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Skript zur VL Vorklassisches Latein (SS 21, Prof. Dr.

Kloss)
 Historisch-sprachwissenschaftliche Einordnung der lateinischen Sprache:
> eine indogermanische (indoeuropäische) Sprache
> Indogermanische Sprachen: mehrere Hundert lebende oder ausgestorbene Sprachen, die auf eine gemeinsame Ursprache, das
Indogermanische, zurückgehen
> Heutige Sprecherzahl: ca. 3 Milliarden weltweit
> Lokalisierung des Urindogermanischen unsicher; meistvertretene Thesen: nördliche Schwarzmeergegend, Anatolien oder Kaukasus
> Zeit: bis spätestens 3000 v. Chr. Urindogermanisch (Proto-Indoeuropäisch), dann Aufspaltung
> Indogermanistik (historisch-vergleichende Sprachwissenschaft): versucht die Grundzüge des Indogermanischen durch Sprachvergleich
aus den bekannten Tochtersprachen zu rekonstruieren
 Primäre Zweige des Indogermanischen:
> Keltisch (z.B. Festlandkeltisch †, Schottisch, Irisch, Walisisch, Bretonisch)
> Germanisch (Nord-, West-, Ost- †)
> Baltisch (Litauisch, Lettisch)
> Slawisch (West-, Ost-, Süd-)
> Italisch (incl. Latein  romanische Sprachen)
> Albanisch
> Griechisch
> Armenisch
> Anatolisch † (z.B. Hethitisch †) (entdeckt Ende 19. Jh., entziffert 1915)
> Indoiranisch (Indoarisch [incl. Sanskrit], Iranisch, Nuristani)
> Tocharisch † (A und B) (entdeckt ab 1890, entziffert 1908)

> „Trümmersprachen“: ausgestorben, Existenz und Zuordnung zu den idg. Sprachen sicher, genauere Unterordnung zu oder Verwandtschaft
mit den Hauptgruppen unsicher
- Lusitanisch (iberische Halbinsel), Messapisch (Italien, zum Illyrischen?), Venetisch (Norditalien), Sikulisch (Sizilien), Illyrisch
(Balkan), Thrakisch (Balkan), Makedonisch (Balkan), Phrygisch (Kleinasien)
 Das Lateinische:
> gehört innerhalb der idg. Sprachen zur Primärgruppe der italischen Sprachen
> italische Sprachen:
- Oskisch-Umbrisch
> Oskisch (Süditalien)
> Umbrisch (Mittelitalien)
> (Südpikenisch)
- Latino-Faliskisch
> Latein (Dialekt von Rom)
> Faliskisch (Dailekt von Falerii, 50 km nördlich von Rom)
- Venetisch?
> weitere Sprachen in Italien:
> Keltische Sprachen: Gallisch, Lepontisch, Ligurisch (?)
> Etruskisch (nicht-indogermanisch)
> Nordpikenisch (noch nicht entziffert, aber sicher nicht indogermanisch)
> Massapisch (mit dem Illyrischen verwandt?)
> Griechisch
 Umbrisch: Iguvinische Tafeln:
> sieben Bronzetafeln aus Iguvium
> 1444 entdeckt, ca. 400–90 v. Chr.
> religiöse Inschriften
> z.B. Tabulae Iguvinae I b, Z. 40–42:
40 PUSTERTIUa PANEb PUPLUc ATERAFUSTd IVEKAe PERAKREf TU(r)SETUg …
41 HUTRAh FURUi SEHMENIARk HATUTUl, EAFm IVEKAn TREo ARKERUNIEp
42 FETUq …
„Am dritten Taga, nachdemb [~ tertio (die) post quam] er den Heerbannc [dies die alte Bed. von lat. populus] entsühnt hatd, soll er
jährigef Kühee [~ iuvencas] jageng. … Unterhalbh des Forumsi der Semeniak sollen sie (sie) fangenl, diesem dreio [~ eas tres] Kühen
soll er in Akedoniap opfernq [~ facito].“
 Faliskisch: Kylix mit Inschrift:
> 4. Jh. v. Chr.
> FOIED. VINO. PIPAFO. CRA. CAREFO.
Hodie vinum bibam cras carebo.
„Heute will ich Wein trinken, morgen fasten.“
 Phonologische und morphologische Merkmale des vorklassischen Lateins:
> Vorbemerkungen:
> Das vorklassische Latein ist, über die gesamte Sprachentwicklung hin gesehen, nichts als eine mehrere Jahrhunderte lange Zwischenetappe
auf dem Weg vom Indogermanischen über das Italische hin zum Latein der klassischen Zeit und der Spätantike und weiter zu den heutigen
romanischen Sprachen
> Das vorklassische Latein hat phonologisch und morphologisch einige aus dem Indogermanischen und Gemeinitalischen ererbte Merkmale
bewahrt, die in der späteren Entwicklung verloren gingen
> Der Formenbestand des vorklassischen Lateins ist um einiges vielfältiger als der des klassischen Lateins, das eine starke Standardisierung
erfährt
=>es ist daher wichtig, Grundzüge der Entwicklung des indogermanischen Laut- und Formenbestands hin zum Lateinischen zu kennen
> Phonologische Merkmale des vorklassischen Lateins:
> Phonembestände: Indogermanisch vs. Latein
Indogermanisch Latein
VOKALE > a, e, i, o, u > a, e, i, o, u
> ā, ē. ī, ō, ū > ā, ē. ī, ō, ū
> i und u gibt es auch als positionsbedingt > i und u gibt es auch als positionsbedingt
halbkonsonantisch ausgesprochene Allophone [j] und halbkonsonantisch ausgesprochene Allophone [j] und
[ṷ] [ṷ]
KONSONANTEN > Liquiden und Nasale: > Liquiden und Nasale:
- r, l, m, n - r, l, m, n
> Spirant: > Spirant:
- s - s, f
> Laryngale (systematisch zu den Konsonaten zählend, > Hauchlaut: h
aber teilweise mit vokalischen Wirkungen): > Laryngale (systematisch zu den Konsonaten zählend,
- h1 aber teilweise mit vokalischen Wirkungen):
- h2 –
- h3 > Verschlusslaute (Okklusive):
> Verschlusslaute (Okklusive): Labiale Dentale Velare Labiovelare
Labiale Dentale Palatale Velare Labiovelare Tenues p t k kṷ
Tenues p t ḱ k kṷ Mediae (b) d g gṷ
Mediae (b) d ǵ g gṷ
Med.
asp.
bh dh ǵh gh gṷh

> es fehlen: Palatale (mit den Velaren


zusammengefallen); Mediae aspiratae; Laryngale
> neu: Spirant f; Hauchlaut h

> Die Entwicklung der lateinischen Phonologie und Morphologie aus dem Indogermanischen:
1. PHONOLOGIE:
> VOKALE:
> Das Lateinische bewahrt das System der 10 (2*5) idg. Vokalphoneme, einer Reihe aus kurzen und einer Reihe aus langen Vokalen
> In betonter Stellung bleiben einfache Vokale, kurze ebenso wie lange, unverändert erhalten
> Das Lateinische tendiert zur Monophthongierung von diphthongischen Vokalkombinationen:
Indogermanisch Uritalisch Altlatein Klassisches Latein Vulgärlatein
ai ai ai ae e
ei ei ei, ē ī ī
a) ū a) ū
b) poe-, foe-, wenn b) ē
oi oi oi, oe folgende Silbe ohne i
> z.B. Poe-nus vs.
Pu-ni-cus
au au au au ō
eu eu ū ū ū
ou ou ū ū ū
> Bsp.:
> alat. deicere > dicere, vgl. gr. δείκνυμι, dt. zeigen
> alat. OINO (Scipioneninschrift, 3. Jh. v. Chr.) > ūnus, vgl. gr. οἴνη („Eins auf dem Würfel“)
> Das Lateinische hatte ursprünglich einen konsequenten Initialakzent (bis ins 4., vielleicht sogar 3. Jh. v. Chr. hinein)
> Daher rührt die Vorliebe der frühlateinische Formelsprache und Dichtung für Alliterationen
> In zur Zeit des Anfangsakzents unbetonten Mittel- und Endsilben unterliegen sowohl Kurz- als auch Langvokale einer
Vokalschwächung, die bei kurzen Vokalen bis zum völligen Ausfall des Lauts führen kann (gr. βαλανεῖον > *bálineum >
bal-ne-um)
> Produkte der Vokalschwächung sind, je nach Kontext, kurzes e, i, u bzw. langes i, u:
> Bsp.: > o in geschlossenen Endsilben wird zu u: CONSENTIONT > consentiunt; -os > -us, -om > -um
> auslautende Kurzvokale e, i, o werden zu e: ante (gr. ἀντί); sequere (Imp.), gr. ἕπου < ἕπεο < *sekw-e-so
> in offenen Binnensilben werden Kurzvokale i.d.R. zu i: *con-cado > con-cido; caput, capitis; *agetis > agitis
> in besonderen Stellungen entsteht aber auch e oder u:
> z.B. e vor r: pario > peperi; amaberis
> vor Labial wird der reduzierte Vokal zu /ü/, geschrieben entweder als u oder als i: taberna, contubernalis
(inschriftlich auch contibernalis); alat. optumus, klass. optimus
> Diphthonge in offenen Binnensilben: ai > ae > ī: caedo > con-cīdo; au > ū: claudo > con-clūdo
> Vocalis ante vocalem corripitur: flĕo – flēmus; *deiwos > *dēus > dĕus; neben audīverit auch audĭerit (nach Ausfall von
intervokalischem v)
> littera-Regel: Langvokal + einfacher Konsonant kann ersetzt werden durch Kurzvokal + Doppelkonsonant: lītera > lĭttera; Iūpiter >
Iŭppiter; *(g)nārare (von gnārus) > nărrare
> Auslautkürzung vor Sonanten (r,l,m,n) und t in Endsilben mehrsilbiger Wörter: laudāmus vs. laudŏr, laudĕm, laudănt, laudăt;
victōris vs. victŏr; animālia vs. animăl; rēs, rē vs. rĕm
> Anaptyxe: Verschlusslaut + l (besonders *-klo- und *-blo-/*-bli-) werden häufg durch einen „Sprossvokal“ i oder u „aufgefaltet“:
poclum > poculum; *stablom > stabulum; *faclis > facilis; *stablis > stabilis; gr. Ἡρακλῆς (synkopiert) > *Hercles >
Hercules; noch klassisch periclum neben periculum
> KONSONATEN & HALBVOKALE:
> bei intervokalischen Halbvokalen treten im Lateinischen Kontraktionserscheinungen auf: *lăwătrina > lātrina; sī vīs („bitte“)
> sīs (Plautus); prōvidens > prūdēns; māvolō > mālō; *trĕjĕs > trēs
> Intervokalisches s unterliegt dem Rhotazismus, indem es zunächst stimmhaft wird (/z/), dann zu r: *āsa > āra; s-Stämme: *genesa >
genera, aber genus (! nur bei den Neutra ist das s im Nominativ erhalten; bei den Maskulina hingegen wird das in den obliquen Kasus
entstandene r analogisch auf den Nominativ übertragen: alat. hŏnōs > hŏnŏr!); vgl. gr. *γένεσα > γένεα > γένη (hier: Schwund des s)
> Im Auslaut war s schon im Alat. schwach ( metrische Belege) und wurde wohl allenfalls oberflächlich gesprochen. In der klass.
Zeit aus analogischen Gründen geschützt ( wichtige Rolle in der Flexion), fiel es dann in der Spätantike endgültig weg
> Verschlusslaute:
> Die idg. labialen und dentalen Tenues und Mediae (p, b, t, d) sind im Lat. stabil
> Die idg. Velare und Palatale (k, g; ḱ, ǵ), die jeweils eigene Phonemreihen bilden, fallen im Lat. zu einer Reihe zusammen
> Die idg. Labiovelare (kw, gw, gwh) sind im Lat. gut konserviert:
> kw > qu: *kwis > quis; *pen-kwe (vgl. gr. πέντε, dt. fünf) > *pinque > quinque (Assimilation)
> gw > v/gu: *gwṃjō > venio (lat. ṃ > em, vgl. dt. kommen; gr. βαίνω)
> gwh im Anlaut > f, im Inlaut > v oder gu (nach n): *gwher-mós > lat. for-mus, for-nax, gr. θερ-μός, dt. warm; *sn(e)igwh > nix,
nivis, ninguit, dt. Schnee
> Mediae aspiratae:
> Anlaut:
> idg. bh- > f-: *bhrātar- > frater, gr. φράτηρ („Phylengenosse“), dt. Bruder
> idg. dh- > f-: *dheh1- > fē-cī, gr. ἔ-θη-κα, vgl. dt. tun
> idg. gh-/ǵh vor Vokal > h-: *ghaidos > haedus, dt. Geiß; *ghostis > hostis („Feind“), dt. Gast
> h bleibt schon früh stumm, wird aber noch geschrieben; nicht immer etymologisch korrekt: *ghans- > (*h)ans-er, dt.
Gans, aber arena/harena < *as- (vgl. assus „trocken“, dt. Asche)
> Inlaut:
> idg. -bh- > -b- (nicht -f-!): *nebh-el-a > nebula, vgl. gr. νέφος, νεφέλη, dt. Nebel
> idg. -dh- > -d- (hinter Nasal) oder -b- (neben u, l, r): *medh-jos > medius, gr. μέσος; *h1rudh- („rot“) > rub-er, gr. ἐ-ρυθ-
ρος (vgl. das Dialektwort rufus); *h1leudh- („frei“) > līb-er, gr. ἐλεύθ-ερος, vgl. dt. Leute
> idg. -gh-/-ǵh- (intervokalisch) > -h-: *wegh- > veh-i, dt. Weg, be-weg-en, Wagen, Woge
> sonstige Konsonantenentwicklungen:
> gn- > n-: gnosco > nosco, gnarus > narus, gnatus > natus ( junge Entwicklung, 2. Jh. v. Chr.)
> Vereinfachung auslautender Geminaten: *milet-s > *miless > miles; cord > cor. Im Alat. sind manchmal die ursp. Geminaten noch
metrisch wirksam (z.B. Langmessung von *es-s > ēs „du bist“ bei Plautus); noch klassisch regelmäßig Langmessung von hōc
„dieses“ < *hod-ce
> Assimilationserscheinungen in der Komposition:
> ad-: afferre, attuli, allatum
> con-: comparare
> inter-: intellegere
> dis-: diffundere, dīducere (mit Ersatzdehnung)
> ob-: occurrere, offerre
> in-: irrumpere
> vor Dental und j wird m zu n angepasst: quen-dam, eun-dem, quon-iam

2. MORPHOLOGIE
> NOMINA:
> Das Idg. hatte 8 Kasus: Nominativ, Vokativ, Akkusativ, Genitiv, Dativ, Lokativ, Instrumental, Ablativ
> in voller Zahl formal nur im Singular der o-Deklination unterschieden; überall sonst fallen mehrere Kasus formal zusammen
> wie im Lat., so stimmten im Plural in allen Deklinationen der Nominativ und der Vokativ sowie der Dativ und der Ablativ formal
überein, sodass es schon in der Ursprache nur 6 verschiedene Pluralformen gab
> alle 8 Kasus sieht man morphologisch noch im Altindischen, im Lateinischen ist ihre Zahl durch Zusammenfall mehrerer Kasus
auf 6 reduziert, im Griechischen auf 5, im Deutschen auf 4, im Rumänischen auf 2, im Englischen auf 1
> Das Idg. hatte 3 Numeri: Singular, Plural und Dual. Im Lateinischen ist der Dual nicht mehr produktiv (anders als im Altgriechischen
und z.B. im Slowenischen); Reste sind in duo und ambo zu erkennen
> Das Idg. hatte 3 Genera: Maskulinum, Femininum und Neutrum. Möglicherweise geht diese Dreiteilung auf eine noch ältere
Zweiteilung „belebt–unbelebt“ zurück. Das Femininum wäre dann als letztes Genus neu entwickelt worden.
> Deklinationen:
> es gab zwei Arten von Deklinationen: thematisch vs. athematisch
> thematisch: jünger; zwischen die Wurzel und die Endung tritt ein Themavokal (-o-); nur o-Deklination
> im Lat. ist durch Verschmelzungen der Themavokal -o- nicht mehr überall erkennbar, z.B. im Genitiv lup-i (im Gegensatz
zu lup-o-s > lupus)
> athematisch: älter; Endungen treten direkt an die Wurzel; alle anderen Deklinationen
> die a-Deklination ist wie die konsonantischen Stämme athematisch, wurde aber mit einem laryngalhaltigen Suffix (-eh2-)
gebildet, das für die a-Färbung gesorgt hat, sodass man den Eindruck haben könnte, es handle sich um einen Themavokal
parallel zur o-Deklination
THEMATISCH ATHEMATISCH
Endungen der o-Deklination (Maskulina) Endungen (Maskulina + Femina)
Sg. Pl. Sg. Pl.
-o-s -o-h1es > -o-es > -ōs1 -s/-Ø -es
Die gegenüber dem Idg. zwei Möglichkeiten: 1.
Nom neue lat. Endung -oi > -ī Endung -s/2. keine
Nom.
. -os > -us ist von den Pronomina Endung, aber Dehnstufe;
hergenommen z.B. urb-s; *patēr-Ø >
patĕr, vgl. gr. πατήρ
-e -o-h1es > -o-es > -ōs -Ø -es
Vok. Vok.
-e > -e
-o-m -o-ns -m -ns
Akk. Akk.
-om > -um
-o-s, -o-sjo -o-om > -ōm -s/-es/-os -om
Entstehung der Endung -ī regulär: -ōm > -ŏm; diese Das Lat. setzt die Endung
ist nicht ganz klar; sie setzt Endung ist im Alat., in -es fort, die sich zu -is
wahrscheinlich keine der zeremoniellen weiterentwickelt; die
beiden idg. Endungen fort Zusammenhängen und in Alternative -os (vgl. gr.
Gen. der Dichtung noch als -um Gen. -ος) ist aber noch in
zu sehen (virum, deum); einigen alten Inschriften
durchgesetzt hat sich die zu finden (CAESARUS <
neuere Endung -ōrum, die *-os)
nach Analogie der a-
Deklination gebildet ist
Dat. -o-ej > -ō-j -oi-bh(j)os Dat. -ej -bh(j)os
Das -j ist geschwunden Der lat. Dat./Abl. Pl. setzt -ej > -ī -bhos > -bus
nicht die Endung des idg.
Dat./Abl. Pl. fort, sondern
1
Das -a in der Endung des Nom./Akk. Pl. Neutrum stammt aus dem Nom. Sg. der a-Deklination, die ursprünglich zur Bilung von Kollektivausdrücken genutzt wurde.
des Instr. Pl., mit dem der
Ablativ funktional
zusammengefallen ist; aus
-ōjs wurde -īs
-ōd -oi-bh(j)os -s/-es/-os -bh(j)os
Im Alat. ist das -d noch Der lat. Dat./Abl. Pl. setzt Der lat. Abl., in dem -bhos > -bus
teilweise vorhanden; nicht die Endung des idg. Ablativ, Lokativ und
danach schwindet es => Dat./Abl. Pl. fort, sondern Instrumental
Abl. Abl.
formaler Zusammenfall des Instr. Pl., mit dem der zusammengefallen sind,
mit dem Dat. Sg. Ablativ funktional setzt im Sg. den idg.
zusammengefallen ist; aus Lokativ fort (-i > -e)
-ōjs wurde -īs
-o-i -oj-su -i/-Ø -su
-oi wird lat. zu -ī;
produktiv ist der Kasus nur
Lok. noch in Ortsnamen, erstarrt Lok.
gibt es die Endung in
Formen wie domi, temperi
oder ruri
-o-h1 -ōjs -(e)-h1 -bhi(s)
Instr. Ist mit dem Abl. Sg. Instr.
zusammengefallen
Endungen der a-Deklination
Sg. Pl.
-ah2-Ø > -ā -ah2-as > -ās
Der lat. Nom. Sg. hat -ă, Der Nom. Pl. ist wie in der
Nom. vielleicht vom Vokativ o-Deklination mit einem -ī
übernommen neu gebildet worden (-āī >
-ai > -ae)
-a(h2) > -ă -ah2-as > -ās
Vok.
Akk. -ah2-m > -ām -ah2-ns > -ās
-ah2-as > -ās -ah2-om >-āom
Im Alat. und später noch Der neue Gen. Pl. -āsom >
in der Wendung pater -ārum (Rhotazismus)
familiās ist die alte stammt aus der
Gen.
Endung -ās erhalten; das Pronominaldeklination
neuere -āī > -ai > -ae ist in
Analogie zur o-
Deklination neu gebildet
-ah2-aj >-āj -ah2-bh(j)os > -ābhos
Lat. ais > -īs analog zur o-
Deklination neu gebildet;
das alte -ābhos lebt nur
Dat.
noch in (künstlich) zur
Unterscheidung gebildeten
Formen wie filiabus und
deabus
-ah2-as > -ās -ah2-bh(j)os > -ābhos
Alat. -ād (neu gebildet Lat. ais > -īs analog zur o-
analog zur o-Deklination) Deklination neu gebildet;
> -ā das alte -ābhos lebt nur
Abl.
noch in (künstlich) zur
Unterscheidung gebildeten
Formen wie filiabus und
deabus
-ah2-i > -aï -ah2-su > -ās(u)
Lok.
-ah2-ah1 > -ā -ah2-bhi(s) > -ābhi(s)
Instr.
> VERBA:
> Konjugationstypen:
> Minimaltypus einer finiten Verbform im Idg.: Verbalstamm + Personalendung
> Beim Verbalstamm unterscheidet das Idg. (wie bei den Nomina) ältere athematische und jüngere thematische, d.h. solche
mit Themavokal oder solche ohne
> Dieser Themavokal war, abhängig von der Umgebung, entweder ein e oder ein o
> In allen idg. Sprachen gibt es eine mehr oder minder starke Verdrängung der athematischen durch die thematische
Konjugation, d.h. ursprünglich athematische Verben erhalten einen Themavokal
> Im Griechischen sind die nicht mehr sehr zahlreichen, aber besonders frequenten und wichtigen athematischen Verben
gut an ihrer Endung -μι in der 1. Ps. Sg. Ind. Präs. Akt. zu erkennen: δί-δω-μι („ich gebe“), δείκ-νυ-μι („ich zeige“), φη-μί
(„ich sage“), εἰ-μί („ich bin“)
> Im Lat. ist die Verdrängung so gut wie abgeschlossen, es gibt fast nur noch thematisch konjugierte Verben, vgl. gr. δείκ-
νυ-μι, aber lat. dī-cō, dīc-i-s
> Reste der athematischen Konjugation im Lat.:
> esse, z.B. sum (aus *h1es-mi > *esṃ > sṃ > *səm), es (aus h1es-s), es-t (aus *h1es-ti)
> ēst (aus *h1ēd-ti), 3. Ps. Sg. Ind. Präs. Akt. von ĕdere „essen“; außerdem ire
> Einige Verben der a- und e-Konjugation setzen den athematischen Typus fort, ohne dass das äußerlich erkennbar
wäre, z.B. nare, flare, nere, fari (dor. gr. φᾱμί, att. φημί)
> Der Themavokal ist am besten in der konsonantischen Konjugation zu erkennen: *teg-e-t > teg-i-t, *teg-o-nti > teg-
u-nt
> Von den idg. Präsensstammklassen zu den lat. Konjugationen:
> Das Idg. kannte (wie das Griechische) keine Konjugationsklassen wie das Lat., sondern nur:
1. bei den Endungen die Unterscheidung athematisch–thematisch
2. beim Stamm etwa 20 verschiedene Präsensstammbildungsklassen
> Wurzelpräsentien
> Verben mit Präsensreduplikation
> Inkohativa mit Suffix -sk- (vgl. lat. (g)no-sc-ere)
> Faktitiva mit -ā- (vgl. lat. nov-ā-re „neu machen“)
> Verben mit Nasalinfix (vgl. lat. ta-n-g-ere)
> Verben mit -j- (vgl. lat. fac-i-o)
> Das Lat. nahm eine völlige Umgestaltung vor, indem es den Schwerpunkt der Klasseneinteilung vom Stamm auf den
Ausgang der Verbformen verlegte
> Die Verben der etwa 20 idg. Präsensstammklassen wurden auf die neu entstehenden 4 Konjugationsklassen (a-, e-, i-,
kons.) verteilt, z.B.:
> Die idg. Faktitiva mit dem Suffix -ā- gingen in die a-Konjugation ein
> Die idg. -j-Präsentien teilten sich in die Klassen der langvokalischen bzw. kurzvokalischen i-Konjugation auf (sent -ī-
mus bzw. fug-ĭ-mus)
> Die Inkohativa mit Suffix -sk- gelangten in die konsonantische Konjugation
> Die Verbalendungen – Aktiv:
> Das Idg. unterschied zwei Typen von Endungen: Primärendungen und Sekundärendungen
> Ursprünglich sind die Primärendungen zeitlich markiert und fokussieren die Gegenwart; die Sekundärendungen sind
dagegen unmarkiert
> Vgl. die Verhältnisse im Griechischen: Primärendungen treten im Präsens, Futur und Konjunktiv auf, Sekundärendungen
in den Vergangenheitstempora und im Optativ
> Die idg. Primärendungen lauten im Aktiv: -mi bzw. -h2, -si, -ti; -mes/-mos, -te, -nti (deiktisches Iota?)
> Athematische und thematische Verben hatten dieselben Primärendungen, außer in der 1. Ps.Sg. Akt.: athematisch -mi,
aber thematisch -h2, sodass zusammen mit dem Themavokal -o-h2 > -ō entsteht
> Die athematische Primärendung -mi > -m gibt es im Lat. nur noch in der Form su-m; überall sonst ist die Primärendung
der 1. Ps. Sg. Akt. -ō
> Die idg. Sekundärendungen lauten im Aktiv: -m, -s, -t; -me, -te, -nt
> Durch Lautentwicklungen und analogische Angleichungen fielen im Lat. Primär- und Sekundärendungen zusammen, außer in
der 1. Ps. Sg.: primär -ō, sekundär -m; ansonsten: -s, -t, -mus, -tis (< *-te-s aus dem Sg.), nt
> Primäres -ō steht im Präsens und den beiden Futura, sekundäres -m im Imperfekt, Plusquamperfekt und allen Konjunktiven,
da diese ursprüngliche Optativformen sind; deshalb Fut. II laudavero, aber Konj. Perf. laudaverim
> Die Verbalendungen – Passiv:
> Das Idg. hatte zwei Diathesen, ein Aktiv und ein Medium, das reflexive Bdtg. hatte („ich wasche mich“)
> Ein Passiv gab es nicht, es wurde jeweils einzelsprachlich erst herausgebildet; im Griechischen gibt es dann tatsächlich alle drei
Diathesen
> Im Lat. gibt es kein Medium als eigene Diathese mehr, dafür ein Passiv, das sich aus dem Medium gebildet hat; das alte
Medium ist aber noch erkennbar in der häufiger reflexiven Funktion des Passivs (lavor, moveor, vehor, feror usw.) und in den
Deponentien
> Die idg. Personalendungen des Mediums lauten:
> primär: -mai, -soi, -toi, -mes-dha, -(s)dhwe, -ntoi
> sekundär: -mā, -so, -to, -me-dha, -dhwe, -nto
> Das Lat. hat diese Endungen – auch unter Beteiligung eines (seiner Herkunft nach nicht ganz klaren) zusätzlichen -r – stark
umgebildet:
> -or < *-ō-r (Aktivendung + Passivsuffix -r)
> -re < *-se < *-so (Rhotazismus!); die „klassische“ Endung -ris ist im Altlatein noch sehr selten; sie entsteht duch
verdeutlichende Anfügung des -s aus dem Aktiv
> -tur < *-to-r
> -mur < *-mor (Aktivendung -mos mit Ersetzung des -s durch das Passivsuffix -r)
> -mini (isoliert; Nom. Pl. des im Lat. verlorenen Part. Präs. Med.?; vgl. gr. -μένοι; Willms: Die Endung -minī der 2. Pl. im
Lat. geht […] auf eine dem gr. -μενοι entsprechende Partizipialform zurück. Als Ausgangspunkt muss man sich wohl
eine Periphrase mit estis vorstellen, das nach dem Verschwinden von -μενοι als aktives PPA ausfallen konnte)
> -ntur < *-nto-r
> Die Verbalendungen – Perfekt:
> Das Perfekt war ursprünglich kein Vergangenheitstempus, sondern bezeichnete einen in der Gegenwart erreichten Zustand (am
Griechischen noch gut zu sehen, im Lat. in Resten); in vielen Sprachen verschmolz es aber seiner Funktion nch mit dem Aorist
und nahm die Rolle eines echten Vergangenheitstempus an
> Die idg. Perfekt-Endungen sind:
> 1. Sg.: -h2e > -a
> 2. Sg.: -th2e > -t(h)a
> 3. Sg.: -e
> 1. Pl.: ? (In der 1. und 2. Pl. wurde in den meisten Sprachen – auch im Lat. – analog zu anderen Tempora geneuert, sodass
nicht genau festzustellen ist, was die alten Endungen waren)
> 2. Pl.: ? (In der 1. und 2. Pl. wurde in den meisten Sprachen – auch im Lat. – analog zu anderen Tempora geneuert, sodass
nicht genau festzustellen ist, was die alten Endungen waren)
> 3. Pl.: -ers > -ēr
> Im Lat. ist an die idg. Perfektendungen analog zu den Primärendungen im Präsens ein -i angehängt worden:
> 2. Sg. und Pl.: Ein Element -is- wurde eingefügt, das auch an einigen anderen Stellen in der Bildung von Perfektformen
auftaucht, etwa beim Infinitiv (vid-is-se), im Konj. Perf. und Fut. II (*vid-is-it > viderit), im Plusquamperfekt
(*vid-is-at > viderat)
> 3. Sg., 1. Pl. und 2. Pl.: Die Endungen -t, -mus und -tis sind aus dem Präsens übernommen
> 3. Pl.: drei Formen:
> Die alte Form ist *ēr-i > -ēre
> Daneben bildet sich eine Form aus -is- und der Endung -ont: *-is-ont > -ĕrunt; diese Form war die auf der Straße
übliche, die dann in die romanischen Sprachen einging
> Die von Caesar und Cicero als „richtig“ angesehene Form -ērunt ist eine junge Kontamination aus den beiden
älteren Formen; sie macht an den Schulen Karriere
> Tempus- und Moduszeichen:
> Die Herkunft des Tempuszeichens -ba- für das Imperfekt ist nicht sicher geklärt; vermutet wird ein Imperfekt der idg. Wurzel
*bhū- „sein, werden“ (vgl. die fu-Formen von esse)
> Aus derselben Quelle stammt wohl das b-Futur:
> Das Futur von esse heißt ero, eris, erit usw. (ein alter Konjunktiv *esō, eses, esed usw. – Futur und Konjunktiv sind
funktional und morphologisch verwandt)
> Nun wird die Analogie aufgemacht: eram : ero :: amabam : X  X = amabo
> Das e-Futur in der 3. und 4. Konjugation stammt letztlich aus derselben Quelle wie der a-Konjunktiv und wie der e-
Konjunktiv der a-Konjugation
> Konjunktiv Imperfekt: Ein s- (dasselbe, das im Lat. in alten Formen wie faxo, faxim, ausim als Mittel zur Bildung von Futur
oder Konjunktiv gebraucht wird) verbindet sich mit dem Konjunktiv -ē- zu -sē-, dann *amā-sē-m > amārem
> Infinite Formen:
> Der Infinitiv Aktiv -re geht auf -se zurück (noch gut zu sehen an es-se, *vel-se > velle), das wiederum auf *-si zurükgeht;
dabei handelt es sich um den Lokativ (Endung -i) eines Verbalsubstantivs, das den s-Stämmen angehörte (wie genus, generis);
Inf. tegere ist also eigentlich teges-i zu einem Verbalsubstantiv *tegos, teges- „das Bedecken“
> Der Infinitiv Präsens Passiv ist eigentlich an die Wurzel angehängter Dativ -ej > -ī
> Das Partizip Präsens Aktiv auf -nt- ist aus dem Idg. ererbt und hat viele Verwandte in anderen Sprachen, ebenso das passive
-to-Partizip
> Dass das PPP häufig auch mit -so- gebildet zu werden scheint, liegt daran, dass in dem Fall, dass das -to- an einen
Dentalstamm anschloss, ein -s- herauskam (*sald-to- > salso- „gesalzen“, *klaud-to > claus-); von hier hat die s-Bildung
auch auf andere Verben über gegriffen (z.B. mansus)
> -nd-Formen:
> Herkunft ungewiss; ebenso die Frage der Priorität von Gerundium oder Gerundivum
> Über die Entwicklung der Funktionen kann man immerhin sagen, dass
1. die notio necessitatis eine sekundäre Entwicklung ist
2. die in der traditionellen Grammatik übliche Aufteilung „Gerundium = aktivisches Verbalsubstantiv; Gerundivum =
passivisches Verbaladjektiv“ historisch nicht weit trägt; selbst in klass. Zeit finden sich Gerundia mit genau genomen
passivischer Bdtg. (pecudes ad vescendum procreatae)

> TEXTBEISPIELE:
> Frühe inschriftliche und sonstige nichtliterarische Zeugnisse des Lateinischen:
> Fundstellen:
> Steininschriften
> Inschriften auf anderen Artefakten (z.B. Münzen, Gefäße, Schmuckstücke)
> Zitate in späterer literarischer Überlieferung (handschriftlich, über das Mittelalter tradiert, Erinnerung an alte Kultlieder)
> Die Fibel von Praeneste (Fibula Praenestina):
> Datierung: 7.6. Jh. n. Chr.
> Seit der Entdeckung am Ende des 19. Jhs. gab es Zweifel an der Echtheit
> Zuerst konnte die Echtheit der Spange gesichert werden, die der Inschrift gilt heute ebenfalls als sicher
> Inschrift gilt als ältestes Zeugnis der lateinischen Sprache
> Von rechts nach links geschrieben: MANIOS : MED : FHE : FHAKED : NUMASIOI (Doppelpunkt: Worttrennung)
„Manios hat mich dem Numerius gemacht“
> MANIOS = Manius
> MED = me: Der Akk. me hatte ursprünglich ein auslautendes -d, das hier noch erhalten ist
> FHEFHAKED = fecit
> Altes Reduplikationsperfekt von facere
> Das -a- des Stamms hat noch keine Binnensilbenschwächung erfahren
> Die Endung -d (< -t) ist eine Sekundärendung (noch nicht mit der Primärendung -t < -ti
zusammengefallen); das Perfekt wurde also schon als Vergangenheitstempus behandelt
> NUMASIOI = Numerio:
> Noch keine Binnensilbenschwächung
> Noch kein Rhotazismus -s- > -r-
> Das -i des Dativs ist noch erhalten
> Die Lapis-Niger-Inschrift:
> Unter einem Ensemble aus schwarzem Marmor („Lapis niger“) wurdem auf dem Forum Romanum eine abgebrochene Stele mit einer
Inschrift gefunden
> Datierung: 6. Jh. v. Chr. (etwas jüner als die Fibel)
> Inhalt: Reste eines religiösen Textes (Kultgesetz)
> Text fragmentarisch; bustrophedon „so wie das Rind Wendungen macht, wenn es pflügt“ (abwechselnd rechts- und linksläufig)
geschrieben
> Einzelne Wörter:
> quoi = qui (vor der Monophthongierung)
> hok = hoc
> sakros = sacer (alte Nominativbildung)
> esed = erit (wohl Konjunktiv, da Sekundärendung; noch kein Rhotazismus)
> recei = regi (Dativ vor der Monophthongierung; häufig noch c statt g  g entwickelt sich aus c durch Hinzufügung eines Striches)
> kalatorem („Ausrufer, Gehilfe eines Priester“)
> iouxmenta = iūmenta (vor der Mophthongierung; Vokalgruppe -gsm- erhalten; < *jeug-s-menta zum Stamm *jeug-/jug-
(Schwundstufe), vgl. iugum, iungere, coniug-)
> kapta = capta
> kapiad = capiat (Sekundärendung -d, da Konjunktiv)
> ite = item (?, Ausfall des auslautenden -m)
> iouestod = iūsto (vor Monophthongierung und Kontraktion; Ablativauslaut -d noch vorhanden)
> Die Duenos-Inschrift:
> Inschrift auf einer Vase, deren Form als „Kernos“bezeichnet wird und die kultischen Zwecken diente
> Datierung: 6. Jh. v. Chr.
> Die Inschrift ist
> linksläufig
> in scriptio continua geschrieben
> schwer lesbar
> Drei Textbänder (Zeilen) sind unterscheidbar:
IOVESAT DEIVOS QOI MED MITAT NEI TED ENDO COSMIS VRICO SIED
ASTED NOISIOPETOITESIAI PACA RIVOIS
DUENOS MED FECED EN MANOM EINOM DUENOI NE MED MALOS TATOD
iurat deos, qui me donat, ni in te comic virgo sit,
at te †noisiopetoitesiai† paca rivis
bonus me fecit in manum †einom†; bono ne me malus clepito.
„Es beschwört bei den Göttern, wer mich schenkt: wenn da Mädchen dir nicht genigt sein sollte,
sondern dich … besänftige mit [diesen] Strömen.
Ein Guter hat mich gemacht zu gutem Ergehen (ß); dem Guten soll mich nicht ein Böser stehlen.“

> iouesat: vor Mophthongierung (und Kontraktion) und Rhotazismus


> deivōs: Akk. Pl.; spätere Entwicklung deivos > dēus > deus (vocalis ante vocalem corripitur) (davon auch das Adj. divus)
> qoi: später Monophthongierung zu qui
> med = me (Akk. Sg.), ebenso ted
> mitat: wohl nicht mittat, eher Indikativ eines unbekannten a-Verbs mit dem Sinn „geben“
> nei = ni = nisi
> endo = in: hier postponiert; diese Variante von in ist sogar noch bei Ennius belegt (andere Variante: indu, vgl. induperator =
imperator bei Ennius)
> cosmis = cōmis: später Schwund des -s- mit Ersatzdehnung
> virco = virgo: Schreibung von G als C ist lange üblich, vgl. C. = Gaius, Cn. = Gnaeus
> sied = si: Konjuktiv siet auch noch literarisch belegt, -d  Sekundärendung
> asted = ast ted: durch Verschmelzung; die Form ast = at ist noch sehr lange dichterisch belegt
> †noisiopetoitesiai† ist noch nicht geklärt; in noisi könnte nisi stecken
> paca: Imp. von pacare
> rivois: Die Monophthongierung ist noch nicht erfolgt
> duenos: Altes du- vor Vokal wird erst Mitte des 3. Jhs. zu b-, vgl. noch duona bei Livius Andronicus (fr. 26); ähnlich bellum aus
duellum (das dichterisch und in Formeln auch nach der vorklassischen Zeit belegt ist); die Entwicklung von -ue- zu -uo- hat noch
nicht stattgefunden
> feced: Sekundärendung -d
> manom †einom† ist unklar; in mano(m) steckt wohl ein altes Wort für „gut“
> duenoi: Das Dativ-i ist noch vorhanden
> tatōd: Ein Imperativ der 3. Ps. zu einem später verlorenen Verb mit der Bedeutung „stehlen“
> Das Carmen Arvale:
> Prozessionshymnus der Fratres Arvales, einer alten Priesterschaft, die noch bis in die Kaiserzeit existierte
> Der Text des Arvallieds stammt von einer späten Inschrift, ausgeführt von einem Steinmetz, der nicht wusste, was er schrieb;
Herstellung und Interpretation des Textes sind entsprechend unsicher
> E NOS, LASES, IVVATE
NEVE LVE RVE, MARMAR, SINS INCVRRERE IN PLEORIS
SATVR FU, FERE MARS, LIMEN SALI STA BERBER
SEMVNIS ALTERNEI ADVOCAPIT CONCTOS
E NOS, MARMOR, IVATO
TRIVMPE.
„Heil, helft uns, Laren!
Und lass nicht zu, Mars, dass Seuche und Verderben das Volk befällt!
Sei satt, wilder Mars, spring über die Schwelle, steh … (?)!
Ruft der Reihe nach alle Semonen an!
Heil, Mars, hilf uns!
Triumph!“
> E: alte Interjektion, noch zu finden in edepol „beim Pollux“
> LASES = Lares: noch ohne Rhotazismus
> LVE = luem: Akk. Sg. von luēs „Seuche, Pest“; das -m wird nicht geschrieben, wie überhaupt häufig in Inschriften
> RVE = ruem: offenbar Akk. Sg. einer alten Form ruēs = ruina
> MARMAR und MARMOR: reduplizierende Varianten von Mars
> SINS: wahrscheinlich = sinas, obwohl unklar ist, warum das -a- fehlt
> PLEORIS = plures: noch die unkontrahierte und nicht monophthongierte Form, hier im Sinne von „Volk“ gebraucht; an
zwei Stellen steht die Endung -is, an der dritten -es
> FV: Imperativ zum Stamm fu- (idg. *bhū- „werden“, „sein“, vgl. gr. φύω, φύομαι, φύσις), der klassisch nur aus dem Perfekt bekannt
ist
> SALI: transitiv als „überspringen“ konstruiert („Spring die Schwelle“)
> BERBER: unklar; sieht nach einer reduplizierten Form aus, aber von welchem Stamm?
> SEMVNIS = Semones: Name von Gottheiten, vielleicht „Saatgötter“ (vgl. serere, semen)
> ALTERNEI: Adverb, wahrscheinlich ein alter erstarrter Lokativ
> ADVOCAPIT: verkürzter Imperativ Plural = *advocapite, wohl zu advocare mit unklarer Stammerweiterung -pi- gebildet
> CONCTOS = cunctos: bereits kontrahiert aus urspr. *co-iunctos
> TRIVMPE = triumphe: Im vorklass. Lat. wurden die Aspirationen i.d.R. nicht geschrieben
> Das Carmen Saliare:
> Salii: Priesterschaft, die unter Numa Pompilius, dem zweiten römischen König, gegründet worden sein soll. Sie stand im Dienst des
Mars und des Quirinus, aber auch andere Götter wurden angerufen
> Die religiösen Umzüge der Salii gingen mit Tanz und Gesang einher
> Der Text des Salierlieds war in historischer Zeit unverständlich geworden ( keine inschriftliche Überlieferung, Überlieferung im
Rahmen von Texten, die über das Mittelalter vermittelt auf uns kamen); entsprechend unsicher ist an vielen Stellen die Textherstellung
und die Interpretation
> Überliefert sind zitatweise 35 Fragmente, die meisten davon in Varros De lingua Latina und bei antiquarisch interessierten späteren
Grammatikern
> Bsp.: Bei Varro LL 7, 27 ist in den Handschriften überliefert:
cozeulodorieso. omnia vero adpatula coemisse. ian cusianes duonus ceruses. dunus Ianusve vet pom melius eum recum.
> Hinter odoriso scheint sich ein Imperativ adoriso oder oboriso mit der alten mediopassivischen Endung -so (> klass. -re;
Rhotazismus + Auslautschwächung) zu verbergen („erscheine!“)
> Coemisse könnte als commisi zu interpretieren sein (Schreibung -ē = -ei > -ī)
> Offenbar wird Ianus angerufen (ian und ianus)
> Duonus = bonus
> Hinter melios eum recum könnte melior eum regum oder meliorum regum stecken (noch kein Rhotazismus, vl. Endung Gen.
Pl. -um, Schreibun c für /g/)
> Das Zwölftafelgesetz:
> Datierung: Mitte 5. Jh. v. Chr.
> Überlieferung in Zitaten bei späteren Autoren (u.a. Cicero); dadurch möglicherweise orthographische und morphologische
Modernisierungen
> Bsp. 1: si in ius vocat, ito. ni it, antestamino. igitur em capito.
„Wenn (jemand jemanden) zu Gericht ruft, soll er gehen. Wenn er nicht geht, soll ein Zeuge angerufen werden. Dann soll
(jemand) ihn holen.“
> Auffällig das Fehlen der Subjekte, die aus dem Zusammenhang zu ergänzen sind
> Üblich: Imperative II der 3. Person (ito, antestamino, capito)
> antestamino: Alter mediopassivischer Imperativ (2./3. Ps. Sg.) von antestari mit der auch z.B bri Plautus belegten Endung
-mino, offenabar aus 2. Pl. -mini hergeleitet
> em = eum: Daneben gab es auch die Form im; vom Stamm i- ist auch altes ibus (=eis/iis) belegt, ebenso Gen. Pl. eum (=
eorum); in den meisten Kasus wurde is, ea, id nach dem Muster der o-/a-Deklination umgebildet
> Bsp. 2: uti legassit super pecunia tutelave suae rei, ita ius esto.
„Wie (jemand) über sein Geld und die Obhut über sein Vermögen verfügt, so soll es rechtens sein.“
> legassit: Eine alte Futurbildung mit -s-, entstanden aus dem früheren Konjunktiv Aorist; überlebt im Konj. Präs. ausim und
in faxo (Fut.), faxim (Konj.) bis in die spätere Dichtung (und teilweise Prosa) hinein (Vergil, Ovid, Livius usw.); Formen wie
amasso werden später als alte Futur-II-Formen (= amavero) interpretiert
> Bsp. 3: si furiosus escit, adgnatum gentiliumque in eo pecuniaque eius potestas esto.
„Wenn (jemand) geisteskrank ist, soll die Verfügung über ihn und sein Vermögen bei den Verwandten und Gentilgenossen
liegen.“
> escit: Bildung zu esse mit dem Suffix -sc-, in der Bdtg. eines Futurs (= erit)
> adgnatum: Gen. Pl.
> Bsp. 4: viam muniunto. ni sam delapidassint, qua volet iumento agito.
„(Grundstückseigentümer) sollen einen Weg (für berechtigte Passanten) befestigen. Wenn sie ihren (weg) nicht mit Steinen
abgegrenzt haben, soll (der Passant) mit seinem Zugvieh entlangziehen, wo er will.“
> sam: Eine alte Alternative zu suam vom Stamm *so- (statt *seṷo-)
> delapidassint: s-Futur (s.o.)
> Bsp. 5: si membrum rupsit, ni cum eo pacit, talio esto.
„Wenn (jemand einem anderen) ein Körperteil verletzt hat, soll, wenn er sich mit ihm nicht einigt,das Talionsrechgelten.“
> rupsit: s-Futur vom Stamm rup-, also ohne Nasalinfix
> pacit: Entspricht klassischem pangit (vom Stamm pag- mit Nasalinfix); vom gleichen Stamm (mit -c-) pac-isc-i und pax,
pac-is
> Die Scipionen-Inschriften:
> In der Anfang des 3. Jhs. v. Chr. angefangenen Grabanlage (Via Appia) der Familie der Scipiones wurden Sarkophage mit Inschriften
gefunden, die sich auf neun Personen beziehen
> Auf den ältesten beiden finden sich neben den Inschriften je ein weiter rühmender Text, die sogenannten „Scipionenelogien“
> Die Texte lassen erkennen, dass sie als Dichtung im altrömischen Versmaß des Saturniers gelesen werden wollen
> Das erste Elogium ist Lucius Cornelius Scipio Barbatus (Konsul 298, Zensor 280) gewidmet
> Das zweite Elogium gilt dessen Sohn Lucius Cornelius Scipio (Konsul 259, Zensor 258)
> Die Datierung ist unsicher; möglicherweise sind die Elogien im nachhinein angebracht worden, vielleicht zuerst das des Sohnes;
diskutiert werden Daten zwischen 270/230 und 150 v. Chr.
> Das Elogium auf Lucius Cornelius Barbatus:
> Text (in metrischen Einheiten  Saturnier: immer Mittelzäsur, am Anfang dreihebige Struktur):
Cornelius Lucius ║ Scipio Barbatus,
Gnaivod patre prognatus, ║ fortis vir sapiensque,
quoius forma virtutei ║ parisuma fuit,
consol censor aedilis ║ quei fuit apud vos,
Taurasia Cisauna ║ Samnio cepit,
subigit omne Loucana ║ opsidesqie abdoucit.
„Cornelius Lucius Scipio Barbatus, Sohn seines Vaters Gnaeus, ein tapferer und weiser Mann, dessen Gestalt seiner Tüchtigkeit
völlig entsprach, der Konsul, Zensor, Ädil war bei euch, Taurasia, Cisauna und (ganz) Samnium eroberte, ganz Lukanien unterwarf
und Geiseln abführte.“
> Vorname Lucius nachgestellt, um ein dreisilbiges Wort vor die Mittelzäsur setzen zu können
> Gnaivōd: Alte -ai-Schreibung des Diphthongs (so auch bei aedilis); Erhaltung des intervokalischen -v-; Erhaltung des alten
Ablativ-d
> quoius: Erhaltung des quo- (später cuius)
> virtutei: mit altem Dativ -ei (> -ī)
> parisuma: Einfachschreibung des -ss-; der Laut /y/ wird orthographisch als -u- wiedergegeben
> consol: noch keine Schwächung -o- > -u- in der Schlusssilbe
> quei: Diphthong auf dem Mittelweg von -oi- über -ei- zu -ī-
> Taurasia, Cisauna, omne, Loucana ( Akk.): Schluss-m (nasaliert!) wird nicht geschrieben
> Samnio: Akkusativ (= Samnium) oder Ablativ ( Taurasia und Cisauna liegen in Samnium)? Bei Abl. wäre Samniod zu erwarten
> Loucana, abdoucit: Monophthongierung noch nicht erfolgt
> opsides: Graphischer Ausdruck der lautlichen Assimilation von -b- an -s-
> Das Elogium auf Lucius Cornelius Scipio:
> Text (in metrischen Einheiten):
honc oino ploirume ║ cosentiont R[omane]
duonoro optumo ║ fuise viro
Luciom Scipione ║ filios Barbati.
c[o]nsol censor aedilis ║ hic fuet a[pud vos].
hec cepit Corsica ║ Aleriaque urbe,
dedet Temestatebus ║ aide mereto[d].
„Dieser Mann – darin stimmen die meisten Römer überein – sei von den guten der allerbeste gewesen: Lucius Scipio, der Sohn des
Barbatus, Konsul, Zensor, Ädil war er bei euch. Er eroberte Korsika und sie Stadt Aleria, und er stiftete den Wettergöttern einen
Tempel nach Verdienst.“
> honc: Der Wandel von o zu u vor n und m ist noch nicht erfolgt
> oinio = unum: Alter Diphthong oi- erhalten; Endung -m ist nicht geschrieben (so auch in duonoro, optumo, viro, Scipione,
Corsica, Aleria, urbe, aide, aber anders in Luciom); Schwächung -o- > -u- in der Schlusssilbe noch nicht erfolgt (wie in
consentiont, duonoro, optumo, viro, Luciom, filios)
> ploirume = plurimi: -oi- erhalten, Endung -e = -ei > -ī
> cosentiont: Nasalierung von con- vor s (= cõs-), nicht graphisch repräsentiert
> Die Form Romane (= Romanei = Romani) ist rekonsticruiert; auch der Lokativ Romai „in Rom“ wäre möglich
> duonoro = bonorum
> optumo = optimum, ausgesprochen /optymõ/
> fuise: Einfachschreibung des Doppelkonsonanten (vgl. parisuma)
> filios: Der Nominativ ist nicht konstruierbar; zu erwarten war der Akk.
> aidilis, aide (= aedem): Erhaltung des Diphthongs
> fuet =fuit, hec = hic, dedet = dedit, Tempestatebus, meretod = merito: Schreibung von kurzem e für kurzes i (oder umgekehrt)
ist zu allen Zeiten häufig in Inschriften
> meretōd: Ablativ-d erhalten
> Diese zweite Inschrift wirkt sprachlich altertümlicher als die erste
> Das Senatus Consultum de Bacchanalibus:
> Inschrift auf einer Bronzetafel mit einem Senatsbeschluss über die Unterdrückung des Bacchuskults im Jahre 186 v. Chr.
> Gefunden 1640 in Tiriolo (Kalabrien), heute im Kunsthistorischen Museum Wien
> Über die Ereignisse des Jahres 186 v. Chr. berichtet ausführlich Livius (39, 8–19)
> Den Anhängern des sich rasch entwicklenden Bacchuskultes wurden nicht nur orgiastische Praktiken, sondern Verbecher aller Art wie
Mord und Missbrauch vorgeworfen
> Der Senat wurde mit den als staatsgefährdend angesehenen Umtrieben befasst und gab den Konsuln die Vollmacht zum exekutiven
Eingreifen
> Mit dem überlieferten Senatsbeschluss wurden die Aktivitäten des Kults praktisch verboten
> Die Anhänger des Kults, vor allem aber auch die Anhängerinnen, deren es sehr viele gab, wurden verfolgt, aufgespürt und – im Falle der
Männer, denen man Verbrechen zur Last legte – zum Tode verurteilt. Die Frauen wurden der familiären Gerichtsbarkeit überantwortet
> SACERDOS NEQVIS VIR ESET MAGISTER NEQVE VIR NEQVE MVLIER QVISQVAM ESET
NEVE PECVNIAM QVISQVAM EORVM COMOINE[M H]ABVISE VE[L]ET NEVE
MAGISTRATVM NEVE PRO MAGISTRATVD NEQVE VIRVM [NEQVE MVL]IEREM QVIS-
QVAM FECISE VELET NEVE POST HAC INTER SED CONIOVRA[SE NEV]E COMVOVISE
NEVE CONSPONDISE NEVE CONPROMESISE VELET NEVE QVISQVAM FIDEM INTER
SED DEDISE VELET SACRA IN OQVOLTOD NE QVISQVAM FECISE VELET NEVE IN
POPLICOD NEVE IN PREIVATOD NEVE EXSTRAD VRBEM SACRA QVISQVAM FECISE
VELET NISEI PR VRBANVM ADIESET ISQVE DE SENATVOS SENTENTIAD DVM NE
sacerdos ne quis vir eset. magister neque vir neque mulier quisquam eset, neve pecuniam quisquam eorum comoinem habuise velet,
neve magistratum neve pro magistratud neque virum neque mulierem quisquam fecise velet, neve post hac inter sed coniourase neve
comvovise neve conspondise neve compromesise velet, neve quisquam fidem inter sed dedise velet. sacra in oqoltod ne quisquam fecise
velet, neve in poplicod neve in preivatod neve extrad urbem sacra quisquam fecise velet, nisei pr. urbanum adieset isque de senatuos
sententiad, dum ne minus senatoribus C adesent, quom ea res cosoleretur, iousiset. censuere.
„Kein Mann darf Priester sein; kein Mann und keine Frau darf Vorsteher(in) sein; niemandvon ihnen darf eine gemeinsame Kasse
führen; weder zum Beamten noch zum Stellvertreter darf jemand einen Mann oder eine Frau bestellen. Künftig dürfen sie sich
untereinander weder durch Schwur noch durch Gelöbnis noch durch Vertrag nich durch eine Zusage verbinden noch sich gegenseitig
das Wort geben. Niemand darf die Rituale im Geheimen durchführen, noch darf jemand die Rituale auf öffentlichem oder privatem
Boden oder außerhalb der Stadt veranstalten, wenn er nicht zum Stadtprätor geht und dieser die Genehmigung erteilt nach einem
Beschluss des Senats, vorausgesetzt, es waren nicht weniger als 100 Senatoren anwesend, als dies beraten wurde. (Dies) haben sie
beschlossen.“
> Die Beschlüsse sind von dem mehrmals im Text vorkommenden censuere abhängig, daher steht in den Nebensätzen Konj. Impf.
bzw. Konj. Plusquamperfekt ( c.t.)
> Das häufige velet (= vellet) heißt etwa „soll auf den Gedanken kommen“
> Auffällig ist der Gebrauch des Infinitivs Perfekt statt Präsens („indicating legal finality“, BALDI [1999] 212), z.B. sacra in oqoltod
ne quisquam fecise velet, wörtlich „keiner soll auf den Gedanken kommen, Rituale durchgeführt zu haben“
> Doppelkonsonanten werden konsequeunt durch nur einen Buchstaben wiedergegebn: eset (= esset), adesent, habuise, fecise usw.;
velet, iousiset (= iussisset); comoinem (= communem), oqoltod (= occulto, mit -q- statt -cc-)
> Alte Diphthonge sind fast immer erhalten: comoinem, coniourase (= coniurasse), preivatod (= privato), nisei (= nisi), iousiset; in
compromesise (= compromisisse) erscheint späteres -ī- aber nicht als -ei-, sondern als -e-
> Das alte -d des Ablativs ist erhalten in magistratud, oqoltod (= occulto), poplicod (= publico), preivatod, sententiad, auch extrad
> In sed (= sē) ist noch das alte-d des pronominalen Akk. zu sehen
> In den Endungen ist -o- schon zu -u- geschwächt (virum, urbanum), anderswo steht es aber noch für späteres -u-: oqotod, poplicod
(von populus abgeleitet), cosoleretur (= consoleretur), quom (= cum)
> Inkonsequent die Schreibung für nasaliertes -n- vor s: conspondise und censuere, aber cosoleretur (= cõ s-); in comvovise (=
convovisse) erscheint vor v seltsamerweise m und nicht n
> adieset = adīsset: Die unkontrahierte Form adiisset scheint mit -ie- dissimiliert wodern zu sein
> Genitiv senatu-os zeigt noch die ganz alte idg. Endung -os, ebenso nominus (< nominos) = nominis (sieht nach gewolltem
Archaismus aus)
> Von Cato (De agricultura) überlieferte Gebete:
> Cato der Ältere (234–149 v. Chr.): Politiker; Redner; Autor des ältesten vollständig überlieferten Prosawerks der römischen Literatur
(De agricultura); schrieb als erster Römer ein historiographisches Werk in lat. Sprache (Origines)
> De agricultura enthält Vorschriften für die Bewirtschaftung eines Landguts einschließlich Hinweisen an den pater familias zum
Umgang mit seiner Familie und seinen Sklaven
> Cato überliefert auch Gebetsformeln, die im Rahmen von religiösen Zeremonien auf dem Landgut zu sprechen sind; sie lassen in
manchen Zügen due Zugehörigkeit zu einer älteren Sprachschicht erkennen
> Cato de agr. 132 (Text siehe Präsentation 6a):
> dapalis: Epitheton Iuppiters in seiner Eigenschaft als Empfänger des Opfermahls (daps)
> culigna = κυλίχνη „Becher, Kelch“
> pollucere < *por-lucere < *pro-lucere = „(auf der Tafel) vorsetzen, opfern“
> Cato gebraucht gern die Imperative II = Futur (vgl. Zwölftafelgesetz) ebenso das Futur I im Sinne einer Vorschrift (facies); diesen
(auf die Verwandtschaft des Futurs mit dem Konjunktiv zurückgehenden) Gebrauch gibt es auch später, z. B. in rhetorischen
Handbüchern oder in der Kochrezeptesammlung des Apicius („Rezeptfutur“)
> in domo famila mea: Asyndeton
> machte: etymologisch unklar (verwandt mit magnus oder dt. Macht?) und schon zu Catos Zeiten nicht mehr verstanden,
wahrscheinlich uspr. ein Vokativ; hier in der Formel machte esto „sei geehrt“; später noch in der Wendung machte virtute (esto) „
bravo!“ belegt
> illace, istace: das deiktische -ce ist noch voll erhalten
> inferio: Adj. inferius von inferre „darbringen“; später nur noch in inferiae „Totenopfer“ geläufig
> Cato de agr. 141, 2 (Text siehe Präsentation 6b):
> Gebet an Mars anlässlich der Su-ove-taurilia: apotropäischer Ritus, bei dem ein Eber, ein Widder und ein Stier zur Schadensabwehr
oder Sühnung um einen Ort herumgeführt und anschließend geopfert und verspeist wurden
> Rhythmisierung erkennbar, die an den Saturnier erinnert ( Zweiteilung)
> Auffällig die Rhetorisierung durch Alliterationen und die zweigliedrige (am Ende der beiden Gebetteile jeweils dreigliedrige)
Kolonbildung
> prohibessis, servassis: Konjunktiv Präsens mit -s- (alter Aorist?) und Optativ -i, vgl. faxim, amassim usw.
> averruncare = „abwenden, fernhalten“, nur in der religiösen Sprache vorkommendes Verb
> duene, duonom: in den Cato-Handschriften steht bene, bonam; die alten Lautstände sind von NORDEN wegen der Alliterationen
plausibel wiederhergestellt worden
> siris: Konjunktiv Präsens mit -si- (wie oben): *sej-sī-s > sīrīs (Rhotazismus!)
> duis: Alter Konjunktiv Präsens von dare; urspr- Konj (= Optativ) Aorist von *doṷ-ī-; die Bildung ist in der altlat. Literatur gut belegt,
kommt aber auch später in Wünschen noch gelegentlich vor („wenn man besonders feierlich werden möchte“)
> Die früheste epische Dichtung – Livius Andronīcus und Naevius
> Licius Andronicus: - genaue Lebensdaten unbekannt; gestorben nach 207 v. Chr.
- er war unteritalischer Grieche aus Tarent, der als Sklave nach Rom kam
- die Aufführung eines selbstverfassten Dramas durch Livius Andronicus an den Ludi Romani des Jahres 240 v.
Chr. ist das erste gesicherte Datum der römischen Literaturgeschichte
- Das Werk des Livius Andronicus umfasste
> Tragödien (mehrere Titel bekannt; wenige Fragmente erhalten)
> Komödien (mindestens ein Titel sicher bekannt)
> ein Prozessionslied für einen Chor (aufgeführt 207 v. Chr.)
> ein Epos (Odusia): Übersetzung der Odyssee Homers in das römische Versmaß des Saturniers
> der Zweck der Übersetzung ist unklar; man vermutete früher meist, dass das Werk Schulzwecken diente;
es gibt aber auch Zweifel an dieser Annahme
> Gnaeus Naevius: - ca. 265–201 v. Chr., in Kampanien geboren, in Nordafrika gestorben
- nahm am zweiten Punischen Krieg teil
- erste dramatische Aufführung 235 v. Chr.
- Sein Wek umfasste
> Tragödien (griechischer Art) und Praetextae (Trödien mit römischen Stoffen); ca. 50 Verse erhalten
> Komödie; ca. 100 Verse erhalten
> ein Epos (Bellum Poenicum) in Saturniern über den ersten Punischen Krieg (264–241 v. Chr.); nach späterer
Einteilung sieben Bücher mit 4000–5000 Versen; ca. 60 Fragmente erhalten (ein Wort bis zu mehreren Versen)
 Der Saturnier: > urrömischer Vers, vor dem Import des Hexameters aus Griechenland durch Ennius für epische Dichtung verwendet;
daneben Belege in Inschriften
> etwa 150 literarische Saturnier (Livius, Naevius) in Zitaten fragmentarisch überliefert
> die kaiserzeitlichen römischen Metriker haben den Vers nicht mehr verstanden, weil sie ihn nahc griechischem
Muster quantitierend analysieren wollten
> schlechter Überlieferungszustand (vermutlich viele ungenaue Zitate!) und geringe Anzahl erschweren die Analyse
> die altömischen Versifikationstechnik muss akzentuierend gewesen sein ( nicht Längen und Kürzen, sondern
natürliche Wortakzente = rhythmische Markierung)
 Akzentberücksichtingung bei den Dramenversen (Relikt aus älteren Zeiten)
 relativ späte Ersetzung des Saturniers durch den Hexameter (der keine Akzentberücksichtigung zulässt)
> erste Hälfte des Hexameters: natürlicher Wortakzent ≠ Hebung
> Hypothetisches Versschema des literarischen Saturniers bei Livius Andronicus und Naevius:
x́ x x́ x x́ x ║ x́ (x) x́ (x) x́ x
 x́ = natürlicher Wortakzent
 der zweite Teil des Verses kann wie der erste aussehen oder um eine der beiden ersten Senkungen „synkopiert“
werden
 in den Hebungen stehen Silben mit natürlichen zweimorigen (im Fall einer „Iambenkürzung“ auch dreimorigen)
Wortakzenten; die Akzentstellen können ganz regulär von einer Länge oder eine Doppelkürze gebildet sein
> von den römischen und noch immer vielen neuzeitlichen Metrikern wird der Vers als quantitierend und auftaktig
(iambisch) analysiert: virúm mihí Caména ║ ínsecé versútum (v – v – v – – ║ – v v – – –); akzentwidriges virúm ist
aber unmöglich
> da der Vers vermutlich aus der Zeit stammt, in der lateinische Wörter grundsätzlich einen Initialakzent hatten, ist
anzunehmen, dass der Saturnier betont begann
> Bsp.:
> Liv. fr. 1: virum mihi, Camena, insece versutum
Hom. Od. 1,1: ἄνδρα μοι ἔννεπε, Μοῦσα, πολύτροπον
> ἄνδρα μοι = virum mihi
> ἔννεπε = insece: Die Wörter (Bdtg. „ansagen“) sind indogermanisch urverwandt und entsprecheneinander
morphologisch genau:
> *en-sekṷ- > gr. en-hep- (Verhauchung des s, Labiovelar kw  p) > en-nep (metrische
Dehnung im Epos  nn)
> *en-sekṷ- > lat. in-sequ- (geschrieben als in-sec-); vielleich verwandt mit inquam, inquit
> Dt. sagen kommt von derselben Wrzel *sekṷ-
> Μοῦσα = Camena: Livius setzt hier die röm. Entsprechung ein; spätere röm. Dichtung sagen fast nur noch
Musae, nicht mehr Camenae; die antike Etymologie,d er gemäß die tatsächlich bezeugte Vorgängerform
Casmena mit carmen zusammenhängt, ist sprachhistorisch unmöglich (Voraussetzung für Rhotazismus:
intervokalisches -s-); car-men ist aus *can-men (von canere) entstanden
> πολύτροπον = versutum: Livius bedient sich hier einer Lehnübersetzung: dem Stamm τρεπ- „wenden“
entspricht lat. vert-; auf πολύ- verzichtet Livius allerdings; versutus hat zudem zwar wie πολύτροπος den Sinn
„geistig wendig, verschlagen“, aber nicht dessen zweiten Sinn „ viel (in der Welt) herumgekommen“
> Liv. fr. 34: simul duona eorum portant ad navis
multa alia in isdem inserinuntur
> duono: Livius gebraucht die alte, aus den Inschriften bekannte Form und nicht bona
> inserinuntur = inseruntur: hier sieht man eine alte, hin und wieder auftauchende Endung -nunt statt einfachem
-nt; es sind z. B. belegt danunt = dant (Plautus), prodinunt = prodeunt und redinunt = redeunt (Ennius),
explenunt = explent und bei Livius Andronicus selbst nequinont = nequeunt (fr.11)
> Liv. fr. 25: topper facit homones ut prius fuerunt
> topper = „rasch, im Nu“: das Adverb ist in alter Zeit sehr beliebt, verschwinder dann aber schnell; allein in
den wenigen Livius-Fragmenten kommt es viermal vor, außerdem bei den Tragikern Pacuvius und Accius,
bei Ennius und bei dem Historiker Coelius Antipater
> homōnes: diese Stammbildung von homo ist für die alte Zeit mehrfach bezeugt; dies Lesart ist zwar für den
Livius-Text nicht ganz sicher (manche Herausgeber drucken homines), aber der Saturnier geht besser mit
homines auf
> Naev. fr. 18: ei venit in mentem hominum fortunas
> fortunas: mihi venit in mentem wird bekanntlich mit dem Genitiv konstruiert (alicuius rei); deshalb kann man
hier fortunas auch als alten Genitiv (vgl. pater familias) interpretieren; dieselbe Endung bei Livius (fr. 19) in
Latonas (= Leto, Mutter Apolls) und Moentas (fr. 30; lat. Name der Muse Mnemosyne)