelle (Fonticulus anterior, „große
Fontanelle“): liegt zwischen den Ossa fronta- ■ Schlundtaschen
lia und Ossa parietalia. Hier kreuzen Suturae Als Schlundtaschen bezeichnet man die Rinnen
frontalis, coronalis et sagittalis. Der vierecki- auf der Innenseite des Schlunddarms, die zwi-
ge Fonticulus anterior bietet die Möglichkeit schen den Schlundbögen liegen (➜ Tab. 8.2). Sie
der diagnostischen Blut- oder Liquorentnah- sind mit Entoderm bedeckt.
me, z. B. zum Ausschluss einer Gehirnhaut-
entzündung, sowie der Ultraschalluntersu-
chung des Gehirns. Die große Fontanelle ver- Aus dem Ultimobrachialkörper gehen die C-
knöchert um das 3. Lebensjahr. Zellen der Schilddrüse hervor. Sie sind ein
• Hinterhauptfontanelle (Fonticulus posteri- Teil des diffusen neuroendokrinen Systems
or, „kleine Fontanelle“): wird von den Ossa (DNES, ➜ Kap. 7) und produzieren das Hor-
parietalia und dem Os occipitale begrenzt. mon Kalzitonin. Kalzitonin senkt durch
Hier laufen die Suturae sagittalis et lamboi- Hemmung der Osteoklasten den Kalziumspie-
dea zusammen. Sie dient bei der Geburt als gel und bildet somit den Gegenspieler zum
Orientierungspunkt für die Lage des kindli- Parathormon aus den Nebenschilddrüsen.
chen Kopfs. Der dreieckige Fonticulus poste-
176
4
Tab. 8.1  Schlundbögen und ihre Abkömmlinge
Knorpelteil Mesenchymteil Muskulaturteil Nerven
1. Schlund­ Meckel-Knorpel • Maxilla • Kaumuskulatur N. mandibularis
bogen • Malleus • Mandibula • M. digastricus, (V3)
= Mandibular- • Incus • Os zygomaticum Venter anterior
bogen • Lig. mallei anterius • Pars squamosa • M. mylohyoide-
• Lig. sphenomandi- des Os tempora- us
bulare le • M. tensor veli
• Medialer Zun- palatini
genwulst • M. tensor tym-
• Laterale Zungen- pani
wülste
2. Schlund­ Reichert-Knorpel Copula • Mimische Mus- N. facialis (VII)
bogen • Stapes kulatur mit Chorda tym-
(= Hyoidbo- • Proc. styloideus • M. digastricus, pani
gen) des Os temporale Venter posterior
• Cornu minus des • M. stylohyoide-
Zungenbeins us
• Corpus des Zun- • M. stapedius
genbeins (oberer
Teil)
• Lig. stylohyoideum

3. Schlund­ • Cornu majus des Hypobrachialer • M. constrictor N. glossopha-


bogen Zungenbeins Wulst pharyngis supe- ryngeus (IX) mit
• Corpus des Zun- rior et medius N. tympanicus
genbeins (unterer (teilweise)
Teil) • M. salpingopha-
ryngeus
• M. stylopharyn-
geus
• M. palatoglos-
sus
• M. palatopha-
ryngeus (teilwei-
se)
4. Schlund­ • Schildknorpel (Car- • M. constrictor N. laryngeus su-
bogen tilago thyroidea) pharyngis medi- perior des
des Kehlkopfs us (teilweise) N. vagus (X)
(oberer Teil) • M. levator veli
• Keilknopel (Cartila- palitini
go cuneiformis) • M. cricothyroide-
des Kehlkopfs us
5. Schlund­ – – – –
bogen
6. Schlund­ • Cartilago thyroidea – • M. pharyngis in- N. laryngeus in-
bogen des Kehlkopfs (un- ferior (teilweise) ferior (recur-
terer Teil) • Alle inneren rens) des N. va-
• Stellknorpel (Carti- Kehlkopfmus- gus (X)
lago arytaenoidea) keln
des Kehlkopfs
• Spitzenknorpel
(Cartilago cornicu-
lata) des Kehlkopfs
• Ringknorpel (Carti-
lago cricoidea) des
Kehlkopfs

177
8  Kopf und Hals

Tab. 8.2  Schlundtaschen und ihre Abkömm-


linge Die Schlundfurchen bestehen aus Ektoderm,
die Schlundbögen und Schlundmembranen
Schlundta- Abkömmlinge
aus Mesoderm und die Schlundtaschen aus
sche (ST)
Entoderm. Einzige Ausnahme dieses simp-
1. ST Recessus tubotympanicus len schematischen Wandaufbaus bildet die
• Paukenhöhle Innenseite des 1. Schlundbogens oberhalb
• Ohrtrompete (Tuba auditi-
va) der Rachenmembran (Membrana oropha-
ryngealis). Dieser Abschnitt ist mit Ekto-
2. ST • Tonsillarbucht (Fossa ton- derm überzogen und entspricht später in et-
sillaris)
• Oberflächenepithel der Gau-
wa den vorderen 2⁄3 der Zungenoberfläche.
menmandel (Tonsilla palati-
na)
3. ST • Untere Nebenschilddrüsen
■ Gesicht
(Gll. parathyroideae inferi- Das Gesicht fügt sich aus 5 Mesenchymwülsten
ores) zusammen:
• Thymus (Hauptteil)
• Unpaarer Stirnfortsatz: entsteht durch
4. ST • Obere Nebenschilddrüsen Neuralleistenzellen, die in das über dem
(Gll. parathyroideae supe- kranialen Ende des Neuralrohrs (Neuropo-
riores)
rus cranialis, ➜ Kap. 9) gelegene Oberflä-
• Thymus
chenektoderm einwandern. Am inferioren
5. ST Ultimobrachialkörper Rand des Stirnfortsatzes verdichtet sich das
Oberflächenektoderm auf beiden Gesichts-
■ Schlundfurchen hälften zu den Riechplakoden, den Anla-
gen der späteren Nase und Nasenhöhle. Die
Die äußeren Rinnen zwischen den Schlundbö- beiden Riechplakoden sinken im Laufe der
gen nennt man Schlundfurchen. Sie sind mit Ek- Entwicklung zu Riechgruben ein, deren
toderm bedeckt. Aus der 1. Schlundfurche ent- mediale Begrenzungswülste als mediale
steht der äußere Gehörgang (Meatus acusticus Nasenwülste bezeichnet werden, die late-
externus). Die 2. bis 4. Schlundfurche stülpen ralen als laterale Nasenwülste. In der
sich zu einer Höhle (Sinus cervicalis, Opercu- 7. EW verschmelzen die medialen Nasen-
lum) ein, bevor sie sich zurückbilden. wülste miteinander. Dadurch entsteht das
Zwischenkiefersegment, aus dem die me-
Wenn sich der Sinus cervicalis nur unvollstän- diane Furche der Oberlippe (Philtrum) und
dig zurückbildet, können aus ihm laterale Hals- der primäre Gaumen hervorgehen. Gleich-
fisteln oder -zysten (brachiogene Fisteln oder zeitig bildet der Stirnfortsatz das Dach der
Zysten) entstehen. Sie imponieren meist als primitiven Mundbucht (Stomatodeum,
schmerzlose Schwellungen am vorderen Rand Stomodeum).
des M. sternocleidomastoideus und fallen häu- • Paarige Maxillarwülste: entstammen dem
fig erst bei älteren Kindern und Jugendlichen Mesenchym des 1. Schlundbogens und ver-
auf. Gelegentlich kann ein Fistelgang auch im schmelzen zunächst mit den lateralen und
Bereich der Gaumenmandel münden. dann mit den medialen Nasenwülsten. Dabei
bildet sich beidseits zwischen lateralen Na-
senwülsten und Maxillarwülsten eine ekto-
dermale Verdickung, die Tränennasenrinne.
■ Schlundmembranen Im weiteren Laufe der Entwicklung schnürt
Die mesodermalen Trennwände zwischen sich die Tränennasenrinne ab und sinkt in
Schlundtaschen und Schlundfurchen werden das darunter gelegene Mesenchym ein. Aus
Schlundmembranen genannt. Von Bedeutung der eingesunkenen Tränennasenrinne ent-
ist lediglich die 1. Schlundmembran, aus welcher steht durch Degeneration im Inneren der
das Trommelfell entsteht. Tränennasengang (Ducuts nasolacrimalis).
Durch die Verschmelzung der Maxillarwülste
mit den medialen Nasenwülsten entsteht ein
178
4
kontinuierlicher Oberkiefer. Die Maxillar- mit Gaumensegel (Velum palatinum) und Zäpf-
wülste bilden die seitliche Begrenzung des chen (Uvula).
Stomodeums.
• Paarige Mandibularwülste: entstammen • Mediane Oberlippenspalte: die beiden
ebenfalls dem Mesenchym des 1. Schlundbo- medialen Nasenwülste verschmelzen nur
gens und bilden den Boden der Mundbucht. unvollständig
• Lippenspalte (Cheiloschisis, „Hasenschar-
Die Oberkieferfortsätze verschmelzen mit te“): unvollständige Vereinigung von Ma-
den medialen und lateralen Nasenfortsätzen. xillarwulst und medialem Nasenwulst,
1:1.000 Geburten
• Lippen-Kiefer-Spalte (Cheilognathoschi-
Atresie des Ductus nasolacrimalis: Gele- sis): zusätzlich fehlende Vereinigung von
gentlich ist die Degeneration im Inneren der primärem und sekundärem Gaumen
Tränennasenrinne unvollständig, sodass bei • Lippen-Kiefer-Gaumenspalte (Cheilogna-
betroffenen Neugeborenen die Tränenflüssig- thopalatoschisis): zusätzlich Ausbleiben
keit über die Wange abläuft (Epiphora). der vollständigen Verschmelzung der bei-
den lateralen Gaumenfortsätze
• Gaumenspalte (Palatoschisis): bei beidsei-
Nasennebenhöhlen.  Die Nasennebenhöhlen tigem Auftreten als „Wolfsrachen“ be-
(Sinus paranasales) entfalten sich größtenteils zeichnet
erst im Laufe des Lebens. Sie entstehen durch • Mediane Unterlippenspalte: ausbleiben-
sackförmige Einstülpungen der Nasenschleim- de Verschmelzung der beiden Mandibular-
haut an der Stelle, an der ihre spätere Mündung wülste
in die Nasenhöhle liegt. • Schräge Gesichtsspalte: Maxillarwulst
vereinigt sich weder mit dem lateralen
Gaumen.  Der Gaumen entsteht aus primärem noch mit dem medialen Nasenwulst.
und sekundärem Gaumen. Der primäre Gau- • Quere Gesichtsspalte: fehlende Ver-
men wird auch medialer Gaumenfortsatz ge- schmelzung von Maxillarwulst und Mandi-
nannt und entwickelt sich aus dem Zwischen- bularwulst. Ausprägung reicht von einer
kiefersegment. Der sekundäre Gaumen entsteht großen Mundspalte (Makrostomie) bis zu
aus medialen Ausstülpungen der Maxillarwüls- einer klaffenden Spalte, die bis ans Ohr
te, die man auch als laterale Gaumenfortsätze reicht.
bezeichnet. In der 9. EW verschmelzen die late-
ralen Gaumenfortsätze in der Medianebene mit-
einander. Als Relikt dieser Vereinigung bleibt ■ Zunge
die Gaumennaht (Raphe palatina) zurück. Im Die Zunge entsteht gegen Ende der 4. EW am
Folgenden verschmelzen primärer und sekun- Boden des Schlunddarms aus 3 Zungenwülsten:
därer Gaumen. An der Grenze zwischen primä- dem unpaaren medialen Zungenwulst (Tuber-
rem und sekundärem Gaumen liegt der Canalis culum impar) und den beiden lateralen Zun-
nasopalatinus, in dem die gleichnamige Arterie genwülsten. Alle 3 Zungenwülste formen sich
und der gleichnamige Nerv verlaufen. Von der aus Mesenchym des 1. Schlundbogens. Im Laufe
Mundhöhle aus sieht man nur die Mündung des der Entwicklung überwachsen die beiden latera-
Canalis nasopalatinus, das Foramen incisivum. len Zungenwülste das Tuberculum impar. Die
Gemeinsam mit der Lamina horizontalis des Os Grenze zwischen den lateralen Zungenwülsten
palatinum formen primärer und sekundärer bildet auf der Oberfläche der Sulcus medianus
Gaumen den harten Gaumen (Palatum durum). und in der Tiefe das bindegewebige Septum lin-
Zwischen sekundärem Gaumen und Os palati- guae.
num liegen die Foramina palatini majus et mi-
nora, durch welche die gleichnamigen Nerven
treten. Der Abschnitt dorsal der Lamina hori- Aus den beiden lateralen Zungenwülsten
zontalis des Os palatnium bleibt knorpelfrei und entstehen die vorderen 2⁄3 der Zunge.
bildet den weichen Gaumen (Palatum molle)

179
8  Kopf und Hals

Das hintere Zungendrittel, die Zungenwurzel der späteren Zahnwurzel. Das unterhalb jeder
(Radix linguae), entwickelt sich aus der Copula Zahnglocke gelegene Mesenchym bezeichnet
und dem hypobrachialen Wulst. Die Copula man als Zahnpapille, das Mesenchym, welches
entstammt dem Mesenchym des 2. Schlundbo- den gesamten Komplex aus Zahnglocke und
gens, der hypobrachiale Wulst dem Mesenchym Zahnpapille umgibt, als Zahnsäckchen
des 3. und 4. Schlundbogens. Die Grenze zwi- (➜ Tab. 8.3). In der 10. EW beginnt die Entwick-
schen Radix linguae und den vorderen lung der Dentes permanentes. Sie entwickeln
2
⁄3 der Zunge bildet der V-förmige Sulcus termi- sich prinzipiell genauso wie die Dentes decidui,
nalis. Die Muskelvorläuferzellen der Zungen- nur über einen deutlich längeren Zeitraum.
muskulatur entstammen den postotischen So-
miten. Als erster Milchzahn bricht im Alter von
6–8 Lebensmonaten der untere mediale
■ Zähne Schneidezahn durch. Es folgen lateraler
Gegen Ende der 5. EW dringt das Ektoderm der Schneidezahn, 1. Milchmolar und Eckzahn.
Mundbucht als halbkreisförmige Zahnleiste (La- Als letzter Milchzahn bricht im Alter von
mina dentalis) in das darunter gelegene Mesen- 2 Jahren der 2. Milchmolar durch. Auch bei
chym des Ober- und Unterkiefers ein. Die Lami- den restlichen Milchzähnen erscheinen die
na dentalis formt eine vestibuläre und eine orale Zähne des Unterkiefers vor denen des Ober-
Aussprossung. Aus der vestibulären Ausspros- kiefers.
sung entwickeln sich die 20 Milchzähne (Dentes Vom bleibenden Gebiss bricht im Alter von
decidui), aus der oralen die 32 bleibenden Zäh- 6 Jahren als erstes der obere 1. Molar durch
ne (Dentes permanentes). („Sechsjahrmolar“). Es folgen medialer
In der 8. EW entstehen 10 knotige Verdickungen Schneidezahn, lateraler Schneidezahn, 1. Prä-
pro Kiefer innerhalb der vestibulären Ausstül- molar, Eckzahn, 2. Prämolar, 2. Molar, 3. Mo-
pungen, die Zahnknospen. Die Zahnknospe ist lar. Die treibende Kraft hinter dem Zahn-
die erste Vorläuferstruktur des späteren Zahns. wechsel ist das Wurzelwachstum der Vorläu-
Im Laufe der Entwicklung wandelt sie sich über ferstrukturen der Dentes permanentes.
das Zwischenstadium der Zahnkappe zur Zahn-
glocke. Die Zahnglocke differenziert sich
schließlich zum Schmelzorgan, das aus äuße-
■ Speicheldrüsen
rem Schmelzepithel und innerem Schmelzepi- Ohrspeicheldrüse
thel besteht. Zwischen den beiden Schmelzepi- Die Ohrspeicheldrüse (Glandula parotidea, Pa-
thelschichten liegt ein Raum, der mit lockerem rotis) entwickelt sich aus Ektoderm am krania-
retikulärem Zellmaterial ausgefüllt ist, die len Rand des 2. Schlundbogens.
Schmelzpulpa. Den Grenzbereich, in dem das Unterkieferspeicheldrüse
innere Schmelzepithel in das äußere übergeht, Die Unterkieferspeicheldrüse (Glandula sub-
bezeichnet man als epitheliale Wurzelscheide mandibularis) entwickelt sich aus Entoderm
(Hertwig-Epithelscheide). Die Hertwig-Epithel- beidseits der beiden lateralen Zungenwülste.
scheide dringt immer weiter in die Tiefe des Kie-
fermesenchyms ein und determiniert die Gestalt Unterzungenspeicheldrüse
Die Unterzungenspeicheldrüse (Glandula sub-
Tab. 8.3  Strukturen der Zahnentwicklung und lingualis) entwickelt sich aus Entoderm im Be-
ihre Abkömmlinge reich der späteren Plica sublingualis.
Vorläuferstruktur Definitive Strukur
Inneres Schmelz­ Ameloblasten (Adaman-
■ Kehlkopf
epithel toblasten, Schmelzbild- Der Kehlkopf (Larynx) entwickelt sich nahezu
ner) vollständig aus den Knorpelteilen des 4.–
Zahnpapille Odontoblasten (Dentin- 6. Schlundbogens. Ausnahme ist der Kehldeckel
bildner) (Epiglottis), dessen kaudaler Anteil aus dem hy-
Zahnsäckchen Zement, Wurzelhaut pobrachialen Wulst entsteht.
(Sharpey-Fasern) und
­Alveolarknochen

180
4
■ Schilddrüse caecum. Im Laufe der Entwicklung bildet sich
der Ductus thyroglossus normalerweise voll-
Die Schilddrüse (Glandula thyroidea) formt ständig zurück. Persistieren allerdings die dista-
sich etwa 24 Tage nach der Befruchtung aus ei- len Überreste des Ductus thyroglossus, entsteht
ner Endodermverdickung i. H. des 2. Schlundbo- der vom Schilddrüsenisthmus nach kranial zie-
gens. Diese Endodermverdickung wächst nach hende Lobus pyramidalis. In die sich entwi-
kaudal zur Schilddrüsenknospe aus und steigt ckelnde Schilddrüse wandert der Ultimobrachi-
in die vordere Halsregion ab (Deszensus der alkörper ein.
Schilddrüse). Aus der Schilddrüsenknospe ent-
stehen die beiden Lappen der Schilddrüse (Lobi
Auf dem gesamten entwicklungsgeschichtli-
dexter und sinister). Sie sind über den Isthmus
chen Verlauf des Ductus thyreoglossus, vom
der Schilddrüse verbunden. Die Schilddrüsen-
Foramen caecum bis zur endgültigen Lage der
knospe bleibt zunächst über den Ductus thyro-
Schilddrüse in Höhe der vorderen Halsregion,
glossus mit der Zungenoberfläche verbunden.
können Abschnitte persistieren und zu medi-
Seine proximale Öffnung an der Spitze des V-
anen Halsfisteln und -zysten führen.
förmigen Sulcus terminalis nennt man Foramen

■ CHECK-UP
Welche Knochen begrenzen die kleine Fontanelle?
Welche Strukturen entstehen aus den Schlundbögen?
Was ist der Sinus cervicalis?
Welche Strukturen entwickeln sich aus den Schlundtaschen?
Welche Strukturen sind bei einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte nur unvollständig miteinander
verschmolzen?
Was ist der Unterschied zwischen medianen und lateralen Halszysten?

Schädel

■ Schichtenaufbau • Lamina interna: ist zerbrechlich und wird


daher auch als Glashaut (Lamina vitrea) be-
Am Schädel liegen von der Oberfläche in die
zeichnet
Tiefe folgende Schichten aufeinander:
• Kutis • Innere Knochenhaut: heißt auch Endocrani-
um und entspricht der harten Hirnhaut (Dura
• Subkutanes Fett- und Bindegewebe mater encephali).
• Galea aponeurotica (Aponeurosis epicrania-
lis): derbe Sehnenplatte, welche die Ansatz-
stelle des M. epicranius bildet Cutis, Subcutis und Galea aponeurotica be-
• Äußere Knochenhaut: nennt man auch Pe- zeichnet man in ihrer Gesamtheit als Kopf-
ricranium schwarte (Skalp).
• Lamina externa der Schädelknochen
• Diploe: spongiöse Schicht, die durch ihre
Leichtbauweise das Gewicht des Schädels re- Beim Plasmozytom handelt es sich um eine
duziert. Sie enthält rotes Knochenmark und Erkrankung der antikörperbildenden Plasma-
wird von den Diploevenen (Vv. diploicae) zellen. Plasmozytomzellen stimulieren die Os-
durchzogen. Diese regulieren die Wärmeab- teoklasten und hemmen die Osteoblasten,
gabe über den Kopf und kommunizieren so- wodurch es zu Knochenauflösungen (Osteo-
wohl mit den Venen der Kopfhaut als auch loysen) kommt. Osteolysen im Bereich des
mit denen der venösen Sinus durae matris Schädelknochens sehen im Röntgenbild so
auf der Schädelinnenseite. aus, als ob der Schädel mit Schrot beschossen
wurde („Schrotschussschädel“).

181
8  Kopf und Hals

■ Gehirnschädel teriores und Dorsum sellae. Die Processus cli-


noidei posteriores dienen als Aufhängungs-
Als Gehirnschädel (Neurocranium) bezeichnet punkte des Kleinhirnzelts (Tentorium cere-