Sie sind auf Seite 1von 2

27/9/2020 Geschichte der Zuwanderung nach Deutschland nach 1950 | bpb

URL: http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-
sozialkunde/138012/geschichte-der-zuwanderung-nach-deutschland-nach-1950
Pfad: Politik / Grundfragen / Deutsche Verhältnisse. Eine Sozialkunde / Migration / Geschichte der Zuwanderung nach Deutschland nach 1950

31.5.2012 | Von: Wolfgang Seifert

Wolfgang Seifert
Wolfgang Seifert, geb. 1959, ist Leiter des Referats für sozial- und
wirtschaftsstatistische Analysen von IT.NRW, Geschäftsbereich
Statistik, Nordrhein-Westfalen. Ausbildung: 1979 bis 1985 Studium
der Soziologie an der Freien Universität Berlin, 1994 Promotion an
der Freien Universität, 1999 Habilitation an der Humboldt
Universität Berlin. Beru iche Tätigkeiten u. a. 1991 – 1995 am
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, 1995 – 2000
Humboldt Universität Berlin. Seit dem Jahr 2000 am Landesamt
für Datenverarbeitung und Statistik (jetzt IT.NRW).
Arbeitsschwerpunkte sind die Integration von Immigranten,
insbesondere in den Bereichen Bildung und Arbeitsmarkt.

Geschichte der Zuwanderung nach Deutschland nach 1950


Aufgrund des rasanten Wirtschaftswachstums kam es Mitte der 1950er-Jahre zu einem Arbeitskräftemangel. Die
Bundesrepublik begann im Ausland Arbeitskräfte anzuwerben. Die Boomjahre der Anwerbung endeten 1973. Die
Zuwanderung nahm nach der Wiedervereinigung stark ab.

Massenmigration gab es nicht nur in modernen Industriegesellschaften. Zwischen 1821 und 1924 wanderten etwa 55
Millionen Menschen aus Europa nach Übersee. Die Kolonialisierung und ebenso die Entkolonialisierung lösten größere
Migrationsbewegungen aus. Nach den beiden Weltkriegen kam es in Europa zu Massen ucht und Vertreibung.

Die Anwerbung von "Gastarbeitern"

Ende der 1940er-Jahre ebbte der durch den Zweiten Weltkrieg verursachte Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen ab. Mitte
der 1950er-Jahre, als ein rasantes Wirtschaftswachstum zu einem Arbeitskräftemangel führte, begann auch die
Bundesrepublik Arbeitskräfte im Ausland anzuwerben. 1955 wurde der erste Anwerbevertrag mit Italien geschlossen.
Abkommen mit Spanien und Griechenland folgten 1960. Weitere Abkommen wurden mit der Türkei (1961), Marokko (1963),
Portugal (1964) Tunesien (1965) und Jugoslawien (1967) geschlossen. Allerdings war der Zuzug ausländischer Arbeitskräfte
zunächst quantitativ wenig bedeutsam, da der Arbeitskräftebedarf bis zum Bau der Berliner Mauer 1961 weitgehend mit
übergesiedelten Personen aus der DDR gedeckt wurde. Erst danach wurden ausländische Arbeitskräfte in großer Zahl
angeworben und bereits 1964 wurde der einmilllionste Gastarbeiter in Deutschland begrüßt und mit einem Motorrad
beschenkt. 1973, als in Folge der Ölkrise ein Anwerbestopp verhängt wurde, lebten knapp 4 Millionen Ausländerinnen und
Ausländer in Deutschland.

In den Boomjahren der Anwerbung von den 1960er-Jahren bis zum Anwerbestopp 1973 wurden ausländische Arbeitskräfte
angeworben, um den Arbeitskräftebedarf in der industriellen Massenfertigung, der Schwerindustrie und dem Bergbau zu
decken. Dabei handelte es sich überwiegend um Tätigkeiten, die nur geringe Quali kationsanforderungen stellten.
Entsprechend war auch der Quali kationsgrad dieser Arbeitskräfte vergleichsweise niedrig und sie gliederten sich am unteren
Ende der Arbeitsmarkthierarchie ein. Die Anwerbung sollte jedoch nicht zu einer dauerhaften Niederlassung ausländischer
Arbeitskräfte führen. Es sollte lediglich der Bedarf an gering quali zierten Arbeitskräften während der Hochkonjunkturphase
überbrückt werden. Da die Arbeitsverträge zunächst befristet waren, kamen viele Arbeitskräfte ohne Familie. Erst mit der
Wir setzen auf dieser Website Cookies ein. Diese dienen dazu, Ihnen Servicefunktionen anbieten zu können sowie zu
zunehmend längeren
Statistik-und Aufenthaltsdauer
Analysezwecken wurden auch
(Web-Tracking). Familien
Wie Sie nachgeholt. widersprechen können sowie weitere
dem Web-Tracking
Informationen dazu nden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

https://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138012/geschichte-der-zuwanderung-nach-deutschland-nach-19… 1/2
27/9/2020 Geschichte der Zuwanderung nach Deutschland nach 1950 | bpb

Die Entwicklung nach dem Anwerbestopp von 1973

Der Anwerbestopp von 1973 stellte dann die ausländischen Arbeitskräfte, die nicht aus einem Land der damaligen EWG
stammten, vor die Entscheidung, entweder zurückzukehren oder sich auf einen längerfristigen Aufenthalt einzurichten und die
Familie nachzuholen. Der Familiennachzug nach dem Anwerbestopp konnte die Rückwanderung nahezu kompensieren, so
dass die Zahl der ausländischen Bevölkerung nur leicht rückläu g war. Deutlich zurückgegangen war hingegen die Zahl der
ausländischen sozialversicherungsp ichtig Beschäftigten von 2,5 Millionen im Jahr 1973 auf 1,6 Millionen im Jahr 1985.
Gleichzeitig ging die Erwerbstätigenquote der ausländischen Bevölkerung deutlich zurück. Anfang und Mitte der 1980er-Jahre
el die Zuwanderung gering aus, Anfang der 1980er-Jahre war die Wanderungsbilanz sogar leicht negativ. Zu Beginn der
1990er-Jahre war die Zuwanderung wieder angestiegen und sogar höher als 1970, dem Jahr mit dem höchsten Zuzug an
"Gastarbeitern". Der Fall des Eisernen Vorhangs, Kriege und "ethnische Säuberungen" im ehemaligen Jugoslawien sowie die
sich zuspitzende Lage im kurdisch besiedelten Teil der Türkei verursachten diese Entwicklung (Münz u. a. 1999: 51). In dieser
Phase erreichte auch der Zuzug von Aussiedler(inne)n und Asylbewerber(inne)n seinen bisherigen Höhepunkt.

Diese wurden in Deutschland von großen Teilen der Bevölkerung nicht willkommen geheißen. Mit der deutschen
Wiedervereinigung verbreitete sich in Deutschland eine ausländerfeindliche Grundstimmung, die in zahlreiche Ausschreitungen
gegen Asylsuchende und die ausländische Bevölkerung mündeten. 1991 wurden in Hoyerswerda Asylsuchende aus ihren
Unterkünften vertrieben und mit Steinen beworfen. Im gleichen Jahr wurden in Hünxe zwei Flüchtlingskinder bei einem
Brandanschlag schwer verletzt. 1992 wurden in Rostock unter öffentlichen Beifallsbekundungen die Unterkünfte von
Asylbewerbern mehrere Tage belagert und schließlich in Brand gesetzt. In Mölln (1992) und Solingen (1993) wurden
Brandanschläge auf bereits lange in Deutschland lebende türkische Familien verübt, die in den Flammen starben oder
schwerverletzt überlebten.

Der Rückgang der Zuwanderung nach der Wiedervereinigung

Ab Mitte der 1990er-Jahre waren dann die Zuwanderungszahlen wieder stark rückläu g, und damit fanden auch die
gewalttätigen Aktionen gegen die ausländische Bevölkerung ein vorläu ges Ende. In den Jahren 1997 und 1998 war die
Wanderungsbilanz sogar negativ. In diesen Jahren verlor das Wanderungsgeschehen insgesamt an Dynamik, denn sowohl die
Zahl der Zuzüge als auch die der Fortzüge ging zurück. Von 1996 bis zum Jahr 2008 sank die Zahl der in Deutschland
lebenden Ausländerinnen und Ausländer von 7,5 Millionen auf 7,2 Millionen. Einbürgerungen und das im Jahr 2000 geänderte
Staatsangehörigkeitsrecht, das Kindern von in Deutschland lebenden Ausländerinnen und Ausländern bei Vorliegen weniger
Vorrausetzungen zusätzlich zur Staatsangehörigkeit der Eltern auch die deutsche Staatsangehörigkeit verleiht, haben dazu
geführt, dass die ausländische Bevölkerung nicht weiter wuchs. Allerdings bildet die ausländische Bevölkerung die
tatsächliche Zahl der Zugewanderten und deren Kinder nur unzureichend ab, da einerseits Aussiedlerinnen und Aussiedler die
deutsche Staatsbürgerschaft haben und andererseits ein nicht unbeträchtlicher Teil der zugewanderten Bevölkerung die
deutsche Staatsbürgerschaft durch Einbürgerung erworben hat.

Personen mit Migrationshintergrund

Im Jahr 2005 wurde mit dem Mikrozensus erstmals die Möglichkeit geschaffen, den Migrationshintergrund differenziert
abzubilden. Nach der De nition des Statistischen Bundesamtes zählen nun alle Ausländerinnen und Ausländer, alle über die
Grenzen Deutschlands zugewanderten Personen (mit Ausnahme der Flüchtlinge und Vertriebenen während und nach dem
Zweiten Weltkrieg) sowie alle Personen mit mindestens einem ausländischen, zugewanderten oder eingebürgerten Elternteil
zu den Personen mit Migrationshintergrund. [1] Im Jahr 2008 haben 19 % der Bevölkerung in Deutschland, das sind 15,6
Millionen Menschen, einen Migrationshintergrund. Die Hälfte davon – 8,3 Millionen – sind deutsche Staatsbürger. Von der
ausländischen Bevölkerung stammen im Jahr 2008 ein Viertel aus der Türkei, 7,8 % aus Italien und 5,9 % aus Polen.

Fußnoten
1. In Nordrhein-Westfalen werden abweichend davon Kinder von Eingebürgerten und vor 1950 Zugewanderte generell nicht als Personen mit
Migrationshintergrund angesehen.

Wir setzen auf dieser Website Cookies ein. Diese dienen dazu, Ihnen Servicefunktionen anbieten zu können sowie zu
Statistik-und Analysezwecken (Web-Tracking). Wie Sie dem Web-Tracking widersprechen können sowie weitere
Informationen dazu nden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

https://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138012/geschichte-der-zuwanderung-nach-deutschland-nach-19… 2/2