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76 3 Werke

Literatur 3.2 Frühe Werke (1898–1905)


Echte, Bernhard: »Wer mehrere Verleger hat, hat überhaupt
keinen.« Untersuchungen zu Robert Walsers Verlagsbe-
ziehungen. In: Rätus Luck (Hg.): Geehrter Herr – lieber 3.2.1 Der Teich (verfasst 1902)
Freund. Schweizer Autoren und ihre deutschen Verleger.
Mit einer Umkehrung und drei Exkursionen. Basel,
Frankfurt a. M. 1998, 201–244. Ausnahmewerk
Greven, Jochen: Existenz, Welt und reines Sein im Werk
Robert Walsers. Versuch zur Bestimmung von Grund- Die kurze Szenenfolge Der Teich ist Robert Walsers
strukturen. Reprint der Originalausgabe von 1960. Mit einziger überlieferter Dialekt-Text. Das erstaunt
einem Nachwort u. dem Publikationsverzeichnis des nicht, denn Carl Seelig hat mitgeteilt, dass der Autor
Verfassers. Hg. u. mit einer Einl. v. Reto Sorg. München
für »Versuche, in der Mundart zu schreiben«, wenig
2009.
Greven, Jochen: Die Geburt des Prosastücks aus dem Geist übrig hatte: »›Ich habe absichtlich nie im Dialekt ge-
des Theaters. In: Chiarini/Zimmermann, 83–94. schrieben. Ich fand das immer eine unziemliche An-
Greven, Jochen: Robert Walsers Schaffen in seiner quantita- biederung an die Masse.‹« (Seelig, 26) Walser
tiven zeitlichen Entwicklung und in der Materialität sei- schätzt die Mundart jedoch nicht grundsätzlich ge-
ner Überlieferung. In: Text. Kritische Beiträge 9 (2004), ring. Wie vor ihm Jeremias Gotthelf oder nach ihm
129–140.
Groddeck, Wolfram: Jenseits des Buchs. Zur Dynamik des Friedrich Dürrenmatt entwickelt er eine Schreib-
Werkbegriffs bei Robert Walser. In: Text. Kritische Bei- weise, welche die Umgangssprache nicht versteckt,
träge 12 (2008), 57–70. sondern die mediale Diglossie (vgl. Utz, Sorg 2014;
Kreienbrock, Jörg: Kleiner. Feiner. Leichter. Nuancierungen Leuenberger, Aeberhard, Battegay 2014) von gespro-
zum Werk Robert Walsers. Zürich 2010. chener Mundart und geschriebener Standardsprache
Schäfer, Jörg: Beschreibung der von Robert Walser heraus-
gegebenen Bücher. In: Robert und Karl Walser. [Katalog ironisch kultiviert: »Wäre Hochdeutsch seine Mut-
zur] Ausstellung im Helmhaus Zürich 16. April bis tersprache gewesen, es hätte nie ein solcher Robert
4. Juni 1978. Zürich 1978, 20–25. Walser entstehen können.« (Bichsel 1983, 358; vgl.
Scheffler, Kirsten: Mikropoetik. Robert Walsers Bieler Evans 1994; Widmer 1973, 156; Stocker 2014)
Prosa. Spuren in ein »Bleistiftgebiet« avant la lettre. Bie- Dass Der Teich überhaupt existiert, erfuhr die Öf-
lefeld 2010.
Schuller, Marianne: Robert Walsers Poetik des Winzigen. fentlichkeit erst 1966. Robert Mächler situierte »die in
Ein Versuch. In: Groddeck u. a., 75–81. deutscher Schrift auf fünfzehn Blätter eines unlinier-
Sorg, Reto, Gisi, Lucas Marco (Hg.): »Jedes Buch, das ge- ten Schulheftes geschriebene, biographisch wichtige
druckt wurde, ist doch für den Dichter ein Grab oder Szenenfolge« als Frühwerk, das »im Keim schon
etwa nicht?« Robert Walsers Bücher zu Lebzeiten. Bern manches vom späteren Robert Walser zu erkennen«
2009.
Stocker, Peter: Adressaten und Adressierungen in Robert
(Mächler, 34 f.) gebe. Aufgetaucht war das bis dahin
Walsers Briefen und ihre editorische Behandlung in der unbekannte Manuskript bei Walsers jüngerer Schwes-
Kommentierten Berner Ausgabe (KBA). In: Germanistik ter Fanny Hegi-Walser (1882–1972), die es Interes-
in der Schweiz 9 (2012), 57–78 sierten – so etwa bereits 1954 Seelig (vgl. Fanny Wal-
Lucas Marco Gisi ser an Carl Seelig, 15. 6. 1954 u. 7. 7. 1954, RWA) – zur
Verfügung stellte, bevor es schließlich ins Robert
Walser-Archiv gelangte (vgl. Fröhlich 1979, 112 f.).
Erstmals publiziert wurde Der Teich 1972, im
zwölften Band der Ausgabe von Walsers Gesamt-
werk, der Entwürfe und Verschiedene Schriften aus
dem Nachlass enthält. Der Herausgeber Jochen Gre-
ven beschrieb die 15-seitige Handschrift ursprüng-
lich als »eine kaum individuelle Züge zeigende schü-
lerhafte Schönschrift, fast ohne Verschreibungen
und Verbesserungen und mit kalligraphisch ausge-
maltem Titel, also wohl eine Abschrift, jedenfalls von
Walsers Hand« (Greven 1972, 309). Für ihn stand
fest, dass Der Teich Walsers »zweifellos früheste er-
haltene literarische Arbeit« (ebd., 310) sei, obwohl er
den exakten Entstehungszeitpunkt nicht anzugeben
vermochte (vgl. ebd., 309).
3.2  Frühe Werke (1898–1905) 77

Der Status des frühsten bekannten Walser-Werks dann – gleich einem ›verlorenen Sohn‹ (vgl. Herzog
wurde dem Stück mit der einzigartigen Sprachform 1974, 33–35; Camenzind-Herzog 1981, 23–37) –
(vgl. Weber 1973/1978, 198) indes bald wieder aber- ebenso unvermittelt wie unversehrt wieder auf-
kannt. Gestützt auf einen Papier- und Handschrif- taucht, mündet die Gefühlsverwirrung in einer Ver-
tenvergleich, verbunden mit biographischen An- söhnung, die inzestuöse Züge trägt. Fritz ist seiner
haltspunkten, psychologischen Schlüssen und werk­ Mutter erstmals wirklich nahe, sitzt »halb auf ihrem
immanenten Analogien, zeigte Bernhard Echte auf, Schoß« (SW 14, 127). Sie weinen zusammen, drü-
dass der Text unmöglich so früh entstanden sein cken und küssen sich. Die jugendliche Unschuld des
konnte, wie von Greven angenommen. Echte kommt Protagonisten und der Charme des Dialekts, das
schließlich »mit an Sicherheit grenzender Wahr- moderate Pathos und die ironische Peripetie eska-
scheinlichkeit« zum Schluss, dass »Der Teich im motieren die Katastrophe.
Jahre 1902 niedergeschrieben wurde. Das aber heißt: Die Mutter bildet den Beweggrund der dramati-
Walser hat das Mundartstück nicht als Vierzehn- bis schen Handlung. Als existierte eine Scham, sie ein-
Siebzehnjähriger, sondern als Vierundzwanzigjähri- deutig zu benennen, trägt sie als einzige Figur keinen
ger verfaßt« (Echte 1987, 312) – ein Ergebnis, das Vornamen. Ihre Bezeichnung schwankt zwischen
Greven anerkannte (vgl. Greven 1987). den Varianten »Mutter«, »Mueter« und »Muetter«.
Dabei verkörpert sie den unmittelbarsten autobio-
graphischen Bezug, denn Walsers Mutter galt als
Kleine Dramen
schwermütig und unzugänglich. Zudem heißt sie im
Als kurzer Einakter wird Der Teich von Greven zu- Stück mit Nachnamen Marti und trägt damit den
sammen mit Walsers »Dramolets« (Greven Mädchennamen von Walsers Mutter. Noch direkter
1960/2009, 30) behandelt. Solche »Kurzformen des ist die Entsprechung beim Vater, der nur marginal
Dramas« (Herget, Schultze 1996) brechen die thea­ vorkommt. Er heißt im Stück wie auch in Wirklich-
tralischen Großformen auf und exponieren einzelne keit Adolf.
Momente, Motive, Bilder, Konflikte und Konstella­
tionen (vgl. Schnetz 1967; Winkler 1974). Hinsicht-
Produktive Konstellation
lich des Anspruchs und der Ausformung ist Der
Teich mit anderen frühen Kurzstücken Walsers wie Der Teich geht über den Fall eines unglücklichen
Dichter (1900) und Die Knaben (1902) vergleichbar, Knaben, der um die Liebe seiner Mutter ringt, hin-
die sich ebenfalls um die Figuren der Mutter und des aus. Nach der Versöhnung zwischen Mutter und
jugendlichen Dichters drehen und zugleich als »Me- Sohn spielen die Kinder im Schein einer Lampe, die
tatheater« (Borchmeyer 1987, 129) funktionieren. »wie ne Zauberlampe« (SW 14, 131) ein magisches
Motivische Bezüge reichen bis ins spätere Werk, ins- Licht verbreitet. Die Eltern schauen zu. Plötzlich er-
besondere zu den »Felix«-Szenen. scheint ihnen alles, was die Kinder sagen, »so neu, so
Weshalb Walser die von ihm literarisch sonst nie anders« (SW 14, 131). Die Geschichte, die Fritz und
benutzte berndeutsche Mundart wählte, weiß man seine Geschwister Klara und Paul spielen, reflektiert
nicht. Die unglückliche Rückkehr aus Berlin und die die Ereignisse des Tages. Durch die suggestive Wir-
vorübergehende Wohngemeinschaft mit der Schwes- kung, die das Spiel im Spiel entfaltet, wird ein Tinten-
ter Lisa in Täuffelen (vgl. Mächler, 69–73; Echte, fleck auf dem Papier zum Teich. Die Kinder halten
130–133) schufen eine Atmosphäre, in der die fami- Besteck in Händen und spielen damit sich selber.
liäre Thematik und die vertraute Mundart omniprä- Paul ist die Gabel, das Löffelchen spielt Klara. Fritz
sent waren. Ein autobiographischer Bezug ist jedoch spielt sich selber als Messer, das wie eine Schreibfeder
nur vage bestimmbar, ob die Handlung auf einem re- durch den Fleck bzw. in den Teich fährt und dadurch
alen Ereignis basiert, bleibt offen. Da das Stück zu Bedeutung generiert. Das Spiel, mit dem die Kinder
Walsers Lebzeiten niemals je erwähnt wurde, liegt die aufwühlenden Erlebnisse des Tages rekapitulie-
ein privater Verwendungszweck nahe. ren, wird zu einer Initiation in die Logik der Dich-
Vom Stoff her ist Der Teich ein Familienstück, tung. Es sind nicht die Eltern, die ihren Kindern
vom Genre her ein Beziehungsdrama. Im Glauben, Märchen erzählen, sondern die Kinder erspielen sich
seine Mutter liebe ihn nicht, wirft Fritz seinen Hut in ihre Autonomie durch Geschichten, die ihr Leben re-
den nahegelegenen Teich, um so seinen Selbstmord flektieren und die Erwachsenen in Bann schlagen
vorzutäuschen. Die Vorstellung des Schocks, den und besänftigen. Auf die Frage der Mutter, wo Fritz
diese List provozieren würde, tröstet ihn. Als er die Geschichten denn alle hernehme, antwortet