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ZUR PHÄNOMENOLOGIE DER

INTERSUBJEKTIVITÄT
DRIITER TEIL
HUSSERLIANA
EDMUND HUSSERL
GESAMMELTE wı:RKı~:

BAND XV
ZUR PHÄNOMENOLOGIE DER
INTERSUBJEKTIVITÄT
Dıurrızk Tızıı.

J
i
AUF GRUND DES NACHLASSES VERÖFFENTLICI-IT IN
GEMEINSCHAFT MIT DEM HUSSERLARCHIV AN DER
UNIVERSITÄT KÖLN VOM HUSSERL-ARCHIV (LÖWEN)
UNTER LEITUNG VON

H. L. VAN BREDA
0333i

EDMUND HUSSERL
zuR PHÄNOMENOLOGIE DER
INTERSUBJEKTIVITÄT
TEXTE AUS DEM NACHLASS

DRITTER TEIL: 1929-1935

I-IERAUSGEGEBEN
VON
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man HAAG
MARTINUS NIJHOFF
1973

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-- \ fllııııııııııııııııııııııııııııııııııııııııııııııı
© 1973 by Martínus Nıjhol/. The Haguø, Netherlands
All rights resırıızd, including the riglıl ta translate nr to
„pmøm um bm of pam wmv/ in „ny /um
ISBN 90 247 5030 X

PRINIED IN 'mn Nıarflıaxıμuns


INHALT

EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS _ _ _ _ _ _

ZUR PHÄNOMENOLOGIE DER


INTERSUBJEKTIVITÄT
naxrız Aus man NAC:-mass
DRITTER TEIL; 1929-1935

I. TEXTE AUS DEM ZUSAMMENHANG DER ENTSTEHUNG UND


mısrızw uMARBEı'ruNe DER „cAR'rızsıANıscı-ıısu Menin-
'noNı:N" Mänz 1929 sis MÄRz1930 _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _
Nr. l_ Erste Fassung der fünften Cartesiaııischen Meditation
(andemärz/AnfangApfi11929) _ _ _ _ . _ _ _ _ _ _ _
§ l_ Exposition des Problems der Frenzıcleríal-ıruug in Ge-
genstellung gegen den Einwand des Solipsismus_ _ _
§2. Die noematisch-Onitísche Gegebenlıeitsweisc des An-
deren als transzendenraler Leitfaden für die konstitu-
tive Theorie der Frenıderlalırung. _ _ . _ _ _ _ _
§3. Reduktion der transzendenfalen Erfahrung auf die
Eigenheirssphäre. _ _ _ _ _ _ . . _ . _ _ _ _ _
§4. Der Gnmdcharakter der Eigenheit der Erlebnisse
und Erlebnispotentialitäten: die Originalität in der
apodiktischen Selbstwahrnehınung . . . . . _ _ _
§ 5_ Erweiterung des Bereichs des Eigenen: die Originali-
tät des im apodiktischen ego von ihm unabtrennbar
Konstituierten . _ . . _ . _ _ _ _ . _ _ _ _ _ _
§6. Die Erlebnisse der Fremdwahrnebnıung und die in
ihnen konsfituierten Transzendenzen gegenüber dem
Primordinalen _ _ . _ . _ _ _ _ _ _ . _ _ _ . .
§ 7. Der echte Sinn der Aufgabe einer „Theorie der Ein-
fiihrung" . _ . . _ . _ _ _ _ _ . _ . _ _ _ _ _
§8_ Das tıanszendental Konstítuierte als pı-iı-nordinal
Eigenes und als Niclıteigenes Die Gegeben]-ıeit des
Nichteigenen durch Vergegenwârtigung _ _ _ _ _ _
VI INHALT

§9. Das verseännnis der mnsıenncnınıen snujekfivıcäc


alsIntersubjektivität_ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _
§ l0_ Konstitution der iutersubjektiven Natur. Die Ver-
biııdungı-neincrMona_de nıitallcnandercıı_ _ _ _ _
§ ll. Konstitution sozialer Genıeinsclıaitcn uncl kulturel-
lerUmwelten_________________
§|2_ Der Sinn des phänomenologiseirtranszendcntalcn
..Idcalismus" _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _
Nr_ 2. Die Seinsabhängigkeit alles Scienden, zunächst aller tran-
szendentalen Subjekte von mir und dann meiner selbst vun
ihnen (zweite 1-Iälite der zwanziger ]alire)_ _ _ _ _ _ _ _
a) Them-ie der Einfühınng - Inceısnbjeieıivicän Einwand
der Verrücktheit, Idee der Normalität als Voraus-
setzung, die im egosteckt _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _
b) Trnnszennencaıe Abnängigıeiı der Anderen, der Gene-
ration, der Welt von meinem ego _ _ _ _ _ _ _ _ _ _
Nr_3_ Seinsvorzug der konstitutiven Subjektivität. Nichtweg-
dcnkbarkeit derselben aus der konsütuierten Welt in der
weltlichen seıbswbjekciviemng Apndiımzim des ego nnd
ııypncııecisnhe Apndikfiziräı des alter ego (Ende okcober
bis4_Nnvemberı929)_ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _
BEXLAGE I_ Primordinale und solipsistjsche Reduktion (Oktoberl
Novemberl929)_______..__.__._____

BEILAGE 1I_ Unterscheidung vun Modalisierung und Unstimmig-


keit zwischen normalen und anomalen Menschen im Konnex
(rıach\930)
Nr. 4. Peısonale Umwelt in ihrer Gliederung Reduktion auf reine
Intersubjektivität und Reduktion auf das ego. Zum An-
fang der Zweiten Cartesianisehen Meditation (7.-9_ März
ı9so)____________________.__
Nr. 5_ Zum Problem der Intersubjcktivität in den Carlzsianíschen
Medı'mianen(wohll930)_ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _
a) Der Cvang von der phänomenologisclıen Reduktion Ad
ErsteMeditah'on,evtl_alsletzterRückblick_ _ _ _ _
b) Besondeıs ad Fünfte Meditatiun_ Der Gang von der
phänomeno1ogisehenReduktion _ _ _ _ _ _ _ _ _ _
c) ZurFünftenMeditafion_ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _
d) Reflexionad FüníteMeditation _ _ _ _ _ _ _ _ _ _

BEILAGE III. Die zweifache Thematik nach der transzendentalen


Epøche(wnnıı9a4)_____________.____.
INHALT

II. TEXTE AUS DEM ZUSAMMENIIANG DER VORBEREITUNGEN


nlzs„svs†r_lvlA1"lscı~ıeN wm<l<r_s“ (soıillulzn 1930 ßıs rlıülı-
Jı\llR1931)
Nr. 6. Zur Lehre von der Fremderfahrung Anschauliche und un-
nnsolianliolio ızrfiillnngsgoseilt der Fronidwalirnolnniing
(August 1930) _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _

Barmen IV. Erfahrung vom Geistigen in der Welt, vor allem von
See1ischem_ Einfühlung als Wahrnehmung. Behaviorismus
(jahroswondeleao/1931). _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _
Nr. 7. Primordialer Kern und Frernderfahruhg als Schichten der
transzendentalen Gegenwart (Sommer 1930) _ _ _ _ _ _
Nr. B. Das transzendentale Problem, wie für mich transzendenta-
leAnderesind (Dezember 1930). _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _

Brzrμnca V. Psychologische und transzendentale Eintühlung (An-


fang 1-lroissigor Jahre) . _ _ _ _ _ _ _ _ . _ _ _ _ _ _ _ _
Nr_9_ Primordiale Reduktion (Abstraktion) auf meine Erfah-
rungswelt, zunächst auf meine Wahrnehn-lungswe1t_ Prä-
sentation und Apprasontacion_ zur besseren Klärung dos
Begriffs der Primordialität (wohl Dezember 1930) _ _ _ _

BEILAGE VI. Die phänornenologische Epoche Das mir selbst Zuge-


hörige und das Trauszendente (wohl Dezember 1930) _ _ _ _ _
Nr. l0_ Die Welt der Normalen und das Problem der Beteiligung
der Anomalen an der Weltkonstitution (10. januar 1931) _

Beilage vn. Normalität irn Roion dor personalon welt (Sitte eto)
(Juli-August 1930) _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ . _ _ _ _ _ _
Nr. 1 1_ Apodiktische Stnıktur der transzendentalen Subjektivität
Problem der transzendenmlen Konstitution der Welt von
der Normalität aus (wohl Ende 1930, oder 1931) _ _ _ _ _

Bııuılciz VIII_ Problem: Generativität - Geburt und Tod als We-


scnsvorkomrnnisse für die Weltkonstitution (Anfang dreissiger
Jnliro)_._._ _ _ _ _ _ _ . _ _ _ _ . _ _ _ _ _
BEILAGE IX_ Wichtige Betrachtung über konstitutive Genesis.
Wesentlich verschiedene Begriffe von Einfiihlung (wohl Anfang
1931) _ _ _ _ _ _ _ _ . . _ _ _ _ . . _ _ . _ _ _ _ _ _

Bnıı.ıiGı; X. Welt und Wir. Menschliche und tierische Umwelt


(1934) _ _ . _ _ _ _ . . _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _
VIII INHALT

III. TEXTE AUS DEM ZUSAMMENHANG DER ZWEITEN NEUHE-


ARBEITUNG DER „CARTESIANISCHEN MEDITATIONENH
UND DER DARAUS HERVORGEGANGENEN KONZEPTION
ızmızs „svsrızı\mrrscı›ıı;N wr_ı<ı<Es" (yuμ 1931 Bis nz-
Br<uARl932)„. . . . . . 187
Nr. 12. Ad Fünfte Meditation: Konstitution von Realicn in der
Primordialität als „Gebilde“ des „ego“ und Konstitution
von Anderen, nicht als egologischen Gcbildcn, sondern al-
len solchen Gebildcn transzendent und mit meinem ego
koexistierend (1931 oder später). _ _ _ . _ . . _ _ _ _ 189
Nr. 13. Der konstitutive Aufbau der Welt und die konstituiercnde
Irıtersubjektivität. Die Selbstauslcgung des ego führt im
ego auf die alter ego's_ Zur transzendentalen Monadenlehre
(ıe.Juıiı<›3ı) _ . _ _ . _ _ _ . . . . . . . . . _ _ 192
Nr. 14. Die vorgegebene Welt in anschaulicher Enthüllung - die
Systematik der Erweiterung (Mitte August 1931) _ . _ . 196
Bıeıımee X1. 1-ıeimweıc, fremde welt und „die“ welt (mo oder
1931) . . . . . . . . . _ . . . . . . . . . . . . _ . _ 214
Bırcncı-: XII. Sprache, Urtcílswahrheit, Umwelt (Heimwelt). Die
Funktion der sprachlichen Mitteilung für die Konstitution der
Umwelt (wem sommer 1931) _ , . . . . . . . . . _ _ _ ._ 218
Br:rr.AGı«: XIII. Normale Menschengemeínschatt und die Stufen-
ordnung relativer Normalitäten und Arıorna.litä.ten_ Das Pro~
blem der identischen Welt für jedermann (wohl Sommer 1931). 227
Bzıuiar-: XIV. Zum Problem der Weltanschauung. Umwandlung
fremder Erfehnmgin mögliche eigene (2. oktober 1932) _ _ _ 236
Bucher-: XV. Vergegenwärtigung von unzugänglicher Natur und
einíühlcndc Vergegenwärfigung (August oder September 1931) 242
Nr. 15. Zur Lehre von der Einíühlung, auch auf Grund genauer
Leíbanalysen. Hirıeinphantasiercn, Paaningsassoziation.
Erinncrungsabwandlung (August 1931) . . _ . . . . _ _ 245
Nr. 16. Die Appcrıeption der Raunıkörperlichkcit meines Leibes
als eine Voraussetzung für die Einíühlung (wohl August
oder September 1931) . . . . . _ _ . . . . . . . . _ 259
Bercnoıa XVI. Zur systematischen Konstitution der untersten
physischen Natur. Leib und Aussending in Korrelation (Ende
Mai 1932) . . . . . . . . . . . . . . . . . . _ . . . _ 266
Bızımee XVII. Psychophyslsehe Apperzeptiom Wie kommt der
Leib dazu, erfahren zu werden wie ein anderes Ding - als bewegt
und nıhend wie andere, also im Raume? (wohl ]uni 1932) _ . . 277
INHALT IX

Nr. 17. Mein primordialcs Sein als „Mensch“ und seine transzen-
dentale Konstitution. Das Problem (ler Scheidung von Ich
und Nicht-Ich und der I.eib_ Die Mögliclıkeit eines nicht-
weıcıieıieu ıeıi in der Pmmmıieıitac (Anfang september
1931)......_.._._.__.._._._. 282

Bi-;ıLı\GE XVIII. Die \/Veisc, wie der Leib sich als Körper und Leib
konstituiert, Sowie die V\'cisen, wie überhaupt Seine Konstitu-
tion und Anssendingkonstitution verschwistert sind (wohl
sepcemberıeaı)_._.._.._.._.__..,.. 295
Nr. ia. wie begründet die blasse köfperıieııe Äımııemreıt eme;
Anssenkörpers mit meinem Leib eine Modifikation, die die
Primordialitšlt transzenclicrt? Die durchgängige Zweisci-
tigkeit der konstítuierten Welt. Natur und Geist. Im
weitesten Sinn humanisierte Welt (1., 2. und 3. September
1931).__._..__..._._._.__... 314

Bızıınoız XIX, Kinästlıese als begehrendes Hinstreben und als


Wiııensweg(wehıseptember1931) _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ 329
Nr_ 19. Konstitution der einheitlichen Zeit und einheitlich~objek-
tiven Welt durch Einíiihlung (Ende September 1931). _ _ 331
Nr. 20_ Konstitution der intcrmonadischen Zeit. Wiedererinncrung
\m<1ı2mffimung(zo./22.sepıembefıesı)_ _ _ _ _ _ 337

Bizrμoe XX. Ich und alles mir Eigene. Das Ich in seiner habituel-
len Eigenheit (das Ich der Entscheidungen). Das Universum
meines Eigenen im Unterschied zum Anderen (Mai 1932) _ _ _ 350

BEILAGE XXI. Welt als gemeinsame Geltung. Der Durchbnich des


Eigenen durch einíühlende Vergegenwârtigung und Selbst~
phantasie (April oderMa.i 1932). _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ 357
Nr_ 21. Gang der systematischen Beschreibungen bis zur Monaden-
lehre, nach der Reduktion (Oktober 1931) _ _ _ _ _ _ _ . 362

BEILAGE XXII_ Inbentionalcs Ineinander und reolles Aussercinan-


der der Monaden. Menadische Individualität und Kausalität
(Zweite Hälfte Oktober 1931)_ _ . _ _ _ _ _ _ _ _ _ . _ _ 371
Nr. 22. Teleologie_ Die Implilcation des Eidos transıenclcntale Ina
tersııbjektivität im Eidos transzendentalos Ich (aulgrund
von Noten vom 5_ November 1931). _ _ _ _ _ _ _ . _ 378
Nr_ Z3. Die geschichtliche Scinsweisc der transıendentalen Inter-
subjektíviät. Ihre verhiillte Bekundung in der Menschen-
geschichte und Naturgeschichte (9./ 12. November 1931) _ 387

Ben_Ac›i«: XXIII. Teleologie (etwa 13_ November 1931) _ _ _ 403


X INHALT

lsrn_iei;xxlv_ wisseiıseıleft in «ler vnr,;egel›eimn (..ınsı<›ri-


seı.en“) welt ontiseııe mul nisteriselle wissenselmlt (ls. und
14. November1931)_ _ _ _ _ _ _ _ _ _ . _ _ _ _ _ _ _ _ 407

Blzruol: XXV_ Interesse und Situation (13. Dezember 1931). _ _ 414


Nr_ 24. Personale (icliliclıe) Gemeinschaft mit niir selbst als Paral-
lele zur eemeinsennrt mit Anderen (zo. November 1931) _ 416
Nr. 25. Nennstruittur der Persenelitäten (22_ Nuvember 1931) _ _ 421
Nr_ 26. Alles subjektive, euen des fremde subjektive, nur zugang.
lich durch Reflexion (Ende November 1931) _ _ _ _ _ _ _ 425
Nr_ 27. Heim -fremd. Ich - die Anderen, Wir. Die für mich prim-
ordiale Menschheit, meine \Vir-Menschheit - andere
Melßclihciten - neues \Vir_ Entsprechende Relativität der
gemeinsamen Welt (Weihnachtsferien 1931/1932) _ _ _ _ 428

BEILAGE XXVI_ Die Stufen in der Konstitution der Welt, die im-
mer senen an sien ist. An-sien-sein und Einstimmiglteit (wenl
Weihnachtsferien 1931/ 1932) _ _ _ _ _ _ . _ _ _ . . _ _ _ 438

Bı:11.ılGr_ XXVIL Eríahnıng und Praxis - Umwelt. Die Grenze des


Ver stehcns (Neujahr 1931/32). _ _ _ . _ _ _ _ . _ _ _ _ _ 4-40
Nr_ 28. Zur Einiühlung: der Andere in eins Weltobjckt und Mit-
subjekt senen vei-möge der einfublenelen Deutung. verni-
lelet Vi/iedererinnerung und Ein(i_ihlung_ Apodiktizität des
ego aus Wiedererinnening Problem der Apodiktizität des
alter bzw_ eines Universums ven lvlitsubjekten (27. und 29.
Januarı9a2).____ . _ _ _ _ _ _ . _ 444

Beitiee xxvnl_ Die Apeaiktiıitat des ego in inrer Fregıielilteit


Gemeinsebeft mit mir uud mit Anderen (webl 1932) _ _ _ _ _ 454

Br~;ır.ı\GE XXIX. Zum Thema ego gehört. sogut wie meine Vergan-
genheit, auch die Mitgegenwart der Anderen als Mitsubjekte für
die Welt. Transzendentales Ich und Mensch (wohl Febnıar
193 2) . _ . . _ _ _ _ _ . . _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ . . _ _ 456

IV. Tßxrls Aus Dex zerr von rfiürljriillı 1932 eıs zum
JAHRE 1935 _ . _ _ _ . _ _ . _ _ _ _ . . . . . . . _ _ 460
Nr. 29. Phänomenologic der Mitteilungsgemeinschaft (Rede als
Anrede und Auínehmen der Rede) gegenüber der blossen
Einíühlungsgemeinschaft (blosses Nebeneinander-sein).
Zur phånomenologischeu Anthropologie, zu Erfahrung
(Doxa) und Praxis (13. April 1932 und vorher, Abschluss
am 15. April 1932) _ . . . . . . _ _ _ . . . . . . _ _ 461
INHALT XI

Nr.3o. Univcrsaıe Guam-swissensehafr als Aucıu-<›p0\0gı„_ sim.


einer Anthropologie (November-Dezember 1932; ab ll.
November-1932).................. 480
§1. DcruniversaleCharakterderAnthropologie , , . . 480
§2. Die Einstellung der Anthropologie und ihre Para-
d0xiß.Ich und die Anderen alsThenıa„ . . . . . . 481
§3. Eríahnıng von Anderen und Konnex. Auf Andere
Gerichtetsein und auf das, was sie sagen. meinen,
Gerichtetsein. Der Konnex mit Anderen in mir. . . 484
§4. Analogie: Konnex nıit mir selbst, Erinner\ıng'\'ınd
Einzahlung. ıehıeiugung und ımrreıativ Weıcıeiu-
gung.....,.. , , . . 487
§5. Die Objektivität des Leibcs als Fundament aller Ob-
jeımviıaı, Kønsmutive Auslegung und Genesis. . . 490
§6. Konsirituierendes Bewusstsein uncl konstituierbe Er-
fahnıng . . . . . . 49 l
§ 7. Die konstitutive Ordnung der Welt. Die primordiale
Wahrnehmungssphäre und die Erweiterung der
Weıu-1urchdieAm1eren(Weltanschauung). . . . . 492
§8. Substrat und Explikation. Schlichte und fundierte
Erfahrung . . . . . . . . . . 502
§9. Wahrnehmung durch Ausdruck und bloss sinnliche
Wahrnehmung . . . . . . . , . . _ . . . . . 505
BEıı..\cE XXX. Beschäítigung mit Sachen - Beschäftigung mit
Menschen (als wie mit Sachen und als Menschen). Konnex -
Hemmung, Zwang, Willenseinstirnnıigkeit, Streit (November
1932) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . _ . 508

Bısıııusıı XXXL Personales Leben. Soziale Verbindung aus iv-i1~


lentlicher Stiftung _ aus Instinkt - aus Sympathie. Das Teilneh-
men (..Sympathie") (November 1932) . . . ._ . . . :__ . _ . 5lO

Bauen xxxn. Einfuıuung und Erinnenmg (Novembepneäem-


ber 1932) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . _ . 5l4

Bnrucız XXXIII. 'Zur Umfingierung dzs Ich und der Welt: das
Primat der Wirklichkeit gegenüber der Möglichkeit. Das Ich in
der Selbstvergerneinschaítung und Selbsterhaltung (17. April
1933). . . . . . . . . . . . . . . _. 518

Bızıuoiz XXXIV. Substrat und Bestimmung im absoluten und


relativen Sinn (November-Dezember 1932) . . . _ , . _ . . 520
Nr. 31. Reduktion auf die Pr-imordialität. Das Verhältnis von prim-
ordialer und transzenclentaler Reduktion. Das Verhältnis
von Seele und transıcndentalem Bewusstsein (26. und 25.
Februar 1933) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 526
XH INHALT

§l_ Die Welt -- die Natur iıı ihren subjektiven Gegeben-


heitsweisen. Der Weg der iııtersıılıjektiven Erfahrung
aıscrnndıngefnrincersnbjekcive Erkenntnis. . _ _ 520
§2. Rcduktionauidie Priınordialiiät. _ _ _ _ _ _ _ _ 528
§3. Die Reduktion aui die Priniorrlialität in natürlicher
Einstellung und in transzendentaler Einstellung _ _ 530
§ 4. Tlıenia und Epoché_ Die Vollzugsweise der traııszeu-
dentalen Einstellung, andererseitsder natürlichen. Die
vnıııngswcisen der ennnynıen Konsucnuonssınıen _ 538
§5. Ich-Mensch und transzcndentales ego. Seele als
transzendentale Selbstappcrzeption des absoluten
Bewusstseins___.___.______.__ 541
§ 6. Intentionale Modifikation als allgemeine „Reílexivi-
tät" des Bewusstseins und die Verweltliclıuııg des
transzendentalenego_ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ 543
§7. Paradoxien_______.__________ 546
§ ß_ Neuanfang: Seele und transzendentales Bewusstsein.
Die Konstitution der Andem_ Das naive Erkenntnis-
problem und die Motivation der translendentalen
Reduktion_._.._........._._ 549
Bßıμicız XXXV_ Der Weg zur Entdeckung und Thematisierung
meiner und unserer transzendentalen Subjektivität (welıl vor
dem26_Febnıarl933)_ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ 556
Bı:u_ı›cE XXXVL Die primordiale Reduktion auígı-und der Frage
nnen dem eigenııieıı wnnrgennnnnenen und wsnmenniberen
(Anfangufeissiger]anre)_ . _ . _ _ _ _ _ _ _ . _ _ _ _ _ 557
BEILAGE XXXVII_ Primordialiët als absolute Uroriginalität auch
die einfiihlenden und verstehcnden Bcwussßeinsweisen um-
greifend(Aníangdreissigerjahre) _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ 559
BEXLAGE XXXVIIL Reduktion auf das Uroriginale im Sinne desje-
nigen, das nicht mehr Erscheinung ist: die absolute Perzcption
(Anfang dreissiger jahre). _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ 560
Bßıtıice XXXIX_ Zweierlei Probleme des Solipsísmus: I) In mir
ausschliesslich konstituierte Welt, bedeutet das Solipsismus?
2) Absolut seionde und solitäı' seicndc primordiale „Welt". -
I-Iöhlenwelt (Februar oder März 1933) _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ 561
Bizınacız XL_ Das Eigene (Primordiale) und das Allgemeine Alle
originalen (primordialen) Dinge durch den Leib vermittelt
(w0lıll935) 563
Nr_ 32. Gemeinschaft mit mir selbst und Gemeinschaft mit Ande-
ren als Ichpol-Einigung und korrelative Konstitution einer
einheitlichen Natur. Ichpol, personales Ich und Zeit (Mai
1933).__.__.__.....__..__._. 574
INHALT XIII

Nr_ 33. Ein Nachtgespräch: Reduktion auf das absolute „Ich“ des
urtümlichcn Strëmcns, das das Sein des eigenen und der
anderen Ich enthält. Die Unendlichkeit von urtümlichen
egrfs. Monauoıngie (22. Juni was) _ _ _ _ _ _ _ _ . _ _ 580

BEILAGE XLI_ Erinnerung und Einfiihluııg als sich selbst Verzeit-


ıieııenae vergegenwämgungen (Menadisierung) des nbsnıne
einzigen, urtümlichen Ich. Monaılische Zeiträumlichkeit und
n=_eufıien¬w@ırııeıle zemäuinıieıikeic (1932 oder 1933) _ _ _ _ 588

Bniuice XLII. Der Aufbau des Seins als Geltungsaufbau (1932) _ 590
Nr_ 34. unıvefssıe Teıenıngie Der incersubjeımve, ane und jede
Subjekte umspannende Trieb transzendental gesehen.
Sein der mcnadischen Totalität (Schluchsee, September
ı93s)_.______. . _ _ . 593

Beruice XLIII_ Notizen über Tı-iebgemeinschaft, Liebe usw_


(Schluchsee, September 1933) _ _ _ _ _ _ . _ . _ _ _ _ _ _ 59 7

BEILAGE X.LIV_ Personales und konstituierendes Iclı_ Ich im prim-


ordialen Ineinander der iehlichen Zeitigung, des Sclbstgewor-
denseins und Selbstwerdcns_ Ich im Miteinander, Ineinander
des Werdens irn Konnex (wohl erste Hälfte Oktober 1933) . _ _ 602

BEILAGE XLV_ Das Kind. Die erste Einfühlung (]ul_i 1935). _ _ _ 604
Bn1ı..\GE XLVI. Monadologie (Anfang dreissiger jahre) _ _ _ _ _ 606
Br-ııuicn XLVII. Menschen- und Tiennonaden. Das monadische
Universalprobleın (dreissiger ]ahre) _ _ _ _ . _ _ _ _ _ _ _ óll

Nr. 35. Statische und genetische Phanomenologie_ Die I-Ieimwelt


und das Verstehen der Fremde. Das Verstehen der Tiere
(Schluchsee, Ende August oder Anfang September 1933) _ 613

B1¬:ıı_ı\Gı: XLVIII. Heimwelt als Welt der All-Zugänglichkeit


Fremdheit als Zugänglichkeit in der eigentlichen Unzugäng-
lichkeit (Schluchsee, 10. September 1933). _ _ _ _ _ . _ _ _ 627

Bı¬:ıı.Ac¬ı¬: IL. Unvollkommenheit der Erkenntnis des Anderen in


seiner „Hi5t0rizität" (wohl September oder Oktober 1933) _ _ _ 631
Nr_ 36. Monadische Zeitigung und Weltzcitigung_ Von der Theorie
der Einfühlung zur ınonadischen Subjektivität und von da
aus zu Leiblichkeit, Natur, Welt. Natürlich zur Monadolo-
gie (Mitte ]anuar 1934) . _ _ _ _ _ _ _ _ . . _ _ _ _ 634

BEıı_ılGE L. Einfühlung und Wiedererinnerung als tertiäre und se-


kundäre Originalitåt_ Deckung in Differenz. Modifikation mei-
ner Zentrierung (Januar 1934) _ _ _ . _ . . . . . _ _ _ _ 641
XIV INHALT

B1sıı.AGrz LI. Vcrweltliclıung (Lokalisierung) des Ich und Versach»


licbung des Fungiercııs in der Einíülılung (wohl _`[anua.r 1934) . 644
Nr. 37. Einíühluugsprolılcmí die Apperzeptioıı meines Leibes als
eines körperlichen Dinges als Voraussetzung der Einíü1ı~
lung - die Veıräumlichung des Leibes durch die Einfiihlung
(wohll934) 648

BEILAGE LII. Das Problem der Einíülılung. Der Sinn der Reduk›
tion der Welt auf das Primordiale im Zusammenhang ciner uni-
versalen Geltııngsanalyse der Welt (wohl 1934) _ . . . . . . 657

Bıaıμımıa LIII. Das Prublem der Konstitution des homogenen und


objektiven Raumes in der Primordialjtät und durch Einlühlung
(wohl März/April 1934) . . . . . . . . , . . . . _ . . . 659

BEILAGE LIV. Einíühlung und Wiedcrerkeunen. Paarung. Die Ap-


perzepüon meines Leibes als Körpers als erste Voraussetzung
der Einlühlung (wohlMärz/April 1934). _ . . . . . . , . . 660

BEILAGE LV. Die in derFrerndleibwahmehmung implizierteApper-


zeption meines Leibes als Körpers (Wohl März/April 1934) . . . 661

Beinen LVI. Zur Phâuomenologie des Ausdrucks. Auch relevant


für die Lehre von der Einíühlung. Objektivität des Körpers,
Objektivität des „Ausdnıcks", der ausdrückenden Momente am
Körper (Kappel, 9. September 1935) . . . . . . . . . . . _ 663
Nr. 38. Zeitigung - Mouade (21./22. September 1934) . . _ . 666

TEXTKRITISCHER ANHANG

Zvız Tıax1'Gıasnı.-mm; . . . . . . . . . . . . . . . . . . 673


Tizxrımnıscı-ıı~: ANMERı<uNGı:N . . . . . . . . . . . . _ _ 674
NAcı~ıwı;ıs man 0ıuGmALsı:ıı-EN . Y . . . . . . . . . . . 740
NAMI~:Nıuacıs'r1«:ız . . . . . . . . . . . . . . . . . . . _ 742
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

Dieser dritte Nachlassband Zw Phiinommologie der Intersub-


jektívitâl gibt wie die beiden vorangehenden 1 fast ausschliesslich
sog. „Forschungsrnanuskripte" Husscrls wieder, deren besonde-
rer Charakter in der Einleitung des Herausgebers zum ersten
dieser drei Bände beschrieben wurde? Auch in den Richtlinien
der Auswahl und Präsentation der Texte stiınmt der vorliegende
Band mit den beiden vorangehenden übereinß
Die Texte zur Phänomenologie der Intersubjektivitât, die hier
vorgelegt werden, stammen aus den jahren 1929 bis 1935. Nach
dem Wintersemester 1927/28 liess sich Husserl ein Jahr vor Er-
reichung der Altersgrenze emeritieren. Im Sommersemester 1928
hielt er aber nochmals eine grosse Vorlesung „Einleitung in die
phànomenologische Psychologie".4 Erst als im darauffolgenden
Wintersemester Martin Heidegger als Nachfolger Husserls seine
Lehrtätigkeit in Freiburg aufnahm, zog sich Husserl weitgehend
aus dem akademischen Unterricht zurück. Als Emeritus kündigte
er zwar noch weiterhin bis zum Wintersemester 1929/30 einige
Vorlesungen und Übungen an, aber er hat nur noch der ersten
dieser weiteren Ankündigungen entsprochen: der „Phänomene-
logie der Einfühlung in Vorlesungen und Übungen" im Winter-
Semester 1928/29. Dieses Seminar, aus dem keine Manuskripte
vorliegen, da er frei sprach,5 war Husserls letzte Lehrveranstal-
tung an der Universität. Husserl wollte die Jahre nach seiner
Eıneritierung hauptsächlich für die Systematisierung und litera-
ı me Bande xırı uud xıv dieser Ausgube.
= Husmımuß xın, s. xvnı-xx.
I vgı. s,s.o., s. xx-xxn, 4a1~ıav.
« Dress vunesuug um nu wsssuııısıssu aus wisasfımıuug aeıjeuigeu vom s.-s.
ıazs, aus uuısr ususseıbsu "meı gsusııeu wurde ru Bsua ıx dies« Ausgabe wurde
dass vorıssuug vou ıezs uuısf eenmrsieımguug vou msısmsu Abwsıßnuuguu uud
rzıgauıuugeu sus ıezs vou wsıısr Bmueı vsnsffsuıusnı. ,
I man sum mııuuuug vou Professor Eugen fiuk.
XVI EINLEITUNG DES IIERAUSGEBERS

rische Ausarbeitung der ihm in den letzten Göttinger und in den


Freiburger Jahren zugcwaclısencn (und in einer enormen Menge
von Mıınuskripten festgehaltenen) philosophisclıen Gedanken be-
nutzen. Seit dem ersten Buch der Ideen, das 1913 erschien und
dem noch zwci weitere Bände hätten folgen sollen, hatte er, von
einigen wenigen Aufsätzen in japanischen Zeitschriften und von
der durch Martin Heidegger besorgten Edition der alten Vorle«
sungen zur Phänumcnıılogie des inneren Zeitbcwusstseins von
1905 (mit Ergänzungen bis 1917) abgesehen, nichts mehr veröf-
fentlicht. Um dic im vorliegenden Bande zusammengestellten
Texte in ihrer vollen Bedeutung verstehen zu können, ist es not-
wendig, Husserls literarische Plane und seine Arbeit an ihrer Ver«
wirklichung wâhrend dieser Zcit möglichst genau zu verfolgen.
Denn diese Texte hat Husserl weitgehend im Hinblick auf die
grossen systematischen Zusammenhänge seiner Philosophie ge-
schrieben, die er anhand verschiedener Pläne zur literarischen
Darstellung bringen wollte. Die Einteilung des vorliegenden
Bandes in vier Sektionen entspricht unterscheidbaren, sukzessi-
ven Sclıaffensphasen, in denen Husserl jeweils in verschiedener
Weise jenes Ziel verfolgte.

I.

Ende 1928 begannen für Husserl literarisch ausserordentlich


fruchtbare Monate. Von November oder Dezember 1928 bis
januar 1929, also etwa in zwei Monaten, schrieb er, angeregt von
einer durch seinen persönlichen Assistenten, Ludwig Landgrebe,
besorgten Zusammenstellung logischer Manuskn'pte,1 das Werk
Formula und lmnxzemientale Logik? Direkt anschliessend (wohl
seit dem 25. januar) bereitete er die beiden Doppelvorträge vor,
die er am 23. und 25. Februar 1929 an der Sorbonne unter dem
Titel „Einleitung in die transzendentale Phänomenologie" hielt.3
Auf der Rückreise von Paris nach Freiburg sprach er auf Ein-
1 vgı, air aruıriıuug vuu 1.. Lsuagrsbr ru er/rıwug «mi uma, s. vın.
2 ru sgiusur nsuasxsurpısr asr Fumuuu «ua ı~›urs»mıaı=„ Lagers bemerkte
Husserı ıuıgeuass zur Euısısnuugsgsssıuums dress wsrıres; „Das ıvısrrusırrıpı sugg-
ssırıussru sur za. Juuurr 1929, ßeiısgru uruı Kurrsırtur riss Drums zu rrsursuu vuu
aer armer Msiwurıru au. Duurr Abschluss der Korrektur iu Freiburg bis etwa eruır
Juui μssuuguug asr armen Bsiırgrr:
= Diese vorırıgg wurasrr vuu sıspırsu sırssssr iu Hurrnıfrua r uur« dem Tnsı
„Psrissr vertrage" pubuıisrr; vgı. sum air ızirrıaıuug srrssssrs arru, s. xxm.
EINLEITUNG DES IIERAUSGEBERS XVII

ladung seines ehemaligen $chülers Jean Hering auch in Strass-


burg. Er führte dort, aller Wahrscheinlichkeit nach ohne vorbe-
reitetes Manuskript, die in den Pariser Vorträgen nur angedeutete
Problematik der Intersubjektivität näher aus, ohne dass diese
aber das ausschliessliche oder auch nur zentrale Thema gebildet
hätte) Etwa seit Mitte März bereitete er die Pariscr Vorträge
zum Drucke vor und schloss diese Vorbereitungen auf seinen 70.
Geburtstag am 8. April 1929 hin ab. Es war dies allerdings nur
ein vorläufiger Abschluss, denn ungefähr eine Woche nach seinem
Geburtstag griff er das Manuskript wieder auf und gestaltete es
bis zum 15. Mai zum Text aus, der der französischen Übersetzung,
die 1931 unter dem Titel Méıiítatíons Cıırtésíemıes erschien, zu-
grunde gelegt und 1950 im ersten Band der Husserlíıma ediert
wurde. Diese Ausgestaltung zwischen dem 15. April und 15. Mai
betraf ausschliesslich oder mindestens hauptsächlich die der Pro-
blematik der Intersubjektivitat gewidmete fünfte Meditation.
Darüber schreibt Husserl am 26. Mai l929 an Roman Ingarden:
„Seit Sie abgereist sind,2 habe ich ein hartes Stück Arbeit erledigt
- d,h. etwa eine Woche war ich mit Allotria, Briefen etc. reich-
lich beschäftigt und zudem übermüdet, hatte ich doch bis zum 7.
April mit Volldampf arbeiten müssen, um die Ausarbeitung der
Pariser Vorlesungen fertig zu bekommen. Leider fand ich nach-
her, dass diese Fertigkeit wenig befriedigend sei, da ich, um
schwierige Darstellungen zu vermeiden und die Disposition (den
„Sommaire") der Pariser Vorträge nicht zu sehr zu überschreiten,
Lücken der Beweisführung gelassen hatte - das betraf die Theo-
rie der lntersubjektivität (bzw. Monadologie und transzendenta-
len Idealismus der Phänomenologie). Ich beschloss, ganze Ar-
beit zu machen, und gab einen vollständigen Aufbau der tran-
szendentalen Theorie der Fremderfahrung etc, So ist nun eine
vollständige Ausbildung neuer „Cartesianischer Meditationen"
(so der jetzige Titel) geworden . . . Ich sehe dies als meine Haupt-
schrift an und lasse sie bald auch bei Niemeyer erscheinen".3 In
jenem Monat nach Husserls 70. Geburtstag hat die fünfte Medita-
tion ihre Ausarbeitung zum weitaus umfangreichsten Abschnitt
ı vgı. das ıainıemmg von stephan swiss« in Hmnıimı r, s. xxıv f.
1 Nımıieh zwei na« am Tage nach ırussefıs cebunsıag (siehe ıngaraens Eume-
ıungen zu Edmund rruswı, amp im Ram» 1„;„a=„, Nıjımfi, nen Haag, wen, s.
162).
I sm/= M Ram» ıngwun, s. 54.
XVIII EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

der Cartesianíschcn Medítationen erfahren. In Husserls stenogra-


plıischen Manuskripten findet sich noch eine andere, viel kürzere
Fassung der fünften Meditation, die aber in manchen Partien mit
der von ihm Mitte Mai abgeschlossenen Fassung identisch ist und
den Text darstellen dürfte, den er noch in den Tagen vor seinem
70. Geburtstag aın 8. April schrieb und dann als lückenhaft in der
Beweisführung beurteilte.
Diese frühere Fassung der fünften Meditation ist hicr als Text
Nr. 1 innerhalb der ersten Sektion dieses Bandes wiedergegeben,
in der Texte zur Problematik der Intersubjektivität zusammen-
gestellt sind, die Husserl 1929 und 1930 (bis Frühjahr) im Zusam-
menhang der Vorbereitung und der dann schon wenige Monate
naeh dem Abschluss Mitte Mai 1929 für eine deutsche Ausgabe
geplanten Umarbeitung der Cartesíanischen Meditationen ver-
fasste oder diesen zuordnete. In dieser wohl ersten Fassung der
fünften Meditation tritt deren Grundkonzeptiorı in ganzer
Schärfe und Deutlichkeit entgegen. In ihr kommt damit auch
deutlicher als in ihrer späteren Ausarbeitung eine fundamentale
innere Spannung und Zweideutigkeit dieser Meditation zur Gel-
tung, auf die hier hinzuweisen nützlich ist, da dies wesentlich zum
Verständnis von Husserls weiterer Auseinandersetzung rnit der
Problematik dieser Meditation beitragen kann. Diese Zweideutig-
keit ist am besten an der in dieser Meditation entwickelten Idee
der „Eigenheit" oder „Primordinalität" 1 in ihrem Verhältnis zur
„Fremdheit" aufzuzeigen: Einerseits fragt die fünfte Medi-
tation nach dem Verhältnis der in apodiktischer Selbstwahrneh-
mung gegebenen originalen Erlebnisse und Erlebnispotentiali-
täten sowie der in diesen original und von ihnen unabtrennbar

1 ı~ru§erl bruuelrt am-igenn snwnlil die wnrtınrni „vrirunrelinrm als nuelr „r›rinrur-
rlinl", aber uieut zur selben zeit. seit aenr Auitreren des 'rei-ininus Mitte der ıwanıiger
Jnure (vgl. Harmıinnn xıv, s. :tas Anni.) bis im Herbst um (siehe unten, rent Nr.
a) gebrnuelit er lrnnsequent die leteiniselre rnrrn „prirnnrdinnl"; nb Fruliinlir mo
(siehe unten, 'text Nr. 4) bis zur Kurer verwendet er inrrner die irnnreelselie Fnrrn
„prinrnrai=l'~, rnil einer einzigen dem Herausgeber bekannten Auennlirne: ini Text,
der unten als Nr. ız veraiienuielit ist und der wulil nieliı vor ıssı entstanden sein
diirfte. ln diesem Text treten snwnlil nie Fnrru „prininrdinnl" nlr nueli „priu›nrelinl"
nur. Dieser 'rent beıielit sieh allerdings gnur uuurittelbnr nur nie iuniıe carıesinniselte
Meditation, die ılusserl bei ner Abinesung dieser Textes wnlil wiener gelesen untte, en
anne ilnn nrnnelininl wieder nie in diesenr werlr gelirnuelite iruliere Form (.,lm'ur<›r-
ainnl") in die Feder (lese. ln ner vnrliegnnrleu Ausgabe wurde der 'rer-nrinus nieht
vereinlieitıielıt, snnaern irnnner die jeweils von Huseerl gerade geltrnuelıne Ferm wie-
aergegenen, an diese vereeliiedenlreit einen Hinwee nui rue curnnnlngie der rente
abgibt,
EINLEITUNG DES IIERAUSGEBERS XIX

konstituiertcn Einheiten und der nie original, sondern nur in


Vergegenwärtigung gegebenen fremden Monaden; diese Frage
wird unter Leitung der Cartesianischen Idee der apodiktischen
philosophischen Erkenntnisbegründung wie auch im Problem-
horizont der philosophischen Unterscheidung von eigener und
fremder Monade gestellt. Von diesen Fragen her gehören natür-
lich die Erlebnisse der Fremderfahrung selbst, insofern es eben
ei gene Erlebnisse sind, mit zur Grundsphäre (Primordinalsplıâ-
re), während das ontische Korrelat dieser Erlebnisse, das Fremde,
davon ausgeschlossen bleibt. So erklärt denn Husserl hier an
mehreren Stellen ausdrücklich die Fremdertahrungen (die Erleb-
nisse) als zur Eigenheits- oder Primordinalsphâre gehíiríg.1 An-
d e r e rs e i t s aber steht in der fünften Meditation das Verhältnis
von Eigenem (oder Primordinalem) und Fremdem auch unter der
Leitfrage der Motivation der Fremderfahrung, und zwar nicht
der ph il o s op h i s c h e n Motivation, sondern der „Linien der
Motivation" der natürlichen Einfühlung selbst: Wie ist die
natürliche Erfahnıng des Fremden (die Einflihlung) motiviert? 2
Das Motivierende oder „Motivationsíundament” ist dabei das
Primordinale oder Eigene, das Motivierte ist das Fremde. Unter
diesem Gesichtspunkt ist es natürlich widersinnig, die Fremder-
fahrungen des ego (als Erlebnisse), deren Motivierung ja ver-
ständlich werden soll, selbst zum Motivationsíundament oder
Primordinalen zu rechnen. Tatsächlich will Husserl denn auch
hier an mehreren Stellen diese Erlebnisse aus der durch Abstrak-
tion gewonnenen Grundsphåre ausgeschlossen wissenfi Damit ist
aber nicht nur eine Doppcldcutigkeit des „Primordinalen" oder
der Grundsphâre, auf die die primordinale Abstraktion führt, an«
gezeigt, nämlich einerseits als die in der philosophischen Re-
flexion apodiktisch uııd original erfahrbare Sphäre der eigenen
Monade (das Erste in der Begründungsordnung der philosophi-
schen Reilexion) und andererseits als Motivationsfundament der
natürlichen Fremdertahrung (das Erste in der Motivationsord-
nung der natürlichen Einfühlung), sondem damit erweist sich der
ganze Gedankengang der fünften Meditation als zweideutig:
Handelt es sich um die reílcxiv-philosophische Fundienmg (Be-

1 szene men, s. e/1, a, ıı, ız.


= siehe unter., s. ıa, ıı, is.
1 siehe unten, s. 1, a, ız.
XX EINLEITUNG DES IIERAUSGEBERS

gründung) des transzendentalcn Fremden und das transzendcn-


tale Verhältnis von eigener und fremder Monade oder um die
konstitutive Analyse der Fundierung (Motivation) der „natür-
lichen", „weltlichen" Einfühlung? Handelt es sich bei der Rc-
duktion auf die Primordinalität um eine Abgrenzung des eigenen
leistenden Lebens des transzendentalen ego, zu dem auch die
eigenen Einfühlungen gehören, oder um einen konstitutiven
Abbau der Well auf dasjenige, was das transzendentale ego ohne
Implikation des alter ego zu leisten imstande ist, also uın einen
Abbau der höheren, intersubjektiven Konstitutionsschichte und
eine Beschränkung auf eine niederere Konstitutionsstufe? Jene
Ausgrenzung und dieser Abbau stehen unter ganz verschiedenen
Hinsichten. Im ersten Falle ist es eine transzendental-reduktive
Methode zur Bestimmung der eigenen Monade im Hinblick auf
die Bestimmung des transzendentalen Anderen, im zweiten Falle
eine Methode der konstitutiven Analyse der natürlichen Erfah-
rung vom weltlichen Anderen. Die fünfte Meditation vermengt
diese beiden Gedankenlinien. Eingangs der Meditation steht die
Idee der philosophischen Begründung des transzendentalen An-
deren im Vordergrund, dann wird am Leitfaden der natürlichen
ontischen Gegebenheit des Anderen dic Einfühluııg einer konsti-
tutiven Analyse unterzogen und am Schlusse erklärt: „Zugleich
ist evident, dass in dieser Auslegung, die ich in der transzenden-
talen Reduktion als transzendentales ego vollziehe, ich notwendig
auf die Anderen als transzendentale Andere komme
. . .".1 Dass Husserl glaubt, allein durch die transzendental-
konstitutive Analyse der natürlichen Fremderfahrung zo ípso
schon methodisch den Anderen als transzendentalen Anderen ge-
wonnen zu haben, ist nur aufgrund jener Vermengung möglich.
Zu dieser Gewinnung hätte es noch der Überlegungen bedurft,
wie sie Husserl sehon 1910/ll in den Vorlesungen „Grundproble-
me der Phänomenologie” 2 und auch in den zwanziger Jahrenif
unter dem Titel der „doppelten Reduktion" ausführte. In dieser
Hinsicht wie auch in anderen ist Husserl in der fünften Medita-
tion hinter dem von ihm erreichten Stand der Intersubjektivi-

\ siehe uma, s. ie; vgı. cmtszanfsßıe Mmımma (umefıfßw 1;, s. ns.


F Verölleutliclıt in Hflsulíanı XIII, 'l`ı>xt Nr. 6.
* Etwa in der Vorlesung „Erste Philosophie" von W23/24 (veröffentlicht iu Hits-
mızam vu und vin).
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XX 1

tätsproblematik zurückgeblieben, Der erwähnten Zweideutigkeit


des Begriffs dcs Priıııordinalen ist sich Husserl allerdings wohl
erst später, wenn auch nur wenige Monate nach der Abfassııng
der Cartøsianísc/ıcn Meditationen, bewusst geworden.1
Die Zweideutigkeit des Sinnes der fünften Meditation erstreckt
sich bis in (lie in ihr durchgeführte konstitutive Analyse der na-
türlichen Fremdwzıhrnchmung („Einfühluııg") selbst, Handelt es
sich hier um eine statische oder genetische Analyse? Als den
„Grundrnechanismus“ der Einfühlung stellt Husserl sowohl in
der ersten wie auch in der endgültigen Fassung der fünften Medi-
tation die „ursprüngliche Paarung" hin, die er als Assoziation
bezeichnet? Assoziation ist nun nach den Cıırtesíaiıischen Medi-
tatíoıısøı selbst „das universale Prinzip der passiven Genesis".3
Auch in seiner Logikvorlesung der zwanziger Jahre erklärt
Husserl: „Uns bezeichnet der Titel Assoziation eine zum Be«
wusstsein überhaupt beständig gehörende Form und Gesetzmäs-
sigkeit der immanenten Genesis. _ .".4 Also hätten wir cs bei
dieser Analyse der Fremdwahmehmung um eine Genesis zu tun.
Nun sagt Husserl aber in der endgültigen Fassung des in Frage
stehenden Textes ausdrücklich und sogar wiederholt, dasses sich
bei dieser Analyse nicht um eine zeitliche Genesis, sondern um
eine statische Analyse handle.5 Diese Behauptung dürfte nicht
durch die tatsächlich vollzogene Analyse der Einfühlung selbst,
sondern durch die allgemeine Absicht der fünften Meditation, das
Verhältnis von eigener und fremder Monade philosophisch zu be-
stimmen, motiviert sein. _ Die angedeuteten Spannungen zeigen,
warum es Husserl in seiner Intersubjektivitåtstheorie nicht bei
der fünften Meditation belassen konnte, sondern in den späteren
Jahren immer wieder auf ihre Problematik zurückgriff.
Der Sommer 1929 war für Husserls geistige Situation und sein
weiteres Schaffen von grosser Bedeutung. Nachdem cr sich nach
Abschluss der Cartesiaııischen Meıiítuíionen (15. Mai) in Tremezzo
am Comersec erholt und anschliessend bis Ende Juni die Druck-
lcgung der Formalen und tmnszmdenlalen Logik abgeschlossen

1 siehe uma, s. sı, ess.


= vgt unıen, s. ıs und Hmnıiam 1, s. ı4ı.
= Humfızßw 1, s. ııa.
4 Husmıimı xi, s. zes.
I Huimıeøm i, s. ıse, iso.
XXII EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

hatte,1 widmete er sich während der beiden folgenden Monate


(zuerst in Freiburg und dann in Tremezzo, wo er wiederum im
August und anfangs September während drei Wochen weiltc)
hauptsächlich dem Studium der Werke Martin Heideggers: Sein
und Zeit, Kani und das Problem der Metızphysík und Vom Wesen
das Grmııics.2 In diese Monate fiel auch Heideggers Antrittsvor-
lesung in Freiburg „Was ist Metaphysik?" (24. Juli 1929), die
Husserl hörte. Aueh die wenigen Manuskripte Husserls aus jener
Zeit weisen auf diese Auseinandersetzung mit Heideggerß Dar-
über schreibt er am 6. Januar 1931 an Alexander Pfänder: „Un-
mittelbar nach dem Druck meines letzten Buches widmete ich,
um zu einer nüchtern-endgültigen Stellung zur Heideggerschen
Philosophie zu kommen, zwei Monate dem Studium von Sein und
Zeit sowie den neueren Schriften. Ich kam zum betrüblichen Er-
gebnis, dass ich philosophisch mit diesem Heideggerschen Tief-
sinn nichts zu schaffen habe, mit dieser genialen Unwissenschaft-
lichkeit, dass Heideggers offene und verdeckte Kritik auf groben
Missverständnissen beruhe, dass er in der Ausbildung einer
Systemphilosophie begriffen sei von jener Art, die für immer un-
möglich zu machen ich zu meiner Lebensauígabe stets gerechnet
habe. Das haben längst schon alle anderen gesehen, nur ich nicht.
Mein Ergebnis habe ich Heidegger nicht verschw'iegen".4 Husserl
hatte, gerade auch wegen seiner immer wieder erfahrenen
Schwierigkeit, die Fülle seiner analytisch gewonnenen Gedanken
zu systematisieren, auf die Zusammenarbeit mit Heidegger die
grössten Hoffnungen gesetzt und sich auch für dessen Berufung
zu seinem Nachfolger in Freiburg verwandt, obschon er bereits
1926 und 1927 bei der ersten (wohl nur raschen) Lektüre von Sein

I signs oben, s. xvi Aum. z und den Brief sn Rnınsn ıngmısn vom ze. ıvısi
1929 (ms/.s im Ram» rsgsnm, s. ss›.
1 vgı. den B1-is: sn canrg ıvıissu vom 21. Juni m29 ımsırgnııicııı im Nscnwnrı der
1:. Aufısge von oenrg Missns Lsımuphiıosupınz und Pmnnmmıugfs, Dsl-nisısaı 1961)
und den nus: an- csmn r-Iusssi-ıs an ıınmsu Iugsnien vom 2. osssn-.ı›sr 1929 (sus/.s
im nimm ıugmıin, s. sn.
' Fnıgeuae Manuskripte, die wir hier mit 1-iusssns 'rnsın und inhsııssngsngn sn-
iunısn, .ıumsn .sus jnnu- zn: sısnunuıu A vn 3, B1. :s: „Rgfınmn, ı. August 1929.
Ansatz: die ıfsnsunasnısıg Asıııenk ass Nsııspıssıe und diese sıs Fundament au-
iassıisisrsuagn Konzeption sinn- Fsmwsıı mw. auf Efisınungswsıı sıs unsnsııicıısw;
A vn 24, ıaı. 2-ıı= „ı929. Die Meinung ner Knnıepnnn der invsfisnien Form du
wm an Ei-ısnrung. Die Hsupısmıısuımn dieser ı=unn"; B in s, 131. 2¬ı2= „ıs29.
wen, fssıs und iaesıe csgsnsıanas, aigsnscnsnsn. Die sıfukeui-ıypik du vorgege-
benen wm - uns ıdsnciıaıssıfumur. erscheinende wm sis snıcııs".
4 Kopie des Briefes im Husserl-Archiv.
EINLEITUNG DES HERAUSGIEBERS XXIII

und Zeit und beim missglückten Versuch einer gemeinsamen Re-


daktion cles Artikels „Phänomenolog'ie" für die Encyclopaødía
Brílannica 1 Bedenken gegen Heideggers Weise des Philosophie-
rens fasste, Er schrieb aber vorerst diese Spannungen zwischen
ihm und Heidegger denı Mangel gemeinsamer philosophischer
Aussprache zu (Heidegger lehrte seit 1924 in Marburg) und hoffte,
durch vertieften Gedankenaustausch die lange gewünschte und
gefühlte Einheit wahr zu machen. Noch an I-Iusserls 70. Geburts-
tag am 8. April 1929 war das Verhältnis zwischen den beiden
Philosophen ungebrochen. Wohl besondeıs wichtig für Husserls
Revision seiner Stellung zu Heidegger war dessen Antrittsvorle-
sung „Was ist Metaphysik?". In einer solchen offiziellen Vor-
lesung wird ja versucht, ein wissenschaftliches Gnındanliegen
vorzutragen, und hier musste sich Husserl bewusst werden, dass
Heideggers philosophische Interessen und Denkweise in eine an-
dere Richtung gingen als seine eigenen. Diese Beschäftigung und
dieser Bruch mit dem Philosophen Heidegger hat im folgenden
Husserls eigenes Schaffen und im besonderen seine Publikations-
pläne rnitbestimmt, da er dem grossen Einfluss des seinen Inten-
tionen zuwiderlaufenden Denkens Heideggers auf die zeitgenös-
sische philosophische Situation Rechnung tragen musste. `
Unmittelbar nach der intensiven Beschäftigung mit Heidegger
setzte sich Husserl im September 1929 mit seinem eigenen Werk,
den Idem I auseinander. Der äussere Anlass dazu war das bereits
1928 gegebene Versprechen an W. B. Boyce Gibson, ein Vor-
wort zu dessen inzwischen vollendeten englischen Übersetzung
dieses Werkes zu schreiben. Wohl stark motiviert durch die un-
terdessen zur Kenntnis genommene Stellungnahme und Kritik
Heideggers* wollte er es nun aber nicht bei einem blossen Vor-
wort bewenden lassen, sondern begann für diese englische Über-
setzung eine weitgehende, hauptsächlich den zweiten Abschnitt
(die „phanomenologische Fundamenta]betrachtung") betreffen-
de Umarbeitung dieses Werkesß Im Hinblick darauf schrieb er
1 vgi. H«rr„ıcr›m ix, s. 23111.
1 Bei der Lurıiire vnn su» und zriı im sommer 1929 war Hnsserıs Aufmerksam-
keit rrrirk ani ain irnpıiıiıen Einwanan 1-inirıeggnm gegen mine ırnnmnaenıaır
Pbanomennıngie grrirbteı. in dem im Husserl-Arebiv auıbewnbren eigenen ıa›r=rn_
pıar nnsmrıs von sn» und zr« fine« sich immer winner die N<›v.iı= ,.ı2inw.=in<ıı".
1 am ıo. september um rnbrinb er nn Bnym Gibson: „snbr spa ist es mir in
meinem rnbeınsrn Arbeitsleben magıinb geworden, an die geplante Bnigabe zn inrer
englischen Ubnrrnıınng der :drm beranıuunırn. um mieb in das werk wieder bin-
XXIV EINLEITUNG DES HERAUSGIZBERS

mehrere Texte und stellte auch ältere Manuskripte, die er dafür


benützen wollte, zusarnmenl Als aber Boyce Gibson durch diese
Uınarbeitung seine ganze geleistete Übersetzungsarbeit in Frage
gestellt sah und seine Befürchtungen Husserl gegenüber klar zum
Ausdruck brachte, gab Husserl diese Absicht auf und kam wieder
auf sein altes Vorhaben eines Vorwortes zurück. Am 23, Oktober
1929 schreibt er an Boyce Gibson: „ln welche Unruhe habe ich
Sie durch meine Ankündigung einer Umarbeitung des Abschnit-
tes der Ideen über phänomenologische Reduktion 2 versetzt! Aber
welche Sorgenlast habe ich mir selbst aufgeladen, da ich allmäh-
lich sah, dass ich meine Kräfte überschätzt und die Konsequen-
zen für den Text der übrigen Abschnitte unterschätzt hatte _ _ .
Ich bin also wieder auf unsere frühere Abrede zurückgegangen,
auf die eines für den Leser hilfreichen Vorwortes. Ich habe den
Eindruck, dass es rnir gelungen ist zu sagen, was gesagt werden
musste _ . , Das Manuskript meines Vorwortes geht als rekom-
mendierte Sendung gleichzeitig rnit diesem Brief ab".3 Dieses
Vorwort hat Husserl, durch einige Ergänzungen bereichert, 1930
auch in deutscher Sprache unter dem Titel „Nachwort zu meinen
Ideen" im jııhrbmıh für Philosophie imıi phânomenvlogísche For-
schung erscheinen 1assen.4 Sowohl dieses Vorwort (bzw. Nach-
wort) als auch jene Vorbereitungen für die Umarbeitung der
Ideen I tragen deutlich den Stempel der Auseinandersetzung mit
Heidegger: _]'ene Vorbereitungen erörtern vor allem das Verhalt-

ninrnfinasn und nis Art ner Missvsrsıananiäs ru bsnsnkun, nie meine siubsrıirb subr
unvniıknmmnns nsrsısııung (snıbsı bni :isn ı›banumsnnıuguu› nnrvsrgsruisn bsı, una
ru bedenken, wns isb zur Leitung riss sngıisnbsn Lesers Hiıfreiebss ssgsn mnsss, ıns
iub aus werk ven nuusm. on sub iun nbur, nnss us ssbr wnbı nragıiun sei, nbnn den
nıısn rm wsssniıisb ru andern, durch Besserung vursinısıtsr wbrıs, dursb gsısgsni-
ıiunn Biniiıgung vnn saınun, snaıiub auruır Einsubisbung griisssrsr Erıiiuısrungnn in
zusszıpsrngrunbnn eins gun; buasuısnas Besserung der Dnrscsııung ru gewinnen. . _
visıısiukı gunug: bs, die Ar: nur buuinbnuısn uniurbeitung ann ıunanmunıriısn
Kspiisın ubsr pbannmsnnıngissns Runukıiun (una pnınunisunıngiscbun insnıismus)
una risrn iiber Nnrsis una Nnunis, svıı. snnb num subıussknniını (kunsiiıuıivs Prnbıs-
nmıik) sngsesibsn zu ınsssn Fur nis pbansmsnnıngissbs Rsnnkıinn nsbs isb ssbbn
das Nöıigs snıwnrfsn." (Brief im nusssrı-Archiv).
1 ßinsn rsii dieser im september um gusunrisbsnsn 'rum bnı i-iusssrı in sinsm
seiner Hanasrbmpınrs nur „mi 1 ıufbswsbrı; dieser rsiı wurde vnn wriııur Bisrnsı
in nur Hnrrrrıinım-Ausgnbs der mn. 1 vsröffsniıiubı (Hnrmıamn ın, Buiısgun xı
bis xv). Andern arunnis nuu gssnbrisbsns, aber «usb ıksrs mr diese umsrbsienng
russmrnsngesisııis Msuuskripıs bsiinasn siub nnuıs irn i-ınsssrı-Arnbiv unter den
signszursn B I 9 11,3 ir 4 und B ıv za.
f Die Ankunaigung bsımi in wirkıisbksir viel mebr= siubs nbrn s. xxın Anm, 3,
1 Brief irn nusssrı-Arebiv.
1 Neu pubıiıisr« in Hassrrıimm v, s. isenıez.
EINLEITUNG DES IIERAUSGEBERS .XXV

nis von reiner Psychologie und transzendentalcr Phänomenologie,


während das Vorwort (bzw, Nachwort) sich über die allgemeinen
Missverständnisse ausspricht, die den wahren Sinn der transzen-
dentalen Phänomenologie verhüllt haben, uncl als wichtigsten
Gegenstand dieses Missverstândnisses wiederum das Verhältnis
von reiner Psychologie und transzendentaler Phånomenologie
diskutiert. Schon bei der Abfassung des Encyclopaedia Britannicıı-
Artikels hatte sich Husserls Diskussion mit Heidegger haupt-
sächlich um diesen Punkt gedreht] und der Hauptvorwurf
I-Iusserls gegen Sein und Zeit lautete, dass dieses Werk wegen
der Missachtung der transzendental-phânomenologischen Reduk-
tion im Psychologischen und Anthropologischen stecken bleibe.
Ebenso betonte Husserl in diesem Vorwort gegen Heidegger die
Idee der Philosophie als „nüchteme, im Geiste radikalster Wis-
senschaftliehkeit fortzuführende Arbeit".2
Nachdem Husserl von der Umarbeitung der Ideen I für die
englische Übersetzung abgesehen hatte, beschäftigte er sich
gleieh nach der Vollendung seines Vorwortes dieser Übersetzung
(etwa am 20. Oktober 1929) mit einer Erweiterung der Cartesiuni-
schm Meditationen für ihre deutsche Ausgabe. Am Ende jenes
Vorwortes findet sich ein Absatz, in dem er sich auch über seine
damaligen Publikationspläne ausspricht: 3 „Für den an der Fort-
arbeit und an den Fortsehritten des Verfassers seit 1913 Interes-
sierten sei hingewiesen auf die kürzlich erschienene Schrift For-
male und lrıznszendentale Logik. Versueh einer Kritik der logischen
Vernun/t (im jahrbuch für Philosophie und phänomenologische
Forschung, Bd. X, 1929); ferner auf meine Cartesianischen Meıii-
tationen, eine erweiterte Ausarbeitung der vier Vorträge, die ich
zuerst in einer Vorgestalt im Frühling 1922 an der Londoner
Universität und in einer ausgereifteren Gestalt an der Pariser
Sorbonne in Frühjahr 1929 halten durfte. Sie geben in blossen
Grundlinien eine kurze Einleitung in die phânomenologisclıe
Philosophie, enthalten aber eine wesentliche Ergänzung durch
die ausführliche Behandlung des Grundproblems der transzen~
dentalen Intersubjektivitât, womit der Einwand des Solipsismus

21 Hm„ı„„„
vgı. Humıımm
. v, s. ıx, s. soo fr.
ısa.
= im deutschen „Nı«ı=w.›\-1" von mo ist dem num; weggeıßm (nusmı im
woııı „st im Ma oa« Jimi ısso am etwas veıanamen rm des „Naebw=›ms" zu
XXVI EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

in nichts zerfällt. Sie erscheinen im Sommer 19301 in französi-


scher Überlragung im Bulletin /ie lu société française de philoso-
phie.2 Im selben Jahr soll eine deutsche Ausgabe bei Niemeyer in
Halle a.d.S. erscheinen, welche zusätzlich 3 eine zweite Einleitung
enthalten wird, die die Klärung der Idee einer personalen (geistes-
wissenschaftlich gerichteten) und naturalen Anthropologie und
Psychologie zum Ausgangsproblem nimmt. Erst in einem weite-
ren Schritt wird dann gezeigt, wie im Ausgang von dieser Dis-
kussion, die wie alles Vorausgehende auf natürlichem Boden ver-
bleibt, die Kopernikanische Umwendung zum transzendentalen
Standpunkt motiviert wird, Gleichzeitig wird mit einer Serie von
Publikationen in meinem Jahrbuch begonnen: konkrete phäno-
menolog-ische Studien, die ich in den vergangenen Jahren zur
Selbstaufklârung und zur Bewährung der Stnıktur der Phänome-
nologie unternommen habe". Mit den hier zuletzt erwähnten kon-
kreten phänomenologischen Studien aus den vergangenen Jahren
sind wohl vor allem die durch Ludwig Landg-rebe seit 1928 4 zur
Herausgabe vorbereiteten logischen Arbeiten, die 1938 in Prag
unter dem Titel Er/ahmng und Urteil gedruckt wurden, und ande-
rerseits díe von Eugen Fink seit 1928 oder 1929 zurAusarbeitung
übernommenen sog. „Bemauer Zeituntersuchungen" aus 1917 und
1918 5 gemeint. Husserl denkt nun also nicht mehr, einfach den
der französischen Übersetzung zugrundegelegten Text der Car-
tesianischen Meditationen auch in deutscher Sprache erscheinen

Niemeyer gesnhlslrt; annnnıs hsttsn sich sein« Plans hnrnlts wind« geändert). vnn
diesem Absatz des vnrwnrtns der nngllschnn übersetzung ist inı I-Iussnrl-Arnhiv eine
deutsche, im Oktober 1929 wohl von E. Fink besorgte Masclıinenabsızhrift erhalten
(Ms. A vII 20, Bl. sl/ec). Diese Ahsthrut enthalt nhnr nnr den ersten Tnil dieses
Ahsntres. nen ıwnltsn, hsntn nur nnth ln dn- nngılsnhsn Ansgshs vnrırsgtndsn rsiı
hat Husserl wnhı noch nnf dem Bnyne Glhsnn zur Uhnrsntınng ıngnssndten Exnnsnlnr
der Finlrsvhen Mssthinsnnhsehrift helgnlngt. Jedenfalls ist dieser zweite Teil nieht
ınngn nnnh denn ersten sntstsndnn, ds die in ihnn gnansserten Plans nur ins winter.
hnlbjnhr 1929/so passen. wahrend inner erste Tell inn folgenden in der erhaltenen
dtntsnhsn rsssnng witdtrgsgehnn wird, rnnsstn der zweite Teil nns denn ıeaı hsl
Allen at unwin, Lnndnn, erschienenen snglisnhsn Tsrt ınrnnlrrrhsrsstrt werden.
1 In der erschienenen englischen Übersetzung heisst es anstatt „lm Sommer 1930":
„nresnrnshly ._ . slrnuıtnnsnnsly with this English edition nf th. ınttn". rsısanhunh
sind snwnhı die snglısnhe Uhsrsntınng der Im" I wie snnh die Mødirnlions ctıııesiut-
nes 1931 erschienen.
1 Das Folgende musste ins Dnntsnhe ıurünknhersetıt wnrdgn (vgl. nhgn S. Xxv,
Annn. 3).
= Inn sngıisnhsn rm: neauinnnı vınlırr.
I vgl. Er/nlmtng und Unssı, S. VIII.
= Die hstrtııtndsn nsnnshripts nnssnrıs snwle einlgn lıdltlnnsvnrhnrsitnngsn
Flnks befinden sich seit was irn ıınssnrl-Archiv (nnter der slgnıtıtr L),
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XXVII

zu lassen, 1 sondern er will sie durch eine „zweite Einleitung"


begleiten, die im Ausgang vom Verhältnis zwischen naturwissen-
schaftlicher und geisteswissensclıaftlicher Anthropologie bzw.
Psychologie die „Kopemikanisehe Umwendung“ zum transzen-
dentalen Standpunkt motivieren soll. Es soll also dieselbe Pro-
blematik ausführlich zur Sprache kommen, die Husserl in der
Diskussion der seiner Philosophie widerfahrenen Missverständ-
nisse in seinem Vorwort zur englischen Übersetzung der Idem I
schon angedeutet hatte und die durch die Auseinandersetzung
mit Heidegger sein unmittelbares Interesse beanspnıchte. Dass er
bei diesem neuen Plan sicher auch an die Philosophie Heideggers
dachte, zeigt auch eine Stelle aus einem Brief an Roman Ingarden
vom 2t Dezember l929: „Das eingehende ,Studium von Heideg-
ger'? Ich kam zum Resultat, dass ich das Werk nicht dem
Rahmen meiner Phänomenologie einordnen kann, leider aber
auch, dass ich es methodisch ganz und gar und im wesentlichen
auch sachlich ablehnen muss. Umso mehr lege ich Gewicht auf
die volle Ausgestaltung der deutschen Ausgabe der Cartesiaøıí-
schen Medilııtíoøıen zu meinem systematischen ,Hauptwerk'.
Hoffentlich wird es Ende 30 fertig, dann folgen konkret aus-
führende Werke _ alle irn Material überreich vorbereitet”.2
Im Hinblick auf diese Ausgestaltung der Cartesíunischen Medi-
tationen hat Husserl damals (Herbst 1929) die Amsterdamer Vor-
träge von l928,3 in denen reine Psychologie und transzendentale
Phánomenologie einander gegenübergcstellt werden, herangezo-
gen 4 und auch andere ältere Manuskripte durch seinen Assisten-
ten, Eugen Fink, zusammenstellen und ordnen lassen sowie auch
weitere Überlegungen über diese Problematik des Verhältnisses
von Psychologie (bzw. Anthropologie) und transzendentaler Phä-
nomenologie geschríebenfi Sogar einen Entwurf zu einem „Vor-

› steht oben, s. xvıı.


2 Bm/4 an Rama Ingtvun, s. ss.
= verısfftrrtıicırı in Hurruıamr xx, s. :soz ff.
4 Vgl. den Brief von Frau Malvine Husserl an Roman Ingsrderı vom 2. Dezember
me; „seit septtrrbtr hat tr rr der deutscher Erweiterung der c„t.„~;r„ırrır«›
Mtaeıammrfl gearbeitet und auch die Amsterdamer vortrag« tirrbtwgtn. _ (Brit/4
rm Ram» ıngørun, s. 51).
1 reıgerae Manuskripte wurden ir itrrtr zeit ırrsrrrrmerrerteııt oder grstnrrtberr
(wi: geben die eigtrrırarraigerr 'riteı ı-nrsserıs wieder) ¦ A v 7, B1. 4-5: .,ı929. Anthropo-
ıogiefl, ni. e-aı= „oırt„ı›=r ıezs. Geisteswissenschaft. Die weit rrrrstrrtr Erfrrırr-rrg,
rıtr Brmmrrg raw ı›er=<›rr"; A vı ıs, B1. 1-ev: „Der nem» „xt Timm, swıe,
XXVIII EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

wort" für diese „zweite Einleitung" hat Husserl damals verfasst!


Allem Anschein nach wollte er es jedoch bei der damals geplanten
Ausgestaltung der Cariesíanísclıım Meditationen nicht rnit der
Zufügung einer solchen „zweiten Einleitung", die als Weg von
der geisteswissenschaftlichen Psychologie und Anthropologie zur
transzendentalen Phânomcnologie gedacht war, bcwenden lassen.
Er ordnete wohl auch damals zwei zusammengehörige Texte über
die Problematik der Intersubjektivitat, die er zuvor für die Um-
arbeitung derldec'/LI(im Hinblick auf die englische Übersetzung)
bestimmt hatte, „zu den Pariser Vorlesungeri".2 Diese Texte, die
im vorliegenden Band als Nr. 2 (a und b) veröffentlicht sind, legen
vorerst wie dic fünfte Meditation die Einfühlung als analogische
(apperzeptive) Übertragung aufgrund einer assoziativen Ähnlich-
keitspaarung aus, erörtem aber weiter in einer Weise, die an
Descartes' malín génie erinnert, die Frage, ob nicht, trotz der
konsequenten Bestätigung meiner Erfahrung der Anderen, diese
doch nicht existieren könnten, diskutieren ferner die Möglichkeit
einer Vielzahl „verrückter", weltloser Subjekte ohne alle Ge-
meinschaft und erweisen die „Normalität“ im wesensmässigen
ctisttswisssnsshsit. ordnung unt-1 zussnsrntnsttiıung ini oittohnr um (visit Ein
ısgsn sus ann izttigrinnnn von stptsnrhnr una oirtnhnr i92e)~,
1 iss hsndeıt sich urn einen in einem wtitsısn zusnrnn-.tnhnng stthsnatn 'rm
(A vi is, Bi. ei) rnit nur Uhtrsshritt „vnrwnrtfl una inigunnsrn inhsitr „nis ns-
trnshtungsn, nit wir irn weiteren tiurnhiuhrsn wsrnsn, wniisn nun unter vhrnusttiiung
einiger Begriff« urui satte, nis sus rsin nsythningistinsr Rsiiuittinn gtwnnutu sinn,
tuniithst Grundiinisn einer rtin psythningisthsn und knnitrstsn Betrachtung du
Knrrsistinn von rsintr suhisirtivitit una tur sit gtitgnasr weit aurnhiuhrsn una asun
sishııitir nischen, nsss in aissstn Fnrtgthsn, und ıwnr in. Fsii dnsstihsn in irhnssqusn-
ter univnrssiitit, von snihsi nis nntwnnriigg i-:insisht nrwashsı, risss nis hsstınt-iigt
sttrung der rtinsu suhisktivitat sis wtitsnhithtt und sninit vnrnus-sstıung ner
rssıtn wtıt, iu nur sis sniushtn ist, ring nrögiishst stihstvrrstanaiishu wendung tr-
fshrnn irnnn in der izinsithi, dass nit vnrsussttıung snıhst isswusstssinsitistung ist
und dit weit, die an ini vnrsus ssisnns ist, nichts snnerss sis iaswusstssinsiwrrtint
ist; in wsitnrrr rnigt, ii.-rss aisitnigs suhisiitivitat, die fur nisse vtrsussstrung sis
itistnnris in Fragt knrnnrt und eis titr fiir sit stitntitn weit vorhtrgtht, nitht rntnsth-
ıitht in nur weit srin itsnn, snunsrn then nitjtnigs, nis nut risr wsit sunh nis Msn-
vsehen und sich selbst als menschliche als die für sie seíende in sich konstituiert. Eben
tinriu shtr iitgt, dnss nis snr iıisnsthsn in tier weit shstrnhisrts una resie reine
suhitirtivitat sis shsniuts sntıhnr ist, hıw. dass es srirsnnhnr ist, riss« aisssiht rtins
suhitisıivitat, dis sis shsniutt siiss sgisniit uberhaupt und sich ssihst nis im sien
snıhst ssirnnr iwnstitrunrt, eine itsrirrhnrs ssihstnhieirtivntinu vniirirht, n.i. gswisstn
in ihr irnnstituitrtsn Nnturitiirptrn ahpsrıtptiv it einen gtsshinsssntn Bewusstseins-
strnrn rusigngt. Reines Bewusstsein irsnn sith stihst nhsnıut nppsrtipirrtu, rs irsnn
aber such in snintr itnnstituiurttn iztniität Mtusthsn nnpsrsipisrtn, rnit rsinsn sttisn,
die den grinsen othnit tints gtsnhinsstnsn rtiutu Bewusstseins nis rtnit schicht
nsrstsııtn. es ist sinn unnrsunnts sinnhiiaung, dis den sinn sssis nus tisnr isinhnits-
gshsit ats nhsnıuttn Bewusstseins in-streitet".
1 siehe unten, s. enn, air ttrtiiritisthsn ıinnrtritungrn ru mit Nr. 2.
EINLEITUNG DES IIERAUSGEBERS XXIX

Sinne von Vernunft als Voraussetzung der Denkbarkeit solcher


anomalen „Möglichkeiten"; schliesslich wird die wechselseitige
transzenclentale Abhängigkeit von ego und alter ego zur Geltung
gebracht. Husserl hat zu jener Zeit aber auch zwei grosse Texte
verfasst, die hauptsächlich die Problematik der Intersubjektivi-
tät und der Zeitkonstitution weiter entwickeln. Der Schlussab-
schnitt des einen dieser Texte, der von Husserl auf „Ende Okto-
ber bis 4. November 1929“ datiert ist, steht im vorliegenden Band
als Nr. 3. Er diskutiert im Zusammenhang der Erörterung des
„Seinsvorzuges der konstitutiven Subjektivität" den apodikti-
schen Seinssinn des transzendentalen Anderen als „konstituieren-
den Mitträgers der Welt".1 Es ist anzunehmen, dass Husserl, als
er diese beiden Texte schrieb, die Cartesianíschcn Meditationen
nicht nur durch eine „zweite Einleitung", sondem auch durch
eine Fortführung ihrer koristitutiven Problematik, hauptsächlich
in ihren Dimensionen der Zeit und Intersubjektivität, auszuge~
stalten wünschte. Auch dies sicher nicht ohne das Bedürfnis einer
rein sachbezogenen Konfrontation mit Heidegger. Bei diesen
Texten (wie auch bei allen folgenden, die in diesem Bande vor-
liegen) handelt es sich jedoch immer um persönliche Vorbesinnun-
gen (,Iorschungsmanuskripte") und nicht etwa schon um fiir die
Publikation bestimmte Ausarbeitungen?
Von Mitte November 1929 bis Anfang Februar 1930 wurde
Husserls Arbeit an der Ausgestaltung der Cariesíaníschen Medi-
tationen unterbrochen: durch die Beschäftigung mit seinen logi-
schen Manuskripten, die ihm damals Ludwig Landgrebe im Hin~
blick auf eine Veröffentlichung in neuer Anordnung und Gestal-
tung vorlegteß durch dreiwöchige Ferien um Weihnachten und

1 om- sudsrs disssi- beider. rmrte, im i~ıusssrı¬.miiiv uutm- dsr sigustur c s, um.
fasst 22 matter uud tragt wm r-iusssrıs i-ısud rdıgeuas Aufssisriıti „oktdissr 1929.
ziu- xmisiitutiou der iutsrsubjsırtivsu weit iu deu uruvsrsuisu zusammsuiısugsfur-
mm der ,uiisudıisiim zeit uud des uusudıisiisu Raumes. rrsusrsudsumis zsiiıisir-
ıtsit und trsusssudsutai ımusıituisrts wsıtrsitıisııırsit (uiid sinus« xaumıisisiitiw.
Ds iu diesem rsrt dis zsitprsiiıtmutiir im vurdsrgruud sieht (sbssimu die ıııattsr is
bis zı vor sıısm mdusdsıdgiscıisu rrsbısmsu gswidmst siud), ist ssius vsröflsut-
ıisiiimg im zusummeunsug einer Editiuu der späten zsitrusruisıuipts vsrgsssiisu.
1 vgı, dis Bsmsrıruugsu des Herausgebers aber Husssi-is Ari, Pubiiıssıiimeu versu-
iisrsitsu, iu der Eiuısitimg ru Husssrıiaim xıv, s. xx.
1 Dies war ssiimi dis rwsits Ausarbeitung Lsudgrsbes, die erste, vom Herbst ısza,
imtıe 1-russsrı rur Aistsssuug der z=„„„„.ı=„ „mi ırrrurrmzsuısrisu Lsgi» angeregt. über
dis ßsssisaniguug ı-ıusssi-is mit disssr usudu Aussi-beituug ssiirtibt ssius csttiu sm
2. Dezember 1929 su Rsmsu ıu,~;urdsu= „seit september nut sr su dsr dsutssıisu Er-
wsitsrusg der curıssasuisrımi Mratmiuum gear-bsiısı Y _ ., musste iedesii damit sb-
XXX EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

Neujahr bei seiner Tochter uncl seinem Sohn in Berlin und Kiel 1
und schliesslich im Januar 1930 noch durch die Vorbereitung
eines Beitrags über „Ursprungsproblernc" für eine Thoiiizts Masa-
ryk gewidmete Festschrift! Sowohl seine Arbeiten für die logis
schen Studien als auch für den mit diesen inhaltlich in Zusam~
menhang stehenden Beitrag für Masaiyk brach Husserl Anfang
Februar 1930 ab, um sich wieder der Ausarbeitung der Cartesianí-
schen Mediialionen zuzuwenden. Am 19. März 1930 schreibt er an
Roman Ingarden: „Ihren dringenden Wunsch, erst das zweite
logische Buch“ feflig zu machen, war ich sehr bereit, mir zu
Herzen zu nehmen. Ich war eigentlich schon Monate lang dabei,
war aber in Kiel schwankend geworden, da es viel langsamer zu
Form kommen wollte, als ich gehofft. Im Januar ging ich also
nochmals daran. Aber nach etwa drei bis vier Wochen harter
Arbeit liess ich es wieder fahren. Es war mir aus den Manuski-ip«
ten (bzw. dem daraus einheitlich verknüpften Entwurf von Dr.
Landgrebe) plötzlich klar geworden, dass im Verborgenen ein
sehr wichtiger einheitlicher Gedanke in den losen Bruchstücken
zutage dränge und dass nun eine völlig neue systematische
Ausarbeitung unter seiner prinzipiellen Leitung notwendig sei,
mit noch einzuarbeitenden Ergânzungsstücken aus anderen al›
ten Entwürfen (die logischen Studien liegen weit zurück, seit
langem habe ich mich nicht mehr mit logischen Problemen be-

breeıteu, ds Lsudgreise die iiusui-issituug der Lsgiseiieu studien (sims is issgeui vur¬
iegts, iiber usueu mem Mami uuri sitzt uud ssirwitrt. nu rr diese uutersueiruirgeu iu
einen grösserer systemsiiseiieu zusummeuiisug eiugiieduru imd susii stmst isereiriseru
wiii, ist es eine issrts uud im Msmeut ussii riisirt gsuı sbseiiissre sseireı' (Briefe im
Renten ıiigirrdeu, s. sv).
I vgi. srisıs rr» Rewe» ıugrnm, s. se.
I am i1. Jsriusr mo ssiireibt Frau Msıvirie i-iusserı su iaeyee Gi1›seu= „Mein
Msur. ist gegenwärtig ssiir im csdi-auge mit seiuer iu-iieit, er muss uusir disseu iıisust
seiueu rseitrsg mr eius Festssisrift rum eo. Geiıurtstsg des stsstsprssidsutsu der
rssiresiresıuwskei fertig mseiisu." (Brief im nusseri¬.ıtrsiiiv), rrusserı smr mit
nismss ivisssryis seit seiner Lsipsigsr studisuseit befreundet. Msssryir isst rıusssrı
su: rrsuı ereritsus iiiugewieseu. Die vdrtereituugeu nusseris tur dirseu rsstseiirift-
issitmg siud im i-iusseri-ıireirtv uuter der sigustur A i 21 eriisiteu. sis umfssssu is
Butter, dsreu umssıtısg tsıgeude Auiseiıritt tragt: „Jsuusr ieso. über „urspruug".
sirm der urspruugsprsirieme sugeiruiipft su dus rrsbiem ui-sprung des ,Aiigsmei-
rieri' uud dsuu ustirriisii siier issisgerisieu osgeustsudiieiiiteiteu. ızvti. sis Eiuisituug
iu das zweite iegissiis Buch, des aber ass system der ursprtırgiieireu urteiie _ d.i. ass
system der rurmeu vuu sssnvsrissıteu (der rurmeu uispruugiisii gessiiapftsr ers
kerirituisveriısitsi irsudsiri seii. csdseiit sis r-*ssigribe fiir Mssuryit". Mit dem „zweiter
iegiseiisu Buer" ist Ludwig Lsudgreisss Aussriseiturig der aitersu iugissiieu iiisum
sitripte gsmsirit.
I eis erstes iugiseites Burii ist die rsmmis und i„r›isrs„ds„urıe Lrgiır vursusgisetrt.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBER5 XXX!

schäftigt -_ daher geht es jetzt langsam, ich muss mich erst hin-
einfinden). Ich sah, dass ich noch vier bis sechs Monate Arbeit
brauchen würde, und so lange d urite ich die deutsche Bearbei-
tung der Camsíunischen Meditationen nicht auíschieben. Denn
das wird das Hauptwerk meines Lebens sein, ein Grundriss der
mir zugewachsenen Philosophie, ein Fundamentalwerk der Me-
thode und der philosophischen Problematik. Mindestens für
mich Abschluss und letzte Klarheit, für die ich eintreten, mit
der ich ruhig sterben kann. (Aber wichtiger ist, dass ich mich be-
rufen fühle, dadurch entscheidend in die kritische Situation ein-
zugreifen, in der jetzt die deutsche Philosophie steht.) Die kleine
französische Schritt, Ostem erscheinend (etwa 100 S.), wird
ni c ht blosse Übersetzung der deutschen sein, denn für das deut-
sche Publikum - in der jetzigen Situation (modische Schwen-
kung zu einer Philosophie der ,Existenz', Preisgabe der ,Philo-
sophie als strenge Wissenschaff) bedarf es breiterer Exposition
und Weiterführung bis zur obersten ,metaphysischen' Proble-
matik. Ich arbeite mit guten Kräften und in äusserster Konzen-
tration, vor dem Herbst werde ich mit dem Buch nicht fertig
werden".1
Aus dem Februar und März 1930 sind Manuskripte erhalten,
die diese Fortarbeit Husserls an der Ausgestaltung der Carlesiani-
schen Meıiitatíanen bestätigen und darüber genauer informieren?
Einer dieser Texte, der in psychologischer Betrachtung von der
personalen, individuellen und gemeinschaftlichen, Umwelt in
ihrer „Bedeutsan-ıkeit" ausgeht und die Reduktion als Reduktion
zum vornherein auf die Intersubjektivitât im Gegensatz zur ego-
logischen Reduktion erwägt, ist im vorliegenden Band als Nr. 4
veröffentlicht. Aus diesen Texten ist nicht eindeutig Zu entneh-
men, ob Husserl damals zur Ausgestaltung der Cartesíanischzn
Meditationen noch an eine besondere „zweite Einleitung" (im
1 am/s im Rim» ıngum, s. ssıss.
I sn dis ßımsi s-1 ass xnnvsınıs B in 4, asian ınıisıı vun i-ınsssiı was 101;«
s.\i=i-sısssiisisn ist; „mini“ ıeao. nass dis wsıı sn sich mionsı nnbssıininn ist .ina
auch ans ini ısımn sinn ıisnsısnaenını ssisnsıe. Die unmsgıisnksit, das ssisnsıs
ıssiıisıi ainsi wninisiısn an sien in siksnnsn". nissss Manuskript ısg nispiringıisıi
ini: sin« Reim anasm uns ıiissninisn. dis sin. heine «nm der signsnn A v s
(si. 2a¬sa› bsiiniisn und mi: inigsnii« ınıinıısingsbs veissıisn sind; „7, bis 9. um
mo. Aniimipnıngis, psisnnsıs Psysioıngis. bis iniivsissıs Dssinipıinns ais assknp-
ıivsn wisssnssıisnsn an vnigsgebenen weıı nıs wen der ıai›fnnning"; an seıiinss-
ısxı dieses Mınusınipıss, wnvon eiii 'rsii „sur ıwsimi M=aiı=ıic›n" ıugsnninsı ist
(ais ıaunsi sı¬s4›, ist iin vnniegsnasn ıasnii nis rein nn 4 pnbiiıisn.
XXXII EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

Ausgang von der geistcswissensehaftlichcn Psychologie und An-


thropologie) diıchte oder ob er nicht vielmehr den Gedankengang
des bisherigen Textes der Cartcsíanísc/ıen 111eıiítatianen im Sinne
dieser „zweiten Einleitung" umzugestalten beabsichtigte. Es gibt
ein Indiz für diese zweite Möglichkeit,1 Natürlich ist auch frag-
lich, wie prâzis überhaupt Husserls Pläne damals hinsichtlich
dieser Ausgestaltung waren. Da ein Grossteil der Husserlschen
Manuskripte kein Datum trägt, ist der genauere Arbeitsgang
einer bcstimınten Periode oft sehr schwer zu rekonstruieren.
Wahrscheinlich stamınen aus diesen Monaten (Februar und März
1930) auch eine Reihe kleinerer Texte, die sich kritisch auf die
fünfte Meditation in ihrer Stellung innerhalb des ganzen Werkes
beziehen und die in der Nr. 5 dieses Bandes wiedergegeben werden.
Diese kritischen Texte machen eine wohl notwendige Täu-
schung und Zweideutigkeit iin Gedankengang des Werkes deutlich.
Im § 8 der Cartesianíschen Meıiitı/ıtíonen, der den Titel „Das ,ego
cogito' als transzendentale Subjektivität“ trägt, wird ausgeführt:
„Als radikal meditierende Philosophen haben wir weder jetzt eine
für uns geltende Wissenschaft, noch eine für uns seicnde Welt.
Statt schlechthin seiend, das ist uns in natürlicher Weise im
Seinsglauben der Erfahrung geltend, ist sie uns nur ein` blosser
Seinsanspruch. Das betrifft auch die innervveltliche Existenz aller
anderen Ich, so dass wir rechtmässig eigentlich nicht mehr im
kommunikativen Plural sprechen dürfen. Die anderen Menschen
und die Tiere sind für mich ja nur Erfahrungsgegebenheiten ver-
ruöge der sinnlichen Erfahrung ihrer körperlichen Leibcr, deren
Gültigkeit, als mit in Frage stehend, ich mich nicht bedienen
darf. Mit den Anderen verliere ich natürlich auch die ganzen Ge-
bilde der Sozialität und der Kultur. Kurzum, nicht nur die kör-
perliche Natur, sondern die ganze Lebensumwelt ist nunmehr für
mich statt seiend nur Seinsphânomen".2 Obschon nach diesem
Text ausdrücklich nur die „innerweltliche Existenz aller anderen
Ich" der Epoché verfällt, scheint der auf diesem Weg gewonnene
transzendentale Seinsboden nur der eigene Lebensstrom des
reflektierenden Philosophen sein zu können; das Transzendentale
scheint sich demnach mit der eigenen universal konstituierenden

1 ein 'rsiı dieser Manuskripte ist dsr zweiten Medic-man zugeordnet (sisıis nnısn,
s. 64 ıf.›.
1 Hnsssfıisnii i, s. saıse.
EINLEITUNG DE5 HERAUSGEBER5 XXXHI

Subjektivität (mit dem universalcn ego cogitu) zu identifizieren.


Diese Auffassung des Transzenrlentalen wird letztlich durch die
in den Cartesíaøıíschen Meıiitatíonm leitende Idee der Apotliktizi-
tät motiviert. Wenn die fünfte Meditation dann schliesslich den
transzcndentalen Anderen ciníührt, müsste dies folgerichtig als
eine E rw e i t e r u n g der transzcndentalen Sphäre betrachtet
werden. Die fünfte Meditation gibt sich nun aber nicht als eine
E r w e i t c r u n g der transzerıdentalen Sphäre, also nicht als ein
Überschreiten eines zunächst eingenommenen „solipsistischen
Standpunktes", sondern ,als eine E xplikation (Auslegung,
Enthüllung) der schon gewonnenen transzendentalen Sphäre,
bzw, als Aufweis des transzendentalen Solipsismus als einen blos-
sen S C h ein. Die Etablierung der transzendentalen Subjektivität
als transzendcntale Intersubjektivität wird also als eine genauere
Bestimmung der eg o l o g i s c h e n Reduktion ausgegeben („das
ego wird sich in der transzendentalen Reduktion vorerst mit un-
bestimmtem Horizont seiner selbst inne").1 Die egologische Reduk-
tion ist also keineswegs identisch mit der primordinalen (Reduk-
tion auf die Eigenheitssphäre), sondern diese ist nur ein methodi-
scher Schritt innerhalb jener mit dem Ziele, sie als intersub-
jektive zu bestimmen. M.a.W., das transzendentale „Feld“ muss
implizit bereits in den ersten vier Meditationen ein intersub-
jektives sein; das Transzendentale ist „an sich" schon von An-
beginn der Reduktion Irıtersubjektivität. Dies ist Husserl wohl
bei der ersten Abfassung der Cartesianischm Meuiítatiunen nicht
völlig klar gewesen, zumal er zu jener Zeit die Ausdrücke „prim-
ordinal“ und „egologisch" als gleichbedeutend verwendet?
Mindestens wird in dieser Fassung auf die implizite „Intersub-
jektivität" der vier ersten Meditationen nicht hinreichend auf-
merksam gemacht. In den hier als Nr. 5 veröffentlichten Texten
jedoch wird dies in aller Deutlichkeit ausgesprochen: „'Reduktion
auf transzendentale Subjektivítät', das wird sich als zweide u-
tig erweisen. Die in der Epoché setzbare Subjektivität wird zu
verstehen sein als ,meine monadisch eigene', des phänomenolo-
gisierenden Ich monadisch eigene Subjektivität, und als die in
dieser sich erschliessende transzendentale Intcrsubjektivität".3

1 ı.a,o., s. ı7s; vgı. unten, s. |7, 20.


I vgı. mm, s. za, es-es.
3 Unten, S. 73. A\lch in einer im textkritischen Anhang vmı Hussırhamı 1 abge-
XXXIV EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

II.

Im Frühling oder Frühsommer 1930 änderte Husserl seine Pu-


blikationspläne. Während er iın März 1930 noch entschieden eine
Ausarbeitung der Cartesianíschen Mcdítatíanen verfolgte,1 ist
von nun an während etwa eines jahres davon nicht mehr die
Rede. An ihre Stelle ist das Vorhaben eines grossen systemati-
schen VVerkes getreten. So schreibt er am 6. Dezember 1930 an
Alexander Pfänder: „Statt einer deutschen Ausgabe <der Cante-
síunísøhen Medı`iatz`onen› gedenke ich im nächsten Jahr ein dem
deutschen Publikum angepasstes grösseres Werk zu veröffent-
l.ichen"2; und am 16. November desselben Jahres an Georg Misch:
„Das seit zehn jahren vorbereitete, nun wirklich werdende Buch
als ganz systematischer Aufbau wird hoffentlich vollste Klarheit
sehaffen".3 Einen Hinweis auf den Inhalt dieses systematischen
VVerkes gibt Husserl in seinem Brief vom 27. November 1930 an
den zuletzt genannten Adressaten; nachdem er von der „Zeich-
nung des Rahmens einer universalen (konstitutiv-phänomenolo-
gischenl) Philosophie, die jetzt in Ausarbeitung ist", gesprochen
drutırtrn irritisshnn Note zu den crrrtrsi/z››isrırm Mrdmfirw» hrmrrıtt rrusssrır „Din
izinfiihıungrn gehören zu msinnr ımmnnnnz nis ,ngrf der Rnduırtinn. nisse ,ver-
grgnnwartigungnn' sninısn mit nıısn anderen zusammen in der Knnstitutinn der
,wenn msn musste, was 1-rrı nusgsiuhrt ist, implizite din Einruhıung mituenuızt
hnhnn - rs wnr nhnn nur keine ends dnvnnx' (n,n.o., s. 239). Dnss diese imnıizits
Benützung der Einfuhrung die trunszendnntnırri Anderen vnrnussetzt, kommt auch
in sinsm nndrrrn rent aus der zsiı um mo zur csıtung, der rihrrsnhrishrn ist mit
„Gutes zur ersten und funrtsn Mnditntidn"r „Durch Ausıngung erst rrsshn inh, anss,
was mir sıs wnıt giıt, innerhzıh dieser Gsııung Andtrr rnthaiı. dass disss Anderen
mir geıtnn nıs meins cnıtungnn mithsstimmsnd, dass wsıt fur mich ist, was nieht nur
ich ssıhst srinhrsn und snustwie srıtnnnt hnhs, snndsm wus Andern rs hnhnn rtr., dass
nısn dns sein der Anderen drm snin der wnıt, die iıir mich ist, vnrhsrgnıit." μvrs. ri r
ıo, s. ı›izh›.
1 Am 15.Mai-z mo snhrriht rr nn G. ouwns Hicks: „winhtignr ist mir die rndıinhr
ıitnrnrisrhs Ausnrhnitung und ırnnırrstr Durnhiuhrung des ondnnktngzngss mrinnr
unter ıhrnr Agids grhnıtsnnn Lnndnnnr vnrınsungsn, wnınhn ich uurh mninnn vor-
ınsurignn ends rnhrunr 1929 in der snrhdnns zugrundn gurgt hnıts, in der ıir-
nnunrung entsprechend msintr rnrtnrhrit noch wsssntıish vertieft. Nnhsn der sehon
nngnkundigtsn irnnzösisnhnn sshrirt Muiıziions cmeieemss wird dis dsutsehr
snhr rrwrittrtr nmrhnitung, wie ish hoffe, einen vriııstsndignn er-undriss meiner
phinnmsndıngisshsn Phiınsnphir in ısiehtnr zugingıinhsr Fnrm d.srı›intnn." (Kopie
des ririnirs im Hussrrınrnhivı; und nm zi. Marz 1930 nn Dorinu cnirnsı „wnhı Ends
dss Jzhrrs <nrssh=int› dnnn dir .inuısnhs ıiusnrbnitung rdnr cz«ısn'«ni'izıi„r Mzdıuz
ır'rms„›, erweitert zu einem Bush - meinem rinupt- und Lehnnswnrıt." (Brief ver-
aiirntıinht in hamma Husirrı, rss;-rgsg, Niihnri, Den nung 1959, s. zes). vgı. auch
den Brief zn Rnmnn ıngnrdnn vom 19. Marz mo, veröffentlicht in Edmund nusssrı,
:im/z zn Rmzn ıngrzvun, Niihnrr, urn Haug less, s. 59.
1 Kopie dns Briefes im Husserl-Ai-nhiv.
Kopie des Briefes im rrusssrı-Archiv.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XXXV

hat, erklärt er: „Es wird sich . . . offenbaren, dass der ,ahistori-
sche Husserl' nur zeitweise Distanz von der Historie nehmen
musste (die er doch stets im Blick hatte), gerade um in der
Methode so weit kommen zu können, an sie wissenschaftliche
Fragen zu ste1len".1
In I-lusserls Nachlass befinden sich aus jener Zeit zwei Dispo-
sitionsentwürfe für ein grosses systematisches Werk; der eine
stammt von Husserl selbst,2 der andere, ausführlichere, wurde
von seinem damaligen Assistenten und Mitarbeiter, Eugen Fink,
verfasst. Während der Entwurf Finks von Husserls Hand genau
datiert ist: „eingegangen 13. August 1930“, hat Husserl seinen
eigenen Entwurf bei der Niederschrift mit keinem Datum ver-
sehen. Er muss aber auch 1930 entstanden sein, da er einerseits
auch in einer Abschrift von Eugen Fink vorliegt, der erst seit 1928
Husserl assistierte, und Termini (Autogenesis, Vorkonstitution)
verwendet, die erst um 1930 auftreten, und andererseits in seiner
geradezu euphorischen Ambition - er ist auf fünf Bände ange-
legt - während der dafür allein in Frage kommenden letzten
Jahre Husserls nur l93O entworfen sein kann. Auch seine Thema-
tik weist ganz auf diese Zeitfl Wir geben hier zuerst den Plan
Husserls wieder:

1 Kopie des Briefes ini Huäeri-nreniv.


1 nis yem ıiieı« ninn beide iznrwurfe fur Arbeiıeu vun Eugen rinir, an rnnn vum
1-ınsserıseuen Enrwurı nur die Finırsene Msseuineusııseiırin kunnıe. unter aieser
Auınrseirm wurde ıiusserıs Piun nueu vnn Renrnn ıngerrıen in seinen Anrnerırungen
eu den ven iııns herausgegebenen Briefen i-iussuıs in Kensbinsıisin niir dem ınısseir-
ıieır von Fink sıenrnsenaen Entwurf, ven sienr er uııeruings unr die „orunagiie«ıerun;"
(vgı. unıen, s. xxxvı, Anni. 1) irennıe, verıiflenııieuı (eauunnd Husserı, ßfisıs un
Runen ıngunien, s. no), unterdessen .ner wurde in iiusseris Nnenınss ass eigen-
ırannige sıenegrennn dieses rıenes geıunsien, nieırı des ganzen, jeaeeır fur die ersten
urei der gepınnıen funf Banue (Ms. ı= iv ı, Bi. ıı). Dieses sıenegrnrnni beıinuee sieh
nur einem irieinen zeueıeuen (1,5 >< ı4 ern) und enrsprienı in seinern unrfsng warr-
ıien (ausser der in inrn gesrrienenen Pessuge fur den iii, send) dein ıvisseninenıerı
vou Fink, i-iusserıs urnebersensn dieses rısnes rien uıs gesienerr ueuaeuıeı werden.
es ist unaenırnnr, risss i-ıusseri die msersieuuieıre Dnrsıeuung ven Fink uni ein seıeu
ırıeines zeııeıenen ohne jede Veranderung einieeir nur sbgesenriebeu lime. zunens
eursprieuı der genre nun in Aufbau und Ternrinnıegie gsnr der Denkweise i-iusserıs,
waısrena man ini Pıan ven finir inusırıieıı dessen Auıersensıs deuuieır spart. seniiess-
lieu weiss suen Finirs Beiınnaiuug ner von Hussfiı in seinem srenugrnuun grsırieire-
nen Passage auf eine nıusse Absenrin riuren Fink nin (siene uuren, s. xxxvi, ıuuin.
2).
= Nseiıırsgıien, wnnı einige Jenre nsen der Aisfsssung, seırrieb i-ıusserı um Bieisıin
nur die Msseninensbseurin rinısss „i929?-'_ Husserı verıneeısıe sısu seınsı seinen
rien sparer nienı nnenr gensu zu neueren; nun- des Jahr ı=129 ırurnniı eısfur niem in
Frege, an i-ıusserı wairrena aieses Jnirres, wie wir ssireu, nur ganz nnrıeren Arbeiten
und Piınen eriuıır wer.
XXXVI EINLEITUNG DES I¬IEl{AUSGEBEIiS

„I. Band: tšnındlegung zur egologisehen Bewusstseinslehre (allgemeine


Theorie der Intentionahtåt in ihren wesensallgerneinen Gestalten, in allen
Moniiiırnrinneny.
II. <Band:› Konstitution der egologischen \Veltlicl\lieit. Noernatisohe
und noetische Theorie der Konstitution der Raumıeitliehkeit und raum-
zeitliulien Gegenständlichkeit der I-Irnpirie. Empirische \Vel1: in allen
Stufen, Leib, Ding, Iclı als solus, Zunächst statisch.
III. <Band: › Die A u toge nes i s des ego als solipsistische Abstraktion.
Die Theorie der passiven Genesis, Assoziation. Die Vorkonstitution,
Konstitution von vorgegebenen Gegenständen. Die Konstitution von
Gegenständen in kategorialer Richtung. <gestrichen: „Die Konstitution
von Idealitäten, von exakter Natur.“› Genıüts- und Willenskonstitution.
Person, Kultur -- solipsistíschß
IV. Band: Die Konstitution der Intersubjcktivitäl: und der gemein-
schaftlichen Welt. Einfiihlung. Konstitution des Menschen. Konstitution
der historischen Welt. Die intersubjektive Zeiträumliclikeit; Die Unend-
lichkeit. Die Idealisierung der exakten Natur (wieviel davon kann unter
III. gehören ?)Y. Statisch: Mensch und Umwelt.
V. Band: Transıendentale Genesis der objektiven Vllelt. Transzenden-
tale Genesis des Mensehen und der Menschheiten. Die Generationsproble-
me. Die Probleme der Selbsterhaltung, der Mensch in der Echtheit.
Menschheit und Schicksal. Die teleologischen und Gottesprobleme."
Demgegenüber sieht der Plan von Eugen Fink folgendermassen
aus; wir legen ihn hier in seinem vollen Umfang vor,3 da er das
ausführlichste Konzept der phänomenologischen Philosophie aus
jenen Jahren darstellt, das zwar nicht allein von Husserl stammt,
aber aus Gesprächen hervorgegangen ist, die Husserl fast täglich
mit Fink pflegte, und umgekehrt auf sein eigenes Philosophieren
zurüekgewirkt hat:
„Disposition zu ,SYSTEM DER PI-IÃNOMENOLOGISCHEN PHI-
LOSOPHIE' von Edmund Husserl
Einleitung: Die phänomenologische Idee des philosophischen ,Sy-
Stems'. Das System der ,Offenen Arbeitshoriz0nte'; System als Vor-
zeichnung und Problematikaufriss. » Kritische Auseinandersetzungen.

1 Bis hier geist uns sıenngrurnnr iiusserıs; ass weiıere ıiegı nur in der .usseurin
Finks Vor.
3 Die Bemerkung in der Klammer ist vielleicht eine Ergänzung Fiııks, die sich auf
die von ihm ausgelassenene gestrichen: Passage für den Ill. Band gründet.
“ Im Nachlass Husserls befindet sich nur noch die erste Seite des ursprünglich
seelısseitigeu Planes, die nur seine „Grıındgliedcrung“, nämlich die Titel der beiden
„Bucher“ und der versehiedenen Abseıinirıe, enıınaıı. Es nei aber i-ıusserı der gnnıe
Pıuu (ane seeiıs seiten) vergeiegen, denn er nernerirıe suf eier erseen seite: ,.eingegsn.
gen i-6, 13. .August 1930". ner geseuiıe Plan wurde ireunriıieirurweise ven Prof.
Eugen Fink dem Husscı'l›Aı'clıiV zur Verfügung gestellt. Hier drucken wir die vøraıı-
gesıeıııe „crundgıiederung'- nieht gesenrıerı nb. an sie eueıs nein rieıeiııierien rısn
Lu entnehmen ist.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XXXVII

Erstesljuch: Die Stufen der reinen Phänomenologie

1, Absnımiııı Vnm Anfnng und am P„'›m',> .uv Phunsnpııin


A. Die Pınınsopnic in den welt. n) Antnnnme Begründung der Pinıosn-
phie aus der Idee der Selbstbesinnung. Selbstbcsinnung als absolute
Rechtfertigung; Philosophie als letztbcgründcnde ,W i s se n s ch aft'. b)
Das formale Wesen von ,Wissenschaft' : Eleınentarımalysen von ,Adi-
quati0n', ,unmittelbarcr' und ,mittelbarer Evidenzfi Forderung einer
,an sich ersten Evi<lenz'. c) Die Situation der Selbstbesinnung: die vor-
g e g c b e n e Welt. Aufgabe einer vorläufigen Desluipticın der Vorgegeben-
beit. Die prinzipielle Eigenart einer solchen Thematisierung (Thematisie-
rung des uns durch seine Selbstverständlichkeit entzogenen ,Selbstver-
sfanducheni Gmndsätzıiehe 1:1-weicenıng des Begriffs ,Tınnm<›n'. n) in
der vnrgegebnnheiı gfisndee die vorgängigkeic ,allgemeinen Appernnp-
tionen' von der Erfahrung von Individuellem. Bekanntheitscharakter der
Welt. e) Vorgegebenlıeit des Menschen: ausgebildete Vermögen und ver-
«mnce kinäsıııecische systeme. f) vorgegebenheit nicht nur der nknieıı
je›eigen erfahrenen Welt, sondern des vollen Sinnes ,Welt'. Welt als
Inbegriff des durch unmittelbare und vor allem rn i tt e l b are Erfahrung
Vorgegebenen : Welt eine inteısubj ektive Tradition! g) Vorgegebenheit des
Unterschiedes von Normalität und Anomalität. Alle Welterfahrung bao-
gen auf die ,Norm' der bewährenden Erfahrung. Die Anomalität als
Motivation der Skepsis an der ,Weltexistenz'. h) Die Evidenz der Welt
von höherer Dignität als die Evidenz des jeweilig innerweltlich Seienden.
,Welt' als Alternationshorizont von Sein und Schein. i) Descartes' Erfah-
rungskritik als Motiv für Bezweifelbarkeit der Weltexistenz ungenügend.
k) Die universale Selbstbesinnung als radikales Infıagestellen (nicht Be-
zweifelnl) nicht nur cler Weltexistenz der aktuell erfahrenen, sondem des
vollen Sinnes der vo rgegcb en en Welt, nach allen Dimensionen dieser
Vorgegebenheit: z.B. Geschichte! Stufen dieser Infxagestellung: 1. Ein-
klamrnerung aller mittelbaren Erfahrungen und Erfahrungsetwerbe; 2.
Einıunmmernng aııer Präsnrnpcinnen meiner eigenen Brfnınnng, sowie
aller Rückgeltungen. Rückzug auf die gegenwärtige Situation der Selbst-
besinnung. 1) G n o s e ol o gi s c lı e Vorgäugigkeit meiner selbst und
meiner Gegenwart vor der erfahrenen (unmittelbar wie mittelbar)
Weıc. m) Die Behauptung der 0 n t i S C in e n vnrgängsgkeit nıs wideısinnige
Veı-messenheit: anthropozentrischer Idealismus, Aufgabe der Rechtferti-
gung dieses mächtigen philosophischen Motivs.
B. Die pbänomenologisclıe Reduktion. a) Die pbânoxnenologiscbe Re-
duktion als die Enthüllung des innersten Zielsinnes der anthropozen-
trisch-idealistischen ,Reduküon'. Z.B_ Descartes' Rückgang zum ,ego
oogito'. b) Die antlıropozentrische Vorgestalt der pbänomenologischen
Reduktion verbleibt grundsätzlich noch in der v o r g e g e b e ne n W e 1 t,
verbleibt in Selbstapperzepti/.men der Subjektivität als eines M e n s c l:ı e n.
Vordeutung auf den t ra n s ze n d e n t ale n Begriff der ,natürlichen Ein-
stel.lung'. 1:) Der formal-anzeigende Vollzug der pbänomenologischen
Reduktion in den Ideen. Anweisung zum durchführendeu Vollzug als
XXXVIII EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

lâinklammerung der vo rgegebenen Welt oder der ,natürlichen Ein-


stellung. Der Unterschied des formal-anıeigenden und rlurclıfijhrenden
Vollzugs deckt sich nicht mit dem Uuterscliied des symbolisch signitiven
und des ausdriicklicli-ernsthaften Vollzugs. cl) Thematische Expliliation
der pıiänoinenoıogisonon Reduktion. e) Diskussion der inneren Gefsınen
im Verständnis der plıäncınıenologíschen Reduktion. Aporetikl f) Das
iııetliodische Problem der phänomenologisclicn Begrifflichkeit: Transfor-
mation (ler mundzin-ontischen Begriffe in transzendentale. Die Quelle des
,transzendentalen Scl.\eins'.

2. Absthnitt; mgmsm Ph.i„o»tn›1nı„gt'n


A. Elernenfaranalytik der transzendentalen Subjektivität. a) Die ,Un-
bestimmtlieit' der reduktiv eröffneten transzendentalen Subjektivität;
die Horizontalität des transzendentalon ,Seins ie l d es' (die sich bildende
,Vorgegebenlıeit zweiter Stufe'). b) Erste Scheidungen der Zeitigungs-
weisen, sowie der rohen Unterschiede ,egologisclf und ,intersubjektiv'.
Die irnmzinente Zeit als der Universallıorizont der regressiven Pliänomeno-
logie. c) Strukturauslegung des egologisehen ,Weltphänomens' (der inter-
subjektiv vorgegebenen Welt). Zunächst Auslegung in der Gegenwart.
Exeuipısnsoiie Analysen der wnurnonninng. <1) Aktuelle und impıiıite
Intentionalitäten. Sorgfältige Analyse der m ög li c h e n Erfahrung. Ve r-
m ögl i ch u ng! e) Egologisclie Analytik der Vergangenheit und Zukunft.
vorgesinıt der pnänomonoıegisnıien Theorie der Assoziation. Konstitu five
Funktion der Assoziation und vetgegenwärtignng. 1) Die konstitutive
Problematik von Wahrheit und Wirklichkeit. Vgl. die dritte Meditation
net cofesionisthnn Mnnitntnmm. g) Pnänomenoıogie der ,ıoostionz n)
Plıånomenologie des ,Logisch-Formalenfl
B. Die Selbstkonstitution des transzendentalen ego. a) Phänomenologie
des Ion als Iohpoi sııot Intentionen. in) Phauoinenoıogıe der Hsbituuıitä-
ten. (Exernplarische Analysen von ,Ül›erıeugung', .Entschluss', ,Be-
deutsamkeif, also theoretische, willentliche und praktische Habituali-
tät.)
C. Reduktion auf das primordiale Weltphänomcn und die korrelative
pi-irnordinıe Subjektivität. vgı. die fünfte Meditation in den cntıesinne
schen Møıiitııtionuı.
D. Analyse der Frenıderfalırung, und zwar Elementaranalysen: Be-
schränkung auf den aktuell präsent begegnenden Anderen. Auslegung der
transzendentalen ,Zcitgenossenschaft', die konstitutiv die menschliche
Zeitgenossenschaft ermöglicht. Die ttanszendentale Mitreduktion am
Anderen; Vordeutungen auf den phänomenologischen Idealismus.
E. Methodische Reflexionen: Urmodus und intentionale Modifikation
(phänomenologisches Primat der urmodalen Elementaranalyse). Die
,Naivität' der regressiven Phânoınenologie: trausıendentales Korrelat
der ,vorgegebenen Welt'. I-Iinweisung auf die ,Randprobleme'l Der
Gegensatz von Uı-modus und inteutionaler Modifikation ständig iteriert:
die regressive Phänomenologie als urmod ale gegenüber der idealgenetischen
progressiven!
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XXXIX

3. Abrehnfıı; Prngmrm Pııanemennıegfe


A. Das rnecıredisene Problem. n) rseecinnnnng und Begrenzung des
Begriffs der statisch-regressiven Phänoınenologie: diese als Auslegung der
frerrszendenınıen snnjekrivım, eeweiı sie Kerreıar der vorgegebenen
weıı rec. Die progressive Annıyee als Angriff nn: die Perfekcivmır
des transzendentalen Lebens. Regressivc Analyse als Abbau-Analyse;
progressive als Aufbau-Analyse. b) Die progressive Analyse weder ,gene-
tisch' noch verweisend auf ,Bedingungen der Mögl.ichkeit': alle ,Gene
sis' setzt die imrnanonhe Zeit voraus (genetische Plıänoınenologic ist die
Theorie von Urstiítung und Habitualität). Die Fragestellung der progres-
siven Phänomenologie geht nicht nach Habitualität, auch nicht nach
Fundierung. c) Der ,konstnıktive' Charakter der progressiven Analyse.
d) Die ıraaiuerreıien Genesisfregen (Ursprung der Renmversceıınng na.)
als Vorgestalten des progressiven Problems. Die realistisch-psychologische
Voraussetzung des Ansichseins der Welt. Der Ursprung der Weltvorstel-
lung Selbst ein imıerweltliehes Vorkornmnis, eben in der Seele des Men-
schen. Die progressive Phänomenologic fragt nach dern Ursprung des
Raumes selbst und nicht der Raurnvorstellung. e) Auflösung der ,Vor-
gegebenheit der irnmanenten Zeit'. Die traditionellen Ursprungsíragen
verwandeln sich in Analysen der Uri n ten tion al it ät.
B. Phänornenologie der U ri nt en tio nalit ät (Phänomenologie der
,ıneeink±e'). e) Die Urincenıienaıiräc noeh nndirferenıierrı geıingenae
Seinsknnstitution als Gut. Ausbildung der Spielräume der Kiuästhesen,
Die intentionale Finalität der Urtriehe, das Problem des ,Unbewussüenfi
b) Phäncvmenologie der Urassflziationi die prä-Ontischen Einheitsbiidun-
gen in den hyletisclıeu Feldern. Verschmelıuugs- und Sondeningsphäno-
ınene in der urpassiven Sphäre.
C. Progressive Analyse der uríntentionalen Raumkonstituüon.
D. Sein als ,Idee': Stııíentheorie des Seins; Stufen des Vor-seins und
Stufen des weltlichen Seins (LB, vortheørefisches und theoretisches Sein).
E. Reflexion auf den bisherigen Gang. Kritik der transzendentalen
Erfahrung.

4. Abrrhniııı Gfımdnzge an phanrmemıngfeeımi Meınphyrik


A. Der phänouıenologisehe Idealismus und das Problem der transzen-
dentalen Historizität.
B. Die transzenclentale Notwendigkeit des ,Faktums' des ego. Zen-
trierung der transıendental-historischen Intersubjektiv-ität in der egolo-
gischen Zencralmonade.
C. Die frranszendeııtale Deduktion der ,Welteinzigkeit'.
D, Restitution des transzendentalen Rechtes der ,Naivität' (konstitu-
five Bestimmung der ,natürlichen Einstellung' als einer Existenzweise
des transzendentalen Lebens selbst).
E. Die transzendeulzle Tendenz zum Zu-sich-selbst-korurnen (Vorge-
stalten in Religion, Weisheit und in der ethischen Echtheit des Welt-
lehens). Philosophie als Funktion des Absoluten: der Philosoph als der
Enthiiller der absoluten Subjektivität ist der ,Geschäftsführer des Welt-
XI. EINLEITUNG DES HERAUSGIZBERS

geistcs'. Ausblick auf cine Philosophie dcr Geschichte. _ Der Philosoph


als ,transzcnrlcıılaler Funktioııíir' hat die Möglichkeit der höchsten
Echtheit, scinc Verpflichtung als Vorbild 2 phänomenologische Restitution
des platonischen Staatsgedankens.

zweires nnen: onceıngıe nnd Pırännrneneıngie


1. Absrhniıı; Die Im der uni:/malen .mmsıendenıalen Akt/ieıiıı'
2. Abselrmzı: Nanny und Geis:
3. .›1ı›sehm'ıı.- VW fm «nnen Innenpsyeııeıngie rm mmmflømınıen Pfrim-
mennıngiu'

Wenn man diesen Finkschen Plan mit demjenigen Husserl:


vergleicht, fällt sofort auf, dass er nicht nur viel detaillierter,
sondern thematisch weiter ist. Dem Husserlschen Plan kor-
respondieren im grossen und ganzen der 2. bis 4. Abschnitt des
ersten Buches. Der gross angelegte l. Abschnitt des ersten
Buches, „Vom Anfang und Prinzip der Philosophie", mit der
Problematik der phänomenologischen Reduktion findet im Plan
Husserls keine Entsprechungl Eine Erweiterung gegenüber
Husserls Plan ist auch das ganze zweite Buch, „Ontologie und
Phänomenolog-ie". Dieses „zweite Buch" nimmt aber nur frühere
Husserlsche Pläne wieder auf : seinen Plan eines Werkes von 1926,
nach dem Husserl auch von der Analyse der „reinen Erfahrungs-
welt” aus (eine Analyse, für die er den Titel der „transzendenta-
len Ästhetik" verwendete 2) und über die reine Psychologie zur
transzendentalen Phänomenologie führen wollte,3 sowie den Plan
von Ende 1929, demgemåss er der deutschen Ausgabe der Carte-
sianíschen Medílutionen „eine zweite Einleitung, die die Klärung
der Idee einer personalen (geisteswissenschaftlich gerichteten)
und naturalen Anthropologie und Psychologie zum Ausgangspro-
blem nimmt", beizufügen vorhattefi In der Krísís (Ausgang von
der Lebenswelt und der reinen Psychologie) ist dieser in die zwan-
ziger Jahre znrückreichende Plan schliesslich zur Verwirkl.ichung
gekommen.
1 Diesen ı. Ansennm im Engen Fink sneıı seıbsı ensgenrbeiceı und im Januar
1931 nnsserı vergeıegı. Husserl heı diesen aber ıoo seinen unifeäenden ren, der
sieh nenıe bei Prof. rank befinaec, genen sınaiere und mi: nnıreieııen Nomen ver-
sehen.
1 vgı. eıws ass znsı aus aern Brief Hnsserıs en A. rrsnaer vnnr e. Jnnuer ıeaı in
der Einıeiınng des Herausgebers in Hıirseııiemı xıv, s. Xxxn.
= siehe die Einıelıung des Herausgebers zu Huswıiann XIV, S. Xxvru.
4 Vgl, eben, s. xxvıı.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XLI

Schon nur die grössere Ausführlichkeit und Weite des Fink-


schen Planes weisen darauf hin, dass er wohl zeitlich nach dem«
jenigen von Husserl entstanden ist. Der Husserlsche Plan ist nur
schnell hingeworfen und nicht so ausgearbeitet wie derjenige
Finks. Weiter gibt es einen deutlichen Hinweis, dass sich Husserl
den Plan seines Mitarbeiters wenigstens in den grossen Linien zu
eigen machte. Am 21. Dezember 1930 schreibt er nämlich an
Roman Ingarden: „Mir liegt aber das systematische Grundwerk
der Phänomenologie, das ich eigentlich seit einem Jahrzehnt in-
nerlich vorbereite und jetzt ausarbeite, natürlich und bei meinem
Alter zunächst am Herzen _ _. Seit vorigem Sommer, seit der
Ausgabe des letzten Bu :hes bin ich in leidenschaftlich vertieftem
Studium der Anhiebe, Entwürfe, der mannigfachen Gedanken-
reihen, der universalen Problematik der transzendentalen Phäno~
menologie - als universaler Philosophie, die, voll ausgebildet, alle
Ontologien (alle apriorischen Wissenschaften) und alle Wissen-
schaften überhaupt - in letzter Begründung _ umspannen
würde . . . Die erste und vielleicht grösste Schwierigkeit liegt in
der radikalen Voruıteilslosigkeit und ihrer Methode der phäno-
menologischen Reduktion. Die letztere - von keinem meiner
alten Schüler verstanden - erfährt jetzt eine vielseitige `Erhel-
lung, die keine dunklen Winkel übrig lässt und kein Ausweichen.
Das wird allein schon ein grosser Abschnitt, und dann folgt die
Systematik der lconstitutiven Analyse der ,vorgegebenen Welt',
weiter dann die genetische Phänomenologie und die ,metaphysi-
sche' Problematik, im besonderen, phänomenologischen Sinn
metaphysisch. Dann irn weiteren ist mit der transzendentalen
Subjektivität das Absolute, und durch die besondere transzen«
dentale E rfah rung direkt erschlossen . . . Die Fertigstellung
wird noch erhebliche Zeit kosten, ich hoffe aber bestimmt,
mindestens eine erste Hälfte im nächsten Jahrbuch (Herbst 1931)
publizieren zu können. Mein hoehbegabter Fink hilft wacker rnit,
ohne ihn wäre ich verloren".1 Der hier von Husserl skizzierte
Gang seines geplanten Werkes entspricht recht genau den vier
Abschnitten von Finks Disposition des „ersten Buches". Es ist
also kaum anzunehmen, dass Husserl nach diesem so ausgearbei«
teten und von ihm im grossen und ganzen aufgenommenen Plan

1 am/1 im ız«›„„„ MMM, s. 5244.


XLII EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

Finks noch jenen eigenen entworfen hätte. Die Entstehung dieser


beiden Pläne ist wohl so zu (lenken, dass Husserl vorerst einmal,
im Frühling oder Frühsommer 1930, seinen eigenen Entwurf (im
Stenogramm) hinschrieb und ihn Fink zur Abschrift übergab,
dann diesen Plan rnit Fink diskutierte, wobei vielleicht noch un-
terdessen verlorene Zwischenstadien entstanden, und schliesslich
Fink beauftragte, jenen grossen Plan, der am 13. August cínging,
zu schrciben.1
Was hat nun aber Husserl motiviert, seine Pläne von 1929/30
(Ausarbeitung der Cmtesianíschen Medítalionxn) fallen zu lassen
und die Idee eines grossen systematischen Grundwerkes, von dem
er sagt, dass er es schon seit zehn jahren innerlich vorbereite,
dabei also wohl hauptsächlich an seine Absichten und Manuskrip-
te von 1921/222 dachte, vorzunehmen? Wie wir andeuteten, war
Husserl in der Ausführung jener Pläne von 1929/30 wohl in grosse
sachliche Schwierigkeiten geraten.“ Der unmittelbare Anstoss zu
dieser Änderung der Pläne bestand aber wahrscheinlich weniger
in jenen Schwierigkeiten als vielmehr in Husserls Lektüre von
Georg Mischs Lebßnsphílosaphíz und Phänamenologíe. Im Früh«
jahr 1930 lagen von diesem Werk die ersten beiden Lieferungen
vor, die den Untertitel tragen „Eine Auseinandersetzung mit
Heidegger" ;4 die dritte, letzte Lieterungå erschien erst im No-
vember 1930 und hat den Untertitel „Eine Auseinandersetzung
mit Heidegger und Husserl".5 Besonders jene beiden ersten Lie-
ferungen hat Husserl ausserordentlich gründlich gelesen und in
seinen ihm vom Autor überreichten Exemplaren mit sehr zahl-
reichen Anmerkungen versehen.7 Nachdem er bereits im Juni
1929 einen Blick in die erste Lieferung des Werkes geworfen hat-

I run aurnr mit 1-ırr-ru Prof. ızugeu rıuır uber um diese Ereiguisrr uusfuırrııeu
rpruuırru. nach ruuur uıs 40 Juırreu vurmouırır ur sich urıurımr uam mehr ru du
ızumıueiıru ru rr-ıuurm; er bestätigte mir aber durchaus deu sm dieser zusruruurru
urban rwiruırru 1-rursrrı uruı iırur.
1 sehe are eiuıcnurrg aus Herausgebers ru Hursrrıma xrv.
1 siehe oben, s. xxxrr
4 mu „str Lieferung „schier im Pırøıurrpıusrm Arrregfi, in (1929), um s, uud
urrrfusrı die s. 1-ıoı des ces.-uuıwrrırrs; die rwrarr Lıuırruug (s. ıoa-in) erscırieu iu
1-ren 4 .ırssuıbuu Jrurguugrr.
H Pıaımpnisrırer ,«ı„m'g„, ıv (mo), 1-irn 3/4; umfasst die s. ıøı-aso der ce.
srrrrıwrrkes.
I Gırieımmg um der ıeımu Larferuug wurdr aus werk auch rrıs riuırrsıuunrr auch
vereffeuııiuuı (rr. csıuru, ıaouu 19:0).
r mar Errrupıare sind im uussrrmreıriv Lsweu uruuewrurı.
EINLEITUNG DIES HERAUSGEBERS XLIII

te, 1 widmete er sich wohl schon auf seiner clreiwöclıigen Ferien-


reise nach Italien (Florenz~Siena-Chiavari) im April 1930, sicher
aber dann unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Freiburg
einem sehr intensiven Studium der crsten beiden Lieferungen
dieses Werkes, Diese Lieferungen (S, l-173 des Gesamtwerkes)
stellen vor allem eine „Auseinandersetzung der Diltheysclıen
Richtung" mit Heideggers Sein und Zeit dar. Es werden weit-
gehend Übereinstiuııııungen zwischen Diltheys Begründung
einer Philosophie des Lebens und Heideggers Analytik des
Daseins festgestellt, andererseits wird aber auch Heideggers Idee
einer Fundamentalontologie von Dilthey her einer Kritik unter-
zogen. Gerade in den kritischen Betrachtungen dieser Idee nimmt
Misch oft Bezug auf Husserl, wirft dessen Denken eine zu starke
Bindung an das Logisch-Begriffliehe vor (Intellcktualismus) und
spielt Diltheys Idee der Genesis der Lebenskategorien gegenüber
einem bloss statisch-intentionalen Verständnis aus.
Schon in seinen Plänen von l929/30 (Ausarbeitung der Carte«
siamšchen Meditationen) fühlte sich Husserl „berufen, entschei-
dend in die kritische Situation einzugreifen, in der jetzt die
deutsche Philosophie steht".2 Auch das systematische Werk, das
er vom Frühling oder Frühsommer 1930 an plante, soll`„dem
deutschen Publikum angepasst" sein.3 Wie sehr die damalige
Situation der deutschen Philosophie Husserl betraf, wie instândig
er darum rang, seiner Philosophie in ihr Gehör zu verschaffen,
zeigt etwa sein Brief vom 30. Dezember 1930 an seinen Studien-
freund Gustav Albrecht. Über die Arbeit an seinem neuen Werk
sagt er ihm: Ich habe „stets die mir feindliche Zeit, die durch den
Zusammenbruch verblendete junge Generation vor Augen, wie
ich sie durch meine Darstellung zwingen könne, dass sie Ohren
gewinne, die hören, und Augen, die sehen".4 Durch die Lektüre
von Mischs Studie hatte sich Husserls Bewusstsein von der
Situation der deutschen Philosophie geändert. Stand in seinen
Plänen von 1929/30 nur Heidegger im Vordergrund, so wird nun

1 sieire den Brief ı-ıneeerıe an Mieeiı vern 21. Juni 1929 (veröffenuienı in der a.
Auflage von Lebenrpıızırraphie und Phamnwmıagie, Darnrsıanc 1961, s. 321/za). Die
eme Lieferung wa: Husserl zn seinem vo. ceırnrıecag gewidıneı.
= am/e im namen ıngrmfi, s. 59.
= Brief an Alexander Pfanaer vom 6. Dezember man (Kopie des Briefes irn Hue-
serı-Areııivy,
1 ısriefirn ıimerıeıireıriv.
XLIV EINLEITUNG DES HERAUSGEBER5

für ihn die Lebensphilosoplıie der Dilthcyschen Richtung ebenso


bedeutsam, In der wohl im Frühjahr 1930 geschriebenen Vorbe-
merkung zu den Ausführungen, (lie er als Vorwort zur englischen
Übersetzung der Ideen I verfasste (Herbst 1929 1) und nun auch
in deutscher Sprache als „Nachwort zu meinen Ideen" im jahr-
buch /íir Philosophie und phånnmenologísche Fvrschmıg (1930) zu
veröffentlichen sich entschloss, erklärt er zu diesen Ausführun-
gen: „Sie dürften auch für den deutschen Leser dieser (nur als
Bruchstück eines grösseren Ganzen veröffentlichten) Schrift
<scil. der Ideen I> nicht ohne Nutzen sein, da. ich mich über die
allgemeinen Missverständnisse ausspreche, die den wahren Sinn
meiner transzendentalen Phänomenologie verhüllt haben _ . _
Nicht Rücksicht genommen ist allerdings auf die (von der engli-
schen sehr verschiedene) Situation der deutschen Philosophie,
mit der in ihr um Vorherrschaft ringenden Lebensphilosophie,
mit ihrer neuen Anthropologie, ihrer Philosophie der ,Existenz'.
Nicht Rücksicht genommen also auf die Vorwürfe des ,Intel-
lektualismus' oder ,Rationalismus', die von diesen Seiten
meiner Phänomenologie gemacht worden sind und die sehr nahe
zusammenhängen mit meiner Fassung des Begriffs der Philoso-
phie".2 Zur Bezeichnung der Situation der deutschen Philosophie
nennt Husserl hier an erster Stelle die Lebensphilosophie.
Sowohl die Dispositionsentwürfe von Husserl und Fink als
auch die oben zitierten Stellen aus Husserls Briefen an Misch und
Ingarden über das geplante Werk lassen eine besondere Berück-
sichtigung der von Misch entfalteten Kontroverse spüren: Die
konstitutive Analyse der vorgegebenen Welt als historische Welt,
die stark hervorgehobene genetische Problematik (der „progres-
siven Phânomerıologic" in der Fink eigenen Begrifflichkeit), das
Verhältnis von Ontologie und Phänomenologie, die durch „Natur
und Geist" angezeigten Probleme, alle diese Themen entsprechen
den Schwerpunkten der durch Misch in Lebensphílosophie und
Phünomenolvgíe dargelegten und mit der Phänomenologie kon-
frontierten Gedanken Diltheys.
Noch deutlicher kommt dieses Gewicht von Diltheys Lebens-
philosophie in Husserls Manuskripten aus der Zeit vom Mai 1930
bis zum März 1931 zur Geltung: Husserl geht in dieser Manu-
ı sıeıre eben. s. xxıv.
2 ı¶err„ıae„« v, s. iss.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XLV

skriptreihe von der Problematik der „Weltanschauung", der Ana-


lyse der Lebenswelt bzw. des Weltlebens als geschichtlicher
Praxis in verschiedenen Stufen aus. Dabei erörtert er Fragen des
Zwecklebens, der Sozialität, der Tradition, der Normalität, der
Lebensteleologie und der Vernunft (Logos). Im August 1930 führt
ihn das Streben nach der letzten konstitutiven Begründung dieses
geschichtlichen Weltlebens zur „strömend lebendigen Gegen-
wart" (ein Terminus, der hier zum ersten Mal eingeführt wird)
bzw. zur Methode der transzendentalen Reduktion. Diese Metho-
de wird nun ganz auf die „strömend lebendige Gegenwart, die
Urstâttc alles Seins" hin aufgefasst und die Reduktion auf diese
Gegenwart als äquivalent mit der transzendentalen Reduktion
bezeíchnet.1

1 wiederum seien hier einige ıiianusırripımeı aus jener zeit angeıuhrr, die nusserıs
.ianraıige 'rhenıatiır anneuıenr A v11 la; „Anfang Mai mo. weıtnnsehauung". A vi
ıias „Juni 1930. Aııgerneine rhenrie des 'runs(a1r«ive Intention), des wachen Lehens
uherhaupı. cahurı, rue, sehıai, ohnrnnenr. Ruuırgang auf eıernenıaranaıyse der ver-
gegehenen weir nis 1-ınriennr fur aııe Aktivität. 1-inriınnı, vnrrıergrund, Hintergrund.
ınıeresse, 'rhearie der 1>ra›ris irn weitesren sinn". A vu zo; „19:1o. Mögıiehıreir rıer
onreıngie. Nerwenaigireir rıes Rueirgangs auf den sinn ner weir, aıs wie sie erfahren
ist. Angehiiehe Enıhehrıiehıreiı der ızrırennınisrhenrie dureh die onrnıngie. ıiieıhnae.
uns nie reine 1-:rfahrnngsweır ru ırnnsrruieren. Der rnhre sinn rıer Auigahe ner natur-
ıiehen weııhegriiıs. weııansehnuung". B 11 is, B1. ı~2= „1~›:1o. Das xnnsciıuıinnss
prnhıeni der vnrgegehenen weir, nas arn Anfang steht, ist nus ı›rnh1ern aer Knnsriıu.
«inn unserer we1ı,nieiner we1ı,s1s der ieh Mensen hin in der histnrisehen
(rneiner hisrnrisehen) Mensehheiw. 1: iii ıor „Jnu mo. zu ner ıirahıierung ans
nniversaıen xnnsmuıinnsnrnhıerns der vnrgegehenen wen in Rueirsieht auf die
iiisrnriaim niir den ızanaprahıernen cehurı. Tod". E in 4: „snrnrnerseunescer 1930.
reıeuıugie, insıinırt, nhsnıures snııen, seıhscerhaıtung, Liebe, Naehsıenıiehe, seihsra
rnnrnc; es handen sieh uni ein Manuskript. das ven der sraıisehen Knnseiıuıinn ner
weır ausgehı una verschiedene surfen rıer seıhsurnnsrirurinn ner inrersuhjehtiviıriı
auf vernunir (Lngns› hin erörrerı, A v s, B1. 12.1-143: ,.Jn1i-Angus« 1930. Nnnnaıiıaı
irn Reieh ner nersnnaıen weit (sine eıeı". B 1 14, B1. 494.4; „Jn1i 19:10. Die Para-
nurie der psyehnıngisehen Renuırıinn". B 1 s, B1. 142-154; „Anfang August mo.
Nau-rrıinne ıiinsıeııung, rr-.insrenrıenraıe 1-:pnehe una ızeanırıinn. wie die ceneraı-
ıhesis in versıehen una zu inhihieren isr". A v 4, B1. 1194120; „August mo. zur
Ausarbeitung. Naırrrıiahes Lehen (irn sıiı der Naıirriinhireic, in der wen vnrgegehen
ist) - epnehe una neues Leben'-_ ri i 7, ßı. 21¬1:1= „wiehrig (mo). Der zweite weg.
weg in die phannrnennıngisehe Phiıesnphie (als ahsnıuı hegrunrıeıe universnıe wis-
sensehaiu dureh die Neuhegrunaung einer nniversaıen weicwissensehaiı auı aeni
senen der oenernırnesis rıer weir der nau-rrıiehen Erfahrung. Aısn Ausgang vnn nur
weir als weıı reiner (thenreriseherı erfahrung (nauirıieher we1u›egrifi›". c s= „19so.
von der weıtepnrhe rrieiriragena, nueırgung auf aus ieh rıer urgegenwarı. erste
strnırruren dieser cegenwarr. ıirsıe Einfuhrung nur nrrurnıiehen Gegenwart _
sırörnende Urıeiıigung una zeiıigung, darin du inirnanenıen zeiı, niir den ersten
Beschreibungen". c 4, ı«: 1 4, B1, so-es und c 6: „Augusı 1930 (vnr der Abreise naeh
chiavurn. Aııgerneine rnrrn ner Meıhnde zur die crev.-innung der wesensznrni der
vorgegebenen weıı aıs weir rnagıieher erfahrung und ihrer Kansmuıiun, aısu ner
ıransıendenıaıen hw. psyehnıngisehen Farin. wesen des Mensehen und seiner
niensehıiehen urnweıı, Ahhau rnaiırhı. Runirgang auı sie ıehenruge Gegenwart und
XLVI EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

Den grösseren Teil des Monats September und den Oktober


dieses _]'alires verbrachte Husserl in Chiavari, wo er seine Vorbc»
reitungen für das systematische Werk weiterzuíühren gedachte
und wohin er zu diesem Zwecke auch Eugen Fink einlud. Jedoch
erkrankte er an der Ligurischen Küste bald an einer schweren
Bronchitis, und zudem waren damals die politischen Verlıältnisse
in Deutschland ausserordentlich bedrückend (Wirtschaftskrise,
Wahlen vom 14. September 1930, durch die die NSDAP im
Reichstag von einer unbedeutenden Gruppe zur zweitgrössten
Partei auístieg), so dass Husserl auch dadurch nicht die geistige
Disposition für seine philosophische Arbeit fand. Erst nach seiner
Rückkehr nach Freiburg am 3. November konnte er sie wirkliclı
wieder aufnehmen.1 Er setzte erneut an dem Punkte an, zu dem
er irn vorangegangenen August vorgestosseiı war: bei der ströa
mend lebendigen Gegenwart bzw, bei der transzendentalen Re-
duktion und versuchte hier den Anfang seiner Systematik zu fin-
den. Von hier aus schritt er in der konstitutiven Analyse der
Welteríahrung in verschiedenen Stufen fort und widmete sich
denselben Problemkreisen wie in den vorangegangenen Monaten
Mai bis Juli. Den Abschluss dieser Schaífensperiode (März l93l)
bildet wiederum ein Manuskript über die lebendige Gegenwart
„ als der letzte absolute Boden aller meiner Geltungen".2
Ahhau dieser Gegenwart, Die ,ıtsrnv in ihrsn verschiedenen stufen". c i1, Bi, sz-
ts1= „ı9so. zur ıshsnnignn Gsgnnwart. Passiva zaitigung «iss ızrıshnisstrnrnss gngsn-
uhnr asr varrnitıithung asr Akte. vnrısitigung und eigentliche zsitigung. Gegenwart
in vsrsshisaunsns sinn. sein und ıntarrsss. nis snisnns wsıt _ nrısnigtn ıntsrnssnn.
nur i-ınriınnt der zwsnirs, dsr vnrhahsn". B 1 s, ei. 14-11: „August 1930. Die ıshan_
rıigs Gegenwart und ihrs aenriativs zsitigung: c zs, ßı. 2-iv; „ı9su, snrnrnsr una
nsrhst. ıı Eins raaiiraı riurshgsıuhrts Rsauırtiun auf nis urstraıusnds Gngsnwart ist
aquivaısnt nut trnnsısnasntaısr Reduktion. 2) in der transasnnsntaısn nnnuıttinn
Analyse aus Gshaıts der strarnsnn ıshsnaigan Gngnnwart". iz in sr „ı~›so, chiavari.
Bnwusstssinsısbsn, intsntiunaıss, ist nights anderes aıs stannigs intsntrnnaıs ı\ınt1ifi¬
iratinn", ia 1 5, Bı. :x-ıo; „wia ss scheint chiavari 1930", uhsr natirrıishss Gsıtungs-
ıshsn und npnshe. B ı 9, Bi. ıe-22; „chiavari, saptsnshsr mo. was ist nas: psyehn-
ıngisnhs Rsauirtinni". is ıı 1, Bi, ia-za; oittnhur mo, ızpnnhe. ze. oittnhsr und
xi." aber zsitigung.
1 Britt an Gustav Aihrssht vnni ao. Dsrsrnhsr mo; „chiavari hat ruinır rwni Mn-
nats gekostet, statt dass ish asrt einen Arhsitsaufsnthaıt gshnht hatt« (rnsinnn As-
sistenten hatts ieh ntirgsnnrnrnsm, wurde ieh krank . . . Anfang N<›vurni›sr ıuuinırgn
ırahrt, war ish aber winner gans in snhwung, una saitanrn gshvs vnrwarts, sn snhnsıı
als die snhwisrigırnit nur sanhs es shsn gsstattsir' (Britt irn ıiusstrı-Archiv).
= in nsn Manusitriptsn aus der zeit vorn Nnvsrnhar ıeso his Marz 1931 stshsn rni-
gsnas Titsı; c 1, Bi. ıa-24; „Nnvarnbsr mo. zur Ausarhsitung. striinrsna ısbanaigs
Gegenwart. Das innnansnts zaitisın, Konstitution innnansntrr Daran, ıcnnstitutinn
der strisrnsntısn Dauer". n ii is, ni, 9-11; „Ends Nnvsrnbsr mo. zuin Anfang,
Ausısgung das transrsnrisntaısn sgn und ihrs Methods. Die apncıiktisehe struktur aus
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XLVII

Es kann kaum in Zweifel gezogen werden, dass Husserl für


seinen Entwuri' des systeınatisclien Werkes von 1930/31 starke
Impulse von der Lektüre des Werkes von Georg Misch bzw. von
den in diesem dargestellten Gedanken Diltheys empfangen hatte.
Jedoch darf dies nicht als eine Wendung in I-Iusserls Denken be«
trachtet werden, sondern vielmehr nur als ein erneutes und sich
vertiefendes Eingehen und Bezugnehmen auf die Gedankenwelt
Diltheys aus dem Gefühl „inrielster Gemeinschaft" heraus.
Husserl hatte Dilthey schon eine entscheidende Bedeutung für
die Ausbildung seiner transzendentalen Phänomenologie nach
1905 zugemessenl (wie umgekehrt Dilthey grosse Anregungen
durch I-Iusserls Logische Untersuchungen erfuhr), und bereits l927
hatte er in einer Vorlesung erklärt: „Der Grundcharakter der
Phänomenologie ist wissenschaftliche Lebensphilosophie“,2 einen
Satz, den er in einem Vortrag vom Juni 1931 nur mit anderen
Worten wiederholte: „Echte Bewussteinsanalyse ist sozusagen
I-Iermeneutik des Bewusstseinslebens".3 Husserl betrachtete seine
konstitutive Phänornenologie als philosophische Radikalisierung

sgh der transaandentalen Rcdulrtinn". B 1 lo, Bl. 126-isn; „19ao. nie hıagliehlrait
letzt hegrundeter wissenschaft. Der unendliche lzsgress der laegrnndung". B 111 ı1=
„Anfang Deacrnhcr 19:10. in der schen transaendcntalen Einstellung Auslegung nes
apcdilrtisehcn sgn hinsichtıich des Phannnaens ,wa1t', der welt als transıanduntales
engaeıru›r". ls 1 s, Bl. lomızot „lı Derenrhsr 19:10. 'rransrennentale lıednlrtinn".
B 1 lo, Bl. 9c-lol = „2l. Deaenahcr 1930. vnraussstaiurgslnss wissenschaft. skentiais-
naus". A v ls; „Dsacrnhcr 1930, al, raerenrhsr 1930. nie ursprungliehe Ausbildung
der wcltcrfahrung als srfahrendcr 'retalanschauungx B 111 cs, lsl. 27-42; „e. Januar
19:1. zur lvlcthcds transaendenta1-ästhetischer Auslegung". B 111 a, Bl. «fe-ez; „1o„
14, Januar 1931", uhcr 1>rcl›lcr-nc der wcltknnstitutinn und Nerrnalitat. A v ut
„Januar 19:1. wissenschaft und Lehen, wissenschaft und Ethik, 'rhenrie und Praxis
Mythischc und wissenschaftliche wcıthctrachtung. Philnsnphisehes Lehen. universa-
ıe 1~:thilt". A v1 als „rchruar 19:11, zur Lehre ven der lntenticnalitat in universaler
cder tetalcr Betrachtungsweise", c 3, nl. 2s¬s2s „Mara 1931. zur Ausarbeitung.
Rcrlulrtinn auf die lehcndigc Gegenwart als der letzte ahsnluts landen aller nreiner
Geltungcn. strulrturen der lebendigen Gegenwart". c 11. Bl, es-1a; „22. Mara u. ff.
19:1. wie lrcnstituiert sich die Einheit der die getrennten wacnperiedcn iiber-
hruelssnrlen, durch sic hindurch fnrtdauernden, sich inawischcn fertverandernden
welt, Darin Erweiterung des Begriffs der Pr-irnerdialitat aut eine intersuhielstive
Prinsnrdialitat als Einheit infarsuhjaktiver wachheit (wacher lebendiger Gegsna
warn".
1 vgı. die Einleitung des hlarausgchcrs zu Hessrrıiane X111, s. xxx111, und dcn
Briefwechsel zwischen 1-russarı unrı Dilthey taff. veröffentlicht in der Einleitung dcs
1-lsrausgshsrs ru nussarıi/ws lx, s. xvlr «.).
1 verlcsung „Natur und Geist" vern s.-s. 1921 (Ms. F 1 az, s. lion). Nicht nur in
dieser, snndern hgsnndsrs auch in seinen vnrıssungcn vun 1925 und 192a setzte sich
1-iusserl rnit der Philnsnphis niltheys auseinander (vgı. Hrtrssfıfnne lx, s. s-zo, aa
ff., 354-au).
8 ina vertrag „1›hanernennlngie und Anthrepnıugic", Berlin, lo. Juni 1931 (Ms.
ıilııundhlıı 1).
XLV1!! EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

und methodische Klärung der Díltheyschen Intentionen; 1 dies


war es, was er 1930/3] in einem systematischen Vilerk zur Geltung
bringen wollte.
Durch den Rückgang aui die strömend lebendige Gegenwart
„als der letzte absolute Boden aller meiner Geltungen“ hat sich
auch Husserls Problematik der Intersubjektivität gewandelt.
Während er im Sommer 1930 die strömencl lebendige Gegen\vart
noch als im engen Sinne egologisch, als diejenige des vereinzelten
ego, betrachtet? kommt er in einem Text von März 1931, also am
Ende der soeben gekennzeichneten Forschungsperiode, zur Fest-
stellung, dass der Andere als transzendentales Mitsubjekt und als
strömende Mitgegenwart von der strömenden Gegenwart des ego
u n a b t re n n b a r ist. Damit stellt sich Husserl in Gegensatz zu
seinen Cartesianíschen Meditationen wie auch noch zu den Aus-
führungen über Primordialität vom Sommer 1930, in denen die
primordiale Subjektivität (die einzelne Monade gegenüber den
fremden Monaclen) durch das von ihr Unabtrennbare definiert
ist.3 Jene neue Feststellung wurde bedeuten, dass der „absolute
Boden aller meiner Ge1tungen" die transzendentale Intersubjek-
tivitåt ist und dass sich die Phânornenologie vom Augenblick
ihrer Etablierung als transzendcntale im Rückgang von der Welt
auf die konstituierende strömend lebendige Gegenwart auf einen
intersubjektiven Boden stellt: auf den der „urströmend seienden
Inteı'subjektivität". Der uns interessierende Passus aus jenem
über 30 Seiten umfassenden Text aus dem März 1931, dessen
Publikation in einem anderen Band der Husserliamı vorgesehen
ist,4 sei hier wiedergegeben:
„Da ist auch jeder Andere (jedes andere ego) transzendental strömend
Gegenwaıtsein, in mir konstituiert als strömend mitgegenwärtige Subjek-
tivität, die konkret selbst ist strömend lebendig konkrete Gegenwart,
so wie in mir konstituiert ist strömend meine eigene Zeitlichkeit des Seins
als vergangenes Sein als konkrete ströınende Gegenwart, und so für jede
Vergangenheit. Aber Vergangenheit ist eben das Vorübergegangeııe und
nur seiend als Vergangenheit von Gegenwart. Mitgegeuwart (Adpräsenz)
ist selbst Mitquellpunkt von Vergangenheíten. Der Andere ist in mir mit-

1 So ausdriıckliclı in einer Raııdbemerkung in seinem Exemplar des Buches von


Misch (s. av),
* lm Ms. C 6.
1 vgı, men, 'rm Nr. 1.
4 in einem nana um am nm zu spam z„'ım„mım'pu (1929-ıessı.
EINLEITUNG DE5 HERAUSGEBERS XLIX

gegenwärtig. Ich absolut, als lebendig strömend seiende konkrete Gegen-


wart, habe seine Gegenwart als lvmgegsnwart, als appı-asencaclv sich als er
selbst beknndend in mir, aber auch ihn selbst bekundet als mich in Selbst-
bekundung habend in ihm, in seiner lebendigen Gegenwart konstituiert in
1 der Welse der Micgagsswarc. Ich bla als suömsads Gegenwart, aber mam
Für-mich-sein ist selbst in dieser strömenden Gegenwart konstituiert;
lebendige Gegenwart ist sich salbsl als lebendige Gegenwart konsumie-
rend, und evtl. sich konstituierend in wissenschaltlicher Weise. Das wissen-
schaftlich ausgelegte Sein ist zunächst lebendige Wissenschaftlichkeit, und
niedergeschlagen in der lebendigen Gegenwart ist sie in ihrer Potentialität
híniort erweckbar, identifizierbar etc. Der Andere ist iiir sich ebenso, aber
sein Fiir-sich ist zugleich mein Für-mich, in Form meiner Potentialität der
Appräsentation, Aber er selbst ist appräseutiert in mir, und ich in ihm. Ich
trage alle Anderen in mit als selbstappı-asentjerte und zu appräsentierende
und als mich selbst ebenso in sich tragende.
Ich bin Subjekt für alles, was ist, und Subjekt für alle, die selbst wieder
Subjekte sind für alles, was ist, darin mich beschlossen. Die absoluten
Subjekte spiegeln mehr blass, sondem sie tragen Anders selbst, aber
als selbst apprasanclsrfs, in sieh, so wie lala und dann jedermann vergange-
nes Sein selbst, aber als vergangenes, in sich tıägt. Und so <wie› Ver-
gangenheit niehts ist ohne lebendige Gegenwart (so wie Welt nichts ist
mit all ihrer Obj ektiven Zeitlichkeit als extensiver Unendlichkeit als seiend
aus lebendiger Gegenwart, und daher Gegenwart für sie ein weltlicher
Modus ist und verbleibt), so ist auch Mitgegenwart-sein von Anderen in
der Ursprüngliehkeit der Eintühlung, einer Mit-erinnerung statt einer
Wieder-ei-innerung, ein Selbst-er-innern der Anderen. Sein von Anderen ist
als Sein einer anderen lebendigen Gegenwart bezogen auf meine Gegen-
wart. Mißein von Anderen ist untrennbar von mir in meinem lebendigen
Sich-selbst-gegenwärtigen, und diese Mitgegenwart von Anderen ist inn-
dierend für weltliche Gegenwart, die ihrerseits Voraussetzung ist für den
Sinn aller Weltzeitlichkeit mit Weltkoexistenz (Raum) und zeitlicher
Folge.
Nun von neuem: Wie steht es mit dem ,Ich'P Ich bin, ich war, ich
Werde sein, weltlich. In transzendentaler Reduktion: Bin ich da anderes,
ich, der ich bin, als das, was oben als stxömende (transzeudentale) Gegen-
wart bezeichnet war? Ich bin in der Urspriinglichkeit dieses strömenden
Lebens als strömenden Konslituierens. Alles, was ich darin als Konsti-
tuíertes babe, habe ich als solches in Geltung, und es ist meine bleibende
Habe. Ich bin in Beziehung auf die Anderen, die ich bleibend in Geltung
habe oder als oítene Potenfialitäten fiir zu gewinneude bleibende Geltun-
gen und die ich so habe als Mitkonstituierende etc., so dass meine konsti-
tuierte Habe unter dem Titel Welt gemeinsame Habe ist der strömend
seienden Intersubjektivität, darin mitbeschlossen das fiir mich und íür
uns bleibende Sein unserer selbst als vergangener, künftiger, als in der
Zeit seiender › konstituiert als bleibende Habe in der urströmeud seien-
den Intersubjektivität, Hier haben wir den ersten Begriff der Ichzentrie-
rung, oder wir haben das Ich als Zentrum, nämlich für alles Seiende der
L EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

Welt und für sie als Weltuniversum, und Ich als Zentrum für alle, wie fiir
weltliche so imnıanente, Zeitliclikeit (bzw. \Vir alsalllıeitliclıes subjektives
Zentrum), nämlich als das Icllzentruni, das den Sinn zeitlicher Gegenwart
gibt, das in der Gegenwart der Zeit steht und worauf vergangene und
künftige Zeit sinnhalt bezogen ist. Die Weltzeit hat den Sinn als saiende
nur als seienae (Gegenwart) in Relation <ıii› der aktuellen Gegenwart eier
snbjekte, nielit als in ihr zufällig gegenwärtig seiende, sondern als die
urspriinglicll strömende Gegenwart seienden Subjekte, im ursprünglich
strömenden Miteinandersein und konstitutiv Welt lıabeıid, Wir haben
(wir, die smsniend seienden) diese welt selbst in sin-sineniier Gegeben-
neiısweise als ströinenii gegenwärtige welt, die stianiend ilir vergangen
hinter sich, ihre Zukunft vor sich hat und die in diesem Strömen immerzu
iiientisen ist und verbleibe. Der Doppelsinn ven Gegenwart _ knnsfi.
tuierte Gegenwart und konstituiercnde Subjektivität als urquellende Le-
bendigkeit - wird eine passende Terminologie fordernl“ 1

Gegen das Frühjahr 1931 muss Husserl sehen, dass er das syste-
matische Werk nicht mehr in diesem Jahr vollcnden kann, und er
greift daher, ohne vorerst die Vorbereitungen für dieses Werk
fahren zu lassen, wiederum auf den friiheren Plan einer Ausar-
beitung der Cariesianischen Meditatianen zurück, die er aber vor-
läufig noch Eugen Fink überlässt. Am ló. Februar 1931 schreibt
er an Ingarden: „Leider wird das neue Werk nicht zu jqhrbuch
XI fertig trotz der atemlosen Bemühungen des ganzen _]'a.hres, die
gottlob viele innere Klarheit und Selbstbestätigung gebracht,
aber auch viele Nachgestaltung, Präzisienıng etc. gefordert ha-
ben. Ins Jahrbuch gebe ich die Cartesianischen Meditationen (von
Dr. Fink und evtl. mir erweitert) und die Bernauer Zeitunter-
suchungen, die Fink allein schon zur Einheit eines Textes ge-
bracht hat (ziemlich umfangreich) 2".3 Ende März oder Anfang
April l93l erkrankt Husserl an einer Grippe und beginnt nun zu
zweifeln, ob er das geplante systematische Werk überhaupt noch
werde vollendcn können.4 So gewinnt die Ausarbeitung der

1 ns. c a, s, un-ost.
1 Die sng. „Bernauer zeiıiinıeisiielinngsn" ıiesıglien zii ilneni nsiipneiı siis Minn-
sln-ipıen, die Husserl wahrend sein« ıniıenıliaıle in nei-nsu iin Hubs« ww und Feeli-
inlif ıelsgeselirieben lieı. sie sind bis ieııi nnen nieıiı vsiaiıenııielıı wni-den (ini
r›riisseil~Aieliiv Msnuslenplgninpe 1.).
= Briefe im namen ıngnnıni, s. ez
1 Aus einem Beier sn Lee seneslew vnni l4. ıipnl ıøaıi „leli lime ein seiianes,
fi-iielinmes Aibeiısislii liinm mii; aber einem eine iiiininie sıöning dureh eine
Ffanjsliisgiippe. ol› niii die Gnade nileil wini, genug lang bei Kran iii bleiben, ein
mein ciiinuwsns im Pliåneineneıegie, die siiniine meiner Lshenssibeiı, vollenaen ui
könnenø' (Kopie des Biiefes ini Huäeıl-Aıeliivl.
EINLEITUNG DES IIERAUSGEBERS LI

Curiøsíııníschm Meditationen für ihn wiederum an Bedeutung und


rückt erneut in den Vordergnınd, Vorläufig wird er aber noch
durch etwas anderes in Anspruch genommen: Am 19. April
schreibt er: „Ich soll in Berlin (lO. Juni), in Halle und Frankfurt
über Phänomenologie und Anthropologie sprechen . . . und muss
meine Antipoden Scheler und Heidegger genau lesen".1
Der Hauptteil von Husserls Manuskripten aus der soeben be-
sprochenen Periode (Mai 1930 bis März 1931) werden in anderen
Bänden der Husscrlianu (wohl gruppiert um die Themen „Welt-
anschauung“ oder „transzendentale Ästhetik" einerseits und
„Zeitkonstitution" andererseits) zur Veröffentlichung kommen.
Die in der vorliegenden Edition wiedergegebenen Texte behan-
deln drei verschiedene Problemgruppen: In Text Nr. 6 und der
dazugeordneten Beilage erörtert Husserl den Unterschied
zwischen anschaulicher und unanschaulicher Erfüllungsgestalt
der Fremdwahrnehmung (die Unterscheidung von eigentlicher
und uneigentlicher Einfühlung von 1920 wieder aufgreifend 2) und
versucht durch diesen Unterschied die behavioristische Betrach-
tungsweise zu interpretieren. Die Texte Nr. 7 bis 9 (und Beilagen)
bilden Beiträge zur Klärung des Begriffs der Primordialität
(Eigenheit) im Verhältnis zum Begriff des transzendentalen An-
deren. In den Texten Nr. 10 und 1 l (sowie Beilagen) wird schliess-
lich die Bedeutung der intersubjektiven „Normalität“ in der
Weltkonstitution thematisiert; es steht dabei in Frage, inwiefem
fremde Subjekte konstitutiv zum Sinn des mir geltenden Seins
beitragen können. Dabei ist auch Bedeutsames über das Verhält-
nis zwischen menschlicher und tierischer Umwelt zu lesen (vor
allern in Beilage X).

III.

Im April 1931 brach Husserl seine zu einem ungeheuren Um-


fang aııgewachsenen Vorbereitungen für das „systematische
Hauptwerk" ab und wandte sich wieder selbst der Ausarbeitung
der Cartesianísclıen Medítalionen zu, nachdem er diese schon An-
fang des jahres Eugen Fink anvertraut hatte. Aber vorerst
widmete er sich noch der Vorbereitung von Vorträgen, die er
› su«/2 M Rom» 1„;„4¦„, s. ev.
1 siehe Hmflıianø xiıı, Tm Nr. ıe sowie Beilagen Lv und Lvl.
LI1 EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

aufgrund einer Einladung der Kant-Gesellschaft unter dem


Titel „Phänomenologie und Anthropologie" in Frankfurt a.M,
(1, urıd 2. juni), Berlin (10. juni) und I-Ialle (I6. Juni) zu halten
sich ver-pflichtete.1 Er hatte diese Vortragseinladung nur mit
innerem Widerstand und nach der ersten Absicht, sie abzulehnen,
angenommen, denn sein ganzes Trachten ging auf eine umfassen-
de systematische Publikation, für die dem Zweiundsiebzigjähri-
gen sowohl die ihm noch in Aussicht stehende Lebenszeit als
auch die philosophische Situation Deutschlands keinen Auf-
schub mehr liessen. Der Entschluss, dennoch die Vorträge zu
halten, ist wohl vor allem auf die Tatsache zurückzuführen, dass
sich Husserl dem preussischen Kultusminister, Adolf Grimme,
der hinter dieser Einladung stand, sehr verpflichtet fühlte, da.
durch dessen Vermittlung der preussische Staat Husserl während
der schwierigen dreissiger Jahre die finanziellen Mittel für seinen
Privatassistenten (Eugen Fink) zur Verfügung stellte. In diesen
Vorträgen wandte sich Husserl kritisch gegen den Versuch einer
anthropologischen Begründung der Philosophie, wobei er auf die
Lebensphílosophie der Schule Diltheys und die Philosophie
Schelers und Heideggers abzíelte, und entwickelte unter Anknüp-
fung an Descartes' Meditationen die Idee der transzendentalen
Phänomcnologie als Wissenschaft aus radikalster Selbstbesin-
nung und Selbstverantwortung. Für diese Vorträge hatte er sich
im April und Mai 1931 wieder eingehend mit den Schriften
Heideggers und Schelcrs auseinandergesetztfi
1 Das Menusınipı sueses vnmnges befinde« sien un nusseıı-Areniv unter den
signsıuren ı= rı ı unan rr ı. es wurde in Pheıesnphy „ua Pısenemeenıegieeı iaesemıs,
rr (mı~ı942›, s. ı-ı4 vefarfeuııienı.
= nur diese Auseinandersetzung genen ıeıgenne Menusknpı eurusks B r az, Bı.
ıs_so. nur einem unısenısgbınn ımeıenneı aussen den ersıen real dieses Menu-
sknpıs wie feıgıı „zur Ausarbeitung. Mai mi. nesnegger. Ausgehend ven ner ri-age,
was sinnvnıı besegen kann Fragen nsen den. sein des seıenaen, 1. Nun-uunn-nnive
Ernsteııung. ı. Die fernsuı-nnınıegısnne rfsge, seienaes nıs sunsnsı nsagııeuer
werner Uneue. 2. Die msıerinı-enıeıngasene Frege, nie den nıeceneıen ınıssıı ner
seinsgsııungen, ner uneiınubsmue in die Frage etnneeıenı. rem un zweiten sinn:
die weııfer-ns eis wesensssu-ukıus nues weımsn ,Reaıen' und der rntsmsı wen.
cegenuneı den uneiısnmıngeenen Keıegenen die mıen Kategorien. Regionen,
nııreginn wen. J. Der Mensen nıs efrsıuenn, erısennena, hnndeınn. me nsenssısuene
incenıinnnuısc. Die nern-uene Lehre von nes ınıenıionnmaı nenn den crundunıen
senieaen. nııes, was fur nnen nis Mensehen gm sıs seiend, seseiensı, in einen seins›
ıneasıimeu, uuen nis quasi-seiend in den guess'-Medis, gu: aus nıeineın eigenen Gei-
ıungsıenen irn- nsısn. 4. ııeaııesusierungı inn eis universsıer ceııungsıriges nu nie
wen, nıss fur nnen selbst sıs ıvısnsenen in der wen. Das rndaknıe Pmbıens ren una
weıı, 'rıensıendencsıe Reaukuen". Auen eur Bımern, are ıseuıe unıer der signatur
B r 9 (ni. za-12) ıiegen, finaen sien Auseinsnsıeıseuungen nussefıs mn neiaegger nus
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS LIII

Die Vorträge hatten Husserl sehr erschöpft, so dass er erst


Mitte Juli 1931 die Arbeit für die Ausgestaltung der Cartesiııni-
schen Mediiationen aufnehmen konnte.1 Schon im April des Jahres
war er der Absicht, den bisherigen 'l`ext cler Cartesianischen
Meditationen (der der französischen Übersetzung zugrunde lag
und 1950 in der Hnsserliana veröffentlicht wurde) „sehr zu er-
weitern", und im Mai schrieb die Gattin Husserls an Ingarden,
dass der Text um zwei Meditationen erweitert werden soIle.2
Doch geriet nun Husserl seit Ende juli 1931 in eine ganz un-
glaubliche Arbeitsintensität, die ihn bald weit über den Rahmen
der C«ırtesianischen Meıiiiationen hinausíührte, so dass er schliess-
lich im Herbst wieder die Idee eines neuen „systematischen
Werkes" fasste und die Ausarbeitung der Cartesianischzn Medita-
tionen Eugen Fink übertrug. Schon am 31. August 1931 schreibt
er an Ingarden: „Aber nach Monaten des Zeitverlusts wurde die
Neuausarbeitung der Medítatianen brennend. Alles bis aufs letzte
konkret durchdenken, die alten Untersuchungen neu lebendig
machen, in der letzten Zusammenordnung systematisch be-
reichern - welche Arbeit bei so schwierigen Themen und wo es
ein System der universalen Methodik und Problematik der Phi-
losoplıie gilt. Und das in meinem Alter; freilich unter belebender
Mithilfe eines Dr. Fink. Obwohl ich nicht eigentlich prinzipiell
Neues zu sagen habe - aber in der totalen Zusammensohau er-
leuchtet sich so vieles und ergeben sich erst die letzten Notwen-
digkeiten für den Gang der Darstellung, die Darstellungsmetho-
de, die hier nicht eine literarische Sache ist, sondern wesensmässig
zu einer Philosophie selbst als ihre Methode der Begründung ge-
hört. Für das Jahrbuch und die deutsche Situation kann ich nicht
so kurz andeutend sein, und das gibt wohl schliesslich ein neues
jene» zen. Hessen ehm-nhıensie« ihren ınheıt ıeıgenaernnssen; „Ans Apnı his Jnni
mx. zur Lehre ven an vefgegehenhen. Die vnfgegehenheiı hesehıiessı die Mag-
uehkeıı aeı neınfeıen nnd der pennneıen Einsıeıınng. Ans dieser ehe Maghehhen
einer 1-einen Psyeheıngıe. Reine Peyeheıegie in universal« Konsequenz wenden sieh
in 'rnnsıenfıeneeıphhnsephief'. ven seheıef ehnııene nnd emrpiefıe ı-ınssefı aeıneıs
den may „zur ıaee des Mensehen" aus den sennneıwerk vom vnnım .ı„ wefıe
(ıamfpee heute unter der signehn A nr ıo, Bı. 4-6).
1 Am a. Jun ıaaı sehıeıhı er en ınger-den: „sm der Rneıueehı ven den vertragen.
are nnvefhnm geeesıee Anısehen enegı und seem winning gem» haben (eneh anreh
pereanuehe nisıtnnienenı, han :eh in einem ısßehapınngennınna und hebe ıeiaef
naeh« wehemheiıen können. zuaefn neue ieh eine unıehı ven Bneien zn eehreahen,
sehr wichtiger nn, „na han noch ıem nicht femgr' (Bm/e in rahmen ıngnfaen, s.
vo).
H siehe am/= nn Rmen ıngum, s. 61 n sa.
LIV EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

Buch".1 Wie aus den Manuskripten und anderen Indizien er-


sichtlich ist, dürfte Husserl allerdings erst im Oktober (1931)
seine Arbeit wieder unter die Leitidee eines neuen systematischen
Grundwerkes gestellt und die Ausarbeitung der Cızrtzsianisrhen
Meditatiımmı ganz Eugen Fink überlassen haben. Anfangs No-
vember l93l jedenfalls ist diese Wendung vollzogen: In seinen
C anversatians with Husserl /ınıi Fink schreibt Dorion Caims, der
1931 und 1932 während mehreren Semestern in Freiburg weilte
und sich regelmässig mit Husserl und Eugen Fink zu Gesprächen
traf, unter dem Datum des 9. Novembers 1931 (nach einem län-
geren Unterbruch, die vorangehende Eintragung datiert vom 3.
Oktober): „Husserl hat wiederum seinen Plan für die Veröffent-
lichung der Mzditationen geändert. Er schlägt nun vor, dass Fink
als Editor den Text, aufgrund dessen die französische Überset-
zung hergestellt wurde, veröffentlicht und dass alle Veränderun-
gen in Form von Anmerkungen und Erweiterungen angebracht
werden. Es sollen eine Einleitung und zwei weitere Meditationen
beigefügt werden, Weiter wäre die erste Meditation zu ändern,
wenigstens wenn es nach Fink geht".2 Diese Notiz wird weit-
gehend durch eine Stelle aus einem Brief Husserls an Gustav
Albrecht vom 22. Dezember 1931 bestätigt: „Das systematische
Grurıdwerk, an dem ich arbeite, wird günstigstenfalls gegen Ende
1932 fertig werden . . . Da die Arbeit sich noch viel grösser und
schwieriger herausgestellt hat, als ich vorgesehen, habe ich mich
entschlossen, nun doch vorher die Cıırtzsianischen Meıiitııtiımen in
deutscher Sprache und in erweiterter Bearbeitung zu veröffent-
lichen. Das habe ich aber zunächst ganz Fink überlassen. Ich
lasse es ihn selbst ausarbeiten und ich werde es nur überarbeiten.
Alles wird natürlich bis ins einzelne durchgesprochen und vor
allem auf die deutsche philosophische Situation Rücksicht ge-
nommen (obschon ich mich in keine Auseinandersetzungen ein-
lasse)".3

1 e.e.0„s.1ı,
2 Die verzsrienııiehung dieser ıegebuuhnnigen Eintragungen ven ceirns ist in der
Reihe Pıiunemrmıngm bei Nijhnfi vorgesehen.
= Brief im nusserı-Arehiv, ızhense ein 1. Jenuer 1932 en nnyee oihsuni „ieh
hebe nie uiıweise eingegebene Absiehc, die Mzfzixainns deutsch zu bearbeiten
(eingegeben zugunsten eines urnıessenaen syerenrnıisehen werıres, un aein ieh erheiıe),
wieder nufgenernnren. Ieh hoffe, des Jnhrhueh xıı irn snnımer eiseheinen ıessen zu
können, vieıieieh: niir einem heigegehenen vortrag (in der Beriiner Kent-ceseıh
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS LV

Ende 1931 taucht sogar neben dem Vorhaben des neuen syste-
matischen Werkcs und der deutschen Meditationen wiederum der
alte Plan einer Schrift über phânomenologische Psychologie auí,
den Husserl bereits Ende 1929 nach der Auseinandersetzung mit
Heidegger fasste (als „Zweite Einleitung")1, der dann wieder in
Finks Dispositionsentwurf vom Sommer 1930 (im „Zweiten
Buch") auftritt und weiter vielleicht auch durch Husserls Hei-
degger-Studium vom Frühjahr 1931 verlebendigt wurde? Am 23.
Dezember 1931 notiert Dorion Cairns: „Husserl schlug vor, dass
ich etwas wie das Folgende meinem Brief a.n Herrn Welch bei-
fügen soll: ,In Vorbereitung ist die Publikation der vieljährigen
konkreten Untersuchungen Edmund Husserls zur Begıiındung
einer echten Psychologie (einer rein irıtentionalen Psychologie),
ferner eines systematischen Grundwerkes, in dem die Methode
und Problematik einer phänomenologíschen Philosophie zur
Darstellung kommen soll. Vorher erscheint, voraussichtlich irn
Sommer 1932, eine erweiterte deutsche Bearbeitung der Carte-
síanischen Medítatíunen' ".3 Doch hat sich dieser Plan eines Werkes
über intentionale Psychologie zu jener Zeit noch nicht weiter aus-
gewirkt; erst in den Prager Vorträgen (November 1935) und in
der Krisis hat er eine gewisse Verwirklichung gefunden. `
Husserls Entschluss im Herbst 1931, sich von nun an wieder
einem neuen systematischen Werk zu widmen und die Umarbei-
tung der Cartesianísehen Medílııtíonen vorläufig wieder Eugen
Fink zu überlassen, bedeutete keine abrupte Änderung in seinen
philosophischen Reflexionen; dies so wenig, dass die genaue Stelle
dieses Planwechsels in den Manuskripten nur vermutungsweise
angegeben werden kann. Die im Juli entschieden für die Umar-
beitung der Cartzsíanischan Medilatíonen aufgegriffenen Unter-
suchungen4 wuchsen Husserl unter der Hand erneut in solche
Dimensionen, dass er schliesslich nicht mehr daran denken konn-
eeııeu, Juni ıesıtaeın zeiınnıerenennngen ven ıeıv (xepae des Briefes nn
Hneeeeı-Archiv).
› siehe eben, s. xx'/u.
= siehe eben, s. xı. nnd s 1.11, nnen. 2.
= meee rnbımtıeneenkunaigııng eıent in den sene: engııeen geeennebenen ce»
vmeıeem ven cenne in aenıeenee spnlene nna zwisehen nnfnınnngeıeıenen. ße ie«
enınneınnen, ane; ee eien nn. ein nme: euer nm eine eeınımıene Nen: ven nneeen
eeıbee nennen.
< mee 1-nissen nn senenıeı ıeaı enıeeıneaen nn ate Umgeeıeunng den cmeeceni-
em» Meaiımem nnıetıeıe, zeigen neben den amıen en Kamen ıegum (s. ea-11)
nnen die engemmen cmeısefiene wan Hueseıı mı FM ven Denen ceirne.
LVI EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

te, sie in seinen Cartesianíschen Meditationen unterzubringen.


Diese Untersuchungen von 1931, die nie die Gestalt von definiti-
ven, fur die Publikation vorgesehenen Texten haben, sondern
immer ,,Forschungsmanuskripte“ sind, stehen in ihrer Thematik
denjenigen von 1930 nahe, zeichnen sich jedoch ihnen gegenüber
durch eine stärkere Ausrichtung auf die „Monadologie" aus.
Wohl gleich im ersten Text, in dem Husserl nach seinen Vor-
trägen vom ]uni 1931 seine Arbeit an der Neugestaltung der
Cartesianisthen Meditationen aufnimmt und der auf den 16. Juli
1931 datiert ist,1 bestimmt er die im ego implizierte, weltkonsti-
tuierende Intersubjektivität als die wahrhafte Dimension seiner
transzendentalen Phänomenologie (hier wiedergegeben als Text
Nr. 13). Die Untersuchungen der folgenden Wochen sind den
Strukturen der Welterfahnıng gewidmet (neben anderen Texten 2
die hier als Nr. I4 und Beilagen veröffentlichten). In diesem Zu-
sammenhang wird Husserl Ende August auf das Problem der
„Einfüh1ung" geführt; er erörtert es besonders ausführlich im
Hinblick auf das Verhältnis von Eigenleib- und Fremdleiber-
fahrung (unten, Texte Nr. 15-18 und Beilagen). Diese Unter-
suchungen schliessen Lücken der Cartesianísohen Meılitationen,
die das Problem der Ähnlichkeit von eigenem und fremdem Leib-
körper, welche die assoziative Übertragung in der Fremdwahr-

1 Dieses eu: den 'reg genen druierre Text ist wehrseheinıinb der erste dieser Ar-
beitsperieae; nneh irn a. Juıi hatte 1~1nsser1 nn ingnraen gesehr-ieben, dass er seine
Arbeit noch nieht hebe nnfnehnien können und auch in den nachsten 'rigen nieht
\„ dann ırnnrnren werde (vgı. nben, s. 1.111, Anni. 1).
1 Hier die 'mel der nnen nieht veröffentlichten Manuskripte, die auf den souuner
19:11 dener: werden können; c 17, 131. 4341: „Juli 19:11. zur Gegebenheitssıruırtur
der weıt riıs Phannrnen. zeit und zeingung als Bestnnnscueıre ner weıı in netrirıieher
einsteunng, nısn nnt<›ıngiseh_ Konkrete weııgegenwert. Dns eigenrueh seienae (Ge-
genwert), in wahrheit seienae, befasst gegenwärtige Vergangenheit ete.", A Iv 17:
„2., 3. und 4. August 1931", uber die netuinıe struktur der weıt. B 1 az, 131. 2-17;
„August 1931. An Meaimıirm. rmeıefrnge ven der wissensebeıt. weg uber die
fnrrneıe Logik ins Psyehbıegiseıie und 'rrensıenaentriısubjeırtive". c 2, B1. 2-|6:
„August 19:11", ızueırfrnge vnn der vnrgegebenen weit nıs im zeitstrnni erseheinenrıe.
A V11 17, B1. 25-ao: „wohl aueh nus september 19:11, Die genernıiv konstituierte
weıt nrögıieher eigentıieher Erfehrbarıreit in ihren Erweiıerungsstuien bis nur veııen
iraisehen, eigentıieh erfehrberen Mensehheiısweıı (ıebensweıt) sıs Fundament tur die
nnıurbsterisehe und exakt-wissensehnnuehe 1-:rweiterung nur vnııen wen der Genıe-
gie, Phıaenteıegie, Physik, een". 13 1 5, 131, 12-an „Aus ,september ı9:s1'. ner
Mensen in universnıer Besinnung. Des in ihr allein veınngehende ieh. vnn an aus
Rcieıdrrige. Rednırtinn". B 1 s, B1. 40-59; „september 1931. Erster Gang der Bes1n›
nung. zu Epoche, ızeauırtien, ıreireıntiv weıtbeırnebtung und nach der enusehen
seite Anfang <e1ner› onınıegisehen Eiaetiır". A iv 1, 131. a-11; „Ans aeni Knnvnınt
,Anfang september 1931'. Das Neıurrung nıs seienaes in der ııeunrneiııiehıreit bin-
siehııieb seiner entnıegisehen struırruren".
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS LVII

nehmung ermöglichen soll, überspringen.1 In ihnen werden Ge-


danken weitergefühıt, die Husserl schon im Januar und Februar
1927 in der Vorlesung „Einführung in die PhänomenoIogie"2
eingehend zu entwickeln begannß Am Leitfaden des Begriffs der
Appräsentation oder Vergegenwartigung des anderen Ich stösst
Husserl wiederum auf sein altes Problem des Verhältnisses von
Fremderíahnıng und Erinnerung, die beide eine „intentionale
Modifikation" des aktuellen primordialen Ich zur Gegebenheít
bringen (einerseits ein a n d e re s Ich, andererseits m e i n v e r-
g a n ge n e s Ich), und erörtert in diesem Problemzusammenhang
Einheit und Verschiedenheit von ego und alter ego (unten Texte
Nr. 19 und 20). Wohl motiviert von dieser Problematik wendet
sich Husserl vom 23. September an der ichlichen Struktur des
Bewusstseins zu und gerät von hier sowie vom Paradox des
ständig schon Leistung voraussetzenden Bewusstseinsaktes aus
in der ersten Oktoberhälfte in sehr tief dringende Erörterungen
des Aktproblemsfi
Nachdem sich Husserl auf diese Weise in die Tiefen minutiöser
Analysen „verloren“ hatte, besinnt er sich in der zweiten Okto-
berhälfte wieder auf den allgemeinen Rahmen seiner Philosophie.
Zu dieser allgemeinen Besinnung gehört der hier wiedergegebene
Text Nr. 21 aus jener Zeit „Gang der systematischen Beschrei-
bungen bis zur Monadenlehre, nach der Reduktion"i An diesem
Zeitpunkt dürfte Husserls Entschluss, sich nun doch wieder
einem neuen systematischen Werk zuzuwenden, anzusetzen sein.
In den nun zeitlich folgenden Untersuchungen versucht sich

1 vgı. certeseeoeroıie Mnısıetiom (Hnsreııiom 1), §§ sa-54.


2 siebe Hnssnıtbm xrv, seıttien in (s. sea tt.›.
= in den zusrmmenneng dieser vntersuebungen uber rremaıeib- uno ı¬:igenıeib›
itonstitution sus August/september ıvsı gebart wobı ruob der grösste -reiı des es
matter umfassenden Kbnvoıutes D iz, des im wesentıieben Probleme der Konstitu-
tion der sinnıioben weit uno des Leibes ourob aie Funittion aer ıcinsstbese erörtert.
Die matter 3-s dieses Knnvoıutes tragen die ubersobrim „s. september mi. ıts.
soeietive Pnssivitnt des ıob una ıobnuttivitst in der untersten stufe".
I und ewnr in toıgennen, noob unverzsffentıiobten Menusıniptens B r ao, c io, c ıe
(Bi. az-1o›t„ze., ze., 21., za., 29. und ao. september ıea 1"; dieses in die angegebenen
Konvoıute verstreute Menusıeript bnt nusserı sıs nie „u-matter" beeeioirnet. Es gebt
von weıtontoıogisoben Problemen sus und untersuobt die iebıioben struıtturen der
lebendigen Gegenwert. B 1 ı4, si. 61-12; „ı. oktober wsı. Ertsbruug sis ı-ırmaıung
tubrt nut einen unenoıieben izegressus. wie ist ursorungıiebe Bewerbung tier weit
mogıitbi". B in 9, Bı. s-sz= „z/3„ 4., o., 1., 12., 14., io. oıttober ı~›aı. Des niet.
problem". c 2 (2. rein: „september ima oktober ıeaı. seıbstnusıegungt ınb, uns
ıeb meines eewusstseinsıebens, eis konkretes rbemn". A vn 9, Bi. ae_4o= „oktober
mi tt. Hintergrund".
LVIII EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

Husserl weiter des systematischen Rahmens seines Philosophie-


rens zu vergewissern.1 Im November stellt er „zur Klärung der
Monadologie" 2 Reflexionen über die trariszendentale Geschichte
der Intersubjektivität an : über die „instinktive" Ausrichtung des
Bewusstseins und der transzendentalen Iıitersubjektivität auf
ein Telos (siehe unten, Text Nr. 22), über transzendentale Inter-
pretation der Weltgeschichte (unten, Text Nr. 23), über Wert-
probleme usw.3 Husserl umreisst hier, oft in weiten Gedanken-
flügen, die letzte universale Absicht seines Philosophiercns, die
hier noch durch folgende Stelle aus einem Brief an E, Pearl Welch
vom I7,/21. juni 1933 verdeutlicht sei:
„Es liegt im Radikalismus der phänomenologischen Reform, dass sie
vom Urboden der neuartigen ,transzendentalen Erfahrung' aus und in
Gestalt einer systematischen Analytik der Seinssinn konstituierenden
transzendentalen Intentionalirät aufzuzeigen unternimmt, wie und in
weichen stufen in dieser die Weit ibren sinn und iiire seinsgeitung ge«
winnt. Die philosophischen Probleme erschliessen sich mit ihrem echten
Sinn als transzendenml-phånomenologische in einer wesensmässigen syste-
rnntiseiien sturenıoıge. Es zeigt siob anbei, dass die religiös-etbiseben
Probleme solche der höchsten Stufe sind In der höheren Stufe der
Phänomenologie wird der Irrtum in eins mit den Fragen des ethischen
Lebens, des Lebens in echter oder unechter Menschlichkeit, in letztlicher

1 Dazu gehören die noch unveröffentlichten Manuskripte: B I IO, Bl. 77-91:


„oktober 1931. Besinnung uber die weit nus meiner izrtnbrung - reine isrtnbrung ¬-
direkter Gen; ıur Enoobe unri zum reinen rob eier Besinnung", B iii 2; „ı9./zu.
oktober, za. oktober. izingeboreıibeit der weıtform". A vii zo, Bi. 2-ia: „Letzte
oktober- und erste Novenrbertege 1931. i) wissensobıtt und ontoıogie, beides im
gewisbnıinben sinn (eier Positivitst) 2) Wissensobeit, bzw. ontnıogie im neuen
Sinn _ Vun dem Heriklilísclıen Fluss der ,subjektiv-relativen' vermeintlichen Welt
tier personnien subjeitte und subjektgerneinstbntten und von an zum subjektiven
überhaupt . . .". A V 10, Bl. 6-I3: „l. November 193i, Grundstück der Beschreibung
der !=<›rm.sıien der Urn»-eit, die iterntive erweiterung der Umwelt (i~ieirnnt, Fremde,
ıterntien der Frerneieı".
2 Titel au! dem Umschlag des Konvolutes E III 9, in dem der Grossteil dieser
Reflexionen enthalten sind.
= Andere dnıugebörige Manuskripte, die bier niotrt veriinentiieiit sind: B iii 9,
Bl. 79-80: „5. November l93l. Rekàpilulation der Versuche über Lust und Wert und
wertobiekt". is ni 9, Bi,o1-1o=„Antsng November mi", uber Aiteittien, Lust,
Instinkt, Teleølngie. B III 9, Bl. 55-61: „6. Nuvemlıer l93l. Wahrnehmungsersehek
nungen von ,aernseibeni iziebtungeutı ein Modus tier i~:rsebeinung". is iii 9,
Bl. 23-25: „eat 6. Nøveınlıer l93l. Instinkt und Iristinkterfülliıng. Handlung deS
entwickelten Menschen im Instinkt". E III 9, Bl. 25-34: „Etwa 8. Nbvernber 1931.
Genuss und Liebe". B III 9, Bl. 8|-83: „Mille November l93l". über Auslegung der
Struktur der lebendigen Gegenwart. B III 9, Bl. B6-90: „2l., 22, November l9ilI. Zur
struktur aer iebenriigen cegenwnrt". is in 9, Bi. si-91; 24. und ze. November
1931. Akt". B I 5, Bl. 122-1355,21., 25. November l93l. Natürliche Einstellung,
Einstellung der Epnché . . _". E III 9, Bl. Z2: „27. Nøvembßl' l93l", über Instinkt,
Abnung, Gebet.
ElNLE!TUNG DES HERAUSGEBERS LIX

Befriedigung oder Unseligkeit (ciner individuellen und sozialen Harmonie


und Dísharmonie) von neuem zum Problem. Es handelt sicl\ um die all'
umfassende Problematik, die auch unter dern Titel der universalen
Teleologie angesprochen werden kann. Anders ausgedrückt sind es die
Probleme der Totaliiät, der transzcndenfalen Möglichkeit einer seienden
offenen, unendlichen tmnsıendentalen Intersubjektivität, darin beschlos-
sen der iiiögıicnıreir ,wahrer scıbsmrıizıtnng' einer jeden, einzelnen nnd
sozialen, Subjektivität im unendlichen Zusammenhang. Die Probleme der
,universellen Harmonie', aber auch die der echten Humanitåt gewinnen alsn
als phânomenologische Probleme ihren absoluten. auf die transzendentale
Subjektivität bezogenen Sinn. S0 ist der oberste Abschluss für die Prcıble›
rnatik der phänomenologischen Philosophie die Frage nach dem ,Prinıip'
der in ihren universalen Strukturen konkret erschlossenen Teleologie. Dem-
nach ist das oberste 'Konstitutionsproblern' die Frage nach dem Sein des
,Überseienden', eben dieses Prinzips, das eine in sich ıusamrnenstirnmende
Totaliüit der transzendeutalen .lntersubjektivifät mit der durch Sie
konstituierten Welt existcnzmöglich macht, weshalb mau es auch plato-
nisch als Idee des Guten bezeichnen könnte (natürlich darf aber hier ,Idee'
nicht Eidos bssngen). Mit zu dern aber bewege man sich innerhalb der
Problematik und der Methodik einer Philosophie als strenger Wissenschaft,
der allein radikalen und irn höchsten Sinn strengen. Obwohl die oberste
Stufe in ihrem allgemeinen Problelnsiun sich schon streng vcırgezeichnet
hat, ist es noch weit bis zur geforderten theoretischen Durchführung in
konkret ausgearbeiteten wissenschaftlichen Theorien. Die Phänomenolw
gie ist aber jedenfalls da, als wirkliche Arbeit in lebendigem Werden".1

Von Ende November an kommt Husserl wieder auf den An-


fang seiner Systematik zurück und widmet sich nun vor allem
einer Phänornenologie der Epoche.“ Nachdem er seit Mitte juli

1 Kopie des Briefes irn niisssrınırcniv.


= in inıgenasn nnvsröiienııismsn Mnnnsısripıznr B ıı 1, B1. 10-71, s 1 5, Bi. iss'
iss: „2s. November mi nnd Anirng Dezember. Die nienscıiımrs nisıoriziıae der
erznsrsnannızısn Reduırıinn . . . ıspnrner die im der ıaniıınıınng an pıninornsnnınμ
senen Epoche gegeniiber snnmn enınzıınngsn. _ c ıe, B1. ıa-ls: „news Demn-
bsr ıvaı. Nnıen znr Lehre von ann rurısn. Aırıinndiiiırsıinn ner Epoche, pminnrnsnn-
ıngissıis Am mxf. B in 9, Bi. 73-vs; „s. Dezember mi. Anısısigsnde ıarinnsrni»
gen, vsrgegznwarıignng. Das xısrwenısn vergıicınn niir ann unırısrwsrarn der
Reıenıion". B in 9, Bi. ai; „or Dsrsmm ıvsı. Gewisse Am, srıznngen, die in sich
Mnrıiiiısıinnsn van ssıznngen sind". E 111 9, Bı. ıa«ı7= ,.ıı. Dezember ıeaı. osfiiırı
nis ruirkıion und streben. Moıivnıinn an Aırıinn, des ıarwzcissns ars mi nnd wasn
ısbrns, rnnäsırsı nn: der vrsınis". ii ni 9, ßı. 62: ,.ı4. Dzzsınbsr mi. Aırı als vor
haben nur uzbsn gzricıiıeı, zur ein zinı'-_ B 1 ıa, Bi. ıovfııos „ıs_, ie. Dezember
ı~›aı. Die ,wsııvrrnicnınng durch Abwrnaınng rneinsr ısbsnaigen Gegznwnrvn rs
ii 1,31. 12-ı ıo; „cim ıs., zı., za., 24., 25. nnd aı. Dszsmber ıeaı. zur Pnannnienøz
logie der ıspnehe. Anzıysen zur yräsnmpıiviinı von sııern wemicıi seienazn - Frage.
wiefsrn uns sein der wzıı ssıbsı bsırßflsn isn". c ı 1, Bi. 44-se: „25. nnd ze, Dezenibzr
ıvsı. minırıiviıaı und Apperznpıiøn zıs srinskonsıiıncion. wie ass Bemrssısein einer
mr nnen seienden pi-.ikıiseıien iiagıicursiı enıspringı". c ıı, Bi. se-ev: ,.nez=niı›=r
LX EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

in einer unglaublichen Arbeitsintensität die ganze Systematik der


phänomenologischen Philosophie durchmessen hatte,1 beginnen
sich aber gegen Weihnachten 1931 erste Anzeichen der Über-
anstrengung zu zeigen. Er schreibt am 22. Dezember an Gustav
Albrecht: „Seit Juni (Rückkehr von den Vorträgen) habe ich
ohne Pause mit leidenschaftlicher Vertiefung gearbeitet, und nun,
während mir die Gedanken in Fülle zutliessen, revoltiert nervös
mein Magen und zwingt zur Verlangsamung der Arbeit".2 Doch
arbeitet er noeh beständig für sein systematisches Werk weiter.
Nach Neujahr stehen im Zentrum seiner Überlegungen die Pro-
bleme der „Weltanschauung“ nnd darin impliziert diejenigen der
sozialen Struktur der Welterfahrung (siehe unten, Text Nr. 27)
und der Apodiktizität des alter ego (Text Nr. 2B).3 Aber je stärker
Husserl die Schwierigkeiten, sein geplantes systematisches Werk
zu beendigen, spürt, umso wichtiger wird ihm wiederum die
deutsche Ausgabe der Cıırlesianíschen Meditationen, deren Vor-

(weihnnehten) 1931. Knnstitutinnsweg ven der Elenienterstruktur der lehendigen


Gegenwert zur Kenstitutien ven Einheiten in standiger zeiıigung, denn zu suhstret-
einheiten tnnnnigfeıtiger Erscheinungen in einer welt niit Weltzeit ~ Universum von
suhstreten. Weg ständiger ,wieder-holung'
1 Arn is. Nevernher ıeaı sehreiht er en ingn-den: „Ieh arbeite fieherhett, eher in
einer Ereudigkeit, die meine Kräfte stetig steigert. Erst dureh die Arheit der letzten
Jehre, dureh des freie zuseinrnendenken, Ergänzen, Ausgıeiehen, Aneinsutderinessen,
Miteinanderverlrnrrpfen der konkreten Untersuehungen der letzten beiden Jnhrzehn-
te. unter hestandigen pnnzipieıısten und niethndisehen Refıeriuuen, ist _ fest genz
wider eigenes Erwerten f ein gesehhmenes system ini werden und gewurden, freiıieh
ein System, das Unendlichkeit der Wis s e n sc h af t ist, für alle kßníligen Generatío~
nen nur der Urnriss fur neue und immer neue Entdeckungen. Es giht keine Art
B vi d e n z (aueh nieht die rnethernetiseheμ die der Evidenz der phanninennıegisehen
Philosophie gleiehknrnnit (der knnstitutiven, die keinern meiner eiten sehrrıer
versttndlieh gewerden ist)." (arte/e zn Rewe ıegenızn, s. 13/14).
1 Brief irn Husserl-Arehiv.
= Andere, nieht verattentıiehte hıenusıtripte aus jener zeit: A vn 12, Bl. ze-si;
„Anfang Jnnunr 1932. welt rls welt der Erfahrung = rein nis (nnsehnulieh) epperzi-
pierte welt. urn sie eis des euszuıegen, hreueheu wir eine Theorie der Apperzeptinn".
A vll 12, Bl. 22-24: „ıu. Jnnuer 1932. Peisnnele struktur der welt". A vll |7, Bi.
3«-H57; „ıo. Februar 1932. Ruekirage ven der vorgegebenen Welt. Systernetiseher
Gang, sieh Welt zur Ansehıuung zu hriugen". A vu 12, Bl. 3442; „ 12, Fehr-uer 1932.
,weltnnseheuungt Allgemeine Anelyse der ,Apperzeptinn', ,Perzeptit›n', ,Erinn-
rung'". A vi za, nl. 2~a± Fehruer ıssz. Bewusstsein und Aktivitat". A vi za,
Bl. 5-7: „24. 1-'ehruer l<ıa2_ Dnre und Praxis, Doıisehe Einstellung euf seiendes und
seiendes nu sieh, wahrheit nu sieh". A vu |2, Bl. 4; „24. Fehruer ıvsz. Apperzeptien
und Perzeptieu". A VII iz, Bl. 5-as „Letzte Fehruertege, weıtertseheuung". A V 7,
Bl. ltaeszs „Ende Eehruer uder Anfang Marz 1932. Das Handeln, die pt-rktisehe
Tradition, das Gewohnlıeítsnıässige, die Alltàglichkeit, der Aufbau der Norınalitåten.
Die Bodenstandigkeit des sehen seienden, die lnstinkte vnmngehend, die Guter".
C 16, Bl. 27-54: „7.»ıo. Marz 1932. Gefühl und Urknnstitutien, Lust una Aftektinn.
Urkoııslituüver Aufbau der Welt in ihren Seiıısregionen und Leitung der Urlnstinkte
, .. Instinkt, Kinästhue, Neugier".
EINLEITUNG DES HERAUSGEBER5 LXI

bereitung er im Herbst 1931 wieder Eugen Fink anvertraut hatte.


Am 10. Februar 1932 schreibt er an Roman Ingarden: „Ich bin
freilich in Verlegenheit hinsichtlich des Jahrbuches - wann über-
haupt der Druck beginnen kann, da ich an meiner grossen
Systemdarstellung fixiert geblieben, die Bearbeitung der Meıiita-
tionen zunächst ganz Dr. Fink für seinen Vorentwurf überlassen
habe, nur dass alles Nötige im allgemeinen durchgesprochen
wurde. Wenn dieser fertig ist, muss ich aber doch die persönliche
Ausarbeitung erst ausführen, was Monate kosten wird. Dazu
scheint, dass die neuen Meditationen s e h r viel grösser werden".1
Wohl hat sich Husserl im Februar 1932 wieder selbst mit dieser
Umarbeitung der Cartestaníschen Medítalíonen beschäftigt? Auí
alle Fälle lässt die Konzentration auf das „systematische Werk"
nach. Von Ende Februar bis in den Monat April leidet Husserl
an einer Depression, die ihm diesen grossen Plan wiederum ins
Ungreifbare rücktß Sie war nicht nur die Folge der ungeheuren,
„fieberhaften" Arbeitsintensität der vorangegangenen Monate,
sondern auch der an Verzweiflung grenzenden Enttäuschung über
sein Unvermögen, die Systematik seiner phänomenologischen
Philosophie in literarischer Form zu verendlichen. Seit dem Herbst
1929 hatte der über Siebzigjâhrige in drei verschiedenen; mit
grösster Anstrengung geführten und an philosophischen Gedan-
ken äusserst reichen Anhieben versucht, seiner Philosophie eine
greifbare einheitliche Gestalt zu geben, und alle drei Versuche
waren ihm in bezug auf das äussere Ziel misslückt. Immer wieder
hatte er sich in der Unendlichkeit „der Sachen selbst" verloren.

IV.

Im April oder Mai 1932 vermochte Husserl seine Depression


der vorangegangenen Wochen einigermassen zu überwinden/4
1 am/. im Rmı» r»;mım, s. 1a,
1 Am 21. rebnm 19:42 senen« er in den scııfmsıeııef R. Pmuwııμ „u„ffenııieıı
kann ich iımn im sommer enaueıı an nach einer Pam wieda aufgenommene .nnen
an den cmm'm'§=ı„„ Mt.:-wmqı zugehen usw. als eine um Absehıusmbeıı
. . (xupie des Briefes im nusuı-Archiv).
2 Bm« an regard“ vom 1. Aprıı ı~›a2= „Nu make auch ieh in an Depmsm,
man sehon sen ecwa mus wochen, daher man schweigen ob mine Kram
ımieım, .mn femg zu werden _ gar in diesem Jem: mi um „im ib, und es in
mem geworden (mnıieın, ııs ich je nme hoffen können." (enıμ im R. 1„gm.«„,
s. 11).
I am 3. Juni mz an Gustav .uı›mm= „mi inne die Mama der mymsson, die
LXII EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

wenn ihm auch die Arbeit der folgenden Monate nicht nach
seinen Wünschen ver1ief.1 Seine Arbcitspcrspektiven haben sich
nun aber sehr geändert. Zwar hofft er immer noch, sich ein syste-
matisches Grundwerk abringeıı zu können,2 aber dies bleibt nun
mehr ein Wunsch als ein fester, mit Verwirklichung rechnender
Wille. Seit dem Frühjahr 1932 denkt Husserl real an seinen
Nachlass und arbeitet für seinen Nachlass. Als seine Pflicht
und als das Ziel seiner „sorgenvollen Arbeit" nennt er in einem
Brief vom 11. juni 1932: „ein brauchbarer Nachlass und wo-
möglich ein allgemeines Grun d w er k".3 Dies bleibt im wesent-
lichen seine Perspektive über zwei Jahre bis zum August 1934.
In diesen zwei Jahren (Frühling 1932 bis Herbst 1934) spielt
allerdings auch noch weiter der Plan einer Umarbeitung der
Cartesíaníschen Meditationen eine gewisse Rolle, aber Husserl
scheint sich doch nicht mehr während längerer Zeit ernsthaft
damit befasst zu haben. Vom Frühjahr 1932 an wendet er sich
ihnen wieder zu, aber er nimmt alsbald dazu eine solche Distanz,
dass kaum noch die reale Absicht einer Ausarbeitung dieses Wer-
kes anzunehmen ist. Auch mit den Umarbeitungsvorschlägen
Finks hat sich Husserl nicht identifizieren können. Für die erste
Meditation hatte Fink schon im Herbst 1931 einen neuen Ent›
Wurf ausgearbeitet,4 im Sommer 1932 legte er dann Husserl
Umarbeitungs- und Erweiterungsvorschläge für alle fünf Medi-
tationen vor und verfasste zudem im August bis Oktober 1932
eine völlig neue „sechste Meditation" mit dem Titel „Transzen›
dentale Methodenlehre".5 Von Finks Urnarbeitungsentwürfen für
die fünf Meditationen hat Husserl nur diejenigen zu den beiden
ersten gründlich studiert und mit zahlreichen, zum Teil sehr kri-
tischen Anrnerkungen versehen; die Entwürfe zur dritten bis
snir jungen Jrinrnn mr iirirnnnr isr nn rnir riıs rdıgs der ünnrrirnsirrrngen niir. wieder
zinniıirn ninırr niir." (Brief irn rnisssrırarnnivı.
1 Ani si, Jnıi 19:2 nn Aııirennrr ._ dieser snrnnrsr wnr ısirisr ninnr sd frnnirn
rnirn, wir inn gnwiinsene name. Hier wnr ein snnrnnirıien snnwiiınr nnd dnnni sdnnen-
ınsrr, regnnrisdner snrnrner, und seıiıapne Lim rrinrnt rninır irnrrinr krank. inn nahe
nıinr grwnıisnrn weiiergrrrnrirw- (Brief irn Hnsssrıfnreniv).
2 Ani 3. Jnni 1932 an Aınrsnırır „wie gerne würde inn wenigstens die aııgerneinsce
Unrıeidırnnng des systems der rrdnısrnniiir genen vnn nntsn nis in dieser nannsren
spitze. _ _ " (Brief ini nnssrrıfnrnnivı.
= ara/r im Roman ıngnrrzrn, s. so.
4 vgı. crirns' Eintragung vnrn zı. ssptnrnbsr ıesı in seinen cnnmrnıtnnr.
ß sinne die einırieiing von srspıian sırrisser zu Husrrrımrn 1, s, xxvııı. eine
Kopie seiner uninrbeming der :anf Medirnıinnen im Prdf. Engen Fink in verdan-
ırenswerter weise den i-inssnrı-Ardniv zur Verfugung gssıeııı.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS LXIII

fünften Meditation seheint er höchstens sehr flüchtig zur Kennt-


nis genommen zu haben. Fink hat denn auch seine Arbeit an der
fünften Meditation frühzeitig abgebrochen. Die ganz neue sechste
Meditation Finks hat Husserl wiederum sehr genau gelesen, aber
wohl erst im Sommer 1933 und Winter 1933/34.1 1932 hat
Husserl schon sehr bald seine Cartesiamschßn Medítationen als für
eine wirksame Einführung in seine phänomenologische Philoso-
phie ungeeignet betrachtet. Am 4. Mai l932 notiert Dorion
Cairns in seinen Conversııtíans: „Offenbar mit den Møıiitationen
im Kopf sagte Husserl, dass er die Idee einer kurzen Einführung
in die Phänomenologie, womit er eine kurze Exposition der phä-
nomenologischen Reduktion meinte, aufgegeben habe. Zu Finks
Ausarbeitung der Meıiítatíoiıen sagte Husserl - Fink war ab-
wesend ~, dass er sie durchstudíeren werde, aber das Buch werde
,ganz anders'2 sein". Wie Husserl sich diese neue Einführung
dachte, ist einer Eintragung Cairns' wenige Tage spater (1 I. Mai)
zu entnehmen: „Anstatt rnit der Phänomenologie der Natur
weiterzufahren, skizzierte Husserl mir den Ansatz oder die Moti-
vation der Phänomenologie, welche er in seiner neuen ersten
Meditation auszuführen gedenkt: eine andere, aber mehr histori-
sche Motivation durch die Idee der Wissenschaft". Husserl ver-
folgt hier also bereits einen Gedanken, von dem er sich dann in
der Krísis wird leiten lassen. Diese Eintragungen Caims' werden
schliesslich durch einen Brief Husserls vom Il. Juni 1932 völlig
bestätigt und erläutert: „Sie fragen wegen des neuen jahrbuchs
bzw. der M éıiítatíons Cartésiennes? Noch immer muss ich sagen,
ich bin nicht soweit, und jedenfalls ist keine Rede davon, dass
ich den alten deutschen Text abdrucke, sei es auch da und dort
verbessert _- obschon er so wohldurchdacht ist. Ich bin zur
Überzeugung gekommen, dass nur eine wirklich konkret expli-
zierende Emporleitung von der natürlichen Welt- und Seinshabe
1 sisıis air Msnusırripıs B ii 4, sı. so if., B iv s und 1= iv i, ni, iz, nie Nnıinnn
Hussnrıs nur snnirsinn iasniıniinn Finks nus nern Juii was unn nnnnrnbsr 1933/Jnnunr
1934 sniusıısn.
1 Die wnrır „gsnı nnrıurs" srrıisn iin sunsı englischen rex: von cnirns nur anuiscır
una ıwisnnsn Aniunrungsnninunn; ns nsnnnıi sinn nısn wnnı uns sin, warrıiniin wininr-
gnue der Ausssgs nusserıs. Dsss Husserl niit .isn uninrbsiıungspıannn Finks ninm
rinig wsr, gem auch sus einer sruinrnn scene von cnirns cnumsnunnr nervnr. unter
nern 2. Juni 1932 nnrieri sr; „Aus aninsnibsn crunnn, sus anni sr ns vsrnininnn wnııs,
nm der id« dsr Erkenntnis zu beginnen, wnıır 1-ıussnrı ns sunn vsrinsinsn, niir nsr
uns an vniınsnpnin zu beginnen, win Fink es in seinem Enıwuri ıuı. Erırsnninis una
Pniınsupnis sinn iur nun Lssnr ninni sn gsnnun Bsgriiın was wissnnsnnsu".
LXIV EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

überhaupt zur ,transzendental'-phänomcnologisehen Einstel-


lung und eine konkrete Begründung der Methodik und univer-
salcn Problematik der Transzendentalphänomenolog-ie nützen
kann; dass im wirklichen Durchführen allein gezeigt werden
kann, dass hier eine t 0 t ale W e n d u n g der Philosophie im
Werke und eine unausweichliche Notwendigkeit ist. Früher ist
nicht ernstlich zu erhoffen, dass ein ernstliehes Verständnis er-
wächst und, was ich phänomenologische Reduktion nenne, wirk-
lich zur lebendig betätigten Methode und Fomı aller besonderen
philosophischen Methodik wird".1 Die Cartesiıınischen Medita-
tionen zeichnen sich ja dadurch aus, dass in ihnen nach der
„Cartesianischen Zweifelsbetrachtung“ „wie in einem Spnıng"
das transzendentale ego angesetzt wird, und sind keineswegs
„eine wirklich konkret explizierende Emporleitung von der na-
türlichen Welt- und Seinshabe zur ,transzendental`-phä.nomeno-
logischen Einstell1ıng“.2 Zwar seheint es, dass Husserl trotz seiner
Vorbehalte gegenüber diesem Werk noch an eine Umarbeitung
denkt, aber diese Umarbeitung hätte, wenn jene kritischen Be-
denken wirklich zur Geltung gekommen wären, zu einem ganz
neuen Buch führen müssen. So schreibt Husserl denn auch am 19.
August 1932 an Ingarden: „Ich habe wichtige ,Tiefbohrungen'
fortgeführt, und nun erst gehe ich an den Ersatz für die Meditıı-
tionen, deren alte Form für das deutsche Publikum nicht ge-
nügt".3 Dieser „Ersatz“ für die Meditationen kann kaum etwas
anderes sein als das neue systematische Grundwerk, das sich
Husserl immer noch erhofft, aber kaum noch ernsthaft in Angriff
zu nehmen vermag. Zwar flackert auch 1933 die Idee der Umar-
beitung der Cıırtesianischen Meditationen noch auf; am 30. De-
zember dieses Jahres schreibt er a.n Gustav Albrecht: „Vielleicht
schwinge ich mich . . . doch noch auf, eine deutsche Ausarbeitung
der Pariser Meditationen zu unternehmen. Eine sehr schwierige
Sache, obschon es sich oder vielmehr weil es sich um einen syste-
matischen Extrakt meiner ganzen Philosophie handelt, also die
Fähigkeit voraussetzt, über alle Gebiete, alles Manuskripte (eini-

1 am/e nn Rum» ıngmen, s. 1a.


fl vgı. 1-ıussnrıs ıcriıiır ass cnrınsisnisnnen wngrs in der Kris« (fınssnınnrn vi),
§ 43.
= am/r nn ıenmnn ıngnnun, s. aı.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS LXV

ge 1000 stenographische Blätter) rasch zu veríügen".1 Aber wirk-


lich aufgeschwungen dazu hat sich Husserl nicht mehr.
Die Zeit, während der Husserl hauptsächlich sub specie ueterni-
tatis für seinen Nachlass arbeitete, nahm im Herbst 1934 ein En-
de. Von den Organisatoren des VIII. Internationalen Philoso«
phenkongresses, der anfangs September 1934 in Prag stattlaııd,
erhielt er im Sommer l934 die Einladung, einen schriftlichen
Beitrag vorzulegen. Husserl folgte der Einladung, zog aber den
Beitrag im letzten Augenblick, nachdem er ihn schon nach Prag
gesandt hatte, wieder zurück und äusserte sich am Prager Kon-
gress nu.r durch einen Brief über die gegenwärtige Aufgabe der
Philosophie, Jener zurückgezogene Beitrag erwies sich als der
Keim dessen, was uns heute als Husserls letztes Werk, Die Krisis
der Europäischen Wissenseha/len und die trıınszendenlale Phåno~
menologie. Eine Einleitung in die phänomenologische Philosophie,
in der Gestalt eines Fragmentes vorl.iegt.2 Von Ende 1934 an
arbeitete Husserl immer konsequenter mit dem Ziel dieser neuen
Einleitung, für die die Wiener Vorträge vom Mai 1935 3 und die
Prager Vorträge vom November desselben Jahres 4 wichtige
Etappen darstellen, Wie Husserl dieses neue Werk auffasste,
zeigt deutlich eine Stelle aus seinem Brief an Gustav Albrecht
vom l l. April l935: „So habe ich für meine Vorträge in Überar-
beitung der Abhandlung, die ich zunächst vor dem kurzen Brief
nach Prag (dem Kongress) zugesandt hatte, eine wesentlich tie-
fere geschichtsphilosophische Gedarikenreihe im Entwurf, will
aber nicht darin allein stehen bleiben. In Kappel, ich hoffe, dass
wir nach den Eismännern dahin schon gehen können, will ich eine
Grundschrift über phänomenologische Reduktion aufgrund mei-
ner alten Untersuchungen darüber ausarbeiten und damit mir
selbst und der Welt beweisen, dass ich noch lange nicht der Ver-

› iarisı ins iırrsssrı-Arspiv.


5 Die Kvisis ist im Band Vl dieser Ausgabe veröffentlicht. Über jenen zurückgezoge-
nen Beitrag snnrsiıit 1-ıpsssrı ssiinn sin is. nngnst 1934 in Jan Pntorın; „inn nam
ais Kopie istıt nissrannnt nnd arbeite sir, sntsprsrıisnri vertieft (nntwrnriig erwsi
tert), demnåßllst a\l§ _ als einen historischen Eingang in die Plıånuılıienologie."
(Knpis riss iarisfss ini Hpsssrı-nrnısiv).
»Unter drin ritri „nis Pniınsnpnis in der Krisis asr rnrnpfismn iıinnssmnit",
Vgl. Hussnlíıınn VI, S. 314445.
« untsr nsrn rim „nis vsysnningis in im :crisis ner rnrnpaiscnrn wissenssnsx-
ten" ; ans Manuskript der Vorträge befindet sien ini Hnsserı-Arnniv unter der signatur
K III lv
LXV! EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

gangenheit angehörc".1 Es kommt hier zweierlei zum Ausdruck,


was für die Situierung dieses Werkes wichtig ist: Es greift „alte
Untersuchungen" a.uf2 und ist einc Schrift über phänomenologi-
sche Reduktion, also einc E i n l e i t u n g (im systematischen Sinne)
und nicht etwa die Realisierung des grossen systematischen VVer~
kes, das Husserl seit 1930 (mit Unterbrüchen) erstrebte. Es ist die
„konkret explizierende Emporleitung von der natürlichen Welt-
und Seinshabe zur ,transzendenta1'-phânomenologischen Ein-
stellung“,3 aber keine systematische Darstellung der konsti-
t u ti ven Problematik der phanomenologischen Philosophie, die
nach Husserl ihren eigentlichen Inhalt ausmacht. Auclı nach der
Veröffentlichung dieses grossen Fragmentes gilt, was Husserl am
5. März 1931 seinem früheren Schüler, dem preussischen Kultus-
minister Adolf Griınme schrieb: „In der Tat, der grösste und wie
ich sogar glaube, wichtigste Teil meiner Lcbensarbeit steckt noch
in meinen, durch ihren Umfang kaum noch zu bewâltigenden
Manuskripten".4

1 Brig« irn ı-inssrrirnrnniv,


2 nis srirıinn A des Hsiiptttiırs der Kmis („L›sr wtg in air pbännnisnnıngistbs
'rrsiisssrirınntsıpbiınsnpbis in asr Riisirırsgs vnn asr vbrgsgebnnsn Lebenswert snsfli
bnr ibrs irnnirrstnn vnrıantsr btrsits in risn eritwnritn vnn ıeze (sisbt die iziisısitiing
ass nsrsnsgtbsrs zii Hnrrsrıinmi xıv, s. xxviit) nnii ist nntb anrsb rnsntbs
stnrıisn anr drtissigsr Jsbrs ubsr „wsıtnnsnbsnung" μrnnssnnrisntsis Ästbstiw)
vnrbsrsiist (irn i-insssrı-Arsbiv bsnpisarbıitb nis nnnnsirriptgriipps A vu). Dis
sniriinn B („Dsr weg in dit pbınnnisnnıogistbt Ti-.insırnarirtsıpbiinsnpbis vnn der
Psysbnıngit siis") sntsprisbi .isn vsrbsrsitnngsir von Enns 1929 zu sinsr „rwsitsn
Binınitnng" in die irnnsntinitntnıs Pbinnnitnnıogit iin Ausgang vorn rrnbısrn der
nntnrnısn nnd gsisisswissenssbsitıicbsn vsytbnıngis (sisbs nbrn, s. xxvıf.). Bsirıs
wngn sind rntb in Finks Dispnsitinnssntrnii-1 von mo sngsatnttt (vgı. nnen, s.
XL). Diss rnnss bntont wsrasn, an nis Krarir irn wsrrısgnng rrnsssrıs nit win ein
Mttenr bttrsnbttt wird.
H vgı. nbnn, s. Lxiiii., riss zitat nus i-irisssrıs srisi an ıngsrrisn vnrn ıı. Juni
1932.
I knpis ass Briefes irn i-insssrı-Arsbiv. nisse ıssssbrinirnng vpn ninsin systsinsti,
stbsn werk auf eine bınsst Eiriısitiingsssbrin wiirde Husserl wnbı arianrsb rrısinbrsrr,
rinss er von Ends 1934 an isst rnit asr Ei-sriiıinssnng ssinns Nssbısssss rnnbnnn rinrıtn.
Arn 7. oırtnbsr um tsiıt sr ciistnv Aıbrssbt niit: „Es ist nnter dem irieinsn Kreis
rrrninnr cntrsritn der Pınn, inısrnstionsıs Mitiri zu bssnbsttsn, uns sin arrbiv (wir
in Prag uns Brsritsrin-Arrbivı mr rrisiris iıinpnsırripts (sinigs tniissnri Butter, sttnn,
grspisitrt) zu btgrundtn und diese nsrb und nnnnruriiiniist sn, wie sie sinri, rnrn
Drnrir in bringen, ppssnraeni rinir nis systsnististbs Ansnrbsitiing sn srniögıirbsn".
Dieser Pınn wurde bniiptsisbıisb rıurcb die initiative von Erniı utitı vom c„rıs
phiınsnpiignt us Prngnr pm iss mıimhgs .it ıwnıflnimsnı ırnmm, in asni sinb irn
nnssbıiiss nn den Prsgsr Pbiınsnpbsnirnngrsss einige pbrinnrnsnnıngisrb nusgsrirbtste
Pbiinsnpiinri vsrtinigı bstttn, grtnsst. Mit seiner vtrwirirıicbnng, die erst vnn sinnr
stiftung vnn 'rbnnins Mnsnryir nnd rısnn vnn der nbrirsisıisr rniinastion nntsistiitrt
wiirde, irnnnıs rsssıi bsgnnrisn wsriitn, sn rısss nncii Bssprsnbungen in Freiburg pin
wribnssbten 19:4/es ıwiscbtn Hiisssrı und dern ssıtrnrar des cmıas, Jan Pstnsirs,
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS LXV“

Die in der vierten (letzten) Sektion dieses Bandes publizierten


Texte gehen chronologisch kaum über den Herbst I934 hinaus, da
Husserl während der folgenden Zeit bis zu seiner Todeskrankheit
(August 1937) fast ausschliesslich für die Krísís arbeitete und
für die zahlreichen, dabei entstandenen Texte, die in den Beilagen
der Veröffentlichung dieses Werkes noch keine Aufnahme gefun-
den haben, in der H1/.ssırlíana ein besonderer „Ergänzungsband
zur Krisís" vorgesehen ist. Nur drei kleinere Beilagen (XL, XLV
und LVI) der vorliegenden Edition, die keinen engeren Zusam-
menhang mit der Krísis haben, stammen noch aus 1935. Im
wesentlichen beschränkt sich also die IV. Sektion des vorliegen-
den Bandes auf die „Zwischenzeit“ vom Frühling 1932 bis zum
Herbst 1934, in der Husserl in erster Linie für seinen Nachlass
arbeitete.
Diese Zwischenzeit darf man sich nicht als fruchtlos vorstellen.
Wenn sich Husserl während dieser Zeit, besonders teilweise 1932
und anfangs 1933 \vegen der damaligen, ihn beunruhigenden po-
litischen Situation manchmal wenig zu konzentrierter Arbeit
disponiert fand, so durchlebte er doch auch wieder ausserordent-
lich produktive Monate. Dass er jetzt weniger an eine grosse
Publikation dachte, war nicht nur durch sein Scheitem an diesem
Ziel während der vergangenen Jahre bedingt, sondern auch durch
die politischen Verhaltnisse, die dem Autor jüdischer Abstam-
mung die reale Möglichkeit, in die Situation der deutschen Philo-
sophie einzugreifen, schwinden liessen. Am 4. August 1933
schreibt er aus Schluchsee (Schwarzwald) seinem Freund Gustav
Albrecht: „Die letzten Monate, na, man könnte gemütskrank
werden, jedenfalls mit meiner Arbeit war es nichts. Hier oben
sind wir andere Menschen. Die ganze Politik liegt weltfem hinter
uns, und ich bin in brennender Arbeit ganz jung geworden".1 Die
brennende Arbeit galt dem Nachlass: Am ll. Oktober 1933
schreibt er: „Schon den dritten Monat arbeite ich wieder, fast in
alter Energie, trotz des 75. Jahres, an meinem Nachlass”, und am
bereits in um was Lnawig Lsnagisıss, den asnsnıs in Ping Pnvntanunı wu, naeh
Freiburg ıninsinsn konnte, inn eine genius ıassısnaesanınsiinis der ıvınnnsısnnıs sn
eısıeıısn und dann in Prag mit des Tısnsinipeinn einer Reihe dieser Manuskripte sn
beginnen. csxsgnnuısn dass« Bssuni-ıesnnınsnnıs wnnıe nnıns ßiııignng 1-ınssnııs
von Fink nnd Lsnagfsbs eine vnıısıanaigs Nnnnrannng den Msnnsınipıe unsenıninf
mn, die anfangs was noch sbgssnnınssen wurde. Diese Ansmınıing bi-sms: nnen
ıisnss iin 1-ınssn-ı-Afsıiiv.
› Brief iin 1-ınssfirnmiiv.
LXVII1 EINLEITUNG DES HIERAUSGEBERS

2. November: „Ich orclne und durchdenke weiter meinen ,Nach-


lass`." 1 In diesem Durchdcnken des „Nachlasses“ entstanden
Husserl eine grosse Fülle neuer Manuskripte, die alte Gedanken
vertiefen und verbinden.
Im ersten Text der IV, Sektion (Nr. 29) erörtert Husserl, z.T.
Probleme wieder autgreifend, die er 1921/22 unter dem Titel Ge-
meingeist behandelte,2 die aller Sozialitât zugrundeliegende Mit-
teilungsgemcinschaft im Gegensatz zur hlossen Einfühlung, Text
Nr. 30 enthält im Hinblick auf die Idee einer universalen geistcs-
wissenschaftlichen Anthropologie Ausführungen über die Er-
fahrung und verschiedenartige Thematisierung der Anderen und
über die Funktion dieser Erfahrung in der Ausbildung der Welt-
erfahrung. Text Nr. 31 ist besonders interessant für das Verhält-
nis von transzendentaler und primordialer Reduktion. Husserl
glaubt hier erst, dass durch die Reduktion auf das pıimordiale
Geltungsleben (durch die Abstraktion von fremden Seinsgeltun-
gen) eo ijıso auch die Reduktion auf das transzendentale Be-
wusstsein vollzogen sei, um sich dann dahin gehend zu korrigieren,
dass die primordiale Reduktion, wenn sie nicht bloss psychologi-
sche, sondem transzendentale Bedeutung haben soll, den Vollzug
der transzendentalen Reduktion voraussetzt, Im Text N r. 32
nimmt Husserl wieder ein Problem in tief eindringender Weise
auf, das ihn seit seiner ersten Entfaltung der Intersubjektivitâts-
problematik beschäftigte: 3 was die Einheit des Ich mit sich selbst
í.n der Erinnerung uncl die Differenz in der „Deckung“ von Ich
und anderem Ich in der Fremdvergegcnwàı-tigung „ausmacht".
Im Text N r. 33 stösst Husserl in das innerste Problem der
transzendentalen Erfassung der Intersubjektivitåt vor, das sich
ihm als Antinomie darbietet: Einerseits ist der Andere transzen-
dental-konstitutiv eine Modifikation meiner selbst, also etwas
„Abgcleitetes", und das urt ümliche ego ist absolut einzig:

1 afisıs .s„ ıznmn r„„›„„ı«i, s. sa, at. vgı. nen mist nn custnv Aıınnnuı vun ao.
osssniusn 1933; „erst in snıııutnsus genug ss anni« «nit an Knnssnustinn nur nis
pniıesnpısisnus Atı›sit› gut, ss wenn ısısn frunıııbnfe wnuıisn, in denen inn snitu
unuptsrnıiıitn init anni stuaiuin iuninss nuımsn gnusssn Entwurfs ussnnaftigte, nas
sststt ich brenner ıiuutkgeıwuiuisn suit. aber hier sub es visıs uuvsnnsinıinns, nass
„itfnubenan una aufregend. Korrespondenz." (si-ist un nusssfı-Arnim.
I sinus Hsssnıinnu xıv, reits Ni. 9 und ıo sowie nie Bsiısgsn.
= vgı. Humnisns xnı, 'rsxt Ns. e, § 31; Bsiısge xxvı. rsıt Nr. ıı; nn wu-
ıitgsnasn Bands reste Ns. W und zo.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS LXIX

„Dieses ego ist das im absoluten Sinn einzige, der keine sinnvolle
Vervielfältigung zulässt, noch scharfer ausgedrückt, als sinnlos
ausschliesst",1 Aber die „stehende urtümliche Lebendigkeit, die
Urgegenwart, die keine Zeitmodalität ist", ist „die des Mona-
denalls",2 d.h. das Absolute im urspnfınglichsten Sinn, das alles
Sein konstituierencle Vor-sein, ist intersubjektiv, und so muss
sich Husserl andererseits fragen: „Muss ich nicht doch wieder
scheiden die Reduktion auf meine urtümliche lebendige Gegen-
wart von der Reduktion der Anderen auf ihre lebendige Gegen-
wart, obschon ich, absolutes Ich meiner lebendigen Gegenwart,
aus ihr auch die Anderen durch Explikation erst heraushole? Ist
nicht auch impliziert, dass sie aus sich durch Reduktion zu ihrer
urtümlichen Egoitåt kommen können, dass ich für sie die Reduk-
tion durchführen und ihre Urtümliehkeit ihnen zuweisen kann?
Dann komme ich also wieder darauf zurück, dass mein urtümli-
ches ego eine ,Unendlichkeit' von urtümlichen ego's impliziert,
deren jedes jedes andere und von sich aus eben diese Unendlichkeit
impliziert, darunter auch mein ego, in dem alles das impliziert ist,
wie eben dieses auch wieder in jedem impliziert ist. Alles in jedem
erdenklichen Sinn Seiende liegt in mir - mit der teleologischen
Harmonie, die All.heit als All-Einheit möglich macht. Aber alle
Anderen liegen in mir in ihrer Totalität der Unendlichkeit, und
liegen in mir als alles in jedem Sinn Seiende in sich implizierend _
jedes mir darin gleichwertig".3 M.a.W., die Konstitution des
Anderen ist nicht Konstitution eines Gebildes, das mir eigen
wäre, sondern eines radikal Transzendenten, das mich selbst
„gleichwertig“ konstituiert; die Implikation von Konstituieren-
dem und Konstituiertem ist hier, und hier allein, wechselseitig.
Die Texte Nr. 34 und 35 stammen aus den fruchtbaren Som-
mermonaten 1933 in Schluchsee und kreisen, wie diejenigen aus
November l932 (N r. 22 und 23), um die Idee der teleologischen
Totalität der Monaden bzw. der Einheit der Monadenwelt. Text
Nr. 36 gibt einen vorzüglichen und präzisen Abriss von Husserls
phänomenologischer Monadologie, in dem die Leistung der Ein-
fühlung als „Selbstentfremdung" bezeichnet wird. Text Nr. 37
ist ein Dokument dafür, wie sehr für Husserl das Problem der

1 Unten, Beilage xu, s. sa~2ı9o. vgı. Kıisis (Hmsııienn vı) § s4ı›.


1 Unten,1'e›nNr.aa.
I unten, 'reist Ns. as, s, sa1/ss.
LXX EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

Fremdcrfahrung („Einíühlung") ein Problem geblieben ist,


während schliesslich der Tex! Nr. 38, sozusagen als Husserls
„Testament", seine philosophische Gesamtauffassung, die die
„urtümlich stehende ,Gegenwart' des innerlich einigen Mona-
denalls" zum „Seinszentrum" hat, skizziert.
Auch am Ende dieses letzten Bandes Zur Plıäm›me›ıı›logı`e der
Inteısub1`ektívität möchte ich in Dankbarkeit an alle erinnern, die
zu seiner Verwirklichung beitrugen: Prof. H. L. Van Breda hat
diese Ausgabe wiederum mit der ihm eigenen Grosszügigkeit ge~
leitet und unterstützt. Prof. Rudolf Boehm war immer wieder
mein Lehrer in der Editionsarbeit. Mit Prof. Eugen Fink, dem
anregenden und mutigen Mitarbeiter Husserls während dessen
letzten Jahre, durfte ich diese Zeitepoche im erinnernden Ge-
spräch durchgehen und konnte auf diese Weise der vorliegenden
Edition mehr Zusammenhang mit dem gesamten späten Schaffen
Husserls geben. Herr Rudolf Bemet hat auch für diesen Band die
Druckproberıkorrektur des textkrítisclien Anhanges auf sich ge«
nommen und mir durch wertvolle Hinweise auf Dokumente er-
laubt, Lücken in der Skizze von Husserls letzten Arbeitsplänen
zu schliessen. Mein ganz besonderer Dank gilt schliesslich wieder-
um Dr. Eduard Marbach, der die grosse Mühe nicht scheute, mit
mir auch die Druckproben dieses letzten, textlich besonders
schwierigen Bandes mit Husserls Manuskripten Satz für Satz zu
vergleichen, die Druckproben zu korrigieren und dabei auch
durch viele Verbessenıngsvorschläge und Hinweise die Gültigkeit
dieser Edition zu fßtigen.

Iso Kern
I

TEXTE AUS DEM ZUSAMMENHANG DER ENTSTEHUNG


UND ERSTEN UMARBEITUNG
DER „CARTESIANISCHEN MEDITATIONEN"
MÄRZ 1929 BIS MÄRZ l930
Nr. l

<ERSTE FASSUNG DER


FÜNFTEN CARTESIANISCHEN MEDITATION ›
<Ende MärzAnía.ng April 1929›1

5 <§ 1. Exposition des Problems :ler Fremdzrfııhmng in


Gegenstellmıg gegen rien Einwand des S0lı`{›sí_mms>
Doch nun muss das einzige ernstliche Bedenken zu Worte
kommen: wie denn das transzendental reduzierte ego im abge-
schlossenen Erkenntnisbereich seiner transzendentalen Gegeben-
10 heiten je über die Mannigíaltigkeiten seiner „V 0 r s t e l 1 u n g e n"
von Anderen und darin immanent sich konstituierenden Einhei-
ten der Synthesis zu den Anderen selbst kommen könne, die
doch im ego bewusste, bestenfalls erfahrene, und einstimmig er-
fahrene, aber doch andere aga's <sind›. Wenn ich, das medi-
ı5 tierende Ich, mich durch die phänomenologische Epoché auf
mein absolutes, transzendentales ego reduziere, bin ich dann
nicht zum solus ipsz geworden, und bleibe ich es nicht, solange ich
unter dem Titel Phänomenologie konsequente Selbstauslegung
betreibe? Wäre also eine Phänomenologie, die Seinsprobleme
20 lösen und schon als Philosophie auftreten wollte, als transzen-
dentaler Solípsismus zu brandmarken? Schon Fragen der Mög-
lichkeit wirklich transzendenter Erkenntnis, vor allem der Mög-
lichkeit, wie ich aus meinem absoluten ego zu anderen ega's korn-
me, die doch als andere nicht wirklich in mir, sondem in mir nur
25 bewusste sind, sind rein phänomenologisch nicht zu stellen. Es ist
von vornherein selbstverständlich, dass mein transzendentales
Erkenntnisfeld über meine transzendentale Erfahrungssphäre
und das in ihr synthetisch Beschlossene nicht hinausreicht ~ es
1 Vgl. Husszfliınız I, S. 34, Zeile 7 I. und S. l2l ff. sowie die Einleitung des Heraus-
gebers zum vor-ıiegmaen Bude, s. xvı a. _ Am. a. Hfsg.

l
4 ..CAR'l`liSIANISCIiE MEDl`TATIONEN" l929-1930

ist selbstverständlich, dass das alles in eins durch mein eigenes


transzendentales ago bezeichnet und erschöpft ist.
Indessen, vielleicht ist doch in solchen Gedanken nicht alles
in Ordnung. Ehe man sich für diese „Selbstverständlichkeiten"
5 entscheidet und nun gar sich in dialektische Argumentationen
und in „metaphysiseh" sich nennende Voraussetzungen <cin-
lässt›, deren Selbstverständlichkeit sich vielleicht noch als voll-
kommener Widersinn herausstellt, dürfte es doch angemessener
sein, zunächst die sich hier mit dem „alter ego" arızeigende Auf-
ı0 gabe der phänomenologischen Auslegung in konkreter Arbeit
systematisch anzugreifen und durchzuführen. Wir müssen uns
doch Einblick verschaffen in die explizite und implizite Intentio-
nalität, in der sich auf dem Boden unseres transzendentalen ego
das alter ego bekundet und bewährt, wie, in welchen Intentiona-
15 litäten, in welchen Synthesen, in welchen Motivationen der Sinn
„anderes ego" sich in rnir gestaltet und unter den Titeln einstim-
miger Frerııderfahrung sich als seiend und in seiner Weise sogar
als selbst da sich bewährt. Diese Erfahrungen und ihre Leistun-
gen sind ja transzendentale Tatsachen meiner phänomenologí-
20 schen Sphäre. Kann ich woandersher als durch ihre Befragung
den Sinn „seiender Anderer" allseitig auslegen? `

<§ 2. Die noemıztísch-onlísclıe Gegebenheítsu/eisø des Anderen


als tmnszendentı/ıler Leitfaden für die konstiiuiíve Theorie
der Fremderfahrnnp
25 Zunächst habe ich an ihm, so wie er sich mir geradehin und in
Vertiefung in seinen noematisch-ontischen Gehalt <gibt› (rein
als Korrelat meines cogíto, dessen nähere Struktur erst zu ent-
hüllen sei), den transzendentalen Leitfaden. In der Merkwürdig-
keit und Vielfältigkeit dieses Gehalts zeigt sich schon die Viel-
30 seitigkeit und Schwierigkeit der phänomenologischen Aufgaben
an. Z.B. die Anderen erfahre ich, und als wirklich seiende, in wan-
delbaren einstimmigen Erfahrungsmannigfaltigkeiten einerseits
als Weltobjekte. Nicht als blosse Naturdinge, obschon nach einer
Seite auch als das, sofern sie alsleibliche, in Naturleibem psychisch
35 waltende erfahren sind. So mit Leibem eigenartig verflochten, als
„psychophysische" Objekte, sind sie „in" der Welt. Andererseits
erfahre ich sie zugleich als Subjekte für diese Welt, als diese Welt
rızxr NR. ı 5

erfahrend, und diese selbe Welt, die ich selbst erfahre, dabei zu-
gleich auch mich erfahrend, als wie ich sie und darin die Anderen
erfahre. Su kann ich in dieser Richtung fortschreitend noch vieler-
lei noematisch auslegen. Jedenfalls also, in mir, im Rahmen mei-
5 nes transzendental reduzierten Bewusstseinslebens, erfahre ich
die Welt mitsamt den Anderen nicht als mein sozusagen privates
synthetisches Gebilde, sondern als intersubjektive, für jedermann
daseiende, in ihren Objekten jedermann zugängliche Welt, darin
die Anderen ebenfalls für Andere, für jedermann überhaupt da.
10 Wie klärt sich das auf? Unbeirrbar muss ich daran festhalten,
dass jeder Sinn, den irgendein Seiendes für mich hat und haben
kann, sowohl nach seinem „Was“ als nach seinem „Es ist in
Wirklichkeit” Sinn ist in bzw. aus meinem intentionalen Leben,
aus dessen konstitutiven Synthesen, in den Systemen einstimmi-
I5 ger Bewährung sich für mich klärend und enthiillend. Es gilt
also, um für alle erdenklichen Fragen, die überhaupt sinnvoll
sein sollen, den Boden der Beantwortung zu schaffen, ja, um sie
selbst schrittweise zu stellen und zu lösen, eine systematische
Entfaltung der offenen und impliziten Intentionalitäten durch-
20 zuführen, in denen das Sein der Anderen für mich sich „macht“
und sich nach seinem rechtmässigen, das ist seinem Erfüllungs-
gehalt, auslegt.
Das Problem ist hier zunächst wie ein spezielles, eben als das
des „Für-mich-da" der Anderen gestellt, als Thema also einer
25 transzendentalen Theorie der Fremderfahrung, der „Einfüh-
lung”. Aber es erweist sich alsbald, dass die Tragweite einer sol-
chen Theorie eine sehr viel grössere ist als es zunächst scheint,
dass sie nämlich auch mitfundiert eine transzendentale Theorie
der objektiven Welt, und zwar ganz und gar, also auch hinsicht-
30 lich der objektiven Natur. Im Seinssinn der Welt und im beson-
deren <der› Natur als objektiver liegt ja, wie wir oben schon be-
rührt, das „Für-jedermann-da" als von uns stets mitgemeint, wo
wir von objektiver Wirklichkeit sprechen. Zudem gehören zur
Erfahrungswelt Objekte mit „geistigen“ Prädikaten, die í.hrem
35 Ursprung und Sinn gemäss auf Subjekte, und im allgemeinen
auf Fremdsubjekte, verweisen, so alle Kulturobjekte (Bücher,
Werkzeuge und Werke irgendwelcher Art usw.), die dabei aber
zugleich den Erfahrungssinn des „Für-jedermann-da” mit sich
führen.
Ö „CARTESIANISCHE MEDITATIONEN" 1929-1930

<§ 3, Reduktion der trımszemientalwı Erfahrung ım/ die


Eigen/ıeiissp/ıärc ›
Ist nun die transzendentale Konstitution und damit der tran-
szendentale Sinn von Fremdsubjekten in Frage und in weiterer
5 Konsequenz in Frage eine uníversale Sinnesschíchte, die von
ihnen ausstrahlend der ganzen objektiven Welt zuwächst, so ist
es ein erstes methodisches Erfordernis, dass wir zunächst inner-
halb der transzendentalen Universalsphäre eine Art thernatischer
Epoche durchführen. Wir schalten alles Fragliche zunächst aus
I0 dem thematischen Feld aus, wir sehen von allen konstitutiven
Leistungen der auf fremde Subjektivität unmittelbar oder mit-
telbar bezogenen lntentiorıalität ab und umgrenzen zunächst
den Gesamtzusammenhang derjenigen Intentionalität, der aktu-
ellen und potentiellen, in der sich das ego in seiner Eigen-
15 heit konstituiert und in der es von ihr unabtrennbare,
also selbst ihrer Eigenheit zuzurechnende synthetische Einhei-
ten konstituiert.
Die Reduktion auf meine transzendentale Eigenheíts-
s p h ä r e oder mein transzendentales I ch - s el b s t durch Ab-
20 straktíon von allem, was rnir transzendentale Konstitution als
Fremdes ergibt, hat hier einen ungewöhnlichen Sinn. In der na-
türlichen Einstellung der Weltlichkeit iirıde ich unterschieden
und in der Form des Gegenüber: mich und die Anderen. Ab-
strahiere ich von den Anderen in gewöhnlichern Sinn, so bleibe
25 ich „allein" zurück. Aber solche Abstraktion ist nicht radikal,
solches Alleinsein ändert noch nichts an dem natürlichen Welt-
sinn des Fiir-jedermann-erfahrbar, der auch dem natürlich ver-
standenen Ich anhaftet und nicht verloren ist, wenn eine univer-
sale Pest mich al.lei.n übrig gelassen hätte. In der transzendenta-
30 len Einstellung und in eins der vorhin bezeichneten konstituti-
ven Abstraktion ist aber das ego in seiner transzendentalen
Eigenheit nicht das auf ein blosses Korrelatphänomen reduzierte
gewöhnliche Menschen-Ich innerhalb des Gesamtphänomens der
Welt. Viehnehr handelt es sich um eine wesensmässige Struk-
35 tur der universalen Konstitution, in der das transzenderıtale
ego als eine objektive Welt konstituierendes dahinlebt. Das ihm
spezifisch Eigene, sein konkretes Sein als Monade rein in sich
selbst und für sich selbst in abgeschlossener Eigenheit, befasst
rexr NR. ı 7

wie jede so auch die auf Fremdes gerichtete Intentionalität, nur


dass zunächst aus methodischen Gründen deren synthetische
L eist ung (die Wirklichkeit des Fremden für mich) thematisch
ausgeschaltet bleiben soll. In dieser ausgezeichneten Intentiona-
5 lität konstituiert sich der neue Seinssinn, der das monadische
ago in seiner Selbsteigcnheit überschreitet, und es konstituiert
sich ein ego nicht als Ich-selbst, soııdern als sich in meinem eige-
nen Ich, meiner Monade „spiegeIndes". Aber das zweite ego ist
nicht schlechthin da und eigentlich selbstgegeben, sondern es
10 ist als „alter ego" konstituiert, wobei das durch diesen Ausdruck
als Moment angedeutete ego ich selbst in meiner Eigenheit bin.
Das „alter“ verweist seinem Sinn nach auf mich selbst, der An-
dere ist „Spiegelung“ meiner selbst, und doch nicht eigentliche
Spiegelung, Analogon meiner selbst, und doch wieder nicht Ana-
15 logon im gewöhnlichen Sinn. Ist also. und als erstes, das ego in
seiner Eigenheit umgrenzt und in seinem Bestand ¬ nicht nur
an Erlebnissen, sondern auch an von ihm konkret unabtrenn-
baren Geltungseinbeiten - iiberschaut und gegliedert, so muss
daran anschliessend die Frage gestellt werden, wie das ego inner-
20 halb seiner Eigenheit unter dem Titel Fremderfahrung eben
Fremdes konstituieren kann, und zunächst irgendwelche alter
egn's und dann all das, was von diesen her Sinnbestimmungen
gewinnt, kurzum eine objektive Welt in der eigentlichen und
vollen Bedeutung.
25 Diese Problematik wird an Verständlichkeit gewinnen, wenn
wir, mindestens im rohen, die Eigenheitssphäre des ego charakteri-
sieren. Die thematische Ausschaltung der konstitutiven Leistun-
gen der Fremclerfahrung und mit ihr aller auf Fremdes baüg-
lichen Bewusstseinsweisen besagt jetzt nicht die blosse phäno-
30 menologische Epoche hinsichtlich der Seinsgeltung all dieser Be-
wusstseinsweisen, die schon beschlossen ist in der Universalität
der transzendentalen Reduktion. Wir stehen ja schon auf dem
transzendentalen Boden. Aber wir nehmen nun die im „Phä-
nomen“ der Welt beschlossenen Phänomene des fremden Seins
35 nicht als Indizes für konstitutive Systeme; wir sehen also im
Weltphänornen ab von den Anderen und allem, was sinngemäss
ihr Dasein voraussetzt, und fragen nun, was uns übrig bleibt.
Richten wir den Blick auf uns selbst. Ich kann in transzen-
dentaler Einstdlung bei solcher Abstraktion nach wie vor sagen:
8 „CARTESIANISCHE MEDITATYONEN" l929-1930

Ich bin mir apodiktisch gewiss und bin in diesem strömenden


Leben, mit all seinen Erlebnissen, darunter auch die jeweiligen
Erlebnisse der Fremderfahrung. Es sind nun aber im Übergang
zu den konstitutiven Systemen der Aktualität und Potentialität
5 diejenigen abzuheben, in denen unserer Abstraktion gemäss
Fremdbewusstsein keine konstitutive Rolle spielt, In dieser
Hinsicht scheidet sich im Phänomen der Welt als eine universale
zusammenhängende Unterschicht ab d i e b lo s s e N a t u r, also
abstraktiv auch befreit von dem Sinn des Fiir-jedermann-da
10 und nicht nur von allen besonderen, auf Subjekte bezüglichen
Bestimmungen („geistige" Prädilcate wie alle der Kultur). Unter
den puren Naturobjekten finde ich in einziger Auszeichnung
meinen Lei b, nämlich als den einzigen, der nicht bloss Kör-
per ist, sondern eben mein Leib, das einzige Objekt, „in" dem ich
15 unmittelbar „schalte und walte", und in Sonderheit in jedem sei-
ner einzelnen „Organe”. Ich nehme mit den Händen kinästhe-
tisch tastend, rnit den Augen ebenso sehend usw. wahr und
„kann“ jederzeit so wahrnehmen; desgleichen die Kinästhesen
der Organe ins Spiel setzend stossen, schieben usw. und dadurch
20 unmittelbar leiblich handeln. Wahrnehmend tätig erfahre ich
(oder kann ich erfahren) alle Natur, darunter die eigene Leiblich-
keit, indem ich jeweils mittels der einen die andere Hand, mittels
einer Hand ein Auge usw. wahrnehmen kann, wobei Organ zum
Objekt und Objekt zum Organ wird; und ebenso für das allge-
25 mein mögliche ursprüngliche Behandeln der Natur und der Leib-
lichkeit selbst durch die Leiblichkeít, die also auch praktisch auf
sich selbst bezogen ist.

<§ 4. Der Grurııicharııktør der Eígmheit der Erlebnisse und


30 Erlebníspotentı`alitıíterı.' die Originalíiıit in der
apodíktisclıerı Selbstıı/ahrnehmurıg ›
Dieses als Unterschiclıt herausabstrahierte System der „blos-
sen", von allem Fremden befreiten Natur und Eigenleiblichkeit
konstituiert sich als System der „Eigenheit" in den „eigenen“
35 Erlebnissen und Erlebnispotentialitäten. Offenbar ist der Grund-
charakter der Eigenheit, zunächst der letzteren, in folgender
Weise zu beschreiben: Die apodiktische Evidenz, in der das ego sich
nach der phärıomenologischen Reduktion selbst kontinuierlich
raxr NR. ı 9

vorfindet, betrifft in erster Linie (als Klarlegung der Evidenz des ego
cogíto) mein Scin in der Einheit des kontinuierlichen, endlos offenen
Erlebnisstromes - ich bin in der mir orígírıaliter gegebenen Ein-
heit eines transzendentalen Lebens. Obschon ich aber stets in Evi-
5 denz so sagen und dieses Lebens in der Weise der Wahrnehmung
direkt erfassend innewerden kann, unterscheide ich innerhalb
dieser Wahrnehmung doch die im prägnanteren Sinn wahrgenom-
mene Gegenwart, strömend sich wandelnd, <und› die ebenso sich
wandelnde endlos offene Lebensvergangenheit und -zukunft, die
10 „eigentlich“ nicht wahrgenommen, sondern in kontinuierlich
gewandelten Modis der „Retention“ und „Protenl:ion" bewusst
sind. Dazu gehören begleitende Ew`denzen des Ich-kann - ich
kann in die sinkende, alsbald unanschauliche Vergangenheit
durch Ervveckung, durch Erzeugung von Wiedererinnerungen
15 eindringen, ich kann in Wiederholung immer von neuem Wieder-
erinnerungen derselben Vergangenheiten und Gesamtvergangen-
heit herstellen; ebenso immer wieder die wahrnehrnungsmässig
und alsbald retentional sich in den Modus Vergangenheit wan-
delnde Gegenwart in entsprechender Methode identifizieren, und
20 wieder ähnlich hinsichtlich des Kommenden, bzw. der ganzen
Zukunftsunendlichkeit. Nur so ist für mich überhaupt ein s e ie n-
de r, di. frei zugänglicher urıd immer wieder identifizierbarer Er-
lebnisstrom, und seiend in einer immanenten Zeitlichkeit, in ge-
nauer zu beschreibenden kontinuierlichen Mannigtaltigkeiten syn-
25 thetischineinanderiibergehenderErscheinungsweisenimmanenter
Zeitlichkeit mit zugehörigen und enthüllbaren Potentialitäten,
die als Horizonte des Ich-kann mit konstitutiv sind. Wie schwie-
rig die Aufhellung des immanenten Zeitbewusstseins und damit
der Seinskonstitution des Erlebnisstromes sein mag, in der unzer-
30 brechlichen Evidenz des Ich-bin liegt enthalten das ebenso un-
zerbrechliche Fiir-mich-sein meines Erlebnisstromes, meines
cogitierenden Lebens und der ihm mitzugehörigen Potentiali-
täten des Lebens, eine Evidenz, die den Charakter einer auf ein
endlos offenes („unendliches") Universum bezüglichen Wahr-
35 nehmung hat. Frei.l.ieh schliesst diese Evidenz nicht aus, dass ich
mich im einzelnen, z.B. hinsichtlich des Gewesenseins eines Er-
lebnisses oder gar hinsichtlich des wirklichen Konımens eines
erwarteten täusche, und das gehört sogar als eine Wesensmöglich-
keit selbst mit zu meinem Sein. Aber danun bleibt doch die
lO „cAı<'resıaNıscHe Manırarıonew- ıvze-mo

Seinsevidenz für den universalen Lebensstroın unbetroffen; da


oder dort ist er nur, bzw. ein in ihm in Sonderheit Sciendes, durch
den Schein überdeckt. Jedem Schein entspricht a priori ein
Sein, nach dem daher gefragt, das gesucht, das in einer vorge-
5 zeichneten Methode gefunden \verden kann, \vennschon in einer
hlossen Approximation an seinen vollbestimmten Inhalt (der als
immer wieder und nach allen Teilen und Momenten fest identifi-
zierbarer eine „Idee" ist). In dieser Strukturforrn und Beschrän-
kung besteht also fiir mich eine apodiktische Selbstwahrneh-
10 mung meines Lebens. Das ist ıı priori die einzige mögliche Weise,
in der ein endlos offenes Leben als einheitlicher Gegenstand ori-
ginal gegeben sein kann, es ist die bestdenkbare Originalität.
Alles in dieser ursprünglichen Gegebenlıeit des eigenen Lebens
Beschlossene an einzelnen Bewusstseinsmodis, an solchen der
15 Aktualität und Potentialität, nennen wir vorläufig in übertra-
genem Sinn auch original, nämlich dem ego original eigen.

<§ 5. Erweiterung des Bereichs des Eigenen: die Originalität


des im apoıiiktísahen ego von ihm unabtrerırıbar
Kımstítuíerten› `
20 Weitergehend nehmen wir alles und jedes sich als unabtrenn-
bar vorn apodiktischen ego Erweisende mit hinzu; alles, was sich
in der ursprünglichen Eigenheit seines Lebens als der in erster
Linie apodiktischen Seinssphäre so konstituiert, dass es zwar
nicht selbst dem Lebensstrom als reeller Teil, also als Erlebnis zu-
25 gehört oder auch als von ihm unabtrennbare Sphäre von Poten-
tialitäten eines möglichen Lebens, sondern auch verrnöge der
Aktualitäten und Potentialitäten sich in ihm konstituierend:
auf seiten des Ichpols die ihm „original“ zuwachsenden Habitu-
alitäten, die bleibenden Überzeugungen, in denen das Ich spe-
30 zifisch als Ich (obschon in dem abstraktiven Sinn, der noch kein
Du kennt) ist, auf seiten der für es bleibend „seienden“ Gegen-
stände diejenigen, die es in „Originalität“ konstituiert, nämlich
als synthetische Einheiten, die in der Synthesis der Identifizie-
rung die von den zur Eínheitsdeckung kommenden Akten un-
35 t re n n baren Gegenstandspole sind.
Hierher gehören also auch „transzendente” Gegenstände, Wo-
fern sie als Indizes für explizierbare Unendlichkeiten potentieller
Tßxı' NR. ı ll

Synthesen gegeben sind, wofern eben die ins Endlose fortgehende


Enthüllung ausschliesslich synthetische Reihen ergibt, in denen
die Einheit von ihnen u n t r e n n b a r und original gegeben ist,
Sozusagen als immanenter Pol oder Schnittpunkt. \ıVir sehen so-
I 5 fort, dass in diese Sphäre der Eigenleib und die gesamte „blosse“
Natur fällt: in der vorhin genau besprochenen Blösse, Sowie wir
die intentionalen Leistungen cler „Einfühlung" als Fremderfah-
rung ausser Betracht halten, haben wir eine Natur und eine
Leiblichkeit, die sich zwar als raumgegenständliche und gegen-
10 über dem Erlebnisstrom „transzendente" Einheit konstituiert,
aber als blosse Mannigfaltigkeit von Gegenständlichkeiten mög-
licher Erfahrung, wobei diese Erfahrung mein eigenes (das mir
als ego apodiktisch in Originalität zugehörige) Leben ist und das
darin Erfahrene nichts weiter als eine synthetische Einheit, die
15 von diesem Leben und seinen Potentialitäten u n a b t r e n n b a r
ist.
In dieser Weise wird es klar, dass das konkret genommene ego
ein Universum des von seinem apodiktischen Sein Unabtrenn-
baren hat, und zwar als eine originale Sphäre, in der es tür sich
20 selbst ist und eine „Welt“ hat, die ausschliesslich aus ihm und in-
tentional in ihm ist, in einer Intentionalität der originalen und
ihm ausschliesslich zugehörigen Selbstgebung. Doch gehören
auch alle e n t s p r e c h e n d e n Scheine, Phantasiemöglichkeiten,
eicletischen Gegenståindlichkeiten, sofem sie eben in unserer
25 führenden Abstraktion gehalten und konstituiert sind, mit in die-
sen Bereich - den Bereich des mir als ego Eigenen.

1 <§ 6. Die Erlebnisse der Fremdwııhrnehmnng und die in ihnen


konstíinizrten Tmnszmıienzen gegenüber dem Prinwrıiı`nulen›
Natürlich gehört in dieses für sich selbst eigene ego (in meine
› 30 konkrete „Monade") auch die Gesamtheit der innerhalb der Mo-
tivationen meines Lebens erwachsenen Erlebnisse der
Fremdwahrnehmung und so d.ie ganzen auf die Welt im
vollen und eigentlichen Sinn bezogenen Erfahrungen und sonsti-
gen Bewusstseinsweisen. Sowie wir sie nun thematisch in
35 Rechnung ziehen und nach ihrer konstitutiven Leistung
betragen, erkennen wir sogleich, dass in ihnen eine prinzipiell
neuartige Transzendenz zur Konstitution kommt, bzw. eine

l
ı2 „cAn'rı:sıANıscııe .\n:ı›ır_›\1'ıoNrzN" W29-mo

ganze Mannigfaltigkeit neuartiger Transzcndenzcn. Der Stufen-


folge nach die ersten sind die „anderen“ cgo's. Der Deutlichkeit
halber sprechen wir von nun ab vom primordinalen ego,
seinen primordinalen Erfahrungen und überhaupt Eigenheiten,
5 darunter seinen prirnordinalen Transzcndenzen V gc-
genüber dem, was zwar auch zum transzendentalen Bereich des
ego gehört, was ihrn in einem sekundären Sinn als in ihm Konsti-
tuiertes zu eigen wird an Erlebnissen, an Potentialitäten, an Syn-
thesen, an Transzendenzen 7 eben in dem Sinn, in dem fremde
10 ego's und fremde Eigenheiten jeder Art mir bewusst und erfahr-
bar werden.
Erfahrung ist Oı-iginalbewusstsein; der Andere steht selbst,
„leibhaftig“ vor uns da, aber diese Erfahrung ist nicht primor-
dinal. Obschon ich ihn natürlich als primordinal Erfahrenden
15 erfahre, erfahre ich sein Ich selbst nicht, seine Erlebnisse selbst
nicht, seine íntentionalen Gegenstände selbst nicht, seine Ding-
perspektiven selbst nicht, auch Dinge selbst nicht, rein sofem sie
ihm synthetisch einheitlich gegebene, seine Wahmehmungsdirıge
sind. Es ist nicht so wie <ich›, in meiner Sphäre direkter Erfah-
20 rung, etwa die Rückseite eines Dinges oder das durch ein Ding
Verdeckte, aber als mitdaseiend Apperzipierte miterfahre, also
auch in einem gewissen, aber eben ganz anderen sekundären
Sinn erfahre. Denn in diesen Beispielen handelt es sich um Ap-
präsentationen, die die Potentialität zur Herstellung der ent-
25 sprechenden direkten Präsentationen in sich schliessen: Das Mit-
erfahrene, also noch Ungesehene, kann ich zum wirklich Gesehe-
nen machen. Aber das dem fremden ego Eigene ist in einer ande-
ren Weise appräsentiert, es ist a priori nicht direkt eıfahrbar als
es selbst - es würde sonst zum Moment meiner selbst, und der
30 Andere wäre nicht mehr Anderer.

<§ 7. Der echte Sinn der Aufgabe einer „Theofie der


Ein/ühlnng" ›
Hier erwächst nun der reine und echte Sinn der Aufgabe einer
„Theorie der Einfühlung". Wie ist innerhalb des pıimordinalen
35 ego, also innerhalb der absolut abgeschlossenen Sphäre meines Ei-
genen, in der auch meine Einfühlungserlebnisse auftreten, diese
höherstufige lntentionalität auszulegen? Wie ist durch systema-
'rexr NR. ı I3

tisch allseitige Aufschliessung der in dieser sekundären Erfahrung


vom alter ego implizierten inneren und äusseren synthetischen Ho-
rizonte ihre Leistung, als Sinn und wirkliches Sein eines Anderen
bewährend konstituierende, an den Tag zu bringen und damit alle
5 vernünftigen Fragen, die sich für ego und aller ego, fiir den recht«
mässigen Seinssinn des letzteren und seine Beziehungen zum Be-
wusstsein von ihm stellen lassen, aus der urspriinglichsten Quelle,
der den Sinn schaffenden, zu beantworten? Die Fundierung der
Fremderfahrung in den Gegebenheiten der primordinalen besagt
10 natiirlich für die erstere eineirı ihreneigenenllorizonten angezeigte
intentionale Verflechtung, die als den Sinn mítbestimmende er-
schlossen werden muss.
Die Leitung für die Auslegung des Fimdierungszusammenhan-
ges und seiner Intentionalität wird zu Anfang der ganzen Unter-
15 suchung der schlichte Sinn „Anderer“ sein, ursprünglich entnom-
men aus der Fremderfahrung, und genau so, wie er da auftritt.
„Anderer" besagt: anderes Ich, alter ego. Den Sinn „Ich“ schöpfe
ich aber ganz ursprünglich „aus mir selbst". Doch ganz zu An-
fang noch in der natürlichen Weltapperzeption befangen finde
20 ich mich selbst als Menschen und Menschen-Ich im gewöhnli-
chen Sinn, und diesem haften, näher besehen, Sinnesmomente an,
die schon Beziehungen auf einen offenen Umkreis mitseiender
Anderer voraussetzen. Natürlich muss hier also vorerst jene Ab-
straktion einsetzen, die mich und meine Selbsterfahrung auf das
25 Primordinale, meine reine Eigenheit reduziert. Letztlich weist also
der Sinn alter ego zurück auf mein eigenes ego in dieser Rein-
h eit. Das Wort alterin seinem Sinn deutet dabei auf eine gewisse,
in der Gegebenheitsweise selbst liegende Modifikation, die mein
eigenes Selbst, eben in der Weise der „Modi.fikation”, in t en t i o-
30 n al in sich schliesst. Damit sind wir also hı'.ngelenkt auf eine in
der beständig lebendigen Selhstapperzeption des Ich-selbst
griindende neue Apperzeption, deren Sinn sich als Abwandlung
jenes ersten Sínnes „Ich“ gibt, etwa in der Weise eines Analo-
gons. In der ersten, primitivsten Stufe der Fremderfahrung wäre
35 also das pure prirnordinale Ich-selbst das, was in ihr „eingefiihlt”
wird in der Sinnesgestalt „Anderer".
Es folgt dann die Frage nach den besonderen Gehalten der pri-
mordinalen Sphäre, die diese eigenartige Apperzeption fundieren,
bzw. nach der Gliederung der Eigenheitssphäre, die zu diesem
I4 „CARTESIANISCHE MEDITATIONEN” l929- l 930

Ende vorausgesetzt ist und dann in der Fundierung auch in den


Sinn des alter ego modifiziert übergeht. Hier sind natürlich grund-
legend die oben andeutungsweise herausgestcllten primordinalen
Trarıszeıideıızen eigener Leib und auf ihn bezogen die eigenheit-
5 lich konstituierte Natur wie andererseits auch das dem Leib zu-
gehörige eigenheitliche Psychische. Innerhalb dieser so geglie-
derten „Umwelt“ meines puren øga (die als eigenheitlich konsti-
tuierte von ihm konkret untrennbar ist) tritt nun als Motiva-
tionsfundament der Fremderfahrung der fremde Leibkörper _
10 der Körper auf, der als fremder Leib aufgefasst wird. Hier setzen
Aufgaben der intentionalen Klärung ein. Es muss gezeigt werden,
wie die sinnliche Ähnlichkeit des Körpers „dort“ mit dem Körper,
der als mein Leibkôrper die Sinnesschichte der Beseelung, zu-
nächst der spezifischen Leiblichkeit (des darin ichlichen Waltens
I5 und Waltenkönnens) trägt und Nullobjekt der „um ihn herum
orientierten" erscheinenden Welt ist, der Auffassung jenes Kör-
pers den Sinn „mitdaseiender Leib als Nullglied einer prirnordinal
konstituíerten eigenheitlichen Welt mit dem zugehörigen Ich
und Bewusstseinsleben" zuwachsen lässt, aber das alles als mit~
20 seiend „appräsentiert", in einer leeren Vergegenwärtigung, die
nicht den Charakter der wirklichen Gegenwärtigung, alsb der
Ursprünglichkeit cler wirklich primordinalen Gegebenheit an-
nehmen kann. Nur in anschaulichen Vergegenwärtigungen kann
sie anschaulich gemacht werden, einígemıassen ähnlich, wie ich
25 in mir selbst meine Vergangenheit anschaulich nur haben kann
in Form einer erinnernden Vergegenwärtigung. Diese Vergegen~
wärtigung hat in ihrer Rückbeziehung auf meine konfinuierlich
lebendige Selbstgegenwärtigung mit dem Mittelglied des pıimor-
dinal gegenwärtigen Leibes den Charakter einer auf Verähnli-
30 chung mit dieser primurdinalen Gegenwart beruhenden, also in
gewisser Weise Verähnlichenden Apperzeption und nicht etwa
eines „Analogieschlusses".
Apperzeption ist kein Schluss, kein Denkakt. In gewisser Weise
ist jede Apperzeption eines Neuen auf Grund einer früheren ur-
35 stiftenden Apperzeption analogisierende Übertragung, aber kein
Analogieschluss. Mit der ersten ursprünglich stiftenden Auffas~
sung des Zwecksinnes einer Schere „sieht“ das Kind ohne weite-
res Scheren, ohne dass es an die erste Schere zurückdenkt und die
analogische Zweckbestimmung erschliesst. Das Ur~øga für die
TEXT NR. ı 15

Erfahrung von jedem ego ist für mich das, das ich selbst ursprüng-
lich bin und das in der bestêindigen Selbsterfahrung unablässlich
in der bezeichneten Zentrierung und Gliederung der prirnordina-
len Eigenheit seiner als Original bewusst ist, ob nun beachtet
5 oder nicht. Und eben dies ist die fundamentale Eigentümlichkeit
dieser Apperzeption „Anderer", dass für sie ihr urstiftendes Ori-
ginal immer zugleich lebendíg gegenwärtig ist und somit ego und
aller immerzu und notwendig in ursprünglicher Paarung (der ur-
sprünglichsten Form der intentionalen Synthesis, die wir gegen-
10 über der Synthesis der Identifizierung „Assoziation“ nennen).
Immer ist in solcher „Assoziatíon”, die das als unterschieden Er-
scheinende phänomenal als Einheit der Ähnlichkeit, als „Paar".
zur Erscheinung bringt, ich und der Andere in eins gegeben, auch
wenn ich, sei es nicht auf mich, oder nicht auf den Andern, oder
is auch nicht auf beide, besonders achte, sofern überhaupt nur ein
Anderer für mich im „Erfahrungsfeld" ist.
Die genauere Auslegung des Laufes der Linien der Motivation
und vorher des Sinnes einer solchen paarenden Assoziation und
damit die Aufklärung, wie sich der Andere für mich in einer Art
20 sekundärer Originalität, als „Erfa.hrung" konstituiert, hat ihre
Schwierigkeiten, die eine weitere Ausführung hier nicht rnöglich
machen, geschweige denn, dass wir in das Problem der phäno-
menologischen Genesis eingehen könnten. Doch verständlich ist
uns schon, dass es hier keine anderen Wege der Aufklärung ge-
25 ben kann, als das íntentionale Problem der Konstitution, das
iın Titel Fremderfahrung liegt, in der von uns gezeichneten Li-
nie methodisch zu verfolgen.

<§ 8. Das lranszemienüıl Kamlítuierle als prímorıiimıl


Eigenes und als Níchteigenes. Die Gegzbmheil des
30 Nichleígenm durch Vergßgenwıím'gung›
Doch verständlich ist auch ein Weiteres, für unseren Gang
höchst Wichtiges. Der Anhieb der Aufklärung der Fremderfah-
rung, der in der letzten Betrachtung vorliegt, birgt schon die
Einsicht, dass alles, was sich erdenklicherweise als seiend für
35 mich als transzendental reduzieı-tes ego konstituiert und je kon-
stituieren kann, also für mich je sein kann, unter die beiden Titel
fällt „primord.i.nal Eigenes" und „Nichteigenes". Ferner, dass
ló „CARTESIANISCHE MEIIITATIONIZN" 1929-1930

als im primären Sinn Nichteigenes sich nur konstituieren kann


eine offene Mannigfaltigkeit von alter ego's, die als solche für sich
selbst mit ihrer Eigenheitssphäre konkret sind, für mich aber ur-
sprünglich gegeben <sind und› nur gegeben sein können in ver-
5 gegenwärtigenden Erfahrungen. Es liegt an der Eigenart dieser
Vergegenwärtigungen und ihrer sinnkonstituierenden Leistung,
dass ihr Sinn a prıvorí nicht primordinal auftreten, m.a.W., dass
das Vergegenwärtigte immer nur durch synthetisch einstirnmige
Vergegenwärtigungen sich bewähren kann, eben als Fremdes, als
|0 Anderes. Bestimmter ausgedrückt, es tritt noematisch in einer
irıtentionalen Modifikation auf, ähnlich wie meine Vergangenheit
nur in der intentionalen Modifikation des Vergangenen (vergan-
gene Gegenwart) gegeben ist urıd gegeben sein kann, und doch als
sich „vernünftig“ Bewährendes, also für mich Seiendes, Die Ver-
ı5 gangenheit transzendiert die Gegenwart, das fremde Sein tran-
szendiert das eigene Sein. Aber es ist „Abwandlung“ dieses Eige-
nen, das ıılteı ego ist zwar in sich selbst ego, aber eben als Modifika-
tion meines eigenen, mitdaseienden gegeben. In dieser innerlichen
intentionalen Vermittlung ist es verrnöge der Einstimmigkeit im
20 Fortgang wechselnder Gegebenheitsweisen als seiend gewiss, so
dass ich <in› dieser einstimmigen Synthesis lebend das wirkliche
Sein nicht bezweifeln oder durchstreichen k a n n. Und nur so hat
fremdes Dasein für mich möglichen Sinn und mögliche Geltung.

<§ 9. Das Verständnis der lrımszmdønlalm Subfektívítıit


25 als Inlers14b1`ektí1›ı'tı/'it›
Zugleich ist evident, dass in dieser Auslegung, die ich in der
transzendentalen Reduktion als transzendentales ego vollziehe,
ich notwendigaufdieAnderen als transzendentale Andere
komme und dass damit nicht etwa die transzendentale Reduktion
30 durchbrochen und die Anderen in naiver Weise als in der vorgege-
benen Welt seiende, also rnitvorgegebene ins Spiel gesetzt sind.
Die Durchführung der Selbstenthüllung meines transzendentalen
ego und darin der Enthüllung der in ihm Seiendes konstituieren-
den Intentionalitâten führt wesensmässig auf die Scheidung von
35 Eigenem und Nichteigenem und dann zur offenen Mannigfaltig-
keit der ıılter ego als mit meinem primordinalen ego in eins seiend,
aber nicht in ihm in primordinaler Originalität seiend, sondem
TEXT NR. ı 17

in ihm in ursprünglichster Weise erfahren durch vergegenwärti-


gende „Bekundung".
Vom Gesichtspunkt der Gegebenheitsweíse bin „ich selbst",
ist mein primordinales Ich, konkret genommen, die Urmonade
5 für alle anderen sich in mir „bekundenden" Monaden, wie für sie
selbst dann notwendig dasselbe gilt in Hinsicht auf die Art, wie
in jeder transzendental die anderen mitbeschlossen sind als
synthetische Einheiten der Bekundung, aber immer bekundet
als prirnordinal für sich selbst seiende,
10 So erweitert sich die transzendentale Subjektivität zur Inter-
subjektivität oder vielmehr, eigentlich gesprochen, erweitert sie
sich nicht, sondern es versteht sich selbst nur die transzendentale
Subjektivität besser. Sie versteht sich als primordinale Monade,
die in sich andere Monaden intentional trägt, sie darin als
I5 transzendentale Andere notwendig (die Einstimrnigkeit der Er-
fahrung macht, solange sie im Stil der Einstimmigkeit wirklich
fortgeht, die Seinsgewissheit notwendig) setzen muss. Das nach
der transzendentalen Reduktion zunächst gesetzte transzenden-
tale ego ist eben noch unbestimmt, es entbehrt noch der Unter-
20 scheidungen, die doch wesensmässig in ihm selbst liegen, es ver-
steht noch nichts von der transzendentalen Intersubjektivität,
die in ilun als einem vorausgesetztermassen eine objektive Welt
eríahrenden :go intentional beschlossen sein muss.

<§ 10. Konstítutíun der intersubjektívøn Natur. Die


25 Verbindung meiner Monade mit allen anıiz1en›
Sind mannigfaltige transzendentale Subjekte für mich erfah-
rungsmässig seiend und auch als wechselseitig füreinander sei-
end, so sind sie ihrem Seinssinn nach getrennt hinsichtlich ihrer
primordinalen Eigenheiten. Es ist nun aber unschwer zu ver-
30 stehen, wíe die Transzendenzen, die eine jede in sich als p rim-
ordinale konstituiert, verrnöge der intentionalen Gemein-
schaft der Monaden gleichwohl identitizierbar werden und wie
dadurch eine intersubjektive, nun im gewöhnlichen Sinn objek-
tive Welt konstituiert ist für „jedermann", eine Welt, in der je-
35 des ego objektiviert ist als leiblich-seelische Realität, als animal,
als Mensch. Ähnliches gilt wie für die reale Welt so für alle ide-
alen Welten, die jeder rein innerhalb seiner Eigenheit konsti-
tuiert. Machen wir uns das klar!
18 „CARTF.Sl.-\NlSCliE MEDITATIONEN" l929~l930

Die erste der iiıtersubjektiv werdenden Transzcndenzcn (s.z.s.


das Urobjekt) ist der fremde Leibkörpcr, der zunächst als syn-
tlıetische Einheit meiner Eigensphäre konstituiert ist, zugleich
aber vcrmöge der intentionalen Leistung der Fremderfahrung als
5 der Leib des Anderen konstituiert. Gehen wir dieser Identität hin-
sichtlich ihrer ursprünglichen Identitätsdeckung nach, so stossen
wir auf die Vergegcııwärtigung der Leiberfahrung und darin der
leibkörperlichen Erfahrung, deren mitvergegenwärtigter Eigen-
heitshorizont zum fremden ego, der fremden Monade führt. Also
10 eine Synthesis der Identifikation spannt sich zunächst an dieser
Stelle von meiner Eigenheit hinein in eine vergegenwärtig-te und
prinzipiell nur zu vergegenwärtigende andere, ähnlich etwa wie
innerhalb meiner Eigenheit selbst eine Synthesis meine Gegenwart
und meine Vergangenheit z_B. darin synthetisch einigt, dass das
15 jetzt ursprünglich erzeugte Zahlengebilde dasselbe ist wie das
erinnerungsmässig vorhin erzeugte. Innerhalb der Gegenwarts-
sphäre meines Lebens kommt dabei ein wahrnehnıungserzeugter
Sinn und ein vergegenwärtigter Sinn zur evidenten Identifizie-
rung. Zeitlich getrennte, also in ihrer Individualität getrennte
20 Akte sind durch das Medium der Vergcgenwärtigung zur Synthe-
sis gebracht und dadurch konstituieren sie nicht nur für mich
denselben Gegenstand, sondern haben sie auch und konstituieren
sie auch Verbindung der als zeitliche aussereinander gegebenen
Erlebnisse. Darauf beruht die Einheit meines immanenten Zeit-
25 stromes. Ebenso also sind die Eigenheiten des fremden ego
von den meinen getrennt, und im besonderen die Konstitution
des fremden Leibkörpers für mich und für ihn, aber dieser Körper
ist verınöge der Synthesis der primordinalen und vergegenwär-
tigten Erfahrung als derselbe erfahren, und zugleich ist so eine
30 Art Verbindung meines ego mit dem anderen hergestellt.
Das trägt natürlich weiter. Die um diesen Leibkörper orien-
tierte Natur, verrnöge der Intentionalität der „Einíı'íhlung" als
Horizont dieses Körpers (verstanden natürlich als gegenständ-
lichen Sinn) mitvergegenwärtigt, ist in weiterer Konsequenz syn-
35 thetisch dieselbe als die Natur, der derselbe Körper als Körper
meiner Eigenheit zugehört, also der um meinen Leibkörper orien-
tierten Natur. Nur ist dieselbe Natur als meine Erfahrungsein-
heit und als die des Anderen zwar in gleichen synthetischen Sy-
stemen von Aspekten, von Perspektiven usw. konstituiert, aber
TEXT NR. l 19

in korrelativcn Abläufen in verschiedener Weise verwirklicht,


wie das die verständliche Rede andeutet: Würde ich den Ort des
Anderen einnehmen und er den meinen, so wiirden seine Abläufe
die gleichen sein als wie ich sie jetzt habe an meiner Stelle und
5 vice versu. So konstituiert sich als erstes einer objektiven Welt
(hier nicht genetisch-zeitlich, sondern nach der Fundierung der
Intentionalität gesprochen) die identische gemeinsame universale
Natur mit dem gemeinsamen Raum, der gemeinsamen Zeit -
die identische „objektive“ Natur. Sie bezeichnet also transzen-
IO dental eine Verbindung meiner Monade mit allen Monaden, die
fiir mich dasein können, eine durch clie Möglichkeit wechselseiti-
ger vergegenwärtigender Erfahrung ermöglichte Verbindung der
Synthesis, während reelle Verbindung, reeller Übergang von
meinen Eigenheiten in die ihren ausgeschlossen ist. Dasselbe gilt
15 dann für jede dieser Monaden in bezug auf alle für sie „ancleren".
VVeiter versteht sich, dass mit der gemeinsamen Natur in eins,
zu der die Leiber der Monaden gehören, konstituiert ist die „Ani-
malität", Es ist keine blosse objektive Natur denkbar ohne psycho-
physische Wesen in ihr. Das erste animal in der konstitutiven
20 Ordnung, oder vielmehr, der erste Mensch ist der Andere, und
erst von daher erhalte ich selbst den Sinn Mensch. Danach ob-
jektivieren alle Monaden sich selbst wesensmässig in ihren Eigen-
heitssphären und vermöge deren Synthesis als psychophysische
Wesen in einer objektiven Natur.

25 <§ ll. Konstitution sozialer Gemeirıscha/ten und kultureller


Umwelten›
Leicht zu verstehen ist dann im weiteren Aufsteigen die Mög-
lichkeit der Ich-Du-Akte oder „sozialen Akte” und damit
die Konstitution von objektiv seienden sozialen Gemein-
30 s c h a í t e n verschiedener Stufenordnung, darunter die ausge-
zeichneten Typen von Personalitäten höherer Ord-
nung. In weiterer Folge die Konstitution einer menschlichen
und dabei kulturellen Umwelt für jeden Menschen und jede
Menschengemeinschaít in ihrer beschränkten Weise der Objek-
35 tivität, beschränkt, weil die Erfahrung, die ich und irgendeine
„Person“ (mit dem spezifischen Sinn, der mit der Gemeinschafts-
konstitution erwächst) von einer personalen Gemeinschaft und
20 „cAı<'rı«:sıANıscniz ıvn~:ı:›i'r.›\Tı<›ı\=ı=.N" ı~›z›a.ı~›ao

ihrer Umwelt gewinnen, Horizonte hat, die für mich hinreichend


bestimmte und enthüllbare nur sind, wenn für mich gewisse
„historische“ Voraussetzungen erfüllt sind, wobei aber Möglich~
keiten bestehen, dass ich mir indirekt und mehr oder minder zu«
5 reichend solche Voraussetzungen zueigne. Das betrifft natürlich
mit die Gebilde der in der personalen Vergemeinschaftung und
ihrer Geschichte entsprungenen Kultur.
So konstituiert sich auf dem reinen Grund der transzendenta-
len Subjektivität als Intersubjektivität eine Welt für jedermann,
0 und zwar, wie es nicht anders sein kann, ausschliesslich aus kon-
stitutiven (im übrigen überaus problernreichen) Synthesen, die
allen und jeden Sinn aus den selbst synthetisch (durch „Spiege«
lung", die kein wesenloser Schein ist) verflochtenen Monaden
schöpfen.

I5 <§ 12. Der Sinn des phänomenologisoh-transzendentalen


„Idealísmus"›
Durch diese allgemeine Überlegung enthüllte sich der volle
und eigentliche Sinn des phänomenologisch-transzendentalen
„Ideal.ismus”. Der Schein eines Solipsismus verschwindet, ob«
20 schon der Satz die fundamentale Geltung behält, dass alles, was
für mich ist, seinen Seinssinn ausschliesslich aus rnir selbst, aus
meiner Bewusstseinssphäre schöpfen kann. Dieser Idealismus er-
gibt sich als eine Monadologie, die bei allen absichtlichen An»
klängen an Leibnizens Metaphysik ihren Gehalt rein aus der
25 phänomenologischen Auslegung der in der transzendentalen Re-
duktion treigelegten transzendentalen Erfahrung schöpft, also
aus der ursprünglichsten Evidenz, in der alle erdenklichen Evi-
denzen gründen müssen, oder aus dem ursprünglichsten Recht,
aus dem alle Erkenntnisrechte je schöpfen können. Phänomene-
30 logische Auslegung ist also nichts dergleichen wie „metaphysi-
sche Konstruktion" und nicht, weder offen noch versteckt, ein
Theoretisieren mit übemommenen Voraussetzungen oder Hilfs-
gedanken aus der historischen metaphysischen Tradition. Sie
steht zu all dem in schärístem Gegensatz durch ihr Verfahren im
35 Rahmen reiner „Intuition“ oder vielmehr der reinen Sinnausle-
gung durch erfüllende Selbstgebung. Insbesondere tut sie hin-
sichtlich der objektiven Welt der Realitäten (wie auch jeder der
TEXT NR.ı 21

mannigfachen idealen Welten, die Felder rein apriorischer Wis›


senschaften sind) nichts anderes als den Sinn auslegen, den diese
Welt für uns alle vor jedem Philosophieren hat, und offenbar nur
aus unserer Erfahrung hat, den Sinn, der philosophisch cntstellt,
aber nie geändert werden kann und nur aus Wesensnotwendig-
keit und nicht aus unserer Schwäche in jeder aktuellen Erfahrung
Horizonte mit sich führt, die der prinzipiellen Klärung bedürfen,
Nr.2

DIE SEINSABI-IÄNGIGKEIT ALLES SEIENDEN,


ZUNÄCHST ALLER TRANSZENDENTALEN
SUBJEKTE VON MIR UND DANN MEINER SELBST
5 VON IHNEN
<zweite Hälfte der zwanziger ]ahre›1

<a) › Theofíc der Em/ühlung _ Iøitersubjfktíviläl. Eimeıaøıd


der Verrücklheít, Idae dar Normalitıít als Voraussetzung,
die im ego steckt
I0 Das naive Leben als mundanes Erfahrungsleben. In ihm ist die
Welt beständig daseiend, immerfort „vorhanden". Für sie, die
für den Erfahrenden, für den irgendwie sich Beschäftigenden im
voraus immer ist, werden die Fragen gestellt, wie sie ist, wie sie
erkannt werden kann, in welchen wissenschaftlichen Methoden,
15 wie sie Bedürfnisse weckt und befriedigt, ob sie in dem und
jenem wert ist, ob und wie sie wertvoller nach Zwecken gestaltet,
als Mittel verwertet werden kann, wie sie zu behandeln ist diesen
Zwecken gemäss; auf sie beziehen sich alle Pläne, alle Handlun›
gen etc.
20 Einstellung des Phänornenologen auf die reine Subjektivität,
auf ihr Erfahren, auf ihr gesamtes Leben, darunter auf das, was
für sie das aktuelle und virtuelle Dasein der Welt ausmacht. Ihr
Thema ist nicht die Welt, sondem das, was in der Subjektivität
in ihrem eigenen Leben das Bewusstsein, es sei eine Welt, und
25 „diese“ seine Welt, ausmacht, was den jeweiligen aktuellen
1 Die beiden 'rem dieser Ninnrner na: Husserl „rn den Pariser vdrırågen", dn.
zu den crnrrirnarıon Mnıaınıimn gedrdnnı. sie sind in inm enısrsnung wnnı nicht
nnnmgem wahrend der ersıe 'ren des Aımnniues 3) uns s. aa, zeile ss) noch vor den
crrırmnzrrıirn Mwızırıionm entstanden sein darin (wu. ms), sind rnögıicıierwdise
der mem reiı dieser Abschnirres (s. as, zeiıe as bis s. sa, zeile 5) und der Aırsnnnm
bl im Herbst W29 geschrieben wurden (vgı. die idrıırridsnnen Anrnerırnngsn zu dieser
Nummer), _ Anni. d. nrsg.
'rexr NR, 2 23

Weltglauben mit dem und dem bestimmten Gehalt. was sein


wahrnehmendes und sonstwie erfahrendes Leben charakterisiert
als ein solches, worin in Gewissheit seiende Dinge „gegeben“ sind
als direkt erschaute, u. dgl., was fiir das Subjekt diesen in der
5 normalen Wahrnehmung liegenden gewissen Glauben motiviert
und wie es ihn weiter ausweist, welche Motive Ausweisung evtl.
trotz der schon vollzogenen Wahrnehmung fordem und wie es ein
Bewusstsein, ein Wissen (oder \vie man es nennen mag) davon ge-
winnt, es seien d.ie Dinge nicht bloss in der oder während der
10 Wahrnehmung, es seien Dinge im unendlichen Raurnfeld von
unwahrgenommenen, bekannten oder unbekannten Dingen um-
geben, es sei eine Welt, die immer nur partiell wirklich erfahren
sei usw. Daran knüpfen sich dann alle weiteren Probleme des
Weltlebens in bezug auf eine immerfort „an sich" seiende Welt.
|5 Die Epoche: Es soll prinzipiell nicht geradehin über die Welt
geurteilt werden, sondern nur geuıteilt werden über die „reine“
Subjektivität, und über Weltliches und Welt überhaupt nur als
das im subjektiven Leben, sei es aktuell in der oder jener subjek-
tiven Weise Bewusste, oder als die Habitualität der Subjektivität,
20 bzw. die rein subjektiv verstehbare Virtualität oder Potentialität
möglicher Erfahrung und des Bewusstseins, iiber die aktuelle Er-
fahrung hinaus ein immerzu offenes Feld möglicher Erfahrung zu
haben und darin ein möglicherweise Erfahrbares, zu dem be-
stimmt geartete Zugangsmöglicbkeiten bestehen. Das bleibende
25 Dasein und An-sich-sein einer Welt als „der“ Umwelt des Sub-
jekts wird dabei rein als das genommen, was ß für das Subjekt
und im Subjekt ist, als in ihm gebildeter Sinn und in ihm selbst
gegründete Art von Möglichkeiten, subjektive Prozesse derart wie
Bewähnıngen zu vollziehen und subjektive Charaktere derart
30 wie „wi.rklich", „wahr”, „sich konsequent Bestätigendes und zu
bestätigen" im jeweilig bewussten Sinngehalt zu vollziehen.
Die erste transzendentalsubjektive Beschreibung <ist› die
meiner eigenen Wahrnehmungen, dann Wiedererinnerungen und
sonstigen Ertahrungsformen, dann der kontinuierlichen Forter-
35 streckungen und der diskreten Synthesen usw., dann schliesslich
das Sein ausserhalb der Erfahrung und des aktuell darauf ge-
richteten Bewusstseins und die Idee des bleibenden An-sich-
seins in seinem wahren An-sich. Alles zunächst in meiner „In-
trospektion", und dabei zunächst das An-sich-sein als bleibend
24 „CARTESIANISCH li M EDl'I`A'l`l ONE?\ " I929» l 930

bewährbares Sein f ür mich in dem ideal unendlichen System


meiner möglichen Wahrnehmung und Erfahrung (original).
Fange ich dabei notwendig mit der Dingwahrnehmung an, so
habe ich als Phänomenologe in Reflexion lebend zunächst Zu-
5 schauer zu sein für mein naives Wahrnehmen und für das, was
für mich als naiv ontisch gerichtetes lch im Wahrnehmen (das
eben selbst naiv ontische Dingerfassung und Dinghal›e ist) aus-
schliesslich im Blick liegt. lch beschreibe nun dies im Blick Lie-
gende (kontinuierliche Wahrnehmungsrichtung auf das wahrge-
IO nommene Objekt) nach allem, was der kontinuierliche Fortgang
des Vllahrnehmens nicht nur momentan im Blick hat, sondern
auch in den Blick bekommt, und unterscheide: was da Thesis
des Glaubens <íst›, oder vielmehr (da ich für subjektive Richtung
auf das lchsubjckt noch nicht wesentlich interessiert bin) die
15 seienden Charaktere, das Thematische, den Gegenstandspol und
den hervortretenden gegenständlichen Bestimmungsgehalt, an-
dererseits den offenen ontischen Horizont und den thematischen
Prozess als Erfüllungsprozess und als Prozess eben der fortgehen-
den Wahrnehmung vom selben (identischen Gegenstandspol) als
20 in seinen Bestimmungen Seienden, sich bestimmend für mich,
mir bekannt werdend und in Bekanntheit der schon eben be-
kannt gewordenen Bestimmungen verbleibend (im „Behalten"),
andererseits mir zwar mit immer neuem Gehalt zur bestimmten
Kenntnis kommend, aber gemeint als von vornherein daseiend,
25 da der unbestimmte Horizont eben auch von vornherein Seins-
horizont ist im Glauben unbestimmten Sinnes, der sich in der Be-
stimmung „nur bestimmt". Usw. (Natürlich muss schon für den
Anfang der Wahrnehmung mit ihrem ersten Thematischen der
rückgewandte Horizont herausgestellt werden, doch gehört das
30 schon zur Betrachtung der umfassenden Lebenszusammenhänge,
in die jede Wahrnehmung verflochen ist.) Ich muss nun schon da
auf subjektive Modi des „Objektiven", des Thematischen („ob-
jektiv" als ein subjektives Vorkommnis) hinweisen, aber nun die
Betrachtung immer mehr zur Beschreibung der vollen Konkre-
35 tion des wahrnehmenden Lebens und Erlebcns bringen. Ich sehe
ja, dass eine Wahmehmungsaussage nur das Thematische zum
Ausdruck bringt, das nur konkret ist, was es im subjektiven Le-
ben ist in einem Erlebnismilieu.
Unthematisch ist immerfort da die kinästhetische Motivation,
rızxr NR. 2 25

unthematisch, aber doch im inneren Feld und wescnsnotwendig


für das, was sich als daseiend und soseiend in iortgehender syn-
thetischer ldentifizerung, also als Eines (und die jeweiligen einen
Eigenschaften) darbietet und sich in Erweiterung immer „vol1-
5 ständiger herausstellt", durch die Kinästhesen motiviert, das sich
„durch“ abschattende Daten abschattet, also das Erscheinen als
kontinuierlich wandelbares Erscheinen von Gestalt, von Farbe
etc., wodurch das Substrat selbst als darin so und so seiendes er-
scheint usw. Ich sehe, dass dasselbe Substrat mit denselben the-
10 matischen und hervortretenden oder „behaltenen" Bestimmun-
gen in mannigfaltigen Erseheinungsweisen erscheinendes ist,
und in Graden der Vollkommenheit, der Nähe und Ferne usw.
Bei diesen Analysen beschreibe ich nicht mehr das, worauf der
geradehin Erfahrende, der Wahrnehmende in seiner normalen
15 Einstellung, thematisch gerichtet ist, was er thematisch hat und
worauf er in einer vorblickend-s t r eb e n d e n Intention hinaus-
will und realisierend erzielt, sondern ich beschreibe ein in Relation
dazu tiefer Subj ektives, erst in phänomenologischer Reflexion sich
Enthüllendes. Dabei muss ich mir freilich sagen: So wie ich es
20 durch Einstellungsänderung finde, so war es nicht im geradehin
Wahrnehmen gelebtes Leben ; denn was in diesem primär gegeben
war, thematisch wahrgenommen, ist es jetzt nicht, und was vor-
hin nicht thematisch war, ist jetzt Thema, und darin beschlossen
in modifizierter Weise das vorhin thematisch Gewesene. Ich er-
25 kenne aber, dass, nur in thematischer Einstellungsänclerung, „das-
selbe“ vorliegt, dessen Konkretion ich eben nur so erkennen kann,
und dass es an sich nur so erkennbar ist.
Die Einheit einer jeden Wahrnehmung ist Einheit eines Be-
griindungszusarnmenhanges, die jeweilige thematische Setzung
30 ist unter den subjektiven Umständen, ist mit Beziehung auf die
kinästhetisch mit ihnen im Weil und So zusammenhängenden
Abschattungen und so mit dem darin Erscheinenden motiviert
und im Ertüllungsgang evident begründet, aber mit einer wesent-
lich zugehörigen Vorbehaltlichkeit, sofern der offene Horizont
35 noch nicht begründet ist und Möglichkeiten der Enttäuschung
daher immer offen sind.
2!/3 „CARTF.SlANlSCl-IE ı\ll5lJlTATlONEN“ 1929-1930

Amzm, ı~:r„/„/,z„›1g
Bisher haben wir alles Subjektive der Diugwahrnehmung und
Dinggegebenheit überhaupt betrachtet, rein als in mir direkt er-
fahren und erfahrbar. Um die Erfahrung A n d e r e r zu mittelbar
5 eigener Erfahrung zu machen und um überhaupt die Welt in
ihrem An-sich-sein gegenüber beliebig sie erfahrenden Subjekten
und als für jedermann daseiend verstehend aufzuklären, muss ich
natiirlich zunächst die Einfühlungserfahrung, meine Erfahrung
vom Dasein anderer Ichsubjekte verständlich machen.
10 Ist es nun nicht eigentlich schon selbstverständlich, dass ich
fürs erste äussere Erfahrung vom Dasein des fremden Leibes als
Dinges (Körpers) innerhalb meiner egologischen \Veltsphäre
habe, und, solange diese Erfahrung einstimmig ist, habe ich
wohlbegründete und sich ausweisende Kenntnis von diesem
15 Leibkörper, Zweitens, dieser Körper in seiner subjektiven Gege-
benheitsweise für mich ist nicht nur motivierte Einheit der und
der Erscheinungen, In meinem Leben haben die von mir erfah-
renen Dinge subjektiv betrachtet als erfahrene ihrer Erfahrungen
überhaupt noch vielerlei wechselnde Charaktere, die sie in dem
20 Zusammenhang meines Lebens annehmen. So alle „assoziativen"
Charaktere.1 Z.B., erscheint neben einem Baum ein anderer
Baum, und zwar in gleichartiger Erscheinungsweise, so kann ich
nicht anders als „beide“ in eins, als Paar, bewusst haben; von dcm
einen als so erscheinenden geht eine Weckung und eine Art
25 Deckung pm distance auf den anderen und umgekehrt. Es kön-
nen überhaupt Erfahrungsgegenstände als solche und in ver-
schiedenen Modis Charaktere des an andere „Eri.nnems", des auf
sie Hinweisens und der in ihnen gründenden Anzeige, der Ap-
p r äs en t a tio n haben. Das Assoziative gehört schon grund-
30 wesentlich zum Aufbau der Dingwelt als für mich erfahrungs-
mässig seiender. In Erfahrung als daseiend Gegebenes weist auf
anderes bekanntlich Mitdaseiendes als „mit da" vor, und diese
Appräsentation hat ihre Weise der Bestätigung ihres Vorglau-
bens. lm übrigen abgesehen davon, dass schon zur Erfahrung
35 jedes Einzeldinges in Form seines Horizontes grundwesentlich

1 Natürlich richtiger, „erst das Asarmive uberımrp: in meiner egoiogirrııeu


spiıare und dann ers: das Hersmrieııen fremder Leibes:
'rexr Nı<. 2 27

Appräsentation, also assoziative Vordeutung und evtl. Bestäti-


gung durch selbstgebende \Vahrnehmung u. dgl. Lugehört.
Eine besondere Weise der Appräsentation ist die,
dass ein Körper, ein Ding, das ich sonst erfahre wie ein anderes.
5 in subjektiver Weise als der meine und für mich seiend so und so
erscheinende assoziativ in Beziehung tritt zu meinem beständig
erscheinenden Leib. Dieser selbst ist dadurch ausgezeichnet, dass
all mein Erfahren von sonstigen für ınich (original) erfahrbaren
Dingen und damit auch all mein personales (ichzentriertes) mich
10 wie immer beschaffenes Beziehen auf meine Umwelt mit ihm as-
soziativ verflochten ist. Die Assoziationsbeziehung, die nun der
Körper dort als Ähnlichkeilspaarung mit meinem Leib eiııgeht,
bedingt es nun, dass sich auf ihn die originale Eigentümlichkcit
meines Leibes als Leibes analogisch überträgt (oder anders aus-
ı5 gedrückt: apperzeptiv). Hier wird nun in einer zu meinem Leben
gehörigen Apperzeption ein subjektives Leben, ein Erfahren,
Dinge vor sich Haben, eine Dingwelt bleibend als Seinsumwelt
Haben, darauf ichlíeh Bezogensein in Affektion und Aktion --
cin subjektives Leben, das nicht das meine, d.h. nicht von mir
20 originär erfahren und erfahrbar ist, durch den in meiner Erfah-
rungswelt gegebenen und von mir soeben da erfahrenen ,;frem-
den " Leibkörper indiziert und im Glauben appräsentiert. D .h. es ist
nicht mein Leben, mein selbstgelebtes. also original wahrneh-
nıungsmässig bewusstes, mein arinncrtes, mein je zu erwaıtendes
25 etc., es sind nicht meine Dingerscheinungen und zunächst nicht
meine Dinge als Dinge meiner originalen Erfahrung. Alles, was zu
meinem Leben gehört und sich darin als Reales, aber doch ihm
zugehörige synthetische Einheit, konstituiert, ist ausschliesslich
mein eigen, Was da appräsentiert ist, ist ein Analogon von all
30 dem, ist als das vergegenwärtígt statt original gegenwärtig, alle
konstitutiven Erscheinungsmannigfaltigkeiten sind mit ihren
Erfahmngseinheiten nicht Einheiten meiner wirklichen und mög-
lichen Erfahrung, sondern einer vorgegenwärtigten wirklichen
und möglichen Erfahrung. Das aber nicht beliebig, sondern in
35 bestimmter Motivation mit bestimmtem Sinn und ihrem Glau-
ben, der Seínsglaube ist, Seinsglaube bezogen auf ein indiziertes
Leben mit ind.izierten Wahrnehmungen, Erscheinungsmannig-
faltigkeriten, wirklicher und möglicher Erfahrung usw. Zu dieser
Appräsentationsgegebenheit gehören dann Wege der konsequen-
28 .,eAı<'ı^ı«:sı.«.\'ısı;ı-ır. iıeDıTA'rıoNBN" ıqzsnøao

ten Bestätigung, natürlich in meinem eigenen Lebensfeld ver-


laufende, aber einer Bestätigung, die sich durchaus in Modis der
Vergegenwärtigung hält und prinzipiell nicht in eigene direkte
Erfahrung übergehen kann. Direkt erfahren ist immer nur Ver-
5 gegenwärtigung. Solange diese indirekte Erfahrung in Einstim-
migkeit verläuft, kann ich nicht anders als an (las Appräsentierte
glauben und dcn Leibkörper dort wirklich als Leib, aber nicht als
oıiginär nach seiner Leibliclıkeit erfahrenen und erfahrbaren
Leib, sondern als Leib eines Anderen erfahren.
lO Ich habe also als erstes in phänomenologischer Betrachtung
meine originale Welt, meine Natur und mich selbst als in
dieser Welt durch meinen originalen Leib als meiner Umwelt
waltend. Diese Welt ist mein System der „Objektivität", aber
Objektivität besagt hier ein zu meinem Leben selbst gehöriges
l 5 konstitutives Gebilde - mein Nicht-Ich, nicht mein immanent
zeitliches Leben selbst, sofern seine Objektivität als syntheti-
sches Einheitsgebilde darin besteht, im Leben, in der syntheti-
schen Einigung seiner intentionalen <Erlebnisse›, wirklicher und
möglicher, als thematisch Identisches und immer wieder Identi-
20 fizierbares konstituiert zu sein, also ein im Verhältnis zur i.m-
manenten Zeitlichkeit und der immanenten Individualität der
Lebenspulse Ideales, Überzeitliches und konstituiert mit einer
eigenen objektiven Raumzeitlichkeit.
Nun gewinne ich aber zu meiner originalen Welt und zu mir
25 als personalem und konstituierendem Subjekt hinzu die fremden
Subjekte mit ihrem konstitutiven Leben, ihrer konstituierten
Welt, subjektiv zentriert um ihre Leiber usw., ich gewinne sie als
eine sekundäre in Vergegenwärtigungsweisen mittelbar konsti-
tuierte Objektivität, indiziert (also vergegenwärtigungsmässig
30 appräsentiert) durch Körper in meiner Originalwelt, die mın die
Auffassung fremde Leiber und in ihnen waltende Ichsubjekte -
andere v erhalten.
Des näheren ist die Motivation eine solche, dass ich den frem-
den Leib nur dadurch als fremden Leib auffassen kann, dass ich
35 ihn als originalen Leib des Anderen auffasse und so den meiner
originalen Welt zugehörigen Körper „fremder Leib" mit dem in
seiner appräsentierten originalen Welt ihm gegebenen originalen
Körper „eigener Leib" in eins setze; in weiterer Folge die Natur,
'ı'ex'r NR. 2 29

die er erfährt als seine originale, mit der Natur, die ich erfahre
als meine originale.
In dieser rein transzendentalen Betrachtung, also in konsef
quenter phänomenologiseher Epoche vollzogen, finde ich nicht
5 nur im Rahmen meines eigenen originalen Lebens und seiner ori-
ginal konstituierten Welt (Natur, mit geistigen Charakteren, dic
ausschliesslich aus mir selbst ihre originale Bedeutung haben)
eine besondere Art von „Vorstel.lungen", die da Vorstellungen
von Anderen heissen, und ein Verständnis (evtl. ein genetisches)
10 dafür, wie ich in mir zu „Vorstellungen“ von Anderen komme,
sondern es ist klargelegt, wie in meiner originalen Sphäre eine
Erfafhrungsart eigener Art möglich ist und aktuell fungiert, in
der irgendeines m e i n e r originalen Dinge aus meiner wirklichen
und möglichen originalen Eriahnıng zum Untergrund einer Ap~
15 präsentation werden kann, eine Vergegerıwärtigung motiviert
durch die subjektive Art der Erfahnıng dieses Dinges, die als
mit diesem Körperlichen einig eine fremde Subjektivität zur
Setzung bringt, aber so, dass das Mitgesetzte nicht einig ist mit
dem originalen Körper, der in meiner originalen Welt vorhanden
20 ist und selbst ein in meiner originalen Welt Vorhandenes ist.
Denn genauer besehen indiziert dieser Körper in der Analogie
mit meinem Leibkörper eine zweite originale Leibkörperlichkeit
und Leiblichkeit mit all den subjektiven Besonderungen dieser,
ihrer notwendigen Beschränkung in den Erscheinungsweisen,
25 ihrem Orientierungsnullpunkt-sein etc., und so wird eine zweite
originale Welt und original für sich selbst seiende Subjektivität
indiziert oder mit der meinen in eins gesetzt durch vergegenwär-
tigende Erfahrung, die in konsequenter Weise zu bestätigen ist
und sich in der Tat bestätigt. Das Genauere über die in mir und
30 meiner originalen Welt sich vollziehenden Motivation, durch die
diese Appräsentation fremder Subjektivität und ihrer originalen
Welt erwächst, gibt eine „Theorie der Einfühlung".
Haben wir nun nicht zwei Naturen und Welten, die eine, die
ich in mir original konstituiert habe, und die andere, die ich als
35 die vom Anderen original konstituierte vergegenwärtigt habe?
Habe ich den fremden Körper in meiner originalen Welt und einen
Doppelgänger in der eingefühlten, oder besser, <in› der durch den
ersteren appräsentierten? Man möchte auch fragen: Könnte es
nicht sein, dass ich solus ipse wäre und dass ich konsequent in mir
30 „cARrissı,\NiscHı: Mı:r›i'rArioNızr\~¬- wzefıeso

und meiner Welt Motive für Appräsentationen von anderen Sub»


jekten und Subjektwelten fände, während der Andere gar nicht
wäre?
In letzter Hinsicht ist die Antwort: Natürlich kann es in jedem
5 Momente sein, dass die äussere Erfahrung, sowohl meine originale
Erfahrung als die sekundäre Erfahrung der Appräsentation,
mich täuscht, sich nicht bestätigt, sondern auflıebt. Sn wie die
Gewissheit meiner ersten Welt präsumptiv ist und doch zweifel-
los während des Fortgangs der Einstimmigkeit, so die dieser ap-
10 präsentierten Welt, Es könnte sein, dass in <mir› mein Glaube
ungültig würde, aber nur, wenn in meiner eigenen Lebens- und
Welterfahrung Motive dafiir erwachsen und die Gegenerfahrun-
gen ihrerseits sich konsequent einstimmig bestätigen. Also im
Gang meiner einstirnmigen Erfahrung steht es mir nicht frei zu
15 glauben und nicht zu glauben oder in Zweifel zu ziehen und in
Zweifel zu bleiben. Bei diesem Gang der Erfahrung ist die Ge-
wissheit eine notwendige und somit eine zweifellose.
Ist es aber nicht doch möglich, dass alles mein Leben so ver-
läuft, wie es verläuft, und alle meine sekundären Erfahrungen
20 von Anderen sich konsequent bestätigen, während die Anderen
in sich selbst gar nicht sind? Ihr eigenes Sein ist doch Sein im orif
g-inalen Leben, das ich nur motiviert durch den Gang meines
Lebens in bezug auf gewisse organische Körper meiner Erfah-
rungswelt in der Weise der Einfühlung setze und in mir immer«
25 fort bestätige. Diese Bestätigungen sind doch Modi meines Le-
bens, sie könnten einstimmige Bestätigungen sein, ich müsste
also irı jener mittelbaren Weise glauben an die für sich selbst
seienden Subjekte, während sie doch nicht wären. Ich wäre dann
in einer eigentiimlichen Lage: Ich glaubte, müsste vernünftiger«
30 weise glauben, dass die Anderen sind, und die Gewissheit ihres
Seins wäre konsequent, ja ideell, wie wir voraussetzen können,
in ínflnítum gerechtfertigt in der einzig erdenklichen Weise.
Ist es aber dann nicht undenkbar, dass das andere Subjekt nicht
sei? Sage ich aber, es sei möglich, dass es doch nicht sei, liegt dar-
35 in nicht, dass das denkbar sei? Stehe ich nicht in einem offen-
baren Widerspruch? Wie soll ich den Gedanken vollziehen,
also die Denkbarkeit, Möglichkeit evident machen, dass der An~
dere nicht sei? Ich könnte dann auch beifügen wollen, dass er
zwar sei, aber total anders sei. - Doch nur dadurch, dass ich das
TEXT NR.2 3|

Anderssein eben anschaulich und in allseitiger Anschaulichkeit


zur Erfüllung bringe. Und wesensmässig-generell sehe ich ein:
Die Möglichkeit, dass ich nicht sei, während ich mich erfahre,
kann ich nicht vollziehen; die Möglichkeit, dass ein Anderer
5 sei oder nicht sei, kann ich nur vollziehen als Möglichkeit einer
Einfühlung und als Möglichkeit konsequenter Bestätigung oder
Nichtbestätiguıig dieser Einfühlung im gesamten Gang meines
Lebens. Nehme ich an, dass die Bßtätigung nie durchbrochen
werden kann, weder durch den zufälligen Gang der Erfalırungen,
10 noch durch mein willkürliches Eingreifen (im sozialen Verkehr
mit den einfühlungsmässig erfahrenen Anderen), dass, Wie ich es
vermöge der bisherigen Einstirnmigkeit supponiere, es in der Tat
immer so bleiben wird, dann habe ich in der Tat Unmöglichkeit,
Undenkbarkeit für das Nichtsein von Anderen vorstellig ge-
ı5 macht, und die einzige Art solchen Vorstelligınachens, die ihrer-
seits erdenkbar ist. Zum eigenen Gehalt meiner Erfahrung von
Anderen gehört es, dass sie, die für mich in der indirekten Weise
der Einfühlung als daseiend motivierten, ein Für-sich-selbst-sein
haben, das eben zur Vergegenwärtigung kommt mit der Umwelt
20 des Anderen. Und so ist es für mich undenkbar, dass sie nicht ein
Eigenleben haben wie ich, usw. Und weiter ist es undenkbar für
mich, dass es für irgendein anderes Ich (das ich selbst nur in der
angegebenen Weise erfahren haben kann) sich anders verhielte
wie für mich. Wie immer ich mich und meine Erfahrungswelt
25 umdenke, diese Art der Fremderfahrung bleibt bestehen, und
jeder solchen möglichen Abwandlung meines Ich entspricht ein
möglicher Anderer. Ihn auf Grund der Einfühlung umdenken,
das heisst notwendig, mich selbst und meine Motivationen um-
denken, und wie immer ich ihn denke, er ist für mich Anderer,
Abwandlung meiner selbst, mein Analogon, das für mich nur an-
schaulich sein kann, indem ich mich in ihm wiederfinde oder ihn
30 in mir. Ich sage, irı ihm, weil ich dabei meinen Leib in seinen oder
seinen in meinen verwandelt denken muss, etc.

Einwand dzr Veırückthzít

Wie aber, wenn ich „total verrückt" werde und meine Erfah-
rungswelt sich in ein „Gewühl" ohne einheitlichen Sinn auflöst?
35 Dann sind für mich auch keine Tiere und Menschen da. Sind sie
32 „CAR'lTISIANlSCllE MIšI)lT±\TIOi\'F.I\"' 1929-1930

darum notwendig nicht? Können sie nicht sehr wohl sein, ob-
schon für mich jeder Grund aufhört, sie zu setzen?
Die fremden Subjekte sind nicht etwa subjektive Gebilde in
meinem Leben, trotzdem sie für mich nur sein können durch konse-
5 quent einstiminige Einfühlung. Aber sie sind nicht so wie physi-
sche Dinge, als in meiner egologischen Sphäre konstituierte, in ihr
sich rcalisierende Wirklichkeiten. Sie sind Vergegenwärtigungen
von solchem, was in Originalität eben in anderem Leben Wirk-
lichkeit hat. Sind nun für mich andere Menschen schon da, so
IO kann ich mir leicht vorstellen, wie sie anomal, wie sie Verrückt
werden, und schliesslich komme ich an eine Grenze, an die Mög-
lichkeit, dass für sie nicht einmal eine originale Natur konsti-
tuiert bleibt. Ich kann mir dann die Möglichkeit denken, dass
sie wieder gesund werden, dass ihre früher abgebrochene Konsti-
I5 tution sich mit der späteren in der neuen Gesundheit wieder zu-
sammenschliesst, dass sie durch indirekte Erfahrung unter Ver-
mittlung der nachverstehenden Erfahrungen Anderer sich die
Lücken ausfüllen usw. Jeder kann verrückt werden, und ich
selbst kann mein Verrücktwerden vorstellen, wenn ich schon
20 Andere in einstimmiger Erfalınmg habe und mir entsprechend
denke, dass meine Erfahrungseinheiten sich auflösen, dass Wieder
sich solche bilden, dass ich durch Vermittlung der nun wieder
gegebenen Anderen zu einer universalen einstimmigen Welt
komme. Können nicht alle verrückt werden, und wäre es nicht
25 möglich, dass überhaupt viele reine Subjekte für sich sind, aber
in einem weltlosen Leben, somit ohne alle Gemeinschaft, die
offenbar eine gemeinsam konstituierte Welt voraussetzt? Dann
wäre, könnte man einwenden, eine Vielheit von solipsistischen
ego's, und doch die Vielheit unerkennbar und nie erkennbar ge-
30 wesen. Setzt aber Sein der Vielheit nicht voraus die Möglichkeit,
die Vielheit als Vielheit zu erkennen, und das wieder voraus die
Möglichkeit eines mit allen Ich und ihrem Leben vergemeinschaf-
teten Lebens _ also wieder eine Gemeinwelt? Das muss emstlich
überlegt werden, es scheint darauf keine Antwort möglich zu sein. 1
35 Ist es so, dass für mich Andere zweifellos sind, so gehört nun
zum selbsteigenen Sein und dem sekundär zweiiellosen Anderer-
sein dies, und notwendig, dass die originale Welt, die ich als mein
konstitutives ideales Gebilde erfahre, dieselbe ist als die jeder
1 Der letzte Satz wurde von Huäerl nachträglich gestrichen. - Aıım. cl. Hrsg.
rısxr N112 33

Andere erfährt. Aber zunächst scheint ein Widerspruch <vorzu-


licgen›. Denn meine originale Welt ist doch ein in mir konstituier-
tes Sinn- und Seinsgebilde, und des Anderen originale Welt das
seine. Jede Subjektivität hat ihre eigenen originalen Verwirkli-
5 chungen und erfährt in ihnen immer wieder synthetische Einheit,
die also in ihrer aktuellen und potentiellen Intentionalität auf-
tritt. Wie kann hier Identität bestehen, bzw. in Erfahrungsevi-
denz durch das Medium der einfühlenden Vergegenwärtigung er-
fahren werden? Antwort natürlich: Ich erfahre in verschiedenen
10 Erfahrungen, deren jede ihre intentionale Gegenständlichkeit
hat, doch, dass die eine und andere Erfahrung dasselbe erfährt.
So in allen Zusammenhängen der Synthesis, so vor allem hin-
sichtlich gegenwärtiger und (eigener) vergangener, nämlich wie-
dererinncrter Gegenständlichkeit. So muss ich auch meine Dinge,
I5 die ich erfahre, und die fremderfahrenen entsprechend identifi-
zieren. Die eigenen Erfahrungen und die vergegenwärtigten frem-
den Erfahrungen kommen notwendig synthetisch zur Deckung.
„Ding“ und Welt (Natur) „vor“ der Einfühlung und dem Mitda-
sein Anderer war die ideell synthetische Einheit meiner wirklichen
20 und möglichen Erfahrungen in der Motivation des universalen
einstimmigen Zusammenhanges meines Lebens und im besonde-
ren meines Erfahrungslebens. Hier heisst Erfahrung die Erfah-
rung der ersten Stufe, der original eigenen. Nehmen wir Einfüh-
lung und Andere hinzu, so sind Ding und Welt synthetische
25 Einheiten meiner und aller Anderen wirklichen und möglichen
Erfahnıngen, wobei als Neues die zu den verschiedenen Subjek-
ten durch Eirıfühlung herzustellenden Synthesen der Erfahrun-
gen verschiedener Ichsubjekte ihre Funktion üben. Da die ge-
meinschaftliche identisch konstituierte Welt mit offenen Hori-
30 zonten konstituiert ist und offenen Möglichkeiten für immer neu
zu erfahrende fremde Subjekte, und so für jedenuann, ist die
Welt nun selbst die zur offen endlosen Mannigfaltigkeit von Sub-
jekten einer wirklichen und motiviert möglichen Vergemein-
schaftung gehörige Einheit wirklicher und motiviert möglicher
35 miteinander konsequent einstimmiger Erfahrungen.

Geistige Nomıuliläl. Normalität als Voraussetzung der Wnhrheít,


Normalität als Vemun/hıermägın
Ich, der solche Möglichkeiten und zugehörige Notwendigkeiten
34 „CARTESIANISCHE MI-lD!TA'[`lONEN" W29-1930

erwägc, bin „geistig normal", ich hatte und habe meine einstim-
mig fortschreitende Erfahrung, ich habe darin beschlossen Natur
und Geisteswelt in bewährter Geltung, als schlechthin wirkliche
mir vorgegeben und tortgegeben. Ich bin in der Freiheit eines
5 normalen, im allgemeinen gelingenden empirischen und logischen
Denkens, vernünftigen Handelns jeder Art usw. Ich kann mich
auch als Verrückten denken, während ich aber das denke, in Wirk-
lichkeit nicht verrückt bin, wie dieses Denken selbst erweist, das
den Verrückten als Möglichkeit „vernünftig“ begründet. Die
10 Denkbarkeit des Verrückten setzt voraus den Nichtverrückten,
wie es sich dann hinsichtlich aller Arten und Typen von beson-
deren „Anomalitäten" zeigt, dass sie Wesensmodiíikationen von
(an sich also früheren) Normalitäten sind. Soll ich, der ich bin, das
Miteinander von Verñickten mir denken können als eine „reale
15 Möglichkeit" oder auch nur als Möglichkeit im Sinn blosser Vor-
stellbarkeit einstimmiger Phantasie, so ist diese Möglichkeit auf
ınich bezogen und setzt mein normales Sein voraus. Ich sehe nun
auch die Möglichkeit ein, dass ich selbst verrückt würde und in
dieser Verrücktheit keine Welt und keinen Anderen hätte, und
20 sehe dafür auch die reale Möglichkeit in meiner taktischen Kon-
stitution ein unter dem Titel möglicher Erkrankung meiner phy-
sischen Leiblichkeit in eins rnit psychophysisch zugehöriger psy-
chischer Erkrankung, vielleicht bis zu jener vollständigen Ver-
rücktheit, die mir nicht einmal eine einstimmige Welt beliesse.
25 Aber eben als normales Ich habe ich diese Möglichkeit, vermöge
deren ich sagen kann, ich hätte von vornherein anomal sein
können. Ebenso sehe ich ein, dass jeder Andere, der noch nicht
verrückt ist, hätte verrückt sein können, und alle könnten es -
wobei ich im Hintergrund immer als das mögliche denkende Ich
30 vorausgesetzt bin, das in seiner Normalität die möglichen Anoma-
litäten konstruiert und im einzelnen sie in seiner normal konsti-
tuierten Welt als wirklichen Bestand vorfindet, Bestand einer
normalen Welt, bezogen auf normale Subjektivität. Ich sehe auch
ein, dass jeder normale Andere von sich aus m.ir als Normalen dar-
35 in gleichsteht und dieselben Denkmöglichkeiten und -notwendig-
keiten sich zueignen könnte. Aber der normale Andere ist we-
sensmässig auf mich als das normal seiende Ich bezogen, aber frei-
lich auch, nachdem sein Sein für mich begründet ist, ist mein
Sein auf ihn ebenso bezogen, und ich sehe ein, dass er es einsehen
rexr NR. 2 35

kann, dass sein normales Sein für die Erwägung seiner Denk-
möglichkeiten einer verrückten Welt die Wesensvoraussetzung ist.
Aber ist nun m e i n n or m a l e s S ei n Träger (archimedisches
Fundament) der für mich nicht nur wirklichen, sondern auch
5 der für mich erdenklichen Welten und auf sie bezogen der für
mich wirklichen und möglichen anderen Ichsubjekte und dann
ebenso für jedes fiir mich wirklich oder möglicherweise motivierte
Ichsubjekt im Modus Anderer, dann erhebt sich die Frage: Wie
weit reicht diejenige Wesensform meines Ich, die mich zum n or-
10 m alen Ich macht? Gehört dazu nicht notwendig eine Umwelt,
die objektive Welt darstellt, also das Mitsein von Anderen? Va-
ı-iiere ich mich selbst, dann bewege ich mich in dieser Wesens-
form. Jede konkrete Möglichkeit meines Ich innerhalb dieser
Form ergibt mich immer anders, aber als normales Ich.
15 Aber wie verhalten sich dann die Begriffe konkretes Ich und
normales Ich? Bin ich als völlig vernicktes Ich nicht konkret,
oder nur konkret, weil ich vordem nicht verrückt gewesen bin
oder, wenn ich es bin, normal werden kann? Aber ist das not-
wendig? Und ebenso für jeden Anderen, wenn ich im Horizont
20 notwendig andere seiende normale, aber auch anomale Ich habe.
Oder kann ich gar und jedes Subjekt nur konkret sein in. einem
generativen zusammenhängenden endlosen Subjektzusammen-
hang, der seinerseits a priori nur konkret sein kann als ein nor-
maler und mit anomalen Subjekten als Abwandlungen an sich
25 immer vorangehender normaler? Das klingt höchst gewagt, ja
abenteuerlich. Aber man muss die hier bestehenden Möglichkei-
ten und Notwendigkeiten wirklich durchdenken. Was ist der
Sinn der Normalität, auf die wir hier gestossen sind? Dieser Be-
griff ist bezogen auf das wahre Sein, auf das Universum der Wahr-
3O heit und des Seins, das die Philosophie als Thema hat. Wir sind
damit auf Subjektivität bezogen, die Erkenntnisquelle der Wahr-
heit und des wahren Seins isti Eine Subjektivität muss sein, um
ihr eigenes Sein begründen zu können; ihr Sein stände in der
Luft, wenn sie nicht für sich selbst seiend, für sich selbst sich
35 ausweisend und in einem möglichen Denken begriindend wäre.
Ohne Denkenden habe ich keine Denkbarkeit, und eine leere
Denkbarkeit eines fingierten Subjekts, das sich selbst denken
kann und sein eigenes Sein denkend ausweist und ebenso anderes
denkend ausweisen kann, oder die leere Möglichkeit von Subjek-
ßó „(ÜAR'l` ES l AN ISCH E l\IEDlTATl()l\' EN" 1929-1930

ten, die Denkvermögen haben etc., das setzt voraus, dass ich oder
einer von mir aus als seiend Ausgewiesener diese Möglichkeit als
Möglichkeit ausweist usw. Nun sehe ich aber ein, dass, wenn ich,
der plıilosophierend Erwägende, zum Subjekt für die Erkenntnis
5 der Möglichkeiten wahren Seins werde und es, wenn ich für mich
Klarheit erstrebe, sein muss, ich dann eben schon eine gewisse
sehr weitreichende Struktur bei mir voraussetzc. Und eben diese
Struktur der Normalität als meine Wesensstruktur derjenigen
„Vernunft", die Korrelat ist des wahren Seins, geht dann notwen-
IO dig in jeden für mich wirklichen und denkbaren Anderen cin, der
selbst für sich soll Träger der VVahrheit, Subjekt transzendentaler
Vernunft sein können.
Soll eine Welt sein, sollen Subjekte selbst sein, für sich und
miteinander sein, soll eine Zahlenwelt, sollen Wesenswahrheiten
15 und Wesen selbst sein können usw., so muss es normale Subjek-
tivität geben; ich gehe nicht nur überhaupt als unbestimmtes ego
allem, was für mich ist, vorher, sondern als normales Vernunft-
subjekt, und das ist nun das grosse Thema, es zu umschreiben.
Als Phänomenologe stelle ich als notwendigen Ausgang einer
20 philosophischen Besinnung, als einer Besinnung, die mir das Uni-
versum des Seienden konstitutiv zugänglich und verständlich
macht, das ego heraus. Es ist im Anfang nur konkret unenthüllt
in den Blick tretend, ein Faktum, das ich erst als Faktum in
Schritten enthíille. Aber bald sehe <ich›, dass ich zu keiner wirk-
25 lich universalen Enthüllung des Faktums durchdringen kann,
sondern auf die Aufgabe der Wesensform dieses ego und seiner
schrittweise und in infínitum auszulegenden Wesensstnıkturen
mich einstellen muss, Ist dieses ego nicht von vornherein, als
Wesen meiner transzendentalen Subjektivität, das normale Ver-
30 nunft-ego, oder vielmehr, macht die mir zugewachsene Zielstel-
lung der Verständlichmachung der universalen Konstitution alles
für mich (in meiner Wesensfassung) Seienden, und zwar in der
Einheit einer Allheit von Seienden, für mich möglicherweise
Seienden, es nicht von vomherein, dass ich mit einzelnen Leit-
35 fäden von Seiendem und Konstitutionsuntersuchungen beginne
und dann fortgehe zu möglichen Seinsuniversa, zu möglichen
Welten (in einem zunächst weitesten Sinn von möglichen Seins-
allheíten), und sind die konstitutiven Strukturen in ihrer Einheit
dann nicht von selbst eins als Einheit des Vernunft-lch? Natür-
'rnxr NR. 2 37

lich gehören zu diesem auch die Potentialitäten der Unvernunft,


die assoziativen Passivitäten, alles, was eben auch dasein muss,
damit ein Ich konkret, also als Vernunft-Ich konkret sein kann.
Ich kann dann auch und muss die Abwandlungen der Unstim-
5 migkeit, die aller Anomalitäten jeder Art in die Forschung ziehen,
ich muss alle Möglichkeiten unrl Unmöglichkeiten beherrschen.
Nun gehören faktisch zur Welt auch unvernünftige Subjekte,
zeitweilig oder dauernd „Geisteskranke", und als das sind sie
real seiend, also sich einstimmig konstituierend, ebensogut als
20 vernünftige Subjekte, die übrigens wie ich nicht gerade unbedingt
und allzeit vernünftig sind. Aber \vie wiederholt gesagt, meine
Vernünftigkeit mit der in ihr konstituiertcn Seinsidee, der meines
Seins in möglicher konsequenter Vernunft (die ich mehr oder
minder vollkommen iu wirklich vernünftigen Akten gewinne,
15 also als dabei wirklich Vernünftiger) ge h t b e s t ä n d ig v o r-
her. Es ist dann und von hier aus zu fragen: Welche Gestalten
von unvernünftigen Subjekten sind als Abwandlungen der im-
mer vorausgesetzten Vernünftigkeit möglich, und wie steht es
mit der Voraussetzung einer Welt von anderen Subjekten und
20 von Vemunftsubjekten von dem Standpunkt der Möglichkeit eines
Seinsalls überhaupt und meines Seins zunächst für mich selbst
und dann des <Seins› einer offenen Vielheit von Anderen? Eine
objektive Welt setzt offene Vielheit von Subjekten voraus. Setzt
sie nicht eine solche von Vernunftsubjekten voraus? Was nicht
25 ausschliesst, dass auch Unvemünftige, Verrückte sein können
und vielleicht aus tieferen Wesensgründen als reale Möglichkeiten
und vielleicht sogar Wirklichkeiten in einer realen Welt sein
müssen. Aber muss eine objektive Welt sein, während ich selbst
notwendig bin, nämlich während ich da philosophierend die Mög-
SO lichkeiten durchdenke? Gibt es Wesensgründe, die in mir, und
eben irı meinem egologischen Wesen gründend es notwendig
machen, dass eine objektive Welt sei, dass Vemunftsubjekte in
ihr sind, für die sie intersubjektiv wahres Sein ausweist oder aus-
weisen kann und darin konkret ist? Hier tritt auch das grosse
35 Generationsproblem auf. Gehört zum Wesen meines Seins und
transzendental mittelbar des Seins von Anderen eine konstitu-
tive Struktur, vermöge deren notwendig eine Welt mit generativ
zusammenhängenden Menschengeschlechtem besteht, die mich
als konstituierten Menschen urugreifen? Gehören notwendig zum
38 .,cAR1`ı:siANıscHı± nrınırarıouı-;N" 1929-ıeso

Sein einer Allheit des Seins und so jeder Welt Menschen, in genera›
tiven Zusammenhängen, und so, dass bei dem „Tode“ der ein-
zelnen doch Menschen notwendig sind und vielleicht Tod in der
Welt doch immer Subjektivität als Vernunftsubjektivität not-
5 wendig erhält?

<b) › Tnmszendevitale Abhı/íøıgigkøít der Aminen, der Generation,


:ier Welt von meinem ago
Was motiviert, was „begríindet" in irgendeinem Sinn meinen
transzendentalen Anfang? Der generative Zusammenhang mit
10 meinen Eltern und weiter Voreltern? Aber geraten wir da nicht
in grosse Schwierigkeiten?
Ich muss doch sagen und immer wieder sagen, ich, der Phäno›
menologe, der in transzendentaler Einstellung nicht phänome›
nologisierender Mensch bin, sondern transzendentales Ich, phâ-
15 nomenologisch erfahrend und denkend: Was irgend für mich ist
und als Weltall für mich ist, ist in mir selbst und durch mein
transzendentales Leben konstituiert, also auch dieser gesamte
generative Zusammenhang, in den ich selbst als Mensch Konsti-
tuierter hineingehöre als Gegenstand möglicher weltlicher Erfah›
20 rung, wie er selbst, dieser Zusammenhang, weltlich ist, Gegenstand
möglicher „Erfahrung". Die Anderen sind in mir, in meinem in
sich geschlossenen transzendentalen Leben in bestimmter Moti~
vation erwachsene Geltungsgebilde, habituell mir eigener Er-
werb, habituell in Geltung, in meinem transzendentalen Leben
25 immer wieder iclentiíizierbar, durch erneuerte Erfahrung syn-
thetisch bewährbar. Und so sehe ich und sage ich: Sie sind in
Wahrheit und gemäss dem in mir konstituierten Sinn „meines-
gleichen", mit ihrem transzendentalen Leben, das ich durch die
Selbstvergegenwärtigungsart (in mir motivierter) Fremdapprä-
30 sentation analogisch erfahre, in einer Art, die es mir ermöglicht,
in meinem ausgebildeten Vermögen, dem Selbst des Anderen im-
mer näher zu kommen, von ihm immer vullkommenere Kenntnis
und Erkenntnis zu gewinnen - immer in Form von Modis der
Selbstvergegenwärtigung. Auch mein eigenes transzendentales
35 Sein ist seiend für mich aus einer Konstitution, die ich zustande
bringe und gebracht habe, und einer Geltung, die i.n mir dabei
erwächst und sich in erster Apodiktizität für mich rechtfertigt.
rexr NR, 2 39

Alles das <ist› selbst in m.ir verlaufendes Transzendentalsubjek-


tives und Erworbenes, wie ich selbst reflektierend und denkend
selıe und erkenne, und so itcrativ, wobei ich die Möglichkeit der
freien Iteration selbst wieder so gewinne als transzendentalen
5 Erwerb. Also in Geltung habe ich, in bewährter und fortschrei-
tcnd zu bewährender und inhaltlich zu verbessemder, die Andc-
ren sogut wie mich selbst, wie auch unsere gemeinsame Welt mit
uns als Menschen darin. Aber ich gehe doch in meinem Sein und
Für-mich-gelten allem voran, alles Geltende ist aus meinem Gelten,
|0 und das sehe ich ja sogleich durch Reflexion. Das, sagt man viel-
leicht, bedeutet „nur“ das Triviale, dass vom Gesichtspunkt der
Erkenntnis ich das Frühere bin; wäre ich nicht, so könnte ich
natürlich den Anderen nicht erkennen. Aber ist dieses „nur“
nicht Zeugnis einer ganz unzureichenden Erfassung der hier be-
l5 stehenden transzendentalen Sachlage? Liegt in ihr nicht, dass
das Sein aller Anderen von meinem eigenen Sein abhängt?
Wohlgemerkt, im transzendentalen Sinn.
Das wird klar, wenn ich erwäge, dass jedes frei mögliche Um-
denken meines transzendentalen Seins ein Umdenken aller Welt
20 und der transzendentalen Anderen in sich schliesst. Variiere ich
mich, der ich Weltkonstituierender bin (und zunächst prirnordi-
nale Welt), so, dass ich irgend mögliche Welt Konstituierender
bin, so variiere ich damit alle Anderen. Oder des näheren, variiere
ich mich hinsichtlich meines transzendentalen Lebens so, dass die
25 konstitutiven Zusammenhänge anders werden, und so, dass an-
statt durch sie diese Welt Bewährungsgiiltigkeit hat, wie sie jetzt
ist, nun diese als Welt meiner Erscheinungen, Meinungen, Bewäh-
rungen irgendeinen von mir aus erfahrenen Anderen in geänder-
ter Weise oder überhaupt nicht enthalten würde, so wäre dann
30 eben ein anderer Anderer oder kein Anderer etc. Denn „es ist
ein Anderer" sagt doch überhaupt für mich nur, er ist aus mei-
ner Konstitution. Also ist es evident, dass das Sein der Anderen
von meinem Sein transzendental gesprochen abhängt. Allerdings
gehört zum Sinn des für mich seienden Anderen zugleich, dass
35 für ihn dasselbe gilt. Also so ist Welt für mich konstituiert bzw.
Andere und mittels ihrer intersubjektive Welt, dass alles, was ist,
von meinem Sein abhängt, dass aber auch alles, was ist, vom Sein
der Anderen abhängt - die für mich sind,
Nr. 3

SEINSVORZUG DER KONSTITUTIVEN


SUBJEKTIVITÄT. NICHTWEGDENKBARKEIT
DERSELBEN AUS DER KONSTITUIERTEN WELT
5 IN DER WELTLICHEN SELBSTOB_TEK'I`IVIERUNG.
<APOD[KTlZITÄT DES EGO UND HYPOTI-IETISCHE
APODIKTIZITÄT DES ALTER EGO› 1
(Ende Oktober bis 4. November 1929)

Von mir aus (meiner Hier-_]etzt~Gegenwart mit ihren Horizon-


10 ten als Horizonten meines Eríahrenkönnens und seiner zeitigen-
den Modifikationen) hat Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft
ihren ursprünglichen Seinssinn, und von meinen eidetischen Ab-
wandlungen hat jede eidetisch mögliche Welt ihren Sinn `als in
den Medis Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft seiende. Ich
I5 decke mich mit allen meinen Möglichkeiten (Phantasiemöglich-
keiten von Könnensmöglichkeiten), dabei deckt sich meine und
meiner Welt Gegenwart mit der Gegenwartskoexistenz jeder
Mögliehkeitsabwandlung meines Ich und seiner möglichen Welt,
und so in allen Zeitmodis.
20 Eine Vergangenheit ohne mein Weltleben kann ich verstehen

1 ausnahmsweise geben wir hier nur ein Brneisrüeır eines grösseren, ınsannrrnnv
nangenaen ums wieder: es ist ass seırınsssrnsır (sechs Bıarrer) eines ıß eıanrer
nnrfnssenaen Toms, der den seinsverıng der ıronsmnnven subjeıruvna: gegenüner
der wen erurısrı, Die ersten ıwaır eıımer nensnaeın rue Norwenaigıren des ego. An«
nern unssenısg am ıa armer, denen noch drei Beilagen bsigerügr sinn, vernrnrırr
Hnsserı nis ınnsırsnngane „seansvnrıng an ıronsmnriven snbmrrivnaı. Niemweg-
aenırıısrıresı asrssıben ans der ırnnsınnxerren weıc in der wsıııisnen seır›sınnjeiru¬
viernng, Neıwenaigıren ner seınsrıronsrnnrıen der rrsnsıenaenuıen ırnnsmnierenaen
snısjsırriviıaı nis snirnaıisen-rnensrnıiene in der wen, ms rneisıe wiemig zur ane
ırısrnng der Konsmnnen der vorgegebenen wen in nnen sınren, insnesnnaere der
ıconsrrrnrinn der nnenaıirııen rsnrnmııienen weır anren Nsınrhisısrie nne Geistes-
msınne, rnsn ıur ı-'nrıfünrnng ner Lehre von der ıncersnbjekıivim nnd ven der
Konsmnrien der cnnnnnweır nnd der zrmrnnsrarnrinn. nnen rn wsırnnseırsnnng. ~
wiener,-;e Gedanken, aber nicht gn« in der Dnrszsıınng". ~ Anın rı. 1-ırsg.
TEXT NR 3 4!

und erkennen von der Gegenwart aus, in der ich lebe und von der
ich auch die Vergangenheitsstrecke meines Lebens erkenne.
A n d e re erkenne ich durch gegenwärtige Einfühlung „unmit-
telbar", aber in anderem Sinne mittelbar, Das in meinem gegen-
5 wärtigen Leben motiviert auftretende Einfühlen ist in sich rnit-
telbar gegenwärtigend. Die in meiner primordinal erfahrenen
Welt auftretende körperliche Leiblichkeit appräsentiert den An-
deren; iclı erfahre Andere dann als erfahreııde Mitsubjekte, und
in dieser Miterfahrung gewinne ich die objektive Welt als die
10 unsere: wobei Ich und meine primordinale Gegenwart diese ganze
Welterfahrung und Welterkenntnis und das Sein der Anderen
mitträgt. Das bleibt bestehen in jeder Art Welt, und zwar Welt
a.ls primordinal erfahrene und Welt als objektiv erfahrene zu
erdenken, also in eidetischer Abwandlung.
15 Ist es also möglich, dass ich die gegebene Welt so umdenke,
dass sie sonst verbleibt, wie sie ist, seiende Welt, während ich
nicht wäre, nicht darin vurkäme? Umdenken kann ich die Welt
freilich in unendlich vielen Weisen. Aber ich darf nicht verges-
sen, dass jedes Umdenken eines Dinges, z.B. des Feldberges, auch
20 mich selbst als Subjekt fiir die und in der umgedacbten Welt not-
wendig mitwandelt. Meine Welterfahrung hätte sich geändert,
mein erfahrendes und Sein in Erfahrung bewährendes Leben
kann nicht mehr so verlaufen wie vorher, das ist, wie für mich als
das wirkliche Ich. Umgekehrt: Mache ich mich direkt zum Objekt
25 des Umdenkens, so bedeutet jede Abwandlung meines erfahren«
den Lebens derart, dass die Systeme einstímmiger wirklicher und
möglicher Erfahrungen geändert würden, eine Veränderung der
ganzen Welt, die für mich seiende ist und als seiende sich fort-
gehend bewährt. Mich als gegenwärtiges f ak tisch es Ich mei-
30 nes faktischen konkreten Lebens verliere ich, wenn ich die Welt-
objekte ausser mir wandle, aber ich verliere doch nicht mein Ich
als gegenwärtiges Ich der geänderten Welt. Ich bin dasselbe Ich,
ich habe nur notwendig ein anderes eı-fahrendes Leben. Variiere
ich die Welt völlig frei und bewege ich mich in reinen Möglich-
35 keiten, so bin ich notwendig bei allen und jeden Abwandlungen
als mitabgewandeltes Ich, und als abgewandeltes doch „gegen-
wärtiges" der „gegenwärtigen“ Welt, dabei, scíl. jeder fingierten.
Und dann weiter gehört die Vergangenheit und Zukunft dieser
als möglich erdachten Welt eben zu dieser Gegenwart, die die
42 „caarızsıauıscfle nenırarıomın" um-ı<›so

meine wäre. Die Konstitution der Vergangenheiten und der zu-


künftigen Zeiten und Weltvorkommnisse ist wesensmässig von
demselben Stil und immer aut mein primordinales Ich in Ab-
wandlung bezogen so wie in der taktischen Welt meines fakti-
5 schen Ich.
Das gilt nun freilich in gewisser Weise von jedem anderen
Menschen-lch, das der Welt zugehört, und seinen Abwandlun-
gen. Aber nur so: Jeder Andere ist für mich Anderer, in der wirk-
lichen Welt als wirklich Seiender, in jeder möglichen Welt als in
ıo ihrer Möglichkeit beschlossen als quasi seiend, und dann seiend
für mich (die Möglichkeitsmodifikation meines Ich) als „Ande-
rer". Der Andere, den ich von meinem primordinalen Sein her in
Einfiihlung, also in der bekundenden Vergegenwärtigung er-
fahre, ist für mich anderes Ich, ist so wie ich Subjekt für diese
15 Welt, diese selbe, zu der ich als Konstituierender Beziehung habe ;
er ist von mir al s Konstituierender erfahren, als solcher, welcher
von sich aus und seinem gegenwärtigen Leben aus Weltgegen-
wart und in den weiteren Wesensformen und Konstitutionsfor-
men Weltzeitlichkeit mit zeitlichem Gehalt nach Vergangenheit
20 und Zukunft konstituiert.
Hatte ich gesagt : mein Sein ist von der Welt, die ich als seiend er-
fahre, nicht wegzudenken _ muss ich dann also nicht auch sagen:
des Anderen Sein, und j edes Anderen, ist aus der Welt nicht wegzu-
denken, jede erdenkliche Welt muss jeden Anderen enthalten?
25 Ist der Andere in sich Welt Konstituierender wie ich selbst
- und als solchen erfahre ich ihn -, so muss er sich doch,
wenn er meditiert wie ich selbst, einsichtig sagen: „Ich kann
mich nicht aus der Welt wegdenken, die Welt, wie immer ich sie
umfingiere, enthält mich immer wieder selbst als Umfingierten,
30 enthält mich als Ich, der ich von meiner primordinalen Sphäre
aus die und jene Dinge und irgendwelche Personen als meine
Anderen und durch sie hindurch mittelbar wieder alles Weltliche
erfahre als intersubjektiv Seiends, als „objektive“ Welt" So
sagt sich der betreffende Andere mit Recht, denn er sieht es apo-
35 diktisch ein. Ich aber, muss ich nicht anerkennen, dass er recht
hat, kann ich nicht sein einsehendes Denken miterfahren, ob-
schon ich es freilich nicht primordinal erfahre?
Versetzt uns diese Betrachtung nicht in Verlegenheit? Über-
legen wir! Ich sage apodiktisch: Ich bin, obschon ich mich über
Tızxr NR. a 43

mich vielfach täusche. Mein Soscin enthält mancherlei, was nicht


apodiktisch ist, uııd doch, ich bin, und ich bin als diese Welt erfah-
reml, deren Scinsgewissheit dabei keineswegs apodiktisch ist, aber
als eingeklammerte zum Apudiktischen gehört als vermeinte. Apo-
5 diktisch ist auclı, dass, wie immer ich die Ertahrungswelt fin-
giere, ich als Mensch ihr nıitangelıören müsste, zur Welt als Ein-
heit der Erfahrungen meincs, des dabei mitfingiertcn transzen-
| dentalcn crfahrenden Ich (der Abwandlung meines Faktischen
gehört notwendig <zu › eine Abwandlung meines empirischen Ich,
10 des psychophysischen Menschen in der Welt). Der Andere, nicht
nur in seinem Sosein, sondern in seinem Sein, ist für mich nicht
apodiktisch, aber für ihn. Das besagt: Wenn ich dessen sicher
bin, dass der Andere existiert, bin ich auch dessen sicher, dass
er Selbstbesinnung vollzichend seiner als in apodiktischer Ge-
15 wissheit seiend innewerden kann. Aber dies, dass das so ist, diese
zweite Sicherheit, hängt von der ersten ab. Der Andere ist für
mich nicht schlechthin notwendig seiend, und als weltlich Seien-
der, wenn ich ihn, fortmeditierend über seine Zugehörigkeit zur
Welt und jeder möglichen Welt, annehme. Ich sehe ein, dass ich
20 mich hinsichtlich seines Seins täuschen kann und somit auch
über sein Sein als Welt konstituierendes und als dann notwendig
dieselbe Welt konstituierendes.
Denken wir nun an die stufenweise Konstitution der objekti-
ven Welt. „Solange“ in meiner Primordinalsphäre kein Anderer
l 25 konstituiert ist, gesetzt, dass das wirklich denkbar wäre, wäre
; meine primordinale Welt ein blosses „Gebilde“ meines primordi-
i nalen ego. Aber sowie ich ein alter ego als einen anderen Menschen
erfahre und in rechtmässiger, obschon nur präsumptiver Geltung
habe, habe ich eine primordinale Welt des anderen Menschen als
30 Gebilde seines ego (des transzendentalen) gesetzt. Zugleich aber
ist evident, dass hinsichtlich eines gewissen Umkreises in meiner
und seiner primordinalen Welt eine Identität besteht und dass
sich diese Identität foıtpflanzt vermöge wechselseitiger Mitgel-
tung auf das Überschüssige auf der einen und anderen Seite und
35 dass so überhaupt sich eine gemeinsame Welt und nun auch als
gemeingeistige Kulturwelt konstituiert.
Ich habe jetzt zwei ego (bzw. mehrere), das meine apodiktisch
mir gewiss, in dem das andere empirisch gewiss ist, und dieses
dabei gewiss als seiner selbst apodiktisch gewiss, ferner als mich
44 „CA RTESIANISCHE MEDITATIONEN" l929~l93O

in empirischer Gewissheit als was ich bin und íür mich apodik-
tisch bin erfahrend. Ich habe entsprechend nicht zwei Welten,
sondern die eine auf die beiden ego konstitutiv bezogene Welt,
nur in der Weise, dass ich, der ich hier der mich Besinnenıle bin,
5 bevorzugt bleibe, Ich erfahre die Welt, die mir die Welt von uns
beiden ist, dadurch, dass ich den Anderen in empirischer Gewiss-
heit habe. Und ich erfahre sie demnach, indem ich nicht mehr
(wie wenn ich den Anderen nicht erführe) meine Primordinal-
sphäre als Welt habe, sondern diese als konstitutiv auf die pri-
10 mordinale des Anderen (dureh ihn hindurch) bezogen und in der
Gemeinschaft der Weltkonstitution mit mir als Welt, von wel-
cher jeder seine Gegebenheitsweise hat, seinen primordinalen
„Aspekt”, und seine Weise, diesen durch den Anderen hindurch
zur Welt zu konstituieren. Die Welt ist nun Gemeinwelt der bei-
15 den, der beiden transzendentalen egu und der beiden wechselsei-
tig erfahrenen Menschensubjekte, und nicht konstitutives Ge-
bilde, das bloss dern einen ego zugehört, bloss zu seiner Konkre-
tion mitgehörig. Ist aber die Welt die von mir aus zwar, aber
doch von den beiden, von mir und dem Anderen (obschon dem
20 für mich als Anderer konstituierten), konstituierte und so von in-
tersubjektivem Seinssinn, so ist es ganz verständlich, dass sie
ohne diese beiden Ichsubjekte nicht sein kann und dass jedes der-
selben sich apodiktisch evident als ihr zugehörig weiss, aber dann
auch den von sich aus erfahrenen und ihm in Gewissheit geltenden
25 Anderen, und dass jedes die apodiktische Gewissheit des Anderen,
zur Welt notwendig zu gehören, iibemehmen muss unter der Hy-
pothese, dass der Andere wirklich sei, dass es wirklich bei der ein-
stimmigen Bewährung seines Daseins bleiben wird.
Nehmen wir nun an, dass ich statt eines Anderen eine offene
30 Vielheit von Anderen, eine freilich offen unbestimmte, konstitu-
iert habe, dann hat natürlich auch die Welt, die ich in Geltung
habe, ihren konstitutiven Sinn bestimmt nicht nur durch meine
aktuelle Gemeinschaft mit bestimmten Personen (direkte oder
indirekte durch deren Mitteilungen etc.), sondern auch durch die
35 unbestimmten, noch als voraussichtlich in Wirklichkeit oder of-
fener Möglichkeit zu erfahrenden. Die Welt ist ja selbst eine be-
stimmte und doch offen unbestimmte, und jeder evtl. in meine
Erfahrung tretende Mensch ist nicht nur Daseiendes der Welt,
sondern mit da als transzendentales Ich, als nicht nur sich als
'rıaxr NR. 3 45

leibliches Ich in seiner primordinalen Welt vorfinclend, sondern


als Anderer, dessen Erfahrungen für mich mitgelten, also als mit
mir in eins Erfahrender, und umgekehrt als Anderer, der sich
ebenso mit mir einig \veiss. Alles Weltliche ist intersubjektiv
5 konstituiert. Die Konstitution der Intersubjektivität und inter-
subjektiven Welt ist beständig auf dem Marsch und hat einen
entsprechenden Horizont, in dem sie mir vorweg gilt als immer
noch neuen intersubjektiven Sinn mit Beziehung auf neue Ich-
subjekte annehmend. Dann ist also \vieder der „jedermann“ aus
10 dieser Welt nicht wegzustreichen, im voraus nicht; jedermann,
der eben Mitsubjekt für diese Welt ist, und auch jeder unbe-
stimmt in der offenen Vielheit für mich und von jedermann Antizi-
pierte.
Ich könnte auch sagen: Der Sinn der für mich seienden Welt,
15 als Welt aus meiner Erfahrung, aus meinem transzendentalen
Leben, ist ein nie fertiger, ein ins Endlose offener Sinn. Er ge-
staltet sich im Fortgang meiner Erfahrung fort, aber nicht bloss
meiner primordinalen Erfahrung, sondern auch, und in ganz an-
dersartiger Weise, durch einfühlende Erfahrung von Anderen.
20 Jede bestimmt gerichtete und sich in Einstirnmigkeit haltende
Einfühlung erwirbt mir ein Mitsubjekt für die Welt und dadurch
eine auf es und seine Gemeinschaft mit mir und alle anderen Mit-
subjekte bezogene neue Sinnesvorzeichnung. Auch in dieser Hin-
sicht vollzieht sich also eine Fortgestaltung des Sinnes der Welt,
25 als Gemeinwelt. Aber im voraus habe ich als „reifer Mensch", als
der ich mich besinne, schon Welt als gemeinschaftliche Welt, ich
habe immer schon nicht nur bestimmte Menschen und Tiere als
Umgebung, sondern eine offen endlose Welt mit einer offenen
Mannigfaltigkeit von m ö gl i c h erwe i s e mitdaseienden un-
30 bekannten Menschen und Tieren, mit der Voraussicht, dass im
Lauf der wirklichen Erfahrung, der eigenen und der <der › mir be-
kannten Anderen, sich in der Tat unbekannte, neue Andere,
neue Mitträger der Sinnbildung der Welt ergeben werden. So an-
gesehen handelt es sich um eine Erweiterung der Sinnbildung
35 „objektive Welt", der intersubjektiv konstituierten, die sich
aber im Rahmen einer immer schon vollzogenen all g em ein en
Sinnbildung vollzieht. Es ist schon ein offener Horizont für sie
vorgezeichnet und damit ihr Allgemeinstil in der Art, wie der
Horizont unbekannter Anderer sich besetzt mit den neu bekannt
46 „CARTESI ANISCI-IE MP.DlTATl0I\'l3N” l929›-l930

werdenden, obschon iınmer wieder einen offenen Horizont von


unbekannten belassend.
Jetzt versteht es sich, in welchem Sinn ich sagen muss: Ich
stehe doch jedem Anderen als konstituierendem Mitträger der
5 Welt gleich. So wie ich selbst, so ist auch jeder Andere für das
Dasein der Welt, derselben, die für mich die wirkliıılıe, die objek-
tive ist, notwendig. Kcinen kann ich wegdenken, ohne diese Welt
preiszugeben, Kein schon bestimmtes anderes Subjekt ist weg-
zudenken und ímplicíte kein im offenen Horizontsinn antizipier-
10 tes, obschon unbestimmtes.
Es ist die Relativität der Sinnbildung „Seiendes” in der \ıVelt-
konstitution nicht zu übersehen. Die erste ursprüngliclıe Sinn-
bildung ist die in der primordinalen Sphäre, immerfort beweglich
als das in ihr sich ursprünglich ausweisende Seiende mit seinem
15 Innenhorizont und seinem offenen Aussenhorizont von anderen
primordinal Seienden. Diese Art der Sinnesoffenheit der Konsti-
tution in Hoıizonten ist nur Unterlage für die höhere Sinnbildung
durch Intersubjektivitätl Sie erweitert nicht nur die Sinnbil-
dungen des primordinalen ego, etwa so, dass, was da Seiendes und
20 Soseiendes ist und darin schon bestimmt ist, nur in den Näherbe-
stimmungen sich bereichert (die zum Teil das primordinale ego
selbst hätte erreichen können) oder, was dasselbe ist, dass sie die
Aussenhoı-izonte desselben durch bßtimmtes Seiendes ausfüllt,
und evtl. <durch> solches, das sonst nicht, nämlich nicht direkt-
25 primordinal, zugänglich gewesen wäre. Freilich bleibt das relativ
Seiende des primordinalen Bereichs in der Mitfunktion konsti-
tuierender Anderer erhalten als dasselbe Seiende und mit jeder
primordinal sich ausweisenden Beschaffenheit - aber nur in ge-
wisser Weise. Denn in der Vergemeinschaftung der Erfahrungen,
30 der meinen meiner primordinalen Sphäre und der eingefiihlten
des Anderen, vollzieht sich zwar Identifizierung, aber doch nicht
so einfach, als ob jedes Weltobjekt und überhaupt das gemein-
same Weltfeld des Anderen in einer blossen Wiederholung der
Konstitution gegeben wäre, also alle weltlichen Realien in der
35 synthetischen Einheit der Erfahrungen des Ich und des Anderen
völlig gleich wären. Einerseits ist „Wiederholung", ist gleiche
Konstitution von Gleichem in den verschiedenen Ich noch kei-

1 Das am aber nicht im Nacııeinander generisch ver-standen wer-dw.


Tcxi" NR. 3 47

neswegs Konstitution cl e s s el b e n und so der s e l b e n \ıVelt


in numerischer Iılentitiit, und andererseits konstituiert sich in-
tersubjektiv nicht nur primordinal Gleiches als dasselbe.
Also zunächst: Die intersubjektiv koııstitutive Synthesis
5 schafft eine Synthesis der zunächst primordínal Seienden zu ei-
neın intersubjektiv Seienden, für welches jede Erfahrung des
einen und des anderen synthetisch mitfungicrt. In dieser konsti-
tutiven Synthesis gibt es wieder ¬ intersubjektive ~ Einstim-
migkeit und Unstimmigkeit. Halten wir uns an die Einstimmig«
|0 keit, bzw, an das Reich des wahrhaft Seienden, so gewinnen wir
durch die Synthesis, die sich als die intersubjektive herstellt
zwischen dem, <was> in jeder primordinalen Sondersphäre in
gleicher Weise konstituiert ist (und auf dem gewissen Weg
über die zur Einfühlung ursprünglich gehörige Identitätsdek-
|5 kung des Fremdleibes in meiner und des fremden Ich primordi~
nalen Sphäre zur individuellen Deckung kommt), nur einen
Kern der objektiven Welt, nämlich die gemeinsame Natur. Al-
lerdings so, dass, was der eine überschüssig konstituiert, in der
hergestellten intersubjektiven Synthesis, wie näher zu verstehen
20 ist, notwendig sich einträgt als Näherbestimmung in den offe«
nen Horizont des Gegen-Ich und umgekehrt. Zwar sind die Er-
scheinungen keineswegs identisch und so ohne weiteres austausch-
bar, es sei denn im alltäglichen Leben der „normalen“ Menschen-
gemeinschaft. Es gibt ja oft genug psychophysische Anomalitä-
25 ten (Krankheit, angeborene Unterschiede der Leibessinnlich-
keit). Aber diese Relativität der „erscheinenden Dinge" auf die
Leiblichkeit, die, in der Erfahrung verfolgt, das Ding selbst als
Identisches aller solcher „Erscheinungen“ konstituieren lässt, ge«
hört schon jeder primordinalen Sphäre fiir sich an, sie ist für
30 jedes Subjekt die gleiche. Ideal gesprochen, jedes hat seinen psy~
chophysischen Umständen gemäss dieselben Dinge in den diesen
Umständen entsprechenden Erscheinungen, und man versteht
sich wechselseitig danach, bzw. man erfährt auch in der Kommu-
nikation dasselbe seiende Ding, wo man die Möglichkeit hat, eine
35 Identifikation vom normalen Boden (den die Einfühlung selbst
gibt) <aus› durchzuführen und die Differenzen auf psychophysi-
sche Umstände zurückzudeuten. Sonst würde man sie als Un-
stimmigkeiten nehmen, die das eine oder andere der entsprechen-
den Momente als Schein zu fassen nötigen würde. Der Farben-
48 „CARTESIANISCIIE MEDITATIONBN” 1929-1930

blinde sieht ganz richtig, nämlich seine abweichende Farbener-


íahmng ist nicht falsch, sondem gehört zu seiner „psychophysi-
schen Konstitution". Ich wiirde sein Sehen nur dann als falsch
auffassen, wenn ich das „normale“ Sehen der „normalen“ Ge-
5 meinschaft eben als Wahrheitsnorm nehmen würde. Würde
durch eine „Krankheit“ meine psychophysische Konstitution
entsprechend sich ändern, so würde ich dieselben Dinge und deren
fraglichen visuellen Eigenschaften ebenso sehen wie er. Das phy-
sische Naturding „selbst“ ist in dieser Relativität, die aber nicht
10 erst der Intersubjektivität entstammt und durch sie geändert
wird.1
Anders steht es mit den Kulturbestimmungen der Erfahrungs-
welt. Sie entstammen der Intersubjektivítät. Technische Werke
sind weltzugehörig, der Welt des jedermann, nicht weil jeder für
15 sich schon sie primordinal konstituiert hätte. Eine Brücke in
ihrer allgemeinen Zweckbestimmung für jedermann ist erst
durch die Intersubjektivität da und hat eine ganz andere Rela-
tivität als die blosse Natur. Ebenso ist ein Verein, ein Volk nicht
nur in der Welt als seiend, weil ein Haufen von psychophysischen
20 Wesen in ihr sind, sondern die betreffenden Wesen sind in Ge-
meinsamkeit konstitutiv fungierende Subjekte für die Vereins-
bildung und für die Leistungen eines jeden als Vereinsmitglied,
und in der Welt des Staates durch das Recht, das wieder auf
konstitutiver Leistung der Vergemeinschaftımg beruht.
25 Freilich fragt es sich, ob wir nicht eine geheime idealisierende
Voraussetzung gemacht haben, von der die ganze frappierende
Darstellung abhängig ist.
Ich habe die Existenz der Welt vorausgesetzt, die in fortge-
hender Erfahrung ist. Sie ist erfahren als eine „historische“ Welt
30 (in dem erweiterten Sinn des Historischen), die ich nach ihrer
„Geschichte“ befragen kann, die ich als eine nach Vergangenheit
und Zukunft unendliche erfahre; die Geschichte der Vergangen-
heit zeichnet künftige Geschichte vor.
Transzendental finde ich mich als primordinal konstituieren-
35 des Ich und mein transzendentales erfahrendes Leben bezogen
auf Andere, und diese wieder auf Andere gemäss der natürlich

1 sien ımıage rr: unıemııeiaımg wm ıiıoaııeieıung und Unsummigkeiı zwisehen


normalen und ammaım Mensehen im Keanu. _ mm, «L Hısg.
TEXT NR. 3 49

erfahrenen Welt für uns. In Vergeltung habe ich aus der Einstim-
migkeit der Erfahrung den unendlichen Welthorizont. Aber nur
durch Erfahrung bestimmt er sich innerhalb seiner vorgezeich-
neten Hoıizontstruktur, die präsumptiv immerfort gilt, und in
5 einer unbekannten, als an sich bestimmt vorausgesetzten Inhalt-
lichkeit.
Aber zu bedenken ist, dass Welt für mich jeweils ist als mir
mit jeweiligem Sinn geltende, relativ so und so bestimmte, und
so ist es „die“ Welt, die mich affiziert und in die ich hineinlebe,
10 durch mein freies Aktleben die Inhaltlichkeit mitbestimmend.
Und ebenso für die Anderen, die selbst für mich aus Erfahrung
in einer gewissen Inhaltlichkeit geltende sind, wozu ein Bereich
ihres mitkonstituierenden Lebens gehört. Wir haben Welt i.n
ihrem Sosein in fortgesetzter Relativität. Wir setzen sie vermöge
15 unserer Erfahrung in einer horizontmässigen Unendlichkeit, von
der wir faktisch nichts wissen, die präsumptiv vorgezeichnet ist,
aber in den Unendlichkeiten nicht gegeben. Was für Möglichkei-
ten ergeben sich hier?
Dinge, Tiere, Menschen können Scheine sein, auch intersubjek-
20 tive Scheine. Diese bestimmen uns, und doch sind sie nicht. Wir
streichen sie aus dem Sein heraus. So ändert sich die uns bislang
geltende Welt in ihrem Seinssinn, ohne das Allgemeine des Sin-
nes (die Totalregion, könnten wir sagen, Welt überhaupt) zu
überschreiten. Danach scheint es, als ob wir aus der Welt man-
25 cherlei, und auch Subjekte, herausstreichen könnten eben in der
Art, dass, während sie uns als weltzugehörig gelten, sie es nicht
sind, ohne dass die Welt sich ändert. Nur unsere „Weltvorstel-
lung” ändert sich. Indessen, da bewegen wir uns unter Voraus-
setzung der Idee seiende Welt in dem Relativismus der vermein-
30 ten Welten i.n ihrer Beziehung auf die seiende. Der Schein be-
sagt, dass der Lauf der einstimmigen Erfahrung ein anderer ist,
als er aus der bisherigen Motivation und der Erfahrung für uns
vorgezeichnet war. VVir variieren aber in der Erwägung der Welt-
möglichkeiten eben möglicherweise einstimmig seiende Welt, zu
35 der wir selbst und alle unsere Wandlungen der „Weltvorstel-
lung" von „Seienden“ in Scheine gehören. Halten wir an der Idee
einer seienden, also vollbestimmt-einstimmig gedachten unend-
lichen Welt fest, so sind wir alle für sie notwendig, als wirklich
in der wirklichen, als abgewandelte in der abgewandelten Welt.
so „CA RT ESI ANlSCl l li M EDlTA'l`lONlšN" 19294930

Wic mit Leben und Tori?


Was ist aber „ins Leben Treten", Geborenwerdeıı? Ist das ein
Modus des Erwachcns? Gibt es Modi des Erwachcns? 1) Er»
wachen vom Schlaf: Erwachen im Modus des die Waclılıeit mit
5 einer früheren Wacliheit als vergangener zur Synthesis Bringcns,
2) ein anderes Erwachen als Wachheit, die keine konstituierte
Vergangenheit hinter sich hat, Was kann das transzendental be-
deuten? „Seelcnwanderung"? Kann ein niederstes Ich als ein
pflanzliches etc. verstanden sein, das noch unwach ist im mensch-
|0 lichen Sinn?

BEILAGE ı
<PRıMoııı:›m›.J.E uım soı.ıı>sıs'rrscı-ııs ru:r›uK'rroN›
<Oktober/November 1929›

Wie denke ich fing-ierend die Welt, die wirkliche, so um, dass irgend-
15 eines ihrer Dinge aus der abgewandelten Welt weggestrichen wäre?
Nun offenbar ist unter der \Velt, die da wirklich ist, die erfahrene
Welt gemeint, und zwar so, dass jedes ihr zugerechnete Reale für mich
und jeden-nann, der als Mitsubjekt zu dieser VVelt gehört, Gegenstand
möglicher Erfahrung ist, aber so, dass wir nie auf Erfahrungen stossen
20 könnten, wie weit wir auch im Fortgang gingen und welche Erfahrungs-
wege wir auch einschlügen, die uns nötigen könnten, die auf dieses
Reale bezüglichen Eriahrungsgewissheiten zu durchstreichen, also das
erfahrene Reale als Schein zu entwerten.
Umgekehrt: Hiesse also das sich Umdenken der Welt in einer Art,
25 dass ein Gegenstand möglicher in einstimmiger Intersubjektivität als
seiend bewährter und sich fortbewährender Erfahrung íortgestrichen
würde, soviel, dass dieser auf ihn bezogene Erfahrungsstil geändert
gedacht würde in einen solchen, der ihn als Schein entwertet? Natür-
lich bedeutet diese Abwandlung eine Abwandlung unser aller seelischen
30 Innerlichkeit. Der Umdenkende hält sich dabei in dieser Abwandlung
identisch test und i.n der abgewandelten Welt abgewandelt weiter
seiend, und er behält auch Mitmenschen als ihr weiter zugehörig, sie
ist als „objektive Welt" Welt für jedermann, was eben auf Mitsubjekte
verweist.
35 Wie nun, wenn ich irgendeinen Anderen „wegdenke"? Natürlich ist
es ähnlich wie vorhin und nur ein besonderer Fall davon. Andere sind
für mich in der Welt in der Erlahrungsart, die gewöhnlich Einfühlung
genannt wird. Auch da gibt es einstimmige Eríahrungsbewährung und
evtl, Umschlag von Sein in Schein, und ich könnte mir also wieder
40 irgendeinen Anderen aus der Welt wegdenken. So kann ich einen nach
dem anderen wegbringen, Aber nun auch alle zumal? Natürlich mich
Bızririeızi 51

selbst als dcn erfalırenden Menschen kann ich nie, solange ich Erfah-
rungswclt haben soll, wegdenken; meine Gegenwart als gegenwärtig
Erfahrender, in immanenter ursprünglicher Gegenwartszeitlichkeit
weltliche Gegenwart erfalırend, leiblieh sehencl, hörend usw., das ist
5 ein unabänderliclı Notwendiges, Aber es ist wieder zu bedenken, dass
mit der Abwandlung aller meiner Genossen in Schein die übrige Welt
nicht unverändert bleiben kann, und so vor allem ich selbst nicht, und
zwar insbesondere nicht in meinem seelischen Sein, in dem alle Erfah-
rungsmannigíaltigkeiten, die auf Andere als einstimmige bezogen wa-
10 ren und weiter präsumptiv bezogen sein sollten, radikal sich wandeln,
bzw. fortfallen. In weiterer Folge bin ich nun gründlich (obzwar ich
selbst) geändert, das ganze soziale Leben; die ganze intersubjektive
Kulturwelt ist verschwunden, obschon, was mir als Welt bleibt, die-
jenige Identität behält rnit der wirklichen Welt, die der Rede <von
I5 den Abwandlung der wirklichen <Welt› Sinn gibt, ebenso wie ja auch
ich derselbe bleibe, derselbe und doch ein grundwesentlich gewandelter
(nicht geändert im Sinn einer realen Verändenrng).
Bin ich eigentlich noch ein Mensch, ich, derselbe, nur solus ípse in
einer fingierten Welt? Und ist die Welt noch Welt in dem natürlichen
20 Sinn, die doch immer gemeint ist als Welt für jedermann und damit
schon als geistige Welt, als kultivierte? Nennen wir jede reine Wesens-
abwandlung der Welt „Welt", so müssen wir eben bei der Benennung
bleiben. Die solipsistisch reduzierte Welt ist nicht zu
verwechseln mit der prirnordinalen Welt, oder die sol-
25 ipsistische Reduktion nicht mit der primordinalen
R ed u k t i on. Denn diese ist die Reduktion dessen von der Welt, die
ich erfahrungsmässig in Geltung habe, auf das von ihr, was ich origi-
mzliier erfahre und je erfahren kann. Damit reduziere ich mich auf mein
primordinales Ich als Sclıichte meines konkreten Ich. Zum Primordi-
30 nalen gehören alle meine einfühlenden Erfahrungserlebnisse, nicht
aber die darin wenn auch rechtmässig erfahrenen Anderen. Und ähn-
lich rnit allen Bestimmungen der intersubjektiven Kultur. Allerdings
kann eine solipsistisclie Welt mit ihrer Raumzeitlichkeit und ihren
solipsistischen Erfalırungsrealitäten so in der Forterfahrung sich ge-
35 stalten, sich so neuen Sinn zueignen (neuen Sinn eignet jede Weiter-
erfahnıng zu, aber hier ist ein Besonderes gemeint), dass in mir die
Erfahrungsmotivationen erwachsen, rnit denen Einfühlungen auftre-
ten, und in der möglichen Einstimmigkeit einfühlungsmässiger Fort-
bestätigung sind dann rechtmässig Andere da, und damit gewinnt die
40 solipsistische Welt iın Lauf der Forterfalırung den Sinn ei.ner intersub-
jektiven Welt, und ich werde dann zum Menschen im gewöhnlichen
Sinn usw.
Hier wird also <in› der Verfolgung der Möglichkeiten, die in einem
solipsistischen Ich bzw. einer solipsistíschen Welt beschlossen sind,
45 eine Genesis denkbar, als Genesis eines solipsistischen Ich zum Men-
schen einer Menschenwelt und der solipsistischen Welt zu einer aus ihr
werdenden intersubjektiven mensehheitlichen Welt. Zu den Wesens-
52 „CARTESIANISCHE MEDITATIONEN“ l929¬l930

möglichkeiten einer solipsistischen Welt gehört, dass sie sich dem Ich
im Fortgang seines ertzılırenden Lebens enthüllt als nicht bloss soljp-
sistische Welt, sondem als beschränkte Vorstellung einer intersubjek-
tiven. Oder zum Wesen des siclı als salus findenden Ich gehört, dass
5 es im Laut seines Fortlebens sich als socius von Genossen finden könn-
te.
Das könnte darauf hinweisen, dass ich und jeder Mensch eine sub-
jektive Entwicklung und letztlich eine transzenclentalsubjektive haben
dürfte und vielleicht wesensnotwendig hat, in der ich mir in der tran-
l0 szendentalen lmmanenz meines Seins und Lebens zuerst eine, wenn
auch sehr amıe, solipsistische Welt intentional aufbaue und dann wie-
der stufenweise mittels der einfühlenden Erfahrungen das Sein von
Anderen und durch sie hindurch - stufenweise _ eine Welt im vollen
Sinn. Umgekehrt, nachdem diese Entwicklung stattgefunden hat und
15 ich die volle VVelt als „reifer Mensch" habe, werden notwendig die
Welten unterer Stufen, die für mich als Ich unterer Stufe die allein mir
geltenden waren, zu bloss beschränkten Aspekten, „Vorstellungen“
von der einen vollen Welt. deren letztgewonnene „Vorstellung“ eben
die mir aus dern voll gestaltenden Eríahnıngsleben her geltende ist.

20 BEILAGE li
UNTERSCHEIDUNG VON MODALISIERUNG UND
UNSTIMMIGKEIT zwıscflı-:N NORMALEN UND ANOMALEN ›
MENSCHEN IM KONNEX
<nach l930›

25 1) Körper in walımehmungsmässiger Gegebenheit für mich, für das


Einzel-Ich, in Selbstgegebenheit anschauliche Einheit in perspekti-
vierenden Mannigfaltigkeiten von „Erscheinungen“ 7 Erscheinungs-
einheit; so für die ganze Zeit, für alle Gewesenheit als wahrnehmungs-
mässige frühere Gegebenheit und als wahrnehmbar gewesene in früher
30 möglicher Wahmehmung etc. Voraussetzung der Einstimmigkeit,
konsequenter Bewährung.
2) Körper sind für jedermann so erfahrbar, sie sind für jeden
solche Erscheinungseinheiten, für ihn Einstimmigkeiten, konsequent
stimrnende.
35 Für nonnale Gemeinschaften von Erfahrenden (sinnliche Normali-
tät) stimmen die Menschen im Miteinander überein, jeder hat von sich
aus, von seiner Stelle aus (in seiner Orientierung) seine Erscheinung,
seine Erscheinungsreihe und darin Erseheinungseinheit, und jeder die-
selbe, die der Andere bei entsprechender Orientierungsänderung (Stel-
4O lenänderung) haben würde, und indem er das versteht, den Anderen
jeweils so nachversteht und das was er hat, stimmt es immerfort ~ für
normale Menschengemeinschaft. Für anomale stimmt es nicht. Trotz-
dem verstândige ich mich mit dem Anomalen, der doeh für mich bleibt
Beinen 11 53

der dieselben Dinge in seinen Erscheinungsmannigíaltigkeiten Erfah-


rende. Ein Bestand als Kern muss gemeinsam sein und dabei das, was
raumzeitliche Form nicht nur allgemein, sondem individuell identifi-
zieren lässt. Wie konstituiert sich nun für mich Natur (dann Welt) als
5 identische Erialırungsnatur íür alle unter der Idee: dieselbe Natur sich
in intersubjektiver Einstimmigkeit darstellend, aber so, dass jeder
seine einstimmige Einheit von Natureıscheinungen lıat, der Normale
seine normalen, der Anomale in seiner Anomalität? Doch Normalität
und Anomalität sind Begriffe, die erst auf den Konnex Beziehung ha-
10 ben. Nun im Konnex stellt sich „die“ Natur in einer Schichte für alle
identisch dar; oder „Austauseh" der Erscheinungen, Auffassung der
fremden Erscheinungen als solcher, die ich als dieselben haben würde,
wenn ich in seiner subjektiven Orientierung, in seinen subjektiven
Umständen wäre, ist in dieser Schichte möglich und sie betrifft mit
15 das Raumzeitliehe und darin insbesondere die zeiträumliche Stelle.
Was darüber hinaus geht und zur Konkretion der naturalen Erfah-
rung des Anderen gehört wie zu jeder naturalen Erfahrung (das We-
sensallgemeine ist ebenfalls ohne weiteres intersubjektiv), ist in der
Unstimmigkeit erfahren als Abweichung vom Normalen (dem, was
20 vertraute sinnliche Tradition ist). Aber diese Abweichung ist selbst
bald vorauszusehen, und ich antizipiere bald Art und evtl. Grösse der
Abweichung, ich kann dem nachgehen. Ist sein Sehen anomal, so hat
er doch Farbe, ich kann die „Farbengleichungen" aufsuchen, deren
Kenntnis mich genauer antizipieren lässt etc. Ist er ursprünglich taub,
25 so kann ich mich mit ihm in den anderen Sinnlichkeiten verständigen.
Verständigung nach gemeinsamer Welt als Natur zunächst setzt vor-
aus, dass die Anomalitäten eben doch ihren Stil haben, der eine Re-
duktion auf Normalität ermöglicht. Diese Stimmigkeit und
Unstimmigkeit ist aber wohl zu unterscheiden von
30 der im eigenen Gang der Konstitution der Natur für
das Einzel-lch und wieder in der normalen Verge-
meinschaftung eintretenden Modalisierung und Aus-
scheidung von Schein.
Nr. 4

PERSONALE UMWELT IN IHRER GLIEDERUNG.


<REDUKT10N AUF REIN1: INTERsUBJ1¬;KT1v1TÄT
UND REDUKTION AUF DAS EGO. ZUM ANFANG
s DER ZWEITEN CARTESIANISCHEN MED1TATIoN›
(7.-9. Mm 1930)
<1rıhall:› Personals Umwelt in ihrer Gliederung. Die Person ihr
selbst zugehörerui. Für uns, für jederrııarırı <ı`st› Welt nur umwelt-
lích gegeben. Von du uns lrurıszeruierıtale We1ui1.mg.

|0 Die Umwelt gliedert sich für jede Wache Person, gemäss dem
Unterschiede der cogíiatíorıes ihres Lebens in „Affektionen
und Aktionen der spezifischen Wachheit" (derjenigen, die die
ausgezeichnete Form des ich bin affizíert, ich erfahre, ich denke,
ich tue etc. <haben ›), andererseits der umvachen Hintergrunderleb-
15 nisse, l) in das Umweltliche, das die Person gerade „angeht”, das
für sie in Betracht ist, sie beschäftigt, sie stört, Reize übt etc„
2) andererseits das Umweltliche, das toter Hintergrund ist.
Alle wachen øogiialíorıes haben ihre Einheit durch Zentrie-
rung im personalen Ich, und nicht nur in dieser formalen Art.
20 Das Ich hat jeweils aus der Einheit seiner Habitualität Einheit
eines aktuellen Interesses, und da es vielerlei bleibende Interes-
sen hat, so kann sich die Wachsphäre selbst wieder gliedern:
a) in das, was besondere Einheit hat durch ein aktuelles Interes-
se, z.B. was zu den Tätigkeiten des aktuell gerade lebendigen
25 Berufsinteresses gehört, für sie in Betracht kommt, beruflich
vom jeweiligen Hintergrunde (dem beruflichen) affiziert und
Zuwendung erfährt, Einbeziehung in das berufliche Handeln,
oder auch nur Erwâgen, Sorgen etc. b) Andererseits kann vom
Hintergrunde her eine Affektion ausgehen, die das Ich als Per-
30 son eines anderen seiner habituellen Interessen weckt, was für
'rızxr NR. 4 55

es z.B. als Vater, als Bürger von Interesse wichtig, bedeutsam


ist.1 Und endlich c) kann Affektion auch als blosse roheste Stö-
rung stattlıaben, ausser Beziehung zu irgendeinem Interesse,
wie eine Explosion, bevor noch eine Apperzeption sie „bedeut-
5 sam“ macht.
Bedeutsamkeitscharaktere <si.nd› die intentionalen Charakte-
re, die diesen Unterschieden entsprechen. Diese Gliederung der
Umwelt betrifft sowohl die blossen Dinge derselben als auch die
aninıalísche und die sonstige immer schon habituellen Bedeut-
10 samkeitsclıarakter habende Umwelt.
Die Umwelt hat immer schon ihre bleibende typische Gestalt,
apperzeptiv aufgefasst. Die Gliederung hat nicht immer die glei-
ehe genetische Ursprünglichkeit. Die Situationen wiederholen
sich in Ähnlichkeit, der I-Iabitualität der Interessen entspricht
15 die nachher passiv apperzipierte Umwelt als eine Umwelt in
Bedeutsamkeiten gegl.iedert.2 Der habituellen Person, der Person,
wie sie jeweils „ist" (und nicht bloss zentrierender Pol ist), ent-
spricht als Korrelat die Umwelt der Person, und zwar die aktuell
erfahrenefi „Apperzeption überhaupt" ist eine I-Iabitualität, die
20 ihre erste Aktualisierung hat in einem erfahrenden Verstehen in
einem Blick, also zwar Erfahren, aber mit einem leeren und doch
besonderen Horizont. Das betrifft also nicht nur das „Beka.n.nte",
das das Ding als Ding, das Ding als Ding des Typus Pferd etc.
ausmacht, sondern auch das, wofür es in Betracht kommt, mir
25 (und auch Anderen, die selbst nur leer mit intentional sind).
Man kann vielleicht sagen: Fiir uns als entwickelte Menschen
hat alles schon seine Bedeutsarnkeiten, ist alles von Interesse,
auch die „völlig uninteressanten" Hintergründe sind nur relativ
uninteressant, sie stehen nur ausserhalb des besonderen, herr-
30 schenden und vielleicht beruflichen Interesses, sie gehören kei-
nerlei positivem „Lebensinteresse" zu, das zur Universalität des

1 Des in feste: ı-iehitnnıitsit rnteeessieienae enn nis intei-essent Appet-ziniette: des


ıseaeutseine, mit zugehörigen cheteıtteien det Benentsniniteit.
2 Ansgezeiehnetet sinn ven Eigenheiten net- Bedeiicseniıteitı hehitneııe
ennerzeptive cheieıttete nn nen Gegenständen, aie hıeihenn ennei-zipieit werden eis
seıehe, nie in heıtennten inıeiessenznsennnenhangen und -sitnntinnen in Betteeht
itennnen nnn ninsiehten dieses In-Bett-eeht-Keniniens, dieses iin weitesten sinne
pieıttiseh Besehetıenseins. nn sieh tagen.
= Es ist zn henehten, wie Person nnd Akt (knneıeıiv des des ıeh „Angehen") enn
interesse in Beziehung gesetzt wei-den ist. Das rehsnhjeıtt, nie reisen, ist interessier-
tes Ieh, iind so ist Keneıet det reisen nie „inteeessente", nie hetientseine Uniweit.
56 „CÃRTESIANISCHIZ MEDITATIONEN" l929»l93O

Lebens in der Weise einer positiven Stiftung gehört. Und trotz-


dem, alles und jedes kann gelegentlich interessant, kann brauch-
bar, kann wertvoll werden und evtl. daraufhin angesehen sein,
wie es und ob es in Betracht kommen könne, und somit hinein-
5 gestellt sein in den Gegensatz des Niitzlichen und Nutılosen,
welches ein negativer Charakter der Bedeutsamkeit ist und auch
als das apperzeptiv werden kann; und in der Tat, für den „ent-
wickelten" Menschen spielt alles Umweltliche seine Rolle, sei es
auch die negative.
10 Die konkrete „Umwelt“ ist danach durchaus „bedeutsame",
„interessante", den personalen Interessen gemäss gegliederte und
typisierte, also Korrelat der Person selbst (die seiend ist als iden-
tische ihrer jeweils begründeten I-Iabitualitäten). Hierbei ist
nicht bloss von Gliederung, sondern auch von Schichtung zu
15 sprechen. Was immer schon Bedeutsamkeit hat in bezug auf ge-
wisse Interessen, tritt in Betracht für andere Interessen und be-
kommt von ihnen Bedeutsamkeiten einer evtl. neuen Dimension, i
so dass die Bedeutsamkeiten nicht etwa nebeneinander liegen l
und sich so zur Einheit eben aus der Einheit eines Interesses
20 verknüpfen, sondern verschiedenen Dimensionen angehören. l
Wir haben bisher so gesprochen, als ob die Umwelt einer Per-
son wirklich nur von ihr, einer einzelnen, her ihre Bedeutsam-
keítsstruktur hätte. Aber das ist die merkwürdige Doppelstel-
lung der Personen, dass sie einerseits Objekte der vorgegebenen
25 Umwelt sind und als das Bedeutsamkeiten an sich tragen, und
andererseits, dass sie Personen sind, als solche sich verge-
meinschaften und nun nicht bloss einzeln, sondern in Gemein-
schaft Bedeutsamkeiten stiften. Bedeutungsprädikate von Ge-
genständen der Umwelt, der für die Subjekte einer kommuni-
30 zierenden Menschheit allgemeinsamen, verweisen in ihrem Sinne
selbst auf die bekannten oder unbekannten Subjekte, aus deren
personalen Akten diese Bedeutsamkeiten stammen. Das ein-
zelne Subjekt hat nicht nur überhaupt seine ihm eigenen Akte,
sondern private Akte gegeniiber anderen, kommunikativen Ak-
35 ten, mit denen es kommunikativ fungiert. Auch ein Personen-
verband hat analog einer einzelnen Person als Verband Akte,
worunter wir verstehen die jeweilig sich in einheitlicher kom-
munikativer Funktion der beteiligten Personen verflechtenden
Akte mit dem einheitlichen Ergebnis der gemeinschaftlichen
Taxi' NR. 4 57

Leistung dieser Personen. Dabei hat diese Leistung als solche


umweltliche Existenz und als umweltliche Tatsache einen Be-
deutsamkeitscharakter, der auf die betreffenden Personen und
ihre kommunikativen Akte verweist.
5 Die Vergenıeinschaftung von Personen zu einer bleibenden
Gemeinschaft kann in erster Stufe aus dem natürlichen Mitein-
anderleben und aus ursprünglich instinktiven Quellen gewor-
den sein als eine I-Iabitualität der Gesinnung und der korrelati-
ven typischen Leistung (Familie, Volk), oder sie ist in höherer
10 Stufe aus willkiirlicher Stiftung entsprungen, einer Willkür, die
selbst den Sinn einer vergemeinschafteten Willkür der stiftenden
Personen hat (Verein, Staatsstiftung). Auch das ergibt mögliche
und wichtige Unterschiede: eine natiirlich oder stiftungsmässig
gegnindete Gemeinschaft kann entweder auf bestimmte indivi-
15 duelle Personen beschränkte oder ihrem Sinne nach eine offene
Gemeinschaft sein, eine Gemeinschaft mit Personenwechsel,
aber darum nicht bezogen auf beliebige Personen, sondern auf
solche, die durch den schon mitgestífteterı Horizontsinn der Of-
fenheit dem Allgemeinen nach vorgezeichnet sind.
20 Die Konstitution der gemeinschaftlichen Welt durch altrui-
stische Erfahrung begründet es, dass jedermann eo ípsa (jeder-
mann, der körperlich in sein Erfahnıngsfeld tritt, altruistische
Apperzeption unmittelbar iibend) all die privaten Apperzep-
tionen, bzw. die Gegenstandstypik ohne weiteres dem Anderen
25 einverstehen kann, die er selbst sehon ausgebildet hat. Zu-
nächst ist es so, dass ich den Anderen, im Falle der in Form kon-
tinuierlich einstimmiger Bewährung fortgehenden Erfahrung,
verstehen kann dahin, dass er diesen Körper dort als Leib hat
(in einer Bedcutungsstruktur der Leiblichkeit, in der gleichen,
30 in der ich schon meinen Körper als Leib erfahre), dass die sich
konstituicrende gemeinsame Raumwelt dann ähnliche, auf den
l Anderen bezogene private „Kulturobjekte" (Objekte aus aktiver
ı Leistung und mit entsprechenden Leistungsprädikaten, Be-
deutungsprädikaten) haben kann, als welche ich aus meiner
35 Leistung her, also ganz ursprünglich kenne. Die neuen Gebilde,
die aus Vergemeinschaftung entspringen, und zwar aus meiner
und bestimmter Anderer, geben dann wieder die Möglichkeit,
ähnliche umweltliche Objekte als entsprechend bedeutsame, als
l geistige Gebilde ausserhalb dieses Kreises stehender Personen
58 „CAR'J,`ESlı\f\'|SClll5 l\lEDITA'l`lOl\'EN" 1929-1930

aufzufassen, sofern sie eben solche sind, die nicht erfahrungs-


mässig von mir und meinen bekannten Genossen in Gemeinsam-
keit gebildet werden sind. Übrigens kann man auclı zuschztuenrl
das Werden einer Vergcmeinschaftung durch Verabredung etwa
5 und das gemeinsame Handeln mit seinen geıneinschaftlichen Er-
gebnissen werden sehen, sofern das miteinander Reden, Verhan-
deln, an ein gemeinschattliches Werk Gehen usw. auch seine
Äusserlichkeit hat, die sich apperzeptiv naclıverstehcn lässt
nach dem inneren Sinn, zunächst äusserlich apperzeptiv, also
10 ohne eigentlich anschauliches Verstehen dieser Innerlichkeit,
dann auch in solcher eigentlicher Verwirklichung des Verste-
hens.
Endlich ist zu bemerken, dass ein personaler Verband auch
darin einer Einzelperson ähnlich ist, dass er mit anderen Ver-
ı5 bänden, oder auch Einzelpersonen, sich verbinden kann, dass er
dann als Verband seine in Relation zu höheren Verbänden, deren
Glied er geworden ist, relativ privaten Akte hat und anderer-
seits seine kommunikativen Akte, nämlich die über den Glied-
verband hinausreichenden.
20 Das alles betrifft also auch die Personen, die als letzte Ele-
mente von personalen Gemeinschaften und zuoberst Mensch-
heiten fungieren können und fungieren: Es gehören ihnen, wo es
sich um bleibende Einheiten handelt, bleibende personale Cha-
raktere zu, und sofern sie selbst in dieser Hinsicht für sich selbst
25 und Andere erfahrbar sind, haben sie, als Gegenstände der Um-
welt (zu der die Subjekte der Umwelt, die einzelnen wie die Ge-
meinschaften, in Riickbezogenheit auf sich selbst immer auch
mitgehören), ihre personalen Bedeutungscharaktere, und ent-
sprechende Typen bezeichnet die Sprache und verwendet sie zu
30 ihrer Nennung (Beamter, und spezieller, Richter, Postbeamter
etc., Bürger, Vater etc.).
Die Gliederung der Umwelt, die uns beschäftigt hat, betraf
(wie das Wort Umwelt als Korrelatwort für Personen in Einzel-
heit und Gemeinschaft schon besagt) die Welt in ihrer typischen
35 apperzeptiven Struktur, die sie eben für die Personen hat, als
Personen, die in ihr, die in sie hineinleben, und von ihnen her
immer neue individualtypische Charaktere, Bedeutungscharak-
tere annimmt. „Die“ Welt ist für sie wesensmässig nur gegeben
als Umwelt, und doch scheidet sich, und für sie selbst, für uns
TEXT N R. 4 59

selbst, erfahrungsmässig Welt selbst und Umwelt. „Umwelt“


\var der universale Titel für die Objekte und ihre Objektbestim-
mungen, die in einem Horizont der unbestimmten Unbekannt-
heit erfahren oder durch Erfahrung bekannt waren. Wir hatten
5 hier rein ontisch eingestellt nicht zu sprechen von dem wech-
selnden Wie der „subjektiven“ Gegebenheitsweisen dieser Onta,
der wechselnden Orientierungen uncl was dazu irgend gehört,
sowohl für die einzelnen Personen als für eine Vielheit sich ver-
ständigender, sofern sie dieselben Objekte in korrelativen Orien-
10 tierungen und zugehörigen korrelativen Erscheinungsweisen
(als „normale“ Subjekte einer normalen Verständigungsgemein-
schaft) haben. Aber dieses ontische Universum ist selbst Uni-
versum in subjektiver Gestalt, schon darin, dass es ein Wahr-
nehmungsíeld als Zentralsphäre hat, als subjektives Gegenwarts-
ı5 feld und als Zentralsphare d\ırch Erinnerung aufweckbarer Ver-
gangenheiten und einen Horizont der Zukunft. Desgleichen, dass
dieses in subjektiv zeitlicher Orientierung erscheinende Ganze
selbst wieder, und in jeder Phase, Zentralsphäre ist für einen Ho-
rizont der Unbekanntheiten, i.n offener Endlosigkeit. Ferner,
20 diese Kontinuität von Gegenwartsumwelten ist selbst kompli-
zierter Struktur. Nehmen wir die jetzt aktuelle Gegenwart in
ihrem lebendigen Fortströmen in die Zukunft hinein, so ist
Rücksicht darauf zu nehmen, dass nicht nur von uns her unsere
Umwelt (jene ontische) in ihrem subjektiven Modus zwar der all-
25 gemeinen Struktur nach notwendig sich erhaltend, doch inhalt-
lich sich abwandelt, obschon wir dabeibleiben, stillschweigend
Einstimrnigkeit der Erfahrung vorauszusetzen. Nicht nur, dass
neue Gegenstände bekannt werden, in der unmittelbaren Er-
fahrung oder durch Ferninduktion vorgezeichnet, aus dem Leer-
30 horizont in die Gegenwartssphäre eintretend; wir selbst schaf-
fen ja durch unser Leben in das sehon Vorhandene neue Gestalt
hinein.
Aber nicht nur das. Indem auch neue Subjekte uns entgegen-
treten und mit uns zur Gemeinschaft des personalen Lebens
35 kommen, und in den verschiedensten Weisen und Stufen, in
loser oder inniger Form, erwächst auch ein immer neuer Gehalt,
eine immer neue Gemeinschaftskultur, die Umwelt als „unsere“
Objektwelt bereiehernd. In diesem beständigen Wandel haben
wir also immer schon intersubjektive Welt als relative Umwelt,
Ö0 „CARTESIANISCHE MEDITATIONEN" 19294930

aber nun auch immer wieder neu (obschon <in› allgemein sich er-
haltender Wesensstruktur), und in diesem Wandel sich konti-
nuierlich konstituierend „die" Welt als die identische, während
die jeweils praktisch geltenden Umwelten subjektive Erschei-
5 nungsweisen eben der Welt sind. So erleben wir ja beständig
diesen Wandel und erlebten ihn vordem, aber ontisclı einge-
stellt erleben wir „die“ Welt, „von der" jeweils nur das und jenes
wirklich bekannt war, die aber immer ihren unbekannten Hori-
zont hatte, und das in verschiedener Weise für jeden von uns.
10 Wir, die wir theoretisch eingestellt Beschreibungen wie die bis-
herigen entwerfen, haben im Durclıleben der subjektiven Modi
der Weltgegebenheit von all den verschiedenen Sinngestalten
vorweg die Einstellung auf „die“ Welt, die durch diese Gegeben-
heitsweisen hindurch „erscheinende". Wir kontrastieren als theo-
15 retisch Eingestellte beständig die Welt selbst als wahrhaft
seiende mit den Erscheinungsweisen, und in der letzten Betrach-
tung mit denjenigen, die da sich wandelnde individuelle und ge-
meinschaftliche Umwelten heissen. Gegenüber den Erschei-
nungsweisen der Orientierung und Perspektive, die wir früher
20 besprochen haben, sind die jetzt betrachteten Umwelten nach
dem, was sie an Gegenständen und auch gegenständlichen Mo-
menten der Art, wie es die „geistigen“ Prädikate, die Prädikate
der Bedeutung sind, bieten, in Geltung als objektiv wirklich,
die Gegenstände gelten als Gegenstände der „Welt“ selbst. Das
25 Subjektive Liegt hier an den den Gegenständen und den erfah-
renen Gesamtheiten anhaftenden offenen I-lorizonten, anderer-
seits natürlich, wovon wir abstrahiert haben, in den ebenfalls
horizontmässíg unbestimmten Möglichkeiten, dass Sein sich als
Schein herausstellen könne, dass zwischen wahrem Sein und
30 bloss geltendem Sein unterschieden werden muss. Und für den
theoretisch Interessierten besagt das dann, dass Erfahrung der
Kritik bedürfe, bzw. dass erfahrene Welt der Bewährung be-
dürfe. Freilich ist daran lange nicht genug, da neue Probleme
der subjektiven Gegebenheitsweise und neue der Überwindung
35 dieses so vielgestaltigen Relativismus des für uns Seienden und
der endgültigen Bestimmung wahren Seins als des „Irrelativen”,
das aus diesem Relativen herauszuerkennen sei, auftauchen, wie
z.B. die Probleme der Normalität und Anomalität.
Die Welt ist nur umweltlich erfahren und nur von daher für
rızxr NR. 4 61

uns seiend ¬ für uns seiend in all den Sinnesstrukturen, in de-


nen sie uns bedeutet, was sie bedeutet: uns, den Personen, die
selbst zur Welt gehören und wie alles Weltliche und Welt selbst
für uns Seiendes sind, das ist wieder, uns, diesen Personen, ge-
5 geben. Und wieder sagt das „uns“ gegeben; wir, die wir je von
Welt reden oder auch nur wie immer ihrer gedenken, genauer, ich
jetzt und alle Anderen, die mir jetzt gegenüberstehen oder mir
als Bekannte bewusst sind, und irn Unbekanntheitshorizont die
offen endlose Vielheit von mir vorauszusetzender oder möglicher-
ıo weise für mich erfahrbarer und indirekt erkennbarer Personen.
Hier sind gründliche Beschreibungen nötig über die Gegeben-
heitsweise meiner Umwelt und darin derjenigen meiner Anderen,
die doch vorausgesetzt sind, damit Welt als volle objektive Welt,
als die sie mir gilt, als die sie von Anderen her Sinn hat, für mich
15 erfahrbar sein kann. Ich muss schon Erfahrbares haben, um
Andere als Andere zu erfahren, und wenn objektive Welt nur
mittels wirklicher und möglicher Anderer seiende Welt ist
(wie sie immerfort für mich gilt), so kann jenes Ersterfahrbare
nur in einer Weise subjektiv sein (nämlich dasjenige, das für
20 mich das erfahrungsmässige Sein der Anderen konstituiert), dass
es noch nicht den Sinn objektiven Seins haben kann. Sage ich
also, für jedermann ist die Welt von ihm her gegeben, oder auch
sage ich, uns gemeinsam ist die Welt von uns her gegeben und
danach in umweltlichen Modis gegeben (und das gilt selbstver-
25 ständlich nicht nur für mich und uns, sondern für beliebige an-
dere Menschen und Menschengemeinschaften), so ist zu beden-
ken, dass diese anderen schon „uns“ voraussetzen, und dieses
„uns“ mich, der ich jetzt der mich Besinnende bin, voraussetzt.
Das Uns oder Wir erstreckt sich von mir aus zu den gegenwärti-
30 gen und vergangenen und künftigen Anderen, den für mich „ge-
genwärtigen“ usw., und unter dem Titel der vergangenen zu mei-
nen Vorfahren und den unbekannten Vorfahren dieser Vorfah-
ren in der endlos offenen Generationenkette mit all den ihren Per-
sonalitäten zugehörigen Horizonten. Das alles sind Menschen in
35 der Welt, abgesehen von den auch mitzureehnenden Tieren, die
ja keine Maschinen sind, sondem personal seiende Wesen mit
ihren wiederum anders gewandelten Umwelten. Alle diese
menschlichen und tierischen Personen und Gemeinschaften sind
aber doch in der Welt, der immer vorgegebenen Welt, in der wie
62 .,CARTESlı\NISCHE MEDITATIONEN" l9Z'~?¬l930

sie so ihr insgcszımtes Subjektives, also auch diese Umwelten als


subjektive Erscheinungen ihre Stelle haben. Aber wieder muss
ich fragen, die vorgegebene, die selbstverständlich seiende Welt,
auf deren Boden die durchgeführten Betrachtungen sich bewe-
5 gen ~ wem vorgegebene, für wen selbstverständliche?
Natürlich wieder uns. Sind da keine Rätsel? Sind nicht
nıenschliche Personen wie alle Objekte der Welt umweltlich
in subjektiven Erscheinungsweísen gegeben und als wahrhaft
Seiendes in der \Velt immer nur durch _'l`ranszendenz gege-
10 ben, als „Erseheinendes", das verweist auf Möglichkeiten der
Ausweisung, auf Möglichkeiten der Überwindung der relativen
Gegebenheitsweisen usw.? Hier ist also die Stelle, wo der Über-
gang auf den Boden der transzendentalen Subjektivität moti-
viert ist.
15 Wir hatten den Weg genommen: Wie ist die Welt subjektiv
gegeben, nämlich den Personen? Wir hatten die Personen als
Thema, und das tührte auf das Thema Welt für die Perso-
nen und auf mannigfaltige Weisen, in denen für sie Weltliches
und Welt selbst subjektiv gegeben ist. Die Personen waren da-
20 bei, da wir in der Positivität die Welt schon selbstverständlich hat-
ten als seiend nicht in leerer Allgemeinheit, sondern als selbst-
verständlich konkret mit dem Inhalt seiend, der uns durch Er-
fahrung gegeben ist, Personen in dieser Welt. Im geheimen
wussten wir auch schon, dass Erfahrung allein nicht ausreicht
25 und dass Wissenschaft erst auf ihrem Grunde das objektiv wahre
Sein herausbestimmt. Also im Hintergrunde setzten wir eigent-
lich - ohne jede Auslegung - voraus, dass subjektive Gegeben-
heitsweisen unter dem Titel Erfahrung es allein sind, denen wir
den Sinn Welt, obschon nur einen ersten, durch Wissenschaft
30 entsprechend auszugestaltenden, zu einem theoretischen umzu-
gestaltenden, verdanken. Wir wussten auch noch viel mehr. Die
Ertahrungswelt liess sich befragen, und wir kamen auf die raum-
zeitlich-kausale Natur, auf die weltlichen Tiere und Menschen,
auf Kultur, und dann auch auf die subjektiven Weisen, wie die-
35 sen weltlich seienden Personen alles Weltliche umweltlich usw.
gegeben ist oder „erscheint". Das spezifisch Personale, das was
es macht, dass der Mensch nicht bloss Naturobjekt ist, sondem
eben Mensch, war das Psychische, Psychologie war die univer-
sale, auf das typisch Allgemeine und Gesetzliche gehende Wis-
rrzxr N114 63

senschaft von den Personen, ontologisch die Wesenswissen-


schaft. Und so hatten wir unter dem Titel der universalen Per-
soııalwissenschaft thematisch: personales Leben, personales ha-
bituelles Sein, personale Umwelt und Umweltbildung, wie um-
5 gekehrt die Bildung der Personen in Hinsicht auf ihre Habituali-
täten die Genesis ihrer Habitualitäten thematisch. Reine,
intentionale Psychologie führte über das Reich der
eigentlichen, der kurz gesagt praktischen Personalität und ihrer
Akte auf die viel tieferen noetischen Strukturen, und so erst zur
10 konkreten Psyche-, wie sie seiend für sich selbst seiende ist. So
hatten wir die vollständige Wesensvorzeichnung für das, was
mögliche Personalität und personale Intersubjektivität konkret
ausmacht, und darin die Struktur der konkreten „Weltvorstel-
lung", die der Welt selbst in der Positivität gegenübergesetzt
15 wird. Diese Welt selbst war die vorausgesetzte, und genauer
besehen, vorausgesetzt als nichts anderes als die in den reinen
Subjekten und ihrer Vergerueinschaftung konstituierte Einheit
der in ihr synthetisch sieh verknüpfenden Stufen von „Welt-
vorstellungen" mit dem Horizont des präsurnierten, immer wie-
20 der durch neue Umwelten hindurch zu identifizierenden wahren
Seins, das seiner Form nach zu umschreiben ist als die imnıanente
konstituierte Weltvorstellung vom wahren Sein der Welt.
Schliesslich erwacht das Bewusstsein, dass die zunächst voraus-
gcsetzte Weltpersonalität in Reinheit gefasst auch absolut setz-
25 bar sei und dass in ihr selbst die Stätte der Apperzeption und der
Bildung der Apperzeption „Welt“ und „Mensch in der Welt” ist.
Wir können sagen: Aller Anfang ist Naivität, in dieser Naivität
der Betätigung der intersubjektiven Welterfahrung versuchen
wir eine Ontologie der Welt als Welt der Erfahrung. Wir können
30 mit der Natur anfangen und dann zur Psyche übergehen, das
ist, mit der Erfahrungswelt konkret anfangen, abbauen, dann
wieder von Natur abstrahieren, um rein personal vorzugehen,
Dann darf nicht wie in den Amsterıiumsf Vorlesungenl ohne
weiteres zum rein Psychisehen als dem ego cogíto, verstanden als
35 das Letzt-Noetische, übergegangen werden, mit der Suggestion,
dass dieses schon hinreichend konkrete Betrachtungsweise sei.
Vielmehr, das nächste cogito besagt: ich lebe in eine „Umwelt“

Ä Siehe Hussııliamı IX, S. 3024349. _ Anm. d. Hrsg.


64 „CARTESIANISCPXE MEDlTATlOl\` EN" 19294930

hinein, die Akte umweltliclı bezogen, aber in phänomenolo-


gisch-psychologischer Reduktion. Warum muss der Psychologe
die Welt einklammern?
Etwa darum, weil es zum Sinn der Apperzeption Mensch ge-
5 hört, dass dieses Reale in sich ist, auch wenn das, was er bewusst
hat, nicht ist oder ganz anders ist. Die Welt, in der als räum-
licher dieser Mensch, ein einzelnes Reales im Raume, ist, ist
zwar vorausgesetzt, andererseits wird im Sinne der Apperzep-
tion Mensch gefunden, dass er die Welt „vorsteLlt". „Vorstel-
10 lungen" können täuschend sein, das ändert nichts daran, dass
sie selbst sind, was sie sind. So auch die Weltvorstellung.1 Sie
ist eine subjektive Bewusstseinsweise von „Welt", und Welt
darin hat den Sinn von dem, was das betreffende Ich erfahrend
vermeint. Genau so wird es als psychische Tatsache gesetzt und
15 das Präjudiz der Existenz dieser Welt eingeklamrnert.
Aber nun ist die Frage, wie hat eine reine Psychologie anzu-
fangen, wie hat sie systematisch vorzugehen? Es ist dieselbe
Frage, die in transzendentaler Einstellung erwächst, wie ja auch
in ihr vorweg das ego konkret als das jeweils „Welt vorstellende“
20 genommen werden ruuss, worauf nachkommend die Auslegung
dieser Weltvorstellung zu den Umwelten, den subjektiven Mo-
dis jeder Art von weltlich Vemıeintem führt. Aber wie gehe ich
wirklich vor? Modi der Anschauung (der Zeitigung). Warum
nicht anfangen mit den umweltlichen Gegebenheitsweisen, und
25 zunächst dann: Umweltliches ist in subjektiven Zeitrnodis ge-
geben.
Wie steht das zu der Darstellung der Ideen und der entworfe-
nen Medítationen?

Zum Anfang in der II. Mzıiilalíon, ínsbısmııierz aber zum


ao Bagvifi im inımubiaıaıiuan Labaminhıiı „mi im inımnııfaıtıivm
„ı'mmanentm" Zeit, sowie der inlersııbizhlíven Raumorímlizfurıg

Es ist wichtig, folgendes hervorzuheben:


Wenn ich die Welt ästhetisch-ontologisch als Welt der Er-
fahrung auslege, so heisst das, aus meiner und unserer Erfah-
35 rung, als Welt fiir jedermann, der mit jedermann irgend sich

1 Beam dann der Rückgang van dann erfahrenen Raaıan auf «ue ııraanaınunga-
weisen - aanan kann dann anaıa du Verweis auı naagucıae 'ranannnngan geknüpft
warden.
rızxr NR. 4 65

verstehend auch erfahren muss: „Was ich erfahre und \vas jeder
Andere erfährt als Welt ist dieselbe mit derselben Struktur etc,"
Ist dann weiter die Frage, wie ist eine Welt, und in Hinsicht
auf alle die hervorgetretenen ontologischen Strukturen, in wel-
5 chen subjektiven Gegebenheitsweisen wesensmässig gegeben,
so ist das rein psychologisch gefasst die Frage: Ich erfahre in
mannigfaltigen Erfahrungen Welt in eins mit Anderen, die ich
mit als in dieser Welt Seiende erfahre. Was ist rein in diesem
immanenten Leben der Intersubjektivität erfahrene Welt als
10 solche, und in welchen subjektiven Gegebenheitsweisen und Syn-
thesen ist notwendig erfahrene Welt als sich für mich konsequent
bewährende gegeben? Hier komme ich sofort bei mir selbst auf
meine subjektive Zeitlichkeit als Form meiner Phänomene.
Aber ich komme auch auf das Wir und unsere Erfahrung,
15 unsere Erfahrungswelt, unsere Phänomene von dieser sel-
ben Welt für uns, unsere Synthesen in Vergemeinschaftung,
unsere gemeinsamen Umwelten als gemeinsam identisch er-
fahrene und ihren Wandel und ihre synthetischen Einheiten
in der Gemeinsamkeit, jedes selbst ein Phänomen von unserer
20 identischen ontologischen Welt. Andererseits die Unterschei-
dung der egologischen Wahrnehmungswelt eines jeden und de-
ren Synthesis aus „Erscheinur1gen". Jede gemeinsame Umwelt
(in ihrer eigenen Relativität als blosse intersubjektive Welter-
scheinung) synthetische Einheit aus den egologischen Phänome-
25 nen etc.
1) Meine reduzierte Welt, Welt rein als Welt meiner Er-
fahrung kann besagen: die mir ontisch aus Erfahrung, und rein
aus Erfahrung und ihren Phänomenen sich ausweisende Welt,
und zwar so, dass ich dabei die Erfahrung der Anderen in Mit-
30 geltung habe und somit sage: meine Welt reiner Erfahrung ist
unsere Welt reiner Erfahrung.
2) Ich ka.ru1 auch sogleich fragen: Die Welt (in ihrer ontolo-
gischen Struktur) ist für uns allem voran Welt aus unserer (ge-
meinschaftlichen) Erfahrung. Nehmen wir sie reduzierend rein
35 als in unseren Erfahrungen in der Mannigfaltigkeit subjek-
tiver Erscheinungsmodi vemieinte und synthetisch durch Ein-
stimmigkeit der Bewähnıng selbstgegebene und zu gebende Ein-
heit.
Hier ist nun zu beachten: Wir reduzieren auf das Wir i.n sei-
ÖÖ „CARTESIANISCHE MEDITATIONEN" 19294930

ner Gemeinsamkeit des Lebens als Weltlebens und der darin auf-
tretenden weltkonstituierenden Phänomene und haben dann
eine immanente gemeinsame Zeit dieses Wir ~
Wir-Gegenwart, Wir-Vergangenheit, Wir-Zukunft.
5 Es ist dabei von vornherein die Intersubjektivi_
tät als eine rein geistig verbundene Einheit, die
alle reinen Subjekte in sich fasst, der Erfahrungsboden für alle
Beschreibungen, nur naiv, ohne dass sie thematisch und beschrie-
ben würde, und sie ist dabei gefasst als das Universum alles und
10 jedes Subjektiven und so mit allen relativen Umwelten und
schliesslich der darin in der universalen Synthesis der subjekti-
ven Weltphänomene erfahrenen (im Erfahren beständig als
Idee der identischen Wahrheit an sich präsumierten, aber auch
bewährten) ontologischen Welt - die evtl. als „Weltvorstel-
15 lung" figuriert.
Dabei ist es wichtig, dass die Intersubjektivität, in dieser
Weise rein psychisch gefasst, wesensmässig mit einer intersub-
jektiven immanenten Zeitíorm konstituiert ist, als universale
Form für alles intersubjektiv Subjektive. Wir haben also l) für
20 jedes ego seine eigene egologísch reduzierte imrnanente Zeit, so-
zusagen seine private, und in ihr sich darstellend die irnrnanente
Zeit und Zeitfülle subjektiver Phänomene jedes anderen ego.
2) Wir haben in jedem ego sich darstellend die intersubjektive
Synthesis, und jedes kann die Intersubjektivität selbst als rei-
25 ne vorfinden und beschreiben; jeder in seiner immanenten Ge-
genwart findet diese in Deckung mit der Gegenwart jedes An-
deren und beschlossen in der Gegenwart als intersubjektiver.
Diese merkwürdigen Verhältnisse betreffen natürlich auch die
immanenten zeitlichen Gehalte. Jedes ego hat sein primordi-
30 ales Weltphänomen, bzw. seine primordial reduzierte seiende
Welt, sich als Einheit mannigfaltiger primordialer Darstel-
lungen konstituierend, in der Form einer festen Orientierungs-
räumlíchkeit eine „objektive“ Räurnliehkeit, egologisch-objek-
tive. In der Synthesis der Vergemeinschaftung wird jede solche
35 prirnordial seiende Welt zum Phänomen, zur Gegebenheitsweise
deıselben íntersubjektiven Welt. Dabei hat jede ihre primordiale
Gegenwart (und damit egologisch immanente Zeitlichkeit über-
haupt). Aber alle diese prirnordialen Gegenwarten gehören in die
eine intersubjektiv konstituierte Gegenwart, sie sind intersub-
rßxır NR. 4 67

jektiv zugleich jetzt. Ferner, es konstituiert sich intersubjektiv


eine gemeinsame Heimwelt, eine gemeinsame Umwelt. Hinsicht-
lich der Ra umlichkeit gilt, dass jede egologische Raumstelle
zur intersubjektiv identischen wird. Jede ist für jedes andere ego
5 anders orientiert, weil jeder Leib ein anderer Leib ist (also kein
gemeinsames Hier entsprechend dem gemeinsamen Jetzt). Und
doch hat auch die Intersubjektivität die seiende Welt orientiert
_ intersubjektiv orientiert. Jede Gemeinschaft hat in jeder Ge-
meinschaftsgegenwart ihren Gemeinschaitsort, der räumliche
10 Lokalität hat, aber kein Punkt ist (in der momentanen Gegen-
wart), sondern für die Familie, für die Stadt etc. der „Wohn-
ort", für das Volk, den Staat das Territorium etc., für die Mensch»
heit die Erde. So ist die íııtersubjektive Welt in intersubjektiven
Umwelten zeit›räumlich orientiert erscheinend. Die objektive
15 Zeitionn hat ihr Korrelat in der intersubjektiv konstituíerten
Form der Zeitigungsweisen; der objektive Raum in den inter-
subjektiven Raumorientierungsweisen. Objektive Zeit-Räum-
lichkeit und objektive Welt selbst ist eine Idee. Was sich
„wirklich“ jeweils konstituiert, ist eine relative Objektivität, so
20 wie schon die primordiale oder gar die immanente Zeit der
Empfindungsdaten etc. Immer neue Stufen relativer Konstitu-
tion, immer neue Horizonte A zuletzt die oberste Idee.
Nach den letzten Ueberlegungen werden wir sagen:
Die universale Deskriptíon der Welt rein als Welt der Erfah-
25 rung und in eins mit der Deskription der Welteríahrung selbst,
der subjektiven Modi, in denen sie für die erfahrende Subjektivi-
tät erfahrene ist, kann in doppelter Weise vorgehen:
1) Wir fragen: Wie erscheint uns die Welt, die wir mitei.n-
ander erfahren und gemeinsam in unserem Weltleben immerfort
30 dieselbe erfahrene Welt haben? Wie beschreibt sie sich in den
ontologischen Wesensstnıkturen, in denen sie notwendig für uns
die gemeinsam seiende ist? Und wie erscheint sie modal? Sie er-
scheint uns „umweltlich", jeder hat seine Umwelt, und in der
Gemeinschaft haben wir gemeinsame Umwelt, jede Sonderge-
35 meinschaft hat die ihre. In diesem Wandel besteht aber bewusst-
seínsmässig Eiulıeitsbeziehung auf „die" Welt. Welche Typik
besteht hier, welche Wesensstrukturen irn einzelnen und in der
Synthesis, welcher systematische einheitliche Aufbau? Wir, die
wir zur Welt selbst gehören, sind selbst in wechselnden subjek-
Ö8 „CARTESIANISCIIE MEDITATIONEN” 19294930

tiven Modis, in denen von der Erfahrungswelt für uns, mitbe-


schlossen. In welchen Erscheinungsweisen erseheine ich mir
selbst, und wie scheide ich: was mir erscheint „primordial" und
was schon das Für-mich-erscheinen der Anderen voraussetzt
5 etc? Wie sehen die Erfahrungen aus, denen ich das Für-mich-
sein Anderer verdanke und damit des „Wir", das in seiner Kon-
kretion das gesamte Erfahrungsleben und Weltleben ausmacht,
in dem seiende Welt beständig vorgegeben und gegeben ist und
seiende \Velt als unser praktisches Feld.
10 2) Wir stellen wieder die ontologische Auslegung der Erfah-
rungswelt, die die unsere ist, voraus. Statt aber auf die Weisen
einzugehen, in denen sie uns gemeinsam, und zwar in gemeinsa-
men Modis der Relativität und so überhaupt „subjektiv“ gege-
ben ist, fragen wir sogleich zurück: Die Welt unserer Erfahrung
15 ist allem voran zunächst Welt meiner Erfahrung, die Anderen,
die Miterfahrenden, sind für mich selbst schon weltlich gegeben,
verschiedentlich erscheinend in subjektiven Modis. Ich reduziere
auf das Ich und die cogitaiioncs, aus denen Welt für mich ist, und
frage, wie sie das ist. Ich reduziere also sofort auf das primar-
2O diale ego, frage dann, wie es zum sozialen ego wird, und wie die
sich für es bewährende Gemeinschaft, in der jede Einzelperson
meinesgleichen ist und für welche alles gilt, was für mich gilt,
zur gemeinschaftlichen Welt erfahrend kommt, welche Typik
intersubjektiver Erscheinungsmodi und intersubjektiver Syn-
25 thesen höherer Stufe etc.

Doppelsinn von Immımenz und immanenter Zeit

l) Für das ego sprechen wir von Erlebnissen, von Akten, von
Empfindungsdaten, Auffassungen, Affektíonen etc. im „ur-
sprünglichsten Zeitbewusstsein" sich irnmanent zeitlich kon-
30 stituierend. Wie kam ich darauf? Nun, geleitet von der sensua-
listischen Psychologie; ich suchte auf das Eigene des ego zu re-
duzieren, auf dasjenige Leben, das transzendental mein ist, aber
nicht betroffen wird, ob das gemeinte Transzendente ist oder
nicht ist, Schein ist etc.
35 Epoche hinsichtlich der objektiven Welt - aber die objektive
Welt ist in subjektiv relativen Transzendenzen gegeben, die in
diesem Ausgang nicht sichtig sind u.nd auch nicht „transzen-
rızxr NR. 4 69

dental reduziert" werden, nämlich auf das sie konstituierende


Subjcktive.
Also darauf muss doch Rücksicht genommen werden. Dann
komme ich letztlich freilich auf einen „Bewusstseinsstrom" und
5 seine immanente Zeitform (abgesehen von Ichpol und Habitu-
alität).
Das betrifft dann auch die Intersubjektivität; wir haben das
intersubjektive reine Leben als immanente Sphäre.
2) Wenn wir aber alles Subjektive in eins nehmen, und zu-
10 nächst alle relativen Transzendenzen, so gewinnen wir eine im-
manente Sphäre in einem neuen Sinne und eine immanente Zeit-
form für sie, z.B. die Zeitform für die subjektiven Umwelten in
der Intersubjektivität (so wie wir auch in der egologischen Sphäre
schon subjektive Transzendenzen finden).
15 Diese Unterscheidung ist wichtig für die Lehre von der phä-
nornenologischen Reduktion. Von der Intersubjektivität aus-
gehend, kann man intersubjektive Reduktion etablieren, indem
man die an sich seiende Welt einklammert und so die Reduktion
auf das Universum des Intersubjektiven durchführt, das alles
20 Einzelsubjektive in sich befasst, Dann ein zweiter Schritt, R_eduk-
tion auf das intersubjektiv letztkonstituíerende Leben, den inter-
subjektiven „Erlebnisstrom", die Vergemeinschaftung aller ego-
logischen.
Wenn man gleich auf egologische Phänomenologie ausgeht:
25 1) Reduktion auf das Subjektive, aber dann zu beachten, 2) dass
subjektive Objektivitäten eben noch subjektiv sind und auch neu
Reduktion erforderlich ist.
Nr. 5

<ZUM PROBLEM DER INTERSUBJEKTIVITÄT IN


DEN „CARTESIANISCHEN MEDI'l`ATIONEN"›
(wohl l930>

5 <a) › Der Gang von der phånomenologíschen Reduktion.


Ad Erste Meditation, evtl. als letzter Rückblick
Die transzendentale Epoche errnöglicht, heisst es, „transzen~
dentale Reduktion”,1 Worauf wird reduziert? Hier besteht eine
Z W e i d e u t ig k e i t, Die Epoché macht zugänglich das Univer~
10 sum des transzendentalen, des absoluten Seins, eine neue Welt
von Individuellem, von zeitlichen Individuen, ein Reich einer
neuen, der transzendentalen Zeitlichkeit, und macht es zugäng-
lich zunächst in Form einer transzendentalen Erfah-
rung, die den Geltungsboden herstellt für theoretische (und
15 praktische) Mittelbarkeiten. Indem das Ich in der Epoche (das
sie als universale vollziehende) 2 es ist, für das diese Erfahrung
besteht, das sie theoretisch vollzieht, aber auch passiv durchlebt,
das auf Grund dieses er-fahrenden Lebens, eines transzendentalen
l
Lebens, ein weiteres theoretisches Leben, das beschreibende etc.
20 Tun übt, haben wir also unter dem Titel des Transzendentalen
l
zu unterscheiden: a) zwischen dem Subjektpol der transzendental
erfahrenden und sonstigen Akte, überhaupt dem ganzen kon-
kreten Leben, dessen Pol dieses Ich ist, b) und dem Reich des
Transzendentalen, auch das Transzendentale der aller ego, das
25 innerhalb dieser Konkretion - innerhalb des konkreten ego -

1 vgı. cwımummıß Mmmıiønm (Hmıvıi/ı„a I), § a. - mm. <1. Hısg.


fl Die ızpwhé, ich erinnere damn, isı „rem ein eınmıigeı Anus, sumum eine
auch ein“ Akıus im Modus des „u\›em=upı" gesamte Habicuaısıäı, immer wien«
in Epoche zu sem und in im ausschliesslich ımnsıeııaenme Aue zu vollziehen. so
ist Einheit des „tı'flııszendeııta.leıı Lebens in der Epoché" universal über das jetzt
wıfuıehe maus =ı§ ımıvemıef Magıicııkeaısımfsmı gesfiııeı.
rızxr NR. s 71

zur Erfahrung und Erkenntnis kommt oder kommen ka.nn.


Zum transzendentalen ego gehört auch die mögliche reflektive
Erfahrung, wodurch es sich selbst und seine transzendentalen
Erfahrungen und sonstigen Akte erfahren und erkennen kann.
5 Ebenso seine primordial reduzierte Welt. Nehmen wir diese Er-
fahrung hinzu in ihrer Wiederholbarkeit hinsichtlich der jeweils
vollzogenen reflektiven Akte in reflektiv höherer Stufe (wodurch
das transzendentale ego als identisch dasselbe fortgesetzt reflek-
tierend und neuen Gehalt aus sich selbst her annehmend erfah-
ıo ren wird), so unterscheidet sich als Reich der transzendentalen
Erfahrenheiten: 1) Das ego selbst als das Transzendentale, in dem
alle Erfahrungen und alles Denken <liegt ›, durch welches (als
Ich der transzendentalen Epoché) alles, was überhaupt tran-
szendental für es existiert, intentional beschlossen ist. Sein eigenes
15 wirkliches und mögliches (verrnögliches) Leben ist es, worin die-
ses selbst und alles überhaupt transzendental Seiende bewusst
wird und im besonderen erkannt. 2) Dasjenige Transzendentale,
das evtl. im ego zur Erfahrung und auf Grund der Erfahrung zur
Geltung kommt, was es aber nicht selbst ist, was ihm
20 „transzendent” ist. Wiefern wirklich dergleichen Transzendenz
transzendental im ego erfahrbar sein kann und erfahren wird, und
dann notwendig als ein anderes transzendentales ego und eine
offene Allheit von solchen ego's als „Monaden”, das ist vorweg
nicht ausgemacht.
25 Es handelt sich jetzt nur um einen formal von uns als denkbar
vorgezeichneten Unterschied. Evident ist im voraus nur, dass,
wenn überhaupt nach der Epoché das Ich der Epoche als Ich
eines erfahrenden Lebens (und zwar eines transzendentalen, das
ist, eben setzbar nach und in der Epoche) übrig ist, wir notwendig
30 auf diese formale Scheidung kommen.
Am Anfang weiss ich noch nichts von einem „konkreten
ego" oder meiner Monade (gegenüber anderen) als einem zusam-
menhängenden endlos offenen Erfahnıngsfeld, als Zugangsfeld
einer „Welt“ absoluten Seins. Es scheint zunächst: Sicher kann
35 ich dessen sein, dass ich die Enthaltung von allen Vorgegeben-
heiten, Vorurteilen, Vorgeltungen auch über die mir geltende
Welt der Erfahrung ausdehnen kann, die mich selbst, diesen
Menschen unter anderen, einschliesst.
Nun setzt mich aber gleichwohl diese Epoché in Verlegenheit.
72 _„CARTI~ISIAX\'ISCIiE MEDITATIONEN“ W29-1930

Wie kann ich sagen, „ich enthalte mich jeder für mich bestehen-
den Geltung, ich enthalte mich des Glaubens hinsichtlich des
Seins der Welt überhaupt und meiner selbst, dieses Menschen",
da doch in der Aussage „ich enthalte mich" das Ich als sich so
5 enthaltendes liegt? „Ich“ heisst doch „ich, dieser Mensch". Ich
stosse auf die Apodiktizität der Aussage „ich bin", und es muss
nun die Frage aufgcworfen werden, wiefern dies nicht mit jener
Universalität der Epoche streitet, die mich einbegreift, oder in-
wiefern ich, sie mit dem Sinn der Universalität vollziehend, dessen
I0 evident werden kann, dass ich mich als Menschen (als darin be-
schlossen) ausser Geltung halten kann (als blosses „Phänomen”),
da ich mich, dasselbe Ich, als das die Epoche vollzíehende apo-
diktisch in Geltung setzen muss. Ist das verträglich, so wäre ich
nach der Epoché nicht das Ich der (natürlich-weltlichen) „Selbst-
l5 erfahrung", das in ihr beständig vorgegebene, auch nicht eine
Komponente, ein Bestímmungsstück des Gehalts dieser Vorgege-
benheit, und wäre doch im voraus schon dabei, und bei allem
Weltlichen dabei als das Ich, für das Vorgegebenheit besteht.
Doch das sind im Anfang unklare Reden. Soviel kann ich aber
20 wohl sagen: Die Weltepoché als ein allgemeiner Enthaltungssatz,
Enthaltung vom „Satz“ des Seins der Welt, ist zu Anfang in
folgendem Sinn eine evidente Möglichkeit: Ich mache die Über-
legung, dass ich in meinem wachen Leben kontinuierlich Raum-
weltliches erfahre, wahmehmungsmässig anschaulich habe und
25 in diesem Erfahren beständig (= habituell) einen universalen
raumzeitlichen Welthorizont habe, d.i., ein für mich seiendes,
rnir als seiend geltendes Universum „raumzeitliche Welt” vor-
gegeben habe. Das ergibt mir diesen universalen „Satz“ Welt, die
für mich immerfort seiende. Und diesen allgemeinen Satz (Ge-
30 neralthesis) als eine universale kontinuierlich fortgeherıde
Seinsgewissheit, als die ich in meinem Leben immerfort hatte
und haben werde, wie ich gewiss bin, als durch meine Lebenszeit
hindurch verharrende einheitliche univcrsale Gewissheit, unter-
ziehe ich der Epoché. Das kann ich ohne weiteres in der Form,
35 die in der sehr unbestimmten Überschau über das mir vorgege-
bene Sein der Welt erwächst. Aber habe ich damit die Möglich-
keit der unbedingt universalen Epoche (und Ich-Reduktion),
die Möglichkeit im Sinn der wirklichen Vorstellbarkeit meines
unbedingt universalen Lebens als beständig diese Epoche durch-
rnxr NR. s 73

führenden dargetan? Ich bcanspruche zudem noch, erfahren und


urteilen zu können und jedenfalls mit dem „ich enthalte mich...",
„ich bin" anfangen zu können. Ich gehe aus meinem Sein und
Leben in der natürlichen Vorgegebenheit und Ingeltunghabe
5 ü ber in das Sein und Leben in der universalen Epoché. Ist das
möglich? Gewiss ist die Epoche und das setzencle Leben in der
Epoche als Epoché hinsichtlich des allgemein-unbestimmten, un-
explizierten Satzes möglich; aber ist sie noch möglich, wenn ich
sie zugleich explizit als totale, also auf alle Welteinzclheiten er-
ıo streckte und konsequent bleibende durchführe? Das ist doch zu
schnell und sehr wenig einleuchtend.
l) Generalthesis, vorausgesetzt die explizite (logisch-univen
sale) Konstitution der Welt als „Universuı-11"; 2) ist diese Mög-
lichkeit in einem Akte der Totalitätskonstruktion gewährleistet,
15 so auch die Epoché als universale; 3) dann die Frage: was bleibt
erfahrbar, denkbar etc.

<b) › Besonders aıi Fünfte Meditation. Der Gımg von der


phänamenalogíschen Reduktion
Nach der Epoche wendet sich der Blick zunächst auf das
20 „transzendentale Phänomen Welt " oder das transzendental
konkrete Erlebnis des Weltbewusstseins, dessen Ich nun das
transzendentale Ich ist, und zwar das in phänornenologischer
Reduktion stehende, phänomenologische Aktionen übende (Phä-
nomenologie treibende). Zunächst phänomenologische Erfah-
25 ning in theoretischer Absicht und auf diesem Boden Deskription
mit den zugehörigen begriffs- und urteilsbildenden Akten.
„Reduktion auf transzendentale Subjektivität", das wird sich
als zweideutig erweisen. Die in der Epoché setzbaxe Subjek-
tivität wird zu verstehen sein als „meine monadisch eigene", des
30 phänornenologisierenden Ich monadisch eigene Subjektivität,
und als die in dieser sich erschliessende transzendentale Inter-
subjektivität.
Versteht man unter Subjektivität das primordial konkrete
Ich, den Ichpol als Pol seiner wirklichen und möglichen Akte und
35 konkret eins mit diesen, somit als Pol seines Erlebens und des von
diesem Unabtrennbaren, so haben wir als parallelen Begriff den
der konkreten Intersubjektivität als Allheit der primordial kon-
74 „CARTlZSlı\NlSCl¬lF. MEDITATIONEN" 19294930

kreten Ich, deren Leben einerseits verteilt ist nach einzelnen


konkreten Ich, andererseits „verbunden“ ist, sofern die Intentio-
nalität eines jeden konkreten Ichlebens in sich íntentionale
Mittelbarkeiten trägt, und solche, die nicht nur in die Breite des
5 konkreten Ichlebens reichen und ihm Einheit geben, Einheit
monadisch immanenter Präsenz und immanenter monadischer
Zeitlichkeit, sondern auch transzendierende Einheit intersub~
jektiver Präsenz und intermonadisch-allmonadischer Zeitlich-
keit konstituieren. Wir können daher auch sagen: Der funda-
lo mentale Unterschied, der hier zwischen Primordialität und Inter-
subjektivität spielt, ist innerhalb des für mich in der tran-
szendentalen Epoche Setzbaren und in konsequenter Erfahrung
Ausweisbaren: z\vischen 1) der an sich ersten universalen Zei-
tigung, durch die die konkrete Einheit (die Ganzheit) „meine
15 Monade" konstituiert ist, 2) der fundierten Zeitigung, durch die
Kompräsenz konstituiert ist, die Kon-präsenz einer anderen und
überhaupt anderer Monaden und die Kon-temporalität ihrer mo-
nadischen (und für sie primordialen) Zeiten rnit meiner Gesamt-
zeit; in weiterer Folge die wechselseitige Kon-temporalität der
20 für mich seienden Monaden als Monaden, für die die meine selbst
wieder kontemporal ist (im weiteren Sinn koexistiert). Wirehaben
damit „transzendental-objektiv" eine Monadenwelt, in der Ein-
heitsform einer Zeit, „in“ der alle Monaden sind, deren jede ihre
Zeit hat, die sich der Allzeit eintügt. jede Monade hat ihre
25 strömende Präsenz, in der ímplícíle geborgen ist die gesamte In-
tentionalität ihrer Vergangenheit und Zukunft. Natürlich ist die
Präsenz als Einheit, und als Einheit irn Strömen, Einheit einer
Urassoziation und der ihr eigenen intentionalen Mittelbarkeiten,
kontinuierlich einig. Auf dem Grund kontinuierlicher Einigung
30 sind auch diskrete Einigungen (Fernassoziationen) konstituiert.
Jede Monade hat innerhalb ihrer erfüllten primordialen Zeit auch
Einfühlungserlebnisse, durch die hindurch die Konstitution der
Kon-temporalitäten, der fremden Monaden, geht.

<c) › Zur Fün/ten Medítatíon


35 Ich muss scheiden: die jetzt transzendental-p h ä n o m e n ol 0-
gi s ie re n d e Subjektivität (als wirkliches ego - Monade) und
die transzendentale Subjektivität s c h l_e c h t hin ; diese erweist
TEXT NR. s 75

sich als die transzendentale Intersubjektivität, welche die tran-


szendental phänomenologisierende in sich fasst.
Ferner, die jetzt transzendental phänomenologisierende Sub-
jektivität ego erkennt sich selbst hinsichtlich ihrer Vergangen-
5 heit, in der sie nicht transzendental pbänomenologisierende war,
aber doch transzendentale Subjektivität, und sie erkennt auch
in ihrer transzendentalen Fremderfahrung andere egn's als nicht
phänomenologisierende (evtl. aber auch gelegentlich als das),
aber als transzendentale egıfs.
10 Zum transzendentalen ego gehört die universale transzenden-
tale Erfahrung als sein erfahrendes Leben, und diese Erfahrung
ist einerseits transzendentale Selbsterfahrung, in der ich als in
der Reduktion lebendes transzendentales ego mich selbst und
mein intentionales Leben und das darin lntentionale als solches
15 erfahre und erkenne; darin als nicht immanent zeitliche, sondern
ihr gegenüber ideale Einheit die Welt rein als Welt meiner prim-
ordialen Erfahrung. Andererseits ist sie transzendentale Fremd-
erfahrung und durch diese hindurch transzendentale Erfahrung
von der Welt als objektiver.
20 Welchen Sinn hat es, von einer transzendentalen Erfahrung
von der Welt zu sprechen? Das hiesse doch, in der Einstellung
der Epoche die universale Welterfahrung und Weltwissen und
Weltleben überhaupt vollziehende Subjektivität, diejenige, in der
alles Weltliche Seinssinn hat, zum Thema machen und darin,
25 als darin konstitutiv Mitbeschlossenes, zum Mitthema machen
die in diesem universalen Leben konstitutiv vermeinte und aus-
gewiesene und dann auszuweisende Welt. Das ist aber doch gar
nichts anderes als die Welt des Lebens, die darin bald richtig,
bald falsch, bald mythologisch, bald wissenschaftlich positiv
30 veımeinte und geltende Welt, nur eben als solche, d.í. vom tran-
szendentalen Zuschauer gesehen, und gesehen als konstitutive
Einheit der transzendentalen nıonadischen Subjektivität. Eine
andere haben wir nicht und kann niemand haben, ei.rı anderes
hätte keinen Sinn. Die Epoche eröffnet überhaupt die transzen-
35 dentale Erfahrung in ihrer offenen Unendlichkeit, eröffnet das
transzendentale All des Absoluten, das transzendentale Monaden-
all mit allem darin transzendental Konstituierten.
Das alles ist darin bei entsprechender Erfahrungsıichtung
transzendental erfahren oder erfahrbar; und so die Welt als
76 „CARTESIANISCHE MEDlTA'l`l0NEN" l929-1930

transzendental konstituierte, Sie ist die Welt natürlicher Einstel-


lung für das natürlich eingestellte Ich (unıl Wir); aber die natür-
liche Einstellung und die natürlich eingestellte Subjektivität
überhaupt mitsamt ihrer Welt ist in der transzendentalen univer-
5 salen Erfahrung, in deren universalem Horizont beschlossen, und
in ihr kann der transzendentale Blick sich richten auf natürlich
Weltliches und Welt überhaupt der natürlichen Einstellung, und
so ist sie selbst es, dieselbe, von der wir je sprachen, die tran-
szendentales Erfahrungsthema wird und nun verständlich wird
|0 in ihrem vollen und absoluten Seinssinn als transzendentale
Leistung der transzendentalen Intersubjektivitát, und von ihr
selbst unabtrennbar, eben als in ihr selbst vollzogcne und verblei-
bende Leistung, und zwar als eine in ihr sich ausbildende und
in Stufen der Relativität sich kontinuierlich bewährende Idee
15 als Korrelat einer präsumptiven und doch geltenden, in ihrer
Weise evidenten Unendlichkeit von Vorzeichnungen in immer
neuen relativen Bewährungen.
Das ergibt einen Doppelsinn: I) Welt in natürlicher Einstel-
lung als die Welt, in der ich und jedermann evtl. in der Anony-
20 mität des Transzendentalen lebt; evtl. hat in der ganzen Mensch-
heit niemand Epoché je vollzogen. 2) Die Menschheit istftran-
szendental erwacht, hat transzendentale Selbsterkenntnis er-
rungen und damit transzendental ihr eigenes Sein in Natürlich-
keit und Welt in dieser Natürlichkeit thematisch gemacht.

25 <d) › Reflexion ad Fünfte Meıiítııtíon


Das „konkrete“ Ich (die durch Primordialität konstituierte
Monade) und die konkrete (im zweiten Sinn konkrete) Inter-
subjektivität als „verbundene“ Mannigfaltigkeit der konkreten
Ich, verbunden dadurch, dass in meinem Icbbewusstsein, in mei-
30 nern intentionalen Leben andere Ich mit ihrem Leben bewusst
sind, und in Mitgeltung bewusst sind und bewährt sind als in
ih r em Bewusstseinsleben auf mich und mein Leben bezogen, also
ihrerseits mit mir „verbunden”. In dieser intentionalen Durch-
dringung wird für mich das von den Andern Bewusste zugäng-
35 lich, mein Bewusstsein ist intcntional bezogen auf das fremde
und durch dieses hindurch auf das in diesem Bewusste, und um-
gekehrt, wobeí auch diese Umkehrung, dißes auf mich und
ızı~:ıı.Acı: ııı 77

mein Bewusstes zurückbezogene Bewussthaben des Anderen mir


bewusst wird, so dass mein Bewusstsein im Kreis
durch das in ihm sich erschliessende fremde zu
sich selbst zurückkehrt, und so evtl. eines jeden Bewusst-
5 sein, wie ich und jeder erkennen kann.
Die transzendentale Intersubjektívität ist die für mich sei-
ende, mein transzendentales Leben ist geschichtet, die Grund-
schichte ist die erste „Konkretion”, das „zusammenhängende“
Leben in „u n mi t t el b a re r" Intentionalität, die Schichte der
10 Primordialität. Aber was heisst hier Unmittelbarkeit und was
Mittelbarkeit? Zunächst haben wir den Begriff: Mittelbarkeit
der intentionalen Irnplikation - Bewusstsein von etwas als
Bewusstsein, das auf und durch ein Bewusstsein von etwas
geht, was sich iterieren kann. Aber das gilt schen von der Erin-
ı5 nerung, von jeder „Vergegenwärtigung". Was ist der Grund-
eharakter der intentionalen Mittelbarkeit des höheren Ranges,
welche die Prirnordialität übersteigt? Also was zeichnet die Ein-
fühlung aus? Wie kann eine monadisch konkrete Gegenwart eine
konkrete Mitgegenwart anderer Monaden setzen? Wie kann eine
20 Primordialität eine zweite setzen? Es kommt alles auf den Be-
griff der Pıimordialität an und den des darin sich erschliessenden
„Fremden”, der Mittelbarkeit des Bewusstseins vom Fremden
als eine Mittelbarkeit, die weder bloss symbolische Indikation
ist, noch blosse Vergegenwärtigung, die ja solche von Eigenem
25 sein kann.
Was kann davon gleich im Anfang seine Rolle spielen?

BEILAGE in
<DıE zwı:1FAcnE 'rı~ıEMA'rıK NACH DER TRANSZENDENTALEN
EPOCHE >
30 <wohl 1934›

Ist es nicht eine zweifache Thematik, welche zunächst „naiv“ an-


fängt als das Erfassen und Auslegen des transzendentalen ego, wie es
sich zu Anf ang nach Einsatz der transzendentalen Epoche bietet,

4
und dann zweischichtig wird, in Fundierung: Die Forschung fordert
35 1) einerseits Konstitution der Monadenwelt d\ırch Mitsetzung der
aller ego`s und ihrer Pn'.ınoı-dialítäten, 2) andererseits Reflexion auf das
phänomenologisierende Ich und sein Tun,


78 „CARTESIANISCHE MEDITATIONEN" 1929-1930

1) Ich als Welt und mich als Menschenflch in Geltung habcnd habe
schon Mitsubjekte, Mitmenschen, i.n Geltung in offener Unendlichkeit.
Durch Reduktion ergibt sich, dass ich, das transzendental rcduktiv
verwandelte Ich in ständigem Vollzug ein Geltungsleben habe, worin
5 für mich andere t ransze nde n t ale Subjekte in Geltung sind. Die
Reduktion der Welt auf das Weltphânomen ergibt hinsichtlich meiner
Reduktion meines Menschen-Ich das ego, das als urmodales ego seine
alter ego's in offener Unendlichkeit in Geltung hat, in Geltung setzt.
Dass Andere als transzendentale erst gesetzt werden müssen, nachdem
I0 ich die Setzung ego vollzogen habe, ist selbstverständlich. Die Setzung
- ego fiihrt weiter in der Weise, dass ich zunächst die rnannigfaltigen
Akte vollzielıe und als transzendental meine in Anspruch nehme, an-
gefangen von der Setzung des Weltphänomens und all dessen, was
seine Auslegung in Einstellung der Epoche macht usw. Auch diese
I5 Setzungen sind schon später gegenüber der ersten leeren Setzung: ego.
Nun umschreibe ich die Prirnordialität ¬ die gesamte Intentiona_
lität, die mir, dem Iclı, eigen ist, als die ich aktuell oder potentiell voll-
ziehe, ieh, ihr identischer Pol; sie ist als mein Leben und was in ihm
ausschliesslich erworben ist.
20 Dazu ist zu bemerken: Iclı in der natürlichen Weltlichkeit habe
Weltbewusstsein und Selbstbewusstsein mit dem Sinn, selbst in der
Welt zu sein. „Gerichtet" bin ich nur gelegentlich auf mich, in der re-
flexiv-aktiven Selbstwahrnehınung. Aber liegt es nicht im Wesen jedes
reflexiven Aktes, dass er den geraden als vorgängig voraussetzt, dann
L5 ebenso der reflexive zweiter Stufe einen reflexiven erster Stufe usw.
Und dazu ist weiter gehörig: jeder Akt setzt voraus Affektion ; das,
worauf er hin sich richtet, ist schon im Bewusstseinsfeld, unerfasst:
das hintergriindliche Anschauliche oder Unauschauliche. Das Anschau-
liche braucht nicht wahrgenornrnen zu sein - aber als erinnert führt
30 es auf Wahrnehmung, frühere Wahrnehmung zurück; als nicht erin-
nert, aber anschaulich, führt es mittelbar auf Wahrnehmung ; das Un-
anschauliche - auch das <führt› wieder in anderer Weise auf Wahr«
nehmung, bzw. als Erinnerung.
Ferner, alle Hintergrundakte setzen früher entsprechende gerade
35 Akte voraus als in Hintergrund verwandelte. Alle reflexiven Akte Mar«
den zum Erwerb, reflexives Bewusstsein muss schon erworben sein.
Das alles ist rohe Rede: Wege der Zurückführung als Entfaltung
einer Genesis. Ich komme zurück auf ein Ich, das noch keine Reflexion
vollzogen hatte, noch kein Selbstbewusstsein als Akt, aber auch als
40 Hintergruncl Selbstbewusstsein hat, auf eine Uraffektion und eine Ur«
hyle als af-fizierende etc.
Mache ich die Abstraktion von Anderen und von allem, das durch
sie Sinn gewinnt, so gewinne ich das prinıordiale Feld. Abgestellt sind
alle darüber hinaus reichenden Vermögen. Kann ich aber Selbstbe_
45 Wusstsein haben aus einer Selbstreflexion, als „Ich ohne A.ndere"?
II

TEXTE AUS DEM ZUSAMMENHANG DER


VORBEREITUNGEN DES „SYSTEMATISCHEN WERKES"
SOMMER 1930 BIS FRÜHJAHR l93l
Nr. 6

ZUR LEHRE VON DER FREMDERFAHRUNG.


<ANSCHAULICHE UND UNANSCHAULICHE
ERFULLUNGSGESTALT DER FREMDWAI-IRNEHMUNG›
5 (August 1930)

Der Mensch in der Welt, ich selbst als Mensch in der Welt:
Das in der natiirlich-normalen Welterfahnıng gegeben und sich
bewährend. Wie ist der Mensch innerhalb der be-
ständig erfahrenen Welt als Erfahrungsobjekt
10 unter anderen gegeben? Ich, der diesen Menschen M
Erfahrende, habe mein Wahmehmungsfeld - die Welterfahrung
in Form der Erfahrung der Welt als sich mir in dieser Wahrneh-
mungsgegenwart für mich selbst darstellend, darstellend mit
dem Sinn „objektiv raumzeitliches Universum von Realitäten",
15 von denen in diesem Feld direkt wahmehmungsmässig gegeben
sind die und jene „Dinge“ und Dingzusammenhänge, darunter M.
Jedes Reale, das ich wahınehme, erfahre ich mit einem gegen-
ständlichen Sinn, von dem nur eine Seite in eigentlicher Wahr-
nehmung dargestellt ist. Im Wandel der Wahmehmung kommen
20 immer neue Seiten zu wirklicher Selbstdarstellung, im Fortgang
also lerne ich den Gegenstand immer besser kennen bzw. komme
auf früher schon Bekanntgewordenes zurück. Dabei verbleibt
identifiziert-identisch das „Allgemeine“ dieses gegenständlichen
Sinnes, das erfahrene Individuelle als solches als das, was be-
25 kannt wird und immer genauer sich bestimmt. Dem Allgemein-
sten nach ist mir dies da bekannt eben dadurch, dass ich es rnit
dem gegenständlichen Sinn, etwa Stein oder Organismus etc.,
wahmehme, und zwar als dieser Stein etc. Dem Allgemeinen
nach weiss ich, wie es sich benehmen wird, wie es aussehen muss,
30 welche Schichten von Merkmalen es zeigen muss, welche Ver-
änderungen es annehmen wird oder annehmen kann. Dieser M
82 VORBEREITUNGEN DES „SYSTEMATISCHEN WERKES" 1930-1931

<nach› seinem körperlichen Sein hat darin seinen gegenständ-


lichen Sinn, aber nur beschlossen im gegenständlichen Sinn
„Menschenleib” und „Mensch überhaupt". Wie erfahre ich, wie
nehme ich wahr diesen M hinsichtlich seiner spezifischen Mensch-
5 lichkeit ?
Ich erfahre z.B. seinen körperlichen Teil „Hand“ als Organ
Hand, als das, was M zum Tasten. zum Greifen, zum Stossen
„gebraucht", ebenso sein „Auge“ als Organ, als das, womit er
sieht, das er so und so bewegen kann, wodurch Dinge, die von
10 dieser oder jener von seinem Auge <aus› zu ziehenden Richtungs-
linie getroffen werden, ihm „,zu Gesicht kommen". Ich erfahre
in dieser Art den Menschen als in seinem Leib waltenden und
ähnlich als bei Berührung etc. von aussen her empfindenden und
die berührenden Dinge erlahrenden und von da aus Weiteres
15 und immer Neues, das zum M seinem gegenständlichen Erfah-
rungssinn nach gehört und was über ein sonstiges körperliches Sein
und körperliche Beschaffenheiten hinausgeht,
Ich frage nun: Wie weit reicht die „eigentliche“ Wahrnehmung
in Hinsicht auf dies alles, was den Menschen über das Körper-
20 liche hinaus in dem spezifischen Sinn zum Menschen macht, zu
dem, der in diesem Körper „psychisch“ waltet und in bezug
auf ihn ein ınannigfaltiges „Vermögen“ hat, der in ihm sein Organ
des psychischen Wirkens hat und des psychischen Leidens, bzw.
in ihm mannigfaltíge und doch psychisch vereinheitlichte Organe
2.5 sonderheitlichen Wirkens und Leidens hat, eines Wirkens auf die
ihn umgebenden Dinge, Realitäten, und auch auf sich selbst als
Ding der Welt, bzw. des Affiziert- werdens, des Leidens von ihnen,
wobei diese umgebenden <Dinge ›, sofem sie unmittelbar „wahr-
nehmungsmässig” von ihm betroffen werden, eben für diesen
30 Menschen in seinem jeweiligen Wahmehmungsfeld liegen, allen
voran der eigene Leib selbst, der unmittelbarst betroffen <ist›,
wodurch die äusseren Beziehungen des Wirkens und Leidens
vermittelt sind. Es handelt sich also hier zunächst um ein
„Psychopbysisches”, das Verhalten des Wirkens und Leidens des
35 M zu seiner Umwelt als von ihm selbst psychisch bewusster.
Ich, der psychologisch, anthropologisch Erfahrende und For-
schende, erfahre den M als Umwelt erfahrend, als Umwelt in
sonstigen Weisen bewusst habend, als sie erfahrend, während er
in seinem Leib in gewissen Weisen affiziert wird und in ihm aktiv
rcxr NR. s 83

wirkt, wobei sein jeweiliges vermittelndes Organ in gewissen


Weisen in räumlicher Stellung zu den betreffenden Objekten ist
USW.

Wie erfahre ich nun dieses Psychophysische des M, und zwar


5 das, was dabei erfahren ist über das Physische hinaus, das ich
seinerseits direkt, in originaler Leibhaftigkeit, wahmehme? Den
Menschen dort wahrnehmend, und Schritt für Schritt in Son-
derheit wahrnehmend, finde ich hinsichtlich des Körpers das, was
dazugehört, einzelweise wirklich und eigentlich in Sonderwahr-
10 nehmungen wahrnehmbar ist, auch die momentan unsichtbaren
Seiten. Wie steht es mit dem „Psychischen" und je nachdem
"Psychophysischen”? Der Mensch in seiner von mir erfahrenen
körperlichen Stellung sieht das Haus, das ich auch sehe, von
einer anderen Seite als ich, einer für mich jetzt nicht sichtbaren.
15 Das sage ich, weil ich es „sehe". Aber was fällt in meine eigent-
liche Wahmehrnung, wenn ich so aussage? Doch nicht des An-
deren Sehen, und Sehen der anderen Seite, bzw. jenes Hauses
in der Gegebenheitsweise als Haus von der Seite, die doch dem
M zugemeint ist, während ich dasselbe Haus als Haus von der
20 andern Seite wahrnehme. Und habe ich keine eigentliche Wahr-
nehmung, habe ich dann eine anschauliche Vergegenwartigung?
Wahrnehrnend sehe ich den Menschen M und ihn sehend „ver-
stehe"ích als Bestandstiick dieser Wahrnehmung sein Gerichtet-
sein auf jene andere Seite, sein psychisches Hinsehen etc. Ich
25 sehe nicht nur seinen Körper, sondern ich erfahre dabei seine
Körperlichkeit, seine Stellung, die seiner Augen, das Mienenspiel
des Gesichts etc., ich erfahre den körperlichen Ausdruck als
Ausdruck von einem Seelischen, ich erfahre das Körperliche
als bedeutsam und in seiner psychischen Bedeutung.
30 Es ist also ebenso wie irn Sprechen die gehörten Wortlaute
verstanden werden in ihrem Sinn, und dann auch geschrieben
nicht nur als visuelle Zeichen etc. Dieses Verstehen, wie gesagt,
ist hier nicht nur ein A.ıınex meiner Wahrnehmung des M-Kör-
pers, sondem meine Wahrnehmung von M: Solange „Wahrneh-
35 mung" den normalen Sinn behält, rnuss ich hier von Wahrneh-
mung sprechen. Ein Gegenstand, irgendein Reales heisst wahr-
,l genommen, wenn ich ihn „unmittelbar“ evident bewusst habe,
als selbstgegenwärtig, im Original vor mir, mir gegeben. Ich
nehme Menschen wahr, ich kann sie nicht erdenken als direkter
84 VORBEREITUNGEN DES „SYSTEMATISCHEN WERKES" 1930-1931

erfahren, als ihrer in ihrer selbsteigenen Gegenwart mir bewusst,


als wenn ich sie so erfahre, wie sie leiden und leben. Aber nun
merke ich, dass das „Seelenleben" des Anderen, dass überhaupt
das, was ihn zu einem Menschen und nicht einem blossen Körper
5 für mich macht, bloss „bedeutungsmässig" gegeben ist f „bloss
bedeutungsmassig", das ist, keineswegs „eigentlich“ wahrge-
nommen. Nichts vom Psychischen, weder das Psychische im
ganzen, die fremde Person, das personale Leben in irgendwel-
chen Einzelgestalten, irgendein Leiden und Tun, irgendein
lo passives Erscheinendhaben - nichts davon ist in Sonderheit
wahrgenommen.1 Kann Psychisches „wirklich“ wahrgenommen
werden? Natürlich sage ich, ja. Nur nie das des Andern, vielmehr
nur mein eigenes.
Aber noch mehr. Fremdes Psychisches kann ich mir doch
15 anschaulich machen, obschon nicht wahmehmungsmässig, so
doch in Form anschaulicher Vergegenwärtigung. Ich kann
es, aber ich muss es nicht, und im allgemeinen tue ich es auch
nicht. Ja, es ist leicht einzusehen, dass das unanschaulich-
bedeutsame Verstehen jedenfalls vorangeht dem die schon ge-
2O meinte und in der Fremdwahrnehmung fungierende Bedeutung
Anschaulich-machen. Das gilt für jede Appräsentation. i
Im wahrnehmenden Verstehen der Anderen haben wir origi-
nale Wahrnehmung, und in der Originalität sich konsequent be-
stätigende, hinsichtlich des Fremdleibes in seinen verschiedenen
25 naturalen Eigenheiten, die seitenweise selbst vortreten (frei-
lich in ihrem Selbstsein fii r mic h und nicht in dem „objektiven
Sinn"). Und im Gang dieser uroriginalen Wahrnehmung sich
wirklich durch originale Erfüllung bestätigend sind rnitverfloch-
ten „Auffassungen", „Bedeutungen“. Diese, im Fortgang der
30 „Wahrnehmung" des Anderen, haben ihren eigenen Stil des
Stimmens und Nichtstimmens, also sie laufen im ersten Fall fort
als Erfüllungen, namlich für das wirkliche Dasein des Psychisehen,
das sie „bedeuten", das aber doch nicht selbst zu originaler, zu

1 „ßna=nınng§n›s§ng" in cnμnwarııges nnıpfasenuen (appfasennen). Ann-


asene Apprasenmion kann nie ın wnkıinheı Pıasenıaunn we-den so wie diejenige
ein« Rrıeınnne ern. (s. an nr-ganze).
TEXT NR. e 85

eigentlicher Wahrnehmung kommt. Das bedarf natürlich der


Aufklärungl
Auch wenn eine Dingwahmehmung im Modus der Einstim-
migkeit fortschreitet, bestätigt sich nicht nur die auf das beson-
5 dere kommende Seitenmoment bezügliche „Bedeutung“ rnit
ihrem Eintreten, sondem das Sein des immerfort wahrgenom-
menen Dinges selbst in allen seinen ins Endlose doch nur vorbe-
deuteten Seiten. Also im beständigen Wandel des Gesamt-
horizontes und der in ihm liegenden gesamten Setzungen liegt
10 ein Erfüllungsprozess, diese Setzungen verlaufen selbst erfüllungs-
mässig, und zwar dadurch, dass die eigentliche Erfüllung (die
aber ihrerseits noch Komponenten der Leerintention hat) in
ihren beschränkten Beständen stilgemäss verläuft. Daıin wurzelt
Horizonterfüllung. Die eigentliche Erfüllung ist zugleich Er-
15 füllung der Gesamtwahrnehmung in ihrer Gesamtbedeutung.
Sie ist nicht isoliert.
Bei der Fremdwahrnehmung ist die Körperwahrnehmung
nicht isoliert, sondern nur abstraktiv herauszulösende Schichte
der ganzen Fremdwahrnehmung. Sie ist kontinuierlich be-
20 deutsam in der Weise des Ausdrucks: Die Erfüllung geht
so vonstatten, dass das jetzt Ausdrückende, darnit ein Psychisches
zur Setzung bringend, eben dadurch einen neuen Ausdruck for-
dert, also im Körperlichen eine neue Erscheinungsstruktur als
nun bedeutsam, und wenn im Körperlichen nun etwas für mich
25 orígínaliter eintritt, was dieser Fordenıng nicht gemäss ist, so
ist die Setzung aufgehoben. Die beiden Schichten greifen also in-
einander, oder die erste Appräsentation, die körpermässige, ap-
präsentiert stetig Psychisches, diese rückwärts gerichtet apprä-
sentiert stetig Körperliches.
30 Aber nun ist die Frage, ob es bei dieser Art Erfüllung, die
wir in der psychischen Schichte als leere Indikation (leere Ap-
präsentation) dachten, sein Bewenden haben kann. Wie weit
kann ein leeres Verstehen des Anderen als leere gegerıwärtigende
Setzung „aufgnınd" der Wahrnehmung des körperlichen Leibes
35 reichen? Fordert nicht alle „wirklich“ erfahrende Fremdwahr-

= zweasnnıßnfigkm an ızmıııung ner rfemawanrnennnng.


Untetschichte der Erfüllung: Pwzess und Erftlllungshurizont der blossen Körper-
wsnfnanmnng. nnnmb ist an Appempnnn, bzw. die knnfinnmırene „_
Präsentation zwemımnng.
86 VORBEREITUNGEN .DES „SYSTEMATISCHEN WERKES” l930~l93l

nehmurıg eine anschauliche Vergcgenwärtigung (die „ein-


fühlende", einverstehende)? Ist es nicht ähnlich wie bei der
wiedererinnernden Wahrnehmung? Ich sage z.B.: Ich sehe
(nach Jahren) die Stadt wieder, es sind noch die alten Strassen,
S da und dort sehe ich neue Häuser, sehe, dass die Kirche neu
restauriert ist etc. Ich nehme wahr das jetzt Gegenwärtige,
diese Strassen etc. erfahre ich als teils unverändert, teils ver-
ändert, das Wiedererkannte verweist auf früher Gesehenes in
derıı sonst wiedererkannten Zusammenhang, aber da ist ein
10 „anderes". Da laufen auch die Motivationen von der Wahrneh-
mung in die Erinnerung und von dieser zurück in die Wahrneh-
mung. Ich vollziehe aber keine wirklich anschauliche Wieder-
erinnerung, ich bleibe im Unanschaulichen. Günstigenfalls
brechen Moment-anschauungen, Bruchstücke durch.

ıs zwei Ef/fıuimgsgmaııw an Fwnzwaırmehmnag,


an „gımh Ef/aııungssıu/m sind
jedenfalls werden wir sagen müssen, Fremdwahmehmung hat
zwei Erfüllungsgestalten, die zugleich Erfüllungs-
stufen sind. In der ersten unterbleibt die Anschauung, in der
20 zweiten tritt sie zum leeren, sich im Gang bestätigenden Verste-
hen hinzu. Es ist nachzuweisen, dass diese eigenartige Verge-
genwärtigung in der Tat den Andern als Andern mir zur ur-
sprtinglichsten, zur wahrnehmungsmässigen Gegebenheit bringt,
ähnlich wie die Wiedererinnerurıg mir meine Vergangenheit als
25 Anschauung im „Wieder“ zur Gegebenheit bringt.
Dabei ist die Schichtung in der Fremdwahrnehmung, und
zwar der Wahrnehmung des anderen Ich und seines psychischen
Lebens, zu beachten und zunächst zu studieren: Der naturale
Kern, sein Leibkörper, hat eine erste Bedeutungsschicht unter
30 dem Titel „Leib als Organ“ und somit ein erstes Psychi-
sches, eben das „organisierencle", das die Leibesteile als
Organ e b eseelen de lch.1 Diese Schichte ist nun fundlerend
für das volle psychische Subjekt. Es ist das Ich, das seine Um-

1 nn; ren is« nur sn wen in dieser „schiebe“ apprasenıien nnd in. ubrigen von
dann Apprmnnnnn im inıbınimmı, obsnnqn vnn vnfnnman Andern, «name ren
nppıasenfim isn „m=1nnsgıei<.ben".
TEXT NR. 6 87

welt hat, bzw. sich auf eine, auf diese Welt bezogen weiss, in
gewissen jeweiligen Erscheinungsweisen, das sich zu ihr als per-
sonales Ich umweltlich verhält und längst verhalten hat, das
als das seine Überzeugungen, seine Gewohnheiten, seine Zwecke,
5 seine Mittel hat, das von früher her seine Erwerbe hat und auf
sie jeweils und öfters zurückkommen kann etc.
Zunächst verstehe ich den Leib als Leib und diesen in eins
mit dem Wahrnehmungsfeld, in dem der Andere leiblieh ist,
und das um diesen herum orientiert ist. Das verstehe ich von mir
10 aus und meinem Wahrnehmungsfeld, in dem jener Leib dort
die Bedeutung hat eines Analogons meines Leibes, wie wenn ich
dort stünde etc.
Darauf baut sich dann der höherstufige Sinn, d.i. den noch
unbestimmten lchsinn (über das Bestimmte der unteren
15 Schichte) nun näher bestimmend. Es ist offenbar, dass in dieser
höheren Schichte die Vorbedeutungen öfters einer „wirklichen“
Ausweisung bedürfen. Aber das muss doch genauer studiert wer-
den.

Ergänzende Ausführungen ,

20 jZn.r Wahrnehmung eines Realen derart wie ein Mensch, ein Tier
gehört als wesentliche Komponente das Mitbedeuten von Psy-
chischem, aber nicht eine anschauliche Vergegenwärtigung des-
selben. Aber was ist das des näheren für ein „Mitbe-
de ut en"? Ein Mitgegenwårtigen (Appräsentieren) soll es sein,
25 wodurch das Psychische ja mit dem Körperlichen in eins selbst
da ist. Appräsentation in der Schichte der Dingerfahrung hin-
sichtlich der Rückseite. Aber da ist der Fortgang der Erfahrung
als fortgehende Bewährung, Erfüllung der wahrnehmenden
Meinung, Erfüllung durch Sonderwahrnehmung, das Appräsen-
30 tierte verwirklicht sich durch Präsentation, es stellt sich als es
selbst dar. Hier aber gilt das nur vom Körper, nicht aber für
sein Seelisches. Was hat das aber für eine merkwürdige Weise
der Bewährung? M ist wirklich ein Mensch, der Körper verän-
dert sich körperlich in einem Änderungsstil, der immer wieder
35 Mannigfaltigkeit des A u s druck s und Einheit eines G e s amt-
ausdrucks ist, jeder neue Ausdruck stimmt mit dem vorigen,
88 VORBEREITUNGEN DES „SYSTEMATlSClIEN WERKES“ 1930-1931

die Einheit der „Bedeutung“ „menschliche Person" bleibt inne-


gehalten.
Vergleichen wir mit sprachlichen Ausdrücken.
Indem ich den Ausdruck verstehe, habe ich in gewisser Weise
5 auch eine Wahrnehmung, die Wahrnehmung dcs Wortes, des
Satzes als bedeutsamen Ausdrucks. Aber es kann eine Trugwahr-
nehmung sein. Indem ich „verdeutl.iche", sehe ich, dass die Teil-
bedeutungen nicht wirklich eine Einheit der Bedeutung ergeben.
Was kann das besagen? Die Einzelbedeutungen weisen vor, sie
10 haben Horizonte und müssen in ihrem Verlauf Erfüllungszu-
sammenhänge haben. Wie wir wissen: Ein anderes soll sein das
Verwirlclichen in der Einheit eines möglichen Urteils, das wider-
spruchslos sich Vereinigen, dasjenige, in dem die Thesen zur Ein-
heit einer Thesis zusamrnenhängen, das „Sich-denken-können"
15 in dem Sinn des „U rt eilen könne n s" (und so überhaupt
Einheit einer möglichen Stellungnahme Vollziehenkönnens);
und dann erst als Weiteres und Neues die Einheit einer Selbst-
gebung, ei.ner Evidentmachung der „Meinung", des Ausdrucks,
der ausdrücklichen Meinung: ist sie „Wahrheit“ oder „mögliche
20 Wahrheit"? 1
Da ist natürlich verschiedenes noch zu ergänzen. Ich „apperzi-
piere” ein Sínnliches „als Ausdruck“. Es kann sein, dass es „zu-
fällig" wie ein Wort, wie ein algebraisches Zeichen etc. aussieht
und ich es so mit Bedeutung verstehe. Unterschied: Ich erfasse
25 diese „Zufälligkeit", ich phantasiere mich dann hinein, es ist
dann nicht wirklich ein Wort, ein Ausdruck, sondern es ist, als
ob es ein Wort wäre. Ein Wort ist wirklich nur Wort als gespro-
chen, als geschrieben, gednıckt mit der Absicht, dass es ver-
standen wird, was dann wieder verschiedene Wandlungen an-
30 nehmen kann hinsichtlich des Intendierten. In einem Wappen
ein Wahlspnıch besagt eben: Das gehört zum Wappen dieses
Geschlechts, als Wahlspruch dereinst gestiftet und von Anderen
auf diese Situation zu beziehen. Oder Vorschrift einer Warnungs-
tafel vor Beschreiten einer Wiese oder Druck auf dem Stück Papier
35 - es ist <eine› Zeitung, also Zeitungs„nachricht" oder Unter-
haltungsanzeige etc. oder wissenschaftliche Mitteilung, Lehr-
buch etc. Die Situation wird aufgefasst, bestimmt oder bleibt

1 Die bekannte „Dıeisenieıımng"1


mxr NR. 6 89

unbestimmt, die Worte haben „denselben Sinn" für die ver-


schiedensten Situationen und den Situationssinn, aber doch
wieder den Sinn abwandelnd, z.B. wie ein Satz, den ich
ausspreche als mein Urteil, und „derselbe", den ein Anderer aus-
s spricht. Derselbe Satz als Wappenspruch, derselbe in einem Ge-
bet, in einem wirklichen und <in› einem Roman etc. Beziehung
auf wirkliche und bestimmte Personen oder auf eingebildete
oder auf die „Stadt”, die nämlich durch ihre Funktionäre den
Satz als Verordnung ausgegeben hat, und in dauernder Geltung
ıo und mit der Adresse an die voraussichtlich gelegentlich Vorüber-
gehenden etc.
Da haben denn oft die Veranschaulichungen ihre Er-
füllungsrolle zu spielen, aber inwiefem eine notwendige? Ich
verstehe etwas sofort, ich lese das Zeitungsblatt, lese weiter f
15 es organisiert sich die Einheit der zusammenhängenden Bedeu-
tung in ihren Gliederungen. Aber plötzlich vermisse ich die Deut-
lichkeit, das Verständnis ist vage geworden, ich lese die letzten
Zeilen nochmals. Nun wird es deutlich. Ich kann wiederholen
„im Belieben" und erkenne dieselbe Einheit, dieselbe Bedeutungs-
2o einheit im wiederholten Verstehen. Urteile ich mit, so ist es das-
selbe Urteil, eine und dieselbe Meinung, Überzeugung, die die
meine ist. Aber freilich kann nun fraglich werden: Ist das wahr,
ist das überhaupt möglich? Ich habe zunächst mitgeurteilt, aber
dann melden sich innere Widerstände, „es stimmt nicht mit dem
25 oder jenem früheren Urteil", das noch das meine ist. Welches ist
nun „richtig“ etc.?
Wir haben einen Wandel der „Bedeutung“ des Sinnes, der
sich auf die Situation bezieht, auf die bedeutungsbestimmende
Subjektivität etc., wobei aber die Worte in sich selbst eine
30 „Bedeutung", eine und dieselbe haben, die durch den Wandel
nicht leidet. Wir haben hier also Zweideutigkeit der Rede von
Sinn oder Bedeutung und damit auch verschiedene Richtungen
der Ausweisung, der Bewährung.
Wir haben eben verschiedene miteinander verflochtene, inein-
35 ander fundierte intentiorıale Leistungen im Zusammenhang der
Intersubjektivitât. Wo immer ichliche Intentionalität in Funk-
tion ist, haben wir Gerichtet-sein-aui, aber auch intentionale Zu-
sammenhänge und Zusammenhangshorizonte, und Bewusstseins-
leben ist immerfort ein Fortschreiten von Intention zu Erfüllung
90 VORBEREITUNGEN DES „SVSTEMATISCHEN WERKES" 19304931

in sehr verschiedenem Sinn. Wahrnehmung geht in Wahrneh-


mung über, aber dabei gehen die Vordeutungen, die Horizonte
ineinander über, in ihrer Weise ertüllend tungierend ; im einzelnen
eine Vordeutuııg der perzeptiven Vorderseite kontinuierlich in
5 perzeptive Erfüllung, in die kontinuierlich neue Seite iiber, wo-
bei in jeder Phase eigentlicher Erfüllung durch das eigentlich
„Selbst"eintretende der Perzeption sich die ganze den Horizont
befassende Perzeption erfüllt, also der Horizont jeder Phase sich
auch erfüllt - durch den_Horizont der neuen; so für das Wahr-
10 nehnıungsfeld und die Übergänge in neue Wahrnehmungstelder,
partiell unter Erhaltung derselben Dinge, aber in kontinuierlich
wechselnden Wahmehmungen. In diesen Übergängen wird nur
wenig eigentlich anschaulich, und doch, wie gesagt, liegt auch
kontinuierliche Erfüllung in den Übergängen dä u n a n s c h a u-
ı5 lich verbleibenden Sinnes, der mitgemeinten Horizonte. Kon-
kret gesprochen liegt ein beständiges Stimmen in der Kon-
tinuität der konkreten strömenden Präsenz als der strömenden
Weltpräsenz für mich. Wird da Stimmen durchbrochen in der
Form des Illusionären, so geschieht das auf dem Boden des uni-
20 versalen Stimmens, das von dieser einzelnen Unstimmigkeit nur
an einer Stelle, einer Linie gestört ist. Aber die Präsenz hat noch
„Bedeutung“ über die Präsenz hinaus. So als Wiedererkennen
mit dem Sinn „früher schon wahrgenommen gewesen", also Ver-
weis auf ein Erinnerungsfeld, das ich aktualisieren kann durch
25 ei.ne Wiedererirınerung oder durch Bedeutungen der Art wie
sprachliche Bedeutungen, überhaupt alle in der Urpräsenz sich
gesellenden „Bedeutungen".
BEILAGE ıV
ERFAHRUNG vom GEISNGEN IN DER WELT, VOR ALLEM
VON SEELISCHEM. EINFÜHLUNG ALS WAHRNEHMUNG.
BEHAVIORISMUS
5 <_]ahreswende 1930/l93l›

dnhaltsangabe: › Das Erfahren des Mensehen in seiner Indívidual-


typik und der Schichten dieser Typik. Das Geha b en (Beh avi or).
Die Gegebenheitsweisı eines Menschen im blassen Be-
h a vi o r au/geklärt als blosse „induktii/e" Indikation des Personalen
10 ( „Wahrnehmung“ 1/on Menschen, sie im Wahrnehmen ohne weiteres ver-
stehen in ihrem Tun und Treiben) ohne wirklich ein/ühlcnde
Apgäräsenlation in Fremdanschauung. Also Klärung der
doppelten Weise der „Wahrnehmung“ von A ndern, und als
bewdhrerıdı Erfahrung: Einstimmigkeit in der blossen Indikation, aber
15 höherer Begrürıdungsıııerl durch das häherstu/ige Anschaulichmachen in
der wirklichen Vergegenu/ärligung.
Problem der deskriptiven Wissenschaft, insbesondere vom Menschen.
Dies als Fundament für eine Kritik der behavioristi-
schen Psychologie.

20 Die menschliche Geistigkeit von aussen. Die Individu-


altypik eines Menschen i.n ihren Allgemeirıheitsstııien, Charaktere. Der
normale Mensch. Typen von Anomalitåten, der Individualtypus eines
Geisteskranken. Individualtypen der Normalität - innerhalb der
Gattung Mensch der normale Mensch f aber auch der Mensch über-
25 haupt.
Der Forscher, der Wissenschaftler, imbesonderen der Psychologe, als
normaler Mensch mit dem Vermögen der wissenschaftlichen Vernunft,
als íorschendes Subjekt, um alle Typen, auch die des Wissenschaftlers,
vernünftig zu beschreiben, und zwar findet er sich schon in einer For-
30 schergemeinschatt wissenschaftliche Gemeinschaftsarbeit leistend und
dadurch Theorie, Wissenschaft als Gemeinschaftswerk gewinnend.
Die Welt, in der wir uns finden, die „äussere", die rauruzeitliche.
Wir als Subjekte, die einander und unsere Welt „innerlich", bewusst-
seinsmässig intentional finden, und ihr Leben.
35 In der „Aussen"welt, i.u der Raurnzeitlichkeit, im All der raurnzeit-
lichen Realitäten Menschen. Der reale Mensch (Tier) als Körper ruit
verräurulichter, naturalisierter „Geistigkeit", mitseiend mit der phy-
sischen Körperlichkeit.
Der naturalisierte Geist. Der Leib mit demspezi.fischleib~
40 lichen Gehaben und dem darin sich bekundenden personalen weltli-
chen Gehaben. Der Mensch von aussen erfahren, der Mensch i.n seiner
organischen Natur, der Mensch im besonderen in seinem somatischen
und seinem personalen Gehaben. Die Typik dieses Gehabens, das In-
92 VORBEREITUNGEN DES „SYSTF.MATISCı1EN WERKES" W30-ıeaı

diviclualtypische. Der individuell erfahrene Mensch als dieser Mensclı


in diesem seinem Gehaben, Das Problem dieses Gehabens als Bestim-
mung des Menschen in seiner individuellen und allgemeinen typischen
Ausseı-lichkeit.
5 Das Verstehen des Gehabens. Dieser Mensch zählt, spricht
Zahlen aus, schreibt Zahlen auf der Tafel, die vor ihm steht, ein. Das
„sehen“ wir Zuschauer, wir beobachtenden Psychologen, wir sind mit
ihm gemeinsam in derselben Umwelt, in der \vir uns ebenfalls ver-
schiedentlich verhalten, und diese Tafel ist auch für uns Tafel, auf der
10 wir schreiben können etc. Wir verstehen: Das Physische seines körper-
lichen Leibes, seiner körperlichen Bewegungen, seiner körperlichen
Kausalität beim real-kausalen Geschehen in bezug auf die Tafel etc.
hat eine ausserphysische Bedeutung. Fiir mich: Ich bewege,
ich intendiere, ich erfahre meinen körperlichen Leib in gewissen Er-
l5 scheirıungsweisen und so die Tafel, meine Umwelt, ich bin aber nicht
auf das bloss subjektiv Wechselnde des Ersclieinens etc. gerichtet, son-
dem in dessen Wechsel auf das mir eríahrend~gewisse Ding, Dann aber
subjektiv gewendet: Ich bewege meine Hand etc., ich gebrauche
sie als „Orgau”. Das Bewegen als physisches Bewegen, aber zugleich
20 von mir aus dirigiert, erstrebt, abzielend. Ich erfahre den Anderen:
Physisch in der physischen Umgebung ist er da, ich bin aber auf ihn als
Menschen gerichtet, ich erfahre sein seine leiblichen Organe Gebrau-
chen, sein Abzielen auf Leistungen in seiner Umwelt, sein Handeln,
aber auch sein Überlegen, sein Zweifeln, sein Bestreben, den Zweifel
25 zu entscheiden etc, Das verstehe ich, das kann ich m.ir klar anschau-
l.ich machen, mich dabei in den Anderen „einlebend", als ob ich selbst
so täte, ich, der ich für mich das Geistige meines Gehabens wirklich er-
lebe und wirklich erfahrend betrachten kann, irı originaler Erfahrung
und Evidenz. -
30 Im Beobachten und Beschreiben der Menschen in der Welt, als wie
sie sich da von aussen darstellen und in ihrer Ausserlichkeit, in ihrem
Gehaben wiedererkannt und als Wirklichkeiten ausgewiesen werden (in
der Feststellung ihrer Allgeıneintypik und schliesslich ihrer Individual-
typik, wo der individuelle faktische Mensch in seinen Charakteren be-
35 schrieben wird), brauche ich da „Anschauung", anschauliche Klarheit
der „geistigen Bedeutungen”i' In der Erfahrung von Menschen meiner
Umwelt, die in wechselndem äusseren Gehaben vor mir als dieselben
stehen und darin verstanden werden, wird dieses Gehaben einzeln und
im ganzen verstanden in der Weise einer erfahrenden Apperzep-
40 tion: Es ist erfahrende Bekundung von tastend die Hände, sehend
die Augen Bewegen etc. als original dabei Wahrnehmen von Dingen,
die diese Person eben in der Weise kontinuierlich fortschreitender und
vielseitiger Walımehmuug als unmittelbar da und je nachdem als nä-
her und femer vor sich hat. Ferner, es ist erfahrende Bekundung von
45 darin fundierten Tätigkeiten, dass diese Person die Feder ergreift, den
Stein wirft etc., in höherer Stufe von einem umweltlich mannígfaltig
und doch einheitlich Beschàlftigtsein gemäss einheitlichen Zielen, und
uızıiacß ıv 93

zuletzt zur Einheit einer Selbsterhalturıg zusammengehörigen etc. Die-


se Menschen sind dabei evtl. wieder auf Menschen, als welche sie er-
fahren, bezogen, und die von ihnen ebenso erfahren werden als sich
leiblich bekundende etc. Diese erfahrenden Bekundungen sind als Er-
5 fahrungen Gewissheit und als Erfahrungen miteinander stimmend,
oder anomalerweise miteinander streitend, evtl. so, dass die Bekun-
dung als Scheinbekundung durchstrichen wird.
Schon in der blossen, unanschaulichen, nur anzeigenden Bekundung
stimmt das sich Bekundende oder stimmt nicht, nämlich im Gesamt-
1O zusammenhang des Ganges der bekundenden, der bloss anzeigenden
Erfahnıngen. Es ist also eine eigene Erfahruugsschichte, die
schon in sich Stimrnigkeit oder Unstimmigkeit zeigt, im Fortgang Ge-
wissheit bewährt und in Fortgeltung erhält oder Gewissheit auflıebt.
Es ist also so wie in der strömend sich einigenden Erfahrung der phy-
15 sischen Umwelt (in Sphären, wo geistige Bekurıdung ausser Spiel
bleibt). Z.B., wir wandeln dahin durch Berg und Tal, was wir sehen,
ist immer wieder Sehen in anderen Erscheinungsweisen, im Fortgang
verweisen sie aufeinander und gehen normalerweise einstimmig fort,
dasselbe wird gesehen. Und im Zusammenhang verweist es auf Neues
20 als zu Erwa.rtendes, als vorgedeutet, und das bewährt sich im allge
meinen. Evtl. aber stimmt es nicht, und ohne alle Reflexion erfolgt
Urndeutung, Korrektur unter Durchstreichung, und schon vor wirk-
licher Wahmehmung. Beschreibung der Natur nach ihrer vertrauten
Typik, nach anschaulichen Gattungen und Arten, evtl. des einzelnen
V 25 Naturobjektes in seiner Individualtypik, die immer schon im Rahmen
1 vorgebildeter Allgemeinheiten als Besonderung erfahren wird, erfolgt
auf dem Grund einer universalen Erfahrung, die als einstimmig her-
zustellende vorausgesetzt wird und als einstimmig in einem schlichten
Gang erfahrencler Betätigung unter selbstverständlicher Korrektur
30 betätigt wird ~ ohne dass an diese natürliche Erfahrungsmethode und
ihre Leistungsfähigkeit Fragen gestellt werden. Man folgt der natür-
lichen Evidenz, die in der gelingenden Einstimmigkeit liegt, Ebenso
für die geistige Sphäre. Man betrachtet die Menschen, und in ihrem
4 geistigen Gehaben folgt man der indizierenden Erfahrung und ihrer
| 35 eigenen Einstimmigkeit als einer durch gelegentliche Korrektur immer
wieder herzustellenden. Man „versteht”, und im verstehenden Auffas-
l| sen ist man gewiss verrnöge der Bewährung durch das Fortstimmen.
Kann das Erfahren von Personen, personalen Tätigkeiten, Hand-
lungen. Überlegungen etc. in der Äusserlichkeit des Gehabens
40 ganz ohne anschauliche Vergegenwärtigung der perso-
nalen Innerlichkeiten verbleiben? Wir haben einen ungeheuren Be-
reich einer so weitgehenden Vertrautheit mit dem durch einfiihlende
Indizierung Angezeigteu in der ursprünglich anschaulichen Selbstdar-
stellung in unserem eigenen Leben ~_ unserer eigenen Leibeserfahrtuıg
45 mit der Erfahrung vom selbst Walten in unseren Leibesorganeıı, un-
serem urmıittelbaren Erfahren der sich „durch“ solches Walten unter
dem Titel äusseres Erfahren selbstdarstellenden Dinge, unserem the-
Q4 VORBERIEITUNGILN DES „SYSTF.MA'l`lSCl~lli`N \ıVEltKE.S" l930¬l93l

matisch Beschäitigtsein mit diesen Dingen, unserem sie Explizieren,


unserem sie „logisch“-prädikativ Beurteilen, Theoretisieren, unserem
sie handelnd Umgestalten, die praktischen Möglichkeiten, unsere Ver-
möglichkeiten in diesem praktischen Abzielen Erwägen, unserem wie
5 theoretisch so praktisch Zweifel, Vermutlichkeiten, Fraglichkeiten
Entscheiden oder zu entscheiden Anstrehen usw. Aber auch unser mit
uns selbst vermöglicherweise Besclıäítigtsein ist uns ursprünglichst er-
fahrungsmäsaig vertraut. In dieser Sphäre haben wir auch Natur in
ihrer ursprüngliclısten Erscheinungsweise und eben in eins mit ihr un-
IO ser eigenes seelisches Sein als mit unsere rn körperlichen Leib in be-
sonderer Weise verflochten (in der Weise des sich seiner „als Organ
Bedienens" und der von da aus fundierten Beschäítigungsweisen mit
anderem Physischen als in unseren Erscheinungen primordial erfahre-
nen). Hier sind im voraus systematisch Möglichkeiten der einstimmi-
i5 gen Selbst-Mensch-Erfahrung von der wirklichen her „ursprünglich
vorgezeichnet", in ursprünglicher Gewissheit antizipiert. Das ergibt
ein Reich ursprünglichster, primordialer Apperzeption von Natur und
vom Ich her beseelter Natur im besonderen Sinn der selbsteigenen
„psychophysischen" Natur und der vom Ich, von seinem eigenen Be-
20 schätfigen her „vergeistigten" Natur. Hier ist von den Anderen ab-
stralıiert, von dem einíühlend Verstehen derselben und von dem,
was sie mir auf Grund dieses für meine Apperzeption der Welt unter
dem Titel objektive, gemeinschaftliche Welt, Welt für alle, beitragen.
Das apperzeptive Feld der Primordialität geht in die Einfühlung
25 ein. Da ist die Fr a g e, wie die einfühlende Fremdapperzeptibn dazu
kommt, als bloss unanschauliche Indizierung und doch wie eine Erfah-
rung zu fungieren. Ist denn eigentlich die einfühlende A n s c h a ul i c h-
keit das Erste, und geht erst hinterher die Anschauung, erlahmend,
verloren ?
30 Aber ist nich alle Erfahrung f als Erfahrung von Gegenständen --
„Apperzeption"? Gehört zu ihr nicht notwendig ein Bereich der „Pro-
tention" in einem weitesten Sinn (wie andererseits ein solcher der Re-
tention), eín Horizont einer angezeigten Mitgegenwart, Zukunft und
Mitzukunft etc., und zwar im Modus der Vermöglichkeit (der selbst
35 noch modale Abwandlungen hat)? Auch diese Horizonte fungieren in
der Erfahrung, und nicht erst, wenn sie anschaulich werden, was sie in
dieser Funktion doch nur tun in Form der nur in gewissen Linien ver-
laufenden Erfüllung. Das Klai-machen, das nach allen sonstigen Sinn-
richtungen möglich ist, ist eine Veranschauliclnıng, z.B. eine Vor-
40 oder Nachverbíldlichung, die, solange der Gang der Erfahrung ein-
stimmig verläuit, für die Erfahrung selbst, die einzelne und zusammen-
hängende, keine Funktion zu üben hat. Erst wenn eine Hemmung der
Eínstimmigkeitssynthesis statthat, die sich im passiven Gang der Er-
fahrung nicht von selbst wieder löst, ihr Korrekturen beibringt. wird
45 das Klarmachen der indizierten Möglichkeiten in Funktion treten.
Ist es nicht ebenso bei der Einfühlung? Solange die Indikation in-
nerhalb der ganzen Erfahrung, der psychophysischen (mit dem phy-
Bızıracıa iv 95

sischen Kern nrsprünglichster Erfahrenheit, dern Kern des Indika-


tionshorizontes), normal erfahrend fungiert und so die Einstimmigkeit
der konkreten Apperzeption sich forterhält, so lange bekräftigt sich Er-
fahrung an Erfahrung, und die Daseinsgewissheit etwa dieses Menschen
5 da, und als so und so wahrnehrnenden, sich wie immer beschäftigen-
den, aber auch wie immer gestimmtcn, gefiihlsmässig reagierenden
(verınöge der Indikationen der höheren Stufenlage), bleibt ungebro-
chen, und zwar eben als psychophysische Wahmehmung. Das geht
natürlich in die Modifikationen der Wahrnehmung, wie die Wieder-
IO erinncrung, ein. Sie „wiederholt“ die Einstimmigkeit, und auch in die-
ser wiedcrholenden Vergegenwiirtigung bedarf es keiner Veranschau-
lichung der Horizonte; sie fungieren wiedererinnerungsmässig als
„leere“ Indikationen, so w-iederholend das frühere normal fungierende
Wahrnehmen, als Wiederholung doch zugleich Vergangenheitserfah-
15 rung,
Verstehe ich einen Anderen schon als Anderen, in-ıd als handelnden,
verstehend - in dieser psychophysischen Erfahruugsweise - nun
doch nicht im besonderen, was er da eigentlich tut und aus welchen
Motiven er das tut, was er da eigentlich bezweckt oder letztlich be-
20 zweckt, so tritt auf dieser Verständnisbasis eine Hemmung ein. Sie
kann „von selbst” verschwinden im fortgehenden Zuschauen. Indem
das neu Erfahrene auf da soeben noch Erfahrene, retentional noch
Bewusste, und seinen apperzeptiven Sinn zurückwirkt, <kann› sich
ohne weiteres das gehenımte Verständnis von dieser Hemmung be-
25 freien. Evtl. treten Korrekturen ein. Der neue Horizontsinn, von sei-
nem Kern aus írı Gewissheit begründet, wirkt direkt zurück, dass die
Geltung des Friíheren, noch retentional Bewussten, und seine schon
eingetretene Hemmung (sein Zweifelhaftwerden) Durchstreichung er-
fährt, also den Charakter der Scheinhaftigkeit annimmt. Aber wo der
30 Gang weiterer Erfahrung solches nicht leistet, nicht leisten kann (z.B.,
wenn der Andere sein angefangenes Tun zeitweise unterbricht oder ich
sonst nicht abwarten kann, bis er mit seinem Tun fertig ist), kann ich
interessiert für sein Tıın und sein weiteres Absehen dabei vielleicht
l schon zur Klarheit kommen, wenn ich mich anschaulich in ihn
i
35 und seine ganze Lebenssituation einfülıle, als ob ich selbst in ihr stünde
und so motiviert wäre, wie er es in den und den Hinsichten offenbar
gemäss dem, was ich schon erfahrend weiss, ist.
Nun miissen wir aber oifenbar sagen: Die Erfahrung von Menschen
i (von Tieren, aber auch von allen objektiv geistigen Realitäten) ist zwar
40 Selbstgebung, auch wo das spezifisch Seelische und Geistige nur indi-
zierend appräsentiert ist. Aber die vollkommenere Selbstge-
bung haben wir nur, wenn diese einfilhlungsmässig erfahrenen Be-
stände der physio-psychischen und der objektiv-geistigen Realitäten
l zu „eigentlicher“ Erfahrung kommen, wenn ich also, was ich da unan-
45 schaulich mitrneine, obschon konkret in Erfahrııngsfunktion, auch
„sehe”, also seine Meinung zur Erfiillung bringe. Nun ist freilich dieses
„Sehen“ keine unmittelbare Wahmehrnung der betreffenden Seiten
96 VORBEREITUNGEN DES ,.SYSTliMATlSCl{EN WF.Rl(ES" W30-W31

des überphysischen Konkretnms. Aber die Veranschaulichung ist hier


doch eine ernstlich erfüllende, eine ursprünglich erfahrende Apprä-
sentatíon, ein Analogon der anschaulichen Wiedererinnerung, deren
intentionale Mittelbarkeit es nicht hindert, dass sie Selhstgebung von
5 Vergangenem als Wahrgenommengewesenem ist. Hier handelt es sich
um Selbstgebung von Fremdsubjektivem, das ein ursprünglich erfah-
rend zu erfassender Abwandlurıgsmodus der unmittelbaren wahrneh~
mungsmässigen Selbstgebung von meinem eigenen Subjektiven ist. So
wie ohne meine Wahmehmung keine Wiedererinnenıng möglich ist
IO als eine intentional abgewandelte Gewissheit von selbstgegebener Ver-
gangenheit, so ist ohne mein stetig wahrnehmungsmässiges Selbster›
scheinen meiner eigenen Geistigkeit für mich selbst keine Fremderfah_
rung möglich als Fremdwahrnehmung in einem modifizierten Sinn, als
ursprünglich erfüllte Appräsentation von Fremdem oder als ursprüng~
I5 lieh erfüllte Anschauung von Fremdem als Analogon meiner selbst.
Nicht einzugehen ist hier auf die auf der psychophysischen Ein_
fülilung, auf Fremderfahrung und schon vorgegebenen Menschenwelt
beruhende und viel kompliziertere Erfahnıngsart der Gegenständlich¬
keiten des objektiven Geistes. Es gilt aber auch für sie, dass sie ihren
20 vollen Erfahrungssiıın erst entfalten und eigentlich erfahrungsmässig
erst gegeben sind in einer entsprechenden A n s c h a u u n g (und zwar
erfahrenden, Seinsgewissheit konstituierenden) für die objektivierte
Geistigkeit, zu der eben auch die Beziehung auf die schon vorgege-
bene Welt als Erfahrungs~ und Betätigungsfeld von Menschen gehört.
25 Danach haben wir, und für den einfacheren Fall der psycho`physi~
schen Realitäten besprochen, eine zweistufige „Wahrneh~
mung" und Erfahrung solcher Realitäten: eine das Psy-
chische bloss im indizierenden Ausdruck im Physischen
miterfassende Erfahrung und eine vollkommener selbstha-
30 b en de und selbstausweisende durch erfüllende A p p r ä s e n t a tio n.
Das also gehört zur Erfahrung von psychophysischen Realitäten,
bzw. von Realitäten mit objektiv geistigem Sinn (unangesehen der
objektiven Geistigkeit, die in der intersubjektiven Weltlichkeit über-
haupt liegt).
35 Alle objektive Erfahnmg, Erfahrung von Weltlichem, ist nicht bloss
Erfahrung von Individuellem in der Weise, dass Allgemeinheit erst
nachkommen müsste in Form von logischer Geistigkeit (Begrifflich~
keit). Das Individuelle ist individuell, aber schon typisiert erfahren,
als Gebrauchsobjekt, als Wald, als Fluss, als Stein etc., der Mensch als
40 Mensch, das Tier als Tier, der Mensch in typischen menschlichen Eigen-
heiten etc. In gewisser Weise liegt das Allgemeine, das Klassifikato-
rische, sehon vor der Klassifikation, jedenfalls vor der begrifilichen
Fassung, und selbst die für uns normalerweise einsetzende Benennung
hat ihre Allgemeinheit der Bedeutung keineswegs schon i.n einem Lo~
45 gischen, in einem Begriff, der aus Vergleichung und identifizierender
Abhebung von Allgemeinem entspnıngen ist und darin seinen Sinn
hat.
BEILAGE iv 97

Das gilt auch für die Geistessphäre bzw. für die psyclıophysischen
etc. Realitäten und ihre umweltlich von uns erfahrenen, in expliziter
Erfahrung sich uns explizierenden Eigenschaften. Eine besondere Rolle
spielt schon in der organisch-physischen Sphäre und in einem neuen
5 und mannigfaltigeren Sinn in der spezifisch geistigen der Unterschied
der Normalität und Anomalität, Unterschiede der Vollkommenheit,
der Wahrheit, Echtheit als Vemunftnorm etc. Sie knüpfen sich an den
Typus peısonales Ichsubjekt an mit den Charaktereigenschaften, den
Begabungseigensclıaften, den Fertigkeiten usw. In der fortgehenden
10 Erfahrung sind immer schon Typenerfahrungen zugrunde liegend;
aber sie ist auch immer Neubildung von Typen verrnöge der sich immer
neu bildenden und erweitemden Horizonte der Ahnlichkeitssphären,
die jede Apperzeption sich wiederholend in Ahnlichkeit begründet,
Das ist da Fundament allgemeiner Benennung, die zugleich eine be-
l5 sondere Horizontbildung bedeutet: Iedes Reale der Umwelt hat schon
irgendeinen Namen. ist damit apperzipiert, und ist es „neuartig", so
hat es einen unbekannten Namen, Auch „ein“ Name überhaupt ist
eine typische Beschaffenheit.
Das alles unterl.iegt nun, soweit es eben geistig ist, jener äusserlich
20 indizierenden oder wirklich erfüllend selbstgebenden Erfahrung. Es ist
nun die Frage, wie deskriptive Wissenschaft in ihrer
wissenschaftlichen Begriffsbildung und Festlegung be-
schreibender Wahrheiten vorgeht oder vorzugehm hat, Erfahrung ist
Urrnethode, auf der alle Methoden ruhen. Wie muss wissenschaftliche
25 Erfahrung als wissenschaftliche Methode beschaffen sein und wie die
Methode der Deskription und dann Theorie?
Hier scheint es, nachdem unser Stück Analyse der Geisteserfahı-ung
vorangegangen ist, selbstverständlich, dass Wissenschaft aus Deskrip-
tion auf einer vollen Aııschaulichkeit, auf Herstellung der er-
30 füllenden Appıäsentationen gegfiíndet sein muss. Allerdings vollkom-
mene Anschaulichkeit, allseitige und nach allen Seiten ursprünglich
anschaulich auslegende Erfahrung ist (wie eine Analyse des Erfahrens
von Realem wesenseinsichtig macht) unmöglich. In dieser Hinsicht
untersteht deslniptive Theoretisierııng von Realem überhaupt, von
35 Realitätsgebieten der Natur und des realen Geistes (bzw. der Natur im
erweiterten Sinn der objektiven Weltlichkeit), allgemeinen Fraglich-
keiten, allgemeinen Problemen der Rechtsausweisung. Keine deslcrip-
tive Wissenschaft denkt daran, bis ins letzte zu gehen, sie setzt voraus,
dass man nicht immer weiter - ins Unendliche - gehen muss, sondern
40 dass es, um des Daseins des Realen und seines individualtypischen So-
seins oder auch eines allgemeinen empirischen Typus von Realem als
Wirklichkeit zweifellos gewiss <zu› werden und es begrifflich fixieren
zu können, einer endlichen Ausweisung in der Erfahrung und einer
darauf gegründeten logischen Begriffsbildung bedarf, mit der es trotz
45 der nicht ausschöpfenden Endlichkeit genug ist.
Von da aus ist einsichtig zu machen, dass solches Erfahren wirk-
lich unter ernstlichen Rechtfertigungsfragen steht, dass es verständ-
98 VORBEREITUNGEN DES „$YST]:`.MATlSCl^lEN VVERKES” l930¬|93l

lich werden muss, worin die Leistung der endlichen Beschränkung im


Rahmen der offenen Unendlichkeit besteht und in welchem Sinn, in
welcher „vernünftigen“ Präsumption ihr Recht hegt. Es ist klar, dass
anstelle der naiven, prinzipiell unausgelegten Erfahrungsmethode
5 ınıd Denkme-thode der positiven Vl/issensclıaiten eine systematische
Erforschung der Methode treten muss. Da Erfahrung hier die
Me t h o de is t, so muss Wesen und Leistung der Erfahrung von Rea-
lem und dann im besonderen von geistig Realem zum eigenen Thema
gemacht werden.
lO Hier müsste eine Kritik des Behaviorismus ansetzen, der im
wesentlichen an der symbolisch leeren Ausdrücklichkeít haftet und
nicht einmal eine Anschauung von der Geistigkeit systematisch her-
stellt, geschweige denn, dass er dann weitergehend die Weisen der Er-
fahrung von Geistigem systematisch zum Thema macht, also nicht
15 einmal im Rohen Betrachtungen anstellt, wie wir sie oben angestellt
haben.
1
l
l
Nr. 7

PRIMORDIALER KERN UND FREMDERFAHRUNG


ALS SCHICHTEN DER TRANSZENDENTALEN
GEGENWART 1
5 (Sommer 1930)

Wir haben bisher das Weltphänomen in der transzendentalen


Gegenwart ausschliesslich betrachtet in Hinsicht auf das, was in
ihr als wahrnehmungsmässige Weltgegenwart ge-
geben ist, und von da hätten sehr umfassende weitere Deskrip-
10 tionen auszustrahlen, welche die Raumzeitlichkeit der Welt, und
zwar im Gegebenheitsmodus der raumzeitlichen originalen Ge-
genwart betreffen.

Wmıiung von der noemalischın, onlophänomønalogischen


Døskriptícm zur naøtisch-phänomınalngischm.
15 Sølbslknnslituííon ıief Nanszendcnlalen Ich-Momuiz als
sich seıbsı „mgmn
Anstatt weiter in dieser ontischen Richtung zu gehen, über-
legen wir: Im konkreten transzendentalen Jetzt meines tran-
szendentalen Ich stellt sich als transzendentales Phänomen „die“
20 objektive Welt in Form des für mich als hie et mmc original Er-
scheinenden dar. In Form des Strömens konstituiert sich meine
transzendentale Seins- und Lebensgegenwart mit strömendem
Horizont und dadurch das „Bewusstsein“ fortdauernden (von

1 Dies« 'ren mg: im Manuskript Ausführungen, die unter dem mei an „ıeseadig
suameuaen Gegenwart" einen und tue sıgeaıuaie wsnmsıimuagsgegeswm ven
an wen snaıysiem. er ist uma gegeafib« aber von r-nıssefı dehnen abgehoben.
am den umssnısg, an am an gem Mamma-ap: liegt, susanne: 1-russerı den r„_
nau des hier vıieaefgegebeaeu -mies fuıgeaaeimsssem „nie cegeııenııeiısweise an
wen in der in-pıuaemensıen Gegenwart <isı› ıw=is«m=mig= 1) pi-imnınıe saaem
(sıs summe an an oegenwmı, 2) die Anderen und oegebenaeiıswuse an wen ama
die Anima. ßegfıff als ıi-.msmaemısn „go und der i›nmnnsuıs±". - Am. a.
ı-nsg.
IOÜ VORBEREITUNGEN DES „SYSTEMA'l`lSCHEN WERKES" 1930-1931

Vergangenheit durch die Gegenwart in die Zukunft hinein wer»


denden) Seins, des Seins im strömenden Dasein. Dieses Einheits~
bewussßein hat aber seine Verschlossenheit, es enthüllt sich,
wieder innerhalb der strömenden Selbstgegenwart, in selbstge-
5 genwärtigen Vergegenwärtigungen und insbesondere mittels
eines darin bewusst werdenden und im „immer wieder" in ver-
schiedenen Weisen zu vollziehenden „ich kann". Hier ist eine
Richtung schwieriger Analysen und Deskriptionen zu verfolgen;
sie betreffen die Weise, wie sich in der strömenden Gegenwart
10 durch solche Verınöglichkeiten von Vergegenwärtigungen tran-
szendentale Vergangenheit und Zukunft als seiender „Erlebnis"-
strom ursprünglich herausstellt, zu evidenter Selbstgegebenheit
kommt als Strom, so dass die Worte Gegenwart, Vergangenheit
etc. eine Typik in einer strömenden Relativität andeutenl Und
15 weiter ist zu zeigen, wie sich in dieser strömenden Relativität
durchgehende Einheit einer immanenten Zeit konstituiert, der
gemäss z.B. in Evidenz jeweils zu erschauen ist ein und dasselbe
Vergangene im beständigen Wandel der relativen und immer wie~
der neu gewandelten Vergangenheiten bzw. Erinnerungsmodi.
20 Ähnliches gilt hinsichtlich der Konstitution des transzenden-
talen Phänomens Welt hinsichtlich der in ihr beschlossenen
Weltzeitlichkeit auf Grund der im immanentzeitlichen Strömen
der Gegebenheitsweisen der phänomenalen Weltgegenwart sich
nicht nur konstituierenden Weltgegenwart selbst, sondem auch
25 der Weltvergangenheit und Weltzukunft und schliesslich der sich
konstituierenden Weltzeit, die im Wandel der Relativitäten des
für mich Gegenwärtigen, Vergıngenen und Kiinftigen eine syn-
thetische Identitätsform bezeichnet.

Methadisøhes: Rechenschaft über das Vorgehen von der Epaché ıın

30 Das natürliche Vorgehen, das hätte wohl vorangestellt sein


müssen, kann wohl kein anderes sein als dies, dass wir irn Aus-
gang von der Welt als Phänomen, das konkret immer gegeben,

› Diese seıbseenmuııung aıs Evidenz ae: seıbsıgegebenmı, an Emm der sms.


menaen Gegenwart, aan“ des sem des Ich in den gwıfigcen Møaauıam. des Le-
bens, des Seins des Stromes der Erlebnisse in ihren Zeítmodalitäten, diese Selbst-
wohnung ist „much Leistung der pnanomenoıegeenen Refıexson des mama-
aemıen zmıımıs.
'rızxr NR. 7 l0l

aber noch nicht ausgelegt ist, nach ihrer transzendental-ästlıe-


tisch allgemeinsten ontologischen Struktur fragen und von da
nach ihren transzendentalen Gegebenheitsmodis, den Erschei~
nungsweisen zurückfragen. Wir kommen auf immer neue Gege-
5 benheitsweisen-von, auf immer neue Weisen der Synthesis des-
selben in verschiedenen Gegebenheitsweisen, und alle sind tran-
szendentale Vorkommnisse des transzendentalen Ich.1
Aber nun ist noch ein neuer fundamentaler Unterschied anzu~
fiihren,2 und zunächst wieder in der t r ansze nd en talen
10 Gegenwart und innerhalb des transzendentalen Wahmeh›
mungsfeldes von der Welt, der für mich orígínalíter erscheinen-
den. Als transzendentales Ich habe ich als weltliches Phänomen
mich als Menschen, und es gehört mit zu jedem mundanen Wahr-
nehmungsfeld. Was immer fiir mich an Dingen, an Realitäten
15 da ist, orígínaliter gegeben, ich bin als Mensch bei allem mit da«
bei, ich gehöre als mundanes Wahmehmungsphänomen selbst
mit zu jedem mundanen Wahrnelırrıungsphänomen. Natürlich
betrifft alles, was angedeutet worden ist an transzendentalen
Analysen und Deskriptionen, in seiner Weise, in entsprechend
20 durchzutiílırender Besonderung auch mich als Menschen. Ziehen
wir nun andere Menschen als fiir uns im Weltphänomen
wahrnehmungsrnässig gegebene in Betracht, so fällt uns ein
grundwesentlicher Unterschied auf in der Art, wie Bestände von
Weltlichem transzendental als .,erschei.nende" zur Gegebenheit
25 kommen, und zwar zu originaler Gegebenheit für mich, das
transzendentale Ich. Auch der andere Mensch ist nur nach einer
„Seite“ ofíginaliter gegeben, wie alles Reale. Aber es besteht der
unüberbrückbare Unterschied zwischen I) Realitäten, die im
Übergang von Seiten zu neuen Seiten und in der Aktivität des aus«
30 weisenden, das I-Iorizontmässige zur eigentlich erfahrenden Gege-
benheit bringenden Ich wesensmässig schliesslich alle Seiten, d.i.
alle ihnen zuzumeinenden und zugemeinten Bestimmungen zu
Tage bringen, und 2) Realitäten, bei denen es „Seiten“ gibt, die

1 aber um bedarf es eıu« Auaeıuug der Bueıu-iuıınıug des uuumuaeuısıeu zu-


Wuauers, des ıeu, das aus wuıpususmeu („wuıı uu wie der cegeb=un=:†swefiseu"›
ausgelegt nme _ einer nehmen auf „Bewussısetusıeı›eu", das uuusıeudeueaı kon»
suuuefeuae Leneu, um-ıu uns weiıpuauuuwu, an wen iu mem wie sufimeua bu-
wussı wua, im Ummuı ae erıebeus, sowie ami ıugıncıı auf aus ımusmuımua-
erlebeude Ich du kcrnstilıılerenden Aktivitäten und Pasivitäteu.
1 ru an ersıuu, uoeunescıwuuseııeu meuıuug.
102 VORBERXZITUNGEN DES „SYSTEMATISCHEN WERKES" 1930-193!

prinzipiell nicht in wirklicher, in eigentlichster Originalität gege-


ben scin können, Das betrifft das „Scelcnlcben" (das seelische Sein
mit lch, ichlichen Vermögen und Erlebnissen) der „Anderen",
Menschen und Tiere, die ich wahrnehmungsmässig als selbstge-
5 genwärtigc und dann in Vcrgegcnwärtigungen als vergangene
in meinem Erfnhrungsfeld habe. Dic körperlichen Leiber und so
alle Körper dcs Wahrnehmungsfeldes sind hinsichtlich ihrer kör-
perlichen Merkmale im Wahrnehmungsfeld seitcnweise gegeben
derart, dass die jeweilige Seite in ihren Merkmalen originalíter,
10 wirklich wahrnchmungsmässig gegeben ist und im Fortgang von
Seiten zu neuen Seiten schliesslich jedes der körperlichen Merk-
male, der dem Körper eigenwesentlichen, zur wahrnehmungs-
mässigen Gegebenheit kommen kann. M.a,W., der jeder Seiten-
gegebcnheit als einer rein walımehmungsmässigen anhaítcnde
15 Horizont verweist auf einen rein wahrnehmungsmässigen Zu-
sammenhang, wir werden von Wahrnehmung zu Wahrnehmung
gewiesen. Jede Vergegenwärtigung hat hier die Bedeutung eines
Wahrgenommcnhabens, eines Wahrgenommen-sein-werdens, ei-
ner möglichen Wahrnehmung, einer mir, meinem transzenden-
20 talen Feld zugehörigen. Aber jede Seite, in der die Körperlich-
keit eines anderen Menschen gegeben ist, und jede synthetische
Seitenkontinuität, in <der› sie synthetisch und immer reicher
gegeben ist, führt beständig noch einen anderen Horizont mit
sich, dessen Verwirklichung auf Vergcgcnwärtigungen, aber Ver-
75 gegenwärtigungen grundwesentlich neuer Art führt, nämlich
solche, die im Wahrnehmungsfcld, im Fortgang der Strömung
der Gegenwart prinzipiell nie zu direkten Wahrnehmungen wer-
den können oder friiher Wahrnehmungen gewesen waren (d.i.
den Charakter von Erinnerungen haben können).

30 I) Die Kemschichte des pvímorıiial Er/ahfbarm in meiner


lrımsxendøntalen Gegenwart, 2) die weltlichen Bestände,
die „uf durch am/ühıung „/uma” sind
Hier tut sich im Ausgang vom transzendentalen Phänomen
Welt eine fundamentale Scheidung auf. Die für das transzenden-
35 tale Ich erfahrene und erfahrbare Welt, transzendental betrach-
tet rein als solche, hat eine kontinuierliche in wirklicher und
möglicher Erfahrung zu durchlaufende K e r n s c h i c h t e von
mundanen Merkmalen, die als wirklich und eigentlich erfahrbare,
'rı~;x'ı' NR, 7 103

d.i. nach allen eigenwesentlichen Merkmalen, die dieser Schichte


zugehören, sei es wahrgenommen oder wahrnehmbar oder wahr-
genommen gewesen oder wahrnehmbar gewesen usw. <ist ›, und
zwar für mich, das transzendentale Ich, also in der transzen-
5 dentalen Einstellung betrachtet. Demgegenüber hat das als
weltlich Erfahrene, wir lassen offen, ob durchgängig oder
nur im einzelnen, noch eine Schichte von eigenwesentlichen
Beständen, die verwirklicht in meinem Eríahrungsíeld auf
Vergegenwärtigungen führen, die zwar als solche in gewisser
10 Weise auch mögliche Wahrnehmungen in sich tragen, aber
solche eines wahrnehmenden Ich, das nicht ich selbst bin,
sondern eines anderen Ich, In meinem immanenten Erfahrungs-
íeld treten diese Vergegenwärtigungen als meine Erlebnisse auf,
und als Erfahrungen von Fremdseelischem derart, dass sie Wahr-
15 nehmungen vergegenwärtigen als solche, die mit meinen jetzt
wirklichen Wahrnehmungen simultan koexistieren, aber eben
Wahrnehmungen eines Anderen sind, d.i., so mir mit dem Charak-
ter der Seinsgewissheit transzendental gegeben sind. Und in wei-
terer Folge habe ich Vergegenwärtigungen in meinem transzen-
2O dentalen Feld, die Vergegenwärtigungen von Erinnerungen, aber
nicht von meinen Erinnerungen, sondern von Erinnerungen des
anderen Ich sind, usw. Auch Phantasien, die in meinem Feld auf-
treten als Vergegenwärtigungen von Wahrnehmungen-als-ob (als
ab ich räumlich Reales sehen und hören würde, als ob ich mich
25 dabei so und so verhalten würde, als ob, was da als Geschehenes
auftritt, wirklich wäre) haben in meiner Sphäre mögliche Paral-
lelen in Erfahrungen von Phantasien, die nicht meine Phanta-
sien, sondern erfahrende Vergegenwärtigungen von Phantasien
des Anderen sind, oder auch in Phantasien, in denen ich, fremde
30 Subjekte phantasierend, deren Erlebnisse und darin wieder deren
Phantasieren mir einbilde usw.
Es ist vorauszusehen, dass ich als transzendentales Ich auch
was der Titel anderer Mensch oder auch Tier befasst, und so die
Sozialitåten und die aus Gemeinschaítsbetätigımg entspringen-
35 den weltlichen Gebilde, in transzendentaler Reduktion mir zu-
eignen kann, dass ich daran nicht nur nach den dabei spielenden
Körperlichkeiten, sondern auch hinsichtlich des Geistigen ein
Reich transzendentaler Feststellungen machen kann. Aber ohne
darauf einzugehen, setzen wir nur die Scheidung voran und wei-
lO4 VORBEREITUNGEN DES „SYSTEl\íATlSCi¬lEN WERKES" l930¬l93!

sen darauf hin, dass sich im Reich möglicher transzendentaler


Erfahrung und Deskription ein allgemeiner Schnitt machen lässt,
der durch das transzendentale Phänomen Welt hindurchgeht.
Für dieses Phänomen besagte er doch folgendes: Die Welt, rein
5 als Welt der Erfahrung transzendental betrachtet, tritt alsbald
mit der Epoche auf als meine, des transzendental eingestellten
Ich. Dieses Ich und sein „Ich enthalte mich" ist das erste transzen_
dental Setıbare für dieses Ich selbst, und so sind auch alle
transzendentalen Gegebenheitsweisen der Welt, die wirklichen
10 und möglichen, die in ihrer Einheit jenes Weltphänomen aus-
machen, das von meiner Epoche unabtrennbar ist, ein tran-
szendental Meiniges, eben von diesem Ich und dem „Ich enthalte
mich von" als dem erst Setzbaren und von nun ab in bleibender
Seinsgeltung mir transzendental Verbleibenden unabtrennbar.
15 Hier gibt es natürlich kein anderes Ich, nur im Weltphänomen
das Phänomen anderer Mensch (und ich selbst als Mensch), das
aber als transzendentales Phänomen hier „mein“ Phänomen
ist, zum Kreis dessen gehörig, was, mindestens gleich hier zu An-
fang, als von mir, dem transzendentalen Ich, untrennbar gegeben
20 ist.
So sind nun, wie die passiv verlaufenden mundanen und tran-
szendental gefassten Gegebenheiten, so auch die aktiv und in
„meinen“ Vennögen verlaufenden bzw. all die zugehörigen Wei-
sen des Ich-kann und Ich-tue, die eigentlichen Wahmehmungen
25 von, die Seiten von, die Perspektiven von usw., die ihnen an-
hängenden Horizonte, die diese auslegenden Vergegenwärtigun-
gen usw. die meinen (des transzendentalen ego), bzw. meine
„intentionalen Erlebnisse", nur eben stets transzendental ge-
fasst. Demnach soll z.B. unter dem Titel erscheinendes Ding
30 oder erscheinende Seite dieses Dinges u. dgl. nicht in natür-
licher Weise das Sein des Dinges oder der betreffenden sichtba-
ren Momente des Dinges zur Setzung kommen. In dieser Weise
ist natürlich auch jeder Mensch als Erfahrungsweltbestand mein
wirkliches und mögliches transzendentales Phänomen. Ein an-
35deres Ich als transzendentaler Anderer, ein zweites transzen-
dentales Ich, das hat hier noch keinen verständlichen Sinn.
Jetzt bin ich das einzige transzendentale Ich, und
alles, was ich als transzendentales Ich gegeben habe, ist mein
„Er1ebnis”, d.i. Inhalt meines Erlebens, meines Bewussthabens,
'rnxr NR. 1 105

es ist meiner transzendentalen Gesamtgegenwart zugehörig,


durch ihre jeweiligen Vergegenwärtigungserlebnisse hindurch
gesetzt als transzendental Vergangenes oder Zukünftiges usw.
Die Phänomene von Mundanem sind irn konstituierenden Be-
5 wusstseinsleben Bewusstes, „Vermeintes" als solches, von dem
strömenden Bewusstseinsleben unabtrennbar, unabtrennbar als
dessen gegenständlicher Sinn, und dann jeweils notwendig als
gegenständlicher Sinn im Wie der noematischen Erscheinungs-
weisen im Fortgang synthetisch identifiziert in kontinuierlichen
10 und diskreten Synthesen, die selbst synthetische Erlebnisver-
bindungen sind und das synthetisch Idcntische als gegenständ-
; lichen Sinn in sich tragen.
i Was ich als transzendentales Ich gegeben habe, worauf ich
l den Blick richten kann, ist aber einerseits die eingeklam-
15 merte Welt, das Weltphänomen, darin die jeweils einzeln mir
gegebenen mundanen Phänomene, die Dinge, Menschen etc. in
ihren jeweiligen Gegebenheitsweisen. Andererseits, indem
ich noetische Reflexion übe, finde ich die Ursphäre der konstitu-
tiven Zeitigung, den Strom meiner Bewusstseinsweisen und der
20 ichlichen Modi der Aktivität, in denen alles mundan Reale und
die Mannigfaltigkeit seiner Erscheinungsweisen in ständigem
Strömen zustande kommt. sich „konstituiert". Das transzenden-
tal konstituierende Leben des transzendentalen Ich, worin sich
für es die ständig für es bewusste Welt im Wandel der jeweilig-
25 keit konstituiert und in weiterer Reflexion auch dieses konsti-
tuierende Leben selbst sich für das Ich als sein transzendentales
Leben konstituiert, ist die letzte Konkretion, in der alles als
seiend Setzbare beschlossen ist. Dies ist das absolut konkrete
noetische Leben, das allerlebende, in dem das jeweils Bewusste,
30 als seiend Gesetzte „Erlebnis“ ist.
Überlegen wir nun, was die Schichtung in der transzendentalen
Gegebenheitsweise der Welt, also im Weltphänomen (dem von
mir unabtrennbaren) besagt, auf die uns die Scheidung von lch-
Mensch und anderer Mensch aufmerksam machen kann.
35 Wo in der Welterfahrung andere Menschen und Menschliches
jeder Art im Erfahrungssinn, und in unmittelbarer Wahrneh-
mung, auftreten, im Bestand des Weltlichen (welches als blosses
Phänomen, nicht als schlechthin Seiendes gesetzt ist, sondem als
transzendentaler „Seinssinn“ zur Erfassung kommt), da ist im
106 VORBEREITUNGEN DES ..5VS'l`EMA'1`lSCliEN VVERKES" 19304931

Wahrnehmungssinn des Anderen, im wahrgenommenen Men-


schen als solchen, offenbar eine Schichtung: Nur dcr menschliche
Körper, nicht sein Psychisches ist eigentlich wahrnehmungs-
mässig gegeben und kann je so gegeben sein, wieselır trotzdem
5 auch der konkrete Mensch, sofern er leiblieh wahrnehmbar ist
und sein Seelísches als „mitgegen\värtig" für ınich ursprünglich
zur Erfahrung kommt, als wahrgenommen bezeichnet wird, und
sogar in einem guten Sinn. Also wir haben als Unterschichte, wo
immer Animalisch~We1tliches erfahren ist, notwendig eine Sin-
ıo nesschichte, die direkt wahmehmbar ist und die synthetische
Einheit ist von ihrerseiß direkt wahrnehmungsmässigen Ge-
gebenheitsweisen. Eben dadurch hat diese Unterschichte das
Ausgezeichnete, dass sie von dem transzendentalen Ich, das als
das an sich erste Transzendentale nach dcr Epoché auftritt (als
15 in ständiger apodiktischer Identität und absoluter Originalität
gegeben), unabtrennbar ist. Es sind meine Wahrnehmungen, mein
strömendes wahrnehrnend Bewussthaben, meine Wahrneh-
mungssynthesen, Von ihnen unabtrennbar ist der ihnen selbst
einwohnende, sich in strömender Synthesis aufbauende Wahr-
20 nehmungssinn, also sie sind von dem transzendental wahrneh-
menden Ich, dem einzigen bisher transzendental Seienden, un-
abtrennbar. Das überträgt sich auf alle Vergegenwärtigungen der
Art Wiedererinnerung. Das jetzige (seinerseits wahmehmungs~
mässig gegebene) Bewusstsein des mundan „wahrgenommen Ge«
25 wesenen" ist nicht nur mein jetziges Bewusstsein, sondern es ist
darin gesetzt und transzendental zu setzen mein Wahrgenom~
menhaben. und so für alle ähnlichen Vergegenwärtigungen. Aber
nicht so steht es für die fundierte Schichte, für die neuartigen
Vergegenwärtignngen, die zum Bestand der Erfahrung von an»
30 deren Menschen gehören, durch die nämlich das Fremdpsychische
für mich i.n eins mit dem fremden Leib da ist (Einfiihlung). Diese
Erfahrung vom Fremdpsychischen ist zwar mein intentionales
Erlebnis, aber es ist eine Vergegenwärtigung, die nicht meine
Erinnerung, Rückerinnerung, Vorerinnerung u. dgl. ist, was sie
35 vergegenwârtigt, ist nicht in meinem Wahmehmungsfeld, es ist
ein Wahrnehmen und ein Wahrgenommenes in einem gewissen
Wie, es ist ein Erinnern, ein Erwarten, ein mögliches Erfahren
mit <ei.nem› entsprechenden Wahrnehmungssinn vergegenwär-
tigt, aber ein solches, das nicht das meines identischen Ich ist,
TEXT N1« 7 107

das als das eines Anderen erfahren ist, als des es erlebenden Ich.
Von diesem Anderen, wenn er ist, ist dieses Erleben, gesetzt,
dass es ist, untrennbar, es wäre nur möglich als zu seinem Ich
gehörig. Aber wie immer es mit meiner transzendentalen Set-
5 zung eines anderen Ich und seiner Icberlebnisse stehen mag, je-
denfalls zunächstl habe ich mich selbst aríginalílrr und <als > tran-
szendentales Ich in Seinsgeltung und zu ihm gehörig einen ge-
schlossenen Kreis ıneiner intentionalen Erlebnisse und der ihnen
unabtrennbar zugehörigen Vermeintheiten. Dazu ist zu rechnen
I0 der Gesamtbestand der eigentlichen Wahrnehmungsgegeben-
heiten von Weltlichem, also des Weltlichen in der Grundschicht.
Natürlich aber auch alle die Vergegenwärtigungen, durch die
in meiner Welterfahrung sich für mich die geistige Welt als die-
jenige, die für mich Erfahrungssinn hat im Gesamtbestand der
15 für mich erfahrbaren Welt, konstituiert.
Ich kann überhaupt sagen: Vom ersten Ich-bin und „Ich iíbe
Epoche" aus eröffnet sich ein offen endloses Reich des mir
Ei genen, und dieses Reich ist das Universum des für mich im
ersten und eigentlichsten Sinn Wahrgenommenen
20 und Wahrnehmbaren, in weiterer Folge, des durch ursprüng-
liche Abwandlungen meiner Wahrnehmungen mir Zu-
gänglichenfi Ich selbst, meine strömende Gegenwart rnit all
ihren Beständen ist wahrnehmungsmässig, und zwar transzen-
dental gegeben, also transzendental beurteilbar. Ebenso ist die
25 in ihr sich in gegenwärtigen Wiedererinnerungen und vor allem
in Tätigkeiten der Wiedererinnerung für mich konstituierende
offen endlose Vergangenheit hieher gehörig, es sind eben ur-
sprüngliche Abwandlungen meiner wirklichen und möglichen
Wahrnehmungen usw. In gewisser Weise kann ich diese ur-
30 sprünglichen Abwandlungen als Bereich möglicher und evident
rechtmässiger transzendentaler Setzungen im erweiterten Sinn
Wahrnehmungen nennen, Wahrnehmungen meiner transzenden-
talen Vergangenheit, meiner transzendentalen Zukunft (obschon

› Das „ıunm›s±" besagt nicht semicıı sms: und eine im sgmsgsıı-mg van
Anderen, sus sis: als ein zweites, cssqndgngs mmmaıs. wir sıeııen nur isst, dass
das pnmuraıııg ich una sgi“ origami-piimoraisıss wir-micnes um-1 mögliches Bewusst-
sßmsısbsn gm. sm Erstes is: als immerfort am ssınsgsıumg du Anagfgn funaimmı
in ihrer magıiuısn Einiunıungsflısımmg und ßswaımmg.
= nam. ıisgn wenn ich man sem auf ass waıımexımungsmässıge mıuıiere,
gewinne sus mms pnmmınıe mnsıeıaenıaıe Gegenwart. vgı. s. 102 if.
108 vonnßnızırunoizn ons „svsrr.MA'riscn›-::< wi«:RKıas" mo-ıeaı

mit einem Spielraum von Zukunitsmöglichkeiten) usw. Eine


besondere Sphäre von Wahrnehmungen sind die weltbezogenen,
die mundanen Wahrnehmungen, die transzendental reduziert
auf Zusammenhänge meiner transzendentalen Erlebnisse führen,
5 aber solcher, dic einen transzendenten gegenständlichen Seins-
sinn in sich tragen, der rein als solcher der betreffenden transzen-
dentalen Erlebnisse und Erlebnissynthesen von ihnen untrenn-
bar ist und als ihr transzendentaler Sinn in Mitgeltung ist, wäh-
rend die Setzung (Seinsgeltung) geradehin, die natürliche, unter-
10 bleiben muss. Es ist hier offenbar anders wie hinsichtlich meiner
vergangenen transzendentalen Erlebnisse, etwa eines vergange-
nen Ichaktes, den als Transzendentales ich geradehin setzen
kann, ohne ihn als bloss Vermeintes sei.ner Vergegenwärtigungen
zu setzen.
15 Die Reduktion der Welterfahrung auf die reine mundane
Wahrnehmungssphäre und ihr Derivat - auf die „reine“ Welt-
erfahrung,1 und zwar innerhalb der transzendentalen Reduktion
der Erfahrungswelt überhaupt, nennen wir die Reduktion auf
das primordiale Weltphänomen als Grundschichte des tran-
20 szendentalen Weltphäncımens überhaupt.
Damit bestimmt sich ein Gnındbegriff des transzendentalen
ego. Wir befassen damit das transzendentale Ich und alles von
ihm aus seiner eigenen Konstitution Unabtrennbare. Das tran-
szendentale Ich ist der Identitätspol, auf den alle „seine" (die
25 ihm eigenen, von ihm konstitutiv unabtrennbaren) Vermögen,
seine Akte, seine passiven Erlebnisse, seine Intentionalitäten,
seine intentionalen Vermeintheiten (die gegenständlichen Sinne),
die Seinscharaktere in diesen Sinnen, aber auch die Wertcharak-
tere usw. <bezogen sind›. Dahin gehören die vemıeinten Anderen
30 als solche, die psychischen Erlebnisse der Anderen als Vermeínt-
heiten meines meinenden Erlebnisses, nicht aber sie selbst in
ihrem eigenen Sein. Der Andere ist nicht bloss Seinssinn, den ich
in meiner konstitutiven Leistung gebildet, in Geltung gesetzt
habe, nicht bloss Geltender aus meinem Gelten mit einem Sinn-
35 gehalt, der mir entstammt und mir eigen ist. Die egologische
Sphäre ist die durch ursprüngliche Wahrnehmung transzenden-
tal zugängliche und zu theoretisierende Sphäre. Der Theoretisie-

1 Abu dann ıısissı eben wsııu-ısnnuıg pıimmüsıs Ermınmg.


'rsxr NR. 7 109

rende bin ich selbst, das transzendentale ego, und die Theorie ist
Theorie aus mir und fiir mich, sie hat keine „Objektivität", keine
Adresse an eine Menschengemeinschaft, wie wenn ich als Mensch
positive Wissenschaft treibe. Als transzendentales Ich besinne
5 ich mich über mich und das mir Eigene. Ich vollziehe diese Be-
sinnung und mache für mich zunächst beschreibende, der schlich-
ten Selbstevidenz sich anpassende Aussagen, und das ist schon
„'l`heorie", schon Wissenschaft. Ich urteile und begründc diese
Urteile als evidente Wahrheiten _ Wahrheiten von mir heraus-
ıo gestellt und für mich, und nur mein Eigenes betreffend. Diese
transzendentale Egolo gie ist die an sich erste Phänomenolo-
gie, sie ist bewusst „solipsistisch”, aber sie erweist sich als das
fundamentale Gebiet der Phänomenologie überhaupt, der sehr
viel weiter reichenden, der schliesslich alle im echten Sinn so zu
15 nennende Philosophie umspannenden.
Eine Erweiterung der egologischen Phänomenologie wäre
offenbar dann denkbar und notwendig, wenn ich, das Ich der
Epoche, mich im Fortgang davon überzeugen könnte, dass bei
der transzendentalen Reduktion des anderen Menschen sein
1 20 Ich und das ihm Eigene transzendental ebenso für mich notwen-
dig geltend und ausweisbar setzbar ist wie in der transzendenta-
len Reduktion meines eigenen menschlichen Daseins mein eige-
nes seelisches Sein und Leben, nämlich in der Reduktion dessel-

l ben auf mein transzendentales ego und mein transzendentales


25 Sein, worin dann mein Leib sich in ein transzendentales Phän0~
men in mir verwandelt. Insbesondere, wenn sich zeigen würde,
dass die transzendentale Betrachtung der Vergegenwärtigungen,
in denen fremdes Ich und Ichleben zur Erfahrung kommt, in
Hinsicht auf das Setzbare gleichzustellen ist wie die transzen-
30 dentale Betrachtung der Wiedererinnerungen und ähnlicher Ver-
gegenwärtigungen, in denen ich mich in meiner strömenden Ge-
genwart auf mein nichtgegenwärtíges Sein erfahrend zurück-

l beziehe.1 Es würde dann die Rede sein müssen vom transzen-


dentalen Ich gegenüber transzendentalen Anderen, in weite-
35 rer Folge die Rede sei.n von transzendentalen Ichgemeinschaften,
und es würden schliesslich alle Weltbestände, die in ihrem natür-

1 Das uansısnasaıaxs Reduktion der ızinfuhıung ist also nicht wirxıieıı amn-
gsfinın wurden.

l
110 \'0Rm2Rı5ıTUNGI2r~.' DES ,.SYSTEM.«1'ıscHEN vvEı<ı\'ı-ıs" msofısaı

lichen Sinn auf menschliches Denken, Fühlen, Wollen, Handeln


zuriickweisen, als menschliche Leistungen, die der menschlichen
Umwelt einen geistigen Sinn geben, einen durchgängigen tran-
szendentalen Gehalt ergeben, der das Reich der transzendentalen
5 Seinssphäre ausserordentlich erweitern würde.
Schliesslich hat jedes Weltobjekt, auch jeder bloss materielle
Körper in der Welt als „Objekt“ den Sinn von etwas, das für
jedemıann da ist, für jedermann erfahrbar und auch durch Re~
kurs auf die Erfahrung Anderer bewährbar. Darin liegt, dass
10 jedes Objekt auf die Gemeinschaft der miteinander Lebenden,
miteinander Erfalırenden bezogen ist, also auch im Übergang
in die transzendentale Einstellung mit diesem Sinn zum Phäno-
men wird. So hat die Welt einen durchgängig geistigen Sinn,
der, wenn den Menschen transzendentale Subjekte durch tiefer-
15 dringende transzendentale Reduktion zuzuordnen sind, also auch
dem menschlichen gemeinschaftlichen Sein und Lehen, selbst
transzendentale Bedeutung erhalten muss.1
Die Methode der primordialen Reduktion kann danach offen-
bar auch so inszeniert werden, dass man die Erfahrungswelt als
20 solche, als Phänomen, nach all dem ihr zugemeinten, dem ihr für
uns selbst zugehörigen Seinssinn befragt, welcher Menschensub-
jekte und ihr menschliches Leben voraussetzt. Indem man nun
zeigt, dass Welt einen Sinneskern hat, der „reine Erfahrung" ist,
nämlich keine Fremderfahrung voraussetzt, reduziert man damit
75 auf die transzendentale Primordialitêit.

1 Da Welt für mich den intersubjektiven Sinn hat, so muss das Wellphänomen
notwendig auf die transzendentale Geltung der Anderen im Mcınadenall zurück-
führen.
Nr, 8

<DAS TRANSZENDENTALE PROBLEM, WIE FÜR


MICH TRANSZENDENTALE ANDERE SIND›
(Dezember 1930)

5 Überlege ich als „Zuschauer", sei es auch nur ganz im allge-


meinen, wie ich als Mensch mit Anderen in Kommunikation
stehe und was meine einfühlende Erfahrung von ihnen und
ihren Bewusstseinsweisen von der Welt erfasst, aber auch ver-
wertet, so bemerke ich, dass dieses Verwerten nicht nur darin
10 besteht, dass ich erfahre oder gewiss werde, dass sie sie haben
und dass ihnen Welt und das jeweilige einzelne Weltliche als
seiend gilt, sondern auch darin, dass dieses ihr Gelten auch
mir gilt, soweit wechselseitige Einstimmigkeit objektiver
Meinungen reicht und jedenfalls mit„verrechnet” wird unter
15 den Titeln Sein, als für uns und jedermann Einstimmigsein,
und Schein. Vermöge der Erfahrungsgeltung, die ich in mei-
nem Bewusstseinsleben den Anderen erteile, kommuniziert mein
und dä fremde Bewusstseinsleben und kommt zu einer Synthe-
sis, durch die für mich zur Gewissheit kommt, dass wir eine und
20 dieselbe Welt als seiende haben, und zwar unter sich stützenden
und tragenden Bewusstseinsgeltungen und mit sich wechselsei-
tig ergänzenden objektiven Beständen. Ohne das weiter zu ver-
folgen durch die Mittelbarkeiten, in denen Andere für mich sind
und ebenso fiir mich fungieren als Andere der Anderen usw., er»
25 gibt sich schon ein Merkwiirdiges für die transzendentale Sphäre.
Mein transzendentales Leben ist das aus der Epoche ins Tran-
szendentale sich „reinigende", das absolute Leben. Meine Anderen
sind für mich durch Einfühlung, die rein gefasst zu diesem mei-
nem Leben rnitgehört. Die daıín in einer gewissen intentionalen
30 Mittelbarkeit erfahrenen Anderen sind andere Ichsubjekte, dem
Allgemeinsten nach also mir gleichend, Subjekte mannigfaltigen
] 12 VORBILREITUNGEN DES „SYSTliMA`l`ISCHEN WF.RKE$" 1930-W31

Bewusstseins, wahrnehınenden, erinnerndcn, erwartenden, phan-


tasierenden, íühlend-wertcnden, wollendcn usw., und es ist auch
mannigíaltiges Bewusstsein von Weltlichem, das in ähnlichen
Erscheinungsweisen erscheint wie mir usw.
5 Wenn ich nun mein Bewusstseinsleben aus der „Unreinheit",
„Naivität" und Beschränkung herzıushebe (Beschränkung, in-
sofern die in der Weltvoraussetzung liegende universale Apper-
zeption nicht thematisch wird und das Psychische immer nur als
Seelisches, als im vorgegebenen Leib seiendes oder in ihm walten-
10 des, betrachtet wird, während das universale vorgebende Leben
unenthüllt bleibt), so wird es zu meinem, des transzendentalen
lch, wirklichen Leben. Und das im transzendental gefassten Ein-
íühlen erfasste fremde Sein und Leben - was wird daraus? Uber-
trägt sich nicht meine „Reinigung“ an meinen menschlichen Er-
lslebnissen auf die anderen Menschen meines Weltphânomens?
Ich habe als Mensch universale Reflexion übend mich selbst und
die mitseienden Anderen in der Welt (der ständig selbstverständ-
lich vorgegebenen). Aber ich weiss auch, dass diese Welt ihren
besonderen und jeweiligen Seinssinn für mich (allen Realitäts-
20 gehalt, in dem sie mir gilt) nicht nur hat aus meinen eigenen Er-
fahrungen und Erkenntnissen, sondem hat aus meiner Kommuni-
kation mit den Anderen, die dieselbe Welt auch nur als die ihre
haben (und zwar für mich als die ihre haben) dadurch, dass sie
als ihrerseits mit mir verkehrend für Sein und Sosein der Welt
25 mir zu Dank verpflichtet sind.
Wenn ich nun mich transzendental reduziere und Weltsein
zum Phänomen wird, sagt das nicht, dass ich die mir geltende
Welt inhibiere und damit all das inhibiere, was die Anderen
durch ihr Bewusstseinsleben und bewusstseinsmässiges Gelten
30 zu meiner Welt beitragen? Das tun sie, indem ich in meinem Be-
wusstsein von der Welt diese in den Bestimmungen mitmeine,
die durch einfühlungsmässige Erfahrung der Anderen und Mit-
gelten ihrer Geltungen erwachsen sind, Die Anderen haben auch
für das Dasein meiner Welt rnitzureden, meiner Welt, d.h, der
35 Welt mit all dem Realitätsgehalt, Gehalt an mundan Seienden,
in dem Welt für mich diese ist, als der sie in i.hrer relativen
Besonderheit und Bestimmtheit m.ir gilt. Ich muss ja gelegent-
lich meine Meinungen von Weltlichem und selbst Weiterfah-
rungen durch die Anderen korrigieren. Das kann auch mich
TEXT NR, e 113

selbst betreffen, ich kann mich iiber mich nach Seele und Leib
täuschen, und sie können mich belehren. Aber über mein Sein
im letzten Sinn, mein transzendentales, können sie mich nicht
belehren, das geht dem Sein der für mich seienden Welt voraus
5 und geht auch voraus dem Sein oder Nichtsein der Anderen, dic
ich erfahre. Das Ausser-Spiel-setzen der Welt kann nicht mich
ausser Spiel setzen. In jenem Ausser-Spiel~setzen liegt das Ausser-
Spiel-setzen der bestimmten Anderen und der Bewusstseinswei-
sen der Anderen als mir geltende Inhalte für Weltsein, oder das
I0 Ausser-Spiel-setzen anderer Ichsubjekte als für meine inhaltlich
bestimmte Welt mitkonstituierende ist mitvollzogen durch die
Epoché.1
Wenn ich aber echte Epoche, die der universalen Weltapper-
zeption als Boden aller einzelnen Thematik, durchführe, besagt
15 das dann auch das Ausscr›Spiel-setzen der Anderen überhaupt?
Wenn ich die Anderen ebenfalls als Träger einer Weltapperzep-
tion ~ der vor aller Bestimmtheit vorgegebenen Welt erkenne
und wenn ich die Weltapperzeption der Anderen, in die sieh alle
Sonderapperzeptioncn derselben eintragenz (so wie bei mir, ich
20 apperzipiere sie ja als mcinesgleichen), fiir mich ausser Geltung
setze, so wandle ich sie doch in transzendentale Subjekte, d.h.,
diese Epoche hebt die Bewusstseinsweisen der Anderen und sie
selbst rıicht auf, sonderıı lässt sie als dasjenige Leben der Anderen
bestehen, als in welchem für sie und für mich mit Welt ist. Fiir
25 mich sind sie transzendentale Subjekte, die eines transzendenta-
len Lebens, nur dass sie nicht in sich selbst durch die Methode
der transzendentalen Reduktion ihrer selbst als solcher Subjekte
innegeworden sind. Dass für sie die Möglichkeit besteht, es zu
tun, das erkenne ich übrigens leieht in meiner Sphäre. Aber wie
30 steht es mit dem Für-mich-sein der transzendentalen Anderen,
die doch bei dem notwendigen Ausgang von der natürlichen Ein-
stellung zunächst als meinc Menschengenossen auftreten? Wie

1 x-ısıssı „weir ausssf spisı ssrm" sovisı wie, nıss, was ich einısıweise ns wsu-
ıisııss in Gswissıseır mus, was isn in meinen Rsniıacssrfsm-ungen erfahre una bs»
warm ers., ausser spin sms": nana ssgıs als nsaukıimn miss von as; weır
kann isn animieren, nur nicht meins Meinungen, mms Erfahrungen, mens Aus,
durch die ich wen sıs diese ss ısssıimmrs wen issue. Aıı means csıumgsn von ass
wsıx, als mamngfsıfigsn besummenasn rnıısıısgsıumgsn sind eingskısmmsn, aber
die wem sie ist nur iıııssıııını-universal in Frage gsssııı.
2 Das Fsıgsnas bis sum Baue ass .usssms mit Bısıstm gestrichen. - Am,
a. Hısg.
114 \'ORBERElTUNGl'lN DES „SYSTEMATISCHEN \\'ERKF.S" l930-l93I

steht es mit dem durch meine Einfühlung erschlossenen kom«


munikativen Bewıısstseinsleben, in seiner von mir her zugleich
erschlossenen Wechselseitigkeit und Geltungsverbundenlıeit?
Ist es transzendental, in Reinheit von Weltgeltung zu setzen,
5 von mir aus als seíendes der für mich seienden transzendentalen
Anderen zu erkennen?
Die Welt ist für mich die, roh gesprochen, in mir vermeinte
(auch Ausweisen ist danach ein Meinen), aber vermeint als durch
Andere hindurch vermeinte, auch von ihnen Seinssinn empfan~
10 gend. Wie ich als Subjekt des Meinens dem Gemeinten vorgehe,
und zwar der von mir vemıeinten Welt, so gehen in eins damit
auch die Anderen als von mir vermeinte Mithelter im Weltmei-
nen, als Mittıäger des Sinnes, den ich von Welt habe, dem Sein
dieser Welt vorher. Also wie ich für mich transzendental allem
I5 Weltlichen voran bin, so müssen auch meine Anderen transzen-
dental allem Weltlichen, bzw. der Welt irn Sein vorangehen. Für
mich sind sie aus meiner Einfühlung selbst als von mir Gemeintes,
sich Bewàlhrendes. Ich bin also transzendental der erste, ihrem
Sein für mich gehe ich im Für-mich¬sein vorher. Nun werde ich
20 doch sagen müssen, das Sein der Anderen für mich als vorausge›
setzt dafiir, dass ich transzendentalıß Subjekt bin tür eine -sich
in meinem Bewusstseinsleben konsequent bewährende Welt,
kann nicht im Sein der Welt und von Weltlichem begründet sein,
da das Sein der Welt für mich der Anderen bedarf. Es muss also
25 von meinem transzendentalen Ich und von meinem bewusst»
seinsmässigen Sein aus ein transzendentaler Weg zu den Anderen
als transzendentalen Anderen führen und zur transzendentalen
Vergemeinschaftung, deren synthetischer Gehalt für mich und
dann für meine Anderen Welt als seiende bewusst macht und
30 bewährt.
Das transzendentale Problem, wie für mich so etwas wie seien-
de Welt zu Seins~ und Soseinsgeltung kommt, durch welche Be›
wusstseinsleistungen und -vermögen sie diesen Sinn für mich ge-
winnt, in dem sie für mich ist und so ist, fülırt auf das transzen-
35 dentale Problem, wie für mich transzendentale Andere seiend
und soseiencl sind, das ist, wie sie für mich als transzendentale
Ich sind ohne Mitgeltung der Apperzeption, wodurch sie für
mich in der Welt sind. Bin ich Subjekt, das sich als Menschen
in der Welt vorfindet, sich als das apperzipiert und in dieser Ap›
'tııxr Nu. 2 115

perzeption lebend „die“ Welt und sich in der Welt in einstimmi-


ger Bewährung erfahren kann, so bin ich wesensnotwendig f
wenn Welt intersubjektiven Sinn haben soll 7 transzendentales
Ich in einer von mir aus sich transzendental erschliessenden
5 transzendentalen Wirgemeinschaft, die in einer Gemeinschaft
des transzendentalen Bewusstseinslebens lebt, das eine gemein-
same Welt für alle konstituiert.
Das ist nun eine Argumentation und nicht eine wirkliche Auf-
weísung, die die Wesenszusammenlıänge wirklich zeigt und daher
10 wirkliches Verständnis herstellt. Die Aufgabe der Transzenden-
talphilosophie ist nicht, argumentierend Überzeugungen zu
schaffen, die bloss Vorüberzeugungen bleiben würden, sondem
das Reich des Transzendentalen systematisch in systematischer
Erfahrung und Erfahrnngstheorie zur Erkenntnis zu bringen.
15 Welchen Weg sehen wir nun vorgezeichnet? Transzendental
habe ich - in der Epoche - nichts anderes als mich selbst als
mein Bewusstseinsdasein, als nächst Zugängliches mein Bewusst-
seinsleben als Strom meines passiven und aktiven Bewusstha-
bens - und das, was darin oder von da aus in der transzenden-
20 talen Einstellung seine Seinsgeltung und Seinsbewährung erhält,
natürlich als durch die Epoche nicht betroffene Geltung. Ich
sagte schon, ich habe ein Sein vor den Anderen; sollten Andere
als transzendentale Ichsubjekte von mir aus transzendental zu-
gänglich sein, so gehe ich mit meinem eigenen Sein vorher, und
25 die Zugänglichkeit würde besagen, mir selbst eigenes Bewusst-
sein vollzieht als Anderen eine transzendente, eben mein Eigen-
sein überschreitende Setzung, ein über mich Hinausmeinen, das
duch zu Bewährung kommen kann - transzendental. Seiendes
muss sich letztlich durch Erfahrung bewähren. Es muss also eine
30 mich transzendierende Erfahrung, die von Anderem, geben, und
das kann offenbar nur sein die transzendental reduzierte Ein-
fühlung. Als mein Erleben ist sie zu mir gehörig, wie sie Tran-
szendenz zustande bringt, mag uns noch viel beschäftigen. Zu-
nächst, wenn ich doch eigenes und fremdes Sein gegenüberstelle,
35 eigenes und fremdes transzendentales Leben, und schon die
Möglichkeit im Auge habe, dass Frerndes zu meiner Erfahrung
kommt und in mir als erfahrungsmässig Seiendes auftritt, aber
als Nicht-Ich, so fragt es sich, wie transzendentale Selbsterfah-
rung als Erfahrung von dem mir transzendental Eigenen gegen-
l 16 VOKBEREITUNGEN DES „SYS"l`EMATlSCl¬lEN WBRKES" W30-l93l

über den Erfahrungen von Anderen und überhaupt Transzen-


dentem zu charakterisieren ist. Da alle Erfahrungen der letzte-
ren Art zunächst doch als meine Erlebnisse sind und in den Be-
reich des Selbsteigenen gehören, so versuche ich den Umkreis der
5 Eigenheit und der i.hr entsprechenden Selbsterfahrung zu kenn-
zeichnen. Selbsterfahrung ist gegenüber aller Erfahrung von mir
gegenüber Anderem in einer gewissen Weise unmittelbar, da ja
das Andere erfahren ist in meinem Erfahren, das in mir ist als
das an sich Frühere. Aber was für Unmittelbarkeit ist das? Es
10 gibt doch hinsichtlich meiner Eigenheit auch Unterschiede der
Unmittelbarkeit und Mittelbarkeit.

ßı-:ır.A<;E v
<r›svcr-roroc-ıscrrrz uno TRANSZENDENTALE
r~:rNı=ür-rLUNc›
15 <Aníang dreissiger ]ahre›

1) Als psychologische Einfühlung, als Verstehen eines um-


weltlichen Körpers von einem gewissen vertrauten Typus als tierischen
Körper, als Rochen, als Menschen. Indem ich den Menschen vor mir
sehe, kann ich seine empirische (umweltliche) Körperlichkeit für sich
20 betrachten und sie als „Ausdruck", als apperzeptive Anzeige, als „Ap-
präsentation" der menschlichen Person mit ihrem personalen Leben
erfassen, Diese Appräsentation, dies Erfahren in der Form: da ist ein
Körper des vertrauten Typus, und in ihm ist das „Mitdasein" einer
menschlichen „Seele“ in Gewissheit angezeigt, hält sich in der
25 allgemeinen Vorgegebenheit der Welt.
2) Die transzendentale „Einíühlung", von der primordial
konstituierten Leiblichkeit und Natur aus die „Appräsentation" der
fremden transzendentalen Pri.mord.ial.ität leistend, ist eine Struk-
tur der Konstitution, durch die Vorgegebenheit der Welt und
30 personales Dasein in der Welt, personale Akte der psychologischen
Einfühlung überhaupt erst möglich werden. Der psychologische Akt,
die psychologische Apperzeption, in der Seele als Seele eines körper-
lichen Leibes bewusst wird, das ist eine ganz andere Appräsentation
als die, wodurch ein in meiner Primordialität vorgegebener primordi-
35 aler Körper zum Umsehlagspunkt für die „Appräsentation" einer
fremden Primordialítät eines fremden Ich und Ichlebens wird,
wodurch wir eine gemeinsame Natur, eine gemeinsame Welt und uns
selbst darin und als Wir konstituieren.
Nr, 9

<PRlMORDIALE REDUKTION (ABSTRAKTION)


AUF MEINE ERFAHRUNGSWELT, ZUNÃCHST AUF
MEINE WAHRNEHMUNGSWELT. PRÄSENTATION
5 UND APPRÄSENTATION.› ZUR BESSEREN
KLÄRUNG DES BEGRIFFS DER PRIMORDIALITÄT
(wohl Dezember 1930)

Ich als die vorgegebene Welt in natürlicher Geltung habend.


In der Epoche: ich als den natürlichen Geltungsvollzug ausser
10 Spiel setzend, durch den mir die Welt zum Seinsboden des na-
türlichen Als-Menschen-mich-findens und Als-Mensch-lebens ist,
zur Prämisse für alle Urteile, zum Vorurteil, das sie alle vor-
aussetzen. i
Mein Interesse in der Epoché: das eigene Sein als die Welt
15 beständig, bewusstseinsmässig als seiend Erleben und in dieser
seienden Welt als Mensch Leben - das Sein der Welt ausserthe-
matisch, korrelativ diese Vorgegebenheit und in der vorgege-
benen Welt Leben als Phänomen, es ist dasselbe in seiner Art wie
vorher, und doch, der Vollzug der Geltungen ist durch Enthal-
20 tung modifiziert. Zwar gebe ich die Existenz der Welt nicht preis,
ich mache aber keinen Gebrauch von ihr; ich mache mein Welt-
bewusstsein und den Zusammenhang seiner Geltung zum Thema:
Ich-bin und mein Leben, worin Welt zur geltenden, seienden, für
mich wird, und bin in Setzung als seiend, ohne dass die Welt als
25 seiend vorausgesetzt ist. Nun untersuche ich, wie mein Welt-in-
Geltung-haben, mein Welt-leben, Menschen-leben aussieht und
im Phänomen wie da bleibende Geltung für mich aus meinen
eigenen Quellen zustande kommt, wie stufenweise für mich blei-
bende Geltung neue gründet, für mich Seiendes auf schon für
30 mich Seiendes, bis ich die Welthabe voll erreicht habe, voll ver-
ständlich gemacht habe.
HH VORBEREITUNGEN DES „SVS'l`li.\lATlSCHEN WERKE5" 1930-l93I

Nun kann ich doppelt vorgehen. Ich bleibe dabei, ausschliess-


lich mein transzendentales Sein und Leben zu beschreiben, ich
beschreibe die Erfahrungen, die Bewâihrungen, die Evidenzen
verschiedener Stufe, die Modalisierungen der Gewissheit, die
5 Durchstreichungen, Korrekturen etc., od e r ich kann es auch als
ein nachfolgendes Zweites nehmen, ich mache schrittweise die
Geltungen mit und habe so schrittweise ihr Seiendes, auch als
bleibende Kenntnis.
Dann werde ich meiıı Thema erweitem und komme wieder
10 dazu, die Welt als seiend zu setzen.
Das in verschiedener Weise. Ich frage zuerst, wie ist der
allgemeine Stil meines ganzen Weltlebens, wie verbleibt er,
wenn ich überhaupt weltmeinendes, welterfahrendes, welt-
lebendes Ich bin, (Es kommt nicht genau an auf meine genaue
15 Welterinnerung, wie immer sie schwanken mag, ich mag sie sogar
beliebig abwandeln und mir denken, dass es in der Welt ganz an-
ders vonstatten gegangen wäre, dass andere Dinge wirklich ge-
wesen wären etc. Ich mag also die Welt abwandeln, verbleibt da-
bei nur ihre Identität als Welt überhaupt und so Ich als sie be-
20 wussthabendes, er-innemdes etc., so ergibt das einen gewissen
Bewusstseins- und Geltungsstil, ich habe eine Wesensstruktur
der Welt als einer Welt überhaupt (ontologisch) und korrelativ
den <Stil› meines Weltlebens.)
Ich erweitere dieses Thema, d.i., ich setze in Geltung, was sich
25 in meiner Weltkonstitution als Nicht-Ich und schliesslich als
Welt bietet. Aber nun kann ich mich sozusagen von der schon
wirklich betätigten bzw. zum Stil der Welthabe gehörigen allge-
meinen Geltungsstruktur tragen lassen; dann komme ich zum
Verständnis, wie vermöge dieses Stils für mich immerzu Einheit
30 eirıer vorgegebenen seienden Welt zustande kommt, also diese
Welt schlechthin für mich ist und ich in ihr als Mensch bin.
Betrachten wir nun die Erfahrungen, die zur Welterfahrung
gehören und die übrigens durch ihre äussere Horizonthaftigkeit
selbst Modi der Welterfahrung sind, und betrachten wir des
35 näheren Wahrnehmungen (Gegenwartserfahrung), so finden wir,
dass sie zwar alle natürlich appräsentierend sind, dass aber Un-
terschiede in der Appräsentation hinsichtlich vermöglicher Be-
währung durch Präsentation bestehen (physische Dinge - Wahr-
nehmung Anderer etc.).
rcxr" NR. 9 l 19

Aber kann man so ohne weiteres anfangen? Die transzenden-


tale Besinnung beginnt mit der Epoche hinsichtlich der nıir gel-
tenden Welt - der Welt in ihrer Allzeitlichkeit, so wie sie mir in
meiner transzendentalen Gegenwart als gegenwärtige, in meiner
5 Vergangenheit als vergangene etc. gilt, gegolten hat etc. Die
Welt ist durch mein ganzes, von mir zu überschauendes transzen-
dentales Bewusstseinslebcn (Leben in meinen Wachheitsperio-
den) mir bewusst als erfahrene, als gegenwärtig wahrgenommene,
als in meiner Erinnerung erinnerte, d.i. wahrgenommen gewesene
10 und so künftig wahrgenommen sein werdende. Aber ich habe
noch über diese Erfahrungsgewissheit hinaus noch weltbezogene
Gewissheiten. So habe ich ein vielfältiges Wissen von der Welt,
das ich der Erfahrung Anderer und dann wieder ebenso dem Wis-
sen Anderer durch Übernahme verdanke. Vieles von der inter-
l5 subjektiven Wissenschaft Herrührende bestimmt die für mich
seiende Welt mit. Nun so überlegend sage ich mir, dass hier doch
Geltungsfunclierungen vorliegen. Die Anderen, die bestimmten
(oder eine unbestimmte oder unbekannte Mannigfaltigkeit An-
derer wie im <Fall› der Tradition oder im Fall der Wissenschaft),
20 müssen für mich schon in Geltung sein als seiende, damit ich mit
ihnen geistig verbunden <seín› und von ihnen übemehmen kann.
Ich überlege weiter, dass, was ich in einem nicht-erfahrenden,
etwa einem eigenen logischen Denken der Welt zumcine, doch in
seiner Begründung schon erfahrendes voraussetzt, und nur, was
25 an weltlichen Bestimmungen oder vermeinten Gegenständen
seinsmässig beg-ründbar ist, gehört wirklich der Welt zu. Doch
will ich selbst das nicht etwa vorurteilsmässig voraussetzen, aber
es mag mich motivieren, zunächst eine Reduktion der für mich
seienden Welt auf die Welt, rein sofern sie Welt der Erfahrung
30 ist, vorzunehmen, und zwar meiner Erfahrung, in der wie sonsti-
ges Weltliches andere Menschen erfahren sind.
Freilich bemerke ich, dass wenn ich die in der Erfahrung der
Anderen miterfahrenen Erfahrungen der Andem als mitgeltende
in Rechnung ziehe, ich auch die Frage abstellen kann auf die
35 in der allgemein intersubjektiven Erfahrung erfahrene Welt, wie
sie rein als Erfahrungswelt zu beschreiben sei, und zwar als die
mir geltende und alles, was mir von der Welt gilt, fundierend.
Aber wenn ich so anfange, so komme ich doch darauf zurück mir
zu sagen: Die Welt, die durch mein ganzes transzendentales Le-
12O VORBEREITUNGEN DES „SYSTEMATISCIIIZN WERKES" 1930-1931

ben die von mir in der Mannigfaltigkeit der in diesem Leben be-
schlossenen Gegebenheitsweisen der Welt eben als die eine und
selbe Welt gemeinte war und ist und voraussichtlich als künftige
ist, ist in fundierender Stufe oder Schichte universale intersub-
5 jektive Erfahnıngswelt; aber diese Schichte geltender Welt ist
selbst fundiert in dem, was von ihr in meine eigene universale
Erfahrung fällt. Das führt also zurück auf meine Vermeinte
Welt als wie sie meine Erfahrungswelt oder, wie wir auch
sagen können, die Welt meiner Wahrnehmungen, meiner
10 gegenwärtigen Wahrnehmungen, meiner vergangenen und künf-
tigen Wahrnehmungen ist. Ich habe also eine gewisse reduk-
tive Epoche zu vollziehen, ich reduziere die mir konkret gel-
tende Welt, die eine meines ganzen überschaubaren transzen-
dentalen Lebens, abstraktiv auf meine Wahrnehmungswelt, was
15 ich von der Welt, der durch mein Leben hindurch bei allem Wech-
sel der Erfahrungen und Meinungen von ihr einen und selben,
wirklich wahrgenommen <habe›.
Ich werde wohl voraus mein transzendentales Selbstsein in
einer ersten grundlegenden Weise schon ausgelegt haben, wie
20 das notwendig ist. Ich bin in der Epoche zwar Subjekt für die
Welt, aber auch Subjekt für mich, der ich Bewusstseinssubjekt
für die Welt bin, und mich selbst als transzendental Setzbares
erforsche ich zuerst insoweit, dass ich die vermeinte Welt noch
ausser näherer Untersuchung belasse und mich in meiner allge-
zšmeinsten Struktur auslege als identischcs Ich eines Bewusst-
seinslebens, in Positionen, die teils und in einer universalen (all-
heitliehen) Geschlossenheit Welt zur Setzung bringen, und als
nun ja transzendentales Ich auch transzendental-immanente
Setzungen; dass ich, mich transzendental auslegend, mein im-
30 manentes Leben als immanent zeitliches finde oder vielmehr sich
zeitigendes; dass ich bin in Form einer strömerıd lebendigen Ge-
genwart, irı weleher sich durch gegenwärtige Erinnerungen Ver-
gangenheit, vergangene Gegenwart zeitigt usw, Ich bin für mich
ganz ursprünglich als selbstwahmehmendes (selbstgegenwärti-
35 gendes), ich kann mich selbst aktuell kennenlernen, weil ich
schon passiv in originaler Selbstgegenwärtigung bin und von da
affiziert auf mich aktuell hinselıen und mich in meinen originalen
Eigenheiten erfassen kann etc.
Es ist dann irn Übergang zu den „transzendenten", den welt-
rızxr NRJ; l2l

lichen Erfahrungen die weltliche Zeitigung zu kontrastieren mit


der transzendental-immanenten Selbstzeitigung, weltliche Ge-
genwart in immanenter Gegenwart wahrnehmungsmässig gege-
ben, also in der immanent gegenwärtig seienden äusseren Wahr-
5 nehmung wahrgenommen das weltlich Gegenwärtige etc.
Ich reduziere die Welt, die fiir mich die geltende ist, auf das,
<was› von ihr „in meine Wahrnehmung fällt", und wenn diese
Welt zu meinem ganzen, zu überschauenden Leben in dessen und
in ihren Zeitmodis gehört, also in jeder immanenten Phase Wahr-
io nehmungswelt ist [wahrgenommen gewesen, jetzt aktuell wahr-
genommen, wahrgenommen sein werdencl) und so auch im gan-
zen als Wahrnehmungswelt zu bezeichnen ist und in abstmclo
und im prägnanten Sinn dieser Rede von Wahrnelunungswelt
rein nach den Wahnıehmurıgsbeständen genommen werden
15 kann, so erfordert es doch die Methode, sich irgendeine imma-
nente Gegenwart, etwa die jetzt aktuelle, als lebendige Gegen-
wart, als strömend-verströmend-kommend seiende, nach dem zu
befragen, was in ihr als aktuelle Wahrnehmungswelt (in nb-
smıcio) sich bietet. Das wäre also ein weiterer noch verengen-
20 derer Abbau. Doch blicken wir dabei auf das Wesensmäßsige,
das dann eo ípso gemeinsam ist als invariante Fonrn fürlalle
vergangenen und künftigen wahmehmungsmässigen Weltgegen-
warten.
Meine Weltgegenwart, und so eine jede erdenkliche, ist in
25 meiner immanenten Gegenwart vermeint als Gegenwart ihrer
Vergangenheit, aus ihr hervorgeworden, wie andererseits als die
einer Zukunft als aus ihr hervorwerdende. Innerhalb meiner im-
manenten Gegenwart habe ich einen „Horizont", einen doppelten,
und zwar einer Mitmeinung, einer positionalerı, der sich nicht nur
30 auf mein transzendental Immanentes nach Vergangenheit und
Zukunft bezieht (wodurch diese beständig für mich ist als mit-
seiend mit meiner immanenten wahrnehmungsmässigen Gegen-
wart). Dieser Horizont ist im allgemeinen ein „dunkler", un-
enthtillter, unexplizierter, aber es treten in meiner immanenten
35 Gegenwart gelegentlich teils passiv, teils im bewusstseinsmässi-
gen Ich-kann und Ich-tue Wiedererinnerungen und Vorerinne-
rungen auf, letztere als Vorschauungen oder Vorverbild-
lichungerı des Künftigen. Dasselbe gilt hinsichtlich der in
meiner immanenten Gegenwart bewusst werdenden Weltgegen-
]22 VORl3EREl'l`UNGl~ZN DES „SYSTEMATISCHEN WERKES" l930-l93l

wart hinsichtlich ihrer Gegebenheitsweise als seiende, welche


weltliche Vergangenheit und Zukunft als mitseiend in ihrer
Setzung hat.
Damit kreuzt sich in gewisser Weise eine anders gerichtete
5 Hoıizontsetzung. Jede Weltgegenwart hat einen Horizont der
Mitgegenwart. Nehme ich die Weltgegenwart rein als wahr-
nehmungsmåssige, so finde ich zunächst ein jeweiliges Wahr-
nehmungsfeld in dem besonderen Sinn einer Mannigfaltigkeit
von einzelnen Realitäten, deren jede für sich betrachtet eine
10 in dieser Gegenwart wahrnehmungsmåssig (also im Modus
originaler Selbsterseheinung) erscheinende ist. In der Lebendig-
keit der immanenten Gegenwart als einer strömend seienden
erhält sich diese Mannigfaltigkeit nicht identisch, insofern
schon wahrgenommenes Reales aus der Wahrnehmung entschwin-
l5 det und anderes noch nicht wahrgenommenes „in die Wahrneh-
mung tritt". Aber das Entschwundene gilt noch mit, es ist noch
Mitgegenwart und nicht bloss Vergangenheit, und das noch nicht
Eintretende gilt schon im voraus, sofern es nicht nur als Künftig-
seiendes, sondern als nur immanent-künftig in die Wahmehmung
20 Tretendes gilt. Und nun sehen wir überhaupt, das jeweilige spezi-
fische weltliche Wahrnehmungsfeld ist nicht ein in sich selb-
ständiger Seinssinn in der wahmehmungsmässigen Gegenwart;
was da im einzelnen und als Gesamtgruppe in Seinsgeltung ist
(positional gegeben), ist ein Bereich von einzeln oder gruppen-
25 mässig original Erscheinendem, das einen Horizont von mitge-
genwärtigem Realen unabtrennbar mit sich führt. Wir können
auch sagen: Ich habe jeweils eine Gesamtwahrnehmung, die
meiner vollen wahrnehmungsmässigen Weltgegenwart, und in-
nerhalb dieser haben wir als spezifisches und eigentliches Wahr-
30 nehmungsfeld einen Bereich von wirklich original wahrgenom-
menen Realitäten und darüber hinaus einen Bereich (obschon
einen offenen und inhaltlich unbestirumten) von Mitwahrge-
nommenem, wahrnehmungsmassig rnitgegenwärtigen, aber nicht
in eigentlicher Selbstgebung verwirklichten Realitäten.
35 Zur näheren Charakteristik dieser Sachlage und des Sinnes
der Redeweise, die sich bald noch besser rechtfertigen wird,
weisen wir darauf hin, dass zu jeder Weltgegenwart, die ich durch
Wahmehmungsfeld und Mitgegenwartshorizont gegeben habe,
mein Leib unweigerlich gehört, und zwar immerfort als „Zen-
rızxr Nu. 2 123

trum" des eigentlichen Wahrnehmungsfeldes, also als immerfort


eigentlich wahrgenommener und in eigentümlicher „Funk-
tion". Das „Wahrnehmungsfeld" verstehen wir nicht bloss als
den Bereieh der Realitäten, mit denen ich als weltlich Gegen-
5 wärtiger aktiv, aufmerksam, selbsttätig erfassend und betrach-
tend beschäftigt bin, sondern die in der Weise originaler Selbst-
erscheinung fiir mich jeweils gegenwärtig sind, so dass ich auf
sie nach Belieben hinsehen, mich damit betrachtend beschäfti-
gen kann, aus welchen theoretischen oder praktischen Gründen
lo immer.
Beachten wir dieses Ich-kann, bzw. Ich-tue, das sehr we-
sentlich für die jetzige Deskription in Frage kommt, und zwar
insbesondere als zum Seinssinn des, wie gesagt, zu jeder Weltge-
genwart (für mich) gehörigen Leibes ıåhlend. Er hat das Aus-
l5 zeichnende, dass ich in ihm (in der Form „Ich-übe-Kinästhesen"
und dadurch „Ich-be\vege") waltend wahmehmungsmässiges
Tun irıs Spiel setzen kann bzw. setze, tastend, sehend usw., da-
bei die Organe, die Hand, die Augen etc. bewegend oder mich
leiblieh im ganzen fortbewegend, etwa in der Weise des Gehens.
20 Dadurch vermittelt vollzieht sich mein explizierendes und er-
weiterndes Wahrnehmen, bzw. es gibt sich mir dadurch uíigína-
liter ein immer neues Wahmehmungsfeld, aber in der Weise,
dass immer von neuem aus der horizontmässig mitgesetzten
Mitgegenwart dies und jenes zur eigentlichen Selbstgegenwart
25 kommt und dadurch zu eigentlicher Kenntnis.
Aber hier werden wir auf einen neuen Horizont aufmerksam.
Jedes eigentlich wahrgenommene Reale ist eigentlich nur „ein-
seitig” wahrgenommen, im wechselnden leiblichen wahrnehmen-
den Verhalten (oder evtl. korrelativ in Form der Selbstverän-
30 derung, Selbstbewegung des realen Objektes) treten vom selben
Realen neue Seiten in die Wahmehmung. Ein Reales betrach-
ten, dem, was es ist, nachgehen, das ist ein solches vom schon
Wahrgenommenen zu dem noch nicht Wahrgenommenen tätig
Übergehen, eben durch leibljches Tun. Vorweg ist das wahrge-
35 nommene Reale mehr, der Wahmehmungsmeinung nach, als die
jeweilige eigentlich wahrgenommene Seite, sie ist nicht für sich
allein Gemeintes, sie ist gemeint als was sie ist, von vornherein
gemeint als Seite, als mitgegenwärtige korrelative Seiten mit-
setzend. Wahrnehmung eines Realen besteht also von vornherein
l24 VORBEREITUNGEN DES „SYSTEMATISCIXEN WERKES" 1930-193]

hinsichtlich des Wahrgenommenen aus dem jeweilig eigentlich


Wahrgenommenen und dem als mitgegenwärtig Gemeinten von
demselben Realen. Diese mitgerneinte Gegenwart aber ist
ein Bereich der Wahrnehmbarkeit, all das, was ich in leib-
5 licher Fortbetätigung wahrnehmen kann oder könnte. Anderer-
seits, was schon eigentlich als es selbst zur Kenntnis gekommen
ist, verschwindet im allgemeinen im Fortgang der Wahrnehmung
aus dem Kreis eigentlicher Wahrgenommenheit, es bleibt aber
im Kreis des bestimmten Ich-kann, des der Wahrnehmbarkeit
10 und der entsprechenden bleibenden Kenntnis, die nämlich der
bleibende Erwerb des Wahrnehmens ist.
Ebenso verhält es sich mit dem „Aussenhorizont” (gegenüber
dem zum einzelnen Realen gehörigen „Innenhon`zont"). Er ist
ein Horizont der Potentialität möglichen, zur eigentlichen Selbst-
15 erfassung fiihrenden Wahrnehmens, ein Reich der Zugänglich-
keit als Zugänglichkeit von Mitgesetztem, obschon nicht gerade
einzelnweise bestimmt Mitgesetztem.
Nach dieser rohen Beschreibung der immanenten Gegeben-
heítsweise der weltlichen Gegenwart versteht sich unsere auf sie
20 bezügliche Unterscheidung von Präsentation und Appräsenta-
tion, die zunächst als relative und dann letztlich als absolute zu
verstehen ist. Jede Gegenwärtigurıg oder Präsentation ist nur ei-
gentliche Gegenwärtigung unter Mitgegenwärtigung (Appräsen-
tation). Die Gesamtgegenwärtigung als die Bewusstseinsweise der
25 Weltgegenwart ist eigentlich präsentierend das Wahrnehmungs-
feld, aber das nur als mitgegenwärtigend einen offenen Horizont
potentieller Wahmehmungsfelder. Hierbei gilt also ein einzelnes
Reales des Feldes als eigentlich präsentiert. Aber bei diesem kehrt
dieselbe Unterscheidung wieder. Ein Einzelreales als gegenwärti-
30 ges ist eigentlich präsentiert hinsichtlich der wirklich gesehenen
etc. Seite und ist das nur (eine Seite hat nur Sinn durch Mitsein
von Gcgenseiten) unter Apprâsentation. (Genauer besehen setzt
sich die Relativität der Scheidung auch hier noch durch, die
Sachlage ist noch viel komplizierter. So hat visuell das Fernding
35 in Appräsentation die ihm zugehörigen Nahdinge. Aber diese
Appräsentation, dieser andersartige „Innenhorizont", geht uns
hier nicht an, sie betrifft eine Mittelbarkeit in der selbstgebenden
Wahmehmung, aber nicht die weltliche Gegenwart selbst. Das
rizxr NR. 9 125

Fernding ist kein Reales der Weltgegenwart, sondern nur eine


5 Erscheinung des betreffenden gegenwärtigen Realen.)
Zum Gegenwartsbereich, dem eigentlich präsentierten oder
appräsentierten, gehören nun verschiedenartige Realitäten,
darunter jedenfalls unsere Mitmenschen. Sie sind, wie wir schon
wissen, dabei Mitseiende, auch als wirkliche oder mögliche Mit-
I0 erfahrende, unsere gegenwärtige Welt als die für uns geltende
ihrem Seinssinn nach mitbestimmend. Wir richten uns wechsel-
seitig nach einander, und das gehört selbst mit zur Wahrneh-
mungsgegenwart als der meinen.
Die primordiale Reduktion auf die Welt als
15 meine Erfahrungswelt und zunächst der fiir mich gegen-
wärtigen Welt auf meine wahmehmungsmässige Gegenwarts-
welt hat nun den besonderen Sinn, dass ich nur in Geltung setze
meine eigenen eigentlichen Präsentationen sowie alle meine Ap-
pıäsentationen, die ich als eigene Präsentationen verwirklichen
20 könnte.
Die erste Reduktion, die auf meine direkte Erfahrungswelt, auf
das, <was› mir von der Welt wahrnehmungsmässig ist, war, sein
wird, und auch in meiner Möglichkeit. _
Die zweite Reduktion, die des Abbaus der Appräsentationen,
25 die nicht zu meinen eigentlichen Präsentationen werden könnten.
Eben die ergibt die primordiale „Welt". Die fremden Menschen
sind wahrnehmungsmässig Realitäten, sie gehören zur Wahr-
nehmungswelt, aber nicht zur primordialen Sphäre.
30 Nun bestimmen wir den Begriff der primordialen transzen-
dentalen Subjektivität. Wir nehmen zusammen:
In der Epoché bin ich als Ich und in meinem Weltbewusst-
seinsleben absolut mir gegeben, meine Gegenwart in der Wach-
heit, Ich als in diesem immanenten Gegenwartsleben bin apo-
35 diktisch gegeben und habe auch apodiktisch, unmodalisierbar
meinen immanenten Zeithorizont, wie sehr seine Erfüllung un-
bestimmt und vieldeutig sein und nach bestimmenden Rück-
gewissheiten und Vorgewissheiten zweifelhaft werden kann. Die
Erfahrungsgewissheit, die ich dann aber habe, enthält doch apo-
diktische Seinsgewissheit. Nur das Sosein ist nicht in seiner Be-
stimmheit apodiktisch gewiss. Zu dieser mir apodiktisch eigenen
Sphäre gehört auch die mir jeweils seinsgeltende Welt als solche.
Diese Seinsgeltung ist eíngeklarnmert.
l2Ö VORBEREITUNGEN DES „SYSTEMATlSCHF.N WERKES" 1930-1931

Zunächst innerhalb dieses meines eigenen Ich im bewusstseins-


mässigerı transzendental beschlossenen Dasein kann ich eine
Fundierung der Seinsgeltung aufweisen: Mein irnmanent Gegen-
wärtigsein fundiert mein Vergangen- und Künftigseín, und ge-
5 nauer besehen ist die strömend lebendige Selbstgegenwart eine
strömende Fundierung, das jetzt fundiert, roh gesagt, das So-
eben-gewesen und das Soeben-kommend in der strömenden Zeiti-
gung. Das konkrete Gegenwartsfeld ist ein ganzes Feld, das selbst
die Unterschiede von Gegenwart, Soeben-vergangen (in einer
|0 Kontinuität) und Künftig einschliesst. Darin ist im Strömen
jedes Soeben als hervorgegangen aus dem Jetzt (und jedes
spätere Soeben aus dem früheren) in dem Sein eines jetzt fun-
diert, als eine Ur-Genese von Sein-Werden aus schon Seiendem.
Die konkrete Gegenwart als konkretes Jetzt-seiendes fundiert als
15 konkret verströmende ihr konkretes Soeben etc. in einer strö-
menden, also sich kontinuierlich vermittelnden Fundierung, und
schliesslich ist der jeder lebendig strömenden Gegenwart zuge-
hörige Gesamthorizont der Vergangenheit und Zukunft eine nur
nicht explizierte Gelturıgseinheit aus kontinuierlicher Fundierung
20 und selbst noch im Strömen seinen Seinssinn abwandelnd.
Wir können ferner sagen: Es geht das Sein der konkreten
strömenden Gegenwart selbst als das im Modus der Originalität,
der Präsentation Bewusste dem darin als retentional und proten-
tional Bewussten voran, iı1 der Weise der Fundierung. Das Be-
25 wusstsein des Soeben ist jetzt seiend und bewusst als wahrge-
nommen seiend, und was darin bewusst ist, ist ein Soeben, ein
Nicht-Jetzt. Die Seinsgeltung, die für mich meine Vergangen-
heit und Zukunft hat, ist selbstverständlich eine in meiner Gegen-
wart liegende Leistung. Mein gegenwärtiges Sein ist der Träger
30 meines vergangenen und künftigen Seins. Die Aufhebung des
Seins der Gegenwart bedeutet auch die aller Vergangenheit und
Zukunft, Andererseits liegt in der Gegenwart die Vergangenheit
etc. rrıitbeschlossen als in ihr konstituierte notwendige Gel-
tung.
35 Nun bin ich trarıszendental das ego, das in seinem Bewusst-
seinsleben seiner selbst in dieser Zeitigung und Seinsfundierung
bewusst ist als eine Welt bewusst und in Geltung habend. Des
näheren geschieht das in Form einer urspriinglíchen Zeitigung,
in der Welt in meiner Selbstgegenwart als gegenwärtige, in mei-
rııxr NR. 9 127

ner Selbstvergangenheit als vergangene etc. „erscheint“ und


gilt, bzw. in meiner konkret lebendigen Gegenwart gilt mir als
seiend in eins und verflochten mein immanent-zeitliches Sein
und das welt-zeitliche (raum-zeitliche) Sein. Natürlich ist die
5 Seínsgeltung der für mich seienden Welt seinsmässig in meinem
Sein fundiert, und wir fragen nach den weiteren Fundierungs-
stufen. Klar ist, dass die für mich seiende Weltgegenwart wieder
als in meiner immanenten Gegenwart ihre Geltung habend hin-
sichtlich dieser Geltung fundiert die Weltvergangenheit und
10 -zukunft für mich.
Ferner, was für mich als Wahnıehmungswelt in der Gegen-
wart (und dann in jeder vergangenen und künftigen Gegenwart]
sich abgrenzt, geht in der Seinsgeltung voran dem nicht wahr-
nehrnungsmässig für die Welt Geltenden, und die primordial
15 reduzierte Welt (das von der geltenden Welt abstraktiv so Redu-
zierte) hat eine an sich frühere Geltung gegenüber dem übrigen.
So schreite ich also zu dem für mich von der Welt an sich Frühe-
ren vor, innerhalb der beständig vollen Welt, als was und wie sie
für mich immer als seiende gilt.
20 Ich fasse nun näher ins Auge mein Primordiales von der
Welt, und zwar wie es in meiner transzendentalen Immanenz, in
meinem Weltbewusstsein zu seinem Seinssinn kommt.
Wie sieht eine weltlich Reales selbstgebende Präsentation aus,
welche Seinsfundierungen liegen in ihr, natürlich wenn ich sie
25 primordial reduziert halte? Ich komme auf Empfindungsdaten,
als abschattende in der Auffassung der Empfindungsdaten, in
der ich immanent Erscheinung von räumlichem Sein habe, auf
Kinästhesen und kinästhetische Motivation etc. Ich komme in
dieser Abstraktion von der in der hier fraglichen Geltungsleistung
30 fundierten Leistungssphäre, welche die objektive Welt erst er»
gibt, auf Konstitution von raumzeitlicher Natur und dem einzig
ausgezeichneten eigenen Leibkörper, diesen aber in der ganz
anderen Weise aufgefasst und in heständiger Geltung, nämlich
eben als meinen Leib.1

1 Ich beschreibe die „Eß@ııeinung§w=isen" vom selben und die synthesis an ran»
summigıteii, wm-in =§ am cıımkıeı des Foııgeııenden, fon sich iıesıaıigenden
seiten im.
VORBEREITUNGEN DES „SYSTI-I.\lr\TlSCHF..\¦ WF,RKlšS" 1930-l93|

Ich überlege nun, was damit für Einheiten zur Selbstgegeben-


heit kommen und wie sie zu mir selbst, dem transzendentalen
Fundament ihrer Konstitution, stehen. Ich zeige, dass sie zwar
mein B e w u s s t s e i n s le b e n transzendieren und mein Sein
5 als sozusagen immanente Person Ich, dass sie aber darin analog
sind den hyletischen Einheiten, die gegenüber Ich, Iolıvermö-
gen, Ichakten, Ichbewusstsein ein sozusagen Ichfremdes sind,
und doch vom Ich konkret unabtrennbar sind als im Bewusst-
seinsleben Auftretendes und zu seiner vollen Konkretion Ge-
IO höriges. In höherer Stute gehört zur Konkretion des Ich, das
immerfort Welt in eiııstimmiger Geltung hat, und zu seinem apo-
diktischen Für-sich-selbst-sein, dass es in der primordialen Welt-
geltungsschichte Einstimmigkeit hat hinsichtlich der primordi-
alen Erscheinungen und eine Potentialität des Ich-kann, ein Ver-
15 mögen hat, in bezug auf die mögliche Erfahrung der Horizonte
der Mitgegenwart einstimmige präsentierende Erscheinungen
vom selben herstellen zu können. Zu jedem Wahrnehmungsob-
jekt gehört also einstirumige wirkliche und mögliche Erfahrung,
bzw. ein System möglicher Erfahrung als eine vorausgesetzter-
20 massen wirklich bestehende Potentialitât des Ich. In der Ein-
stimmigkeit des Ablaufs der „Mannigíaltigkeit", die durchaus
zum eigenen Sein des Ich gehört, ist die synthetische Einheit in-
tentionales Objekt im Modus des Es-selbst und als sich immer
wieder bewährend in gewisser Weise ein Irnmanentes, ein
25 von ihr Unabtrennbares, obschon als Einheitspunkt der bewäh-
renden Synthesis ein „Idelles", ein Irreales. Dies ist also in einem
wohlbegriindeten neuen Sinn dem konkreten Ich immanent, als
von seiner Konkretion unabtrennbare Potentialität der Synthe-
sis, als ein immer wieder dasselbe als es selbst Ertahrenkönnen,
30 wobei die Seinsquellen dieses selben, die einen Seirıssinn begrün-
denden, ausschliesslich in der Sphäre des apodiktischen Für-
sich-selbst-seins liegen.
In der Bildung des Begriffs „primordiale transzendentale
Subjektivität" ist diese Subjektivität konkret umgriffen. Die
35 Rode ist dabei von mir selbst, der ich als Mensch in die Epoche
getreten und im Vollzug derselben meines absoluten Wesens in-
negeworden bin. Darin liegt als festlegend für das, was hier
transzendentale Subjektivität heisst, dass sie Welt konstituieren-
de ist für mich, dass sie es ist, welche die Welt, von der ich in
'ri-;xT NR, s 129

natürlicher Einstellung spreche, in Geltung hat. Mein transzen-


dentzıles Ich, konkret genommen, befasst das Bcwusstseinsleben,
in dem für mich Welt seiend ist und im besonderen erfahren, ja
direkt durch mich wahrnehmbar etc. ist, aber darum nicht die
5 Welt selbst. Die Welt ist in meiner transzendentalen Subjekti-
vität geltend, aber ihr gegenüber unterschieden als das Andere;
wenn man will, gegenüber dem Transzendentalen das Tran-
szendente, wofern man das Wort nur rein in diesem Gegen-
satz nimmt, wie er im Erkenntnisbereich des transzendentalen
10 Ich selbst liegt. Von diesem Anderen, das in seinem Sein ja ein-
geklarnmert ist, fällt nichts in das selbsteigene Sein meines
transzendentalen lch, also wenn ich die Welt abstraktiv redu-
ziere auf meine Wahrnehmungswelt, so ist damit nicht ein Be-
standstück der Welt selbst zugerechnet und zuzurechnen meinem
15 eigenen Sein.

Efgämmg .W ırıärmıg des Begriffs du Pfimafdmıiıfiı


Dic Sache wird zunächst nicht anders, wenn ich auf das pri-
mordial Reduzierte mich zurückziehe. Wenn ich nämlich die
darüber hinausgehende Weltgeltung ungeschoren lasse, dann ist
20 es das, was ich von der Welt selbst zu Gesicht bekomme, z.B.
visuell diesen grünen Lampenschirm als wie ich ihn wirklich
sehe, grün, in Form einer kugligen Schalotte, oder wie ich ihn
tastend erfahre als glatt usw.
Aber hier muss man vorsichtig sein und sich vor einem Miss-
25 verständnis unseres Begriffs vom Primordialen hüten. Er befasst
nicht das, was ich von dem Ding wirklich wahrnehme und was
sonach als Wahrgenommcnes immer als dem Ding Zugehöriges
gilt, seine Farbe, Forın usw. und sonstige jetzt nicht eigentlich
30 wahrgenommene, aber mitgemeinte und als wahrnehmbar mit-
herausgehobene Eigenschaften des Dinges. Vielmehr ist die
primordiale Reduktion, statt einer „Abstraktiun", einer Ein-
schränkung des beschreibenden und heraushebenden Blickes
auf das wirklich Wahrgenommene von dem Ding und so von dem
35 sonstigen als Welt Geltenden, eine wirkliche Epoche hinsicht-
lich der Mitgeltungen unter dem Gesichtspunkt der Analyse
der Geltungsfundierungen, die ev ípso Fundierungen des welt-
lichen Seins (Für-mich-seins) in vorangehenden Für-mich-Seiem
l3O VORBEREITUNGEN DES „SYS'l`EMA'l`lSCH.EN WERKES" W30-1931

den, aus meiner Geltung her Für-mich-Seienden sind. Enthalte


ich mich des Vollzuges der betreffenden Appräsentationen,
eingeschlossen alle Horizontgeltungen, die zu ihnen fundiert ge-
hören, so komme ich auf die primordiale Transzendenz als sozu-
5 sagen eine Welt für sich, aber vor der objektiven Welt, aus-
machend und nicht etwa eine Schichte der objektiven Welt
selbst. Nur ist es freilich so, dass, sowie die fundierte Gel-
tung ins Recht gesetzt wird, die primordiale Schichte zur
Selbstdarstellung von Weltlichem wird, in der höher fundier-
10 ten Auffassung und Geltungsschicht den volleren Seinssinn
annehmend. So wird ja auch die Hyle, die in der Reduktion des
primordialen Transzendenten auf die Bewusstseinsimmanenz
und das von ihr immanent-zeitlich Unabtrennbare sich heraus-
hebt, erst durch die Auffassung und Geltung als Abschattung
15 nicht mehr als Hyle (Empfindungsdatum) gesehen, sondern durch
sie hindurch wird objektive Farbe etc. gesehen.
Allerdings die Art dieser „Auffassung“ ist hier eine andere.
Die Appräsentation von Anderen und ihren primordialen Sphären
begründet die auffassungsrnåssig mitgeltende Synthesis meiner
20 und der fremden Primordialitäten und mittelbar die universale
Synthesis meiner primordialen Dingerscheinungen mit denen der
Anderen, wodurch wir eine intersubjektive Mannigfaltigkeit ge-
winnen für jedes Reale, die doch erst durch Synthesis der Pri-
mordialitäten ermöglicht wird. Mein Primordiales bekommt seine
25 Gesellen, und ein jedes ist in dem zweiten Sinn transzendental
immanent, jede transzendentale Subjektivität habe ich transzen-
dent-immanent.
Wie steht es nun mit der intersubjektiven Welt als Welt der
Realitäten in der intersubjektiven Raumzeitlichkeit gegenüber
30 der ersten primordialen Raumzeitlichkeit? Von der universalen
Natur als Grundschichte der realen Welt kann man sagen, dass
sie der Gemeinschaft der transzendentalen Subjekte (die in mir
als transzendentale Ich zur Geltung kommen) verrnöge der Ge-
meinschaft ihres transzendentalen Lebens und ihrer transzen-
35 dental fung-ierenden Vermögen immanent sei, als immanente
Transzendenz. Wie steht es aber mit den Menschen und ihrem
psychischen, ihrem psychisch-personalen Sein? Man muss hier
überall sehr vorsichtig, sehr genau sein, auch bei der Rede von
<der› Immanenz der Natur. Die primordialen Sphären, die Mo-
1'¬1e11.Aoıs v1 131

naden, liegen nicht nebeneinander und nur verbunden. Voran


liegt, dass ich in meiner Primordialität „Leib“ and „Natur“
habe und, den fremden Leib verstehend, schon damit ein sich dar-
in ausdriickendes Ich und in dieser Einheit von Ausdruck und
5 Ausgedrücktem Einheit eines Menschen habe, in meinem pri-
mordialen Raum erscheinend in seiner körperlichen Lciblichkeit,
seinen primordialen Raum und <seine› Raumumgebung mit sich
bringend, und beides tritt in Deckung. Dann wird er auch ver-
standen als nıich erfahrend, mein Leib wird als ihm erscheinend
10 zum Ausdruck meines primordialen Seins und zunächst meines
Ich als Ich meiner (zunächst nur primordial-immanent zu fassen-
den) Umwelt. Woraus sich dann erst das eigentliche Für-Andere-
Mensch-sein, Als-Zentrum-einer-Umwelt-sein konstituiert, wo-
bei die Umwelt Welt in der subjektiven Gegebenheitsweise ist,
15 und das Ich wechselseitig zur Umwelt gehört und zur Welt selbst.
Aber ist darauf nicht auch Rücksicht zu nehmen bei der ge-
meinsamen Natur, die für jeden umweltliche Natur ist?

BELLAGE V1 _
(DIE PHÄNOMENOLOGISCHE EPOCHE. DAS MIR SELBST
20 ZUGEHÖRIGE UND DAS TRANSZENDENTE>
<wohl Dezember l930>

Die Art der Einführung der phänomenologischen Epoche. Ich


schalte das Urteilsfeld „seiende Welt" aus als Grundfeld, Was bleibt
übrig? Ich, der diese Welt in Geltung Setzende, ich, das Subjekt
25 ihrer Erscheinungen, ihrer Sei.nsmein\ıng, ihrer Seinsbewähnmg. Ich -
wie steht es mit dem von mir aus Setzbaren? Welterfahrung, das irn-
pliziert Stufenfolgen von Erfahrungen, von ursprünglich gründen-
den und begründeten Seinssetzungen. Die Weltsetzung selbst
als die in dieser Stufenfolge gegründete Seinssetzung oder die Welt als
30 die in ihr habituell vorgegebene und im gleichen Stil zu immer neuer
Setzung kommend. Die Welt als Phänomen _ diese in solcher
Gründung begründete oder für mich seiende, ihr Seinssinn in dieser
Folge sich konstituierend. Ich als Thema, ich als Subjekt dieser Grün-
dung und Endgeltung. Ich in meinem Leben, in meinem Bewusstha-
35 ben von seiender Welt _ die seiende Welt als Nicht-Ich ~¬ ich und
alles Bewussthaben, alles In-Geltung-Haben als von mir untrennbar,
als worin ich bin, ich als Welt Habender. Ich, mein Bewusstseinsleben
und das darin Bewusste als solches. Aber das Bewusste ist das mir Gel-
tende als solches, wenn ist, was mir gilt. Ieh selbst oder mir selbst zuge-
132 VORBERl5l'l`UNGEN D1-IS „SYSTEMATISCHEN WERKES" 1930-1931

lıörig. Was vollkommen erfahrbar ist, so nämlich, dass, was der


Ertahrungssinn horizonthaft enthält, für mich selbst wahrnehmbar
ist, das gehört mir selbst zu, darunter Ideen, gegenüber nıeinen
Erlebnissen ideale Einheiten, in ihnen sich allseitig konstituierend.
5 Transzeııdent, was appräsentiert ist als nicht erfahrbar in Seinem
eigenen Selbst.
Zweierlei: 1) Die Welt als die mir geltende ; darin beschlossen die ver»
mittelnclen oder fundjerenden Geltungen; nicht das im einzelnen Akt
Vermeinte als Welt, sondern im ganzen Leben als Einheit und als
10 wirklich seiend: als bewährte und weiter zu bewâhrende aus meinem
Vermögen, die Hurizıante zu erschliessen, die Erfahrungen zu diri-
gieren etc. Natürlich, ich kann mich dieser Welt enthalten, mich ent-
halten dieser Geltungen und mein subjektives Leben des Geltens be»
trachten. Aber das ist nicht die „Epoché", die nur keinen Boden
15 in der Welt haben will.
Nr. I0

<DIE WELT DER NORMALIIN UND DAS PROBLEM


DER BETEILIGUNG DER ANOMALEN AN DER
WELTKONSTITUTION ›
5 (10. Januar 1931)

Es handelt sich nicht nur um Verstehen der Anderen, sondern


um Verstehen der gemeinsamen Umwelt und der Menschenge-
meinschaft als die, für die diese Umwelt ist als ihre geistig-prak-
tische Welt, als in die sie hineinleben und die sie in ihrer geistigen
io Form gestaltet haben.
Es ist dabei so, dass ich, der Erschliessende, schon eine „volle
Welt" habe, zu der ich schliesslich kommen muss, sie schliesslich
voll-konstitutiv verstehend. Aber in Geltungsstufen - Stufen
der Struktur „Mensch" und Menschheit - korrelativ Stufen von
15 möglichen relativen Umwelten. So ist Heim der Familie, Hei-
matort und -land etc. eine sich relativ abgliedernde Einheit;
ich kann sie durch „Abbau“ verselbständigt denken. Historisch-
anthropologische Beispiele, die mir im Nachverstehen den Ab-
bau erleichtern oder exemplarisch leisten.
20 Es ist nun ein Problem, welche „Rolle“ die verschiedenen Ty-
pen von psychischen Wesen für die Konstitution der vorgegebe-
nen Welt spielen. Aber zunächst, was ist da eigentlich Problem?
Ich, der mich Besinnende und mich auf den absoluten Boden
der transzendentalen Reduktion Stellende, habe „die“ Welt vor-
25 gegeben. Wie klärt sich die fertige Leistung meines den Seinssinn
in der Weise des Vermeinten und Geltend-Fortgeltenden in sich
tragenden Bewussmeinslebens? Wie baut sich die Intentionalität
der Vorgegebenheit und in ihr die Identität der íortgeltenden und
sich dabei doch iortbestimmenden Welt auf? Sie ist schon aufge-
3O baut, ich lebe als waches Ich in der aktuellen Intentionalität der
Welthabe, aber ich kann sie befragen nach ihrem „Ursprung";
I34 VORBEREITUNGEN DES „SYSTEı\Il\TISCHEN WERKES" 1930-1931

als intentional fundierte, aktuelle und potentielle Implikationen


in sich schliessende kann ich sie explizieren; von ihr aus als le-
bendiger Genesis kann ich die lebendig verlaufende, aber auch
verlaufene Genesis auslegen und so überhaupt diese leben-
5 dig vorgegebene Welt in ihrer lebendigen Allzeitlichkeit zum
Verstehen mir bringen, den Sinn ihres Seins und Soseins als Lei-
stung meines Bewusstseins von ihr.
In meiner Methode der primordialen Reduktion (der vorgege-
benen Welt auf ihre Primordialität) komme ich korrelativ auf
10 das primordiale ego und baue von da aus Weiter, ich setze eine
Einfühlung (in erster Ursprünglichkeit = Fremdwahrnehmung),
ich könnte sagen, wieder eine primordiale Einfühlung, in Geltung
und gewinne „primordiale Andere". Ich halte mich im Bereich
der Erfahrung und zunächst der „FremdWahrnehmung". Ich
15 verfolge in der abstraktiven Reduktion verbleibend, was in der
mir vorgegebenen Welt von meiner Primordialität aus zunächst
fundiert ist als Fremdwahrnehmung und zur Geltung kommt.
Ich gehe nun derart weiter. Ich hätte ja gleich mehrere Andere
im Wahrnehmungsfeld annehmen können. Aber ich müsste sie
20 doch einzeln zu fortschreitend auslegender, bewährend bestim-
mender Erfahrung bringen, urn zu sehen, was ein einzelner für
sich leistet und in welcher Weise dann ihr Zusammen zu der mir
vorgegebenen Welt beiträgt, nämlich subjektiv für mich, sofern
ich von mir aus, von meiner Primordialität aus motiviert den
25 Seinssinn dieses Anderen intentional bilden und in dieser Mo-
tivation zur Geltung bringen musste. Ein wahrnehmungsmässi-
ger Anderer bestimmt eine Geltungsschichte der vorgegebenen
Welt, nämlich ein schon intersubjektiv Weltliches, konstituiert
rein von mir, primordial, und von ihm als ausschliesslich von dieser
30 Møtivation aus für mich nun seienden. Der nächste, den ich mir
ansehe, ist nun schon der dritte, der (was er seinerseits vermöge
der ihm von mir, dem Ich, das schon mit dem zweiten Ich gemein-
same Welt als Schichte hat, <erteilten Sinnstiftung kann ›) nun
diese Welt des ersten „wir beide" fortbilden hilft zur Welt für
35 uns drei. Usw. Dabei bildet sich auch der Seinssinn der Fremd-
subjekte um, und auch mein eigener Seinssinn (als Ich unter
Anderen meinesgleichen) fortgesetzt um. Dann, sowie ich ab-
straktiv schon den Anderen im Weltfeld habe (das zunächst -
abstraktiv - Welt für uns zwei ist), habe ich ihn auch als werten-
Tr.x† NR. ıo 135

des und praktisches Mitsubjekt, aber auch als Objekt, Objekt


meiner Sorgen, ıneiner Tätigkeiten etc. (Natur nur nach einer
Schichte). Und so erhalte ich neue habituellc Schichten, und die
Welt, der ich selbst zugehöre, neue diesbezügliche Schichten,
5 darunter ich „Bcdeutsamkciten" für den Anderen und der An-
dere „Bedeutsamkeiten“ für mich.
Wir haben das alles im blossen Wahmehmungsfeld sich abspie-
len lassen. Es ist natürlich die weitere Frage, wie sich die volle
Zeitigung, die Konstitution der Menschen als verharrende Reali-
ı0 täten, verharrend durch die Zeit, und nicht nur als Körper, son-
dem als in eins damit seelisch verharrende Subjekte, autklärt,
und in eins damit, <wie sich› der Fortbau der vorhandenen Welt
für alle diese ihr selbst zugehörigen Subjekte und durch sie <auf-
klärt ›. Dabei ist nicht zu vergessen die Konstitution des verhar-
ı5 renden Miteinander von Menschen, der offenen Gemeinschafts-
menschheit und ihrer Gliederungen, durch die erst eine Einheit
einer bleibenden praktischen Umwelt, einer Lebenswelt wird.
Nun ist ausdrücklich eine Voraussetzung hervorzuheben, die
ich unwillkürlich in diesem Fundierungsgang auf den konstitu-
20 tiven Aufbau meiner vorgegebenen Welt gemacht habe. Kurz ge-
sagt, ich nehme die Anderen in der „Normalität", undes ist
nun zu überlegen, was das besagen kann, bzw. was die Abstrak-
tion von den doch zur vorgegebenen Welt rnitgehörigen anomalen
Mitsubjekten und auch anomalen Lebensstrccken der normalen
25 Subjekte besagen kann: wie diese sich mitkonstituieren können
und inwiefern sie durch ihr psychisches Leben (transzendental
gewendet) an der Konstitution der vorgegebenen Welt selbst be-
teiligt sind oder nicht sind.
Überlegen wir zunächst, um zur „Normalität” zu kommen,
30 folgendes: Als transzendentales ego Wclt erfahrend (obschon
Welt als Seinsboden einklammernd) habe ich meine etwa wahr-
nehmungsmässig erscheinenden Anderen durch „Eirıfühlung”.
Ich, mit meiner gesamten habituellen Struktur und der mir schon
geltenden Welt, und mir schon als intersubjektiv geltenden, fun-
35 giere dabei ven-nüge meines Seins in der Form des Für-mich-
selbst-seins und In-Konncx-mit-Anderen-seins als urstiftend für
die Apperzeption des Anderen als meinesgleichen. Zu mir gehört
meine bewusstseirısmässige Umwelt als die so und so für mich
bewusstseinsmâssig seiende, als für mich Gemeinwelt der Mit-
VORIIIZREITUNGEN DES „SYSTEMr\'l`lSCH\7.l\' WERKES" 1930491!!

menschen seiende, als Feld meiner habituellen und aktuellen In-


teressen (und eines jeden seiner <Interessen› und so unserer In»
teressen), meiner und unserer Instinktbedürfnisse und Instinkt-
befriedigungen, meiner und unserer auf sie bezogenen sonstigen
5 Bedürfnisse, meiner und unserer Sorgen, meiner Mühen. Da ich
schon längst und immerzu, solange ich mich entsinne, sclıon mit
Anderen in Konncx war, so beziehen sich meine Aktualitäten
und Habitualitäten, mein ganzes Interessenleben und bleibendes
Sein als Ich habitueller Interessen, Vermögen, Gewohnheiten
10 usw. auf eine Umwelt, die schon Andere enthält und im Verkehr
mit Anderen sich geformt hat und immer neu formt. (Nicht zum
mindesten sind dann auch Andere mitunter Zielpunkte meiner
Interessen, Objekte der praktischen Umwelt.) Jeder neu in mei-
nen Kreis Eintretende wird nach meinem Ebenbild apperzipiert,
15 und nun heisst er normal, wenn die allgemeine Horizontvor-
zeichnung, die er mit Einsatz der wahrnehmungsmässigen Ein-
fühlung für mich haben muss eben als meinesgleichen, im allge-
meinen Wesensstil mit mir stimmt, also konkret ähnlich sich
im Fortgang der Erfahrung bestätigt (wobei die Konkretion eben
20 den ganzen Seinsstil, in dem ich für mich schon Form habe, und
zugehörig die für mich bewusstseinsmässige Welt in ihrem korre-
lativen Stil umspannt). Verläuft alle weitere Erfahnıng, und zu-
nächst etwa die kontinuierliche Wahrnehmung, so, dass im Fort-
schreiten derselben kontinuierlich Näherbestimmung und selbst
25 Andersbestimmung, aber innerhalb der konkreten Formvorzeich~
nung statthat, so ist der Andere ein Normaler.
Gehen wir auf den konstítutiven Ursprung zurück, so versteht
sich, dass Ähnliches für jede Stufe der Geltungsfundierung analog
auszuführen wäre. Hebe ich abstraktiv mein primordiales Sein
30 und meine primordial reduzierte Welt, mein primordiales Welt-
leben, heraus, so blende ich damit die höherstutigen Motivationen
ab und betrachte, was als „Andere" von da aus apperzeptiv moti-
viert wäre und was als eine íntentionale Unterschicht, und zwar
Geltungsschicht, in die Konkretion meines ego und meiner kon-
35 kret vorgegebenen Welt und meiner menschlichen Anderen ein«
geht. Ich bekomme zunächst einen abstrakt reduzierten, sozu-
sagen an sich ersten Anderen, auf den sich meine reduzierte
Seins- und Weltstruktur, mein reduziertes Weltleben (nur abge-
wandelt in korrelativen Perspektiven etc.) überträgt und der nun
'risxr Nn. io 137

normaler Anderer ist, wenn die eintühlende Wahrnehmung


sich wirklich in dem relativ konkreten Stil hält, der in dieser
abstrakten Reduktion konkret heissen würde. Mein reduzicrtes
primordiales Sein in seiner primordialen Konkretion wird nun
5 erst zum Ich, das ein anderes Ich hat, von da aus in mögliche sov
ziale Verbundenheit mit ihm tritt, zum personalen Ich wird, das
sein personales Du hat, für sich selbst Ich, dessen Du ich werde
oder werden kann.
Konstruieren wir so eine Geschichte als Genesis der Mensch-
0 heit als Menschheit für mich und ihrer Welt (im Nacheinander
der in meine zunächst primordiale Erfahrungssphäre eintreten»
den Anderen), so haben wir gleichsam den Stufenbau der Moti-
vationskausalität historisiert und für jede neue Stufe haben wir
eine höherstufige Normalität mitcletiniert und korrelativ für eine
5 jede eine konstituierte Umwelt als normale Erfahrungswelt, be-
zogen eben auí die Normalen der höheren und der universalen
Stufe.1
Nun ist nicht gesagt, dass jedes neu in Betracht gezogene ande-
re Ich eine neue Welt ergibt, d.h. die formale Wesensstruktur der
i 20 Welt ändert, welche den Horizontsinn der vorgegebenen Welt
und jeder möglichen vorgegebenen so zeichnet, dass alleiwirk-
liche Erfahrung, wie weit sie auch Kenntnis und Erkenntnis er-
weitern mag, doch nur die dem allgemeinen Sinn nach schon ver-
traute (wenn auch nicht explizit und gar wissenschaftlich ausgc~
25 legte) Welt zur expliziten Bekanntheit bringt.
Es handelt sich aber darum, die Strukturstuíen zu scheiden.
Durch Einfühlung überhaupt, und quasi genetisch gesprochen

1 Der Gang der knnsıituıiven Aufklärung, wie ish an hssnhreihe, bedarf grösserer
Gsnauigırı hinsinhrıish der Rauniseiıigung der Anderen als vsrhai-render, als inn'
sahrsitsuri erxahrhnrsr und iorısehrsitsnii als ineiriesgieichen versmhharer, und korrs›
lativ der Raumzeiügung der identischen, also in ihrer Weise verharrenden Welt als
ebsnsn durchgängig verständlicher, <vnn› gleicher Brisisrharirsiı fur aııu diese nn-
deren shsn als rneinrssgıeiehen. Darin liegt besnhinssen, dass, was aus eines jeden
in-die-wsıt-ıshsn in gsisıigsr Bedeutung erwachsen isi, fiir einen jeden nis das ver-
srshhar ist, dass iiiasn Gsnseinwsıı aısn hnrnngen ist in ihrer Rsıativität nur dieses
suhjskıaiı.
Ein ausdrücklich hervurıuhebsnnss und zu bshanrisınriss Mnrnanc in der Konstitu-
tion ist die Konstitution sinus verharrsnden „Wir" derart, dass die Einzelpersonen
dieses Wir füreinander erfahrbar, erreichbar sind und sich innerhalb einer gemein-
sarnen sırtusıı srısıuhsrsn weıesphars huren, ai. fiir sis zur gsinsinsauinn, verhsrrsn-
den Lshsnssphare, Lehensuniwnıt wird, sis seıhsı zugleich als ohjeırte hefassenri.
Das knnscicutivs Prnhıenr ist als« das der konkreten personalen Uniweit als enrilishes
Iuteressenteld der Personen als Subjekten von Interessen,
138 vonBERı;ıTUNGıaN Das „svsTEMATıscHızN weıııcıas" ıeao-mi

schon durch die erste Einfühlung, konstituiert sich eine gemein-


same Welt. Ein Weiteres ist das In†Konnex-mit-Anderen¬sein,
das dauernd miteinander (und gegeneinander, das nur eine Form
des Miteinander ist) in dieselbe Welt Hineinleben, I-Iineinsorgen
5 usw., die zur Interessenwelt, zu unserer praktischen Lebensumwelt
wird, wobei das Wir, ich und die Anderen, selbst zur konstituier«
ten Objektwelt gehört, und zwar dauernd, während es, das
„Wir“ zugleich Subjekt der Welt ist, das Welt erfahrende (selbst
einbegriffen), Welt wissende, weltlich handelnde Wir, mit Er-
0 gebnissen, welche den objektiven Inhalt der Welt bereichern.1
Ein wesentlich Neues tritt mit der Erweiterung von der Zwei»
heit zur Mehrheit und zu einer offen endlosen, in die offen „un-
endliche" Welt hineinzuantizipierenden Mehrheit zunächst darin
<aut ›, dass sich die Vergemeinschaítung (welche sozusagen <als›
5 Umwelt weiterbauend fungiert) von den unmittelbar erfahrenen
Anderen durch die Anderen der Anderen hindurch und so iteriert
forterstreckt und dass diese Mittelbarkeit dann auch diejenige
der „Ergebnisse“ der Vergemeinschaftung, die sich konstituie~
renden verbundenen Gemeinschaften und ihre Gemeinschafts-
20 leistungen, bedingt.
Wieder ein wesentlich Neues, obschon damit beständig sich
Verflechtendes, ist die Konstitution der offen endlosen Genera-
tion und in eins damit die Konstitution von Geburt und Tod,
nicht als gelegentliche Zufâlligkeiten, sondern als allgemeine
25 Strukturmerkmale aller psychischen Lebewesen: Zum Menschen
als solchem gehört es, geboren zu werden und zu sterben.“
Wieder hängt damit zusammen die Geschichtlichkeit des
menschlichen Daseins, bzw. die Konstitution der Welt für mich,
für uns als einer historischen Umwelt historischer Menschen, hi-
35 storischer Menschengemeinschaíten. Historisch ist ein Mensch, in

1 msn denernd füreinander nnseın eis verbnndenes wir-, in derseıben Nenweıı


sıs pıemsenes reıd in inıeressenveefıeenınngıeben, miteinander nnd gegeneinender
in die wen nıs nmneııe Lebensnnsweıı leben. Bin Besonderes ist eıse die Knnsmneinn
einer pıeknseııen Lebensnınweıı nnd im wir.
1 Die Kensmnıien eine: veehmenden ıvutneensenıienkeie, eııgemeınen oeseıı<
senenuenken in keneısnvee Bewgenneiı en einer premsenen Uniweit, kann nb-
sırem senen ver der cenemien benendeıı werden, nnd sn liege vennöge der An der
zemgnng dieser prsımsehen Uınweıc eıs peıseneı bedenısnmer senen eine abstrakte
Hiswfiıiısı denn ısesenınssen. wird die cenerseien ins spiel gesem, se ist dieser
Fenseııem in der Kenkeeuen einen eine Kenkıetisiernng der bıeibenden Mmnensen-
ııenısenen, Mnuee new. Bııem nnd Kind eıe, nnd engıeıen neben wir eine ıeenıeıeıeı,
genefenv geformte zemgnng nnd nısıensene uenweıe.
Ti-:xr NR. ıo 139

einem weitesten und nicht in einem prätentiös prägnanten Sinn,


als Glied einer historischen Gemeinschaft, Diese ist als Seiendes in
der Welt (die immer nur \«VeIt fiir „mich" und fiir „uns" ist) kon-
stituiert in Form einer vergcmeinschafteten Menschheit als einer
5 verharrcnden Realität höherer Ordnung, welche das be-
sondere Verharren hat durch den Personenwechsel hindurch,
durch Hineingeborenwerden und Hcraussterben. Das ergibt
einen eigenen Sinn von Gegenwart (historische Gegenwart der
Gemeinschaft, sei es etwa einer politischen (Staat), sei es einer
10 wissenschaftlichen, und historische Gegenwart ihrer Umwelt),
von historischer Vergangenheit und Zukunft; desgleichen einen
bestiınmten Sinn für eine historisch verborgene und evtl. auf
Grund dieser verborgenen Traditionalität ausdrücklich be-
wusstscinsmässige Vergemeinschaftung der gegenwärtig Leben-
I5 den mit den längst Verstorbenen (verschiedene Formen der
historischen Tradition und des Lebens in Tradition),
Die Umwelt des normalen Menschen als zu einer historischen
Gemeinschaft gehörigen ist selbst, sagten wir, historisch. Sie ent-
hält als reale Objekte nicht mehr bloss Personen, sondern auch
20 Gemeinschaften in verschiedenen Formen und Stufen und ent-
hält neben der Bildung, Umbildung und Auflösung von Gemein-
schaften auch eine sich fortbildende historische Sachenwelt, gc-
bildet und fortgebildet als Gemeinschaftsleistung,
Ist jeder normale Mensch historisch, konstituiert als
25 seiend in einer historisch dauernden Gemeinschaft, so ist seine
Umwelt, die Welt, die für ihn konkret konstituiert ist, um-
grenzt als historische, unerachtet eines offenen Horizontes
einer „1eeren” Raumzeitlichkeit und Welt ; so, wenn wir die totale
historische Gemeinschaft nehmen, die als totale sich in Sonder-
30 gemeinschaften gliedert.
Problem der Erweiterung der Welt durch Besetzung dcs leeren
Welthorizontes mit einer anderen historischen Totalität, einer
fremden, total fremdartiger, in diesem Sinn abnormer Menschen
einer abnormen Umwelt. Verknüpfung zur totalen „irdischen“
35 Menschheit. Umgekehrt der Zerfall einer Totalität durch „Ver-
gessen“ der Tradition, durch Bruch der Tradition.
Wescnsmässig Hand in Hand rnit der Konstitution histori-
scher Umwelt geht die Konstitution einer ihre Endlichkeiten
überschreitenden und endlosen, einer offenen Natur, und diese
140 VORl3ERlšlTUNG]<IN DES „SYSTEMATISCHEN WERl\'lšS" 1930-1931

erm öglicht als immerzu vorlaufende die Konstitution der of-


fenen Möglichkeit von immer neuen, obschon faktisch unzugäng_
lichen historischen 'l`ota1itäten.1
Aber wie steht es nun mit der Konstitution der Anomalitäten?
5 Ich ging als der mich transzendental Besinnende von mir aus
und der mir geltenden Welt, In meiner Zeitlichkeit, soweit ich
mich zurückbesinne, hatte icli immer schon Welt, dieselbe Welt,
die aber in meinem Leben immer neuen Sinn annalim und doch
Einheit seiender Welt durch alle diese Wandlungen durchhielt.
|0 In meiner Kindheit war mir noch der Sinn des generativen Da-
seins der Menschheit und einer Historie verschlossen, ich wusste
noch nichts von Tradition, für mich gab es keine Tradition, Nur
Andere wussten es, dass selbst meine Spiele, meine Märchen etc.
aus uralter Tradition mir à durch die Anderen, die in ihr stan-
15 den - übermittelt sind. Von Geburt und Tod hatte ich keine
Ahnung, selbst wenn ich die Worte dafür schon hatte. Ich wusste
nichts von Literatur, von Wissenschaft, von Kunst, von histori-
scher Kultur überhaupt, obschon ich schon eine Umwelt mit
Bildern, mit Gebrauchsobjekten usw. hatte. Der Seinssinn Welt,
20 den ich hatte, war in fortgehender Umbildung des Sinnes, nicht
einer blossen Sinııeserweiterung durch Besetzung der Hørizbnte.
Der Welthorizont hatte keine bestimmte, jedenfalls keine offen
ins Endlose fortgehende bestimmte Einzeichnung, obschon er
doch eine gewisse Offenheit hatte. Es ist ein Problem, welche Art
25 der Sinnbildung vonstatten ging, wie sie zu verstehen, konstitu-
tiv auszulegen ist und wie sich hinterher verstehen lässt, dass ich
als Reifgewordener sagen kann: Von „der“ Welt hatte ich eine
Vorstellung, aber eine sehr unvollkommene, erst allmählich ge«
wann ich immer weiter reichende Weltkenntnis.
30 Als reifer Mensch unter Reifen und Normalen bilde ich und alle
mit mir in mindestens mittelbarer Gemeinschaft Stehenden meine
Welterfalırung ebenfalls aus, aber der Stil der Erfahrungswelt,
wie sie für den reifen „vernünftigen“ Menschen ist und, was das-
selbe zu besagen pflegt, „wie sie wirklich ist", ändert sich nicht
1 nnen von innerer seite wini diese Mögıiehkeiı zum Pwbıenı. Kann nie geeninıe
wen ee beeeıinnen sein: eine nnennıiene Nenn, in iin veneiıı iiieieneene ceineinv
eennmn, sien ini-ıeeneeiıena vefgenieinseinnnena, und iaeeıı en, am die nnennıiene
Neun zum einneiııiehen Tenimiuin einer nnivei-enıen Meneenneiı wien nnen nnen
ane; aie nnenaıiene weıı in einen einneiııieii einıigen nieıeeisenen wen wini, in der
nie Aııinenseııiıeiı, nie synıiiesis nnen Mensenneiıen iaeeıı iiber nııes seiende Finke
ıiseiie verfügung gewinnen, nııee ine unenaiieıie veegeieıigen kann eıei
TEXT Nur io 141

mehr gruııdwesentlich. Freilich, im Lauf der Zeiten ändern sich


die „Weltanschauungen", ihr Seinssinn, auch innerhalb unserer
Einheit der historischen Kulturgemeinschaft. Also das gibt wie_
der Probleme.
5 Zurückgehend in meine Kindheit, soweit ich einigermassen
klare Erinnerung habe, vollziehe ich nicht nur Erinnerung, son-
dern auch rückgreifend Interpretation und Korrektur, zumeist
freilich auch eine unbewusste Erinncrungsfälschung durch ap-
perzeptive Umdeutung und Umgestaltung früherer Erfahrung,
I0 rückgreifende Apperzeption von der jetzigen aus.
Der normale Mensch im Sinn der Definition ist eine Idealisie-
rung des reifen und dabei in einem anderen Sinn (einem erst zu be~
stimmenden) normalen Mensehen.
Ich will verstehen, wie sich meine Welt als menschliche Um-
l5 welt, und zwar als Umwelt einer vergemeinschaftet lebenden
Menschheit, ja des näheren meines „Wir“ meiner praktischen
Umwelt oder Lebenswelt konstituiert, umgrenzt von einem wei-
teren apraktisehen Welthorizont, oder konkreter, einem Welt-
horizont, der andere Menschheiten und ihre Lebenswelten ent-
20 hält und schliesslich erst in einen „leeren“ Welthorizont über-
geht. Um das zu können, brauche ich Abstraktionen, und eine
Abstraktionsstufe ist die Gemeinschaft der Reifen und zunächst
der als wirklich „meinesgleichen“ angenommenen Menschen.
i Zum Problem gehört jede Schichtung, die die Welt für mich als
25 tatsächlich für mich ausweishare hat. Hier gilt es, die Gemein~
schaft der Reifen meines normalen „Wir“ und dann jeder solchen
Wirgemeinschaft generativ zurückzuverfolgen, während die
Kinder nur zur Welt des Vorhandenen und zu Behandelnden ge_
hören, ebenso andererseits die Verrückten, die Kranken etc. Aber
30 schwierig ist es, al.l diesem andererseits genugzutun, wie es die
konkrete Welt mitbestimmt, wie konkrete Kulturwelt danach
i
\ sich abschich tet und dabei als Wissenschaft, Kunst, als Handwerk,
l als Staat zunächst nur das Normale, relativ Vernünftige und Rei»
fe befasst und dann wieder mit dem Ausgeschlossenen in eins
35 zu nehmen ist in konkreter Historizität.
Schliesslich, wie konstituiert sich eine Lebenswelt, trotzdem
die reifen Menschen nichts weniger als emstlich gleich zu gleichen
stehen? Sie konstituiert sich als eine individuelle (z.B. als euro«
päische Kulturwelt, als die der englischen Nation etc.) durch eine
l42 VORBEREITUNGEN DES „SYSTEi\IATlSCllF.N WF.RKES" 19304931

individualtypische Universalstruktur, die jeder „normale“ Mensch


der betreffcndcn Kultur in seiner Zeit und ihrer Zeit [je in Ge-
genwart) bewusstseinsmässig-habitucll als seinen geistigen Le-
bensraum hat, als „Forn1”, die er nach seinen individuellen Ver-
5 mögen und aus seinem persönlichen Leben her konkretisiert,
unvollkomrnen, in unzähligen Stufen der Unvollkommenheitl
Wie konstituiert sich diese ihre verharrende Struktur, an wel-
cher das Verharren dieser Kulturwelt selbst hängt? Andererseits
hat auch sie „ihre Zeit", sie ist nur die „ihrer Zeit", und sich wan-
ı0 delnd ändert sie sich doch wieder nur in der Einheit eines histo-
rischen Stiles, der sozusagen die „historische Substanz" einer uni-
versalzeitlichen Kultur ausmacht, wie der europäischen von den
alten Griechen an bis zur Gegenwart. Der jetzt Lebende weiss da-
von nichts, aber er kann die Geschichte, die die seine als die seiner
15 Kultur ist, enthüllen, und nur von der Struktur seiner histori-
schen Gegenwart <her› (der konkret lebendigen Zeitlichkeit mit
ihrer gegenwärtig lebenden Vergangenheit) kann er das tun.
Als Mensch normal ist, wer mit dem Wort „jedermann"
sich konkret versteht, wer einer offenen Menschengemeinschaft
20 von Mitmenschen angehört, die dieselbe historische Lebenswelt
haben, bestimmt durch dieselbe, allen vertraute, aber nicht aus-
gelegte Foımstruktur. Der Normale ist normal in und verrnöge
der nom-ia.len Gemeinschaft.

ı3ı:ri..~.cı-: vıı
25 Noinvinurär nvı nısıcn man rısnsounımr weir (srrrr: Erc.)
(Juli-August 1930)

<1nhalt:› Ich, wir Mansehen im „menschlichen Dasein", im mensch-


lichen Leben. Ziele im Leben und Lebenszíølc, Lebensideale. Das Leben _
des müruiigen Menschen - in der Narmalitàl. Bruch der Normalität
30 sclbsl als Bestandstück normalen Daseins. Streben nach möglichst ıııillmt-
licher Erweiterung der Normalität, des Bereichs, auf den man rechnen
kann. Normalität der Natur. Das Normale im Reich dcr personalen, der
Kulluruıell. Das Kalhcllon, Besinnung über das Kalhelwn selbst mitzugc-
hörig. Sitte. Geschichle als Besinnung mit ihrem Zweck. Beschreibung des
35 rwrmalm Stile: der menschlichm Umwelt (írıdiviıiuclle Form „unsere“
Umiı/clt), indiviıiuelle Form, nicht Wesmsfırrm.

1 Vorerst: jede Kulturwelt hat ihre Form, im Wıındel ihre verlıaırende Gestalt.
ısiziincız vn 143

Zinn im Lahm mul Lebımsziele, Iıbeøısídeulß

Der Mensch -«~ ich 7 im Menschheitsleben, ınit Anderen insgemcin


in die Welt hincinlcbend, ich mit meinen „Lebcnszielcn" mit und gegen
Andere mit ihren Lebenszielcn.
5 I. Die Sellntlıesinıııxııg über die besten Wege zu einem Ziele.
Weclıselnde Zwecke im Leben, also für einen jeden Zweck eine solche,
evtl. eine wiederholte Besinnung. Zwecke des Willens, der eine Lebens-
strecke als vorbilılendcr, als Vorgestalt eines Ern-ünschten, Gewollten,
regclnde. Der möglichen Wege sind im allgemeinen viele, der Weg ist
10 vieldcutig unbestimmt, auch darin, dass noch nicht klar ist, welche
vorgedachten Möglichkeiten wirkliche Möglichkeiten sind, Möglich-
keiten des Ich-kann.
II. Selbstbesinnung über die Zwecke selbst - Selbstbesinnung über
dcn ganzen möglichen Lebenshorizont als Horizont meines Könnens,
I5 und als gelingendes Zweckleben allgemein gedacht: die Frage, welches
Gesamtleben - von dem Jetzt aus - mit erzielten Zwecken besetzt ge-
dacht ein glückliches wäre, ein Leben, das ich als ganzes bejahen könn-
te.
l) Ideal der „Glücksel.igkeit”. Ein Leben besetzt rnit positiven Gü-
20 tern, die genossen werden, und zwar mit den höchsten Gütern, oder
dcr merıschlich besten Güterordnung, höchstes Gut.
2) Besinnung über die Zutälle, über das Versagen des Könnens,
über die subjektiven Hemmungen der Freiheit als allgemein dem
menschlichen Leben zugehörig, über mitmenschliche Hemmtingen,
25 über Konfljkte, wie das alles aussieht, wie darauf Rücksicht zu nehmen
ist.
3) Das Leben in der Normalität, die ein Planen, ein Zwccklebcn
möglich macht. Das Leben im Bruch der Normalität - das Leben,
das Anomalität als zur allgemeinen Form des Lebens, in höherer Nor-
30 malität, rechnen gelemt hat.
4) Das Streben nach möglichster Erweiterung der Normalität -
Normalität als einigermassen selbst beherrschbar.
a) Die normale Natur _ die Naturwissenschaft, die Präsumption
einer allgemeinen Naturgesetzmässigkeit, die fortschreitende Erkennt~
35 nis der präsumierten Gesetzlichkeit. Die wissenschaftliche Naturer-
kenntnis als Mittel zur Naturpraxis.
1)) Die normale Gerneinschaitswelt - das normale alltägliche Leben
mit anderen Menschen in normaler Sitte, in der Normalität der Staats-
ordnung, in der Normalität des gemeinsamen Erfahnıngsbodens, des
40 Bodens der gemeinsamen Tradition, der gemeinsamen Urteils- und
Bewertungsweise, der voraussichtlichen \Veise der Reaktionen in jeder
jeweiligen typischen Situation. Der Mensch im normalen Dasein,
nicht nur wie eine Sache in empirisch lnduktiver Faktizität sich unter
typisch normalen Verhältnissen typisch gleich verhaltend: der Mensch
45 lebt in der Norm, indem er sich ihrer als Norm bewusst wird. Normaler
Lebensstil als Stil des Gemeinschaftslebens ist nicht nur ein Faktum
l44 VClRBEREI'l`UNGEl\' DES „SYSTEi\lA`l`lSCHEN \VERKES" 1930-l9.'ll

für ihn, sondern ein Seinsollen und ein Sein aus dem Lebenswillen ge.
mäss dem Sollen. Das Leben in seiner Lebensform wird bejaht, und
obschon nicht an die Fomı gedacht ist, wird das einzelne gebilligt,
bejaht in seiner Form, um seiner Form willen. Das Kind wird in die
5 Form der Tradition hineinerzogen, und auch weiter wird das Über-
schreiten der Fomı durch den „Egoismus“ der einzelnen nıissbilligt
und geahndet, und die Ahndungsweise ist selbst zur Form gehörig. Die
normale Form ist das, worauf man rechnet (wie auf die normale Fonn
der Natur) in ihrer umweltlichen Gegebenheitsweise, aber sie ist Form
I0 aus dem Willen. Sie ist und soll sein, und es war immer schon gesollt
' und lag als das im Willen der Väter und Altvorderen. Und das gehört
zu ihrem Sollens-und Willenssinn. Es soll jetzt so sein, weil es immer
so war, weil man in dieser Norm lebte. Diese Norm, soweit sie einen
unbestimmt offenen Horizont hat als Form, wird näher bestimmt
15 durch Befragen der Ältesten, wie es in solchen Fällen früher war.
Dies ist der Rahmen der menschlich gemeinschaftlichen Normalität
und der Rahmen des im weitesten Sinne „Sittlichen", des xuåñuov.
In ihm halten sich auch die Typen des normalen, schicklichen perso-
nalen Lebens, die Beruísziele und die beruflichen Lebensformen usw.
20 Eine korrelative Normalität, nämlich als Korrelat des schicklichen
personalen Lebens, ist die schickliche Form der gemeinschaftlichen
Umwelt, ihre in der Form des Traditionellen und als das Schickliche
von den einzelnen und zum Teil in Gemeinschaftsleistung gestaltete
Umwelt; die Bauform der Häuser, der Wohnhäuser, der Ställe etc.,
25 die Bauform der „Gemeinden“ und darin Stellung und Form der `„Ge-
meinde”-häuser, der Kultstätten usw. Im Leben, dem in den Nor-
malformen verlaufenden Leben der Personen und der „Gemeinden“
und Gemeinden höherer Ordnung, spielt die Besinnung ihre selbst zur
Form gehörige Rolle: Besinnung über das Schickliche, mittelbar in
30 Konnex mit der Befragung der Ältesten.
Dabei aber ist die traditionelle Sitte oder Schicklichkeit in manchen
Bestandstücken bekannt als ein historisch Gewordenes; gewise Ge-
bräuche sind aus einem bestimmten Anlass in der Vergangenheit ge-
stiftet worden.

35 Ichliche Indívidualførm „unsere Well" und du Kalhzhon


Beschreibung des normalen Stiles der menschlichen Umwelt, der
Welt als Welt der Erfahrung, der normalen Natur (mit ihren normalen
Regelmässigkeiten, sozusagen ihren Gewohnheiten), ebenso die nor-
male personale u.nd die Kulturwelt, Kultursachenwelt als Sachenwelt,
40 in der „man“ lebt, die Welt dcr Mittel- und Zweckobjekte in dem Stile
des Üblichen, in der allgemeinen Form des „sittlichen“ Sollens. Sie ist
ein wesentliches Stück der menschlichen Individualform „unsere"
Welt und ihrer Formgliederungen, Formstufen.
Die Menschenwelt als Personen„welt", als vergemeinschaftete Per-
45 sonalität oder als die Vielheit von Personen, die personal lebend mit-
BEILAGE vn 145

einander verflochten sind in ihrer Familie, ihrer „Gemeinde", in ihrem


Stamm etc. Gemäss der Abstufung personale Verfloclıtcnheit. Sie ist
als pe r s o n al e G ege n w art, hat ihre personale Erinnerung, ihre
Vergangenheit, gemeinschaftspersonal ihre G esc hichte, die aber
5 nur gelegentlich und im einzelnen, ungeordnet unmittelbar und mit-
telbar geweckt ist, nämlich in den Erzählungen (der Alten), durch die
Erinnerungsmale der Saehenkultur etc., die aber einen Horizont der
fortgehenden Erweckbarkeit, der Enthüllbarkcit haben.
Die Deskription der umweltlichen Natur (empiriographisch), die
10 Naturhistorie, desgleiclien die der spezifisch personalen Umwelt mit
der personal geformten Sachenwelt: die Kulturgeschichte und Ge-
schichte überhaupt, sofern sie auf das historisch Wesentliche geht, das
ist auf die individuelle Form der Welt, in der wir als Personen leben,
und die jeweiligen Mitstiiter dieser Form in der historisch erreichbaren
15 Zeit, soweit sie das sind und selbst fortleben in der Erinnerung als Tra-
dition bestimmend (im doppelten Sinne).
Sitte und Geschichte (die besinnlich wiedereröffnete Geschichte
des Gemeinschaftslebens in der sich darin gestaltenden und immer
neu formenden gemeinschaftlichen Umwelt) sind überhaupt un-
20 trennbar. Zum Schicklichen gehört die Verehrung der Eltern, der
Voreltem, der „grossen“ Männer der Vergangenheit und der Art, wie
sie ihr Leben gelebt, wie sie in das Leben der Gemeinschaft eingegrif-
fen haben. Geschichte - Geschichtserzählung, was die Alten und Al-
testen erzählen als das, was ihre Alten ihnen erzählt haben usw, in
25 weiterer Míttelbarkeit, sofern sie nicht selbst dabei waren und davon
aus ihrer direkten Erfahrung erzählen.
Man lebt in Gemeinschaft und hat Erfahrung vom Leben der An-
deren in Strecken, man hat dabei auch Erfahrung vom eigenen Leben
als mit den Anderen Leben, am reichsten von dem der Glieder der eige-
30 nen Familie; und je älter man wird, um so grösser ist die selbst erfah-
rene Lebensstrecke ımd Gemeinsclıaitsstrecke, soweit sie allerdings in
die wirkliche Erfahrung reicht. Im Leben beurteilt man die Anderen
nach dem Kathekon (zunächst) und \vird selbst beurteilt und wird
schon früh motiviert, Selbstbeurteilung zu iiben 7 Beurteilung der
35 Vergangenheit und evtl. 'der ganzen Lebensvergangenheit, die in
Erinnerung ist, oder der ganzen Beruísvergangenheit, der ganzen Ver-
gangenheit von der Reife an, womit das „en-iste" Leben anging. Die
Selbstbesinnung und Selbstbeurteilung dient der Regelung des Lebens,
sie geht in die Vergangenheit um der Zukunft willen, und geht in die
40 Zukunft um der Lebensmöglichkeiten willen, der möglichen teleologi-
schen Formen willen, unter denen beurteilend-wertend gewählt wird
und werden soll.
Bevorzugend hatten wir jetzt im Auge innerhalb der weiteren Indi-
vidualform die Form des Kathekon, des personal Gewöhnllchen, das
45 zugleich den Charakter des Seinsollenden hat - freilich unter Abwei-
chungen, des „nicht so, wie es sich gehört", was als Abweichung dann
doch wieder zum Gewöhnlichen gehört.
I46 VORIiERl:ZfTUNGEN DES „S\'S'l`l_-§l\'f.›\'I`lSCI<IEN VVERKES" 19304931

Hier ist hinsichtlich der Scheidung des menschlich Gewöhnlichen


und dessen, was der „Sitte“ entspricht, noch manches zu bedenken.
Das personal Gewöhnliche: Dahin gehören die „berufsmässigcn" Die-
be, Betrüger etc., die Scheinehrliclıen, die Scheinbürger, die in Wahr-
5 heit die Sollensform der „Sitte“ durchbrechen, darunter aber auclı die
Räuberbanden, die sich offen gegen sie stellen, gegen die Staatsord-
nung, die zum „sittlich" Gesollten gehört. Wir hätten also „eigent-
liche" Berufe und uneigentliche, auch ehrliche und unehrliche (Scharf-
richter, Wucherer). Was dabei weseıısmässig ist und was allgemein
lO vorkommend. kann zunächst ununterschieden bleiben.
Zunächst genügt auch die allgemeine Rede von Person. Aber nun
des näheren: was gehört zu einer „Person", die in diesen „Formen“
lebt und von ihnen her selbst Form hat (Form des Beamten, Offiziers,
des Privatmannes etc., Funktionär der Staatsgemeinschaft, Nicht-
15 fımktionär etc.). Doch in anderem, aber verwandten Sinne hat jeder
seine Privatsphäre, worin er nicht Funktionär ist.
jetzt kommen die Charaktertypcn der Person und die Weise eines
menschlichen personalen Lebens als Zwecklebens, die Umwelt als
mein Feld der Zwecke, als Reich, Herrschaftsbereiclı, in dem ich walte,
20 in dem ich meine Lebensziele setze und verwirkliche, die ich mir ge-
mäss gestalten will.

Unsere Lebenswelt nls Indivíduulform

Die Form" der Welt in der der Mensch _ der faktische Mensch
personal bewusst lebt und der er selbst zugehört, für sich selbst in sei-
25 nem personalen Bewusstseinsleben, ist eine individuelle Form, Ge-
nauer gesprochen: Ich, der Innenpsychologe, bzw. der Phänomenologe,
beschreibe oıiginalíteı, als faktischer Mensch, mich, und mich in „un-
serer“ Mitmenschheit, in meiner Familie, meiner Stadt etc., inmeiner
offenen Menschengemeiıßchaft findend, in unserer Welt _ eben diese
30 Welt, uns selbst inbegriffen, nach ihrer Individualform, nach der
Form, die diese Welt (Lebenswelt, aber nicht als Aussenwelt verstan-
den) hat. Jeder dieser Welt Angehörige, d.i. jeder zur selben Gemein-
schaft als meinem Wir Gehörige, beschreibt dieselbe, und notwendig
dieselbe Individualforrn. Ein Chinese, sofern er nicht zu ihr gehört,
35 beschreibt eine andere. Welt als Individualform ist nicht Welt als We-
sensform für jeden erdenklichen Menschen, das ist für den Menschen
als „Wesen"› Aber jeder erdenkliche Mensch ist doch individueller und
lebt im Rahmen einer Individualform. Es ist zu unterscheiden das We-
sensallgemeine überhaupt, das zum Menschen und der Welt für den
40 Menschen gehört, und darin beschlossen die Wesensform „Individual-
forrn überhaupt", von der bestimmten Individualform, die irgendein
faktischer Mensch und, was gleich gilt, seine faktische Allgenıeinschaft
(„wir alle" im weitesten Sinne) hat. In der Wesensallgemeinheit be-
schrieben setzt sie voraus (bzw. schliesst sie ein) die Wesensform
nr;ıL›.<;ı†. vu 147

menschliche Gemeinschaft überhaupt, die wir jetzt in einer Allge»


meinheit denken, die nmschrieben werden kann, ehe man heran-
knmrnt an das \Vesensallgemeine .,lı\dividualfurm", das wir im Auge
haben. Z.B. das Wesen des einzelnen Menschen, das die iııtentioııale
5 Psychologie bis in seine tieísten Stnıkturen verfolgt, und das intentio-
nale Wesen einer Menschengenıeinschaít, rein innenpsyclıologiselı ge-
sehen, worin sich für sie personale Welt konstituiert, ist vorausgesetzt
und es braucht nicht ausgelegt zu sein. Die Individunlíorm des perso~
nalen Seins in Genıeinsclıaft und der Gemeinschaft selbst kann sozu-
l0 sagen naiv, und nicht nur in einer empirischftypischen, sondern einer
Wesensallgemeinlıeit, beschrieben werden; man gebraucht dabei die
Wesensíomı Person (das Eidos) ; aber dazu bedarf man nicht der vor-
gängigen Ausarbeitung der konkreten reinen „Seele", bzw. der kon«
kreten monadischen Subjektivität und ebenso der intermonadisclıen.
X5 Sie kann unerschlossen bleiben, wie sehr das auch für das Verständ-
nis ein Manko bleibt. Es gibt eine na.ive Ontologie der Personalität und
personalen Welt als Indjvidualiorm.
Diese Form ist für mich, ist für jeden Menschen das allervertrau_
teste, nicht natiirlich als theoretisch herausgestellte, irgend herausab-
20 strahierte, sondern als die vertraute Horizontstruktur, i.n die sich alles
besondere Tun und Treiben einíügt.
Diese Form hat jeder individuell orientiert von sich aus und erfüllt
als seine personale Umwe lt, als mehr oder minder unbestimmte, be-
kannt-unbekannte personale Welt „von ihm aus" erfahren. Sie be-
25 schreibt sich in grösserer oder geringerer Allgemeinheit und je nach-
dem dann auch mit ihrem indjviduellsten Gehalt.
Nr. ll

<APODIKTISCHE STRUKTUR DER


TRANSZENDENTALEN SUB]EKTIVITÄT_›
PROBLEM DER TRANSZENDENTALEN
5 KONSTITUTION DER WELT VON DER
N ORMALITÄT AUS
<wohl Ende 1930, oder 1931 ›

<Inhalt:> Vorgegebene Welt und Welt der Normalen mit Anv-


mıılen. Die Moıií der Anomalítät. Mensch 7 Tier _ Wahnsímıige.
10 Pzrsonale Anomulítät etc. Welt der Tiere, du Prínıitívm, der
Wahnsimıígen und Welt schlechthin - mıserz Welt.
Das Ich als Subjekt der Intentíonalität. Das Wache Ich. Die
Intentionalität im Modus der Passivität und in dem der Aktion.
„Passivitât": Instinkt uncl Assoziation. Aktivität des wachen Ich
15 in wachem Selbstbewusstsein strebend durch seine Ichakte hin»
durch. Das Ich als spezifisches Subjekt der instinktiven Triebe
(als Triebhabitualitäten), der durch alle lebendige Gegenwart hin-
durchgehenden Triebintentionalitäten; dabei als Subjekt der in
wachen Aifektionen und Akten sich auslebenden und sich mit
20 ihnen neu stiítenden A k th ab it u al i t ä t e n. Auszeichnung
der unmodalisierten: Triebe auf unmodalisiert verbleibende Er-
werbe hin. Besondere Synthesis aller solchen Triebe. Durch das
Aktleben hindurch geht also Trieb, das Ich, das atfizierte, rich-
tet sich auf etwas, zielt auf etwas, erstrebt es. Akte als „lei-
25 stende", das Ich als in seiner Aktivität leistend aufgrund einer
Habitualität, der gemäss es seine alten Leistungen bis auf wei-
teres als bleibende, unclurchstrichene Erwerbe hat, bleibende
Vermögen. Durch die assoziative Passivität vollzieht sich die
Aktualisierung der Erwerbe als Apperzeptionen. Das Leben des
30 wachen Ich als apperzipierendes, das Neue gemäss dem Alten,
in Gewissheit Gültigen auffassendes, irı einem gewissen Sinn ihm
'rızxr NR. ıı 149

assimilierend, Die Intentionalität, durch die ich eine weltliche


Gegenwart habe, impliziert in sich die Inteııtionalität der Ver-
gangenheit; oder die gegenwärtige Welt der Erfahrung, der er-
fahrenden Apperzeption, impliziert in sich die vergangene meiner
5 Erfalirungsvergangcnlıciten als sie in intentionaler Kontinuität
und Vermittlung vcrälınlichend. Streben auf Gewissheitcn, auf
standhaltcnde, auf bleibende Gültigkeiten, Haben. f Aber das
alles ist zu allgemein, unbestimmt,
Wir betrachten also die Welt als Leistung 7 die Welt
I0 fiir mich als meine Leistung, Leistung aus meiner intentionalen
Aktivität, auf dem Grunde meiner Passivität. In dieser Leistung
erwerbe ich für mich das Sein der Andern, als für mich das Sein
der Welt mitleistend.
Die Gesamtleistung ist, wenn ich reflektierc, immer schon
I5 vollzogen, und derart, dass ich immer schon vorgegebene
Welt habe. Die Leistung geht als eine beständig fortschreitende
meiner und unserer leistenden Subjektivität weiter, die vorgege-
bene Welt gestaltet sich fort, erhält immer neuen Sinn, aber
verbleibt immerfort dieselbe Welt und in jeder Gegenwart
20 künftig und für jedermann mit diesem entsprechend gewordenen
Sinn vorgegeben. Ich ertorsche den allgemeinen Stil der
vorgegebenen Welt, den Stil ihrer Vorgegebenheitsweisen in Um«
welten verschiedener Stufen, den Stil ihrer Modalisierungsstruk-
tur, ihrer i.n1 Fortgang sich vollziehenden Seinssinneskorrektur,
25 ihrer Weise, in diesem Wandel Identität durchzuhalten. Das kann
ich beschreiben und gewinne eine Strukturwahrheit
für die Vorgegebenheit, die aber doch ungeheure
Problemhorizonte offen lässt. Das Sein der Welt, das
Sein der konstituierenden Subjektivität, führt es nicht auf a k t u«
30 ale Unendlichkeiten? Ist das Sein ein beständiger
Prozess der Genesis von Geleistetem aus immer
neuen Leistungen und ríickblickend immer so ge~
wesen, so scheint die aktuale Unendlichkeit notwendig.
Die transzendentale Reduktion fiihrt das naive Sein der Welt
35 auf die vorgebende, Welt als Vorgegebenheit und als in immer
neuen Erfahrungen erfahrene und eríahrbare Welt konstituie-
rende Subjektivität zurück. Zu dieser gehört die Welt mit als
konstituierte, als habitueller Erwerb und als konstituiertcs Feld
der Aktivitäten und insbesondere der Selbsterhaltung.
150 VORBEREITUNGEN DES „SYSTXZMATISCI-UZN WERKES“ 1930-193!

Aber gesetzt, es wäre die systematische intentionale Ausle-


gung der Welt in dieser Konstitution, also korrelativ der konsti-
tuierenden Subjektivität durchgeführt, dann mögen wir sagen:
G e g e n ii b e r d e r W e lt als in Relativität zur konstituierenden
5 Subjektivität seienden sei diese selbst absolut seiend.
Aber ist die transzendentale Subjektivität wirklich absolut sei-
end, hat sie nicht selbst eine Zeitweiligkeit f wenn wir-nicht
Sein in einer aktual unendlichen Zeit annehmen wollen, obschon
einer Zeit, der wir schon transzendentalen Sinn geben, ohne ihre
|0 Form der Unendlichkeit uncl Ordnung ändern zu können?
Die transzendentale Reduktion und die Auslegung der Konsti-
tution der Ei-fahrungswelt (in der sie Sinn hat und Sinn erhalten
hat, Sinn immer neu gewinnt, weiter die Konstitution der wissen-
schaftlich-log-isch konstruierten und idealisierten Welt, durch
|5 „theoretische Bearbeitung" der Welt als Welt der Erfahrung)
mag ein weites Feld neuartiger und fundamentaler Einsichten
sein. Aber sie führen noch weitere Rätsel mit sich. Wir verstehen
uns Menschen, wir verstehen die Welt tiefer: unser tieferes Sein,
in dem erst unser menschliches en tspring t, ist Sein als tran-
20 szendentales Ich und Wir ; und doch verstehen wir uns und un-
ser Weltleben a ls M e n s c h e n noch nicht. `
Selbstauslegung beginnend und durchführend finde ich: Ich
b in, sosehr ich mir unbekannt bin, ich kann mich kennenlernen
und mich finden als Ich, das sich als Menschen in der Welt objek-
25 tiviert erfährt, das überhaupt die Welt vorgegeben hat, in die
vorgegebene und mit einem jeweiligen Sinn schon seiende hinein-
lebt, in ihr immer neue aktuelle Zwecke hat, auf sie bııogene
Instinkte, stets wiederkehrende Bedürfnisse, auf sie bezogene
bleibende Zweck- und Mittelgebilde, die es sich verschafft hat
30 aus eigener Leistung und eventuell in Kommunikation mit An-
deren etc.
Das findet das transzendentale Ich als transzendentales Phä-
' nomen, es findet sich selbst und dergleichen als sein Gebilde. es
findet sich als Subjekt ursprünglicher und erworbener Vermö-
35 gen, in einer Struktur der Habitualität. Ich finde mich trotz
der Unbekanntheit in vieler Hinsicht als Ich, der ich so
Geaıtetes kann und nicht kaım, unmöglich kann. Ich finde mich
vor als apodiktisch für mich seiend, und für mich seiend in einer
apodiktischen Struktur, für die ich sagen muss: So bin ich und
rexr NR. ıı 151

anders kann ich nicht sein ; es wäre „undenkbar“ für mich, es ist
eine in v a r i a n t e S t r u k t u r, die mit dem Variierendcn, Zu-
fälligen, lšesondernclen ausgefüllt ist und irgend ausgefüllt sein
muss, Täusche ich mich über mein Sosein, so entspricht dem not-
5 wendig ein anderes innerhalb der „im voraus", nämlich als apo-
diktiscli-notwendigc Struktur mir zugehörigen Fülle. D i e A p o-
diktizität des Ich-bin lässt für die Besonderung
der Struktur nichts offen, offen bleibt nur, ob
ich es wirklich erkenne. Mein eigenes Sein ist
IO „d e f i n i t"; jede mich selbst betreffende, aus meiner eigenen
Erfahrung mich auslegende Aussage ist ent\vcder wahr oder
falsch: sie ist „im voraus" entschieden.
Wie weit reicht nun die definitc Struktur, die
von der Apodiktizität uınschlossene? Gehört da-
15 zu nicht mein Sein als Subjekt für eine Welt,
geht das nicht in alle Selbstvariationen meines
Ich, sofern sie reine Erdenklichkciten sind, als
Wesensallgemeines ein? Und beschliesst das nicht
die Gemeinschaft der transzendentalen Subjekte
20 als eine gemeinsame Welt konstituierende?
Aber wie das? Kann ich mich nicht so abgewandelt denken
bzw. meine Welt, dass sie die Objektivität für alle ver-
lie r t, ja, kann ich mir nicht vorstellen, dass sich alle Erfahrungs-
präsumptionen auflösen und nicht einmal eine reduzierte Welt
25 für mich wäre? 1 <Ist es› nicht denkbar, dass mein Leib und die
Dinge für mich ihre Seinsgeltung verlieren, dass in meinen im-
manenten Sinnesfeldcrn jede Abhebung, jede Konstitution für
sich idcntifizierbarer Sinnesdaten aufhörte, daher aufhörte jeder
Reiz für mein aktives Ich? - Oder kann ich mich nicht so um-
SO denken, dass ich von vomherein keine Empfindungsfelder hätte
mit abgesetzten Daten? Wie könnte ohne Daten ein Icbleben
vonstatten gehen in seinen Affektionen und Aktionen? Sind aber
Empfindungsdaten notwendig, warum müssten sie so verlaufen,
und in eins mit Kinästhesen verlaufen, dass sich objektive Ap-
35 pcrzeptionen bilden könnten?
Es scheint also, ich könnte weltlo s sein! Aber ist das Leben

1 nach ima meine wen, au rıkmm, mi variieren« “merken _ aa; Pfabıem


an weııvemißimmg (ram).
152 VORBEREITUNGEN DES „SYSTE.\l.›\TlSCHEN WERKES" l'?30›l93l

ein Feld, das ich beliebig umdenken kann? Ist es nicht Leben des
lch? Bin ich denkbar als Ich, der ich nie wach werden könnte,
der nie affiziert sein, nie zu Akten kommen, nie zu bleibenden
Leistungen usw. <kornmen könnte›? Ist Schlaf und Bewusstlo-
5 sigkeit nicht Möglichkeit des wachen Ich und ohne ein waclıes
Ich, das von der Wachheit aus in Schlaf übergeht und erwachencl
Schlaf versteht, denkbar? Und ist ein „leeres" Gesichtsfeld oder
Tastíeld und dergleichen vielleicht nur denkbar als Abwand-
lung eines mit Daten besetzten und von seiten eines Ich, das
10 schon in irgendeinem, wenn auch beschränkten Sinn Welt hat,
und eine ganz willkürliche Abwandlung aller Felder zumal und
erstreckt auf das ganze Leben überhaupt durch die Struktur eines
Ichlebens (und Leben in diesem Sinne ist ohne Ich überhaupt un-
denkbar) ausgeschlossen? 1
15 Es hängt viel an der Methode der Konstruktion evidenter
Möglichkeiten des verschiedenen Sinnes und der Sinnesvoraus-
setzungen, und so leicht darf man nicht evidente, aber beschränkte
Möglichkeiten in evidente universale verwandeln wollen. Ander-
seits ist es sehr schwer, die Evidenz, die Selbstgegebenheit des
20 Ich als Subjekt der Vermögen, der Habitualitäten, der bleiben-
den Erwerbe, der bleibenden Apperzeptionstypen, in denen
Weltliches gegeben ist, der bleibenden Instinkte, die „angebo-
ren“ sind und die aller möglichen Genesis schon vorhergehen,
zum phänomenologischen Thema zu machen.
25 Es ist ein grosses Problem, zunächst vom Faktum „ich bin
Subjekt meiner Eríahrungswelt” diese in ihrer Vorgegebenheit
durch wirkliche und mögliche Erfahrung systematisch auszu-
legen und zu beachten, dass zu ihrer Auslegung gehört, dass die
ihr zugehörigen „Seelen”, personalen Subjekte in der Konkretion
30 ihres seelischen Daseins, dann notwendig mit auszulegen seien
nach ihrer invarianten Struktur, vermöge deren es Subjekte
sind, die psychologisch-intentional auf die Welt bezogen sind, in
der sie sind.
Wird das transzendental gewendet, so geht für mich
35 als transzendentales Subjekt, das sich in der Welt als Menschen
findet, mit ein in das transzendentale ego die ganze innerseelischc

1 und ae: übenegt, Wee ae freie Ab weeaiue g heisse, am an am weeeeemeeeag


„ve«ıeeim_eg" der Eıfeımmg, der wıeıeuenen und einer der mee wehren seine mag-
ueııee, ren und dem gehören rresıeme.
raxr NR. ıı 153

Struktur, die Person mit ihrem ganzen Leben, ihren Vermögen


etc. Variiere ich mich nach eidetischen Möglichkeiten meiner
selbst, der ich Mensch in der Welt bin, und transzendental ge-
wendet, so verbleiben in der Variation invariant die Wesensmo-
5 mente der rein seelischen Struktur, also die Person und ihr Be-
wusstseinsleben: eben als in jeder Weise Leben der Person, mit
den Strukturen der Passivität und Aktivität, nach immanenter
Zeitlichkeit und ihren Vorkommnissen und nach Vermögen,
Habitualitäten und Zentrierung. Aber zum invarianten VVesen
10 gehört, dass zu dieser für das lch selbst als invariant erkennbaren
Struktur auch gehört, dass sie invariant nur ist als Struktur eines
strömenden Lebens und aus ihm einer sich wandelnden und im
Wandel doch verharrenden Person, sowie der von ihr aus sich
umgestaltenden Umwelt, in der doch diese Person Existenz hat
15 und mit der ihrer eigenen Zeitlichkeit entsprechenden jeweiligen
„Erscheinungsweise“ von „der“ Welt ist. So liegt in der transzen-
dentalen Subjektivität nach Noesis und Noema, dass sie ver-
harrend ist in einer Genesis von verharrender Form.
Aber dann bringt das durch die Welt des lch objektiviert
20 mitgegebene Sein von anderen transzendentalen lch und das Sein
aller in Form der Generation neue Probleme der Genesis und die
Probleme von Geburt und Tod.
Von mir her im Transzendentalen vordringend, eröffnet sich mit
der Frage der Unendlichkeit derZeitigung dieFrage der Unendlich-
25 keit der transzendentalen Mannigfaltigkeit von Subjekten.
Die Frage, was bin ich, was ist der Mensch, die
M e n s c h h e it, beantwortet die Transzendentalphilosophie
durch ihre tiefste Auslegung der Subjektivität als sich selbst
und Welt konstituierender. Aber wie gesagt, im Fortschreiten
30 erwachsen hierbei immer tiefere Probleme. Wir nannten soeben
schon das Problem der Unendlichkeit der transzendentalen Sub-
jektivität als Unendlichkeit von transzendentalen Einzelsub-
jekten, auch ihrer Verweltlichung, also das Problem, wie ihre
Totalität zu denken ist.
35 Doch in anderer Richtung: die Auslegung eines Menschen als
bezogen auf seine vorgegebene Welt, zu verstehen als aktiv
in diese Welt Hineinleben, sich auf sie erfahrend, denkend,
Wertend <beziehend› und praktisch in sie eingreifend und sie
umwandelnd gemäss leitenden Absichten, Zwecken.
l54 \'ORlll3REl'l`UNGEN DES „SYS'l`E.V[A'l`lSCllEN WERKBS" 1930-1931

Der Mensch in der Welt und die Menschen im Miteinander ha-


ben durch alle ihre Schlafpausen hindurch Einheit eines wachen
Lebens in Synthesis ihrer Vl/achheiten, in mannigfaltigen Einzel-
akten. Dazu eine bes ondere Einheit, durch alle Pausen der
5 Krankheit und jedweder Anomalität E i n h e i t e i n es n o rm a-
len Lebens. Hier kann der einzelne durchaus anomal sein,
aber zur Menschheit, der totalen oder einer in sich abgcsonder-
ten Menschheit, rechnen wir, dass nicht alle a nomal sein
können. Anomalität ist Modifikation des Normalen,
10 hebt sich aus ihm heraus und fügt sich dann ihm bei als ein unter
gelegentlichen, möglichen und erkennbaren Umständen notwen-
dig eintretendes Vorkommnis. Aber ist nicht Wachheit selbst ein
Grundmodus der Normalität?
Eine Menschheit hat eine besondere Einheit darin, dass sie
|5 als normale durch ihre normalen einzelmensclılichen Sub-
jekte eine normale Welt konstituiert, und als Feld einer normalen
Menschheitspraxis, in der normale Kultur erwächst <und› die
Einzelsubjekte in allen ihren Lebensweisen, mindestens im gan-
zen genommen, ihren normalen Stil sich erhalten, Auch das Ein-
2O zelsubjekt hat also seine Normalität, innerhalb deren Anomalität
als einen gewissen Eínheitsstil im einzelnen und gelegentlich
störend auftritt. Menschliche Normzılität bezeichnet nicht nur
einen von aussen zu beschreibenden Stil, sondern eine innere Ein-
heit, eine Einheit der Person in ihrem Leben, eine Einheit der be-
25 treffenden Menschheit als Analogon einer Person!
Das alles betrifft nun, transzendental aufgeklärt, selbstver-
ständlich die transzendentale Subjektivität, die einzelmonadi-
sche und die kollektive, aber nicht nur kollektiv zusammenge-
nommene, sondern innermonadisch vergemeinschaftete.
30 Aber Normalität hat verschiedene Formen und Stufen, die we-
sensmässig zur Konstitution des Menschen und des Menschen in
der Menschheit gehören, mit der vergemeinschaftet er selbst
wird. vom Kinde zum normalen reifen Menschen wird. Der
Mensch ist nicht nur in der Gemeinschaft, sondern als Werden-
35 der in die Vergerneinschaftung hineinwerdend und sich nach ihr,
mit ihr in wechselseitíger Motivation Bildender, <so dass er› also

1 voıksnnensenneiu Denn in den mee: reıeııneneenneiı in eigenııieneı- Personen-


ıaı. Eine sın.-ersnnıinn in einer Unernnıien kann nis aneıngon einen einzelnen Pereen
genen.
TEXT NR. ıı 155

als jeweils Gewordener in sich die aus Gemeinschaft entsprungene


Genesis trägt, oder, was gleich gilt, seine mitmenschlichen Bildner
intentional in siclı trägt. Das betrifft natürlich auch die Bildung
durch die Tradition, die Wirkung (sogenannte Nachwirkung)
5 von Mitmenschen derselben Menschheit, nur solcher früherer
Zeiten, bedeutet.
Wie gewinnt man den Sinn derjenigen Normalität, die zur
konstituierten Welt selbst, der objektiven Welt für alle, gehört
und die ihrerseits vorausgesetzt ist als Struktur des sich selbst
10 Besinnenden über die Welt? Die Stufen der Normalitäten
und Anomalitäten entsprechen den Stufen der Seinskonstitution
nach relativem Sein in relativen Erscheinungen bis hinauf zum
objektiv wahren Sein der wahrhaft seienden Welt.
Die in einer Normalität konstituierte Welt ist zugleich konsti-
I5 tuiert als Anomalitäten in sieh enthaltende. Oder die Erfahrungs›
welt schlechthin, die da a.ls allgemeinsame konstituiert ist, ist
konstituiert als eine normale Menschheit enthaltend, welche
die Welt in Normalität erfährt, und daneben auch Anomale,
welche dieselbe anomal erfahren. Aber dabei so, dass die
20 Normalen und Anomalen sich verständigen über dieselbe Welt,
dieselben Dinge etc. Darin liegt folgendes: Jedes normale Sub-
i jekt lıat selbst gelegentlich anomale Abweichungen von seiner
l normalen Erfahrung und so anomal Gegebenes. Aber es identi-
fiziert doch dasselbe Gegebene, dasselbe Ding als nur verschie-
25 den erscheinend, gelegentlich unter Umständen anomal, Eben-

l so intersubjektiv. Das weist auf eine gegenständliche Grundstruk-


tur, welche als Form die Identifikation leitet, auf raumzeitliche
Individuation. Die erste und universale Normalität ist die, dass
die transzendentale lntersubjektivität überhaupt eine Welt kon-
30 stituiert als normale Erfahrungswelt der normalen Mensch-
heit; wobei aber i.n cler Erfahrungswelt auch anm-me Menschen
auftreten, und auch Tiere, die wir nicht anomal nennen. Aber sie
sind doch als von der Norm des Menschen abgewanclelt verstan-
den uncl dann verstanden als in einem eigenen Miteinander in
35 eigener Normalität eine normale „Welt“ für sie, und zwar
fiir jede Spezies im besonderen, konstituiert habend. Aber das
ist keine Welt im eigentlichen Sinne.
Die konkretere Auslegung der menschlichen Normalität hat
ihre Schwierigkeiten. Sie führt auf Schichtungen in besondere
ISÖ VORBEREITUNGILN DES „SYSTE¶A'l`lSCHEN WERKES" 1930-l93l

Normalitåiten, Fürs erste, die normale Welt hat als fundierende


Schicht dic norm ale N atur, das Reich der bloss sinnlichen
Erfahrung. Die Normalität der durch normale menschliche
Sinnlichkeit konstituierten Natur (rein aus „sinnlicher Er-
5 fahrung") ausgelegt, das wäre ontologische Auslegung des nor-
malen Dings als Wesensform und der normalen Natur überhaupt.
Korıelativ: Auslegung der subjektiven Erfahrungsgegebenhei-
ten der Natur, ihrer Erscheinungsweisen für jeden sinnlich Nor-
malen, d.i. als Normaler normal sinnlich Erfahrenden. Harmonie
10 aller normalen Menschen hinsichtlich ihrer sinnlichen Erfah-
rungen, ihrer Erscheinungsverläufe, vermöge deren sie, obschon
jeder andere Erscheinungen und gleichzeitig nicht dieselben hat,
doch dasselbe sehen.

Charakteristik ıiz1 mznsrhlichm Normalität

15 „Ich, die Welt apperzipierend, apperzipiere sie als Normaler".


Das ist zunächst privat gesagt. Aber wie charakterisiert sich
dieses Phänomen allgemein? Ich finde mich zunächst in meiner
Wahmehmungsgegenwart unter Mitmenschen, mit denen ich
mich ohne weiteres so verstehe, dass sie dieselben Naturgegen-
20 stände, die ich sinnlich wahmehme, bzw. in sinnlicher Wahr-
nehmung kontinuierlich bestätigt habe, ebenfalls bei entspre-
chender VVahrnehmungsrichtung wahrnehmen und wahrneh-
mend bestätigen, und zwar dieselben Dinge in denselben sinn-
lich erfahrbaren Qualitäten wie ich selbst. Ebenso weiter: Ich
25 habe eine Umwelt der Mitgegenwart, darin Mitmenschen, und
alles, was für mich aus sinnlichen Erfahrungen sein bestätigtes
Dasein hat und seine eigenschaftlichen Merkmale, seine raum-
zeitlichen Relationen, seine kausalen Beschaffenheiten (diese im
Rahmen sinnlicher Erfahrung genommen), hat eben dieselben
30 für die Anderen, und so, dass wir jeder unsere sinnlichen Phan-
torne haben, in unseren Kinästhesen sich wandelnd, jeder seine
eigenen und unterschiedenen, dass wir aber bei Platzwechsel
(uns i.n des Anderen raumzeitlichen Platz versetzend) diese Er-
scheinungsweisen austauschen würden etc. Aber nun die Korrek-
35 tur. Zur Umwelt gehört auch Anomalität, und zu meinem
eigenen Erfahrungsleben und der darin erscheinenden eigenen
Umwelt, meiner privaten, gehört das Auftreten von anomal er-
TEXT NR. ll 157

fahrencn Dingen, wir sagen dann, anomal erscheinenden, die


doch nicht eigentlich Schein sind. So das Anderssehen bei er-
kranktem Auge oder das Undeutlich-sehen, das mit verschwom-
menen Umrissen oder Vervielfältigung der erscheinenden Kon-
5 turen und dergleichen bei eintretender Alterssichtigkeit des Nor-
malen, Das anomal Gesehene und überhaupt sinnlich Erfahre-
ne wird zur Erscheinungsweise des entsprechend normal zu
Sehenden für mich selbst, d,h. es ist als „anomale“ Abweichung
von seinem normalen Urgegenständlichen apperzipiert, es gilt
10 nicht als das Dinglichc unmittelbar selbst, natiirlich auch nicht
als ein Abbild, sondem als eine Modifikation, die auf das
Ureigentliche verweist.
S0 finde ich auch in der Umwelt im Verstehen der Anderen,
dass unter ihnen anomal Erfahrende sind, und zwar auch konse-
ı5 quent anomal Erfahrende im Vergleich zu mir und den mir
Gleichen. Ich finde, dass sie Subjekte einer Einstimmigkeit
ihrer sinnlichen Erfahrung sind, der gemäss sie in ihrer priva-
ten Erfahrungswelt keine privaten Anomalien haben können als
solche, die für sie selbst - ausser Beziehung zu Anderen _ als
20 anomale Abweichungen erscheinen könnten.
Wir haben also zu ergänzen: „Ich bin Normaler", das sagt
phänomenologisch von innen gesehen: Ich bin in einer Umwelt
mit Menschen, die „alle _ bis auf vereinzelte Ausnahmen"
<diese Welt› als dieselbe gleichbestimmte erfahren, bzw. als
25 erfahrbare und füreinander in Identität erfahrbare in Gewissheit
haben. Welt f vor der Wissenschaft - besagt für mich und sie
alle (in ihrer offenen, auch generativ „offen unendlichen" Man-
nigfaltigkeit) eben diese Gemeinwelt, und zwar Natur, die „jc-
dermann", der sie nach allem, was sie „ist", in seiner eigenen
30 möglichen sinnlichen Erfahrung erfahren kann, sie zugleich ap-
perzipiert in bezug auf einen offenen Horizont von „allen Ande-
ren, ausgenommen einzelne”,1 die dieselbe Welt und wieder nach
allem, was sie ist, erfahren könnten und sie als Gemeinwelt mög-
licher Erfahrung haben. Darin liegt, dass sie auch zusammen er-
35 fahrend, voneinander Erfahrung übernehmend, sie als Welt
möglichen gemeinsamen Erfahrens haben.

1 Das „in der Regel", „gewöımıi@ıı", „imma“ mit emıaınm Ausnahmen, wirk-
ıienen und vermuten oder eve„ı„=ııe„", ist ame an ıogncım. formen, an des em.
pnısaiıni überhaupt.
158 VORBEREl'l`UNGE:\` DIES „SYSTF.MAT[$CllEN WERKES" 1930-1931

Die ausgenommenen einzelnen haben dann den Charakter der


anomalen Mihsubjckte. Als umweltliche Objekte sind sie für
unsere Normalität mit da, für uns alle in gleichen Bestimmungen,
als was sie in dieser Erfahrungswelt sind, erfahrbar. Sie sind
5 aber nicht „normal“ miteríahrend, soíem sie ex du/ínitíonc nicht
clas Vermögen haben, dieselbe Welt nach allem, was sie für
uns ist (und so als im bezeichneten Sinn normale), in möglicher
eigener Eríahnıng zu erreichen. Andererseits erfahren wir sie
doch als dieselbe Welt Eríahrende (wenn wir sie überhaupt als
10 Menschen und selbst als „vertiefte“ Menschen erfahren). Wir
erfahren sie evtl. als in sich möglicherweise Welt sinnlich erfah-
rend in Einstimmigkeit mit sich selbst und evtl, auch völlig
darin übereinstimmend mit einzelnen Anderen, aber S0, dass sie,
wie wir erfahren („einfühlend" erfahren), nicht in der Lage sind,
15 ihre private Eríahrungswelt nach allen Erfahrungsmerkmalen
als Gemeinwelt fiir „alle bis auf einzelne" zu erfahren, vielmehr
eben nur als Gemeinwelt im einzelnen und nach einzelnen Merk-
malschichten.
Wir verstehen aber auch, dass sie in der endlosen Vielheit von
20 Normalen erwachsend, die immer wieder als Regel erwarten
können, auf ihresgleichen und eine Übereinstimmung der Er-
falirungsgegebenheiten mit denselben zu stossen, sich eventuell
anpassen und sich selbst als Ausnahmemenschen, als Anomale
ansehen und, was für sie privat gesprochen normal Seiendes
25 wäre, interpretieren müssen als anomale Modifikation von dem,
was normalerweise ist. Das aber unter der Voraussetzung, dass
sie nur anomal sind hinsichtlich einer bestimmten Schichte von
Merkmalen der normalen Gemeinwelt, während sie in allem
übrigen in völliger Harmonie mit den Normalen erfahren, also im
30 übrigen selbst normal sind.
Man sieht, es sind hier weitere Probleme. Fürs erste, wie kommt
es überhaupt zur Identifikation derselben Dinge, derselben Na-
tur fiir Normale, u.nd welche Anomalitäten sind für jedes Sub«
jekt Möglichkeiten, welche Typen von relativen oder für immer
35 bleibenden Anomalien sind denkbar bzw. verstehbar? Die Fremd-
erfahrung, die Erfahrung von Anderen als Anderen, setzt voraus,
dass der eine, etwa ich, den Körper (des Anderen) als Leib
eines anderen Ich erfährt, und damit ist gegeben, dass das in
meiner Erfahningssphäre gegebene Körperding und das von dem
rısxr NR. ıı 159

Andern als sein körperlicher Leib erfahrene d asselbe ist. Und


so führen überhaupt die Bedingungen der Möglichkeit der Ein-
fühlung als Fremderfahrung auf eine im einíühlendcn Verstehen
der Andern in einem gewissen Umfange ınitverstandene, und
5 zwar als identisch selbige mitverstandene Erfahrungswelt der
Andern. VVie Weit muss nun diese in den Mittelbarkeiten des ein-
tiihlenden Einverstehens begründete Gemeinwelt reichen, und
wic weit ist Anomalitat möglich (nicht Scheinhattigkeit), welche
Anomalien sind als typische a priori offen, welche sind daher zur
IO Interpretation der Andern (etwa als nicht nur in ihrer leiblichen
Sinnlichkeit Anomale, sondern als lrrsinnige) verwertbar? Hier
kommt alles auf das phänomenologische Strukturverständnis des
transzendentalen (bzw. des rein seelischen) Seins an und auf die
dabei mitspielende Grundtatsache, dass der Auslegende nur in
I5 intentionaler Abwandlung seiner individuell eigenen inner-
seelischen Struktur alle und jede Anomalítät als erfahrbare Mög-
lichkeit gewinnen kann. Das betrifft nicht nur das „anders“ des
anderen Menschen und eine mögliche Typik anderer Menschen,
sondem auch das Verständnis von Tieren und die Typik tierisch-
20 seelischen Seins in immer entfernteren, sich vermittelnden inten-
tionalen Abwandlungen. `
Auch Grundunterschiede kommen in Frage: l. Der Anomale,
z.B. wie der Farbenblinde, der sonst gar sehr normal sein kann,
als einheitliche Persönlichkeit seine einstimmige Welt erfahrend,
25 die mit der der Normalen völlig stimmt bis auf seine individuel-
len Farbengleichungen. 2. Das Anomale wie die „Wahnsinnigen",
in ihren verschiedenen Ausprägungen, die keine Menschen mehr
sind und doch keine Tiere. Auch das Tier hatals normales Tier
seiner Spezies sein in sich einheitliches und einstimmiges Dasein,
30 und eben diese Einheitlichkeit, einstimmige Ganzheit gegen-
über dem Zerfall, dem radikal Abnormen, muss intentional ver-
ständlich gemacht werden. Aber auch für Tiere sind beiderlei
Typen von Anomalitäten möglich.
Es gibt Anomalien des Gedächtnisses, Anomalien der Intelli-
35 genz, des wertenden Verhaltens, des Willens, des Gefühlslebens,
der instinktiven Triebe und Bedürfnisse usw. Es gibt irn Rah-
men einheitlicher Peısönlichkeit, in einemeinheitlichenMenschen-
leben, personale Anomalien. Dafür liegt ja ein gewaltiges vor-
wissenschaftliches und wissenschattliches Eríahrungsmaterial
lóo VORBEREITUNGEN DES „SYSTEl\¶ATlSCl-[EN WERKES" l9J0»l93l

aus Vergangenheit und Gegenwart vor. Aber in ihm prägt sich,


so wie es überliefert und beschrieben ist, nur eine äusserliche und
unverständliche Typik aus. Alltagsinterpretationen und von aus-
sen her mit Alltagspsychologie (oder auch „moderner“ Psycho-
5 logie) operierende geben kein wissenschaftliches Verstehen, keine
Rekonstruktion des anomal Seelischen, keine Möglichkeit einer
Innenpsychologie der Anomalität, Dazu bedarf es einer schon
sehr weit fortgeschrittenen Phänomenologie.
Was lernen wir da für die Aufgabe der phânornenologischen
I0 Auslegung der Welt als uns als Wissenschaftlem und Philoso-
phen vorgegebenen Welt, und in Sonderheit als Welt der allge-
meinsamen Erfahrung? 1
So erforsche ich als transzendentales ego meinen eigenen Logos,
in eins den meiner Welt und meiner Andem. So schaffe ich mir
15 eine Norm, eine völlig konkrete für alle Beurteilung der fakti-
schen Welt, meiner Beurteilung zunächst bzw. der mir in mir sich
bekundenden und ausweisenden transzendentalen Genossen, wel-
che für mich als transzendentale Mitträger der Welt, unserer
Welt, fungieren. Es ist das konkrete universale Eidos einer mög-
20 lichen transzendentalen Subjektivität, die Mathesis der tran-
szendentalen Subjektivität und ihrer Welt: konkrete transzen-
dentale Logik. Die „formale“ Logik, die trarıszendentabapopharı-
tische, bezüglich auf das transzendentale ego (und die transzen-
dentalen Andern) als urteilende Subjekte bezogen auf irgendeine
25 transzendentale Seinssphäre. Ich sage, irgendeine, da sich Seien-
des verschíedener Art transzendental konstituiert, so transzen-
dentales Ich, transzendentales Ichleben etc., aber auch Welt mit
allem Weltliehen, weltlich bezogenen Ideen etc. Sie alle haben
zwar in ihrer Weise transzendentalen Sinn, aber in verschiedener
30 Weise, jedoch so, dass sie alle konstituiert oder konstituierbar
sind als seiende.

1 Ninm Rnsksiskı gsnnıninsn ist anf die zei i _ oben «wagen ist nur Gegenwart
-, csgsnwnnı, die Uinincınıksı ist im die zcnnınanıiıiıen. und an das ınnanninn-
ınıs seneinnng; Der Mensen weiss sien nıs Psnsnn seines pefsnnnıen generativen -
msınfiscnen - zeiııusnninienknnges, in anni seiner Mensnkknn, nnn diese nis in an
fenınn wen .nn anf Nnınmiı ınbena asısn, dass die Personen zugleich sıs psysnn-
pııysisens Mensehen una die Menschheit nıs psyennpnysiseks Msnssnıinn „ni annim-
ınnweıı gnnöınn. in dieser anppeısinnigsn wm die rim, die keine gsnsmive, nisınn-
ssnn wsıı nahen, anni: aber nnen keine man wen nnbnn nnd inn eıgsnuınnen sinne
keine zen, keinen Raum, kein univsfsnın von nsnıisn ini: nneiseneı sanken-, den
gıninııen ist fm sie nicht knnsmuien, sondern für uns,
rlzx1~Nl<,ıı |6]

Die von mir aus meiner Selbstbesinnung hervorgelıende tran-


szendentale koııkrete und formal-apophantische Logik (die, na-
türlich transzendental verständigt und eingeordnet, alle apriori-
schen Wissenschaften befasst) ist nichts anderes als die voll aus-
5 gebildete eidetische transzendentale Phänomenologie, die dem
transzendentalen Fakturn und darunter aller \veltlichen Positivi-
tät den transzendentalen apriorischen Sinn verhält, durch den es
zu seiner konkreten und absoluten Bedeutung kommt. Sie ist die
absolute rıztin für alle empirische Erkenntnis.
10 Aber freilich ist damit nicht alles gesagt. Die transzendentale
Phänomenologie oder konkrete Logik ist selbst ein transzenden-
tales Faktum, meiner, des sie Aufbauenden, und meiner Mitar-
beiter, die ich als transzendentale Genossen meiner Arbeit vor-
finde. Wie alles Transzendentale hat sie ihre Verweltlichung und
I5 tritt in der Welt als transzendentale Phänomenologie historisch-
faktisch, in der taktischen Gegenwart des 20. Jahrhunderts usw.
aut. Sie ist jetzt Fakturn für mich, den sie Ausbildenden, und
war vordem für mich eine mein Faktum als transzendentales
Ich bestimmende „reale“ Möglichkeit, wie sie das für jeden mei-
20 ner transzendentalen Genossen ist, der als Mitträger unserer
Welt, auch wenn er von ihr keine Ahnung hat, doch dastran-
szendentale Vermögen hat, sie mitzuverstehen, sie selbst auszu-
bilden.
Welchen Sinn das hat und haben darf, das auízuweisen,
25 ist selbst ein transzendental-apriorisches Thema. Die tran-
szendentale Subjektivität ego erkennt sich selbst als Subjekt
ihrer Vermögen und eben damit ihre Mit-ego's als die eben der-
selben Veımögen. 1 Sie erkennt ihrer aller eingeburenen Vermögen,
als Vemıögenskorrelate des transzendentalen Logos.
30 Offenbar ist transzendentale Logik nicht etwas zunächst mir
in meiner transzendentalen Eigenlıeit (Individualität) Eigenes
und ebenso gemäss meiner transzendierenden Erkenntnis der
Andem je ihnen, jedermann für sich Eigenes und als dasselbe
für alle von mir und von jedermann dann erkennbar. Die An-
35 dern, die Mitträger meiner Welt sind, sind, wo sie Mitarbeiter.
sind, auch Mitträger meiner transzendentalen Logik, so wie ich

1 Fıaıuels min aktueller vermögen als aktuelles Kamen, sondem als eine „t=leala"
Möglichkeit, solches Können ausbilden zu kennen; ama Möglichkeit, aaa auch nicht
mins lsasagana isc.
IÖ2 VURBEREITUNGEN DES „SYSTEMATISCIIEN WERKES" 1930-193!

Mitträger der ihren, Das heisst, wir tragen dann alle dazu bei,
aber sie ist mit allen diesen von mir nachverstandenen und mit
eigener Geltung aufgenommenen Beiträgen dann ganz und gar
auch meine und so jedes einzelnen Logik oder Phänomenologie,
5 eventuell mit einem Horizont von noch unbekannten, nachzu-
verstehenden und zu priifenden Beiträgen.1
Meine transzendental-logischen Einsichten gelten immerzu,
wesensmässig für alle Andern, sofern sie von vornherein als mei-
nesgleichen erfahren oder präsumiert sind. Aber „andere“ Sub-
10 jekte (und auch transzendental-monadiseh verstanden) sind doch
auch die „Wahnsinnigen" und Tiere, beides in mannigfaltiger
Wesenstypik. Intentionale Modifikationen meiner selbst sind
alle durch „einiiihlende” Erfahrung mir zugänglichen Wesen.
Aber nicht alle sind, transzendental reduziert,
15 Mitträger der Welt, die ich als die meine vorgegeben habe
und die „wir“ vorgegeben haben, „wir“ verstanden als die offene
Vielheit eben von Mittrâgern, dieselbe Welt miteinander in Ge-
meinschaft konstituierend (keineswegs die Tiere und die wahn-
sinnigen „Menschen", obschon auch sie von uns erfahren sind als
20 auf die Welt, die eine und selbe „wirkliche“ Welt, in ihrem Innen-
leben bezogen). i
Wir Menschen-Monaden, wir alle, mitkonstituierende Sub-
jekte, Mitträger unserer Welt, Miterfahrcnde, Mitdenkende,
nicht jeder überhaupt, sondem in der Weise einer gewissen Har-
25 monie, die jedem Mittrager bewusst, und zwar erfahrbar wird als
nicht nur dieselben Erfahrungs- und Denkergebnisse liefemd,
sondern als wechselseitig dasselbe, dieselben Gegenstände i.n Er-
gänzungen bestimmend, in einer Geltung, die sich durch Über-
nahme von Subjekt zu Subjekt fortpflanzen muss. So sind wir
30 auch Mitträger der Wertewelt und praktischen Welt, die für
uns alle da ist; wir sind eventuell zusammen, füreinander, mit-
einander handelnd an denselben Zwecken, in deren Sinn wir
übereinstimmen, obschon wir uns auch darin schon besinnlich
ergänzen, in deren Verwirklichung z.B. als Werk ein Gemeinsa-
35 mes entspringt, das für uns Mithandelnde denselben Sinn, die-
selbe Sollensgeltung hat. Und als Aussenstehende verstehen wir
das Werk in Beziehung auf dessen spezielle praktische Träger in

I Das ist aber ıu rıueıııigl


'r1ıx'rNr<. ıı ló3

seiner personalen Bedeutung. Ebenso sind wir Mitbürger, Mitge-


nossen derselben kirchlichen Gemeinschaft, Mitkinder im Gottes-
reich usw. All dergleichen sind wir als Menschen, in mancher
Hinsicht, einmal hinsichtlich eines Allgemeinsten, das Welt zur
5 Gemeinwelt für alle Menschen überhaupt macht, als
Menschen überhaupt, die im weitesten Sinne füreinander da
sind, miteinander in wirklicher und möglicher Verstândnisge-
meinschaft stehen, somit als Mitglieder unserer Menschheit, der
Menschheit im weitesten Sinne; in anderer Hinsicht sind wir
10 Mitträger unserer Welt als einer speziellen, speziell auf uns in Be-
sonderheiten bezogenen. Wir als Vereinsmitglieder, als Kirchenge-
nossen, als Bürger einer Stadt, eines Staates usw. Es besondem
sich Gemeinschaften und Gemeinschaftsumwelten bis hinauf zu
einer europäischen oder irdischen Menschheit, die doch noch
15 nicht die Idee der Menschheit im universalsten Sinne erfüllt, so-
fern hier ein Wesensbegriff vom Menschen in Frage ist, der es
offen lässt, ob nicht noch ausserhalb der Erde Menschen als Mit-
träger unserer Welt leben, Menschen, die, sowie sie in faktische
Verständnisbeziehung zu uns treten, alsbald zur Mitkonstitution
20 der \«Velt berufen und befähigt wären.
Wie charakterisieren sich nun aber diese Mitträger, und zu-
nächst dem entsprechend: wie charakterisiert sich in der für
mich, für uns konstituierten Welt der Mensch, wir Me n-
schen als Personen, als Vernunft-Ich, die wir eben das sind,
25 uns als das wissen, gegenüber den Ti er en, für die das alles nicht
gilt? Wie sind in meiner Welt wirklicher und möglicher Erfah-
rung unter den in ihr immer mitgesetzten und mitvcrausgesetz-
ten psychischen Wesen diejenigen ausgezeichnet, die ich als für
den Seinssinn meiner Welt rn i t f u n gi e r e n d e Subjekte an-
30 sehe und als das im Grunde immer voraussetze? Mit anderen
Worten, meine Welt, die, von der ich je spreche und sprechen
werde, ist für mich allezeit gemeint gewesen als „unsere“ Welt,
die Welt von u n s M e n s ch e n. Nicht gerade von bestimmten,
obschon ich nur mit bestimmten in unmittelbarem und mittel-
35 barem Verkehr war und von ihnen her Erfahrungen und Kennt-
nisse übemahm, die in den besonderen Sinn, den Welt fiir mich
hat, eingingen, Ebenso kommen auch nicht bloss diese besun-
deren und bestimmten wirklichen Übemahmen in Betracht. Die
Welt als Welt möglicher Erfahrung und darauf zu griindender
164 VORBEREITUNGEN DES „SYSTEMA'l`ISCl~IEN WERKES" |930-1931

möglicher Erkenntnis. Auch die ganze indirekte Tradition unbe-


kannter Menschengenerationen rechnet mit. Und schliesslich,
wenn es sich für uns herausstellen sollte, dass z.B. auf dem Mars
„Menschen“ leben, und wir Mittel finden, mit ihnen in eine Ver-
5 ständigungsgemeinschaft zu treten, so würden sie alsbald mit-
rechnen zu dem menschlichen „Wir", das Korrelat ist der Welt
als „unserer“ aller Gemeinwelt.
Ich habe „die“ Welt vorgegeben, ich in meinem intentionalen
Leben. Zu dieser Vorgegebenhcit gehört, bzw. zum vorgegebenen
10 Sinn dieser Welt, dass zu ihr Mitmenschen gehören, zu mir,
dass ich in ihr selbst objektiv real bin als Mensch. Dabei ist, was
immer sonst den allgemeinen Bestimmungsgehalt des Typus
Mensch als weltlich realen ausmacht, vor allem diese Fomı in
ihm gemeint, dass er von mir in meinem Bewusstseinsleben als
15 für mich seiend erfahren bzw. erfahrbar auch mit dem Seinssinn
erfahren bzw. erfahrbar ist, dass er mit mir in Verständigungs-
gemeinschaft treten kann.1 In dieser erfahre ich ihn vorweg als
erfahrend auf dieselbe Welt bezogen, die ich erfahre, in denselben
Eıfahrungsmöglichkeiten sich bewegend wie ich selbst, in gleicher
20 Weise wie ich im Vermögen, das verrnöglicherweise weltlich Er-
fahrene denkend zu bestimmen wie auch es zu werten und zu be-
handeln. So wie meine original eigenen Erfahrungen und selbst-
erworbenen Gedanken für mich gelten und in Geltung bleiben,
solange nicht in meiner selbeigenen Sphäre Unstimmigkeiten
25 sich zeigen, <durch die› ich schliesslich zur Durchstreichung und
Korrektur genötigt werde, so gelten mir auch die nachverstan-
denen Erfahrungen und Gedanken, durch welche Art Ausdruck
sie mir auch verständlich werden, ohne weiteres so wie die eige-
nen, solange sie zu den meinen „passen", solange sie mit diesen
30 zusammengehen zur Einheit eines einstimmigen Erfahrungs-
und Denkzusarnmenhanges. Die einstimmigen Verläufe, die sich
in den von mir erfahrenen Eínzelsubjekten mir bekunden, erge-
ben nicht getrennte Geltungen und Giiltigkeiten jener Menschen,
und getrennt von der in mir selbeigen konstituierten Einstim-
35 migkeit, sondern sie kommen mit der meinen und untereinander
auch zu einer einheitlich sie alle umspannenden Einstimmig-
keit. Aber sie kommen dazu in erster und für mich allein be-
l Der andere Mensen is: für midi aıs Pam“. Der-in ıiegı senen, er ist mr man
Per-sim in meinst- pemnaıen „M¦nsehnesı". Das muss aıshııfı betone werden.
rıaxr NR. ıı 165

griindbarcr Form in rnir, sofern mir die Andern nicht nur gcltcn
als mitscicnde Subjekte, sondern auch ihre Geltung, und zwar
die ihnen geltende „Welt", in Mitgcltung von mir hcr auch für
mich eben Geltung ist, und wie alle meine Geltung im Zusam-
5 menhang der mir schon eigenen Geltungen (des für mich schon
Seienden) eventuell der Modalisierung unterliegt und bleibende
Geltung nur ist, solange der universale Zusammenhang derselben
seine Einstimmigkeit erhält.
Nun liegt es aber an der Sinngebung meiner Fremderfahrung,
10 dass der Andere in der Art als meinesgleichen apperzipiert ist,
dass er umgekehrt auch in Geltung ist als mit mir in Verständi-
gungsgerneinsehaft von sich aus. Indem ich ihn als seiend und
mich verstehend in aktueller Geltung habe und er aktuell mich,
kann ich mich an ihn wenden und verstehen, dass er, meines-
l5 gleichen, sich an mich wenden kann und es eventuell tut. lch
kann mich antwortend verhalten, und es kann ein Verkehr von
Person mit Person und Gemeinschaft im prägnanten Sinne sozi-
aler Verbundenheit in Aktion und Wideraktion werden.
Das alles finde ich nun schon vor als immer schon mit da und
20 immerfort sich umbildend und neubildend, als mitzugehörig zur
Welt, die die meine ist und die in allem und jedem, was hier ge-
sagt ist und gesagt werden kann, eo ípso von mir verstanden ist
als dieselbe Welt der für mich seienden und in diesen Weisen mit
mir „in Beziehung" tretenden Andem, der bekannten und unbe-
25 kannten, der Anderen in offener Encllosigkeit raumweltlicher
Verteilung, für mich vorweg seiend als Subjekte, mit denen ich
dieselbe Welt gemein habe, in der wir alle leben, und so, dass
diese Welt für alle aus der Vergemeinschaftung für uns alle Sinn
erhalten hat und Sinn erhält!
30 Diese von mir aus in meinem Leben und für mich zur Geltung
gekommenen Menschen, zur Geltung gekommen als mitfungie-
rend für die Konstitution des Seinssinnes Welt in der ganzen
Fülle seiner mir und uns bekannten und unbekannten Konkre-
tion, zur Geltung gekommen in einem Wort als We lt g elt u n gs-
35 gemeinschaft, die für mich und für alle Andem die eine und
selbe Welt des Jedermann konstituiert, diese „wir Menschen"
sind offenbar die „normalen Menschen". Die Auszeich-
1 Aber weiter: Ich finde schon vor mich als persßnales Glied meines „Volkß",
meiner Menschheit als universale: Heimmenschlıeit.
166 VORBEREITUNGEN Dızs „sYsTF.M.\TI5CHEN \Vı3RKES" 1930-msi

nung, die im Wir und Jedermann steckt. ist die


Normalität, die aber als solche sich erst abhebt durch das
Mitvorkommnis des Anomalen, Oder vielmehr, von dcm Norma-
len als an sich Erstem hebt das Anomale sich ab und tritt auf als
5 intentionale Modifikation des Normalen, Dieses seinerseits wird
in der weiterreiclıenden Sphäre dcr einfühlungsmässig als psy-
chische Wcsen, als abgewandeltes Menschentum Verstandenen
zu einer ausgezeichneten Klasse von solchen Wesen, der Men-
schen im vollen und eigentlichen Sinne, der vollgereiíten und
10 voll „vernünftigen“ Menschen, derjenigen, die Korrelate der wirk-
lich seienden Welt sind.
Die anderen psychischen Wesen „beziehen" sich zwar (inten-
tional) auf dieselbe Welt, aber als meine Abwandlungen. Sie
sind als das „in ,der' wirklichen Welt". Unsere Welt konstituie-
15 rende Gemeinerfahrung (unsere, der vollen Menschen) findet sie
darin vor, aber auch, soweit das Nachverstehen reicht, als „ihre
eigene ,Welt"` hahend, wenn sie überhaupt einstimmiges Er-
fahren vollziehen können, eine „Welt”, die wir als „Erscheinungs-
weise“ (Bewusstseinsweise) der wirklichen Welt für sie anspre-
20 chen, eben als intentionale Modifikation, aber keineswegs als
eine derjenigen „Erscheinungsweisen", die das Sein der Welt
selbst ursprünglich mitbegründen, die zur Ursprünglichkeit der
Erfahrung als Ausweisung derselben mithelfen können.
Die Welt muss für mich schon sein, sie muss schon den Seins-
25 sinn Welt haben, damit die in meinen Erfahrungshorizont ein-
tretenden oder vorweg auftretenden Tiere oder gar Wahnsinni-
gen als Subjekte verstanden werden können, welche die Welt in
anomaler Weise erfahren; und damit eventuell die Tiere verstan-
den werden können als in sich und im Verkehr mit ihresgleichen
30 eine eigene zusammenstimmende Erfahrungswelt habend, die
doch nicht eine Welt neben „unserer“ Welt ist, sondern ihre
Erscheinungsweise von „der“ Welt, eine intentionale Modifika-
tion von der Welt, die wir Menschen haben. Die unsere kann
durch sie nicht korrigiert werden, sie ist keine scheinhaíte oder
35 erscheinungsmässige, die in St reít mit der unseren, bzw. unse-
ren Welterscheinungsweisen, treten kann, da sie eben nicht mit-
kunstituierend ist und sein kann für das, was wir Welt nennen.
Welt schlechthin, wirkliche Welt, ist das ausschliessliche Korre-
lat von uns Menschen als Einheit unserer menschlichen und darin
'rııxr NR. ıı 167

wieder menschlich normalen und menschlich anorrıalen Erschei-


ııungsweiserı.
Doch es fragt sich, ob das wirklich so richtig ist, da man ein-
Wenden könnte, dass, wenn die Tiere verstanden sind als sich auf
5 die Welt beziehenrl, dieselbe, die die unsere ist, sie auch gele-
gentlich als Welt mitkonstituierend fungieren können. Wenn
der Hund als ein Wild witternd verstanden wird, so belehrt er
uns gleichsam von dem, was wir noch nicht wussten, Er erweitert
unsere Erfahrungswelh Der Hund, ein Tier, hat in sich, Originali-
I0 ier und vermittelt, seine einstimmige Welteriahrung. Es als
das verstehen, heisst das nicht, eine Synthesis herstellen zwischen
dieser und meiner bzw. unserer menschlichen Erfahrung und so
Weltwirklichkeit haben als die sich durch alle menschlichen und
tierischen Erfahrungen synthetisch hindurcherstreckende Er-
l5 fahrungseinheit?
Mit den Tieren verhält es sich, wird man weiter einwenden,
ebenso wie mit den „Primitiven“. Diese sind doch sogar Menschen,
und warum sollen wir sie nicht konstitutiv mitrechnen. Aller-
dings sie haben, wie wir verstehen lernen, eine eigene Logik
20 u n d eigene K a t ego rien, die ihre Identifizierungen leiten
und ihren Sinn von Realitäten bestimmen, und so ihre Weltap-
perzeption. Aber sind sie in ihrer Weise nicht doch auf die eine
\Velt, die VVclt für alle, ob Primitive, ob Tiere, ob „normale“
Menschen, bezogen? Jede Tierspezies und jede Sorte von Primi-
25 tiven hat eben ihre Weise, wie dieselbe Welt ihr erscheint. Aber
können wir nicht diese Weise nachverstehcnd ihre Weltapper-
zeption in die unsere sozusagen übersetzen und so gegebenen-
falls feststellen, was tür Dinge, was für Vorkommnisse der uns
normalen Menschen als ausweishare Wirklichkeit gegebenen
30 Welt ihren Apperzeptionen aus der ihnen subjektiv erscheinenden
und zusammenstimmend geltenden Welt entsprechen?
Indessen, woher habe ich, als mich Besinnender, das, was
mir als Welt vorgegeben ist, diese Welt als seiende und so-
seiende, und in der Auslegung derselben ihre Identität und Wirk-
35 lichkeit gegenüber den wechselnden Weisen der Apperzeptionen
bei normalen Menschen, bei Tieren, bei Primitiven und schliess-
lich ja auch bei Wahnsinnigen? .
Ich lege aus, mich selbst befragend, die Welt, die mir
immerfort schon vorgegeben ist, im Fortgang meiner Welterfah-
VORBEREITUNGEN DES „SYSTEl\[ATlSCHEN WERKES" 1930-1931

rung immer neu „erscheint", mir immer neue Erfahrungsfelder


bietet, immer neu beurteilt wird usw. und trotz des wandelbaren
gegenständlichen Sinnes doch mir als die eine Welt gilt und in
der Einstimmigkeit der Erfahrung und der darauf begründeten
5 Erkenntnis sich zu bewähren hat und fortbewährt, unter gele-
gentlichen Korrekturen: Denn seiende Welt ist und enthält nur
„Seiendes“ nıır aus Bewährungsleistung, die in unterster Stufe in
der blossen Einstimmigkeit liegt.
Besinne ich mich nun, was da für mich als seiende Welt im
10 strömenden Bewusstseinsleben sich in Einstimmigkeit bewährt
und bewähren könnte in wirklicher und möglicher Evidenz, be-
sinne ich mich dabei auf die Ordnung der unmittelbaren und mit-
telbaren Evidenzen und danıit auf die Fundierungsordnung der
Sätze, der Seinsgeltungen, so komme ich auf meine jeweils wirk-
ı5 lichen und möglichen Wahrnehmungsfelder, auf meine wirk-
lichen und möglichen Felder der Erinnerung als meine früheren
wirklichen und möglichen Walirnehmungsfelder und so für die
Zukunft auf künftige eigene Wahmehmungsfelderz das alles aber
zur Einheit der Erfahrung als meiner originalen sich verknüpfend
20 und die Welt, als von mir original erfahrene, erfahren gewesene
und sein werdende, vermöglich zu erfahrende, konstituierend.
Die Welt, die ständig aus meiner eigenen wirklichen und mög-
lichen Erfahrung Sinn hat, enthält andere Menschen, deren kör-
perliche Leiber ihr wirklich erfahrbar, eventuell wahrnehmungs-
25 mässig zugehören, deren Seelenleben, deren personales Sein in
einer sekundären und nicht mehr originalen Weise erfahren,
erfahrbar (sondern durch „Fremderfahrung") und ausweisbar
ist in der eigenen Zusammenstirnmung dieser sekundären Erfah-
rungsweise.
30 In meiner erweiterten Erfahrung, welche mir die vorgegebene
Welt zur Evidenz der Selbstdarstellung bringt, treten die Vor-
kommnisse auf: Geburt, Altern, Krankheit, Tod, das Generative,
und danach verstehe ich mich selbst als dereinst sterbend und
als dereinst geboren. Ich erfahre dabei Ältere, die vor mir gebo-
35 ren sind, und habe die Erfahrungsvoraussicht, dass nach mir und
allen Genossen meiner Gegenwart neue Generationen kommen
werden. Ich verstehe überhaupt die Menschen in der Welt als
gen erativ in offener beiderseitiger Endlosigkeit zusammen-
hängend und verstehe, dass das Sein derselben Welt, die ich er-
TEXT NR. ll [69

fahre, als dieselbe durch die endlose Kette der Generationen


hindurch von Menschen erfahren war, im Konnex dieselbe durch
einstimmige Erfahrung (und durch wechselseitige Korrektur
hindurch) ausgewiesen und als ausweishare gegeben war und in
5 evidenter Voraussicht sein wird. Durch die von Geburt und Tod
begrenzten Lebenseinheiten der Menschen erstreckt sich so Ein-
heit eines Menschheitslebens als Einheit einer vermittelten aber
verbundenen allmenschliehen Erfahrung und darauf
gegründeten Tradition. So verstehe ich die Menschheit als
IO geschichtliche, das Hinausreicherı der Weltzeit, der mit welt-
lichen Vorkommnissen erfüllten, über meine Lebenszeit und die
meiner mitgegenwärtigen Menschengenossen.
Wie unvollständig und roh diese Auslegung auch ist, ich ge-
winne ein erstes, nur noch weiter in seinen Verständnishorizon-
15 ten auszulegendes Verständnis dafür, dass die Welt, die für mich
vorweg ist, die immer schon vorgegebene, mitkonstituiert ist
durch die in meinem Bewusstseinsleben Seinsgeltung und Seins-
ausweisung (für mich) gewinnenclen anderen Menschen meiner
und ihrer Menschheit!
20 Nun finde ich 2 auch Primitive, Tiere, Wahnsinnige in mei-
ner Welt, aber ich erfahre doch, dass ich sie nicht als meines-
gleichen und „unseresg1eichen” erfahre. Die ich bei der Rede von
„wir Menschen" im Auge habe, verstehe ich im Ausgang von den
engeren und engsten „Wir“ meiner Bekannten, die ich in Bee
25 stimmtheit vor mir hatte aus selbsterfassender Erfahrung, aller-
dings auch in grösserer oder geringerer Vollkommenheit. Aber ich
verstehe sie doch (und dieses Verständnis geht dann sinnbestim-
mend in den offenen Horizont Unbekannter, mir möglicherweise
bekannt werdender, ein) ohne weiteres als Mitkonstituierende
30 meiner Welt, als Mitpersonen meiner „Menschheit". Wie gesagt,

1 Aber das Eigencümıieiıe einer Mensennen, einer wen, kenne: einer Knıunweıı,
einer weir von Personen nna ans Personen sich gesınııena, as: gende nnen naenı
nnfgekıam Keııenweise Kemmnnikeıinn würde keine -rfnamnn geben, weıeıne
Tıaeımen fu: nııe ware, Genneınsnnnıten ner geisıigen Efwerbe nis an aııe nnganguen,
für nııe senen nemenunm vergeıeienneı als „die wnııieıne wen". Es fenııı nenn-
weıı f freınae Heinnweııen, die nıem nns, Sendern innen genen. ven an den weg
zu einer Reınıiviernng, „ner nnen des Pmnıenn eine nenen wen nn ene _ nııe
„Men=ennenen". Evenıneıı als Pmbıefn die leistung der Meıımae mr eine unbedingt
objektive wissensehnıı, ıunaeneı ennme Nnınıwissensenm, nna Pınbıem ebjeıe
:im Geisceswissensennn.
I senen vor der Kensmnıien der idee einer nnbeaing: ebjekuven wıeensenm
bzw. der Reınnvieıung meiner «men Meneennem
l7Ü VORBEREITIINGEN DliS„SYS'l`EMı\TlSCllliY\' WERKES" l930»l931

im Ausgang von meinen Nächsten, den mir völlig Vertrauten,


mit denen gemeinsam sich mein Leben, zunächst in einer Schich-
te der Alltäglichkeit, abspielt. Es ist gemcinschaftliches im zu-
sammen Erfahren, zusammen Bedenken, zusammen Arbeiten,
5 aufeinander Rücksichtnehmen, gemeinsam Besprechen, Streitcn,
Sich›einigen usw., aber auch gemeinsam Mahlzeiten Nehmen, ge-
meinsam Wohnen, gemeinsam Spielen etc.
So naiv im Horizont meiner Menschheit lebend erfahre ich die
Andern meiner nächsten alltäglichen Umwelt als bei allem und
I0 jedem von mir umweltlich Erfahrenen und Erfahrbaren als ent-
weder dasselbe Miterfahrende oder zur Miterfahrung und jeder
Erfahrungsausweisung Mitbefähigte. Ich erfahre sie S0 als durch
Ausdruck, vorzüglich durch ihre Mitteilungen, meine „Welt-
vorstellung" Mitbestimmende. Das betrifft natürlich auch all ihr
15 Tun, sofern es unser schon gemeinsam konstituiertes Umwelt-
liches betreffend es praktisch handelnd umgestaltet, ihm dabei
Zweck- oder Mittelbedeutung erteilt oder in anderen Weisen ihm
einen Sinn erteilt. Ich verstehe ohne weiteres in dieser Lebens-
gemeinschaft,1 sofern ich nur, wie ich kann, für die Bedingungen
20 des Verstehens Sorge trage (dafiir, dass ich ihnen nahe genug bin
und in entsprechender Stellung zu ihnen stehe, um ihre Aus-
drücke, ihre Mitteilungen sehend, hörend usw. auffassen zu kön-
nen), ihre Werkzeuge als Werkzeuge, ihre Werke als Werke, das
angefangene und „im Werk" stehende wie das fertige Werk mit
25 seinem Zwecke usw. Ich verstehe Zweckbestimmungen teils als
solche, die für sie individuelle Bedeutung haben, teils als solche, die
Adresse an „jedermann“ haben und von jedermann verstanden
werden als allgemein zweckmässige. Ich verstehe ja auch, dass,
was ich verstehe in meiner Umwelt, jedermann versteht, und dass
30 so diese Umwelt, die vorgegebene für mich, für jedermann (der
für mich schon ist) vorgegeben ist, für jedermann in demselben
Sinne verstanden ist und dass sie sich im Leben jedermanns und
im Zusammenleben aller als einem wechselseitig ineinander Wir-
ken unter Vermittlung des einander Verstehens immerzu fortge-
35 staltet mit einem Seinssinn, zu dem alle beitragenß

1 uns ist feiern; wn Denısenen, wu ıznmpser.


= in sınren der Heinsweııııenken. snwen wu nns nıeısı verstehen oder einander
„rrennı" bleiben, snwen neben wir nıenı aıeseıbe wen.
Konsnnnen mn ren una meine ımnnenseısen ınsnsef senen ins nnnınnı nseınen
BEILAGE VIH 171

BEILAGE vnı
Pııoßri-:zu: GENERA1`rvı1`Ć » † GEBURT UND 'ron ALS
wi-:sENsv0iu<oMMNıssız FÜR Du: wiar:rı<oNs'ri'ru"r1oN
<Anfang dreíssiger _Iahre>

5 Es muss gezeigt werden, dass Geburt und Tod als konstitutive Vor-
kommnisse für die Ennöglicliung der Weltlconstitution ~ oder als Wer
sensstiick für eine konstituierte Welt gelten müssen, bzw. Generati›
vität mit Geburt und Tod, Im Aufbau der Leistung der Einfühlung als
Erfahrung von Andern und meiner unter Andem weise ich zunächst
10 fremde wirkliche und mögliche Erfahrung auf als eine Weise der Ver!
gegenwärtigung, die Seinsgeltung hat, und eine abgewandelte gegen-
über meiner primordial~originalen Erfahrung.
Solange „fremde“ Erinnenıng in Deckung ist mit möglicher eigener
Erinnerung, solange meine Erinnerung nur die Grenze hat des Ver-
15 gessens, mein Unvermögen der Erinnerung bloss Vergesslichkeit ist,
die zugleich Potentialität der Erinnenıng des Vergessenen offen lässt,
solange ist einer Konstitution von Welt nicht Genüge getan. Das wäre
ja so, als ob Generativität, mit Geburt und Tod, ein zufälliges Welt-
fakturn wäre.
20 Einfühlung ergibt ursprünglich nur den Anderen, und evtl, den An-
deren mit Erfahrungen, wirklichen und möglichen, die ich teils selbst im
gleichen habe oder haben könnte, hätte haben können etc. Seine Er-
innerungsvergangenheit reicht, wie ich verstehen kann, weiter, aber
indem ich nachverstehe, hat sie für mich einen Sinn, der nicht aus›
25 schliesst, dass die Erinnerungen für mich mögliche sind oder waren. So
auch das künftige wirkliche und mögliche Eintreten von Anderen in
meinen Erfahrungskreis; es sind Andere, die ich erfahren werde oder
erfahren könnte: Mein „menschliches“ Sein unter Menschen ist mein
voraussichtliches und gewisses Seinwerden mit ihnen als Anderen zu-
3O sammen. Nun tritt aber in die Erfahrung dieser Stufe neu ein als sinn»
bildend für Menschen und Welt der Tod und die Geburt. Die Zu-
kunftsgewissheit vom eigenen Sein als weltlebender Mensch unter
Menschen und vom Sein eines jeden Anderen bekommt eine unüber›
schreitbare Grenze und ebenso korrelativ die Erinnerungsgewissheit
35 vom menschlichen Vergangensein und Menschen in Weltleben.
Aber nun gilt es, Welt und Geburt und Tod (also Generativität)
ernstlich in Wesensbeziehung <zu› setzen, aufzuzeigen, wiefern das

r-ısiirrrrrshschhdiı. wdıı ist so vorgegeben, dass sie jeweiıs ssirissirrrr hsı sis weit
rhein.-.r, „rrrrssrsr Menschheit", did in ihr ssıhsı rssı ist. vorweg hirr ich und jedermsdh
im Hdriıdm der Msrrsshhsiı und sııss Rssıs im Hsriıdnr der resıerr weit. Dieser
1-ıdriıdrrı ist Kdrrsısı des Hdriıohıes meiner Menschheit, ırirrsshsı meihsr 1-ısim.
< msrrsdhhsiı, dshh Uherhsridrr urid irdischen Menschheit, hmrr, aber im Lehen ist
hsdh der mshsshhsiııishsh Eihsısııuhg „verschiedene wir" und „seiende weıe”
vsrschisdeh.
172 VORBEREITUNGI-IN DES „SYSTEr\lA'l`lSCHE!\' WERKES“ l930-193i

nicht ein Faktum ist, inwiefern eine VVelt und Menschen ohne Geburt
und Tod undenkbar sind.

ßızichciz ix
wiciiricis ßızrıencurunc ÜBER Kousrıruriviz camcsıs.
5 <wasiıN11.icii vıiiiscıııiznumz ßızcieiri-*iz vou iamrüi-iLUNc›
<wohl Anfang l93| › 1

<Inhalt.'› 1) Au/ıı/ickelurıg der psychologisch im ego (ıias „menschf


lich" ist und menschliche Umwelt hal) liegenden Funditrungsslu/en
dır Weltgeltung. Das /ührt au/ die Išindheitsenlwicklung, aber nicht
10 in die Fruhkinıilichkeít und ihre embryonalø Entwicklung - -rà -ri ñıı
slmıl. <2) › Die biologischen Probleme von da aus. - Es sind zugleich
Probleme der „Ein/ühlung": 1) das Psychische, das anschaulich
nachiıerslehbar ist und wovon hn Welt /ür all: ızllvzrsliinıilich ist, 2) die
izbgeu/anıielte Einfühlung, die Analogıı des Menschen, zunächst des
15 rei/en, ergibt; abgewandzlte Einfühlung, die auch abwanıiılt die Ent-
wicklungsstu/en Kindlichkeit - Rei/e, Frühkinıtlíchkeit etc. - Grenze
der Abwandlung. „Symbolísch" konstruierte Stu/en. Wo endet die Ana-
logie? Limes der Arıulogisierung. Und das alles einbezogen in nııine,
des ego Wøltkonstitution. Speziesenlwickl/ung, Urzellen etc.
20
Die konstitutive Genesis in der \ıVeltlichkeit - die Genesis, die in dem
phänomenologisierenden ego als menschlichem liegt psychologische
Genäıis. 2) Biologische <Genesis› im Rückgang auf die Generativität
und die Genesis der Generativität als Speziesentwickluiıg. Anderer-
25 seits Rückgang auf die Friihkindlichkeit. Das führt auf wesentlich ver-
schiedene Begriffe von Ein f ühlu ng.
1) Die Welt ist konstituiert als Universum von Seienden. Die Kon-
stitution ist Konstitution in Stufen, in schon Seiendem gründet Seien-
des höherer Stufe. Konstitution ist hier thematisierende Leistung, sie
30 verläuft in Thesen. „Genesis“ der seienden Welt, die sich selbst fort›
konstituiert; ihr Sein ist ständiges sich in immer neuer Leistung der
konstituierenden Subjektiidtät Fortkonstituieren _ aber es ist immer
Welt, die Welt, und alles neu konstituierte Seieı-ide ist weltlich. Die
genetischen Unterstufen sind aktive Leistungen, die vorweltliches
35 Sein, in diesem Sinn Vor-sein konstituieren.
2) Demgegenüber eine andere Genesis und ein anderes Vor-Sein und
„Konstitut.ion".
In der ersten Genesis haben wir die Welt für uns Menschen, die
Genesis in mir, dem ego, das „menschlich“ ist als das Weltgewissheit
1 Husserl dnıinrıe das ivinnnsirripı nsdhırigiieh nur 1933. wshrsdhsinıidh sınmmı
es sher sns Jsmisr ıesı (siehe rmirriıisdhsr Anhang, s. 692). i-russsrı hssdhaıugts
sich im Augnsı nnd sspısmhsr was mit snsıogsn Prnhısmsn, wie sis in disssm
Msnnsirripi snıhsııen sind (sirshs innen die Nummern ai und 35), und dauerte es
daher wohl irrtümlieherweise auf jene Zeil, - Anm. d. Hrsg.
ısı«:ıL,\r^.ı-; ix 173

<habende›. Auflösung der Geltungsstufen als solche der Seinslundie-


rungen und genetischer Rückgang auf Seinsvorstulen, dic im ego
a u f \v e i b ar sind: das als psychologisch kunstituierend Aufweisbarc,
das selbst dann in der Weltlichkeit liegt als Psychisches, als Akte und
5 Aktthescn, die vorausgesetzt sind als Weltgeltung fundicrcndu.
Weltlich: Wir stehen in der Gencrııtivität als nurınal menschlicher
und dazu der I(indl.ichl<eit und Entwicklung jedes Menschen-Ich und
sciner Welt aus Kindliclıkeít. Aber ,,Menschenkindliclıkeit". Die
wirkliclıc Kindlichkeit und ihre psychische Entwicklung gehört nicht
IO dazu: Dieses Psychische ist nicht das derjenigen Einfühlung, die Men~
schen für uns und Welt für alle Menschen verständlich-am
schaulich ergibt und als zur Weltkonstitution (dcr der seienden
Welt) gehöriges subjektives Korrelat. Menschliche Aktivität, aus
der Welt „ist“, fiir uns da ist, mit jeweiligem Inhalt, aber auch immer
15 schon war und bei jeder aktiven Erfassung, in der aktuell für uns etwas
ist, schon vorausgesetzt ist als sie war (das Sein, das immer
s c h o n w a r).
Frühkindlichkeit in ihren Stufen, bis zur Kindlichkeit, die Welt hat.
Frühkindlichkeit - und tierisches Sein. Die Tierspezies, höhere und
20 niedere Tiere in Stufen der Abständigkeit und Verstehbarkeit vom
Menschen mit der, parallel der reif›menschlic1ıen nonnalen Welt, je-
weiligen reií-tierischen normalen Welt für die betreffende Tierspezies
und mit den zugehörigen Untcrstufen der Kirıdlichkeit und Früh»
kiudlichkeit: parallel zur menschlichen Generativiti-it die tierische Ge-
25 nerativität. Universum der Tiere, die noch psychophysische Analoga
von Menschen sind.1 Dann aber: vor dem geborenen Kind das unge~
borene, Seine psychische Genesis bis zum Zeugungspunkt, Grenze der
Abwandlung der Interpretation aus Einfühlung. Entwicklungsstuien
als symbolisch nachzulconstruieren, Parallele bei allen Tieren, die Ana_
30 loga der Menschen sind: Leiber haben mit sinnlichen Organen wie der
Mensch. Aber wo endet die Analogie? Sind Einzeller nicht auch psy~
chophysisch, haben sie nicht auch ihre Leiber als Organe ihres „Ich-
pols" ? Aber da endet die Analogie im Limes. Andere Parallele: die der
ganzen Speziesordnung und Speziesenlwicklung - phylogenetisch zu_
35 ríickfiihrend auf die Urorganismen.
Vor~Scin, Vor»Welten, Vor-Subjektivität als vor-konstituierende,
Vor-Genesis. Aber alles unserer menschlichen Welt eingeordnet und
alle Vorkonstitution selbst zur universalen Einheit der Weltkonstitu-
tion gehörig als fundierende.

› Demgegenüber am Pfımwıı
174 VORBEREITUNGEN DES „SYSTEl\lATlSCliEN WERKES" W30-l93l

Bßıınoıa x
<wEL'r UND win. Mı~:NscnLıcın5 UND Tınnıscnıs
UMwEL1'› 1
(1934)

5 l) Natürliches Weltleben des Menschen in seiner vertrauten Um-


welt 1 seiner Heimwelt als Lebenshorizont; <natiirliches Weltlebcn›
im ersten Sinn, 6 fehlt in ihm der Menschheit noch ein theoretisches
Leben mit seinen Trägern, den Wissenschaftlern und wissenschaftli-
chen Gerncinschatten, und die durch wissenschaftliche Erwerbe und
10 ihre Aufnahme in die menschliche Umwelt bedingte Verwandliıng der
Menschheit und dieser Umwelt.
2) Wissenschaftliches Leben zunächst in einzelnen zur Urstiftung
kommend als habituelles „theoretisches Interesse" und Auswirkung
als theoretisches Handeln, gerichtet auf gewisse bleibende Erwerbe,
l5 die immer wieder Prämissen werden fiir höherstufige theoretische
Erwerbe. Personale Auswirkung solchen Handelns und zunächst in
Stiftung von sich erweiternden Gemeinschaften von „Theoretikern".
Das natürliche Interessenleben des ersten Sinnes in der Mannigfaltig-
keit seiner Interessentypik und damit Typik von Personalitäten und
20 Gnıppen (darunter die „Berufe") wandelt sich nun i.n seiner allgemei-
nen Typik, insofern ein neuer Beruf, der der Theorie, der Wissenschaft,
in den Kreis der Berufe eintritt mit seinem typischen Interesse. Das
natürliche Weltleben im zweiten Sinn, von positiver Wissenschaft be-
ei.uflusst.2
25 Die Menschen als Personen hatten schon ihre personale Zeitlichkeit
in der Form, dass sie verschiedene „herrschende“ Interessen haben,
deren jedes sich auswirkt und auszuwirken hat in „seiner“ Zeit. Das
Leben der Person ist einheitlich, sofem alle ihre Interessen in i.hr einig
sind, aber auch nicht bloss kollektiv einig und nur äusserlich in der
30 personalen Zeit sich abwechselnd, eventuell periodisch in relativ stren-
ger und willkürlich geordneter Periodizität (Berufsstunden, an Wochen-
tagen etc.) sich abwechselnd. Die Interesen verflechten sich inhalt-
lich zu komplexen, zu höherstufigen Interessen, sie beeinflussen sich,
so dass jedes schliesslich den ganzen Gang des Lebens und die Habitua-
35 lität der ganzen Persönlichkeit verwandelt.
Dazu ist noch auszuführen. Interesseleben ist Leben auf Willens-
ziele hin, ist praktisches Leben. Das aber ist Leben i.rn Gelingen und
Misslingen, worin die Motivation liegt für Überlegung der Möglich-

I Fønfiihınng, Vertiefung der Pmhıeıne des Textes Nr. ıı. Aueh als venlcrnng
der Lehre von der zeingung von W«-.ıı, die eben nur Mensehenwelı ist und als das
Sinn hat. Alles wichtig.
I „wissenschaft“ zunachst in mine: Heiınmensøhheit ohne Rücksicht nur die
n-«nnen iıensnnneiıen; sie mögen wie wnhnnnnıge oder Dnnnne, vwmm, Ann-
mnle angesehen werden nnd nnssn Betracht bıeihen.
ßi«:ıı.At;F. X 175

keiten, für Wahl usw. Zugelıürig ein Sich-besinnen auf Sein und Nicht-
sein und auf Behebung der Modalitäten der Seinsgewissheiten, also ein
doxisches Lobcıı im Dienst der jeweiligen Praxis, soweit sie es erfor-
dert. Hier tritt das „es ist wahr" als „es ist wirklich so", „es ist falsch",
5 „es ist nur Schein", „es ist nicht so", „es ist möglich", „es ist unmög-
lich" us\v. auf ~ aber nicht im theoretischen Sinn,
Schon das praktische Leben im gewöhnlichen Sinne, der die theore-
tische Praxis ausschliesst, hat seine Wahrheit, hat als Korrelat das,
was an und für sich Wirklich ist gegenüber den wechselnden Meinun-
IO gen, gegenüber den selbst bei wahrnehmungsmässiger Gegebenheit
(oder wiedererinnenlngsmässigcr) möglichen und oft eintretenden
Wechseln der Auffassung, der subjektiven Meinung.
Das theoretische An-sich, das Korrelat der theoretisch-prädikativen
Wahrheit, ist eine gewisse Steigerung der ausser- und vortlıeoretischen
15 l/Vahrheit. Diese entspringt aus einem theoretischen Interase, als
Interesse rein am Sein und Sosein, und zwar nicht am vereinzelten,
sondern totalen; für ein einzelnes Reales an der vollen und ganzen,
also vollständigen Erkenntnis des gesamten Soseins dieses einzelnen
oder alsbald dieses Typus, zunächst in seinen inneren Bestimmungen,
20 dann weiter auch seiner realen Relationen, die also anderes Reales und
die von diesem her bedingten relativen Bestimmungen betreffen, und
so unbeschränkt sich ausbreitend über die Welt. Oder es ist Interßse,
das unpraktisch von vornherein auf die ganze Umwelt geht, ins Un-
begrenzte, sich verhaftend an der Allheit der Typen von Seienden, an
25 den universalen Fonnen, die diese Typik, bzw, die Allheit der in ihr
sich immer wieder darbietenden einzelnen Realitäten und Gruppen,
typischen Konfigurationen usw. betreffen. Von Allgemeinheit in kon-
laeten Besonderungen sich fortpflanzend und dann wieder das ind.ivi-
duell einzelne, das jeweils neu in die Betrachtung tritt, auf Grund der
30 schon erworbenen allgemeinen Erkenntnis näher bestimmend, in seine
individuellen Besonderungen hinein. Andererseits Überwindung der
Relativität der Meinungen, auch der'eríahrenden, und vor allem der
erfahrenden, als der bewährenden, durch Methoden der Beobachtung,
sowie die Erschliessung der jeweils unzugänglichen Fernen durch In-
35 duktion und ihre methodischen Weisen der Bewährung, um gesicherte
Gewissheiten oder mindestens Wahrscheinlichkeiten zu erzielen. In
sprachlicher I-Iinsicht: Ausbildung von theoretischer Sprache, die
nicht bloss der Mitteilung dient, sondern auch der Sicherung objektiv
für jedermann zugänglicher, von jedennann nachprüfbarer Erwerbe,
40 i.n nzchprüfbarer Methode, die selbst sprachlich dokumentiert und ge-
sichert ist,
Das alles als Wissenschaft, Theorie der Welt oder von Weltgebieten.
Wissenschaft im ersten Sinne, korrelativ theoretisches Interesse, Wahr-
heit, wahres Sein (An-sich-sein) im ersten Sinne. Schon durch sie ge-
45 staltet sich die natürliche erste Umwelt und das menschliche Welt-
leben um, sie nimmt in ihre Apperzeption das Theoretische in ver-
schiedenen Stufen auf. Es ist bereit, um von jedem Wissenschaft Ler-
VORIHIREITUNGEN DES „SYSTEM/tTlSC!'llZN WIZKKES" l9J0»l93l

nenılen aufgenommen zu werden, soweit er vermag, und durch sein


subjektives Missverständnis etc. bedingt.
3) Dieses theoretische Interesse, diese Wissenschaft, Wahrheit ist
aber in einer Hinsicht noch relativ-subjektiv. Welt ist Welt für jeder-
5 mann, von jedermann in Konnex mit jedermann identifizierbar. Sie ist
für mich, als der ich von Welt spreche und aus der gewöhnlichen prak-
tischen Einstellung auf einzeln Seiendes, dem mein Interesse sich zuge-
wandt hat in irgendwelcher Beschäftigung, in eine universale Einstel-
lung auf das Universum eingetreten bin, lıorizonthaft vorgegeben, <sie
10 ist › von mir, von ıneinem Leibe, von dessen Umgebungskerrı der wahr-
nehmungsmässigen realen Präsenzen ausgehender Horizont der zu-
nächst immer ferneren, immerweniger vollkommen in der Anschaulich-
keit gegebenen Wahmehrnung, ins Endlose fortgehender unanschauli-
cher Bereich möglicher Erfahrung von Realitäten. Das alles als Bereich
15 möglicher Erfahrung als einer möglichen Einzelerfalırung und Gemein-
erfahrung fiir uns alle, tür jedermann als mit mir in mögliche Kommu-
nikation tretend, mit mir erfahrend und Erfahrungserwerbe, mit mir
denkend und Denkerwerbe in bezug auf gemeinsam schon geltende
austauschend, mit mir im Austausch irn Verhältnis der wechselweisen
20 Berichtigung, in Beziehung der Korrektur stehend.
Ich habe einen offenen Horizont unmittelbarer und mittelbarer wirk-
licher und möglicher Gemeinschaft mit Anderen als selbst miteinander
in möglicher Gemeinschaft stehenden, als selbst einen offenen Hori-
zont von Anderen habenden. Ich habe so in ständiger Seinsgewissheit
25 ein offenes Universum von meinen Andern, mein urıiversales Wir, als
ein solches, das jedes andere Ich als Ich dieses Wir seinerseits als sein
Wir hat) Es ist das Universum der Subjektivität, die als
Gemeinschaftsuniversum, Universum in „Kornmu.nikation" stehender
Personen die universale Subjektivität ist, auf die die für rnich seiende
30 reale Welt bezogen ist als meine, die unser aller ist, die für jedermann
ist, fiir jedermann als aus seinen eigenen uroriginalen Erfahrungen,
aber nicht aus diesen a.llei.n, sondern als seine <aus› Zueignungen der
fremden Erfahrungen unter ständiger Ergänzung und Korrektur ihm
erwachsenden seienden Realitäten - für ihn seiend und solange seiend,
35 als nicht durch solche weitere eigene und kommunikative Erfahrung
Korrekturen Anderungen fordem. Zur Welt in dieser ständigen Ho-
rizonthaftigkeit, antizipiert als seiendes Universum, aber als solches,
das durch keine faktische Erfahrung einen endgültigen totalen Seins-
sinn gewinnt, gehören die Subjekte selbst als füreinander als psycho-
40 physische Objekte ständig erfahren und erfahrbar.
Die Korrelation von unserer Welt und u ns als der sie erkennenden,
auf sie bewusstseinsmässig bezogenen, ihren jeweiligen Seinssinn ge-

1 Meine Heimwelt, mein Volk. Das Universum in erster Form als Heimweh. kommt
nur nn Anhebung, wenn wann andere 1-rt-ınıwmen, «nam vaıknf nm im Hnriwnr
sind. Die ubensnmweıı im 1-ini-iınnı von fremden ubensumweııen, mein Volk
nıngennn von frenmn vaumn.
|i|z|ı.A(;i«: x 177

staltcnden Subjektivität ist selbst ein „Ent\vicl<lungs" 1~G]ied für eine


offene Wandlung des Sinnes dieser Korrelation, bzw. für Verwandlun-
gen des Wir und damit dis Seinssinnes der Welt, als der für u.ns sei-
enden, als rler, in der wir als Menschen lel›en.
5 Wir können, was hier gemeint ist, so zur ersten Klärung bringen:
VVir, das besagt natürlich, wir Menschen. Als Menschen sind wir, gel-
ten wir uns selbst als Personen, und darin liegt: Personen je ihrer
Me n s c lı hei t. Nicht alle Personen sind Personen einer und derselben
Menschheit, und sind es doch wieder, je nachdem Menschheit verstan-
|0 den ist. Und ist Welt Welt für uns alle, so ist, je nachdem das „wir
alle" verstanden ist, die Welt wirklich konkret dieselbe oder nicht die-
selbe, soiern eben Menschheit bald eineıı Sinn hat, der Einzigkeit ein-
schliesst, bald einen pluralisierbaren Sinn. lm letzteren Falle gehört zu
jeder Menschheit ihre Welt (wir sagen dann ihre Lebenswelt, ihre Um-
15 welt), und wenn doch alle diese Umwelten in der Entwicklung oder
Besinnung eine einzige Totalität VVelt „bilden“ oder vielmehr als „Er-
scheinungsiveisen" der einzigen Welt je für diese Menschheiten gelten,
so ist diese einzige Welt für diese verschiedenen Menschheiten prinzi-
piell nicht Umwelt im selben Sinn, als ob sie Korrelat wäre eines als
20 wirklich vorausgesetzten „Wir". Doch das alles ist nur eine zunächst
notwendige Andeutung.
Bauen wir uns schrittweise ein Verständnis fiir Menschheit und Um-
welt aut. Tiere, animalische Wesen, sind wie wir Subjekte eines Be›
wusstseinslebens, in dem ihnen in gewisser Weise auch „Umwelt“ als
25 die ihre in Seínsgewissheít gegeben ist. Das Subjektsein bezieht sich
aut die zmima solcher Wesen. Ihr rein animalisch verstandenes Be~
wusstseinslebcn ist zentriert. und im Reden von einem „Subjekt für
Bewusstsein", für Bewussthaben Liegt ein Analogon, oder ein Allge-
meineres für das menschliche ego seiner cogítntíorm von den und jenen
30 cogilııtat wofür wir kein passendes Wort haben? Auch das Tier hat so
etwas wie eine I chs t rukt ur. Der Mensch aber hat sie in einem ein~
zigartigen Sinn gegeniiber allen untereinander verwandten tierischen
Ichbesondenıngen; sein Ich 7 das Ich im gewöhnlichen Sinn - ist
personales Ich, und mit Beziehung darauf ist der Mensch für sich
35 und alle Mitmenschen Person. Indem er aber Peıson un t e r Personen
ist, ist er, was das Wort Person schon mithedeutet, Person einer
in sich abgeschlossenen, aber je für die Person als often-endloseriš
I Din „Entwieklung“ kann bnsagnnr ai iıisınrisninı rzntwinkınng einer nltenfrn
Hnriwnts von bekannten Fremdvöıkern, die nnisgıinhrrweisc selbst wieder ihre irnnı-
den haben, diese eventuell wieder - bis zum letzten? Das mag unlıedacht bleiben;
oder anderweitige Mn tivntinn miırt das in in/inimm herbei. b) Entwicklung konkreten
Verkehrs. Bei a) schon Konstitution ciner sich über das eigene Territorium hinaus-
aennenann „Natur“ (Ernnnaen, i-ıirnnrni, pıınnrnn, rıereı, nr wnrnnf nnnn das trrrnne
Lebensfcid liegt, Dureh b) inn konkreten verkehr Nötigung der Gnitnngssyntiınsis
der eigenen nnd irernnen (nnr pmieıı vcrstnnaenen) Lenensnnrweiı.
= Din nııgerneinneit entspringt eben «is versnnıicnenat nppernnntinn (nssinnın-
ıimı) - und darin nis eine Grnndwnisc intnnıinnnier Modifikation.
3 Dieses „offen-endlos" besagt nicht cin Immerwıeder (von) 'Mitpersoneıı im Sinne
178 VORBEREITUNGEN D123 „SYSTEMATISCHEN WERKES" 19304931

Horizont bewussten Menschheit, einer Totalität „wir insgesamt".


jeder Mensch, sofern er in seinem Weltlıewusstsein lebt, oder sofern
er wirklich Iclısubjekt ist für die Welt als die ihm seinsmässig gewisse,
ist für sich Person im endlos oifenen ge n e ra t i ve n Z u s am me n-
5 hang, in der Verkettung und Verzweigung von Generationen. Darin
ist er (weiss er sich), und zwar als Kind seiner Eltem, als reif geworden
aus Erziehung durch sie und durch die kommunikativen ihrerseits rei-
fen und reii gewordenen Mitsubjekte, nunmehr selbst íungierend als sie
miterziehend, allgemein verstanden, ihr personales Sein im unmittel-
10 baren oder mittelbaren Konnex mit ihnen mitbestimmend, eventuell
selbst schon Vater oder Mutter usw. Der generative Zusammenhang
umfasst Neugeborene, bzw. überhaupt „Frühkinder", sozusagen Em-
bryonen, die als Vorstuien für eigentliche Kinder verstanden sind.
Eigentliche Kinder, das sind Vorpersonen in den Stufen vor der Reife,
I5 die einen Vollendungspunkt im Typus Person bedeutet. Sie haben
schon bewusstseinsmässig etwas von realer Umwelt (ungleich dem em-
bryonalen Stadiııru), aber noch nicht die voll auf ein „wir alle", auf
Menschheit bezogene Welt. Es ist schwer, das scharf auszudrücken:
dieses Personsein, das doch kein voll wirkliches Personsein ist, es viel-
20 mehr erst in der Reife ist. Doch wird es sich von anderer Seite noch
besser klären.
Zunächst ist aber zu betonen: Wir und unsere Welt, das verweist
nicht auf den konkret vollen (psychophysisch verstandenen) genera-
tiven Zusammenhang, der für uns seinsgewisser ist; ausgeschlossen
25 sind dabei die Kinder, wie andererseits die Geisteskranken und über-
haupt die Kranken, solange sie in der Anomalität leben. Mindestens
rechnen sie nicht melır voll mit und nur soweit ihr Bestand des Mitle-
bens partiell ein Mitíungieren ist mit den restlichen und Vollnormalen.
Nur die Reifen als die normalen menschlichen Personen und im Ein-
30 heitszusammenhang ihres konımunikativen Lebens mit der Einheits-
form ihrer personalen Zeitlichkeit sind die Subjekte für die Welt, die
die ihre ist. Jedes rechnet dabei in seinem zeitlichen Sein (der Strecke
dieser generativ-kommunikativen Zeit) nur hinsichtlich seiner Nor-
malität, in der es allein als konstitutiv für „die“ Welt fungiert: in der
35 Form „die“ Welt, das eine Universum von Seienden als Seienden „für
uns alle". Auch die „A1ten", soweit sie emeritiert, zur Ruhe gesetzt
sind, insbesondere die nicht mehr ratenden und tätigen, sind als Ano-
male hier zu rechnen, so wie die Kranken.
Wie umschreibt sich nun aber die Einheit „einer“ Menschheit und
40 ihrer Umwelt? Wie die fiir mich als Person, für meine Mitpersonen
immer schon bewusstseinsrnässig konstituierte p e r s o n ale Al l h eit

der ıneaıuıea ııeıanen, eier unenaıiehkeic im pfsgnauıen sinne. um emepfienı eine


menge, am kein im des subjeıa mgebbaıee ıemee oıaea im und Sami« keine „Ab-
ısıiıımken" (fieiueıı man im mmemaıieehen smeı; else eine seıeııe ımfifısea
kaaemuaene Mememıeiı ist nn me Peßenea eine „rem ıekıiseh gegebene Aııbeiı
aeı Bexımmn, senden. eine unbeefimmı ıamıaee -rmmaı.
ıii;ır..Ar;ı; x 179

als innere rein personale Verbundenheit in der Form Allheit, und wie
kontrastiert sich mit dieser To t a lsubjektivität für die Welt die Welt
selbst, in der zugleich alle Subjekte verlciblichtc mundane Realitäten
sind, psychophysische Realitäten, in welchen das Personale als Seele
5 lokalisiert, temporalisiert ist in der Raumzeitlichkcit der Natur, der
naturalen Welt? Wie kontrasticrt sich danach die personale Zeit und
die real-naturale Zeit?
T r a n s z c n d e n t al entspricht dem natiirlich die monadische Zeit
als Form des Monadenalls und die Zeit der in ihr konstituiertcn Welt -
lO mit ihrer merkwürdigen Doppellıeit von personal und real, wobei aber
zu beachten ist, dass korrelativ zum verbundenen All der Personen,
das doch nicht alle menschlichen Personen umfasst, als verteilt auf
verschiedene Menschheitcn und Umwelten als einander „fremden",
auch das ltranszendental entsprechende Monadenall ein S o n d e r all
15 ist.
Aber man sieht auch, dass sich hier eine noch nicht berücksichtigte
t r a n sze n d e nt ale Problematik eröffnet: So wie die Menschheitcn
nicht ein Nebeneinander sind, wenn wir sie nicht in der Einstellung
auf Realität betrachten, sondem in der personalistischen Einstellung,
20 so wie vielmehr die Beziehung von 1-Ieimmenschheit und Fremde eine
intentionale Geltungsbeziehung ist, die auf Einigung zu einer Über-
nation führen muss, so liegt in der Transzendentalität eine problema-
tische intentionale Gliederung im (selbst schon konstituierten) Mona-
den-Sein und in jedem als heimisch für sich fungierenden Monaden-
25 all eine Tendenz fortschreitender Konstitution eines seine Fremden
mit sich verbindenden iíberheirnischen Alls, als eines Heimalls höherer
Stufe. Und dabei die durch das Territorium fortschreitende Konstitu-
tion einer iiberheirnatlichen fortgehenden Natur rnit organisclı-anima-
lischer Welt. Vor allem betrifft das die Konstitution einer allmonadi-
30 schen Zeit und die einer realen Zeit, Raumzeit, beide in ihrer konstitu-
ieıten Unendlichkeit. Und der letzte Sinn dieser Unendlichkeit und
dieser transzendentalen sowie menschlich-personalen Prozesse?
Menschen als „oberste Tierspezies", zoologisch -_ subjektiv.
Der gcnerative Zusammenhang der Menschen wie der Tiere einer
35 Spezies und dann phylogenetisch weitergehend alle Tierspezies ver-
bindend zur generativen Einheit, Einheit einer Deszerıdcnı, schliess-
lich der organischen Wesen überhaupt; das biophysisch verfolgt, aber
auch biopsychisch.1
Demgegenüber eine andere Generativität oder „Deszendenz", die
40 dem Menschen, dem personalen Wesen ausschliesslich eigentümliche.
Der Mensch als Person unter Personen lebend, mit ihnen personal sich
absichtlich verbirıdend und immer schon als reife Person natürlich
verbunden; natürliche personale Verbände als Teile und Schichten

1 mm mi. rein peyeiıieeiı, rem „mmaieeı=". aieeee wen rem mehr tmeıeaaea-
lll Vetstißfleh.
180 \'uRBl-IR!-Il'ı'UI\'GI<1N mis „SVS'i`|-;.\ıA'1'1$Cı1l~2N \Vl5RKEs`“ ı=›ı0~ı'›.3ı

höherstufiger natürlicher Verbände, die schliesslich in einem Total~


verband, Mensclıenvolk, lculminieı-en.1
Hier die Fundamentalprobleme, Tierische Gemeinschaft, tierisches
geselliges Leben _ in rein geistiger Beziehung betrachtet, lebend in
5 ihrer „Unıwelt", jede Spezies in ihrer spezifischen Umwelt. jedes Ein»
zelticr hat seine „geistige“ Entwicklung vom embryonalen Anfang bis
zur Reife, und in dieser baut es sich die für ß bewusstseinsmässige,
für es „daseiende" Umwelt auf. Aber es reift nicht zur Person, u.nd die
Umwelt ist nicht menschliche Umwelt, bzw. eine menschliche ist nicht
10 nur eine besondere tierische, nur differenzierter, so wie derartige Un-
terschiede zwischen niederen und höheren Tieren überhaupt bestehen.
Nur soviel kann man sagen, dass in der menschlichen Umwelt und im
Menschen als ihrem Subjekt eine abstrakt unterscheidbare Schichte
ist, die als das Tierische darin, bzw. als das Gemeinsame mit dem Tier
15 viel leicht abgehoben werden kann (was erst näherer Untersuchung
bedarf).
Es fällt dem flüchtigen Blick schon auf, wenn wir Tiere und Men-
schen vergleichen (beide vorkommend in der menschlichen Umwelt
u.nd doch verstanden je als Subjekte der ihnen je geltenden Umwelt):
20 Der Mensch als Person ist Subjekt einer Kulturwelt, die das
Korrelat ist der personalen Allgemeinschaft, in der sich jede Person
weiss, und dabei weiss in bezug auf ihre humane, die Kulturwelt, in
der sie lebt. Das Tier lebt nicht (sich wissend) in einer Kulturwelt.
Dazu gehört offenbar: Der Mensch ist ein gesclıichtliehes Wesen, er
25 lebt in einer „Menschheit", die ist im geschichtlichen, Geschichte
schafienden Werden; sie ist die Subjektivität als Träger
der geschichtlichen Welt, ein Ausdruck, der dann nicht be-
sagt: das historisch lebende, Historie konstituierende Leben, sondern
das umweltliche Korrelat bezeichnet als humane Umwelt, vom Men-
30 schen, von der totalen Menschheit her geistige Bedeutung in sich tra-
gend, als Titel ontischer Beschaífenheiten der Realitäten und ihrer on-
tischen Geschichtlichkeit, als aus dem menschlichen Handeln, aus
menschlichen Interessen, Zwecken, Zwecksysteuıen her diese Be-
deutung habend.
35 Jede tierische Generation in ihrer vergemeinschaftcten Gegenwart
repetiert ihre spezifische Umwelt mit der dieser Spezies eigenen
Typik. Eine menschliche Kulturwelt ist in fortwährender Entwick-
lung, die Kultur jeder menschlichen Gegenwart ist Boden für das neue
Kulturschaifen der neuen Generation dieser Menschheit, wir können
40 auch sagen, Prämisse. Die zweckvollen Gebilde sind in der Welt als
ihren Zwecksinn beschafienheitlich in sich tragend; in ihm verstanden
motivieren sie neue Zwecke auf dem Grund der alten bzw. ihre Erfül-

1 von vornherein also irn: wie rene Person den rr›rnınr›rimn±j.,vdıır". in diesem
Hdnmnc finden dann irn wımriıwn (des Mensehen ııs vdıırsnrensdnen) due zweck-
verbindungen nm, aııe Verabredungen ew. Alle „minıen" Aırre nnd „snınıcn"
vernande sind im Hnriwnı vøık.
lıl;ıl„«r;ls x 181

lungsgestalten. Das Kulturantlitz der Welt hat eine Typik, die sich
kenkrct in gewisser Weise wiederholt oder zu wiederholen scheint,
aber für den Menschen gilt tem/mm mlıtuııliır cl nos mııtıımıır in íllis.
Die Zeiten sind die in der einheitlich menschlichen Zeit real
5 erfüllten Zeiten, erfüllt mit den in jeweiligkeit zweckvoll gestal-
teten Realitäten. Die konkrete Typik ändert sich in der Wierlerholung;
es fallen manche konkreten Typen aus, obschon diese Wandlungen so
vor sich gehen, dass ein allgemeiner Gesamttypus der Umwelt und des
sozialen menschlichen Daseins in ihr erhalten bleibt.
O Menschliche Werke werden nach im voraus vorstelligen und als
Vemiögl.ichkeiten dem Menschen geltenden Möglichkeiten handelnd
erwirkt. Der Mensch hat Entwürfe, er hat Wahl zwischen dem
geltenden Möglichen und entscheidet sich für das als das Beste Er-
kannte. Er verbindet sich mit Anderen zu genıeinsclıaftlichelrı Han-
5 deln in Vergemeinschaftung der Wollungen und ihrer Ziele, die für ihn
Zwecke sind, individuelle (private) und Gemeinschaftszweeke, Ver-
einszwecke etc,
Das Tier verwirklicht in Gemeinschaft „Instinkte", sein Tun ist in-
stinktiv, die Vergemeinschaitung des Strebens ist instinktiv. Die Biene
20 h an cl e l t nicht, die Biene hat keine Zwecke, das Bienenvolk ist keine
Zweckgemeinschaft, es steht nicht in der Einheit eines Lebens, das
menschliches Zweckleben ist, das seine Träger hat i.n Subjekten, die
ihre Zwecke habituell und in der Weise der Wiederemeuenıng ihrer
Absichten von neuem in Funktion setzen, als dieselben sie identifizie-
25 rend usw.
Ein Tier schafft nicht in der Einheit seines Lebens ein System von
geistigen Erwerben, die es als Entwicklung erfährt, es hat nicht Ein-
heit einer die Generationen überspannenden Zeit als historische Zeit
und Einheit einer durch sie hindurchgehenden Welt, es „hat“ sie
30 nicht bewusstseinsmässig, Wir, wir Menschen sind es, die die Ketten,
die unendlichen Abfolgen und Verzweigungen der Arneisengeneratio-
nen etc. i.n Seinsgeltung haben in unserer Welt. Das Tier selbst hat
keine generative Welt, in der es bewusstseinsmässig lebt, kein be-
wusstseinsmässíges Dasein in einer offenen Unendlichkeit von Genera-
35 tionen und korrelativ kein Dasein in einer eigentlichen Umwelt, die
wir Menschen ihm, es vermenschlichend, zuschreiben.1

1 Das sind natiirlich ersl die Anzeigen fiir die wii-lrlichc Klsirrrng von Person und
Menschheit mit ihrer rnenschlıeillichen Umwelt. Zu folgen hat dann die Klärung der
Endlichkeit ciner Menschheit und dcr sclicirinng von 1-ıcirnnl und Frei-nde,
von unserer Menschheit, unserem vnllr und nndcrcn (uns fremden Mcnsclihciicn),
ferner noch die relativ einheitlichen Gruppen in einer Menschheit mit dem Wir -
Andere.
Von da dann weiter die Antizipation der Verkettung von Umwelten ins „Unend-
liclıe” und der Konstitution von Ühernatienen und Welten auf Grund von „ein-
fiihlnngsniåssigcn" Welten, innncr von der cigcnen nus; die Prchlcme dcr- Unend-
lichkeit und die Idee der einen unendlichen Welt als der Idee eines universalen An«
sich _ univeısale ins Unendliche exakte Natur und auf sie hewgene Mensch-
hciten ins Unendliche auf dem wege zu einer Mcnschıicie nnd zu einer Kultur
VORBlZRElTUNGEi\' DES „SYSTlš.\IATlSClll<Il\' \Vl5Rl(lšS" 1930-W31

Die Tiere finden wir in unserer Welt vor durch eine Einfühlung, die
eine assiniilierende Abwandlung der mitmenschlichen Einfühlung ist.
Aber die Verähnlichung mit menschlichen Subjekten betrifft ııatürs
lich zunächst das Verstehen der tierischen Leiblichkeit als solcher und
5 so überhaupt die Grundschichte der Einfühlung, die uns Mitmenschen
als in eine gemeinsame Umwelt hineinlebende konstituiert. Was dem
eingeiülılten Ich notwendig zu eigen sein muss, damit überhaupt Ein»
iühlung zustandelcommt, eben das ist die „Gn.ındschicht". Die Assimi›
lation des fremden beibkörpcrs als Leibes, wie er mein eigener ist, die
10 Auffassung des Organsystems als System von Wahrnehmungsorganen
und praktischen Organen, durch die die wahrnehmungsmässige Um~
gebung für das Tier da ist, und als einheitliches Feld von identischen
Dingen, jedes Einheit von Erscheinungsweisen; zugleich aber so,
dass diese Erscheinungsweisen nur ähnliche sind, wie ich sie und
15 jeder Mensch sie hat und wie sie irn Erfahren von Mitmenschen sich
kommunikativ austauschen und in der Unterschichte menschliche ge-
meinsame Natur ergeben, ein Universum von Erscheinungseinheiten,
die Einheiten nicht nur meiner, sondern unser aller zu vergemeinschafs
tenden Erscheinungsweisen sind, der wirklichen und möglichen, Dieses
20 ganze menschliche System und menschliche Natur ist schon vorausge-
setzt, damit wir Tiere als Tiere erfahren, Einfühlung als Wahmeh›
mung von Tieren gewinnen können. Die urgenerative Entwieklung des
Menschen, in der er zum ersten Selbstbewusstsein und Umgebu.ngsbe~
wusstsein, zum ersten „Ich und Umwelt" erwächst, ergibt diäes erste
25 Ich schon als Ich eines Wir und die Umwelt als gemeinsame dieses
Wir. Die Anderen sind nicht bloss Reduplikationen des Ich, die An-
gleichung erfordert immerfort korrigierende Abwandlung, und vorweg
sind die Andem als Analoga in einer unbestimmten Allgemeinheit mit
einem individualtypischen Kem verstanden. Aber die Erscheinungs›
30 weisen der Dinge gehören selbst dazu, und die Horizonte selbst haben
i.ıı gewisser Weise ihre konkrete Typik und sind i.n ihr „entworfen".
Eben diese schon wandelt sich in gewisser Weise bei Vollzug der Ein-
fühlung in ein tierisches Dasein ab. Ganz so empfindet das jeweilige
Tier (in seiner Spezies) nicht wie wir. Aber es sind doch dieselben Din-
35 ge, die sie in ihrer Weise wahrnehmen, es wird doch assimiliert, es sind
doch Erscheinungen von demselben, es wird doch ein waltendes Ich in
dem analogen Leib durchgehalten, und was dabei sonst bei der gefor-
derten Analogie standhält und nicht in Wandlung sich beseitigt. Für
jede Tierspezies ein abgewandelter Typus des „Ich und Umwelt", für
40 mich schon „wir Menschen und Umwelt". also des tierischen Ich im

sis iin unsnaıiensn ıisgsna. Ah« neingsgsniiim skinsııs Menschheit, isaisnhg, nna
das snhinkssi, der znfnii.
n) wissenschaft ii-n ersten sinne; b) Wissensehsfı im zweiten sinne nu: unenaiinhs
kei: bezogen, sis naive Knnsmikcinn; e) wissenschaft irn armen sinne, sbsnıuce
Vlfısseuschaít, Ebenso: a) natürlich-erstes endliches Lehen; zweites unter Leitung
von erskr Wissenschaft; drittes im Horizont unendlicher Natur; viertes im tran-
szendentalen Horizont.
iiıaıiıxce x 183

Wir. Wi.r Menschen sind schon darin im Wir abgehoben, dass wir kon-
kret typisch dieselbe Leiblichkeit haben, und in unserer Konstitution
als Ich und Wir sind wir schon vermöge des generativen Ursprungs in
dieser typischen Leiblichkeit konstituiert: Ich bin schon im Selbstbe-
5 wusstsein als Ich dieses typischen Leibes, ich habe vorweg schon mei-
nen mitmenschlichen Horizont in der Typik meine Familie etc., und
mein Leib hat schon den Seinssinn eines allgemein typischen íür uns
alle.
Problem des Tieres: Das 'l`ier ist ein neues, ein anderes Subjekt, aber
10 anders wie wir Menschen, aber darin anders, dass es doch analog wie
wir Menschen unter Menschen ist, so Löwen unter Löwen etc. in der
Lebensgenerativität als Analogon unserer menschlichen. Im übrigen,
das in der Welt Leben, in der Löwenwelt, für Löwen erscheinungs-
mässig einheitlich sich konstituierenden, Hineinleben, Bedürfnisse
15 Haben, sie Eríüllen, Hunger und Durst Haben, Essen und Trinken,
geschlechtlich miteinander Verkehren etc., das wird ohne weiteres assi-
miliert, überhaupt menschliches Leben in menschlicher Generativität
und Umwelt, soweit es eben in der Analogisierung geht und diese sich
in Erfahrung bestätigt.
20 Aber da ergeben sich wesentliche Differenzen. Leben die Bienen i.n
ihrer Umwelt generativ so wie wir? Schon wenn wir fragen, entwickeln
sich die Bienen so wie wir als „Kinder", die geistig in die Welt der Rei-
fen ähnlich hineinwachseu? Oder u.m Tiere zu nehmen, die i.n der Ana-
logie uns näher stehen, die uns in der Körperlichkeit als Leiblichkeit
25 näher verwandten Säugetiere: ein Rehkalb und selbst die Jungen der
Haustiere, ein Píerdeiüllen etc., ist das ein Kind, das eine ähnliche Ent-
wicklung macht wie ein Menschenkind? Biophysisch _ das macht kei-
ne grosse Schwierigkeit, aber wohl psychisch. Wir stossen da auf das
Instinktive, aber schon heim Menschen spielen sie, und nicht nur in
30 der kindlichen Entwicklung, eine ständige Rolle. Instinkt ist zu-
nächst ein Titel für äusserlich zu charakterisierende Tatsachen, der
aber von innen her betrachtet seine Unverständlichkeiteri hat. Wo ist
die Grenze? Sind die Bienenbauten in ihrer „Zweckmässigkeit" wirk-
liche Zweckgebilde, deutlicher, zweckrationale, Ergebnisse der „ver-
35 niinitigen" Zielstellung, Berechnung der Mittel etc.? Der „Bienen-
staat", der Ameisenstaat, die Sklavenhaltung der Ameisen, die Amei-
senkriege usw. - wie steht es mit den analogischen Interpretationen,
die im Gebräuche der Worte liegen?
Man kann hier fragen: 1 Haben die Tiere (die Haustiere ausgeschlos-
4O sen) eigentliche Wiedererinnerungen, anschaulich wiederholende,
und haben sie anschauliche Phantasievorstellungen in selbem Sinne
wie wir?
Haben sie Horizonte, die sie wie wir anschaulich sich klarmachen
können? Haben sie Zielvorstellungen, Zweckvorstellungen als reprä-
45 sentiereude Vorbilder des Künftigen (oder möglicherweise) als eines
1 (Das Folgende bis Sclıluss› Zusatz juli oder August W34.
184 \'0RB1sRi:ı'rl7Nı;ı«;N mas „sYs1*ı;iı..\'rıscııızx \\'ı;ı<i<ı;s" ıvsmıfıaı

dann Beíriedigenden, als Ende eines praktischen Weges, eines selbst


anschaulich vurstelligen?
Können dafür nicht eintreten dunkle 'l`ı'iehe mit 'I`ricb0r'iüllungen,
die doch nicht zu Vorstellungen werden, nämlich in erneuter Aktuali-
5 sierung des Triebes? Ist die urspıiingliclıc Zeitigung in der Periode der
Urkindliclıkeit des Mensehen ebeıı von dieser Art, dieser tieri»
schen? Wie baut sich die Weltzeitigung in der Stromzeitigung zuf
nächst als Zeitigung der hyletischen Gehalte aut? Ist das beim Urkind
schon eine wirkliche Zeitigung 7 von Seienden?
O Hat die tierische Stute „eiııgelıorene" Dingvorstellungen, Weltver-
stellung, mannigtaltige Wahrnehmungserscheinungen normal zusarn-
mcngehend zur einstimmigen Einheit, andererseits gelegentlich un-
stinımige, sich hemmeııde, wodurch jede einzelne Zielung den Charak~
ter der gehemmten erhält: die Intentionalität verstanden als eine rein
5 triebmässige, triebmässig auf Einstimmigkeit gerichtet?
Die Tiere wissen also nichts von der Umwelt, die wir ihnen in naiver
Einfühlung zuschreiben? Vergangenheit haben sie nur als Rctentionaß
lität und haben Selbigkeit von Dingen nur in der Form des pri-
mären Wiedererkennens, das noch kein Zurückgehen auf die Vergan-
20 genheit im Wiedererinnem (als qımsí-Wiederwahrnehmeu) kennt und
kein Identifizieren der Zeit_ und Ortsstellen, das Individualität der
Dinge als seiender ermöglicht.
Das Tier hat nicht das Vermögen, durch das es ein Bewusstsein, ein
Wissen von einer seienden Welt haben könnte, einer Welt verharrender
25 Dinge, verharrend in der Zeit, in Veränderungen, Kausalität der Ver-
änderungen unter Umstånden etc., so einzeln und zugleich einheitlich
durch die universale Zeiträumlichkeit, Identifizierbarkeit nach Zeit-
und Ortsstellen, nach Vergangenheit und antizipiert-vergegenwärtigter
Zukunft. Kennenlernen, Möglichkeiten entwerfen, wollen, erzeugen,
30 wirken etc„ Werke, Zweckgebilde, Mitteilungsgebílde, als <die › immer
wieder dasselbe mitteilbar machen, a.ll das ist ausgeschlossen. Tiere
haben keinen „Satz“ im engeren und im weitesten Sinne. Tiere ver_
ständigen sich, verstehen Lautäusserungen ~ und haben doch keine
S p r a c h e, _
35 Beim Menschen vollzieht sich eben eine ständige Umwandlung der
passiven Intentionalität in eine Aktivität aus Vermögen der Wieder-
holung. Ist das so als schrofíe Scheidung richtig? Wie ist es verständ-
lich zu machen, warum das Tier keine eigentliche Erinnerung, keine
wiederholenden Anschauungen hat als wiederholende Wahmehmun~
40 gen und mit dem Vermögen des „immer wieder". eben damit keine
Konstitution von Seienden i.n der Seinsform der Zeitlichkeit? Der
Mensch hat „Vernunft”; ist das eben Gesagte Bezeichnung der unter-
sten Stufe der „Vernünitigkeit"? Der Mensch, das animal rationale,
interpretiert notwend.ig zunächst die „blind instinktive" Intentionali-
45 tät, die rein triebmässige, als eine Umwelt konstituierende: als ob die
Tiere in der Tat eine Art minderer Mensch wären, als ob auch sie
Seiendes, Seinszusammenhänge und auf Seiendes, auf vorgegebene
nı:ıı_Ar;ı=. X 185

Umwelt gerichtete Zwecke hätten, Vorstellungen voıı Seinsolle n-


dern; als ob sie anstatt ihrer Geíühle, die blosse Modi im blinden
Trieblcben sind, menschliches Werten hätten, gerichtet auf Werte
und Güter.
5 Aber die Haustiere? Sind sie nicht schen wirkliche Analogzı von
Menschen oder wirklich schon seiend in menschlicher, aber sehr nie-
dcrer Personalität, nur unfähig, sich wie unsere Mensclıeııkindcr über
ihre Anfänge hinaus weiter zu entwickeln?
Die Psyclınlogie ist cleınnacli prin zipiell menschliche Psycholo-
l0 gie als erste und eigentlich auf Erfahrung rulıende Psychologie. Die
Psychologie dcr Tiere aber ist rein konstruktiv, sie setzt für die Recht-
nıässigkeit ihrer Konstruktion eine, und zwar eine w i rkli ch int e n-
tionale, Menschenpsychologie voraus.

l
1

í
III

TEXTE AUS DEM ZUSAMMENHANG DER


ZWEITEN NEUBEARBEITUNG DER
„CARTESIANISCHEN MEDITATIONEN"
UND DER DARAUS HERVORGEGANGENEN
KONZEPTION EINES
„SYSTEMATISCHEN WERKES”
]UI.I 1931 EIS FEBRUAR 1932

I
I

ı
Nr. 12 _

AD FÜNFTE MEDITATION: KONSTITUTION VON


REALIEN IN DER PRIMORDIALITÄT ALS
„GEBILDE" DES „EGO“ UND KONSTITUTION
5 VON ANDEREN, NICHT ALS EGOLOGISCI-IEN
GEBILDEN, SONDERN ALLEN SOLCI-IEN GEBILDEN
TRANSZENDENT UND MIT MEINEM EGO
KOEXISTIEREND
<1931 oder späten 1

|0 Was ist also hinsichtlich des Seins prímordinales Naturobjekt


und Naturtotalität zu sagen?
Dieses Seiende hat den Sinn Seiendes des und des Inhalts für
mich: Es ist in meinem Leben primordial konstituiert und ist
aktuell und putentiell Einheit von Mannigtaltigkeiten, die aus-
I5 schliesslich zu mir als primorclialem Verrnögens-Ich gehëren.
Dieses pıimordiale Ich hat seine eigene Konkretion, seine eigen»
wesentlichen reellen und icleellen Eigenheiten. Die hat es für sich
selbst, es ist sich selbst oríginalíter gegeben und in seinen Po-
tentialitäten auf sich selbst zurückbemgen, es ist für sich selbst.
20 Zu seiner Konkretion gehört, dass es primorclinale Natur als in
ihm, und rein in ihm, konstituierte in sich trägt. Diese Natur ist
auch Seiendes, Bestimmbares, Erkennbares, aber in diesem
Sein eben Einheit von meinen Erscheinungen, Identisches mei-
ner aktuellen und potentiellen Identifikationen. Nicht etwas aus~
_25 ser mir, gesondert von mir und nur durch ein unbegreifliches
starres Gesetz mit mir zusammenseíend, mit mir irgendwie ver-
bunden, sondem es ist nichts als intentiunales Korrelat, nur
Sinn meiner, und ausschliesslich meiner Sinngebung.
1 Das ınrrrrrskripı des hier wiedergegebenen Terms :rig: den Vermerk Husserls:
„Fmır". im Frühjahr ıeaı im 1-nrsmrı „irren Asxrrerrmn, Eugen Fink, zum ersrerr
Mrı um der umrimılrrrg der „.ıer.ı=@ırerr" crfrzramirrnrn Mmwøm„ betraut
(vgı. ızmıemrrrg des Heraurgeiıerr ru aımrrr Band, s. fi.›. _ Arrrrr. a. 1-img
l90 „CARTESIANISCHE MEDITATI ONEN“ 193 l -1932

Wie steht es nun mit den transzendentalen Anderen, anderen


Ich, anderen erfüllten immanenten Zeiten, anderen Erlebnissen,
Akten, einer anderen primnrdialen Natur usw.? Meine primordi-
ale Natur ist seiend in ihrer Raumzeitlichkeit (einer primordialen,
5 die danach ihren Sinn hat, der in ihr erfahrener und weiter aus-
zulegender ist) und ist meiner immanenten Zeitsphäre, Erleb-
nissphäre „transLendent”.
Mein Anderer und alles ihm immanent und primordial transzen-
dent Zugehörige ist meiner primordialen (immanenten und prim-
ıo ordial transzendenten) Sphäre in einem neuen Sinn transzendent.
Er ist in meiner primordialen Sphäre appräsentiert als Anderer,
als für sich selbst Seiendes, als Ich seiner Primordialität - und
ist in meiner primordialen Sphäre ebenfalls Eríahrungseinheit
von „Erscheinungen", evtl. und normalerweise sich einstimmig
15 bewährend und immerfort Bewährung vorzeichnend. Als diese
Einheit m ein e r Appräsentation, der meiner Primordialität zu-
gehörigen, ist er für mich seiend und appräsentiert als für sich
seiend, und nicht bloss für mich. Sofern meine primordiale Natur
„fremde Leiber" enthält und Sein von fremden Leibern mir vor-
20 zeichnet, kann ich, so wie ich bin, nicht anders, als Andere setzen,
sie sind, obschon gesetzt in der Weise der Appräsentation und
in ihr bewährt, ebenfalls von mir untrennbar. So wie ich bin und
für mich bin, bin ich nicht nur Ich einer primordialen Natur, die
Einheit aus meinem eigenen Leben in sich ist, sondern auch Ich,
25 für das Andere sind als mit mir koexistierend. Die Natur als
meine primordiale hat nicht reelle Inexistcnz in mir in dem Sinn
immanenter Erlebnisse, aber sie hat konstitutive Inexistenz in
mir, Inexistenz als konstitutives Korrelat. Hier wäre es verkehrt
zu sagen, diese Natur kocxistiere mit mir, mit dem sie konstitu-
30 ierenden ego, sondem hier sage ich, diese Natur ist ideelles Ge-
bilde in mir (Primordialität als eine besondere Weise der „Idea-
lität”]. Dagegen der Andere konstituiert sich nicht als ein „Ge-
bilde", das mir selbst in eigener Weise einwohnt, sondern in ge-
wissen primordialen Mannigfaltigkeiten (in meinen einverste-
35 henden, beseelenden Erfahrungen) konstituiert sich für mich Sein
eines Andern, der als anderes Ich für sich ist.
Der Andere hat in mir nicht reelle transzendente Präsenz, kön-
nen wir sagen, sondern reelle Appräsenz und durch sie ideelle
Kompräsenz.
rexr NK. ız 191

Eben damit begıündet sich ein untrennbares Füreinander-


sein, weder ich bin für mich, und so wie ich bin, trennbar vom
Anderen, noch ist er es von mir. Jeder ist für sich und ist doch
für den Anderen. Jeder als seiend hat Sinn zugleich aus sich und
5 zugleich für jeden Anderen, und das gehört zu eines jeden Wesen,
Es ist nicht krnftlose Spiegelung, sondern, wenn wir ein ego ein
absolut Reales nennen, so gehört es zu einem solchen Realen,
dass sein Sein untrennbar ist von jedes anderen Sein und jedes
jedes andere intentional umgreift und in intentionaler Mittel-
10 barkeit, die nicht eine leere Geste ist, in sich trägt.
So wie meine lebendige (urphänomenale) Gegenwart meine Ver-
gangenheit in sich trägt, sie immer in Gegenwartsform ausweist,
und wie sich dadurch meine immanente Zeit konstituiert, so trägt
meine primordiale raumzeitliche Gegenwart meine primordiale
5 Vergangenheit und Zukunft, und es konstituiert sich primordiale
Natur als erfüllte universale Raumzeitliehkeít.
Ebenso: Meine Primordialität trägt in sich einen Anderen,
seine Primordialität, und dieser Wieder etc. Es konstituiert sich
für mich, und jeden für mich seienden Anderen, eine Primordia_
20 litätenkompräsenz, -konsukzession - eine transzendentale All-
zeitl.ichkeit, dadurch eine transzendental begründete objektive
Natur, objektive Welt. Die Koexistenz der transzendentalen
Subjekte, die Koexistenz ihrer immanenten Zeitlichkeiten, die
Koexistenz ihrer Prirnordialitäterı ist kein leeres (genau besehen
Zåundenkbares) Zusammensein, sondem ein Füreinander-sein,
und das sagt, ein einander appräsentativ Zugänglichsein und da-
durch innerlich, verständlich, selbstanschaulich miteinander
Vereinigt-, Verbundensein.
Dadurch wird intersubjektive Konstitution möglich; dadureh
30 wird aus meinem Bewusstseinsstrom und dem in mir appräsen-
tierten anderen Bewusstseinsstrom, in dem dann ebenso der
meine appräsentiert ist, ein einheitlich verbundener Bewusst-
seinsstrom (ähnlich wie mein vergangenes Leben und mein ge-
genwärtiges zu einem Lehensstrum wird), und Assoziation, die
35 zunächst und in einem ersten Sinn primordiale Assoziation ist,
erhält einen neuen Sinn einer intersubjektiven Assoziation.
Nr. 13

DER KONSTITUTIVE AUFBAU DER WELT UND


DIE KONSTITUIERENDE INTERSUBJEKTIVITÄT.
DIE SELBSTAUSLEGUNG DES EGO FUHRT IM
5 EGO AUF DIE ALTER EGO'S. ZUR
TRANSZENDENTALEN MONADENLEHRE.
(16. Jun 1931)
Die konstitutive Auslegung des ego in der ersten Ursprüng-
lichkeit der strömenden egologischen Gegenwart führt in die
IO apodiktisch (obschon nur als Spielraum apodiktisch) vorge-
zeichnete Vergangenheit. In der Gegenwart, in ihrem apodikti-
sehen Horizont beschlossen, ist die Vergangenheit, das gegen-
wärtige ego „impliziert“ das vergangene, Auch Zukunft ist
in ihrer Weise als die meines ego vorgezeichnet. Kann man so
I5 fortfahren, der Gegenwartshorizont (mittelbar und impliziert
der Vergaııgenheits- und Zukunftshorizont) impliziert auch Welt
als Phänomen - impliziert zunächst auch Andere? Zunächst in
der Gegenwart der Bestand der Primordialität, der primordial re-
duzierten „Welt", mit einem primordialen Eigenleib etc. So
20 wird <das› Weltphänomen der Geltungsenthüllung unterzogen.
Apodlktisch bin ich als G ege nw a rt s - e go meines Horizon-
tes das Ich, das Gegenwartswelt als Phänomen hat, die ihren kon-
stjtuierten Zeithorizont hat. Die Explikation (letztlich die mei-
nes transzendentalen Gegenwartshoriz/ontes, voll genommen)
75 führt auí die transzendental und aktuell rnitgegenwärtigen An-
deren und deren Horizonte. H.ier ist eine apodtktische Univer-
salstruktur vorgezeichnet J in meinem ego, in jedem ego über-
haupt ~, eine egologische Intersubjektivität als in jedem ego
in seiner eigenen Struktur vorgezeichnet. Das ontologische Aprio-
30 ri der Welt als einer ideal möglichen Welt überhaupt ist (durch
„Urspru.ngsklä.rung" als Klärung des konstitutiven Sinnes gel-
'rr-1x'r NR. 13 193

tender Welt und der Tragweite der Geltung) zurückgeführt auf


das absolute, universale Apriori, das Apriori möglichen und
wirklichen Seins überhaupt, oder zurückgeführt auf das univer-
sale transzendentale Apriori.
5 Hier muss aber die Leistung der Aufklärung, und als Aufklä-
rung des Gehaltes der Apodiktizität, wirklich durchgeführt wer-
den. Es muss gezeigt werden, dass das absolut Seiende die apo-
diktische Wesensform hat als absolute Totalität des monadisch
(egologisch) gegliederten Seins, und als Seins in der Form des in-
l0 tentional Für-sich-seins und intentional Füreinander-seins; es
muss gezeigt werden, dass zum monadischen All wesensmässig,
also apodiktisch gehört das intermonadische Konstituieren einer
\Velt als der VVelt, in der die monadische Totalität in der apper-
zeptiven Gestalt menschlicher und tierischer <Wesen› erscheint;
15 es muss gezeigt werden, dass das transzendentale Monadenall
(die Monadenwelt) die Form der transzendentalen Zeitlichkeit
hat - dass \vir also zu sagen haben: Der Welt im gewöhnlichen
Sinn, dem Universum der mundanen Realitäten, entspricht
transzendental die absolute „Welt", das Universum der tran-
20 szendentalen Realitäten. Der Begriff der Realität („Substanz")
verwandelt sich in die Doppelheit: konstituierende absolute Re-
alität und konstituierte relative Realität. Die „Substanz“ im
anderen Sinn, in dem des selbständigen Seins einer vollen Kon-
kretion, verdoppelt sich ebenso. Das mundane Weltall allein ist
25 selbständig; jedes ei.nzelne Reale und jedes endliche Ganze von
einzelnen Realien ist aber unselbständig, sofern es bloss Teil im
„Ganzen“ der Welt ist, es hat ein Sein, das relativ ist auf anderes
Weltliches, es hat einen Welthorizont, einen Horizont von ande-
ren Realitäten, von denen es „abhängig“ ist im Wie seines Da-
30 seins, eine Abhängigkeit, die wechselseitig ist. Solange die
Transzendentalität nicht erschlossen ist, ist die Welt, die Totali-
tät der endlichen Substanzen und als Totalität das allein unbe-
dingt mundan Seiende, unendliche Substanz.
Ebenso ist jedes ego, jede Monade konkret genommen Sub-
35 stanz, aber nur relative Konkretion, sie ist, was sie ist, nur als
sacius einer Sozialität, als „Gemeinschaftsglied" in einer Total-
gemeinschaft. Hier tritt aber ein völlig neuer Begriff von Auf-
einander-angewiesen-, Vonei.nander-abhängig-sein, Miteinander-
verbunden-sein und der weitesten Form nach überhaupt Mit-
I94 ,.CARresıAı\'ıscHı: nieo1'tATıoNEN" 1931-W32

einander-sein, Koexistieren, In-der-Einheit-einer-Zeitlichkeit


sein auf, wie auch das Real-sein, das Letztes-Substrat-sein einen
ganz anderen Sinn, den absoluten hat. Die Monade ist seiend
als identisches Ich eines intentionalen und als das konstituieren-
5 den Lebens, eines aktuellen und vermöglichen Bewusstseinsle-
bens, von daher Sein als Ich von Vermögen, von relativ verhar-
renden Vermögenszuständllchkeiten bezogen auf die sie jeweils
aktualisierenden Bewusstseinserlebnisse (darunter speziell Akte).
Das Ich als so zentrierte, im Ichpol zentrierte Intentionalität
10 und Vermögenseinheit ist als sich selbst konstituierende, ihrer
selbst bewusste, sich selbst passiv und aktiv gestaltende <Ein-
heit› und ist zugleich in ihrem Bewusstseinsleben (das zugleich,
wie gesagt, bewusstseinsmässig Für-sich-selbst-Seiendes ist, als
das „subjektiv“ Konstituiertes ist) andererseits „Objektivität“
15 (Transzendenz) konstituierend. Dazu gehört aber, jede Monade
ist nicht nur sich selbst in Stufen konstituierend (von der strö-
menden lebendigen Gegenwart her), sondern auch alle anderen
Monaden konstituierend, aktuell und potentiell (was selbst Aus-
drücke sind, die notwendig je nach der intentionalen Stufe ver-
20 schiedenen Sinn gewinnen, die doch durch eine Einheitlichkeit
übergriffen sind), und so überhaupt alles überhaupt mögliche
Sein potentiell, wenn nicht aktuell, in ihrem Horizont habend.
Jede Monade ist nicht nur für sich, sondern auch für jede andere
Monade. So wie das Für-sich-sein nicht ein leeres (und im Gnınde
25 sinnloses) Abbilden in dem eigenen Sein ist, so ist das Füreinan-
der-sein nicht eine blosse „Spiegelung", „Repräsentation".Esist
ja nicht so, als ob jede Monade für sich wäre (für sich geschaf-
fen) und nun so Sein hätte ohne die anderen Monaden, sondern
jede, sofem sie in i.hrern Sein die anderen intentional „konsti-
30 tuiert” hat (so wie jede in ihrer Gegenwart ihre Vergangenheit
konstituiert hat), kann ohne die anderen nicht sein. Ihr e i g en e s
Sei.n, so wie es als ichliches, intentional konstituierendes ist, „im-
pliziert“ jede andere und wird von ihr „imp1iziert”, jede ist „in
Beziehung” auf jede, jede koexistiert so, dass ihre Existenz die
35 Existenz aller anderen bedingt, jede ist mit jeder „real verbun-
den" - reale Verbindung verstanden in dem Si.nn, der eben
zu Monaden gehört, und ein anderer hat für sie gar keinen
Sinn. Jede mundane Realität und reale Beziehung (Kausali-
tät) führt vermöge der Konstitution der Welt zurück auf ab-
'rı:x'r N11, |3 195

solute, monadische Realität und monadisch-reale Beziehung.


Dem Problem der Welttotalität, wieiern sie als Endlichkeit
oder Unendlichkeit gedacht werdeıı muss, entspricht das absolute
Problem der monadisehen Totalität.
5 Aber wie weit trägt solche Vorzeiehnung? Vorausgesetzt ist:
Ich bin Subjekt für eine mir geltende Welt, worin Mitmenschen
schon sind, meine Eltem etc. Ich konstruiere, was diese Voraus~
setzung absolut voraussetzt. Dabei komme ich aber auf Geburt
und Tod und auf die Fragen des „Eintretens" und „Austretens"
10 von Monaden aus der aktuellen monadischen Zeitlichkeit, die ja
in ihrer Weise auch nur ist in den Modis der lebendig-gegenwän
tigen, vergangenen, künftigen, wobei die gegenwärtige die in
einem primären Sinn wirkliche ist, in einem Sinn, in dem auch
mundan im eigentlichen Verstande „real“ das Gegenwärtige ist,
15 solange es iortdauert, gegenwärtig verbleibt.
Das Vergangene und nicht mehr Gegenwärtige als dauernd ist
„nichts". Daher der Versuch, die \Velt auf „ewige", ewig gegen-
wärtige Atome zu reduzieren. Das åei öv - Unendlichkeit der ge-
genwärtigen Welt, Unendlichkeit der allzeitlichen Welt, aber
20 Endlichkeit in jeder Gegenwart etc. „Unsterblichkeit“ der Mo-
naden ¬ „Unsterblichkeit“ des Monadenalls bei Sterblichkeit
einzelner Monaden. Fragen des letzten Sinnes der Morıadenwelt
Welche Denkbarkeiten der Abwandlung lässt das Ich›bin als Ich
einer mir kontinuierlich geltenden Welt zu? Welches sind die
25 letzten Denkbarkeiten? Welches sind vom apodiktischen Fak-
tum des Ich-bin die letzten darin implizierten Notwendigkeiten
eines Seins, nur im Horizont von Mögliclılceiten?
Nr. 14

DIE VORGEGEBENE WELT IN ANSCHAULICHER


ENTHÜLLUNG f DIE SYSTEMATIK DER
ERWEITERUNG
5 (Mitte August 1931)

<1nhalt : ›
1) Allgemeine Vorüberlegung (in roher Allgemeinheit) des nor-
malen Erfahrungsstiles der Welt: die Welt in ihrer lebendigen
noematischen Zeitigung, wie sie in ihr vorgegebene ist, die raumzeit-
I0 liche (geometrische, mechanisch kausal-naturale) Struktur. Be-
kımntheitsstil als vorgegebene, immer schon bekannte Struktur der
Er/ahrungswelt zu jeder Zeil. Der Horizorıtstil: die Endlichkeit der
eigentlich selbstgezeitigten bekannten Umwelt, die iterierbare Er-
weiterung nach Vergangenheit und Zukunft als Iterationsstil der
15 Erfahrangswelt: das Erweiterte immer schon zur vorgegebenen Welt
gehörig als Vermäglichkeit zu wirklich lebendiger Zeitigung. Kor-
relativ die konstituierende Subjektivität. Das Rätsel des Urseim,
rückfragender Gang. Alles, was für mich ist, ist aus meiner univer-
salen Zeitigung: primardiales Sein, Sein Anderer, identisch ge-
20 meinsame Welt, Konstitution des Wir als Wir-Personen in perso-
nalen Gemeinschaftsbeziehungen, personal vergemeinschaftende
Akte (soziale Akte und Sozialitäten), die menschheitliche Welt als
Feld gemeinschafllicher Zwecke, als sich durch personal-soziale
Menschheit humanisierende. Das Generative: identische mensch-
25 heitliche Well durch die Generationen hindurch - in offener Zeit-
lichkeit (S. 2o4f.). Die endlichen Menschheitsu/elten.
Heimıe/elt und Fremde. Territorium. Die Abwandlung dieses Be-
griffs. Die Abwandlung der Fremde (fremde Heimat, fremde
Fremde etc.). Frage nach dem, was darin 'ıııesensriotwendig ist für die
30 Möglichkeit einer unendlichen Erfahrungsrııelt (S. 206f. Die ge-
1`ı;x'r NR. 14 197

rıeratiı/e Synthesis der Lebenswelten ergibt nicht schon Korıstitıitiun


einer unerıdliclıen Welt als Welt „möglicher Erfahrung". Sinn das
allgemeinen „Wir“ in bezug auf Umwelt (S. 208), Wir als univer-
sale Form der Verstandignngsgeıneinschaft, darin beschlossen die
5 Sozialitlíten als personale Verbindungen; zu jcder gehörig ihre be-
sondere praklisclıe Uniweit. Das alles ist vargcgcbeııe Welt. f Von
da die transzendentale Rück/rage: als Gelt1ıngsgcIııTtfZe. Ruck/ragt
fuhrt auf mich etc.
2) Nachtrag (S. zmff.) :Es warniır beriicksichtigtinnaiver Weise
10 die normale Erfahrungsu/elt und ihre Gegeben/ıeitsweisen. Ergän-
zung: die Anamalitätcn als Sirıiiirnplikatioai in der vorgegebenen
Welt bis hirıau/ zum Zusammenbruch der konkreten menschlichen
Lebenswelt - Schicksal.

Endlichkeit der Wut „mi ısfitnatgi zriıigımg


I5 Die Welt aus Erfahrung in ihrer lebendigen Zeitigung init
ihrem lebendigen Vergangenlıeits- und Zukunítshorizont als le-
bendig gegenwärtige Welt. Ursprüngliche I-Iomogeneität der
Welt, ihre ursprünglich lebendige homogene Struktur. Die raum-
zeitliche Struktur, ihre konkrete Typik, ihre Typik der Verände-
20 rungen nach Bewegung und Ruhe, nach Deformation, nach quali-
tativen Veränderungen, nach dem Kausalstil: ich stosse und
Gegenstoss, im Stil des freien Falles und der Fallbeschleunigung,
in der Trägheit, im Zusammenhang zwischen sehwingender Dr":-
formation von Körpern (durch Stoss) und strahlender Verbrei-
25 tung von Tönen im Raum. Zusammenhang zwischen Wärme im
Raum und Erwärmung von Körpern, umgekehrt von warmen,
Wärme ausstrahlenden Körpem und Wärme als raumeríiillender
Wärme, Wärme und Lichtstrahlung, in Beziehung auch auf
„mechaniScl1c" Vorgänge.
30 Diese allgemeine Typik gehört zur Erfahrungswelt als unserer
gemeinsamen zu jeder Zeit und in jeder Raumstelle, sie ist da, wo
wir immer uns finden, in jeder räumlich-zeitlichen Weltgegen-
wart das Vertraute, das Vorgegebene, der bekannte Stil, der für
das Kommende und für jede von uns her vollzogene Situations-
35 änderung antizipiert ist.
Zum Stil gehört auch - <als › der Gegebenheitsstil für die Welt
als Welt unserer Erfahrung, als in ihr selbst gegebene, aber mit
l98 „CAR`l`liSlANlSCl¬lli l\lF.l)lTA`l`lONlšI\'" 147314932

einem Horizont vermeintc Welt ~ die Unbcstimmtheit des ihr als


seiend Zuzurechnenden. Für das, was von ihr wirklich jeweils er-
fahren ist, haben wir den Stil, eine Typik der relativen Endlich»
keit, der im allgemeinen vertrauten, überschaubaren Umgebung,
5 der Welt, die wir schon kennen und in der wir leben.

Lemfıfg sıw-„muzfi ısfwøfınımg ima /ım'„ı›f„ım'ı im zmmmmg


Aber diese endliche Welt (die endliche Welt der wirklichen Er»
f ahrung und ihre Bekanntheit) ist in beständigem Fluss des
Für-uns-seins, uns zur Erfahrung, zur Kenntnis Kommens, und
10 nicht nur darin, dass wir uns mit dem und jenem von dem schen
für uns Daseienden beschäftigen und cs im Rahmen der ver-
trauten Typik neue Gestalten annimmt. Die Welt, sagen wir,
reicht weiter als unsere gegenwärtige Erfahrung, wir können
uns subjektiv fortbewegen oder bewegt werden, und unsere
15 Kenntnis erweitert sich in der Art, dass die endliche Mannigfal~
tigkeit der bekannten Dinge sich vermehrt. Die Welt war immer
als endliche Mannigfaltigkeit bekannte, bzw. zur Erfahrung ge-
kommene, aber immer auch Welt, die in Extension der Erfah-
rung (unserem subjektiven von neuen zu neuen endlichen Man-
20 nigfaltigkeiten Fortschreiten) sich erweitert und erweitenıngs-
fähig bleibt. Ich und jeder hat Welt mit einem Erfahrungshori~
zont der Erweiterung, ich kann dabei auf Andere rekurrieren,
ich kann meine Eltern, meine Genossen befragen nach ihrer Um-
welt (der von mir unbestimmt als die ihre miterfahrenen, aber
25 im Besonderen unbekannten) usw. Auch dieser Stil als Stil der
Kenntniserweiterung in Hinsicht auf unbekannte Weltsphären
ist antizipiert, und ist antizipiert als ein iterierbarer Stil.
Korrelativ ist die Welt für uns nicht nur die endlich wirklich er-
fahrene und die in jeder Gegenwart sowie in der ganzen subjek-
30 tiven Vergangenheit bis zur Gegenwart zur Kenntnis gekommene
Mannigfaltigkeit von Realitäten mit ihrem beschränkten, dabei
lebendig fortschreitenden Erweiterungsstil, sondem sie ist Welt,
die in ihrem iterierbaren Zukunftshorizont auch iterierbar ist in
der Form fortzusetzender Erweiterung. Das gehört als Poten-
35 tialität auch zu unserer Vergangenheit, wir hätten immer statt
in der Richtung in anderen Richtungen neue Dinge kennenlernen
können, wie auch jetzt das erweiternde Fortgehen seine verschie-
Tsxr NR. u 199

denen Möglichkeiten, seine verschiedenen Richtungen immerzu


hat.
Was da beschrieben ist, das betrifft <die› Erweiterung unserer
Kenntnis der Welt, die für uns ist; was erweiterte Kenntnis bie-
5 tet, ist nicht von uns neu geschaffen, sondern gehört vorweg zur
Welt und der Weltzcitlichkeit. So ist die Welt in der strömenden
Erfahrung, der strömenden subjektiven-intersubjektiven Zeiti-
gung gezeitigt, dass die zur Intersubjektivität einzeln und ge-
meinsam gehörige Vermöglichkeit eines begründeten Systems
10 von Erweiterungen der Kenntnisnahme in sich den Charakter
einer iterierbaren hat. Die Welt ist als eine endliche Menge von
Realitäten wirklich erfahren, in der Weise einer lebendigen Zeiti-
gung in dem Wandel der Zeitrnodalitäten, als das ist sie eine
endliche Menge schon bekannter Realitäten (mit ihren bekannt
15 gewordenen Vorgängen, Veränderungen, Eigenschaften), aber
im Fluss des Sich-eıweiterns, neue Dinge zu Gesicht Bekommens,
die überhaupt noch nicht aktuell da waren, Aber jeweils haben
wir und hatten wir das Vermögen, weiterzugehen und Neues
aufzusuchen, und antizipiert ist, dass es immer Neues kennenzu-
20 lernen gibt in den verschiedenen möglichen Fortgangsrichtungen.
Antizipiert ist eine Weltzukunft, zunächst als unsere, aber auch
eine zugängliche Mitgegenwart, und dann iterativ mit den Ver-
möglichkeiten, an jeder Zeitstelle weitergehen zu können und in
den verschiedenen Richtungen.

25 Unemiliøhkeít und generativ: Inlersubjıktiiıilät,


Der generativ: Zusammmhnng selbst iterativ konstituiert.
Iteration durch die Aminen hindufch

Natürlich muss hier auf die generative Intersubjektivität


Rücksicht genommen werden, mitgehörig zur Sinnbildung der
30 objektiven Welt als „unendlicher", als von jedermann in seiner
endlichen Zeitigung nur endlich zu erweitemder; aber in der in-
tersubjektiven Vergemeinschaftung erweitert sich die Welt in
der erweiterten und sich erweiternden intersubjektiven Zeit.
Aber ist der Generationszusammenhang der Subjekte nicht von
35 mir her und dann fiir einen jeden nicht von der Endlichkeit her
iterativ konstituiert? Das Leben und seine Zeitigung vcllzieht
sich in kontinuierlicher Präsumption, die iterativ immer wieder
Präsumption in sich fasst, intentional. Dazu gehört die fortge-
„(LARTESlANlSClll~1MlíDl'l`ATlONlZN" 193!-1932

setzte Präsumption, dass meine Anderen nicht nur dieselbe end.


liche Umwelt haben wie ich, sondern dariiber hinaus noch Umwelt
haben, die ich noch nicht oder überhaupt nicht habe und faktisch
haben kann; dass diese Anderen darum wieder Andere haben
5 können und schliesslich in dieser Mittelbarkeit mir selbst fak-
tisch unzugängliche Andere. Ebenso wie generativ: Ich habe
Eltern, ich habe noch die Eltem meiner Eltern gekannt, aber
diese hatten wieder Eltern, und diese wieder usw., die ich gar
nicht kennenlernen konnte. Dieses Usw. gehört zu meiner Prä-
ıo sumption, zum Horizont meines präsumptiven Daseins, Mir ge.
hört zu das Vermögen, diesen Horizont zu „enthüllen“ und mir
eine der Möglichkeiten als mögliche Wirklichkeit anschaulich
zu machen, und dann gehört notwendig dazu der zu dieser Mög-
lichkeit gehörige Horizont und das in in/ínítum.
15 Ich in meinem Geltungsleben habe das Ineinander von aktuel-
ler Geltung und inıpliziter, in der Implikatíon wieder implizieren-
der Geltung, und so iterierbar. Iterierend in Aktualität der Ent-
hüllung entspringt Geltung und immer wieder Geltung, ent-
springt Daseiendes und immer wieder Seiendes, wobei das schon
20 für mich Seiende sich in immer neue Gehalte zeitigt und neues
Seiendes hervortritt und dann zu bestimmen ist. All das in der
konstitutiven Bezogenheit auf die für mich erst konstituierte
Intersubjektivität. In mir impliziert die Anderen als ineinander
impliziert, und ich in ihnen wieder impliziert, und in der in mir
25 implizierten und so im ichlichen Ineinander ineinander implizier-
ten Lebendigkeit ichlichen Lebens konstituiert „die“ Welt. In
mir ein Horizont der Verfügbarkeit, der Betroffenheit, der Zwecke
und Zwecktätigkeiten, des Wirkens und Schaffens, von Stim-
mungen, von Färbungen des Glückes und Unglückes. Ich - vor
30 mir als Horizont mein personales Dasein in meiner Welt, in mei-
ner menschlichen Mitwelt meiner vielfach vermittelten persona-
len Beziehungen, wobei diese Personen meiner Lebenssphäre
selbst irgendwie ihre eigenen personalen Verbindungen haben.
Das alles als dunkler Horizont, dessen Implikation ich aufhellen
35 kann, auslegen in seinen Bekanntheiten und in seine leeren Mög-
lichkeitshorizonte von Unbekanntheiten.
Ich als Erkenntnissubjekt, ich mit Hilfe der Anderen erken-
nend, Erkenntnisleistungen (-gebilde) vollziehend, die als blei-
bende zur „Welt", zum Seinshorizont sich gesellen, für die Mit-
TEXT NR. ıa 201

forscher zugänglich, für sie bestimmt, so wie ich ihre Leistungen


in meinem Horizont finden kann in möglicher „Eríahrung",
Diese Lebendigkeit des absoluten transzendentalen Seins als
Lebendigkeit intentionaler Leistung des Seins in der 1<`orın „Ielı"
5 und eines konstituierenden Ichlebens, das aus ursprünglichen
instinktiven Habitualitäten seine Richtung der Sinnbildung vor-
gezeichnet hat und immer schon Horizonte hat und immerzu da-
hinlebt als seine Welt sich gestaltend, bestimmte Horizont-
gebilde gewinnend, und darunter solche gewinnend mit dem Sinn
10 „Andere", mit dem Sinn von Mitsubjekten, mitkonstituierenden
für einen intersubjektiven Horizont mit intersubjcktiver Welt.
Das Rätsel des U rs eins - mein, des transzendental Fragen-
den, Uırätsel f mein urphänomenaler Strom der Zeitigung. Dar-
in finde ich als Fragender schon vorgegeben das Sinngebilde
15 W elt, Welt als mir geltende, Welt im Strömen für mich seiend,
in sieh selbst in den Zeitmadalitäten strömend und Sein dabei in
sich konstituierend. Stets erfahre ich als waches Ich „die“ \Velt,
aber als strömend lebendiges Gegenwartsphänornen, als Meinung,
als Erscheinung, als wie sie mir jetzt wahrnelımungsmässig cr-
2O scheint, oder zugleich in Wiedererinnerungen und Voraussich-
ten, wie sie mir dabei gilt, immer Wieder in anderem Was und
Wie und doch dieselbe, mit einem Geltungshorizont, auf den ich
mich erst besinnen muss, um auch nur das ganze mir Bekannte,
fiir mich momentan erweckbare Bekannte herauszuholen und
25 zu dem die universale Form und Typik, die immerzu vorgezeich-
net ist, <gehört ›.j In Synthesen der enthüllenden Veranschau-
lichung und Identifizierung, in einem Strom meines Lebens ge-
winne ich als Explikat Welt als Seinssinn in diesem Lebensmílieu
und mit dem Bewusstsein des Vermögens, so vielfältig und immer
30 wieder identifizierend bestimmen zu können. Dabei mache ich
meinen Iderıtifizierungsweg durch die Enthüllung der Anderen
und ihres identifizierenden Lebens hindurch, und so auch in der
Aktivität des urteilenden Denkens, des prädizierenden, der
Praxis des auf feste Gültigkeit gehenden Erkennens,
35 Ich lege damit aus, was ich schon als Erwerb habe, aber als ein
Erwerb, der immerzu i.m Erwerben ist. Die Welt, die da vorgege-
ben íst, ist nicht vorgegeben als ein starres Seiendes, sondern als
ein im Strömen des Lebens, im Urstronı immer für mich Fort-
werdendes, und dann als ein Seinssinn, der für mich wird, für
202 „Cı\RTESlAi\'YSCllF. MEDiTATl0Nl-`,N" |93l-1932

mich Seinssinn gestaltet als einen Sinn, der den Sinn „andere
Ich" als mit mir koexisteııte in sich trägt, als einen immer sehon
often präsumierten Sinn. der auszugestalten ist durch meine
wirkliche oder verniögliche Aktivität, aber in dieser eventuellen
5 willkürlíchen Ausgestaltung (Explikation) doch nur den schon
geltenden Seinshorizont näher bestimmt, nämlich in der Art:
Die Könnensrichtungen sind im voraus Richtungen möglichen
Tuns, und wenn ich so vorgehe in dieser willkürlich gewählten
Richtung der Verwirklichung, so verwirkliche ich etwas, das ich
10 vordem schon hätte verwirklichen können und nachdem immer
wieder verwirklichen kann als etwas, was an sich seine Dauer in
der objektiven Zeit, seinen Anfang, seine Veränderungsweisen,
sein Ende hat und nachher doch in diesem Dauersein immer wie-
der als dasselbe, früher Gewesene zugänglich ist, wie andererseits,
15 bevor es war, <es› doch seine Weisen hatte, vorausgesehen wer~
den zu können, jedenfalls etwas Künftiges zu sein, das dem festen
Zukunftsstil <entspricht ›, der unbestimmt allgemein als ein Stil
künftigen realen Seins von jeder Stelle, von jeder ichlichen Ge-
genwart und ihrer Erfahrung aus vorgezeichnet, und von jeder
20 in ihrer Weise vorgezeichnet <ist›, die hinterher immer wieder
als Erfüllung und blosse Näherbestimmung gefasst werden muss.
Ich komme zur Erkenntnis - in transzendentaler Einstel-
lung, in transzendental prädikativer Auslegung und mit dem An-
spruch auf Wesenserkenntnis, auf Apodiktizität, auf Logizität
25 _, dass das an sich erste und wahrhaft konkrete Seiende mein
Sei.n in Aktualität und Habitualität, in Passivität und Agilität
ist; dass ich in diesem Sein ein Sinngebilde als schon erworben
und immerfort erworben habe (ímplícite), aber ein Sinngebilde,
das in der Geltung „Welt“ Seinssinn in einem beständigen sub-
30 jektiven Gegebenheitsmodus ist, immerzu darin geltend, aber
immerzu Antizipation, immerzu Antizipation in verschiedener
Weise als Antizipation eines vermöglichen Enthiillungsprozesses
und Bewährungsprozesses hinsichtlich der Vergangenheit, der
Mitgegenwart und Zukunft. Nun finde ich, dass diese vorgege
35 bene Welt als dieses Seinssinngebilde, dieses Identische in der im-
merzu beweglichen, wirklichen und vermöglichen identifizieren-
den Bewährung vielfältig fundiert ist, und insbesondere finde ich,
dass es auf dem Seinssinn „anderes transzendentales Sein" fun-
diert ist, aber in einer Weise, die in Verflechtung der Fundierun-
rızxr NR. ı4 203

gen immer wieder zu einer endlichen Weltsphíire führt, jeweils


in Beziehung auf die sie fundierenden transzendentalen Anderen
(die zugleich in dieser endlichen Weltsplıäre als Mensehen,
Weltobjekte, objektiviert auftreten), und dabei alsbald zu einer
5 erweiterten Weltsphäre fiihrt vermöge eines Mehr an Weltob-
jekten, die in der Verrnöglichkeit dieser Subjekte ursprünglich
zugänglich sind. Zu diesen Weltobjekten gehören dann auch die
für die Anderen mitseienden Anderen (objektiviert als Menschen)
und deren Welterweiterung mit mindestens vermutlich zu erwar-
10 tenden neuen Subjekteıı, und so immer wieder, \vobei die inter-
subjektiv zur Geltung kommende Welt immerfort auch für alle
neuen Subjekte mitgilt (unter eventueller Korrektur), nach dem
Neuen auch für die alten. Das zudem in dem generativen Zu-
sammenhang, wodurch die Welt in ihrer sukzessiven Zeitlichkeit
|5 ihre Seinsgeltung auslegt. und so im offenen Zusammenhang der
Kommunikation.
Ich sage aus, was ich als seiend vorfinde, was ich als Seinssinn
in Geltung habe, in aktuelle Geltung setze als Index für seinen
Horizont, der für mich besagt: Vermögen, immer wieder zu iden-
20 tifizieren in vertrauten synthetischen Wegen, die vorgezeichnet
und zu begehen sind für mich. Mein Leben ist durchaus Leben in
Vermöglichkeiten, durchaus ein Leben intentionaler Synthesis,
einer passiven Synthesis, die vielfältige Fortgangsrichtungen hat,
in jeder Richtung, die verwirklicht wird, urzeitigend ist im ur-
25 phänomenalen Strom. Diese passive Verlaufsstruktur <ist› aber
vom wachen Ich, dem der Aktivitäten bzw. Vermögen, aktiv di-
rigiert, wobei aber alle Aktion ihren Horizont der Vernıöglich-
keiten hat.
Nun habe ich unter dem Titel Passivität auch die sekundäre
30 Passivität, die aus Akten entsprungene 7 eigenen Akten und
apperzipierten, durch einfiihlende Vergegenwärtigung passiv mir
zukommenden fremden f, und ich habe eigene lebendig fungie-
rende, originale Vennöglichkeit wie Tätigkeit und fremde, eigene
Leistung als prlrnordiale Seinssinnleistung aus eigenem Vemıö-
35 gen und Tun und vergegenwärtigte, mir nun mitgeltende fremde;
das aber dadurch, dass das fremde Ich nicht nur ein passiv ver-
gegenwärtigtes ist, sondern aus meiner Vermöglichkeit her als
seiendes in Geltung ist mit dem Horizont des sich fiir mich Be-
stätigenkönnens und sich Bestätigens. Darin impliziert ist dann
204 ,.cARrızsıANısc!-in MEDı1'Ari0NEN" mınqaz

die von den für mich nun seienden Anderen aus ihren Vermög.
lichkeiten konstituierte Seinssphäre, sie ist für mich mittelbar
seiend, mittelbar zu bestätigen als die ihre und in synthetischer
Deckung, sci es auch partieller, mit der meinen als die meine. Da_
5 bei erhalten die Anderen aus meinem fortschreitenden Fremd.
erfahrungshorizont ihre Anderen, die im allgemeinen nicht meine
sind, und so wie ich im Fortschreiten in meiner primordialen Um.
welt bzw. meiner gegenwärtigen Umwelt als die meiner voll ge.
bildeten Erfahrung damit vertraut bin, dass ich immer wieder
10 auf Andere stossen kann und gelegentlich stossen werde, die mir
nocht nicht bekannt sind, so erfahre ich auch nun Andere mit
diesen Möglichkeiten.
Es ist aber auch darauf zu achten, dass, was ich an Anderen
und für Andere erfahre, seine Rückwirkung hat auf mich irı Hin-
l5 sicht auf den Seinssinn, den ich fiir mich selbst habe und immer-
fort neu gewinnen kann und gewinne. Wenn ich mich besinne,
bin ich immer schon die Person, die, und zwar für mich selbst,
schon einen Sinn hat, der rni.r erwachsen ist durch das Für-mich-
sein von Anderen. Mein Handehı bezieht sich auf den Umkreis
20 des schon für mich Seienden, auf meine jeweilige wirklich erfah-
rene Umwelt und den Horizont von zwar Unbekanntem, aber
wirklich für mich Zugänglichem, als das wirklich mir Geltendem.
So auch bezieht sich mein Handeln auf die Anderen. Aber hier
wird möglich und wirklich ein Handelrı auf die Anderen hirı nicht
25 bloss als Objekte, sondem als Subjekte, als ein sie Vcranlassen,
sie Motivieren zu leiden und zu tun, und eben das geht dann auch
in sie ein, die mir geltenden Anderen, nämlich als ihr wirkliches
und mögliches mich Motivieren, und da entspringt auch das sich
„Vereinbaren“ in einem weitesten, erweiterten Wortsinn, also als
30 personales Sich-verbinden.
Bei der Enthüllung der Fundierungen, in der die Welt für
mich seiende, mir geltende ist, sehe ich ein, dass mein eigenes
transzendentales Sein, das, in dem ich mich für rnich transzen-
dental konstituiere (auf Grund des urzeitigenden Stromes mich
35 selbst aktiv als seiend erfahre), das Sein von allem, was für mich
ist, in einer universalen Zeitigung, die die meine ist, zeitigt; und
zwar ausgelegt: Es gründet in meinem Sein meine prirnordiale
„Welt”, darin das Fiir-mich-sein Anderer, das Für-sie-sein ihrer
primordialen Welten, darin weiter das Fiir-mich-sein der identi-
TEXT NR. 14 205

schen \ıVe1t als derselben, die sich als ıneine primordiale und ihre
primordialen erscheinungsmässig darstellt. ln dieser Weise kon-
stituiert sich für mich auch das sich wechselseitig verstehende
und verstelıenkönnende Wir, die wirkliche und vermögliche
5 wechselseitige oder bald wechselseitige bald einseitige soziale
Beziehung als wechselseitige soziale Paarung, soziale Ver-
mehrheitlichung als personale Verbände, die menschheitliche
Welt als Feld gemeinscliaftliclier Zwecke, als durch soziales
Menschentum s i c h h u m an i s i e r e n d e. Weiter die Möglich-
10 keit (und von seiten der Menschen dieser Welt die Vennöglich-
keit), das in dieser Welt Konstituierte generativ zu verfolgen,
bzw. sie als eine Lebenswelt auieinanderiolgender Generationen
mit einer Einheit historischer Tradition, also als eine historische
Kulturwelt zu verstehen und danach zurückzufragen und vor-
l5 wârtszufragen und so Welt und Menschentum in einer offenen
Zeitlichkeit auszulegen, sie in den strömenden Zeitmodalitäten
gegenwärtige, vergangene, künftige Welt (menschliche Lebens-
welt) und als die eine und selbe zu haben (im Strömen eine identi-
sche Zeit und identisches verharrendes Weltsein objektiv konsti-
20 tııierend), das ist, sie in dieser Endlichkeit <als› VVe1t für eder-
mann, der in ihr gegenwärtig lebt, für mich und dann für jeder-
mann so erfahren.
Endlíche Welt. Heimuıølt und F*/zmıiz

Zu jeder so gedachten, so als normale gewöhnliche Lebens-


25 welt konstituierten Welt gehört Endlichkeit und Möglichkeit der
Überschreitung dieser Endlichkeit. Sie ist als konstitutive Stufe
f erste objektive Weltstufe 7 h eim atliche Welt einer in
ihrer konkreten Gegenwart vergemeinschafteten heimatlichen
Menschheit, deren aus Generation entsprungenen Verbände und
30 Verbände der Verbände usw. alle schliesslich eine Einheit bil-
den, eine alle verbindenden Mittelbarkeiten übergreifende Mit-
telbarkeit der Verbundenheit. Sie ist für jedes personale Indivi-
duum wie für jeden geschlossenen Verband bewusst als Univer-
sum in der Tat möglicher Zugänglichkeit.
35 In dieses Menschentum und ihre einheitliche Welt (Umwelt)
können nun gelegentlich „Fremd e" hineinkommen aus der
Fremde her, einer Fremde, die eine ebensolche Welt ist mit eben-
solchen Menschen wie wir Heimmenschen, aber eben anderen,
205 , .CARTESIANISCHE MEDITATIONEN" 1931-1932

fremden. Ähnlich wie ich von mir aus transzendental Andere zur
Erfahrungsgeltung bringe, so bringe ich, schon als heimatlicher
Mensch konstituiert, also als Glied meiner Heimat im heimat-
lichen Kulturraum (Territorium), rnir zur Erfahrung eine
5 neue Anderhcit. Oder wir Heimatlichcn mit unserer lleimat er-
fahren (konstituieren ursprünglich im Fortschreiten der allge-
meinen Wcltkonstitution) eine Fremde als eine fremde Heimat
mit fremden Menschen, die ihre Heimat, ihr Territorium haben
(aueh Fremde der Fremden etc.). Das Kulturterritorium (die
10 wirklich praktisch gewordene, schon humanisierte Umwelt) hat
seinen Aussenbereich der Natur, offen endlos, evtl. zu Nutzbar-
keiten heranzuziehen, zu humanísieren, aber nicht eben eigent-
liches Territorium. Im gelegentlichen Eindringen in diese 1<`eme
kann auch vergangene Kultur, vergangenes Dasein von Menschen
I5 sich indizieren.
Das Territorium kann auch ein bloss zeitweiliges sein, das
I-leimvolk kann ein Nomadenvolk sein und dann mit anderen
Nomadenvölkern, mit anderen Stämmen etc. zusammentrefíen.
Hier bestehen mancherlei Möglichkeiten (die die Anthropologie
20 und Geschichte als Wirklichkeiten uns vor Augen stellen). Aber
bestehen nicht durch sie hindurchgehenrlc Wesensnotwendigkei-
ten als Bedingungen der Möglichkeiten dafiir, dass wir die volle
zeiträuınliche unendliche Welt in Erfahrung haben können, deren
ausgearbeitete logische Idealität wir als Wahrheit für die Welt
25 schlechthin nehmen, die uns doch im „Ausschnitt“ als endliche
Lebenswelt gegeben ist?
Die Welt, die für uns ist, sagen wir, ist Welt möglicher Er-
fahrung. Und besagt Möglichkeit nicht vermögliche Zugänglich-
keit (also Bewährung) nach Zeit und Raum, sind das nicht Zu-
30 gangsformen?
a) Für die Zeitlichkeit haben wir die Generation - meine
Eltem, unsere Eltern, die Eltem der Eltern usw. Das aber ist
nicht bloss phantasiemässig gedacht, sondern in dieser Mittel-
barkeit vorgezeichnet, eine vorgczeichnete Vergangenheit als die
35 der zugehörigen Umwelten, die waren, die uns, sowcnig bekannt
sie sind, so unbestimmt antizipiert, gelten und ein offener Hori-
zont möglicher historischer Kunde sind.
b) Wie aber räumlich? Mein und unser irdischer Horizont
mit seinen Femdingen, die im Horizontkreis verschwinımen. Wir
'ıtızxr Nu |4 207

können hingehen, uns annâhern, und wenn wir dahin gekommen


wärcn, so könnten \vir dem neuen Horizont wieder entgegen-
gehen, und so können wir uns „ins Unendliche" fortbewegeıirl
oder auch fortbewegı. denk cn. Die ferndingliche Abwandlung,
5 die Perspektivierııng, betrifft nicht nur die irdische Bodenfläche;
emporgeworfene Steine, emporfliegende Vögel etc. zeigen sie, in
die Höhe ragende Bäume, Berge ctc. So können wir uns auch
denken, dass wir emporfliegen, emporbewegt würden etc.
Aber ist dieses Sich-denken nun auch eine empirische Vorzeich-
IO nung, die eine Seinsmöglichkeit uns erweist? Mein Können ist
begrenzt. Meine Freiheit der konstitutiven Erfahrung, durch die
ich im Wandel der Nähe und Ferne dasselbe Seiende erfahre, ist
mitunter zufällig gehemmt, aber hier habe ich doch eine normal
vorgezeichnete, im voraus geltende allgemeine Beschränkung.
15 Dazu gehört ja vor allem, dass ich in dieser Welt der Geburt und
des Todes ein zeitlich endliches Leben habe und endliche wie im-
mer wachsende Kräfte. Ich habe also eine fiir mich und meine
Heimmenschheit in eins äusserste Ferne, deren Erreichung zwar
wieder Fernerschcinungen ergeben muss. Aber sie indizieren nicht
20 mehr Gegenstände einer in der Tat vermöglichen Erfahrung des
hier erwogencn Stils, also rıicht durch diese tatsächlichen Vcr-
möglichkeiten als wirklich seiende vorgezeichnet. So schliesslich
auch für uns alle und gcmcinsam, auch wenn wir wandern untl
unsere Welt erweitern. Sie bleibt als Welt solcher Vermöglicl-._
25 keit der Erfahrung und als von daher fiir uns seiende in End-
lichkeit. Und nun gar mit Beziehung auf die Himmelsfemen.
Wie nun, wenn wir die Generationenkette heranziehen? Ihre
zeitliche ,.Unendlichkeit" zeichnet noch nicht eine räumliche vor
als raumweltliche Wirklichkeit oder auch nur als reale Möglich-
30 keit, dass die wirklich für uns als generative Menschheit seien-
den, in ihr erfahrenen und in wirklicher Vermöglichkeit erfahr-
baren Realitäten sich „allseitig“ im Raum i.ns Unendliche be-
wegen, also ausweisen könnten.
Die Synthesis der Lebenswelten und der Generationen ergibt
35 also nicht, wie es zunächst schien, eine unendliche Welt als
„Welt möglicher Erfahrung". Nehmen wir Welt in unserem Sinn
als „Welt möglicher Erfahrung", so kann das nicht bcsagen das
Universum des Seienden, das die universal kommunizierende
Menschheit und als generative mit ihrer historischen Zeit in.
208 „c/\Rrı¬;sıANıscı-ıı: Menirxrıoueui' ıeaı-ıesz

in/míiuın in allen vermöglichen Erweiterungen in der Tat er-


fahren könnte,1

sim; du 1<„„em„ıı„„ des wie (p„„Mz..„e„eehmh).


Dee mmfneeıe „Wu“ «ze Rahmen /1:« sfmawgemeimıeı/ıe›.
5 So ist für mich seiende 7 immerzu horizonthaft seiende ~
Welt eine jeweilige Ertahrungswelt der aktuellen Wahrnehmung,
Wiedererinnerung, Vorschau, mit einem Horizont der nicht ak-
tuell erfahrenen bekannten Weltobjekte, darunter anderer Men-
schen, diese Anderen aber als menschliche Mitsubjektc, mit de-
!0 nen ich im Erfahren, Denken, Tun in Verständigungsgemeínschaft
stehe, aber auch in personaler Verbundenheit durch soziale Akte
und soziale Habitualitäten. Als Verständigurıgsgemeinschaft bin
ich mit meinen Anderen Einheit eines Wir, d.h. für mich ist die-
ses Wir konstituiert als ich und die mit mir in wirklicher oder
15 wirklich herzustellender Gemeinschaft der Verständigung Steh-
enden, in der jeder dieser A.nderen mir zugleich gilt als <der›,
der seinerseits für sich Ich ist und Zentrum derselben Verständi-
gurıgsgemeinschait (als menschlicher, praktischer), desselben Wir
als von ihm aus geltenden. Zum Sinn des Wir gehört diese Ver-
20 möglichkeit des identifizierenden Austauschs als eine Vermög-
lichkeit, die ich als die meine habend zugleich vice versa den An-
deren zumessen muss, und sie so jederzeit nehme, mitverstehe.
In diesem Rahmen des „Wir" <bestehen› besondere personale
Verbundenheiten, in die ich eingehe oder in die nur die Anderen
25 eingehen, momentan und verharrend. Sie haben den Charakter
von Beziehungen und von Verbundensein der Personen in bezug
auf die fiir sie gemeinsam ihnen geltende Umwelt, die für sie
jeweils da ist und in der sie füreinander da sind, ihr zugehörend
als Menschen und Menschenverbindungen. In der personalen
30 Verbundenheit verbunden handelnd haben sie, bzw. haben wir
verbunden, selbst wieder eine Umwelt als das ganze für uns pra.k-
tisch Seiende, das Bereich, Feld unseres verbundenen Handelns
ist. Usw. Umwelt besagt nicht gerade äussere Welt, eine Äusser-
lichkeit, die nur ihren Sinn hat, wo der Handelnde oder der han-
35 delnde Verband ausser sich sein Tätigkeitsfeld hat, das Reich
1 rıııeeeeı eeıiere men „Deze Genaueres ie FF sepı. 1931". Dieses ven Husserl
als FF bezeichnete Menuskrıpı befindeı sich heute im Husserl-Aıehiv uecee der
signatur A vn 11. _ kam. a. r-mg.
1'1;x'1`N1ı, 14 209

seiner Zwecke. Aber sofern ein jeder auch für sich selbst Objekt
sein kann und auch ein Verband für sich selbst oder sein eigenes
personales Sein inbegriffen sein kann in den Zwecksinn, gehört
es mit in die Umwelt.
5 Aber wie spielt sich all das transzendental ab, dieser bestän-
dige Prozess einer fortschreitenden Weltkonstitution, einer fort-
schreitenden Bildung der eigenen und fremden Personalitâten
mit den dabei wechselnden für sie seienden Umwelten als fiir sie
lebensvoll geltenden, sie bestimmenden, von ihnen bestimm-
ıo ten, von ihnen her immer neue Gestalt, immer neuen Zwccksinn,
immer ncuen Stimmungssinn, immer neue Farbe einer hoff-
nungsvollen, einer schönen oder einer schicksalsvollen, einer be-
trüblichen <Umwe1t› annehmend? Aus solchen Prozessen ist
schon die Welt, die für uns ist, geworden und hat von vornherein
15 einen Horizontsinn, eine verborgene Geltung, die wir ihr als der
uns geltenden Welt, wenn immer wir uns besinnen. abfragen
können.
Iclı, der Fragende, der mich Besinnende bin doch die lebendige
Stätte aller für mich schon geltenden und doch als Erbschaft
20 meiner inneren Tradition, aus meiner eigenen leistenden Ver-
gangenheit her geltenden Welt. Ich mit meinem urströmenden
Leben gehe voran, in ihm konstituiert sich das fiir mich Gelten
der Anderen und als seiender, das ist in einer Horizonthaftigkcit
meiner Tätigkeiten des sie vermöglich Kennenlernens, mit ihnen
25 in Beziehung Tretens, ihre eigenen Seirısgeltungen für mich zur
Geltung Bringens, mit den eigenen primordialen synthetisch vor-
bindend usw. In mir konstituieren sich die Geltungen, die Seins-
vorkommnisse Geburt und Tod der Anderen und, zurückübcr-
tragen auf mein schon lebendig konstituiertes eigenes und schon
30 personales Sein, eigene menschliche Geburt, eigener mensch-
licher Tod. In mir konstituiert sich die irı der Synthesis der end-
lichen Umwelten, der Umwelten dcrμaktucllen Zugänglichkeiten
mit freilich unbestimmt offenem Randhorizont, unendliche
Welt, in deren objektiven Zeiträumlichkeit ich ein unbedeutendes
35 Menschenkind bin, in die ich einmal hineingeboren worden bin
und einmal unter Zerfall der Leiblichkeit aufhören werde zu
sein, weltlich zu sein. Mein „Nicht-sein" ist zweifellos, wenn
„Sein" Realsein, Person-in-der-Welt-sein, leiblich Wirklichsein
in der Raumzeitlichkeit besagt.
2l 0 „CARTESIANISCXIE 2\lEDl`l`ATl0NEN" 193i-1932

Aber wie steht es mit meinem transzendentalen Sein, in dem


ich jetzt lebendig Welt Konstituierender bin, in dem die man-
nigfaltig-einheitliehen Seinsgeltuııgen als gestiftete und habi-
tuell gewordene geborgen sind, in dem sie sich tortspinnen, wie-
5 der aktualisiert werden, mit den neu gcstiíteten, schon auf
Grund der alten Stiftungen ııeu erworbenen sich verspinnen als
Fortbildung der Konstitution, verlaufend in dem in diesem Gang
in mir motivierten und in seiner Weise mitgeltenden offenen
Horizont der unbekannten und doch für mich seienden Welt?
10 Wie steht es mit den transzendentalen Anderen, doeh in mir
und für mich als Seinseinheiten konstituiert, und dabei konsti-
tuiert als transzendental mitfungierende Andere, mitfungierend
für die Konstitution der Welt, die mir gilt und dadurch Welt ist
in meiner Geltung für uns alle, für die offene Unendlichkeit der
15 transzendentalen Anderen? Hat ihr Sein als Sein für mich aus
meinem konstituierenden Leben für mich mögliche Geltung ohne
dieses Leben?
Ergänzımg

In naiver Weise ist die Welt der Erfahrung ausschliesslich als


20 Welt der Normalität genommen. Ausschliesstieh Gewicht ist ge-
legt auf „I-leimwelt” etc., also betrachtet ist nur die normale
Lebenswelt, die Welt in dem normalen Stil, dem mir vertrauten,
auf den ich immerzu rechnen kann. Die Ano m alität, die die
Normalität gelegentlich durchbreehende, hat selbst ihren Stil,
25 vorauszusehen ist die Typik unvorhersehbarer anornaler Ereig-
nisse. Das hat selbst seine Relativität. Also z.B. der normale Tag
als Lebenstag, die normale Periodizität der täglichen Ereignisse
bzw. Tätigkeiten mit ihren Stilíormen der Anomalitåt ; die Woche,
wochentägliches Dasein und der Sonntag; das wochentägliche
30 Berufsleben und ausserhalb desselben das Versorgen der sonsti-
gen Lebensinteressen.
Das Typische eines zusammenhängend ganzen normalen Le-
bens, eines Lebens, das immerfort seinen normalen praktischen
Horizont hat, ein praktisches Feld, ein Feld der „Bereehenbar-
35 keit", der praktischen Möglichkeit mit den voraussehbaren Fol-
gen und im Bewusstsein des Könnens.
Bruch dieser Normalität. „Ich weiss nicht mehr aus
und ein". Ich und mein normales Können - die normal seiende
'ı'i«:xT NR, |4 2|]

Umwelt und ihre praktischen Möglichkeiten in der Jeweiligkeit.


Grade der Störung dieser Normalität: Einzelnes Stimmt nicht,
verläuft nicht erwartungsgemäss, aber jt-des einzelne hat seinen
Horizont der Möglichkeiten, und die Störung ist untergeordneter
5 Art, wenn die Anpassung an die übrigen Möglichkeiten vertraut
und wohlgeübt ist und das Totalsystem der praktischen Um-
welt ungestört verbleibt; der Totalstil unseres jeweiligen Interes-
senlebens läuft einstimmig Weiter. Wir haben nur an der ein-
zelnen Stelle unseren Weg zu ändern.
10 Anders, wenn ein „schwerer Schicksalssclılag” uns trifft. Schon
der Tod eines Kindes verändert den gesamten lnteressenlıorizont
und somit den Lebensmodus, das Zwecksystem der Eltern. Das
künftige Leben in seiner Vielfältigkeit ist von Leben und Gedei-
hen des Kindes bestimmt, von der Fürsorge für seine richtige Ent-
ı5 wicklung, der Sorge für die Sicherung seiner materiellen Zukunft
etc. Oder der Tod der Gattin für den Gatten als Mitträgerin der
Lebensaufgaben, als Mutter der Kinder, als sorgende Hausfrau
etc. In anderer Weise: ein Krieg, der die ganze Zukunft der
Volks- und Staatsgemeinschaft in Frage stellt, eine Überschwem-
20 mung, die Haus und Heim und Ackerland vernichtet, etc.
Der Bruch des normalen Stils eines personalen Lebens hat ver-
schiedene Typen; es sind zu unterscheiden diejenigen Typen der
Anomalitäten, die schwer-wichtigen, tief in die Lebensthematik
eingreifenden Schicksale, welche aus der erworbenen Kenntnis
25 der Umwelt als Erwerbe des Lebens in einer Lebensgemeinschaft
schon vertraut sind, Dahin gehört der Tod der zu unserem nor-
malen Leben gehörigen Nächsten gemäss der obigen Beispiele,
dahin das schieksalsvolle Eingreifen Anderer in unser Leben, das
Versagen von Mitarbeitern, von Genossen, mit denen wir uns zur
30 Gemeinsamkeit eines Zwecklebens verbunden haben. Die mannig-
faltige Typik solcher Schicksale ist uns vertraut, wir wissen als
Menschen in einer vielgestaltigen Heimwelt und überhaupt nor-
malen Umwelt lebend, was Anderen gelegentlich passiert ist;
auch wo wir selbst nicht davon betroffen waren, wissen wir, dass
35 dergleichen auch uns normal passieren könnte.
Andererseits kommen Schicksale in Betracht, auf die wir nicht
gefasst sind und sein konnten, die unsere ganze normale Umwelt,
die uns allen gemeinsame, erschüttern. Auf Erdbeben als schick-
salsvoll unsere ganze Umwelt zerstörend sind wir in Deutsch-
2l2 „CAl{Tl<ISIAl\lISCHlI MEl)l'l`/\`l`l()l\'U.N" Wil -7.9.52

land z.B. nicht gefasst, wenn auch es anders der Fall ist in irdi-
schen Gebieten, wo das Eintreten von Erdbeben sozusagen eine
normale Anomalität ist, obschon doclı von einer Art, dass man
sich im allgemeinen nicht im voraus danach richten kann,
5 Die Welt als die für uns seiende (für mich und für meine je-
weiligen Mitsubjekte, fiir mein „Wir") ist nicht eine starr seiende
Welt. Wir sind Aktsubjekte, praktische Subjekte im weitesten
Sinn, und praktisch in bezug auf die uns in einer Jeweiligkeit vor-
gegebene, mit einem Seinssinn bestimmte, unbestimmte etc. gel-
io tende Welt. Das sagt zunächst Aussenwelt. Aber wir selbst als die
Subjekte, ieh, das praktische Ich , bin selbst ein immer wieder an-
derer, obschon dasselbe lch, meine Vermögen andern sich, und
nicht nur dadurch, dass die Aussenwelt sich mir versagt. Ich bin
gesund oder krank, ich lasse mich gehen oder nehme mich zu-
i5 sammen etc. Ich habe immer schon meine Eigenart, meinen
Charakter, meine Fähigkeiten und in allem Wandel eine indivi-
duelle ldentität als Person, die Identität ist in der Freiheit des
Eingreifenkönnens und im Stil des bald Frisch-, bald Müdeseins,
des Lässig- oder Ernstseins etc.; je nachdem ich bin und dispo-
20 niert bin, ist die künftige Welt eine andere, und doch individuell
dieselbe, sofern sie in Möglichkeiten sich bewegt, die Möglichkei-
ten für mich sind, obschon nicht praktisch berechenbar und be-
herrschbar. Aber auch, wenn wir das nicht bewusst in Rechnung
ziehen, dass wir kein starres Sein sind, ist es alsbald klar, dass
25 jeder Andere in der Freiheit seines Sich-entscheidens die Welt
verändert, als nach aussen Handelnder die Welt ausser ihm, die
auch die unsere ist, und auch dadurch, dass jeder Aktus das an-
dere Subjekt selbst ändert, das also hinfort für uns alle ein ge-
ändertes ist. So ist Welt immerfort in Wandlung, wir selbst in
30 unserem Tun und durch es ändern uns selbst als weltlich Seiende,
ändern aber auch die Welt von uns nach aussen handelnd als je-
weilige Aussenwelt des handelnden Ich. Es gibt keine starre
Welt für uns - eine andere Welt aber als die Welt für uns mit all
ihren vagen einzelsubjektiven und intersubjektiven Horizonten
35 hat fiir uns nicht den mindesten Sinn.
Es ist nun aber die Frage zu stellen: Wir sind nur, und für uns
ist Welt nur in der Relativität von Normalitäten und Anomali-
täten. Eine dieser Normalitäten ist die, in der jeder Mensch, in
der ich, der mich Besinnende, mich selbst normalerweise immer
'rızxr NR. |4 213

befinde: in der Einheitlichkeit eines irn ganzen einstinımigen


Zwecklebens, Interessenlebens, iıı dem ich tue und erwerbe und
damit eine standlıaltende Welt der Erwerbe als erfüllter Ziele
und Prämissen für weitere Ziele gewinne und mich selbst dabei
5 entwickle als ein verharrendes, in seinen Überzeugungen, in sei-
nen Willensriclıtungcn, seinen Zwecken und Mitteln mit sich
selbst einstimmiges Ich, so lebend in einer Ständigkeit des Sich-
befriedigens und des Hineinstrebens, Hineinwirkens, Hinein-
schaffens in einen Horizont künftiger Befriedigungen. Normaler-
10 weise verbleibt menschliches Dasein in dieser Normalität trotz
einzelner Hemmungen, Störungen, Brüche derselben, Dieselben
werden wiederiiberwunden, und dieÜberwindungselbstgehört mit
zur fortschreitenden und sich selbst bestätigenden Befriedigung.
Diese Normalität hat ihren Horizont der Möglichkeiten, hat
15 ihren Stil in diesen Möglichkeiten und Voraussichtlichkeiten.
Dazu gehört als Normalbestand der kommende Tod und die nor-
malen Schicksale und schliesslich auch der Typus „unbekannte,
in ihreın besonderen Typus völlig unbekannte oder nur als
fernste Möglichkeiten, jeweilige höchste Unwahrscheinlichkeiten
20 denkbare <Schicksale ›"?
Aber ist nun nicht auch möglich eine Weise des Schicksals-
laufs, der diese Normalität total bricht und mich in die Situa-
tion bringt: „ich weiss nicht mehr aus und ein, es ist nicht abzu-
sehen, wie das Leben weiter noch laufen, wie es wiederum die
25 Form annehmen kann eines fruchtbringenden, eines stabilen Da-
seins, eines normal menschl.ichen"?
Ist nicht ein Zusammenbruch möglich der ganzen Menschen-
gemeinschaft, in welchem nicht nur ich. sondem wir alle i.n diese
Grenzsituation hineingeraten könnten: auf nichts ist mehr Ver-
3O lass, auf keinen Menschen, für mich selbst nicht auf mich selbst,
die ganze Umwelt als unsere gemeinschaftliche Lebenswelt ver-
liert für uns alle den Charakter einer Welt, in der man Voraus-
sicht üben, in der man sich Zwecke stellen und in einer Man-
nigfaltigkeit von Zwecken ein einheitlich sich integrierendes
35 Menschheitsleben leben kann, jeder sich befriedigend als Mensch
in einer erfreulichen Menschenwelt, in der alle sich normalerweise
befriedigen, aufsteigen, erwerben, sein können, jeder Normale in
der normalen Welt, die jeder einzelne und im Zusammen bejahen
kann? Was nützt es da, wenn Welt durch alle Anomalitäten hi.n-
214 „C/\R'ı*l=.sıANısCı|E ?«ıı3l>lTA'ı'mNı«:N" ifm ›ıf›J2

durch und selbst durch die des Zusammenbruchs der praktischen


menschlichen Umwelt die Identität erhält, die ihrerseits auf
einer Stiltorm beruht, in der die Naturgcsetze passiv sich erfüllen
etc.?
5 Das Sein der Welt hat nur einen Anschein von Festigkeit, in
Wahrheit ist es Festigkeit eines Normalgebildes. Aber eben von
daher erwächst, sowie dieser Instabilitätsmodus entdeckt oder
mindestens íühlbar wird, die höchste Welttrage, das philosophisch
Fraglichwcrdcn dcr Welt überhaupt in ihrer Totalität, und zwar
10 radikal verstanden, alle Horizonte liiftend und in die Frage
einbeziehend.

BMLAGE xi
<1-ıemwızrr, FREMDE WELT UND „Die“ wi¬:!.T› 1
<l93O oder 1931 ›

K5 Ich und wir lernen Fremde als Subjekte einer fremden, in ihrem Ge-
meinschaftsleben einstimmig erfahrenen Welt kennen. Korrelativ zu
dieser Welt, ak praktische Lebenswelt und als Welt überhaupt für sie
geltend, sind sie Menschen anderer l_š_ríahrungen, anderer Naturumge~
bung. anderer Lebensziele, anderer Uberzeugungen jeder Art. anderer
20 Gewohnheiten, anderer praktischer Verhaltungsweisen, anderer Tradif
tionen. Für mich erweitert sich meine Welt (bzw. für meine Heimge-
nossenschaft) dadurch, dass es eine andere Heímgenossenschaft gibt,
anders lebend, sich verhaltend, „d.ie" VVelt anders autfassend, aber in
der Tat auch eine andere Kulturwelt habend als ihnen geltende, nicht
25 unsß
Es konstituiert sich also fremdes Menschentum, eine íremde Mensch-
heit, a.ls fremdes Volk etwa. Eben damit konstituiert sich für mich und
für uns „unsere eigene" Heimgenossenschaít, Volksgenossensclıaft in
Beziehung auf unsere Kulturumwelt als Welt unserer menschlichen
30 Geltungen, unserer besonderen. Ieh habe alsc_›_ (wenn ich das quasi oder
wirklich genetisch-historisch verstehe) eine Anderung meiner und un«
serer Welterfahrung und Welt selbst. In „der“ Welt sind wir, mein
Volk, und das andere Volk, und jedes hat seine Völkische Umwelt (mit
seinem unpraktischen Horizont). Umwelt scheidet sich von Welt.
35 Aber wie? Wenn ich weiter sage, d ie Welt, was ist da das unter diesem
Titel für mich Seiende und sich Bewährende, und so für uns, wenn wir,
wir mindestens in einigemfundítortschreitenderu Umfange, von dem

1 Wichtig zur Methode des konstitntiven korrelafivın Aufbaus der transzenden-


40 «sien Asııwuk _. «iso ksmımves ceıım-.gssysıem der wen sie wen <1« erfahrung,
1 um ımmefaıe ıeefe Fefnweıı, die unpfakııseım in nn« Auffassung.
l1l«;lLAul-L xl 215

fremden Volk Kenntnis gewinnen? Zunächst mögen wir ganz und gar
an unseren Seinsgeltungen festhalten, \v`a`hı'end wir doch scheiden und
in gewisser Weise verbinden die Welt, in ilır unterscheiden unsere Um-
welt als Lebensuınwelt und die der anderen Vö1ker.1
5 Hier ist also eine Aufgabe, die Fundierung der Seinsgeltungen auf-
zuklären, die ich und die irgendein Subjekt einer zunächst blossen
l-Ieimwelt in Vollzug haben lnuss, uln Welt und Heimwelt zu unter-
scheiden, bzw. um ein anderes, fremdes Mensehentum mit seiner frem-
den Heimwelt inı Ulıterscllied voll der meinen zu verstehen. Oder noch
10 deutlicher: Auf der ersten Geltungsstufe der Intersulljektivität und
der intersuhjektiven Lebenswelt habe ich einfach Welt in die offene
Endlosigkeit von der Lebenswelt als der allein interessanten, der In-
teressenumwelt aus sich erstrcckcnd, nachher aber habe ich statt die-
ser Welt (rnit dem ihr zugehörigen Kurrelat des Wir, das alle Menschen
l 5 besagt) vielmehr dieses Wir als eine Sondermenschheit und unsere Le-
benswelt nicht mehr in alter Weise als die Lebenswelt. Sondern es hat
sich konstituiert gegenüber diesem Wir ein fremdes Wir, gegenüber
unserer Menschheit eine fremde Menschheit, jede sich vorfindend als in
ihrer Umwelt, die nun nicht mehr die Welt überhaupt heisst: im ge-
20 wöhnlichen Menschensinn (Lebenswelt). Es konstituiert sich von mir
und uns aus eine erweiterte Menschheit und in weiterer Folge dann im
selben zu iterierenden konstitutiven Prozess eine Vielheit von Volks-
menschheiten, die eine einzige Menschheit bilden (aber zunächst als
eine blosse Kollektion von Volksmenschheiten bezogen auf ihr Terri-
25 torium und ihre konkrete Kultur) und zu einer u.nd derselben Welt ge-
hören, die in erster Weise Welt für sie alle ist. Aber zunächst in der
Form einer fortgehenden und immer weiter fortgehenden Realitäten-
welt mit neuen und neuen „Wir" und „unsere Welt".
Das immerfort Gemeinsame ist die naturale Struktur mit dem all-
30 gem ei n s t zu verstehenden und in Geltung zu setzenden Menschen-
tum: Menschen seiend, vergemeinschaftet, handelnd, immerfort vor-
findend ihre kulturelle Seinssphäre, sie durch ihr menschliches Leben
und Wirken fortgestaltend zu Seienden einer für sie allgemeinen Gel-
tung, also in Relativität solchen Seins, während hindurchgeht ein all-
35 übergreifend geltendes und sich bewährcndes Sein als universale Rea-
litåtenwelt. Zur Relativität gehört eben dies, dass jede solche Mensch-
heit als Umwelt eine Welt schlechthin, aber für sie hat, tür sie einstim-
mig, aber in dem Universalen der Realität darum nicht schon
einstimmig auch mit den anderen Menschlleiten, bezogen auf ihre gel-
40 tende Welt.
1 Es wird deutlicher geschieden werden müssen: din persnnnle Unıweltder Anderen
als die ihnen geltende, fur sie bestätigte wirklichkeit seiende A mal genommen: die
welt mr sie, die ihre Lebenswelt ni-nschliesst - und die „an sich wahre welt", die
aus wissenschaftlicher Besinnung ven uns wissensehaltlern rn erkennende, in der die
Natur, die Mensehen nnd ihre vernıeinıen Umwelten als mehr oder minder einseitige,
nher aueh evtl. falsche Auffassungen vnn „der“ wirklichen welt gehören.
Kann nieht eine personale Lebenswelt ihre „sitnntinn=wahrheit" haben, also dnrch-
aus nieht fnıgeh sein?
216 „c/\R'ı*ı=.sr,\.\ırscnı: .\(er›ırA†io›1ıw" ı=›:±ı_ı~m

Ich von mir aus mein „Wir“ erschliessend. Was kann ich in Geltung
behalten angesichts der Unstiımnigkeit zwischen meiner und der an-
derer Menschheiten universalen Erfahrung, universalen Überzeugung?
Ich werde motiviert zur Konstitution einer neuen Welt, neu jedenfalls
5 darin, dass sie die fremden Mensehheiten und Kulturen in die Welt als
Tatsachen aufgenommen hat, aber darum ist nicht in der Art eine
Synthesis vollzogen, dass sie die fremden Geltungen übemiınmt. Es ist
nicht meine „erweiterte“ Welt so erweitert konstituiert, dass sie eine
Verknüpfung meiner und der anderen Welten ist in der Einheit einer
|0 durch alle Menschen des erweiterten Kreises hindurehgehenden einstim›
migen Erfahrungsüberzeugung. Wie lässt die ursprüngliche Welt
schlechthin diese Umformung zu? Offenbar dadurch, dass die Welt,
die für mich und uns irı Geltung ist aus Einstimmigkeit der Erfahrung,
einen raumzeitlichen Horizont, den möglichen individuelhrealen Seins,
15 <hat >, das nicht nur wie bisher antizipiert sein muss in der Form der
offenen Fortsetzung im bisherigen Stil, bzw. der möglichen Erfahrung,
die, wenn Menschen überhaupt gegeben oder antizipiert sind als die Er-
fahrenden, so immer wieder diese Menschen als <Menschen> meiner
Volksmenschenart apperzipiert und somit eine entsprechende umwelt»
20 liche Gestalt eríährt.1 Der offene raumzeitlich reale Horizont erhält in
Andersbestimmung eine Besetzung durch das fremde Volk und die
frerndvölkische Umwelt. Dadurch hebt sich aber ab reale Welt über-
haupt und besondere Menschheit und menschheitliche Umwelt, völki-
sche Umwelt, worin beschlossen ist die Abhebung von Kultur als sol-
25 cher in bezug auf Volk als solches (zunächst Heimgenossenschaft als
solche mit heimischer Kultur), im Kontrast: unsere und eine andere.
Das versteht sich durch die schon in der konstitutiven Gründung der
konkreten ersten Heínıwelt beschlossene Geltungsschichtung: ange-
fangen von der primordial reduzierten „Welt“ mit „Natur", Eigenleib,
30 „Kultur“ ; dann in der Heimwelt die enßprechende Geltung und Seins-
schichtung, dergemäss sich unterscheiden lassen physische Natur, die
Vielheit der Leiber bzw. Menschen, die Menschensondergemeinschaf«
ten, die Sachenkultur. Das sagt natürlich nicht, dass sich für mich und
mein heimgenössisches Wir abgliedert eine eigene Schichte universaler
35 blosser Natur und die Schichte der Menschensubjekte und personalen
Gemeinschaften etc. Die Welt für uns gewinnt neue, fremde Menschen,
aber doch Menschen, Realitäten, beseelte Körper, Personen, die in be-
sonderer Gemeinschaft miteinander leben, Kultur bildend, eigenartige
Sondergemeinschaften bildend, dabei in Konnex durch ihre eigenarti-
40 gen Überzeugungen, theoretischen, axiologischen, praktischen, in ihnen
nach eigenartigen (typisch neuartigen) Lebenszwecken Kultur gestal-
tend. Das verstehen wir. Das besagt, es ist für uns selbst mit Seinssinn
in Geltung: nämlich Realitäten individuiert durch ihre Physis und
deren raumzeitliche Stellen, Leiber als das geltend und sich in ihrer

1 wenn aber keine fremde Menseıms« gegeben ei, so ist bıesse ,.Nam:" das pm
ultra.
Bı:ıLAoı: xı 217

Schicht bestätigend, nämlich geltend je als Organ für ein waltendes


seelisches Subjekt, dieses mittelbar raumzeitlich individuiert, aber in
sich selbst und für sich selbst identisch verharrend und bezogen inten-
tional auf die universal ihnen und uns gemeinsame Natur und auf die
5 Nebenmenschen, ihnen und uns als das zugänglich, als erfahren und
erfahrbar. Diese Gemeinsamkeit der Erfahrung betrifft die Realitäten
und betrifft die Mitmenschen alle, die der neuen Sphäre mitbeschlos-
sen in ihrer realen Individualität, aber in einer Horizontlıaftigkeit, die
nunmehr eine verschiedene ist für uns (die wir früher alle Menschen
10 waren und die wir es jetzt nicht mehr sind) und für die Anderen. Ihr
Seinshorizont ist nur bekannt in der Form der liremdheit und der Ver-
ständliclıkeit ihrer Umwelt, die aber nur indizierte ist und nur indirekt
aus den nur <aus› der allgemeiiısten Kulturform her geschöpften Ver-
stänrllichkeiten ausgelegt werden kann, durch indirekte Mittel,
15 Kann ich die myt hischen Überzeugungen der Anderen, die den Seins-
sinn ihrer Welt (dessen, was sie als seiend erfahren) <bestiınruen ›, gel-
ten lassen, ihre Fetische, ihre Gottheiten, ihre mythischen Kausalitä-
ten us\v,? Behalte ich meinen Glauben (sie mögen ihn als blosse Mytho-
logie ansehen), so ist ihr Glaube Aberglaube, behalte ich mei.ne seiende
20 Welt, so ist ihre Welt nicht seiend. Die fremden Menschheiten sind
für mich als Tatsachen und als Subjekte tatsächlicher Überzeu-
gungen, tatsächlich v e r m e i n t e r Welten, die ich als ihre myflıischen
Weltvorstellungen bezeichne. Ich bezeichne sie so, weil ich schon
m e in e W e lt, inı wesentlichen meine Überzeugungen festhaltend, in
25 ihrem Seinssinn entsprechend modifiziert habe, eben durch Ingèltung-
setzung dieser anderen Menschen innerhalb meiner Raumwelt, nur
unter Berichtigung der früheren Antizipation, die mich und uns auf
keine anderen Menschen gefasst machte.
Wie komme ich dazu, nun doch von einer Erfahrungswelt für alle
30 Menschen überhaupt, die bekannten und unbekannten, zu sprechen,
wie dazu, sie in Geltung zu haben? Wie ich durch Kennenlernen von
anderen Völkern, durch gelingende, obschon nur beschränkt gelíngende
Einfühlung in völkisch Fremde und ihre Umwelt zu einer erweiterten
Tatsachenwelt komme, so jedermann, jeder fremdvölkische Mensch
35 ebenfalls. Aber die tatsächliche \«Velt ist für jeden die verschiedenen
Volkskreise ei.ne andere, und doch so, dass jeder sich rnit jedem einig
weiss darin, dass die eine und selbe Welt erfahren sei, aber dass jede
Sonclermenschheit sie, dieselbe, „anders auffasse". Was ist nun der
Grund dieser Selbigkeit, und sofern hierin eine Wahrheit liegt, was ist
40 die allgemeinsarne einstimmige Erfahrung, der eine allgemeinsame
Welt entspricht, wie ist diese zu umschreiben in einer alle bindenden
Wahrheit? Was ist wahres Sein, und zwar aus einstimmiger Erfahrung
i.n einer Heirnwelt, was für eine jede Heimwelt iiberhaupt formale, was
in höherer Stufe universale, in der Allsynthesis von wirklichen und
45 möglichen Heimwelten herzustellende Wahrheit?
Wie konstituiere ich, von mir aus immer neue Geltung und Gel-
tungsstufen vollziehend, die Geltung, die alle anderen in sich trägt als
218 „c_-\r<'rr;sI.-mıscın-1MEı)ITATıoNEN" ı<a3ı¬ıv:i2

fundicrende Uuterstufen, die Geltung wahrhaft seiender Welt, und


wie bereichert, erweitert, erhöht sich diese seiende Welt in Aufnahme
neuer Fundieıungen, wo ist der Abschluss, wie versteht sich die Anti-
zipatíon und Geltung einer Endform als eine solche, die innerhalb
5 einer universalen Horizontstruktıır nunmehr nur Näherbcstímınung
zulässt und alle möglichen Geltungen nunmehr schon in sich schliesst
als vurgezeichnete?
rnzırncı-: Xıı
sPı<A<:i-11:, uR'rı:ıLswAı~ıRHızrr, UMWELT (rıızınwuμr).
10 Du: FUNı<rıoN man srıucnrıcnısu ıirrrrısııuxo ı=ün
Dua ı(oNs'rı'ru'rrı›N nızn UMWELT
<woh1 Sommer 1931 ›
<Inhall.'› Das Problem der Objektivität der pràkllleatlveıı Wahrheit mit
Beziehung ızuf die Vorgegebenheit und Gegebenheit der Well in S lu/en
15 der Umuıeltlíchkeit, denen Stufen der Relatlvllät der entsprechen
den Walırheílen /zorrespomlíeren, also relative Umwelt als Situation.
Heimwelt und unzugängllche Fernen. Die Funktion der sprachlichen
Mitteilung in der Kunstítullon einer humanen Umwelt. Sehr unvøllkom~
men - keine ıınsreiahenıie Klärung der Leistung der Sprache und ılıs
20 Unlerschíedes zwisehen tierischer Mítteílung und menschlicher in der
Sprache.

Objektive Gültigkeit von prädikativen Urteilen in


ihren verschiedenen Stufen. Ihre Begründung durch Evidenz,
Ohne korıstitutive Gedanken hier durchzuführen, kann ich als an_
25 fangendcr Philosoph doch sagen:
Was „d.ie" Welt für uns ist und dass sie ist, das ist sie aus (in und
auf Gnınd) unserer Erfalu'ung,1 und zwar unser aller verbundenen, ein›
stimmig dahinströmenden Erfahrung. Erfahren ist sie für mich in
jedem Moment meines wachen Lebens als verendlichte gegenwärtige
30 Welt, die hinter sich eine mir durch Erinnerung obschon nur stück«
weise zu erschliessende Vergangenheit hat und vor sich eine Zukunft
als Horizont künftiger Gegen\vä.rtigkeiten, die mein künftiges Leben
verwirklichen wird. Diese meine Umwelt ist zugleich Welt für die mit-
gegenwärtigen, mitvergangenen und mitkünftigen Anderen, deren je-
35 der seine eigene Welterfahrung hat, hatte, haben wird. Zu meiner Um-
welt gehören die Anderen als in ihr und zugleich in der uns gemeinsa-
men Welt seiende andere Menschen, und gehört auch, dass sie geboren
sind und Nachkommen haben, und künftig, dass Menschen geboren
werden und Nachkommen haben werden in offener Endlosigkeit, wie
40 ebenso hinsichtlich der Vergangenheit. Die gemeinschaftliche Erfah~
rung* übersteigt mein und eines jeden endliches Leben, sie erstreckt sich
1 in und auf Grund unseres Denkens
1 „gemei\-rscımııicııe ızmıııuııy' - deuııieım, Veıgeıneiııschatıung der Erfahrun-
Bısıuicn xu 219

durch unser aller Leben u.nd durclı die offene Kette der Generationen
hindurch. Sie reicht auch hinaus über die rnir bekannten Anderen und
die mir durch die Historie hindurch individuell bekannt werdenden;
5 sie reicht auch hinein in die unbestimmt allgemein anzusetzenden
Menschenmengen, die als nationale und staatliche und sonstige Ge»
meinschaften bestimmt sind unter dem Titel von historischen Völkem
usw. Zudem trägt die gemeinsame Welt indirekte Anzeigen in sich für
tierisches und menschliches Sein, das unsere Historie nicht mehr um~
10 greifen kann, und auch indirekte begründete Möglichkeiten für Mitda-
sein von tierischen und schliesslich möglicherweise menschenartigen
Generationen, die nicht zu unserer Generationenkette, der irdischen,
gehören würden. Unsere Umwelt, die mit uns historisch-generativ
verknüpfte, von uns Gegenwärtigen aus in der Einheit der generativ ge~
I5 bundenen Historie, schrittweise zugängliche und möglicherweise noch
zugänglich werdende, hat einen offenen Horizont einer Natur. die die
diesem Kreis zugehörige und wirklich zugängliche Natur transzendiert,
als eine stets unzugånglich bleibende „astronomische Natur", zu der
doch generative Zusammenhänge welterfahrender Subjekte gehören
20 könnten, Subjekte, die nur mit uns in Gemeinschaft treten (und sich
evtl. sogar mit uns generativ verbinden könnten), wenn einmal in einer
künftigen Gegenwart die Unzugänglichkeit der Gestirnnatur über-
wunden und sie in eine zugängliche Nahnatur verwandelt werden
könnte. Aber auch dann wurde sich hinter den zugänglich gewordenen
25 Gestirnen eine unzugänglich gebliebene Fernwelt mit unbekannten
Subjekten vorzeichnen. '
In dieser Weise ist also gemeinschaftlich oder objektiv seiende Welt
i.n universaler Erfahrung gegeben, als eine Welt für uns Menschen zu›
nächst ~ und „wir Menschen", das bezeichnet eine endlose Genera-
30 tionenverkettung, der wir keinen Anfang und kein Ende zuerteilen
können (beides müssen wir problematisch sein lassen, nach Ob und
Wie), innerhalb deren wir aber eine allzeit bewegliche, sich offen er-

ı weitemde und noch zu erweitemde Historie haben, die uns nicht nur
allgemein eine Umwelt unserer, der historischen Menschheit gewiss
35 macht, sondern auch sie, in fortschreitendem Masse der Bestimmtheit,

l unserer Erfahrungserkenntnis erschliesst. Darin scheiden sich wieder


relative Umwelten für relativ geschlossene Menschheiten, und schliess~
lich hat jedermann seine private Umwelt, während doch alle diese Um-
welten zur Einheit eirıer Umwelt (der gesamten in uns zentrierten Ge-
40 nerationenkette) zusammenhängen. Und diese selbst hat ihre Hori-
zonte. Einerseits ihren lnnenhorizont des innerhalb der allgemein ver_
trauten Bekanntheit (des Inclividuellen und der 'l`ypi.k im Aufbau jeder
relativen Umwelt) Unbekannten in seiner eigenen offenen Endlosig-
keit; andererseits den Aussenhorizont der Feme, in ihrem eigenen Stil
gm, mine: una mein« Anderen als von mn «fahr-ene» Andem, die iumssns selbst
einander erfahren um-1 main-sn können ew., «iso je meine wirkıiehe Erfahrung und
gegenwärtig erfahrenen Andem emgeıfiıııte Erfahrung sich veıgemsinsehırma,
dann die Miııeıbııneiıen der Mitteilung.
220 „c.\RTes1ANıscı-11: Mı¬:ı›ıTAT1oNızN-- ıesı-ıssz

der Feme bekannt, Nähen unbestimmt indiziercnd, die unzugänglich


bleiben.
Universale:3Welterfalırung hat also eine eigcntüınliche Struktur; sie
ist I) für jeden von ihm aus orientiert, bzw. sie bietet die Welt als
5 orientiert von hier zu dort, von Nalıe zu Ferne, von Umwelt zu Fem-
welten; 2) sie ist aber auch orientiert als gemeinschaftliche Erfah~
rungswelt durch die Art, wie für mich als Erialirenden die übrigen
Erfahrenden, durch die hindurch auch ich erfahre, gegeben sind, als
unmittelbar Andere, als für sie unmittelbar, aber für mich mittelbar
10 Andere usí.
Die›End.losigkeit der sich erweiternden und evtl. noch zu erweitem-
den Welterfahrung, mit der eine „unendliche“ Welt (zunächst als end«
los offene) mir zu eigen wird, geht durch diese offen endlose Vermitt›
lung der für mich Anderen hindurch, wobei zugleich klar ist, dass, was
15 fiir mich, auch fiir jeden dieser Anderen gilt. Wir, die Subjekte der
Welterfahrung, haben die endlos offene Welt nach ihren bekam-ıten
Wirklichkeiten und unbekannten Möglichkeiten je von uns aus, jeder
von sich aus durch die Vennittlung der Anderen und letztlich ihrer
Mitteilungen.

20 Näheres über Mitteilung


Zu den letzteren, um nun auf sie einzugehen, gehören die unwill~
kiirlichen Ausdrücke des Erfahrens, das, was man ihnen <seı'l. den
Anderem in ihrem leiblichen Gehaben selbst ansehen kann und apper-
zeptiv ihnen einlegt, ebenso wie die mittelbareu Ausdrücke ihres Le-
25 bens und darin ihres selbstverständlich mitgehenden Eríahrens, z.B.
des werktâtigen, und was dabei für sie „da“ war, als ihr Erzeugnis, als
Werk in derselben Welt, in der ich bin, wahrnehmungsrnässig er-
wächst usw.
Dazu aber die absichtlichen und irn besonderen sprachlichen Mit-
3O teilungen.
Gemeinschaftliche Erfahrung, die uns gemeinschaftliche, endlose
Welt und in orientierter Ordnungsíolge werdend die unendliche Welt
für „alle“ gibt, ist nicht eine in einem Akte fertige Sache, sondem ein
Prozess des Werdens und einer werdenden Leistung, die immer schon
35 gewordene Leistung in sich hat und darauf neu fortwerdend gründet,
passive und aktive Leistung. Umwelt, mindestens in niederster Stufe
schon als gemeinschaftliche, erweitert sich, berichtigt sich zum Teil
oder bestimmt sich fort, zu grösserer Bestirnmtheit fiihrend, durch
sprachliche Mitteilung, und diese ist immer beteiligt am Bau
40 des Erfalırurıgsinnes der Welt, in dcr wir handelnd leben, in der wir im
besonderen im Handeln des theoretischen Interesses, im wissenschaft-
lichen, Wissensgebilde besonderer Art erzeugen, die wir da wissen-
schaftliche Aussagen, „Sätıe", Grundsätze, Schlussätze, \vissenschait~
liche „Eríabrungstatsachen" und dgl. nennen.
45 Aussagen jeder Art, normale ernste Aussagen (nicht spielerische
nızıi..›\GF. X11 221

Phantasieaussagen und sonstige anomale Modi, wolıin wir jetzt auch


rnonologisclıe Aussagen im stillen Denken rechnen) haben ilırc Funk-
tion für die Ausbildung einer Wclterfahrımg und haben alle ihrc „Ob›
jektivität"; freilich eine ganz ausgezeichnete die wissenschaftlichen
5 Aussagen, deren Klärung hier nıcin besonderes Absehen ist, wo cs gilt,
mir verständlich zu machen, worauf Wissenschaft als System von
Aussagen, bzw. die wissenschaftliche Subjektivität, solchc wissen»
schaftlichen Aussagen bildend, eigentlich hinauswill.
Erfahrung entspringt aus Erfahrung. Erfahrung erzeugt in ihrem
10 teils passiven teils aktiven Verlauf Kenntnis als bleibenden Erwerb,
lıinfort verfügbar in der Wiedererinncnıng. Sie zeichnet auch das
künftig zu Erwartende vor. Zudem gründet in ihr künftige Erfahrung
von Neuem nach Analogie des Altbekannten; sie bestimmt für die
Zukunft, sie ist Apperzeption und in eins mit dieser die Auffassung
15 von Neuem in einer vertrauten Typik, das Erkennen des Neuen als
Haus (wie dergleichen und wiederholt schon erfahren worden), als
Baum, der Hausfarbe als gelb usw.
Welterfahrung ist von vomhcrcin immer schon Gemeinschaftserfalr
rung, wie immer sie sich dann weiten und die Welt selbst erweiterten
20 Sinn annehmen mag. Der oricnticrtc Aufbau des Seinssinnes \Velt, in
dem sie ihre Zugangstypik hat und zugleich ihre Weise der Erhaltung
der Identität unter Aufnahme immer neuen Sondersinnes, hat eine
Umwelttypik, die wir noch etwas näher beschreiben müssen.

Umıuellstypík. Heimwelt und Heímıııelterfalmmg


25 Ich als Erfahrender habe eine nächstc Umwelt, eine Nahwelt, die
wir etwa die Heimwelt nennen mögen, die Welt, in der ich schon
heimisch bin aus eigener Erfahrung, als ursprünglich durch diese von
mir erworbene wohlbekannte, altvertraute Umwelt. Die Heimwelt ist
ein individualtypisch Identisches im Wechsel mannigfaltiger Gege-
30 benheitsweisen. In der sich abwandelnden aktuellen Erfahrung hat
jedermann eine aktuelle momentane Gegenwart mit einem Horizont,
und so ist diese Gegebenheitsweise Darstellung der Heimwelt, die in
Aktivität oder Passivität solcher Gegebcnhcitsweisen ihre Identität
erhält. Zu ihr gehören auch die nächsten Anderen, die rnit rriir das~
35 selbe „Heim“ tcilen, nämlich die im ganzen dasselbe aus eigener Er-
fahrung erworbcn haben. Doch rechnen wir auch dazu den unmittel-
baren Erfahrungsaustausch, in dem das wohlvertraute gemeinsame
Heim erwächst (Heim in einem erweiterten Sinne). Freilich hat jeder
sein Heim als das seincr wirklich ursprünglich eigenen Erfahrung, und
40 in der Vergemeinschaftung gibt es Unterschiede. Alle Heimdinge als
bekannt und für die Heimgenossen identifiziert im direkten Verkehr
als zum selben eigencn Heim gehörig <sind dies› nicht ohne Unter_
schiede. Der eine kennt sie genauer, der andere weniger genau, und
auch das „weiss" jeder aus dem ursprünglichen Verkehr. Das gehört
45 also für jeden zum Innenhorizont.
222 „cARTızsıANrscHE Msnrrnrıomzu" ıeaıgısaz

Für jeden einzelnen hat das altvertraute Heim auch uncrschlossene


Horizonte, die erst durch gelegentliche Vorkommnisse, evtl. absicht-
lich im Fortgang des praktischen Lebens und seiner neuen Zielsetzun-
gen, sich erschliesscıız wie wenn iclı mein Haus umbauen will und die
5 unbekannten Fundamente blosslege, sie nachzuprüfen, lm allgemeinen
wird da dem einen manches bekannt und vertraut sein 4- unbeschadet
der Gemeinsamkeit der Heimwelt -, was es für den anderen niclıt
ist.
Der Inhalt der Heirnwelt, unerachtet der Erhaltung einer bleibenden
10 Typik, und insbesondere auch der Erhaltung individueller Gegenstän-
de (Dinge, Arbeitsplätze, Werkzeuge, Menschen und Tiere) in ihrer
lndividualtypik, ändert sich ; neue Gegenstände treten auf, neu aus
Passivität oder Aktivität des Erlahrenden (evtl. durch seine erzeu-
genden Tätigkeiten); sie werden durch Erfahrung bekannt und ver-
I5 bleiben ihre Zeit, andere verschwinden, ändern sich, es ändert sich so
auch der konkrete Typus der Heirnwelt in ihrem Zeitweiligen. Aber
diese Veränderungsweise gehört selbst mit zum allgemeinen Typus des
Seins der 1-leimwelt.
Den Sinn dieser Heimwelt können wir erweitern, und er erweitert
20 sich im natürlichen Gang der Erfahrung von selbst ; etwa eigenes Heim
mit eigenem Garten, eigenem Feld und dgl., dann erweitert, eigenes
Dod, eigene Stadt und zugleich unser Dorf, unsere Stadt. Hiebei die-
nen der Erweiterung alsbald, und wie schon im engsten Heim so erst
recht in der immer mehr sich erweiternden Heirnwelt, synthetische Er-
25 gänzungen eigener und ursprünglicher gemeinsamer Eriahru.ng`dutch
nıitteilende Aussagen.

Ursprüngliclız Míttzilung als Erweiterung der E1/ıılmmg des Vzrslehemim


Ursprünglichste Mitteilung ist Auslegung und sprachlicher Aus-
druck dessen, was ich direkt erfahre oder erfahren habe und was der
30 Andere günstigenialls ebenfalls in seinem Erfahrungsfeld, wenn auch
nicht im aktuellen Gegenwartsfeld, hat, so dass er, wenn die Aussage
hinreichend vollständig und bestimmt ist und auf die schon gemein-
same und in Gewissheit geltende Heimwelt bezogen ist, er sie nicht
nur vollkommen verstehen, sondem auch alsbald im Mitglauben voll-
35 ziehen kann. So hat er durch Mitteilung auch Anteil an einer Erfah-
rung, die er nicht selbst ursprünglich hat ; er gewinnt so eine sekun-
däre Erfahrung (Erfahrung von dem Ertahrungsgehalt des vom
erfahrenen Anderen Eríahrenen), die nur zu kleinem Teile tür ihn zu
originärer Erfahrung vom selben Gehalt führen kann und jedenfalls
40 ihr eigenes Recht, ihre eigenen Weisen der Bestätigung hat, nämlich
aus der Einstimmigkeit des gemeinschaftlichen Erfahrungslebens, in
dem jedes originale Erfahrungen und die nıittelbaren, die Sekundär-
eríahnmgen durch Mitteilungen in Einstimmigkeit sich verbinden
und im Fortgang in Geltung bleibend die Einstimmigkeit bestehen
45 lassen. Wo das nicht der Fall ist, wo M.itteílu.ngen, sei es unnıittelbar
ßı5iLAGi-: xu 223

oder mittelbar, mit dem streiten, was ich selbst erfahre oder was An-
dere (gemäss ihren Mitteilungen, aber gut sich einpassenden) erfahren
haben, (la wird aus der glêíubigen Übernahme Unglaube; was da angeb-
lich ist oder war, das ist und war nicht,1
5 Der Verstehende gewinnt eine ursprüngliche sekundäre Erfahrung,
wenn er die Mitteilung verstehend sie alsbald anschaulich nachvoll-
zieht, das Mitgeteilte dabei, als ob er der Andere wäre, so anschaulich
hat, „als ob” er es sähe. Dabei ist diese Erfahrung-alsxıb ihrem inter-
subjektiven Sinne nach zugleich für mich mögliche Erfahrung vom
10 selben, das ich nämlich wirklich selbst sehen würde, wenn ich „hin-
ginge” usw. Aussagen werden aber auch leer verstanden ohne in zın-
schaulichen quıısí-Vollzug iíberzugehen, und sie können das werden
vermöge der in Beziehung auf die Heimwelt schon gebildeten, ihrer
allgemeinen relativ verharrenden Typik angepassten Sprache. Eigen-
15 namen, Gattungsnaı-nen, Sachverhalte etc. werden im leeren Erkennen
dessen, was gemeint ist (unser Haus, der Vater etc.), verstanden und
im allgemeinen mitgeglaubt, wenn sie nicht in dieser Bestimmung
früher schon durchstrichen werden sind.
Die Aussage hat einen Aussageinhalt, der in der Gemeinschaft von
20 Person zu Person übergehen kann, und sie hat ihren objektiven Sinn,
wenn sie eben jedermann je nachdem aussagen und verstehen und in
demselben Sinne verstehen könnte und jedermann evtl. glauben könn-
te. Sie hat objektive Gültigkeit oder Wahrheit, wenn ich und jeder-
mann sich jederzeit davon überzeugen kann, sei es durch originale Er-
25 fahrung (Vllahrnehmung und Erinnerung, originale Induktion) oder
durch sekundäre Übemahme von jemand, der sie in der Tat durch ori-
ginale Erfahrung gebildet hat, sofem sich eben die Vertrauenswürdig-
keit und das vertrauensvoll Übernomrnene weiterhin auch bestätigt.
Was in dieser Weise für den einen objektiv gültig ist, ist es für jeder-
30 mann in derselben Gemeinschaft, soiem man ja jedermann auf die
letzte VVahrheitsquelle der originalen Erfahrung der Sache und die
originale von den Anderen verweisen kann,
Wir haben also objektive Aussagen, bezogen auf diese Heimwelt:
1] Unmittelbare und mittelbare deslcriptive Aussagen tür Individu-
35 elles, jedemiann, sei es direkt erfahrbar oder durch Mittelbarkeit der
Mitteilung, bekannt und auf ebenso bekannten Wegen erreichbar. Be-
stimmung in Erfahrungsbegriffen. Direkte Erfahrung: Wahmehn-rung,
Wiedererinnerung, ursprüngliche Erwartung (Urinduktion) des Ahn-
lichen unter ähnlichen Umständen, Einfühlung.
40 <2)› Allgemeine Deslaiption, typische Allgemeinheiten als Allge-
meinheiten der Induktion; induktive Schlussíolgenıng mittels solcher
Allgemeinheiten, Du.rch'fdas „es ist überhaupt so unter solchen typi-
schen Umständen, es tritt dergleichen überhaupt unter solchen typi-
schen Veränderungen der bekannten Umstände auf" leite ich mittei-
45 lend den Genossen an, ein Typisches sekundär zu erfahren, das er nicht
1 Nicht zureiohend analytisch.
224 „cARTı1suiN1scHi: ıvrrıorrarıourzu" msi-ıesz

in seiner aktuellen Erfahrung wirklich durch Erfahnmg sich erworben


hat.
<3)› Ferner, Denkleistung nicht nur in beschreibenden Aussagen,
sondem auch Bestimmung individueller Gegenstände durch Denkbe-
5 stimmungen wie Mass und Zahl, wodurch ich und jedermann sich in-
direkt von Identität und Nichtidentitat (individueller Verschiedenheit)
von Gegenständen in diskret verknüpften Gegenwarten überzeugen
kann.
Herstellung einer sprachlich dokumentierten objektiven ..Welt”-
10 Erkenntnis als intersubjektiven Urteilserwerbıs, als allgemeinsames
Wissen, als ein gemeinsamer Bestand, den man voraussetzen, den man
erweitern kann, indem jeder die Erwerbe der Anderen iibernehmend
und sie ihnen mitteilend sie und ihre Weltkenntnis in bestimmter
Weise erweitert, zunächst als Fundament für eine individuelle und
intersubjektive Lebenspraxis.
I5
Mmsnhliøhe und tierische Mitteílung
Wir haben also nicht wie das Tier eine vertraute Heimwelt durch
bloss eigene und fremde direkte Erfahrung und ein gemeinsames un-
mittelbares Verstehen und direkte Übemahme des fremden Erfah-
2O rungsglaubens und Erfahrungsinhaltes aus der Gemeinsamkeit des
synthetisch sich verbindenden, wechselseitig sich ergänzenden und
ausgleichenden Erfahrens, auch nicht die tierische Art der Mitteilung
durch Anzeige eines direkt Ertahrbaren, sondem der Ausdruck, die Mit-
teilung du.rch Sprache, welche die typischen Formen der Denkgebil-
25 de als Bedeutungen ausprägt und vollständig ausprägen kann, indi-
ziert zugleich und korrelativ die auszuübenden Tätigkeiten, die auf
Grund der passiven Vorgegebenheit der Erfahrung (der synthetischen
Niederschläge der früheren Erfahrung) zu vollziehenden Aktivitäten
der Explikation, der begıifflichen Fassung, der ganzen zur Einheit des
30 prädikativen Urteilens gehörigen Denktätigkeiten, in denen die be-
treffenden Gebilde ursprünglich evident erwachsen würden. In der
Mitteilung besagt ihr Nachverstehen als ein quasi-Vollziehen dieser
Tätigkeiten und ihrer Ausgangserfahrungen, die der Verstehende im
allgemeinen nie erlebt hat, dass ihm durch eine Indizierung von den
35 sprachlichen Intentionen her eine mögliche Erfahrung vermittelt ist,
und im motivierten Mitglauben, und wiedenım vermittelt, was ihr für
ihn an Bestimmtheit fehlt und was sich für ihn durch Explikation und
eigene Typenaufiassung bestimmen würde.1
Zu erôrtem <wäre noch die› Funktion der Sprache in der Genera-
40 tionenkette.
Ein menschliches Gemeinschattslehen wird so möglich als Leben
einer Sprachgemeinschaft, das von ganz anderer Art ist als tieriscbes
Gemeinschaftsleben. Die Heimwelt des Menschen, die das
1 Das alles nicht Wirklich zureiclmnd ausgelegtl
nlsıl..›\oı: xıı 225

Grundstück für die Struktur der objektiven Welt für <ihn› ist oder für
ilın ill höherer Entwicklung in immer bedeutsamen Formen werden
kann, ist grundwesentlicll von der Sprache her be-
s t i mm t. Erst dadurch erwächst eine nicht nur sinnlich gemeinsame
5 Welt, eine konkrete Gcgenwartswelt (in einem erweiterten Sinne. der
den noch mitlebendigen Mitgegcnwarts» und Vergangcnheitshorizont
und in einenı Stück lebendige Zukunlt befasst), sondern eine praktische
menschliche 1-leínıwelt, deren unvergleichlich weiterer Erfahrungs-
kreis auch die sprachlich vemlittelten Erfahrungen der Genossen
10 wirksam in sich enthält, und nicht nur die wirklich voll anschaulich
nachverstandcnen und in den Glauben übemommcnen, sondern auch
die unvollständig oder gar nicht anschaulich nachverstandenen sprach-
lichen Erkenntnísgebilde, als solche, die, wo es nötig, klar gemacht und
verwertet werden können. In jeder Gegenwart hat der Eriahrende also
15 nicht nur seine ..sinn1iclle" Umwelt, die wirklich ihm in originaler Er-
fahrung gegenwärtige, mitgegenwärtige, in originaler „Einfühlung“ als
sekundärer sinnlicher Erfalırung ihm mit eigen werdende, sondem
diese Gegenwart mit einem sprachlichen Belag und einem sprachlich-
apperzeptiven Horizont; es gehören zu dieser Welt mannigfaltige eige-
20 ne und fremde Sprachgebilde, mit ihrer neuartigen Gültigkeit, Zu›
gänglichkeit, Atısweisbarkeit. Und diese Umwelt ist nun die typisch
eine und selbe für alle, nämlich die miteinander gemeinschaftlich Le›
henden. In ihr liegen die praktischen Ziele eines jeden, seine Leistl.ı.ngs~
gebilde, auf sie bezieht sich das werktätige, aber auch das aussagende,
25 stets irgendein er Praxis dienende Leben, in dem die Umwelt als sprach«
lich bestimmte sich intersubjektiv als dieselbe bereichert und erwei-
tert.1

1 Eint gnmoinsarne sohnn vgrtrautn wnlt (Hnimwnlt), in der judss zu ihr korrela-
tive suhiskt lsht, die ihm in einer unrnittalhar zuganglinhtn Nahsphsrs (csgsnwarts
sphart und ihrs vnrgangnnhait) gegeben ist. von nur ausstrahinn die rsıativna rar-
nen, als zugängliche, in denon Menschen wohnen, die selbst wieder ihre Fernen haben
usw.
vortrauthnit irn individuell Faktisohon. Vertrautheit im 'rypistlion der verlauft
und in dem typisth zu erwartenden.
Das individuell istinrinann Bekannte als Ausgangspunkt der orisntinrung, als
Beziehungspunkt tür relative orinntigrungon. Die oriantigrungslorrnsn, die orienr
tinrungsdirnensionan, renhts, linlrs, nahe, lerne. die zahl der Schritte, die Messung
niit zahlung. nas ltaracivs. Die ordnung nut zahlung,
Individuelles in seinnn eirplikativen Eigenheiten, in seinen Eigunsnhaitsn hestim'
men, in seinnru konkreten Typus (suhstrattypus) hnstinimen, in seinen Relationen.
Relative lsnstiminungnn als ordnungshnstininiungsn, Masse, zahlhnstiinrnungen, Das
letztere ist formal, wie alla Dankfornıen. Das Konkrete stammt aus der vertrauten
Erfahrung. Also ohjektivs, austausahharo, tur inderınann verstehbare und ausweis
bare Urteile. Ihre Evidenz: die der vertrauten konkreten Erfahrung, individuellen
und allgeuıeintypistlien, die der vertrauten Art Mitteilung, Überlieferung von wirke
lioli Ertahransm an Andere (in vertrauter sprache), Methoden der Teilung, Messung,
zahlung, Rinhtungss und ordnungshsstinnnung; evident im vnllzugo der Denk
leistungen an snlhst er-rahrnneui, einzeln naar vorhuudan er-fahren. vnrausgssetzt
die vet-traute welt, als Erfahrung vor-traut.
Erweiterung der Hnirnwelt zur welt fiir das Volk, welt für eine kommunikative
„CAl('I`ESlANlSCHE MILDITATIONEN” [93 l ¬l 932

Gemeinschaitsleben sich erweiternd und in „politischer“ Form auf


Universalität einer Praxis, soweit mögliche Kommunikation reicht,
tendierend. Universalität der Praxis als Universalität zusammenstim-
mender beíriedigender und intersubjektiv beiriedigter Praxis. Univer-
5 salitåt der Sprachgemeinschatt, Überbrückung der Fremdsprachlich-
keit, Einheit der praktischen Umwelt, Einheit der Heimwelt höherer
Ordnung auf Grund des synthetischen Baus der I-leinıwelten unterer
Stufe,
Das theoretische Interesse. Wissen überhaupt, um Macht zu gewin-
IO nen (abgesehen von Wissen aus Neugier). Universales Wissen im
Dienste einer universalen vernünftigen, befriedigenden, also befriedig-
ten Praxis. Tendenz auf eine systematische Wissenschaft, eines syste-
matischen Aufbaus eines Universums objektiv gültiger, das Univer-
sum - das universale Heim in seiner möglichen Erweiterung - voll-
15 kommen umspannender Urteile, umspannend ihre freilich offene Indi-
vidualtypik und Generaitypik. Dieses universale Wissen, als objektives
jedermann zugänglich. gibt jedermann universale Kenntnis der prak-
tischen Heimwelt - freilich eine universale Kenntnis, die sich der
fortgesetıten Umbildung anzupassen hätte - und damit das Wisserıs-
20 fundament für alle praktischen Pläne, und insbesondere für alle prak-
tischen Möglichkeiten, Ziele und Wege gegen das Endziel hin der Er-
möglichung einer universalen politisch befriedigten Praxis.
Heimwelt - unheimische Welt. Relativität. Und doch ein bleiben-
der Unterschied: irdische Welt und Welt des Himmels, der unzugäng-
25 lichen, für immer unheimischen Ferne, die doch den Sinn von Ferne
hat, die ídealíter näher gebracht, in Nähe verwandelt werden könnte.
Universale Welterkenntnis; die Welt, die auch alle Ferne umspannt
aus theoretischem Interesse - wie sie praktisch wird dadurch, dass
die „Zu.fälle" der Heimwelt in Analogie der verständlichen Kausalität
30 des Eingreifens von Fernen, die nur zeitweilig unzugänglich waren,
durch „astronomische“ Kausalität erklärlich und diese Kausalitäten
praktisch relevant werden. Die Unendlichkeiten. die äusseren und in-
neren, die physikalische Weltauítassung und ihre Bewährung. Der
Aufbau des objektiven, durch sprachliches Denken sich konstituieren-
35 den Weltalls, und sich konstituierend durch denkmässig konstituierte
Iteration und in in/ínítum.
Diese neuartige objektive Erkenntnis als exakte, die objektive Welt
Menschheit, wen ner csgsnwsn, vsıgnngnnnen sıs wen der veıgsngsnsn Mensen-
ıneiıın, Mensehengeneınıinnnn.
onjsısıivs Aussagen nen« An. was kann nm von Fernen, an an Mensenıssiı
mınıinnunı nnıngangıinis sind, nussngen? Das Fnnnale, das Ferne als welcfense mit
der Nahe gemein haben muss. Das raumeiuieh Kıusaıs (Meeisnnisehn).
Relativität aller umweltlichen Aussagen, alla deskriptiven und auf Deskription
von oıutasioneııem ıısnıınenaen. inniaıiv die Foınnnnssagen, Wesensaussagen. Ratio-
nale objekıivaıaı; rsınıiv minnnıe Aussagen: was fm isaeınnnnn uınnnınnnnı an wm-
ıssnsn nn sms nussngbnı ist Die weıeanssngen, die nm« unıweıfnnssngsn sind.
weıı-ınnnsıe Anssngsn. wesnnsfnfnn ann wen. ewige wsn-heizen zur ass gegebene
wen und eıaeusens wssensnusssgen für jede nsagunne.
BEII./\(¦l7. Xlll 227

schon ein Denkgebilde, ein Gebilde der Methode, und diese dann als
Thema objektiver, „exakter“ Wissenschaft, in der sich objektive Welt
nicht bloss wie ein Heimweltliches expliziert und dann näher bestimmt.
Radikal einsiehtige Wissenschaft nur Wissensclızıft, die diese Metho-
5 de selbst thematisch macht, Universale Formenlehre der Konstitution
der Allwelt aus der Formenlehre iterativer Heiınwelten etc.

sızımcıf. xııı
Noıeiııiuz nı«:Nscı-ıE:~fcEirızi.\†scnArr <uı~m mia
srurızuonmıuuc ızemrrvızn Normaııflrew UND
ıo ANonAı.rr}i~rı~:N. nas ı›noiıu:M man rnısmıscı-rien wıztr
FÜR _μ:oeRMANN›
<wohl Sommer 1931 ›
Wichtige Überlegungen zur Mstlwıie einer systemızlischm Auslegung der
Well der Erfahrung - lranszendmılale Ästhetik -, fmtologísch und kon-
l5 stílulı`1ı›sub7'eklı'v, hauptsächlich in Rücksicht auf die Stu/en der Normali-
tät-Anomalitıit.

Zu einer vorgegebenen Welt gehört eine Allheit ihr zugehöriger, mit-


einander unmittelbar oder mittelbar tätiger Menschen, denen sie als
20 dieselbe vorgegeben ist, als dieselbe psychologisch konstituiert ist.
Ideal gesprochen: Wäre wirklich für einen jeden dieselbe Welt_ vor-
gegebenl und infolge davon das Weltleben der Menschen auf diese
identische, und für sie identische, bezogen und würde auch durch
fortgehende Humanisierung die Identität der vorgegebenen Welt
25 für die Menschen (alle neu hineingeborenen natürlich mitgerechnet)
identisch dieselbe bleiben, so gäbe es keinen Unterschied zwischen
Gebildeten und Ungebildeten, von Gelehrten und Laien etc. So,
wenn wir die Vorgegebenheit im eigentlichsten Sinn aktueller Vor-
gegebenheit verstehen. Aber nicht jeder hat wirklich Zugang zu
30 allem, was ist, für jeden ist zwar Welt mit einem unbekannten Ho-
rizont bewusst, aber nicht jeder kann unmittelbar oder mittelbar
durch Erfahrung Kenntnis von allem Unbekannten gewinnen; mittel-
bar, sofern er die Erfahrungen Anderer, bzw. die Erfahrungsbeschrei-
bungen derselben übernimmt.
35 Wie in unserer Welt? Auch Wissenschaften kommen in der Welt vor,
auch Staat und Staatsgesetze usw. Nicht jeder kann die Wissenschaf-
ten kennenlernen, kann von ihren Theorien „Erfahrı.ıng" gewinnen,
und das ist, sie naehgestalten, einsehen, dadurch nachverstehend, nach-
einsehend die in der Arbeit der erfahrenden Forscher gewordenen Gei-
40 stesgebilde. Religiöse Symbole, Dogrnen etc. sind auch zur Welt gehö-
rig, aber direkt Zugang hat zu ihnen, der in der betreffenden Religion
steht, jeder andere indirekt, sofem er im unvollkommenen Nachver-
1 inn sinn von sıstneıı ıngangnsısz
22B „C.›\RTESl.\NlSCHE l\!ED['l`A'l`IONEN" 1931-1932

stehen als Irreligiöser oder einer anderen Religion zugehörig nur soviel
versteht, dass dergleichen etwas ist, was der Gläubige im wirklichen
Glauben in einer gewissen Weise realisiert, ähnlich wie der einer Wissen-
schaft Unkundige die indirekte Vorstellung von „Kundigen" hat, für
5 welche die unverstandenen oder halbverstanrlenen Sätze und Be-
gründungen volle Bedeutung und die Kraft der wirklichen Einsicht
haben. Ebenso hinsichtlich der Kunst. Die Laute hören ist nicht die
Musik hören, und die Musik als eine Verkettung von einzelnen Harmo-
nien hören ist nicht die Symphonie, das Quartett etc. in seinem wirk-
IO lichen Sinn unrl seiner Eigenart wirklichen Seins in sich aufnehmen.
VVas besagt das also, eine Menschheit als Allmenschheit einer ihr
identisch vorgegebenen Welt, oder wenn ich sage als Phänomenologe:
mir ist die Welt vorgegeben, ich bin mir dabei selbst als Mensch vor-
gegeben, der Welterfahrung und durch sie Welterkenntnis hat, der an-
l5 dere Menschen erfährt als Welt, dieselbe Welt Ertahrende und Erken-
nende, und transzendental, ich bin auf eine transzendentale Intersub-
jektivität bezogen, die eine und selbe Welt konstitutiv gemeinsam hat?
Was besagt da identische Welt und Konstitution derselben, was cha-
rakterisiert d.ie Subjekte als Subjekte „tür“ diese Welt?
20 Ich bin Vlfissenschaftler. Ich rechne Wissenschaft über, Theorie
über die Welt nicht mit. Vorarıgeht Welt rein aus Erfahrung. Aber
was besagt das? Ist Wissenschaft nicht eine Form der Kultur, und ge-
hört Kultur nicht zu den Erfahrungstatsachen der Welt? Gehört dazu
ihr wissenschaftlicher Wert (die Wahrheit der Theorien oder die Un-
25 wahrheit) mit, der in der einsichtigen Begründung als Ergebnis auf-
tritt? Die Wissenschaftsgeschichte, die Kunstgeschichte etc„ die Kul-
tur in ihrer Geschichtlichkeit werden wir aus der tatsächlichen Welt
nicht verbannen.
Gewiss, aber wir werden doch sagen: Nehmen wi.r die Einstellung
30 auf die Welt bloss als Universum der tatsächlichen Realitäten, so
befasst sie die Natur, die Menschen und ihr reales Leben, ihre realen
Vermögen, ihre realen Identifizierungen, ihre realen Evidenzen und
Vemıögen, Evidenzen zu wiederholen und in der synthetischen Wie-
derholung immer wieder dasselbe als evident seiend zu finden. Die
35 Theorien selbst gehören nicht zur Welt, sondem die entdeckten <The-
orien› als entdeckte von dem und jenen Menschen, also besser, die
Entdeckungen entdeckender Personen und die Vermögen anderer Per-
sonen, nachzuveıstehen, mitzuurteilen, mitzuerkennen etc. Dem Be-
griff der Realität entspricht der Begriff der realen Erfahrung.
40 der Erfahrung im gewöhnlichen Sinn, genauer: Erfahrung der Körper-
welt, Erfahrung von der Menschen- und Tierwelt und der Pflanzen-
welt, der Natur im weitesten Sinn (wohl die çóctç der Alten).
Was ist das nun, mit einer Allheit von Anderen dieselbe Welt vor-
gegeben' haben, 'dieselbe Natur, denselben Raum, dieselbe Zeit, erfüllt
45 mit denselben'Realitäten, denselben Dingen, denselben Menschen und
Menschengemeinsclıaften, denselben Kulturobjekten, denselben realen
Tatsachen jeder Art? Aber ich und jedes Ich haben Welt nur horizont-
ı±eıı.A(;ı§ xııı 229

haft und wir haben nicht dieselben Tatsachen wirklich gegeben, nur
vorgegeben. Und weiter, wir sind wcit entfernt davon, all das, was
einer als tatsächlicher Mensch in sich erlebt, z.B. wenn er ein Newton
ist, als 'Tatsache durch Nacherfahrung erfahren zu können, und selbst
5 dann nicht, \vcnn dieser Newton uns selbst von seinem Leben Mit-
teilung machen wollte, so gut er es seinerseits kann. Nicht alle Tat-
sachen sind, und nicht bloss weil wir gehemmt sind, in der Ausübung
unserer Vermögen zugänglich. Der reife Mensch, der nie Wissenschaft
getrieben hat, kann nicht wissenschaftliches Denken naclıverstehen,
10 und im allgemeinen ist sein Leben zu kurz, um noch die entsprechen-
den Vcrmögen in sich auszubilden. Und doch ist auch Newton oder
Einstein für jedermann in der Erfahrungswelt da,~ von jedermann als
Mensch verstanden, nur eben unvollkommen. Die Welt hat nicht nur
den allgemeinen Horizont, sondem die Einzelrealitäten, die schon erfah-
l5 renen, haben selbst in der Erfahrung ihre Horizonte, und diese sind
keineswegs vollkommen zugänglich. Die Erfahrungswelt ist ein offenes
Universum erfahrbarer konkreter Realitäten. Insofern haben „wir"
alle eine Erfahrungswelt, als wir Zugang haben (mindestens indirekt und
mittels all der Anderen, zu denen \vir Zugang haben) zu allen Realitä-
20 ten, zu denen sie Zugang haben, und zwar als denselben Gegenständen
möglicher Erfahrung, obschon wir und sie nicht zu allen objektiven
Merkmalen dieser Realitäten Zugang haben. Was irgend jemand kon-
kret gegeben hat als ein Reales in Wahmehrnung und in einer anschau-
lichen Abwandlung von Wahrnehmung, das kann ich entweder auch
25 wahrnehmen oder ich hätte es können oder ich kann es mir in`Über-
nahme seiner Erfahrung mittelbar anschaulich machen (als wie wenn
es ein Wahrgenommenes wäre) etc.1, ja das Reale in einer Erschei-
nungsweise, einer Anschauung, die es individuell in eigentlicher oder
uneigentlich-mittelbarer Weise zur anschaulichen Geltung bringt, oh-
30 schon mit einem zum Teil vielleicht ganz und gar unzugänglichen Ho-
rizont.2
Es ist dann aber das Problem: wie die Welt vorgegeben sein kann als
eine an sich bestimmte, also doch für jedermann seiende, auch
nach dem Unzugänglichcn für viele Menschen. Gewinne ich Einsicht
35 in die psychische Art und Leistung eines produktiven Geistes, ich
vielleicht als dcr einzige, wie komme ich dazu, das zur Welt des Jeder-
mann zu rechnen, meine Näherbestimmung des Horizontcs als Näher-
bestimmung des Menschen, der für jedermann dieser Mensch ist, zu
beanspruchen? Es ist ja nicht allgemein mitteilbar, es kann nicht all-
40 gemein übemommen werden als wie eine Erfahrung und nicht für je-
dermann durch Einfügung in den einstírnmigen Zusammenhang der
intersubjektiven Erfahrung bestätigt oder korrigiert werden.
Was ich in meiner einstimmigen Erfahrung kenncnlerne als die mir
1 Das gm nn ane, die unmmeıbaf oder mmeıım am mit an waımtııem Kann“
neben.
1 .,w=ı1m@›mung" _ hier nmııııeu zugerechnet am rmmawaimesmung una
am vefwsmııungsmodı der Annogisiemng van riefen mn Mensehen.
230 „CAR'rı:sıANıscurs ı\1ııı›i1"ArioNuN" 19314932

schon geltende Welt bestimmend, das geht auch die Welt, die der An-
dere erfährt, an. Er ist fiir mich konstituiert als auf dieselbe Welt heıo~
gen. Ich erfahre ihn nicht als all das im einzelnen erfahrend, was ich
erfahre, und alle Bestimmungen desselben erfahrend, das wir erfahren,
5 obschon ein Boden der Gemeinsamkeit wirklicher Erfahrung durch die
Einfühlung selbst gegeben ist als ein Bereich gemeinsam wirklicher Zu-
gänglichkeiten. Das betrifft die Schichte derkonkreten, deskriptiven Na-
tur, der physischen; ebenso die Leihlichkeit und eine kleine Schichte,
Struktur der Seele, des personalen Lebens und Treibens, insbesondere
10 des Instinktlebens, iibergcleitet in bewusste Bedürfnisse und typische
Weisen der Bedürfnisbefriedigung. Indem ich Andere in tieferen
Schichten mir zur Erfahrung und Erkenntnis bringe, so liegt in der
Übertragung nicht die Meinung, dass der Andere zu denselben wirklich
ebenso Zugang hat und das entsprechende Vermögen dazu hat wie ich,
15 und ebenso bei sonstigen realen Tatsachen der Welt. Wir erfahren den-
selben Realitätenkreis und im besonderen das betreffende Reale ge-
rneinsarn, wir haben überhaupt gemeinsame Erfahrungswelt. Jede Er›
fahrung, die ich nun hinsichtlich eines Realen mache, gilt, solange sie
undurchstrichen bleibt durch hervortretende Unstirnrrıigkeit, <sie ›
20 bleibt fiir die gemeinsame Welt in Geltung, solange sie die intersubjek-
tive Einstimmigkeit nicht stört, Dass der Andere gewisse Erfahrungen
nicht hat und gar nicht haben kann, als wie er ist, stört nicht die Ein-
stimmigkeit. Meine erweiterte Erfahrung gilt also fort für die Welt,
die unsere gemeinsame Eríahrungswelt ist, Für die Anderen wird, was
25 ich vielleicht als einziger erfahre, und in einer Weise, die Mitteilbarkeit
und Übersetzbarkeit in analogisierende Anschauung ausschliesst, doch
als indirekte Anzeige auffassbar, wenn ich (wie etwa, wo es Erfahrung
von wissenschaftlicher Erkenntnis ist) Konsequenzen ziehe und diese
sich bewähren, und zwar in einer für Andere anschaulich verständli-
3O chen Weise. Dann surrogiert ihm für die fehlende Erfahrung der Ge-
danke einer „gewissen“ Einsicht, die der Andere hat, mittels deren er
weltliche Tatsachen voraussieht etc.
Eine Menschengemeinschaft, in der jeder jeden anderen als Mitsub-
jekt derselben Erfahrungswelt in dern Sinn erfährt, dass dieser in
35 Eigenerfahrungen direkten oder indirekten Zugang zu allen Realitäten
dieser Welt hat, ist eine normale Gemeinschaft. Jeder davon
erfährt den Anderen und <sich› selbst als normal.1 In diesem Sinn ist
ein Volk „primitiver Menschen" in Relation zu ih re r Welt, der ihnen
vorgegebenen, und in wcchselseitiger Übernahme der Erfalınmgen
40 stimmend normal.
Das sagt also nicht, dass alle auf gleicher Stufe stehen. Es gibt ja
noch einen anderen Begriff des Normalen, Innerhalb desselben Volks-
kreises gibt es in der sinnlichen Erfahrung und in allen Vermögen
Unterschiede, Untemormale (vorübergehend oder dauemd, also das

1 Aber das ist noch ungnnau. Die Gemeinschaft muss als eine Allheit von Menschen
gefasst werden, am, sei es „mh sn mmeıim-, an eiianrungskonnex szenen.
13En.Ac.ıı xııı 231

erstere in der Krankheit, die jeden treffen kann) oder Übernormalc


und auch daucınd Abnonne wie Farbenblindc, Taube etc. und eben-
so übernurmal Verständige, unternormal, etwa Durnmköplc etc.,
auch Aııorınc als Idioten. Es handelt sich da um eine innerhalb der
5 Normalität im vorigen Sinn verlaufende Typik. Es ist konstituiert
eine Du.rchschnittlichkeit,1 in welcher eben durchschnittlich genommen
so und so sinnlich Welt gesehen, gehört etc. wird und so und so beur»
teilt, gewertet, so und so praktisch gehandelt. Dem entspricht die Er-
fahrungswelt des Menschen in der Durchschnittlichkeit, was ihr crfah›
10 rungsmässig allgemein gesprochen zugehört 2 und für „jedennann" in
ihr die Weltvorstellung bestimmt. Aber die durchschnittliche Welt-
vorstcllungi* ist nicht die Welt selbst, die für diese Menschheit übere
haupt geltende. Und schliesslich gehört auch das zum allgemein Be-
kannten und ll/Iitgcltenden, dass es Ausnahmsmensclıen, Übernormale
I5 gibt, denen noch manches zugänglich ist, was nicht dem Durchschnitts-
menschen zugänglich ist.4
Die Welt in der Erfahrungsgestalt der Durchschníttlichkcit 5 ist na-
türlich viel reicher als die allgemeine Erfahrungswelt von Men-
schen, die zu allem Realen Zugang haben. Das Kind Z.B., das alles
20 zwar „sieht", aber so wenig noch „versteht“ von der Menschen- und
Kulturwelt, ist kein Subjekt jener Durchschnjttlichkeit der Reifen.
Die Erfahrurıgswelt hat für jeden Reifen 5 eine Typik, eine allgewohnte
typische Gestalt, auf die im praktischen Handeln beständig gerechnet
wird. Auch das muss sich konstituieren, Ein ungewöhnlich dummer
25 Mensch, ein Idiot, kann insoweit normal sein, dass er eí.ne pure Reali~
tätenwelt mit den Normalen gemein hat, aber er ist wie ein Kind oder
noch dürnmer wie ein Kind.
Ist nun schon alles in Ordnung? Stehen wir nicht in Abstraktion
und müssen wir nicht durch bewussten Abbau die richtigen deskrip›
30 tiven Abslraktionen gewinnen und von da aus in Schritten der Kon~
kretisierung zu der wirklich konkreten Welt und weltkonstituierenden
Subjektivität überführen als derjenigen, die ich, der Philosophierende,
als unsere Eríahrungswelt ansprechen kann?
Muss ich nicht von dcr Gnmdtatsache ausgehen: Ich bin Subjekt
35 einer Wclt, in welche ich menschlich hineinlebe und die imnier schon
für mich ein Universum der Vorhandenheit ist, von Realitäten, auf die
ich <in› Erfahrung bezogen bin und die mich als erfahrene und erfahr-
bar für mich seiende „etwas angehen" oder „nichts angehen", die po_

1 Bezogen auf die Typik der Lebensalter als aer enıwirkıungssın-lien, abrr auch
.ier sıarrae, der nrrrrfsseınenıeır. V
= nur jede enıwiekıurgssrufe.
1 Jedes Lenrrraıırrs.
1 es gib: rısn „sem eins, sondern vısıe nurmcirriııııenkeireu, unter innen eine
osrrsrr oder mehrere oberste.
ß „Duru›s«nniıuırı1ırei±" naemrägıuıı verandert in „Durchschnittıi@ırırei±=r". ~
Anni. d. I-ırsg.
f srmer cruape.
232 „cr\R1`ı-:sıfmıscrm nr-;ı›rTr\'rıoNi:N" ı<›sı-ı<›s2

sitiv und negativ praktisch für mich in Frage sind? In dieser Wclt sind
für mich Andere vorhanden, aber sie sind zugleich Mitsubjckte der Er-
fahrung und der Praxis, in dieselbe Welt lıineinlebend, und in Gemein-
sclıait mit mir, praktisch und erkenntnismässig. Diese Welt als eine
5 und dieselbe für uns alle, in die \vir alle in mittelbarcr praktischer Ge-
meinschaft gemeinsam lıineinleben, steht ihrem Sein nach in der Korre-
lation der Vorhandenheit für das Uns-angehen (einzeln und in Ver-
gerneinsehaftung), und uns als Subjckten, die sie etwas angeht. Aus
dem aktuellen Angehen der Beschäftigung rnit ihr nimmt sie immer
10 neuen Inhalt als vorhandene, als vorgegebene an. Das ist dic Grund-
tatsache. Einheit dieser Welt für „uns alle" ist korrelativ Einheit der
miteinander unmittelbar oder mittelbar in Lebenskonnex, der erfah-
render, wertender und letztlich praktischer Konnex ist, stehenden
Menschen, wie diese Welt selbst für sie - für uns alle ~ praktische
I5 Umwelt ist.
Wie nun zur Heimwelt und von dieser weiterkommen, wie die
Heimwelt in ihrer konstitutiv fundierenden Gestalt durch Abbau be-
stimmen? Sollen wir sagen: Die Welt als Lebensumwelt, also prak-
tische Umwelt, hat einen unpraktischen Horizont, einen unerfahrenen,
20 unerfahrbaren, praktisch nicht bloss „ausser Spiel "geIassenen (was
schon praktisch wäre), sondern überhaupt für Praxis nicht in Frage
kommenden Horizont? Das kann nur heissen, es liegt in der Art des
Seins und Lebens dieser Menschheit und ihrer Lebensumwelt, dass sie
sich in einer praktischen Eríahnıngs- und Wirkungsendlichkeit hält,
25 dass die praktische Unmöglichkeit weitergehender Erfahrung die
Praxis, die Lebenswelt einengt und nur die leer-gedankliche Möglich-
keit einer weiteren Erfahrung übrig ist, die als praktisch undurchführ-
bar ausser Betracht bleibt, wie etwa die Lebenswelt eines Inselvölk-
chens, das ganz isoliert seine .,Weltvorstellung" hat und seine Welt als
30 endliche Lebensumwelt, So kann überhaupt in verschiedener Weise
eine relative geographische und zunächst unüberschreitbare Grenze da-
sein und für die Lebenswelt bedingend. Es kann aber auch, während
schon ein weiterer Horizont von Menschen- und Weltdasein (andere
Lebenswelten) gebildet ist, eine Heimwelt, bzw. eine praktisch ge-
35 schlossene Umwelt in Endlichkeit (im wesentlichen) verbleiben.
Das gibt eine Stufenordnung relativer Normalitäten und Anomali-
täten und Stufen der Erweiterung „unserer“ Welterfahrung und der
erfahrenen Welt als solcher. Genauer gesprochen, der Welthorizont
gewinnt immer neue Besetzung durch Erfahrungen und entsprechende
40 Korrekturen und Vorzeichnungen, wonach er aber immer eine Offen-
heit behält, und das sagt Unbestimmtheit, die immer wieder neue Be-
stimmung, Näher- und Andersbestimmung, durch Erfahrung als Vor-
zeichnungen annehmen kann. Wir sagen, der Mensch lernt durch fort-
schreitende Erfahrung seine relative Umwelt überschreiten, er lemt
45 die Welt immer besser kennen. Umgekehrt müssen wir transzenden-
tal Sagen, er konstituiert für sich mit einem immer reicheren Sinn die
Welt, die ihm gilt, aber nur mit einem unbestimmten Horizont gilt.
iiizıhncıs xiiı 233

In dieser Relativität haut sich überhaupt in der lebendigen konsti-


tutiven Genesis die konkrete Welt auf als Welt für den im allgemein-
sten und erweiterten Sinn normalen Menschen. Er ist nicht mehr bloss
der Normale seiner Heımwelt, sondern der Normale der in syntheti-
5 scher Erweiterung der Umwelten zu gewinncnden Menschen- und
Weltcrkenntnis. Von meiner Heimwolt nus, als Welt einstimnıiger in-
tersubjektiver Erfahrung der mit mir Einlıeimisclıen, ist für ınich und
uns schliesslich jeder Fremde normal, sofem er verstanden ist so wie
ich und \vir Einheimischen als Subjekt senior irı einstimmiger Erfahrung
10 konstituierten Heimwelt, bzw. als Genosse seiner Gemeinschaft Ein-
heimisclıcr, verbunden durch einstimmige Erfalıningsgemeinschaftl
Den Fremden so verstehen, so apperzipieren ist selbst eine noch un-
bestimıntere Horizonteríahrung; zu wirklich explizitem Verstehen, zu
wirklicher Erfahrung des Anderen und sich voll lıerstellendeı' Erfah-
15 rungsgemeinsclıaft mit ihm gehört, dass ich seine Heimwelt, die für
ihn jeweils vorhanden ist, wirklich kcnnenleme bzw. die heimatliche
Menschheit in ihrem umweltlichen Leben, Wirken, Schaffen, in der
diese I-Ieimwelt ihren Seinssinn bekommen hatte und noch weiter be-
kommt. Diese Kenntnis verschafft wissenschaftlich-methodisch die
20 Geisteswissenschaft als Wissenschaft vom Menschen in seiner Heim-
\velt und weiter von den Menscliheiten in ihrem auf relative Umwelten
bezogenen und doch in Verbindung tretenden Kulturleben?
Aber ist so der primitive Mensch nicht Mensch einer primitiven
Heimwelt und somit nicht im selben Sinn normal? Natürlich. _
25 Es ist nun aber zu überlegen: Eine erste seiende Welt habe ich (in
meiner kindlichen Genesis) als einstimmig erfahrene Heimwelt meiner
Einheimischen. Verstehe ich nun Fremde als Subjekte ihrer Heimge-
nossensclıaft und ihrer anderen Heimwelt, so ist diese für mich zn-
nächst ihre veı-meinte Welt, und es ist die Frage, inwiefem ich und wie
30 weit ich ihre (der Fremden) Erfahriıngsgeltungen im Nachverstehen
übernehmen, also zu einer Synthesis ihrer Heimwelt mit der mei-
' Was soll das aber konkreter heissen? Zunächst, ich leme als Subjekt einer Heim-
welc Fremde kennen nnd nine frnmrı« r-reimweıi nis van Frnmdcn vermninıe, mir
„unvnrsır;ndıich" his auf die nlıgemrinsu verständliche Fnrm ihrer vnrmeinıheit.
Da ist Gemeinsamkeit und Differenz und <der› Unterschied zwischen <der› Tatsache
der Koexistenz der Fremden una ihrer „weıtvnrsıeıınng", ihren wsııverhnıınngs-
weisen, nnd der Frage der Wahrheit. Die Eriahrungsweıt ist praktische welt im sinn
der Heimwelt. Und so scheidet sich erst seien de Welt und Hei Iııwelt dadurch,
dass nun mehrere r-ieimweııen sind und ihr verschiedenes praktisches Gnsinhc anbei
haben.
l Natürliche Entwicklung des Mensehen zum Menschen seiner Heiınwelt von der
Kindheit her; ein i-isimweıc als ihm gehend, das Knrreıat. Dnnn nber Prnhıernn ner
Historie, der Entwicldung der Heimwelten und Menschheiten in Korrelation und im
nimnmnarr. _ unsere hrimisnhn nnrnr, unsere crerehiehce, in der wir geworden
sind und unsere umwelt hismrischns Gericht, Knıınrgesiehı <erwnri›en› hans. ihre
«ırr ı=rnrnrien› r-reimweıı, ihre crwninm. Knnn ich rnaers nis im Nrnhverrrehrn,
wenn es wirklich geıange, rnieh sozusagen durch hismrisehe Eininırıung in sie verset-
ıen, mic ihnen iehen, mich nnıschnirırn, ihnen zustimmen? ist welt eine iorısnhrei-
tunde Synthesis historischer Endlichkeiten? Die Wissenschaft - die Phänomenologie
und die Unendlichkeit.
234 „CARTESIAN ISC!! E MEDITATION EN " l93 l--l 9132

nen fortsclireiten kann. Wie komme ich, und muss ich kommen, zu
einer übergreifenden Einstimmigkeit? Aber kann ich nicht von mei-
nem transzendentalen Boden aus meiner Primordialität, meiner;Ein-
fühlung und durch sie mei.ııer möglichen Gemeinwelt wesensmässig er-
5 forschen, welche Struktur eine Welt überhaupt als eine Heimwelt ha-
ben muss und welche Struktur eine eirıstimmige Welt überhaupt,
durch welche Synthesen welcher Heimwelten immer sie für mich <in›
relativenı Sinn (relativ durch ihren offenen Horizont) zustande kom-
men mag, in Wesensnotwendigkeit haben muss, also auch die Wesens-
I0 struktur einstimmiger, sei es auch internationaler, interkultureller Er-
fahrung, und die Wesensformen möglicher wechselseitiger Korrek-
turen ?,I-Ieimweltliche, nationale und sonstige Einstimmigkeit relativ
abgeschlossener Menschheiten ist noch keine universale Einstimmig-
keit, Im Wesen der kontinuierlich sich bewährenden Einfühlung liegt,
I5 dass wir Beteiligte im Miteinander auf dies el b e Welt bezogen sind,
derselben Heimmenschheit angehören. Das schliesst im einzelnen
Fall, wo ich mit einzelnen zu tun habe, aber auch wo Gemeinschaften
in Frage sind, nicht wechselseitige Korrekturen aus, ja die Mögliclıkeit
solcher ein. Es ist also nicht gesagt, dass ohne weiteres, was ich als
20 Welt einstimmig in Erfahrung habe, seine Einstimmigkeit auch behält
als Teil der begründeten einstimmigen Synthesis meiner und Anderer
Erfahrungen und Erfahrungseinstimmigkeiten. Die Frage ist nicht,
wer da in seiner Immanenz der Erfahrung den Vorzug hat, sondem wie
es mit der Gemeinschaft der beidseitigen Gesamterfahrungen in ihrer
25 möglichen oder herzustellenden Synthesis der Einstimmigkeit steht.
Stellt sie sich her, und sugar in Synthesis mit immer neuen Menschhei-
ten her, so kann immer noch die Frage nach der Endgültigkeit dieser
Einstimmigkeit gestellt werden, oder vielmehr, es ist i.mmer wieder die
Einstimmigkeit eirıe relative und in Bewegung. Die Eıfahrung, Einzel-
3O und Gemeinschaftserfahrung, steht nicht still. Es ist dabei zu beden-
ken, dass ich die mir seiend geltende Welt auslegend und die Geltung
von mir aus, auf Einstimmigkeit als Korrelat des Seins bedacht, korri-
gierend, doch nicht Welt als die meiner bloss privaten Überzeugungen
im Auge habe, sondern die Welt für alle. D.h., in rnir der Anderen Er-
35 fahrungen und Einstimmigkeiten nachveıstehend, lasse ich sie gelten
als meine Welt mitkonstituierend, solange als Erfahrungsunstirnmig-
keit nicht zur Durchstreichung führt und ihre Erfahrungen sich als
täuschende Illusionen mir enthüllen. Hier habe ich die Möglichkeit,
von meiner Erfahrung aus, der unmittelbaren, eigentlichen, primordia-
40 len aus, die Wesensmöglichkeiten der einstimmigen Einfühlung ver-
schiedener Stufen und der durch Synthesis herzustellenden Einstim-
nıigkeiten zu erfoıschen, in Rechnung ziehend die möglicherweise rnit-
geltenden Anderen und ihre Erfahrungsgeltungen, dadurch eine mög-
liche Erfahrungswelt als Umwelt aller in der Einheit einer Erfahrungs-
45 gemeinschaft stehenden Mitmenschen und einer verbundenen Mensch-
heit überhaupt zu umzeichnen, und zwar i.n offener Unendlichkeit.
Das wird die Aufgabe einer transzendentalen Ästhetik,
ı:ı;ıı.AGıı xırı 235

einer transzendentalen „Empiriogrnphie" ergeben, die eine allmensclı-


heitliche Erfalirungs- und Erfahrungswcltstruktur entwirft, die als
Norm der Kritik der relativ einstimmigen Erfahrungswelten und
Meinungswelten irgendwelcher Mensclılieiten zu dienen hat. Zur em-
5 piriographisclıen (transzendental-ästlietischen) Sphäre gehören die
Menschen selbst und ihr Bewusstseinsleben, die Mensclıheiten, ihre
vermeinten Umwelten als solche und die ständige Lebensbewegung, in
welcher die bewegliche Lebensurnwelt der Allgemeinscliaften, der
Heimgenossenschaften stehend-strömend sich wandelnde ist und ilırc
I0 Einheitlichkeit und innere Typik relativ erhält; korrelativ die Seins-
weise der Menschen, ihr Sein im Werden, ihre Persönlichkeit von Kind-
heit reifcnd und fortentwickelnd, dabei die Gemeinschaft in Gemein-
schaften, etc. Das alles als im weitesten Sinn Psychologisches und Psy-
chisches. Sofern aber die Aufgabe eine transzendentale ist, sind die
15 Menschen zwar transzendentale, also absolute Subjekte geworden, und
zwar Subjekte, die in sich transzendental eine vermeinte und rela-
tiv auf sie einstimmige .,Welt" konstituiert haben. Zugleich sind sie
aber in Frage als konstituierende Mitsubjekte für die Welt, die in
Erfahrungswahrheit die meine und dieselbe für alle Mitsubjekte ist,
20 die sich in einer möglichen Einstimmigkeit der intersubjektíven Er-
fahrungen konstituiert, also die Frage ist, ob und wie meine und al.ler
transzendentalen Mitsubjekte Erfahrungen u.nd relative Erfahrungs-
einstimmigkeiten zu einer universalen für immer in íøı/inítuırı fortzu-
führenden Einstimmigkeit zu bringen sind in dem angezeigten und
25 mehr oder minder verwirk.Lichten Konnex ırıit den fremden Heim-
genossenschaften etc., bzw. der Offenen Beweglichkeit der Konnex-
bildung.
Wir sehen, die Frage nach der transzendentalen Konstitution der
für mich seienden Welt hat ihre Stufen; die nächste ist die Stufe der
30 Konstitution einer einstimmigen Hcimwelt. Und das Formale die-
ser Untersuehung bringt es mit sich, dass damit für mich auch das
Problem gelöst ist, wie irgendein für mich seiender Fremder einer frem-
den Heimwclt Heimwelt überhaupt konstituiert, wofern eben dieser
wesensmögliche, offen endlos mögliche Fortgang in der Frerndhcit und
35 der Ausweisung einer fremden Heimgenossenschaft vorher aufgewie-
sen und geklärt ist.
Das zweite ist das Problem der Kritik einer Heirnwelt i.m Horizont
fremder Heimwelten, bzw. der Kritik einer universalen Erfahrung, die
über alle synthetisch zu verbindenden Heimwelten Einheit herstellen
40 soll, bzw. eine wahre Welt herstellen. Die Frage betrifft nicht das
Faktum, sondern die Wesensmöglichkeit, also die Wesensform einer
durch die bloss relativen Heimwelten und ihre Synthesen reichenden
absoluten Einstiınmigkeit der Erfahrung ins Unendliche*
Zur Wesensform der Heimwelt und I-Ieimgenossenschaft gehört
45 schon eine gewissen Struktur. Jede I-Ieimwelt hat ihre Offenheit, die es
1 Problem der Kritik = Problem des echten relativen Sinncs.
23Ö „CARTESIANISCHE MEDITATIONEN" 19314932

als möglich erscheinen lässt, dass sie sich lıeimweltlich forterhält und
raumzeitlich erweitert. Zur Heimwclt gehört vor allem die I*`ormstruk~
tur der erfüllten Raumzeitlichkeit, der Aufbau aus einzelnen Realität«
ten in raumzeitlicher Ordnung, in Medis der Zeitigung, in rnumzeit›
5 licher Gestalt und nicht nur Lage hinsichtlich des raumzeitlichen In-
halts: die Kernstruktur blosse Natur usw. Da ergeben sich dann be-
sondere Fragen: z.B. Bedingungen der Möglichkeit einer Identität
eines Naturdinges als Gegenstandes möglicher Erfahrung, und zwar
einer allheitlich einstimmig durchzuiührenden Eríahrung.
10 Das Studium der Konstitution schon der Natur in der Heimsphäre
führt auf die Relativität der Konstitution: sinnlich normal erfahrene
Natur, Natur bezogen auf eine sinnlich normale I-Ieimgerneinschaft
und Identität der Natur für sinnlich Anomale in Synthesis mit sinn›
lich Normalen. Aber schon im einzelnen Individuum normale Konsti-
15 tution urid anomale von demselben.
Das überträgt sich ins Zwischenheimatliche. Es wäre z.B. denkbar,
dass die alten Griechen Wirklich in Relation zu unseren neueren Völ-
kern in bestimmter Weise farbenblind gewesen wären, obschon doch
die erfahrene Natur im Wesen dieselbe wäre.1
20 Die wahre Natur als synthetische Einheit aller nornıalrnenschheit-
Lichen Eríajırungen (normal im vorigen Sinn) ist eine idee, sie leitet
die Wissenschaft und ihre „Idealisíerungen", \ı.nd Wissenschaft er~
möglicht dann die Antizipation aller relativen, bloss sinnlich erfah-
rungsmässigen Naturen und korrelativ ihre konstitutiven Systeme. Die
25 Natur des Normalen in seinem Absehen von den Vorkommnissen der
sinnlichen Auomalität wird zu einem bloss relativen und „subjektiven“
Aspekt der wahren Natur als Idee. Die Natur aus wirklicher und mög-
licher Anschauung, in Einheit eines universalen „Bildes“ gedacht, ist
unerachtet ihrer Unendlichkeit ein blosser Aspekt, aber durch diese
30 Aspekte hindurch konstituiert sich synthetisch auf Gnınd dieser „Er-
fahrung“ intuitive Identität?

B1-:ILAGE xxv
<zuM Pnoßmn man wınxmnscı-IAUUNG. UMWANULUNG
FREMDER ERFAHRUNG m ıuöcucı-ıı~: ı:ıGı:NE›
35 (2. Oktober 1932)

1) W i e d e r h o Iun g der urmodalen strömenden Gegenwart meines


ego in erinnerender Modifikation - in stetiger Iterierbar_
keit.
I Es handelt sich dabei oifenbıı um Pmbıeme der Gesehiciıtıieiıııeiı, in der Mensch-
iıeiteu sind, die An, wie sie eine einzige Geschichte konsıinıiueu, wie wei: diese
reicht etc.
1 Das Problem der Koexistenz, der Möglichkeit einer Unendlinhkeiı von Heim-
welten in mittelbarem Kanne): in Beziehung auf das Problem der Konstitution einer
BBILAGE xiv 237

Das ergibt das primordiale cgologische Leben in seiner „Immancnz"


(immanente Zeitigung). Darin Konstitution der „transzendenten” Ob-
jektivitäten, universal der Welt, zunächst die abstrakte Schichte der
„primordialon Welt" (primordiale weltliche Zeitigung). Objektive Ge-
5 genwart, Vergangenheit und Zukunft als erscheinende: objektive Ge-
genwart selbsterscheinend als Wahrnehmung, ein inımanent selbstge-
genwärtiges Erlebnis, in der immanenten Gegenwart crschcinend die
objektive Gegenwart. Vergangenheit in der immanen ten Wiedererinne-
rungsmodiíikation erscheinend als objektive Vergangenheit ~ in der
10 immanenten Gegenwart erscheint wiedererinnerungsmässig vergange-
ne immanente Gegenwart, aber als vergangene Wahrnehmung, und so
trägt sie in sich wahrgenommenes Objekt in der intentionalen Modifi-
kation „vergangenes Objekt”, Objekt der vergangenen Zeitlichkeit
USVV.

15 Objektiv in Wahmehmung als selbstda Eıscheinendes und sein


Horizont potentieller „erinncrnder" Vergegenwärtigungen, durch die
sich das erscheinende Objekt in seiner Vielseitigkeit etc. selbst zeigt,
hätte zeigen können etc. „Mögliche Erfahrung", mögliche Wahrneh-
mung, Erinnerung etc., als Erinnerungsmodifikation, frei tätig in der
20 immanenten Sphäre zu erzeugende Immanenzen, also immanente Er-
innerungen, in denen verrnöge ihrer immanent auftretenden Modifika-
tionen objektive Gegenwart und damit modifizierte Gegenwarten sich
erscheinungsmässig konstituieren - in Einstimmigkeit der Seinsge-
wissheit, Dazu mögliche Unstimmigkeiten der objektiven Erscheinun-
25 gen (wie schon der immanenten Erinnerungserscheinungen), Modali-
sierung. Endlich die Geltungsmodifikation aller Modi als Phantasie
(Neutralitätsmodifikation). Die Zeitkonstitution abermals Konstitu-
tion durch modifizierende Wiederholung, iterativ.
2) Einschaltung der Einfühlungsmodifikation und
30 ih r e r I t e r a tio n _ abermals eine Abwan dlungsforrn der Erinne-
nıng, aber aller primordialen Erinnerungen und ihrer Modifikationen:
in der Immanenzsphäre ein Uberstcigen der Immanenzsphâre in Form
von primordialen Immanenzsphären, die den Sinn fremder haben. In
der eigenen Primordialität kommen diese fremden zur „Vorstellung",
35 und in Seinsgewissheit, durch eine Erinnenıngsmodifikation höherer
Modifikationsstufe, die eben das ganze primordiale Sein modifiziert
und in dieser Modifikation zur Seinsgewisshcit bringt. Alle früheren
Iterationen und Iterationsmöglichkeiten nunmehr wiederholt in Modi-
fikation. Dazu die neue Iteration dieser Modifikation selbst: Andere
40 der Anderen usw. Dann korrelativ konstituierte objektive Welt als
Welt für mich in eins mit den in meiner Immanenzsphäre erschlossenen
Anderen und Anderen der Anderen etc. Die primordiale Zciträurnlich-
keit wird zur allsubjektiven Zeiträumlichkeit. Die fiir mich als ego rnit-
einander vergerneinschaftetcn Primordialitäten sind konstituiert als

unendlichen Natur aus den unendlichen heimweltliehen Natiıren bietet noch andere
seiten, die grosse uaimucıiungeu emniem.
238 „CAR'l`l3SIAI\'lSCl~ll_-I MEl)lTA'l`lONl_~`.N" 19314932

eine vergeıneinschaftcte iııtersubjektivc lmnıanenz mit lchsubjekten,


die füreinander aktuell und potentiell da sind, in diesem Füreinzınder-
da in soziale Akte treten können etc. In dieseriVergemcinschaftung;der
Irnmanenzen eine Vergerneinschaftung der Welterscheinungen aller
5 cinzelsııbjektiven Primordialitäten und intersubjektive Konstitution
eben der einen objektiven Vifell für alle, d.i. als im Durchgang von der
eigenen Primordialität zu den sich in ihr „erinnerungsmiissig'Lbekun-
denden durch motivierte Mitgeltung (abgesehen von Modalität und
Korrektur) sich in ihren Wirklichkeiten und Möglichkeiten zeitigend.
10 Ich verfüge nicht nur über meine primordialen Erinnerungen, sondern
auch die fremden Erinnerungen (in allen Stufen, die fremden realen
Wahrnehmungen, realen Wiedererinnerungen, Erwartungen, „mögli~
chen" Erfahrungen für unwahrgcnommene Gegenwart, für nie wahr-
genommen gewesene Vergangenheit etc.) sind für mich wie für jeden
15 verfügbar.
Das Problem in exemplarischcr Formulierung:
„Selbstverständlich kann ich und jedermann in sich eine
einheitliche Weltanschauung bilden, als ob Welt Einheit seiner ei-
genen möglichen Erfahrung (in seiner eigenen Prirnordialität) sein
20 könnte. Wie kann ich ihr Geltung geben, ja sie gibt sich doch schon als
Evidenz?” Problem der Kritik dieser Evidenz.
Ich bin mich erinnernd bei meinem vergangenen Ich und seiner inf
tentionalen Gegenwart, der ihm erscheinenden im Wie. - Ich bin mich
in den Anderen einfühlend bei „meinem“ anderen Ich, bei seiner Im«
25 manenz und seinen Erscheinungen, dem ihm Erscheinenden i.m Wie.
Geschieht das in Anschaulichkeit, so habe ich eine gewisse intentionale
Modifikation von Erinnerung, und zwar hinsichtlich seines Wa.hrneh~
mungsfeldes ist es eine mibgegenwäıtigende Erinnerung ähnlich wie
eine nicht einfühlungsmässige Mitgegenwärtigung bei primordial mir
30 mitgegebenen Objektseiten, indem ich mir sie jetzt anschaulich mache:
hier als mögliche Wahrnehmung, die ich künftig haben würde, wenn
ich entsprechend „hinginge", das unverändert gedachte Objekt ist
dabei bestimmend, oder wenn ich früher mein Wahmehmen passend
dirigiert hätte. Sage ich statt dessen, ich vergegenwärtige, wie das
35 Objekt aussehen würde, wenn ich statt hier dort stände, so liegt darin
nicht minder horizonthaft die Potentialitåt im System meiner kin-
ästhetischen Vermöglichkeiten und der zugehörigen Erscheinungssynf
thesen als möglichen Wahrnehmungen.
In der Einfühlıuıg ist der Andere als entsprechendes Vermögens-Ich
40 vergegenwärfigt in der neuartigen Modifikation. Als das ist es eine
neue „Wiederholung“ des in meiner Primordialität Gegebenen. Mich in
meiner Sphäre erinnernd sage ich: Es ist, als ob ich im Damals jetzt
wäre, aber das Damalige ist nicht jetzt, es vergegenwärtigt einen Zu»
sammenhang der Erinnerung mit möglichen Folgen von Erinnerungen
45 innerhalb eines möglichen Erinnenmgssysterns.
Das dem Anderen Gegenwärtige ist aber für mich Mitgegenwart, und
in einem Nahfeld habe ich Identitätssynthesis zwischen einer prím›
ßnn./icis xıv 239

ordial erreiclıbarcn Mitgegemvart und dcr einfühlnngsmåissigcn. An~


dererseits aber ist, was ich als bestimmt eingcfühltc Mitgegenwart er»
fahre, eine Miterfalırung, durch die ich mein Feld des primordial Be-
kannten synthetisch erweitern, Meine Kenntnis meines Objekts, des
5 von mir erfahrenen, bzw. meines Objektfeldes reicht nun weiter, als ob
ich selbst hingcgangen wäre etc. Nun habe ich aber auch mittelbare
Einfühlung, freilich durch indirekte, etwa sprachliche Mitteilung, und
da komınc ich auf Erweiterungen, die nıein Vermögen überschreiten.
Insbesondere aber nicht hinsichtlich der bestimmten Mitgegenwart,
lO sondem hinsichtlich dcr Vergangenheit, und von da gewinne ich indi-
rekte Indikationen (Induktionen) für das, was in der Gegenwartswelt
ist -_ da, wie ich voraus geu-iss werde, aufweishar sein muss, vorfind»
bar, obschon es in der Gegenwart nicht vorgefunden wurde und nicht
aus der erweiterten Gegenwartszeit in den Bekannthcitsbereich des je»
15 weils aktuell Wahrgenommenen schon aufgenommen ist.
Ich kann mich in alle Zeiten versetzen, in alle historischen Zeiten,
bezogen auf die generativen und kommunikativen Menschheitcn in der
Einheit einer Menschheit. Ich „interpretiere" Sonne, Mond, Sterne,
Milchstrassen etc. als ferne Körper, ihre Erscheinungen als Femer-
20 scheinungen, zu denen wie in meiner nächsten Umweltsphäre Naher~
scheinungen gehören müssten. Ich kann mich überall hinversetzen?
Ich kann mir denken, dass ich, wie ich in meiner Nahwelt bald bewegt
bin und mich bewege, auch den fernen und fernsten Raum durch Be~
wegung erreichen könnte ¬ mein íaktisches Vermögen reicht dazu
25 nicht hin und es ist notwendig endlich. Und ich weiss, dass die Sonnen»
hitze, wenn ich zu nahe käme, mich vernichten würde - aber auch
einem Hochofen kann ich nicht zu nahe kommen. Wie kann ich alle
Erscheinungen meiner Prirnordialität apperzipieren mit einem Seins-
sinn, der für alle Körper ein gleiches System möglicher Erfahrungen
30 in Geltung hat, und wie kann ich alle Erscheinungssysteme, bzw. alle
primordialen Dinge und Welten, die eigenen und fremden, als eine
Welt aus einem homogenen Erscheinungssystem ansehen, und zwar so,
dass ich, was die eingefühlten Systeme ergeben, genau so behandle als
wie die eingefühlten Systeme der Nahsphäre, die ich als solche selbst
35 realisieren kann in eigenen Erfahrungen?
Wie verstehe ich dia, dass ich anschaulich die Welt mir vorstellig
machen kann, sie in alle Unendlichkeiten hinein veranschaulichend,
und zwar ganz wie wenn es in der Tat mögliche Erfahrungen für mich
wären? Was jeder Andere erfahren kann und hätte erfahren können,
40 behandle ich nachverstehend so, als ob ich es ebenso könnte (evtl. als
ob ich nur zufällig gehemmt wäre); was Andere dereinst erfahren hat«
ten, behandle ich so, als ob ich es, wenn nicht wirklich erfahren hatte,
so doch hätte erfahren können. Meine endliche Zeit ist doch unüber~
schreitbar auch in dem, was ich früher hätte aktualisieren können, wie
45 in dem, was ich künftig verwirklichen kann. Aber ich tue so, als hätte
ich Zeitílügel, als hätte ich ein Vemıögen der Bewegung durch alle
Zeiten, als könnte ich eine Einheit der Weltanschauung, einer mögli-
240 „CAR1`ESlANl$C!<IE MEl)l'l`ATlONEN" 1931-1932

chen Weltertahrung konstruieren als mir eigene, in der ich in unend-


licher Immanenz alle Unendlichkeiten der Erfahrung durchlaufen
könnte. Jede Weltkcnntnis, die mir auf dem Wege über Andere zuteil
wird, verwandle ich in eigene mögliche direkte Erfahrung.
5 Und doch kann das nicht ernstliclı ein System möglicher eigener,
primordialer Erfahrung sein. Die Weltanschauung, die so in in/initimı
zu bilden ist von mir und so von jedermann, kann unmöglich eine
wahre universale Weltanschauung sein. Denn wie steht es mit der zur
Welt gehörigen menschlichen Subjektivität - auf sie bezieht sich
I0 doch auch die zu konstruierende Weltanschauung?
Wenn ich mich in das Getriebe der platonischen Akademie hinein-
versetze, so bin ich doch der Deutsche von heute, und die Anschauung,
die ich von diesem Getriebe erzeuge, hat nur Sinn als Einfühlung in
einen mitgegenwärtigen Griechen, bzw. in den einen und anderen Aka-
15 demiker selbst. Mei.n Durchwandern der Geschichte und der damaligen
Welten ist ein ständiges Sich-einfühlerı, und die damaligen Welten
sind die nachzuverstehenden Umwelten der damaligen Menschen.
Freilich, E inf ii hl u n g selbst ist sozusagen D e c k u n g dä eigenen
Ich und Ichlebens mit seinen Erscheinungen und denen des Anderen.
20 Die fremden Erscheinungen sind intentionale Modifikation, sie sind
inhaltliche Abwandlungen, in demselben Sinn wie meine eigene mög-
liche Erfahrung eine Abwandlung ist meiner wirklichen Eríahnıng.
Ich, der ich jetzt bin, wie ich bin (wozu die Ver-möglichkeiten dieses
Sich-versetzens gehören), bin eben nicht in Wahrheit das Subjekt, das
25 damals, das in antizipierter Zukunft nach jahrtausenden in der'Him-
melsfeme, in die ich mich hinversetzıe, wirklich war, ist, sein wird, son-
dem das gegenwärtige, das sich „hinversetzt". In mei.ner Vergangen-
heit hat das Zuriickversetzen einen anderen Sinn, den Sinn des „das
war ich", und ich, der ich jetzt bin, bin der zugleich, der war. In den
30 anderen Fällen, da bin ich es, der diese Mitsubjekte hat und i.n mir ihr
Sein gegeben hat als mir mitgeltend, aber in der Weise Anderer, und
diese als Subjekte von Erscheinungen, die in der Einstimmigkeitssyn-
thesis für mich rnitgelten, aber gelten als die, die ich nur in meinem
endlichen Umkreis selbst haben könnte usw.
35 Aber durch sie hindurch gewinne ich erfahrend nicht nur ihr Leben
und Mitgeltung ihrer Erscheinungen, dadurch die gemeinsam geltende
und seinsmåssig aiszuweisende Welt für uns und schliesslich alle, son-
dem ich kann auch. wie hinsichtlich meines beschränkten eigenen Le-
bens u.nd meiner Erfalırungssphäre, so auch hinsichtlich ihrer und der
40 Welt für alle „theoretische", uninteressierte Einstellung gewinnen und
als uııinteräsierter Betrachter „ansc.l\auend", für Sein interessiert, Welt
durchlaufen und von ihren bekannten Wirklichkeiten, aber auch von
ihren Spielräumen der Möglichkeit Kenntnis gewinnen. Dazu gehören
auch die Menschen und ich selbst als Mensch der weltlichen Gegen-
45 wart.
Aber bleibt hier nicht ein Problem übrig?
Indem ich die Synthesis verfolge, die eigene Erscheinungen mit
BEILAGE xiv 241

ihren primurdialen Erscheinungshorizonten mit denen des unmittel-


baren Anderen als simultane von denselben gegenwärtigen Objekten
verbindet, mein totales Wahmchnıungsicld und meinen zugehörigen
totalen (primordial reduzierten) Horizont mit Wahrnehmungsícld und
5 Horizont des Anderen; wenn ich dann den Mittelbarkeiten nachgche,
der Synthesis der verschiedenen primordialen Vcrgangenheitcn und
Zukünftigkeiten, so ergibt doch diese Synthesis schliesslich ein univer-
sales intcrsubjcktives Erscheinungssystem für die Welt, ganz sn wie
in meiner Primordialität jedes Ding und die ganze primordiale
I0 Welt jedes sein Erschcinungssystem hat. Diescs Erscheinungs-
system sumrniert sich nicht nur mit dem in der universalen Ein-
fühlung erfahrenen und erfahrbarcn Erscheinungssystem, sondem wir
haben eine objektive Welt, in ihr jedes Objekt als Einheit seiner wirk-
lichen und möglichen Erscheinungen, jedes hat sein System möglicher
15 Erscheinungen, und dieses ist nicht eine äusserliche Summe der Sy-
steme der einzelnen Subjekte, sondern eine in ihrer verständlich zu ma-
chenden intersubjektiven Synthesis konstituierte intentionale Einheit.
Hier ist nun das Merkwtirdige und Problcmatische, dass das Erschei-
nungssystem jedes Objektes, und jedes im universalen objektiven Zu-
20 sammenhang, wie es scheint und evidenterweise, von jedem Ichsubjekt
so konstruiert und beschrieben werden kann, als ob es nur ein ins Un-
endliche forterstrecktes prin-mrdiales System wäre. So scheint es doch,
und scheinbar sogar in Evidenz. Zwar benützen wir beständig auch die
Einfühlung und hinsichtlich der Natur ihre die Geschichte überschrei-
25 tende eigene naturhistorische Vergangenheits- und Zukunftsbekun-
dung, aber wir gewinnen doch eine einheitliche Anschauung, die
wirkliche eigene Erfahrungsmöglichkeit mit Erfahrungsmöglichkeiten,
und im Bewusstsein ihrer Geltung, verbindet, die unsere Erfahrungs-
möglichkeiten nicht sirıd, u.nd doch ganz so verbunden worden, als ob
30 sie es wären. Wie können sie dann aber uns gelten? Hinsichtlich der Er-
fahrungen fremder Subjekte sind es wenigstens Möglichkeiten, die für
Andere gelten und im Konnex uns mitgelten. Aber gleichwohl 2 wir ver-
binden sie mit den eigenen wirklichen nicht als von ihnen her geltend,
sondern als ob das Sei.n der Anderen dabei irrelevant wäre. S0, wenn
35 wir etwa, wie unvollkommen immer, eine erirınernde Anschauung uns
bilden von dem Wachstum und den sukzessiven Seinsstadien des Fei-
genbaumes, unter dem Buddha. gelehrt hatte und der durch die Jahr-
tausende sich erhält bis zur Gegenwart (wie man sagt), oder von Rom,
wie es von Roınulus' Zeiten lıer bis zur Gegenwart war. Natürlich mei-
40 nen wir bei solcher, sei es auch hypothetischen Konstruktion, dass Rom
von Anderen in verschiedenen Stadien so gesehen worden sei oder hätte
sein können. Aber unsere einheitliche Anschauung setzt doch nicht die
Anschauungen Anderer zusammen, obschon sie auf Grund derselben,
der Nachrichten Anderer gebildet worden ist. Für uns ist es Einheit
45 einer anschaulichen Wandlung, die nicht anders beschaffen ist als die
einesfendlichen von uns selbst in unserer eigenen Primordialität gesehe-
nen Vorgangs.
242 „CA RTESIANISCHE MEDITATIONEN” W31» l 932

Was aber die universale Naturanschauung aufgrund der Naturhi-


storie anlangt, so kümmert sie sich nicht um die Unmöglichkeit einer
Vergangenlleitsanschauung, die hinter meine Geburt zuriickgeht.
Ist diese Weise des sich Welt und alles Weltliehe Anscllauliehma~
5 chens eine naive Fortführung der Weltanschauung im Rahmen der
normalen Menschengemeinschaft? Aber auch hier ist nicht klar, wie
die intersubjektíve Synthesis der normalen Anschauungen reduziert
wird auf eine beliebig forterstreckte und schliesslich unendliche An-
schauung in der eigenen normalen Prímordialität.
|0 Wie ist die Bildung einer solchen „Weltanschauung“ motiviert und
wie kann sie sich erhalten 7 wie ist an ihr Kritik zu üben und <wie
können› die Grenzen, in denen sie nützlich sein kann, verständlich
gemacht werden?

lsl:ll.AGı: xv
15 <vı:RGEGı:NwÄRrlGUNG VON uNzUGÄNGLlcHızR NATUR
UND EINFÜHLENDE vERGı:GENwÄRrlGUNG› 1
(<Aug1ist oder› September 1931)

Astronomie, Geologie, Paläontologie, universale erdzeitliche Natur-


geschichte, Phylogenese etc.
20 Die dem Menschen unzugängliche Welt, unzugänglich, weil seine
0rganisch_e Leiblichkeit an ein kausales Milieu gebunden ist, dessen
typische Anderung organisches Dasein zerstört. Gebiete der Welt, wo
Menschen und Tiere nicht leben können; andererseits die Sterne als zur
Einheit der Natur, der ins Unendliche reichenden Natur, gehörige
25 Körper, auf denen als Wohnstätte bei günstigen umweltlichen Be-
dingungen organische Wesen, Tiere, Menschen, leben könnten.
Wie sind Diııge, die doch ihren ursprünglichen Sinn aus der Nab-
weltlichkeit konstituierenden Erfahrung, der „sinnl.iclıen" Erfahnıng,
gewinnen, ería.hrbar, ausweisbar, wenn es zum Seinssinn der organi-
30 schen Wesen gehört, dass sie umweltlich gebunden sind, dass also jede
„sinnliche“ Vorstellung von den Femgebieten der Natur unmöglich
ist? Operieren wir nicht trotzdem auch für diese Unzugänglicbkeiten
mit Eıíahnıngsvorstellungen der Nähe, stellen wir nicht die Himmels-
körper wie Körper aus unserer Nähe vor, heben wir die Perspektivie-
1 Auf diesen Text weist Husserl durch eine besondere Notiz, die er in den Zu-
sammenhang der Texw über „Einflililnng" iin Konvolut E l 4 gelegl lm: „zn Ein~
fühl ung niehı aie wieliıigen selilnsslilimlıen pi, 9, in FF (September 1931) ver-
gessen, wol-in die ınselinnlieıie vugegenwamgnng der einen naınfliinefiselie lnai_
kaıion kensiiıuienen Welireınen (dei nnınganglielıen) als vergegenwäıfigungsınodns
gleichgestellt wird der einfiililenden Appräsenmien, die auch ein prinzipiell Unıu-
gsngıielıes inaiıim nnd anschaulich gemacht appfawnunı. seinerseits ,Analogi-
sierung' mit znganglielıeın, wo das Anılegisime an sich unıugänglieli ist" (Ms.
E I 4, S. 271). Das betreffend: Manuskript FF befindet sich lıêlıte im Husserl-Archiv
im Konvolut A VII |7, das über „Welıanselinnnng" handelt. - Anni. n. flieg.
lll:ll.Acle xv 243

rung auf, nıachrzn wir uns nicht auch iıı dcr Physik „Modelle", wo
von Sichtbarkeit und dgl. doch keine Rede sein kann? Denken wir uns
den flüssigen Zustand der Erde bei ungeheuren Telnperaturen nicht so,
wie wir uns sehmclzendes Metall und dgl. aus wirklicher Erfahrung her
5 denken? Festes kann flüssig werden, kann schmelzen, 1 nun auch die
feste Erde. lch denke das Schmelzen in der Indikation so, als ob ich
doch dabei wäre und es sähe -und ebenso die Vereisung in der Eiszeit
oder die Iclıthyosaurier, als ob ich irn Meer, in dessen Temperatur ich
nicht leben könnte, schwimmen und diese Ungctümer sehen würde, wie
O ja auch für das Meer, \vie es in den gewaltigen Tiefensclıiclıtcn ist. Ich
sehe mit den Augen der indizierten Tiere, nachverstehend, so könnte
man hier sagen.
VVas ist das für ein Anseliaulichmachen --~ Sehen, Erfahren-als~ob,
worin sich das Als-ob-Erfahrene konstituieren würde ~ als ob. Ich
5 bin, ich konstituiere in beständiger Apperzeption, in beständiger Ana»
logisierung durch Fortgeltenlassen des Alten und Auffassen des Neuen
nach Analogie des Alten. lch spreche von Gestalt, Grösse etc., als ob es
sich u.m feme Punkte handelte oder Fernperspektiven, die ich oder wir
in Nahperspektiven, in ein Optimum verwandeln könnten. Was be-
20 deutet dieses „als ob"? Wie versteht sich die erweiterte Konstitution
als Konstitution, als identifizierende Sinnbildung, in der jede Stufe
„Erscheinung“ ist von demselben?
VVas sind das für „Indiıierungen", für Analogisienıngen? Es sind
doch Indikationen von Schmelzen etc. Also ich schliesse von Bekanntem
25 auf unbekanntes Ähnliches, von anschaulich Konstituiertem und zu
Konstituierendem auf Ähnliches? Ähnlich wie bei E i nt ii h l u n g s ver«
gegenwärtigungen. Aber ist da nicht ein Ich mitvergegenwärtigt, das
dann leiblich dabei sein müsste? Aber eben das soll ausgeschlossen sein.
Wodurch, müssen wir fragen, Eine Feuerstelle von Menschen, verge-
30 genwärtigend-indizierend verstehe ich das, glaube es. Aber wie kann ich
das? Als ob ich dabei wäre. Die Anderen habe ich doch erst durch
dieses Als-ob-dabei-sein, aber ich bin nicht dabei, ich bin hier.
Spielt dieses Als-ob nicht schon seine Rolle bei der Analogisierung
meines Leibes hier mit seinem Leib dort, wodurch ich erst den Innen›
35 leib für den Anderen bekomme? Ich kann doch nicht zugleich hier und
dort sein. Ich kann ınir im voraus denken, dass ich dorthin ginge und
dann dort wäre. Ich kann ein Nahding dorthin bewegt denken; ich
kann das Nahding nicht wirklich in den Nullpunkt bringen, meinen
Leib kann ich nicht wegschiebeıı, aber in den Nullpunkt gebracht
40 „denken“ und meinen Leib hingächoben „denken", also nun aufíassen
als im Raum bewegt dorthin, in Deckung mit meiner Innenbewegurlg.
Erfahren kann ich das nicht, es ist eine eigene Art Vergegenwärtigung,
die eine Modifikation ist einer Wahrnehmung; und wieder eine eigene
Art in den anderen Fallen.

l Nich: alle sinnlichen snliielııen sinn leiblieh realisierbar, ich kann es nicht canınn
GCC.
244 „CA RTESIANISCHE MEDITATIONEN" 1931» l 9.32

Die Feuerstelle. Das Vergegenwärtigen <ist› nicht <Vergngenwärti~


gen› einer \virklichen Wahrnehmung, sondern einer Wahmehmungs-
modifikation 1 Sie appräsentiert (ad-temporalisiert) etwas, sie appräsen-
tiert erst die einfühlende Appräsentatinn fremden Lebens und darin
5 Appräsentation einer von ihm wahrgenommenen, erfahrenen Welt.
Auch sie ist vergegenwärtigt, und das Vergegenwärtigte ist, als ob ich
es wahmähme oder früher wahrgenommen hätte, und doch ist es für
mich nicht wahrnehmbar. Wir haben hier in neuer Mittelbarkeit ap-
prâsentiertc Wahmchmungenfals-ob, Appräsentiertes durch eine Mo«
10 tivation, die ihren Anhalt hat in einer Präsentation und einer Paarung
durch die Vergegenwärtigung hindurch. '
Apperzeption dessen, was ich gegenwärtig erfahre mit einem Sinn,
der aus der früheren Erfahrung stammt. Das gilt für jede Apperzep~
tion. Apperzeption ursprünglich, mit dem ursprünglichen Vermögen -
15 andererseits Vergangenheit, kausales Ergebnis und Zukunft. Apper-
zeption als Werkzeug. Aber primär das Hervorgehen dieses aus mei~
nem Handeln und Benützen zu meinem Zweck. So ist es aber nicht bei
der Einfühlung. Wie bleibe ich bei einer Apperzeption, aber ihren Sinn
wandelnd? „Indikation eines Anderen". Gegeben also sind Andere
20 erstens direkt durch Einfühlung und in ihr ihre Wahrnehmungen etc.,
ihr erweitertes wirkliches und mögliches Feld. Dadurch habe ich Ver-
gegenwärtigungen modifizierter Art »_ die'§Einfüh1ungen. Aber in
ihnen die Könnenshorizonte, ausgelegt in Vergegenwärtigungen
(dessen >, was der Andere kann. _
Nr. 15

ZUR LEHRE VON DER EINFÜHLUNG,


AUCH AUF GRUND GENAUER LEIBANALYSEN.
<HlNEINPl~lANTASIEREN, PAARUNGSASSOZIATION,
5 ERlNNERUNGSABWANDLUNG›
(August 1931)

Zur Aufklärung der Konstitution des Leibes ist einiges noch


zu überlegen. Meinen Leib kann ich nicht allseitig, vullseitig
sehen, aber durch Selbstbetasten ist er konstituiert und
20 appräsentiert visuelle Gestalt, also auch die des Kopfes und der
Augen, und so den ganzen Körper.
Ich kann mich wie um meine Längsachse gedreht vorstellen,
dass ich meinen Rücken sehe wie meinen Bauch. Auch kann ich
mir vorstellen, wie meine Rückseite aussieht, während ich hier
15 sitze, ebenso wie ich mir vorstellen kann, wie die Biicherwand
hinter mir aussieht oder die Sesselplatte, während ich darauf
sitze. Ich kann ja aufstehen und sie mir ansehen, sie sehe ich
dann, also wie sie nach dem Aufstehen etc. ist. Aber sie ist
unverändert, sie ist dann so, wie sie jetzt ist, ungesehen und
20 doch jetzt visuell schon so aussehend - ein ungesehenes Aus-
sehen.
Meine Rückseite sieht ungesehen so aus, als ob ich meinen
Kopf so (als hätte ich einen Giraffenh