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Universitäts- und Landesbibliothek Tirol

Die österreichische Armee


von 1700 bis 1867

Ottenfeld, Rudolf Otto von

1895

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UmirersitätS - und Landcsbibliolhek TifnJ

Aussenmagazin

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GEZEICHNET
VON

KUDOLrvOTTLNfELD
GESCHRIEBEN
VON

OSKAR TEUE5ER,
ANTON DOLLECZE
UND
ALFRED FRH
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VERLAG
VON
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DRUCK VON FRIEDRICH JASPER IN WIEN.


EINLEITUNG.

KAISERS ROCK « ist des Kriegers Kleid , und stolz trägt ihn, wem
er zu Theil , wem seine Bedeutung ; klar geworden ist . Ein Kleid des

Schmucks und der Ehre ist es ihm, und keinen Makel duldet er darauf.

Es kennzeichnet ihn als das Glied einer grossen , ruhmreichen Familie,


welche alle Schichten seines Volkes , von dessen höchstem Gebieter bis

zum schlichten Sohne der Dorfhütte , umfasst und sie alle zu gleichen
Pflichten , gleichen Opfern , gleichen Rechten vereinigt . Darum ist des
Familienoberhauptes , des allerhöchsten Kriegsherrn Kleid sozusagen das
Kleid der ganzen Gemeinschaft , und in jedem Einzelnen der Gesammtheit
glüht der heisse Wunsch , sich werth und würdig zu erweisen dieses
Gewandes . Wie sagt doch der biedere Trompeter in »Wallenstein ’s Lager « so recht aus des Soldaten Herzen:
»Des Kaisers Rock ist der höchste Titel .«

Und wie ernst und wahr klingt , aus der Dichtung in das volle Soldatenleben übertragen , des wackeren
Wachtmeisters Wort , wie tief soll man es dem jungen Krieger einprägen , wenn er über die Schwelle des neuen
Soldatenheims tritt!
»Sieht Er , das hat er wohlerwogen,
»Einen neuen Menschen hat er angezogen,
»Mit dem Helm da und Wehrgehäng’
»Schliesst er sich an eine würdige Meng ’!«

Ja , das ist es : das Kennzeichen jener würdigen Menge , deren höchste Tugenden und Gebote die Ehre und
Treue sind , ist das Kriegerkleid , die Uniform des Soldaten ; die sichtbare Erinnerung ist sie ihrem Träger an seine
heiligen Pflichten , eine immerwährende Mahnung , jedes Stäubchen von dem Gewände , jede Unehre von dem Menschen
fernzuhalten , den es bedeckt und ziert . Nicht eitler Schmuck und Tand , nein — ein stetes , stummes und doch so
lautes Bekenntniss jener treuen Gesinnung ist sie, die dem vornehmen Soldaten zu eigen sein soll. Sie unterscheidet
ihn in ernster Stunde von dem Feinde seines Vaterlandes , dem er todesmuthig mit starker Waffe entgegentreten

soll ; sie macht ihn auch in den Tagen des Friedens seinen Mitbürgern kennbar als den berufenen Träger wahrer

Mannestugend , sie trennt ihn nicht von dem Volke , dem er entsprossen ist und dem er treu anhängt , aber sie
verpflichtet gerade ihn zur äussersten Uebung und Pflege der nationalen Kraft , der nationalen Vorzüge ; denn in ihm
wird der Fremde mit Vorliebe den Vertreter seines Volkes erkennen , anrufen und beurtheilen.

i
2 EINLEITUNG.

Und weil — nach alledem — die Uniform das sichtbare und verpflichtende Kennzeichen des Soldaten ist,
so haben wir sie lieb gewonnen wie den vaterländischen , den »kaiserlichen « Krieger . Wer grüsste nicht , wenn er
aus fremdem , fernem Lande in die geliebte Heimat heimkehrt , mit einem Blicke und einem Worte der Freude die
erste österreichisch -ungarische Uniform , die ihm in wohlbekannten Formen und Farben gewissermassen das erste
Willkommen sagt ! Wen gemahnte sie nicht im Bilde an das vaterländische Heer und dessen Thaten , wem riefe sie
nicht in den wechselnden Phasen des Heeresbestandes dessen Vergangenheit , dessen Geschichte ins Gedächtniss zurück!

Ja , sie ist ein Wahrzeichen unseres Vaterlandes ; in dem Werden und den Entwicklungsstadien der soldatischen
Rüstung - und Bekleidung prägt sich ein Stück österreichisch -ungarischer Geschichte aus . Wir sehen des Kriegers Rock,

und in seinem Schnitt und seiner Farbe sagt er uns sofort die Zeit an , welcher des Kriegers Thaten angehören;
gegenwärtig wird uns die Vergangenheit , theuer das Andenken der Männer , welche zu allen Zeiten das heilige Banner
hochgehalten haben im Angesichte des Feindes , im Angesichte des Todes.

Darum schreiben wir in einer Geschichte der österreichischen Uniform auch eine Geschichte jener Armee,

welche unter der nicht mehr staatsrechtlich correcten , aber historischen und traditionellen Bezeichnung der »öster¬
reichischen« Armee wohl die älteste und ehrwürdigste Heeresfamilie Europas , das alte »kaiserliche Heer « reprä-
sentirt . Die Geschichte des Waffenkleides wird unwillkürlich die Geschichte der Waffen beleben , welche für unseres
grossen , herrlichen Vaterlandes Ehr ’ und Recht geschwmngen worden sind in inhaltreichen Jahrhunderten . Das Volk

und des Volkes Jugend wird diese Geschichte ebenso lesen wie das Heer ; denn theuer ist uns Allen des Kaisers
Rock , theuer das Ehrenkleid des Kriegers , wie sein alter , begeisternder Siegesruf:

»Mit Gott für Kaiser und Vaterland !«


Die Entwicklung des kaiserlichen Heeres und seiner Kennzeichen

icht so alt wie des Kriegers Stand ist sein besonderes Waffenkleid . Das Kleid
des Volkes war in alten Zeiten und bis auf die jüngeren Jahrhunderte herab
auch das Gewand seines Streiters . Wer fähig war , die Waffe zu führen , der
zog zu Felde , wenn es Krieg gab im Lande . »Kriegsvölker « waren die Nationen
selbst ; die nationale Tracht und Waffe unterschied sie von ihren Gegnern.
Völkerzüge waren gemeiniglich die Kriegszüge , und nur in besonders ent¬
wickelten , culturell vorgeschrittenen Staaten und Nationen hebt sich das Heer
vom Volke ab . Da und dort ist es eine bevorzugte Kaste des Volkes , denn
erlesen vor Allen sind die , welche ihrer Nation Waffenehre vertreten , welche
den Heimatsboden schildern oder erweitern — die unteren Schichten sind
ausgeschlossen von dem Dienste mit der Waffe . Der König ist auch der
Führer im Streite und der beste Feldherr ist auch der beste König . Kriegerische Völker
bezwingen die unkriegerischen Nachbarn . Kriegs Völker sind es , welche die wohlgeordneten,
wohlorganisirten Legionen Roms , in denen wir schon Waffengattungen unterscheiden , aus denen schon
Feldzeichen , die Adler Roms , emporragen , niederwerfen und die römische Weltmacht zertrümmern.
Und Kriegsvölker sind es, denen in letzter Linie Oesterreichs Heer entsprossen ist;
auf ihre Geschichte müssten wir zurückgreifen , wollten wir eine vollkommene Geschichte dieses
Fleeres schreiben . Ein gemeinsames , gleiches Kriegerkleid aber , verschieden von jenem der
Nation überhaupt , kennen diese Völker nicht ; sie kennen es umsoweniger , als jeder Krieger nach
den alten deutschen Wehr Verfassungen , die wir hier vor Allem im Auge haben , ein ausgeprägtes Individuum ist , das
sich selbst rüstet und kleidet , mit eigener Wehr und Waffe seinem Fürsten zuzieht , wenn er zum Kampfe ruft.
So war es bei den alten Wehrmännern , bei dem Wehradel der Deutschen , so war es bei den Ministerialen und
Vasallen der fränkischen Könige und dem aus diesem Vasallendienste erblühten deutschen Ritterthume . Die Ritter
kleideten sich und ihre Mannen ; ihnen , wie all ’ den Kriegern , die sie in ihren Dienst und Sold nahmen , war es
anheimgegeben , sich zu tragen nach Geschmack und nach Zulass ihres Geldes ; der Rang des Einzelnen und die Mode
der Zeit regelte diese Tracht , und nur in der Rüstung und Bewaffnung trat , je nach der Kampfweise der Zeit und
der Nation und nach dem Range der Krieger , eine gewisse Gleichförmigkeit ein . Des Reiches Fürst stellte dem Kaiser,
dem Fürsten der Edle eine gewisse Anzahl »Hauben « oder »Helme « — die Kopfbedeckung wurde typisch für
den Krieger.
Die Rüstungen verdichteten sich vom dreizehnten Jahrhunderte an immer mehr ; sie wurden immer
schützender und stärker , je gefährlicher die Waffen waren , denen sie Trotz zu bieten hatten . Im zwölften und zu
Beginn des dreizehnten Jahrhunderts geht der Ritter noch bequem in seiner Rüstung . Der schmucklose Helm oder
die Haube lässt das Gesicht frei ; er kennt noch nicht das Visir — nur der »Stirnberg «, ein senkrecht vom Helm
über die Nase herabreichender Eisenstreifen schützt das Antlitz . Ueber den ledernen Wappenrock zieht man das
Panzerhemd , das vom Kopf bis zur Eussspitze reicht ; als Waffe führt man ausser dem langen , breiten Schwerte den
4 DIE ENTWICKLUNG DES KAISERLICHEN HEERES UND SEINER KENNZEICHEN.

Streitkolben , die Mordaxt , Hellebarde , Lanze , den Spiess , das Messer und die Hacke . Der am linken Arme befestigte
Schild des Ritters zeigt oft schon ein Wappenbild , das den Eigenthümer kennbar macht im Streite . Der Schütze führt
die Armbrust (»Ärmst «); der österreichische »Armbruster « ist schon in der Schlacht bei Mühldorf ( i 322 ) der Schreck
des Feindes ; die Bürger üben sich im Gebrauche dieser Waffe und gründen Schützengilden , welche in die Zeit
der Feuerwaffe hineinreichen und an vielen Orten noch heute bestehen.
Und diese Feuerwaffe! Sie bedeutete den Anbruch einer neuen anderen Zeit im Wesen des Krieges,
eine volle Wandlung im Charakter des Kriegerstandes . Als die »Arkeley « ihren Brummbass hören Hess und die
Donnerbüchsen ihre furchtbare Sprache anhoben , da erbebten die Burgen der Ritter in ihren Grundfesten , und die
ehrsame Kriegerzunft der »Constabler « wurde den vornehmsten Herren von der Ritterschaft das unheimlichste Gegen-
über . Nicht allzulange aber dauerte es , und die Donnerbüchse wurde auch der Hand des Einzelnen zugänglich . Wie
die Arkeley oder Artillerie in Oesterreichs Gauen ihre grösste Vervollkommnung fand , wie Maximilian, der letzte
Ritter , auch der erste deutsche Artillerist wurde , so war der Oesterreicher (später namentlich der Böhme ) der beste
Constabler , und der österreichische Armbruster wurde nun ein trefflicher Büchsenschütze . Dem Ritterthume entwand
die neue , verderbliche Waffe , welche der Körperkraft und des ritterlichen Muthes nicht mehr so ausschliesslich
bedurfte , das Privilegium der Kriegführung . Der Einzelkampf regierte nicht mehr die Schlacht ; die Kriegskunst , die
gewandte Combination , der scharfe Blick und die Weisheit des Feldherrn wurde werthvoller als der wüthende Zwei¬
kampf . Den Trotz des Vasallen brachen die Donnerrohre des Kaisers ; er war nicht mehr auf den guten Willen , die
oft versagende Wehrpflicht des Ritters angewiesen ; er miethete , warb seine Kriegerschaaren . Wohl glühte und flammte
in dem Adel des hl. römischen Reiches deutscher Nation und der Habsburg ’schen Lande immer noch kriegerisches
Feuer ; wohl erwählten zahlreiche Edle noch immer den Dienst im Felde vor allen anderen Lebensthätigkeiten ; die
Masse der Krieger war aber gemiethetes Volk , und das Geld für die Soldaten bekam der Kaiser noch ein wenig
leichter von den Ständen des Reiches und seiner Stammlande als die Krieger in natura . Wohl wurmte das schon
den »Weiss -Kunig «, der »nicht ein König des Geldes , sondern ein König des Volkes« sein wollte;
denn »ein jeder König bestreite und bekriege mit dem Volke und nicht mit dem Gelde seine Feinde «! Ja , so dachte
es sein edler Sinn ; ein Volksheer und nicht ein Miethheer war sein Ideal. Als eine absolute Nothwendigkeit
aber erkannte er ein Heer, j eine
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starke und verlässliche Kriegsmacht gegenüber den feindlichen Elementen im Lande
und den von allen Seiten drohenden auswärtigen Feinden des Reiches.
Was kostete es dem Kaiser , die Kriegssteuer aufzubringen gegen »Türken und böse Christen «, das Gold
zur Bezahlung der frommen L an d s k n e c h t e, welche seinen Fahnen folgten ! Den Allerwelt -Söldnern , den Schweizern,
welche namentlich Frankreichs Schlachten ausfochten , setzten Maximilian und Karl V . diese »deutschen Knechte«
entgegen , rüstiges Stadt - und Landvolk , das der Kriegsgöttin zuschwor und des Kaisers Adler . Den langen Schweizer-
spiess oder die kürzere Hellebarde in der Hand , das breite , deutsche Schlachtschwert zur Seite , die Sturmhaube oder
den breiten Hut mit der wallenden Feder auf dem Haupte , in langem , faltigem , buntem Kleide , so sah man sie,
geführt von dem biederen Feldhauptmann Georg von Frundsberg, durch die deutschen Lande ziehen . Sie
waren die Urväter des modernen Heeres . Nicht bevorzugten Ständen gehörten sie an , wie die »Kyrysser «, die ritter¬
lichen Söldner , nein — den breiten Schichten des Volkes waren sie entsprossen ; in ihren Reihen konnte der niedrig¬
geborene Knecht sich mit seinem guten Schwerte emporschwingen zum Führer und Ritter , er konnte Fortune machen
in des Kaisers Diensten.
Schon damals empfand man recht dringend den Wunsch , Freund und Feind von einander besser zu unter¬
scheiden . Die Heere waren zahlreicher und bunter ; die Nationalitäten vermischten sich . Männer deutscher , spanischer,
französischer , italienischer Zunge fochten unter des Kaisers Fahnen ; Franzosen , Italiener , Deutsche unter des Franzosen¬
königs Befehlen — Landsknechte hier wie dort ; die Feldzeichen und Feld binden, nach denen man sich schied,
waren im Dunkel der Nacht , in der Dämmerung des Morgens schwer zu erkennen . Deshalb befahl Frundsberg bei
Pavia , geradeso wie bei dem Ueberfalle von Rebecco , der dem tapferen Franzosen Bayard , dem »Ritter ohne Furcht
und Tadel «, das Leben kostete , den kaiserlichen Kriegern , Hemden über die Rüstung zu ziehen; daran
sollte man sie kennen . Der rasch und stetig zunehmende Gebrauch der Feuerwaffe beschränkte den Nah - und Einzel¬
kampf ; weiter rückten sich die Fronten der Heere , besser als durch Wort und Feldgeschrei , durch gewisse nähere Kenn¬
zeichen musste man sie trennen . Deshalb mahnt schon dringend der weise Lazarus von Sch wen di in seinem 1593
zu Frankfurt a . M. erschienenen , aber viel früher geschriebenen »Ivriegs -Discurs von Bestallung des gantzen Kriegs-
wesens « : „(Er ^ elbfytfyerr jbbalbt man 311^ elbt feil hem KriegsDolcf ein geroifj ^ elbtjeicben geben , beffen
DIE ENTWICKLUNG DES KAISERLICHEN HEERES UND SEINER KENNZEICHEN. 5

ftd? menitigltdj gebrand ^ert [olle, öamit man einander uon beit ^ einöen femtcn möge . Unb mann gleid ^e Hationen
unö in gleicher Hiifhwig gegen einaitöer friegen , fo pflegt man fid? and ) etman in Scharmützeln nnö Schlechtem
fonöerer Reichen aujjer öent gemeinen ^ elötjeic^ en 51t gebraud ^eit linö öiefelben etman and ) 311 nercinbern , bannt man
einanber befto fidlerer non bcn ^ einben nnterfdteiben unb fennen nnb ftd? ber ^ einbt nit gleicher ^ elbt^eidum gebrauchen möge ."

Noch kennt man keine auch nur annähernd gleiche Kleidung ; aber man hält auf gleichförmige und gleich-
werthige Kriegsrüstung und auf schärfere Erkennungszeichen . Und immer deutlicher wird dies Streben , je festere
Gestalt das Kriegswesen annimmt , je deutlicher sich die Elemente einer inneren Heeresorganisation erkennen lassen,
je sichtbarer die Sonderung nach Corps und »Regimentern « (dieser Ausdruck begegnet uns allerdings erst 1592)
wird . Langsam , sehr allmälig werden in ihren ersten Andeutungen bestimmte Waffen gattun g e n kennbar , doch
vermischen sie sich noch in denselben Corps , weil man gewissermassen alle Waffen für jede feindliche Begegnung,
vereint haben will.
Die Heere selbst aber , die wir hier in ihren hervorstechendsten Typen betrachtet haben , waren nur vorüber-
o-ehende Erscheinungen : zu bestimmten Zwecken aufaeboten , nach verrichtetem Werke wieder verschwindend . Mit dem
Obristen , der dem Kaiser ein Corps geworben hat , tritt dieses wieder vom Plane ab ; es ist die flüchtige Schöpfung
einer Kriegszeit — kommt eine neue Feindesnoth , so ist der Herrscher in neuer Verlegenheit , dem Reiche Schutz
und militärische Stärke zu schaffen . Nur in einigen festen Plätzen und am Hofe hält man eine stabile Garnison oder
Wache . . . . Da brechen die verheerenden Stürme des dreissigjährigen Krieges über Europa herein und ver¬
wandeln mit unerbittlicher Gewalt die ganze Weltlage , die ganze Kriegsverfassung der Zeit und insbesondere der
habsburgischen Reiche.
Der dreissigjährige Krieg

Je lockerer das Gefüge des römisch -deutschen Reiches geworden war , je mehr sich die grösseren und kleineren
Reichsstände von ihren Pflichten gegen das erwählte Reichsoberhaupt aus Habsburgs glorreichem Hause zu lösen
wussten , desto dringender war die Betonung der Kaisermacht , die Festigung des kaiserlichen Heerwesens selbst ge-
boten . Kaiser und Reich , einst zwei schier untrennbare Begriffe , hatten sich immer schärfer von einander geschieden,
immer seltener wurden die erhebenden Momente , in denen des Reiches Fürsten Eins waren mit dem Träger der
altehrwürdigen , heiligen Kaiserkrone . Auf sein eigenes , starkes Schwert musste sich der Kaiser stützen , auf sein eigenes,
treues Heer vertrauen.
So hat der dreissigjährige Krieg einer Reihe tapferer Regimenter unseres gegenwärtigen Heeres das Dasein
gegeben ; so erstand in jenen völkermordenden , länderverwüstenden Kämpfen doch ein Bleibendes : der erste , an eine
wirkliche Landesverteidigung , an ein zum Schirme des Vaterlandes ausreichendes Heer gemahnende militärische
Organismus.
Nur ein wahres kaiserliches Heer konnte das bedrohte Ansehen der Krone retten , als vom Norden
fremde Kriegsvölker die deutschen Gaue überfluteten und ungetreue Reichsstände mit ihren eigenen Contingenten
die Reichsfeinde stärkten . Dieses Heer stampfte Albrecht von W a 1d s t e i n, der grosse Friedländer , aus dem Boden.
Was die alten Feldhauptleute der Landsknechte , was mancher ritterliche Abenteurer im kleinen Style und mit
grossem Glück getroffen hatte , die Anwerbung von Kriegshaufen , das unternahm »Wallenstein « im grossen Style.
Wir schreiben keine Geschichte des Krieges , sondern eine Geschichte der Uniform . Aber gerade damals
erkennen wir zuerst im Heere Habsburgs etwas von jener Uniformität , welche sich einige Jahrzehnte später auch im Kleide
des Soldaten ausprägen sollte . Grenzt es nicht an das Wunderbare , dass in diesem (nach damaligem Massstabe ) ge¬
waltigen , aus allerlei Volk zusammengesetzten , bunten Heerhaufen , in dieser rauhen , zu wilden Ausschreitungen ge¬
neigten Soldatesca doch ein einheitlicher , die wildesten Gesellen veredelnder Geist flammte , der sie zu einem ein¬
heitlichen Ganzen zusammenschmolz?
Indem Wallenstein die Souveränität der Obriste über ihre Regimenter brach , indem er diese unabhängig von
der Person des Mannes machte , der sie innehatte und commandirte , indem er sie fortbestehen liess , auch wenn dieser
Obrist nicht mehr an der Spitze stand — brachte er die lang entbehrte Uniformität in das Heer und legte den Grund
zu seiner Stabilität , zum stehenden Heere . Der Werbherr trat zurück hinter den Kriegsherrn;
dem Kaiser und nicht dem Obristen fühlten sich die Regimenter zuerst verpflichtet . Die Regimentsfamilie wurde nicht
zerstört , aber sie verlor auch nicht den innigen Zusammenhang mit der grossen Heeresfamilie . Der Feldherr und der
Monarch wurden in Wahrheit des Heeres Häupter ; in dessen einzelnen Theilen aber , in den Waffengattungen und Regi¬
mentern , entwickelte sich ein Corpsgeist , der mit dem Geiste der Gesammtheit harmonirte.
Das gemeinsame Erkennungszeichen dieser Gesammtheit wurde im kaiserlichen Heere die
über die Schultern geschlungene rothe Feldbinde , welche Wallenstein für alle Truppenkörper einführte und bei
Todesstrafe zu tragen gebot . In der Schlacht am Weissen Berge noch trugen Kaiserliche und Bayern ein weisses
Tuch oder Papier zur Unterscheidung von dem Weiss und Himmelblau gekennzeichneten Heere des Winterkönigs.
Die Feldzeichen der Kaiserlichen und der Schweden sind Fahnen mannigfacher Grösse beim Fussvolk , Standarten bei
DER DREISSIGJÄHRIGE KRIEG. 7

der Reiterei ; aber diese Fahnen sind keineswegs gemeinsam für Alle . Auf einer alten Tilly sehen Standarte sieht man
den Doppeladler , der in der rechten Klaue eine Waage , in der linken ein Schwert hält , mit der Umschrift : »Pro
ecclesia et pro Imperio . « Eine andere Standarte zeigt die Planeten Mars und Venus mit der Umschrift : »Arte et
Marte .« Den Officier erkennt man mitunter schon an seiner von der Mannschaft verschiedenen Bewaffnung , sonst an
der Rüstung — er trägt auch bei den Musketieren ein sogenanntes »Bruststück « — an den verschiedenfarbigen
Federbüschen der Flüte , goldenen Ketten und Feldbinden . Die Nothwendigkeit allgemeiner und besonderer Erkennungs¬
zeichen beim Heere und bei den Regimentern tritt immer deutlicher zu Tage . Die Kriegsregeln des Ritters Ludwig
Meltzo , »wie eine 2\ eilterev zu regieren und was man für einen sonderbaren Dienst von derselben haben könne «,
sprechen sich in dieser Hinsicht unverblümt aus . . . . „öEs follen alle 2\ cutter ein ^ elbtjeidjen tragen bei * ^ arb
bc jj dürften , bem fie bienen unb basfelbe nimmer ablegen, mann fte fcfyon ans bem Quartier fid) begaben, es fei
511 Pferb ober 311^ ttfj, allein ober in (Befellfdjafft: llnb foll eine fdjmere Straffe anjf biejenige gefetjt merben, bie ohne

basfelbe gelten. Diefer Brand ), ^ elbi^eicfyett 311 tragen , ift 311 Dielen fadjeii bienlidp Tann 311 gefdjmeigcn, bafj foldie
einer Benterey 3iemt unb ihr ein fdjöit anfeljcn gibt, fo merben nie! Solbaten baburdj abgehoben, bafj fie nidjt auf beit
Straften rauben unb fid) für ^ eiitbe an ftgeben ober attbere böfe Stücfe begehen, bereit fie fid) fonft unterfangen
mürben, mann fie fid) nicfyt fördjten müßten, baft fie an ihre tu $ clbt3cid )cit mödjten erfanbt merben . Hub matttts
311m treffen t’ontmpt, unb ber Eingriff gefdjeljeit, fo fittb bie Solbaten nerfidjert, bafj fie fid? nntereinattber nidjt befdjäbigen
merben, biemeil fie fid) an bem ^ Mjeidjen leidjtlidj fenneit mögen: 3 n inangel beffett Ijabe idj felber offt gefeben, bafj
nie ! Solbaten bttrd ) iI7re eigenen ^ reunb fittb uerletjt unb erfdjlagett n?orben ."
Man empfindet also schon dringend die Bedeutung eines gemeinsamen Zeichens nicht nur für die Unterscheidung
von Freund und Feind , sondern auch für die Hebung des Corpsgeistes , des soldatischen Ehrgefühls und der An¬
hänglichkeit an das Heer und die Truppe , der man angehört . . . . Die Kleider und Waffen kauft sich der Soldat
selbst und die Kriegsregeln mahnen ihn dringend , Kleid und Rüstung seine Fürsorge zuzuwenden , denn das Aeussere
ist es nicht in letzter Linie , nach welchem man den Mann beurtheilt . „^ ertters foll er (bei* Beiter )/ ' sagt derselbe
Ritter Meltzo , „forg tragen unb eilte ^ reub Ijabett, bafj er mit XDeljren unb tDaffen moljl uerfebett unb biefelbe fattber
unb mol gebutjt feyett, ttttb meint nur ein Hagel an benfelbett mangelt, fte alfjbalb mieber machen unb ergätt3en laffe.
£ben biefes foll and ) uerftanben merben uon feiner piftol unb Bohr , mie and) aitberem (Bemebr: Hub foll er uiel fleifjiger
unb forgfältiger feytt, biefelbe rein ttttb gatt3 311 halten als fid ) prächtig 311 fleibett unb ftattlidjer bereitem
geben , bann einem Solbaten , ber fattber mtb eittge3ogett fein foll, ge3iemt. "
Diese Kriegsregeln zeigen aber auch klar genug , dass es dem Soldaten selbst überlassen war , sich mit
grösserem oder geringerem Geschmack und Glanz zu kleiden , nur die Sauberkeit war allen gemeinsam . Eine Ausnahme
machten die Leibwachen , welche Monarchen und Fürsten , unter Anderen auch der Generalissimus Albrecht von Waldstein in
seinen schönen Tagen , hielten . Schon die Vorgänger Kaiser Ferdinands II . hielten 100 berittene Lanzenträger oder
»Hartschieren « — im übertragenen Wirkungskreise sogenannt nach dem italienischen Ausdruck »Arciere « (Bogen¬
schütze ) — als Leibwache . Im XVI . Jahrhundert waren sie in der Regel adelig oder geadelt und schlugen im
Kampfe tapfer drauf los . Unter Ferdinand II . kamen auch Soldaten geringeren Herkommens in das bevorzugte , in
drei Farben wie Edelknaben gekleidete Corps . Ihre Waffe war vom Jahre 1550 bis 1720 die »Couse «, d . h.
eine messerförmiee Lanze ; sie bekleideten zwar keinen bestimmten Rang , waren aber Officiere und standen in
hohem Ansehen in der Residenz . Begegnete ein Missethäter auf seinem Armensündergange einem »Hartschierer « und
gelang es ihm, dessen Lanze oder einen Flügel seines Rockes zu erfassen , so war er an diesem Tage vom Galgen
oder Rade erlöst und musste in sein Gefängniss zurückgeführt werden . Ihr Rang allein machte sie zu Rittern . In
späteren Jahren sank die Hartschiergarde allerdings ziemlich tief herab . Unter Joseph I. schlugen die Garden mit Vorliebe
ihr Privatquartier in den Vorstädten Wiens auf und machten von dem sonderbaren Privilegium Gebrauch , 60 Eimer
Wein oder Bier ausschänken zu dürfen . Schliesslich vertieften sich die Garden so leidenschaftlich in diese und andere
ehrsame , aber unsoldatische Beschäftigungen , dass Maria Theresia mit starker Hand eingrift , alle Handwerker und
Leitgebb (Ausschänker ) aus der Garde ausschloss und die reorganisirte kaiserliche adelige Arcierenleibgarde zu einer
hochachtbaren Truppe verdienter , zumeist halbinvalider Officiere erhob.
Wallenstein wetteiferte in seinem fürstlichen Hofhalt zu Jicin oder Prag mit seinem kaiserlichen Herrn in
der Zahl und Tracht seiner Leibwache . Er brachte sie auf 4 Compagnien — darunter 200 Lanzenträger — ihre
Officiere und ihr Commandant Ottavio Piccolomini bezogen den doppelten Sold , ihre Tracht , welche wohl Wallen-
stein ’s eigene Fabriken lieferten , war von unerhörtem Reichthum . Sie galt ihm sozusagen als der Kern eines Heeres
8 DER DREISSIGJÄHRIGE KRIEG.

und er nützte sie auch dazu , als er sein zweites Generalat antrat . Dass bei dieser Gelegenheit seine Tuche für die
Bekleidung neuer Regimenter , die ja im Uebrigen nicht auf seine Rechnung erfolgte , verwendet wurden und damit
eine Gewisse Gleichfarbigkeit mancher Schaar eintreten mochte , ist möglich.
Bei den Schweden kennt man nach Farben benannte Regimenter ; man spricht von einem weissen , blauen,
rothen , gelben Regiment ; es wäre aber gefehlt , daraus auf eine wirkliche Uniformirung der Armee Gustav Adolph ’s zu
schliessen . Noch im Jahre 1624 ist keine Rede von einer schwedischen Uniform . „Pie Solbdten [cfyctjfen ftd? bieiD
lidje Kleiber, " heisst es in einer königlichen Verordnung vom Jahre 1621, Q'oldje, bie einem Kriegsmann mohl
anftehen, nidjt fo fefjr auj1 ben Stoff , als baranf feljenb, bafj fie oerftänbig gemacht mürben ." »Unansehnliche Bauern¬
knechte « nennt man nach ihrer ärmlichen Tracht die schwedischen Krieger , wie sie den deutschen Boden betreten;
sie tragen Schafpelze zum Schutze gegen die Kälte , und noch 1632 besteht eine besondere Pelzsteuer zur Anschaffung
dieses weniger noblen als praktischen Kleidungsstückes . Im polnischen Feldzuge gibt der fürsorgliche König seinen
Soldaten doppelte , über die Flosen hinaufreichende Strümpfe ; kurz vor dem deutschen Feldzuge bekommen sie weite,
pelzgefütterte Jacken verschiedener Farbe , nach denen man die einzelnen , nach dem Territorialsystem aufgebrachten
Nationalregimenter benennt ; doch führen einzelne Kriegschronisten diese Benennung auf die Farben der Fahnen
zurück . Die Brigaden haben jedenfalls ihre Namen von der Farbe des Feldzeichens ihres ältesten Obristen . Neben
den Nationalregimentern bestanden übrigens im Schwedenheere wie in anderen Armeen geworbene Fremdregimenter,
namentlich schottische und englische , und in Deutschland nahm des Königs Heer ebenso mannigfaltige Elemente in
sich auf, wie die Armada seines grossen Gegners , des Friedländers.
Die Würdenträger , die Führer der Heere , sind in der Tracht ebensowenig an eine bestimmte Regel ge¬
bunden , wie ihre Soldaten . Ihre Börse und ihr Geschmack entscheidet über Reichthum und Glanz des Kleides . Der
höchste General ist oft der Unscheinbarste unter seinen Grossen , wie es der ernste Tilly zu halten liebte . Und dem
untersten Kriegsknecht ist die Bahn geöffnet zur höchsten Würde , nicht wenige haben sie beschritten und ihr Ziel
erklommen.
Viel von dem , was Wallenstein , was andere Heerführer des dreissigjährigen Krieges geschaffen , ist zer¬
trümmert worden , ist versunken ; aber der erste Grund war dennoch in jenen blutigen Jahren zu dem festen Gebäude
der österreichischen Heeres -Institution gelegt worden . Die ältesten Regimenter unserer Armee führen ihre Entstehung
auf die Zeit des dreissigjährigen Krieges , einige sogar in dessen Anfang zurück . Die Dragoner von »Montecuccoli«
Nr . 8, die directen und privilegirten Nachkommen und Erben der Dampierre ’schen Reiter , welche in der Stunde der
höchsten Bedrängniss , am 5. Juni 1619 , den Kaiser Ferdinand II . aus den Händen der rebellischen protestantischen
Stände Niederösterreichs befreit haben , verzeichnen das Jahr 1617 als das Geburtsjahr ihres Regiments . Damals , am
24 . Juni 1617 , erhielt der rastlose , kaisertreue Kriegsheld Dampierre vom Erzherzog Ferdinand das Patent zur Wer¬
bung von 500 Arquebusieren (nicht Kürassieren ) auf Kosten des Kaisers Maximilian , welche im friaulischen Kriege
treffliche Dienste thaten . Zu diesen Fünfhundert stiessen 1619 die vom Grossherzog Cosmas von Medici für den
Kaiser geworbenen 500 »florentinischen Reiter « (Kürassiere und Arquebusiere deutscher und ausländischer Nation)
als neuer Bestandtheil des Dampierre ’schen Regiments oder als zweites Regiment desselben Inhabers . Beide Abthei¬
lungen waren in den fünf schwergerüsteten Compagnien vertreten , die in jenem historischen Augenblicke mit schmet¬
ternden Trompeten und flatternden Fähnlein in den Wiener Burghof einritten und dem Kaiser die kaum mehr
erhoffte Rettung brachten . Später wieder zu einem Regiment vereinigt , haben die Reiter Dampierres unter wech¬
selnden Inhabersnamen den kostbaren Kaiserdank bewahrt : sie dürfen allezeit sowie damals mit schmetternden Trom¬
peten und fliegenden Estandarten durch die Wiener Kaiserburg reiten , im Hofe derselben aber für drei Tage den
Werbtisch aufschlagen . In voller Rüstung und unangemeldet darf ihr Commandant vor seinen Kaiser treten und Quartier
in der Burg nehmen . Das Regiment hat die Versicherung , niemals reducirt oder aufgelöst zu werden , und kein Verbrecher,
der sich in den Reihen dieser Soldaten jemals vorfinden sollte , kann als Mitglied des Regiments den Richtplatz
besteigen — er wird vorher an eine andere Truppe abgegeben . So hat ein tapferes und kaisertreues Regiment
den in ernster Stunde verdienten Lohn seiner grossen That in die Gegenwart herübergerettet . . . . Und von dem
alten , 1619 errichteten Fussregiment des Albrecht von Waldstein , von Friedländers Musketieren , leiten die
Infanterie -Regimenter Sachsen Nr . 1 1 und Reinländer Nr . 24 ihre Abstammung her , wenn nicht andere militärische
Heraldiker Recht haben , welche diese Musketiere zu directen Nachkommen der berühmten »Tiefenbacher « er¬
klären . Das waren wackere Krieger , keine »Gevatter Schneider und Handschuhmacher «, lagen zwar oft in Garnison
zu Brieg , wussten aber gar wohl , was Brauch war im Krieg . . . . Aus dem dreissigjährigen Kriege stammen die
DER DREISSIGJÄHRIGE KRIEG. 9

Brlinner von Nr . 8. Kühne Forscher haben sie zu Nachkommen der Holk ’schen Jäger gemacht , ohne triftige Beweise für
die Giltigkeit dieses interessanten Stammbaums erbringen zu können . In diese Zeit dürfen Liechtenstein -Dragoner Nr . io
als Nachkommen der 1640 errichteten Corona -Dragoner ihre Entstehung verlegen , und in den Reihen der Lothringer-
Dragoner Nr . 7 ist trotz aller actenmässigen Anzweiflungen die Sachsen -Lauenburg -Tradition noch nicht ausgestorben,
welche sie ihren Kameraden von Montecuccoli an Alter wenig nachstehen liesse . Auch der militärische Stammbaum
hat eben sein weit - und vielverzweigtes Geäste , und mit gutem Rechte könnte sich wohl noch manche Heldenlegion
unseres Heeres auf die mittelbare Abstammung von jenen regulären kaiserlichen Heerschaaren berufen , welche in den
dreissig Kriegsjahren von 1618 bis 1648 für des Kaisers und Reiches Sold geworben und aufgestellt worden waren.
Der theuer erkaufte Friede hat die schon in den aufreibenden Kämpfen mannigfach zersplitterten Regimenter
aus dem noch immer losen Gefüge des Heeres gerissen ; der nervus rerum militarium , das böse Geld , versiegte nur
zu oft in den kaiserlichen Cassen , und nur die nothwendigsten Truppen behielt man in den Jahren nach dem west-
phälischen Frieden unter den Fahnen . Aber der Zusammenhang der neueren , stehenden Heere mit der im dreissig-
jährigen Kriege aufgebotenen Kaisermacht blieb bestehen ; erkannt hat man in der ehrwürdigen Burg zu Wien , dass
der Arm des tapferen , treuen Kriegers einen kostbaren Besitz für den Monarchen bedeutet , dass ein in seinem Fahnen¬
eide unerschütterliches Heer die stärkste Burg ist , die sich der Herrscher aufrichten kann in seinen Landen . Diese
Burg sollte von nun an nie mehr zerbröckeln und untergehen . Wie es das älteste Regiment unserer Armee , wie es
die Eisenreiter Dampierre ’s waren , welche in der höchsten Gefahr einem Kaiser aus Habsburgs Stamme Rettung und
Freiheit brachten , so sollten von nun an die Soldaten des Kaisers die stärksten und treuesten Stützen des Thrones,
die Paladine der Krone sein in unserem Vaterlande.
Nach dem dreissigjährigen Kriege

ermass man den Werth einer zuverlässigen , von zufälligen und persönlichen
Verhältnissen unabhängigen kaiserlichen Streitmacht , als nicht allzulange
nach dem von aller Welt bejubelten Frieden die Wetterwolken am politischen
Firmamente neue Kriegsstürme kündeten . Die innere Zerfahrenheit im hl.
römischen Reiche deutscher Nation , die selbstsüchtigen und ehrofeizisfen
Bestrebungen einzelner Reichsfürsten , welche fremden politischen Intriguen
nur in die Flände arbeiteten und die immerwährende Beschränkung der
Kaisermacht und des Kaiserrechts zum klaren Ziele hatten , wiesen das
Reichsoberhaupt immer mehr auf seine eigene Kraft an . Der Kaiser hatte
nicht Federn ofenuof in seinen Diensten , um all ’ den Fürsten des Reiches
ihre Sonderrechte , Privilegien und Ausnahmestellungen zu bestätigen ; ihm
blieb schliesslich nichts als die Ehre und Pflicht des kaiserlichen Namens,
die Pflicht , des Reiches Schirmherr gegen äussere Feinde zu sein.
Deutsche Fürsten bestiegen fremde Throne (Polen , England,
Schweden ) und fühlten sich als ausländische Souveräne dem Kaiser ebenbürtig , und manche Fürsten im Reiche selbst,
vor Allem das klar und consequent strebende und rastlos an seiner militärischen Entfaltung schaffende Brandenburg,
wuchsen zu bedenklichen Rivalen des Kaisers heran ; andere , namentlich Fürsten am Rheine , scheuten vor einem
offenen Bunde mit dem bösen französischen Nachbar nicht zurück , der ihnen näher und daher nützlicher oder gefährlicher
erschien als der Kaiser . Im Osten aber rüsteten die Feinde des Christenthums , die Heerschaaren des Islam , zu neuen
EroberunorsziDen
O ö
nach dem Westen.
So galt es, die Lücken , welche verfrühte Sparsamkeit , böser Geldmangel und unzeitgemässer Optimismus
im Habsburg ’schen Heere hatten einreissen lassen , schleunigst auszufüllen , nach zwei Seiten Front zu machen mit den
neuerdings unter des Kaisers Fahnen versammelten Truppen . Neue Regimenter traten schon 1661 auf den Plan , als
der grosse Kriegsmeister Montecuccoli des Kaisers Heer zu ruhmreichen Kämpfen gegen den Türken führte . Freudig
ergriff Leopold I . jeden Antrag , der diesem Heere eine tapfere Legion zuzuführen versprach . Damals führte unter
Anderen Oberst Wladislaus Graf Sparr das altbrandenburgische Fussregiment dieses Namens laut Contract aus seines
Kurfürsten Diensten in jene des Kaisers herüber : es sollte sich unseren herrlichsten Legionen anreihen und unter
dem historischen Namen »Alt -Starhemberg « ewigen Ruhm gewinnen . Damals traten die Kürassiere Garnier ’s (heute
Lothringer -Dragoner ) wirklich ins Leben ; sie sollten bald unter dem Helden Dünewald zum Schreck der Feinde Habs-
burgs werden . Im Jahre 1673 konnte der Kaiser 50 .000 Mann gegen die Franzosen ins Feld stellen , ein Heer,
welches den stärksten Armeen des dreissigjährigen Krieges an Zahl ebenbürtig war — in der entscheidenden
Schlacht bei Nördlingen hatte die vereinigte Heeresmacht der Kaiserlichen , der Bayern und Spanier nicht mehr als
40 .000 Mann betragen!
Und dennoch sah sich der Kaiser im Jahre 1683 abermals von einer Uebermacht bedroht , welcher seine
Streitkraft durchaus nicht gewachsen war . Mit 22 .000 Mann versuchte der edle Lothringer in Ungarn 400 .000 Osmanen
NACH DEM DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGE. 11

Trotz zu bieten ! Nun freilich ging ein mächtiger Nothschrei durch die christlichen Lande . Der König von Polen und
Deutschlands Fürsten führten Hilfstruppen herbei , das Kaiserheer ergänzte seine Reihen . Nicht weniger als 14 Fuss-
regimenter , 8 Reiter - (Kürassier -), 5 Dragoner - und 2 Croaten -Regimenter erstanden in dem denkwürdigen Jahre 1683,
und in der Befreiungsschlacht von Wien triumphirte das Kreuz , von starker Hand getragen , kampfesfrohen Schaaren
voranleuchtend , über den Halbmond . 80 .000 Mann mit 170 Geschützen zählte das Entsatzheer , und 21 .000 Mann und
70 Geschütze davon gehörten zu des Kaisers eigener Heermacht.
Von dem siegreich eroberten Wien trug- Karl von Lothringen Oesterreichs Waffenruhm bis an den
Balkan , und in seinen Grundvesten erzitterte schon damals die ottomanische Macht in Europa . In jenen denkwürdigen
Tagen war es, als Prinzen aus allen Fürstenhäusern Europas begeistert und thatendurstig in Oesterreichs Heerlager
eilten , um ihren Degen der Sache des Kreuzes , dem Schutze der abendländischen Cultur , des römischen Kaiserthrones
zu weihen . Unter ihnen war jener Eugenius Prinz von Savoyen und Carignan , dem an seiner Wiege keineswegs
die Laufbahn des Kriegers geweissagt worden war und der dennoch die Welt mit seinem Kriegsruhm erfüllen sollte.
Er war nicht nur der Führer der österreichischen Heere , er wurde geradezu ihr zweiter Schöpfer , der Begründer ihrer
Organisation , derjenige , welcher die im dreissigjährigen Kriege auf Blutfeldern gestreute Saat üppig emporschiessen
liess und der Habsburgischen Kriegsmacht ihre seither niemals vernichtete feste Grundlage gab . In der Schule
der Kriegshelden Karl von Lothringen , Ludwig von Baden - Baden und Johann Sobieski , in den grössten Tagen
des Riesenkampfes zwischen dem christlichen Abendlande und dem Islam wuchs der Prinz als Soldat empor . Rasch
klomm Eugenius von Savoyen , Dank seiner hohen Geburt und seinen kriegerischen Thaten , die Stufenleiter der
militärischen Chargen empor ; aber nicht dornenlos waren die Pfade , die er beschritt , um zu der höchsten Würde im
Heere zu gelangen , zu dessen oberstem Führer , zu seines Kaisers General -Lieutenant und des Reiches Feldmarschall,
erhoben zu werden . Kein Soldat im Heere neidete und missgönnte dem Helden von Gran und vom Berge Härsäny
seine Carriere . Wer ihn an der Spitze seiner Dragoner bei Ofen gesehen , wie er sein Pferd unter dem Leibe verlor
und dennoch nicht zurückblieb hinter den Seinen , wer ihn am Harsanberge gesehen hatte , wie er hinter den fliehenden
Türken einherraste und endlich , auf ihr verschanztes Lager stossend , mit seinen abgesessenen Reitern die Schanzen
erstürmte und des Feindes Niederlage vollendete , wer ihn 1688 bewundert hatte , wie er mit Max Emanuel , dem
tapferen Bayern fürsten , der Erste in die Bresche von Belgrad drang und — eine Musketenkugel im Fusse — nicht
aus dem Kampfe wich, der dankte gewiss dem Kaiser dieses Prinzen rasche Erhebung von Würde zu Würde . Bald
sollte er auch den Franzosen seines Degens Schärfe erweisen , den stolzen Frankenkönig bereuen lassen , dass er einst
das kleine Prinzlein aus Piemont schnöde zurückgewiesen , als es in Frankreichs Armee das Kriegshandwerk zu er¬
lernen wünschte . Der Feldzug am Rhein 1689 gegen die aller Verträge und aller Gesetze der Menschlichkeit spotten¬
den Franzosen führte Eugen mit seinen Dragonern zum ersten Male diesen Feinden entgegen ; er war unter den
Bezwingern des von französischen Truppen besetzten Mainz , er zog 1690 nach Piemont , um im Verein mit anderen
schwachen kaiserlichen Truppen seinem leiblichen Vetter und des Kaisers lauem Verbündeten , Victor Emanuel,
Herzog von Savoyen Beistand zu leisten . In den piemontesischen F'eldztigen dieses und der nächsten Jahre lernte Prinz
Eugen ganz genau , wie man nicht Krieg führen sollte . Was vermochte seine eigene Thatkraft und Aufopferung gegen¬
über der schwankenden Politik seines herzoglichen Vetters , die sich auch in der schwankenden Haltung seines Heeres
ausprägte ; was vermochte sein eigener Degen , den er selbst im blutigen Nahkampfe , seinen Dragonern vorauseilend,
schwang — wenn ihm stets die Unterstützung fehlte ! Hier auf dem Boden Piemonts stählte Eugenius . in steten
aufreibenden Kämpfen gegen offene und versteckte Feinde , gegen übelverhüllte Gleichgiltigkeit , böse Intriguen und
finanzielle Ohnmacht seinen Charakter — er wurde Mann , Feldherr , Diplomat und Verpflegungskünstler ; all’ die
ausserordentlichen Vorzüge und Fähigkeiten , welche in wunderbarer Vereinigung das Gesammtbild dieses seltenen
Menschen gaben , traten hier zum ersten Male zu Tage und entfalteten sich in einer für unser Vaterland so erspriess-
lichen und ruhmvollen Weise.
Kaiser Leopold I . erkannte den Werth und die Bedeutung des edlen »Savoyarden « ; als Feldmarschall
sehen wir ihn bereits 1693 in der Schlacht bei Marsaglia unter dem Oberbefehle des Herzogs die Waffenehre retten;
1696 trat er , als der Kaiser , dem Intriguenspiele seiner P'einde und Freunde weichend , den Kampf in Italien aufgab,
wehmuthsvoll von dem Schauplatze so vieler bitterer Erfahrungen ab . Aber bald sollte Eugen von Savoyen auf den
Platz treten , der ihm bestimmt war zu Oesterreichs Heil und Ehre . Neue Kämpfe standen Kaiser und Reich in Ungarn
bevor . Es galt nicht blos zu siegen , sondern auch das Elend der Armee zu beheben , den Soldaten zu nähren und zu
kleiden , »da ein unbezahlter Soldat viel weniger als ein bezahlter zu rechnen sei «. Man brauchte einen Pleerführer,
12 NACH DEM DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGE.

einen Organisator , einen Verpflegskünstler . Und alles dies glaubte der alte Kriegsheld und Hofkriegsraths -Präsident
Rüdiger Starhemberg in dem jungen Prinzen von Savoyen gefunden zu haben . Ihn , den jungen Feldmarschall , schlug
er zum Adlatus des Feldherrn , Kurfürsten Friedrich August von Sachsen , vor , »sintemal , nicht allemal die langen Jahre
die Kriegserfahrenheit gäben , sondern ein grosses talentum naturale , judicium und Verstand dazu erfordert wird , das,
was man gesellen , auch anzuwenden , wessweeen Einer , der nebst seinem grossen Verstände , natürliche Talente und
Geschicklichkeit besitze , oftmals in wenig Jahren mehr als ein anderer in sehr vielen lernt «. Als aber der Kurfürst
durch die Erhebung auf den polnischen Königsthron dem kaiserlichen Armee -Commando entrückt war , da wurde aus
dem Adlatus ein selbstständiger kaiserlicher Feldherr , der schon am i i . September 1697 die Türken bei Zenta bis
zur Vernichtung schlug.
unter Eugenius von Savoyen.

Wem müssten wir sagen , was Eugenius , der edle Ritter , unserem Heere war , was er ihm gewann , wie tief
er im Herzen seiner Krieger und all’ der Völker wurzelte , welche in dem Kaiser und König ihren Herrn verehrten:
Drei Kaisern , Leopold I., Josef I. und Karl VI ., hat sein tapferer Degen gedient , für drei Monarchen hat sein er¬
leuchteter Geist gedacht und geschaffen , und nicht die Lorbeeren allein , welche er auf den Blutfeldern Europas er¬
rungen , nein , seine Weisheit im Rathe , seine politische Umsicht und Einsicht , seine väterliche Fürsorge für das Eleer,
dessen Commando er führte und dem er ein wahrer Mehrer und Pfleger war , machten die Summe seiner Verdienste
um das Erzhaus so ausserordentlich gross . Diesem seltenen Manne , diesem Vater und Führer unserer Heere , welchem
auch der schlichte Söldner zujubelte , gebührt auch das Verdienst , dem österreichischen Soldaten das erste ein¬
heitliche Kleid gegeben , des Kaisers Rock zur rechten Bedeutung erhoben zu haben im Heere . Lhiter ihm er¬
reichte die Armee jenes feste Gefüge , jene im dreissigjährigen Kriege und in den Jahrzehnten darnach schüchtern
und sprunghaft begonnene innere Organisation , an welcher man in späteren , gewaltig fortschreitenden Zeiten weiter¬
bauen konnte . Jetzt erst wurde das stehende Heer eine wirkliche Wahrheit , und mit dem stehenden Heere kam
auch die Uniform , das gemeinsame Ehrenkleid , zur vollen Geltung.
Dem Prinzen Eugen fiel, als er die Leitung unserer Armee und dann auch (als Hofkriegsraths -Präsident und
General -Lieutenant des Kaisers ) die Leitung unseres Heerwesens überhaupt ergriff , die grosse Aufgabe zu, das von
seinen Vorgängern , namentlich dem weisen Montecuccoli , Geschaffene zu ordnen , auszubilden und zu erweitern . Wohl
waren die Bausteine zu dem grossen Heeresgebäude da , aber sie mussten erst gesichtet und gefügt werden . Wohl
gab es hundertfache Instructionen und Ordonnanzen , aber sie galten nur für besondere Falle und ermöglichten nicht
jenen einheitlichen , harmonischen Dienstbetrieb , ohne den ein Gedeihen des Heeres undenkbar war . Wohl waren
zahlreiche Regimenter vorhanden , aber sie bildeten noch immer mehr oder weniger selbstständige Körper , denen ihre
Inhaber nach ihren Befugnissen Gesetze , Reglements , Waffen und Abzeichen gaben , Truppenkörper , die immer noch
darauf gefasst sein mussten , im Falle ihrer Entbehrlichkeit oder in dem oft wiederkehrenden Falle der »Geldarmuth«
reformirt , d. h. aufgelöst zu werden . Die Verpflegung und Besoldung der Regimenter hing grossentheils von dem
keineswegs immer guten Willen der Länder ab , in denen sie garnisonirten oder cantonirten ; die Ausrüstung war von
nicht geringeren Zufälligkeiten abhängig.
Das Verhältnis der einzelnen Waffen zu einander , ihr harmonisches Ineinandergreifen zu regeln , ihre eigene
Leistungsfähigkeit zu steigern und zu entfalten , das war Eugenius Vorbehalten . Er machte der Cavallerie ihre vorher
so wenigo ogewürdigte
o Bedeutungo für den Aufklärungso - oder Nachrichtendienst klar ;1 er entwickelte das Kundschafter-
und das Verpflegswesen , ohne dessen sorgfältige Regelung die operirende Armee ohnmächtig wird ; er löste die Krieg-
r4 HABSBURGS HEER UNTER EUGENIUS VON SAVOYEN.

führung von der Schablone los und errang seine Erfolge ebensowohl durch kluges , aber nicht träges Zuwarten , als
durch kühne Schachzüge und plötzliche , niederschmetternde Schläge . Und dem ganzen Heere theilte sich der Zauber
seiner genialen Persönlichkeit mit ; sie wirkte massgebend auf die Entwicklung eines ganz neuen Heeresgeistes , auf
die Bildung einer neuen Heeresfamilie . Nun stampfte man nicht mehr die Heere aus dem Boden , um sie durch sich
selbst ernähren zu lassen ; nicht die Aussicht auf gute Beute war bestimmend für den Mann , der sich dem Waffen¬
dienste weihte . Es musste etwas Eigenes , etwas Besseres geben , das ihn anzog , das ihn selbst unter Entbehrungen
und Widerwärtigkeiten aufrecht erhielt und zu denkwürdigen Thaten begeisterte . Nicht die Liebe zum Vaterlande
führte damals den Krieger unter die Fahnen — kannte er doch oft kein Vaterland , standen doch Männer aus allen
Gauen Deutschlands neben den Söhnen Böhmens und Italiens , Ungarns und der Schweiz in den Reihen der kaiser-
liehen Regimenter , darbten und hungerten doch Alle gemeinsam ! Aber sie fanden eben ein Heim , eine Familie im
Heere . Losgelöst von den Fesseln der Studir - oder Amtsstube , des bäuerlichen Frohn - oder des pedantischen Kanzlei¬
dienstes , trugen sie gern die Fesseln der scharfen , militärischen Disciplin ; waren sie doch leichter zu tragen , als das
durch bösartigen Kastengeist , durch unausrottbare Vorurtheile , durch kleinliche Beschränkungen verbitterte bürgerliche
Leben ! Unter dem Kaiserbanner wurden sie Alle zu Brüdern und Kameraden . Den Heeren des Kaisers weihten Männer
aus erlauchtem Stande , Prinzen aus Deutschlands Fürstengeschlechtern ihre Degen ; der Adel der habsburgischen Erb¬
lande suchte hier seine Carriere , aber auch dem schlichten Manne aus dem Volke war keineswegs , wie in Frankreich,
der Weg zur Officiers Charge versperrt , er konnte sich hier emporringen zu Charge und Adel . Der Officier stand dem
Soldaten zwar als strenger Vorgesetzter , niemals aber als völlig fremdes Wesen wie in Frankreich gegenüber ; er nahm
Einfluss auf die Mannschaft , wie der Feldherr auf sein ganzes Heer . Die Gefühle der Pflicht , der Ehre und Treue
lassten festen Fuss unter den Soldaten ; begeistert blickten sie zu dem ritterlichen Führer , der mit ihnen die Be¬
schwerden und Entbehrungen des Feldzuges theilte , begeistert zu den kaiserlichen Fahnen empor , die er zu Kampf
und Siecr entrollte . Dieser vertrauensvolle Blick tröstete sie in harten Stunden ; denn karg war der Sold und oft blieb
er aus , karg war das Brot und oft musste man es entbehren , gering war die Aussicht auf Belohnung und Auszeichnung
und gering das Ansehen des Soldaten bei dem Bürger und Beamten , wenn er nicht als triumphirender Sieger , als
Träger der Macht kam und sich die seinem Berufe gebührende Achtung erzwang.
Die Zusammensetzung der Truppe , die Auswahl der Mannschaft war noch immer eine ziemlich bunte . Wohl
bestand noch die alte Institution des Landaufgebotes , welche — gehörig ausgenützt — Oesterreich die erste Land-
wehr sichern konnte , aber sie trat nur bei ausserordentlichen Anlässen in Kraft . Einzelne Kronländer , z. B. die »ober¬
österreichischen « Lande brachten eigene »Landregimenter «, ständische Soldaten , auf ; eines derselben nahm Prinz Eugen
bei der Musterung in Braunau a . I. direct für seine xArmee in Anspruch . Die hauptsächliche Art der Ergänzung war
die mehr oder minder »freie « Werbung , die sich aber allmälig , je mehr der Grundsatz von der Wehrpflichtigkeit
durchdrang , der Conscription näherte . Als römischer Kaiser hatte der Herrscher aus Habsburgs Stamme überdies
das Recht der sogenannten »Reichswerbung «, namentlich in den freien Städten des Deutschen Reiches ; jedem In-
fanterie -Regimente war ein bestimmter Ergänzungsbezirk hiefür zugesprochen . Ueberdies gliederten sich zu jeder Zeit
gewisse Contingente deutscher Reichsstände in ihrer bunten Verfassung und Ausrüstung dem kaiserlichen Heere an,
traten auch oft in des Kaisers Sold , unter des Kaisers Fahnen . Bei der Werbung waren die erbländischen Männer
die willkommensten ; man zog sie entschieden »Ausländern « vor , welche als »Läufer « und Ausreisser dem Corpsgeiste
nur schadeten ; der Gedanke eines vaterländischen Heeres tritt immer mehr sichtbarer zu Tage . Man will namentlich
solche Recruten , deren Eltern und Befreundete bekannt und landsässig sind . Sie dürfen »nicht ungeschickt , einfältig
und talkigt sein , sondern müssen ein männliches Gesicht und gute Physiognomie haben , und ist zu beurtheilen , ob sie
Armuths - oder Nothshalber oder ob sie etwas angestellt haben und etwa aus Furcht vor der Strafe sich ins Soldaten¬
leben begeben ; ferner ob sie Schelme , Diebe , Schinderknechte oder solche sind , die mit dem Staupbesen des Landes
verwiesen wurden . Und endlich ist zu beobachten , dass Niemand angenommen werde , der mit einem Leibesdefect
behaftet ist . Schmiede , Fleischhauer , Fuhrleute , Bauernknechte sind die besten Leute . Man soll auch trachten , Hand¬
werksleute zu bekommen , die die Regimenter nöthig haben ; solche sind Büchsenmacher , Schuster , Schneider , Bäcker
und Weissgärber . Deserteure sind unter keinem Vorwand anzunehmen , denn wer einmal ein Schelm geworden
ist , bleibt ein solcher bis zum Ende seines Lebens . Junge Menschen von guten Eltern oder Edelleute , wie
nicht weniger Studenten , die gute Fouriere abgeben können , sind allezeit anzunehmen «.
Der Gedanke , dass der Kriegerstand ein Stand der Ehre sein solle , prägt sich auch in dieser schlichten
Verordnung aus ; immer sorgfältiger wurde er vor schlechten Elementen , vor dem Ueberwuchern eines niedrigen
HABSBURGS HEER UNTER EUGENIUS VON SAVOYEN. 15

Geistes behütet . Die Liebe zur Fahne und zu deren erstem Träger , Eugenius , dem edlen Ritter , bildete aber den
stärksten Kitt , der die eigene Armee zusammenschloss ; nun bildete sich jene grosse Tradition , welche durch wetter¬
harte eisoraue Krieger von Generation zu Generation vererbt wurde , und die Jungen zu frischem , kräftigem Nach¬
streben entflammte . Der Kriegsknecht wurde zum Soldaten , das Kriegsvolk zum wahren Heere in diesen Eugen-
schen Tagen.
Wie rasch es wuchs , davon sprechen einige Ziffern . Vom Jahre 1697 bis 1710 stieg die Zahl der
Fussreo -imenter von 29 auf 40 , und ihre Stärke wurde gleichmässig auf 12 Compagnien zu 150 Mann festgesetzt.
Die Cavallerie umfasste nach dem Tode Kaiser Ferdinands III . blos 7 Kürassier - und 1 Dragoner -Regiment ; 17 n
zählte man 20 Kürassier -, 12 Dragoner - und 5 Husaren -Regimenter , 1740 iS Kürassier -, 14 Dragoner - und 8 Husaren-
Reo-imenter . Besondere Bestandtheile der kaiserlichen Heeresmacht bildeten die drei geworbenen Schweizer -Regimenter
in Vorderösterreich , dem Habsburg ’schen Besitze im »Reiche «, die Heiducken -Regimenter aus Ungarn und die Aufgebote
der sich langsam consolidirenden Gienzgebiete.
Die gemeinsame Uniform.

ie schwer aber wurde es dem Herrscher , die Bedürfnisse für


seine Heeresmacht zu beschaffen , die Truppen zu kleiden und
zu nähren ! Verliess sich der Kaiser auf die Stände jener Erb¬
lande , in denen die Truppen garnisonirten , so kämpfte er stets
gegen offenen oder versteckten Widerwillen ; verliess er sich
auf die Regimentsinhaber , so traf er nur zu oft auf schlechte
und eigennützige Wirthe , und seine eigenen Cassen konnten bei der zu-
nehmenden Erschöpfung des Staatscredits nur durch riskante Finanzoperationen
oder durch die unregelmässig einlaufenden , theuer erkämpften Hilfsgelder der
Verbündeten gefüllt werden . Mit der Beschaffung der Montur durch den
Soldaten selbst ging es nicht mehr . Zuerst übernahmen die Inhaber die Sorge
für dieses wichtige Geschäft , accordirten mit Geschäftsleuten und Fabriken
über Tuchlieferungen oder stellten aus eigenen Werkstätten die Monturs¬
sorten bei j, Cd
wogegen
Cd
sich der Mann einen Cdgewissen SoldabzugCd Cd
gefallen Hess.
So kam in den einzelnen Regimentern
Cd allmäligcd eine durch keinerlei Vorschriften geregelte
cd cd Uniformität zu Tage
cd j, welche

aber einer Uniformität des Heeres selbst direct zuwiderlief und die Buntheit und Mannigfaltigkeit in der Bekleidung der
Truppen geradezu beförderte . Diesem Uebelstande suchte schon Kaiser Leopold I. zu steuern , die Montirung des
Soldaten auf kaiserliche Kosten zu übernehmen und dem directen Einwirken der Inhaber zu entziehen . In seiner Ver-
pflegsordonnanz vom 3. December 1697 heisst es:
„Solcfyemnad? fyabeu IDir gnäbigft refoloirt, baft fürbertpn bet* CDfftcier auff feine ZDunb= unb Pferb -Portion
aufj bei* Caffa mit bafyrem (Selb! be3al]lt tuerbeu unb felbigen t>ou bem Canb aufjer Cacfy unb ^ ad) für ftcfy unb feine
Centre fambt bei*Stallung für feine Pferbe , fouiel er berfelben feiner Charge unb bei*(Drbonnan3 gemäfj r>onnötl]en fyat,
nid)ts, trne immer es TCamen fyat, forbent nod) nehmen, bei* (Bemaine aber im HDinter bie bjaufplTlaunsfoft uom
Qnartiersmann ober ein aequiualent bafiir im (Belbt rmb benebft monatfylid] etwas an (Belbt er caffa: im Sommer
bas Brobt aujj bem Znaga3tu olpie fein (Enbtgelbt unb bar3ii alle 3el]en Cage feine Be3abliutg haben folle — lieber
welches Dilles lUir ilpne and ] bie XHontirung, 017ne baff er ron feinem Solbt etwas beY3Utragen I7abe,
auff unfere Unfoften uerfcfyaf f eu . . .
Aber dabei blieb es nicht . Schon zwei Jahre später bestimmte der Kaiser , dass von dem entsprechend
normirten Solde des Mannes stets ein Theil zur Vergütung der Bekleidung zurückzuhalten und dem Soldaten auf
Rechnung dieses Rücklasses von Zeit zu Zeit die nöthigen Kleidungsstücke beizustellen seien . »Sollte für diesen Sold,«
sagt die betreffende Verordnung , »der Officier dem Soldaten im Sommer und Winter die nöthigen Lebensmitteln
verschaffen , auch ihn bei einer zu Kriegsdiensten tauglichen Montirung jederzeit erhalten , dem Soldaten
von Zeit zu Zeit , wenn es nöthig , die kleine Montirung davon verschaffen , den Ueberrest aber in der Cassa be¬
halten , um alle zwey Jahre , nach der Disposition des Obersten oder Commandanten des Regiments , davon die grosse
Montirung ihm zu erzeugen .« Dem Corporal der Infanterie zog man 4, dem Gefreiten , Spielmann und Fourierschützen 3,
DIE GEMEINSAME UNIFORM. *7

dem Gemeinen 2V3 Kreuzer , dem Reiter 5 Kreuzer täglich von seiner Löhnung ab ; der Hauptmann führte diese
Beträte dem Oberst ab . » Damit man aber sehe , wie mit diesem Gelde gewirthschaftet werde, « sagt das Regle-

ment , »so solle der Hauptmann das , was er dem Soldaten von seinem Sold vorenthält , nicht allein in das Compagnie¬
buch ordentlich aufmerken , sondern dem Soldaten selbst einen Zettel zustellen , in welchem klar angesetzt sein muss,
nicht allein , was ihm abgezogen worden , sondern auch , was ihm der Hauptmann von Zeit zu Zeit an grosser als
kleiner Montirung gegeben habe und wie hoch das eine oder andere im Preise angeschlagen wurde . Sowohl diese Zettel
als die Compagniebücher sollen jedesmal bei der Musterung nebst der Cassa dem Commissär vorgewiesen werden,
damit man daraus ersehen könne , wie der Hauptmann mit der kleinen und der Oberst oder Commandant mit der
grossen Montirung gewirthschaftet habe . . . . Auch sollen zur mehreren Sicherheit einige Unterofficiere und Gemeine,
nebst dem Hauptmann oder Rittmeister die Schlüssel zur Cassa mit haben . « Nach dem „ftevrifcbeu 2Ttarfd?=,
Bequartier -, Cantonier * unb Derpflegs^Reglement für hie gefatnbte Kays . £ eutfd?e and ) £?ungar =£ ruppen " hatten die
Gemeinen vom Wachtmeister oder Feldwebel abwärts „DOit jeber ä 8 Kreimer angemiefenen HTiiubportioit 311V 23eftrei=
tung her Rlottbur (ZTContur
) unb anbereit Regimentsnotl?wenbigfeiten 2 Kreimer innen 311 bemalten."
Thatsächlich scheint die Dotirung für diese Zwecke ziemlich ausreichend gewesen zu sein ; denn die Tracht
des Soldaten — von einer »Uniformirung « lässt sich zu Ende des XVII . Jahrhunderts noch immer nicht sprechen —
forderte genug Stoff . Sein Rock war weit und reichte bis an die Wade ; er trug breite Klappen und Aufschläge und
einen schmalen Kragen , ein bis an die Knie reichendes Camisol (Leibchen ) mit engen Aermeln , kurze , kalbfellene
Hosen , gestrickte Wollstrümpfe , Socken , Knie - und Schuhschnallen , einen guten , auf einer Seite aufgekrämpten , mit
einer Schnur eingefassten Hut , ein schwarzes Halstuch , ein Paar Handschuhe und einen rauhen , kalbfellenen Ranzen.
Die Ausrüstung der einzelnen Waffengattungen , welche wir noch näher zu betrachten haben , gab dann der Truppe
noch ihren bestimmten Charakter . Die Farbe des Kleides wählt noch bis in die ersten Jahre des XVIII . Jahrhunderts
der Inhaber selbst , der entweder sein Regiment selbst commandirt oder durch einen Titular -Oberst oder den Oberst¬
lieutenant im Commando des seinen Namen führenden Truppenkörpers vertreten wird , wenn er dem Regimente fern
oder durch eine höhere Charge dem Regiments -Commando entrückt ist . Die Standarten und Schabracken der Reiter-
Regimenter tragen zumeist sein Wappen , seinen Namenszug , auch seine Farben . Dennoch hat allmälig in der Be¬
kleidung der Soldaten eine Farbe, die sogenannte perlgraue oder lichtgraue, die Oberhand genommen , wohl
deshalb , weil Tücher in dieser Farbe am billigsten zu beschaffen und am leichtesten zu conserviren waren . Vorschrift
war diese Lhiiformfarbe allerdings nicht , und deshalb kam es vor , dass man die nach Belieben der Inhaber gekleideten
Truppen weder von einander noch von fremden Contingenten unterscheiden konnte.
Am 28 . December 1707 richtete nun das Hofkriegsraths -Präsidium , d . h. Prinz Eugen von Savoyen , fol¬
gende denkwürdige , die Abstellung dieser Uebelstände und die Einführung einer einheitlichen Infanterie -Montur
bezweckende Eingabe an des Kaisers Majestät:

„Rn bcn TUIerfyöcfyften Kayfer unb fjerrn!

(Es l]at bei* gefyorfamfte Fjoffriegsratl? bey ber heurigen £anb*Recrutirung abermabls wahrgenommen, wafp
mafjeit wegen ber färben bei* monbirung fid? uid?t geringe fd^iräbrigfeiten eraiguen, ba nur n0d ? weilige 2 \ egu
ment er fid ? beftuben, meiere, ba anbere faft alle b er 1färb ober w eisgraue Röcfl ? tragen, annod? rollig grien
(grün) ober blavo blau
( ) wie 0fjnabrugg , Bareitl? unb TDe^elift, haben unb tragen . (5Ieid?mic aber foldjes, nad?
obange3eigter 23efd?wörbe ber Cänber, and] bey abgebung ber Comntanbirten unb (£im unb anbereu oorfallenfyeiteu bes
Commanbo eine nid?! woblanftänbige Dermeuguug ber 2TTannfd?aft r >erurfad?et, fo beut ^ eiub and ) öfters 311
gutten 2Tlajj bienen fl]an, babey and ?, wann hinPhiinftig bie Perpfleg* unb Bejahung ber Regimenter auf beu alten
^iift bergeftellet unb eingerichtet werben folle, mie es 311(Em. faif. 21Taj. arntaben erl?altitng uunmgäuglid ? fein 11111
(5,
infoIglid?en bie Regimenter felbfteu für bie alte fomobl als neue 21Tannfd ?aft bie monbur 311 rerfdiaffen haben
werben, berfelben fd?wcibr unb aÜ3U coftbal?r fallen wirb, foldje in bgleid?en tbeureu eytra färben 311 geben. —
„Dahero bann ber gel?orf. P?offriegsrath ber uiuoergreiflichen meyuung mar, bafj binfiiro biirdugebenbs bie
mouburen auf ber miubeft dou Rödgen in licht grauen ober perl färben C u ed? befleißen folleu: babiugegen
bie non beneu Regimentern 311^ uff fud?etibe ilnterfd ?eibuug, umb bie 21Fannfd?aft gleid?mobl barab 311 ernennen , in

*) Die Regimenter Osnabrück , Bayreuth und Wetzel.

3
DIE GEMEINSAME UNIFORM.

betten cmffdjlägen, (Eantifolett ober ftrimpfen fatttt beobachtet werben, welches aber mir auf bie ^elbmili3 511 ftebeu
märe ; bau betten itt (Biiantifott aüftätts Derbleibettbett Regimentern , gleich 311 praag ttttb (Sr oft =(Slogan, frönten
berley particular eytra ^ arbett 311 iljrer tnonbur, ba fonftige foitften mit tttetnattb ftd) im § ug ttttb machten 311[teilen
ttttb 311 vermengen haben, geftattet werben. . . ." *)
iPiett , 28. Decetttber \c 07. fußünia nnn Sanay.”
Die eigenhändige
O O
kaiserliche Resolution auf diese Eingabe
<_>
lautete:

„3d ? fittbe auf allerweift für guet , was hier etngeratljeu, alft thue icbs and ) itt allen
approbirett.
Uorrt
.”
Auf Grund dieser kaiserlichen Resolution konnte der Hofkriegsrath am 16 . Jänner 1708 an alle Regiments¬
inhaber der Armee die Ordre erlassen , »baft Ijinfiiro bie muiiburett ber Regimenter btirdjgebenbs itt lidjtgraue ober
perl färben abfouberlid) bei Röcfben Beftebeu, hingegen aber ttntb glcid)woI]Iett bie Regimenter ttttb Rdatmfdtaft 311
erfbettttett, ber llnterfdjieb itt betten auffchläg, CatttifoIIs ttttb ftrümpf Beobachtet werben folte. Rift bat matt bettt p . (L. I7.
311 feiner nacfyricfyt ttttb betn ettbe batnit bebeutett wollen, tttttb baft (Er fiel) fyiernad) 311 richten, folglich itt waft ^ arb

<Er bittfüro fein Unterijabenbes Regiment munbirt Ijabett will, pünftlid ) att bas faif. (Bett. Kriegs -(Eommiffariats=Rmbt
attbero einjufd^iefett Iaffett möge. tDiett, bett J6 . 3dttner J 708 ".
Damit war der entscheidende Schritt zu einer einheitlichen Uniformirung des gesammten Fussvolkes gethan,
der licht - oder weissgraue , auch »perlfarbige « Rock zum gemeinsamen Kleide der Infanterie erwählt . Aus diesem
»lichtgrau « und »perlfarb « erstand erst allmälig das historische Weiss der österreichischen Armee -Uniform . Zuerst
Hessen die höheren Officiere das vorgeschriebene lichtgraue Tuch solange »bleichen «, bis es das schöne elegante Weiss
erreichte , dann drang man insgesammt zu dieser , die Makellosigkeit des Soldatenkleides so schön symbolisirenden
Farbe vor , die übrigens keineswegs specifisch »österreichisch «, sondern auch in anderen Heeren — z. B. in mehreren
berühmten französischen Regimentern — getragen ward . Das lichteste »Grau «, das feinste »Perlfarb « des Waffenrockes,
nahm der General an; es hatte einen Stich ins Himmelblaue.

Die Fusstruppen hatten also jetzt (1708 ) die Hauptfarbe ihres Kleides genau vorgeschrieben ; nur die
Garnisonen von Prag und Gross - Glogau , deren Stabilität jede Vermengung ausschloss , behielten nach wie vor
freie Hand in der Wahl ihrer Rockfarbe . Gab das aber jetzt bei den Regimentern ein Berichten und Fragen von
Seite der Inhaber , der Fandstände , der Fieferanten , als die kaiserliche Resolution und die strengen Weisungen
des Hofkriegsraths - Präsidenten hinsichtlich der »lichtgrauen « Uniform bekannt wurden ! Mehrere Inhaber und
Commandanten , wie der Oberstlieutenant von Max Starhemberg - Infanterie , berichteten mit Genugthuung , dass bei
ihnen diese Farbe schon längst im Brauche sei ; andere verstanden die Sache nicht recht und fragten sich nochmals
an . Im October 1708 wird der böhmischen Hofkanzlei wegen der Stellung und Bekleidung der Recruten bedeutet,
„man werbe betten Regimentern mitgebett, baft fte bl oft b er If arbeite ttttb weift graue 2Ho ttbitr mit gl ei dien
Knöpfen begehren, ber Rocfauffdjlag aber bis auf weiteres (Erinnern unausgemadri bleibe". Im Winter melden
beinahe alle Regimenter , dass die neue Uniformirung bei ihnen schon durchgeführt sei.
Der Rock , der mit seinem gewaltigen Umfange auch als Mantel zu gelten hatte , war das Allen Gemein-
same , das Dienst - und Paradekleid ; das Camisol , dessen Farbe , ebenso wie jene der Aufschläge und Strümpfe der
freien Wahl der Inhaber überlassen blieb , that die Dienste der modernen Blouse ; es war das Arbeits -, Com-
mode - und Kasernkleid . Dies sagt deutlich Daun in seinen vortrefflichen »Observationspunkten für einen kaiserlichen
Musketier « : **)
„3 m £ elb, (Sarttifou ttttb Quartieren [olle er 3111 * Derfdjonuttg ttttb erfparuttg bes Rocfs fold ?ett nie
tragen, attfter es feye itt EjerrwDienfteit ttttb wo es ibtne befohlen, fonbertt itt Catnifol babergeltett ; itt bett (Eafentcu
ttttb betten (Eontpagttie=(Baffett ittt ^ elbe falle er bett £)tit fcfyonett ttttb nidjt tragen , fonbertt bie beim Regiment iiblidje

*) Hofkriegsraths -Acten , Jänner 1708 , Nr . 212.


**) Daun , Richtschnur und unumänderlich -gebräuchliche Observationspunkten sowohl in Militär , Ceremoniel als Oeconomie des löbl . Graf
Daun -Regiments zu Fuss , denen man sich im Feld , Garnison , Standquartier und zu all Vorfallenden Begebenheiten gebrauchen ; genau verfasset , zu¬
sammengesetzt und in Druck gegeben durch den Herrn Obrist Leopold des hl . Röm . Reichs Herrn und Grafen von Daun, dermal Commandanten dieses
löbl . Regiments in der Garnison der Kays . Haubt -Granitz -Vestung Luxemburg im Jahre Tausendsiebenhundert dreissig drey.
DIE GEMEINSAME UNIFORM. 19

^ouragu ^Kappeit , ab|ortöerlid? aber and), mamt er um bjolfy Stroh, IDaffer ober anberer ZTotfy &orfft halber ohne
0 ber= mtb Seiten =(5ert)e^r im Cager gehet, unb foll er beffenttoegen nicfyt murren nod) Sacramentiren , and) ntd)t mit
brutalen IDorten fagen: es ift mein 24ocF unb f )ut, ich I^abe ilpi I^ ablct, warum foll id? folgen nicfyt tragen, jbnbern
gebenden , bah feine Porgefe^te biefes 311 feinem rillten teilen; bann tuie mehr er feine ZHontour fd^onet, je beffer unb
itüßlidjer es t>or tfyrn feye, bann ifjtn nur feine daffa baburch anmadpfet, welche ihm, ruenn er burd? feyn mo^Iuer^alten
dmpor fommet, unb 311 t 0 fficier=(O]arge gelanget, gar wol]l tauget; gelanget er aber nidjt bai^u unb bleibet riel
3 ahr bey feinem Regiment, )o bafj er mit ber (Jett feinen abfd^ieb befommet, fo ift es ihme 311 großem nußen, ja 311
H’iner confolation, mann er burd? bie beynt Regiment mit ihme gemad?te wirtljfcfyaft ein Stil cf bars (Selb befommet,
mie er es täglich bey biefem Regiment fielet, bas uerabfd^iebte (Sememe, (Befreite unb Unter 0fftciers 311 00 , and) 311
2. 5. 4- 5 unb 600 (Bulben, andg 2Hehrers l^erausbefommen haben.“
Und in denselben Daun’schen Observationspunkten heisst es bei der Verhaltung des Obristens : „2Tid?t minber
hat er 311 beforgen bie gute IDirtfyfdjaft unb uor bie ZlTannfchaft alle 3 üfyr mit anfang 21 Tartii 3tr>ey neue f] emmetteu
an3ufd?affen, fo bie Ceuth in beiten Quartieren felbften anfdjaffen tonnen; betten üblen IPirthen aber, fo jtd? felber ber*
gleid^ett nid)t fd?affen wollen, foll wocbentlid? ein 2lb3iig uoit 5 Kr. gefcfyefyett mtb im 3etnttario feynb biefe aiiS3tigeben,
wie and? 3tr>ey fcfymarße 2}alfj Bittbel im PDinter. gttr befferen Conferuirtutg foll bie 21 Tannfd?cifft auff IPadjten
unb allen ^ errett Dienften bie 24öde 311 haben ttttb barüber bie BajonnehKuppelit.“
Diese Vorschriften gewähren uns ebensowohl einen willkommenen Einblick in die allgemeinen Montirungs-
verhältnisse als in die innere Wirthschaft der Regimenter , welche, wie man sieht, noch immer nach dem schon er¬
wähnten System der »Monturs - Rücklässe « für die Mannschaft gehandhabt wurde. Die Uniform war also auch jetzt
noch sozusagen des Kriegers eigener Besitz, und gerade dadurch glaubte man den Soldaten am besten zu einem ökono-
mischen Gebrauche , zur Schonung der Kleider bewegen zu können . Das mochte mitunter gelingen, im Allgemeinen aber
gedieh die Mannschaftsbekleidung bei diesem System ganz erbärmlich . Gross waren die Ansprüche an ein parade-
mässiges Aussehen des kaiserlichen Soldaten von vorneherein nicht ; bemerkt doch schon General Regal’s Reglement
sehr bezeichnend, es habe gar nichts zu sagen, »wenn auch eine Montur noch so viel Flecken hat, wenn sie nur nicht
so zerrissen ist, dass der Soldat nicht einmal seinen Leib bedecken kann «. Auch die letzte traurige Eventualität war
keineswegs ausgeschlossen. Im Jahre 1708 schämt sich Prinz Eugen geradezu der kläglichen Bekleidung der von ihm
in eigener Person geführten kaiserlichen Truppen , welche von den nobel, mitunter geradezu luxuriös ausstaffirten
Regimentern der Engländer und Holländer jämmerlich abstachen . Die Briefe des Prinzen sind voll von Klagen über
den Mangel des »principale requisitum«, wie er in einem Schreiben an den Hofkanzler Graf Sinzendorf (1712) das
»Geld« nennt. »Euer Excellenz wissen am besten, « sagt der arme Feldherr , »wie man hier (zu Brüssel) steht ; die Truppen
sind nicht einmal auf den Monat August bezahlt ; kein Kreuzer Geld ist in der Cassa . . . und überlasse ich es Euer
Excellenz zu erachten , wie es möglich sein kann, dass diese Truppen von ihrem Untergang werden errettet werden . . .«
Als 1708 F'M. Graf Guido Starhemberg flehentlich bat , 300 Husaren und ebensoviel Heyducken (leichte
ungarische Infanterie) nach Catalonien zu senden, musste man diese Bitte ablehnen, da Obrist Gyulai vorstellte , »w^as-
massen die Hayducken ganz nackt und bloss , die meisten auch ohne Gewehr, dazu noch unbezahlt seien, also dass
sie nicht einmal im Stande seyen , aus den Zimmern zu gehen, geschweige ins Feld zu ziehen oder sich ins
Hispanische zu begeben ; ebenso stehe es mit den Husaren , welche schon seit des ganzen wällischen Krieges nicht
recrutirt noch remontirt oder ordentlich montirt seien «. Hatten die Regimenter ihre Winterquartiere in den kaiserlichen
Erblanden , so ging es mit der Montirung, mit der Beschaffung der Bekleidung leicht. Die böhmische und mährische, vor
Allem aber die Iglauer Tuchfabrication war ausserordentlich entwickelt ; die Regimenter , welche nach guten ordo-
nomischen Grundsätzen davon profitirten (und einzelne Inhabers -Vorschriften verordnen direct den Bezug von Iglauer
Tuch), fuhren gewiss nicht übel. Es gab aber Regimenter , welche durch Vermittlung von Wiener Kaufleuten, die Stoffe
aus England und Holland bezogen, was bei der Entwerthung der Valuta die Waare sehr vertheuerte . Soweit die kaiser-
liehe Regierung selbst auf die Montirung Einfluss nahm, schrieb sie direct böhmisches oder mährisches Tuch vor. Es
handelte sich nur um die Bezahlung, und da diese gar oft unpünktlich war, Hessen auch die Lieferungen viel oder Alles
zu wünschen übrig. Hatten die Erbländer die Montirung für die in ihrem Bereiche dislocirten Regimenter zu leisten,
so wurde von den Landesstellen nicht selten so lange gesäumt und geprüft, bis die Soldaten wirklich beinahe »nackt
und bloss« waren.
Bei den Officieren kam es in dieser Hinsicht auf die eigene Cassa, die Pünktlichkeit der Gagezahlung
und die Wirtschaftlichkeit des Einzelnen an. Sie trugen in der Regel die Tracht ihres Regiments, doch war das Tuch
3^
20 DIE GEMEINSAME UNIFORM.

ihres Kleides feiner , die Verzierungen reicher . Von der überhandnehmenden Uniformität des Armeekleides waren die
Officiere , deren private Prachtliebe bisher freien Spielraum hatte , keineswegs ausgenommen . „Die (Dfftctere,"
sagt Khevenhüller in seinen Observationspunkten , „foHett bei Uusriicfiiugeu , in parabeu , auf IDacfycu uub Commaubeu
ftets ihre Hegt tnents uniform tragen . Diele glauben, fte feien nid ^t fdjulbig, fid? gleiche Uniformen tuadteu 311
laffeit, meil es ifyr eigenes (Selb foftet, gerabe als menn es nur aus Complaifance bes (Dberfteu gefdmfye
; allein 3 fy ro
faif. 2Uaj. unb bei* f. L fjofhdegsratl] fabelt biefe Proprete genehmigt unb für gut befunben, ba § bie Herren
CDfficiere eine gleid ^e Uniform haben unb ebettfo and} f di mar3 unb golbene Schärpen als bas
faiferlicfye ^ elb3etd ?eu tragen [ollen. Sinb bie bjerren CDfficiere in einer ^ unction , ]o muffen bie Schärpen
üoit bei* redeten 2ld?[el gegen beit Degen, au fj er beut fönnen fte and? um bie Ulitte bes Ceibes gebuuben getragen
toerben." *)
Wie langsam sich die Gesammtheit zu dem gemeinsamen Kleide bequemt , wie sehr noch der Einzelne für
seinen persönlichen Luxus , seine persönliche Eitelkeit kämpfte , deuten diese strengen Verordnungen an — dieser kleine
Krieg gegen die Vorschrift sollte niemals ganz erlöschen , und wie die Geschichte der Armee -Uniform nicht loszulösen
ist von der Geschichte der Mode , so bleiben auch diese kleineren und , sagen wir , kleinlichen Privateitelkeiten bestehen
— wir werden sie nicht übersehen dürfen in unserer Darstellung . Am üppigsten ist jedoch noch in der Eugen sehen Zeit,
trotz der angebahnten Uniformität , die Buntheit und Mannigfaltigkeit des Kleides bei der Reiterei . Das werden
wir erkennen , wenn wir nun dem Leser das kaiserliche Heer jener grossen Zeit in seinen einzelnen Waffen¬
ogattungen
o in Wort und Bild vor Augen
o führen.

:) Erstere Tragart der Feldbinde scheint damals nicht gebräuchlich geworden zu sein.
DIE REITEREI.

Lie erste Stelle räumen wir, obwohl die Infanterie schon mächtig zu ihrer
nachmaligen Stellung als Königin der Waffen emporzuringen strebt , der
Reiterei ein. Sie fühlt sich nicht nur als etwas Besseres im Heere ; sie ist
es auch vermöge ihres ziffermässigen und Sold-Verhältnisses zum Fussvolk.
Auf 27—38 Fussregimenter kamen in der Zeit von 1697 bis 1707
30— 39 Reiter -Regimenter ; sie bildeten die Stärke des kaiserlichen Heeres,
wenn auch die eigentliche Bedeutung und Leistungsfähigkeit der Cavallerie
noch lange
o nicht erkannt war und erst vom Prinzen Eugen o so recht im
Interesse einer gedeihlichen Kriegsführung ausgenützt wurde. Das Heer,
welches Leopold I. 1683 gegen die Osmanen aufbot, zählte 14 Infanterie-,
26 Reiter - (Kürassier-) und 6 Dragoner -Regimenter . Im Jahre 1705, im
Todesjahre desselben Kaisers, zählte man 35.000 kaiserliche Reiter ; am
5. August 1716 schlug Eugen bei Peterwardein die mehr als dreifach
überlegenen Türken mit 41.000 Infanteristen und 22.000 Reitern . Den
Feldherren und dem Volke war die Reiterwaffe ans Herz gewachsen.
Der reichere, gewandtere Recrut wählt sich gewöhnlich den Dienst zu Ross. „(Ein Solbat, " sagt schon der
alte Ritter Meltzo in seinen *Kriegsregeln « ( 1643 ), „bei- 511 pfcrb bienen nnll, foü fürs erji alles basjenige au fidj Ijaben,
uxis bev einem Solbaten 511 in 21 djt genommen wirb: nemlidj, baß er gefuub, frifdj in feinen « liebem, non 20
bif"auf 40 3abreu unb eutfdjloffen fey, bem Xriegswefcn fid? giinßlidj 311 ergeben unb baffelbe rcdjt 311 lernen, audj
begierig, bind) fei» moljlcerljalten 311 eljrlidjen Kriegsämptern befiirbert 311 werben. . . . € s ift nidjt Donuötljen
, baß ein
Solbat 511 pfcrb ebenfo ftarf fey, wie einer 511^ uß, aber er foU billidj ijurtiger unb fdjneller non perfon feyu unb etwas
feftiger in ben Übungen bes Ceibes, and? otlidjmaffen 311 pferb abgeridjt. IDcldjes eine Uvfadj ift, baff biejenige nidjt
unredjt haben weldje bafür Ijalten, baß man Hcitter in ben Stötten unb bewerten Orten, ba etwas fjöfflidjfeit ift,
annehmen foU. Dann, obwoljl nidjt ein jeber bafelbft fidj im reiten geübt ljat, fo wirb er bod; anbere gefeljen haben,
ftcij barin üben."
Von der Reiterei erhoffen auch die Führer der Schlachten die Entscheidung. Und thatsächlich hat man sie
d Reitern oft zu danken gehabt . Die Kriegsgeschichte ist erfüllt mit der Darstellung ihrer Thaten ; sie wussten
d ” sseren Glanz und Vorzug zumeist auch durch einen gewissen noblen Corpsgeist , durch Schneidigkeit vor dem
Feinde und Ehrenhaftigkeit im militärischen Familienleben zu rechtfertigen.
Der Dienst zu Pferde erhob den Mann über die äussersten Beschwerden, er erhob ihn aber auch über die Menge.
• ,,7,v „-pcplipn im loiahrigen Kriege ; so blieb es, wenn auch schon unter geänderten Verhältnissen, in
So war es, wie wir gesenen, nu o J ö > 5 & >
der
1 /Avera
a ua
der Euo-en’schen Feldzüge und Ruhmesthaten der Habsburg ’schen Heere . Ein Reiter zu werden blieb des
T-- Trl^ l (Es ift and) gefcfyefyen, " sagen Khevenhüller’s Observationspunkte, „bafj bie IPcrber pon ber 3 ufan tcrie
Jünglings Ideal. ift audj gefdjetje.
mit Oalafcben fjerumgefyen , als wollten fie Dragoner unb Hentter werben, weil fie öfters bifficultät gehabt, Ceute 5“ 3
n ift 311 wiffen patent
, ba\5 obwoblen bie <Eapallerie= ober Dragoner=Hegimenter ein öffentlidjes IPcrbepater

4
22 DIE REITEREI.

fyaben, fo bürffert fic jebod? nicfyt öffentlicb als mie bte 3 nfcmterie in Stabten tuerben, fonbern 3iifef}eu, mie fie bin uttb
tuieber Ceute bekommen . Diefes ans Urfacfyen , ineilen ein gar 311 großer gut auf nnb fid? feiner als RTusquetier
mollte unterhalten taffen.“
Die Waffengattungen der Reiterei waren noch nicht so mannigfaltig als später . Der eigentliche »Reiter«
war der Kürassier ; die Regimenter dieser besonderen Waffe bilden die weitaus überwiegende Mehrzahl . Der »Dra¬
goner« ist noch immer der reitende Infanterist , vollzieht aber schon den Uebergang zu einer vollwerthigen Reiter¬
waffe ; als leichte Truppe reihen sich diesen Regimentern zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts die ungarischen
Husaren - Regimenter an . »Regimenter zu Fuss « und »Regimenter zu Pferd « war die allgemeine Bezeichnung der
beiden Hauptwaffen ; »Cavallerie -Regimenter « war noch gleichbedeutend mit »Kürassier -Regimenter «. Eine Numerirung
der Regimenter gab es weder hier noch bei der Infanterie . Den Rang verlieh jedem Regimente der Rang und die
Würde seines Inhabers . Er war massgebend für die Reihenfolge des Regiments in den Listen , ja selbst für die Stellung
desselben in der Schlachtordnung . Ein erlauchter , mit einem hohen Generalsrange bekleideter Inhaber wies dem seinen
Namen tragenden Truppenkörper grundsätzlich den Vorrang vor minder vornehm benannten Regimentern an . Dass
dieser Brauch zu bedenklichen Etiquette - und Rangstreitigkeiten , ja zu heillosen Confusionen führen musste , hat die
Erfahrung in ernsten Stunden bewiesen.
Stiessen dann noch Contingente deutscher Reichsfürsten zum Kaiserheere , deren jedes seine besonderen
Privilegien , seine fürstlichen Commandanten und Generale mit sich brachte , so wiederholte sich in der Armee dieselbe
die wichtigsten Angelegenheiten verschleppende Kleinigkeitskrämerei , welche des heiligen römischen Reiches deutscher
Nation Schwäche und Entkräftung langsam aber sicher vorbereitete . Als im Juni 1694 die sächsischen Hilfstruppen
zu der im Reiche operirenden kaiserlichen Armee des Markgrafen Ludwig von Baden stiessen , wies man sie mit
vielen Umständen „an gehörigen 0 rten “ ein . „Übrigens, “ berichtet
das Felddiarium , „ift be3iiglicfy her Seimig her
Regimenter in her ordre de bataille bie Sache nerglicfyen
, bafj Riemattö burd? Por = ober Tlad^ftefyen ber Regimenter
in feinem Range ein präjubi3 auf fid) haben folle, maften ber Rang fo gar genau nid?t überall beobad^tet
merben famt.“
Den ersten Rango in der Reiterei selbst aber nahm noch in der Eugen
o ’schen Zeit wie vorher der eigent-
o

liehe „Deutfd ^e Reiter “ ein, der schwer bewaffnete und berittene Eisenreiter , mit dem wir unsere Soldatengallerie
eröffnen : der Kürassier.
Der Kürassier.

Wir kennen ihn als den Träger der alten Rittertradition und Rittertugend , als den directen Erben der
bevorrechteten Stellung jener adeligen y ri ffCr^, welche Kaiser Maximilian I. als die ritterlichen Söldner, die erlesenen
Streiter und die Elite des Heeres aufstellt und mit Schaaren von leichter gewappnetem, dienstbarem Kriegsvolk um¬
gibt. „T?uubert wol ?lgerüftcte Kyriffer " wollte jener Kaiser, wie es in seiner anno 1498 an die „Tjauptmanu,
Hegenten unb Hätl?e ber nieberöfterr. Canbe 311 TDten" erlassenen Instruction heisst, gebrauchen und halten, und über
je 25 dieser adeligen Eisenreiter bestellt er einen Hauptmann . Die einzelnen Punkte der Instruction sind denkwürdig
für die Entwicklungsgeschichte unseres Heeres ; sie werfen ein klares Licht auf den bunten Charakter dieses — sagen
wir — ersten Kürassier - Regiments und die Rüstung und Bewaffnung der Reiterei in jenen ernsten Tagen,
an der Schwelle einer neuen Zeit.
Der Kaiser bestimmt : „gum (Erftert : baß ein jeber £?auptntann mtb Kyriffer für fid? felbft I?abe einen
Knappen, ber fo groß unb ftarf fei, baß er in brei 3 abrt' 11 ein (Trabant werben mag. gwei gute Pferbc mtb ba5ii einen
TITarftaller(Heitfnedjt). IDeiters einen leidsten Büd?fenfd?üßen mit einer T?attbbüd?fe 1111b weiter 3wei Knechte, welche(£iw
röffer (€ infpännige) mtb wie Hnbere geriiffigt(geriiftet) feien, llnb il?rcr jeber fall einen Keifefpieß, einen ^ ud?sfd?man3
(Beines^ cilptlein non ber Jarbe bes (Schielers), bann in einer Sd?ud?el (^ uttcral) and? eine£?mtbsfappe mit einem Ijalben
baran gefd?ifteten Part mtb einen leidstenT?auptl?arrtifd? l?abett, ttemlid? eine welfd?e Schälern (glatter Kopfl?eIm ol?ne
Difir ttod? fjelnt3ier), fo man am Sattelbogen führen mag. . . . Sin jeber Kyriffer foll and? feiner^ remtbc Sitten, ttemlid?
einen jungen S bei nt amt pagen ( ) l?aben; berfelbe foll mit einem lebernen(Eartfd?Iein (Sd?ilb) auf eiferne Stängel
ange3ogett , and? S^iitter- mtb Dorbertl?eiI (23 rufb unb Httcfenfjarnifd?) 5wei 3led?l?anbfd?ul?e, unter beit Hd?feht einen
patt3erflecf auch bie3 uppett genannt, unb ein Behäng r>oit pan ^erringen, wie an einem Kyriß, bod? unt 5 Ringer länger,
uerfeben mtb geriiftet fein. 3 °^ cr 2}auptmamt unb Kyriffer foll einen (Trabanten mit einem Dorbertl?eil unb einer
TjeHebarbe haben, welcher itebft bes Tjaiiptmanns ober Kyriffers 21 TarftaIIer breier Hoffe warten helfen. Tod? baß ein
jeber fjauptinamt unb Kyriffer biefen(Trabanten auf feine Kofteitl?alte, weil ihnen ber Solb auf bie großen Knaben unb
HTarftaller , fo bod? nur letd?t geriiftet fittb, für üoII gegeben finb."
Im Commando seiner 25 ritterlichen Kürassiere und der adeligen und nichtadeligen Gefolgschaft derselben
stand dem Hauptmann ein Lieutenant — derselbe, der des Kaisers grosse Fahne trug — und der Träger des Rennfähnleins,
der sogenannte Rennfähnrich und Rottmeister , bei, der selbst wieder 200 »gute, einspännige Knecht und zu je vier
Einspännigen einen Trabanten zur Wartung der Rosse « in des Kaisers und Reichs Sold zu nehmen hatte — das machte
800 leichte Reiter und 200 Trabanten für das ganze Kürassiercorps.

4
24 DER KÜRASSIER.

Es war mehr als natürlich , dass sich aus diesem schwerfälligen und vielgestaltigen Körper allmälig die ein¬
zelnen Elemente ausschieden . Schon unter Kaiser Carl V . zieht der adelige Kürassier nicht mehr mit seinem Ge-
folge von sieben verschiedenartig Gewaffneten zu Felde . Unter 2000 »guter gerüsteter und gemusterter Reiter und
Pferde « sind 1600 mit Spiessen bewaffnete Männer , in vier Fahnen getheilt , und 400 Schützen , in zwei Fahnen formirt —
also getrennte Waffengattungen . Der Schütze führt den Knebelspiess und ein »gutes Feuerrohr «. Je 50 gemusterte
Knechte befehligt ein Rittmeister , die ganze Truppe der Obrist , dem die fette Gage von 600 fl. monatlich zuerkannt
ward . Je 12 Mann haben einen »Buben « (Stallknecht ) und ein Tross - oder Boten -Ross sammt einem Boten zur Ver¬
fügung . Noch immer ist der geharnischte Mann , der Kürassier , der Spiesser oder Lanzirer , der vornehmste Soldat der
Heere ; bedarf er doch , um seine Rüstung zu tragen und seine Waffe zu führen , einer Kraft und Gewandtheit , die ihm
der tapferste Fussknecht neidet . Man weiss , wie bei der ersten Belagerung Wiens ein kaiserlicher Cornet der
Kürassiere die Osmanen durch seine Reiterstücke verblüffte ; in voller Rüstung schwang er sich mit einem Satze in
den Sattel und bewegte sich in Eisen und Stahl so ungezwungen , wie ein leichter Mann ; kein Türke vermochte seine
Rüstung zu lösen , bis er dies selbst durch einen leichten Druck auf eine Feder that.
Der Vordertheil des Kürassier -Harnisches war musket - und pistolenschusssicher ; wog er »doppelt «, so gehörte
der Gerüstete zur schweren , war er einfach , so zählte der Mann zur leichten Reiterei . Die Lanze (mit drei - oder auch zwei¬
schneidiger Spitze ) trug er an einem Lederriemen am rechten Arm ; um den Kürass gürtete er das zum Hauen und
Stechen eingerichtete Schwert mit einfachem Korbe ; zwei Pistolen hing er (scharf geladen ) auf die beiden Halfter . Mit
wuchtigem Stosse prallten diese Eisenreiter -Schaaren auf den Feind . Die Lanze ist eine furchtbare Waffe in der Hand
dessen , der sie zu brauchen weiss ; bricht sie dennoch , so brennt der Reiter seine Feuerwaffe los , sein letztes Wort
aber spricht das mächtige Schwert in seiner Eisenhand . . . . Oft gebraucht man auch den Ausdruck »gerüstete«
und »geringe Pferde « für die schweren und leichten Reiter . Im Jahre 1550 , unter der Regierung Ferdinand I., be¬
ziffert man Oesterreichs Reiter auf 935 gerüstete , 10.232 geringe Pferde . Im Jahre 1598 bestellt Rudolf II . den
Grafen Rudolf Marschall zum Obristen über 1000 deutsche gerüstete Pferde (schwere Reiter ) und verordnet , dass
darunter »nur wohl geübte Reisigknechte mit tauglichen Pferden und Rüstungen alß wohlbedecktem Schutz und Ermeln,
Kragen , Rücken -, Krebs -, Hand - und Hauptharnisch , darzu mit sehr gutem Seitengewehr und Stechern , denen sie sich
zum Ernst gebrauchen und insonderheit jeder zum wenigsten mit 2 gerechten feuerschlagenden Püchsen gefasst und
versehen sein sollen «.
Was die »schwarzen Teufel «, die Kürassiere Pappenheims und anderer Helden , im dreissigjährigen Kriege
gewesen , braucht nicht nochmals erzählt zu werden . Damals bestand die kaiserliche Reiterei aus dem Lanzirer , dem
gerüsteten Krieger zu Pferd mit der Lanze oder dem Rennspiess , der Corazzen oder dem Kürass , dem Arkebusier
mit dem Bandelierrohr , dem Carabinier und dem Dragoner mit Muskete und Pike . Die »Lanzirer « gingen allmälig
ganz in den »Kürassieren « auf, wie sich die Unterschiede zwischen Arkebusier , Carabinier und Dragoner verwischten.
Im Jahre 1620 zählte die kaiserliche und spanische Armee in Böhmen 11 Regimenter in der mannigfaltigen Stärke von
200 bis 800 Pferden . Bei Breitenfeld rechnete man das Kürassier -Regiment zu fünf Escadrons ä 150 , sohin zu 750
Pferden . Die vollkommene eiserne Armirung des schweren Reiters hielt man für eine so unbedingte Voraussetzung
des Erfolges , dass Wallenstein die mangelhafte Haltung einiger Kürassier -Regimenter bei Lützen nur auf ihre mangel¬
hafte Armirung zurückführt . „Hacfybem man tu her jiiugft bet £eip3tg uorgegaugeneu Sd )lad )t, " schreibt er an Altringer,
„mas für unterfcfyieb 3unfcfyen bett annirten unb ben unarmirten Heulern fei, moll gefeiten, inbeme bie, fo armieret, ge^
focbten, bie unarmirten aber ben ^ einbt ben Huggen gefefyrt, alfj erinnern mir bie bjerren biemit alle bie Heutter
(Dbriften, bafj ein jeglkfyer feine Cruppen biefett IDinter, 3tunafylen fie bei mefyrettber folcfyer§ eit gelegenst genug fiel)
barumb 311 bemerbett, mit (Euraffen , mie fid ) s gebührt, anniren follen, bamit Sid ) bergeftalt gegen ben Sommer
3 fyr Kai. Klar, nu^lid) unb3 fynen Hfyumlid ) bienen fönnen , 311 erntalpten
."
Später änderte sich allerdings diese Ansicht von Zuverlässlichkeit der ganzen Eisenrüstung , so dass ein Stück
nach dem andern von dem historischen »eisernen Kleide « verschwand . Schon in der Schlacht bei Szlankamen , wo
Markgraf Ludwig mit den in voller »Carriera « anreitenden Eisenreitern die Türken zersprengte , dass sie wie Spreu
vor dem Winde dahinflohen , sah man die Kürassiere nur mehr in Casquet und Kürass . Alles Andere war hinweg-
gethan ; man hatte bei den Schweden den Werth einer beweglicheren schweren Reiterei kennen gelernt , man ver¬
zichtete noch nicht auf den Schutz des Leibes , aber man wollte rascher und behender am Feinde sein . Längere Zeit
noch trug der Kürassier einen Blechhandschuh an der rechten Hand , der lange Stulphandschuh sollte sich bis auf die
gegenwärtige Dragonerzeit unserer alten Kürassier -Regimenter vererben . Das Haupt deckt zu Ende des siebzehnten
DER KÜRASSIER. 25

und Anfang des achtzehnten Jahrhunderts ein eiserner Helm , aber nicht der gewaltige , schöne Pappenheimer -Helm,
sondern eine dem sogenannten Krebsschwanz , dem ungarischen Helm , nachgebildete runde Eisenhaube — das Casquet —
mit Nackenschutz . DasVisir wird durch die verschiebbare Nasenfeder ersetzt . Hie und da findet -man auch das Casquet zu
schwer und ersetzt es durch einen Lederhelm , später sogar durch einen Hut , welchen darüber angebrachte Eisenspangen
hiebfest machen sollen ; doch wird der Helm nie ganz verdrängt . Der Kürass ist aus Schmiedeeisen und hat Brust - und
Rückenstück . Das Bruststück erinnert in seiner Form noch an den älteren Harnisch , reicht hoch an den Hals heran,
(der einstige »Halsberg « existirt nicht mehr ) und bis an die Hüften herab . Seine Widerstandsfähigkeit wird durch
einen auf mittlere Schussdistanz abgegebenen Musketen - oder Flintenschuss erprobt ; erst dann ist der Kürass tüchtig.
Innen füttert man den Panzer mit starkem Leinenstoff , an den Rändern wird er mit einem Wulst von Wildleder vor-
gestossen . Das Schwarz des kaiserlichen Kürasses ist nicht aufgegeben ; man lässt Helm und Panzer schwarz an-
laufen und streicht beide überdies mit schwarzem Eisenlack an . Die »schwarzen Teufel « des Pappenheimers sind also
nicht ausgestorben im kaiserlichen Heere , und ausgestorben ist auch nicht der Geist jener ehernen Krieger in dem neuen,
durch einen Ritter ohne Furcht und Tadel veredelten Heere.
Die Montur oder »M undur« so( drückt man sich mündlich und schriftlich aus ), welche bei den Kürassieren
in der »Eisenzeit « wenig zu bedeuten hatte — ihre Rüstung war ja zugleich ihr charakteristisches , uniformes Krieger¬
kleid — nähert sich erst zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts einer gewissen Einheitlichkeit . Die im Kriegsarchiv
vorhandenen Acten oder Protokollauszüge stellen nur fest , dass zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts der kaiserliche
Kürassier Casquet und Kürass trug ; diese Ausrüstung eben besorgte der Staat , sie waren den Regimentern »zu reichen «,
während die Montursbeschaffung o Regimentsangelegenheit
ö Do
wär p) as Begehren
0
einzelner Regimenter
O
, auch die Montur
z

vom Kriegs -Commissariate zu erhalten , wird wegen Systemwidrigkeit einfach abgewiesen . Doch scheinen sich der an¬
schliessende Lederkoller unter dem Kürass , die rothen Beinkleider und schweren Kappenstiefeln auch nach dem
dreissigjährigen Kriege erhalten zu haben . I11 den Protokollauszügen der eingestampften Hof -Kammerarchivsacten fehlt
jede Erwähnung einer Tuchfarbe.
In der Zeit des Eugen ’schen Hofkriegsraths -Präsidiums trug der Kürassier einen Rock aus lichtbraunem
Leder , am Oberkörper fest anliegend ; ein kaum daumenbreiter Kragen umschloss den Hals . Die Schösse des
Rockes reichten gut über die Mitte des Oberschenkels herab . Die Aermel des Rockes endigten in dem damals allge¬
mein üblichen weiten und hohen Aermelaufschlag , der aus Tuch hergestellt war und die Regimentsfarbe wies . (Die
meisten Kürassier -Regimenter trugen rothe Aufschläge und ihre Erkennungszeichen waren eigentlich der Namenszug
oder das Wappen ihres Inhabers , der auf den Schabracken und Schabrunken angebracht war .) Das Kamisol war
gewöhnlich weiss , meist aus Tuch , aber öfter auch aus Zwillich. Von der rothen , seit Beginn des achtzehnten Jahr¬
hunderts lichten , ledernen Hose war wenig zu sehen , denn die Beine staken in mächtigen wuchtigen Stiefeln mit
ungeheuren Stulpen . Dicke »Pfundsohlen « — sie tragen nicht umsonst diesen Namen — mehrten noch das Gewicht des
Stiefels , mächtige Sporen und ein oft übermässiges Sporenleder thaten ein Uebriges dazu . Um den Hals knüpfte der
Reiter ein schwarzes oder weisses Halstuch und liess die Enden desselben auch über den Kürass herabfallen ; kurze
Stulphandschuhe aus hellem Leder deckten die Hände . Ein weiter weisser Radmantel , dessen Obertheil mit »Boy«
gefüttert war und der einen , der Regimentshaube entsprechenden breiten Umlegkragen hatte , schützte den Mann vor
Kälte und Nässe . Die nothwendigsten Habseligkeiten packte der Reiter in seinen Mantelsack , der meist aus rothem
Tuche , manchmal aber auch aus Leder war.
Die Llauptwaffe des schweren Reiters wie des Dragoners ist der Pallasch ; seine gerade Klinge misst
842 bis 921 Millimeter in der Länge , 39 ‘5 Millimeter in der Breite , ist doppelt geschliffen und bei dem Kürassier
mit einem Korbgefässe von Messina oder Eisen , bei dem Dragoner meist nur mit einem Bügel und Daumenring
versehen . Auch bei der Reiterei herrscht noch die Lederscheide , mit einem Eisenschuh und mit Messing montirt . Die
aus naturgelbem Leder hergestellte Kuppel mit einer Messingschnalle wird nicht mehr en bandelier getragen , sondern
um den Leib geschnallt , der Pallasch einfach in die Kuppel gesteckt . Zwei Sattelpistolen (von mannigfaltigen C011-
structionsformen *) stecken in den Pistolenhalftern , deren Schabrunken oder Idaltterdecken sie bei regnerischem Wetter
vor Nässe bewahren . Schabrunke und Schabracke tragen jene Form , Farbe und Ausstattung , welche der Inhaber
bestimmt . Fast alle Kürassier -Regimenter haben den Flintencarabiner ; doch weichen auch hier die Constructionen

*) »Flinten und Pistolen sollen verschafft werden « — sagt Khevenhüller — »wo es am besten zu bekommen ist, als zu Mastrik, Lüh,
Sedan u. dgl. renommirten Orten ; sie müssen vorhero durch die doppelte Ladung die Prob ’ halten , mit gelben Beschlag und sauber glatt polirt , guter
Batterie und allen guten Qualitäten , ordinari in loco die Flinten ä 5 fl. und die Pistolen eben ä 5 fl.«
26 DER KÜRASSIER.

noch wesentlich von einander ab ; man findet selbst noch den Radschloss -Carabiner im Gebrauche . Die Patrontasche
(mit 24 Patronen ) hängt an einem breiten , naturledernen Ueberschwungriemen , der über die linke Schulter getragen
wird . Jene Kürassiere , welche nicht mit dem Carabiner bewaffnet sind , verwahren ihre Pistolenmunition in kleinen , an
den Pistolenhalftern angebrachten Taschen.
In eine möglichst bunte und effectvolle Tracht kleidet der Inhaber die Trompeter und Pauker seines
Regiments . Auf dem lockigen , bis auf die Schultern herabfallenden Haupthaare tragt der Spielmann zumeist eine

\ < ö 'tfövf <*1

barettartige Mütze , mit mächtigen Federn verziert . Der Rock , meist roth oder blau , an allen Nähten und Säumen
mit färbigen Borten benäht , reicht bis zum Knie , manchmal auch bis zur halben Wade . Der Trompeterrock hat
sich im Schnitte und der Ausstattung noch sein aus der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts stammendes Aus¬
sehen bewahrt ; selbst die über den Rücken herabfallenden Flügelärmel sind noch da , doch sind dieselben nur mehr
Zierde , denn ihre übermässige Länge und bandähnliche Schmalheit schliesst jeden praktischen Gebrauch aus . An der
langen , oft bis zu 90 Centimeter langen Trompete weht eine viereckige Decke , meist aus Seide und ebenso wie die
Pauckendecke reich gestickt , mit Borten benäht , das Wappen oder den Namenszug des Regiments -Inhabers zeigend.
DER KÜRASSIER. 27

Der Officier trägt im Allgemeinen die Regimentsuniform wie der Mann, aber die Verzierungen, welche
schon diesem, je nach dem Geschmack und Belieben des Inhabers , gestattet werden, die silbernen und goldenen
Tressen , Borten, Schleifen und Stickereien fallen viel reicher aus. Eine besonders beliebte Zier sind die Achsel¬
schnüre ; ursprünglich ganz einfache und schmucklose Fouragierleinen, wurden sie alhnälig ein kostbarer und bunter
Uniformschmuck.
In der vollen Kriegsausrüstung:, welche wir hier darstellen , sah man übrigens den Eugen ’schen Kürassier
nur zu Pferde vor dem Feinde. Die Schwere seines Kleides hatte für den Eisenreiter schon in früheren Perioden
besondere Erleichterungen hinsichtlich seiner Adjustirung in den verschiedenen Phasen seines Dienstes nöthig
gemacht. Seinen Panzer träot der Kürassier der Eugen ’schen Zeit nur im Dienste zu Pferde ; schon bei dem Wacht-
dienst leert er ihn ab . Ausser Dienst ersetzt er den Helm durch einen schwarzen Filzhut mit dreimal aufgeschlagener
Krampe, der ganz kokett auf dem (bei erforderlicher Länge in ein schwarzes Band geflochtenen) Haupthaar sitzt.
Das Lederwams wird durch das leichte Kamisol
abgelöst oder durch einen der herrschenden Mode
entsprechenden Tuchrock ersetzt , der Reiterstiefel
durch Schuhe mit Strümpfen. Der Officier darf sogar
im Lager , selbst wenn er seinen Obrist besucht, im
Pantoffel erscheinen ; doch wird diese Bequem¬ " '-9\- P !f
lichkeit, welche wahrscheinlich noch aus der Zeit
der eisernen Fussbekleidung datirt und nun ihre
praktische Berechtigung verloren hat, bald streng
gerügt und abgeschafft.
„Had ) alten faifcrlid)cm ^ u§," sagt
Khevenhüller’s Reglement über dieses sonderbare
Privilegium, „follctt in ber (Eatnpaguc bie Stabs-
unb © beroffßtere alle Hage 311m 0briften ober
(Eommanbautcn bes Regiments fommett nnb einen
guten 21 Torgeit wünfd)en. (Ein gleiches fiub bie
0fft3tere bem 0briftlientenant nnb 0briftmad )t-
meifter 311 tfjun fchulbig. 3 ni 5 elbe ift ben (Eiiraf-
fieren non Filters l)er 3ugelaffett morben, baß bic
0fft3iere im Regiment einanber in Pantoffeln bc=
fnd^en bürfett, meil ehemals bie Stiefel [ehr fd)mcr
gewefen finb, nnb manu allenfalls ctmas aus-
gefommen, bic Pantoffel leichter als bie Schuhe
ahgemorfen merbeit fotmtcu. 21ber baraus ift feiger¬
em 211 ißbrauch geworben, iubeui fiel) bie © feiere
fogar unterftefyen, ja felbft 311 ihren Hegiments-
(Eommanbanten in Pantoffeln 311 fommen. Derjenige aber, ber bei feinem Dorgefeßtett 311 thun hat ober gerufen mitb,
muß geftiefelt 1111b mit bem Degen au ber Seite erfd ) ciueu ."
Das Ross des Kürassiers ist von stattlicher Höhe , 15V2 bis 16 Faust , deutscher Race, stark und wohl¬
genährt . Man schont es ausserordentlich , denn runde, ausgeruhte Pferde sind der Stolz des Commandanten . „jjSnt
Sommer nom U 211 av bis ultimo octobris " — sagen Khevenhüller’s Observationspunkte — „geben frlY- *
211 ajeftät, gemäniglid) auf bic Pferbe -portion , fonberlid) in beiten erften Sommermonaten , bem (Beneralftaab burchaus

niemalen nichts, als in welchem er fiel) bie pferbe bloß burd ) bas (5ras unb beffett ^ ouragieriiug , womit es auch
bisweilen fd)mer bei großer 2lrmee hergehet, erhalten muffen.“ Um das geliebte Ross nicht zu „ßrcipcijiren“, exercirte
man auch so selten als möglich zu Pferde ; zum Vortheile des Reiters gedieh diese Verzärtelung des Pferdes gewiss
nicht..... Von den einstigen Rüststücken des Kürassier -Rosses ist nichts mehr übrig geblieben. Nun besteht die Pferde¬
rüstung nur aus Kopfgestell mit Stange und Trense , Vorder- und Hinterzeug mit starken Messingschnallen, Schleifen
und Buckeln, aus einer Decke und dem deutschen Sattel . „(Ein Sattel r>on 23 lld)enl)ol3“ — sagt Khevenhüller —
„gut gehärtet nnb geblecht, mit birfeiten 2\ iubeit übei'3ogeu, ber 3 iß r»on Kalbleber, bie Ualfteru 3meimal gehärtet, auch
28 DER KÜRASSIER .

mit Scfymetnleber übe^ ogen, bas Küffen mol)t getreten unb gefügt . Der Sattel ift eine pri ^ ipalfad), baff bie pferbe
im ^ ouragiren ober 21Tarfd )e nid)t gebrudet unb 311 fcfyanbeit gemacht tuerben, beromegen fie nid)t 311 eng fein müffen,
and) il)re red)te Cänge fyaben, nemlid)en baff ber Sit) non ben (Ellenbogen bis 3m: gemad)ten ^ anft bie Cänge fyabe."
So ein Sattel mit vollständiger Adjustirung kostet 7 fl. Ein Paar Steigbügel , eine Kreuzgurte , ein Paar doppelte
Steigriemen und eine mit Harrasborten verbrämte rothe Echabraque (Schabracke ) mit eingesticktem Inhabers -Namen
vervollständigt die Pferdeausrüstung.
Was Khevenhüller über die Sattelung , Zäumung und Wartung des Pferdes sagt , gilt wohl für die ganze
Eugen ’sche Cavallerie . So heisst es im dreizehnten seiner Observationspunkte:
f,Das Pferb attbelangettb,foll ber Dragoner jebet^ eit mit einer guten Decfe, nötigen Pufeeng, Striegel, Cartätfcben,
Kampei nnb Scfyeer , bie (Dl)ren nnb ^ iiff fanber aus3ufcbeeren, bie Scfymeif monatlich bei mad)fenbem 21Tonb 311 befcl)neiben,
r>erfel)en fein. . . . IDann er feyn Pferb fältelt, mol)l
ad)t l)aben, bamit bie DecF mobl unterliege, ber Sattel
nid)t 311 weit forn nod) l)inten liege, bann beibes
bem Pferb l)öd)ft fd)äblid). . . . Die Sd)abraFen gleid)
liege, Sad unb pad compenbiens 3ufammengeleget
unb gleid) gepadet fe\m; ber 2ITantel alfo 3ufammen=
geleget, baff bas rotl)e Unterfutter l)erausfomme
unb fo menig als möglid) non beut meiffen gefel)en
rnerbe, auf beybeit Seiten mit bem 23inN unb pad -
rietnen feftgebunben , ben 22ocF hinter fid) über beit
Pad gebreitet, unb ba es aber regnet, l)erein3iel )e.
Die piftolertl)aIfter alfo angefdptallt, ba§ bie piftolen=
Kappen bem SattelFnopf gleid)Fommt, fonft man bas
Pferb nid)t bequem regieren Faun; Fein bjalfter unter
bem Pjauptgeftell tragen. IDenn man in Parabe ift,
foll man bie Sd)affelle 311 Pjaufe laffett ober fie
unterfteden, bas ZtTunbftücF in ber KinnFetten ber=
geftalt toobl eingelegt, baff bas KTunbftüd nid)t
burd)falle, ber Keilriemen meit gelaffeit, ber 2Tafett=
riemen aber feft ange3ogen, mas bas Klunbftüd
beffer liegen mad)t, bas Pferb aud) nid)t bas 2ITauI
auffperrett Faun, baburd) es nid)t fo l)artmaulig
ift. Der Sd)meif muff bei ber ga^ eu Compagnie
gleid) anfgefcbmä^ et tnerbett, bie Stieffel mit ge=
l)örigen ^ afc^ineu fallen glatt ange3ogert fein, bie
Steigbügel in folcber (51eid)l)eit, ba§, wenn man
bie ^ auft 3umad)t, bie Steigrietneu mit bem Steig=
biigel bie Cänge bes Krntes bis an bie 23rujt haben,
mas für jebeit bas red)te 21Taff ift, um tneber 311 lang nod) 311 Fur3 31t reiten; baburd) fit)t man and) Ieid)ter unb fefiter
im Sattel unb Fattn fid) beim Sd )ieffen auf ben Steigbügeln ergeben."
Das Kürassier -Regiment bildet einen ansehnlichen Körper von 919 (nach Anderen 1068) Mann und 850 Pferden.
An seinei Spitze steht dei Obrist entweder der wirkliche, gleichzeitig Inhaber »proprietaire « (»Eigenthümer «) oder
ein »angesetzter Obristei Titularis«, der zwar kraft seines Patentes das Commando , aber die ökonomische Verwaltung
nur im übertragenen Wirkungskreise und nach den genau einzuholenden Normen des wirklichen Obristen führt. Der
Vertreter des Obristen und die »Mutter des Regiments « ist der Obristlieutenant . Er überwacht nicht nur das Regiments¬
gericht, sondern ist auch der natürliche Rechtsvertreter des Delinquenten beim Gerichtsherrn ; er scontrirt die Regi¬
ments- und Compagnie-Cassen, trifft Fürsorge für Bekleidung, Ausrüstung und Verpflegung des Regiments , »damit die
Wirtschaft wohlgetrieben werde , die Leute richtig ihr Geld in die Compagniecassen legen und alle Tage etwas
Warmes essen können «. Der Obristwachtmeister oder Major sorgt dafür, dass die Befehle des Obristen „mit aller
puuFtualite obferoiret rnerben; er I)at auf bie Cyactität bes Dienftes, bieproprete bes Regiments, © rbnnng unb SauberFeit
DER KÜRASSIER. 29

bes Cagers unb and ) auf bie ZHarFetenber 311 fe^en, er muff ein rechtes Protokoll bes Regiments feyn, uon allen unb
jebett trnffen, utiDerbroffeu, fleißig, pofitiu, ejact, inad^fam, pflegmatifd? unb uif, 3iiglcid? auch ernftliaft feyit . . eine
Summe von Eigenschaften, clie einen rechten Major zum Ideal des Soldaten erheben konnte . Zum Stabe des Regiments
zählt man noch den »Ouartiermeister « mit dem Range des ältesten Lieutenants , auch eines Hauptmannes , den Führer
der Rechnung, Kanzlei und Cassa — er ist dem Regimente so wichtig, dass ihm bei Strafe die Theilnahme an
Gefechten verboten wird, damit durch seinen Verlust kein Schaden erwachse ; ferner den Auditor , den Regimentspater,
den Regimentsadjutanten , Wagenmeister , Proviantmeister , Chirurgus oder »Feldscheer « mit sechs Gesellen und den
Profossen . Der Adjutant ist zwar nur der älteste Wachtmeister , aber er ist eine Respects -Person, des Lesens und
Schreibens kundig. Vorzüglich beritten , hat er drei Pferde und einen Jungen zu halten ; er steht nur unter dem Stocke
der drei Stabsofficiere; „ift aber fefyt
fd}änbltd}/ ' meint Khevenhiiller, ffu?eim
man einen 2lbjutanten prügelt, majjen er
bie Hegimentsbefel]le ausgibt unb burd)
ihn bas gan3e Detail geltet; jebod) wenn
er es Derbtente, bie Heprimanben, 21rreft
unb pronoffen ntcfyt artete , fo foll er
burefy ben proDoffen abgeftraffet tuerben,
ober ber (Eonunanbant Fantt ihn mobl
prügeln “.
Die eigentliche Unterabtheilung
des Reiter -Regiments ist die C o m-
pagnie; zu Ende des dreissigjährigen
Krieges zählte es 10 Compagnien, in
den Türkenkriegen weniger, seit 1695
zwölf »ordinäre « Compagnien, zu denen
unter Karl VI. noch eine 13. erlesene
Compagnie, die C arabin i er - Com¬
pagnie, tritt . Sie ist eine Elitetruppe,
aus besonders tüchtigen Leuten zu¬
sammengesetzt , welche bessere und
etwas leichtere Pferde (nur Rappen)
reiten, einen längeren, zumeist mit Ba-
jonnett ausgerüsteten Carabiner und (so
gibt man wenigstens öfters an) krumme
Säbel führen. Sie tragen leichte Stiefel
oder Gamaschen, bei manchen Regi¬
mentern keinen Kürass, und dürfen nach
dem Ermessen der Inhaber reicher als
die übrigen Kürassiere gekleidet sein; der Hut (fast immer ihre Kopfbedeckung) ist mit goldenen Borten geziert. Oft
zieht man die Carabinier-Compagnien verschiedener Regimenter zu besonderen Corps zusammen — schliesslich gehen
sie in eigenen Carabinier-Regimentern auf. Die ordinären Compagnien zählen je 70 bis 89, die Carabinier-Compagnie
94 Mann. Die Compagnie commandirt der Rittmeister oder bei den 3 Compagnien, welche der Oberst , Oberstlieutenant
und Oberstwachtmeister inne haben, diese selbst ; dem Commandanten stehen 1 Lieutenant , 1 Cornet (die niedrigste
Officierscharge, dem Fähnrich der Infanterie gleichgestellt), 1 Wachtmeister , 1 Musterschreiber, 1 Fourier, 1 Feldscher^
1 Trompeter , 1 Sattler , 1 Schmied, 1 Plättner (Kürass-Schmied) und 3 Corporale zur Verfügung. Die Officiere mit
dem Wachtmeister , Fourier, Feldscher und Musterschreiber bilden die »prima plana «, d. h. die auf dem ersten Blatte
der Musterrolle Verzeichneten. Je zwei Compagnien zieht man in Escadronen zusammen ; sie werden viel eher
zur taktischen Einheit, als die Bataillone der Infanterie. Die Escadronen , denen die Obristens-, Obristlieutenants - und
Majors-Compagnien angehören und welche daher auch von diesen commandirt werden, heissen die Leib-, die Obrist¬
lieutenants - und Majors-Escadrons.

5
30
DER KÜRASSIER.

Die Lieblingswaffe im Kampfe der schweren Reiterei war — seltsamerweise und ganz entgegen ihrer ritter¬
lichen Tradition — lange Jahrzehnte hindurch das Feuerrohr. Je leichter die Rüstung , je praktischer die Be¬
waffnung des Kürassiers wurde , desto frischer wurde aber auch , trotz aller verknöchernden Vorurtheile und veraltenden
Vorschriften , der Reitergeist . Unter dem Commando Eugens , dieses militärischen Weisen und kriegerischen Feuer¬
geistes , kommt erst jenes Temperament , jenes Feuer in die Reiterwaffe , welches früher nur der flammende Muth
einzelner kühner Führer zu entfachen vermochte . Trabte man früher schwerfällig bis auf 25 Schritt an den Feind
heran , feuerte das Pistol ab und nahm erst dann einen neuen Anlauf mit dem Pallasch , so machte nun der Wegfall
der schweren Pferderüstung den Uebergang zum Galopp möglich ; die Attaque , der Choc der schweren Reiter , erhielt
nun die volle vernichtende Kraft , und die blanke Klinge kam wieder zu Ehren . Im Kampfe gegen den türkischen
Erbfeind war es geradezu zum Aberglauben geworden , der leichten asiatischen Reiterei durch das eherne Standhalten
und die Feuersalven zu imponiren . Stehenden Fusses , ja selbst in Quarre-
formation , erwarteten die Eisenreiter den Türken , und mit einem herz¬
haften Pistolen - oder Carabinerfeuer begrüsste man ihn . So meinte man
den leicht umherschwärmenden Feinden am besten Trotz zu bieten und
das theuere Pferd zu sparen . Welches Aufsehen machte es , als am
20 . Juli 1664 in der Schlacht bei Szent -Benedek General -FZM . Graf de
Sou che s den deutschen Reitern befahl , »ihre Säbel zum Stoss in die
Weichen des Gegners zu gebrauchen | « Wie flogen da die blanken
Klingen aus den Scheiden , wie sausten sie nieder ; Alles niederwerfend
oder vor sich hertreibend , drangen die Reiter ins feindliche Lager ein ! . . . .
Nur gegen »reguläre Reiterei «, also Franzosen , Schweden u . s . w.,
gebrauchte man mit Vorliebe den Degen , doch stockten auch hier nur
zu oft die Attaquen , und ein unritterliches Chargiren begann.
Prinz Eugen, der das Wesen der Reiterei , ihre Kraft und
ihren Beruf zuerst ganz und voll erkannte , verbietet streng diese Fecht-
weise ; mit dem Degen in der Faust , mit wachsender Raschheit bei der
Vorrückung , in brillanter Attaque will er seine Reiter sehen . Ist es aber
nothwendig , abzusitzen und das Feuergewehr zu gebrauchen , dann soll
es so wacker und siegreich geschehen , wie bei Zenta , dann sind die
kaiserlichen Reiter herrliche Fusssoldaten.
Gegen den ottomanischen Erbfeind formirt sich die Reiterei
in drei , gegen Reguläre in zwei Glieder mit fünf Schritten Distanz und
einer entsprechenden Distanz zwischen den einzelnen Reitern , damit sie
sich frei bewegen könnten . Zu Fuss stand die Abtheilung in drei Gliedern.
In der Schlachtordnung nahmen von links nach rechts die Obristlieutenant -,
die zweite und dritte , die Obristwachtmeister -, die erste und die Leib-
Escadron Aufstellung . Vor der Mitte der letzteren hält der Regiments -Commandant , vor jener der linken Flügelescadron der
Obristlieutenant , vor der Mitte des Regiments der Obristwachtmeister , jeder zehn Schritt vor der Front . Fünf Schritt vom
Obrist steht der Regiments -Adjutant (Wachtmeister -Lieutenant ). Vor der Mitte der Escadronen , denen ihre Compagnien
angehören , je zwei nebeneinander , sieht man die Rittmeister , hinter der Leib -Escadron , unter dem Schutze der Pauken¬
wache , die Regimentspauken.
Stolz auf ihre alten Rechte , auf ihre Geschichte , auf ihre Waffe , blicken die Kürassiere des Kaisers jedem Feinde
kühn ins Antlitz . Sie rühmen sich mit Grund ihrer ritterlichen Abstammung . ff Da § es (EheKeute getnefetq fielet matt
aus her Beicfys^ eutei^Beftalliing, ha§ fte ifyre eigenen Pferhe gehabt l)aben utth ilpten Knechte feynht gehalten rnorhen/'
heisst es bei Khevenhüller , und ein andermal : ir . Dann
. , hie 2hifrid )tung her KüraffierT ^eiter mar non Chelleuten,
hie fammentlicfy im Canh aufgefeffen unh Dienfte getfyan, henetttl]alben fte nicfyt immehiate non ihrem 0briften fyabett
inollen juhiciret tnerhen, fonhern non hem ^felhfyerrn jelbft." Und noch immer dient zu Eugens Zeit Oesterreichs und
des römischen Reiches Adel mit Vorliebe unter diesen Reitern.
Unsere gegenwärtigen Dragoner -Regimenter Graf Paar Nr . 2, Kaiser Ferdinand Nr . 4 , Kaiser Nicolaus Nr . 5,
Prinz Albrecht von Preussen Nr . 6, Lothringen Nr . 7, Montecuccoli Nr . 8 und Erzh . Albrecht Nr . 9 dürfen sich rühmen,
DER KÜRASSIER. 31

schon in den Eugen’schen Tagen den Kürassier-Regimentern des Kaisers zugezählt worden zu sein. Die Dragoner
von Nicolaus Nr. 5 repräsentiren die letzten spanisch -habsburgischen Truppen. Treu ihrem recht-
massig angestammten König Karl III., fochten ihre Ahnen, die spanischen Kürassier-Regimenter Cordova und Morres
und die Dragones reales des Grafen W. Galbes, mit herrlicher Bravour bei Almenara und theilweise bei Villaviciosa,
hielten felsenfest an Karl, als er nur mehr auf Barcelona und kleine Gebiete catalonischer Erde beschränkt war,
und schifften sich im Jahre 1713 nach den Habsburg ’schen Erblanden ein, als Karl III., unter dem Namen Karl VI.
römischer Kaiser, den Kampf um sein spanisches Königreich aufgegeben und seine spanischen Truppen ihres Eides
entbunden hatte.
Noch in ihren spanischen Uniformen, die Königs-Dragoner scharlachroth mit Gold, die Kürassiere lichtgrau
mit himmelblauem Stich und roth, die Trompeter in phantastischer rother Tracht , fochten sie die Eugen’schen Türken¬
siege mit ; 1721 aber wurden die vereinigten Reste der drei spanisch-habsburgischen Reiter -Regimenter zu dem
Kürassier-Regiment »Mendoza conde de Galbes « vereinigt.
Allen Regimentern der alten Waffe war der noble, ritterliche Geist zu eigen geblieben ; sie waren fast
immer die Männer der Entscheidung im heissen Ringen, das Bleibende im Wechsel der Schlachtenerscheinungen.
»Die kaiserlichen Reiter, « sagt Duinont über die Haltung der Kürassiere bei Peterwardein , »sind der Schild und
die Zierde der deutschen Truppen. Sie pflegen wie eine Mauer unbeweglich die feindliche Macht auf¬
zuhalten und sowohl im Weichen als Vorrücken eine so ungetrennte Ordnung zu beobachten und dennoch beständig
so zu arbeiten , dass man meinen sollte, sie wären keine Krieg-er, nur Zuschauer.«
Ja, diese geharnischten Reiter waren ehern in der Stunde des Kampfes, ehern in der Tapferkeit und
Treue ; ihre Geschichte füllt herrliche Blätter in der Geschichte unseres Heeres.
•H v~
er Dragoner

rUgenius von Savoyen hat das erlösende


Wort gesprochen , das die Waffe der Dragoner
aus ihrer Zwitterstellung zwischen Fussvolle und Reiterei befreite und klar und für immer des Kaisers echten Reitern anreihte.
Man kennt ihren Ursprung . Dem Bedürfnisse , Infanterie rasch und rechtzeitig von einem Punkte auf den anderen zu bringen,
entsprang ihre Errichtung . Ueber den genauen Zeitpunkt dieser merkwürdigen militärischen Schöpfung und über die
Herkunft ihres Namens schwanken die Angaben ganz bedenklich . Man ist sogar nicht einig darüber , ob der Dragoner
zuerst Infanterist , dann Cavallerist , oder ob er aus dem Reiter zeitweilig zum Fusssoldaten und endlich wieder zum
Reiter geworden ist . Das Natürlichste und Wahrscheinlichste ist wohl , dass man die Nothwendigkeit einer raschen,
beweglichen Truppe im Gegensätze zu dem schwerbelasteten , geräuschvoll und langsam marschirenden Musketier und
Pikenier und dem noch schwerer gerüsteten , langsam trabenden Panzerreiter oder Kürassier haben wollte : einen leichten
Reiter , der rasch und überall zu haben , und dann auch im Fusskampfe zu gebrauchen war . Gegen die Annahme,
dass der berittene Carabinier oder Arkebusier , absitzend gemacht und zu Fusse verwendet , »Dragoner « geworden
sei, spricht schon die einfache Thatsache , dass die ersten kaiserlichen Dragoner -Regimenter genau so wie die Infanterie
aus Musketieren und Pikenieren bestanden . Sie waren also in Wahrheit berittene Infanterie; der berittene
Hakenbüchsenschütze (Arkebusier ) ging allmälig während des dreissigjährigen Krieges in ihrer Truppe auf.
In Frankreich gebrauchte man zuerst für berittenes Fussvolk (zumeist Arkebusiere ) den Namen »dragons«
doch begegnen wir auch schon an der Neige des 16. Jahrhunderts deutschen »Draconen« oder »Dragonern «. Diese
interessante Bezeichnung leitet man allgemein von »draco « = »Drache « ab , nach einer weniger verbreiteten und
wenig stichhältigen Version von dem deutschen »Tragen «, das hiesse also »von Pferden getragene Soldaten «.
Die Beziehungen zwischen »Drache « und »Dragoner « sind ebenfalls ziemlich mannigfaltig dargestellt worden . Sagen
die Einen , der »Drache « habe auf gewissen Feldzeichen der neuen Truppe geprangt , so meinen die Andern , der
»Drache « sollte das LMheimliche , Fürchterliche der neuen Waffengattung darstellen , welche , die Vorzüge des Fussvolks
mit denen der Reiterei vereinigend , rasch heranrückend und das Feuergefecht entwickelnd , mit dem feuerspeienden
Drachen zu vergleichen gewesen sei.
Von Einigen wird Ernst Graf von Mannsfeld zum Schöpier der Dragonerwaffe proclamirt : mit der Reichs¬
acht belegt , der Heimat beraubt , habe er — so sagt man — um mit seinem kleinen Heere rasch vorwärts oder
fortzukommen , seine Infanterie zu Pferde gesetzt.
Im kaiserlichen Heere finden wir die »Dragoner « schon in den Ruhmestagen Wallenstein ’s ; Buttler com-
mandirte ein Regiment der neuen Waffe . Die Dragoner dieses Heeres waren auserlesene , starke und tapfere Leute,
im Infanteriedienst geübt , aber auch gut zu Pferde , wenngleich als Reiter nicht so geübt , wie ihre geharnischten
Kameraden . Hauptsache war ein schnelles Auf- und Absitzen . Sass der Dragoner zu Pferde , so hielt er in der linken
Hand die um ein kleines Stück Holz gewundene Lunte und den Zaum des Pferdes zugleich . Ueber den Rücken hing
an einem Riemen die kurze Muskete oder Flinte ; hatte er kein Feuergewehr , so hielt seine rechte Hand die eben¬
falls durch einen Riemen befestigte Pike . Das Seitengewehr war kurz ; statt der Reitstiefel trug der Dragoner Schuhe,
wie der Fusssoldat , ohne Sporen . Kam er an den Feind , so sass er rasch ab ; die Pferde wurden abgekoppelt und
DER DRAGONER. 33

von einer geringen Mannschaft bewacht, die Soldaten selbst rückten wie die Infanterie in Rotten und Gliedern vor
und fochten auch nach der Manier des Fussvolks. Am Sattelbogen des Dragoners hing oft ein kurzes Beil zum
Holzfällen und Niederhauen der Pallisaden — man sieht, es gab kaum einen Dienst, dem nicht der Dragoner gewachsen
sein musste. Dieser Truppe entnahm man die Bedeckung der Artillerie, sie verwendete man mit Vorliebe als Patrouillen
und Vorposten , aber auch als Sturmcolonnen sah man sie vor mächtigen Festungen . Wallenhausen lässt die Dragoner-
Escadron des dreissigjährigen Krieges io Pferde in der Tiefe, 20 Pferde in der Breite, in drei Zügen ohne Zwischenräume
nebeneinander stehen . Den Mittelzug bilden 100 Pikeniere, die Flügelzüge je 50 Musketiere. Vor dem Pikenierzuge
hält der Fähnrich und ein berittener Tambour , vor dem Fähnrich ein Unterofficier, vor diesem der Plauptmann,
zwischen ihm und dem Unterofficier zwei Knechte, deren erster die Partisane und deren zweiter Pike und Wappen
des Rittmeisters trägt . Vor dem rechten
Musketierzug steht der Lieutenant mit
einem reitenden Tambour , vor dem
linken Zuge ein Unterofficier mit einem
Tambour.
In dieser Verfassung, als ein
Zwischenglied
o
zwischen Infanterie und
Cavallerie, bestanden die Dragoner , stets
vermehrt und vervollkommnet, nach dem
dreissigjährigen Kriege bis zur Eugen ’schen
Zeit ; nur die Pike fiel bei ihnen noch
früher als bei der Infanterie. Säbel,
Pistole und Gewehr wurden des Dra¬
goners Waffen, und im Gebrauche des
Feuergewehrs war er bald sogar den
Fusstruppen überlegen.
Eugen von Savoyen war am
besten in der Lage , Wesen und Leistungs¬
fähigkeit der Dragoner zu erkennen ; waren
sie doch jene Waffe, die er speciell er¬
wählte, als er in des Erzhauses Habsburgs
Dienste trat . Im Dragoner -Regimente
seines Bruders, des Herzogs Julius von
Savoyen, der in jungen Jahren den Helden¬
tod starb , begann er seine Laufbahn ; die
Inhaberschaft und das Commando des
Dragoner - Regiments, welches 1682 vom
Grafen Johann Heinrich von Kuefstein
errichtet worden war, wurde die erste
Würde , mit welcher ihn des Kaisers Gnade auszeichnete.
Mit seinen Dragonern ritt Eugenius siegreich durch Ungarn , mit ihnen kämpfte er in Piemont, und ängstlich
hütete er seines tapferen Regiments Recht und Ehre . Man weiss, wie er wegen eines Eingriffes des Feldmarschall
Caraffa in sein Inhaberrecht — Caraffa hatte einen Savoyen-Dragoner wegen des angeblich unrechtmässigen Besitzes
eines Kochtopfes, unter Missachtung der Regimentsjustiz, durch seinen Auditor aburtheilen und bald darauf hängen
lassen — energischen Protest erhob und sogar mit seinem Abschiede drohte . Seinen Dragonern sprengte er in
wogender Schlacht kühn zu Rosse voran, oder er führte sie zu Fuss gegen den Feind. So drang er mit fünf ab-
gesessenen Compagnien (1691) gegen das feste Schloss Vignale an ; mit ihren Beilen schlugen die Dragoner , ohne
erst die Wirkung einer herbeibefohlenen Petarde abzuwarten , das Thor ein und hieben in der hartnäckig vertheidigten
Veste Alles nieder, was ihnen unter die Klinge
o kam . Am liebsten aber sah der Prinz seine Dragoner
o zu Pferd. Er
würdigte ihre Bedeutung im Fussgefechte gegenüber den Osmanen , deren raschen Reiterschwärmen diese zu Ross
und zu Fuss fechtenden Dragoner
O unheimliche Gegner
o waren }; oaber er erkannte ebenso gut,' dass der frische Geist
34 DER DRAGONER.

der Offensive , der echte , sprühende Reitergeist , denn doch das Richtige für seine merkwürdige Stammwaffe sei.
Er brach mit dem Aberglauben , dass der Trab die allein mögliche »rasche « Gangart des Reiters sei ; er
Hess, ohne Rücksicht auf die vorgeschriebene Rundleibigkeit der Rosse , frisch drauf los galoppiren , wenn es dem
Feinde weh thun konnte . Der Dragoner musste so beweglich sein als möglich , er musste gut und schneidig reiten;
nur dann war er wirklich , was seiner Waffe entsprach.
In der Verfassung ähnelt ein kaiserliches Dragoner -Regiment der Eugen ’sclien Zeit dem Kürassier -Regiment;
in der Ausrüstung und Bewaffnung prägt sich noch deutlich seine so lange festgehaltene Zwitterstellung zwischen
Fussvolk und Reiterei aus . Das Dragoner -Regiment gliedert sich ursprünglich in io Compagnien , seit dem Ausbruche
des spanischen Erbfolgekrieges in 12 Compagnien . Der Regimentsstab und die »prima plana « der Compagnie ist
jenem der schweren Reiter gleich , doch commandirt hier ein »Hauptmann « (nicht Rittmeister ) die Compagnie ; statt
des Cornets fungirt wie bei der Infanterie der Fähnrich , statt des Trompeters noch längere Zeit der Tambour , der
Pauker fehlt ganz . Die Compagnie zählt 4 Corporale und 60 bis 86 Gemeine . Die Benennung und Eintheilung der
Dragoner -Compagnien entspricht jener der Kürassiere , doch vertreten bei der Obristens -, Obristlieutenants - und Majors-
Compagnie sogenannte Capitainlieutenants (wie bei der In¬
fanterie ) jene und die wirklichen Commandanten . Schon
1709 haben Savoyen - Dragoner einen wirklichen Obrist-
Commandanten ausser ihrem erlauchten Obrist -Inhaber ; all¬
gemein wurde diese Einführung erst 17 11. Seither führt eine
Compagnie,jene des Inhabers , den Namen der Leibcompagnie;
dem Obrist gehört die »Obristens -Compagnie «.
In demselben Jahre 17 1i,dem Jahre des Regierungs¬
antrittes Carl VI ., wird die Errichtung einer Grenadier¬
compagnie bei jedem Dragoner -Regiment angeordnet.
Sie bildet das Pendant zu den Carabinier - Compagnien
der Kürassiere ; ihre zunächst aus den übrigen Compagnien
ausgewählte Mannschaft hat aus gesunden , ansehnlichen
und zuverlässigen Leuten , nicht zu jung und nicht zu alt,
zu bestehen ; der Obrist selbst hat ihre rigorose Auswahl
zu überwachen . Der Hauptmann soll ein tüchtiger , kriegs¬
erfahrener Mann sein . Zur Seite stehen ihm ein Lieutenant
und ein Unterlieutenant , letzterer an Stelle des Fähnrichs,
welchen die anderen Compagnien besitzen ; die Grenadier-
compagnie führt nämlich nicht, wie die anderen Com¬
pagnien , eine Standarte . Der Rang des Unterlieutenants
ist dem des Fähnrichs gleich . Der Dragoner - Grenadier
bekommt an Verpflegsgebühr um 1 fl. mehr als die anderen Dragoner . Im Regiment gilt die Grenadiercompagnie,
welche aus 1 Hauptmann , 1 Lieutenant , 1 Unterlieutenant , 1 Wachtmeister , 1 Fourier , 1 Musterschreiber , 1 Feldscher,
1 Tambour , 1 Sattler , 1 Schmied , 4 Corporalen und 80 Gemeinen besteht und in 4 Züge formirt wird , als selbstständige
Abtheilung und wird in keine Escadron eingereiht . Sie marschirt als des Regiments Elite an dessen Spitze , vor den
Spielleuten ; im Lager steht sie stets auf dem rechten oder linken Flügel , sie gibt weder Regiments - noch Feldwachen,
sondern nur ihre Compagnie -Wachen und kann nur auf höheren Befehl abcommandirt werden . „Sie ftnb 31t nid ^ts
cmberrt
, als 311 blojjen bjerrenbienften empIoyrD, heisst es in der am 22. Jänner 1718 mit dem Markgrafen von Branden-
burg -Onolzbach abgeschlossenen Capitulation wegen Errichtung eines Dragoner - (des heutigen 8. Uhlanen -) Regimentes , —
„unb auf feine weifj 311 etwas anbers, worauf fyauptfäcfylid
? acfyt 311 geben, btftribuirt werben follen". . . . Oft wurden
wie die Carabinier - so auch die reitenden Grenadiercompagnien verschiedener Dragoner - Regimenter zu besonderen
Grenadiercorps vereinigt und zu wichtigen Missionen verwendet.
Die Waffen des Dragoners sind der Pallasch mit Lederscheide , statt des Korbgefässes meist nur mit Bügel
und Daumenring , zwei Sattelpistolen und der Carabiner , später nach Einführung der Bajonnettflinte im Fussvolk , diese
neue Waffe , mit welcher wir uns noch bei der Darstellung der Eugen ’sclien Infanterie zu beschäftigen haben . In Italien
führten schon 1701 sämmtliche Regimenter die Bajonnettflinte . Das Bajonnett trägt der Dragoner vor dem Pallasch;
DER DRAGONER. 35

Anfangs steckte man es mit einem hölzernen Stiele in die Gewehrmündung, später wird es mittelst einer Dille gepflanzt.
An einem breiten Ueberschwungriemen hängt die Patrontasche (über die linke Schulter), an einem Leibriemen das
»Pulverhörnlein«.
Die Schlachtordnung der Dragoner -Regimenter ist jener der Kürassiere gleich; die taktische Einheit wird
die aus zwei administrativen Einheiten (Compagnien) gebildete Escadron, welche der ältere Hauptmann commandirt;
die Escadron theilt sich in zwei »Plotons «, diese in je drei Züge und Corporalschaften . Sind die Dragoner zu Fuss, so
theilt man das Regiment in drei gleiche Theile, das »corps de bataille « (Centrum) und die beiden Flügel — eine
Formation , wie sie der Ordnung des Infanterie-Bataillons entspricht. Zur Aufstellung zu Fuss wird, nach dem Vorreiten
der ungeraden Reihen auf Pferdelänge, abgesessen ; die Pferde werden mit der Halfter aneinander gekoppelt , die
Mannschaft tritt durch die Gliederdistanzen vor die Pferde, bei denen jeder Zug 3 bis 4 Mann zurücklässt. Die Stabs¬
und Oberofficiere überleben ihre Pferde den Fourierschützen und stehen mit ofezosfenem Deeen vor der Front , der
Obristwachtmeister und der Adjutant allein bleiben zu Pferde. Der Dragoner muss ebensogut mit der Bajonnettflinte
als mit dem Degen zu exerciren wissen. Wenn er mit der Flinte zu Pferde feuert, schiebt er den Laufknopf des Zügels
bis an den Pferdehals und hängt das Bugende an den kleinen Finger der linken Hand , um zum raschen Ergreifen des
Zügels bereit zu sein; auf das Commando „PTad)t (Elld) fertig !" ergreift die linke Hand die hochgehaltene Flinte ober
dem Schlosse und spannt den Hahn. „Sd )lagt an !" tönt das Commando; die Flinte wird an die rechte Schulter
erhoben, der Dragoner neigt sich vor, erhebt sich ein wenig in den Bügeln und zielt auf den »halben Mann«. Dem
Commando „gelier !" folgt das rasche Abdrücken ; auf „Set)t ab !" nimmt der Mann das Gewehr wieder hoch, d. h. er
nimmt jene Stellung, von welcher alle Handgriffe ausgehen. Das Gewehr wird hiebei, die rechte Hand im Kolbenhals,
Lauf gegen sich gewendet , mit der linken Hand oberhalb des Schlosses so ergriffen, dass das Schloss in die Höhe
der rechten Schulter kommt. Das ganze Fussexercitium mit seinen umständlichen Avertissements und seinen 56 Com-
mandos ä 3 Tempi werden wir noch bei Betrachtung der Infanterie kennen lernen. Ebenso identisch ist das Fuss¬
exercitium der Dragoner -Grenadiere mit jenem der Infanterie -Grenadiere . Soll die Grenade oder Granate in Action
treten , so hängt der Grenadier die Flinte auf den Rücken, zieht auf das Commando „(Ergreift (Eure Cuntcn!" mit der
linken Hand die Lunte aus dem sogenannten »Luntenberger « und zündet sie auf das „Hid)t beit lullten !" an. Auf
das Commando: „^ ajjt bie (Brettab!" greift er mit der Rechten in die Patrontasche und beisst auf das „0ejfuet bie
(Breuab!" dieselbe am Mundloch gleich einer Patrone ab. „Pas erfte (Blieb Haft ben liutten ab!" hört man nun das Com¬
mando. „StecFt an bie (Breuab ltnb werft !" heisst es dann, der Mann tritt mit dem rechten Fuss einen Schritt vorwärts
und schleudert die Granate nach dem Ziele. Mangel an Vorsicht rächt sich blutig; die Granate richtet unter Umständen
die dem Feinde zugedachte Verheerung in den eigenen Reihen an.
Der Dragoner hatte , wie man sieht, genug zu lernen und zu leisten; man brauchte wackere, intelligente Leute
für die Waffe. Die Auswahl und Ergänzung der Waffe blieb sich wohl in der ganzen Eugen ’schen Aera so ziemlich
gleich. I11 der 1733 mit dem Obristlieutenant Grafen Kohary abgeschlossenen Capitulation, wegen »Aufrichtung eines
Dragoner -Regiments « wird ausdrücklich bedingt, dass „unter ber aufbrittgeubeu 21Tanufd)aft feine v erbotene Hatioita-
liften alfj Ejungarn, (Eroatfyen , polacfen, Scfyweitjer
, 3taltener, ^ ra^ ofen, worunter and? alle biejeitigen nerftanbeit, fo
nid?t pure Ceutfd )e finb, and] feine non Dnferen Kayf. Hcgimentern, bann r>on <El]ur=3ayeru 1111 b SadjJjen befertirte,
mit wekfyen wir eigene (Eartels barumben errichtet fyabeit , iitgleicfyen feine al^ufleine, weber 311 jung noefy 311 alte,
mithin nicfyt unter 24 unb über 55 3 a fyr 3 um fyöcfyften feyeube Ceutfcfye an3uwerben and) ebenfowenig anbere
pferbt, alfj welche von genugfantber Breite , Stärcfe unb (Bütte, nid)t geftriefjelt , feine Sdjitnmel, nod) E)engften, nid)t
unter J5 ^ äuft I)od) unb im Filter non 4 bis I]öd)ftens 7 3 a^re fcycit. . . ."
Die Adjustirung des Dragoners zeigt — abgesehen von den Huszaren — die meiste Mannigfaltigkeit auch
dann, als schon der perlfarbige oder lichtgraue Rock für das ganze Fussvolk und der lichtbraune Lederkoller für die
Kürassiere eingeführt war. Den weissen Reiter -(Rad -)Mantel hat er mit diesen gemein, ebenso Form und Farbe des
Halstuches. Aber der Rock zeigt verschiedene Farben : er ist roth, blau, grün (später auch weiss). In Form und Schnitt
ähnelt er jenem der Kürassiere. Kragen , Aermelaufschläge und Saum der Schösse zeigen die Fgalisirungsfarbe des
Regiments ; weisse oder rothe, lang herabhängende Achselschnüre aus Harras zieren ihn. Das Kamisol ist in der
Farbe des Rockes, manchmal auch weiss, respective hell-lederfarbig wie die Stiefelhose; die Röhren der Stiefel sind
niedriger, diese selbst leichter als beim Kürassier, doch hat der Dragoner die Zeit des Infanterieschuhes schon hinter
sich und lässt auch schon stattliche Anschnallsporen klirren. Auf dem Kopfe trägt er den Infanteriehut aus schwarzem
Filz, die breite Krämpe auf drei Seiten aufgeschlagen, mit gold- oder silbergewirkten Tressen besetzt . (In den Türken-
36 DER DRAGONER.

kämpfen gab man dem Dragoner zeitweise den Kürassierhelm und selbst einen Kürass .) Auch die Fäustlinge oder
Handschuhe hat er mit dem Infanteristen ofemein.
Von der , nach dem Geschmacke der Inhaber und dem vorhandenen Tuchmaterial gewählten Buntheit der
Dragoner -Rockfarbe zeugen die erhaltenen Nachrichten über die Adjustirung Eugen ’scher Dragoner -Regimenter . Saurau-
Dragoner (1682 errichtet , 1750 aufgelöst ) trugen Rock , Hose und Weste blau, Achselschnüre , Klappen und Auf¬
schläge roth , den Hut mit Silberborten besetzt . Savoyen - Dragoner sah man zu Lebzeiten ihres erlauchten Inhabers
im scharlachrothen Rocke mit schwarzen Aufschlägen und gelben Knöpfen . Im Khevenhiiller ’schen Dragoner-
Regimente (aufgelöst ) trug der Dragoner einen Hut mit einer Silbertresse , einen blauen Rock mit rothem Aufschlag
und Futter , eine Achselschnur , blaues Kamisol und blaue Hosen , einen weissen Tuchmantel mit rothem Kragen und
rothem Futter , einen spitzigen Pallasch und Sporenstiefel von echtem moskowitischem Juchten . Als man 1725 aus den
vorhandenen drei spanisch -niederländischen National -Cavallerie -Regimentern (Holstein - und Ligne -Dragoner und Westerloo-
Kürassiere ) das neue kais . Dragoner -Regiment Westerloo (nachmals die berühmten schnurbartlosen de Ligne -Dragoner)
errichtete , wurden der neuen Truppe ein weisser Tuchrock mit umgeschlagenen blauen Aufschlägen und um-
o-eschlaofenen , zusammeno -ehefteten Schössen , blaues Kamisol , weisse tuchene , enganliegende Beinkleider , hohe Reiter-
Stiefel mit stählernen Anschlagsporen , ein dreieckiger Hut , rothes oder schwarzes Halstuch und lederne Stulphandschuhe
vorgeschrieben ; doch behielt man bis 1732 die frühere (niederländische ) Rockfarbe , R o th , bei , welche der neue Inhaber
FML . Prinz de Ligne durch Hellgrün mit rothen Aufschlägen ersetzen liess . Und grün — später in dunkleren
Schattirungen — blieben diese Dragoner weit über ein Jahrhundert ; noch heute trauern die Windischgrätz -Dragoner
über das verlorene historische Grün , welches an des Regiments grösste Ehrentage gemahnt.
Der Dragoner -Grenadier trug im Allgemeinen Montur und Ausrüstung des gewöhnlichen Dragoners seines
Reoiments ; doch bürgerte sich allmälio ; bei den berittenen wie bei den Infanterie -Grenadieren die Bärenmütze als
Parade -Kopfbedeckung ein, auf deren Vorderseite sich gewöhnlich ein Schild mit einer Granate befand . Auch gab man
dem Grenadier orern statt der Reiterstiefeln Gamaschen . Den Pallasch ersetzte ein langer , orekrümmter Säbel ; ausser-
dem trug er nebst seiner Bajonnettflinte die grosse , zur Aufbewahrung der Handgranaten bestimmte Grenadiertasche.
Der schon citirten Capitulation über die Errichtung des Kohary ’schen Dragoner -Regimentes liegt folgende
Specification „derjenigen 2Tiontnrs = 11. geiüöfyrs ^Sorten , mit tnekfyen ein Dragoner 311 üerfefyen und üo ^ ufteüen ift ",
bei : n \. Ein
( Heuer Hocffy, 2 . (Ein (Eamifoll , fambt Ejofjen, 5 . (Ein Klaute !, 4. (Ein Ejut, 5 . gtney Remter uon dauer=
harter Ceinbandt , 6. gtney Hotfye oder fcfytnat^ e ^ alfttiicfyer, 7. € in paar ftiefel, 8. (Ein Sabel oder pallafd ) 311m feitl]en=
getüöfyr, 9 . (Ein Heiter Carabiner fambt ein paar piftollen , and ) 3ugel]örigen (Earabiner Kiemen , fO. € in patrontafcfyen,
\ \ .Ein
( gutter Sattel mit dem 3ugel)örigen ge3eug. ;i
Die Preise und Beschaffenheit der einzelnen Monturs - und Armatursstücke gibt Khevenhüller ganz genau
an . Darnach mussten »aus 2 Stück Iglauer Tuch ä 10V2 Ellen 7 (besser aber nur 6) Mäntel oder 11 gewöhnliche
Röcke , aus einem Stück oder 19 '/, Ellen 10 Kamisols und aus 1 Elle Tuch ein Paar Hosen erzeugt werden . Der
Hut (im Preise von 1 fl.) muss die Probe halten , indem man 34 Stunden hindurch Wasser auf ihn lässt ; die Tressborten
des Hutes von feinem Silber (11/4Loth ) kostet 2 fl. 49 kr . Zu einem Rock nimmt man 35/s Ellen rothes Tuch
ä 1 fl. 1V2 kr . (zusammen 3 fl. 42V2 kr.); zum Umschlag 3/8Ellen blaues Tuch 40 kr .; 53/4Ellen blaues Unterfutter
2 fl. 12V2 kr .; 2 Dutzend Knöpfe 18 kr .; 1 Achselschnur 19 kr .; Macherlohn 49 kr . Zu einem Kamisol und ein Paar
Hosen gehören 3 Ellen blaues Tuch a 1 fl. 4V2 kr . (zusammen 3 fl. 13V2 kr .), 6V2 Ellen Leinwand zum Unterfutter
ä 9 kr . (zusammen 58V2 kr .); 4 Dutzend kleine Knöpfe a 4V2 kr . (zusammen 18 kr .), der Macherlohn beträgt für das
Kamisol 30 kr ., für die Hosen 17 kr . Für den Mantel braucht man 6V2 Ellen (weisses ) Tuch ä 56 kr . (zusammen 6 fl.),
V5Elle rothes Tuch zum Kragen 12V3 kr ., 2lU Ellen rothen Boy (Unterfutter ) 54 kr ., Macherlohn 15 kr .« Es kostete
also der Hut eines Dragoners 2 fl. 49 kr ., der Rock 8 fl. 1 kr ., Kamisol und Hosen 5 fl. 17 kr ., der Mantel
7 fl. 21V2kr . Der Mantelsack stellte sich mit 2/3Ellen rothes Tuch , i 1/-* Ellen Leinwand zum Unterfutter und Macher¬
lohn auf 1 fl. 15V4 kr ., der Pallasch , mit stark verzinntem Eisen beschlagen , die spitzige Klinge von Solingen , nicht
zweischneidig mit starkem Rücken auf 2 fl. 30 kr ., die ungesteppte Pallaschkuppel aus gelbem Leder mit verzinnten
Schnallen auf 45 kr ., die Flinte mit gelbem Beschlag , sauber und glatt polirt auf 5 fl., zwei Pistolen ebenso in loco,
von den Fabrikanten aus Mastricht , Sedan u. s. w. nach Wien gebracht , die Flinte sammt Bajonnett auf 6 fl. 30 kr .,
der Carabinerriemen mit Beschlag auf 1 fl. 40 kr ., die Patrontasche auf 24 Schuss , mit zwei Finger breitem , gelbem
Riemen sammt Schnallen kostete 45 kr ., der Sattel mit Flintenschuh , Steigbügeln , Kreuzgurten und Steigriemen 7 fl.;
das Zeug mit guten starken Messingschnallen , Schleifen und Buckeln , sammt Zubehör 2 fl. 48 kr ., das Mundstück
DER DRAGONER. 37

sammt Kinnkette und gegossenen Mundbügeln 42 kr., Flintenriemen mit Buckel 12 kr ., Schabracke und Schabrunke
mit harassenen Borten verbrämt 4 fl. 30 kr., das Zelt, dessen Kosten auf die Kameradschaft repartirt wurden, wird
mit 6 fl. beziffert — es bildete einen integrirenden Bestandtheil der Ausrüstung.
Dass sich die erwünschte stramme Einheitlichkeit in der Tracht und in der Tragung des Waffenkleides, die
genaue Beobachtung der Vorschriften in keiner Truppe so leicht einbürgerte, als diese Vorschriften gegeben waren,
ist sehr begreiflich. Es kam immer auf den Inhaber und den Regiments-Commandanten an, wie dieser Theil der
militärischen Gesetze gehandhabt wurde.
Khevenhüller’s berühmte Observationspunkte *) verbreiten sich über gewisse Adjustirungs - Einzelnheiten und
Adjustirungssünden kaiserlicher Dragoner -Regimenter in sehr charakteristischer Weise. Wir lesen in diesen Observations¬
punkten von den Dragonern:
Punkt 5: „3Pas bie Sauberfeit unb Proprietät anbelangt, fo foüe jeber Dragoner menigftcus oier fjemben,
3ir>eY paar Strümpff unb ein paar Sdjufje, 3meY fcfymar ^e bjalflbinbelu 311m iimmecbfeln fabelt, mic and? Icmmaitbcne
Strilmpff, ein paar Stiffletten, fo auf ben ^ ufptPadjten, 311m€ gercieren , unb bergleicfyen Dienften feljr propre ftebeit,
unb bie Stieffel menagiren, eine Biirften, feinen b)ut unb Kleiber ai^ upuf^en, auf baff, mann er uifitirt mirb, er ben
Buljnt eines redfffdjaffenen KTannes befomme; fid ) tägltcfy mafd ?e, fäntme unb fauber Ijaltc, feine fjaar jebet^eit
im gopff gef lodeten trage , bas bjal^binbel tuof^l gefcfyloffeit , 3meYmal bie tDocfyen menigftens neugcmafdjcn anlege,
3meYmal bie JDocfyen barbiere unb fid? einen teutfdjen Bart 3iigle. € s glauben manche, bafj es einem Solbaten eine
Scbanbe ift, feine b) embten felber 311 mafcfyen, meines bas Contrariunt bemcifct in anberer fjerren Dienften, iro
feine tDeiber gebulbet merbett, unb ift bie Sauberfeit eine l]öd]ft nötige Sad), bann uoit Unfauberfeit Diele Krancfljeiten
entfprieffen
; er fofle and) feine KTonttrung 311 conferoiren, 311m^ ouragieren auf bie IDeib ober anberer Krbeit etmann
ein leinernes Catnifol, Bofen unb ^ 0 ur a gi er =Klüsen Ijaben. — Seine KTontirung, Sattel=geug, (Bemeljr unb
gantje Küftnng fofl er jebet^ eit in Stanb unb guter 0 rbnung bereit galten, mas barau 3erriffen ober gebroden, aIlfo=
gletd) repariren, bas Cebermerf fcfyntiereit unb fofort Sorg tragen, baff nidjts 311(Bruitb gelje. . . . IPcttn er auf ber
Straffen geltet, ben Fjut mobl tragen unb auffetjen, ad)t Ijaben, bafj er nid)t Ijeitfe, fonbertt mol]l aufgeftiUpt feYe
; Keinen
CCobacf auf ber (Baffen rauchen, meldjes in allen DorfaUenfyeiten 311 beobadjten, mann ein (Dfföier ilpn begegnet ober
anrebet, mann es and) ein frember märe; mann bas (BerneIjr präfentirt mirb , bie pfeif fett aus beut 21 Taul,
fein (Befd?reY ober (Befcfymät^ babei getrieben merbe. fO d0- Biental]Ien ohne Seitengemeljr in bas Hauptquartier ober auf
bie KIärfte gefeit, ober aber ben palafd), mic es manchmal gefd)iel]et, unter ben Krnt ober über bie Kd)fei mie bie
^leifdjbacfer tragen, foitbern um beu Ceib gegürtet. — U d0‘ tPann er Bürgern, (Beiftlid)en, and) frentben CDffi ^iereit
begegnet, ober beY tDad)ten unb Sdjilbtmadjten DorbeYgeljet , ben But 3iel|e, bergleidjenB^öfflicHFcit einem Regiment
großes £ob machet; ba er aber einem Staabs^Qffoier begegnet, fteljen bleibe, ben £)ld ctbuelpne unb oljne Heigung bes
Ceibs ober Salutation anfyalte , bis fie DorbcY."
Eine trefflich ausgebildete und bewaffnete, vielseitige, ja fast allseitige Truppe — so stehen die kaiserlichen
Dragoner in der grossen Eugen’schen Zeit den Feinden des Erzhauses gegenüber . Sie sind noch »Amphibien«, sie
sind Infanterie und Cavallerie zugleich, aber schon wird der Reitergeist übermächtig in ihnen. Noch stürmen sie zwar
Schanzen und Festungen , freudiger jedoch attakiren sie auf gutem Rosse den »Erzfeind « im Osten und den Franzosen
im Westen . Stolz sind sie auf den grossen Eugenius, der ja einer der ihrigen gewesen und geblieben ist, und der Prinz
vergisst ihrer nie, wenn er seine Siege erkämpft. Seinen Dragonern dankt er manchen Triumph, und mit Stolz trägt
er den Rock der Waffe, deren 13. Regiment noch heute seinen lebendigen Namen führt in Habsburgs Heere.

*) Observations -Punkten , welche von Ihro hochgräfl . Excellence Herrn Ludwig Andrä , des h . röm . Reichs Gfn . von Kheve n h ü 1ler , wirkl.
Geh . R., Hofkriegsraths -Vicepräs ., G. Feld -Marschallen , Obristen über ein Regiment Dragoner etc . bey deme Ihme von Dero Kays . Maj . agn . anvertrauten
Dragoner -Regiment vorgeschrieben etc . Wien , Verlegte Jos . Paul Krauss , Kays . Niederlags Verwandten und Buchhändler , nebst der Kayserl . Burg das
Gewölb habend A . 1739.

6
Der Huszär.

in neuer, merkwürdiger Krieger erscheint um die Mitte des sechzehnten Jahr¬


hunderts in deutschen Landen , dem Kaiserbanner folgend. Auf windschnellem
Rosse zieht er einher, auf der Eisen- oder Pelzhaube flattert lustig und kühn
die Feder , ein Panzerhemd oder ein buntverschnürtes Wams umschliesst
seinen Körper, in schmucke, schmale Reiterstiefel zwängt sich die enge Hose,
seine Hand führt den krummen Türkensäbel oder die Pike mit wehendem
Fähnlein, aus dem braunen Antlitz aber blitzen zwei Feueraugen hervor , als wollten sie
die ganze Welt mit ihrer Flamme entzünden. Sie sind da, rasch wie der Blitz, und ebenso
rasch verschwinden sie wieder ; wie das brausende Ungewitter treffen sie den Feind und
wehe ihm, wenn er nicht gerüstet ist zu ihrem Empfange, wenn er sich überraschen lässt
von den fremden, unheimlichen Reitersleuten.
Mannigfach deutet der deutsche Bürger diese raschen Schaaren : »die Türken
sind’s,« sagen die Einen, die Türken , die der Kaiser in Sold genommen hat, »die Croaten«
meinen die Anderen ; als die »Enkel Attilas der Gottesgeissei «, erscheinen sie den Dritten,
und die Wenigsten nennen sie bei ihrem rechten Namen. Denn ungarische Huszaren
sind jene flinken, windschnellen, braunen Krieger, mit den flatternden Pelzen; die Huszaren
sind es aus Ungarns Puszten, welche Habsburgs Herrscher mit jenem schönen, fruchtbaren
Lande gewonnen haben . Auf König Mathias Corvinus führen sie ihre Entstehung zurück.
Er hatte Ungarns
O
Heerwesen nach mannigfachen
O
Wandlungen
O
auf eine feste Grundlage
ö

gestellt und namentlich des Landes natürlichster Waffe, der Reiterei, eine feste Verfassung gegeben . Je zwanzig Jobagyoks
(jobagines) oder Ackersleute stellten von nun an einen berittenen Krieger : er war der »Zwanzigste «, d . i. in
ungarischer Sprache »der Huszär «. Ausgerüstet mit dem spitzen Eisenhelm und der Lanze, der Offlcier mit dem
Morgenstern , so zogen sie zu Felde , und Mathias’ »schwarze Legion« war bald seiner Feinde Schreck. Als nach des
jugendlichen Ludwig tragischem Untergange bei Mohäcs die Krone des heil. Stephan den Herrschern aus Habsburgs
erlauchtem Stamme zutheil ward, da wurde die national-magyarische Truppe der Huszaren wiederholt in den kaiser¬
lichen Heeren gesehen . Boten sie die Comitate zum Kriegsdienste auf, so hiessen sie »Landschafts-Huszaren « und
benannten sich nach ihren Heimat -Comitaten »die Raaber , Vesprimer, Komorner Huszaren «, oder sie waren Grenz-
Huszaren, reitendes Kriegsvolk jener tapferen Stämme, welche an den Grenzen zwischen Islam und Christenheit scharfe
Wacht hielten, um Ungarn und das Reich vor osmanischen Einfällen zu bewahren . In der Schlacht bei Mühlberg
passirten die ungarischen Reiter zuerst die Elbe, hieben schneidig ein und nahmen den Kurfürsten von Sachsen
gefangen . Man sah sie in den Heeren Maximilian II. und Rudolph II. gegen die Türken fechten: ebenbürtige
Gegner der blitzschnellen asiatischen Reiter , welche unter dem Zeichen des Halbmondes kämpften, der Spahis und
Tataren . Am io . März 1598 wurde eine Convention mit vier Rittmeistern zur Errichtung von vier Huszaren-Compagnien
und 200 Pferden, am 8. März 1601 die Convention für den Obersten Flaus auf 500 gerüstete Arquebusier -Reiter in
einem Regiment mit fünf Corneten per Compagnie für Siebenbürgen, am 2. October 1617 eine Convention mit dem
Obersten zu Gyarmath für 1500 Huszaren , beigestellt zum Feldzuge gegen Venedig, abgeschlossen.
DER H US ZAR. 39

Erzherzog (dann König) Mathias hatte stattliche Huszarentrupps unter seinen Befehlen; die Forgach, Nadasdy,
Pälffy und andere Cavaliere führten sie seinen Fahnen zu. Im Jahre 1602 stellten die Gespanschaften 1000, die Grenz¬
häuser 2000, die Siebenbürger 3000 Huszaren zum Türkenkriege . Im dreissigjährigen Kriege scheinen sie verschwunden.
Man nennt ihren Namen nicht. Aber es wäre Gefehlt, daraus zu scbliessen , dass bei diesem gewaltigen, Völker in
Bewegung, Europa in Flammen setzenden Kriege die ungarischen Reiter gänzlich gefehlt hätten . Wohl war ein an¬
sehnlicher Theil jener Lande , die man der ungarischen Krone zuzählte, dem Padischah zu Stambul unterworfen, andere
durch die politischen Wirren dem Heere des Kaisers und Königs entrückt , doch fehlten auch unter jenen leichten Truppen
Tilly’s und Wallenstein’s, welche der Schreck aller Feinde Habsburgs waren, unter den gefürchteten »Croaten«
des Grafen von Isolano, die magyarischen Reiter nicht. Geographische Genauigkeit war keine Tugend jener Zeit,
und Ungarn mit seinen vor die Pforte des Orients hingelagerten Grenzlanden war dem Deutschen draussen im »Reiche«,
dem Schweden und Dänen noch ebenso unerforschtes Gebiet, wie das ferne Asien selbst. Der Gattungsname
»Croat« galt also damals auch dem Huszaren . Ausdrücklich erwähnt wird eine am 15. Mai 1619 mit den Obersten
Somogvi und Forgach eingegangene Convention zur Stellung von zwei Huszaren-Regimentern ä 1000 Mann, eine am
5. October 1623 abgeschlossene Capitulation mit drei Rittmeistern wegen Errichtung von drei Compagnien »croatischer
Aquebusier-Reiter « ä 100 Mann und eine Convention vom 24. Februar 1626 mit den Obersten Göll, Graf Zriny und
Ochoczy (?) auf drei Regimenter Huszaren ä 500 Mann. Jedenfalls waren neben Croaten und Serben, neben den
Grenz-Huszaren, auch geworbene und aufgebotene ungarische Reiter (»Huszaren «) unter ihnen; die ganze Fechtweise
und die bunte Tracht dieser allgegenwärtigen Truppe gemahnt daran.
Sie sind das bewegliche Element des Kaiserheeres, keine Nation, eher eine Waffe, und doch wieder keine
bestimmte Waffengattung. Man hat unter ihnen alle die dem Deutschen fremdartigen, leichten Kriegsvölker zu ver-
stehen, welche theils nach der altungarischen Heeresverfassung, theils durch die von den croatischen Landständen
aufgebotene Massen-Insurrection oder durch Werbung in den Ländern der ungarischen Krone aufgebracht werden, in
bunter, malerischer Tracht , zu Ross und zu Fuss nach dem Kriegsschauplätze ziehen und dort, ohne sich mit der
pedantischen Fechtweise der regulären Armee aufzuhalten, mit nationalem Ungestüm, in losen Schaaren über den
Feind herfallen, ihn belästigen, umschwärmen und bei guter Gelegenheit so viel Beute machen, als sie dem Gegner
abjagen können. Unter dem uncorrecten Gesammtnamen der »Croaten « versteht man ebenso gut ungarische Huszaren
als das croatisch-slavonisch-rumänische Grenzvolk zu Fuss, ja selbst den »Polaken « und »Kosaken «, den Wallenstein
zeitweilig in Polens Gefilden wirbt.
Auf den Fahnen der »Croaten « wll man einen Wolf gesehen haben mit der Inschrift: »Ich dürste nach
Beute «, und diese Beobachtung erzählt man getreulich nach, wenn von der Charakterisirung der windschnellen, toll¬
kühnen Schaaren die Rede ist. Ist der »Croat « zu Pferde, so führt er eine lange Flinte oder den Carabiner, Pistolen
und Säbel ; man sieht auch Huszaren in glänzender Tracht mit goldenen und silbernen Platten auf der Brust. Sie sind
nebst den Dragonern und den vorübergehend genannten (Holck’schen) Jägern die leichten Truppen des Heeres , die
den Feind nicht zur Ruhe kommen lassen, den Vorposten- und Patrouillendienst besorgen, recognosciren, u. s. w.
Oberst Graf Isolano commandirt das croatische Aufgebot. Wilde Gesellen mochten darunter sein, die Begriffe »Sieg«
und »Beute « mochten sich in ihren Phantasien decken ; jedenfalls waren sie der Schweden unangenehmste Gegner,
dem Heere immer voran, überall, wo man sie nicht vennuthete , tauchten sie auf, durch die feindliche Armee und in
Waffen starrende Gebiete schlüpften sie aalglatt und fielen plötzlich in dunkler Nacht oder am grauenden Morgen
über den ahnungslos campirenden Gegner her.
In den Türkenkriegen der Jahre 1663 und 1684 leisteten die Huszaren Berchenyi’s (Bercsenyi’s) und Kohäry’s
gute Dienste. In der Wiener Befreiungsschlacht 1683, zu einer Zeit, wo ein guter Theil des ungarischen Volkes unter
der Führung Tököly’s im ottomanischen Heerlager kämpfte, waren einige reitende ungarische Huszaren-Compagnien
dem Kreuzheere willkommene und tapfere Genossen. Ausser zwei neu errichteten Croaten-Regimentern, die sich damals
schon ausschliesslich aus den südslavischen Grenzlanden ergänzten, sah man die flinken, schmucken Reiter Ungarns
stets unter den Ersten am Feinde. Der Palatinus brachte 5000 Mann gratis und ebenso viele gegen 200.000 11 .
kaiserlicher Entschädigung auf; die Grafen Johann Eszterhäzy und Stephan Zicliy stellten je 500 Huszaren, und
noch mancher dem apostolischen König getreuer Herr setzte seine Ehre darein, in diesen bedeutsamen Tagen seine
Begeisterung für die christliche Sache thatkräftig zu beweisen. Am 6. Mai 1683 passirten 40.000 Mann guter kaiser¬
licher Truppen bei Kittsee Revue vor Kaiser Leopold I. »Ausser den deutschen Völkern« — so berichtet der Chronist
über das imposante militärische Schauspiel — »standen 7000—8000 Ungarn und Huszaren rechts der deutschen

6*
40 DER HUSZAR.

Reiterei in guter Ordnung mit 14 Stücken (Geschützen) in der Mitten, wovon ein corpus (Corps) Fussvolk, in dessen
Front der Palatinus regni, Graf Eszterhäzy und andere ungarische Herren mit kostbaren Waffen, Kleidungen, Edel¬
steinen und gestickten Pferderüstungen . Viele Soldaten hatten ihre Schultern mit Tiger -, Bären - und anderer
wilden Thiere Häuten bedeckt , und war dieses Volk, darunter Tausend mit Lanzen, sehr wohl bewaffnet.«
An der Revindication, der WiederofewinnunofOfens, das zur Hochburg der Türken in Ungarn geworden
war, nahmen die tapferen Nationaltruppen David Petnehäzy ’s, wetteifernd mit des Kaisers deutschen Völkern, ruhm¬
reichen Antheil. Die Ordre de bataille nennt 3800 »Raaber und Adam Batthiany’sche Grenzer «, d. h. also gewiss
auch wohlberittene Huszaren . Unter den Truppen des siegesgewohnten Heeres , welches der grosse »Türken -Louis«,
General -Lieutenant Ludwig Markgraf von Baden-Baden, durch Ungarn führte, nennt man ausdrücklich Reiter dieses
Namens . Pälffys Heiduken (zu Fuss) und Csaky ’s Huszaren sind unter den Siegern von Nisch (24. September 1689)
und bei Szlankamen dringen »in völliger Carrera « 6000 Budiany- (Batthiany-) und Zichy-Huszaren von hinten in das
feindliche Lager ein, die Auflösung der ottomanischen Armee vollendend.
Schon waren aus den auf Kriegsdauer aufgebotenen oder angeworbenen Reitertruppen fester organisirte
Corps geworden, die sich dem grossen Heeres -Organismus immer inniger anschmiegten ; das erste eigentliche
Huszaren -Regiment aber ist im Jahre 1688 erstanden . General Adam Graf Czobor war sein Schöpfer. Schon
1685 hatte er seinem apostolischen König ein stattliches Huszaren -Corps in der Stärke von 3000 Mann zugeführt.
Ein hellbrauner Attila mit einfacher, kurzer Verschnürung und rothem Besatz war seines Huszaren Waffenrock ; um
die Schultern legte sich, mit einer rothen Schnur zusammengehalten, ein weisses, roth eingefasstes Mäntelchen (kein
Pelz), das Haupt deckte eine niedrige, pelzverbrämte rothe Mütze, die in einen Sack auslief; ein roth-weisser Leibgurt,
blaue, dem Beine eng anliegende Hosen, und gelbe, ebenfalls anliegende Stiefel (mit Sporen) vervollkommneten dieses
elegante Kleid. Die Säbeltasche , nachmals ein besonderer Huszaren -Schmuck, hing an Riemen nach Art des heutigen
Brotsackes auf die linke Hüfte herab , der Säbel war gerade , doch ohne Korb . Noch schmucker aber wurde die
Truppe , als sie 1688 zu zwei regulären kaiserlichen Huszaren -Regimentern auf dem sogenannten »Kürassier-
Fuss «, d. h. nach dem Stande und der Verfassung der deutschen Reiter - (Kürassier-)Regimenter neu geschaffen
wurde . Das Regiment zählte im Stabe den Obrist, Obristlieutenant , Obristwachtmeister , Ouatiermeister , den Regiments-
schultheiss, Kaplan , Secretarius , Proviantmeister , Adjutanten , Wagenmeister , den Profossen cum suis (mit seinen Leuten)
und den Heerpauker . Die Compagnie hatte 100 Personen der prima plana und 90 Mann. Der Mann sollte zwischen
24 und 35 Jahren , das Pferd 5 bis 7 Jahre alt, dabei 14 bis 15 Faust hoch sein. Ueber das Wesen , den Charakter
und die militärischen Lebensbedingungen dieser merkwürdigen Truppe , des ersten Huszaren - Regimentes der
Welt, sdbt der im Krieofsarchiv aufbewahrte kaiserliche Bestalluno;sbrief interessanten Aufschluss. In diesem Schrift-
stück heisst es:

„IDir Ceopolb oon (Bottes (Bnaben ermählter Rötn . Kayfer, 31t allen gelten FTtefyrer bes Reichs, in
(Sertnanien, 311 Ppmgarn , Böfyeimb, Dalmatien, Croatien nnb Slanonien König, Crt$her3og 311(Dftreid), P)er3og 311 23 uv-
gnnb, Steyer, Kärnten , Krain unb IDürttemberg, in 0 ber= nnb UliebeDScfylefien , RTarfgraff 311 RTäbren, in 0 ber- nnb
UliebeDCau^ni^, CBraff 311 bjabspurg , Cyroll nnb (Sört} 2c. Bekennen öffentlich unb tbuen K^imbt RTänniglid?, bafj
XPiir bent Pjody unb bDol]lgebornen Unfern Rath , Camtnerer unb lieben getreuen Kbam (Braffeit non C3obor in
gnäbigfter Knfefy: unb ermegung beffen habenbe Kriegserfahrenheit , unb Dortrejflid^en qualiteten, mie and) 311 Unfern
Kriegsbienften tragenben befoitberen eyjfers, nit meniger au§ bent gnäbigen Dertratien, fo IDür in feyn Perfon geftellt
haben, 3mey Caufenbt P) u § oren 311 Pf erbt in 3mey Regimentern, iebes Regiment non 3ebn Compagnien, unb
iebe Compagnie in hunbert Köpfen beftehenbt, 311 oerben, gnäbigft aufgetragen I^abert. Diefe Sambentlid ?e RTannfdtaft
r>erfprid?t Cr (Braff non C3obor bei mähren Crauen , (Blaubert, Cbre unb reputation in Önfere Königreich ^ Ungarn,
allmo 3 bme allenthalben 311 merben bie liceit3 ertheilt mirbt, in gutten : 311 Kriegsbienften tauglichen leuthen . . . . auf*
3ubringen unb 311 ftellen, biefelben and) mit qualiftcirten Dienftpferben, Satte ^ eug, and ? gehöriger UTontirung
unb gutem (Bemöl ] r 311 per fei? eit. Knftatt ber Quartier = u. Perpflegung miirbet für biefe UTanfd^aft ein UTonatly
folb 31t Uier (Bulben auf bie portion geredpiet, geraicht unb ber Samblplat } in Ttiber^ ungarn , in benen ortheti Karpfen,
Cemen3, Heutra , SdpnFau lt. Sd ?elir3 affignirt merben, iebod? mit bem gebing, unb eypreffen Dot behalt, bafj bie 0fft3iere
3 hre unterhabenbe Ungarn in gaumb unb ftrenger bisciplirt halten unb in allueeg Uerhueten fallen, bamit benen : in
benen Umliegenben Spannfchaften , unb benen in felbigeit fid? beftnbertben3 nrt) ohnern bie geringfte Derlegenheit nid?t
nerurfad ^et, nodt non 31 ?aen IDürtfyen, wo fie liegen, mas geforbert, ober and ? benen Kayf. Regimentern in ihren Quar=
tieren eine turbirung gemad^t merbe, maffen, ba miber Derhoffen herinnen eycebiret mürbe, Cr (Braff C3obor bafiir 311=
DER HUSZAR. 41

ftefyen unb bie (Erf^ ung 311 Ihnen hätte. . . . IPetut aber btefe in her elften 21 TonatI
?sfnft aufbringenbe (Laufenbt bfmgant
in ftanb fein, gleid? in bas Kömifcfye Heid?, n>ol?in fte beftinieret ftitb, abgefiil?rt, 3 ^?nen benebensr»or bent abmarfd?
nad? befd?el?ener HTufterung nod? ein 21 Tonatl ?sfolb auf ben me eg be3al?lt werben feile, mit welchem fte burd? Pnfere Kayf.
(Erblanbe , woburd? Sie 3fy rcn § ll9 Gattung fd?arpfer bisdplin nnb orbre nad? anlaitnng Ditfrer ütanbh unb
Kriegs Commiffarieti ohne 3efd?wörni[j ber fSnmobner nnb armen Untertanen, in gebadetes Hömifd ?c Heid? fort3nfe§en
l?abeit, allwo 3I?tien fobann bie orbentlicpe Verpflegung , gleid ? Unfern Kayf . Croatenregimentern würbet
aitgewiefen unb geraid?et, mit fold?er Verpflegung jebod ? bie unterwegs etwa beftebenbc (Eyceff unbr>erurfad
?enbe Sdtöben,
fo biefelben in bem2Harfd? burd? gebadfe € rblanbe gentad?t l?aben möd?ten, befalciret werben. . . ."

Das erste der Czobor 'schen Regimenter ist aufrecht geblieben bis auf unsere Zeit : es ist das Huszaren-
Regiment Graf Nädasdy Nr . 9 zu Oedenburg , welchem gerade in den letzten Jahren zwei dem Throne nahestehende
Prinzen des Erzhauses , die Herren Erzherzoge Franz Ferdinand und Otto , als Stabsofficiere und als Regiments-
Commandanten angehört haben . Das zweite wurde nach seiner Errichtung dem Grafen Johann Pälffy verliehen;
Cardinal Graf Kollonitsch, der ruhmreiche Seelenhirt des von den Türken umklammerten Wiens , wurde Titular-
Obrist dieses Regimentes . . . .
Czobor ’s Huszaren traten in prächtigem , malerischem Gewände in die Welt . Ein gelber Attila (bei den Officieren
von Tuch , bei der Mannschaft von Leder ), mit kurzer , gelber (bei den Officieren goldener ) Verschnürung , um die
Schultern ein weisser , mit Fuchsfell verbrämter , mit gelben Schnüren verzierter Pelz, rothes Beinkleid in schwarzen
Csismen , ein rother Kalpak , mit Fuchsfell verbrämt , ein roth -weisser Leibgürtel (ähnlich dem gegenwärtigen Dienstes¬
abzeichen der königlich ungarischen Landwehr -Officiere ), eine schwarze , nach der rechten Hüfte herabhängende Patron¬
tasche an schwarzem Riemzeug , ein langer , unten gekrümmter Säbel mit einfachem Bügel am Griff, in schwarzer,
42 DER HUSZAR.

messingbeschlagener
o o Lederscheide und zwei Pistolen bildeten die Montur und Rüstungo dieses ersten regulären
o öster-
reichisch-ungarischen Huszaren-Regimentes.
Das Zweitälteste unserer Huszaren -Regimenter , Pälffy Nr . 8, verzeichnet 1696 als sein Geburtsjahr . Der
kühne Parteigänger Paul Deak de Mihäly war sein Schöpfer und erfüllte es mit seinem Feuergeiste . Im Jahre 1702
erstand das dritte Huszaren -Regiment , Forgach , heute Hadik Nr. 3 ; im Jahre 1734 die Regimenter Kärolyi (heute
Württemberg Nr. 6) und Hävor (heute Herzog von Connaught Nr. 4). Sie trugen kein Kriegerkleid von einheitlicher
Farbe , nur der nationale Schnitt, die Bestandtheile der Gesammtmontur waren dieselben . Als Deak 1796 sein Regiment
errichtete , gab er ihm einen grünen Attila und Dolman mit rothen oder gelben (den Officieren mit goldenen) Schnüren,
rothe , anliegende Beinkleider, als Kopfbedeckung den Kalpak von Lammfell mit einem herabhängenden grünen Tuch¬
sacke und mit einem Reiherbusch geschmückt . In dem grossen Prinz Eugen -Werke , das die Abtheilung für Kriegs¬
geschichte des Kriegsarchivs dem glorreichen Heerführer als grossartiges literarisches Monument gesetzt hat, wird
die Montur des Huszar folgendermassen angegeben:
Der Dollmäny (Pelz) von braunem , rothem, blauem oder grünem Tuche, in nationaler Weise roth oder weiss
verschnürt , mit Pelz gefüttert und verbrämt , wird um die linke Schulter hängend getragen und von Fangschnüren
gehalten , bei kalter Jahreszeit aber auch angezogen . Der eigentliche Rock, der Attila , ist in der Farbe des Dollmäny
(Dolmans) und reich verschnürt ; ein Kamisol aus Leinwand gilt für die Arbeiten im Stalle u. dgl.; Halstuch wie die
übrigen Truppen ; die Hose aus himmelblauem Tuche ist eng, nach nationalem Schnitte, jedoch ohne Verschnürung
(Vitezkötes). Die Fussbekleidung bilden Stiefel (mit Anschlagsporen ) aus gelbem Leder , der Rand des nur bis unter
das Knie reichenden Schaftes mit einer weissen Harrasschnur eingesäumt . Die Adjustirung vervollständigen der Gürtel
(Pass) aus schwarzgelber oder rothweisser Wolle, die Säbeltasche aus naturbraunem oder schwarzem Leder , an einem
über die rechte Schulter geschwungenen Riemen an der linken Seite hängend ; der Taschendeckel ist mit dem Namens¬
zuge des Inhabers geschmückt. Das Haupthaar des Huszaren ist in mehrere Zöpfe geflochten, darauf setzt er den
kleidsamen Kutsma aus schwarzem oder braunem Fell mit verschiedenfarbigem Tuchsacke . Die schwarzlederne Patron¬
tasche wird von einem über die linke Schulter hängenden Ueberschwungriemen getragen ; von ihr hängt an zwei
kurzen, in der Mitte sich kreuzenden Riemchen ein Pulverhorn herab . Die Pferderüstung entspricht jener der deutschen
Reiterei ; nur der als Sattel gebrauchte ungarische Bock macht einen Unterschied . Dieser war eigentlich nur ein
Sattelgestell und ohne alle Polsterung, der Mann überdeckte ihn mit der so charakteristischen ungarischen Schabracke
und schnallte sich überdies noch ein Stück Lammfell darauf, um weicher zu sitzen. Mit dem Carabiner waren nur ein¬
zelne Huszaren -Regimenter bewaffnet ; allgemein waren die Sattelpistolen mangelhafter Construction.
Diese Darstellung deckt sich zum grossen Theile nicht mit den Bildern jener Maler, welche die Türken¬
schlachten und Feldzüge der kaiserlichen und Reichstruppen zu Ende des siebzehnten und Anfang des achtzehnten Jahr¬
hunderts darstellten . Auf allen den Abbildungen aus jener Zeit, die den Huszaren darstellen , ist dessen Kleid national
im Schnitt, doch durchaus einfach in seiner Ausstattung.
Eine niedrige Pelzmütze (meist Fuchs- oder Wolfspelz) mit langem, herabhängendem Tuchsack, manchmal mit
einer Adlerfeder geschmückt, deckt den Kopf des Reiters . Ein eng anliegender , meist grüner oder blauer Rock (Attila)
mit kurzen Schössen umschliesst den Oberkörper . Die Verschnürung des Attila ist noch sehr einfach und frei von allen
Verschnörkelungen , wie sie bei den Huszaren um die Mitte des 18. Jahrhunderts beliebt waren . — Auch der pelz¬
gefütterte und verbrämte Dolman scheint ein Servitut der Officiere gewesen zu sein. Der gemeine Huszar musste
sich mit einem halblangen Mantel begnügen , der in seiner Form und Ausstattung dem Szür des heutigen ungarischen
Bauers entsprochen haben mag. Auch der Huszar von 1700 scheint die Aermel dieses Mantels schon als Taschen
benützt zu haben, indem er wie seine bäuerlichen Nachkommen die Aermel unten einfach zuband . Die Beine staken
in den nationalen engen Hosen (meist ohne Verschnürung) und in naturfarbigen (auch schwarzen oder rothen ), bis zur
halben Wade reichenden Stiefeln, an deren hohen Absätzen schwere breite Sporen angenagelt waren. Ein meist
schwarzes Halstuch, in einen einfachen Knoten gebunden, dessen oft ziemlich lange Ende frei über die Brust fielen,
vervollständigte die Kleidung des Huszaren . Die Kleidung des Officiers war dagegen ungemein reich und prunkhaft.
Sein Waffenrock (Attila) war mit Gold- oder Silberschnüren benäht , über die Achsel trug er ein Pantherfell, und zwar so,
dass der rechte Arm frei blieb, überdies zierten oft grosse silberne oder goldene Knöpfe sein Wams . Eine kostbare Marder¬
oder Zobelmütze, in der Form gleich der des gemeinen Huszaren , nur noch mit Reiher- oder Adlerfedern oder einem Juwel
geschmückt, sass keck auf seinem Haupte . Auch Sattelung und Zäumung seines Pferdes waren reich, die Schabracke
prunkvoll mit Gold- oder Silberschnüren ausgenäht , das Zaumzeug mit vergoldeten Platten oder Knöpfen beschlagen.
DER H US ZAR. 43

Rascher und stärker als bei anderen Truppengattungen wechselte übrigens während der Eugen'schen
Periode die Adjustirung der Huszaren. Czobor’s gelbe Huszaren sind 1726 unter dem Inhaber General der Cavallerie
Georg Emmerich Graf Csäky hochroth geworden : hochroth der Dolman, Attila, die Beinkleider und sogar der
Leibgürtel ; nur der Tuchsack des Pelzkalpaks ist grün ; wenige Jahre später werden wir ihn (Attila und Dolman)
dunkelgrün, mit dunkelblauem Beinkleide sehen. Das Zweitälteste Regiment (Nr. 8) bleibt dagegen der grünen Farbe
treu . Das 4. Huszaren-Regiment trug bei seiner Errichtung (1734) grünen Attila und Dolman, mit rother (Officiere
goldener ) Verschnürung, rothe Beinkleider, Kalpaks mit rothem Tuchsack, einen rothen Tuchmantel ; ausserdem hatte
jeder Mann zwei Hemden von dauerhafter, gebleichter Leinwand, zwei rothe Halstücher, krummen Säbel, Säbeltasche
mit kaiserlichem Namenszug, einen langen Carabiner und zwei Pistolen. Der Officier kleidete sich ausser Dienst nach
Belieben, aber stets nach ungarischem Schnitt. Ausser Dienst oder im Lager trugen die Officiere trotz ihrer ungarischen
Kleidung als Kopfbedeckung den Dreispitz — eine Sitte, die sich bis zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts erhielt. In der
Hand trug er den seine Charge kündenden Stock, den wir noch bei anderer Gelegenheit zu betrachten haben ; der
Lieutenant ohne Knopf, der Rittmeister mit bleiernem, der Obristwachtmeister mit silbernem Knopf und Kettchen,
der Obristlieutenant mit silbernem Knopf ohne Kettchen, der Obrist mit goldenem Knopf. Die Standarten zeigen bei
dem 4. Huszaren-Regiment im grünen Grunde auf der einen Seite das Bild der Mutter Gottes mit der in Gold ge-
stickten Inschrift: »Maria Mater Dei, Patrona Hungariae «, auf der anderen Seite den kaiserlichen Doppeladler.
Die Pracht der Parademontur, welche den Huszaren so schmuck und keck kleidet, verwischt sich allerdings
leicht bei dem rastlosen und rücksichtslosem Dienste der Truppe . In der frühesten Jugend seiner Waffe hat ja der
österreichisch-ungarische Huszar schon seinen Weltruf begründet und sein buntes Kleid, seinen frischen, feurigen Krieger-
muth allen Heeren Europas begehrenswerth gemacht . — Prinz Eugen war einer der ersten Schätzer der Huszaren,
er müsste kein echter Reitersmann gewesen sein, hätte er den Werth dieser vor keinem Reiterstücke , keiner Reiter¬
leistung zurückschreckenden Truppe nicht erkannt und genützt. Er verlangte nach ihnen, wenn sie den operirenden
Heeren fern waren, und er gebrauchte sie mit Freuden , wenn es galt, den offensiven Geist im Heere zu beleben,
dem Heere kühne Späher vorauszusenden, die Armee mit flinken Reitersmännern zu umschleiern, oder rasch und
plötzlich mitten im Feindeslager zu erscheinen, den Gegner zu überrumpeln. Bald waren die »Huszaren-Streiche« in
Aller Munde. Was wagten sie nicht Alles!
Ritten da am 21. September 1702 die Huszaren -Obriste Ebergenyi und Deak mit 200 der besten
Reiter ihrer Regimenter (Nr. 9 und 8) nebst 30 Kürassieren unter dem Oberbefehl des Generaladjutanten Marquis
D a v i a aus dem Lager des Prinzen bei Luzzara ab, um sich für das ewige Hungern und Darben durch einen Aus¬
flug in Feindesgebiet zu entschädigen. Ueber die Secchia ging der Weg durch Parma , durchaus feindliches Land , und
wie auch die Kanonen der Festungen und Forts donnern, um die Franzosen und das Landvolk gegen die kaiser-
liehen Reiter zu alarmiren — sie sind rascher als der Feind. Glücklich kommen sie über den Po, nicht ohne vorher
ein wohlbeladenes französisches Proviantschiff auszuräumen und zu versenken ; mitten durch das volkreiche Pavia
sprengen die Huszaren, nehmen den zu Tode erschreckten Aeltesten der Stadt 1000 und den noch erschreckteren
Karthäusern 2000 Gold - Doppien ab, dann geht es geradewegs nach Mailand. Die Stadt ist von Wällen und
Bastionen umgeben; Franzosen und Spanier halten sie besetzt und das Volk wogt auf allen Strassen und Gassen.
Da galoppiren unsere Huszaren vor die Porta Romana ; ein Theil bleibt vor dem Thore als Reserve, Davia, Eber¬
genyi, Deak, 60 Husaren und 30 Kürassiere sprengen an der entsetzten Thorwache vorbei, die blanken Klingen in
der Faust , unter jubelnden Hochrufen auf des Kaisers Majestät den Borgo Porta Romana hinauf, gewinnen den Eingang
in das innere Stadtthor , ehe man noch Zeit hat, es zu schliessen, und erscheinen plötzlich (man schreibt den 26. Sep¬
tember) unter den Proinenirenden am Corso. Die geputzten Menschenschwärme zerstäuben, man macht Miene, Läden
und Fenster zu schliessen; aber die Huszaren werfen Gold unter das Volk, dieses erkennt die kaiserlichen Feldzeichen,
und bald geht der brausende Ruf über den Corso : »Eviva 1’imperatoreB Man umdrängt, umjubelt und bewirthet
die Reiter, man bittet sie, dazubleiben und das Volk von dem verhassten Joche der Franzosen zu befreien. Aber nun
ist es hohe Zeit, dass die Verwegenen heimkommen; am Ende gewinnen die Franzosen und Spanier ja doch den
verlorenen Kopf wieder, und Tausenden sind unsere 90 Reiter im Strassenkampfe kaum gewachsen. Also fort ! Noch
einmal feuern sie ihre Pistolen ab, noch ein donnerndes Hoch auf den Kaiser, dann galoppiren die kaiserlichen Reiter
davon, statten im Vorbeigehen dem prächtigen Lustschlosse des Prinzen Charles Vandemont einen ebenso angenehmen
als erspriesslichen Besuch ab, jagen eine Mailänder Ausfallstruppe in kurzer, schneidiger Attaque davon, heben einen
französischen Steuercommissär mitten in seiner amtlichen Thätigkeit auf und entkommen mitten durch den Feind mit
44 DER H US ZAR.

heiler Haut in das Eugen ’sche Lager . Heller Jubel grüsst die tapferen Reiter , deren Ruf bereits das ganze Land
erfüllt. 20.000 Gulden bringt Davia von der i ßtägigen Streifung heim, keinen Mann hat er verloren , 60 deutsche
Meilen in der geraden Strassenrichtung zurückgelegt.
Das sind Huszaren - Streiche. Und weil man davon in aller Welt hört, ahmt man des Kaisers
Huszaren nach. Die Franzosen nehmen ungarische Reiter in ihren Sold und errichten eigene Huszaren-Regimenter , die
sich erst allmälig französiren; Preussen errichtet seine tapferen Huszaren -Regimenter , andere deutsche und fremde
Füisten folgen dem Beispiele; der ungarische Schniirrock, der Kalpak und Huszarensäbel ist bald in ganz Europa
heimisch, und mitunter schien es wirklich, als wäre mit dem schmucken Kleide auch der schneidige Reitergeist in die
fremden Heere gekommen . Der flinkste, der feurigste, der beste Huszar aber blieb dennoch zu allen Zeiten der
echte , der ungarische Huszar. Er hat die nach seinem Muster costümirten leichten Reiter fremder Heere nie
als »voll« anerkannt ; er hütete beharrlich den Ruhm, den seine Väter erworben, er bewahrte in Glück und Unglück,
in allen Gauen Europas diesen Ruhm; überall kannte , überall fürchtete und bewunderte man ihn, den Huszar aller
Huszaren, den Huszar des Kaisers und Königs!
DAS FUSSVOLK
IM ZEITALTER DES PRINZEN EUGEN.

Der Musketier und Füsilier.

Wie der Reiterei , so war auch dem Kriegsvolke zu Fuss , der Infanterie , in den Zeiten des grossen Eugenius
eine ausserordentliche Entfaltung , eine epochale Umwälzung ihres Wesens und Charakters beschieden . Was für ein
schwerfälliger , mannigfaltig gearteter Körper war ein Fussregiment im dreissigjährigen Kriege ! Wohl hatte Wallenstein
dem Regimente die Stärke von 3000 Mann in zehn Compagnien verordnet , aber wie wechselte diese Zahl im
Gesammthaufen und in dessen Abtheilungen ! In der Compagnie zu Fuss hielten sich die mit der Stichwaffe und
die mit dem Feuergewehr bewaffneten Kriegsknechte so ziemlich das Gleichgewicht . Schwerfällig marschirte der
Pikenier , den Körper durch ein kugelsicheres Bruststück , Halsberg , Armschienen , Blechschurz und Eisenhelm geschützt,
die 18 Fuss lange eisenbeschlao -ene Eschenholz -Pike im starken Arm , den langen Degen an der linken Seite , einher.
120 solcher Pikenträger zählte die Wallenstein ’sche Fusscompagnie . Nicht viel leichter als sie hatten die 160 Musketiere
der Compagnie zu tragen . Wohl entbehrten sie der Eisenrüstungen , nur die Blechhaube auf ihrem Haupte gemahnte
daran . Ihre Hauptwaffe aber , die Muskete, bedurfte eines gewaltigen Apparates , um sie ins Feuer zu setzen . Da
hatte der Musketier , ausser dem Degen und dem schweren Feuergewehr , noch zu schleppen : das breite Bandelier
mit der Munition , die aus einem Kugel - und Pfropfbeutel , 12 hölzernen Pulverladungsmassen , einer Reserve -Pulverflasche
und einigen Klaftern Lunten bestand . Auch die lange Gabel , auf welche er beim Feuern die Muskete stützte , war
kein zu verachtendes Ausrüstungsstückchen . Schon von Weitem kündete der Rauch und das Leuchten der Lunten,
das Geklapper der hölzernen Ladmasse , das Klirren der Gabeln , Degen und Musketen das Herannahen einer
Colonne dieses Fussvolks . Um die Fahne schaarten sich 20 auserlesene erprobte Krieger mit Hellebarden . Die
Hellebardiere bildeten die Elite der Compagnie , die dritte Waffengattung derselben.
Die Entwicklung der Feuerwaffe veränderte diesen schweren , bunten Körper vollkommen . Immer mehr sah
sich die Pike , diese alte Königin der Waffen , um ihre Herrschaft gebracht ; schon gegen das Jahr 1670 war die Zahl
der Pikeniere bei der Fusscompagnie auf ein Dritttheil vermindert ; gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts sah
man in einzelnen Compagnien neben 88 Musketieren noch 48 Pikeniere und 8 Rundtartschiere (Soldaten mit runden
Schilden ). Andere Regimenter verzichteten schon gänzlich auf die Pike , welche damals 4 bis 5 Meter lang war , in
einem sogenannten Eisenschuh ruhte und in eine eiserne , kurze , blattförmige Spitze auslief. Prinz Ludwig von Baden-
Baden, der grosse Türkenbezwinger , der den Werth eisenstarrender Quarrees im Angesichte der schwärmenden Spahi
und Tataren schätzen gelernt hatte , hielt bei seiner Armee im »Reiche « allerdings noch etwas auf seinePikenträger;

7
46 DER MUSKETIER UND FÜSILIER.

dag eg en hatte Prinz Eugen zu Beginn des spanischen Erbfolgekrieges ausschliesslich Musketiere in seiner Infanterie.
Die Pike , Partisane , Hellebarde wurde die auszeichnende Waffe der Officiere und Unterofficiere . Wir werden sie
noch als das — nach Grösse und Ausstattung — massgebende Kennzeichen der einzelnen Chargen -Grade kennen lernen.
So war in den Tagen des grossen Eugenius der kaiserliche Musketier der eigentliche Fusssoldat
geworden . Neben ihm gewann nur noch der Grenadier , der Granatenwerfer, Geltung . Doch blieb er im
steten Zusammenhängeo mit den Massen der Musketiere . Man kannte nur »Regimenter
o zu Fuss« kurzweg o ;, im
Gegensätze zu den »Regimentern zu Pferd «, welche mit den Kürassier -Regimentern identisch waren . Wie man vor
Allem diese als »deutsche Reiter« kennzeichnete , neben welchen die Amphibien -Waffe der Dragoner und die
Nationalreiterei der Huszären selbstständige Bedeutung erlangte , so nannte man auch die »Regimenter zu Fuss «, die
eigentliche reguläre Infanterie des Prinzen Eugen , kurzweg die »deutschen Regimenter «, weil sie ihre Recruten
aus den Werbeplätzen des römisch -deutschen Reiches und aus den kaiserlichen Erblanden erhielten . Den Gegensatz
zu ihnen bildeten die allmälig erstehenden ungarischen und croatischen Nationalregimenter , kurzweg »H eiduke n « und
»Croaten« genannt . Die Zahl der deutschen Fussregimenter wuchs in der Eugen ’schen Aera von 29 bis auf 40 an.
Ein Regiment auf dem sogenannten »deutschen Fuss « umfasste anfangs 12, dann 16 Musketier - oder
Füsiliercompagnien und 1 Grenadier -Elitecompagnie . Als man die Zahl der Grenadiercompagnien verdoppelte,
minderte sich jene der Musketiercompagnien auf 15. Das ungarische (Heiduken -) Regiment brachte es auf
10 Compagnien zu je 100 bis 200 Mann . Die grössere taktische und administrative Einheit wird allmälig das
Bataillon , früher nur eine specielle Formation zum Kampfe , dann ein allgemein eingeführter fester Bestandtheil des
Regiments . Doch wechselt die Zahl der Compagnien eines Bataillons . Als die Regimenter (zu den Zeiten der Kaiser
Leopold und Josef I.) noch 16 Musketiercompagnien zählten , theilte man sie in 4 Bataillone zu 4 Compagnien;
unter Karl VI . zählt das Regiment 3 Bataillone zu 5 Compagnien . Das erste oder Leibbataillon , zu welchem die
dem Inhaber angehörigen und in dessen Verhinderung von einem Capitainlieutenant commandirte Leibcompagnie
zählt , bildet den rechten Flügel ; das Obristbataillon , das der ihm zugehörigen Obristenscompagnie den Namen
dankt , steht auf dem linken Flügel ; das Obrist ]ieutenant -Bataillon mit den Compagnien des Obristlieutenants und des
Obristwachtmeisters , dann drei anderen Compagnien bildet das Centrum oder »Corps de bataille « des Regiments . Die
Compagnien rangiren nach ihrem »Range und Alterthum « von den Flügeln ab , so dass die jüngste (5.) in die Mitte
kommt . Die beiden Grenadiercompagnien schliessen an je eines der Flügelbataillone an.
Ist das Regiment ausgerückt , so werden die Stände der einzelnen Bataillone geprüft . Die Bataillone stehen
gewöhnlich »4 Mann hoch «, d. h. in vier Gliedern ; so lange Pikeniere existiren , bilden sie das erste Glied , hinter
ihnen stehen , 4 Mann hoch , die Musketiere . Bringt ein Bataillon diese Gliederstärke nicht auf, so müssen die anderen
aushelfen . Der Compagnieverband , der schon dadurch gelöst ist, hört in der Exercir -, Gefechts - und Parade -Aufstellung
des Regiments oder Bataillons ganz auf . Officiere und Unterofficiere treten aus ; aus den 5 Compagnien des Bataillons
werden 3 »Haupt - Divisionen« oder »gantze Flügel« mit je zwei »Halbflügeln «, deren jeder zwei Züge
(Plotons ) formirt . Das gibt 12 Züge per Bataillon . Jede Hauptdivision commandirt ein Hauptmann , ihm ist ein
Lieutenant oder Fähnrich und ein Feldwebel untergeben . Den Zug commandirt ein Corporal ; je ein disponibler
Corporal stellt sich am linken Flügel des hintersten , letzten Gliedes und am rechten des ersten Gliedes auf, um mit
Argusaugen Haltung und Bewegung der Soldaten zu überwachen.
Auch das derart zum Exercitium rangirte Bataillon theilt sich wieder in drei grössere Körper , den rechten
und linken Flügel und die Mitte , das »Corpo« oder »corps de bataille «, in dessen Mitte die Fahnen mit einem
Lieutenant oder Fähnrich und mehreren »Fähnd 1-Trägern «, Führern und Gefreiten der sogenannten »Fahnen-
wacht «, halten . Vor dem rangshöchsten Zuge jeder Division steht deren Commandant , hinter ihm sein Officier und
Feldwebel ; der erste , rangshöchste Zug ist die Avantgarde , der zwölfte Zug die Arriere - oder Retrogarde des
Bataillons . An die Avantgarde , den rechten Regimentsflügel , schliessen in zwei Gliedern unter Führung des Regiments-
Ouartiermeisters die P'ouriere und Musterschreiber , Feldscherer und Fourierschützen , ferner die Zimmerleute unter
Führung eines Corporals . Hinter dem Hauptmann stehen ein oder zwei Tambours zum Signalgeben , der Rest der
Tambours ist hinter der Mitte des Bataillons postirt . Den Stabsofficieren , welche anfangs keine bestimmte Eintheilung
hatten , weist das Regal ’sche Reglement *) bereits feste Posten an:

*) Reglement über ein kays . Regiment zu Fuss , vorgeschrieben von Ihro Excellence dem Herrn General Feldmarschall -Lieutenant Regal
Samt dem Exercitio , sowol mit der Flinten als Mousqueton und Schweins -Feder , Wie auch dem kurtzen Gewöhr . Beides nach dem Commando , und denen,
Trommel -Streichen . Allen sowohl hohen als niedern Militär -Personen zum besten an das Licht gestehet . . . .Nürnberg, bei Joh . Georg Bogner A. 1734.
DER MUSKETIER UND FÜSILIER. 47

„Der 0 berft poftirt fid? auf beit rechten ^ lügel eines Bataillons ober eines ganzen Regiments, brei gute
Schritt oor bem ^ auptntann , bat nebft feiner rechten beit 21 Tajor mit bloßen Degen 311 Pferb in ber b)anb, um bie
Cotttntanbo ttnb Befehl 311 empfangen, gleicfyergeftalteu tnitfj ber 0 brift-£ieutenant auf beut linfett ^ liigcl obferuiren,
l]abettb ben bDad?tmeifter=Cieutenant neben ftcfy littfer bjaub, olpte entblöften Degen."
Dass man die Mannschaft nach ihrer Grösse und ihrem Aeusseren vertheilt , die grössten Leute an die
Flügel (Flügelmänner ), die schönsten in das erste Glied stellt , ist wohl kein veralteter , sondern ein noch heute gütiger,
praktischer und ästhetisch richtiger Brauch . Die jüngsten und kleinsten Leute müssen sich in den mittleren Gliedern
verbergen ; die Gefreiten stehen im ersten und letzten Gliede als erprobte , tüchtige Soldaten.
Das ist der gewaltige Körper eines deutschen Regiments zu Fuss . Ehe wir versuchen , ihn in Bewegung und
Action zu zeigen , betrachten wir uns die Krieger , welche seine langgezogenen Reihen bilden , näher , wie sie der
Gebieter des Regiments , der gestrenge Inhaber , adjustirt und ausgerüstet hat.
Der Willkür der Inhaber in der Bekleidung ihrer Regimenter hat die bekannte kaiserliche Entschliessung
vom December 1707 , welche den Antrag Eugenius von Savoyens auf die Einführung des weissgrauen oder perl¬
farbigen Rockes für die gesammte kaiserliche Infanterie approbirte , gesetzlich ein Ende gemacht . Noch 1701 heisst
es in dem Bestallungsbriefe für das vom Markgrafen von Brandenburg -Bayreuth errichtete Regiment zu Fuss : »Die
Montirung hat zu bestehen in einem guten Rock von blauem Tuch mit rothen Aufschlägen «; der December 1707
verschafft dem wasserhaltenden weissen recte perlgrauen Rocke seine historische Herrschaft in Oesterreichs Heere.
Nur die ganz sesshaften Garnisonstruppen (der Hofkriegsraths -Antrag nennt speciell die Regimenter der Prager und
Gross -Glogauer Garnison ) sind von dieser ersten wirklichen Uniformirung der kaiserlichen Infanterie ausgenommen.
Schon früher aber war die weissgraue Farbe die beliebteste Rockfarbe der deutschen Fussregimenter ; nur drei Regi-
menter , eben jenes »Bayreuth «, dann »Wetzel « und »Osnabrück « scheinen sich blau oder grün getragen zu haben.
Der Beilage eines von Prinz Eugen persönlich Unterzeichneten Actenstückes (der Recrutenforderung an
den Hofkriegsrath aus dem Lager bei Temesvar 1716 ) entnehmen wir folgende Daten über die Adjustirung
einzelner Fussregimenter Eugen ’scher Aera:
Regiment Alcanda aufgelöst
( ): Rothe Socken und Flalsbinde , sonst durchwegs perlgrau , weisstuchene Knöpfe.
Reg im ent Württemberg heute
( Schweden -Norwegen Nr . 10): Röcke , Socken , Hosen und Tuchknöpfe
perlgrau , Aufschläge , Kamisol und Halstuch roth ; die Feldwebels rothe Röcke , Kamisol und Aufschläge , Silberborten
an Hut und Rocktaschen , versilberte Metallknöpfe am Rock , Hosen und Socken weiss , Degen und Kurzgewehr.
Regiment Trautson heute
( Sterneck Nr . 35): Röcke und Socken perlgrau , Kamisol und Hosen bei den
Chargen roth , bei den Gemeinen weiss, Aufschläge roth.
Regiment Morhald aufgelöst
( ): Rock , Socken und Hutborten weiss, Aufschläge , Kamisol , Halstücher und
Hosen weiss ; Messingknöpfe.
Regiment Alt - Wallis heute
( Browne Nr . 36): Rock , Aufschläge und Tuchknöpfe perlgrau , Kamisol,
Hosen und Socken blau , Halstücher roth.
Regiment Toldy - Pälffy heute
(? Nr . 51): Rock und Socken perlgrau , Hosen und Kamisol blau , Messing¬
knöpfe , ungarischer Gürtel gelb mit blau , Halstücher roth . (Der Schematismus führt das 51 . Regiment erst von 1729
als »Franz Pälffy « an ).
Regiment Virmont heute
( Warasdiner Infanterie -Regiment Baron Giesl Nr . 16): Alles weiss, Halstuch
roth , Messingknöpfe.
Reg iment Lothringen heute
( Kaiser Nr . 1): Rock , Kamisol , Hosen und Socken perlgrau , Messingknöpfe,
Aufschläge grün , Halstuch schwarz.
Regiment von der Lancken heute
( König Humbert Nr . 28) : Rock , Kamisol , Hosen und Socken perl¬
grau , Messingknöpfe , Aufschläge und Brustrevers (damals noch selten ) roth.
Regiment Browne heute
( Josias Coburg Nr . 57): Rock , Kamisol und Hosen weiss (perlgrau ), Aufschlag
und Kragen, Socken , Fialstücher durchwegs schwarz.
Regiment Bayreuth heute
( Erzherzog Eugen Nr . 41 ): Rock lichtblau, Aufschläge , Kragen und Kamisol
roth , Hosen und Knöpfe weiss.
Aus diesem Verzeichniss erhellt , wie weit man trotz der Einführung des normal -perlgrauen Rockes noch
1716 von einer einheitlichen Adjustirung war . Sogar der lichtblaue Rock von »Bayreuth « existirt noch . In Kamisol

7
48 DER MUSKETIER UND FÜSILIER.

und Socken herrscht die grösste Verschiedenheit . Genauem Aufschluss über die Adjustirungsdetails des Mannes gibt uns
eine im Innsbrucker Statthalterei -Archiv bewahrte »Specificatioir der Montur eines Mussquetierers« vom
io . October 1706:
(Ein Roffy uon gueter, lüaffer fyaltenber Perlfarbe, 39 laucr^ ° ei: nnberent r>on nidjt geringerer (Siiete perfertigten Cud? mit
Knöpfe pon Tud) unb burd) unb burd) mit ^-fueter Tud) tpoljl gefietert. (Ein (Eamifol pon Cud) in gleicher^ arb unb (Süete, burcbaus
gefietert mit Knöpfe pon üud ?. (Ein paar b er gleichen pofen pon Tud), tpie bcr Roff) mit Heimat (£eimpanb) gefietert. (Ein paar
rpollene bcr gleiten Socffyen fo ohne Derfe (Ellen lang fein miiffe. (Ein paar Sdpid ), pon gueten 3ud)tcn mit hoppelten Pf unb Sollt
ftarff) gemacht unb mit £afd)en perfe^en. £tx>ei f)emater emben
(£) ) pon gueter£eimat (£einipanb). <3 u>ei fjalstüd )er. (Ein tauerfyaffter
gueter uat£) , pöllig ausftaffirt mit feinem SdjtueijTanb unb einer tpeifeit puetfdjnur eingefaßt. (Ein (Sirtl IDäfyrGefeng 5um bajonet
pon ftarfen gelben £)irfd)= ober Bifflläbcr mit feiner Scfynollen. (Ein Patrontafd )e fambt jugeljörtgen2 fingerbreiten£)irfd?=ober Bifflriemett
nad) bem bie^jäfyrigen ÜTufter nebft einer Raumb =HabeI . Pulper unbl £>)lflafdje . Dor ein Bajonet bas gelt, fo pil felbes bem Staube
foftet, tpeil bero biperfttät bei ben Regimentern allju gros ift. (Ein gueten Ranjen. Ein ( fl eines angeftiltes ä cff 1aubbeil
(£) ). (Ein
ftarcffyes par Knieriemen pon fcfyroarjem ober rotten £äber.*)
Diese »Specification « kann in der Hauptsache noch für die nächsten zwei Jahrzehnte gelten . Kaiser Josef I.
zieht bei der Bestimmung des Materials das Gedeihen der heimischen Industrie in Betracht und gibt in dieser
Hinsicht sogar ganz energische Ordres . So erging am 24 . November 1706 folgender (im fürstlich Starhemberg-
schen Archiv zu Efferding bewahrter ) kaiserlicher Befehl an den heldenmüthigen Führer der kaiserlichen Truppen in
Spanien , FZM . Quidobald Graf Starhemberg:

„ffod? unb IDoljlgebonter lieber (Betreuer!


„Demnach ttnr gnäbigft refobirt fyabert, fotpofjl bie in nuferen Cänbern cmgeftellten BTanufacturen in beffereu (Bang
„unb Sdjtmmg , als and] bie faft überall abgängige Barfcfyaft nermittelft ber barin beftnblid^en Naturalien babtn 311
„bringen, muff biefent 3tifolge non allen Unferett Regimentern, fo 31t Hoff unb 311^ u§, ifyre groffe unb Heine Hlontur,
„Sattel , geug unb (Betpeljr, fo Diel bie Heiterei in fonberfyeit betrifft, in Unferett (Erblänbent genommen unb erfauft
„merbett, ba 2Dtr and) bie benötigen Befehle erlaffen, bamit bie (Bemerbfd^aften nidjt allein all’ bergleicfyen Notlfbürften
„oorrätl )ig unb fertig galten, fonbern and) foldje um billigen preis unb in guter Qualität geben, ba3it ingletcfyert ben
„Hegimentern in trtefyr ermälfnten (Erblänbern oermöge Unferer neuerlaffenen Perorbnurtg nad ? (Entmurf Unferes (Benerab
„Kriegs =(Eommiffariat=Hmtes bie erforberlicfye Qorfpann abgefolgt merben foll. Hlff Ifaben IDir biefes bir fyietnit 311
„bem (Ettbe gnäbig bebeuten wollen, bamit bu and) ben beinern Comtnattbo unterftefyenben Hegimentern biefe Unfere
„Hefolution an3U3eigen , fobanrt wegen bes fdjnlbigen Dolfytgs barob 311 galten wiffen mögeft, ba mibrigens gegen ben
„Übertreter eine fdjarfe Beftrafung wirb norgefefyrt, bie anbermärts hergebrachte HTontur aber feinestuegs foll paffirt
„werben ; baran gefdjieljt Unfer gttäb. tPille u. HTeinung u. IDir verbleiben bir anbei mit faif. (Bnab 2c."

Unfrplj m . p. %rrltrrftrin. rn. p.

Die Erscheinung : eines kaiserlichen Musketiers aus der Eugen ’schen Zeit lässt sich nach den
erhaltenen Bildern , Vorschriften und Montursstücken anschaulich foDendermassen skizziren : Den grössten Theil des
Körpers bedeckt der perlgraue , weissliche Rock mit den bis auf die Waden reichenden , langen Schössen und weiten,
bequemen Aermeln ; er ist dick gefüttert und deshalb so umfangreich gehalten , weil er auch den Mantel zu vertreten
hat . Im Sommer trägt der Musketier und Grenadier den Rock offen ; im Winter knüpft er ihn fest zu. Eine der
Länge nach bis hinab reichende Reihe zinnerner oder Messingknöpfe ermöglicht diesen engen »Schluss «. Rückwärts
ist der Rock bis zum Leibgurt geschlitzt , der bei manchen Regimentern durch Knöpfe geschlossen werden kann . Manche
Inhaber statten die Röcke mit über die Brust reichenden handbreiten Revers aus , welche Knöpfe zieren . Diese Revers,
ebenso wie die breiten Aermelaufschläge (mit Knöpfen ), sind von der charakteristischen Egalisirungsfarbe des Regiments.
Manche Truppenkörper (wie Deutschmeister Nr . 4) haben diese Farbe bis auf den heutigen Tag erhalten , andere
haben sie wiederholt gewechselt , z. B. Khevenhtiller Nr . 7, das ebenfalls als erste Farbe blau verzeichnet und nun
bei dunkelbraun angelangt ist . Mitunter überzog man auch die Metallknöpfe mit Egalisirungstuch . An den beiden Seiten
des Rockes auswendig : sah man die g:eräumig:en Taschen . Auf dem Marsche wurden die Schoss Enden vorne und
rückwärts aufgfeschlaeen.

*) Die Kosten der Musketiersmontur und -Armatur bezifferten sich im Jahre 1698 folgendermassen (die Preise nach heutiger Geldwährung
berechnet ) : Rock 6 fl. 5 kr ., 1 Paar Hosen 4 fl. 45 kr ., x Hut 4 fl. 45 kr ., Halsflor 20 kr ., 2 Hemden ä 17 Groschen ä 3 kr ., zusammen r fl. 30 kr ., 1 Paar
Juchtenschuhe 4 fl. 95 kr ., 1 Bajonnett sammt Gehänge 3 fl. 97 kr ., 1 Patrontasche sammt Riemen 1 fl. 75 kr ., 1 Ranzen (Tornister ) 5 fl. go kr ., Flinte
Nr . 1705 24 fl. 58 kr.
DER MUSKETIER UND FÜSILIER. 49

„2luf jebe KTontur," sagt FML. Regal , „bat ber ® brift Lieutenant 311 felgen , ob fie tvofyl unb egal
getragen, bie Kode allemal im Sommer 3iu*üd unb*nuten aiifgefcfylagen werben, weilen fie fonften ber KTannfcfyaft im
KTarfcfy wegen tfyrer groffen 21Tübe fyinberlicfy feynb
, alff weld?e man befjtvegeu fo groß mad^en läfft, bamit fid? ein ZHann
bes bjerbft ber Kälte mehre unb bie KTontour länger banre, bie leidet in ber Katb jerfprenget, wenn fie fo enge ift unb

Lagerwache an den »spanischen Reitern «.

barimteit gearbeitet wirb. 3 m hinter feynb bie Kode 3ii3iiFnöpfen , 1111b bamit bie 21 Tontour auf folcfye IPeife verfertiget
werbe, fo ift fid) nad? bem beim Kegintent beftnblid
^eit KTufter 311 ridjten."
Wie ungern ökonomische Inhaber den kostspieligen weissen Rock anziehen Hessen, beweist die dringende
Mahnung des Feldmarschall -Lieutenants , „baff bie XTlannfdjaft, fo oft als ein commanbireuber (Beneral ober
^elbfyerr bie fronte einer Knnee abreitet, Kefpectljalber bie Kode an haben folle ".
50 DER MUSKETIER UND FÜSILIER.

Dagegen verbietet er den Soldaten begreiflicherweise, »dass sie in den Röcken nach Holz gehen, vielweniger
solches auf den Achseln tragen ; dazu seien die von Zimmerleuten hergestellten Tragen da «.
Unter dem Rocke trägt der Fusssoldat das Kamisol, dessen Zweck und Bedeutung wir schon von der
Reitereimontirung her kennen ; es ist eine enganliegende Weste , zumeist von der Rockfarbe , mit einer Reihe Knöpfe.
Ausser Dienst legt man den Rock ab, hängt ihn zur Schonung, damit er nicht durch den Rauch verdorben werde,
in der Kaserne oder im Zelte umgekehrt auf und erscheint blos im Kamisol. Die enge, meist perlgraue mit Leinwand
ofefütterte Tuch- oder Leder h o s e ist vornehmlich Parade - und Winterbekleiduno;; im Sommer trägt der Soldat eine
Leinen- oder Zwilchhose. Die Hosen stecken in gewirkten oder gestrickten Strümpfen, »so lang, dass man sie rollen
kann « ; sie reichen bis über die Knie und werden unter denselben mittelst eines Riemchens festgeschnallt. Die Farbe
der Strümpfe zu bestimmen, ist dem Geschmacke des Inhabers überlassen ; zumeist sind sie perlgrau wie Rock und
Hose , oft aber auch roth , mitunter schwarz. Auch diese Verschiedenheit und die Schwierigkeit bei der Beschaffung
der einzelnen Strumpfsorten behindert manchmal die Marschfertigkeit der Regimenter . Erst allmälig kommen die
Gamaschen, zunächst bei dem Tragen von Linnenhosen, in Mode. ff3 m Sommer miiffen feine tncfyenettE)ofert, Tiod? hie
meinen SocFen," sagt das Regal ’sche Reglement , „fonbern leinene unb (Eamafcfyen (melcfyes 311 oerfcfyajfen bie fcfyon
angefangene 0efonomie nid?t 311 unterlaffen) getragen merben, aufjer in paraben unb bDacfyten , wo bie oöllige XTTontnr
an3iilegen; 311 befagten (Zamafcfyett gehören 3tnei paar leinmanbene Söcfel . . ." Der Fuss des Soldaten ruht in
mächtigen Schuhen aus Juchtenleder , »vorne breit und eckigt «, nur so hoch, dass die Knöchel frei bleiben, die Sohlen
aus Pfundleder (»Pfundsohlen«). In die Schuhe legt man oft Filz von abgetragenen Hüten , „unb gibt bie (Erfahrung/'
meint Regal ’s Reglement , „tute nicfyt wenig ber ZXX amt felbft baburd) confermrt wirb, inbem er burd? beren (^ ^ fofylen)
Kusroecfyflung, mann fie fd^mi^ig unb na§, allemal trocfen bemalten wirb ". Will der Inhaber seine Soldaten besonders
nett haben, so lässt er die Schuhe mit Schnallen und Bändern verzieren.
Verschiedenfarbig wie der Strumpf ist auch der Halsflor der Eugen’schen Regimenter . Er ist bei einigen
aus weissem, bei anderen aus rothem Crepon oder Kattun , wird zweimal um den Hals gelegt , dann vorne oder
rückwärts so gebunden , dass die Tuchenden anderthalb Spannen über Rücken oder Brust herabhängen . Bei manchen
Regimentern ist die nach vorwärts hängende Schleife eines der Unterofficiers-Kennzeichen.
Die Parade - und Dienst-Kopfbedeckung des Musketiers ist der schwarze Filzhut, meist niedrig und rund,
die breite, oft von einer weissen oder gelben Schnur oder Borte eingefasste Krämpe auf drei Seiten aufgeschlagen.
„Den Pjut mu§ ber Solbat wofyl auffcfylagett," sagt unser Regal , „bie E)aar in ein fcfywai *3 Banb entflechten ober, [0
biefes nicht gefcfyefyen fann , wegen ifyrer Kü ^ e unter bem Pjute tragen, and ? fonften fanber halten, 11
)0311 bann bie nötigen
Kämme unb Bürften , and) was fonften ba3ii gehörig, unuerborben 311 confertnren'h
Im Sommer muss sich der Soldat mit einem grünen Laub , im Winter mit einem Strohwisch versehen
„ober wie es ber fommanbirenbe (Beneral befiehlt, bamit man ihn erfennet, non was parthei er fey". *)
Bei vielen Regimentern ist die aufgeschlagene linke Hutkrämpe mit einer schwarzen Stoffmasche geziert;
eine kurze, verschiedenfarbige Schnur oder Borte unter der Masche, in einen Knopf geschlungen, zeigt bei dem
gemeinen Mann und Corporal die Compagnie an. Im Lager und bei allen ausserdienstlichen Verrichtungen ersetzt
»die Holzmütze« oder »Holzkappe « den Hut . Der Obristlieutenant , als der oberste Wächter über die »Propretät«
der Bekleidung, hat darauf zu sehen, dass diese Commode-Kopfbedeckung immer vorhanden sei, weil ihr richtiger und
häufiger Gebrauch viel zur Conservirung des Hutes beiträgt.
An einem breiten büffelledernen Ueberschwungriemen trägt der Musketier den »Pagen, Schnappsack « oder
Tornister aus Kalbfell, Leinwand oder Leder , so dass er auf die linke Hüfte zu liegen kommt. Am Leibriemen seiner
Degen- oder Säbelkuppel , die aus naturfärbigem Hirsch- oder weissgestrichenem Büffelleder gefertigt ist, hängt die
taschenförmige Bajonnettkuppe ] mit der kleinen kalbledernen Bajonnettscheide oberhalb des linken Knies. Diese
Tragart des Bajonnetts ist deshalb eingeführt, weil man fürchtet, das unter dem Rocke getragene Bajonnett würde
die Montur ruiniren oder den Officier im Unklaren darüber lassen, ob der Mann auch sein Bajonnett bei sich habe.
Der Degen des gemeinen Mannes kommt immer mehr aus der Mode; in den ersten Jahrzehnten der Eugen ’schen
Aera trägt der Musketier noch den Degen an der linken Seite, vor demselben das Bajonnett . Später wird der Degen

*) Diese Feldzeichen , welche auf dem Hute aufgesteckt waren , wurden natürlich nur im Felde und im Lager getragen.
DER MUSKETIER UND FÜSILIER. 5i

nur mehr von den Unterofficieren , Tambours und Pfeifern , „es feyrtb Kusgelernte ober Cefyrjungen," getragen . Das
Bajonnett ist das einzige Seitengewehr des Gefreiten und Gemeinen . *)
Rechts hängt von dem Leibriemen des Musketiers das »Pulverhörnlein zum Zündkraut « (Pulver für
die Zündpfanne ) herab . Die grosse , roth - oder schwarzlederne Patrontasche hängt an einem breiten , mit gelben
Schnallen verzierten Riemen von Farbe und Leder des Leibriemens so, dass sie die rechte Hüfte bedeckt.
Sie muss kurz Qretraofen werden , »damit sie den Soldaten nicht incommodire im Marsche und er mit der
Hand füglich dazu gelangen könne , ohne den Leib zu bücken . »Die Patrontasche hat zwei Deckel ; bei der Action
schlägt der Mann den oberen , grösseren , der oft mit Wappen oder Initialen des Inhabers geschmückt ist, zurück;
durch den kleineren bewahrt er die auf 24 Patronen berechnete Tasche vor Funken . Ausser den Patronen fasst
die Tasche noch das blecherne Oelfläschchen , zwei Raumnadeln und den Luntenverberger mit Holzstöpsel «, sowie ein
Stück zusammenoferollter Lunte . Auch ein kleines Beil, dessen Bestimmung wir schon bei den Dragonern kennen
gelernt haben — es war unter dem Deckel des Tornisters
o
angebunden
00
— gehörte zu der Ausrüstungo des Soldaten.
Die Waffe des kaiserlichen Musketiers hat in der Eugen
o ’schen Aera manche Wandlungen
o durchzumachen
gehabt . Wie auf allen Gebieten des Heerwesens die noch immer markante Selbstständigkeit der einzelnen Regiments-
inhaber einen einheitlichen Fortschritt hemmte , so war es auch bei der Fortentwicklung der Bewaffnung . Noch gab
es zu Anfang des Jahrhunderts conservative und sparsame Inhaber , welche von der alten schweren Muskete nicht
lassen wollten . Es gab sogar noch Musketen des sehr alten Modells mit dem Luntenschloss , das nur die schwer¬
fällige , »schunkenbeinförmige « Schäftung und die Gabel verloren hatte und Kugeln von 17 mm schoss . Schon die
sogenannte Flintenmuskete bedeutete einen gewaltigen Fortschritt . Sie half dem brennenden Uebelstande ab , dass die
marschirende Colonne von Weitem durch die leuchtende Lunte erkennbar war . Die Flintenmuskete war nebst dem
alten Luntenhahn auch mit dem französischen Feuersteinschloss versehen , dessen Pfanndeckel so construirt war , dass
auch der zweite Hahn mit der Lunte auf denselben passte . Man konnte daher diese Muskete nach Belieben bald
mit der letzteren , bald mit dem Steinschloss abfeuern . **)
Die französische Bajonnettflinte wurde die neue Waffe des Jahrhunderts . Sie hatte einen braun angestrichenen
Schaft , hölzernen Ladestock (zwei eiserne , aus mehreren Theilen zusammengeschraubte Ladestöcke , auch zum Ausziehen
der Kugel brauchbar , hielten die Gefreiten der Compagnie in ihrer Verwahrung ) und ein Bajonnett , das man
anfangs mit dem hölzernen Stiele in die Gewehrmündung steckte , dann aber mittelst der Dille pflanzte . Als die
neue französische Stichwaffe , welche in dem Fusssoldaten die Vereinigung von Pikenier und Musketier zur klaren
Anschauung brachte , allgemein eingeführt wurde , war das verbesserte Bajonnett mit Dille bereits zur Regel geworden.
Seine Klinge , zwischen 30 bis 40 cm lang , war messerartig flach, mit einer nur wenig vertieften Blutrinne ausgeschliffen.
So war der Musketier nach seiner neuen Waffe , der Flinte (Fusil ), eigentlich zum »Füsilier« geworden.
Mit der Einbürgerung der Flinte wurde auch die Tragart des Feuergewehres allmälig verändert . Ursprünglich durfte
nur der Grenadier , dem man die französische Flinte zuerst als zweite Waffe (ausser der Handgranate ) anvertraute,
den Gewehrriemen haben . Die Muskete kannte einen solchen Riemen nicht, und Graf Wallis verbietet seinen
Musketieren entschieden , sich dieser Bequemlichkeit zu bedienen . Allmälig aber wurde der Riemen allgemein ; Regal
sagt ausdrücklich : „Das (Sett >cf]r muff mit einem gelben, leberu £?eng=Kiemen uerfefyen fein, uitb bic Pfannen mit einem
lebernen Futteral , and ? tiid?enne Kappen, felbe ai^ ubuf^cn. Der proppf mujj uou meinen unb Manen Cud ? feilt, unt 311
nerl?üten, bafj nid?ts in ben Sauf Fomme unb bey bent ^ eitet^CBebcu nid?ts 3erfpringe; bei* Kiemen non bei*patrontafdjen,
<5 ett>el?r unb (Bezeug ift bes 3 a fy rs 5weyntal 311 mafcfyen. . .
Zu den grossen Fortschritten gehört auch die Einführung des Kugelziehers ; jede Kameradschaft besitzt nebst
dem Gewehrwischer ein solches Instrument , womit der etwas geräuschvolle alte Brauch vermieden wird, das Gewehr
früher loszuschiessen , wenn man die Ladung herausbringen wollte . Die Lunte führt der Musketier wohl überflüssiger¬
weise mit , seit er die Flinte trägt , aber „es Formen," meint der fürsorgliche Inhaber , „fid? nie! Gegebenheiten ereignen,
tuorinen felbe fel?r mol?! bient, Exempli gratia in bent ^ elb, wo Feine llfyr , 3ünbet man bie Stint ben mit Cunteu
aus unb Iciffet itad? foldjen bie lDad?eit ablöfert" . Besonders verbietet Regal „feinem ZTTusFetier
, ben propffen mtb in

*) Der Degen wurde von sämmtlichen Fusssoldaten bis zum Jahre 1705 getragen , in diesem Jahre wurde anbefohlen , dass ein kürzerer,
gekrümmter Säbel denselben ersetzen solle, doch waren viele Regimenter r.och anno 1715 mit dem Degen bewaffnet, manche Regimenter führten nur
das Bajonnett.
**) Von den im Jahre 1702 eingereihten Recruten konnte nur ein Drittel mit Flinten , der Rest musste mit Musketen bewaffnet werden.
52 DER MUSKETIER UND FÜSILIER.

bem Kampjf bas puffern ! übet* bem Pfartneubecfel ober bas Bajounetthefft, noch melweutger bie Cabacffpfetjfe im 2TTuube
511 galten, wann er in feiner ^ uuctiou [teilet, außer in bem 2TTarfche mit üerfel]rt=fc^ulterten (Bewehr“.
Ein etwas veraltetes , aber noch immer beibehaltenes Ausrüstungsstück der Eugen ’schen Zeit ist die
Schweinsfeder. Sie ist eine etwa 170 cm lange, den gleichnamigen Jagdwaffen ähnliche Lanze mit einem spitzigen
eisernen Schuh am Ende ; unterhalb der Mitte, senkrecht auf die Längenachse , ist ein kurzer eiserner Zapfen ein¬
gelassen . Man spickt damit die Balken der »spanischen Reiter «; 9 Schweinsfedern kommen auf einen 280cm langen
Balken. Das »Pflanzen der Schweinsfeder«, theils auf Balken, theils auf dem blossen Boden, bildet einen fatalen
Bestandtheil des verwickelten Exercitiums eines kaiserlichen Musketiers. *)
Dass sich Ausrüstung und Montur dieses Musketiers seit 1707 fast während der ganzen Eugen ’schen Aera
in der Hauptsache (die Bewaffnung ausgenommen) ziemlich gleich erhalten hat, beweist eine »Specification« vom
Jahre 1733. Darnach hat ein Obrist „laut Capitulatton einen fatferltcfyen2Husquetier mit CeibsATTontnr unb Untergemefyr
(ofyne Qbergeweßr ) auf feine alleinige Spefen nacfyftefyenb 311 munbiren:
\mo2TTit einem guten bur d} unb burd? außgeftitterten Hocfb r>ou weißem Cud?, fo etwas über bie Knie geltet
unb wohl weitl] ift, auf baß ber 2Hann bas gewähr baruuter bebecfeit fönue fambt einem Camifol von beliebiger ^ arb.
2d0 2TTit einem paar bjofeur>on gutem Cu dp 5t0 Cin paar ftarf unb guten Soeben. 4to Cin guten paar Sdpiecfy non 3 ud)ten.
5t0in€ guten bjuetb. 6t0wey§ bjemmeter. 7t0wey
§ P)alstüd }cr. 8to Ciu tDel]rgel]äng mit Bajonnett . 9t0itt€ Patron»
Cafd^en unb puberflafc ^en. J0 to Cin Hainen ober gmergfacf . U ‘° Baräcfen (gelt ) auf 4 ober 5 2TTann. f2 toiu<£ gute
^linten mit Schmetnß-£ebern.“
Aus demselben Jahre (1733) findet sich im Kriegsarchiv eine Specification, wie laut der mit den Obristen
Graf Calmanero, Rheingraf zu Salm und Mercy d’A rgenteau ein
„ neu aufwerbenber H ecr 0 u t mit 2TTunbirung
unb fettengewöhr oerfefyen feyn folle. Klfo:
2TTit Cinem Boc?h unb Camifoll von tuet*Siglen gutten gglauer ober in ber Qualität gleicfy einen anbenen
Cud ?e nebft Cüd ^ernen flößen non obiger (Bütte in rechter 2namtsweith unb länge . \ paar fdpte t>on gutten gudpen mit
hoppelte fohlen. \ paar Strimpff in rechter länge , baß man fie rollen famt, 2 bjemmetter von gutter i}auß =leinwanth
2 rotb ober fd^roarje creponene Pjalßtüd^er, \ Bajonnet mit einer Kuppel uon 0 d)ßenbautlp f patrontafc ^en mit bem
breiten Biem unb Decffjel, Q ^lflafc^el, Baumbnabel unb puluer ^ont , \ bjutl ) mit weifen Porten unb fcfyweiß Banb
uerfe^en, \ Banßen ober fdniabfadl ) uon 3wildj>, \elbl^ | ädel fambt bem ftibl, f ^ linten uon p/ 2lötl ]igem Caliber
IDiener (Bewidjts.“
Besonders gerüstet ist der Zimmer mann. Er muss „gleid? bem Corporal ein piftol an einer Schnur haben,
beßgleichen eine fleine patrontafcfye um bie 2Hitte, ein Sdpirßfell , ein fleine unb groffe Pjacfen, 311111 Seitengewehr einen
Säbel , nebft bem bpit hat er tuie bie (Brenabiers eine Kappe , auffer baß auf feiner anftatt ber Bärenhaut bes (Dbriften
Barnen , item 3wey weiß gej^ te fjaefen uon Cameelhaar aus Cud ) geftidt ftehen; wie nicht weniger ift ber Sad (ber
(Brenabiermüße) mit Borten befeßt, auf beeben Seiten ; uon foldjen Borten wirb ein fchmaßles Streif ! uon Bärenhaut
gebrämt." Die Fouriere , Musterschreiber (Manipulanten), Feldscherer und Fourierschützen tragen auf der rechten Seite
eine kleine Patrontasche an einem zwei Daumen breiten Riemen ; die Flinten, die sie führen, müssen Riemen besitzen.
Den Spielmann, Tambour und Pfeifer machen auch viele Fussregimenter durch eine reichere Tracht kenntlich.
Die Compagnie zählt drei bis vier solcher Leute ; sie haben die Trommel zu schlagen oder die Querpfeife zu blasen,
nebenbei aber auch den Lieutenant und Fähnrich zu bedienen . Da es dabei wohl Vorkommen mochte, dass sich einer
der Herren Officiere mit dem lustigen Spielmann seinen Spass machte, verordnet ein eigener Reglementsparagraph,
dass „ber Spielmann nid]t einen Barreit abgebe, bey h°^ er Straf , bereu fowobl er, als ber ihn baju braucht, unter»
worffeit ift“. Die bunte Jacke — weiss-roth, darunter blaue Kamisols, weisse, nach vorne gebundene Halstücher , rothe
Strümpfe, auf der Achsel die sogenannten »Schwalbennester « (Verschnürungen aus gelbem, rothem oder blauem
Harras ) — reizte eben den immer schlagfertigen Soldatenwitz , und wie der Spielmann in der bürgerlichen Welt als
berufsmässiger Lustigmacher galt, so hielt man es auch im Heere mit ihm. Manche Regimenter kleideten übrigens
den Spielmann ohne Aufputz, genau so wie den Musketier.

*) Die Infanterie war mit diesen Schweinsfedern hauptsächlich in den Türkenkriegen ausgerüstet , um sich mittelst derselben der plötzlichen
Angriffe und Ueberfälle der türkischen Spahis und leichten Reiter besser erwehren zu können . Die Balken wurden meistens in den Bagagewägen jeder
einzelnen Compagnie nachgeführt.
DER MUSKETIER UND FÜSILIER. 53

Wenn die Reitermusik die Trompeter als ihre Ahnherren , als den Stamm ihres Corps betrachtet , so sind
Trommler und Pfeifer die Ersten gewesen, welche dem von keinem Rosse getragenen Fussknechte den beschwerlichen
Marsch verschönten und die Grillen verjagten . Wenn die Trommeln rasselten und die Pfeifen klangen, dann wusste
man, dass Soldaten nah’ waren, dann folgten Alle, welche Lust zum Kriegshandwerke hatten , den lockenden Tönen
und leisteten unter lustigen
o
Melodeien den Schwur der Treue auf Leben und Tod . Wie saoT o
doch Hans von
Flemming in seinem anno 1726 erschienenen »vollkommenen deutschen Soldaten « so richtig : „Tie (Tambours,
Crompeter unb Querpfeiffer finb eigentlich bie rechten Cocfnögel, welche mit ihrer afftcirenben KTufique, Cl]on unb Schall,
manchen ungeratenen Sohn aus ber Schule, manchen lieberlichen I}anbwerfspnrfd ?en non ber XDerfftatt, manchen
Bauernfnecht aus ber Scheune unb manchen KTüffiggättgcr fyerbeilocfen . (Es geltet XTTandjer mit tait3en, mit fpringen
in ben Krieg, als ein lahmer unb Krüppel aber aus bemfelbeit wieber heraus . Tiefe Krt Stellte finb gemeiniglich
einer fröhlichen unb luftigen Kompletten , werben auch öfters non betten fjerren © ffrgers 311 noch mehrerer
Kur3weil angeregt/'

Spielleute und Zimmerleute.

Nach dem Streiche des Tambours regulirt sich ja das ganze militärische Leben ; der »Streich« ist der Ruf,
dem der Soldat unter allen Umständen folgt, der ihm ein heiliges und unwiderrufliches Gebot ist. Mischte sich doch
der Himmel selbst in die »Trommelei «, als es zu ernster Stunde die Krieger der Christenheit aus der Ruhe zu
erwecken und zum heiligen Streite aufzurufen galt , „buchet mufj ich etwas mcrf’mürbigcs bic Baifon anführen/ ' sagt
der alte Flemming, „warum uor langen feiten her in ber 21Tittcrnacht bic S cl) aarwad ?e gefdfagen wirb, fowie mir
foldjes dou einem glaubwürbigen Fayf. © fjrper erzählet worben : (Es hätte (Einftcns bie fayf. d)riftlid?e Krntee wiber bie
Ciirfen Fampirct, unb als ber ^ einb 311 Ttadfs bie (El}tiften überfallen, fo hätte (Bottes fonberbare Kllmad?t bie (Trommel
auf ber IDache non fich felbft gerühret, alfo baff bie &)ad?e hierüber alarmiret worben, bie Krmee 31W(Bcgcumcbr
gefommen unb ben ^ eittb glücklich abgefdfagen . § u ben Knbenfeit biefer Begebenheit hätte man non berfelben § eit an
foldje Sdjaarwadjc 31t fd)lagen nerorbnet, unb biefe Cromntel würbe annod) 3111 * Kuriofität in ber fayf. Befibei^ ftabt
iTieit auf behalten unb benen Paffagieren in ber KunftFantmer ge3cigt."
Darum muss man die »Lehrjungen « gut dressiren, um sie in der edlen Kunst des Trommeins wohl ein¬
zuüben, dass kein falscher Streich die Compagnie, das Regiment, ja die Armee in Confusion bringt. Der Mann, der
darüber zu wachen hat, der als mächtiger Feldherr im kleinen Reiche der Spielleute waltet, ist der Regiments-
54 DER MUSKETIER UND FÜSILIER.

tambour . Sein Stock ist der einzige , der sich von der alten Zeit des Stockes in die moderne herübergerettet und
seine Gewalt behalten hat . Er war aber ein guter Stock i denn ein altes Vorrecht behütete die Spielleute vor dem
landläufigen Soldatenschicksale , geprügelt zu werden . Ob der Herr Regimentstambour nicht dennoch eine kleine Lücke
in diesem Privilegium entdeckt und die Köpfe der geehrten Herren Lehrjungen mit der Macht des Stockes vertraut
Seemacht hat , darüber schweiort die Culturefeschichte . Schon im Heere des Prinzen Eueren wusste man , was für besondere
Qualitäten zu jenem Amte erforderlich waren , weshalb man bei seiner Auswahl gar streng und vorsichtig verfuhr;
er war ja auch eine diplomatische Person , welche die wichtigsten Botschaften vom Feldherrn dem Feinde zu bestellen
hatte . Wenn der »Tambour « kam , dann schwiegen die Kanonen und Musketen auf den Wällen ; er war ein Mann
des Friedens , seine Trommel und sein Mund sprachen gute Worte , sie mussten gehört werden , ehe von Neuem die
todbringende Sprache der Feuerrohre ertönte . Und selten hat ein barbarischer Feind oder eine unvorsichtige Kugel
einen dieser Herolde der Heere in ernster Zwiesprache getödtet.
„3 n Anbetracht foldj’ fernerer Aufgabe mufjte — laut Regalschem Reglement — 5er Hegimentstambour
ein nüchterner unb oernünjftiger ZHann fein, abfonberlich aber mir5 bie Perfdnrflegem unb Ausrichtfamfeit non ihm
prätenbirt , menn man il^n in ein nnb artbern Perrichtungen 311m^ einb fd^ieft. Unter feiner Direction ftehen alle
Cambour unb Querpfeijfer vom Regiment ; bie £ eh r=3 un9ßn ift er täglich bey gutem Wetter, 3meYtrtal fd^ulbig 311
eperciren, bauor er jährlich eine particular-discretion befommt. Die Ausgelernten aber mu§ er im fteten (Egercitio ^altert.
Dem Hegimentstambour gehört and ? 311 , 311 felgen, bajj bie Spiel conferoiret merbe, unb er felbften mit Ejanb anlege,
wenn bie ^ elle aus3uarbeiten, ba er’s auch benen lernen mu§, bie folches nicht uerftehen." Bezahlt war dieser gewichtige
Mann wie jeder gemeine Tambour ; doch unterhielt ihn das Regiment , indem es ihm die »halbe Portion « von einigen
Lehrjungen zuschlug und eine Menge von Sporteln zuerkannte . So durfte er am 1. Mai den Officieren gegen
Discretion (Trinkgeld ) die Maibäume pflanzen ; von jedem verstorbenen Officier erbte er den Degen u . s. w. Er trug
wie alle Tambours den breiten , lichtbraunen Trommelriemen über die rechte Schulter . Doch war derselbe breiter
und mit dem Wappen des Inhabers geschmückt . Wenn er als Parlamentär zum Feinde gesandt ward , schlug er selbst
die Trommel . Das war seine grösste diplomatische Mission.
War die Trommel die ernstere , kriegerische Waffe , deren Ruf Commando war , so gab die Pfeife den Humor
und die Melodie dazu . Wohl belebte auch ein schneidiger Wirbel , ein virtuoses Spiel mit den Trommelschlägern den
Geist der Compagnie ; wenn aber die Pfeifen oder Schalmeien tönten , dann ging es doch noch frischer und lustiger
vorwärts . „Der Querpfeifer , tuelcfyer eiu guter Kompagnon bes Cambours ift — meint unser Flemming — bläfet bei
ber 22euetlle ein gutes ^Horgenliebcfyen unb marfcfyieret nebft bem Cambour , um bas ^ ähnlein 311 Idolen unb pfeifet and)»
mäfyrenb bem IHarfcfye. Die Hegimentspfeiffer mürben oor geiten and] Schalmeipfeiffer gereiften, inbem bamals fokfye
3 nftrumenta , bie einen fyellen Klang t>on fiefy geben, uor bem Hegimente fyergeblafen mürben , um bie gemeinen Solbaten
befto mehr auf3umuntern . 2Tad]bem fie aber fcfymer 311 blafen unb in ber 2Täl]e auf eine gar unangenehme Art bie
®hren füllen, fo finb anftatt ber teutfcfyen Schalmeien nad ^gehenb bie fran3öf. fjautbois aufgefommen, bie nuntnehro
faft allgemein im (gebrauche finb. Cs machen bie ffautboiften alle DTorgen t>or bes (Dbriften Quartier ein 2Horgen=
liebten , einen ihm gefälligen ATarfch, ein (Entree unb ein paar ZtTenuetten, baoon ber © brifte ein Ciebbaber ift.
Unb eben biefes mirb am Abettb mieberholt, ober menn ber E)r . (Dberfte (Baftgebote ober Affembleen anftellet, fo laffen
fie fick auf Piolinen unb Piolons , mie auch Reuten boucen unb anberen 3 nftrumenten hörend'
Darin liegt eine ganze Geschichte der Militärmusik . Seit aus der alten Pfeife (zu Ende des XVII . Jahr¬
hunderts ) die veredelte französische Schalmei (Hautbois ) geworden war , gewann die Militärmusik an Ausdruck . Fagott,
Serpent und Waldhorn kamen dazu , und bald hatte das Regiment seine artige Musikergemeinde beisammen , die sich
hören lassen konnte . Je musikalischer der Obrist oder Regimentsinhaber der Eugen ’schen Zeit war , desto mehr
hielt er auf Schulung und Leistungen seiner »Hautboisten «, deren Instrumente auf seine Specialkosten zu beschaffen
waren . „(Eilte gute Stuube , beoot* Picater (das heisst das Signal , sich marschfertig zu halten , zwei bis drei Stunden
vor dem Marsche gegeben ) gefdplagett mirb " — sagt General Regal in seinem Reglement — „fallen im IPinter bie
Hegiments=E)autboiften täglich, mann fchönes IPetter, mit ihren 3 aftrumenten außerhalb bes Regiments 3ufammenfommen
unb fich bis bal]in hären laffen, jeboeb baff fie nicht jebesmal einerley Stiicf aufntachen, fonbern mie in benett 2Toten=
büchent abgefchrieben, immer bamit nariiren ." Die Leute spielten also, wie man sieht, schon ganz tüchtig nach Noten
und mussten ihre Programme machen , damit die Herren Officiere nicht immer dasselbe Stücklein hörten . An eine
unserer stattlichen »Banden « darf man dabei nicht denken ; so ein »Hautboisten «-Corps war eine recht bescheidene
Musikantenschaar , aber sie konnte sich hören lassen.
Die Chargen und ihr
Stock.
n diesem Rock
Führ ’ ich, sieht Er , des Kaisers Stock.
Alles Weltregiment , muss Er wissen,
Von dem Stock hat ausgehen müssen,
Und das Scepter in Königs Hand
Ist ein Stock nur , das ist bekannt . . .«

So lässt schon unser Schiller den biederen Wachtmeister sagen . Und er hat Recht ! Der Stock regiert das
Regiment und das Heer, und da ein gutes Heer die Welt regiert , so ist der Stock der Welt Gebieter — in jenen
Tagen , von denen wir schreiben und malen. Der Stock ist das Symbol, das Kennzeichen der Würde und Macht im
Eugen ’schen Heere . Unter ihm steht Alles, was nicht Edelmann, Officier, Volontär oder Caplan ist im Heere ; je
grösser der Herr im Regimente, desto mächtiger ist sein Stock, desto mehr Leute müssen dem Winke dieses Stockes
gehorchen. Es ist schon ein vorgeschrittenes Zeitalter, in welchem der weise Regal verordnet : frX^icbcy ift 31t iüiffen,
bafs r»on bem bDacfytmeifterslieutenant(2lbjutauten) au alle perfoneit bcs flehten Stabes (b. ly ^ oitriere, Znufterfcfyreiber,
Hegimentstamboure u. f. in.) unter beut Stocf bcs CDbertt2vegiments=Stabes , b. ly ber Stabsofftciere, fielen, boefy nicfyt
anbers, als wann fie was großes pecciret (gefehlt), ber bann folcfyc Straf in flagranti erfolgen muff, unb nicfyt 311
geftatten, bafs biefe leutb gleid? betten Httterofftciers tractiret roerben, bie man faft täglid? mit bem Sto .cf
b e ftr a f f et.“ Es gibt eben vornehme, minder vornehme und grobe Stöcke. Von einem feinen Officiersstocke geprügelt
zu werden, war ein so alltägliches Vergnügen, dass ihm die schneidigsten Unterofficiere nicht entgingen. Dafür tanzte
der Corporalsstock um so lebhafter auf dem Rücken des Gemeinen. Der Geprügelte prügelt am besten.
Die unterste Charge der Infanterie, der Gefreite, entbehrt noch des Stockes ; er prügelt nicht selbst,
sondern wird nur geprügelt — allerdings mit etwas Schonung, denn zum Gefreiten macht man ff bic ciltiften üOlt3 ^ ?^ ,
fo bie ^ atigueu nidit mobl mehr ertragen fönnen, ift fonft eine ber rul]igften Chargen “. Er commandirt die aus 6 Mann
bestehende Kameradschaft, besorgt deren Wirthschaft, führt die Schildwachen auf und vertritt den abwesenden Corporal.
Bei dem Corporal beginnt des Stockes allgegenwärtige Herrschaft . Er ist ein kleiner grosser Herr , der
Herr Corporal, denn er kann lesen und schreiben, hat eine der schwersten und fatigantesteil Chargen , desswegen
»man auch ausrichtsame, junge und teutsche Mannschaft dazu auserlesen muss«. Er commandirt eine »Corporalschaft«
mit zwei Gefreiten, und sechs Corporalschaften bilden die Compagnie. Er gibt Parole und Befehl im Deutschen und
der zweiten Regimentssprache aus und ist der unmittelbare Hüter über den guten Zustand der Montur. ff Cr milfj,“
so sagt das Reglement , „311m menigfteu einmal bes Cags in ber ^ riifye alle 21 Tontur, (Bewehr unb 21 Tunition genau
eyaminiren, unb fo etwas uerfeben, unoei^üglicli repariren laffen; bie Confenxdiou heftetet in biefent, 3eitlicb burefy bas
^liefen 3iu ?or3iifommen/ beim es nichts 311 fagen l?at, manu and) eine Zllontur nod? |o mel ^ lecfen bat, wenn fic nur
uicfyt fo 3erriffen/ bafs ber Solbat nid}t einmal feinen Ceib bebeefen fanu . Der Corporal ift aud) für bie Sauberfeit , eine
ber erften reguln ber 2IÜH3, uerantwortlicfy; er bat barauf 311 feiert, bafs fiel) bie leide täglid) wafd^en unb fämmen,
bie Sd ^ul] bilden, en fln, alles basjenige tbun, was bat'311 erforbert wirb, halber man billiger 2ITaffeit bie Corporals
Kammer -Diener nennt . . . Cs fann ber Solbat feine Pymtbber, bie er modjeutlid? anlegen mufy su^ mal wohl felber
56 DIE CHARGEN UND IHR STOCK.

unb mu§ es eben ntcfyt burd] bte IPeiber gefcfyefyen


tDcijcfyen . Denn erftlid? !ann ber DTann bas (Selb, fo er bann ansgibt,
erfpabren, 511m anbern lehret uns bas Contrarinm anberer bjerrenbtenffe , wo felbft feine IDeiber gebnlbet werben. .
Der Stock des Corporals , wie alle Regimentsstöcke von der Länge eines Spazierstocks , ist »von schlechtem Holze
ohne Riemen «. Etwas vornehmer ist schon
Der Feldwaibelstock; er ist mit einem Riemen versehen . Der »Feldwaibel « ist aber auch eine gewichtige
Person , wird dem Hauptmann und Lieutenant »assignirt «, durch ihn müssen alle Befehle gehen, er beaufsichtigt die
Corporale und darf deshalb mit ihnen keine Kameradschaft halten, sondern nur mit seinesgleichen. Die ihm Gleich¬
gestellten sind : 1. der Führer, welcher dem Fähnrich gewissermassen als Vertreter zugewiesen ist, einen Schlüssel
zum Compagnie-Medicinkasten und ein — Weib haben muss, das die Kranken pflegt; 2. der Fourier, der die
Monturen in Verwahrung und Verrechnung hat, das Lager aussteckt und den Ordonnanzdienst beim Feldmarschall¬
lieutenant versieht, weshalb man »ausrichtsame und keine ignoranten Leute für diese Charge erwählt «; der Fourier
muss stets die Compagnie- oder Adressirschnur zur Ordnung des Lagers und Messung der Zeltdistanz tragen ; 3. der
Musterschreiber ist der eigentliche Rechnungsunterofficier der Compagnie, der aber auch bei der Armee die
Marschrouten schreibt und Journale führt, so dass er einen ordentlichen Aufsatz schreiben muss; endlich 4. der
Compagnie-Feldscherer , der nie ohne Verbandzeug erscheint, die Compagnie wöchentlich zweimal barbirt (dafür
bekommt er das »Beckengeld «) und die Kranken behandelt , jedoch in schwierigeren Fällen beim Regiments -Feldscherer
oder »Hospitaldoctor « sich zu informiren hat.
Diese fünf Personen bilden gemeinsam mit den Compagnieofficieren die sogenannte »prima plana « der Com¬
pagnie oder die »kleine prima plana «. Die »Novizen« für die Unterofficierscharge sind die vier Fourierschützen
der Compagnie. Sie hiessen früher Leibschützen und waren lediglich zur Vertheidigung und zum persönlichen Dienste
des Hauptmannes und der Stabsofficiere bestimmt . Nun, in den Eugen ’schen Tagen hat der Hauptmann zwei
Leibschützen zu seinem rein persönlichen Dienst ; die beiden anderen bleiben dem allgemeinen Dienste und insbesondere
zur Unterstützung des Fouriers Vorbehalten. Da sie der Hauptmann persönlich »abhobeln « kann, hofft man aus ihnen
tüchtige Unterofficiere heranzuziehen. Nur warnt man den Hauptmann davor, sie »als Leibeigene oder Sclaven zu
tractiren und durch allzuscharfe Disciplin vom Regiment zu verjagen «; vielmehr soll er ihnen eine Zulage geben , um
sich durch sie einen Bedienten zu ersparen . Der Fourierschütze trägt ebenso wie der Fourier , Musterschreiber und
Feldscherer als charakteristische Waffe die Flinte ohne Bajonnet am Riemen über dem Rücken.
Die auszeichnende Waffe des Corporals und des Feldwaibels ist das Kurzgewehr, eine kürzere Pike
(Halbpike, Hellebarde , Partisane ). Am oberen Ende ist in den Schaft ein eiserner Stab eingelassen, um das Durch¬
hauen des Schaftes zu verhindern . Unmittelbar am Ansätze der Spitze an den Schaft hat diese nach der einen Seite
einen beilförmigen, nach der anderen Seite einen sichelförmigen Ausbug, den »halben Mond«. Das Exercitium mit
dem Kurzgewehr bildet einen wesentlichen und sehr complicirten Bestandtheil des Infanterieexercitiums.
/ ie besonderen Kennzeichen des Officiers

sind seine feinere Montur mit den vergoldeten oder versilberten Knöpfen,
die Borten oder Goldstickereien am Rock und Aermelaufschlag , die seidene
(bei Stabsofficieren goldene ) Feldbinde oder Schärpe , der Stock und die
Partisane oder das Sponton.
Die niedrigste Officierscharge ist jene des Fähnrichs. Sie trägt
den Namen von der Compagniefahne , welche eigentlich er (in seiner Ver¬
tretung der Führer ) in fester Hand zu halten und bis auf den letzten Bluts¬
tropfen zu vertheidigen hat . Als Vertreter des Lieutenants kommt er aber
allmälig immer mehr von dieser charakteristischen Function ab . Er ist
zugleich die »Mutter der Compagnie «, denn er bittet für die Delinquenten,
und macht »unehrlich Gesprochene « wieder ehrlich , indem er das heilige
Banner über sie schwingt ; er überwacht die Wirthschaft des Feldscherers
mit den Medicinen , führt im Felde die Kranken , sorgt dafür , dass sie
eventuell mit den Sterbesacramenten versehen werden , kurz , er hat Mutter¬
pflichten gegenüber der Mannschaft . Das markante Fähnrichsabzeichen ist
der Springstock, ehemals ein wirkliches und allgemeines Ausrüstungs¬
stück zum Ueberspringen von Gräben , Erklimmen von Höhen u. s. w., das
die ganze Truppe in Gebirgsländern trug ; dann blieb es dem Gefreiten,
endlich dem Fähnrich . Der Springstock war wie das Kurzgewehr ausge¬
stattet , nur hatte er eine einfache , breite , blattförmige Spitze . Ausserdem
führt der Fähnrich einen Stock , der nach dem Wortlaut des alten Wallis ’schen Reglements „aber mir ailtcr bicfeit
2viitfyon gleicfy fefycn foll" ; denn das alte Sprichwort ist : „2luf bes Jeitbricfys StocF [olle ftd? niemanb anfftü ^eit Fönneii."
Ein altes Wachtspriichel sagt : „IDamt man einem 21Tcibel bas ^ ürtnd ? au [I]cbcit wolle, [olle fi d) ber Stocf biegen .“
Der einzige Luxus , den sich der Fähnrichsstock gönnen darf , ist ein „Reiner filberner Knopjf mit einem 23änbeIG
Einen starken Avancementssprung thut der Fähnrich zum Lieutenant. Diesen kennzeichnet eine Partisane
ohne Fransen , ganz glatt von Eisen , wohlgeschliffen , aber „nid )t bas geringftc oergolbet “. Sein spanisches Rohr hat
keinen Knopf , aber ein Band dort , wo der Feldwebelstock seinen Riemen hat . Er ist der scharfe Hüter von »justice
und discipline « in der Compagnie ; er hat stets zu visitiren und inquiriren , die Unterofficiere zu überwachen und die
Mannschaft o-enau in Evidenz zu halten . Aber was ist der Lieutenant gegen den mächtigen Herrscher im Reiche
der Compagnie,
den Haupt mann! Schon die Abzeichen seiner Würde deuten an , dass er von ganz anderer , höherer
Gattuno - ist. Der Hauptmann darf seine Partisane mit „Selben unb etwas wenig Silber geinifcfyten ^ raufen“
schmücken - sein Stock ist etwas dünner als jener des Lieutenants und hat einen mässig grossen , beinernen Knopf.
Manche seiner alten Rechte sind in der Eugen ’schen Zeit allerdings schon abhanden gekommen . Er darf in dieser Zeit
z B nicht mehr seine Soldaten gegen einfachen Erlag eines — silbernen Löffels in den Ehestand schlüpfen
58 DIE BESONDEREN KENNZEICHEN DES OFFICIERS.

lassen , sintemalen es vorgekommen war , dass Hauptleute , denen silberne Löffel begehrenswerth schienen , die
ganze , 140 Mann starke Compagnie unbedenklich in den heiligen Ehestand treten Hessen, „bafyero es bann gefd)el)en,
bafj fid) bet einer Compagnie faft fo Diel IDeiber als 2Hämter befunben, fo eine gar fcfyänblicfye unb üble Sacfye ift".
Wegen ähnlicher Missbrauche hat man ihm auch das Recht der Unterofficiersernennung benommen . Aber es bleiben
ihm noch genug Vorrechte und Beneficien . Er gibt persönlich das Wochengeld aus und darf es jedem zurückbehalten,
der ihm zur Österlichen Zeit den Beichtzettel nicht bringt ; er beerbt die Compagnie und führt die oberste Wirthschaft
derselben . Ist er ein guter Oekonom , so ist es sein Schaden nicht . Im Commando vertritt der Hauptmann , wenn
nothwendig , den rangsniedrigsten Stabsofficier:
den Obristwachtmeister oder Major . Diesen gewichtigen Mann , die Seele des Exercitiums , den hohen
Wächter der Sicherheit und OrdnungO in festen Plätzen J, kennzeichnet ein stattlicher Stock mit einem dicken Silber-
knöpfe , „nebft einem Kettel , fo brey Ringer meit unter bas £od), mo es burd ^ge^ogen ift, fyange unb breymal umb=
gemicfelt feyn folle, bas in bcr abfyangenben ber fleine unb Dotierte Ringer gelegt merben farnt". Sitzt er zu Pferd,
so ruht die Spitze des Stockes auf dem rechten Fusse , dass der Knopf frei und sichtbar ist . Sobald man das Spiel
doublirt , zieht er den Degen . Mit dem Degen grüsst er auch den commandirenden General , alle anderen höheren
Officiere mit gezogenem Hute . Er ist ausser dem Fähnrich der einzige Officier ohne Partisane , und der einzige , der
vor der Front fast immer zu Pferde erscheint , »damit er auf diese Art desto geschwinder einen Fehler corrigiren
könne «. Er zieht auch , so oft das Regiment mit fliegenden Fahnen exercirt oder die Oberofficiere mit dem Kurz¬
gewehr erscheinen , den Degen , was Obrist und Obristlieutenant nicht thun . Er ist der eigentliche Exercirmeister des
Regiments , durch ihn gehen alle Regimentsbefehle und durch ihn werden sie ausgeführt ; er stellt die Paraden,
theilt die Posten aus und empfängt unmittelbar vom Generalwachtmeister die Parole ; er sperrt in festen Plätzen jeden
Abend und Morgen , begleitet von dem Adjutanten (Wachtmeister -Lieutenant ), einem Corporal und vier Gemeinen,
die Thore zu und auf , nimmt den Gastwirthen die Logirzettel der Fremden ab , »taxirt « Marketender und Fleisch¬
hacker und commandirt die Executionen . Ja , Meister Regal hat Recht , wenn er meint : »So tute biofo Charge eilte DOlt
ber rigoraifeften , alfo ift fie and) eine non ben fcfyönften bes Regiments , inbem fid) ein 2Hajor burefy feinen (Eyffer nnb
(Eractitube t>or Kllen fernten 311 machen, (Belegenbeit fyat. "
Wenn der Fähnrich die »Mutter der Compagnie « ist , so ist der Obristlieutenant die »Mutter des
Regiments «. Er unterstützt und vertritt den Obrist , den Vater des Regiments , bittet für die Delinquenten , sorgt
dafür J, Odass das Regiment nicht mit Arrestanten überhäuft J, 000
sondern durch baldige Aburtheilung oder Pardonnirung von
dieser Last erlöst werde ; auch überwacht er , wie schon bemerkt , die Adjustirung . Der Oberstlieutenant selbst trägt
als Symbol seiner Würde eine Partisane wie der Hauptmann , unterscheidet sich aber von diesem dadurch , dass die
Seidenfransen an dieser Waffe mit Gold gemischt oder das Eisen sarnrnt dem Partisanschaft vergoldet ist . Sein dünnes
spanisches Rohr hat einen silbernen Knopf ohne Kette.
Der »Obrister« darf sich noch mehr Auszeichnung , und zwar eine Partisane mit Silberfransen und ganz
vergoldetem Eisen und einem Goldknopf auf dem Stocke erlauben . Bei der Mannigfaltigkeit und geringen Controle
der Vorschriften gönnte er sich aber zu Anfang des XVIII . Jahrhunderts gar oft einen ganz goldenen Stock wie der
Feldzeugmeister ; das ermuthigte dann den Obristlieutenant dazu , sich seinerseits einen ganz silbernen Stock , wie er
dem Feldmarschalllieutenant gebührte , beizulegen . Man sah es höheren Orts und schwieg dazu . Kennt man des alten
Obristen ganze Machtvollkommenheit , so erscheint der goldene Stock gewiss als kein zu kostbares Kennzeichen dieser
Würde . Der wirkliche Obrist , der Regimentsinhaber , ist ja der Repräsentant der kaiserlichen Majestät , der Gerichts¬
herr des ganzen Regiments , der über Leben und Tod und über alle Heiraten im Regimente entscheidet . Er erlässt
Dienst - und Exercirvorschriften für die Regimentsfamilie , er führt deren ganze Oekonomie ; er nahm bis in die Eugen ’sche
Aera hinein auch alle Avancements und Entlassungen
o
vor und änderte die Uniformirung00 auch nach der Einführung
des gemeinsamen Kleides nach seinem Geschmacke in ihren Einzelheiten . Er war sogar der Erbe der Officiere.
tDo es ftd) 3utrüge, ba§ ein © fftyer ofyne (Erben unb Ceftament abftürbe, fo fällt bie Derlaffenfcfyaft insgefammt auf
ff

ben miirflicfyen© briften; fonften aber gebührt ihm bas befte Pferb mit Sattel unb geng ober © 0 Dufaten , bauon er
311 mahlen, gleicfyergeftalten mie bem ^ elbfyerrn bas befte Pferb mit allem gugefyör gebührt, mann ein © brifter mit Cob
abgel)t ; vom Cieutenant unb ^ äfynrid) hingegen befommt er bas befte pferb in natura . tDäre es aber Sad )e, bafs ein
abgeftorbener © fff^ier eine arme ffl ü' voe oerliejje, fo gehört 3mar bem © briften obbefagterma§en bas befte Pferb , bennod)
mirb er t>on felbften fo biscret fein, bafs er es nid)t neunte. Das Hedjt aber im ftäten Digore 311 erhalten, ntufj er es
fid) an bie Stangen ober in ben Stall bringen laffeit, nad) melcfyem er es allemal 3urücffenben fann ."
DIE BESONDEREN KENNZEICHEN DES OFFICIERS. 59

Im Commando des Regiments vertritt — wie wir schon bei der Reiterei gesehen — zunächst der Obrist¬
lieutenant den Obristinhaber , wenn dieser als General , Prinz oder hoher staatlicher Functionär dem Regimente fern
ist ; Kaiser Leopold I. statuirt »zeitliche oder Titularobriste «, die das wirkliche Regimentscommando führen , denen der
Inhaber dann mit gewissen Beschränkungen zeitweilig seine Rechte überträgt . An Reibungen zwischen den beiden
fehlte es umsoweniger , als keine Vorschrift das sonderbare Verhältniss regelte , so dass es auf Tact und Discretion
der Obriste ankam , wenn sie sich vertrugen . Kam der wirkliche Obrist zum Regiment , so trat der Titularobrist in
den Dienst des Obristlieutenants zurück.
Auch zu den Obliegenheiten
ö
des Obristen gehörte — nach Regal
o O
— die Beobachtungo der richtigen
O
und
guten Mannschaftsadjustirung . Er sollte darauf sehen , dass der Soldat sein Obergewehr und seine Montur „mobl trage,
abfouberlid? hie f}üte trefftrc unö ferm auf heu Kopf fe^e; je öfter er belegen corrigirt tuerhe, öefto beffer, her gemeine
KTanrt tnerbe jtd? bann felbft ein air geben, u?enn er fid) non feinem (Dberften fo aufmerffam beobachtet febc".
Ein allgemeines , allen Officieren gemeinsames Kennzeichen ihrer Würde gab es, wie man sieht , in des
Prinzen Eugenius Tagen nicht , und noch sehr lange sollte es fehlen . Doch irrt man wohl kaum , wenn man den
Ursprung des Portepees auf die charakterisirenden Fransen der Partisanen zurückführt . Es ist sehr
begreiflich , dass die mit Degen , Stock und Partisane ausgerüsteten Officiere nicht alle diese Gegenstände auf dem
Marsche selbst trugen . Sie Hessen sich speciell die Partisanen tragen oder befestigten , wenn sie die Partisane führten,
den Stock am Riemen an einem Knopfe . Um aber auch ohne Partisane kenntlich zu sein, trugen sie oft deren Fransen
oder Quasten sichtbar , und zwar mit Vorliebe am Degengriffe — daraus entstand das »Portepee « ; diese Erklärung
des Wortes wenigstens erscheint uns natürlicher , als die bekannte Ableitung des Wortes und Begriffes von den Hand-
riemen an den Griffen der Seitengewehre . Das einheitliche Officiersportepee datirt erst vom Jahre 1836 ; bis dahin
gab es einen merkbaren Unterschied zwischen dem grösseren , aus dicht gesponnenen , mit Flinserln besetzten dicken
Bouillons der Generale und Stabsofficiere und den locker gesponnenen Bouillons (ohne Flinserln ) der Oberofficiere.
Die Bekleidung des Officiers war im Schnitte vollkommen jenem des gemeinen Soldaten gleich , wie überhaupt
das Soldatenkleid sich in der Form bis 1769 an die allgemein übliche Mode anschloss . Im Dienste trug auch der
Officier den perlgrauen Rock , eine ebensolche Weste (bei manchen Regimentern hatten die Officiere die Weste in
der Farbe ihres Aufschlages ), perlgraue Hosen und solche Strümpfe , im Felde weisse oder meistens schwarze Tuch¬
gamaschen . Das Tuch ihrer Montur war natürlich viel feiner als das des Soldaten , auch war die perlgraue Farbe
so licht, dass man sie beinahe weiss nennen konnte.
Ueber die Stickereien am Rocke , Aermelaufschlag , den Taschenklappen und der Weste gab es keinerlei
Vorschriften . Jeder zierte sein Kleid mit Stickerei oder Borten je nach seinem persönlichen Geschmack und seinen —■
Vermögensverhältnissen . Es war dies auch oft genug der Grund zu jenen halb dienstlich , halb privaten schriftlichen und
mündlichen Vorstellungen der Herrn Oberste an ihre Officiere , nicht so wie »die Pfauen « einherzustolziren und
sich eines ihrem Range entsprechend ausgestatteten Soldatenrockes zu bedienen , auch wurde öfter verordnet , »die
Herrn Officiere sollen zu Ausrückungen , Paraden , wie überhaupt im Dienste stets im Regimentsrocke erscheinen « ;
damit scheint gesagt zu sein, dass wohl mancher Herr Lieutenant es nicht immer für nöthig hielt , als Wachcommandant
oder beim Exerciren seinen schön gestickten sammtenen oder seidenen Besuchsrock schnell mit dem (aus praktischen
Gründen ) viel einfacheren Militärrock zu vertauschen.
Auch die Feldbinde schien keiner Vorschrift zu unterliegen . Sie bestand aus einer breiten und langen Seiden-
Schärpe , meist derart mit Gold durchwoben , dass die Grundfarbe kaum noch erkenntlich war . Doch auch für diese gab
es keine Vorschrift . Die Schärpe wurde stets um die Hüften geschlungen , und zwar in der Weise , dass die ungleich
langen Enden derselben zuerst an der linken Hütte lose geknotet wurden , das längere Ende nach der rechten Hüfte
über den Bauch gelegt und auch hier geknüpft wurde . Die beiden Schärpenenden hingen nun rechts und links
eine Spanne lang herab . Diese waren mit schweren Goldfransen geziert ; mitunter bildeten auch schon kurze breite
Quasten ihr besonderer Schmuck . Indess wurde mit den Feldbinden bis zum Jahre 1750 ein so bedenklicher Luxus
getrieben , dass Kaiserin Maria Theresia in diesem Jahre energisch und ausdrücklich die goldenen Feldbinden als Aus¬
zeichnung der Generalität decretirte . Auch der Officiershut war mit Borten geziert , manchmal zeigte er noch eine
Federverbrämung ; doch scheint letzterer Schmuck hauptsächlich der Generalität Vorbehalten gewesen zu sein.
6o DIE BESONDEREN KENNZEICHEN DES OFFICIERS.

Dem eigentlichen Officierscorps des Regiments waren einige Personen von Rang und Würde angegliedert,
deren Functionen wichtig genug erschienen , dass sie selbst hier Officier respectirte . Die meisten dieser Personen bekleiden
heutzutage
O OfficiersrangO J, oin den Eugen ’schen Tagen
o mussten sie durch besondere »Privilegien o « und Mahnungen
o von
dem allgebietenden Obristensstocke ausgenommen werden.
So klang es gar nicht komisch , wenn man — wie wir gesehen — sogar den W acht m eiste rlieutenant,
dessen Amt heute der Regimentsadjutant versieht , der Gewalt des Stockes ausdrücklich entzog . Diese Charge der
alten Zeit schwebte eben zwischen den Officiers - und Unterofficiersregionen sozusagen in der Luft ; der Wachtmeister¬
lieutenant war zwar ein grosser Herr , alle Unterofficiere der Compagnie standen unter seinem Stocke , nur rieth man
ihm, „bte ^ elbmaibels ofyne erfyebltdje Urfad ^e bamit nid }t 311 tractiren " . Er behielt bei dem Befehlausgeben den Hut
auf dem Kopfe , während alle Feldwaibel und Corporale entblössten Hauptes vor ihm zu stehen hatten . Er nahm den
zu arretirenden Officieren Degen und Stock ab und überreichte sie ihnen nach der Freilassung gegen eine entsprechende
»Discretion « wieder . Er arrangirte die Leichenbegängnisse der Officiere , und zwar erschien er bei dem Conducte eines
Hauptmannes zu Pferd , bei dem eines Lieutenants zu Fuss ; ihm gebührte als Erbschaft deren Partisane oder ein gutes
Stück Geld . Ein rechter Officier war er aber nicht , und deshalb bedrohte ihn stets der Stock . Ausser ihm zählte
zu den Personen des sogenannten »kleinen Stabes « des Regiments noch der Ouartiermeister , der Auditor oder
Secretarius , der Kapellan oder Regimentspater , der Wagenmeister , Proviantmeister , Regimentsfeldscher , Profoss und
Regimentstambour.
Die vornehmste dieser Personen ist der vor dem ältesten Lieutenant rangirende Ouartiermeister. Er
ist Titularlieutenant im Regiment ; ihm hat ausser den Stabsofficieren niemand zu befehlen , er ist eine »privilegirte
Person « und steht auch nicht unter des Obristen Stock . Dieselbe Ausnahme von dem Obristensstocke geniesst unter
den Stabspersonen , welche nicht eigentliche Officiere sind , nur noch der Auditor, der den Rang des jüngsten
Lieutenants und reiche Einnahmen hat . Jeder neubeförderte Hauptmann zahlt ihm einen Dukaten , Lieutenant und
Fähnrich einen Reichsthaler , er hat fette Erbschafts - und Processtaxen ; doch warnt man ihn, sich „in fgiinbel unter
bem Begiment etnjumifcfyen mtb ftcfy nie in eine Baujferev ci^ ulaffcm, ba bas ganje Hegiment burd? feine Befd?tmpffung
laebirt merbe". Den Regimentspater, der „ein ejemplarifd^er BTanti fein unb bnrd? fein gut Leben benen
Leuten ein gutes Beifpiel unb fein Scatibalum geben foll", schützt seine geistliche Würde vor dem Stocke . Der
Wagenmeister, der als Inspector über die ganze Regimentsequipage fungirt und die unter ihm stehenden Knechte
nach seinem Gutdünken persönlich prügeln kann , und der etwas tieferstehende Proviantmeister sind dagegen
dem Obristensstock unbedingt »unterworfen «. Der Regimentsfeldscherer hat alle Compagniefeldscherer unter
seinem Stocke und kann sie nach Befinden der Sache prügeln ; ihm selbst hat Niemand als das »Regiment «, das heisst
dessen Officierscorps zu befehlen , da er „einzig unb allein auf bes Regiments Boften gehalten roirb unb ^} bvo faif.
ZITajeftäf nidjts auf il}U pafftrenA Es ist seine Sache, durch seine Praxis sich besser zu ernähren.
Durchaus nicht gering denkt man von der Stabsperson des »Profossen «. Ja , man gibt ihm den sonst dem
Obrist zukommenden Ehrennamen eines »Vaters des Regiments «. Er handhabt eben nicht nur seinen gefährlichen
Stock , sondern bittet auch für die Maleficanten , die ihm überliefert werden . Zur Vollziehung seiner Strafgewalt stehen
Scharfrichter und Steckenknechte unter seinem Commando , aber es macht ihn nicht ehrlos , wenn er in flagranti selbst
zuhaut . Er wahrt ja sozusagen des Regiments Autorität . „IPantt er anancirt , mirb er gemeiniglid ? Lieutenant , baraus
bann flar erhellet, bafs es eine l]onorabIe Charge ; rner fid? au ifyrn uergreifft, beleibigt bas Regiment felbften." Er
überwacht auch das richtige Gewicht der Fleischer und das rechte Mass der Marketender und gebietet den Soldaten-
weibern , damit sie die Lagergassen , den Parade - und Kasernplatz ordentlich säubern . „(Erführet beit Crojj UOllt Begiment
unb richtet ftdg bamit naefy bem ausgegebenen Befehl, babey ein IDeib eine afytte
^ filtert, bem aller Crofj nadjfolgen
muff." Während der Messe steht der Profoss bei der Thüre und wacht darüber , dass bei der Wandlung die Soldaten
niederknieen ; bei der ^ Frohnleichnamsprocession geht er fünfzig bis sechzig Schritte seitwärts , um die Leute zur
Kniebeugung anzutreiben . Vor dem Hochgericht sieht er darauf , dass der Delinquent „nicfyt betrunfen ober mof]l gar
mit einer ^ lafcfyett Branbmeitt in ber Cafd)en befunben xnerbe y;, in welchem Falle dem Verbrecher nicht einmal ein
Advokat und Pater bewilligt würde . Vor dem Spiessruthenlaufen lässt er die Ruthen durch die jüngsten Tamboure
beschneiden und überreicht sie dem Major.
Dies sind die Aemter jener Personen , welche dem »kleinen « Regimentsstabe angehören , ohne Officiere zu
sein . Wir kennen nun das oganze Regiment
<ü> nach den Personen dieser ogrossen Familie z, nach ihren Dienstesverrichtungen,
«g> J

Privilegien und ihrer Erscheinung ; ein Blick in das Familienleben und auf die
DIE . BESONDEREN KENNZEICHEN DES OFFICIERS. 6l

Justiz im Regiment
lehrt uns, mit welcher Strenge jenes edle, zu grossen Thaten treibende Empfinden geweckt wird, das man Regiments¬
ehre und Regimentsgeist nennt. Der allgemeine und rascheste Vollstrecker dieser Justiz ist der uns wohlbekannte
Stock. Man hat ihn bei der Hand, um in jeder Phase des Alltagsdienstes Unordnung, Unsauberkeit , Ungehorsam
ohne Umstände zu züchtigen. So lange der Stock nur dem gemeinen Manne oder Corporal applicirt wird, empfiehlt
das Reglement aus praktischen Gründen Mässigung; es warnt vor dem Schlagen auf Köpfe und Arme, weil öfters
dadurch die Leute struppirt und dienstuntauglich würden. Die Reiterei hat das Recht, bei Ausrückungen nicht mit
dem Stocke, sondern mit dem Degen geprügelt zu werden ; die Gegenwart eines Hohem aber verbietet jedem Herrn
des Stockes den Gebrauch dieses »Ehrenzeichens« gegen den Untergebenen.
Vor den Launen des Stockes ist aber selbst der Officier nicht sicher; nur hat er ein Recht, sich
dagegen zu wehren. „Sollte er oon feinem Porgefeijteii mit IPorten , mit StocF, © Ijrfeigen ober anderes in bas (5 efid)t
injuriret werben, fo braucht fiel] biefer (b. h. ber (Dfftcier) nid)t gatt3 ttacl] ber Suborbination 51t halten, ba bie t£l]re
mehr eftimiit wirb, als bas Cebeit, aber man barf feinen Porgefetjten uid)t attaFiren." Die Satisfaction nahm der Officier
in solchem Fall durch das Duell, welches wohl streng verboten , aber schliesslich ebenso unentbehrlich war als heute,
so dass man es in den Regimentern geradezu zur Vermeidung von Processen empfahl.
Viel lässt sich der gemeine Soldat von dem Stocke gefallen; er macht ja nicht ehrlos, selbst wenn ihn der
Profoss mit den Steckenknechten auf den Soldaten niederprasseln lässt; während Backenstreiche, Rippenstösse und
Fusstritte entschieden verbotene und schändliche Strafen sind. Eifersüchtig hütet der Regimentscommandant sein per¬
sönliches Strafrecht , und nicht länger als 24 Stunden darf sich ein »fremder « General einen Eingriff in den »Bann«
eines Regimentes gestatten , das einer strengeren Ueberwachung werth erscheint. Der Soldat selbst hat zu viel Corps¬
geist, um sich einem anderen Stocke, als dem ihm unmittelbar Vorgesetzten zu fügen, und Obriste werden nicht müde,
gegen die Einmischungen Anderer in ihr Regiments-Familienleben zu protestiren ; sie dulden nicht, dass ihre Soldaten
— wie das Wallis’sche Reglement sagt— „mit lEfelsreiten, prügeln ohne Hegintentswiffen beftraft würben, ba es Fein
Jimbament bat, aus was llrfadjen ber Solbat beftraft worben ; fonbern jener nur feine Autorität jeigen lttib fugen
will: 3 d? laffe beit Solbaten für ntid ? prügeln; bas Hegiment bat feine Strafpparte : alfo ift folcber KTenfch mit
hoppelten Hutben gepeinigt, ltnb jwar aus lliwerftanb jener Commanbanten".
Willkürlichkeiten dieser Art mochten ebenso bedenklich sein, als die gegenseitige Eifersucht auf die Hand¬
habung des Strafrechtes ; die ganze Disciplin einer Armee konnte an solchen Rivalitäten scheitern. Darum kam es auf die
Energie des Höchstcommandirenden an, dass Ordnung gemacht und masslose Ausschreitungen verhütet wurden. Nach
den berühmten Disciplinpunkten des kaiserlichen Generallieutenants Markgraf Ludwig von Baden hatte der General¬
gewaltige des Heeres den Befehl „bei Perluft feiner Charge 1111b anberen fdjarfen militärifd^eit Strafen bie wiber bie
^onragier (Drbming ertappeubeit Hebertreter im 2lus* mtb CinrücFen in bas ütager ohne einiges Kitfeben, wer fie feien
ober wem fie angeboren, alsbalb beim Kopfe 31t nehmen liub für bas erfte KTal Cin , für bas 3weite KTal beibc
©bren ab3iifd ] ueiben 1111b brittens gar auf3ul ] äugen. Pie Hegimeutsprofoßeu follten uor Cag ausgel^en
uub, fo fie Feine(Befangenen brächten uub beitnod] Klagen Famen, unter fiel ] fpielen, wer aufgebaugen werben foll' '.
Im Strafverfahren nahm man es mit der Empfindlichkeit der Soldaten nicht genau. Das Mäntel-, Flinten¬
oder Satteltragen vor dem Quartier des strafenden Vorgesetzten waren milde Strafen ; ärger spürte man das Esel-
(bei der Artillerie Stuck-) Reiten mit angehängten Kugeln und Steinen auf spitzigem Holzpferd, das Stehen auf spitzigen
Pfählen, den Arrest in »Eisen und Banden, bei Wasser und Brot«, auf Märschen angeschlossen an den Wagen des
Profossen, endlich das Spiessruthenlaufen auf dem Paradeplatze , wobei der Delinquent mit blossem Rücken durch die
Gassen des in Front aufmarschirten Regimentes lief: Major und Adjutant ritten beiderseits die Gassen entlang, um
zuzusehen, „wann bie Commanbirteu nicht wohl 3iibaucu mtb foldje bureb ben StocF 3111 *ScfyulbigFeit ai^ utreibciPk Vor
einem gröberen Verbrecher schritt ein Unterofficier mit gefälltem Kurzgewehr einher, damit der Maleficant nicht rascher
laufe und dadurch weniger Hiebe bekomme. Uebrigens wurde erst in der Eugen’schen Zeit das Gassenlaufen, eine
Erbschaft der Landsknechtzeit, allgemein ; man empfand es geradezu als eine Erleichterung gegenüber der V illkür-
herrschafft des Stockes, „ba bei bent prügeln mancher Solbat 31t perreubienften untauglich gemacht würbe . . . Frnmnt
ltnb laljm, wohl auch, wenn bie Corporale übern Kopf iutgefd]icFter IPeife treffen, gar thöridjt nnb taub gefd]lagcn
würbe, banon fiele bie binfalleitbc KranFheit beFommen ober halb crepiren". Gassenlaufen machte nicht ehrlos, wann
Soldaten die Ruthen schnitten; thaten dies aber die Ruthenknechte, so war es um des Soldaten Ehre geschehen. Und

9
62 DIE BESONDEREN KENNZEICHEN DES OFFICIERS.

dieses rauhe Kriegsvolk hielt auf Ehre ; durch den scharfen Unterschied zwischen »ehrlichen « und ehrlosen Strafen für
entschuldbare oder gemeine Verbrechen verhütete man manche böse That . War das »Arkebusiren «, das Erschiessen
durch ehrlicher Kameraden Gewehr , ein ehrlicher Soldatentod , so war das Aufknüpfen des »Schelmen« Ende;
der Mann mit abgeschnittener Nase und abgeschnittenen Ohren blieb geächtet ; ihm half kein »Ehrlichmachen « mehr.
Galt es aber , einem reuigen gebesserten »Schelm « die Ehre wiederzuraben , so übte das ranze »löbliche Regiment«
Gnade , und mit dem heiligen Panier , der Fahne , wurde die Wiederaufnahme in die ehrliche Soldatenfamilie vollzogen.
Dreimal schwang der Fähnrich diese Fahne über den Schelm ; einen Stoss gab er ihm jedesmal mit dem Fahnenstocke
auf den Kopf und rief : »Ich mache dich ehrlich im Namen Ihro kaiserlichen Majestät , unseres Obristen , des ganzen
löblichen Regiments !« . . .
Nur mit solch energischer Handhabung der Justiz , mit so empfindlichen körperlichen und moralischen Strafen
war es möglich , in kritischer Zeit dem bunt zusammengewürfelten , mit bedenklichen Elementen durchsetzten Kriegs¬
volke den Sinn für die unerlässliche Disciplin beizubringen . So forderte es der Geist jener Zeit ; rauher fasste man den
geworbenen unerzogenen Söldner an , als man den Krieo-er der neuen Zeit behandelt ; aber auch unter der Gewalt
des Stockes tritt das Streben klar zu Tage , auf das Ehrgefühl dieses Mannes zu wirken.
Noch bedeutet das ganze Regiment , wenn es sich regt und bewegt , wenn es marschirt und kämpft , einen
überaus plumpen Körper , der durch eine ebenso schwerfällige Maschinerie belebt wird ; der Geist des Regimentes , der
Sinn für Ehre und Ruhm ist das einzige , was diesem Körper , den ein Uebermass von Regeln und Gesetzen belastet,
von einer beweglichen Kriegsmaschine unterscheidet . Durch den Appell an diesen Geist , durch dessen Hebung und
Belebung allein vermochte ein IMldherr wie Eugenius von Savoyen seine Fussregimenter in Heldenlegionen zu verwandeln.
Das Exercitium.

Üs ist unmöglich ;, jene starren und complicirten Regeln , jene Ueberfülle von Commandos , nach denen ein
Fussregiment in Bewegung und in Kampf gesetzt wurde , in flüchtiger Skizze zu erschöpfen . Und dieser Ueberfluss an
Regeln wurde noch bedenklicher bei dem Umstande , dass jeder Obristinhaber bei der Feststellung des Reglements bis
zu einem gewissen Grade selbstständig vorging . Je pedantischer der Inhaber , desto schwerfälliger das Exercitium . So
schreibt ein braver , alter General von grosser Bedächtigkeit , Georg Olivier Graf Wallis seinem ( 1682 errichteten,
1748 reducirten ) Fussregimente 56 Handgriffe und Bewegungen für das Exercitium mit dem Feuergewehr vor , was
gegen das Exercitium mit 163 Commandos und 99 Lade - und Feuer tempi , wie es im dreissigjährigen Kriege üblich
war , allerdings eine wesentliche »Vereinfachung « bedeutete . Seine 56 Griffe mögen zur Kennzeichnung der Zeit und
Verhältnisse , mit denen der Genius Eugens zu rechnen hatte , auch hier angemerkt sein . Der Musketier hört , wenn
das Resfiment zum »Exercitium « ausgerückt ist, folgende Commandos:
U (BemöfyrI70 Cb. 2. (Bemöbr bet beit 5. Bicberlegt euer (Bemöbr. 4. HTarquirt euere Oiftaup 5. l}aar
liuternt Fpit. 6. (Ergreijfet uitb erbebt euer (Bemöbr. 7. (Bemöbr hoch. 8. Spannt ben b)abn. (j . Scfylagt an. JO. (Bebt
Reiter. U * Se^t ab. \ 2.Brfteüt
( beit Jahnen . J5. Blaft tiiib puf^t bie Pfannen aus . J4- (Brgreijft euer pulr >er=b)orn.
J5. günbFrautb in bie pfaitit . J6. Schließt bie pfattu . J7. Set^t bas (Bemöbr 5111 - Cabttug. \ 8. pulner in Stauf.
J9- Kugel aus beut 21Tintb . 20. pfropfft nont bjuitb. 2 \. 3> l 5«?« giigen ^iebt beit £abftocf herauf). 22. Den Cab fto cf
in Stauf. 25. (Bebt ber Cabung 5 Stoß . 24. 3 n 2 gilgen beit Stabftocf berauss . 25. Den Cabftocf an fein (Drtb.
26. (Bemöbr bod). (Bey biefem Fontmt mieber fetter geben ttitb fobantt bie fcbmengenbe Cabung.) 27. (Bemöbr präfentirt.
28. Die IPenbuug fyalb rechts uierntabl. 29. Ualb linFs uiermabl. 50. ttitb 5J . Hechts liutfebrt euch uitb rechts erffellt
eudp 52. Scbnlbert euer (Bemöbr. 55. uitb 54. JDenbnngen. 55. präfentirt euer (Bemöl?r. 56. Seßt bas (Bemöbr 51111 t
Bajonuet .*) 57. (Ergreifft euer Bajonuet . 58. Bajoitnct in Cauf. 59- Bajouuet bodp 40. ^ ällt euer Bajonuet . 4L uitb 42.
IPenbnngen. 45. Koancirt uitb fto^t aus . 45. Bajonuet bod?. 46. Bajonuet beynt ^ ufj. 47. Bajonuet l]eranfj. 48. Bajouuet
an feilt 0rtb . 49*Das (Bemöbr präfentirt . 50. Derfebrt fcbultert euer (Bemöl)r. 5 J. präfentirt euer (Bemöbr. 52. DerbecFt bas
(Semöfyr r>or beut Hegen. 55. präfentirt . 54. Berbecft tragt euer (Bemöfyr 5111 * Begräbttifp 55. (Bemöbr präfentirt.
56. Schultert euer (Bemöbr.
General Graf Wallis ist aufrichtig genug , zu sagen , dass das alte Kriegscommando »Kugel aus dem Mund « u. s. w.
nur mehr ein „Cereittottiel fei, ba man mobl miffe, bafs ber HTamt nicht fo r>iel Kugeln int KTititb, als er offt 511 cfyar=
girett ttötbig, halten Fattit; es märe beim, man befänte in mäbrenber Kction neue HTunition, ein ober anberc (Kugel) auf
mettige HTomente in beit KTuitb 511 ftecfeu . . ." Er habe es aber — wohl aus Ehrfurcht vor dem Flergebrachten —
ebensowenig abschaffen wollen , wie das Commando „£)aar unterm Fmtb ", das auch nicht mehr prakticiret werde.
Mit dem Gewehrexercitium war die Wissenschaft des Musketiers aber noch nicht vorbei ; er musste auch die Griffe
mit der Schweinsfeder und — wurde er Unterofficier — jene mit dem Kurzgewehr erlernen.
Dann aber ging es erst an das Studium der »Evolutionen «, für welche der alte Wallis allein hundert
Commandos statuirte . Und er • war .noch bei - weitem
w> . X - •
nicht
..
der Umständlichste
. .
von
‘*
Allen . Wenn er zum Beispiel
' )

*) Die ältesten Bajonnette mit Dille hatten zwischen Hals und Klinge einen kleinen muschelförmigen Ansatz , den Wallis Hacken nennt.

9
64 DAS EXERCITIUM.

commandiren lässt : „KTit bcncit hintere mertel ^ gebrocbeuen Heiden utib galten (Bliebent rechts rormcirts , neben beu
ZUann perbopplirt eure (Blieber — marfcb !so war dies noch keineswegs das Aergste von Weitschweifigkeit. Noch
immer Hessen manche Inhaber die alten Commandos für Muskete und Picke bestehen , obwohl es beide Waffen nicht
mehr gab . Die Hauptbewegungen bestanden in dem Duppliren und Schliessen der Reihen und Glieder , in den
Schwenkungen und dem Brechen der Front , in den Colonnenformationen und dem Contramarsche . Dabei übte man
ganz überflüssige Dinge . Der reihenweise Contramarsch zum Beispiel war „mehr eine gute (Ejxufe bes 0briftmad ?t-
meifters, wenn er obnrecfyt eimnarfcfyirt unb bie rechte por bie Iinfe Ejanb genommen" ; sonst kam dieser Marsch über¬
haupt nicht zur Anwendung . Der Gleichschritt war bei dem Marschiren noch nicht allgemein , obwohl ihn einzelne
Inhaber liebten — er konnte auch nicht gedeihen . so lauere in denselben Abtheilungen zu gewissen Evolutionen von
der Einen mit dem rechten , von den Anderen mit dem linken F'usse ausgetreten wurde.
»Feuer« gab man gewöhnlich »gliederweise mit voller Front «. Feuerten alle vier Glieder , so fielen die
ersten drei auf die Knie und luden ; das vierte begann das Feuer , dann krachten die Salven des dritten , zweiten und
ersten Gliedes , bis wieder das vierte geladen hatte . Bei dem »zugsweisen « Feuern wurde vom zweiten und dritten
Gliede gleichzeitig geschossen . Das vierte blieb mit fertigem Gewehr »in Reserve «. Hiess es »mit voller Front
Chargiren und Avanciren !« so trat das hinterste Glied nach der Decharge des ersten vor dieses , und so ging
es weiter , bis — eine arge Confusion entstand . Hiess es »plotonweise im Avanciren chargiren «, so rückte
der feuernde Zug mit seinem letzten Gliede auf die Höhe des ersten der nebenstehenden Abtheilung , und so ging
es staffelweise vom rechten gegen den linken Flügel . Rasch laden und präcis mit voller Front feuern , das galt als
vornehmstes Sympton kriegsmässiger Ausbildung . Dem »regulären Feinde « ging man mit kräftigen Salven , dem Türken
durch ein langsam hinhaltendes , aber ununterbrochenes Feuern zu Leibe , um ihm keine Zeit zum Sammeln zu gewähren.
Gegen Reiterei bildete man Ouarrees , Fahnen und Fahnenwacht in der Mitte , pflanzte die Schweinsfedern oder stellte
spanische Reiter vor die Ouarreeseiten , pflanzte die Bajonnette und feuerte mit vollen Fronten . Die Freude am Feuer¬
gefechte überwog die Lust zu Offensivstössen ; man liebte eben die Ruhe und die feste Regel des Exercitiums im Feuer.
Prinz Eugen störte auch diese Behäbigkeit ; er weckte den offensiven Geist und Hess die Soldaten auch auf das Bajonnett
vertrauen . Kam es zu einem solchen Angriff , so gab man eine Salve ab ; dann ging es frisch vor zum Bajonnettanlauf.
Schon gab es Generale , welche gegen die Pedanterie und Schwerfälligkeit des alten Exercitiums , gegen das
zur Hebung der Disciplin verordnete »Stampfen« oder den »Appell« der Truppen bei der heftigen Ausführung der
Griffe und Bewegungen ebenso opponirten wie gegen das wortreiche Commando . Regal zum Beispiel wünscht die
Worte wie : Präsentirt euer Gewehr ! auszulassen , da man ohnedem sehe , »dass der Soldat keine Mistgabel in Händen
habe .« Trotzdem erscheint sein eigenes Reglement nach unseren Begriffen noch schwülstig und umständlich genug.
Durch ebenso umständliche Vorschriften als alles übrige
o Exercitium ist das Grüssen und Begriissen
o der
einzelnen Chargen geregelt . Der gemeine Füsilier oder Musketier kennt keinen anderen Gruss als das Präsentiren,
das aber bei Regenwetter zur Schonung des Gewehrs unterbleibt . Der Corporal , für dessen Kurzgewehr es elf besondere
Handgriffe gibt , fällt — laut Wa 11 is ’sehern Reglement — „ [eilt Flirt) (Semöhr mit ber linFcit Ejanb, bafs her
Daum beut 2Iuge gleich Fomme, [ein Stoff , [o r»oit einem [cfylecfyteu Pjof), olpte Kiemen ober Banb , au bas Furt} (Semöbr
gleichfalls mit ber IittFeu Banb umbgriffeit. (Er grüßt nicht attbers, als bafs er mit ber rechten Ejanb ben Fjut abnimmt,
ol)ite Ceib noch 311 bewegen, bamit ber Butl] [einer DegeitFuppel gleicbfomme, bes Fjutl]S Kfliinbung aufwärts ftebe;
fobalb er folgen in biefe Diftan} gebracht, feßt er [olclteu olpte weiteres IDarten auf . . Der Fourier hält seine Flinte
im Arm wie der Grenadiercorporal und dankt allein mit dem Hut . Diese Begrlissungen sind gleich , ob sie dem
höchsten oder dem niedrigsten Officier gelten.
Der Fähnrich gibt beim Grusse (vor der Truppe ) sein »Fähnl « dem Führer und stellt sich mit seinem
Springstocke davor . Auf der »Fähnlwacht « nimmt er mit der Linken den Hut ab , bringt den Springstock „mit polier
bjanb gegen bie Brilft " , neigt ein wenig den Kopf und grüsst so jeden Officier, mit Ausnahme des commandirenden
Generals , dem eine ganz besondere Reverenz gebührt . Auf dem Marsch , wo er den Springstock in der Balance trägt,
erhebt er beim Grusse die rechte Hand gegen die Brust , „feinen rechten ^ uß eine Keperence fchleiffenb" , und lässt
dann den Springstock wieder in die Balance lallen . Im Felde darf er bei dem Zuge , wo seine Fahne ist oder den
er conmiandirt , reiten . Aehnlich grüssen die höheren Officiere . Der Ob r ist Wachtmeister salutirt mit dem Hute
den er mit der Rechten abnimmt ; nur dem Commandirenden gebührt der Gruss mit dem Degen.
Kaiser und Kaiserin werden von dem in Parade aufgestellten
o Regiment
o dreimal mit ogefällter Partisane
und F'ahne , auch Kniebeugung begriisst . „Die Knye ober feynb," sagt Regal XXXV
§ , „nur in etwas 311 biegen,
DIE FAHNE. 65

fo imfonfteu mancher eine gar übel proportionirte ^ ignr machen mürbe, abfonberlid?, ba er beit Ceib ba^u biegen wollte,
ben er Sd )itttr=grab mit bem Kopf aufbalten mufj. Der ^ äbnrid? hingegen machet weher Kuyebiegen noch anbere
Henerenv fonbent ziehet mit ber redeten ßattb , wann er fiel? mit feinen Jahnen berftellet, ben £)nt ab, inbent folcbcr
genug mit ben Jahnen 311 tbim hat, abfonberlid?, wann ber Cajfent an ber Stangen nid?t 3eriffen 1111b felben ber IPinb
fängt ; ja fogar, bafs einige einen fliegenben Jahnen in berglekheit fällen , fannt mit beebett Rauben, gefebwetge mit einer
erhalten fönnen, wenn fie nidot ben Dortheil erfehen mtb folcben behenb bie fjelffte anfwkfoln ." Vor anderen Personen
als den allerhöchsten und dem Feldherrn , zieht der Fähnrich, wenn er die Fahne hält, überhaupt nicht den Hut ab.

Die Fahne.
Das Heiligthum des Kriegers, das Symbol der grossen Pflichten, deren Uebung er beschworen, des Herrschers
und Reiches, dem er dient, ist in der Eugen’schen Armee noch überaus zahlreich vertreten . Jede Compagnie — sie
ist ja aus dem alten »Fähnlein« hervoro-eofanoen — führt ihre Fahne , wie sie ihren Fähnrich hat. Die Fahne war
stets von Seide und bedeutend grösser als die heutigen Infanteriefahnen. Der Fahnenstock war beinahe drei Meter
hoch, das Pahnenblatt der Leibcompagnie meist aus weisser Seide, roth-weiss geflammt bordiirt, das Mittelfeld zeigte
die heilige Maria auf der Weltkugel stehend, die Reversseite den kaiserlichen Adler oder den gekrönten Namenszug
des Kaisers. Die Compagniefahnen waren in Farbe und Emblemen sehr verschieden. Es gab rothe, grüne und auch
gelbe Fahnen . Meist war wohl beiderseits der kaiserliche Adler gemalt, doch sah man öfters Fahnen , die nur das
Landeswappen jenes Kronlandes trugen, welches die betreffenden Truppen für den Kaiser geworben und mit ihrem
Gelde armirt hatten . Die Standarten der Cavallerie waren in ihrer ganzen Ausstattung ungewöhnlich reich. Während
die Infanteriefahnen immer nur auf einfachem leichten Seidengrunde gemalt waren, prunkten die Standarten in reicher
Gold- und Silberstickerei. Auch diese waren in Form und Ausstattung durchaus verschieden. Adan sah rothe, grüne,
gelbe, weisse Standarten quadratisch in der Form, oft in zwei Kugeln auslaufend. Der kaiserliche Adler in schwerer
Stickerei fehlte auf keiner Standarte , dagegen zeigte die andere Seite ein allegorisches Bild, eine Devise in reich
gesticktem Schild, manchmal auch das Wappen oder den Namenszug des Inhabers. Der Standartenstock war meist
noch in der Form der alten Turnierlanzen und mit einer kleinen blattförmigen, vergoldeten und ornamentirten
Spitze versehen.
Zur besseren Conservirung der Fahne wandte man bereits damals Ueberziige aus Wichsleinwand an, wenn
auch nur in den Regimentern besonders ökonomischer Inhaber. „Obgleich einige einwenben werben, bajj bies fein alter
Brauch fey," meint General Regal, „fo finbe ich bod? fold?es ber JDirtljfcfyaft eines Regiments höcfyft nöthig nnb nützlich,
als worauf man jetjo beffer als niemalen fehen tmtfp § 11 felbiger § eit, ba feine itebet^ug gebraucht würben, waren
bie Ungarifdjen Ducaten hänffiger in ber Caffa, als bermalen bas Kupjfer =(Selb; jubem I?abcn bie Compagnien
heut 511 Cage ihre Jalqte felbft 311 oerfchaffeit , fo eben uorbin nidjt gebräuchlich gewefen. Kenbent fid? alfo
auch mit betten geilen bie ZTToben , nnb benimmt ber Hebei^ ng betten Jahnen gattf) nichts an Autorität ber favfer=
lidtett IDajfen.^
Mit arossen Festlichkeiten beging man damals wie heute die Weihe neuer Fahnen , deren »Uebernahme«
der Inhaber mit Zustimmung des ganzen Regiments anordnete , und mit nicht geringerer Weihe als heute leistete der
Krieger den Soldateneid auf das heilige Banner.
Die Fahne musste der Soldat überall sehen, wenn es des Kaisers Dienste galt ; vor der Fahnenwacht war
der Sammelpunkt des Regiments im Lager ; dort stellten die Tambours ihre Trommeln in Pyramiden auf, bei den
Fahnen pflanzten Obrist und Obristlieutenant ihre Partisanen . Bei dem gewöhnlichen Marsch in Compagnien trug man
alle Fahnen unter Commando eines Hauptmanns , Lieutenants und Fähnrichs in Begleitung der »ordinären Fahnen,
und Stabswacht « und aller Ordonnanzen dem Regiment voran . Zu Mittag »machte man im Felde die Fahnen auf«,
das heisst man löste mit grosser Feierlichkeit die Fahnenwacht ab, wobei die Fahnen unter Begleitung der Spielleute
durch die Lagergassen getragen und vor ihre Compagnie gebracht wurden, damit der Soldat dadurch immer wieder
seines zum heilRen Banner geschworenen Eides und seiner Pflicht erinnert werde. Und diese Mahnung wirkte . Denn
dem hochflatternden Banner ist der rauhe, schlichte Musketier des Kaisers, dem das Leben so wenig Freude , so viel
Mühe und Plage brachte, gar oft freudig und begeistert zum Siege gefolgt. Die Ehre seiner Fahne war ihm theurer
als sein armes Leben.
Der Grenadier

Kr war der Patricier der Regimentsgemeinde , aufragend aus der Gemeinschaft durch hohe Gestalt,
männliche Schönheit und soldatische Tüchtigkeit . Wohl trugen die Grenadiere den Namen nur
von einer besonderen Waffe , von der Handgranate , welche sie gegen den Feind zu schleudern
hatten ; aber noch lange nachher , als die Handgranate aufgehört hatte zu
wirken , bestand dieser Name ; man verband ihn nach wie vor mit dem
Begriffe einer erwählten , glänzenden Truppe , der Elite der gesammten
kaiserlichen Infanterie , welche — im losen Zusammenhänge mit den Fuss-
regimentern — in besonderen Verwendungen ihre ausserordentliche Tapfer¬
keit und Pflichttreue erprobte und das Unmögliche möglich zu machen schien.
Wenn der Grenadier dröhnenden Schrittes auf dem Plane erschien , dann galt
es der Schlachten Entscheidung ; ihn stellte man dorthin , wo es das Grösste
zu vollbringen , das wankende Schlachtenglück zu wenden , das von den
Massen Begonnene zu vollenden galt . Und wo in Tagen des Friedens der hoch-
ragende Krieger mit der mächtigen Mütze aus Bärenfell erschien , dort waren
ihm bewundernde Blicke zugewandt , dort schlugen ihm der Weiber Herzen
entgegen
O ö
, dort war er ebenso Sieger wie im Gewoge
3 O o
der Schlachten.

„(Ein (Breitabier mufj iticfyt meibifd? ausfefyen, fonbertt furchtbar,


non fdnDarjbraunem Kiigefid}!, fc^rodrjen paaren , mit einem ftarfcn
Knebelbart, nidjt leidet lachen ober frennblid) tbun " — sagt die alte
Regel , und wenn man sich auch nicht immer darnach hält , so ist der
Eugen ’sche Grenadier doch stets der martialischeste Krieger zu
Fuss . Wohl trägt er in der Hauptsache dieselbe Montur wie das
Regiment , dem er zugehört ; aber an markanten Unterschieden
in der äusseren Erscheinung fehlt es ebenso wenig wie an einer
besonderen Ausnahmestellung im Dienste und in den militärischen
Verrichtungen . Charakteristisch ist seine Kopfbedeckung , die hohe,
stattliche Fell - (Bären -) Mütze, deren Vorderschild (aus Messing)
den Namenszug oder das Wappen des Souveräns trug . *) „Die
(Srenabters," sagt General Regal, „feyttb in ber 21Tontur ttidffs
oon benen artberrt unterfcfyteben
, als in beiten Beinen patrontafdxm,
Armatur der Grenadiere.
bie fte um beit Ceib tragen (beim fte im ^ alle ber 22otI] bie groffe

*) Die Grenadiermützen waren in den Jahren 1700 bis 1730 nicht immer aus Bärenfell ; aus Ersparungsrücksichten griff man auch zu
schwarzem Lammsfell . Das Messingschild der Grenadiermütze zeigte öfter auch nur die Initialen des Regimentsinhabers oder sein Wappen ; bei vielen
Grenadiercompagnien war eine einfache Messinggranate der einzige Schmuck.
DER GRENADIER. 67

beit (Brenabett brauchen müffen) uue and; in betten Kappen, fo auch mit Bärenhaut übcr5ogeit tiiib beit 22 attb mit
tnei[j 3tt)trnetie Borten- 5me\mtal umfaßt haben ; bei* Sa cf (ipelcfyer rücfnxirts — in pcrfcbtebettou färben — ans ber
Klü ^e I]erabl]ing) ift ebenfalls mit begleichen Borten befeßt, ausgenommen, bafs in ber 211itte ttod? ein a la SicLSacf
^iefjaef) 311 ftel^eit fontnte. Des ^ elbmaibels tiitb ^ ourters ift mit breiten Silber horten bre\mud, bes Lieutenants mit giilbenen
Ptermal, bes bjanpttnanns füitffmal mit S icf=fa cf horten gebremt; an allen Kappen hanget am € ttbe bes Sacfs eine

Grenadiere.

Quafte POtt ber 2Uaterie tpie bic Bortend ' Doch müssen die Grenadiere auch Hüte vorräthig haben, die sie ,,011
betten patroittafcfyen hiittempärts am flehten Knöpffel" angehängt tragen.
Die Patrontasche für die Grenadiere, meist aus dunkelrothem Leder, ist etwas grösser als die normale
Tasche des Musketiers oder Füsiliers ; auch der Ueberschwungriemen ist breiter und hat gelbe Schnallen sowie einen
blechernen Lunten verberget*. Die Handgranate ist eine Hohlkugel, gewöhnlich aus Gusseisen, etwa 8 Cm . im Durch¬
messer, 1V-2 bis 2 Kg. schwer — man kannte aber auch Granaten aus Glas, Thon und Bronze. Sie enthielt eine
68 DER GRENADIER

Sprengladung , deren Zündung eine Brandröhre vermittelte . Mit der Lunte setzte man diese in Brand und warf die
Granate rasch gegen des Feindes Reihen ; crepirte sie früher , so war sie den eigenen Reihen noch gefährlicher als
denen des Gegners . Dies wurde auch frühzeitig offenbar und deshalb gab man dem Grenadier ausserdem eine
verlässliche Waffe : die Bajonnettflinte . Er führte sie schon zu einer Zeit , da die andere Infanteriemannschaft noch die
alte Muskete trug ; und auch seine Officiere und Unterofficiere waren damit —- statt der Partisane und des Kurzgewehres
— ausgerüstet . Hauptmann , Lieutenant und Feldwebel hielten das Bajonnett stets gepflanzt . "')
Dieser Doppelbewaffnung gemäss kennt das Wallis ’sche Reglement 48 specielle »Grenadiergriffe «. Der
Eugensche Grenadier musste ja ebenso gut seine Granate zu werfen als sein Feuergewehr zu handhaben wissen . Seine
Flinte ward an einem Riemen eetraofen , damit er sie während des Granatenwerfens über die Schulter werfen konnte.
Schon zu Beginn des XVIII . Jahrhunderts aber bürgerte sich auch bei den Flisiliren der Brauch ein, Tragriemen am Gewehr
anzubringen ; es gab ein eigenes Commando ,,’s (S ’wöbt * in Me Crotnpet \" dafür , so benannt , weil diese Tragart
gewissermassen an die über dem Rücken geschwenkten Reitertrompeten erinnerte . General Graf Wallis nennt allerdings
diesen Brauch einen Missbrauch und meint : „Der Klusquctier feil fein (Bewöl)r nad ) Hegimentsbraud ) tragen ; bann
feinem HTusquetier feinen Hiemen ober Stricf wie eine pafyCBeige erlaubt ift, weil bie Hi einen allein betten
(5 renabiers jufommert , nnb biefe and) bie ^ Itute nientabl im Hiemen tragen , anffer im (BrenatenTDerffen, etwas ein-
jnreiffen, ober arbeiten einem pofto ober patrolliren , wenn fie and) Spring =Stöcfe babev hätten .“ Bei dem Grusse vor
der Front handhabte der Grenadierofficier seine Flinte wie der andere Officier die Partisane , „mit biefeitt Unterfd )icb,
bafs, ohne bie Fjanbett (Bärentnttfje) abjutf^un, fie an felbe mit ber Iittfett Taub greiffeit nnb ben Ceib biegen, wenn
nid)t eine Knie bengettbe Heoeren^ gemad)t wirb 77.
In den ersten Jahren der Eugen ’schen Aera bildeten die Grenadiere noch in jeder Fusscompagnie eine
Eliteschar von acht Mann ; dann zog man sie in besondere Compagnien zusammen , welche ebenso wie die Carabiniere
der Kürassier - und die Grenadiere der Dragonerregimenter gesondert verwendet wurden . Grenadiercompagnien
verschiedener Regimenter wurden oft vereinigt und als Elitecorps zu grossen Aufgaben berufen . Die Grenadier¬
compagnie zählte ebenso wie die Musketiercompagnie 3 Officiere , 1 Feldwebel , 1 Fourier , 4 Corporale , 2 Fourier¬
schützen , 2 Spielleute , 1 Feldscher und 86 Gemeine . Statt des Fähnrichs aber hatte sie einen Unterlieutenant , da sie
keine Fahne besass . Sie o-ehörte keinem Bataillon an und nahm überall den ersten Rane ein . Die Grenadiere standen
in drei Gliedern . Das erste warf die Granate , indem jeder Mann einen Schritt vorwärts that , gegen den Feind , dann
machte man einen gliederweisen Contremarsch , um jedes Glied zum Feuern kommen zu lassen . Gegen Reiterei formirten
die Grenadiere nicht das Ouarree , sondern ihrer dreigliedrigen Aufstellung gemäss , hauptsächlich aber „illtt betten
Herren (Srettabiers was befonberes 311 tnad)en, um bei0 Qualität 311 erfennen", ein Dreieck, die sogenannte »Triangel «.
Diese Abweichungen des Grenadierexercitiums von jenem der Musketiere (Füsiliere ) machten es dringend
nothwendig , die Soldaten beider Kategorien wechselseitig mit ihren Bräuchen bekannt zu machen , da sie sonst in
Verlegenheit kommen konnten . Die Musketiere , aus denen ja die Grenadiere ausgewählt wurden , erlernten also auch
Griffe und Evolutionen der Grenadiere . Den Officieren prägte man dieses Studium besonders ein. „FDaitn eilt (Btettabier=
Capitain ftd) gefallen läffet, wenn er, ber Heltifte, feine Compagnie quitttret nnb, itt Hbwefenfyeit bes HTajors, ein
Kegiment commanbirt, um fo nie! mehr ift es billig, bey bemfelbeit and) attbere Dienfte 311 nerfeben, bamit er beruad)
mit befferem^ unbament ein (Dfftciuttt r>errid)ten forme. Überbein würbe ein junger CDfftcier
, fo 311 ber (Brenabiercompagnie
fätne, auf foId)e tDeijj niemals lernen, was bey einem Hegitnent nötl)ig 311 wiffett; in fold)ent ^ all aber, wenn eine
Compagnie non (Brenabieren wo l)inaus3itrucfen beorbert ift, ber Capitain ober aber ber CDfftcier fiel) babey nid)t beftubet,
fo muff ein jeber Fjaupttnann ober 0 berofftcier, att beiten bas Contmanbo ftel)et, fid) ba3u gebraud )ett laffett . .
Allmälig glichen sich wohl die Unterschiede ganz aus : die Grenadiere (mit der Zeit zwei Compagnien per Regiment)
verrichteten denselben Dienst wie die Musketiere ; aber das Vornehmste und Schwerste , das Ehrenvollste , Verant¬
wortlichste muthete man doch ihnen zu, den aus der Masse emporgehobenen , über die Menge emporragenden , besser
bezahlten und freudiger dienenden Kriegern . Sie trugen das Bewusstsein , etwas Besseres zu sein , stets zur Schau;
in mancher Stunde folgenschwerer Entscheidung bewiesen sie auch , dass sie etwas Besseres waren . Europa kannte
und rühmte des Kaisers Grenadiere.

*) Die Grenadierofficiere trugen ebenso wie die Mannschaft kleine Patrontaschen , meist mit Sammt überzogen und bordirt am Leibriemen der
Degenkuppel , über der Feldbinde . Im Felde und im kleinen Dienste hatten die Officiere den dreigestülpten Hut.
Der Heyduk.

Noch spielte der ungarische oder croatische Infanterist keine Hauptrolle in den Heeren Eugen ’s ; man zählte
ihn den irregulären , den »leichten Truppen « zu und gab ihm deshalb auch eine weit grössere Freiheit in Bewaffnung,
Bekleidung und Kampfesart . Die Adjustirungsbedürfnisse eines solchen
Kriegers gibt eine aus dem Jahre 1733 datirende , im Kriegsarchive auf¬
bewahrte »Montursspecification für einen Heyduken « folgendermassen an:
„(£itt fyuttgarifcfyes Böcfbl non gutem Balbauer Cudy mit £eiu=
manh gefüttert fambt 3ugefyörigen Schnüren, ^ affteln linb Knöpjfen. € in
paar fyungarifcfye Pjofen non obgeb. gleichem, gutten Baibauer (Luch mit
Ceimnanb gefüttert; ein 0ber ^ unb HegemHocH] non Cud? obiger (Bütte,
menigftens 3iir f)älfte mit gutten Balg geffüttert; ein paar § ifma;
\ Scfyerpfeit, 2 Ejalstiicfyer, \ bjut , 2 Ejembben, 2 paar l]ungarifcfye Sd ?laf=
bofen ober Gatya, \ Sabel mit feinem Bienten ober E)üjften-Biemen,
t l]ungarifd)e patrontafd ^en, f Bargen , bas erforberlid^e gutte 0ber=
gemelkt*nad? bem bermal ftatuirten daliber von \ V2£ otl ?IPieiter (5cmid?t."
Das grosse Prinz Eugen -Werk , herausgegeben von der kriegs-
geschichtlichen Abtheilung des Archives , entwirft das bunte Adjustirungs-
bild des Heyduken etwas deutlicher : »Attila aus blauem Tuche , Schösse
kurz , über der Brust kurze Harrasschnüre mit Oliven und Schlingen;
Hose aus scharlachrothem Tuche , nach nationalem Schnitte eng an¬
schliessend ; Schnürschuhe aus naturbraunem Leder , nur wenig über die
Knöchel reichend ; Mantel aus Halina (grobem Tuche ), seltener aus Tuch,
ärmellos , weiss, bis an die Waden herabhängend , nach nationalem Schnitte
(die sogenannte Guba ), an dem blossen Halse mit einer Messingschliesse
zusammengehalten ; Gürtel aus rothem Harras , woran Säbel und Patron¬
tasche hängen ; Kappe aus dunkelgrauem Filz, die breiten Schirme vorne
und rückwärts aufgekrämpt ; die Attilaschnüre von Gold , Ausrüstung wie
bei den deutschen Regimentern , neben der Muskete und Säbel aber
noch der »Csakany «, eine aus einem dicken , etwa 130 Cm . langen
Stocke mit beilförmigem , schweren Messingknopfe bestehende Schlagwaffe . Heyduk.
In Wirklichkeit sahen die Heyduken selten so schmuck und malerisch aus . Sie waren oft froh, überhaupt
bekleidet zu sein ; ebenso oft harrten sie »nackt und bloss « der nothwendigsten Montur . Im Kampfe schwärmten sie
vor den regulären Regimentern aus und übten wohl zuerst die zerstreute Fechtart praktisch und mit Erfolg . Auch
verwendete man sie gern als Escorte von Geschützparks und Transporten und zu kleinen Unternehmungen , welche
nicht den ganzen militärischen Drill , das gewichtige Auftreten , sondern Behendigkeit und Verwegenheit forderten . Wir
werden diese leichteren Schaaren noch näher betrachten , wenn wir sie in Theresianischer Zeit entfaltet und ihrem
wahren Werth nach erkannt und Ogebraucht sehen.

10
■t

Was ist aus unserer Kanone , was ist aus unserer »Arkelley « (Artillerie ) geworden seit jenen Kampfestagen,
als Maximilianus , der ritterliche Kaiser , anno 1504 seine beiden »Hauptstücke « Weckauf und Purlepaux vor das feste
Kufstein schleppen liess , um den trotzigen Hanns Pinzelmann in dem Steinnest dort droben mürbe zu machen ! Wie
staunten sie damals , als die beiden Ungeheuer aus ihren weiten Mäulern Schmiedeeisenkugeln warfen und damit fünf
Meter dicke Granitmauern durchbohrten ! Da wurde dem grimmen Ritter schwül um den Kopf , und die böse Arkelley
verdarb ihm den trutzigen Spass , den er mit seinem Kaiser vorhatte . Aber auch die Ritter und Landsknechte im
kaiserlichen Lager hatten nicht gerade zärtliche Blicke für die »Zauberer und Hexenmeister «, welche so viel Ansehen
gewonnen hatten im Kriegsheere . So ein Büchsenmeister heimste ja dreimal , ein Feuerwerker geradezu viermal mehr
Sold ein, als ein reisiger Krieger , der sich dicht an den Feind heranwagen und von dessen Speer durchbohren lassen
musste , während der »von der Arkelley « von weither mit sicherer Hand seine Kugel schleuderte und dabei lebte wie
unser Herrgott in Frankreich . »Wenn oft das ganze Heer Hunger litt , kochte die Arkelley Fleisch und Hühner,«
schreibt grimmig ein alter Schweizer Landsknecht , »und wenn wir Pfützenwasser tranken , soff sie Wein . « Der Con-
stabler lebte fein ruhig- und solid , er konnte wohl auch lesen und schreiben und studirte allerlei geheimnissvolle Wissen-
schäften . Ein Soldat wie alle anderen war er nicht : das zeigte sich an seinem ganzen Wesen und Gehaben.
Die Bekleidung der Männer von der alten »Arkelley « des XV . und XVI . Jahrhunderts war die Kleidung
ihrer Zeit . Noch rüstete sich anfangs der Büchsenmeister und Schlangenschütze mit Eisenhaube , Nackenpeilerine aus
Drahtringen für Hals und Schultern , Brustblech und Beinschienen . Dass aber die Männer von der Arkelley die
Ersten waren , welche auf diesen Eisenschutz verzichteten , ist begreiflich ; brach doch ihre Kunst und ihre Waffe die
Stärke des Panzers , entzog sie doch die Entfernung der Kanone vom Schauplatze des Nahkampfes der Einwirkung
der Stich - und Hiebwaffe ! Kam der siegreiche Feind einmal an die Batterie , welche abseits des Kampfgewühles auf¬
gestellt war , so packten die Büchsenmeister und Schneller ihre Siebensachen ein und sahen zu, dass sie ihr Leben
retteten . Im XVI . Jahrhundert findet man die Büchsenmeister in der malerischen Landsknechttracht der Zeit , und da
sie sozusagen eine besondere , privilegirte Zunft halb bürgerlichen , halb soldatischen Charakters bildeten , und für ihre
schwere , bedeutsame Kunst reichlich entlohnt wurden , so gestatteten sie sich auch eine schmuckreiche Tracht , wie sie
der vornehme Bürger liebte . Die Zündruthe , die sie stets trugen , war das Amts - und Würdeabzeichen ihres Standes,
vor welchem Bürger und Soldaten eine heilige Scheu hatten , dem sie in abergläubischer Furcht allerlei Zauberkünste
und kostbare Geheimnisse zumutheten . Ein Degen oder ein spanisches Rapier , ein Dolchmesser , Raumnadel , Bohrer,
Kaliberstab u. s. w. hingen
o dem Künstler der Kanone noch vom Gürtel herab . War ein Zugo mit Geschützen auf dem
DIE ARTILLERIE. 7l

Marsche, so eröffnete ihn der Führer , der eine Partisane mit morgensternartigem Knauf trug. Jeder Büchsenmeister
führte ein zur Geschützbedienung bestimmtes Stielinstrument, Ladeschaufel, Setzer und Wischer, oft auch Krampe
und Schaufel.
Das XVII . Jahrhundert zeigt den Artilleristen in einer schweren und kritischen Uebergangsperiode . Immer
schärfer sondert sich das Heer , zum »stehenden « geworden, vom Volke ab ; der Soldatengeist wird immer schärfer
ausgeprägt ; die Artillerie aber, welche jederzeit mehr Zunft als Truppe gewesen war, vermochte diesen Geist nicht
ganz in sich aufzunehmen. Sie hatte ja auch eine besondere, schwere Arbeit zu verrichten, viel zu lernen und zu
probiren, ehe sie ihre grosse Waffe zu handhaben vermochte. Deshalb waren die Kanoniere mehr Handwerker und
Künstler als das, was man unter dem rechten Soldaten verstand, und wurden auch von diesem als etwas Fremdes im
Heereskörper theils mit scheuer Ehrfurcht, theils mit etwas Geringschätzung betrachtet . Um so enger schlossen sich
die Glieder dieser militärischen Zunft aneinander, umso emsiger pflegten sie ihren aparten Corpsgeist, der sie hoch
über die anderen Waffen erhob. Sie kamen sich erhabener vor als selbst der Reiter , der doch auch schon „ailf has
(Sefilbel unter fid?" mit vornehmer Verachtung herabblickte . „Cauoneit llllb StÜcFen," sagte der Constabler selbst¬
bewusst, „bas feyn gar fd?tt>ere Sad ^en ; bas muß mit Derftaub regiert werben; es ift nid?t fo wie bei anberen : wenn
bie peitfd?e Fnallt, fo laufen bie PferbeT Von den alten Rechten der Büchsenmeister war im Laufe der Jahrhunderte
viel verloren gegangen. Vorbei war die Zeit, da der Meister auf Jahr- und Wochenmärkten von jedem mit Holz,
Stroh und Heu beladenen Wagen ein Scheit, Schab oder Bund, von allem geschlachteten Vieh die Zungen, von den
Kälbern die Köpfe erhielt ; aber bei der Einnahme von Städten und Festungen beanspruchte er noch immer die
Geldablösung für die der Artillerie gebührenden Glocken.
Und auch die Besoldung der Artilleristen unterschied sich noch immer recht vortheilhaft von jener der
anderen Soldaten . Der Feldzeugmeister, der erste Kanonier des Reiches, bezog im Jahre 1597 monatlich 364 fl., der
Feldzeugmeisterlieutenant 124 fl., der Stückhauptmann 50 bis 60 fl., der Stückjunker 40 bis 50 fl., der Feuerwerker
30 bis 40 fl., der Büchsenmeister 15 bis 25 fl., ein Schlangenschütze bis zu 15 fl. Das war bei dem damaligen
Gelcleswerthe ein hübsches Stück Geld ! Welch gewaltige Masse von Menschen und Thieren gehörte aber auch dazu,
ein grosses Geschütz des XVI. Jahrhunderts vorwärts zu bringen!
Das Kriegsbuch Fronsperger ’s verlangt für eine einzige Doppelkarthaune oder »Scharfmetze« :
a) 17 Knechte und 33 Pferde zum Ziehen des Rohres im Sattelwagen , b) 3 Knechte und 6 Pferde zum Ziehen der
aufgeprotzten leeren Lafette , c) als Munitionsausrüstung für acht Tage zu 30 Schuss etwa 240 hundertpfündige
Kugeln mit 12 bis 20 Centner Pulver, wovon 10 Kugeln oder 10 Centner auf einem sechsspännigen Wagen fort¬
gebracht wurden ; diese Wagen erforderten 156 Pferde und 78 Knechte ; d) zwei vierspännige Requisitenwägen zum
Transporte der Geschützausrüstung, dann je vier Krampen , Pickel oder Reithauen , Spaten , Stich- und Wurfschaufeln
und Hebebäume , je eine Axt und Beil, zwei hölzerne Pulvermassen und ein Fässchen mit Feuerzeug ; c) einen sechs¬
spännigen Wagen für das Hebzeug ; f) einen vierspännigen Wagen für die Bagage der beiden zugehörigen Büchsen¬
meister und der zehn Schneller. Der Transport dieser einzigen riesigen Kanonen forderte also insgesammt 52 Fuhr¬
werke, 213 Pferde mit 107 Knechten, 2 Büchsenmeister und 10 Gehilfen oder Schneller. Der ganze Artilleriepark
der Maximilianischen Zeit zählte 128 Geschütze, 2675 Pferde mit 890 Fuhrknechten unter 5 Geschirrmeistern,
24 Büchsenmeister und 630 Handlanger . Zur Artillerie im weiteren Sinne zählte man auch die technischen Truppen,
und speciell mit jenen 128 Kanonen zogen unter einem Schanzmeister vier Fähnlein ( 1600 Mann) Schanzgräber oder
»Guastadores « mit je einem Schanzhauptmann, Schanzlieutenant und Schanzfähnrich, ferner ein Fähnlein von 100 Erz¬
knappen (Mineure) mit 200 Handlangern unter einem Berghauptmann oder Minirmeister, 50 vierspännige Schiffswägen
mit 200 Zugpferden und 66 Fuhrknechten , 100 Ruderknechten , 12 Zimmerleuten, je einem Brücken-, Weg- und Unter¬
wegmeister einher. Auf weiteren 100 vierspännigen Wagen schaffte man Bagage und Fourage , Reservegegenstände,
verschiedene Utensilien u. s. w. mit 150 Personen fort.
In der Eiugen ’schen Zeit tritt uns die Artillerie noch immer in ihrer apparten Stellung, als zünftiges,
in sich abgeschlossenes Personal, nicht aber als organisirte Truppe entgegen ; die Kanoniere hüten ihre Privilegien
und nehmen von Niemand als den Vorgesetzten aus ihrem corpo » « Befehle entgegen. Sie bilden eine interessante,
aber auch sehr bunte Gesellschaft, da alle jene Elemente, welche sich heute auf Feld-, Festungs- und technische
Artillerie, Geniestab, Pionniertruppe, Train -, ja selbst Verpflegsbranche vertheilen, in dem grossen Artilleriecorps vereint
sind. Ein General-F'eldzeugmeister ist Chef des gesammten Corps ; neben ihm gibt es mitunter noch einen Feldmarschall¬
lieutenant und Generalwachtmeister. Unter diesen stehen der Obrist, Obristlieutenant, Obercommissarius, Zeuglieutenant,
72 DIE ARTILLERIE.

Schültheiss (Auditor ), Secretarius , Feldzeugwart , Ober -Feuerwerksmeister , Quartiermeister , Feldcaplan , Stuckjunker-


Corporal , Oberpetardier , Ingenieur, Stuckjunker , Feldscherermeister , Proviantmeister , Unterpetardier , Alt- und Jung-
Feuerwerker , Brückenmeister, Wegbereiter , Fourier - und Fourierschütz, Zeugschreiber, Proviantschreiber , Feldscherer¬
gesell, Büchsenmeister, Corporal , Büchsenmeister, Tambour und Profoss. Ausser der eigentlichen Geschützbedienung,
ausser den Sappeuren und Mineuren, gibt es noch die sogenannten Zeugambtsbedienten , das heisst militärisch
organisirte Handwerker (Pulverhüter , Schlosser, Schmiede, Binder, Riemer u. s. w.); zu Ende des XVII . Jahrhunderts
zählte man sogar noch einen »Commissmetzger, -Bäck und -Müller« und den sogenannten »Croatenfähnrich«, das heisst
den die Escorte (durchwegs leichte ungarisch-croatische Truppen ) commandirenden Officier, zur Artillerie.
Die Stärke dieses Personals wechselt Og;anz nach dem Aufgebote
O
an Geschützmaterial,2 und dieses selbst zeigte
0

die mannigfaltigsten Namen, Formen und Kaliber . Da gibt es ganze, halbe, Dreiviertel -, Einviertel- und Einhalbviertel-
Karthaunen , ganze, halbe und Viertel-Feldschlangen , ganze und halbe Falconets , Falkaunen , ganze und halbe Quartier-
schlangen (Feldstücke ), halbe Feldstücke , kleine Schlängel u. s. w. Die kleinen Feld- oder Regimentsstücke stellt wohl
die Artillerie bei, aber Musketiere bedienen sie. Der Zwölfpfünder ist das schwere, der Sechspfünder das treffliche,
leichte Feldgeschütz . Die Regimentsstücke sind Dreipfünder . Der Sechspfünder, aus dem man auch Kartätschen und
glühende Vollkugeln schoss, trug bis auf 1600 Schritte . Haubitzen und Mörser zählten zu den »Kanonengeschützen «.
Die Petarde , ein glockenförmiger Mörser mit einem Zündloch am Boden, wurde an das sogenannte Madrillbrett
geschraubt und an Thore , Mauern und Pallisaden gehängt , um sie zu sprengen . Orgelgeschütze (aus mehreren Läufen
bestehend ) und Geschwindstücke (Hinterlader ) kamen in den Eugen ’schen Heeren nur vereinzelt vor.
Ein feststehendes Artillerieexercitium gab es umso weniger, als zu dieser Waffe seltener Recruten
als geübte Männer angeworben wurden, die in ihrer »Kunst « keiner Unterweisung bedurften . Die höheren Commandanten
verfügen die Eintheilung der Geschütze im Allgemeinen. Die Regimentsstücke kommen zu zwei bis vier in das
Regiments- oder Bataillonsintervall ; die schweren Geschütze vereinigt man, um ein bestimmtes Manöver vorzubereiten
oder die Angriffsfront zu stärken , zu einer sogenannten »Batterie « von mannigfaltiger Stärke , bis zu 8o Geschützen
verschiedenen Kalibers . Diese formidable Batterie , deren Aufstellungsort von den Artillerieofficieren sorgsam gewählt
wird, ist — einmal placirt — geradezu unbeweglich und im Falle der Niederlage verloren . Die Regimentsstücke
führt man mit Bespannung in die Gefechtsfront ein ; Kanoniere bewegen sie mit Unterstützung der Infanterie mittelst
Zugleinen an den Räderspeichen und mittelst am Laffettenschwanze eingesetzter Hebebäume (Tremmel ) weiter.
Sämmtliche Geschütze, Feld - und Positionsartillerie befehligt der Artilleriecommandant , der seine Officiere entsprechend
vertheilt und der Einwirkung höherer Officiere anderer Waffen völlig entzieht ; dabei ist der Artillerist, der seine Kanonen
so viel als möglich beisammen halten will, zumeist im Widerspruche mit dem Infanterieofficier, der sie möglichst vertheilt
wünscht. Aber der Kanonier beruft sich auf seine »Kunst « und behält Recht . Eine Kunst ist es auch, all diese mannig;-
faltig-en Geschütze zweckmässig; zu bedienen . Zuerst besieht sich der Büchsenmeister Rohr , Lafette und Munition g;enau,
ob Alles zusammenpasst, dann überlegt er, wie er das Geschütz, unter Berücksichtigung von Wetter und Licht, zum
Zwecke einer guten Feuerwirkung zu behandeln habe . Seine Erfahrung , sein richtiger Instinct entscheidet noch mehr
als alle Berechnung;.
Geladen wird mit der Ladeschaufel ; an die Patrone gewöhnt man sich schwer und langsam . Der älteste
Büchsenmeister richtet das »Geschütz « ; bei grossem Caliber gebraucht er dazu den Quadranten und das Bleiloth,
sonst visirt er mit Aufsätzen oder einfach — bei geringer Elevation — über seine Daumen . Die Schusstheorie war
eben noch reich an verhängnisvollen Irrthümern , die Erleuchtung sollte später kommen. Das Abfeuern besorgt der
an der Windseite stehende Büchsenmeister, indem er die Asche von der Lunte bläst und die Ladung bei dem rück¬
wärts gehäuften Pulver entzündet . Nach dem Schuss reinigt man das Geschütz mit demWischer und entfernt alle glühenden
Reste der Ladung . Nach je zehn Schüssen wird das Stück mit nassen Tüchern abgekühlt oder das Feuer einige Zeit
ausgesetzt . Im freien Felde schiesst man auf Distanzen über 300 Schritt mit Vollkugeln, innerhalb 300 Schritt gegen
Truppen mit Kartätschen . Mit dem Schanzzeug, das die Artillerie mitführte, stellte sie sich ihre Deckungen selbst her;
sie war so geübt darin, dass sie mit Hilfe der in ihr Corps eingetheilten Mineurcompagnie und der angeworbenen
Ingepieure die Ingenieurthätigkeit des Heeres auf sich nehmen konnte.
Dass eine so vielgestaltige Truppe schwerer an eine gleichmässige Bekleidung zu gewöhnen war als andere
Waffengattungen , ist sehr begreiflich. Der Artillerie scheint auch ein einheitliches Waffenkleid vorgeschrieben worden
zu sein ; doch übte der schöne, perlgraue Rock des Fussvolks allmälig eine solche Anziehungskraft auf »die von der
Artillerie« aus, dass sie ihren alten hässlichen Rock von dunkelblauem Tuche aufgaben und sich ebenfalls in die helle
DIE ARTILLERIE. 73

Farbe der kaiserlichen Infanterie kleideten . So sieht man am Anfang des XVIII . Jahrhunderts die Kanoniere und
ihre Geschwister , Mineure , Brückenleute u. s. w., den Fussregimentern ähnlich , mit perlgrauem , am Aermel roth
ausgeschlagenem Rocke , perlgrauer Weste und Hose bekleidet , die Strümpfe sind zumeist weiss . Auf dem Kopfe trägt der
Kanonier den dreiseitig aufgestülpten , mit goldener Borte gezierten Hut , als Waffe führt er den Degen , der Büchsen - und
Stückmeister überdies das sogenannte Artilleriebesteck an einer dicken , rothen Schnur , eine Auszeichnung , die sich
bis auf den heutigen Tao ; erhalten hat ; der Vor meist er der österreichischen Artillerie trägt mit gerechtem Stolze
als althistorisches Abzeichen eine über die Brust mehrfach verschlungene rothe , mit Quasten gezierte Schnur.
Der lange Luntenstock wurde noch beibehalten , diente aber nicht mehr seinem ursprünglichen Zwecke , sondern
wurde Waffe und Distinctionszeichen . Er war jetzt das , was das Kurzgewehr oder der Sponton bei den Fusstruppen
war . Nur die Form seiner Eisenspitze war von jenem verschieden , da man hier die alte , charakteristische , gabel¬
förmige Gestalt beibehielt . Der Stückmeister , sowie sämmtliche Officiere der Artillerie trugen diesen Sponton . Die
höheren Officiere sassen im Felde zu Pferde und trugen (wie die Porträts im Lehrsaale der Büchsenmacherschule des
k. u. k . Arsenals zu Wien zeigen ) vielfach den Brustpanzer . Den Knechten der Bespannung wies -Niemand Rockfarbe
und Schnitt ; sie waren von Fall zu Fall geworbenes Volk aus dem Bauernstände ; Schiffzieher von der Donau

wurden mit Vorliebe zu diesem Dienste herangezogen . Ebensowenig als die Adjustirung des Mannes war das
äusserliche Aussehen der Kanone durch Vorschriften geregelt . Die Lafette war meist mit schwarzer Oelfarbe , manch¬
mal auch mit Theer gestrichen , der schwere Eisenbeschlag mit Minium roth gefärbt . Die Räder behielten ihre
Naturholzfarbe . Auf dem Lafettenschwanze war das mit weisser Kalkfarbe gestrichene Pulverfass angebunden;
zwischen den Lafettenwänden ruhte noch , meist bei den leichteren Geschützen , das sogenannte »Munitionstrüherl «.
Das Schleifseil war um das Kanonenrohr selbst ogewickelt *; der meterlange
o Luntenstock mit aufgebundener Lunte
stack seitlich an der Lafette.

Der Mann , welcher in den Eugen ’schen Tagen den im dreissigjährigen Kriege etwas verblichenen Glanz der
kaiserlichen Artillerie erneute und erhöhte , war Christoph Börner, der sich vom Schuhmacherlehrling bis zum General-
Feldzeugmeister emporgeschwungen hatte . Er war schon der Meister der Wiener Vertheidigungsartillerie vom Jahre 1683
und nachmals der allzeit getreue und weise Berather Eugen ’s in allen Artillerieangelegenheiten , der Zauberkünstler,
welcher trotz alles finanziellen Elends immer wieder die kaiserlichen Kanonen und Kanoniere zur Stelle zu schaffen
wusste . faif . 2Ttaj. formen glauben/ ' so rapportirte Eugen nach der Schlacht bei Luzzara , „bafs in bei' ganzen
bPelt feine fcfyönere, moblregnlirtcre Artillerie ift, als eben biefe, melcfye nermelbter non 23örner in eine fo lobnnirbige
©rbnnng gefegt l]at." Wie er, so hatte sich auch sein alter Oberstuckhauptmann Michael Miethen oder
( Muethr)
von Pike auf emporgebracht , in aller Herren Ländern seine Kunst geübt und venveitert ; er starb allerdings schon 1686,
nicht ohne jedoch seiner geliebten Kunst in dem wunderlichen Werke »Artilleriae regentior praxis « einen begeisterten
74 DIE ARTILLERIE.

Hymnus gesungen zu haben . „Dafs bte Artillerie, “ schreibt er, „311 nuferen geilen bett (Sipfel her b^ofyeit aller Kriegs^
iüiffen)d)aften erreichet unb ben Porung behauptet, bebarf feines weitläufigen Heweifj unb € rflärens . . . jriifyer liefen
bie ieute im Kampfe wie rafeitb aufeinanber, jetjt fann man ben jeinb mit betn <5efcfyüt $ fd?on non IDeitem 31m Haifon
bringen.“ „Cretten nur auf jene, “ ruft der wackere Oberstuckhauptmann drohend, „f0 fid? burcfy unterfcfyteblicfye Ceuflifcfye
3 nnentionen feft machen , unfer(Sefd^iit) 5ermalntt ifyr(Bebein int Ceibe unb füllet ihren unglücffeligen Halg wie einen
Sd^rotbeutel mit Crümmern an, bafs fie ficfy wie fyalb 3erquetfd?te (Erbenwürmer fo lange l]erumwäl3en, bis ifyre arm=
jelige Seele berausfäl]rt, unb wenn bies nid]t wäre, wie wollte ein recfytfdiajfener Solbat nor biefen Höfewicfytent
befielen formen? . . .“
Das ist das Selbstgefühl des Kanoniers , und man darf es ehren; denn der brave , solide Mann vom Stuck war
in der That ein Zauberkünstler im Heere , die ganze Wissenschaft vom Kriege nahm eine neue Physiognomie an, seit die
Männer mit dem »Stuck « ihre Rolle darin spielten, und ein wesentlicher Antheil an dem Kriegsruhm unserer Heere
gebührt den Gelehrten und den Kriegern von der Artillerie.

Waffen der Artillerie.


Die Generalität

W haben
ir die Truppen gesehen
, denen
mit Eugenius von Savoyen seine Schlachten gewann
. Einen Blick
noch schulden wir den Führern, welche — von ihres grossen Kriegsmeisters Geiste erfüllt — ihnen zum Siege voran¬
schritten. Mannigfache Wandlungen hatten sich in dem Wesen und den Titulaturen der Generalität seit dem dreissig-
jährigen Kriege ergeben . Damals, als der grosse Friedländer in der Omnipotenz eines selbst vom Kaiser nahezu unab¬
hängigen Feldherrn dem Heere gebot , gewannen die Titulaturen der Unterfeldherrn wohl an Klang und Länge, aber sie
verloren an Bedeutung gegenüber jener universellen Macht. Die Titulatur »General« ist bis zu dieser Zeit mehr ein
Prädicat . Man nennt Tilly und Wallenstein so, weil sie eine ganze Heeresmacht befehligen, ihr officieller Titel aber ist es
nicht. „EDalbftein führte ben (Eitel ^ elbbcuiptmaim/' sagt Montecuccoli, „er ift emd? r>om Kaifer ^ elboberftlieiitenaiit
ober ilnteroberftlieiltenant genannt morbett." Als Stellvertreter des kaiserlichen Kriegsherrn ist der Feldherr dessen
»Lieutenant «, daher — wenn der Kaiser der »Obriste « aller Heere ist — Obristlieutenant . Später wird er —
seiner »Pienipotenz« entsprechend — zum »Generalissimus« oder G e n e ra 11i e u te nan t des Monarchen. Erzherzog
Leopold Wilhelm wird als Obercommandant 1645 zum »kaiserlichen General und Haupt über das ganze Heer und
Kriegsexpedition zu Feld « ernannt, auch als der »kaiserlichen Armaden vorgestellter Generalhaupt « bezeichnet.
Der »Feldmarsch all «, in den alten Landsknechtheeren sozusagen der Verwalter und oberste Richter
der Armee, das Haupt der Reisigen, des hohen und niederen Adels, der für die Wahl und Sicherung des Lagers,
für die Verproviantirung und Ordnung der Truppen verantwortlich war, wird allmälig der Inhaber der zweithöchsten
Generalscharge , die sich aber keineswegs mit unserer heutigen Marschallswürde deckt. Er ist gewissermassen General
der Cavallerie, und deshalb erhalten mehrere diese Charge, welche erst allmälig gleichbedeutend mit dem
Commandanten einer grösseren, selbstständig operirenden Heeresabtheilung wird. Der Obristfeldzeugmeister
ist Chef der Artillerie ; der Ob ristquartiermeister, in der älteren Zeit der Adlatus des Feldmarschalls, befehligt
alle Ouartiermeister und vertritt den Marschall in all jenen Verrichtungen, welche sich mit denen unseres General¬
stabschefs decken. Der Oberste Wachtmeister gebot ursprünglich über alle Wachtmeister des Kriegsvolkes, das heisst
über jene bewährten, zuverlässigen Krieger, denen die Wacht und Hut bei je einem Kriegshaufen anvertraut war.
Aber diese Namen wechseln ihre Bedeutung ; man nimmt ihren Trägern den alten Wirkungskreis, von dem
sie ihre Titel haben, und überträgt diese auf einfache Chargen . Der Obrist- oder Generalfeldzeugmeister verliert
seinen rein artilleristischen Charakter und commandirt ein grösseres Truppencorps mit gemischten Waffen. Der Feld¬
marschalllieutenant ist gewissermassen Stellvertreter des Feldmarschalls, steht in der Charge unter dem P'eld-
zeugmeister und fungirt als höherer General ohne eine bestimmt ausgedrückte Commandosphäre . Der »Oberste Wacht¬
meister « wird Generalfeld Wachtmeister oder Generalmajor und ist der rangsjüngste General. Prinz Eugen von
Savoyen schon hat diese Rangstufen der Reihe nach erklommen ; sein höchstes Avancement war jenes vom
Feldmarschall zum Generallieutenant ; das bedeutete mehr als Feldmarschall, das war die höchste Würde nach
dem Kaiser.
Der Ausdruck »General « hat nun seinen vollen Klang und Rang bekommen. Alles, was bisher mit »Obrist«
bezeichnet worden war, ist nun General. Der »Oberst « oder »Obrist « — einst benannte man mit diesem echt
deutschen Namen wirklich den Heerführer — wird Chef eines Regiments. Nicht aus eigener Machtvollkommenheit,
76 DIE GENERALITÄT.

wie die alten fast souveränen Werbherren der Regimenter , darf er sich diesen Titel beilegen , er wird ja vom Kaiser
bestellt und erhält in vielen Fällen ein schon vorhandenes , nicht ein von ihm geschaffenes Regiment ; aber er bleibt
nicht auf dessen Commando beschränkt , sondern thut im Kampfe auch die Dienste unserer Feldmarschalllieutenante
und Generalmajore . Und weil er dann grössere Haufen in der Schlachtordnung commandirt , nennt man ihn und
patentirt ihn schliesslich auch als »General «, als Heerführer . In seinem eigenen Regimente bleibt er Obrist und lässt
sich, wenn er es nicht persönlich führt , durch seinen Stellvertreter oder »Lieutenant «, den Obristlieutenant , ersetzen.
Diese Praxis eben führte zu der Inhaberinstitution.
Eine bald nach Wallenstein ’s Tode erschienene Liste des »kais . Generalstabes « führt drei Feldmarschälle
mit Excelloriztitel , drei Feldzeugmeister , vier Feldmarschalllieutenante , einen Generalcommissär , sechs Generalwacht¬
meister , einen Generalquartiermeister , zwei Generalauditore , einen Oberstproviantmeister , zwei Kriegssecretäre , einen
Generaladjutanten , einen Adjutanten und drei Generalquartiermeister -Lieutenante an . In der Eugen ’schen Zeit entwickelte
sich allmälig folgende feste Rangordnung : Generallieutenant oder commandirender General (Prinz Eugen selbst
bekleidete diese Würde ), Generalfeldmarschall , General der Cavallerie , Obrist -(General -)Feldzeugmeister , Feldmarschall¬
lieutenant , Generalfeldwachtmeister (Generalmajor ). Die Functionen der einzelnen Chargen waren indess noch nicht
fest abgegrenzt . Bei. jeder Armee und Armeeabtheilung wurde eine gewisse Anzahl von Generalen der verschiedenen
Grade eingetheilt , mit möglichster Rücksicht darauf , aus welcher Waffe sie hervorgegangen waren . Die höheren Generale
(Feldmarschalllieutenants nur ausnahmsweise ) hatten in dem Kriegsrathe des Feldherrn Sitz und Stimme ; der Feld¬
herr selbst war von dem Hof kriegsrathe in Wien abhängig . Glücklich jener , welcher — wie unser Eugenius — die
Würde des Hofkriegsrathspräsidenten mit der des commandirenden Generals vereinigte und dadurch so viel hemmendem
Verdrusse entging.
In der äusseren Erscheinung des Generals vermochte man dessen Charge schwer zu erkennen . Erst
die Theresianische Zeit brachte bestimmte Normen für das Kleid des Generals . Während der ganzen Eugen ’schen
Aera beinahe herrschte in der Generalstracht der scharlachrot he , reich gestickte oder bordirte Rock vor ; der
Reichthum der Stickerei hing vom Geschmack und den Mitteln des Trägers ab . Zugleich repräsentirte der General in
seiner Kriegsrüstung noch die Ritterlichkeit des Kriegerstandes . Er prangte noch immer im Kürass ; zu Ende des
XVII . Jahrhunderts schützte er sich noch mit dem Brust - und Rückenharnisch , mit Armschienen und Achselstücken.
Dann blieb der dunkle , mit vergoldeten Beschlägen aezierte Kürass , den man meist unter dem Rocke trugf. Das
Haupt beschwerte die mächtige Allongeperücke , über welcher kokett der feine Seidendreispitz , reich bordürt und mit
Federn gebrämt , sass . Um den Hals schlang sich ein feines Spitzenhalstuch , aus den grossen Aermelaufschlägen fielen
reiche Spitzenmanchetten auf die Hand , welche sich in Lederhandschuhen mit kurzen Stulpen bargen . Zu Ende der
»Carolinischen « Zeit (gegen 1740 ) bürgerte sich der perlgraue , immer stärker gebleichte , endlich weisse Rock in der
Generalität ein, der noch heute unser Generalsgalarock , der letzte schöne Rest der historischen »weissen Aera «, ist.
Nicht selten trug der General auch die Uniform seines Regiments mit dem Generalsabzeichen , zu deren markantesten
der silberne oder goldene Stock gehörte.
Der höchste Stock im Heere war der Commandostab des Generallieutenants . Wenn ihn ein Mann wie
Eugen trug , so war er nicht blos das Sinnbild der höchsten strafenden und richtenden Gewalt , sondern auch ein
mildes Scepter , das Symbol der höchsten , weisen Fürsorge für das Heer , der Wegweiser zum sicheren Siege . Unter
diesem Stocke lebte freudig die ganze Armee ; dem Winke dieses Stabes folgte sie mit begeistertem Vertrauen , denn
wo der edle Ritter commandirte , dort galt es des kaiserlichen Heeres Ruhm und Ehre!
Maria Theresia ! Ein Name, den wir nicht nennen, ohne dass sich uns das
Herz weitet, ohne dass wir der ruhmreichen Tage , der grossen Zeiten gedenken, in deren Mittelpunkte jene edle Frau und
grosse Herrscherin gestanden ist. Ihr starker Geist, ihre energische Hand hat ein in seinen Grundfesten erschüttertes Reich
gerettet und zu altem Glanze emporgehoben ; sie hat selbst das Heer erneut und verjüngt, das verrottet und verrostet
war, als diese Frau die Kronen der Habsburger auf ihr anmuthreiches Haupt setzte, das Schwert der Väter schärfte
und den Händen weiser und tapferer Feldherrn übergab.
Schwere, düstere Wetterwolken senkten sich auf die von Habsburgs Scepter regierten Lande nieder, als der
sechste Carl, der Letzte aus Habsburgs Mannesstamme, in die Gruft seiner Väter niedergestiegen war ; eine schwache
Frau hatte er zurückgelassen als die Erbin so weiter Lande , so vieler Kronen, so vieler Sorgen. Von einer Frau
sollte dem Hause Oesterreich Heil und Rettung kommen .' ! Feinde allüberall, innen und aussen, geleerte Cassen,
beutelustige Gegner, wankendes Vertrauen und schwankende Treue , ein in seinem ganzen Gefüge zerrüttetes , morsches
Heer, dem der Glaube und die Hoffnung fehlte! Und Maria Theresia kam ; sie hauchte diesem Heere , sie hauchte ihren
Völkern die Liebe ein , und es kamen wieder der Glaube und die Hoffnung. Sie, die schwache Frau , wurde der stärkste
Mann in Habsburg ’schen Landen ; siegreich durch den Reiz und die Majestät ihrer Erscheinung, durch Anmuth und
Geist, befeuerte sie die Völker zum Widerstande gegen den von allen Seiten nahenden und drohenden Feind ; aus
lockeren, haltlosen Heerhaufen wurden stolze, gefürchtete Heere , aus den Officieren erwählte ihr scharfer Geist leuchtende
I alente, geniale Führer, und staunend sahen die glücklichsten Gegner auf den Blutfeldern Böhmens und Schlesiens das
Habsburg ’sche Heer , das sie gebrochen und kraftlos wähnten, zu Eugen’scher Grösse emporwachsen. So ist Maria Theresia
nicht nur die Beglückerin ihrer Völker, die rastlos sorgende und schaffende Mutter der Nationen geworden, die ihrem
mächtigen Regentenschutze anvertraut waren, sondern auch die Schöpferin einer verjüngten, kampfesmuthigen und kampf-
tüchtigen Armee. Wie o;ern wäre sie selbst mit blankem Deeen ihren Krieo-ern voran^ezocren und hätte ihnen den Weo-
zum Siege gewiesen! Der Frau war dies verwehrt ; aber schaffen und sorgen durfte sie für ihr Heer, und das hat sie mit
bewunderuneswürdicrer Weisheit und rastloser Arbeit orethan; an dem Lorbeer ihrer Fahnen hatte sie keinen crerinoren
Antheil mit ihrem Wirken als die treue und energische Mutter der Armee.
Wie tief war Habsburgs Heer in Europas Achtung gesunken, als der Genius des grossen Eugenius
es verlassen hatte , als die starke Hand erlahmt war, die es so lange geleitet und aufrecht erhalten hatte!

11
7§ MARIA THERESIA UND DAS HEER.

Niemand hat diesen Zustand treffender und wahrer geschildert als Maria Theresia selbst:

„Dem \755 aus Krilaf 5er polntfcfyen Königsmaid ausgebrochenen , bis (Eribe \755 gebauerten unglücklichen Kriege folgte fogleid)
ein noch uuglücflicherer mit ber Pforte ; ber erftere brachte bie UTonarchie um Iteapel unb Sijilien, ber jmeite um bie XDalad^ei, einen Thcil
bes Cemesuärer Banats , Serbien unb vornehmlich um bie jmei ©renjfeftungen0 rfor>a unb Beigrab. Die ihren ^ einben chebem fo fürchterlich
gemeften faif. Truppen, bie für bie erften in (Europa gehalten mürben, verloren bei ^ rcunb unb ,feinbcn ben größten ©bdl ihres Knfeljens,
bas mit bem ©rafeit © uibo Starhemberg unb fonberlich mit bem Prinjen ©ugeitio abgeftorben 511 fein fd}ien. ©omplel maren fie nicht
einmal 51m pälfte ; fie maren, vornehmlich bie 3 nfan lerie, niebergefchlagen , unb es mangelte burebaus an Kllem. (Ein grofer Thcil von
^Ungarn nebft bem Banat , Siebenbürgen unb Slauonien maren von ber leibigen Peft inficiret, bie ©renjen von allen Seiten offen. Bid^t
mehr als etliche\000 ©ulben maren allhier in ben Taffen, ber in* u. auslänbifche(Erebit lag faft völlig 511 Bobcn; menig (Einigfeit unter
ben Stellen fomohl als BTiniftern, bas Dolf in ber pauptffabt felbft ebenjo jaumlos als fd^mierig, unb auf bie nemli^ e Krt in benen
Säubern. Beit einem XDorte , Kllcs fab einem allgemeinen, balbigen Berfall gleich• • •"

Ein trauriges Bild, aber nur zu wahr ! Wohl hatte Kaiser Karl VI ., in väterlicher Fürsorge für die geliebte Tochter,
deren heiliges Erbe durch Verträge zu sichern geglaubt , aber was waren alle Verträge , was bedeutete die ganze Kunst der
Diplomatie , deren Werk einige entschlossene Gegner mit leichter Mühe zu zertrümmern vermochten ! Und an solchen
Gegnern fehlte es nicht . Bald war die Habsburg ’sche Monarchie einem vierfachen Anstürme preisgegeben . Schon im
Herbst 1740 berichten die Commandanten in Böhmen von verdächtigen Kriegsrüstungen in Bayern und Preussen ; der
Berliner kaiserliche Resident wird mit seinen Vorahnungen kommenden Unheils immer dringender und deutet direct aut
Schlesien als das muthmassliche Ziel eines Anschlags hin, welchen der thatkräftige König Preussens , Friedrich II ., mit
seinem kriegsgeübten und kriegsgerüsteten Heere plane . Der neue Gesandte , FML . Marchese Botta, sieht ganz
klar und weiss auch , dass ein grosser Theil des schlesischen Adels im Einverständnis mit dem König ist . Und wie
jämmerlich sah es in diesem Schlesien aus ! Die Festungen verfallen , die Ingenieure altersschwach , in ganz Schlesien nur ein
einziges kaiserliches Regiment (»Wenzel Wallis « Nr . 1 1) mit 1719 Mann , dem nach mühevollen Märschen aus Ungarn
noch drei Fussregimenter mit zusammen 2130 Mann und 8 Dragonercompagnien zuzogen . Die Verhältnisse im Fände
waren so elend , dass der neuernannte Generalcommandant FMF . Graf Browne nicht einmal im Stande war , die
Fandeshauptstadt Breslau zur Aufnahme einer Garnison landesherrlicher Truppen zu »persuadiren « !
In Glogau , der »stärksten « Festung Schlesiens , gab es nur 1178 Mann Besatzung , entweder Invaliden oder
Recrutem und — 17, niemals vor dem Feinde erprobte Kanoniere . Die Festung Glatz sollte von 150 Musketieren
und 340 Invaliden vertheidigt werden . Die Gesammtstärke der österreichischen Truppen in Schlesien , welche dem wohl¬
gerüsteten , mindestens 27 .000 Mann starken Preussenheere -Trotz bieten sollten , bezifferte sich auf 7359 Mann und
560 Pferde . So standen die Dinge in Schlesien . Und ähnlich sah es allenthalben in den dem Feinde naheliegenden
Fanden der Königin von Ungarn und Böhmen aus . Wohl verfügte die Königin auf dem Papiere über eine Armee
von 52 Infanterie -, 18 Kürassier , 14 Dragoner - und 8 Huszarenregimentern mit 157 .082 Mann und 39 . 162 Pferden;
thatsächlich aber fehlten davon 79 . 190 Mann und 9421 Pferde , und das Uebrige war über ein ungeheures Fändergebiet,
über die Niederlande und die Fombardei , Ungarn und Siebenbürgen , Toscana und Croatien -Slavonien , Böhmen und
Schlesien zersplittert . In Ungarn und Italien war man am stärksten , und dort , wo der Feind am nächsten war , dort
war man am schwächsten . Dies entsprach allerdings der alten , frommen Tradition , wonach des Erzhauses Feinde an
den türkischen und französischen Grenzen und im wälschen Süden zu suchen waren . In Böhmen standen 622, in
Siebenbürgen 12.776 , in der Fombardei 16.584 Soldaten ! An eine Gefahr im heiligen römischen Reiche hatte man
kaum gedacht , und doch musste man nun , nachdem kein Habsburger mehr zur Kaiserkürung - vorhanden war und
mächtige
o Reichsstände zur vollständigen
00 Niederdrückung der einer Frau anvertrauten Habsburgo ’schen Hausmacht bereit
waren 2, auf 0gefahrdrohende Zwischenfälle Ogefasst sein!

Die Truppen , welche vorhanden waren , bestanden grossentheils aus ungeübten oder kriegsuntüchtigen
Soldaten , mit denen der Feldherr seine Oual hatte . „KtlS allebem/ ' schrieb FM . Graf Neipperg in seiner an
Maria Theresias Gemal , Grossherzog Franz Stephan von Toscana , gerichteten Relation über die Unglücksschlacht bei
Mollwitz , „formen Cm . f. fjofy. gnäbigft beurteilen , mas 3 t ß 2Tfaj- bie Königin für eine Krmee haben unb mie menig auf
felbe rechnen, einem <Jeinb, her mie bie prcujjifcfye3 nfan *erie eine fo gute Contenance l]at, infonbeibeit ba f a ft bie
311

g a 113e 3 n f a 111e r i e aus H e c r u t e n unb fcfyledjterBTannfcfyaft non Bauern unb fonft ber*
gleidiett befielet, bie noch 311 allem Ucberflujj meiftens einige Tage benot* bie Krmee ins ^ elb gerüefet, ba3u geflogen
morben, fo bafs iljre Ungefcfyicflid }feit and ) perurfacfyet, bafs öfters bie (Benerale fomobl als Stabs *, 0 ber= unb Unter*
offteiere, and ? alte (Bemeine felbft in (Befahr ftefyeu, baburdi perloren 311 merben . .
MARIA THERESIA UND DAS HEER. 79

Als die Bayern, Sachsen und Franzosen in Oberösterreich und Böhmen eindrangen, vermochte man in dem
ersteren Erzherzogthume nur zwei schwache Dragonerregimenter und einige Invaliden, nebst 4000 rasch aufgebotenen,
im Waffengebrauche unerfahrenen Landesschützen, einer Macht von 34 Bataillonen und 67 Escadronen entgegen¬
zustellen. Im Herbst 1741 begann diese Invasion; in Linz Hess' sich der Kurfürst von Bayern als Erzherzog huldigen,
bis nach St. Pölten wichen unsere schwachen Schaaren , Wien zitterte vor dem Feinde . Und gerade da, als die Noth
am höchsten war, als die Habsburg ’sche Macht zertrümmert schien, zeigte sich Maria Theresia in ihrer vollen
Grösse und herzgewinnenden Zauberkraft . Wie sie, den kindlichen Thronerben am Arme, zu Pressburg unter ihren
ungarischen Getreuen erschien und sie mit schlichtem, aber zündendem Worte , mit der Gewalt ihres anmuthreichen
und hoheitsvollen Wesens zur Heeresfolge begeisterte , das erzählt uns die Geschichte. Und nun zogen mit den alten
kaiserlichen Regimentern, deren Reihen sich wieder ergänzten und fester schlossen, die neuaufgebotenen, kampfes¬
freudigen Soldaten der »ungarischen Insurrection «, die Kriegsvölker der ungarisch-croatischen Grenzlande und die
wild-verwegenen Panduren Trenck 's heran . Ein Mann von erleuchtetem Geist und ehernem Charakter , Ludwig-
Andreas Graf Khevenhüller, der Autor der berühmten Observationspunkte , der grosse Gesetzgeber der Armee,
sammelte und festigte die wehrhaften Schaaren zu einem Heere von 12.000 Mann und 4000 Pferden, sicherte Wien,
entriss Linz der bayrisch-französischen Macht und zog in das Bayerland selbst hinein, dessen Fürst in Frankfurt
die römisch-deutsche Kaiserwürde gewonnen hatte . Die »Oesterreicher « wurden wieder schrecklich ihren Feinden; sie
gewannen das Vertrauen in ihre eigene Kraft und diese Kraft selbst wieder. Nun wäre es dem Preussenkönig nicht
mehr möglich gewesen, binnen sechs Wochen Schlesien zu erobern, nun wusste sich das Heer der Königin von Ungarn
und Böhmen zu vertheidigen, und als sich auch wieder die alte Kaiserfahne vor den Regimentern entrollte, da wurden
alle grossen Traditionen der Vergangenheit lebendig, und in den Jahren der blutigen Kämpfe, welche Maria Theresia
für ihre vielangefochtene, gerechte Sache führen musste, verjüngte sich die Armee und entfaltete sich auf neuen Grund¬
lagen zu neuem Glanze.
In der vierzigjährigen Regierungsepoche der grossen Kaiserin hat übrigens das Heerwesen wiederholt so
bedeutende Wandlungen durchgemacht, dass wir ein einheitliches Zeitbild der theresianischen Armee nicht zu entwerfen
vermögen. Mit den Erfahrungen, Erfolgen und Misserfolgen der Heere in den einzelnen Feldzügen kamen tiefgreifende
reorganisatorische
o
Massnahmen,J OAenderungen in der Ausrüstungö und Bewaffnung, o 7
und auch die äussere Erscheinung
o

des Soldaten änderte sich mit der wechselnden Mode, mit den wechselnden Begriffen von dem Praktischen
und Schönen.
Was die theresianische Zeit dem Habsburg ’schen Heere gebracht hat, das ist in knapper Skizze, wie sie unser
Zweck fordert, kaum anzudeuten. Maria Theresia ist wahrhaftig eine mater castrorum, eine Heeresmutter , geworden,
ebenso wie sie eine wahre Landesmutter war. Sie wollte nicht nur ein grosses und starkes , sondern auch ein
gutes, von dem Geiste des Wissens und der Menschenfreundlichkeit erfülltes Heer. Treu wie ihr Banner, hüteten
die rechten Erzieher des Heeres aber auch den Geist des Heeres , und dass er nicht der Geist der alten, rauhen
Soldatesca, sondern echter, warmer Menschenfreundlichkeit, unbedingter Ehrenhaftigkeit und vorurtheilsloser Kameradschaft
war, dies erhob das theresianische Heer über manch andere zeitgenössische Armee, in welcher der Krieger nichts
anderes als der geworbene oder gepresste Söldner war, der sich weder für ein Vaterland , noch für eine rechtliche
Idee, noch für seinen Stand selbst zu begeistern vermochte . Ernst und heilig will der edle Kriegsmeister Khevenhüller
diesen Stand wissen, ausgezeichnet vor allen anderen . „Sin jeher RTettfd]," so spricht er wunderschön am Schlüsse
seiner culturgeschichtlich interessanten Erläuterung der Kriegsartikel , „bat hie Freiheit, eilten Beruf eher Stanh 511
erwählen, 100311 ihn entweber feine eigene Ciift, feiner (Eltern gnjlanh ober hie (SefchicFltd
]Feit feines Leibes mth Perftaubes,
ober wohl and] eine oorfommenhe (Belegenbeit unh Hotl] treibt, 1111b in hiefetn Staube foll er Dilles thun, ums Conbition
linb 5 U’CC
^ besfelben forbert, beim Fein RTettfd? ift für fiel) allein geboren, fonbern and] 311 anberer PTeufdum Hitzen
mtb Dieitft in bic IPelt gefegt, ja her Hatur fcbnlbig, Kttbereu mit feinem Calent mtb Permögen 311 bienen . . . Per
befte Stanh uor einen (5 ent einen aber ift her Sol baten =Staub, in welchem er — wann er fiel] rübntlid],
nüchtern, brat) unb tapfer anfführt — 311 großen IPiirben ttttb Piguitäten gelangen Fantt, wie and ] abfonberlid] bei her
Faif. Rrntee anttod] lebenbige Stempel feyttb, bafs fehr Diele Solbaten üon ^ ortnnc in RbehStanb geFomnten, (5 eiterals=
perfonen geworben, Regimenter beFotnnten unb ihre ^ antiliert in bie b)öl]e gebracht haben, attbere aber, bie nid]t fo glücfltd]
gewefen, in ihren alten «lagen bas Faiferlid]c Brob ruhig offen. Hub ettblid], ob mau fd]Ott int Krieg fiel] fel]r ejtponiret
unb bas leben 3iimeilen herreid]eu 11111(5, f° erfcheiut es bod] Flar, baff her Solbatenftaub als profeffioit ein fcl]r löblicher
Beruf fei unb bes Solbaten CCob limfo gloriofer, weil er fiel] babiireb um bie gemeine IPohlfahrt oerbieut gemacht hat !"
8o MARIA THERESIA UND DAS HEER.

In diesem Sinne will Ivhevenhüller seine Soldaten betrachtet und erzogen wissen ; aus jeder seiner Verhaltungs-
massregeln spricht wahre Menschenfreundlichkeit und ideale Standesauffassung . Streng warnt der General den Hauptmann
als den Gebieter der Compagnie , d . h . der engeren Soldatenfamilie , seine Leute „mit (Dfyrfeigeil, linD
ItC^ Clt IPorten 311 tractireil ", ein solcher Officier würde schwere Verantwortung auf sich laden und vor den
Soldaten revociren müssen , denn des Officiers Ehre erfordere es, auch ehrliche Soldaten zu haben . Bei dem Rapport
soll der Hauptmann nicht sofort , ohne Untersuchung , zum Prügeln greifen , sondern den Soldaten anhören und prüfen,
dann mit gelinden Worten und Bedrohungen begännen ; denn er müsse die Soldaten als seine Kinder
erziehen. „Die Subordination/ ' sagt er ein andermal , „ift feine Sclauerei , mie manche glauben , tna5 für ferneres
3 od) felbe fei; fie ift freilid) ein ferneres 3 °d? für bie, fo man 31t ihrer Sd }iilbigFeit treiben muff; für Diejenigen aber,
die mit Deputation und 2lmbition dienen mollen, red^tfebaffenes und braoes (Scbliit int Ceibe haben, ift es ein gebahnter
IDeg 311 großen Drancements und 311 allem (Buten." Der Regimentscommandant , der in anderem Geiste handle und
die Subordination mit »Brutalität « handhaben wolle , beweise nur seine Ignoranz im Erziehungswerke . Ein Regiment,
dessen Officiere sämmtlich schon den Arrest kennen gelernt hätten , erbringe den überzeugenden Beweis , dass der Obrist
keine Ordnung und Disciplin zu erhalten verstehe . Eisen und Bande seien nur für »Capitalsachen «, auf die Ehre zu
wirken sei der beste Weg , um Ordnungswidrigkeit und Strafe zu verhüten.
Mit klaren Worten lehrt Khevenhüller auch seinen Reiterofficieren , dass es unter guten Officieren keinen
Unterschied des Standes gebe . Der Cavalier darf sich nicht höher schätzen als der Officier , der durch
»Fortune « und Verdienst emporgekommen ist . Im Dienst gibt es keine „Prac =(£ minßU3 her Hobleffe halber ", sondern
nur einen Vorrang der Charge , und »Noblesse « oder Adel entschuldigt keine Nachlässigkeit im Dienste . Das unter-
schied das kaiserliche Officierscorps wesentlich von anderen , z. B. dem königlich französischen , in welchem ein Officiers-
patent ohne Adelsdiplom undenkbar war . Dem Adel wurden seine angestammten , wohlerworbenen Rechte nicht
geschmälert und bestritten ; dem schlichten , braven Reitersmann aber war durch seinen einfachen Namen , seine niedrige
Abkunft nicht die Aussicht benommen , sich auf kriegerischer Ruhmesbahn die Charge des Officiers , den adeligen
Titel , vielleicht gar den gebietenden Stock des Generals zu erwerben . Die Obsorge weiser Befehlshaber war eben
vor Allem darauf gerichtet , die Kameradschaft im Regiment zu wecken und zu erhalten . Zu den vornehmsten
Pflichten des Regimentscommandanten zählt diese Fürsorge . „Die (Bintrad ^t ltnb (EitiigFeit bei einem Degiment
foll ein Commanbant änfjerft bebadit fein, 311 unterhalten, " befiehlt das Reglement ; „and ? ein jeber 5 tabs = nnb bie
gefammten 0 fftciers folleit in allen fällen ba^n eifrigft beitragen, bafs feiere (Eintracht foiDoljl unter benen CDfftciers
felbft, als and ) unter bent gemeinen ZlTanit jebet^ eit erhalten, Feiuesmegs aber ^ actioiteit gelitten tuerben." Diese Eintracht
innerhalb der Regimentsfamilie , sowie das gute Einvernehmen mit anderen Regimentern , „infonberh eit mit bei*
3nf auterie ", nicht minder mit der Bevölkerung wurde dem Officierscorps und den schlichten Soldaten nachdrücklich
eingeprägt . Man geht auch gewiss nicht fehl, wenn man der , jedem Soldaten winkenden Aussicht auf Carriere und dem
Geiste der Kameradschaft den besten Einfluss auf die ganzen Verhältnisse im theresianischen Heere zuschreibt . Jener
Ausblick erhellte nicht wenig das düstere Soldatenleben jener Tage , befeuerte zu manch grosser That und behütete
Habsburgs Heer vor jenem Geiste der dumpfen Resignation , des eingeprügelten Gehorsams und der stillfortgrollenden
Wuth , welche dem Heere der französischen Könige in der fürchterlichen Stunde der Entscheidung die Widerstands¬
kraft geraubt , es zur leichten Beute der revolutionären Idee gemacht hat.
Das Avancement vom Unterofficier zum Lieutenant war in der kaiserlichen Armee gar nicht ungewöhnlich;
allerdings sass so ein Lieutenant , wenn er mit seinem Säbel nicht besonders scharf an den Feind kam , so lange in
seiner Charge , dass er grau und invalid wurde und altersschwach in die Pension hinüberritt . Bei der Frühlino -s-
musterung der in Ungarn und Siebenbürgen liegenden Huszärenregimenter vom Jahre 1754 fand sich im Desöffy sehen
Regiment ein Lieutenant , Namens Holkovich , der wohlgezählte 71 Jahre alt war , 51 Jahre diente und wegen
seiner »Mühseligkeit « sehr pensionsbedürftig erschien . Ein anderer Lieutenant , Namens Vrana, hatte volle 21 Jahre
gedient und vor dem Feinde bei Banjaluka das rechte Auge verloren ; er litt wegen eines über Achsel und Stirn
erhaltenen Hiebes an steten Schmerzen und war in Folge dessen gänzlich undienstbar . Trotzdem hatte man den
guten Mann jahrelang in Stand und Verpflegung geführt . Der Kriegerstand bedeutete eben auch einen Lebensberuf,
und der Mann , der sich demselben geweiht hatte oder dazu gerathen war , diente zumeist so lange , als ihn seine
Beine trugen und er den Säbel führen konnte.
Selbst bei der Bekleidung der Mannschaft lässt man den Sinn für Menschenfreundlichkeit durchaus nicht
fallen . Und wieder ist es Khevenhüller , der in dieser Fürsorge Allen mit leuchtendem Beispiele vorangeht . Eifrig wacht
MARIA THERESIA UND DAS HEER. 81

er darüber , dass stets auf die Gesundheit auch des schlichten Soldaten Bedacht genommen werde. „Da 3lllltClIctt bic
Faif. Fönigl. (Truppen halb ein anderes Clima in differenten Ländern gemöbncn muffen und meifteus die Kecronten als
tt>ie die fliegen oor UTattigfeit crepiren, bcßtoegeit man abfonbcrlid? and) folle 21d?t haben, baß die Cente oor Hieder=
gang der Sonnen ihre CantifÖler anlegen und diefelbetx mobl jttmac^en, denn der 21 bend=£ufft in meiften Ländern
Diel Salitcr mit [id? führet, iDcId?cr fid? in die Poren bineindringet und die Dyffenterie unfehlbar promomrct, gleidnnie
nid?t allein (Bemeiiie, fondern and? 0fficiers , fo fid? des Had ?ts nid?t maringehalten, in U)elfd?lcmb lind Ungarn erfahren
und genugfam ins (5 ras beißen muffen." Auch in diesen Worten prägt sich ein edler, menschenfreundlicher
Sinn aus ; und nur der General war der Freund, der würdige Krieger der Kaiserin, der in jenem Sinne zu
walten verstand.
Nach Ivhevenhüller war es Leopold Joseph Maria Graf von Daun, der als Oberpräsident des Hofkriegs¬
raths, als Organisator und höchster Lehrmeister im Frieden und als weise wägender, siegreicher Feldherr im Kriege
wirkte. Schon nach dem Aachener Frieden (1748) wandte sich das emsige Streben Dauns als Hofkriegsrath und
Präses des »judicii delegati militaris« dahin, die Armee theoretisch und praktisch zu schulen. Unter seiner Aufsicht
entstand 1749 ein dem preussischen nachgeahmtes neues Reglement, und Officiere aller Regimenter erhielten in Wien
praktische Anleitung in der Ausführung desselben. Wenzel Fürst Liechtenstein erhob die Artillerie zu ungeahnter,
dem Feinde furchtbarer Vortrefflichkeit; grosse Truppenconcentrirungen in Uebungslagern, denen die Kaiserin selbst
wiederholt beiwohnte, gaben Führern und Truppen die gleich erwünschte Gelegenheit, die praktische Taktik im Grossen
zu üben, was nur zu lange versäumt worden war. Die Errichtung der Ingenieur-Akademie in Wien und der adeligen
Cadettenanstalt (später Akademie) zu Wiener-Neustadt legte den Grund zu einer ebenso vornehmen als wissen¬
schaftlichen Erziehung des Officierscorps, da aus jenen Anstalten die hervorragendsten Führer erwuchsen. Daun
selbst hatte als Oberdirector der mit dem Namen der grossen Kaiserin unlöslich verknüpften Schule zu Neustadt
einen denkwürdigen Antheil an dieser geistigen Erhebung der Armee . Als Sieger von Kolin erntete er die Früchte
seiner grossen »Schulmeisterei« und vollendete die moralische Erhebung des Heeres . Die Kaiserin aber gab ihren
Kriegern durch die Stiftung des ritterlichen Ordens der Tapferkeit , der ihren erlauchten Namen trägt , einen Ansporn
zu den herrlichsten Thaten . Der Orden Maria Theresias winkte leuchtend dem Officier; er bildete das ideale Ziel
kriegerischer Aufopferung, übermenschlicher Thaten zur Ehre und zum Ruhme des Vaterlandes . Die Stiftung von
Invalidenhäusern milderte das Schicksal derer, welche im harten Dienste des Krieges ihre Gesundheit und Kraft
verloren hatten ; die Versorgung der Officierswaisen in den Akademien und dem Erziehungshause für Officierstöchter
gab dem sterbenden Helden den letzten Trost ; sie milderte ihm den Schmerz der Todeswunde. Dies waren die
wesentlichsten Thaten der grossen Kaiserin für ihr treues Heer, das zu ihr mit wahrer Kindesliebe emporblickte und
freudig Blut und Leben für sie einsetzte.
Bei der Betrachtung der theresianischen Aera unterscheiden wir zwei Hauptperioden . Die erste derselben
erstrecken wir von dem Regierungsantritte der unsterblichen Herrscherin bis zum Jahre 1765, welches durch bedeutsame
Verordnungen und Reformen auf dem Gebiete der Armeeuniformirung bezeichnet ist. Die zweite Epoche beginnt mit der
nach dem Tode Kaiser Franz I. (18. September 1765) eintretenden Mitregentschaft des römischen Kaisers Joseph II. in
den österreichischen Erblanden . Damit greift die Theresianische Zeit schon in die Josephinische hinüber , und
bedeutsam wurde auf den weiten Gebieten des Kriegswesens die Einwirkung dieses Monarchen, welcher der kaiserlichen
Armee sein ganzes, warmes Herz entgegentrug . Epochemachend ist die theresianische wie die josephinische Zeit für
die österreichische A r me eadjustiru 11g überhaupt geworden, nicht nur für deren Formen und Farben , sondern auch
für die Bedeutung des militärischen Kleides an und für sich. Es ist ja merkwürdig genug, dass noch in
dem ersten Decennium der Theresianischen Regierung, also lange nach den unseren Lesern bekannten klaren und
deutlichen Befehlen aus der Eugen’schen Zeit, den Offi eieren das Tragen ihrer Uniform eingeschärft werden musste.
So steht es noch in den anno 1747 erschienenen Observationspunkten des Generalfeldwachtmeisters Josef Graf
Esterhazy *) wörtlich zu lesen : „Die h?erren 0 fficiers Jollen allzeit bei HiisnicFung in parabe ober 21 Tarfd?, auf
2Pad?ten unb (Eommanbes mit ihren HegimenteTlniformes , melcfye allezeit anfgejcblagen fcyitb, wie and? mit ihren [anher
accomobirteit fjaarcu erfd?einen. € s glauben 511x11
* ctmeld?e, bafs fic nid?t fd?ulbig feien, ihnen öergleid?cn Uniforme

*) Regulament und u n u m än d e r 1i c h - ge bräu c h 1i c h e O b ser vat io ns •Pu n c t e n , sowohl in Militar -Ceremoniel als Oeconomicis , durch
Hrn . Joseph des hl. Rom . Reichs Grafen Esterhazy de Galantha , Gen .-Feld -Wachtm . und wirkl . übiisten und Inhaber eines Ungar . Rgts . zu Fuss
Verfasset , zusammengesetzt und in Druck herausgegeben , deren man sich bey seinem Regt , sowohl im Feld , Guarnison , Stand -Quartieren und in allen sich
ereignenden Vorfallenheiten zu gebrauchen und genauest nachzukommen hat . In dem Feldlager bey der Giänitz -Vestung Gavi , im Jahre 1747.
82 MARIA THERESIA UND DAS HEER.

machen 511 laffeu, metlen es tßr (Selb foftet, als meitu es mir aus Complaifartce gegen ben Pjernt 0brifteu gefdjäfye,
meines aber tticfyt alfo ift, ittbem ^bxo fatf . fgl. Ulajeftät unb ein fyocfylöbl
. bjoffnegsratl ? btefe propertät approbiret unb
für gut befunben, bafs bie b) erren 0fficiers eine gleiche Uniforme fyaben ."
Und ähnliches gebietet Khevenhüller in seinen neuen Observationspunkten (1748 ) den Officieren der
Kürassiere und Dragoner , mit noch einigen interessanten Andeutuno -en über das Tragen der Feldbinde , welche als
Dienstesabzeichen immer mehr Geltung wwonnen hatte . Er befiehlt ebenfalls das Tragen der Reofimentsuniform
„bei 2Iusritcfnng tu parabe ober auf IPad ^ten unb Commaubo ", und erinnert daran , dass der Hofkriegsrath für gut
befunden habe , „bie fd ^marß unb g01bene € scatpe 11 bas
f . ^ e^ eid^en 311 tragen ; bettn Dilles, mas
vox f.

r»on einer bofyeu(Beneralität eingefül^ret unb approbiret ift, bleibt fiinftig als ein (5 e fe ß ; unb follert bie Herren 0 ber=
offtciers, mann fte in ^ unctiou ftnb, bie (Escarpeu non ber rechten Ucßfel gegen ben Degen tragen *) ; anbei*
Dienft formen fie folcfye in bie 2TTitte nehmen".
So tief wurzelte noch immer die Abneigung gegen das gemeinsame Waffenkleid im Officierscorps , und an
einen gewissen inneren , stichhaltigen Grund für diese Antipathie lässt sich immerhin glauben , wenn man weiss , dass
die Militäruniform bis zum Jahre 1751 vom Hofe nahezu ausgeschlossen war und daher auch ihrem Träger
nicht ein auszeichnendes Ehrenkleid , vielmehr ein aufgezwungenes Diensteskleid war , dessen man sich, wenn man
es überhaupt anlegte , so rasch als möglich wieder entledigte . Die Wiener Hoftradition hielt daran fest , dass man
in dem rauhen Kriegerkleide nicht vor dem Monarchen und in den Salons der Kaiserburg erscheinen durfte , ohne als
ungeleckter Bär zu gelten . Auch der kaiserliche Officier legte , wenn er zu Hofe kam , spanische Hoftracht an —
war es doch erst Kaiser Joseph II ., welcher als Herrscher die Armee vor allem anderen dadurch aus¬
zeichnete , dass er selbst ihr Ehrenkleid bei feierlichen Gelegenheiten , ja auch alltäglich —- von seinen Incognitoreisen
abgesehen — trug . Die Monarchen vor ihm prangten in der reichen altspanischen Tracht , selten in dem Kleide des
Kriegers . Die erste reformatorische That in dieser Hinsicht ofinsf aber von Maria Theresia aus . In einer am
15. Jänner 1751 zu Wien abgehaltenen Hofkriegsrathsconferenz , welche hauptsächlich einer genauen Adjustirungs-
vorschrift für die Generalität galt , kam — über directen Wunsch der Kaiserin — die Hoffähigkeit des
Officierskleides zum endlichen klaren Ausdruck . Die Kaiserin hatte dem Hofkriesfsrath ihre Absicht zu erkennen
gegeben , „aus befonberer 21 cßtung unb (Buabe oor bas 2HtIitare , betten tu mirfließen fayf . fgl . Dienften fteßenben
0 fftciers ben (£in= unb Zutritt in Dero UntbCamera gnäbigft 311 geftatten". Gleichzeitig hatte sie jedoch auch Bericht
über die Frage verlangt , wie es zu verhüten sei, dass „öftermalen Centime
, beiten eittmeber bie Ctagung bes Uittforms
nid?t gebühret, ober melcße ficb r>or 0fftciers von frembett potert3en ausgeben, bei Uofe ein3iitreten fiel] erfiißneten".
Diesen Aventuriers müsse der Gebrauch der Ehrentracht eino ;estellt und der Zutritt zu Hofe abereschnitten
werden . Selbstverständlich seien darunter nicht wohlverdiente alte Officiere zu verstehen , denen entweder eine von
der activen etwas verschiedene Uniform vorzuschreiben oder der Gebrauch ihrer letzten Reofimentsuniform zu gestatten
wäre . Die Resolution der Kaiserin über die damals sehr brennende Frage des Uniformtragens bei Hofe lautet:

„Um bes guten unb 3111 * größten Confolation bes gattßen ZTTilitars von ber Ifayferiit ift Crlaubniß gegeben,
baß bie 0 fficiere mit ißren Uniformes fön neu bei fi) ofc eufeßeinen, um it^re guten 3 ntenten3ii erhalten ; man
muß aber alle Ubufus , melcße bies uerurfaeßen fönnte, aufßeben. Um biefes meg3ubringen, glaube, baß man biefe
Diftinction, naeßer f}off in Uniform 311 gelten, allein für 0 fftciers machen follte, melcße in unferent Dienft fteßen unb es
nießt fömeit erftreden laffeu bis auff bie uoit anberen ZTIäcßten , mekße folleit, mie uorbin gebräucßlicß, mann fie
Caoaliers fein, fieß bureß ben allhier von ihrem fi)off fteßenben ZTTiniftres an ben 0brift =€ amerßerrn unb r>ou felbert an
uns präfentireu laffeu; bei bjojf aber follen fte in Ci vx F Kleibern erfeßeinen ."
Dankbar wird die Armee auch dieser Errungenschaft aus Theresianischer Zeit gedenken ; sie ist nicht neben¬
sächlich , hat sie doch dazu beigetragen , dem Stande des Kriegers und der Charge des Officiers ihren Ehrenplatz am
Hofe bei der Majestät zu sichern , deren Namen und Wappen die Soldaten führten , deren heilige Sache sie mit Be¬
geisterung verfochten.
Massgebend ist für alle Montirungsmassnahmen der Theresianischen Zeit die Rücksicht auf das Praktische
und Einfache. Sie entsprach ja dem ganzen Regierungsmaxime der erhabenen Frau , welche ihr echt hausmütter-

*) Diese Vorschrift scheint aber niemals befolgt worden zu sein , da alle Abbildungen aus jener Zeit den Officier mit der Feldbinde um die
Mitte gegürtet zeigen.
MARIA THERESIA UND DAS HEER. 83

liches Wesen auch auf dem Throne nicht verleugnete und in den schweren Zeiten ihrer Regierung den Werth eines
gesunden Sparsinns in dem Staatshaushalte sehr deutlich erkennen lernte . Nach ihrem Wunsch und Willen sollte
in der Armee nicht jene verhängnissvolle Knauserei in Heeresangelegenheiten herrschen , deren verderbliche
Folgen sie selbst bei ihrem Regierungsantritte am schmerzlichsten erfahren hatte ; sie wollte aber auch jeden
Luxus , jeden überflüssigen und kostspieligen Prunk vermieden sehen , den sich — sehr im Gegensätze zu dem
ärmlichen Leben des gemeinen Soldaten — mancher Officier in seiner Kleidung und seinem ganzen Auftreten
gestattete . In einem im Kriegsarchiv bewahrten hochinteressanten Schriftstücke , welches den Titel „ilnüorgreiflicfye
(BebaitFen wegen ber UTilitär-CDefonomie
“ führt und wahrscheinlich Ende 1740 niedergeschrieben sein dürfte, heisst
es sehr richtig:

„3ft bei benen Regimentern faft bic frequentift unb größte Rusgaab , meiere inegeit bei* RTontur gefd?icl?ef; biefe erfc^öpfct
nicht allein bic Regimentscaffen, fonbern cntjicljet öfters aud} beut Solbatcn bic tägliche Subfiftenj unb fettet bie Regimenter in Schaben unb
Sdiulben. Dian pcrlangct bem Solbateu nichts non feiner Hinlänglichen SicibcsbcbccFung unb Riiftung 311 benehmen, fonbern cs ift befannt,
bafs foldre bcmfelbcu, ba er oft Cag unb Hacht ber rauhen ITittcrung eypouiret, uucutbchrlid] fei; bie Rusftellung betrifft nur bie übcr=
mäßige Koftbarfeit , ir>eld?e au fid? pcrgeblich unb alsbaitu fträflid) ift, manu baburd? anberc Hothmenbigfeiteu ausgehen. Denn gewiß
ift, baß berjeuige Solbat , melcher jmar nur mittelmäßige ober gefliefte RTontur hat , babey aber gutes RTuths unb non gefunbeu Sieibesfräftcu ift,
beffer fechte als jener, ber mit fchöncr RTonlur perfeheu ift, fonft aber nichts 511 leben hat- bem (5 emehr h^n9 c9 c11 fiub feilte
Xlufofteu 511 fparett , um es pon recht guter (Eigcnfchafl 511 überfommen ober 311 erhalten. . .

Danach hielt man sich , und thatsächlich erscheinen die kaiserlichen Regimenter schon in der Theresianischen
Zeit weit unscheinbarer und ärmlicher in der äusseren Erscheinung als jedes andere Heer . Im Jahre 1748 erliess die
Kaiserin aus Anlass der nach dem Abschluss des zweiten schlesischen Krieges eingetretenen »Neueinrichtungen in
ihrem Militärstaat « den strengen Befehl , „ba § eine (5 leid ? 1}eit ber MTontnr beobachtet unb babey alle olptebem
311 nichts bietienbe prad ?t lpnweggela((en werben (olle“. Die Officiere haben in Dienst und Commando stets
die gleiche Regimentsmontur zu tragen , Verzierungen mit Gold oder Silber zu vermeiden . Die »Escarpen « (Feld¬
binden ) sollten bei Stabsofficieren den Einheitspreis von 40 fl., bei Hauptleuten und Rittmeistern von 20 fl., bei
Lieutenants und Cornets von 15 fl. haben . Die Wahl der Farbe der Uniformen blieb nur bei den Huszaren dem
Inhaber überlassen.

Und wiederholt wirken kaiserliche Verordnungen der so schwer auszurottenden Prachtliebe einzelner Inhaber,
aber auch der einzelnen Officiere entgegen . Das Tragen »gestickter oder gebramter « Röcke wird 1751 streng
verboten ; sogar die S tab so ffi c i e r e sollen den Rock selbst »völlig glatt « und nur die Westen mit Gold - oder
Silberborten (je nach der Farbe der Regimentsknöpfe ) gestickt haben — die Breite dieser Borten bestimmt der
Inhaber ; sie war für die einzelnen Chargen gleich . Titular - (d . h . nichtangestellte ) Stabsofficiere hatten ganz weis $e
Röcke mit vergoldeten Knöpfen , bei der Infanterie mit der Bavaroise , bei der Cavallerie ohne diese zu tragen ; der
Rock musste roth gefüttert , die Weste weiss und mit einer goldenen Borte »gebramt « sein . Für jede Waffengattung
gab es dann noch besondere stricte Vorschriften , welche mit ebenso vielen , flott darauf los wuchernden Vorschrifts¬
widrigkeiten zu kämpfen hatten . Sehr eingehend beschäftigten sich die Visitatoren bei den Musterungen auch mit
dem kritischen Capitel der Frisur. Gerade in diesem Punkte wurde ja von einzelnen Inhabern oder Regiments-
Commandanten das Unmöglichste an uniformirender Pedanterie und von den einzelnen Individuen ebenso Unmögliches
in puncto Geckerei geleistet . Zur Normalfrisur wurde immer mehr das wohlgekämmte und gepuderte Haar , das in
einen zierlich gedrehten und gebundenen Zopf auslief . Aber noch zu Anfang der 50er Jahre war das Pudern keines¬
wegs Gebot . „Die bjaare (ollen 5war jebesmalen wol geFcimmet , Fettteswegs aber mit papier aiifgcFraufct ober einge=
bubcrt fein, tnelweniger bie 23 artc ge(d?wät’3ßt werben“, sagt das Cavalleriereglement vom Jahre 1751. Dies hinderte
nicht , dass mancher Inhaber , um seinem Regiment einen besonders martialischen und einheitlichen Charakter zu geben,
zu den sonderbarsten Mitteln griff , von denen dann die Visitatoren bei den Musterungen schaudernd erfuhren . So
brachte der Bericht über die Frühlingsmusterung der in der Lombardei dislocirten Regimenter 1754 den drastischen
Fall zur Anzeige , dass der Oberst des Regiments Giulay , Graf Kälnoky , die Mannschaft zur Anschaffung
falscher Bärte auf eigene Kosten , respective gegen Abzug von der Löhnung , unter Androhu ng v o n
50 Stockprügel, gezwungen habe . Das Kriegscommissariat beantragte bei der Kaiserin , dem Oberst diesen
Uebergriff ernstlich zu verweisen und ihm „etitjubinben , bafs felber binfübro berley gegen (£ w . F. F. UTaj . a . b.
JDiÜensmeinung gemachte gumutlpmgen , wobnrd? ber gemeine MTantt an bef(en bebürjftigem Unterhalt oerFiu^et wirb,
84 MARIA THERESIA UND DAS HEER.

unterlaßen unb mit benen 33eftrajfnngen banptjädffid? wegen geringer lirfadien gelinber fürgeben möge". Kaiserin
Maiia Theresia war mit dieser sanften Ermahnung durchaus nicht einverstanden , sondern schrieb mit ihrer enero-i-
schen Handschrift in margine des betreffenden hofkriegsräthlichen Vortrags folgende scharte Worte nieder’

„Die Bebrobnng von 50 StocEStreicfy nerbienen nod? eine größere Zlfynbung


, inbeme fo oft befohlen, bafs
jelbe (bie Stocfjkeidje) aufgehoben ober in febr geringer gegeben werben. Das 2TTilitare fyat 3war alle 2Iugew
blid bab lüort Suborbination im ZTTunbe , aber halt fd) led ?t bie Derorbnnngen bes b }ofs , was wettia
511 gefjorfatnen (heisst
)" (Kriegsarchiv).

Wii weiden im Verlaufe unserer Darstellung noch eine beträchtliche Anzahl solcher Adjustirungs - und
Mode-Episoden zu erwähnen haben . Die Armee wechselte ja im Laufe der Theresianisch -josephinischen Aera oft
ihie Physiognomie, und so oft sie einen Wechsel erfuhr, trieb auch der Kobold der VorschriftsWidrigkeit lustig
sein Wesen.
II.

Das Heer in der ersten Regierungsperiode Maria Theresia ’s.

In den ersten Jahren der Regierung Maria Theresia ’s, einer Zeit voll Drangsal und Gefahr , traten die
Truppen Oesterreichs zunächst unter einer neuen , ungewohnten Bezeichnung auf den Plan . Sie hatten den historischen,
im Volke und Heere tiefeingewurzelten Namen der »kaiserlichen« Soldaten verloren , da die römische Kaiser¬
würde von dem im Mannesstamme erloschenen Hause Habsburg genommen war ; sie sind »die Truppen Ihr . Maj.
der Königin von Ungarn und Böhmen« und mussten sich allmälig sogar entschliessen , die historischen kaiser-
liehen Feldzeichen abzulegen . Das geschah natürlich nicht sofort , als Kaiser Karl VI . die Augen geschlossen hatte
und die Habsburg ’schen Soldaten keinen kaiserlichen Kriegsherrn , sondern eine königliche Kriegsherrin hatten . Noch
eine geraume Zeit zierte der alte Kaiseraar die Fahnen und Estandarten der Regimenter , und Niemand konnte sich
das alte Attribut »kaiserlich « so recht abgewöhnen . Selbst die Gegner vermochten es nicht ; in jedem Falle aber
blieb man zur Vereinfachung der Bezeichnung bei dem Worte »österreichisch« statt des nicht ganz zutreffenden
officiellen Titels »kgl . ungarisch -böhmisch «, waren ja doch die eigentlichen österreichischen Erblande in jenem könig¬
lichen Titel gar nicht angedeutet . »Haus Oesterreich« war ja aufrecht geblieben , und im Volksmunde waren
die im Felde stehenden Truppen der Königin von Ungarn und Böhmen einfach »Oesterreicher «. Der Hofkriegsrath
umging die staatsrechtlich schwierige Titelfrage , indem er sich die Bezeichnung „IPcilanö Kömifd ] faiferlicfyer 2TTcijeftät
l]intcrlaffener f}offriegsratl]" beilegte, erliess aber als solcher am 18. October 1743 einen denkwürdigen Erlass an
die commandirenden Generale , in welchem gemäss der Neuordnung der politischen Verhältnisse die Frage der Feld¬
zeichen und der Eidesformel geregelt wurde . Schon prangte ja der alte Kaiseradler auf den blauweissen Bannern
Karl VII ., des zum römischen Kaiser gekrönten bayrischen Kurfürsten , und wenn auch die Heere Oesterreichs auf
dem besten Wege waren , ihm diese Würde zu verleiden und sie für den Ehegemal ihrer geliebten Herrscherin zu
erkämpfen , so waren sie doch thatsächlich keine »kaiserlichen « Soldaten mehr . Der Eid wurde nunmehr „her alld *=
öiird]laud]tigften, grofjirtäd]tigften ^ ürftin litth grauen HIaria C l] cr c f t a, 311 kjimgani uith TSöbeimb Königin, Crp
l]er3ogirt 311© efterreid] als rechtmäßigen CErbiit tneil. 3 fy ro Kayf . 2TTaj. Carl hes fedjften glorurilröigfter (Bchädjtmifj
Crbfönigreid ] unb Lauben, nuferer allergnäbigften grauen , nad] foldjcr and? allerböd^ft berofelben burd]Iaud]tigften
fjerrn CI] ege mal] I flogen 311 Lothringen nnb (Sroßl]er3ogcn 311 Cos ca na fgl. Roheit als KTitregenten
aller 3 ^? rer gefatnbten Crbfönigreid]en nnb Laube" geleistet. Der Erlass, welcher der königlichen Entschliessung gemäss
diesen Eid und die allmälige Ersetzung der alten Fahnen durch neue anordnet , hat folgenden Wortlaut:

„Cs haben jb re dTay^ . allergnäbigft refolniert unb anbefofylen , bas bev Dero fambentlicf ?en Croupen bie ^ elbjeidjcit
fünf tig hin unb für beffättbig grün c, mithin aud? bie Sd?ärpfen bei* Dfficiers Cr aasgrün mit golb ober Silber ober aber mit gelb
ober meifer feiber>ermifd?fer, nadjbent ber Carafter ber Dfficiers entmeber feiben, filber ober golb geffatfef , follen geführt, inglcidien bie
fambentlid ?e ^ alpien unb Cftanbarten bey ber 3 nfa, derie unb Canallerie foiuofyl regulirter, alf aller aitberer DTilij, ausgenommen bie
Leib Jahnen unb Leib- Cff anbarten (fo imuenbig gattj ineif unb bey b. 3nfmiterie mit bem 2ITutter =Cottes=3ilb auf beeben Seitl?cu,
bey b. Caoalerie aber mit bem DTuftcr(Bottes 23ilb auf beeben ober and? nur auf einer feilte bejeidinef feyn mü|)en) non gebauter graas=
grüner tfarb u. bie einfaffung ber fambtlidpn tfaf?nen bey ber 3 nfan lerie mit grünn, toeifi unb rotl?en flammen, nad? bem anDerwal?rten
abrif , bey ber Canallerie hingegen5tüar ebenfalls non gleid? befagter grüner ^ arbc, jebod? nad? bem roeifhers anliegenbcn abrij) auf einer
feit£?c, bann auf ber anberten im grunb ebenmäßig grünen feitl?c entmeber gleid? b. porigen mit bem Koni gl. IDappcit ober mit einem

12
86 DAS HEER IN DER ERSTEN REGIERUNGSPERIODE MARIA THERESIA ’S.

Denis nerfehett feyn, enblich famberttlic


^c Regimenter uttb attbere Croupen jene ^ ahnett unb Cffattbarfeit, tnclche ftc bereites fyaben, 5tnar
wie ftc feynb, aitnoch fortfü^ren, ^erentgegen, wo fte ftcfy neue anfdjaffeit, foldp auf obbemelte weif? erjeugett, anfdjlagcn unb führen
laffen follett."
Thatsächlich aber sind die grünen Fahnen und Standarten Raritäten ; sie scheinen niemals allgemein eingeführt
worden zu sein . Kaum zwei Jahre nach jenem »königlichen « Befehle , am 4. October 1745 , wurde ja , zur Herzens¬
freude Maria Theresias und in der einflussreichen Nähe siegreicher österreichischer Truppen , zu Frankfurt a. M.
die Kaiserkrone auf das Haupt des geliebten Ehegemals der habsburgischen Herrscherin gesetzt . Franz Stephan,
Herzog von Lothringen und Grossherzog von Toscana , war als Franz I . römischer Kaiser geworden . Nun flog; rasch
der Doppeladler wieder auf die österreichischen Banner , stolz flog er zu seinem alten , heiligen Horste und zur Sonne
des Ruhmes empor . Nun waren die Fahnen , Standarten und Regimenter wieder »kaiserlich «, man sprach wieder von
dem kaiserlichen Heere und den kaiserlichen Truppen , und den alten Ruhm gewannen sie in stetiger , zielbewusster
Friedensarbeit , in heldenmüthigen Kämpfen dem alten Banner zurück . Auf dem Banner prägte sich eben am deutlichsten

Fahne und Standarte 1743.

jene Einheit des Heeres aus , deren Festigung das rechte und immerwährende Ziel der Palladine Maria Theresias
und der Grossen Kaiserin selbst war ; auf den Bannern der Regimenter , Bataillone und Escadronen finden wir in
merkwürdiger
OZO , sinniger AnordnungOO die Einigkeit und doch zugleich
O auch die Vielgestaltigkeit
Oö der Habsburgö ’schen
Heere ausgedrückt.
Die 16 Standarten , welche sich im Dragoner - Regiment des Grafen Khevenhüller befanden,
werden von dem Inhaber in seinen »Observationspunkten « folgendermassen beschrieben:
„Ruf allen Staubarten haben bie Spitzen ober Crönbl ben faif. Rblcr auf einer Seite, auf ber anberen beit heil. Patron jenes
Staubes, beffett XPappen ftatt ber Berufe auf ben Stau,barten geftieft ift. Ruf bem Knopf ber Spit>e fteht bes 3 1ifyaKrs =IDappen, auf ber
anbereu Seiten bes 3 nhaKrs =Kame mit ber 3 aG'ß53al?l (726 (Übernahme ber 3 nfyafr ßr ffl?a ffi- Unter biefem Knopf flehen bie Kamen
ber fjauptleute mit ber 3 a l? rc53aH/ mie fie uacheinartber djaugirt (bas Commanbo übernommen), bie £eib=Stanbarte (Staubarte ber £eib*
Compagnie) jeigt auf ber Spitje bie Rlutter (Bottes, auf ber Staubarte biefelbe geftieft, auf ber anberen Seite (wie alle Stanbarteu) ben
faiferlidien Rbler. Kon beit anberen Stanbarteu trägt bie 2. bas habsburgifche IDappeit, auf ber Spit>e beit Ifl- RTanharb, bie 5. bas ober*
uttb ttieberöfierr
. IDappeit unb als Patron St. Ceopolb, bie 4. bas mailättbifche unb bett ffi* Carl Borromäus (Patron ber Sontbarbei), bie
5. bas ucapolitauifdje unb St . 3 al tuaritts , bie 6. bas hungarifdje uttb bett ffi. Cabislaus , bie 7. bas fiebenbiirgifdywalachifchcunb St . Rbalbert,
bie 8. bas frainifche unb St. Rdjaj , bie 9. bas mährifdje uttb fd^lcfifche unb bie hl- f)ebwig (Patronin r»on Sdflefien), bie (0. bas IDappeit
uoit Steyermarf unb Kärnten unb ben hh 3 acoF bk \ \ . Siciliett unb St. Rofalia, bie (2. Böhmens IDappeit uttb ben Ifl- IDenjel,
bie \o. Slauoniett unb Serbien uttb beit bl- Cntcrid}, bie (4. Tyröl uttb St. Cafftatt, bie (5. bas IDappeit RTatttuas unb beffeit Patron
St. Souginus, bie \ 6. bas IDappeit ber (öfterr.) Kieberlaubc unb bereu Patron St. Cgybius."

*
DAS HEER IN DER ERSTEN REGIERUNGSPERIODE MARIA THERESIA ’S. 87

Wenn wir nun die Truppen in jener Gestalt , welche sie in dem ersten Theresianischen Decennium , unter
dem königlichen und kaiserlichen Banner zeigten , an uns vorüberziehen lassen , so müssen wir noch einmal der
Reiterei den Vortritt zuerkennen . Sie war es, welche noch in dem ersten schlesischen Kriege am meisten von dem
guten Eugen 'schen Geiste bewahrt hatte . Für sie war ja der Unglückstag von Mollwitz 10( . April 1741 ) ein
Ehrentag , und wenig fehlte , dass ihre brillanten Attaquen den grossen Preussenkönig selbst in die Gewalt der
Theresianischen Armee gebracht hätten . Man erinnere sich nur des gewaltigen Ansturms , welchen General Römer
mit seinen 4500 österreichischen Reitern in der zweiten Mittagsstunde auf den preussischen rechten Flügel wagte . Kaum
konnten die preussischen Regimentsgeschütze in die Zwischenräume der Bataillone gerettet werden ; in der Carriere , mit
stürmischem Rufe und Pistolenschüssen , stürzten die österreichischen Regimenter auf die preussische Cavallerie Schulen-
burg ’s, warfen sie über den Haufen , ritten um das eherne Grenadierbataillon Boistern herum geradewegs auf den
König los, der beim Grenadierbataillon Winterfeld hielt und an der Spitze einiger Carabinier -Schwadronen dem
furchtbaren Anprall Trotz zu bieten suchte . Umsonst ! Seine Schwadronen wurden im wüsten Durcheinander zurück¬
geworfen und wälzten sich, der König mitten unter den fliehenden Reitern , längs der ganzen Front seiner verdutzten
Armee bis zum Kleinen Bache fort , wo es dem Könige endlich gelang , durch die vordere Linie des Grenadierbataillons
Buddenbrock durchzukommen . Ein Theil seiner Reiter geräth in den Sumpf , mit ihnen einige Schwärme der verfolgenden
Oesterreicher , ein anderer Theil wirft sich auf die vor der preussischen Front haltenden schweren Geschütze und
leichten Regimentskanonen . Unsere Reiter drehen die mit Kartätschen geladenen Geschütze um , feuern sie auf die
feindliche Infanterie ab und vernageln sie, da sie, in Ermanglung von Bespannungspferden , nur zwei schwere und zwei
leichte Kanonen mit sich führen können . Und mehr als einmal wiederholen sich die todeskühnen Attaquen , sie gestatten
der österreichischen Infanterie , ihren Aufmarsch zu vollenden , der Artillerie ihre Geschütze spielen zu lassen . Im
preussischen Heere gibt man die Schlacht verloren ; der König sendet den Lieutenant von Bornstedt an den Fürsten
von Anhalt mit der Nachricht , dass die Schlacht verloren sei und der Fürst demgemäss seine Massregeln treffen
möge , übergibt das Commando an den FM . Schwerin und verlässt mit wenigen Begleitern das Schlachtfeld in der
Richtung auf Löwen . Vor dem Thore von Oppeln , dem er, in der Meinung , seine Soldaten seien in der Stadt , zuritt,
hätte er vielleicht seinen Untergang gefunden , wenn die österreichische Husarengarnison nicht Lieutenant
Paul Werner commandirt hätte . Er Hess den König davonreiten und wurde nachmals preussischer General¬
lieutenant . Wäre das österreichische Fussvolk an jenem Tage unserer Reiterei ebenbürtig , wäre es nur annähernd
in Ausbildung , Ausrüstung und Haltung den musterhaften preussischen Bataillonen gewachsen gewesen , welche nach
der Katastrophe der preussischen Cavallerie und Artillerie fast allein die Schlacht retteten , der Tag von Mollwitz
wäre nicht blos ein Ehrentag unserer Reiterei , er wäre ein Siegestag Oesterreichs geworden , „llnjcve
feinbt lauter Cefars linb hie 0fftciers baixm lauter gelben, aber hie Canalerie ift nicfyt mehrt, bajj fie her (übeufel
bol^t, fein <T)fficier a,el]t mit fie um“, schrieb der Preussenkönig an den Fürsten von Anhalt. Er war gerechter als
der österreichische Feldherr Graf Neipperg , welcher dem ä la husarde voreilig vorbrechenden Reitergeneral Römer
die Schuld an dem Unglück beimass . Friedrich II. hat sich gerade an dem entschlossenen , wuchtigen Angriffe unserer
Reiterregimenter ein Beispiel für die Ausbildung seiner Cavallerie genommen . Reiterei und Grenadiere retteten an
jenem Tage Oesterreichs Waffenehre . Deshalb sei der Cavallerie noch einmal der Vortritt gewährt.
Sie setzte sich, wie in der Aera des Prinzen Eugenius , aus den deutschen und ungarischen Reitern
zusammen . Die Deutschen schieden sich in die schwere Cavallerie der Kürassiere und in die leichtere der Dragoner,
welche nun schon als vollwerthige Reitertruppe galten . — Die ungarischen Reiter waren die regulären Huszaren , denen
sich aber , wie wir sehen werden , in den Tagen des ungarischen Insurrections -Aufgebots freiwillige Huszarentrupps
und Banderien in den buntesten Aufzügen und mannigfaltigsten Formationen zugesellten . Auch von den Dragonern,
welche in ihren Grenadiercompagnien eine Elitetrnppe besassen , sonderte sich noch eine leichtere Reitertruppe , die
der Chevauxlegers, ab , welche aber erst in späterer Zeit ausgestaltet und in grösserer Zahl der Armee ein¬
gegliedert werden sollte . Waren auch die Reglements in ihren Grundzügen und wesentlichsten Bestimmungen der
cresammten Reiterei gemeinsam , so ergaben sich docli im Einzelnen viele Besonderheiten , und namentlich die Beschaffen-
heit des Pferdematerials kennzeichnete sofort die einzelnen Species der Reiterei nach ihrer »Schwere « und nach ihrer
speciellen Bestimmung . Gemeinsam war Allen der teurige , frische Reitergeist , der durch die strengen Formen nicht er¬
stickt werden konnte und auf dem Felde des Kampfes siegreich aufflammte . Oesterreichs Reiterei hat gerade in
den langen und wechselvollen Kriegsjahren der Theresianischen Aera ihren Weltruf begründet.

12
III.

Die deutsche Reiterei.


Kürassiere .— Dragoner . — Chevauxlegers.
1740— 1766.

ie »deutschen Reiter « traten — zuverlässig und stark,


wohlberitten und schneidig — 1740, in einer Zeit des
militärischen Verfalls in österreichischen Landen auf den
Plan. Je mehr der Kürassier von seiner Eisenrüstung ver¬
loren, der Dragoner an cavalleristischen Vorzügen ge-
wonnen hatte , desto näher wurde ihre Verwandtschaft,
desto ähnlicher wurde ihr Werth und ihre Verwendungo

im Felde . War noch in den Eugen’schen Tagen der


eigentliche »deutsche Reiter « der Kürassier, so verstand man nur auch den Dragoner unter dieser Benennung, obwohl
ihm noch manche Attribute seiner alten Amphibiennatur, seines infanteristisch-cavalleristischen Doppelwesens geblieben waren.
Khevenhüller fasst denn auch in seinen Observationspunkten , welche 1748 in einer der fortgeschrittenen Zeit
angepassten Auflage erschienen, seine denkwürdigen Verhaltungsmassregeln für einen kaiserlichen Reitersmann unter
stetem Bedacht für Kürassiere und Dragoner zusammen; ebenso gilt das nKegularnent unb © rbtuirtg für (Sßfcnnmte
f. f. £ tirraffiers= nnb Dragoner^Hegimenter" für beide Reitergattungen; der leichte ungarische Huszar hat sich zwar in der
Hauptsache auch darnach zu halten, doch ist für ihn ein besonderes „Hegulcurteut" entworfen. Die Ereignisse der ersten
Regierungs- und Kriegsjahre Maria Theresias zeigten, wie wir schon erwähnten, dass die kaiserliche Reiterei nichts
von den ausgezeichneten Eigenschaften eingebüsst hatte , mit denen sie in den Eugen’schen und selbst in den letzten
unglücklichen
o
Türken -Kriegen
o
geglänzt hatte . Dies macht auch die conservative Tendenz begreiflich,
00 O J
welche sich in der
Ausbildung der Reiterei Oesterreichs erhält ; während wir die stark gesunkene Infanterie dem erfolgreichen Feinde nach-
bilden müssen, wird unsere Cavallerie selbst von diesem als mustergiltig erkannt und in ihren sichtbaren Vorzügen nachgeahmt.
Einen prächtigen , imponirenden Eindruck machte aber auch in seiner äusserlichen Erscheinung ein Kürassier-
Regiment der Theresianischen Armee. Noch glühte der alte , ritterliche Geist in diesen Schaaren , noch hatten sie
Manches von dem ritterlichen Wesen bewahrt, das die alten kaiserlichen Eisenreiter auszeichnete. Von der eisernen
Rüstung war ihnen allerdings nur mehr der Harnisch, der Brust- und Rückenkürass , geblieben, und auch dieser Doppel¬
harnisch galt in manchen Armeen schon als überwundener Standpunkt ; man begnügte sich mit dem Brustharnisch.
Bei den kaiserlichen Kürassieren hielt man lange an dem vollkommenen Panzer fest, weil man darin einen
besseren Schutz gegen die Türkenpfeile erblickte, und der Türkenkrieg galt ja auch in den Zeiten Maria Theresias
noch als keineswegs überwundener Standpunkt . Auf die Eventualität neuer Kämpfe mit dem bösen südlichen Nachbar,
der dem Heere Carl VI. noch so viel zu schaffen gemacht hatte , nahm man auch bei der Systemisirung der Kopf¬
bedeckung Rücksicht.
Wohl war der Reiterhelm der Kürassiere, die Eisenhaube, schon zu Ende der Eugen ’schen Aera als Normal¬
kopfbedeckung dem dreiseitig aufgestülpten schwarzen Filzhute gewichen, den ein eiserner Kreuzbügel im Kopftheile
hiebsicher machte; doch blieben für den Fall eines Türkenkrieges die eisernen Sturmhauben, auch »Pickelhauben «,
DIE DEUTSCHE REITEREI. 89

nicht nur für die Kürassiere , sondern auch für die Dragoner in Reserve , ja auch diese erhielten in diesem Falle Brust-
und Rückenpanzer.
Nach einem im Kriegsarchiv bewahrten Montursschema vom Jahre 1741 werden die Monturs - und Aus¬
rüstungsstücke eines Kürassier -Regiments , das man mit 761 Köpfen (je 13 Wachtmeister , Fouriere und Trompeter,
12 Feldscherer , 26 Sattler und Schmiede , 40 Corporale und 644 Gemeine ) beziffert , unter Beifügung des Kostenpreises
und der voraussichtlichen Dauer folgendermassen angegeben:
1 Rock sammt Aufschlägen . 7 fl. 6 kr. Dauer 5 Jahre
1 Camisol ........ 3 » 8 » » - '/•> »
1 Paar Hosen ....... 1 » 22 » » 2'/.2 »
1 Hut mit Knopf und Maschen 1 » 18 » » 2'/2 »
1 Mantel ......... 6 » 29 » » 6 »
1 Paar Stiefel ..... . . 4 » 45 » » 2V2 »
1 Chabraquen sammt Stüzl . 4 » 18 » » 6 »
1 Carabiner und 1 Paar Pistolen 9 » — » * 10 »
1 Sattel ......... 4 » 30 » » 8 »
1 Vorder- und Hinterzeug . — »51» 8 » »
1 Haupt-Gestöll ...... 1 » 20 » » 8 »
1 Paar Steigriemen . . . . —21» » » 8 »
1 Gurten ......... — »42» 8 » »
1 Paar Steigbügl ..... — » 28 * » 8
1 Carabiner-Riem ..... 1 * 18 » » 10 »
1 Patrontaschen ...... — » 38 » » 10 »
1 Paar Stangen ...... — »42» 8 »
1 Pallasch sammt Riemen . 3 » — » » 10 »
1 Kürass und Casquet (Helm) 6 » — » » 13 »
1 zwilchener Kittel . . . . —54> » » 2 »
Dies ergab für 761 Köpfe (ä 11 fl.) jährlich 8371 fl.
Die Montirung eines Dragoner -Regiments
gestaltete sich ebenso , auch genau so kostspielig , da
statt der entfallenden Kürasse und Casquets die Grenadier¬
hauben und grösseren Patrontaschen für die Dragoner-
Grenadier -(Elite -)Compagnie zu rechnen waren . Doch
waren diese Rechnungen einfache Combinationen oder
Durchschnittsziffern , und recht drastisch prägt sich in
allen Actenstücken der Theresianischen Zeit die Klage
über die nicht auszurottende Ungleichheit der Montur
und ihrer Auszierungen , sowie über die Mannigfaltig¬
keit der Anschafifungsweise und des Ankaufsmodus bei
den Reiter - Regimentern aus . „Dort Corporalen an,“
sagt Khevenhüller ’s Reglement , „foll alles eben fott>ol)l
in Dienften nnb parabe als allejeit fiel) in gehöriger
(Drbnnng beftnben nnb bie bjüte mobl nnb nidjt 31t
fpikig
1i u J ■anfgeftolpet
- 1 r 1 feinKürassier
.“ .... auffTLagerwache
, , (1742—1765
).
Das Dragoner - und Kürassier -Reglement von
Jahre 1748 verbietet den Officieren ohne Unterschied , ff eine mit (5 olb ansgenäl )te, nod ) roeniqcr geftiefte Uniforme
511tragen , fonbern |otr)ol)l jeberjeit als bey allen 2fnsrüftnngen nnb paraben , and ) in allen Dienften in ifyrer nölligen
Hegiments =Uniforme ohne ^ ebern auf beit b) iiten fammt ber ^ scarpe um ben Ceib, feinesmegs aber bey auf*
l]abenbem (5 emel]r fid) mit FITänteln, Hoquelors , pelj , U)tnter = ober Sd )laf =bjanben unter betn bjnt fittben laffen nnb
haben bie Qfftjiers von beiten Ciirafjters jeberjeit ecFige Stiefel mit fteifen Kappen nnb Feine leichten nnb rnnbett 311
tragen “. Der Wachtmeister wird speciell vermahnt , sich sowohl im Dienst als zur Parade wohl zu adjustiren , sich mit
einem drei Zoll breiten Bandelier nebst der zugehörigen , gewöhnlichen Patrontasche und dem Karabiner oder der
Flinte auszurüsten , den Pallasch und keineswegs den Degen zu tragen . Beim Absitzen hat er den Pallasch , der bei der
go DIE DEUTSCHE REITEREI.

Parade „in P?acFen 311 ftcngett" hat , mit vom Pferde zu nehmen und an der linken Seite zu tragen .*) Und noch später
wird dem Wachtmeister alles Gold oder Silber auf den Adjustirungsstücken , besonders dem Hute streng verboten . Sein
Kennzeichen bleibt das spanische Rohr ohne Knopf , während der Corporal den hölzernen (Haslinger ) Stock als Abzeichen
seiner Würde führt . Der Wachtmeister scheint es auch als eine Art Privilegium betrachtet zu haben , sich in der Wahl
des Rosses gewisse Besonderheiten zu gestatten , so dass man gegen dergleichen Excesse einzuschreiten genöthigt war.
So wird in dem Reglement für die deutsche Reiterei vom Jahre 1751 **) eigens verboten , dass man die Wachtmeister
und Trompeter „mit flehten Kleppern " beritten mache und denselben „polntfd ?e ober I?ungarifd ?e Pferb ^ eucber,
fonbern Dieltnebr teutfd?e nad ? bcm Kegimentsmufter gebe". Beritten sollen sie mit „Pferben r»on Dtenftes=Pferb ;(Srö §e" sein.
Für das Pferdematerial im Allgemeinen finden sich in Khevenhüller ’s Observationspunkten ganz bestimmte
Vorschriften oder wenigstens präcis ausgedrückte Wünsche . „Die Qualität ber Pf erbe, " heisst es dort , „jo tnan mit
bem Kofjl?änbIer nnb Cieferantcn accorbiret ober aber felbften Fanjfeit läßt, ift mie folget : Dor bie Dragoner über f5auft
^
abfolute, r>or Ciiraffiers über J6 breit oon Creuj) unb Bruft , ramaffiret, rein, fo t>iel möglich t>on Sd ?enfeln, jebod?

Armatur der Kürassiere bis 1769.

uid?t gefpriffelt, nid?t plattbufftg, feine fetten Kn gen, uid?t geftar^et, nicf?t eingefattelt, tr>eld?es ein großer ^ elfter rnegeu
bes ^ ouragirens ift, r>on 4 bis 7 3 a^re ift cmdp 311 feben, ba§ fie nicht getarcfelt fa\mb : bas ift bie gäl ?n 3ugefüHet
unb falfd?e gelegen gemacht, feinen aufge3ogenen Baud ), feinen Krippeubeifjer ober Kuffe^er, mas aus betten uorberen
gähnen leicht 31t feigen ift. Die Hauptmängel üerfteloen ftd? fd?on sott felbft, als : Follerifd?, ro^ig, ftättig, monafiblinb,
bampfig unb geftoblen. CEs folletx and] nid ?t angenommen roerben : lDetjpSd ?immcl, Sd ?ecfen, 3 fa^eUf ar ^/ £id?t=^ albeu
u. bgh, fonbern mann es möglid? ift, lauter Braune unb Kappen, feine Klopffyengften, unb fo mettig als man
l?aben fattn, Stuten ; es ift and) abfonberltd? 31t obferoiren, bafi bie Pferb uid?t 311 fut^ bälftg fe\mb, ittbeme fold?e nid?t
meiben fönneu unb aisbann im ^ clb 311(Bntnbe geben mitffen, follen aud? nicht l?od? gefeffelt fein, feinen febmeren unb
plumpen (5 attg l?abert, fonbern gelettfig unb bie Köpjf mobl berbeitragen ; aud ? alle bie ertrabiefföpftge Pferbe , mit
großen Konafd?en unb l?angid?ten 0 brett 3iirücffd?lagen ; in Summa , bajj fie allerbings mobl gebattet, aud ? bei völligen
Kräfften , nid?t frutnm , ttod? blirtb, meber mit einigen fottft dou betten befantttett r»ier Hau ptmängeln bel?afftet, bamit
eitt jebes Stilcf oI?ne Betrug bie faYferlid?ett Dienft in tauglid ?ett Staub attgebett unb felbige 311 perrid?ten gettugfattt
tüd?tig fid? beftttbett möge . . .«

*)Des
» Regulaments und Ordnung für gesammte k . k . Cürassiers - und Dragoner -Regimenter . Zweiter Theil . « Wien 1751 , gedruckt bei
J . P . v . Ghalen.
**) Darunter ist keinesfalls zu verstehen , dass der Wachtmeister zu Pferd seinen Pallasch am »Sattel « befestigt hatte . Er trug ihn so wie alle
anderen Reiter um den Leib gegürtet , doch wurde der Pallasch meistens in einem an der Säbelkoppel befindlichen Haken eingehängt , damit das Schleifen
der ziemlich langen Waffe verhindert würde . Die Scheide , die überreich mit Messingspangen und Ringen geziert war , besass kein Schleifeisen.
DJE DEUTSCHE REITEREI . gi

Das war Alles recht schön und klar gesagt , aber wenn man sich bei den Musterungen die Regimenter näher
ansah und einen tieferen Einblick in die Regimentswirthschaft gestattete , traten Erscheinungen zu Tage , welche weder
in puncto der Pferdequalität , noch hinsichtlich der Adjustirung , Ausbildung und Oekonomie eine Gleichartigkeit ergaben.
Die Inhaber und Oberste schalteten und walteten nach ihrem Belieben , nicht selten auf Kosten des armen Reitersmanns,

Kürassier in Stalljacke. Kürassier-Officier en parade.

dem sie zu all seinen sonstigen Kosten und Pflichten auch noch die materiellen Sorgen fiir einen guten Theil seiner
Monturssorten aufbiirdeten.

Kaiserin Maria Theresia richtete ihr besonderes Augenmerk auf solche Missstände und kargte nicht
mit dem Ausdrucke schärfster Missbilligung und mit strengen Massnahmen wegen des von ihr wiederholt beklagten
„mangehtben Uniformität ber F. F. QLavak rie" und wegen der crassen Ungleichartigkeit in der Montirungs-Oekonomie.
92 DIE DEUTSCHE REITEREI.

Bei den scharfen Musterungen , welche 1754 und 1755 in allen Habsburg ’schen Landen abgehalten wurden , erlebte
man wahre Wunder in dieser Hinsicht . Die Acten des Hofkriegsraths *) erzählen eingehend davon und von den
Massregeln , welche in Folge jener Musterungsergebnisse getroffen wurden . Viele Inhaber überliessen dem gemeinen
Mann die Anschaffung - der sogenannten »kleinen Montur « von dem kargen Solde , den er genoss , so dass er , um
sich selbst zu erhalten , geradezu auf die Mildthätigkeit der Ouartiergeber angewiesen war , bei denen er »lag «. Die
Musterung der fünfzehn in Ungarn und Siebenbürgen dislocirten Kürassier -Regimenter zeigte , dass man auf die Güte
der Bevölkerungö Ogeradezu sündigte
o . In einzelnen Comitaten erlaubte man sich jene billige Oekonomie mit dem aus¬
drücklichen Hinweise darauf , dass der Mann
„in feinen Quartieren oft burcfy nnent*
geltlicfye Fjanstnannsf oft nnb attbere
günftige ilmftänbe nor 2lbbrnd? bemabrt
merbe'h Bei Serbelloni- Kürassieren im
Trencsiner Comitat betrugen die An¬
schaffungskosten der »kleinen Montur « im
Jahre 1754 3912 fl., wozu die Regiments-
cassa nur 1303 fl. beitrug . Die Montur bei
Pretlach -Kürassieren war 1748 angeschafft
worden , hatte also schon sechs oder sieben
Jahre ausgehalten . Bei Portugal -Kürassieren
fand man die 1751 angeschafften Rocke
noch „in paffablem ^ nftanbe ", weil sie stark
geschont worden waren ; dagegen waren
die Camisols derart abgenützt , »dass die
Leute sich bei der Musterung deren nicht,
sondern weisser Leibchen bedient
haben «. Die silbernen Borten der Wacht¬
meister mussten durch weisse ersetzt , die
Chabraquen der Gemeinen im Preise von
10 fl. auf 6 fl. herabgesetzt werden . Bei
Kalkreuth - Kürassieren schaffte sich der
Gemeine die kleine Montur selbst an , »wozu
er einen Theil der Brotfrucht u. s. w. ver¬
wendete «. Bei Czernin -Kürassieren gab es
fünf Oberofficiere , von denen der jüngste
40 Dienstjahre hatte . Der gemeine Mann
musste sich »an kleiner Montur so viel an-
schaffen , dass er unmöglich daneben sub-
Dragoner 1760. sistiren könne , zudem keine Aushilfe vom
Land und die Löhnung 24 fl. pro Jahr , so
dass er entweder Noth leiden oder sich seinen Unterhalt auf andere Weise beschaffen musste «.

Geradezu haarsträubend aber war folgende

Kusfane
fomofyl ber Unterofficiers als gemeinen Centimen non ber ga^ ett Ceibcompagnie bes löbl. (5raf 5d ?mer 3iitg ’fcbett
Ciiraff .Regiments, was ftd ? ber gemeine 2TTann non feiner wenigen £öbnnngs=€ rfparnng nnb eingefyertben
exequir - (Selbem an fleinett 2nontnrs =Sorten anfd ?aj| en nnb beynt Difitiren alljeit in guten giiftanb r>or=
weifen miiffe:

*) Kriegsarchiv . — Wir schildern die Verhältnisse hier nur nach diesen untrüglichen Originalquellen.
DIE DEUTSCHE REITEREI. 93

- fl. 5 \ fr. \ leiiierne pferbebecfen mit <5urt . . fl. 5^ fr.


\ glatten f)ut ä 5) fr. aud) ju \ fl.......
2 tueife parcfyeteite£eibl 4 ; fl. 50 fr...... ■0 n 1i \ Sattclbecfe unter beu Sattel 511 legen tt f»

5 f)embber, eins auf bcm £etb, ^ ireife in Pacf a 22 gr. o ,, oO „ \ paar £)ufeifen n 6 „
alljett in DorratI)
2 paar jnürncne Strümpf ä 56 fr....... \ n n \ fyalbfjunbert Hagel 1, \2 1,

\ „ wollene IPiuterftriimpfä 5^ fr., aud) 511f fl. n ,_A n 2 ^fouragirftricf , 3itf..... „ 50 „


\ leberue pofe ............ 4 O „ — „ 5 paar StiefebRTandjetten 4 9 fr
o _II \ rotfycs XDinterleibl . . . .
\ Kotl) Cüdjerne£)ofen ......... 4 " II

I wcifleiiteite fjofcu .......... 4 11oO „ item \ paberfacf , ^ u?erd?=Sacf u. (SolleuSacf , juf


Daun wirb ifyrne ertra nom Regt . ein Cücfyentc Dann mujs fid) ber DTaitu and) Sd )uf)wid)s anfcbaffcn,
pofen gegeben, bie (Er confernireu nutf. wouoit bie Kugel, eine ,fauft grop, 311 fielen fomi tcn
5 Sdjmarjfarbene Biubel 4 \ {fr ..... • . - *, 00 „ foll auf............. „ 18 „
) Sd ^marje Sattelbecfeu mit vollem Dud) ausgefdflagcn bumma 29 fl. .27 fr.
pr. { 1, oO „

Die Hoth Gid )enien Caibel müffeit fid) bie £eutl)c ber urfad )cit anfd )affen, weilen in iPiiitci ^ eit auf IPacbt
unb 0rbonau5 ber HTann wegen Confernirmtg ben Hocf nid )t aulegeu folle biirfeu , folglid ), 11m fid) ber Kälte 511
bewahren , ift er gezwungen , fid) mit einem warmen Ceibel unter beut (Eamifol 511 ix' rfcben." *)

Der Bericht des General -Kriegscommissariats hebt mit grossem Rechte hervor , »wie schwer es dem Soldaten
ankommen müsse , diese Sachen anzukaufen , da er in vielen Orten gar nichts zur Zubusse bekomme und sich daher
kümmerlich mit Wasser und Brot durchbringen müsse «. Schon am 8. October 1754 erging in Folge dessen
eine strenge Verordnung zur Verhütung solcher Zustände , welche bereits zu Desertionen geführt hatten . Mit
welchen Gefühlen die Kaiserin solche Berichte las , lässt sich bei ihrem Verständniss für die traurige Lage des
gemeinen Soldaten , bei ihrem edlen Herzen und strengen Gerechtigkeitsgefühle leicht ermessen . Ihre eigenhändig
niedergeschriebene Resolution vom 22 . Mai 1755 gibt diesen Gefühlen in kräftiger und entschiedener Weise Ausdruck:

„Hus btefeu HTufterliften ift 311 erfebeu , wie uotbwenbig es war , bei ber © malerte eine <2inrid )tung 31t
treffen ; ttid ) t ein Hegiment ift bent auberu gIetd ) im preifj, wo bod) alle fid) aus beut uemlid )eu Canb
munbiren miiffen. Die |d)Ied)te IPerbimg ber Cauallerie mtb bie groffe HTenge ber 3 üt>aliben ift and ) erfid)tlid) befonbers
bei (5 e I b a y : 88 HTann . Kann uuntöglid ) glauben , bas lauter puoaltben feyttb. Die !Pürtbfd )aft non biefent 2\egitnent
ift and ) fefyr fd)led)t, mithin ben 0 briftett erinnern , fid) 311 beffern, fonften il)ine bie lPürthfd )afft wirb bei Fünftiger
HTufteruug benommen werben . Pott (E 3e r tt i tt finbe exorbitant , was man bettt Heutter auf bür bet, fid)
31t üerfd)ajfett. HTitbitt wäre entftlid ) 311 befehlen , bafs felbett 2 bis 5 fl. bei einer 3 ah re511 tufternttg auf bie fjaub 311
geben . Ex cassa aber wären bie £jattbfd )uh , bjofett, Cüraffier 4 eibltt, Crettfett 311 fdmjfen . (Belbay hat and ) in btefett
Stiicfb ercebirt , alfo begoutirt matt bie (Eauallerie ttttb ift leid)t 311 gebeufett, ba (j baruttt Feilte Hecrouten
beFontmett. IPegett ber ausmufterubeu Pferb bin gar nid )t eiiwerftanbcit , bafs bett meiftbietenbeit uerFauft werben;
gibt nur Httlaff 311 allerhattb eigettttu^ ; fie follett bey ber HTufteruug gratis bettt Bauersmann int Canb, wo fie
feyttb, gefd ) ettFet werben ober wie uorhitt tobtgefd ) offen werben ."

Eine weitere Folge dieser Musterungs -Ergebnisse waren neue Verordnungen wegen der Hut - und Chabraquen-
borten , welche als Chargenabzeichen gelten sollten und dennoch bei den einzelnen Cavallerie -Regimentern ganz will¬
kürlich getragen wurden . Man sieht daraus , dass die 1748 und 1751 erlassenen Verordnungen der Kaiserin , welche
eine »Gleichheit in der Montur « anstrebten , durchaus nicht allgemein vollzogen worden waren . Sie Hess sich nun
Modelle und Original -Montursstücke der einzelnen Regimenter vorlegen und wählte daraus das Beste , unter genauer
Beobachtung des Preises . Ihr grösstes Wohlgefallen erregte die Montur des Kürassier - Regiments Radicati ; diese
wurde denn auch bei den neuen Vorschriften als Muster aufgestellt . Nach einem Promemoria des Hofkriegsraths
vom 5. Juli 1755 sollte ein Reiterhut ohne Borten sammt Einfassung 1 tl. 9 kr ., sammt Borten 4 11. 39 kr ., ein
Corporalshut 4 fl. 39 kr ., ein Wachtmeistershut 6 fl. 4 kr . kosten . Die Inhaberswappen , welche bisher zumeist die
Chabraquen geschmückt hatten , mussten verschwinden . »K e i n e V a p p e 11m ehr der Pro p riet ä r e, a 11 e i n d e n
doppelten Adler «, resolvirte klar und deutlich die Kaiserin . In einer am 6. September 1755 an sämmtliche
Cavallerie - Regimenter erlassenen Verordnung **), welche allen Einzelheiten der Musterungs - Ergebnisse Rechnung
trägt , heisst es:

*) Kriegsarchiv, October 1755, 84, 199.


Hofkriegsraths -Acten , Kiiegsarchiv.

13
94 DIE DEUTSCHE REITEREI.

„ferner ift doii ^bv. Blajeftät nach commissionaliter gefcfyebeuer Überlegung mtb geborfamften Oertrag 311 allgent.
Hegulirung bei beit (£üraffter= unb Oragoner =Hegtm. folgendes a. g. entfd^Ioffen worben : Dafs ben Stabsoffizieren 3111*
€mfaffung ihrer Camiföler bie Breite ber ^ elbmarjcfyalltentenanhBorbeit erlaubt fei, ba]*5 bie StabsoffZier ^Cbabraquen
mit 3tr>ei breiten Barben , jene ber fjauptleute unb Bittmeifter mit einer formalen unb einer breiten, bie ber Lieutenants unb
Cornets ober ^ äbnrtcfye mit einer breiten Borte allein eingefaßt fein follen, letzteres baruin , bamit ihnen beim Boancement
in biefent punfte feine weiteren Spefen erwacfyfen."

Besondere Vorschriften regelten die Breite und Stickerei der betreffenden Chabraquen - und der Hutborten
sowie das Gewicht des dazu gebrauchten Goldes oder Silbers . Zur Bordirung der Estandarteriemen — dieser war mit
Sammt , Plüsch oder Tuch in der Farbe des Regiments überzogen — wurde die Breite und Stickerei der Feldmarschall-
lieutenants -Borten ausgewählt . Bei den Grenadiermützen der Dragoner -Grenadiere hatte das »Quastei « (Troddel ) am
Ende des Tuchsackes in Gold , Silber oder Seide zu bestehen . Die Chabraquen der Unterofficiere waren mit Kameelhaar-
borten von flacher Arbeit , jene der Gemeinen mit wollenen Borten von erhabener Arbeit einzufassen ; die Farbe der
Borden blieb den Inhabern überlassen , doch mit dem ausdrücklichen Vorbehalt , dass »die gleichen Borden keine
Ähnlichkeit mit den Borden ihrer Livree haben dürfen «. Wachtmeister und Trompeter waren auf den
Chabraquen durch eine schmale Einfassungsborte und zwei breite Borten aus Kameelhaar neben diesen gekennzeichnet.
Dieselbe Distinction zeigten die Corporale bei den Carabinier - und Grenadier -Compagnien der Kürassier - respective
Dragoner - Regimenter , während die Corporale aller übrigen Compagnien , sowie die gemeinen Carabiniere und
Grenadiere eine von zwei schmalen eingerahmte breite , die übrigen Reiter aber eine breite und schmale wollene
Chabraquenborte trugen . Auf den Chabraquen und Pistolenstützeln prangten besonders gestickte kaiserliche Adler,
für Wachtmeister , Trompeter - und Carabinier -Corporale aus Kameelhaar , für »ordinäre « Corporale und Gemeine von
Wolle . Das Lederzeug war bei allen Unterofflcieren und Gemeinen gleich , bei den Carabinieren und Dragoner -Grenadieren
vollkommen gesteppt und mit einem Beschlag von Composition mit dem Kaiseradler versehen , das Pferdezeug war
durchwegs gleich ohne Messing - oder Zinnbeschlag . Als Arbeiter für dergleichen Montursbestandtheile werden aus-
drücklich die Wiener Posamentierer Jauner , Kaiser und Müller und der Handschuhmacher Heydolff genannt.
Ein mündlicher Befehl der Kaiserin gebot , dass Alles was auf der Uniform von Gold oder Silber sei, für alle
Regimenter gleich zu arbeiten sei. Fransen waren entschieden verboten , und überhaupt darauf Bedacht zu nehmen,
»dass die Chabraquen für die Subalternoffiziers nicht allzu kostbar würden «. Eine Resolution der Kaiserin sagte in
dieser Hinsicht wörtlich:

„ . . * . id) möchte, bafs ein ^ orme uoti porten fowoljl in ber breiten als ^ orme fowofyl non golb als
filber gleid), als and ? fogar bas Seibene t>or bie gan ^e caoallerie ooit einer Jorrne , ber anberen lentfyen oerbotten
märe 311 tragen, allein r>or bas militare and) feine Jrantjen fiinftig 31t fyabeit, and) bie leebermerder ans3timacben,
bann burdtans bie gleid ) beit haben will . . . “

Bezüglich der Rockfarbe war eine »Gleichheit « nur bei den Kürassieren eingetreten . Bei ihnen verwandelte
sich der alte Lederkoller und der lange perlgraue Waffenrock allmälig in jenes entschiedene Weiss , welches Kaiserin
Maria Theresia als die Grundfarbe für die gesammten Kürassiere wie für die Infanterie festgesetzt wissen wollte.
Die Form dieses Rockes hatte sich allerdings in den Fünfziger -Jahren schon wesentlich verändert ; er war kürzer , enger
anliegend geworden und liess an den Schössen wie am Aermelende die Kennzeichnung durch die Aufschlagsfarbe zu.
Die D ragoner -Regimenter zeigten noch immer die alte Verschiedenheit in den Rockfarben , und Neuerungen in dieser
Hinsicht , um das Princip einer Einheitsfarbe durchzuführen , kamen schwer oder gar nicht zum Durchbruche . So ‘wurde
im Jahre 1757 in einem an sämmtliche Kürassier - und Dragoner -Regimenter gerichteten Circulare dem kaiserlichen
Willen Ausdruck gegeben , „bei gefammten Dero 3 nfan ^ l’^ v £ ürafjters =, Dragoner =Begtmentern eine (Bleicfyförmigfeit
in ber ^ arbe ihrer BTontirung eh^ ufüfyren“. Die gedachte Montur sollte demgemäss künftig für Infanterie und
Kürassiers durchaus weiss mit rothen Aufschlägen , für Dragoner durchaus blau mit rothen Aufschlägen
erzeugt , auch vom 1. November jenes Jahres alle Montirungssorten aus der Wiener »Legestatt « empfangen und
bei dieser Gleichfärbigkeit
ö
nur die Feststellungö der Unterscheidungszeichen
C~>
der einzelnen Regimenter den Inhabern
überlassen werden.
Der Krieg , welcher die Anspannung aller Kräfte für die Ausrüstung der Armee forderte , liess aber diese
Verordnung einschlafen ; es erschien überdies eine weitere Verordnung , welche für die Kriegsdauer die Beibehaltung
der bisherigen Montur gestattete . Wohl bezogen einzelne Regimenter schon die neue Montur , die meisten aber blieben
DIE DEUTSCHE REITEREI. 95

einfach bei der alten . Bei Latour -Dragonern z. B., welche den historischen grünen niederländischen Rock trugen , rückten
nur die aus den Erblanden nachgesandten Recruten in blauen Röcken ein. Die Wallonen trugen die grünen aus Brüsseler
Tuch ; in diesen Röcken erkämpften sie auch ihren berühmten Reitersieg bei Kolin , der den bartlosen jungen Dragonern
ausser anderen bekannten Belohnungen und Auszeichnungen das Privilegium steter Schnurbartlosigkeit eintrug.
Savoyen -Dragoner blieben bei den rothen , schwarz egalisirten Röcken u. s. w.*) Uebrigens wurden schon bei früheren
Gelegenheiten o-ewissen historischen Eigenthümlichkeiten (]er Regimenter trotz der uniformirenden Tendenz der Kaiserin
die gerechte Schonung " nicht versagt.
So hatte 1751 G. d. C. Graf zur Lynden als Inhaber von
Savoyen -Dragoner mit Rücksicht aut die geplanten Adjustirungsneuerungen
dem Hofkriegsrathe vorgestellt : nach dem Tode des Prinzen Eugenius
von Savoyen sei ihm dessen erledigtes Dragoner -Regiment übergeben
worden , mit dem Bedeuten : „Die Hegiments =Uniform , foune fte fiel} her*
malen befunheu, eim für allemal in statu quo 311 helaffen nnh nicht
ab3iiänbern, nermntblid) nnt heu Hubm feines imirhigften Dorfabrers bey
her Hadpuelt nicfyt abfterben 311 laffen. Bisher habe er fiel) ftreng harnad)
gehalten, min aber, ha alles (Bolh nnh Silber non her Kleihung ner=
|d}ininhen nnh Dilles glatt merheu folle, bringe er jene Hegiments-Krahition
3ul Keuntnijj, erbitte weitere Belehrung hariiber nnh hie befonhere(Erlaub*
nifp es bei her bisherigen © bfert>an3 um )° mehr 311 beiaffen, als ohnehin
hie © ffoiers heit Hocf mit blofj golhenett Knopflöchern ansgenäbet nnh
bereit IPeften gan3 moheft. nnh nicht reid) gallonirt mären." Die Kaiserin
resolvirte : „Des Einheit Knfrag ift gut nnh er foll mie hie anhern Hegi=
menter gehalten merheit; hie Diftinction beftebet ohnehem nur in her
^arb nnh Hang ."
Noch bestanden in der Theresianischen Zeit so manche Privi¬
legien , die sich mit derselben schon wenig vertrugen . Die Khevenhüller-
schen Observationspunkte vom Jahre 1748 sprechen z. B. noch immer
von dem merkwürdigen Privilegium der Regimentsinhaber , die Regiments-
wirthschaft selbstständig zu führen , das Regiment nach seinem Belieben
zu montiren und ein eigenes Exercitium darin einzuführen . Es kostete
Mühe, diese unmöglich gewordene Selbstständigkeit zu brechen . Auch der
Portbestand der Carabinier - und Grenadier -(Elite -) Compagnien bei den
Kürassier - und Dragoner -Regimentern mit besonderen , complicirten Vor¬
rechten war nachgerade zur Anomalie geworden.
Ihr ganzes Wesen machte sie zu einem fremden Körper im
eigenen Regiment . Sie bekamen die besten und kräftigsten Leute , bessere
und leichtere Pferde , welche so wenig als möglich belastet werden durften,
um ihre Beweglichkeit nicht zu hemmen ; sie mussten zu Pferd und zu
Fuss gleich gut exerciren , die Carabiniere im Geschwindschiessen , die Tambour der Dragoner.
Grenadiere in dem (kaum mehr möglichen ) Granaten werfen besonders
ausgebildet sein , sie wurden nahezu regelmässig im Kriegsfälle von den Regimentern losgelöst und mit anderen Carabinier-
und Grenadier -Compagnien zu Pferd in besondere Cavalleriekörper vereinigt . Ueber ihre Montirung sagt Khevenhüller:
„Die XHontiruug fotbauer Kompagnieen mirh uad} her HTontur hes Hegiments regulireit, jehoeb heuen Heitern (Küraffiereit)
31t

hie Stiefeln fo leidit nnh gering als immer tbuulid) 311 geben, hann felbe mit ge3ogenen Karabinern nnh Küraffen
311 oerfefyen feynh; wollten aber hie 0 briften hiefe Kompagnien auf ein ober anherc 2lrt in her HTontur beffer garuireu

laffen, fo wirb man folcfyes 311 geftatten fein Bebenfcn machen. Die (Brenabiers non Dragonern follen mit (Samafdjen,
hann ^ liuten nnh über hem Säbel mit einem Bajounet , item einer (5 reuahier=Kafcben nnh hiefe mit genügfamen (Brannten
nerfel]en feyu . . ." Dass bei den Auszierungen der I Lite und Chabraquen der Carabinier und Dragoner -Grenadier immer
dem Corporal der „orhinaren Kompagnien " gleichgehalten wurde , haben wir gesehen.
*) Nur die von den Dragonern sowie der Infanterie getragenen Bavarois wurden 1756 abgelegt.

13*
96 DIE DEUTSCHE REITEREI.

An Rang -streitigkeiten veralteter Art fehlte es ja in keiner Hinsicht , selbst bei dem ganz gewöhnlichen
Garnisonsdienst . So herrschte eine alte Eifersucht wegen des Vorrangs der Dragoner oder Infanteristen bei dem Wacht-
dienst in gemeinsamen Garnisonen . Man hielt darauf , dass sich die beiderseitigen Wachtcommanden »niemals miteinander
mehren «, und dass die Dragoner ihre ganz gesonderten Posten bekämen . Nur bei Paraden zu Fuss gebührte der Infanterie
die »rechte Hand «. Die »Prätension « der Infanterie -Fähnriche mit den »Leib -Fähnrichen « (Fähnriche der Leibcompagnie)
der Dragoner zu roulliren , wurde vom Hofkriegsrath mit dem Bedeuten zurückgewiesen , r,ba ^ biß Cßibfäl]nncbß DOlt bet*
(Eaaallerie unb Dragonern allezeit als j iingfte Lieutenants 311 conftberiren feytt, welches eine uralte Sad ?e fei urtb
babei uerbleiben falle“.
In der Mitte der Sechziger -Jahre , im Vereinigungspunkte der Theresianischen und Josephinischen Zeit , begann
man übrigens an all diesen veralteten Bräuchen und theilweise ganz legendären Einrichtungen kräftig * zu rütteln , wie
sehr sich auch die streng conservativen alten Herren selbst gegen die Abschaffung * von Dingen stemmten , deren
Zwecklosigkeit und UeberÜüssigkeit sie selbst nicht zu leugnen vermochten . Hatte Maria Theresia schon vorher
(1757 ) in wahrhaft mütterlichem Sinne die absonderlichen PTbschaftsgebräuche innerhalb der Regimenter , die Abgabe
des sog-enannten »Sterbepferdes « an das Regiment u. s. f. abgestellt , hatte sie 1751 für das Tragen und die Aus¬
stattung der Uniform besondere Vorschriften erlassen und dieselben wiederholt erneuert und ergänzt , so leitete sie
1764 eine ernste und gründliche Berathung * über all jene Aenderungen ein, welche auf Grund der so vielseitigen
Kriegserfahrungen bei der Ausbildung , Ausrüstung und Montirung der Armee zu treffen wären . Diese Berathungen,
deren Einzelheiten die Acten des Kriegsarchivs mit voller Umständlichkeit darstellen , verschaffen uns wohl die richtigsten
Begriffe über den Zustand und das Aussehen des damaligen Heeres und der Cavallerie insbesondere ; sie zeigen uns
auch , wie viel noch zu schaffen und abzuschaffen war , 11m die österreichische Reiterei von allem Ballast veralteter
Anschauungen und Institutionen zu befreien . Schon in den Unterschieden zwischen Kürassieren und Dragonern trat
dieser Ballast klar zu Tage.
Eine alte Handschrift aus dem fahre 1737 kennzeichnet diesen Unterschied noch folgendermassen : »In der
Montirung - unterscheidet sich ein Kürassier von einem Dragoner vornehmlich durch seinen Kürass und seine Sturmhaube,
sonst auch durch seinen ledernen Göller , obwohl das Letztere auch bei einigen Dragoner -Regimentern statt der
Commis -Göller gebraucht wird , also dass der Kürassreiter zur Parade seinen Kürass , der Dragoner aber seinen Rock
darüber zieht . Dann sind die Dragoner -Flinten schier um eine Faust länger als jene -der Ivürassier -Carabiner , nebenbei
werden auch bei den Dragonern Bajonnette geführt .« Diese Ausrüstungsunterschiede bestanden noch in den Vierziger-
und P'ünfziger -Jahren zum grossen Theile , wenn sich auch in der Verwendung der beiden Reitergattungen die scharfen
Gegensätze von einst immer auffallender verwischten . Der Dragoner war nicht mehr der Infanterist zu Pferde , sondern
der leichtere Reiter im Verhältnis zu dem schweren Kürassreiter ; der eigentliche leichte Reiter aber war doch der
Huszar . Dragoner und Kürassier wurden fast gleichmässig verwendet.
Um auch nach dem Beispiele anderer Heere (z. B. des sächsischen ) eine Art deutscher leichter Reiterei zu
schaffen , welche ebenso rasch wie die Huszaren , aber stärker in der geschlossenen Attaque wären , rief man die
sogenannten »Chevauxlegers« ins Leben . Als am 1. Februar 1758 der G. d. C. Graf Benedict Daun das von
ihm »innegehabte « wallonische Dragoner -Regiment (heute Windisch -Graetz Nr . 14) gegen das Löwenstein ’sche
Kürassier - Regiment vertauschte , vermehrte der neue Inhaber der bartlosen Helden von Kolin , FML . Christian
Philipp F'ürst von Löwenstein - Wertheim, sein Regiment um 6 Escadronen oder 12 Compagnien leichter
Dragoner oder »Chevauxlegers «, welche aber vorläufig einen integrirenden Bestandtheil des Dragoner -Regiments
bildeten . Man nannte sie das »Jung -Löwenstein ’sche Regiment «, während die eigentlichen Dragoner »Alt -Löwenstein«
hiessen . Beide trugen wesentlich zum Siege bei Hochkirch bei ; doch machte sich die Unmöglichkeit eines so grossen
und in sich selbst ungleichartigen Regiments geltend , und im März 1759 wurde das Jung -Löwenstein ’sche Regiment
auf den Stand von 10 Escadronen erhöht und als selbstständiges Chevauxleger -Regiment von dem Stammregiment
getrennt . Der Inhaber Fürst Löwenstein behielt dieses neue Regiment , während Alt -Löwenstein dem GFWM . Graf
St . Ignon verliehen und am 6. Februar 1760 ebenfalls zum Chevauxleger -Regiment mit dem Stande von 1500 Pferden
erklärt wurde . Als Bestandtheile des alten grünen Wallonen -Dragoner -Regiments behielten die beiden Chevauxleger -Schwester-
regimenter den historischen grünen Rock , der auch während der ganzen Existenz dieser leichten Reitergattung dominirte.
Umso fühlbarer wurde , seit diese Abzweigung der Dragoner ins Leben getreten war , der Fortbestand der
uralten , überlebten Unterschiede in Ausrüstung , Bewaffnung- und Exercitium der Kürassiere und Dragoner , die Aufrecht¬
erhaltung der Infanterieattribute des Dragoners , der schon lange ein echter Reiter war und mit der Fusstruppe in
DIE DEUTSCHE REITEREI. 97

keiner Weise verwechselt werden wollte. Dies und zahlreiche andere Uebelstände lind Velleitäten drängten zu einer
Reorganisation der gesammten Cavallerie. Man brach mit der alten Compagnieeintheilung der Reiterregimenter und
erklärte die Escadron als die kleinste taktische und administrative Einheit des Cavallerie-Regiments . Die Starke der
Escadronen war allerdings bei den einzelnen Reitergattungen verschieden: Kürassiere und Dragoner je io Corporale
und 140 Gemeine, Chevauxlegers 12 Corporale und 171 Gemeine, Huszaren 12 Corporale und 172 Gemeine. Die
Cornets der Kürassiere und Fähnriche der Dragoner wurden Unterlieutenante, die Wachtmeister-Lieutenante oder
Adjutanten erhielten Officiersrang und die Aussicht, bis zum Kapitänlieutenant zu avanciren; dieselbe Officiers-
charakterisirung trat etwas später auch für Auditore und ' Rechnungsführer ein.
Die Escadronen erhielten die etwas complicirten Bezeichnungen der Leib-, Obrist-, Obristlieutenants-, Majors-,
(Obristwachtmeister-), Mittelrechts- und Mittellinks-Escadron . Je 2 Escadronen formirten 1 Division. Jedem Rittmeister-
Escadrons - Commandanten wurde ein
Second-Rittmeister beigegeben ; die Stel¬
len zweier Estandarte -Cadeten nahmen
bei jedem Regiment absolvirte Zöglinge
der Neustädter Akademie oder Ingenieur-
schule mit je 12 fl. 51 kr. Monatsgehalt
ein, die als die jüngsten Offleiere zu be¬
trachten waren.
A11 die gründliche Reform und
Reorganisation der Cavallerie ging man
zu Ende des Jahres 1764. Ebenso wie
»eine neue Verfassung von der gesammten
k. k. Infanterie« ausgearbeitet worden
war, wurde nun auf besonderen Befehl
der Kaiserin rücksichtlich der Cavallerie
„alles dasjenige ins IDerf gefettet
, was
511 berfelbeit Derbeffenutg in eiit= ober

attberem Stiicfe etiua btenfam befunben


merbett möchte". Zu diesem Zwecke wurde
eine Commission aus erfahrenen Gene¬
ralen und Stabsoffizieren von der Caval¬
lerie unter dem Präsidium des Feld¬
marschalls Grafen v. Lyn den gebildet,
welcher die G. d. C. Prinz Albert von
Sachsen, Fürst Löwenstein, Graf
Grenadier in Parade.
O’Donell und Graf Althann, die Feld¬
marschalllieutenants Fürst Karl Liechten¬
stein und Graf d’Ayasassa , die General-Feldwachtmeister Baron Jacquemin und Caramelli, die Oberste Baron
Brockhausen , O’Donell und Sauer, die Obristlieutenants Haag und Baron Kautz, die Obristwachtmeister
v. Weissmann und Baron B er lieh in gen angehörten.
Maria Theresia liess sich Protokolle und Ergebnisse der langwierigen und zahlreichen Sitzungen Anfangs
April 1765 vorlegen, und staunenswerth ist es, mit welch kurzen, fachkundigen und treffenden Worten diese seltene
Frau und Fürstin in streng-militärischen Dingen widersprechende Vota zu charakterisiren und mit ihrem, der profunden
militärischen Weisheit oft genug überlegenen, gesunden Menschenverstände zu entscheiden wusste. Das war in der
That die »Kritik der reinen Vernunft« gegenüber pedantischen Klügeleien und einem übelverstandenen Conservatismus.
Noch war man ja zum Beispiel 1764 auf dem merkwürdigen Standpunkte, dass die in Ungarn und dessen Nebenländern
stationirten Reiterregimenter ganz anders exercirten als die übrigen. Sie zogen bei Ausrückungen nicht den Pallasch,
sondern hielten das Gewehr hoch; man fühlte sich auch im Frieden dem türkischen Erbfeinde gegenüber, dem nur
das Gewehr imponirte. Solche Ungleichmässigkeit musste endlich verschwinden. „Dicje (5leicl ?beit ift itötbiq ; habe
es lärtgft molleit befehlen ", schrieb Maria Theresia, und der altehrwürdige Unsinn war zu Ende.
98 DIE DEUTSCHE REITEREI.

Und so hielt sie es auch in anderen Punkten . Den Antrag auf Vereinfachung der zahllosen Commandoworte,
die einem Recruten kaum in Jahresfrist einzupauken waren , acceptirte sie mit den eigenhändig niedergeschriebenen
Worten : rf ^e fürder , je beffei *!" Die Beschränkung der Ehrenbezeugungen zu Fuss und zu Pferd auf Entblössung
des Pallasch und Hochhaltung oder Armwechsel des Gewehres — statt Abnahme des Hutes , Kniebeugung u . s. w. —
veranlasst die Kaiserin zu der zustimmenden Randbemerkung : fr 3ft UÖtl| ig , btes ab3Uänbern , mcld ] CS mir allc3eit
0, a b r nicht militarifd ) gefd | ienen/ ' Als sich die Commission um die Beibehaltung des » Heck -, Parapet -, hohle
Graben -, Gassen - und Wegfeuerns « der Cavalierie herumstritt , meinte Maria Theresia sehr richtig : „2lilf bas feuern
her £ a Datierte Italic nidjt Die IT Ebenso richtig urtheilt sie über die Dragoner -Tambours , welche endlich durch
Trompeter ersetzt werden sollten , da man die Schwierigkeit einsah , einen trommelnden Reiter von sehr geringen
soldatischen Qualitäten *) zwischen den Escadronen herumzuschieben . Einsichtige Kavalleristen wiesen darauf hin , dass
»in einer Action der Tambour selten , wo man ihn am besten brauchet , seines Pferds noch seines Spiels Meister sei«
und zügellos in der Escadron herumreite . Trotzdem getrauten sich die conservativen Commissionsbeisitzer nicht , auf
die Einführung der Trompeter bei den Dragonern anzutragen , weil diese altprivilegirten Spielleute gar zu viel kosten
würden — es wäre denn , man könnte sich statt der privilegirten Trompeter mit sogenannten »Therners «, des Blasens
kundigen Leuten , abfinden , die sich mit dem Tambourgehalt begnügten . Schliesslich blieb man vorläufig beim Alten und
beschränkte sich darauf , eine starke Reducirung und Vereinfachung der Trompeten -, Pauken -“*) und Trommelsignale zu
beantragen , ja sogar „ftoft fotl]aner § eid| en fiel) her Stimme 51t bebteneit " . Maria Theresia meinte : „Die (Tambours
fevnb . Döllig uttnötljig ; märe uor bie (Trompeter , wann man felbe auf geringen (Bemalt fetten fann ; ba es aber nicht
(ein fann , conftrmire bic majoraT Dabei war auch die charakteristische Furcht alter Dragoner massgebend , dass mit
dem lockeren Volke der Trompeter schon gar nicht auszukommen sein würde . Auf lange Zeit aber hatte man damit
den Dragoner -Tambour doch nicht die Existenz gerettet . . . . Ebenso wie in ihrer Ansicht über diesen Punkt traf die
Kriegsherrin das Rechte , wenn sie den Vorschlag über Reducirung der unzählbaren Signale mit den kurzen Worten
acceptirte : 2Etöd| te feigen, ttne vill fold ^e 3eid| ett egiftiren nötljig ; mären felbe auf menige 311 rebuciren ; bie menge
rn ad | t nur COltfllfeT Als die Generalscommission lange über die Frage deliberirte, ob man nicht den Dragonern
die Baj011 nette abnehmen , die Flinten auf Karabinerlänge abkürzen und auch die langen Reiterpistolen reformiren
sollte , resolvirte die Kaiserin energisch : „Selie nid | t ein , mas bie 23ayonette ttnjj fi 11b; bas (Bemöbr 311 uer=
finden, glaubte and| , befonbers bie piftolen , bie gar uid| ts mit} ftnb, mie fie je^t ftnb, unb (ollen bie pallafd}***) unb
piftolleu unb 3mar festere nad| beut fixeren Dlufter nad | unb nad| eingefübrt werben."
In der schwierigen Kürassfrage beschloss der Hofkriegsrath , entgegen dem Anträge d’Ayasassa ’s auf
Einführung des einfachen Brustharnisches (Plastron ), die Beibehaltung des bisherigen Doppelkürasses und die Reservirung
von Harnisch und Pickelhaube auch für die Dragoner für die Eventualität eines Türkenkrieges . Sehr ungern stimmte
die Kaiserin diesem Beschlüsse zu : „IDäre and ] ber 21Teinnng, mit b’2l \*afaffa , meilen es (bei* DoppelI| arni (d| ) bem
21Tamt 311 ittcontmobe, nerbinbert inanoeuDriren, ol| nebem nid| t mehr angelegt merbenf ), als gegen bie Ciirfen, fd| mär
311

311 führen, Dill foften. ZTadj meiterer (Erfläfjnmg laffe er babei, bajj bie Cuiraffiere mie jef^t bleiben, bie Dragoner mit
bem Oorbertl]eil bes Cnirafj unb pecfeü}aube in türefenfrieg Derfebeit werben."
Die Kaiserin wollte die Eventualität der Türkenkriege keineswegs ignorirt , aber auch nicht übermässig beachtet
wissen . Als man sich entschloss , endlich das Cavallerie -Ouarree principiell abzuschaffen , schrieb sie sein* richtig nieder:
„Der (Tyr cf ett ?ri eg ift gant } biferent non all ’ au bereu ; menig von unfern officirn haben einen gefeben, miü gal]i*
jagen : menig von unfern generallen, mithin märe alle attention 311l| aben, bifen puuet mol| l aus3iiarbeiten folang nod|
einige ftd| ftnben, bie aüba gebient/'

*) »Weillen hiernach öffters bey denen Regimentern Tambours , auch Sattler und Schmied von so liederlicher Aufführung gefunden werden « —
heisst es in den Musterungsrapporten von 1755 — »dass alle Arten der Bestrafung nicht verfangen , derley incorrigibile Subjecta hingegen andere , wohlgesittete
Leuthe durch ihr ärgerliches Beispiel nur verführen , als haben Ihr . Maj . anbefohlen , dass selbe bey denen Regtrn . nicht mehr geduldet , sondern ordnungs-
mässig abgeschaffet und von ihrer Forderung andere Leuthe mit Montur und Rüstung gestellt werden sollen .« (Kriegsarchiv .)
**) »Die Pauken, « sagt Khevenhüller ( 1748), »mit einer gehörigen Wacht , als 1 Corporal mit 12 Mann, , stellen sich sammt denen Hautboisten gerade
vor die Leibcompagnie . Jedoch lassen sie eine solche Distanz dazwischen , dass sie Niemand verhindere , bequemlich vor der Front reiten zu können . Sollte kein
Terrain vorne bequem sein , so stellet man sie zwischen dem Intervall des Regiments mit der Grenadiercompagnie . Der Pauker und die Hautboisten müssen sich immer
hören lassen , auch da das Regiment nicht das Gewehr präsentiret , dann es gar todt aussiehet , wann ein ganzes Regiment da formiret steht und so stille ist .«
N**) Auch bei den Pallaschen war eine grosse Verschiedenheit eingerissen . Viele Inhaber hatten die Griffe der Seitengewehre ihrer Reiter zum
Schutze der Hand mit »Korb , Stängel oder Bügel « versehen , wodurch das Gefäss schwerer geworden war.
j ) Thatsächlich hatten fast alle Kürassier -Regimenter im Erbfolgekriege sowie im 7jährigen Krieg nur Brustpanzer . Der Helm wurde gar nicht
mehr getragen . Erst die Türkenkriege unter Josef II . sahen die Kürassiere wieder mit Brust - und Rückenkürass und dem Casquet.
DIE DEUTSCHE REITEREI. 99

Wie weit der Conservatismus einzelner Generale ging , erhellt daraus , dass man sogar die alten grossen und
unbequemen Granatentaschen der Dragoner -Grenadiere nicht abschaffen wollte, obwohl man sehr genau wusste , dass
der reitende Grenadier eiofentlich <mr nicht mehr zum Granatenwerfen kam . Man schaffte lieber die Cartouches ab,
doch mussten die Granatentaschen zur Bequemlichkeit des Mannes »weiter links « geführt werden . Ueber die Tragart
der Gewehre wurde entschieden , dass dieselben bei Kürassieren und Dragonern mit der Mündung nach aufwärts , bei
den Chevauxlegers und Huszaren mit der Mündung nach abwärts geführt würden .*)
Ueber die Montirung * der Kürassiere und Dragoner liegt eine interessante , »ganz gehorsamste
Erklärung « der Commission vom 2. April 1765 vor , welche die einzelnen Montursstücke namentlich im Hinblicke auf
die Zweckmässigkeit und Dauerhaftigkeit darstellt . Als Kopfbedeckung schlagen die Unterzeichneten Mitglieder der
Commission den Hut vor , weil er die Reiter besser gegen die Sonne und Regen schütze als ein Casquet **), welches
zu diesem Zwecke erst »heruntergelassen « werden müsste . Unter dem Casquet aber habe man dem Mann selbst bei
schlechtestem Wetter »weder eine «-eriime Schlafmütze , noch die gewöhnliche , odeichmässig herunterzulassende Fouragier-
mtitze « gestattet . Am Tage einer Affaire könne man den Hut »mittelst der Seitenbänder fest um den Kopf binden «;
ein guter Filzhut habe übrigens manchen Reiter (Kürassier ) und Dragoner schon vor mehreren Hieben geschützt »oder
den Kopf durch seine Dreiecke gedecket «. Bei dieser Gelegenheit erinnerte man sich auch der damals ganz ernsten
Frisurfrage und erwog , ob man nicht dem Cavalleristen Arbeit und Geld ersparen könnte , wenn man ihm erlauben
würde , die »Haare nur zuweilen durchzustauben , keineswegs aber zu pudern «. Die Mehrheit war für das Pudern,
»da es der Reinlichkeit zuträglich sei und weniger affectirt herauskomme , als das Stecken mit Gabel -Nadeln «. Die
Kaiserin resolvirte : „Das pubeni el?eitber 511 befehlen, als 511 verbieten . IPie bie Cöwenftein (jCbcDaiirlcgcrs ) fein,
gefallen mir bie fjaar . Pielleicbt 311m bnitt flehet es nicfyt fo gut/'
Fange konnte man sich über die Wahl des Mantels nicht einigen . Fine ansehnliche Minorität war für die
Ersetzung des weissen Radmantels durch einen Mantel mit Aermeln, da man denselben bei üblem Wetter
auch vor dem Feinde im Kampf gebrauchen könnte . Der Radmantel liege vorn auf den Zügeln und beschwere das
Ross , hindere den Reiter an der freien Bewegung der Arme , drohe ihn zu erwürgen , wenn er die Hände frei mache
und den Mantel zurückschlage , und schlage ihm selbst um das Gesicht herum und den Hut vom Kopfe , wenn der
Wind dareinfahre . Dies Alles würde bei dem Aermelmantel vermieden werden . Die Feinde der Aermel waren aber
nicht verlegen um Argumente dagegen . Wie und wo sollten die Reiter im Aermelmantel das Gewehr führen , wie
sollten sie den Mantel abwerfen , wenn sie sich plötzlich dem Türkenfeinde gegenübersähen ? Ja, die anderen Armeen
hätten es gut — die könnten sich Aermel erlauben ; aber wir, wir sind die Einzigen , welche mit jenem Erbfeinde
zu rechnen haben , dem auch die Gavallerie nur mit ihrem Gewehrfeuer beizukommen vermag ! Unser Reiter könnte
»mit drei übereinander liegenden Ärmeln « (von Mantel , Rock und Camisol ) nicht einmal den Pallasch führen ! Im Zelte
würde ihn der eng-e Mantel nicht decken ; er würde im nassen Rocke herumliegen und die Montur verderben . Dem
einzigen Fehler des Radmantels , dass er sich beim Reiten zurückziehe und in den Nacken regnen lasse , werde durch
»Ansetzung eines stehenden Krägels « abgeholfen werden . Der Radmantel blieb vorläufig Sieger.
Auch in der Rockfrag *e standen sich zwei streng -geschiedene Parteien gegenüber . Die Einen waren für
Federcollet mit einem »Leibei « als Unterkleid , die Anderen für Rock und Camisol . Beide führten schwerwiegende
Argumente in reicher Zahl für ihre Adjustirungsansichten ins Treffen . Die Frsteren dachten sich die Collets der¬
gestalt , „baff fte bis in bie taillc 3iigehaefelt, Dort ba aber etwas abfcfyüfjig gefdniitten nitb übergefcfylagen unb mit
betten hinter £ (]eilert 5iifamntengebäcfelt fe\m, and? nicht mehr als 5tr>ey Spannen non ber taiüe fyenuttergehen, Feine
galten in ber Seite, fonbern blofj einen flehten SdtiiFSacf mit länglid)ten patten haben. Die Tffntel mufften gut unb
geräumig nttb ber 2luf[d?Iag bergeftalt gemacht fein, bafs er, l?ermttergefd?lagett, juft bie £?anb beefet" . Unter den Rock
wäre die gut schliessende , mit platten Knöpfen versehene Weste gekommen . Die Anhänger dieser Bekleidung beriefen
sich auf die guten Dienste , welche die Lederhose der Kürassiere , »wenn sie im Kreutze wohl ausgeschnitten und
nicht zu eng-e sei «, leiste . Freilich käme es vor , dass sie ungeachtet des Mantels unerträglich nass würden ; deshalb
besässen die Reiter eben ausserdem noch je ein „paar paillefarbige tiieherne Pjofen mit platten
Knöpfen “ (in einzelnen Montursschemas sind speciell „ro tl ?tüd ?eru e“ Hosen genannt ). — Aber die Gegner des

'!') Letztere Tragart des Karabiners scheint aber nicht durchgedrungen zu sein , da die Waffe viel zu lang war , Pferd und Mann durch stetes
Herumschlagen belästigte , durch die Erschütterung die Ladung sich lockerte und die Kugel in den meisten Fällen einfach herausfiel.
'''*) Unter diesem Casquet ist nicht mehr der eiserne Helm zu verstehen , sondern das bei manchen Fusstruppen schon eingeführte Ledercasquet,
das in der Form der Fouragiermütze ähnlich war.
IOO DIE DEUTSCHE REITEREI.

Ledercollets sammt Leibei blieben in der Majorität . Sie wussten darauf hinzuweisen,, dass die in jener Art bekleideten
Anhalt-Zerbst’schen und Anspach sehen Regimenter in der Campagne 1762 schon im October auf den Feldwachten
vor Kälte und Nässe nicht aushalten konnten . Auch würde das lederfarbige Collet die kaiserlichen Truppen denen
anderer Mächte, namentlich Preussens, so ähnlich machen, dass sie im Melee nicht mehr Freund und Feind unter¬
scheiden könnten und von der emenen vortrefflichen Artillerie zusammenkanonirt würden. P' erner müsste diese gründ-
liehe Aenderung der gesammten Montur überhaupt, speciell aber den Officier viel kosten, da sein Collet doch durch
besondere Auszierungen gekennzeichnet werden müsste . Auch wäre der Rock leichter auszuziehen als das »zugehäftelte«
Collet, in welchem man überdies gar nichts, nicht einmal ein Stück Brot unterbringen konnte . Die Mehrheit bezeiclmete
nach alledem als die beste Kleidung eines k. k. Kürassiers und Dragoners einen Halt, einen Mantel von Glockenweite,
einen Rock, darunter bei den Kürassieren ein Camisol nach Colletart, bei den Dragonern ein ordentliches Camisol.*)
Die Chevauxlegers waren wie die Dragoner zu kleiden, behielten aber das Casquet . Uebrigens befahl die Kaiserin,
ehe sie ihre endgiltige Entscheidung fällte, man solle ihr vier Kürassiere und zwei Dragoner , nach den differirenden
Adjustirungsansichten gekleidet , zu Pferd und zu Fuss vorstellen. Die Kaiserin wollte erst nach dem Augenschein
urtheilen, bemerkte aber, sie selbst hätte „particular bis capot unb collete praeferiret , üOil welchen aber llicfyt mel]l4
bie ^ raq Die Majorität behielt schliesslich Recht.
Ziemlich einmüthig war man in der Stiefelfrage; denn es unterlag kaum einem Zweifel, dass die bis
dahin getragenen steifen Reiterstiefel mit Faschinen **) zwar sehr schön, aber auch sehr unpraktisch seien.
»Sie verderben nicht nur vielen Leuten die Beine.« sagten mehrere Commissionsmitglieder, »und machen sie zum
Dienst untüchtig , sondern es ist auch durch die Erfahrung zu sehr bestätiget , dass sie allein an dem Verlust vieler
Reiter Schuld sind, welche, wann ihnen die Pferd todtgeschossen werden, dem Feinde darum in die Hände gefallen,
weil es in solchen nicht möglich ist, zu Fuss sich mit einiger Geschwindigkeit zu retten .« Die Ofhciere legten sie auch nur
dann an,'0 wenn sie unbedingt mussten. Conservative Generale suchten sich zwar auch in dieser Frage dadurch aus dem
Dilemma zu ziehen, dass sie den Dragoner vor dem schweren, steifen Stiefel erretten , dem Kürassier dieselben aber »nicht
ausdrücklich abstellen « wollten. Doch die Kaiserin entschied : ff 23 eebeit leidste Stiffel geben, bie ^ afd)inen weg3ulaffen."
So sehen wir den Kürassier, Dragoner und Chevauxlegers vor uns, wie man sich ihn nach Durchführung
der Commissionsbeschlüsse dachte . Auch die Farbe der Röcke wünschte Maria Theresia für jede der vier
Cavalleriespecies einheitlich festgesetzt : für die Kürassiere weiss, die Dragoner roth, Chevauxlegers grün, Huszaren
blau oder grün . Major Weissmann proponirte nun, die 18 Kürassier-Regimenter der Armee durch neun Aufschlags¬
farben in der Weise kenntlich zu machen, dass die zwei gleichegalisirten stets durch die Knopffarbe unterschieden
würden. Und dieser Vorschlag drang durch, ebenso desselben Weissmann Antrag , den Dragoner -Regimentern geradeso
wie der Infanterie und den Kürassieren eine einheitliche Rock- und verschiedene Aufschlagfarbe zu geben . „2111 e
Ciiraffi er Regimenter — resolvirte die Kaiserin — feilt b foitb weis (nach Meinung des Weissmann sollen
die neun Farben in sie getheilt werden) ; besgleicfyert bie Dt4ctgoner fo11en alle t40 11] fein , bie £) u ( aren
alle blau litib griitt — bie belffte ; mit eingekeilten färben wie bie Cüraffit4folleit mir felbe norgelegt werben.'7
Das Adjustirungsschema für die deutsche Reiterei hätte nach einem »unmassgeblichen Vorschlag « für die Aufschlags¬
farbe der k. k. Cavalierie-Regimenter vom 12. Mai 1765 folgendermassen ausgesehen:
<£ üraffiev =Hcgimenter , öurdpuis ineilge Nöcfe, leberfarbenc Camijoler, fotnofylS’ffisters als gemeine:
(Eiqfyerjog Steopolö. . 1 gelbe t
Knöpfe
<£ vjt)'ei-jog inopmilian 1 « * «: poi.ccauvotl,

*) Nach dem »unmassgeblichen Vorschlag « über die Details dieser Adjustirung war der Rock folgendermassen charakterisirt : »So geschnitten,
dass ihn der Mann oben an der Brust zuknöpfen , mit der Hand bis an die Schulter zurückreichen und sich darin vollkommen bewegen könne . Er soll
in der Länge , wenn der Mann kniet , bis an die Stiefel -Camaschen gehen oder 3 Zoll von der Erde abstehen , in der Seite mit einem offenen Falten und
rückwärts mit einem Haftl . Der Ermel muss bis an die Handgelenke gehen , mit einem Aufschläge von 6" in der Tiefe , 4y 2" >n der Höhe mit drei Knöpfen,
wovon der eine in der Mitte auf die Naht , einer in - und auswendig 3“ von einander , mit 3 offenen Knopflöchern . — Dragonerrock ebenso , die Klappen
oder Umschläg bis an die Taille geschnitten ; die Achselschnur in der Länge , dass sie mit dem Spitz der Stefften bis an den Ellenbogen reiche ; —
Cürassier -Camisol so lang , als der Mann mit dem Mittelfinger des gesenkten Arms reichen kann , von lederfarbigem Tuch . Von den Schösseln werden
nur die zwei Vordertheile überschlagen und mit ein dem Aufschläge gleichfärbigen Tuche eingefasst ; der Aufschlag am Ärmel 3 1/, " hoch , 4 1/2" tief , unten
offen , mit einem Knopf . — Dragoner - Camisol mit Taschen und Knöpfen , letztere i 1^ " zurückgesetzt . Ärmel und Aufschläge wie bei den Cürassiers so
lang , als der Mann mit dem am Leibe herabsinkenden ersten Gliede des Daumens erreichen kann . Die Vordertheile der Schösseln nicht umgeschlagen . —
Hosen bei Cürassiers und Dragonern von Leder , an die Hüfte wohl heraufgehend , mit breiten Gurten und weit ausgeschnitten , damit der Mann wohl
aufsitzen könne ; von den Knieen herauf Knöpfe und an dem rechten Schenkel keinen geraden Seitensack.
**) Die Faschinen waren das steife Lederfutter der Stiefelröhren und reichten bis zu den Fussknöcheln.
io i
DIE DEUTSCHE REITEREI.

Benebict Daun . . • 1 gelbe |


Kuffchlagfarbe: carmoifinrotl) weife j Knöpfe
Portugal ..... . J

Kyafaffa . . . . • • 1 gelbe |
pompabourroth
Keiuholt ..... . J weife i
5tampad) . . . . • l gelbe |
bunfelgnin
5 erbelIoni . . . • . J weife J
5 tampa . . • . • • 1 gelbe |
paperlgrün treibe J
Knspad) . . . . • . J
<3erbft ...... • 1 gelbe |
meergrün
ff weifeJ
Carl Palffy . • • . .1
Klt^ Ttobena . • • • 1 bunfelblau gelbe |
ff
weife i
Crautmannsborff • . J
Prinj Klbert . • • • 1 gelbe |
hellblau
0 ’Donell ..... . )
weife i
De Bille ..... • 1 gelbe |
febwarj
weife j
Pretlaf ...... . )

aus rot !)-


Dragoner^ nter (f765), Kode burd)
Kömifd)er König . • 1 Kuffd)lagfarbe: buufeigrün weife | Knöpfe
. ) gelbe 1
Darmftabt . . •
Kolowrat . . . • • 1 weife |
n paperlgrün
gelbe J
^weibrüd . . • . )
IDürttemberg . • • 1 weife |
„ fd)war5 gelbe 1
5 anoyen . . • • . J
5ad)fen=©othu • l weife |
ff hellblau

gelbe I
Battl)iany . . • . I bunfelblau
3ung=2nobena • 1 ff weife |
. ) gelbe J
£ied)tenftein. . •
meergrün(ober
Kithann . . . • ' citrongelb)

(Lt>e»aujIegers »Hegimenter.
Söwenftein . • • • grüne Kode, Kuffdjlagfarbc: ponceaurotl), gelbe Knöpfe
weife „
5t. 3 gnon . . • •
tt ru r1Vo-crnfh das nachfolgende Circular an sämmtliche Kürassier -, Draffoner-
Im Mai 1766 verfasste der Hotkriegsiau ö
\7r>r<5rhläo-en in der Hauptsache Rechnung - trägt und schon von »beeden
nnrl r Wanxlea -ers-Regimenter , das diesen Vorscmaö c L ö ö
ö . . T1 prPS ia und Kaiser Joseph II . als Mitregenten und Kriegsherrn genehmigt
Majestäten «, d. h. von Kaiserin M ar 1a I her es

worden ist . _ (Ptitf-bließung \u feböpfen geruht, bei ben gefanunten beutfefeen Canallerie^Keginientern
(Pc Raben beebe favf. KTaj. eine a. h- / ^ y . t. . . . ..
‘ s , . „rrbaänaiae gewtffe<Sletd)heit, anbererfeits aber aud) in Knfef)ung eines jeben Regiments
einerfeits in Betreff ber ^ ntirung überhaupt eme HnbIid ber Rtontur ein Regiment
Hegim non bem anbent foglcid? unterfdfeben
insbefanbere foldje Mnntbare geilen ein5ufuljren bam ^ ^ ^ KTajeftäten allcrgn. befdjloffen worben, bafs bereu
beebcu 21TajeiMte
werben möge.
cD urmxid
€ ]ung biefes KIfcb> ^ (£henauylegers
=Kegimenter Söwenftein unb 5 t. 33 n°n — jumalen felbe (bic Cl)cnauj-:
gefammte Dragoner -Regimenter ep. u tut nur 5 t. 3 gnon anftatt ber gelben weife Knöpfe anjunefymen bat — rot !)e Kode,
Iegers) bei ihren bcimaligctt Kontur, ai en v Kode
^ ^ , bie Camiföler bagegen burchgehettbs Stcbcrfarb führen, folglich bie
bero gefanunten Curaffter - cginunta wk obcr suber fid) unterfd)cibcn folleit. . . . Ruf baf hingegen bie a. Ir tüillens-
Regimenter burd) 2Iuf- un ^ erfd) age,
bie ircvbc unb cüd unb anberer Kegimcntscommaubanten nicht etwa nadj ber Ijanb mit
mcimuig befto genauer m CifuIIung 9a,u1 Z - „ cljmcn fönnte, ift bas weitere für gut befunden worben, foiBobl non biefer
llmniffeubeit bic eigentlid,e , M i« « 'W 9 inwtos .£lflttal ben Beftettten eines jebeu Regiments ein RTuftcr 511 bem Cnbe
neu refolnirten RTontuung als fonfkn noch uou^ S^ ^ ^ richtig beförbert, folgbar basfelbe non ber £ eit ber (Eiiitreffuug beim
herausjugeben, bamit fie uu iee r ju cs t ausbrüdlich non I)i*r aus uerorbnet werben bürfte, bei hinfüuftigcr, allmäligcr
v> • u bis ni d/t etwa wieberum cm .anoues - , L . r. . . . ..
Kegmiente mfolange, «adneabrnt, mithin ermähntes Riuftcr als ein beftanbtges Hichtmaf bei jebem Regiment
«>t neuen 2Uoutur auf bas genauelie naa/gcu^.. , 1 . . . . . ,, . .
Mnfäaffung emer i „ mfoineniger abgegangen werbe, als berjemge, wctdicr fict, etwa etne etgenmacffl .ge
aufbetjaiten unb banon - deswegen gebüfjrenb angefet)en werben würbe. Bic gegenwärtige JHontur
»bänberung über furj ober lang begehen tafien bmtte, . ‘
wirb fortgetragen . Offiziers nad) ber ncmlid)en
Corporate , <£ ftanbartcnfüf)rer, lüaotitmciften unb Sfftjie
(,3n OH1 b . fDtStMT alcid) bann In 01
'11^ 1f uric^ Ieftercn ebenfalls bei bei ben Cüraffiercn wirflidje
Jom , unb nad, benen färben w.e ber ©ernenne5u Heben, gl «4
I4
102 DIE DEUTSCHE REITEREI.

Camiföfyle mit Knöpfen wie für bie Dragoner 511 perfertigen fommen , wogegen in Rnfefyung ber flehten Stabsparteien unb primaplaniften
bas eigentliche in bern bemnäcfyft ausjngebenben tE£?ei!e bes abgeänberten Reglements funbgemacfyt werben wirb ." *)
„Der IDillfür ber Regimentsinhaber bleibt freigeftellt: nicht allein bie ^ a?oit ber Knöpfe , ber Bffijiersfyüte unb Hhabraqucn,
bann ber wollenen unb fanteelhaarenen Borten , jebocf? mit Beobachtung ber für ben IDachtmeifter abwärts feftgefe^t werbenbcn Breite , fobann
bie Ruswal }! ber ^ arb bes Huc^s ju ben Bffijiers * unb (5 emetnen=Hhabraquen toie 5U^ en Rtanfelfäcfen , nur wirb in Betreff ber £)ffijiers^
Borten perorbuet, baf biefe auf bem put 2W breit unb auf ber inweubigen Seite nur um einen Strich fchmaler als auswärts aufgenäht
werben follen, bahingegett auf bie Hhabraques nebft ben befannten gefticften faif . Rblern bie breiten Borten pou 2 ", bann bie fchmaleu pou \“ r
unb jwar für ben Stabsoffizier eine Branche ohne (Erepin unb 2 breite Borten , für bie Hapitän =Hommanbanten ebenfalls 2 breite Borten,
jeboch ohne ^ rancfye, für bie Hapitahu Lieutenants ( fdpnale unb \ breite , enblich für bie £)ber= unb Uuterlieutenante \ breite Borte allein
31t nehmen fei. ^ erners wirb benen Regimentern freigelaffen, bafs jene, welche weife Knöpfe haben, bk Banbouliers , patrontafcf ?en= unb
Kuppel ' Befchläge fammt Rbler unb ben faif. Hamensbuchftaben wie auch cim Seitengewehr nach eigenem Hutbünfen weif ober gelb nehmen
unb behalten fönnen. Da übrigens ber (Erfahrung gemäf bie Sollinger Klingen um etwas leichter ausfallen unb bem Bernehmen nach ht
ein-- unb aitbereu inläubifchen tfabriquen , befonbers pou bem Klingenfchmieb BTofborffer 511 IBaifen nunmehr ebenfalls bie Klingen auf biefe
Rrt , unb jwar um einen geringen Preis perfertiget werben follen, fo wirb cs bem Regiments ^Hommanbanten obliegen, bei Rnfchaffung ber
Seitengewehre ihr möglichftes anjuweuben , bamit bie Regimenter ber a . h- XDillensmeiuung gemäf aus benen inläubifchen ^ abriquen mit
eben berlei Klingen wie bie Sollinger perfeben werben."

Von dem Gepäck , das ein einziger Reitersmann auf seinem Pferde fortzubringen hatte , entwirft uns das
Commissionsprotokoll folgende erbauliche Schilderung:

„^ uerft wirb ber paaber =Sacf mit paaber auf 5 Hage unb auf biefeu bie ^ ouragierbeefe aufgelegt, macht p/ 2" (Erhöhung.
Ruf biefe fommt ber ^ werchfacf mit folgenben Stücfen: \ paar S<huh , 1 Striegel unb (Eartätfche, \ Sacfel mit Schuhbürfteu unb
IDachs, \ Decfengurt , \ Säcfel mit ^ arbe unb Bürften 511m Kuftrei<hen , \ Paar pufeifen , fOO pufnägcl , I Kleiberbürftc, \ Schuh=
Rble fammt Draht , bas Riemen wer? ausjufliefen. pierauf fommt ber BTautcIfacf mit : 5 pemben , 3 paar Stiefelmanfchetten, 3 pals=
binben, \ paarbanb , 2 Schnupftücher, \ paar tuchenen pofen , { paar leinwaubeue pofen junt ^ ouragiren , 2 paar Strümpff , f paar
(eherner panbfehuh , \ fleinem Sacfel mit ^ lecf, Babel unb <5 wirn jum fliefeu, \ flanelleuem Seibel. Ruf beit RTantelfacf wirb enblid) noch
ber RTantel gepaeft; bas macht bei bem compeubieufeften Pacfen 2 l/2 gute ^ auft pöhe . Hberbies muf pou jeber (Eamerabfchaft ein Rtarnt
bas ^ elt tragen , welches unter ben RTantelfacf gelegt wirb unb allein eine gute ^ auft beträgt . Bid )t auf ben paef , fonbern „hin unb wieber
aufgeleget" werben folgenbe Stüde : als ein Sad , fo in ben Sattel gelegt unb worinnen geführt wirb : auf f Hag paaber , auf U Hage
Brobt , auch juweilett ^ leifcfy unb ^ ugemüfe unb f Sacfel mit Salj , auch bei einigen Regimentern bie Pferbe =palffter , ein Sad , in welchen
ber Keffel gethan unb ber an ben mittelften Pacf -Riemen angebunbett unb auf ber linfett Seite in ben Sad gelegt wirb ; 3 Stiid ^ clte in
einem Sädel , welche hinter beit Pad anf ben Sattelfrans 5U liegen fommen ; ein ^ elthaden unter beit rechten piftolenftü ^el an beit palffter;
ein 2Daffer=£ägel auf ber rechten Seite jwifcfyeu bent Pacf unb bes Rtaitncs Rodfalten ; \ Berjug ^Strid jwifdjeit pad unb galten,
2 ^ ouragiewStricfe ebenfalls an ber Sattelfammer neben beut Pad ; 6 fleine ^ eltpflöder int ^ uttertornifter , aud ? auf ber Seite neben bem
Pad unb bes RTamtes Rodfalten ; \ flciit Sädel , worin ber Rcatm RTeffer, Höffel unb Hubel perwahret auf ber Seite. Die ^ ouragicr=
ntiipe wirb unter bent Borbertheil bes Ht'iraf perborgen. Die Pferbebede wirb unter ben Sattel gelegt. Der Kittel wirb angesogen ober
unter bie Sattelbede gelegt. Bebft biefem führet ber RTann noch im Schubfad einige fowohl $ur Sauberfeit als täglichen Gebrauch nöthige
Kleinigfeiten unb wenigftens auf 2, fehr oft auf q Hage peu auf bem Pferbe . — Diefe „Kleinigfeiten " fanb man faunt fo grojf, bafs fie
„einige attention " perbienten; bo<h h° ff te utatt ihre Schwere burd? einige Rnberungen in ber padung su milberit, namentlich baburdi, bafs
man beit ZtTantel ftatt hinten por beit piftolen auf beit Sattelfnopf auflegete, wie cs bie pufaren uub in attbereit Rrmeen auch bie Dragoner
thaten . Die piftolenhalfter follteit fo gemacht fein, bafs bie piftolenfolben ber pöhe bes Sattelfnopfs gleich unb mehr als eine Qnerbaitb
auseinaitber 511 fteheit fommen ; man muh fk utit £öd?ent uub Klammern fo feft machen, bafs fie nicht wanfett fönnen. Die Steigleber
müffett an bent Sattel foweit als nöthig porwärts gesogen feyit unb werben fo gefcpnallt, baf fiep ber ITTanit, wann er gerabe auf ben
Ballen flehet, eine ^ auft hoch in bent Sattel heben fömtc. Der Pad wirb mit betten 3 Riemen mit Schnallen gehalten, bie hiutett an ben
Sattel augemachet feyit. Die Hhabraquen müffett nicht weiter als bis au bie püffte bes Pferbes suriidliegeu uub nach bem Bluffer unb
,farbe bes Regiments fowohl als bie piffoleitftüpel borbiret werben."

Wenn die Sache so gemacht wird — meint man — könne das Pferd nie gedrückt werden . Unnütze
Bagage dürfe eben nie gelitten werden ; jedes gedrückte Pferd deute ein strafbares Versehen des Mannes an.
Wären die in diesem Circulare enthaltenen Vorschriften zur Thatsache geworden , so hätte das Jahr 1765 eine
völlige
O
UmwälzungO - in der österreichischen Cavalleriebekleiduno O - und Ausrüstung<2> hervorgerufen
ö
. Wir werden aber sehen,'

*) Darüber hatte die Commission besondere Beschlüsse gefasst . Der Regiments -Adjutant , welcher als » Wachtmeister - Lieutenant « ein Zwischen¬

ding zwischen Officier und Unterofficier gewesen war , erhielt , wie schon erwähnt , die Unter -, eventuell sogar Oberlieutenants -Charge und die Aussicht auf das Avan¬
cement zum Capitänlieutenant . Im Kriege sollte ein Unter -Adjutant ohne Officierscharakter creirt werden . — Sattlern und Schmieden der Kürassiere wurde die
weisse Uniform mit weissen Ueberschlägen und eine Weste in der Farbe des Regimentsaufschlages zuerkannt ; bei den Dragonern erhielten sie den Rock
in der Regimentsfarbe ohne Aufschläge und Klappen ; der Sattler trug auf der rechten , der Schmied auf der linken Achsel Epauletten in der Regiments¬
farbe . Die Fouriere bekamen bei Kürassieren und Dragonern die Regimentsröcke mit einem sogenannten schwedischen oder geschlitzten Aufschlag.
DIE DEUTSCHE REITEREI. 103

dass die ganzen gründlichen Berathungen in den Jahren 1764 und 1765 und die umfassende Vorschrift des letzteren Jahres
schon zwei Jahre später längst überwundene Standpunkte waren . Im August 1765 schloss zu Innsbruck Kaiser
Franz I ., der geliebte Gemahl Maria Theresias , seine Augen für immer ; der römische König Joseph trat als
Kaiser Joseph II . die Regierung des heiligen römischen Reiches und die Mitregentschaft der Habsburg ’schen Erb¬
lande an . Mit scharfem Geiste und warmem Herzen wandte ei auch den militärischen Angelegenheiten seine
Aufmerksamkeit zu. In dieser Zeit des völligen Wandels , an diesem Anfangspunkte einer neuen Aera blieben die
geplanten Aenderungen in der Bekleidung des Soldaten zumeist nui lioject . Aus ökonomischen Gründen hatte man
ja noch wenig an der bisherigen Adjustirung geändeit , die Küiassieie waren sozusagen aut natürlichem Wege »weiss«
geworden ; die Chevauxlegers trugen ihr historisches Grün , der rothe Dragonerrock war wohl decretirt , aber weit
entfernt davon , das allgemeine Dragonerkleid zu weiden . ) Eist die Josephinische Aeia brachte die völlige Einheit
und eine ansehnliche Stabilität in die Adjustirung der »deutschen Reiterei « Oesterreichs . Ihr Kriegerruhm aber hatte
in den Feldzügen der Theresianischen Armee seinen höchsten Gipfel erreicht.

*) 1769 erscheinen die Dragoner -Regimenter fast alle im weissen Rock mit verschiedenfarbigen Aufschlägen und Schössenfutter . Die beiden
leichten Dragoner -(Chevauxlegers -)Regimenter mit grünen Röcken und rothen Aufschlägen . Die Kürassier -Regimenter hatten grösstentheils nach dem
Adjustirungsvorschlage von 1764—1765 ihre Uniform geändert.

14*
IV.

ie Huszaren in Theresianischer Zeit.


1740 — 1765.

Was der ungarische Huszar war , was er vermochte , das


hat sich am glänzendsten in jener kampfbewegten Zeit erwiesen,
welche alle Kriegsvölker
O Habsburors
ö zur Vertheidigmng
OO : des bedrohten
und erschütterten Thrones auf die Wahlstatt rief . Da sah man das
Königreich Ungarn in seiner vollen Wehrhaftigkeit ; da flogen
blitzend gar viele Ungarsäbel aus den Scheiden , und aus den Heimat¬
gauen zogen die kampfesfrohen Scnaaren zu Pferd und zu Fuss
über die Grenzen hinaus den siegessicheren Feinden entgegen . Und
die ersten in jenem herzerhebenden Kriegszuge des Ungarvolkes,
das sich freudig rüstete , um für seinen »König « Maria Theresia
zu sterben , die ersten am Feinde waren die nationalen Reiter Ungarns,
die Huszaren . Die Zahl ihrer Regimenter hat sich in den Theresiani¬
schen Kriegen mehr als verdoppelt , die Wehrkraft Ungarns ist erst
in dieser Zeit völlig: entfaltet und in den Rahmen des Gesammt-
heeres eingeführt worden.
Schon im Jahre 1715 hatten die Vertreter der Nation
der Erkenntniss Ausdruck gegeben , dass die historische , aber
auch alterthümliche Wehrverfassung des Staates , das adelige
und Comitatsaufgebot , die »Insurrection «, den Verhältnissen
nicht mehr cfenüae , dass man sich zur Stellung : und Erhaltung:
einer entsprechenden Anzahl regulirter Truppen von In- und Ausländern verstehen
müsse . Bis dahin stellte Ungarn zur regulären Armee nur ein Heyducken-
(Fuss -)Regiment und drei Huszaren -Regimenter . Im Jahre 1735 traten zwei
Fuss - und fünf Huszaren -Regimenter dazu . Bescheiden genug war diese reguläre
ungarische Streitmacht , welche Maria Theresia zu Gebote stand , als sie sich
allein , ohne Bundesgenossen , einer Welt in Waffen gegenübersah . Deshalb war es wohl eine durchaus begreifliche
und naheliegende Idee der bedrängten Fürstin , dass sie im Herbst 1740 , nach völliger Erschöpfung der österreichischen
Erblande , die reichen Hilfsquellen ihrer ungarischen Lande zu nützen , an die kaum berührte Wehrkraft derselben
zu appelliren beschloss . Unter der thatkräftigen Mitwirkung des seiner erlauchten Herrin mit Begeisterung ergebenen
Judex curiae , FM . Graf Johann Pälffy, dem das Commando sämmtlicher in Ungarn dislocirten Truppen übertragen
worden war , wurden die ersten Schritte zum Aufgebote der sogenannten »Insurrection «, d. h. der von den Edlen des
Königreichs nach alter Wehrverfassung zu stellenden Contingente gethan . Sie waren nicht ausreichend und die Zeit
dräno -te . Die »berittenen Nationalhuszaren « waren es vor Allem , mit welchen man rechnete . Dies waren Aufgebote
die huszaren in theresianischer zeit. 105

an Reiterei , welche einzelne besonders patriotische Magnaten und Prälaten , noch vor einem allgemeinen Insurrections-
beschlusse , als selbstständige Abtheilungen (»Freicompagnien «) zu den regulären Huszaren -Regimentern stossen Hessen,
die in Schlesien dem Feinde gegenüberstanden . So befanden sich bei dem Detachement des G. F . W . M. Graf
d'Ol lone in Oppeln zwei Abtheilungen Raaber und Komorner National -Huszaren (Summa 90 Mann ), in Skalitz
100 ungarische »Insurgenten zu Pferd «; das Temeser Comitat sandte eine »banatische Huszaren -Freicompagnie «,
welche geeignet war , im Felde zu dienen .*) In manchen Wiener Kreisen sah man diese Aufgebote sogar nicht ohne

Officier und Trompeter en Parade.

Bedenken in Waffen ; es war ja nicht so lange her , dass sich die ungarische Volksbewaffnung dem legitimen Landes¬
fürsten eher gefährlich als nützlich erwiesen hatte — man war misstrauisch und hätte Geld lieber gesehen , als irreguläre
Huszaren . Aber das volle, rührende Vertrauen der Königin beseitigte jedes Gefühl des Zweifels und Misstrauens.
Maria Theresia genehmigte alle Anträge Pälffy's, willigte in die Ernennung ungarischer Commandanten , und eilig
kehrte Pälffy nach Pressburg zurück , um das von ihm geplante Aufgebot von 8000 »freiwillig aufsitzenden«
Huszaren in Gang zu bringen , und diese mit dem regulären Regiment Kärolyi (heute Huszaren -Regiment Nr . 6) und
drei Kürassier -Regimentern zu einem imposanten Reitercorps von 12.000 Mann zu vereinigen . P' ZM. Graf Neipperg

*) »Die freiwilligen Aufgebote aus den Ländern der ungarischen Krone im ersten schlesischen Kriege .« Von Hauptmann Alexich . (Mittheilungen
des k. u . k. Kriegsarchivs . Wien 1S89, IV . Bd ., Neue Folge .)
io 6 DIE HUSZAREN IN THERESIANISCHER ZEIT.

sehnte sich in Schlesien schon lebhaft nach dem angekündigten »freiwillig aufsitzenden Heere Ungarns «; aber die
schönen Hoffnungen Pälffy ’s wollten sich nicht erfüllen . Einige Comitate waren sehr lässig — nur die Jazygier und
Kumanier , dann die vereinigten Comitate Pest -Pilis-Solt , Komorn und Pressburg sandten brauchbare Contingente , die
aber zusammen nicht einmal 4000 Reiter ergaben und zur Entscheidungsschlacht in Schlesien nicht zurechtkamen.
Die ersten und die besten freiwilligen Huszaren scheinen die Jazygier und Kumanier gewesen zu sein.
Sie formirten nur zwei Compagnien zu Pferd , welche sich »als ein im Lande separirtes Volk « in kein Regiment
einfügen Hessen, bestanden aber im April 1741 zu Jäszbereny bei der Musterung glänzend . Bald marschirten sie auch,
und es war hohe Zeit , denn immer dringender wurden die Rufe Neipperg ’s nach den säumigen »Herren Ungarn «, die
ihm umso willkommener gewesen wären , »indeme die beihabenden (regulären ) Huszaren nicht allein bereits eine grosse
Reputation bei dem Feinde seit allem Anfänge sich erworben , sondern auch seit einiger Zeit zu grosser Beute gelangt
sind «. Als sich endlich die Freiwilligen in Marsch setzten , traf man besondere Vorsorgen für eine pewisse Marsch-
disciplin , da sich schon die regulären ungarischen Reiter nicht blos tapfer und schneidig vor dem Feinde , sondern
auch sehr schneidig - gegen die Bevölkerung , namentlich die lutherische , unter Umständen selbst gegen die katholische,
bewiesen hatten . Die Huszaren machten eben ihre eigene naive Soldatenpolitik . Die Schlesier , die sich so leicht mit
dem eindringenden Feinde befreundet hatten , waren ihnen nichts als Widersacher ihrer geliebten Königin ; die durfte
man nicht sanft anfassen , da Hessen sie Säbel und Pistolen sprechen , und mancher gut -kaiserliche Pfarrer musste , da er
sich nicht in der Huszarensprache zu rechtfertigen verstand , wie ein lutherischer Pastor den Grimm und — Appetit der
schneidigen Huszaren erfahren.
Es waren circa 2100 ungarische Reiter , welche im Frühling und Sommer 1741 in Schlesien erschienen:
die freiwilligen Huszaren -Regimenter Haläsz und Beleznay mit je 500 , Eszterhäzy mit 400 , die Jazygier und Kumanier
mit 300 Huszaren , dann 400 uneingetheilte »National -Huszaren «. General v. Festetics commandirte das kleine
Reitercorps . Der Ueberfall von Olbendorf (7. Juni ) und die Vernichtung der dort stehenden , von bewaffneten Bauern
unterstützten preussischen Reiter war seine erste Waffenthat . Dabei erging es auch den lutherischen Einwohnern , welche
die Reiter ihrer Königin aus den Fenstern beschossen hatten , gar übel.
Bald waren die ungarischen Huszaren , regulär und freiwillig , gefürchtet , wo immer sie erschienen . Aber auch
den eigenen Generalen wurden die verwegenen Reiter mitunter unheimlich , waren sie doch so schwer an Ordnung und
Gehorsam zu gewöhnen , hielten sie doch , wenn es zum Dreinhauen kam , nicht das Mindeste auf »gesammeltes Reiten « und
Schonung der Rosse — sie ritten immer drauf los, bis die Pferde nicht mehr konnten . So kam es, dass ungarische Generale
nur ungern ihre eigenen , tapferen , aber unberechenbaren Landsleute commandirten und dass der Armeecommandant
Graf Neipperg bei aller Hochachtung und Anerkennung der Tollkühnheit seiner ungarischen National -Huszaren den
Wunsch nicht unterdrücken konnte , diese tollen Reitersleute bei guter Gelegenheit wieder loszuwerden . Viel vortheilhafter
erschien es ihm, die regulären Huszaren -Regimenter , deren Tüchtigkeit zweifellos schien , durch gute Elemente aus jenen
Freiwilligen -Schaaren zu verstärken oder neue reguläre Huszaren -Regimenter zu errichten . So benützte denn Neip¬
perg die Gelegenheit der Einschränkung der Operationen im Felde (September 1741 ) zur Rücksendung der freiwilligen
Huszaren -Regimenter in ihre ungarische Heimat . Sie bedeuteten den ersten , nicht gerade glänzenden , aber interessanten
Anfang zur Stärkung der habsburgischen Wehrmacht durch Ungarns tapfere Reitervölker.
Im Herbst 1741 fachte die persönliche Anwesenheit der anmuthreichen , bedrängten Königin die Begeisterung
des ungarischen Volkes mächtiger an ; als die erhabene Fürstin am 11. September im Königsschlosse zu Pressburg
vor den versammelten Landtapsmitpliedern mit erpreifenden , thränenerstickten Worten an die ritterliche Treue der
Ungarn appellirte , und als die Ersten und Besten des Landes mit flammender Beredsamkeit diesen königlichen Appell
unterstützten , da brauste der historische Ruf : »Vitam nostram et sanguinem consecramus — Unser Leben und Blut
weihen wir Dir !« durch den Saal . Ein Gesammtaufgebot von 65 .000 , ja von 100 .000 Ungarn und Croaten glaubte
man als praktisches Ergebniss dieses idealen Schwunges bezeichnen zu können ; blieb auch die wirkliche Ziffer
des Aufgebots weit hinter jenen mächtigen Zahlen zurück , streifte auch die nüchterne Praxis der »Assentirung « und des
»Aufsitzens « p-ar weit von dem Zauber jener begeisterten Hinpebunp ab — die Erhebung Unparns für Maria Theresia
und die immerhin stattliche Schaar seiner Krieger , welche die Heere Habsburgs stärkte , blieb bedeutsam für die Abwehr
der zahlreichen Feinde , für die künftige Gestaltung der Habsburg ’schen Wehrmacht . Von den sechs neuen ungarischen
Fussregimentern , welche jener patriotischen Bewegung in Ungarn ihre Entstehung danken , werden wir noch zu reden
haben . Während sich dieses Fussvolk langsam versammelte , bemühte sich der Hofkriegsrath , die im P' elde stehenden
Huszaren -Regimenter zu verstärken . Im November 1741 sassen mehrere Contingente von Insurrections -Huszaren auf,
DIE HUSZAREN IN THERESIANISCHER ZEIT. 10/

darunter — nach uralter Nationalverfassung — ausschliesslich adelige Reiterabtheilungen. So hatte z. 13. das Komorner
Comitat bis 14. December 1742 135 Enrollirte zu Fuss beigestellt; »der adelige Aufsitz aber , sowohl in Person
als durch andere taugliche, wohlberittene Mannschaft, hatte von 130 Insurgenten 93 derselben aus dem Graner
Bischofthum schon nach Böhmen zur Completirung und Augmentirung der daselbst stehenden regulären Huszaren-
Regimenter abgeschickt «. Die Comitatsaufgebote bildeten gewöhnlich ein »Banderium « mit einer »Banderial-Estandarte «,
Ober - und Unterofficiere mussten sich »anständig präsentiren «; einmal wird ausdrücklich constatirt, dass sich dieselben
»alle mit grossen Spesen aus eigenen Mitteln uniform gekleidet und mit allen benöthigten Feldrequisiten versehen haben «.
Und merkwürdigerweise war es mehr als einmal die Uniformirungsfrage,
welche die Mobilisirung
<_>
in einzelnen Comitaten ernstlich bedrohte . In der
»Generalcongregation « zu Trentschin kam es am 13. December 1742 zu
einer förmlichen »Mäntelrevolte «, weil man den freiwilligen Huszaren
statt des verlangten und angeblich schon decretirten »blauen ungarischen
Mantels mit rothem Kragen « einen Caputrock "') geben wollte. »Sobald
die angeworbenen Recruten erfahren würden, dass sie keine Mäntel,
sondern Caputröcke empfangen sollen, würden sie aus Furcht, unter die
Musketiere gestossen zu werden , sich alle verlaufen«, rief man, und
nachgerade entstand ein derartiges »raisonables Geschrei«, dass sich der
Feiter der Sache, FML. v. Ghilänyi , beeilte, die ganze Mantelfrage den
Comitaten zu überlassen, damit die Königin nur überhaupt ihre Recruten
bekäme . Unter Fährlichkeiten und Widerwärtigkeiten mancher Art setzten
sich dann die Contingente in Bewegung. Khevenhüller empfing sie mit
Freude bei der Armee, mit welcher er den Feind aus österreichischen
Landen nach Bayern trieb, und verlangte nur einen ungarischen General,
der seine regulären Huszaren und die übrige »ungarische Nationalmiliz«
in bessere Ordnung und Disciplin versetzen könnte. FML . v. Ghilänyi
wurde dieser Retter in der Noth, und er gab sich redliche Mühe, aus den
todesmuthigen, aber an militärische Zucht schwer zu gewöhnenden Reitern
gute Soldaten zu machen. Die Besten von ihnen waren nicht die »selbst
aufsitzenden« kleinen Edelleute, sondern die 7400 wohlgerüsteten »Portalisten«
(ungarische Bürger- und Bauernsöhne), welche man meist den regulären
Huszaren anreihte und welche unter diesen zu braven, tüchtigen Reiters¬
leuten wurden.
Das heutige
o 2. Huszaren-Regiment und das Huszaren Regiment
o

König Friedrich Wilhelm III. von Preussen Nr. 10 (aus den freiwilligen
Beleznay-Huszären hervorgegangen) leiten ihren Ursprung aus jenen grossen
Tagen her. Vier reguläre Huszaren -Regimenter entstanden in den 40er
Jahren . Die einzelnen regulären Regimenter wurden bis auf die Stärke von
10, ja 14 Compagnien (1000— 1400 Mann) gebracht . Führer, wie Hadik
und Nädasdy , erwuchsen aus den Reihen der ungarischen Reiter, nicht
zurückschreckend vor den kühnsten, verwegensten Thaten . Die Ueberfälle,
denen feindliche Heere und Transporte stets von Seite der Huszaren und Huszaren -Officier in ausserdienstlichen Kleidern.

leichten Truppen Oesterreichs ausgesetzt waren, schwächten sie mehr als


grosse Niederlagen ; im Kampfe selbst aber wog ebenso schwer der überraschende, stürmische Anprall der Huszaren-
Regimenter , welche vor überlegenen Colonnen, feuerspeienden und bajonnettstarrenden Ouarrees nicht zurückbebten.
So wurde der österreichische Huszar bereits den Feinden Habsburgs schrecklich, und nicht selten war der Sieg
schon gewonnen, wenn eine ungarische Huszarenabtheilung in ihrer malerischen Tracht , auf raschen, ausdauernden
Rösslein wild und verwegen einhersprengte. Der grosse Preussen-König Friedrich II., der die ungarische Bewegung
zu Gunsten Maria Theresias mit begreiflichem Missvergnügen verfolgte und nichts versäumte, um seinerseits unter
*) In der »Annexa Specificatione « der Instruction für Bekleidung hiess es : »Una penula in Forma sive Ungarica , sive Germana , Caput dicta « —
ein Mantel von ungarischer oder deutscher Foim , Caput genannt.
io8 DIE HUSZAREN IN THERESIANISCHER ZEIT.

clen nicht ausgestorbenen Malcontenten Ungarns Stimmung für Preussen zu machen , hatte den ungarischen Huszaren
rasch schätzen gelernt . Die ungarische Uniform sollte sammt dem ungarischen Reitergeiste auch in seiner Armee heimisch
werden — dies war sein energischer Wille , und diesen durchzusetzen liess er kein Mittel unversucht . Er vermehrte
rasch die Zahl seiner eigenen , dieser Truppe nachgebildeten Huszaren -Regimenter . Besonders gut wurden Ungarn auf¬
genommen , die sich dafür anwerben Hessen. Diese liess er nicht selten , mit österreichischer Uniform und Ausrüstung,
durch die österreichischen Linien reiten und chiffrirte Meldungen überbringen , welche Botschaft mit sechs Dukaten belohnt
wurde . Ging ein solcher Huszar verloren , so redete man nicht weiter davon . Ob wirklich einmal das ganze preussische
Huszaren -Regiment Ziethen in österreichischer Verkleidung durch die Linien der Theresianischen Truppen gekommen
ist , ist nicht authentisch festgestellt . Als Graf Dohna 1743 als Gesandter nach Wien gehen sollte , erhielt er den Auftrag,
wenn möglich Huszaren- 0 fficiere für den Dienst des Königs zu gewinnen , aber mit Vorsicht und Umsicht , um sich
nicht blosszustellen . Der preussische Oberst v. Bornstedt , der mit Bewilligung Maria Theresias sammt mehreren
Cavallerie -Officieren den Leidzug in Bayern als »Volontär « mitmachte , hatte seine geheimen Weisungen und fing der
Königin von Ungarn eine Anzahl ihrer besten Officiere ab , unter ihnen den Rittmeister Sigmund Halasz de Dabas , der
sich beim Avancement übergangen fühlte , sofort den preussischen Oberstenrang und das Commando der Rothen Huszaren
Nr . 7 erhielt , zu denen er möglichst viele Ungarn zu ziehen trachtete . Am 4 . Mai 1745 trug er bei Striegau wesentlich
zur Entscheidung bei , indem er »mit seinen grossentheils ungarischen Huszaren durch eine schneidige Attaque die
Sachsen warf und deren ganze Artillerie erbeutete «. Als er mit seinem Regiment aus dem hinteren Treffen plötzlich
davongeritten war , hatte der König befürchtet , der »Ungar « sei desertirt ; um so freudiger sah er , wie Halasz die Sachsen
anfiel, absass , die Kanonen umdrehte und in die Lliehenden hineinkanonirte ..... Zu spät hatte man in Wien
erkannt , was für ein famoses Geschäft der preussische Oberst v. Bornstedt als »Volontär « im Heere Maria Theresias
betrieb . Der ungarisch -böhmische Gesandte in Berlin Marchese Botta klärte darüber recht unsanft auf, als er berichtete,
dass »vor ein paar Tagen acht bis zehn ungarische in Euer k . Majestät Diensten gestandene Officiers hier eingelangt
und in die hiesigen Huszaren -Regimenter vertheilet worden sind «. Am 14. Jänner 1744 meldet die Gesandtschaft:
. . . „anfonftcn ift aber fefyr bebauerlid), ba§ man f0 Diele fjungant allster anfotnmen fielet unb nunmefjro mieber ein
fjufarenrittmeifter Hamens 3 0lNY P ^ter (Hobilis Petrus (Svöry), bem gleicfymie bem £)allafcfy ein Regiment 3ugebad?t
ift, aübier ermattet mirb ; i^ mifcfyen ift bas £)aUafdffcfye Regiment auf 500 HTann angemacfyfert , meiftens kjungarn ".
1759 konnte der Oberst Kleist bei den grünen Huszaren eine eigene Schwadron aus ungarischen Deserteuren und
endlich noch drei weitere solcher Deserteur -Schwadronen bilden . Dem Oberstlieutenant Babocsay von Baranyay-
Huszaren bot der König sogar nebst einem Regiment den Generalmajorsrang an . Er liess ihn mit Briefen bestürmen
und ihm vorstellen , dass er »in Wien « noch zehn Jahre auf ein Regiment warten werde , während er in Preussen bis dahin
ganz sicher Generallieutenant wäre . Babocsay kam nach Berlin , aber mit Hadik , um für seine Königin zu sterben
— ein tödtlicher Schuss aus preussischer Flinte streckte ihn bei der Einnahme der preussischen Hauptstadt nieder .*)

Noch lange gab es ungarische Huszaren und Huszaren -Officiere in der preussischen wie in der französischen
Armee und in anderen europäischen Heeren , und fast jedes von diesen wollte wenigstens die Uniform der schneidigen
ungarischen Reiter in seinen Reihen wissen . Der Preussen -König besass eine stattliche Zahl echt ungarischer Huszaren,
aber beiweitem nicht so viel als er haben wollte , weil recht Viele zu guter Stunde wieder auf raschem ungarischen Rosse
davongeritten waren . Als der Herzog Karl von Braunschweig -Wolfenbüttel um Ueberlassung kriegsgefangener ungarischer
Officiere für das von ihm errichtete Huszarencorps bat , lehnte der König ab und meinte tröstend , er wisse aus langer
Erfahrung zu seinem Nachtheile , dass diese Gefangenen , wenn man sie anwerbe , bei nächster Gelegenheit mit Pferd
und Sattel davongingen . Mit mehr Anhänglichkeit dienen Deserteure , »die Officiere aber seien meistens schlechte
Sparmeister und unruhige Köpfe, die ihm viel Verdruss bereitet hätten «. Die Masse des ungarischen Volkes stand
allen Lockungen kalt gegenüber und hielt treu zu der erhabenen Königin , die des preussischen Herrschers Staatskunst
nicht aus ihren Herzen zu reissen vermochte.
* *

War der ungarische Huszar eine der hervorragendsten typischen Figuren des österreichischen Heeres geworden,
gab er mit seiner nationalen Aeusserlichkeit allmälig einer ganzen internationalen Reiterspecies Namen und Kleid,

*) »Mittheilungen des k. u . k. Kriegsarchivs «, Seidel & Sohn , Wien 1895 , Bd . IX ., Neue Folge . »König Friedrich II . von Preussen und
die Ungarn bis zum Hubertusburger Frieden 1762 .« Von Oberlieutenant Andreas Kienast.
DIE HUSZAREN IN THERESIANISCHER ZEIT. 109

so darf man doch gerade bei diesen schmucken Reitersleuten am wenigsten an eine einheitliche Bekleidung denken.
Die Huszaren waren wohl in den charakteristischen Bestandtheilen ihrer ungarischen Tracht einander gleich oder ähnlich,
sonst aber beflissen sie sich einer Buntheit und Mannioffaltißkeit, wie sie der mannisffaltiofen Pracht und Farbe des
ungarischen Nationalkleides überhaupt entspricht . Und hatte auch ein Inhaber einmal die Adjustirung seines Regimentes
festgestellt , so wechselte es in Jahren und Jahrzehnten oft genug deren Farbe . Grüne Huszaren wurden roth , blau und
wieder grün , und die Unterschiede wurden umso zahlreicher , als sie sich auf Dolman , Attila , Beinkleider , Beschnürung,
Mützenbeutel , Knöpfe und Säbeltaschen , ja selbst auf die Farbe der Gürtel und Stiefeln vertheilten . Es gehörte ein
intensives Studium dazu , aus dieser Fülle trennender Nuancen das wirklich Unterscheidende herauszufinden . Wird es
also nachgerade unmöglich , heutzutage die äussere Physiognomie der zahlreichen bunten Freiwilligen -Abtheilungen fest¬
zustellen , welche in den PreussenkrieQfen als »National -Huszaren « ins Feld ritten , so unterließt selbst eine eenaue Dar-
Stellung der Uniform der regulären Huszaren -Regimenter mit all’ ihren wechselnden Nuancen und Aenderungen den grössten
Schwierigkeiten . Im Jahre 1741 berechnete man die einjährigen Kosten der Bekleidung und Ausrüstung eines
regulären Huszaren - Regiments , das je 10 Wachtmeister und Fouriere , 7 Feldscherer , je 10 Trompeter , Schmiede und
Corporale und 401 Gemeine , somit 570 Köpfe zählte , auf 5700 fl., also 10 fl. pro Kopf . Die einzelnen Monturs-
stücke kosteten:
1 Rock oder Dolman und Hosen ....... 4 fl. 30 kr. 1 Säbel sammt Riemen ........... 3 fl. — kr.
1 Pelz ................... 5 » 30 » 1 Carabiner und 1 Paar Pistolen ....... 9 » — »
1 Mantel .................. 5 » 30 » 1 Sattel .................. — » 51 »
1 Hauben ............ 1 » 54 * 1 Pferdezeug ................ 2 » 30 »
1 Paar Zischmen .............. 1 » 42 » 1 Chabraquen .............. 3 » 30 »
1 Gürtel .................. 1 » — » 1 Paar Steigbügel und Stangen ........ — » 30 »
1 Patrontaschen und Carabinerriemen ..... 1 » 54 » Summa 41 fl. 21 kr.

Dabei war allerdings für die meisten Montursstücke eine Dauerhaftigkeit von 2V2 Jahren angenommen.
Das anschaulichste Bild der Montirungsbedürfnisse eines Huszaren gibt uns das folgende (wörtlich mitgetheilte ) Ver¬
zeichniss der Huszarenmontur nach dem »Reglement und Ordnung für gesammte k . k . Husar .-Regimenter,
I. Theil , Wien , Ghelen 1751 « :
»Die grosse Montur und Rüstung eines gemeinen Husaren bestehet in einem Kalpak , io ’/ 2" hoch , oben mit
Tuch von der Farbe des Überzugs und unten mit Saffianleder eingefasst ; diese Einfassung hat oben und unten je '/4Zoll , das
Bramwerk von Schöpfen 10 Zoll in der Breite zu betragen ; der über dem Bram herunterhängende Tuch -Überzug muss 5 Zoll
länger als der Schöpfen sein und hievon */ 2 Zoll über die untere Einfassung des Brams herabhängen , die übrigen 4 1/./ ' sind
derart einzuschlagen und inwärts des Überzugs anzuheften , dass das Ende beständig eine runde Höhlung behalte und nicht
herausfalle . Damit der Überzug den Mann durch das Hin - und Herfallen im Reiten nicht beirre , ist er am Ende des Brams mit
einem Haftel unvermerkt anzüheften ; am hinteren Ende des Kolpaks kommt eine 3 Schuh lange und zweifache Haubenschnur
oben einwärts anzunähen . — Von der Csaklhauben (Commode -Kopfbedeckung , nach Art der Fouragiermützen gebraucht)
muss der äussere Umschlag von oben ringsumher schräg bis an die Mitte der Hauben i '/ 2 Schuh lang ausgeschnitten , die
Extremitäten mit schwarzem Bande eingefasst , die Hauben inwendig vorn mit 3 Zoll- und rückwärts mit 5 Zoll breiten Schweiss¬
ieder staffiret sein , um den hinteren Ledertheil bei Regen zur Verwahrung des Halses heraus - und ablassen zu können . — Der
Pelz muss derart gut zugeschnitten sein , dass ihn der Mann durchaus bequem zuknöpfen , mit der Hand bis an die Schulter
zurückreichen und darinnen sich vollkommen bewegen könne . Hingegen soll er so lang sein , dass wann der Mann sitzt , zwischen
dem Bram und dem Sitze i */ 2 Zoll frei bleibe ; die Ärmel sind , damit sie nicht zu dick werden , nur mit dünnem , gutem Zwilch
zu füttern ; sie haben bis zum Handgelenk , der Bram ihres Aufschnitts aber bis auf 2 Zoll vom Elbogen zu reichen . — Der
Dolman muss mehr knapp als weit und so lang sein , dass er einen Zoll breit unter dem Gürtel hervorgehe . Die Beinkleider
müssen bis an die Hüfte heraufgehen und derart zugeschnitten sein , dass der Mann bequem schreiten , niederfallen und aufsitzen
könne . Der Gürtel muss wohlproportionirt und mit 20 Knöpfen , vorn mit 18 in 3 Reihen , hinten mit 2 eingefasset sein . —
Csismen und Sporen auf die gewöhnliche Art. — Weissangestrichene lederne Handschuhe nicht zu eng , mit 3 Zoll
langen , über das Handgelenk reichenden Stolpen ohne Steifung . — Bandouliere und Patrontaschen ebenfalls von weiss
angestrichenem Leder mit viereckigen Schnallen , Stiften und Schleifen , ersteres mit einem Hacken versehen , der Riemen hievon
3, der von der Patrontaschen i l/2 Zoll breit , das Kästel vom letzteren auf 22 Patronen , Oelfiaschel , Kupelzieher und Raumnadel
eingerichtet . — Säbelklinge 32" lang , i '/ 4" breit , gegen das Ende krumm , mit einem Spitz , am Gefäss einen schwarzen , kalb¬
ledernen Hand -Riemen . Die Scheide wie sonst gewöhnlich beschlagen , der Kuppelriemen , ober dem Gürtel um die Mitte des
Leibes zu tragen , Tl/2" breit , der Taschendeckel mit gesticktem kais . Adler . Karabiner und Pistole aus den k. k. Zeughäusern.
Der Mantel wird mit einem einfachen , breiten , die Schultern etwas bedeckenden Kragen versehen , inwendig auf den Schultern
völlig mit Boy , auf beiden Seiten aber nur mit der halben Breite des Boy gefüttert , in dem unteren Umfang einen Dreiviertels-
Circul weit gemachet . «

15
iio DIE HUSZAREN IN THERESIANISCHER ZEIT.

»Die Corporals führen die bisher üblichen hölzernen Stöcke mit kalbledernem , schwarzem Hand -Riemen , am Säbel-
gefäss ein gelb - und schwarzwollenes Schlagband nach der Form eines Portepees . — Die Estan darte - Führers und Wacht¬
meisters werden in allem gleich von einer besseren Qualität als die Gemeinen montiret und der Pelz statt schwarz mit
Fuchsrücken gebramet . Am Säbelgefäss tragen sie ein gelb - und schwarzseidenes Portepee und haben erstere einen Estandarte-
Riemen von Sammet , Plüsch oder feinem Tuch mit gold - oder silbernen Borten eingefasset , in einem Futteral ; letztere hingegen
führen ein spanisches Rohr ohne Knopf , mit einem schwarz -bockledernen Handriemen , dann Bandouliere und Patrontaschen
wie die Gemeinen , keinen Pack auf dem Pferd , folgsam keinen Mantelsack . — Die Kleidung wie auch die Forme der Palasche
für die Trompeters wird der Willkür der Proprietaire (Inhaber ) überlassen . — Die ordinari undienstbarn kleine Prima
plana hat kurze , krumme Hand -Palascheln , dann auf den Chabraquen keine Adler , insbesondere aber : die Fouriers einen Hut
mit schwarz -seidenen Bandmaschen , einer 3/ 4" breiten Borten von Silber oder Gold , einen ganz einfärbigen Rock , nach der Farbe
des Regiments -Pelzes mit einem sogenannten schwedischen oder geschlitzten »Aufschlägel « vom nemlichen Tuch , das Unterfutter
und ein förmliches Camisol , hingegen denen Regiments -Aufschlägeln an den Dolmans gleichfärbig ; die Knöpfe und alles Übrige
nach Willkür der Regiments -Inhaber . — Für die Unterfeldscherers bleibt die für selbe in der Armee schon eingeführte
Kleidung vestgestellet ; diese sind nur noch in den Handpalascheln , Stiefeln , Chabraquen und Sattelhäuten mit denen Fouriers
zu egalisiren . — Sattler oder Riemer und Schmiede werden nach Willkür der Regimentsinhaber gekleidet und haben zur Fort¬
bringung ihrer Requisiten Reittaschen zu führen . «
»Von den weltlichen kleinen Stabsparteien tragen Quartiermeister und Auditor , wann sie mit Offiziers -Charakter
beehret , ein Offiziers -Portepee nach ihrem Charakter , falls sie aber keinen Offiziers -Titel , haben sie zwar keine Porte epee , doch
die Kleidung und Chabraquen wie die Unterlieutenants , nur dass sowohl diese beiden als alle übrigen vom kleinen Stab (den
Adjutanten ausgenommen ) keine Adler auf den Chabraquen führen . Der Quartiermeister trägt keinen Rock , der Auditor aber ein
spanisches Rohr mit Knopf . Dem Regim ents - Chirurgo ist seine Kleidung bereits vorgeschrieben ; sie führen die Lieutenants-
Chabraquen ohne Adler . -— Der Adjutant hat den Stock wie der Auditor und ist sonst den Unterlieutenants in Allem gleich,
ebenso der Proviantmeister bis auf Adler und Stock ; der nicht betitelte Proviantmeister richtet sich in Allem nach der Forme
des Fouriers . — Mit dem Pauker hat es die nemliche Beschaffenheit wie mit dem Trompeter . — Der Wagenmeister hat den
Pelz , das spanische Rohr , das schwarz - und gelbseidene Porte epee , Chabraquen und Sattelhaut mit dem Wachtmeister gleich,
und ausserdem ein 5" breites , weisses Bandelier , woran vorne auf der Brust des Inhabers -Wappen von weisser oder gelber
Composition zu sehen ist . — Der Profoss ist ungefähr wie der Wachtmeister nach Willkür des Inhabers zu kleiden . — Die
Proviantknechte sollen an ihren Kleidern nichts der Regiments -Uniforme Ähnliches haben , sondern mit einem zur Strapaze
tauglichen Tuch gekleidet und nur mit einem Kragel und ober dem linken Ellenbogen mit einem tüchenen ö 1// ' breiten Arm¬
band von der Farbe der Regiments -Aufschläge , dann mit den gelben oder weissen Regimentsknöpfen versehen sein .«
»An kleiner Montur hat der Huszar bei sich : 2 Zopfbänder , 1 Kampelfutter , je 1 Ausritt - und Schweisskamm,
1 Halsschnallen , 2 Halsbindeln , 3 auf teutsche Art gemachte Hemden , 2 Paar Gatyehosen , 2 Schnupftücheln , je 1 Paar Csismen
mit und ohne Sporen , 1 Csismen - oder Stiefel -Bürsten , 1 Kleiderbürsten , 1 Besteck : Messer , Gabel und Löffel , Barbierzeug und
Seifen , Näh -, Gewehr - und Pferd -Putzzeug , als Striegel , Kartätschen , Pferdkamm , Pferdscheer und Wisch -Fetzen , 1 Flinten - und
2 Pistolen -Steiner , 1 Ölflasche , Raumnadel und Kugelzieher , 1 Karabiner -Stöppel , 1 Paar Fouragier - und 1 Heuführ -Strick,
1 Fouragier -Decken , 2 Tornister , 1 Pferd -Pflock , 1 Zelthackel und Futral , 1 Fassungs - oder Fouragier -Sack , 2 vorräthige Huf¬
eisen , 30 Nägel , Färb zum Lederwerk -Anstreichen , 1 Ladung , 1 Pulverhörnlein , 24 scharfe und 6 blinde Patronen .«

Ausser alledem hatte noch jede Kameradschaft gewisse Dinge , z. B. ein Zelt mit 3 Zeltstangen und 30 Zelt¬
pflöcken , 1 Kessel sammt Kasserol u. s. w. mit sich zu führen . Auch abgesehen von diesen Kameradschaftsrequisiten
hatte das kleine Huszarenross an seinem Reiter und dessen Gepäck tüchtig zu tragen . Ueber die Packung des Mantels
und der anderen Proprietäten sagt das Reglement:
„Der DTautel mir6 norne au bem Sattel gefüfyref
, in bie Cänge jufammengerollt, in ber DTitte mit einem breiten Niem, an
beebcu Seiten aber mit benen gemölpflidjen , fogeuannten permebfin ober PacFrienten augefdpiallet, fo bafs bie (Snben beneit piftoleufyalftent
gleich feytt. Der pacFfacF mit bem f)aaber= unb Brob=Dorratfy mirb bei bem mittleren Durdifdpiift über unb unter bie Hintere Sattelfcfyauffel,
unb auf biefeu ber IHautelfacF gelegct, bann auf benen Seiten mitfammeit fo angefdptallet unb in ber DTitte gebunbcn, baf er auf ben
Pferbfo^eu 511 liegen fomme. Die 2 tToruiffer Fommen einer rechts, ber anbere liuFs au benen piftolenfyalftern liegenb unter bie Sattelhaut
unb (Sljabraquen an Satfeb(ßeftell 511 Ringen. Das uorrätfyige peu Fommet fo inel möglich Furj jufammen gebunben uor bem DTanu 511
führen unb mufj fo gerichtet merben, baf, manu es bei einer affaire fhnell megjumerfen märe, ber DIann es gleich losmachen fönne unb ben
Stricf nicht uerliere. Der $0 uragir - ober ^ affuugs =SacF fammt ber ^ ouragierbecFen mirb unter ber (Chabraquen auf ben blofen Sattel gelegt,
märe aber in bem pacF=Sacf Fein gaujer Dorrath ju führen, fo ift fomoR ber^ ouragier=SacF als bie^ ouragierbecFen bareiu 511 Dermaleren . Der
Pfcrbpflocf Fommt in eine ScReiffen, meldje an ben gemöhnlicheu(Carabiuerfhuh augemacht ift. iDbjmar enblid^en bie^ elbrequififen befoubers
im ^ elb bey ftärFercm Dicuft auf bem Fleincu bjungarifhen Pferb unb Sattel nicht bequentlich geführt merben Föunen, fo muf hoch bahiu
bebacR merben, mie felbe hierauf fortjubringeu, manu cs bie Hmftänbe alfo erforberten ober Retuegen Feine anbere BeiRilffe uerfhaffet mürbe."

Bei den Musteruno -en der einzelnen FIuszaren -Remmenter


00 ergaben sich dieselben äusserst verschiedenartiofen
O

und keineswegs
o erfreulichen Verhältnisse wrie bei den anderen Cavallerie -Recqmentern
o . Die Mannschaft wurde mit der
DIE HUSZAREN IN THERESIANISCHER ZEIT. IIr

Anschaffung- der »kleinen Montur« aus ihren eigenen kargen Mitteln belastet, und die zahlreichen Aenderungen der
Uniform beschwerten die Ofhciere schwer. Bei der Musterung des Regiments Baranyay ( 1754) constatirte man eine
kostspielige complete Neubestellung von Uniformen, darunter 372 Stück »roth - tüchen e Mützen« a 2 fl. 50 kr.,
zusammen 1054 fl. Das ganze Uniformirungsmaterial kostete 4783 fl. 20 kr., die Transportspesen 298 fl. 39 kr. Bei
Festetics -Huszaren musste sich jeder Mann jährlich 3 Paar Hemden und Unterkleider ä 5 fl. 15 kr., einen Flor
a 51 kr., 2 Paar Csismen ä 2 fl. 30 kr., 1 Paar Hosen ä 2 fl., 1 »Haar-Bändel« ä 4V2 kr. und 1 Csako ä 45 kr.
anschaffen. Aehnlich war es bei Splenyi-Huszaren ; doch kostete dort und bei Hadik-Huszaren die »Csako-PIauben« 1 fl.,
während bei Kälnoky-Huszaren dieselbe Kopfbedeckung um 34 kr. zu haben war. Bei Hadik-Huszaren musste sich der
Mann u. A. 1 Paar blaue Hosen mit gelben Schnüren ä 2 fl. und einen Flor von Crepon um 1 fl. 42 kr. ankaufen.*)
Dabei kamen auch sonst ganz erbauliche Montursgeschichten zu Tage . Bei Festetics-Huszaren entdeckte man feuchte,
verschimmelte Pelze, so dass »zu neuen Pelz und Röcken auf Befehl des Inhabers 6000 fl. ä conto nacher Eysen-
stadt an den Juden Schlesinger remittiret « wurden. Bei Kärolyi-Huszaren fand man die Wachtmeisters -Dohnans »mit
Gold und Seiden vermischten Schnüren ausstaffiret, die Säbeltaschen und Cartouches aber mit Gold gesticket , welches
wider die vorgeschriebene Ordnung lauffet und den kaiserlichen Verbotten zuwider«. Bei Beleznay-Huszaren machte
das »Umfärben « der Montur grosse Kosten. Ueberdies fand sich bei der Musterung ein grosser Mangel an Pferden,
Ueberfluss an Invaliden und zahlreiche Dubia in den Rechnuno-en, so dass die Kaiserin recht missvergnügt in margine
des Musterungs -Vortrags schrieb:

„Tfodj übler als hie teutfcfye (Earallerie führen ficfy biefe u (£} §arett) auf. IPeillen Häbasby
(G. d. C. Graf Nädasdy) Iper, ilptte gletdj darüber 511 üentefpnen pmtct ror punct, liegen bereit anberen and) bie
Dorfbenmg 511 mad)en."

Das heutige Huszaren-Regiment Nadasdy Nr. 9 hatte binnen wenigen Jahrzehnten mindestens viermal voll¬
ständig seine Adjustirung geändert . 1726 hatte es ganz rothe Uniform mit grünem Kalpak, Pelz mit Fuchs¬
verbrämung erhalten . Im Jahre 1757 sollten sämmtliehe Huszaren -Regimenter die einheitliche dunkelblaue
Tracht erhalten . Damals trug dieses Regiment dunkelgrün als Hauptfarbe und behielt sie, obwohl dunkelblau
schon decretirt war. Die Regimentsgeschichte erwähnt auch der angeblich 1757 erfolgten Ersetzung des Kalpaks
durch die »Csako-Haube «; thatsächlich aber finden wir säinmtliche Huszaren-Regimenter in den Sechziger-Jahren mit
dem Kalpak geziert . — Die sogenannte »Csakelhaube« bestand als Commode-Kopfbedeckung fort und leistete
denselben Dienst wie die Fouragiermütze bei den anderen Waffengattungen. Das Werk : »Accurate Vorstellung
der sämmt liehen k. k. Armee« Nürnberg
( 1762) entwirft eine theilweise genaue Darstellung der bunten Huszaren-
trachten jener Zeit. Alle Regimenter tragen die Pelzmütze (Kalpak) mit färbigem Beutel, rechts mit zwei Fang¬
schnüren, in der Farbe zumeist der Beschnürung des Dolmans und Pelzes entsprechend . Die Halsbinde ist schwarz.
Der Dolman zeigt einen ganz niedrigen, unscheinbaren Kragen in der Grundfarbe des Dolmans selbst. Die Beschnürung
ist entweder mit drei oder fünf Reihen von Knöpfen geschmückt, die Schösse greifen vorne übereinander . Der ebenso
wie der Dolman beschnürte Pelz zeigt schwarzen Vorstoss, die Beinkleider haben bei einigen Regimentern »ungarische
Knoten «, die Stiefel sind oben mit einer Schnur besetzt . Die Adjustirung der einzelnen Regimenter geben
wir nach dem erwähnten Werke folgendermassen wieder:

Nadasdy (Nr. 9). Mützenbeutel und Dolman roth , Beschnürung und Knöpfe gelb in 5 Reihen , Pelz und Beinkleider
dunkelblau , Schärpe roth mit gelben Knöpfen , Stiefel schwarz , Säbeltasche mit gelber , wellenförmiger Einfassung , rothem Felde,
schwarzem Doppeladler und gelber Krone . **)
Baranya }^ (heute Pälffy Nr. 8). Mützenbeutel roth , Dolman grün mit rothen Schnüren und 3 Reihen gelber Knöpfe;
Pelz grün mit 5 Knopfreihen , Schärpe roth mit gelben Knoten , Beinkleider himmelblau , Stiefel schwarz , Säbeltasche grün mit
gelbem Wellenrande , schwarzer Doppeladler und gelbe Krone.
Szechenyi (heute Hadik Nr . 3). Mützenbeutel und Dolman dunkelblau , letzterer mit rothen Schnüren und 5 Reihen
gelber Knöpfe , Pelz und Beinkleider dunkelblau , ersterer mit 3 Knopfreihen , Aufschläge und Schärpe roth , letztere mit dunkel¬
blauen Knöpfen , Stiefel schwarz , Säbeltasche roth mit gelbem Wellenrande , darin ein S, von einem Kranze umgeben , darüber
Zackenkrone , Alles gelb.

*) Vortrag des General -Kriegscommissariats , 27. Juli 1755, Hofkriegsraths -Acten 491 . Kriegsarchiv.
Eine andere Nädasdy -Regimentsuniform , welche zum Schluss der Liste erwähnt ist , umfasst : grünen Mützenbeutel , grünen Dolman und Pelz
mit grünen Schnüren und Knöpfen (drei Reihen ), gelbe Schärpe mit grünen Knöpfen , dunkelblaue Beinkleider.
112 DIE HUSZAREN IN THERESIANISCHER ZEIT.

Palffy (heute Württemberg Nr. 6). Mützenbeutel rosa, Fangschnüre himmelblau , Dolman und Pelz himmelblau , ersterer
roth beschnürt mit 5, letzterer mit 3 Reihen gelber Knöpfe , Aufschläge rosa , Schärpe roth mit himmelblauen Knoten , Beinkleider
himmelblau , Stiefel schwarz , Säbeltasche rosa mit himmelblauem Wellenrande , himmelblauer Doppeladler und Krone.
Dessewffy (heute Connaught Nr. 4). Rother Mützenbeutel mit weissen Fangschnüren , Dolman himmelblau mit rothen
Schnüren und 5 Reihen weisser Knöpfe , Aufschläge roth , Pelz und Schnüre himmelblau , ersterer mit 3 Knopfreihen , letztere mit
rothen Knoten , Beinkleider roth , Stiefel schwarz mit himmelblauer Einfassung , himmelblaue Säbeltasche mit rothem Wellenrand,
rothem Doppeladler und Krone.
Splenyi (nicht mehr bestehend ). Mützenbeutel hellgrün mit weissen Fangschnüren , Dolman und Pelz hellgrün mit
rothen Aufschlägen , rothen , weiss gedrehten Schnüren und 5 Reihen weisser Knöpfe , Pelz 3 Knopfreihen , Schärpe roth mit hell¬
grünen Knoten , Beinkleider roth , Stiefel schwarz , Säbeltasche mit Einfassung von glatter , weisser , auf beiden Seiten roth-
geränderter Borte , im hellgrünen Felde ein blaues Schild mit einem Wappenthiere.
Hadik (nicht mehr bestehend ). Mützenbeutel roth, Dolman dunkelblau mit rothen Aufschlägen und gelber Beschnürung,
3 Reihen weisse Knöpfe , Pelz dunkelblau mit 3 Knopfreihen , Schärpe roth mit gelben Knöpfen , Stiefel schwarz , Beinkleider und
Säbeltasche roth , letztere mit gelbem , plattem Rande , rothem Schilde mit gelbem , geschweiftem Rande , schwarzem Wappenthiere
und rother Krone.
Bethlen (heute König Friedrich Wilhelm III. von Preussen Nr. 10). Mützenbeutel rosa , Dolman und Pelz himmelblau
mit je 3 Knopfreihen , Dolman -Aufschläge und Schnüre rosa , Schärpe rosa mit himmelblauen Knoten , Beinkleider himmelblau,
Stiefel schwarz.
Eszterhazy (1741 errichtet). Mützenbeutel und Dolman himmelblau mit gelben Aufschlägen und Schnüren , 5 Reihen
gelber Knöpfe , himmelblauer Pelz mit 3 Knopfreihen , gelbe Schärpe mit himmelblauen Knoten , Beinkleider roth , Stiefel gelb,
Säbeltasche roth mit gelbem Wellenrande , gelbem E mit Zackenkrone und Kranz.
Kalnoky (heute Prinz Friedrich Leopold v. Preussen Nr. 2). Mützenbeutel roth, Dolman himmelblau mit gelben
Schnüren und Knöpfen in 3 Reihen , Pelz ebenso mit 5 Knopfreihen , Schärpe gelb mit himmelblauen Knoten , Beinkleider roth,
Stiefel schwarz , Säbeltasche (wie Eszterhazy ) mit K.
Kaiserliche Majestät (heute Kaiser Nr. 1). Mützenbeutel dunkelblau , ebenso Dolman , Pelz und Beinkleid , Dolman
mit 5, Pelz mit 3 Reihen gelber Knöpfe , Schärpe dunkelblau mit gelben Knoten , Stiefel schwarz , Säbeltasche dunkelblau mit
gelbem Wellenrande ohne sonstige Verzierung.
Palatino . Mützenbeutel carmoisinroth , Dolman himmelblau mit weissen Schnüren und Knöpfen in 5 Reihen , Pelz
himmelblau mit 3 Knopfreihen , Aufschläge und Schärpe carmoisinroth , letztere mit weissen Knoten , Beinkleider roth , Stiefel gelb.
Carlstädter (Grenz-Huszaren ). Mützenbeutel roth, Dolman , Pelz und Beinkleider dunkelblau , Aufschläge , Schnüre und
Knöpfe (am Pelz in 5, Dolman 3 Reihen ) gelb , Schärpe gelb mit weissen Knoten , Säbeltasche dunkelblau mit gelbem Wellen¬
rande , gelbem Doppeladler und Krone.
Ivuckez (?). Mützenbeutel , Dolman , Pelz und Beinkleider roth, weisse Beschnürung , 5 Knopfreihen , Schärpe roth mit
weissen Knoten.
Esclavonier (Slavonische Grenz-Huszaren ). Mützenbeutel roth, Dolman hellgrün mit gelb - und weissgedrehten Schnüren
und 5 Reihen gelber Knöpfe , Pelz hellgrün mit 3 Knopfreihen , Schärpe roth mit gelben Knöpfen , Beinkleider roth , Stiefel
schwarz , Säbeltasche roth mit gelbem Wellenrandc , schwarzer Doppeladler , gelbe Krone.

Der Huszaren -Officier kleidete sich besonders reich ; sein Gold - und Silberschmuck erstreckte sich auch auf das
Zaumzeug der Pferde . Ausser Dienst sah er recht merkwürdig aus . Die ungarische Stiefelhose und die verschnürte
Weste wollte nicht mit dem westeuropäischen Rococo - Rocke und dem zierlichen goldbortirten Dreispitz harmoniren.
Auch der Trompeter gestattete sich schrankenlose Pracht : Dreispitz , langer reichgalonnirter , grellfarbiger Rock — wie
ihn die Dragoner trugen — bei Eszterhazy - Pluszaren roth mit Gold , bei Kalnoky hellgelb mit Silber , ungarische
Weste und Stiefelhose nach Art der deutschen Reiter , gaben ihm ein recht interessantes Aussehen.
Im Jahre 1765 schritt man im Aufträge der Kaiserin und im Zusammenhänge mit den für die deutsche
Reiterei angeordneten Reorganisations -Massnahmen auch zu einer eingehenden Revision des bisherigen Pluszaren-
reglements sowie der Ausrüstung und Bekleidung dieser vielgestaltigen ungarischen Reiterwaffe , welche sich von
Kürassieren und Dragonern nicht nur in der Stärke , Organisation und Bewaffnung , sondern auch im Exercitium und
in der Verwendung vor dem Feinde mehrfach unterschied . Hiebei versicherte man sich in erster Linie der Mitwirkung
des G . d . C. v . Hadik, des kühnen Eroberers von Berlin , der allerdings in erster Linie berufen schien , auf die
Neugestaltung der Huszarenwaffe Einfluss zu nehmen , war er doch aus ihr hervorgegangen , hatte er sie doch zu den
grössten Triumphen geführt . Mit ihm theilten sich FML . Karl v. N au endo r ff, ein ebenso tapferer als geistvoller
Reiterführer , GM . Graf Bethlen und Oberst Baron Barco in die Arbeit . Nauendorff arbeitete ein sehr ein¬
gehendes Gutachten über ein zweckmässigeres Exercitium der Huszaren vor dem Feinde aus , das sie allen über-
legenen Praktiken feindlicher Cavallerie gewachsen machen sollte ; es hatte sich ja wiederholt ereignet , dass k . k . Huszaren-
DIE HUSZAREN IN THE RESIAN ISC H ER ZEIT.

regimenter trotz des Furor hungaricus , mit dem sie gerade auf den Feind los ritten , durch geschickte , rasche
Schwenkungsmanöver der auf dem Rosse und mit dem Säbel durchaus nicht so gewandten Feindes -Cavallerie über-
flügelt worden waren . Interessant ist es, dass der Antrag Nauendorffs, das »Regulament « zum besseren Verständ¬
nisse für national -ungarische Ober - und Unterofficiere ins Ungarische zu übersetzen , in H aclik selbst den
entschiedensten Gegner fand . »Soll jedoch gehorsamst nicht verhalten, « bemerkt Hadik in der betreffenden Ein¬
gabe an den Hofkriegsrath , »dass dessen Vorschlag , die regulaments der Hussarn in die Hungarische Sprache über¬
setzen zu lassen , umsoweniger beipflichten kann , als mehr mir die Unterhaltung des Eifers , die deutsche
Sprache bei den Hussaren -Regimentern , und sowohl be'y Staabs -Ober - und unter Offleieres, als auch in soweit es
möglich ist, bey den gemeinen in aufnahme zu bringen nothwendig zu seyn vorkömmt ; vornämlich in denen in
deutschen landen entstehenden Kriegsläufen verschaft es einen ungemeinen Nutzen , wenn man des Landsmanns
Sprache verstehet ; es lässt sich allerdings hoffen, dass jene Officiers, so sich in dem Dienste zu distinguiren suchen,
sich der Mundart befleissen , in welcher , nämlich in der deutschen, Sie die Vorschrift ihres Verhaltens , durch
welchen Sie allein ihr Schicksal bessern können , finden .« '")
Das neue Huszaren -Reglement schloss sich übrigens in allen wesentlichen Punkten jenem für die deutsche
Cavallerie an ; die von den ungarischen Generalen beantragten Aenderungen konnten zum Theil schon deswegen
nicht mehr berücksichtigt werden , weil das Regulament fast ausgedruckt war und weil man es andererseits gerathener
hielt , gewisse Neuerungen geheim zu halten , also ungedruckt zu lassen . Für die äussere Erscheinung des
Huszaren sollte zunächst das massgebend werden , was die Kaiserin für die möglichste Uniformität der gesammten
Cavallerie gethan wissen wollte — als Grundfarben der Huszarenmontur dachte sie sich blau oder grün . Die aus
Hadik , Bethlen und Barco zusammengesetzte Commission machte u. A . folgende Special -Vorschläge für die
Frisur des Huszaren:

Die paar mären bei ben pufareit nie einjupubern; bie Stirnhaar bis an ben Scheitel in ein ^ öpfel unb bis balfin, wo ber
Kalpaf ober bie (Efafelfyauben beynt Ztuffct^cn in Kopf formnet, bamit es nid)t brüefe, locfer 511 flechten unb mit benen übrigen paaren in
<5 opf einjubinben, auf benen Seiten aber fo Diel paar aufer bem 5 °Pf 5UUffen, bamit eine \joll <£ lang über bas £)fyrlappcl fycrunter=
hanger.be £ocfen in bie £änge gebrefyet unb biefes jmar en parade, fonften aber uor bem $ >inb, mo bem DTann nicht fo Diel^ cit übrig,
fief? uollfommen 5U abjuftiren, mit einem jmerchfingcrbreit gefdflagenen Blcy eine ^ merd)=£ od bis an unb gegen bas 0 fyrlod? bergeftalten
angemadjet merbc, bafs fte ben Dlann im Rüden nicfyt incommobire . Der 3 °P fr welcher U/3" ober ber palsbinbelfcfynallen feinen Knfaitg
511 nehmen fyätte
, jeboch nicht 51t fitapp an Kopf gebunben feyn nuifte, märe in 2 Üheil uon einer proportiouirt unb gleid?en DicFe mit
fhmarjem ffIorett= ober fogenanntem(Söllnifdjen Banb gemidelt in ber Sänge bis an ben unteren pehbrahm 511 brehen, geftalten ein foldj
hoppelter ^opf uielmehr als ber einfadje 51mhlin<garif<hcn tlrad)t gcfdjidlidp

Die übrigen Punkte des »Artikels über Montur , Rüstung und Packung « decken sich so ziemlich mit den
im alten Regulament enthaltenen und darnach reproducirten Einzelheiten . Die Grundfarben der einzelnen
Regimentsmonturen sollten nach einem Vorschläge vom Jahre 1767 folgendermassen testgesetzt werden : tLir die
Huszaren -Regimenter Kaiser und Hadik dunkelblau (Unterschied in Knöpfen ), Palatinal und Bethlen hellblau , Nädasdy
und Eszterhäzy dunkelgrün , Luschinsky und Szechenyi meergrün , Desewfly und Baranyay paperlgrün , Rudolf Pälffy
und Kälnoky pompadourroth . Die Farbe der Kalpaks , Schnüre , Gürtel , Chabraques , Säbeltaschen und Dolmans-
Aufschläge sollte dem Belieben der Inhaber überlassen bleiben . Diese Montursprojecte blieben jedocli ebenso Projecte
wie die bekannten Pläne einer einheitlichen Kürassier - und Dragoner -Montirung aus jenen Tagen . Nicht in der
Adjustirung allein , ja selbst in den Standarten konnte sich jedes Regiment seine Besonderheiten gestatten . Wie
sinnreich ausgestattet waren z. B. die Standarten von Nädasdy -Huszaren , welche von 1735 — 1848 als Regiments-
Heiligthümer gehütet wurden ! Die Oberstens -Standarte zeigte auf weissem Moireegrunde reiche Goldstickerei , auf der
einen Seite den kaiserlichen Doppeladler mit allen Wappenschildern , gold - und silberdurchwirkt ; auf der anderen
Seite das Bild der heiligen Gottesmutter Maria , Schutzpatronin Ungarns und des Regiments , über ihrem Haupte aut
silbernem Bande die Devise : »Pro Patria , Rege et Lege «. Zwei weisse , goldgestickte Moireebänder mit der Devise:
»Souvenir d’amitie « verehrte 1807 Baron Frimont dem Regimente . Noch später (1836) bekam das alte Banner durch
die damalige Kaiserin Alexandra von Russland , Gemahlin des Inhabers Czar Nicolaus , noch ein kostbares , kunstvoll
geziertes Estandartenband . — Die Obristlieu tenants - Standarte zeigte auf grünem Moiree , mit goldenen klammen
gestickt , auf der einen Seite den Kaiseradler , auf der anderen ein auf stürmischer See fahrendes Schiff, im Vorder-

;) Acten des Kriegsarchivs, December 1765, 213.


114 DIE HUSZAREN IN THERESIANISCHER ZEIT.

giunde einen vom Blitze getioffenen Leuchtthurm, , dabei die Devise : »Ne de via !« (Nicht abwärts vom Wege !)
Das Bild soll von einei Iiinzessin von Salerno hergerührt haben , welche auf einem österreichischen Kriegsschiffe
inmitten eines Seesturms eine glückliche Ueberfahrt erlebte . Die erste M a j o r s - Standarte zeigte auf orünem Moiree
mit goldenen Flammen einerseits den Doppelaar , andererseits das Feuer auf dem Altäre des Vaterlandes mit der
Devise : »Illibata in Principe Fidelitate « als Chronostichon des Jahres 1757 ; die zweite M aj o r s - Standarte wies
den Genius , Oel in eine Tempellampe giessend , mit der sinnreichen Devise : »Ut augeat ignem !« (»Dass sie das
Feuer wahre !«)
Solche Banner bildeten die Palladien der Regimenter ; um sie schaarten sich begeistert in ernster Stunde die
Regimentsfamilien . Das gemeinsame Zeichen auf allen aber , der Doppeladler , wies auf das grosse , gemeinsame Ziel
das Heil und die Ehre des Vaterlandes , die todesmuthige Erfüllung der Soldatenpflicht hin, die der Reitersmann seiner
grossen Kaiserin und Königin geschworen hatte . Diese erhabenen Ziele verloren die Huszaren Maria Theresias nie
aus dem Feuerauge ; wo sie ihre Säbel schwangen und windschnell , siegesfroh dahinsprengten , wohin sie den Ruhm
ihrer Waffe trugen , überall und immer klang es freudig und begeistert von ihren Lippen:

Vivat Maria Theresia!


Ein Monturs -Schema der österr . Reiter-Regimenter
anno 1762.

Wie sich die Adjustirung der kaiserlichen Reiter -Regimenter in der Theresianischen Zeit entwickelt und
verwandelt hat , haben wir in den vorstehenden Capiteln mit actenmässiger Treue geschildert . Wir haben gesehen,
dass der Theresianische Soldat nicht gerade glänzend adjustirt war — das Hessen die erschöpften Staatscassen und
wohl auch die schlechte Wirthschaft einzelner Regimenter nicht zu. Er stand an Pracht hinter fremdländischen Kriegern
zurück und war bis in die Hälfte des 18. Jahrhunderts in seiner «Mode « noch um Decennien zurück . In der Beklei¬
dung der Cavallerie gönnten die Inhaber noch immer ihrem privaten Geschmacke den weitesten Spielraum.
Es war kein kleines Kunststück , sich in all den verwickelten Uniformirungsdetails zurechtzufinden , welche die
Unterschiede zwischen den einzelnen Regimentern bewirkten . Die zumeist in Nürnberg gedruckten und mit colorirten
Figuren versehenen »wahrhaftigen Beschreibungen der kaiserlichen Kriegsvölker « sind keineswegs immer wahrhaftig;
verlässlich erscheint dagegen das unserem Werke beigegebene Schema der Uniformirung der kaiserlichen Armee.
Es ist einem für den Herzog Albert von Sachsen -Teschen angefertigten und in der Albertina zu Wien auf bewahrten
Werke entnommen und lässt jedes einzelne Reiter -Regiment nach der Adjustirung vom Jahre 1762 in ziemlich
genauer Miniaturmalerei erkennen.
Man denke sich den Kürassier! Wie stattlich sitzt er auf seinem grossen , ramassirten Gaul , auf dem
bezopften Haupte den ziemlich kleinen schwarzen Dreispitz , der auf der linken Seite mit einem Knopf , einer weissen
Schleife und schwarzen Masche geziert ist ! Den Oberkörper deckt der ausser Dienst immer offen getragene weisse
Rock ; darunter ist die colletartig geschnittene , bei manchen Regimentern lederfarbige , bei anderen weisse oder rothe
Weste sichtbar . Die Stiefelhose ist zumeist roth , aber auch paille- (jeder -) farbig . Die Beine stecken noch in den
schweren , steifen und hohen Reiterstiefeln , deren Stulpen nicht mehr so weit abstehen wie früher . Der Rock gehört
übrigens nur zur grossen Uniform , welche bei Paraden , Musterungen , im Felde , an Sonn - und Feiertagen getragen
wird ; im kleinen Dienste , beim Exerciren u. s. w., trägt der Reiter nur die Aermelweste , am Haupte die weisstuchene,
unserer Feldmütze nicht unähnliche Fouragiermütze . Der Pallasch steckt in einer breiten , stark mit Eisen - oder
Messingblech beschlagenen Lederscheide und ist ein Koloss im Verhältnisse zu dem kleinen , mit zwei Spangen und
einer kleinen Muschel gezierten Griffe. Carabiner und Pistolen geben an Schwere und Ungeschlachtheit dem Pallasch
nichts nach ; der Carabiner hängt rechts an einem breiten Bandelier , der Kopf birgt sich meist in dem sogenannten
Carabinerschuh , ist parallel mit mächtigem Campirpflock an den Sattelknopf befestigt und drückt in Gemeinschaft mit
diesem schwer auf den Schenkel des Reiters . Die in den Halftern steckenden grossen Pistolen erhöhen des
Pferdes Last.
Die Geschichte des Kürassierpanzers kennen wir. Eigentlich besteht 1762 noch Brust - und Rückenstück;
doch bleibt dieser vollkommene Panzer nur für einen Türkenkrieg reservirt ; jedem anderen Peinde gegenüber begnügt
man sich mit dem Brustharnisch , der aus geschmiedetem , schwarz lackirtem Eisen besteht , mit Zwilch gefüttert und
mit weissem Sämischleder wulstartig vorgestossen ist. Er ist schwer genug (32 Pfund ), und der Reiter eilt , sobald
er vom Rosse gestiegen ist, sich seiner zu entledigen ; selbst auf Wachen legt er den Kürass und Carabiner vor sich
hin. Trompeter und Pauker entbehren des Eisenkleides ebenso wie des Carabiners ; der Trompeter ist mit Pallasch
und Pistolen , der Pauker nur mit dem Degen bewehrt , ihr Rock ist bunt wie in der Eugen ’schen Zeit ; zumeist zeigt
II6 EIN MONTURS -SCHEMA DER ÖSTERR . REITER -REGIMENTER.

er eine grellrothe Farbe , reichen Schmuck mit Borten und Tressen ; Trompeten und Pauken ' schmückt man mit
Troddeln und gestickten Decken oder Fahnen . Wie schwer der Officier an Uniformität zu gewöhnen war , haben wir
gesehen ; erst die bekannten kaiserlichen Verordnungen vom Jahre 1751 dämmten den Luxus in Bordirung,
Stickerei u . s. w. auf den Officiersröcken ein ; die Officiersuniform musste sich dem Mannschaftskleide in der Farbe
anpassen . Der Rock des Kiirassierofficiers zeigt breite , ziemlich weit abstehende Aermelaufschläge , meist ohne
Bordirung , nur mit 3 oder 4 Knöpfen . Die Weste ist nach dem Range mit ein oder zwei schmalen oder breiten
Borten geziert ; der Dessin der Borte ist nicht genau vorgeschrieben . Einen besonders glänzenden Schmuck verleiht
dem Kiirassierofficier der schwarze , mit schmalem , vergoldetem Messingbeschlag gezierte Kürass , der mit weissem
Leder gefüttert und mit rothem Tuche oder Sammt krausenartig vorgestossen ist . Den schweren Pallasch , dessen Korb
der Officier vielfach dem Muster des preussischen nachbilden und mit dem Doppeladler und dem Namenszuge der
Kaiserin schmücken liess , tauschte er ausser Dienst gern g-egen den leichten Degen ein ; den Luxus , den man sich mit
der Feldbinde gestattete , dämmte die kaiserliche Verordnung vom Jahre 1750 ein, welche die goldene Feldbinde nur den
Generalen , die seidene den Stabs -, die wollene den Subalternofficieren zuerkannte . Gern legte der Officier ausser Dienst
das Waffenkleid überhaupt ab ; erst in der Josephinischen Zeit wurde es, wie wir schon angedeutet haben , das bevorzugte,
mit Stolz getragene Kleid des Kriegers , das die Höchsten im Staate als Ehrenkleid wählten.
Die Uniformunterschiede der einzelnen Kürassier -, Dragoner - und Huszaren -Regimenter sind dem folgenden
Schema deutlich zu entnehmen . Der Dragonerrock wie jener der Grenadiere zu Pferde ist dem Infanterierocke im Schnitte
gleich ; wie mannigfaltig in P’arbe und Egalisirung er ist , deutet unser Schema an . Als die Carabinier - und Grenadier-
Compag -nien 1768 in besondere Carabinierregimenter vereinigt wurden , erhielten sie die carmoisinrothe Egalisirung am
Kürassierrocke und die schmale weisse Borte als charakteristischen Hutschmuck . Die Unterschiede der Huszaren-
Regimenter nach Kalpak , Attila , Dolman , Hosen , Knöpfen , Verschnürung , Säbeltaschen und Stiefeln sind schon bei
früherer Gelegenheit dargelegt worden ; unser Schema gibt einen klaren Begriff von dieser Buntheit und Verschieden¬
artigkeit in allen Adjustirungsdetails . Nur ein geübtes Auge vermochte sofort zu erkennen , welcher Regimentsfamilie
der verschnürte Reitersmann zugehöre : gemeinsam war Allen nur der kühne , frohe Reitergeist.
Obristwachtmeister (zu Pferd).

Deutsche Infanterie in Parade-Aufstellung.

I.

Die deutsche Infanterie.

In glanzvoller Verfassung trat die Infanterie des Habsburg ’schen Heeres keineswegs in die Theresianische
Zeit . In diesen Regimentern und Bataillonen hatte die Stagnation , in welche das kaiserliche Heerwesen nach dem
Tode des Prinzen Eugenius gerathen war , ihre tiefsten und verderblichsten Eindrücke zurückgelassen . Schlecht war
die Bewaffnung veraltet die Kampfweise , verknöchert die Ausbildung , von fraglicher Güte das Menschenmaterial und
klein der Geist der kaiserlichen Infanterie in jenen Tagen . Auf dem Kampfesfelde , unter dem wuchtigen Anpralle der
ehernen Bataillone Preussens , sollte sich dies erweisen , und die Feldherren Maria Theresias , Neipperg Allen voran,
kargten nicht mit den bittersten Ausdrücken des Tadels und der Klage über die so wenig kampfgerüstete und
kampfgeübte Infanterie . Und auf dem Kampfesfelde erst sollte sie ihre Kraft , ihren Geist wiederfinden ; hier sammelte
man jene blutigen Erfahrungen , welche zu epochalen Neuerungen führten und den Preussenkönig zu seiner Ueber-
raschung in ernster Stunde erkennen Hessen, »das seien die alten Oesterreicher nicht mehr «. So war die Theresianische
Zeit eine Zeit der Erhebung und Neubelebung für jenen Theil der Wehrmacht , den man damals allerdings noch nicht
zur »Königin der Waffen « proclamirt hatte.
Maria Theresia fand bei ihrer Thronbesteigung die Zahl der Fuss -Regimenter ungefähr so vor , wie sie im
Euo -en’schen Heere bestanden hatte . Man unterschied unter den Eusstruppen die regulären Infanterie -Regimenter , das
reo-uläre Tiroler Land -Bataillon , die Garnisons - und Besatzungstruppen , die Grenz -Milizen im Warasdiner und Carl-
städter Generalat , an der Save , Donau , Theiss und Maros , denen sich im Kriege noch die Land -Milizen und Freicorps
anreihten . Von den 52 regulären (Linien -) Infanterie -Regimentern standen — nach einer labeile des Jahres 1740 —
o1 Reo -imenter in den österreichischen , böhmischen und ungarischen Ländern , 13 in Italien mit Einschluss Toscanas,
8 in Brabant und Luxemburg . Der Nationalität nach waren 44 deutsch (d. h. aus den Erblanden und mit Reichs-

16
118 DIE DEUTSCHE INFANTERIE.

Werbung ), 3 ungarisch , 3 niederländisch , 2 italienisch , 1 (Bataillon ) tirolisch — doch war diese »Nationalität « nicht
wörtlich zu nehmen , da man bei der Anwerbung von Recruten nach Zunge und Heimat nicht ängstlich forschte . Die
meisten Regimenter wiesen einen Sollstand von 2800 Mann aus ; die in Italien dislocirten sollten 2300 Mann , die
Regimenter O’Gilvy und Wenzel Wallis 2400 respective 2100 Mann zählen ; doch wurden diese Ziffern nicht immer
erreicht , und gerade im Jahre 1740 , zu sehr gelegener Zeit , als düsteres Kriegsgewölk allenthalben am Firmamente
drohte , beschäftigte man sich in Wien sehr eingehend damit , »wie die Regimenter zu Fuss und zu Pferd auf einen
niedrigeren Fuss gebracht werden könnten «, um dem Staatssäckel zu helfen . Bei der Infanterie dachte man auf einen
Maximalstand von 2000 Mann , und zwar an Mannschaft 17 Feldwebel , 15 Führer , 17 Fouriers , 16 Feldscherer,
83 Corporale , 34 F'ourierschützen , 49 Spielleute , 150 Gefreite und 1568 Gemeine , macht 1949 Köpfe per Regiment.
Die kommenden Ereignisse machten den mathematischen Studien der Sparmeister allerdings ein böses Ende , und
man hatte sich viel eher mit dem Thema einer Vermehrung als einer Verringerung des Fussvolkes zu beschäftigen —
war doch ganz Schlesien eigentlich nur von einem einzigen , vielfach zersplitterten Fuss -Regiment (Wallis ) »bewacht «,
das sich dem übermächtigen und überraschenden Feinde gegenüber kaum in den verfallenen Festungen sicher fühlte.
Die Reductionsprojecte hatten eben in der Carolinischen Zeit , nach dem Frieden von Belgrad , ihren Anfang genommen,
und vergeblich waren die Warnungen hervorragender Generale , namentlich des Prinzen Joseph zu Sachsen -Hildburg¬
hausen , gewesen , das durch den unglücklichen Türkenkrieg ohnehin in seiner Zahl und seinem Ansehen herabgebrachte
Heer noch mehr zu schwächen . Die Finanzlage war eben so traurig , dass Kaiser Carl VI . kein anderes Mittel zur
Besserung dieser derouten Verhältnisse zu ergreifen wusste , als das einschneidende Mittel militärischer Ersparnisse.
Man hatte berechnet , dass zum künftigen Unterhalt der Kriegsmacht jährlich acht Millionen Gulden ausreichen müssten.
Sechs Millionen davon wären auf den Unterhalt der Regimenter in den deutschen und ungarischen Landen , der kleine
Rest für andere Militär -Erfordernisse zu rechnen — dabei sollten sich die Truppen in Italien und den Niederlanden
aus den Einkünften dieser Provinzen erhalten . Erfahrene Männer schüttelten den Kopf zu diesen Berechnungen.
Mit jener Summe — meinte der Hofkriegsraths -Präsident Graf Harrach — könnte man ebensowenig aus-
kommen , wie sein Schneider aus den gerade für ein Kleid ausreichenden sieben Ellen Tuch sechs Kleider anzufertigen
vermöchte . Da das »illyrisch -raizische « Huszaren -Regiment Cantacuzene und das Dragoner -Regiment Ludwig Württem¬
berg schon 1739 aufgelöst war , blieben nur die 52 Infanterie -Regimenter , 18 Kürassier -, 14 Dragoner - und 8 Huszaren-
Regimenter für Reductionsmassregeln verfügbar . An den Kürassieren , die im Türkenkrieg so Ausserordentliches
geleistet hatten und mit einer zeitweiligen Herabsetzung des Pferdestandes billiger gemacht werden konnten , sollte
nicht gerüttelt werden — es blieben also nur Infanterie , Dragoner und Huszaren zur Reducirung übrig . Die Ansichten
darüber , was man verringern sollte : die Zahl der Officiere und Chargen oder die Mannschaft , waren verschieden ; jeden¬
falls sollte ein geschlossener »Numerus der höchst nöthigen Leute « ermittelt und alles überflüssige Personal abgeschafft
werden . Im Sommer 1740 wurde die Auflösung von drei Infanterie -, zwei Dragoner - und drei Huszaren -Regimentern
beschlossen ; dann dachte man sogar daran , sechs , ja acht Infanterie -Regimenter aufzulösen — zum Glück verzögerte
sich die Sache in Folge des Todes Carl VI . so lange , dass es zu solchen Massnahmen nicht kam . Aber die Er¬
wägungen von Ersparnissen und Abzügen bei der Armee dauerten selbst bei dem drohenden Wetterausblicke fort , und
unendlich langsam entschloss man sich zu den einfachsten Vorbereitungen einer erhöhten Schlagfertigkeit . An dem Soll-
Stande der Infanterie -Regimenter von 2000 Mann hielt man bis nach dem Breslauer Frieden fest . Eine Ausnahme
wurde nur zeitweilig mit den dem preussischen Kriegsschauplätze zunächst liegenden Regimentern Seckendorff und
Wenzel Wallis (Nr . 18 und 11) gemacht , welche 1741 nach Prag verlegt und durch Einziehung der dem Feinde zu
entrückenden böhmischen Recruten auf 3000 Mann gebracht wurden . Die beabsichtigte Standesvermehrung der in den
Niederlanden stehenden fünf deutschen Regimenter gelang nicht . Wahrscheinlich auf Grund jener verhängnisvollen,
»unvorgreiflichen Gedanken «, welche 1740 in einer langen Denkschrift niedergelegt wurden, *) hatte man noch im
Februar 1743 die aus Italien nach Süddeutschland gezogenen drei deutschen Regimenter Neipperg , Jung -Königsegg
und Sachsen -Hildburghausen (Nr . 7, 16 und 8) von 2300 auf 2000 Mann reducirt , und erst die neue drohende
Kriegsgefahr führte im December 1743 zu der allgemeinen Standeserhöhung der deutschen Fuss -Regimenter von
2000 auf 2300 Mann . Denselben Stand nahm das am 23 . Jänner 1744 vom Marchese Clerici errichtete Lombarden-
Regiment , das sogenannte »wälsche National -Regiment « (heute Erzherzog Albrecht Nr . 44 ), an . Eine besondere Aus¬
nahmsstellung erhielt das sogenannte »Graubündtner «-Regiment Sprecher , das am 12. März 1743 in Tirol und

*) Wir haben diese im Kriegsarchive bewahrte Denkschrift in einem früheren Capitel erwähnt.
DIE DEUTSCHE INFANTERIE. 119

Spielmann Füsilier Grenadier

der deutschen Infanterie 1740—1765

16*
120 DIE DEUTSCHE INFANTERIE.

Vorarlberg aus Deutschen , Schweizern und Graubündtnern errichtet , von seinem ersten Oberst -Inhaber Salomon
Sprecher v. Bernegg in zwei Grenadier - und 20 ordinäre Compagnien formirt und auf den Stand von 2600 Mann
gebracht wurde ; es erhielt seine besondere Bezahlung, seine eigene Disciplin und Justiz nach alter Schweizer Art
und blieb so als eine Art Fremdkörper im Habsburg ’schen Heere — die alten Beziehungen des Erzhauses zu der
Schweiz erneuernd — bis 1749 bestehen . Noch sonderbarer sahen die regulirten Tiroler Truppen aus, welche zum
stehenden Heere zählten. Aus den bei Gelegenheit des bayerischen Einfalles 1703 aufgestellten sechs Tiroler Scharf¬
schützen-Compagnien hatte man das sogenannte »regulirte Tiroler Land -Bataillon« (4 Compagnien zu 150 Mann)
aufgestellt, das vom Lande mit 45.000 fl. jährlich zu erhalten war und dafür den Garnisonsdienst zu verrichten,
Festungen und Pässe zu besetzen und den Wachtdienst gegen die Schmuggler zu versehen hatte . Diesen complicirten
Verpflichtungen kam es aber so übel nach, dass man 1740 das Regiment Königsegg nach Tirol schicken musste, um
das durch und durch unzureichende, auf 200 Mann herabgesunkene Land -Bataillon zu unterstützen . Maria Theresia
fand noch 1743, dass das »Land -Bataillon in Tirol nichts taugt und ausser Land gar nicht zu verwenden ist «, begriff
durchaus nicht, wohin das viele Geld gekommen sei, das man dafür aufgewendet, und befahl am 10. Jänner 1745
die Auflösung des herabgekommenen Truppenkörpers und dessen Ersetzung durch das neue »Tiroler Land - und
Leid -Regiment «, das auf den Luss der regulären deutschen Regimenter zu setzen war, sich zunächst aber mit einer
* Grenadier-Compagnie und 10 Füsilier-Compagnien (1500 Mann) begnügen musste.*)
Von der Organisation der regulären Fusstruppen haben wir nichts Neues zu sagen . Es blieb bei der
bekannten Verfassung der Spät-Eugen’schen Periode : Das deutsche Regiment gliederte sich in die 2 Grenadier - (Elite-)
Compagnien mit je 100 Mann und in 3 Bataillone mit je 5 ordinären oder Füsilier-Compagnien zu 120— 140 Mann.
Die Gliederung des Officiercorps war dieselbe wie in jener Periode, mit den bekannten allmäligen Aenderungen in
der Bedeutung der Chargen und Stabsparteien , die wir bei Darstellung der Reiterei notirt haben . Ebensowenig hatte
sich seither in der Bekleidung und Bewaffnung der Fusstruppen geändert , als sie zum ersten Male als Regimenter
»Ihrer Majestät der Königin von Ungarn und Böhmen« auf den Plan traten . Die militärischen Oekonomen hatten
sich bei den grossen Ersparungsberathungen der Jahre 1739 und 1740 auch mit der Bekleidung und Bewaffnung
höchst eingehend befasst und gefunden — was der Soldat absolut nicht finden konnte — dass man in dieser Hinsicht
viel zu nobel und splendid sei. In den »Unvorgreifliehen Gedanken wegen der Militaroeconomie« stellte man das
Monturs -Schema für ein Fuss -Regiment
o folgendermassen
o auf:
Itoftet bauert
1 Uocf mit Uuffdflägen .................. 6 fl. — fr. 4. 3 aU
1 Camifol, rneifj für bie(Sememenu. blau ober rotfy für bie Unter*
offtjiers, tpie bie Uegimentsauffdflcig feytib......... 3 ff — „ 2 ff

\ paar £)ofen t>ou Dud? .................. 1 ff 15 rr \ ff

\............
.............. — tt 5\ „ 2 tt

2 pembbett ....................... 1 ff 50 „ \ tt

\ paar Strimpff..................... — ff 40 „ i ff

1 „ Scfyuf ) ...................... 1 ff 9 „ 1 ff

\ paar palsbinbl mit Sdflüfen............... — ff 18 „ 2 ff

1 Sdptapfacfl ? ...................... — ff 15 „ 5 ff

\ Bajonnetfuppel..................... — tt 2* „ 4 „
\ Patroutafcfyen ..................... \ ff to CO tt

1 ^linten ....... . ................ <k ff — „ 12 ff

1 Bajounett....................... — ff oO „ 12 ff

Hufofteu por bie Uufdjaffung ber (Sreuabiersfjauben unb Junten*


perberger für 2 (Srenabierscompagnieen , 3 aU e5 MkN Pro Topf ?V2fr.
Summa 2\ fl . 1<5 fr., pro Kopf für ein 3 aU 9 fG
für bas ganje Regiment jährlich\ 7.543fl*

Dieses Schema macht gerade nicht den Eindruck verschwenderischer Wirtlischaft ; trotzdem hoffte man noch
immer sparen und »abbrocken « zu können. Vor Allem dachte man daran, den Feuergewehr -Stand insofern zu ver¬
ringern, dass man den sogenannten Personen des kleinen Stabes und den Chargen die Schusswaffe bemängelte.

*) Oesterreichischer Erbfolgekrieg 1740 —-1748. Nach den Feldacten und anderen authentischen Quellen bearbeitet in der Abtheilung für
Kriegsgeschichte des k . u . k . Kriegsarchivs . I . Bd , I . Th . 1896.
DIE DEUTSCHE INFANTERIE. I 21

„Die ^ elbwäbels, ^ ourriers, ^ iifyrer, ^ elbfd^erer, ©orporaleit unb Spiclleutbc bey bei* 3 ufau ierie i/ — hiess
es — „braunen feine füllten , Bajomtette unb patroutafd ^en, bie IPacfytmeiftcr, ^ ourriers , ^ elbfd^erer, (Trompeter,
(Tambours, Sattler unb Scfymibt bei ber Caoallerie fyabert ebenfalls feine (Tarabiner , patrontafcfyen, (Tarabiner--2\iem
unb Kittel, (Türaß unb (Tasquets nonnötfjen, baber fönnen für foldie individua anftatt berührter 2TTonturs^Sorten unb
(Bewöfyrs <5 olbt unb filberne ^ nt ^ =Borten, Futßes (Bewöljr unb (Trommler xoerfd ^affet werben; wann aber bie
unterofficiers fonften ifyre KTontur olpie nadjtfyeil non befjerer Qualität ober ein unb anbere Sorten non mehrerer
Ko ft barfeit verlangen als ber gemeine2TTann, fo müßten felbe bas Superplus uott ifyren(Taggelbern felber bc3ablen,
gleichwie and) bent gemeinen 21 Tanit bas ^ lidben unb bie Knfdjaffung ber in wicberljolten ScfyematiFen nidd enthaltenen
Kleinigfeiten oblieget, unb ifynen tlieils 311 biefent enbe eine größere Löhnung entworfen ift als fonften wenigftens refpectu
einiger Cänber gewefett; was hingegen bie oben ermähnte 2Uontur unb (Bewöljr betrifft, fo ift nid?t 311 3weifelit, baß
ftd? Ceutfye in benen gefambten (Erblänbern ftnben, bie ltmb beu ausgefeßten preys folcfye non § eit 311 geit liefern
werben ..... "
Dieser Sparungs -Modus ist jedenfalls originell . Man schlug eine Verringerung der Verteidigungsfähigkeit
vor , um dem Unterofficier schönere Hutborden zu geben ! Viel mehr liess sich die Erwägung einer anderen , praktischeren
Lieferung der Monturen und Waffen hören , da die Regimenter bisher auf die säumige Lieferung von Seite der
zuständigen Landesstellen angewiesen waren oder die Ausrüstung und Montirung von Regimentswegen bei laienhafter,
recht bedenklicher Wirtschaft besorgten . Die unmittelbare Versorgung der Truppen durch die Heeresverwaltung war
ein noch unerreichtes Ideal . „Nervus belli et rerum gerendarum ift bas (Selb, “ sagte der Verfasser der Unvorgreif-
lichen Gedanken , ganz im Einklänge mit allen militärischen Philosophen , „folcfyes (Geld) wirb aber eine <^ cit Ifer fo
ungleid? unb unrichtig be3al]It, baß ein Regiment ober eine partliei 311 uiel, eine anbere 311 wenig empfangen. . . . Die
üornelpnften Urfacfyen biefer llnorbnnng feytib, weilen ber fundus allenthalben oln^ ulänglid) unb barauf tülle Sdptlben
Rafften. . . .
Interessant ist der Entwurf einer Standestabelle (sammt Gebühren ) für ein auf 2000 Mann norinirtes
Infanterie -Regiment , wie sie in derselben Denkschrift entworfen wurde:
portion £oi)muig in
ITtouatlidj örobportionen
Illiuibä 3 fl. pferöä 3 fl. (Soft) in natura
Dhrifter .............. 50 12 — 186 fl. 14
Dbriftlieutenant .......... \ö 8 — 65 „ 4
0 briftrt>ad?tmeifter......... 5 6 — 55 „ 0

Heaimenfsquartiermciffer....... 4 5 — 21
^ \ rr 2
2fubitor.............. 57 2 4 —- 28 „ 50 fr. 2
Caplan.............. 3V 2 5 —
19 « 50 „ 2
U)achtmeifter
*£ieutenant ....... -Ol// 2 2 —
lo ii 50 „ 2
2\egintents *^ elbfcherer ........ 4 5 — 21
^ \ ff 2
Profof .............. 4 5 “ 21
^\ u 2
\7 fjauptlcutheä \2 21Tunb =unb 5 Pferb*
Portionen ............ —
204 fl. 5f fl. 765 „ 102
17 £ieutcnaitfs ä 5 21 Iunb-- unb 2 Pferb*
Portionen ............ 85 „ 54 „ — 575 „ v -'k
\7 Fähnrichs ä 4 21!unb= unb 2 Pferb*
Portionen ............ 68 „ 54 „ 506 „ 54
(i 4 fr.)
— — 5 \ fl.
17 ^elbmäbels........... 102 „ H
— — 50 „
15 Rührers ............ 60 „ 15

17 ^ouriers............ 1.7 „ 54 „ 119 „ H

16 ^elbfcfjerers........... , — — 48 „ 96 „ 16
85 Torporalen........... . — — 166 „ 552 „ 85
(ä 5 fr.)
— — 85 „ 54
54 ^ourierfchütjen.......... 54 fl.
— „ 50 fr.
^9 Spielleut ^ e........... . — 49 „ 122 49
150 © cfrcite............ . — — 150 „ 575 „ 150
(a *«/, fr.)
172 © renabiers........... — — 172 fl. 587 „ 172
(ä * fr.)
f596 © etneitie............ — —
1596 fl. 2792 „ 1-596
Summa: 21Tunb
=portioncn 448V2; PferbQortionen \80 ; £öhmmg: ä 4 fr . f752 fl., ^ V/2fr . \72 fl.,
ä 5 fr. 255 fl.; Bejuc; monatlich in ©olb 6505 fl.; 23robportionen in natura.
122 DIE DEUTSCHE INFANTERIE.

Das fyeifit auf \2 ZTtonate au Dfftjiersgage ................. 22.626 fl.


an £öf?nurtg .......................... 53.03^ „
an Br ob, jebe Portion tagt, ä 2 fr ................ 25.926 „
an 21Tontur unb (Betüefyr ................... \ 7.5^ \ „
3ur Beftreitung ber Diebinnen ic .................. 2.000 „
^ufammen . . . \2\ .\ 27 fl.
Solper 3 nfan ferie=Begimenter tüerben angetragen 32 unb erforbern 5,876.064; fl.
Ein Luxus war bei dem geringen Präliminare für »Montur und Gewehr « gewiss nicht zu verlangen und
vorauszusetzen. Die Bekleidung richtete sich bei der Infanterie im Allgemeinen nach dem Reglement vom Jahre
1737, in welchem es heisst : „Uitfere unmittelbaren faiferltcfyen
Regimenter 311 ftnb uermög fcfyort non r>orl?tn befannter
Berorbnungen gleicfy 311 munbiren (montiren), unb 3tuar bie
Röd 5 von gutem perlfarben Eud ( ? in ber altgebräucfylid?
unb befyörtgen länge unb IDeite, bamit bie RTannfcfyaft , tueil fie
mit feinem RTantel uerfefyert ift, ficfy unb bas (Bewehr bamit
genugfam bebeden möchte; bie Kuffcfyläg , Catniföler unb
Ejofett hingegen fönnen von einer, betn befteüten(Dbriften Qn=
l]aber) beliebigen ^ arbe fein ; bod? fallen bie Kuffcfyläge burcfy -
gefyertbs auf einerlei Krt, ttämlid? nacfy bem alten (Sebrauch
unten 311 mit brei Knöpfen unb fo uiel Knopflöchern gemacht
merben, um folcfye fyerunte ^ iefyen unb bie f}änbe, and? bas (Be¬
wehr bei Kälte unb Regen becfen 311 fönnen. tDoraus ftcfy non
felbft ergibt, baff mir bie bei etlichen Regimentern ad imitationem
frember Cruppeit etngefcfyltcfyene RTonturs=Krt, fo gar 311 fur3 unb
eng gemacht, folgenbs auf bie geringfte Bewegung ber § er=
fprertgung, auch bei naffem IDetter bem noch mehreren (Eingehen
unterworfen, mithin niemals ben RTann ober fein (Bewehr 311
bebeden fyinlängltcfy ober tauglich ift, uollenbs eingefteüt unb re=
fpectiue abgetl]art miffen wollend' Der Recrut musste mit den
completen Adjustirungsstücken (Rock, Camisol, ein Paar Hosen,
ein Hut, je zwei Halstücher , Hemden und Strümpfe, ein Paar
Schuhe, Patrontasche mit Oelfläschchen, Raumnadel , Pulverhorn
und Bürstchen, Bajonnet sammt Gehänge , Tornister respective
Schnappsack oder Ranzen aus Zwilch oder Kalbfell) vor den
Assentirungscommissär treten.
Die Kosten der Montirung bezifferte man mit 17V2 bis
18Y2 fl -, sie waren im Werbegelde inbegriffen . Dem Officier

stand ein feineres, ofoldofesticktes Kleid zu; die Chargen be-


zeichneten nach wie vor Stock und Partisane ; allgemeines
Officiers-Kennzeichen war die Feldbinde.
Die Waffe , mit welcher der Soldat des Erzhauses
Füsilier.
in die kriegsbewegte Theresianische Zeit trat , war vor Allem
die anderthalblöthig -kalibermässige Bajonnetflinte mit Feuerstein¬
oder Batterieschloss, über 11 Pfund schwer. Der Ladstock war verhängnisvoller Weise aus Holz; wohl war schon
1426 dem alten Büchsenschützen der eiserne Ladstock vorgeschrieben worden, doch war er allmälig dem hölzernen
gewichen, und erst als sich auf den Schlachtfeldern gegenüber der preussischen Infanterie die Bedenklichkeit des
hölzernen Ladstockes überzeugend erwiesen hatte , wurde (8. December 1744) der eiserne Ladstock wieder in seine
Rechte eingesetzt. Das Bajonnet war nun schon zu einem ganz unentbehrlichen, in allen Lagen beibehaltenen Be¬
standteile der Hauptwaffe geworden. Es war dreischneidig und hohlgeschliffen, 1V2 Fuss lang und durch die über
den Lauf zu steckende Dille und den Querarm derart vervollkommnet, dass man bei gepflanztem Bajonnet feuern
konnte . Zu langsam gewöhnte man sich leider an den Gebrauch fertiger Patronen , obwohl sie anno 1740 schon
DIE DEUTSCHE INFANTERIE. 123

eingeführt waren ; noch immer bedienten sich die Soldaten vieler Fuss -Regimenter zum Aufschütten des »Zündkrautes«
auf die Pfanne des Pulverhorns , später schüttete man das Pulver aus den Patronen auf. In das Feld nahm man
40 Schuss pro Mann mit, und zwar nicht selten als loses Pulver in Fässern und als ungegossenes Blei bei der
Feld -Artillerie . Die Granaten der Grenadiere waren noch immer eine obligate Waffe derselben ; man behielt sie
sozusagen aus Pietät oder hartnäckiger Gewohnheit bei, füllte die Zeughäuser damit und wusste doch , dass sie nicht
viel werth seien . Die Partisanen und Kurzgewehre der Offieiere und Unterofficiere , deren Wesen und Bedeutung wir
bei Betrachtung der Eugen ’schen Aera kennen gelernt haben , hatten sich in den ersten Theresianischen Kriegen nicht
verändert und verschwanden erst nach dem siebenjährigen Kriege völlig aus der Armee ; doch haben wir sichere An¬
zeichen und untrügliche Andeutungen , dass man im Feldzuge oft den Unterofficier , mitunter auch den Officier mit dem
Feuergewehr ausrüstete (dies sagen ja auch die »ohnvergreiflichen Gedanken «, indem sie für die Abschaffung des
Feuergewehrs bei Unterofficieren wie bei den Parteien des kleinen Stabes plaidiren ). Bei den Grenadier -Compagnien
war , wie wir wissen , schon früher die Bajonnetflinte für den Ober - und Unterofficier normirt . Der Grenadier trug
neben dem Bajonnet noch den Säbel . Ende 1748 wurde für die Officiere der »Ordinari -Compagnien « die Partisane,
für die Unterofficiere ausdrücklich »statt der Flinte « das Kurzgewehr normirt .*) Im Jahre 1759 dagegen wurde mit
kaiserlicher Resolution „anftatt benen Kur ^gett»öl]rett fottfofyl für 0ber - als Unteroffiziers bey ber 3 nfan ^erie burdp
gefyenbs fetter öfyr, unb zwar für legiere(Unteroffiziers
gern ) obfcfyott olpte 23ajonnetten bod? mit betten bazit erforber=
liefen Patronen, auf jebett Kopf ä \2 Scfyujj gerechnet , berart eingefiifyrt , ba§ r»ott befagten Unteroffiziers bie Kurfp
gewöfyr in bie geugfyäufer, wo ilpten bafiir ^ euergewöfjr abgereicfyet werben wirb, wicberumb znriidgefteüet werben,
bie 0beroffiziere aber fotfyan^ energewöfyr ftcfy felbft attzufd^affett haben follen." Die historische Schweinsfeder , eine
für den Türkenkrieg reservirte Vertheidigungswaffe , trieb in den Reglements noch 1741 ihr Wesen ; man musste den
in jenem Jahre aus Ungarn nach Schlesien marschirenden Regimentern ausdrücklich auftragen , ihre Schweinsfedern zu
Hause zu lassen respective an die nächsten Zeughäuser abzugeben , und den in Schlesien stehenden Regimentern
wurde ebenso ausdrücklich aufgetragen , mit der Anschaffung der Schweinsfedern und Balkenkarren zurückzuhalten.
Wie es mit den Fahnen und Feldzeichen gehalten wurde , haben wir in der Einleitung zu diesem wichtigen
Abschnitte unserer Heeresgeschichte dargelegt . Noch immer hatte jede Infanterie -Compagnie — die Grenadier-
Compagnien ausgenommen — ihre eigene Fahne ; die Hauptfahne war jene der Leibcompagnie (d. h. der Compagnie
des Obrist -Inhabers ), welche weiss mit weiss-roth -schwarzgelb gedämmtem Rande war und in der »kaiserlichen « Zeit
auf der einen Seite den Doppeladler , auf der anderen das Muttergottesbild oder jenes der allerheiligsten Dreifaltigkeit
oder eines besonderen Patrons trug . Aus der Leibcompagnie -Fahne wurde allmälig die Leib fall ne , d. h. die Haupt¬
fahne des Regimentes . Wie mannigfaltig die Ausstattung der Compagnie -Fahnen war und wie sie in der »grünen «,
kaiserlosen Zeit aussahen , haben wir schon mitgetheilt.

5^ 'l'
*

Wie bei der Cavallerie , so kehren auch bei der Infanterie seit den Vierzigerjahren die Klagen über
Ungleichheit in der Montirung und Monturs -Wirthschaft immer wieder . Dagegen halfen , wie es scheint , die
schärfsten Decrete nicht , so lange die Inhaber ihren eigenen , privaten Willen durchzusetzen vermochten . So erging
am 6. März 1754 an sämmtliche Infanterie -Regimenter der Armee folgender Erlass des Hofkriegsrathes , der eine
energische kaiserliche Resolution in Sachen der Monturs -Gleichheit zur Durchführung bringen sollte:
„(Es ift jwar fefon ein unb bas anbere 21 Tafyl nerorbnet worben, bafj bey bereu fammentlidieu beutfefjen3 nU^ cgimentern bie
(Sleicfyfieit ber UTontur eingeführet werben folle, unb wie folcfye 511 beftelpcnI^abc; nadjbem aber fokfyes gleichwohl burdjaus in 011511 g
annod ) nicht gefetjet worben , alfo fyabeu 3U' e h 2TCaj . neuerbings allergn. anbefohlen unb wollen ernftlicfy
, bafj fot ^anc (ßlcidj-
£?eit pollfommeu Ijerge [teilet unb fyiitfünftig uuuuterbrüdjlid} beobachtet werbe; foldjemnadj wirbet:
i m0 ber 22 ocf r>ou foldjer Sänge feyn, bamit felbiger, wann ber 21 Tann fnieet, jwey licgcube Ringer non ber (Erben erhoben,
bann 2do bie Kamiföler 001t ber Säuge feyn, baf, ba ber 21 Tann natürlich bie l^anb ftufen laffet, (Er beit uuterften Chcil mit gleichem
Ringer erlangen unb berühren fötute; y ioollen[ jwar bie 2lrmel von beneu Hocfhcu woI)l anliegcu, hoch aber non fold?er IDeitcn feyn,
baf nicht nöthiö/ felbige im Sommer ober XDintcr heruusjutreunen; 4t0 (Slcichermafcn follteu jwar aud) bie 2\ödh im Seib wohl anliegcu,

*) »Oesterreichischer Erbfolgekrieg 1740—1748 etc.*


124 DIE DEUTSCHE INFANTERIE.

bocf? fo, baf fte ofiite allen ^ tüartg jugefnöpft tnerbert formen, meillen anfonften bey einfallenbem Regen bas £ ucb, meint es aucfi t>or ber
Perfertigung ber UTontur eingertejet worben, jufammenlauffet, unb follen bie Röcffye bey Kälte unb Regemuettei * niefit aufgefcfilagen
, fonbern
bie aufgefcfilagene Seitfien abgelaffen werben, um ben RTann r>or Pfiffe unb Kälte mefir ju bewahren . . . 5to Die pütfie follen nacfi ber
^orm bes f)arfcfiifcfien Regiments uerfertiget, aucfi bey allen". Regimenter gleid? breitl? borbiret unb auf gleiche Rrt aufgeftiilpet werben;
6t0 bieweillen nicfit toofil in bie Rügen leucfitet , warum bey beiten Parabirungeti ein Regiment mit fcfitvarjen unb bas anbere mit
rotten Jjalfbünbeln erfcfieinet, fo ift aucfi hierunter eine© Ieicfiförmigfeit ju beobachten unb follen bafiero bey allen Regtrn. bie fjalf*
Bünbeln non fiocfirotfier <farb angefcfiaffet werben; gleiche Befcfiaffenfieit fiat es, wann 7mo ein Regiment mit weif unb bas anbere
mit fcfiarjen Commafcfien auf bie Parabe jiefiet, jur Ricfitfcfinur ift alfo ju nehmen, baf bey allen Paraben im guten IDetter weife,
auf benen RTarfcfien unb bey fottigem ID etter aber fcfwarje Lontmafcfien ( mit Iebernen Kappen sufolge oballegirter Porfcfirift t>om
27. £ >ct. r>or. 3 aU*es nach Rrt bes f}arfcfiifcfien Regiments , aufer , baf fte anftatt ber fcfituarjen mit mefingenen Knöpfen 5U uerfefien feyttb,
gebraucht, wie jumafilen auch 8V0 fjaar ^ öpfe burcfigefienbs auf gleiche KDeife unb jwar mit hoppelt eingeflochtenen^ öpfen getragen
unb enblid? 9n0 bie Säbel, Kurjgemefir unb Crommeln auf gleiche Rrt (wie bas eigene RTobell bemnäcfift cotnmunicirt werben wirb) bey
einem Regiment wie bey betn anberen angefcfiaffet unb bie Ieftern nur mit benen IDappen beren Proprietären biftinguiret werben follen.
IDelcfi Rlles IDir RIfo bem f)errn ..... (Regts.=(£ombten.) jur Kacfiricfit unb bem (Ettbe fiiemit anfügen, auf baf berfelbe in
bem feinem Commanbo anuertrauten Regiment umfo gewiffer barnacfi fü^ ugefien unb fothanen a. fi. Befelcfi 3U befolgen, mithin ficfi t>or
fchwährer Perantwortung $u fiietten wiffett möge, alf bem Cobt. unb benen commanbirenben döeneralen mitgegeben worben, barauf befoitbere
Pbforge ju tragen, barob nacfibrücflicfi fianbsufiabeit unb biejenigen Regimenter, bey benen ber pflicfitfcfiulbige Polfijug aufer Rcfit gelaffen
werben möcfite, fogleicfi fiiefier unjujeigen.

XPienn ben \ 6. Rtarty \ 75^. j^ug. frfyfi. ÜDtt &HÖÜfrm. p.


5. tßf. d. i ^arrnrlj.

Diese Circularverordnung gibt uns sehr willkommene Aufklärungen über gewisse Ungleichmässigkeiten,
namentlich in dem Gebrauch und der Farbe der Gamaschen und Halsbindein , in dem Style und der Tragart der
Röcke und Camisole , zumal man nach den zeitgenössischen Abbildungen glauben müsste , dass die weissen oder
schwarzen Gamaschen , die rothen oder schwarzen Cravaten der Regimenter zu deren berechtigten Eigenthümlichkeiten
gezählt hätten . Bei den eingehenden Berathungen , welche 1757 über das unerschöpfliche Thema der gleichförmigen
Montirung abgehalten wurden , lautet der Antrag (vom October 1757 ) in Hinsicht der »Deutschen Infanterie«
folgendermassen : »Diefe ift fcfyon burcfyaus mit gleicher ^ ortrt beren Kleiber unb mit meinen Köcfeu nerfelien ; alfo
bat es bey biefen fein Perbleiben 311 haben. Pie Peften unb Ejofjen wie and ) Unterfutter follen eben tneifj feyn; bie
auffefylägen unb bavaroises aber follen von ber nemlicfyen^ arb verbleiben
, tvie es bift anfyero bei jebem Regiment ge=
bräudjlidj tvare; bie Ejiitfy
, gelbe Knöpfe auf bie Kleiber unb übrigen Hü(hingen follen burebans gleid? gehalten tu erben.«
Die Kaiserin meinte in dieser wie in Hinsicht der Kürassiere und Dragoner : »(Erlaube aucfi mefirers ober tveniger Knöpf an
ihrer uniforme, bod? alle gelb unb burefiaus bie ^ ortn ber Knöpf bitrcfi bie gai^ e Krtnee gleicfi fein follen.« Die vom
16. August desselben Jahres angeordnete Einführung durchwegs rother Aufschläge für die gesammte deutsche Infanterie
blieb auf dem Papiere und war von der vorerwähnten Verordnung überholt worden . Schliesslich blieb es überdies in
Anbetracht des Feldzuges »vorläufig « beim Alten ; die meisten Truppen standen in ihrer bisherigen Adjustirung im
Felde und behielten sie bis auf Weiteres bei ; neu zu montirende Recruten bekamen in jedem Falle weisse Camisols
und Hosen und gelbe Knöpfe . So kam es , dass 1765 und 1766 abermals neue Verordnungen wegen der Monturs¬
gleichheit erschienen , welche sich nicht nur auf die Weisse der Röcke , Westen und Beinkleider , sondern auch auf
Länge und Weite der Monturen zu erstrecken hatte . Für die Röcke bestimmt der hofkriegsräthliche Erlass vom
8. Januar 1765 als neue Einführung »Epaulettes oder Achselschlingen «, auf denen der Unterschied der
Chargen vom Oberst bis zum Fahnencadetten , vom Feldwebel bis zum Gefreiten erkennbar sein solle . An alle ReM-
menter wurden besondere Muster dieser »Epaulettes « hinausgegeben . Als Seitengewehr wurde für die Mannschaft der
Säbel, als Kopfbedeckung für die Infanterie probeweise das Casquet, und zwar zunächst für das Regiment
Lacy (Nr . 22) auf zwei Jahre Probe eingeführt . Hinsichtlich der Montur der Spielleute wurde den Regimentern noch
eine gewisse historische Freiheit gelassen , finanziellen Mehrbelastungen der Kriegsverwaltung jedoch dadurch vor¬
gebeugt , dass Ueberschreitungen des systen >isirten Betrages durch reichere Bordirung und andere Auszierungen der
Spielleute von den Regimentern zu zahlen waren.
Interessant war es, dass der Fürst von Anhalt - Zerbst bald nach Bekanntwerden dieser Veränderungen
gewisse Ausnahmen für das von ihm »innegehabte « Bataillon erbat ; er fragte an, ob man 1. bei demselben nicht
ebenfalls wie bei Lacy -Infanterie gleich die Casquets probiren könnte , 2. ob die bei diesem Bataillon bereits ein¬
geführten Casquets der Zimmerleute nicht beibehalten werden könnten , 3. ob die Offieiere , welche seit Errichtung
DIE DEUTSCHE INFANTERIE. 125

des Bataillons mit Säbeln versehen seien, nicht einfach mit diesen weiter commandiren , 4. ob die Gemeinen ihre mit
Bügeln versehenen Säbel beibehalten , 5. die Regimentsinhaber die Epaulettes der Ofhciere nicht choisiren , 6. die
Aufschläge des Rockes nicht ohne Knöpfe nach dem bisherigen Bataillonsbrauch bleiben , 7. ob anstatt der vor¬
geschriebenen , mit rothem Tuch ausgezackten Schlinge zum Rockumschlage nicht Haken oder Hafteln gebraucht
werden und 8. ob die Rocktasche nicht etwas
kleiner als die Probmontur gemacht werden
dürfte ? Der Kaiser genehmigte aus be¬
sonderer Rücksicht alle diese vom Fürsten
beantragten Punkte . Es kam ja ohnehin auch
jetzt zu einer wirklich allgemeinen Gleich-
mässigkeit nicht . Auch die Haartracht unter¬
lag , wie wir gesehen haben , dem Gebote der
Gleichmässigkeit , und dennoch zeigt sie noch
lange
o manche Regiments
o -Besonderheit.
Welche Fülle von Uebelständen
sich im Uebrigen bei den Fusstruppen vor¬
fanden , davon geben die Musterungs -Be-
richte vom Jahre 1754 ebenso crasse Bei¬
spiele , wie wir sie aus den die Cavallerie
betreffenden Rapporten erfahren haben . Bei
der Musterung der „in Hungarn et Pro-
vinciis annexis liegenben Sechs ganjen
Regimenter unb Renn Battaillons" ergab
sich ein Abgang von 2909 Köpfen auf den
Sollstand ; der Effectivstand betrug 16.487
Köpfe . Das Kolowrat ’sche Regiment (Nr . 17)
zeigte sich besonders derout in seinem Feuer-
gewehr -Bestande : 349 Gewehre fehlten auf
den completen Stand , die übrigen waren , bis
auf 141 aus dem Wiener Zeughause ver¬
abreichte Musketen , in so übler Beschaffen¬
heit , »dass die daran wendende Reparationes
ein Merkliches ausmachen «. Beim Regiment
Baden -Baden (Nr . 23) fehlten 367 Gewehre
vollständig , 194 waren äusserst schadhaft;
von den Musketieren waren im Laufe eines
einzigen Jahres 144 Mann desertirt , was zum
Theil daraus zu erklären war , dass man das
Regiment durch Recruten aus dem römischen
Reiche completiren musste , denen es in »Hun¬
garn « gar nicht gefallen wollte . Bei dem lom-
bardischen Regiment Clerici (Nr . 44 ), das man
der »ungesunden
o banatischen Luft « ausgesetzt
o Zimmermann.
hatte , traf man 126 Invaliden ; 41 Mann waren
im Winter allein gestorben . Der Oberst dieses Regiments , Graf Valenziani , hatte , wie das General -Kriegscommissariat
beinahe tadelnd hervorhebt , eine anno 1753 erschienene Adjustirungsnorm viel zu rasch und eifrig befolgt , ohne darauf zu
denken , dass solche Verordnungen gewöhnlich nur zu bald von noch neueren Vorschriften überholt wurden . Der brave
Mann hatte also — so berichtet das Commissariat — „feinen (Eifer gar 311 meit getrieben , folgfain bie anno 1752
angefcfyafften Röcffye allfogleid
) abänbern, oerfiu^en unb enger machen laffen, me leb es nicfyt fobalb ins tPerP gerichtet
unb bis 6000 fl . barauf oerroeubet tuorben, al§ bie anberte unb letzte Uniformirungs=Refolution berabgelauget, jufolge
J7
I2Ö DIE DEUTSCHE INFANTERIE.

welcher es bey ber ofynefyin fd?ott bei biefern Regiment nad ? ATaft bes b?arfd?tfd?en (Hegts .) introbuctret geweften
Uniformsfa9on geblieben, folgfam ber Aufwanb nergebltd? gewefen ift, weld?es, obwofyle ibme 0brift nidjt 3111 * Caft
geleget werben fann , weilen er ftd? nad? ber Perorbnnng gerichtet, fo I?at man ilpne bod? biffeits erfennen 31t geben
nid]t umbl]in fönnen, baft er ftd? occasione eines folcfyen bey einer fd?on getragenen ATontour erforberlidjen anfebw
Iid?en Aufwanbs refpectu ber barbey in confiberation fommenben oeconomie billig anfragen follte. . . ." So biisste man
damals einen löblichen Diensteifer ! Was Wunder , wenn sich andere Oberste die Sache weit bequemer machten und
Adjustirungs -Verordnungen entweder gar nicht oder erst dann befolgten , wenn sie nochmals und recht dringend
gemahnt wurden , solche Befehle doch auch zu beachten ! Neue Ungleichmässigkeiten in der äusseren Erscheinung der
Regimenter waren die natürliche Folge solcher Zustände , die sich wieder aus der , zumeist recht elenden , Regiments-
Oekonomie ergaben . Und was verschuldete Alles diese sogenannte Oekonomie ! Beim Infanterie -Regiment Vasquez
(Nr . 48 , in Arad , Temesvär und Peterwardein ) fand man bei der Musterung die Feldrequisiten in elendem Zustande,
das ganze Feuergewehr »durchgehends ohnwehrhaft «. Beim Regiment Waldegg (Nr . 35 ) fehlten 559 Köpfe auf den
completen Stand , 52 Mann waren im Winter gestorben . Die Mannschaft war mit allerlei Abgaben von ihrer kargen,
kaum zur Selbsternährung ausreichenden Löhnung - belastet , sogar der monatliche Kreuzer als »Barbiergeld « fiel dabei
ins Gewicht . Beim Regimente Puebla (Nr . 26) waren die Zustände noch crasser . Die Visitatoren bemerkten , dass „ben
Ceuten auf ber (Baffen unb auf IPadjten an beiten Köcffyen bas Unterfutter unb an betten (Eamtföllern bas bjemb
burdföufefyen gewefen" — so schlecht stand es mit der Montur. „Ute wollenen Beinfleiber batten bie Cent!? ftd? noit
bem weiften Canbtud?, womit ber Untertl?an fid? 311 befleibett pfleget, ttebft bergletcfyen leitternen ex propriis beygefd?affet,
betn ol?ngead?tet l?abe ftd? Tliemanb, and? bie Centime non ber Uer»erlangifd?en Compagnie, welchen binnen einem
gatt3en 3 al ?r unb länger nur ein b?etnbb nerabreicfyet worben, bariiber eigentlich 311 befcfyweren getrauet . Uns
biefettt — sagt nun das Musterungs-Protokoll — uttb baft ber Quartiermeifter einen bey ber ATufterung fid? über bett
(ATonturs*) (Empfang befd?wet?renben ZTTann mit empftnblicfyer Beftrafung bebrofyet, and ? ber als 3 unalib entlaffene
(Brenabier Sfotsbobil bie Dergütung feiner 3urüdgelaffenen (Brenabier=Alüften unb Ceberwerfs begehret bat, r>ott
barummen aber b i e f e r an 21 rm unb $ ii ft e tt ft r u p p i r t e ATa tt tt mit \ 5 S10 d ft r ei d?e tt bey feiner Abfertigung
geftraffet worbett, laffe fid? nid?t ungegriinbet mntlpnaften, es feytt etttweber betten Centimen il?re Hotl? 311 Hagen per*
hotten ober bod? wenigftetts burd? fold? obttgewöl?nIid?es procebere abgefcfyröcffjet worben . . . ."
Der Mangel an weisser Wäsche , meinen die Visitatoren , könne keineswegs entschuldigt werden , zumal in
beinahe einem Jahre 19. 124 Ellen Leinwand beim Regimente vorräthig gewesen seien . Man hätte mit der Austheilung
ganz gut ohne den Quartiermeister zurecht kommen können , wenn dieser nicht wegen seiner Sporteln (1 kr . Zuschneide¬
gebühr per Stück ) ein Interesse daran gehabt hätte , der Hemden -Verfertigung persönlich zu assistiren . Schliesslich
musste das General - Kriegscommissariat , um dem Monturs - Elend bei Puebla -Infanterie noch vor dem »Eingang
der Landes -An Weisungen « abzuhelfen , einen sechsmonatlichen Credit zur Anschaffung von Tüchern bei der Wiener
Bank eröffnen , sonst wären wohl die Röcke und Camisole der armen Musketiere noch durchsichtiger geworden . Das
Regiment wurde im Herbst einer nochmaligen Musterung unterworfen und wird hoffentlich dabei besser bestanden
haben . Die Kaiserin liess es an einer energischen Mahnung dazu nicht fehlen . „Die fad ? ett in 0 rbnung 311
galten " — befahl sie — „mir ben Cytract von puebla Regiment 311 machen unb 311 fd?icfl?eu ; ber
0 brifte fann nid ?t entfd ?ulbiget werben , wie and ? Dalet ^ iani , felbe genau 311 i ly rer Sd ?ulbigfeit
311 1?alten ."
Auch bei der Musterung in den österreichischen Niederlanden machte man nicht immer erfreuliche
Erfahrungen . Man fand zunächst , dass die Monturs -Anschaffung sich bei mehreren dortigen Regimentern um ein Viertel,
ja mitunter um ein Drittel kostspieliger gestalte , weil „bey felben bie Köcfe grünes Unterfutter unb mcffingeite
Knöpfe " hatten . Das wurde den Regimentscommanden verwiesen und eine Conformität mit den übrigen
Regimentern schon deshalb gefordert , weil die Truppen in den Niederlanden das Montursmaterial der weiten
Entfernung wegen nicht aus dem Wiener Hauptmagazin , sondern im Lande selbst und daher theurer bezogen , was
allerdings durch die bessere Oualität und die grössere Dauerhaftigkeit der Tücher wettgemacht wurde . Der Gewehrstand
war in den Niederlanden womöglich noch trauriger als in den übrigen Habsburgischen Landen : von 19.464 Flinten
waren nur 13.109 kalibermässig und brauchbar ; das National -Infanterie -Regiment Ligne war fast durchgehends mit
unkalibermässigem und schadhaftem Gewehr ausgerüstet . Das Anhalt -Zerbstische Kürassier -Regiment wies 585 alte
Karabiner aus . Beim Infanterie -Regiment Los Rios (Nr . 9) fand man abzustellen , dass die Recruten von dem Werbegeld
ausser den obligaten Monturssorten noch »leinene Hosen , schwarze Camaschen , Ouartierhauben und Knieriemen«
DIE DEUTSCHE INFANTERIE. 127

anschaffen mussten, was sie frühzeitig in Schulden stürzte. Auch gab es gewisse Sporteln, die das General-Kriegs-
commissariat mit Recht beanständete . Bei einem Regiment wurden jedem neu angeworbenen Spielmann sofort 3 fl.
Lehrgeld für den Regiments -Tambour abgezogen, und beim Regimente Bayreuth mussten die Officiere dem »Inhabers-
Hofrath Dörfler « 15 fl. für das Decret nebst 1 Ducaten an den Auditor zahlen, was ihnen sofort von der Gage
abgezogen wurde. Das Kriegscommissariat beantragte bei der Kaiserin, „ob nid)t wieberboltcm 2TTarFgrafen r>on
Bayreutf) bie Kbfdjaffuttg biefer daya aufgetragen ober ii^ unfcfyen mir bcr biesfällige Derbotl) an beit Hegimettts=
Commenbanten burd) bas aüergefyorf. (5 eiterabKriegs=dommiffariat abgelaffen werben folle". Maria Theresia entschied
mit gewohnter Energie : „Die ( es gleid)
abftelfen ; bie Stabsoffi3iers follcu
ex propriis b a t) 0 r Rafften , wann
es nod ) gefd ^el^ete ; bey allen ZTtu*
ft e r 11n g en ftd ) beffentbalbeit 311 im
formtreu ."
Einen gewissen Luxus in den
Monturen constatirte das General-Kriegs-
commissariat bei den im Königreich Böh¬
men liegenden Truppen . Den dortigen
Regimentern wird ihr Aufwand auf „2li.fr
5terttng linb Kufpitß, worin fie fid) beroor=
3tttbiut bemitl]efen" verwiesen, auch be¬
mängelt, dass sie die aus dem Wiener
Hauptmagazin bezogenen Monturen nicht
in den Regimentern verarbeiten Hessen,
sondern „einem präget * 3 ll ^tt 5ur KTattb
pulation übergaben, 3iimablett biefer and?
alle aitberett Hotlpnrfften liefert, meldie
entweber nid)t r>oit bei* bebörigett (Sitte
ober im preiß überfe^et feien". Ferner
rügt man die Uebersteigung der nor¬
malen Monturstaxen bei mehreren Regi¬
mentern. „Der übermäßige Kiifbuß,"
heisst es, „fyat hieran bie größte Scfyulb,
beim biefer geltet foweit, baß man fogar
bas Beweist
( * bat lacfireu laffeit tittb
obwohl für biefett obnnötlpgen gierratl)
9V2 Fr. jebem 3 n^ ü^ u0 angefc ^rieben
morben, fo fyat and) bie daffa, olpte was
bie drommelu tinb ^ elb=22equiftten geFoftet
, Grenadiere der deutschen Infanterie.
qabcit, für 2*eparatton bei*Znontnr, 2}aar=
Bänber , porte d'Epees, Qtitmafdjen, (Sürteln
ttitb anbere KleinigFeiten pr . Kopf 53A Fr. tragen miiffen, welche al^ itbäufigen 2nunbiu>2lnfd)affting tittb rdllfältigc
obtmüße ^lusjierungen bes KTannes daffa in bie länge oollettbs uerfdpninben machen werben." Die Kaiserin traf
abermals den Nagel auf den Kopf, indem sie resolvirte : „Sold ) e Kittbereyett folleit beit Proprietären ( 3 nl]abertt)
au gefd^riebe n werben ; beydollorebo 3nfanterie ( ) l) at cs lasci angefdjaffet ."
Auf Grund all dieser lehrreichen Erfahrungen erschien denn auch am 5. Juni 1755 eine gedruckte „CO1*b 1t tt 1t g^
nadj we 1d) er fid ) bie Faif . Fgl. 3 n fa 11 ^ cr ^c=^ e9 ^1Ue ^cr in ^ tiebensjeiten itt bet * HTontiruug tittb
fonftigett oeFott omifdjett punFteu 311t* dr3ieluttg bereu (Erfparungscaffeit 311 ad ) teit fabelt ". Sie
wurde mit der ausdrücklichen Motivirung erlassen, dass „bie 2\cgimcntcr wegen uugleid)cr, öfters al^ ufrülrjcitiger,
öfters überflüfftger 21 nfd)affiittg bereit 21 Tonturen tittb berenfelbett 311 beut 2Tlilitar=Dieuft nicfyt nötigen 2lus3ientitgen
in eine al^ tt fd)eittbare Ungleichheit ihrer drfparutigscaffett verfallen feien". Die Kaiserin überliess zwar den Regiments-
I 28 DIE DEUTSCHE INFANTERIE.

Commandanten auch für die Zukunft die Bestellung und Behandlung der Monturssorten , doch mussten folgende Sorten
aus eigens errichteten Magazinen zu unabänderlich festen Preisen abgenommen werden:

1 Slücf pemmelleimnanb mit 50 H)r. (Ellen in ber Sänge, \ V8Ellen


( in bei* Breite . . 6 fl. 50 fr.
\ Stücf Seinmanb ju © amafdjen, 50 tPr . Ellen lang, p/ 4Ellen breit ...... 9 „
\ Stücf rofye Seinmanb ju jd^marjen Eamafdjen, 50 IDr. Ellen lang, V/ 8 Ellen breit 6 „
{ Stücf jum ^ utter, 50 2X>r. Ellen lang, p/ 8 Ellen breit .......... 5 „ 50
\ Paar Strumpf . . ............................ . 58
1 pul mit aufgemachten tueifen Borben, einer put = unb Buf=Slülpf<hmir, ofync Quafteln,
o^ne ‘Knöpfeln unb imaufgeftülpt ..................... — „ 5\ „
\ Ellen rotfyes^ eug ju palsbinbeht ..................... — „ ^0 „
\ Du£eub Böcffnöpf non meifgegoffenem BTefall ...... - „ \6 'h „
\ Bu^enb Bocffuöpf non 21Teffing ....................... — „ \\ „
\ Binbelfd^nallen .............................. _ 6

Mehrere Punkte dieser »Ordnung « regelten genau das Verhältniss der Regiments -Commanden zu den
Kriegscommissariaten , welche die Qualität der Monturssorten zu prüfen hatten . Bei strittigen Ansichten dieser beiden
Instanzen über die Qualität der Lieferungen war vor Allem dafür zu sorgen , dass bis zur sorgfältigen Austragung
aller Differenzen nicht die armen Soldaten an der Montur Noth leiden müssten . Die Dauer der einzelnen Monturs¬
stücke bei den deutschen Infanterie -Regimentern wurde tabellarisch in folgender Weise festgesetzt:

3afyr mortale
\ Bocf eines Uitteroffijiers ...................... 2 —
1 Bocf eines (Sememen ....................... 5 —
f Eantifol eines Unteroffijiers unb (Semeincn .............. 2 —
\ Paar tücfyenc pofen ....................... ^ —
\ £)
ut .............................. 2 —
2 pemben ............................. ^ _
2 palsbinbel ................... . ........ ^ _
\ palsfcfynallen .......................... 6 —
\ Paar Strümpf .......................... ^ —
\ Paar Scfjul) für bie Unterof^ iers .................. — 6
\ Paar Scf)ul;> für bie (Sememen ................... — 8
\ Paar Sdpiffofylen für Unteroffijiers ................. — 6
\ Paar Sdjuffoblen für (Semcine ................... — 8
5 paar <Samafd )en ........................ 2 —
\ (Sarnifur (Samafcbenfnöpfe. . 6 —
\ Cornifter non ^ mild) ....................... 5 —
\renabiermühe
© ......................... 6 _
\ Säbel ............................. 6
\ Säbelfuppel ........................... 6 _
\ Bajonnetfuppel ......................... ö _
\ ^ lintenriemen .......................... 6 __
\ Bartufche für ^ ourierfd?ü^cn unb ^ immerleute unb \ patronlafd ^e . . . . 9 —

Mit dieser fixirten Minimaldauer waren übrigens Mehrleistungen der Truppenkörper in der Sparsamkeit mit den
Monturen keineswegs ausgeschlossen ; solch erspriessliche Oekonomie wurde vielmehr wärmstens empfohlen und einer
gebührenden Anerkennung versichert . Besondere Vergünstigungen wurden Unterofficieren und Reconvalescenten
zuerkannt . „Die Unterofftciers, " sagt Punkt 9 der Ordnung , „mögen allerbiitgs mit einiger, bod ? mäßiger
Diftinction gedeihet merben, unb geftatten 3fyre f. 11. t 21Taj. allergnähigft, haß baten ^ elbmmbels unb Eorporalen,
wann fte mit il^rer Ceibesmontur fparfam umgeben, mit Enbe eines jeben 3al ?rs eine ReYhülf aus ber Eaffa ttad?
2TTa§ il?rer (5utl )abung a fO unb refp. 5 fl. oerabfolgt tnerben bürfte." Und Punkt 10 sagt : „Btid?t ntinber foll beiten
Regimentern freYftehen, benenjenigen gemeinen Ceuten, rneld^e a 50 bis 40 fl. gut^aben, 311 einer Ejtra =ergö ^ Iid }feit
von geit 311 geit , mit Donuiffen bes Eommiffariats, ein Paar (Bulben ab3ureid?ett. Unb meileit bie Reconualescenten
nid}t fogIeicl7 an i^re natürliche Hal ]rung fid? gemöbiten fönnen, unb babero mit gefunben Speifen 311 uerfebeit, biefe
DIE DEUTSCHE INFANTERIE. 129

aber t>on ifyrer Cöbtumg ftd) 311 uerfcfyaffeit nicfyt im Staube feynb; f0 motten 3 fy ro n?• . f. 2Ttaj. ebenmäßig nidjt
oerbteten, womit benenfelben 511 it^rer befferert(Erholung eine Rusl|ülf mit etwelcfyon(Bulben angebeit^en möge.“
Neue Anordnungen bringt diese Vorschrift hinsichtlich der Ad-
justirung der Spiel - und Zimmerleute . Die Montur der Tambours und
Fourierschützen hatte (laut Punkt 12) von nun an nur durch das sogenannte
»Schwalbennest « und die Achselschnur von jener des Gemeinen unter¬
schieden zu sein. Die Zimmerleute, welche bisher die schwere Grenadier¬
mütze getragen hatten , welche ihnen bei ihrer Pionnierarbeit sehr »un-
bequemlich« sein musste, verloren laut Punkt 15 in Anbetracht dieses
praktischen Grundes die Bärenmütze und erhielten den Fäisilierhut. Sehr
erwünschte finanzielle Erleichterungen wurden den Spiel- und Zimmerleuten
dadurch zu Theil, dass, ,(Trommeln, Ctommelrtem, £eim, Seiflfe unb ^ ctt, wie
and) Pfeijfeit fammt Riem mtb futteral , «gimmermaitnsbacFen unb Sd)iir3=
feil“ von nun an aus dem Fundus der Feldrequisiten zu bestreiten waren.
Ferner wurden die neu aufgenommenen Spielleute des altherkömmlichen
Lehrgeldes an die Regimentstambours enthoben und mussten »unentgeltlich«
in ihrer Kunst unterrichtet werden. Ausserdem bewilligte die Kaiserin
neuen Spielleuten, „öamit fte nid]t gleich anfänglich bey beiten Regimentern
in Sd^illben geratben“, zur Bestreitung ihrer ersten Montur 20 11
. aus
dem Recrutirungsfundus. Die interessante »Ordnung« vom 5. Juni 1755
statuirt auch die Einführung des »rauch -kalbfellenen Tornisters « an
Stelle des zwilchenen Schnappsackes, doch war diese Neueinführung davon
abhängig, »ob es die Cassakräfte der Regimenter erschwingen«. Aus den-
selben Gründen ökonomischer Schonung sagt Punkt 18, Ihre Majestät
werde es „fiirfyin nid)t mefyr gebulben, baß fiel) bte Regimenter auf ein¬
mal neumontiren, allermaffen wegen bes fiel) successive ergebenden Dielen
giuuad )fes l]ieburd) mir 3nrtngen entfteben unb öfters biejeuige RTamtfd)aft,
wekfye nid)t lang oorfyer 311m Regiment gekommen , hinwiederum neu montirt
werben muß“. In hausmütterlicher Sparsamkeit verordnet sie weiter, dass
sich der Mann die Holzmütze, die Tuch-Handschuhe und das Brustleibel
von der abgelegten alten Montur selbst machen lasse und dem Recruten
das Material hiezu von den unbrauchbaren alten Kleidern der Abgehenden
geliefert werden solle; ebenso war zu den Bajonnetkuppeln und
Batteriedeckeln das alte, nicht mehr tragbare Lederwerk zu
verwenden . Haarbänder , Flintenstöppel und andere derartige
Kleinigkeiten waren von dem Soldaten selbst zu schaffen. Um
den attrapirten oder wieder zurückkehrenden Deserteurs die
Montirung zu erleichtern und sie vor Schulden zu bewahren,
wurde angeordnet , dass man ihnen zunächst mit den Monturen
Verstorbener oder Abgehender aushelfen, das Uebrige aber aus
der »Todtencassa « bestreiten solle. Individuen mit Schulden
waren überhaupt nicht mehr in die Regimenter aufzunehmen.
Streng verboten wurde die in den Musterungsrapporten so oft
berichtete , grausame Belastung des armen Soldaten mit der
Selbstanschaffung der sogenannten »kleinen Montur «, die ihm Waffen und Armatur der Füsiliere und Unterofficiere.

vielmehr »ohne Unterbruch vom Regimente zu verabreichen « war.


Sollte sich aber der Gemeine »besserer Saubrigkeit halber « zu den ihm zukommenden zwei Jahres-Hemden noch ein
drittes anschaffen wollen, so blieb ihm dies unverwehrt, und zwar durfte er sich dieses sehr lobenswiirdige »Luxusstück«
anschaffen,1 wo
o
und wie immer es ihm beliebte. Dieselbe »Freiheit« wurde dem Grenadier bezüglich der Anschaffuno- ö

des »zum täglichen Gebrauch nöthigen unbordirten Hutes « gelassen, den er sich von seiner per Tag um 1 kr. höheren
130 DIE DEUTSCHE INFANTERIE.

Löhnung selbst kaufen musste. Damit aber die Grenadiere bei den Regimentern nicht sofort Schulden machten, wurde
verordnet , dass zu den Grenadier -Compagnien fortan die Leute nicht direct assentirt , sondern dahin transferirt würden,
nachdem sie „menigftens fcfyon 3afyr unb Cag bey betten ^ onftltrcompagmeett geftanben, folgfam mit einiger (Sntbabung
5itr (5renabiers=2Hontnr üerfefyen
, and) im Exercitio fd)on abgerid)tet feynb“. Damit endlich die Regimenter stets im
Stande seien, die nöthigen Feldrequisiten (d. h. Zelte, Kessel, Casserolen, Feldflaschen, Schanzzeug, Zimmermanns¬
hacken, Schurzfell, Trommel sammt Schlägel u. s. w., Pfeifen mit Zubehör, Fahnen , Ouartiersfähnlein und Compagnie¬
schnüre) anzuschaffen, wurden von der ordonnanzmässigen Gebühr des gemeinen Mannes jährlich 36 kr. zurückbehalten.
Ein besonderer Punkt (17) der »Ordnung « tritt den kleinen Soldaten-Geckereien entgegen , welche sich schon in
ienen rauhen Tao-en in die Regimenter einzuschleichen wussten; er verbietet nämlich das Tragen der „Sttefdcttoufappcl,
berleY XTtancfydten
, falfd )cn IDabel , DorftecLZlermd, DorftecLPjember uttb mefyr bergldd)en unnötl)iger Fixierungen ".
Die österreichische »Feschheit « ist, wie man sieht, historisch, und die schönsten Ordnungen und Regulamente vermochten
sie nicht auszurotten . Die »falschen Wadel « kehren allezeit mit derselben Regelmässigkeit wieder wie die »Vorsteck-
Aermel «, und wenn sie einmal ausgerottet schienen, kamen sie durch ein Hinterpförtchen in anderer Gestalt wieder und
schlugen der strengsten Vorschrift ein Schnippchen. Das werden wir in allen Phasen unserer Geschichte des Soldaten¬
kleides erfahren.
II.

ungarische Infanterie.
1740 — 1765.

Wie veraltet die ungarische


O Wehrverfassung, wie gering die Stärke des Contingents
o -7 00 ö regulärer
o ungarischer
o

Truppen für das Habsburg ’sche Gesammtheer am Beginne der Theresianischen Epoche war, haben wir gesehen. Nur
drei Fussregimenter (Kökenyesdy de Vettes, Leopold Palffy und Gyulaj) repräsentirten in der Zahl der 52 Linien¬
infanterie -Regimenter das streitbare ungarische Volk; sie waren nebst den regulären Huszaren-Regimentern des kaiser-
liehen Gesammtheeres das einzige im grossen Kriege wirklich verwendbare Soldatenelement Ungarns. Wohl waren zu
verschiedenen Zeiten ungarische »Milizen« zu Fuss und zu Pferd im Felde gestanden , das Fusselement aber war
immer das schwächere und minderbedeutende. Denn die wehrfähige und nach der uralten Verfassung wehrpflichtige
Mannschaft des Reitervolkes der Magyaren fühlte sich immer zu der nationalen Reitertruppe der Huszaren hingezogen
und geradezu degradirt , wenn sie nicht zu den »aufsitzenden« Kriegern zählte. »Unter die Musketiere gestossen zu
werden «, bildete stets eine der bösartigsten Gefahren für den ungarischen Jüngling. Deshalb änderte auch die erste
Insurrection vom Jahre 1741 nichts an dem kümmerlichen Bestände des ungarischen Fussvolkes. Die »freiwillig aufsitzenden
Hungarn « waren, wie schon dieser Ausdruck besagt, ausschliesslich irreguläre Huszaren , deren Schicksale wir bereits
geschildert haben . Erst als sich, unter dem begeisternden Eindrücke des persönlichen Erscheinens der anmuthreichen,
schwerbedrohten Königin auf dem Pressburger Landtage , die Vertreter der ungarischen Nation zu ausserordentlichen
Opfern für Thron und Vaterland entschlossen, kam auch die Errichtung einer grösseren Zahl ungarischen Fussvolkes
in Fluss. Am 13. September 1741 konnte der Palatinus beim Landtage die Aufstellung von dreizehn neuen
ungarischen Infanterie -Regimentern beantragen . Wenn jedes Mitglied des insurrectionspflichtigen Adels in eigener
Person »aufsass« oder einen Stellvertreter bewaffnete, so liessen sich aus Ungarn selbst 15.000 Reiter, aus Ungarn,
Croatien und Slavonien 14.000 und von Siebenbürgen 6000 Mann zu Fuss erhoffen. Dazu die wehrfähige und insurrections-
pflichtige Mannschaft des Temeser Banats, die Jazygier, Kumanier und Heyduken gerechnet, wäre die neue ungarische
Streitmacht auf 65.000 Mann angeschwollen. So grossartig sollte das Aufgebot allerdings nicht werden. Bald schmolzen die
angekündigten 13 Fussregimenter auf sechs herab, deren Soldaten einschliesslich der Officiere aus dem Steuerfonde
Ungarns zu bezahlen waren. Derselbe Fonds bestritt die Bekleidung und Ausrüstung; nur Gewehre, Fahnen, Trommeln
und Zelte stellte die Königin bei. Bedeutsam war ein Nachsatz der Landtags -Entscheidung : „^lllfjer bem obigen
fpejieüen Zlnlafje fallen bie Stäube , ob nun bas Aufgebot ein baiternbes ober uicfyt, 5111
*(Ergänzung bes wie immer
gearteten Abganges , gleichwie 5111* Stellung pon Hefrnten nimmer unb unter Feinem Oortuanbe perfyalten werben
Fönneu.“ Aber vorläufig kamen solche Clauseln nicht in Betracht: Hatte man nur die Regimenter , dann würde man
schon die Recruten erhalten, dachte man in den leitenden Kreisen der Armee und beeilte sich, das äusserst will¬
kommene neue Fussvolk schleunigst auf dem regulären Fusse zu organisiren.
132 DIE UNGARISCHE INFANTERIE.

Am 13. November 1741 erfolgte die Ernennung und Eintheilung der Stabsofficiere durch die Königin,
und zwar:

ad Legionem Primam (1. Regiment ).


Colonellus (Oberst ): Comes Ignatius Forgäch ; Vice -Colonellus (Oberstlieutenant ): Mednyänszky ; Supremus
Vigiliarum Praefectus (Obristwachtmeister ): Comes Josephus Draskovich.

ad Legionem Secundam (2. Regiment ).


Baro Andrässy , Arrent , Baro Balassa.

ad Legionem Tertiam (3. Regiment ).


Baro Ujväry , Särtori , Comes Gyulaj.

ad Legionem Ouartam (4 . Regiment ).


Baro Samuel Plaller , Thomas Tap , Kerekes.

ad Legionem Ouintam (5. Regiment ).


Thomas Szirmay , Baro Bossäny , Albrecht.

ad Legionem Sextam (6. Regiment ).


Comes Wolfgangus Bethlen , Comes Nadasdy , Gyürky .*)

Jedes Regiment theilte sich in 20 ordinäre Compagnien mit je 150 Mann (je 1 Hauptmann , Lieutenant,
Fähnrich , Feldwebel , Führer und Fourier , 6 Corporale , 3 Spielleute , 2 Fourierschützen , 12 Gefreite , 121 Gemeine)
und zählte zusammen 3000 Mann ; je 5 Compagnien waren in ein Bataillon zusammenzuziehen , so dass das Regiment
4 Bataillone (worunter 1 für den Garnisons -, 3 für den Felddienst ) erhielt . Das Aussehen der neuen Regimenter
unterschied sich, als sie zum ersten Male auf den Plan traten , wesentlich von jenem der »teutschen « Füsiliere;
der nationale Charakter des freiwilligen Aufgebotes prägte sich auch in dem farbenreichen nationalen Gewände und in
der Ausrüstung aus , welche man ihnen gab . In dieser von der schlicht -schmucklosen Infanterie -Adjustirung der alten
Regimenter abstechenden Tracht übten sie einen stärkeren Zauber auf die Volksmassen aus , welche sich ohnehin nur
schwer entschlossen , ohne Ross zu dienen , auf den volkstümlichen Titel des Huszaren zu verzichten . Nach einer im
Kriegsarchiv bewahrten „S p e c i f i c a t i o rt, tute 5ie Secfys neue I] tut gart [ die 3 n f anterie =Hegt in enter
tu erben miinbirt tu erbett ", war für jede der »Legiones « eine besondere , markante Montur vorgesehen . So trugen
die ungarischen Füsiliere:

Bey bem g Regiment , fo unter Gommaubo bes f)rn . £)briften Graf ^ orgatfd ) ftefcu tuirb : (Einen fungarifdjen Kianfcl
uon blauem Cudy Kocf unb f}ofen r>on gleicher blauer ^ arb uon guetent Cucf mit rotten Schnüren unb gelbmeffingenen Knöpfen , tuobey
ber Kocf mit ftarfer £eintuanb gefüttert unb bie fjofeu iutuenbig befefet fein müffen; ein rotfes , langes palftud ? uon türfifeber £cimuanb;
ein Cjafo ^ aubett mit rotten Borbeu eingefaft ; einen rotfen Gürtel mit 7 blauen Knöpfen ; jtuei ijembbeit auf fungarifdp Krt fambt
gatti =f}ofen ; ein paar fungarifefe fcfuefy non gutfyem £cbcr mit hoppelten Sollen unb ^ uf *Söcffeln ; ein Säbeltafcfeu uon fdyuarjem
Ceber fambt überfdjlag uon rotfem Cud ) unb SäbPKiem , fo umb ben £eib getragen unb alfo gerichtet wirb, baf folcfyer (ber Kiemen)
jugleid) 51a* Bajonnetfuppel biene; eine patrontafefe uon fdjwarjem £eber auf 7^ calibermäfige fcfuf , mit Puluerforn unb £ >f?lflafcfel;
einen fungarifcfeit Säbel ; eine calibermäfige ^ lint fambt Bajonnet , fo ab aerario befonbers uerfefaffet wirb ; ein Banbelier , ^ linfeu*
unb pofemKiem , aud ? Cornifter uon ,5 wild} ober ftarfer Seiuwanb.
Bey bem 3 lpe Tl en Kegimcnt , fo unter bem iuterims *contmanbo bes f)rn . £)briftlieut. Krrcut flehet: einen perlfarbeneu
teutfdpn Koquelor mit einem fjungarifdjeu Kragen , blauen Knöpfen unb Schnüren ; Ko cf unb pofen uon bunfelblauer ^ arb mit gelben
Sdyiüreu unb meffingenen Knöpfen ; ein Gjaf ofaubeit mit gelben Sdjnüren eingefaft ; einen gelben Gürtel mit \7 blauen Knöpfen ; eine
Säbcltafdjeu uon fd}warmem £eber mit einem überfd}Iag uon blauem Cudj — alles Übrige wie bas g Kegiment.
Bey bem britten Kegiment , fo unter bem Jiderimscommanbo bes prn . £)briftlieut. Sartori ftefet, befommt 3 G^eriliann:
einen weifen fungar . Blaut ei, bunfelblauen Kocf unb pofeu mit gelben Schnüren unb meffingenen Knöpfen , ein Gjafofauben mit
blauen Bortfjeu eingefaft , einen gelben Gürtel mit blauen Knöpfen , eine Säbelfafcfcn uon gelbem £eber mit blauem Überfdjlag , ein Patron*
tafdjen uon gelbem unb fdyuarjen £eber, bas Übrige tuie beim g Kegiment.

*) »Die freiwilligen Aufgebote aus den Ländern der ungarischen Krone 1741 und 1742 .« Von Hauptmann Alexich . In den »Mittheilungen
des k. u . k . Kriegsarchivs «. Neue Folge , IV . und V . Bd . Wien 1891.
DIE UNGARISCHE INFANTERIE. 133

Bey bem vierten Regiment , fo unter Commanbo bcs f}rn. 0briftcu ^ reyff v. aller £) flehet: einen weifen bungar. RTanfel,
RocB unb pofett non lichtblauem Cuecfy mit rotfjeu Schnüren, weif ober gelben Knöpfen, djafofyaubeu roth eingefaßt; rothen (ßürtcl,
Säbeltafchcn non gelbem £eber mit rothem £ebcr überfchlagen , Patrontafche gelb, bas llbrigc wie bei beit anberen Regimentern.
Bey bem fünften Regiment unter dommanbo bes £)rn. 0brift r>. Ssirmay : weifen ljungar. Rtantel, Rocf unb f)ofen non
lichtblauem Cudj mit rothen Schnüren unb jinnernen Knöpfen, (Ejafoljaubeit weif eingefaft, rothen (Sürtcl mit weifen Knöpfen, rothe
Säbcltafchen, roffe Patrontafchen, bas Übrige wie bei Zer. \.
Bey bem fedjsten Regiment unter dommanbo bcs £)rn. Obrift n. Bctlffen : blauen jungem Buuitel mit rothen fcfptüren,
Roc! unb b)ofcu non blauem duche mit rotheu Schuüreit unb meffingenen Knöpfen, djafo blau eingefaft, rothen (Sürtel mit blauen Knöpfen,
rothe Säbeltafchcn blau überfragen , patrontafche non rothem Ccber,' bie
übrigen Rcquifiten wie bey allen anberen Regimentern.

Diese »Specification « gibt einen Begriff von der


Buntheit und Mannigfaltigkeit der Adjustirung , in welcher die
»hungarischen Insurgenten « auftraten . Die Unterschiede der
einzelnen Regimenter erstreckten sich auf Mantel , Rock,
Hosen , Rockschnüre , Czako -Einfassung , Gürtel , Knüpfe , Säbel-
und Patrontasche ; es gehörte beinahe so viel Scharfblick
dazu , diese sechs Insurrections -Regimenter zu erkennen , als
nothwendig war , um ein Huszaren -Regiment von dem anderen
zu sondern . Gemeinsam waren allen Regimentern nur Form
und Schnitt und die einzelnen charakteristischen Stücke der
»hungarischen « Infanterie -Montur : die schwarze , kalpakartige
Filz-»Czakohauben « ohne Schirm , der Dolman , die ungarischen
Beinkleider , der über den Dolman gegürtete ungarische Säbel.
Der Officier trug , wie aus den Aufzeichnungen ein-
zelner Regimentsgeschichten (z. B. der jüngst erschienenen
Geschichte , von Alexander -, einst Ujväry -Infanterie Nr . 2 von
Kirchthaler ) hervorgeht , einen goldbordirten Czako mit der
in Gold gestickten ungarischen Krone , einen kurzen , weissen
Pelz (bei Ujväry -Infanterie kaisergelb gefüttert und schwarz
ausgeschlagen ), mit goldenen Schnüren und gelben Knöpfen,
blauen Dolman mit Goldverschnürung und gelben Knöpfen,
blaue ungarische Hose mit Goldborden und Goldfransen,
Csismen (bei einigen Regimentern gelbledern ), um den Feib
einen Gürtel mit Goldknöpfen , bis 1744 als Ofnciersab-
zeichen die grünen Schärpen , „mit (5 oIb ober gelber Seibc
gemifcfyt
", eingeführt wurden. Die Waffe des Officiers war
der ungarische Säbel mit goldbeschlagener Scheide an gelber
Kuppel ; die goldgestickte Säbeltasche war dem Huszaren
und der ungarischen Infanterie gemeinsam . Statt der Parti¬
sane der deutschen Infanterie führten die Ofhciere der un¬ Officier der ungarischen Infanterie.

garischen Infanterie , ähnlich den Grenadier -Officieren, die


kurze Flinte mit Bajonnett , wozu die mit goldgestickter Krone gezierte Gartouche gehörte . Obristwachtmeister und
Fähnrich führten nur den Säbel.
Unter den Requisiten , welche die Gespanschaften für jeden Mann beizustellen hatten , führt man ausser den
schon erwähnten Hauptbestandtheilen der Montur und Ausrüstung einzeln an : „eine IDctffei'flafcfye DOIt Bled ? mit
Hiemen, Jelbfyadk, £)aarfamm , Cornifter 5111 * Bagage , ein paar ^ nfjfocfen, Sd ?ulp mtb Kleiberbürfte, Kugelbeutel mtb
CDIflafd ^e, ein paar ZITeffer unb Cöffel, gutes fd^mai^es föhtifd^es Banb 311i^aai^öpfen, eine ^ afdynenAIIü^e, einen
^liitten -Hiemen, einen Banbelier=Hiemen fammt Uafen, mit melden ber Säbel comrnobe 311 fixieren aufgelyifelt mirb,
gleidinffe es bei beit übrigen nngarijcfyen3 nf-:^ e^ mci dent gcbräud^lid), einen £)ofemHicmcn, für 5 ZlTann ein Sdwnp
3eitg.^ Alle sechs Regimenter erhielten 20.000 Flinten und ebensoviele Bajonnette, 22.000 Säbel, welche die Wiener
»Fanzenschneider « Paul Bader und Paul Andres lieferten , 360 Trommeln und 48 Fahnen , d. h. je zwei für jedes
134 DIE UNGARISCHE INFANTERIE.

Bataillon. Von den acht Fahnen jedes ungarischen Insurrections-Regiments waren sieben roth und eine weiss.
Die »Kosten für einen Soldaten zu Fuss « gibt eine von Alexich aus dem lateinischen Original übersetzte und
mitgetheilte Tabelle folgendermassen an:
Spief................ 2 fl. — fr.
Puberfacf mit panbrtemen unb 2\ Patronen 50
Kölnifcfyes Banb für brei <5)öpfe . . . . . ^5
^lintenriemen............. 20
Schuhriemen............. 63/3
Schuhe................ \0
Rocf mit ^ utter unb £einmanb...... 80
Schneiber............... 85
Seihriemen.............. 1 ,, 75 tt

f^alsbinbe .............. 20 tt

f)ut mit Banb............ ti 4^ n


XDäfcfye................ \ „ 40 „
Puberbüd ^fe.............. - n 18 „
f)orn mit ^ ugehör........... — tt iS '/s „
^lafdje mit 0el............
BajonnebBiemcn ........... — „ 10 „
Summe. . 19 fl. 9^3f r-

Zu den Eigenthümlichkeiten
<2
> der neuen Regimenter
O zählte ihre anfängliche
O NennungO nach Nummern '; erst
als die Commandanten definitiv ernannt waren, nahmen sie deren Namen an . Die Ernennung der Oberofficiere fiel
den Gespanschaften zu, doch wurde denselben nahegelegt , die Regimentscommandanten über Würdigkeit und
Eignung der von ihnen benannten Individuen zu befragen , da es dem allerhöchsten Dienst sehr erspriesslich sein
müsste , für diese Freiwilligen-Regimenter tüchtige Officiere zu bekommen . Der commandirende »Districtual-General«
sollte in strittigen Punkten entscheiden. Ueberzählige Mannschaft war an die aus Italien heraufziehenden »alten«
ungarischen Infanterie-Regimenter Gyulaj, Leopold Pälffy und Vettes abzugeben . Doch war die unter dem Eindrücke
der ersten Begeisterung rege gewordene »Befürchtung «, dass die Zahl der Freiwilligen den systemisirten Stand von
3000 Mann per Regiment weit übersteigen werde, durchaus nicht begründet . Das Jahr 1741 war zu Ende , und nicht
einmal die Hälfte jener Mannschaftszahl, auf welche man gerechnet hatte , war versammelt . Das Regiment Haller brachte
nur vier Compagnien auf, bei den übrigen zählte man neun Compagnien mit kaum je 140 Mann. Der FM. Prinz
Josef Friedrich zu Sachsen - Hildburg hausen, welcher im Spätherbst zur Förderung der »Insurrection « nach
Ungarn gekommen war, konnte nur zwei schwache Bataillone mustern, die er gern sofort nach Mähren gesandt hätte,
wenn ihre Ausrüstung nicht gar zu unfertig gewesen wäre. Mehr als an Mannschaft, klagte der Prinz, fehle es an
Monturen und Säbeln, und die Verproviantirung lasse sehr viel zu wünschen übrig . So zeigt das Stuhlweissenburger
Comitat am 30. November an, dass sein Fussvolk schon völlig bereit sei und nichts fehle als die — Montur. Die
Stadt Eisenburg klagt , die Huszaren -Werbung habe die Infanterie -Werbung derart verdorben , dass man noch nicht
mehr als sechs Fussknechte aufzubringen vermochte. Die Stadt St . Georgen brachte »20 Fussgänger «, die Stadt
Güns 43 Mann auf. Was FML . v. Ghilanyi, der von Comitat zu Comitat fuhr, um die »Insurgenten « zu beflügeln,
für Erfahrungen machte, haben wir schon in der Darstellung des Huszaren-Aufgebots angedeutet . Im Neutraer Comitat
fand er zwar die Soldaten ordnungsmässig assentirt , aber nicht mehr als »115 Mäntel, 200 Röcke und Hosen fertig «,
das übrige Tuch wie auch die Knöpfe, Schnüre, Gürtel, Patron - und Säbeltaschen und sonstige Materialien « noch
nicht geliefert. „Pa id) fyierauf", klagt er weiter, „bem Comitat oorgeftellet fyabe, une baff fo üiele fyunbert Befruteu
017tte Blontur unbraud ]bar Kngemorbener 2 bis 5 BTonat unb länger in ber Derpflegung 311 halten eine grofle
laft fei, mit melcfyer ficfy bas Comitat unnötl}ig felbft aggraniret ", sei man sehr unruhig geworden , ebenso als er
verlangte , »die angenommenen Buben« auszuschliessen und wenigstens die Hälfte der Recruten mit Montur zu
versehen . Man behauptete , die Leute hätten alle das vorgeschriebene Alter (nicht unter 18 und nicht über 40 Jahre)
und wollte von den Vernunftgründen des Generals nichts wissen. Mit Mühe setzte er auch durch, dass man statt
der — ohnehin sehr verschiedenartigen — Mäntel Caputrö cke für alle Recruten anfertigen liess. Von den 500 aus¬
gerückten Recruten liess er „bis 200 Buben , einige befectuofe, gar alte, ins Spital , nid)t 311^ elbfriegsbienften tauglid ?e
leute , morunter aud ? etlidje Kuslänber , aber fein ain3iger anfefynlidjer Kerl gemefen", durch den Kriegs-Commissär
DIE UNGARISCHE INFANTERIE. 135

ausschliessen , es blieben 334 Köpfe und 13 Tambours . *) Aehnlich stand die Sache in anderen Comitaten . Wir wissen,
dass es im Trentschiner Comitat wegen der Caputrock -Frage beinahe zur Revolte gekommen wäre ; die Sache betraf
vornehmlich die Infanterie, für welche der »blaue hungarische Mantel mit rothem Kragen « vorgeschrieben war.
Aus praktischen Gründen wollte ihn FML . v . Ghilänyi durch den Caputrock ersetzt haben . Wie stürmte es nun aber
in der »General -Congregation « des Comitats ! Der Notar protestirte.

„Dicfe Proteftation" — berichtet Ghilänyi dem Grossherzog Franz Stephan — „nerurfacfyte einen allgemeinen Beifall ber
f)errn Staube unb ein raifonnables ©cfcfyra , fo id} länger als eine halbe Stutibc gelaffen angehört, enblid) fyat es mir auch5UUitge gebauert
uub mich betrogen 511 fagen: 3U' e ker £)r- Obergefpattl(Ejalyuf, ^ alyuf!) IBas Ilrfad)c fyat ber £)err Zcotar, fo eifrig 511 proteftiren
unb ein fo unnöthiges © efebret 511 perurfadjeu? IPir ftttb ja extra casum? JDcr ift bcutt, ber biefeit£ärm pcrurfacfyct ? 3 ^ rcntouftricrc
ja nur bem (Eomitat, bafj bic Caput tauglicher als bie Biäntel unb crfudje beitfelbett , feine Sdjiuierigfeit für bie Begtmcuts=Btontiruug 511
machen. Xüill es bas Comitat nicht thuit, fo bleibe cs bei beit Bläute ln. 3 ^? bin ja 5ur Befdjleuutgungber aufrichtcitbcu Regimenter
bahier unb perlange, bas Comitat folle mir bie 511m Bufbrud) fertige RTamifcfyaft , fotrolä 511,fuf5 als 511 Pferbc, benennen unb 511 ferneren
a. h- Dienften übergeben, fic mögen BTantel ober Caput fyab cn . . .

Erst im Jänner 1742 sehen wir die ersten Bataillone auf dem Marsch , und nun vollzog sich allmälig die
Angliederung der sechs neuen an die alten Regimenter . Ihr Rano- wurde nach dem Ernennungs -Range der Commandanten
bestimmt , das Ernennungs -Recht der Officiere für die Zukunft diesen Commandanten zugesprochen und alte , gediente
Mannschaft der bestandenen ungarischen Regimenter unter die neuen eingetheilt . Das war umso nothwendiger , als die
»Freiwilligen « den idealen Schwung der Intelligenz wohl nur in sehr bescheidenem Masse theilten und zum grössten
Theile aus anderen als jenen idealen Motiven dem Kriegsrufe der Repräsentanten der Nation gefolgt waren . Schwer
empfanden und trugen sie die Bande der Disciplin , und schmerzliche Klagen über den Mangel an Zucht und Ordnung,
namentlich bei den nicht regimentirten Insurrections -Truppen , liess General v. Ghilänyi ertönen ; mahnte er doch
geradezu „biefe (truppen nidit olpte reguläre teutfcfye ÜTannfdjaft 311 laffeit, ha ol]ne öiefe bic ungarifcfyen Räuber in
(5 efal]r fHinben, burd) bie eigenen teilte ausgeraubt uub üerfyecrt 511 inerben". Der General weigerte sich nachgerade,
an der Spitze der landsmännischen Truppen zu bleiben , und musste durch den General v. Festetics abgelöst werden.
Aber auch dieser hatte sein Kreuz mit den locker disciplinirten Schaaren , die sich unter Umständen wohl wacker
schlugen , aber bei der Blockade von Prag »mehrentheils wegliefen , weil vorige Nacht ein kalter Regen fiel«. General-
major v. Splenyi machte in Bayern von dem ihm vom Hofkriegsrath übertragenen jus gladii gegenüber den
»hungarischen Tumultuanten « einen höchst ausgiebigen Gebrauch . FM . Andreas Graf Khevenhüller hatte die aus
Ungarn heranziehenden Schaaren mit wahrer Freude begriisst ; sie waren ihm besonders werthvoll durch den heillosen
und doch sehr heilsamen Schreck , den schon die Kunde von ihrem Herannahen bei dem Feinde und bei allen
Uebelgesinnten verbreitete . Als sich aber die Anstände und Excesse bei den in so malerischer Tracht und Unordnung
anmarschirenden »Insurgenten «, die Forderungen eines erhöhten Soldes und das »continuirliche Ausreissen « auf dem
Marsche bedenklich mehrte , erbat er sich von der Kriegsherrin einen ungarischen General , »der nicht nur bei den
unterhabenden Huszaren zu gebrauchen , sondern hauptsächlich mittelst dessen Direction die ungarischen Insurgenten
und die übrige ungarische Nationalmiliz in bessere Ordnung und Disciplin versetzt werden könnte «. Maria Theresia
betraute den bekannten Baron Ghilänyi mit dieser beschwerlichen Mission, die er seufzend annahm . Auch befragte
sie den Palatinus FM . Graf Pälffy über die Mittel und Wege zu einer Besserung jener Zustände , welche das ganze
schöne Insurrectionswerk so schwer schädigten . Der greise Cavalier erkannte die böse Lage und war für die Anwendung
scharfer Strafen , deren man sich bisher in besonderer Schonung der »FYeiwilligen« enthalten hatte . Man könnte damit
umso leichter vorgehen , weil jetzt »die neue Miliz grösstentheils bei den deutschen Truppen angehängt sei,
all wo die Officiere gegen ihre untergebene Mannschaft schon mehr Ernst und Schärfe gebrauchen können und sollen «,

und weil »die allgemeinen Kriegsregeln doch auch von Königen von Ungarn gesetzt und befestiget worden seien «.
Die Officiere sollten sich nunmehr den Schutz von deutschen Truppen zu Nutze machen , »gegen die weiteren Trans-
gredienten mit allem Rigor und ex instand vorgehen und unter den Leuten die gehörige Kriegsdisciplin halten «. Die
Deserteure sollte man schleunigst dingfest machen und ohne weitere Umstände in reguläre Regimenter stecken ; ebenso
streng sollte man gegen jene Unterthanen vorgehen , welche den Deserteuren Unterschleif gäben . Khevenhüller selbst

*) Alexich, »Die freiwilligen Aufgebote etc «.

1
136 DIE UNGARISCHE INFANTERIE.

entschloss sich zur exemplarischen Bestrafung aller Excesse , gleichzeitig aber erbat er doch eine Sold -Erhöhung für
die freiwilligen Aufgebote , deren Angehörige um 2 kr . per Tag schlechter daran waren als reguläre Soldaten.
Man hat bei alledem wohl zu unterscheiden zwischen den »Insurgenten « oder Portalisten und den neuen
ungarischen Infanterie -Regimentern , welche zwar auch schwere Excesse , Desertionen u. s. w., aber doch eine
erheblich bessere Disciplin aufzuweisen hatten . Alle jene Ausschreitungen konnten allerdings die glänzenden Dienste nicht
vergessen machen , welche die ungarischen Krieger , namentlich wenn sie in der Hand eines energischen und klugen
Führers waren , im Angesichte des Feindes leisteten . Schrecklicher als dem eigenen Lande waren sie doch dem Feinde,
und wo sich ihre bunten Schaaren blicken Hessen, wo sie mit unbezähmbarer »Furie « auf den Gegner losbrachen,
dort gab es Angst und Bangen in dessen Lager . Das Handschreiben Maria Theresias vom 10. September 1742
zollt diesen Thaten , diesen ausgezeichneten Diensten rückhaltlose Anerkennung ; es rühmt nicht nur die Treue des
ungarischen Volkes gegen seine gütige und zärtliche Mutter , sondern auch die »martialische Tüchtigkeit «, welche die
Truppen der in flammender Begeisterung geschaffenen »Insurrection « bewiesen , und legt einen besonderen Werth auf
die fernere Erhaltung der Reiter -Miliz, welche den Landtagsbeschlüssen von Pressburg ihre Entstehung verdankte.
Die Cavallerie des Habsburg ’schen Heeres sollte dauernden Gewinn aus jenem denkwürdigen Opfermuthe der ungarischen
Nation ziehen . Der bleibende Gewinn der Infanterie sollte in den sechs Regimentern bestehen , welche sich im Laufe
des Jahres 1742 unter ausserordentlichen Schwierigkeiten und Mühseligkeiten entwickelt hatten . Das Infanterie -Regiment
Bethlen (heute Erzherzog Friedrich Nr . 52 ), das sich in Ungarisch - Hradisch sammelte , hatte es im März auf
zwei Bataillone gebracht , und eines derselben erhielt bei der Belagerung von Prag im ruhmreichen Kampfe mit den
Franzosen die Feuertaufe . Im September trat auch das dritte Bataillon in Action und trug seine Waffen nach Bayern.
Vom zweiten Regiment Haller (heute Mecklenburg -Strelitz Nr . 31 ) war erst im Mai das Leibbataillon in Debreczin
marschfertig , im Juni und Juli folgten das Obrist - und Obristlieutenants -Bataillon . Sie blieben zunächst im Lande,
obwohl man gerade in den von diesen »Freiwilligen « besetzten Gebenden keinen sehnlicheren Wunsch hatte , als die
wilden Gesellen baldigst los zu werden . Denn die Ahnen unserer tapferen Culozer und Strelitzer waren den unbändigsten
Elementen der Puszten , Karpathenwälder und Comitatsgefängnisse entnommen ; auf dem Marsche gegen Peterwardein
bäumten sie sich in wilder Empörung gegen die Officiere auf, in Csibakhäza überfiel endlich die zum Kampfe auf¬
ogebotene Comitatsmiliz und das bewaffnete Landvolk das meuterische Obrist -Bataillon ', und Obrist Haller hielt
fürchterliche Musterung in dessen Reihen . Nur seine eiserne Hand brachte das Regiment zur Ordnung und Ruhe
und machte es zu einer Heldenlegion unseres Heeres . . . Von den Regimentern Andrässy , Ujväry und Forgäch
(Nr . 33 , Nr . 2 und Nr . 32) kämpften tapfere Bataillone in Khevenhüller ’s siegreichem Heere , und das Regiment
Szirmay (Erzherzog Joseph Nr . 37) verrichtete in den Laufgräben vor Prag , mit dem kurzen , krummen Säbel die
ausfallenden Franzosen zurücktreibend , Whmder der Tapferkeit.
So fruchtbar erwies sich schon in den Kämpfen des Jahres 1742 die unaufschiebbare Vermehrung des
ungarischen Fussvolkes , obwohl die bei der Errichtung der sechs neuen Regimenter in Aussicht genommene Stärke
keineswegs erreicht wurde . Die Regimenter brachten es auf wenig* mehr als zwei Drittheile% derselben , und Ende 1742
war auch die verminderte Zahl von 21 .622 Mann zu Fuss , welche der Landtag im November 1741 bewilligt hatte,
noch nicht gewonnen . Die Königin befahl nun die sofortige Stellung der fehlenden 3690 Mann und die Eintreibung
der noch ausständigen halben Million zur Verpflegung der »National -Infanterie « ; die Monturen waren womöglich in
Ungarn und aus ungarischen Stoffen , nur , wenn dies unmöglich , aus den Erblanden zu beziehen . Sobald eine Compagnie
marschfertig sei, habe sie zu' marschiren . Das ging aber nicht so leicht . Anstände und Vorwände gab es allenthalben.
Die Stadt Ofen entschuldigte ihren Rückstand mit der fatalen Concurrenz der vom Ritter Rochus von Esterhazy
begonnenen Reiter -Werbung ; wo aber Huszaren geworben würden , ginge Niemand zur Infanterie . Im Bacser Comitat
brach der alte Mantel -Streit wieder aus ; die Mannschaft weigerte sich, den »deutschen Mantel , Caputrock und rothe
Aufschläge « anzunehmen , und capricirte sich auf den »hungarischen Mantel «. Im Veszpiimer Comitat dersertirten
von 129 Füsilieren 79 , weil man ihnen gesagt hatte , sie würden zu »deutschen Musketieren « gemacht werden.
Im Ganzen zählten die sechs neuen ungarischen Infanterie -Regimenter bis November 1742 3055 Deserteure und
14.877 active Soldaten , von denen circa 9000 Mann (nebst 10.646 freiwilligen Reitern ) wirklich in die Kämpfe
der Königin aecren ihre übermächtigen Feinde einzugreifen vermochten . Der thatsächliche Effect der Insurrection
entsprach also keineswegs dem moralischen ; dieser aber war gross genug , er war schon deshalb bedeutsam , weil er
die ausserordentliche Volkskraft , das werthvolle Krieger -Material Ungarns , den Habsburg ’schen Staaten in umfassender
Weise nutzbar machte und aus der veralteten ungarischen Wehrverfassung allmälig in die moderne hinüberleitete . Das
DIE UNGARISCHE INFANTERIE. 137

»moriamur pro rege nostro « verlor seinen Klang nicht , wenn auch der Krieger -Chorus , der es begeistert wiederholte,
nicht so zahlreich war , wie man hoffte und wie der Feind glücklicherweise fürchtete . Er tönte mächtig hinaus in alle
Lande , aus denen die Feindesschaaren gegen die Länder der grossen Tochter Habsburgs herangezogen waren , und
trugö schon in seiner moralischen Bedeutung o wesentlich bei zur Rettung o des Thrones und des Gesammt -Vaterlandes.

* *
*

Die sechs neuen Infanterie -Regimenter ungarischer Nation , welche auch nach Auflösung des Insurrections-
Aufgebotes bei den Fahnen blieben , unterschieden sich bald in keiner Weise von den alten regulären Regimentern.
Im Jahre 1744 wurden die drei alten ungarischen Fuss -Regimenter auf den Stand von je vier Bataillonen (Gesammt-
Stärke 3000 Mann ) gebracht , also genau der Stärke der neuen Regimenter angepasst . Auch die ursprüngliche , ebenso
bunte als mannigfaltige Tracht der neuen musste sich schliesslich den uniformirenden Tendenzen fügen , welche vor
keinem Bestandteil des stehenden Heeres innehielten . Im Jahre 1748 beschäftigte man sich eingehend mit dieser ein¬
heitlichen Uniformirung der ungarischen Infanterie , und am 26 . April 1749 erschien der nachstehende hofkriegsräthliche
Erlass , welcher die Resultate der Berathungen bedeutete:

„Dem £öbl. fayf. fgl. <5 raKKriegs *(£ommiffariat in ^ reunbfefjafft anjufügen : lüasmafeu 3 hrc f aYf- fön. Hiayft . bafi jfyrc
fammcutl . Hegtr . 511 I) uuganfd )* unb Sieben bür gif d)cr Hat io n fowol)l £)fficicrs alf (Gemeine füufftighin glcid), aud)
nad) f}ungarifd )-- unb Sibcnbürgifdfer {Erad)t munbiret feyen, für guct befuuben, mithin anbefoljlen Ijabcn, baf bic "Kaput dou weis perl*
farbenen Ehud { ), bas Unterfuttcr hingegen, wie aud) bic Dollmann , £)ofcn, (Gürteln unb Schnür, womit bic HTunbur 511 befejen fommet,
uon ber färb alf jeber beftclter £)brifter für fein aurerthrautes Hegt, auswählen wirb, verfertiget feyn, ingleidjcn bafs bic HTannfd)aft £)ü 11)
tragen follc. Damit aud) biefc HTunbur befto füglidjer bey gefambten obigen Hegten f}ungarifd)5unb Siebenbürgifcben Hation ber (Gröfc,
IDcithe, Swänge , unb übrigen ^ orm bHK 1' hi He perorbnete (Gleichheit gebracht werben möge, feyen auf allerhöchfteu Bcfcl)I eigene Hiuftcr
verfertiget unb ihnen Hcgimcntern 5ugcbrad)t worben, nad) welchem fte bicfjfal)Is fid) 511 halten, babey aber, was an fold) non Seiuwanth
ftd) befinbet, jwar non Cud ) ober anberen «3eug , wie bis anhero , jebod) non ber ^ arb alf bem beftcltcn 0briften anftänbig feyn wirb, auficr
biefem aber bic HTunbur fclbft nur nad) bem HTufter machen 511 laffen, banoit in feinem Stucfl) abjugehen unb auf biefer IDcij; fo wohl
respectu bereu gemeinen, alf Unter unb £)ber Officicrs fiirjugehen, berentwegen aber bie bcrmahlcu fdjon norhanbenen Hcgts=HTunburen
nid)t fogleid) weglegen, fonbern infolang alf es tauglich annod) forttragen 511 lafeu hüben, cs wäre beim, baff Sic mit geringen Unföften
nad ) bem neuen HTufter abgeänbert werben fönten, welchen falls bic Hegtr. es allerbings 511 ncrauftalteu halten, gcftaltcn biefe allcrl)öd)ftc
Hefolution benen mehrbefagten fammcntlid)en f)ungarifd)s unb Sibcnbürg . 3 uf<mtcric--Hegtrn. jur Befolgung in allen annotis biffcitl)s unters
einftens referibiret werbe. It )eld)es HTau 3 hmöbl
£ . (Eommiffariat jur IDiffcnfdjaft unb unbefd)wäl)rter ^ ürfel)rung b^c^cY aneriuncru
wollen......
Ex Consilio Bellico
IDicu ben 26. Hpril ^749.
jffng. lEljom. £ fr . u. ftHöbrr.

Ein Dienst -Schreiben an den Ober -Kriegs -Commissär begleitet diesen Erlass *) mit folgenden Worten:

IDol )l (Ebl (Gcftrcugerl Soubers Hiellgecl )rter £) err ber £) =l { riegs =(£ ommiffari! IDic unb nad) welcher Uniform bie
Sammentl . fayf. föuigl. 3 1l fuuterie=Hegimentcr f}ungarifd)= unb Siebenbürgifd)er Hation fünftighiu munbiret werben folleu, erhaltet bas
£)ofT{rigs =HätI)l. in Copia anfd)lii£ige Intimatum bes mehreren, IDeldjer alfo pro Dircctioite weitl)crs erinnert wirb ; bamit aber ber
f)r. £)berTTriegs=(£ omiffarius ob ben puuctuallcu (Erfolg befto perläfjlid)cr 311 l)aItcn wiffe, fauu bcrfelbe bas einem jcbcit Hegimcnt jugefd)icftc
HTufter ftd) uorweifeu laffen unb nad) allen ilhcillcu wol)l einfel)cn, bod) feyitb bic allfd)Oit ror biefer Horfd)rifft angefd)affteu Sorten in ihrer
geftalt bis jur abnüfmng fertjutragen ; (Es wäre bau, baf? bie abäuberuug nad) ber (Eynofur mit geringen Unföften gcfd)cl)cn fönte, welchen
falls Sie Hegimenter foldje 511 peranftalten hätten.
IDicn ben f8 . 3 ullY G 49- Unb id) perbleibe
£ ni bur g.

Gemeinsam war somit allen ungarischen Infanterie -Regimentern von nun an der weisse Caputrock und
der Hut , denen der »hungarische Mantel « und der Kalpak gewichen war ; dagegen blieb die Wahl des Dolmans , der
Hosenfarbe , der Schnüre , des Gürtels u . s. w . der Willkür des Inhabers überlassen , gestattete also noch immer eine
ganz imponirende Mannigfaltigkeit . Nach der (bei Darstellung der deutschen Infanterie erwähnten ) »Ordnung , nach

■•') Kriegs -Archiv.


138 DIE UNGARISCHE INFANTERIE.

welcher sich die k. k. Infanterie-Regimenter in Friedenszeiten in der Montirung etc. zu richten haben « (5. Juni 1755),
sollten bei einem ungarischen Infanterie -Regiment folgende Montirungsstlicke in der angemerkten Dauer ge¬
tragen
ö
werden:
ITTonat
\aputrod
© : eines Unterofficiers .................... 2 —
J ©aputrocf eines ©emeinen ..................... 3 —
\ Dollman eines Unterofficiers unb Gemeinen .............. 2 —
t Paar tüdjene f)ofen ........................ 2 —
\ut£) ............................... 2 —
2 f}embben ................ 1 —
2 Paar ©attbfjofen ......................... \ —
2 f)alsbinbcl ............................ 1 —
\ f ^alsfcfynallen ........ 6 —
\ürtel
© .............................. 5 —
\ Paar Sdjufye für Unterofficiers ................... — 6
\ Paar Scfyufye für ©emeine ..................... — 8
\ Paar Scfyufyfofylen für Unterofficiers ................. — 6
\ Paar 5d)uI?fo^Ien für ©enteilte ................... — 8
\ornifter
© non ^ unld? ........................ 3 —
\renabier
© =UIüt5en ......................... 6 —
\ Säbel .............................. 6 —
\ Säbelfuppel ............................ 6
\ Bajonnetfuppel .......................... <5 —
\lintenriemen
^ ........................... 6 —
\ Patrontafd ^en ........................... 9 —
\artufcfy
© für ^ ourierfcfyü ^en unb ^ immerleute ...... • ....... 9 —

Die Unterschiede in den Montursbedürfnissen der deutschen und der ungarischen Infanterie fallen in die
Augen. Der deutsche Fusssoldat trägt Rock und Camisol, der ungarische Caputrock und Dolman ; statt der Strümpfe
des deutschen fasst der ungarische »Gattihosen «; bei diesem entfallen die Gamaschen, dagegen zählt er zu seinen
Adjustirungsstücken den Gürtel . Aus der »Ordnung « sehen wir auch, dass Grenadier -Mützen zu den regelmässigen
Monturs-Stücken auch der ungarischen Regimenter zählten. Bei der Errichtung der sechs neuen Truppenkörper hatte
es nur »ordinäre « Compagnien gegeben ; die Sehnsucht nach Grenadieren war aber bei den jungen Regimentern,
je mehr sie mit der alten Armee verschmolzen, so gross, dass Generalfeldwachtmeister Baron Andrässy im April 1745
auf eigene Verantwortung bei seinem Regimente zwei Compagnien dieser Elitetruppe errichtete und dasselbe auf eine
Gesammtstärke von 20 Ordinari-Compagnien (ä 140) und 2 Grenadier -Compagnien (ä 100 Mann) brachte . Der eigen¬
mächtige Act erhielt die nachträgliche kaiserliche Genehmigung, und mit einer Resolution vom 22. October 1746 wurde
auch den bisher grenadierlosen ungarischen Fussregimentern die Aufstellung der Grenadier-Compagnien vom Mai des
nächsten Jahres ab gestattet . . . . Die späteren Adjustirungsvorschriften nahmen der Tracht der ungarischen Infanterie
immer mehr von ihrer Buntheit und Mannigfaltigkeit. Am 27. October 1757 erging eine Circularverordnung an
sämmtliche ungarischen (wie früher an die deutschen) Infanterie-Regimenter , wornach zwar „für bcn gegenwärtigen Krieg
bie gefammte3 nfan^er^e/ Cat?alerie unb ijl^ aren" die bisherigen Monturen fortzutragen hatten, künftighin jedoch es
bei allen ungarischen Infanterie-Regimentern zwar „bei betten meinen 0berfleibern , mit welchen ohnehin fcfyon alle
aerfefyen feynb, and? fernerhin fein Derbleiben fabelt, bie Deften (JDeften ) unb ßofen aber füfyrobitt bey allen blau,
bie Knöpf burcfyaus gelb unb in ber ^ orm gleid] feyn follen". Was die Schnüre, Schlingen und Aufschläge anbelangte,
so durften sie auch weiter von unterschiedlichen Farben sein, jedoch sollten, wie die Kaiserin eigenhändig resolvirt
hatte , „alle umtötlygen Scfynürleilt" abgestellt werden . Die Muster dieser Sorten waren nach Wien einzuschicken; die
Inhaber durften künftig bei Veränderungen keinesfalls mehr selbstständig Vorgehen. Im Uebrigen gab es bei den
Repfimentern aller »Nationen « dieselben Schmerzen und Beschwerden, wovon alle Musterunofsberichte erzählen. Bei
den Ungarn kam noch die Plage mit den Schnurrbärten dazu, welche in einem Falle zu dem bekannten barbarischen
Befehle, bei Stockprügelstrafe falsche Bärte zu kaufen, führte. Aus Ersparungsrücksichten gestattete man sich mitunter
auch eine besondere Zuthat zur Adjustirungsvorschrift. So wurde — laut Musterungsrapport vom Jahre 1754 — bei
dem zu Szegedin garnisonirenden Bataillon von Joseph Eszterhäzy-Infanterie „bie BTontlU* btird? eingefüfyrte Kittel
DIE UNGARISCHE INFANTERIE. 139

merflid) gcfcfyonet
, fo ba§ ein Caput üier complete 3al]r unb ber Dollmann 5tr>oy fiigltd? bauern faun". Das in
Kaschau liegende Bataillon Niclas Eszterhäzy -Infanterie und das in Mähren liegende Regiment Haller gestattete sich
den Luxus einer »Hautboisten -Banda «, wofür von den Officieren auf jede Mundportion 8, respective 10 Kreuzer bei¬
getragen werden mussten : man brachte jenem Bataillonscommando den Befehl der Kaiserin , „fok'fyerley 3anben ab ^iu
[teilen", in Erinnerung. Das hinderte allerdings nicht ihren weiteren Bestand. Es gab musikalische und unmusikalische
Zeitläufte ; Siegerin aber blieb die holde Frau Musica auch in den Stürmen des Krieges . Wenn die schmetternde
Feldmusik tönte , da beflügelte sich der Schritt todesmuthiger Krieger , und wenn die Siegesklänge der Regiments¬
musik durchs Lager drangen , da hob sich höher des Soldaten Brust , und sein freudiger Ruf einte sich den Jubel-
klänoo -en . So blieben die »Banden « in wechselnden Zeiten bestehen : belebend und erhebend wirkten sie in den rauhen
Zeiten des Kampfes.
III.

Croaten und Panduren.


Grenz - und Freitruppen in den Theresianischen Kriegen.

Wenn der Gegner Oesterreichs die Geschichte der Theresianisch -friedericianischen Kriege schreibt , nennt er
gewiss mit einem »historischen « Gefühle des Unbehagens unter den tapfersten , verwegensten und »wildesten « Truppen
Oesterreichs die »Panduren und Croaten «. Sie theilten mit den regulären und irregulären Huszaren den Ruf , die
windschnellen Herolde , die allgegenwärtigen , vor keiner raschen und tollkühnen That zurückschreckenden Vortruppen
des Habsburg ’schen Heeres zu sein . Sie umschleierten dessen Bewegungen , täuschten und überraschten den Gegner,
nahmen es aber auch mit der starren Resfel und der zarten Rücksicht niemals g-enau und wurden deshalb nebst dem
Feinde wohl auch dem eigenen Feldherrn unbequem , wie gern er sich auch dieser todtesmuthigen , kampfesfrohen
Krieger bediente , wenn es nicht zu zaudern , sondern einen raschen Streich zu wagen galt . So kam es, dass diese »leichten
Truppen « zum Schreck der Feinde wurden , dass sich die fruchtbare Phantasie des feindlichen Kriegers und schliesslich
auch des »feindlichen « Geschichtsschreibers ein schreckliches Bild von den »Panduren und Croaten « construirte , das
sie den Irokesen und Osag -en an Wildheit und Blutgier gleichstellte und ihnen eine Fülle von Schreckenstaten
zuschrieb , die sie wohl nur zum geringsten Theile wahrhaft begangen hatten . Und noch heute ist in der anti-
österreichischen legendären Geschichtsschreibung die Bedeutung der Namen »Panduren und Croaten « nicht geklärt;
unzugänglich bleibt sie auch jeder Aufklärung , welche ihr der Oesterreicher geben kann . Vor Allem sind die beiden
Begriffe vollkommen von einander zu trennen : Der Pandur ist etwas anderes als der »Croat «, und dieser hinwieder
ist etwas anderes als sein Name glauben macht . Schon im 30jährigen Kriege hat man ja von Isolani ’s »wilden Croaten-
horden « gehört , geschrieben und gefabelt . Thatsächlich war unter den schwach disciplinirten Schaaren des kühnen
Generals wohl das national -croatische Element stark vertreten ; eine »nationale « Truppe aber bedeuteten seine flinken
Krieger nicht . Sie stammten zumeist aus den östlichen Gebieten des Habsburgischen Länder -Complexes , aus den
Ländern der ungarischen Krone , aus den Grenzgebieten an der Pforte des Orients , doch fanden auch andere ver¬
wegene , kampf - und beutelustige Gesellen einen Platz in den leichten Schaaren , welche entweder zu Fuss oder auf
flinken , behenden Rossen dem Kaiserheere vorauseilten oder folgten.
Gleichbedeutend mit den vom Volksmunde verallgemeinerten »Croaten « wurden allmälig die Krieger jener
nunmehr historischen Grenzlande , welche Jahrhunderte lang einen mächtigen Damm gegen den osmanischen F'eind
gebildet und dem Erzhause tapfere und treue Soldaten in gewaltiger Zahl geliefert haben . Die Geschichte unserer
Militärgrenze reicht bis in das XVI . Jahrhundert zurück . Die christlichen Slaven griechisch -orientalischen und römisch-
katholischen Bekenntnisses , welche vor der Ueberfluthung und Unterjochung durch die türkischen Heere unter den
Schutz des Kaisers oder der innerösterreichischen Erzherzoge geflüchtet waren , bildeten den Kern jener wehrhaften
Grenzbevölkerung , welche sich um feste Punkte und Posten ansiedelte und nach mannigfaltigen politischen Wirrsalen
und Widerwärtigkeiten gern die feste militärische Organisation annahmen , ein stets gerüstetes , zu Arbeit und Kampf
gleich bereites Volk in Waffen wurden . Die Uskoken (bosnisch -serbische Flüchtlinge ) im Sichelburger Districte waren
die Ersten , welche 1535 von den innerösterreichischen Erzherzogen besondere Privilegien gegen die Verpflichtung
erhielten , die erhaltenen Wohnsitze und das Grenzland überhaupt gegen die Türken -Einfälle zu schützen . Ihre
CROATEN UND PANDUREN. 141

Organisation ist als der erste Anfang- der croatischen Militärgrenze zu betrachten . Serbische Ansiedler aus Rascien
in der Gegend von Kreutz, Kopreinitz und Ivanic übernahmen ähnliche Rechte und Pflichten und erreichten im
Jahre 1538 eine Milizstärke von 600 Mann. Das innerösterreichische Generalcommando in Graz und das General-
capitanat in Laibach waren die ersten Oberbehörden der »Grenzer«, welche ihre eigenen Wojwoden oder Capitäne
wählten, bis ihnen Kaiser Ferdinand I. einen »Grenz-Obristen « und zwei Obristlieutenante (für die windischen oder ober-
slavonischen und croatischen, Sichelburger oder Meeres-Grenzer) überordnete .*) Auf croatischem Roden und unter
Aegide des Banus selbst bildete sich endlich um das feste Schloss Petrinja eine weitere militärische Grenzcolonie. Die
innerösterreichischen Erzherzoge zu Graz waren des Kaisers Stellvertreter in der Grenz-Adininistration, welche sich
immer gedeihlicher entwickelte und im Jahre 1578 bereits 6780 gute Soldaten (Huszaren, Arkebusiere, deutsche
Knechte und National-Fusstruppen) umfasste. Um die neuerbaute Festung- Carls ta dt , unter deren Grundmauern
900 Türkenschädel ruhen, gruppirte sich ein besonderer Theil der croatischen : die Carlstädter Grenze. Die an der
Neige des XVII . Jahrhunderts erfolgte Einwanderung vieler Tausende wehrhafter Serben unter dem Patriarchen Arsenius
Cernojevic verstärkte das Grenzer-Element in imposanter Weise ; trotz der wiederholten Einwendungen der croatischen
Stände gegen die Privilegirung und Militarisirung der neuen Ansiedler, welche den Civil-Croaten unbequem waren,
entwickelte und festigte sich die interessante Institution, und das Erzhaus willigte umso weniger in eine Preisgebung
oder Provinzialisirung derselben, je mehr es den Werth dieser tapferen, dem Kaiser unbedingt ergebenen Krieger im
blutigen Kampfe erkannt hatte . Isolani's 500 berittene Croaten stammten zum Theil aus den Grenzgegenden ; sie waren
aber kein Aufgebot, sondern angeworbene Freitruppen. Im Jahre 1634 zählte man im Kaiserheere sieben »croatische«
Regimenter mit 184 Escadronen ; sie eröffneten gewöhnlich durch einen Umgehungsversuch gegen die Flanken des
Feindes den Kampf; zuerst ritten sie diagonal rechts vor, um die links angebrachte Pistole, dann links, um den
Karabiner abzufeuern. Trugen sie oft durch Tollkühnheit und Ungestüm Verwirrung in des Feindes Reihen, so
beraubten sie beinahe ebenso oft durch ihre unzeitgemässe Beutegier und Plünderungssucht das Kaiserheer des Siebes.
In den Türkenkriegen des XVII. und XVIII . Jahrhunderts sah man die Grenzer mit Heldemnuth gegen
ihren Erbfeind fechten; die Grafschaften Lika und Corbavia wurden den Osmanen entrungen und zur neuen
Heimat tapferer Grenzsoldaten erkoren, dem Prinzen Eugen folgten Grenzmilizen nach Bosnien, und nach dem
Karlowitzer Frieden wurde in der sogenannten Banalgrenze , deren Obercapitän der Banus war, ein drittes selbst¬
ständiges Grenz-Administrations-Gebiet geschaffen. In den Jahren 1701 und 1702 errichtete man an der Save, Donau,
Theiss und Maros zwei neue Grenzgeneralate ; auf dem entvölkerten Gebiete Synniens, Slavoniens, der Bäcska, des
Csongräder und Arader Comitates bildeten serbische Emigranten eine neue reguläre Landmiliz von luisssoldaten (Hajduken)
und Huszaren und sogenanntes »Tschardakenvolk « zur Vertheidigung der Grenzwachthäuser (Tschardaken ) gegen den
osmanischen Nachbar. Der Huszar des Savegebietes erhielt 24 Joch Acker und 5 Joch Wiesen, der Hajduk 18 Joch
Acker - und 4 Joch Wiesenland. Der Theiss-Maroser Grenzer war etwas schlechter bedacht . Militär- und Civilverwaltung
stritten recht eingehend um ihre Competenzen in den militarisirten Gebieten, die Strenge der Kriegsartikel aber war
die beste Hüterin der Ordnung im Lande. Und diese Strenge konnte kaum mehr überboten werden ; sie entsprach den
bedenklichen Neigungen und rauhen Sitten des Kriegsvolkes, das hier zu braven , arbeitsamen und regulirten Soldaten
gemacht werden sollte.
Schwere Leibesstrafen drohten dem Grenzer, der bei Alarmirung den Herrendienst verschlief; bei lebendigem
Leibe zu spiessen war der Ueberläufer zum Feinde und zum Islam, der Galgen war auf Diebstahl und Verkauf von
Christenkindern oder Frauen an Türken gesetzt ; der Feuertod drohte dem Brandstifter, der Tod überhaupt war aut
Uebergabe eines Platzes oder selbst Erwähnung der Uebergabe , Decimirung auf Betheiligung einer Milizschaar an
einem so schmählichen Acte gesetzt. Den Plünderer während der Feldschlacht hatte der Officier sofort niederzumachen, dem
Meineidigen waren die Finger abzuhacken, die er zum Schwure erhoben. Mit solch drakonischer Strenge war der
»Grenzer « der militärischen Ordnung eingefügt worden ; aber sie wirkte Wunder, dort wie in den neuen Grenzgebieten,
die nach dem Passarowitzer Frieden in den eroberten Landen des Temeser Banats und der Wojwodschaft Serbien
gebildet wurden, wo man 1726 schon nahezu 8000 Milizsoldaten zu Fuss und zu Pferde und zahlreiche Schanzen
und Tschardaken zählte. Wie ein eiserner Gürtel umgaben die Posten und Vesten des bewaffneten Volkes die Siid-
ofrenze der Habsburg ’schen Lande . Noch gab es viel zu regeln, schwere Missstände — namentlich die Ernennung-
unmilitärischer Laien zu Commandanten und Officieren — abzustellen, böse Gährungen und Erhebungen zu überwinden,

*_) Geschichte der österreichischen Militärgrenze . Von Dr . J . H . Schwächer . 18S3.

19
142 CROATEN UND PANDUREN.

ehe die Grenz -Institution zu ihrer ganzen Stärke und Bedeutung erhoben war . Graf Khevenhüller und der Prinz
von Hildburg hausen waren es vor Allen , welche diese Bedeutung erkannten und allen Versuchen , den militärischen
Charakter der Grenze aufzuheben oder zu beschränken , energisch entgegentraten . Khevenhüller ’s Reglement vom
Jahre 1735 behandelte die Pflichten von Officieren und Gemeinen gegen einander und gab dem bewaffneten Grenz¬
volke noch präcisere , das culturelle Moment und den militärischen Ehrenpunkt betonende Gesetze . Officiere und
Gemeine hatten sich — nach dem Wortlaute jenes neuen »Regulaments « — eines christlichen , ehrbaren Wandels
zu befleissen , den Religionsübungen beizuwohnen , ihre Kinder in die Schule zu schicken und christlich erziehen zu
lassen , »damit sie nicht wie das Thier aufwachsen , sondern zur Erkenntniss des Guten gebracht und in der Furcht
des Herrn erzogen werden , den lasterhaften von dem ehrbaren und tugendhaften Lebenswandel unterscheiden lernen «.
Schwere Kerker -, ja selbst Leibes - und Lebensstrafen bedrohten Jenen , welcher durch Missbrauch oder Lästerung
des göttlichen Namens , Verspottung einer anderen Religion und ärgerliches Leben sündigen würde . Diebstahl konnte mit
Gassenlaufen , Diebstahl am Aerarialgute und Veruntreuung an Kameraden mit dem Tode bestraft werden . Schwert,
Strang , Rad oder Verstümmelung waren auf Beschädigung fremden Eigenthums , Plünderung , Mordbrennerei , Nothzucht
oder Meuterei gesetzt ; ebenso schwer gesühnt wurde Versäumniss einer commanairten Arbeit , Uebergang von einer
Compagnie zu einer anderen , ja selbst der musste schwerer Strafe gewärtig sein, welcher »illyrische « Schmach - und
Schimpfwörter gebrauchte oder — auf Jahrmärkten ein Gewehr abfeuerte . Dies sagt uns deutlich genug , dass man den
Grenzlanden und Grenztruppen keineswegs das Privilegium der Verwilderung und ungezügelten Lreiheit in Kriegszeiten
geben wollte ; es zeigt , wie ernst man die Militarisirung des kriegerischen Colonisten -Volkes nahm , wie sehr man
darauf hielt , diese Truppen als streng -regulirte zu erziehen und zu behandeln.
In dem traurigen Feldzuge gegen die Pforte 1737 — 1739 hatten denn auch Grenzer in hervorragender Weise
gefochten , und wesentlich anders hätte wohl die unglückliche Campagne geendet , wenn man die dem Erzhause nicht
nur im Grenzvolke , sondern auch unter den benachbarten Südslaven freudig dargebotene Kraft richtig und rechtzeitio-
genützt hätte . Der Belgrader Friede schränkte das Grenzgebiet bedeutend ein ; zahlreiche Grenzerfamilien zogen mit
den österreichischen Truppen aus den der Türkei wiedergegebenen Landen in die »kaiserlich « verbliebenen Gebiete
zurück und bildeten die Grundlage der »syrmischen Militärgrenze « oder des nachmaligen Peterwardeiner Grenz-
Regiments ; serbische Handelsleute aus Belgrad gründeten Neusatz . Die Save - und Banalgrenze erhielt starken Zuzug.
Zur Zeit des Todes Kaiser Carl des VI . (1740 ) umfasste die Militärgrenze vier grosse Territorien : 1. die Donau-
und Savegrenze mit 12.437 Mann , 2. die Theiss -Maroscher Grenze und den Syrmierdistrict mit 419B , 3. das
Warasdiner Generalat mit 8564 und 4 . das Carlstädter Generalat , die Oberhauptmannschaft Lika und die Banalgrenze
mit 20 .146 Mann . Man zählte im Ganzen 45 .615 Mann feldmässiger und 20 .000 zum Landes - und Grenzschutze ver¬
fügbarer Truppen . Das bedeutete einen ganz gewaltigen Antheil an der schwachen Streitmacht , welche der Kaiser
seiner nur durch den Buchstaben eines Vertrags geschützten Tochter hinterlassen hatte . Aber er sollte noch grösser,
die »Grenzer « sollten ein mächtiges Element unter den Streitkräften werden , welche der gerechten Sache Habsburgs
in den Theresianischen Kriegen dienten . Wusste man durch sie den Südosten der Monarchie gegen den »Erbfeind«
geschützt , der allerdings in jenen bewegten Jahrzehnten das Schwert versorgt hielt und der schwerbedrängten Tochter
Habsburgs neue , unermessliche Sorgen ersparte , so zogen die Grenzer nunmehr auch in zahlreichen regulirten
Regimentern und Freicorps aus ihrer Heimat überallhin , wo unsere Fahnen wehten und ein Feind abzuwehren oder
zu verfolgen war . Wir vermögen im Rahmen unseres Werkes alle die Wandlungen nicht zu skizziren oder auch nur
anzudeuten , welche die Grenz -Organisation in dieser Epoche erfahren ; wir müssen aber betonen , dass sie einen
unendlich werthvollen und keineswegs den unglücklichsten Bestandtheil unserer Heeres -Organisation gebildet hat . Gerade
zu Beginn der Theresianischen Epoche hatte sie manche namhafte Stärkung gewonnen . Moralisch und militärisch gestärkt
wurde das westliche Grenzgebiet durch die Reformen des FZM . (dann FM .) Prinzen Johann Friedrich von Sachsen-
Hildburg hausen, welcher in diesen Kriegern frühzeitig »einen Schatz des kaiserlichen Hofes, der sich
weder erkaufen , noch mit Geld bezahlen Hess«, erkannte . Der Prinz ermass sehr wohl , dass aus einem solchen , von
Jugend auf in der Liebe und Treue zum allerhöchsten Kriegsherrn , in soldatischer Ordnung und im Waffendienst
erzogenen Volke dem Heere mehr Gewinn erwachse als aus geworbenen oder gepressten Söldnern . Er schätzte die
Grenzer , weil sie »mehr aus Vaterlandsliebe als aus Furcht an ihre Fahnen gebunden seien und nie zum Feinde über¬
gehen , immer schlagfertig seien und kein Werbegeld , keine Recrutirungskosten forderten . Er bewahrte die Warasdiner
Grenze , obwohl sie keine »Grenze « im wahren Sinne des Wortes mehr war , vor der Provinzialisirung , brach den
willkürlichen und deprimirenden Einfluss der überlebten »innerösterreichischen Hofkriegsstelle « zu Graz und gab seinen
CROATEN UND PANDUREN. I 43

Warasdinern eine ausgezeichnete Verfassung, welche ihr inneres bürgerliches Leben ebenso regelte , wie ihre militärische
Organisation . Aus diesem kleinen Gebiete allein konnte der Prinz von Hildburghausen zwei reguläre Regimenter zu
4000 Mann (in je 4 Bataillonen zu 5 Compagnien) und 5 Huszaren-Compagnien ä 100 Mann nebst 34 Kanonieren
zur Heeresmacht stellen, und bis auf unsere Tage waren die Warasdiner Kreutzer- und Warasdiner St . Georger Grenzer
tapfere Legionen des Habsburg ’schen Heeres . Die Grenz-Huszaren standen im festen Solde, den sie theils baar, theils
in Grundbesitz erhielten ; sie waren erheblich besser bezahlt als die Fusssoldaten, hatten sich aber selbst zu adjustiren,
auszurüsten, beritten zu machen und ihr Ross zu erhalten. Von der Grenz-Infanterie der Warasdiner erhielten nur die
Officiere und 12 Gefreite in jeder Wojwodschaft nebst den Grundstücken baaren Sold.*) Den Uebrigen musste Grund und
Boden zur Erhaltung genügen , und erst im Felde trat die Besoldung nach dem Fusse der deutschen Infanterie (mit
gewissen Abzügen) auch für sie in Kraft. Feldreqnisiten, Zelt- und Proviantwagen , häufig auch Waffen stellte das Aerar
bei. Etwas später und unter schwierigeren Umständen erfolgte die Reform der sogenannten Carl Städter Grenze,
welche noch in mancher Flinsicht von den kärntnerischen und krainischen Ständen abhing und aus dem dortigen Adel
manchen ihrer Commandanten erhielt. Traten die Carlstädter schon im österreichischen Erbfolgekriege mit mehreren
Fuss- und Huszaren-Compagnien auf den Plan, so erhielten sie im Jahre 1746 ihre feste Organisation in 4 Infanterie-
Regimentern und 8 Huszaren-Compagnien (zu 100 Mann). Das kolossale Regiment Guicciardi (das spätere Liccaner Grenz-
Regiment) formirte mit nahezu 9000 Dienstbaren im Alter von 16 bis zu 60 Jahren sechs Bataillone, die Regimenter
Herberstein (später Otocaner), Dillis (Oguliner) und Petazzi (Szluiner) mit etwas mehr oder unter 5000 Mann, je
4 Bataillone zu 4 Compagnien ä 240 Mann, erreichten also etwa die Regimentsstärke von heute. So bildeten die »Carl¬
städter « allein mit 17.280 Mann zu Fuss und 800 Reitern ein kleines Heer ! . . . Dagegen gelangte die Banal¬
grenze erst 1749 zu einer regelmässigen Regimentsformation ; die »Banalisten« zogen im Erbfolgekriege noch in
zeitweilig aufgebotenen Compagnien ins Feld . Aus der Donau-, Save- und syrmischen Grenze entwickelten sich nach
mancherlei reorganisatorischen Massregeln und Versuchen allmälig drei Regimenter zu Fuss, die Broder, Gradiscaner
und Peterwardeiner mit je 6300 Mann, und ein Grenz-Huszaren-Regiment mit 3200 Mann. Am frühesten, noch in
den Vierzigerjahren des XVIII. Jahrhunderts , verschwanden die Theiss -Maroscher Grenzer , welche man 1741 bis 1743
noch unter den tapfersten Schaaren Khevenhüller’s sah. Da sie nicht als stricte »Grenzer « in Betracht kamen und
den ungarischen Behörden als unangenehmes, antinationales Element wenig sympathisch waren, verlangte man immer
dringender ihre Entmilitarisirung, welche sich aber nicht ohne acuten Widerstand der an ihrem Soldatencharakter
festhaltenden Grenzer vollzog. Schon 1743 wurden die beiden Szegediner Grenz-LIuszaren-Regimenter und das Hajduken-
Regiment aufgelöst, das Gebiet der sogenannten »Theisser Schanze« unter dem Namen »Maria Theresiopel«
(Szabadka) an die ungarische Hofkammer abgetreten ; 1750 wurde auch der letzte Rest des Theiss-Maroscher Grenz¬
gebietes mit den Comitaten Bäcs, Csongräd , Csanäd und Arad vereinigt. Die Grenzsoldaten, denen die Wahl gelassen
worden war, in andere Militärdistricte auszuwandern oder sich der Comitatsverwaltung zu unterordnen , wählten zumeist
das Erstere ; als sie aber bei der fortschreitenden Provinzialisirung ihrer Grenzdistricte von Ort zu Ort gehetzt wurden,
bemächtigte sich eine tiefe Erregung des Soldatenvolkes. Fremde Emissäre hatten leichtes Spiel, und nahezu
100.000 tapfere Serben waren bis 1753 unter Führung der Capitäne Horvath und Tökölyi (Tekulja ) in das südliche
Russland gezogen , wo man aus den kriegsgeübten Ankömmlingen vier Panduren- und vier Huszaren-Regimenter
formirte. 2400 Grenzerfamilien übersiedelten in die Banater Grenze, ja selbst zur Rückwanderung in die Türkei
entschlossen sich die Grenzer lieber als zum Aufgeben ihres Soldaten-Charakters , und nahe lag die Gefahr, dass
durch eine Entvölkerung der von ihnen verlassenen Gegenden »dem Feinde der Weg bis Ofen ohne mindesten
Einhalt gebahnt würde «. Die Banater Landmiliz gewann durch den Zuzug der Theiss-Maroscher Grenzer
wesentlich an Zahl; für die Armee im Felde kam sie übrigens weniger in Betracht, und erst in späterer Zeit (1765 und
1766) erhielt sie die feste Formation in die »Banater Grenz-Regimenter «, unter denen das wichtige deutsche Colonisten-
Element, das rumänische (walachische) und serbische (illyrische) in Betracht kam.
Etwas früher war man in Siebenbürgen an die Formirung walachischer (rumänischer) und magyarischer
(Szekler-) Grenz-Regimenter gegangen , nicht ohne blutige Widersetzlichkeit des Szekler-Elementes, das keineswegs so
begeistert wie das serbische und rumänische das Gewehr genommen hatte . Im März 1764 stellte man zwei Szekler-
Fuss- und ein Szekler-Grenz-Huszaren-Regiment, im Flerbst 1766 zwei walachische Grenz-Infanterie-Regimenter (ä 3000)

*) Es erhielten der Oberst und Regimentscommandant monatlich 375 fl., der Obristlieutenant 333 fl. 20 kr ., der Obristwachtmeister 250 fl. 20 kr .,
der Huszarenrittmeister 50 fl., der Infanterie -Capitän 18 fl., der Lieutenant der Huszaren 20 fl., jener der Infanterie 12 fl., der Cornet (Huszaren ) 15 fl., der
Fähnrich 10 fl., Wachtmeister 9 fl., Feldwebel 6 fl., Corporal der Huszaren 6 fl., Corporal der Infanterie 3 fl. 30 kr , der Huszar 4 fl., der Infanterist 3 fl.

19*
i44 CROATEN UND PANDUREN.

und ein walachisches Grenz -D r a g o n e r-Regiment (zu 1500 Mann ) auf , so dass Siebenbürgen allein 15.000 Grenzer
zu stellen vermochte ; doch fehlte hier die eigentliche angeborene Liebe für die Institution , auch war das Grenzgebiet
kein in sich abgeschlossenes , ununterbrochenes Ganzes , die drei angesessenen Nationen (Sachsen , Szekler und Rumänen)
fanden sich vielfach in ihren Interessen verletzt — in Folge dessen ging die Siebenbürger Grenze zuerst zu Grunde.
Schon 1770 löste man das walachische Grenz -Dragoner -Regiment , eine wenig bekannte Grenzer -Species , auf ; die
Szekler - und Walachen -Grenz -Infanterie -Regimenter wurden 1851 in die Linien -Infanterie -Regimenter Nr . 5, 6, 46
und 50 umgewandelt.
Nicht weniger als 61 .700 Grenzer standen im Jahre 1776 , also an der Neige der Regierung Maria Theresias,
unter den Waffen : 14.400 Carlstädter , 7200 Warasdiner , 7200 Banalisten , 10.800 Slavonier , 6700 Banater , 14.400
Siebenbürger und 1000 Tschaikisten (Flotillencorps ). Und kaum ein Drittheil der Summen , welche man für gleich¬
viel Linientruppen auszugeben hatte , kostete dieses Volk in Waffen , das felsenfest zum Erzhause stand und niemals
fehlte , wenn es schwere Gefahren von demselben abzuwehren galt.
Aus den theilweise noch sehr ungeregelten , von Zufälligkeiten und Umständen abhängigen Milizaufgeboten,
aus irregulären Schaaren , denen der Feind die Rechte des echten Soldaten abzusprechen geneigt war , wurden in der
Theresianischen Zeit regulirte Grenz - Infanterie - Regimenter. „Sollen in Willem gehaltert inerben als wie
bte anberen Hegtmenter, " bestimmte Maria Theresia am 23. April 1747 über Vortrag des Hofkriegsrathes be¬
züglich der Warasdiner und Carlstädter , „aujjer bafs fie (Srer ^ regimenter benennet fotlen roerben ntib al^ eit bie lebten
im Hang nad ? allen anbern (£inien=3nfantene -Hegimentern) geben folleit." 1750 wurde der Rang unter den Grenzern
selbst derart festgestellt , dass den Warasdinern und Carlstädtern die Banalisten und endlich die slavonischen Grenz-
Regimenter folgen sollten . In der eigentlichen Ordre de bataille erschienen sie noch nicht , da sie trotz der Regulirung
ihre historische Gefechtsweise nicht völlig aufgaben und als »leichte Truppen « für besondere Verwendungen , den Auf¬
klärungsdienst , als Vorhut der Heeresabtheilungen , für Streifcorps , Transporte , Ueberfälle u. s . w., Vorbehalten waren.
Ihnen fiel sozusagen der »kleine Krieg « zu ; dass sich dabei leider Gelegenheit ergab , den bösen Leidenschaften
Einzelner die Zügel schiessen zu lassen , dass mancher Grenzsoldat dem ihm als Feind seiner Kaiserin verhassten
Gegner übel mitspielte und in seinem mangelhaften nationalen und politischen Unterscheidungsvermögen mitunter selbst
dem Unterthan der Kaiserin gefährlich wurde , ist begreiflich . Wie sehr sich aber der militärische Ehrgeiz , das Streben
nach Purificirung<E> im Kreise der Grenzer selbst regte
0 -7, 0geht daraus hervor z, dass viele Carlstädter und Warasdiner
Grenzofficiere 1747 quittiren wollten , wenn man ihre Mannschaft noch immer als »irregulär « betrachten wollte . Alles
Ueble , was den in den Jahren der Bedrängniss aufgebotenen Streitkräften Habsburgs nachgesagt wurde , hat auch der
böse Leumund der Geschichte den »Croaten « aufgelastet.
Soweit sie als irreguläre
o
Schaaren ins Feld zogen
O
, werden
z
sie sich allerdings
OOO
wenig von den ungarischen
Insurrectionstruppen unterschieden haben , denen das Deputations -Protokoll vom 2. November 1745 so Schlimmes
nachsagt , dass es sogar für die Zukunft lieber die »Erhandlung von Truppen deutscher Reichsfürsten «, als den noch¬
maligen Gebrauch dieser Leute vorschlägt , „tneld)e fo üblen TTacfyflartg 3 ty ro Hlaj . IPaffen nerurfadit haben " . Die
regulären Grenzregimenter trieben aber das Kriegshandwerk nicht viel anders und nicht viel schlimmer als die regulären
Linientruppen ; die Feinde Habsburgs fassten die österreichischen Lande , in denen sie Widerstand fanden , auch nicht
mit Sammthandschuhen an , und himmelhoch erhaben war eine fremde , aus allerlei bedenklichen Elementen , Deserteuren
und Desperaten , geworbene Söldnerschaar keineswegs über diese Grenzsoldaten , welche für ihre Landesherrin Haus
und Herd verliessen und Blut und Leben opferten . Und dass sie dies thaten , lesen wir auf ungezählten Blättern der
Geschichte jener bewegten Zeit.
Bei dem Ausbruche des österreichischen Erbfolgekrieges
00 z waren zuerst die W a r a s d i n e r zur Stelle , damals
noch die einzigen regulirten Grenztruppen , und FM . Graf Neipperg wusste sie lebhaft zu loben . Weniger zufrieden
war er mit den irregulären Savegrenzern , die eine kleine Schaar nach Schlesien entsandt hatten , während ihr Gros als
Besatzung des Küstenlandes gute Dienste that . Aufsehen aber erregte eine ganz besondere Soldatenschaar , welche 1741
aus Slavonien nach Norden zog , um die schwachen Heere der bedrängten Königin zu stärken , eine Truppe , welche
mit den »Grenzern« wohl eine gewisse Verwandtschaft hatte , aber keineswegs zu verwechseln war ; wir meinen die
CROATEN UND PANDUREN. M5

Panduren des Freiherrn v . d. Trenck.


Es war um die Mitte des Februar 1741, als der slavonische Herrschaftsbesitzer Franz Freiherr v. d. Trenck,
ein Abenteurer , der in jenem Fände sesshaft geworden war, aber nicht sesshaft zu bleiben vermochte, *) der Königin
in Wien die Errichtung eines wohlgerüsteten Freicorps anbot . Er selbst wollte es auf eigene Kosten aus den
Districten Syrmiens und Slavoniens und dem Grenzgebiete aufbringen und binnen drei Wochen zur Verfügung stellen.
Das Anerbieten erinnerte — um Kleines mit Grossem zu vergleichen — an Wallensteins Krieo-swerbuno- und die
Gefahren waren zu gross, zu kostbar jeder streitbare Mann, dass man solch ein Angebot , das zu nichts verpflichtete,
hätte zurückweisen dürfen. Am 27. Februar 1741 erliess der Hofkriegsrath an den Commandirenden in Slavonien,
FMF . Marchese di Ouadagni, ein Decret , mit welchem dem Obristwachtmeister Baron v. d. Trenck die An¬
werbung von 1000 Freiwilligen in Slavonien, Syrmien, der Donau- und Savegrenze gestattet und alle Förderung zu-

Panduren.

gesichert wird. Charakteristisch ist es, dass dem Commandanten nahegelegt wird, seinen Freiwilligen mit allem Nach¬
druck „ei^ ubinben, bafs fic nicfyt allein ben Häubcrcicit fcntcrMyit nicht nactygcfyen, fonbertt uidmcbr eben bei fciefer
(5elegeul]eit bmvb 511 Ieiftenbe eifrige imb tapfere Itriegsbienfte fiel) her erlangten (Bnabe iljrer v 0 r b e r ig en Der=
breellen in etmas nerbient 311 inacben trachten follen“ . . . Dieser Passus wirft ein grelles Ficht auf die desperaten
Elemente, aus denen der unternehmende Baron seinen Kriegshaufen zusammenzubringen gedachte. Er verzichtete auch
auf ein geregeltes Officierscorps und stellte einfach je 50 Mann unter einen »Harumbascha «. Diese Anführer
erhielten, gerade so wie die Gemeinen, ab aerario blos 6 Kreuzer pro Tag , wovon sie jedoch noch das Brot an-
schaffen oder, wenn sie es aus den Magazinen bezogen, mit 2 Kreuzer pro Portion bezahlen mussten. Sie mussten

* ) Franz Baron v. d . Trenck war als dritter Sohn des aus Preussen eingevvanderten kaiserlichen Obersten Heinrich Johann Baron
v . d. Tre n ck am 1. Jänner 1711 zu Reggio in Calabrien geboren , hatte als Fähnrich bei Palffy -Infanteiie (Nr . 8) gedient , als Lieutenant quittirt und sich auf
seiner Herrschaft Brestovac in Slavonien niedergelassen . Als man 1737 sein Anerbieten , mit einem Freicorps in Bosnien einzufallen und dort aus kaiserlich
gesinnten Männern ein Heer zu bilden , abgelehnt hatte , ging er in russische Dienste , errang die Majorscharge , kehrte nach Slavonien zurück , gerieth
wegen eigenmächtig an einer Räuberbande geübter blutiger Vergeltung in gerichtliche Untersuchung , floh nach Wien , fand bei den Capuzinern ein Asyl
und durch den Prinzen Carl v. Lothringen Zutritt zur Kaiserin.
146 CROATEN UND PANDUREN.

sich also , genau so wie Wallensteins Krieger , selbst ernähren und erhielten denn auch , „bamit fie bcfto mefyr Cuft
überfämett, ftd) 311 ber uorhabenben Egpebitton nad ? Scblefieu eurolliren 511 laffen, bas Hecht, baff ihnen bie von betn
^einb tnad?enbe Beute, außer mann fold^e ber allgemeinen ATilitärregel nad? in feirtblicfyen Kriegscaffen, Artillerie,
ZTTunitionu. bgh beftiinbe, eigentümlich nerbleiben unb gelaffen merbe, fie aber babei gehalten feilt fallen, 3^ ro
Alaj . eigene, mie aud ? freunblid^e Untertanen auf feine UDeife unb unter mas Dormanb es immer befcfyefyen motte,
511 beläftigen, etmas t>on ihnen 311 erpreffen ober ab3unebmen" . . . Dies war zwar sehr schön gesagt , aber schwer
gethan , da der Magen auch im Inlande und Freundeslande mehr Nahrung verlangte , als ihm sechs Kreuzer pro Tag
zu bieten vermochten , und auf feine Unterschiede zwischen Freund und Feind , Mein und Dein Hessen sich diese
tapferen Krieger , welche von dem edlen Räuberhandwerk direct zur ehrlichen Soldateska übergegangen waren , nicht
gerade ein . Auch mit besonderen Adjustirungsfragen beschwerte man sich wegen dieses slavonischen Kriegs¬
volkes , das ja ohnehin nur für den äussersten Bedarf angenommen und baldmöglichst wieder nach Hause geschickt
werden sollte , keineswegs . „5t0‘“ heisst es in dem erwähnten hofkriegsräthlichen Erlasse , „haben oftbcfagtc taufenb
2Tlattn feine anbere ATontur 311 empfangen , fonbern in tfyrer ra13ifH7ett Kleibung 311 ^ elb 311
erfteinen , nitt tninber ein jeber ATatm auf bie bei ber flauonifchen Hation eingeführte Art mit 3tr>et paar piftolen,
einem Säbel , einer ^ linte, ingleiten einem langen, ben türfifd ?en beifotnmenben Aleffer bemajfnet 311 fein. (Es haben
aber a. h. ermähnte 'Kgl. Zftaj. 3ugleit refolüirt, bafs für biefe J000 Köpfe 3ufammen 200 gelte , meil fie bamit nitt
uerfel^en, ab aerario angeftaffet unb ihnen unentgeltlit abgereitt , enblit aud? Puloer unb Blei, mann fie 31U *Armee
ftogen, babei nat Hotlpurft uerabreidü merben folleit. .
Es war sehr natürlich , dass die »Slavonier « diese Bedingungen , unter denen Trenck ’s Freicorps ins Leben
treten sollten , wenig verlockend fanden und die Werbeplätze anfangs ganz verödet blieben . Die Herrschafts-
Administratoren jammerten , dass das Land ohnehin schon ausgesogen sei, so viele Freiwillige nach Schlesien entsendet
und die wenigen noch vorhandenen Gewehre und Pistolen zur Bekämpfung der Herren Räuber selbst nöthig habe;
überdies erscheine es den Freiwilligen unmöglich , mit 6 Kreuzer zu leben und sich selbst zu bekleiden und zu
bewaffnen . Nur aus Trenck ’s eigenen Besitzungen kamen seine Haussoldaten und Bauern nebst anderem »suspectem«
Volke zu der Fahne , die er entfaltet hatte ; als man aber nachträglich noch einen zeitgemässen Druck auf die Beamten
der anderen Dominien übte , kam die Werbung besser in Fluss , und Ende April 1741 standen 890 Mann unter den
Waffen , für deren Ausrüstung das Land selbst 62 .055 A- 43 kr . geopfert hatte . *) Nach Ueberwindung einer
Erneute , welche von den Unbotmässigsten der Leute angezettelt worden war , marschirte die sonderbare Truppe
Anfangs Mai aus Esseg ab und erschien am 27 . Mai in der Haupt - und Residenzstadt Wi e n. Gab das ein Aufsehen,
als die 1020 »Rothmäntler « — so stark war die Truppe geworden — um 9 Uhr Vormittags bei der Favoritenlinie
anrückten und von der Königin besichtigt wurden ! Ganz Wien war auf den Beinen und staunte die riesigen,
unheimlichen , bunt gekleideten Gesellen neugierig und etwas scheu an . Wunderlich genug sahen sie aus . Flohe
schwarze Mützen deckten das Haupt ; wenn sie aber diese abnahmen , dann erblickte man den nach Türkenart glatt¬
geschorenen Schädel mit Schopf , was (so meinte Trenck selbst ) „ben Ceuten febr gräßlid ? DOrfäme" . Ein rother,
weiter Mantel mit Capuze war das markanteste , weithin sichtbare Kleidungsstück des Panduren ; darunter sah man
eine blaue Jacke , rothe Weste , blaue , weite Beinkleider und Bundschuhe . Die lange Flinte , der türkische Handschar,
Säbel und zwei Paar Pistolen bildeten das Waffenarsenal jedes Einzelnen der wilden Krieger , welche unter dem
Klange einer ebenso wunderlichen Feldmusik daherzogen . „Sie hefte!}!, “ sagt Trenck , „in einigen Schalmeien unb
einer großen Crommel, meld?e oben mit einem großen E?o^3c unb unten mit einem fleinen Stäbchen gefdjlagen mirb.
1)0311 miffen fie 3tt>ei Seiler mit großer Behenbigfeit 311 fragen , bafj es einen nicht unangenehmen Klang gibt.“ Die
türkische Trommel und die Tschinellen waren , wie wir erklärend beifügen müssen , eine damals noch im »Hautboisten-
Corps « der regulären Truppen wenig bekannte Instrumenten -Species und klangen deshalb den Wienern als grosse
musikalische Neuigkeit in die Ohren . Nicht uninteressant ist der Bericht , den das »Wienerische Diarium « vom
31 . Mai 1741 über das Debüt der Panduren in Wien veröffentlicht:

„Samftag ben 27. A(ai perfügte ftd? 3^ re Atajeffät , ber (Sroffyerjog ((Bemal Alaria Cfyerefias ), prinj (Earl (Fort Lothringen)
unb 5u?ei (Eapaliere poraus itacfy ber fogenarmten Dogelftartgen auferfyalb ber ^ aporiten=£inie, tpopn 3U' CATaj. mit jtpei burcül. Erj ^erjoginnen
Alaria Anna unb Alaria Alagbalena in poftpagen ftef? begaben unb bie bafelbft angenommenen unb parabirenben jipei Bataillone pom

*) Interessante Daten über die Errichtung und die Thaten der Trenck ’schen Panduren danken wir dem Aufsatze »Das slavonisch -syrmische
Aufgebot ; die Trenck ’schen Panduren « von Hauptmann Alexich in den »M i tt h e i 1u n g e n des k. u . k . Kriegsarchivs «. Neue Folge,
1889 . IV . Band.
CROATEN UND PANDUREN. 147

3nf . Bgt. tDurmbranb mit \0 ^ aijncti unb 2 (Srenabtercorrtpagnieit , bet \ 200 BTamt ftarf, bann bic aus \022 277anti beffebenben , jüngft
gemelbeten panburen in a. fy. 2lugenfd}ein 51t nehmen beliebten. Bad? Borbetmarfd? bes Regiments an ber Kutfdje lief j ^?rc Blaj . bett
{Truppen einen Sacf r>oll neugefdjlagener Siebenjefner reichen . Pott ba mcnbctc fiefy 2tUerI?ö.cf?ft 3b re 21Taj. 511 bett Panburen, tucldje unter
Contmanbo ifres Pbriftmacftm. £)errtt Baron t>. b. {Trend mit ^ für?. {Trommeln uttb bgl. Schalmeien ohne ^ afinen parabirten, auf
raijifdje 2Irt gef leibet uttb betuaffnet tuaren. 2IIs 3fi rc 217aj. an bereit paupt ftille gehalten, machten befagte panburen iljrc Kricgsübungcn
uttb marfdjirteu itt fdjönfter SDrbnuug att ber fgl. Kutfdtc uorbei. 3h re 217aj. bejeigten eine befottbere(Semogctthcit 511 bettfelbett uttb liefen
fogleich, r>on Corporab 5U(Eorporalfchaft für jebett 27tatttt brei tteugcfd^Iagette Siebenjehner burcf 2 ber £)ofoffijiers felbft austhcilcn. Bicfettt
nach fehlte 3hre 277a j . mit bero gattjem befolge in bero Burg juriid, gab aber foglcidj bett Befehl, bafs ntatt \2 ber gröften biefes Polfes
mit \ Sbfftjier itt 3fi rer 2TTTaj . 2tutecamera gleich bringen folle, meld)c burdj bett Pberfftuachfin. Br . v. b . {Trend* felbft eingeführt uttb
3hrer 21 taj. ber Dcrmittibteu 2xöm. Ifaifertti (Tlifabefh (Thriftine5lim a- h- 2higenfd}ein uorgeftellt mürben."

Der Armee-Commandant in Schlesien, FM. Graf N eipp erg , hatte bald alle Freude an den anfangs froh-
bePTÜssten und dem Feinde furchtbaren slavonischen Panduren verloren . Wohl war in dem Errichtunofsdecrete die
Vermeidung aller Excesse strengstens anbefohlen und Einer für Alle, Alle für Einen verantwortlich gemacht worden,
wohl hatte Baron Trenck vorsichtshalber mehr Harumbaschas angestellt als der Mannschaftszahl entsprach, nur um
sie besser im Zaume zu halten ; alle diese Vorsichtsmassrecreln nützten aber nichts oresenüber einer so rasch zu-
sammengewürfelten, ebenso kampf- als beutegierigen Truppe . Schon im Juli bemerkte Neipperg dem Oberstwacht¬
meister, der es für seine Person mit Disciplin und Gehorsam auch nicht genau nahm : die Panduren seien ja doch
gegen den Feind, nicht aber zur Ausplünderung der Bürger und anderer Ungebühr ins Land berufen worden, nun
aber wäre von ihnen dem Feinde einiger Schaden bisher nicht geschehen, wohl aber gegen das Land (Schlesien)
und dessen Inwohner, wie von allen Seiten her häufige Klagen einlaufen, grosse Insolentien, als mit Prügeln, Schlagen,
Gelderpressung und sonsten ausgeübt worden . . . . Trenck vernahm diese sehr deutlichen Vorwürfe grollend und
wurde noch ungehaltener, als ihm Neipperg den in russischen, dann polnischen Kriegsdiensten bewährten Major Johann
Daniel v. Menzel zutheilte . Sofort Hess der Pandurenführer den unbequemen Rivalen, einen Meister des kleinen
Krieges , durch sechs handfeste Panduren überfallen — nur die Intervention einiger Officiere verhinderte weiteres
Unglück. Ingrimmig weigerte Trenck dem Feldmarschall jede Entschuldigung, da er selbst das Pandurencorps errichtet
und Niemand als er es zu commandiren habe. Neipperg entsetzte ihn nun des Commandos und übergab
Menzel dasselbe. Zuerst meuterten die Panduren, dann folgten sie Menzel und setzten sich durch ihre schneidige
Haltung bei der Eroberung Zobtens und durch andere kühne Thaten in Respect bei FM. Graf Neipperg, der sich
als alter, an die allergrösste Ordnung gewöhnter Soldat mit diesen wilden Gesellen schwer befreunden konnte. Mittler¬
weile war ihnen und Trenck ein neuer Gönner in dem genialen FM. Graf Khevenhüller erwachsen , der die
Untersuchungsacten gegen Trenck zu prüfen hatte und in seinem Urtheile darüber den Tadel gegen Neipperg nicht
unterdrücken konnte. Warum hatte man auch diese Leute nicht so verwendet, wie es ihrem Naturei entsprach,
warum hatte man sie schliesslich einem »sächsischen Major« (Menzel) anvertraut , der ihnen ganz fremd sein musste?
An Trenck habe er (Khevenhüller) niemals „mas (Eigennütziges, ttod? c>cr Döllerei (Ergebenes üerfpiiret, öabei and?
ihm an (Eonrage ltnb Ejerjfyaftigfeit es niemals gemangelt bat uttb eben öfters dergleichen Ceute bie fcfyönften unb
befperateften 2Ictionen qemad^t haben". Diese freie Sprache eines Soldaten und Feldherrn, der die Dinge immer
beim rechten Namen nannte und Jeden an seinen Platz zu stellen wusste, verfehlte ihre Wirkung nicht. Trenck wurde
enthaftet, kehrte an die Spitze seiner Panduren zurück und bewies bald, dass er nicht nur zu plündern und zu schwelgen,
sondern auch die unglaublichsten »Pandurenstücke « vor dem Feinde zu vollbringen wusste. Als er und seine Krieger
erfuhren, dass sie trotzdem in den Berichten nach Wien ignorirt wurden, liefen die Panduren einfach auseinander und
eilten in ungeregelten Schaaren der Heimat zu. Trenck eilte ihnen nach, holte in Wien eine Schaar von 300 Mann
ein, stellte sich an deren Spitze und dem FM. Graf Khevenhüller zur Verfügung, der jeden tapferen Mann gegen
Bayern und Franzosen brauchen konnte und die »wilden Slavonier« als früherer Gouverneur ihres Landes besser
kannte als Neipperg.
Nun erst, unter Khevenhüller’s Oberbefehl, betrat Trenck mit seinen Panduren jene Siegesbahn, welche seinen
Namen in Aller Mund brachte und sein Corps zum wirksamsten Feindesschreck machte. Noch 1741 überfiel Trenck
die Stadt Steyr und nahm sie, 1742 brachte sein blosses Erscheinen das feste Schloss Claus zu Falle. Bei der Be¬
lagerung von Linz standen die Panduren auf dem Capuzinerberge . Da versprach ihnen Grossherzog Franz Stephan
200 Ducaten, wenn sie in Gemeinschaft mit den Croaten (Grenzern) die Vorstädte gewännen und in Brand streckten.
Gesagt , gethan — wie die Windsbraut fielen sie über die Linzer Vorstädte her, bald lohten die hellen Flammen empor,
148 CROATEN UND PANDUREN.

und die Franzosen beeilten sich, das Aeusserste von solchem Ungestüm befürchtend, baldigst zu capituliren. Im Corps
des General Bärenklau ging es später, die Panduren überall voran, Angst und Schreck im weiten Umkreise ver¬
breitend , nach Bayern ; die Panduren Trenck ’s und die Theiss-Maroscher Grenz-Huszaren Menzels waren die steten
Vorläufer des Heeres , und ihr Nahen genügte gar oft, Festungen zu leeren, starke Schaaren zu zerstäuben . Leider
verdüsterten sie den Glanz ihrer Thaten durch die blutigsten Ausschreitungen ; sie kannten weder Mass noch Ziel
in der Uebung blutiger Vergeltung , sie waren unbändig in der Einerntung der Siegesbeute , welche ihnen so reichlich
zufiel. WoTrenck , der in Anerkennung seiner glänzenden Thaten zum Oberstlieutenant und Oberst befördert wurde, erschien,
dort gab es gewiss etwas Unmögliches möglich zu machen, »unüberwindliche« Hemmnisse zu überwinden, und nie
versagten die Panduren und ihr verwegener Führer . Mit 2500 Panduren und 130 Huszaren *) stand der Baron 1744
im Felde. Man bemerkte diesmal auch neue Adjustirungsnuancen in der äusseren Erscheinung der bunten
Schaaren : die Panduren trugen grüne Uniformen mit rothen oder gelben Capuzen ; statt der Standarten führten sie,
nach türkischer Art Rossschweife — was Wunder , wenn man sie als »Türken « und Heiden verschrie, fürchtete und
hasste ! In ihren Reihen diente damals schon ein Held ohne Furcht und Tadel , zu dem selbst diese rauhen Krieger
mit scheuer Ehrfurcht emporblickten : Gideon v. Loudon. In das Eisass zog er mit ihnen, durch Deutschland
und nach Böhmen. Die Panduren eroberten das feste Budweis und nahmen an 1000 Preussen gefangen, erbeuteten
10 Fahnen und 4 Kanonen , sie eroberten Frauenberg , trugen dann ihre Waffen nordwärts ins Glatzische und waren 1745
derart gewachsen und gestärkt , dass Trenck der Kaiserin die Umwandlung seines Corps in ein »Panduren-
Regiment nach Art der regulären Truppen« mit 4 Bataillonen, 20 ordinären und 2 Grenadier-Compagnien
vorschlug. Die Löhnung respective Gage sollte die bei den Regulären übliche Höhe erreichen, die kleine Montur
(Schuhe, Hosen, 2 Hemden, 2 Gattien) der Mannschaft alljährlich, Hut und Camisol alle zwei Jahre ab aerario
verabfolgt werden. Die Kaiserin genehmigte den Vorschlag , und im Frühjahre rückte das »Trenck ’sche Panduren-
Regiment« mit 2000 Mann unter seinem Oberst -Inhaber , welchem Oberstlieutenant P'reiherr Teuffenbach zu
Tiefenbach und Major Madrenas zur Seite standen , ins Feld . Es blieb seinem bisherigen Kriegsruhme treu, kämpfte
gegen Preussen und Franzosen , verlor aber im Herbst 1747 seinen Begründer , Inhaber und Commandanten : ein Ruf
nach Wien war die Einleitung zu der kriegsrechtlichen Untersuchung , der er auf Grund schwerer Anklagen verfallen
war. In den Casematten des Spielbergs von Brünn endigte der kühne Pandurenführer am 4. October 1749 sein
bewegtes Dasein im 35. Lebensjahre — er wäre als ruhmreicher Held verehrt und verewigt worden, hätte er sein
heisses Blut zu kühlen, seinen unbändigen Sinn zu zähmen, der Tapferkeit des Kriegers die Tugenden desselben zu¬
zugesellen verstanden.
Noch vorher , nach dem Aachener Frieden (1748), war sein Regiment reducirt und in das sogenannte
»slavonische Bataillon« umgewandelt worden. Als solches finden wir es, von dem schon in den Vierziger¬
jahren als Führer einer slavonischen Freischaar erprobten Oberst Carl v. Simb sehen commandirt , in Mähren mit
einem Stande von 598 Mann (4 ordinäre und 1 Grenadier-Compagnie). Von der Montur ist bei der 1754 abgehaltenen
Musterung nur im Allgemeinen die Rede : man bemängelte es, »bajj Me Bödk beftänbig iiberjcfylagen unb 3ugefnöpfet/
bie Camiföler 3111 * Bebeefung bes uorberen £etbs febr fur3 feyen, alfo bafj, mann oben bie Cappen über ber Bruft itid]t
5iigemad)t feynb unb ber 2TTann bie sumptibus aerarii eingefütgten Gapntröcfe 311m Behelf ntd?t liätte, felbe bey ber
Kälte fo Cag als Tiad^t nicfyt befleißen formte, meld?e Capntröde in Krte ^ eiten unb anberert 0 ccajtoneti jebodo
nicfyt gefiibret merben mögen." **) Es scheint also, dass das »slavonische Bataillon« nach seiner Regulirung seine bunt¬
phantastische Tracht abgelegt und die Montur der regulären Infanterie angenommen hatte . Die vollkommene Ein¬
reihung des Bataillons in die Reihe der regulären Infanterie erfolgte im Herbst 1756. Mittelst Decret vom 20. October
dieses Jahres wurde das „flaoomfcfye Bataillon in ein orbentlid^es Regiment auf ben eines Ceutfcfyen3 nfanterie--
Hegiments unb 3mar bermalen t>ou 4 Bataillons ober J6 ^ ufiliers= jebe t?on 456, bann 2 (Srenabiercompagnien
per J00 FITann ", in die k. k. Verpflegsgebühr genommen . Oberst v. Simbschen wurde Oberst und Inhaber des neuen
Regiments , das in den Provinzial- (nicht Grenz-) Orten von Slavonien und Syrmien, dann zu Neusatz, Zombor,
Sobotitz und Futak und einigen raizischen Ortschaften des Temesvärer Banats anzuwerben war. Die Recruten durften
von keiner anderen als der »illyrischen Nation «, nicht unter 18 und nicht über 30 Jahre alt, mindestens 3" hoch

*) Zeitgenössische Abbildungen zeigen neben dem Panduren zu Fuss , welcher die Regel bildete , auch berittene Panduren . Obwohl sie das
Organisationsstatut nicht kennt , ist es doch naheliegend und durch solche Abbildungen bekräftigt , dass aus der Heimat der Panduren sich auch wehrhafte
Männer zu Pferd den im Felde befindlichen Landsleuten beigesellt haben mögen . Als regulirtes Fussregiment konnte das Trenck ’sche Corps dann allerdings
keine Reiter brauchen.
**) Kriegsarchiv . 1755, 399/5-
CROATEN UND PANDUREN. 149

sein und freiwillig- eintreten ; unter 100 Mann waren höchstens fünf verheiratete zuzulassen . Die Stadt Triest hatte
dem Kaiser 500 Recruten angeboten ; davon wurden alle Dalmatiner und der »slavonischen Sprache « Kundigen dem
neuen Regiment zugetheilt und dafür der Seestadt die Gnade zugesprochen , für je 100 Mann eine Fähnrich - oder
Lieutenantsstelle einem Triester Stadtkinde zu reserviren .*) So entstand das 53 . Infanterie -Regiment (heute Erzherzog
Leopold , Ergänzungsbezirk Agram ) des k . u. k . Heeres , eines der tapfersten und berühmtesten dieses Heeres , das
in seiner reichen Geschichte stets den kühnen Soldatengeist der Ahnen bewahrt , dazu aber auch den Adel und die
Tugenden des wahren Kriegers gefügt hat . . . .

* *
*

Dies waren die »Croaten und Panduren « der Habsburg 'schen Armee . Wir haben die wahre Bedeutung der
beiden Worte und den grossen Unterschied dargelegt , der zwischen dem bewaffneten und regimentirten Grenzvolke
und dem aus »suspecten « slavonischen Bevölkerungselementen bestehenden irregulären Pandurencorps Trencks
bestand . Nur die erfolgreiche Verwendung im kleinen Kriege war beiden gemeinsam , und dies und die exotische
Erscheinung , das »ursprüngliche « Wesen der braunen , wetterharten und rücksichtslosen Männer aus dem slavischen
Süden verschaffte ihnen wohl den gleichen Ruf, den gleichen unheimlichen Respcct bei Feind und Freund . Ein 1742
zu Frankfurt und Leipzig erschienenes Büchlein führt den seltsamen Titel : »Neues und sehr curioses Gespräch
zwischen einem französischen Deserteur und einigen österreichischen Huszaren , worinnen sowohl der Anfang jetzigen
Krieges und bisherige Belagerung der Stadt Prag kürzlich erzählet als auch von denen Huszaren , Banduren , Tol¬
patschen u. s. w. eine lustige Beschreibung mitgetheilet wird «. In diesem wunderlichen Büchlein , dessen Titelblatt
die Conterfeis eines Huszaren , Tolpatschen (ungarischen Infanteristen ), Panduren und »Crabathen « schmücken,
erzählt der Franzose mit Entsetzen von seiner Bekanntschaft mit den interessanten neuen , wilden Kriegsvölkern,
welche die Königin von Ungarn und Böhmen ins Feld gesandt hat , und der Oesterreicher gibt ihm eine kurze Natur¬
geschichte dieser Soldaten -Species zum Besten . Ein Pröbchen dieses Discurses theilen wir hier mit ; es ist auch für
unsere Zwecke lehrreich:

^rattjos . Hoc! (Eins, mon eher ami, Sie fyab nergef? 511 crjcl)! non bie pufar , Banbur unb Colpatfd). Die pufar ift mir jej
fdjon fut befannt, bie anber aber muf fein fomm aus ber £)öll, benu fie fafy aus wie ber Teuf. 3 ^ ntuf ttod Iacf, manu mir cinfall,
wie id mit etlicf Camerab auf bie ATarfch in futcr Bub wollt cf, fommt brey non bie Banbur 511 uns bhtciitfefpring; mir lauff bauou
unb rneyn, fie fey 5 böfe (Seift. Bor grof; Alteration nid hob remarquiret bie Bifagc, id l)ob nit fefef? ein (Scwchr, nur ein frof? mefer,
bamit fdylaft fie femif bie ^ einb unb fref fie auf mit £)aut unb £)aar.
£) efterr ei dt er : Bie Banbur ftnb mobl eine unqarifcbe Hatioit, bnben aber uiel Barbarifdjes an fid), ftnb fonft niemals bei einer
Armee gebrauchet worben. . . . , es ift jmar feine regulirte Alilij, ba^en auch Linen orbentlicben Solb, aufer auf bem ATarfch , werben
gebraucht, ben ^ eittb ju allarmiren, auch bey einer Belagerung juerft anjuprallcit; fte geben fein (Quartier, nclnnen auch feines an. 3 M‘C
ATonbur befleißet in einem gemeinen XDants, weifen f)ofen unb rotbem Umfcblag; anftattet ber Schube haben fie raube ,felle um bie
gemidelt, ibr (Bewehr ift ein Säbel unb langes ATeffer , unb im (Biirtcl fteden 4 bis 5 piftobleti, feben fonft verteufelt martialifd) aus
Bie Colpatfchen , bas ift bie orbentlicbe ungarifefe3 nfarderie, finb aber ebenfalls febr incimliftrt. 3 fyremehr
© ift ein ^ euer=Bobr, piftol
unb Säbel, fie tragen pofett, fo bis auf bie $ iif b^ uuterbaugen, auftatt ber Schuhe raube tfellc ober Baft, unb feben benen ©ürdifdjcu
3 anitfcbarcn nicht viel ungleich
, ftnb beherzt unb ber Pbyftognomie nach recht fürchterlich-
^ranjos : 3 ^ will glaub, baf bie $wcy finb uott ein 3 cll(3 semadt unb werb fein überbliebr>on bie alt puttnen; bod mödjt
wif , weil bie ATann fieht fo abfcbculid aus, ob ihr ,-frau unb 3 urt öf crd° 1,011 f ° geirftig Kcficft fey?
Befterreicber : Bas ^ rauetmold dou biefcit jmey Hationen finb ber Artigfeit nach 1,011 betten ATättnern gattj untcrfdjicben , unb
wenn ihr wunberlidjer fjabit fie nicht verftellcte
, follte wohl ein artig frattjöfifd) ©eftd)t baraus fönnenb formiert werben. . . .
^rattjos : 0 mit bie 3 un sf er Banbur mag if nit curteftr, wenn fie ttod fo fd}ön fey, beim bie her Banbur ift gar böf Alarm,
unb gibt fein Parbon, wie folt bie fut ^ rattfos nit werb tractiret, wann fte follt baju fomm?
Befterreicher : Ba ift es freilich beffer, man bleibt bauon. 3 nbcffeit will nur mit wenigem gebenfett , baf? noch eine Art £eute
mit unfern Truppen aus Ungarn beraufffommett , bie Croaten genannt. Bie £anbfd)afft ift im Königreich Ungarn angrän^cnb unb ebenfalls
bem ^ auf £)efterreich gehörig. Bicfe bienen mcift 51t^ uf, finb bewaffnet mit einem Bohr unb Säbel, juweilcn einen Strcittbammcr fübrenb,
fittb gattj leicht bcflcibet , mit einem furtjen ©amifobl, i)alb=Stiefel unb einer Ungarifd^cn Kappen, finb martialifdje unb beherzte
Seute. (Es gibt noch Anberc, fo ebenfalls aus Ihtgarifchen protnnjen unb bereit Art unb AToutur faft ttod) curiöfcr 511 befd)rciben
fein möchte.....

:) Geschichte des k. k. 53. Infanterie -Regiments Erzherzog Leopold Ludwig. Tulln 1881.
150 CROATEN UND PANDUREN.

Dieser »curiose Diseurs « deutet nicht allein an , wie schrecklich die bunten ungarisch -croatischen Kriegsvölker
der ersten Theresianischen Zeit dem Feinde des Erzhauses waren , sondern auch wie mannigfaltig und schwer es war,
ihre äussere Erscheinung in Adjustirungsnormen zu bringen . In den Jahren 1741 — 1745 sah man ausser den Panduren
namentlich Warasdiner , Carlstädter , Liccaner , Theiss -Maroscher , Gradiscaner , Broder und endlich auch Banalisten im
Kampfe . Die Huszaren hatten an diesen flinken Fusssoldaten namhafte Rivalen gefunden . Welches Aufsehen machte
es, als am 4. Juni 1745 die »Croaten « bei Striegau die preussische Kriegscassa und das Zelt des Königs
erbeuteten!
In Italien kämpften 1745 wohl 12.000 Grenzer ; 1747 waren Liccaner , Otocaner , Szluiner und Carlstädter
in den Niederlanden , über 25 .000 Grenzer haben in den Feldzügen der Jahre 1740 — 1748 ausserhalb der Heimat
für das Erzhaus die Waffen geführt , und schwer wogen die Thaten dieses Kriegervolkes in der Wagschale der Ent-
Scheidung . Im siebenjährigen Kriege hatte das Grenzland einen streitbaren Stand von 40 .000 Mann , darunter
34 .000 Infanteristen und 6000 Huszaren . Jedes der 11 Grenzregimenter stellte ein Bataillon , eine Grenadier -Compagnie
und eine Huszaren -Escadron ins Feld . Mit den Liccanern , die sogar zwei Feldbataillone stellten , errang Oberstlieutenant
v. Loudon seine ersten Siege . Im Mai 1757 standen allein in und vor Prag 9027 Grenzer . GM . Beck nahm
mit Brodern , Warasdinern , Gradiscanern und Szluinern durch einen Handstreich Brandeis , wobei ein preussisches
Regiment mit 5 Fahnen , 2 Kanonen , 3 Munitionskarren gefangen und 100 kaiserliche Reiter befreit wurden . Bei
Kolin hielten die Grenzer den ersten Stoss aus . Bei Hochkirch waren mehr als 7000 »Croaten « unter den
Raschesten und Schneidigsten , als es den grossen , siegreichen Ueberfall des Preussenheeres galt , und beim Finken¬
fange bei Maxen waren abermals die flinken Croaten die Ersten zur Stelle . Als der zum Feldzeugmeister empor¬
gewachsene »Croatengeneral « Loudon Schweidnitz erstürmte (1761 ), waren die Liccaner , Warasdiner , Peterwardeiner
und Gradiscaner in der ersten Reihe derer , welche in die Festung eindrangen . Auf 88 .000 Mann beziffert man die
Zahl der Söhne des Grenzlandes , welche im ganzen Verlaufe des siebenjährigen Krieges auf den Kriegsschauplatz
zogen . Die Uebrigen hielten daheim und in den Küstengarnisonen treue Wacht . So hatte sich die Grenzinstitution
entwickelt , so glänzend bewährte sie die siegreiche Kraft , die in ihr gehegt und entwickelt wurde ! Der grosse
Preussenkönig selbst erkannte diesen Werth der »croatischen « leichten Truppen und machte — ebenso wie er die
ungarischen Huszaren zu copiren suchte — das Experiment , mit angeworbenen Bosniaken den allgegenwärtigen,
immer »scharmutzirenden « Grenzern entgegenzutreten . Die neue Elitetruppe der Grenzer , die Scharfschützen,
welche (ähnlich den Grenadieren der deutschen und ungarischen Infanterie ) den Grenzregimentern aggregirt wurden,
die Tschaikisten (ein aus serbischen Grenzern gebildetes Flotillencorps mit dem Stabsorte Titel ) und die 1769 auf¬
gestellte Grenzartillerie werden wir noch kennen lernen . Die Grenadier -Compagnien (zwei zu 120 Mann ), welche
zeitweilig bei den Grenzregimentern aufgestellt waren , wurden auf Antrag des General -Grenzinspectors , FZM . Baron
v. S i s k o v i c h, 1767 aufgehoben.
Auch die Adjustirung der Grenzer gewann erst in den späteren Feldzügen einen uniformen Charakter.
An den ersten Theresianischen Feldzügen nahmen die verschiedenartigen »Grenzvölker « noch in sehr willkürlicher,
pittoresker Nationaltracht Theil ; kaum dass in einem Grenzaufgebot , einem Bataillon eine gewisse Einheitlichkeit
zu erzielen war . Die Montursfrage war eine der schwierigsten unter den vielen Grenzerfragen , welche zu lösen waren,
ehe der verfassungsmässige und militärische Ausbau der Grenze vollendet war . Nach den Bestimmungen für die neu¬
errichtete slavonisch -syrmische Grenze z. B. hatten die Grenzer die »gleichförmige Montur « sich selber zu beschaffen;
die Kosten wurden mit 15 fl. 30 kr . per Mann berechnet , nach dem Grundbesitze repartirt und durch die Regiments¬
behörde eingehoben , und zwar behob man in Friedenszeiten den sechsten , im Kriege den vierten Theil der
Montursgebühren jährlich . Jedes Regiment hatte seine Montursniederlage . In den Reformen des Prinzen von Sachsen-
Hildburghausen waren auch Montirungsvorschriften enthalten . Darnach erhielten die westlichen , die eigentlichen
croatischen Grenzer , eine eigenartige Uniform : Officiere grünen Dolmäny mit runden Goldschlingen , rothes Leibchen,
stark bordirtes Beinkleid , schwarzsammtenen , goldgestickten Kalpak ; die Mannschaft vom Feldwebel abwärts blaue
Röcke und rothe Beinkleider . *) Der Montursbeitrag wurde den Unterofficieren der Infanterie monatlich mit 30 kr .,
den Gemeinen mit 18 kr ., den Huszaren (Unterofficieren und Gemeinen ) mit 30 kr . berechnet . Warasdiner und
Slavonier mussten sich aber die Montur selber anschaffen ; wie die »Uniformität « dabei gedieh , lässt sich denken.

*) In Franz M ü 11 e r ’s »Die k . k. österreichische Armee seit Errichtung der stehenden Kriegsheere « (Prag 1845) wird die Grenzer -Montur folgender-
massen angegeben : Schwarze Czakomützen , darunter rothe Kappen , rothe Marinärmäntel , kurze ungarische Oberröcke , meist blau , auch grün und braun,
mit Knöpfen und Schnüren , Dolmans und lange rothe Hosen , die Infanterie statt der Schuhe Opanken.
CROATEN UND PANDUREN. 151

Ueberdies gab es noch gewisse selbstständige Formationen, die gar nicht in diese Uniformität zu bringen waren. So
wurde 1751 eine Peterwardeiner »Freischützen-Compagnie « aufgestellt, in welcher jeder Freischütze seine eigenen
Kleider tragen konnte. Ober- und Unteroffieiere hatten jederzeit das Seitengewehr, die Schützen konnten nach Be¬
lieben ihr Obergewehr tragen ; sie erhielten überdies aus dem Zeughause gezogene Röhren und Doppelhaken, und
ein Sechstel von ihnen war im Artilleriedienste zu üben. Der Warasdiner Aufstand des Jahres 1755 war vorwiegend
auf Montursverhältnisse zurückzuführen. Kaiserin Maria Theresia hatte die Absicht kundgegeben , bei einer Reise nach
Triest das Carlstädter und Warasdiner Grenzgeneralat zu besuchen. Sofort ordnete der Commandirende der Warasdiner
in besonderem Diensteifer die Neumontirung seiner Grenzer an, damit sie sich der Landesfürstin angenehm
präsentiren möchten. Dabei blieb es auch dann, als die Kaiserreise ganz aufgegeben war. Die Grenzer aber waren
mit dieser Neuanschaffung durchaus nicht zufrieden, zumal sie erst vier Jahre vorher neue Monturen gekauft hatten
und sich schmuck eenuof dünkten. Bei Einhebung- der Montursgelder kam es zu Widersetzlichkeiten, allmälig zu einer
ernsten Revolte, welche die gewaltsamen religiösen Unirungsversuche einzelner Generale noch verschärften. Mit Mühe
wurde die Erhebung unterdrückt und die schwierige Montursfrage am 29. Juni 1755 in folgender Weise geregelt:
Feuergewehr und Feldrequisiten erhielten die Warasdiner künftig unentgeltlich ; die Montur, Ledersorten und Seiten¬
gewehr mussten sie sich selbst anschaffen. Um die Eintreibung der Montursgelder zu vermeiden, schloss man mit
wohlhabenden Handelsleuten Verträge ab, wonach dieselben Gemeinen und Unterofficieren aus dem contractlich

Crdmärc Flinte Y' 22 - .

Ordinäre Eisiiier - Flinte 1^45-

Com miss -Flinte (für Grenadiere ) jjS 'i ■

Gewehre der kaiserlichen Infanterie 1722—1784.

gelieferten Uniformtuche gleichförmige Monturen anzufertigen hatten , die der Grenzer bei der Uebernahme in Gegenwart
des Hauptmanns dem Lieferanten bezahlte. Dies machte dem bösartigen Monturskriege ein Ende. Die Uniform des
Grenzers schmiegte sich mit der fortschreitenden und gefestigten »Regulirung« der Regimenter jener der Linientruppen
immer mehr an, wenn es auch bei den Aufgeboten älterer Jahrgänge und neuer Bataillone nicht an bunter Mannigfaltig¬
keit in der äusseren Erscheinung fehlte. Als im Jahre 1757 die Frage einer grösseren Uniformität in der Armee
in Fluss kam, wollte man auch bei der bunten Grenzer-Adjustirung nicht Halt machen, „bleibt babei," resolvirte
die Kaiserin, als man ihr nahelegte , die Grenzer-Uniform unangetastet zu lassen, ^bajj Garlftättcr (Srätl ^, IParasbiiter
unb Sdapontcr jebes a parte eilte ^ arb ertuäblert föntten, beffentfyalben allein peta33i unb beef 311 fcfyreiben
, bic regimenter
aber fallen biftingnirt tu erben burd? einige Kleinigfeiten, bie fie uorfdtlagen fallen/' Nur wollte sie sich hier zunächst
auf die Gleichförmigkeit der Adjustirung beschränken, die Wahl der Farben aber den Regimentern oder wenigstens
den Generalcommanden der einzelnen Grenzgruppen überlassen. Die einlaufenden Gutachten und Vorschläge lassen
erkennen, dass die Rockfarbe der meisten Grenzregimenter bis dahin die blaue war. So bemerkte der Grenzgeneral
Benvenuto Graf Petazzi , dass die ihm unterstehenden Carlstädter Grenzer, welche er bereits 25 Jahre lang kenne,
stets eine besondere Vorliebe für Roth und Blau gehabt ; weil aber Blau dauerhafter sei, beantrage er blaue Röcke,
Camisole und Rockschnüre von einer anderen, der Nation angenehmen Farbe , und zwar solle man auf Unterschiede
bei den Camisolen Bedacht nehmen, weil sich auch die Banalisten-Grenzer blaue Röcke wünschen dürften. General-
FeldWachtmeister v. Beck war bezüglich der slavonischen Grenzer der Meinung-, dass man es bei dem Broder und
Gradiscaner Regiment bei den bisher getragenen französisch- oder berlinerblauen Röcken belassen und zum Unter-

20 *
152 CROATEN UND PANDUREN.

schiede nur die rothe Hose der Gradiscaner in blaue verwandeln möchte . Das Peterwardeiner Regiment hätte statt
der himmelblauen die berlinerblaue Rockfarbe und statt der rothen weisse Aufschläge anzunehmen , während Broder
und Gradiscaner bei der gelben , respective rothen Aufschlagfarbe beharren dürften . Die beiden Warasdiner Grenz¬
regimenter sollten die bisherigen grünen Dolmans behalten , die weissen Aufschläge , Schnüre und Hosen gegen rothe
Umtauschen . Dabei betonte der Hofkriegsrath , dass sich die Slavonier und Warasdiner die Montur ganz , die Banalisten
zum Theile aus Eigenem anschaffen ; deshalb müsse man bei ihnen mehr Rücksicht auf die Erhaltung der Farben
nehmen , ;/ auf meld}e fte fo Derfeffett feien" ; bei den Carlstädtern , die ab aerario montirt würden , könne man schon
weniger ängstlich uniformiren . Am meisten Rücksicht verdienten die Warasdiner , die man erst zwei Jahre vorher der
Beibehaltung ihrer nationalen Soldatentracht versichert hatte . Die Kaiserin blieb dabei , auch die Grenzer in das
System einer gleichförmigen Adjustirung einzubeziehen , entschied aber zur Schonung berechtigter materieller Interessen:
„Die Egalite fyabe rticfyt ferner (heuer) atrpifartgen; folartge bte Regimenter noch ihre uniforme tragen fönrten, gebeitfe
Feine neuerung 311 machen; allein, mann neu etrnas anfcfyajfett mitffert ." *) Man machte mit den ab aerario bekleideten
Carlstädtern den Anfang , wobei es sich herausstellte , dass diese Regimenter „Rauben aus piucfye gemacht linb mit
Papier ausgefteift" trugen, die bei Regenwetter gar übel wegkamen und durch Hüte oder „^ i^-'^ ailben" ersetzt
werden sollten . Man entschied sich für letztere , da Hüte nicht convenirten.
Drei Jahre später (1760 ) nahmen die Bemühungen der Kaiserin , „in betreff her DTunbirung her fammerttlicfyen
(BräntyCCrouppen eine durchgängig und 3tnar fyauptfäd ^lid? 311t
' Zufriedenheit und € rleid?tmmg des gemeinen ZTTannes
ab3ielende(5 leid}fyett ei^ ufüfyren" , wieder ein lebhaftes Tempo an. Vor Allem wurde mit der bisherigen ungleich-
mässigen Art der Montursbeschaffung gebrochen und beschlossen , von nun an im Kriege die Montur allen Grenzer-
Gemeinen ohne Ausnahme ab aerario , und zwar die grosse Montur für zwei Campagnen , die kleine aber bei jedem
Ausmarsch anzuschaffen ; im Frieden sollte dagegen die Montur nur den Gemeinen der Carlstädter und Banalisten-
Grenzer verabreicht , den Warasdinern und Slavoniern (Gradiscanern , Brodern und Peterwardeinern ) aber in Anbetracht
des Fruchtgenusses ärarischer Grundstücke die Selbstbeschaffung der Monturen aus den von den Fieferanten in jedem
Generalat zu errichtenden Magazinen gestattet werden ; es sei übrigens genug , wenn sich der Grenzer „mit bem
alleinigen, ber ^ arbe nad? uniformirten (Suniac3 fo oft uerfiehet, als es bie Rotbburft erfordern börfte". Den Unter-
officieren aller vier Grenz -Generalate (Warasdiner , Carlstädter , Banal - und Slavonier ) war von nun an statt der Montur
der bisher von den Warasdinern und Slavoniern bezogene Montursbeitrag (vom Feldwebel bis zum Corporal
inclusive 30 Kreuzer , vom Tambour bis zum Gefreiten inclusive 18 Kreuzer monatlich ) in Krieg und PTieden zu
verabreichen . Damit wollte man allen Ungleichmässigkeiten und Bedrückungen der Mannschaft Vorbeugen und der¬
selben eine Belohnung ihrer treuen Kriegsdienste bieten . Bezüglich der Montursfarben scheinen bei dieser Gelegenheit
keine neuen Vorschriften publicirt worden zu sein ; die neue , gleichmässige Art der Montursbeschaffung sollte offenbar
nur die Durchführung der 1757 erlassenen Adjustirungsnormen ermöglichen und erleichtern . Jedenfalls ist der historische
braune Grenzerrock nicht so alt wie der Grenzer -Ruhm . Im Jahre 1770 erhielten die Grenzer einheitlich den
weissen Rock der Finientruppen mit weissen langen Hosen.

*
*

Noch schwerer als es ist , die einzelnen Aufgebote der ungarischen Insurrection und der Grenzgebiete hin-
sichtlich ihrer Organisation und äusseren Erscheinung auseinanderzuhalten , ist es, alle die Freicorps und Fandes¬
aufgebote zu zählen und zu schildern , welche im Faufe der Theresianischen Kriege in Action traten oder wenigstens
militärische Dienste leisteten . Von den Freiwilligen -Aufgeboten streng zu scheiden waren die sogenannten »Frei-
Compagnien «, welche schon im letzten Viertel des XVII . Jahrhunderts aufgestellt worden waren , zumeist aus halb¬
invalider Mannschaft bestanden und Garnisonsdienste thaten . Die Mannschaft besserte sich ihre Bezüge oft durch
Ausübung einer bürgerlichen Profession auf. So gab es je eine Freicompagnie in Brieg , auf dem Brünner Spielberge
(als Garnison und Kerkerwache ), in Ungarisch -Hradisch , zwei Freicompagnien in der Stadt und auf dem Schlossberge
zu Graz , fünf deutsche Freicompagnien in Raab (795 Mann ), für welche sogar die niederösterreichischen Stände einen

Hofkriegsraths -Acten (Kriegsarchiv ).


CROATEN UND PANDUREN. 153

regelmässigen Beitrag leisteten , drei deutsche Freicompagnien in Komorn (597 Mann , Jahreskosten 23 .626 fl.), eine in
Gran , eine Invaliden -Compagnie in Erlau , mehrere Besatzungs -Compagnien von geringer Stärke in Görz , Gradisca,
Triest , Fiume , Porto Re , welche insgesammt nicht mehr als 17.080 fl. jährlich kosteten , endlich einige deutsche
Besatzungs -Compagnien (»deutsche Fähnlein «:) in Carlstadt , Warasdin und Petrinja , welche nach der Grenzorganisation
in diesen Gebieten verschwanden , und »Hejduken -Compagnien « in mehreren ungarischen Städten . In den Vierzigerjahren
(1742 — 1747 ) wurden die meisten dieser mangelhaften , altersschwachen Freicompagnien aufgelöst , ebenso (1743 ) die
Wiener Stadtguardia, die ständige Besatzungs - und Polizeitruppe von Wien , welche , aus halb oder ganz invaliden
Officieren und Soldaten zusammengesetzt , felddienstuntüchtig war und sich bei kargem Solde nur zu oft ihren bürger-
liehen Nebenerwerb suchen musste . Bei der Auflösung der Truppe , deren grösste Tage in die Zeit der Türken¬
belagerung (1683 ) fielen, wurden Ganzinvalide in das Armenhaus übernommen , Professionisten erhielten das Bürger¬
recht , Nichtprofessionisten den Abschied , wenn sie es nicht vorzogen , sich zu den Freicompagnien in Ungarn und
Graz eintheilen zu lassen . Nur 34 Mann Hessen sich zu Feldregimentern übersetzen.
Dies waren die zu Local - und Garnisonsdiensten gewidmeten »Freitruppen «. Ganz anders sahen die Frei¬
corps aus , welche , wie Trenck ’s Panduren , zur Fahne schwuren , um im frischen , fröhlichen Kriege für die Kaiserin und
Königin Ehre , Ruhm und Beute zu suchen . Dahin gehörten die sogenannten »walachischen Freicompagnien « des
Baron Sedlnitzky , welche aus mährischen Slaven bestanden und 1742 gegen die Preussen dienten , die aus 280 Mann
zu Fuss und 50 Huszaren zusammengesetzte schlesische Freicompagnie Bischof, die gegen Bayern dienende »spanische
Freicompagnie « des Oberst Carasquet , die Freicompagnie Hasslingen , das im Küstenlande angeworbene , bis 1746
bestandene »Dalmatiner Corpetto « (6 Compagnien ), das Temesvärer Freibataillon des Majors v. Simbschen (5 bis
7 Compagnien zu Fuss , 1 Huszaren -Compagnie ), das nach dem Dresdener P'rieden in das »Banater Landesbataillon«
überging , ein »Dalmatiner -Jägercorps «, mehrere (1744 errichtete ) niederländische PYeicompagnien , ein in Italien
aus habsburgisch gesinnten Spaniern (Miquelets , zumeist Catalanen ) gebildetes »Partitantencorps «, das bis auf 5 Com¬
pagnien anwuchs und erst 1748 völlig verschwand , eine kaum ein Jahr (1744 — 1745 ) bestandene Freicompagnie
preussischer Deserteure in Italien und eine Reihe anderer Formationen von kurzer Dauer und geringer Bedeutung.
Das bekannteste der Freicorps zu Pferde waren Menzels verwegene Pluszaren (3 Compagnien a 100 Mann,
im April 1743 zu Prag errichtet und 1746 reducirt , nachdem sie bis zu Regimentsstärke angewachsen waren ); ausser¬
dem gab es mehrere Freicompagnien von Grenz -Huszaren und ungarischen Volontär -Huszaren , eine niederländische
Huszaren - und Dragoner -Freicompagnie u. s. w.
Eine dritte Kategorie von zeitweilig bestandenen besonderen Corps bilden die in der Türkenzeit entstandenen
»ungarischen National - Milizen «. Miliz -Abtheilungen zu Pferde bestanden in Raab , Gran , Komorn , Szolnok,
Szio-ethvär und Grosswardein ; sie standen zwar in reo-elmässDem Solde , recrutirten und remontirten sich aber selbst,
zum Theile aus dem Ertrage hiefür gewidmeter Grundstücke . Andere ungarische Milizen leisteten Dienste auf der
Donauflotille . Sie sind ebenso streng von den Grenzern als den Insurrectionstruppen zu unterscheiden . In den schlesischen
Kriegen sah man »ungarische National -Huszaren« Raaber
( , Komorner , Grauer u. s. w.) in Compagnien mit kaum
60 Mann im Felde . 1746 wurden sie aufgelöst , die taugliche und willige Mannschaft in reguläre Huszaren -Regimenter ein-
getheilt . Aehnlich sah die »siebenbürgische National -Miliz« aus, welche 1745 drei »Auctions -Compagnien « zur Armee nach
Böhmen , 1746 nach den Niederlanden sandte und schliesslich in dem siebenbürgischen Huszaren -Regimente aufging . Einen
weiteren Bestandteil der Habsburg 'schen Streitmacht in der ersten Theresianischen Periode bildeten die Landes -Aufge-
bote , deren beste Organisation schon damals der Tiroler Landsturm repräsentirte ; seit 1741 bestanden in der gefürsteten
Grafschaft zwei Landesschützen -Regimenter , deren Angehörige , durchaus Freiwillige , in der Nationaltracht , mit Radschloss¬
flinten bewaffnet , unter freigewählten Officieren ausrückten , aber zum Dienst in Reih und Glied nicht verpflichtet waren.
Aehnliche Landmilizen bestanden in Vorarlberg , im Breisgau , in den Grafschaften Görz und Gradisca (dort die sogenannten
»Cerniden «, bis zu 1000 Mann, unter dem Obercommando des Obersten Grafen Strassoldo ), deren Angehörige sich selbst
kleideten und bewaffneten . Steiermark stellte bei dem Einfalle der Bayern in Oberösterreich einige hundert frei¬
willige Jäger und Schützen auf, die aber keine besondere Thätigkeit entfalteten . In Wien standen bei dem drohenden
Anmarsche des Feindes 1474 Mann (8 Compagnien ) Bürgerwehr nebst den Compagnien der Universität , der Hof-
befreiten , der Schutzverwandten , Decretisten und Professionisten , ferner 67 Mann von der Malerakademie , 272 Mann
aus den Freihäusern , 132 königliche Jäger , zusammen über 6000 Milizen, bereit , sich mit dem regulären Militär in die
Vertheidigung der Hauptstadt zu theilen . Das bürgerliche Zeughaus half mit Waffen aus , wenn die Wehrmänner nicht
selbst damit versehen waren . Das meistbedrängte Oberösterreich kam zu einem Aufgebot von 3693 Mann unter
i54 CROATEN UND PANDUREN.

dem Oberhauptmann Josef Wikinger, das aber im Angesichte des rasch und übermächtig andringenden Feindes nichts
nützte und entlassen wurde. Später wurde die Landmiliz unter Franz Ferdinand Graf Khevenhüller abermals auf¬
gerufen und zur Besetzung wichtiger Passagen verwendet , bis das reguläre Militär ausreichte , nicht nur das Land zu
schützen, sondern den Feind in dessen eigenem Gebiete aufzusuchen. Eine grössere , wenn auch keine entscheidende
Rolle spielten die Aufgebote in Böhmen. Prag hatte seine historische Bürgerwehr ; der böhmische Landtag des
Jahres 1743 beschloss das ständige Aufgebot von 20.000 Mann regulirter Landmiliz, und viele Grundobrigkeiten
waren zur Aufstellung eigener (»Privat -«) Compagnien bereit . Das Feuergewehr stellte die Königin, das Seitengewehr
die Herrschaft, die Montur die Geistlichkeit bei ; sie bestand aus einem weissen Zwilchkittel mit rothem Aufschlag,
rother Halsbinde, weissen Strümpfen, Schuhen, Hut und Patrontasche . Den Compagnien (a 150 Mann) waren regel¬
mässige Uebungen vorgeschrieben . 3 fl. »Kirchweihgeld « widmete die Königin jedem Mann, „Damit fie ftd? bas 3 afyr
einmal luftig machen formen". Im zweiten schlesischen Kriege standen 10.000 Mann dieser böhmischen Miliz unter den
Waffen. Prinz Carl v. Lothringen verwendete 1745 zwei Bataillone als Stabswachen im Hauptquartier , andere versahen
den Garnisonsdienst in Wien im Verein mit mährischen Milizen. Abtheilungen dieser letzteren — König
Friedrich II. gab ihnen den verächtlichen Titel »Bauerngesindel « — wurden den preussischen Truppen , deren Ver¬
bindungslinien und Proviantzufuhren sie recht oft störten, ziemlich unangenehm . Weniger traten die mantuanischen
und mailändischen Miliz -Abtheilungen hervor ; die niederländischen Stände glaubten der Aufforderung zu
Miliz-Aufgeboten durch die Errichtung zweier Wallonen-Regimenter zu entsprechen. Die Leistungen Ungarns mit seinen
Insurrectionstruppen haben wir hinreichend gekennzeichnet ; Civil-Croatien und Slavonien schlossen sich, ebenso wie
Siebenbürgen , auf ähnlicher Basis der »Insurrection « an.
So fand das stehende Heer in den Vierzigerjahren des XVIII . Jahrhunderts , als Maria Theresia der
opfermuthigen Treue all ihrer Völker bedurfte, um ihren Thron gegen die von allen Seiten anstürmenden Feinde zu
vertheidigen , eine ansehnliche Verstärkung durch Elemente zweiter oder dritter militärischer Güte aus nahezu allen
Nationen der Habsburgischen Ländergebiete . Alte, nahezu eingerostete Militär-Verfassungen wurden neu belebt und der
Vertheidigungskraft der Staaten dienstbar gemacht ; Freiwillige strömten zu den Fahnen , welche kühne Parteigänger
entrollten , den geworbenen und gezwungenen Soldaten reihten sich Männer von kriegerischem Geiste an, denen
entweder der eigene Patriotismus oder die Begeisterung ihrer Herren , oder endlich der Drang nach kriegerischen
Abenteuern die Waffe in die Hand gab . Solche Freiwilligen-Formationen sehen wir nicht selten zum Stamme bleibender
Truppenkörper werden ; wir werden noch manchen von ihnen in der weiteren Darstellung der Theresianischen Zeit
begegnen . Die Erscheinungen dieser Zeit gemahnen vielfach an die Zukunft, welche das Heer zu einem »Volke in
Waffen« machen sollte. Niemals vorher war so viel Volkskraft zum Streite aufgeboten worden als in jenen Tagen;
niemals vorher waren dem eigentlichen Heere so viele Bundesgenossen im eigenen Lande erwachsen.. War auch der
Werth dieser Freicorps, dieser Milizen und mehr oder minder freiwilligen Aufgebote sehr verschieden geartet , so war
doch schon der moralische Eindruck einer so vielgestaltigen , zahlreichen Streitmacht mächtig genug ; er war nicht
unwichtig für die siegreiche Abwehr der unermesslichen Gefahren, welche beschworen werden mussten in jenen grossen,
kampfbewegten Tagen.
ARTILLERIE
IN THEPvESIANlSCHER UND JOSEPHINISCHER ZEIT.

Abseits von der alDemeinen Heeresentwicklung stand bis in die Tage der grossen Kaiserin unsere Artillerie.
Noch war die Zunft der Kanoniere ein besonderes Etwas in der Heeresorganisation , ein Fremdkörper in derselben,
eine halb soldatische , halb bürgerliche Institution , welche ihre historische Selbstständigkeit mit einer gewissen Beharrlichkeit
festzuhalten verstand . Wohl war — wie wir gesehen haben — Manches von dem alten Zünftigen der Artilleriewaffe
verschwunden , wohl hatten die Kanoniere manches Zugeständnis an die fortschreitende Zeit machen müssen , aber
sie wandelten noch zu sehr auf den alten und veralteten Bahnen , um das beschleunigte Tempo der Eugen ’schen
Heeresreformen völlig einhalten zu können . Wohl hatten sie auch in den Kämpfen des grossen Prinzen manch ' gutes
Werk vollbracht und wesentlichen Antheil an kriegerischen Entscheidungen genommen ; erhaben über die feindliche
Artillerie aber war die kaiserliche selten — das war bei der Verworrenheit ihrer Organisation , bei dem chaotischen
Geschützmaterial und der geringen Stärke der geschulten Mannschaft kaum zu erwarten . Auch in diesem so wesentlichen
Zweige des Kriegswesens nun hat die Theresianische Zeit bahnbrechende Neuerungen , ja eine völlige Umwandlung
und Umwälzung gebracht , welche mit einer glänzenden Entfaltung der österreichischen Artillerie , mit der Neubc-
gründung ihres weltgeschichtlichen Ruhmes gleichbedeutend war.
Wenn wir von dieser epochalen Reform sprechen , dann drängt sich uns auch sofort der Name unseres
grössten Artillerie -Reformators auf die Lippen , der Name des unsterblichen Wenzel Liechtenstein . Nicht ohne
tiefen Grund sehen wir diesen »fürstlichen Kanonier « auch im hochragenden Denkmal unter den Palladinen Maria
Theresias , unter jenen Männern , denen die Aufrechterhaltung des alten Habsburger Thrones , die Aufrichtung des
österreichischen Waffenruhmes zu danken war.
Joseph Wenzel Fürst zu Liechtenstein war am io . August 1696 in der alten Artilleristen -Heimat Prag geboren;
der Liechtenstein ’schen Familientradition folgend , trat er frühzeitig in die Fusstapfen seines Vaters , der als Feldmarschall-
Lieutenant 1704 den Heldentod gestorben war , und wurde ein schneidiger und tapferer kaiserlicher Reitersmann.
Schon 1725 war er Inhaber eines Dragoner -Regiments ; in den ersten Preussenkriegen nahm er — nach mehrjähriger
diplomatischer Thätigkeit — den Kriegsdienst wieder auf und wäre an dem blutigen Tage von Caslau beinahe
niedergehauen worden . An diesem Tage wurde ihm auch, als er die verheerende Wirkung der 82 preussischen Kanonen

21
156 DIE ÖSTERR . ARTILLERIE.

wahrnahm , die Erkenntniss , dass solcher Ueberlegenheit entgegengewirkt , dass die Kanonen und Kanoniere des
Kaisers dem Gegner ebenbürtig gemacht werden müssten . Im Verein mit Fachmännern arbeitete er eine Denkschrift über
dieses sehr actuelle Thema aus , und die klarblickende Kaiserin versagte derselben nicht jene Beachtung , deren sie jeden
auf Besserung und Vervollkommnung - abzielenden , wohlbegründeten Vorschlag würdigte . Wenzel Liechtenstein wurde
mit der pompös klingenden Würde eines Generaldirectors der gesammten Land -, Feld - und Haus-
Artillerie bekleidet , und er fasste sein Amt ernst und streng auf. Er wusste , was er wollte , und er hatte den
bei Reformatoren seltenen Vorzug , dass er im Stande war , aus eigenen reichen Mitteln zu schöpfen , um das angestrebte
Ziel zu erreichen . Wenn dem Staate das Geld ausging , was bekanntlich nicht selten der Fall war , so nahm Liechtenstein
(seit 1748 Majoratsherr des fürstlichen Hauses ) aus der eigenen Casse , um vorzuschiessen oder ohne Verrechnung
beizuschiessen , was die Heeresverwaltung nicht zu bieten vermochte . Auch in der Wahl seiner Berather und Helfer
hatte er die glücklichste Hand . War die österreichische Artillerie in der Lage , einige Männer an Peter den Grossen
zur Durchführung der russischen Artillerie -Reorganisation zu überlassen , so berief Liechtenstein dafür einige Ausländer
in unser Vaterland , welche bald vollwerthige Oesterreicher wurden und ihrem Namen ewigen Ruhm erwarben.
Da war vor Allen der grosse »Feuerteufel « Freiherr von Rouvroy, der aus sächsischen Diensten gekommen
war , Gribeauval aus französischen , Schröder aus preussischen und Alvson aus dänischen Diensten . Dem heimatlichen
Boden waren dagegen die beiden Brüder Andreas und Anton Graf Feuerstein , Männer aus guter Artilleristen -Familie,
entsprossen , welche dem Kaiser durch Generationen ihre Kraft und Kunst weihten . Andreas Feuerstein war der grosse
Kanonier von Kolin , den selbst der kritische Preussenkönig bewunderte ; Anton Feuerstein , aus der berühmten Prager
Buchsenmeister -Compagnie hervorgegangen und schon mit 31 Lebensjahren Oberst und Hauptmann , brachte zuerst
Ordnung in das Chaos des österreichischen Geschützmaterials , das — aus allen Jahrhunderten und Entwicklungsstadien '
stammend und in den Waffenplätzen angesammelt — kaum mehr zu sichten war . Als Artillerieführer im Felde that
sich Feuerstein (seit 1753 Feldzeugmeister ) wiederholt hervor . fr €r bat burcfy feine eifrigen Bemühungen bas gefammte
^elbartilleriecorps 311 unfern* böcbften gufriebenfyeit auf einen neuen, uerbefferten^ ufj gefegt unb eingerichtet. .
hiess es in dem Diplome , womit ihm 1757 das Indigenat im alten böhmischen Herrenstande verliehen wurde.
Und in der That , welche Wandlungen musste in den theresianischen Jahrzehnten die alte , berühmte , aber
auch conservative Artilleriezunft erfahren ! Aus den Büchsenmeistern , welche — von der übrigen Soldatesca mit aber¬
gläubischer Scheu betrachtet — als die Hexenmeister der Armee neben ihren Kanonen -Ungeheuern einherzogen,
deren Mäuler nur sie Feuer und Tod speien lassen konnten , wurden echte Soldaten , welche freilich noch immer bedenklich
mehr wussten und gelernt hatten als die Anderen , aber doch dem Heere nicht fremd blieben und sich nicht
in zünftiger Engherzigkeit dem Gemeingeiste der Armee verschlossen . Noch trieben sie manche ganz besondere
Kunst ; sie schrieben geheimnissvolle Zahlen , rechneten und berechneten mit einer Leidenschaft , dass einem braven
Reitersmann bei dem blossen Zusehen ängstlich zu Muthe wurde , aber wenn es zur Schlacht kam oder wenn die
Festungen dem anstürmenden Feinde ihre Grüsse entgegendonnerten , da wurde es den Männern von der Infanterie
und Cavallerie klar , dass »die von der Artillerie « nicht blos zu rechnen , sondern auch zu handeln wussten , da wiesen
sich in blutigen Ziffern die Ergebnisse der artilleristischen Mathematik . . . . Wenzel Liechtenstein hatte einen scharfen
Blick, vielleicht auch einen trefflichen Instinct , als er vor allen anderen Königreichen und Ländern gerade Böhmen
zur bevorzugten Heimat der Kanoniere erwählte.
Das Uebungslager auf dem Berge vor Moldauthein , unweit Budweis , wurde ihre praktische Schule ; dort
erstanden ihre Scheibenschiess -Stände , ihre Laboratorien u. s. w., dort wurde exercirt , experimentirt und kanonirt,
und in Budweis selbst residirte der eigentliche »Generalstab der Artillerie «. Die Kanoniere aber und Bombardiere
kamen zumeist aus dem Böhmerland ; dort erwuchsen der neuerblühenden Waffe Talente von Weltruf und praktische,
tüchtige Männer . Diese böhmische Tradition erhielt sich bis auf die neueste Zeit ; die Mehrzahl unserer Kanoniere
recrutirte sich aus Böhmen und den deutschen Erblanden — erst das Territorialsystem hat die anderen nationalen
Elemente gleichmässiger der ruhmreichen Waffe zugeführt , in welcher der »Böhme « so lange typisch war.
Als Liechtenstein an die Spitze seiner Lieblingswaffe trat , gliederte sie sich noch in die historischen
Gruppen der Haus -, Land - und Feld -Artillerie . Die Land -Artillerie verschwand mit der Festigung des einheitlichen Heeres,
mit der Befreiung desselben von der nur allzu unverlässlichen Munificenz der Stände , Städte und Herren . Die bunt
zusammengewürfelten Stücke , die sehr ungleichwerthigen Constabler , welche über scharfe Monita die einzelnen Länder
beigestellt hatten , wurden umso leichter entbehrlich , je sicherer der Bestand eines möglichst einheitlichen kaiserlichen
Geschützmaterials und Artilleriecorps wurde . Die H aus -Artillerie war gewissermassen identisch mit der alten Zeugs-
DIE ÖSTERR . ARTILLERIE. T57

artillerie : sie bestand aus jenen geworbenen oder engagirten Handwerkern und Büchsenmeistern von Profession,
welchen die Bewachung und Instandhaltung des Artilleriematerials der verschiedenen Waffenplätze und Zeughäuser
oblag. Allmälig aber gewöhnte man sich daran , diese stabile Mannschaft, welche der Kriegsdiensttauglichkeit nicht
mehr bedurfte, durch invalide Mannschaft der Feld-Artillerie zu ergänzen.
Auch die Commandanten und Ofiiciere der sogenannten Haus-Artillerie waren mehr oder weniger kriegs-
dienstuntauglich; sie kamen zumeist von der Feld-Artillerie, mitunter gelang es aber auch braven Büchsenmeistern
und Professionisten sich bei starker Ausdauer bis zum Officier hinaufzudienen. Die vornehmere Gruppe war natürlich
die mobile Feld -Artillerie ; aber auch diese bildete keineswegs ein einheitliches Corps, sondern theilte sich selbst
wieder in besondere Gruppen : Da war in erster Linie der Artillerie -Stab mit dem Commandanten der gesammten
Feld-Artillerie an der Spitze. Ihm unterstanden : der Oberfeuerwerksmeister als oberster Leiter der artilleristischen
Ausbildung, der Arbeiten in den Laboratorien und der Experimente, bei deren Durchführung ihm der Professor der
Mathematik zur Seite stand. Der Gebrauch und die Erzeugung der Petarden überwachte der „© berpctathiret ",
in normalen Zeiten schlichter Hauptmann . Den Dienst des Regimentsadjutanten leistete der »Oberadjutant « der
Artillerie, vorwiegend im taktischen Sinne; den eigentlichen inneren Dienst sammt der Leitung des Schreib- und
Verpflegsdienstes besorgte der uns schon seiner Bedeutung nach bekannte »Wachtmeister-Lieutenant «; lMldpater,
Auditor und Zahlmeister theilten sich in die übrigen Agenden , wie sie ihrem speciellen Berufe zukamen.
Im Truppenbestande der Feld-Artillerie unterscheiden wir abermals drei Gruppen, von denen zwei
nur zeitweilige Anhängsel der Artilleriewaffe bedeuten . Den Kern der Feld-Artillerietruppen bilden die Büchsen¬
meister -Compagnien . Sie stellen die Bedienungsmannschaft für Feld-, Festungs - und Belagerungs-Geschütze; sie sind
die wahren Erben der alten Artillerie-Tradition , die eigentliche Zunft der Kanoniere. Nur 800 gelernte , tüchtige
Büchsenmeister fand Wenzel Liechtenstein vor, als er das Scepter im Reiche der Kanonen ergriff; bald aber standen
33 Compagnien zum Dienste im Felde und in den Festungen bereit, und 3 Brigaden zu 8 Compagnien zählte 1755 bereits
das Corps der Feld-Artillerie. Ein General oder »Oberster « commandirte die Brigade, ein Oberstlieutenant und zwei
Obristwachtmeister standen ihm als Stabsofficiere zur Seite. Die Organisation erinnerte an die Regimentsorganisation;
doch finden wir hier die Stabsofficiere nicht im Besitze von Compagnien, sie verrichteten lediglich den ihrer Charge
zukommenden Dienst. Die Compagnie selbst befehligt der Hauptmann ; sein Stellvertreter ist der Stück-Junker, zwei
Alt-Feuerwerker leiten den Dienst in Laboratorien und Belagerungsbatterien , vier Jung-Feuerwerker thun Feldwebels¬
dienst, sechs oder mehr Corporale commandiren die „Camcrabjcfyaftcn'1der circa 70 Mann zählenden Compagnie.
Ausser dem Exercitium aber betreibt der rechte Büchsenmeister mit nicht geringerer Emsigkeit das Studium jener
Wissenschaften, die er zu seiner Kunst braucht. Jeder bessere Kanonier ist im Verhältniss zu der grossen militärischen
Menge ein Gelehrter ; der Oberfeuerwerksmeister ist der Magister der Artilleriewissenschaften, er lehrt seine Mannschaft
auch schön schreiben und zeichnen und führt sie im Frühjahr den Stabsofficieren zum Examen vor ; bestehen sie es
nicht, so lernen sie »auf eigene Kosten « weiter, d. h. sie zahlen dem Herrn Oberfeuerwerksmeister für die ihm
muthwillig gemachte Mühe s fl. Lehrgeld.
In mittelbarem Zusammenhänge mit der eigentlichen Artillerietruppe , den rechten Büchsenmeistern, stehen
die »Artillerie - Füsiliere «, welche 1757 in ein Regiment vereinigt wurden. Sie sind in Wirklichkeit nichts als eine
besondere Infanterietruppe , welche der Feld-Artillerie die ständige Geschützbedeckung zu leisten hat, damit die
Infanterie-Regimenter durch die fortwährenden Abcommandirungen nicht allzusehr geschwächt werden . Gleichzeitig
müssen aber diese Füsiliere der Artillerie auch Handlangerdienste bei der Bedienung der Kanonen leisten, und eben
dies qualificirt sie doch zu einem Anhängsel der Artillerietruppe . Das Artillerie-Füsilier-Regiment gliederte sich in
drei Bataillone ä 8 Compagnien zu 116 Mann, zählte somit 2784 Mann, war aber , seiner Dienstleistung entsprechend,
stets arg zersplittert und selten, ausser im tiefsten Frieden , in grösseren Verbänden anzutreffen. Als die Preussen-
kriege endgiltig abgeschlossen schienen, nach dem Frieden von Hubertusburg , reducirte man das Regiment auf ein
Bataillon zu sechs Compagnien, 1772 ging es vollständig ein.
Inniger und natürlicher schien die Verbindung einer zweiten Specialtruppe mit der Artillerie : es waren
die Minir -Compagnien (1763 zwei), welche 1763 zu einer sogenannten »Minirbrigade« von vier Compagnien ver¬
einigt wurden. Wir werden ihre Entstehung und Fortentwicklung, welche naturgemäss zur Trennung von der Artillerie
selbst führen musste, im Zusammenhänge mit der Entstehung und Entfaltung unserer technischen Truppen betrachten.
Eine besondere Gruppe in oder besser neben der combattanten Artillerie bildete das Feld - Zeugamt,
dem die Verwaltung o
und Verrechnung
O
des Ogesammten mobilen Artillerie-Materials,7 die AusrüstungO des Feld- und

21 *
x58 DIE ÖSTERR . ARTILLERIE.

Belagerungsgeschützes oblag. Die Feld-Artillerie-Compagnien führten ja nur wenige Geschütze zu Exercirzwecken bei
sich; nahte eine ernste Action, dann hatteerst das Feld-Zeugamt den Kanonieren das wichtigste Requisit, die Kanonen,
zu übergeben . Der Vorstand des Zeugamts, der seinerseits dem Commandanten des Artilleriecorps untergeben war,
hatte ein kleines Heer von Leuten unter sich, welche mit dem Soldatenthum eigentlich wenisf Zusammenhang hatten;
es waren Civil- und Militärprofessionisten, welche einer starken Aufsicht bei den wichtigen Arbeiten bedurften , die sie
zu leisten hatten.
Oberst, Oberstlieutenant und Zeugslieutenant (Major) waren die Stabsofficiersposten dieses Amtes ; Stück¬
hauptmann , Zeugswart, Zeugsschreiber, Zeugsdiener , Pulverhüter u. s. w. standen unter ihnen; Binder, Riemer, Zimmer¬
leute, Schlosser, Schmiede, Wagner u. s. w.
mit Ober- und Untermeistern dieser Hand¬
werke, endlich Gesellen und Handlanger
mit ihren Handlanger -Corporalen bildeten
das Gros der Mannschaft, deren Stärke
ebenso wie jene der Chargen je nach der
Stärke der ins Feld zu stellenden Geschütz¬
zahl normirt wurde.
Bildete schon der Mangel an Geschütz¬
material bei den mobilen Artillerie-Ab¬
theilungen ein wesentliches Hemmniss für
deren Schlagfertigkeit, so mehrten sich die
Schwierigkeiten noch, wenn es galt, • die
Geschütze zu bespannen, den Artillerie¬
park fortzubewegen. Fehlte dem Heere ein
eigener Train , ein besonderes Fuhrwesen-
Corps, so kannte man bei der Artillerie
ebensowenig Fahrkanoniere , welche in un¬
mittelbarem Zusammenhänge mit der Be¬
dienungsmannschaft gestanden wären. Den
Cadre für das Bespannungswesen schuf
man in der sogenannten »Ross -Partei «,
welche der Artillerie und speciell dem Feld-
Zeugamt unterstellt und gewöhnlich auch
von dem Vorsteher dieses Amtes comman-
dirt wurde. Diese Bespannungstruppe zer¬
fiel in einzelne Trupps zu ioo Pferden, 50
Stückknechten, 2 Schmieden und 2 Geschirr¬
knechten, welche je ein Unter wagenmeister
commandirte. Der »Geschirr-Schreiber«
Trainsoldat (Fuhrknecht ) der Pontonneurs
(mehreren Trupps gemeinsam) führte das
1770— 1798.
Rechnungsgeschäft , der Ober -Geschirr¬
meister befehligte mehrere Trupps , der Proviantmeister lieferte die Fourage , das Zeugamt die gesammte Rüstung , eine
Commission übernahm die Pferde, denen bei constatirter Tauglichkeit sofort der »kaiserliche Brand « aufgeprägt wurde.
Musste man bei Ausbruch des siebenjährigen Krieges noch den Bedarf an Artillerie-Zugpferden (1868) zum Theil
durch Miethung von Rossen decken, so gab es im Jahre 1757 nur mehr ärarische Pferde, und zwar nicht weniger
als 3663, welche von 74 Geschirr- und 1944 Stückknechten unter 37 Wagenmeistern gelenkt und gewartet wurden.
Schliesslich zählte der Artilleriepark 548 Geschütze und 1177 Wagen mit 60 Trupps der Rosspartei , welche aus
5257 ärarischen Pferden mit 106 Geschirr- und 2912 Stückknechten bestanden. 1) Nach dem Kriege löste man die
Rosspartei wieder auf, und 1772 g'ing sie bei der Schaffung eines eigenen Fuhrwesencorps ganz in diesem auf.

1) »Geschichte der österreichischen Artillerie von den frühesten Zeiten bis zur Gegenwart .* Von Anton Dolleczek.
Wien 1887.
DIE ÖSTERR . ARTILLERIE. J59

Es würde uns allzuweit führen , wollten wir in dieser Skizze , welche ja nur das äussere Bild der öster¬
reichischen Heeresentwicklung bieten soll, auch die Entwicklung und den Aufschwung 1des Geschützwesens in der
grossen Liechtenstein -Zeit eingehend betrachten . Die Grundtendenz dieser Aera war zunächst , die Schwerfälligkeit
der österreichischen Artillerie zu beheben ; diese war ja in einem verhängnisvollen Conservatismus erstarrt , während man
in anderen Staaten schon längst erkannt hatte , dass nicht die Grösse , sondern die Bewegungsfähigkeit des Geschützes
den Erfolg verbürge . Die Schlacht bei Caslau demonstrirte dies in überzeugender Weise , und eben die Erfahrungen
dieses Tages bewogen Wenzel Liechtenstein , die österreichische Artillerie von den erstarrenden Formen des mittel-
alterlichen Zunftwesens zu befreien und der operirenden Armee ein leichtes Feldgeschütz zu geben.
FZM . v. Feuerstein brachte die ersten Versuche , welche nach dieser Richtung gemacht worden waren , in
seinem Feld -Artillerie -System zum Abschlüsse ; die Feld -Artillerie erhielt nach diesem (1753 allgemein eingeführten)
System 3-, 6- und i2pfündige Feldkanonen und 7pfündige Feld -Haubitzen , und rasch wuchs die Zahl der im Kriege
brauchbaren Geschütze von 202 auf 504 an.

Artillerie 1762.

Der leichte Dreipfünder dominirte , vier Fünftel der Gesammt -Artillerie entfielen auf dieses leicht fortzu¬
bewegende Geschütz ; allmälig aber bekehrte man sich doch zu den Sechs - und Zwölfpfündern , und im Jahre 1778
betrugen die Dreipfünder nur mehr die kleinere Hälfte der mit 768 Kanonen bezifferten Gesammt -Artillerie der auf¬
gestellten drei Armeen . Die ersten Versuche , der Cavallerie eine Artillerie beizugeben , welche mit ihr gleichen Schritt
zu halten vermöchte , datiren erst aus dem Jahre 1768 , obwohl der grosse Preussenkönig schon 19 Jahre früher mit
einer reitenden Artilleriebrigade Erfolge erzielt hatte ; es waren 12 Stück mit je vier Rossen bespannte Dreipfünder.
Bei den im Jahre 1778 von P'ZM. Baron Rouvroy errichteten fahrenden Batterien (Zwei- bis Sechs -Pfünder und
7pfündige Haubitzen ) sass die Bedienungsmannschaft auf dem Lafettenkasten („IPui 'ft"), der Vormeister ritt , Packpferde
trugen die Munition.
Der Wagenpark der Feld -Artillerie vermehrte sich: zu Beginn der Aera Liechtenstein entfiel auf je eine
Haubitze und einen Dreipfünder ein zweispänniger Munitionswagen , für je zwei Sechs - oder Zwölfpfünder rechnete
man drei Karren ; seit 1759 folgte jedem grösseren Geschütz noch ein vierspänniger Munitionskarren , andere Wägen
fanden in der Artillerie -Reserve ihren Platz.
Die Requisiten zur Geschützbedienung waren zahlreich genug : Wischer , Setzer , Heb - und Protzbaum,
Zündlochkappe , Mundloch u. s. w. wurden am Geschütz selbst mitgeführt ; Raumnadel , Aufsatz , Zirkel u. s. w. in
i6o DIE ÖSTERR . ARTILLERIE.

kleinen Verschlagen geborgen — Anderes trugen die Kanoniere , sechs an der Zahl , darunter der sogenannte »Vor¬
meister Nr . 3 «, der das Richten und Einführen des Brandeis besorgte und die Aufsicht über die anderen »Büchsen¬
meister « führte . Die Numerirung der Mannschaft war alter Brauch : Nummer i besagte das Einführen der Munition,
Nummer 2 das Laden , Nummer 3 war der Vormeister , Nummer 4 feuerte ab , Nummer 5 half dem Vormeister beim
Richten , Nummer 6 gab die Munition aus . Die Handlanger (7 bis 12, je nach Grösse des Geschützes ) hatten die
Bewegung der Kanone , das Auf - und Abprotzen zu besorgen.
Mittelst Zugleinen und Zuggurten spannten sie sich an die Avancir - und Retirirhaken der Lafette ; zwei
oder vier Mann hoben den Protzstock an einer durch die Oese gesteckten Avancirstange und halfen das Geschütz
schieben oder ziehen , — es war eine grosse Wohlthat für diese menschlichen Lastthiere , als General Rouvroy 1778
ein Schleppgeschirr erfand , mittelst dessen ein Pferd vor das abgeprotzte Geschütz gespannt wurde : dadurch erhielten
die Handlanger kräftige Hilfe , ja es wurden einzelne von ihnen entbehrlich.
Fuhr das Geschütz , so traten bei dem Dreipfünder und der 7pfündigen Haubitze zwei Pferde , bei den
der Cavallerie zugetheilten leichten Geschützen und bei den ordinären Sechspfündern 4, bei den 18-Pfündern 8, bei
24-Pfündern 10 und bei den übrigen Geschützen 6 Pferde in Action.
Exercirt wurde zweimal in der Woche mit dem Geschütz , ebenso oft mit dem besonderen ,f3üd )(enmcifter=
(SetDefyr" von ein Loth Kaliber ; in dieser Hinsicht gab der Drill jenem des Infanteristen nichts nach , keiner der
zahllosen Handgriffe und der pedantischen Marschbewegungen blieb dem Büchsenmeister erspart . Einen nicht geringeren
Ueberfluss an Accuratesse und Pedanterie forderte das Exercitium am grossen Geschütz ; doch legte man bei alledem
der Raschheit der Bedienung eine grosse Bedeutung bei . Man rühmte Büchsenmeister , welche in derselben Zeit ihr
Feldstück abzufeuern vermochten , als der Officier den Degen zog und versorgte . Exercirte die den Regimentern
zugetheilte Artillerie mit der Fusstruppe , so mussten die kleinen Bataillonsstücke , von den Handlangern gezogen , das
Avanciren und Retiriren der Frontlinie stets genau mitmachen . Genaues Ausrichten der Stücke nach der Frontlinie,
ebenso genaue Intervalle (10 Schritt ) von einander und abermals genaue Zeitintervalle zwischen dem Feuern waren
Beweise für artilleristische Tüchtigkeit ; dann erst kam das genaue Zielen , das den Kanonieren sozusagen Ehren¬
sache war.
Man wird sich nach diesen Andeutungen ein Bild von der österreichischen Artillerie -Organisation der
Theresianischen Zeit machen können . Der Artillerist selbst repräsentirte , obzwar von der Zunft zum Soldatenthum
hinübergeleitet , noch immer ein bevorzugtes oder sich selbst stärker fühlendes militärisches Wesen . Die Büchsenmeister
wurden ja nicht auf der Strasse aufgegriffen oder bei Würfelspiel und Becherklang zum Kriegsdienste geworben;
ihre Truppe besass kein öffentliches Werbepatent , sie konnte auch nicht den ersten besten hergelaufenen Wanders¬
mann brauchen . Wer unter die Kanoniere ging , der wusste , dass er tüchtig zu lernen bekäme ; er wusste aber auch,
dass er es bei einiger Ausdauer , rechtem Fleiss und grosser Geduld zu etwas Rechtem bringen könnte . Deshalb
suchten braver Leute Kinder aus dem Bürgerstande , Handwerker mit militärischen Passionen oder verunglückte
Studenten , welche Reue und Leid erweckt hatten , mit Vorliebe die stillen Werbestuben der Kanoniere auf. Das Lesen
und Schreiben und die Kenntniss des Deutschen war bei der Assentirung zu dieser »gelehrten « Waffe ebenso Voraus-
Setzung wie guter Wuchs und starke Statur : jungen Grasteufeln wurden gesetztere Männer ledigen Standes vorgezogen.
Auch aus den anderen Waffen , von der Infanterie und Cavallerie , übertraten ernste , strebsame Leute nicht selten
zur Artillerie . In der inneren Verfassung derselben begegnet uns noch manche Erinnerung an die Aera der Zunft.
Der Commandant der Artillerie hat nicht das nahezu unbegrenzte Strafrecht anderer Commandanten ; er kann nur
Vergehen im Disciplinarwege sühnen . Verbrechen oder Vergehen , welche Degradation mit sich brachten , mussten
durch richterlichen Spruch bestraft werden ; dann aber blieb der zu Bestrafende nicht in der Artilleriewaffe , er
wurde vor Abbiissung seiner Schuld zu einem Infanterie -Regiment transferirt . So wusste man sich auch im Kreise der
»Büchsenmeister « schleunigst jedes »Unehrlichen « zu entledigen ; trat aber jemals der Fall einer nothwendigen
»Ehrlich -Machung « ein, so war es (wie bei der Infanterie die Fahne ) hier die Kanone , deren feierliche Berührung
dem Unehrlichen die neuzuerkannte Ehre thatsächlich wiedergab.
War in alledem eine gewisse höhere Bewerthung der Artilleriewaffe ausgeprägt , so drückte sich diese auch
in den Ziffern der Sold - und Verpflegsgebühren und anderen Artillerie -Vorrechten aus . Noch im Jahre 1742 galt das
Privilegium der Kanoniere , ihre Bagage sofort hinter den Geschützen und Munitionswägen transportiren und ihre
Frauen und Jungen auf den Kugelwagen aufsitzen zu lassen . Generale , selbst Commandirende mussten , wenn sie ihr
Gepäck rascher zur Hand haben wollten , dies Vorrecht von der Artillerie »erkaufen «. Im Jahre 1746 mussten sich
DIE ÖSTERR . ARTILLERIE. 161

allerdings auch die Herren Büchsenmeister der allgemeinen Bagage -Ordnung fügen . Officiersfrauen durften der Truppe
nur folgen , wenn sie sich beritten machten . Soldatenweibern wurde ein Platz auf dem Bagagewagen vergönnt , wenn
sie sich als Marketenderinnen oder Krankenwärterinnen nützlich zu machen verpflichteten . Die Gage der Artillerie-
Officiere und die Löhnung der Mannschaft war um ein Drittel höher als die der Infanterie . Der Obrist bezog im
Frieden 260 fl. monatlich , im Kriege 270 fl. 62 kr . nebst neun Brot - und 12 Pferdeportionen , der Oberstlieutenant
156 — 160 fl., Major 118 — 121 fl., Hauptmann 78 — 81 fl., Capitänlieutenant fl. 44 -50 —56 , Oberlieutenant fl. 29 -60
bis 36 -50 , der Unterlieutenant 26 — 32 fl., der k. k . Cadet 10 fl. 50 kr . Die Mannschaftslöhnungen waren nach den
Bestimmungen vom Jahre 1769 beziffert mit : 54 kr . Oberfeuerwerker , 45 kr . Obermeister , 42 kr . Feuerwerker , P'eld-
webel und Munitionär , 36 kr . Untermeister , 30 kr . Corporal und Handlanger-
Corporal beim Feld -Zeugamte , 18 kr . Bombardier (beim Festungsgeschütz ),
12 kr . Handlanger beim Feld -Zeugamte , 10 kr . Unterkanonier , ausserdem zwei
Pfund Brot täglich und 6 — 2 kr . Feldbeitrag im Kriege . Sechs Kreuzer der
Löhnung waren für die Mittagskost gewidmet , und die Artilleriekost war
berühmt durch ihre Güte , die Köche der Kanoniere waren Künstler in ihrer
Art , nirgends speiste man so gut und reich als in der Artillerie -Menage ; der
böhmische Spürsinn bewährte sich auch in der Entdeckung der besten Bier¬
quellen — wo der Kanonier hinging , dort war es gewiss »gut sein «, dorthin
schlichen ihm gerne die armen Kameraden vom Fussvolk nach.
Dabei Mner es in den Ouartieren der o-elehrten Flerren Büchsen-
meister gar nicht sauertöpfisch zu. Die vorwiegend böhmische Abstammung
sicherte den Artillerietruppen auch die belebende Beigabe einer tüchtigen
Musik ; schon in der Theresianischen Zeit waren die Artillerie -Musikkapellen
(zumeist engagirte Musiker ) beliebt , und die Artillerie liess sich diese Spielleute
etwas kosten.
Wie auch die Kanoniere allmälig einer einheitlichen Adjustirung
nahegekommen waren , haben wir bei Betrachtung der Eugen ’schen Zeit ge¬
sehen . Man darf durchaus nicht glauben , dass die ernsten , »stuckenden «, d. h.
studirenden Männern von der Kanone der Bekleiduimsfraore ofleichoiltior o-e^en-
übergestanden wären . Gerade sie und namentlich die Herren Officiere wollten
sich lange nicht daran gewöhnen , den auf einheitlicher Adjustirung abzielenden
Tendenzen der Kaiserin zu entsprechen . Wiederholt mussten sie daran gemahnt
werden , sich »wie die Linie « zu tragen . Der perlgraue , dann weisse Rock war
auch in der Artillerie anzutreffen , die weisse Hose stack in schwarzen Gama¬
schen mit Messingknöpfen.
Zu den mannigfachen Officien und Exercitien des Büchsenmeisters
trat auch die gar nicht nebensächliche Verpflichtung , seinem Haupte die zärt¬
lichste Fürsorge zuzuwenden , seine Locken mit doppelt eingedrehten Zöpfen Artillerie-Officicr 1750—1769.
zu construiren u. s. w. Der weisse Rock mit hellrothein Aufschlag (bei dem
Officier auch rothe Weste ) blieb zunächst das gemeinsame Artilleriekleid . Verboten war allen Kanonieren das Schnur¬
bart -Tragen : nur die Leute der Rosspartei waren in diesem Punkte unbehindert . Die Seitenhaare des Hauptes trug
der Kanonier in Locken an den Schläfen , der Zopf baumelte in der vorgeschriebenen Länge von 16 Centimeter,
verflochten , rückwärts herab . Die Herren Officiere gestatteten sich schon etwas Besonderes : sie entschieden sich
entweder für den kurzen und dicken Zopf, die sogenannte »Kanone «, oder für den langen , dünnen , geringelten
»Rattenschwanz «.
Dass die lichte Rockfarbe der Artillerie besonders praktisch für den Friedens - und Kriegsdienst gewesen
wäre , vermochten wohl ihre wärmsten Freunde nicht zu behaupten . Diese Einsicht ergriff , nach den Erfahrungen der
Preussenkriege , immer weitere Kreise und veranlasste am 1. Mai 1772 die grosse Kaiserin zu der Abforderung
eines Vorschlages über eine zweckmässigere Adjustirung des Kanoniers ; er wäre „hictneilen cs nicht nutzbar ift, ihn
non IDeitem fenntlid? 511 machen, fo 511 Leihen, bafj er r>oit IDeitem nicfyt er Fan itt werben fantt 1111b benttod? non
her 3 n f an terie merflid ? linterfcfyieben fein f0II , .zugleich aber nicfyt (heiterer als jet^t, anj'tanbig 1111b contmobe".
IÖ2
DIE ÖSTERR . ARTILLERIE.

Man probirte in Folge dessen braune und blaue Röcke, und schliesslich entschied sich Maria Theresia für die wolfs¬
graue Farbe , welche schon seit 1750 bei der Artillerie -Mannschaft in den Niederlanden und bei den Büchsen¬
meistern im Gebrauche war und nun Jahrzehnte lang (bis 1811) die herrschende österreichische Artilleriefarbe
bleiben sollte.
Auch in der Organisation waren ja mittlerweile wichtige Veränderungen vor sich gegangen . Der unsterbliche
Liechtenstein hatte einen nahezu ebenbürtigen Nachfolger in FZM. Franz Ulrich Fürsten Kinsky erhalten , der das
von seinem Vorgänger
o ö
Geschaffene einer weiteren Klärung000 und Ausgestaltung unterwarf . Er schied die Minir-Brigade
o

und die Rosspartei aus dem Rahmen der Artilleriewaffe aus, löste die Artillerie-Füsilier-Bataillone auf und brachte die
dadurch zum einheitlichen Körper gewordene Feld-Artillerie in Regimentsverbände : aus den früheren drei Artillerie-
Brigaden wurden drei Feld -Artillerie-Regimenter zu 16 Compagnien , in vier Bataillone gegliedert . An der Spitze des
Regimentes stand nun — wie bei der Infanterie — der Oberst -Inhaber oder, da dieser fast immer höhere Verpflich¬
tungen zu erfüllen hatte , der Oberst -Commandant ; ausser ihm zählten drei Stabsofflciere, der Caplan, Auditor , Rech¬
nungsführer, der Regiments -Chirurg mit vier Bataillons-Chirurgen und acht Unterfeldscherern , der Regimentstambour mit
acht Hautboisten (die engagirten Musikbanden entfielen) und der Profoss zum Stabe ; die Compagnie setzte sich aus
dem Hauptmann oder Capitän-Lieutenant , Oberlieutenant , 2 Unterlieutenants , 3 Bombardieren , 1 Kanzlei-Feldwebel,
je 1 Fourier und Fourierschützen , 6 Kanonier - und 2 Unterkanonier -Corporalen , 1 Pfeifer und 1 Tambour , 96 Kano¬
nieren und 16 Unterkanonieren zusammen, das ganze Regiment bildete mit 2145 Individuen einen im Frieden und
Kriege gleich imposanten Körper . Wir sehen aus dieser Gruppirung , dass sich die Artillerie auch in der Benennung
der Chargen vollkommen modernisirte : aus dem Oberstuckhauptmann war der Major, aus dem Stuckhauptmann der
einfache »Hauptmann «, aus dem Stuckjunker der Oberlieutenant , aus dem Altfeuerwerker der Unterlieutenant , aus
dem Jungfeuerwerker der »Bombardier « geworden ; der Büchsenmeister war nun officiell »Kanonier «. Die Capitän-
Lieutenants (Hauptleute minderer Gebühr), Feldwebel, Unterkanoniere und Unterkanonier -Corporale waren von den
Artillerie-Füsilirern herübergenommen . Nur der Kanonier -Corporal und Bombardier konnte , als echt-artilleristisch geschult,
Feuerwerker und Oberfeuerwerker , eventuell sogar Officier werden. Zeitweilig' bestand auch eine besondere »Grenz-
Artillerie «, kleine, von Unterofficieren commandirte Abtheilungen ausgebildeter Artilleristen für Bedienung der Regi¬
mentsstücke der Grenz-Regimenter.
Aus der alten »Haus-Artillerie « hatte sich 1772 die »Garnisons -Artillerie « mit dem eigentlichen (Festungs -)
Artillerie- und Zeugspersonal herauskrystallisirt . Sie breitete sich in 12 bis 13 territorialen Districten von der Centrale
Wien (mit dem Ober-Zeugamt und Hauptposten Wien, den Filialen Philippsburg, Constanz und Bregenz) über die ganze
weitverzweigte Habsburgische Monarchie aus : es war eine weite Strecke von dem 9. siebenbürgischen District bis
zu dem 11. niederländischen mit dem Hauptposten Mecheln, den Filialen Luxemburg, Antwerpen , Niwport und
Ostende ! Eine Zeit lang (1794), nach der Erwerbung der Festungen Valenciennes, Ouesnoy, Conde und Landrecies,
gab es sogar einen »französischen « District mit der Nummer 14 ! Ständige Filialen der Garnisonsartillerie waren
Wiener -Neustadt , Krems und Linz.
Die wichtigsten Etablissements , wie das Zeughaus auf der Seilerstätte , das Arsenal (»Armatur -Zeughaus «)
auf der Hohen Brücke, das Stück-Gusshaus auf der Wieden, das Neugebäude bei Schwechat, die Depots am Stein¬
feld und in der Türkenschanze , endlich die Stückbohrmaschinen in Ebergassing , die Pulver- und Salniter-Erzeugungs-
und Verschleissstellen in Wiener -Neustadt u. s. w. unterstanden dem Wiener Hauptposten . Dieser Centralstelle
unterwarf Kaiser Joseph natürlich auch die 1785 ärarisirte Feuergewehrfabrik in der Währinger Strasse (heute die
»Anatomie «) und die aus einem Erziehungshause für Büchsenmacher erwachsene Filiale zu Steyer . Das Feld -Zeug¬
amt gab manche seiner Agenden an die Garnisons-Artillerie, andere (wie die complicirte Geschirr-Ausrüstung ) an das
neucreirte »Fuhrwesen -Material -Haupt -Depot « ab und concentrirte sich selbst allmälig in zwei Compagnien mit
je 200 Köpfen. An Buntheit und Mannigfaltigkeit der Elemente Kessen diese Compagnien nichts zu wünschen übrig.
Unter dem Hauptmann und 3 bis 4 Oberlieutenants dienten 4 bis 5 Handlanger -Corporale , 46 bis 48 Handlanger,
5 Fourierschützen , 1 Ober- und 6 Unterschmiedemeister mit 45 Gesellen, 1 Ober - und 3 oder 4 Unter wagnermeister
mit 25, 3 Zimmermeister mit 25, 1 Schlossermeister mit 14 Gesellen, endlich einige Binder, Tischler, Drechsler,
Sattler und Riemer.
Für alle diese Bestandteile der Artillerie war der wolfsgraue Rock das charakterisirende Kleid; dazu
kamen ponceaurothe Aufschläge und Messingknöpfe, entweder mit den Nummern der Feld-Artillerie-Regimenter oder
den Buchstaben G (Garnisons-) und Z (Zeugamt). Ein schwarzgelber Federbusch schmückte den Corsehut, der (mit
DIE ÖSTERR . ARTILLERIE. 163

Ausnahme der gemeinen Mannschaft ) goldbordirt war . Das Riemzeug war weiss, den Hirschfänger hatte schon 1765
der Infanteriesäbel ersetzt . Die Unterkanoniere und ihre Corporale trugen das Feuergewehr und die Infanterie -Patron¬
tasche , die Kanoniere an dem weissen , schmalen Ueberschwungriemen das Besteck . In dieser nur zeitweilig in

Kanonier und Officier der Artillerie 1790—1798.

Nebensachen veränderten Adjustirung sah man die kaiserliche Artillerie während der letzten Jahrzehnte des
XVIII . Jahrhunderts.
So sehr auch die Artillerie dem Fortschritt in der Wissenschaft und in ihrer Waffe huldigte , in ihrem
Personale , ihrer Verfassung und Kleidung zeigte sie doch eine besondere Tendenz zum Conservatismus : man lernte
viel und avancirte langsam , man war sehr sesshaft in der Garnison und artete deshalb leicht zum militärischen Spiess-
bürger aus — das Zünftige kam , so oft man es auch vertrieb , immer wieder durch ein Hinterpförtlein herein . Aller-
164 DIE ÖSTERR . ARTILLERIE.

dings zeitigte diese »zünftige « Zusammengehörigkeit auch kostbare Blüthen , wie die grossartige »Artillerie-
Witwen - und Waisen - Confraternität «, ein 1764 begründetes Institut zur Versorgung der Familien -Ange-
hörigen verstorbener Artillerie -Officiere , das bis heute blüht und gedeiht . Das Schulwesen der Artillerie blühte
ebenfalls schon zu einer Zeit , da sich das Bildungsbedürfniss in den anderen Waffengattungen kaum regte . Schon
1744 wurde die »Corps -Schule « in dem alten Artilleristenheim Bergstadtl bei Budweis , als Fortbildungsschule für
Officiere und Vorbereitung tüchtiger Unterofficiere zur Officierscharge , begründet : dort lehrte und lernte man auch
die Geheimnisse der »höheren Artillerielehre «, deren Weiterverbreitung unter Ehrenwort verboten war . 1753 entstanden
die Artillerie -Brigadeschulen und 1778 das vierclassige Artillerie -Lyceum in Wien mit seinen in Genossenschaften ein-
getheilten Hörern . Dort lernte man ausser der A.rtillerielehre Mathematik , Linien - und Situationszeichnen , Fortification,
Geographie und Geschichte , Naturgeschichte , Lateinisch und Französisch , Fechten und Reiten , konnte aber auch noch
auf Staatskosten Collegien an der Universität frequentiren . An die 1786 begründete »Bombardierschule «, die
wahre Alma mater unserer berühmtesten Artilleristen , erinnert sich noch heute die ältere Generation . Sie nahm die
trefflichsten Schüler der Regimentsschulen nach einjährigem Vorbereitungscurse auf und brachte ihnen die höhere
artilleristische Erleuchtung bei ; sie war eine beständige Pflanzschule ausgezeichneter Feuerwerker und ebenso vorzüglicher
Officiere , welche durch ihr gründliches Wissen und Können ihrer Waffe Ansehen und Achtung im Publicum , Geltung
und Ruhm im Kriege erwarben.
Schon in den Theresianischen Kriegen füllte sich ja das goldene Buch der österreichischen Artillerie mit
dem Verzeichniss herrlicher Thaten . Schon in der Schlacht bei Prag zwang die ehemals so inferiore Artillerie Oester-
reichs mit ihren gut placirten Batterien dem Feinde Bewunderung ab ; bei Kolin sandten die Oesterreicher den Preussen
aus 84 Regimentsgeschützen und 78 schweren Kanonen 6000 Schuss zu und verloren nur 87 Büchsenmeister.
Bei Landshut zeichneten sich die Kanoniere derart aus , dass Loudon der Kaiserin berichtete : „Die Artillerie
l]dt fid} fo fyerüorgetl}an, bafj id) betreiben nicht Hufjtn genug ansfprecfyen farm." Bei Breslau standen 60 Geschütze
in einer Batterie , bei Torgau fuhren 200 auf . »Les ennemis avaient l’avantage dune artillerie nombreuse et bien
servie « — schrieb Friedrich II . nach Kolin — »eile fait honneur ä Liechtenstein , qui en est directeur .« Und ebenso
in einem Briefe an Fouquet vom 27 . December 1758 : „Die mefentlicfyften Peränberitngen , bie ich w bem Benehmen
ber öfterreicfyifcfyen(generale tr>al}rrtel}me, befteben in ifyrer Art 311 lagern, in ihren ATärfcfyen unb ihrer ungeheueren
Artillerie, melcfye allein, felbft ohne von Armeen unterftü^t 311 merbert, fyirtreicfyen mürbe, ben Angreifer 311 üernidjten.
IPatm fal] man je 400Befcfyiit^e
( rote in einem Amphitheater aufgeftefit unb fo in Batterien formirt , bafj bei ber
XTtöglidjfeit großer ^ ermmrfung ber grofje Portheil eines beftreicfyertbeit Reiters nicfyt nerloren geht? XPir fyaben
mährenb bes gatt3en Krieges bie öfterreicfyifcfye Armee ftets in brei liniert formirt, r»ott biefer furchtbaren Artillerie
unterftü^t gefehen. Die ^ laufen ftitb mit Kanonen gefpidt, mie befonbere CitabeÜen; jeber fleine Porfprung bes Cerrairts
mirb betrügt, um (gefd^it^e auf3ufteilen, bie bas Cerrain unter fretgenbes fetter nehmen, fo baff es gleid^e Sd ^mierigfeiten
bietet, eine folcbe pofition an3tigreifen ober eine ^ eftung 311 ftürmen. . .Neun Kreuze des nach dem Tage von Kolin
gestifteten Theresienordens fielen der Artillerie zu.
Der eben citirte Brief des Preussenkönigs deutet auch die Aufstellung und Verwendung der Artillerie im
Felde an . Nach dem Reglement vom Jahre 1757 hielt sich der Artillerie -Chef beim Hauptquartiere auf ; die einzelnen
grösseren »Batterien «, d . h . Gruppen zu gleichem Zwecke aufgefahrener Geschütze , commandirten Stabsoffiziere . In
der Mitte der Schlachtordnung sah man zumeist die schweren Zwölfpflinder , an den Flügeln die siebenpfündigen
Haubitzen , bei der Reserve Drei -, Sechs - und Siebenpfünder in mannigfacher Zahl . Die »Regimentsstücke « der
Infanterie -Regimenter , gewöhnlich nur mit zwei Pferden bespannt , hatten nur fach-artilleristische Bedienung ; sie blieben
im Marsche und Lager stets bei ihren Regimentern und erhielten per Kanone je zwei Infanterie -Zimmerleute zuge-
theilt . Der Wagenpark der Artillerie war bei den beiden Artillerie -Reserven eingetheilt : in der ersten (hinter dem
zweiten Treffen vor dem Corps de reserve ) sah man 2-, 4- und öspännige Munitionskarren , 4spännige Feuerwerks¬
kasten und Feldschmieden , bespannt mit Pferden der Rosspartei , bemannt mit 200 —400 Büchsenmeistern , theils zum
Ersatz der Schlachtlinie , theils zum Füllen der Pulverpatronen , zum Adjustiren der Granaten u. s. w. In der zweiten
Reserve , meilenweit hinter der Armee , sah man die (theilweise mit gemietheten Pferden bespannten ) Wägen mit den
Vorraths -Lafetten , mit Holz , Kohle und anderen Vorräthen . Die erste Reserve sandte den Munitionsersatz in die
Schlachtlinie.
Was die österreichische Artillerie in der P'estung und bei Belagerungen zu leisten vermochte , das haben
die Ehrentage des belagerten Olmütz 1758
( ) gezeigt , wo unter Oberstlieutenant v . Alfson 3 Hauptleute , 5 Feuer-
tA
DIE ÖSTERR . ARTILLERIE. «5

werket^ 150 Büchsenmeister; 1 Mineurhauptmann mit 42 Mineuren die Artilleriebesatzung bildeten und binnen 31 Tagen
58.200 Kugelschüsse; 6100 Bomben- und Granatenwürfe; 2700 Stein- und Wachtel-, 538 Leuchtballen-Würfe den
Preussen zusandten, wogegen sie 103.533 Kugelschüsse, 25.624 Bomben- und Granaten -, 700 Stein- und Wachtel-
Würfe eintauschten.
Lind welche Wunderthaten verrichtete unsere Belagerungsartillerie, als der grosse London „bcitt Kaifer
imeberttm fliegen tuoüte Stabt unb ^ eftung Helgerab !" Der Belagerungspark zählte 120 Vierundzwanzigpfünder,
t8 Achtzehnpftinder, 50 Zwölf-, 30 Sechspfünder, 117 Bronze-Mörser bis zu 100 Pfund und 30 eiserne Steinmörser
nebst zahlreichen Haubitzen. Erzherzog Franz nachmals
( Kaiser Franz II.) feuerte den ersten Schuss ab , Held und
Meister Rouvroy den zweiten. Bald brannte Belgrad an fünf Orten, unausgesetzt aber hagelten die glühenden
Kugeln der Oesterreicher auf die Stadt nieder — in 17 Stunden zählte man 187.000 Schüsse und Bombenwürfe;
die Hölle schien offen; so unheimlich war das unausgesetzte Leuchten der Bomben- und Granaten -Brandröhren, der
Wachteln und Feuerwerkskörper , und diesem imposanten Artilleriefeuer dankte man in erster Linie den Fall der
Festung , „f^err ", rief Osman Pascha dem Sieger Loudon zu, „Dein Harne ift meinen Centeit fdyccflidy Dein Reiter
jerfdjmetterte bie Reifen, Deine Kanonen flogen meinen Ceuten auf beit Straften itady id? ntuftte iljrent miitlymbeu
Hilbringen linb ihrer Der^meifhing tiacfygeben
. " Das (dem während der Belagerung dahingeschiedenen) FZM. Baron
Rouvroy zuerkannte Grosskreuz des Theresienordens ehrte die ganze Artillerie: der Kaiser kargte auch nicht mit
Worten des Ruhmes für seine meisterhaften Kanoniere.
So stand Oesterreichs Artillerie am Ende der Josephinischen Aera stolz und achtunggebietend da, glänzender
denn je, ein Musterinstitut, dessen NachahmungfswürdigFeitdie grössten Kriegfsmeister anerkannten . Von diesem Stand-
punkte der Blüthe ist sie nie mehr abgewichen in kommenden Zeiten; Tapferkeit und unerschütterliche Pflichttreue,
Geschicklichkeit im schwierigen Dienste, Wissensdrang und Gelehrsamkeit im Ofhcierscorps — das waren die beinahe
typischen Tugenden des österreichischen Kanoniers; sein brauner Rock war ein Ehrenkleid geworden, das der Bürger
mit demselben Respect betrachtete , wie der neidlose Kamerad.

Dreipfündiges Feldgeschütz 1760.


DIE TECHNISCHEN TRUPPEN.

I.

Ingenieure und Sappeure.

Das Jahr 1747 ist bedeutsam für die Geschichte der technischen Truppen in Oesterreich : es war das
Gründungsjahr des kaiserlichen Ingenieurcorps , jenes vortrefflichen Körpers , welcher rastlos an seiner Vervoll¬
kommnung und Ausgestaltung gearbeitet und den Ruhm einer musterhaften militärisch -wissenschaftlichen Institution errungen
hat . Noch später als die Kanoniere hatten die »Ingenieure « ihre Angliederung und Verschmelzung mit dem Heere voll¬
zogen . Wohl hatte es schon in den Zeiten vor der Erfindung des Pulvers berühmte »Kriegsbaumeister « gegeben,
welche zur Erbauung besonders kunstvoller Stadtmauern und Stadtthürme verschrieben wurden : sie waren aber
nur Meister ihrer Kunst , die auf eigene Rechnung für den Herrn arbeiteten , welcher sie bezahlte . Nach der epochalen
Umwälzung , welche die Erfindung des Pulvers in der ganzen Kriegführung und namentlich in der Vertheidigung und
dem Angriff von Festungen hervorrief , blieb die Befestigungskunst zunächst Privatsache ; die Künste der Minenlegung,
des Schanzenbauens u. s. w. legten sich die Constabler bei — das Miniren schon deshalb , weil nur sie mit dem
Pulver umzugehen wagten . In Deutschland war kein Geringerer als Albrecht Dürer der erste , rechte Kriegs¬
baumeister . Er war es, welcher — ohne praktische Schulung im Kriege , ohne soldatischen Charakter — zuerst die
Grundsätze für eine dem neuen Geschütz trotzende Festungsanlage ausgearbeitet , die Anwendung von Vertheidigungs-
Casematten , die Anordnung mehrerer Geschützstellungen übereinander gelehrt hat ; Montalembert hat den Ruhm
erhalten , welcher dem grossen Maler , Bildhauer , Kupferstecher und Kriegsbaumeister gebührt . Sein „(Etlid ^et* Unterricht
311 Befestigung 5er Stabt , Scldojj unb ^ lecfen, Bürttberg f527 " war Kaiser Ferdinand I. gewidmet , und im kaiser¬
lichen Interesse war auch seine Kriegsbaukunst erdacht . Eine Reihe hervorragender Männer finden wir nun im Laufe
des XVI . und XVII . Jahrhunderts als Baukünstler im Dienste der Kaiser . Maximilian II . hatte zeitweilig den Meister
Daniel Speckle , den Befestiger Ingolstadts , Schlettstadts , Strassburgs und anderer Städte in Diensten ; Rudolf II . zog
den Italiener Claudio Cograni als Oberst - Ingenieur nach Oesterreich , Wallenstein bediente sich der Dienste des
Ingenieur -Hauptmanns Pieroni , und General Gallas brachte seinen Vetter , den als »experimentirten Ingenieur « bekannten
Marchese Borri zu Ehren , einen Mann , der das Festungs -Vertheidigungs - und -Angriffswesen bereits in ein System
INGENIEURE UND SAPPEURE. 167

brachte und den Anlauf zur Gründung eines besonderen Ingenieurcorps nahm. Was der Ingenieur-Oberstlieutenant
Georg Rimpier bei der zweiten Vertheidigung Wiens (1683) gethan, das verzeichnet die Kriegsgeschichte. Er war
ein Sachse und hatte schon in Kandia mit seinen Kriegsminen Wunder gewirkt ; in Wien steigerte er das Wunderbare
seiner Wirkungen , trotzdem er mit durchaus ungeschulten Mineuren arbeitete . Auf den von ihm so herrlich vertheidigten
und erhaltenen Wällen von Wien endete er sein eigenes Leben ; werthvolle Schriften über sein reichausgebildetes
Fortificationssystem bildeten die Kostbarkeiten seines Nachlasses.
Die Ingenieure des Kaisers waren an der Schwelle des XVIII . Jahrhunderts berühmt in Europa . Czar Peter
erbat sich einige von ihnen, als er 1696 Azow belagerte . Aber sie waren im Grunde doch nur gemiethete Ausländer,
und begreiflich erscheint der Herzenswunsch Kaiser Carl VI., durch die Errichtung einer Ingenieur-Akademie solche
militärische Künstler in den eigenen Staaten heranzuziehen. Mathematik, Geometrie, Mechanik und Militär-Architektur
bildeten die Lehrgegenstände , Officiere waren die Zöglinge der 1718 activirten Anstalt . Gerade damals kam dem
Ingenieurwesen in Oesterreich Zuwachs von Aussen. Aus den dem Kaiser endgiltig zugesprochenen, bisher spanischen
Niederlanden und den italienischen Provinzen zog man tüchtige Kräfte hera