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Felix John Lektürekurs: Historia Augusta (in Auswahl) (Dr.

Scheithauer) Wintersemester 2020/2021

Zweite Hausarbeit (Übersetzung und Interpretation)


I. Übersetzung (MA 12, 1–3; 12, 7–8)1
Mit dem Volk aber ging er nicht anders um, als man mit diesem in einem freien Staat 2
umging. Und er war in jeder Hinsicht äußerst maßvoll, wenn es darum ging, die Menschen
vom Bösen abzuschrecken, sie zum Guten zu ermuntern, sie mit Vermögen zu belohnen, sie
mit Nachsicht freizusprechen, und er machte aus schlechten Menschen gute, und aus guten
Menschen sehr gute, während er sogar die Sticheleien von einigen besonnen ertrug.
Nachdem aber sein Bruder als Sieger aus Syrien zurückgekehrt war,
wurde beiden der Titel „Vater des Vaterlandes“ verliehen, weil sich Marcus in Abwesenheit
von Verus gegenüber allen Senatoren und Menschen äußerst maßvoll verhalten hatte.
Außerdem wurde beiden die Bürgerkrone dargebracht; und Lucius verlangte, dass Marcus mit
ihm triumphiert. Außerdem verlangte Lucius, dass die Söhne des Marcus Caesares genannt
werden.

II. Interpretation (MA 12, 1–3; 12, 7–8)

II.1 Welche Eigenschaften weist der Herrscher Marcus in diesem Text auf?

Der vorliegende Passus aus der Vita des Marcus befasst sich mit dessen Innenpolitik und stellt
Marcus in diesem Zusammenhang als einen idealen Herrscher (optimus princeps) dar. Dabei
sticht im Besonderen die moderatio als zentrale Eigenschaft des Marcus ins Auge, auf die der
Autor der Historia Augusta durch die dreimalige explizite Nennung (MA 12, 2:
moderantissimus; MA 12, 2: moderate; MA 12, 7: moderatissime) eine starke Emphase legt.
Im ersten Teil des Passus (MA 12, 1–2) geht der Verfasser der Historia Augusta
zunächst allgemein auf Marcusʼ Verhältnis zum römischen Volk (populus) ein und
charakterisiert dieses, indem er betont, dass Marcus mit dem Volk wie zu Zeiten der Republik
(MA 12, 1: sub civitate libera) umgegangen sei, womit er implizit die libertas herausstellt, die
das Volk unter der Regierung des Marcus genoss, als wenig autoritär. Im Folgenden wird die
Behandlung des Volkes durch Marcus einer näheren Betrachtung unterzogen (MA 12, 2).
Hierbei erscheint Marcus gewissermaßen als der väterlich-fürsorgende Führer des römischen
Volkes, als solcher er die Menschen durch seine exzeptionelle und diesen als Vorbild
dienende moderatio3 vom Bösen abschreckte (MA 12, 2: in hominibus deterrendis a malo)
1
Die an dieser Stelle und im Folgenden der Einfachheit halber verwendete Abkürzung „MA“ bezeichnet die
Vita Marci Antonini Philosophi innerhalb der Historia Augusta.
2
Dies impliziert die römische Republik.
3
Diese hebt der Autor der Historia Augusta eindrücklich hervor, indem er zum einen zu Beginn von MA 12, 2
den die Regierung des Marcus charakterisierenden Superlativ moderantissimus durch die Ergänzung von per
omnia („in jeder Hinsicht“) steigert, zum anderen am Ende von MA 12, 2 die moderatio des Marcus durch
die Setzung des Adverbs moderate nochmals explizit betont und durch die Ergänzung des steigernden etiam
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und zum Guten angespornte (MA 12, 2: invitandis ad bona), sie mit Vermögen belohnte (MA
12, 2: remunerandis copia) und mit Nachsicht freisprach (MA 12, 2: indulgentia liberandis),4
und sie somit in moralischer Hinsicht derart wandelte, dass unter den damaligen Menschen –
jedenfalls suggeriert dies der Verfasser der Historia Augusta – keine schlechten, sondern
lediglich gute und sehr gute Menschen existierten: fecitque ex malis bonos, ex bonis optimos.5
Auch im zweiten Teil des vorliegenden Passus (MA 12, 7–8),
der die hohen Ehrenauszeichnungen thematisiert, die Marcus und seinem Bruder Verus zuteil
wurden ( Ernennung zum pater patriae; Verleihung der corona civica) und die deren
Verdienste um das römische Volk dokumentieren,6 erscheint die moderatio als zentrale
lobenswerte Eigenschaft des Marcus. Dem Autor der Historia Augusta zufolge habe sich diese
in besonderem Maße in Marcusʼ Umgang mit allen Senatoren und Menschen zu Kriegszeiten
gezeigt7 und entscheidend zur dessen Ernennung zum pater patriae (MA 12, 7) beigetragen.8
Darüber hinaus lässt sich die moderatio des Marcus – gewissermaßen ex negativo – auch aus
der in MA 12, 8 geschilderten Tatsache, dass Lucius – und damit nicht Marcus – den

als respektable Leistung hervorhebt und damit als Vorbild für das Volk herausstellt. Darüber hinaus sei in
diesem Zusammenhang angemerkt, dass am Ende von MA 12, 2 durch die Feststellung, dass Marcus sogar
die Sticheleien von einigen besonnen – und damit ohne von seinen Affekten übermannt zu werden – ertrug
(moderate etiam cavillationes nonnullorum ferens), zusätzlich der Eindruck entsteht, dass die moderatio des
Marcus auf einem philosophischen (stoischen) Fundament gründet ( tranquilitas animi). Dies unterstreicht
einmal mehr Marcusʼ ideale Regierung und fügt sich in das in der Vita von Marcus gezeichnete Bild des
Philosophenkaisers (vgl. MA 1, 1: Marco Antonino, in omni vita philosophanti viro […]) ein.
4
Die indulgentia ist neben der moderatio eine weitere Eigenschaft des Marcus im vorliegenden Passus.
5
Der parallele Bau der Kola (ex malis bonos, ex bonis optimos) und die hierdurch hervorgerufene jeweilige
Endstellung von bonos und optimos verdeutlicht eindrücklich den positiven Einfluss der Regierung des
Marcus auf die römische Bevölkerung und stellt Marcus einmal mehr als idealen princeps heraus. Ob der
Autor der Historia Augusta allerdings hiermit zum Ausdruck bringen wollte, dass die römische Gesellschaft
unter der Regierung des Marcus lediglich aus homines optimi bestand (hierfür müsste man die Parallelität der
Kola als eine Art Kette auffassen: homines mali  homines boni  homines optimi) oder es sowohl homines
boni als auch homines optimi gab (hierfür dürften die homines boni, die sich aus den homines mali
entwickeln, mit den homines boni, die sich zu den homines optimi entwickeln, nicht übereinstimmen:
homines mali  homines boni; homines boni  homines optimi), bleibt an dieser Stelle offen. Letztlich
würden beide Möglichkeiten der Tendenz des Passus, Marcus als idealen Herrscher darzustellen,
entsprechen.
6
Hierdurch gelingt es dem Autor der Historia Augusta, die Regierung der Marcus als ideal darzustellen.
7
Durch die an dieser Stelle verwendete Superlativform moderatissime legt der Verfasser der Historia Augusta
erneut eine starke Emphase auf Marcusʼ moderatio (vgl. MA 12, 2) und folgt damit der bereits beobachteten
Tendez des vorliegenden Passus, Marcus als idealen princeps herauszustellen.
8
Es sei an dieser Stelle angemerkt: Indem der Verfasser der Historia Augusta durch die zweimalige Setzung
von ambobus (MA 12, 7; 12, 8) im Zuge der Ehrerweisungen an Marcus und Verus die Gleichwertigkeit der
zivilen Verdienste des Marcus, die auf dessen moderatio zurückzuführen sind, und der militärischen
Verdienste des Verus ( MA 12, 7: e Syria victor rediit frater) eindrücklich hervorhebt, glorifiziert er
Marcusʼ zivile Verdienste um das römische Volk und stellt ihn erneut als idealen princeps dar. In diesem
Zusammenhang ist es interessant, dass der Autor der Historia Augusta die Ernennung des Marcus zum pater
patriae lediglich mit dessen durch eine exzeptionelle moderatio gekennzeichnete Innenpolitik zurückführt
und dabei Marcusʼ Rolle im militärischen Konflikt, die – wie er noch MA 8, 14 versicherte – entscheidend
war (denique omnia, quae ad bellum erant necessaria, Romae positus et disposuit Macrus et ordinavit),
völlig außer Acht lässt.
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gemeinsamen Triumphzug und die Ernennung der Söhne Marcusʼ zu Caesares verlangte,
deutlich ablesen.9

II.2 Nach welchen Kriterien beurteilt der Verfasser der Historia Augusta einen princeps
bonus?

Der Verfasser der Historia Augusta unterscheidet mit dem princeps bonus, dem princeps
medius und dem princeps malus insgesamt drei Herrschertypen. Während sich princeps
bonus und princeps malus als Gegenpole gegenüberstehen, nimmt der princeps medius
zwischen beiden Extremen eine Mittelposition ein. Für die Beurteilung des princeps bonus in
der Historia Augusta ist die Vita des Marcus von entscheidender Relevanz, da dieser als
Prototyp des princeps bonus dargestellt ist und sich aus der Beurteilung seiner Person
diejenigen Kriterien ableiten lassen, die der Autor an einen princeps bonus stellt.
Ein solcher verfügt über eine gute Regierung, in der seine Tugenden, die
das Fundament dieser Regierung bilden,10 zum Nutzen des Staates und seiner Untertanen voll
zur Entfaltung kommen. Dies trifft auf Marcus in vollem Umfang zu.
Marcus beachtet streng die gesellschaftliche Hierarchie – dies zeigt sich besonders
darin, dass er darauf Wert legt, dass sich Ritter nicht in senatorische Privilegien einmischen
(MA 10, 6: […] nec pateretur equites Romanos talibus interesse causis.) – und pflegt ein sehr
gutes Verhältnis zur Senatsaristokratie (vgl. MA 10, 2: neque quisquam principum amplius
senatui detulit.). So verkehrt Marcus bereits in seiner Jugend mit Standesgenossen, die er als
Kaiser weiter unterstützt und fördert (MA 3, 8: […] amavitque ex condiscipulis praecipuos
senatorii ordinis Seium Fuscianum et Aufidium Victorinum […].), unterstützt den
Senatorenstand (MA 11, 2: curatores multis civitatibus, quo latius senatorias tenderet
dignitates, a senatu dedit.) und bekundet sein großes Interesse an den Senatssitzungen, denen
er – in Rom weilend – stets beiwohnt und zu denen er, um einen Antrag zu stellen, sogar aus

9
Der parallele Bau der beiden Kola petitque Lucius, ut […] und petit praeterea Lucius, ut […] und die
hierdurch hervorgerufene jeweilige exponierte Stellung von petit wirken an dieser Stelle verstärkend und
betonen, indem sie Lucius als Fordernden herausheben, ex negativo die moderatio des Marcus.
10
Marcus, der in der Historia Augusta als Prototyp des princeps bonus dragestellt ist, besitzt folgende
„politische“ Tugenden: aequitas, auctoritas, benignitas, caritas, civilitas, clementia, comitas, constantia,
cura, curiositas, dignitas, diligentia, felicitas, gravitas, indulgentia, liberalitas, magnanimitas, moderatio,
modestia, parsimonia, patientia, pietas, praesentia, probitas, prudentia, reverentia, sanctitas, tolerantia,
tranquillitas, verecundia. Unter der Vielzahl dieser Tugenden nimmt die sanctitas eine zentrale Stellung ein,
insofern in ihr alle Tugenden zusammengefasst sind. Sancti sind dem Autor der Historia Augusta zufolge
diejenigen, die sich streng an die Gesetze der Götter halten und den nicht kodifizierten mos maiorum
beachten. Hierfür werden eine vornehme Herkunft ( Abstammung von senatorischen Vorfahren) (vgl. MA
1, 1–4), eine vorbildliche Erziehung (vgl. MA 2, 1 ff.), die Bekleidung wichtiger Ämter im Staat (vgl. MA 6,
3) und der Kontakt zu guten Ratgebern, Freunden und Lehrern (vgl. MA 3, 4–9) vorausgesetzt. Darüber
hinaus spielen die pietas, die eng mit der sanctitas verbunden ist und die die Pflichten gegenüber den
Göttern, dem Vaterland und der Familie umfasst, und die auctoritas, mithilfe derer wichtige Entscheidungen
getroffen werden, eine wichtige Rolle.
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Kampanien selbst anreist (MA 10, 7: semper autem, cum potuit, interfuit senatui, etiamsi nihil
esset referendum, si Romae fuit; si vero aliquid referre voluit, etiam de Campania ipse venit.).
Von besonderer Relevanz ist darüber hinaus, dass sich Marcus davor scheut, seine Regierung
durch den Mord an Senatoren zu beflecken (MA 25, 6: […] simul petit, ne qui senator
tempore principatus sui occideretur, ne eius pollueretur imperium […].; MA 29, 4: […] in
Capitolio iuravit nullum senatorem se sciente occisum […].).
Als Anhänger der römischen Tradition respektiert
Marcus die alten traditionellen Werte, den mos maiorum, äußerst sorgfältig und lehnt radikale
Neuerungen ab (MA 11, 10: ius autem magis vetus restituit quam novum fecit.).
Darüber hinaus kümmert sich Marcus persönlich um
alle wichtigen Angelegenheiten in der Rechtsprechung, der Gesetzgebung, der Verwaltung,
der Behandlung der Provinzialen und der Außen- und Religionspolitik; auf die Gesetzgebung
und Rechtsprechung legt er dabei einen besonderen Fokus (MA 10, 10: Iudicariae rei
singularem diligentiam adhibuit.). Da die Ämter mit ehrenwerten Leuten besetzt werden, die
ihren Pflichten nachkommen und sich nicht bereichern, funktioniert die Verwaltung tadellos.
Bei der Ausübung seiner Regierung wird Marcus außerdem von Mitgliedern aus der
vornehmen Gesellschaft unterstützt, mit denen er sich über außen- wie innenpolitische
Angelegenheiten berät (MA 22, 3: semper sane cum optimatibus non solum bellicas res sed
etiam civiles, priusquam faceret aliquid, contulit.) und deren Vorschläge er akzeptiert, auch
wenn diese nicht ganz mit seinen eigenen Vorstellungen kongruieren (MA 22,4: denique
sententia illius praecipua semper haec fuit: ʽaequius est, ut ego tot talium amicorum
consilium sequar, quam ut tot tales amici meam unius voluntatem sequantur.ʼ).
Gegenüber dem Volk und den
Provinzen verhält sich Marcus äußerst rücksichtsvoll. Den Provinzen kommt dabei Marcusʼ
moderatio und benignitas zu Gute (MA 17, 1: Ergo provincias post haec ingenti moderatione
ac benignitate), da er darauf bedacht ist, diese finanziell nicht allzu sehr zu beanspruchen. Zu
diesem Zweck scheut Marcus keine Anstrengungen und veranlasst sogar eine Versteigerung
einiger Gegenstände aus dem Palastinventar auf dem Trajansforum (MA 21, 9: et, ne
provincialibus esset molestus, auctionem rerum aulicarum, ut diximus, fecit in foro divi
Traiani, in qua praeter vestes et pocula et vasa aurea etiam signa cum tabulis magnorum
artificum vendidit.). Marcus benimmt sich als civis (MA 26, 3: apud Aegyptios civem se egit
[…].) und regiert civiliter (MA 8, 1: Adepti imperium ita civiliter se ambo egerunt, ut
lenitatem Pii nemo desideraret, […].). Von seiner cura und praesentia profitieren die Opfer
der Tiberüberschwemmung, um die sich Marcus gemeinsam mit Verus kümmert (MA 8, 5:

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quae omnia mala Marcus et Verus sua cura et praesentia temperarunt.). Als die Pest wütet,
veranlasst er die Bestattung einfacher Leute auf Staatskosten (MA 13, 6: tantaque clementia
fuit, ut et sumptu publico vulgaria funera iuberet ecferri […].). Durch seine außerordentliche
moderatio dient er den Menschen als Vorbild und macht sie, indem er sie vom Bösen
abeschreckt und zum Guten anspornt, in moralischer Hinsicht besser (MA 12, 2: fuitque per
omnia moderantissimus in hominibus deterrendis a malo, invitandis ad bona […] fecitque ex
malis bonos, ex bonis optimos, moderate etiam cavillationes nonnullorum ferens.). Durch all
diese Vorzüge ist er beim Volk sehr beliebt, das ihn je nach Alter als Bruder, Vater oder Sohn
bezeichnet (MA 18, 1: Cum igitur in amore omnium imperasset atque ab aliis modo frater,
modo pater, modo filius, ut cuiusque aetas sinebat, et diceretur et amaretur […].) und ihm
nach seinem Tod göttliche Ehren erweist (MA 18, 5: et parum sane fuit, quod illi honores
divinos omnis aetas, omnis sexus, omnis conditio ac dignitas dedit […].).
Als princeps bonus fährt Marcus zudem außenpolitisch große Erfolge ein, an denen er
aktiv beteiligt ist. So besiegt er magno labore die wildesten Stämme (MA 22, 2: magno igitur
labore etiam suo gentes asperrimas vicit […].) und beendet auch den Krieg gegen die
Germanen und Markomannen siegreich (MA 17, 1: contra Germanos res feliciter gessit.; MA
17, 2: speciale ipse bellum Marcomannicum, sed quantum nulla umquam memoria fuit, cum
virtute tum etiam felicitate transegit, […].), für den er mit großer Sorgfalt die Legionen
ausheben lässt (MA 21, 8: omni praeterea diligentia paravit legiones ad Germanicum et
Marcomannicum bellum.), und bei dem er im Feldlager anwesend ist (MA 20, 6: proficiscens
ad bellum Germanicum […].) und die Operationen persönlich leitet (MA 21, 10:
Marcomannos in ipso transitu Danuvii delevit […].). Die aufständischen Sequaner vermag
Marcus sogar lediglich durch seine große auctoritas zurückzudrängen (MA 22, 10: res etiam
in Sequanis turbatas censura et auctoritate repressit.).
Innenpolitische Angelegenheiten behandelt Marcus mit
größter Sorgfalt (diligentia). So zeichnet diese Eigenschaft Marcus bereits in seinen jungen
Jahren, als er noch nicht princeps ist, aus und wirkt sich – verbunden mit seiner Sparsamkeit –
sehr positiv auf seine Finanzen aus (MA 5, 8: eratque haut secus rei suae quam in privata
domo parcus ac diligens […].). Als princeps legt Marcus seinen Fokus auf eine gewissenhafte
Rechtspflege (MA 10, 10: Iudicariae rei singularem diligentiam adhibuit.) und hebt mit
großer Sorgfalt die Legionen in der Vorbereitung auf den Germanen- und Markomannenkrieg
aus (MA 21, 8: omni praeterea diligentia paravit legiones ad Germanicum et
Marcomannicum bellum.). Zum Wohle der gesamten Bevölkerung lässt Marcus außerdem die
Straßen Roms und die Landstraßen äußerst sorgfältig instand setzen (MA 11, 5: vias etiam

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urbis atque itinerum diligentissime curavit.). Auch die Pflege der Götterkulte betreibt
Marcus als Anhänger des mos maiorum mit dem Ziel, sich in bedrohlichen Krisen der Hilfe
der Götter für den Senat gewiss zu sein, äußerst gewissenhaft. So lässt er in Zeiten der Pest
die Götterkulte mit größter Sorgfalt wiederherstellen (MA 21, 6: instante sane adhuc
pestilentia et deorum cultum diligentissime restituit […].).

II.3 Schildern sie die Einstellung des Biographen sozialen Gruppen gegenüber.

Für die Einstellung des Verfassers der Historia Augusta sozialen Gruppen gegenüber ist
dessen prosenatorische Tendenz besonders charakteristisch. Dass der Autor den
Senatorenstand vor allen anderen sozialen Gruppen bevorzugt, zeigt sich besonders an der
Gegenüberstellung sozialer Gruppen und übt einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die
Klassifizierung eines princeps als princeps bonus oder princeps malus aus, insofern ein
princeps bonus dem Verfasser der Historia Augusta zufolge – neben anderen Kriterien – die
gesellschaftliche Hierarchie beachten und zum Senatorenstand ein gutes Verhältnis pflegen
muss. Aus diesem Grund sind für die Einstellung des Autors der Historia Augusta sozialen
Gruppen gegenüber die Viten des Marcus und seines Sohnes Commodus besonders
aufschlussreich, da Marcus und Commudus als die beiden Extreme – Marcus als der Prototyp
eines princeps bonus, Commodus als der Prototyp eines princeps malus – dargestellt sind.
Als princeps bonus respektiert Marcus die
Vorrangstellung der Senatoren, die in dessen Vita stets gesondert von der übrigen
Bevölkerung genannt werden. So verkehrt Marcus bereits als Schüler lediglich mit
Standesgenossen aus der römischen Elite: amavitque ex condiscipulis praecipuos senatorii
ordinis Seium Fuscianum et Aufidium Victorinum, ex equestri Baebium Longum et Calenum
(MA 3, 8). Hierbei fällt auf, dass der Autor der Historia Augusta die Angehörigen des
Senatorenstandes Seius Fuscianus und Aufidius Victorinus an erster Stelle – und damit vor
den Angehörigen des Ritterstandes Baebius Longus und Calenus – nennt, wodurch er sie
höher stellt und eine qualitative Trennung der beiden Stände vollzieht. Diese prosenatorische
Tendenz lässt sich auch an anderen Stellen in der Vita des Marcus beobachten: So
unterscheidet der Autor beispielsweise bei der Schilderung, dass sich Marcus äußerst maßvoll
gegenüber allen Senatoren und Menschen verhalten habe (MA 12, 7: […] cum se Marcus
absente Vero erga omnes senatores atque homines moderatissime gessiset.), zwischen den
Senatoren und den übrigen Menschen und demonstriert seine Distanz zu den niederen
Schichten, indem er die homines ohne irgendeine Differenzierung den durch omnes
charakterisierten Senatoren nachstellt und damit unterordnet. Dies zeigt sich auch an der
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Beschreibung, dass Marcus die Pesttoten ihrem Rang nach verschieden behandelte, indem er
für die Angehörigen der Oberschicht Statuten aufstellen ließ, während die Leichen der
einfachen Leute auf Staatskosten bestattet wurden (MA 13, 5: et multa quidem milia
pestilentia consumpsit multosque ex proceribus, quorum amplissimis Antoninus statuas
conlocavit. tantaque clementia fuit, ut et sumptu publico vulgaria funera iuberet ecferri […].).
Während der Autor der Historia Augsta zunächst die Leichenzahl ohne Nennung deren
Herkunft summarisch mit multa milia angibt, fügt er ergänzend an, dass auch viele
Aristokraten (multi ex proceribus) der Seuche erlegen seien. Auch hier zeigt sich somit die
bevorzugte Behandlung des Senatorenstandes.11 Dazu passt auch, dass Marcus in allen
wichtigen Fragen der Innen- und Außenpolitik stets auf den Rat der Optimaten zurückgreift:
semper sane cum optimatibus non solum bellicas res sed etiam civiles, priusquam faceret
aliquid, contulit. denique sententia illius praecipua semper haec fuit: ʽaequius est, ut ego tot
talium amicorum consilium sequar, quam ut tot tales amici meam unius voluntatem
sequantur.ʼ (MA 22, 3 f.). An dieser Stelle zeigt sich die prosenatorische Tendenz des Autors
der Historia Augsta daran, dass dieser die Optimaten keiner anderen sozialen Gruppe
gegenüberstellt und deren Vornehmheit (talis) und Einflussvermögen auf die Entscheidungen
Marcus durch ihre Masse (tot) explizit herausstellt. Im starken Gegensatz zu Marcus
beachtet sein Sohn Commodus als princeps malus die soziale Hierarchie nicht und verletzt die
Privilegien des Senatorenstandes. Bei der Gegenüberstellung der Senatoren und anderer
sozialer Gruppen in der Vita des Commodus lässt sich dabei eine stärkere Differenzierung der
Unterschichten durch den Autor der Historia Augusta beobachten, wodurch dieser das
Fehlbehalten des Commodus unterstreicht und seine eigene prosenatorische Tendenz
demonstriert. So berichtet der Verfasser der Historia Augusta, dass Commodus Orgien
veranstaltete, deren Teilnehmer er gleichermaßen aus Ober- und Unterschicht auswählte: hac
igitur lege vivens ipse cum trecentis concubinis, quas ex matronarum meretricumque dilectu
ad formae speciem concivit, trecentisque aliis puberibus exoletis, quos aeque ex plebe ac
nobilitate vi pretiisque forma disceptatrice collegerat, in Palatio per convivia et balneas
bacchabatur. (C 5, 4).12 Hierbei fällt auf, dass der Autor der Historia die Gleichbehandlung
der Ober- und Unterschicht durch Commodus stark hervorhebt, indem er erstens bei den
weiblichen Orgienteilnehmern die matronae und die meretrices (ex matronarum
meretricumque dilectu) und bei den männlichen Orgienteilnehmern den plebs und die
11
Es sei an dieser Stelle einschränkend angemerkt, dass mit proceres nicht nur der Senatorenstand, sondern die
gesamte römische Oberschicht bezeichnet wird. Dies wirkt sich jedoch nicht auf die prosenatorischen
Tendenz dieser Stelle aus.
12
Die an dieser Stelle und im Folgenden der Einfachheit halber verwendete Abkürzung „C“ bezeichnet die
Vita Commodi Antonini innerhalb der Historia Augusta.
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nobilitas direkt nebeneinanderstellt (ex plebe ac nobilitate), zweitens die Gleichbehandlung


im Falle der Männern durch aeque explizit herausstellt, und drittens betont, dass Commodus
bei der Auswahl der Orgienteilnehmer lediglich das Kriterium der Schönheit (ad formae
speciem; forma disceptatrice) zugrundelegte und somit nicht – dies ließe sich leicht
gewissermaßen ex negativo ergänzen – deren soziale Herkunft respektierte. Dass der Autor
der Historia Augusta auf das in seinen Augen anstößige Verhalten des Commodus der
Oberschicht gegenüber eine solche Emphase legt, demonstriert seine prosenatorische
Tendenz. Diese zeigt sich auch, wenn er schildert, dass unter der Regierung des Commodus
sogar Freigelassene in den Senat und in das Patriziat gewählt wurden und es zum ersten Mal
in einem Jahr 25 Konsuln gab: ad cuius nutum etiam libertini in senatum atque in patricios
lecti sunt, tuncque primum viginti quinque consules in unum annum, venditaeque omnes
provinciae. (C 6, 9). Auch an dieser Stelle hebt der Verfasser der Historia Augusta die
Gleichbehandlung der Ober- und Unterschicht durch die Parallele von libertini und patricii
hervor und bringt durch das steigernde etiam vor libertini seine eigene Empörung gegenüber
dieser Anstößigkeit der Regierung des Commodus deutlich zum Ausdruck. Dies gelingt dem
Autor der Historia Augusta darüber hinaus durch die Verwendung der Formel tunc primum,
die gerade in der Historiographie und Biographie eine wichtige Rolle spielt und die die eigene
– positive – Leistung gegenüber der des Vorgängers abhebt, worauf auch der Autor der
Historia Augusta, dem dabei als Maßstab der mos maiorum dient, großen Wert legt. Indem
der Autor der Historia Augusta an dieser Stelle die somit positiv konnotierte Formel tunc
primum mit der negativen Tatsache, dass es unter Commodus erstmals 25 Konsuln in nur
einem Jahr gab, in Verbindung bringt – schließlich deutet dies auf eine Konfusion in der
Ämterlaufbahn hin –, stellt er diese Neuerung unter der Regierung Commodus in ein äußerst
negatives Licht: Dass unter Commodus Freigelassene in den Senat aufgenommen werden,
verstößt gegen die nach aetas, sexus und condicio festgelegten Regeln der Gesellschaft und
bedroht deren Bestehen. Zusammenfassend lässt sich somit festhalten: Während der
Verfasser der Historia Augusta in der Vita des Marcus bei der Gegenüberstellung der
Senatoren und der Unterschicht die Unterschicht, die lediglich Kolletivbezeichnungen trägt,
nur wenig beachtet, erfährt sie in der Vita des Commodus eine stärkere Differenzierung.
Indem der Autor der Historia Augusta einerseits die Regierung des Marcus, unter dem die
soziale Hierarchie gewahrt wird und die Privilegien des Senatorenstandes respektiert werden,
als sehr gut charaktierisert ( princeps bonus), andererseits die Regierung des Commodus,
unter dem die senatorischen Privilegien keine Beachtung finden, Freigelassene aufsteigen und

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die gesellschaftliche Ordnung bedroht ist, in ein äußerst negatives Licht rückt, weist er sich
als prosenatorisch aus.

II.4 Mit welchen sprachlichen Mitteln bringt der Autor der Historia Augusta in diesem Text
Tendenz zum Ausdruck?

Der Autor der Historia Augusta vertritt die Interessen der heidnischen Senatsaristokratie.
Diese prosenatorische Tendenz kann grundsätzlich auf verschiedene Weise zum Ausdruck
gebracht werden. So kann der Verfasser der Historia Augusta durch die Darstellung einzelner
Fakten, durch Gegenüberstellungen, durch den Einschub persönlicher Kommentare oder
Zitate anderer Autoren oder durch die sprachliche Gestaltung Sachverhalte in ein gewünschtes
Licht rücken. Im vorliegenden Passus zeigt sich sich die prosenatorische Tendenz des Autors
auf sprachlicher Ebene und tritt in der Schilderung, dass Marcus sich in der Abwesenheit von
Verus gegenüber allen Senatoren und Menschen äußerst maßvoll verhalten habe (MA 12, 7:
[…] cum se Marcus absente Vero erga omnes senatores atque homines moderatissime
gessisset.), deutlich zu Tage. Während der Verfasser der Historia Augusta Marcusʼ äußerst
zuvorkommendes Verhalten gegenüber den Senatoren ausdrücklich hervorhebt, indem er die
Senatoren durch omnes näher bestimmt ( alle Senatoren), wird die übrige Bevölkerung
undifferenziert als homines bezeichnet. Indem er darüber hinaus die größere Gruppe der
homines der kleineren Gruppe der Senatoren syntaktisch nachstellt, verleiht der Verfasser der
Historia Augusta dem Wort homines an dieser Stelle eine gewisse peiorative Färbung. Dies
unterstreicht die besondere Fokussierung des Autors der Historia Augusta auf den
Senatorenstand und demonstriert zugleich dessen Desinteresse an der römischen Unterschicht.

Verweis auf Aufgabe 1: Tendenz, Marcus als idealen Herrscher zu päsentieren?