Sie sind auf Seite 1von 3

nzz 03.04.10 Nr.

77 Seite 58 li Teil 01

Das Kunstwerk als Erkennt-


nis
Zum Verhältnis von Forschung und Kunst
Eine an verschiedenen Kunsthochschulen zu erachten. Dass es dabei um mehr geht als nur
um einen Begriff, zeigt eine derzeit in Kunstkreisen
laufende Debatte über Kunst und For-
und an Kunsthochschulen engagiert geführte Aus-
schung eröffnet neue Möglichkeiten für einandersetzung.
gesellschaftliche Weichenstellungen zu-
gunsten von Bildung. Verschiedene Arten von Forschung
Angesichts einer europaweiten Hochschulreform,
Dagmar Reichert in der Kunsthochschulen einen Forschungsauftrag
erhielten und Kunststudien nach dem Bologna-
Als Künstler sei es nicht seine Absicht, ein Kunst- Modell in ein Bachelor/Master- und teilweise auch
werk zu kreieren, sagte der 2005 verstorbene PhD-System eingepasst wurden, rückte die Frage
Schweizer Maler Rémy Zaugg einmal in einem Ge- nach dem Verhältnis zwischen Kunst und For-
spräch mit Jean Christophe Ammann, nein, er schung in den Mittelpunkt. Bei seiner Diskussion
wolle durch seine künstlerische Arbeit «die Welt werden hochschulpolitische, förderungsstrategi-
und durch diese sich selber (. . .) verstehen». Für sche, aber auch erkenntnistheoretische Argumente
ihn ist das Bemühen um das Gelingen eines Kunst- vorgebracht und häufig auch unglücklich ver-
werks eine Suche nach Erkenntnis. mischt. In der Praxis führt dies derzeit meist dazu,
Nicht nur die Erarbeitung, auch die Betrach- dass sich künstlerische und gestalterische For-
tung von Kunstwerken ermöglicht Erkenntnis. schungsprojekte Kriterien unterordnen müssen,
Dazu ist es nicht erst nötig, einer Kunsthistorikerin die nur für wissenschaftliche Forschungen Sinn er-
bei der Interpretation etwa eines Bildes von geben. Was fehlt, scheint eine Klärung aus umfas-
Cézanne oder Goya zuzuhören. Wie Kunstwerke senderer gesellschaftlicher Perspektive zu sein, die
unserem Denken und Fühlen schon ganz unmittel- verschiedene Arten von Forschung unterschiede
bar Anstösse geben, beschreibt die Malerin Agnes und ersichtlich machte, wodurch diese jeweils zum
Martin: «Wenn wir in Museen gehen, schauen wir Übergang von einer Informations- zu einer Bil-
nicht einfach, sondern antworten auf bestimmte dungsgesellschaft beitragen können.
Weise auf die Werke. Wenn wir sie betrachten, füh- Soll die Arbeit am Gelingen eines Kunstwerks
len wir uns glücklicher oder trauriger, im Frieden als Forschung verstanden werden, als eigene Art
mit uns selber oder deprimiert. Ein Werk kann von Forschung, und Kunstwerke als eigene Art von
Sehnsucht, Hilflosigkeit, Kampflust oder Reue Forschungsergebnissen? Soll Kunst damit an der
wecken.» Autorität einer Orientierungsinstanz teilhaben, die
Über Kunstbetrachtung und Kunstproduktion man bisher vornehmlich den Wissenschaften ein-
lässt sich in vielen Zusammenhängen nachdenken, räumte?
in ökonomischen, psychologischen, soziologischen Definitionen dafür, was unter «Forschung» zu
und anderen mehr. Interessieren sie als Wege zu verstehen sei, gibt es viele. Solche der Aufklärungs-
Erkenntnis, so bedeutet Erkenntnis dabei nicht philosophie decken sich nicht mit denen der Wissen-
bloss Information über Welt und Selbst, sondern schaftstheorie, und andere, etwa die der OECD, lau-
auch die Gewinnung einer Haltung, die Verkörpe- teten wieder verschieden. So bleibt jede Definition
rung intellektueller, moralischer und sinnlicher Er- eine Entscheidung, die im Rahmen einer gegebenen
fahrung. Mit der Gewinnung einer Haltung, jener Perspektive ihre Fruchtbarkeit erweisen muss.
spannungsgetragenen Integration von Denken, Aus der oben genannten Perspektive eines Inter-
Wollen und Fühlen, ist dabei nichts anderes ge- esses an umfassender gesellschaftlicher Entwick-
meint als Bildung. lung und an Wissen als Bildung könnte man For-
Kunst mit Bildung zu verbinden, ist nicht neu. schung als aufeinander Bezug nehmende Tätigkeit
«Verse sind Erfahrungen», meinte Rilke und be- von Menschen verstehen, die zwischen Menschen,
schrieb die Ausbildung einer Haltung, wenn er der Organisation ihres Zusammenlebens und den
sagte, es genüge für Verse noch nicht, «dass man Strukturen der Welt eine immer feinere Abstim-
Erinnerungen hat. (. . .) Erst wenn sie Blut werden mung ermöglichen will. Wenn Forschung neue ge-
in uns, Blick und Gebärde, namenlos und nicht sellschaftliche Optionen für eine feinere Abstim-
mehr zu unterscheiden von uns selbst, erst dann mung zwischen Menschen und Umwelt eröffnet hat,
kann es geschehen, dass in einer sehr seltenen bleibt es noch eine politische Frage, wer sich an wen
Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer anzupassen hat, plakativ gesagt, wie weit die Welt
Mitte.» Wenn auch nicht neu, so scheint eine Auf- «begradigt» werden soll und wo den Menschen eine
merksamkeit für die Verbindung zwischen Kunst Fähigkeit zu vielfältigeren Einsichten zugetraut
und Bildung heute doch recht aktuell. Dringender werden soll. Aufgabe von Forschung ist es aber, jene
als eine Erweiterung der Menge verfügbarer Infor- wahrnehmungsmässigen, ethischen oder intellektu-
mationen wird heute die Fähigkeit benötigt, sich in ellen Differenzierungen zu schaffen, die bei solch
dieser Menge zu orientieren, Relevanzen zu setzen politischem Abwägen die Argumente bilden.
und isolierte Daten umsichtig zu nächsten Schrit- In solchem Sinne können neben den vielfältigen
ten zu fügen. In dieser Situation stellt sich die Arten wissenschaftlicher Arbeit auch andere For-
Frage, ob es nicht gesellschaftlich sinnvoll wäre, men gerichteter Aufmerksamkeit in praktischer
auch Erkenntnissuche durch Kunst als Forschung Tätigkeit, in Kontemplation oder in künstleri-
nzz 03.04.10 Nr. 77 Seite 58 li Teil 02 eine Form – Künstler und Werk einander bildeten,
bilden einander nun – vermittelt durch ein Kunst-
schem Handeln als Forschung gelten. Vorausset- werk – Betrachter und Deutung. An den ersten
zung ist allerdings, dass sie mit ihren Ergebnissen in Forschungsprozess der Kunstschaffenden schliesst
öffentlichen Austausch treten. Denn für sie alle ein zweiter Forschungsprozess der Interpreten an:
gilt, dass sich die Bedeutung ihrer Resultate erst im Vom fordernden Anstoss eines Kunstwerks – zum
Raum einer Öffentlichkeit zeigt. Sie alle versam- Beispiel Gerhard Richters Serie «18. Oktober
meln und ordnen Erfahrungen, verdichten sie und 1977» – ein klein wenig aus der gefassten Haltung
machen sie fruchtbar für zukünftige Situationen. gebracht, versuchen sie, sich mit Deutungen zu be-
Und sie alle erhalten daraus im Raum der Öffent- ruhigen, sich etwas umzustellen. Den dazu nötigen
lichkeit allmählich ihren Rang, erweisen sich als Spielraum schaffen sie, indem sie bei ihrer Betrach-
irrelevant, umwälzend oder etwas dazwischen. Die tung Bedürfnisse und Nutzeninteressen hintanstel-
angemessene Form des öffentlichen Austausches, len. In ihrer neuen Position kann ihnen das Kunst-
d. h. des Aufbauens auf dem, was von anderen ge- werk wieder Neues sichtbar machen, sie zu neuer
leistet wurde, des Kommunizierens von Erreichtem Deutung anregen: ein endloser Prozess, nie wird
und des Einholens externer Kritik, unterscheidet das Kunstwerk von den erklärenden Begriffen voll-
sich bei den verschiedenen Arten von Forschung ständig eingeholt, doch seine Vieldeutigkeit ist
jedoch beträchtlich. nicht Erkenntnislosigkeit, sondern Erkenntnis-
Wie wissenschaftliche Forschung ist auch die generator.
Forschung der Kunst in ihren Ausprägungsformen
äusserst vielfältig und umfasst neben der Produk-
tion gegenständlicher Werke, Texte oder Partituren
Potenzial ästhetischer Rationalität
auch flüchtige Präsentationen in Aufführungen so- Umkreist von Ansichten aus verschiedenen Mo-
wie Interventionen in gesellschaftliche Prozesse. menten und von verschiedenen Menschen, zeich-
Als gemeinsamen Zug in dieser Vielfalt haben net sich das, was eine künstlerische Arbeit sagt, mit
Kunsttheorien immer wieder die Orientierung an der Zeit im Raum einer Öffentlichkeit als leere
sinnlicher Wahrnehmung und einer auf sie ausge- Mitte ab. Wie über das Kunstschaffen hat die Philo-
richteten Vernunft beschrieben. Diese erlaubt es, sophie der Ästhetik auch über diesen überindivi-
das Forschen der Kunst idealtypisch von wissen- duellen Interpretationsprozess in ihrer 250-jähri-
schaftlichem, praktischem oder kontemplativem gen Geschichte häufig nachgedacht und beiden
Forschen zu unterscheiden. eine eigene Form von Vernunft, eine «ästhetische
Rationalität», zuerkannt. Ästhetisch rational be-
Verschiedene Ergebnisse ziehen wir uns auf Kunstwerke in einer Weise, die
das, was sie zeigen, nicht definitorisch festnagelt,
Kunstwerke oder künstlerische Aktionen stellen sondern in einer Konstellation notwendig unzurei-
anderswo gewonnene Erkenntnisse nicht dar, sie chender Deutungen allmählich deutlicher auf-
bilden diese Erkenntnisse selber. Ihre Erarbeitung scheinen lässt. In dieser Form vermag ästhetische
ist der Forschungsprozess, der sich in ihre mate- Rationalität in der Kunst – aber nicht nur dort – die
rielle oder dynamische Struktur einschreibt. An- Unbestimmtheit der Welt richtig und unverfälscht
ders als bei wissenschaftlichen Aussagen, deren In- zum Ausdruck zu bringen. In ihr erscheint ein
halt gleich bleiben kann oder zumindest soll, wenn Sachverhalt nicht als etwas, das «ist», sondern als
er in anderer Form vermittelt wird, sind in den For- etwas, das «werden kann». Durch die Bedeutungs-
schungsergebnissen der Kunst Form und Inhalt so offenheit der Kunst wird er in seinem Potenzial
nahe wie nur möglich verschränkt. kommunizierbar.
Das bedeutet auch, dass Erkenntnisse in Kunst- So praktiziert die Auseinandersetzung mit
werken ohne Zwischenschaltung von Begriffen Kunst ein gemeinschaftlich gestütztes Urteilen, das
verkörpert sind. Möglich wird dies, weil das Mate- Sachverhalte in ihrem gegenwärtigen, vielfach
rial, mit dem gearbeitet wird (ob stofflich, elektro- auch in sich widersprüchlichen Potenzial beschrei-
nisch, gedanklich oder sprachlich), ebenso wie die ben kann. Vor dem Hintergrund einer solchen Ur-
körperlich-geistige Haltung der Künstler, Struktu- teilsrationalität mag zum Beispiel auch die Künst-
ren der Welt umfasst. Ausgangspunkt für die For- lerin Roni Horn fragen: «Wenn einer Sache etwas
schung ist eine «Reibung» zwischen den beiden. fehlt, würden Sie dann sagen, sie sei unvollständig,
Diese wird persönlich empfunden, sie begrifflich oder würden Sie sagen, sie sei vollständig, gerade
als allgemeine Fragestellung zu fassen, würde die weil ihr etwas fehlt?»
Forschung entscheidend verarmen. Das ist, was Durch ihre unterschiedliche Rationalität kön-
Gerhard Richter meinte, wenn er von seiner künst- nen sich die Forschungen der Kunst und der Wis-
lerischen Arbeit sagte, sie könne «kein Motiv senschaft als komplementäre Erkenntnisformen
haben, nur Motivation». Nicht, dass sie keine ergänzen. In diesem Sinne erachten viele Musike-
Methode hätte, doch Methode nicht als sicherer, rinnen, Theaterleute, Tänzer, Filmemacherinnen,
allgemein nachvollziehbarer Lösungsweg, sondern Autoren, bildende Künstler ihr Bemühen um ein
als Weg der Öffnung für eine Chance. Er liegt in Kunstwerk auch als Forschungsarbeit. Selbst für
einer präzisen Aufmerksamkeit für die beim Erpro- politisch Engagierte unter ihnen kann Forschen in
ben einer Form entstehende (Un-)Stimmigkeit mit der Kunst jedoch nicht bedeuten, für dringende ge-
der denkend-empfindenden Haltung der Künstler. sellschaftliche Fragen unmittelbare Antworten zu
Im Wechselspiel zwischen Material und Haltung suchen. Zu viel Antwort läge schon in der Frage, zu
können sich Strukturen der Welt manifestieren. viel gutgemeintes Motiv in der Motivation, als dass
Wie die im Kunstwerk verkörperten Erkennt- ihnen im Werk ein Kunstwerk, eine Erkenntnis-
nisse zu deuten sind, eröffnet sich erst später im möglichkeit, noch zufallen könnte. Ohne ihre Kunst
Raum einer Öffentlichkeit. Denn anders als wis- durch Nützlichkeitsverpflichtungen einschränken
senschaftliche Forschungsergebnisse, bei denen die zu können, finden Künstler gerade in einer –
Ausgangsfrage allgemein gegeben war, werden die manchmal schwierigen – Bescheidung auf Funk-
Forschungsergebnisse der Kunst zu den je eigenen tions- und Machtlosigkeit jene Macht und jenen
Fragen der Betrachter in Relation gesetzt. In Wert, der künstlerische Erkenntnis auszeichnet.
einem Prozess der Deutung müssen sie sich auf das
vielzitierte Wechselspiel zwischen Sinnlichkeit und
Verstand einlassen. Wo vorher – vermittelt durch
Gesamtgesellschaftliche Aufgabe
nzz 03.04.10 Nr. 77 Seite 58 li Teil 03

Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, den


bisher auf die Wissenschaften ausgerichteten For-
schungsbegriff so weit zu öffnen und zu differenzie-
ren, dass auch die Kunst als Quelle gesellschaft-
licher Orientierung anerkannt werden kann. Den
Forschungsauftrag an Kunsthochschulen derart zu
präzisieren, wäre ein Schritt dazu. Kunstproduk-
tion und -rezeption müssen dabei nichts anderes
werden, als was sie immer schon sind, nur die Stel-
lung und Aufmerksamkeit, die ihnen in der Gesell-
schaft eingeräumt wird, würde jener der Wissen-
schaften angeglichen.
Als Tätigkeitsbereich, der mehr als andere von
einer ästhetischen Rationalität geleitet wird, tra-
gen Kunstschaffen und Kunstbetrachtung zu Bil-
dung bei. Sie unterstützen eine gesellschaftliche
Entwicklung, welche die Eigenverantwortlichkeit
und die notwendige Gemeinschaftlichkeit zu-
kunftsorientierten Urteilens ebenso als leitende
Werte erachtet wie die Ausbildung eigenständiger
Haltungen, in denen sich Denken, Wollen und
Fühlen verbinden. Kunstschaffen und Kunstbe-
trachtung leisten ihren Beitrag zu gesellschaftlicher
Orientierung nicht durch Rezepte oder Belehrun-
gen, sie wirken auch nicht absichtsvoll und direkt,
sondern vertrauen auf Langfristigkeit. In vielen
Bereichen der Gesellschaft ist man in letzter Zeit
dazu gekommen, Nutzen und Erfolg weniger eng
und kurzfristig zu bewerten. In einem solchen
Klima kann die Forschung der Kunst ihre Stärken
vermehrt zum Ausdruck bringen und ihre gesell-
schaftliche Relevanz erweisen.

.......................................................................................................
PD Dr. Dagmar Reichert unterrichtet Kulturtheorie an der Kunst-
hochschule Zürich.